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Von Hans Brinck
"Hansi" Ich über mich. Erinnerungen an ein langes Leben
Es werden nur Texte von über 10 Internet-Seiten publiziert.
Zurzeit sind 390 Biographien in Arbeit und davon 203 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 104
 
Hans Brinck
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Kinderjahre an der Schwedenschanze / 25.03.2021 um 11.55 Uhr
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Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." / 25.03.2021 um 11.55 Uhr
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Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." / 27.03.2021 um 15.12 Uhr
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Verzeichnis

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Vorwort
1.
Beginn meines Erdendaseins
1.1.
Mutter erwartete ein Mädchen
1.2.
Meine Taufe
1.3.
Die Namensgebung
1.4.
Mein Patenonkel Anton Lage
1.5.
Ich besuche meinen Geburtsort Lingen
1.6.
Heimatgefühle
1.7.
Erste Erinnerungen: Der kleine Häuslebauer
1.8.
Erziehungsmassnahmen
1.9.
Angst vor Strafen
2.
Meine Geschwister
2.1.
Mein Bruder Karl 1927 - 1948
2.2.
Mein Bruder Hermann 1931 - 2017
2.3.
Spielmöglichkeiten
2.4.
Bücher in unserer Familie
3.
Feiertage in unserer Familie
3.1.
Weihnachtserwartungen
3.2.
Gedichtvortrag
3.3.
Heiligabend
3.4.
Ostern
3.5.
Mein Geburtstag
4.
Kinderjahre an der Schwedenschanze
5.
Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a
5.1.
Die Schlafzimmer
5.2.
Das Wohnzimmer
5.3.
Das Kinderzimmer
5.4.
Die Küche
5.5.
Die weiteren Räume
5.6.
Die Toilette
5.7.
Badezimmer? Fehlanzeige
6.
Das Grundstück an der Schwedenschanze
6.1.
Nachwort
7.
Der Abriss des Doppelhauses Schwedenschanze 36 und 36a
8.
Die Geschwister meiner Mutter
8.1.
1. Tante Käthe
8.2.
2. Onkel Anton
8.3.
3. Onkel Hermann
9.
Meine Eltern
9.1.
Wie meine Eltern sich kennengelernt haben
10.
Die Ehe meiner Eltern
10.1.
Ehevertrag meiner Eltern
11.
Meine Mutter
11.1.
Verhinderte Begegnung
11.2.
Lieber Hans Pollmann
11.3.
Erfolgreiche Begegnnung
11.4.
Geburts- und Taufschein meiner Mutter
11.5.
Mutters Schulzeit
11.6.
Mutters Jugendliebe und Verlobter Hans Pollmann
11.7.
Mutters Berufsleben
11.8.
Mutter als unsere Köchin
12.
Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt
12.1.
Essen, das ich nicht mochte und wie ich meinen Ekel davor überwandt
12.2.
Mutters Backkünste
12.3.
Mutters Frohnatur
12.4.
Mutters Erscheinungsbild
12.5.
Mutter und die Gartenarbeit
12.6.
Unsere Mutter fünf Monate im Krankenhaus
12.7.
Unsere "alleinerziehende" Mutter
12.8.
Mutters Nichte Josefa Frommen erinnert sich
12.9.
Eine ehemalige Nachbarin erzählt von Mutter
12.10.
Unsere Nachbarin Tante Marie
12.10.
Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
12.11.
Mutters Religiosität
12.12.
Und zum Schluss das Altersheim
13.
Mein Vater
13.1.
Beruf meines Vaters
13.2.
Vaters Krankheit und Tod
13.3.
Religion im Elternhaus
13.4.
Politik im Elternhaus
14.
Unsere finanzielle Situation nach Vaters Tod
14.1.
Taschengeld
15.
Geschwister meines Vaters
15.1.
1. Heinrich Brink
15.2.
2. Bernard Brink
15.2.
2. Bernard Brink
15.2.
2. Bernard Brink
16.
Die "arische Abstammung"
16.1.
Spurensuche
16.2.
Meine Familienforschung
16.3.
Erfolgreiche Suche
17.
Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie
17.1.
Brink oder Brinck? Die richtige Schreibweise
17.2.
Familienwappen Brinck
17.3.
Besitzverhältnisse Schwedenschanze 36 / 36a
17.4.
Der Vater meines Grossvaters (mein Urgrossvater) war Stiftsvogt
17.5.
Mein Grossvater väterlicherseits
17.6.
Die Ehen meines Grossvaters
17.7.
Das Testament der Anna Adelheid Leusing
18.
Meine Grossmutter väterlicherseits
18.1.
Lebensumstände meiner "einzigen" Grossmutter
18.2.
Omas Lieblingssohn Bernard
18.3.
Erinnerung an Omas Tod
19.
Meine Grosseltern mütterlicherseits
19.1.
Mein Grossvater mütterlichrseits
19.2.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
19.2.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
19.2.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
20.
Und nun berichte ich über mich: Meine Krankheiten und Unfälle
20.1.
Schwere Operationen
21.
Kuren in meiner Schulzeit
21.1.
Kur in Zinnowitz auf Usedom
21.2.
Kinderlandverschickung nach Henrichenburg
21.3.
Kur in Gmund am Tegernsee
22.
Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ."
22.1.
Die Schule gestern und heute
22.2.
Einschulung und erstes Schuljahr
22.3.
Die weiteren Schuljahre
22.4.
Der prügelnde Lehrer Kuhlmann
22.5.
Milchdiebstahl durch Lehrer Kuhlmann
22.6.
Unser Klassenlehrer Rektor Lenz
22.7.
Klassenfoto im 7. Schuljahr(1937/38)
22.8.
Die weiteren Lehrer und ihre Macken
22.9.
Meine Tätigkeit als Messdiener
22.10.
Meine Zeugniszensuren der Castellschule
22.11.
Weichenstellung in der Schulzeit für meinen Lebenslauf
22.12.
Erlebnisse auf meinem Schulweg
22.12.
22.13.
Der Bahnübergang Schwedenschanze
22.14.
Klassentreffen zu zweit nach 77 Jahren
23.
Die Schulzeit ist beendet
24.
Was soll nur aus dem Jungen werden . . . ?
25.
Die Suche nach einer Lehrstelle
25.1.
Ein guter Tipp von unserem Briefträger
25.2.
Ich habe eine Lehrstelle!
25.3.
Fragebogen zun Nachweis der arischen Abstammung
25.4.
Suche nach einer Unterkunft in Oldenburg
25.5.
Mein neuer Aufenthaltsort Oldenburg
25.5.
QX Wie hast du deinen Lebensunterhalt verdient?
25.5.
QX Das Leben in der Fremde bringt viele neue Erfahrungen
25.6.
Kündigung meines ersten Logis
25.7.
Suche nach einer neuen Unterkunft
25.8.
Probleme mit der Beleuchtung des Zimmers
25.9.
Essen im "Schützenhof"
26.
Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling
27.
Einsatz als Telegraphenbauhandwerker
27.1.
Meine Meldung als Freiwilliger zur Luftwaffe
27.2.
Meine Zeit als Soldat
27.3.
Das Ende meiner Militärzeit
27.4.
Wieder Zivilist
28.
Das Kriegsende 1945
28.1.
Januar 1945: Rückkehr nach Lingen
28.2.
Karfreitag, 30. März 1945
28.3.
Ostersamstag, 31. März 1945
28.4.
Ostersonntag, 1. April 1945
28.5.
Ostermontag, 2. April 1945
28.6.
Osterdienstag, 3. April 1945
28.7.
Mittwoch, 4. April 1945
28.8.
Donnerstag, 5. April 1945
28.9.
Freitag, 6. April 1945
28.10.
Samstag, 7. April 1945
28.11.
Sonntag, 8. April 1945
29.
Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg
29.1.
Bürotätigkeit beim Bautrupp in Lingen
29.2.
Versetzung zum Verstärkeramt Bohmte
29.3.
Versetzung zum Verstärkeramt Nordhorn
29.4.
Versetzung zum Fernsprechamt Osnabrück
29.5.
Wohnungssuche in Osnabrück
29.6.
Ende des "möblierten Herrn"
29.6.
QX Vom Fernmeldebauhandwerker zum Fernmeldehandwerker
29.7.
Auswahl für die Werkmeister-Laufbahn
29.7.
Auswahl für die Werkmeister-Laufbahn
30.
Arbeiten
30.1.
40-jähriges Dienstjubiläum
31.
Mein beruflicher Werdegang beim Fernmeldeamt (heutige Telekom)
32.
Meine Frühpensionierung
32.1.
Mein letzter Arbeitstag: 24.12.1986
33.
Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos
33.1.
Kurerfolg in Davos
33.2.
Nur ein Kurschatten? Oder ist es mehr?
33.3.
Weitere Aufenthalte in Davos
33.4.
Auf und Davos
34.
Eheleben
34.1.
Angst bestimmte das Leben meiner Frau Lydia
34.1.
QX Unsere erste Wohnung
34.1.
QX Wie habt ihr eure Wohnung ausgestattet?
34.1.
QX War jemand von euch vermögend?
34.2.
Wie ich meine erste Ehefrau kennen lernte
34.3.
Weiter ging es in Osnabrück
34.4.
Verlobung und standesamtliche Heirat
34.4.
QX Kirchliche Heirat in Arenberg
34.5.
Flitterwochen in Stierhöfstetten
35.
Kinder
35.1.
Unser erstes Kind Anette Rut
35.1.
Welche Erinnerungen hast du an die Schwangerschaft(en) und die Geburt(en)?
35.1.
Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
35.2.
Arbeitsteilung zwischen uns und Lydias Mutter
35.3.
Unser zweites Kind Hans-Stefan
36.
Ich bin nun Hauseigentümer
37.
Habe ich meine Kinder falsch erzogen?
37.1.
Zuwendungen an Anette
37.2.
Zuwendungen an Hans-Stefan
37.3.
Hans-Stefans Schul- und Berufsausbildung
38.
Meine Zeit in der Nazi-Ära
39.
Mein Ruhestand
40.
Mein Alltag als Ruheständler
40.1.
Chefredaktor für einen Tag bei der "Südostschweiz"
40.2.
Generationen im Klassenzimmer
40.3.
Als Erzähler im Erzählcafê
40.4.
Mein erstes Buch "Samichlaus in Monstein"
40.5.
Davoser Schreibkreis
40.6.
Die "Brinck-Wüthrich Familie"
40.7.
Einsatz als Filmstatist
41.
Mein Weg zum Schweizer Bürger
42.
Ausblick auf den dritten Lebensabschnitt
42.1.
Und was ist daraus geworden?
42.2.
Postskriptum
43.
Nachgedanken
44.
Von Tag zu Tag
44.1.
Das Leben geht weiter . . . und endet mit dem Tod
Für Claudia, meiner langjährigen Lebensgefährtin und seit 2011 meine Ehefrau, die mich liebevoll und fürsorglich durch mein Leben begleitet und dafür sorgt, dass ich ein schönes Alter habe.
Vorwort
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  Vorwort


Hansi   
„Ich über mich“




(1) So sah mich ein Karikaturist
So sah mich ein Karikaturist

 



Widmung
 
Für Claudia, meiner langjährigen Lebensgefährtin und seit 2011 meine Ehefrau, die mich liebevoll und fürsorglich durch mein Leben begleitet und dafür sorgt, dass ich ein schönes Alter habe.



Ich lebe, weiß nicht, wie lang',
ich sterbe, weiß nicht wann;
ich fahre, weiß nicht wohin -
mich wundert, daß ich noch fröhlich bin!



Vorwort

Der Leser dieser Lebenserinnerungen wird gewiß sehr schnell merken, daß hier kein routinierter Schriftsteller am Werke war. Auch wird er rasch feststellen, daß es sich bei dieser Niederschrift nicht nur um eine Autobiographie handelt.
Dann wird er sich fragen, was denn diese Aufzeichnungen sein und was sie bezwecken sollen. Darauf will ich gern eine Antwort geben.
Vorab möchte ich aber etwas klären, und zwar, was sie n i c h t sein sollen.
In letzter Zeit ist viel darüber geschrieben worden, daß bei Männern über vierzig Jahren häufig eine Lebenskrise eintreten kann, die sogenannte „midlife crisis“. Die davon betroffenen Herren wirken verunsichert, fragen nach dem Sinn ihres Lebens, sind unzufrieden mit dem Ablauf des Berufslebens und stellen fest, daß sie längst nicht das erreicht haben, was sie sich vorgestellt bzw. was sie sich einmal erhofft und erträumt hatten.
„Soll das alles gewesen sein?“, fragen sie sich mit Erschrecken und geraten dabei in eine Paniksituation. Um ihr zu entfliehen, suchen sie sich neue Lebensziele - vor allem beruflicher Natur - oder auch andere (meist jüngere) Partnerinnen, um damit über ihre vermeintliche Krise hinweg zu kommen. Diese Männer glauben auch, wenn sie sich so mit „Jugend“ schmücken, damit ihrem eigenen Alter ein Schnippchen schlagen zu können. Andere wiederum beginnen mit der „Vergangenheitsbewältigung“, indem sie ihre Memoiren schreiben, um damit ihr bisher geführtes Dasein aufzuarbeiten und dabei vielleicht zu erkennen, was sie mit dem Rest ihres Lebens besser anfangen oder anders machen können.
Die vorstehenden Feststellungen treffen für mich gewiß nicht zu, ganz abgesehen davon, daß ich ja schon ein ganzes Stück älter als 40 Jahre bin und somit auch das „Mittelalter“ schon längst durchschritten habe! Und damit entfällt für mich der Grund für eine solche Aufarbeitung meiner bis heute verflossenen Lebensjahre.
Warum also diese Aufzeichnungen?
Der Anlaß dafür ist - neben dem mir selbst verordneten geistigen Training - allein der, daß ich mich heute als 93-jähriger Mann an mein bisheriges Leben - und da vor allem an meine Jugendzeit - erinnern möchte und es vor meinem geistigen Auge Revue passieren lassen will. Daneben möchte ich auch das Leben und die Lebensumstände meiner Eltern und meiner weiteren Vorfahren erforschen. Mit Erstaunen (um nicht zu sagen: Erschrecken) habe ich erst jetzt gemerkt, wie wenig ich eigentlich von ihnen weiß und was mir bis heute alles unbekannt geblieben ist (und vieles wird mir auch weiterhin unbekannt bleiben). Beim Schreiben möchte ich mir das in Erinnerung rufen, wovon ich glaubte, es schon vergessen zu haben. Viele schöne, aber auch weniger angenehme Geschehnisse sollen hier aufgezeichnet werden und es mir erlauben, später, wenn ich noch älter sein und mein Gedächtnis lückenhaft werden sollte, zu sagen: „Ja, so war es damals. Trotz aller Not und vieler Entbehrungen in meinen Kinder- und Jugendjahren war es eine Zeit, die schön war und an die ich mich gern erinnere!“
Mit Stolz kann ich feststellen, daß ich alle mir selbst gesteckten Lebensziele beruflicher und privater Art nicht nur erreicht, sondern teilweise auch weit übertroffen habe. Aus den mir in die Wiege gelegten Startbedingungen habe ich das Bestmögliche gemacht, und somit kann ich heute mit fester Überzeugung sagen:
Mit dem Verlauf meines bisherigen Lebens bin ich sehr zufrieden. Ich war in jeder Beziehung erfolgreich und bin somit ein wirklicher „Hans im Glück“!
Nun habe ich mich also an meinen Schreibtisch bzw. vor meinen Computer gesetzt und mir die Aufgabe gestellt, hier etwas zu Papier zu bringen, um mir damit selbst eine Freude zu machen. Wenn es aber noch jemanden gibt, den es interessiert, wer und was der Hans Brinck eigentlich war und welchen Wurzeln er entstammte, dann möge er sich bitte der Mühe unterziehen, die nachfolgenden Aufzeichnungen zu studieren.

Davos, im Februar 2018          Hans Brinck
Beginn meines Erdendaseins
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1.  Beginn meines Erdendaseins

Die Wurzeln meiner Herkunft

BEGINN MEINES ERDENDASEINS

Schau, wo du hingehst,
aber vergiß nicht,
woher du kommst.
(Spanisches Sprichwort)

Im Jahr 1924 hatte mein Geburtsort Lingen etwa 12.000 Einwohner. Durch mein Erscheinen am 21. Dezember 1924 erhöhte sich die Einwohnerzahl zwar um „1“, jedoch muß wohl noch etwas an der runden Zahl (12.000) gefehlt haben (oder sie war schon überschritten, was ja auch sein konnte), denn die Öffentlichkeit nahm weiter keine Notiz von diesem für mich doch so bedeutungsvollen Ereignis.



(1) Mein Geburtsort Lingen an der Ems: Marktplatz mit dem Rathaus von 1663

Mein Geburtsort Lingen an der Ems: Marktplatz mit dem Rathaus von 1663

 

Geboren wurde ich am letzten Tag des Sternzeichens „Schütze“ (23.11. - 21.12.) und damit auch am Tag der Wintersonnenwende, dem kürzesten Tag des Jahres. Das habe ich für mich immer als einen besonderen Glücksfall gedeutet, denn so wie die Sonne von diesem Tag an langsam die Oberhand über die Dunkelheit bekommt, so wollte ich durch Fleiß, Energie und Zielstrebigkeit meinen Weg Schritt um Schritt aus unseren ärmlichen Verhältnissen herausgehen und es einmal „zu etwas bringen".

Ob mein Geburtshoroskop für meinen Lebensweg eine günstige Voraussage trifft, kann ich nicht sagen. Ich habe mir keines anfertigen lassen, weil ich von der Sterndeuterei sowieso nichts halte. Einzig habe ich aus den vielen verschiedenen Sternzeichen-Typologien für den Schützen eines herausgesucht, das nicht das übliche „Blabla“ enthält und für mich (so scheint es mir) wenigstens doch einige Charakterzüge aufzeigt, mit denen ich mich einverstanden erklären kann. Weil ich aber an der Grenze zum nächsten Sternzeichen geboren bin, scheinen bei mir auch einige Wesenszüge des Steinbocks (22.12.-20.01.) enthalten zu sein. Aber ich will das alles nicht so ernst nehmen, und hier folgt also die von mir akzeptierte Schütze-Typologie:
„Der Schütze ist ein phantasievoller, weltoffener Mensch, ein Idealist mit ausgeprägtem Ehrgefühl. Er möchte über sich selbst hinauswachsen, seiner Vorstellung von höheren Werten entsprechen. Geistige Wahrheit zu finden und zu verteidigen ist ihm ein Grundbedürfnis, moralisch unangreifbare Selbstverwirklichung sein Lebensziel. Er tritt bedingungslos für das ein, was er als wahr und richtig erkannt hat. Der Schütze ist ein sensibler Individualist, dessen Leben sich nicht in ein Schema pressen läßt, der sich nicht unterordnet. Er ist vielseitig interessiert und muß ständig in Bewegung sein, andere mitreißen und fordern. Nichts lähmt ihn mehr als die Beschneidung seiner geistigen Freiheit. Dabei ist der Schütze kein Einzelgänger, er braucht Kontakt zu Menschen, ist großzügig und hilfsbereit, jedoch ohne sein Ich zu verleugnen. Er ist ein impulsiver Mensch und als solcher schnell entflammt. Dabei neigt er dazu, seinen Partner und seine Zuneigung zu idealisieren. Sein Gefühl wird aber nur dann beständig bleiben, wenn er auf ein Gegenüber trifft, daß ihn in Atem hält, seinen Freiheitsdrang nicht beschneidet. Der Schütze fühlt sich zu Höherem berufen. Darüber vergißt er gelegentlich, daß er als Vertreter hoher Ideale diese selbst auch noch nicht verwirklicht hat. Er kann dann in eine Haltung geraten, aus der heraus er als scheinbar moralisch Überlegener über die Fehler seiner Mitmenschen richtet. Seine Fähigkeit, intuitiv die verborgenen Schwächen anderer zu erfassen, gerät ihm dann zum selbstgerechten Beweis der eigenen Untadeligkeit.“
Wer mich näher kennengelernt hat, wird an mir vielleicht noch andere gute oder vielleicht auch schlechte Eigenschaften festgestellt haben. Aber wie ich schon schrieb: ich nehme diese pauschale Typologie nicht so ernst. Man mußte mich eben so nehmen, wie ich war und heute noch bin, und dabei hoffe ich, daß meine guten Seiten überwiegen.
Nun aber zurück zu meinem ersten Geburtstag.
Am vierten Adventssonntag des Jahres 1924 erblickte ich also an der Schwedenschanze Nummer 36a das Licht der Welt. Dieser Lichtblick war für mich sehr bedeutungsvoll, denn mit meinem ersten Atemzug begann mein Erdendasein, über das ich hier berichte. Zuvor möchte ich aber einige Zeilen aus den „Heiteren Versen“ von Eugen Roth zitieren:

„Ein Mensch erblickt das Licht der Welt -
Doch oft hat sich herausgestellt
Nach manchem trist verbrachten Jahr,
Daß dies der einzige Lichtblick war.“

Für mich sind die seit meiner Geburt nun hinter mir liegenden Jahre aber nicht nur negativ gewesen, und so gab es neben den unausbleiblichen Schattenseiten in meinem bisherigen Leben auch viele Lichtblicke.
Der erste Lichtblick war also der, daß ich meinen Eltern beinahe als „Christkind“ am Heiligen Abend des Jahres 1924 unter den Weihnachtsbaum gelegt worden wäre. Aber ich erschien drei Tage früher, und das deshalb, weil meine Mutter fast zwei Tage unter den Geburtswehen zu leiden hatte. Da konnte und durfte ich natürlich nicht länger widerstreben und mein Erscheinen noch weiter hinauszögern. Am 21. Dezember, pünktlich zum Mittagessen um 11.30 Uhr, hatte mich dann die Hebamme beim Wickel.

 
Mutter erwartete ein Mädchen
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1.1.  Beginn meines Erdendaseins – Mutter erwartete ein Mädchen.

Ach ja, ich habe noch nicht erwähnt, dass ich als sogenannte "Hausgeburt" geplant war. Zur damaligen Zeit war es noch nicht üblich, dass die schwangeren Frauen ihre Kinder in der Klinik zur Welt brachten. Das war nur dann der Fall, wenn Komplikationen vorauszusehen waren. Ich sollte aber auf ganz normalem Wege das Erdenlicht erblicken, und das tat ich dann ja auch. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie immer die Absicht gehabt habe, mehrere Kinder zu bekommen. Das Erste sollte ihrem Wunsche nach aber ein Mädchen sein. Sie hat mir dann gestanden, dass sie ein wenig enttäuscht gewesen sei, als ihr die Hebamme gesagt habe: "Es ist ein kräftiger Junge". Als Mädchen, so die Überlegung meiner Mutter, hätte ich ihr später besser helfen können, meine dann noch nachkommenden Geschwister mit zu betreuen und zu beaufsichtigen, sowie ihr im Haushalt behilflich zu sein.
Ich war somit das erste Kind in unserer Familie, und zu mir sollten dann noch zwei weitere Geschwister gesellen, aber auch "nur" Jungen. Aber davon später.
Nun war ich also auf der Welt und hatte meinen ersten Schrei getan. Ob es ein Freudenschrei gewesen ist oder aber ein Klagelaut, hervorgerufen durch den bekannten Klaps der Hebamme auf meinen Po, oder  aber deshalb, weil ich nackt war und gefroren habe, kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht war es ein Gemisch aus den vorstehenden Gründen. Zum letzteren Grund muss ich erwähnen, dass es damals üblich war, in unserem Haus nur in der Küche zu heizen. Das Wohnzimmer, die "gute Stube" wurde nur an Festtagen benutzt, wie zum Beispiel am Weihnachtsfest, und dann auch nur - falls erforderlich - geheizt. Die anderen Räume, also auch mein Geburtszimmer, konnten nicht beheizt werden. Die einzige Wärmequelle war ein durch dieses Zimmer an der Decke geführtes Ofenrohr; die davon abgegebene Wärme war jedoch kaum der Rede wert. Was also die Temperaturen betrifft (an diesem Tag war Winteranfang) hatte ich für mein Erscheinen keinen günstigen Zeitpunkt gewählt. Aber nach dem ersten warmen Bad in der Zinkwanne fühlte ich mich dann schon wohler.
Wie ich bereits erwähnte, hätte es  meine Mutter lieber gesehen, wenn "es" ein Mädchen geworden wäre. Zum Glück für mich hat sie dann doch meine "Männlichkeit" akzeptiert und ist nicht auf den Vorschlag der Hebamme eingegangen: "Wenn sie ihn nicht haben wollen, Frau Brinck, dann geben wir ihn doch einfach wieder zurück!"
Heute ist es üblich, dass bei der Geburt eines Kindes Aufzeichnungen gemacht werden über alle interessierenden Dinge (Gewicht, Grösse, Krankheiten, erste Zähne, erste Worte usw.). Leider hat man das bei mir nicht gemacht. Somit ist es mir nicht möglich, aus meiner Erinnerung heraus Angaben zu diesen Punkten zu machen. Meines Wissens habe ich auch meine Mutter nie danach gefragt. So kann ich mit Gewissheit nur sagen, dass meine Augenfarbe blau war und auch bis heute so geblieben ist. Alle anderen körperlichen Erkennungszeichen haben sich im Laufe der Jahre zum Teil erheblich verändert. Wie die Hebamme bei meiner Geburt schon sagte, war ich ein kräftiger Junge, und mein Startgewicht soll etwa 3.800 Gramm betragen haben. Meine Körpergrösse scheint man  nicht gemessen zu haben, darüber konnte ich jedenfalls nichts in Erfahrung bringen.
Was aus dem kleinen Erdenbürger geworden ist, wollt ihr wissen? Ich will es nicht verschweigen: Heute bin ich 190 cm gross, mein Gewicht beträgt 87 Kilogramm (Normalgewicht!) und ich stehe im 94. Lebensjahr.
Aber ich will nicht zu weit vorgreifen. Bleiben wir erst einmal bei mir als Säugling. Nach den Worten meiner Mutter war ich immer sehr hungrig (bzw. durstig!).  Dabei war mir die feste Nahrung weniger lieb, ich bevorzugte sie in flüssiger Form. So habe ich mich im ersten Lebensjahr vorwiegend von Muttermilch ernährt. Da muss ich meiner Mutter sehr dankbar sein und ihr ein grosses Lob aussprechen, hatte sie doch damit eine Last auf sich genommen. Sie musste nämlich nicht nur mich versorgen, sondern auch den Haushalt, und ausserdem noch unseren Garten beackern (ca. 4.000 Quadratmeter!). Zum Haushalt gehörte neben meinem Vater und mir noch meine Grossmutter, die Mutter meines Vaters.


(1) Das erste Foto von mir im Frühling 1925
Das erste Foto von mir im Frühling 1925

Wenn ich mir heute in einer ruhigen Minute die Kinderfotos von mir allein bzw. mit meinen Brüdern ansehe, dann kann ich mit Freude feststellen, dass wir schon drollige Kerlchen waren. So schaue ich zum Beispiel aus meinem mit Spitzen geschmückten hochrädrigen Kinderwagen recht aufmerksam auf den Fotografen, der von mir das erste Bild machen soll und der wohl gerade  das "Vögelchen" aus dem Fotoapparat fliegen lässt. Diese Aufnahme dokumentiert auch meine figürliche Verfassung, die dicken Pausbacken hatte ich mir in ganz kurzer Zeit schon angetrunken! Was ich mit der vorgeschobenen Unterlippe wohl zum Ausdruck bringen wollte?  Vielleicht war es ein Zeichen von Arroganz, die man mir später (meiner Ansicht nach zu Unrecht) andichten wollte? Das aber würde so gar nicht zu dem Kahlkopf passen, der aus den Kissen schaut. Ich selbst finde, dass ich auf dem Foto sehr gut aussehe und dass ich mich auch recht wohlgefühlt haben muss.

An meine ersten Gehversuche kann ich mich nicht erinnern. Mutter erzählte mir aber, dass sie mir schon bald statt der gestrickten Schühchen ein Paar feste Lederschuhe gekauft habe. Trotzdem ich schon recht gut laufen konnte, war ich nicht zu bewegen, diese auch anzuziehen. Ich hätte jedes Mal laut geweint, wenn ich darin gehen sollte. Erst später ist Vater auf die Idee gekommen, diesem Grund nachzugehen. Er fand dann heraus, dass durch die Innensohle des rechten Schuhs die Spitze eines Nagels ragte. Diese hatte mir verständlicher Weise Schmerzen bereitet. Vater hat dann die Ursache beseitigt, und ich habe meinen Widerstand gegen die ungeliebten Lederschuhe aufgegeben.









Meine Taufe
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1.2.  Beginn meines Erdendaseins – Meine Taufe.
Die Angst meiner Eltern um meinen Gesundheitszustand in den ersten Lebenswochen kann ich  nicht verstehen. Sie hatten bei mir eine sogenannte „Nottaufe“ veranlaßt, aber ich glaube, daß sie es nur aus reiner Vorsicht getan haben, damit ich, falls ich nicht am Leben bleiben sollte, als „Heidenkind“ im Fegefeuer enden müßte! Diese Angst um einen vorzeitigen Säuglingstod war in der damaligen Zeit nicht unbegründet, denn die Kindersterblichkeit war, vor allem wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse, doch recht hoch. Das kann man auch aus der hohen Todesrate der Kinder meiner Vorfahren ersehen.
Unser Nachbar, der Berufsfotograf Gerd Moldwurf, wurde daher recht bald beauftragt, von mir das betreffende Foto anzufertigen, damit man (bei meinem vorzeitigen Tod) wenigstens ein Andenken an mich gehabt hätte
Die Namensgebung
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1.3.  Beginn meines Erdendaseins – Die Namensgebung.
Da war ich nun, ein Sonntagsjunge! Und ein Stammhalter obendrein! Mein Vater soll ganz närrisch vor Freude gewesen sein, und für ihn stand fest, daß ich auch auf seinen Vornamen „Johannes“ getauft werden sollte. Meine Mutter hatte noch versucht, meinen Papa umzustimmen; sie plädierte nämlich für den Namen „Thomas“ nach dem Apostel, dessen Namensfest am 21. Dezember - meinem Geburtstag - gefeiert wird. Aber damals gab es, so scheint es mir, noch keine volle Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau (hier zwischen meinen Eltern), und so blieb es dabei: „Johannes heißt der Knabe!“ Daß mich später kaum jemand mit diesem Vornamen gerufen bzw. angesprochen hat, möchte ich hier schon mal erwähnen. Viel lieber nannte man mich „Hansi“, und dabei blieb es dann auch - vor allem bei meinen Verwandten - als aus dem Hansi längst ein Hans geworden war.
Mit dieser Namensgebung war ich sehr zufrieden, denn die Alternative „Thomas“ hätte mir nicht so sehr zugesagt. Und wie hätte man ihn denn verniedlichen sollen, was bei Johannes so gut möglich war? Einzig „Tommy“ fällt mir da ein. Aber diese Koseform wäre in der braunen NS-Zeit negativ belastet gewesen. Mit Tommy bezeichnete man die Engländer, unsere Feinde, und während des 2. Weltkrieges hätte das Rufen dieses Namens vielleicht unangenehme Folgen für mich haben können.
Mein Patenonkel Anton Lage
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1.4.  Beginn meines Erdendaseins – Mein Patenonkel Anton Lage.
Von meinem Patenonkel, dem ältesten Bruder meiner Mutter, erhielt ich dann noch dessen Namen als zweiten Vornamen, nämlich „Anton“. Diesen Namen fand ich gar nicht schön, und bis heute habe ich mich daran nicht gewöhnt. Gottlob hat man mich nie damit angesprochen, nur einige Kolleginnen beim Fernmeldeamt Osnabrück haben mich „Hans-Anton“ genannt, was ich dann in dieser Form nicht einmal schlecht fand.



(1) Mein Patenonkel Anton Lage, Gärtner
Mein Patenonkel Anton Lage, Gärtner

 

So, nun waren meine Personalien für das Standesamt vollständig, und mein Vater konnte mich dort wie folgt anmelden:

B R I N C K, Johannes Anton, geb. 21. Dezember 1924, 11.30 Uhr, Geburtsort Lingen (Ems), Schwedenschanze 36 a.
Ich besuche meinen Geburtsort Lingen
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1.5.  Beginn meines Erdendaseins – Ich besuche meinen Geburtsort Lingen.




(1) Ruhepause nach einem Rundgang durch die Lingener Altstadt
Ruhepause nach einem Rundgang durch die Lingener Altstadt

 

Meine Lebensgefährtin Claudia und ich sind dabei, unseren Herbsturlaub zu planen. Diesmal soll es keine weite Flugreise wie in den vergangenen Jahren werden. Claudia wünschte sich schon lange, meine in Nordwestdeutschland liegende Heimat, das Emsland, besser kennenzulernen. Dieser Wunsch ist ganz in meinem Sinne, kann ich doch bei dieser Gelegenheit Jugenderinnerungen wachrufen und ihr zugleich zeigen, daß auch das sogenannte platte Land landschaftliche Schönheiten bietet.


Viele meiner Bekannten haben von meiner Heimat, dem Emsland, noch nie etwas gehört. Wenn ich ihnen erkläre, daß durch dieses Gebiet die Ems in Richtung Nordsee fließt, haben sie eine ungefähre Vorstellung von der Lage. Um genau zu sein: der Landkreis Emsland liegt im Nordwesten des Landes Niedersachsen und erstreckt sich in einer Länge von rund 100 km und einer Breite von bis zu 60 km entlang der deutsch-niederländischen Grenze zwischen Ostfriesland im Norden und dem Münsterland im Süden. Bei der Gebietsreform 1977 wurde aus den früheren Landkreisen Lingen, Meppen und Aschendorf-Hümmling der neue Landkreis Emsland gebildet. Mit dieser landschaftsbezogenen Bezeichnung des Kreises ist der Begriff „Emsland” erstmalig geographisch fest umrissen. Flächenmäßig ist es der größte Landkreis im Bundesgebiet und größer als das gesamte Gebiet des Bundeslandes Saarland.
Im Zentrum dieses Landkreises liegt mein Geburtsort, die „Kreisfreie Stadt Lingen (Ems)”. Sie präsentiert sich heute als blühende Mittelstadt mit mehr als 50.000 Einwohnern. Der Name der Stadt weist auf die historische und gegenwärtige Verbundenheit mit der Ems hin. Sie soll das erste Ziel unseres Herbsturlaubs im Emsland sein.

Kurz nach Anbruch der Morgendämmerung sind wir von unserem Domizil in Graubünden in Richtung Deutschland gestartet. Die Hauptferienzeit ist vorbei, und das Verkehrsaufkommen auf den von uns befahrenen Autobahnen war gering. So sind wir rasch vorangekommen. Stündlich haben wir kleinere Pausen eingelegt und uns dabei am Lenkrad abgewechselt. Wenige Kilometer nördlich von Osnabrück verlassen wir die Autobahn „Hansalinie” und fahren über gut ausgebaute Landstraßen dem Emsland entgegen. Die letzten Ausläufer des Wiehengebirges begleiten uns (Scherzfrage: Wie kam das Wiehengebirge zu seinem Namen? Antwort: Wenn man aus der Norddeutschen Tiefebene nach Süden fährt, taucht es auf „wie en Gebirge”), und kurz vor Lingen wird das Land völlig eben. Am Horizont ragen große technische Gebilde in den klaren Himmel. Linker Hand ist es das Kernkraftwerk „Emsland” mit seinen Kühltürmen, deren Dampfwolken schon kilometerweit zu sehen waren. Rechter Hand erregen die Rundfunk- und Fernseh-Sendemasten des Senders Lingen (Norddeutscher Rundfunk) unsere Aufmerksamkeit, und in größerer Entfernung erkennen wir einen Turm, aus dem eine kleine Rauchwolke entweicht. Es ist die Erdölraffinerie Emsland, in der das hier geförderte sowie weiteres in Wilhelmshaven angelandetes und durch eine Pipeline nach dort gepumptes Öl verarbeitet wird. Wir erreichen den äußeren Stadtbezirk, der durch die hier aufgelockerte Bauweise noch sehr ländlich wirkt. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus, und erst kurz vor dem Innenstadtbereich fällt Claudia ein größerer Gebäudekomplex auf. Es ist dies das „Hotel mit gefilterter Luft”, ursprünglich als Kaserne genutzt, vor über 100 Jahren aber zu einem Gefängnis umgebaut. Durch die in den letzten Jahren häufig gelungenen Ausbruchsversuche von Insassen dieser Anstalt ist es in der Bundesrepublik unrühmlich bekannt geworden.
Neben dem Gefängnis führt die Bahnlinie Emden - Dortmund vorbei. Wir müssen einige Zeit vor der geschlossenen Bahnschranke warten, um einen langen Güterzug, der Eisenerz vom Emdener Hafen ins Ruhrgebiet transportiert, passieren zu lassen. Dann erreichen wir am späten Nachmittag unser Hotel in der Innenstadt. Dort werden wir äußerst freundlich empfangen und auf unser Zimmer geleitet.
Nachdem wir uns etwas erfrischt haben, beginnen wir unsere Begegnung mit meiner Heimat bei einem Rundgang durch die Altstadt. Dabei kann ich Claudia einiges von den in meiner Schulzeit erworbenen Kenntnissen über meinen Geburtsort vermitteln. Über 1000 Jahre reicht die Geschichte der Stadt zurück (erste urkundliche Erwähnung 975). Bereits 1327 erhielt sie die Stadtrechte.
Auf unserem Rundgang interessiert sich Claudia besonders für die alten Fachwerkhäuser (sie nennt sie Riegelhäuser), die neben dem historischen Rathaus von 1663 besondere Sehenswürdigkeiten in der Altstadt bilden. 

Heimatgefühle
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1.6.  Beginn meines Erdendaseins – Heimatgefühle .

Nach diesen ersten Eindrücken kehren wir zu unserem Hotel zurück. Beim Abendessen entdecken wir im Speisesaal ein in einem Bilderrahmen aufgehängtes Gedicht. Vom Inhalt fühle ich mich angesprochen, und deshalb habe ich es in meine Reisenotizen aufgenommen. Es lautet:

Was ist Heimat ?

Was ist Heimat? Sind´s die Fluren         Was ist Heimat? muß ich fragen
durch Geburt mir zugebucht.                 schwerbedrückt in meinem Sinn.
Und auf denen man die Spuren              Und mein Fragen wird ein Klagen
seiner Kinderschritte sucht?                  um verlorenen Gewinn.

Ach, die Spuren gehn verloren,              Aber mag die Zeit vertreiben
fremd wird alles, fremd und leer.           was mir blühte, schön und jung.
Und den Ort, wo du geboren,                 Eines wird mir immer bleiben,
fast erkennst du ihn nicht mehr.             immer die Erinnerung.

Was ist Heimat? Sind´s die Laute           Und die wurzelfeste Treue
erst gehört aus Muttermund?                  aus der Scholle, aus dem Blut,
Auch die Sprache, die vertraute,             Die das Alte und das Neue
tut sich halbentfremdet kund.                  gleich umfaßt mit gleicher Glut.

Sind´s die Menschen, deine Lieben,         Was ist Heimat? Kann´s nicht sagen,
die mit dir das Kinderspiel                      doch ich fühl´s im Herzen heiß,
Einst getrieben? Ach, es blieben              Und im Herzen soll man tragen,
auch von ihnen dir nicht viel !                 was man liebt, nicht was man weiß.


Den Verfasser dieser Verse hat man nicht vermerkt, und so muß er leider ungenannt
 bleiben. Mit seinen Gedanken und den daraus abgeleiteten Feststellungen hat er mir aus der Seele gesprochen.
Und wie recht hat er mit den Zeilen:
Aber mag die Zeit vertreiben, was mir blühte, schön und jung.
Eines wird mir immer bleiben, immer die Erinnerung.

Und so rufe ich mir vieles aus meiner Jugend ins Gedächtnis zurück, vergleiche das Heute mit dem Gestern. Viele in meiner Erinnerung gespeicherte Bilder aus der Vergangenheit muß ich aber korrigieren, denn die Zeit ist auch in meiner Heimat nicht stehen geblieben. Als besonders angenehm empfinden wir es, daß man den Straßenverkehr aus der Innenstadt verbannt hat. Früher quälte sich neben dem Orts- auch der gesamte Fernverkehr von Bremen nach Holland und vom Ruhrgebiet zu den Nordseehäfen durch die engen Gassen. Der Bau einer Umgehungsstraße hat dieses Übel beseitigt. Heute ist die gesamte Altstadt eine große Fußgängerzone mit attraktiven Geschäften.

Am nächsten Tag führt uns unser erster Weg zum „Alten Friedhof“. Dort befindet sich das Erbbegräbnis der Familie Brinck, in dem auch meine Eltern, mein Bruder Karl und meine Großeltern beigesetzt worden sind.

 


(1) Das Erbbegräbnis meiner Eltern Johannes und Johanna Brinck. Auf der Rückseite des Grabmals befinden sich die Gräber meiner Grosseltern Carl und Gesina Brinck und das Grab meines Bruders Karl Brinck

Das Erbbegräbnis meiner Eltern Johannes und Johanna Brinck. Auf der Rückseite des Grabmals befinden sich die Gräber meiner Grosseltern Carl und Gesina Brinck und das Grab meines Bruders Karl Brinck

 

Mit der regelmäßigen Grabpflege habe ich einen mir empfohlenen Privatgärtner betraut. Bei einem Vergleich mit den Nachbargräbern kann aber von einer guten Pflege nicht die Rede sein. Obwohl wir nicht für eine gärtnerische Arbeit angekleidet sind, machen wir uns daran, die Gräber nach unseren Vorstellungen herzurichten. Entsprechende Gartengeräte leihen wir uns beim Friedhofsgärtner, der uns auch bei der Auswahl von Blumen für eine jahreszeitlich richtige Bepflanzung behilflich ist. Nach Beendigung dieser Tätigkeit, die den ganzen Vormittag in Anspruch genommen hat, sind wir mit dem erzielten Ergebnis durchaus zufrieden. Claudia freut sich, daß sie meinen verstorbenen Vorfahren damit einen kleinen Liebesdienst erweisen konnte.

Zum wohlverdienten Mittagessen haben wir uns ein Restaurant am Marktplatz ausgesucht, das auf seiner Speisekarte emsländische Spezialitäten aufgeführt hat. Wir bestellen uns Buchweizen-Pfannkuchen mit Apfelmus, ein Gericht, das früher von der armen Bevölkerung mangels anderer Nahrung oft gegessen wurde. Buchweizen war die einzige Pflanzenart, die auf dem kultivierten Moorboden gedieh. Weil das Mehl sich nicht zum Backen eignet, kann man daraus nur Grütze oder Pfannkuchen zubereiten. Letztere, mit großen Speckscheiben darin, habe ich als Kind gern gegessen, und so freue ich mich, hier die einfache und derbe Mahlzeit serviert zu bekommen. Auch Claudia hat die Bekanntschaft mit dieser (ich muß zugeben: wegen ihrer grauen Farbe recht unansehnlich aussehenden) Speise nicht bereut; sie hat kräftig zugelangt.
Während ich mich mit Claudia über die Sehenswürdigkeiten meiner Heimatstadt unterhalte, bemerke ich, wie ich die an uns vorübergehenden Menschen aufmerksam mustere in der Hoffnung, Bekannte darunter zu erkennen. Aber es wird mir schnell klar, daß sich nach den vielen Jahren meiner Abwesenheit diese Erwartung nicht erfüllen kann.



(2) Das Geburtshaus meiner Mutter: der unter Denkmalschutz stehende "alte Möddelhof" in Darme bei Lingen
Das Geburtshaus meiner Mutter: der unter Denkmalschutz stehende "alte Möddelhof" in Darme bei Lingen

 

So gestärkt machen wir uns auf den Weg zum Geburtshaus meiner Mutter, einem im Jahre 1849 von meinen Urgroßeltern erbauten niedersächsischen Bauernhaus. Darin sind Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude mit Stall und Scheune unter einem Dach vereinigt. Das unter Denkmalschutz stehende alte Haus wird zur Zeit renoviert. Wir unterziehen die leerstehenden Räume einer eingehenden Musterung und kommen dann zu dem Schluß, daß man früher doch recht einfach und in den feuchten und nur gering beheizten Wohnräumen auch ungesund gelebt hat. Kein Wunder, daß die Kindersterblichkeit hoch war und von den sieben Kindern meiner Urgroßeltern nur drei das Erwachsenenalter erreicht haben. Anhand meiner Familienforschung kann ich Claudia erklären, daß dieses Besitztum seit dem Ende des 15. Jahrhunderts von den Vorfahren meiner Mutter (die männliche Ahnenreihe trug den Namen Möddel) bewirtschaftet worden ist. Es wurde ihnen damals vom Großgrundbesitzer (Adel?) als vererbliches Kolonat gegen entsprechende Pacht übertragen; der jeweilige Pächter wurde in den alten Urkunden als Kolon bezeichnet.



(3) Der "alte Möddelhof" heute: Den Bauernhof hat man in den vergangenen Jahren restauriert und es ist daraus nun ein schönes Wohnhaus entstanden.

Der "alte Möddelhof" heute: Den Bauernhof hat man in den vergangenen Jahren restauriert und es ist daraus nun ein schönes Wohnhaus entstanden.

 

 

Erste Erinnerungen: Der kleine Häuslebauer
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1.7.  Beginn meines Erdendaseins – Erste Erinnerungen: Der kleine Häuslebauer.
Es mag Menschen geben, die sich sowohl an viele wichtige als auch viele nichtige Ereignisse aus ihrer Kleinkindzeit erinnern können. An nebensächlichen Begebenheiten mangelt es bei mir, aber ein für mich bedeutsames Geschehnis ist mir doch aus diesem Lebensabschnitt unvergeßlich geblieben.

So hat sich bei mir im Alter von etwa vier Jahren folgendes abgespielt:
Mein Vater hatte für mich hinter unserem Haus eine kleine Spielecke hergerichtet. Dort konnte ich in einem Sandkasten mit Hilfe kleiner Blechformen Kuchen backen, auch Burgen bauen oder - unter Verwendung von Wasser - aus dem Sand schönen „Papp“ manschen. Wie ich dann nach dieser Sandarbeit aussah, kann man sich leicht vorstellen, und meine Mutter hatte entsprechend viel zu waschen (die Wäsche und mich).
Bei meinen täglichen Ausflügen in die Nachbarschaft hatte ich festgestellt, daß man dort ein neues Haus bauen wollte. Es lagen die verschiedensten Baumaterialien herum, und besonders die schönen roten Backsteine stachen mir ins Auge. Da ist mir die Idee gekommen, mit diesen Steinen in meinem Sandkasten ein Minihaus zu errichten. Gedacht, getan. Mit meiner kleinen Schubkarre machte ich mich daran, das nötige Baumaterial heran zu schaffen. Pro Fahrt konnte ich zwei Steine transportieren. Nachdem ich eine genügende Zahl davon für meinen Hausbau organisiert hatte, konnte die Arbeit beginnen. So wie ich es von den Maurern abgeschaut hatte, fügte ich Stein auf Stein - mit einer Zwischenschicht aus Sandpapp - aufeinander.
Als dann mein Vater am Nachmittag von der Arbeit nach Haus zurückgekommen war, mußte ich ihm doch sofort voller Stolz mein „Bauwerk“ zeigen. Ein Lob von ihm erwartend, hörte ich aber seine strenge Frage: „Woher hast du die Steine?“ Ich mußte ihm also meine Beschaffungsarbeit beichten. Und dann kam für mich etwas Fürchterliches, etwas viel Schlimmeres als eine körperliche Züchtigung. Mein Vater befahl mir, nicht nur die Steine sofort zurückzubringen, sondern auch bei den Leuten, denen sie gehörten, um Entschuldigung für den Diebstahl zu bitten und ihnen zu sagen: „Ich will es nie wieder tun!“
Ich habe mich sehr geschämt und bitterlich geweint. Obwohl ich mich mit Bitten und Betteln gegen diese harte Strafe gewehrt habe, hat sich Vater nicht erweichen lassen. Somit mußte ich wohl oder übel diesen schweren Gang zu unseren Nachbarn tun.
Diese „Tat“ - und die Strafe dafür - ist für mich zu einem Schlüsselerlebnis geworden. Ich habe mich später, wenn ich in Versuchung kam, mir nicht gehörende „Steine“ zu nehmen, ständig daran erinnern müssen. So habe ich mich auch in der schweren Nachkriegszeit - als man es mit „Mein und Dein“ nicht so genau nahm - nicht an fremdem Eigentum vergreifen können.
Anders erging es einigen Kameraden von mir, mit denen ich oft meine Freizeit verbrachte. Im ersten Nachkriegsjahr hatten sie sich unter Anführung von Willi T. überlegt, aus einem privaten Lebensmittellager Zucker zu stehlen, um daraus Schnaps zu brennen. Sie haben mich bei diesem Vorhaben auch dabei haben wollen. Aus dem bekannten Grund lehnte ich aber dieses Ansinnen ab. Daraufhin haben meine Kumpels den Diebstahl ohne mich ausgeführt.
Die Polizei hatte es nicht schwer, die Täter zu ermitteln. Der mit einer Karre abtransportierte Zucker hinterließ Spuren, weil ein Sack schadhaft war und man das bei der Tatausführung in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte.
Die Quittung des Gerichts lautete: 4 Monate Gefängnis ohne Bewährung für Willi T. Seine Kriegsverwundung (Amputation des rechten Armes an der Schulter) hat ihn nicht vor der Verbüßung dieser schweren Strafe bewahren können. Seit dieser Tat habe ich mit den beteiligten Kumpels keine engeren Kontakte mehr gehabt.
Ich bin heilfroh, daß mir mein Vater den Begriff des fremden Eigentums schon als Kleinkind so drastisch eingebläut hat und ich ihm ja auch versprochen hatte: „Ich will es nie wieder tun!“ Durch die als Kind gemachte Erfahrung bin ich als Erwachsener vor einer großen Dummheit bewahrt worden, die mir mein ganzes weiteres Leben verdorben und mich sicher auf die schiefe Bahn gebracht hätte.
Lieber Vater, ich danke Dir für diese erzieherische Maßnahme, durch die Du mir den Begriff des fremden Eigentums so gründlich beigebracht hast !
Erziehungsmassnahmen
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1.8.  Beginn meines Erdendaseins – Erziehungsmassnahmen.
Jetzt muß ich doch noch etwas über meine Erziehung im Elternhaus sagen. Vater und Mutter konnten sich durch ihre große Belastung mit den Dingen des täglichen Lebens (Vaters 9-Stunden Arbeitstag, Mutters Haushalts- und Gartenarbeit) nicht viel um mich kümmern. Oma hatte auch nicht die nötige Energie, um mich in meinem Spieldrang zu bändigen. So waren wir Kinder uns praktisch selbst überlassen. Ich kann mich nicht erinnern, daß Vater mit mir irgendein Spiel gespielt hat. Dazu kam er zu müde und erschöpft von der schweren Arbeit im Reichsbahn-Ausbesserungswerk zurück.
Wir genossen die Spielmöglichkeiten sowohl in unserem großen Garten als auch in den in der Nachbarschaft liegenden verwilderten Grundstücken (Lühns Busch). Manchmal muß ich wohl doch etwas zu wild oder zu frech gewesen sein. Es wurde mit mir geschimpft, besonders wenn ich leichtsinnigerweise in die hohen Eichbäume gestiegen war und Mühe hatte, wieder herunterzukommen. Eine körperliche Strafe - Schläge oder dergleichen - habe ich von meinen Eltern nie bekommen. Die schlimmste Art von Strafe war für mich, daß ich vom Spielen ins Haus kommen und mich ohne Abendbrot ins Bett legen mußte. Wenn ich dann die anderen Kinder hören konnte, wie sie auf der Straße noch spielen durften, sind mir doch die Tränen gekommen.
Angst vor Strafen
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1.9.  Beginn meines Erdendaseins – Angst vor Strafen.
Eine von mir gefürchtete Strafmaßnahme  meiner Eltern war ihre Drohung mit dem Keller. Wenn ich etwas besonders Schlimmes ausgefressen hatte oder meine Eltern sonst  nicht mehr mit mir fertig werden konnten, drohten sie mir: „Jetzt kommst du in den Keller“. Sie wußten, daß ich davor eine Heidenangst hatte. Der Kellerraum (das Haus war nicht ganz unterkellert) war von der Küche her zugänglich, hatte kein Licht und war ein kleines, dunkles Verlies. Darin wurden Lebensmittel gekühlt aufbewahrt, sowie Kartoffeln und Briketts gelagert. Wenn nötig, wurden Mausefallen aufgestellt und auch welche damit gefangen. Bei diesen Bedingungen kann sich jeder ausmalen, daß es für mich nichts Schlimmeres gab, als darin eingesperrt zu werden. Wenn die Drohung dann in die Tat umgesetzt werden sollte und auch wurde, habe ich ein riesiges Geheul angestimmt und es meist erreicht, nur kurze Zeit in dem grausigen Loch bleiben zu müssen. Noch als Erwachsener hat es mich später - in Erinnerung an unseren Keller - große Überwindung gekostet, Kellerräume aufzusuchen. Die Angst (vor Mäusen usw.) ging immer mit. Aus diesem Grund habe ich meinen eigenen Kindern nie mit solch einer Strafe gedroht.
Meine Geschwister
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2.  Meine Geschwister




(1) Mit der Geburt meines Bruders Hermann (10. August 1931) war unsere Familie komplett.

Mit der Geburt meines Bruders Hermann (10. August 1931) war unsere Familie komplett.

 

Ich hatte zwei jüngere Geschwister und zwar zwei Brüder:

1. Karl    (Karli, Karlchen), geb. am 09.03.1927, gest. 28.12.1948
2. Hermann           (Hermi), geb. am 10.08.1931, gest. 28.10.2017




(2) Das Foto zeigt uns drei Buben mit den früher üblichen Matrosen-Anzügen der Firma Bleyle, die jeweils von mir auf meine Geschwister vererbt wurden, wenn sie mir zu klein geworden waren

Das Foto zeigt uns drei Buben mit den früher üblichen Matrosen-Anzügen der Firma Bleyle, die jeweils von mir auf meine Geschwister vererbt wurden, wenn sie mir zu klein geworden waren
 
Mein Bruder Karl 1927 - 1948
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2.1.  Meine Geschwister – Mein Bruder Karl 1927 - 1948.



(1) Die Brüder Karl und Hans Brinck (Foto von 1927)
Die Brüder Karl und Hans Brinck (Foto von 1927)

Das obige Bild zeigt mich im Alter von 2 1/2 Jahren, gemeinsam mit meinem Bruder Karl. Na, sind wir nicht zwei herzige Buben? Wer uns beide so betrachtet, kommt nicht umhin, uns gut getroffen zu finden. Besonders Karli schaut mit seinen großen Augen ganz gespannt auf das bewußte Vögelchen, das aus dem Fotoapparat kommen und ihn zum ruhig sitzen veranlassen soll. Wie man auch sehen kann, hatte uns Mutter fein herausgeputzt. So hatte ich neben der Samthose schon ein modernes T-Shirt an. Auch die Schnallenschuhe - an die ich mich gut erinnere, weil es immer so schwierig war, die Knöpfe in die Ösen zu bekommen - waren der neueste Hit. Für diesen großen Moment mußte Karlchen noch einmal sein Taufkleid anziehen. Ich hatte also inzwischen - am 09. März 1927 - einen Bruder bekommen. Auf den Namen „Karl“ wurde er getauft, und genau wie ich wurde auch er nicht bei seinem Vornamen gerufen, sondern stets „Karli“ oder „Karlchen“. Mit ihm habe ich mich sehr gut verstanden; manchmal gab es aber schon Streit wegen der ursprünglich nur mir und jetzt uns beiden gemeinsam gehörenden Spielsachen. Das war aber weiter nicht schlimm, denn er war doch einsichtig genug, meine größere Kraft anzuerkennen und es nicht auf eine Prügelei ankommen zu lassen.

Wir waren fast immer draußen im Hof anzutreffen, wo Vater uns einen Sandkasten hergerichtet hatte und wo wir mit kleinen Formen schönen Kuchen backen und tolle Burgen bauen konnten. Eines Tages hatte ich die Idee, mit Karli mal „beerdigen“ zu spielen, und das ging so: Ich habe ein ziemlich tiefes Loch gegraben und Karlchen mußte sich hineinsetzen. Dann habe ich das Loch zugefüllt, und er konnte sich nicht mehr befreien. Erst nach einer längeren Zeit und als er lauthals anfing zu schreien, ist er von mir aus seinem „Grab“ befreit worden. Noch heute habe ich wegen dieses bösen Spieles ein schlechtes Gewissen, denn Karl wurde einige Tage später sehr krank. Mir wurde gesagt, er hätte die „Englische Krankheit“. Was das war, konnte ich mir als Kind natürlich nicht vorstellen, aber es mußte ja etwas sehr schlimmes sein, woran ich nun die Schuld trug. Karli möge mir verzeihen!

Karl war ein guter Schüler. Vielleicht kam es daher, daß er mir oft bei meinen Schularbeiten zugeschaut und sich dabei schon einige Kenntnisse angeeignet hatte. Manchmal habe ich ihm auch bei den Schularbeiten geholfen, weil Mutter dafür keine Zeit fand. Übrigens brauchte mir Mutter bei meinen Hausaufgaben nicht helfen und sie hätte es auch wegen ihrer vielen Hausfrauenpflichten nicht gekonnt. Lediglich wenn ich einen Aufsatz schreiben mußte (etwas, das mir damals sehr schwer fiel), half sie mir mit einigen Stichworten.
Nach beendeter Schulzeit gelang es Karl, eine Ausbildungsstelle bei der Reichsbahn zu bekommen. Was mir einige Jahre vorher versagt geblieben ist, war ihm nun möglich: er konnte in Lingen (und damit bei Mutter) bleiben und lernte den Beruf, den auch ich mir gewünscht hatte. Er begann eine Lehre als Junghelfer bei der Deutschen Reichsbahn, Ausbildungsort: Bahnhof Lingen.



(2) Karl verabschiedet sich von Mutter, um seiner Einberufung zum Kriegsdienst Folge zu leisten
Karl verabschiedet sich von Mutter, um seiner Einberufung zum Kriegsdienst Folge zu leisten

 

Nachfolgend  habe ich einen Ausschnitt aus seinem Feldpostbrief vom 6.12.1944 beigefügt.



(3) Karls Felpostbrief vom 6. Dezember 1944, Seite 1
Karls Felpostbrief vom 6. Dezember 1944, Seite 1

(4) Karls Feldpostbrief vom 6. Dezember 1944, Seiten 2 und 3
Karls Feldpostbrief vom 6. Dezember 1944, Seiten 2 und 3

 

Nach Abschluß seiner Ausbildung wurde er dann sofort zur Wehrmacht eingezogen. Genau wie ich zwei Jahre zuvor hatte er sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet. Ausschlaggebend dafür war eine Werbebroschüre der Division „Hermann Göring”, in der das Soldatenleben in den buntesten Farben geschildert wurde. Auch die bei dieser Einheit eingesetzten schweren Waffen usw. machten auf Karl einen großen Eindruck. Obwohl ich ja zu diesem Zeitpunkt bereits als wehruntauglich ausgemustert worden war und ich ihm auch aus diesem Grund von einer Freiwilligenmeldung abgeraten hatte, ließ er sich nicht beeinflussen. Auch er wollte unbedingt das Vaterland verteidigen und ein tapferer Soldat des Führers werden. Und warum sollte er denn auf mich hören, der ich mich ebenfalls freiwillig, und zwar als Berufssoldat zur Luftwaffe gemeldet hatte. Karl war als Soldat im Westen (in Holland) eingesetzt. Er schrieb vom Wacheschieben in Bunkern an der Kanalküste. In einem Brief vom 6. Dezember 1944 schickte er Mutter Weihnachtsgrüße und bedauert, daß er Weihnachten zum ersten Male nicht bei ihr in der Heimat feiern könne. Er bekomme leider keinen Urlaub. Es sei aber nicht zu ändern, und wir alle müßten Opfer bringen, um den Endsieg zu erringen
Ich kann mich nicht erinnern, wann Karl nach Kriegsende aus der englischen Gefangenschaft entlassen worden ist. Es muß im Herbst 1945 gewesen sein, als er schwerkrank seine Heimatstadt wieder erreichte. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes war er fast ständig bettlägerig. Mutter versuchte, ihn soweit es ihr möglich war, mit gutem Essen wieder „auf die Beine” zu bekommen. Aber es trat keine Besserung ein. Seine Krankheit (Lungentuberkulose) schien ihn schon zu sehr geschwächt zu haben. Somit wechselten bei ihm Krankenhausaufenthalte mit Zeiten der Pflege durch Mutter an der Schwedenschanze.
Gegen Ende 1948 verschlechterte sich sein Zustand so sehr, daß die Ärzte uns keine Hoffnung mehr auf seine Gesundung gaben. Bei meinem Weihnachtsurlaub (ich arbeitete damals in der Verstärkerstelle Bohmte) besuchte ich ihn täglich im Krankenhaus Lingen. Im ehemaligen Kolpinghaus an der Schulstraße (neben dem Gymnasium) hatte man eine Isolierstation für Tbc-Kranke eingerichtet. Bei meinem letzten Besuch am 27.12.1948 gegen Mittag sagte er, daß ich doch Licht machen solle, es sei so dunkel. Es war jedoch heller Tag, und mir schien es, daß seine Krankheit nun auch die Sehnerven beschädigt hatte. Am Morgen des nächsten Tages, gegen 09.30 Uhr, ist Karl gestorben. Am Tag darauf habe ich dann am offenen Sarg von ihm Abschied genommen. Sein rechtes Auge war halb geöffnet, und mit einem leichten Lächeln auf seinen eingefallenen Gesichtszügen schien es mir, als wenn er mir zublinzelte.
Am 31. Dezember 1948 haben wir ihn in unserer Familiengrabstätte beigesetzt; dort liegt er nun an der Seite seiner Großeltern. Ruhe in Frieden, lieber Karli !

       


(5) Die Todesanzeige
Die Todesanzeige

          


(6) Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft (Ende 1945) ist Karl von den dabei erlittenen Entbehrungen und von seiner Krankheit schon schwer gezeichnet. Trotz aufopfernder Pflege durch Mutter ist er am 28.12.1948 im Bonifatius-Hospital in Lingen verstorben.
Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft (Ende 1945) ist Karl von den dabei erlittenen Entbehrungen und von seiner Krankheit schon schwer gezeichnet. Trotz aufopfernder Pflege durch Mutter ist er am 28.12.1948 im Bonifatius-Hospital in Lingen verstorben.

 

 


 


 
Mein Bruder Hermann 1931 - 2017
Seite 13
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2.2.  Meine Geschwister – Mein Bruder Hermann 1931 - 2017.
Jetzt muß ich in das Jahr 1931 zurückblenden. Zu uns beiden Buben gesellte sich am 10. August 1931 noch ein weiterer Knabe, mein Bruder Hermann. Wie ich mich ganz schwach erinnere, hatte unsere Nachbarin, Frau Schuchardt, uns Kindern schon vorher gewisse Andeutungen gemacht in der Art, daß bei uns bald der Klapperstorch kommen und ein Kind bringen würde. Von meiner Mutter habe ich solche Informationen nicht erhalten. Sie glaubte gewiß, daß ich mit meinen 6 1/2 Jahren noch keine Aufklärung nötig hatte. Ich muß ehrlich gestehen, daß ich noch bis zum Alter von etwa 10 Jahren an das Christkind geglaubt habe, und noch länger an den Klapperstorch!
                     



(1) Wir Brüder besuchen Mutter im Krankenhaus
Wir Brüder besuchen Mutter im Krankenhaus

 

Mit Hermanns Geburt war also unsere Familie komplett. Der Wunsch meiner Mutter nach einer Tochter war somit nicht in Erfüllung gegangen. Aber ich bin gewiß, daß sie auch mit uns drei „Bengels“ ganz zufrieden gewesen ist und sich auch später nicht mehr darüber beklagt hat, zumal Hermann und ich durch unsere Heirat ihr zwei (Schwieger-) Töchter ins Haus gebracht haben.

Mit Hermann verbinden mich nicht viele Jugenderinnerungen. Das ist wohl auf den doch recht großen Altersunterschied zwischen uns zurückzuführen. Ich hatte meine etwa gleichaltrigen Spielkameraden und brauchte auch nicht auf meinen jüngeren Bruder aufpassen oder mit ihm spielen (und wollte es auch nicht).
So weiß ich auch nichts über seine schulischen Leistungen zu berichten. Nach der Volksschule hat er den Beruf eines Schlossers erlernt und sich nach beendeter Lehre bei der Bundesbahn als Lokomotivführer beworben. Dort wurde er eingestellt und hat zuerst als Heizer Dienst getan, bevor er dann als Lokführer von Dampfloks bei Güter- und Personenzügen eingesetzt worden ist. Nach einer Zusatzausbildung hat er auch Diesel- und Elektroloks fahren dürfen.
Er hat 1955 geheiratet und zuerst mit seiner Frau Hedwig bei Mutter an der Schwedenschanze gewohnt. Aus dienstlichen Gründen mußte er einige Jahre später nach Rheine umziehen.
Seiner Ehe entsprossen 3 Kinder, alles Jungen (wie bei unseren Eltern!)
Nach seiner Pensionierung musste er sich um seine behinderte Frau kümmern und den gesamten Haushalt führen. Mit zunehmendem Alter war ihm das aber nicht mehr möglich, und das Ehepaar zog dann in ein Seniorenheim um. Dort verbrachten sie einige Jahre und wurden gut betreut.
Seine Frau Hedwig starb 2016 und mein Bruder Hermann folgte ihr 2017 im Tod nach. Im Juni 2017 haben meine Frau und ich ihn dann noch besuchen können, stellten  aber fest, dass sich sein Gesundheitszustand stark verschlechtert hatte. Wir nahmen von ihm Abschied in dem traurigen Bewussstsein, dass es wohl ein Abschied für immer sein würde. Leider hat sich dies schon bald bestätigt.



  
(3) Hermann und seine Frau Hedwig im Seniorenheim (2016) und Hermann bei unserem letzten Besuch im Juni 2017
Hermann und seine Frau Hedwig im Seniorenheim (2016) und Hermann bei unserem letzten Besuch im Juni 2017

 

Hermann wird es mir gewiß nicht verübeln, wenn ich in meinen Erinnerungen unserem Bruder Karl einen größeren Platz eingeräumt habe, ihm aber nur wenige Zeilen. Aber Karl ist ja durch seinen frühen Tod nicht in der Lage gewesen, über sich und seine Jugendjahre zu berichten. So wollte ich ihm wenigstens in meinen Erinnerungen ein Denkmal setzen und damit bezeugen, daß er nicht vergessen ist.

Spielmöglichkeiten
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2.3.  Meine Geschwister – Spielmöglichkeiten.

Bei Kinderspielen, wo es auf Kraft ankam, war Karl oft nur Zuschauer. Aufgrund seiner schwachen Kondition verlegte er sich meist auf Ballspiele. So war er als Junge gern bei der sogenannten Probe, die von den Mädchen gespielt wurde, dabei. Hier kam es auf Geschicklichkeit an, den Ball vom Kopf, von der Brust, vom Arm usw. gegen eine Mauer zu spielen, ohne daß er dabei auf den Boden fiel. Bei diesem Kinderspiel konnte er ganz gut mithalten. Von uns Brüdern waren natürlich auch Fußball, Handball und weitere Ballspiele beliebt, die man heute nicht mehr kennt. Auch das „Pindopp (Kreisel)- und Knicker (Murmel)- Spiel” hatten wir gern. Beim Letzteren war Karli meist der Verlierer, und seine Knicker wanderten somit in meinen Knickerbeutel. Damit er aber weiter mit mir spielen konnte, habe ich sie ihm dann später zurückgegeben. Nur die schönen und wertvollen Glasknicker habe ich für mich behalten.




(1) Hermann als Fuhrmann
Hermann als Fuhrmann

 

Ein weiteres beliebtes Spielgerät war der Holzroller. Wir Brüder hatten jeder einen, und wir fegten wie der Blitz damit über den Gehweg an der Schwedenschanze. Durch die häufige Benutzung waren aber bald die Metallachsen abgenutzt, und damit gerieten die Holzräder in eine Schieflage und wirkten als natürliche Bremse. Da war der Tritt- oder Wipproller unserer Nachbarkinder schon eine stabilere Sache, um die wir sie beneideten. Nur selten durften wir damit mal probeweise fahren, und mit dem „Wippen” kam man viel schneller voran. Obwohl ein Wipproller auch auf unserem Weihnachts-Wunschzettel stand, haben wir ihn leider nie bekommen.
Bücher in unserer Familie
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2.4.  Meine Geschwister – Bücher in unserer Familie.
Ich kann mich nicht erinnern, in unserer Familie  Bücher gesehen zu haben. Zum Lesen hatte man die Zeitschrift "Die Gartenlaube"  und eine Tageszeitung abonniert. Man begnügte sich mit den Studium der Gebetbücher, die in mehreren Ausführungen vorhanden waren.
Erst als ich Messdiener geworden war, kamen Bücher ins Haus. Man hatte mich gebeten, als Helfer in der Borromäus-Pfarrbücherei tätig zu sein. Dadurch kam ich in den Genuss, mir unentgeltlich Bücher ausleihen zu können. Favoriten waren Abenteuer und Zukunftsromane. Mir kommen da die Bücher von Karl May und Hans Dominik in Erinnerung, die ich voll Spannung verschlungen habe.

Als Entschädigung für meine Hilfe durfte ich dann verschiedene Bücher aus einer Liste auswählen. Darunter war auch das Knauers-Lexikon, das meinen Wissendurst stillen sollte. Diese Bücher waren also der Grundstock für meine kleine Bücherei, die ich mit der Zeit immer weiter vervollständigt habe.
Feiertage in unserer Familie
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3.  Feiertage in unserer Familie
Feiertage und Festtage = Freudentage (?)

Man möge mir verzeihen, wenn ich behaupte, daß die Kinder sich heute gar nicht mehr richtig über die Gaben freuen können, die sie zu den betreffenden Festtagen geschenkt bekommen. Dies ist aber der Eindruck, den ich bei verschiedenen mir bekannten Familien erhalten habe und der mir auch bei Gesprächen im Freundeskreis bestätigt wurde. Weil die Kinder schon in jungen Jahren fast alles, was sie an kleinen und auch größeren Wünschen äußern, von den Eltern, und wenn nicht von ihnen, dann von den Großeltern erfüllt bekommen, wird es immer schwieriger, ihre ständig steigenden Ansprüche zu befriedigen. So müssen es schon Dinge sein, die einen hohen Anschaffungspreis haben und die in vielen Fällen in keinem Verhältnis zum Verdienst der Eltern stehen. Wenn dann die von den Kindern geäußerten Wünsche nicht erfüllt werden können, sind sie enttäuscht und beginnen das große Maulen. Der „Spiegel“ schrieb in einem Artikel, daß die Eltern sich von diesen „Konsum-Terroristen“ erpressen lassen und, nur um Ruhe vor ihnen zu haben, ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen.
Wie war das nun in meiner Jugendzeit? Hatten wir als Kinder auch so übersteigerte Wünsche?
Diese Frage will ich hier gern beantworten. Selbstverständlich habe ich dem Christkind zu Weihnachten auch einen Wunschzettel geschrieben. Darauf habe ich alles aufgeführt, was ich beim vorweihnachtlichen Stadtbummel in den Schaufenstern der Spielwarengeschäfte gesehen und was mir besonders gefallen hatte. Ferner auch einiges, worum ich meine Spielkameraden beneidete und was ich nun auch gerne haben wollte.
Weihnachtserwartungen
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3.1.  Feiertage in unserer Familie – Weihnachtserwartungen.
Verglichen mit den heutigen Spielwarenangeboten, hielten sich diese Weihnachtswünsche aber noch in einem vertretbaren Rahmen. Trotzdem ist es meinen Eltern und besonders später meiner Mutter - nach dem Tode meines Vaters - nicht leicht gefallen, sie mir zu erfüllen, und viele blieben dann unerfüllte Wünsche. Dafür nun ein Beispiel, woran ich mich besonders gut erinnere.
Mein häufigster Spielkamerad (Freund will ich nicht sagen, denn wir haben uns zu oft gezankt, und das lag wohl daran, daß ich auf ihn und seine Spielsachen sehr neidisch gewesen bin) war der im Nachbarhaus wohnende Rolf Dieter Sch. Sein Vater war Oberinspektor bei der Strafanstalt (Gefängnis) in Lingen, und die Familie war deshalb finanziell bessergestellt als wir. Rolf-Dieter hatte nun beim letztjährigen Weihnachtsfest eine elektrische Eisenbahn bekommen, mit der wir manchmal gemeinsam spielten. Mein Spielanteil war aber gering, und da ich nicht am Trafo schalten und damit auch nicht den Zug rangieren, sondern höchstens die Wagen an- und abkoppeln durfte, war das für mich sehr frustrierend. Aus diesem Grund stand auf meinem Wunschzettel für das nächste Weihnachtsfest ganz oben auch so eine elektrische Eisenbahn.
Gedichtvortrag
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3.2.  Feiertage in unserer Familie – Gedichtvortrag.
Es gab noch einen weiteren Grund, der mir die Vorfreude auf Weihnachten etwas vergällte.
Meine Tante Käthe war Lehrerin in Bochum-Linden, und sie kam regelmäßig in den Ferien zu uns an die Schwedenschanze. So verbrachte sie stets die Weihnachtsferien in unserer Familie. In jedem Jahr schickte sie einige Wochen vorher an Mutter einen von mir gefürchteten Brief mit folgenschwerem Inhalt. Aus dem meiner Tante zur Verfügung stehenden großen Vorrat an Weihnachtsgedichten hatte sie für uns Jungen je eines ausgesucht, das wir bis zum Heiligen Abend auswendig lernen sollten. Als ältestes von uns Kindern bekam ich das Gedicht mit den meisten Strophen, und noch heute denke ich mit Schaudern an diese Zumutung zurück. Am liebsten wäre daher Weihnachten für mich ausgefallen. Ich wollte gar nicht daran denken, und außerdem empfand ich es als große Gemeinheit, daß meine Brüder kürzere Gedichte zum Lernen bekamen. Mutter fragte mich ständig, ob ich es „schon könne“, aber ich schob das auswendig lernen meist bis zum äußersten Termin hinaus. Dann sagte ich mir aber doch: „Es muß ja sein“, und was tut man als von der Gnade der Erwachsenen abhängiges Kind nicht alles, um die von ihnen aufgestellten Voraussetzungen zu erfüllen und damit an die gewünschten Weihnachtsgeschenke zu kommen!
Das war also die Belastung, unter der ich zu leiden hatte und die dazu führte, daß ich mich freute, wenn mein Gedichtvortrag am Heiligen Abend vorüber war!
Heiligabend
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3.3.  Feiertage in unserer Familie – Heiligabend.
Andererseits denke ich trotzdem gerne an diese Weihnachtstage in meiner Kindheit zurück. Das Programm unter der Regie von Tante Käthe sah folgendermaßen aus: Am 24. Dezember so gegen 16.00 Uhr mußten wir Kinder aus dem Haus verschwinden. Vater (später dann Mutter) ging mit uns in die Stadt, um noch einmal die weihnachtlich geschmückten Schaufenster anzuschauen. Der Weg führte dabei auch in die St.-Bonifatius-Kirche, wo man damit beschäftigt war, die Krippe aufzustellen. Es war ein schöner Anblick: die großen Figuren der Hirten und Schafe, sowie Ochs und Esel standen bereits in der geschmackvollen Dekoration und warteten auf das Christkind, das kommen sollte, aber jetzt noch fehlte. Das alles anzuschauen, ließ die Zeit rasch vorbeigehen, die wir noch bis zur Bescherung warten mußten.
Inzwischen hatten Tante Käthe und Mutter den Weihnachtsbaum aufgestellt und hübsch geschmückt. In jedem Jahr war es für mich immer eine erneute große Freude, ihn im Wohnzimmer anzuschauen. Es hingen daran silberne Kugeln, Glöckchen mit hellem Klang, Vögel mit glänzenden Schwanzfedern, viel Lametta, und zuoberst befand sich die herrliche Spitze, aus der silbrige Fäden herab hingen. Aber nicht nur dieser Schmuck war es, der mich so erfreute, zusätzlich hingen am Baum reichlich eßbare Dinge: kleine, aufeinander geschichtete Schokoladetäfelchen, Schokoladekringel mit Liebesperlen, Geleefrüchte, Schoko-Tannenzapfen und dergleichen mehr. Diese Dinge bekamen wir aber erst, wenn der Baum anfing zu Nadeln und nach dem 6. Januar (Hl. Drei Könige) vollständig geplündert werden durfte.

Nun aber zurück zum Heiligen Abend. Nach der Rückkehr von unserem Spaziergang warteten wir ungeduldig in der Küche auf das Erscheinen des Christkinds. Wenn es dann im Wohnzimmer alle Vorbereitungen getroffen hatte, gab es ein Glockenzeichen. Damit war das Signal für uns gegeben, endlich aus der Küche auf den Korridor zu gehen, wo wir auf Tante Käthe stießen, die uns bestätigte, daß das Christkindchen dagewesen und gerade fortgeflogen sei. Mit einigem Herzklopfen betraten wir das verdunkelte Wohnzimmer und sahen als erstes den schönen Tannenbaum im Glanz der brennenden Kerzen. Dann betrachteten wir den Gabentisch, ob wir schon erkennen konnten, was alles von unseren Wünschen erfüllt worden war. Mit dem Auspacken der Geschenke mußten wir aber noch warten.
Unsere kleine Weihnachtsfeier begannen wir mit dem Lied: „Ihr Kinderlein kommet“. Dann las uns Tante Käthe die Weihnachtsgeschichte vor, worauf wir - passend dazu - sangen „Zu Bethlehem geboren“. Danach kam der große Moment für mich, und mit einer Verbeugung begann ich, das erlernte Weihnachtsgedicht vorzutragen. Ich hatte es also doch noch geschafft, es „intus“ zu bekommen, und brachte es auch ohne Stottern und Steckenbleiben zu Ende. Mir fiel ein Stein vom Herzen, sobald dieser Teil der Feier vorbei war!
Wenn dann auch mein Bruder Karl (später auch noch Hermann) seine Verse aufgesagt und wir das Lied „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“ gesungen hatten, war endlich der Augenblick gekommen, die Geschenke auszupacken. Für jeden gab es einen reichgefüllten Teller mit Süßigkeiten, Apfelsinen und Nüssen. Als Geschenke erhielten wir meist Sachen zum Anziehen: neben Unterwäsche bekam ich - wenn nötig - einen neuen Bleyle-Matrosenanzug und mein Bruder den noch sehr guten, mir zu klein gewordenen Anzug. Daneben gab es natürlich auch schönes Spielzeug. Besonders gern hatte ich einen Holzbaukasten, mit dem ich Häuser und Burgen bauen konnte, und auch einen Kasten mit Holzklötzen, auf die Bilder geklebt waren und die man wie ein Puzzle zusammenlegen mußte, um dann ein Märchenbild zu erhalten (z.B. Schneewittchen im Sarg liegend mit den trauernden 7 Zwergen darum herum). Aber auch Autos aus Blech waren auf meinem Wunschzettel gewesen, und so erhielt ich einmal ein tolles Feuerwehrauto mit Ausziehleiter. Unter dem Fahrgestell war eine Flachbatterie montiert, mit deren Hilfe die Glühbirnen in den Scheinwerfern zum Leuchten gebracht werden konnten. Die Autos mußten mit einem Federwerk aufgezogen werden, und wenn man es zu stramm tat, zerbrach die Feder. Einen weiteren Nachteil hatten die Blechspielzeuge auch: wenn man nachsehen wollte, wie ihr Innenleben aussah (und ich war so neugierig), mußte man kleine Laschen aufbiegen. Oft brachen diese aber ab, wenn man sie wieder zurückbiegen wollte.
Unsere Weihnachtsfeier beendeten wir meist mit dem Singen weiterer Lieder. Besonders gern hatte ich das Lied: „Kling, Glöckchen, Klingelingeling“, das ich dann besonders lautstark mitgesungen habe.

Meine frohe Erwartung bei der Bescherung am Heiligen Abend war natürlich sehr groß, hoffte ich doch, daß das Christkind meinen Wunsch erfüllen und mir die ersehnte elektrische Eisenbahn bringen würde. In der Adventszeit war ich auch sehr artig gewesen, hatte nichts Schlimmes ausgefressen und auch in der Schule nur gute Noten bekommen. Also waren meiner Meinung nach alle Voraussetzungen erfüllt, glaubte ich . . .
Als ich nach dem üblichen Procedere der Weihnachtsfeier dann die Geschenke auspacken durfte, war ich voller Spannung. Das Paket, in dem ich den Zug vermutete, öffnete ich natürlich zuerst; und ich erlebte eine riesengroße Enttäuschung. Es war darin keine elektrische Lokomotive, sondern „nur“ eine mit Federwerk zum Aufziehen!
Ich muß damals wohl einen kleinen Schock bekommen haben, denn seitdem litt ich unter einem Minderwertigkeitskomplex. Gefragt habe ich mich, warum Rolf Dieter, der ja nicht artiger als ich gewesen sein konnte, zu seiner bereits vorhandenen nun noch eine weitere elektrische Lok mit Wagen und Signalen bekommen hatte, und ich nicht. Weil ich zu der Zeit noch an das Christkind als Gabenbringer geglaubt habe, gab ich ihm die Schuld für diese große Ungerechtigkeit! Daß meine Mutter - selbst mit finanzieller Hilfe meiner Tante Käthe - mir den Wunsch nicht erfüllen konnte, habe ich damals nicht geahnt.
Diesen in meiner Kindheit unerfüllt gebliebenen Wunsch habe ich mir viel später selbst erfüllt. Als meine Tochter Anette etwa 3 1/2 Jahre alt war, habe ich ihr zu Weihnachten u.a. eine kleine elektrische Eisenbahn geschenkt. Damit haben wir beiden dann gemeinsam gespielt (ich wohl mehr als Anette), aber diesmal war ich der Stationsvorsteher; und ich durfte den Zug fahren lassen und damit rangieren, was ich bei meinem Spielkameraden ja nicht hatte tun dürfen. Erst damit habe ich den lange mich belastenden Minderwertigkeitskomplex ablegen können.
Rückblickend muß ich feststellen, daß meine Eltern mich zu lange in dem Glauben an das Christkind (auch an den Nikolaus und den Osterhasen) gelassen haben. Ich bin sicher, daß ich als etwa neunjähriger Junge schon das Verständnis aufgebracht hätte, daß sie mir in unserer finanziellen Notlage so große Wünsche einfach nicht erfüllen konnten. Sie haben wohl die Freude über meinen kindlichen Glauben an das Christkind genossen, ich dagegen habe aber eine arge Enttäuschung erlebt, die mich noch viele Jahre sehr belastet hat.
Hinter der Überschrift zu diesem Abschnitt meiner Jugenderinnerungen (Feiertage und Festtage = Freudentage (?)) habe ich bewußt ein (eingeklammertes) Fragezeichen gesetzt. Für Vater, Mutter und uns Kinder sind es in manchen Jahren wohl keine reinen Freudentage gewesen. Bei meinen Eltern waren es gewiß die finanziellen Probleme, die der Kauf der von uns gewünschten Geschenke mit sich brachte. Neben der vorstehend geschilderten Begebenheit (keine elektr. Eisenbahn) war dies ein weiterer Grund, der mir die Freude auf Weihnachten etwas vergällte.
Ostern
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3.4.  Feiertage in unserer Familie – Ostern.
Oster been, Oster been,
ist des Menschen Färder been.

Immer an den Ostertagen kommt mir dieser Vers in den Sinn, den ich als Kind einmal aufgeschnappt habe. Wenn man ihn so liest, wie er von mir hier niedergeschrieben worden ist, dann ergibt er für den Leser aber keinen Sinn. Und ehrlich gesagt, kann man darin auch keinen Sinn finden, denn mit Ostern hat er gar nichts zu tun.
Bei richtiger Schreibweise und entsprechender Betonung erhält man dann folgenden Sinnspruch:
O Sterben, o Sterben, ist des Menschen Verderben.
In gewisser Weise hat er aber doch etwas mit den Ostertagen, hier mit dem Todestag des gekreuzigten Heilands am Karfreitag, zu tun. Und deshalb habe ich ihn hier meinen Jugenderinnerungen an das Osterfest vorangestellt.
Wenn ich es mir richtig überlege, war dieses Fest für mich mit mehr Vorfreude verbunden als das Weihnachtsfest. Natürlich war hier auch Wohlverhalten für das Kommen des Osterhasen Voraussetzung, aber den Zwang, etwas tun zu müssen, was ich nur ungern tat (nämlich ein Weihnachtsgedicht auswendig zu lernen), den gab es zu diesem Fest nicht. Und so war ich in der Karwoche eifrig damit beschäftigt, im Garten an geschützter Stelle ein schönes Nest zu bauen, in das der Osterhase dann seine Eier legen konnte. Das Nest wurde mit weichem Moos gepolstert, das ich mir zusammen mit meinen Spielkameraden, später auch mit meinen Brüdern, aus dem nahe gelegenen Tannenwald beim Kiesberg holte. Entsprechend meinen Erwartungen an die Legefreudigkeit des Osterhasen hatte es schon große Ausmaße, denn ich sagte mir: besser zu groß, als durch falsche Bescheidenheit eventuell auf etwas freiwillig verzichtet zu haben. Manchmal mußte ich es nach kurzer Zeit schon reparieren, wenn nämlich die Vögel auf der Suche nach Baumaterial für ihre Nester es für gut befanden, sich an meinem schönen Moos zu vergreifen.
Am Ostersonntagmorgen war mein erster Weg in das Schlafzimmer meiner Mutter. Von dort konnte ich mit einem Blick aus dem Fenster erkennen, ob der Osterhase die Aufgabe, seine Eier in mein Osternest zu legen, schon erfüllt hatte. Er schien mir ein Frühaufsteher zu sein, denn meine Erwartung wurde nicht enttäuscht, und so konnte ich, noch im Pyjama und in Hausschuhen, rasch in den Garten eilen und eine Nestkontrolle machen. Neben einem Riesen-Osterei aus Pappe, das gefüllt war mit kleineren Schokoladeeiern und mit von mir besonders geliebten Zuckereiern mit Pfefferminzflüssigkeit, lagen darin Schokoladehasen, gefärbte Hühnereier und Blecheier, die ebenfalls einen süßen Inhalt hatten. Mit einem kleinen Körbchen trug ich dann den Nestinhalt ins Haus und war sehr zufrieden und voller Freude über den doch so großzügigen Osterhasen.
Meine Mutter hat mir später erzählt, daß sie sich mit mir als Kleinkind schon einen Spaß erlaubt hat. So gingen meine Eltern und Tante Käthe mit mir nach Schepsdorf in das schöne Dünen- und Waldgebiet. Dort hat dann Tante Käthe die Aufgabe übernommen, den Osterhasen zu spielen und an dem Weg, den wir gingen, verschiedene Ostergeschenke zu „verlieren“. Ich habe dann am laufenden Band die - wie ich glaubte - dem Osterhasen aus seiner Kiepe gefallenen Sachen gefunden und sie freudestrahlend meinen Eltern gezeigt, die diese Fundgegenstände in meinem Kinderwagen gesammelt haben. Von dort hat sie Tante Käthe wieder entnommen und erneut „verloren“. So war ich ständig mit Suchen beschäftigt und immer erfolgreich, hatte aber keine Ahnung, daß man mir laufend die schon gefundenen Eier bzw. Apfelsinen untergeschoben hat. Komischerweise ist es mir nicht in den Sinn gekommen, mir nach beendeter Suche alle meine Fundstücke zeigen zu lassen. Und so haben die Erwachsenen an mir ihre helle Freude gehabt und mich mit geringem Aufwand einen ganzen Nachmittag spannend unterhalten können.
Bei besonders gutem Wetter gab es dann für mich noch eine schöne Spielmöglichkeit in den „Schepsdorfer Alpen“. Im Sand der bis zu 10 Meter hohen Dünen grub ich mit meinen Händen schmale, im Zick-Zack verlaufende Gräben. Von der oberen Dünenkante ließ ich darin die von mir gefundenen Ostereier und Apfelsinen herunterrollen und hatte einen Riesenspaß, wenn sie hin- und hertorkelnd der von mir vorgegebenen Bahn folgend beim Ziel anlangten. Dieses Spiel machte ich etliche Male, und man kann sich denken, daß ich nach der vielen Kletterei (Düne rauf, Düne runter) rechtschaffen müde und froh war, dann von meinen Eltern in meinem bequemen „Sportwagen“ nach Hause gefahren zu werden.
Es war früher üblich, daß, bevor die hartgekochten Hühnereier gegessen wurden, man mit ihnen das „Eierpicken“ machte. Dabei wurden von zwei Spielern zuerst die beiden spitzen und danach die stumpfen Enden der Eier gegeneinander gestoßen. Derjenige, dessen Ei diese Prozedur nicht heil überstanden hatte, mußte es seinem Gegenspieler aushändigen. Dieses Spiel habe ich aber nur wenige Male mitgemacht. Die Schalen meiner bunten Ostereier waren für diese harte Prozedur wohl nicht geeignet, denn ich habe immer verloren und sie daher meinem Spielgegner aushändigen müssen. Ob der aber immer mit fairen Mitteln gekämpft hat? Ich habe mir später sagen lassen, daß es auch Leute gegeben hat, die mit gefärbten Eiern aus Gips (!) ihre Gegner hereinlegten und auf diese unfaire Art zu einem ansehnlichen Gewinn kamen! Auf jeden Fall hat mich der Verlust sehr geschmerzt, und nach dieser heilsamen Erfahrung verspürte ich keine Lust mehr, auf solche Art meinen Vorrat an Ostereiern zu verkleinern.




(1) Eierpicken am Ostermontag
Eierpicken am Ostermontag

In Lingen war es üblich, daß die Familien mit ihren Kindern am Ostermontag zur „Wilhelmshöhe“ gingen. Dort unter den schönen alten Bäumen hatte man viele Gartentische für die Gäste aufgestellt, und für die Kinder waren Kinderbelustigungen vorgesehen (Kleinkarussels, Sackhüpfen, Eierlaufen usw.) Die Erwachsenen tranken dort ihren Kaffee und aßen dazu Butterkuchen, den wir Kinder natürlich auch erhielten. Damit er nicht so trocken von uns hinuntergeschlungen werden mußte, bekamen wir dazu als Durstlöscher eine von uns sehr beliebte Limonade.

Mein Geburtstag
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3.5.  Feiertage in unserer Familie – Mein Geburtstag.

Mein Geburtstag fällt auf einen sehr unglücklichen Termin: drei Tage vor Heiligabend. Da kann sich jeder ausdenken, daß mitten in den Weihnachtsvorbereitungen an eine normale Geburtstagsfeier nicht zu denken war. Auch die aus meiner Sicht verständliche Vorstellung, sowohl zum Geburtstag als auch zum Weihnachtsfest beschenkt zu werden, war sehr unrealistisch.
Damit ich aber meinen Geschwistern gegenüber nicht benachteiligt war, verlegte man die Geburtstagsfeier einfach auf meinen Namenstag, der ja sowieso für uns Katholiken ein höherer Festtag als der Geburtstag war. Das Fest meines Namenspatrons - des heiligen Johannes des Täufers - wird am 24. Juni gefeiert, und das war ein Termin, der nicht mit anderen Festlichkeiten kollidierte. Mit dieser Regelung war ich natürlich einverstanden; an meinem „richtigen“ Geburtstag erhielt ich deshalb nur (als kleines Trostpflaster) meine über alles geliebte Kirschtorte mit Schlagsahne!



(1) Das ist bis heute mein liebstes Geburtstagsgeschenk geblieben
Das ist bis heute mein liebstes Geburtstagsgeschenk geblieben

 



 

Kinderjahre an der Schwedenschanze
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4.  Kinderjahre an der Schwedenschanze
An dieser Strasse im Haus Nummer 36a wurde ich am 4. Adventssonntag des Jahres 1924 geboren. Dort verlebte ich auch meine Kinderjahre. Was mir aus dieser Zeit an der Schwedenschanze in Erinnerung geblieben ist, schildere ich in den folgenden Abschnitten.
Noch im späten 19. Jahrhundert hat es außerhalb der ursprünglichen Festung Lingen keine Straßenbezeichnungen gegeben. So hieß es in den Katasterblättern für unser Grundstück (Ecke Schwedenschanze - Brunnenstrasse) „Am neuen Wall belegen“. Damit meinte man ein größeres Gebiet östlich der Stadtmauern. Die Straße Neuer Wall führt ihre Bezeichnung wohl von einem Grenzwall her, der gegen das Laxtener Gebiet gezogen wurde. Sie kommt bereits im Catastrum von 1781 vor. Die Bezeichnung „Schwedenschanze“ wurde nicht willkürlich gewählt. Mit dieser Namensgebung wollte man daran erinnern, dass im 30-jährigen Krieg die Stadt Lingen vom schwedischen Heer belagert worden war. Diese Truppe hatte beim Haus Schwedenschanze Nr. 26 (Prior) einen Wall aufgeschüttet und in dieser mit Reisigbündeln befestigten Schanze ihre Kanonen in Stellung gebracht. Von dort wurde dann die Stadt beschossen. Nicht alle Kanonenkugeln haben den zerstörerischen Weg in die Stadt gefunden. Einige davon haben wir Kinder beim Spielen in den noch vorhandenen Sandhügeln entdeckt.



(1) Die Schwedenschanze: Links die Koken-Mühle, in der Mitte der Bahnübergang und der Wasserturm. Rechts ist die Hüttenplatz-Schule zu sehen, in der ich das erste Schuljahr verbracht habe.
Die Schwedenschanze: Links die Koken-Mühle, in der Mitte der Bahnübergang und der Wasserturm. Rechts ist die Hüttenplatz-Schule zu sehen, in der ich das erste Schuljahr verbracht habe.

 

 Die Schwedenschanze begann an der Lookenstraße bei der Bäckerei Lohre. Sie führte über die Bahnhofstraße (die spätere Bernd-Rosemeyer-Str.), vorbei an der Hüttenplatzschule und Koken-Mühle und überquerte die Eisenbahnlinie Münster-Emden. Am Pumpenhaus für den Wasserturm und an der Gastwirtschaft Thien vorbei erreichte sie dann unser Grundstück Schwedenschanze 36/36 A und führte dann weiter bis zu den Kiesbergen. Als Pflasterung hatte man die im Sand der umliegenden Endmoränen gefundenen Kiesel benutzt. Dieses „Kopfsteinpflaster“ wurde 1936 erneuert, aber nicht, wie wir gehofft hatten, gegen bessere Steine. Nein, es wurden die vorhandenen „Katzenköpfe“ nur neu im Sandbett verlegt und damit die vorhandenen Schlaglöcher beseitigt. Bei diesen Arbeiten habe ich den Pflasterern zugeschaut und gesehen, wie sie die in der Größe unterschiedlichen Natursteine mühsam so setzten, dass es eine möglichst gute und ebene Oberfläche gab. Aber nach Beendigung dieser Arbeiten gab es weiterhin ein lautes Gerumpel, wenn die eisenbewehrten Räder der Pferdewagen darüber fuhren. Von einem Straßenverkehr im heutigen Sinne konnte man damals nicht sprechen. Nur wenige Fahrzeuge fuhren in Richtung der Kiesberge (Gemeinde Laxten), wo die Schwedenschanze auf unbefestigte Wege stieß, und somit gab es keinen Durchgangsverkehr.

Ein täglicher Gast vor unserem Haus war der Milchmann mit Namen Schonhoff. Mit seinem Pferdegespann klapperte er von Haus zu Haus und machte mit Glockengeläut auf sich aufmerksam. Den Familien lieferte er frische Milch, Sahne, Butter usw. Er war zu den Hausfrauen sehr freundlich, plauderte gern mit ihnen und war sehr beliebt.

Das Gegenteil davon war die Müllabfuhr, die ein- bis zweimal in der Woche die Anwohner der Schwedenschanze „heimsuchte“. Der von der Stadt Lingen damit beauftragte Unternehmer (er hieß „Gast“, (war aber kein gern gesehener Gast!) hatte als Transportmittel für die bereitgestetllten Abfälle nur einen offenen Wagen, auf den er den von den Anwohnern gesammelten Müll kippte. Neben dem unangenehmen Geruch (Gestank) war es auch eine sehr staubige Angelegenheit. Die trockene Asche aus den Kohleöfen wirbelte dabei hoch und verteilte sich bei dieser Art der Abfuhr beim kleinsten Luftzug in der Umgebung, wirklich eine Umweltverschmutzung der übelsten Sorte! Wir haben wegen dieser Schweinerei nur selten Müll an den Straßenrand gestellt. Unser eigenes Recycling-System klappte damals schon gut. Was von den Küchenabfällen die Schweine nicht fraßen, landete auf dem Misthaufen. Die Asche wurde gesammelt, um damit im Winter bei Schnee und Glatteis etwas zum Streuen des Fußweges zu haben. Der Restmüll wurde gelegentlich verbrannt. Somit wurde aller Abfall von uns artgerecht entsorgt.Eine von der Gemeinde durchgeführte Straßenreinigung gab es für die Schwedenschanze nicht. Die Anlieger sollten laut Ortsstatut diese Aufgabe selbst übernehmen. Einmal in der Woche musste die Straße vom Schmutz befreit werden. Wenn Pferde ihre „Äpfel“ auf unserem Straßenabschnitt fallengelassen hatten, wurden diese schon vorher mit einem Kehrblech aufgelesen und als willkommener Dünger in den Garten gebracht. Weiterer Schmutz fiel selten an, und wenn, dann wurde er meist durch einen Regenschauer von der Straße gespült. So war die Reinigung keine allzu große Aufgabe für uns. Jeder Samstag brachte als ein Tag des Großreinemachens viel Arbeit mit sich. Neben der Straße musste der unbefestigte Fußweg gefegt oder geharkt werden, was bei der Länge unseres Grundstücks sehr zeitaufwendig war. Dazu kam im Winter das Schneeräumen und das Streuen, was für uns als Grundstückseigentümer keine zu vernachlässigende Tätigkeit sein durfte. Mutter war immer froh, wenn der in der Nacht gefallene Schnee im Laufe des Vormittages schnell getaut war, denn dann erübrigte sich das staubige Verteilen der Asche auf dem Gehweg.

Vor dem Haus befanden sich Blumenbeete, die am Wochenende vom Unkraut befreit werden mußten; die dazwischenliegenden Wege wurden geharkt und die Gehwegplatten von der Straße bis zur Haustür bekamen den Schrubber zu spüren. Danach erhielt die Haustür den letzten Schliff, indem die Messingbeschläge mit „Sidol“ geputzt wurden und dann schön glänzten. Somit konnte den kritischen Blicken der sonntäglichen Kirch- und Spaziergänger ein sauberes und ordentliches Bild unseres Grundstückes gezeigt werden. Nach dem Krieg wurde die Schwedenschanze erneut repariert, mit einem anderen Pflaster versehen und auch verbreitert; unser Vorgarten fiel dieser Maßnahme leider zum Opfer. Die Beleuchtung der Schwedenschanze erfolgte durch Gaslaternen, die durch ihr kümmerliches Licht wenigstens etwas Helligkeit in diese dunkle Gegend brachten. Wir Kinder machten uns häufig den Spaß, durch festes Treten gegen den Laternenpfahl den in der Glaskuppel befindlichen „Glühstrumpf“ zum Erlöschen zu bringen. Es gelang uns, durch diesen Bubenstreich einen größeren Straßenabschnitt zu verdunkeln, um bessere Voraussetzungen für das von uns so geliebte abendliche Versteckspiel zu haben. Auf der unserem Grundstück gegenüberliegenden Straßenseite verlief der Strootbach, der von uns nur als Bäcke bezeichnet wurde. Um ihr Grundstück zu erreichen, hatten die Anwohner über den hier etwa 3-4 Meter breiten Bach jeweils eine Fußgängerbrücke errichten müssen. Für uns Kinder bildete dieses Rinnsal eine schöne Spielgelegenheit. Mit der Verbreiterung der Schwedenschanze wurde die Bäcke verrohrt, und somit ist von diesem Rinnsal heute nichts mehr zu sehen.
Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a
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5.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a






(1) Dies ist der aus meinem Gedächtnis heraus gezeichnete Grundriss unseres Hauses Schwedenschanze 36a
Dies ist der aus meinem Gedächtnis heraus gezeichnete Grundriss unseres Hauses Schwedenschanze 36a

 

 

 


 


 


 

Die Schlafzimmer
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5.1.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Die Schlafzimmer.
Im Haus Schwedenschanze 36a hatte es 4 Zimmer, davon wurden 2 als Schlafzimmer genutzt (siehe Grundriss Nr. 4 und 5)
Nr. 4 war das Elternschlafzimmer. das auch mein Geburtszimmer war. Später            wurde es das Gästezimmer
Nr. 5 war das  Zimmer meiner Grossmutter. Nach ihrem Tod wurde es unser Kinderzimmer

Das Mobiliar im Elternschlafzimmern bestand aus einfachen Ehebetten, aus einer Frisierkommode und einem Kleiderschrank. In Mutters Bett bin ich dann auf die Welt gekommen. Das Zimmer war nicht zu heizen. Daraus erklärt sich, dass ich froh war, nach meinem ersten Lichtblick im warmen Wasser der Zinkbadewanne  gelandet zu sein.
Das Wohnzimmer
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5.2.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Das Wohnzimmer.
Das Wohnzimmer (oder "die gute Stube" wie es bei uns hiess) war das schönste Zimmer unseres Hauses (Grundriss Nr.1.  Sie wurde von uns nur zu besonderen Anlässen benutzt, das heisst an Feiertagen und bei Besuchen der Verwandtschaft.
Die Möblierung bestand aus einem wuchtigen  Schrank aus massivem Holz. Ich vermute, dass es eine Eigenanfertigung meines Vaters  war, sozusagen ein Gesellenstück. Es hatte eine geschlossene Front und man konnte sehr viel Ware darin unterbringen. Ich erinnere  mich noch, dass darin mehrere Ballen Leinenstoff lagen und noch viele andere Wäschestücke aus Mutters Brautschatz.

Ein Sofa, ein ausziehbarer Tisch mit 6 Stühlen, ein wunderschöner Eckschrank (Vitrine), ein von Vater angefertigter Blumenständer und ein Kohleofen, der mit einer besonderen Kohlesorte (Ibbenbürener Nusskohle) geheizt wurde.

Die Vitrine hatte ein Geheimfach, worin Wertsachen versteckt wurden.

Vorsichtshalber hatten wir aber bei Kriegsende einige Sachen in einem grossen Kochkessel im Garten vergraben. Die Dinge im Geheimfach der Vitrine sind  unentdeckt geblieben, darunter Mutters ersparte Goldmünzen aus der Kaiserzeit und einige Schmuckstücke ihrer Mutter.
Bei der Einnahme der Stadt Lingen durch die Engländer im April 1945 sind uns trotzdem etliche Gegenstände gestohlen worden, darunter auch meine mühsam ersparte Zieharmonika.

Leider sind durch den Artilleriebeschuss auch einige Granattreffer im Dach unseres Hauses gelandet. Durch die  Splitter ist dabei das Mobiliar und auch einiges vom Inhalt beschädigt worden.
Das Kinderzimmer
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5.3.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Das Kinderzimmer.
In diesem Zimmer wohnte unsere Oma (Vaters Mutter) bis zu ihrem Tod. Danach wurde es unser Kinderzimmer.

Die Kinderbetten waren von unserem Vater angefertigt worden. Sie waren stabil gebaut und mit weisser Farbe angestrichen. Statt der üblichen Matratzen hatten wir einen grossen Sack mit eingefülltem Stroh als Schlafunterlage. Wie heisst es doch so schön im Weihnachtslied: "Da liegt es – das Kindlein – auf Heu und auf Stroh". Das war wohl nicht so bequem wie die heutigen Matratzen, wir Kinder haben trotzdem gut darauf geschlafen. Den Unterschied hatten wir ja zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht gekannt.
Die Küche
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5.4.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Die Küche.

Die Küche (Grundriss Nr. 6 ) war der ständige Aufenthaltsort unserer Familie.

Das Kücheninventar umfasste:

1. den Kohleherd,
2. den zweiflammigen Gasherd,
3. den Küchenschrank,
4. den Küchentisch,
5. drei Küchenstühle,
6. Omas Sessel und
6. das dreiplätzige Sofa,
7. dazu kam (etwa 1935) ein Blaupunkt-Radio.

Mutters erste Beschäftigung am Morgen war das Anzünden des Kohleherdes, um dem Raum etwas Wärme zu geben. Oft hat sie auch am Abend vorher ein oder zwei Briketts mit Papier umwickelt und auf die Restglut des verglimmenden Feuers gelegt. Damit umging sie am Morgen das mühsame und zeitraubende Anfeuern mit Papier und Holzscheiten.

Omas Lieblingsplatz war in ihrem Sessel neben dem Kohleherd. Obwohl sie sich stets warm angezogen hat, war es ihr - wohl auch altersbedingt - ständig kalt. Als zusätzliche Wärmequelle diente ihr daher ein Fuss-Stövchen, bzw. steckte sie ihre kalten Füsse in den geöffneten Backofen.

Mein ständiger Platz war auf dem Sofa vor dem Küchenfenster. Dies war aber auch kein warmer Platz. Über die Höhe der Raumtemperatur kann ich nichts sagen, wir hatten kein Thermometer. Aber etwas ist mir in Erinnerung geblieben. In der kalten Jahreszeit bildeten sich an den Scheiben des Küchenfensters Eisblumen. Diese wollte ich mit einem Messer entfernen. Das ist mir auch zum Teil gelungen. Bei einer dickeren Eisschicht hat aber durch mein festes Drücken auf das Glas die Scheibe einen Sprung bekommen. Damit war mein Arbeitseifer plötzlich beendet und ich hatte dadurch ein schlechtes Gewissen bekommen.

Von der Küche aus konnte man direkt in den einfachen Kellerraum kommen. Er befand sich unter dem Schlafzimmer meiner Eltern und diente zum Lagern der Kohlen (Briketts) und der aus eigenem Garten geernteten Kartoffeln. Dort konnten auch die verderblichen Lebensmittel gekühlt gelagert werden, weil es zu damaliger Zeit noch keine Kühlschränke gab.

Für mich war der Keller ein gefürchteter Raum. Weil er keine Lichtquelle hatte, war es dort finster.
Ab und zu wurden darin auch Mäuse gefangen. Wenn ich ungezogen war, wurde mir mit dem Einsperren in den Keller gedroht. Das reichte, um mich mit dieser Drohung gefügig zu machen.

Die weiteren Räume
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5.5.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Die weiteren Räume.
An die Wohnräume schlossen sich im Hinterhaus (Anbau) weitere Räumlichkeiten an.

Von der Küche kam man in die "Hinterküche", in der ein Abwaschtisch zum Reinigen des benutzten Geschirrs stand. Hier wurde auch die anfallende Wäsche gewaschen, für die dann ein beheizbarer grosser Metallkübel zur Verfügung stand.

Wenn die Zeit für das Schlachten eines der von uns gefütterten Schweine gekommen war, wurde dieser Raum für die erforderlichen Arbeiten benutzt. Der mit dem Schlachten beauftragte Hausschlachter war froh, alle für seine Tätigkeiten erforderlichen Dinge in unmittelbarer Nähe vorzufinden. Hier war auch der einzige Wasseranschluss vorhanden. Diese unüberlegte Lage (Aussenwand und ungeheizter Raum) führte dazu, dass die Wasserleitung im kalten Winter oft eingefroren ist.

Eine Tür führte dann in den Stallteil. Darin waren untergebracht: Eine Bucht für zwei Schweine (mit einem Auslauf ins Freie), das Plumpsklo und die kleine Werkstatt mit Hobelbank und Werkzeugschrank für meinen Vater.
Die Toilette
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5.6.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Die Toilette.
Die hygienischen Verhältnisse in unserem Haus waren, mit den heutigen verglichen,  schlecht. Unsere menschlichen Bedürfnisse mussten wir auf dem "Hüsken", dem plattdeutschen Ausdruck für Häuschen, verrichten. Für mich kostete es immer Überwindung,  meine kleinen und grossen "Geschäfte" darauf zu verrichten. Ich sah dann auf die Verrichtungen der Vorgänger herab, und auch die von dort aufsteigenden Düfte waren für mich ekelerregend. Toilettenpapier gab es bei uns nicht. An deren Stelle standen  aus alten Zeitungen gefertigte Papierschnitzel entsprechender Grösse zur Verfügung.
Die menschlichen Abfälle wurden in der Jauchegrube aufgefangen. Diese musste dann gelegentlich entleert werden. Diese Aufgabe wurde dann von Mutter erledigt, weil niemand anders dazu in der Lage war. Das geschah dann in der Art, dass sie ein Fass auf eine Schubkarre stellte, dieses mit Jauche füllte, um sie dann im Garten auf die umzugrabende Fläche zu verteilten.
Ich bewundere noch heute meine Mutter, wie sie diese für eine Frau unzumutbar schwere Tätigkeit verrichtete. Dazu meinte sie aber nur: "Wat sien mot, dat mot sien (Was sein muss, dass muss sein). Es ist ja auch niemand da, der es für mich macht."
Badezimmer? Fehlanzeige
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5.7.  Mein Geburtshaus Schwedenschanze 36a – Badezimmer? Fehlanzeige.
Was haben wir es heute gegenüber früher doch bequem. Wir benutzen unser Badezimmer mit WC/Dusche und machen uns keine Gedanken darüber, was für Möglichkeiten  die Menschen früher hatten, um sich zum Beispiel zu waschen.

In dem Grundriss unseres Hauses Schwedenschanze 36a sucht man vergeblich ein Badezimmer. Diesen Luxus konnten sich meine Vorfahren wohl nicht leisten. Oder es fehlte noch an der Wasserversorgung und den Heizmöglichkeiten eines Raumes. Da stelle ich heute fest, dass ich in meiner Jugend weder meine Eltern noch meine Grossmutter gesehen habe, dass sie sich und wie sie sich  gewaschen haben. Trotzdem waren sie säuberlich anzusehen und verbreiteten auch keinen unangenehmen Körpergeruch.
Wir Kinder haben uns morgens unter dem Wasserkran gewaschen. Das machten wir in Form einer "Katzenwäsche": mit dem kalten Wasser wurden die Hände, das Gesicht und der Hals befeuchtet und dann rasch mit dem Handtuch wieder getrocknet. Eine gründliche Körperwäsche gab es für uns dann am Wochenende. Als Badegefäss diente eine Zinkwanne, die in der Küche aufgestellt wurde. Mutter füllte sie mit Wasser, das auf dem Küchenherd erhitzt wurde und mit Wasser aus der Wasserleitung auf eine entsprechende Badetemperatur gebracht wurde. Wir drei Buben sind dann nacheinander in dieser Badewanne von dem in einer Woche angesammelten Schmutz befreit worden. Diese Prozedur haben wir gern über uns ergehen lassen und haben es damals schon als Luxus angesehen.
Als ich dann grösser geworden war und nicht mehr in die Wanne passte, hatte Mutter eine andere Bademöglichkeit für mich entdeckt. In dem Heizwerk des Eisenbahn-Ausbesserungs-Werkes, dort wo mein Vater beschäftigt gewesen war, standen für die Arbeiter und deren Angehörige einige Wannenbäder bereit. Diese Möglichkeit der gründlichen Wochenendreinigung habe ich dann gern für mich benutzt und bin dann, ausgestattet mit Handtuch, Seife und einem 10 Pfennigstück als Entgelt für das Bad, dort ständiger Gast geworden. Was war das doch ein riesiger Fortschritt in meiner Körperpflege!
Das Grundstück an der Schwedenschanze
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6.  Das Grundstück an der Schwedenschanze
Von unserem Grundstück und von unserem Haus Schwedenschanze 36a hatte ich keine Fotos. Das habe ich sehr bedauert, konnte ich dadurch meinem Leser keinen Eindruck von dem Ort vermitteln, an dem ich geboren bin und wo ich meine Jugend verlebt habe. Nun kam mir das monatlich erscheinende Anzeigenblättchen „Lingen Aktuell“ zu Hilfe. Darin erschien  ein vom Stadtarchiv initiiertes Bilderquiz. Der Leser sollte an Hand von alten Aufnahmen herausfinden, wo sich die betreffenden Örtlichkeiten befinden. So fand ich darin das nachstehende Luftbild, aufgenommen cirka Mitte der 1950er Jahre.
Darauf ist die Lage des Grundstücks zu sehen, welches mein Großvater von seiner Tante geerbt hat. Es umfaßt das Gebiet zwischen der Schwedenschanze, Brunnen- und Strootstraße.




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Übersicht über die Lage des Brinck-Grundstücks im oberen Drittel des Bildes


(2) Das Grundstück Schwedenschanze 36 und 36a mit den ca. 8000 qm Ackerland
Das Grundstück Schwedenschanze 36 und 36a mit den ca. 8000 qm Ackerland

 

Es erfolgte eine Teilung des Grundstücks zwischen meinem Vater (oberes Teilstück) und seinem Halbbruder Heinrich Brinck.

Unser Grundstück an der Schwedenschanze war zur Hälfte ein gemischter Obst und Gemüsegarten, auf der anderen Hälfte wurden Kartoffeln zum eigenen Verbrauch angepflanzt. Das langgezogene Grundstück zur Strootstraße hin wurde von meinen Eltern landwirtschaftlich genutzt (Roggenanbau, das Mehl zum Füttern der zwei Schweine und das Stroh als Streu im Stall lieferte). Als Vater gestorben war, wurde es an die Gärtnerei Vette verpachtet. Der Pächter züchtete zuerst darauf Blumen, später machte er daraus eine kleine Erbeerplantage.




(3) Aus dem oberen Bild habe ich das Doppelhaus Schwedenschanze 36 / 36a herauskopiert
Aus dem oberen Bild habe ich das Doppelhaus Schwedenschanze 36 / 36a herauskopiert

Es befindet sich auf dem Eckgrundstück Schwedenschanze/Brunnenstraße. Auf der unbefestigten Brunnenstraße (im Vordergrund) haben wir Kinder sehr schön spielen können. Weil dort kein Straßenverkehr herrschte, waren wir auch ungefährdet vor plötzlich auftauchenden Autos.

Im Vordergrund ist der Stall und der alte Teil des Doppelhauses (erbaut 1847) zu sehen. Hier wohnte die Familie Bormes-Brink. Als Frau Bormes (Tante Marie) gestorben war und das Haus leer stand, habe ich das Eckgrundstück mit den wertlosen Gebäuden von meinem Vetter Hermann Brink gekauft.
Im Hintergrund ist unser Hausteil mit dem angebauten Stall zu sehen. Darüber befindet sich der Obst- und Gemüsegarten.
Ich bin sehr froh, mit diesem Foto so manche meiner Jugenderinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen zu können.



(4) So sieht das Grundstück Schwedenschanze 36 / 36a heute aus
So sieht das Grundstück Schwedenschanze 36 / 36a heute aus

 

 

Nachwort
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6.1.  Das Grundstück an der Schwedenschanze – Nachwort.

 Nachwort

Das ist sie also, die Geschichte der „Brincks an der Schwedenschanze“, wie ich sie in den vergangenen Jahren mühsam recherchiert habe. Dabei sind verschiedene mir bisher unbekannte Dinge ans Tageslicht gekommen, andere Begebenheiten habe ich aufgeschrieben, um sie der drohenden Vergessenheit zu entreißen. Leider habe ich bei meinen Forschungen feststellen müssen, daß ich auf manche mich interessierenden und unsere Familie betreffenden Fragen - bei Zeitgenossen, die leider schon verstorbenen sind - keine Antwort mehr bekommen konnte und sie deshalb unbeantwortet bleiben.

Diese Aufzeichnungen sollen somit Antworten auf Fragen geben, die von unseren Nachkommen im Moment noch nicht gestellt werden, aber vielleicht in einigen Jahrzehnten doch von Interesse sein können. So habe ich es leider versäumt, meine Mutter nach Dingen zu fragen (Beispiel: Wie hast du unseren Vater kennen gelernt?), die ich heute gern gewußt hätte.

Früher waren die Menschen in meiner Heimat sehr seßhaft, weil sie als Bauern an ihrer „Scholle klebten“. Meist haben sie ihr ganzes Leben lang ihren Geburtsort nicht verlassen. So war es nicht so schwer, die Spuren meiner Vorfahren an Hand der Kirchenbücher zu verfolgen. Aber diese Seßhaftigkeit ist heute - meist aus beruflichen Gründen - nicht mehr möglich. Seit dem Tode meiner Mutter und dem Abriß des Hauses Schwedenschanze 36 a sind nun auch die Wurzeln unserer dortigen Herkunft nicht mehr vorhanden. Mein Bruder Hermann und ich haben an anderen Orten unseren Beruf ausgeübt und wir sind mit unseren Familien dort seßhaft geworden. Damit wird sicher ein neues Kapitel in der „Brinck-Geschichte“ aufgeschlagen. Hierzu können diese Aufzeichnungen eine wertvolle Hilfe sein.

Vielleicht wird doch eines unserer Kinder oder Enkelkinder sich bereit finden, meine hier begonnene Familiengeschichte fortzuführen. Es ist noch viel unerforschtes Material über unsere Vorfahren vorhanden. Wenn ich auch mit meiner Brin(c)k-Linie beim Jahr 1715 an eine Grenze gestoßen bin, so reichen doch noch andere Zweige unseres Stammbaums bis in das Jahr 1420 zurück.

Also: Es gibt noch viel zu tun, packen wir es an!
Der Abriss des Doppelhauses Schwedenschanze 36 und 36a
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7.  Der Abriss des Doppelhauses Schwedenschanze 36 und 36a


(1) Die Stadt Lingen erlässt eine Ordnungsverfügung: Das Haus Schwedenschanze 36/36a muss abgerissen werden (Seite 1) 
Die Stadt Lingen erlässt eine Ordnungsverfügung: Das Haus Schwedenschanze 36/36a muss abgerissen werden (Seite 1)


(2) Seite 2 der Ordnungsverfügung
Seite 2 der Ordnungsverfügung

 

Das Haus Schwedenschanze 36 und 36a war ein Doppelhaus. Der ältere Teil (Nr. 36) stammte aus dem Jahr 1847. Es war wegen  seines schlechten Bauzustands schon seit längerer Zeit unbewohnt. Auch mein Geburtshaus Nr. 36a war seit der Krankheit meiner Mutter und ihrer Unterbringung im Marienstift Bawinkel nicht mehr bewohnt.

Was war passiert? Im Mai 1957 war über Lingen ein Sturm hinweggebraust. Als Folge davon hatten sich einige Dachziegel gelöst und waren auf den unmittelbar an dem Doppelhaus vorbeiführenden Fußweg gefallen. Eine Ortsbesichtigung des Staatshochbauamtes hatte ergeben, daß die Gefahr bestand, daß sich weitere Ziegel lösen und damit eine Gefahr für die Fußwegbenutzer bilden könnten.
Die Gefahrenstelle hatte die Stadt abgesperrt und forderte mich als Eigentümer auf, der sofortigen Vollziehung der Ordnungsverfügung nachzukommen.
Man kann sich denken, daß mich dieser Brief in einige Aufregung versetzte. Mir war bekannt, daß sich das leerstehende Haus in einem schlechten baulichen Zustand befand. Entgegen unserem Hausteil waren die Ziegel des älteren Hauses nicht mit Zementmörtel verschmiert. Dort waren sie nur mit zusammengedrehten Strohhalmen (wie es wohl vor über 100 Jahren üblich gewesen ist) gegenseitig abgedichtet. Einen festen Halt an den Dachsparren hatten sie deshalb nicht. Das war der Grund, daß der Sturm ein leichtes Spiel gehabt hatte, einige der Ziegel zu lösen, die dann auf den Fußgängerstreifen fielen.
Was war nun zu tun? Eine Sanierung des Daches oder gar der beiden Häuser hielt ich wegen des schlechten baulichen Zustandes nicht für sinnvoll. Es wäre nur eine unnütze Geldausgabe gewesen, zumal ich ja vorher schon mit dem Gedanken gespielt hatte, an deren Stelle ein Geschäftshaus mit Einliegerwohnung für Mutter zu bauen. Diesen Gedanken hatte ich nicht realisieren können, weil Mutter etwas dagegen hatte. Deshalb mußte ich mich schweren Herzens dazu durchringen, nun das Doppelhaus so schnell wie möglich abreißen zu lassen. Ich beauftragte die Firma Reeck in Lingen mit dem Abbruch des Gebäudes. Das war das „Aus“ für mein Geburtshaus und für eines der ältesten Häuser an der Schwedenschanze.



(3) Das "AUS" für mein Geburtshaus Schwedenschanze 36 a

Das "AUS" für mein Geburtshaus Schwedenschanze 36 a

 

 

 

Die Geschwister meiner Mutter
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8.  Die Geschwister meiner Mutter

Zu beneiden sind die Knaben,
welche einen Onkel haben.
(aus „Der kalte und der warme Onkel“ von Georg Bötticher)


Mutters Geschwister:

1. Käthe Lage, geboren am 24.11.1883, unverheiratet
2. Anton Lage, geboren am 14.04.1886, verheiratet, 4 Kinder, mein Patenonkel 
3. Hermann Lage, geboren am 23.03.1895, verheiratet, kinderlos

Bei meiner Familienforschung habe ich dann noch eine weitere Entdeckung gemacht. 1892 ist den  Eltern meiner Mutter noch ein weiteres Kind geboren worden. Davon hat man mir nie etwas erzählt. Warum man  dieses Ereignis vor mir geheim gehalten hat, ist mir unverständlich. Aber auch hier gilt das Sprichwort:

"Es ist nichts so fein gesponnen,
es kommt doch an das Licht der Sonnen".

Und hier sind nun die Daten einer weiteren Schwester meiner Mutter:
4. Maria Carolina Lage, geboren am 15.07.1892, gestorben am 31.07.1893.

 


(1) Mutter mit ihren Geschwistern: obere Reihe Hermann und Anton; untere Reihe Käthe, geb. Gössling (Frau von Hermann), Mutter, Käthe und Elisabeth Scholten (2. Frau von Anton)

Mutter mit ihren Geschwistern: obere Reihe Hermann und Anton; untere Reihe Käthe, geb. Gössling (Frau von Hermann), Mutter, Käthe und Elisabeth Scholten (2. Frau von Anton)

 

 

 

 

 

1. Tante Käthe
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8.1.  Die Geschwister meiner Mutter – 1. Tante Käthe.
Meine Großeltern mütterlicherseits (Georg Lage und Agnes Möddel) wurden am 30.10.1883 in der katholischen Kirche in Schepsdorf getraut. Nur einen Monat später, am 24.11.1883, vormittags 09.00 Uhr, wurde ihnen eine Tochter geboren und am 26.11.1883 auf die Namen Catharina Maria Theresia getauft.
Dieses „Kind der Liebe” muß ihre frühe Geburt wohl immer als Makel empfunden haben. Mit keinem Wort ist jemals mir gegenüber darüber gesprochen worden, im Gegenteil: über uneheliche Mütter wurde abfällig geredet. Dabei ist wohl absichtlich die Tatsache verdrängt und damit verschwiegen worden, daß nur wenige Tage daran gefehlt haben, und Tante Käthe wäre als uneheliches Kind zur Welt gekommen. Tante Käthe hat wohl geglaubt, diesen Makel durch einen frommen und gottgefälligen Lebenswandel tilgen zu müssen. Ich kann es aus verständlichen Gründen nicht beweisen, aber ich bin sicher, daß sie nie ein Verhältnis mit einem Mann gehabt und somit ihr ganzes Leben als Jungfrau gelebt hat.
Ob ihr Zusammenleben mit ihrer Kollegin Änne Hoffmeister, mit der sie einen gemeinsamen Haushalt führte, über das normale Verhältnis hinausging, ist mir auch nicht bekannt. Sie waren sich aber gegenseitig sehr zugetan, und Tante Änne (wie ich sie nannte) spielte dabei eine dominierende Rolle. Das lange Zusammenleben (über 40 Jahre !) wäre wohl nicht möglich gewesen, wenn sich Tante Käthe nicht immer wieder den Anordnungen und Vorschlägen von Tante Änne untergeordnet hätte.
Beide Damen waren in Bochum-Linden als Lehrerinnen angestellt, wo wir Kinder sie des öfteren gemeinsam mit Mutter besucht haben. Zuerst bewohnten sie eine schöne und große Dienstwohnung in der Schule an der Jägerstraße. In Erinnerung geblieben ist mir eine geräumige Diele, in der ich spielen durfte und in der eine bis zur Zimmerdecke reichende blühende Zimmerlinde stand. Später sind sie dann zur Hattinger Straße 759 umgezogen.





(1) Tante Käthe als junge Lehrerin
Tante Käthe als junge Lehrerin

 

Bei Tante Käthe habe ich dann die erste Bekanntschaft mit dem Radio gemacht. Sie hatte einen Detektorempfänger, mit dem man über einen Kopfhörer das Rundfunkprogramm hören konnte. Zuvor mußte man jedoch mit einem Drehknopf auf einem Kristall den betreffenden Sender suchen, eine kniffliche Angelegenheit. Wenn man das geschafft hatte, konnte man dann unter ständigen Lautstärkeschwankungen etwas im Kopfhörer vernehmen. So kann ich mich an eine Kinderstunde erinnern, der ich mit Spannung gelauscht habe, die aber unter den geschilderten Störungen litt. Weil die Lautstärke nicht regulierbar war, mußte Tante Käthe mit der Detektornadel ständig den Sender neu einstellen, was für den Genuß natürlich sehr störend war. Trotz dieser Nachteile war es wie ein Wunder, die Märchen über den Äther aus dem Munde eines Mannes, den ich nicht sah, hören zu können. Für mich als vierjähriger Bub war das ein tolles Erlebnis, und ich habe es sehr bedauert, daß wir in Lingen keinen solchen Detektorempfänger hatten.

Bei einem dieser Besuche haben mein Bruder Karl und ich eine Kinderkrankheit eingefangen. Es war Scharlach, unsere Körper waren mit stark juckendem Hautausschlag übersät. Wir mußten mehrere Tage das Bett hüten. Zum Trost bekam ich von Tante Käthe ein Feuerwehrauto mit ausfahrbarer Leiter geschenkt. Eine Flachbatterie war die Stromquelle für die Beleuchtung dieses modernen Fahrzeugs. Ich war sehr stolz über dieses schöne Spielzeug, habe es aber später in meinem Wissensdrang (sprich Neugier) auseinander genommen. Beim Zusammensetzen sind dann leider die Blechzungen, mit denen die Einzelteile befestigt waren, abgebrochen. Da habe ich also das erste Lehrgeld für meine kindliche Neugier bezahlen müssen.





(2) Tante Käthe als Klassenlehrerin Jahrgang 1937
Tante Käthe als Klassenlehrerin Jahrgang 1937

 

Einige Male hat Tante Käthe mich mit in die Klassenzimmer genommen, in denen sie unterrichtete. Sie zeigte mir die Dinge, mit denen die Kinder gearbeitet und was sie damit gelernt hatten. Somit war mir das Innere einer Schule schon früh bekannt, und statt Angst davor zu haben war meine Vorfreude auf den Schulanfang sehr gross.
Für uns Kinder war Tante Käthe das, was man früher als den „reichen Onkel aus Amerika” bezeichnete. Sie hat unsere Familie, besonders nach Vaters Tod, finanziell sehr stark unterstützt. Ohne ihre finanzielle Hilfe wären wir verelendet.
Mir ist bis heute unklar, wer für den Lebensunterhalt und die Schul- und Internatskosten von Tante Käthe aufgekommen ist. Ihre Mutter war als Witwe gewiß nicht dazu in der Lage, von ihrem Verdienst als Haushälterin und den zu ernährenden drei weiteren Kindern noch diese hohen Aufwendungen aufzubringen. Aber wer hätte das können oder wer hatte dazu eine moralische Verpflichtung? Ich vermute, daß Großmutters Bruder Anton Möddel die Ausbildungskosten seiner Nichte übernommen hat, um damit vielleicht das schlechte Gewissen, das er seiner Schwester gegenüber haben mußte (Vertreibung meiner Großeltern vom Möddelhof) zu beruhigen. Denn niemand sonst in der Verwandtschaft wäre dazu in der Lage gewesen, diese gewiß nicht geringen Ausbildungskosten zu tragen. Aber das sind alles nur meine Vermutungen, die mir heute keiner mehr bestätigen kann.

Die drei Geschwister meiner Tante Käthe haben keine Ausbildung (Lehre) im heutigen Sinne bekommen, und somit hat sie eine Vorzugsbehandlung erfahren. Diese hat sie aber durch ihre Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Schwester und ihren Brüdern gegenüber wieder wettgemacht.
Aus den vorhandenen Unterlagen konnte ich eruieren, daß sie nach beendetem Studium am 10.März 1905 zur „Schulamtsbewerberin” mit dem Vorbehalte des Widerrufs von der Königlich Preußischen Regierung Arnsberg zur Volksschullehrerin an der katholischen Schulgemeinde Linden-Dalhausen, Kreis Hattingen, ernannt worden ist. Der Vorbehalt des Widerrufs wurde am 27. März 1906 zurückgenommen und dadurch war sie mit Wirkung vom 1. Mai 1906 endgültig angestellt.
Ihre Lehrtätigkeit übte sie an verschiedenen Schulen in Bochum-Linden aus. Wegen ihrer negativen Einstellung den Nazis gegenüber hatte sie oft Schwierigkeiten mit der Schulleitung, die ihr sehr auf die Nerven gingen. Deshalb war sie froh, daß sie nach 38 Dienstjahren mit Ablauf des Monats Juni 1944 in den Ruhestand versetzt wurde. Sie blieb dann noch einige Jahre in B.-Linden wohnhaft. Nachdem jedoch Fräulein Hoffmeister gestorben war und sie selbst einen Schlaganfall erlitten hatte, der sie stark behinderte, hat Onkel Anton ihren Haushalt aufgelöst und sie wurde Insassin des Altersheimes in Bawinkel bei Lingen. Dort hat sie in der Obhut der katholischen Schwestern noch einige schöne Jahre verbracht, obwohl sie durch weitere Schlaganfälle so stark behindert war, daß sie kaum noch ihr Zimmer verlassen konnte.
Am Tag vor ihrem Tod erhielt ich einen Anruf der Oberin des Marienstiftes Bawinkel, daß meine Tante sehr schwer erkrankt sei und sie bat mich, nach dort zu kommen. Ich tat das umgehend und fand sie am Tropf hängend mit eingefallenen Wangen vor. Sie war geistig aber noch voll ansprechbar, ihre Antworten aber nur schwer verständlich. Die Oberin erklärte mir, daß eine Besserung des Gesundheitszustandes nicht mehr möglich sei und sie bat mich, die Zustimmung zur Absetzung des Tropfes zu geben. Ich habe dieser Bitte entsprochen. Am nächsten Tag ist Tante Käthe dann in meinem Beisein gestorben. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie im Familiengrab meines Patenonkels Anton Lage beigesetzt.
In ihrem Testament wurde ich von ihr als Testamentsvollstrecker bestimmt. Ein Vermögen hatte sie nicht ansammeln können. Nach einem arbeitsreichen Leben hinterließ sie deshalb lediglich ein Sparbuch mit einem Guthaben von ca. 18.000,-- DM.
2. Onkel Anton
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8.2.  Die Geschwister meiner Mutter – 2. Onkel Anton.
Mutters Bruder Anton wurde als zweites Kind meiner Großeltern am 14.04.1886 in Darme geboren und am selben Tag auf die Namen Anton Bernhard Heinrich getauft. Auch er mußte schon als Schulkind seinen Lebensunterhalt verdienen. Er arbeitete als Knecht auf dem Hofe seiner Großeltern in Plankorth. Von 1906 bis 1908 leistete er seinen Militärdienst als Kanonier in Minden ab. Danach trat er als ungelernter Arbeiter beim Reichsbahn-Ausbessserungswerk in Lingen ein und wurde dort als Fräser beschäftigt.
Als Nebenbeschäftigung zog er Blumen, verkaufte diese an Interessenten und verschaffte sich damit einen kleinen Zusatzverdienst. Als feststand, daß er mit dem Erlös dieser von ihm geliebten Tätigkeit eine Familie ernähren konnte, gab er die Tätigkeit bei der Bahn auf und machte sich selbstständig. Er kaufte ein Grundstück am Gasthausdamm 11, baute darauf ein Haus und eröffnete dort die Friedhofsgärtnerei.
Am 05.09.1911 heiratete er die aus Peine stammende Hedwig Isensee. Ihrer Ehe entsprossen vier Mädchen, meine Kusinen Irmgard, Käthe. Hanni und Christa.
Seine Mutter Agnes Lage nahm er alsbald bei sich auf. Sie verbrachte dort ihren Lebensabend, bis sie 1923 an der Zuckerkrankheit starb.
Onkel Anton war mein Patenonkel. Davon habe ich aber kaum etwas gemerkt. Zu meiner Kommunion bekam ich z.B. einen Christus aus Gips geschenkt, dem ich schon bald unvorsichtigerweise die segnende Hand abgebrochen habe. Eine unschöne Erinnerung habe ich noch an ihn. Bei einem Besuch des Wochenmarktes, an dem er seine Blumen verkaufte, fand ich vor seinem Stand einen 50 Reichsmark-Schein. Das war damals bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von einhundert Mark schon ein großer Betrag. Wir gaben den Geldschein Onkel Anton mit der Bitte, den Verlierer ausfindig zu machen. Jedoch habe ich nie wieder etwas davon gehört und deshalb auch keinen Finderlohn erhalten. Diese Handlungsweise bedauere ich sehr, denn dadurch wurde mir das bisher unbedingte Vertrauen zu den Erwachsenen genommen. Schade drum.




(1) Die Familie meines Patenonkels Anton Lage: Käthe, seine erste Frau Hedwig, Christa, Irmgard, Onkel Anton und Hanni
Die Familie meines Patenonkels Anton Lage: Käthe, seine erste Frau Hedwig, Christa, Irmgard, Onkel Anton und Hanni

 

Während Mutters schwerer Erkrankung (1934) verbrachte ich einige Zeit bei meinem Patenonkel. Die Trennung von Mutter, meinen Geschwistern und den Spielkameraden von der Schwedenschanze habe ich aber nicht ausgehalten. Auch die Tatsache, daß ich dort mit einem Gesellen nicht nur das Zimmer, sondern auch das Bett teilen mußte, war wohl der Grund, daß ich zum Bettnässer wurde. Erst als man dann meinen Aufenthalt zu Onkel Hermann verlegte und ich wieder mit meinem Bruder Karl vereint war, verlor sich dieses Krankheitsbild.

Onkel Antons Frau (Tante Hedwig) verstarb 1939 an Gebärmutterkrebs. Er heiratete während des Krieges (1942) erneut. Es war die aus Bocholt stammende Elisabeth Scholten.
Meine Kusine Irmgard erlernte den Beruf einer Krankenschwester, wechselte später zur weiblichen Kriminalpolizei. Sie war zuerst in Osnabrück, später dann in Lingen eingesetzt. Bei meiner Versetzung nach Osnabrück (1950) war sie mir bei der schwierigen Suche nach einem möblierten Zimmer behilflich. Ich konnte sogar einige Zeit in ihrer Wohnung übernachten. Wir haben stets ein gutes Verhältnis miteinander gehabt.
Das trifft auch für meine anderen Cousinen zu, besonders aber für Hanni. Sie arbeitete ebenfalls in Osnabrück, wo sie beim Restaurant Gerritzen an der Meller Straße Würstchen briet, die so gut schmeckten, daß ich schon deswegen häufiger Gast bei ihr war. Auch sie hat mir, gemeinsam mit ihrem Mann Herbert Supplies, sehr geholfen, wenn ich wieder einmal meine Wohnung wechseln mußte und für eine Weile keine Bleibe hatte. In ihrer kleinen und engen 2-Zimmer-Wohnung an der Birkenstraße in Eversburg haben sie mir trotzdem Unterkunft gewährt, was ich ihnen nicht hoch genug anrechnen kann.
Hanni hat keinen Beruf erlernt. Onkel Anton war der Meinung, daß sie genauso gut in seiner Gärtnerei arbeiten und bei ihm ihr Geld verdienen könne. Das war aber nicht das gelbe vom Ei, wie sie mir noch kürzlich erzählte. Dabei sind unter anderem Versprechungen, auch gegenüber seinem Schwiegersohn Herbert, nicht gehalten worden. Das gab den Anstoß dazu, daß Hanni und Herbert 1953 nach Kanada ausgewandert sind. Nach vielen wechselvollen Tätigkeiten - von der Putzfrau bis zur Hotelbesitzerin - haben sie sich dort gut eingelebt, die kanadische Staatsangehörigkeit angenommen und führten dort bis zu ihrem Tod ein zufriedenes Rentnerdasein. Sie hatten zuletzt ein Haus in Brandon, das sie verkauft haben und in eine Wohnung nach Winnipeg umgezogen sind. In den Wintermonaten verliessen sie aber diesen Ort, um im wärmeren Hawai die Sonne zu genießen.
Meine beiden anderen Kusinen, Käthe und Christa, leben leider nicht mehr. Auch mit ihnen habe ich mich gut verstanden, besonders mit Christa, die nur wenig älter als ich war. Sie hat eine Verkäuferinnenlehre im Kaisers-Kaffee-Geschäft in Lingen gemacht, heiratete bald Willi Reinehr, der in Duisburg ein Blumengeschäft besaß. Sie ist schon sehr jung an Krebs gestorben.
Käthe hat als Sekretärin in Hannover bei der Keksfabrik Bahlsen gearbeitet. Nach ihrer Heirat mit Hans Jansen zog sie nach Lingen. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie im Altersheim auf dem Bögen. Dort ist sie dann am 13.03.1994 verstorben.
Onkel Anton ist 77 Jahre alt geworden. Er hatte, wie seine Mutter auch, die Zuckerkrankheit. Daran litt er viele Jahre und hielt deshalb eine strenge Diät. Aber als er bettlägerig wurde, ging es sehr schnell mit seiner Gesundheit bergab. Am Tage vor seinem Tod versammelten wir uns noch einmal alle an seinem Sterbebett. Nacheinander haben wir uns von ihm verabschiedet. Als ich ihm zum letzten Mal die Hand gab, sagte er mir, daß er nun sterben müsse. Damit hat er dann leider recht behalten.
3. Onkel Hermann
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8.3.  Die Geschwister meiner Mutter – 3. Onkel Hermann.
Von den drei Geschwistern meiner Mutter war mein Onkel Hermann das Jüngste. Auch er hat in seinen Jugendjahren als Knecht bei der Feldarbeit helfen müssen. Eine richtige Berufsausbildung ist ihm nicht zuteil geworden.
Genau wie Onkel Anton hat er sich bald selbstständig gemacht. Er erhielt von der Molkerei Lingen die Lizenz für die Hauszustellung von Milch und Milcherzeugnissen in der Innenstadt. Mit Pferd und Wagen klapperte er seine Kunden ab, bei denen er sehr beliebt war. Er war stets fröhlich und guter Laune und sang auch bei seiner Tätigkeit. Dafür gab man ihm die Bezeichnung ”singender Milchmann”.
Er heiratete seine Frau Käthe, geborene Gößling und wohnte zuerst im Haus In den Sandbergen 17. Als das Milchfuhrgeschäft einen guten Verdienst abwarf, bauten sie ein Haus auf dem Nachbargrundstück (In den Sandbergen 19). Darauf errichteten sie noch den für das Pferd erforderlichen Stall und eine Remise für den Milchwagen.
  



(1) Onkel Hermann zeigt uns (Karl und mir) sein Pferd
Onkel Hermann zeigt uns (Karl und mir) sein Pferd

 

 



(2) Ich darf sogar auf dem Pferd reiten (sitzen)
Ich darf sogar auf dem Pferd reiten (sitzen)

Etwas besonderes war es für uns Kinder, wenn wir auf dem Pferd reiten durften. Aber vielleicht war ich zu klein und meine Angst zu groß, vom Pferd zu fallen. Jedenfalls war ich froh, nach diesem „Ritt” wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Spruch: „Das höchste Glück der Erde ist auf dem Rücken der Pferde” traf in diesem Fall nicht auf mich zu.
Onkel Hermann hatte von Berufswegen viel mit Kleingeld zu tun. Er erlaubte mir, die eingenommenen Münzen zu zählen und in die von der Bank gelieferten Papiere einzurollen. Wenn er zu uns auf Besuch kam, fragte er mich, ob er nicht auch mal mein Geld zählen solle. Voller Stolz auf meinen Sparfleiß öffnete ich dann meine Spardose und er fing an zu zählen. Dabei ergab es sich, daß er sich jedesmal (absichtlich) verzählte und neu beginnen mußte. Je öfter er aber meine Spargroschen zählte, um so weniger wurden sie. Das lag daran, daß er - von mir unbemerkt - ständig ein Geldstück verschwinden ließ. Wenn ich dann wegen meines schrumpfenden Vermögens dem Weinen nahe war, gab er mir die von ihm entwendeten Groschen zurück. Nach diesen negativen Erfahrungen habe ich mit ihm nie wieder aufs Geldzählen eingelassen.
Während Mutters Krankenhausaufenthalt (1934) waren mein Bruder Karl und ich mehrere Wochen bei Onkel Hermann untergebracht. Wir haben uns dort sehr wohlgefühlt, besonders galt dies für mich nach den unangenehmen Erlebnissen bei Onkel Anton. Die uns übertragenen leichteren Arbeiten, z.B. Hilfe beim Milchkannenwaschen, Pferd füttern usw. waren der Dank für die uns gewährte Gastfreundschaft.



(3) In der Lingener Tageszeitung wird die Tätigkeit und der Abschied meines Onkels Hermann mit diesem Artikel gewürdigt
In der Lingener Tageszeitung wird die Tätigkeit und der Abschied meines Onkels Hermann mit diesem Artikel gewürdigt

 

 

 

Meine Eltern
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9.  Meine Eltern
Papa und Mama

„Wer viel fragt, bekommt viele Antworten“. Dieser Satz aus der deutschen Umgangssprache ist negativ belastet. Er will besagen, daß man sich überflüssige Fragen sparen, selbst eine Antwort suchen und nicht auf andere Leute hören soll. Das mag in vielen Fällen zutreffend sein. In der in Erinnerung gerufenen Lebenszeit meiner Eltern ist aber das genaue Gegenteil der Fall. Auf alles, was ich sie nicht gefragt habe, habe ich auch keine Antwort bekommen. Deshalb klaffen heute in meiner Erinnerung an Papa und Mama viele Lücken, die nicht mehr geschlossen werden können.
So habe ich das, was mir aus meiner Jugend noch in Erinnerung ist, hier zusammengetragen und es mit einigen Details von Leuten, die meine Eltern gekannt haben, angereichert. Damit hoffe ich doch noch ein Lebensbild zeichnen zu können, das Papa und Mama gerecht wird.

„Wer von sich selber zu erzählen beginnt, beginnt meist mit ganz anderen Leuten. Mit Menschen, die er nie gesehen hat und nie gesehen haben kann. Mit Menschen, die er nicht getroffen hat und niemals treffen wird. Mit Menschen, die längst tot sind und von denen er fast gar nichts weiß. Wer von sich selber zu erzählen beginnt, beginnt meist mit seinen Vorfahren.
Das ist begreiflich. Denn ohne die Vorfahren wäre man im Ozeane der Zeit, wie ein Schiffbrüchiger auf einer winzigen und unbewohnten Insel, ganz allein. Mutterseelenallein. Großmutterseelenallein. Urgroßmutterseelenallein. Durch unsere Vorfahren sind wir mit der Vergangenheit verwandt und seit Jahrhunderten verschwistert und verschwägert. Und eines Tages werden wir selber Vorfahren geworden sein. Für Menschen, die heute noch nicht geboren und trotzdem schon mit uns verwandt sind“.
(aus: Erich Kästner „Als ich ein kleiner Junge war“ (1957))

Diesen Auszug aus Erich Kästners Buch stelle ich dem Rückblick an meine Eltern voran. Natürlich sind mir Papa und Mama nicht unbekannt gewesen (Gottseidank!), und ich habe sie auch noch in bester Erinnerung. Vieles habe ich aber mühsam recherchieren müssen, um mir heute ein besseres Bild von ihnen machen zu können. Vor allem wird mir in meinem jetzigen Alter erst so recht klar, wie ärmlich und mühsam ihrer beider Lebensweg gewesen ist. Das soll in diesen Aufzeichnungen zur Sprache kommen, und so fühle ich mich mit ihnen auf das Engste verbunden. Ich bin somit kein „Schiffbrüchiger“ auf einer unbewohnten Insel, kein „Einsamer“ auf dieser Erde, sondern bin eingebettet in die Vielzahl meiner schon längst verstorbenen Vorfahren, denen ich genau wie meinen Eltern zu großem Dank verpflichtet bin.
Wie meine Eltern sich kennengelernt haben
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9.1.  Meine Eltern – Wie meine Eltern sich kennengelernt haben.

Nach dem Heldentod ihres Verlobten Hans Pollmann trat ein neuer "Hans" in das Leben meiner Mutter. Gern hätte ich nun beschrieben, wie und wo sich meine Eltern kennengelernt haben. Das ist mir leider nicht möglich. Mein Vater starb 1934, als ich gerade 9 Jahre alt geworden war; ihn habe ich somit nicht danach fragen können. Und meine Mutter hat mir darüber nichts genaues erzählt, sondern nur Andeutungen  gemacht.
Die Frage, wie mein Vater auf meine Mutter aufmerksam geworden ist, muss leider unbeantwortet bleiben. Meine Recherchen haben aber folgendes ergeben:
Mutter verbrachte während Tante Käthes Schulferien gemeinsam mit ihr ihren Urlaub in Lingen bei ihrer Mutter und ihrem Bruder Anton in deren Haus am Gasthausdamm (Gärtnerei Lage). Mein Vater, der 39-jährige Junggeselle Hans Brinck, muss ihr einige Male begegnet sein, und danach soll er zu Bekannten geäussert haben, dass er dieses junge Fräulein unbedingt heiraten wolle.
Mutter hat von den ersten Annäherungsversuchen meines Vaters nichts wissen wollen, wie sie mir sagte. Der "neue Hans" hätte nicht die Qualitäten des "ersten Hans" gehabt. Na ja, mein Vater war ja nun kein so junger Mann und Mutter mit ihren 34 Lebensjahren ebenfalls keine jugendliche Schwärmerin mehr.
Mein Vater soll aber sehr hartnäckig gewesen sein, ein echter emsländischer Dickschädel! Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, wollte er auch durchsetzen bzw. erreichen. Und so blieb meiner Mutter nichts anderes übrig, als dem Werben meines Vaters nachzugeben und in eine Heirat einzuwilligen. Aus meiner Sicht war es eine reine Vernunftehe. Als Grund für diese Annahme sehe ich Mutters fehlende Altersversorgung. Tante Käthe hatte für ihre Schwester keine Sozialversicherungsbeiträge geleistet, und Mutter hat darin schon ein grosses Problem gesehen. Gegenüber Frau Robbe (sie war fast 90 Jahre alt und wohnte in der Nähe von Freren, als ich sie 1992 besuchte) hat sie ganz klar gesagt, dass eine Heirat doch besser für sie sei, als später unversorgt zu sein. Sie soll sich so geäussert haben:"Heiraten ist nicht gut, allein bleiben ist aber schlechter, also wähle ich das geringere Übel".
Es ist nur gut, dass sie nicht in die Zukunft sehen konnte. Mutter hat durch die Entscheidung für eine Ehe mit meinem Vater eine schwere Bürde auf sich genommen, und es sollte für sie wirklich kein leichtes Leben werden.
Die Ehe meiner Eltern
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10.  Die Ehe meiner Eltern

Hier sind erst einmal die Daten aus der Heiratsurkunde des Standesamts Lingen:

BRINCK, Johannes Carl, geb. 11.09.1884 in Lingen,
Beruf: Tischler. Sohn des Carl Johann Brink, Tischler und Zimmermann, und der Maria Gesina Schmits,

LAGE, Johanna Carolina Hermina, geb. 08.04.1889 in Schepsdorf, Beruf: Haushälterin. Tochter des Georg Johann Hermann Lage, Knecht in Darme, und der Agnes Maria Gertrud Möddel, ledige Haustochter zu Darme.

Meine Eltern heirateten am 17.10.1923 in Lingen.
Trauzeugen waren: Bernhard ter Haar aus Wietmarschen und Elisabeth Möddel aus Darme.



(1) Hochzeitsfoto meiner Eltern
Hochzeitsfoto meiner Eltern

 

 

Ehevertrag meiner Eltern
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10.1.  Die Ehe meiner Eltern – Ehevertrag meiner Eltern.

  
Etwa ein Jahr vor dem Tod meines Vaters haben meine Eltern den nachfolgenden Ehevertrag geschlossen:



(1) Ehevertrag meiner Eltern, Seite 1
Ehevertrag meiner Eltern, Seite 1

 


(2) Ehevertrag meiner Eltern, Seite 2
Ehevertrag meiner Eltern, Seite 2

 

(3) Ehevertrag meiner Eltern, Seite 3

Ehevertrag meiner Eltern, Seite 3

 

 

 

 

 

 

 


 


 

 
 




 

Meine Mutter
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11.  Meine Mutter
Beginnen möchte ich mit einem Ereignis aus dem Leben meiner Mutter, dass sie tief getroffen hat und das sie nie verarbeiten konnte: den Soldatentod ihres Verlobten Hans Pollmann. Sie hatte keine Möglichkeit, an seinem Grab von ihm Abschied zu nehmen. Meine Frau und ich wollten dies nachholen. Hier folgt nun der Erlebnisbericht über unser Vorhaben:

Der Diebstahl unseres Autos in Amsterdam gab den Anstoß zu dieser
Niederschrift. Claudia und ich waren bei unserer Urlaubsreise nach
Nordfrankreich bis hierher gekommen. Durch den Autoklau und die damit
verbundenen widrigen Umstände war es uns nicht mehr möglich, das gesteckte
Ziel zu erreichen: das Soldatengrab von Hans Pollmann. Die Begegnung mit
dem toten Verlobten meiner Mutter wurde damit verhindert.
Ich habe die Niederschrift mehreren Bekannten zum Lesen gegeben
und erhielt darauf verschiedene positive Reaktionen. Eine Zuschrift hat mich
besonders gefreut: Danielle S. schrieb mir:
„Mit regem Interesse habe ich Deine Erzählung „Verhinderte Begegnung“
gelesen. Das Schicksal der bereits Verlobten hat mich tief berührt! Es war zur
damaligen Kriegszeit kein Einzelschicksal und doch traf es jede einzelne Frau
sehr hart! ...
Ich möchte Dich ermutigen, die Grabstätte Deines Fast-Vaters auf dem
Soldatenfriedhof in der Nähe von Lille so bald als möglich aufzusuchen, damit
die deutsche und französische Erde auf dem Grab Deiner Mutter vereint werden
kann. So werden zwei unruhige Seelen wahrscheinlich endlich zu ihrer
wohlverdienten Ruhe finden.“
Dieser Vorschlag deckte sich mit unserer Absicht, und so haben wir dann unser
Vorhaben zwei Jahre später auch in die Tat umgesetzt. Auf der Kriegsgräberstätte
Annoeullin (Nordfrankreich) haben wir zuerst vergeblich nach dem Grabstein
gesucht, den meine Mutter für ihren Verlobten in Auftrag gegeben hatte und von
dem sie ein Foto bekam. Dieser Grabstein war nicht mehr vorhanden. Statt
dessen hatten alle Gräber ein einheitliches Kreuz, auf dem jeweils vier Namen
(je zwei auf der Vorder- und Rückseite) angebracht waren. Nach längerem
Suchen haben wir dann doch die Ruhestätte von Hans Pollmann gefunden.
Als Grabschmuck hatten wir eine Blumenschale mitgenommen. Dafür mußten
wir auf dem Grab von Hans Pollmann eine kleine Vertiefung graben. Die dabei
entnommene Erde ist von uns in einen Plastikbehälter gefüllt und mitgenommen
worden. Diese französische Erde haben wir dann bei unserem nächsten Besuch
des Lingener Friedhofs auf das Grab meiner Mutter gestreut.

Verhinderte Begegnung
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11.1.  Meine Mutter – Verhinderte Begegnung.
Unser Reiseplan lautete: Von Davos ins Emsland, dann nach Amsterdam und von dort nach Lille (Nordfrankreich) zum Grab von Hans Pollmann

Eine Woche lang haben wir das Emsland zu Fuß, per Fahrrad und im Auto
erkundet. Claudia war von der vielfältigen Landschaft und der herbstlichen
Laubfärbung begeistert. Das Wetter war ganz nach unseren Wünschen - trocken und mild -, so daß wir gern noch länger geblieben wären. Aber das hätte eine
völlige Umstellung unseres Reiseplanes bedeutet, und so ließen wir es bleiben.
Von Lingen aus sind wir vor zwei Tagen zu unserem nächsten Urlaubsziel gestartet.
In der Annahme, dort Schwierigkeiten bei der Hotel- und Parkplatzsuche
zu bekommen, haben wir kurz vor Amsterdam die Autobahn verlassen. Ein Hotel
in der näheren Umgebung sollte unser Standort sein, um von dort aus mit
öffentlichen Verkehrsmitteln unsere Ziele in der Tulpenstadt erreichen zu
können. Wir hielten vergeblich Ausschau nach Hotel-Hinweisschildern, und so
kam es, daß wir uns ungewollt schon nahe dem Zentrum befanden, ehe wir ein
Hotel an der Hauptstraße entdeckten. Weil wir nicht länger suchen wollten und
dort noch ein Doppelzimmer frei sowie auch eine Parkmöglichkeit vorhanden
war, mieteten wir es. Wegen seiner günstigen Lage waren es zu Fuß nur wenige
Minuten bis zum Hauptbahnhof und zur Innenstadt. Daß diese zentrale Lage aber
auch der Grund für eine unliebsame Begebenheit werden sollte, ahnten wir nicht.
In den beiden vergangenen Tagen durchstreiften wir Amsterdam, haben mit
Straßenbahn und Bus die Gegend erkundet und natürlich auch eine Fahrt mit
dem Motorboot auf den Grachten unternommen. Aber diese neuen Eindrücke,
das hastige Leben und Treiben der vielen Menschen um uns herum und das
damit verbundene beengende und unsichere Gefühl (hoffentlich wird uns nichts
gestohlen!) hielten den Vergleich mit den ruhigen und erholsamen Tagen im
Emsland nicht stand.
Wir haben uns daher entschlossen, heute eine Fahrt an die Nordseeküste zu
unternehmen. Während Claudia einige Sachen zum Auto bringen will, nehme ich
schon am Frühstückstisch Platz.
„Das Auto ist weg!”, so kommt sie aufgeregt und laut rufend in den
Frühstücksraum gestürzt. Weil es in der Vergangenheit schon vorgekommen ist,
daß sie unser geparktes Auto nicht sofort gefunden hat, bin ich auch diesmal
überzeugt, daß diese Schreckensmeldung ein Fehlalarm ist. So gehe ich mit ihr
zu der Stelle, an der wir das Auto geparkt hatten. Aber: dort steht ein fremdes
Auto, und von unserem ist weit und breit nichts zu sehen. Das versetzt uns beide
einen richtigen Schock, und der Appetit auf das Frühstück ist uns gründlich
vergangen.
Wir überlegen, was nun zu tun ist. Der erste Weg führt uns zum nahegelegenen
Polizeirevier. Eine freundliche Beamtin nimmt unsere Diebstahlanzeige auf.
Zuvor erkundigt sie sich bei einer anderen Dienststelle, ob unser Wagen dort
sichergestellt worden ist. Das ist jedoch leider nicht der Fall. So müssen wir uns
mit dem Gedanken vertraut machen, ohne eigenes Fahrzeug die Urlaubsreise
fortzusetzen.
Von der Polizei werden wir an den Amsterdam Tourist Assistance Service (ATAS)
verwiesen, der uns bei der Klärung verschiedener Fragen behilflich ist. So versucht man auch von dort aus, uns einen Mietwagen für die Weiterfahrt zu stellen. Das scheitert aber aus einem unvorhergesehenen Grund. Claudia und ich hielten es für überflüssig, für diese Reise neben den vorhandenen Postschecks noch zusätzlich Kreditkarten mitzunehmen. Nun machen wir die unangenehme Feststellung, daß die gefragten Auto-Vermietfirmen nur Kreditkarten akzeptieren. Weder Postschecks noch Bargeld will man an deren Stelle annehmen. So bleibt uns nichts anderes übrig, als beim nächsten Postschalter Gulden abzuheben, um dafür Fahrkarten für die sofortige Rückreise mit der Bahn zu lösen. Wir lassen uns verschiedene Zugverbindungen heraussuchen und wählen dann einen durchgehenden Nachtzug bis Chur: Abfahrt Amsterdam Hauptbahnhof um 20.05 Uhr.
Lieber Hans Pollmann
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11.2.  Meine Mutter – Lieber Hans Pollmann.
Lieber Hans Pollmann,
unvorhergesehene und widrige Umstände haben nun dazu geführt, daß wir diese
Urlaubsreise nicht wie geplant fortsetzen konnten. Der Höhepunkt sollte die
Begegnung mit Dir an Deiner letzten Ruhestätte sein; sie kam leider nicht
zustande. So laß mich hier niederschreiben, was ich zu Dir an Deinem Grab
sagen wollte:
„Für Dich, Musketier Hans Pollmann, war mit Deinem „Heldentod“ Dein junges
Leben jäh beendet. So viele Zukunftspläne, die Du mit Deiner Braut Johanna
Lage gemeinsam geschmiedet hattest, zerplatzten wie eine Seifenblase. Die
Hoffnung auf ein erfülltes Familienleben mit vielen Kindern ist mit Dir ins Grab
gesunken. Aber Du bist nicht vergessen. Aus den von Mutter liebevoll
aufbewahrten Fotos schaut mir das Bild eines gut aussehenden, freundlich
lächelnden jungen Mannes entgegen. Es zeigt Dich, einen Mann, von dem ich
mir vorstellen könnte, daß er mein Vater hätte werden können.
Der Krieg, an dem Du heldenmütig teilgenommen hast und der Dich dein Leben
kostete, ist wenig später auch für Dein Vaterland zu Ende gegangen. Was hat er
gebracht? Unter anderem das Ende des Kaiserreiches, den Versailler Vertrag und
unsagbares Elend und große Not für die Verlierer. Dazu die Trauer und den
Schmerz um Millionen verwundeter und toter Menschen. Die darüber
vergossenen Tränen würden ein Meer füllen, und darin würden sich auch die
Tränen Deiner Braut befinden.
Was bleibt nun von Dir, einem „Helden, der sein Leben freudig für den geliebten
Kaiser und das Vaterland hingab?” Es bleibt zunächst die Erinnerung an Dich in
Deiner Familie und bei Deinen wenigen, heute noch lebenden Freunden und
Bekannten. Und es bleibt ein Grab, Deine letzte Ruhestätte, in einem fremden
Land, welches für Dich und Deine Kameraden das zu bekämpfende Feindesland
zu sein hatte.
Und es bleibt eine Pralinenschachtel, gefüllt mit Deinen Fotos, mit den Karten
und Briefen aus dem Felde, mit Erinnerungen an die Zeit Deiner großen Liebe zu
einer Frau, Deiner Braut, die dann meine Mutter wurde und die Dich - ihre
unerfüllt gebliebene große Jugendliebe - nie hat vergessen können. Den Inhalt
dieser Schachtel hat sie bis an ihr Lebensende wie einen kostbaren Schatz
gehütet. Auch ich werde die Erinnerung an Dich, den ich nur von Deinen Bildern
und aus Deinen Briefen kennengelernt habe, in mir wach halten.”

Die Begegnung mit dem Soldatengrab von Hans Pollmann wurde von
Autodieben verhindert. Das bedauern wir zutiefst. Nicht nur unsere restlichen
Urlaubstage verliefen nun ganz anders als geplant, auch unsere frohe Erwartung,
nun endlich an der letzten Ruhestätte eines unbekannten, uns aber durch seine
Bilder und Briefe vertrauten Menschen stehen zu können, war uns genommen
worden.
Dieses schlechte und ärgerliche Erlebnis in Amsterdam wird mich aber nicht
davon abhalten, sein Grab im Jahr seines 80. Todestages, das gleichzeitig auch
sein 110. Geburtsjahr ist, aufzusuchen. Dann soll die von mir geplante
Begegnung mit meinem „Beinahe-Vater” doch noch zu Stande kommen.
Ich werde dann einen Beutel Erde von seinem Soldatengrab mitnehmen und sie
auf Mutters Ruhestätte streuen. Damit möchte ich erreichen, daß die toten
Körper der beiden Verlobten endlich, nach so langer Zeit der Trennung,
symbolhaft in Gestalt französischer und deutscher Erde vereint werden.
Erfolgreiche Begegnnung
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11.3.  Meine Mutter – Erfolgreiche Begegnnung.



Beim Diebstahl unseres Autos in Amsterdam waren leider auch alle bisher von mir
gesammelten Originalunterlagen über den Ort und die Lage des Soldatengrabes des
Ersatz-Reservisten Johannes Pollmann (die ich in den Unterlagen meiner Mutter
gefunden hatte) verloren gegangen. Ich hatte es versäumt, davon Fotokopien
anzufertigen und diese statt der Originale mit auf unsere Urlaubsreise zu nehmen.
Wer konnte mir nun bei meiner Suche nach dem Grab behilflich sein? Durch einen
Artikel in einer Tageszeitung wurde ich auf die Arbeit des Volksbundes Deutsche
Kriegsgräberfürsorge e.V. aufmerksam. Mit der Geschäftsstelle dieses Vereins in
Konstanz nahm ich Kontakt auf. Hier war es Herr Reinhardt, der nach Anfrage bei der Bundesgeschäftsstelle in Kassel schon nach kurzer Zeit die mir fehlenden Angaben liefern konnte.
Diese und auch das mir zugesandte Kartenmaterial über die Soldatenfriedhöfe in
Frankreich machten es mir leicht, die Begegnung mit dem Soldatengrab des Verlobten meiner Mutter erneut zu planen. Ohne weitere Schwierigkeiten habe ich dann dieses Vorhaben im darauf folgenden Jahr in die Tat umgesetzt.
An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich für die Hilfe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräber e.V. bedanken, ohne die es mir schwergefallen wäre, meinen einmal gefaßten Vorsatz auszuführen. Damit konnte ich anstelle meiner Mutter von ihrem Bräutigam Abschied nehmen und ihm die letzte Ehre erweisen. So hat - wenn auch mit etwas Verspätung - die „Verhinderte Begegnung“ doch noch stattfinden können.



(1) Soldatenftriedhof in Annoeullin (Frankreich) Foto aus dem 1. Weltkrieg
Soldatenftriedhof in Annoeullin (Frankreich) Foto aus dem 1. Weltkrieg

 

Soldatenfriedhof Annoeullin, Département Nord
1627 deutsche Kriegstote, 1 britischer Kriegstoter, 7 russische Kriegstote.

Erster Weltkrieg: Der deutsche Soldatenfriedhof Annoeullin wurde von der deutschen Truppe im Oktober 1915 während der schweren Kämpfe westlich der Ortschaft im Frontabschnitt zwischen Armentières und Lens angelegt. Bis Oktober 1918 bestattete die Truppe hier ihre Gefallenen vornehmlich aus der Zeit der britischen Großangriffe im Frühjahr und Herbst 1917 sowie der deutschen Angriffe im Frühjahr 1918 und der nachfolgenden Abwehrkämpfe. Die Toten gehörten Truppenteilen an, die ihre Heimatgarnisonen in Bayern, Württemberg, Baden, Westfalen, Oldenburg, Hannover, Brandenburg, Thüringen, Sachsen, Schlesien und im Rheinland hatten. Für die Gefallenen der 2.Garde-Res.-Division schufen zur Truppe gehörende Bildhauer und Steinmetze ein Denkmal.
Auf dem Friedhof fand auch einer der erfolgreichsten Jagdflieger
des ersten Weltkrieges, der britische Fliegerhauptmann Albert Ball, seine letzte
Ruhestätte. Ball hatte seit seinem ersten Einsatz im Februar 1916 bis zu seinem Absturz am 7. Mai 1917 bereits 44 Luftsiege errungen und war Träger höchster alliierter Auszeichnungen sowie Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Nottingham. Sein Bezwinger im Luftkampf war wahrscheinlich Lothar von Richthofen, der jüngere Bruder des berühmtesten deutschen Fliegers, Manfred von Richthofen. Am 9. Mai 1917 wurde Ball mit allen militärischen Ehren, die ihm die deutsche Truppe erwies, beigesetzt.
Auf ausdrücklichen Wunsch seiner Eltern ist nach dem Kriege das Grab auf dem
deutschen Soldatenfriedhof verblieben - gekennzeichnet durch einen
besonderen Gedenkstein. Im Jahre 1921 haben die französischen Militärbehörden den Friedhof durch Zubettung weiterer deutscher Gefallener aus den Bereichen umliegender Gemeinden vergrößert.



(2) Das Soldatengrab von Hans Pollmann, wie es heute anzutreffen ist
Das Soldatengrab von Hans Pollmann, wie es heute anzutreffen ist

 

Das Grab von Hans (Johannes) Pollmann befindet sich im Block 2, Grab Nummer 264
Geburts- und Taufschein meiner Mutter
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11.4.  Meine Mutter – Geburts- und Taufschein meiner Mutter.
Geboren wurde Johanna Carolina Hermina Lage, genannt Lagetepe, am 08. April 1889 um halb neun Uhr morgens als eheliche Tochter (drittes Kind) des Landwirts Georg Lage aus Darme und seiner Ehefrau Gertrud Agnes, geb. Möddel, und in der katholischen Pfarrkirche in Schepsdorf am 10. April 1889 getauft.
Die Taufpaten waren: Haussohn Gerhard Hermann Lage zu Plankorth und Ehefrau Maria Catharina Ahlert zu Hauenhorst.



(1) Geburts- und Taufschein der kath. Kirchengemeinde Schepsdorf
Geburts- und Taufschein der kath. Kirchengemeinde Schepsdorf

 


(2) Geburtsurkunde des Standesamts Laxten bei Lingen
Geburtsurkunde des Standesamts Laxten bei Lingen

 

Genau wie ich hat auch meine Mutter ihren Vater sehr früh verloren. Er starb im Alter von nur 37 1/2 Jahren am 21.09.1896; die Todesursache war vermutlich Lungentuberkulose. Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter erst 7 1/2 Jahre alt. Wo meine Großmutter mit ihren vier unmündigen Kindern (sie waren 12, 10, 7 und 4 Jahre alt) nach dem Tode ihres Mannes gewohnt oder gearbeitet hat, konnte ich nur bruchstückhaft ermitteln. Sie muß in fast unerträglicher Armut gelebt haben, und ihre Kinder haben schon sehr früh beim Broterwerb mithelfen müssen (Kinderarbeit!).
Für meine Mutter läßt sich aus den noch vorhandenen Unterlagen folgendes sagen:
1895 Einschulung in die einklassige Volksschule in Schepsdorf,
1902 Erste heilige Kommunion in der Pfarrkirche zu Schepsdorf.
1903 erhielt sie das Abgangszeugnis der Schule zu Walstedde (vermutlich war meine Großmutter in Walstedde als Haushälterin beschäftigt). Hier beeindrucken mich besonders die von ihr erzielten Zeugniszensuren (alles sehr gute und gute Noten !!!)


       


(3) Andenken an die erste hl. Kommunion
Andenken an die erste hl. Kommunion

 



(4) Mein Glückwunsch zum Muttertag 1958
Mein Glückwunsch zum Muttertag 1958

 

 




Mutters Schulzeit
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11.5.  Meine Mutter – Mutters Schulzeit.


Mutter war eine gute Schülerin. Obwohl sie  in ihrem Wohnort Schepsdorf nur in einer einklassigen Schule unterrichtet wurde, sind ihre schulischen Leistungen hervorragend gewesen.
Auch der Schulwechsel nach Walstedde, bedingt durch die dortige Tätigkeit ihrer Mutter als Haushälterin, hat ihre Schulleistungen nicht negativ beeinflusst.



(1) Mutters Schulabgangszeugnis ist hervorragend! Alle Fächer sind mit "sehr gut" und mit "gut" benotet worden!
Mutters Schulabgangszeugnis ist hervorragend! Alle Fächer sind mit "sehr gut" und mit "gut" benotet worden!

 

 

Mutters Jugendliebe und Verlobter Hans Pollmann
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11.6.  Meine Mutter – Mutters Jugendliebe und Verlobter Hans Pollmann.
(siehe auch die Abschnitte "Verhinderte Begegnung" und "lieber Hans Pollmann)

Mutter hatte eine große Jugendliebe, sie sprach dann von „meinem Hans“. Damit meinte sie aber nicht meinen Vater, der ja auch mit Vornamen Hans hieß. „Mein Hans“ trug den Familiennamen Pollmann und stammte - wie Mutter - aus Schepsdorf. Sie muß ihn im Alter von etwa 20 Jahren näher kennen- und lieben gelernt haben (1909). Die beiden haben sich verlobt (wann, konnte ich leider nicht ermitteln) und sollen ein schönes und sehr glückliches Paar gewesen sein.


      

(1) Der Verlobte meiner Mutter: Hans Pollmann. . . .
Der Verlobte meiner Mutter: Hans Pollmann. . . .

 

 

         

(2) . . . . und sein Soldatengrab (Grabstein von 1916)
. . . . und sein Soldatengrab (Grabstein von 1916)

Aus Mutters Verlobungszeit habe ich in ihrer Schatulle (einer „Lindt-Pralinenschachtel“, in der sie für sie wertvolle Erinnerungsstücke aufbewahrte) noch Karten gefunden, die Hans Pollmann an ihre Anschrift in Linden/Ruhr geschrieben hat.
Darunter befindet sich eine vom 08.01.1914, die er in „Künstlerschrift“, wie er es nannte, verfaßt hat, und die für ein ungeübtes Auge fast unleserlich ist. Darin findet sich der Satz: „Mit großem Jubel sind wir in das neue Jahr hinein gesegelt, wovon wir nur Gutes erwarten“.



(3) Die Karte mit "Künstlerschrift"
Die Karte mit "Künstlerschrift"

 

Wie wir heute wissen, begann in diesem Jahr der erste Weltkrieg, und dieser brachte dann nicht nur die Trennung der beiden Liebenden, sondern später (1916) leider auch den „Heldentod“ des Johannes Pollman. Die Vorbereitungen zur Heirat sollen schon getroffen gewesen sein, als dann Hans als Infanterist zum Kriegsdienst einberufen wurde. Aus den noch vorhandenen Briefen und Feldpostkarten, die er an seine Braut geschrieben hat, habe ich ersehen können, daß er an der Westfront in Frankreich eingesetzt gewesen ist.

In seinen Feldpostbriefen klingt immer die Hoffnung an, daß der Krieg bald siegreich zu Ende gehen möge. Dieses Ende kam für ihn dann in Form einer schweren Verwundung, an deren Folgen er am 25. Februar 1916 starb. Und damit war auch der Traum meiner Mutter auf ein glückliches und gemeinsames Leben mit ihrem Jugendfreund und ihrer ersten Liebe auf so grausame Weise ausgeträumt.



(4) Das Elternhaus von Hans Pollmann in Schepsdorf
Das Elternhaus von Hans Pollmann in Schepsdorf

 

Diesen schweren Schicksalsschlag hat Mutter nie richtig verwinden können. Viele Jahre hat sie um ihren Verlobten getrauert. Eine neue Beziehung zu einem Mann hat sie deshalb nicht eingehen können und auch nicht wollen. Diese erste, ihre große Liebe, die auf so tragische Weise keine Erfüllung finden konnte, sollte nach ihrer Vorstellung ihre einzige Liebe bleiben (Treu bis in den Tod und darüber hinaus!).

Sie lebte sehr zurückgezogen, arbeitete als Haushälterin bei ihrer Schwester Käthe, die, wie ich schon erwähnte, in Bochum-Linden als Lehrerin beschäftigt war.
Mutters Berufsleben
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Seite 49 wird geladen
11.7.  Meine Mutter – Mutters Berufsleben.

Nach dem Schulbesuch scheint sie einige Jahre in Darme auf dem neuen Möddelhof als Dienstmädchen verbracht zu haben, wie ich aus Gesprächen mit ihrer Cousine Josefa Frommen erfahren habe.



(1) Ansichtskarte vom Rittergut Grumsmühlen, geschrieben von Mutter an ihre Schwester Catharina, Poststempel Lingen (Ems) vom 22.07.1908
Ansichtskarte vom Rittergut Grumsmühlen, geschrieben von Mutter an ihre Schwester Catharina, Poststempel Lingen (Ems) vom 22.07.1908

 

1907 bis 1908: In diesen Jahren muß Mutter eine Anstellung beim Rittergut Grumsmühlen gehabt haben. Wie sie mir erzählte, hat sie dort in der Küche gearbeitet und dabei auch das Kochen erlernt. Meine Großmutter wird zu dieser Zeit in Greven (Ems), Münster Str. 60, gewohnt und gearbeitet haben.

1909 bis 1913: Den Gesprächen mit Josefa Frommen konnte ich entnehmen, daß Mutter jetzt wieder auf dem Möddelhof beschäftigt war.




(2) Auf diesem Bild ist Mutter als Kindermädchen zu sehen. Das kleine Mädchen ist eine Tochter der Herrschaft (Familie Bischoff in Münster?) Genaueres über Zeitpunkt usw. konnte ich nicht ermitteln
Auf diesem Bild ist Mutter als Kindermädchen zu sehen. Das kleine Mädchen ist eine Tochter der Herrschaft (Familie Bischoff in Münster?) Genaueres über Zeitpunkt usw. konnte ich nicht ermitteln

 

1913 bis 1923: In diesem Zeitraum hat meine Mutter bei ihrer Schwester, meiner Tante Käthe, in Bochum-Linden gewohnt und ihr den Haushalt geführt. Meine Tante war dort als Volksschullehrerin tätig; sie führte einen gemeinsamen Haushalt mit ihrer Kollegin Fräulein Änne Hoffmeister. Eine richtige Berufsausbildung als Haushälterin hat meine Mutter demnach wohl nicht erhalten. Um so mehr muß man anerkennen, daß sie trotzdem eine vorzügliche Köchin geworden ist, die es besonders in der schlechten Zeit des Krieges immer wieder verstanden hat, mit geringen Mitteln ein gutes und schmackhaftes Essen zu bereiten und uns Kinder damit satt zu bekommen.

Das also sind die einzelnen Stationen des Berufsweges meiner Mutter. Erst jetzt wird mir so richtig bewußt, wie entbehrungsreich ihre Jugend gewesen sein muß.
Mutter als unsere Köchin
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11.8.  Meine Mutter – Mutter als unsere Köchin.
Mutter war eine exzellente Köchin, und wir Kinder aßen auch gern, was sie uns vorsetzte. Für mich gab es aber einige Ausnahmen. So ekelte ich mich vor fetten Sachen, z.B. gekochtem Speck, Schweinerippchen, das „Weiße am Rohschinken”, aber auch vor der Haut auf der gekochten Milch. Was ich überhaupt nicht mochte, war der Schnippelbohnen-Eintopf. Mutter hatte im Garten ein großes Beet mit Buschbohnen gepflanzt, die, wenn sie reif waren, geerntet, von mir von den Fäden befreit und anschließend zum Zerkleinern in die Schnippelmaschine gesteckt wurden. Diese ungeliebten Schnippel kamen in einen großen Keramikbottich. Sie wurden gesalzen, und ein mit einem Stein beschwerter Holzdeckel drückte sie zusammen. So reiften sie ihrer Verwendung entgegen. Dieser Riesenvorrat mußte dann auch gegessen werden, daher gab es fast in jeder Woche einmal „Schnippelbohnen-Eintopf”. Dieses Essen mochte ich ums Verrecken nicht. Wenn Mutter mir den vollen Teller servierte und der Geruch in meine Nase stieg, stand ich vom Tisch auf und rannte fort. Mutter rief mir jedesmal hinterher, daß ich nichts anderes zu essen bekäme und mir auch am Abend der Teller mit den aufgewärmten Schnippelbohnen wieder vorgesetzt würde. Aber diese Drohung hat mich nicht beeindruckt. Ich hatte nämlich in diesem Fall gute Nachbarinnen, zu denen ich lief. Wenn diese mich fragten, ob ich schon gegessen hätte, antwortete ich ihnen wahrheitsgemäß. Dann hatten sie Mitleid mit mir, und ich erhielt entweder etwas von ihrem Essen oder aber ein Butterbrot. Leider war die mir offerierte Scheibe Brot manchmal mit Butter bestrichen und mit Zucker bestreut, was ich auch nicht gern hatte. Aber „in der Not frißt der Teufel Fliegen”, und so hielt ich es auch, denn der Hunger war doch größer als meine Abneigung gegen diesen Brotbelag. Zum Glück hat Mutter ihre mittägliche Drohung nicht wahr gemacht, denn zum Abendbrot gab es doch wieder etwas, das ich mochte. Den Rest der von mir verschmähten Schnippelbohnen aber hatten inzwischen unsere Schweine gefuttert!
Mutter selbst hatte auch eine Abneigung: sie mochte keine Erbsensuppe. Weil wir Kinder sie aber ganz gerne aßen, kochte sie dann für sich etwas anderes. Später habe ich sie davon überzeugt, daß sie uns nicht zwingen könne, etwas zu essen, das wir nicht mochten, wenn sie selbst auch nicht alles essen würde. Das hat sie dann auch eingesehen. So bekam Karlchen z.B. anstelle von Stampfkartoffeln (er nannte sie „Butter”) Salzkartoffeln. Damit kehrte Frieden ein am Mittagstisch, und ich hatte keinen Grund mehr, zu den Nachbarn zu fliehen.
Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt
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12.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt
Nun zurück zu Mutters Küche. Sie verwendete viel frisches Gemüse aus unserem Garten, und besonders der Endiviensalat war eine Klasse für sich. Ebenso waren die eingelegten kleinen Gurken (sie durften nicht größer als 5 cm sein) eine schmackhafte Beilage zu den Gerichten. Überhaupt bildeten die eingemachten Früchte eine fast unerschöpfliche Reserve zu den Mahlzeiten. Eine riesige Anzahl von Einweckgläsern verschiedener Größe wurden deshalb in der Erntezeit gefüllt und in einem Einweckkessel eingekocht. Weil dieses Gerät nur jeweils vier Gläser aufnehmen konnte, war Mutter mit dem Einkochen oft tagelang beschäftigt. Dabei half ich ihr, indem ich das aus dem Kessel herausragende Thermometer beobachtete und ihr meldete, wenn es die benötigte Temperatur erreicht hatte. Wir Kinder, und insbesondere ich als das ältere, wurden zu verschiedenen Hilfeleistungen herangezogen. So war es eine Selbstverständlichkeit, daß wir die Erbsen oder Bohnen ernteten und sie danach aus den Schoten herauspulten. Diese „Arbeiten” habe ich ganz gern verrichtet und mich als Sieger gefühlt, wenn ich beim „Ausdöppen” schneller als Mutter war.
In den dreißiger Jahren kam dann die Möglichkeit, das Gemüse und die Früchte in Dosen einzukochen. Von dieser Gelegenheit haben wir auch Gebrauch gemacht. Die gefüllten Dosen haben wir mit dem Handwagen zur Firma Schrader an der Karlstraße gebracht, wo sie vor unseren Augen mit einem Deckel versehen und auf einer Maschine mit Handbetrieb verschlossen wurden. Das Einkochen in Dosen hatte den Vorteil, daß diese nicht wie die Gläser ungewollt aufgehen konnten. Besonders bei den Erbsen mußte Mutter die Gläser häufig mehrfach erhitzen, weil entweder die Gummiringe nicht gut abdichteten oder ein anderer Grund dazu führte, daß sich nach dem Einkochvorgang trotzdem die Deckel abheben ließen.
So könnte ich noch viele Einzelheiten aus unserem Familienleben beschreiben, die mir nach und nach wieder in den Sinn kommen. Ich will aber nicht zu sehr vom Thema dieses Abschnitts abschweifen und mich wieder meinen Erinnerungen an Mutter zuwenden.
Essen, das ich nicht mochte und wie ich meinen Ekel davor überwandt
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12.1.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Essen, das ich nicht mochte und wie ich meinen Ekel davor überwandt.
Hier muß ich doch noch ein Erlebnis einflechten, vor dem ich am liebsten auch geflohen wäre. Im Jahre 1946 tat ich als Hilfe des Ämterpflegers in Lingen Dienst. Zu unserem Bezirk gehörte u.a. auch die Wählvermittlung in Bawinkel. Dort war der für die Ladung der Amtsbatterie aufgestellte Quecksilber-Dampfgleichrichter ausgefallen. Wegen der damit fehlenden Stromquelle konnte die Wählvermittlung nicht mehr arbeiten und die Teilnehmer daher nicht mehr telefonieren. Als Behelfslösung wurde ein Notstromaggegrat nach dort gebracht. Ich wurde damit beauftragt, jeden zweiten Tag mit der Kleinbahn Lingen-Berge-Quakenbrück nach Bawinkel zu fahren. Dort hatte ich dann mit dem Aggegrat die leere Amtsbatterie wieder zu laden.
Die Amtseinrichtung befand sich neben der kleinen Poststelle. Der dort beschäftigte Briefzusteller war mir bei dem Transport des Aggregates aus dem Gebäude nach draußen behilflich. Er fragte mich, ob ich denn auch Mittagessen dabei hätte. Auf meine Antwort, daß ich Butterbrote essen würde, meinte er, daß ich doch aus der Stadt käme und in diesen schlechten Zeiten sicher Hunger hätte. Daher wolle er mich zum Mittagessen einladen. Er habe eine kleine Landwirtschaft und sie seien acht Personen am Mittagstisch, da komme es auf eine Person mehr oder weniger auch nicht an. Diese Einladung habe ich gern und dankend angenommen.
Nachdem der Zusteller gegen Mittag seine Tour beendet hatte, holte er mich ab, und wir gingen gemeinsam zu seinem Gehöft, das nicht weit entfernt an der Bundesstraße lag. Seine Familie begrüßte mich freundlich, und wir nahmen gemeinsam am großen Tisch Platz. Das Essen war von der Hausfrau schon zubereitet, und als erstes gab es eine Milchsuppe. Mir als ausgehungertem Städter wollte man nun etwas besonders Gutes tun. Deshalb erhielt ich die gesamte auf der Milch schwimmende Haut, die den ganzen Teller ausfüllte und für die Milch selbst keinen Platz mehr ließ. Ein so gut gemeintes Angebot konnte ich doch schlecht abschlagen, obwohl sich mir allein vom Anblick dieser fetten Haut schon der Magen umdrehte. Um etwas Zeit zum Überlegen zu haben, fing ich an, erst einmal die Haut mit dem Löffel zu zerteilen. Dann glaubte ich, eine Lösung zur Überwindung meines Ekels gefunden zu haben. Ich füllte den Löffel mit einem kleinen Bissen Haut, steckte ihn in den Mund, und ohne lange zu zögern, schluckte ich ihn ungekaut hinunter, so wie man eine große Tablette einnimmt. Das klappte ganz gut, und was soll ich sagen? - ich habe den Teller leergegessen, ohne daß mir dabei übel geworden ist. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, daß ich meine Abscheu überwinden konnte. Später habe ich alles essen können, und auch die vorhin erwähnten und von mir ungeliebten Speisen habe nicht mehr verachtet.
Mutters Backkünste
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12.2.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Mutters Backkünste.

Mutters Backkünste dürfen hier nicht unerwähnt bleiben.
Bei meinen häufigen Wochenendbesuchen in der Lehrzeit von Oldenburg nach Lingen  an die Schwedenschanze befand sich auf der Rückreise neben der gewaschenen Wäsche in meinem Koffer auch jedes Mal ein großer Topfkuchen, der dann einige Tage vorhielt. Meist war es ein Marmor- oder Sandkuchen, und in den mageren Kriegs- und Nachkriegsjahren backte Mutter aus Rübenkraut und Kunsthonig auch einen schmackhaften Honigkuchen, der mir besonders zusagte. Zu den Festtagen gab es vor allem Leckereien aus ihrer Backstube, dazu gehörte in erster Linie die von mir so geliebte Kirschtorte.
Der aus einem Knetteig sehr fest gebackene Tortenboden (wenn man nicht aufpaßte, sprang er beim Zerteilen schon mal vom Teller, und wir nannten ihn deshalb auch „Springboden”) wurde mit entkernten Sauerkirschen aus eigenem Garten belegt. Das war meine Aufgabe, die mir zufiel, weil ich diese knifflige Arbeit gut machen konnte.
Die entfleischten Kerne steckte ich mir in den Mund, um sie so noch von den letzten Resten des Fruchtfleisches zu befreien.
Sie wurden dann mit Tortenguß überzogen. Mutters Kirschtorte war eine Delikatesse, die, besonders wegen des Wildkirschengeschmacks, für mich bis heute unerreicht geblieben ist. Keine noch so schöne mit anderen Kirschsorten (Schattenmorellen, Weichselkirschen o.ä.) belegten Tortenböden reichen an diesen Genuß heran. 
Eine weitere Spezialität aus Mutters Backstube war die „Genießertorte”. Das Rezept ist mir nicht in Erinnerung,  jedoch weiß ich noch, daß der Teig fast nur aus Eiern bestand (acht Stück waren dazu erforderlich) und in eine Form gefüllt wurde, die „Rehrücken“ hieß. Das Ergebnis war ein Kuchen, der zart und weich wie Watte war und der seinen Namen wirklich zu recht führte.
Mutters Frohnatur
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12.3.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Mutters Frohnatur.

Mutter war eine Frohnatur. Diese  hat es dann auch bewirkt, daß sie die schweren Schicksalsschläge, von denen ich noch berichten muß (früher Tod des Mannes, ihre eigene schwere Krankheit, Tod ihres Sohnes Karl) und die bei uns herrschende große Armut relativ gut überstanden hat und nicht daran verzweifelt ist. Trotzdem hat sie manche Träne geweint, meist aus Sorge um uns drei Jungen. Diese Tränen haben dann aber auch bewirkt, daß wir Kinder uns stets bemüht haben, unserer Mutter durch gutes Benehmen, gute Zeugnisse usw. viel Freude zu machen.
Meinen Vater kann ich gut verstehen, daß er sich unwiderstehlich zu seinem „Hannchen“, wie er sie nannte, hingezogen fühlte. Meine Mutter hat ihren Entschluß, den zweiten Hans doch zu heiraten, auch nicht bereut. In ihrer nur kurzen Ehe - etwas über 10 Jahre - habe es keine Zerwürfnisse gegeben und, wie sie mir oft sagte, sie hätte keinen besseren Ehemann bekommen können.
Nach dem Tod meines Vaters (1934) hat es noch Männer gegeben, die meine Mutter gern geheiratet hätten. An einen dieser Bewerber erinnere ich mich heute noch sehr gut. Eines späten Tages - wir waren gerade beim Abendessen - klopfte jemand an die Haustüre (Türklingel oder -klopfer gab es bei uns noch nicht). Mutter ließ einen mir unbekannten Mann in die Wohnung und bot ihm einen Platz in der Wohnküche an. Für mich war das eine Besonderheit, denn bisher hatte sie noch nie Fremden und schon gar keinen männlichen Besucher so empfangen. In meinem damaligen Alter (etwa 12 Jahre) war ich natürlich sehr neugierig, was dieser Besucher wohl wolle. Ich folgte dem Gespräch zwischen Mutter und dem Mann; es war aber uninteressant für mich. Nach einiger Zeit - wir hatten unser Abendbrot gegessen - wurden wir Kinder zum Spielen nach draußen geschickt. Als es dann dunkel wurde und wir zurück ins Haus gingen, war der fremde Mann wieder verschwunden. Ich habe Mutter gefragt, wer denn das gewesen sei. Sie hat mir einen Namen genannt, jedoch nichts weiter über den Zweck seines Besuches. Damit habe ich mich dann wohl zufrieden gegeben.
Einige Tage später brachte Mutter von sich aus das Gespräch auf den Fremdenbesuch und fragte mich, was ich darüber dächte, wenn sie nochmals heiraten würde, und ob wir diesen Mann wohl als Vater haben möchten. Mein Gesichtsausdruck muß wohl nicht gerade glücklich gewesen sein, denn sie hat gleich darauf gesagt, daß der betreffende Mann sie wohl heiraten möchte, sie das aber nicht wolle. Wir kämen auch so zurecht, und dann sagte sie auch, sie habe in meinem Vater einen so guten Mann gehabt, daß es für sie keinen besseren geben könne.
Somit sind wir drei Jungen keine Stiefkinder eines Stiefvaters geworden. Ich muß es meiner Mutter hoch anrechnen, daß sie es auf sich genommen hat, mit uns ohne männliche Autorität allein fertig zu werden. Es wird ihr wohl manchmal nicht leicht gefallen sein, aber in meiner Erinnerung bin ich mir nicht bewußt, unserer Mutter unnötigen Ärger oder große Sorgen bereitet zu haben. Sie hat dagegen später mal geäußert, daß sie sich freue, daß auch ohne Vater aus uns Kindern etwas Rechtes  geworden und wir nicht auf die schiefe Bahn geraten seien. Und ich bin sehr froh, eine so liebe und gute Mutter gehabt zu haben!

Nachdem ich mit meinen Nachforschungen über Mutters Lebensweg bis hierher gekommen bin, stelle ich fest, daß ich doch noch einiges mehr über sie in Erfahrung bringen konnte, als ich vermutet hatte. Hieran anschließend kann ich nun Mutter schildern, wie ich sie erlebt habe und wie sie mir mein Leben lang in Erinnerung bleiben wird.




(1) Mutter gönnt sich eine Ruhepause im Garten
Mutter gönnt sich eine Ruhepause im Garten

 

 

Mutters Erscheinungsbild
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12.4.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Mutters Erscheinungsbild.
Bevor ich nun Mutters weiteren Lebensweg beschreibe, will ich noch mal auf ihre Jungmädchenjahre zurück kommen. Es ist wirklich schade, daß ich mich nicht früher dafür interessiert habe. Leider kann ich auch heute niemand mehr danach fragen, der sie aus dieser Zeit kennt. Doch halt, etwas habe ich doch noch kürzlich von ihrer Nichte Josefa Frommen, erfahren. Sie schrieb mir in einem Brief vom 10.12.1991:„Was war sie für eine bildhübsche junge Frau. Wie gut habe ich sie in Erinnerung. Ihr lachender Mund zeigte Perlenzähne, Grübchen in den Wangen machten ihr Gesicht äußerst anziehend. Ihre Schwester Katharina war auch eine sehr gut aussehende Frau, aber im ganzen wirkte sie strenger. Ich habe beide Kusinen sehr gern gehabt. Mit Johanna gab es oft etwas zum Lachen. Sie hatte so eine heitere Natur.“
Ich glaube, treffender kann man meine Mutter nicht schildern. Fotografien bestätigen das gute Aussehen, und ihr heiteres Wesen habe ich auch in guter Erinnerung. Manchmal hatte sie den Schalk im Nacken.
Rein äußerlich war Mutter eher unscheinbar. Ihre Körpergröße betrug etwa 168 cm, und ihr Gewicht, das sie, wenn sie von der Bahnhofskasse ihre Rente abgeholt hatte, einmal monatlich auf der Personenwaage neben dem Fahrkartenschalter nach dem Einwurf eines 10-Pfennigstückes kontrollieren ließ, lag meist zwischen 55 und 58 Kilogramm. Trotz dieses Leichtgewichtes war sie ein Energiebündel, und die großen Belastungen der ihr aufgebürdeten Arbeiten erledigte sie mit einer Zähigkeit, die manchem Mann gut angestanden hätte. Besonders erinnere ich mich an die schweren Gartenarbeiten, die vom Frühjahr bis zum Herbst anfielen, ihr aber viel Freude bereiteten. Sie hörte es besonders gern, wenn sie wegen der Akkuratesse der Beete und Wege und auch wegen des guten Blüten- und Fruchtstandes gelobt wurde. Wenn an den Feiertagen (Ostern, Pfingsten oder zu den Geburtstagen) die Verwandtschaft zu Besuch kam, fehlte deshalb nie ein Spaziergang durch den großen Garten. Zum Abschluß des Besuches erhielten unsere Gäste dann - je nach der Jahreszeit - einen schönen Blumenstrauß überreicht. Mutters ganzer Stolz war es, wenn sie von ihrem Bruder Anton (mein Patenonkel, Inhaber der o.g. Gärtnerei) anerkennende und lobende Worte über den Zustand des Gartens zu hören bekam. Die Wege von Unkraut befreit und geharkt, die Seiten der Beete akkurat mit dem Spaten beklopft, war dieser selbst für ein kritisches Auge schön anzuschauen.
An den Wochenenden mußte alles um das Haus herum aufgeräumt sein und besonders geputzt werden. Das Putzen begann bei der Haustür, wo Scheiben abgewaschen wurden. Die Klinken und Beschläge aus Messing wurden einer besonderen Pflege mit „Sidol” unterzogen. Als Nächstes wurden die Gehwegplatten von der Haustür bis zur Straße geschrubbt. Auch der Bürgersteig vor dem Grundstück wurde auf seiner ganzen Länge (etwa 100 Meter) gereinigt, dazu gehörten Unkrautbeseitigung, Fegen und Harken, was dann meine Aufgabe war. Auch die Wege im Garten und zwischen den Beeten hatte ich entsprechend in Ordnung zu halten
Mutter und die Gartenarbeit
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12.5.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Mutter und die Gartenarbeit.

Eine Lieblingsbeschäftigung - aber auch gleichzeitig wegen unserer finanziellen Schwierigkeiten eine zwingend erforderliche - war für Mutter die Gartenarbeit. So hatte sie in der Woche vor Ostern 1934, weil das Wetter schon sehr frühlingshaft war, bereits Frühkartoffeln gepflanzt. Und das sollte für Mutter indirekt schwerwiegende Folgen haben.





(1) Mutter mit mir und meinem Bruder Karl beim Kartoffelpflanzen (1931). Sie ist schwanger mit meinem Bruder Hermann ( geb. 10.08.1931)
Mutter mit mir und meinem Bruder Karl beim Kartoffelpflanzen (1931). Sie ist schwanger mit meinem Bruder Hermann ( geb. 10.08.1931)

 

Die Saatkartoffeln hatte sie in einem Drahtkorb aufbewahrt. Nachdem diese in den Boden versenkt waren, brachte sie den leeren Korb zurück und stellte ihn neben der Stalltür ab. Dort blieb er unbeachtet stehen, bis Mutter beim Hoffegen - rückwärts gehend - dagegen stieß. Das wäre sicher ohne größere Folgen geblieben, wenn nicht der Korb beschädigt gewesen wäre und ein zerbrochener und seitlich herausragender verrosteter Draht Mutter am rechten Unterschenkel verletzt hätte. Diese kleine Wunde hat sie, obwohl ein wenig Blut daraus hervortrat, nicht weiter beachtet.

Zwei Tage später, am Karsamstag, stellten sich bei ihr Anzeichen einer Blutvergiftung ein. Wir ließen unseren Hausarzt kommen, der nach kurzer Inaugenscheinnahme Mutters sofortige Einweisung in das Bonifatiushospital veranlaßte. Somit waren wir drei kleinen Jungen plötzlich allein mit unserer 81-jährigen Oma im Haus Schwedenschanze 36 a.
Unsere Mutter fünf Monate im Krankenhaus
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12.6.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Unsere Mutter fünf Monate im Krankenhaus.
Es war abzusehen, daß Mutter so schnell nicht wieder ihre Hausfrauenpflichten übernehmen konnte. Für meine Oma war es aber unmöglich, uns längere Zeit allein zu betreuen. Und so fanden sich Mutters Brüder bereit, mich und meinen Bruder Karl bei sich in ihre Familien aufzunehmen. Karl kam zu Onkel Hermann und ich zu meinem Patenonkel Anton.
Mutters Gesundheitszustand war nicht besonders gut. Der rote Entzündungsstreifen, der den Hinweis auf die Blutvergiftung gab, war nämlich schon kurz vor der Leistengegend angelangt. Durch mehrere Operationen gelang es den Ärzten, die Sepsis auf das Bein zu beschränken. Eine zuerst vorgesehene Beinamputation haben sie nicht mehr vorgenommen, weil sie Mutter nur eine geringe Überlebenschance gaben.
Ich habe meine kranke Mutter so oft wie möglich im Bonifatiushospital besucht. Nach Beendigung der Osterferien tat ich das täglich in der großen Pause. Mein Klassenlehrer Krauß gab mir die Erlaubnis, den Schulhof zu verlassen, und wenn ich etwas später wieder zum Unterricht erschien, gab es von ihm keine Rüge. Mir gefiel es, bei Mutter mein Pausenbrot zu essen, und meist gab sie mir von den schönen Mitbringseln der Besucher etwas ab. Besonders gern hatte ich die mir angebotenen Südfrüchte, und auch die schönen rotbackigen Äpfel aus Südafrika waren eine Lieblingsspeise. So wurde durch die fast täglichen Besuche der Kontakt zwischen Mutter und mir nicht unterbrochen. Ich merkte, daß sie sich - genau wie ich - darüber sehr freute.
Mutters Genesung zog sich sehr in die Länge, es gab im Krankheitsverlauf Höhen und Tiefen, die mir aber nicht bewußt wurden. Kurz vor Pfingsten hatte sie dann einen erneuten Rückfall, der uns später von der sie betreuenden Schwester Richtrudis so geschildert wurde: Am Pfingstsonntag hatte Mutter eine Krise , nachdem sie in der Nacht sehr hohes Fieber, über 41 Grad, bekommen habe. Die Kräfte hätten sie zusehends verlassen, und auch das Bewußtsein habe sie verloren. Dann sei auf ihrer Stirn der Todesschweiß erschienen. Die Schwestern hätten mit dem Beten sogenannter Stoß- und Sterbegebete begonnen. Der liebe Gott sollte damit angefleht werden, uns drei kleine Kinder nicht zu Vollwaisen werden zu lassen, nachdem wir doch erst vor fünf Monaten unseren Vater beerdigt hatten.
Die Gebete wurden anscheinend erhört, denn im Verlaufe des Tages besserte sich Mutters Zustand zusehends. Nachdem vorher auch die Ärzte sie aufgegeben hatten, wurde diese Besserung von den Schwestern als ein Wunder betrachtet. In Mutters Unterbewußtsein muß doch noch eine große Energie, aber auch ein unbändiger Lebenswille gewesen sein, der sie am Sterben gehindert hat. Für unsere Familie war es eine große Freude zu sehen, daß es von da an mit Mutters Gesundheit bergauf ging. Sie durfte nach einiger Zeit aufstehen und konnte mit Hilfe von Krücken auch einige Schritte gehen. Dann näherte sich der Tag ihrer Entlassung aus dem Spital, dem wir Brüder schon entgegenfieberten. Nach einem über fünf Monate währenden Krankenhausaufenthalt war es dann soweit: Unsere Familie war wieder vereint an der Schwedenschanze. Besonders Karlchen und ich waren froh, nicht mehr bei unseren Onkeln wohnen zu müssen. Und Oma hatte trotz ihres hohen Alters ihre Aufgabe, meinen nicht einmal 3 Jahre alten Bruder Hermann zu versorgen, gut gelöst. Sie war aber auch erleichtert, nun diese Pflichten wieder loszuwerden.




(1) Die Rechnung für Mutters Krankenhaus-Aufenthalt (156 Tage)
Die Rechnung für Mutters Krankenhaus-Aufenthalt (156 Tage)

 

So kam es dann, daß Mutter, kaum war sie wieder zu Hause, mit ihren Krücken unter dem Arm am Herd stand und für uns das Essen zubereitete. Das zeigt, daß sie wirklich eine vorbildliche Mutter und Hausfrau war.






Unsere "alleinerziehende" Mutter
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12.7.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Unsere "alleinerziehende" Mutter.
Für uns Kinder war sie  wirklich eine vorbildliche Mutter und Hausfrau. Das Wohl ihrer Kinder lag ihr immer besonders am Herzen. Und wenn ich mir dieses Bild in Erinnerung rufe, dann tue ich es voller Hochachtung und Dankbarkeit, aber auch gleichzeitig mit einem schlechten Gewissen. Ich werfe mir vor, Mutter nicht gesagt zu haben, wie hoch ich sie wegen ihrer unendlichen Liebe und Fürsorge schätzte und daß sie ihre Aufgabe, uns drei Jungen trotz der vielen Probleme in unserer Familie zu guten Menschen zu erziehen, so gut erfüllt hat.
Ich versuche, das Versäumte heute mit diesen Versen nachzuholen:

Ein Apfelbaum

Ein Apfelbaum muß Äpfel tragen,
zentnerschwer.
Aber im Herbst darf er sagen:
Jetzt ist's genug, jetzt mag ich nicht mehr.
Abgenommen wird ihm die Last.
Ein halbes Jahr hat er Ruh und Rast.
Mutter hatte es kaum
jemals so gut wie ein Apfelbaum.
                                   (Hans Baumann)

Meine Mutter wird sich gewiß auch oft gewünscht haben, ein Apfelbaum zu sein, um von den täglichen Anstrengungen ihres Hausfrauen- und Mutterdaseins einmal ausruhen zu können. Aber eine solche Ruhepause hat sie nie bekommen, und selbst Erholungsurlaub, wie er heute gang und gäbe ist, war ein Wort, das in ihrem Vokabular nicht vorkam. Somit habe ich sie nicht anders in Erinnerung, als daß sie ständig in „Action” war. Sei es, daß sie mit der Zubereitung der Mahlzeiten und mit dem Waschen und Bügeln der Wäsche beschäftigt war, von der erforderlichen Haus- und Gartenarbeit oder von uns Kindern zur Hilfe bei den Schularbeiten in Anspruch genommen wurde: stets hatte sie zu tun. Als einzigen Luxus leistete sie sich eine kleine Ruhepause, die sie nach dem Mittagsabwasch einschaltete. Dann sagte sie zu mir: „Ich will mal eben für fünf Minuten die Welt vergessen”. Daraufhin legte sie sich auf das Sofa, und nach kurzer Zeit war sie eingeschlafen. Und was soll ich sagen? - nach diesen wenigen Minuten der Entspannung schlug sie wieder die Augen auf, und weiter ging es im gewohnten Trott.
Mutters Nichte Josefa Frommen erinnert sich
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12.8.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Mutters Nichte Josefa Frommen erinnert sich.
Hier kann ich glücklicherweise doch noch den Bericht einer Zeitzeugin einfügen. Von Hans-Ulrich Frommen aus Aachen, dem Sohn der Cousine meiner Mutter - Josefa Frommen, geborene Möddel - bekam ich einen Anruf. Er beschäftigt sich auch mit der Familienforschung  unserer gemeinsamen Vorfahren - der Möddel-Linie. Gelegentlich tauschen wir unsere Forschungsergebnisse miteinander aus. Beim heutigen Gespräch teilte er mir mit, daß er in einem Heft Aufzeichnungen seiner verstorbenen Mutter über ihre Jugendzeit gefunden habe. Sie seien 1971 von ihr verfaßt worden und handelten unter anderem auch von meiner Mutter und der Familie Lage, meinen Großeltern. Hans-Ulrich hat mir dann per E-Mail die mich interessierenden Ausschnitte geschickt, die ich nun hier einsetze:



(1) Josefa Frommen, geb. Möddel, die Nichte meiner Mutter, an ihrem 90. Geburtstag
Josefa Frommen, geb. Möddel, die Nichte meiner Mutter, an ihrem 90. Geburtstag

 


"Nicht minder problematisch war der Lebenslauf der jüngeren hübschen Schwester (ihres Vaters Anton) Maria Agnes, die ihr Herz an den jungen Eleven auf dem Möddelhof - an Georg Lage-Tepe - verlor. Gerade in der Zeit, als mein Vater von 1881 - 1884 als Ulan in Verden/Aller diente. Georg sollte den Elternhof in Bawinkel erben. Aber noch war es dazu zu früh; die Eltern noch zu rüstig, eine Reihe nachgeborener Kinder unversorgt. Vater hat mir die ganze Tragödie - denn sie wurde eine! - oft erzählt. Man verheimlichte ihm in Verden zunächst die Geschichte, bis die Eltern auf seine bohrenden Fragen in Briefen mit der sehr unliebsamen Angelegenheit herausrückten (Anm: diese unliebsame Angelegenheit war die ungewollte Schwangerschaft meiner Großmutter). Was blieb zu tun? Man ließ die jungen Leute auf dem Möddelhof heiraten. Kinder wurden geboren. Man blieb weiter dort, als mein Vater vom Militär zurückkam. Mehr Kinder stellten sich ein: Katharina, Anton, Johanna (Anm.: meine Mutter), Hermann. Vom Antritt des Erbes und von der Übernahme des Hofes in Bawinkel durch Georg war keine Rede mehr, ein anderer Sohn kam als Erbe an die Reihe, und sowohl hier wie auf dem Möddelhof hoffte man, Anton (also mein Papa) würde nicht heiraten und stillschweigend auf sein Anerbenrecht verzichten. Dazu war er jedoch keineswegs bereit. Er stellte so ungefähr ein Ultimatum, bis zu seinem 36. Jahr wolle er warten, dann gedenke er zu heiraten, und bis dahin - also 1896 - mußte die Familie Lage das Feld räumen. Wenn man bedenkt, daß Vater 13 Jahre lang die Schwester mit Mann und Kindern auf Möddelhof schalten und walten ließ und er solange eine nebengeordnete Rolle spielte, muß man seine Güte und Geduld lobend erwähnen. Hätte man dem Georg nicht so übel mitgespielt, indem man ihm nicht den Hof gab, würde er Gelegenheit gehabt haben, ein Handwerk zu lernen - vielleicht wäre alles anders gekommen. Lages zogen in ein Miethaus (Anm.: jetzige Anschrift Helgolandstraße 1 in Lingen-Darme), das zum Hof gehörte. Georg nahm irgend eine Arbeit an, erkrankte mit einigen 30 Jahren an Tuberkulose, starb und ließ Frau und vier Kinder radikal unversorgt zurück. Tante Agnes wurde Haushälterin auf Gut Frohnhof bei Münster, Anton war in der Gärtnerlehre, Hermann wuchs bei den Verwandten in Bawinkel auf, Katharina wurde in einem Internat auf den Lehrerinnenberuf vorbereitet, und Johanna blieb auf dem Möddelhof. Sie war sogar noch da, als ich 1909 geboren wurde. Mutter erzählte manchmal, was für ein bildschönes Mädchen sie war. Ich erinnere mich sehr gern an sie. Kam sie doch oft zu uns mit Katharina, der sie in Bochum-Linden den Haushalt führte, als ihr Verlobter im 1. Weltkrieg gefallen war. Noch immer war sie schön mit dem reichen dunkelblonden Haar, den braunen Augen, den prächtigen Zahnreihen und den Grübchen in den Wangen. Lustig war sie, von einer geradezu ansteckenden Heiterkeit, mit einer Mimik begabt, die vielleicht fürs Theater gereicht haben würde.
Unvermittelt begann sie zu weinen, wenn von ihrem gefallenen Bräutigam die Rede war. Sie hat um ihn noch geweint, als sie als "spätes Mädchen" die Frau von Hans Brinck wurde, der Handwerker am Eisenbahn-Ausbesserungswerk in Lingen war und ein kleines Anwesen an der Schwedenschanze besaß. Zwei Tage vor ihrer Hochzeit sagte sie zu mir: "Stell dir vor, übermorgen heiße ich Brink. Möchtest du so heißen? Was doch für ein raarer Name!" (Anm.: raar=selten, sonderbar. Mir - Hans Ulrich - hat Mutter diese kleine Äußerung auf plattdeutsch erzählt. In ihrer Aufzeichnung hat sie wohl die hochdeutsche Version vorgezogen). Sie machte noch einige Bemerkungen und hätte, glaube ich, am liebsten sofort ein bißchen um ihren gefallenen Hans Pollmann geweint. Sie ist unserer Familie, besonders Mutter, eng verbunden geblieben, ein Zeichen dafür, wie gut Mutter als junge Frau auf dem Möddelhof zu ihr gewesen sein muß.
Tante Agnes lebte, als sie nicht mehr in fremden Haushalten dienen konnte und eine winzige Rente bekam, im Hause ihres Sohnes Anton, der eine schöne eigene Gärtnerei am Lingener Alten Friedhof besaß und aufgebaut hatte. Katharina, ebenfalls wie Johanna eine schöne Frau, war Lehrerin nach der Meinung des Hl. Vaters und starb hochbetagt im Altersheim in Bawinkel."
Soweit der Auszug. Er wird dir, lb. Hans, kaum etwas sagen, das du nicht schon wüßtest; aber vielleicht fügt er sich ganz gut in deine Erinnerungen ein.
Damit schließt die E-Mail von Hans-Ulrich Frommen. Über den Inhalt habe ich mich natürlich sehr gefreut, bekam ich doch dadurch meine bisherigen spärlichen Kenntnisse über die Jugendzeit von Mutter und über die Probleme in der Familie Lage bestätigt.
Eine ehemalige Nachbarin erzählt von Mutter
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12.9.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Eine ehemalige Nachbarin erzählt von Mutter.
Bei meinem Aufenthalt in Lingen im Herbst 2003 habe ich auch unseren ehemaligen Grundbesitz an der Schwedenschanze bzw. Werndlystraße besichtigt. Zu den dort wohnenden Nachbarn hatte ich in den vergangenen Jahren keinen Kontakt mehr. Mit einer Ausnahme: Ruth Rathe geborene Stürzel, die etwas jünger als ich ist, deren Eltern im Haus gegenüber wohnten (Schwedenschanze 39), habe ich noch gelegentlich gesprochen. Jetzt meinte ich, sie wieder einmal besuchen zu können. Ich traf sie an, und wurde herzlich zu einer Tasse Tee eingeladen. Bei unserem Gespräch kamen wir auch auf unsere Eltern zu sprechen. Dabei erzählte mir Ruth auch ihre mir nicht bekannten Erinnerungen an Mutter. Ich bat sie, mir doch aufzuschreiben, an was sie sich entsinnen könne. Das hat sie dann getan, und mich erreichte der nachfolgende Brief, für den ich ihr recht herzlich danke. So kann ich doch noch eine Zeitzeugin zitieren, die meine Mutter gut kannte und sie bis in ihre letzten Lebensjahre als hilfsbereite Nachbarin begleitet hat.


Ruth Rathe Lingen, den 29.12.2003

Erinnerungen an Frau Brinck: Ich habe sie als eine gute, lebensfrohe Frau in Erinnerung. Die Schwedenschanze war ja in den 30iger Jahren noch eine recht ruhige Straße, da hörten auch wir noch von der gegenüber liegenden Straßenseite vieles von gegenüber.
Zum Beispiel: Hatte Frau Brinck Waschtag, stand sie in der Waschküche und rubbelte fleißig jedes Wäschestück einzeln, richtige schwere Arbeit. Frau Brinck ließ sich auch an solch einem Tag die Lust zum Singen nicht verderben. Eines Tages sagte meine Mutter zu mir, hör mal, Frau Brinck singt wieder; zuerst sang sie: Maria zu lieben ...., gleich danach kam das Lied: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.
Hatten wir Waschtag und kamen mit dem Platz zum Trocknen nicht aus, wurde bei Frau Brinck gefragt. Sie sagte nie nein, aber mit der Einschränkung: nur die Paradekissen, also nur gute Wäschestücke. Außerdem hatte sie ihren großen Garten immer sehr gepflegt und wunderschöne Blumen, ich erinnere mich noch an die schönen Zinien.
Zu den Ferien kam immer Tante Käthe. Frau Brinck war immer sehr sauber, aber kam Besuch dann wurde groß reine gemacht. Also war Tante Käthe in den nächsten Tagen da. Wie gesagt getan, begann der gleiche Arbeitsgang von vorne durch Tante Käthe.
Es gab aber nicht nur lustige Tage. Meine Mutter nannte Euren Karl „mein Puppenjunge“. Als Karl starb rief Frau Brinck meiner Mutter zu: Frau Stürzel euer Puppenjunge ist tot. Das war ein Schock für alle, denn der Mensch war noch sehr jung. Mutter Brinck meinte dann: Ich habe meinen Mann früh ins Grab gelegt, das war schlimm, dann meine Schwiegermutter, da waren wir auch traurig. Aber sein eigenes Kind ins Grab zu legen, da bricht einer Mutter das Herz; es war sehr traurig.
Hans, erinnerst Du Dich noch an die Nachkriegszeit. Keiner hatte viel anzuziehen. Wolltest Du mal ausgehen, kam Frau Brinck zu uns und holte die braunen Schuhe von meinem Vater. Sonntags wurden sie wieder zurückgebracht. Mein Vater konnte diese Schuhe nicht tragen, weil sie zu spitz waren und für Vaters Fuß zu eng.
Nachdem ich Lingen durch meine Heirat verlassen hatte, wir aber jeden freien Tag in Lingen waren, da Vater allein war (meine Mutter war 1956 mit 58 Jahren verstorben). Eines Tages waren wir wieder mal zu Hause, begrüssten wir Frau Brinck und sie sagte: „Weißt du wie heute eine Putzfrau heißt? „Raumpflegerin“, und Phöbe (Tochter von Frau Schuchardt) ist so eine“. Dieses verschmitzte Lächeln habe ich noch gut in Erinnerung.
Wir, mein Mann und ich haben Deine Mutter auch nochmal in Bawinkel im Altenheim besucht. Dieses sind meine Erinnerungen an Deine Mutter.

Ruth Rathe




(1) Ruth Rathe im Altersheim in Lingen (2017)
Ruth Rathe im Altersheim in Lingen (2017)

 

 

Unsere Nachbarin Tante Marie
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12.10.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Unsere Nachbarin Tante Marie.
Als Abwechslung aus dem häuslichen Einerlei stand ein Einkauf bei dem Lebensmittelhändler in unserer Nachbarschaft auf dem Programm. Dort trafen sich verschiedene Frauen aus der Umgebung, die beim Warten „bis sie dran kamen” sich die Neuigkeiten des Tages erzählten. Mutter war keine Klatschtante, aber die neuesten Neuigkeiten wollte sie doch nicht verpassen. Zwischendurch versorgte auch Tante Marie, die neben uns in unserem Doppelhaus wohnte, Mutter mit weiteren Nachrichten. Diese Besuche meiner Tante erfolgten meist überfallartig, und Mutter liebte das gar nicht. Meist waren sie mit einer Bitte um fehlende Dinge im Haushalt verbunden, und so begann dann die Konversation zwischen den beiden Frauen, die in Plattdeutsch geführt wurde, mit der Einleitung: „Johanna häs dat all hört?” und „häs Du nich en bättken Zucker (oder was ihr sonst gerade fehlte) för mi?” oder „Kanns mi nich eben en Köppken Solt lehnen?” Diese geliehenen Dinge bekam Mutter nicht zurück, aber das war von uns schon einkalkuliert. Tante Marie war finanziell noch ärmer dran als wir, denn sie erhielt nur eine geringe Witwenrente für ihren im 1. Weltkrieg gefallenen Mann. Manchmal revanchierte sie sich aber doch mit  Eiern, die ihre freilaufenden Hühner gelegt hatten und die ein besonders schönes gelbes Dotter hatten. Nebenbei brachte sie von diesen lieben Tierchen aber auch Hühnerflöhe mit, die, wenn Tante Marie sich kratzte (und das tat sie ständig), von ihr weg hüpften und sich bei uns ein neues Quartier suchten. Auch ich habe etliche dieser Quälgeister in meiner Wäsche entdeckt bzw. an meinem Körper juckenderweise gespürt. Es war für mich nicht schwierig, sie dann einzufangen und zwischen den Fingernägeln zu zerquetschen. Wegen der heutigen guten Hygieneverhältnisse sollen Hühnerflöhe fast ausgestorben sein und der Flohzirkus deshalb Nachwuchssorgen haben. Wie sich doch die Zeiten ändern!




(1) Mutter, Hanna Brink und Tante Marie beim Kaffeeklatsch
Mutter, Hanna Brink und Tante Marie beim Kaffeeklatsch

 

 


 

 

Mutters Religiosität
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12.11.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Mutters Religiosität.
Eine große Stütze in unserer Not und Armut war auch Mutters starker Glaube an Gott. Sie hat viel zu ihm gebetet und fest darauf gebaut, daß sich durch seine Hilfe alles zum Guten wende. Oft gebrauchte sie den Satz: „Wenn die Not am größten, dann ist der liebe Gott am nächsten“. Und was soll ich sagen? - oft kam dann auch von irgendeiner Seite etwas, das gerade fehlte. So etwa von Tante Käthe ein Brief mit einem Geldschein, verbunden meist mit dem gutgemeinten Rat: „Kauf Dir davon, liebe Johanna, etwas Gutes (Butter), damit Du bei Kräften bleibst und weiter für die Kinder sorgen kannst!“ Oder in den entbehrungsreichen Kriegsjahren kam von unserer ländlichen Verwandtschaft dann und wann etwas Nahrhaftes, das uns über den größten Hunger hinweggeholfen hat.
Und zum Schluss das Altersheim
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12.12.  Mutter als Witwe, unser Familienoberhaupt – Und zum Schluss das Altersheim.

Im Jahr 1955 erhielt Mutter durch meine und die meines Bruders Hermanns Heirat zwei Schwiegertöchter. Weil ich aber in Osnabrück wohnte, hatte sie nur durch Hermanns Frau etwas Hilfe im Haushalt. Ob die Teilung der Arbeit zwischen den beiden Frauen reibungslos vonstatten ging, daran kann ich mich nicht erinnern.
Diese Hilfe endete dann auch bald, als Hermann durch die Verlegung seiner Arbeitsstätte nach Rheine umziehen mußte. Von diesem Zeitpunkt an lebte Mutter ganz allein im Haus Schwedenschanze 36 a. Dieses Alleinsein und ihr zunehmendes Alter (inzwischen war sie 70 Jahre alt geworden) waren wohl mit ein Grund, daß sie zunehmend geistig abbaute. Dies fiel mir zum erstenmal auf, als ich sie besuchte und sie mich bat, doch einmal die Wecker anzuschauen. Diese sollten die Zeit nicht richtig anzeigen. Sie hätte sich auch schon neue gekauft, die aber auch nicht funktionierten. Nachdem ich alle fünf (!) Wecker geprüft hatte und keinen Fehler feststellen konnte, ließ ich mir von Mutter zeigen, was denn daran nicht in Ordnung sei. Dabei stellte sich heraus, daß sie nicht in der Lage war, den Wecker richtig einzustellen und auch die Zeit nicht mehr genau ablesen konnte. Das Zeitgefühl war ihr auch abhanden gekommen, denn unser Nachbar, der Taxiunternehmer Caffier, rief mich eines Tages an und sagte mir, daß er Mutter nachts gegen 01.00 Uhr auf der Marienstraße angetroffen habe. Er habe sie gefragt, was sie denn so spät noch auf der Straße mache. Darauf habe sie ihm geantwortet, sie sei auf dem Wege zur Kirche in die 08.00 Uhr-Messe. Mutter sei ganz verstört gewesen, als er gesagt habe, daß es doch noch viel zu früh sei. Er habe sie dann mit seiner Taxe zurück zur Schwedenschanze gebracht und wolle mich davon verständigen, daß ich mich einmal um Mutters Gesundheitszustand kümmern möchte.
Als ich sie bei meinem nächsten Besuch daraufhin ansprach, gab sie den schadhaften Weckern die Schuld an diesem Ereignis. Da sie auf mich aber sonst keinen verstörten Eindruck machte, ließ ich diese Begebenheit auf sich beruhen. Trotzdem stellte ich Überlegungen an, ob es nicht besser sei, Mutter zu uns nach Osnabrück zu holen, damit sie nicht mehr allein in dem Haus Schwedenschanze 36 a sein müsse. Dazu war aber eine größere als die von uns zur damaligen Zeit gemietete Wohnung erforderlich. Als ich ein passendes Objekt gefunden hatte (eine 4-Zimmer-Eigentumswohnung an der Lerchenstraße 121 in Osnabrück), unterschrieb ich dafür den Kaufvertrag. Fertigstellung der Wohnung sollte Anfang 1967 sein.





(1) Mutter mit ihrem ersten Enkelkind Anette (1956)
Mutter mit ihrem ersten Enkelkind Anette (1956)

 

Einige Monate später machte Mutter bei meinem Bruder Hermann in Rheine einen Besuch. Dabei stellte sich  heraus, daß sie Orientierungsschwierigkeiten hatte. Beim nächtlichen Aufsuchen der Toilette hatte sie diese nicht gefunden, und das Ergebnis war eine verschmutzte Wohnung. Hermann bat mich daraufhin, Mutter bei mir aufzunehmen, was ich aber in Anbetracht unserer 3-Zimmerwohnung und unseres 4-Personen-Haushalts ablehnen mußte. Da die Zeit (und Hermann) drängte, überlegten wir uns eine andere Lösung. Diese bestand darin, Mutter im Marienstift in Bawinkel, wo sich ja schon Tante Käthe befand, unterzubringen. Nach Rücksprache mit der Schwester Oberin war diese bereit, Mutter aufzunehmen, um so auch die beiden Geschwister zu vereinen. Da auch die finanzielle Seite keine zu hohe Belastung für uns bedeutete, waren wir Brüder schließlich froh, Mutter dort in guten Händen zu wissen.





(2) Das Marienstift (Altersheim) in Bawinkel bei Lingen
Das Marienstift (Altersheim) in Bawinkel bei Lingen

 

Einige Wochen nach Mutters Einzug ins Marienstift hatte ich mit der Oberschwester eine Unterredung. Sie sagte mir, daß Mutter ein Pflegefall werden würde. Ich konnte mir damals darunter nichts vorstellen und bat sie um Erläuterung dieses Begriffes. Hier hörte ich zum erstenmal etwas von der Alzheimer-Krankheit. Auf meine Frage, wie man das jetzt schon feststellen könne, sagte sie mir: „Ihre Mutter ist zu allen, auch ihr völlig fremden Menschen, freundlich und kennt nicht mehr die normale Zurückhaltung”.




(3) Mutters Personalausweis
Mutters Personalausweis

 

Im Marienstift half Mutter in der Küche bei den Vorbereitungen der Mahlzeiten, sie putzte das Gemüse und schälte Kartoffeln. Diese Arbeiten verrichtete sie ganz gern, war sie doch dort in Gesellschaft des Küchenpersonals. Weil sie gerne sang, stimmte sie häufig Lieder an, die dann von den anderen mitgesungen wurden. So herrschte dort dank Mutter immer gute Laune und fröhliche Stimmung. Mit der Zeit merkte dann auch ich, daß es um Mutters Gesundheitszustand nicht gut bestellt war. Wenn ich sie besuchen kam, erkannte sie mich zuerst nicht. „Ich glaubte, du bist der Doktor”, so begrüßte sie mich häufig. Wenn ich ihr Fragen nach der Vergangenheit stellte, so zum Beispiel, wann sie geboren sei und wie ihre Brüder hießen, konnte sie mir diese nicht beantworten. Wie man sich denken kann, war ich darüber schwer erschüttert. Ich bat die Schwestern um Auskunft, ob es nicht ein Mittel gegen diese schwere Krankheit gebe. Man verneinte das, und so war ich machtlos.
Inzwischen war Tante Käthe gestorben, mit der sie immer einige Stunden am Tage zusammengesessen hatte. Auch für diese war es erschütternd gewesen, Mutter so dahinsiechen zu sehen. Nach ihrem Tod hatte Mutter nun im Marienstift keine Beziehungsperson mehr. Sie hat sich aber nie beschwert und schien ihre beklagenswerte Situation nicht zu realisieren. Ein einziges Mal äußerte sie mir gegenüber den Wunsch, daß ich sie doch einmal zur Schwedenschanze fahren möchte. Das habe ich dann auch getan. Wir gingen in das nun schon lange unbewohnte Haus, das keinen einladenden Eindruck machte. Mutter schaute sich darin um, wie mir schien, geistesabwesend. Doch dann fing sie plötzlich an zu weinen, drehte sich um und ging hinaus in den Garten. Ohne mit mir weitere Worte gewechselt zu haben, wünschte sie, nach Bawinkel zurückgebracht zu werden.



(4) Mutters letzte Schreibversuche, die ihren schlechten Gesundheitszustand deutlich machen.
Mutters letzte Schreibversuche, die ihren schlechten Gesundheitszustand deutlich machen.

 

Ihr Zustand machte es erforderlich, sie dort in ihrem Zimmer einzuschließen. Als Gesellschaft und zum Zeitvertreib gab man ihr ein kleines Püppchen zum Spielen. Welch ein jammervolles Bild!
Zum Glück für Mutter (und für die Pfleger) hat sie nicht lange in diesem menschenunwürdigen Zustand leben müssen. Am 01. August 1969 um 00.45 Uhr ist sie im Alter von 80 Jahren im Marienstift in Bawinkel gestorben. Am 05. August 1969 haben wir sie auf dem Alten Friedhof in Lingen in unserer Familiengrabstätte neben meinem Vater beerdigt. R.I.P.
Mein Vater
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13.  Mein Vater

 



(1) Dieses Foto ist ein Beweis für Vaters Wanderschaft in der Schweiz: eine Portraitaufnahme von Foto Th. Hofmann in Basel
Dieses Foto ist ein Beweis für Vaters Wanderschaft in der Schweiz: eine Portraitaufnahme von Foto Th. Hofmann in Basel

 

Johannes Carl Brinck

geb. 11.09.1884 in Lingen
gest. 25.01.1934 in Lingen

Bei meinem Vater habe ich mein Erinnerungsvermögen stark angestrengt und mich auch bemüht, andere Quellen auszuschöpfen. Ich habe aber niemanden gefunden, der mir etwas über seine Jugendzeit erzählen konnte. Es war ja auch sehr unwahrscheinlich, noch jemanden zu finden, der selbst schon etwa 90 Jahre alt sein mußte und sich dann noch an Vater erinnern konnte. Aus der Verwandtschaft gab es nur noch die Tante Anna (die Frau von Bernard Brink, dem Bruder meines Vaters), die in Lohnerbruch bei Wietmarschen wohnte. Sie ist leider 1991 im Alter von 98 Jahren verstorben, und somit ist auch diese authentische Quelle versiegt.
Allerdings hat sie mir bei meinem letzten Besuch in Wietmarschen Ende 1990 noch eine kleine Überraschung bereitet, und zwar erhielt ich von ihr ein mir bis dahin unbekanntes Foto meiner Großeltern mit ihren drei Söhnen Heinrich, Johannes und Bernard. Diese Aufnahme muß etwa 1895 entstanden sein und zeigt als Hintergrund das Haus Schwedenschanze 36 a (Giebelseite zum Garten). Da ich bis anhin kein solches Foto kannte, habe ich erst jetzt erfahren, wie mein Großvater ausgesehen hat. Auch von meinem Vater und von seinen Brüdern hatte ich kein Bild aus ihren Jugendjahren. Durch dieses Foto schloß sich für mich eine große Wissenslücke!





(2) Das Bild zeigt meine Großeltern (Vaters Eltern) Carl Johannes Brinck und seine zweite Frau Maria Gesina Schmitz mit den Kindern (von links) Bernhard, Heinrich und Johannes vor dem Haus Schwedenschanze 36 a. Es ist vermutlich im Jahr 1895 aufgenommen worden.
Das Bild zeigt meine Großeltern (Vaters Eltern) Carl Johannes Brinck und seine zweite Frau Maria Gesina Schmitz mit den Kindern (von links) Bernhard, Heinrich und Johannes vor dem Haus Schwedenschanze 36 a. Es ist vermutlich im Jahr 1895 aufgenommen worden.

 

Über Vaters Schulzeit ist mir nichts bekannt. Zeugnisse oder andere Unterlagen von ihm sind mir nicht zu Gesicht gekommen. Ein schlechter Schüler scheint er aber nicht gewesen zu sein, das jedenfalls habe ich aus Gesprächen mit meiner Mutter erfahren. Aus einigen Schriftstücken meines Vaters konnte ich erkennen, daß er eine gute Handschrift und keine Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hatte. Diese Unterlagen sind leider nicht mehr auffindbar; vermutlich sind sie beim Abriß das Hauses Schwedenschanze 36 a mit vernichtet worden.
Erinnerungen an meinen Vater
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13.  Mein Vater

Erinnerungen an meinen Vater



Einen Monat vor Vaters Tod war ich gerade 9 Jahre alt geworden. Somit hat sich in meiner Erinnerung nicht viel festgesetzt, was ich mit ihm persönlich erlebt habe. Mit Ausnahme der sonntäglichen Spaziergänge, die uns nach Schepsdorf oder zum „Grünen Jäger“ in Darme führten, hat er für uns Kinder kaum Zeit gehabt. Ich finde das sehr schade, aber aus heutiger Sicht kann ich verstehen, daß er nach einem schweren und langen Arbeitstag beim Reichsbahn-Ausbesserungswerk (seine Wochenarbeitszeit betrug 54 Stunden !) und der von ihm auch noch zu erledigenden Gartenarbeit keine Lust mehr verspürte, mit uns Kindern zu spielen.
Gerade weil er so wenig Zeit für mich hatte, haben sich mir zwei Ereignisse ganz fest eingeprägt. Als Angehöriger der Reichsbahn hatte Vater Anspruch auf Freifahrten, und weil diese auch ausgenutzt werden sollten, plante er, mit mir einen größeren Ausflug zu machen. Schon tagelang vorher war die Rede davon, daß wir nach Köln fahren wollten.
So lebte ich lange in großer Spannung, bis dann endlich an einem Sonntagmorgen die Reise startete. Bei dieser meiner ersten längeren Bahnfahrt gab es für mich so viel zu sehen, daß ich ständig am Abteilfenster stand, um mir die vorbeifliegende Gegend anzuschauen. In Köln angekommen, haben wir den Dom besichtigt, der auf mich einen großen Eindruck machte. Dann haben wir uns noch die Stadt angeschaut und sind auch zu der Eisenbahnbrücke gegangen, auf der wir mit dem Zug den Rhein überquert hatten.
Das zweite große Ereignis war für mich ein Ausflug nach Münster in den Zoologischen Garten. Dort gab es viele mir bis dahin unbekannte Tiere zu sehen, und besonders die Affen hatten es mir angetan, wie sie lebhaft in ihrem Käfig herum turnten und so spaßige Dinge machten. Nur der strenge Geruch im Affenhaus war nichts für meine empfindlichen Geruchsnerven, und deshalb hielt ich es nicht lange darin aus. Auch erinnere ich mich an ein Denkmal, welches den Gründer des Zoos darstellte, und der auf dem Kopf einen Zylinder trug. Das besondere an dieser Kopfbedeckung war, das man sie mit einem Loch versehen und damit für die Vögel eine Nistgelegenheit geschaffen hatte.
Für mich waren diese beiden Unternehmungen mit Papa eine einmalig schöne Sache, und deshalb stehen sie wohl auch heute noch sehr lebendig vor meinem geistigen Auge.
Natürlich haben wir Kinder unseren Eltern nicht immer nur Freude bereitet. Wenn wir aber etwas ausgefressen hatten, gab es von meinem Vater keine Schläge. Seine Wut oder seine Aggression mußte er auf andere Art und Weise loswerden. Da erinnere ich mich an folgende Begebenheit: Den Grund weiß ich nicht mehr, aber Vater hatte sich sehr (über mich?) geärgert. Um seinen Ärger abzureagieren, schlug er mit seiner Faust auf die von kleinen Löchern durchbrochene Sperrholzsitzfläche eines Küchenstuhles, die dabei zersplitterte. Dieser Stuhl stand bis zuletzt in der „Achterköeke“ (Hinterküche) unter dem Tisch, auf dem Mutter das Essen zubereitete und nach beendetem Essen das Geschirr abwusch. Sie hat ihn nicht reparieren lassen wollen und auch nicht fortgegeben; er sollte ihr wohl als Erinnerungsstück dienen und uns Kindern als Anschauungsmaterial, wozu Vater in seiner Wut fähig sein konnte.
Wie alle Kinder, so hatten auch wir immer großen Durst. Von Mutter bekamen wir dann den von ihr selbst aus roten Johannisbeeren hergestellten Saft, verdünnt mit „Gänsewein“ (Leitungswasser). Viel lieber hatten wir aber Limonade, die uns Vater von seiner Arbeitsstelle mitbrachte und die in Flaschen abgefüllt war, bei denen man eine Kugel im Flaschenhals herunterdrücken mußte, um an das Getränk zu kommen. Dieser Durstlöscher schmeckte uns natürlich viel besser als der von Mutter hergestellte. Ich habe mir oft die Frage gestellt (und sie ist mir bis heute nicht beantwortet worden), wie der Verschluß funktionierte und wie man diese Buddel reinigen konnte. Da ich diese Flaschen seit langer Zeit nicht mehr gesehen habe (vielleicht waren sie den Getränkeherstellern zu unpraktisch), wird wohl meine Frage ohne Antwort bleiben.


Hier muss ich eine Korrektur einfügen. Durch einen Freund bekam ich den Hinweis, bei google den Begriff "Kugelverschlussflasche" einzugeben.  Das habe ich getan und fand dann dort eine Antwort auf meine oben gestellte Frage:
Die Kugelverschlussflasche ist eine Form der Getränkeflasche für kohlensäurehaltige Getränke. Sie wird durch eine Glaskugel („Klicker“ oder „Knicker“) verschlossen, die durch den Druck im Flascheninneren gegen einen Gummiring im Flaschenhals gepresst wird. Kugelverschlussflaschen waren im Handel und Verkauf von Mineralwasser, Limonaden und Brausen verbreitet, bevor Getränkeflaschen mit Bügelverschluss oder Kronkorken aufkamen. Aufgrund des häufigen Verkaufs von Brause in Knickerflaschen wurde diese umgangssprachlich auch Knickerwasser oder Knickelwasser genannt.[1][2]

Der Kugelverschluss funktioniert nach dem Prinzip eines Kugelventils. Er setzt sich aus einer im Inneren der Flasche frei beweglichen Glaskugel und einem Gummiring zusammen, der als Dichtung (Ventilsitz) ins Glas unterhalb der Flaschenöffnung eingebettet ist. Die Öffnung des Ringes ist kleiner als die Glaskugel. Die Kugel wird durch den Druck in der Flasche von unten dagegen gepresst und schließt die Öffnung dicht ab. Dies funktioniert nur solange die Kraft, die durch den Druck im Inneren der Flasche auf die Kugel wirkt, größer ist als der Luftdruck der Umgebung abzüglich der Gewichtskraft der Kugel und der Haftreibung zwischen Kugel und Gummi.

Zum Öffnen des Verschlusses muss von außen mit einer Kraft auf die Kugel gedrückt werden, die die Gaskraft ausgleicht. Dazu kann ein Finger oder ein handlicherer Öffner, bestehend aus einem Stab in einer Holzkappe, genutzt werden. Die Kugel bewegt sich dadurch minimal und gibt einen Spalt zwischen Kugel und Gummiring frei. Durch diesen hindurch strömt das Kohlendioxidgas aus der Flasche. Der Innendruck sinkt auf Umgebungsniveau ab. Die Kugel ist daraufhin nur noch der Gewichtskraft ausgesetzt und fällt in das Getränk.

Damit die Kugel beim Entleeren oder Trinken aus der Flasche nicht in den Gummiring zurückrollt und so die Flasche wieder verschließt, haben Flaschen einen Kugelfang. Dieser kann einfach in Form einer horizontalen Schulter geeigneter Ausrundung ausgebildet sein, sodass die Kugel (Glas hat etwa die doppelte Dichte des Getränks) beim Zurückrollen an der Schulterstufe gehalten wird, bis die Flasche völlig auf den Kopf gestellt wird. Eine komplexere Ausformung weist eine Flasche auf, die am unteren Ende des Halses wie zweiseitig gequetscht verjüngt ist, sodass die Kugel nicht in den Flaschenbauch fallen kann und die Flasche die Markierung eines Durchmessers aufweist; wird nun die Flasche geeignet orientiert angehoben, rollt die Kugel nur bis zu „zwei Nasen“ im Hals, die ebenfalls die Kugel fangen.

Beim Abfüllen muss die in aufrechter Orientierung befüllte Flasche auf den Kopf gedreht werden, bevor der unter Druck stehende Befüllstutzen abgezogen wird. Dadurch kann die Kugel in den Gummiring fallen. Beim Trennen der Flasche vom Stutzen entfällt der Druck auf der Außenseite der Kugel, und die Flasche wird durch den größeren Innendruck verschlossen.

Kugelverschlussflaschen waren über viele Jahrzehnte sehr weit verbreitet, wurden allerdings nach und nach durch Flaschen mit Bügelverschluss oder Kronkorken verdrängt. In England wurde die Produktion um 1930 eingestellt, in Deutschland lief die Produktion noch bis mindestens 1959 weiter.[4]

Da beim Öffnen der Flasche ein charakteristisches krachendes Geräusch entstand, bürgerte sich in Österreich, wie auch in Teilen Bayerns, für diese Limonaden der Name „Kracherl“ ein. In den 1950er Jahren wurden die Flaschen nach dem Inhalt „Bollerwasser“ auch Boller(wasser)flaschen genannt.

Der Kugelverschluss ist heute  noch für das japanische Erfrischungsgetränk Ramune und das indische „Banta“ in der Nutzung.


(1) Das ist sie: die von mir lange gesuchte Kugelverschlussflasche

Das ist sie: die von mir lange gesuchte Kugelverschlussflasche

 

 

Beruf meines Vaters
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13.1.  Mein Vater – Beruf meines Vaters.
Wie es früher üblich war (und es heute in vielen Fällen noch ist), erlernte mein Vater auch den Beruf seines Vaters. Als Tischlerlehrling begann er sein Berufsleben im Betrieb der Möbeltischlerei Berning in Lingen. Der damalige Inhaber dieser Firma war der Bruder des Bischofs von Osnabrück, Wilhelm Berning. Mit dem Sohn des damaligen Lehrherrn, Josef Berning sen., habe ich ein Ferngespräch geführt und ihn gebeten, doch einmal in den alten Firmenunterlagen nachzuschauen, ob dort etwas über die Beschäftigung meines Vaters zu finden sei. Wie er mir sagte, existierten nur noch Unterlagen ab 1923, und so endete diese Spurensuche leider mit einem negativen Ergebnis.
Nach beendeter Lehre ist mein Vater wohl, wie es damals üblich war, auf Wanderschaft gegangen. Dabei muß er bis in die Schweiz gekommen sein, denn an einige Ansichtskarten, die er von dort geschrieben hatte und die bei uns in einem Postkartenalbum aufbewahrt wurden, kann ich mich erinnern. Auch existiert eine Portraitaufnahme eines Fotografen in Basel. Wo, bei wem und wie lange er als Wandergeselle gearbeitet hat, konnte ich nicht eruieren. Bei meinen Nachforschungen ist mir erst jetzt aufgefallen, daß er im 1. Weltkrieg nicht Soldat geworden ist. Die einzige Erklärung dafür wäre, daß er in einem kriegswichtigen Betrieb tätig und daher u.k. (unabkömmlich) gestellt war. Dies würde darauf hindeuten, daß er vor 1914 schon beim Reichsbahnausbesserungswerk in Lingen als Tischler eingestellt worden ist. Eine weitere Vermutung glaube ich konkretisieren zu können. Weil der Halbbruder meines Vaters, Heinrich Brinck, schon zu Beginn des 1. Weltkrieges gefallen war, gab es im damaligen Kaiserreich ein Gesetz, wonach dann weitere Geschwister nicht Soldat werden mußten.
In einer Aufstellung zum Rentenbescheid für Waisenrente, die meine Mutter nach dem Tod meines Vaters für uns Kinder erhielt, habe ich nun doch das genaue Datum des Eintritts meines Vaters bei der Deutschen Reichsbahn ermitteln können: es war dies der 25.10.1915. Seine Beschäftigung dauerte dort (mit einer kurzen Unterbrechung wegen Arbeitsmangel) bis zum 21.12.1932. Zu diesem Zeitpunkt wurde er wegen seiner Erkrankung (Nierenschrumpfung) arbeitsunfähig und erhielt Invalidenrente.
Vaters Krankheit und Tod
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13.2.  Mein Vater – Vaters Krankheit und Tod.

Am 21.12.1932  wurde Vater  wegen seiner Erkrankung (Nierenschrumpfung) arbeitsunfähig. Da eine Besserung seines Gesundheitszustandes von dem behandelnden Arzt nicht erwartet wurde, beantragte man eine Invalidenrente.
Diese wurde dann rasch genehmigt.

Wir Kinder waren an seinem Krankenlager wegen unserer Lebhaftigkeit für ihn sehr störend. Mein jüngster Bruder Hermann (gerade zwei Jahre alt) wollte so gern zu seinem Papa ins Bett kriechen und mit ihm kuscheln. Das hat Vater aber nicht mehr ertragen können, und es hat ihm so zugesetzt, daß er ihn aus dem Krankenzimmer gescheucht hat.
Vaters Gesundheitszustand verschlimmerte sich zusehends. Seine Nieren arbeiteten immer schlechter, und daher funktionierte die Entwässerung seines Körpers nicht mehr. Das Wasser stieg in den Beinen immer höher, und als es dann das Herz erreicht hatte, bedeutete dies das Ende von Vaters Leben.
Wie ich schon schrieb, starb Vater am 25. Januar 1934 im Alter von 49 Jahren. Er hatte ein langes Krankenlager hinter sich, fast ein Jahr hatte er nicht mehr vom Bett aufstehen können.



(1) "Totenbildchen" für das Gebetbuch. Im Text hat man das Sterbejahr meines Vaters vergessen.
"Totenbildchen" für das Gebetbuch. Im Text hat man das Sterbejahr meines Vaters vergessen.

 Nach seinem Tod wurde er bei uns zu Hause im Sterbezimmer aufgebahrt. Schwierigkeiten hatte Mutter bei der Beschaffung eines Sarges, der der Körpergröße von Vater entsprach. Die beim Beerdigungsinstitut vorhandenen Särge waren alle zu klein (Vaters Körpergröße betrug 185 cm). Der Bestattungsunternehmer wollte deshalb von Mutter die Zustimmung haben,  Vaters Beine brechen zu dürfen, damit er ihn in den zu kurzen Sarg einsargen konnte!
Ich finde, daß dieser Vorschlag in dieser Situation eine unerhörte Zumutung gewesen ist. Natürlich hat Mutter das nicht zugelassen, und es wurde dann rasch ein größerer Sarg angefertigt. Daran und an die Beerdigung vom Trauerhause aus kann ich mich noch gut erinnern.

Für unsere Familie war Vaters Tod ein herber Schicksalsschlag. Daß Mutter die große Belastung, einen schwerkranken Mann zu pflegen, ihre alte Schwiegermutter und uns drei kleinen Kinder zu versorgen, ohne erkennbare Schwierigkeiten gemeistert hat, ist schon ein Wunder.
 
Die Nachbarschaft nahm grossen Anteil an Vaters Tod. Sie sammelten einen grösseren Betrag, den sie Mutter überreichten.



(2) Beileidsschreiben meines Klassenlehrers Krauss, der ein Schulkollege meines Vaters war.
Beileidsschreiben meines Klassenlehrers Krauss, der ein Schulkollege meines Vaters war.

 

Der Text im obigen Beileidsschreiben lautet:
Herzliche Teilnahme  Zu dem überaus schweren Verluste, der Sie alle traf. Nun wird der gute treusorgende Vater vom Himmel aus auf seine Gattin und Kindlein schauen, sie behüten und Gott stets bitten, dass Er seine Lieben segnen, beschützen und ihnen ihr schweres Leid in Gottergebenheit tragen helfen möge. Ich werde es nicht unterlassen, für meinen lieben Schulkameraden und dem Vater des mir anvertrauten Kindes zu beten, dass Gott ihm die ewige Ruhe schenken möge.
Empfangen Sie nochmals meine und meiner Familie innigste Teilnahme.
Heinrich Krauss, Gasstr. 26
Lingen, den 27.1.1934

Aber daß es kaum drei Monate später noch schlimmer kommen sollte (Mutters Unfall), daran hatte wohl niemand gedacht. So wären wir Kinder schon fast Vollwaisen geworden, aber ein gütiger Gott hat uns davor bewahrt.

Religion im Elternhaus
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13.3.  Mein Vater – Religion im Elternhaus.
Meine Eltern waren sehr fromm. Vater und Mutter stammten aus sehr religiösen Familien. Der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes war für sie eine Selbstverständlichkeit.

Vor  und nach dem Essen  (Frühstück, Mittag- und Abendessen) wurde gebetet.

Zu Beginn beteten wir:
Aller Augen warten auf dich, o Herr,
du gibst ihnen die Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine milde Hand auf  und erfüllest alles,
was  da lebt, mit Segen.

Nach dem Essen dankten wir:
Dir sei, o Gott, für Speis und Trank,
für alles Gute Lob und Dank.
Du gabst, du wirst  auch künftig geben.
Dich preise unser ganzes Leben. Amen.

Morgens nach dem Aufstehen war unser erster Gedanke an Gott, und Abends vor dem Einschlafen betete Mutter mit uns mehrere kurze Gebete. Eines davon war dieses:

Abends, wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel um mich stehn:
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füßen,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zweie, die mich decken,
Zweie, die mich wecken,
Zweie, die mich weisen,
Zu Himmels Paradeisen. 
Politik im Elternhaus
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13.4.  Mein Vater – Politik im Elternhaus.
In meinem Elternhaus wurde wenig über Politik gesprochen, einmal wegen des frühen  Todes meines Vaters (Januar 1934) und weil Mutter mit der Hausarbeit für drei Kinder und für ihre alte Schwiegermutter keine Zeit für unnütze Gespräche hatte. Nur wenn wir Besuch von meiner Tante (Lehrerin) und meines Patenonkels Anton Lage (Friedhofsgärtner am Gasthausdamm) hatten, hörte ich aus ihren Gesprächen, dass sie keine Freunde der „Braunen“ waren. Besonders erinnere ich mich an ihre lebhaften Diskussionen bei der Entfernung der Kreuze in den Schulen und bei der Beseitigung „unwerten Lebens unnützer Esser“. Hier hatten wir in unserer Nachbarschaft den Fall eines geistig behinderten Jungen, der den Eltern weggenommen worden war. Nach einiger Zeit erhielten diese dann die Nachricht, dass er verstorben sei und man seine Urne gegen Zahlung einer Gebühr anfordern könne.
Besonders meiner Tante verdanke ich es, dass sie Mutter stark beeinflusste, keine
Zustimmung zu meiner Auswahl für die NAPOLA zu geben.
Ich bin mir nicht sicher über das Wahlverhalten meiner Eltern. Bei meinem Vater vermute ich, dass er die Sozialdemokraten wählte. In seinen Unterlagen fand ich ein
Abzeichen mit 3 Pfeilen (das Symbol der drei Pfeile stand für die Eiserne Front in der Weimarer Republik um 1930). Bei meiner Mutter glaube ich, dass sie den Wahlempfehlungen des Pfarrers folgte und demnach Zentrum wählte.
Unsere finanzielle Situation nach Vaters Tod
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14.  Unsere finanzielle Situation nach Vaters Tod
Zum Schluß muß ich doch etwas über die finanziellen Verhältnisse in unserer Familie sagen, nachdem Vater gestorben war:
Der Jahresverdienst von Vater betrug im Jahr 1932 = 2.126,00 RM
Nach Vaters Tod bekam Mutter
1. Hinterbliebenenrente monatlich 31,95 RM
2. Waisenrente 52,50 RM
Somit standen Mutter monatlich insgesamt nur 84,45 RM zur Verfügung. Auf den Tag  umgerechnet waren das pro Person (für Mutter, ihre Schwiegermutter und für uns drei Kinder) nur 56 Pfenninig. Damit konnte sie wahrlich keine großen Sprünge machen. Da kann sich jeder ausmalen, daß sie mit jedem Pfennig rechnen mußte und uns Kindern davon nicht auch noch Taschengeld geben konnte.


(1) Das einzige Familienbild mit meinem Vater, das ich auftreiben konnte.
Das einzige Familienbild mit meinem Vater, das ich auftreiben konnte.

 

 

Das waren Mama und Papa mit ihren drei Buben Hans, Hermann und Karl im Jahr 1932. Eine glückliche Familie, Vater aber schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet.



(2) Mutter und wir drei Jungen 1940
Mutter und wir drei Jungen 1940

Ich muß es meiner Mutter hoch anrechnen, daß sie es auf sich genommen hat, mit uns ohne männliche Autorität allein fertig zu werden. Es wird ihr wohl manchmal nicht leicht gefallen sein, aber in meiner Erinnerung bin ich mir nicht bewußt, unserer Mutter unnötigen Ärger oder große Sorgen bereitet zu haben. Sie hat dagegen später mal geäußert, daß sie sich freue, daß auch ohne Vater aus uns Kindern etwas Rechtes geworden und wir nicht auf die schiefe Bahn geraten seien. Und ich bin sehr froh, eine so liebe und gute Mutter gehabt zu haben!
Taschengeld
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14.1.  Unsere finanzielle Situation nach Vaters Tod – Taschengeld.
Taschengeld? Das war für mich ein Fremdwort. In Anbetracht der schwierigen finanziellen Verhältnisse meiner Mutter war es ihr nicht möglich, uns Geld zu unserem Vergnügen zu geben. Nur für bestimmte Zwecke (z.B. für die Schülerzeitschrift "Hilf mit") gab sie uns die erforderlichen Beträge. Oder wenn der Eismann Thies auf der Schwedenschanze erschien, erbettelten wir 10 Pfennig für eine Kugel Eis auf einem Hörnchen.
Bei besonderen Wünschen war meine Sparsamkeit gefragt. Als ich mir das Radfahren mit dem Fahrrad meines Vaters beigebracht hatte,  wünschte ich mir ein modernes Rad mit Freilauf.
Das Üben mit Vaters Rad sah so aus:
Es  war ein Herrenrad und ich konnte wegen meiner Grösse nicht über die Stange steigen.  Ich musste dann mit dem einen Bein unterhalb dieser Stange hindurch meinen Fuss auf die Pedale setzen. Es war schon akrobatisch, wie ich dann damit  fuhr, denn es hatte keinen Freilauf. Daher waren dann auch Stürze unausbleiblich.

Meinen Wunsch konnte ich mir bald erfüllen: Ich hatte jeden Groschen gespart (durch kleine Arbeiten verdient) und die erforderlichen 50,00 Reichsmark beisammen. So sieht man mich auf dem nächsten Foto als stolzen Besitzer des neuen Fahrrades.


(1) Dies ist mein neues Fahrrad, das ich mir mühsam erspart habe
Dies ist mein neues Fahrrad, das ich mir mühsam erspart habe

 

 

 

Geschwister meines Vaters
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15.  Geschwister meines Vaters
Mein Großvater hat  zweimal geheiratet. Der ersten Ehe mit Maria Adelheid
Sutthoff entsprangen vier  Kinder:
1. Brinck, Karl Joseph Hermann * 03.05.1871 in Lingen,  gest. 26.05.1871 in Lingen
2. Brinck, Bernhard Hermann * 07.08.1872 in Lingen,
3. Brinck, Carl Bernhard * 26.10.1877 in Lingen, gest. 03.11.1880 in Lingen
4. Brinck, Hermann Heinrich * 18.06.1882 in Lingen, 06.08.1917 Feldlazarett 55 (Frankreich)

Die erste Frau meines Großvaters (M. A. Sutthoff) ist bei der Geburt des 4.Kindes im Wochenbett verstorben. Er hat dann am 04.09.1883 meine Großmutter, die um  15 Jahre jüngere, am 12.10.1853 geborene Maria Gesina Schmitz geheiratet.
Deren Kinder sind :
5. Brinck, Johannes Carl * 11.09.1884 in Lingen, gest. 25.01.1934 in Lingen (mein Vater)
6. Brinck, Bernhard Heinrich * 14.01.1886 in Lingen, gest. 04.11.1970 in Wietmarschen
1. Heinrich Brink
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15.1.  Geschwister meines Vaters – 1. Heinrich Brink.

1. Heinrich Brink

Den Halbbruder meines Vaters habe ich nicht kennengelernt. Er war verheiratet mit Maria Bruns, die im alten Teil unseres Doppelhauses (Schwedenschanze 36) wohnte. Sie hatten einen Sohn, meinen Vetter Hermann, der das Schuhmacherhandwerk erlernte. Er hat sich früh selbstständig gemacht und in seinem Elternhaus eine Reparaturwerkstatt eingerichtet. Diese Tätigkeit hat er jedoch aufgegeben, nachdem er 1936 als Soldat eingezogen wurde, erst nach Ende des 2. Weltkrieges zurückkehrte und aus den schlechten Erfahrungen seiner damaligen Selbstständigkeit (Kunden zahlten nicht und er hatte hohe und uneinbringliche Außenstände) eine Arbeit beim Fernmeldeamt Osnabrück (Baubezirk Lingen) aufnahm.

Heinrich Brink ist im 1. Weltkrieg schwer verwundet worden. An den Folgen der Verwundung ist er am 06.08.1917 verstorben.
Es war mir bis heute (2019) nicht bekannt, wo seine letzte Ruhestätte war. Sein Enkel Helmut Brink schrieb mir auf meine Anfrage: „Mein Vater hat während des 2. Weltkrieges versucht, das Grab zu finden. Das war wohl nicht möglich und nach dem Krieg hat er es nicht mehr versucht.“
Dieses „Nichtwissen“ hat mir keine Ruhe gelassen. Ich habe dann einen Suchauftrag beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. gestellt. Von dort erhielt ich folgende Auskunft:
Name:          Heinrich Brink
Geboren:      18.06.1882
Dienstgrad:   Wehrmann
Truppenteil:  3./R.I.R.229
Todestag:      06.08.1917
Erstbestattet: Iseghem I, Efdh., Gr. 332
Umgebettet:  Mitte der 50er Jahre durch den Volksbund
                     Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf den
                     deutschen Soldatenfriedhof 1914/18
                     Menen/Belgien Block L Grab 3224
2. Bernard Brink
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15.2.  Geschwister meines Vaters – 2. Bernard Brink.


(1) Bernard Brink als Soldat (1914)
Bernard Brink als Soldat (1914)

 

 




(2) Bernard Brink und seine Frau Anna. Das Gesicht von Bernard ist durch eine schwere Verwundung im 1. Weltkrieg gezeichnet
Bernard Brink und seine Frau Anna. Das Gesicht von Bernard ist durch eine schwere Verwundung im 1. Weltkrieg gezeichnet

 

Der einzige „echte” Bruder meines Vaters war mein Onkel Bernard, der einen Bauernhof in Lohnerbruch bei Wietmarschen bewirtschaftete. Seine Frau Anna hat ihm 10 Kinder geboren. Sie wohnten also etwa 15 Kilometer von Lingen entfernt und wir hatten demzufolge nur wenig Kontakte miteinander. Zweimal im Jahr besuchten uns Onkel Bernard und sein Sohn Bernard an der Schwedenschanze.  Sie hatten den weiten Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt und brachten uns einige landwirtschaftliche Erzeugnisse mit. Erst viel später habe ich erfahren, daß dies nicht Gastgeschenke, sondern die Zinsen in Naturalien für ihnen von meinem Vater geliehenes Geld sein sollten.
Gegenbesuche haben wir nicht machen können, weil nach dort keine öffentlichen Verkehrsmittel fuhren. Nur wenn ich als Meßdiener an der Wallfahrt nach Wietmarschen teilnahm, machte ich bei ihnen Rast. Ich wurde freundlich aufgenommen und gut bewirtet. Weil ich aber nicht gewohnt war, so reichlich und fett zu essen, bekam ich Magenbeschwerden und war dann am nächsten Tag krank.
Onkel Bernard hatte am 1. Weltkrieg teilgenommen und einen Wangendurchschuß erlitten. Durch diese Verletzung war seine linke Gesichtshälfte ohne Empfindungen und auch etwas entstellt. Es machte ihn aber eher interessant, so wie es Akademiker mit Paukverletzungen im Gesicht sind.
Viel kann ich nicht über ihn berichten. Im Alter stellten sich bei ihm Anzeichen der Alzheimerkrankheit ein. Er starb durch einen Unfall: man fand ihn eines Morgens tot in dem am Gehöft vorbeiführenden Bach. Er war nachts aufgestanden, hatte in der Dunkelheit die Orientierung verloren und war dabei in den Bach gestürzt und ertrunken.
Seine Frau, meine Tante Anna, war mir sehr zugetan. Bis in ihr hohes Alter freute sie sich riesig, wenn ich sie besuchte. Leider war es mir in all den Jahren nur selten möglich, von Osnabrück aus über Lingen nach dort zu fahren. Sie hat mir aber noch wertvolle Informationen für meine Familienforschung gegeben, so auch ein Foto, auf dem meine Großeltern mit ihren Söhnen Heinrich, Bernard und Johannes zu sehen sind. Dieses Bild ist für mich eine Kostbarkeit, weil ich bis dahin nicht wußte, wie mein Großvater ausgesehen hat (von ihm existiert kein weiteres Foto). Es zeigt meinen Vater als Jüngling von etwa 12 Jahren, wie er mir bis dahin auch nicht bekannt war.
Tante Anna wollte unbedingt 100 Jahre alt werden. Fast ist ihr dieses Vorhaben auch gelungen, denn erst im 99. Lebensjahr hat sie dieser Welt ade gesagt. Schade, ich hätte gerne an der großen Feier ihres 100. Geburtstages teilgenommen.
Einige Lebensweisheiten und Gedanken als Leitbilder
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15.2.  Geschwister meines Vaters – 2. Bernard Brink.

Einige Lebensweisheiten und Gedanken als Leitbilder
Und hier noch einige Gedanken, die für mich ein Leitbild während meines ganzen Leben waren:

"Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl ergehet und du lange lebest auf Erden !" Das vierte Gebot.

„Wenn Du noch einen Vater (Mutter) hast, so danke Gott und sei zufrieden“   F.W. Kaulisch (1851)

Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. J.W. von Goethe im „Faust“

Was andere Menschen zum Thema „Vater und Mutter ehren“ geschrieben haben:

"Vater und Mutter zu ehren heißt, ja zu sagen zu den Eltern und sie so anzunehmen, wie sie wirklich gewesen sind. Das schließt mit ein, auch belastende Erfahrungen aufzunehmen und zu verarbeiten. Ebenso bedeutet es, uns darüber klarzuwerden, was wir ihnen zu verdanken haben. Wir müssen sie deshalb nicht verklären. Nur wenn wir unsere Eltern bejahen, können wir uns selbst bejahen. Nur so kann unser Leben gelingen."
LANDESBISCHOF HERMANN VON LOEWENICH

"Mein fünfjähriger Neffe sagt zum vierten Gebot: "Mama, ich geb dir einfach einen Kuß." Mir als Erwachsener fällt es nicht so leicht zu antworten. Längst leben meine Eltern und ich nicht mehr unter einem Dach, und der Abstand ist auch gut. Mein Elternhaus ist nach wie vor der zentrale Mittelpunkt unserer Familie. Ich fahre gern hin, aber ich gehe auch gern wieder. Und doch verstehe ich sie auch immer besser, je älter ich werde. Meine Sorge um meine Eltern wird größer, wenn ich daran denke, daß die hilfsbedürftiger werden. Ich merke, daß das Geben und Nehmen allmählich kippt."
FRIEDERIKE WÄHNER; HAUSWIRTSCHAFTSLEITERIN

"Das erste, was mir zum vierten Gebot einfällt, ist der Zwang, der damit einhergeht. Für mich ist "ehren" freiwillig. Und ich kann einen Menschen - nicht nur meine Eltern - nur dann ehren, wenn dieser mich ebenfalls wertschätzt. Eltern erwarten oft, daß man so lebt, wie sie wollen. Doch ehren heißt für mich nicht, jemandem blindlings zu folgen und alles an ihm zu loben, sondern den Menschen anzuerkennen und sich mit ihm kritisch auseinanderzusetzen. In meinem Selbstverständnis ist das vierte Gebot eher eine Art Anleitung, wie alle Menschen miteinander umgehen sollten."
Wie erlebtest du die Beerdigungen? Besuchst und pflegst du das Grab?
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15.2.  Geschwister meines Vaters – 2. Bernard Brink.

Wie erlebtest du die Beerdigungen? Besuchst und pflegst du das Grab?
Die Beerdigung meines Vaters erlebte ich als 9-jähriges Kind. Nach seinem Tod war er im Sterbezimmer aufgebahrt. Der Trauerzug setzte sich von unserem Haus an der Schwedenschanze aus in Bewegung. Der Sarg befand sich  auf dem mit Pferden bespannten Leichenwagen.  Dahinter gingen wir Angehörigen und danach die vielen Nachbarn. Die Männer trugen als Kopfbedeckung Zylinder. Der lange Weg durch die Stadt zum Friedhof wurde in der Stadtmitte unterbrochen, als der katholische Pfarrer zu uns stiess und den Leichenzug anführte.



(1) Mit solch einem Leichenwagen wurde der Sarg meines Vaters zum Friedhof gebracht
Mit solch einem Leichenwagen wurde der Sarg meines Vaters zum Friedhof gebracht

 

 

Die "arische Abstammung"
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16.  Die "arische Abstammung"
Am Beginn meiner Familienforschung stand der Zwang zur Ahnenforschung.
Jeder, der während der Nazi-Aera in Deutschland (1933 - 1945) ein Amt
bekleiden oder einen Beruf ausüben wollte, mußte den Nachweis des „deutschen
oder artverwandten Blutes” beibringen, d.h. er mußte arischer Abstammung und
Reichsbürger sein. Die Nürnberger Gesetze waren auf die rassische Zugehörigkeit
der Eltern und Großeltern abgestellt. Nach dem Reichsbügergesetz („Jude ist, wer
von mindestens drei der Rasse nach jüdischen Großeltern abstammt”) konnte ein
Jude kein Reichsbürger sein.
Weil ich nach beendetem Schulbesuch eine Berufsausbildung bei einer
Reichsbehörde (Deutsche Reichspost, Telegraphenbauamt Oldenburg) anstrebte,
war ich somit verpflichtet, beim Antritt meiner Lehre dem Lehrherrn einen
Ahnenpaß vorzulegen, aus dem meine „Reinrassigkeit” hervorging.
Es war also der von den Nazis geforderte Nachweis der arischen Abstammung
und der dafür anzulegende Ahnenpaß Grundlage und Beginn meiner
Familienforschung. Sie beschränkte sich vorerst aber nur auf die Beschaffung der
Urkunden bis zu meinen Großeltern. Das war für mich nicht schwierig, da meines
Wissens alle meine Vorfahren aus der näheren Umgebung meines Geburtsortes
Lingen stammten und demzufolge auch über deren Geburt, Heirat und Tod etwas
in den hiesigen Kirchenbüchern verzeichnet sein mußte.
Ich war Meßdiener in der Sankt-Bonifatius-Kirche in Lingen und deshalb bat
ich unseren Betreuer, Adjunkt Spaunhorst, um seine Hilfe. Dazu war er gern bereit
und so erhielt ich kurze Zeit später die nach den dortigen Unterlagen ausgestellten
Urkunden. Sie betrafen meine Vorfahren mütterlicherseits, die, wie ich daraus
ersehen konnte, aus der Gegend Darme/Schepsdorf und Holthausen/Biene
stammten. Weitere Urkunden besorgte ich dann bei den Pfarrämtern in Schepsdorf
und Wietmarschen. Dorthin unternahm ich mit meinem Fahrrad einen
Tagesausflug, und von den Pastören wurde ich sehr freundlich aufgenommen. Sie
haben mir meine Wünsche sofort erfüllt. Der Pastor Rosemann in Wietmarschen
stellte mir die Geburtsurkunde meines Großvaters Carl Johannes Brink aus, und
ich bat ihn noch besonders zu vermerken, wie die genaue Schreibweise des
Familiennamens sei (Brink oder Brinck).
Damit war der von mir zu erbringende Nachweis vollständig und ich somit
bewiesenermaßen ein „reinrassiger Arier”. Weitere Nachforschungen waren
vorerst nicht erforderlich, sie unterblieben daher und wurden auf spätere Zeiten verschoben
Spurensuche
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16.1.  Die "arische Abstammung" – Spurensuche.
Suchet, so werdet ihr finden!
(Wort aus der Bergpredigt)

Dieses Bibelwort habe ich an den Beginn meiner Familienforschung gestellt. Es
sollte für mich ein Ansporn sein, trotz der mir fehlenden Unterlagen nach meinen
Vorfahren und der von ihnen hinterlassenen Spuren ihrer Erdenzeit zu suchen. Die
sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen wurde damit von mir
gestartet. Dabei galt es zuerst einmal den Heuhaufen zu finden. Danach konnte ich
dann die intensiven Nachforschungen beginnen und die Suche nach der „Nadel“
aufnehmen.
Meine Familienforschung
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Seite 79 wird geladen
16.2.  Die "arische Abstammung" – Meine Familienforschung.
Kein Toter ist tot, solange es einen Menschen
gibt, der an ihn denkt, der ihn liebt.

Wißbegier gab den erneuten Anstoß

Die im vorhergehenden Abschnitt angesprochenen „späteren Zeiten” sind dann
nach meiner Pensionierung eingetreten und ich habe, weil ich jetzt genügend Zeit
hatte und für mich eine interessante Beschäftigungsmöglichkeit suchte, mich
ernsthaft mit der weiteren Erforschung unserer Familiengeschichte und der
richtigen Schreibweise unseres Familiennamens befaßt.

Meine Fahrt führte mich dann erneut nach Wietmarschen. Dort fand ich im
Büro des Pfarramtes eine nette, meinen Wünschen gegenüber sehr aufgeschlossene
junge Dame (Frau Lühn). Sie versprach mir alle dort vorhandenen Urkunden
meiner Vorfahren zu fotokopieren und sie mir zu schicken. Das hat sie dann auch
nach einer für mich langen Wartezeit getan; das Warten hat sich aber gelohnt. Das
Ergebnis war für mich einfach überwältigend, weil ich mit so einer Ausbeute nicht
gerechnet hatte. Die gesamten Ahnen meiner Großmutter väterlicherseits hatte sie
erforscht (eine immense und zeitaufwendige Arbeit!). Damit bin ich im Besitz der
zweiten großen Ahnenreihe, neben Möddel nun auch derer von „Schmits”. Somit
fehlten mir nur noch die Reihen meiner Großväter Brinck und Lage (Tepe). Mit
dem bisherigen Forschungsergebnis bin ich sehr zufrieden, und ich bin voller
Hoffnung auf ein gutes Endergebnis.
Bei den Fotokopien aus Wietmarschen befand sich auch die Heiratsurkunde
meines Urgroßvaters Brinck. Darauf fand sich der Vermerk, daß er aus Lohne
stamme. Bei meiner Anfrage im Lohner Pfarrhaus sagte man mir, daß bis Mitte
1850 das Dorf Lohne zur Pfarrei Schepsdorf gehört habe und ich dort die von mir
gewünschten Unterlagen einsehen bzw. bekommen könne.

Nun sitze ich wieder an meinem Schreibtisch (Mai 1992) und sortiere die vielen
Unterlagen, die ich von meinem Besuch in Deutschland mitgebracht habe. Vom
30.03. bis 09.04.92 habe ich dort aktive Ahnenforschung betrieben. Dabei bin ich
auf weitere Quellen gestoßen und habe neue Erkenntnisse gewonnen. Was mich
besonders freut: Nun weiß ich endlich aufgrund eines Fotos, wie meine Großeltern
Georg Lage und Agnes, geb.Möddel, ausgesehen haben. Bisher hatte ich
annehmen müssen, daß von ihnen keine Fotografie existiert. Den ursprünglichen
Grund meiner Ahnenforschung hatte ich ja schon beschrieben, nämlich den für die
Nazis zu erbringenden Arier-Nachweis. Dazu habe ich nun noch ein Zeitdokument
entdeckt, und zwar einen „Fragebogen“ und einen „Personalfragebogen”; diese
beiden Formblätter mußten sowohl mein Bruder Karl (bei der Reichsbahn) als
auch ich (bei der Reichspost) bei unseren Arbeitgebern ausgefüllt abgeben und
dazu folgende Erklärung unterschreiben”:
“Ich versichere, daß ich die vorstehenden Angaben nach bestem Wissen und
Gewissen gemacht habe und daß mir trotz sorgfältiger Prüfung keine Umstände
bekannt sind, welche die Annahme rechtfertigen könnten, daß ich von jüdischen
Eltern oder Großeltern abstamme. Ich weiß, daß ich bei wissentlich falschen
Angaben die fristlose Entlassung, die Erklärung der Nichtigkeit der Ernennung
oder ein Dienststrafverfahren mit dem Ziele der Entfernung aus dem Dienst zu
gewärtigen habe.”
Was war das doch für eine unmenschliche Zeit!
Erfolgreiche Suche
Seite 80
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16.3.  Die "arische Abstammung" – Erfolgreiche Suche.
Meine Bemühungen um die Erweiterung der Ahnenreihen Brinck und Lage
waren jetzt auch von Erfolg gekrönt. In Schepsdorf durfte ich im Pfarrbüro nicht
allein in den alten Kirchenbüchern forschen. Es war erforderlich, die Hilfe des
Herrn W. Tenfelde in Anspruch zu nehmen, der mir ja schon bei der Ahnenreihe
Möddel/Boockschulte geholfen hatte. Gemeinsam fanden wir dann hier die Spur
meines Urgroßvaters, des Stiftsvogtes Bernard Brink aus Lohne. Auf meinem
Wunsch hin wird Herr Tenfelde die Forschung fortsetzen. Damit soll dann wohl
mein Wissensdurst in Bezug auf die Herkunft der Brinck´s und auf die (richtige)
Schreibweise ihres Namens gestillt sein.
Durch den Pastor in Bawinkel hatte ich ja den Hinweis bekommen, im
Diözesan-Archiv in Osnabrück weitere Forschungen anstellen zu können. Dem Tip
bin ich gefolgt und habe dort an drei Tagen in den vorhandenen „Fichen” (auf Film
aufgenommene Seiten der Kirchenbücher) gestöbert. Mich interessierte ja noch die
Linie meines Großvaters Georg Lage aus Bawinkel. Hier hatte ich dann auch ein
Erfolgserlebnis. Es hat dafür aber sehr viel Zeit und Geduld gebraucht, bis ich die
Spuren gefunden habe. Die Schrift der Kirchenbücher war manchmal kaum zu
lesen und auch die Schreibweise der Familiennamen war oft recht unterschiedlich.
Nachdem ich mich einigermaßen eingelesen hatte, habe ich eine grobe Linie
aufzeichnen können, die ich später noch weiter vervollständigen möchte.
Diese Möglichkeit, ungestört mittels Bildschirm in alten Kirchenbüchern zu
forschen, finde ich ganz toll. Hier hatte ich das Gefühl, mit den schon
lange verstorbenen Menschen Kontakt zu bekommen, ja, daß sie durch meine
Nachforschungen wieder zum Leben erweckt wurden. Namen von Personen, die
mir bisher nicht bekannt waren, tauchten auf und waren plötzlich für mich ein Teil
meiner Herkunft. Ein ganz besonderes Gefühl der Zuneigung zu den mir bis dahin
nicht nur dem Namen nach völlig unbekannten Menschen hat mich dabei erfüllt,
denn ihr schon längst vergangenes Leben hat es doch erst ermöglicht, daß ich
heute auf der Welt bin und lebe. Deshalb bin ich froh, daß ich auf diese Weise doch
einiges erfahren konnte, was mich schon immer bewegt und interessiert hatte: Wer
waren meine Vorfahren, woher stammten sie, was für Berufe hatten sie und wie
haben sie gelebt?
Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie
Seite 81
Seite 81 wird geladen
17.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie



(1) Das Geburtshaus meines Urgrossvaters Bernhard Heinrich Brinck in Lohne bei Lingen. Das ist also die Heimat der Brinck-Familie.
Das Geburtshaus meines Urgrossvaters Bernhard Heinrich Brinck in Lohne bei Lingen. Das ist also die Heimat der Brinck-Familie.

 

 

 

Brink oder Brinck? Die richtige Schreibweise
Seite 82
Seite 82 wird geladen
17.1.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Brink oder Brinck? Die richtige Schreibweise.
Zum damaligen Zeitpunkt (1939) erlosch mein Interesse, noch weiter in der
Vergangenheit zu forschen. Ein Punkt ließ mir aber trotzdem keine Ruhe. Mir war
nicht klar, warum mein Familienname „Brinck” von meinen Eltern verschieden
geschrieben wurde, einmal mit „ck”, ein anderes Mal nur mit „k”. Meine Eltern
waren sich auch nicht klar darüber, wieso und warum sie „amtlich “ Brinck
schreiben mußten, aber im normalen Schriftverkehr nur „Brink“ schrieben.
Deshalb habe ich den Pfarrer in Wietmarschen gebeten, auf der Urkunde besonders
zu vermerken, wie der Name Brink in dem Kirchenbuch vermerkt worden sei
(ohne „c” !). So stand es für mich fest, daß sich später ein Urkundsbeamter in der
Schreibweise unseres Familiennamens geirrt haben mußte. Wer, wann und wo , das
überließ ich vorerst späteren Zeiten.
Wenn nun jemand die in der Ahnenreihe „Brinck” vorhandenen Urkunden
genauer unter die Lupe nimmt, wird er feststellen, daß dieser Name manchmal mit,
ein anderes Mal ohne den Buchstaben „c” beurkundet worden ist.
Auf meiner Geburtsurkunde und auf der meines Vaters ist der Familienname
„Brinck” in dieser Schreibweise, bei meinem Großvater ohne „c” und bei meinem
Urgroßvater wiederum mit „c“ vermerkt worden.
Meine Eltern haben - entgegen der urkundlich richtigen Schreibweise - beim
gewöhnlichen Schriftverkehr immer den Familiennamen ohne „c” geschrieben,
was ich dann als Kind auch so von ihnen übernommen habe.
Später, als ich die ersten Bewerbungen um eine Lehrstelle schrieb, machte mich
meine Mutter darauf aufmerksam, daß ich bei Unterschriften auf amtlichen
Dokumenten unseren Namen mit „ck” schreiben müsse. Auf meine verwunderte
Frage, warum das so sei, antwortete sie mir, das habe ihr mein Vater auf dem
Standesamt gesagt. Dort habe sie dann das erste Mal mit ihrem neuen Namen
„Brinck” eine Urkunde - die Heiratsurkunde - unterschreiben müssen. Bis dahin
war also meiner Mutter auch nicht bekannt gewesen, daß es eine „amtliche” und
eine „gewöhnliche” Schreibweise unseres Namens gab. Die Frage nach der
Ursache und dem Grund der verschiedenen Schreibweisen ist aber von ihr nie
gestellt worden, und so kam es, daß man weiterhin “Brinck” ohne den Buchstaben
„c” schrieb.
Mir hat es aber keine Ruhe gelassen, warum wir unseren Namen einmal so und
ein anderes Mal so schreiben sollten. Mir war es auch zu umständlich, vor jeder
Unterschrift erst überlegen zu müssen, welche Schreibweise nun wohl anzuwenden sei.
Daher habe ich mich damals entschlossen, nur noch die amtlich richtige Form zu verwenden.
Meine Mutter habe ich auch davon überzeugen können, daß es für sie so einfacher sei. Es ist ihr zuerst doch nicht leicht gefallen, und sie hat eine ganze Weile gebraucht, sich an unseren „neuen” Namen zu gewöhnen. Meine Brüder Karl und Hermann haben eine andere Schreibweise als „Brinck” gar nicht erst kennengelernt. Die Verwandten mit unserem Familiennamen verwenden dagegen immer noch die (falsche) Schreibweise „Brink”.
Familienwappen Brinck
Seite 83
Seite 83 wird geladen
17.2.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Familienwappen Brinck.

Bedeutung des Namen Brin(c)k,  Brinkmann

Brink (westfälisch, niederrheinisch) bezeichnet einen
Wohnstättennamen – „am Brink wohnend“ (Brink = erhöhter
Grasanger in feuchter Umgebung, grasbewachsener Hügel außerhalb der
Getreideflur)



(1) Dieses Ölgemälde entdeckte ich bei Ebay
Dieses Ögemälde entdeckte ich bei Ebay

 Beim Stöbern im Internet entdeckte ich bei Ebay ein Ölgemälde vom Kunstmaler Stiller, der es den Titel "Haus im Emsland" gegeben hatte. Es enthielt alle mit dem Namen "Brinck" verbundenen Eigenschaften: eine Wohnstätte auf einem erhöhten Grasanger in feuchter Umgebung. Es hat mich interessiert und ich habe es ersteigert. Jetzt hängt es bei uns im Flur beim Eingang in unsere Wohnung



(2) Unser neues Familienwappen (Entwurf Hans Brinck, 1995)
Unser neues Familienwappen (Entwurf Hans Brinck, 1995)

 

Ein Familienwappen hat es meines Wissens bisher bei den Brincks nicht gegeben. Ich habe nun aufgrund des Ursprungs unseres Namens ein Wappen gefertigt, das die mit dem Namen verbundenen Kriterien berücksichtigt:
1. die bäuerliche Herkunft = das Niedersächsische Bauernhaus (Fachwerk mit
den Pferdeköpfen im Giebel),
2. unterhalb des Hauses ist der „erhöhte Grasanger“ angedeutet und
3. wird darunter mit den Wellen auf die „feuchte Umgebung“ hingewiesen.
Gleichzeitig sollen diese Wellen auch ein Hinweis darauf sein, daß meine Ahnen - sowohl väter- als auch mütterlicherseits - aus dem Emsland stammen.

                  


(3) Und hier die modernere Ausführung (Gestaltung: Henriette Lipinski)
Und hier die modernere Ausführung (Gestaltung: Henriette Lipinski)

 

Die Frage nach der Bedeutung der nach innen oder außen gewendeten Pferdeköpfe wird sehr häufig gestellt.

Neben der Erklärung, die einen sollten vornehmlich Unheil abwenden, die anderen das Glück herein winken, findet man noch die Deutung, es würde mit der Stellung der Köpfe darauf hingewiesen, ob die Bauern verheiratet oder unverheiratet seien.
Weitere Überlieferungen sprechen von freien und unfreien Bauern (unabhängig von der Heirat) oder von der Möglichkeit, ob Reisende  auf dem jeweiligen Hof ihre Pferde wechseln konnten oder nicht.
Schließlich heißt es, die Giebelzier diene auch dazu, Besitz- und Standesunterschiede auf dem Dorf deutlich zu machen.
Eine weitere Deutung: Pferdeköpfe sollen den Hof (als größtes Tier) beschützen. Die Richtung der Köpfe soll dabei anzeigen, ob der Bauer auf dem Hof nun der Sohn oder der eingeheiratete Schwiegersohn ist.
Besitzverhältnisse Schwedenschanze 36 / 36a
Seite 84
Seite 84 wird geladen
17.3.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Besitzverhältnisse Schwedenschanze 36 / 36a.
Das Rätsel um die Besitzverhältnisse der Grundstücke und der
Häuser Schwedenschanze 36/36 a in Lingen (Ems)

Bisher hatte ich immer angenommen, daß mein Großvater Carl Johann Brink
das vor den Toren der Stadt Lingen gelegene Grundstück (alte
Grundbuchbezeichnung: Am neuen Wall belegen) zu einem mir nicht bekannten
Zeitpunkt gekauft und mit einem Haus bebaut habe. Der ältere Teil des
Doppelhauses (es erhielt später die Bezeichnung Schwedenschanze 36 ) trug an
der Giebelseite die geschmiedeten Initialen:
H  L
A  B
und darunter noch die Jahreszahl
1 8 4 7
Schon als Kind habe ich mich gefragt, wer sich wohl hinter diesen
Namenskürzeln verbergen könne. Es irritierte mich, daß ja hinter den Buchstaben
H L (also der männliche Teil des mir unbekannten Ehepaares und der Erbauer
dieses Hauses) kein „Brinck“ stecken konnte.
Für mich war und ist es eine ungelöste Frage geblieben, bis ich aber auf diese
Frage doch eine Antwort bekommen habe. Durch meine Familienforschung konnte
ich das Rätsel lösen, und das kam so:
Bei meinem Aufenthalt in Lingen Anfang 1992 besuchte ich das dortige
Grundbuchamt, um die Löschung eines Gestattungsvertrages für das mir
gehörende Restgrundsück Flur 7 Flurstück 170/15 zu beantragen. Bei dieser
Gelegenheit äußerte ich dem zuständigen Beamten meine Bitte, ob er mir nicht
von den Eintragungen in den alten Grundbüchern die mich interessierenden Seiten
fotokopieren könne. Er bejahte dies, und einige Tage später erhielt ich die
gewünschten Unterlagen zugeschickt. Meine Freude darüber war sehr groß, war
ich doch dadurch nicht mehr auf Vermutungen über die früheren Besitzverhältnisse
unseres Grundstücks angewiesen. Warum bin ich nicht schon eher auf diese Idee
gekommen ?!
Nunmehr kann ich die Eigentumsverhältnisse dieses Grundstücks von 1844 an
nachweisen, und bei mir ist dadurch eine große Wissenslücke geschlossen worden!
Hier nun lasse ich die wichtigsten Eintragungen aus dem Grundbuch der Stadtflur
Lingen, Band 22, Blatt Nr. 444 folgen (mit „.........“ versehen) und ergänze sie mit
einigen Erläuterungen.
„Name des Eigentümers: Eheleute Taglöhner Hermann Leusink und Anna
Ahlheid geborene Brink. Zeit und Grund des Erwerbs: Ersterer hat das
Grundstück aus dem Nachlasse des weiland Kaufmanns Stöppel laut notariellen
Contracts vom 04.Oktober 1844 für Sechshundertfünfundsiebenzig Gulden
angekauft und das Wohnhaus selbst erbaut. Er lebt in der Ehe mit Anna Ahlheid
geb. Brink und ist mit dieser bei den in den Jahren 1847/48 wegen Regulierung des
Hypothekenwesens stattgefundenen Verhandlungen als Eigentümer ermittelt. Der
H. Leusink hat den im Hypothekenbuch mitregistrierten Kamp von den
Vorbesitzern, Eheleuten Conditor Bernhard Smits und Wilhelmine, geb. Schmidt
für Achhundertfünfundzwanzig Gulden angekauft, das Kaufgeld bezahlt und das
Grundstück in Eigentum übertragen erhalten.......“
Aus dieser Eintragung im Grundbuch konnte ich also die ersten Eigentümer
ermitteln, aber mir war damit noch nicht klar, was die späteren Besitzverhältnisse
betraf. Auch hatte ich bei meiner Familienforschung noch keine Vorfahren mit dem
Namen „Leusink“ gefunden, und eine Anna Ahlheid Brink war bisher auch nicht in
meiner Ahnenreihe aufgetaucht.
Es ergaben sich daher für mich neue Fragen, die auf eine Antwort warteten.
Die nächste Eintragung im Grundbuch lautet:
„Der Mitvorbesitzer Hermann Leusink ist verstorben und hat in dem unterm 02.
April 1857 mit seiner Ehefrau Anna Ahlheid Brink gerichtlich errichteten, am 14.
Julius 1859 publicierten wechselseitigen Testaments die Letztere zu seiner
alleinigen Erbin ernannt. Auf Grund dieses Testamentes ... ist daher der
Besitztitel der rubricierten Immobilien ...... für die Witwe Anna Ahlheid Brink hier
berichtigt zufolge Verfügung vom 06. Dezember 1861.“
Auch die nächste Eintragung brachte für mich weitere Fragen; sie lautet wie
folgt:
„Eigentümer: Eheleute Zimmermann Carl Johann Brink und Maria Adelheid
geb. Sutthoff zu Lingen.
Auf Grund des Übertragungscontracts vom 03. Januar 1873 und des
Copulationsscheines vom 24. Juni 1875 eingetragen am 14. Januar 1876.“
Da mir die Inhalte des vorgenannten Übertragungscontracts und des
Copulationsscheines nicht bekannt sind, war ich jetzt auf Vermutungen
angewiesen, warum nun mein Großvater und seine erste Frau Eigentümer des
Grundstücks geworden sind.
Hier brachte mich aber folgende Überlegung weiter: Weil es früher keine
Sozialversicherung gab, waren ältere Menschen auf die Unterstützung der Kinder
angewiesen. So wußte ich, daß auch meine Großmutter Gesina Brinck, geb.
Schmits meinen Vater testamentarisch dazu verpflichtet hatte, für sie bis zum
Lebensende zu sorgen, das heißt, ihr Kost und Unterkunft zu geben. Nun vermute
ich, daß Anna Ahlheid Leusink, geb. Brink, aus solchen Versorgungsgründen ihr
Eigentum auf meinen Großvater übertragen hat. Aber warum gerade auf ihn?
Meine weiteren Überlegungen und Nachforschungen, die ich anstellte und die
fast an detektivische Kleinarbeit grenzten, brachten mich auf den Gedanken, daß
sie vielleicht keine Kinder gehabt und jemand aus der engeren Verwandtschaft (in
diesem Falle die Linie „Brink“) sich dieser Aufgabe der Altersversorgung
angenommen habe. Ich mußte nun deren Ahnenreihe verfolgen, ob sich dort eine
Anna Ahlheid Brink finden ließ. Mir kam dabei zugute, daß ich gleichzeitig bei
meinem Besuch in Lingen auch das Pfarrbüro der katholischen Kirche in
Schepsdorf aufgesucht und dort die weitere „Brink-Linie“ ausfindig gemacht hatte.
So fand ich bei meinem Urgroßvater Bernhard Heinrich Brink (*21.01.1797) noch
neun Geschwister, darunter die am 18.10.1799 geborene Anna Aleid Brink. Das
also mußte sie sein, die, wie ich annehme, durch eine späte Heirat (Anfang 1840)
vermutlich kinderlos geblieben ist. Sie hat dann wohl ihrem Neffen Carl Johann
Brink durch den Übertragungscontract vom 03.01.1873 das Haus mit dem
Grundstück vermacht; zu diesem Zeitpunkt war sie ja schon 73 Jahre alt. Durch
weitere Nachforschungen beim Grundbuchamt oder bei dem betr. Notar muß ich
mir diese Annahmen noch bestätigen lassen, wenn das überhaupt noch möglich
sein sollte (und das sollte wirklich noch möglich sein, aber davon mehr am Ende
dieses Abschnitts). Die weiteren Eigentumsverhältnisse sind dagegen für mich
klar.
„Name des Eigentümers: Die Eheleute Zimmermann Carl Johann Brink und
Maria Gesina geb. Schmits gemeinschaftlich. Auf Grund der Ehestiftung und
Aufbesserung vom 02. August 1883 eingetragen am 26. April 1884“.

Wie ich mich an Gespräche mit meiner Mutter erinnere, wurde zwischen
meiner Großmutter (Großvater war 1897 verstorben) und ihren drei Söhnen im
Jahre 1913 ein Übergabevertrag geschlossen. Der Halbbruder meines Vaters,
Heinrich Brink (bei dessen Geburt seine Mutter verstorben war), erhielt das 1847
erbaute Haus Schwedenschanze 36 und mein Vater das später (wann?) daran
angebaute Haus Nr. 36 a. Der vorhandene Grundbesitz an der
Schwedenschanze und Loosstraße (ca. 8.000 Quadratmeter) wurde zwischen den
beiden Halbbrüdern geteilt. Mein Vater mußte zusätzlich dafür noch die
Altersversorgung meiner Großmutter übernehmen. Der Bruder Bernhard Brink
erhielt ein Grundstück in der Stroot und eine finanzielle Abgeltung, wofür er sich
eine Landwirtschaft in Lohnerbruch bei Wietmarschen kaufte. Als Eigentümer ist
mein Vater dann am 11. Juli 1913 im Grundbuch eingetragen worden.
Die nächste Eintragung im Grundbuch lautet:
„Eigentümer: Witwe Johanna Brink, geborene Lage, in Lingen,
Schwedenschanze 36 a. Eingetragen auf Grund des Ehe- und Erbvertrages vom
04. Januar 1933 (ein Jahr vor  dem Tod meines Vaters, der am 25.01 1934 starb)
und des Antrags vom 02. Februar am 17. Februar 1937.
Das also sind die Ergebnisse der von mir betriebenen Spurensuche nach den
Vorbesitzern des Grundstücks Schwedenschanze 36 und 36 A. Mit der o.a.
Eintragung im Grundbuch kann ich das, was mir bisher unbekannt war,
abschließen.
Der Vater meines Grossvaters (mein Urgrossvater) war Stiftsvogt
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17.4.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Der Vater meines Grossvaters (mein Urgrossvater) war Stiftsvogt.
Stiftsvogt Bernhard Heinrich Brinck, mein Urgroßvater
* 29.01.1797 in Lohne, gest. 04.03.1855 in Wietmarschen


Bei der von mir intensiv aufgenommenen Familienforschung stieß ich auf eine
Berufsbezeichnung, unter der ich mir nichts vorstellen konnte. In der
Heiratsurkunde meines Großvaters Carl Johann Brinck sind als seine Eltern
vermerkt:
Stiftsvogt Bern. Heinr. Brinck und dessen Ehefrau Maria Catharina geb.
Schüermann.
Was war also ein Stiftsvogt und was für Aufgaben hatte er zu erfüllen?
Dazu frage ich zuerst den Duden. Unter dem Begriff „Vogt“ erläutert er: früher
für Schirmherr, Richter, Verwalter.
Und das Lexikon gibt mit Antwort auf das Wort „Stift“: Kollegium mit
Grundbesitz dotierte juristische Person.
Das Wietmarscher Stift war am Anfang ein Kloster. Im Gründungsdokument
von 1154 ist von „Brüdern“ die Rede, nicht von Frauen. Bei der Reform im Jahre
1481 wurde es zu einem Nonnenkloster gemacht. Dort lebten dann etwa 60
Nonnen von zum Teil adeliger Herkunft von ihrer Hände Arbeit.
Die Aufgabe des Stiftsvogtes in Wietmarschen war also die eines Verwalters und Aufsehers
über die dem Kloster (Stift) gehörenden Ländereien. Dazu gehörte auch die
Betreuung des Personals.
Bei meiner Geburt waren meine Großeltern (mit Ausnahme meiner Großmutter
väterlicherseits) schon alle verstorben. Somit habe ich leider meine Vorfahren
nicht persönlich erlebt. Und über weitere Informationen und Begebenheiten aus
deren und dem Leben ihrer Ahnen ist mir auch nichts berichtet worden. Deshalb
war ich froh, als ich in dem Buch von Clemens Honnigfort „Kloster, Stift und Dorf
Wietmarschen“ einiges über meinen Urgroßvater, den Stiftsvogt Brinck, lesen
konnte. So zum Beispiel über seine Tätigkeit als Aufseher auf Seite 227:
Förster Brill berichtete am 10. Februar 1844:
„Zu Wietmarschen hat das Schießen auf wilde Enten abends und in der
Morgenzeit aus dazu besonders eingerichteten Erdhütten, bei welchen sogenannte
Lockenten angebunden ausgesetzt werden, ganz überhand genommen, indem
vielleicht an jedem Abend und Morgen mehr als 20 Personen zu dieser Jagd
hinausgehen.
Dem sicheren Vernehmen nach sollen solche Entenjäger des Morgens beim
Nachhausegehen auch auf anderes Wild Jagd machen, woraus sich denn erklären
läßt, daß selbst zu Anfang der Jagd in dem Gehege zu Wietmarschen, welches
ungefähr eine Stunde breit und zwei Stunden lang ist, weder Hase noch Huhn zu
finden sind.
Um nun der unerlaubten Jagd auf Enten ein Ziel zu setzen, bestellte ich an
einem gewissen Abend im November des vorigen Jahres die Forstläufer Vincke
und Jansen und den Stiftsvogt Brink, um gemeinschaftlich die Entenhütten zu
visitieren, welches den Erfolg hatte, daß fünf Personen in den Hütten angetroffen
wurden, denen die geladenen Gewehre nebst zwanzig Lockenten abgenommen
wurden.“
Mein Urgroßvater wurde am 29.01.1797 in Lohne geboren und am 30.01.1797
in der kath. Pfarrkirche in Schepsdorf getauft (Paten: Hermann Heinrich Hübers
und Euphemia Schnieders). Er war das letzte von 5 Kindern seiner Eltern Bernard
Brinck und Margaretha Aleid Stevens. Diese hatten mit einer Dispens der kath.
Kirche am 13.02.1787 in Schepsdorf geheiratet.
Über seine Berufswahl und über seinen weiteren Berufsweg ist mir nichts
bekannt. Aber ein weiterer Eintrag im Wietmarscher Buch gibt auf Seite 255
folgenden Hinweis:
1826 wird ein Brink Nachfolger von Alexander Schürmann als Gemeindediener.
Hier liegt die Vermutung nahe, daß mit „ein Brink“ der spätere Stiftsvogt
gemeint ist. Im Jahr zuvor hatte er in die Familie Schürmann eingeheiratet.
Alexander Schürmann ist vermutlich sein Schwager gewesen, der ihm die Stelle
als Gemeindediener frei gemacht hat.
Im Alter von 28 Jahren heiratet er die Tochter des Stiftsvogtes Johann Joseph
Schüermann und seiner Ehefrau Helena Sutthoff, die am 03.09.1802 geborene
Maria Catharina Schüermann. Die Trauung fand statt am 08.02.1825 in der
Stiftskirche in Wietmarschen, Trauzeugen waren Johannes Hermann Stevens und
Alexander Schüermann (siehe vorigen Abschnitt: Gemeindediener Alexander
Schüermann).
Hier hat mein Urgroßvater einen weitsichtigen Schritt getan: er hat in die
Familie Schüermann eingeheiratet. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, daß er
auch später die Nachfolge im Amt seines Schwiegervaters (mit dessen
Beziehungen und seinem Einfluß) als Stiftsvogt antreten konnte.

Aus der Ehe des Stiftsvogtes Bernh. Heinr. Brinck mit Maria Cath. geb.
Schüermann gingen 10 Kinder hervor.

Einen  Auszug aus dem Wietmarscher Buch (Seite 141) möchte ich hier
anfügen:
Mit Fenger (Lehrer in Wietmarschen) kam man nicht gut aus. Er hatte ohne
Wissen des Pfarrers den gerade schulentlassenen Carl Brink für die Prüfung als
Hilfslehrer gemeldet, deren Ergebnis lautete: "In allen Fächern schwach, muß viel
lernen“.
Ein genaues Datum ist nicht angegeben, Diese Begebenheit muß sich Anfang
der Jahre um 1850 abgespielt haben, und sie kann sich meiner Meinung nach nur
auf Carl Brinck, also meinen Großvater, beziehen. Er hat dann in dieser Situation
wohl das Vernünftigste getan: statt des schlecht bezahlten Lehrerberufes hat er ein
Handwerk (Zimmermann) erlernt!
Der Stiftsvogt Bernard Heinrich Brink starb am 04. März 1855 in Wietmarschen
im Alter von 58 Jahren 1 Monat und 3 Tagen. Laut Sterberegister der
Kirchengemeinde war die Todesursache Nervenfieber. Tag des Begräbnisses:
06.03.1855
Mein Grossvater väterlicherseits
Seite 86
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17.5.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Mein Grossvater väterlicherseits.



(1) Mein Grossvater Carl Brinck
Mein Grossvater Carl Brinck

 

Carl Johannes Brinck
geb.  20.12.1838 in Wietmarschen,
gest. 13.06.1897 in Lingen

Mein Großvater hat  zweimal geheiratet. Der ersten Ehe mit Maria Adelheid
Sutthoff entsprangen vier  Kinder:
1. Brinck, Karl Joseph Hermann * 03.05.1871 in Lingen, gest. 26.05.1871 in Lingen
2. Brinck, Bernhard Hermann * 07.08.1872 in Lingen,
3. Brinck, Carl Bernhard * 26.10.1877 in Lingen, 03.11.1880 in Lingen
4. Brinck, Hermann Heinrich * 18.06.1882 in Lingen
Die Ehefrau M.A. Sutthof ist nach der Geburt des 4. Kindes am 26.06.1882
gestorben.





 

Die Ehen meines Grossvaters
Seite 87
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17.6.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Die Ehen meines Grossvaters .

Die erste Frau meines Großvaters (M. A. Sutthoff) ist bei der Geburt des vierten Kindes im Wochenbett verstorben. Er hat dann  meine Großmutter, die am 12.10.1853 geborene und damit  um  15 Jahre jüngere Maria Gesina Schmits, geheiratet.

Die Heirat fand statt  am 04.09.1883 in Wietmarschen.

Kinder:
5. Brinck, Johannes Carl (mein Vater) * 11.09.1884 in Lingen,  gest. 25.01.1934  in Lingen
6. Brinck, Bernhard Heinrich * 14.01.1886 in Lingen,  gest. 04.11.1970 in Wietm.



(1) Das Bild zeigt meine Großeltern (Vaters Eltern) Carl Johannes Brinck und seine zweite Frau Maria Gesina Schmitz mit den Kindern (von links) Bernhard, Heinrich und Johannes vor dem Haus Schwedenschanze 36 a. Es ist vermutlich im Jahr 1895 aufgenommen worden.
Das Bild zeigt meine Großeltern (Vaters Eltern) Carl Johannes Brinck und seine zweite Frau Maria Gesina Schmitz mit den Kindern (von links) Bernhard, Heinrich und Johannes vor dem Haus Schwedenschanze 36 a. Es ist vermutlich im Jahr 1895 aufgenommen worden.

 

Von den Großeltern habe ich nur meine Großmutter Gesina, geb. Schmitz erlebt. Der Großvater war bereits 1897 verstorben. Bis zum Jahr 1990 habe ich nicht einmal ein Foto von ihm gesehen. Erst meine Tante Anna Brink ausWietmarschen hat mir das vorstehende Foto geschenkt, und damit habe ich wenigstens eine Ahnung, wie er zu Lebzeiten ausgesehen hat.

Hiermit wollte ich eigentlich diesen Abschnitt meiner Forschungen über meinen
Großvater Carl Johannes Brinck abschließen, aber meinen Lesern fehlt ja noch die
ihnen versprochene Aufklärung, warum das Grundstück Schwedenschanze von
Frau Anna Ahlheid Leusing auf den Namen meines Großvaters Carl Brink
übertragen worden ist. Hier folgt sie also:
Meine Vermutung über den Grund dieser Eigentumsübertragung sollte sich als
richtig herausstellen, und diese Gewißheit erhielt ich so: in Lingen hatte ich häufig
Kontakt mit Herrn Walter Tenfelde, der mir bei meiner Familienforschung
behilflich war. Von ihm erhielt ich auch Bücher und Hefte über die Geschichte der
Stadt Lingen. Darunter befand sich eine im Jahre 1989 vom Heimatverein Lingen
herausgegebene Festgabe zum 70. Geburtstag von W. Tenfelde. Dieses Heft
(Materialien zur Lingener Geschichte Band 22) enthielt auch eine anhand von
Amtsgerichtsakten (1813 - 1882) erstellte Familiengeschichte der Posthalterfamilie
Raberg. Die Vermögensverhältnisse dieser Familie wurde mit anderen Inventaren
jener Zeit verglichen, u.a. auch mit einem Eigner (veraltetes Wort für Besitzer) J.
Brinck. Dieser Name elektrisierte mich förmlich. Gehörte dieser Namensvetter
etwa zu meinen Vorfahren?
Nun begann ich mit weiteren Nachforschungen in dieser Richtung. Von der
Verfasserin des genannten Beitrags (Hilde Pawlowski) erfuhr ich, daß man im
Staatsarchiv in Osnabrück die alten Akten des Amtsgerichts Lingen einsehen
könne. Bei meinem nächsten Aufenthalt in Osnabrück machte ich die Probe aufs
Exempel und meldete mich dort als Besucher an. Nachdem ich meinen Wunsch
geäußert hatte, erhielt ich ein Inhaltsverzeichnis der dort vorhandenen Unterlagen
(Verträge, Testamente usw.), und was soll ich sagen? Ich wurde fündig! Hier waren
verschiedene Akten der Familie H. Leusing aufgeführt, darunter auch das
Testament der Anna A. Leusing, geb. Brink. Genau dieses war es, was ich gesucht
hatte und was mir noch fehlte, um eine Erklärung für die oben genannte
Eigentumsübertragung auf meinen Großvater Carl Brinck zu bekommen. Damit
war meine Sucharbeit von Erfolg gekrönt, und ich schätzte mich glücklich, daß ich
nun alle Fragen der Eigentumsverhältnisse meiner Vorfahren an dem Grundstück
Lingen, Schwedenschanze, klären konnte.
Das Testament der Anna Adelheid Leusing
Seite 88
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17.7.  Meine Grosseltern väterlicherseits: Die Heimat der Brinck-Familie – Das Testament der Anna Adelheid Leusing .
Hier folgt nun die Abschrift des von
mir fotokopierten Originaltestamentes:

Testament der Witwe Anna Adelheid Leusing, geb. Brink
Geschehen vor dem Königlichen Amtsgerichte Lingen, Abtheilung I den
26. Oktober 1861.
Freiwillig erschien heute Morgen vor königlichem Amtsgerichte die persönlich
bekannte Wittwe des weiland Neubauers Hermann Leusing ( : Leusink : ) Anna
Adelheid geb. Brink von der Stadtflur Lingen und bat um gerichtliche Aufnahme
ihres letzten Willens.
Nachdem sodann eine Unterredung mit der Comparentin Leusing ergeben hatte,
daß dieselbe sich im völligen Besitze ihrer Geisteskräfte befinde und ihre
Dispositionsfähigkeit auf geschehene Erkundigung einem Zweifel nicht unterliegt,
wurde ihrem Antrage sofort Statt gegeben und hat Coamparentin Leusing hierauf
ihren letzten Willen in Folgendem ausgesprochen:
Ich habe mit meinem verstorbenen Ehemann in kinderloser Ehe gelebt und hatte
mit demselben am 2. April 1857 vor hiesigem Gerichte ein wechselseitiges
Testament errichtet, worin wir Eheleute uns gegenseitig zu Erben eingesetzt und
zugleich bestimmt haben, daß nach unserem beiderseitigem Absterben meines
Bruders-Tochter Anna Adelheid Brink aus Wietmarschen unsern beiderseitigen
Nachlaß allein erben sollte. Es wurde hierbei von uns vorausgesetzt, daß die Anna
Adelheid Brink bei mir bleiben und mich bis an mein Lebensende verpflegen
werde. Diese Voraussetzung ist aber nicht in Erfüllung gegangen, weil die Anna
Adelheid Brink es vorgezogen hat, sich mit dem Schuhmacher Johann Vehr in
hiesiger Stadt zu verheiraten und in Folge dessen von mir weggegangen ist.
Ich habe mich nun mit den Eheleuten Vehr wegen der Ansprüche der Ehefrau
Vehr geb. Brink aus jenem Testamente in Güte verständigt und dieselbe nach
Maßgabe eines notariellen Contracts mit den gedachten Eheleuten Vehr vom 7. Juli
(12. August) 1861 wegen jener Rechte abgefunden und zwar durch Zahlung eines
Abstands Capitals von Fünfhundert Gulden Courant, so daß ich jetzt befugt bin,
über das gesamte Vermögen so wie ich solches mit meinem verstorbenen Manne
Hermann Leusing besessen habe, Todeswegen zu verfügen und verordne demnach
letztwillig Folgendes: Ich bestelle hiemit Todeswegen zu meinem alleinigen Erben
den Sohn meines verstorbenen Bruders Bernhard Heinrich Brink zu Wietmarschen,
mit Namen Carl Brink, welcher sich gegenwärtig auch bei mir im Hause befindet.
Dieser mein Erbe Carl Brink aus Wietmarschen soll demnach nicht allein das
Vermögen erben, was von mir herrührt, sondern auch was mein verstorbener Mann
hinterlassen hat, indem ich dessen Erbin geworden bin, also das gesammte
Vermögen was ich mit meinem verstorbenen Manne besessen habe. Dabei lege ich
aber meinem Erben Carl Brink die Verpflichtung auf, die Zweihundert Gulden
Courant, welche ich mit meinem weiland Ehemann dessen Bruder Hermann
Johann Leusink bei Ootmarschen im Holländischen in unserem vorgedachten
wechselseitigen Testamente vom 2. April 1857 bereits legirt habe, binnen sechs
Monaten von meinem Todestage an, auszuzahlen.
Weitere Verfügungen Todeswegen erklärte Comparentin nicht treffen zu wollen,
dieselbe verbat indeß gerichtliche Versiegelung ihres Nachlasses nach ihrem Tode.
Vorstehendes Protocoll ist hierauf vorgelesen, von der Testiererin Leusing in
allen Punkten genehmigt und von derselben darauf eigenhändig unterschrieben.
Annaheid Leusing
Zur Beglaubigung Christiani, Dr. A. Schmidt, Actuar
Publiciert Lingen im Königlichen Amtsgerichte Abthl. I den 27. Februar 1873.
Koch A. Schmidt
Meine Grossmutter väterlicherseits
Seite 89
Seite 89 wird geladen
18.  Meine Grossmutter väterlicherseits


(1) Meine "einzige" Grossmutter Gesina Brinck
Meine "einzige" Grossmutter Gesina Brinck

 

 Maria Gesina Schmitz

geb. 12.10.1853 in Wietmarschen
gest. 24.04 1937 in Lingen


Heute haben viele Kinder das Glück, ihre Großeltern, ja zum Teil sogar auch noch ihre Urgroßeltern zu „erleben“. Der Grund dafür ist, daß die Menschen schon in jungen Jahren eine Ehe eingehen und daß sich der Nachwuchs dann auch recht früh einstellt (das kann allerdings auch ohne Trauschein geschehen). Aus diesem Grunde gibt es bereits 40-jährige Groß- und 60-jährige Urgroßmütter (die Großväter sind biologisch meist etwas älter). Auch meine Tochter hat das Glück gehabt, nicht nur ihre Großeltern, sondern auch die Urgroßeltern mütterlicherseits zu deren Lebzeiten kennengelernt zu haben.
Noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts hat man im allgemeinen spät geheiratet, so auch meine Eltern. Dies und die Tatsache, daß die Menschen früher oft sehr jung starben, hat dazu geführt, daß ich von meinen Großeltern nur noch die Mutter meines Vaters „erlebt" habe. Die anderen waren bei meiner Geburt leider schon verstorben. Deshalb nenne ich sie meine einzige Oma.

 

 

 


 

 

Lebensumstände meiner "einzigen" Grossmutter
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18.1.  Meine Grossmutter väterlicherseits – Lebensumstände meiner "einzigen" Grossmutter.

Ihr Mann war 1897 im Alter von 59 Jahren gestorben. Damit wurde meine Großmutter nach 14-jähriger Ehe Witwe und hat, wie meine Mutter (und auch deren Mutter !), allein ihre drei Kinder großgezogen. Genau wie meine Mutter hat sie nicht wieder geheiratet. Sie hat meinen Großvater um fast 40 Jahre überlebt.

Meine Oma habe ich noch in guter Erinnerung. Wie ich schon erwähnte, lebte sie im Haushalt meiner Eltern. Es hat einen Erbvertrag gegeben, wonach mein Vater verpflichtet war, sie bis an ihr Lebensende zu versorgen. Für meine Mutter scheint es nicht immer leicht gewesen zu sein, mit ihr gut auszukommen. Das ist aber wohl das Los aller Schwiegertöchter, wenn sie mit der Schwiegermutter Tag für Tag so eng zusammenleben und auch einen gemeinsamen Haushalt führen müssen. Als Kind habe ich aber von irgendwelchen Zerwürfnissen oder Streitigkeiten zwischen den beiden Frauen nichts bemerkt, oder man hat sie vor uns Kindern nicht ausgetragen.
An das Äußere meiner Großmutter erinnere ich mich besonders gut. Sie trug fast ständig eine Kopfbedeckung (Haube), unter der ihre wenigen, zu einem Zopf geflochtenen und unter Mithilfe meiner Mutter zu einem kleinen „Dutt“ (Knoten) gebundenen Haare verschwanden. Meines Wissens hatte sie zwei dieser Hauben, eine gestrickte für „Alltags“ (an Werktagen) und eine besonders schöne, mit Spitzen versehene für Sonn- und Feiertage. Sie sah damit sehr lustig aus, und ich habe mit den Trotteln der Alltagshaube gern gespielt.
Eine weitere Besonderheit, an die ich mich erinnere, war ihr großer Durst. Es mußte ständig eine große Kanne mit Tee für sie bereitstehen. Den Tee goß sie in eine voluminöse Tasse, und von dort auf die Untertasse, damit er rascher abkühle. Weil sie bereits alle Zähne verloren hatte und für die dritten Zähne wohl kein Geld vorhanden war, hatte sie Schwierigkeiten beim Zerkleinern fester Nahrung. Daher tunkte sie sowohl den von ihr geliebten Zwieback als auch die Brotrinden zum Aufweichen in den Tee ein, und damit war für sie das Kauproblem gelöst.
Der in der Teekanne verbliebene „Prütt" (plattdeutsch für Kaffeesatz oder ausgelaugte Teeblätter) wurde nicht fortgeschüttet; es wurde aus Sparsamkeitsgründen noch ein zweiter Aufguß darauf gemacht. Erst wenn dann kaum noch erkennbar braunes Wasser aus der Teekannentülle kam, wurden frische Teeblätter nachgefüllt. So kam es vor, daß mit der Zeit in der Kanne kaum noch Platz für das kochende Wasser war, und spätestens dann wurde der ausgelaugte „Prütt“ entfernt.

Was ich nun hier vermerke, habe ich nicht selbst nachgeprüft, aber meine Mutter hat es mir gesagt, und das ist mir Beweis genug: Großmutter habe stets mehrere Unterröcke übereinander getragen, es war die Rede von sieben an der Zahl. Mehrere waren es auf jeden Fall, das konnte ich sehen. Es war schon notwendig für sie, sich warm zu kleiden, denn einen Schlüpfer hatte Oma nicht in ihrem Wäschebestand, und in der kalten Jahreszeit wurde ja auch nur in der Wohnküche geheizt. Weil das Feuer im Küchenherd (man sagte: Kochmaschine) nachts ausging, war morgens die erste Hausarbeit meiner Mutter, das Herdfeuer wieder anzuzünden. Wenn es dann in der Küche warm wurde, kam Oma aus ihrem Schlafzimmer und setzte sich neben den Herd in ihren dort stehenden Sessel. Wenn es ihr besonders kalt war, wurde der Backofen des Herdes geöffnet, und sie steckte ihre Füße zum Wärmen hinein. Der Backofen diente auch zum Trocknen des Anmachholzes, und wenn der Herd überheizt wurde, hat es schon mal einen kleinen Schwelbrand dieses Holzes gegeben. Dann mußte ich rasch „Feuerwehr“ spielen und den Brand löschen.
Übrigens war es in der kalten Jahreszeit (wegen der niedrigen Temperatur im Hause) nicht angenehm, nachts zur Toilette gehen zu müssen. Es kostete stets - auch für mich - eine große Überwindung, das warme Bett zu verlassen und sich auf dem Plumpsklo einen kalten Po zu holen. Es wurde daher für das kleine Geschäft ein Nachtgeschirr (Pißpott) benutzt. Für ältere Menschen war das schon erforderlich, und so habe ich oft meine Großmutter damit morgens aus ihrem Schlafzimmer kommen sehen, um den Inhalt des PP zu entsorgen. Was haben wir es dagegen heute bequem, wenn wir einen Drang verspüren und eine nächtliche „Sitzung“ abhalten müssen!
Meine Mutter hat sich in Dingen ihres Haushalts wohl nicht hineinreden lassen, und, mit Ausnahme von Kartoffelschälen und Gemüseputzen, hat sich meine Oma nicht an der Hausarbeit beteiligt. Sie hat sich dafür mit uns Kindern beschäftigt, uns beim Spielen beaufsichtigt und Mutter damit entlastet.
Im Sommer 1934 hat sie allerdings in ihrem hohen Alter (80 Jahre) noch eine große Aufgabe übernehmen müssen. Wie ich schon schrieb, lag Mutter mit einer Blutvergiftung fünf Monate im St.-Bonifatius-Hospital. Während dieser Zeit waren mein Bruder Karl und ich bei unseren Verwandten untergebracht. Unser jüngster Bruder Hermann, der noch nicht ganz drei Jahre alt war, mußte von Oma versorgt werden. Daß sie es und wie sie das geschafft hat, alle Hochachtung! Trotzdem waren wir drei Kinder (und vermutlich auch Oma) froh, als Mutter wieder selbst den Haushalt übernehmen konnte.




(1) Oma mit ihren beiden Enkelkindern, dem "Daumenlutscher" Hansi und seinem Bruder Karli im Augst 1929
Oma mit ihren beiden Enkelkindern, dem "Daumenlutscher" Hansi und seinem Bruder Karli im Augst 1929

 





 

Omas Lieblingssohn Bernard
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18.2.  Meine Grossmutter väterlicherseits – Omas Lieblingssohn Bernard.
Jede Mutter hat wohl ein Kind, das sie besonders gern hat. Meist ist es  dasjenige, womit sie die größten Sorgen hatte oder das Kind, was nicht ständig bei ihr sein konnte. So war wohl auch nicht mein Vater Omas Lieblingssohn, sondern sein Bruder Bernard, der in Wietmarschen wohnte. Dort bewirtschaftete er einen Bauernhof, und er kam dann und wann zur Schwedenschanze, um seine Mutter zu besuchen. Er brachte ihr auch etwas von seinen landwirtschaftlichen Produkten mit (Eier, Butter, Fleisch usw.). Oma hat  sich immer sehr über diesen Besuch gefreut und über seine „Mitbringsel“. Wenn sie glaubte, unbeobachtet und allein mit ihrem Sohn zu sein, steckte sie ihm manchmal einen Geldschein in die Hand. Trotzdem hat diese Geldübergabe nicht so heimlich sein können, daß meine Mutter es nicht bemerkt hätte. Sie hat Omas Spendierfreudigkeit nicht gut haben können, weil sie ja selbst stets unter Geldmangel zu leiden hatte und es auch sonst an allen Ecken und Enden fehlte.
Wie ich erst viel später erfahren habe, waren die vorerwähnten Mitbringsel keine reine Gefälligkeit, sondern sie waren Naturalzinsen für Geld, das mein Vater von seinen geringen Ersparnissen seinem Bruder geliehen hatte. Die Schuldscheine für diese Finanzhilfe sind noch vorhanden, von dem geliehenen Geld aber haben Mutter und wir Kinder nie wieder etwas zu sehen bekommen. Es ist bei der Währungsreform 1948 auch nicht aufgewertet worden; und die Zinszahlungen sind im Laufe der Jahre langsam eingeschlafen. Es wird wohl so gewesen sein, daß der Schuldner hoffte, daß der Gläubiger nicht mahnte und auch mit der Zeit vergessen würde, daß diese Schuld noch offen stand. Ich weiß nicht, was in meiner Mutter bei den Besuchen ihres Schwagers vorgegangen ist, aber bei seinem Erscheinen wird es wohl nicht immer eitel Freude gewesen sein.
Erinnerung an Omas Tod
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Seite 92 wird geladen
18.3.  Meine Grossmutter väterlicherseits – Erinnerung an Omas Tod .
Meine Großmutter erlitt im März 1937 einen leichten Schlaganfall, der sie aber nicht allzu sehr behinderte. Einige Wochen später bekam sie dann einen weiteren, schweren Gehirnschlag, der sie bewegungsunfähig machte. Nun war ihre Aufnahme ins Krankenhaus unvermeidlich. Ich habe es noch heute ganz klar vor meinen Augen, wie sie mit einem zweirädrigen „Rote-Kreuz-Handkarren” abgeholt und zum Hospital gefahren wurde. Es sollte ihre letzte Fahrt zu ihren Lebzeiten sein. Am 24. April 1937 ist sie im Alter von 83 Jahren gestorben.



(1) Mit solchem Handkarren wurde meine Grossmutter von der Schwedenschanze abgeholt und ins Krankenhaus gebracht.
Mit solchem Handkarren wurde meine Grossmutter von der Schwedenschanze abgeholt und ins Krankenhaus gebracht.

 

Meine Grosseltern mütterlicherseits
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19.  Meine Grosseltern mütterlicherseits
Es ist für mich wirklich nicht leicht, ja fast unmöglich, über das Leben der
Eltern meiner Mutter zu berichten. Ich habe mich bemüht, in meiner Erinnerung
zu kramen, was ich über sie gehört habe. Aber Mutter hat mir nur erzählt, daß sie
selbst eine schwere Jugendzeit gehabt habe, und daß ihr Vater auch sehr früh
gestorben sei. Wenn ich hier trotzdem etwas über meine Großeltern
mütterlicherseits niederschreiben kann, verdanke ich das meiner Ahnenforschung
und besonders aber der Cousine meiner Mutter, Josefa Frommen, geb. Möddel, die
mir auch schon vieles, mir bisher unbekanntes aus Mutters Leben berichtet hat.
Hier folgt nun aber das, was ich bei meiner Spurensuche noch in Erfahrung bringen
konnte:
Mein Grossvater mütterlichrseits
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Seite 94 wird geladen
19.1.  Meine Grosseltern mütterlicherseits – Mein Grossvater mütterlichrseits.


(1) Mein Großvater Georg Hermann Lage, genannt Lagetepe
Mein Großvater Georg Hermann Lage, genannt Lagetepe

 

Georg Hermann Lage, genannt Lagetepe, geb. 22.04.1859 in Plankorth, gest. 21.09.1896 in Darme


(2) Dies ist der Giebel des Geburtshauses meines Grossvaters Georg Lage. Das Haus ist im Jahre 1756 errichtet worden. Er war der Erbe dieses grossen Bauernhofes, verzichtete aber auf sein Erbe, weil er glaubte, den Hof der Eltern meiner Grossmutter übernehmen zu können. Diese Annahme stellte sich aber als Irrtum heraus (siehe nachfolgende Schilderung).
Dies ist der Giebel des Geburtshauses meines Grossvaters Georg Lage. Das Haus ist im Jahre 1756 errichtet worden. Er war der Erbe dieses grossen Bauernhofes, verzichtete aber auf sein Erbe, weil er glaubte, den Hof der Eltern meiner Grossmutter übernehmen zu können. Diese Annahme stellte sich aber als Irrtum heraus (siehe nachfolgende Schilderung).

 

Er kam als junger Eleve (Haussohn, Knecht) auf den Möddelhof nach Darme bei
Lingen. Dort, dem Geburtshaus meiner Großmutter, war ihr Bruder und Hoferbe
Anton Bernhard Möddel zum Militärdienst einberufen worden. Während seiner
dreijährigen Militärdienstzeit sollte ihn Georg Lage auf dem Bauernhof vertreten,
weil dort sonst keine männliche Kraft vorhanden war. Ursprünglich hatte meine
Großmutter sieben Geschwister, von denen aber schon vier im Kindesalter
gestorben sind. Neben den alten Eltern und dem Bruder Anton lebte zu dieser Zeit
nur noch die Schwester meiner Großmutter, Maria Franziska, auf dem Möddelhof.
Aus diesem Grunde mußte für den Soldaten Anton Möddel unbedingt ein Ersatz
her.
Der junge Eleve kam und verliebte sich bald in
meine Großmutter Maria Gertrud Agnes geb. Möddel
geb. 30.04.1863 in Darme, gest.28.02.1923 in Lingen.
Dann geschah das, was bei einem intimen Liebesverhältnis ohne den Gebrauch
von Verhütungsmitteln kommen mußte: es blieb nicht ohne Folgen. Weil das zu
erwartende Kind nicht unehelich auf die Welt kommen sollte, heirateten meine
Großeltern am 29.10.1883, der Bräutigam war 24 und die Braut 20 Jahre alt. Nur
knapp einen Monat später, am 24.11.1883, erblickte dann schon meine Tante
Käthe das Licht der Welt. 
Die jungen Eltern richteten sich auf dem Möddelhof häuslich ein. Dabei trugen
sie sich wohl mit dem Gedanken, daß der Hoferbe Anton Möddel nicht heiraten
würde und sie dann den Hof übernehmen könnten. Dies war aber eine
Fehlkalkulation, wie sich später herausstellte. Der Bruder meiner Großmutter hatte
sich selbst ein Versprechen auferlegt, wie mir seine Tochter Josefa Frommen
erzählte.



(3) Das Geburtshaus meiner Mutter: der unter Denkmalschutz stehende "alte Möddelhof" in Darme bei Lingen
Das Geburtshaus meiner Mutter: der unter Denkmalschutz stehende "alte Möddelhof" in Darme bei Lingen



(4) Das ist der "Alte Möddelhof" heute nach einer gründlichen Renovation
Das ist der "Alte Möddelhof" heute nach einer gründlichen Renovation

 

Der alte Möddelhof in Darme in der Nähe der Möddelbrücke über den Dortmund-Ems-Kanal ist das Geburtshaus meiner Mutter. Hier lebten meine Großeltern mit ihren vier Kindern bis zu ihrem „Hinauswurf“.

Als Josefas Vater vom Militärdienst entlassen worden war (1885) und nun wieder
auf dem Hof arbeitete, kam es zwischen den beiden Männern oft zu
Meinungsverschiedenheiten. Das Zusammenleben der Familien wurde dadurch
sehr belastet, wie man sich denken kann. Vor allem ärgerte sich Anton Möddel
darüber, daß mein Großvater sich schon als Hofbesitzer gebärdete. Da habe er den
Vorsatz gefaßt und ihn auch seinen Familienangehörigen mitgeteilt, daß er
spätestens mit 36 Jahren, also im Jahr 1896, heiraten werde.
Die Jahre gingen ins Land, ohne daß etwas passierte. Nähere Beziehungen zum
weiblichen Geschlecht waren bei Anton Möddel auch nicht zu erkennen. Man
nahm also seinen Vorsatz nicht mehr Ernst. Die Überraschung war deshalb groß,
als es eines Tages im Jahr 1895 hieß, daß eine passende Frau für ihn gefunden
worden sei. Es gab früher Menschen, die sich einen „Hut verdienen“ wollten. Dies
waren die Vorläufer der heutigen Heiratsinstitute, die sich um die ledigen
Junggesellen kümmerten, die zu ihnen passende Jungfrau auswählten und
versuchten, beide „unter die Haube“ zu bringen.
So war auch Anton Möddel 1896 in seinem 36. Lebensjahr plötzlich der Bräutigam
von Christiane Wieching-Werning, die aus Hauenhorst bei Rheine stammte.
Die Hochzeit fand am 19.05.1896 in Schepsdorf statt, womit Anton seinen Vorsatz
eingelöst hatte.




(5) Bei meiner Spurensuche entdeckt: Das Haus in Darme (Lingen), Helgolandstraße 1, in das meine Großeltern nach ihrer „Vertreibung“ eingezogen sind. Ein Schild am Haus zeigt, dass es verkauft werden soll (Juni 2018)
Bei meiner Spurensuche entdeckt: Das Haus in Darme (Lingen), Helgolandstraße 1, in das meine Großeltern nach ihrer „Vertreibung“ eingezogen sind. Ein Schild am Haus zeigt, dass es verkauft werden soll (Juni 2018)

 

Für meine Großeltern war damit die Zeit auf dem Möddelhof beendet. Anton
hatte in weiser Voraussicht auf einem zum Hof gehörenden Baugrundstück ein
Doppelhaus bauen lassen (heutige Anschrift Helgolandstraße 1), das er ihnen zur
Verfügung stellte und in das sie nun umziehen mußten.
An diese Entwicklung hatten meine Großeltern nicht geglaubt und der Verlust
des von ihnen als sicher geglaubten und erträumten Hoferbes muß ihnen daher
sehr nahe gegangen sein. Das Gefühl, Herren auf dem Hof zu sein, mußten sie nun
gegen ein „Knecht- und Magd-Dasein“ eintauschen.
Das konnte mein Großvater gesundheitlich wohl nicht verkraften. Er wurde
schwer krank, man sagte mir, er habe die Schwindsucht (Lungentuberkulose)
gehabt. Wie mir aber erst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen auffällt, müssen auch
wohl noch andere Gründe vorgelegen haben, die dazu führten, daß er nur  4
Monate nach Antons Heirat, am 21.09.1896, starb. Ich kann mir vorstellen, daß er
Depressionen bekommen hat und daß diese mit die Ursache für seinen frühen Tod
mit 37 1/2 Jahren waren.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
Seite 95
Seite 95 wird geladen
19.2.  Meine Grosseltern mütterlicherseits – Meine Grossmutter mütterlicherseits.





(1) Meine Grossmutter Agnes Lage, geb. Möddel
Meine Grossmutter Agnes Lage, geb. Möddel

 

Maria Gertrud Agnes Lage, geb. Möddel
geb. 30.04.1863 in Darme,
gest. 28.02.1923 in Lingen.


Meine Großmutter stand nach dem frühen Tod ihres Mannes mit ihren 4 unmündigen Kindern im Alter von 13, 10, 7 und 4 Jahren allein da, ohne einen Ernährer und ohne Einkommen.
Versicherungsleistungen (Witwen- und Waisenrente) gab es zum damaligen
Zeitpunkt noch nicht. So war sie völlig mittellos und auf die Hilfe und
Mildtätigkeit ihres Bruders Anton angewiesen.

Ich erinnere mich an Gespräche mit Mutter, in denen sie mir schilderte, wie sie
schon als Schülerin zum Lebensunterhalt der Familie beitragen mußte. Während
meine Großmutter sich als Haushälterin bei einer Familie Bischof in Walstedde
verdingte, nahm sie ihre beiden jüngsten Kinder (Mutter und Onkel Hermann) mit
sich. Mutter hatte als Kindermädchen bei ihnen die Aufgabe, auf die Kinder der
Herrschaft und auch auf ihren eigenen jüngeren Bruder aufzupassen, mit ihnen
Schulaufgaben zu machen usw. Die Tätigkeit scheint Mutter gelegen zu haben,
was ich aus ihrem hervorragenden Schul-Abgangszeugnis der Schule in Walstedde
ersehen konnte.
Ihre beiden älteren Geschwister wurden anderweitig untergebracht. Anton
war als Knecht in Plankorth bei seinem Onkel Lage-Tepe tätig, während Käthe
 schon bald  Schülerin im Lehrerinnenseminar in Cloppenburg wurde.
Vom weiteren Lebenslauf meiner Großmutter ist mir leider nichts bekannt. Es
wird ihr aber gewiß nicht leichtgefallen sein, so früh auf das Zusammenleben mit
ihren Kindern verzichten zu müssen.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deine Grossmutter existieren noch?
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19.2.  Meine Grosseltern mütterlicherseits – Meine Grossmutter mütterlicherseits.

Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deine Grossmutter existieren noch?




(1) Das einzige "Lebenszeichen" meiner Grossmutter Agnes Lage-Möddel
Das einzige "Lebenszeichen" meiner Grossmutter Agnes Lage-Möddel

 

Bei meiner Spurensuche fand ich diese Handschrift  meiner Grossmutter im Poesiealbum ihrer Tochter Catharina (meiner Tante Käthe). Ich bewundere die gute Handschrift.

Der Text lautet:

Denksprüche!
Fest wie Stahl, klar wie Krystall,
Weich wie Wachs und echt wie Gold -
Das gibt ein schönes Menschenherz.

Ein System will ich nicht daraus machen,
aber eins ist sicher:
Nichts veredelt das Herz eines Kindes so,
wie das Vertrauen, welches man ihm erzeigt.

Wer alles seiner Pflicht aufopfert,
ist sicher, zum Glücke zu gelangen.
Nur Gott zu Lieb beginn Dein Tagewerk,
Und Gott zu Lieb ertrage Kreuz und Leiden.

Dieses schrieb Dir, l. Catharina,
zur steten Erinnerung
                   Deine Dichl. Mutter
Walstedde d. 6. September 1904

Wie hat sie im Alter gelebt?
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19.2.  Meine Grosseltern mütterlicherseits – Meine Grossmutter mütterlicherseits.

Wie hat sie im Alter gelebt?
Durch das entbehrungsreiche und schwere Leben erkrankte sie und mußte ihre  Arbeit  aufgeben. Sie zog zu ihrem Sohn Anton nach Lingen und wohnte in seinem Haus am Gasthausdamm. Dort machte sie sich mit leichten Arbeiten in seiner Friedhofsgärtnerei nützlich und war als Aufpasserin für seine vier kleinen Töchter unentbehrlich.




(1) Dieses Foto zeigt das Haus meines Patenonkels Anton Lage in Lingen, Am Gasthausdamm 11. Es zeigt ihn mit seiner Frau Hedwig, seinen Töchtern Irmgard und Käthe, sowie meiner Grossmutter Agnes Lage
Dieses Foto zeigt das Haus meines Patenonkels Anton Lage in Lingen, Am Gasthausdamm 11. Es zeigt ihn mit seiner Frau Hedwig, seinen Töchtern Irmgard und Käthe, sowie meiner Grossmutter Agnes Lage

 

Die obige Ansichtskarte hat Hedwig Lage an meine Tante Käthe in Linden/Ruhr geschickt, der Poststempel ist vom 24.06.1915. Darin schreibt sie u.a.: "Anbei eine Ansicht unserer Villa mit Bewohnern, ist es nicht schön geworden?"Wie Josefa Frommen mir erzählte, stand für meine Großmutter immer eine große Kanne mit Kaffee oder Tee bereit. Sie war zuckerkrank und diese Getränke brauchte sie gegen ihren Durst, der sie ständig plagte. Gegenüber Josefa habe sie auf plattdeutsch gesagt: „Ick hebb so groten Döst, ick kunn de ganze Ems utsupen“ (Ich habe so grossen Durst, ich könnte die ganze Ems austrinken).

Auch meine Großmutter Agnes Lage habe ich zu ihren Lebzeiten nicht mehr
kennengelernt. Sie starb am 28.02.1923 im Alter von fast 60 Jahren.
Und nun berichte ich über mich: Meine Krankheiten und Unfälle
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20.  Und nun berichte ich über mich: Meine Krankheiten und Unfälle
Seit meinem Herzinfarkt 1989 fahre ich jährlich im September zu einer gründlichen Untersuchung nach Bad Krozingen in die Theresienklinik.
Im Untersuchungsbericht nach beendetem Aufenthalt befinden sich 26 Diagnosen über meine Vorerkrankungen, die ich hier nicht alle aufführen will.
Deshalb folgen daraus nur die für mich bedeutsamsten:
Kinderkrankheit: Scharlach
Beim Kriegsdienst: Tbc (behandelt mit Pneumotorax)
Brüche: mehrere Armbrüche, Beinbruch,  Quadrozeps gerisssen
Herzinfarkt (mittelschwerer Vorderwandinfarkt)
Herzoperation (4 Bypässe)
Bauchoperation (Aorta)
Diabetes II

Ich stelle fest: Trotz der vielen Erkrankungen/Unfälle in meinem bisherigen Leben bin ich mit meinen 93 Lebensjahren noch geistig und körperlich fit.
Schwere Operationen
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20.1.  Und nun berichte ich über mich: Meine Krankheiten und Unfälle – Schwere Operationen.
Bypass-Operation 1998

Wie aus einem dichten Nebel höre ich eine Männerstimme, die meinen Namen nennt: „Herr Brinck, hören Sie mich?“ Ich will antworten, aber es kommt kein Ton aus meinem Mund. Da merke ich, dass sich ein Fremdkörper in meinem Mund befindet. Er hindert mich daran, Laute von mir zu geben. Dann spüre ich, wie jemand meine linke Hand berührt. Die Männerstimme meldet sich wieder: „Wenn Sie mich hören, schliessen Sie bitte ihre Hand“. Dieser Aufforderung komme ich sofort nach und ich höre: „So ist es recht. Sie haben alles gut überstanden“.
Was habe ich gut überstanden? Ich versuche, mich zu erinnern und meine geschlossenen Augen zu öffen. Durch einen schmalen Schlitz meiner Lider sehe ich im Dämmerlicht einen Mann im weissen Arztkittel. Er scheint zu ahnen, dass mir die Orientierung fehlt. Auf meinen fragenden Blick hin sagt er: „Sie befinden sich im Aufwachraum des Herzzentrums“.
Langsam erwache ich aus der Narkose. Es kommt mir die Erinnerung, warum ich mich hier befinde.
Gestern, es war Montag der 6. Juli 1998, sind Claudia und ich von Davos nach Konstanz gefahren. Hier hatte ich mich im Herzzentrum Bodensee zur Operation angemeldet. Wegen der schlechten Durchblutung verschiedener Herzkranzgefässe hatten die Ärzte eine dreifach-Bypass-Operation vorgesehen. Als Eintrittszeit war uns 12.00 Uhr genannt worden.
In der Verwaltung des Herzzentrums war man auf meine Ankunft vorbereitet . Ich wurde freundlich empfangen. Jedoch wollte man mich als erstes schonend darauf vorbereiten, dass der Operationstermin nicht Dienstag der 7.7., sondern erst Mittwoch der 8.7.98 sein könne. Man sagte mir, dass am vergangenen Wochenende so viele neue akute Notfälle eingeliefert worden seien, dass die Ärzte meinten, mich zu einem etwas späteren Zeitpunkt noch problemlos unter das Messer nehmen zu können. Ich bat darum, es doch bei dem vorgesehenen Termin zu belassen und diese Möglichkeit noch einmal zu prüfen.
Nachdem die Anmeldeformalitäten erledigt waren, begleitete man uns zu meinem Zimmer im 1. Stockwerk. Hier bekam ich einen gelinden Schreck, denn es trug die Nummer 13. Obwohl ich nicht abergläubisch bin, hat sich bei mir doch unbewusst an diese Zahl die Verbindung mit schlechten Nachrichten eingeprägt. Genauso wie der von vielen Menschen gefürchtete Freitag, der 13. An solch einem Tag habe ich mir nämlich bei einer Kur in Bad Pyrmont die linke Hand gebrochen. Sollte sich die Zimernummer 13 als eine schlechte Vorbotschaft herausstellen? Aber ich verdrängte erst einmal diese Vorstellung. Claudia räumte meine Sachen in den Kleiderschrank ein und ich durfte schon das Bett aufsuchen. Das Zimmer teilte ich mit einem Leidensgenossen, der bereits operiert war und der auf seine Entlassung wartete.
Bei mir waren verschiedene Untersuchungen (Blutentnahme, EKG usw.) zu machen. Dabei stellten sich wieder starke Brustschmerzen ein. Ich sagte das dem Klinikpersonal. Sie nahmen Rücksprache mit den Ärzten und ich wurde dann umgehend in ein anderes Zimmer (es trug die Nummer 4) verlegt, in dem sich Überwachungsgeräte befanden, eine Art Intensivstationszimmer. Es war für mich doch die richtige Vorsichtsmassnahme, vor allen Dingen auch, dass nun auch die Dringlichkeit einer raschen Operation festgestellt wurde. Gegen Abend teilte man mir mit, dass ich doch schon am nächsten Tag (7.7.98 um 7.00 Uhr) als erster Patient operiert werden solle. Das war für mich eine beruhigende Meldung. Auch Claudia war froh und erleichtert, dass wir nun nicht länger im Ungewissen bleiben mussten. Sie hatte immer noch Angst gehabt, dass mir etwas Unerwartetes und Schlimmes zustossen könne. Am späten Abend verabschiedete ich mich von ihr. Wir hatten jetzt die Gewissheit, dass alles gut gehen würde.
Nach der Verabreichung einer entsprechenden Medizin hatte ich keine Schlafprobleme. Am nächsten Morgen fühlte ich mich ausgeruht und hatte keine Beschwerden. Nach Erledigung der Morgentoilette war es dann soweit und ich wurde mit meinem Bett einen Stock höher in den Vorraum des Operationssaales gefahren. Nach einem netten Gespräch mit der Narkoseärztin wurde ich dann in einen Tiefschlaf versetzt, aus dem ich dann etwa 4 Stunden später wieder langsam erwachte.
Was war nun in dieser Zeit mit mir gemacht worden? Ich hatte mir vorher schon im Fernsehen eine Herzoperation angeschaut. Diese Information sollte mir eine erste Hilfe sein. mich auf das unabwendbare vorzubereiten.
Ich will hier nicht - und kann es ja auch nicht - das schildern, was ich bei der Operation „erleiden“ musste. Ich habe nichts davon gespürt, habe nichts „erlebt“, war ja nur der Patient im Narkoseschlaf.


Seit der OP sind nun schon fast 7 Jahre vergangen, eine Zeit, in der ich mein Herz ständig überwachen liess. Es hat bis heute seinen Dienst zu meiner vollsten Zufriedenheit erfüllt. Und wieder taucht hier die Zahl „sieben“ auf. Sie scheint auch für mich eine magische Zahl zu sein. Darum habe ich mich etwas näher mit dieser Zahl und mit ihrer Bedeutung befasst: Gott schuf die Welt in sieben Tagen, es gab die sieben Weltwunder und die sieben Schwaben, den siebenjährigen Krieg usw.
Der perfekte Tag war für mich mein Operationstag, der 7. Juli (7.). Beide Zahlen zusammen ergeben 14. Wenn man 14 mit 7 Mal nimmt, ergibt das 98. Und somit hat man das Datum 7.7.98. An diesem Tag morgens um 7.00 Uhr war mein Opererationstermin angesetzt.

Nach der Operation:
Dankesworte an mein Herz

Herz, mein Herz, mein einzig Herz
wie pochst du wild in meiner Brust.
Das war mir bisher nicht bewusst,
nur selten spürt ich einen Schmerz.

Du hast stets deinen Job getan,
und das schon 74 Jahre lang.

Heut warst du in des Arztes Hand
und nicht mehr hier an deinem Platz.
Machtest Pause für einige Stunden,
hast dabei neue Energie gefunden.

Nun hab ich dich wieder, mein schlagendes Herz,
ich freue mich riesig, deinen Herzschlag zu spüren.
Lass mich nicht in Stich in den  kommenden Jahren
Ich werde dich schonen, um Kräfte zu sparen.



(1) Zur erfolgreichen Bypass-Operation bekam ich dieses Holzherz geschenkt. Es erinnert mich stets daran, mit meinem echten Herzen sorgsam umzugehen. Im Laufe der Jahre hat es nun auch - wie mein Herz - leichte Alterungsserscheinungen bekommen.
Zur erfolgreichen Bypass-Operation bekam ich dieses Holzherz geschenkt. Es erinnert mich stets daran, mit meinem echten Herzen sorgsam umzugehen. Im Laufe der Jahre hat es nun auch - wie mein Herz - leichte Alterungsserscheinungen bekommen.

 


Bauch-Aorta-Operation 2003

Vorgeschichte

Mein Vater Johannes Brinck ist sehr jung gestorben, er wurde nur 49 Jahre alt. Nach einjährigem Krankenlager hat er am 25.01.1934 diese Welt verlassen.  Die Todesursache war Nierenschrumpfung (Nephrosklerose). Dies ist eine von den kleinen Nierengefäßen ausgehende degenerative Erkrankung der Nieren mit nachfolgender Verhärtung und Schrumpfung des Nierengewebes. Sie arbeiten nicht richtig und die Folge davon ist, daß der Urin nicht mehr ausgeschieden wird. Heute bringt der Anschluß an ein Dialysegerät dem Patienten eine Lebensverlängerung und die Transplantation einer fremden Niere kann die Ursache völlig beseitigen.
Bei Vater war das alles noch nicht möglich. So kam es, daß das Wasser in seinem Körper von den Beinen aus immer höher stieg. Als es dann das Herz erreicht hatte, war der Tod unausbleiblich.
Dieses Krankheitsbild habe ich immer vor Augen gehabt. So habe ich stets bei irgendwelchen Problemen in der Nierengegend den Arzt aufgesucht. Bei einer solchen Arztvisite (Anfang 1980) bei dem Nachfolger meines Hausarztes Dr. Hermes in Osnabrück untersuchte der meine Nieren mit einem Ultraschallgerät. Er stellte keine Erkrankungen der Nieren fest, gab mir aber den Rat, auf meine Bauchaorta zu achten. Sie sei vergrößert und könne zu Problemen Anlaß geben. Ich solle sie in regelmäßigen Abständen untersuchen lassen. Das habe ich in den folgenden Jahren auch getan.
Nach meiner Herzoperation (1998) bin ich jährlich in der Theresienklinik in Bad Krozingen per Ultraschall untersucht worden. Dabei wurde neben der Herzfunktion auf meinen Wunsch hin auch die Bauchaorta untersucht. Sie hat in den darauf folgenden Jahren langsam, aber stetig an Umfang zugenommen. Der normale Umfang beträgt ca. 3 bis 3,5 cm. Bei mir waren aber schon 4 cm überschritten und in den letzten Untersuchungen war das Ergebnis dann 5 cm. Die Ärzte hatten mir schon empfohlen, beim Erreichen dieser Marke mich operieren zu lassen. Die Gefahr sei groß, daß die Aorta dann platzen könne und ich innerlich verbluten würde. Innerhalb einer Stunde sei ich dann ein toter Mann, so die düstere Aussicht.
In den letzten beiden Jahren bin ich dann in halbjährlichen Abständen von Professor Jost in Bad Krozingen untersucht worden. Im März 2003 war er der Meinung, daß jetzt ein kritischer Punkt erreicht sei. Er empfahl mir, mich in Freiburg bei einem ihm bekannten Chirurgen für diese Operation anzumelden.
Das habe ich aber noch hinausgezögert.
Ende Juli 2003 bekam ich wieder Herzprobleme, und am 01. August wurde dann im Herzzentrum in Konstanz eine Herzkathederuntersuchung gemacht. Herr Dr. Frese war von mir vorher auf das Problem mit der Bauchaorta aufmerksam gemacht worden. Er stellte einen normalen Innendurchmesser (über 5 cm) der Aorta fest. Beim anschließenden Ultraschalltest war er und auch Dr. Behrens der Meinung, daß eine Operation jetzt wohl unumgänglich wäre. Ich solle mich doch dazu bereit erklären. Mein körperlicher Zustand sei jetzt so gut, daß ich nach ihrer Meinung in den nächsten 3 Monaten die Operation gut überstehen würde. Ich könne auch gleich dableiben.
Das wollte ich aber nicht. Mir war bisher nicht bekannt, daß im Herzzentrum auch diese Bauchoperation durchgeführt werden könne. Daher wollte ich noch weitere Erkundigungen einziehen, um für diese Operation die beste Klinik mit einem erfahrenen Chirurgenteam auszusuchen.
Claudia und ich haben dann alle Möglichkeiten besprochen und sind dann zu folgendem Ergebnis gekommen:
1. Die Operation ist jetzt dringend erforderlich,
2. Meine körperliche Verfassung ist jetzt so gut, daß von daher keine Komplikationen befürchtet werden müssen,
3. Weiteres Warten ist wegen der bevorstehenden Wintermonate und der schlechten Straßenverhältnisse für Claudia (für tägliche Besuchsfahrten von Davos nach Konstanz) nicht zumutbar,
4. Nach meinen guten Erfahrungen bei der Bypaßoration und mit dem Chirurgenteam der Herzklinik Konstanz unter Dr. Behrens habe ich mich entschieden, die Bauchaorten-Operation dort machen zu lassen.
5. Als Operationstermin wurde von mir der 09.09.2003 gewünscht.

Ich bin zur Operation bereit

Die Entscheidung war also gefallen. Ich habe Claudia gebeten, über die ersten Tage nach meinem Eintritt in das Herzzentrum ihre Gedanken und Erlebnisse aufzuschreiben. Hier folgen ihre Aufzeichnungen:

"Eintritt ins Herzzentrum Konstanz am 08.09.2003 zwischen 09.00 und 10.00 Uhr. Längeres Warten, bis Hans das Zimmer zugewiesen bekommt. Dann erfolgen die verschiedenen Untersuchungen, Blutentnahmen und die Besprechungen mit dem Narkosearzt und dem Operateur.

Die Operation ist für den 09.09. um 09.30 Uhr vorgesehen. Sie verzögerte sich, und mit der Zeit bekam Hans kalte Füße und eine innere Kälte, ich dagegen wurde etwas nervös durch die lange Wartezeit. Gegen 11.00 Uhr holte man Hans ab und fuhr ihn in den Operationssaal. Von da an war ich sehr unruhig. In der Kantine der Klinik habe ich etwas zu Mittag gegessen.

Ab 13.00 Uhr habe ich mich vor die Tür vom OP und der Intensivstation gesetzt. Ich mußte lange warten, bis gegen 16.30 Uhr der Operateur erschien. Alles sei soweit gut gegangen. Leider sei eine bei der Operation verwendete Gaze nicht gefunden worden. Man müsse nun einen Herzkatheder machen und evtl. den Bauch nochmals öffnen.

Ich war durch diese Information so fertig, daß ich Anita Hagen angerufen habe. Sie hat mich beruhigt und wieder etwas aufgebaut. Das tat mit gut. Dann endlich, nach einer weiteren Stunde, bekam ich dann die erlösende Nachricht, daß die fehlende Gaze nicht im Bauch von Hans verblieben war. Man habe sie im Sterilzimmer gefunden.

Danach mußte ich weiter warten, konnte dann aber nach einer halben Stunde in die Intensivstation gehen. Dort lag Hans auf dem Platz 4 im Tiefschlaf mit Tubus und mit vielen Kabeln an verschiedene Instrumente angeschlossen.

Die Schwestern waren sehr nett. So gegen 20.00 Uhr ist Hans aufgewacht. Seine erste Frage war: Was hat der Arzt gesagt? Ist alles gut gegangen? Ich habe ihn beruhigt und er schlief dann wieder ein.

Eine halbe Stunde später kam der Tubus weg und Hans konnte wieder allein Atmen. Nun war ich doch beruhigt und machte mich gegen 21.00 Uhr auf den Weg zu Frau Hagen. Sie empfing mich mit einem Kräutertee. Nach einem kleinen Imbiß haben wir noch eine Stunde geplaudert und dann ging ich schlafen.

10.09.
Um 15.00 Uhr war ich  bei Hans, der inzwischen  auf die Überwachungsstation verlegt worden war. Er war schon sehr aktiv gewesen, war dreimal aufgestanden und hatte auch das Klo aufgesucht. Es ging alles gut, und um 17.00 Uhr hat man ihn wieder auf das normale Zimmer verlegt. Hans war aber sehr müde.
Am Abend bin ich dann beruhigt nach Hause gefahren. Ich legte noch einen Halt bei Mädi und Bruno in Bad Ragaz ein.

Am 11.09. um 07.15 Uhr habe ich Hans angerufen um zu erfahren, wie es ihm geht. Mit einer leisen und müde klingenden Stimme war er am Telefon. Er sagte mir, daß er eine schlechte Nacht verbracht hätte mit starken Schmerzen. So gegen 10.00 Uhr habe ich versucht, ihn nochmals zu erreichen. Es meldete sich aber niemand im Zimmer, und da klingelten bei mir die Alarmglocken! Ich rief dann die Stationsschwester an. Sie sagte mir, daß Hans wieder auf der Überwachungsstation sei.
Ich habe dann von unserer Praxis aus Sybille angerufen, damit sie mich bei meinem Arbeitgeber in der  Praxis vertreten solle. Bin dann in Windeseile nach Hause gelaufen, wo Lilly (unsere Flurnachbarin) schon bereit stand. Sie hatte für mich Mittagessen gekocht. Gemeinsam haben wir noch einen Kaffee getrunken und dann bin ich los gefahren.. Ich habe mich so gefühlt wie Hans vor der Operation (kalt und etwas zittrig).
So gegen 13.00 Uhr bin ich dann beim Herzzentrum angekommen. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Als ich dann Hans gesehen habe, war ich so erschrocken, daß mir das Herz in die Hose fiel. Sein Gesicht war ganz fahl und eingefallen, und er hat kaum ein Wort gesprochen. Er sagte mir nur, daß er nicht nach Bad Krozingen zur Rehabilitation könne, sondern daß die Krankenkasse die Reha in der Gefäßklinik in Metmann bei Radolfzell genehmigt habe.

So gegen 18.00 Uhr kam der Arzt zur Visite. Weil das Hämo von 11 auf 5,5 gesunken war, wurde dann rasch eine Ultraschalluntersuchung gemacht. Weil das Ergebnis keine genauen Ergebnisse brachte, wurde dann ein CT im Klinikum angeordnet. Man brachte Hans im unterirdischen Verbindungsgang nach dort.
Bei mir war große Aufregung, bis dann das Ergebnis feststand: Es war eine große Blutansammlung hinter der Blase. Wegen des großen Blutverlustes bekam Hans gleich mehrere Bluttransfusionen.

Ich betete zu meiner Mama, daß sie mir helfen solle und für Hans, daß sie ihm als Schutzengel beistehen möge."

Soweit die Aufzeichnungen von Claudia. Und wie habe ich die Operation erlebt?

Nach dem Erwachen aus der Narkose bemerkte ich, daß jemand meine Hand hielt. Es war Claudia. Als sie merkte, daß ich wach war, fragte sie mich, wie es mir geht. Meine Gegenfrage war: Ist alles gut verlaufen? Nach ihrer positiven Antwort bin ich dann wieder in den Schlummerzustand abgetaucht.

Ich verbrachte insgesamt 10 Tage in der Herzklinik. Nachdem sich mein schlechter Gesundheitszustand nach der Komplikation des Blutverlustes wieder gebessert hatte, brachte mich dann ein Krankenwagen von Konstanz nach Bad Krozingen in die Theresienklinik, wie ich es gewünscht  und wie es auch die Krankenkasse auf meinem Einspruch hin nun auch genehmigt hatte.

Bei dieser Reha habe ich mich von dem sehr schlechten Gesundheitszustand rasch wieder erholt. Ich war froh, mich damit nicht mehr vor dem über mich hängenden "Damoklesschwert" fürchten zu müssen.
Kuren in meiner Schulzeit
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21.  Kuren in meiner Schulzeit
Während meiner Schulzeit (1931 - 1939) war mein Gesundheitszustand nur "mittel". Das ergibt sich aus der ärztlichen Akte der Castellschule in Lingen.



(1) Auszug aus dem Schularztprotokoll, wo mein Gesundheitszustand als "mittel" beurteilt wird
Auszug aus dem Schularztprotokoll, wo mein Gesundheitszustand als "mittel" beurteilt wird

 

 Mir wurden daher  in dieser Zeit drei Kuren verordnet:

1. in Zinnowitz 1934
2. in Henrichenburg bei Recklinghausen 1936 und
3. in Gmund am Tegernsee 1938.

Kur in Zinnowitz auf Usedom
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21.1.  Kuren in meiner Schulzeit – Kur in Zinnowitz auf Usedom.

Meine erste Kur wurde mir 1934 von der Reichsbahn - dem Arbeitgeber meines verstorbenen Vaters -  genehmigt. Der Grund war wohl neben meiner schlechten körperlichen Verfassung auch der durch den Tod meines Vaters bei mir verursachte seelische Schock.
Die weite Reise nach Zinnowitz auf Usedom machte ich von Lingen aus mit einem gleichaltrigen Jungen aus Schepsdorf. Wenn ich mich recht erinnere hiess er Sanders. Wir fuhren ohne Begleitung bis Hannover. Dort bekamen wir eine Reisebegleiterin, die uns von dort bis Zinnowitz beaufsichtigte. In Berlin hatten wir einen längeren Aufenthalt. Wir mussten dort vom Ankunftsbahnhof zum Stettiner Bahnhof gehen.  Unterwegs kehrten wir in ein Restaurant ein und assen dort zu Mittag.
Dann setzten wir unsere Reise  nach Zinnowitz fort. Wir wurden dort im Reichsbahn-Töchterhort "Maria-Heim" untergebracht.
(1927 wurde  das ehemalige  Hotel Belvedere  von einer Stiftung der Deutschen Reichsbahn erworben und zu einem „Eisenbahner-Waisenhort“ für elternlose Kinder von Eisenbahnern umgestaltet.)



(1) Das Marienheim (Eisenbahner-Waisenhort) in Zinnowitz auf der Insel Usedom
Das Marienheim (Eisenbahner-Waisenhort) in Zinnowitz auf der Insel Usedom

 

Mir muss es dort sehr gut gefallen haben. Wir hatten gutes Wetter und machten täglich schöne Spaziergänge am Ostseestrand.Wir hielten dabei Ausschau nach Muscheln und nach Bernstein. Muscheln habe ich etliche gefunden und auch ein grosses Stück Bernstein. 

 



(2) Der Brief des 10-jährigen Hans Brinck an seine Tante Käthe
Der Brief des 10-jährigen Hans Brinck an seine Tante Käthe

(3) Im Schreiben scheint er doch einige Probleme zu haben
Im Schreiben scheint er doch einige Probleme zu haben


Meiner Tante Käthe habe ich am 28.11.1934 folgenden Brief geschrieben (siehe oben):
Liebe Tante Käthe!
Vorigen Sonntag erhielt ich Deinen lieben Brief. Vielen Dank dafür. Die Karte wirst Du wohl schon erhalten haben. Zu Nikolaus brauchst Du mir nichts schicken. Mutter will mir schon etwas schicken. Im Erholungsheim sind  kath. Schwestern. Du wolltest ja wissen, was wir den ganzen Tag machen. Manches Mal gehen wir an die Ostsee, oder wir gehen im Wald spazieren. Wir gehen manches Mal auf den Spielplatz. Wenn es schlechtes Wetter ist, dann gehen wir ins Spielzimmer. Wir sind nicht weit von der Ostsee entfernt. Wir haben gut zu essen.
Nun will ich Schluss machen. Viele herzliche Grüsse sendet Dir Dein Neffe
Hans Brink
Grüsse Tante Änne vielmals.
Die Ansichtskarte vom Heim habe ich beigelegt.


Kinderlandverschickung nach Henrichenburg
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21.2.  Kuren in meiner Schulzeit – Kinderlandverschickung nach Henrichenburg.
Von der NSV (Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt) wurde mir 1936 im Rahmen der Kinder-Landverschickung ein Aufenthalt in Henrichenburg bei Recklinghausen genehmigt. Ich weiss nicht, warum ich von der Nazi-Organisation in diesen "Genuss" gekommmen bin. Ein Genuss ist dieser Aufenthalt für mich nicht gewesen. Ich war dort auf einem grösseren Bauernhof (Gut) bei einer Familie untergebracht. Dort hatte ich niemand zum Spielen, fühlte mich sehr allein gelassen. Nur eine Aufgabe hatte man mir gegeben: mehrmals am Tag den Hühnerstall aufzusuchen und dort die Legenester von den gelegten Eiern zu leeren. Oft habe ich dann aus Langeweile einen Ausflug zu dem in der Nähe befindlichen Schiffshebewerk gemacht.
Weitere schöne oder negative  Erinnerungen an diesen Aufenthalt habe ich nicht und kann mich auch nicht an den Namen der Hofbesitzer erinnern.


(1) Das alte Schiffshebewerk in Henrichenburg
Das alte Schiffshebewerk in Henrichenburg

 

 

 

 

Kur in Gmund am Tegernsee
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21.3.  Kuren in meiner Schulzeit – Kur in Gmund am Tegernsee.
Im letzten Schuljahr (1938) wurde mir eine Kur in Gmund am Tegernsee genehmigt. An diesen Aufenthalt habe ich viele schöne Erinnerungen. Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen des Heimes erinnern.



(1) Das war unsere Gruppe vor dem Eingang des Heims. In der hinteren Reihe neben der Schwester bin ich zu sehen
Das war unsere Gruppe vor dem Eingang des Heims. In der hinteren Reihe neben der Schwester bin ich zu sehen

 



(2) Ich fühle mich hier wohl . . . .

Ich fühle mich hier wohl . . . .

 

 

  

(3) . . . . wie auch die anderen Jungen hier auf diesem Bild

. . . . wie auch die anderen Jungen hier auf diesem Bild

 


Der Aufenthalt im bayrischen Gmund am Tegernsee war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Die Unterbringung im Heim war vorbildlich  und dessen Lage  etwas oberhalb des Ortes war für mich Flachländer sehr eindrucksvoll. Der schöne Blick auf den See und auf die umliegenden Berge (Wallberg, Hirschberg) ist mir bis heute gegenwärtig. Mit den Schwestern unternahmen wir etliche Ausflüge in die Umgebung, darunter war der Aufstieg zum Wallberg (1722 Meter) das tollste Erlebnis. Baden im See war uns nicht erlaubt, jedoch durften wir am Strand (statt des Sandes waren dort Kieselsteine) unsere Füsse in dem kalten Wasser baden.
Einige der Kinder sprachen dort dem Bayrischen Dialekt. Das führte bei mir zu einigen Missverständnissen. Beispiel: Wenn die Schwester fragte, wer möchte noch etwas zu Essen haben, meldete sich der kleine Negerjunge (auf dem Foto oben) und rief lauthals: Schwester fui. Ich verstand das als Pfui und wunderte mich, dass er trotzdem noch etwas Essen auf seinem Teller bekam. Erst später habe ich dann erfahren, dass er damit meinte: Schwester viel! Damit war mein Missverständnis gelöst.

Beim Eignungstest als Telegraphenbaulehrling konnte ich meine Erlebnisse in Gmund schildern, als ich als Aufsatzthema "Wie ich meine Herbstferien verlebte" bekam.
Hier ist die Kopie meines Aufsatzes:



(4) Mein Aufsatz: "Wie ich meine Herbstferien verlebte" mit dem Vermerk: "Ohne fremde Hilfe angefertigt, ohne Entwurf, aufgewendete Zeit: 20 Minuten

Mein Aufsatz: "Wie ich meine Herbstferien verlebte" mit dem Vermerk: "Ohne fremde Hilfe angefertigt, ohne Entwurf, aufgewendete Zeit: 20 Minuten

Der Inhalt lautet:
Wie ich meine Herbstferien verlebte
In den diesjährigen Herbstferien weilte ich nicht in meiner Heimatstadt Lingen, sondern in Oberbayern. Die Eisenbahn hatte für mich dort die Erholungszeit vorgesehen. Am 8. September trat ich die Reise nach dem Ort Gmund an. Dieses Städtchen ist herrlich gelegen. Es liegt am Tegernsee. Mit noch 40 Erholungskindern wurde ich in einem Heim untergebracht. Alltäglich konnten wir die Schönheit der Alpen  bewundern. Doch wir wollten nicht nur die Berge sehen, wir wollten sie auch besteigen. Am 27. September fuhren wir in die Alpenwelt hinein. Wir hatten vor, den Wallberg zu besteigen.  Dieser ist 1722 m hoch. Weil es an diesem Tage sehr heiss war und weil  das Bergsteigen sehr anstrengt, schwitzten wir tüchtig. In zweieinhalb Stunden hatten wir den Gipfel des Berges erreicht. Von hier aus hatten wir einen Weitblick auf die Alpen, wie er schöner  nicht sein konnte. Wir sahen den Gross Glockner, den Gross Venediger und die Zugspitze. An einem anderen Tage bestiegen wir den Riederstein, welcher 1217m hoch ist. Auch haben wir oft im Tegernsee gebadet. Mit diesen Eindrücken kehrte ich am 18. Oktober in die Heimat zurück. Diese Erlebnisse werden für mich unvergesslich sein.

 

Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ."
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22.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ."

 

(1) Der strafende Lehrer

Der strafende Lehrer

 

Für meine Erinnerungen an die Schulzeit habe ich den Titel „Rumpf vorwärts beugt ...“ gewählt. Nun könnte der geneigte Leser meinen, ich wolle damit Begebenheiten aus dem Bereich Schulsport beschreiben. Auch bei dem von mir in Betracht gezogenen Titel „Karussell fahren“ läge die Vermutung nahe, an einer fröhlichen Begebenheit im schulischen Alltag teilnehmen zu können. Bei beiden in den nachstehenden Kapiteln geschilderten Ereignissen wird etwas über die in meiner Schulzeit noch übliche Prügelstrafe berichtet, an die ich als häufig (schmerzhaft) Betroffener nur ungern zurückdenke. Weil sie sich so stark bei mir eingeprägt hat, soll sie auch den Titel für meine Schulerinnerungen abgeben.

Diese von einigen Lehrern gern praktizierte Erziehungsmaßnahme hatte doch nicht den erwarteten Erfolg, aus uns Schülern brave Duckmäuser zu machen. Aber die vielen anderen von uns zu verbüßenden Strafen (z.B. Nachsitzen, Texte 100-mal abschreiben usw.) führten dazu, daß wir im Laufe der Jahre durch diese zusätzlichen Lernpensen in verschiedenen Fächern recht gute Leistungen erbrachten.

Zur Erzielung größeren Lerneifers gab es aber nicht nur Strafen. Für gute Leistungen bekamen wir von den Lehrern auch Lob und Anerkennung in Form von Fleißkärtchen. Diese sollten Anreiz dazu sein, unsere Hausaufgaben mit viel Eifer und Freude zu erledigen.

Doch nun soll der Leser teilhaben an meinen Schulerlebnissen. Er soll sie vergleichen mit seinen eigenen Erfahrungen und dann urteilen können, ob das heutige Schulsystem besser (oder schlechter?) ist als das damalige. Auf jeden Fall, so glaube ich, wird er es schön finden, daß nicht mehr das Kommando „Rumpf vorwärts beugt ...“ aus einer Deutschstunde eine schmerzhafte Turnstunde macht!

Die Schule gestern und heute
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22.1.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Die Schule gestern und heute.

Die Schule gestern und heute

Wenn ich mich in früheren Jahren mit Bekannten oder Kollegen über die Schulzeit unterhalten habe, so bekam ich von ihnen häufig die Antwort, daß sie nicht gern und oft auch nur mit Schaudern daran zurückdenken. Sie seien widerwillig zur Schule gegangen, was meist an den Lehrern gelegen habe (und an deren Züchtigungen = Prügelstrafen) oder auch daran, daß die Anforderungen der Schule für sie einfach zu groß gewesen seien.
Ich will und kann auch nicht die heutigen Schulverhältnisse und die Lehrinhalte mit den damaligen vergleichen, jedoch möchte ich hier folgendes festhalten: Der Unterricht begann während meiner Schulzeit - mit Ausnahme der ersten beiden Schuljahre - regelmäßig morgens um 08.00 Uhr und endete mittags um 13.00 Uhr; wir wurden also am Tag volle fünf Stunden unterrichtet. Stundenausfall, wie er heute fast die Regel ist, gab es nicht. Wenn der unterrichtgebende Lehrer durch irgendwelche Umstände verhindert war, wurde die Stunde durch einen älteren (guten und pädagogisch geeigneten) Schüler gegeben! Diese Aufgabe wurde mir in den letzten Schuljahren auch des öfteren übertragen. Ich hatte Freude daran und habe sie meiner Meinung nach auch gut gelöst. Auf jeden Fall konnte ich mich meinen jüngeren Mitschülern gegenüber durchsetzen, und sie haben unter meiner Aufsicht auch gelernt und nicht gelärmt!! Diese Lösung bei Lehrerabwesenheit ist gegenüber den jetzigen Schulverhältnissen doch ein großer Vorteil gewesen, wobei ich nicht verkennen will, daß sich diese Alternative heute mit den oft undisziplinierten und lernunwilligen Schülern kaum noch durchsetzen ließe. Nach meiner Meinung also: ein klarer Pluspunkt für die „alte Schule“.
Ein weiterer Punkt, über den man diskutieren sollte, ist die Lernwilligkeit bzw. die Lernfähigkeit der heutigen, verglichen mit den damaligen Schülern. Das ist allerdings nur schwer möglich, doch gilt es festzuhalten: In meiner Schulzeit war die Lernwilligkeit sehr groß, begünstigt zum Teil durch angedrohte Strafen (z.B. für Faulheit zusätzliche Strafarbeiten). Durch die gute Unterrichtsgestaltung unserer Lehrer hatten wir es nicht schwer, den durchgenommenen Lehrstoff geistig zu verdauen. Dazu galt es auch täglich ein dickes Pensum an Hausaufgaben zu erledigen, doch dies gab dann das nötige Training für die Gehirnzellen ab.
Vergleichen wir die Anforderungen miteinander, können wir feststellen, daß es die Schüler heute nicht schwerer haben als wir damals. Weil aber jetzt die Ablenkungen bei den Hausaufgaben durch Radio oder Fernsehen sehr groß sind, ist meiner Meinung nach hierdurch die Lern- und Merkfähigkeit der heutigen Schüler vermindert. Die Motivation, wie wir sie hatten, nämlich die Hausaufgaben besonders gut zu machen, ist dadurch stark herabgesetzt. Durch die Musikberieselung bei der Erledigung ihrer Hausaufgaben sind die Schüler unkonzentriert, nehmen die Übungen geistig nicht auf und ihre Leistungen sind entsprechend schlecht. Gleichzeitig fördern diese Ablenkungen ihre Nervosität und sie empfinden die Schule als sehr stressig, und ihre Situation als beschissen.
Ich kann die heutigen Schüler nur bedauern. Die einzige Möglichkeit der Ablenkung für mich in meiner Schulzeit war das Spielen auf der Straße oder im „Busch“. Durch diese Art der Freizeitgestaltung waren wir keine Stubenhocker, wie es die Schüler zum Beispiel durch die heutige Vielfalt der Computerspiele und Musikkassettenangebote gezwungenermaßen werden.
Wir haben auch danach gestrebt, möglichst gute Noten zu erhalten. Unser Fleiß wurde von den Lehrern mit sogenannten „Fleißkärtchen“ belohnt, für die man bei genügender Zahl eine besondere Belohnung erhielt. Heute, finde ich, gibt es eine negative Tendenz. Wer mit wenig Fleiß, möglichst geringer Leistung und folglich mit wenig Mühe - aber mit viel Glück - gerade noch die Versetzung erreicht hat, ist der angesehenste Typ. Diese Entwicklung ist sehr bedauerlich, und die Quittung für die dann unausweichlich schlechten Zeugnisnoten erhalten diese Schüler spätestens bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Während meiner Tätigkeit in der Personalstelle des Fernmeldeamtes war ich unter anderem mit der Auswahl der Nachwuchskräfte (Fernmeldelehrlinge) betraut. Bei den mir vorgelegten Bewerbungen habe ich eine Vielzahl von schlechten Zeugnissen gesehen, womit ich die vorstehend gemachte Feststellung untermauern kann. Überraschend für mich war allerdings, daß viele Schüler aus ländlichen Schulen (Emsland!) bessere Zeugnisse hatten als der Durchschnitt der Bewerber aus größeren Städten.
Gewiß muß man in diesem Zusammenhang auch die Lehrer und deren Art der Unterrichtsgestaltung mit in die Betrachtung einbeziehen. Von meinen Lehrern darf ich dankend feststellen, daß sie ernsthaft bemüht waren, uns viel beizubringen, natürlich manchmal auch unter Androhung von Strafen. Wir haben dadurch viel gelernt, und der Wissensstand eines Volksschülers von „damals“ verglichen mit einem heutigen Mittelschüler fällt sicher zu Gunsten des Volksschülers aus!!
Einschulung und erstes Schuljahr
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22.2.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Einschulung und erstes Schuljahr .

Eingeschult wurde ich am Mittwoch, 01. April 1931. Damit begann meine achtjährige Schulzeit als Volksschüler; sie endete am Dienstag, 21. März 1939.
Heute ist es üblich, die Kleinen im Vorschulalter zum Kindergarten zu schicken, damit sie schon recht früh mit anderen Kindern in Kontakt kommen und dadurch einerseits lernen, sich in eine Gemeinschaft einzufügen, andererseits auch durch gemeinsame Spiele, Einüben von Liedern usw. sich auf das danach folgende Schulleben vorzubereiten. Mir ist nicht bekannt, daß es während meiner Vorschulzeit in Lingen schon solche Kindergärten gegeben hat. Ich trat somit völlig unvorbereitet in den neuen Lebensabschnitt.
Meine Spielkameraden von der Schwedenschanze waren entweder älter oder jünger als ich, und der einzige meines Jahrgangs, nämlich Rolf-Dieter Schuchardt, wurde in eine andere Schule eingeschult (Postschule), weil er evangelisch und ich katholisch war und es in Lingen nur Bekenntnisschulen gab. So trat ich dann am ersten Schultag an der Hand meiner Mutter den Weg zur Hüttenplatz-Schule an.




(1) Ich bin bereit zum 1. Schulgang
Ich bin bereit zum 1. Schulgang

 

Vorher mußte natürlich noch ein Foto des „Erstklaß-Schülers“ gemacht werden, und so sieht man mich, angetan mit meinem blauen Matrosenanzug und mit der Matrosenmütze auf dem Kopf, in unserem Garten „aufgebaut“. Auf dem Rücken den Tornister geschultert, und seitlich daran - nicht zu übersehen - baumelte ein gehäkelter Lappen. Das war ein wichtiges Utensil, welches ich später unter Anleitung von Mutter auch selbst angefertigt habe. Man benutzte ihn zum Trocknen der Schiefertafel, wenn man die darauf geschriebenen Zeichen mit einem feuchten Schwamm gelöscht hatte.
Verständlicherweise kann ich mich nicht genau daran erinnern, welche Gefühle mich befielen, als ich mit so vielen mir fremden Kindern zuerst auf dem Schulhof zusammentraf und mich dann später mit ihnen in unserem Klassenzimmer in die Schulbänke setzen mußte. Es waren aber keine sehr angenehmen Gefühle, und es beschlich mich so etwas wie Angst. Eigentlich ist mir das unerklärlich gewesen, hatte ich mich doch auf den Schulbeginn gefreut, um dann endlich Lesen und Rechnen zu lernen. Aber all diese neuen und fremden Eindrücke machten mir - weil ich recht schüchtern war ! - schon zu schaffen.
Von unserem neuen Klassenlehrer erhielt jeder Schüler als kleine Überraschung ein gekochtes Osterei. Meines war blau gefärbt, und ich wundere mich noch heute darüber, daß eigentlich so etwas Nebensächliches sich in meiner Erinnerung festgesetzt hat. Eine Schultüte, wie sie heute die Schulanfänger erhalten, hat es für mich nicht gegeben. Somit mußte mir dieses blaue Osterei den Schulanfang versüßen.
Nachdem wir also mit unserem Klassenraum und dann auch noch mit unserem Klassenlehrer bekanntgemacht worden waren, sagte man uns, daß wir wieder nach Haus gehen könnten und der Unterricht erst am nächsten Tag richtig beginnen würde. Na, das war ja ein recht kurzer erster Schultag gewesen. Danach habe ich es richtig genossen, im Garten zu spielen und noch nicht Hausaufgaben machen zu müssen.
Mein erster Klassenlehrer hieß Lühle. Dieser Erzieher war einer von der Sorte, die wirklich gut und verständnisvoll mit Erstkläßlern umgehen konnten und der es besonders verstand, uns die Angst vor unserer neuen Umgebung zu nehmen.
Angst, ja, die hatten wir „i-Männchen“ wohl alle mehr oder weniger noch recht lange. So erinnere ich mich an einen Mitschüler (er hieß Kösters), der vor Angst immer in die Hose machte. Wir konnten dann die Bescherung riechen und sehen, wie ihm die (.......) aus der Hose lief. Ein bejammernswertes Bild! Es tritt noch heute vor meine Augen, wenn ich mich an das erste Schuljahr erinnere. Mir ist so etwas Gott sei Dank nicht passiert, somit muß sich meine Angst wohl in Grenzen gehalten haben. Von den älteren Schülern wurden wir Schulanfänger in den Unterrichtspausen gehänselt und man versuchte, uns i-Männchen auf dem Schulhof anzurempeln. Doch die entstehenden Rangeleien wurden von den aufsichtführenden Lehrern rasch unterbunden.
Im ersten Schuljahr besuchte ich die Hüttenplatzschule. Sie lag an der vorderen Schwedenschanze unmittelbar hinter der Bahnlinie und an dem großen Platz für den Viehmarkt. Das war für mich sehr vorteilhaft, hatte ich folglich nur einen kurzen Schulweg von wenigen Minuten.



(2) Im ersten Schuljahr wurde ich hier vor dem Eingang zu den Klassen der Hüttenplatzschule fotografiert
Im ersten Schuljahr wurde ich hier vor dem Eingang zu den Klassen der Hüttenplatzschule fotografiert

 

Unsere Klasse wurde nach dem ersten Schuljahr leider aufgelöst. Im Ortsteil Laxten hatte man eine neue Schule gebaut, Sie erhielt den Namen „Hindenburgschule“. Dadurch wurde ein Teil meiner Mitschüler nach dort umgeschult, aber auch der Rest der Klasse - dazu gehörte ich - kam an eine andere Schule. Vom 2. Schuljahr bis zu meiner Schulentlassung war ich dann Schüler der Castellschule. Unsere Hüttenplatzschule wurde kurze Zeit später umgebaut und diente danach dem Reichsarbeitsdienst als Unterkunft.

Was ist mir in meinen Erinnerungen an das erste Schuljahr geblieben? Neben den schon geschilderten Ereignissen sind es besonders meine Bemühungen, auf meiner Schiefertafel schöne Buchstaben zu produzieren. Das ging nicht ohne kratzende Geräusche des Griffels auf dem harten Schiefer ab und die dem Zuhörer kalte Schauer über den Rücken laufen ließen. So hörte ich oft von Mutter den Rat (Vorwurf): „Drück doch den Griffel nicht so fest!“ Aber das war für meine kleine Hand nicht so einfach. Erst später gab es für mich einen besseren, weicheren, vom Umfang her dickeren Stift, nach seinem Aussehen eine Art Milchstift, der nicht so stark gedrückt werden mußte und mit dem es sich leichter schreiben ließ.
Nun überlege ich, was sich denn alles in meinem Ledertornister befunden hat. Neben der schon erwähnten Schiefertafel, die auf der einen Seite vorgezeichnete Linien zum Schreiben und auf der Rückseite kleine quadratische Kästchen zur Aufnahme der Zahlen für Rechenaufgaben hatte, waren das: ein Griffelkasten aus Holz, in dem die Schreibutensilien (Griffel, Anspitzer, später auch der Federhalter und ein Metallbehälter für Schreibfedern) untergebracht waren, sowie eine Schwammdose mit einem feuchten Schwamm, je ein Lesebuch und ein Rechenbuch für das erste Schuljahr.
Besonders haben mir meine ersten Bücher, das Lese- und Rechenbuch, gefallen. Sie enthielten sehr viele bunte Zeichnungen, und auf dem ersten Bild im Lesebuch tanzten Kinder Ringelreihen um einen blühenden Baum. Darunter stand dann der erste von uns zu lernende und zu schreibende Buchstabe, das „i“.
Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum man zu den Schulanfängern „i-Männchen“ sagte. Übrigens gab es dabei keine Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen, es gab also keine „i-Mädchen“. Na ja, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist ja auch erst viel später eingeführt worden.
Es ist mir verständlicherweise nicht möglich, über jedes meiner acht Schuljahre Einzelheiten zu berichten. Da streikt einfach das Erinnerungsvermögen. Daher will ich versuchen, meine Klassenlehrer zu schildern und mich dabei an Begebenheiten erinnern, die sie und ihre Eigenheiten beschreiben.
Wie ich schon erwähnte, war mein erster Klassenlehrer Herr Lühle. Ihm verdanke ich es, daß mir vom ersten Tage an der Schulbesuch Freude gemacht hat und mir das Lernen keine Mühe bereitete. Er ist in meiner Erinnerung wirklich das Vorbild eines Erziehers. Kein böses Wort kam über seine Lippen, stets hatte er für uns Kinder neben einem freundlichen Lächeln nur lobende und anspornende Worte. Wir haben ihm das auch durch unseren Fleiß (für den es die schon erwähnten Fleißkärtchen gab) gedankt.
Die weiteren Schuljahre
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22.3.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Die weiteren Schuljahre .

Vom zweiten Schuljahr an hatte ich dann als Lehrer einen Schulkollegen meines Vaters, er hieß Heinrich Krauß und wohnte auch in unserem Stadtviertel an der Gasstraße. Mutter gab mir für ihn oft einen Blumenstrauß mit oder ich brachte ihm Obst und Gemüse in seine Wohnung, was er dankend annahm. Für den Weg zur Schule benutzte er ein Fahrrad, das - wie früher üblich - keinen Freilauf hatte; zum Aufsteigen befand sich an der hinteren Fahrradnabe ein Steg. Es war daher sehr lustig, ihn beim Start zuzuschauen: einen Fuß auf dem Steg, sich mit dem anderen auf dem Boden abstoßend und dann mit Schwung das Bein über den Sattel zur Pedale auf der anderen Seite das Rades befördernd, setzte er sich langsam in Bewegung. Als eine besondere Auszeichnung betrachteten wir Kinder es, ihn auf seinem Fahrrad zu schieben. Weil er kein hohes Tempo vorlegte, liefen wir neben ihm her und wechselten uns beim Schieben ab. So ging es im Dauerlauf von der Castellschule über die Marienstraße, am Bahnhof vorbei und an den Eisenbahngleisen entlang bis zur Abzweigung Gasstraße bei der Wirtschaft Thien. Dort gaben wir seinem Fahrrad noch einmal einen kräftigen Schubs und damit verabschiedeten wir uns.
Bei ihm hatte ich immer gute Noten im Zeugnis. Er war es auch, der meinen Eltern vorschlug, mich nach dem 4. Schuljahr zum Gymnasium zu schicken. Das sollte dann leider nicht möglich sein. Mein Vater starb im Januar 1934, und weil Mutter eine monatliche Rente von nur 85,-- Reichsmark erhielt, konnte sie davon nicht das geforderte Schulgeld (20,-- RM/monatl.) und auch nicht die erforderlichen Schulbücher bezahlen. Da es kein Stipendium für begabte Schüler gab, mußte ich wohl oder übel weiter die Volksschule besuchen. Ich habe dies damals als nicht so erheblich empfunden, jedoch hat sich mir ein Ereignis eingeprägt, das mir einen Minderwertigkeitskomplex eingetragen hat.
Mein Spielkamerad Rolf-Dieter hatte aufgrund seiner guten schulischen Leistungen und der erfreulichen finanziellen Lage seines Vaters den Übergang zum Gymnasium geschafft. Er zeigte mir dann auch voller Stolz seine neuen Schulbücher, und darunter befand sich auch ein Notizbuch für englische Vokabeln. Ich las laut die Aufschrift „Note book“ und zwar so, wie man es ohne Kenntnisse der englischen Aussprache eben liest. Daraufhin verbesserte Rolf-Dieter mich und sagte, daß man es richtig „Not buk“ aussprechen müsse. Dann erklärte er mir noch weitere englische Vokabeln und deren Bedeutung mit der richtigen Aussprache. Ich kam mir dabei richtig „doof“ vor und schämte mich wegen meiner Unkenntnis. Erst viel später - nach Beendigung des 2. Weltkrieges - habe ich mir dann im Selbststudium und durch den Besuch eines Volkshochschulkurses die notwendigen englischen Sprachkenntnisse angeeignet, um damit diesen Minderwertigkeitskomplex endlich loszuwerden. Die so erworbenen Sprachkenntnisse konnte ich dann auch dienstlich gut verwerten, weil ich als Entstörer der Fernsprechvermittlungen bei den englischen und polnischen Besatzungseinheiten eingesetzt war und niemand von meinen Kollegen sich mit den englisch sprechenden Soldaten verständigen konnte.
Im 5. Schuljahr bekamen wir einen Klassenlehrer, der mir in ganz unangenehmer Erinnerung geblieben ist. Sein Name war Obertimpe; er hatte in der Nazi-Partei eine gehobene Position inne. Wir konnten es daran erkennen, daß er häufig mit seiner schönen braunen Uniform zum Unterricht erschien. Weil wir seinen Unterricht störten und daher recht unaufmerksam waren, haben wir bei ihm nicht viel gelernt. Es machte uns Spaß, ihn bis zur Weißglut zu ärgern, so z.B. mit dem Abschießen von Papierkugeln mittels einer Gummischleuder, die dann laut an die Wandtafel klatschten. Auf seine Frage, wer das gewesen sei, meldete sich natürlich niemand. Die Folge war, daß er sich wegen unserer ständigen Unterrichtsstörungen so in eine Wut steigerte, daß ihm der Schaum vor den Mund trat, er über die Schulbänke lief und dabei mit seinem Rohrstock nach links und rechts Schläge austeilte, ohne Rücksicht darauf, wohin er traf. Weil er auch mit anderen Klassen seine Probleme hatte, muß die Schulleitung dann wohl reagiert haben, denn mitten im Schuljahr verschwand Herr Obertimpe und ward an unserer Schule nicht mehr gesehen.

Für den Rest dieses Schuljahres bekamen wir einen jungen und autoritären Lehrer; er hieß - wenn ich mich recht erinnere - Breitenstein. Vor ihm haben wir dann wieder den nötigen Respekt gehabt und folgten seinem Unterricht, ohne zu stören. Er konnte seine Vorträge spannend gestalten und hat meines Wissens nie einen Schüler mit Schlägen gestraft. Eine rühmliche Ausnahme im damaligen Schulwesen!

Der prügelnde Lehrer Kuhlmann
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22.4.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Der prügelnde Lehrer Kuhlmann.

Im 6. und 7. Schuljahr unterrichtete uns wieder ein anderer Klassenlehrer, Kuhlmanns „Bubi“. Wie er zu diesem Kosenamen gekommen ist, kann ich nicht sagen. Äußerlich machte er alles andere als einen bubihaften Eindruck. Das kann man auch auf unserem Klassenfoto erkennen. Er war mittelgroß, und auf seiner Nase trug er einen Kneifer. Im 1. Weltkrieg war er schwer verwundet worden. Man hatte ihm das rechte Bein am Oberschenkel amputiert und er trug deshalb eine Prothese. Seine Bewegungen wirkten daher steif und ungelenk. Um sicher zu gehen, benutzte er einen dicken Krückstock, den er manchmal auch zum Austeilen von Prügel verwendete. Doch meistens diente ihm als Schlaginstrument ein etwa ein Meter langer Rohrstock, mit dem er uns entweder vor den Hosenboden schlug oder, was mehr schmerzte, durch die geöffnete Hand. Bei den Schlägen vor das Gesäß lautete sein Kommando: „Rumpf vorwärts beugt, Hände an die Zehenspitzen“. Kaum hatte sich der Delinquent etwas gebückt, hatte ihn schon der erste Schlag getroffen und das große Heulen begann. Meist waren es mehrere Schläge, die der betroffene Schüler zu ertragen hatte, und ich stelle mir vor, daß dies Herrn Kuhlmann eine sadistische Freude bereitet haben muß. Auch die Schläge auf die Innenhand waren sehr schmerzhaft (ich habe etliche davon einstecken müssen und kann deshalb ein Lied davon singen!) und wo sie getroffen hatten, entstanden dicke Striemen, die sich blutig verfärbten. Das war also der Schlagwütigste unter den Lehrern, die ich während meiner Schulzeit kennengelernt habe; er war daher von uns Schülern sehr gefürchtet. Ach ja, der besagte und von ihm so oft benutzte Rohrstock splitterte nach häufigem Gebrauch und wurde mit der Zeit unbrauchbar. Meist durfte ich dann Ersatz holen, für 50 Pfennig gab es ein neues Prügelinstrument, und wenn es das Pech wollte, war ich auch der Erste, an dem es ausprobiert wurde!
Einer meiner Klassenkameraden - ein starker Typ - hat sich gewehrt, als er verprügelt werden sollte, und kräftig zurückgeschlagen. Dabei fiel „Bubi“ zu Boden und fing gellend an zu schreien. Daraufhin hat der Schüler das im Erdgeschoß liegende Klassenzimmer durch das geöffnete Fenster fluchtartig verlassen. Was er als Strafe für den Angriff auf den Lehrer bekommen hat, weiß ich nicht mehr; wir Mitschüler haben uns aber über seinen Mut gefreut und ihm unsere Hochachtung ausgesprochen.
Natürlich haben wir bei Bubi aus Angst vor Strafarbeiten und Schlägen eifrig gelernt. Obwohl er aufgrund seiner Kriegsverletzung erst als ein sogenannter „Umschullehrer“ in den Schuldienst eingetreten war, also kein richtiges Studium absolviert hatte, gab er doch guten Unterricht. Er ließ sich dabei jedoch manchmal von uns ablenken, wenn wir das Thema auf den Krieg brachten. Wenn er uns dann von seinen Kriegserlebnissen erzählte, war die Unterrichtsstunde bald zu Ende und wir hatten damit unser Ziel, keine Hausaufgaben zu bekommen, meist erreicht.
     


(1) Heimat-Diktat in Sütterlinschrift bei Lehrer Kuhlmann
Heimat-Diktat in Sütterlinschrift bei Lehrer Kuhlmann

 

 

 


 

Milchdiebstahl durch Lehrer Kuhlmann
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22.5.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Milchdiebstahl durch Lehrer Kuhlmann.

Aber auch  Lehrer Kuhlmann hat unsere Klasse nicht bis zum Ende des (7.) Schuljahres unterrichten dürfen. Und das kam so: Bei den Nazis gab es die NSV (Nationalsozialistische Volksfürsorge), deren Aufgabe es war, den bedürftigen Volksgenossen zu helfen und sie zu unterstützen. So bekamen an unserer Schule  Kinder minderbemittelter Familien Freimilch, wir nannten sie „NSV-Milch“. Auch ich gehörte zum Kreis der Anspruchsberechtigten.
Mein Onkel Hermann Lage war Milchmann und zu seinem Verteilbezirk gehörte auch die von mir besuchte Castellschule. Jeden Tag lieferte er also die vom Hausmeister der Schule angegebene Zahl der Milch- und Kakaoflaschen an. Die von den Schülern bestellten und zu bezahlenden Flaschen verteilte der Hausmeister zu Beginn der großen Pause, die Freimilch wurde dagegen in die Klassenzimmer gestellt. Dabei ergab es sich manchmal, daß ein Schüler unserer Klasse, der Anspruch auf Freimilch hatte, leer ausging. So passierte es mir auch einige Male und immer dann, wenn ich von Kuhlmanns Bubi zum Zigarettenholen geschickt wurde (1 Schachtel zu 3 Stück Marke „Lloyd“ kostete 10 Pfennig). Nach meiner Rückkehr in den Klassenraum war keine Milch mehr da, und da das mit der Zeit immer häufiger vorkam, habe ich es dem Hausmeister gemeldet. Zuerst wurde vermutet, daß mein Onkel zu wenig Milchflaschen geliefert hatte. Nach weiteren Nachforschungen stellte sich dann aber heraus, daß in den anderen Klassen alles stimmte und nur in unserer Klasse diese Fehler auftraten. Als dann unsere Mitteilung, daß Bubi auch zu den Milchtrinkern gehöre, obwohl er keine „zu zahlende Milch“ bestellt hatte, stand fest, daß er sich an der in die Klasse gelieferte kostenlose NSV-Milch vergriffen hatte. Er hatte sich den Umstand zunutze gemacht, daß, wenn ein Freimilch-Kind fehlte oder aber, so wie ich, für ihn Zigaretten holte und zu Beginn der Pause nicht gleich seine Milch genommen hatte, er glaubte, daß keiner Anspruch auf die dann übriggebliebene Flasche erheben würde. Wir Kinder wurden dann noch eingehend zu dem Sachverhalt vernommen und danach stand fest, daß unser „Bubi“ Milchdiebstahl begangen hatte. Er wurde sofort vom Dienst suspendiert und ist, wie ich später hörte, nach Osnabrück (seinem Wohnort) in den Ruhestand versetzt worden. Ob er dort nach Kriegsbeginn (1939) wegen des herrschenden Lehrermangels wieder unterrichtet hat und ob er für den Milchdiebstahl noch strafrechtlich belangt worden ist, habe ich nicht erfahren können. In den fünfziger Jahren ist er mir einige Male in Osnabrück auf der Straße begegnet, und ich habe mich mit ihm auch unterhalten; die Milchangelegenheit ist dabei aber nicht von mir zur Sprache gebracht worden.
Unser Klassenlehrer Rektor Lenz
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22.6.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Unser Klassenlehrer Rektor Lenz.

Für den Rest des 7. und im 8. und letzten Schuljahr erhielten wir als Klassenlehrer den Leiter unserer Schule, Rektor Lenz. Er war in unseren Augen schon eine Respektsperson, durch seine stramme Erscheinung und durch sein hohes Amt in der NSDAP (er war Kreispropagandaleiter) in Lingen auch eine angesehene Persönlichkeit.
Sein Unterricht war - was wohl nicht verwundert - ganz auf die Leistungen unseres Führers Adolf Hitler beim Wiederaufbau Deutschlands nach der schmachvollen Kriegsniederlage 1918, sowie auf die Beendigung der dem Deutschen Volk aufgezwungenen Reparationszahlungen des Versailler Diktats ausgerichtet. Ein weiterer Schwerpunkt in seinem Unterricht war der Erfolg der Partei bei der Beseitigung der großen Arbeitslosigkeit durch den Bau der Reichsautobahnen und anderer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (so z.B. Errichtung des Westwalls als Verteidigungsbollwerk gegenüber dem „Erzfeind“ Frankreich).
Ebenfalls war ein Lieblingsthema „Die Juden und ihr schädlicher Einfluß auf die deutsche Wirtschaft“. Das hämmerte er in unsere Köpfe ein mit den Worten: „Die Juden sind unser Unglück“, und wir haben es dann auch geglaubt. Was er mit solchen Behauptungen bei uns unkritischen und unerfahrenen Kindern anrichtete, ist wirklich unverantwortlich gewesen. Mich brachte diese Art des Unterrichts immer in Gewissenskonflikte, einmal, weil meine Mutter gern in den preisgünstigen jüdischen Geschäften einkaufte (meinen ersten Anzug kaufte sie im Geschäft des Juden Ferdi John) und zum anderen war doch die Frau meines Onkels Carl Möddel nach den Rassengesetzen der Nazis eine Vierteljüdin. Weil sie aber den katholischen Glauben angommen hatte, blieben sie von Verfolgung weitgehend unbehelligt. Aber es genügte, um die Familie zu demütigen.und zu enteignen. Diese Erlebnisse in der Nazizeit haben alle in der Familie  von Onkel Carl traumatisiert.
 Ihre vier Kinder (davon zwei Jungen etwas jünger als ich, und zwei bildhübsche Mädchen), habe ich richtig bedauert. Die Judenkinder waren auf unserem Schulhof immer ausgegrenzt, keiner wollte mit ihnen spielen, und sie bildeten oft für die „arischen“ Schüler willkommene Angriffsziele für Spott und auch für Rangeleien.
Dieser Rektor Lenz hielt auf mich große Stücke. Mit noch drei anderen Mitschülern aus unserer Klasse hatte er mich ausgewählt, an der Nationalsozialistischen Politischen Bildungsanstalt (NAPOLA) mit dem Studium als Volksschullehrer zu beginnen. Obwohl es mich freute, damit zu den besten Schülern unserer Klasse zu gehören, war ich nicht so recht von diesem Vorschlag begeistert. Den Ausschlag gab aber schließlich meine Tante Käthe, die ja selbst Lehrerin war und die uns (d.h. meiner Mutter und mir) riet, dieses Angebot nicht anzunehmen. Was sie im Einzelnen meiner Mutter für Gründe nannte, habe ich nicht erfahren. Ich weiß aber, daß sie mit den Nazis nichts im Sinn hatte, wohl auch aufgrund ihrer Strenggläubigkeit.
Jedenfalls mußte Mutter mit mir eines Nachmittags beim Rektor erscheinen. In seinem Büro schilderte er uns die Vorteile, die mit dieser Auszeichnung und mit der großartigen Ausbildung, die ja nur die besten Schüler unserer Schule erhalten sollten, verbunden seien. Aber Mutter ließ sich nicht davon überzeugen, und sein ganzes Reden war vergebens: sie hat ihre Zustimmung zu der mir offerierten Lehrerlaufbahn nicht gegeben.
Rektor Lenz wurde nach Beendigung des Krieges von den Engländern gefangengenommen und in einem Lager für Nazis interniert. Dort soll er, wie ich später erfahren habe, auf nicht natürliche Weise ums Leben gekommen sein.
Klassenfoto im 7. Schuljahr(1937/38)
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22.7.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Klassenfoto im 7. Schuljahr(1937/38).



(1) Klassenfoto im 7. Schuljahr (1937/38), Klassenlehrer B. Kuhlmann
Klassenfoto im 7. Schuljahr (1937/38), Klassenlehrer B. Kuhlmann

 

Fensterreihe                 2. Reihe___                  3. Reihe                   4. Reihe

Krummen, Hans           Bruns, Bernhard        Herbers, Alfons       Runde,Werner  /Schwarte, Ant.
Humbert, Heinz           v.d. Burg, Heinz        Belt, Johannes          Lüttel, Hermann
Humbert,Heinz-Herm.  Mack, Valentin          Jansing, Heinz         Fritze, Clemens
Krüp, Franz                  Pölking, Josef           Jünke,  Kasper         Münch, Adam
Althoff, Theo                Rohoff, Hermann      Rosemeyer, Horst     Schulte, Josef
Kley, August                 Dust, Heinz              Fritze, Bernhard    Hackmann, Helmut
Westkamp, Bernh. (st)   Schowe, Willi           Wiels, Herbert          Tönns, Hermann
Rohoff, Johannes           Brinck, Hans            Pawlowsky, Gerhard
                                                               Schnöing, Hans (st) Rudolf, Hermann (st)

5. Reihe                         6. Reihe                       links an der Wand stehend
Schulte, Gerhard           Schlüter, Willibald            Schneider, Theo
Klus, Heinz                   Ortmann, Fritz                  Rütermann, Heinz
Lenz, Karl-Heinz           Geers, Josef                      Albers, Franz
Kortmann, Hans             Varel, Heinz                    
Hessel, Walter                Pütz, Heinz 
Zaeck, Eduard                Jaske, Hermann

Die weiteren Lehrer und ihre Macken
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22.8.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Die weiteren Lehrer und ihre Macken.

In meinen acht Schuljahren haben mich sechs verschiedene Klassenlehrer unterrichtet. Dazu kamen noch weitere Lehrer, bei denen ich Fachunterricht hatte. Darunter gab es einige, die sich mir wegen ihrer „Macken“ sehr gut eingeprägt haben.
Beginnen möchte ich mit unserem Turnlehrer. Er hieß Rieke; wir Schüler nannten ihn „Rieken Venno“. Ich kann mit bestem Willen nicht sagen, was der Spitzname „Venno“ zu bedeuten hatte. Er war einfach da und wurde von einem Schülerjahrgang zum anderen weitervererbt. Dieser Turnlehrer versuchte mit uns Sport zu treiben. Die ihm zur Verfügung stehenden Mittel waren äußerst gering, es gab keine Sportgeräte außer einigen Bällen und nur eine Weitsprunggrube auf dem Schulhof. Dazu kam noch eine Turnhalle am Neuen Hafen, die wir aber nur sehr selten benutzten. Der Boden dieser Halle bestand aus Sand, vermischt mit Sägemehl. Von der Decke hingen einige Kletterseile herab; diese und eine Kletterwand benutzten wir für unsere sportliche Betätigung und körperliche Ertüchtigung, die aber, wie man verstehen kann, unter diesen schlechten Voraussetzungen nur sehr dürftig ausfiel.
Die Turnstunde fand bei gutem Wetter in „Böhmers Tannen“ statt; sie war meist mit Ballspielen (Völkerball, Fußball) ausgefüllt. Dort konnten wir uns auch lauthals austoben, was ja auf dem Schulhof der Castellschule wegen des dann den Unterricht störenden Lärmes nicht geduldet war.
An besonders heißen Tagen war auch die Männerbadeanstalt unser Ziel. Sie lag in unmittelbarer Nähe des Dortmund-Ems-Kanals beim neuen Hafen. Vom Kanal aus hatte sie einen Zufluß, aus dem sich das Wasser über einen kleinen Wasserfall in das Becken ergoß. Wenn ich mich heute an diese Bademöglichkeit erinnere, graust es mich. Das schmutzige, ungereinigte Kanalwasser lief in ein Becken, dessen Boden unbefestigt und morastig war. Wenn man sich darin hinstellte, sank man mit seinen Füßen darin ein. Keine Frage: heute würde es aus hygienischen Gründen sofort geschlossen werden müssen. Rückblickend kann ich diese Bademöglichkeit nur als große Pfütze, vergleichbar einem Ententeich, bezeichnen, und ich wundere mich, daß wir Schüler uns dort keine ernsthaften Krankheiten geholt haben.
Nun zurück zu unserem „Venno“. Wir Kinder nutzten die Freiheit einer Sportstunde gegenüber der Strenge des Unterrichts aus und waren aus der Sicht des Lehrers sehr ungestüm. Zu Beginn der Turnstunde sagte er uns deshalb mit mahnend erhobenem Zeigefinger: „Ich habe zehn Säcke Geduld mitgebracht. Sorgt dafür, daß sie nicht verbraucht werden.“
Diese Mahnung hatten wir in unserem Spieldrang bald vergessen, und das Unglück wollte es meist, daß ich dann, als der Letzte der Geduldssäcke verbraucht war, den Rohrstock holen mußte. Ich weiß wirklich nicht, woran es lag, daß ich fast immer als erster Schüler die fällige Tracht Prügel einstecken mußte. Vielleicht war ich doch ein Tunichgut?
Unser Erdkundelehrer hieß Schaaf. Auch er hatte einen Spitznamen, dessen Entstehung mir aber bekannt ist. Herr Schaaf stammte gebürtig aus dem Hessenland, was man an seinem Dialekt hören konnte. So sagte er zu den Schülern, die eine schlechte Leistung gebracht hatten: „Kähl, ich porre dir eine 4.“ Das Wort porre (bohre) sprach er aus wie die Gemüsepflanze Porree. Das war dann auch sein Spitzname geworden.
Eine Art Kirmes brachte er in seine Unterrichtsstunden. Hatte ein Schüler ihn geärgert, versprach er ihm: „Kähl, wir wollen mal Karussell fahren“. Das bedeutete, daß der so angesprochene Kähl nach vorn kommen mußte, Herr Schaaf packte ihn am Kragen und mit seinem Spazierstock (auch er war beinamputiert) schlug er ihm auf das Hinterteil. Vor den Schlägen wollte der Schüler sich aus verständlichen Gründen schützen und rannte dann im Kreis um Porree herum. Das war also das von uns gefürchtete „Karussellfahren“.
Die anderen Lehrer (z.B. für Gesang und Werkunterricht) waren nicht so streng und wir hatten mit ihnen auch keine Probleme. Daher ist mir von ihnen nichts auffälliges in Erinnerung geblieben, auch kein Spitzname.
Meine Tätigkeit als Messdiener
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22.9.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Meine Tätigkeit als Messdiener.

Erwähnen möchte ich auch noch, daß der Schultag für mich nicht erst um 08.00 Uhr anfing. Vorher mußten wir noch die Schulmesse besuchen, die um 07.15 Uhr begann. Mit etwa 10 Jahren meldete ich mich als Meßdiener an, weil es einige der anderen guten Schüler auch taten. Nachdem wir vom Pfarrer getestet worden waren, bekam auch ich die Erlaubnis zum Dienst am Altar. Zuvor mußte ich die lateinischen Meßdienerantworten aus dem Meßbuch auswendig lernen, eine Aufgabe, die mir nicht leichtgefallen ist, die mir aber doch Spaß gemacht hat.
Mein erster Einsatz als Meßdiener ist mir unvergeßlich geblieben, weil ich dabei „Blut und Wasser“ geschwitzt habe. Zum Wochendienst war ich gemeinsam mit einem etwas älteren Meßdiener für die Frühmessen um 06.00 Uhr eingeplant worden, wohl aus dem Grund, weil ich dann ruhig mal Fehler machen durfte, die von meinem Kollegen schnell hätten korrigiert werden können. Für die Kirchenbesucher wären sie somit unbemerkt geblieben. Es kam aber ganz anders. Vor meinem ersten Einsatz wartete ich auf meinen Partner, der aber nicht kam (er hatte sich verschlafen). Der Küster hatte Verständnis für mein Lampenfieber und beruhigte mich. Die Vorbereitungen für den Beginn der Messe waren getroffen, die Kerzen angezündet, das Meßbuch an seinen Platz gebracht und Wasser und Wein in die betreffenden Karaffen gefüllt. Der Priester zog sein Meßgewand an, und mit einem „Gelobt sei Jesus Christus“ auf den Lippen und mit der Betätigung der Glocke an der Sakristeitür betrat ich mit ihm den Altarraum. Vor lauter Aufregung, um nur nichts falsch zu machen, hatte ich beim Stufengebet den lateinischen Text völlig vergessen. Der messelesende Pastor Hilling half mir dann auf die Sprünge, indem wir beide meine Antworten gemeinsam beteten. Auch bei den weiteren Dienstleistungen hatte ich große Mühe und machte Fehler über Fehler. Es war für mich schon eine peinliche Angelegenheit, die in dieser Art gottlob nur einmal aufgetreten ist, denn das nächste Mal hatte ich dann einen erfahrenen Partner an meiner Seite und im Laufe der Zeit wurde ich auch immer sicherer in meiner Meßdienertätigkeit.
Mein Schultag fing also stets als Meßdiener in einer Frühmesse an, die entweder um 06.00 oder um 07.15 Uhr begann. Es ist mir nicht immer leicht gefallen - vor allem in der kälteren Jahreszeit - gegen 05.15 Uhr aufzustehen. Mutter hatte dann allerdings schon das Feuer im Küchenherd angezündet, damit es nicht so kalt für mich war. Nach einer „Katzenwäsche“ mit dem fast gefrorenen Wasser in der Emailleschüssel zog ich mich rasch an, und mit einem warmen Getränk im Magen begab ich mich in der Finsternis auf den Weg zur St.-Bonifatius-Kirche. Wenn es die Zeit erlaubte, ging ich nach getaner Arbeit noch schnell nach Haus zurück, um richtig zu frühstücken, denn meist blieb ich nüchtern, um in der Messe kommunizieren zu können, und das war damals nur mit leerem Magen erlaubt.
Manchmal wurden wir auch als Begleitung des Pfarrers zu Beerdigungen eingeteilt. Wenn diese in die Schulzeit fielen, bekamen wir dafür frei, was uns besonders gefallen hat.
Auch die Zeit als Meßdiener möchte ich nicht missen. Viele schöne Erinnerungen - an die Wallfahrten nach Wietmarschen, an festliche Hochämter und Andachten, besonders aber an die weihnachtliche Mitternachtsmesse - verbinden mich damit.
Ach ja, diese zusätzlichen Belastungen durch die Aufgaben als Meßdiener habe ich gern auf mich genommen. Ob ich das heute auch noch machen würde? Ich weiß es nicht; wahrscheinlich müßte ich dann auch wie viele Kinder heute unausgeruht dem Unterricht folgen - weil das Fernsehprogramm am Abend vorher so interessant war - und meine schulischen Leistungen würden entsprechend schlecht sein. So ändern sich die Zeiten, und damit auch die Menschen! Zu unserem Vorteil?
Meine Zeugniszensuren der Castellschule
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22.10.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Meine Zeugniszensuren der Castellschule.




(1) Auszug aus den Zeugnisunterlagen der Castellschule: Meine Zensuren vom 1. bis zum 8. Schuljahr
Auszug aus den Zeugnisunterlagen der Castellschule: Meine Zensuren vom 1. bis zum 8. Schuljahr

 


(2) Vorläufiges Schulabgangszeugnis vom 4. September 1938; es diente als Anlage zu den von mir abgeschickten Bewerbungsunterlagen
Vorläufiges Schulabgangszeugnis vom 4. September 1938; es diente als Anlage zu den von mir abgeschickten Bewerbungsunterlagen

 

Mein Schulabgangszeugnis ist zu meiner vollen Zufriedenheit ausgefallen. Es wurde mir darin ein regelmäßiger Schulbesuch bescheinigt, und meine Führung, sowie meine Aufmerksamkeit und mein Fleiß wurden mit „gut“ zensiert. In den insgesamt 13 Unterrichtsfächern, angefangen von Religion bis Werkunterricht, hatte ich zwölfmal die Note „gut“, im Naturkundefach hatte ich dagegen (warum eigentlich?) nur ein „genügend“. Schade um diesen Ausrutscher, aber vielleicht habe ich doch im Unterricht nicht aufgepaßt, als das Thema „Das Liebesleben der Maikäfer“ durchgenommen worden ist!

Die mir im Zeugnis bescheinigten guten Leistungen führe ich unter anderem darauf zurück, daß ich in meinen Schulbüchern oft und gern gelesen habe, schon aus dem Grunde, weil es in unserem Haus keine anderen Bücher (Ausnahme: Gebetbücher!) gab. Deshalb hatte ich immer schon einige Kapitel des Lesebuches „bearbeitet“, bevor wir sie in der Schule durchgenommen haben. Das gleiche galt auch für die Rechenaufgaben, wobei ich vor allem mein Gedächtnis mit Kopfrechnen trainiert habe. Das Letztere habe ich bis zum heutigen Tage beibehalten und es freut mich immer wieder, wenn beim Einkauf die von mir im Kopf errechnete Summe mit dem Ergebnis an der Kasse übereinstimmt.
Weichenstellung in der Schulzeit für meinen Lebenslauf
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22.11.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Weichenstellung in der Schulzeit für meinen Lebenslauf.

Das Schicksal stellt oft Weichen, die dann für den betroffenen Menschen den weiteren Lebenslauf unabänderlich vorzeichnen. Die erste wichtige Weichenstellung war für mich, daß ich nicht das Gymnasium besuchen konnte und mir ein Studium und daher ein akademischer Beruf verwehrt geblieben ist. Die geistigen Fähigkeiten dazu hätte ich, ohne überheblich sein zu wollen, gewiß mitgebracht. Durch die in unserer Familie fehlende finanzielle Grundlage für eine „bessere Schulbildung“ erfolgte damit für mich eine „falsche“ Weichenstellung, die ich später oft bedauert und als großen Mangel empfunden habe.

Die zweite Weiche (Ausbildung als Lehrer auf der NAPOLA) hätte mir dann doch einen Beruf bringen können, der mir meiner Meinung nach wohl gelegen hätte. Rückblickend betrachtet hat meine Mutter durch ihr „nein“ zu der mir in Aussicht gestellten Lehrerausbildung aber doch die richtige Entscheidung für meinen weiteren Lebenslauf getroffen. Von den drei anderen Schülern meiner Klasse, die das Angebot angenommen haben, sind zwei im Krieg gefallen, und was aus dem anderen geworden ist, weiß ich nicht. In meinem Gesichtskreis ist er jedenfalls nicht wieder aufgetaucht. Und was wäre wohl aus mir geworden ??


Hiermit will ich nun das Kapitel Schulzeit abschließen. Was kann ich für ein Resümee ziehen?
Mit Ausnahme der erhaltenen Prügelstrafen habe ich keine negativen Erinnerungen an meine achtjährige Schulzeit. Ich war das, was man einen eifrigen und guten Schüler nennt. Mein Bestreben war es, stets unter den Klassenbesten zu sein und gute Noten bei Klassenarbeiten zu bekommen. Wenn ich im Diktat nicht „null Fehler“ hatte und in Schrift als Note eine „zwei“ bekam, war ich schon etwas enttäuscht. In der Klasse gehörte ich zu den Schülern, die wegen ihrer guten Leistungen hervorragten. Zwischen uns Klassenbesten gab es immer eine Rivalität, wer nun der Primus war. Diese Konkurrenz führte dazu, daß wir dem Lehrer durch unseren Fleiß auffielen und wir bei seinen Fragen immer den Finger aufzeigten, jedoch nur selten „dran“ kamen, weil er annahm, daß wir die Antwort wüßten und deshalb andere Schüler testen wollte.
Erlebnisse auf meinem Schulweg
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22.12.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Erlebnisse auf meinem Schulweg .

Meinen Schulweg von der Castellschule zur Schwedenschanze habe ich schon an anderer Stelle beschrieben. Er führte über die Marienstrasse vorbei an der Postschule. Hier musste ich die evangelischen Schüler passieren, die uns Katholiken gern verprügeln wollten. Meist ist es mir gelungen, hakenschlagenderweise (wie ein Hase) ihnen zu entkommen. Manchmal haben sie mich aber doch erwischt und mich am Tornister festgehalten. Dabei hat es dann auf beiden Seiten einige Faustschläge gegeben, die aber ohne große und schmerzhafte Folgen blieben. Am Besten war es für uns Katholiken, wenn wir Lehrer Krauß mit seinem Fahrrad begleiten konnten. Unter seinem Schutz trauten sich die „Evangelischen“ nicht an uns heran.
Diese „Glaubenskämpfe“ endeten sofort, als Ende 1938 von den Nazis statt der bisherigen Bekenntnisschule die Gemeinschaftsschule eingeführt wurde, und darüber war ich natürlich sehr froh. Unsere Klasse wurde allerdings ohne Mischung der Bekenntnisse weitergeführt, nur im Werken wurden wir mit Schülern der Postschule und durch einen evangelischen Lehrer in deren Räumen gemeinsam unterrichtet.
Zwischen dem Bahnhof und dem Bahnübergang Schwedenschanze befanden sich Verladeeinrichtungen für Vieh und für landwirtschaftliche Erzeugnisse, sowie Abstellgleise für Güterwagen. Es blieb nicht aus, daß wir Schulkinder uns für diese Anlagen interessierten. Besonders spannend war es, in die Bremserhäuschen der Waggons zu klettern und die dort vorhandenen Einrichtungen zu betätigen. Wir mußten schon aufpassen, daß nicht plötzlich eine Lok diese Wagen abholte und wir dann hätten mitfahren müssen. Schön war es auch, mit dem unter den Waggons befindlichen Gestänge die Luft aus den Reifen zu lassen, Entschuldigung, aus den Bremsleitungen natürlich. Wir hatten das von den Rangierern abgeschaut; dabei gab so schöne zischende Geräusche, und nach diesem Erfolgserlebnis fühlten wir uns wie Erwachsene.
Die Waggons waren manchmal mit Bleiplomben verschlossen. Diese haben wir abgerissen und, wenn wir genügend davon hatten, sie dem Altwarenhändler verkauft. Von der Schule wurden wir auch dazu angehalten, Altstoffe (Lumpen, Alteisen usw.) zu sammeln. Das gesammelte „Zeugs“ wurde von uns versilbert und wir erhielten somit etwas Taschengeld, was wir gut gebrauchen konnten.
Ich erwähnte schon an anderer Stelle, daß sich neben der Hüttenplatzschule der große Viehmarkt befand. Es war interessant, sich all die verschiedenen Tiere aus der Nähe anschauen zu können, und besonders die kleinen, drolligen Ferkel waren sehenswert. Einmal im Jahr trat unsere Familie auch als Käufer auf, und zwar dann, wenn unsere beiden Hausschweine fettgefüttert und damit schlachtreif geworden waren. Eines wurde dann verkauft und das andere diente unserer Selbstversorgung. Damit wir weiter unsere Gartenabfälle nutzbringend verwerten konnten, mußten sie alsbald ersetzt werden. Auf dem Markt kauften wir dann zwei sogenannte Läuferschweine (das sind ältere Ferkel), die vom Händler in einen Sack gesteckt wurden und dabei gellend quiekten. Mit unserem Handwagen brachten wir sie zur Schwedenschanze, und dort haben sie den leergewordenen Stall wieder „bevölkert“.
Besonders lebhaft ging es bei den Viehhändlern zu. Bei ihren Verkaufsverhandlungen schlugen sie sich gegenseitig in die Hände und nannten dabei Preise. Das ging so lange, bis sie sich entweder einig waren und das Geschäft an der Biertheke besiegelten, oder aber sie trennten sich, wobei der eine den anderen Händler als Dummkopf bezeichnete. Das ganze Geschäftsgebaren war natürlich für mich spannend und es zog mich wie ein Magnet an.
Ein weiterer Grund für den Besuch des Viehmarktes war meine Sammelleidenschaft. Verschiedene Zigarettenfirmen waren dazu übergegangen, den Zigarettenpackungen Sammelbilder oder Schecks beizulegen. Diese konnten in Sammelalben geklebt werden, von denen es verschiedene gab, so z.B. von der Olympiade 1936, von den Reichsparteitagen oder von den Zeppelinen. Wir Kinder waren ganz scharf darauf, besonders auf die Schecks der Marke „R 6“, weil das die schöneren Alben mit den interessanteren Themen waren. So wurde von uns jede weggeworfene leere Zigarettenschachtel aufgehoben und nachgeschaut, ob darin noch eines dieser Bildchen vorhanden war. Aber auch die Raucher selbst wurden von uns genervt mit der Frage: „Onkel, hast du ein Bild?“. Diese Fragerei lohnte sich besonders auf dem Viehmarkt, denn die dort anwesenden vielen Händler waren meist Zigarettenraucher. Sie haben bereitwillig in ihren Zigarettenschachteln nachgeschaut und uns die erbetenen Sammelobjekte ausgehändigt.
Der Bahnübergang Schwedenschanze
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22.13.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Der Bahnübergang Schwedenschanze .

Der nächste Anziehungspunkt auf meinem Schulweg war natürlich der Bahnübergang Schwedenschanze. Wegen des starken Zugverkehrs auf der Strecke Münster-Emden und der vielen Rangiererei im Bahnhof waren die Schranken häufig geschlossen. Wenn es abzusehen war, daß es länger dauern würde, bis sich die Schranken wieder öffneten, ging ich über die Fußgängerbrücke. Diese war aber für ältere Menschen auch ein Hindernis, denn man konnte sie nur über einen steilen Treppenaufstieg benutzen




(1) Die Fussgängerbrücke war ein Anziehungspunkt für uns Kinder
Die Fussgängerbrücke war ein Anziehungspunkt für uns Kinder

 

Für mich hatte es einen besonderen Reiz, den Zug unter mir durchfahren zu lassen und im Rauch der Lampflokomotive zu stehen. Für kurze Zeit konnte ich dann vor lauter Qualm nichts erkennen, spürte nur dessen Wärme und seinen eigenartigen Geschmack.
Bei einer Gelegenheit war ich mit einem Mitschüler auf folgende Idee gekommen: wir suchten uns kleine Steine und wollten versuchen, diese bei der Durchfahrt der Lokomotive in deren Schornstein zu werfen. Wer ihn getroffen hätte, war dann der Sieger.
Das Spiel hat aber  nur einmal geklappt. Der Schrankenwärter hatte unser Tun beobachtet. Er öffnete das Fenster des Wärterhauses, schrie uns mit seiner „Flüstertüte“ an und schimpfte ganz fürchterlich, so daß wir schleunigst reißaus nahmen.
Damit war aber die Geschichte noch nicht zu Ende. Mein Onkel Bormes, der als Müller in „Koken Mühle“ arbeitete und nebenan im Haus Schwedenschanze 36 wohnte, überbrachte meinen Eltern die Mitteilung, daß ich fast einen Zug zum Entgleisen gebracht hätte. Der Schrankenwärter hatte ihm gesagt, daß ich der Übeltäter gewesen sei und er möge dafür sorgen, daß ich entsprechend der schwere dieser Tat auch bestraft würde. Eine körperliche Züchtigung habe ich nicht bekommen, aber mein Vater hat mir eindringlich klar gemacht, was aus diesem Spiel hätte entstehen können. Der Stein hätte den Lokführer oder auch einen Reisenden treffen können und mein Vater hätte für den Schaden aufkommen müssen (ich vermute, daß es damals noch keine Haftpflichtversicherung gab, bzw. Vater keine abgeschlossen hatte). Ich habe mir die Belehrung sehr zu Herzen genommen und so etwas nie wieder gemacht. Ausserdem hatte ich beim Passieren des Bahnübergangs noch eine ganze Weile Angst, daß der Schrankenwärter mich erkennen und aus seinem Häuschen kommen könne, um mir für den Bubenstreich noch eine Tracht Prügel zu verpassen.
Die Möglichkeit für Fussgänger, die Wartezeiten bei geschlossener Schranke zu verkürzen und die Gleise über die eiserne Fussgängerbrücke zu überqueren, fand später ein jähes Ende. Der Grund dafür war die Unaufmerksamkeit des Kranführers  des zum Ausbesserungswerks gehörenden Schienen-Dampfkrans gewesen. Dieser hatte vergessen. den Ausleger des Krans in die Ruhestellung zu bringen, der dadurch mit der Brücke zusammenstiess und diese zum Einsturz brachte. Eine Reparatur wurde damals nicht durchgeführt. Das hatte zur Folge, dass damit lange Wartezeiten vor der geschlossenen Schranke entstanden.
Heute gibt es den Bahnübergang Schwedenschanze nicht mehr. Damit gehört das ehemalige Verkehrshindernis gottlob der Vergangenheit an. Die Fussgänger und Radfahrer können jetzt die Bahngleise über die neue Brücke bequem und ohne Wartezeiten überqueren.








Klassentreffen zu zweit nach 77 Jahren
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22.14.  Primarschulzeit "Rumpf vorwärts beugt . . ." – Klassentreffen zu zweit nach 77 Jahren .



(1) Ausschnitt aus der "Lingener Tagespost" über unser Klassentreffen nach 77 Jahren
Ausschnitt aus der "Lingener Tagespost" über unser Klassentreffen nach 77 Jahren

 

Von den im 8. und letzten Schuljahr (1939) entlassenen 47 Schülern sind bis zum heutigen Zeitpunkt (Februar 2018) schon 45 gestorben. Viele haben den Soldatentod gefunden, und die anderen sind im Laufe der Jahre ihren Altersleiden erlegen.

 . . . da waren es nur noch zwei . . .

Bei meinem letzten Besuch in Lingen (Juni 2018) habe ich dann Heinz Klus besucht. Er ist also der einzige noch lebende Mitschüler unseres Entlassungsjahrgangs 1939. Die Wiedersehensfreude war beiderseits gross, und wir haben einige Stunden lang Erinnerungen ausgetauscht.
Leider hat er mich nicht sehen können, denn seine Augenkrankheit ist so fortgeschritten, dass er nur noch etwas zwischen hell und dunkel unterscheiden kann. So wird er liebevoll von seiner Tochter Sylvia  und von einer  Haushaltshilfe aus Polen betreut.


  
(2) Todesanzeige Heinz Klus 
(3) Heinz Klus ist am 12.09.2018 gestorben; seine Todesanzeige

Heinz Klus ist am 12.09.2018 gestorben; seine Todesanzeige

 
. . . und jetzt bin ich der Letzte ...
Bei meinem  Kuraufenthalt in Bad Krozingen ereilte mich am 19.09.2018 die Nachricht vom Tod meines letzten noch lebenden Klassenkameraden des Entlassungsjahrgang 1939: Heinz Klus.

Mein Abschied von Heinz Klus

      Des Pilgers Abschied

AM  GRABE  STEHN  WIR  STILLE
UND  SÄEN  THRÄNENSAAT,
DES  LIEBEN  PILGERS  HÜLLE
DER  AUSGEPILGERT  HAT.

ER  IST  NUN  ANGEKOMMEN,
WIR  PILGERN  NOCH  DAHIN.
ER  IST  NUN  ANGENOMMEN.
DER  TOD  WAR  IHM  GEWINN.

WIR  ARMEN  PILGER  GEHEN
HIER  NOCH  IM  THAL  UMHER,
BIS  WIR  IHN  WIEDER  SEHEN
UND  SEELIG  SIND  WIE  ER.         

                        (Verse aus der Kirche  in Splügen  18.03.1837)

Beileidsbrief an seine Tochter Sylvia:

Liebe Sylvia,

mit grosser Betrübnis habe ich vom Ableben Deines Vaters,  meines lieben Schulkameraden Heinz Klus gehört. Wenn Heinz und ich auch nach unserer Schulzeit  verschiedene Wege gegangen sind, so haben wir uns doch nie ganz aus den Augen verloren. Und so habe ich ihn noch kürzlich besucht und nicht ahnen können, dass dies unser letztes Gespräch sein sollte.

           Nun ist Heinz den Weg gegangen, den wir Menschen alle einmal gehen müssen. Ich trauere mit Dir  über den grossen Verlust, der auch mich schmerzlich erfüllt.  Ich hätte Dir mein Mitgefühl gern persönlich ausgesprochen. Leider war ich aber in dieser Zeit zu einem Kuraufenthalt in Bad Krozingen, so dass ich an der Beisetzung nicht teilnehmen konnte. Ich werde meinen lieben Schulkameraden Heinz in guter Erinnerung behalten und bei meinem nächsten Aufenthalt in Lingen sein Grab aufsuchen.

Mit inniger Anteilnahme bin ich

           Dein Hans Brinck

Davos Platz (Schweiz), 27. September 2018


 

 

 

Die Schulzeit ist beendet
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23.  Die Schulzeit ist beendet
Auszug aus der Chronik der Castellschule Lingen

Der Chronist (vermutlich Rektor Lenz) schrieb über das Schuljahr 1938/39, (mein letztes Schuljahr):

Mit Beginn des neuen Schuljahres wurde der Kreissportlehrer Wilhelm Wöbking, der bislang an der hiesigen evangelischen Volksschule beschäftigt war, der Kastellschule überwiesen. Zum ersten Male war somit ein lutherischer Lehrer an einer katholischen Volksschule tätig. Irgendwelche Nachwirkungen stellten sich nicht ein.
Die Schülerzahl betrug am 01.05.1938: 450 Knaben und 370 Mädchen,
insgesamt 820 Kinder.
(In der Klasse Ia - (meine Klasse im letzten Schuljahr) - befanden sich 47 (!) Knaben.)
Der Gedanke der Volksgemeinschaft kann nur dann restlos verwirklicht werden, wenn auch die Volksschule den konfessionellen Charakter aufgibt und zur Gemeinschaftsschule umgeformt wird. Für jeden Deutschen ist diese Forderung eine Selbstverständlichkeit. Wir verwirklichten die Gemeinschaftsschule am 1. Oktober 1938 reibungslos. Welch eine Umschulung! Gleichzeitig wurde die Kastellschule in eine Knaben-Volksschule umgewandelt. Die Schülerzahl betrug nach dieser Umgestaltung 637 Knaben, die von 15 Lehrern unterrichtet wurden. Im September erlebten wir durch die Rückkehr des Sudetenlandes ins Reich eine spannende und teilweise aufregende Zeit. Adolf Hitler hatte sich wieder als ein ganz großer Staatsmann gezeigt.
Als am 9. November 1938 der deutsche Botschaftsrat von Rath von einem Juden in Paris erschossen war, ging nun derselben Nacht auch in Lingen die jüdische Synagoge an dem Gertrudenweg in Flammen auf. Das Judentum in Deutschland mußte für diese Tat büßen. In der Septemberkrise hatten die politischen Kirchen mit unseren Gegnern gemeinsame Sache gemacht. Jeder anständige Deutsche konnte die geheimen Verbindungen der internationalen Kräfte feststellen. Nach Zustimmung des Herrn Kreisschulrats Lührmann referierte ich über diese erlebten Dinge in einer Arbeitsgemeinschaft des N.S.L.B. (Nationalsozialistischer Lehrerbund) und forderte meine Mitarbeiter auf, die Folgerungen aus diesen Tatsachen zu ziehen. Wir stellten fest, daß der Jude die treibende Kraft im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland ist, daß wir daher das jüdische Gedankengut der Bibel unseren Jungen nicht mehr bieten können und wollen. Der Erfolg war, daß alle Lehrer der Kastellschule den Religionsunterricht auf Grund ernster Gewissenbedenken mit sofortiger Wirkung niederlegten. Von den 165 Volksschullehrer(innen) legten cirka 80 jeglichen Religionsunterricht nieder. Hatten die einzelnen Konfessionen bereits seit einem Jahr zusätzlich zu dem schulplanmäßigen Religionsunterricht religiöse Unterweisungen an den einzelnen Nachmittagen in den Kirchen gegeben, die zweifellos ein Mißtrauen gegenüber dem schulmäßigen Unterricht darstellten, so übernahm sie jetzt den gesamten Religionsunterricht, der außerplanmäßig in ihren eigenen Räumen durchgeführt wurde.
Während in allen demokratischen Staaten eine Arbeitslosigkeit herrscht, ist bei uns überall ein starker Mangel an Arbeitskräften festzustellen. Im Gau Weser-Ems können Ostern 1939 = 110 Lehrerstellen nicht mehr besetzt werden.
Zur Beseitigung des Lehrermangels mußten neue Wege beschritten werden. In einem 4jährigen Aufbaulehrgang sollen begabte Jungen der Volksschule unentgeltlich zum Fachabitur gebracht werden. Unsere Schule konnte 5 unbemittelte 14jährige Jungen melden, die in Juist voll und ganz den gestellten Forderungen entsprechen (siehe dazu auch meine Erfahrungen zu dieser Auslese).
Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?
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23.  Die Schulzeit ist beendet

Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?
Die Entlassungsfeier der 85 Schüler fand am 21. März 1939 im Niedersachsenhof statt.

Die Schulentlassungsfeier wurde im Beisein des Ortsgruppenleiters der N.S.D.A.P. , des Bann- und Jungbannführers der Hitler-Jugend, der Jungmädelführerin, des gesamten Lehrerkollegiums sowie der Eltern der zur Entlassung kommenden Schüler und Schülerinnen im festlich geschmückten Saale des Niedersachsenhofes durchgeführt. Die Feierstunde ist allen Beteiligten zu einem Erlebnis geworden. Die 85 Jungen und  Mädchen - alle uniformiert - wurden entlassen. (Auszug aus der Chronik der Castellschule Lingen)
Was soll nur aus dem Jungen werden . . . ?
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24.  Was soll nur aus dem Jungen werden . . . ?
Durch den frühen Tod meines Vaters - er starb im Januar 1934, als ich gerade neun Jahre alt geworden war - vollzogen sich in unserer Familie einschneidende Änderungen. Besonders durch die meiner Mutter von der Rentenversicherung gewährte geringe Witwen- und Waisenrente (monatlich 87,00 Reichsmark) gerieten wir in eine große finanzielle Notlage. Trotzdem haben wir Kinder stets ausreichend zu essen bekommen und brauchten daher auch keinen Hunger  leiden. Aber meinen Wunsch (und auch den meines Klassenlehrers Krauß), das Gymnasium zu besuchen, konnte mir Mutter wegen des dafür erforderlichen monatlichen Schulgeldes von 20,00 RM nicht erfüllen.
Hier wurde somit eine für meine spätere berufliche Laufbahn entscheidende Weiche gestellt. Aufgrund meiner guten schulischen Leistungen hätte ich meiner Meinung nach gewiß ohne große Mühe das Abitur schaffen und danach auch studieren können. Aber als Volksschüler blieb mir nur der Weg, einen handwerklichen Beruf zu erlernen.
Im letzten Schuljahr trat nun an mich die Frage heran: was willst du werden? Mit einer Antwort auf diese Frage war ich natürlich völlig überfordert. Über Ausbildungsmöglichkeiten, so wie es heute üblich ist, gab es damals in der Schule keine Informationen, und auch meine Mutter konnte mir in dieser Hinsicht keine Entscheidungshilfe geben. Oft hörte ich sie im Gespräch mit anderen Leuten sagen: Was soll nur aus dem Jungen werden?! Eine mir vom Rektor Lenz vorgeschlagene nationalsozialistische Lehrerausbildung hatte ich auf Anraten von Tante Käthe (die Lehrerin war und gegen diese Art der Ausbildung - besonders aus Glaubensgründen - schwerwiegende Bedenken hatte) abgelehnt und kam deshalb nicht mehr in Frage. Ich sollte versuchen - so die Überlegung von Tante Käthe und Mutter - beim Arbeitgeber meines verstorbenen Vaters (Deutsche Reichsbahn) eine Lehrstelle als Junghelfer zu bekommen. Dies war, wie man mir sagte, eine Verwaltungstätigkeit beim Bahnhof Lingen, die vom Schalterdienst bis hin zu den Tätigkeiten eines Stationsvorstehers alle dort anfallenden Arbeiten umfaßte. Für mich waren das alles „böhmische Dörfer“, und schließlich tat ich das, was man mir sagte: ich schrieb im September 1938 eine Bewerbung an die Reichsbahndirektion Münster um Einstellung als Junghelfer. Weitere Bewerbungen bei anderen Firmen oder Instituten hielten wir nicht für nötig, weil Mutter und ich der festen Überzeugung waren, daß mir als Halbwaise eines verstorbenen Reichsbahners sicher eine Lehrstelle angeboten würde.
Die Suche nach einer Lehrstelle
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25.  Die Suche nach einer Lehrstelle





(1) Die Reichsbahn hat keinen Ausbildungsplatz für mich
Die Reichsbahn hat keinen Ausbildungsplatz für mich

 

Man kann sich vorstellen, daß die Enttäuschung groß war, als die Reichsbahndirektion Münster auf meine Bewerbung hin schrieb, daß sie im Jahr 1939 in Lingen keine Lehrlinge einstellen könne. Damit brach für uns eine Welt zusammen, und die Erfolgsaussichten - es war inzwischen November 1938 geworden - eine freie Lehrstelle entsprechend meinen Fähigkeiten zu finden, waren fast aussichtslos. Trotzdem schrieb ich Bewerbungen an die Stadt- und an die Kreisverwaltung sowie an die Sparkassen und an weitere Behörden in Lingen. Als Antwort erhielt ich von allen (wie befürchtet) die Nachricht, daß die Lehrstellen bereits vergeben seien. Mutter und ich haben dann in unserer Ratlosigkeit den Berufsberater im Arbeitsamt aufgesucht, der mich testete und mir vorschlug, doch eine Verkäuferlehre zu machen. Er gab uns dann Anschriften von lehrlingsuchenden Geschäften mit, und als erstes suchten wir das Bekleidungsgeschäft Löning am Marktplatz auf. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich verloren zwischen den Kleiderständern stand und mir einer der Verkäufer meine künftige Tätigkeit schilderte. Ich hatte dabei gar kein gutes Gefühl, und nachdem wir das Geschäft verlassen hatten, erklärte ich Mutter, daß so ein Beruf für mich nicht in Frage käme. Mutter schien auch dieser Meinung zu sein, und damit begann die weitere Suche nach einer Lehrstelle.

Inzwischen war es nun schon Dezember geworden. Mutter sprach mit ihren Brüdern, mit den Nachbarn und mit vielen anderen Bekannten und schilderte ihnen unsere schwierige Situation bei der Lehrstellensuche. Aber keiner konnte uns sagen, wo es noch eine Bewerbungsmöglichkeit für mich gab.
Ein guter Tipp von unserem Briefträger
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25.1.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Ein guter Tipp von unserem Briefträger.
Eines Tages kam der Geldbriefträger, Herr Brinkhus, und brachte Mutter eine finanzielle Beihilfe von Tante Käthe. Auch ihm klagte sie unser Problem der vergeblichen Suche nach einer Lehrstelle. Herr Brinkhus gab Mutter einen, wie sich dann herausstellte, entscheidenden Tipp. Sein Sohn Paul, so sagte er Mutter, sei seit April in Oldenburg in einer Lehre als Telegraphenbaulehrling beim Telegraphenbauamt. Wir könnten nähere Einzelheiten über die diesjährigen Einstellungsmöglichkeiten beim hiesigen Baubezirk und beim zuständigen Bezirksbauführer, Herrn Schröder, erfahren.
Obwohl mir dieser Beruf völlig fremd war und sich der Ausbildungsort so weit entfernt von Lingen befand, haben wir diesen Ratschlag sofort befolgt. Unsere Bedenken stellten wir hintan: Hauptsache, man hatte dort noch einen freien Ausbildungsplatz für mich!
Mutter und ich machten uns schnellstens auf den Weg zum Büro des Telegraphenbaubezirks, um dort weitere Informationen über diesen Beruf zu erhalten. Es befand sich an der Castellstraße, genau gegenüber unserem Schulhof. Wir wurden freundlich empfangen, und erhielten auf unsere Fragen die entsprechenden Auskünfte. Die wichtigste Frage aber, die nach einem freien Ausbildungsplatz, konnte man uns nicht sofort beantworten. Da sollte ich mich am nächsten Tag wieder melden, weil man erst noch Rückfrage bei der RPD (Reichspostdirektion) Oldenburg halten müsse.
Auf dem Nachhauseweg unterhielten wir uns über diesen Beruf, der mir nach den Erklärungen des Bezirksbauführers Schröder und seines Büroleiters Hunfeld wohl zusagte; wir hatten aber keine große Hoffnung, daß wegen meiner späten Bewerbung für mich dort noch eine Chance bestand.
Am nächsten Tag, es war der 17. Dezember 1938, begab ich mich wieder zum Büro des Baubezirks. Herr Hunfeld nahm mich in Empfang und sagte mir, daß es für mich doch noch eine Möglichkeit gäbe, in die Auswahl für diese Ausbildung zu kommen. Erforderlich sei ein Test, den ich dann dort auch sofort machen konnte. Unter seiner Aufsicht schrieb ich zuerst ein Diktat mit der Überschrift: „Adolf Hitler als Arbeiter in Wien”. Danach durfte ich einen Aufsatz schreiben über das Thema, wie ich meine Herbstferien verlebte (siehe meinen Aufsatz bei "Kur in Gmund"). Zum Abschluß waren dann von mir noch einige Rechenaufgaben zu lösen.
Dieser Test hatte keine großen Schwierigkeiten für mich ergeben, so daß ich frohen Mutes und auch ganz sicher war, eine gute Leistung erbracht zu haben.Zu guter Letzt durfte ich dann noch ein Gesuch um Einstellung als Telegraphenbaulehrling an die RPD Oldenburg richten, und damit nahm das Schicksal seinen Lauf.
Ich habe eine Lehrstelle!
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25.2.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Ich habe eine Lehrstelle!.

Wir haben nicht lange auf eine Antwort warten müssen, und die war zu unserer großen Freude positiv. Ich hatte also die (zuerst nur fernmündliche) Zusage, zum 1. April 1939 in Oldenburg als Telegraphenbaulehrling eingestellt zu werden.





(1) Schreiben des Lingener Postamts-Vorstehers Bruns betr. Voraussetzung für meine Einstellung als Lehrling
Schreiben des Lingener Postamts-Vorstehers Bruns betr. Voraussetzung für meine Einstellung als Lehrling

 

Es folgten dann die noch erforderlichen Abklärungen, die für eine Einstellung in den öffentlichen Dienst notwendig waren (Nachweis der arischen Abstammung, Dienstzeugnis des Jungvolks usw.). Am 17. März 1939 haben Mutter und ich dann den Lehrvertrag unterschrieben. Damit endete die Suche nach einem Ausbildungsplatz und es konnte mein Berufsleben als Telegraphenbaulehrling beginnen.





(2) Dieses Schreiben bestätigt meine Einstellung als Telegraphenbaulehrling zum 1. April 1939

Dieses Schreiben bestätigt meine Einstellung als Telegraphenbaulehrling zum 1. April 1939

 

Fragebogen zun Nachweis der arischen Abstammung
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25.3.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Fragebogen zun Nachweis der arischen Abstammung.

(1) Dieser Fragebogen diente als Nachweis meiner "arischen Abstammung"
Dieser Fragebogen diente als Nachweis meiner "arischen Abstammung"

 

Suche nach einer Unterkunft in Oldenburg
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25.4.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Suche nach einer Unterkunft in Oldenburg.

Heute stellt der Lehrherr - in diesem Fall das Fernmeldeamt - den auswärtigen Dienstanfängern entsprechende Unterkünfte zur Verfügung, in denen sie kostenlos untergebracht und verpflegt werden. Diese Möglichkeit gab es bei meinem Dienstantritt in Oldenburg noch nicht. So war Mutter gezwungen, dort für mich nach Unterbringungsmöglichkeiten zu suchen.

Eine Woche vor meinem Stellenantritt fuhr sie deshalb nach Oldenburg. Wie sie mir nach ihrer Rückkehr erzählte, habe sie (wie immer, wenn sie in Not war) zum lieben Gott gebetet und um seine Hilfe gebeten. Daraufhin habe sie die Idee gehabt, zuerst bei der katholischen Kirchengemeinde zu fragen, ob nicht eine Familie in der Gemeinde einen 14-jährigen Jüngling in Vollpension nehmen wolle. Der dortige Pastor habe sie freundlich aufgenommen und sie nach kurzem Suchen dann mit einigen Adressen auf den Weg geschickt. Gleich bei der ersten Familie habe sie insofern Glück gehabt, dass sie die Frau gekannt habe. Sie seien sich dann rasch einig geworden, dass ich dort wohnen und auch essen könne. Damit war für Mutter das größte Problem, mich bei guten Leuten unterzubringen, sehr schnell gelöst. Meine künftige Anschrift lautete also: Hans Brinck bei Familie August van Haaren, Haarenstr. 4, Oldenburg in Oldbg.
Mein neuer Aufenthaltsort Oldenburg
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25.5.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Mein neuer Aufenthaltsort Oldenburg.
So fuhren Mutter und ich also am Montag, dem 3. April 1939 mit der Eisenbahn von Lingen nach Oldenburg. Diese Strecke war mir völlig unbekannt, hatte ich mit meinen Eltern doch bisher immer nur die Bahn von Lingen aus in südlicher Richtung benutzt. Natürlich habe ich vom Abteilfenster aus voller Spannung alles Sehenswerte in mich aufgenommen, aber mit Ausnahme der Bahnstationen war das nicht allzuviel. In Leer angekommen, mußten wir in den von Emden und nach Bremen fahrenden Zug umsteigen. Nun begann eine recht eintönige Fahrt durch die ostfriesische Landschaft. Es gab nur Viehweiden zu sehen, die wegen der winterlichen Niederschläge zum Teil noch unter Wasser standen.

Nach einer insgesamt etwa zweieinhalbstündigen, langweiligen und daher ermüdenden Bahnfahrt erreichten wir den Hauptbahnhof Oldenburg gegen 10.00 Uhr. Wir hatten daher noch Zeit, meine in einem Strohkoffer untergebrachten Kleidungsstücke zu meiner neuen Unterkunft zu bringen. Dort lernte ich dann Frau van Haaren kennen, die mich von nun an bemuttern sollte. Wie ich schon schrieb, kannten sich die beiden Frauen, und so wurde ich sehr freundlich aufgenommen. Trotzdem war mir aber etwas seltsam zumute, als ich mir vorstellte, daß diese Wohnung nun mein neues Zuhause sein sollte.
Zur Familie van Haaren gehörten neben den Eltern noch zwei Kinder, ein Sohn und eine, wie ich fand, sehr hübsche Tochter. Diese vier Personen bewohnten in der Innenstadt in einem schon recht alten Haus eine kleine Wohnung. Man erreichte sie über eine enge und steile Stiege, und vor der Etagentür befand sich linker Hand die Toilette. In dem mir zugewiesenen Zimmer standen zwei Betten. Wie man mir sagte, müsse ich das Zimmer mit dem Sohn teilen. Weil dort für einen Waschtisch kein Raum blieb, waren wir gezwungen, uns in der engen Toilette unter dem Wasserkran des Handwaschbeckens zu waschen. Mich erwartete hier kein Komfort, aber dafür war der Preis für uns erschwinglich.




(1) Das Haus Amalienstrasse 8: Hier begann meine berufliche Laufbahn bei der Deutschen Reichspost, Telegraphenbauamt Oldenburg
Das Haus Amalienstrasse 8: Hier begann meine berufliche Laufbahn bei der Deutschen Reichspost, Telegraphenbauamt Oldenburg

 

Nachdem wir also dort meinen Koffer deponiert hatten, machten Mutter und ich  uns auf den Weg zur Amalienstraße, wo wir uns ja zwecks Einstellungsfeier einfinden sollten. Zu unserer Freude waren es von der Haarenstraße bis dorthin nur wenige Gehminuten, und wir erreichten relativ trockenen Fußes unser Ziel. Das Wetter war an diesem Tag nicht freundlich (Aprilwetter), es regnete zeitweise und die Temperatur war niedrig: also ein typisches norddeutsches Nieselwetter, wie wir es auch von Lingen her kannten.

Somit gelangten wir rechtzeitig zur Amalienstraße 8. Dieses Haus und einige danebenliegende Villen hatten früher jüdischen Familien gehört. Von den Nazis waren sie enteignet worden, und jetzt hatte man darin Büroräume eingerichtet. Man geleitete uns in einen saalartigen Raum, der uns durch große Fenster einen schönen Blick in einen gepflegten Garten ermöglichte. Hier befanden sich schon einige Dienstanfänger mit ihren Eltern. Wir nahmen Platz und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Der Leiter des TBA Oldenburg, Herr Postrat Schuwirth, hieß uns willkommen und sagte unter anderem, daß in diesem Jahr 24 Telegraphenbaulehrlinge und 6 Praktikanten eingestellt worden seien. Wir würden unsere Lehre in einem neu angemieteten Gebäude in Eversten (Stadtteil von Oldenburg) an der Antonstraße 1 beginnen. Im Anschluß an die Einstellungsfeier würde uns die Möglichkeit zur Besichtigung der Ausbildungsstelle gegeben. Er wünschte uns Lehrlingen einen guten Start ins Berufsleben, und nach dem üblichen Prozedere („Sieg-Heil” auf den Führer usw.) war dann der erste Tag meiner dreijährigen Lehre beendet.

Nachdem Mutter und ich alles für mich Notwendige erledigt hatten, machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Da stellte Mutter plötzlich fest, daß sie ihren wertvollen Persianer-Schal, den sie im TBA an der Amalienstraße über einen Stuhl gelegt, dort vergessen hatte. Sie war ganz aufgeregt, und wir beeilten uns, noch rechtzeitig vor Arbeitsende der Beamten dort zu sein. Wir waren froh: es war noch nicht zu spät; man hatte den Schal gefunden und händigte ihn Mutter aus. So war die Sorge um den Verlust Gott sei Dank umsonst gewesen.
Wir mußten uns sehr sputen, um noch pünktlich zur Abfahrt des Zuges, der Mutter wieder nach Lingen zurückbringen sollte, am Bahnhof zu sein. Es blieb uns nicht viel Zeit zum Abschiednehmen, und während sich Mutter noch mit mir durch das geöffnete Abteifenster unterhielt und mir einige Ratschläge erteilte, setzte sich der Zug schon in Bewegung. In der Kurve am Pferdemarkt entschwand er meinen Blicken und ließ mich mit einem mulmigen Gefühl auf dem Bahnsteig zurück. Mir kamen die Tränen, denn jetzt wurde mir bewußt, daß ich ganz allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt war. Ich fühlte, daß nunmehr meine Kindheit zu Ende gegangen war und ein neuer Lebensabschnitt für mich begann. Getrennt vom wohlbehüteten Elternhaus und von meiner gewohnten Umgebung, mußte ich einen Neubeginn machen: es begann mein Start in das Berufsleben, und das sollte 47 Jahre und 9 Monate dauern!
Wie hast du deinen Lebensunterhalt verdient?
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25.5.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Mein neuer Aufenthaltsort Oldenburg.

Wie hast du deinen Lebensunterhalt verdient?
Die Lehrwerkstatt lag von meinem Logis etwa zwei Kilometer entfernt. Zu Fuß war das doch etwas zu weit für mich, aber ich hätte sie bequem auch mit dem Trolleybus (Oberleitungsbus) erreichen können. Mutter und ich waren jedoch der Meinung, es sei für mich besser, den Weg mit dem Fahrrad zurückzulegen. Es würde mich unabhängig von den Fahrplänen der Busse machen, und dies war, wie sich später herausstellte, die richtige Überlegung.
In der Achternstraße gab es ein gutes Fahrradgeschäft (Firma Munderloh). Dort kauften wir ein „Miele”-Fahrrad, welches etwa 90,00 Mark kostete. Das war bei unseren schlechten finanziellen Verhältnissen für Mutter eine große Ausgabe. Aber: „Wat sien mott, dat mott sien”, und deshalb mußten wir in den sauren Apfel beißen.

Wo ich gerade von Geld rede, will ich doch auch schnell meinen Lehrlingslohn (heute sagt man: Ausbildungsvergütung) angeben. Er betrug, nach Abzug aller Kosten für Steuer, Krankenkasse usw., wöchentlich 3,30 Mark. Daneben gab es für Kinder, die nicht bei den Eltern wohnen konnten, einen Zuschuß zu den Unterbringungskosten von monatlich 70,00 Mark. Dieses Geld ging ganz für meine Unterkunft mit voller Verpflegung bei Familie van Haaren drauf. Weil ich an den Wochenenden aber mit der Bahn nach Lingen fahren wollte, mußte ich für die Arbeiter-Rückfahrkarte noch den Rest meines kümmerlichen Lohnes hergeben. Ich stand somit vor der Frage, wie ich auf ehrliche Art und Weise zusätzlich zu etwas Geld kommen könnte.
Etwa drei Wochen nach Beginn meiner Lehre sah ich in einem Zeitschriftengeschäft in der Nähe der Haarenstraße einen Aushang, daß man für die Hauszustellung des „Hamburger Fremdenblattes” (das heutige „Hamburger Abendblatt“) einen jungen Mann suche. Ich meldete mich dort und war froh, daß man mich für diese Tätigkeit auswählte. Dafür konnte ich das Fahrrad nun gut gebrauchen, denn die einzelnen Abonnenten wohnten doch sehr weit voneinander entfernt. Ich begann Anfang Mai mit diesem Zustelldienst, und so führte mich mein Weg nach beendeter Arbeit zum betr. Zeitschriftengeschäft, wo ich die entsprechende Anzahl Zeitungen in Empfang nahm, um sie dann an die Abonnenten zu verteilen. Am Anfang war das eine mühselige und zeitraubende Angelegenheit, hatte ich doch kaum genügende Ortskenntnis.



(1) Das Hamburger Fremdenblatt mit dem Titel "Paris gefallen" vom 14. Juni 1940. Mit der Zustellung dieser Zeitung verdiente ich mein Taschengeld. Daneben das Bild eines der von mir zu beliefernden Abonnenten, des Schriftstellers August Hinrichs
Das Hamburger Fremdenblatt mit dem Titel "Paris gefallen" vom 14. Juni 1940. Mit der Zustellung dieser Zeitung verdiente ich mein Taschengeld. Daneben das Bild eines der von mir zu beliefernden Abonnenten, des Schriftstellers August Hinrichs

 

Nachdem ich mir dann einen vernünftigen Verteilerplan zurechtgelegt hatte und daher keine großen Umwege mehr fahren mußte, war meine Zustellarbeit in etwa einer Stunde erledigt. Sie machte mir Spaß und brachte mir das gewünschte und notwendige Zubrot. Beim monatlichen Inkasso gab es auch manchmal ein Trinkgeld, so zum Beispiel von dem niederdeutschen Heimatdichter August Hinrichs, der verschiedene Theaterstücke geschrieben hat (z.B. „Wenn der Hahn kräht”) und der zu meinen Kunden zählte.

Leider mußten einige Monate nach Beginn des Krieges (01.09.1939) alle privaten Zeitungen, so auch das „Hamburger Fremdenblatt“, ihr Erscheinen einstellen. Aus diesem Grunde entfiel für mich leider auch diese Nebenerwerbsquelle. Schade!
Das Leben in der Fremde bringt viele neue Erfahrungen
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25.5.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Mein neuer Aufenthaltsort Oldenburg.

Das Leben in der Fremde bringt viele neue Erfahrungen

Das Leben in der Fremde bringt für mich viele neue Erfahrungen

Nach einiger Zeit des Eingewöhnens fühlte ich mich bei meinen Logiseltern an der Haarenstraße sehr wohl. Wenn auch, aus heutiger Sicht gesehen, die Unterkunft sehr primitiv war, so hatte sie doch auch positive Seiten. Sie lag zentral in der Innenstadt. Ich brauchte nur wenige Minuten, um das Theater zu erreichen (wo ich häufig Zuschauer war) oder um im Schloßgarten spazieren zu gehen. Wenige Schritte waren es nur, um auf der Achternstraße zu „promenieren”. Auf dieser Straße zwischen dem „CC” (Cafe Central) und dem Rathaus traf ich dann oft einige meiner Lehrkollegen. Mit ihnen gemeinsam habe ich mich unter das lebhafte Treiben auf dieser sogenannten „Promenade” gemischt und dabei auch die ersten Annäherungsversuche an das weibliche Geschlecht gemacht.




(1) Ein Autogramm von Hein ten Hoff, dem Europameister im Schwergewichtsboxen
Ein Autogramm von Hein ten Hoff, dem Europameister im Schwergewichtsboxen

 

Wenn ich aus meinem Schlafzimmerfenster schaute, sah ich in der gegenüberliegenden Wohnung viele Siegerkränze an der Wand hängen. Sie gehörten dem damals noch jungen und relativ unbekannten, aber doch schon sehr erfolgreichen Boxer Hein ten Hoff, der später Schwergewichts-Europameister geworden ist. Bei schönem Wetter hatte er das Fenster geöffnet. Ich konnte ihm dann beim Schattenboxen zuschauen und ihn wegen seiner kräftigen Figur beneiden. Leider habe ich nie persönlich bei einem seiner Boxkämpfe dabei sein können.

Kündigung meines ersten Logis
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25.6.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Kündigung meines ersten Logis.
Frau van Haaren konnte sehr gut kochen. Somit bedeutete dieser erfreuliche Umstand keine große Umstellung von Mutters Kochtopf auf das neue Essenangebot. Obwohl ich zu Hause nicht alles gegessen habe, was auf den Tisch kam, schmeckte mir bei Frau van Haaren alles ohne Ausnahme, und das habe ich ihr auch zu einem späteren Zeitpunkt gesagt. Wie ich meinte, sollte ich es ihr nicht einfach mit den Worten „Sie können aber gut kochen” sagen, sondern ich wollte mich doch etwas gewählter ausdrücken. Als sie wieder einmal etwas gekocht hatte, das mir besonders gut schmeckte, bekam sie von mir die lobenden Worte zu hören: „Das ist ein Fraß für die Götter”. Sie muß diese Anerkennung aber wohl völlig mißverstanden haben, denn während meines Jahresurlaubs Anfang Juli 1939 bekam Mutter einen Brief von ihr. Darin teilte sie ihr mit, daß ich mich über das Essen beschwert hätte, und aus diesem Grunde müsse sie mir das Logis kündigen.
Mutter und ich waren davon natürlich völlig überrascht, und wir hatten keine Erklärung für diese Begründung. Hatte ich doch immer gesagt, daß es mir dort gut gefiel und ich am Essen nichts aussetzen könne. Nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub versuchte ich, den Rausschmiß rückgängig zu machen, weil er ja meiner Meinung nach nur auf einem Mißverständnis beruhen konnte. Ich entschuldigte mich deshalb bei Frau van Haaren (obwohl ich doch nichts Unrechtes getan hatte); es gelang mir aber nicht, sie umzustimmen. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mir eine neue Unterkunft zu suchen.
Suche nach einer neuen Unterkunft
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25.7.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Suche nach einer neuen Unterkunft.
Bei Gesprächen mit meinen Kollegen hörte ich dann von einer Familie, die ganz in der Nähe unserer Lehrwerkstatt wohne und ein Zimmer zu vermieten habe. Ich fragte nach der genauen Adresse und notierte: Malermeister Heinrich Leugering, Hauptstraße 69. Ich machte mich nach Arbeitsschluß gleich auf die Socken und stellte mich bei der Vermieterin vor. Wie sie mir sagte, war ich nicht der einzige Bewerber für diese Unterkunft. Es schien mir aber, daß ich eine gute Chance haben könne, denn bei dem Gespräch mit ihr wurde ich unter anderem gefragt, woher ich käme, was meine Eltern machten und welchen Glauben ich hätte. Da stellte sich heraus, daß Familie Leugering katholisch war und sie aus diesem Grund das Zimmer auch gerne einem katholischen Mieter geben würde. Frau Leugering zeigte mir dann noch das Mietobjekt: es war ein kleiner Raum mit schräger Wand, in dem ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein kleiner Kleiderschrank sowie ein Waschtisch standen. Das Zimmer war nicht zu beheizen, aber das war in diesem Moment für mich nicht entscheidend. Als Mietzins forderte sie 15,00 Reichsmark monatlich, was ich auch akzeptabel fand. Ich sagte, daß ich das Zimmer gern mieten möchte; daraufhin wollte Frau Leugering meine Bewerbung noch mit ihrem Mann besprechen. Ich solle dann wieder vorbeikommen, um ihre Entscheidung zu erfahren.
Man kann sich denken, daß ich dem nächsten Tag entgegengefiebert habe. Sollte ich so schnell eine neue Unterkunft, die so ideal zur Lehrwerkstatt lag (nur eine Minute Gehweg), gefunden haben? In der Mittagspause ging ich schnell in voller Arbeitskluft zu Frau Leugering, die mich dann auch nicht lange auf die Folter spannte und mir sofort sagte, daß sie sich für mich als neuen Mieter entschieden hätten. Da war meine Freude natürlich groß, und ich fühlte mich wie der „Hans im Glück”, da ich gleich bei meinem ersten Versuch zur Erlangung einer neuen Unterkunft erfolgreich gewesen war. Immerhin hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Verhandlung mit Vermietern geführt, und, was man ja auch mit berücksichtigen muß, war meine jugendliche Unerfahrenheit mit 14 1/2 Jahren! Aber heute noch bin ich froh darüber, daß ich hier - wie auch bei anderen Gelegenheiten - so früh gelernt habe, selbständig zu agieren und mich rasch für eine bestimmte Sache zu entscheiden. Dadurch, daß ich bei meinem Tun und Lassen völlig auf mich selbst gestellt war und nicht immer erst meine Mutter fragen konnte, habe ich eine große Selbstsicherheit und Lebenserfahrung bekommen und bin damit sehr autark geworden. Das war später in vielen Lebenslagen für mich ein großer Vorteil anderen Menschen gegenüber, die nicht so schnell wie ich das Für und Wider einer Sache entscheiden konnten und denen ich dadurch manchmal unangenehm geworden bin. Durch meine unbestrittene Selbstsicherheit machte ich auf manche auch den Eindruck, arrogant zu sein. Dieser Eindruck, meine ich, war aber doch nicht richtig, sondern zeugte nur davon, daß ich ein sicheres Auftreten hatte .
Probleme mit der Beleuchtung des Zimmers
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25.8.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Probleme mit der Beleuchtung des Zimmers.
Familie Leugering besaß ein Zweifamilienhaus. Sie bewohnte das Erdgeschoß, mein Zimmer lag im Obergeschoß. Hieraus ergab sich eine Schwierigkeit in der Form, daß der Stromverbrauch für die Beleuchtung meines Zimmers über den Zähler der zweiten Wohnung ging. Frau Leugering hatte mir gesagt, daß ich nicht so lange das Licht brennen lassen sollte, um die Kosten niedrig zu halten. Diese waren aber schon wegen der 15 Watt starken, mit blauer Farbe abgedunkelten Glühbirne (nur an einer kleinen Stelle hatte man die Farbe abgekratzt) bereits äußerst gering. Trotzdem wurde ständig überwacht, ob ich nicht unnützerweise Strom verbrauchte. Um dieser Überwachung ein Schnippchen zu schlagen, hatte ich folgende Idee: weil aus meinem Zimmerfenster wegen der kriegsbedingten Verdunkelung kein Licht nach draußen fiel, brauchte ich nur den Türspalt mit einem Handtuch und das Schlüsselloch mit Watte abzudichten, um dadurch „unsichtbar” zu sein. Das ging auch eine kleine Weile gut. Doch dieser meiner guten Idee stellten meine Zimmernachbarn schließlich noch eine bessere entgegen. Sie hatten in ihrer Wohnung alle Stromverbraucher abgeschaltet und dann den Stromzähler beobachtet. Als der sich noch - wenn auch ganz langsam - bewegte, hatten sie mich doch ertappt. Damit war es mir unmöglich geworden, meine schriftlichen Aufgaben für den Wochenbericht bzw. für die Berufsschule in der bereits früh einsetzenden Dunkelheit zu erledigen. Ich mußte sie deshalb meist auf die Wochenenden verlegen.
Noch heute kann ich nur den Kopf schütteln über die Kleinkariertheit dieser Leute, die mir nur erlaubten, mein Zimmer zum An- und Auskleiden zu beleuchten. Bei dem damaligen Preis von 0,38 RM für die Kilowattstunde hätte der Verbrauch der Glühbirne (15 Watt) stündlich doch nur 1,75 Pfennig betragen. Aber trotz dieser geringen Belastung war man nicht bereit, mir irgendwelche Zugeständnisse zu machen.
Essen im "Schützenhof"
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25.9.  Die Suche nach einer Lehrstelle – Essen im "Schützenhof".
Frau Leugering, meine neue „Schlummermutter”, war leider nicht bereit, mich mit voller Verpflegung bei sich aufzunehmen. Nur zum Frühstück und zum Abendessen machte sie mir ein Getränk, das wir „Muckefuck” nannten: einen Ersatzkaffee, der aus Zichorie und gemahlenen Eicheln usw. bestand. Alles andere zu diesen Mahlzeiten mußte ich mir dann selbst besorgen. Weil inzwischen der zweite Weltkrieg ausgebrochen war und man alles nur gegen Lebensmittelmarken kaufen konnte, kam für mich eine weitere Erschwernis hinzu: Ich mußte die Einkäufe persönlich erledigen und meine Ration an Nahrungsmitteln einteilen lernen. Weil ich ständig ein Hungergefühl hatte, mir aber selbst kein vernünftiges Essen zubereiten konnte, bestanden meine selbstgefertigten Mahlzeiten aus Haferflocken, die ich mit Zucker und Kakao vermischte und trocken aß. Mir schmeckte es nicht einmal schlecht, jedoch kann man sich vorstellen, daß ich dabei nicht zunehmen und schon gar nicht kräftiger werden konnte!




(1) Das Restaurant "Schützenhof" in Oldenburg-Eversten
Das Restaurant "Schützenhof" in Oldenburg-Eversten

 

Mindestens eine warme Mahlzeit am Tage habe ich aber doch haben müssen, und daher wurde ich Stammgast im „Schützenhof Eversten”, einem Gasthof ganz in der Nähe meiner Unterkunft. Der Wirt war sehr entgegenkommend und machte mir für das Mittagessen einen Spezialpreis, der meinem geringen Lehrlingslohn entsprach. Dafür mußte ich ihm versprechen, einmal in der Woche auf seiner Kegelbahn zu arbeiten. Für eine Stunde Kegelaufsetzen erhielt ich dann 50 Pfennig. Weil ich zwei Kegelbahnen zu bedienen hatte, mußte ich schon etwas für diesen geringen Lohn tun. So war ich nach zwei Stunden mit meinen Kräften völlig am Ende, aber doch froh, eine Mark verdient zu haben. Außer mir war dort noch eine ältere Dame Stammgast beim Mittagessen. Sie forderte mich auf, doch bei ihr am Tisch Platz zu nehmen, und so hatten wir beide Gesellschaft. Am Anfang war mir das aber sehr unangenehm, und dafür gab es einen besonderen Grund. Ich war es nämlich von Mutter gewohnt, daß mir die Speisen mundgerecht vorgesetzt wurden, und so brauchte ich zum Essen nur eine Gabel bzw. einen Löffel. Mit anderen Worten: das Essen mit Messer und Gabel hatte ich bisher nicht gelernt. Nun aber war ich gezwungen, meine Speisen selbst zu zerkleinern. Ich schämte mich der älteren Dame gegenüber, daß ich so ungebildet war, und habe mir dann von ihr die erforderlichen Kenntnisse abgeschaut. Mühe machte es mir zuerst, mit der Gabel in der linken Hand das Essen zum Mund zu führen, jedoch hatte ich bald den Bogen heraus. Sie sagte mir später, daß ich gute Manieren hätte, und dieses Kompliment hat mich doch sehr gefreut.

Das gemeinsame Mittagessen mit ihr hatte dann leider ein Ende, als ich im zweiten Lehrjahr „auf Strecke” mußte, d.h., unser Bautrupp wurde außerhalb Oldenburgs eingesetzt. Wir mußten dann unsere Mahlzeit im Essenträger mitnehmen und es mittags im Wasserbad aufwärmen. Für mich war das nicht sehr erfreulich, denn das Gaststättenessen eignete sich nicht besonders gut zum Mitnehmen in einem Essenträger. Weil ich es nicht gekühlt aufbewahren konnte, ist es auch im Sommer oft durch die Wärme sauer geworden. Ich habe mir deshalb noch einen dreiteiligen Träger gekauft (für Suppe, Hauptgericht und Nachtisch), jedoch war diese Lösung auch nicht optimal. Meist war die Suppe aus dem undichten Gefäß ausgelaufen, und das ergab eine Sauerei in meiner Aktentasche. Ich habe eingesehen, daß ich eine andere Lösung suchen mußte, und die bestand darin, daß ich zum Mittagessen belegte Brote mitnahm und meine warme Mahlzeit erst am Abend eingenommen habe. Ich erhielt dann aber im Restaurant nur Reste vom Mittagessen, die man für mich aufwärmte. Darüber habe ich mich aber nicht beschwert, denn aufgrund der Kriegsumstände war ich schon froh, gegen meinen Hunger etwas Essen für wenige Lebensmittelmarken zu bekommen. Außerdem hing an der Wand des Gastzimmers der nachstehende Spruch, den auch ich zu beherzigen hatte:
Genieße froh, was Dir beschieden, entbehre gern, was Du nicht hast!
Du lebst im Krieg und nicht im Frieden. Bedenke das, verehrter Gast!
Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling
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26.  Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling
Vorbemerkung

Mit den folgenden Schilderungen möchte ich meine Leser mit der Ausbildung eines Telegraphenbaulehrlings bekannt machen, wie ich sie in den Jahren von 1939 bis 1942 erhalten habe.
Den von mir erlernten Beruf „Telegraphenbauhandwerker” gibt es heute nicht mehr. Vielleicht ist es aber gerade deshalb von Interesse zu erfahren, wie ich die damalige Lehrzeit erlebt und was ich dabei an Eindrücken gesammelt habe.
An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, allen  Kollegen, die mich im Laufe meiner Lehre beim ehemaligen Telegraphenbauamt Oldenburg betreut haben, für die gute und solide Ausbildung zu danken. Ihrer Fähigkeit, mir Fachwissen und handwerkliches Können beizubringen, habe ich es zu verdanken, daß ich in meiner insgesamt 48-jährigen Dienstzeit bei der Deutschen Bundespost eine zu Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling nicht für möglich gehaltene Laufbahn einschlagen konnte. Meine Zielvorstellung war damals, nach beendeter Lehrzeit als Leitungsaufseher meinen Dienst verrichten zu können. Aber durch die von allen Seiten als hervorragend anerkannte Grundausbildung beim TBA Oldenburg war es mir später möglich, über den mittleren technischen in den gehobenen Fernmeldedienst aufzusteigen, um dann Ende 1986 als Fernmeldeamtmann in den Ruhestand versetzt zu werden. Somit kann ich auf ein erfolgreiches und erfülltes Berufsleben zurückblicken.
Den heutigen mit der Ausbildung der Nachwuchskräfte betrauten Kollegen wünsche ich viel Geduld und Freude bei ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit, damit viele der ihnen anvertrauten Auszubildenden - so wie ich heute - später einmal sagen können:
Dank der guten, gründlichen Ausbildung habe ich in meinem Beruf großen Erfolg gehabt und volle Befriedigung gefunden; ich hätte mir keinen besseren und schöneren Beruf vorstellen können!
Das 1. Lehrjahr 1939 - 1940
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26.  Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling

Das 1. Lehrjahr 1939 - 1940
Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Wer ist Meister? Der etwas ersann.
Wer ist Geselle? Der etwas kann.
Wer ist Lehrling? Jedermann.
(aus den “Deutschen Inschriften” 1882)

Das 1. Lehrjahr
Genauso wie als sechsjähriger Bub auf die Schule habe ich mich als nun 14-jähriger Jüngling auf den Beginn meiner Lehre gefreut. Froh war ich, daß ich nach langem Suchen doch eine Lehrstelle gefunden hatte und nicht weiter zur (Handels-) Schule gehen mußte. Mir war allerdings nicht bekannt, was mich als Lehrling erwartete. Heute kann man als Schüler eine „Schnupperlehre” antreten, das heißt, man kann sich mit dem gewünschten Beruf vertraut machen und ist dann in der Lage zu entscheiden, ob einem die Tätigkeit zusagt oder ob man besser einen anderen Beruf wählt. Diese Möglichkeit gab es damals nicht, und so hatte ich auch keinen blassen Schimmer, was ein Telegraphenbaulehrling lernen mußte, um dann später seinen Beruf richtig ausüben zu können. Ich mußte mich daher einfach überraschen lassen. Das einzige, was man mir sagte, war, daß der Telegraphenbauhandwerker auf Masten klettern und „Strippen” ziehen müsse. Na, das war in meinen Augen kein besonders schönes Berufsbild, aber für eine Tätigkeit in der freien Natur interessierte ich mich doch sehr. Von den Erwachsenen bekam ich dann auch noch die Warnung zu hören, daß Lehrjahre keine Herrenjahre seien, und das war dann alles, was ich zu Beginn meiner Lehre über meinen künftigen Beruf wußte.
Die ursprüngliche Ausbildungsstätte für Telegraphenbaulehrlinge befand sich auf dem Gelände des Telegraphen-Zeugamts am Artillerieweg. Weil die Zahl der Auszubildenden ständig zugenommen hatte, waren dort wohl die erforderlichen Räumlichkeiten zu klein geworden. Somit war vom TBA an der Antonstraße ein größerer Gebäudekomplex angemietet worden, in dem bislang ein Zimmereibetrieb untergebracht war. Die Räumlichkeiten hatte man nun für unsere Zwecke hergerichtet. Im Erdgeschoß gleich hinter der Eingangstür war das Büro des Oberwerkmeisters, und daran schloß sich der Raum für die Metallbearbeitung an. Darin standen Werkbänke, an denen 12 Lehrlinge und 2 Praktikanten ihren Arbeitsplatz hatten. Im Obergeschoß befand sich neben der relativ kleinen Tischlerei ein großer Raum für die Apparate-Instandsetzung, in der die restlichen Lehrlinge und Praktikanten untergebracht waren und der auch für den gemeinsamen Unterricht aller Lehrlinge benutzt wurde.
Pünktlich zu Beginn des ersten Arbeitstages meiner Lehre (4. April 1939) fand ich mich also an der Antonstraße 1 ein. Wir „Stifte” wurden von den Ausbildern recht freundlich begrüßt, und diese stellten sich uns wie folgt vor:
Telegr.-Oberwerkmeister (TOWM) Alfred Evers,
Telegr.-Sekretär (TS) Louis Gabel,
Telegr.-Bauhandwerker Hermann Müller und
Tischler Christian (Krischan) Martens.
Leiter der Lehrwerkstatt und somit unser Chef war der TOWM Alfred Evers. Seine Erscheinung hätte einer Witzfigur alle Ehre gemacht, und so ist er mir in Erinnerung geblieben: klein (etwa 160 cm groß) und rundlich (der Bauchumfang übertraf meines Erachtens den seiner Körpergröße), das Gesicht zierte ein ergrauter Spitzbart, und sein Gang war watschelnd wie der einer Ente. Trotzdem war er sehr behende, und bei auftauchenden Problemen hatte er auch schnell eine Lösung parat. Obwohl es spaßig war, ihn so anzuschauen, hatten wir doch sehr viel Respekt vor ihm. Seine Berufsausbildung hatte er als Feinmechaniker erhalten und war dann als junger Mann bei einer Telegrafengesellschaft eingestellt worden. Diese schickte ihn auf die Südsee-Insel Jap, um ihn dort als Telegrafisten an den Endgeräten der damaligen Seekabel zu beschäftigen. Von seinen Erlebnissen (unter anderem auch mit den Insulanerinnen) hat er den Lehrlingen, die bei ihm in seinem Haus an der Ackerstraße logierten, oft erzählt. Leider hat er uns während der Arbeitsstunden davon nichts mitgeteilt, so daß ich seine spannenden Erzählungen nur aus dritter Hand erfahren habe. Das ist wohl der Grund, daß mir nichts davon in Erinnerung geblieben ist.
Nach der Begrüßung wurden wir 24 Lehrlinge in zwei Gruppen eingeteilt: die 12, deren Anfangsbuchstabe des Familiennamens im Alphabet vorn lagen, kamen zuerst in die Metallbearbeitung (darunter auch ich), die anderen begannen ihre Ausbildung in der Apparatewerkstatt, bzw. in der Tischlerei.
Mir wurde dann mein Platz an der Werkbank zugewiesen, und ich mußte das umfangreiche Werkzeug in Empfang nehmen. An die vielen verschiedenen Feilen, Meßgeräte usw. und an deren Namen mußte ich mich erst gewöhnen. Obwohl ich von Vaters Werkstatt her schon einige Werkzeuge kannte (z.B. Hobel), waren mir doch viele völlig neu. Dabei wurde uns auch gleich gesagt, daß wir gut auf das Werkzeug aufpassen müßten. Fehlendes Gerät hätten wir zu ersetzen, d.h. zu bezahlen. Damit wir die uns zugeteilten Sachen besser auseinanderhalten konnten, bekam jedes Teil eine Nummer eingestanzt; mir gehörte alles mit der Nummer 12. Obwohl wir Lehrlinge täglich unseren Bestand verglichen, blieb es nicht aus, daß uns am Feierabend verschiedene Werkzeuge fehlten. Dann begann das große Suchen, und jeder kontrollierte die Sachen des anderen, ob sich nicht bei ihm in den Werktischschubladen die fehlenden Teile eingeschlichen hatten.



(1) Unsere Gruppe der Metallbearbeitung. Ich bin in der mittleren Reihe (2. von links) zu sehen
Unsere Gruppe der Metallbearbeitung. Ich bin in der mittleren Reihe (2. von links) zu sehen

 

Zuerst bekamen wir die Aufgabe, einen Würfel herzustellen. Aus einem etwa 5 cm starken Rundeisen sollte er gefeilt werden, und für die genauen Abmessungen dieses Werkstücks diente uns eine Blaupause als Vorlage. Es war für mich schon eine ungewohnte und recht mühsame Angelegenheit, mit der Grobfeile von diesem Eisenklotz Span um Span abzutragen. Besonders taten mir die Arme weh, und in der rechten Hand bildeten sich Blasen. Aber ich ließ mir nichts anmerken, und ich glaube, daß die anderen „Metallwerker” auch Konditionsprobleme hatten. So nach und nach entstand dann der von mir geforderte Würfel, der von allen Seiten schön winklig sein mußte. Durch die Anwendung von Schmirgelpapier wurden die gröbsten Feilenkratzer beseitigt, und unter Verwendung von Kreide erhielt die Oberfläche den geforderten Polierschliff. Mit dieser ersten Arbeit war ich sehr zufrieden, obwohl mir dafür (wie allen anderen auch) nur eine „Vier” gegeben wurde. Diese schlechte Note gab es in unserem Wochenbericht übrigens auch für die anderen Fächer (Fleiß, Ordnung und Theorie), was ich gar nicht in Ordnung fand. Bessere Zensuren bekamen wir erst im Laufe der folgenden Wochen, und damit waren wir dann schon eher einverstanden.

Als nächstes Werkstück sollten wir ein Prisma feilen. An diese Aufgabe denke ich nur mit Grausen zurück, und das hat folgenden Grund: Als Ausgangsmaterial erhielt ich ein Stück von einer gehärteten Wagenachse. Wie man sich denken kann, ist es fast unmöglich, davon mit einer normalen Grobfeile Material abzuarbeiten, und das habe ich Stunde um Stunde angestrengt, aber vergeblich versucht. In meiner Verzweiflung habe ich den Werkstattleiter Müller gebeten, mir doch ein anderes Material zu geben. Er hat das aber abgelehnt und meinte, ich solle es doch weiter versuchen. Das habe ich gezwungenermaßen auch getan, bis ich es dann doch aufgegeben habe. Ich sah nämlich, wie die anderen Lehrlinge schnell vorankamen, das nächste Werkstück schon in Arbeit hatten und ich noch lange nicht mit meinem Prisma fertig war. Da habe ich den Entschluß gefaßt, es nicht weiter zu bearbeiten. Irgendwie ist es mir dann auch gelungen, das unfertige Werkstück nicht zur Begutachtung dem TOWM Evers vorzeigen zu müssen. Es hat aber Wochen gedauert, bis ich den Vorsprung der anderen eingeholt hatte und ich mich dadurch wieder gleichwertig fühlen konnte.
Mit der Zeit bekam ich in den Händen anstelle von Blasen Schwielen. Um meine sonstige Konstitution war es nicht so gut bestellt, ich fühlte mich den Anstrengungen dieser ungewohnten körperlichen Tätigkeit oft nicht gewachsen. Das wollte ich mir aber nicht anmerken lassen, und da half es nur, die Zähne fest zusammenzubeißen. Meiner Kondition tat es gut, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und auch kleinere Ausflüge in die Umgebung zu machen, zum Beispiel nach Bad Zwischenahn (später kam das Zeitungsaustragen noch dazu). Dadurch bekam ich wenigstens etwas mehr Kraft, aber im Vergleich zu meinen Kollegen war ich, besonders im sportlichen Bereich, eine große Niete. Bei dem wöchentlich stattfindenden Pflichtsport war ich in den drei Disziplinen (100 m-Lauf, Weitsprung und Ballwerfen) von einer zufriedenstellenden Leistung weit entfernt. So kam es, daß ich deshalb bei den jährlichen Reichsjugendwettkämpfen keine Siegerurkunde erhalten habe. „Der eine hat es in den Beinen, der andere halt im Kopf”, sagte ich mir und tröstete mich damit. Heute weiß ich, daß mir wegen einer einseitigen und mangelhaften Ernährung in den Entwicklungsjahren einfach die Kräfte fehlten; und dazu kam dann noch, daß ich innerhalb eines Jahres um 16 cm gewachsen bin! Diese Zahl weiß ich deshalb so genau, weil wir jährlich vom Postarzt auf unsere Sporttauglichkeit untersucht wurden und dabei u.a. die Werte über Größe und Gewicht in das Sportleistungsbuch eingetragen wurden.
Wie ich schon schrieb, hatte das Telegraphenbauamt die Lehrlings-Ausbildungsstätte frisch angemietet. Wir waren also die ersten Lehrlinge in dieser ehemaligen Zimmerei, und verschiedene Provisorien mußten von uns in Kauf genommen werden. Unser großer Werkstattraum zum Beispiel hatte als Heizmöglichkeit nur einen mittelgroßen Kanonenofen. Dieser mußte jeden Morgen angeheizt werden, und weil es bekanntlich im April noch recht kalt sein kann, haben wir bei Arbeitsbeginn schon manchmal gefroren. Als Heizmaterial standen uns nur Holzabfälle aus der Tischlerei und Brechkoks zur Verfügung. Weil die Koksbrocken für die Ofentür zu groß waren, mußten wir Stifte sie erst mit Hammern zerkleinern. Das war eine Sauarbeit, und nach dieser nicht ausbildungsgerechten Beschäftigung sahen wir auch entsprechend dreckig aus. Wir hatten aber dann wenigstens einen geheizten Werkstattraum und mußten uns nicht erst durch das Feilen warmarbeiten. Zu unseren Aufgaben gehörte es, den Inhalt der Aschenlade des Kanonenofens zu entsorgen, und wir hatten die Pflicht, unsere Werkbank von Eisenspänen zu reinigen. Auch die Werkstatt mußte am Abend besenrein sein. Für die Putzarbeiten standen uns keine Reinmachefrauen zur Verfügung; diese Aufgabe erledigten jeweils zwei Lehrlinge von uns im wöchentlichen Wechsel. Einen Aufenthaltsraum für die Arbeitspausen - z. B. zur Einnahme der Mahlzeiten - gab es nicht, und daher hielten wir uns meist auf der Galerie (dem ehemaligen Holzlager) an der frischen Luft auf. Wenn ich da an die heutigen vorbildlichen Ausbildungsstätten denke, kann ich schon neidisch werden!
Im Laufe der nächsten Wochen wurden uns dann auch schwierigere Aufgaben gestellt; dazu gehörten Arbeiten an der Drehbank und damit verbunden das Schleifen der Drehstähle. Das Letztere war für uns alle eine fast unlösbare Aufgabe, und dabei konnte uns doch nur unser TOWM Evers helfen (Herr Müller hatte dabei auch seine Schwierigkeiten). Aber wie man alles im Leben erlernen kann, so kamen wir durch häufiges Üben doch zu einem ganz ordentlichen Ergebnis. Ich will nun nicht alle von mir gefertigten Teile aufzählen, aber zum Abschluß unserer Metallbearbeitungszeit durften wir eine Säule drehen, auf der dann ein auf die Spitze gestelltes Hakenkreuz befestigt wurde. Wer wollte, konnte dann diese „Siegessäule” noch verchromen lassen. Weil ich nicht das nötige Geld dazu hatte, ließ ich es bleiben (und das war gut so!). Dieses und meine anderen Werkstücke habe ich, damit sie nicht rosteten, gut mit Vaseline eingefettet, in Ölpapier gewickelt und mit nach Lingen genommen, um sie voller Stolz auch Mutter und meinen Brüdern zu zeigen. Wo diese Lehrlingsarbeiten dann später geblieben sind, weiß ich nicht. Vielleicht hat Mutter sie (wegen des Hakenkreuzes) im Garten vergraben, als die „Tommis“ gegen Ende des Krieges auf dem Vormarsch nach Lingen waren. Und so bleiben mir aus diesem Abschnitt meiner Lehrzeit nur die geistigen Erinnerungen.
Nach der Metallbearbeitung kamen wir für vier Wochen in die Tischlerei. Hier hatte „Krischan” Martens das Sagen, und er gab seine Anweisungen in „Oldenburger Plattdeutsch”, das wir aber alle verstanden. Er war ein lustiger Geselle, und besonders brachte er uns zum Lachen, wenn er fragte: „Wer hett hier all wedder goost?” Die Frage stellte er immer dann, wenn in der engen Tischlerei schlechte Luft war und er die Ursache dafür in einem von uns sah. Auf Hochdeutsch heißt das nämlich: „Wer hat hier schon wieder gegast (einen gehen lassen)”?
Wir lernten schnell, mit den Tischlerwerkzeugen umzugehen. Zuerst gab man uns einen dicken und langen Eichenklotz zur Bearbeitung, aus dem wir mit der „Rauhbank” (das ist ein großer Hobel von ca. 0,80 m Länge) einen bei Erdarbeiten zur Verdichtung des lockeren Erdbodens verwendeten Stampfer fertigen mußten. Ich fand Gefallen an der Tischlerei (lag es daran, daß sowohl mein Vater als auch mein Großvater Tischler waren?). Nach der Schwerarbeit in der Metallbearbeitung war es nun für mich eine Erholung, mit Säge, Hobel und Stecheisen umzugehen. Als Abschlußarbeit fertigten wir einen Sanitätskasten mit herausnehmbarem Innenteil, wie er im Telegraphenbau-Streckendienst für die „Erste Hilfe” zur Aufnahme von Verbandmaterial, Pflaster usw. benötigt wurde. Das in dieser kurzen Zeit erlernte Tischlern habe ich später für private Zwecke gut verwenden können, so zum Beispiel beim Basteln einer Puppenstube und eines Himmelbettes für die Puppen meiner Tochter Anette. Auch in der Küche unserer Wohnung hängt noch ein Schüttenschrank aus der Zeit, als ich versuchte, wegen unserer Geldknappheit vieles selber zu machen. Dieser Versuch ist jedoch in den Anfängen steckengeblieben, vor allem deshalb, weil die Räumlichkeiten in unserer Osnabrücker Mietwohnung die Bastelarbeiten nicht zuließen.
In einem Nebengebäude unserer Lehrwerkstatt war die Schmiede untergebracht. Das war die nächste Station meiner Ausbildung. Hier lernte ich, mit dem Schmiedefeuer und mit dem darin zum Glühen gebrachten Eisen umzugehen. Für die krafterfordernde Tätigkeit eines Schmiedes war ich denkbar ungeeignet, und ich habe dem Ausbilder mehr zugeschaut, als selbst den Schmiedehammer zu schwingen. Nach gut 14 Tagen war ich dann von dieser nicht so geschätzten Arbeit erlöst, und es begannen für mich nun die schönsten Monate des ersten Lehrjahres: die Tätigkeit in der Apparatewerkstatt.
Wie ich schon schrieb, waren die körperlichen Anforderungen in der Metallbearbeitung für mich wegen meiner schwachen Konstitution schon sehr groß. Deshalb beneidete ich meine Kollegen, die es in der Apparatewerkstatt viel leichter hatten. Dort verwendete man nicht so grobe Werkzeuge wie Feile und Hammer, sondern arbeitete mit Schraubenzieher und Pinzette. Nun kam ich also auch endlich in den Genuß dieser leichteren Tätigkeit. Vom Telegraphen-Zeugamt wurden uns Apparate geliefert, die defekt waren oder die nach langem Gebrauch einfach überholt werden mußten. Es waren meist die in den kleineren Ortsnetzen beim Teilnehmer eingesetzten OB (Ortsbatterie)-Apparate (man mußte das Amt mittels eines Kurbelinduktors rufen), sowie weitere Geräte der ersten Fernsprech-Generation (heute sind das Museumsstücke !), die von uns in ihre Einzelteile zerlegt, auf ihre Funktionsfähigkeit geprüft und gereinigt wurden. Um zu sehen, wie Kondensatoren, Widerstände, Drosselspulen usw. von innen aussahen, nahmen wir einige davon völlig auseinander und machten sie natürlich damit kaputt. So konnte aber einmal unsere kindliche Neugier befriedigt werden, und zum anderen lernten wir damit den Aufbau eines Fernsprechapparates besser kennen. Daneben erfuhren wir im Unterricht die Wirkungsweise dieser für das „In-die-Ferne-Sprechen” notwendigen Bauteile und ihre Aufgaben in den verschiedenen Stromläufen. Zum Verständnis der elektrischen Zusammenhänge war nun wieder mein Geist gefordert, und das war mehr nach meinem Geschmack. Dies war dann auch der Zeitpunkt, wo ich merkte, daß ich doch einen Beruf erlernte, der mich interessierte und der mir Spaß machte. So vergingen dann die restlichen Monate des 1. Lehrjahres in der Lehrwerkstatt an der Antonstraße wie im Fluge.
Das 2. Lehrjahr 1940 - 1941
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26.  Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling

Das 2. Lehrjahr 1940 - 1941
Das erste Lehrjahr hatten wir nun gut hinter uns gebracht, und wir fühlten uns schon als Alles- oder mindestens als Vieleskönner. Doch merkten wir recht bald, daß mit dem Wissen über den Magnetismus, die Wirkung einer Drosselspule oder über die Kenntnisse der verschiedenen Feilenarten von uns noch kein Telegraphenbau betrieben werden konnte. Dazu waren weitere Kenntnisse erforderlich, die wir uns nun im Außendienst aneignen sollten.
Zuerst erfolgte aber der Umzug von der Lehrwerkstatt an der Antonstraße zu unserer neuen Bautruppunterkunft. Diese befand sich im Keller des Dienstgebäudes an der Mühlenstraße. Uns zwölf auswärtigen Lehrlinge faßte man in einem Bautrupp zusammen, und als unser Bautruppführer wurde Herr Bohlen bestimmt. Als Vorarbeiter (im heutigen Sinne Ausbilder) sollten uns dann die Herren Wöbken und Eggers die nötigen Kenntnisse im praktischen Baudienst beibringen.
Heute ist es üblich, daß den Auszubildenden die Schutzkleidung vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt wird. Diese Vergünstigung haben wir nicht gehabt. Nur ein Stück unserer Ausstattung erhielten wir mit Beginn des 2. Lehrjahres: die Kopfbedeckung in Form einer Schirmmütze. Mit dem Hoheitsadler und der Kokarde versehen, war sie für Außenstehende das sichtbare Zeichen, daß ihr Träger zu einem Staatsbetrieb gehörte und damit hoheitliche Aufgaben zu erfüllen hatte.
Für uns war sie noch in anderer Weise wertvoll: sie machte uns im Aussehen etwas älter. Das war dann der Grund dafür, daß ich beim Kartenkauf an der Kinokasse die Mütze aufsetzte und deshalb nie nach meinem Alter gefragt worden bin. Ich hatte keine Schwierigkeiten, auch solche Filme zu besuchen, für die das Mindestalter auf 18 Jahre festgesetzt war. Natürlich hätte mir die Mütze nichts genutzt, wenn eine Streife der Hitlerjugend während der Filmvorführung eine Ausweiskontrolle durchgeführt und dabei festgestellt hätte, daß ich nicht berechtigt war, den Film zu sehen. Zum Glück ist mir das aber nie passiert, und ich bin einer schweren Bestrafung entgangen.
Die erforderlichen Gerätschaften für die Arbeiten an Freileitungen wie Steigeisen, Sicherheitsgurte, Werkzeugtaschen, Spaten, Leitern usw. sowie das Material (Bronzedraht, Isolatoren, Hakenstützen usw.) waren in einem großen vierrädrigen Gerätekarren untergebracht. Dieser wurde von uns Lehrlingen zu den oft sehr weit entfernten Baustellen gezogen. Man muß sich das aus heutiger Sicht einmal vorstellen: Vorne zogen zwei Lehrlinge mit je einer Hand an der Deichsel (die andere hielt das Fahrrad fest) und hinten schoben ebenfalls zwei Lehrlinge dieses Gefährt über die Landstraße. Weil dort wegen der Kriegszeit kaum Verkehr herrschte, waren wir für die Motorfahrzeuge kaum ein Hindernis. Froh waren wir jedoch, wenn wir die Baustelle endlich erreicht hatten. Manchmal waren es ganz schöne Entfernungen, die wir so zurückgelegt haben. Besonders freuten wir uns, wenn die 4-Kilometer-Grenze des Ortsnetzes Oldenburg überschritten war, denn dann gab es das sogenannte Streckengeld, das uns bei unserem geringen Lehrlingslohn besonders gelegen kam.
Wir hatten im 1. Lehrjahr keine Tätigkeiten des Telegraphenbaudienstes erlernt und somit auch keine Kenntnisse für den Freileitungsbau erworben. Das war wohl der Grund, daß man uns vorerst nur für Erdarbeiten einsetzte. Als erste Arbeit im 2. Lehrjahr kann ich mich an das Schachten eines Kabelkanals am Marschweg erinnern. Er war 80 cm tief, und darin wurden einzügige Kabelformstücke für ein Verteilungskabel verlegt. Nachdem die Stoßstellen der Formstücke mit Zementmörtel abgedichtet waren, wurde der Graben wieder verfüllt und die Erde mit Holzstampfern (die wir unter anderem im ersten Lehrjahr angefertigt hatten) festgestampft. Als nächster Arbeitsgang wurde von den in größeren Abständen in diesen Kabelkanal eingebauten Abzweigschächten aus ein Schiebegestänge (aneinandergeschraubte Stangen von je ca. 0,50 m Länge) in den Rohrzug eingeschoben, an das ein 5 mm starkes Stahlseil befestigt und damit eingezogen wurde. Dieses diente dann als Zugseil für das Anschlußkabel, das wir aber nicht mehr selbst eingezogen haben; diese Arbeit wurde von einem anderen Bautrupp erledigt.
Nach diesen Erdarbeiten lernten wir dann etwas von der „Unterwelt” der Stadt Oldenburg kennen. Der Auftrag lautete: Reinigen der Kabelschächte in der Innenstadt. Bevor wir mit dieser Schmutzarbeit (für die es eine Schmutzzulage gab) beginnen durften, erhielten wir noch eine eingehende Belehrung über die Unfallverhütungsvorschriften, hier besonders über die Gefahr von Grubengas, das sich in den großen Kabelschächten ansammeln konnte, und über das Absichern der geöffneten Schächte. Dann waren wir fit für diese Aufgabe. Zuerst wurden mit dem Hebegerät die schweren und oft festsitzenden Schachtabdeckungen entfernt und dadurch der Schacht gelüftet. Damit die eventuell darin befindliche Gase entweichen konnten, wurden auch die Nachbarschächte geöffnet, um durch die unbelegten Rohrzüge Durchzug zu erzeugen. Danach begannen die Reinigungsarbeiten: Schmutzfänger entleeren, Eisenteile entrosten und danach mit Mennige streichen, Wasser aus dem Schacht entfernen (in Ermangelung einer Pumpe mit Eimer und Kehrichtschaufel), leere Rohrzüge abdichten usw.
Neben dieser werterhaltenden Arbeit hatte ich aber auch ein Auge für die im Schacht befindlichen Kabel. Es war für mich sehr beeindruckend, die dicken Amtskabel (700- und 1000-paarig!) geordnet und schön aufgereiht dort liegen zu sehen. Besonders gelungen fand ich die Lötstellen; die Bleimuffen waren teilweise handgefertigt und zeugten von einem großen handwerklichen Geschick der Hersteller. Und diese Kunst sollte ich auch erlernen, um es später genausogut zu können?
Von älteren Lehrlingen waren wir auf eine „schöne Aussicht” bei der Arbeit im Untergrund hingewiesen worden: aus der Froschperspektive hätten wir die einmalige Gelegenheit, die Beine der vorübergehenden Mädchen bis weit über die Knie anschauen zu können. Wie sich aber bald herausstellte, waren die uns vorhergesagten „Aussichten” stark übertrieben, und unser Interesse daran nahm rasch ab.
Alles hat einmal ein Ende und damit auch die vorstehend geschilderte Kanalarbeitertätigkeit. Unser Bautrupp erhielt danach den Auftrag, die Freileitungs-Fernlinie von Oldenburg nach Wildeshausen gründlich zu überholen. Die Instandsetzungen mußten in bestimmten Zeitabständen erfolgen, weil sich im Laufe der Jahre witterungsbedingte Ableitungen der Sprechströme (unter anderem durch die die Leitungen berührenden Äste der Straßenbäume) störend bemerkbar machten, aber auch die Standfestigkeit der Masten sowie der Streben und Anker überprüft werden mußte.
Bisher hatten wir das Besteigen der Masten nicht geübt, also mußte das nun an Ort und Stelle schleunigst nachgeholt werden. An meine ersten Kletterversuche kann ich mich noch gut erinnern. Man stelle sich vor: um den Bauch den Sicherheitsgurt, an den Füßen die Steigeisen (ich hatte welche mit 3 Zacken angelegt, weil ich der Meinung war, daß diese eine größere Sicherheit beim Halt an den Masten böten), und vor mir einen 7-Meter-Mast in einer Anschlußlinie mit 2 Hakenstützen. Erschwerend kam hinzu, daß dieser Mast noch nicht lange den Witterungseinflüssen ausgesetzt gewesen war; er hatte noch festes Holz und war stark teergetränkt. Hieran machte ich nun meine ersten Kletterversuche, kam aber über einen Höhengewinn von wenigen Zentimetern nicht hinaus. Bei diesen Anfangsversuchen muß ich ein Bild zum Schieflachen geboten haben: ein 15-jähriger Jüngling, den Mast fest umschlingend und dabei versuchend, die Spitzen der Steigeisen in das harte Holz zu Pressen, bei jedem Steigversuch aber auf den Ausgangspunkt zurückrutschend - da muß ich wohl eine komische Figur abgegeben haben. Nach vielen vergeblichen Versuchen und nachdem ich mir ein anderes Paar Steigeisen mit nur einem Zacken ausgesucht hatte (man lernt ja hinzu !) gelang es mir mit Unterstützung des Vorarbeiters, mich langsam bis zu der Mastspitze emporzuarbeiten. Ein ängstliches Gefühl überkam mich dann, als ich dort oben den Karabinerhaken (des um den Mast gelegten Halteseils) des Sicherheitsgurtes lösen mußte. Um gegen das Abrutschen gesichert zu sein, war es erforderlich, es über die Hakenstützen zu legen und dann den Karabinerhaken wieder am Gurt zu befestigen. 





(1) Telegraphenbaulehrlinge bei Instandsetzungsarbeiten. Oben am Mast befindet sich ein Querträger mit Fernleitungen, darunter ein Querträger mit Teilnehmer-Anschlussleitungen
Telegraphenbaulehrlinge bei Instandsetzungsarbeiten. Oben am Mast befindet sich ein Querträger mit Fernleitungen, darunter ein Querträger mit Teilnehmer-Anschlussleitungen

 

Nachdem dieses Manöver gelungen war, kam als nächste Übung das Zurücklehnen des Körpers - mit dem Vertrauen in das Seil des Sicherheitsgurtes, daß es auch halten würde. Mich beschlich dabei wiederum ein Angstgefühl, aber als ich mich dann langsam zurücklehnte, meine Arme ausbreitete und meine Hände um die vorhandenen Bronzedrähte legte, verschwand es doch wieder. So hatte ich nun den Ausgangspunkt für eine Tätigkeit an den Freileitungen erreicht: in luftiger Höhe hatte ich die Hände frei zum Arbeiten. „Übung macht den Meister”; an diesen Wahlspruch habe ich mich gehalten, und tatsächlich verlor ich nach dem häufigen Üben an diesem schwierigen Mast die Angst vor dem Abrutschen. Ausschlaggebend war aber vor allem das richtige Ansetzen der Kletterschuhe an den Mast, und das ging mit den einzackigen besser als mit den zuerst von mir favorisierten dreizackigen Bügeln.

Nachdem wir 12 Stifte nun mehr oder weniger schnell die Masten besteigen konnten, bekamen wir verschiedene Aufgaben zugeteilt. Mit einem Kollegen wurde ich beauftragt, die Masten der Fernleitungslinie Richtung Wildeshausen etwa 40 cm tief anzugraben, um sie, wenn sie abgetrocknet waren, in dieser Fäulniszone mit Karbolineum zu tränken. Außerdem mußten ältere Masten mit einem Bohrer angebohrt und aufgrund des Zustands des Bohrmehls auf ihre Standfestigkeit geprüft werden. Danach wurde das entstandene Bohrloch wieder mit einem Dübel verschlossen. Als weitere Tätigkeit hatten wir die alte Numerierung der Stangen zu entfernen. Mittels einer Zahlenschablone und weißer Farbe wurden dann die neuen Nummern, beim Kabelaufführungspunkt mit „1” beginnend, angebracht.
Im Laufe der vergangenen Jahre waren die Zweige der am Straßenrand stehenden Bäume in die Freileitungen gewachsen. Dadurch bildeten sie bei stürmischem Wind eine ständige Gefahrenquelle, weil sie Leitungsbrüche verursachen konnten. Außerdem waren sie bei Regenwetter auch der Grund für Ableitungen der Sprechströme, und durch die damit in der Freileitung verursachten Geräusche minderten sie die Verständlichkeit zwischen den Teilnehmern. Diesen Störungsursachen (Ästen) sind wir dann radikal zu Leibe gerückt, manchmal auch etwas zu radikal, so daß die Anwohner sich bei uns und bei den Vorarbeitern über die ihrer Meinung nach verschandelten Bäume beschwerten. Das Geschehene konnte aber nicht mehr korrigiert werden, und mit dem Hinweis, daß der Rückschnitt der Äste in dem Maße unbedingt notwendig gewesen sei, um nicht schon in einigen Jahren wiederum diese Arbeiten verrichten zu müssen, wurden die Beschwerdeführer abgewimmelt.
Wir beiden Lehrlinge haben die vorstehend geschilderten Arbeiten gern verrichtet, erlaubten sie uns doch, uns von den anderen Kollegen weit zu entfernen und daher nicht so unter der Aufsicht der Vorarbeiter zu stehen. Bei schönem Wetter konnten wir daher auch längere Erholungspausen einschieben, die wir am Straßenrand im hohen Gras liegend sehr ausgiebig genossen haben. Nur selten kam Herr Bohlen mit seinem Fahrrad uns nach gefahren, um die geleistete Arbeit zu kontrollieren, und natürlich auch, um zu sehen, ob uns nicht bei unserer langen Abwesenheit etwas zugestoßen sei.
Auf mich kam nach dieser schönen Tätigkeit nun die anfangs ungeliebte (weil ungewohnte) Arbeit im Gewirr der Freileitungsdrähte zu. Aber auch hier machte die Übung den Meister. Nachdem die anfängliche Angst vor dem Abrutschen verflogen war, wurde ich leichtsinnig und legte das Seil des Sicherheitsgurtes nicht schon unten um den Mast herum - wie es die Unfallverhütungsvorschriften vorschrieben -, sondern erst nach Erreichen des Arbeitsplatzes oben im Gestänge. Dabei ist es mir einmal passiert, daß ich diese Sicherheitsmaßnahme vergessen habe und ich mich, ohne angeseilt zu sein, zurücklehnte. Als ich das merkte, habe ich instinktiv meine Arme ausgestreckt und blitzschnell in die Leitungen gegriffen. Dadurch verhinderte ich einen schweren Unfall, denn ohne diese Reaktion hätte ich rücklings mit gebrochenen Beinen am Mast gehangen. Der Schreck, den ich bekam, hat dazu geführt, daß ich künftig aufmerksamer und nicht mehr so leichtsinnig war und daß es bei diesem einzigen Mal geblieben ist. Ich wage mir gar nicht auszumalen, was hätte passieren können, wenn nicht die 3 Millimeter starken Bronzedrähte der Fernleitung meinen Absturz verhindert hätten!
Diese Freileitungslinie hatte eine Überholung sehr nötig. Neben zerstörten Isolatoren und gerissenen Bindedrähten, die zu Ableitungsströmen führten, entsprachen auch die Durchhänge der Drähte nicht immer den Vorschriften. Das wiederum war der Grund, daß bei starkem Wind die Leitungen aneinanderschlugen und damit Schleifen (Kurzschlüsse) verursachten. Hier wurde nun unter Zuhilfenahme von Flaschenzügen zuerst eine durchhängende Leitung genau angezogen (eingewogen) und somit neu justiert. An diesem einregulierten Draht wurden dann alle anderen entsprechend ausgerichtet. Das geschah durch gleichzeitiges Schlagen auf die zu vergleichenden Drähte. Wenn der Rücklauf der damit verursachten Schwingungen zeitgleich war, stimmte der Durchhang, und sie konnten mit ausgeglühtem Bronze-Bindedraht wieder an den Isolatoren befestigt werden.
Wir arbeiteten ganz eifrig, um über die von uns ersehnte 4-km-Grenze hinauszukommen, ab der dann die sogenannte Streckenzulage fällig wurde. Diese war neben dem niedrigen Lehrlingslohn schon eine erhebliche Verbesserung unserer finanziellen (Not-)Lage. Voraussetzung für die Zahlung dieser Zulage war aber, daß die langen An- und Abfahrtwege außerhalb der regulären Arbeitszeit zurückgelegt werden mußten. Dank meines neuen und guten Fahrrades ist mir das nicht schwergefallen, und ich war immer pünktlich zum Arbeitsbeginn an unserer Strecken-Baustelle.
Unsere Mahlzeiten mußten wir wegen der großen Entfernung von unseren Unterkünften auf der Strecke einnehmen. Das Mittagessen hatten wir im sogenannten „Henkelmann” mitgenommen und mußten es, um es nicht kalt zu essen, erst aufwärmen. Ein Lehrling wurde beauftragt, rechtzeitig ein Feuer mittels der mitgebrachten Holzscheite zu entfachen, auf das dann ein großer mit Wasser gefüllter Topf gestellt wurde. In das erhitzte Wasser wurden die Henkelmänner gestellt, und wenn das darin enthaltene Essen warm genug war, kamen wir an der Feuerstelle zusammen und machten unsere Mittagspause. An diese Art der Arbeitsunterbrechung hatten wir alle unsere Freude, und mir kam es so vor, als befände ich mich an einem von Karl May beschriebenen Lagerfeuer im Wilden Westen. Weniger schön fand ich es dann, wenn mein Essen manchmal sauer und damit ungenießbar geworden war. Um aber nicht ganz hungrig zu bleiben, habe ich trotzdem das darin befindliche Fleisch und die Kartoffeln herausgefischt und gegessen. Ich wundere mich noch heute, daß ich das über mich gebracht und mir dabei nicht den Magen verdorben habe. Der Hunger trieb es hinein. Immerhin hatten wir ja Krieg, und Lebensmittel wegzuwerfen galt als Verbrechen. Aber alle die vorstehend geschilderten Erlebnisse auf der „Strecke” waren für mich so interessant und bedeutsam, daß ich schon jetzt viel Freude an meinem künftigen Beruf bekam.
Nachdem wir uns mit unserer Arbeitsstelle so weit von Oldenburg entfernt hatten, daß es unzumutbar wurde, täglich mit dem Fahrrad dorthin zu fahren, erhielten wir die Anweisung, unsere Arbeiten dort zu beenden. So zuckelten wir mit unserem Gerätewagen wieder in Richtung Bautruppunterkunft und waren gespannt auf unsere neue Aufgabe.
Zuerst galt es, bei einem Bäcker in einer kleinen Gemeinde im Norden Oldenburgs einen Neuanschluß zu legen. Weil es ein kriegswichtiger Betrieb war und es in diesem Ort bisher kein Telefon gab, standen dafür trotz Knappheit die erforderlichen Baumaterialien zur Verfügung. Zuerst galt es, bei der bereits bestehenden Anschlußlinie mit drei Anschlüssen die Hakenstützen gegen Querträger umzurüsten. Von der Abzweigung dieser Linie bis zu dem Bäcker mußten dann über eine Entfernung von etwa einem Kilometer neue Masten mit den notwendigen Streben und Ankern gesetzt werden. Hier lernten wir wieder neue Tätigkeiten kennen, die uns bisher unbekannt gewesen waren. Vom richtigen Graben eines Stangenloches über das vorschriftsmäßige Tragen der Masten bis zum Anpassen der Streben an den Mast durch richtiges Auskehlen waren nun alle im Telegraphen-Freileitungsbau möglichen Arbeiten auszuführen. An diesen Abschnitt der Lehrlingsausbildung erinnere ich mich gern; vor allem ist mir die kleine Einweihungsfeier mit Kuchen und Getränken im Gedächtnis geblieben, die der Bäcker aus Freude, nun telefonieren zu können, für uns veranstaltete.
Der nächste Einsatz führte uns in Richtung Bad Zwischenahn, und unser Stützpunkt war der Ort Bloh. Hier waren zwei Instandsetzungsaufträge auszuführen, einmal an einer großen Anschlußlinie, die schon mit mehreren Querträgern bestückt war und die zusätzlich noch erweitert werden mußte, des weiteren an den Fernleitungen, die gemeinsam mit den Signalleitungen der Reichsbahn auf einem Doppelgestänge an der Bahnlinie Oldenburg-Leer geführt wurden. Bei den letzteren galt es vor allem die Schmutzpartikel von den Glocken (Isolatoren) zu entfernen. Diese waren durch die von den Schornsteinen der mit Kohle befeuerten Lokomotiven ausgestoßenen Rußpartikel besonders stark verunreinigt und die Isolation gegen Ableitung daher ungenügend geworden.
Dieses Doppelgestänge war mit vier großen Querträgern bestückt. Bahnseitig wurden die Leitungen der Reichsbahn geführt; sie waren durch grüngestreifte Isolatoren gekennzeichnet. Hier galt es besonders vorsichtig zu sein, um nicht durch unsere Arbeit Störungen am Bahnbetrieb zu verursachen. Die teilweise 5 Millimeter starken Eisen- und Bronzedrähte waren dagegen an weißen Isolatoren befestigt und so als Postleitungen gekennzeichnet.
Eine große Instandsetzung war nicht vorgesehen, und somit wurden nur die schadhaften Glocken und die zerbrochenen Bindedrähte erneuert. Inzwischen war es Herbst und die Tagestemperaturen entsprechend niedriger geworden. Deshalb war das angeordnete Putzen der verunreinigten Glocken keine so beliebte Tätigkeit. Die Säuberung erfolgte mit einem angefeuchteten Tuch, das wir durch Sand zogen und womit beim Scheuern eine Schmirgelwirkung erzeugt wurde. Mit dem dadurch erzielten Ergebnis konnte man durchaus zufrieden sein.
Von höherer Warte schien man ein Einsehen zu haben, von uns wegen der tiefen Temperaturen nicht mehr diese Freileitungs-Instandsetzungsarbeiten ausführen zu lassen. Wir erhielten den Bescheid, unseren Gerätewagen nach Oldenburg zurückzubringen. Das haben wir mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge getan. Mit einem lachenden Auge, weil wir wegen der Kälte froren und einige von uns auch mangels Kleidermarken-Punkten nicht die richtige (wärmende) Unterwäsche kaufen konnten. Daher sollte nun unsere Tätigkeit im Bereich Sprechstellenbau und somit in Innenräumen erfolgen. Mit einem weinenden Auge deshalb, weil wir nun auf das Streckengeld verzichten mußten, an das wir uns schon so gewöhnt hatten. Aber das eine will man, und das andere muß man, und damit mußten wir uns nun abfinden.
In zunehmendem Maße begannen wir danach mit der Einrichtung und Verlegung von Fernsprechanschlüssen im Stadtgebiet. Ich will hier nicht auf Einzelheiten eingehen; aber zwei Begebenheiten will ich doch schildern, bei denen ich Angst und auch ein schlechtes Gewissen bekommen habe.
Bei der ersten von mir zu erstellenden Reihenanlage in einem Rechtsanwaltsbüro hatte ich unter anderem einen Mauerdurchbruch in der Außenwand des Hauses auszuführen. Dazu standen mir ein Steinbohrer und ein Hammer zur Verfügung. Wie man den Steinbohrer korrekt handhaben mußte, war mir nicht gezeigt worden; diese Kenntnis setzte man - wie vieles andere auch - einfach voraus. So habe ich den Bohrer an der ausgemessenen Stelle im Innenraum angesetzt und, ohne ihn ständig zu drehen, mit dem Hammer kräftig daraufgeschlagen. So glaubte ich es richtig zu machen und meinem Ziel, die Mauer zu durchstoßen, näherzukommen. Mit einem weiteren kräftigen Schlag war dann der Bohrer plötzlich in seiner ganzen Länge in der Wand verschwunden. Als ich nun nach draußen ging, um zu schauen, ob er an der gewünschten Stelle herausgetreten war, sah ich das Malheur: es klaffte dort ein großes Loch in der Wand, und mehrere zusammenhängende Mauersteine lagen auf der Erde. Meinen Schrecken kann man sich vorstellen, und ich hatte Angst, für den Schaden aufkommen zu müssen. Aber mit Hilfe meines Vorarbeiters haben wir den verursachten Schaden so gut wie möglich behoben und unsichtbar gemacht. Ob der Hausbesitzer etwas davon bemerkt hat? Ich kann es nicht sagen, aber zum Glück hatte diese Ungeschicklichkeit für mich keine weiteren Folgen.
Der nächste Fall ist nicht so glimpflich abgelaufen, und der Anschlußinhaber hat sich entsprechend beschwert. Was war geschehen? Zusammen mit einem Kollegen bekam ich den Auftrag, im Vorführraum der „Park-Lichtspiele” in Eversten eine Nebenstelle einzurichten. Die erforderlichen Arbeiten waren rasch erledigt, und da es noch Zeit bis zum Feierabend war, haben wir uns die technischen Einrichtungen im Kino etwas angeschaut. Weil niemand anwesend war und wir daher keine Erläuterungen über die dort befindlichen Geräte bekommen konnten, haben wir „Selbststudium“ betrieben. Begonnen hat es mit der Betätigung des elektrischen Gongs und dem Öffnen und Schließen des Vorhangs. Zu unserer Überraschung klappte das alles auf Anhieb; und nach diesem Erfolgserlebnis haben wir noch weitere Hebel und Schalter betätigt, das Licht im Zuschauerraum angeschaltet und mit dem betreffenden Regelwiderstand heller und dunkler eingestellt und verschiedenes mehr. Als dann der Feierabend nahte und wir den Vorführraum verließen, glaubten wir, alles wieder in die Ausgangsstellung gebracht und nichts verändert zu haben.
Das glaubten wir. Daß dem aber nicht so gewesen war, erfuhren wir schon am nächsten Tag. Der Inhaber des Lichtspieltheaters hatte Herrn Bohlen von dem Ergebnis unseres „Selbststudiums” verständigt, und dieser nahm uns zwei „Studenten” ins Gebet und zählte uns unsere Sünden auf: unter anderem sei das Bild des Films nicht auf der Leinwand, sondern an der Decke des Theaters erschienen, weitere Geräte hätte der Filmvorführer neu einstellen und einregulieren müssen. Die erste Vorstellung hätte daher erst mit einer viertelstündigen Verspätung beginnen können.
Das für diesen „Bubenstreich “ von uns erwartete Donnerwetter fiel aber glimpflich aus. Herr Bohlen verwarnte uns und erinnerte uns daran, beim Teilnehmer nicht mehr als unbedingt notwendig anzurühren. Für mich hatte dieses Erlebnis und das damit verbundene schlechte Gewissen eine nachhaltige Wirkung: nie wieder habe ich bei Arbeiten in der Wohnung eines Teilnehmers ohne seine Zustimmung oder seine Mitwirkung etwas von der Wohnungseinrichtung angefaßt. Damit ist das „Kino-Vorführer-Selbststudium” eine einmalige Entgleisung geblieben, und das ist gut so!
Alles in allem war das 2. Lehrjahr in praktischer Hinsicht für uns sehr informativ (was man für den theoretischen Bereich nicht sagen konnte). Es stärkte unser Selbstwertgefühl, schon vollwertige Arbeit leisten zu können und damit für unseren Lehrherrn bereits nützliche Kräfte zu sein. Neben der Außendiensttätigkeit lernten wir auch die schöne Oldenburger Umgebung kennen und genossen auch die Freiheit, nicht ständig (wie im 1. Lehrjahr) unter Beobachtung zu stehen.
Anfang März 1941 wurden wir davon verständigt, daß unser Bautrupp nach Wilhelmshaven verlegt werden solle. Für mich bedeutete es, daß ich mein Quartier bei Frau Leugering kündigen mußte, was ich sehr bedauerte. Sie hatte mich in den vergangenen eineinhalb Jahren wie eine Mutter umsorgt. Nachteilig für mich war auch, daß sich die Bahnfahrt nach Lingen damit um etwa 60 Kilometer verlängerte. Durch zweimaliges Umsteigen (in Oldenburg und Leer) und durch das Warten auf die Anschlußzüge verlängerte sich auch die Reisezeit so stark, daß ich nicht häufig eine Familienheimfahrt würde machen können. Froh war ich aber darüber, daß ich nicht mehr das Essen in der Gaststätte Schützenhof einnehmen mußte und daß ich künftig im Wohnheim in der Gemeinschaft mit den anderen Lehrlingen leben konnte.
In Oldenburg hatten wir seit Beginn des Krieges kaum größere Bombenangriffe gehabt. Im Gegenteil: In der Kaserne in Donnerschwee war ein Flak-Regiment (Flak = Flugzeugabwehrkanone) stationiert, und deren 8,8-cm- Geschütze sicherten den Luftraum rund um Oldenburg. Wenn feindliche Flugzeuge sich der Stadt näherten, begannen sie mit ihrem Abwehrfeuer. Am Tage war es interessant, die Sprengwolken der zerplatzenden Granaten am Himmel erscheinen zu sehen, und in der Nacht war es wie ein Feuerwerk anzuschauen. Angst vor möglichen Bombenabwürfen hatte ich zu der Zeit nicht, nur vor den herabfallenden Granatsplittern mußte man sich vorsehen. Diese waren begehrte Sammelobjekte, und je größer sie waren, desto wertvoller waren sie für die Sammler.
Das 3. Lehrjahr 1941 - 1942
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26.  Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling

Das 3. Lehrjahr 1941 - 1942
Es ist mir aus verständlichen Gründen nicht möglich, die Entscheidung des TBA bzw. der RPD nachzuvollziehen, gerade unseren Lehrlingsbautrupp von Oldenburg nach Wilhelmshaven zu versetzen. Es mögen einmal die durch die häufigen Bombenabwürfe verursachten Schäden und deren Beseitigung der Grund gewesen sein, für die man alle verfügbaren Kräfte, also auch uns Lehrlinge, benötigte, zum anderen auch die Überlegung, daß wir als auswärtige Lehrlinge ja schon die monatliche Unterbringungsvergütung von 70,00 Reichsmark bekamen und man durch unsere Versetzung also zusätzliche Abordnungskosten sparen konnte.
Auf Wohnungssuche brauchten wir in Wilhelmshaven nicht zu gehen. Das TBA hatte für uns von der Kriegsmarinewerft in deren Jugendwohnheim, das die Bezeichnung Lager Ebkeriege 4 trug, zwei Zimmer angemietet. Darin befanden sich je 6 Betten, die zu zweit übereinandergestellt waren, sogenannte Kajütenbetten. Auch um unsere Verpflegung brauchten wir uns jetzt nicht mehr zu kümmern. Wir gaben unsere Lebensmittelkarten bei der Heimleitung ab und erhielten dafür volle Verpflegung. Das war ganz in unserem Sinne, denn das Essen war reichlich, gut und schmackhaft zubereitet. Auch die uns zugeteilte Kaltverpflegung war so bemessen, daß wir keinen Hunger leiden mußten. Außerdem gab es für uns eine Raucherkarte (die es sonst erst für über 18-jährige gab), wofür die Nichtraucher andere Lebensmittel eintauschen konnten, deren Besitz aber einige von uns jungen Burschen zum Rauchen verführte. Dieser Anfechtung konnte ich zuerst noch widerstehen, dann aber begann ich, es den Rauchern unter uns gleichzutun, um ihnen meine „Männlichkeit” zu beweisen. Weil der „Stoff” möglichst lange reichen sollte, kaufte ich mir von der zugeteilten Ration jeweils ein Päckchen Tabak, Marke „Schwarzer Krauser”, dazu Zigarettenpapier zum Selberdrehen. Zu Beginn war das Ergebnis dieser Übung alles andere als ansehnlich, die selbstgedrehten ähnelten mehr einer Zigarre im Kleinformat. Aber nach einiger Zeit hatte ich den Bogen heraus, und die Erzeugnisse waren für den Rauchgenuß gut geeignet. Es gab aber auch Hilfsgeräte für uns Anfänger, so z.B. der in eine Tabakdose eingebaute Rollmechanismus oder die teureren Zigarettenhülsen, in die man den Tabak einfüllen konnte.
Warum beschreibe ich das hier in meinen Erinnerungen an das 3. Lehrjahr? Mit der Aushändigung der Raucherkarte an mich damals 16-jährigen Burschen stand mir nun etwas zur Verfügung, worauf ich bisher keinen Anspruch gehabt hatte, weshalb ich die damit zu kaufenden Tabakwaren auch nicht kannte. Nunmehr fühlte ich mich den Erwachsenen gleichwertig und wollte es ihnen auch in jeder Beziehung gleichtun. Bestärkt wurde ich von meinen Kollegen, die ebenfalls das Rauchen begannen und darin ein Zeichen von Männlichkeit sahen. Durch diese törichte Einbildung bin ich zum Rauchen verführt worden. Von diesem Laster habe ich erst 20 Jahre später (1961) wieder lassen können, und alle Versuche, vorher damit aufzuhören, waren vergebens. So war die unverdiente Vergünstigung durch die Raucherkarte der Beginn einer Leidenschaft, die dazu führte, daß mein Zigarettenkonsum später auf 20 bis 30 Zigaretten täglich anstieg. Nachdem ich nun schon mehr als 55 Jahre Nichtraucher bin und mich gesundheitlich heute besser fühle als zu meiner Raucherzeit, kann ich meine jugendlichen Kollegen nur davor warnen, es mir gleichzutun. Heute stehen neben dem Genuß von Tabak und Alkohol noch viel gefährlichere Drogen zur Verfügung, die einen jungen Menschen abhängig machen und seinen Körper zerstören können. Deshalb kann ich nur raten: „Finger weg von allen Drogen!” Seine Männlichkeit kann man besser dadurch unter Beweis stellen, daß man „nein” sagt zu jeder Art von stimulierenden und abhängig machenden Stoffen.
Im ersten Ausbildungsjahr hatten wir an der Antonstraße die neue Lehrwerkstatt einweihen dürfen, und im zweiten wurde mit uns ein neuer Lehrlingsbautrupp eingerichtet. In Wilhelmshaven war es nun erforderlich, erneut einen Bautrupp aufzustellen. Dazu erhielten wir erst nach und nach alle notwendigen Geräte, aber die dort wichtigsten, nämlich Schaufel und Spaten für Erdarbeiten, standen uns reichlich zur Verfügung.
Als Bautruppführer wurde uns Herr Greetfeld zugeteilt, der auch wie wir im Wohnheim Ebkeriege untergebracht war. Sein Zimmer befand sich an dem selben Flur wie unsere Räume, so daß wir nun Tag und Nacht unter Aufsicht standen. Statt zwei Vorarbeiter - wie in Oldenburg - erhielten wir hier einen; vermutlich auch eine Folge des Personalmangels wegen des Krieges.
Arbeit war in Wilhelmshaven mehr als genug vorhanden. Deshalb hatte man unsere Ankunft schon sehnsüchtig erwartet. Meine erste Aufgabe war es, die Verkabelung in einem Befehlsbunker der Kriegsmarine durchzuführen. An diese Arbeit erinnere ich mich deshalb so gut (und ungern), weil sie mich vor große Probleme stellte. Das Kabel (sogenannter Rohrdraht) mußte mit Stahlnägeln und Schellen an den Betonwänden befestigt werden. Die Wände erwiesen sich als so hart, daß selbst die kürzesten (16 mm) Stahlnägel zerbrachen. Von dem gewünschten gleichmäßigen Abstand der Schellen - wie man uns beigebracht hatte (Schönheit der Arbeit!) - war ich bei dieser Ausgangslage weit entfernt. So befand ich mich ständig auf der Suche nach Stellen, wo sich kein Kies im Beton befand, und der Schellenabstand war mal größer, mal kleiner. Damit war ich sehr unzufrieden und erwartete für diese Arbeit auch keine gute Benotung. Zum Glück hat später niemand danach geschaut, und ich frage mich heute noch, warum eine so zeitaufwendige Kabelbefestigung von uns gefordert wurde. Hier wären andere Befestigungsarten besser am Platze gewesen.

Für die bei den Bombenangriffen zerstörten Kabel wurden dringend Kabellöter benötigt. Daraufhin wurde für uns schnellstens ein Lötkursus eingerichtet. Nun erlernten wir das „Spleißen” der Kabel nach der Regel: „Amt im Rücken links herum”.




(1) Telegraphenbaulehrlinge beim Spleissen in einem Kabellötkursus
Telegraphenbaulehrlinge beim Spleissen in einem Kabellötkursus

 

Dabei erfuhren wir auch, daß die Kabel eine „Seele“ haben (die innerste Lage), daß in jeder Lage ein rotgefärbter Zählvierer vorhanden ist usw. Bevor mit dem Verbinden der Einzeladern begonnen wurde, steckte man zuerst über jedes Viererseil (d.h. über zwei zusammengehörende Doppeladern) eine Viererhülse, und jede der zu verspleißenden papierisolierten Kupferadern von 0.6 mm Durchmesser erhielt einseitig eine Hülse übergestreift. Zu Beginn meiner Übungsarbeiten ist dies manchmal von mir vergessen worden. Dann mußten die mit viel Sorgfalt miteinander verbundenen Adern wieder aufgedreht und der Fehler beseitigt werden. Aber alles in allem war es eine von mir gern ausgeübte Tätigkeit. Diese Ansicht sollte sich aber relativieren, als ich nach beendeter Lehrzeit in Wilhelmshaven als Kabellöter eingesetzt wurde!
Nachdem alle Einzeladern verbunden waren, wurde die Spleißstelle mit Nesselband umwickelt und für das anschließende Verbleien hergerichtet. Statt vorgefertigter Lötmuffen mußten wir aus einem Stück Walzblei die ungefähre Größe der Bleimuffe ausschneiden, sie mittels eines Holzhammers bzw. dessen Stieles in die erforderliche Form klopfen und sie dann über die Spleißstelle bringen. Jetzt begann der schwierigere Teil des Kabelverbindens: das Verzinnen und damit das Abdichten des papierisolierten Kabels gegen Feuchtigkeit.
Mit der Lötlampe lernte ich sehr schnell umzugehen. Weil ich aber zu Beginn meiner Übungen etwas leichtsinnig damit hantierte, brannte ich mir dabei ein größeres Loch in die Arbeitshose. Auch meine Hände haben Brandblasen bekommen, weil mir das mittels eines talggetränkten Lappens auf der Lötstelle zu verteilende flüssige Lötzinn auf die Finger tropfte. Manche gute Übungsarbeit wurde auch durch eine kleine Unvorsichtigkeit mit der Lötflamme zunichte gemacht. Das war der Fall, wenn ihr heißer Strahl von mir zu lange auf das dünnwandige Bleikabel gehalten wurde. Dann bildete sich dort plötzlich ein Loch. Später ist mir das in der Praxis nur noch einmal passiert. Bis dahin hatte ich jedoch genügend Erfahrung gesammelt und wußte, wie ich mich in dieser Situation aus der Verlegenheit helfen konnte (durch einen verlängerten Lötwulst oder durch einen verzinnten Bleistreifen). Übrigens lautete der Wahlspruch unseres Vorarbeiters Wöbken: „Wer sich nicht zu helfen weiß, ist nicht wert, daß er in Verlegenheit kommt!”
Im Laufe des Herbstes stellte Herr Greetfeld fest, daß wir uns die handwerklichen Fähigkeiten im Telegraphenbau schon ganz gut angeeignet hatten. Bei einer der in unserem Wohnheim abgehaltenen Besprechungen (eigentlich sollte es Unterricht sein) waren wir und auch er aber der Meinung, daß unsere theoretischen Kenntnisse damit nicht Schritt hielten. Der Grund dafür war, daß wir außer den Telegraphenbauordnungen (TBO) für den Kabel- und Freileitungsbau (je ein Exemplar) keinerlei Fachliteratur hatten. Das veranlaßte ihn, mich damit zu beauftragen, den Inhalt dieser TBO in Form von Fragen und Antworten zu bearbeiten. So sollte das Wesentliche daraus leichter erlernt werden können.

Bilder aus dem Kriegsjahr 1941


(2) TBLehrl Bernhard Schaa, Peter Rykena, Heinrich Lake und Heinrich Willenbrink (von links nach rechts). Im Hintergrund ist ein Teil des Lagers Ebkeriege 4 zu sehen.
TBLehrl Bernhard Schaa, Peter Rykena, Heinrich Lake und Heinrich Willenbrink (von links nach rechts). Im Hintergrund ist ein Teil des Lagers Ebkeriege 4 zu sehen.

 

 




(3) Innenaufnahme unseres Wohnraumes im Lager Ebkeriege 4: TBLehrl Hans Brinck, Heinrich Willenbrink und Paul Herlyn. H. Willenbrink hatte nach dem Kriege bei der August-Hinrichs-Bühne in Oldenburg eine erfolgreiche Schauspielerkarriere
Innenaufnahme unseres Wohnraumes im Lager Ebkeriege 4: TBLehrl Hans Brinck, Heinrich Willenbrink und Paul Herlyn. H. Willenbrink hatte nach dem Kriege bei der August-Hinrichs-Bühne in Oldenburg eine erfolgreiche Schauspielerkarriere

 

Diese Aufgabe habe ich gern übernommen, war ich doch für einige Wochen von der Arbeit im feuchten Schlick freigestellt, zum anderen lernte ich auf diese Art schon fleißig für die herannahende Gesellenprüfung. Ich bin der Meinung, daß dieses selbstgeschaffene Hilfsmittel uns Lehrlingen beim Lernen gute Dienste geleistet hat und daß deshalb auch niemand durch die Handwerkerprüfung gefallen ist!
Nach Erledigung dieses Auftrages erhielten mein Kollege B. Schaa und ich eine Spezialaufgabe. Für einige Wochen halfen wir im Büro des Baubezirks in der Mühlenstraße an der Berichtigung der Kabel-Lagepläne. Durch Bombentreffer waren viele Kabel zerstört worden, und durch die eingespleißten Ersatzstücke waren neue Lötstellen entstanden, die aufgemessen und in die Planunterlagen eingetragen werden mußten. Neben dieser zeichnerischen Aufgabe kamen weitere Einsätze auf uns zu: Entstörungsdienst bei den Teilnehmern, Wartung der Münzfernsprecher, Umschaltarbeiten in den Kabelverzweigern und natürlich weiterhin die Beseitigung von Bombenschäden im Kabelnetz, wobei wir in den mit Wasser gefüllten Bombenlöchern besonders den zähen Schlick kennenlernten.
Neben diesen praktischen Arbeiten hatten wir kaum theoretischen Unterricht. Einmal in der Woche besuchten wir die dortige „Städtische Gewerbliche Berufsschule”, die aber für uns Telegraphenbaulehrlinge keinen fachgerechten Unterricht erteilen konnte. Wir bildeten mit den Werftlehrlingen eine Klasse, wobei der Unterricht aus diesem Grund mehr auf Schiffbau denn auf Telegraphenbau ausgerichtet war. Er war für uns völlig unbefriedigend und wenig motivierend, brachte auch nichts Wissenswertes für die bevorstehende Gesellenprüfung, und unsere Mitarbeit war entsprechend gering. Häufig wurde der Unterricht auch noch durch Fliegeralarm unterbrochen beziehungsweise fiel dann ganz aus. Trotzdem erhielt ich im Abgangszeugnis als Gesamtleistung die Note „gut”, was mich doch sehr überraschte und die ich (ehrlich gesagt) auch nicht ganz verdient hatte.
Die Gesellenprüfung
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26.  Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling

Die Gesellenprüfung
Gegen Ende des 3. Lehrjahres wurden von uns für die Gesellenprüfung noch fleißig die im oberirdischen Telegraphenbau vorkommenden handwerklichen Arbeiten geübt: Platzwechsel und Kreuzung in einer Freileitungslinie, Kabelaufführungspunkt usw. sowie das Entstören von Fernsprechapparaten, Reihenanlagen und kleinerer Nebenstellenanlagen. So glaubten wir, sowohl theoretisch als auch praktisch einigermaßen für die bevorstehende Prüfung gerüstet zu sein. Einem Vergleich mit den heutigen Ausbildungsmethoden hält unsere Ausbildung nicht stand. Ich finde, daß sich unter den erschwerenden Bedingungen des Krieges, unseres Einsatzes als vollwertige Arbeitskräfte bei der Beseitigung von Bombenschäden, der Materialknappheit, der Störungen durch nächtlichen Fliegeralarm und des damit verbundenen Schlafdefizites sowie der insgesamt fehlenden bzw. der aus vorstehenden Gründen nicht einzuhaltenden Ausbildungsordnung unsere Prüfungsergebnisse doch sehen lassen konnten.
Die Telegraphen-Bauhandwerker-Prüfung fand an drei Tagen in Oldenburg in der Lehrwerkstatt an der Antonstraße statt. Wir Prüflinge fuhren täglich von Wilhelmshaven nach dort und erledigten unsere Prüfungsaufgaben. Am ersten Tag mußte ich aus dem Bereich Freileitungsbau eine Kreuzung mit einem Platzwechsel fertigen (hatte ich vorher schon eifrig geübt). Das Biegen und Befestigen der Drähte klappte vorschriftsmäßig, und alles war auf „Schönheit für das Auge” ausgerichtet. Eine weitere praktische Prüfungsaufgabe war das Fertigen einer Verzweigungslötstelle (10-paarig auf 2x5-paarig). Dabei kam es nicht so sehr auf die „Innereien” (es wurde keine Lötstelle aufgeschnitten) als vielmehr auf das gute Aussehen der Verbleiung an. Hier hatte ich einige Schwierigkeiten bei der Verzweigung, denn zwischen den beiden 5-paarigen Kabeln hatte ich wenig Abstand gelassen, was sich als sehr hinderlich beim Glattstreichen des Lötzinns durch den Fettlappen auswirkte. Es war kein Prachtstück geworden, aber trotzdem konnte ich noch damit zufrieden sein (wenn ich meine Arbeit mit der meiner Kollegen verglich, die es auch nicht viel besser hin bekommen hatten).
Am 2. Prüfungstag - es war der 27. März 1942 - erledigten wir zuerst den schriftlichen Teil der Prüfung. Als Aufgabe stellte man uns das Thema „Beschreibung und Wirkungsweise eines Fernhörers”. Damit war ich mehr als zufrieden, und ich machte mich ohne viel zu überlegen gleich an die Niederschrift. Von den dafür angesetzten zwei Stunden verbrauchte ich eine Stunde und 40 Minuten. Dann hatte ich das Thema erschöpfend behandelt und konnte meine dreiseitige (DIN A 4) Prüfungsarbeit abgeben.
Nach einer größeren Pause stellte man uns die Aufgabe, eingebaute Fehler in verschiedenen Fernsprechapparaten und in der damals neu auf den Markt gekommenen Nebenstellenanlage 1:1 zu finden. In den vergangenen Monaten hatten wir das Stromlauflesen intensiv geübt und dabei auch einige schwierigere Stromläufe auswendig gelernt. Es fiel uns daher nicht schwer, in der vorgegebenen Zeit alle versteckten Fehler zu finden und damit die Störungsursachen zu beseitigen.



(1) Gesellenprüfung, schriftlicher Teil Thema: „Beschreibung und Wirkungsweise eines Fernhörers“ Seite 1 . . . .
Gesellenprüfung, schriftlicher Teil Thema: „Beschreibung und Wirkungsweise eines Fernhörers“ Seite 1 . . . .

 

(2) und Seite 2 meiner schriftlichen Prüfungsarbeit

und Seite 2 meiner schriftlichen Prüfungsarbeit


(3) Unsere Ausbildungsstelle Oldenburg-Eversten, Antonstrasse 1. Dies ist das Gebäude, in dem ich meine Lehre begann und in dem ich sie auch mit dem Tage meiner Gesellenprüfung beendete. Rechts neben der Eingangstür befand sich das Büro des TOWM Evers, darüber war die Tischlerei eingerichtet. Die Aufnahme stammt aus der Zeit nach dem Kriege; leider stand mir keine bessere zur Verfügung.
Unsere Ausbildungsstelle Oldenburg-Eversten, Antonstrasse 1. Dies ist das Gebäude, in dem ich meine Lehre begann und in dem ich sie auch mit dem Tage meiner Gesellenprüfung beendete. Rechts neben der Eingangstür befand sich das Büro des TOWM Evers, darüber war die Tischlerei eingerichtet. Die Aufnahme stammt aus der Zeit nach dem Kriege; leider stand mir keine bessere zur Verfügung.

Der dritte und letzte Tag der Gesellenprüfung brachte den von uns gefürchteten Teil: die mündliche Prüfung. Wir wurden in drei Gruppen zu je vier Prüflingen eingeteilt, und für jeden von uns waren 15 Minuten Prüfungszeit vorgesehen. Diese befürchtete Tortur brachte aber keine großen Probleme. Vor allem die von mir im Auftrag von Herrn Greetfeld in Frage und Antwort bearbeitete TBO hat sich hierbei besonders bewährt und brachte den erwünschten Erfolg. Wir Prüflinge der ersten Gruppe waren überrascht, als wir schon nach kurzer Zeit vom Prüfungsrat hörten, daß die Prüfung beendet sei und uns das Ergebnis nach der erforderlichen Beratung mitgeteilt würde.
Es begann nun eine längere Wartezeit, bis alle drei Gruppen geprüft waren. Bis zur Bekanntgabe der Resultate bestand unter uns eine große Spannung, und wir waren trotz aller aufgewendeten Mühe nicht sicher, ob unsere Leistung ausgereicht hatte, die erste Hürde in unserer beruflichen Laufbahn erfolgreich zu meistern.
Doch dann war das Ende unseres Wartens gekommen. Zuerst beruhigte uns der Prüfungsrat mit der positiven Nachricht, daß niemand von uns durchgefallen sei. Das löste bei uns eine große Erleichterung aus und es fiel uns ein Stein vom Herzen. Das Ergebnis der Prüfung sah dann folgendermaßen aus: zweimal sehr gut, zweimal gut, und der Rest hatte mit der Note „befriedigend“ bestanden.



(4) Das Gesellenprüfungszeugnis
Das Gesellenprüfungszeugnis

 

Nachdem uns der Prüfungsrat gratuliert und die Gesellenbriefe ausgehändigt hatte, wurden wir ohne weitere Feierlichkeit verabschiedet. Nun war also unsere Lehrzeit beendet, und wir waren jetzt vollwertige Telegraphenbauhandwerker. Diesen Umstand wollten wir entsprechend feiern, aber aus dieser Absicht ist dann doch nichts geworden. Ohne Alkohol und nur bei Molkebier wollte nicht die rechte Stimmung aufkommen, und dann machte sich auch die Anspannung der hinter uns liegenden drei Prüfungstage bemerkbar. Darum machten wir uns bald auf den Weg zum Hauptbahnhof. Bis zur Abfahrt des Zuges nach Wilhelmshaven war noch etwas Zeit, und ich ging zum Hauptpostamt „Am Stau“. Dort gab ich am Schalter ein Telegramm an Mutter auf; der Inhalt lautete:

PRUEFUNG MIT GUT BESTANDEN, GRUSS HANS
Der Bombenkrieg in Wilhelmshaven
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26.  Beginn meiner Lehre als Telegraphenbaulehrling

Der Bombenkrieg in Wilhelmshaven
Wilhelmshaven wurde immer häufiger das Ziel feindlicher Bomber. Besonders nachts im Schutze der Dunkelheit versuchten sie, die Kriegsmarinewerft anzugreifen und natürlich auch die in den Hafenanlagen liegenden großen „Pötte” (Kreuzer und Schlachtschiffe). Geschützt durch leichte (2 cm) und schwere Flak (8,8 cm) sowie von an Stahlseilen befestigten Fesselballons gegen Tieffliegerangriffe wurden die Bomber oft gezwungen, ihre Last ungezielt abzuwerfen. Die Bomben fielen meist in die nicht so dicht besiedelten Wohngebiete und verursachten keine größeren Schäden. Unser Heim lag am Stadtrand und wir hatten oft Gelegenheit, vom Zimmerfenster aus das Geschützfeuer und die zerplatzenden Granaten zu beobachten und auch zu fotografieren. Ich weiß, daß unser Verhalten ungeheuer leichtsinnig gewesen ist, aber es war doch so großartig, diesem Feuerzauber zuzuschauen. Nur ein einziges Mal wurde es doch sehr brenzlich, als etwa 200 Meter vom Heim entfernt vor unseren Augen eine Bombenserie im freien Feld explodierte. Aber der weiche Schlickboden sorgte dafür, daß die Bomben tief in das Erdreich eindrangen und damit die Druckwellen der Explosionen nicht einmal die Fensterscheiben in unserem Wohnheim zerstörten.



(1) Abwehrfeuer der 2 cm-Flak über unserer Unterkunft Ebkeriege
Abwehrfeuer der 2 cm-Flak über unserer Unterkunft Ebkeriege

 

Einsatz als Telegraphenbauhandwerker
Seite 140
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27.  Einsatz als Telegraphenbauhandwerker
Die Lehrzeit ist beendet, nun beginnt der Ernst des Lebens.
Mit der bestandenen Prüfung zum Telegraphenbauhandwerker am 28. März 1942
war meine dreijährige Lehrzeit beendet. Mein Einsatzort blieb weiterhin
Wilhelmshaven, und auch meine zuletzt ausgeübte Tätigkeit änderte sich nicht.
Wie schon in den letzten Wochen meiner Lehrzeit mußte ich als Kabellöter die
durch den Bombenabwurf der feindlichen Flugzeuge an den Ortskabeln
entstandenen Schäden beseitigen. Es war doch eine recht schwierige und in den
mit Grundwasser gefüllten Bombentrichtern auch feuchte und schmutzige Arbeit.
Aber durch den jetzt gezahlten Gesellenlohn in Verbindung mit einer Schmutz- und
Gefahrenzulage war wenigstens die finanzielle Entschädigung wesentlich
besser als die für die gleiche Arbeit bisher gezahlte Lehrlingsvergütung.



(1) Das ist mein erster Lohnstreifen als Telegraphenbauhandwerker. Ich bekam monatlich Netto 130,36 Reichsmark ausbezahlt
Das ist mein erster Lohnstreifen als Telegraphenbauhandwerker. Ich bekam monatlich Netto 130,36 Reichsmark ausbezahlt

 

Trotzdem war ich nicht zufrieden. Ich hatte mir eine Tätigkeit im Freileitungsbau gewünscht und nicht diese Drecksarbeit. Das war nun mit ein Grund dafür, daß ich mich entschied, mich freiwillig zum Militär zu melden. Als Kabellöter hätte ich vom Telegraphenbauamt u.k. (unabkömmlich) gestellt werden können mit der Aussicht, erst zu einem viel späteren Termin zum Kriegsdienst einberufen zu werden. Der zweite Grund für meine Freiwilligenmeldung war aber das Ergebnis der Musterung. Hier hatte der Musterungsarzt mich k.v. (kriegsverwendungsfähig) geschrieben und mich als Panzergrenadier der Infanterie zugeteilt. Das ging mir aber völlig gegen den Strich. Ich wollte doch meine Kenntnisse der Fernmeldetechnik auch beim Militär einsetzen. So bewarb ich mich als Freiwilliger für die Luftwaffe und hier als Bordfunker oder, falls ich nicht flugtauglich wäre, als Soldat für eine Nachrichteneinheit. Meine Freiwilligenmeldung hatte auch noch den Vorteil, daß ich damit eine Einberufung zum RAD (Reichsarbeitsdienst) vermeiden konnte.

Meine Meldung als Freiwilliger zur Luftwaffe
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27.1.  Einsatz als Telegraphenbauhandwerker – Meine Meldung als Freiwilliger zur Luftwaffe.

Aufgrund meiner Freiwilligenmeldung wurde ich zu einem Eignungstest nach
Hamburg-Rissen einberufen. Neben einem schriftlichen Prüfungsteil (der
geistigen Eignung) wurde aber der größte Wert auf die Feststellung meiner
körperlichen Fähigkeiten gelegt. In diesem Zusammenhang ist mir die sportliche
Prüfung noch heute in ganz unangenehmer Erinnerung. Zum Abschluß war ein
1500-Meter-Lauf gefordert, vor dem ich große Angst hatte. Ich war noch nie
längere Strecken gelaufen, beim Betriebssport in der Lehre war es maximal eine
Platzrunde gewesen (cirka 400 Meter), und das ging schon an die Grenze meiner
Kräfte. Hier war es fast die vierfache Strecke, die von mir gefordert wurde. Aber
ich machte mir selber Mut und sagte mir: Du hast es gewollt, und nun mußt du da
durch. Als Alternative hatte ich ja nur die Eignung zum Panzergrenadier vor
Augen.
Ich habe die 1500 Meter zurückgelegt, aber ich weiß selbst nicht, wie. Geplagt
von schrecklichem Seitenstechen, von Luftmangel und von weichen Knien habe
ich in einer völlig indiskutablen Zeit das Ziel erreicht und bin dort wie tot
umgefallen. Ich habe nicht geglaubt, daß diese schlechte Leistung für die
Annahme meiner Freiwilligenmeldung gereicht hatte. Ich war dann doch erstaunt,
als ich ein Schreiben bekam und mir mitgeteilt wurde, daß ich als Bewerber
für die Unteroffizierslaufbahn für die Fliegertruppe angenommen worden sei.
Nach dem Eignungstest habe ich die Gelegenheit genutzt, das mir unbekannte
Hamburg und hier vor allem die Reeperbahn anzuschauen. Ich war der Meinung,
daß ich für die überstandenen Strapazen eine kleine Entschädigung verdient
hatte! Aber die Kneipen und Amüsierlokale auf St. Pauli übten bei Tageslicht
keine Anziehungskraft auf mich aus, und ich habe dort „keine müde Mark“
ausgegeben.
Meine Zeit als Soldat
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27.2.  Einsatz als Telegraphenbauhandwerker – Meine Zeit als Soldat.
Nach meiner Gesellenprüfung setzte man mich als Kabellöter ein. Dabei musste ich die durch die feindlichen Bombenabwürfe beschädigten Kabel reparieren. Das war keine schöne Arbeit, die ich da leisten musste. Als positiv konnte ich aber die Schmutzzulage auf meinem Lohnzettel verbuchen.
Dann kam urplötzlich der Einberufungsbefehl :



(1) Der Einberufungsbefehl zum Wehrdienst
Der Einberufungsbefehl zum Wehrdienst

 

Nun mußte ich also Soldat werden. Ich hatte nur wenig Zeit, das Zimmer im Lager Ebkeriege zu räumen und meine Sachen zu packen. Der Einberufungsbefehl war in Oldenburg am 10.07.1942 abgestempelt, erreichte mich am 11.07.42 nach Feierabend. Am nächsten Tag mußte ich alle Abmeldeformalitäten erledigen (beim Arbeitgeber, Einwohnermeldeamt, Lebensmittelkartenstelle, Heimleitung Lager Ebkeriege usw.). Dann konnte ich am späten Nachmittag den Zug nach Lingen besteigen.

Mutter legte mir die wenigen, aber notwendigen Kleidungsstücke zurecht, die ich
dann in einen Karton packte. Am 14.7.1942 stellte ich mich pünktlich beim
Wehrbezirkskommando (WBK) in Oldenburg am Pferdemarkt ein. Dort
verbrachten wir jungen Rekruten nur eine Nacht, um dann am 15.7.1942 mit der
Bahn nach Schleswig befördert zu werden. In der dortigen Fliegerkaserne wurden
wir „eingekleidet“. Wir erhielten unsere Uniformen und die dazu gehörigen
weiteren Ausrüstungsgegenstände (vom Stahlhelm übers Koppel bis zu den
Fußlappen und Knobelbechern).



(2) Hier bin ich Uniformträger als Angehöriger der Fliegertruppe
Hier bin ich Uniformträger als Angehöriger der Fliegertruppe

 

Der Dienst begann in den ersten Tagen mit Grußübungen (der militärische Gruß
war „Rechte Hand an die Kopfbedeckung und die linke an die Hosennaht“) und
mit Marschieren in der Kolonne.
Aber auch hier waren wir nur wenige Tage, als uns der Befehl zum Abmarsch erreichte.
Mit der Bahn ging es nach Gent in Belgien, wo wir in einer alten Kaserne
einquartiert wurden.

Hier begann die militärische Grundausbildung: Schießübungen mit Karabiner 98,
mit Maschinengewehr und Pistole, Benutzen der Gasmaske in einem Gas-Übungsraum.
Hier hatte ich große Schwierigkeiten, als ich das abgeschraubte
Filter wieder an der Maske einsetzen wollte. Ich war dabei so aufgeregt, daß ich
es verkantete und die Maske deshalb nicht richtig abdichtete. Ich mußte viel Gas
einatmen, und mir war danach kotzübel.
Aber auch in Gent blieben wir nicht lange. Unser Kompagnieführer sagte uns
eines Tages: „Ich habe es im Urin, daß wir bald verlegt werden“. Und so war es
denn auch.
Wir mußten das Spind räumen und unsere Ausrüstungsgegenstände in einen
Rucksack packen. Diesen Rucksack hatten wir bei der Einkleidung statt des
Tornisters, wie er bei der Infanterie ülich war, erhalten.
Nach einer Bahnfahrt landeten wir in der Nähe von St. Omer in Nordfrankreich.
Unterkünfte waren für uns nicht vorhanden bzw. noch nicht frei. So mußte ich
meine zu unserer Ausrüstung gehörende Zeltplane mit der von 3 anderen
Kameraden zusammenfügen und daraus ein Viererzelt bauen. An das Schlafen auf
dem Erdboden - nur etwas Stroh bildete die Matratze - mußte ich mich erst
gewöhnen. Dazu kam ein Dauerregen, der alles feucht und klamm werden ließ.
Diese Notlösung dauerte gottlob nur einige Tage. Dann konnten wir in eine
Baracke um- und einziehen.
Unsere Aufgabe war die Bewachung eines in der Nähe liegenden Feldflughafens
mit den dort stationierten Jagdflugzeugen ME 109 und FW 190.
Nach einem Nachteinsatz (die Engländer hatten einen Landungsversuch bei
Dieppe unternommen) hatte ich einen Blutsturz und mußte in das Lazarett in St.
Omer eingeliefert werden. Damit war das Ende meines Soldatenlebens besiegelt,
bevor es richtig begonnen hatte. Heute kann ich dazu nur sagen: „Gott sei Dank!“
Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt erhielt ich den Befehl, meine
Rückreise nach Deutschland anzutreten und mich im Reserve-Lazarett Tönsheide
(bei Neumünster in Schleswig Holstein) zu melden. Dort begann eine
mehrmonatige Kur. Danach wurde ich für wehruntauglich erklärt und nach Hause
entlassen.



(3) Gent. In dieser alten Kaserne waren wir untergebracht (30 Mann in einem Raum). Bild rechts: Unser Kommandeur beim Abschreiten der Front nach der Vereidigung. In den Fenstern der umliegenden Gebäude tanzten die belgischen Zivilisten beim Spielen der deutschen Nationalhymnen.
Gent. In dieser alten Kaserne waren wir untergebracht (30 Mann in einem Raum). Bild rechts: Unser Kommandeur beim Abschreiten der Front nach der Vereidigung. In den Fenstern der umliegenden Gebäude tanzten die belgischen Zivilisten beim Spielen der deutschen Nationalhymnen.

 

Das Ende meiner Militärzeit
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27.3.  Einsatz als Telegraphenbauhandwerker – Das Ende meiner Militärzeit.



(1) In diesem als Reservelazarett eingerichteten Krankenhaus in Tönsheide bei Neumünster habe ich mehrere Monate zugebracht.
In diesem als Reservelazarett eingerichteten Krankenhaus in Tönsheide bei Neumünster habe ich mehrere Monate zugebracht.

 

Auf der Veranda des Hauptgebäudes (zu sehen über dem Dach der Liegehalle im Vordergrund) waren sieben Betten aufgestellt. Die dazu gehörenden Patienten kann man auf dem nächsten Bild sehen.



(2) Das war die "Besatzung" der Veranda (ich bin der zweite von links)
Das war die "Besatzung" der Veranda (ich bin der zweite von links)

 

 Der ärztliche Bericht  lautete: Eine 5-Mark grosse Kaverne  auf dem rechten Lungenflügel;  bei einem Laborbefund (eine Tuberkelbazille im Sputum) wurden keine weiteren  Tbc-Bazillen festgestellt.
Die Ärzte verordneten für mich das Anlegen eines Pneumotorax.
Zusätzlich hatte man noch - falls erforderlich - eine Kaustik vorgesehen. Diese war dann doch nicht erforderlich, weil der Lungenflügel nicht am Rippenfell angewachsen war.
So war dann die schmerzhafte Behandlung - stechen einer dicken Hohlnadel zwischen den Rippen hindurch in den Brustraum - zum Einfüllen von Luft und damit zur Ruhestellung des Lungenflügels die einzige medizinische Massnahme. Das Nachfüllen der Luft musste dann in regelmässigen Abständen wiederholt werden. Und das kostete mich dann doch jedes Mal eine grosse Überwindung, diese Behandlung über mich ergehen zu lassen.
Nach zwei Jahren - während meines Aufenthalts im Reserve-Lazarett Friedensau - konnte dann der Pneumotorax aufgelassen werden. Die Kaverne war verschwunden und ich konnte - wenn auch eingeschränkt - wieder normal atmen.

Nach meiner Entlassung aus dem Wehrdienst habe ich mich bei Mutter weiter erholen können. Zu der normalen Lebensmittelkarte bekam ich eine Krankenzulage, so daß Mutter mir trotz der geringen Rationen damit doch recht gute Mahlzeiten zubereiten konnte, so daß ich keinen Hunger leiden mußte und auch an Kraft und Gewicht zunahm.

Wieder Zivilist
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27.4.  Einsatz als Telegraphenbauhandwerker – Wieder Zivilist.
Durch den langen Lazarettaufenthalt in Tönsheide  und der dort erhaltenen guten Ernährung war ich körperlich wieder gekräftigt. Bei einer ärztlichen Untersuchung stellte man fest,  dass ich wieder arbeitsfähig sei und mit leichten körperlichen Arbeiten beschäftigt werden durfte. Mein Arbeitgeber fragte mich, ob ich mit einer Tätigkeit im Verstärkeramt Bersenbrück einverstanden sei. Ich bat um eine  kurze Bedenkzeit.
Es war für mich sehr interessant, vom erlernten Telegrafenbaudienst nun in den technischen  Fernmeldedienst  wechseln zu können. Das entsprach genau meinen Vorstellungen, nicht mehr als Kabellöter in Schmutz und Dreck arbeiten zu müssen. Dafür könnte ich meine Kenntnisse in der Fernmeldetechnik erweitern.
Diese positive Aussicht war leider mit einem Ortswechsel verbunden. Mein gewohntes Leben unter der Obhut meiner Mutter musste ich dafür aufgeben. Aber ich war ja schon seit meinem 14. Lebensjahr das Leben in der Fremde gewohnt, und daher fiel dann meine Entscheidung für eine Tätigkeit in Bersenbrück nicht schwer.

(Begriffserklärung: Unter Verstärkeramt  (VerstA) versteht man eine Relaisstation in Fernkabeln, welche elektrische Kommunikationssignale (z.B. die Sprache) verstärken. Mit Röhrenverstärkern werden die Pegel  von  Telefon-, Radio- und Fernsehsignalen angehoben, um die elektrischen Widerstandsverluste auf langen Leitungen auszugleichen.)

Die Kollegen im VerstA waren ältere Semester, die nicht mehr kriegsdiensttauglich waren. Nur der Leiter des VerstA war jünger, seine Dienstbezeichnung war Oberwerkmeister und er hiess Henjes. Ich wurde von ihnen freundlich aufgenommen. Man hatte für mich schon ein möbliertes Zimmer besorgt, und auch für das Mittagessen hatte man ein gutes und preislich  günstiges Restaurant ausfindig gemacht. Ich hatte nur Tagesdienst, und an den Wochenenden konnte ich nach Hause fahren.
Das Verstärkeramt lag etwas ausserhalb von Bersenbrück in einem dichten Waldgelände. Es war ein Barackengebäude und  entsprechend den Kriegsbedingungen gut getarnt; die Ortsbezeichnung hiess: An der Freude.
Herr Henjes führte mich in die Verstärkeramtstechnik ein und nach kurzer Zeit war ich ein vollwertiger Mitarbeiter. Die leichte körperliche Tätigkeit gefiel mir.

Nach einigen Monaten endete mein Aufenthalt in Bersenbrück abrupt. Es war inzwischen winterlich geworden und die Strassen waren vereist. Auf dem Weg zum Mittagessen rutschte ich auf der Landstrasse aus und fiel auf die rechte Hand. Dabei zog ich mir einen Bruch des Handgelenks zu und war mehrere Wochen arbeitsunfähig. In diese Zeit fiel dann die Aufforderung des Versorgungsamtes zum Eintritt in das Lazarett Friedensau. Dort sollte dann der Pneumotorax aufgelassen werden.
Das Kriegsende 1945
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28.  Das Kriegsende 1945
Kampf um Lingen

Meine Erlebnisse als Zivilist bei den Kämpfen
um die „Festung Lingen“ im April 1945

Der folgende Bericht schildert einen Zeitraum, an den ich mich nicht gern, aber sehr gut erinnere. Als Zeit- und Augenzeuge der Kämpfe bei Kriegsende 1945 im Raum Lingen sind mir die Erlebnisse dieser Tage in bester Erinnerung. Sie stehen auch heute noch - nach mehr als 70 Jahren - lebhaft vor meinem geistigen Auge.
Bei meinem  Besuch in meiner Heimatstadt Lingen im Oktober 1997 kaufte ich in der Buchhandlung R. van Acken das Buch „Das Kriegsende 1945 im Raum Lingen“. Beim Lesen des darin von deutscher und alliierter Seite geschilderten militärischen Ablaufs der Kämpfe um Lingen wurden mir erst jetzt die Zusammenhänge klar, die ich bisher nur erahnt hatte. Auch die Schilderungen der zu Wort kommenden Zeitzeugen habe ich mit besonderem Interesse gelesen und sie mit meinen Erlebnissen verglichen.
Mit dem Herausgeber des Buches, Herrn Dr. Ludwig Remling, habe ich daraufhin Kontakt aufgenommen. Bei diesem Gespräch bat er mich, ihm meinen Augenzeugenbericht zur Verfügung zu stellen, was ich gern getan habe. Er ist aus meiner Sicht aber nur ein kleiner Stein im Mosaik der Ereignisse jener Tage, die für viele Angst und Schrecken, für einige auch Verwundung oder Tod brachten, die für alle aber das Ende eines langen und entbehrungsreichen Krieges bedeuteten.
Januar 1945: Rückkehr nach Lingen
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28.1.  Das Kriegsende 1945 – Januar 1945: Rückkehr nach Lingen.
Mich interessieren immer wieder die Geschichten vom Krieg. Kaum vorstellbar wie das gewesen sein muss. Vielen Dank, Sibylle


(1) Marschbefehl für meine Rückreise von Pabsdorf-Friedensau nach Lingen
Marschbefehl für meine Rückreise von Pabsdorf-Friedensau nach Lingen

 

Mein Marschbefehl lautete:

Der Vers.Kranke Johannes B r i n c k von Reserve-Lazarett Friedensau befindet sich auf dem Marsch von Pabsdorf-Friedensau über Burg-Magdeburg nach Lingen/Ems, Schwedenschanze 36 a und hat Befehl, die Reise ohne Verzögerung, ohne unnötige Umwege und ohne eigenmächtige Unterbrechung auszuführen.
Grund: Rückkehr v. der Kurbehandlung im Res.-Laz. Friedensau.
Rückreise: entfällt.
Ausgefertigt am 12. Januar 1945
Reserve-Lazarett Friedensau
gez. Unterschrift
Hauptmann und Hilfsoffizier

Neben weiteren Verhaltensregeln für mich und der Anweisung an alle Behörden, mich ungehindert reisen zu lassen und mir nötigenfalls Schutz und Hilfe zu gewähren, befand sich auch der Hinweis, daß ich mit Lebensmittelmarken, Raucherkarte und Fein- bzw. Rasierseife bis zum 14.01.45 abgefunden worden sei.
Mit Marschverpflegung versehen trat ich nun am 14. Januar 1945 die Rückreise nach meinem Wohn- und Geburtsort Lingen an. Ein von einem Pferd gezogener und mit Milchkannen beladener Wagen brachte mich mit meinem Koffer vom Reservelazarett Friedensau zur etwa 5 Kilometer entfernten, an einer Nebenstrecke liegenden Bahnstation Pabsdorf.
Obwohl das Lazarett in der Einflugschneise der feindlichen Bomber nach Berlin lag, hatte ich dort einige Wochen relativ ruhiger Tage und Nächte verbracht. Selbstverständlich gab es auch hier Fliegeralarm, der jedoch kaum von uns Patienten beachtet wurde. Lediglich bei nächtlichen Angriffen auf Magdeburg haben wir es aus Sicherheitsgründen vorgezogen, aufzustehen und das Abwehrfeuer der Flak und den Feuerschein der durch die abgeworfenen Bomben entstehenden Brände zu beobachten. Die Ortschaft Friedensau war von der Glaubensgemeinschaft der „Adventisten vom Siebenten Tag“ 1899 gegründet worden. Sie bestand nur aus wenigen Wohnhäusern, drei zu Lazaretten eingerichteten größeren vormaligen Schulungs- und Verwaltungsgebäuden und aus mehreren Handwerksbetrieben. Alle Gebäude waren von den Nazis beschlagnahmt worden. Außer als Lazarett dienten sie nun zur Herstellung von Kriegsmaterial. Soweit wir Kriegsversehrten dazu in der Lage waren, wurden wir zu leichteren Arbeiten herangezogen. Eine mir übertragene Aufgabe war es, in der Sattlerei Patronentaschen zusammenzunähen. Später wurde ich auch in der Schneiderei eingesetzt, wo ich Uniformstücke, die von Geschossen durchlöchert worden waren, instandsetzen und damit wieder tragfähig machen mußte.
Der „Kuraufenthalt“ hatte mir gut getan. Neben der Auflassung des Pneumotorax und der  Erholung hatte auch das bessere Essen meine Körperkräfte wieder gestärkt. An eine erneute Kriegsdiensttauglichkeit war jedoch aufgrund meiner Wehrdienstbeschädigung nicht zu denken. So entließen mich die Ärzte mit dem Vermerk im Wehrpaß: „w. u. bis Juni 1948“ (w.u. = wehruntauglich). Damit war also mein Soldatenleben beendet, und mein Zivilistendasein begann.
Während des Lazarettaufenthaltes hatten wir außer den Wehrmachtsberichten kaum Informationen von den Frontbereichen erhalten können. Die bei uns eingelieferten Verwundeten waren an der Ostfront eingesetzt gewesen, und das, was wir von ihnen zu hören bekamen, stimmte uns alles andere als siegesgewiß. Von Mutter hatte ich neben ihren Briefen nur Zeitungsausschnitte erhalten, die von Bombenabwürfen und von den dabei getöteten Zivilisten berichteten. So war ich sehr gespannt darauf, wie die vergangenen Kriegsmonate in Lingen abgelaufen waren und was mich dort nach meiner Rückkehr sonst noch erwartete. Daß aber schon 2 1/2 Monate später die Westfront Lingen erreichen würde, habe ich mir zu diesem Zeitpunkt doch nicht vorstellen können.




(2) Der Ort Friedensau bei Burg (Bezirk Magdeburg)
Der Ort Friedensau bei Burg (Bezirk Magdeburg)

 

Ich begann also am 14.01.1945 mit der Bahn die Rückfahrt nach Lingen. Wegen der ständigen feindlichen Bombenangriffe und der großen Gefahr von Tieffliegerangriffen war an einen geregelten und fahrplanmäßigen Zugverkehr der Reichsbahn nicht zu denken. Aufgrund des an diesem Tag herrschenden schlechten Wetters war die feindliche Lufttätigkeit gering. So gelangte ich ohne größere Verspätung bis nach Osnabrück. Dort aber gab es Fliegeralarm, und man erwartete einen Angriff auf die Stadt. Wir mußten den Zug verlassen und einen Hochbunker im Bahnhofsgelände aufsuchen. Wie ich später erfuhr, galt der Angriff den in der Nähe gelegenen Flugplätzen. Es gab bald Entwarnung und wir konnten den Bunker verlassen. Nach einer Personenkontrolle durch eine Zivilstreife durfte ich dann unseren Zug wieder besteigen. Der setzte sich bald darauf in Richtung Rheine in Bewegung, und nach einem weiteren ungemütlichen Aufenthalt auf dem dortigen Bahnsteig (feuchte Januarkälte!) kam dann endlich aus Richtung Münster der Zug, der mich an das Ziel meiner Reise bringen sollte.

So erreichte ich am frühen Abend wieder meine Heimatstadt. Meiner Mutter hatte ich keine Nachricht von meiner Rückkehr geben können. Nach dem Durchschreiten der Bahnsteigsperre staunte ich über die große Zahl von Menschen, die dichtgedrängt in der Bahnhofshalle standen. Sie musterten jeden Ankömmling in der Hoffnung, daß unter den ankommenden Reisenden auch Familienangehörige oder Bekannte seien, die Heimat- oder Genesungsurlaub bekommen hatten. Unter den Wartenden hatte ich einige bekannte Gesichter entdeckt und wollte die Betreffenden begrüßen. Das scheiterte aber daran, daß ich von der Feldpolizei herausgefischt wurde und mich einer Ausweiskontrolle unterziehen mußte. Als Zivilist im wehrfähigen Alter war ich ihnen wohl verdächtig erschienen. Aber mein Marschbefehl und mein Schwerkriegsbeschädigtenausweis machten ihnen rasch klar, daß ich kein Wehrmachtsdeserteur war. So wurde ich also statt von meiner Mutter von der Militärgewalt begrüßt. Auf diese Art der Begrüßung konnte ich gern verzichten! Nach diesem Intermezzo ging ich nun rasch den seit meiner Schulzeit gewohnten Weg an den Bahnlinie entlang Richtung Schwedenschanze, und erreichte dann mein in Dunkelheit gehülltes Elternhaus. Nach längerem lauten Klopfen gegen das Fenster der Haustür hörte ich Mutters Schritte. Sie schob die Gardine beiseite und meldete sich mit der Frage: „Wer ist da?“ Als sie meine Stimme hörte, tat sie einen Jubelschrei, und wir fielen uns um den Hals. Nach der Frage, wie es mir gehe, wollte sie wissen, ob ich großen Hunger hätte. Sie machte sich sofort daran, mir eine warme Mahlzeit zu machen. Es gab Milchsuppe und danach Bratkartoffeln mit Spiegeleiern.

Nach dieser Stärkung hatten wir uns viel zu erzählen. Mutter merkte aber, daß ich müde wurde, und sie empfahl mir, schlafen zu gehen. So war ich froh, wieder zu Haus in meiner gewohnten Umgebung zu sein und in meinem eigenen gewohnten Bett schlafen zu können. Ich schlief bald ein, und meine Ruhe wurde auch nicht durch Fliegeralarm gestört.




(3) Dieser Zeitungsausschnitt berichtet über einen Angriff feindlicher Bomber auf die Stadt Lingen und auf die dabei entstandenen Schäden
Dieser Zeitungsausschnitt berichtet über einen Angriff feindlicher Bomber auf die Stadt Lingen und auf die dabei entstandenen Schäden

 

(4) Dies sind die Namen der durch den Bombenangriff getöteten Lingener Einwohner

Dies sind die Namen der durch den Bombenangriff getöteten Lingener Einwohner

 

 

 

 

 

Karfreitag, 30. März 1945
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28.2.  Das Kriegsende 1945 – Karfreitag, 30. März 1945 .
In den vergangenen Wochen seit meiner Rückkehr vom Lazarett war das Leben überwiegend von Fliegeralarm bestimmt. Um über die feindlichen Flugbewegungen besser informiert zu sein, hatte ich an der vor unserem Haus vorbeiführenden Telefon-Freileitung einen Antennendraht installiert. Durch die lange Antenne erhielt ich so nicht nur einen besseren Rundfunkempfang für die deutschen Sender, sondern hatte auch für die Sendungen der BBC und des Soldatensenders Calais (für beide Feindsender war das Abhören verboten und unter strenge Strafe gestellt) eine gute Empfangsqualität mit meinem kleinen Volksempfänger. Der Drahtfunk lieferte mir dann mit seinen frühzeitigen Luftlagemeldungen die Möglichkeit zu entscheiden, ob für den Raum Lingen erhöhte Luftgefahr bestand und man sich deshalb in Sicherheit bringen mußte.
Für die Lokalisierung der Standorte der Feindflugzeuge waren das Reichsgebiet und die umgebenden besetzten Länder in Quadrate eingeteilt. Die waagrechten Quadrate erhielten einen Buchstaben, die senkrechten eine Zahl. Wenn die feindlichen Bombergeschwader auf der „G(ustav)-Linie“ anflogen (darauf lagen z.B. die Städte Amsterdam, Lingen, Hannover, Magdeburg, Berlin), bestand große Gefahr für einen Angriff im Lingener Raum. In einem solchen Fall schnappte ich mein Fahrrad und fuhr in Richtung Kiesberge. Hier war ich genügend weit von möglichen Angriffszielen entfernt; außerdem hatte ich einen Überblick über die Bombengeschwader, die mit ihren gut sichtbaren Kondensstreifen über mich hinweg flogen. Die Nachbarn gingen in den gemauerten Splittergraben, um sich so zu schützen. Mich konnte aber niemand dazu bewegen, ihn ebenfalls zu benutzen. Bei einem Besuch in Münster hatte ich gesehen, was für eine Wirkung ein Bombenvolltreffer auf so einen „Schutzbunker“ gehabt hatte. Die darin Schutz suchenden Menschen waren alle getötet und zudem verschüttet worden. Einzelne herumliegende zerrissene Kleidungsstücke und Schuhe erinnerten an deren Schicksal.
Bei Fliegeralarm sah ich deshalb Mutter nur ungern mit ihrem Köfferchen im Splittergraben verschwinden. Sie war aber aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, jedes mal bei Alarm in den Wald zu flüchten. Ihr starkes Gottvertrauen half ihr aber, ihre Angst zu überwinden. Die Zeit im Splittergraben nutzte sie mit dem Beten des Rosenkranzes, der ihr ständiger Begleiter war.
Zweifel am Endsieg hatte sie schon immer gehabt. Obwohl sie eine völlig unpolitische Frau war, empfand sie zu den „braunen Herren“ keine Zuneigung. Eine erste offene Ablehnung der Nazis spürte ich bei ihr, als in den Klassenzimmern der Schulen das Kreuz entfernt wurde. Als Kind konnte ich
das aber nicht verstehen, wurden uns doch in der Schule - besonders vom Rektor Lenz - die Vorzüge des Nationalsozialismus gelehrt. Diese einseitigen Informationen machten aus uns Kindern gläubige Jugendliche, die dann erst später - manche erst nach dem verlorenen Krieg - merkten, wie sie um ihre Jugend betrogen worden waren.
Aber auch jetzt noch, als die feindlichen Truppen schon nahe meiner Heimat waren, wurde uns von der Parteileitung noch immer ein naher Endsieg vorgegaukelt. Die großen Vergeltungswaffen (V 2), die man in westlicher Richtung von Lingen aus in Form hoch in den Himmel aufsteigender Kondensstreifen sah, sollten die Wende des Kriegsglücks bringen. Von Urlaubern aus Norwegen hörte ich dann, daß es eine neue Waffe geben solle, wozu man „schweres Wasser“ benötigte. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen, und nähere Einzelheiten konnte man mir auch nicht sagen. So mußte - bei der totalen Luftüberlegenheit der Alliierten - auch ich einsehen, daß der deutsche Zusammenbruch nahe war. Wir rechneten also nicht mehr mit einem Wunder und sagten uns: Besser ein baldiges Ende mit Schrecken statt weiterhin ein Schrecken ohne Ende.



(1) Dieser Ausweis leistete mir guten Dienste
Dieser Ausweis leistete mir guten Dienste

 

Ostersamstag, 31. März 1945
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28.3.  Das Kriegsende 1945 – Ostersamstag, 31. März 1945.
„Festung Lingen“, ein Phantom?

Am Ostersamstag bat mich Mutter, mit ihr in die Stadt zu gehen. Für die Feiertage wollte sie noch alle Lebensmittel einkaufen, die für die laufende Kartenperiode aufgerufen waren und die es bei unserem Kaufmann Wichtrup (Schwedenschanze 30) nicht gab. Außerdem sollte es in der Stadt Sonderzuteilungen geben. Wenn auch die Zuteilungen nur gering waren, brauchte sie wegen ihrer geschwächten Kräfte meine Hilfe, um die Waren für uns drei Personen nach Haus zu tragen. Bei unserem „Einkaufsbummel“ trafen wir am Marktplatz auf die zurückflutenden Wehrmachtssoldaten, die mit ihrem Troß aus der Lookenstraße in die Burgstraße einbogen. Ein trauriger Anblick! Was war aus der „stolzen und siegreichen Armee des Führers“ geworden! Beim Anblick dieser bedauernswerten Truppenteile meinte Mutter zu mir: „Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen“. Mit dieser Äußerung traf sie den Nagel auf den Kopf. Ich bat sie aber, anderen Leuten gegenüber nicht so leichtfertig ihre Meinung zu sagen. Das hätte ihr sonst gewiß eine Anzeige mit dem Vorwurf der „Wehrkraftzersetzung“ einbringen können, obwohl es bei einem solchen Zustand der Truppe kaum noch etwas zu zersetzen gab.
Wieder zu Haus angekommen, machte sie sich daran, einen Kuchen zu backen. Das hatte sie auch in den vergangenen schlechten Kriegsjahren beibehalten: am Sonntag mußte stets ein Kuchen auf dem Tisch stehen. Jedoch war statt des „Genießerkuchens“ früherer Jahre (mit 8 Eiern!) jetzt nur noch eine Art Honigkuchen unter Verwendung von Kunsthonig möglich, der aber trotzdem gut schmeckte und uns den Sonntags(muckefuck)kaffee verschönte.
Ich machte mich daran, rund um das Haus herum und im Garten Ordnung zu schaffen. Darauf legte Mutter viel Wert: am Wochenende mußte alles geputzt und geharkt werden, damit die vorbeigehenden Kirchgänger mit ihren kontrollierenden Blicken keinen Grund zu einer negativen Kritik hatten. Außerdem hob ich eine Grube aus für den Fall, daß wir darin einige unserer (wenigen) wertvollen Sachen vor den anrückenden Engländern vergraben konnten.
Ostersonntag, 1. April 1945
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28.4.  Das Kriegsende 1945 – Ostersonntag, 1. April 1945.
Der Ostersonntag begann für mich mit dem Kirchgang. Statt an den Bahngeleisen entlang ging ich diesmal über die Lookenstraße zur St.-Bonifatius-Kirche. Dabei bekam ich wieder das Bild einer geschlagenen Armee zu sehen: Das „Rette sich wer kann“, egal wie, stand dabei im Vordergrund. Kein schweres Kriegsmaterial, außer einigen 8,8 cm Flak-Geschützen, befand sich in der langsam an mir vorbeiziehenden Kolonne.
Nach dem Gottesdienst ging ich an der Marienschule vorbei durch die Gärten zur Marienstraße. Ich sah, wie man im Hof des „Braunen Hauses" ein Feuer entzündet hatte und Akten verbrannte. Auf einem Tisch lagen verschiedene Handfeuerwaffen und Handgranaten. Ein mir bekannter HJ-Führer sah mich und forderte mich auf, davon einiges mitzunehmen und damit zur Verteidigung der Stadt beizutragen. Mit der Ausrede: „Ich komme gleich noch einmal vorbei“, entzog ich mich dieser Weisung und verschwand rasch hinter dem Kino (Lingener Lichtspiele). Ich hatte doch keine Lust, als Zivilist mit Waffen in der Hand mein Leben aufs Spiel zu setzen.
Am Nachmittag machten wir (Mutter, mein Bruder Hermann und ich) noch den an Feiertagen üblichen Verwandtenbesuch. Am Gasthausdamm 11 traf sich Mutter mit ihren beiden Brüdern, meinem Patenonkel Anton Lage (Gärtner) und Hermann Lage (Milchhändler). Es wurde dabei über die aussichtslose Kriegslage gesprochen und auch darüber, wie wir uns verhalten sollten, wenn der Feind in Lingen Einzug halten würde. Mein Patenonkel gab uns noch wertvolle Tips: Wir sollten alles, was in irgendeiner Form mit der NSDAP in Verbindung gebracht werden könne, vernichten, am besten verbrennen. Was nicht verbrennen könne (z.B. Metallabzeichen, HJ-Koppelschloß usw.), sollten wir in der Jauchegrube versenken. Darin würde man bestimmt nicht stochern! Diesen Rat haben wir befolgt und am nächsten Tag unser Haus genauestens unter die Lupe genommen. Außer meinem und meiner Brüder HJ-Braunhemden, die ich wegen der Textilknappheit nicht vernichten wollte (von denen ich aber die Stoffabzeichen abtrennte) und einiger wichtiger Urkunden mit Hakenkreuzen (die ich im Keller unter Briketts versteckte), wurde alles, was an die braune Zeit erinnern konnte, ausgemerzt. Es war aber nicht viel, was da zusammen kam, weil Mutter sich schon immer „mit diesem Zeug“, wie sie die Nazi-Abbildungen und Abzeichen nannte, nicht anfreunden konnte. Auch eine Hakenkreuzfahne befand sich nicht in unserem Besitz, dafür bereiteten wir uns jetzt mit einer anderen Fahne auf das Kriegsende vor. Einen Kopfkissenbezug, einen Besenstiel und Heftzwecken legten wir uns parat, um zu gegebener Zeit damit unseren Feinden unsere Friedfertigkeit zu signalisieren. Wir wagten es nicht, sie schon völlig herzustellen, weil man sagte, daß Häuser mit weißen Fahnen von den deutschen Truppen in Brand gesteckt würden.
Ostermontag, 2. April 1945
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28.5.  Das Kriegsende 1945 – Ostermontag, 2. April 1945 .
Nach dem Kirchgang begab ich mich zum Frühschoppen. Es hatte sich so eingebürgert, daß wir Kriegsinvaliden uns mehrmals in der Woche bei „Henti“ (Gaststätte Hans Schmedding in der Großen Straße) trafen, um Neuigkeiten auszutauschen. Auch die Front- und Genesungsurlauber nutzten diesen Treffpunkt, um Bekannte wiederzusehen. „Henti“ war ein guter Gastwirt, und wir fühlten uns in seinen Gasträumen sehr wohl. Obwohl er ja nur alkoholfreies Molkebier (ein veredeltes Abfallprodukt von der Käseherstellung) anzubieten hatte, waren wir meist in aufgeräumter Stimmung. Es fanden sich stets einige Skatrunden zusammen, und die „Kiebitze“ fehlten auch nicht.
An diesem Morgen aber ging es nur um das eine Thema: Lingen soll in eine Festung verwandelt werden. Unter uns befanden sich einige fronterfahrene Kameraden, die dieses Vorhaben als reine Illusion bezeichneten, denn außer den natürlichen Hindernissen (Ems und Kanal) waren lediglich Panzersperren aus Baumstämmen errichtet worden. Zusätzlich waren französische Kleinpanzer (aus welcher Mottenkiste hatte man die wohl geholt?) mit geringem Verteidigungswert an einigen Stellen der Stadt aufgestellt. Die einhellige Meinung war: In dieser Verfassung sei es unmöglich, über eine längere Zeit die Stadt zu halten. Sollte der Feind an der Ems aufgehalten werden, dann bestehe die Gefahr, daß Lingen bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht würde. Fazit: Wenn die Front Lingen erreichen sollte, sei es am besten, die Stadt schnellstens zu verlassen.



(1) Das sind meine Freunde: Hansi Gels (schwere Beinverwundung) und Theo Kastein (rechter Arm amputiert). Wir waren oft zusammen und debattierten über den sinnlosen Krieg, der uns zu Krüppeln gemacht hatte. Theo Kastein war nach 1945 beim Postamt Lingen trotz seiner Behinderung und auf seinen Wunsch hin als Landbriefträger eingesetzt.
Das sind meine Freunde: Hansi Gels (schwere Beinverwundung) und Theo Kastein (rechter Arm amputiert). Wir waren oft zusammen und debattierten über den sinnlosen Krieg, der uns zu Krüppeln gemacht hatte. Theo Kastein war nach 1945 beim Postamt Lingen trotz seiner Behinderung und auf seinen Wunsch hin als Landbriefträger eingesetzt.

 

Für den Nachmittag hatte ich mich mit meinem Freund Hansi Gels verabredet. Sein Vater hatte an der Lindenstraße eine Gastwirtschaft. Von dort aus wollten wir weitere Erkundigungen über getroffene Verteidigungsvorbereitungen einziehen. Bei meinem Spaziergang von der Schwedenschanze in Richtung Schepsdorf kam ich an einigen französischen Kleinpanzern vorbei. Einen davon hatte man auf dem Bürgersteig vor der Villa Greis aufgestellt. Es war niemand im oder beim Panzer. Ich stellte mir die Frage, ob er mit Munition für sein Maschinengewehr versehen sei und ob man ihn wohl aufgetankt hatte. Die weiterhin auf dem Rückzug befindlichen Truppenteile machten keine Anstalten, hier eine Verteidigungsstellung aufzubauen. Hans Gels und ich spazierten nach Schepsdorf. Auch hier sahen wir keine Anzeichen eines „Emswalls“, von dessen Existenz wir gehört hatten. Lediglich einige Einmannlöcher und kleine Schützengräben hatte man an der Emsbrücke angelegt. Auf unserem Spaziergang kehrten wir dann in der Gaststätte Goldkamp ein. Wir bestellten ein Heißgetränk, und zur Feier des Tages erhielten wir von Mia Goldkamp noch einen selbstgemachten Eierlikör spendiert. Auch sie hatte nichts gesehen und gehört, was auf eine ernsthafte Verteidigung an der Ems hindeuten könnte. Wir machten uns nun unsere Gedanken und traten den Heimweg an.

Nur wenige Stunden später stand der Gasthof Goldkamp in Flammen, und die schöne Brücke über die Ems wurde gesprengt. Schneller, als wir geahnt hatten, war Lingen damit zum Kampfgebiet geworden.



(2) Die alte Emsbrücke: Sie war das erste Opfer des Kampfes um Lingen und wurde am 3. April 1945 gegen 03.00 Uhr morgens gesprengt.
Die alte Emsbrücke: Sie war das erste Opfer des Kampfes um Lingen und wurde am 3. April 1945 gegen 03.00 Uhr morgens gesprengt.

 

 

 

Osterdienstag, 3. April 1945
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28.6.  Das Kriegsende 1945 – Osterdienstag, 3. April 1945.
In der Nacht werde ich von Mutter geweckt. „Hans, hör mal, was ist das für ein Geräusch?“, fragt sie mich. Ich bin sofort hellwach, denn das gut zu vernehmende Geräusch ist das Rasseln von Panzerketten. Ich kleide mich ruck-zuck an (eingeübt durch das häufige Fliegeralarm-Training) und gehe mit Mutter vor die Haustür. Es ist dunkle Nacht, und es fällt ein leichter Nieselregen. Aus Richtung Schepsdorf, aus der wir sonst bei Westwind die Schepsdorfer Kirchenglocken läuten hören, ist nun das Mahlen der Panzerketten zu vernehmen. Weil kein weiterer Kriegslärm zu hören ist, wissen wir nun nicht, ob es sich dabei um auf dem Rückzug befindliche deutsche oder bereits um feindliche Fahrzeuge handelt. Das Letztere wäre uns zu diesem Zeitpunkt aber unerklärlich gewesen, denn nach den gestrigen Rundfunknachrichten standen die feindlichen Truppen noch etwa 40 Kilometer von Lingen entfernt.
Von weiteren Überlegungen wurden wir aber befreit, denn nach dem gegen 3.00 Uhr erfolgten Alarm durch die Sirenen und der zu hörenden Sprengung der Emsbrücke wußten wir, daß der Ernstfall eingetreten war.
Wir (Mutter, mein Bruder Hermann und ich) hatten uns für diesen Fall mit meiner Tante Maria Bormes und ihren beiden Kindern verabredet, unser Haus zu verlassen und uns nach Baccum abzusetzen. Dort hatte Mutter sich vorausschauend beim Bauer Tieke für den Evakuierungsfall angemeldet.
Jetzt wurde unser Handwagen mit den Utensilien beladen, die wir für einen längeren Aufenthalt auf dem Bauernhof vorgesehen hatten. Sie beschränkten sich in erster Linie auf Decken und Kissen, damit wir in der Scheune einigermaßen gut auf Heu und Stroh kampieren könnten. Einige Lebensmittel gehörten auch noch dazu und der Koffer, den Mutter stets bei Fliegeralarm mit sich führte und in dem sich ihre Wertsachen nebst Urkunden (Sparbücher usw.) befanden. In der von mir vorbereiteten Grube versenkte ich den Einkochkessel mit weiteren uns wertvoll erscheinenden Dingen. Wir stärkten uns mit einem guten Frühstück und machten uns dann um 8.00 Uhr auf den Weg, von dem wir nicht wußten, ob wir ihn auch noch einmal würden zurückgehen können.
Ohne weitere Schwierigkeiten erreichten wir unser Ziel in Baccum. Auf unserem Fluchtweg hatten wir keinen einzigen deutschen Soldaten gesehen und auch keine größeren Verteidigungsanlagen, die nun einmal zu einer befestigten Stadt gehörten. So reifte in mir der Gedanke, zur Schwedenschanze zurückzukehren, um dort das Kriegsende zu erleben. Ich verabschiedete mich von Mutter und Hermann, die mich nur ungern gehen ließen. Auch mir fiel es nicht leicht, sie zu verlassen; ich fand aber bei ihnen Verständnis dafür, daß ich auf unser Haus aufpassen wollte.

Gegen Mittag langte ich wieder an der Schwedenschanze an. Wiederum hatte ich keine deutschen Soldaten gesehen. Von unseren Nachbarn hörte ich, daß das Lebensmitteldepot in den Kasernen zur Plünderung freigegeben worden sei. Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich überlegte, welchen Weg ich nehmen sollte und entschied mich, durch die Stadt und über den Langschmidtsweg in die Kasernen zu gelangen. Ich nahm mein Fahrrad und fuhr zuerst zu meinem Patenonkel Anton Lage (Gärtnerei am Gasthausdamm), um dort weitere Informationen zu erhalten. Ich traf aber niemanden an und so mußte ich auf eigenes Risiko weiterfahren. Entgegenkommende Leute bestätigten mir, daß es auf dem Kasernengelände noch ruhig sei, und ich erreichte auch ungehindert das Lebensmitteldepot. Was man dort noch plündern konnte, war aber nicht viel. Eine große Auswahl hatte ich also nicht, und ich entschied mich für einen 2-Zentnersack mit Roggenmehl. Ich hatte große Mühe, ihn bis zu meinem Fahrrad zu schleppen. Auf dem Wege dahin sah ich noch zwei Paar Reitstiefel, die ich ebenfalls an mich nahm. Leider habe ich dabei übersehen, daß beide die Größe 47(!) hatten. Ich habe sie deshalb später selbst nicht tragen können, und es ist mir auch nicht gelungen, sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen bzw. zu tauschen. Meine Entscheidung für den Sack mit Roggenmehl war aber ein Volltreffer. Von seinem Inhalt hat Mutter noch viele Brote backen und uns damit in den folgenden schlechten Monaten unseren Hunger stillen können.
Ich verließ das Kasernengelände und schob mein Fahrrad mit der wertvollen Fracht nach Hause. Unterwegs fragte mich niemand nach meinem Woher und Wohin. Jeder der mir begegnenden Menschen hatte wohl mit sich selbst zu tun. Von der deutschen Wehrmacht habe ich nur wenige Soldaten zu Gesicht bekommen, die auf mich einen müden und wenig kämpferischen Eindruck machten.
Wohlbehalten kam ich an der Schwedenschanze an und versteckte den Mehlsack unter meinem Bett. Dort hat er dann unbeschädigt das Kriegsende überstanden.
Mittwoch, 4. April 1945
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28.7.  Das Kriegsende 1945 – Mittwoch, 4. April 1945.
Die vergangene Nacht habe ich gemeinsam mit den Nachbarn in unserem Splittergraben (Behelfsbunker, nachfolgend nur noch „Bunker“ genannt) verbracht.
Wir waren alle sehr übermüdet. Trotzdem hatten wir Männer eine Art Wachtposten aufgestellt, der die Umgebung des Bunkers überwachen sollte. Gegen Morgen hatte ein starkes Trommelfeuer eingesetzt. Besonders in der näheren Nachbarschaft lagen die Einschläge von leichteren Artilleriegeschossen. Unser Wachtposten stellte daraufhin seine Beobachtertätigkeit ein und brachte sich im Bunker in Sicherheit.
Nach einigen Stunden stellten die Engländer das Feuer ein, und wir wagten uns nach draußen. Dann sahen wir die Bescherung: Als wenn die Artillerie sich unser Doppelhaus Schwedenschanze 36/36a als Ziel ausgesucht hatte, war eine Vielzahl von Geschossen rundherum eingeschlagen. Das Haus selbst hatte 4 Volltreffer im Dach abbekommen. Neben diesen Schäden waren durch die Splitter viele Möbel und die darin enthaltenen Haushaltsgegenstände beschädigt worden. Außerdem waren wohl durch die sich zurückziehenden deutschen Soldaten unsere wenigen Lebensmittelvorräte geplündert und gegessen worden, besonders die in Einmachgläsern aufbewahrten Teile von unserer letzten Schwein-Hausschlachtung. Auch die Inhalte der Schränke hatte man in Augenschein genommen, aber weil nichts Wertvolles darin enthalten war, fehlte kaum etwas davon. Neben den durch die Splitter verursachten Zerstörungen, Staub und Dreck waren die in den Zimmern hinterlassenen Verschmutzungen durch menschliche Exkremente besonders unangenehm.
Das Schlafzimmer unseres Nachbarn Bormes (Schwedenschanze 36) hatte einen Volltreffer erhalten. Diese Tatsache war für mich besonders beeindruckend, weil ich mich als Lebensretter fühlen konnte. Es hatte mich nämlich besondere Überredungskünste gekostet, Herrn Bormes am gestrigen Abend zu überzeugen, wegen des besseren Schutzes den Bunker aufzusuchen. Er war aber der Meinung, noch eine Nacht ohne Gefahr durch Bombenangriffe in seinem Bett verbringen zu können. Jetzt sah er ein, daß er ohne meine Überredung wohl ein toter Mann wäre, und feierte mich als seinen Lebensretter.
Weil keine weiteren deutschen Soldaten zu sehen waren, brachten wir am Eingang zu unserem Bunker eine weiße Fahne an. Auch aus einem Fenster unseres Hauses hatte ich die schon vorbereitete weiße Fahne ausgehängt, und so warteten wir auf die Dinge, die da kommen sollten.
Von einer Kampftätigkeit in der näheren Umgebung war noch nichts zu spüren. Trotzdem wagten wir uns nicht mehr aus unserer Deckung heraus, weil wir annahmen, daß wir vom Wasserturm aus eingesehen und mit deutschen Verteidigern verwechselt und beschossen werden konnten. Die umstehenden hohen Eichbäume boten aber unserem Bunkereingang Sichtschutz.
Der Tag ging zu Ende. Aus Richtung Stadtmitte war nur noch geringer Gefechtslärm zu hören. Nachdem wir Männer uns über die Nachtwache am Bunkereingang verständigt hatten, begaben auch wir uns zur Ruhe. Ich fiel sofort in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst gegen Morgen zur Übernahme meines Wachdienstes gerissen wurde.
Donnerstag, 5. April 1945
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28.8.  Das Kriegsende 1945 – Donnerstag, 5. April 1945.
Die vergangene Nacht war in unserer näheren Umgebung relativ ruhig verlaufen. Es hatte hier keine weiteren Granateinschläge gegeben, und auch das Gewehrfeuer war gering gewesen. Erst gegen Mittag flammte es dann wieder stärker aus Richtung Wagen-Ausbesserungswerk auf. Das war für uns ein Zeichen, daß nun die Front auf uns zu kam. Wobei von einer Front keine Rede sein konnte. Wir haben an der Schwedenschanze keinen einzigen deutschen Soldaten gesehen, eine Verteidigungslinie gab es hier also nicht.

Gegen 14.00 Uhr sah ich dann vom Bunkereingang aus einen englischen Spähtrupp aus der Gerhardstraße auf uns zukommen. Die Soldaten durchkämmten flüchtig die umstehenden Häuser, und weil kein Schuß fiel, standen sie dann mit schußbereiter Maschinenpistole im Anschlag bald vor uns. Es war schon ein unangenehmes Gefühl, jetzt hilf- und wehrlos einem Gegner gegenüberzustehen, dem wir Deutschen jahrelang schweren Schaden zugefügt hatten und der nun sicher Rache üben wollte.
Die Frage, ob sich in unserem Bunker Soldaten befänden, konnten wir verneinen. Sie schickten uns in den Bunker zurück, und wir konnten das weitere Geschehen in unserer Nachbarschaft leider nicht mehr verfolgen. Am späten Nachmittag gegen 16.00 Uhr (seit unserer Gefangennahme waren etwa 2 Stunden vergangen) wurden wir aufgefordert, den Bunker zu verlassen. Uns wurde gesagt, daß man mit einem Gegenangriff der Deutschen rechne und wir deshalb in Sicherheit gebracht werden sollten. Ohne Gepäck und ohne Verpflegung traten wir den Marsch in Richtung Stadtmitte an, ohne zu wissen, was unser Ziel sein sollte.
Ein Soldat übernahm unsere Gruppe (wir waren etwa 15 Personen). Am Fuße des Wasserturms war der erste Halt. Wir wurden dort einer genauen Kontrolle unterzogen. Besonders eingehend beschäftigte man sich mit mir. Aufgrund meines Schwerkriegsbeschädigtenausweises konnte ich die Annahme, ich sein ein
deutscher Soldat in Zivilkleidern, rasch zerstreuen.
Wir setzten unseren Marsch in Richtung Lookenstraße fort, vorbei an einer großen Zahl von riesigen Panzern, die im Schutz der Mauer des Viehmarktes und der Hüttenplatzschule in Bereitstellung standen. Überall waren die Spuren von Kämpfen zu sehen. Besonders groß waren die Zerstörungen in der Innenstadt. Ausgebrannte Häuser zeugten vom (vergeblichen) Widerstand der deutschen Soldaten.
Beeindruckend für mich war der Umfang des Kriegsmaterials, der schon am 2. Tag der Kämpfe um Lingen als Nachschub der Engländer in den Straßen der Stadt bereitstand. Bei einer solchen Übermacht war mir klar, daß die deutschen Truppen für eine Verteidigung der Stadt weder die Kräfte noch das Material gehabt hätten.
Der uns begleitende Soldat lieferte uns beim Kolpinghaus an der Baccumer Straße ab. Es war als Lazarett neben dem Bonifatius-Hospital mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet. Im Keller dieses Hauses sollten wir nun die nächste Nacht verbringen. Es war dort schon eine große Zahl von Zivilisten untergebracht.
Wir waren eng zusammengepfercht, hungrig und durstig, und die Stunden unserer „Gefangenschaft“ vergingen nur sehr langsam. Alle waren wegen des ungewissen Ausgangs der Kämpfe ängstlich, und an Schlaf war schon gar nicht zu denken.
Was ist mir von der ersten Begegnung mit den feindlichen Truppen in Erinnerung geblieben? Zuerst denke ich mit Freude daran, daß man uns Zivilisten sehr korrekt behandelt hat und sich daher bei uns keine Furcht oder sogar Panik eingestellt hat. Daß man uns nichts zu essen und zu trinken gab, war unter den gegebenen Umständen zu entschuldigen und brachte auch nur unsere Mägen zum Knurren. Sehr beeindruckend war für mich auch die riesige Menge an Kriegsmaterial und die
gute Ausrüstung der Soldaten (z.B. mit Lederzeug). Meine Nase nahm die mir bisher unbekannten Gerüche des Zigarettenrauchs und des verwendeten Benzins auf. Das also waren die ersten Eindrücke, die mir von unseren Feinden in bester Erinnerung geblieben sind. Der erwartete deutsche Gegenangriff hat dann auch tatsächlich stattgefunden. Wir Zivilisten im Kolpinghaus haben aber davon nichts gemerkt.
Freitag, 6. April 1945
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28.9.  Das Kriegsende 1945 – Freitag, 6. April 1945.
Nach den erlebten Strapazen der vergangenen Nacht (keine Schlafgelegenheit,
kein Essen und keine Getränke) waren wir doch froh, daß die Engländer die
Gefahr eines weiteren deutschen Gegenangriffs als nicht mehr gegeben sahen. So
konnten wir gegen 10 Uhr die Kellerräume des Kolpinghauses verlassen und
unseren „Rückmarsch“ zur Schwedenschanze antreten, diesmal ohne Begleitung durch englische Soldaten.

Wir wollten auf dem Weg, den wir zum Kolpinghaus gegangen waren, auch
zurückgehen, kamen aber nicht weit. In der engen Lookenstraße bei Hinze
herrschte ein totales Verkehrschaos, hervorgerufen durch bereitgestellte Panzer
und Nachschubfahrzeuge. Man schickte uns Zivilisten zurück, und wir nahmen dann den Weg über die Marienstraße zum Bahnhof. Hier stellte sich uns wieder
ein Hindernis entgegen. Das „Braune Haus“ stand im Vollbrand, und durch die
Hitze des Feuers waren wir zuerst nicht in der Lage, daran vorbeizukommen. Erst
als nach einer Weile der Wind drehte, haben wir es entschlossen und schnellen
Schrittes passieren können.
Über die Ursache dieses Brandes besteht keine Gewißheit. Ausschließen möchte
ich aber die Annahme, es sei von den Deutschen angezündet worden. Zum
Zeitpunkt des Brandes waren in der Innenstadt keine Kämpfe mehr. Diese hatten
sich schon nach Laxten verlagert. Auch eine Entstehung des Feuers durch
Brandmunition der deutschen Artillerie ist nicht anzunehmen. Wegen fehlender
Beobachtung der Einschläge wäre es reiner Zufall gewesen, ein bestimmtes Ziel
zu treffen. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Engländer das „Braune Haus“
angezündet haben, nachdem sie an Hand der vorgefundenen NS-Sachen
festgestellt hatten, welchem Zweck es gedient hatte. Leider ist dann auch das
danebenliegende Kino (Lingener Lichtspiele) ein Opfer der Flammen geworden.
Nach diesem kurzen Aufenthalt sind wir an den Bahngeleisen entlanggehend und
ohne von den Engländern aufgehalten worden zu sein, wieder bei unseren
Häusern angelangt.
Hier erwartete uns dann eine weitere Überraschung. Was die deutschen Truppen
in ihrer schnellen Absetzbewegung nicht mehr konnten, machten dann die
englischen Truppen umso gründlicher. Auf der Suche nach Wertgegenständen
hatten sie alle Schränke und Schubladen unserer Wohnung umgekrempelt, es
herrschte ein heilloses Durcheinander. Weil bei uns aber nichts wertvolles
gefunden wurde, hatte ich nur den Diebstahl meiner Ziehharmonika zu verschmerzen.
Der Tag verlief schon fast wieder normal. Jemand hatte uns Kaffee (Muckefuck)
gekocht, und dazu wurden einige Butterbrote verteilt. Weil ich davon nicht satt
wurde, aß ich dazu noch den Rest von Mutters Osterkuchen.

Die Nachbarn fingen an, in ihren Häusern die Spuren der Plünderungen zu
beseitigen. Gegen Mittag suchten wir aber wieder Schutz im Splittergraben. In der
näheren Umgebung waren einzelne Granaten explodiert, die uns Angst machten.
Diese Angst war berechtigt, wie sich kurze Zeit später zeigen sollte.
Herr Wilhelm Fastabend war ebenfalls unter den Schutzsuchenden. Die
Einschläge der von den deutschen Truppen abgefeuerten Granaten hatten ihn beim
Rasieren überrascht, und so erschien er mit Rasierschaum im Gesicht. Wir waren
natürlich neugierig, warum er gerade jetzt sich die Bartstoppeln abnehmen wollte.
Er erzählte uns voller Freude, daß er von der neuen Stadtverwaltung ausgewählt
worden sei, als Kammerjäger seine Arbeit in den von den Engländern
beschlagnahmten Häusern aufzunehmen. Am Nachmittag solle er sich beim
Rathaus melden, aus diesem Grund die Rasur. Wir waren sehr erstaunt, daß sich
das Leben in der Stadt so schnell wieder normalisieren konnte.
Nachdem wir einige Zeit auf weitere Granatexplosionen gewartet hatten, es aber
ruhig blieb, ging Herr Fastabend in sein Haus zurück, um die Rasur zu vollenden.
Es waren nur wenige Minuten vergangen, als wir das Rauschen einer
herannahenden Granate vernehmen konnten. Wir stürzten die Treppe des Bunkers
herunter, als auch schon in unmittelbarer Nähe die Explosion zu hören war. Ich
wartete noch einen kurzen Moment, um mich dann aus der Deckung
herauszuwagen und nachzuschauen, was die deutsche Granate getroffen hatte.
Zuerst erblickte ich nur eine Staubwolke aus der Richtung Gerhardstraße
heranziehen. Als sich der Staub verzogen hatte, sah ich voller Schrecken, daß das
Haus von Herrn Fastabend einen Volltreffer bekommen hatte. Ich eilte sofort
dorthin um nachzusehen, ob Herr Fastabend bei der Explosion verletzt worden
war. Ich fand ihn, mit Staub und Trümmern bedeckt, regungslos im Hauseingang
liegend. Äußerlich waren keine Verletzungen zu erkennen, jedoch war er nicht
ansprechbar, und ich konnte auch keinen Puls fühlen. Ich bemühte mich um
fachkundige Hilfe. In der Brunnenstraße hatte eine englische Nachschubeinheit
Rast gemacht. Dort versuchte ich mich mit meinen wenigen Englischkenntnissen
verständlich zu machen. Es gelang mir, einen Sanitäter zu bewegen, mit mir zu
kommen und sich den Verletzten anzuschauen. Nach kurzer Untersuchung sagte
er nur ein Wort: „Dead“.
Alle im Bunker untergebrachten Nachbarn waren tief erschüttert, daß bei uns nun
doch ein Kriegsopfer zu beklagen war. Nicht eine feindliche Granate hatte das
Leben von Herrn Fastabend beendet, sondern die letzte auf unser Wohngebiet
abgefeuerte deutsche Granate hatte sich ihn als Opfer gesucht. Als Todeszeit ist
in der Sterbeurkunde der 6. April 1945, 14.10 Uhr festgehalten.
Es stand bei uns Nachbarn fest, daß wir Herrn Fastabend ein würdiges Begräbnis
machen wollten. Wir mochten ihn auch nicht ohne Sarg der Erde übergeben. Weil
es uns aber nicht möglich war, einen zu bekommen, machte sich Herr Bormes
daran, aus Fußbodenbrettern einen einfachen Sarg anzufertigen. In diesen legten
wir unseren gefallenen Nachbarn und beerdigten ihn neben seinem Haus. Ein
einfaches Holzkreuz kennzeichnete seine Ruhestätte. Erst etliche Wochen später
wurde er exhumiert und auf dem neuen Friedhof zur endgültigen Ruhe beigesetzt.
Weil wir nicht sicher waren, ob die deutschen Truppen nicht doch noch einen
Gegenstoß machen würden, verbrachten wir auch diese Nacht noch im Bunker.
Mir war es auch wohler, in Gemeinschaft mit den Nachbarn eventuelle Gefahren
zu meistern. Außerdem verspürte ich keine Lust, in meinem durch Staub und
Schutt verunreinigten Bett zu übernachten.
Samstag, 7. April 1945
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28.10.  Das Kriegsende 1945 – Samstag, 7. April 1945.
Wir hatten eine weitere ruhige, wenn auch wegen der für einen längeren Aufenthalt ungeeigneten Schlafmöglichkeiten im Bunker keine erholsame Nacht verbracht. Aber es war kein Gefechtslärm mehr zu hören. So konnten wir - ohne Furcht vor weiteren Granateinschlägen haben zu müssen - damit beginnen, die Kriegsspuren an und in unseren Häusern zu beseitigen.
Ich hatte mir vorgenommen, als erstes das Dach unseres Hauses notdürftig instand zu setzen. Mit Hilfe von Herrn Bormes wurden mit Bohlen aus seinem Holzlager drei von Granaten zerfetzte Dachbalken repariert. Auch für die notwendigen Dachlatten konnte ich mich aus seinem Vorrat bedienen. Ersatz für die zerstörten Dachpfannen fand ich schließlich auf einem beim letzten Bombenangriff auf Lingen unbewohnbar gewordenen Haus an der Schwedenschanze. Trotz meiner schwachen Konstitution hatte ich es mit Hilfe der Nachbarn bis zum späten Nachmittag geschafft, die Löcher im Dach notdürftig zu schließen und somit weitere Regenwasserschäden zu verhindern.
Bei meiner Arbeit wurde ich kurz unterbrochen, als am frühen Nachmittag meine Mutter und mein Bruder mit weiteren geflüchteten Nachbarn zurück kamen. Alle hatten die vergangenen Kriegstage gesund und wohlbehalten überstanden. Die Wiedersehensfreude war natürlich riesengroß. Nach dem ersten Schreck über die Zerstörungen am und im Haus machte Mutter sich gleich daran, uns etwas zu essen zu kochen. Auch da waren erst einmal Schwierigkeiten zu überwinden: kein Strom (auf den wir noch mehrere Wochen wegen der zerschossenen Hauszuleitung warten mußten), kein Gas, und auch aus der Wasserleitung tropfte kein Wasser. Das holte sich Mutter aus der Pumpe unseres Nachbarn. Nachdem dann der Kohleherd in Betrieb gesetzt worden war, konnte die Zubereitung des Essens beginnen.
Weil ich doch ziemlich ausgehungert war, schmeckte mir der Erbseneintopf wie ein Festmahl. Zur Feier unseres glücklichen Wiedersehens backte Mutter dann noch meinen Lieblingskuchen: einen Tortenboden, belegt mit Sauerkirschen aus unserem Garten.
Sonntag, 8. April 1945
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28.11.  Das Kriegsende 1945 – Sonntag, 8. April 1945.
Fast läuft das Leben schon wieder friedensmäßig. Nur habe ich Mühe, mich vom „Deutschen Gruß“ zu trennen. Als Jugendlicher habe ich nur das Grüßen mit erhobenem Arm zu den Worten „Heil Hitler“ kennengelernt. Das war ein Automatismus, der (nicht nur) mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Diese Art des Grüßen mußte ich nun ablegen und bei Begegnungen mit Bekannten das vor der Nazizeit übliche und zivile „Guten Tag“ benutzen. Das war bei mir die erste Umerziehungsmaßnahme, um aus einem mit Naziparolen geimpften, autoritätsgläubigen Menschen zu einem Demokraten zu werden.
Wegen der Ausgangsbeschränkungen kann Mutter heute noch nicht zum Gottesdienst gehen, was sie besonders bedauert. Möchte sie doch in der Kirche dem lieben Gott danken, daß wir ohne körperliche Schäden die Kämpfe um Lingen überstanden und auch unser Heim behalten haben. So nutzen wir die Zeit und beseitigen die Spuren des Krieges in unserem Haus. Mutter wischt und putzt, Hermann und ich ersetzen die zerbrochenen Fensterscheiben mit Drahtglas und dichten sie provisorisch ab. Wir sind den ganzen Tag damit voll beschäftigt.
Fast hätten wir es wegen der Kriegsereignisse total vergessen: Mutter feiert heute ihren 56. Geburtstag! Geschenke haben wir Kinder nicht für sie. Wir holen deshalb aus dem Garten einige Forsythienzweige und dekorieren damit den Geburtstagstisch, auf dem dann die gestern von Mutter vorbereitete Kirschtorte steht.
Zur Feier des Tages gibt es es noch eine Rarität: von der vom Bauern Tieke mitgebrachten Milch hat Mutter den Rahm abgeschöpft und davon etwas Sahne zubereitet. Es ist für uns (besonders für mich) ein lang entbehrter Genuß: Kirschtorte mit Schlagsahne! Für Mutter fehlt dazu nur noch ein echter Bohnenkaffee, wie sie sagt. Es ist aber dennoch ein Festtag für uns alle. Trotz der uns umgebenden Beschädigungen haben wir ein Glücksgefühl, nun endlich die jahrelange Angst und den Schrecken des Krieges überwunden zu haben. Während wir es uns so gemütlich machen, fliegen über uns in niedriger Höhe zweimotorige englische Kampfflugzeuge nach Norden. Wo werden sie wohl ihre Bombenlast abwerfen? Wie lange müssen noch unschuldige Menschen in diesem unsinnigen Krieg sterben?
Wann werden wir in Deutschland tatsächlich wieder Frieden haben?
Wann ...?
Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg
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29.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg
Mein Arbeitgeber zahlte mir meinen Lohn vom Beginn meines Militärdienstes  bis zur Wiederaufnahme meiner Arbeit in Lingen weiter. Dazu erhielt ich eine Invalidenrente von 19,00 Reichsmark monatlich. Weil man für das Geld nur gegen Marken etwas kaufen konnte, war ich somit finanziell gut gestellt. Mit meinen Kameraden konnte ich mir in unserer Stammkneipe sogar oft ein "Molkebier" leisten.

Nach der Rückkehr vom Lazarettaufenthalt in Friedensau (14.01.1945) bis zum
Kriegsende war ich krank geschrieben. Mir ging es aber gesundheitlich sehr viel besser als noch vor einigen Monaten. Mutter bereitete uns Kindern immer etwas gutes zum Essen, und der fast täglich wegen  Fliegeralarm von mir zurückzulegende Weg in die Kiesberge und der damit verbundene Aufenthalt in der frischen Luft taten meiner Gesundheit gut.


(1) Die Rückseite des Marschbefehls bescheinigt die mir zugeteilten Lebensmittelkarten usw. Dazu erhielt ich auf Grund meiner Krenkheit zusätzliche Krankenzulagekarten
Die Rückseite des Marschbefehls bescheinigt die mir zugeteilten Lebensmittelkarten usw. Dazu erhielt ich auf Grund meiner Krenkheit zusätzliche Krankenzulagekarten



(2) Der Rest der Krzk mit den nicht mehr erforderlichen Lebensmittelmarken
Der Rest der Krzk mit den nicht mehr erforderlichen Lebensmittelmarken

 

 

Bürotätigkeit beim Bautrupp in Lingen
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29.1.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Bürotätigkeit beim Bautrupp in Lingen.

Im Reservelazarett Friedensau war unter ärztlicher Aufsicht mein durch den Pneumotorax stillgelegter rechte Lungenflügel wieder aktiviert worden. Nun konnte ich wieder leichte Arbeiten verrichten. Mitte 1945 verfügte mein Arbeitgeber (Telegrafenbauamt TBA Osnabrück), dass ich eine Bürotätigkeit beim Bautrupp in Lingen aufnehmen solle.



(1) Die Mannschaft es Lingener Fernmeldebautrupps vor dem Mannschafts- und Gerätelastwagen
Die Mannschaft es Lingener Fernmeldebautrupps vor dem Mannschafts- und Gerätelastwagen

 

Nach einer längeren Untätigkeit fiel es mir anfangs schwer, mich wieder an einen Achtstunden-Arbeitstag zu gewöhnen. Aber die mich interessierenden Tätigkeiten im Büro und die  leichten Aussendienstarbeiten (z.B: das Abbauen der nicht mehr angeschlossenen Fernsprecheinrichtungen) brachten mir schnell Freude, wozu auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen des Bautrupps gehörte. So erinnere ich mich an die Fahrten ins nahe gelegene Moor, um dort Torf zu ringen (ringen bedeutet den Torf auf Lücke zu setzen). Ein altes Sprichwort der Moorbauern lautet:
"Der Torf ist dann gut aufgeringt, wenn ein Vogel durchfliegen kann."
Als Lohn für diese Tätigkeit konnten wir unseren Lastwagen mit trockenem Torf beladen, der unter uns Kollegen aufgeteilt wurde und als zusätzlicher Brennstoff willkommen war.
Ob unser Bautruppführer eine Erlaubnis für diese berufsfremde Tätigkeit beim TBA eingeholt hat, ist mir nicht bekannt. Aber in dieser Nachkriegszeit wurde vieles gemacht, was zum Überleben notwendig  und nicht ausdrücklich verboten war.



(2) Torfringen bedeutet: den Torf in Ringen zum Trocknen aufschichten
Torfringen bedeutet: den Torf in Ringen zum Trocknen aufschichten

 

 

Versetzung zum Verstärkeramt Bohmte
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29.2.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Versetzung zum Verstärkeramt Bohmte.

Am 1. Juni 1948 wurde ich von Lingen nach Bohmte zum dortigen Verstärkeramt
versetzt. Weil ich bereits Kenntnisse der Verstärkertechnik bei der Verstärkerstelle
(VrSt) in Bersenbrück (1943-1944) erworben hatte, hatte mich deshalb der Leiter (TOWM Spanger) als Nachfolger einer weiblichen Kraft vorgeschlagen. Hier blieb ich drei Jahre bis zum Juni 1951.




(1) Das Verstärkeramt Bohmte: links befinden sich die Wohnungen der Beschäftigten, rechts im Anbau die technischen Einrichtungen.
Das Verstärkeramt Bohmte: links befinden sich die Wohnungen der Beschäftigten, rechts im Anbau die technischen Einrichtungen.

Während meiner Tätigkeit im Verstärkeramt Bohmte hatte ich mich intensiv
weitergebildet. Besonders die Kollegen TOWM Georg Spanger und der
Angestellte Otto Havenstein hatten großen Anteil daran, daß ich mich zur
Eignungsfeststellung für den Aufstieg in die Werkmeisterlaufbahn (BFt-Dienst) gemeldet habe. Diese Prüfung konnte ich beim Telegraphenbauamt Osnabrück
ablegen. Es war für mich kein Problem, den dort gestellten Anforderungen
gerecht zu werden.




(2) Im Obergeschoss dieses Hauses (Hunteburger Weg) hatte ich ein möbliertes Zimmer gemietet.
Im Obergeschoss dieses Hauses (Hunteburger Weg) hatte ich ein möbliertes Zimmer gemietet.

 

 

(3) Ehepaar Kettner und Tochter Luise (2. von rechts)

Ehepaar Kettner und Tochter Luise (2. von rechts)

 

Im Obergeschoss des Hauses (Hunteburger Weg) hatte ich ein möbliertes Zimmer gemietet. Vermieter war die Familie Kettner. Hier wohnte  ich mehr als drei Jahre. Mein möbliertes Zimmer war recht einfach eingerichtet. Es bestand aus:  Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und Waschtisch. Geheizt werden konnte es nicht. In der kalten Jahreszeit habe ich mich darin nur zum Schlafen aufhalten können. In meiner Freizeit hielt ich mich deshalb meist bei meinen Kollegen im Verstärkeramt auf. Da hatte ich Gesellschaft oder konnte meine Kenntnisse für die Eignungsfeststellung zur Werkmeisterlaufbahn erweitern.
Ein Badezimmer stand mir dort nicht zur Verfügung. Waschen war deshalb nur in einer Waschschüssel möglich; das Wasser entnahm ich einer Kanne. In besonders kalten Nächten war es darin gefroren, und die Körperpflege  bestand dann  entsprechend aus einer Rasur und "Katzenwäsche".
An den Wochenenden konnte ich im Haus eines Kollegen das Wannenbad benutzen, das Baden darin habe ich sehr genossen.
Meine Mittags- und Abendmahlzeiten habe ich im Restaurant Bunselmeyer beim Bohmter Bahnhof einnehmen können. Es gab dort für den Preis von einer Mark (im Abonnement) ein reichhaltiges und auch schmackhaftes Essen. Das führte dazu, dass ich fast unbemerkt an Gewicht zugenommen habe. Als ich mich dann einmal wog, zeigte die Waage 103 kg an. Da habe ich die warme Abendmahlzeit wegfallen lassen und damit erreicht, dass ich nicht weiter zugenommen habe.
Am 20. Juni 1948 kam dann die Währungsreform und damit ein neues Gefühl für den Wert des Geldes. Nun war aber auch meine Sparsamkeit wieder gefordert. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits eine Rücklage von mehreren 100 DMark. Mein Kollege Werner Fetting wusste davon. Er hatte als Nebenbeschäftigung einen ambulanten Seifenhandel und dazu das Inkasso für eine Versicherung. Nun wollte er  in Bad Essen einen Laden eröffnen (Seifenfachgeschäft) und bat mich, ihm einen Kredit zu geben. Das habe ich dann getan und bekam als Zinsen dann Körperpflegemittel aus seinem Geschäft. Eine lange Freundschaft ist daraus entstanden, bis er vor einigen Jahren hochbetagt gestorben ist.

Versetzung zum Verstärkeramt Nordhorn
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29.3.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Versetzung zum Verstärkeramt Nordhorn.

Im Verstärkeramt Nordhorn war es zu einem personellen Engpass gekommen.
Im Juni 1951 war eine Stelle in der VrSt Nordhorn zu besetzen, für die man mich auserkoren hatte. Somit erfolgte meine Versetzung nach Nordhorn mit Wirkung vom 1. Juli 1951.



(1) Meine Versetzungsverfügung von Bohmte nach Nordhorn
Meine Versetzungsverfügung von Bohmte nach Nordhorn

 

Damit war meine dreijährige Tätigkeit im VerstA Bohmte beendet und ich musste meine Zelte dort abbrechen. Damit  konnte ich zurück nach Lingen  zu meiner Mutter ziehen, die sich freute, mich wieder bemuttern zu können.

Für die Fahrten von Lingen nach Nordhorn benutzte ich den Bus. 
Man hatte mich für den Tagesdienst eingesetzt. Dank des Entgegenkommens meiner Kollegen konnte ich die Dienstzeit so legen, dass ich durch die Busbenutzung keine langen Wartezeiten hatte.

Doch schon einen Monat später kam die Versetzungsverfügung zum Fernsprechamt Osnabrück, wo ich nach bestandener Eignungsfeststellung die Ausbildung zum Telegr.-Werkführer beginnen sollte.




(2) Diese Verfügung bestätigt meine Auswahl als Nachwuchskraft für den mittlerem fernmeldetechnischen Dienst (Werkmeisterlaufbahn)
Diese Verfügung bestätigt meine Auswahl als Nachwuchskraft für den mittlerem fernmeldetechnischen Dienst (Werkmeisterlaufbahn)

 

 

Versetzung zum Fernsprechamt Osnabrück
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29.4.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Versetzung zum Fernsprechamt Osnabrück.


Mit der Versetzung zum Fernsprechamt Osnabrück begann meine Ausbildung als Nachwuchskraft für den mittleren fernmeldetechnischen Dienst (BfT-Laufbahn).

Meine Tätigkeiten erfolgten auf  allen Gebieten der Nachrichtentechnik: Verstärker-, Funk-, Handvermittlungs-, Selbstwähl-, Fernschreib-, Telegraphenübertragungs-, Nebenstellen- und Entstörungstechnik, sowie die Grundausbildung in der Datenverarbeitungs- und Computertechnik.

Zu dieser Ausbildung gehörte auch der Besuch  eines sechsmonatigen Lehrgangs in Oldenburg mit abschliessender Prüfung zum  Fernmeldehandwerker.



(1) Kollege Grossheide erklärt mir die Bedienung der Schalter im Maschinenraum
Kollege Grossheide erklärt mir die Bedienung der Schalter im Maschinenraum

 

(2) Hier arbeite ich am Fernschreiber im TW-Amt (Telegraphenwählamt)

Hier arbeite ich am Fernschreiber im TW-Amt (Telegraphenwählamt)

 

 


 

Wohnungssuche in Osnabrück
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29.5.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Wohnungssuche in Osnabrück.
Erste Schlafstätten

Durch die Versetzung nach Osnabrück ging mein Aufenthalt in Lingen bei Mutter leider zu Ende. Nun musste ich das Leben des "möblierten Herrn" fortsetzen.

In Osnabrück lebten zwei meiner Kusinen (Töchter meines Patenonkels Anton Lage). Irmgard Lage war dort bei der Kriminalpolizei tätig und Hanni Lage schaffte in einem vielbesuchten Bratwurststand.  Irmgard war sofort bereit, mich vorübergehend bei sich wohnen zu lassen. Auch bei Hanni habe ich einige Zeit gewohnt, bis ich dann bei einem jungen Witwer eine schöne Schlafgelegenheit mieten konnte. 
Inzwischen war ich schon 27 Jahre alt geworden und ich hatte den Wunsch nach einem eigenen Wohnraum mit eigenen Möbeln. Daher stellte ich kurz nach meinem Dienstantritt beim Wohnungsamt in Osnabrück einen Antrag auf die Zuweisung eines Wohnraums. Ich hatte mich auf eine lange Wartezeit eingestellt, denn durch die grossen Kriegsschäden in Osnabrück  und durch die zahlreichen Vertriebenen aus den Ostgebieten war der Wohnraum knapp.

Ich hatte aber Glück: schon nach 10 Monaten wurde  mir vom Wohnungsamt ein Leerzimmer zugewiesen. Die Mitteilung lautete: Von der Wohnung Langschmidt, Laischaftsstrasse 37, 2. Stock wird in den Raum nachstehende nachstehende Person eingewiesen: Brinck ....usw.




(1) Auf diese Zuweisung habe ich gewartet; damit war meine Zeit als "möblierter Herr" beendet.
Auf diese Zuweisung habe ich gewartet; damit war meine Zeit als "möblierter Herr" beendet.

 

Ende des "möblierten Herrn"
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29.6.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Ende des "möblierten Herrn".

 

(1) Mit diesem Mietvertrag wurde ich Untermieter in der Wohnung von Frau Langschmidt

Mit diesem Mietvertrag wurde ich Untermieter in der Wohnung von Frau Langschmidt

 Ich war leider nur Inhaber eines Leerzimmers, das zur Wohnung von Frau Langschmidt gehörte. Ihr Mann war verstorben und sie nun alleinige Bewohnerin  der 3-Zimmerwohnung. Wegen der Wohnungsnot hatte daher das Wohnungsamt der Stadt Osnabrück ein Zimmer beschlagnahmt und es mir zugewiesen.

Den Raum konnte ich nun so ausgestalten, wie es mir gefiel. Als erstes musste ich für eine vernünftige Schlafgelegenheit sorgen. Dafür kaufte ich mir eine Bettcouch, die mich 400,00 DM kostete. Zwei Sessel, ein Tisch, ein Kleiderschrank und ein Teppich vervollständigten die Einrichtung. Natürlich mussten auch eine Gardine und ein Vorhang das Zimmer wohnlicher machen. Nun konnte ich auch meine Mutter zu einem Besuch einladen, die sich freute zu sehen, wie ich mich "in der Fremde" eingerichtet hatte.

Einen Nachteil hatte die Wohnung aber. Im Mietvertrag hatte sich Frau Langschmidt  ausbedungen, dass ich das Badezimmer mitbenutzen durfte, jedoch ohne Badbenutzung. Das hatte zur Folge, dass ich nur eine eingeschränkte Waschmöglichkeit hatte und zum Baden eine öffentliche Einrichtung aufsuchen musste.



(2) Meine Mutter begutachtet die ersten Einrichtungsgegenstände in meinem Junggesellenzimmer bei Frau Langschmidt an der Laischaftsstrasse 37
Meine Mutter begutachtet die ersten Einrichtungsgegenstände in meinem Junggesellenzimmer bei Frau Langschmidt an der Laischaftsstrasse 37

 

 

Vom Fernmeldebauhandwerker zum Fernmeldehandwerker
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29.6.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Ende des "möblierten Herrn".

Vom Fernmeldebauhandwerker zum Fernmeldehandwerker





(1) Das Gesellenprüfungszeugnis als Fernmledehandwerker
Das Gesellenprüfungszeugnis als Fernmledehandwerker

 

Mit dem Gesellenprüfungszeugnis wird mir auch eine lange Lehrzeit bescheinigt. Sie dauerte vom 1.April 1939 bis zum 17. Juni 1953 (mit Unterbrechungen). Wer kann schon von sich behaupten, mehr als 14 Jahre für seine Ausbildung benötigt zu haben. In Wirklichkeit waren es aber nur sechs Monate, wo ich in der Lehrwerkstatt in Oldenburg meine Kenntnisse und Fähigkeiten in der Feinmechanik erweitern konnte. Einige der dabei von mir angefertigten Metallteile, darunter die Morsetaste als Gesellenstück, stehen heute noch in meinem Büro und erinnern mich daran, dass ich nicht nur geistige, sondern auch handwerkliche Fähigkeiten habe (hatte).



(2) Diese Werkstücke wurden von mir gefertigt
Diese Werkstücke wurden von mir gefertigt

 

(3) Meine neue Dienststelle ist nun das Fernsprechamt Osnabrück

Meine neue Dienststelle ist nun das Fernsprechamt Osnabrück

 

 

 

Auswahl für die Werkmeister-Laufbahn
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29.7.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Auswahl für die Werkmeister-Laufbahn.
Voraussetzung für die Aufnahme in die Werkmeister-Laufbahn war die Ausbildung als Fernmeldehandwerker




(1) Nun habe ich die Hürde für den Einstieg in die Werkmeisterlaufbahn überwunden: ich habe die Werkführerprüfung mit "gut" bestanden.
Nun habe ich die Hürde für den Einstieg in die Werkmeisterlaufbahn überwunden: ich habe die Werkführerprüfung mit "gut" bestanden.

 Meinen weiteren beruflichen Werdegang beim Fernsprechamt (umbenannt in Fernmeldeamt) Osnabrück schildere ich später.

 

 

Laufbahngerechter Einsatz beim Fernsprechamt Osnabrück
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29.7.  Wiederaufnahme meiner Arbeit nach dem Krieg – Auswahl für die Werkmeister-Laufbahn.

Laufbahngerechter Einsatz beim Fernsprechamt Osnabrück
Laufbahngerechter Einsatz beim Fernsprechamt Osnabrück 
Nach meiner Versetzung vom Verstärkeramt Bohmte zum Fernsprechamt Osnabrück wurde ich dort in verschiedenen Bereichen der Fernmeldetechnik eingeführt. Meine Tätigkeiten umfassten: Betreuung und Entstörung der Fernschränke im Fernamt, Betreuung der Handvermittlungseinrichtungen, Tätigkeiten in der Selbstwahl-Vermittlung, Leitung des Fernschreib-Wählamtes, Mitarbeiter in der Telegraphen-Übertragungsstelle (TÜSt) und des Verstärkeramtes und im Entstörungs-Aussendienst für Fernsprecher und Fernschreiber.
Die Ausbildung umfasste auch den Besuch von verschiedenen Lehrgängen bei der Fernmeldeschule in Bremen und auch die erforderliche Ausbildung zum Fernmeldehandwerker in der Lehrwerkstatt in Oldenburg.
Das alles waren die Voraussetzungen, die zur Zulassung zur Aufstiegsprüfung für den mittleren fernmeldetechnischen Dienst (Werkführerprüfung F) zu erfüllen waren. Die Prüfung selbst legte ich am 13.12.1954 in Bremen ab und habe sie mit der Note „gut“ bestanden.




(1) Das Fernsprechamt - mein Arbeitsort
Das Fernsprechamt - mein Arbeitsort

 

 Das Gebäude des ehemaligen Fernsprechamts ist auf der linken Bildseite zu sehen. Im Erdgeschoss waren die technischen Einrichtungen der Telegr.-Übertragungsstelle, im 1.OG das Wählamt und das Fernschreibamt und im 2. OG das Fernamt und das Verstärkeramt untergebracht. Die weiteren Fotos zeigen den Hauptverteiler, den Prüf-Fernschreiber im im TW-Amt, Wähleinrichtungen im Selbstwählamt, das „Fräulein vom Amt“ am Fernschrank und techn. Einrichtungen im Verstärkeramt.


(2) Prüfplatz im Fernschreibamt

Prüfplatz im Fernschreibamt

 

(3) Der Hauptverteiler - hier werden die ankommenden Kabel mittels Schaltdrähten aufgeteilt und mit den technischen Einrichtungen verbunden

Der Hauptverteiler - hier werden die ankommenden Kabel mittels Schaltdrähten aufgeteilt und mit den technischen Einrichtungen verbunden

 




(4) Im Verstärkeramt werden die Fernleitungen mit diesen Verstärkern auf eine gute Verständigung eingeregelt

Im Verstärkeramt werden die Fernleitungen mit diesen Verstärkern auf eine gute Verständigung eingeregelt

 

(5) Hier gab es noch keinen Selbstwählferndienst: das "Fräulein vom Amt" meldete sich beim Wählen der "0" und vermiittelte dann das gewünschte Gespräch

Hier gab es noch keinen Selbstwählferndienst: das "Fräulein vom Amt" meldete sich beim Wählen der "0" und vermiittelte dann das gewünschte Gespräch

 


Nachdem ich nun mehrere Jahre in den verschiedenen technischen Fernmeldeeinrichtungen als Werkführer eingesetzt worden war, gab man mir die Chance, mich um einen Dienstposten in der Hausverwaltung zu bewerben. Dieser war nach A 10 (Oberinspektor ) bewertet und hatte unter anderem die Betreuung der posteigenen und angemieteten Gebäude zur Aufgabe. Obwohl mir die damit verbundenen Verwaltungsaufgaben völlig fremd waren, reizte mich die hohe Bewertung dieser Tätigkeit (A 10) und ich gab meine Bewerbung für diesen Dienstposten ab.
Nach Ablauf der Bewerbungsfrist war ich dann doch überrascht, dass man mich für diese Tätigkeit ausgewählt hatte und ich wechselte vom technischen Fernmeldedienst in den Verwaltungsdienst.
In der Hausverwaltung fand ich dann nette Kollegen, die mir die Einarbeitung in die neuen Aufgaben leicht machten. Neben diesen mir übertragenen Tätigkeiten hatte ich nun auch Gelegenheit, mich in die Obliegenheiten des gehobenen Dienstes einzuarbeiten. Das habe ich dann auch ausgiebig getan und fühlte mich nach einigen Jahren bereit und fähig, mich zur Aufstiegsprüfung für den gehobenen Fernmeldedienst zu melden.
Was andere Kolleginnen und Kollegen erst nach dem Besuch von mehreren Lehrgängen machten, habe ich nun ohne weitere Vorbereitungen gewagt: mit einem guten und gesunden Selbstvertrauen ging ich zu diesem mündlichen und schriftlichen Test, schaffte ihn glatt mit der erforderlichen Punktzahl und war damit wieder einen Schritt weiter auf der von mir gewünschten beruflichen Laufbahn. Es begann nun die zweijährige Ausbildung zur Inspektoren-Laufbahn.
Prüfung für den gehobenen Fernmeldedienst
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30.  Arbeiten

Prüfung für den gehobenen Fernmeldedienst

Prüfung für den gehobenen Fernmeldedienst

Im Gebäude der Oberpostdirektion in Hamburg am Stephansplatz fand die schriftliche Prüfung statt. Sie erstreckte sich über eine Woche. An 5 Tagen standen wir Prüflinge unter starkem Streß, waren doch die vorgegebenen Themen aus dem politischen, gesetzlichen und Fernmeldebereich sehr vielseitig. Die vorgegebene Zeit zur Fertigung der Arbeiten betrug jeweils 3 Stunden.
Ein Woche später wurden wir dann zur mündlichen Prüfung einberufen. Sie wurde ebenfalls in Hamburg abgehalten. Wir waren fünf Prüflinge aus dem Bereich der OPD Bremen, die alle bestanden haben. Eine Kollegin aus Oldenburg bekam die Note „gut“, während wir anderen uns mit der Note „befriedigend“ zufrieden geben mußten. Aber letztlich war die Benotung für uns nebensächlich. Hauptsache war es doch: wir hatten den Aufstieg in den gehobenen Dienst geschafft!
Was noch erwähnenswert ist: Wir Prüflinge waren alle über 40 Jahre alt, und ich war mit 43 Jahren der zweitälteste. Mir ist das Lernen nicht schwergefallen, jedoch merkte ich bald, daß ich das Erlernte teilweise sehr schnell wieder vergaß. Mit diesem Manko habe ich aber leben können, denn den anderen ging es ja genau so.
Ich hatte mir ein Ziel gesetzt, und das wollte ich unter allen Umständen erreichen: in die Inspektoren-Laufbahn zu kommen, was sonst nur Abiturienten vorbehalten war. Bei auftretenden Tiefpunkten spornte ich mich deshalb mit dem Gedanken an:
Ich will es, ich kann es, ich schaffe es!

Ein Woche später wurden wir dann zur mündlichen Prüfung einberufen. Sie wurde ebenfalls in Hamburg abgehalten. Wir waren fünf Prüflinge aus dem Bereich der OPD Bremen, die alle bestanden haben.
Eine Kollegin aus Oldenburg bekam die Note „gut“, während wir anderen uns mit der Note „befriedigend“ zufrieden geben mußten. Aber letztlich war die Benotung für uns nebensächlich. Hauptsache war es doch: wir hatten den Aufstieg in den gehobenen Dienst geschafft!



(1) Die Prüfung für den gehobenen Fernmeldedienst habe ich mit "genügend" bestanden
Die Prüfung für den gehobenen Fernmeldedienst habe ich mit "genügend" bestanden

 

25-jähriges Dienstjubiläum
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30.  Arbeiten

25-jähriges Dienstjubiläum







(1) Urkunde über mein 25-jähriges Dienstjubiläum am 1. April 1964
Urkunde über mein 25-jähriges Dienstjubiläum am 1. April 1964

 

 Wie schnell doch die Zeit vergeht! Nun sind es schon 25 Jahre, die ich meinem Arbeitgeber gedient habe. Für diese Treue wurde ich mit einer Urkunde geehrt. Für eine goldene Uhr (oder ähnliches) als zusätzliches Dankeschön hat es aber nicht gereicht.






 


 


 


 

 


 


 

Urkunde über mein 25-jähriges Dienstjubiläum aam 1. April 1964

 

40-jähriges Dienstjubiläum
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30.1.  Arbeiten – 40-jähriges Dienstjubiläum.
Am, 1. April 1979 feierte ich mein 40-jähriges Dienstjubiläum


(1) 40 Jahre, wo sind sie geblieben?
40 Jahre, wo sind sie geblieben?

Am 1. April 1979 vollendete ich eine Dienstzeit von 40 Jahren bei meinem Arbeitgeber. Wie mein beruflicher Werdegang verlaufen ist, kann man auf der nächsten Seite nachlesen. 
Das Jubiläum wurde im Kreise meiner Kollegen entsprechend gefeiert.

Bei diesem Anlass habe ich mir wirklich Gedanken darüber gemacht, ob ich das nächste Ziel, 50 Dienstjahre zu erreichen, verwirklichen wolle. Möglich wäre es ja gewesen. Nach reiflicher Überlegung habe ich mir aber gesagt, dass es sich nicht lohnt, für eine Dankesurkunde seinen Ruhestand zu verkürzen. Deshalb stand mein Entschluss fest: mit der Vollendung meines 62. Lebensjahres gehe ich in den vorzeitigen Ruhestand.

 

 

Mein beruflicher Werdegang beim Fernmeldeamt (heutige Telekom)
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31.  Mein beruflicher Werdegang beim Fernmeldeamt (heutige Telekom)
Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch was zu!
(Übersetzung eines griechischen Verses)

Mein beruflicher Werdegang in Kurzfassung

01.04.1939 Einstellung beim Telegraphenbauamt in Oldenburg i.O. als                                     Telegraphenbaulehrling.
                  Beginn der dreijährigen Lehrzeit mit Berufsziel:                                      Telegraphenbauhandwerker
                  Ausbildungsstätte: Oldenburg-Eversten, Antonstraße 1
01.04.1941 Beginn des 3. Lehrjahres; Versetzung unseres Lehrlingsbautrupps von                       Oldenburg nach Wilhelmshaven.
                  Unterbringung im Werftjugendheim Ebkeriege IV.
28.03.1942  Gesellenprüfung als Telegraphenbauhandwerker mit „gut“ bestanden.
                  Anschließend Einsatz als Kabellöter in Wilhelmshaven (Beseitigung                        von Bombenschäden)
14.07.1942  Einberufung zum Wehrdienst
März 1943   Entlassung aus dem Wehrdienst (100 % dienstuntauglich)
Mitte 1944   Einsatz im Verstärkeramt Bersenbrück
Mitte 1945   Einsatz im Bautrupp Lingen, danach Mitarbeiter des Ämterpflegers im                    Wählamt Lingen
März 1948   Abordnung zum Verstärkeramt Nordhorn
Juni 1948    Versetzung zum Verstärkeramt Bohmte
01 07.1951  Versetzung zum Verstärkeramt Nordhorn
01.08.1951  Auswahl als Nachwuchskraft für dieWerkmeisterlaufbahn                                 und Versetzung zum Fernsprechamt Osnabrück
1953/1954   6-monatige Ausbildung (Lehre) in der Lehrwerkstatt Oldenburg,                               Artillerieweg, mit abschließender Gesellenprüfung zum                              Fernmeldehandwerker
März 1955   Prüfung zum Telegraphenwerkführer mit „gut“ bestanden
01.07.1955   Berufung in das Beamtenverhältnis auf Probe als                                    Telegraphenwerkführer beim Fernmeldeamt Osnabrück
20.03.1958   Beförderung zum Technischen Fernmeldesekretär
01.04.1964   Vollendung der 25-jährigen Dienstzeit
16.03.1966   Beförderung zum Technischen Fernmelde-Obersekretär
Mitte 1966    Auswahl als Nachwuchskraft für den gehobenen                                                      nichttechnischen  Fernmeldedienst im ersten Anlauf geglückt !!!
01.10.1966    Beginn der Ausbildung für den gehobenen Fernmeldedienst bei der                          Fernmeldeschule der OPD Hamburg (3 Monate)
01.01.1967     Fortführung der Ausbildung beim Fernmeldeamt Osnabrück
27.04.1968     Prüfung für den gehobenen Fernmeldedienst mit                                                 „befriedigend“  bestanden. Einsatz bei der  Personalstelle                                    des FA Osnabrück als Sachbearbeiter.
23.07.1968     Beförderung zum Fernmeldeinspektor
14.07.1971     Beförderung zum Fernmelde-Oberinspektor
01.04.1979     Vollendung der 40-jährigen Dienstzeit
15.11.1979     Beförderung zum Fernmelde-Amtmann während meiner Kur in Davos
24.12.1986     Heiligabend, und gleichzeitig mein letzter Arbeitstag!
31.12.1986     Versetzung in den wohlverdienten Ruhestand.

Das sind sie also: die einzelnen Stationen meines beruflichen Werdegangs bei der Deutschen Reichspost bzw. bei der Deutschen Bundespost.
Mein Berufsleben dauerte also genau 47 Jahre und 9 Monate.
Meine Frühpensionierung
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32.  Meine Frühpensionierung


(1) Diese Urkunde besiegelt das Ende meines Berufslebens, es dauerte 47 Jahre und 9 Monate.
Diese Urkunde besiegelt das Ende meines Berufslebens, es dauerte 47 Jahre und 9 Monate.

 Die "normale Zurruhesetzung" eines Beamten erfolgt mit Ablauf des 65. Lebensjahres. Als Schwerbehinderter hatte ich aber die Möglichkeit, mich schon mit 62 Jahren vom aktiven Dienst zu verabschieden. Dieser Entschluss stand bei mir schon seit längerer Zeit fest. Er wurde allerdings einmal in Frage gestellt, als ich in einer Radiosendung hörte: "im Ruhestand hat man Urlaub bis zum Tode". Da bin ich über diese Formulierung erschrocken  und musste diese Endgültigkeit erst verdauen.
Aber dann siegte doch meine Vernunft und ich sagte mir: "Jedes Jahr eher nach Davos zu meiner Claudia ist ein geschenktes Jahr".
Wie richtig dieser Entschluss war, sehe ich heute (2018). Nun lebe ich schon mehr als 31 Jahre glücklich und zufrieden in meinem "Urlaub bis zum Tode".


 

 

Mein letzter Arbeitstag: 24.12.1986
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32.1.  Meine Frühpensionierung – Mein letzter Arbeitstag: 24.12.1986.
Heilig Abend 1986

Heute ist endgültig mein letzter Arbeitstag. Für die Zeit bis zum 31.12.1986 sind noch restliche Urlaubstage abzuwickeln.
Meinen Schreibtisch habe ich in den letzten Tagen schon geräumt. Heute steht also nur noch meine Verabschiedung auf dem Programm. Ich hatte gewünscht, im kleinen Kreis vom Amtsvorsteher verabschiedet zu werden. Das kam ihm sehr entgegen, hatte er heute doch neben der Aufgabe meiner Zurruhesetzung noch vor, den Amtsangehörigen ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen.
Nach einer kurzen Ansprache und mit dem Dank für meine geleisteten treuen Dienste wurde mir die Urkunde über meine Versetzung in den Ruhestand ausgehändigt. Neben den guten Wünschen für meine Zukunft hörte ich noch Ratschläge wie „Nutzen Sie die Zeit, sie ist nicht unbegrenzt“. Das habe ich mir auch vorgenommen; ich will sie nicht nutzlos vertrödeln.



(1) So haben sich meine Kolleginnen und Kollegen der Personalstelle von mir verabschiedet
So haben sich meine Kolleginnen und Kollegen der Personalstelle von mir verabschiedet

 

 

Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos
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33.  Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos
Erste Bekanntschaft mit Davos

„Verdammte Sauerei“. Dieser Fluch entschlüpfte den zusammengepressten Lippen des Mercedesfahrers. Schon zum 2. Mal war sein Fahrzeug an der Steigung des Wolfgangpasses zum Stillstand gekommen. Nicht, weil der Motor mit seinen 115 Pferdestärken die erforderliche Leistung nicht schaffte. Er konnte aber seine Kraft nicht auf die Fahrbahn bringen. Die Antriebsräder drehten durch, weil auf dem frisch gefallenen Schnee die aufgezogenen Sommerreifen keinen Halt fanden. Mit diesen Wetterverhältnissen Anfangs November hatte der Fahrer nicht gerechnet.“
So beginnen die Aufzeichnungen über meine erste Fahrt nach Davos, die ich in Romanform geschrieben habe. Der 6. November 1979 war der Reisetag zu einer Kur in der Höhenklinik Valbella. Als Kriegsversehrter sollte ich dort unter anderem meine Atemwegserkrankungen auskurieren. Bisher hatte ich in verschiedenen Kurkliniken in Deutschland mit mehr oder weniger grossem Erfolg meine Leiden behandeln lassen.
Der Wintersportort Davos war mir seinerzeit nur dem Namen nach bekannt. Bei der Auswahl meiner bisherigen Urlaubsziele hatte die Schweiz keine Rolle gespielt. Nun also sollte die Höhenluft in den Alpen meinen Gesundheitszustand bessern. Die von mir von der Höhenklinik Valbella übersandten Informationen gaben keine Auskunft über Davos und seine Umgebung; sie beschränkten sich auf die Aufzählung der mitzubringenden Gegenstände wie Kleidung, Sonnenbrille usw.
In meinem Autoatlas schaute ich mir die Reiseroute an und errechnete eine Entfernung von meinem Wohnort Osnabrück nach Davos (über Basel) von zirka 1000 Kilometer. Weitere Hinweise über die in den Alpen und speziell in Davos herrschenden Wetter- und Strassenverhältnisse usw. holte ich nicht ein. Ein Versäumnis, das sich schon bald als Fehler herausstellen sollte.
Bei der Abfahrt an meinem Reisetag herrschte Regenwetter, und diese Erschwernis beim Autofahren sollte den ganzen Reiseweg anhalten. Erst in Landquart änderte es sich, aber derart, dass statt des Regens nun Schnee fiel. Auf der Strasse bildete sich eine Schmierfilm, der mich zu einer vorsichtigeren Fahrweise nötigte. Und diese Vorsicht zahlte sich bereits kurz nach der Klus aus. In einer scharfen Linkskurve kurz vor Grüsch kam das Auto ins Rutschen. Mit viel Glück vermied ich es, dass der Wagen den Abhang hinunter rollte. Nach diesem ersten Schock setzte ich meine Fahrt mit noch geringerem Tempo fort. Zum Glück herrschte kaum Verkehr, so dass ich kein Verkehrshindernis war. So kam ich ohne weitere Probleme bis nach Klosters. Als ortsunkundiger Fahrer sah ich dort ein grosses blaues Schild mit der Aufschrift „DAVOS“. Ich hielt es für das Ortseingangsschild, und deshalb war ich erstaunt, nach wenigen 100 Metern den Ort schon durchfahren zu haben. Ich wendete und erkundigte mich im nächsten Geschäft, ob dies schon mein Ziel Davos wäre. Die freundliche Verkäuferin klärte mich auf, dass ich in Klosters sei (von diesem Ort hatte ich vorher noch nie etwas gehört) und noch weitere 10 Kilometer über den Wolfgangpass fahren müsse. Das von mir gesehene Schild war nur ein Hinweis, dass Davos „frei“ sei und man den Wolfgangpass ohne Schwierigkeiten befahren könne. Ohne Schwierigkeiten war es für mich aber nicht. Es stellte sich heraus, dass ich mit den Sommerreifen das erste etwas steilere Strassenstück - wie eingangs beschrieben - nicht hoch kam. Und Schneeketten hatte ich auch nicht in meinem Gepäck. Beim dritten Versuch klappte es dann aber doch und ich konnte meine Fahrt fortsetzen.
Wegen des Schneetreibens sah ich von der Berglandschaft nichts, auch nicht den Davoser See, der mir von der Verkäuferin in Klosters als Hinweis gegeben worden war, dass es danach bis zur Klinik nicht mehr weit sei. Es war mir wegen des Schneetreibens aber nicht möglich, mich zu orientieren. Nachdem ich mehrere Passanten gefragt und mich auch in der Einbahnstrasse (Promenade) verkehrswidrig verhalten hatte, erreichte ich endlich nach 10 Stunden reiner Fahrzeit mein Ziel. Ich war ziemlich erschlagen, aber heilfroh, nach den Schwierigkeiten auf der Fahrt nun doch ohne Blessuren angekommen zu sein.



(1) So sah ich die Valbella-Klinik bei meiner Ankunft am 06.11.1979
So sah ich die Valbella-Klinik bei meiner Ankunft am 06.11.1979

 

Das Fahrzeug musste ich auf dem Parkplatz unterhalb der Klinik abstellen. Meine Koffer schleppte ich über den steilen Fussweg hoch, der in Serpentinen hinaufführte. Da merkte ich, dass es in der dünnen Höhenluft doch sehr anstrengend für mich war, die erforderliche Leistung zu erbringen. Aber auch das schaffte ich schliesslich mit viel Mühe, und auf der kurzen Strecke vom Parkplatz bis zum Klinikeingang musste ich bis zu viermal anhalten, weil mir die Puste ausging.
Nun war ich also in Davos, und meine Kur konnte beginnen. Was würde sie bringen, und was für weitere Überraschungen würden wohl noch auf mich zukommen?
Kurerfolg in Davos
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33.1.  Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos – Kurerfolg in Davos.
Schnee, Schnee und nochmals Schnee! Seit meiner Ankunft schneite es drei Tage ohne Unterbruch. So eine Anhäufung des „weissen Goldes“ sah ich noch nie. Die Räumfahrzeuge kamen kaum dagegen an. So lernte ich auf eindrückliche Art den Winter in den Bergen kennen. Die Berge konnte ich übrigens noch gar nie sehen, so dicht fielen die Schneeflocken. Erst am vierten Tag schien die Sonne und ich bekam die schneebedeckten Berge zu sehen. Wow, war das ein Anblick! Ich hatte die Alpen vorher ja noch nie zu Gesicht bekommen. Diese verschneite Landschaft hat auf mich Flachländer einen tiefen Eindruck gemacht.



(1) Hier fand ich eine gute Unterkunft: vom Zimmer im 2. Geschoss oben am Bildrand hatte ich einen schönen Blick auf Davos
Hier fand ich eine gute Unterkunft: vom Zimmer im 2. Geschoss oben am Bildrand hatte ich einen schönen Blick auf Davos

 

Bei der Einstellungsuntersuchung wurden mir neben den üblichen Therapien zu meiner Überraschung auch Dinge verordnet, die bisher von meinen Ärzten als nicht angebracht für meine Gesundheit angesehen worden waren. So wurde mir hier empfohlen, neben der üblichen Gymnastik auch Ski-Langlauf zu betreiben. In meinem bisherigen Leben hatte ich aber noch nie Ski unter meinen Füssen. Dieser Therapie sah ich deshalb mit einer gewissen Angst entgegen. Aber nach den ersten Übungen unter der Leitung einer erfahrenen Therapeutin hatte ich es bald begriffen. Schwierigkeiten bekam ich nur bei leichten Abfahrten, da landete ich meist im Schnee. Das ging aber ohne Verletzungen ab.

Mein Hausarzt in Osnabrück hatte mir nicht gestattet, auf Grund meines hohen Blutdrucks in die Sauna zu gehen. Hier in der Klinik war man aber anderer Meinung, und so durfte ich zweimal wöchentlich ein Schwitzbad nehmen. Und ich darf sagen, es ist mir sehr gut bekommen. Dies war für mich ein weiteres Erfolgserlebnis.
Bei meiner Ankunft in Davos hatte ich Luftmangel, und da waren Spaziergänge für mich ein gutes Training zur Verbesserung meiner Leistungen. Um den Erfolg meines Trainings zu testen, unternahm ich nach vier Wochen von Davos Dorf aus den Aufstieg zur Schatzalp mit einem Höhenunterschied von 300 Metern! Dieses Vorhaben war für mich ein toller Erfolg: Ich erreichte die Schatzalp ohne einmal wegen Luftmangel anhalten zu müssen! Jedoch war ich wegen der Anstrengung beim Aufstieg und wegen meiner warmen winterlichen Bekleidung völlig durchschwitzt. Auf diese Leistung war ich natürlich sehr stolz, weil ich sie für nicht möglich gehalten hatte.
Fazit: Davos war für mich ein Ort, an dem ich unerwartete Erfolgserlebnisse hatte und der mir deshalb wie ein Jungbrunnen erschien.
Nach der Verlängerung des Kuraufenthaltes um zwei Wochen und einem
Gewichtsverlust von sieben Kilo reiste ich am 16. Dezember 1979 zurück nach Osnabrück mit dem festen Vorsatz, meinen Urlaub künftig nur noch hier zu verleben.
Nur ein Kurschatten? Oder ist es mehr?
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33.2.  Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos – Nur ein Kurschatten? Oder ist es mehr?.

Bei meinen bisherigen Kuren habe ich wegen meiner Eheprobleme immer die Bekanntschaft  mich interessierender Frauen gesucht. Das  ist mir auch meist schnell gelungen. Doch fast immer waren sie,  wie ich auch, verheiratet. Das bedeutete dann natürlich beim Ende der Kur auch das Ende dieser Bekanntschaften.
Etwas anders verlief dann der Aufenthalt in Davos. Hier hatte  mich auch eine nette verheiratete Patientin zu Beginn unserer Bekanntschaft  in ihr Vertrauen gezogen und mir ihre Eheprobleme geschildert. Das war für mich dann eine Warnung, mich nicht weiter mit ihr zu befassen. Als Therapeuten waren noch etliche unverheiratete Frauen in der Klinik tätig, die mich interessierten. Doch da hatte ich Bedenken, sie als "Kurschatten" anzusprechen.
Es ergab sich dann für mich eine Möglichkeit, eine andere, junge und unverheiratete Frau anzusprechen. In einer Sportstunde  hatte ich mir beim Ballspiel an den Händen viele Hautrisse zugezogen, die sehr schmerzhaft waren und mich veranlassten, den Stationsarzt zu kontaktieren. Er war in der Ursache und in der Behandlung dieser Hauterkrankung unsicher und meldete mich für eine Untersuchung in der Alexanderhaus-Klinik an. Sie sei eine Fachklinik für Allergie und Dermatologie und könne feststellen, welche Therapie für dieses Hautproblem angewendet werden solle. Dort wurde ich vom Chefarzt Dr. Gerken untersucht und der mir sagte, dass ein Test durchgeführt werden müsse, um die Ursache dieser Hautbeschädigungen zu ermitteln. Er brachte mich persönlich in das im Kellergeschoss gelegene Labor und stellte mich dort der Laborantin vor. Von deren Anblick war ich sofort verzaubert: eine jugendhaft  hübsche Frau im weissen Kittel stand mir gegenüber. Ihr Chef erteilte ihr den Auftrag, mit mir einen Allergietest zu machen.
In der Abstellkammer (einen Umkleideraum gab es nicht) machte ich den Oberkörper frei und bekam dann auf dem Rücken mehrere Tropfen von verschiedenen Cremes. Diese sollten entweder  eine oder keine Reaktionen zeigen. Ich bekam darauf ein grosses Pflaster und den Hinweis, bis zum nächsten Termin nicht zu Baden. Der nächste Termin war zwei Tage später und es stellte sich dabei heraus, dass keines der Testpunkte eine Reaktion ausgelöst hatte.
Zwischen dem ersten Kennenlernen und dem zweiten Termin im Labor der Alexanderhaus-Klinik hatte ich im Davoser Telefonbuch nachgeschaut, unter welcher Telefonnummer die junge Laborantin zu erreichen war. Ich wusste ihren Namen (Wüthrich) und fand eine Claudia unter diesem Familiennamen, die Laborantin  als Beruf angegeben hatte und an der Schatzalpstrasse wohnte. Mit diesem Wissen ausgestattet konnte ich sie dann schon überraschen. Als Dank für die gute Behandlung hatte ich einen Blumenstrauss mitgebracht, den ich ihr überreichte mit der Frage, ob ich sie zum Essen einladen dürfe. Zu meiner Freude hat sie meine Einladung angenommen und somit waren wir aus der rein medizinischen  auch in eine private  Bekanntschaft gekommen.  

Heute ist Claudia meine Frau. Ich habe sie gebeten, unser erstes Zusammentreffen  aus ihrer Sicht zu schildern. Nach einigem Zögern hat sie die folgenden Zeilen geschrieben:

"Heute ist Montag der 26.11.1979. Ich habe meinen Wecker auf 06.00 Uhr gestellt und er hat mich pünktlich geweckt. Ich gönne mir noch einige Minuten in meinem warmen Bett und überlege, was wohl die neue Woche und vor allem der heutige Tag bringen wird. Meine Überlegungen kreisen um meine Tätigkeit als leitende Laborantin im Labor der Alexanderhaus-Klinik. Dass dieser  Tag aber ein ganz besonderer Tag in meinem Leben werden wird, ist mir in diesem Moment noch nicht bewusst.
Ich stehe auf und nach der Morgentoilette gehe ich aus meiner Wohnung hinauf in das Obergeschoss zu meiner Mutter, die bereits das Frühstück für mich bereitet hat.
Dann mache ich mich auf den Weg zur Alexanderhaus-Klinik.
Der Vormittag verläuft wie immer: die Patienten kommen zur Blutentnahme, zur Kontrolle der Allergietests usw.
Am Nachmittag ist meistens Sprechstunde bei unserem Klinik-Chefarzt Dr. Gerken. Von ihm werden mir immer die zu testenden Patienten telefonisch gemeldet. Heute kommt nun Dr. Gerken mit einem Patienten zu mir ins Labor. Es steht ein grosser Mann mit welligem Haar und Schnauz (Schnurrbart) und nicht gerade auf dem modernsten Stand gekleidet vor mir.
Seine Erscheinung hat mich so beeindruckt, dass ich mir sagte: Wow, der könnte mir noch gefallen. Zu meiner Freude konnte ich ihn dann noch zweimal einbestellen, so dass ich ihn wenigstens nochmals sehen konnte."

Zum Inhalt dieser Zeilen müssen von mir noch einige Ergänzungen angebracht werden. Zu der Bemerkung "nicht gerade auf dem modernsten Stand gekleidet" muss ich gestehen, dass ich nicht  für einen Skisport-Winter in den Alpen ausgerüstet war. Bei meinen Kleidungs-Vorbereitungen war ich von den Witterungsverhältnissen in Osnabrück ausgegangen. Dass diese in Davos aber ganz anders waren, wusste ich also nicht. Ich erschien bei Claudia wie folgt angekleidet: Daunenjacke, Anzugjacke, Pullover, Oberhemd und Unterhemd, in ihren Augen völlig zu warm. Als unmodern erschienen ihr auch meine Keilhose und die Socken, die ich umgestülpt über die Bergschuhe trug.



(1) Meiner Meinung nach war ich so richtig für den Davoser Winter eingekleidet

Meiner Meinung nach war ich so richtig für den Davoser Winter eingekleidet




 

 

Weitere Aufenthalte in Davos
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33.3.  Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos – Weitere Aufenthalte in Davos.
In den folgenden Jahren bis zu meiner Pensionierung Ende Dezember 1986 war ich noch mehrfach Kurgast in der Klinik Valbella. Diese Kuren in Verbindung mit regelmässigen Urlaubsaufenthalten taten meiner Gesundheit sehr gut. Ich war viel leistungsfähiger geworden und fühlte mich auch nicht mehr als Schwächling. Deshalb stand mein Entschluss fest: Nach meiner Pensionierung werde ich in Davos meinen Lebensabend verbringen.
Auf und Davos
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33.4.  Auslandsaufenthalt: Erste Kur in Davos – Auf und Davos.
Mein Ruhestand beginnt!
 Mein letzter Arbeitstag war der 24. Dezember 1986 und schon am nächsten Tag, am 1. Weihnachtstag, fuhr ich mit der Eisenbahn von Osnabrück nach Davos, dem Ort, den ich schon seit langem als meinen Alterswohnsitz vorgesehen hatte. Dort erwartete mich Claudia in ihrer neuen 2-Zimmer-Wohnung, denn sie war aus ihrer bisherigen Bleibe bei ihren Eltern ausgezogen. So waren wir nun nach unserer langen Fernbeziehung endlich beieinander.
Bisher hatte ich Davos nur als Patient, bzw. als Urlauber kennen gelernt. Den Kontakt zur Bevölkerung konnte ich daher nur vereinzelt bekommen.
Das sollte sich aber rasch ändern. Nach einigen Monaten meines „dolce far niente“ bekam ich eine Anfrage, ob ich nicht als Verkaufsberater in einem Foto- und Radio-Geschäft tätig sein wolle. Dieses Angebot reizte mich, weil ich Erfahrungen als Hobby-Fotograf und durch meinen ehemaligen Beruf auch im Elektrobereich gute Kenntnisse hatte. Ich nahm dieses Angebot an, und man beantragte für mich eine Aufenthaltsbewilligung. Sie wurde genehmigt, und somit konnte ich am 1. Juli 1987 meine neue Stelle antreten.
Der Umgang mit den Kunden machte mir sehr viel Freude, und die von mir befürchteten Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten stellten sich als unbegründet heraus. In den vergangenen Monaten hatte ich aufmerksam Schweizerdeutsch im Fernsehen und im Radio gehört. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit den verschiedenen Dialekten (besonders das Berndeutsch machte mir Mühe) habe ich mit wenigen Ausnahmen alles verstanden. Einige Begriffe wie „poschten, Finken, Pfusen“ wurden von mir anfangs falsch übersetzt, bzw. gar nicht verstanden. Da hatte mir dann meine Lebensgefährtin Hilfestellung geleistet. Das Verstehen bereitete mir also keine Mühe mehr. Das „Schweizer-Deutsch-Sprechen“ fiel mir dagegen recht schwer. Ich hatte es versucht, jedoch fragte man mich dann meist: „Was haben sie gesagt?“ und ich wiederholte meine Antwort auf Schriftdeutsch. Das führte dazu, dass ich das „Schweizer-Deutsch-Sprechen“ nicht weiter versucht habe. Auch aus der Überlegung heraus, dass man mich mit deutlichem „Hochdeutschsprechen“ versteht.
Meine Tätigkeit als Verkaufsberater gab ich nach 4 Monaten auf. Aus einem Zeitungsartikel hatte ich erfahren, dass ein Asylbewerber für seine Arbeit zuzüglich freier Unterkunft mehr als das Doppelte meines Lohnes bekam. Da fühlte ich mich und meine Tätigkeit nicht gerecht gewürdigt und kündigte das Arbeitsverhältnis.
Danach hatte ich nur noch den Status eines Touristen. Das bedeutete, dass ich mich nicht ständig in der Schweiz aufhalten durfte. Da dies aber nicht meinen Wünschen entsprach, meldete ich mich bei der Gemeinde Davos an und stellte einen Antrag zur erwerbslosen Wohnsitznahme. Das Gesuch begründete ich wie folgt:
„Bedingt durch mein Kriegsleiden wurde mir erstmals 1979 ein Kuraufenthalt in der Höhenklinik Valbella in Davos genehmigt. Die dabei in dieser Höhenlage gemachten sehr guten Erfahrungen haben meinen Gesundheitszustand grundlegend verbessert. Weil ich hier ohne Beschwerden ein ganz normales Leben führen kann, möchte ich meinen ständigen Aufenthaltsort nach Davos verlegen.“
Ich bat den Kleinen Landrat um wohlwollende Prüfung des Gesuches. Er antwortete mir u.a. : „... können Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass wir gegen die Erteilung der Bewilligung zur erwerbslosen Niederlassung nichts einzuwenden haben.“
Dieses Antwortschreiben der Gemeinde Davos legte ich mit weiteren erforderlichen Unterlagen der Fremdenpolizei des Kantons Graubünden in Chur vor. Ich war fest überzeugt, dass man mir von dort aus mein Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung sofort genehmigen würde.
Ich wartete auf Antwort, und wartete einen Monat, zwei Monate, drei Monate ... . Ich sagte mir: „Gut Ding will Weile haben“. Nach 4 Monaten kam dann endlich der lange erwartete Einschreibebrief der Fremdenpolizei. Darin lautete die Verfügung:
„Das Gesuch um die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung im Rahmen von Art. 34 der Verordnung über die Begrenzung der Zahl der Ausländer ... wird abgelehnt.“
Das war natürlich für mich ein Schock. Vor allem auch deshalb, weil man in der weiteren Begründung unter anderem schrieb: „Von engen Beziehungen (zur Schweiz) ... kann im vorliegenden Fall nicht gesprochen werden. Im weiteren müssen die finanziellen Mittel als nicht ausreichend angesehen werden.“
Nach einiger Zeit und nachdem ich diesen Schock verdaut hatte, nahm ich noch einmal Kontakt mit der Gemeinde Davos auf. Auch dort war man über die Ablehnung meines Gesuchs mit der obigen Begründung erstaunt. Die zuständige Sachbearbeiterin nahm sich meines Falles an und erreichte, dass man bei der Fremdenpolizei mein Gesuch erneut prüfen wolle. Und diese Prüfung ergab dann für mich die erfreuliche Tatsache, dass ich nun mit Genehmigung des Kantons ohne Einschränkung weiterhin die gute Luft in Davos atmen durfte.
Das Fussfassen in Davos ist mir nicht schwer gefallen. Es gibt aber einen Punkt, den ich vermisst habe. Die Anmeldung als neuer Einwohner von Davos war ohne Schwierigkeiten verlaufen. Was aber fehlte und was sich als Stolperstein herausstellen sollte, waren Informationen über die Rechte und Pflichten eines Ausländers in der Schweiz. So wurde ich z.B. als Autofahrer bei einer späteren Polizeikontrolle mit 200 Franken gebüsst, weil ich es versäumt hatte, nach einem Jahr Schweizaufenthalt einen Schweizer Fahrausweis zu beantragen. Dieses Nichtwissen bestimmter Auflagen wäre meiner Meinung nach durch die Aushändigung einer entsprechenden Informationsschrift zu vermeiden gewesen.
Mich interessiert die Politik in der Schweiz und damit auch die Gemeindewahlen in Davos. Da bedauere ich es, dass sich der schon längere Zeit in der Schweiz aufhaltende Ausländer nicht an den örtlichen Wahlen beteiligen darf. - Soweit meine kritischen Anmerkungen.
Die Erwartungen zu Beginn des Aufenthalts im Landwassertal auf Besserung meines schlechten Gesundheitszustandes haben sich voll erfüllt. Nun lebe ich froh und glücklich bereits mehr als 30 Jahre in Davos und habe inzwischen viele Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Dabei hilft mir auch meine Mitgliedschaft im Schreibkreis Davos, die es mir ermöglicht, in öffentlichen Lesungen über meine schriftstellerische Tätigkeit zu berichten. Und nicht zuletzt verdanke ich es meiner Lebensgefährtin, dass ich Davos als einen Ort bezeichne, der mir alles erdenklich Gute gibt: eine schöne Landschaft, gute Luft, liebe Mitmenschen, Anerkennung, Freundschaften. So kann ich mir heute - nach einem langen Leben - keinen schöneren, lebenswerteren und für meine Gesundheit erträglicheren Ort vorstellen als Davos.
Die täglichen Spaziergänge in der näheren und weiteren Umgebung von Davos mit meiner Partnerin sind mir ein Bedürfnis und haben damit auch zur Folge, dass ich den Kanton Graubünden, seine Orte, Berge und Täler zu Fuss durchstreift und dadurch „fussgefasst“ habe.
Was viele Lungenkranke schon vor mehr als 100 Jahren erfahren haben und was Thomas Mann auch in seinem Roman „Der Zauberberg“ beschrieben hat, gilt auch noch heute: „Oh, oh, was ist denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische!“
Den ersten Abschnitt in seinem Roman möchte ich für mich abwandeln. Er lautet dann: „Ein wegen seines schlechten Gesundheitszustandes vorzeitig in den Ruhestand versetzter Beamter reiste am ersten Weihnachtstag 1986 von Osnabrück, seinem bisherigen Arbeitsort, nach Davos Platz im Graubündischen, um dort seine Krankheit auszukurieren und seinen Lebensabend zu verbringen.
Sein „Urlaub bis zum Tode“ sollte mehr als dreissig Jahre dauern, was ihn damit zu einem sehr glücklichen und zufriedenen Menschen machte.“
Was meine Zukunft betrifft, so hoffe ich noch recht lange die Schweizer Gastfreundschaft geniessen zu können. Und nach meinem Tode wünsche ich auf dem Davoser Waldfriedhof beigesetzt zu werden; die Grabstelle ist bereits gemietet. So kann ich zum Schluss mit Freude die Feststellung treffen:
„Ich habe hier fussgefasst und
bin kein Fremdling mehr, ich fühle mich als „Davoser!
Eheleben
Seite 178
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34.  Eheleben
Ursprünglich hatte ich  nicht vor, mein hinter mir liegendes Eheleben mit meiner ersten  Frau Lydia und das Aufwachsen meiner Kinder zu beschreiben. Mit der Betrachtung meiner (gescheiterten) Ehe wollte ich mich nicht weiter belasten. Hier hielt ich es mit Dale Cornegie, der in seinem Buch „Sorge dich nicht, lebe“ schreibt: "Man soll nicht versuchen, Sägemehl sägen zu wollen". Es hat also keinen Zweck, das Vergangene noch ändern zu wollen. Was geschehen ist, ist Vergangenheit und nicht mehr zu ändern. Lediglich aus den begangenen Fehlern soll und kann man lernen, um sie künftig zu vermeiden.
Daß ich nun doch an die Vergangenheit erinnert wurde, ist einem Brief
zuzuschreiben, den ich von meiner (geschiedenen) Frau erhielt. Sie schildert darin ihre schrecklichen Erlebnisse mit Männern, die sie als Kind und als junge Frau über sich hatte ergehen lassen müsen. Aus diesem Bericht kann ich nun verstehen, daß sie in Erinnerung an diese Übergriffe zu einem gefühlvollen Liebesleben nicht mehr fähig war. Diese Ereignisse hat sie nicht verarbeitet und mit mir  auch nicht besprechen können. Somit sind sie mir bis heute nicht bekannt gewesen. Gelitten haben wir beiden Eheleute aber darunter, und aus unserer Ehe war nicht ein „miteinander“, sondern nur ein „nebeneinander“ geworden.
Ich will nun versuchen, mir von meiner Ehe das in Erinnerung zu rufen, was der
Erwähnung wert ist. Sogenannte Schlafzimmergeheimnisse wird man aber
vergeblich darin suchen. Aber das mich Quälende an unserer Beziehung will ich
versuchen, zu ergründen und zu verarbeiten.
Beginnen will ich nun mit dem Brief meiner Frau, der mich überraschte und  mir jetzt, in unserem 50. Ehejahr (am 22.10.2005 hätten wir unsere Goldene Hochzeit
feiern können) die Erklärungen für das Scheitern unserer Ehe lieferte.
Angst bestimmte das Leben meiner Frau Lydia
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34.1.  Eheleben – Angst bestimmte das Leben meiner Frau Lydia .
Angst bestimmte mein Leben

Brief von Lydia (ohne Datum) an Hans Brinck, Davos,
abgeschickt am 07.10.2005, erhalten am 10.10.2005

Lieber Hans,
Du hast so schöne Geschichten und Erlebnisse aus Deiner Kindheit und Jugend aufgeschrieben und die man immer wieder gerne liest.
Nun will auch ich Einiges aus meinem Leben berichten. Es ist nicht schön, eher tragisch. Ich hätte sicher viel früher darüber berichten sollen, aber ich hatte Angst. Angst, Dich damit zu belasten. Angst, Angst, Angst bestimmt mein ganzes Leben.
Am Ende meines Lebens habe ich nun den Mut gefunden, alles zu sagen.
Ich hoffe und wünsche, daß Du vieles verstehst und mir verzeihst.
Lydia


Dieser persönlichen Anrede waren beigefügt:
9 Seiten DIN A4 handgeschriebener Text (Überschrift: Ein Teil meines Lebens)
3 Fotos (Lydia als Kind)
1 Zeitungsausschnitt (Titel: Mißbrauch: Die Opfer leiden ihr Leben lang)
1 Zeitungsausschnitt: Jeder sexuelle Übergriff...


Immer wieder wird in der Neuen Osnabrücker Zeitung von sexuellem Missbrauch von Kindern berichtet, und immer wieder wird bei Lydia die Erinnerung an die eigenen schrecklichen Erlebnisse in ihrer Jugend wachgerufen.
Heute werden die Kinderschänder gerichtlich bestraft. Damals aber brauchten diese sich kaum vor Strafe zu fürchten, weil man den Kindern oft nicht glaubte oder weil diese Untaten sich im Umkreis der eigenen Familie abspielten und deshalb nicht an die Öffentlichkeit kommen sollten.

Hier folgen nun die schrecklichen Erlebnisse meiner Frau Lydia:

Ein Teil meines Lebens

Heute, nach 70 Jahren des Schweigens, will ich einige Erlebnisse meines Lebens
aufschreiben, die mich geprägt haben. Ich bin ein ungewolltes Kind und daher schon
ungeliebt. (Anmerkung: die Eltern heirateten standesamtlich am 04.05.1929 und
kirchlich erst am 04.07.1929. Es war eine „Mußheirat,“ wie man damals dazu sagte, denn Lydia wurde schon am 28.07.1929 geboren). Kurz nach meiner Geburt bekam ich Milchschorf (heute Neurodermitis).
Meine Mutter war damit, glaube ich, total überfordert. Laut Aussagen von
Verwandten hätte ich viel geschrien vor Juckreiz und gekratzt. Sie gab mich, als ich ein paar Monate alt war (siehe Bild) für mehr als 9 Monate nach Norderney in ein Kinderheim.


(1) 1930 im Kinderheim in Norderney. Vorn links bin ich, Arme und Beine verbunden.
1930 im Kinderheim in Norderney. Vorn links bin ich, Arme und Beine verbunden.

 


(2) In der Mitte bin ich. Immer noch die Hände verbunden und immer noch in Norderney
In der Mitte bin ich. Immer noch die Hände verbunden und immer noch in Norderney

 

Als ich zurück kam, konnte ich sprechen und laufen, nur der Milchschorf war nicht
weg. Ich frage mich heute, wie kann eine Mutter ihr Baby für so lange Zeit
weggeben? Das erste Lebensjahr ist doch so wichtig für Mutter und Kind. Ich glaube, das ist auch der Grund, daß wir nie eine innige, liebevolle Beziehung hatten. ich kann mich nicht erinnern, daß meine Mutter mit mir geschmust oder mir mal einen Kuß gegeben hätte. Bis zu ihrem Tode nicht.-
Dann kam ich in den Kindergarten. Kein Kind wollte mich anfassen oder mit mir
spielen. Ich hatte ja immer die Hände und Arme verbunden. Alle hatten Angst vor
Ansteckung. So stand ich abseits.
Dann kam ich zur Schule. Da war es nicht anders. Mit mir wollte niemand in der
Bank sitzen, also saß ich allein und stand abseits.
Soweit ich mich zurückerinnern kann, wurde ich jedes Jahr wegen der Hautkrankheit in irgendein „Bad“ verschickt. 6 Wochen lang. So auch nach Brake an der Weser.
Damals wurden kinderlose Ehepaare verpflichtet, in den Ferien bedürftige Kinder
aufzunehmen (wurde von den Nazis angeordnet).





(3) Ich, hinter mir meine Gasteltern in Brake 1936 - 1937? Da fing alles an
Ich, hinter mir meine Gasteltern in Brake 1936 - 1937? Da fing alles an

 

Wie alt war ich da? Ich schätze mal 6-8 Jahre alt. Meine Gasteltern konnten aber nicht viel mit mir anfangen und so war ich mir überwiegend selbst überlassen. Andere Kinder, mit denen ich hätte spielen können, gab es nicht. So sprach mich eines Tages ein Mann oder älterer Junge, der im Hinterhaus wohnte, an. Er nahm mich mit in seine Wohnung und wir spielten „Mensch ärgere dich nicht“. Arglos, wie ich war, ging ich dann jeden Tag zu ihm. Nach einigen Tagen gingen wir dann in sein Schlafzimmer und setzten uns aufs Bett. Dann zog er plötzlich seine Hose aus und was ich dann sah versetzte mir einen Schock fürs Leben. Ich war wie gelähmt und wußte nicht, was das bedeuten sollte. Ich war nicht aufgeklärt und hatte noch nie einen nackten Mann gesehen. Er beruhigte mich dann, nahm meine Hand und führte sie an seine Genitalien. Ich mußte ihn streicheln am Bauch und an den Beinen, vor allem aber am Penis. Es war schrecklich und ich hatte furchtbare Angst. Mich hat er auch nur gestreichelt, ist aber nie brutal geworden. Ab da ging dieses Spiel fast jeden Tag.
Der Mann hat mich erpreßt. Wenn ich nicht kommen würde, erzähle er es meinen
Gasteltern und dann würde ich zurückgeschickt, oder noch schlimmer, ich käme in ein Erziehungsheim und er ins Gefängnis. Ich hatte nur noch Angst und Alpträume, mir
wüchse auch ein meterlanger Penis, den ich zwischen meinen Beinen hinter mir
herzog. Diesen Alptraum habe ich heute noch. Ich war froh, als die Zeit um war und
ich nach Hause konnte. Aber da habe ich auch nichts gesagt. Von meiner Mutter hätte ich sofort Schläge bekommen. Der Stock lag immer griffbereit auf dem
Küchenschrank. Also habe ich geschwiegen, bis heute. Meine Mutter hätte das
sowieso nicht verstanden. Sie hätte mir sicher noch die Schuld gegeben, weil ich
mitgegangen wäre. Heute weiß ich, das war sexueller Mißbrauch, aber damals, 1935?
Die Seele vergißt nichts!
Ich habe dann gegrübelt, ob andere Mädchen auch schon sowas gemacht haben?
Äußerlich habe ich dieses Erlebnis verdrängt, aber im Unterbewußtsein?
Als ich 15-16 Jahre alt war, Pubertät, war meine Haut wieder sehr schlimm. Ich
suchte einen Hautarzt auf, Dr. Dorr, an der Lotter Straße. Bei mir waren überwiegend die Hände und das Gesicht vom Milchschorf befallen. Am Körper hatte ich so gut wie nichts. Trotzdem mußte ich mich „frei machen“. Bei der ersten Untersuchung habe ich mir noch nichts dabei gedacht. Als ich dann aber jede Woche oben frei machen mußte um die Hände anzuschauen, habe ich den Arzt gewechselt. Bei Dr. Dorr mußte ich mich, Oberkörper frei, auf eine Liege legen. Dann befummelte er mich am ganzen Körper, vor allem an der Brust. Dann zog er mir auch noch den Slip runter.
Ich habe ganz starr gelegen und die Augen zugekniffen und alles über mich ergehen
lassen. Ich ging dann zu Dr. Laue, wo ich heute noch in Behandlung bin (bei seiner
Tochter). Auch sexueller Mißbrauch? Später habe ich gehört, Dr. Dorr war bekannt
für seine Fummelei und er ist bestraft worden.
Mit den Jungens lief es auch nicht so gut. Immer, wenn sie mir „zu nah“ kamen, habe ich Schluß gemacht. Somit hatte ich meistens keinen Freund. Schließlich hatte ich doch mein „erstes Mal“. An einem naßkalten Herbstabend auf einer Betontreppe an der Katharinenstraße (gibt es heute noch). Es war alles andere als ein Glücksgefühl, von dem so viele sprachen. Für mich war es eine große Enttäuschung. Es hat sehr weh getan und geblutet und so richtig geklappt hat es auch nicht. So was brauchte ich nie wieder.
In der Tanzstunde lernte ich dann Paul kennen. Er war klein und hatte eine
piepsige Stimme. Ich hatte das Gesicht kaputt (Haut) und die Hände verbunden. Uns
forderte keiner auf. So haben wir uns gefunden. Wir konnten fantastisch zusammen
tanzen und haben viele erste Preise bekommen. Paul wurde mein Freund. Außer
Schmusen und Küßchen geben war da nichts. Bei meiner Mutter war er gut
angesehen, weil er ein anständiger Junge war. Wegen seiner krankhaften Eifersucht
ging unsere Freundschaft nach 3 Jahren in die Brüche. Das war 1949. Ich war da
schon berufstätig im Fernsprechamt (FA). Gesicht und Hände immer noch nicht besser. Da hörte ich von einer Kollegin, die auch betroffen war, Urin würde helfen. Bei jedem Duschen in verschiedenen Badeanstalten, wir zu Hause hatten kein Badezimmer, habe ich mir über die Hände gepinkelt. Ob es geholfen hat weiß ich nicht, geschadet hat es sicher nicht. Heute gibt es ja Urinsalbe. Nach der Pubertät hat sich meine Haut gebessert. Es gab ja auch gute Salben (Kortison). Dafür bekam ich dann Asthma und eine Allergie, worunter ich heute noch leide.
1954 lernte ich meinen späteren Mann kennen. An einem Sonnabend wollte ich ihn in Bremen, wo er zu einem Lehrgang war, besuchen. Weil ich immer knapp bei Kasse
war, besorgte mir meine Freundin Söfken eine Mitfahrgelegenheit mit einem LKW.
Wir fuhren los. Nach einiger Zeit hielt er an, um zu frühstücken. Dazu kam es aber
nicht. Er zog mich in ein Wäldchen und hat mich brutal vergewaltigt. Ich habe mich
nach Leibeskräften gewehrt, aber er war viel stärker als ich. Er ging dann weg und
ließ mich da liegen. Es war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. (Im Kopf erlebe
ich es heute immer wieder. Ich komme nicht los davon).
Wie lange ich da im Wald verbracht habe, weiß ich nicht. Ich habe fürchterlich
geheult und war total fertig. Ich wußte überhaupt nicht wo ich war. Irgendwie mußte
ich ja wieder nach Hause. Erinnern kann ich mich heute nicht mehr, wie ich zum
Bahnhof Ibbenbüren gekommen bin. Verheult, schmutzig und mit zerrissenem Kleid
mußte ich nun in den Zug steigen. Ich wäre am liebsten in den Erdboden versunken!
Ich hatte das Gefühl, alle Leute kucken mich an. Dann war ich in Osnabrück. Wo
sollte ich nun hin? Nach Hause? Meine Mutter hätte mich totgeschlagen, so wie ich
aussah. Über Nebenstraßen schlich ich mich zu Söfken. Sie wohnte damals beim
Carolineum. Gott sei dank war sie da. Sie war erstaunt, daß ich schon wieder in Osnabrück war. Ich habe ihr dann eine Geschichte erzählt und ich wäre gefallen. So recht geglaubt hat sie mir wohl nicht, aber die Wahrheit habe ich nicht gesagt. Nachdem ich mich sauber gemacht, mein Kleid einigermaßen hergerichtet und gebügelt hatte, ging ich voller Angst nach Hause. Es war aber niemand da. Zum Glück! So brauchte ich keine Fragen zu beantworten. Ich habe mich dann ins Bett gelegt und krank markiert.
Meiner Mutter habe ich auch nichts von der Vergewaltigung (damals kannte man
dieses Wort gar nicht) erzählt. Und mit wem hätte ich sonst darüber sprechen sollen?
Wer hätte mir geglaubt? So habe ich dieses schreckliche Erlebnis bis heute mit mir
rumgetragen (es ist mir sehr schwer gefallen, das alles heute hier aufzuschreiben.
Aber wenn es ausgesprochen ist, geht es mir vielleicht besser?). Seit der V. fällt
mir - außer mit Kindern - „körperliche Nähe“ mit anderen Menschen sehr schwer, wenn doch, kostet mich das eine große Überwindung.
Nach meiner Hochzeit, 1955, veränderte sich mein Leben. Ich hatte einen Mann, den ich liebe, wir hatten eine kleine Wohnung, mit Bad und wir wurden Eltern. Das war so viel Neues, womit ich mich ausgelastet fühlte und die schlimmen Erlebnisse
verdrängt habe. Das ging auch ganz gut, bis dann wieder ein Übergriff auf mich
passierte. Auf dem Weg zum FA folgte mir jemand. In der Bahnunterführung (das war der kürzeste Weg) hat er, es war ein Mann, mich von hinten angegriffen und mic ch berührt. Er hat mich an die Wand gedrückt und an die Brust gefaßt und de  hochgehoben. Mit all meinen Kräften habe ich mich losreißen können und bin
weggelaufen, immer mit der Angst, er kommt mir nach. Völlig aufgelöst kam ich
beim FA an. Habe bis 13.00 Uhr meinen Dienst gemacht, bin dann zu meiner Mutter
gefahren, um meine Tochter abzuholen. Kein Wort von dem Erlebten.



       
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(6) Die "Neue Osnabrücker Zeitung" berichtete am 02.12.1998 über einen vergleichbaren Fall an gleicher Örtlichkeit.

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" berichtete am 02.12.1998 über einen vergleichbaren Fall an gleicher Örtlichkeit.

 

Nach dieser sexuellen Belästigung kamen all die früheren Erlebnisse wieder in mir
hoch und beschäftigen mich bis heute. Die Gedanken kommen und ich kann nichts
dagegen tun.
1957. Wir kauften uns ein TV-Gerät. Damit fing das Zeitalter der Aufklärung in den
Medien an und es wuchs das Wissen auf vielen Gebieten. So sprach man auch offen
über Sexualität. In den folgenden Jahren gab es viele Berichte über dieses Thema und weil ich wenig Ahnung davon hatte, habe ich alles, was darüber gesendet wurde mit großem Interesse verfolgt, bis heute. In den letzten Jahren ist mir immer bewußter geworden, daß ich ein „Mißbrauchsopfer“ bin, ohne es lange Zeit zu wissen. Menschen mit solchen meinen Erlebnissen, sind ganz schwer in der Lage, eine glückliche, sexuelle Beziehung aufzubauen. Es ist mir nicht gelungen. Das „Zusammensein“ mit meinem Mann war für mich wenig lustvoll. Es löste unbewußt eine Blockade in mir aus und ich war wie gelähmt, konnte mich kaum bewegen, vor Angst. Nach außen habe ich mir nichts anmerken lassen. obwohl ich innerlich total zerrissen war und mir nicht erklären konnte, warum ich zur Liebe nicht fähig war. Heute weiß ich es.
Auf den letzten Kilometern meiner Wegstrecke finde ich nun den Mut, dieses alles
aufzuschreiben, was mir schon -zig Jahre im Kopf rumgeht. Ich bin froh, daß es jetzt
alles raus ist. All die Jahre habe ich diese schrecklichen Erlebnisse mit mir
rumgetragen und bin fast daran zerbrochen.
Ich verbarg meine Hilflosigkeit.
Zum Bersten gefüllt war mein Herz mit dem Verlangen, Gutes zu tun, zu lieben.
Meine Tränen galten der verzweifelten Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Harmonie.

Hier endet die schreckliche Schilderung des Missbrauchs eines Mädchens - meiner ersten Frau - und die sich daraus ergebenen Folgen in unserer Ehe.
Unsere erste Wohnung
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34.1.  Eheleben – Angst bestimmte das Leben meiner Frau Lydia .

Unsere erste Wohnung

Unsere erste Wohnung Bohmter Strasse 25

Es war uns bewusst, dass wir in meiner Einzimmer-Junggesellenwohnung an der Laischaftsstrasse kein Familienleben führen konnten. Lydia wohnte deshalb weiter bei ihren Eltern am Kirchenkamp 29. Dies war keine Lösung auf Dauer. Daher machten wir uns als Ehepaar auf die Suche nach einer unseren finanziellen Möglichkeiten angepassten kleinen Wohnung.

Ein Zufall kam uns dann zu Hilfe. Durch Bekannte hatten wir erfahren, dass an der Bohmter Strasse 25 ein Haus bezugsfertig geworden, aber noch nicht vermietet worden sei. Als Hauseigentümer wurde uns der Inhaber der Firma Brück-Schlösser angegeben. Bei ihm meldeten wir uns und trugen ihm den Wunsch vor, uns bei der Vergabe der Wohnungen zu berücksichtigen.


(1) Osnabrück, Bohmter Strasse 25, 2. Obergeschoss, linkes Fenster: das war das Fenster unseres Schlafzimmers . Das Foto von heute (2018) zeigt nur eine Veränderung: Das Schaufenster der Bäckerei-Filiale im Erdgeschoss (links) gibt es nicht mehr.
Osnabrück, Bohmter Strasse 25, 2. Obergeschoss, linkes Fenster: das war das Fenster unseres Schlafzimmers . Das Foto von heute (2018) zeigt nur eine Veränderung: Das Schaufenster der Bäckerei-Filiale im Erdgeschoss (links) gibt es nicht mehr.

 

Wir haben vermutlich einen guten Eindruck auf Herrn Brück-Schlösser gemacht zu haben. Auch scheinen unsere guten finanziellen Verhältnisse ausschlaggebend gewesen zu sein, denn wir mussten einen höheren Betrag als Mietvorauszahlung leisten. Wir bekamen nach kurzer Zeit einen Anruf, dass wir in seinem Büro vorbei kommen könnten, um den Mietvertrag für die Wohnung Bohmter Strasse 25 zu unterschreiben. Uns hatte man die Wohnung in der 2. Etage zugeteilt. Das Schlafzimmer befand sich zur Strasse, das Wohnzimmer (und die Küche) lagen zum Garten. Ob dieses Erfolges bei der Wohnungssuche waren wir überglücklich.

Nun konnten wir dort für den Anfang unserer Ehe in der 2-Zimmer-Wohnung ein gemütliches Nest planen und einrichten.


Der Weg zu unserer Arbeitsstelle (Möserstrasse 19) war auch kürzer geworden. Damit hatten wir als Fussgänger (besonders Lydia vom Kirchenkamp) eine grosse Zeitersparnis erreicht. Es war ein besonderer Glücksfall, für uns junge Familie so schnell eine für unsere Bedürfnisse grosse Wohnung bekommen zu haben.
Nun hatten wir uns für den Anfang unserer Ehe schon ein gemütliches Nest gebaut. Wir fühlten uns wohl, ich, weil ich nicht mehr der Aufsicht von Frau Langschmidt ausgesetzt war und Ly, weil sie  der Enge der Wohnung ihrer Eltern und Geschwister entkommen war.

Im Haus Bohmter Strasse 25 zogen nach und nach die weiteren Familien ein. Wir hatten nette Nachbarn und haben sehr schnell guten Kontakt zu ihnen bekommen.

Unser Flurnachbar war die Familie Juranek, zu der wir im Laufe der Zeit ein gutes Verhältnis bekamen. Auch eine über uns wohnende einzelne Dame (den Namen habe ich vergessen) hatte uns in ihr Herz geschlossen und es ergab sich ein herzlicher Kontakt.

Im Erdgeschoss etablierten sich eine Bäckereifiliale und ein Nähmaschinengeschäft. Für unser Frühstück konnten wir somit in Pantoffeln frische Brötchen holen, einfacher ging es ja nicht.

Nachdem wir uns dort gut eingelebt hatten und uns auch gegenseitig aneinander gewöhnt hatten, wollten wir dann auch kirchlich heiraten.



Der erste Spaziergang an der Sicherheitsleine vor unserer Wohnung an der Bohmter Strasse
Wie habt ihr eure Wohnung ausgestattet?
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34.1.  Eheleben – Angst bestimmte das Leben meiner Frau Lydia .

Wie habt ihr eure Wohnung ausgestattet?
Für unsere Wohnung mussten wir dann verschiedene Anschaffungen machen.
Die ersten Möbel hatte ich ja schon zur Einrichtung  meines Junggesellenzimmers gekauft. Die vorhandene Schlafcouches wurde mit 2 Sesseln ergänzt und mit Kleinmöbeln wurde unser Wohnzimmer ausgestattet. Die Kücheneinrichtung haben wir vom Wohnzimmer mit dem vorhandenen Kleiderschrank abgetrennt, der zur Küche hin zu öffnen war und der statt mit Kleidern mit den Küchengeräten gefüllt wurde.
Beim Schlafzimmermöbel einigten wir uns auf Birke, das 1955 sehr in Mode war und beim grossen Kleiderschrank eine schöne Oberfläche ergab. Das Schlafzimmer haben wir dann bei der Firma Sandkühler ausgesucht.  Dazu kauften wir dreiteilige Schlaraffia-Matratzen; sie stellten damals den höchsten Schlafkomfort dar.  Als Zudecke leisteten wir uns dann teure Daunendecken, die wir direkt bei der Herstellerfirma zu einem günstigeren Preis erstehen konnten. 
Die gute Daunendecke hat sich im Laufe der Jahre gut bewährt und die hohen Anschaffungskosten haben sich gelohnt.
Ich hatte einen Etat aufgestellt, in welchem finanziellen Rahmen wir uns bewegen konnten, Weil ich bisher sehr sparsam gelebt hatte, konnte ich bei meiner Heirat über mehr als 10.000,00 DM verfügen. Somit brauchte ich keinen Kredit aufzunehmen und konnte „aus dem Vollen schöpfen“. Einen Posten hatte ich jedoch völlig falsch kalkuliert: Gardinen und Vorhänge. Dafür mussten wir etwa das dreifache ausgeben. Ich hatte nicht daran gedacht, dass man diese Fensterdekoration etwa dreifach nehmen musste und ich mit dem einfachen Mass völlig daneben lag.  Küchengeschirr usw. kauften wir bei einem Grosshändler ein, zu dem Lydia Beziehungen hatte.
Unsere beiden Zimmer hatten wir also mit einfachen Mitteln möbliert und konnten dann einziehen. Beim Umzug half uns dann mein Kollege Horst Haase, der die wenigen Möbelstücke von der Laischaftsstrasse zur Bohmter Strasse mit seinem Dienstwagen transportierte.
 

 

War jemand von euch vermögend?
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34.1.  Eheleben – Angst bestimmte das Leben meiner Frau Lydia .

War jemand von euch vermögend?
Im Juni 1948 war die Währungsreform. Statt der bisherigen Reichsmark gab es neues Geld, die D-Mark (Deutsche Mark). Das alte Geld wurde im Verhältnis 1:10 umgetauscht. Als Erstausstattung erhielt jeder Einwohner 40,00 DM.

Auf meinen Sparbüchern lagen etwa 5.000,00 Reichsmark, die nun entsprechend abgewertet wurden.

Weil ich sehr sparsam gelebt habe, hatte ich  bei meiner Familiengründung (1955) bereits ein kleines Vermögen angespart. Mir standen zur Finanzierung unserer notwendigen Auslagen (Wohnungseinrichtung, Mietvorauszahlung usw.) etwa 15.000,00 DM zur Verfügung. Lydias Beitrag bestand aus ihrer Aussteuer  (in einem Reisekoffer), Ersparnisse hatte sie dagegen nicht machen können, weil sie von ihrem Gehalt noch ihre Eltern  unterstützen musste.
Wie ich meine erste Ehefrau kennen lernte
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34.2.  Eheleben – Wie ich meine erste Ehefrau kennen lernte.
Lydia Müller lernte ich während meine Dienstzeit beim Fernmeldeamt Osnabrück kennen. Ich war dort im Wechseldienst - gemeinsam mit meinem Kollegen Werkmeister Heinz Krone - mit der Wartung und Entstörung der cirka 50 Fernschränke im Fernamt beauftragt. Zu der Zeit (1954) gab es noch keinen Selbstwähl-Ferndienst. Der Fernsprechteilnehmer musste seine Ferngesprächswünsche durch wählen einer „0“ bei dem sich dann meldenden „Fräulein vom Amt“ anmelden. Diese Verbindungswünsche wurden von ihr auf einem Gesprächszettel notiert und dann die Gespräche vermittelt.

Durch meine Tätigkeit im Fernamtssaal hatte ich also viele Möglichkeiten, mit den dort beschäftigten jungen Mädchen in Kontakt zu treten. Aber eine gewisse Scheu hinderte mich daran, eine aus der Vielzahl der hübschen Frauen zu meiner Freundin zu machen. Ich fürchtete das Gerede und Getuschel, wie es damals üblich war. Auch eventuelle berufliche Nachteile (ich war ja noch in der Ausbildung zum Telegraphen-Werkführer) hätten mir Schwierigkeiten bereiten können. Ausserdem hatte ich erfahren, dass die meisten Mädchen nicht bereit waren, sich mit einem Handwerker anzufreunden. Es musste schon ein Beamter sein. Da ich das noch nicht war, vermied ich engere Kontakte zum weiblichen Geschlecht im Fernamt.

Trotzdem war ich auf der Suche nach einer festen Freundin sowohl in Osnabrück als auch in Lingen, wo ich häufig als Urlaubsvertreter des Werkmeisters im Fernschreibamt eingesetzt war. Aber da musste ich zu meinem Bedauern feststellen, dass die mich interessierenden Frauen entweder verheiratet waren oder einen festen Freund hatten. Ganz ohne Frauen-Kontakte war ich jedoch nie. Aber unter den wenigen Bekanntschaften war keine, die mich fesseln konnte und die ich hätte heiraten wollen. Und eine wirkliche Liebe war auch nicht darunter. So kam es, dass ich auf die „dreissig“ zuging und auf dem besten Weg war, ein alter Junggeselle zu werden. Das wollte ich aber sicher nicht sein, und ich gab die Hoffnung nicht auf, eines Tages doch meine grosse Liebe zu treffen. Trost gab mir auch die Feststellung, dass mein Vater bei seiner Heirat mit meiner Mutter ja schon fast vierzig Jahre alt war. Und das würde auf meine Person bezogen ja bedeuten, dass ich noch 10 Jahre Zeit für eine Brautschau hätte. Dann kam aber meiner Suche nach einer festen Freundin doch noch etwas zu Hilfe: ein mehrwöchiger Lehrgang in Bremen.


Es begann in Bremen

Meine Ausbildung für den mittleren fernmeldetechnischen Dienst (Werkmeister-Laufbahn) sah vor, zuerst eine zweite Gesellenprüfung als Fernmeldehandwerker abzulegen. Das war die Voraussetzung für die Zulassung zur Werkführerprüfung. Dazu war ich für sechs Monate nach Oldenburg versetzt worden. In der Lehrwerkstatt beim Zeugamt musste ich - wie im ersten Lehrjahr zu meiner Prüfung als Telegraphenbaulehrling - das Arbeiten mit Feile und Drehbank lernen. Die dort von mir gefertigten Werkstücke befinden sich noch heute bei mir im Büro. Sie erinnern mich daran, dass ich einmal ein guter Feinmechaniker war.

In diese Zeit fielen verschiedene technische Lehrgänge, die ich besuchen musste und die alle in Bremen stattfanden. Darunter befand sich auch ein so genannter Wählamts-Lehrgang, der sich über sechs Wochen erstreckte. In Bremen waren wir auswärtigen Lehrgangsteilnehmer im Postwohnheim in der Nähe des Rathauses amtlich unentgeltlich untergebracht, und zwar in einem Zimmer mit sechs Betten.

Zur gleichen Zeit wurde für die weiblichen Angestellten ein Lehrgang zur Vorbereitung auf die Prüfung für den mittleren Fernmeldedienst (Postassistentin) abgehalten, an dem auch vier Kolleginnen aus Osnabrück teilnahmen. Das waren Barbara (Bärbel) Schmidt, Irmhild Haase, Lydia Müller und eine Kollegin, deren Name mir entfallen ist. Auch sie schliefen in diesem Postwohnheim in einem benachbarten Zimmer auf demselben Flur.
Es hatte sich eingebürgert, den ersten und vorletzten Lehrgangstag in Bremen gemütlich zu feiern. Die auswärtigen Kollegen hatten dafür den Ratskeller im Rathaus ausgesucht, der ja durch seine grossen Weinfässer weithin bekannt ist. Bei einigen Schoppen Wein kam stets eine gute Stimmung auf und man unterhielt sich lautstark. Das wurde aber von den anderen Gästen nicht gern gesehen. Und ein einziges Mal, als wir ein Lied angestimmt hatten, wurden wir vom Personal verwarnt. Wir müssten dann den Ratskeller verlassen, wenn wir weiter durch unseren Gesang die anderen Gäste belästigen würden.
Also waren wir folgsam, und wenn es uns nach einem gemütlichen Abend zu Mute war, suchten wir eine Gaststätte mit einem Schifferklavierspieler auf. Zu seinen Melodien konnten und durften wir dann auch singen, und damit waren es immer sehr schöne Stunden im Kreise der Kollegen. Eine Spezialität in dieser Gaststätte war ein Getränk mit den Helgoländer Farben. Da wurden drei verschiedenfarbige Liköre in ein Glas gegeben: grün, rot und weiss. Grün für das Land, rot für die Kant, weiss für den Sand. Dieses Gemisch sah nicht nur gut aus, es schmeckte auch vorzüglich und wir machten reichlich Gebrauch davon.

Eine bessere Umgebung fanden wir in einem Restaurant auf dem Wall, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Es war im bayrischen Stil eingerichtet; an langen Tischen sassen die Gäste, mit denen man rasch in Kontakt kam. Dort spielte eine 4-Mann-Kapelle, in deren unmittelbarer Nähe wir jeweils Platz nahmen. Weil wir dort häufig anzutreffen waren, hatte sich ein guter Kontakt zu den Musikern gebildet. Sie spielten dann viele Stücke der von uns geäusserten Wünsche.

An den unterrichtsfreien Wochenenden fuhr ich nicht immer nach Osnabrück zurück, sondern verbrachte dann die Freizeit mit Ausflügen in die Umgebung von Bremen. Häufig war ich dann in Worpswede, dem Künstlerdorf, anzutreffen. Bei diesem Lehrgang war es aber anders. Weil von den Osnabrücker Mädchen nur Lydia Müller in Bremen blieb, fühlte ich mich veranlasst, ihr Gesellschaft zu leisten. Ich lud sie bei dieser Gelegenheit ein, mit mir an einem Chrysanthemen-Ball teilzunehmen. Sie nahm die Einladung an, und so verbrachten wir einen gemütlichen Abend miteinander. Weil ich bisher keinen Tanzkursus besucht hatte, war ich kein guter Tänzer. Aber die damals üblichen Standardtänze konnte ich doch einigermassen gut hinlegen und machte keine groben Fehler. Auch traten meine Füsse nicht häufig auf ihre Schuhe. Nachdem wir Brüderschaft getrunken hatten, waren wir beim „Du“ angelangt. Ich fragte sie dann, ob sie einen Freund habe. Sie hatte einen, wie sie mir verriet. Es war ein gemeinsamer Kollege beim Fernsprechamt Osnabrück aus dem Wählerdienst. Er hiess Albert Weinrich und wohnte in Ostercappeln. Aber ihren Worten konnte ich entnehmen, dass es keine feste Freundschaft, sondern nur eine lose Bekanntschaft war. So hatte ich dann keine Hemmungen, in diese „Bekanntschaft“ einzudringen. Die uns beim Eingang zum Ballsaal ausgehändigte (Papier-) Chrysantheme erklärten wir zu unserem Freundschaftstalisman, sie wurde von uns noch lange in unserer Wohnung aufgehoben.
Weiter ging es in Osnabrück
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34.3.  Eheleben – Weiter ging es in Osnabrück.

Seit meiner Versetzung zum Fernsprechamt (später umbenannt in Fernmeldeamt) Osnabrück im Jahr 1952 hatte ich bei verschiedenen Vermietern in möblierten Zimmern gewohnt. Das hatte ich aber nur als vorübergehende Lösung betrachtet und schon recht schnell bei der Stadt einen Antrag auf Zuweisung eines Leerraumes gestellt.

Das war gar nicht einfach, denn durch den Bombenkrieg waren in Osnabrück viele Häuser zerstört oder schwer beschädigt worden und der Wohnraum knapp. Er war bewirtschaftet und nur mit einer Dringlichkeits-Bescheinigung des Fernmeldeamtes wurde mir 1954 ein Leerzimmer bei Frau Anna Langschmidt in der Laischaftsstrasse 37 zugewiesen. Die alte Dame war sehr nett zu mir - ihrem Wohnungsteilhaber - der ihr das Wohnzimmer ihrer 2-Zimmer-Wohnung genommen hatte. Wir nahmen meist gemeinsam die Mahlzeiten in ihrer geräumigen Wohnküche ein (Frühstück und Abendessen, Mittags ass ich in der Postkantine). Für sich kochte sie gern Griespudding, und das, was sie selbst davon nicht ass, durfte ich „geniessen“.

Zuerst musste ich nun für die Einrichtung meines Leerzimmers sorgen. Dafür erachtete ich folgende Gegenstände als notwendig: eine Schlafgelegenheit, einen Kleiderschrank sowie einen Tisch und eine Sitzgelegenheit. Meine Überlegungen kamen zu dem Ergebnis, dass ich zweckmässiger Weise kein Bett, sondern eine Schlafcouch kaufen sollte. Diese müsse entsprechend meiner Körpergrösse (1,90 Meter) nicht auszuziehen, sondern an den Seitenteilen abklappbar sein. Das ergab dann eine Länge von über 2,00 Meter. Fündig wurde ich bei dem Polstergeschäft Schmieding, die mir dann eine mit Epingle bezogene Couch zum Preis von 392,78 DM anfertigten. Der Preis erschien mir hoch - immerhin waren das für mich zwei Monatslöhne - aber es war ja keine Massenware, sondern eine gute Polstererarbeit. Und die hat sich dann auch bewährt. Meine Erwartungen daran wurden vollauf erfüllt und ich habe gut darauf schlafen können.

Die restlichen Einrichtungsgegenstände waren schnell gekauft und so konnte ich im Laufe des Monats Mai 1952 in meine eigene Wohnung einziehen. Die Gardinen hatte mir Frau Langschmidt zur Verfügung gestellt, und so brauchte ich zum Sichtschutz nur ein Rollo zu beschaffen.

Frau L. war erfreut, in mir nun einen Gesprächspartner zu haben. Kaum war ich von der Arbeit in meinem Zimmer angekommen, klopfte sie an meine Tür und ihre Worte: Herr Brinck, möchten sie noch etwas haben? forderten mich auf, zu ihr in die Küche zu kommen. Meist hatte sie dann eine Kleinigkeit zu Essen bereit, und die Einladung dazu habe ich sehr gern angenommen.

Bei den Gesprächen ging es oft um ihre persönlichen Probleme, besonders auch um die Ehe mit ihrem verstorbenen Mann, die sie als Josefs-Ehe bezeichnete. Trotz der körperlichen Abstinenz habe sie eine gute und glückliche Ehe geführt, wie sie mir bestätigte. Sie trauere noch immer und war über seinen plötzlichen Tod, über den ich umfassend informiert wurde, sehr bestürzt. Er war im Badezimmer auf der Toilette verstorben. Weitere Einzelheiten will ich aber hier nicht ausbreiten.

Mein gutes Verhältnis zu ihr wurde aber für mich zur Belastung, als ich ihr von meiner neuen Freundin Lydia erzählte. Natürlich nahm ich Lydia mit in meine neue „Wohnung“ und stellte sie auch Frau Langschmidt vor. Die beiden Frauen, so schien es mir, waren aber sehr zurückhaltend zu einander. Wenn wir gemeinsam im Zimmer waren, kam es häufig vor, dass Frau Langschmidt an die Tür klopfte und fragte, ob wir etwas haben möchten. Das störte uns sehr. Obwohl sie uns nie in einer verfänglichen Situation überrascht hat, waren wir doch immer in Erwartung eines „Überfalls“ auf unser Zusammensein. So schön das von mir gebaute „Nest“ auch war, diesen Nachteil wog es nicht auf. Auch die Bedingung, im Badezimmer (laut Mietvertrag ohne Badbenutzung) nur das Waschbecken und die Toilette benutzen zu dürfen, schränkte meinen Bedarf nach Sauberkeit doch sehr ein. Vorteilhaft war dagegen der Mietzins, er betrug 17,00 DM plus 2,80 DM Untermietzuschlag pro Monat. Trotzdem waren Lydia und ich uns einig, dass wir uns gemeinsam auf Wohnungssuche begeben wollten. Voraussetzung für die Zuweisung einer Wohnung war aber, dass man verheiratet sein musste. Um diese Bedingung zu erfüllen, stand unser Entschluss fest: wir werden heiraten.
Verlobung und standesamtliche Heirat
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34.4.  Eheleben – Verlobung und standesamtliche Heirat.

Früher war es üblich, sich vor der Hochzeit zu verloben. Und das haben wir dann auch getan. Am 6. März 1955 haben wir uns verlobt. Vorausgegangen war unser gemeinsamer Besuch bei meiner Mutter in Lingen. Ich musste ihr doch meine künftige Frau, ihre Schwiegertochter, vorstellen. Sie freute ich sehr und war froh, dass ihr ältester Sohn nun eine Frau gefunden hatte, die ihr auch gefiel. Ich brachte ihr somit eine Tochter ins Haus, die sie sich vergeblich gewünscht hatte: sie hatte ja „nur“ drei Jungen zur Welt gebracht.



(1) Meine Mutter freut sich über ihre neue Schwiegertochter (Verlobung Lingen am 06.03.1955)
Meine Mutter freut sich über ihre neue Schwiegertochter (Verlobung Lingen am 06.03.1955)

 

Nach einer Feier im kleinen Kreis, an der neben Mutter auch Onkel Anton (mein Patenonkel) mit seiner Frau teilnahm, waren wir am nächsten Tag in Osnabrück bei Lydias Eltern zur offiziellen Verlobungsfeier eingeladen. Neben meinen Schwiegereltern waren noch anwesend: die Eltern meiner Schwiegermutter und die Familie ihrer Schwester, Lydias Schwestern Rut und Renate, sowie einige Nachbarn vom Kirchenkamp. Es war eine lustige Gesellschaft, die in der kleinen Wohnung meiner Schwiegereltern kräftig auf unser Wohl anstiessen. Wir nahmen ihre Glückwünsche entgegen, ohne ihnen aber zu verraten, dass wir schon einige Tage später standesamtlich heiraten wollten. Den Termin hatten wir für den 11.März 1955 vorgesehen. Als Trauzeugen waren von uns meine Kusine Irmgard Lage (von der Kriminalpolizei Osnabrück) und unser Kollege Horst Haase vorgesehen.


Die Heiratsformalitäten fanden dann in der Stadtwaage statt (neben dem Osnabrücker Rathaus). Ausser uns waren keine weiteren Zuschauer anwesend, wir hatten alles doch geheim halten können. Nach der Trauung gingen wir in ein Restaurant an der Hasestrasse, wo wir uns ein gutes Mittagessen bestellten. Besondere Begebenheiten an diesem Tag sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Wir beiden Eheleute haben in meiner 1-Zimmer-Junggesellenwohnung den Rest des Tages in gemütlicher Zweisamkeit verbracht. Erst am nächsten Tag hat Lydia ihren Eltern von unserer vollzogenen Eheschliessung berichtet. Unsere Geheimniskrämerei fand bei ihnen natürlich keine Zustimmung. Gerne wären sie - besonders meine Schwiegermutter - bei dieser Trauung dabei gewesen. Aber wir hatten das nicht gewünscht, und somit waren sie vor vollendete Tatsachen gestellt worden.
Heute habe ich Verständnis für ihren Ärger, zumal wir ja schon eineinhalb Jahre später auf die Hilfe meiner Schwiegermutter bei der Pflege unserer Tochter Anette angewiesen waren.





(2) Das junge Ehepaar Lydia Brinck, geb. Müller und Hans Brinck vor dem Standesamt Osnabrück am 11.03.1955.
Das junge Ehepaar Lydia Brinck, geb. Müller und Hans Brinck vor dem Standesamt Osnabrück am 11.03.1955.

 

 

 

Kirchliche Heirat in Arenberg
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34.4.  Eheleben – Verlobung und standesamtliche Heirat.

Kirchliche Heirat in Arenberg
Kirchliche Heirat in Arenberg

Unsere weiteren Pläne betrafen unsere kirchliche Heirat. Lydia hatte den Wunsch, dass wir uns ohne grosses Trara (das heisst ohne Verwandtschaft usw.) trauen lassen. Sie schlug vor, in der Stiftskirche zu Maria Laach zu heiraten. Als sie uns dort anmelden wollte, bekam sie leider eine negative Antwort. Zu dem von uns vorgesehenen Zeitpunkt (Anfang Oktober 1955) waren in der Kirche bauliche Massnahmen vorgesehen und somit konnten dort keine Trauungen stattfinden. Als Notlösung haben wir dann die in der Nähe von Koblenz gelegene Wallfahrtskirche St. Nikolaus in Arenberg ausfindig gemacht. Im Hotel „Roter Hahn“ mieteten wir uns für drei Tage ein. Der Heiratstermin sollte der 22. Oktober 1955 sein.
Für diesen Tag hatten wir in einem Blumengeschäft einen schönen Brautstrauss bestellt. Lydia hatte sich einen Strauss aus weissen Chrysanthemen gewünscht. Diese grossen, sternförmigen Blüten sollten eine Erinnerung an unser erstes Kennenlernen beim Chrysanthemenball in Bremen sein. Als wir ihn abholen wollten, kam die grosse Enttäuschung. Die bestellten Chrysanthemenblüten waren vom Grosshändler nicht geliefert worden. Als Ersatz bot man uns nun einen Strauss aus den ähnlich aussehenden Asternblumen an. Für Lydia war das ein Schock, aber es liess sich leider nicht mehr ändern. So „ausgerüstet“ traten wir vor den Altar. Als Trauzeugen fungierten zwei uns fremde Personen. Ein Fotograf war auch zur Stelle, der diesen wichtigen Vorgang dann dokumentierte.



(1) Die kirchliche Trauung in Arenberg
Die kirchliche Trauung in Arenberg

 

 

Flitterwochen in Stierhöfstetten
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34.5.  Eheleben – Flitterwochen in Stierhöfstetten.

Weiterfahrt nach Stierhöfstetten


Von Koblenz-Arenberg fuhren wir nun weiter mit der Eisenbahn nach Scheinfeld. Das ist der nächstgelegene Bahnhof unseres Zielortes Stierhöfstätten. Dort wollten wir unsere Flitterwochen verleben. Weil uns das Geld für eine grössere Reise fehlte, hatten wir die Einladung von Lydias Bekannten angenommen. Sie holten uns vom Bahnhof Scheinfeld ab und fuhren uns mit ihrem Auto in das 10 Kilometer entfernte Dorf, das nur aus wenigen Häusern bestand. Dort hatte Lydia mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern in den letzten Kriegsjahren gelebt. Sie waren wegen der vielen Bombenangriffe auf Osnabrück nach dort evakuiert worden. Sie waren recht freundlich von den Stierhöfstättern aufgenommen worden und bekamen bei einer netten Familie Unterkunft. Diese Familie hatte kurz vor dem Krieg ihren Aufenthaltsort nach dort verlegt, nachdem sie aus Afrika, wo sie als Farmer gelebt hatten, ins Reich heimgekehrt waren.
So wurden Lydia und ich auch herzlich aufgenommen. Am ersten Abend unseres Aufenthalts haben wir unsere Trauung bei einigen Flaschen Johannisbeerwein tüchtig gefeiert.
Kinder
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35.  Kinder

 

(1) Unsere Kinder: 1. Anette Rut *28.07.1956, 2. Hans-Stefan * 05.04.1962
Unsere Kinder: 1. Anette Rut *28.07.1956, 2. Hans-Stefan * 05.04.1962

 

 


 

 

 

 

Unser erstes Kind Anette Rut
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35.1.  Kinder – Unser erstes Kind Anette Rut.
Nach all den Formalitäten, die zu einer Familiengründung gehören, konnten wir nun auch mit unserer Familienplanung beginnen. Es stellten sich bei Ly die ersten Anzeichen einer Schwangerschaft ein. Diese hatten zur Folge, dass sie Beschwerden bekam und befürchten musste, dass eine Fehlgeburt eintreten könne. Ly wurde deshalb für mehrere Wochen krank geschrieben. Aber zum Glück hat sie dann auch die letzten Monate der Schwangerschaft gut und ohne grössere Komplikationen, aber doch mit allerlei Beschwerden überstanden

Nun konnte die Geburt stattfinden. Wir wählten dafür die Privat-Frauen-Klinik von Dr. Uthmöller
an der Schlagvorderstrasse 11 aus. Der Zufall wollte es, dass die Geburt von unserer Tochter Anette auf den gleichen Tag wie der Geburtstag von Lydia fiel, auf den 28. Juli.

In der Klinik waren Mutter und Kind gut aufgehoben. Mich hat man dort auch in die Pflege eines Säuglings eingeführt und ich lernte, Anette zu baden, zu pudern usw. und sie auch zu wickeln und zu füttern. Eine für mich erst ungewohnte, aber später zu Haus eine ganz normale Tätigkeit. Alles Notwendige für unser Baby hatten wir rechtzeitig gekauft und so konnte unser Familienleben problemlos beginnen.

Anette war ein herziges Kind, ganz lieblich anzuschauen. Wir Eltern waren sehr stolz auf unser „Produkt“ - was sicher auch andere Eltern von ihrem Nachwuchs sagen. Aber Anette - wir riefen sie „Küki“ - hatte ein besonders süsses Aussehen, was auch die Bilder von ihr aus dem ersten Lebensjahr zeigen.
 





(1) Hier sind vier Generationen vereint: Urgrossmutter Dräger, Grossmutter Müller, Mutter Lydia Brinck und Tochter Anette Brinck

Hier sind vier Generationen vereint: Urgrossmutter Dräger, Grossmutter Müller, Mutter Lydia Brinck und Tochter Anette Brinck

 

Auch die Gross- und Urgrosseltern hatten viel Freude an ihrem Enkel- und Urenkelkind. Besonders freute sich meine Mutter - die sich selbst immer als erstes Kind ein Mädchen gewünscht hatte, aber leider nur mich, einen Jungen, geboren hatte. Ihre Idee war, dass ein Mädchen ihr später bei der Hausarbeit behilflich sein könnte. Dieser Wunsch ist ihr leider (Gottseidank für mich!) nicht erfüllt worden.



(2) Und hier besuchen wir meine Mutter, die sich über ihr Enkelkind Anette freut
Und hier besuchen wir meine Mutter, die sich über ihr Enkelkind Anette freut

 

Lydia und ich waren nicht auf ein bestimmtes Geschlecht unseres ersten Kindes eingestellt. Bis zur Geburt hatten wir auch keine Ahnung, ob wir einen Stammhalter oder „nur eine Tochter“ bekommen würden. Ultraschallbilder mit der Geschlechtsbestimmung gab es 1956 noch nicht, und damit war die Spannung bis zum letzten Augenblick gewahrt. Froh waren wir Eltern besonders darüber, dass Anette als ein ganz gesundes Kind geboren wurde.

Anette entwickelte sich gut und sie wurde von schweren Kinderkrankheiten verschont. Die einzelnen Entwicklungsdaten sind in ihrem Fotobuch aufgezeichnet, das mir leider nicht vorliegt. Ich weiss also nicht, wann sie ihren ersten Zahn bekam, wann sie die ersten Worte sprach usw. So kann ich nur aus meiner Erinnerung heraus die nachfolgenden wichtigsten Ereignisse schildern.

Mit cirka einem halben Jahr sprach sie die ersten Worte : Mama, Papa, Oma usw.

Mit etwa 8 Monaten begannen ihre ersten Gehversuche.

Ich musste ihr sehr viel aus den bebilderten Kinderbüchern vorlesen. Teilweise konnte sie dann den vorgelesenen Text nachplappern. Besonders interessierte sie sich für die einzelnen Buchstaben, die ich ihr auf einprägsame Weise erklärte. Beispiel:
Aus den Buchstaben A und U bildete ich das Wort AU (Schmerz), die Buchstaben E und I ergaben dann EI. Durch das hinzufügen von weiteren Buchstaben zu den vorstehenden Grundbegriffen erweiterte ich ihre Kenntnisse (Beispiel EI und S ergibt EIS usw.) Dieses von ihr gewünschte Training war sehr erfolgreich, so dass sie schon bald die Texte allein lesen konnte.

Ein Ereignis ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Anette war ca. 3 1/2 Jahre alt, als ich mit ihr im Postamt Möserstrasse etwas zu erledigen hatte. Während ich in der Schlange vor dem Schalter wartete, setzte sie sich vor ein Pult und schrieb etwas auf einen Zettel. Als ich vom Schalter zurück kam, zeigte sie mir ganz stolz, was sie geschrieben hatte. Mit Grossbuchstaben hatte sie A N E T T E geschrieben. Ich war sehr überrascht, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass sie sich gemerkt hatte, wie sie ihren Namen schreiben musste. Und das auch noch fehlerfrei.

Sie war also sehr wissbegierig und lernte schnell. Das waren also beste Vorbedingungen für einen guten Start in der Schule. Sie machte uns auch dort  viel Freude und brachte gute Zeugnisse mit nach Hause.
Arbeitsteilung zwischen uns und Lydias Mutter
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35.2.  Kinder – Arbeitsteilung zwischen uns und Lydias Mutter.
Probleme gab es aber dann doch, als die Mutterschaftswochen vorbei waren. Danach musste Lydia ihre Arbeit als Fernmeldesekretärin beim Fernmeldeamt Osnabrück wieder aufnehmen. Da brauchten wir also als Hilfe jemand, der auf Küki aufpassen und unseren Säugling pflegen konnte. Lydias Mutter erklärte sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Ihr brachten wir Anette dann während unserer Dienstzeit. Das hat so lange gedauert, bis unser 2. Kind geboren war und Lydia dann ihr Dienstverhältnis gekündigt hat (1962).
Unser zweites Kind Hans-Stefan
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35.3.  Kinder – Unser zweites Kind Hans-Stefan.
Vorfreude auf unser zweites Kind

Zu Beginn des Jahres 1960 bekam ich starke Ischias-Beschwerden. Die Schmerzen zogen von der linken Hüfte bis in die Zehenspitzen. Sie behinderten mich bei meiner Büroarbeit in der Hausverwaltung des Fernmeldeamtes, weil ich am Schreibtische eine bestimmte Haltung einnehmen musste, um einigermassen schmerzfrei zu sein. Die Amtsleitung hatte mir darum einen besonderen, eigentlich nur den höheren Beamten vorbehaltenen Sessel zur Verfügung gestellt.

Als die Schmerzen aber fast unerträglich wurden, suchte ich im September 1961 einen Arzt in der Nähe unserer Wohnung auf. Der verpasste mir eine Spritze in den unteren Rücken. Er muss dabei wohl eine falsche Stelle erwischt haben, denn die Schmerzen wurden danach so stark, dass er mich umgehend in das Marienhospital überwiesen hat. Dort wurde ich mit den richtigen Schmerzmitteln behandelt und war am nächsten Tag schmerzfrei. Die Ischiasschmerzen habe ich bis zum heutigen Tag nicht wieder bekommen.

Ich wurde dann im Krankenhaus gründlich untersucht, um die Ursache meiner Beschwerden ausfindig zu machen. Zwei Dinge vermutete man dann als Ursache: vereiterte Mandeln und schadhafte Zähne. Für das Erstere empfahl man mir eine sofortige Operation der Mandeln. Sie wurde von einem Arzt ausgeführt, den man als „Schlachter“ bezeichnete. Der konnte aber nichts dafür, dass ich nach der Spritze in den Rachenbereich unvorstellbare Kopfschmerzen bekam. Sie waren so stark, dass ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre. Der Arzt erkannte das, und handelte schnell. Von der dann beginnenden Operation habe ich kaum etwas gemerkt..

Bei diesem Krankenhausaufenthalt, der 17 Tage dauerte, habe ich nicht nur meine Schmerzen und meine Mandeln verloren, sondern auch mein Rauchbedürfnis. Das ist für mich ein erwähnenswertes Ereignis, denn es sind nun über 55 Jahre vergangen, dass ich ein Nichtraucher geworden bin. Keinen einzigen Zug an einer Zigarette habe ich mehr gemacht, und das verdanke ich meinen wegoperierten Mandeln.

Warum erzähle ich das im Zusammenhang mit diesem Abschnitt meiner Lebenserinnerungen? Meine Frau besuchte mich mit Anette oft im Marienhospital. Bei einem ihrer Besuche erfuhr ich von ihr, dass sie schwanger sei. Das hat sie mir mit den Worten: „Ich habe dich hereingelegt, jetzt wirst du erneut Vater“. Diese Nachricht hat mich natürlich überrascht und erfreut zugleich. Lydia und ich hatten uns nach der Geburt von Anette keine Gedanken über unsere weitere Familienplanung gemacht. Ein weiters Kind war aber vorläufig nicht von uns geplant. Deshalb liess Ly , als sie drei Monate nach Anettes Geburt wieder schwanger war, abtreiben. Unser Gefühls- und Liebesleben war durch diesen Umstand schwer gestört. Der Austausch von Zärtlichkeiten sank auf ein Mindestmass. Diese Entfremdung hielt während unserer Ehe weiterhin an. Deshalb war ich doch sehr überrascht, von ihr zu hören „ich habe dich hereingelegt“. Zu diesen Worten fand ich keinen Zusammenhang, denn ich hatte nie ihr gegenüber geäussert, keine Kinder mehr haben zu wollen. Aber mehr als 5 Jahre zwischen Anettes Geburt und der nun beginnenden Schwangerschaft schienen Ly doch jetzt genug zu sein, um ein weiteres Kind zu bekommen. Naja, jetzt brauchten wir ja nicht mehr zu planen. Ich freute mich und wünschte mir nur, dass es ein Stammhalter werden möge, der dann nicht nur meinen Familiennamen weiterführen sollte, sondern auch meinen Vornamen Johannes (Hans) haben sollte, wie ihn auch mein Vater und mein Grossvater väterlicherseits gehabt hatten.

Nach einer problemlos verlaufenen Schwangerschaft kam dann am 05.04.1962 unser zweites Kind, ein Sohn, zur Welt, ebenfalls in der Kinderklinik an der Schlagvorderstrasse in Osnabrück.

Was ich mir gewünscht hatte, war also eingetroffen: ich hatte einen Stammhalter gezeugt. Aber mit meinem Wunsch, dass er auch meinen Vornamen tragen sollte, war Lydia nicht einverstanden. Sie wollte ihn Stefan nennen. Um unseren Streit um die Namensgebung zu beenden, schlossen wir einen Kompromiss: ich meldete den neuen Erdenbürger beim Standesamt mit dem Vornamen Hans-Stefan an.
Ich bin nun Hauseigentümer
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36.  Ich bin nun Hauseigentümer
„Ein Mann muss drei Dinge im Leben tun: Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen.“ (Martin Luther)
Ich hatte nun eine Ehe geschlossen und konnte mich daran machen, nach diesem alten Sprichwort jetzt für Nachwuchs zu sorgen. Als erstes Kind bekamen wir 1956 ein Mädchen; fünf Jahre später wurde uns dann ein Sohn geboren.
Damit war nun ein Teil meiner männlichen Lebensaufgaben erfüllt. Das war kein allzu schweres Problem gewesen. Für die beiden anderen Aufgaben waren für mich aber schon längere Überlegungen erforderlich. Dabei kam mir folgendes in den Sinn: Von meiner Mutter hörte ich als Kind, dass unsere Nachbarn an der Schwedenschanze ihr Haus „für einen Apfel und ein Ei“ bekommen hätten. Als ich sie fragte, wie das möglich sei, sagte sie mir, das sie das Grundstück mit dem Haus bei einer Zwangsversteigerung erworben hätten, und zwar sehr günstig für wenig Geld.
Weil ich mit meiner jetzt 4-köpfigen Familie in einer engen 3-Zimmer-Wohnung lebte, war von uns ein Wohnungswechsel erwünscht. Statt nach einer anderen Mietwohnung zu suchen, wollte ich dann Eigentum erwerben. Dazu hatte ich aus dem Verkauf eines Teilgrundstücks an der Schwedenschanze das nötige Kapital.
Ich sah mich in der Presse und im Amtsgericht nach Zwangsversteigerungen um und besuchte dann auch einige Termine, um entsprechende Erfahrungen zu sammeln. Einige Häuser in Osnabrück interessierten mich, sie wurden aber in dem Versteigerungstermin so hoch gesteigert, dass dafür mein verfügbares Kapital nicht ausreichte.
Dann wurde ich auf ein Grundstück in Belm-Vehrte (Vorort von Osnabrück) aufmerksam, das einen Verkehrswert von 320.000,00 DM hatte. Es gehörte einer Firma, die Putzmittel herstellte und die durch den Tod des Inhabers Konkurs gegangen war.
Ich schaute mir das Haus und das etwa 5000 Quadratmeter grosse Grundstück an und und war der Meinung, dass es für unsere Familie ein passendes Objekt sei. Das Innere des Gebäudes konnte ich nicht besichtigen, und das Äussere machte einen etwas ungepflegten Eindruck. Trotzdem schätzte ich den Höchstwert, den ich bei der Versteigerung bieten wollte, auf 200.000,00 DM ein.
Der Termin fand im Amtsgericht in Osnabrück statt. Es waren etwa 10 Zuhörer anwesend. Der Richter las die Bedingungen vor, nannte als Mindestgebot 92.000,00 DM und nahm dann Angebote entgegen.
Als erster meldete sich ein Bieter, der sich vorstellen musste. Es war ein Bauunternehmer aus Vehrte. Das war für mich nun ein guter Hinweis, dass er sich über den tatsächlichen Wert des Objektes auskannte. Ich konnte nun mit dieser Kenntnis und daher mit einem sicheren Gefühl auch mein Gebot abgeben.
Wir waren die einzigen Interessenten und wir boten uns nun gegenseitig in Tausend-DM-Schritten höher. Als wir bei 107.000,00 DM angelangt waren, fragte mich der andere Bieter: „Wie hoch wollen sie denn noch steigern?“ Über diese Frage war ich natürlich sehr überrascht, antwortete ihm aber wohlüberlegt: „Das sage ich ihnen nicht. Auf jeden Fall biete ich noch mehr“. Daraufhin sagte er zu mir: „Dann hat es keinen Zweck für mich und ich biete nicht weiter“.
Da nun keine weiteren Angebote mehr abgegeben wurden, war ich mit 107.000,00 DM der Meistbietende und damit Eigentümer des Grundstücks mit einem Verkehrswert von 320.000,00 DM geworden.



(1) Das ist unser ersteigertes Haus am Süntelring 24 von der Strassenseite aus gesehen ...
Das ist unser ersteigertes Haus am Süntelring 24 von der Strassenseite aus gesehen ...

 

 

(2) ... und hier sieht man es vom Garten aus.

... und hier sieht man es vom Garten aus.

 

Nach kleineren Umbauarbeiten konnten wir dann in unser neues Heim einziehen. Das grosse Grundstück, mit vielen Bäumen und Sträuchern bewachsen, machte mir viel Arbeit. Wegen meiner körperlichen Verfassung beschäftigte ich mich aber nur mit leichteren Schönheitsarbeiten. Ich vergass aber nicht, nun auch den letzten Punkt der männlichen Lebensaufgabe zu erfüllen: ich pflanzte nicht nur einen, sondern mehrere Bäume.

Rückblickend betrachtet habe ich mit diesem Hauskauf eine gute Geldanlage gemacht. Wie unsere Nachbarn an der Schwedenschanze in Lingen hatte ich es "für 'n Appel und 'n Ei!" ersteigert (diese Redewendung kommt aus dem niederdeutschen Dialekt und heißt auf Hochdeutsch: "Für einen Apfel und ein Ei"). Heute ist das Objekt ein Vielfaches dieser Ersteigerungssumme wert.

Alles hat einmal ein Ende

Was ist nun aus meinem Grundbesitz in Vehrte geworden?

Jetzt schreiben wir das Jahr 2021. Nun ist es Zeit geworden zu berichten, was aus meiner damaligen Investition im Jahre 1972 geworden ist.

Mein Sohn Hans-Stefan bat mich, ihm einen Teil meines unbebauten  Grundstücks als Vorerbbezug zu überschreiben. Er wolle dort für seine grosse Familie ein Haus bauen, weil ihm das von mir mitfinanzierte Haus am Vehrter Kirchweg zu eng geworden sei. Ausserdem könne er einen Zuschuss vom Staat für den geplanten Neubau bekommen. Ich habe zuerst gezögert, weil ich den ersten Grund nicht für stichhaltig fand. Dann habe ich aber doch meine Zutsimmung gegeben, weil ich als Vater seinen Zukunftsplänen nicht im Wege stehen wollte.Ich habe dann am       
einen èberrragungsvertrag unterschrieben und ihm ein 1073 Quadratmeter grosses Grundstück (Eichengrund 12) vermacht.
Habe ich meine Kinder falsch erzogen?
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37.  Habe ich meine Kinder falsch erzogen?

Ich habe lange überlegt, ob ich meine Erinnerungen an meine beiden Kinder hier niederschreiben soll. Weil ich aber versuchen will, meine Fehler bei der Erziehung der beiden zu ergründen und auch für meine Nachkommen ein wahres Bild über die Undankbarkeit - besonders von Stefan - zu zeichnen, habe ich während meines Kuraufenthalts in Bad Krozingen (September 2013) damit begonnen, mir alles in Erinnerung zu rufen, was dazu geführt hat, dass ich heute mit meinen Kindern keine Kontakte mehr habe. Es ist für einen Vater sehr schwer, sagen zu müssen, dass aus seinen Kindern sehr egoistische Menschen geworden sind, die das Wort „Dankbarkeit“ gegenüber ihren Eltern nie kennengelernt haben.

Und so beginne ich nun in meinem Zimmer (3.382) der Theresienklinik meine Gedanken zu sammeln:

Meine Erziehung zur Sparsamkeit

Was tun fürsorgliche Eltern nicht alles, damit ihre Kinder es gut (und besser als ihre Eltern) haben. Das haben Lydia und ich immer versucht. Unsere beiden Nachkommen Anette und Hans-Stefan haben alle Wünsche im Rahmen unserer Möglichkeiten erfüllt bekommen. Besonders habe ich sie aber zur Sparsamkeit erzogen. Das habe ich von meiner Mutter gelernt, die trotz unserer Armut - sie bekam als Witwe mit drei kleinen Kindern im Monat nur eine Rente von 87,00 Mark - niemals Schulden gemacht hat. Sie sagte immer: "Wenn du etwas haben möchtest, dann spare dafür, und wenn du das Geld zusammen hast, dann kannst du dir das kaufen" So war das auch bei meinen Wünschen für Fussballschuhe und für ein Fahrrad. Das Geld für Fussballschuhe hatte ich dank der Unterstützung von Mutters Geschwistern (mein Patenonkel Anton, Tante Käthe und Onkel Hermann) bald zusammen. Für das Fahrrad war aber ein grösserer Betrag erforderlich, etwa 50 Reichsmark. Zu meinem Namenstag - mit 12 Jahren - bekam ich es geschenkt. An dem erforderlichen Kaufpreis fehlte aber doch noch etwas, und dieses Loch füllten dann die Geldgeschenke meiner beiden Onkel und meiner Tante.

Später  bekam ich dann ein Sparbuch der Sparkasse und dazu eine Spardose. Da hinein wanderten die Geldstücke, die ich erhielt. Es waren nicht viel, die beim Schütteln der Spardose ihr klapperndes Geräusch machten. Aber immerhin, wenn ich sie zur Sparkasse zum Entleeren brachte, war ich über die Gutschrift sehr erfreut, auch wenn es nur kleine Beträge waren.

Als ich im 1. Lehrjahr in Oldenburg war, legte ich mir ein Postsparbuch zu. Es gab dazu eine Sparkarte, auf die man Briefmarken kleben konnte. Die volle Karte gab man dem Schalterbeamten, der die Marken entwertete und den Betrag im Postsparbuch als Guthaben vermerkte.

Ich war ganz stolz, dass ich auf beiden Sparbüchern später ein Guthaben von je 200,00 Reichsmark hatte.

Diese guten Erfahrungen habe ich meinen beiden Kindern weiter gegeben. Ich richtete für sie beim Post-Spar- und Darlehnsverein je ein Konto mit einem Guthaben von 1.000,00 DM ein. Davon konnten sie sich Wünsche erfüllen, mit der Auflage, zu sparen und den den entnommenen Betrag später  einzuzahlen und wieder auf 1.000,00 DM  aufzufüllen.
Soweit es mir in Erinnerung ist, hat das bis zu meinem Fortgang von Osnabrück auch gut geklappt. Später hat es aber nicht mehr gereicht, weil die Wünsche - besonders von Stefan - grösser wurden und die in seinen Augen kleine Summe von 1.000,00 DM nicht ausreichte und er das Konto nicht wieder auffüllte.

Die Entwicklung meiner finanziellen Hilfe steigerte sich erheblich, und es ergab sich, dass ich meinem Sohn Hans-Stefan  im Verlauf der Jahre insgesamt einen höheren sechsstelligen Euro-Betrag  gegeben habe.

Bei meinem Wohnortwechsel von Belm-Vehrte nach Davos musste ich auch verschiedene Bankguthaben (Depots) ändern. Aus meiner Erinnerung heraus habe ich das Guthaben im Depot bei der DB (Deutschen Bank in Osnabrück) Aktien  wie folgt geteilt: meine beiden Kinder Anette und Hans-Stefan, meine  Frau Lydia und ich erhielten je ein Viertel des Depotwertes.

Für die Aktien meiner Kinder hatte ich dann je ein Depot auf ihren Namen bei der DB in K. eröffnet, Jedes Depot hatte einen Wert von über 50.000,- DM

Von meinen Eltern habe ich den Spruch, der auf einem Bild im Wohnzimmer hing, mit auf den Weg bekommen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden“. Das habe ich, so lange Mutter lebte, stets beherzigt. Sie hat mir oft gesagt, dass sie so liebe Kinder habe und auf die sie sehr stolz sei. Oft habe sie Angst gehabt, dass wir auf die schiefe Bahn kommen könnten. Das haben meine beiden Brüder und ich aber stets vermeiden können.

Bei mir war es vor allem das Schlüsselerlebnis als vierjähriger Bub gewesen, das mich daran hinderte, mir fremdes Eigentum anzueignen (siehe meinen Bericht: Der kleine Häuslebauer).  Heute als 93 jähriger Mann bin ich stolz darauf, eine so gute Mutter gehabt zu haben, die ohne strenge Erziehung aus uns Kindern glückliche Menschen gemacht hat.
Von meinen Kindern habe ich heute keine so gute Meinung. Was Anette betrifft, so weiss ich nicht, ob sie glücklich geworden ist. Ich habe sie auch nie  danach gefragt, und sie hat sich auch nicht dazu geäussert. Ich weiss nur von einigen Beziehungen zu Männern, die aber nie lange gedauert haben. Bei unserer letzten Begegnung (bei meinem Scheidungstermin in Osnabrück) wurde sie von einem Mann begleitet, der auf mich keinen besonders guten Eindruck gemacht hat. Ich weiss keine Einzelheiten von ihm, deshalb kann ich mich täuschen. Einen glücklichen oder zufriedenen Eindruck haben die beiden aber auf Claudia und auf mich nicht gemacht.
Zuwendungen an Anette
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37.1.  Habe ich meine Kinder falsch erzogen? – Zuwendungen an Anette.

Das von mir für Anette eingerichtete Depot hatte sich auch positiv entwickelt. Durch die hohen Dividendenzahlungen der Anlagen konnte ich bei Bedarf Geld abheben.
Die Konten hatte ich deshalb mit einem Verfügungsrecht - durch mich - versehen lassen. Den Kindern war bekannt, dass ich die darauf befindlichen Aktien jederzeit verkaufen konnte. In dem Fall meines Todes sollten sie aber ohne grosse Probleme über das Depot und die darin befindlichen Wertpapiere verfügen können. So glaubte ich, damit eine gerechte Aufteilung meines Geldvermögens getan zu haben. Im Laufe der Jahre habe ich dann von Anettes Depot bei Bedarf jeweils kleine Beträge abgehoben. Auch Stefans Hauskauf hatte ich mit einem hohen Betrag von Anettes Depot finanziert. Die Abhebungen beliefen sich insgesamt auf einen fünfstelligen DM-Betrag.
2001 wollte ich wieder einmal bei der DB in K. Geld von Anettes Depot abheben. Da sagte mir der Schalterbeamte, dass meine Verfügungsgewalt von meiner Tochter widerrufen worden sei. Man kann sich vorstellen, dass ich davon völlig überrascht war und diese von Anette gewollte Massnahme nicht verstehen konnte. Ich schrieb ihr eine Email, bekam aber von ihr keine Antwort darauf.

Hier muss ich gestehen, dass mir entfallen war, dass sie mich gebeten hatte, eine ihr gewährte Abfindung  auf dieses Konto einzuzahlen. Dieses Versehen  war wohl mit der Anlass, dass ich statt einer Antwort von Anette ein Schreiben von ihrem Anwalt bekam.

Ich liess das Schreiben unbeantwortet, weil ich der Meinung war, dass es ja mein Geld (Aktien) war und ich auch darüber verfügen könne. Diese Ansicht war aber falsch, wie ich später erfahren musste.

Seit diesem Zeitpunkt habe ich mit Anette keinen schriftlichen und auch keinen mündlichen Kontakt mehr gehabt, es herrscht bis zum heutigen Tag zwischen uns „totale Funkstille“. Statt mir für die Einrichtung des Aktiendepots  dankbar zu sein, hat sie  - ohne Rücksprache zur Klärung des Sachverhalts mit mir zu nehmen - einen Anwalt genommen. Das ist eine grosse Enttäuschung für mich gewesen. Sie hat mir dadurch einen Teil meiner Altersvorsorge genommen und sich auf meine Kosten bereichert.

Zu der Forderung zur Rückzahlung der von mir abgehobenen  Beträge kam noch Anettes Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Untreue. Sie wollte mich damit noch zu einem Betrüger machen.

Bei der Gerichtsverhandlung in K. hatte ich schlechte Karten. Der Richter erklärte mir, dass ich -  entgegen meiner Annahme - nicht mehr der Besitzer des Depots war, sondern Anette, und dies, weil ich ihr gestattet hatte, ihre Abfindung darauf einzuzahlen. Unter diesem Gesichtspunkt blieb mir nach Rücksprache mit meinem Anwalt nichts anderes übrig, als einem Vergleich zuzustimmen.

Daraufhin nahm meine Tochter die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zurück. Darüber freute sich mein Anwalt, weil er der Meinung war, dass sich aus der Strafverfolgung für mich noch weitere Belastungen ergeben hätten.

Nachdem von mir  die Zahlung des Vergleichsbetrages erfolgt war, ist dieses Kapitel der Zuwendung für meine Tochter erledigt.

Seit der Gerichtsverhandlung in K. habe ich meine Tochter mit ihrem Freund nur noch einmal, und zwar bei meiner Scheidung im Amtsgericht in Osnabrück gesehen. Sie wollte als Zuschauerin mit ihrem Freund bei der Verhandlung dabei sein. Diese Neugier wurde aber durch die Richterin verhindert. Sie verwies die Beiden aus dem Saal, und das war - und wird auch wohl - das letzte Mal gewesen sein, dass ich von meiner Tochter etwas gehört, bzw. gesehen habe.
Zuwendungen an Hans-Stefan
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37.2.  Habe ich meine Kinder falsch erzogen? – Zuwendungen an Hans-Stefan.


Hier schildere ich nun den Lebenslauf meines Sohnes Hans-Stefan, den er besser selbst geschrieben hätte. Da ich aber nicht erwarten kann, dass er ihn überhaupt und wenn ja, dann wahrheitsgetreu geschildert hätte, will ich - so gut es geht - ihn aus meiner Erinnerung, aber auch belegt mit Dokumenten, zu Papier bringen.
Viele Eltern sagen meist: Meine Kinder sollen es besser haben als ich. Von Geburt an werden sie von ihnen verwöhnt und alle ihre Wünsche - auch die ausgefallensten - werden wenn möglich sofort erfüllt. Und wenn es die Eltern nicht tun (oder finanziell nicht können), dann springen die Grosseltern ein und sorgen dafür, dass es den Enkeln an nichts fehlt. Das führt aber dazu, dass diese Kinder erwarten, dass es nie ein NEIN für die Erfüllung ihrer Wünsche gibt. Ihre offenen Hände müssen deshalb sofort gefüllt werden, sonst ertönt ein lautes Lamentieren und Wehgeschrei.
Mein Sohn hat nie Not leiden müssen und die meisten seiner Wünsche sind auch erfüllt worden. Besonders in finanziellen Dingen bin ich ihm gegenüber stets sehr grosszügig gewesen. Bis zu einem Zeitpunkt, wo ich erkennen musste, dass er (gemeinsam mit seiner zweiten Frau Sabrina) den Umgang mit Geld nicht beherrschte und ich meine Unterstützung eingestellt habe.
Das führte dazu, dass er Schulden über Schulden anhäufte, seine Fahrlehrertätigkeit aufgeben und seine Fahrschule auflösen musste. Nun verdient er als Schulbusfahrer seinen Lebensunterhalt.

Und nun erfahren Sie, lieber Leser, wie es dazu gekommen ist und ich leider NICHT sagen kann: „Ich bin stolz auf meinen Sohn“.
In den vergangenen Jahren habe ich zu meinen Kindern  A. und H.-St. keine Kontakte gehabt. Ich habe nichts von ihnen gehört und auch ich habe nichts von mir hören lassen. Lediglich von H.-St. habe ich einige Dinge erfahren, die mich zu der Feststellung berechtigen: Unrecht Gut gedeihet nicht.

Was hat Stefan aus seinem Leben gemacht?
Bei Hans-Stefan weiss ich, dass er zweimal verheiratet war und zweimal geschieden worden ist. Aus der ersten Ehe hat er eine Tochter (Esther) und aus der zweiten Ehe zwei Kinder (Marvin und Melina).

Das mit meinen Geldmitteln erworbene Haus am Vehrter Kirchweg 34 hat er verkauft, ohne meine Zustimmung einzuholen. Das hatte ich von ihm verlangt, denn ich wollte für mein dort investiertes Geld  eine Sicherheit haben.

Auf seine Bitte hin habe ich ihm von meinem Grundstück in Vehrte am Eichenkamp einen Teil (ca. 1070 m2) abtrennen lassen und ihm als vorgezogenes Erbe überlassen.

Meine Kritik an der Lebensweise der Familie Stefan Brinck hat er mir Übel genommen. Über ihre finanziellen Verhältnisse habe ich keine Übersicht gehabt, nehme aber an, dass die Fahrschule nicht genügend einbrachte, um ihre nötigen und unnötigen Kosten zu finanzieren. Das habe ich ihm dann auch klar gemacht und Claudia bekam dann eine SMS mit folgendem Inhalt:

„Hallo Claudia,
ich habe ganz vergessen, dir zu sagen, warum ich dir das alles schreibe. Leider hat dein Lebensgefährte wieder eine nette e-mail verfasst, die von Zahlen nur so strotzt, jedoch Menschlichkeit und Gefühl absolut nicht erkennen lässt. Schade, dass es soweit gekommen ist. Wir wollen von nun an keine Unterstützung mehr von meinem Vater haben. Telefongespräche werde ich mit ihm auch nicht mehr führen. Er wird sich im Leben nicht mehr ändern und alles andere ist mir jetzt auch egal. In Zukunft werde ich also nur noch übers Handy simsen oder sprechen, oder sims mir, wenn er nicht da ist, dann kann ich ja anrufen".
Das ist die Meinung meines Sohnes über mich, der ihm aus verschiedenen Notlagen geholfen  und mehrere hunderttausend DMark für die Erfüllung seiner Wünsche gegeben hatte.

Seit dieser Zeit herrscht totale Funkstille zwischen meinem Sohn und mir. So habe ich auch nichts erfahren vom Verkauf des Hauses am Vehrter Kirchweg 34 und vom Beginn des Baus des Hauses Eichengrund 12 auf dem ihm von mir unentgeltlich überlassenen Grundstück. Erst als ich von meiner geschiedenen Frau eine sehr hohe Rechnung über - wie sie mir schrieb - „geliehenen Strom“ bekam, stellte ich Nachforschungen an und erfuhr, dass damit der Neubau am Eichengrund den Strom erhalten hatte. Nähere Einzelheiten über die Kosten, die Finanzierung und über die Baufirma habe ich nicht erhalten. Aber aus dem Zustand des Neubaus  konnte man schliessen, dass das Geld nicht ausgereicht hat, es schlüsselfertig herzustellen. So bietet es auch Jahre danach  noch einen unfertigen und unaufgeräumten Anblick.

Darin wohnen jetzt seine von ihm  geschiedene zweite Frau Sabrina. Diese hat inzwischen erneut geheiratet und trägt jetzt den Namen M. Mit diesem Mann hat sie zwei Kinder und er selbst hat ein Kind mit in die Ehe gebracht. Weitere 2 Kinder (Marvin und Melina) hat sie mit Stefan gezeugt. Dazu kommt noch ein Sohn Meikel, den sie mit ihrem ersten Freund gezeugt hat. Diese Grossfamilie bewohnt nun das Haus  am Eichengrund 12. Gebaut ist es teilweise mit meinem Geld und steht auf dem Boden, den ich meinem Sohn geschenkt habe. Ihm hat das alles einmal gehört.

Inzwischen haben sich die Besitzverhältnisse geändert. Wie der mir vorliegende Grundbuchauszug zeigt, hat mein Sohn die Hälfte des Grundstücks/Hauses an seine geschiedene Frau Sabrina abgetreten.

Hier sieht man, wie leicht es einem fällt, ein geschenktes Eigentum weiter zu verschenken. Hier ist etwas passiert, das mir unverständlich ist. Wie kann mein Sohn nur so blöd sein, dass er auf das von mir ihm zu Eigen gegebenes Grundstück und das Haus Vehrter Kirchweg 34 - gekauft für 300.000,00 DM und von mir überwiegend finanziert - praktisch an seine Frau Sabrina verschenkt hat, obwohl seine Ehe schon zu diesem Zeitpunkt gescheitert gewesen sein soll. Aber in Gelddingen scheint H,-St. sehr unerfahren gewesen zu sein. Stefan hat es nicht verstanden, sein Erbe zu vermehren. Ich stelle fest: Wie gewonnen, so zerronnen.
Hans-Stefans Schul- und Berufsausbildung
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37.3.  Habe ich meine Kinder falsch erzogen? – Hans-Stefans Schul- und Berufsausbildung.

Hans-Stefan ist am 05. April 1962 geboren. Was kann er heute  für eine Bilanz aus seinen vergangenen 56 Lebensjahren ziehen?

Schulzeit: Er war kein schlechter Schüler, hatte aber Schwierigkeiten mit seinen Mitschülern. Schon als Kind hatte er beim Spielen im Sandkasten bei unserer Wohnung in Osnabrück, Tiroler Strasse 1 oft Streit mit den Nachbarkindern. Diese schlug er dann mit seinem Spielzeug an den Kopf. Das hatte zur Folge, dass ein Nachbar uns anzeigte und meine damalige Frau Lydia zum Schiedsgericht kommen musste. Sie erhielt eine Zurechtweisung und wir mussten eine Strafe von 50,00 DM zahlen.

Schwer fiel ihm dann der Übergang von der Volksschule zum Gymnasium. In der 10. Klasse musste er das Schuljahr wiederholen. Ich habe versucht, ihn zum weiteren Schulbesuch zu animieren, damit er das Abitur erreicht. Dabei habe ich ihm an meinem Beispiel geschildert, wie schwer es ist, ohne dieses Sprungbrett „Abitur“ einen schönen Beruf zu bekommen.
Obwohl er genau wie Anette ein guter Schüler war, hat ihm das Lernen nicht viel Freude gemacht.  Durch mein Versprechen, ihm bei einem erfolgreichen Abitur ein Auto zu schenken, war er von einem Schulabbruch abzuhalten.
Am Gymnasium "am Schölerberg" schaffte er dann mit mit viel Mühe das Abitur, und die Note war 3,6.

Auf meinen Rat hin nahm er dann das Studium als Elektroingenieur auf. Weil zu dieser Zeit ein grosser Bedarf an technischen Inspektoren im Fernmeldewesen war, schien es mir für ihn vorteilhaft, dieses Studium zu beginnen. Er hatte dann den grossen Vorteil, in Osnabrück studieren zu können. Dort mietete er ein möbliertes Zimmer. Er stand damit nicht immer unter unserer Kontrolle und das scheint er zum Nachteil seiner Lernbereitschaft ausgenutzt zu haben. Wir waren deshalb völlig überrascht, als er nach dem 4. Semester das Studium geschmissen hat. Durch seine Faulheit hatte er die geforderten Punkte nicht erreicht und musste die Uni verlassen.
Von sich aus hat er sich dann als Lehrling bei der Firma Karmann beworben. Als Berufsziel hatte er das Modellbau-Handwerk gewählt. Er hat es dann geschafft, die lange Lehrzeit (3 1/2 Jahre) durchzuhalten und wurde dann von der Ausbildungsfirma als Geselle übernommen. Doch die Freude dauerte nicht lange. Wegen Auftragsmangel musste Karmann Leute entlassen. Darunter befand sich auch Hans-Stefan.
Fazit: Studium geschmissen, Berufslehre vergeblich, weil keine Arbeit im erlernten Beruf möglich, mit 25 Jahren kein Ziel für eine gut bezahlte Tätigkeit.
Eines Tages erzählte er mir, dass er Fahrlehrer werden wolle. Dafür sei eine Ausbildung von 6 Monaten in Bielefeld erforderlich. Seine Frage war, ob ich ihm das finanzieren würd