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Vollendete Autobiographien: 212
Auf ein Wort …

Was ist so beklagenswert, eine lausige Kindheit gehabt zu haben? Nichts, es gibt schließlich Drogen; sie vermitteln dir jegliche Illusion von Wohlbefinden. Ein willkommener Zustand; alles geht dir wortwörtlich am Arsch vorbei. Und entschließt du dich irgendwann, aus deinem Schlammloch herauszukriechen und dich in die Maschinerie der ach so perfekt funktionierenden Gesellschaft einzufügen, ist es denkbar, dass du erst recht auf die Schnauze fällst, falls sich deine neu erworbene Realität wiederum als Illusion erweist.
Nachdem Jill Grey Letzteres bewusst wurde, sagte sie: »Scheiß auf die Gesellschaft. Scheiß auf Normalität, was das immer heißen mag.
Gesagt – getan. Sie flüchtete in ein abgelegenes Gebirgstal; Natur pur. Ist doch die einfachste Sache der Welt? Lass sämtliche Probleme und soziale Unzulänglichkeiten hinter dir. Eine weitere Form der Ignoranz.
Und in diesem neuen, freilich angenehmen Leben, erhoffte sie sich, den ganzen Mist, der ihr widerfahren war, niederschreiben zu können, um ihn …
Ja? Was willst du damit anfangen?
Sie hatte keinen Schimmer! Jemandem unterschieben? Darin ist sie eine Meisterin. Allesamt sind Täter – außer Jill, sie ist prädestiniert, das Opfer zu mimen. Ein Talent, das sie sich jahrzehntelang angeeignet hat. Und was so hart erarbeitet wurde, gibt man keinesfalls so leicht auf. Korrekt?
Selbstredend war Jill ahnungslos, worauf sie sich einließ. »Natur pur«, klingt verführerisch, leider präsentierte sich die Realität anders.
Ach ja, da war noch eine Stimme in ihr. Nein, Jill glaubte nicht an Gott. Ihr Pech, dass der an sie glaubte.
Jill Greys Abenteuer beginnt am 1. November 2002, vier Tage vor ihrem 36. Geburtstag …

Jill war also am »Arsch der Welt« gestrandet. Annähernd so drückten sich gelegentlich Leute aus, assoziierten ihre Entscheidung mit verrückt. Manche drückten sich ein klein wenig subtiler aus, dessen ungeachtet sagte ihre Mimik übereinstimmend: ›Spinnt sie jetzt komplett?‹ Nun ja, zog man ihre Laufbahn in Betracht, war bei Jill Grey mitnichten von Normalität zu sprechen.
»Wie bin ich nur hier gelandet?«, murmelte sie und widmete sich einer Umzugsschachtel.
Vielleicht, weil deine Mutter deinen Vater geheiratet hat?
»Spar dir deine weisen Sprüche für jemand auf, den sie interessieren. Oder hilf mir beim Auspacken. Oh, ich vergaß, du denkst ja Gott zu sein, folglich bist du körperlos.«
Ich BIN Gott.
»Und ich Kleopatra«, raunzte sie, sank müde auf den Stuhl und betrachtete die Habseligkeiten ihres Lebens. Fortan würde sie in einem Haus leben, das auf zwei Ebenen mindestens 180 Quadratmeter Raum bot, zwei Stauräume und Keller nicht mitgerechnet. Darüber hinaus war das Alter ihres neuen Heimes beachtlich; es ruhte seit über 350 Jahren in dem Tal.
Ihre beiden Hunde signalisierten, dass sie rauswollten. Jill war entgangen, dass die Nacht hereingebrochen war. Sie öffnete die Haustür und erblickte ein schwarzes Nichts! Erschrocken knallte sie die Tür wieder zu; der Ausdruck der Hunde spiegelte ihre eigene Verständnislosigkeit wider.
»Da draußen ist absolut nichts!«
Hast du wirklich gedacht, in den Bergen bleibt es immerzu hell?
»Nein! Aber …«
In Jills rosaroter Darstellung von dem kleinen Paradies bauten sich garantiert keinerlei schwarze Wände vor dem Haus auf. Zaghaft trat sie abermals hinaus. Hohe Berge umschlossen das Tal, warfen zusätzlich ihre Schatten auf sie, um mit düsterem Blick herauszufinden, was ihnen in den Schoß gelegt worden war.
Sie schluckte leer. »Echt, das ist enorm dunkel.« Dann nickte sie entschlossen. »Null Problemo, auch damit komm ich klar!«
Sei dir gewiss, bald wirst sogar du erkennen, dass da draußen die Natur ist, und sie lebt ebenso nachts.
»Soll mich das beruhigen, nicht zu sehen, was draußen lebt?«
Wahrhaftig drangen nachts Laute aus der Dunkelheit, bei denen Jill außerstande war, sie zuzuordnen: Woher, bitteschön, sollte sie wissen, was für Laute ein Reh oder ein Dachs macht? Das gleichmäßige Atmen ihrer Hunde im Schlafzimmer half ihr allmählich, gelassener zu werden. Könnte sie bloß das Rauschen des Baches ausblenden, das fortwährend ihre Blase stimulierte.
Mein Kind, du bist höchstens acht Stunden hier, und was ich von dir höre, ist einzig Kritik.
»Dann hör auf, mir zuzuhören. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.«
Die Meisterschaft erlangt ihr nicht durch Ablehnung, sondern durch Annehmen.
»Und erneut belehrst du mich. Gute Nacht.« Sie nahm die Fötus-Stellung ein, zog ihre Decke bis unters Kinn und überlegte, ob es ein Fehler gewesen war, hierherzukommen. Jill war körperlich keineswegs fit, zwanzig Jahre Sucht hatten ihre Spuren hinterlassen. Dazu HIV-Medikamente, Schmerzmittel und sonstige Pillen – was halt so eingeworfen wird, lässt der Körper dich leiden. Nebenbei brachte sie lediglich 46 Kilo auf die Waage, bei einer Größe von 1,69 m. Und was ihre Psyche betraf, die war zurzeit eine gigantische Baustelle.
Fußnote: In ihrem neuen Zuhause verabschiedete sich die Sonne im Winter für fast vier Monate. Der ideale Nährboden für Depressionen; Jills omnipräsente Verfassung. Davon abgesehen hatte sie dann keine Zufahrt zum Haus. Der Weg zum Briefkasten, beziehungsweise ihrem Auto, betrug circa 500 Meter den Berg hinauf. Dieser Tatbestand wurde ihr vor der Vertragsunterzeichnung mitgeteilt. Befindet man sich indessen im Fluchtmodus, treten solche Lappalien zum linken Ohr herein und wandern ohne Zwischenstopp im Hirn rechts raus.
»Keine Zufahrt …«, flüsterte sie. »Der Vermieter fräst mir ja einen kleinen Weg, was ist schon ein halber Kilometer, den bewältige ich mit Links.« Während sich Jill – illusorisch – durch den Schnee hüpfen sah, schlief sie ein.
Sieben Nächte später …
Schlaf war ein genauso heikles Thema. Selten verging eine Nacht, in der die Blase oder der Durchfall sie nicht ins kalte Bad beförderten. Im ersten Winter hatte sie zu ihrem Leidwesen keinen Schwedenofen in der Wohnküche, welche dementsprechend kalt war. Im Bad hing ein kleiner Elektroofen, der unbenutzt blieb, andernfalls würde er ein gewaltiges Loch in ihren Geldbeutel reißen. Es wäre legitim zu behaupten, dass der Gang zur Toilette einer Schocktherapie gleichkam.
»Es sind dreiundvierzig Schritte vom Bett bis zur Toilette!«, informierte sie kläglich auf dem eiskalten Brillenrand hockend.
Du hast sie gezählt?
»Jep, und rechne ich den Rückweg mit ein, sind es sechsundachtzig!«
Aha … und was willst du mir damit sagen?
»Das ist doch offensichtlich?«
Offensichtlich ist, dass du dir das Leben schwer machst, denn der Weg wird kaum kürzer, wenn du die Schritte zählst. Ich schätze, deine Rechnung hat das Ziel, Mitleid zu erhaschen.
»Musst du ständig so direkt sein?« Unbestreitbar suhlte sich Jill in Selbstmitleid.
Beabsichtigst du, dich noch viele Nächte zu bemitleiden? Ändert es irgendetwas? Präziser ausgedrückt, geht es dir danach besser?
»Äh … nein.«
Weshalb probierst du dann nicht eine andere Sichtweise aus?
»Siehst du deinen Atem in der Luft und bekommst beinahe Frostbeulen am Hintern, verrichtest du deine Notdurft, ist Jammern eine logische Sichtweise.«
Ziehe ich in Betracht, dass dein Leben für dich ein fundamentales Drama ist – ja, hierbei stimme ich dir zu.
»Machst du dich gerade über mich lustig? Okay, ich bin für alle Vorschläge offen. Du könntest mich mit deiner Göttlichkeit wärmen.«
Du möchtest …? Ach so, du wirst sarkastisch, bravo!
»Wenigstens amüsiert sich einer von uns.«
Schließe deine Augen und stelle dir vor, auf welche Weise Menschen besagte Angelegenheit vor drei, vierhundert Jahren verrichtet haben. Lass deiner Fantasie freien Lauf …
Widerwillig schloss Jill die Augen. Vor Kurzem hatte das Haus noch kein Badezimmer. Allein die Aussicht, sich in einer unbeheizten Küche am Trog zu waschen, war für sie grauenhaft. Zweifellos gab es Bettpfannen, gesetzt den Fall nicht, war der Gang in den Schnee hinaus angesagt. Eventuell gab es vor dem Haus ein Plumpsklo. Im Winter saukalt und im Sommer schwirren dir Fliegen um den Hintern. Ganz zu schweigen von den Düften, die zwischen den Beinen hochsteigen! Nach ihrer Schlussfolgerung hatte sich Jills Realität rasant von unzumutbar in annehmbar gewandelt. Sie nickte anerkennend. »Du bist super!«
Ich weiß.
»Was nicht heißt, dass ich deine permanente Anwesenheit gutheiße. Und was tust du überhaupt im Bad? Ehrlich, in Sachen Diskretion hast du ein kolossales Defizit.«
Es ist schön, dass es dir besser geht.
»Wie kommst du denn darauf?«
Du fängst an, gegen mich zu rebellieren.
»Und das werde ich weiterhin. Ich bin Agnostikerin, mit Gott zu reden ist … irgendwie schräg.« Sie löschte das Licht und räusperte sich. »Ähm …, danke, für deine Unterstützung.«
Gern geschehen.

Jill hatte ihr Haus eingerichtet und begab sich vermehrt ins Atelier, wo sie Tonskulpturen herstellte und Bilder malte. Ihre erste Ausstellung der Skulpturen stand bevor, und sie hätte die Dinger längst zu ihrem Freund verfrachten können, der unweit vom Ausstellungslokal entfernt wohnte. Es war Anfang Januar 2003 und der Schnee ließ auf sich warten. Jills Vertrauen in den Wetterbericht wurde belohnt, als sie zufällig zum Fenster schielte; fette Schneeflocken tanzten vorbei.
»Es schneit?!«
Und das nicht zu knapp!
»A-aber es war kein Schnee angesagt!«
Sich zu irren, ist eine menschliche Schwäche.
»Dein Kommentar kannst du dir sonst wohin stecken, das ist ein Desaster!«
Ja, wenn du eines daraus machst.
Bedauerlicherweise war es für derlei weise Ratschläge zu spät: Zerstreut stolperte Jill durchs Haus und verstaute sämtliche Skulpturen in Schachteln, schleppte sie anschließend in der Dunkelheit zur Scheune und lud sie in den Allrad. Eine halbe Stunde später schwang sie sich – wohlgemerkt in Trainerhosen, ohne Handschuhe und Wollmütze –, hinter das Steuer, auf der Rückbank die Hunde. Bei der zweiten ansteigenden Kurve rutschte der Wagen weg. Selbstverständlich wäre es sinnvoll gewesen, vorher Schneeketten zu montieren; war Jill hingegen im »Kopflos-Modus«, trat rationales Handeln in den Hintergrund. Nach drei weiteren Anläufen rutschte der Wagen rückwärts und blieb am Bord, das zur Bachseite abfällt, stehen. Ihr Herz hämmerte wild.
Du würdest gut daran tun, Ketten aufzuziehen.
»Stell dir vor, diese Erkenntnis erlangte ich ebenfalls«, blaffte sie, stieg aus und knallte die Wagentür zu. Es dauerte eine Ewigkeit, um die rostigen Ketten zu entwirren. Dann war eine Kette endlich aufgezogen und sie machte sich an das Rad von der Bachseite. Überraschung! Der Verschluss war vereist! Dasselbe galt für ihren Körper, einschließlich der Hände, denen der Luxus verwehrt wurde, sich in schützende Handschuhe zu hüllen.
Deine Vorbereitungen für den Winter in den Bergen wären gewiss optimierbar.
Jill holte Luft, um was zu erwidern, entschied sich dann allerdings dagegen. Derzeit hatte sie bedeutendere Sorgen, statt sich mit dem alten Mann zu streiten, der zu allem Übel recht hatte.
Auf der Bachseite eine Kette zu haben, wo es abwärtsging, würde zusätzliche Sicherheit bieten. Na prima! In einer Verzweiflung und Wut ging sie an die Arbeit, währenddessen winselte ihr Verstand: ›Du wirst die Karre im Bach versenken …‹ Um den Standpunkt zu untermauern, wuchs das Schneetreiben zu einem Sturm heran und heulte um Jills inzwischen gefrorene Ohren. Gleichzeitig konnte sie ihre Trainerhose durchaus als pitschnass bezeichnen. Und nein, ihr kam nie in den Sinn, zum Haus zu laufen und sich angemessen zu kleiden, womöglich weil sie dann, im warmen Haus angekommen, gänzlich resigniert hätte.
Plötzlich fingen ihre Hunde Richtung Wald an, zu bellen und toben. Jill schnappte sich die Taschenlampe, leuchtete in den Wald und rief allen Ernstes: »Hallo?« Gebannt starrte sie in die Dunkelheit, wo wesentlich dunklere Gestalten – Bäume – dem Sturm trotzten. Sie wünschte sich, seine geballte Kraft, mit der er durch das Tal donnerte, in sich wahrzunehmen. Instinktiv breitete sie ihre Arme aus und stellte sich den Gewalten entgegen. Tatsächlich konnte sie nun einen Urschrei in sich hören, spürte Stärke, Entschlossenheit und Vertrauen.
Mit erwähnten drei Eigenschaften startete Jill den Motor, um enttäuscht festzustellen, dass ihre Hände zitterten. »Draußen fühlte es sich besser an«, wisperte sie und gaffte beklommen in die Lichtkegel, in denen dicke Schneeflocken ziellos umherwirbelten. »Und wo, bitteschön, ist die Straße geblieben?«
Du nennst diese zwei Feldspuren großzügig deine Straße?
»Exakt. Da ist … nada!«
Du kannst auf den kommenden Frühling warten oder dich und dein Auto schleunigst rauf bringen. Sofort!
»Das war nicht nett.«
Dafür notwendig. Fahr los!
Geräuschvoll schluckte sie und ermahnte sich: »Richte dich nach der Erhöhung links und blende aus, dass du rechts zum Bach runterpurzelst.«
Mitunter schlängelte ihr Gefährt heftig, trotzdem blieb Jills Fuß eisern auf dem Gas. Und so trieb sie sich und ihr Auto Meter für Meter den Berg hinauf. Sobald sie festen Boden unter den Füßen hatte, hüpfte sie kindlich im Schnee herum, jauchzte und trällerte: »Ich hab‘s geschafft! Ich hab‘s geschafft!«
Das erste Mal, seit sich Jill Grey in die Abgeschiedenheit verbannt hatte, war sie glücklich, zudem ungemein stolz, gleichermaßen berührt von der Natur und deren unbändiger Gewalt. Als sie zum Haus runterspazierte, fiel ihr auf, dass der Sturm ihr Tal verlassen hatte, die dicken Flocken glitten nun sanft zu Boden. Frieden breitete sich in ihr aus.
Doch vergiss nicht, aus dieser Stunde zu lernen.
»Du meinst, zu vermeiden, geistig umnachtet in einen Schneesturm zu rennen?«
Korrekt.
Der Schneesturm, bei dem sie ihren Wagen fast versenkt hätte, war ein kleines Vorspiel dessen, was sie nach der Ausstellung erwartete. Es schneite und stürmte Tag und Nacht. Bald stellten wegen der hohen Lawinengefahr jegliche Schneepflüge ihre Arbeit ein, und nachdem sich diverse Lawinen gelöst hatten, erreichte Jill der Anruf, dass die Straße ins Tal vorläufig geschlossen sei.
»Straße? Wenn ich lediglich noch zur Kellertreppe komme, wie sollte ich dann zur Straße gelangen?«
Das Tal blieb eine Woche von der Außenwelt abgeschnitten. In den Tagen, in denen es ununterbrochen schneite, war der einzige Grund rauszugehen, der, alle drei Stunden einen Platz freizuschaufeln. Somit konnten die Hunde ihre Notdurft verrichten. Öffnete sie die Haustür, um Holz zu holen, blies der Sturm die weiße Pracht prompt in den Vorraum und draußen türmte er sie unermüdlich auf.
Die Natur hatte Jill eingeschlossen.


Jill war überwältigt vom Wintereinbruch. Nein, nein und nochmals nein, so hatte sie sich das mitnichten vorgestellt!
Du bist in die Berge gezogen, was hast du dir vorgestellt?
»Echt jetzt? Hast du rausgesehen? So viel Schnee kann es auch in den Bergen unmöglich geben!«, ereiferte sie sich schrill.
Deine Vorstellung vom Leben in den Bergen ist ein klein wenig naiv, mein Kind.
»Ich bin nicht dein Kind!«, plärrte sie, einer Hysterie nahe.
Die Wahrheit? Jill Grey war völlig überfordert. In den Nächten entlockte der Sturm ihrem Haus unheimliche Geräusche, und das Ächzen der Balken fuhr ihr ausnahmslos bis in die Knochen. Ihr Zuhause hatte nach vorne eine Neigung von 24 cm, wahrscheinlich reichte eine heftige Böe aus, um es gänzlich zu Fall zu bringen? Hinzu kam das mächtige Donnern, sobald Lawinen den Berghang hinunterrasten, inklusive das Bersten von Holz, riss sie Bäume mit sich. Sämtliche Geräusche waren ihr bislang fremd und lösten eine neue Existenzangst aus. Auch in dieser Nacht verkroch sich Jill unter der Bettdecke. Und obschon ihr Haus an einem lawinengeschützten Hang stand, vermittelte ihr diese Gegebenheit keinerlei Schutz.
Betest du?
»Nein«, tönte es unter der Decke hervor.
Gleichwohl bittest du darum, dein Haus zu verschonen.
»Das ist, hast du einwandfrei erkannt, eine Bitte.«
Du hast konstant Probleme, dich mit mir zu unterhalten.
»Dafür bist du umso gesprächiger.«
Gegebenenfalls könnte es dir helfen, Vertrauen zu finden, wenn du bewusst mit mir sprichst.
Es widerstrebte Jill, klein, ängstlich und schwach zu sein. »Mir geht’s bestens, hab alles im Griff!« Funkstille. »Bist du noch da?« Leise. »Vergib mir, dass ich dich angeblafft hab. Bist du mir böse?«
Ich bin Gott, wie könnte ich dir böse sein.
Gesagtes drang mit solcher Zärtlichkeit und Güte zu ihr, dass sie sich sogleich in Geborgenheit wiegte. »Würdest du ein bisschen bei mir bleiben, bis ich eingeschlafen bin?«
Gerne bleibe ich bei dir …
Alsbald nahm Jill im Gesang des Windes eine Melancholie wahr, als singe er über verlorene Seelen, die wandern in der Nacht. Sie lauschte seinem inbrünstigen Gebrüll, das ihrem Haus ein Stöhnen entlockte, und überlegte sich, was ihn so wütend oder traurig stimmte, dass er tagelang durch das Tal irrte. Sie begann, ein Wesen in ihm zu sehen, das ihr kein Leid antun wollte, und schlief ein, während seine Schreie unaufhörlich durch die Berge hallten. Schlief mit der Vorstellung ein, das Wesen in ihre Arme zu schließen.
Nach drei Tagen legte sich der Sturm, und mit seinem Abklingen sank das Thermometer auf minus 15 Grad. Am Morgen stellte Jill sich der Aufgabe, zur oberen Stalltür einen Weg freizuschaufeln. Für lächerliche fünfzehn Meter benötigte sie drei Tage. Schon am ersten Abend schrie ihr Körper vor Schmerzen und sie fragte sich: »Wie konnten Leute bloß vor dreihundertfünfzig Jahren hier leben?«
Du tust es ebenfalls?
»Bin mir unschlüssig, ob man das mit Leben assoziieren kann, eher Überleben.«
Die Schneemassen, und von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, setzten ihr stündlich intensiver zu. Sie hatte wohl einen Fernseher und DVD-Player, jedoch keinen Fernsehempfang. Folglich begann Jill Radio zu hören. Telefonierte sie, verschwieg sie, wie sie es empfand, eingesperrt zu sein. Erwähnte mit keinem Wort die Enge, welche sich unaufhaltsam in ihr ausbreitete. Die Wände rückten kontinuierlich näher und die Luft schien sich zu materialisieren.
Fange an, deine Empfindungen auszudrücken, befreie dich davon.
Gesagt – getan. In ihrem Atelier holte sie einen Klumpen Ton, stellte ihr Gehirn ab, das absolut nichts mehr auf die Reihe brachte, und ließ ihre Emotionen in den Ton fließen. Am Abend war sie zwar noch von der Natur eingeschlossen, aber sie hatte sich den Raum zurückerobert.
Weil sich der Schnee allmählich setzte, begann Jill – in einem Anflug von Größenwahn – den Rest des Weges von der Stalltür zum Brunnen mit den Füßen freizutreten. Ein weiteres Versäumnis; in ihrer Bergausstattung fehlten Schneeschuhe, was zufolge hatte, dass sie nach zahlreichen Gehversuchen bis zum Nabel in der eisigen Pracht stecken blieb. Ihr Körper wurde augenblicklich kalt und träge; unfähig, sich zu bewegen, kam es einer Lähmung gleich. »Wo ist das Handy?«
Natürlich im Haus.
»Würde mich jemand hören, falls ich um Hilfe schreie?«
Das ist unwahrscheinlich.
»Und wie lange überlebe ich im Schnee, bei minus fünfzehn Grad?«
Das möchtest du nicht wirklich wissen.
Daraufhin erfassten sie blanke Panik sowie Dämonen ihrer Vergangenheit:
Als Kind hatte Jill Grey einen wiederkehrenden Albtraum. Sie steckte bis zum Nabel in einer braunschwarzen Masse, und die befand sich in einem schwarzen, ins Endlose führende Nichts. Unzählige Nächte strengte sie sich vergebens an, um sich aus der Masse zu befreien, durchlebte Ängste, welche sie schwerlich in Worte fassen konnte. Weitaus schlimmer war, dass etwas Feinkörniges, das Ekel auslöste, in jede einzelne Zelle ihres Körpers kroch. Der Traum verabschiedete sich so abrupt, wie er gekommen war, bis Jill aufhörte zu fixen. Im Nachhinein überfiel sie in Abständen von Monaten besagtes Körperempfinden, lähmend und außerstande, klare Gedanken zu fassen.
Und da steckte sie, in eisiger Kälte, in den Schneemassen und war ebenso gelähmt und hilflos wie jenes Kind in seinen Albträumen. »Ich werde sterben …«, wimmerte sie in ihrer Verzweiflung.
Keinesfalls wirst du sterben. Fange an zu kämpfen, statt das Opferlamm zu mimen.
Diese Klarheit rüttelte sie wach. Eine Wut übermannte sie, und die, gemischt mit der Panik zu erfrieren, legten ungeahnte Kräfte frei. Jill wurde zu einem kreischenden, wild gewordenen Tier, das sich mit unartikulierten, schreienden Lauten, befreite. Keuchend begutachtete sie den kleinen, erst freigeschaufelten Trampelpfad, der ihr nach der Enge geradewegs großzügig angelegt erschien, und fing an zu lachen, zugleich kullerten Tränen der Erleichterung über ihre Wangen.
Das, was Jill über Jahre beinahe wahnsinnig gemacht hatte, suchte sie an diesem Tag ein letztes Mal heim.
Du schaffst es beharrlich.
»Du sagst es, ich hab mich aus dem Schnee befreit!«, triumphierte sie.
Ich meinte, du hast es geschafft, dich überhaupt hineinzustürzen.
»Oh! Ja, genau.« Der Stolz war im Nu verflogen.
Begreife, dass die Natur kein Erbarmen kennt. Ob du in ihr herumstolperst oder dich begraben lässt, ist ihr einerlei.
»Das war ziemlich deutlich.«
Ich hoffe, es ist angekommen.
Halb erfroren, stakste sie ins Haus. »Ich hoffe, es ist angekommen«, äffte sie Gott nach. Zugegeben, sie konnte sich prima mit ihm unterhalten, genoss bisweilen seine Gesellschaft, doch meistens kam sie sich in seiner Gegenwart wie ein unbelehrbares Kleinkind vor. Nun ja, heute traf das zu.
Der Winter und die Kälte machten Jill zu schaffen. Des Öfteren träumte sie von ihrer kleinen Wohnung mit Zentralheizung und gab sich dabei vollends dem Elend hin. Ihr bunter Strauß, das neue Leben betreffend, welkte von Woche zu Woche dahin. Und sie hatte vollstes Verständnis für ihren erbärmlichen Gemütszustand. Wobei zu erwähnen ist, dass Leid ihr zweiter Vorname war, und hat man über Jahrzehnte seine Mitmenschen unbewusst damit manipuliert, hält man weiterhin daran fest.
Tragischerweise sehe ich niemanden, mit dem du Deals aushandeln könntest.
Die Aussage entlockte ihr einen tiefen Seufzer. »Du hast so recht, ich leide unermesslich … wieso werde ich andauernd so gestraft …?«
Aha.
Sie horchte auf. »Was, aha? Und was soll der Unterton?«
Entsinne ich mich richtig, war der Hauptbeweggrund hierherzukommen der, dass du die Einsamkeit gesucht hast. Du hast sie gefunden, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Das Aha war eine Feststellung.
»Die da wäre?«
Auf ein Neues machst du deine Mitmenschen, das Schicksal und mich für dein Elend verantwortlich. Nichtsdestotrotz war es deine Entscheidung.
»Hat dir niemand beigebracht, dass es unhöflich ist, jemanden, der am Boden liegt, zu treten?«
Du hast dir deinen Humor erhalten, insofern gibt es noch Hoffnung.
»Wäre schön, wenn deine Hoffnung für uns beide ausreicht …«

Ende Februar welkte dann Jills Humor restlos dahin. Sie war übers Wochenende bei ihrem Freund, währenddessen fiel dermaßen viel Schnee, dass ihr Vermieter, der zuhinterst im Tal lebte, bei ihrer Rückkehr vollauf beschäftigt war, seinen eigenen Hof von der weißen Pracht zu befreien.
Nach dem kräftezehrenden Fußmarsch durch den Tiefschnee, er reichte wohlgemerkt bis zu den Oberschenkeln – keine Schneeschuhe –, kam Jill halb erfroren im Haus an, wo ihr hämisch ein Hauch von null Grad entgegen grinste. Am ganzen Körper zitternd, sank sie an der Wand neben der Haustür nieder, vergrub das Gesicht in den Armen und schluchzte: »Hab ich nicht genauso ein Anrecht, den ›normalen‹ Luxus zu genießen?«
Das hast du, mein Kind. Tatsache bleibt, dass ein Haus, abkühlt, wird es nicht beheizt.
»Abkühlt? Ich sitze in einem verdammten Gefrierschrank!«, keifte sie.
Was sich kaum ändern wird, bleibst du am Boden sitzen.
»Ich komme mir wie ein Crashtest-Dummy vor! Ich stecke pausenlos ein!« Weiter vor sich her zeternd, heizte sie den Kachelofen ein. Dieserart Öfen sind phänomenal, mit einem Nachteil: Schnurzegal welche Mengen Holz du hineinschmeißt, ist er abgekühlt, dauert es etwa drei Stunden, bis er Wärme abgeben kann.
Der nächste Schreck kam prompt: Alle Wasserleitungen waren eingefroren. Jill hatte vergessen, den Wasserhahn tropfen zu lassen. Als Folge des Versäumnisses enteiste sie zwei Stunden im Keller mit dem Heizstrahler die Leitungen, was sie komplett demoralisierte. Darüber hinaus der medikamentenbedingte Dauerdurchfall, demzufolge baut der Anblick eines Eisklumpens, der in der Toilettenschüssel schwimmt, dich nicht unbedingt auf. Sie fischte den Klumpen heraus, verrichtete ihr Geschäft und drückte zum Schuss die Spülung – tote Hose. Logisch, mit gefrorenen Leitungen.
Nach einem verzweifelten Aufschrei taute sie – parallel zum Enteisen der Leitungen im Keller – auf dem Herd Schnee in Töpfen auf, um wenigstens den Spülkasten der Toilette nachzufüllen. Durch das hin und her wetzen wurde die Kälte zur Nebensache. Nach zwei Stunden sprudelte das Wasser wieder und Jill hatte bloß einen Wunsch, ewig heiß zu duschen, um jegliche Kälte aus ihren Knochen zu verbannen.
Der Augenblick, in dem das heiße Wasser über ihren Körper floss, war unbeschreiblich, sozusagen das ultimative Glück … bis ihr nach zwei Minuten das Wasser in der Duschkabine über die Fußknöchel stieg.
Sie hatte kein Salz in den Abfluss der Dusche gestreut. Was danach aus dem Bad drang, blenden wir aus. Und die Hoffnung, dass sich der Abfluss in der Nacht selbstständig enteist, erwies sich als eine weitere Illusion.
Und so kroch Jill Grey geknickt in ihr Bett, präziser gesagt, in ihren Kühlschrank, weil die Matratze eiskalt war. Sie war kurz davor, allesamt hinzuschmeißen. Ein Teil von ihr wollte vermeiden, dass andere in den Genuss der Genugtuung kamen, dass sie erneut versagt hatte. Deswegen musste sie weiterkämpfen und herausfinden, wie das Leben in den Bergen funktionieren könnte.
Dein Leben würde sich um einiges erfolgversprechender gestalten, fängst du an, Verantwortung zu übernehmen. Es sind auch kleine Dinge, welche dir das Leben leichter machen können, beziehungsweise eben erschweren. Beginne umzudenken.
»Und vorauszudenken«, fügte sie schwermütig an.
Mit Voraussicht allein war es keineswegs getan. Da war noch der Berg, ihr ärgster Feind. Mutmaßte Jill anfangs, mit Links hochzulaufen, wurde sie eines Besseren belehrt. Seinerzeit war ihr Körper eine Folterkammer, und die permanent schmerzenden Gelenke betäubte sie täglich mit drei bis fünf Tramal, ein Schmerzmittel der Gruppe Opioide. Wiederum eine Illusion, denn letztlich betäubte sie lediglich sich.
Und freilich wäre es bequem gewesen, den Berg, einschließlich der Post, zu ignorieren. Bedauerlicherweise hat Ignoranz den sauren Beigeschmack, sich aufzugeben, anstatt sich mit dem inneren Schweinehund zu messen und hochzugehen.
Je kälter es wurde, desto mehr geriet Jill in Versuchung, sich der Stimme hinzugeben, die sich solidarisch zeigte und uneingeschränktes Verständnis dafür hatte, dass der Aufstieg momentan zu beschwerlich wäre! Am besten bliebe sie im Bett und pflegte ihre Depression.
Was sie unterließ. Sie stapfte dick eingemummt aus dem Haus, band ihren Abfall auf den Bob (zweimal im Monat kann man ihn im Dorf abgeben) und begab sich auf den Weg. Bereits nach einem Drittel des Weges schmerzten sämtliche Knochen im Leib und ihre Lunge brannte, als hätte sie einen Marathon hinter sich. Ungeachtet dessen quälte sie sich verbissen Meter für Meter weiter, blendete aus, dass sie sich beim Aufstieg schon übergeben hatte. Alle paar Meter starrte sie keuchend auf den Weg, der vor ihr lag, und sagte resigniert: »O Gott, ich hab noch nicht die Hälfte!«
Sage mir, was tust du?
»Mich mit dem Abfall den Berg hinauf quälen.«
Weshalb joggst du nicht hoch?
Sie blieb verdutzt stehen.
Sieh doch, die weite Fläche unberührten Schnees. Es scheint, dass Millionen kleiner Kristalle auf ihm ruhen. Und sind das Hasenspuren? Was meinst du?
Jill sah in die Weite, betrachtete ein Meer aus kleinen Kristallen und sichtete wahrhaftig Spuren im Schnee, die sich in der Weite verloren. Ihr Blick wanderte weiter zur Bergkette oberhalb, die sich markant vom tiefblauen Himmel abhob. »Es ist … wunderschön …«, hauchte sie.
Ja, und es ist an der Zeit, dass du die Schönheit erkennen kannst. Das ist Leben.
»Ich kann es fühlen …«
Dann öffne gelegentlich deine Augen und Sinne, spüre dieses Leben. Und unterlasse es bitte, deinen Körper über seine Grenzen zu hetzen. Fängst du an, dich ihm anzupassen, wird er dich weniger leiden lassen.
Wo Jill zuvor verbissen durch den Schnee stapfte, waren ihre Schritte nun kleiner, behutsamer. Die eisige Luft floss langsam in ihre Lungen, was angenehmer war. Schmerzten ihre Gliedern stärker, rastete sie, bestaunte die Winterlandschaft und beobachtete den Bach unten im Wald, der sich seinen Weg durch Felsbrocken suchte, welche dort gestrandet waren. Und während sie den Abfall zur Straße heraufzog, wandelte sich ihr Leid in Leben – wenngleich ein mühseliges Leben.
Diese Anmerkung musste ja kommen.
»Die Fähigkeit zum Quantensprung hab ich nicht. Ergo; ich bin weit, weit entfernt, in der Härte des Lebens Erleuchtung zu finden.«
Dein Glaube ist tiefer, als du dir einzugestehen vermagst.
»Ich-möchte-nicht-über-meinen-Glauben-sprechen!«
Du irrst dich.
»Tu ich nicht!«
Und so zankte sich Jill Grey weiter mit Gott, den anzunehmen sie sich hartnäckig weigerte.
Am darauffolgenden Montag war Großeinkauf angesagt. Jill bugsierte ihre Einkäufe in Etappen von zwei Tagen zum Haus; sie konnte sich den Aufstieg keinesfalls zweimal zumuten. So holte sie zum Beispiel Milchtüten am nächsten Morgen runter, schön in quadratische Klumpen gefroren; ist sie wieder aufgetaut, kommt sie ein wenig flockig daher, aber dennoch genießbar.
Sie band die Taschen auf den Bob und ließ ihn, mit der Schnur in der Hand, vor sich her schlittern. Theoretisch war es eine geniale Idee mit dem Bob, doch in der Praxis – fehlt eine ebene Bahn – gestaltete sich der Lebensmitteltransfer schwieriger. Ihr Gefährt kippte zuweilen um, was Eiern und Joghurt schlecht bekommt.
An diesem Tag löste sich die Schnur vom Bob und der geriet am steilen Hang rasch in Fahrt. Jill ahnte, dass sich ihr Gefährt demnächst überschlagen würde. Und was unbeschadet blieb, durfte sie im Tiefschnee zusammensuchen. Und so praktizierte sie, was sie in Filmen gesehen hatte. Sie sprintete dem Bob hinterher und vollführte ein Hechtsprung nach vorne, war angemessen überrascht, dass ihre Hand den Bob zu fassen bekam. Gewicht und Tempo ihres Gefährts schleiften sie auf dem Bauch mit und schaufelte den kalten Schnee buchstäblich in ihre Kleidung, wo er auf der warmen, nackten Haut schmolz. Es fühlte lebendig an! Sie hatte ihre Einkäufe mit vollem Körpereinsatz und Entschlossenheit gerettet! O ja, heute war sie die Jägerin! Stolz kehrte sie mit ihrer Beute heim.
Kannst du deine Schritte sehen, die du gegangen bist? Vor Kurzem hätte Jill Grey sich in den Schnee gehockt und heulend zugesehen, wie ihre Einkäufe dahinschwinden.
»Garantiert hätte sie das«, gluckste sie amüsiert. »Scheiß auf jegliche Dramen, der heutige Tag ist ein Geschenk und die Schlacht habe ich gewonnen!«
Das Leben IST ein Geschenk, fängst du an, es auszupacken.
In Jill keimte Hoffnung auf, dass sie das Leben in ihrem Tal künftig würde meistern können …
Hoffnung
Hoffnung oder Realität?
Hoffnung ist eine zarte Pflanze.
Wie schnell übersiehst, zertrittst du sie oder gibst sie auf?
Du siehst die dürre Pflanze und denkst: Sie wird sterben.
Du nimmst den Topf, entfernst ihn aus deinen Augen
und deinem Leben. Das ist Realität.
J.G.

Mit jedem Tag, der im März ins Land zog, küsste die Sonne Jills Tal ein paar Minuten länger. An einem Morgen schaufelte sie auf dem Sitzplatz oberhalb des Hauses, wo die Sonne am längsten verweilte, einen kleinen Platz vom Schnee frei, holte anschließend den Gartenstuhl aus dem Keller und schleppte ihn hoch. Der Anblick entlockte ihr ein Lächeln – ein Gartenstuhl inmitten einer Schneeburg.
Sie setzte sich auf den Stuhl und sog gierig und genießend die wärmende Sonne in sich auf, ließ die vergangenen Monate Revue passieren, inklusive der durchlebten Verzweiflung und Resignation. Des Weiteren dachte sie an ihren »Begleiter«, der zugegebenermaßen seinen – beachtlichen – Teil beigetragen hatte, dass sie eben nicht das Handtuch geworfen hatte. Leider konnte ihr Stolz dem kaum was abgewinnen.
»Verdammt!«
Wer ist verdammt?
»Niemand ist verdammt.«
Stammt das Wort ›verdammt‹, nicht von ›verdamme mich/dich‹?
»Ja, allerdings verdamme ich niemanden, es ist einfach ein starker Ausdruck, um ein Empfinden wiederzugeben. Wobei ich sagen könnte: ›Verflucht!‹, und du würdest postwendend sagen: Wer ist verflucht?«
Möchtest du über Kraftausdrücke plaudern oder mir mitteilen, was dich so verdammt sein lässt?
»Du.«
Ich?
»Jep, du bist das Problem.«
Ich bin ein Problem?
»Ja, und könntest du es lassen, alles zu wiederholen.«
Ich rekapituliere, weil ich nicht verstehe, demnach liegt es an dir, dich klarer auszudrücken.
»Gott sollte allwissend sein.«
Wissen ist eine Sache, erfahren könnt ihr hingegen ausschließlich, indem ihr euch vollkommen ausdrückt.
»Dann begreif es, ohne dass ich erkläre.«
Zu meinem Bedauern hast du bislang nichts Wesentliches gesagt, was mich begreifen lassen könnte.
»O-kay. Wo kamen wir vom Weg ab?«
Welcher Weg? Wir sind stehen geblieben bei … ich bin ein Problem.
»Eigentlich nicht du.«
Ja, was denn nun?
Jill war verwirrt. »Scheiße!«
›Scheiße‹ ein weiterer kraftvoller Ausdruck, das kam überaus deutlich rüber.
Schmunzelnd schaute Jill zur Bergkette. In Kürze würde die Sonne dahinter verschwinden, und anstatt sie zu genießen, zankte sie sich mit ihm. »Was ich sagen möchte, ist, na ja, du bist mir beigestanden, andernfalls hätte ich womöglich nie durchgehalten und … ich danke dir.«
Das erfüllt mich mit Glück, und ich danke DIR. Und was ist verdammt?
»Das war das Resultat dieser Einsicht.«
Könntest du das vertiefen?
»Ich helfe dir auf die Sprünge; vor zwei Jahren hab ich mir vorgenommen, dich zu ignorieren. Ich war ziemlich wütend auf dich.«
Du weigerst dich trotz jenes Frühlings, an mich zu glauben?
»Wühl nur weiter in den Wunden herum.«
Es sind Wunden, da du sie dazu machst. Weshalb?
»Weil ich überzeugt war, kirre zu werden? Die Nebenwirkungen deiner Göttlichkeit haben mich erst hierher katapultiert.«
Möchtest du darüber reden?
»Nö.«
Hast du vor, mich erneut zu ignorieren?
»Um ehrlich zu sein, es ist leichter, mit dir zu streiten, statt dich auszublenden.«
Ich fasse dies als Kompliment auf. Darf ich zusätzlich eine Kleinigkeit anmerken?
»Das tust du ja sowieso, also – ja.«
Beginnst du deine Vergangenheit aufzuarbeiten, wirst du irgendwann unweigerlich zum Jahr 2001 und dem Frühling gelangen.
»Dann hab ich ja noch massenhaft Zeit, dieses Kapitel dort zu lassen, wo ich es begraben habe«, grinste sie, rieb sich fröstelnd die Arme und ging ins Haus.
Wann wirst du anfangen, dein Leben niederzuschreiben?
»Du erachtest das für wichtig?«
Jegliches Wissen ist in euch. Die beste Hilfe ist die, welche du dir geben kannst, und hierfür musst du zuerst bei dir ankommen. Habe den Mut, dich, anstelle von anderen, zu hinterfragen, denn Frieden findet ihr einzig in euch.
»Im Wesentlichen sagst du, ich finde Frieden, kaue ich den Mist nochmals durch.«
Ersetze ›nochmals durchkauen‹ durch Annehmen.
»Das werde ich, sobald mein Gemüt ein bisschen heiterer ist.«
Jills Gemüt heiterte sich nicht auf, im Gegenteil. Eines Morgens weichte sie das Futter für ihre Hunde ein und gab sich ihrer Depression hin. Plötzlich sprang der Beagle hoch, erfasste mit einer Pfote den Futternapf, der sich überschlug, und in der nächsten Sekunde waren die Küche und Jill mit braunem Matsch dekoriert. Das Fass lief über. Sie schrie und tobte, um abschließend beim Herd in einen Heulkrampf verfallend auf den Boden zu sinken. Ihr Beagle kam und leckte sie ab,%u2028vermutlich nicht, um zu trösten, sein Fokus richtete sich auf etwaige Futterreste, die ihr im Gesicht klebten.
Du weißt, du darfst den Futternapf nicht so nahe bei der Kante stehenlassen.
»Logisch!«, schnaubte sie, rappelte sich hoch und fing an, sauber zu machen. »Trotzdem könnte der sture Beagle ein wenig Rücksicht auf meine instabile Verfassung nehmen.«
Obwohl die Sonne in ihr Tal zurückkehrte, wanderte sie in der Dunkelheit. Die Zustände, so betitelte sie ihre Depressionen, waren in einem Stadium, in dem sie in ein heulendes Elend verfiel, gleichzeitig breitete der seelische Schmerz sich im gesamten Körper aus. Und sie kriegte ihren Arsch weiterhin nicht hoch, um anzufangen, ihr Leben aufzuarbeiten. Sie war hierhergekommen, um das Karussell »Leben« anzuhalten und Ordnung hineinzubringen. Schweifte sie jedoch in ihre Vergangenheit ab, erschien ihr die Welt und ihr Sein darin weitaus düsterer.

Am Abend saß Jill Grey tatsächlich vor dem Computer und fokussierte hypnotisiert den blinkenden Cursor.
Worauf wartest du?
»Auf eine göttliche Eingebung? Was weiß ich. Ich befürchte, vom Alltag begraben zu werden.«
Du armes Kind …
»Bitte?«
Ist es nicht das, was du erwartest, bemitleidet zu werden?
»Ja und nein. Was ich will, ist ein Wunder.«
Ich vollbringe keine Wunder, das tut ihr und den Ruhm schiebt ihr mir unter.
»Sagst du mir damit durch die Blume, dass ich selbst ein Wunder vollbringen, holen, erschaffen soll? Verflixt, wie nennt man das?«
Erschaffen hat mir gut gefallen. Schenke dir ein Wunder!
»Klingt fast so, dass ich es im Internet bestellen und mit der Kreditkarte bezahlen könnte.«
Kommt darauf an, was du dir schenken möchtest.
»Frieden. Und Heilung für meine Seele.«
Eines der wertvollsten Geschenke und es ist ausgeschlossen, dass du solche Dinge im Internet bekommst. Fange an, hinter die Mauern zu blicken, welche du errichtet hast.
»Und wie geht das?«
Manchmal müsst ihr eure Geschichte erzählen, um sie zu verstehen.
»O Mann, hast du eine Ahnung, was sich in den Jahren angesammelt hat?«
Derlei Computer haben eine enorme Speicherkapazität, wenngleich niemals so umfangreich wie euer Gehirn.
Jill nuckelte an ihrem Milchkaffee. »Und wo fange ich an?«
Am Anfang?
»Sehr witzig. Das ist mir klar.«
Was hast du unternommen, bevor du um Hilfe riefst?
»Ich hab nicht um Hilfe gerufen. Ich hab bloß überlegt, wo beginnen.«
Demzufolge war es keine Bitte um Hilfe?
»Mmh.«
Ich nehme das als Ja. Mache dort weiter, wo du begonnen hast. Du bist einen Schritt zurückgetreten und hast deine Familie von außen betrachtet. Beschreibe das Bild.
»Das ist alles?«
Das ist alles.
»Blicke hinter die Mauern, welche du errichtet hast …« Gehörtes halte nach. Jill besann sich der drei Skulpturen, »Mauern des Lebens«, sie waren im Winter entstanden. Bei ihrer Entstehung hatte sie wahrhaftig Mauern durchbrochen. »Beschreiben … das ist alles«, grummelte sie und kaute auf ihrer Unterlippe herum.
Das Erste, was auftauchte, war ihr Wohnort, sie lebte ungefähr sechs Jahre in Kleinbasel am Rheinufer. Ihre Mutter, Conny, wurde mit siebzehn schwanger und in Abständen von zwei Jahren brachte sie vier Mädchen zur Welt. Jill war die zweitjüngste, ihre kleinere Schwester starb mit vier Wochen an Gelbsucht. Sie hielt inne. »Ich komme mir vor, als würde ich rapportieren.«
Sprich weiter, beschreibe mir deine Familie.
»Unsere Familie bestand aus meiner Mutter, Oma Jane und zwei älteren Schwestern, Fiona und Renate sowie Tante Doris und ihr Mann David. Ich denke gerade an meine Oma und meinen Vater. Da sie tot sind, kann ich ihnen am Ende ein separates Kapitel widmen?«
Du bestimmst.
»Ich bestimme. Das klingt fantastisch.«
Das ist fantastisch.
Voller Enthusiasmus malte Jill im Geist ein Bild und alsbald offenbarte sich ihr die Rollenverteilung. »Das Oberhaupt war meine Großmutter. Ich sehe sie auf einem Thron, sämtliche Fäden fest in ihren Händen haltend, sie lachte selten, Schmerz und Verbitterung ruhten nahe an der Oberfläche. Ein starkes Band verbindet sie und meine Mutter, sie beherbergte uns Kinder regelmäßig und ermöglichte uns Ferienaufenthalte.
Tante Doris, älter als meine Mutter und das pure Gegenteil, wurde beharrlich von meiner Großmutter weggestoßen. Die Existenz der beiden Fronten war so offensichtlich wie das Trinken und die unglücklichen Liebschaften meiner Mutter.
Jill kicherte. »Hast du gewusst, dass mich Tante Doris früher an Doris Day erinnert hat?«
Selbstverständlich.
»Und wozu erzähl ich es dir?«
Du tust es keineswegs für mich, mein Kind
»M-hmm … aber würdest du es unterlassen, mich ›mein Kind‹ zu nennen.«
Du bist mein Kind.
»Diesbezüglich kann man sich streiten. Kurzum – ich mag es nicht.«
Wie du möchtest, meine Tochter.
»Das ist besser.«
Eine Tochter ist ebenfalls mein Kind.
Letzteres ignorierend, trank Jill vom unterdessen kalten Kaffee und konzentrierte sich. »Tante Doris ist äußerlich eine bemerkenswert starke Frau mit Prinzipien; Beherrschung und Kontrolle sind Grundsteine in ihrem Leben.«
Beherrschung, Kontrolle … natürlich, das waren ebenso Jills Stolpersteine!
»Tante Doris’ Welt war mir nahezu befremdlich. Ihr Heim leuchtete im Schein von antiker und lupenreiner Sauberkeit, und genauso sollten die ›Benimmregeln‹ eines Kindes sein. Und nein, es ergab für mich keinerlei Sinn zu lernen, mit welcher Technik ein Salatblatt gefaltet und auf die Gabel gesteckt wird, um es im Mund bis zur Unkenntlichkeit zu zerkauen. In unserer Welt gab es Wichtigeres; beispielsweise das Überleben zu sichern. Nichtsdestotrotz sog ich jede Aufmerksamkeit von ihr auf. Sie kam sofort zu uns, zog unsere Mutter in die Nacht und Renate bat sie um Hilfe, wenn wir uns ängstigten.
Onkel David war vielmehr ein Schatten im Gefecht. Kurz vor seinem Tod kamen wir uns in einem Telefongespräch näher. Ich nahm einen Mann wahr, der mehr war als ein Schatten.«
Jill wischte sich eine Träne ab, fuhr dann gerührt fort: »Das Leben in unserer Familie war ein Balanceakt. Ich kapierte rasant, dass du verlierst, gehst du in das feindliche Lager, es sei denn, beide Seiten treffen und reißen sich um der Kinder willen zusammen. Was dir gezeigt wird und was hinter dem Schein lebt, waren für mich zwei gegensätzliche Welten. Und nebenbei beraubt es dich deiner Sicherheit.«
Jill schaute auf ihre Hunde, arbeitete sie, schliefen sie zu ihren Füßen. »Möchte ich den Hunden vermitteln, es geht mir bestens, was keineswegs so ist, kann ich mich noch so anstrengen, sie werden mir nie glauben, ihre Instinkte fühlen die Wahrheit. Wie bei einem Kind, bis es sie begräbt.«
Bilder strömten auf sie ein. »Ab und zu hatte ich Schiss vor meiner Schwester Renate, und war neidisch, weil meine Mutter sich so innig um sie bemühte. Renate ihrerseits verachtete ihren Lebenswandel, wurde in wachsendem Ausmaß jähzornig, und davor fürchtete ich mich. Es war unerträglich für mich, was sie meiner Mutter, meiner Göttin, antat. Weswegen das so war, war mir unverständlich. Fußnote: Erklärungen waren bei uns so alltäglich wie schwimmende Kühe.
Wo ich mich duckte, begann Renate zu toben, dennoch verhinderte all das nicht, dass auch sie einsteckte. Sie genoss Tante Doris’Unterstützung, was ihr miese Karten bei Oma Jane bescherte. Und dass sie Vaters Liebling war, der das Weite gesucht hatte und dessen Name ausschließlich mit Beschimpfungen ausgesprochen wurde, gestaltete ihr Leben in unserem Lager keinesfalls angenehmer.«
Zahllose Szenen strömten auf Jill ein, sie schnappte nach Luft; ihr Körper rebellierte.
Atme …, vergiss nicht zu atmen.
»Das Psychoasthma macht sich bemerkbar. Je schlimmer es wird, umso weniger Sauerstoff dringt ins Gehirn. Der Blutdruck fällt, ich … ich werde weggleiten.«
Das bist du durch den Drogenkonsum zwanzig Jahre lang. In eine Ohnmacht zu gleiten, ist vergleichbar.
»Willst du andeuten, ich tu mir all das an?«
Es existiert ein bewusster und ein unbewusster Teil in dir.
»Ich tu es demnach unbewusst.«
Dieser Teil schützt dich, verhindert, dass du erfährst, was das Kind dir zeigen will.
»Na prima, ich quäl mich, um mich zu schützen.«
Das tut ihr vorzugsweise.
»Ich hasse dich, hab ich das schon erwähnt?«
Ich liebe dich auch.
Ein Gemurmel, dann: »Ich bezweifle, dass ich das durchstehe.«
Ich glaube an dich.
»Das versteht sich per se, ist es schließlich dein Job.«
Jill brauchte dringend frische Luft, sie wollte den Schwall an Informationen stoppen. Ein Anfang war getan.

»Mauern des Lebens«
Ton gebrannt

Der Wald auf der gegenüberliegenden Bachseite war düster. Zahlreiche mit Moos bedeckte Felsen und umgestürzte Bäume, auf denen riesige Pilze heranwuchsen, säumten Jills Weg. Ist ja der passende Ort für mich, schoss es ihr durch den Kopf.
Jeder Ort ist der Richtige, um sich zu begegnen. Wie geht es dir?
»Bin okay.«
Und dein Atem?
Zärtlich fuhr sie mit den Fingern über die Rinde eines Baumstammes. »Er fließt wieder, danke.« Die Erkenntnis zu erlangen, dass ihre lebensbedrohliche Atemlosigkeit psychischer Natur war, hatte ihr geholfen.
Es ist schön, dass du dies erkannt hast.
»Würdest du dich bitte aus meinem Gehirn ausklinken? Und genau genommen hast du es mir gesagt.«
Und du warst willens, es zu hören.
Am Abend kehrte sie zu ihrer Familie zurück. Ihre Schwester Fiona war ihr altersmäßig am nächsten, mit ihr gab es nur einen düsteren Zusammenprall. Fiona hatte sie in ein Zimmer gesperrt. »Im Zimmer schlug mir eine Finsternis entgegen, welche meinen Körper vor Angst lähmte. Ich hab angefangen zu betteln, sie möge mich rauslassen und Fiona sagte, ja, falls ich aufhöre zu weinen. Doch sobald ich mich ruhiger verhielt, wurde die Dunkelheit bedrohlicher. Mein Versagen wurde belohnt, die Tür öffnete sich und ein Glas Wasser ergoss sich über mich. Die Tür schloss sich und verschlang somit jeglichen Lichtstrahl erneut.«
Hier endet die Erinnerung.
»Vielleicht bin ich in eine Ohnmacht geflüchtet?«, scherzte sie. »Und warum hab ich nicht kurzerhand das Licht eingeschaltet? Gleite ich in den Körper des Kindes, kann ich seine Lähmung und Überzeugung spüren, der Gnade eines jeden ausgeliefert zu sein. Und besagtes Empfinden zieht sich durchs Leben. Ansonsten war Fiona der ruhige Pol, mein Fels in der Brandung. Und standen auch penetrante Gerüchte im Raum, unser Vater sei bei ihrer Zeugung abwesend gewesen, waren sie für mich irrelevant. Für Fiona schon, weil der – den Gerüchten nach – leibliche Vater, versuchte, sie mit zwölf zu vergewaltigen.
Auch sie hatte ihre Rolle. Der Zeitpunkt kommt, an dem ein Kind die Fähigkeit erlangt, zuzuhören, und dieses Kind musste einiges hören, was es nicht verstand und überforderte. Beispiel: Ich war circa acht, als ich nachts das Weinen meiner Mutter vernahm. Leise schlich ich zur Küchentür. Da war Fiona, sie tröstete, und die verzweifelten Worte meiner Mutter: ›Ich bringe mich um, wenn er mich verlässt!‹.
Im Bett weinte ich um meine Mutter.
So manches Mal dachte ich, welch Privileg Fiona zustand, meiner Göttin in ihrer größten Not beizustehen. Heute sehe ich das differenzierter.«
Berichte mir von deiner Rolle …
»Ich war der kleine, blonde Engel, der die Gabe hatte, Männer um den Finger zu wickeln und den Clown zu spielen. Eine nicht zu unterschätzende Kapitalanlage für meine Mutter.
Beispiel:
Eine verrauchte Kneipe, in die nur spärliches Licht dringt. Meine Mutter trinkt mit Männern an einem runden Tisch und ich beobachte jede Berührung an ihrem Körper, ertrage es kaum, fassen sie sie an. In mir Wellen der Emotionen, sie gelangen niemals an die Oberfläche – jene Rolle war längst vergeben. Das höchste Gefühl der Rebellion war, sie zu bitten, dass wir nach Hause gehen, worauf sich ihr kalter, harter Blick in mein Herz bohrte. Folglich kittest du, was du verbockt hast. Du schlüpfst in dein Engelskostüm, schenkst den Männern dein süßes Lächeln und setzt dich auf ihren Schoß. Einige Männer wollten mich auf ihrem Schoß, indessen gab es nur einen, der mich, auch vom Geruch, zutiefst anwiderte. Der Mann kam oft mit seiner Frau zu uns nach Hause. Ich fasste einmal allen Mut zusammen, es meiner Mutter zu sagen, mit dem Zusatz, dass ich nicht mehr auf seinem Schoß sitzen wolle. Ihre Antwort duldete keinerlei Widerspruch: ›Er ist Metzger, die riechen so, und jetzt stell dich nicht so an und geh zu ihm!‹«
Jäh fiel es Jill wie Schuppen von den Augen. »Heilige Scheiße! Da ist eine Verbindung zu dem Körpergefühl, das mich jahrelang begleitete, zuletzt in den Schneemassen. Ähnlich zweier Puzzleteilchen, du weißt, sie passen zusammen, aber du kannst kein Bild erkennen.«
Willst du denn das gesamte Bild erkennen?
»Hm … nein. Was würde das bringen? Ich sage weiterhin, ich wurde in der Kindheit nie sexuell missbraucht. Mit eingeschlossen, der damalige Freund unseres Vaters und möglicher Vater von Fiona. Meine Schwestern hingegen haben Erinnerungen daran. Und diesem Mann schenkte ich mein Kinderherz. Ich liebte es, auf seinem Schoß im Schaukelstuhl zu sitzen und mich auf seine Füße zu stellen, wenn wir zu Louis Armstrong tanzten. Er war mein großer Bär, könnte er …« Ein Frösteln durchfuhr Jill. »Haken wir das ab. Tatsache ist, dass er nach dem Zwischenfall mit Fiona verschwand. Und mit seinem Verschwinden lösten sich bei Nacht die Wände im Kinderzimmer auf. Davon später.«
Müde fuhr Jill den Computer herunter, tapste hinaus und atmete gierig die kalte Nachtluft ein. Wahrscheinlich sah ihre Familie all das differenzierter. Nachvollziehbar; sie befanden sich an verschiedenen Orten. Unsere Rollen im Leben, welche wir erschaffen, sind wahre Kunstwerke, und deren Bedeutung zu hinterfragen, kommt einer Lebensaufgabe gleich.
Rollenspiele
Die Rolle deines Lebens wird dich in dem Maße befriedigen,
in der du die Bereitschaft aufbringst, danach zu suchen,
was sich hinter deiner Rolle verbirgt.
J.G.

In den darauffolgenden Tagen versuchte Jill all das, was vermehrt zur Oberfläche gelangte, zu ergründen: Mit sechs lag sie im Kinderspital – Blinddarm und Gelbsucht. Sie besinnt sich der Besuche ihrer Großmutter, doch wo war ihre Mutter? Dieses Kind trieb allesamt in den Wahnsinn; es weinte dauernd und verweigerte jegliche Nahrungsaufnahme, weil man es an dem Ort einsperrte, an dem seine Göttin unauffindbar war. Mit jeder Stunde der Trennung schien die Lebensenergie aus seinem Körper zu weichen.
Jills Mutter sagte einst, dass der Arzt ihr nach zwei Wochen mitteilte, sie müsse sie nach Hause nehmen, sie würde sonst eingehen. Ihre Mutter war wenig begeistert, schließlich arbeitete sie und konnte sich schlecht um ein krankes Kind kümmern.
Jill wurde klar, dass keinesfalls allein die Trennung sie veranlasst hat, Terror zu machen und die Nahrung zu verweigern. Sie hatte die Kontrolle über ihre Mutter verloren, sorgte sich um sie.
»Oh Gott, ich war damals bereits durchgeknallt!«, sagte sie verdrossen. Bevor sie diesen Worten nachgehen konnte, tauchte der schlimmste Zusammenprall zwischen ihrer ältesten Schwester Renate und ihrer Mutter auf.
»Wütende Schreie von Renate, meine Mutter in unterwürfiger, verzweifelter Haltung. In der Nähe steht Fiona, ein Schatten. Das erste Buch segelt durch die Luft, weitere folgten, mit lediglich einem Ziel: Meine Mutter zu treffen. Ich weine, rufe irgendwas. Eine gigantische Welle presst mich an den Türrahmen. Niemand nimmt Notiz von mir, ich existiere nicht. Ein Sog reißt mich nach innen, in eine Finsternis, in der verlorene Seelen schreien, ich erkenne mich wieder – ich existiere.«
Jill schnappte nach Luft, griff sich an die Brust, wo ein unsichtbares Gewicht sich ausbreitete. Ihr Blutdruck, der an passablen Tagen selten 78/52 überschreitet, fiel noch tiefer, sie konnte den Blutsturz regelrecht mitverfolgen. Ihr wurde übel. Unbeschreibliche Schmerzen brachten ihre Glieder zum Glühen. »Ich werde aus dieser Welt gleiten …«, keuchte sie.
Bleib hier …
»Geh weg …«, japste sie nach Luft ringend. Eine unsagbare Wut kroch in ihr hoch und sie brüllte in einer Verzweiflung: »Du bist an allem schuld … ICH HASSE DICH!!!«
Fange an, dir selbst zu helfen. Was benötigt dein Körper?
Was als Erstes auftauchte, war: Banane – Fruchtzucker! Dann: Frische Luft und Bewegung.
Und vergiss nicht, zu atmen.
Zu sagen, Jill ging zur Küche, wäre maßlos übertrieben, es war vielmehr ein Kriechen. Endlich angekommen, schälte sie eine Banane und verschlang sie gierig neben dem Kühlschrank auf dem Boden. Nach ein paar Minuten trat sie auf sicheren Beinen vors Haus. Jetzt, wo der Schnee der Frühlingswärme gewichen war, erschien ihr das Tal mit den noch braunen Flächen wesentlich düsterer. Die Dunkelheit und Stille hatte dennoch eine beruhigende Wirkung auf sie; geborgen im Schoße der Natur. Die überwältigenden Empfindungen fielen von ihr ab, als würde sie sich Atemzug für Atemzug reinigen. Jill Grey begriff, dass es ihre Entscheidung war, an was sie sich hingab; an das Licht oder die Dunkelheit.
Tags darauf hockte sie vor ihrer überdimensionalen Kaffeetasse und suchte nach Worten. »Ich …« Sie räusperte sich und sagte rasch: »Es tut mir leid.«
Was tut dir leid?
»Wegen gestern. Darf ich dich was fragen?«
Alles, was du möchtest.
»Bleibt bei dir nichts haften, wenn ich so wütend bin und …«, sie ließ den Satz unvollendet.
Mich hasst?
»Ist es nötig, es so direkt auszusprechen?«
Ich tue es für dich, damit bei dir ebenfalls nichts zurückbleibt.
»Ich tat es ja nicht wirklich«, relativierte sie hastig.
Mich hassen?
»Ja, dich hassen. Was du tust, ist demütigend«, schmollte sie.
Es ist deine Aufgabe, dich vollkommen mitzuteilen, und wäre bei dir alles in Ordnung, würdest du mir mitnichten diese Frage stellen. Ich bin Gott, ich bin die reinste Form der Liebe, wie könnte etwas zurückbleiben?
»Was ich gestern gesagt habe, ist Blasphemie. Zudem passt das ebenso wenig in meine Vorstellungen.«
Es sind deine Vorstellungen, an denen du festhältst.
»Das war deutlich. Ich danke dir, und ja, ich sollte anfangen, mir selbst zu helfen.«
Und vergiss hierbei nicht, das Kind in deine Arme zu schließen. Es möchte gehört werden.
»Verstehe. Ein Teil von mir wollte all den Schmerz gestern herausschreien … wiederum taucht eine Szene auf, sie beschreibt signifikant die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir …«
Beschreibe sie mir.
»Ich bin vier, fünf und laufe neben ihr her. Da ist ein Mann, er führt uns in ein Haus mit gepflegter, antiker Einrichtung. Im schmalen, dunklen Gang setzt sie mich auf eine Bank und sagt: ›Du wartest hier und bist ruhig‹. Sie verschwindet mit dem Mann in einem Zimmer am Ende des Gangs. Angst kriecht in mir hoch, ich bin mir im Klaren, dass, bin ich nicht ruhig, es Folgen hat. Leider versage ich, fange an zu weinen und rufe nach meiner Mutter. Alsbald fliegt die Tür auf, ein Lichtstrahl in der Dunkelheit, dann werde ich mit den Worten: ›Kannst du dich nicht zusammenreißen! Immerzu machst du mir alles kaputt!‹, gepackt und geschüttelt, um anschließend am Handgelenk nach Hause gezerrt zu werden. Während meine kleinen Beine probieren Schritt zu halten, bin ich verzweifelt bestrebt, die Wogen zu glätten, indem ich mich laufend entschuldige. Der Kontakt ist abgebrochen. Keine Silbe, keinerlei Beachtung und kein Sackgesicht von einem Mann, den ich hätte benutzen können, um mein Versagen wiedergutzumachen.«
Eine tiefe Trauer erfasste Jill. »Da ist Verlust und gleichermaßen Schuld. Ich hatte was bei meiner Mutter ausgelöst und war außerstande, es zu kontrollieren, insofern musste ich lernen, mich zu kontrollieren.«
Siehst du die Verbindung?
»Ja. Ich zwinge mich konstant, zu kontrollieren.«
Was dir kontinuierlich die Luft raubt.
»So ist es.« Sie atmet geräuschvoll. »Ich glaubte, ohne sie zu sterben und war bereit, alles zu unternehmen, um meinem Dasein eine Berechtigung zu geben. Ich stand nachts regelmäßig auf, um ihren nackten, schlafenden Körper zuzudecken, den Fernseher, das Licht und allfällige Kerzen zu löschen, war bemüht, das, was besagtes Dasein gefährdete, zu unterdrücken.«
Jill lachte freudlos und wusch die Kaffeetasse aus. »Man sagt, ein Kind hat keine Wahl, und trotzdem wählen wir eine Rolle, welche uns das Überleben scheinbar sichert. Und was unsere Umwelt tut, sagt, ja (er)-lebt, ist für ein Kleinkind die absolute Wahrheit.«
Und es dauert Jahre, allenfalls ein Leben lang, bis ihr erwähnte Wahrheit infrage stellt.
»Wo du recht hast, hast du recht. Und deine Hartnäckigkeit lässt mich etliches begreifen.«
Dies ist Ausdruck meiner Liebe.
»Ich kann sie spüren«, erwiderte sie verlegen, zog Jacke und Schuhe an und ging spazieren.
Jill Grey konnte ihrer Mutter niemals böse sein. Sie konnte stets ihre Welt hinter den Mauern wahrnehmen. Eine Welt, vor der das Kind seine Mutter erfolglos schützen und hinwegtrösten wollte.
Auf dem Waldboden angekommen, schaute sie über das Nebelmeer in die Weite und ließ ihre Mutter und das Vergangene los …

Jill hatte ihre Post aus dem Briefkasten gefischt und entschied sich spontan, weiter hoch auf die Alp zu gehen. Ihre Hunde sogen aufgeregt die Düfte ein, welche die Schneeschmelze freigelegt hatte, derweil studierte Jill an ihrer Biografie herum. Seit sie begonnen hatte, ihre Kindheit aufzuarbeiten, reagierte ihr Körper beharrlich. Dachte sie ernsthaft, es würde ein Katzensprung werden, ihr Leben – wohlgemerkt nüchtern – Revue passieren zu lassen? Nun ja, keinesfalls hatte sie mit derartigen Widerständen gerechnet. Etwas bewegte sich in ihrem Leben, und wo Bewegung ist, tauchen Widerstände auf; haufenweise plausible Gründe, wieso du scheitern könntest.
Oftmals hatte sie Entscheidungen getroffen und sie wurden zum Feuerlauf, nahm sie sich vor, sie umzusetzen. Wem ergeht es nicht so? Entscheidungen werden rückgängig gemacht, freilich ohne das Drama, das durchlebt wurde, um sie zu treffen – sie werden still unter den Teppich gekehrt. Jedenfalls war dies seinerzeit Jills Taktik. Heute würde sie sich überlegen: ›Weshalb ist es nicht mehr richtig für mich?‹ – ›Wovor habe ich Schiss?‹ Das, was sie bis anhin unter den Teppich kehrte, hatte zufolge, dass sie früher oder später stolperte, da sich – metaphorisch gesprochen – ganze Hügellandschaften aus ihren Böden erhoben. Möglicherweise fürchten wir, uns die Füße zu verbrennen, folgen wir dem geplanten Weg. Eventuell werden wir zu Feuerläufern, bringen wir die Courage auf, hindurchzulaufen, weil das, woran wir glauben, stärker ist als unsere Furcht.
Erinnerungen an Jills zweiten Feuerlauf tauchten auf, beim ersten lief sie genauso – davon. Der zweite ist ihr sehr präsent: »Es ist Nacht, über dir der klare Sternenhimmel. Du stehst vor einem langen Glutteppich, seine Hitze berührt deinen Körper, das Leben pulsiert in der Glut, Funken entspringen ihr. Ein magischer Augenblick und lediglich ein Gedanke: ›Du wirst dir gewaltig deine Füße verbrennen!‹
Dann überschreitest du die Schwelle der Angst und lebst Vertrauen. Eine Kraft breitet sich in dir aus, sie erstickt sämtliche Zweifel im Keim. Und ehe du dich versiehst, stehst du auf der gegenüberliegenden Seite und denkst: ›Das war’s?‹. Sogleich möchtest du noch einmal über den Teppich aus Glut schreiten, den Moment genießend, in einer nie zuvor erlebten Freiheit.«
Hat Jill heute vor, den imaginären Teppich anzuheben, um flink eine Sache darunter zu kehren, denkt sie: ›Hey! Du kannst mit nackten Füßen über siebenhundert Grad heiße Glut wandern, also welches Problem könnte dir im Weg stehen?‹. Zugegebenermaßen würde sie manchmal gerne auf die Glut zurückgreifen.
Jill war mit technischen Dingen ihrer Arbeit beschäftigt. »Sag, ist es ratsam, mit der Aufzeichnung in den Bergen anzufangen und dann von hinten alles aufzurollen, bis der Kreis sich schließt? Vielleicht wäre es klug, chronologisch zu schreiben?«
Wähle einfach.
»Wähle einfach? Wo bleibt das Auseinanderpflücken?«
Ist es dein Wunsch, dass ich dir die Lust nehme, eigenständig einen Weg aus deinem Dilemma zu finden?
»Wer hat was von Lust gesagt?«
Sprühen bei dir die Emotionen und du anfängst, mich anzugreifen, spüre ich das pure Leben in dir und in mir.
Statt was zu entgegnen, schürzte Jill mit gekrauster Stirn ihre Lippen.
Gefiele es dir, würde ich dich wie ein Kind behandeln und dir das ›Problem‹ mit den Worten aus der Hand nehmen: ›Gib her, das schaffst du sowieso nicht!‹
»Das wäre grauenhaft. Demnach möchte ich bloß ein bisschen Mitgefühl und Aufmunterung?«
Du schaffst das, ich bin mir sicher!
»Danke, aber auf Kommando eine Bestätigung zu bekommen, befriedigt nicht.«
Dann: Ich bedaure dich unermesslich, dein Problem ist unmöglich zu bewältigen.
»War das eben Mitgefühl? Fühlt sich eher deprimierend an.«
Hast du alternative Optionen?
»Am besten war, dass ich es ›eigentlich‹ selbst lösen will, deshalb werde ich weiter herumwuseln.«
Verlierst du dich in deinem Gewusel, unterhalten wir uns nochmals. Was nicht vonnöten sein wird.
»Das war doch eine grandiose Bestätigung!«
Danke, die kam schließlich von mir.
Nach zwei Tagen kam dann die Einsicht. »Ich hab mich entschieden, es so zu belassen. Allerdings befürchte ich, dass der Umfang den normalen Rahmen sprengen wird.«
Was quälst du dich mit dem Umfang? Wer bestimmt ihn?
»Ähm … allfällige Vorstellungen, die ich festhalte.«
Gut. Also tu, was immer dir vorschwebt.
»Echt jetzt? Auf welchem Trip bist du denn?«
Du hast mir mit klaren Worten gesagt, dass du an allfälligen Vorstellungen festhältst.
»Und das schluckst du klaglos?«
Das habe ich längst.
»Ich bin überrascht. Für dich ist es in Ordnung, reduziere ich die Geschichte nicht auf die Größe einer Erbse?«
Wie alt bist du gerade? Wozu Spielchen spielen?
»Ich werde unsicher, erhasche ich keinerlei Bestätigung, die du mir nebenbei verwehrst!«
Ich danke dir.
»Weil ich mich vor dir entblößt habe?«
Was ich als Fortschritt verbuche. Es ist dein Weg, den du gehst, und ich werde ihn mit dir gehen.
»Diese Arbeit ist eine Herausforderung, und dann werde ich zum Kind. Danke, insbesondere, dass du mit mir gehst.«

Die Jahre am Rheinufer waren fast abgeschlossen; bis auf ihre kleine Schwester, die sie nie kennengelernt hatte, so gesehen war sie kaum real, und irgendwie doch. Sobald Jill begriff, dass es noch ein Mädchen gab und es gestorben war, fragte sie ihre Mutter, warum sie gestorben sei. Ihre Antwort ist präsent: ›Sie war krank und es ist besser so, ich habe weiß Gott genug mit euch am Hals und darf euch durchfüttern‹.
Sie weinte bittere Tränen und alle glaubten, sie weine wegen ihrer jüngeren Schwester. Dem war keineswegs so. Das kleine Mädchen schätzte seinen Wert, konkret gesagt den Grad der Belastung für seine Familie ein. So viel zur göttlichen Nächstenliebe. Ihre verstorbene Schwester war ein Mahnmal auf ihrem Lebensweg.
Jills Absicht, ihr Leben durch das Niederschreiben zu verstehen, trug wahrlich Früchte. Sie konnte des Öfteren Zusammenhänge ausmachen, bedauerlicherweise waren die wenigsten Erkenntnisse berauschend.
Am Nachmittag wirbelte sie mit dem Staubsauger durchs Haus, verfolgt von einem Telefongespräch. Eine Freundin hatte vorgeschlagen, das Buch zu veröffentlichen, wenn es beendet sei (haha, wenn!). Grundsätzlich fand sie das toll, und nach dem ›Toll‹ bahnten sich altbekannte Selbstzweifel ihren Weg an die Oberfläche.
»Ich bin dafür zweifellos ungeeignet! Wer bin ich denn schon?«
Was denkst du wirklich?
»Ich werde niemals gut genug sein, und jeder wird es mitbekommen.«
Folglich bist du weiterhin das Kind, das von anderen abhängig ist.
Pause. Dann, leise: »Scheint so …«
Du möchtest dich den Menschen ausschließlich in Vollkommenheit zeigen?
»Wer möchte das nicht?«, rief sie allen Ernstes aus.
Ihr wandelt auf Erden, um eure Vollkommenheit zu erlangen. Du steckst dir Ziele aus, welche zu erreichen utopisch sind, so kannst du einzig scheitern und hast zugleich den Beweis, dass du nicht genügst und …
»Stopp! Es ist unnötig, etwaige Überzeugungen und Unzulänglichkeiten aufzulisten, beziehungsweise in den Wunden herumzustochern, das praktiziere ich selbst ausgiebig.«
Und es ist hilfreich, macht dich jemand darauf aufmerksam, dass du es tust. Was genau erwartest du von mir? Dass ich Goodies verteile, dein Ego füttere? Würdest du es mir glauben?
»Derzeit? Nein.«
Wofür quälst du dich dann? Hätte ich vollkommene Wesen erschaffen wollen, hätte ich nach dem Pflanzen- und Tierreich aufgehört. Wie könntest du dich und mich erfahren, wärst du bereits vollkommen?
Geraume Zeit herrschte Stille. »Hm.«
Ist dies ein zustimmendes Hm oder eines, das Goodies möchte?
»Du bringst mich zum Lachen. Es ist zustimmend, ich bin dabei, Gesagtes zu verdauen.«
Noch eine Fußnote: Es spielt keine Rolle, welche Überlegungen sich Leute machen, beeinflussen kannst du es ohnehin nicht. Und ändert es irgendetwas an dem, was du tust, an was du glaubst?
»Eigentlich nicht.«
Eigentlich? Kein klares Nein?
»Ist das ernst gemeint? Ein ›eigentlich‹ lässt Türen offen, es ist unverbindlich.«
So wie dein Glaube?
»Autsch! Das tat weh.«
Du träumst von Jesus und schämst dich dessen. Im Traum musstest du dich entscheiden, zu deinem Glauben zu stehen und zu sterben oder ihn zu leugnen und weiterzuleben, korrekt?
»Wir schweifen geringfügig vom Kurs ab, aber ja, so war es.«
Hast du in deinem Traum ebenso eine Tür offengelassen?
Jill stieß die Luft aus, bevor sie sagte: »Es gab nur meinen Glauben, ohne Wenn und Aber.«
Dieser Traum sagt dir, dass du bereit bist, zu dir zu stehen, einerlei, was andere denken.
»…«
Bist du noch da …?
»Ja … irgendwie.«
Irgendwie, ein weiteres Wort der offenen Türen und Unverbindlichkeit.
»Und wiederum lache ich, obwohl das Herz weint.«
Tränen heilen Wunden, sie führen dich zurück in die Liebe.
Inzwischen hatte Jill den Staubsauger abgestellt und schniefte in ein Kleenex. »Ich bin dermaßen traurig und fürchte mich, mich dem hinzugeben. Womöglich hält man mich für gänzlich verirrt. Das ist absurd!«
Bedenke ich, dass in meinem Namen Kriege geführt werden, hört es sich normal an. Hast du noch Angst, wie nanntest du es? Kirre zu werden, gibst du dich meiner Göttlichkeit hin?
»Nein. Hingegen wäre es einfacher, hätten es alle mit mir erlebt.«
Kollektive Sicherheit. So entstehen Religionen. Du möchtest eine Religion?
»Gott bewahre, nein!«, ächzte sie entsetzt.
Das war klar. Demzufolge ist es überflüssig, mit mir über etwas zu diskutieren, das nach deiner Aussage keiner Wahl bedarf, weil dein Herz dieses ›eigentlich‹ nicht braucht. Es ist dasselbe Thema: Stehe zu dir, mit allem, was du bist und warst.
»Du bist ein unerbittlicher Gegner.«
Ich sehe lediglich einen Gegner, und wärst du ein Mann, würde ich sagen: Hör auf, dir in die Eier zu treten.
»Wer hätte gedacht, dass Gott Humor hat?«
Den benötige ich auch. Und es ist schön, bist du wieder fröhlich.
»Danke. Mitunter ist es bitter, Empfindungen auszuhalten. Fakten müssen her, um solche Angelegenheiten aus der Welt zu fakterisieren.«
Fakterisieren?
»Ich nehme an, der Ausdruck steht in keinem Duden?«
Ich befürchte, nein.
»Dann müsste er aufgenommen werden. Danke, du hast mich geerdet, und ja, es wäre wünschenswert, in jedem Bereich dem Herzen zu folgen.«
Sich auf seine Reise zu begeben, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung, die euch zuteilwird, und indem ihr eure Emotionen meidet, meidet ihr euch und schlussendlich mich.
»Ich habe nicht vor, dich zu meiden, unsere Gespräche würden mir fehlen.«
Was garantiert jene einschließt, in denen du einen Streit anzettelst.
»Sie sind zu erfrischend. Um es mit deinen Worten wiederzugeben: Das ist Leben.«
Jills Leben war tatsächlich von »eigentlich« und »irgendwie« geprägt. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, Türen offenzulassen, für den Rückzug und sich den Umständen anzupassen. Sie traf Entscheidungen, indem sie Meinungen einholte, was meist zusätzliches Chaos verursachte, anstelle der erhofften Klarheit. Der Traum, ihre Bereitschaft, für ihren Glauben zu sterben, hatte sie bis ins Mark erschüttert. Weshalb konnte sie im Leben nicht dieselbe Klarheit an den Tag legen?
Verstehen
Wie können wir andere verstehen,
wenn wir uns selbst nicht kennen.
J.G.

Betitelte Jill Grey sich als Heldin, nachdem sie den Winter in ihrem rauen Tal überlebt hatte, erwies sich das alsbald als eine weitere Illusion. Im Juni 2003 musste sie schmerzhaft einsehen, dass sie sich mit der Flucht hierher von gar nichts befreit hatte. Unverkennbar waren ihre Dämonen mit umgezogen. Trostlos betete sie auch heute darum, irgendwer möge sie gnädigerweise von ihren Qualen erlösen.
Ich höre deine Rufe.
»Ach ja? Und dennoch lässt du mich hängen!«, schnauzte sie unter ihrem imaginären Stein hervor.
DU ignorierst mich.
»Was soll ich sagen, einerseits beherrsche ich Ignoranz aus dem Effeff und andererseits läuft das in einer Depression so«, informierte sie fachkundig.
Aus der du keinesfalls aussteigen möchtest.
»Wer sagt das?«
Dein Verhalten, deine Ignoranz, meine Hand zu nehmen, welche ich dir täglich reiche.
»Du hast gut reden, dir bleibt es ja erspart, den Dreck durchzukauen!«
Ich erlebe ihn durch dich.
Sie vergrub ihr Gesicht in den Armen und schluchzte: »Ich kann nicht mehr%u202F…«
Dann handle.
»Du meinst, mich auszudrücken …«, wisperte sie.
Exakt. Du hast diverse Möglichkeiten, nutze sie.
»… ich hab keinen Schimmer, wo beginnen …«
Fange mit dem Teil an, den du vermeidest.
Zusammengekauert vor der Hausmauer blinzelte Jill mit finsterer Miene zur Sonne, deren Licht für sie unerträglich war. »Ich mag derzeit deine Unerbittlichkeit nicht.«
Gern geschehen.
Neben dem äußeren Leben und seinen Herausforderungen, gab es noch den Teil, den Jill den Leuten vorenthielt, berichtete sie von dem idyllischen, abenteuerlichen Ort. Es war der Teil, der keineswegs gesellschaftsfähig ist; die dunkle Seite in uns. Im Streben nach alldem, was wir sein sollten, öffnen sich gelegentlich Tore, sie verbergen, was uns geheißen wurde, zu unterdrücken.
Jill Grey beschloss, darüber zu sprechen, wie sich jene Dunkelheit anfühlte. Nebel, Zustände, Dämonen … egal, als was wir sie bezeichnen, es ist leicht, sich ihnen hinzugeben, jedoch enorm schwer, es wahrhaftig zu tun. Derartige Zustände waren ihr früher so geläufig wie ihr Spiegelbild. Medizinischer Begriff: Depressionen. Sie glaubte, die Zustände im Griff zu haben, dann suchten sie sie mit einer Wucht heim, die keinerlei Zurückweisung duldete.
»Du stehst eines Morgens auf und nimmst den bekannten Hauch von Nebel wahr. Du kennst sämtliche Vorboten und ihr Ziel; eine Finsternis, die dein Leben in eine endlose Qual verwandelt.
Meine Dämonen waren erwacht, bereit, um ihre Existenz zu kämpfen. Vor der Tür scheint die Sonne, lässt Blumenwiesen in den schönsten Farben leuchten, aber diese Farben verblassen, alles verblasst. Der Nebel wird dichter, und eines Morgens könntest du beim Aufwachen grundlos heulen, worauf du dich an jede noch so kleine, scheinlos irrelevante Aufgabe deines Tagesablaufs klammerst.
Dann erfasst dich im unerträglichen Schmerz eine Wut, deren Stärke du nur erahnen kannst, und die Einsamkeit, in der du dich wiederfindest, bringt dich fast um sowie die Vorstellung, Menschen zu begegnen, dich in Panik versetzt. Das Licht schmerzt, das Läuten des Telefons fährt dir in die Knochen; Geräusche bereiten dir Schmerzen. Dies ist der Augenblick, in dem du den Spiegel tunlichst meidest; was du darin siehst, ist dir fremd; das, was dein Umfeld kennt und erwartet, ist verschwunden.«
Jill japste nach Luft, atmete tief durch, um dann fortzufahren: »Dann kommt die Kälte. Tief in mir kriecht eine immense Wut empor, um zu zerstören, doch ich werde sie niemals zulassen. Unter der Wut ruht der Schmerz, so tief, dass er an den Grundmauern, meiner Existenz rüttelt, und das Verlangen, jeden von mir zu stoßen, der die Macht besitzt, mich zu verletzen, zerrt unaufhaltsam. Jegliche Empfindungen werden in der darauffolgenden Schicht von einem grauen, schweren und kalten Mantel erstickt; als würdest du lebendig begraben. Die Kälte trennt mich von allem, nichts erscheint real. An dem Punkt habe ich bloß noch den Wunsch, Schmerz wahrnehmen zu können, ein Schmerz, der mir sagt, dass ich lebe. Zuweilen habe ich meinen Körper verletzt, sein Aufschrei war der Schrei, zu dem ich unfähig war.
Auf ein Neues wandle ich katatonisch durch den Alltag. Allesamt ist träge, kalt und grau, bis hin zu den Gedanken. Ich bin erschöpft, leer und was ich auch anziehe, ich komme mir nackt vor. Mein Körper ist eine Folterkammer, in der ich vierundzwanzig Stunden am Tag angekettet bin. Und was mich restlos fertigmacht, ist, dass kein Einfluss von außen mich hineinbefördert hat; sonst stehen die ›Täter‹ längst Schlange.«
Jill krauste die Stirn. »Im Grunde ist diesmal die Therapeutin schuld.«
Sie hat dir mit einer Übung zu einem Einblick in diese Dunkelheit verholfen.
»Verflucht, ja! Es ist Sommer, Zeit des Lebens und nicht des Elends!«
Was geschah bei der Übung?
»Ist das nötig?«, erkundigte sie sich mit kindlicher Stimme.
Sehnst du dich nach Heilung?
Hierauf erübrigte sich eine Antwort. »Ich versuchte bewusst, die Dunkelheit zu ergründen, und für einen Atemzug war ich das Kind, das in unzähligen Nächten panisch wurde, weil die Wände verschwanden. Anwesend war einzig Dunkelheit, sie war schwärzer als die Nacht, und der Griff ums Bett herum endete in der Leere. Du wirst komplett deiner Kontrolle beraubt. Deine Augen blicken weit aufgerissen ins Nichts, du kannst den Körper, die Worte steuern, doch abgesehen vom Bett ist alles weg! Blanke Panik stieg in mir hoch und ich plärrte nach meiner Mutter. Sie kam, steckte kurz den Kopf durch den Türspalt und fragte, was los sei, berechtigterweise, denn die Wände waren wieder da.
In einer Nacht kniff ich mich ins Bein, bis Schmerzenstränen über meine Wangen liefen, ich wollte sehen, dass das nicht real war, ich allenfalls doch schlief. Abermals griff ich ins Leere und hatte Angst, wahnsinnig zu werden. So entschied ich mich, aufs Tageslicht zu warten, dann würden die verflixten Wände zurückkehren! Ich raffte im Sitzen die Decke und das Kissen um mich, um zu verhindern, ins Leere zu fallen, schlafe ich ein; denn jetzt war ich davon überzeugt, wach zu sein. Nach einer Weile befürchtete ich, dass jeder Atemzug mich verraten könnte und die Dunkelheit neben den Wänden auch mich verschlingt. Schließlich rief ich nach meiner Mutter. Ihre Schritte kamen näher und ich wusste, just würde die Tür einen Spalt aufgehen und das Licht, das hereinfiel, mir zeigen, dass die Wände da waren. Und so war es.
Nach dieser Nacht gab ich es auf, irgendwas zu erklären, was im Prinzip irreal war. Ich kann kaum beschreiben, was ich in solchen Nächten empfunden habe; verloren in einer nicht existierenden Welt.«
Der Kaffee war alle.
Zwanzig Minuten später …
»Nach dem Blick in die Vergangenheit öffnete sich zu Hause eine Schleuse, und alle Schichten, die mich gewöhnlich langsam zudecken, überschwemmten mich erdrutschmäßig. Ich bin fassungslos und eine böse Stimme in mir frotzelt: Hast du wirklich gedacht, uns kontrollieren zu können? Dass wir ausschließlich in anderen leben? Herrgott, ja! Und überhaupt, es reicht Gott zu hören, müssen sich zudem quälende Dämonen in mir breitmachen?!«
Nun ja, wäre ich du, würde ich mich wählen.
»Das ist nicht komisch!«
Nein. Mein Kind, jeder kann dir einen Spiegel vorhalten und drückt er unabsichtlich Knöpfe, lösen sie aus, was sie auslösen.
»So wie mein Partner das regelmäßig fabriziert?«
Partnerschaften sind ideal, um sich in seine Schatten zu begeben.
»Bei dir klingt das nach einer Werbung für Selbstfindungsseminare.«
Ist es auch, stellt ihr euch der Prüfung und verzichtet darauf, einander aufs Schlachtfeld zu führen, was du vorzugsweise tust.
»Ich bin geneigt, dir zuzustimmen: Fange ich an, mich zu verlieren, löst die Veränderung bei meinem Partner Unsicherheit aus – beiderseitig Angst vor Verletzungen – und dem Rückzug und Beweis, verlassen worden zu sein.«
Und trotzdem hast du angefangen, dir wiederkehrend zu sagen, dass es deine Dämonen sind.
»Die genau dann fleißig von meinem Partner gefüttert werden, bis er der Dämon ist!«
Sag mir, was hast du mit dem letzten Blick in deine Kindheit erkannt?
»Dass besagte Zustände eine identische Dunkelheit erzeugen und dieselben Ängste auslösen, vor denen sich schon jenes Kind in den Nächten gefürchtet hat. Weiter kann ich erkennen, dass erwähnte Zustände soziale Kompetenzen, allem voran die Fähigkeit zu kommunizieren, beeinträchtigen, weil all das, was ich durchmache, nur für mich real ist. Und selbstredend die Gewissheit, eine Zumutung für jeden zu sein. Ich offenbare dir noch was: Um Hilfe zu rufen, ist für mich vergleichbar, wie von einer Klippe zu springen; und tu ich es und werde abgewiesen, häng ich mir die nächste Trophäe an die Wand; sie ermahnt mich, was geschieht, rufe ich um Hilfe. Vor ein paar Wochen sprang ich von der Klippe und hängte mir anschließend die Trophäe meines Partners an die Wand!« Jill verschränkte ihre Arme vor der Brust.
War es befriedigend?
»Autsch, der Schlag landete unterhalb der Gürtellinie!«
Du willst deine Geschichte neu schreiben, also rekapituliere sie vollständig.
»Was soll’s, lassen wir die Hosen halt runter. Es ist krank, mit einer gewissen Genugtuung Trophäen zu sammeln, metaphorisch gesprochen. Es ist leichter, die Partnerschaft zu zerstören, als sich den Dämonen zu stellen. Wobei zu sagen ist, dass der Schmerz, verlassen worden zu sein, die Genugtuung bei Weitem übertraf. Und dass ich mich danach sehne, gehalten zu werden und gleichzeitig panisch werde, könnte es jemand tun, zieht mir wohl zusätzlich das Höschen aus.«
Stille
Die Lasten, welche wir festhalten, lassen die Mauern,
hinter denen wir uns wiederfinden, anwachsen.
Auf beiden Seiten spricht die Einsamkeit, in einer Stille,
die allein du zu hören vermagst.
J.G.

Erschöpft von der Arbeit trottete Jill mit ihren Hunden zum Bach, wo sie sich beim kleinen Wasserfall hinsetzte. Lediglich ein Atemzug trennte sie davor, ihre Beziehung zu beenden. Tu es und du wirst von deinen Qualen erlöst!, drängte eine kalte Stimme. Gleichsam suchte sie verzweifelt nach einem Gegenargument, und plötzlich war es da, klar und bedingungslos: Würde sie ihren Partner in die Wüste schicken – danach gierte sie so sehr wie der Fixer nach seinem Stoff – würde es ihr am Morgen ergehen wie diesem. Müde legte sie sich auf den Rücken und schaute zu den Baumkronen, ihr Anblick war beruhigend. Ein sanfter Windhauch streifte durch die Blätter und ein Flüstern drang zu ihr: Es ist irrelevant, was jemand tut oder unterlässt zu tun. Fange an, dir zu helfen …
Fakt war: Jill hatte es schlichtweg satt, dass jeder ihre Dämonen füttern konnte, während sie blöd danebenstand. Wenngleich sie diesen Trip nicht mehr umschiffen konnte, hatte sie vor, zur Abwechslung mitzuspielen, statt die Marionette zu mimen! Sie traf den Entschluss, eine Auszeit zu nehmen, niemanden zu sehen, niemanden zu hören. Kein Rechtfertigen und keinerlei Verletzungen – von keiner Seite. Dieses Vorhaben vermittelte ihr ein Empfinden der Befreiung, als laufe sie in einen dunklen Dschungel und ruft: ›Okay, du hässliches, gefräßiges Monster, nur du und ich!‹.
Nach drei Tagen wurde Jill sich gewahr, dass die gefräßigen Monster – entzog sie ihnen jegliche Nahrung von außen – weniger übermächtig waren. Sie arbeitete Stunden im Atelier, bestrebt, ihre Zustände in Ton auszudrücken. Und sie gab sich dem Tanz hin, bis die blockierten Energien durch ihren Körper flossen, überdies den Schmerz linderten. Sie war bemüht, auf ihren Körper zu achten, anstatt ihn zu hassen.
Mit jeder Arbeit kehrte das Leben zurück und ein Vertrauen, das sie bislang im Außen gesucht hatte.
Du schreitest in dunkle Tiefen deiner selbst hinab, tastest dich in sämtliche Richtungen, um zu berühren, wovor du dich fürchtest. Eine Gegenwart ist präsent, stärker als jede Dunkelheit.
Es wäre legitim zu sagen, dass Jill Grey eine Viertage-Marathon-Therapiesitzung absolvierte. Am Schluss erkannte sie, dass die Tatsache, dass sie erneut so tief reingefallen war, ihr weitaus intensiver zusetzte. Jedenfalls litt ihr Ego gewaltig. Sie stellte sich vor, die Scham über ihren ›Rückfall‹ in einem Bild darzustellen: Ein kleines Kind hat eine wunderschöne Sandburg gebaut. Das mit eigenen Händen und liebevoll erschaffene Kunstwerk will es allen zeigen! Blind vor Stolz rennt es los und fällt, ›plumps‹, in sein Kunstwerk. Dumm gelaufen, denn sie kommen und denken: Typisch, sie hat es wieder einmal geschafft …!
Am Ende des Durchlaufs lächelte Jill zaghaft, empfand eine tiefe Zuneigung zu dem Kind. Anerkennung und Bestätigung, ein weiteres Handicap.
Wohlig räkelte sie sich tags darauf in der Sonne und dachte an Gott. Eventuell war er nur eine Stimme, von denen es diverse in ihr gab. Was sogleich die fundamentale Frage aufwarf, ob sie vielleicht schizophren sei?
Glaubst du das ernsthaft?
»Na ja, ein Psychiater würde sich seine Finger lecken, hört jemand verschiedene Stimmen in sich.«
Womöglich sind manche Verrückte gar nicht verrückt.
»Möglich, ja. Meines Erachtens könnten es auch die Ahnen sein, mit denen ich spreche, gegebenenfalls mein höheres Selbst?«
Es könnte außerdem der Käfer sein, der gerade über deinen Arm krabbelt.
Sie betrachtete schmunzelnd den Käfer. »Ich rede mit Insekten.«
Ich bin Gott und Gott ist alles.
»Okay … wenn du meinst. Ich bin stolz. Ich habe Mauern durchbrochen. Dennoch werden sie wiederkommen, richtig?«
Du kommst soeben aus deiner Vergangenheit und fliehst bereits in eine mögliche Zukunft?
»Im Hier und Jetzt leben. Die einfachste Sache der Welt und zugleich die schwerste.«
So scheint es.
Der Herbst zog ins Land. War Jill drauf und dran, sich in ein Drama zu stürzen, vernahm sie vermehrt eine amüsierte weibliche Stimme: Schluckst du den Mist allen Ernstes, den du dir einredest? Nein, aber Vertrautheit schenkt Sicherheit. Aller Anfang ist holprig und Jill nahm sich vor, den Film ihres Lebens bewusst anzusehen, in den sie Jahrzehnte investiert, jedoch nie Zeit hatte, das Drehbuch zu lesen.
»Apropos Drehbuch. Ich plag mich mit Zweifeln betreffend der Veröffentlichung.«
Was möchtest du mir wirklich sagen?
»Du gönnst mir nicht mal das Vorspiel? Nun gut, ich hab Schiss, dass es niemand lesen wird.«
Du flüchtest wiederholt in eine mögliche Zukunft. Was noch?
»Ich …, da ist …«
Können wir künftig den Teil überspringen, wo ich dir alles aus der Nase ziehen muss?
»Ich bezweifle, dass ich so weit bin.«
So weit, um aufzuhören, mich zu testen?
»Ich habe das Recht, dich zu testen?!« Sie horchte auf. »Lachst du?«
Es erheitert mich, wie du dir die Dinge zurechtbiegst, und du hast durchaus Anrecht, Umwege zu gehen.
»Hm … es betrifft dich.«
Wieso überrascht mich das nicht?
»Du kennst mich.«
Die Frage war rhetorischer Natur.
»Und ich schinde Zeit. Sich mit dir zu unterhalten ist kaum dasselbe, wie die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Der alte Hut.«
Den du dir aufsetzt. Sag mir, weshalb hast du einen Dialog deinem Freund zum Lesen gegeben?
»Ich war unsicher, wollte verschiedene Meinungen einholen.«
Du möchtest konstant, dass dein Umfeld für dich entscheidet.
Jill nickte eifrig. »Da liegt der Hund begraben!«
Würdest du es nicht wollen, hättest du den Dialog nie aus den Händen gegeben und würdest davon absehen, mit mir darüber zu sprechen. Der Hund ist keineswegs so tief begraben.
»Kann sein, aber was hab ich schon zu sagen?«
Sind wir auf ein Neues bei, ›Ich bin und kann nichts!‹?
»…«
Du wirst wütend.
»Was an deiner Fragerei liegt.«
Ich frage, um dich ganz zu verstehen.
Sie prustete aufgebracht die Luft aus, wetterte: »Soll ich dir sagen, weswegen ich wütend bin?«
Ich bitte darum.
»Ich bin wütend, weil ich zögere, zu mir zu stehen. Ich bin wütend auf dich, weil du mich mit deiner Bohrerei direkt dahin führst. Und letztlich könnte man mich für fromm halten – das alte Thema mit der Kirche.«
Ich bin weder Kirche noch Religion. Sonst noch was?
»Reicht das nicht? Und nein, ich bin nicht per se wütend auf dich.«
Das weiß ich, mein Kind, denn ich kenne all deine Ängste, an die du dich heranführst.
»Ja-ja, das sind meine Wege, ich habe sie gewählt und so weiter.«
Ich wählte sie nicht. Was denkst du?
»Dass es mir eigentlich wurscht ist, was jemand denkt.«
Eigentlich?
»Du tust es wieder!«
Was?
»Nachfragen.«
Oh … ja, natürlich. Ich tue es, weil ich deinen alten Freund ›eigentlich‹ keinesfalls so stehen lassen möchte.
Jill schaute aus dem Fenster auf die leuchtenden Farben des Herbstes. Liebe durchströmte sie. »Es ist so«, sprach sie leise, »spreche oder zanke ich mich mit dir, lacht mein Herz. Ich begegne mir, durch dich. Deine Anwesenheit ist wie … nach Hause kommen. Und der Verstand, mit dem du mich gesegnet/verflucht hast, streut stets Zweifel.«
Ich danke dir. Und ja, Fluch oder Segen, euer Verstand ist das, was ihr aus ihm macht. Du glaubst, er quält dich, doch dort, wo er euch leiden lässt, habt ihr etwas zu lernen. Und seid ihr bereit dazu, bringt euch das eurem wahren Sein näher – und selbstverständlich mir.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Letzteres hättest du nicht explizit erwähnen müssen, klingt ein bisschen selbstverliebt.«
Ich bin Gott, ich bin vollkommen, wie könnte ich mich nicht lieben?
»Und du brauchst bestimmt niemanden, der dein Ego füttert.«
Welches Ego?

»Dämonen«
Öl und Acrylic auf Leinwand

Die Arbeit an Jills Biografie war ein lehrreiches Abenteuer, bei dem sie sporadisch fassungslos war. Verdammt, hatte sie überhaupt irgendetwas gelernt? Sicher hatte sie das und es war noch irgendwo vorhanden, zusammen mit all den tief verwurzelten Überzeugungen und hungrigen Monstern, die wir durchfüttern und pflegen. Vergleichbar mit einer eingefahrenen und schmerzhaften Bindung: Erwiesenermaßen wäre es gesünder, auszusteigen, bedauerlicherweise steckst du zu lange und tief drin. Suchte sie solch ein Moment heim, ließ sie den Ärger daheim und ging spazieren.
Auf dem Heimweg, sie war ungefähr dreißig Meter von ihrem Haus entfernt, wurde der Nebel ins Tal gedrückt. Welch faszinierender Anblick! Sie beobachtete, wie diese graue, dichte Wand – sie hatte tagelang über dem Tal gehangen –, auf sie zu schwebte. Dann stand sie mittendrin, ihr Haus war verschwunden, und die Luft war feucht und … schmeckte sie etwa Abgase? Sie öffnete ihre Geruchssinne und schmatzte angewidert mit der Zunge, meinte an einem Auspuff genuckelt zu haben.
»Früher ist mir das nie aufgefallen …«, murmelte sie.
Früher hast du auch in dieser Glocke gelebt.
»Und ich hatte chronische Bronchitis … und sie ist weg?!«
Im Büro blickte sie auf die weiße Wand vor ihrem Fenster, überlegte, wo sie stehen geblieben war … der Umzug nach Binningen (BL).
»Mit neun begann für mich ein guter Lebensabschnitt. Ich korrigiere, es war die beste Zeit.
Was die Schule anbelangt, hab ich im Kleinbasel bloß zwei Erlebnisse. Unser Lehrer, ein grimmiger, älterer Mann, zwang ein Mädchen, das nach einer Lähmung Krücken benötigte, ohne sie das Klassenzimmer zu durchqueren. Sie weinte, fiel vor der Wandtafel hin und uns wurde verboten, ihr zu helfen. Es war grauenhaft. Einst half mir meine Mutter bei den Hausaufgaben – ebenfalls grauenhaft. Ich kaute bei einer simplen Rechenaufgabe nervös auf dem Bleistift herum und hatte ein Brett vor dem Kopf. Nach der zweiten falschen Antwort sowie den darauffolgenden Kopfnüssen, brach ich in Tränen aus. Meine Mutter, deren Nerven ich offenbar bis zum Äußersten strapaziert hatte, schrieb die Lösungen auf das Blatt, worauf ich richtiggehend heulte, denn der Monster-Lehrer würde merken, dass es nicht meine Schrift war. Das hob meiner Mutter endgültig den Deckel. ›Du stellst dich dümmer an, als du bist. Radiere es weg und schreib es selbst!‹. Dieserart Logik war mir fremd. Ich bin mir zudem unschlüssig, was schlimmer für mich war, dass ich offensichtlich unterbelichtet war oder meiner Göttin den letzten Nerv kostete und ich mich deshalb schuldig fühlte.«
Jills Unterlippe schob sich vor.
Du hast die Verbindung erkannt.
»Ja, noch heute kommt mir das Naheliegende selten in den Sinn, und weist mich jemand darauf hin, schäme ich mich.«
Die plötzlichen Verbindungen zu erkennen, verblüffte Jill.
»In der neuen Schule versuchte ich wie eh und je, unsichtbar zu sein. Alsbald hatte ich eine Freundin, Pauline. Ich stellte mein Licht von Anbeginn unter das ihre: Sie war Klassenbeste, ich das Schlusslicht. Sie hatte schöne Kleider, ich war das jüngste von drei Mädchen und trug, was halbwegs zu tragen war. Pauline strahlte Selbstvertrauen aus, ich war ein Schatten. Sie hatte eine perfekte Familie, ich war ein Schlüsselkind, dem der Schlüssel fehlte. Alle hatten einen Schlüssel, und wer zuletzt die Wohnung verließ, legte ihn für mich unter die Matte. Bei Renate kam es vor, dass sie es vergaß und ich warten musste, dass Fiona am Mittag nach Hause kam, um mir dann Teigwaren zu kochen oder den Gemüseeintopf vom vorvorletzten Tag aufzuwärmen. Viele Schüler beneideten mich um meine Mutter und ihre liberale Handhabung und die Freiheit, die ich hatte; sie arbeitete in drei Schichten im Restaurant. Ich gestehe, dass ich den Neid genoss, gleichzeitig behielt ich für mich, wie es sich anfühlte. Einsamkeit, die auch dann gegenwärtig war, war sie zu Hause.«
Zu Jills Füßen beschwerte sich die kleine Hündin, ihr Protest bewirkte, dass auch der Beagle antrabte. »Futterzeit?« Die Reaktion kam postwendend. Gleich ihrer Vierbeiner wartete sie, dass das Futter im Wasser einweichte – Jill praktizierte es im Gegensatz zu ihren Hunden still –, und beständig war das Kind gegenwärtig. Was würde es ihr noch offenbaren? Über welch verschlungene Wege sie führen?
Das Fütterungsritual war abgeschlossen. Am Computer suchte sie den nächsten Ort auf, zu dem sie geführt wurde.
»Neben der heilen Kinderwelt gab es die Welt von Conny. Wie gut es in ihrer Welt lief, hing von ihren Beziehungen ab; Männer gaben vor, wie hell die Sonne im Leben dieser Frau schien und somit in meinem. Trat ein Mann in ihr Leben, gab es ausschließlich ihn, und zog nach der Sonne das Gewitter über das Land, war meine Aufgabe weder das Rebellieren noch das Abhören von Liebeskummer. Ich hatte die Rolle der Unsichtbaren. Nichts zu unternehmen, was meine Göttin, welche dann tief unten war, zusätzlich belastete.
Die Schatten unserer Welt drangen lediglich einmal in die Freundschaft zwischen Pauline und mir. Ich war neun, es war ein kalter Dezemberabend und Pauline durfte länger bei mir bleiben. Wir dekorierten Orangen mit Nägeli (Gewürznelken), und weil sich meine Mutter zu uns setzte, um zu helfen, war das für mich das Glück auf Erden. Nach drei, vier Minuten äußerte sie, dass wir zu wenig Nägeli hätten, und forderte mich auf, im Migros zu holen. Anfangs dachte ich, sie mache Spaß, draußen war es stockfinster und der Hin- und Rückweg hätte in normalem Tempo fast eine Stunde gedauert, dann hätte Pauline heimmüssen. Ich trug diese Einwände vor, daraufhin erwiderte sie mit schwerer Stimme: ›Dann würde ich mich beeilen und aufhören, herumzujammern‹. Schlagartig begriff ich, dass sie mehr Wein getrunken hatte, als mir bewusst gewesen war. Ferner war ich mir im Klaren, dass Einwände meinerseits die Situation forcieren würden.«
Heftig schlug Jills Herz.
»Geh ich dorthin zurück, raubt es mir den Atem. Damals glaubte ich, was Gigantisches breche in mir durch. Doch weil der Zustand meiner Mutter schon außerhalb meiner Kontrolle lag, kontrollierte ich jegliche Emotionen meinerseits. Ich schämte mich vor Pauline, ihre Mimik ist mir präsent; verwirrt, ängstlich, nichtsdestotrotz schwieg sie. Der gesunde Instinkt eines Kindes …«
Wo bist du? Sag mir, was du siehst.
»Ich steh am Wald, der vor unserer Wohnsiedlung liegt. Die Kälte der Nacht erfasst mich, genauso kalt ist es in mir. Ich nehme nicht den Weg der Straße entlang, der weiter ist, sondern die Abkürzung durch den Wald. Ich liebte unseren Wald und fürchtete ihn bei Nacht. Ich begegnete, als ich eines Nachmittags unserer Katze nachlief, darin einer runtergelassenen Hose, oberhalb hing ein verschleimter Penis. Ich tapste nach vorne, schnappte die Katze und hetzte davon. Seit jenem Tag war mein Wald befleckt.
Wäre ich an dem Abend bei Sinnen gewesen, ich wäre niemals reingelaufen. Möglicherweise trieb mich die unterdrückte Wut dazu und eine Furcht, die zu besiegen mir leichter erschien, anstelle der Wut zu kontrollieren.
Ich rannte los. Ein innerer Urschrei gegen das Unbekannte, das dich deiner Existenz berauben will. Es war wie der Sprung ins Leben. Ich war entschlossen, um mich zu schlagen, würde einer der dunklen Schatten von Bäumen, deren Kronen sich allmählich über mir schlossen, nach mir greifen! Das spärliche Licht der Straßenlaternen war verblasst und jeder Meter, den ich voranschritt, war befreiend. Die Angst vor dem Wald hatte sich aufgelöst, im Gegenteil, er schenkte mir Kraft, ich fühlte mich beschützt unter den Bäumen.«
Jill nahm den Schmerz des Kindes wahr, wobei hingegen die Frau, welche diese Zeilen schrieb, die Gabe hatte, von der das Kind nichts ahnte: Schmerz in Energie umzuwandeln.
»Nachdem Pauline gegangen war, saß meine Mutter in ihre Welt versunken vor dem Fernseher. Der Kontakt war abgebrochen. Ihre errichteten Mauern vermochten zwar verhindern, dass ich in der realen Welt zu ihr durchdringen konnte, gleichwohl war ich imstande wahrzunehmen, was sich dahinter verbarg. Und das löste ein Verlangen aus, schützend die Arme um sie zu schließen. Tragischerweise konnte dies meine Mutter nicht zulassen, denn auch sie war sich gewiss, zu sterben, würde es jemand wahrhaftig tun. Verbundenheit und ein Empfinden, zwischen den Welten hin und her zu gleiten. Realität oder Illusion …?«

Jill mochte Einkäufe nicht sonderlich, hinzu kamen haufenweise Leute und freigesetzte Energien in den Läden, zu ihrem Leidwesen selten angenehme. Und ihr war aufgefallen, dass die Verbindung zum Kind stärker wurde. Es machte keinen Unterschied, ob sie am Computer arbeitete oder Einkäufe tätigte.
Da stand sie, vor der erschlagenden Auswahl an Joghurt, und glitt weg: »Silvesternacht, meine Mutter und ich sind allein, schauen uns einen typischen Neujahrsfilm an. Als er zu Ende ist, klingelt es an der Tür. Ein Nachbar lädt meine Mutter ein, mit ihnen anzustoßen. ›Nur fünf Minuten‹, sagt sie. Nach zwei Stunden verfolge ich die Neujahrsnacht im Fernsehen: Menschen umarmen, küssen sich und drücken Freude aus. Traurig räume ich auf, lösche Kerzen und geh ins Bett. Bin ich wütend? Nein, ich bin unfähig, wütend zu sein.«
›Verzeihung, darf ich mal da ran?‹, ertönte es hinter Jill und holte sie blitzartig in die Realität. Verflixt, es war ja toll, kamen die Erinnerungen, doch bitte zu gegebener Zeit!
Was erwartest du, wird man über Jahre ignoriert?
»Damit kennst du dich ja bestens aus.«
Eine Stunde später trug sie ihre Lebensmittel vom Brunnen zum Haus und verstaute sie in der Küche und im Keller. An Einkaufstagen war Jill per se gestresst. Es widerstrebte ihr, das Tal zu verlassen, zu allem Übel bekam sie regelmäßig einen Schock an der Kasse. Ein weiterer Grund, um ihren Existenzängsten zu verfallen. »Ein weiteres Überbleibsel der Kindheit. Ich möchte dir von der Macht des Geldes erzählen: Meine Mutter bewältigte neben der Vollzeitarbeit noch Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. Geld, präziser gesagt dessen Nichtvorhandensein, war ein unerschöpfliches Thema. De facto, für mich war Geld eine Quelle der Qual. Daher der Standpunkt: Geld ist schlecht, und was du auch tust, es wird nie reichen! Dieses Kind lernte, dass Geld die Macht hat, Liebe und Anerkennung zu kaufen, gleichermaßen kann es dich in bodenlose Scham stürzen. Einer der Nebenjobs beinhaltete, mit dem Flechtkorb, gefüllt mit Gewürzen, von Tür zu Tür zu gehen. An diversen freien Nachmittagen trug ich den Korb. Ebenso passte ich zuweilen an Abenden in einer fremden Wohnung auf ein Baby auf und war komplett überfordert.
Gewürz hält – zu meinem damaligen Bedauern – ewig. Die ersten Nachmittage liefen prima und mit dem Geld, das ich zu Hause ablieferte, kaufte ich mir Anerkennung und Lob. Alsbald wurden mir Türen regelrecht vor der Nase zugeschlagen. Und eine bodenlose Scham ergriff mich, trug ich den Gewürzkorb an spielenden und mich auslachenden den Kindern vorbei.
Klingelte ich nach bloß einer Woche erneut an einer Tür, musste ich mir etliches anhören, sogar in Form von Beschimpfungen – beispielsweise, ob ich dämlich sei, sie habe letzte Woche gesagt, dass sie jetzt für ein Jahr mit Gewürzen eingedeckt wäre! Massenhaft Wohnblöcke, manche waren zu Hause, andere nicht. Das Naheliegende, nämlich ein Notizbuch zu führen, kam mir nicht in den Sinn. Und so stehst du mit klopfendem Herzen vor der nächsten Tür bei der Vorstellung, was sich dahinter verbirgt. Derweil wurde meine Mutter stetig unzufriedener, je weniger Geld sich bei der Rückkehr im hässlichen, abgegriffenen Lederbeutel befand, und ich war … schuldig, das versteht sich von selbst.«
Jill unterstrich letztere Aussage, indem sie eine Kaffeetasse aus dem Schrank holte und die Tür zuschlug. Sie musterte ihre Küche; putzen wäre angesagt.
»Apropos Putzen. Hausarbeit war auch ein Teil der Kinderwelt. Ich war die Jüngste, hatte am meisten Freizeit und so lag am Morgen, wenn meine Mutter Frühschicht hatte, ein Zettel in der Küche, auf dem aufgelistet war, was ich zu erledigen hatte. Kein Gruß, kein liebes Wort. Dennoch eilte ich zur kleinen Küche, mit der naiven Hoffnung, ein Quäntchen Liebe von ihr zu erhaschen. Du wachst auf und der primäre Gedanke gilt dem Wunsch, deine Göttin zu spüren, um vollständig zu sein. Und freilich wurde ich am Abend nicht müde, Anerkennung zu erbetteln. Der Dank, beziehungsweise allfällige Beachtung, hing stark von ihrer Stimmung ab. Seinerzeit waren meine Sinne geschärft. Kam sie nach Hause, versuchte ich, ihre Gemütsverfassung zu ertasten, um mich dementsprechend einzustellen.«
Während Jill versonnen ihren Kaffee trank, klappte im Schrank neben dem Abfalleimer die Mausefalle zu. Ein kurzer Schmerz durchfuhr sie. Tiere waren für sie seit jeher ein Stück heile Welt, in der es unnötig war, sich zu schützen. Sie spähte neben den Abfalleimer und verzog gequält den Mund. Da lag sie, das kleine Mäuslein, mit gebrochenem Genick und großen, schwarzen Knopfaugen. Sie zog Jacke und Schuhe an und begab sich mit der Falle zur Bachböschung, wo sie ihre Grünabfälle entsorgte, besann sich des ersten Winters, in dem sie allerhand lernte, inklusive Grenzen zu setzen.
Es gab in ihrem Haus eine einfache Regel, einschließlich für Insekten: Solange ihr mir nicht auf die Pelle rückt, kommen wir aneinander vorbei. Allerdings erkannte Jill, dass den Mäusen ihre Regeln schnurzegal waren. Und weil sie sich so verhielt, wie sich jenes Kind verhalten hätte, hatte sie in Kürze gelinde gesagt ein ausgewachsenes Problem mit den Nagern. Zuerst fing sie sie ein und ließ sie weit weg vom Haus frei. Ihre Vorgehensweise war jedoch eher kontraproduktiv; die Potenz der Tiere überstieg ihre Fähigkeit, sie einzufangen, bei Weitem. Um das Überleben ihrer Nachkommen zu sichern, wurden ganze Kreuzzüge durchs Haus und den Vorrat im Keller organisiert.
Diesen Sommer war sie für eine Woche weg gewesen. Bei ihrer Rückkehr betrat sie den Keller und war den Tränen nahe. Von den Teigwaren lagen lediglich leere Verpackungen in den Regalen; Zucker, Mehl und Schokoladenpulver rieselten auf den Boden. Dem nicht genug, die kleinen Teufel hatten es geschafft, sämtliche Milchpackungen anzuknabbern. Der Inhalt war über das Gestell und das, was darunter lag, geflossen. Heute hatte sie verschließbare Plastikbehälter für ihre Vorräte.
Im ersten Winter trabten die Mäuse bald schon durch das Haus an den Nasen ihrer Hunde vorbei, was denen offenkundig piepegal war. Ihre vermeidlichen Mitbewohner wurden zunehmend dreister und nutzen Jills größte Schwäche schamlos aus. Ihr war sehr wohl bewusst, dass sie ihr eigenes Wohlbefinden über das der Nager stellte. Erst als sie Kot von Mäusen auf dem Bett fand, war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie einsah, dass die Mäuse keinerlei Erbarmen hatten. Jeder »normale« Mensch hätte längst gehandelt. Ergo, es war dran, die Frau in sich zu suchen und Grenzen zu setzen. Und so erklärte Jill der Sippschaft den Krieg.
Selbstverständlich führte sie ihren Feldzug so, wie ihn ein Oberhaupt führt: Lass deine Hände unbefleckt und vermeide es, etwaige Toten anzusehen. Der nette Herr im Laden versicherte ihr, dass das Gift rasch töte, die Mäuse keinesfalls leiden und der Durst sie nach draußen trieb. Eine saubere Angelegenheit! Im Nachhinein konnte sie nicht sagen, ob ihre Gegner gelitten haben; Jill zweifellos. Vermutlich starben sie zu schnell oder befanden, dass es komfortabler sei, im Haus und der Wärme zu krepieren. Wer kann es ihnen verübeln. Sie starben in den Wänden, und ihr Vermächtnis war ein Verwesungsgeruch, der über Wochen anhielt. Du kannst duschen, sooft du willst, der Geruch kriecht in jede Pore. In den folgenden Wochen füllte Jill ihren Ofen äußerst sparsam, denn sobald er intensiver Wärme abgab, desto penetranter drang der Verwesungsgeruch in die Räume. Fußnote: Sie verfluchte den Verkäufer.
Der erste Sieg verbuchten die Mäuse, welche ausgesprochen erfolgsorientiert die Verluste umgehend wettmachten und ihre Kreuzzüge fortsetzten. Nun war es an Jill, aus ihrer Komfortzone auszubrechen und sich dem Nahkampf zu stellen! Entschlossen kaufte sie Fallen, die ihnen das Genick brach. Anfangs kam es vor, dass sie am Morgen bereits vor dem Kaffee Gehirnmasse von der Wand unter der Spüle schrubben durfte, zumindest litten diese Mäuse nicht. Gelegentlich ist der Gegner lebendig in der Falle eingeklemmt; Knopfaugen, die dich panisch anstarren, leises ›Fiepen‹ und kleine Beinchen, die um ihr Leben flitzen wollen, aber da läuft gar nix. Das zu beenden, kostete sie enorm Überwindung.
Bis Jill Grey lernte, ihre Grenzen auch hier zu erkennen, auszustecken und zu verteidigen, war es ein weiter Weg. Es waren bloß Mäuse, hingegen wurde ihr gewahr, wie weit sie ihnen erlaubt hatte zu gehen. Genauso verhielt es sich in der Vergangenheit, im Sinne von ›Darf es ein bisschen mehr sein?‹.
Betrübt schaute Jill auf die tote Maus. Ihre Leichen zu entsorgen, war für sie zum Ritual geworden; bei dem sie um Vergebung bat.
Das Leben in der Abgeschiedenheit erschien ihr, als würde sie die Zeit anhalten. Wir leben unser Leben im Schnelldurchgang, gefangen in alldem, was scheinbar unser Leben ausmacht, unter permanenten Einflüssen von außen und elektronischen Welten. Warum ist es so schwierig, anzuhalten. Fürchten wir uns vor dem, was uns begegnen könnte, begegnen wir uns …?
Berührung
Ein Wort.
Lass dich berühren, solange du lebst.
Überall und auf unendlich viele Arten.
Berührung. Nur ein Wort?
J.G.

Der zweite Winter zog ins Tal und Jill hatte begonnen, ihr Haus zu renovieren, mit eingeschlossen die Böden. Sie füllte beim oberen Holzboden Fugen mit Isoliermaterial und strich anschließend Fugenkitt darüber. Bei einem Strich über das raue Holz bohrte sich ein Spliss unter ihren Daumennagel zum Nagelbett. Tat höllisch weh. Obwohl sie ihn herauszog, wurde der Schmerz stärker. Selbstredend wartete sie, bis der Schmerz pochend den Arm hinaufkroch, um den Arzt anzurufen, der sie sofort in seine Praxis beorderte. Er schnitt ihr den halben Daumennagel ab und sagte dann mit Begeisterung: »Jetzt sehen Sie sich den Eiter an, der aus Ihrem Daumen herausquillt!« Jill lehnte dankend ab.
Er ermahnte sie zudem, künftig nicht so lang zu warten. Was konnte sie darauf erwidern? Sie mied seinesgleichen, wahrscheinlich hatte sie an zu vielen wissenschaftlichen Studien teilgenommen, machte klaglos mit, was von ihr erwartet wurde. Noch weniger mochte sie Verbände.
»Wie soll ich denn damit arbeiten?«, raunzte sie.
Ein Verband signalisiert, dass besagtes Körperteil Schonung benötigt.
»Das leuchtet mir ein«, kam es pampig zurück.
Was war mit dem letzten Verband?
Das war wiederum ein Notfall. Sie wusch ein Glas ab, glitt mit Schwamm und drei Fingern hinein, das blöde Ding zerbarst und schnitt ihr den Zeigefinger auf. Weil sie sich weigerte, eine Schiene zu tragen, legte ihr der Notfallarzt einen fetten Verband an und verordnete zwei Wochen Schonzeit. Jill schaffte zwei Tage, logischerweise riss die Naht des Öfteren auf, bis sie endgültig verheilt war. Sie beäugte den dicken Verband und räumte ein: »Das ist was anderes. Die Arbeit hilft mir, den Winter zu überstehen.«
Und dieser Zwischenfall hilft dir, etwas zu lernen.
»Was da wäre?«
Sag du es mir.
An der Unterlippe kauend, schweifte Jill zu ihrem Boden, der fast fertig war, eben nur fast. Hörte dann ein Räuspern und fragte sich schließlich mit wenig Enthusiasmus, was sie daraus lernen könnte. Kam zum Schluss. »Dass dies hätte verhindert werden können, wäre ich mit den Gedanken bei der Arbeit gewesen?«
Das ist ein Teil davon, im Hier und Jetzt zu leben.
»Und der andere Teil? Ich weiß: Den Körper achten, anstatt ihn als Feind anzusehen«, merkte sie nüchtern an.
Das klingt keineswegs liebevoll.
»Hast du eine Ahnung, wie hart es ist, das zu lieben, was dich quält?«
Ist dir irgendwann in den Sinn gekommen, in Betracht zu ziehen, dass dich dein Körper nicht so quälen würde, sorgst du für ihn?
Diesmal war die Reihe an Jill, zu schweigen.
Dachte ich mir. Dasselbe gilt für deine Seele. Denn diese fängt an, sich im Körper auszudrücken, ignorierst du sie.
Sie wusste all das – im Kopf.
So ist es, allerdings reicht euer Wissen nicht aus, ihr sollt erfahren.
Erwähntes »Körper-lieben-Ding« ging Jill an die Nieren, trotzdem nahm sie sich vor, daran zu arbeiten. »Herrgott, mir wird gerade klar, dass ich bei mir mehr Baustellen hab als im Haus!«
Ersetze Baustelle durch Hilfeleistung oder nenne es einen Liebesakt an dir.
Sie lachte freudlos auf. »Da schießt einer aber gewaltig übers Ziel hinaus. Ich fang mit kleinen Schritten an und bemühe mich, den Daumen zu schonen.«
Du hast allerhand von deinem Beagle.
»Du spielst auf seine Sturheit an? Ja, ich stimme dir zu. Wenigstens unterlasse ich es, einen Knochen auf dem Teppich in ein imaginäres Loch zu verbuddeln, bis meine Nase blutet.«
Besinne ich mich recht …
»Der Wink ist angekommen.« Schmunzelnd begab sie sich ins Büro, überlegte, wo sie stehengeblieben war. Das Finale ihres Kindseins rückte unaufhaltsam näher …

»Bevor Fiona Jungs, das Bravoheft, moderne Musik und weitere Sünden entdeckte, war sie meistens im nahegelegenen Reit- und Handelsstall. Und so kam ich zur Welt der Pferde und ihrem wundervollen Wesen, das mich augenblicklich einnahm. Der Stall wurde ein zweites Zuhause und ich wurde auf körperlicher Ebene noch schneller erwachsen. An Wochenenden und in den Ferien kroch ich um sechs Uhr aus dem Bett und arbeitete bis zum Abend im Stall. Im Sommer be- und entluden wir Dutzende Anhänger mit Heu- und Strohballen. Auf dem Hinweg zu den oftmals weit entfernten Feldern fuhren wir auf der Ladefläche mit, auf dem Rückweg warf der Chef uns zuoberst auf die Heu- oder Strohballen. Dies war der schönste Teil der Arbeit, hoch über dem Verkehr zu sitzen und herumzualbern.
Wenngleich mein Körper schmerzte, insbesondere der Rücken, arbeitete ich weiter, denn einzig so hatte ich eine Berechtigung, dort zu sei. Pferde zu mieten, konnten wir uns selten leisten. Halte dir eine Handvoll junger, närrischer Pferdemädchen, lass sie manchmal gratis reiten und du hast perfekte Sklavinnen. Regelmäßig arbeitete ich auch vor der Schule im Stall, um hinterher direkt zur Schule zu rennen, wo ich zu hören bekam, dass ich nach Pferd und Mist stinke und mitunter: ›Du arbeitest für einen Pferdequäler!‹. Hierauf schwieg ich ebenfalls, denn es war genauso. Ich litt jeden Schmerz der Tiere mit, welche sich nicht bewusst sind, dass ihre Stärke unsere weitaus übertrifft.
Meine Generation löste die meiner Schwester ab. Was die Mädchen im Stall betraf, sie konnten ziemlich hinterhältig sein, und ich verhielt mich wie gewöhnlich: still, unscheinbar und bekam in der mir bekannten Rolle einiges ab. War ein Fest im Stall zugange, wurde gesoffen und jeder Anstand vonseiten der Erwachsenen fallen gelassen.
Der Chef, wortkarg und meist knatschig unterwegs, hatte eine Angestellte, die sich, waren wir im Stall, voll und ganz darauf konzentrieren konnte, hübsch auszusehen und die Tochter eines erfolgreichen Transportunternehmers zu sein.
Wir Mädchen wurden für Diverses eingesetzt: Arbeiten im Stall, Pferdepflege, Anfängern Reitunterricht geben, Klassen bei Ausritten begleiten und sich als Gewicht auf den Schädel eines betäubten Hengstes zu setzen, wurde der auf der Weide kastriert. Kam der Chef mit einer Ladung Jungpferde, schmiss er mich auf dem Reitplatz auf ihren Rücken, um sie an ein leichtes, lebendes Gewicht zu gewöhnen. Flog das Gewicht in hohem Bogen in den Dreck, züchtigte er das junge Pferd und hob mich wieder rauf.
Lief der Laden, wurden Schulpferde über ihre Grenzen eingesetzt: Für offene Widerriste und geschwollene Beine gab es keine Schonzeit. Ich sah Pferde, am Ende ihrer Kraft, stolze junge Tiere, denen brutal der Wille gebrochen wurde, und manche waren nur noch Schatten ihrer selbst. Und ich lernte Neureiche kennen, die sich ein Pferd leisteten und es zu Tode ritten. Man fährt in der Mittagspause rasch in den Stall und ein Mädchen hat das Pferd vorab geputzt und gesattelt. Das Tier wird über Wiesen und durch Wälder gehetzt und verschwitzt und keuchend demselben Mädchen in die Hand gedrückt. Vielleicht war das eine Ausnahme, stirbt allerdings ein Pferd in deinen Armen an einem Kreuzschlag, prägt sich das ein.«
Schniefend zupft Jill ein Kleenex aus der Box.
»Ich war allein im Stall und eilte zum Juniorchef, der wohnte einen halben Kilometer entfernt. Es gab kein Telefon im Stall und der Juniorchef kam nicht mit, er sagte unbeteiligt: ›Sie darf sich auf keinen Fall hinlegen, lauf mit ihr herum und reibe sie mit Stroh ab, bis der Tierarzt kommt‹.
Bei meiner Rückkehr brach die Stute zusammen, ihr nasser Körper zitterte und ihre Schreie waren ein einziger nicht enden wollender Schmerz. Ich unternahm jegliche Anstrengungen, um sie auf die Beine zu kriegen, schrie sie an, zerrte an ihrem Halfter und versagte. Also rieb ich ihren Körper unaufhörlich mit frischem Stroh ab, sprach ununterbrochen mit ihr und fühlte dennoch, dass ihr Kampf und ihr Leiden nachließen. Dann schlossen sich ihre Augen für immer.«
Jills Schmerz brach nun gänzlich durch, sie weinte um die schöne, zierliche Stute, weinte um sich, die so unsagbar hilflos gewesen war. Nach einer Weile ging sie mit den Hunden nach draußen, wo herabfallende Schneeflocken, gleich einer Liebkosung, auf ihr erhitztes Gesicht fielen.
Du fragst dich, warum nach all den Jahren der Schmerz weiterhin präsent ist?
»Ich hab vermieden, ihn zuzulassen«, gestand sie ein.
Und somit hast du deine Antwortet.
»All das Unterdrückte bewahren wir auf? Logisch, werden wir krank.«
Fröstelnd rieb sie sich die Arme. Im Haus besann sie sich, dass die tote Stute mit dem Traktor aus dem Stall gezogen wurde, Jill mistete derweilen verbissen Außenboxen aus. Der Chef kam zu ihr und sie bemerkte seine unterdrückten Tränen. Er sagte: ›Du hast alles getan, es war nicht deine Schuld‹.
Obgleich einige widersprechen würden, wusste sie, dass er seine Pferde wirklich liebte, in seinem Innern ebenso litt.
Verlust
Verlust schmerzt.
Den Schmerz zuzulassen, ist die Medizin,
welche wir uns oft verweigern.
J.G.
In den Spiegel zu sehen, ist keinesfalls Jills Lieblingsbeschäftigung. Heute befand sie, dass der Anblick nicht zu ihrem Befinden passte. Es ging ihr bestens. Was so ein Kleenex-Abend bewirken konnte.
Tränen sind heilsam.
»So ist es.« Ein sanftes Lächeln. »Ich vermisse die Pferde. Soll ich dir von einer der schönsten Erfahrungen erzählen?«
Ich bitte darum.
»Ich war so klein, dass man mich auf ein Pferd heben musste. Der Chef nahm mich an die Hand und sagte, dass ich nie von einem Pferd wegrennen darf, denn es würde mich, konkret einen unbeweglichen Gegenstand, niemals absichtlich überrennen. Er führte mich auf die große Weide, sein Sohn und zwei Leute sperrten die Straße ab und öffneten sämtliche Stalltüren. Wir standen auf der Weide inmitten der Rennschneise und fokussierten die entfesselte, auf uns zu galoppierende Herde. Der Boden bebte unter meinen Füßen, eine überwältigende Welle donnerte auf mich zu. Dann vernahm ich zwei Meter neben mir die Worte: ›Breite deine Arme aus, sei ein Baum und bleib stehen!‹. Ich tat es und konnte den Blick nicht von dem abwenden, was in rasantem Tempo auf mich zukam. So viel Schönheit, Anmut … und eine entfesselte Kraft: Du spürst den Wind und die auffliegende Erde, während die beeindruckenden Körper dicht an dir vorbeidonnern, und du stehst, deine Arme ausgebreitet wie die Schwingen eines Adlers, in dieser Energie, sie durchströmt dich und zugleich kannst du ihre erlebte Freiheit wahrnehmen. Wäre das ein Karussell gewesen, hätte ich laut gerufen: ›Nochmal! Nochmal!‹.
Ich strahlte vor Glück, und denselben Ausdruck hatte der Chef, ein Mann, der ein Kind mitten in eine Herde losgelassener Pferde stellte. Ein Mann, der einem Kind ein Stück Freiheit schenkte.«
Ich kann deine Dankbarkeit spüren.
»Das bin ich. Das Erlebnis war einmalig, ich hatte unerschütterliches Vertrauen.«
Bewahre dieses Geschenk in deinem Herzen.
»Du meinst, falls ich befürchte, dass mich was Unkontrollierbares überrumpeln könnte?«
Du hast es verstanden.
Jill setzte sich an den Küchentisch und glitt zu dem Zeitpunkt, als sie den Stall endgültig verließ. Erneut erfasste sie Trauer.
»Ich werde in der Geschichte ein bisschen vorgreifen. Nach dem Schulwechsel verließ ich den Stall, der zu einer beachtlichen Reitschule heranwuchs, mit Halle und Restaurant. Ich kehrte ein letztes Mal zurück. Für vierhundert Franken im Monat arbeitete ich im Sommer dort; es war ein letzter Anlauf, mich aus dem Sumpf herauszuholen, in den ich zu stürzen drohte.
Seinerzeit war ein stattlicher, muskulöser Junghengst im Stall und fristete sein Dasein in einer Box; die Mädchen wählten bloß berittene Pferde zum Pflegepferd aus.
Ihm war langweilig. War ich mit der Arbeit fertig, machte er sich ein Spiel daraus, mich am Hemd in seine Box zu ziehen. Er legte behutsam sein Haupt über meine Schultern, um mich an seine Brust zu drücken und ließ sich ständig Neues einfallen, um mich von der Arbeit abzuhalten. Alsbald war es mir unmöglich an seiner Box vorüberzugehen; seine Nüstern vergruben sich in mein Haar oder er stieß mich kurzerhand an, was mich beinahe zu Fall brachte. Ein großer Junge, ahnungslos, wie stark er war.
Und so nahm ich mich seiner an und war überrascht, dass der Chef sagte: ›Mach mit ihm, was du dir zutraust‹. Ich hatte niemals zuvor eine solch tiefe Bindung zu einem Pferd aufgebaut, eine Freundschaft, so rein und unschuldig. Wir beide blühten regelrecht auf und in mir wuchs ein grenzenloses Vertrauen.
Was seinen Hengst-Trieb betraf, war unsere Verständigung korrekturbedürftig. Ich gewöhnte ihn an Zaum und Sattel und begann ihn in der Halle zu longieren. Er sprühte vor Energie und Tatendrang, und es war mein Fehler, dass ich vergaß nachzusehen, ob die Halle leer war, wenigstens frei von Stuten. Vor dem Tor zur Reithalle sichteten wir eine schöne Stute, elegant zog sie ihre Kreise. Seine Nüstern blähten sich auf, und die Schreie nach dem Geschöpf seiner Begierde verhalfen mir fast zu einem Gehörsturz. Dann presste er seinen Körper an das massive Tor und just donnerte ein Huf auf meinen großen Zeh nieder. Zum Glück trug er keine Eisen.
Nachdem die Sterne verblasst waren, schlug ich mit den Fäusten gegen seine Brust, was ihn nicht kümmerte. In Panik zog ich am Zügel – bescheuerte Idee, der Kopf schoss nach oben und zog mich mit, ich war überzeugt, mein Zeh würde ausgerissen, er stand ja auf ihm. Plan B: Ich kreischte aus Leibeskräften.
Drei Männer waren nötig, um das Tier in seine Box zu befördern. Der Zeh schwoll hässlich an, der Nagel wurde schwarz und löste sich aus dem Nagelbett.
Irgendwann kam der Chef in die Halle, lobte mich und erkundigte sich, ob ich ihn reiten wolle, statt wie üblich zu sagen: ›Und jetzt rauf mit dir!‹ Er sagte: ›Wir gehen es ruhig an‹. Ich trat an meinen Freund, der mich neugierig beobachtete, als ich die Steigbügel herunterzog. Ich glitt in den Sattel und er spielte mit den Ohren. Was geschah dann? Nada. Irgendwie warteten wir beide, dass irgendwas geschehen müsse. Der Chef war uns behilflich: ›Treib ihn sachte, aber bestimmend an, du führst ihn‹.
Bei seinen ersten Schritten spannte sich jeder seiner Muskeln und das Spiel der Ohren ging nach vorne, wo sie kerzengerade stehen blieben. Ich unterstrich den Druck der Beine mit sanften Worten und strich über seinen Hals. Sein Gang wirkte anfänglich unbeholfen, als steckten seine Hufe in überdimensionalen Hausschuhen. Von Minute zu Minute wurden wir beide sicherer und ich glitt in seinen%u2028Rhythmus. Dann grub ich die Hände in seine schwarze Mähne und er wechselte in Trab. Er wollte schneller laufen und ich ließ ihn gewähren, wiegte mich im Galopp. Es war … wir waren eins.
Bald störten uns die Wände der Halle, und auf meine Anfrage, mit ihm ins Gelände zu dürfen, sagte der Chef: ›Geh einfach den Stuten aus dem Weg und ab mit euch‹. Im Anschluss folgten Ritte im Gelände ohne Sattel. Dieses Pferd hatte einen breiten, mit Muskeln gepolsterten Rücken, der den Sattel zum Fremdkörper verwandelte – weg damit!
Zusammen erlebten wir einen unvergesslichen Sommer, da war ein starkes Band. Vergleichbar mit einem Märchen-Prinzen, der dich ins Paradies entführt. Tragischerweise haben nicht alle Märchen ein Happy End, zuweilen siegen die Bösen. Mein Bösewicht war der Sohn des Chefs, ein ehrgeiziger, kalter Geschäftsmann, der seinen alten Vater unter sich begrub. Nach einem Ausritt kam er zu mir und forderte mich auf, den Hengst in der Halle vorzureiten. Nach einer Weile sagte er zu seinem Vater, der zu uns gestoßen war: ›Was für ein Gang! In dem Pferd steckt Großes!‹.
In dem Augenblick zerbrach etwas, und das wusste wohl auch der alte Mann, der mich kummervoll ansah. Tags darauf holte der Junior aus diesem reinen, unschuldigen Wesen heraus, was rauszuholen war. Er bearbeitete ihn täglich, bewaffnet mit Sporen und Peitsche. Er band ihm den Kopf auf die Brust, damit sein Gang noch edler zum Vorschein kam. Er züchtigte mit brachialen Methoden, wo es nichts zu züchtigen gab, und in seiner grenzenlosen Verbissenheit hetzte er das Tier über Sprünge, die stetig höher angesetzt wurden, erkannte zusätzliche Stärken des Hengstes und forcierte sie. Er ruhte nicht, bis mein großer Freund schäumend und zitternd auf seine Befehle gehorchte. Meine Aufgabe bestand künftig lediglich darin, das geschundene Tier trockenzureiten und zu versorgen.«
Jill zückte ein Taschentuch und schnäuzte hinein.
»Ich musste zusehen, wie mein Gefährte gebrochen wurde, dunkle Schatten fingen an, sich auszubreiten. Ich hasste den Mann aus tiefstem Herzen. Bedauerlicherweise rettet nur in Filmen das Mädchen sein Pferd und flieht mit ihm. Ich floh ebenfalls, teilte dem Seniorchef mit, dass ich kündige, und ich sah einen Mann vor mir, gleichermaßen gebrochen wie ich und der Hengst. Mir fehlte die Kraft, zu bleiben und mit anzusehen, was ich nicht verhindern konnte. Der Abschied von meinem Freund war kurz …«
Und gleichwohl dauerte er an.
»Ja …», hauchte Jill mit erstickter Stimme. Sie empfand Dankbarkeit für die Tränen des Abschiedes, welche sie nun zulassen konnte. Und sie war dankbar, den Sommer Revue passiert haben, denn diese Erinnerung des allumfassenden Glücks vermochte ihren Schmerz zu heilen.
Begegnung
Gib mir deine Hand, lass mich dich spüren.
Ich habe Angst zu fallen, halte mich bitte fest.
Ich begegne deinem Geist, deiner Seele
und wir schweben dahin wie der sanfte Frühlingswind.
J.G.

Der Winter neigte sich dem Ende zu, da ereignete sich etwas …
»Ich wachte in der Nacht von einer grässlichen Übelkeit auf. Der Weg in den unteren Stock erforderte meine gesamte Konzentration, wollte ich mich keinesfalls schon auf der Treppe verabschieden, so wie es der sinkende Blutdruck derzeit veranstaltete. Die letzten Meter zur Toilette kroch ich auf allen Vieren. Inzwischen breiteten sich höllische Schmerzen im Unterleib aus. Ich übergab mich, bis ich nur noch würgen konnte, dann begann es unten, und als der Teil schließlich auch leergefegt war, brachen heftige Krämpfe aus, als würden dir die Därme und Eierstöcke in Stücke gerissen.
Das Prozedere fängt langsam an, der Schmerz steigert sich – du könntest schwören, er bringt dich um. Dein Nachthemd klebt klatschnass am Körper, dein Haar am Kopf, der Schweiß läuft in Bächen an dir herab und lässt deine Oberschenkel auf dem eiskalten Brillenrand wegrutschen. Eine Hand presst du auf den Unterleib, eine umklammert krampfhaft das Waschbecken, gleichzeitig unterdrückst du deine Schreie, was unsinnig ist; kein Mensch würde dich hören.«
Dann die Stimme, die ihr oftmals beigestanden hatte.
Bleib in Kontakt mit dir und deiner Umwelt.
Hatte Jill nicht exakt das in ihrem Studium gelernt? Mit Kontakt stehst du jede Krise durch, und das konnte sie getrost als Monsterkrise bezeichnen.
»Ich gab sinnloses Zeug von mir und sagte mir fortlaufend: ›Bleib da und steh das durch!‹. Sobald der Schmerz seinen Höhepunkt erreicht hatte, ließ der Schweiß allmählich nach, um den Körper sogleich in Schüttelfrost zu stürzen. Ich zitterte dermaßen, dass meine Zähne klapperten. Und so wickelte ich mich in Frotteetücher ein und war dennoch außerstande, das Zittern zu stoppen. Abermals suchten mich Krämpfe und der Schweiß heim, ich schmiss die Tücher zu Boden, um sie beim nächsten Schüttelfrost wiederum um mich zu wickeln.
So setzte sich das scheinbar endlos fort. Dann kam der Durst. Bei Gott, ich war ahnungslos, dass man so durstig sein kann. Stell dir vor, du hast flüchtige Augenblicke, in denen du weder von unerträglichem Schmerz noch fließendem Schweiß und Schüttelfrost heimgesucht wirst, und dich beherrscht ein einziger Gedanken: WASSER! Deine rechte Hand kann den Wasserhahn aufdrehen und deine Finger berühren den kalten, reinen Strahl des Quellwassers, leider sind deine Beine so nützlich wie zwei Holzpflöcke. Welch grausame Folter. Vor Verzweiflung weinend, scherte ich mich nicht um den Rotz, der mir aus der Nase in den Mund lief. Ich hielt die Fingerspitzen unter den kalten Wasserstrahl und lutschte sie gierig ab, hielt dann ein Schweiß getränktes Frotteetuch darunter und saugte es aus, bis ein weiterer Schub mich heimsuchte.
Nach zwei Stunden schleifte ich mich endlich ins Bett, schlotterte stundenlang unkontrolliert weiter. Dasselbe hatte sich noch einmal zugetragen, diesmal kürzte ich das Ganze ab: Ich wurde im Bad ohnmächtig.
Tatsache ist, dass ich kaum für mich sorgte. In den kommenden Monaten verschlang ich Buch um Buch über Themen bezüglich Körper und Seele, und allesamt erläuterten mir, was funktioniert. Unzählige Autoren gaben mir Tipps zur Ernährung, Meditation, Chakren reinigen und öffnen, Körper- und Geistheilung, Traumata auflösen und frühere Leben durchforschen. Das Angebot ist astronomisch und die Masse an Lektüren erschlagend. Lustig waren zudem diverse erfolglose Versuche, den fliegenden Bussard korrekt zu imitieren oder mir bei den Tibetern die Gliedmaßen zu verrenken.
Es mag für viele hilfreich sein, doch füttere ich mein Gehirn mit Anweisungen, ist es flugs mit von der Partie und kontrolliert. Bei einer CD-animierten Meditationssitzung bastle ich gemächlich herum, welche Blumen auf der Wiese blühen, ob es Bäume und Berge gibt – bestrebt, jegliche Details perfekt zu inszenieren –, währenddessen kommt die einfühlsame Stimme zum Abschluss der Meditation. Mir blieb bloß die Erkenntnis: ›Du hast den Anschluss verpasst‹.
Besagte Odyssee durch den immensen Bücherdschungel hat mich nie wesentlich weitergebracht. Es war an der Reihe, selbstständig herauszufinden, was ich brauche. Kann dir jemand sagen, was gut ist für dich, übersiehst du den Wald vor lauter Bäumen? Insofern konzentrierte ich mich erneut auf das, was ich bereits tat, schreiben und kreativ arbeiten, und heute kann ich mir darin alles holen, was ich benötige, inklusive der eigenen Meditationen, ich erfasse instinktiv, was mir guttut.
Die beste Hilfe, welche man einer Person zukommen lassen kann, ist ihm die Fähigkeit zurückzugeben, sich selbst zu helfen. Dafür ist es unerlässlich, sich kennenzulernen und gelegentlich zu hinterfragen.«
Der Frühling 2004 war dem Frühsommer gewichen und Jill nahm sich voller Elan vor, ihren Fenstern und Vorfenstern einen neuen Anstrich zu verpassen, glichen sie vielmehr ausgetrockneten Kadavern in der Wüste. Das Vorhaben bescherte ihr reichlich Arbeit; sämtliche Fenster, einschließlich der Vorfenster für den Winter, waren in sechs kleine Scheiben unterteilt und sie alle abzukleben – um zu vermeiden, dass Farbe auf den Scheiben landet –, kostete sie Stunden. Dann zuallererst grundieren, um anschließend die Deckfarbe darüber zu pinseln.
An einem schönen Sommertag glänzten die Rahmen der Wohnzimmerfenster in reinem, jungfräulichem Weiß in der Nachmittagssonne. Mit geschwellter Brust sog Jill befriedigt den Anblick in sich auf. Zu ihrem Leidwesen fegte unerwartet ein kurzer, heftiger Föhnsturm durchs Tal. Am Fenster stehend, verfolgte sie konsterniert, dass ihre zwei Wäscheständer mit der frisch gewaschenen Wäsche Richtung Bach vorbei segelten, wo sie der Wald verschlang. Dann begutachtete sie zögerlich ihre jungfräulichen Fensterrahmen; auf der feuchten Farbe klebte einiges, was der Föhnsturm mit sich getragen hatte. Minutenlang stand sie in perplexer Erstarrung da und war sich unschlüssig, ob sie schreien, beziehungsweise losheulen wollte. Diese eigenwillige, zickige und hinterlistige Natur!
»Was hab ich dir angetan!«, keifte sie aus dem Fenster und verfluchte Gott und die Welt. Ersterer glänzte mit Abwesenheit, um den Prellbock zu mimen, daher stapfte sie fluchend wie ein betrunkener Baumeister mit dem Wäschekorb Richtung Bach, um ihre Wäsche zu suchen. »Wofür reiß ich mir den Arsch auf …«, moserte sie vor sich hin.
Kindchen, um wiederkehrend hineingetreten zu werden, lachte eine Frauenstimme. Das Lachen war so ansteckend, dass Jill mit einstimmte. Dann kämpfte sie sich durchs Unterholz, sammelte ihre Wäsche ein und grinste debil vor sich hin. Vor Kurzem hätte das Debakel sie in ein weiteres Drama gestürzt, stattdessen sagte sie: »Was soll‘s, streichen wir halt nochmal.«
Es war der zweite Sommer, den sie in den Bergen verbrachte, und bisher krochen keinerlei Dämonen aus ihren Löchern. Aber darf es dir restlos gut gehen? Nein. Im selben Sommer starb ihr Beagle.

In der Abenddämmerung saß Jill draußen und blickte zu den Sternen. Wann würde der Schmerz nachlassen und die Freude zurückkehren?
Erzähle mir von deinem Gefährten.
Sie wischte sich mit dem Hemdsärmel über die tränennassen Wangen, kraulte ihre kleine Hündin und lauschte ein Weilchen den Grillen.
»Er war ein wundervolles Wesen, das mir zeigte, dass, falls ich falle, es lediglich eines gibt: Steh auf und erforsche weiter das Leben. Ein Wesen, das zehn Jahre seines Lebens ausschließlich im Versuchslabor verbracht hat. Ich sehe diese treuen Augen, welche mich ansahen, als wäre ich die Welt für ihn. Durch ihn habe ich gelernt, dass wir überall dort Spiegel finden, wo wir willens sind, ihnen zu begegnen. Wir finden sie in einem Hund, der bedingungslose Liebe lebt, einerlei, ob wir ihn von uns stoßen.«
Geräuschvoll schnäuzt Jill in ein Taschentuch.
»Ich besinne mich des Sommers 2002, wo dieser ungeschickte Beagle zu mir kam. Ich hätte ihn auf den Mond schießen können und war, gelinde gesagt, ratlos. Seine Vergangenheit hatte auch ihn geprägt. Es kam vor, dass ich ihm beim Spaziergang hinterherrannte, es machte ›klick‹ und der sonst schon sture Hund dackelte robotermäßig in eine Richtung – es war selten die, die mir vorschwebte. Nachts allein zur Toilette zu gehen, war in den ersten Monaten undenkbar; er kam, hängte seinen Oberkörper über meine Beine und pennte im Nu so ein. Ehrlich, sein Schnarchen übertraf alles, was ich kannte. Und so schnell mich seine Albträume aus dem Schlaf rissen, so rasch beruhigte er sich, spürte er meine Gegenwart.
Für diesen alten Hund war allesamt überaus irritierend. Dessen war ich mir anfangs nicht im Klaren. Es war eine nahrhafte Zeit, und ja, der Beagle lehrte mich Geduld und Hingabe.
Nach unserem Umzug in die Berge konnte er sich frei und gefahrlos bewegen. Er lernte Hund zu sein und er lernte von der kleinen Hündin allerhand Dinge, welche ich weniger schätzte, beispielsweise sich mit stinkendem Wildkot einzusalben.«
Wo zuvor Tränen flossen, kehrte das Lachen zurück.
»Als ich noch über dem Kindergarten wohnte, ließ ich die Haustür offen, um Sachen in den Keller zu bringen. Damals akzeptierte die Kleine den Beagle noch nicht im Rudel. Auch sie trauerte um unsere verstorbene Gefährtin. Die Kleine war in der Wohnung oben und der Beagle schnüffelte draußen auf dem Areal herum. Ein Schäferhund gelangte auf das Grundstück, um den Neuling husch zu ›begrüßen‹. Böses Gekeife ertönte, dann sichtete ich den Beagle, der heulend hinaufstürmte. Oben angekommen, raste die Kleine lauthals bellend an mir vorbei. Den kleinen Kamm hochgestellt, sprintete sie auf den Eindringling los, der flink das Weite suchte. Danach hatte der Beagle eine zweite Lehrmeisterin und Beschützerin gefunden, und ich war fasziniert, dass sie jederzeit zu ihm durchdrang, wo ich an eine Wand redete.
Jenes Spiegelbild, das mir dieser tollpatschige und äußerst störrische Hund vorhielt, traf mich so tief und schmerzhaft, dass ich lange nicht hineinsehen konnte, heißt, ich war unfähig, ihn vollständig anzunehmen. Also hinterfragte ich mich, anstelle des Hundes; er bekam dann seine Krise, entfernte ich mich innerlich von den Hunden. In seiner durch meinen Rückzug ausgelösten Krise legte er eine Demut und Unterwürfigkeit an den Tag, die mich zur Weißglut brachte. Dieser Hund sog Liebe in sich auf, als wäre sie morgen rezeptpflichtig und hing schon an mir, tingelte ich im grünen Bereich herum. Ging es mir hingegen mies, klebten vierzehn Kilo ohne Unterlass an mir, egal, wie häufig ich aus Versehen auf ihn trat oder über ihn stolperte. Schupste ich ihn weg, um ein wenig Luft zu bekommen, kroch er auf seinem Bauch zu mir zurück, er hätte sich von mir aus dem Haus prügeln lassen und wäre postwendend wiedergekommen. Ergo: War er so weit, wusste ich, wo ich mich befand.
Ich überlegte mir, weshalb sein Verhalten mich so tief traf. Selbstredend kam die Antwort nicht einer spontanen Erleuchtung, es dauerte, bis ich mich traute, hinzusehen. An einem Morgen schaute ich in seine braunen, gütigen Augen und erkannte plötzlich das Kind in mir. Eine panische Angst der Verlassenheit stieg in mir hoch, ich spürte, dass ich weggestoßen wurde und hatte zugleich den zwanghaften Trieb zu bleiben. Bereit zu sterben, jedoch niemals zu gehen! Ich nahm den warmen Körper des Beagles wahr, der sich an mich drückte, vergrub das Gesicht in sein Fell und heulte. Ich schloss meinen Hund und das Kind in die Arme und gab dem Schmerz nach, begriff, er hatte keine Wahl; ich hatte eine …«
Ihr habt dieselben Ängste geteilt und er hat sie auf jede ihm mögliche Art ausgedrückt.
»Und hat mich somit an meine herangeführt. Während ich lernte, ihn nicht mehr von mir zu stoßen, lernte er, nicht mehr zu kriechen. Ich übte mich, in Kontakt zu bleiben, sogar wenn Dämonen im Nebel auftauchten.«
Versonnen schielte Jill nach unten, der Platz ihres Beagles war leer. Er blieb bis zum Schluss tollpatschig, anhänglich, ungeschickt und bemerkenswert stur, und sie liebte erwähnte Eigenschaften.
»Beobachtete ich, wie er das neugewonnene Leben entdeckte, empfand ich eine innige Verbundenheit. Ich bewunderte seine Ausdauer, Neugier und seinen Mut. Die Jahre, in der er hinter Mauern lebte und vorwiegend die Sicherheit seines Käfigs kannte, versteckte auch ich mich hinter Mauern. Du fällst hin, wagst du dich aus der Dunkelheit. So oft ist er über seine eigenen Beine gestolpert, tollte übermütig und zu rasant herum, und er hat sich mehrmals das Kinn aufgeschürft, ist es ›klatsch-patsch!‹ auf dem Boden aufgeschlagen. Doch er rappelte sich auf und flitzte weiter, mit der kindlichen Lebensfreude, welche in diesem alten Hund steckte.«
In Erinnerungen schwelgend bemerkte Jill, dass ihre Tränen von Liebe ersetzt wurden. Und so nahm sie Abschied von ihrem treuen Gefährten. »Du hast unermüdlich an meiner Tür gerüttelt. Ich danke dir, für dich und deine Berührungen, die du mir geschenkt hast, ob mit einem Lächeln oder einer Träne …«
Der Kreis
Dein Leben beginnt, gleich dem Samen einer Blume.
Du sprengst den Kern, arbeitest dich durch Erde
und Stein, bis du das Licht erblickst.
Du streckst dich der Sonne entgegen, spürst den Wind,
die Wärme und das Licht. Du erblühst voll und ganz.
In dieser vollkommenen Pracht%u2028beginnt dein Sterben,
doch du bist dankbar, für diesen Moment von Sonne,
Wind und Licht, diesem Moment von Leben.
J.G.

Das Kind wollte weiter gehört werden, aber Jill ängstigte sich vor dem, was auf sie zukam. Dennoch setzte sie sich an den Computer und wurde wütend auf Gott, der sie dazu verleitet hatte, dieses Tor zu öffnen, das wieder zu verschließen dem Anschein nach unmöglich schien.
Ich bezweifle stark, dass du es schließen willst.
»Was weißt du, was ich will«, retournierte sie patzig.
Du bist wütend auf mich. Sag mir, was ist hinter deiner Wut.
»Sag mir, was ist hinter deiner Wut …«, äffte sie ihn nach. Von oben blieb es still, demzufolge sagte sie versöhnlicher: »Hinter der Wut herrschen Furcht und Hilflosigkeit. Zumindest vermittelt mir das Kind das.«
Und du hast vor, es damit allein zu lassen?
»Nein …«, gab sie widerwillig zu.
Dann höre ihm zu.
»Das Leben ist längst eine Qual, ich kann darauf verzichten, dass mich all das zusätzlich zumüllt!«
So mag es sein, solange du bestrebt bist, zu ignorieren, was ohnehin präsent ist.
Weil sie dem Gesagten nichts entgegensetzen konnte, fuhr Jill das Programm hoch. Im Grunde wusste sie, weswegen sie heute so ätzend drauf war. Und logischerweise würde ihre Stimmung sich keinen Deut bessern, schob sie den Brocken weiter vor sich her. Und dieser Brocken war ein Mann, nicht irgendein Mann, es war der Mann.
»Es ist an der Zeit, dir den Typen vorzustellen, der bis zu seinem Tod drei Jahrzehnte der Partner meiner Mutter war. Der Mann, den ich fürchtete und der die Liebe in ein noch grausameres Spiel verwandelte. Er trat in mein Leben, da war ich etwa zehn, und mit jedem Monat verschlang seine Anwesenheit ein Stück von meiner Kindheit. Eine neue Welt öffnete sich mir, in der ich zwischen Verlust und Verlust entscheiden konnte.«
Jills flache Hand presste sich auf die Brust und sie ermahnte sich zu atmen.
»Paul; Kettenraucher und Biertrinker, war geschieden und hatte zwei Kinder, welche bei ihrer Mutter lebten. Er lebte im Haus seiner Mutter und die weigerte sich partout, seine neue Partnerin zu akzeptieren, so kam er lediglich über den Mittag und nach der Arbeit vorbei. Unsere Wohnung war klein, deshalb stand das Bett meiner Mutter im Wohnzimmer. War Paul anwesend und die Tür geschlossen, war das Zimmer tabu. Paul: Ein schmales, kantiges Gesicht, dunkle, kalte Augen sowie ein Atem, bei dem manchmal ein leises Pfeifen durch die Nase drang. Bei unserem ersten Zusammentreffen stellten sich mir wie bei einem Hund die Nackenhaare auf. Renate verhielt sich schlimmer als bei den Männern zuvor, und anders als ich, zeigte sie ihre Abneigung offen, sagte, er würde grabschen. Fakt war, er grapschte, was auch ich alsbald feststellte.
Erwartete meine Mutter Paul, irrte sie zappelig umher. Und abends, nachdem das Beisammensein der Vergangenheit angehörte, wich das Glück einer tiefen Trauer und endete in einer Kälte, die mich zurückstieß. Nein, es lief miserabel in ihrer Beziehung, allerdings war sie von dem Mann abhängig, glaubte, keinesfalls ohne ihn leben zu können. Nur, war er jemals wirklich da? Er kam, sie tranken Bier und Wein, die Tür wurde geschlossen und kurz darauf war er weg. Was er zurückließ, schmerzte mich zutiefst.
Eines Nachmittags erlaubte ich mir zu rebellieren. Ich wollte mit ihr sprechen und watschelte ihr hinterher; zur Küche zum Weinglas, am Wohnzimmerfenster verharrend, ins Bad und weiter zur Küche. So drehten wir unsere Runden. Meine Göttin hüllte sich in eisernes Schweigen, abgesehen von der sich wiederholenden Bemerkung, dass Paul komme. Bislang hatte kein Mann so viel Platz in unserem Leben eingenommen. Während sie Richtung Bad an mir vorbeiflatterte, raunzte ich trotzig: ›Ich möchte nur mit dir reden!‹. Die Badezimmertür wurde mir mit den Worten vor der Nase zugeworfen: ›Ich habe keine Zeit, Paul kommt!‹.
Daraufhin rannte ich ins Zimmer, heulte los und begann, Bücher an die Wand zu schmeißen. Es war der größte Wutausbruch, den ich je zutage förderte, und ich rechnete fest damit, dass meine Mutter ins Zimmer stürmen würde. Hob sie ausnahmsweise die Hand gegen uns, dann mit dem Handrücken, und der Ring, geziert mit einem runden Stein, war schmerzhafter als eine Ohrfeige.
Ein Teil in mir sehnte sich danach, dass sie kam, ein anderer hatte Schiss davor. Sie kam nicht. Fiona kam und fand passende Worte, welche mir sagten, dass alles gut wird, und vereinzelt lösten sie Schuld aus, doch wie konnte sie das wissen, war sie gleichermaßen im Spiel gefangen. ›Sie ist endlich glücklich, gönne ihr das und sei nett zu Paul. Vielleicht ist er ja der Richtige?‹. Das bezweifelte ich stark, dennoch versprach ich, mich zusammenzureißen.«
Jill besann sich, dass bereits damals ein Teil von ihr den Mann mit ungezähmter Leidenschaft verachtete.
»Was hatte ich für eine Wahl, wollte ich verhindern, dass ich noch mehr verliere? Und trotzdem widersetzt sich dein Instinkt dem Vorhaben, und du fängst an, ihn zu begraben.
Sobald Paul weg war, kam meine Göttin ins Zimmer, und mit klaren Worten unterstrich sie meinen unfreiwilligen Entschluss: ›Kannst du nicht ein bisschen nett zu Paul sein, musst du mir ständig alles kaputt machen!‹. Die Aussage entbehrte für mich jegliche Logik, im Klartext; ich war unfähig zu begreifen, was ich zerstörte, hingegen wusste ich, dies geschah unweigerlich, verlor ich die Kontrolle. Sie blieb bloß Sekunden in der Tür, und diese reichten aus, um ihre Verzweiflung und Angst wahrzunehmen, die wiederum sie folterten.
Ich versuche zu ertasten, was das Kind fühlte; sich auf verschiedenen Ebenen zu bewegen: Die äußere Welt, in der du schuldig bist. Dahinter schlummern deine Wahrnehmungen, die dich tiefer und echter berühren als der Schein. Und selbstverständlich ist da die Welt, in der du das Spiel mitspielst, das dir dein Überleben sichert. Kam Paul, glitt ich in meine Rolle, die ich zu kontrollieren glaubte, bedauerlicherweise kannst du eine Illusion niemals kontrollieren.
Fiona, die rettende Insel und der ruhige Pol, verließ uns kurz nach Renate, und mein Körper wuchs aus dem eines Kindes heraus. Zarte Knospen ließen erahnen, dass sich dort demnächst kleine Brüste formen würden, und der Beginn der monatlichen Blutungen sagte mir, dass ich erwachsen wurde.
Das Begrüßungsküsschen von Paul wanderte immer öfter auf den Mund, konnte ich mich nicht flink genug abwenden, gleichzeitig glitt seine Hand auf den Po. Aus Witzeleien wurden Provokationen und vermehrt forderte er mich auf, im Wohnzimmer zu bleiben, bevor die Tür geschlossen wurde. Er balgte mit mir herum, wobei seine Hände über meinen Körper glitten, bis unter den Pullover und zwischen die Beine.
Meine Mutter setzte ein Lächeln auf, hinter dem sich ein tiefer Abgrund und Schmerzensschreie verbargen. Verzweifelt suchte ich nach Ausreden, um mich von Paul fernzuhalten, des Öfteren verließ ich die Wohnung, kündigte er sich an. Der Rückzug hatte Folgen, die Luft wurde kühler, es war offenkundig, dass mein Verhalten ihn wütend machte. Hatte er reichlich getrunken, konnte er mir deutlich zu verstehen geben, dass ich bleiben soll. Dann streifte mich der bittende Blick meiner Mutter, die sofort aufstand und den Platz neben ihm auf dem Sofa für mich räumte.
Allmählich dämmerte es mir, dass ich mich in eine aussichtslose Situation manövriert hatte. Wie kommst du wieder raus, ohne das zu verlieren, das du zum Leben brauchst? Ich fasste allen Mut zusammen und redete mit meiner Mutter. Ihre Antwort: ›Stell dich nicht so an, das sind nur Spielereien. Reiß dich einfach zusammen, verlange ich denn so viel von dir?‹. Sie hatte sich schon abgewandt, drehte sich nochmal um und sagte in einer Verzweiflung: ›Wieso tust du das, habe ich nicht auch ein bisschen Liebe verdient?‹.
Es war mir unverständlich, dass Liebe dermaßen Leid erzeugen kann. Eventuell verstand ich es, schließlich erging es mir genauso. Ich erkannte die Ausweglosigkeit von beiden Seiten und tat, was notwendig war, um den Verlust zu minimieren, denn ich war überzeugt, alles ertragen zu können, außer von dieser Frau getrennt zu sein. Diesbezüglich sollte ich mich irren. Ich konnte es erdulden, dass Paul sich an mir aufgeilte, aber an dem, was ich meiner Mutter damit antat, zerbrach ich beinahe. Jetzt bist du schuldig! Ich war Täter, anstelle des Opfers. Und freilich, die Frau, welche diese Zeilen schreibt, sieht das Gesamtbild, doch für das Kind war es die Wahrheit.
Meine Mutter und ich sprachen kaum noch miteinander. Ich war meistens im Zimmer, hörte Musik, zeichnete und schrieb Gedichte. Mit Kreativität schaffte ich mir den Raum, wo ich mir, ohne Auferlegung einer Rolle, begegnen konnte …«

Vorangegangener Eintrag hatte Jill eine tiefe Betroffenheit beschert und ihre Dämonen fingen erneut an, aus ihren Löchern zu kriechen. In der Hoffnung, Halt zu finden, hatte sie angefangen, ein Buch aus ihrer Studienzeit zu lesen. Beim Durchackern im Studium war Rebellion ein Dauerzustand.
An einem Nachmittag saß sie auf dem Sitzplatz und war in das Kapitel »Existenz und Nichtexistenz« vertieft. Unverhofft stand sie vor einem Waschbecken, das sie bei Weitem überragte. Was folgte, erschien ihr real, als ereignete es sich in diesem Augenblick: Das Kleinkind schaut zu seiner Mutter hoch, die sein Pyjama auswäscht, in das ein Missgeschick geplumpst ist. Jill spürt Scham, die sie seinerzeit ergriffen hat, und unablässig wispert sie unter Tränen: ›Es tut mir so leid, es tut mir so leid …‹. Ihre Mutter würdigt sie keines Blickes, deswegen wiederholt sie es kontinuierlich, bis ihre Mutter zu ihr herunterschaut. Was sie nun erfasst, raubt ihr den Atem: Augen, die keine Tränen dulden, und Worte, die nie ausgesprochen wurden, und doch hört sie sie: ›Es wäre besser, es gäbe dich nicht‹.
Von den Worten getroffen, kehrte Jill schlagartig in die Gegenwart und schnappte nach Luft. »Himmelherrgott, was war denn das!«, krächzte sie geschockt und irritiert.
Ich würde sagen, deine Seele hat dich soeben zurückgeführt. Erfolgreich, möchte ich anmerken.
Sie tastete ihren Körper ab, alles da – und in voller Größe. »Künftig würde ich eine kleine Vorwarnung begrüßen.«
Mein Kind, du lebst gegenwärtig Hingabe, insofern liegt es nahe, solche Erfahrungen zu machen.
»Wie nett.« Ihr Tonfall triefte vor Sarkasmus.
Ja, es ist außerordentlich faszinierend.
Sie ersparte sich eine angemessene Erwiderung.
Welche Schlussfolgerung ziehst du aus der Erfahrung?
»Wer sagt, dass ich zu einer Schlussfolgerung gekommen bin?«
Dein Empfinden.
»In das du dich wieder unerlaubt eingeloggt hast.«
Ich bin allzeit eingeloggt.
»Mhm … es stimmt, ich kam von dem Trip zurück und hatte nur einen Gedanken: ›Nichtexistenz‹. Der Zweite war: ›Lebe ich heute in der Existenz?‹«
Der Nachmittag bewegte was in Jill. Inzwischen sah sie sich als Jägerin anstatt einer Gejagten. Eine tiefe Sehnsucht wuchs in ihr heran, sich ihr Leben zurückzuholen, das sie Stück für Stück aus den Händen gegeben hatte. Sie wollte leben, statt von Mächten gelebt zu werden, die wortwörtlich unfassbar waren, so plötzlich in ihr emporstiegen, um zu verschlingen, was mit ihnen in Berührung kam.
Sie nahm sich eine letzte Auszeit. Es war ein grauer Herbsttag, an dem sie unter ihrem Psychoasthma leidend – so nannte sie erwähnte Enge in der Brust –, ihre Zustände ausdrückte. Verzweifelt tauchte sie den Pinsel in Ölfarben und förderte etwas Gewaltiges zutage. Eine unbändige Kraft offenbarte sich ihr, der sie weiterhin kein Gesicht geben konnte. »Was kann ich noch anstellen? WAS wollt ihr?«, schrie sie, marschierte ratlos im Atelier herum und murmelte unentwegt: »Was wollt ihr …, was wollt ihr …«
Ihrem Instinkt folgend, begab sie sich in den unteren Stock an den Computer. Es war das erste Mal, dass sie mit den Dämonen kommunizierte und bewusst ihre Welt betrat.
Ihr Dämonen, die ihr in mir lebt, ihr tragt Gewänder, schwärzer als die Nacht. Lautlos kriecht ihr empor, kann euch weder sehen noch hören, gleichwohl seid ihr stets gegenwärtig. Der verzweifelte Kampf um eure Existenz? Ist es das? Schlagt ihr deshalb erbarmungslos zu, mit einer Gewalt, die mir den Atem raubt? Bohrt ihr euch nicht in mein Herz, steigt ihr in Form von Nebel empor, lasst mich in allgegenwärtigen Schmerz wandeln, der mir keine Träne entlockt und mich der Dunkelheit aussetzt. Ihr umhüllt mich mit Händen, die allesamt in Kälte verwandeln.
Werdet ihr mit jedem Kampf, in dem ich mich euch stelle, stärker? Oder dringe ich mit jedem Gefecht tiefer in euch ein? Eure Macht kann Welten zerstören. Ihr lebt in bodenlosen Abgründen, deren Flüstern zu mir dringt. Eure Kälte verbrennt mich innerlich.
Ihr Dämonen, man kann euch in keiner Gesellschaft vorstellen, und doch ladet ihr euch unaufgefordert ein, dringt in mein Leben, Beziehungen, Körper und jede Umarmung. Ich hasse euch! Zahllose Morde habe ich in der Fantasie begangen, euch im Geiste erschlagen, bis ich restlos erschöpft war, denn ebenso oft schlug ich mich. Sagt mir, weshalb stellt ihr mich infrage?
Seid euch gewiss, ich werde weiterkämpfen, dies bedarf keiner Wahl, außer der, zu leben. Ich kann nichts verlieren, ihr habt mir alles genommen. Also, ihr Kreaturen der Finsternis, was wollt ihr? Was verleiht euch dermaßen Macht? Und aus welchem Teil meiner nährt ihr euch?
Jill glitt in die Dunkelheit, um sie herum dunkle Schatten von Felsen. Sie konnte keinerlei Bedrohungen ausmachen. Allerdings nahm sie eine Gegenwart wahr und deren Todesangst. Was sie in jener Gruft antraf, war kein Dämon, es war eine entstellte Kreatur, deren Furcht sich im Auge ihres Herzens widerspiegelte. Ein Wesen, sich in seinem eigenen Schatten verkriechend, mit der Bereitschaft, zu sterben, würde sie sich ihr bloß einen Schritt nähern.
Tränen rannen über Jills Wangen. Sie empfand tiefes Mitgefühl, wollte das, was sich verkroch, in die Arme schließen, und wurde sich seiner Angst gewahr, zu sterben, würde sie es tun.
Wie aus einem Traum erwachend, bemerkte sie den Computer vor sich.
»Wow, das war abgefahren … was ist geschehen?«
Die Frage sollte lauten: Wer war das, dort unten?
»Das war ich …«, sagte sie gedehnt. Verblüfft stellte sie fest, dass sie frei atmen konnte. Jill Grey war zwar keineswegs klüger als vorher, trotz allem war da eine Zuversicht. Womöglich sind es einzig die stummen Schreie der Kinder, welche uns heimsuchen, im Zweifel, dass wir wahrhaftig imstande sind, für sie, für uns zu sorgen …
Nebel
Vorboten des Winters, melancholisch und doch faszinierend schön,
ziehen sie im Morgengrauen über die weite Ebene.
Aus der Tiefe steigen sie empor, ziellos und träge, gleich ruheloser Seelen,
deren Wehklagen du nicht hören, jedoch spüren kannst.
J.G

Gelegentlich war Jill noch aufgewühlt von ihrem vorangegangenen Trip. Bat ein Teil von ihr bislang um Vergebung, was sie damals ihrer Mutter angetan hatte, war dieses Bedürfnis jetzt weg. Vielmehr wollte sie dem Kind vermitteln, dass es fortan in Sicherheit war. Sie empfand keinerlei Wut auf ihre Mutter. Just analysierte ihr Gehirn besagte Tatsache, ausgeschlossen, dass das normal war. »Definier normal«, spottete Jill. »Ist es normal, Stimmen zu hören? Rede ich überhaupt mit Gott, und falls ja, wie funktioniert das?«
Mit mir zu sprechen?
»Ja, ich erfahre nichts über dein Reich oder wer, was du bist.«
Unsere Gespräche sind für dich nicht spirituell stimulierend?
»Doch, ja …, es war keine Absicht, dich zu beleidigen.«
Ich bin nicht beleidigt. Ich bin überrascht, dass dein Alltag, dein Dasein in ihm, für dich nicht göttlich ist.
Arglos linste Jill zur Decke. »Sag ich das?«
Ja, indem du mein Reich, wie es funktioniert, in alledem, was du tust und lebst, ausschließt. Du möchtest nach den Sternen greifen und übersiehst, was du längst in den Händen hältst.
»O-kay, ich rekapituliere; Ich kritisier dich, dass ich keine Einsichten über das Gottes-Ding erhalte, und du sagst mir, dass es im Alltag vorhanden ist?«
Das ist richtig. Darüber haben wir uns unlängst unterhalten.
»Und das ist es?«, erkundigte sie sich verdutzt.
Das ist es, was du willens bist, zu erfahren.
»Ah … ich bin demnach nicht gut genug, um das gesamte Ding zu erfahren?«
Wer sagt das?
»Na, du, gerade eben.«
Ich habe gesagt, du bist nicht gut genug?
Ein Räuspern. »Das war meine Interpretation deiner Ausführung.«
Und exakt das ist euer Problem, ihr interpretiert, anstatt zuzuhören. Ihr macht euch Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat, und nehmt euch somit jegliche Freiheit. Ich ließ dich im Frühling 2001 für drei Wochen meine Göttlichkeit erleben – und es war lediglich ein Hauch dessen, zu was du fähig bist. Infolgedessen hast du beinahe drei Jahre benötigt, um wieder mit mir zu sprechen.
Jills Stirn kräuselte sich. »Das trifft zu. Jene Wochen haben das Wort Intensität für mich neu definiert. Spaß beiseite, soll heißen, du schonst mich?«
Du tust es.
»Ich wollte sagen, es gibt unzählige Bücher, die weit mehr aussagen, als ich aus dem Alltag und den Gesprächen mit dir ziehe.«
Also bist du falsch. Ich rekapituliere ebenfalls: Dein Alltag IST mein Reich.
Auf ein Neues begriff Jill, dass ihr Gesprächspartner sie keinesfalls unterstützen würde, sich klein und nichtig zu reden. »Darum ist es unsinnig, nach den Sternen zu greifen, vermag ich ›dein Reich‹ nicht im normalen Alltag zu finden?«
Das ist korrekt.
»Das sehe ich ein. Fürs Protokoll; die Bezeichnung ›dein Reich‹ stört mich. Zu einem Reich gehört ein Herrscher.«
Ich bin kein Herrscher?
»Du? – Nein!«, sagte sie amüsiert. »Ein Herrscher lässt seinen Kindern nie und nimmer so viel Freiheit. Ein Herrscher würde niemals tatenlos zusehen, zerfällt sein Paradies. Ein Quäntchen Autorität deinerseits wäre zuträglich für uns.«
Deutest du an, ich bin lasch?
»Ich drücke es so aus: Wäre ich Gott, könnte ich unmöglich tatenlos zusehen. Ich wäre ein zorniger Gott.«
Dann hast du einen weiten Weg vor dir. Und unter uns gesagt, aus dem Grund bin ich Gott, ich urteile nicht.
Eine Weile hing Jill ihren Gedanken nach. Es stimmte sie unsagbar traurig und wütend, was auf dem Planeten abging. »Manchmal denke ich, ich wäre gern ein Diktator, obschon das mitnichten zu mir passt.«
Du entdeckst eine Seite an dir, welche dir missfällt. Das ist ausgezeichnet.
»Was ist daran ausgezeichnet? Das ist inakzeptabel.«
Dann unterdrücke sie weiter und schäme dich dafür.
»Du machst dich über mich lustig?«
Nein, ich bin nur kein Herrscher. Du möchtest verstehen und lernst eine Seite an dir kennen, die nicht in deine Vorstellung passt und sicher, du hast jedes Recht, sie von dir zu stoßen.
»Ich soll mich zum Diktator aufspielen?«
Du sollst verstehen. Annehmen heißt nicht ausagieren. Ihr seid auf Erden, um das Gottes-Ding, wie du es nennst, in eurem Leben zu erfahren, und du sträubst dich vehement.
»Ich bezweifle, dass du mir sagen wirst, was ich hierbei lernen kann?«
Warum sollte ich?
»Du bist allmächtig.«
Und du willst mich weiterhin als Herrscher sehen.
»Und wenn du Herrscher durch Helfer ersetzen würdest?«
Tu ich das nicht?
»Irgendwie schon, ich fang wenigstens an, genauer hinzusehen, und das ist tatsächlich hilfreich.«
Das Leben, dein Alltag, beinhaltet sämtliches, was du benötigst, um zu wachsen. Lebe mit offenen Sinnen und nimm an, statt zu bewerten, dann findest du Antworten.
Gemächlich lehnte sich Jill im Stuhl zurück. »Ich sitze hier und es geht mir prima, dabei bin ich nicht schlauer. Im Prinzip hast du mir nichts gesagt, obwohl du allwissend bist. Ich beneide dich, du stehst über allem.«
Ich stehe nirgendwo und überall.
»Logisch. Es ist schön, bist du – du, ansonsten wäre ich gezwungen, mir einen neuen Gott zu suchen, mit dem ich kontroverse Diskussionen führen kann.«
Egal, welche Götter, beziehungsweise Göttinnen ihr euch aussucht, letztendlich landet ihr bei mir, denn ich bin alles.
»Und du bist anständig eingebildet«, grinste sie.
Ich bin vollkommen, so wie ihr. Leider seid ihr euch dessen nicht mehr bewusst, insofern wählt ihr vorzu neue Prüfungen, um euch der Vollkommenheit erneut gewahr zu werden.
»Da kann ich nur sagen, dass wir es uns echt schwer machen.«
Das tut ihr.
Die Kaffeetasse war bereits wieder leer. Auf dem Weg zur Küche fiel Jill was ein. »Ich hatte vor Längerem einen Traum; ich bin in der Hitlerjugend aufgewachsen, mein Denken und Handeln schien korrekt. Muss ich auch das annehmen? Das war heftig und hat absolut nichts mit mir zu schaffen!«
Offenkundig hat es das in irgendeiner Form. Seht solche Träume als Geschenk. Deine Seele versucht, dir etwas mitzuteilen.
»Zu ›wissen‹, dass mir die Seele etwas zu sagen hat, macht es mir kaum leichter, den Traum als Geschenk anzusehen, wenngleich dein Ansatz einleuchtet.«
Bevor du dich für die Vernichtung von Millionen Juden verantwortlich machst, lasse mich dir sagen: Mache nichts damit.
»Folglich doch ignorieren?«
Hast du das nicht schon die vergangenen Monate praktiziert?
»Ja, und es ging voll in die Binsen.«
Nichts damit anstellen bedeutet nicht ignorieren; fange an, hier zu unterscheiden. Bleibe
offen, sei liebevoll, präsent und weiter achtsam.
Jill verwarf ihre Hände. »Bei dir klingt es so einfach, das ist …«
Eine weise Art zu leben, und hierfür ist es unnötig, eine Wissenschaft studiert zu haben. Hast du jemals über deinen Verstand eine göttliche Erfahrung gemacht?
Sie verneinte.
Dann sind wir uns einig.
»Aber … einfach ist einfach zu einfach!«
Anscheinend dringe ich nicht zu dir durch. Wäre es dir lieber, dass ich dich verurteile und bestrafe, was du – eventuell – in früheren Leben getan hast?
»Damit könnte ich leben. Du legst mich übers Knie, versohlst mir den Hintern – ich wäre sogar mit verbalem Prügel zufrieden – und die Seele wäre von allen Sünden gereinigt. Das wäre super!«
Wozu dich bestrafen, das tust du selbst. Und bist du gereinigt?
»Das bezweifle ich stark, ich bin schließlich nicht Gott.«
Dennoch hast du die Macht, deine Seele zu reinigen. Lerne zu vergeben. Du möchtest zu mir finden, also fange an, meine Wege zu beschreiten.
»Ha!«, triumphierte Jill. »Du gibst uns die freie Wahl und erwartest, dass wir deine Wege beschreiten? Wo bleibt da, bitteschön, die freie Wahl?«
Es stimmt, dass es nur den einen Weg gibt, nämlich den, dich zu reinigen. Du hast hingegen die Freiheit, andere Wege zu gehen. Es ist nicht erforderlich, bei mir anzukommen, nichtsdestotrotz sehnst sich deine Seele danach, sich mit mir zu vereinen, und sie wird keinesfalls ruhen, bis dies geschehen ist.
Einmal mehr sonderte Jill ein »Mhm« ab.
Dir wäre lieber, du würdest von mir bestraft.
»Es wäre jedenfalls der kürzere Weg.«
Du bist heute wahrlich störrisch.
»Dito. Zudem sind deine Wege wahrlich steinig.«
Das kommt auf die Sichtweise an.
»Und auf die Größe des Egos.«
Genauso ein großes Ding, das Ego-Ding.

Nach einem weiteren kräftezehrenden Winter kehrte der Frühling ein, und mit dem Erwachen der Natur entdeckte Jill die Welt der Kräuter und ihre Heilkraft. Eingedeckt mit Büchern erkundete sie diese Pflanzenwelt, welche vor ihrer Haustür so üppig wuchs. Neben dem neuen Hobby arbeitete sie weiter an der Aufarbeitung ihres Lebens. Allmählich fühlte sie sich befähigt, ihr »Kunstwerk« von außen zu betrachten. Ihrem Partner offenbarte sie neulich eine neue Skulptur; Jill befand sich zurzeit in einer Phase, in der sie ziemlich abstraktes Zeug kreierte, meist übergab sie derart kryptische Skulpturen nach der Fertigstellung umgehend der Natur.
Sie beobachtete ihren Partner, der das Objekt angestrengt in Augenschein nahm, und ihr entging keineswegs, dass er einem unlösbaren Problem gegenüberstand. Der Kommentar: ›Ist gewöhnungsbedürftig‹, schmerzte weniger als der Tatbestand, dass sie mit diesem ›gewöhnungsbedürftig‹ vorläufig leben durfte. Ja, Jill Grey absolvierte immense Anstrengungen, um jene lang gemiedenen Orte zu finden. Den finalen Akt ihrer Kindheit zusammenzubringen, war eine Herausforderung. Die Ereignisse überschlugen sich und Jill trieb, vergleichbar eines herrenlosen Bootes auf stürmischer See, in ihnen.
»Ein halbes Jahr schleppte ich mich durch die Sekundarschule und wurde dann in die Mittelstufe zurückversetzt. Pauline war im Untergymnasium und der Kontakt verlor sich. Tamara, meine neue Freundin, verkehrte in zwei Cliquen. Die erste war dem Alkohol und Medikamenten zugetan und die zweite dealte mit weichen Drogen. Die Alki-Clique bestand im Kern aus drei Jungs aus der Abschlussklasse. Einer von ihnen hatte einen Arzt im Haus, dessen Keller neben dem seiner Eltern lag. Er entwendete und verkaufte Medikamente in der Schule. Ich nahm zweimal davon, hatte mehrstündige Blackouts und beschränkte mich künftig auf Alkohol.
Einer der Jungs war ein Scheidungskind wie Tamara und ich, sein Vater, bei dem er lebte, war ständig auf Geschäftsreisen … ist es notwendig, alles wiederzugeben?«
Falls du deine Scham loslassen möchtest, ja.
»Das hab ich bisher niemandem erzählt.«
Dann beginne mit mir …
Sie holte Luft, um fortzufahren: »Eines Abends ging es meiner Mutter besonders schlecht, unverkennbar war meine Anwesenheit für sie unerträglich, deswegen besuchte ich den Jungen, bei dem man sich traf und dessen Vater routinemäßig mit Abwesenheit glänzte. Im Gegensatz zu Tamara war ich noch Jungfrau, und da ich kein Interesse an Jungen signalisierte, wurde ich mit vierzehn zum vertrockneten Mauerblümchen abgestempelt.
Alle drei hatten reichlich getrunken und hörten AC/DC. Ein Instinkt beschwor mich, zu verschwinden, was sich verstärkte, sobald einer der Jungs mit mir schmusen wollte. Auf den Einwand, dass ich nach Hause müsse, war seine Reaktion ein Griff an meine Jeans und den lallenden Satz: ›Stell dich nicht so an, ich will ja nur ein bisschen schmusen‹. Das Gesagte löste kollektives Gejohle aus. Der fordernde Junge neben mir war plötzlich ein Mann. In mir schrie es: ›Du musst sofort raus!‹.
Hastig zog ich die Schuhe an und eilte mit offener Jeans in den Gang, an dessen Ende die Haustür lag. Und besagte Tür rückte stetig in die Ferne. In der Hälfte des Ganges wurde ich brutal zu Boden gerissen. ›Wir können sie unmöglich schon gehen lassen, ich hab noch nicht mal angefangen!‹ Abermals lautes Gejohle.
Das ist der Moment, in dem du, ähnlich einem von Wölfen umringten Hasen, die Gewissheit erlangst, dass du chancenlos bist. Ich wurde auf den Rücken gedreht, Hände tasteten meinen Körper ab, unterdessen bettelte ich darum, heim zu dürfen. Niemand hört dich, das Gegröle und die Musik übertönen dein von keiner Träne begleitetes Flehen. Und obwohl ich nüchtern war, breitete sich ein Schwindel aus. Wortfetzen, die ich nicht zuordnen konnte: ›Halt sie fest … los … fester …‹. Dann wurde an meiner Jeans gezerrt, gleichzeitig sah ich einen Baseballschläger. ›Mach sie warm, los … schlag zu …!‹.
Ein Schlag zwischen die Beine, ein entsetzlicher Schmerz; ich schrie nicht. Und mit jedem Schlag Jubel und Beifall. ›Zieh ihr die Jeans aus … lass mich jetzt ran!‹.
Endlich hatte ich den klaren Gedanken, dass es in dem Block mindestens vierundzwanzig Wohnungen gab, irgendjemand sollte mich hören? Das Tier in mir erwachte, ich schrie so laut ich konnte, und es reichte aus, um die Jungs zu erschrecken. Aufgeschreckt und verängstigt blickten sie zur Tür und wirkten für einen flüchtigen Augenblick nüchtern. Die Griffe lockerten sich, ich stolperte mit hinuntergelassener Hose zur Tür, riss sie auf und hetzte das Treppenhaus hinunter. Während ich die Jeans rauf zog, registrierte ich, dass es im ganzen Block unheimlich ruhig war.
Benommen rannte ich übers Fußballfeld Richtung Wald, wurde zunehmend ruhiger, bis ich seine Tore erreichte. In einiger Entfernung hinter mir vernahm ich reumütige Rufe, die mich um Verzeihung baten. Ich glaubte ihnen.
Wäre ich über die Wiese gelaufen, ich wäre in drei Minuten zuhause gewesen. Ich ließ sämtliche roten Blöcke und das spärliche Licht der Laternen hinter mir und lief so tief in den Wald, bis die Stimmen in der Ferne verstummten. Irgendwann, irgendwo setzte ich mich unter einen Baum. Von allem abgeschnitten war ich außerstande zu weinen, keinerlei Verzweiflung, Trauer und Zorn erfasste mich. Unfähig, mit der Situation irgendetwas anzufangen, hockte ich eine Ewigkeit unter dem Baum und nahm den Duft des Waldbodens in mir auf. Hier schien ich ebenfalls klein zu sein, bloß fühlte ich mich von den in den Himmel ragenden Gestalten beschützt. Die Bäume schenkten mir Geborgenheit. Unter ihrem Schutz konnte ich den Schmerz in mir wahrnehmen, aber ich weinte nicht. Stattdessen gab ich mich der verführerischen Stille hin; du bist weder allein noch ist eine Bedrohung anwesend. Bedauerlicherweise war es unumgänglich, zurück in mein Leben zu gehen, in das, was davon übrig war.
Zu Hause begrüßte ich meine Mutter und blieb in der Wohnzimmertür stehen, um sie zu spüren – Kälte und Verbitterung. Dann glitt ich tiefer und nahm ihre Seele wahr, deren Schreie niemals nach außen dringen würden. Verbundenheit. Je weiter wir uns voneinander entfernten, desto intensiver verschmolzen unsere Emotionen.
Was die Jungs betraf, sie sagten mir hinterher, dass es ihnen leidtue, und ich erwiderte mit einem ›Ich bin ja so lieb‹-Lächeln: ›Ist schon gut‹. Oh Gott, das sagte ich wahrhaftig.«
Ein Schütteln durchfuhr Jill. »Das ist so was von krank!«
Du bewertest. Du hast getan, was dich gelehrt wurde.
»Hm, von der Seite betrachtet, erscheint es mir weniger krank. Weißt du, schlimmer als der Übergriff waren die Scham und Verachtung wegen meines Schweigens.«
Ich verstehe. Wie geht es dir jetzt, wo du darüber gesprochen hast?
»Wesentlich besser. Als miste man seinen Schrank aus und erfreue sich an dem Raum, der entstanden ist. Und ich danke dir, es hat mir geholfen, es mit dir zu teilen.«
Und was wirst du damit anfangen?
»Hierzu fällt mir nur eines ein: Vergebung …«
Vergebung
Lernen wir uns selbst zu vergeben,
wird es uns vielleicht leichter fallen,
anderen zu vergeben.
Doch was haben wir getan?
J.G.

Dass Jill den Mut aufgebrachte, über ihre fast Vergewaltigung zu sprechen, hatte zufolge, dass die Ereignisse auf sie einströmten.
»Es war das letzte Mal, dass ich mit den Jungs zusammen war. Tamara und ich hielten uns vermehrt bei den vier Brüdern auf, wo man sich im oberen Stock ihres Elternhauses traf, kiffte, diskutierte, Schach oder Karten spielte. Tamara war mit dem Zweitältesten liiert und schleifte mich, obschon nur erlesener Besuch ihre heiligen Räume betreten durfte, mit. Ich kam mir vor wie ein Tier, das überzeugt ist, in der Nahrungskette weit unten zu stehen. Einer der Brüder gab seinem Missfallen Ausdruck, doch der älteste, Franco, nahm mich in Schutz und sein Wort war Gesetz. Danach störte sich niemand mehr an mir. Ich rauchte lediglich ein, zweimal mit, Hasch löst bei mir paranoide Züge aus. So lauschte ich den Diskussionen und spielte mit Franco Schach. Er war ein Bär eines Mannes, der rasch aufbrausen konnte, trotzdem vertraute ich ihm, er gab mir Sicherheit und akzeptierte mich Franco wie ich war.
In der Schule standen wir auf der Abschussliste der Lehrer. Ein weiteres Terrain, auf dem Tamara provozierte. Das fing an bei der Untat, einer unbeliebten Mitschülerin ein Kilo Zucker in den Tank ihres Motorrades zu schütten, über Beimischung von Hasch im Pfeifentabak eines Lehrers, Rauchen auf dem Schulhof und endete damit, den Unterricht zu versäumen. Zu dem Zeitpunkt war meine moralische Haltung ausnehmend flexibel. Ich beteiligte mich an jeder Schandtat, denn die Aussicht, Tamara gegen mich zu haben, erschien mir schlimmer als die Taten. Waren wir unter uns, war sie unsicher und melancholisch. Oftmals krochen wir zusammen ins Bett und malten uns ein fantasievolles, zukünftiges Leben aus: Einen lieben Mann, hübsches Häuschen im Grünen und Kinder. Ich erfuhr später, dass ihre Leiche in einer öffentlichen Toilette gefunden wurde – Überdosis.
Im Jahr 1981 begann die AJZ-Bewegung. Leere Fabrikgebäude wurden besetzt und in Massen auf den Straßen demonstriert. Mit Freuden würde ich die Stimme in mir ausblenden, welche herausfinden will: ›Wogegen genau habt ihr demonstriert?‹ Ich hab keinen Schimmer. Ich marschierte wie ein Lamm mit, es war fantastisch, kollektiv wütend zu sein und herumzuschreien.
Zur selben Zeit konsumierten wir ein Schmerzmittel, das damals (rezeptfrei) Wirkstoffe beinhaltete, die einem jegliche Hemmungen nahmen. Zehn Tabletten, dazu eine ordentliche Dosis Alkohol, du bist kommunikativ und etwaige Dunkelheit wandelt sich in buntes Leben. Ebenso schnell kannst du im heulenden Elend aufwachen, allerdings hindert dich das nicht, dasselbe wieder zu tun.
Dann lief ich mit Tamara für zwei Wochen von zu Hause weg, was wiederum auf ihrem Mist gewachsen war. Wir fuhren nach St. Gallen und ließen uns in einem besetzten Haus nieder. Es waren abenteuerliche Wochen, in denen ein Mitbewohner niedergestochen und unser Geld gestohlen wurde. In einer Nacht wurde unser Haus von einer rivalisierenden Punkclique mit Molotowcocktails beworfen, um uns auszuräuchern. Meiner Mutter hinterließ ich einen Abschiedsbrief, auch Paul wurde darin erwähnt. Nach zwei Wochen wurden wir aufgegriffen und mit dem Zug nach Hause verfrachtet, wo sie mit Paul am Bahnhof wartete. Sie sagte: ›Wir reden nachher zu Hause‹. Paul fuhr uns heim, und als er gegangen war, ließ sie mir ein Bad ein, kochte mir was und schickte mich dann aufs Zimmer. Es wurde nie darüber gesprochen.«
Kommen wir zu Jills erster Liebe. Stefan; einerseits sah er aus wie ein junger Richard Gere, andererseits besaß er das Talent, mit seinem Charme und seiner Redegewandtheit Frauen jeden Alters um den Finger zu wickeln. Und er war der Spritze gleichermaßen zugetan wie Franco, doch besagtes Detail war Jill offensichtlich entgangen.
»In der kindlichen Naivität entging mir so manches. Eines Tages kam ich zu Tamara, wo Franco in miserablem Zustand auf dem Bett lag. Ich streichelte über seine Wange, fragte, was los sei? – ›Nichts.‹ Tamara meinte: ›Er ist auf dem Aff‹. Ich: ›Was ist das?‹ – ›Was schon, er schiebt den Turkey‹. – ›Turkey?‹. Fußnote; er war auf Entzug.
Den ersten Sex hatte ich mit Stefan. Er war achtzehn und wohnte zu Hause, wenngleich er selten dort war. Es wird gesagt, dass eine Entjungferung was Besonderes sein sollte, dem kann ich zustimmen: Es war einmalig. Die Wahrheit? Mir war nicht danach, doch ich wurde zu Gehorsam erzogen. Steif wie ein Brett lag ich unter ihm und betete darum, dass es bald vorbei sein würde. Dann streckte unverhofft sein Vater den Kopf zur Tür herein und schaute uns zu, bis Stefan schnauzte: ›Verzieh dich endlich!‹. Um seine Wut zu unterstreichen, schleuderte er ein Glas gegen die Tür. Ich hatte vernommen, dass sein Vater ein überaus jähzorniger Mann sei, also wieso ließ er sich das von seinem arbeitslosen Sohn, der bei Polizei weit oben auf der Liste stand, gefallen, entschuldigte sich überdies? Fiona, sie war mit Stefan in der Klasse, klärte mich auf: Mit fünfzehn schmetterte er seinen Vater durch eine geschlossene Schranktür und drohte, ihn umzubringen, fasste er ihn oder seine Mutter nochmal an. Ich zweifelte an der Geschichte und wurde eines Besseren belehrt.
Nach der schmerzhaften Entjungferung und seinem Orgasmus zog er den Penis heraus und schrie auf, in seinem Glied steckte eine kleine Scherbe vom zerschmetterten Glas. Als sich seine Wut gelegt hatte, legte er Löffel, Spritze und eine kleine Tüte mit braunem Pulver auf den Tisch. Ich sah, auf welche Weise ein Schuss vorbereitet, gesetzt wurde und anschließend der Körper in sich zusammenfällt, die Seele eines Menschen weggleitet; was bleibt, ist eine scheinbar leere Hülle. Stefan sagte monoton: ›Willst du einen?‹. Ein Instinkt warnte mich, ich ahnte, dass das jene Sache war, über die geschwiegen wurde. Hinterher blickte ich auf den Mann, den ich zu lieben glaubte, der regelmäßig weg glitt und irgendwo war, nur nicht bei mir. Ich fühlte mich allein, hatte Mitleid und wollte ihn beschützen.
Kaum entjungfert und sogleich erwacht der Mutterinstinkt.
Zuhause stellte ich schmerzlich fest, dass unser Spiel auch andersherum funktionierte. Stefan hing noch nicht so sehr an der Nadel, dass man es ihm angesehen hätte, und meine Mutter schmolz, ob seinem Charisma, buchstäblich dahin. Es wurde ausgiebig Wein getrunken, derweil saß ich, so wie sonst sie, auf dem Sessel, beobachtete die zwei auf dem Sofa beim Herumalbern und lachte artig an den passenden Stellen. Es war ewig her, dass ich meine Göttin so fröhlich und unbeschwert gesehen hatte. Stefan gab ihr das Gefühl, begehrenswert zu sein. Sie so zu sehen, brachte mein weinendes Herz zum Strahlen.
Der Rektor der Schule teilte Tamara und mir mit, dass wir für das Abschlussjahr, die Berufswahlklasse, auf dieser Schule unerwünscht seien. Ich arbeitete zuerst in einer Bäckerei im Laden, dann den Sommer über im Pferdestall. Nachdem ich ihn verlassen hatte, wurde ich zweimal mit Heroin konfrontiert, habe beide Male bereitwillig den Arm ausgestreckt.
Bei der ersten Einladung hatte ich Tabletten und Alkohol im Blut, befand mich in abgrundtiefer Sorge um Stefan, der im Gefängnis versucht hatte, sich zu erhängen, was ihn direkt auf die Krankenstation der Psychiatrie brachte; das war sein Ziel gewesen. Franco, mein großer Bär, sagte, er helfe mir, sämtlichen Kummer zu vergessen. Er kaufte Stoff und auf einer öffentlichen Toilette am Barfüsserplatz bereitete er ihn zu. Ich erkundigte mich, ob das gefährlich sei, er sagte, man müsse die Dosis kennen und wissen, wann aufhören. Er wusste es nicht. Anfangs weigerte ich mich, mir eine Nadel in den Arm stoßen zu lassen, er argumentierte: ›Das Schnupfen braucht zu viel Stoff, und da fehlt der ›Kick‹, hast du den erlebt, wirst du dir das Zeug nie mehr durch die Nase raufziehen. Halte deinen Arm hin und lass dich treiben, es ist der Wahnsinn‹.
Er behielt recht, niemals zuvor durchdrang mich eine solche Wärme und Geborgenheit. Du sitzt auf einem stinkenden Klo, dein Leben ist zum Kotzen und alles flattert dir wortwörtlich am Arsch vorbei. Du lässt dich in einer sanften Woge forttragen, gleitest aus der Realität.
Nach ein paar Stunden hab ich mir die Seele aus dem Leib gereihert und geschworen, die Finger von dem Zeug zu lassen. Zwei Wochen später spielte sich dieselbe Szene erneut ab und ich reiherte auf ein Neues. Der Entschluss war derselbe, und diesmal hielt ich mich daran. Als Franco ein drittes und viertes Mal kam, lehnte ich ab.
Was Paul betraf, fiel meine permanente Abwesenheit auf. Meine Mutter teilte ihm mit, dass ich einen Freund hätte – er forderte den Namen und der wurde überprüft. Das Ergebnis: Er untersagte mir den Kontakt mit Stefan. Das hielt mich keineswegs davon ab, mich weiter mit ihm zu treffen. Meine Mutter war einverstanden, solange ich ihn nicht heimbringe, wenn Paul komme.
An einem Nachmittag ereignete sich das Unvermeidliche; Paul tauchte unangemeldet auf. Meine Mutter kam ins Zimmer und bat uns, zu gehen oder still zu sein. Nach fünf Minuten stürmte Paul herein, beschimpfte Stefan als Abschaum und drohte, ihn zu verprügeln, käme er mir noch einmal zu nahe. Stefan ging, kam jedoch nochmals in die Wohnung, um seine Jacke zu holen, daraufhin flippte Paul aus. Sie prügelten sich bühnenreif und Paul blieb, nachdem er in die große chinesische Vase gefallen war, liegen. Stefan verließ die Wohnung und ich rannte bestürzt ins Zimmer, wo alsbald meine Mutter, einzig mit Unterhosen bekleidet, hereinstürmte und wild schreiend auf mich einschlug. Ich sehe noch ihre Brüste, die vor mir hin- und herflogen, verstand wenig von dem, was sie sagte, dennoch war es unüberhörbar, dass ich alles zerstöre.
Ich verließ das Haus. Unten empfing mich Stefan mit den Worten: ›Du kommst mit mir, der Typ ist ja wahnsinnig‹. Und just kam besagter Wahnsinnige aus dem Block gerannt, um eine Revanche einzufordern. Mit irrem Ausdruck und erhobenen Fäusten forderte er seinen Rivalen zum Kampf auf. Ich zog meinen Freund mit mir und er kam widerwillig mit, doch ihn einen verdammten Feigling zu nennen, machte alle Bemühungen zunichte.
Der Schluss des Aktes: Da ist ein Mann, über vierzig, und ein junger Bursche, welche sich auf dem Rasen vor roten Wohnblöcken prügeln. Auf dem oberen Balkon steht eine Frau im Morgenmantel, ruft voller Verzweiflung ihrer Tochter zu, ihren Freund zurückhalten, die Tochter ruft ihrerseits, sie solle dasselbe mit ihrem Freund tun. Den Nachbarn wurde wahrlich etwas geboten, und einige nutzten dieserart Zerstreuung, um aus ihrem Alltag zu entfliehen. Weil meine Mutter ihre Stellung auf dem Balkon beharrlich hielt, probierte ich, die Streithähne zu trennen. Beide erlagen dem Jähzorn und es war ein Wunder, dass ich Stefan wegführen konnte, während das Gezeter von Paul uns ein Stück weit verfolgte.
Danach hing ich an Stefans Seite und schlief bei einem älteren Pärchen, wo jeder Unterschlupf finden konnte, war eines der drei Sofas frei. Hier bevorzugten die Leute ausschließlich harte Drogen. Sie kamen Tag und Nacht, waren finster, ungepflegt, und bevor sie sich ihren Schuss gesetzt hatten, ging ich ihnen bestmöglich aus dem Weg. Dies war also Stefans Welt.
Nach drei Tagen kehrte ich heim. Meine Mutter war sichtlich überrascht. Ich sagte, dass es mir leidtue und ich mit ihr reden wolle, sie sagte: ›Ich brauche Zeit‹. Tags darauf teilte sie mir mit, dass Paul keinen Fuß mehr in unsere Wohnung setzen würde, sei ich zu Hause. Im Klartext: Ich musste schleunigst weg.
Seinerzeit arbeitete ich als Praktikantin im Alters- und Pflegeheim. Mir gefiel die Arbeit. Hatte ich frei, verabredete ich mich mit Stefan, der ausnahmslos nüchtern war. Wir schlenderten stundenlang durch den Wald, unterhielten uns über Gott und die Welt, um uns dann zu verabschieden. Kündigte Paul sich an, verließ ich das Haus.
In den folgenden Wochen konsumierte ich weder Alkohol noch Tabletten und machte mich bei Tamara rar. Zudem suchte ich fortlaufend das Gespräch mit meiner Mutter, sie wies mich unermüdlich ab. Und so lebten wir in einer bedrückenden Stille; die Luft wurde stetig dichter. Du weißt, irgendwas wird geschehen, doch keiner möchte handeln.
Die Entscheidung fiel an einem Morgen. Die Zimmertür wurde aufgerissen und meine Mutter sagte voller Panik: ›Paul kommt in fünfzehn Minuten!‹. Es dauerte, bis ich wach war und begriff. Dann antwortete ich den Tränen nahe, dass ich nicht so überstürzt das Haus verlassen wolle. Worauf sie verzweifelt wisperte: ›Gut, dann schließ dich im Zimmer ein und sei leise. Paul wird dein Zimmer kontrollieren, ich sage ihm, dass du es neuerdings abschließt‹. Diese Frau hätte den Schuldknopf drücken können und ich wäre in fünf Minuten weg gewesen. Ich sagte: ›Er droht dir, dich zu verlassen, bin ich daheim‹ und bemerkte ihre Tränen, vernahm ihr Flüstern: ‹Bitte, ich bitte dich‹. Augenblicklich erkannte ich schmerzlichst, dass ich die Letzte auf Erden war, die ihr helfen konnte. Deshalb entschied ich mich, im Schwesternhaus ein kleines Zimmer zu mieten.
Stefan freute sich tierisch, dass wir fortan ein eigenes Zimmer hatten. Es war nie ein Thema gewesen, dass er mit einzieht, doch es war unübersehbar, dass das geschah. Einziehen ist die falsche Bezeichnung, Stefan war stets mit dem unterwegs, was er am Körper trug. Das wesentliche Problem war, dass mit meinem Freund der Stoff kam. Der Stoff, der mich einlud, mich im Land der Wärme und Geborgenheit, im Land des Vergessens treiben zu lassen. Hatte ich frei, kämpfte ich gegen den Schmerz infolge der Trennung von meiner Mutter an, das war mein Entzug.
Ich stand im Treppenhaus des alten Stadthauses, das schwarze Telefon mit der Wählscheibe an der Wand, und habe geheult und gebettelt, um nach Hause zu dürfen, hab meiner Mutter eingestanden, dass ich Angst hätte, abzustürzen. Ihre Antwort lautete: ›Ich kann nicht, ich brauche Zeit‹. Das Kind in mir konnte nicht wahrhaben, dass es kein Zurück gab. Die Nabelschnur war abgetrennt, und dieser Schnitt erschien mir unerträglich. Ich glaubte, aufzuhören, zu existieren.
Hätte ich es nicht an diesem Nachmittag getan, dann wahrscheinlich an einem anderen. Ich taumelte in Tränen aufgelöst zu Stefan, streckte den Arm aus und er ließ mich nicht betteln, mich vom Schmerz zu erlösen …«
Jill fuhr den Computer herunter und begab sich in den oberen Stock ins Atelier, wo sie eine Weile tanzte. Hinterher kochte sie frischen Kaffee. »Ich liebe den Tanz, er ist so heilsam und befreiend.«
Ihr könnt euch auf diverse Arten ausdrücken, der Tanz ist eine davon.
»Ja, ich setze Energie frei, auch auf körperlicher Ebene.«
Und deine unterdrückte Wut? Du sehnst dich zuweilen nach einem Boxsack.
»O ja! Ich würde mit einem Urschrei draufschlagen. Aber …« Sie hielt inne.
Was ist daran schlecht?
»Abgesehen davon, dass Schreien für mich ein absolutes Novum ist? Ich hab gar keinen Grund, sauer zu sein. Meine Mutter war gleichermaßen ein Opfer.«
Sage mir, wie viele Jahre hast du deine Wut geschluckt, bis du beinahe erstickt bist?
»Mein Leben lang?«
Und wie viele Jahre hast du dich verleugnet, um keinerlei Disharmonien in deinem Umfeld zu erzeugen?
»Mein Leben lang?«, wiederholte sie.
Benötigst du weitere Gründe?
»Es ist so, meist fällt es mir schwer, zu definieren, auf was ich wütend bin.«
Es geht hierbei nicht um deine Mutter und Mitmenschen, sondern um dich. Fange an, zu akzeptieren, dass dein Fass, auf das du seit deiner Kindheit den Deckel drückst, zum Bersten voll ist. Du fragst dich, woher die Wut kommt? Oh Gott, wer hat mir bloß das Fass untergeschoben?
»…«
Oh nein, und das, was drin ist, hat sich nicht auf bizarre Weise aufgelöst?
»Ich hab‘s kapiert«, grinste sie. »Und wie entsorge ich das Fass? Sondermüll? Vergraben?«
Vergraben hat offenkundig ebenso wenig geholfen. Entsorge es, indem du anerkennst, dass du kein Engel bist, wie du gerne gesehen werden möchtest. Auch du, mein Kind, bist imstande, abgrundtief wütend zu sein, fähig, einen Boxsack so lange zu bearbeiten, dass sein Leder platzt.
»Klingt hervorragend! Und mit dem Engel liegst du richtig. Stelle ich mir vor, schreiend dreinzuschlagen, bis mir der Speichel aus dem Mund tropft, zerstört das jegliche Vorstellungen von mir.«
Sehr gut, schlag sie gleich mit kaputt.
Versonnen strich Jill mit dem Finger über den Tassenrand. »Was bleibt dann übrig?«
Du.
»Ist das genug?«
Finde es heraus. Sei dir gewiss, du wirst mitnichten enttäuscht werden. Werdet euch gewahr, dass euer Sondermüll existiert. Ignoriert ihr ihn, kommt er beharrlich zurück und wird euch irgendwann vernichten.
»So wie du beharrlich in meiner Umlaufbahn kreist«, schmunzelte Jill, wurde dann abermals ernst. »Das heißt dann wohl, ich soll, statt mich für die Wut zu verurteilen, sie sozusagen umarmen? O Mann, du erwartest einiges. Und was den Boxsack angeht, vielleicht hast du ja Lust mitzumachen?«
Leben auszudrücken, dafür bin ich jederzeit zu haben …

»Befreiung«
Acrylic, Bronce Pulver, Künstlerkreide auf Papier

An einem sonnigen Nachmittag stellte Jill Spitzwegerich-Tannenhonig her – das beste Heilmittel gegen Husten und Bronchialerkrankung – und sann über ihre Reise, auf der sie sich befand. Sie konnte dem Kind begegnen und die Frau erfahren, welche diese Reise plante. Obwohl Planen unzutreffend war, wusste sie selten, wo sie als Nächstes landete. Es fühlte sich super an, alle Türen ihrer Kindheit geschlossen zu haben, doch dann. »O Gott, ich hab ja noch bombastische Berge vor mir!«
Hast du nicht eine Sache vergessen?
Sie hielt in der Arbeit inne. »Du meinst, im Hier und Jetzt zu leben?»
Das auch. Aber ich denke an zwei Personen, du hattest vor, ihnen separate Kapitel zu widmen.
»Oh … ja.«
Erzähl mir von ihnen.
»Jetzt?«
Was spricht dagegen? So kannst du deine Kindheit abschließen.
»Okay. Oma Jane arbeitete weit über die Rente hinaus als diplomierte Krankenschwester, sie wurde zur Rente gezwungen und im Anschluss war sie kaum dazu zu bewegen, unter Leute zu gehen. Ihre verbleibenden Lebensjahre saß sie vorzugsweise in ihrem Altstadthaus im Großbasel am Fenster und schaute zu den gegenüberliegenden Häusern. Suche ich nach Geborgenheit und Sicherheit, finde ich sie bei ihr.
Im Frühling 1988 wagte ich in England erneut einen Anlauf, um clean zu werden. Nach meiner Rückkehr absolvierte ich mit vierundzwanzig die Autoprüfung und besuchte sie regelmäßig. Blicke ich auf die letzten eineinhalb Jahre, empfinde ich mehr Nähe als je zuvor.
Die Fronten der Familie und Probleme meiner Mutter wurden nie thematisiert. Sich gegen meine Mutter zu stellen, hieß, sich mit Oma Jane anzulegen. Dasselbe galt, verbündete man sich mit Tante Doris. Trotz alldem, was ich veranstaltete, und der schwierigen Beziehung zu meiner Mutter, war ich ihr Liebling.
Schaue ich hinter ihren Schein, sehe ich eine einsame Frau, am Ende ihres Weges, voller Leid und Schmerz, gepeinigt von dem, woran sie verbissen festhielt. Manchmal kam ich ins Wohnzimmer und nahm so viel Trauer und Schwere wahr, dass es mir die Luft raubte. Ich küsste sie, kniete vor ihrem Sessel nieder und sah ihre Tränen, und dennoch strahlten sie, wenn sie sagte: ›Schön, bist du gekommen‹.
Dann nahm ich eine Woche Ferien, um ihr ein wenig zu helfen. Oma Jane konnte jedoch schlecht Hilfe annehmen und trotzig werden, wurde sie ihr aufgedrängt. Ich tat es mit dem Herzen, das sich auch dann niemals verschloss, verschloss meine Oma das ihre. Beim Abschied legte sie mir ein Couvert in die Hand, mit den Worten: ›Öffne es erst zu Hause‹«
Jill gab Honig und Wasser zum Wegerich, wischte sich eine Träne ab und sprach weiter: »Ich wusste, was im Couvert war und wollte das Geld ablehnen, allerdings konnte meine Großmutter beispiellos stur sein, sie sagte, dass dies nichts mit Bezahlung zu tun habe. Dem Weinen nahe, empfand ich grenzenlose Scham. Bevor ich clean wurde, hatte ich ihr sechshundert Franken gestohlen; sie wusste es, ich wusste, dass sie es wusste, und es wurde Stillschweigen bewahrt. Dies war und ist für mich die größte Schuld. Ich hatte das verbliebene Stück heile Welt verraten, einschließlich der Person, welche sie mir ermöglichte.
Mit Tränen in den Augen war ich keiner Bewegung, keines Wortes fähig. Und Oma Jane? Sie sagte voller Güte: ›Ich weiß. Bitte nimm es mir zuliebe, weil … ich möchte es‹.
Am Tag, an dem Jane starb, erlosch ein Stück Leben in mir. Was blieb, war der unerträgliche Schmerz und das Unausgesprochene. Meine Tante pflegte sie tagtäglich mit der Unterstützung meiner Schwestern, die beide Pflegeberufe ausübten. Am Schluss kam meine Mutter nur noch selten, und Oma Janes Kraft, um zu telefonieren, war ihr nicht mehr gegeben. Der Tod kam näher und meine Mutter zog sich vermehrt zurück, bis sie wegblieb.
Jener Mittwoch, der 27.%u202FDezember 1989, hatte sich in mein Gedächtnis und die Seele gebrannt. Ich kam ins Zimmer, wo ich in Kindestagen zahllose Nächte verbracht hatte, und fühlte die Gegenwart des Todes. Ich küsste sie, setzte mich auf den Stuhl neben dem Bett und hielt ihre Hand. Sie sah mich an und lächelte. Währenddessen meine Schwestern eine Wundstelle am Rücken reinigten, trat ich zum Fenster und beobachtete, wie meine Oma sich suchend umsah, dann streckte sie mir ihre dünnen Arme entgegen.
Meine Mutter sagte mir einst: ›Ich konnte das Zimmer nicht mehr betreten und ich hätte mir gewünscht, du hättest es auch unterlassen‹.
Ich stand mittendrin, einen Meter von ihren Armen, ihrem flehenden Blick entfernt, außerstande mich zu bewegen, gefangen in einer Dimension, welche sich plötzlich auftat. Weder Gedanken noch Emotion, die ich beschreiben könnte, außer, dass das Leben aufhört, und eine ausgedehnte Leere begann sich auszubreiten. Und ich war irgendwie dazwischen gefangen.
Dann vernahm ich die Worte: ›So halte sie doch!‹ und schloss sie in die Arme. Hinterher hielt ich ihre Hand. Ihre Brust hob und senkte sich, senkte sie sich, hielt ich den Atem an. Dann verließ sie uns und es traf mich ähnlich einem Steinschlag, der alles unter sich begräbt. Ich weinte mit meinen Schwestern und meiner Mutter, sie war gekommen, ich hingegen habe es all die Jahre ausgeblendet.
Die darauffolgenden Stunden erlebte ich durch einen Schleier, bestrebt, mich zusammenzureißen und den finalen Akt; Auswahl von Sarg und Urne, hinter mich zu bringen. Natürlich scheiterte ich, und sobald der Arzt wegen des Totenscheins kam, forderte Tante Doris ihn auf: ›Geben sie dem Kind etwas zur Beruhigung‹. Ich schluckte das Zeug und legte mich im Wohnzimmer hin. Unfähig, aus dem Körper zu flüchten, verhalf mir das Valium der grausamen Realität zu entfliehen.
Das Leben ging weiter, es wurde eine Pause eingelegt, um einem geliebten Menschen beim Sterben zuzusehen und seine Asche zu begraben. Ich blieb in der kurzen Pause hängen. Das Valium war aufgebraucht und ich betäubte den unerträglichen Schmerz anderweitig; besorgte mir Tabletten, trank reichlich Alkohol und verfiel anschließend Codein haltigem Hustensirup. Schlussendlich lachte der kleine Teufel, die Nadel griffbereit.
Zwischen der Auszeit in London und dem Tod meiner Oma waren ungefähr achtzehn Monate vergangen. Monate, in denen ich mich verlobte, arbeitete, die PW- und LKW-Prüfung bestand und frei von Betäubungsmitteln war. Nach außen lebte ich ein durchweg seriöses Leben; ich war in den eineinhalb Jahren einsamer denn je.«
Jill zog die Pfanne vom Herd. »Ich gönn mir eine Pause …«

Besagte Pause war alles andere als erholsam. Im Sommer 2005 weinte der Himmel ununterbrochen, bis die Erde anfing zu beben. Durch den Regen entstanden Bäche an Orten, wo gar keine sein durften. Gegen Abend stellte Jill ihr Auto um, einer der Bäche hatte sich innerhalb einer Stunde über zwei Meter darunter ausgebreitet und sie befürchtete, die alte Karre könnte weggeschwemmt werden.
Am Abend im Bett das wiederkehrende Donnern von sich lösenden Felsbrocken, welche in die Tiefe stürzten, zudem vereinzelt Bäume mit sich rissen, deren berstendes Holz aufschrie. Wer konnte es ihr verdenken, dass sie Probleme hatte, in den Schlaf zu finden. Ihr Vermieter sagte einmal: ›Gehen wir weiter so sorglos mit unserer Natur um, werden in zehn Jahren ganze Berge runterkommen‹. Im Bett liegend, besinnst du dich dessen und lauschst beklemmend den Naturgewalten.
Um Mitternacht fingen Erdverschiebungen an. Jill war ahnungslos, dass Erdschichten sich verschieben können, regnet es in solchem Ausmaß, und das war vergleichbar mit kleinen Erdbeben. Ihr Bett wackelte im Gleichschritt mit dem Haus. Nun versuchte sie einerseits das Grollen und Bersten, andererseits das Beben zu ignorieren. Um ein Uhr beschloss sie, aufzustehen und sich abzulenken, was nicht so leicht ist, fehlt der Strom. Umgeben von Dunkelheit, das Rauschen des Regens, befremdende Geräusche am Berg und die bebende Erde unter ihren Füßen, hallten bei ihr der Satz nach: ›Ganze Berge werden runterkommen …‹.
Die Erde schien ihren Halt verloren zu haben. Und wo ist dein Halt?, polterte eine zynische Frauenstimme. Berechtigter Einwand. »Halt« und »bebende Erde« sind ein Widerspruch in sich. Jill hatte keinen Schimmer, was sich draußen abspielte.
Am Morgen erfuhr sie, dass in der Nacht gefährdete Häuser im Tal evakuiert wurden, die Straße an diversen Stellen verschüttet und die Gemeinde von der Außenwelt und vom Strom abgeschnitten war.
In der dunklen Küche hockend, war sich Jill unschlüssig, ob sie in Panik geraten soll.
Du überlegst dir das ernsthaft?
»Bedenke ich die Situation, wäre das die logische Folge.«
Oder darauf vertrauen, zu leben.
»Das wäre eine zusätzliche Option. Ich geh besser ins Bett und verschlaf den Weltuntergang einfach.«
Sie kroch unter die Bettdecke. Irgendwann erkannte sie, dass der Donner von sich lösenden Felsen anders war als der, bevor ihr Haus bebte. Und wahrhaftig lebte Jill Grey Vertrauen. Die Natur schenkt Leben und hat nicht vor, deines zu zerstören, das redete sie sich wenigstens ein, und es funktionierte. Sie schlief ein, während ihr Haus weiter bebte und das Grollen aus der Dunkelheit nicht enden wollte.
Der Zusammenbruch folgte, als sie an der Straße oben ihren Vermieter traf, der geholfen hatte, Häuser zu evakuieren. Er sagte, dass sich Einwohner aus Angst, in ihren bebenden Häusern zu bleiben, auf dem Dorfplatz versammelt hätten. Wieder im Haus, in dem es für den Rest des Tages keinen Strom gab, wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie sich nachts nicht allein gefühlt hatte, doch das eben Gehörte berührte sie so tief, dass sie weinte. Menschen, die dieselben Ängste gemeinsam durchlebten.
Selbstredend zeigte die starke Frau der Außenwelt lediglich die Heldin der Nacht, das kleine Kind, das sich weinend in die Sofakissen gedrückt hatte, verbannte sie rasant aus ihrem Gedächtnis.
Sich in seiner Schwäche zu offenbaren, ist ebenso eine Stärke …
»Ich arbeite daran«, erwiderte sie verzagt. Es ging ihr gewaltig gegen den Strich, dass eine so simple Erzählung es schaffte, ihr kurzfristig den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Zugleich machte es sie wütend, dass sie permanent befürchtete, zu sterben, würde sie öffentlich Schwäche zeigen.
Heute schlenderte sie durch den Wald, mit dabei ihren kleinen Plastikbeutel, um Abfall einzusammeln, der achtlos weggeworfen wird. Sie sichtete eine PET-Flasche. Die Leute fahren in die Berge, um sich zu erholen, und nebenbei werfen sie ihren Abfall achtlos weg!
Bevor du deine Wut in dich hineinfrisst, sprich sie aus.
»O Mann, ich bin so was von stinksauer! Abfall in der Natur, das ist erbärmlich! Wo bleibt die Achtung vor unserer Mutter Erde? Die Menschheit wird zunehmend dekadenter, ich bin so wütend, dass ich der Person das, was sie entsorgt hat, am liebsten in ihren xxx … schieben möchte!«, keifte sie aufgebracht. Es war nicht bloß der Abfall in ihrem Wald, der sie in Rage versetzte. »Mitunter habe ich den Eindruck, unsere Welt wird vom Bösen beherrscht.«
Die Definition des Bösen ist das nicht vorhanden sein der Liebe.
»Dem stimme ich zu. Informiere ich mich über die Welt-Ereignisse, überkommt mich das Elend.«
Beginne, dich mitzuteilen.
»Indem ich wie eine Irre herumrenne und Leute anschreie?«
Anschreien assoziiere ich keineswegs mit Liebe. Du malst »Weltschmerzbilder« und drückst dich darin aus. Tu das ebenfalls bei deinen Mitmenschen. Und nein, es macht wenig Sinn, sie anzuschreien und den Abfall in ihren xxx zu schieben.
Nur halbwegs überzeugt, konterte Jill: »Sagst du jemandem in Ruhe, dass dich dies und das trifft, was den Umgang mit der Natur angeht, wirst du gelegentlich mit einem schiefen Grinsen angesehen, das aussagt: ›Du mutierst allmählich zum Ökofreak‹«
Dir ist das Verhalten geläufig.
Ertappt! »Ähm, ja. Ich hab mich früher genauso verhalten und dafür schäme ich mich. Erwiesenermaßen steht es beschissen um den Planeten, und manche sind der Ansicht, dass ein Einzelner kaum was ausrichten kann. Doch was, würden Millionen Einzelne anfangen, Verantwortung zu übernehmen? Wozu wären wir dann imstande?«
Zu allem. Es ist wahrlich die größte Herausforderung, sich selbst, deine Mitmenschen und Mutter Erde zu achten. Vertraue, dass jeder Achtung aufbringen kann, unterstütze sie mit deiner Liebe.
»Puh … das ist eine enorm hohe Ebene der Liebe …«
Das ist Liebe.
Sie schürzte die Lippen. »Die Definition des Bösen ist das nicht vorhanden sein der Liebe. Der Satz wird mich begleiten. Also, nehmen wir an, ein Missetäter entsorgt seinen Abfallsack im Wald und ich ertappe ihn, dann soll ich ihn lieben, wenngleich ich anderes mit ihm anstellen möchte? Du verlangst allerhand.«
Was denkst du, wird ihn zur Besinnung bringen; zeigst du ihm deine Wut oder vermittelst ihm, wie schmerzhaft sein Tun für dich ist, und du ihm trotz deines Schmerzes vergeben kannst?
»Mhm … verstehe, irgendwie«, brummelte sie.
Offenbarst du dich wie in deinen Bildern, wird eher etwas bei ihm haften bleiben. Womöglich erinnert er sich zukünftig an dich, entsorgt er seinen Müll. Und das bezieht sich keinesfalls nur auf die Verschmutzung der Natur.
Jill hatte noch nicht ihren Frieden mit dem Thema gefunden, sie stand auf und dozierte weiter: »Man kann sich alles schönreden. Verzeih mir, ich bin geneigt, dir zuzustimmen, und ich bin ein bisschen sauer. Vermutlich, weil ich an dich glaube, im Gegensatz zur Fähigkeit der Menschheit, sich zu wandeln. Und kann ich an dich glauben, versiegt der an die Menschheit?«
Du trennst mich und die Menschheit, und was du trennst, kannst du unmöglich als Einheit wahrnehmen. Du kannst vergeben oder dich in die Wut flüchten und deinen Glauben verlieren.
»Ich bin mir unsicher, ob ich die Kunst der Liebe jemals auf dieser Stufe erreichen werde.«
Du lebst sie fortwährend, wenn auch niemals in der Wut, dies ist nicht möglich.
»Ja, schon …«
Beginne dich auszudrücken, dann wirst du nicht anders können, als die höchste Form der Liebe zu erfahren. Insofern werden andere sie durch dich erfahren.
Eine wohlige Wärme durchströmte Jill und ihre Wut war verflogen. »Du bist ein wahrer Freund.«
Ich danke dir. Und höre nie auf, diese Welt und ihre Bewohner retten zu wollen. Wie du sagst, viele Einzelne werden etwas bewegen …

Weltschmerz
Öl und Acrylic auf Leinwand

»Ich benötigte Jahre, um Abschied von Oma Jane zu nehmen. Nachdem ich Anfang der 1990er-Jahre bei meiner künftigen Lehrmeisterin anfing, Sitzungen zu nehmen, um den Tod meiner Großmutter zu verarbeiten, begann sie, zu mir zu kommen.
Wir sprechen selten über den Tod und eine mögliche Schuld, all das begraben wir meist mit unseren Liebsten. Und wir reden ungern darüber, was uns eventuell danach berührt. Geschieht das, ergründe es nicht mit dem Verstand, nimm es als Geschenk an, von jemandem, der dich nie wirklich verlassen, nichts zu vergeben hat, außer seiner immerwährenden Liebe.
Das Milchglas meiner Großmutter war legendär. Es war so hoch, dass der Löffel darin versank, und so dick und matt, dass jeder Blick hindurch einen grauen, verhangenen Morgen widerspiegelte. Es war schlichtweg hässlich, jedoch gehörte es zu ihr wie die dicken Brillengläser. Und dieses Glas war der Gegenstand, den ich unbedingt aus dem Erbe wollte.
Im Jahr 1995, ich war über ein Jahr auf Methadon, lag ich auf dem Sofa und sah im Geiste ihre dünnen Arme, welche sich mir mit letzter Kraft entgegenstreckten, und meine Unfähigkeit, sie zu ergreifen. Ich schielte zum Milchglas, in dem ich Pinsel aufbewahrte, ich schaute es oft an.«
Oft
Jill hielt kurz inne und revidierte: »Ich schaute es täglich an, gab mich dem Schmerz und der Schuld hin. Dann bemerkte ich einen Lichtpunkt, der sich darin spiegelte, obschon kein Licht darauf fiel. Besagter hell tanzender Lichtpunkt schien mich zu fixieren. Gleichzeitig durchfuhr mich der Zwang, aufzustehen, vom Sofa wegzugehen; SOFORT! Wie von der Tarantel gestochen, sprang ich auf und vernahm den lauten Knall hinter mir. Wo ich zuvor gesessen hatte, lagen dicke, matte Scherben des Milchglases. Ihr unverwüstliches Glas war regelrecht explodiert. Im selben Moment durchströmte mich eine wärmende Umarmung. Oma Jane hatte mir kurzerhand mit einem Knall meinen ›Schuldtempel‹ zerstört.
Selbstverständlich nimmt alsbald dein Gehirn seine Arbeit auf, irrt gackernd, eine plausible Erklärung suchend, umher, um dann zu kapitulieren. Es ist eine Begegnung, die du einzig fühlen kannst, und kehrst du in deinen Alltag zurück, in dem Kräfte schalten und walten, kann diese wundervolle Begegnung flink verblassen.
Wenngleich keine weiteren Gläser explodierten, blieb ein Vertrauen in mir, das mir den Raum öffnete, um mich mit meiner Großmutter zu unterhalten.
Nach ein paar Monaten besuchte ich an einem eisig kalten Wintertag ihr Grab auf dem Hörnli in Basel. Ich suchte nach Vergebung, nach Frieden, der nicht sogleich vom Alltag begraben wird. Vor mir der kalte Stein, in den ihr Name eingemeißelt war. Weder Vergebung noch Frieden. Und so entschied ich nach einer Stunde, diesen düsteren Ort zu verlassen, bevor ich ein Teil von ihm wurde.
Beim Abschied tauchte die Frage auf: ›Hast du mir vergeben?‹. Zärtlich küsste ich die in Wollhandschuhen steckenden Fingerspitzen, berührte den Stein und ging. Irgendetwas hielt mich auf, drängte mich, umzukehren. Ich tat es. Wo ich den Stein berührt hatte, lag ein einzelner Tropfen. Gleich einer Träne bahnte er sich seinen Weg über den Grabstein hinunter zur Erde. Und in dieser eisigen Kälte berührte mich abermals eine innige, warme Umarmung, ich empfand reinste Liebe.
All das hinderte mich nicht, weiter stur an der Schuld festzuhalten. Ihre Vergebung war für mich notwendig, um Frieden finden zu können. Tausende hätten mir sagen können, dass es nichts zu vergeben gibt, ich hätte ihnen nicht geglaubt. Und die Person, der ich geglaubt hätte, konnte es mir nicht mehr sagen.
Jahre später, am 1.%u202FAugust 2001, vier Monate nach den göttlichen Erfahrungen, befürchtete ich, meine alte Labrador-/Schäferhündin stirbt. Nachts legte ich mich zu ihr und beobachtete ihren Brustkorb, der sich unregelmäßig hob und senkte, hob und senkte … Ich wollte sie spüren lassen, dass ich bei ihr war, als ich unerwartet von ihr weggezogen wurde.
Auf beiden Seiten war der Tod anwesend. In erneuter Lähmung durchfuhr mich eine überwältigende Energie und Vertrautheit, dann stand ich im Zimmer meiner Großmutter. Es glich einer ausgebleichten Fotografie. Oma Jane hingegen leuchtete frisch. Eine Frau, die das pure Leben ausstrahlte. Sie empfing mich mit gütigem Lächeln und schloss mich in ihre Arme, löste sämtliche Schuld in mir auf. Mir fehlen die Worte, um dem Ausdruck zu verleihen: Vollkommenheit.
War ich wahrhaftig dort? Es ist irrelevant und sinnlos, deinen Verstand zu konsultieren, denn er hat keinen Zugang zu diesem Ort.
Bei meiner Rückkehr war ich ein wenig benommen, als wäre ich von einer erholsamen Reise heimgekehrt. Ich legte mich dichter an meine Hündin, der fließende Strom von Energie floss nun zusätzlich durch sie, bis ihr Atem gleichmäßiger wurde.
Sie starb nach sieben Monaten, wiederum an einem Mittwoch, den 27., wie meine Oma.«
Jill machte mit ihren Hunden einen Spaziergang; nach dem Beagle hatte sie einen Schäfer/Husky Rüden aufgenommen. Sie besann sich des Augenblicks, wo ihre Schuld weggewischt wurde, was ihr Verstand just als Hirngespinst abtat.
Lass uns reden.
»Es … es war verrückt, eine Dimension brach auf? Dasselbe hatte sich vor dem Tod meiner Oma ereignet. Ist es so, dass wenn wir sterben, unsere Seele abgeholt wird?«
Diese Dimension ist real, leider sind sich die meisten dessen nicht bewusst. Du konntest sie wahrnehmen, und das hat dich erschreckt. Und ja, ihr werdet begleitet, beendet ihr eure Reise auf Erden.
»Ich war in ihrem Sterbezimmer. Wie kann man durch Raum und Zeit gleiten?«
Zeit ist eure Erfindung und ihr lasst sie zurück, kehrt ihr heim.
»Dann hat sie mich in die Vergangenheit geführt?«
Sagen wir, sie nahm deine Seele mit in diese Dimension, in der keine Zeit existiert, demnach auch keine Vergangenheit. Du kannst alles sehen und leben, hast du die Bereitschaft dazu.
Jill versuchte zu verstehen, gab resigniert auf und widmete sich dem Wesentlichen: »Sie wollte mir Frieden schenken.«
Du warst bereit, dir Frieden zu geben.
»Heißt das, ich hinderte sie weiterzugehen, weil sie mir helfen wollte?«
Ah, darauf läuft unser Gespräch hinaus. Was wäre, sage ich Ja?
Kleinlaut: »Es würde mir elend gehen.«
Und du hättest einen Grund, dich schuldig zu fühlen.
»Zwölf Jahre sind lang!«
Für wen?
»Für uns.«
Exakt, für euch, die ihr Zeit in Jahre, Monate, Stunden, Minuten, sogar in Sekunden zerlegt. Du denkst, deine Oma hat gewartet?
»Ja, ich hab sie gehindert, weiterzugehen.«
Sie wählte, zu kommen, und ich möchte hinzufügen, zu kommen bedeutet keineswegs zu warten. Etwas hat euch im irdischen Leben verbunden. Lässt du die Zeit weg, die ihr erschaffen habt, traf sie dich im Hier und Jetzt. So gesehen ging sie ihren Weg weiter. Eure Seele ist weder an Zeit noch an das Irdische gebunden, sie ist mit allem verbunden.
»Verstehe … irgendwie. Dennoch war ich nicht unbedingt entgegenkommend.«
Lass es.
»Was?«
Dein Verhalten in die Waagschale zu werfen. Hast du tatsächlich vor, dieses Geschenk zu schmälern, weil du es nicht schnell genug angenommen hast?
»Denkbar, dass da ein Hauch von ›sich entschuldigen wollen‹ ist.«
Folglich hast du Vergebung gesucht. Spürst du Vergebung?
»Nein … und ja.«
Du sprühst vor Klarheit.
Jills Lachen drang durch den Wald. »Nein; es gibt ja nichts zu vergeben. Und ja; alles war bereits vergeben. Das klingt schräg.«
Für mich war es einfach und klar formuliert. Genieße das Geschenk, das keiner Zeit, beziehungsweise irdischen Kriterien unterworfen ist.
»Ich bin manchmal wie ein Hund, der sich in einen Knochen verbeißt«, schmunzelte sie. »Könnten die Seelen nicht deutlicher, direkter zu uns kommen?«
Könntet ihr nicht im Hier und Jetzt leben, um ihnen zu begegnen?
»Touché.«
Fangt an, euch zu fragen, weshalb ihr weder hören noch sehen könnt. Und besinnt euch, Heilung findet ihr nur in euch selbst. Seid ihr nicht willens, sie anzunehmen, wie könnte ein anderer sie euch geben?
»Meine Rede.«
An die ich dich gerne bei Gelegenheit erinnere.
»Danke. Demzufolge ist es irrelevant, ob ich ein oder zehn Jahre brauche, um Frieden zu finden?«
Und ob das relevant ist.
»Aber … du sagtest, Zeit existiert nicht?«
Sie existiert für euch. So gesehen ist es relevant, wann ihr aufhört, euch leiden zu lassen …
Zwischen Himmel und Erde
Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, das uns unbegreiflich erscheint.
Es gibt vieles, das wir sehen, hören sowie riechen und fühlen können.
Und es gibt das, was wir einzig wahrnehmen.
Du gabst mir deine Hand, in mir die Angst, meine auszustrecken.
Du warst so nah, berührtest mich tief im Herzen.
Tränen, und doch ein Gefühl von Glück und Wärme.
Es gibt Dinge, keine Worte können sie ausdrücken,
weil sie einfach sind.
In Liebe für Omi, Pfingsten, 5. Juni 1995
J.G.

Wir können unzählige Schritte nach vorne gehen, zuweilen passieren Dinge, welche uns erbarmungslos auf »Anfang« katapultieren. Zumindest war das bei Jill bezüglich ihrer Zwänge der Fall.
Ein dreihundertfünfzigjähriges Holzhaus, eine Glut an der falschen Stelle, und der Pyromane schwelgt im Glücksrausch. Als Jills Zwänge beharrlich ihren Alltag beherrschten und sie im Winter wegging, kam es vor, dass sie – abfahrbereit – eine Stimme vernahm: Hast du bei den Öfen auch wirklich alle Zugklappen geschlossen? Bestimmt hatte sie es getan und mindestens dreimal kontrolliert! Bist du dir absolut sicher?
So wie die Stimmen sich mehrten, breiteten sich Zweifel aus, bis die schlimmsten Ängste sich ihrer bemächtigten und ein unbeschreibliches Empfinden von Verlust auslösten, lief sie nicht zurück, um ein letztes Mal zu kontrollieren, ob die Klappen DEFINITIV zu waren!
»Ich war ein Psycho«, sagte sie trocken.
Du bewertest.
»Tu ich. Zwänge beherrschen mehr Leute, als man annimmt. Bedauerlicherweise spricht niemand darüber. Zwänge erschweren den Alltag ungemein und logischerweise schämte ich mich. Da ich in den Bergen das Haus bloß abschließe, gehe ich länger weg, war das Schließen der Haustür selten ein Problem. Indessen war das Umkehren, um es zu kontrollieren, in der kleinen Wohnung die Regel. Es war ebenfalls normal, nachts aufzuwachen, um zu kontrollieren, ob der Wecker gestellt war, was ich ungefähr dreimal vor dem Lichtlöschen überprüft hatte. Zudem vergaß ich vereinzelt, die Herdplatte abzustellen, was nie ein Problem war, solange meine Hündin lebte; sie stellte sich vor den Eingang der Küche und fixierte den Herd, bis ich mein Missgeschick bemerkte. Als sie starb, wurde der Herd zum Zwang.
Zwänge – sie wiegen dich kurzfristig in Sicherheit, um dich deren abermals zu berauben. In den Bergen stellte ich mich dem Problem. Ich übte mich noch intensiver darin, im Hier und Jetzt zu leben, und der Weggang vom Haus wurde ein Ritual, indem ich einen Kontrollgang absolvierte; hierzu heftete ich eine Notiz an die Haustür. Dann verabschiedete ich mich vom Haus. In den folgenden Monaten erkannte ich, dass, näherte ich mich den Zuständen, die Zwänge stärker wurden. Es kann sich so weit ausbreiten, dass du nicht husch auf die Toilette darfst, zuerst wird das Geschirr fertig gespült, du musst das beenden! Hört sich krank an, hat sich genauso angefühlt.
Je bewusster ich zu leben lernte, desto standhafter wurde der Boden in meinem Alltag. Zweifelte eine aufgeregte Stimme an einer Ofentür, einer Herdplatte oder einem Wecker, konnte ich des Öfteren erwidern: ›Es ist alles in Ordnung, vertrau mir‹.«
Jill Grey benötigte drei Jahre, um nicht mehr Sklavin ihrer Zwänge zu sein. Und dann: Ein simples Hirsekissen, das erwärmt, wunderbar den Nacken entspannt, beraubt dich all dessen.
Die Fachperson in der Apotheke versicherte ihr mehrfach, dass das Kissen in der Mikrowelle erwärmt werden kann, und das tat Jill am Abend des 17.%u202FJanuar 2007. Nach einer Stunde legte sie ihr Buch beiseite, das Kissen neben dem Bett auf den Läufer, löschte das Licht und schlief ein.
In ihrem Traum wurde Jill in eine Tiefe gezogen. Sie wehrte, bemühte sich, ihren Körper aufzurichten, und sobald ihre Kraft zu schwinden begann, drang ein beißender Gestank durch ihre Atemwege in die Lungen und erstickte ihre Schreie. Sie hatte lediglich einen Gedanken: ›Es ist zwecklos …‹. Ihr Aufgeben glich einer Erlösung.
Im nächsten Moment durchfuhr sie etwas mit solch einer Macht, als bekäme sie von links und rechts mit geballter Energie Ohrfeigen verpasst. Sie wurde an beiden Armen hochgerissen, zugleich von einer Welle Energie durchströmt, die im Nu ihre Atemwege und Sinne reinigte. Im Bett sitzend, konnte sie die Berührung, Energie fühlen, welche durch ihre Arme strömte. Dann die Erkenntnis: beißender Rauch! Sie knipste die Nachttischlampe an, doch anstelle von Licht sprühten Funken in den Raum, und im ganzen Haus war es zappenduster. In der Dunkelheit tastete sie sich in den unteren Stock, schnappte sich Feuerlöscher und Taschenlampe und eilte in den Keller. Primär kam ihr der Brennofen in den Sinn, der am Nachmittag Rauch entwickelt hatte. Im Schein der Lampe sah sie, dass im Keller die Luft klar und kalt war.
Ihr waren schon Schauermärchen von Schwelbränden in den Wänden alter Häuser zu Ohren gekommen, von wo sonst hätte der Rauch in ihr Schlafzimmer dringen können? Nachdem sie sämtliche Räume im unteren Stock kontrolliert und keinerlei Rauch entdeckt hatte, flitzte sie nach oben. Im Lichtkegel der Lampe drang dichter Rauch aus ihrem Schlafzimmer. Der beißende Rauch raubte ihr den Atem und ihre Augen fingen an zu tränen. Endlich erblickte sie den Glutherd vor ihrem Bett, der inzwischen einen halben Meter Durchmesser hatte. Der Schwelbrand war im Hirsekissen entstanden. Die Glut hatte sich bereits durch den Läufer, den Spannteppich und das Kabel der Nachttischlampe gefressen und leckte am blanken Holzboden.
»Einen Feuerlöscher schenkt dir Sicherheit, das hoffst du jedenfalls. Du kaufst ihn, stellst ihn ins Haus und ersparst dir weitere Gedanken, denn jedes Kind kann so ein Teil bedienen. Dazu sind zwei freie Hände vonnöten, und es wäre hilfreich, ihn beim Bedienen zu sehen. Legte ich die Taschenlampe beiseite, war ich blind, abgesehen von der Glut, was ein passables Ziel darstellte. Doch probiere, so ein Ding mit einer Hand zu bedienen. Ein simpler Feuerlöscher? Da ist ein kleiner Stift, der herausgezogen wird – oder so – und dann drücken – irgendwie. Du kaufst dir für achtzig Franken Sicherheit und du bist unfähig, sie zu nutzen!«
Jill posaunte: »Elendes Scheißding!!!«, hetzte in den unteren Stock, holte den Eimer, füllte ihn mit Wasser, sprintete nach oben und schüttete ihn über der Glut aus. Den Vorgang wiederholte sie, bis sie sich 100 % sicher war, dass jegliche Glut eliminiert war. Höchstwahrscheinlich hätte man danach in den Zwischenböden ein Bad nehmen können. Anschließend stöpselte sie das Stromkabel im Schlafzimmer aus, drehte neue Sicherungen ein, öffnete alle Fenster, zerrte ihre Matratze aus dem Zimmer und bezog das Bettzeug neu. Hinterher duschte sie eine Ewigkeit, zu ihrem Leidwesen haftete der Rauch lange in ihrem Haus und an ihr, einerlei, wie häufig sie duschte.
Brach eine Katastrophe über Jill herein, erledigte sie souverän, was zu tun war. In derartigen Fällen war ›sich unter Kontrolle zu haben‹ sehr wohl ein Segen. Sie legte sich auf ihre Matratze und war die Ruhe in Person, mit der Ausnahme von stündlichen, schnuppernden Kontrollgängen.
Sie besann sich des Traums, des Aufgebens und der Energie, die sie daraufhin von zwei Seiten durchfuhr und im Bett hochriss. Irgendetwas/jemand war im Zimmer gewesen. War es ihre Großmutter gewesen, ihr Vater? Bei dieser Vorstellung breitete sich eine wohlige Wärme in ihr aus, und obwohl sie beinahe gestorben wäre, empfand sie eine tiefe Liebe. Auf ein Neues wurde ihr das Leben geschenkt.
Ein paar Tage später
»Die Freude über dein geschenktes Leben fängt spätestens dann an zu verblassen, breiten sich erneut Zwänge aus. Du begreifst, dass sich dein Zuhause ohne dein Verschulden in einen Scheiterhaufen verwandeln kann. Meine Nase erfasste die kleinste Rauchentwicklung und trieb mich panisch zu jeder Tages- und Nachtzeit durchs Haus, gleich einem Tier schnuppernd, das einer Fährte folgen muss. Es gibt verschiedenes Holz, und je nach Wetter, Luft und Feuchtigkeit riecht es anders im Haus. Früher nahm ich das nicht wahr, allerdings rieche ich heute jede Veränderung. Kontinuierlich kontrollierte ich zusätzlich Kabel, Steckdosen, Öfen und den Herd, erlag den Stimmen, die mich zwanghaft kontrollieren ließen, denn schließlich hatte ich den Beweis bekommen, dass mein Leben wahrhaftig davon abhing!«
Und so begab sich Jill Grey auf den Weg, den sie genau genommen unlängst erfolgreich gegangen war. Diesmal dauerte er keine drei Jahre. Im Frühling hatte sie ihre Sicherheit wiedergefunden.
Eines Morgens sammelte sie im Wald Holz. Sonnenstrahlen schienen golden durch die Bäume. Unerwartet durchdrangen eine Berührung und allumfassende Liebkosung ihren Körper. Sie setzte sich auf einen Felsen, um mit ihrer Oma zu reden und wünschte sich, ihr auch real von der Reise berichten zu können, auf der sie sich befand. Freilich kam sie nicht, dennoch begleitete sie ihre Liebe. Mit Wehmut dankte Jill ihr und machte sich mit dem gesammelten Holz auf den Heimweg. Alsbald holte sie, einem Instinkt folgend, das Handy aus der Jackentasche, löste die Tastensperre und starrte konsterniert auf das Display, auf dem ein Wort stand: Omi.
Ihr Gehirn war bestrebt, schleunigst eine Aufklärung zu erarbeiten; sie hatte das Telefon wie üblich, bevor sie es einsteckte, gesperrt. Letztendlich siegte ihr Herz. Zurück blieb Dankbarkeit. Sie schlenderte heimwärts und stellte sich vor, jemand würde heute ihrer Oma so ein Handy geben. Bei ihr wäre das Gerät ›aus Versehen‹ in den Abfall gesegelt …

Das Ende des ersten Teils naht. Jill freute sich enorm, hatte anfangs Bedenken, dass sie dranbleiben würde. Übermütig plapperte sie drauflos, war stolz, und gleichzeitig keimten Zweifel auf …
Wie fühlst du dich?
»Puh … es war ein langer und beschwerlicher Weg.«
Und wie fühlst du dich?
»Das hast du mich eben schon gefragt?«
Und ich weiß weiterhin nicht, wie du dich fühlst.
»Ähm … stimmt! Generell geht es mir bestens. Andererseits überleg ich mir, ob ich in dem Teil mit allem Frieden gefunden habe. Ich würde ihn am liebsten nochmals überarbeiten.«
Wozu?
»Ich befürchte, dass ich manche Emotionen gemieden hab, und überarbeite ich es oft genug, könnte ich allenfalls tieferen Frieden finden.«
Das Überarbeiten ändert nichts. Du bist dir im Klaren, dass noch Emotionen vorhanden sind, irgendwann werden sie kommen und dann wird es richtig sein.
»Mhm … bin ich denn mit ganzem Herzen dabei?«
Die Frage solltest du dir stellen. Lass mich dir sagen: Du erkennst es daran, dass wichtige Themen sich in deinem Alltag widerspiegeln und du sie nicht länger verdrängst.
»Und doch ergieße ich mich kaum in psychologischen Fakten.«
Und diese schnippische Art, in der du psychologische Fakten aussprichst, sagt einiges aus.
»Du meinst, diejenigen, mit eingerahmtem Doktortitel an der Wand, könnten allfällige Leichen effizienter ausgraben?«
Ich rekapituliere für dein Ego: Es gibt etliche Wege zu eurem wahren Selbst, ihr müsst nur den passenden für euch finden. Du hast deinen gefunden, indem du mit der Zuversicht, Türen öffnest, dass wesentliche Themen den Weg zu dir finden.
»Amen.«
Lachst du mich aus?
»Nein. Das Amen war vielmehr ein ›Genau, das ist meine Art zu arbeiten‹. Und verkneif ich es mir, mich mit anderen zu vergleichen, ist es okay so.« Jill ging zur Toilette und grummelte was Unverständliches.
Und einmal mehr lässt du mich außen vor.
»Und du dringst beharrlich in meine Privatsphäre ›Bad‹ ein. Aber ich verzeihe dir.« Versonnen spähte sie zum Wald. »Drücke ich mich in einem Bild aus, erschaffe eine Skulptur, kann ich den dunkelsten Seiten von mir gegenübertreten. Da entstehen Kräfte, als wäre der Prozess der Wandlung längst im Gang. Und das Schreiben ist die Verarbeitung all dessen. Der Kloß, der mir im Hals steckt, sind unsere Gespräche, sie sind für mich ein weiterer wichtiger Teil.«
Ich danke dir, deine Worte berühren mich.
»Und ich werde demnächst sentimental.« Sie wusch sich ihre Hände. »Spreche ich mit dir, wird mir klarer, was ich sagen will, und die Antwort steht bereits im Raum.«
Sie war immer da. Sprecht ihr Gedanken, welche ihr in euren Köpfen hin- und herschiebt, aus, geben sie euch die Sicht frei auf eine Antwort.
»Du könntest als Therapeut ein Schweinegeld verdienen, ich würde ständig wiederkommen.«
Dann wäre ich ein schlechter Therapeut, wärst du gezwungen, ständig wiederzukommen. Du bist dein bester Therapeut, sämtliche Antworten sind in euch. Und vielleicht wirst du künftig keinen Kloß im Hals haben, drückst du deine Liebe zu mir aus. Dies ist keine Beichte.
Jill verzog den Mund. »Beichten ist ohnehin nicht mein Ding. Ich wende mich direkt an den Boss.«
Mitnichten bin ich ein Boss. Und verkneif es dir, mich zu fragen, wie du mich sonst anreden könntest, Boss.
»Demnach ist es in Ordnung für dich, mich Boss zu nennen?«
Wohin du mich führst, dorthin gehe auch ich. Was du bereit bist zu erfahren, werde ich erfahren. Durch euer Streben, Vollkommenheit zu erlangen, kann ich das Irdische erleben.
»Es ist gewiss schwer, in deiner Haut zu stecken … Ich danke dir.« Jill hatte Lust, durch den Wald zu streunen. Tatsächlich liebte sie diesen Gott, obgleich sie das einzugestehen bislang mied.
Gerne zu Diensten.
»Gerne zu Diensten, das klingt super. Im Sinne von ›Mein Diener‹.«
Vergiss das gleich.
»Du weigerst dich, mein Boss und mein Diener zu sein. Was dann?«
Du hast heute bloß Unfug im Kopf. Ich bin Gott, finde heraus, was ich bin.
»Wie viel Zeit hab ich?«
Bis in die Ewigkeit.
»O-kay … ich befürchte, ich hab anderes, was ich vorher herausfinden möchte.«
Vielleicht erkennst du darin sogar mich. Ich glaube an dich.
Verlegen nagte sie an der Unterlippe herum, sagte leise: »Das ist dann wohl der Punkt, an dem ich sagen sollte: ›Und ich glaube an dich‹«
Ist das dein Wunsch?
»Bin mir unschlüssig.«
Gut.
»Keine Einwände?«
Nein.
»Du beschämst mich.«
Das tust du schon selbst. Und ich möchte anfügen: ich weiß, dass du an mich glaubst, ich benötige keinerlei Bestätigung, im Gegensatz zu dir.
»Autsch. Wieso leg ich mich auch mit dir an?«
In erster Linie legst du dich mit dir an, ich beobachte lediglich.
»Dafür, dass du lediglich beobachtest, redest du beachtlich viel, wenn ich das anfügen darf.« Sie lachte herzhaft, erreichte die Tore des Waldes und flüsterte: »Ich liebe dich auch.«

In Jills Kindheit blieb ein Kapitel übrig: Ihr Vater. Er starb wiederum an einem Mittwoch, dem 27., im Jahr 2000. In den anderthalb Jahren, in denen er noch lebte, schenkte er ihr eine Nähe, die sie zuvor einzig bei ihrer Großmutter vor ihrem Tod empfunden hatte.
Vor Jills Umzug in die Berge häuften sich Zweifel angesichts ihres Vorhabens, des Öfteren sah sie ihren Vater, der mit Wehmut sagte: ›Weißt du, es ist egal, was jemand sagt und denkt, solange du dir treu bleibst‹.
»Ich traf ihn bewusst mit sechzehn, dann vergingen Jahre ohne Kontakt. Das zog sich hin, bis knapp anderthalb Jahre vor seinem Tod. Danach trafen wir uns circa dreimal, und es konnten zwei, drei Monate vergehen, in denen wir gar nichts voneinander hörten. Rief hingegen einer von uns an, freuten wir uns wie Kinder. Es waren schöne Gespräche, die mich begleiteten. Eine Vertrautheit, sie schien seit jeher da gewesen zu sein.
Ich besinne mich eines Essens. Zu dem Zeitpunkt hatte ich ein beachtliches Problem mit dem männlichen Geschlecht. Mein Vater wollte in Erfahrung bringen, was ich mir von einer Beziehung erhoffe. Ich war keiner Antwort verlegen und hielt einen ausführlichen Vortrag. Dann war das Thema meinerseits ausgeschöpft. Er musterte mich voller Güte und sagte: ›Ich weiß jetzt vieles über Männer und was du von einer Beziehung und einem Mann nicht möchtest‹. Mein Unterkiefer purzelte herunter und ich schaute angemessen ratlos in die Welt. Doch, ja, ich hatte seine Frage verstanden, mir war dagegen entgangen, dass ich den detaillierten Bericht zum Gegenteil abgegeben hatte, ansonsten hätte mir ein Atemzug ausgereicht.
Als Schwester Renate in Basel heiratete, offerierte mir niemand in der Familie einen Schlafplatz, und so wurde ich kurzerhand meinem Vater untergeschoben, der mir damals fremd war. Allerdings befreite seine offene Art mich von der Unsicherheit. Wir besuchten am Abend vor der Hochzeit das Atlantis in Basel, wo eine Jazzband spielte. Es wurde ein wunderschöner und fröhlicher Abend.
Bei unserer letzten Begegnung gingen wir in ein alternatives Lokal. Ein Pärchen kam zu uns an den Tisch und dankte ihm. Wieder allein, trug ich augenscheinlich ein Fragezeichen im Gesicht und er klärte mich auf: ›Sie riefen mich um zwei Uhr morgens an, haben ewig geredet. Zwei herzliche Menschen, prallen leider konstant aufeinander. Großes Drama, wo du hinsiehst‹. Obwohl er Letzteres mit seinem ›So ist das Leben‹-Lächeln sagte, nahm ich dieselbe tiefe Müdigkeit wahr, die in mir schlummerte. Für Sekunden glitt ich in seine strahlend blauen Augen, und was ich fühlte, berührte mich so tief, wie es mich erschreckte. So viel Liebe und eine unendliche Müdigkeit, welche alles zu ersticken drohte. Ich dachte: ›Ich muss raus hier!‹, worauf er just den Arm um mich legte und ruhig sagte: ›Wir gehen besser‹.
Wir fuhren über die Grenze nach Frankreich in ein kleines Dorf, aßen im Garten Fisch und schlenderten hinterher durch die würzig riechende Natur. Dabei tauschten wir uns über Sachen aus, die uns glücklich machten, Orte, an denen wir zu Hause sind, und gaben Dinge preis, von denen wir träumten. Oftmals entsprang das, was er sagte, mitten aus meinem Herzen.
Das letzte Telefongespräch war ungewöhnlich lang. Nach seinem Tod fragte ich mich, ob er sich bedrückt, besorgt anhörte? Nein. Zum ersten Mal war der Tod ein Thema; ob wir uns davor fürchten und wie es danach weitergehe. Amüsiert diskutierten wir über Erwünschtes und Unerwünschtes bei unserer Beerdigung, und obschon ihm all das ziemlich wurscht war, ließ er sich diesbezüglich intensiv aus. Darüber hinaus war es offensichtlich, dass es ihm missfiel, dass ausgerechnet der Kirche im finalen Akt seines Lebens eine Rolle zuteilwurde. Es war pures Leben in unserem Gespräch, was keineswegs so gewesen wäre, hätte ich gewusst, dass er zwei Wochen später im Atelier, das gemütlicher war als seine kleine Wohnung, sterben würde.
Ist jemand von uns gegangen, begreifen wir erst, was wir verloren und was wir zu tun oder zu sagen versäumt haben. Das Versäumnis, gesagt zu haben: ›Ich liebe dich‹. Ungeachtet dessen war diese Liebe stets gegenwärtig. Mein Vater war der erste Mann, dem ich vertraute. Sein Tod erschütterte mich zutiefst, und ich war wütend, dass er mit dem Wissen, früh zu sterben, so weiterlebte, dass sein Körper gezwungen war, zu kapitulieren. Ich war wütend, dass er sich erneut aus meinem Leben geschlichen hatte. Im Nachhinein erkannte ich, dass er mir das angekündigt hatte. Nach einem Schlaganfall sagte er: ›Wenn du in deinem Leben nicht machen kannst, was dir wichtig ist, was dir Freiheit schenkt, ist es Zeit zu gehen‹.
Wir haben die Wahl und ich lernte, seine nicht zu verurteilen. Der Abschied war schmerzhaft, und er war kürzer als bei meiner Oma. Es fehlte die Schuld.
Heute kann ich sagen; ich bin zweifelsfrei seine Tochter, samt jenen Dingen, welche der Familie schon bei ihm ein Dorn im Auge waren. Und auch er half mir, Frieden zu finden …
An einem warmen und windstillen Herbsttag besuchte ich sein Grab ein letztes Mal; jeder Platz ist der richtige, um mit seinen Ahnen zu sprechen. Vor seinem Grabstein kauernd, teilte ich ihm mit, was mich bewegte, was das leidige Thema Beziehung einschloss. Er hatte eine witzige, respektvolle Art, mir beide Seiten – Mann und Frau – näherzubringen. Dabei machte er sich niemals lustig über die manchmal komplizierten Emotionen des weiblichen Geschlechts. Keine Seite war besser, einfach ein bisschen anders.
Ich redete mit ihm und ich weinte um ihn. Ich sehnte mich nach seiner Nähe. Dann sprach ich laut aus, dass ich ihn liebe, und spürte umgehend, dass sich besagte Liebe in mir ausbreitete.
Ein Windhauch strich mir zärtlich durchs Haar. Dann wurden unzählige bunte Blätter von der Oberfläche seines Grabes hochgehoben und wirbelten tanzend um das Grab. Ihr Tanz war so fröhlich, voller Leben. Es spielt zwar keine Musik, nichtsdestotrotz ist sie in dir. Fasziniert verfolgte ich das Schauspiel und es übermannte mich, mitzulachen, was an dem Ort der Ruhe und Trauer vermutlich grotesk ausgesehen hat. Wie bei meiner Oma erfasste mich eine innige Wärme und Geborgenheit, ich fühlte mich abermals in die Arme geschlossen; seine Umarmung befreite mich von jeglichem Schmerz. Ein Moment allumfassender Liebe.
Der Wind trug die Blätter mit sich, was blieb, war ein warmer, windstiller Herbsttag und die Gewissheit, dass ich nichts verloren habe …«
Abschied
Was bleibt, ist die Erinnerung. Doch du gabst mir mehr als diese.
Nachdem du gegangen bist, fing ich an zu verstehen.
Eine Begegnung einer Blume gleich, sie blüht auf,
offenbart dir für kurze Zeit ihre Schönheit, um sogleich zu sterben.
Deine Berührung, ein Spiegel meiner selbst.
Danke, dass du das warst, was du bist: mein Vater.
In Liebe
J.G.

Der Sommer 2007 blühte in seiner ganzen Pracht und weit und breit kein Nebel, der drohte, in Jill emporzusteigen. Ihre Kindheit war abgeschlossen. Sie hatte sozusagen den ersten Checkpoint erreicht. »Ich möchte dir danken, dass du den Weg mit mir gegangen bist. Ich sehe, wo noch Verbindungen bestehen, der wichtigste Schritt ist getan.«
So ist es. Der nächste ist, diese Verbindungen aufzulösen.
»Dem stimme ich zu, jedoch befürchte ich, dass das schwieriger ist.«
Tu es nicht.
»Oh …, ja. Ich mach mir Vorstellungen«, gestand sie ein und gab ihrem großen Rüden den Griff vom Flechtkorb ins Maul, in welchem sie Kräuter gesammelt hatte. Er liebte es, Sachen nach Hause zu tragen, und spazierte stolz vor ihr her. Auf dem Heimweg überlegte Jill, dass sie, wenn sie ihre Kindheit aufgeräumt hatte, dasselbe mit ihrem Leben anstellen wollte. Was sie zuallererst daraus entfernen würde, war das Tramal, von dem sie seit fünf Jahren abhängig war und das sie in permanenten Tablettennebel hüllte. Die Aussage des Assistenzarztes war ihr präsent: ›Bei Ihnen geht es nicht mehr um Heilung, sondern ausschließlich um Schmerzbekämpfung‹. Idiot. Klar, gebt dem Exjunkie ein Dauerrezept für ein Medikament, ähnlich einer Heroinscheibe. Das war auch Jill klargeworden, sobald die Kapsel anfing zu wirken.
Unzählige Male hatte sie Anläufe genommen, das Medikament abzusetzen; der Erfolg ihres Unterfangens rückte kontinuierlich in die Ferne. Ging es ihr schlechter, steigerte sie die Dosis. Insofern thematisierte sie diese »Sache« immer seltener, als würde man andauernd eine alte Platte auflegen, und möglicherweise war es das »Nicht-darüber-sprechen«, das ihr den Raum verschaffte, sich zu hören. Im Sommer 2007 stürzte sich Jill Grey mit wehenden Fahnen in das »Entzugsabenteuer«.
Am Ende des Sommers …
»Es war ein turbulenter Sommer, und ich werde rückwirkend schildern, wie ich ihn erlebt habe. Vorweg; ich hab den Teufel endgültig in die Wüste geschickt!
Schrieb ich am Anfang des Sommers allen Ernstes: ›Ich stürzte mich mit wehenden Fahnen in das Entzugsabenteuer‹? Nun ja, die Fahnen wehen wahrscheinlich per se, triffst du enthusiastisch solch eine gewichtige Entscheidung. Die Wahrheit ist, ich reduzierte die Dosis so langsam, dass ich den winselnden Verstand ertragen konnte. Zuletzt stellte ich auf Tropfen um. Peinlich war, dass ich über Tage diesen einen bitteren Tropfen gierig auf der Zunge zergehen ließ und mir tapfer sagte: ›Morgen ist Schluss, ganz sicher!‹. Vergleichbar mit einem Junkie, der schmutzige Filter drei-, viermal auskocht, um ein letztes Quäntchen des erlösenden Stoffes in sich aufzunehmen. Aber hey, hab ich bereits erwähnt, dass ich es geschafft habe?
Spulen wir den Film zurück: Das Karussell hatte begonnen, seine Kreise zu ziehen, und selbstverständlich empfindest du die Schmerzen in deinen Gliedern stärker, doch dass sie dein Feind sind, will dir dein Verstand einreden, und genau der ist der Feind. Dann bäumt sich die Kriegerin in dir auf, sagt liebevoll und mit Klarheit: ›Heute wird nicht gejammert, heute wird gelebt! Ich werde mich nie mehr versklaven, ich bestimme, was gut für mich ist. Und den Geist zu betäuben, den Körper zum Täter zu machen, schenkt mir keinerlei Heilung‹.
Weise Worte, bedauerlicherweise drangen sie nicht dauerhaft zu mir durch. Der Weg war steinig, ich fing an, mich auf alle mir möglichen Arten auszudrücken. Bemerkte jemand mein Leiden, lautete der gut gemeinte Rat: ›Quäle dich nicht so, niemand sagt, dass du das tun musst!‹. Keineswegs hilfreich. Dies war mein Kampf und den würde mir keiner nehmen/ausreden.«
Verstimmt beugte sich Jill vor und fokussierte den Cursor. Im Geist sah sie eine Frau, welche willens war, für ihre Freiheit zu kämpfen, und da war Gott, der wohlwollend nickte und sagte: ›Na, da packen wir noch was drauf!‹.
Du schiebst mir den Teil ernsthaft zu?, kam es postwendend retour.
»Vor ein paar Wochen, ja. Und wer weiß, allenfalls hattest du ja deine imaginären Finger im Spiel. Wie dem auch sei, im Eifer des Gefechtes gab ich dir die Schuld. Und sobald besagte ›Prüfung‹ das Schlachtfeld betrat, meinte ich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich vernahm eine zynische Stimme: Warum so bescheiden, wir wollen doch ausnahmslos das volle Programm!
Die Zugabe war der Umzug meines Partners. Ein Chaos, das sich über Wochen hinzog. Wochen, in denen ich jede Kraftreserve mobilisierte, um mich zum Sieg zu führen, und das hatte auch mein Partner vor. Er arbeitete sich in seinem Job fleißig nach oben und an ein Burn-out heran. Er durchlebte es ein Jahr später, ich hatte eher damit gerechnet. Er gab in seinem Job weit über hundert Prozent und unsere Beziehung, was davon übrig war, ließen wir von Knall zu Knall laufen.
Liebe: Wir stecken sie in eine Verpackung, genannt Beziehung, und die war meinerseits geprägt von Erwartungen, von denen die wenigsten erfüllt wurden. Daher war ich ebenfalls das Opfer, nur dass mein Partner erwähnte Rollenverteilung differenzierter sah. Auch das war real. Allmählich begriff ich, dass er weg war. Als mir das wie Schuppen von den Augen fiel, konnte ich endlich sehen, wo ich stand. Fürs Protokoll; in der Entzugs-Schlacht wurde ich zunehmend zurückgedrängt, und das Verlangen, eine höhere Dosis Schmerzmittel zu nehmen, wuchs stetig. Das Kind in mir wurde zu Höchstleistungen angespornt, glaubte zu sterben, kümmerte es sich nicht um seinen Freund – präziser gesagt seine Mutter. Ein weiteres Schlachtfeld, auf dem du dich wiederfindest, und es ist nicht deins.
Weswegen begibst du dich dann darauf?
Die Antwort offenbarte sich mir; das Kind wurde mit jeder Woche, in der sich mein Partner entfernte, stärker. Eins, zwei, drei und du steckst erneut drin. Selbstredend überschreitest du deine Grenzen und fühlst dich schuldig. Wofür? Wähle ich das Leben, wo jemand gegen seine Wände läuft?
Es war ein Sommer der Wut, Verletzungen und Dramen. Was mir indessen wirklich sauer aufstieß, war, dass ich unfähig war, STOPP zu sagen. Ich half Wochenende für Wochenende bei dem Chaos-Umzug und zeitweilig in seinem Geschäft mit, schnurzegal, ob ich gerade jetzt etwas anderes brauchte. Letztlich tust du, was im Drehbuch deines Lebens geschrieben steht, und erhoffst dir, dass dein Drama diesmal auf bizarre Weise ein willkommeneres Ergebnis ans Tageslicht fördert: Die Definition von Wahnsinn ist, anhaltend dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten. So gesehen erlag ich dem Wahnsinn schon das ganze Leben. Ergo kehrte ich am Montag heim, im Gepäck das Leiden meines Partners, einschließlich der Schuld, nichts beigetragen zu haben, dass es ihm besser ging. Die Kriegerin hatte sich zum Kleinkind transformiert.
Da stehst du, zutiefst verbunden mit einem weiteren unkontrollierbaren Leben, das du nicht gewählt hast! Als mich diese Tatsache erleuchtete, wurde mir übel. Glaubte ich weiterhin, dass mein gegenwärtiges Verhalten mein Überleben sicherte? Das ist Bullshit! Und bist du aus diesem Albtraum erwacht, ist der Zeitpunkt gekommen, die Frau in dir wachzurütteln und das Karussell des Wahnsinns zu durchbrechen. Freilich tappte ich in sämtliche auslegten Fallen, um einzusehen, dass mich das kaum befriedigte. Kacke, du schaffst es nicht einmal mehr, dich zu bescheißen.
All die Einsichten legten den Schluss nahe, dass es ratsam wäre, in der Partnerschaft ein bisschen Abstand zu wahren. Einsichten sind echt was Tolles, hast du sie bei Gelegenheit verdaut.
Du denkst, dein eigenes Kunstwerk zu kennen, solange du hingegen ein Teil davon bist, ist das eine Illusion. Wie oft legen wir unser Leben, unsere Verantwortung dafür, in die Hände eines Menschen, in der Annahme, dass er für uns sorgen wird. Welche Anmaßung und ungemein bequem, haben wir gleich einen Schuldigen, fallen wir auf die Schnauze. So wie ich.
Ich konnte aussteigen, genauso mein Partner. Beschloss er zu leiden und seinen Körper zu missbrauchen, musste ich lernen, an dem Punkt loszulassen. Geh einen Schritt zurück, fang an, deine Rolle zu erkennen, und dann lebe deine Wahrheit.
Mit aufgefrischtem Kampfgeist und – logisch – wehenden Fahnen, stürzte ich mich aufs Schlachtfeld, um den Kampf mit einem Urschrei zu beenden. Allerdings hatte ich die Schlacht verpasst, im Klartext: Der Gegner hatte inzwischen das Weite gesucht. Erinnerte mich an einen Feuerlauf: ›War das alles?‹.
Über Jahre war das Medikament der Feind, und plötzlich erkennst du, dass er dein Leben unwiderruflich verlassen hat. Erwähnte zusätzliche Prüfung, die mich beinahe aus der Bahn warf, hatte mich letztendlich gefestigt. Ich nahm an, mich vom Kampf abgewandt zu haben, in Wirklichkeit habe ich mich Wichtigerem zugewandt, und das war schlussendlich nicht mein Partner, wenngleich sein Schein mir das vorgaukelte. Ich hatte den Entschluss gefasst, für mich zu sorgen, und so eine weitere Verbindung gelöst: Das Kind kann aufhören, sich um andere zu kümmern und sich dabei aufzugeben.
Fang ich heute an, an meinem Partner herumzunörgeln, komme mir auf die Schliche, während ich an einer Falle bastle, in die er unweigerlich tappen muss, gebe ich mir einen Tritt und stoppe das Projekt ›Beziehungskrise‹. Hast du vor, jemanden zu Fall zu bringen, ist das mitnichten deine Wahrheit, also weshalb willst du dann in den Krieg ziehen?«
Schmunzelnd dachte Jill im Stillen, dass sie und ihr Partner gelegentlich auf verschiedenen Schienen fahren.
Ihr fahrt auf Schienen?
»Nein, Dummerchen, das ist eine Redewendung.«
Dann wäre es gegebenenfalls klüger zu sagen, was ihr meint. Vor allem in einer Partnerschaft.
Den Ball hatte er sauber versenkt. Nun betitelte sich Jill als Dummerchen und sagte lakonisch: »Ich arbeite dran.«
Dies bedarf keiner Arbeit, lebe einfach deine Wahrheit …
Schattenspiel
Du siehst die Schatten des anderen, glaubst darin zu stehen,
weichst zurück, um der Sonne nicht zu entgehen.
Richte dich auf, strecke deine Hand aus und sehe;
unsere Schatten sind Illusionen, denen wir uns beide hingeben.
J.G.

Lebe einfach deine Wahrheit …
Letzteres begleiteten Jill. Wäre es bloß so leicht. Jill Grey ist ein Harmoniejunkie. Allein die Wahl ihres Lebens stellte für manche ein Problem dar, was unweigerlich Konflikte zufolge hatte. Und die Aussage ›Du lebst wie eine Einsiedlerin‹ schmerzte.
»Wieso fühl ich mich bei dem Wort noch beschimpft?«
Du meinst abgesehen davon, was du dir unter einer Einsiedlerin vorstellst?
»Mich Vorstellungen hinzugeben ist eine Schwäche. Aber bleiben wir beim Thema: Ich lebe außerhalb der Masse und sie sagt aus, was richtig ist. Auch ein alter Schuh.«
Hinzu kommt dein Bedürfnis, verstanden zu werden, niemandem auf die Füße zu treten, beziehungsweise vor den Kopf zu stoßen. Mit dieser Einstellung kannst du einzig verlieren. Und wie beschämend, du lebst nicht, was die Masse lebt, und fühlst dich hierbei sauwohl.
»Sauwohl erscheint mir unpassend.«
Ihr habt diverse Worte für Glückseligkeit, möchtest du sie hören?
»Nein, danke, sie von Gott zu hören, ist irritierend. Im Prinzip bist du schuld, dass ich hier lebe. Nachdem ich einen Teil deiner ›Göttlichkeit‹ erfahren hab, hatte ich nur den Wunsch, in der Natur zu leben. Sag mir, auf welche Weise kann ich mit alldem leben, ohne zur Einsiedlerin zu werden? Halte ich mich einen Tag in der Zivilisation auf, werde ich von Einflüssen regelrecht zugedeckt und verliere mich.«
Du bist zur Einsiedlerin geworden.
»Das ist jetzt weniger nett.«
Weil du beharrlich wertest. Auf welche Weise kannst du mit mir leben, ohne Einsiedler zu werden? Schließe dich einer Religion, Sekte oder Gemeinschaft an.
»Das kannst du dir abschminken.«
Dann lebe, wie es für dich stimmt. Sage mir, was ist falsch daran?
»Meine Vorstellung davon?«
Einsiedlerin: Du hast irgendwo ein Bild gespeichert von einer verwahrlosten, alten und schrulligen Frau. Sie lebt im Wald und grunzt, anstatt zu reden und wird von allen als verrückt gehandelt.
»Ins Schwarze getroffen! Und verkneif es dir zu fragen, wer dieses Bild gespeichert hat.«
Das ist irrelevant. Etliche Erleuchtete zogen sich von der Masse zurü …
»Stopp, bei ›erleuchtet‹ sträuben sich mir die Nackenhaare.«
Auf ein Neues sind wir beim Thema Kirche angelangt. Wie ihr es auch nennt, eine Erfahrung, eine Erleuchtung oder ob die Person heil …
»Heilig ist nicht akzeptabel!« Abrupt stand Jill auf und marschierte zur Küche, um ihr Mittagessen zu kochen; wohlgemerkt geräuschvoll, es schepperte und knallte unentwegt.
Und wieder gehst du in die Opposition. Was stellst du dir unter heilig vor?
»Das musste ja kommen. Okay: Jemand, der absolut rein ist und sein gesamtes Leben Gott widmet? Der sündenfreie Gedanken hat? Jesus würde wohl in besagte Kategorie fallen. Selbstlose, hingebungsvolle, reine, gottesfürchtige, gütige Menschen, die das wahre Sein leben.«
Jesus lebte nicht als Einsiedler.
»Nein, er gründete eine Religion, zumindest diejenigen, die sein Werk weiterführten. Ich werde einige Leben durchwandern müssen, um heilig zu werden. Will ich das überhaupt?«
Sag du es mir?
»Wenn ich außerstande bin zu sagen, wie sich heilig anfühlt, wie kann ich dann wissen, ob ich das sein will?«
Viele, die ihrem wahren Sein näherkommen, bevorzugen die Stille. Ihr seid im Kern alle heilig und …
»Sorry, derlei Terrain ist deine Baustelle. Könntest du die Angelegenheit bitte abkürzen?« Zurzeit konnte Jill auf seine speziellen, spirituellen Weisheiten verzichten.
… und ja, es ist in der Tat schwierig, solche Erfahrungen zu machen, bleibt ihr in euren Gewohnheiten stecken. Du weißt, dass es Mut benötigt, aus der Masse auszubrechen.
»Und kenne allfällige Konsequenzen, tut man es«, sagte sie verschnupft.
Und tust du es, wirst du überhäuft mit Geschenken.
»Und konfrontiert mit deren Folgen«, parierte sie.
Gleichwohl stellst du dich ihnen.
Missmutig schraubte Jill den Dampfkochtopf zu. »Tu ich das?«
Wären wir sonst hier? Wie empfindest du dein Einsiedlerleben?
»Als Geschenk.«
Dann nimm das Geschenk an, statt infrage zu stellen, was keiner Infragestellung bedarf, da du dich entschieden hast.
»Bei dir läuft es vorzugsweise auf kleine, hinterlistige Prüfungen hinaus.«
Das Leben ist eine Prüfung, und was du ignorierst, kommt wieder, irgendwann, in irgendeiner Form.
»Hierbei bist du unerbittlich.«
Ich gebe euch lediglich, was ihr gewählt habt, zu durchleben, um Heilung zu erlangen.
»Heilung, die wir uns mühsam erarbeiten.«
Heilung ist ein Prozess, und ausschließlich ihr bestimmt, wie schnell und aufwendig er verläuft.
»Tja, da kann ich nur sagen; Geduld ist eine Tugend, mit der du mich nicht gesegnet hast«, konterte sie.
Dann tu du es.
»Ich?« Ihre Stirn legte sich in Falten.
Ich werde es keinesfalls, du kannst lange darum beten, was du natürlich nie tust, du wirfst stattdessen mit Vorwürfen um dich.
»Die du mit einer Frage postwendend zurückschmetterst.«
Ich führe dir vor Augen, wovor du dich kontinuierlich verschließt.
»Ich hab‘s kapiert. Und ja, ich werde versuchen, mich in Geduld zu üben.«
Versuchen? Wo ist dein Vertrauen?
»Ich kalkuliere Rückschläge ein. Ich bin schließlich nicht Gott.«
Und keineswegs heilig.
»Was soll das heißen?«
Nichts.
»Nichts existiert nicht, vergessen, das hast du mich gelehrt.«
Du hast dazugelernt. Du sagtest, du bist außerstande zu sagen, wie sich Heilig anfühlt. Dafür, dass du unwissend bist, sträubst du dich allerdings massiv dagegen.
Hierzu schwieg Jill, sie hatte keinerlei Lust, die Hosen noch weiter runterzulassen. Und ja, das Thema Kirche, deren Blutspur sich durch Jahrhunderte zog, war ein Pulverfass für sie. Weshalb kann etwas, das dir »eigentlich« so was von schnuppe ist, dich dermaßen aus der Fassung bringen?
Bei der Therapiesitzung kam der Glaube zur Sprache. Jill konnte sich bloß daran erinnern, dass ihre Therapeutin irgendetwas sagte, was die Worte katholische Kirche beinhaltete. War nicht das erste Mal, dass es bei ihr ›Klick‹ machte und der Rest ausgeblendet wurde. Was jedoch auftauchte, war eine Todesangst. Wut bäumte sich in ihr auf, die der Therapeutin entgegenschreien wollte: ›Sie haben ja keine Ahnung von dieser Macht!‹.
So erschrocken Jill auch war, so rasch hatte sie sich wieder unter Kontrolle und sagte – nada.
Zu Hause versuchte sie, das Geschehene zu begreifen. Hilflosigkeit und eine unbändige Wut, gegen all jene, welche diesen Rottweiler Kirche als Dackel hinstellten, stiegen in ihr empor. Als sie sich ihrer Betrachtungsweise bewusst wurde, dachte sie: ›Du bist komplett kirre!‹. Mit Papier und Kohlestiften setzte sie sich an den Arbeitstisch und gab sich der Todesangst hin. Nachdem sie versiegt war, betrachtete sie die Zeichnungen. ›Ernsthaft!?‹.
Bei der nächsten Sitzung berichtete sie ihrer Therapeutin von dem Erlebnis und zeigte ihr die Zeichnungen, erkundigte sich, ob sie ihrer Fantasie entsprungen wären. Sie verneinte klar. Blieb der Missbrauch oder ein früheres Leben, und das konnte getestet werden. Wo uns eine Antwort fehlt, antwortet der Körper. Jill konnte mit den Fragen, die ihrem Körper in verschiedenen Formulierungen gestellt wurden, nichts anfangen. Fakt war; sie wurde von keinem Kirchenmann missbraucht und die Ursache lag nicht in diesem Leben, sie stammte demnach aus einem, beziehungsweise mehreren vergangenen Leben.
›Aha. O-kay …‹.
Wenngleich Jill bei weitem nicht verstand, gehörte ihre Angst der Vergangenheit an, sie war beruhigt, dass sie nicht durchgeknallt war, damit hätte sie schwerlich umgehen können. Wer weiß, vielleicht würde sie bei dem Thema ebenso Frieden finden …?

Kohlezeichnung 1 & 2

Jills Suche nach der Wahrheit hatte sie zum Entschluss geführt, sich vereinzelt von Beziehungen zu distanzieren. Die Folge: Sie hatte sich erneut auf ein Schlachtfeld geführt. Weiterhin ihre Wunden leckend, bemühte sie sich, Boden zu gewinnen. »Warum kann jemand noch immer Unsicherheit in mir auslösen, obwohl ich – eigentlich – sicher bin?«
Und mit diesem »eigentlich« hast du deine Antwort.
»Oh Gott, wie alt bin ich denn, ich spreche nicht nur von Familie und Freunden. Das schließt Bagatellen mit ein.«
Menschen agieren und ihr reagiert, weil ihr Geschichten mit euch tragt. Du hinterfragst dich, anstelle anderer. Das ist Wachstum.
»Und ich lebe dann und wann im Außen und werde zum Kind.«
Statt dich kleinzureden, finde heraus: Was möchte das Kind?
»Bestätigung, dass mit mir und dem Leben, das ich gewählt habe, alles in Ordnung ist.«
Akzeptieren deine Mitmenschen das nicht?
»So langsam, trotzdem sind die wenigsten glücklich.«
Du fühlst dich konstant verantwortlich für sie, denkst, sie schützen zu müssen.
»Ein alter, zäher Hut.«
Den du dir aufsetzt. Es sind Illusionen, denen ihr euch hingebt. Nichtsdestoweniger kannst du dich damit auseinandersetzen, was Freunde und Familie bei dir auslösen. Und genauso ist es umgekehrt. Kann jemand wachsen, nimmst du ihm seine Lasten ab? Und selbstverständlich kannst du genau das tun und die Verantwortung für dich ablegen.
»Das ist keine Option, den Weg bin ich zu lange gegangen.«
Und indem du es unterlässt, gibst du wiederum jemandem die Möglichkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
»Das setzt voraus, dass sie es angehen«, gab sie resigniert von sich.
Du vertraust nicht.
»Aus Erfahrung.«
Dessen ungeachtet, probiere es und sieh, was dann die Erfahrung dich lehrt. Und gewiss, du kannst niemanden zwingen, sich seinen Ängsten zu stellen, dennoch kannst du etwas bewegen, gesetzt den Fall, du stellst dich deinen. Du hast gewählt, also lerne mit dem zu leben, was deine Wahl mit sich bringt.
Jill ließ Gesagtes eine Weile auf sich wirken, sagte dann: »Ich verstehe, allem voran, dass ich keinerlei Vertrauen hab. Keineswegs ehrenhaft, denn so mache ich andere klein.«
Ja, das ist es, was du ihnen zu verstehen gibst.
»Aber ich hab zu oft erlebt, dass es so ist«, begehrte sie auf.
Und so werdet ihr zwangsläufig auf derselben Stelle treten. An dem, was eine Person denkt oder tut, kannst du wachsen, fängst du an, hinzusehen. Sie gehen ebenfalls ihre Wege, achte dies und verurteile auch du nicht.
»Oh … das mit dem Verurteilen sollte ich mir genauer ansehen. Derartige Sichtweisen könnten als egoistisch ausgelegt werden, sorgt man sich nicht pausenlos.«
Und wie nennst du es, gibst du deine Werte auf, verleugnest dich, um dein Gegenüber glücklich zu machen?
»Liebe!«, lachte Jill bitter. »Das war ein Scherz, wobei ich das mein Leben lang zur unumstößlichen Gegebenheit auserkoren habe.«
Noch eine Herausforderung, auszuhalten, dass jemand glaubt, du liebst ihn nicht, und umgekehrt.
»Eine exorbitante Herausforderung! Es war einfacher, mit dem Fixen aufzuhören, als sich all deinen Prüfungen zu stellen.«
Die Sucht diente dir, um eben etwaige Emotionen – Prüfungen – niemals zuzulassen.
»So ist es. Die wirkliche Arbeit fängt erst an, ist die Sucht bekämpft. Dann beginnt die wahre Schlacht.«
Ersetze Schlacht durch Forschungsarbeit. Werde zur Forscherin und lerne dich kennen, mit all deiner kindlichen Neugier.
Stellst du dir ein Gebirge vor, so gewaltig wie der Himalaya, wirst du dich buchstäblich dort wiederfinden. Stellst du dir ein Paradies vor, das zu entdecken dich einlädt, wirst du dich darin wiederfinden. Jill nutzte die sechs Jahre in ihrem Gebirgstal, um einen Teil von sich auszugraben. Es waren harte und schöne Jahre, welche endlich wieder das Leben in ihr erweckten …

Anhang
Im Frühling 2008 entschied sich Jill Grey, ihr Tal zu verlassen. Der Grund: Sie hatte für ihren Geschmack reichlich kalte Winter durchlebt. Sie fand zum gleichen Mietpreis ein Ferienhaus an der ligurischen Küste in Italien.
Auf ein Neues stieß sie ihre Mitmenschen vor den Kopf. Allein in ein Gebirgstal zu ziehen, war eine Sache, doch ins Ausland umzusiedeln?
Und freilich bastelte sie sich auch vor dieser Reise einen bunten, rosaroten Strauß mit Vorstellungen zusammen, wie sich ihr Leben an der Küste gestalten würde.
Die Entscheidung war gefallen und es blieb lediglich ein Gedanke:
›Was hast du wieder getan …‹.
Falls es Ihnen gefallen hat, lesen Sie weiter in Band II, welcher in naher Zukunft verfügbar sein wir …
Keine Lust zum Sterben – Band II
Die düsteren Erlebnisse, die wir jahrelang in der hintersten Ecke unseres Bewusstseins versteckt haben, bewusst und nüchtern anzuschauen, ist kein Zuckerschleck. Das wurde Jill Grey schlagartig klar. Neben der Wut, Trauer und Fassungslosigkeit, erfasste die Autorin so manches Mal die nackte Scham über ihr Handeln.
Die Reise führt Grey durch ihre Drogenzeit in Basel, über zwei Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik Hard, bis zum Eintritt in die Therapeutische Gemeinschaft Neuthal. Parallel dazu berichtet die Autorin über ihr Leben an der ligurischen Küste Italiens, dessen Realität einmal mehr kaum ihren Vorstellungen gerecht wurde.
In die Texte fließen diverse Dialoge mit Gott ein. Zudem enthält das Buch Bilder und Gedichte der Autorin.





