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Von Maja Schweizer – Neugier im Handgepäck - meine Biografie fokussiert aufs Reisen
Maja Schweizer
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Kinderjahre
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1.  Kinderjahre
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Da stand ich: entblösst und desorientiert.  Gestrandet am Londoner Flughafen Heathrow. Den Anschlussflug hatte ich um wenige Minuten verpasst, mein Gepäck flog bereits nach Miami. Ich aber stand mit leeren Händen und hilflos da. Zum Glück hatte ich die wichtigsten Dinge wie Reisepass, Geldbörse und Walk-Man als Handgepäck. Wenigstens etwas, woran ich mich festhalten konnte. Ich überwand meine Starre und peilte den nächsten Flugschalter an. Verpasster Anschluss? Das sei mein Problem. Ohnmächtig, wütend und genervt über die offenbar anders geltenden Regeln im Flugverkehr als im Reiseverkehr der Schweizer Eisenbahn, war ich gestrandet, bevor es überhaupt losging. Als ehemalige SBB-Angestellte wusste ich, dass man auf Anschlusszüge wartet und jede Verspätung (auch ohne verpassten Anschluss) eine mittlere Katastrophe für Reisende und Angestellte bedeutet. Hier sah man das offenbar anders. Aber das Flughafenpersonal hatte vielleicht nicht mit meiner Hartnäckigkeit gerechnet: Sie liessen sich erweichen und ich bekam gnädiger Weise eine Übernachtung bezahlt. Dennoch fragte ich mich:War das das Abenteuer, welches ich gesucht hatte? Meine erste Lektion hatte ich gelernt: Es läuft nicht immer alles nach Plan! Eigentlich nichts Neues, und dass Warten nicht so mein Ding ist, wusste ich ebenfalls schon im Voraus. Auf dem Boden der Tatsachen angekommen, fühlte sich diese Erkenntnis definitiv wahrer und härter an. Das Reisen lehrte mich im Umgang mit anderen Realitäten, neue Massstäbe in der Betrachtung der Dinge zu finden und Flexibilität zu entwickeln. Aber alles von Anfang an…

Auf meiner ersten Spritztour, die man als universell bezeichnen könnte, je nachdem wie man eine Geburt betrachtet, wurde mir die Ungeduld geradezu in die Wiege gelegt. Meine Mutter war noch mit einer Ladung Schmutzwäsche beschäftigt, als ich mich offenbar eiligst anmeldete. Gerade noch rechtzeitig, um nicht auf dem Waschküchenboden anzukommen, landete ich im September1969 zielgenau in den privaten Räumlichkeiten meiner Eltern. Meine Mutter war dankbar über die rasche Ankunft, hatte die Geburt meines Bruders doch etliche kraftzehrende Stunden länger geauert. Diese Blitzgeburt passte symptomatisch zu mir, hat sich die Ungeduld fortan wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen. Immer musste es schnell gehen. Mit dem Kopf durch die Wand hätte ich am liebsten alles durchstieren wollen, und was nicht mit meinem Rhythmus unterwegs war, hätte ich gerne herbeigezaubert. Das Reisen bot mir zwangsläufig Gelegenheiten, den Zauberstab nach und nach so anzuwenden, dass er kreative Lösungen generierte. So geschehen beim ersten Mal in der Umsteigezone Londoner Flughafen.

Im wohligen Zuhause meiner Eltern durfte ich als neue Erdenbürgerin ankommen. Ich wurde in eine Familie hineingboren, in der ich von den Eltern erwünscht und geliebt wurde und ein Geschwister als Sparringpartner hatte.  Bei der Spitalgeburt meines um vier Jahre älteren Bruder vergass man meine Mutter im Gebärsaal, was bei ihr verständlicherweise prägende Erinnerungen hinterlassen hatte. Deshalb sollte meine Geburt zu Hause stattfinden. Zum Glück war das so geplant gewesen - ich weiss nicht, ob es bei meiner schnellen Ankunft überhaupt ins Krankenhaus gereicht hätte. 

Ich glaube, ich war ein neugieriges Kind. Ich erinnere mich an ein Foto, ich muss ungefähr drei oder vierjährig gewesen sein, das meinen Allerwertesten unter einem Röckchen zeigt, als ich zwischen den Beinen von einigen umgebenden Erwachsenen hindurchkrieche. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass wir in einem Tierpark waren und ich nicht die Beine von Menschen, sondern die der Rehe und Hirsche betrachten wollte. Also ab durch die Mitte! Sonst kommt man zu gar nichts. Ganz anders verhielt es sich jedoch mit den Beinen meiner Mutter. An denen krallte ich mich gerne fest, damit ich im Einkaufszentrum nicht verloren ging. Dummerweise vergriff ich mich auch manchmal und langte unter den Rock einer falschen Mama. Das war vielleicht peinlich! Danach orientierte ich mich lieber an Mutters Händen, was ihr wohl auch wesentlich angenehmer war. Verloren ging ich dann doch mal, als ich mich bei unserem ersten Umzug komplett verirrte. Nur wenige hundert Meter neben unserem alten Zuhause war ein neues Wohnquartier mit vier Wohnblöcken entstanden, drei roten und einen gelben. Wir zügelten in den zweiten Stock des gelben Komplexes. Natürlich half ich mit, die Schachteln hinüberzutragen und meinte, das allein zu schaffen. Also machte ich mich auf den gleichen Weg, den ich schon zig Mal mit meinen Eltern gelaufen war. Ich weiss noch nicht, wie es kam, dass ich mich urplötzlich im Treppenhaus von einem der roten Gebäudekomplexe wiederfand. An mein Unverständnis und die Verwirrung erinnere ich mich noch genau, ich war vollkommen überzeugt, den richtigen Weg gewählt zu haben - und dann sowas! Konfus trat ich den Rückweg an, und alles weitere habe ich wohl ausgeblendet. Ich weiss nur noch, dass mich jemand gefunden hat, erinnere mich aber nicht, wer und wie. Offenbar wählte ich schon damals eigene Wege, wenn auch noch nicht allzu erfolgreich.

Auf den Kindergarten freute ich mich sehr.Als ich im Alter von sechs Jahren endlich hätte loslegen dürfen, musste ich diesen leider bereits nach drei Tagen wieder verlassen. Wegen einer Mandeloperation wurde ich ins Krankenhaus eingewiesen und musste die neuen Gspänlis und all die spannenden Spielsachen zurücklassen. Ich fands grässlich! Ich wollte wieder nach Hause und zurück in den Kindergarten. Vielleicht waren mir die weissen Wände und Ärztekittel zu langweilig, da konnte mich auch hals- und gaumenkühlendes Desserteis nicht bestechen. An andere gleichaltrige Patienten erinnere ich mich nicht, obwohl ich sicherlich nicht das einzige Kind im Spital war. Nach jedem Besuch meiner Eltern schrie ich mir die Lunge aus dem Leib, was für den gereizten Hals sicher nicht förderlich war. Ich hatte schlicht Heimweh - mein erstes und nicht ganz letztes. Irgendwann erbarmte man sich mir, und ich durfte früher als vorgesehen nach Hause. Dem Wiedereintritt in den Kindergarten stand nichts mehr im Wege.

Ein Jahr später betrat ich mit Stolz das neue Schulhaus als Primarschülerin. Meine erste Klassenlehrerin mussten wir mit Fräulein ansprechen. Das Fräulein war allerdings bereits in die Jahre gekommen und trug diesen Titel nach alter Manier, weil sie unverheiratet war. Eine dunkle, grosse Hornbrille auf der Nase markierte ihre Strenge im Gesicht. Das leichte dauergewellte, dunkelblonde Haar mit grauen Strähnen stimmten ihr Züge nicht milder. Sie strahlte Verbitterung und Strenge aus, die zum Glück nicht immer über ihre herzliche Seite siegten. Sie schaffte es jedenfalls nicht, mir die Freude an der Schule und am Lernen zu nehmen. Dem ersten männlichen Klassenlehrer begegnete ich in der vierten Klasse. Wollsocken und Birkenstöcke waren seine Markenzeichen und mit seinem bärtigen, lachenden Gesicht wirkte er stets fröhlich. Ich mochte ihn und die Schule überhaupt. Ich war eine fleissige Schülerin, das Lernen befriedigte (meistens) meine Neugier. Mit den Mitschülern kam ich grösstenteils zurecht. Meine soziale Ader drang schon damals bei mir durch. Meist platzierte ich mich neben den Schülern, neben die sich sonst niemand setzen wollte. Allerdings brachte mir das wenig Lorbeeren ein. Denn nicht selten, wurde ich deswegen verspottet.
Ich liebte den Sportunterricht, wo ich nicht nur Ehrgeiz zeigte, sondern mich auch austoben konnt, sodass ich immer als eine der ersten in die Mannschaften gewählt wurde. Da konnte es schon mal ruppig zu und hergehen, das störte mich nicht. Eine Zeit lang betrieb ich sogar Karate-Sport. Ein Barbie-Typ war (und bin) ich definitiv nicht, auch wenn mich meine Mutter lieber so gesehen hätte - als puppenspielendes und Röcklein tragendes Mädchen. Viel lieber aber trug ich Hosen. Da kam es mir sehr gelegen, dass ich sowieso die Kleider meines Bruders austragen musste und nicht selten, hielt man mich für einen Bub. Das störte mich herzlich wenig, im Gegenteil, mir gefiel diese Rolle. Ich liebte es, draussen mit den Jungs Fussball zu spielen. Es konnte schon mal vorkommen, dass ich mich auch mit Jungs prügelte. Natürlich nicht wegen dem Fussballspiel, sondern wegen anderen Kleinigkeiten, bei denen es wohl um Anerkennung ging. Neben Thomas, meinem vier Jahre älteren Bruder, hatte ich eben gelernt, mich zu behaupten. Es ist ja nicht so, als hätten wir uns stets gestritten, obwohl wir beide von Grund auf sehr verschieden sind. Thomas ist eher der ruhige, zurückhaltende Typ, wohingegen ich die offene, kommunikative Persönlichkeit bin. Dafür ist es mit meiner handwerklichen Begabung nicht weit her, die wiederum eine grosse Stärke meines Bruders ist. Wir spielten gerne draussen und werkelten mit Materialien aus der Natur herum. Was bei meinem Bruder gekonnt aussah, blieb bei mir ein kindliches Basteln. Selbst unter Anleitung meines fachkundigen Vaters (er war gelernter Modellbauschreiner), schaffte ich es selten, unsere Holzbasteleien in ihrem Charme erstrahlen zu lassen. Die Schönheit meines Hobbybastelns hörte dort auf, wo meine Ungeduld begann. Leider verwandelten sich diese Erfahrungen bei mir nicht in eine handwerkliche Fähigkeit.Spass machte es trotzdem und fürs Mitmachen war ich immer zu haben. Ich erinnere mich, dass Thomas und ich einmal zusammen eine Waldhütte bauen wollten. Abenteuerlustig waren wir in den Wald losgezogen, mein Bruder bewaffnet mit einem Messer aus seiner Jungscharzeit. Kaum wollten wir einen Ast bearbeiten, als auch schon ein wütender Förster daher gestapft kam, meinem Bruder das Messer abnahm und uns zusammenstauchte, als hätten wir soeben das schlimmste Verbrechen der Welt begangen. Überrumpelt und enttäuscht zottelten wir wieder nach Hause und erzählten die Story ziemlich aufgelöst unserem Vater. Ich glaube, er war ob der Reaktion des Försters auch etwas überrascht. Wir hatten ja nicht Bäume fällen wollen. Rumliegendes Holz bearbeiten und da und dort ein Ast absägen, entsprach eher unseren Vorstellungen. Das sei alles verboten, hiess es! Jedenfalls musste Papa beim Förster das Messer abholen. Abenteuer enden leider nicht immer lustig und so, wie man sich das vorgestellt hatte. Und wieder hatte ich eine Lektion gelernt!

Unter Gleichaltrigen fand ich meistens schnell Freunde. Ein paar Freundschaften blieben jahrelang erhalten, andere gingen schnell vorüber. Normal eben. Mal war ich voll beliebt, dann wieder nicht. Das Gefühl, Aussenseiterin zu sein, kenne ich; doch fast immer konnte ich auf Freundinnen zählen. Im Nachhinein betrachtet, finde ich diese Erfahrungen des Alleinseins wesentlich. Freunde sind wichtig. Mit sich selbst gut klar zu kommen, erscheint mir aber noch bedeutender. Ich hätte mir später wohl nie zugetraut, allein zu reisen, ja wäre wohl nicht mal auf die Idee gekommen. 

Tatsächlich gab es während meinen Kinder- und Jugendjahren in meinem Lebensumfeld herzlich wenig, was auf meine spätere Reisetätigkeit hindeutete. Kein Wunder, schliesslich dachte man Ende der Sechziger Jahre, als ich geboren wurde, wenig über Reisen nach. Meinen Eltern gnügte ein behagliches Zuhause in einer einfachen Blockwohnung. Unsere Aaktivitäten waren regional beschränkt. Mein Vater, ein Handwerker, sicherte uns eine gute Existenz und meine Mama, verdiente gelegentlich als Putz- oder Servicefrau etwas dazu. Wie oft hatten wir nach Mutters Arbeit im Restaurant das Kleingeld aus dem Serviceportemonnaie auf die entsprechenden Münzen aufgeteilt, gezählt und fein säuberlich in die Münzrollen gefüllt. Man konnte dies als Familienteamwork bezeichnen. Mir hatte es meistens Spass bereitet. Geprägt von der Kriegs- und Nachkriegszeit wussten meine Eltern, mit wenig auszukommen und zufrieden zu sein. Thomas und mich störte das nicht; niemand klagte, es ging uns gut. Ein Auto besassen wir nie, unsere wichtigsten Transportmittel waren unsere Füsse und ein Drahtesel, für längere Strecken nahmen wir den Zug. So ist es naheliegend, dass Ferien bei uns als Wanderwochen in den Schweizer Bergen stattfanden. Mit Gleichgesinnten die Natur zu erleben, erschien uns Kindern dabei eher zweitrangig. Viel spannender war das Zusammensein mit Spielkameraden. Ich erinnere mich gern ans Übernachten in Berghäusern, in Massenlagern oder Kajütenbetten, wo wir uns vor dem Einschlafen Gruselgeschichten erzählten. Besonders effektvoll wirkten diese Hirngespinste, wenn wir mit dem rot-weiss-grün veränderbarem Licht der alten Militärtaschenlampen in der Dunkelheit herumflackerten. Beim Thema Farben drängt sich mir das Bild unserer roten Wollsocken in Erinnerung. Die Wanderkleidung bestand früher aus einer Art Cordhose, die bis knapp übers Knie reichte. Die Waden wurden in kniehohe, meist rote, (später auch grüne) dicke Wandersocken gesteckt. Ein Druckknopfverschluss am Hosenende verhinderte das Runterrutschen der Socken; bei warmen Temperaturen löste man diesen, zog die Socken herrunter und sorgte so für Abkühlung. Heute erledigt das der Zippverschluss. Damals waren wir alle einheitlich gekleidet, lauter wandernde rote Beine. Praktisch jeder trug ein Rucksack mit sich. In den frühen Kinderjahren übernahm dies noch unser Papa für uns, später hatte dann jeder seinen eigenen dabei, gefüllt mit Leckereien wie Schokolade - schliesslich wusste man ja nie, ob ein Energieschub nötig würde. Nebst einem Sandwich oder Brot und Wurst oder Käse ergänzten Trockenfrüchte, ein frischer Apfel oder ein Rüebli (Karotte) die gesunde Ernährung.

Die Wandertouren führten uns bergwärts, erst durch Wälder dann über saftige Alpenwiesen, wo das Vieh der Älpler sömmerte, bis hin in alpines, felsiges Gelände. Wir lernten, uns trittsicher zu bewegen und die Kühe respektvoll zu grüssen oder sie wegzulenken, wenn sie uns im Weg standen. „Hoppsässä!“ riefen wir wichtigtuerisch, als hätten wir eine Ahnung vom Sennen. Es bleibt mir schleierhaft, ob die Kühe unser Rufen verstanden hatten oder ob es eher unsere Körpersprache war, die sie dazu bewegte in eine andere Richtung zu trotten. Nur wenige Male wurde es mir dabei mulmig. Wenn ein störrisches Viech direkt auf mich zugelaufen kam, signalisierte mir mein Adrenalin deutlich, dass Flucht ein Ausweg sein könnte! Aber dann käme ja schon die nächste Kuh und wieder eine und wieder eine…Meistens wurde ich dann von einem Erwachsenen aus meinem Kopfkino gerettet. Aber wie gesagt, dies waren Ausnahmen. Das Gelände dagegen konnte gelegentlich durchaus unheimlich wirken. Beklemmend habe ich das Wandern auf einem Berggrat in Erinnerung. Der  schmale Weg führte direkt an einem Bergkamm entlang und herumliegendes, rutschiges Felsgeröll machte das Wanderunterfangen nicht ungefährlich. Rechts von mir ging es ohne Absicherung steil den Hang runter, auf der linken Seite noch eine knappe Hügelschicht, die mich jedoch bei einem potenziellen Hinfallen nicht hätte sichern können. Ein falscher Schritt, und es hätte tödlich enden können! So jedenfalls erschien es meiner erschreckten kindlichen Wahrnehmung. Die Wirklichkeit war wohl nur halb so schlimm. Aber wenn die Nerven streiken, zwanf einen das in die Knie. „Chnüüschlotteri“, heisst das auf Schweizerdeutsch (Knieschlottern). Gerettet haben mich damals unsere erfahrenen Bergführer, die mir kurzerhand ein Seil um den Bauch banden (und wahrscheinlich auch fachgerecht verknoteten) und mich jeweils mit der vor und hinter mir gehenden Person verbanden. Derart gesichert und in die Mitte genommen, konnte es gefahrlos weitergehen. Das war das einzige Mal, wo ich diese Sicherheit brauchte, ansonsten erinnere ich mich an keine beklemmenden Situationen. Konzentration war allemal gefragt, wenn wir zum Beispiel ein Schneefeld überqueren mussten. Man wusste nie, ob der Schnee griff oder eisig und rutschig war. Oder ob abfliessendes Schmelzwasser Hohlräume unter der Schneeschicht produziert hatte. Meistens blieb es im schlimmsten Fall bei nassen Schuhen; grössere Einbrüche gab es nicht, dennoch erinnere ich mich an die Vorsicht, die wir walten lassen mussten. An ein Hinfallen meinerseits erinnere ich mich nur ungern, weil das Verhalten meines Umfeldes danach aussergewöhnlich fröhlich ausfiel. Ja man lachte mich aus, denn blöderweise kam ich nach dem Stolpern in einem Kuhfladen zu liegen. Noch blöder war, dass die um meinen Hals gehängte Kamera wunderbar in diesen braunen Fladen eintauchte. Erlaubt mir den Ausdruck, dass ich es Scheisse fand! Wie heisst es so schön: «Aufstehen, Krönchen richten und weiterlaufen». Dem Rest der Gruppe war ein Lacher gegönnt, und die Story bekam ich noch über viele Jahre lang zu hören. Nun könnte man sagen, dass ich durch dieses Erlebnis gelernt hatte, Gefahren zu erkennen und Widerstände hinzunehmen. Aber es muss ja nicht alles erklärt und einen tieferen Sinn gefunden werden. Im Endeffekt waren es wunderbare Erlebnisse, die meine Kindheit erfüllten. Mit dem Rucksack unterwegs zu sein, hat mich aber schon geprägt. Das liebe ich bis heute. Dass mich das Reisen mit Rucksack später mal locken würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht; der Grundstein zu dieser Leidenschaft wurde aber definitiv damals gelegt.

Jugendjahre
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2.  Jugendjahre
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Jugend und Wandern passt so wenig zusammen, wie Jugendliche vernünftig sind. Auch wenn mir in dieser Entwicklungsphase das Wandern zum Hals raushing, hat mich die Wanderzeit doch sehr geprägt. Heute lebe ich in den Bergen und weiss diese mächtige und kraftvolle Natur zu schätzen. Zum Glück boten die Berge schon damals wunderbare Alternativen zum Wandern. Die Aussicht, die Wanderschuhe gegen ein paar Skibretter zu tauschen,
lockte uns im Winter trotz allem ins Gebirge. Damals war das Angebot noch nicht gross und beschränkte sich auf Abfahrten, Skitouren, Schneewandern und Langlaufen. Wir durften im Skiurlaub das klassische Skifahren erlernen. Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Rutschversuche auf den Skiern, die damals noch Holzlatten mit einer einfachen Bindung
waren. Mit einem Klappverschluss wurde eine Art Federung um meine in Schalenschuhe eingepackten Füsse gespannt. Blöd war, wenn sich diese Feder bei einem Sturz löste, sich ein Ski am Hang selbständig machte und man diesem einbeinig hinterherfahren musste. Mit etwas Glück wurde der Flüchtling von einem Skifahrer angehalten, dessen Weg der
verlorene Ski kreuzte. A propos hinterherfahren: Mein Skilehrer mochte es ganz und gar nicht, wenn statt meines Skis ich selbst mich für Abkürzungen entschied. Wenn ich von zu weit oben den direkter Weg den Hang hinunter wählte, anstatt noch zwei oder drei Kurven anzuhängen und er mir dann hinterhersausen musste, fand er das gar nicht lustig Dies sei zu gefährlich, meinte er. Wie gesagt, ich war schon damals ungeduldig.

Als fast exotisch entpuppte sich jeweils unsere Fahrt in den Skiurlaub, da wir unser Ziel mit dem Schiff anpeilten. Ein bisschen Zugfahrt und eine Bergbahn, die uns in luftige Höhen brachte, ergänzten unsere Transportmittel. Das muss ein Bild gewesen sein: eine vierköpfige Familie auf Reisen, jeder mit Rucksack und Skiausrüstung ausstaffiert. Schwitzend, weil mit dicker Skibekleidung angezogen, Manövrierkünste betreibend, weil Skier und Ski-
stöcke zusammengebunden und auf die Schulter gehievt wurden. Der Rucksack erleichterte diese Bewegungen keinesfalls, ebenso wenig wie die harten Skischuhe ohne Profil, mit denen wir uns in steifem Schritt vorwärtsbewegten, immer aufpassend, dass wir im winterlichen Treiben nicht ausrutschten. Dies bescherte uns immerhin den Luxus, dass wir mit dem
Taxi zum Bahnhof fahren durften. Dann die ganze Prozedur von vorn, bis zum Zug nach Luzern, wo wir auf das Schiff umstiegen. Auf dem Vierwaldstättersee konnten wir uns bis nach Beckenried etwas ausruhen. Dann etwa 500 Meter den Hügel hoch zur Bergbahn,
die uns schliesslich auf die Klewenalp brachte. Wenn wir Glück hatten, konnten wir mit den Skiern zum Übernachtungsort fahren, sonst war laufen angesagt  - natürlich immer noch in der gleichen Aufmachung! Kann man sich das heute noch vorstellen?!

Als ich mit zwölf Jahren in die Oberstufe wechselte, hörte ich von Mitschülern, wie sie vom
Sommerurlaub am Meer erzählten und lange danach noch davon träumten. Es dauerte noch zwei Jahre, bis meine Eltern mutiger oder wir Kinder rebellischer wurden, was die Berge anbelangte. Wir waren derer überdrüssig und wünschten uns, in den Süden zu fahren. Endlich wagten es unsere Eltern, mit uns für Badeferien nach Italien zu fahren. Die lange Zugfahrt im couchette-Abteil stellte sich für mich als kleines Reiseabenteuer heraus. Einerseits wussten wir nie, wer die restlichen zwei Liegeflachen unseres Sechsbettenabteils belegen würde. Diese Mischung aus Neugier und Vorsicht vor dem Fremden machte die Abfahrt noch spannender. Wir hatten zum Glück nie Probleme mit anderen Mitreisenden, obwohl man immer wieder von Überfällen hörte. Die meiste Zeit verbrachte man schlafend. Was für ein herrliches Gefühl, sich dem Schaukeln des Zuges hinzugeben sich hin und
herwiegend in die Träume fallen zu lassen. Das gelang mir schon immer gut, wohingegen
andere kaum die Augen schliessen konnten. Sobald die Morgendämmerung anbrach, schaute ich stundenlang aus dem Fenster und liess die Landschaft an mir vorbeiziehen. Und wenn die Gegend nichts hergab beobachtete ich die Menschen im Zug. Immer gab es etwas zu entdecken. Dann endlich erreichten wir zum ersten Mal das Meer, von dem uns viele Mitschüler schon lange erzählt hatten. Wow, Sandstrand, tausende von Reihen
aufgestellter Liegestühle und viele Sonnenhungrige, die sich das gleiche Vergnügen teilten. Heute würde mich das nicht mehr reizen, aber damals war es etwas Neues. Kaum in den Ferien, mussten unbedingt Feriengrüsse per Postkarten an Freunde, Verwandte und praktisch
der ganzen Klasse verschickt werden. Da kam man locker auf 30-40 Stück! (Die Klassen füllten sich damals noch mit meist über 30 Schülern). Doch im schönen Italien lockte noch etwas ganz Anderes als das Sonnenbaden. Das nächtelange Ausgehen, das mir zu Hause verweigert wurde, kristallisierte sich für mich als pubertierende Jugendliche als Essenz der
Sommerferien heraus. Mit Discobesuchen schlug ich mir die Urlaubsnächte bis in die frühen Morgenstunden um die Ohren. Die Sonnenliege am Strand diente dazu, den verpassten Schlaf nachzuholen und dabei von den hübschen Italienern zu träumen, die mir den Kopf verdreht hatten. Das Meer hatte über die Berge gewonnen, und für mich war nur noch das Sommerfeeling wichtig: Sommer, Sonne, Liebe! Zu meiner Verteidigung darf ich sagen dass ich diese Zeit intensiv genutzt habe, um meine Italienischkenntnisse zu vertiefen, denn neben der Knutscherei hatte tatsächlich auch noch etwas Kommunikation Platz. Ich liebe Fremdsprachen, und was lag näher, als meine Kenntnisse bei erstbester Gelegenheit auch unter Beweis zu stellen?

Unterwegs zu sein, bedeutete jedoch nicht nur, mit dem Zug in den Urlaub zu fahren. Als Familie hatten wir das Teilnehmen an Volksradtouren für uns entdeckt, die vom schweizerischen Radfahrerbund organisiert wurden. Das bedeutete, dass wir jedes Wochenende mit dem Fahrrad irgendwohin radelten oder eine Rundstrecke abstrampelten. Meine erste Volksradtour habe ich noch mit einem Eingang-Fahrrad zurückgelegt. Wie sehr beneidete ich Thomas und meine Eltern um ihre zwei Gänge mehr an ihrem Drahtesel! Das wiederholte Tourenfahren führte dazu, dass wir alle nach und nach ein neues Fahrrad bekamen. Jetzt hatte ich fünf Gänge, die mir die Bergauffahrten erleichterten. Von diesem Zeitpunkt an fuhren wir jedes Wochenende Routen zwischen 30 bis 120 km. Das Ganze wurde vom Schweizerischen Radfahrerbund organisiert. Das Herumkommen und die zu gewinnenden Prämien forderten unseren sportlichen Ehrgeiz heraus. Es gab zwar kein Preisgeld, aber der sichtliche Stolz auf eine sportliche Leistung gleichte dies aus. Zu Beginn bekam man einen Stempel auf eine Karte, als Bestätigung, dass man die Tour gefahren war. Nach der ersten vollen Karte bekam man eine bronzene Stecknadel überreicht, dann eine silberne gefolgt von einer goldenen. Die weiteren Auszeichnungen steigerten sich vom Zinnbecher über Teller bis zu einer Wanduhr mit den entsprechend eingetragenen Touren. Und das waren bis dahin eine Menge, die viele Tropfen Schweiss abverlangten und meine Geographiekenntnisse definitiv erweitert hatten. Irgendwann hatte jeder von uns ein Rennvelo mit 12 oder gar 24 Gängen. Was heute fast Standard ist, war damals etwas Besonderes. Die dünnen Räder waren perfekt für das schnelle Rollen auf Teerstrassen geeignet. Darauf waren die Touren auch ausgerichtet, denn auf Kieswegen hatte man mit diesen Reifen schnell einen Platten. Ich war echt stolz auf mein Gefährt. Die vielen Gänge erleichterten den Kraftaufwand beim Radeln deutlich, was allerdings keineswegs Erholung für die Beinmuskeln bedeutet. Muskelkraft war nach wie vor gefragt. Noch heute kenne ich gewisse Steigungen in bestimmten Regionen. Den Striegel zum Beispiel mussten wir praktisch jedes Mal überwinden: als Auftakt auf der Hinfahrt, als wir kaum losgefahren waren, und als mühevollen Schlusspunkt auf der Rückfahrt mit den bereits zurückgelegten Kilometern in den Beinen. Wie oft hätte ich diesen Hügel am liebsten flachgesprengt! Noch heute komme ich ins Schwitzen, wenn ich nur schon den Namen höre. In der heutigen Zeit würde ich diese langen Strassenfahrten, wohl kaum mehr unternehmen - durch die immer grösser werdenden Autos ist der Verkehr zu dicht und die Stassen zu schmal geworden, durch die immer grösser werdenden Autos. Heute bin ich eher mit meinem Mountainbike auf Landwegen unterwegs. Das hat zwar weder mit der Verkehrsdichte noch mit einer besonderen Lust am Biken zu tun, sondern liegt an unserem vierbeinigen Hobby, das per Mountainbike bewegt werden will. Davon aber später.

Fast erwachsen
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3.  Fast erwachsen
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Die Liste meiner möglichen Lehrberufe war sehr kurz. Es gab nämlich keine. Mit bald sechzehn sollte man sich über eine Zukunft Gedanken machen,die gefühlt in den Sternen geschrieben stand. Mein Vater brachte eines Tages einen Prospekt nach Hause. «Bahnbetriebsdisponentin SBB» stand darauf mit einer kurzen Beschreibung des Lehrgangs und einer Anmeldung für eine Schnupperlehre. Ich konnte mir wenig darunter vostellen, doch ein langes Wort als Berufsbezeichnung verhiess Spannung. Welche Aufgaben sich wohl dahinter verstecken würden? Natürlich musste es etwas mit Zügen und Reisen zu tun haben, mit den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) als Arbeitgeber. Der Reisevirus schien zwar bereits in mir zu stecken, ich fühlte mich aber noch zu wenig angesteckt, als dass dies bei der Berfuswahl eine primäre Rolle gespielt hätte. Nach Ansicht meiner Eltern wären die Bundesbahnen ein guter Arbeitgeber. Da hätte ich einen sicheren Job, vielleicht sogar auf Lebzeiten. Aus Sicht eines Erwachsenen mochten solche Argumente überzeugend wirken, doch auf mich wirkten sie bloss wie nettes Beigemüse. Ein Leben lang am gleichen Ort zu arbeiten, das lockte mich definitiv nicht, und eine so ferne Zukunft war für mich ohnehin zu weit weg. An einem Berufsinformationsnachmittag erfuhr ich, dass man in der Lehrzeit halbjährlich den Lehrbahnhof wechselt. Man werde fraglos versetzt. Auch wenn ich
damals hoffte, nicht in einer kleinen Station irgendwo fernab der Zivilisation (sprich Ausgangsmöglichkeiten) zu landen, gewann die Neugier Oberhand.Der Beruf schien interessante Tätigkeiten zu beinhalten, was mir eine Schnupperlehre auf einem
kleinen Bahnhof unweit meines Wohnortes schlussendlich bewies. Der Reiz einer Berufslehre als Bahnbetriebsdisponentin lag für mich jedoch in anderen Punkten als meine Eltern diese benannten. Zum Beispiel in der Vorstellung, Kunden, also genaugenommen Reisende, am Bahnhofschalter zu beraten und dabei meine geliebten Fremdsprachen
anwenden zu können. Das Hauptmotiv schlechthin für meinen Entscheid, diesen Berufsweg
einzuschlagen. Meine Freude an den Fremdsprachen hätten mich auch den Weg einer Dolmetscherin wählen können. Das lebendige Treiben in einem Bahnhof schien mich jedoch zu überzeugen. Und tatsächlich versprach der Beruf viel Abwechslung, sei es im Regeln des Zugverkehrs oder in der Abwicklung des Gütertransports. Noch heute verbinde ich die Abkürzung CD mit Cargo Domizil (Güterlieferung bis vor die Haustüre). Auch wenn sie
neben einer Autonummer steht und ich weiss, dass sie  «corps diplomatique» bedeutet, kann ich nicht verhindern, dass mir als erstes die damals gelernte Bezeichnung durch die Hirnwindungen schiesst. Überhaupt musste ich feststellen, dass sich die Eisenbahnersprache wie eine Geheimsprache anhörte. Vor lauter Abkürzungen verstand ich anfangs kaum etwas.
Das Kommen und Gehen in einem Bahnhofbetrieb traf meinen Reisenerv, der auch von den verlockenden Vorteilen gekitzelt wurde, welche die SBB ihren Angestellten gewährte. Ein Generalabonnement ermöglichte uns kostenlose Zugreisen auf dem gesamten SBB-Schienennetz in der Schweiz. Für den internationalen Reiseverkehr erhielten wir Vergünsti-
gungen oder Gutscheine. Dieses Umfeld bot für mich die perfekte Grundlage, um meinen Reisevirus auszuleben, und ich konnte ihn nicht länger in Schach halten. Für meinen zukünftigen Beruf wurden geografische Kenntnisse gefordert, vor allem Streckenkennt
nisse des nationalen und internationalen Zugverkehrs. Kein Problem! Sehr gerne setzte ich mich in den Zug und fuhr die Haupt- und Nebenverkehrslinien ab, um auf diese Art Bahnhof für Bahnhof kennenzulernen. Bevorzugt reiste ich in den Waggons mit den grünen Sitzen, was einem Nichtraucherwagen entsprach. Die abgestandene dicke Luft in den Raucherwagen, war für mich kaum auszuhalten. Bei Zigarrenrauch wurde ich kurzatmig, und wenn
auch niemand rauchte, der übriggebliebene Gestank fand ich abstossend. So wirkten die roten Sitzflächen dieser Wagen wie ein Tabusignal auf mich, was ich noch so gerne respektierte. Die farbigen Kunstledersitze waren zu dieser Zeit sehr modern, ich
erinnere mich noch an Waggons mit holzigen Sitzbänken. Für kurze Strecken kein Problem, auf langen Strecken wurde der Rücken und der Allerwerteste jedoch ziemlich auf die Probe gestellt Früher konnte man in den Zügen noch die Fenster öffnen, indem die obere Hälfte bis zur Mitte nach unten gezogen wurde. In der heissen Jahreszeit streckte ich gerne den Kopf oder die Hände raus, um ein wenig frische Luft einzufangen. Heute sorgt die Klimaanlage für Abkühlung, und dass im Zug nicht mehr geraucht werden darf, schätze ich sehr. Auf
internationalem Terrain wollte ich allerdings nicht bloss die Strecke abfahren, das wurde mir dann doch zu langweilig. Ein erstes Beschnuppern der grossen weiten Welt begann, ich wollte Europas Städte kennenlernen. Für junge Erwachsene waren damals internationale Zugreisen mit dem Interrail-Ticket möglich. Ein ermässigter Fahrschein, der mehrere Wochen europaweit gültig war, ermöglichte ein sorgenfreies Reisen von Ort zu Ort. Nach diesem Prinzip und mit dem SBB- Sonderrabatt ausgestattet, reiste ich mit Gleichgesinnten aus meiner Lehrlingsklasse nach Wien, Budapest, Berlin, Amsterdam, Paris ... massgeblich für die Reiseplanung waren nur die Richtung und der Fahrplan der Nachtzüge Alles andere entschieden wir spontan. Übernachtungen buchten wir nicht im Voraus, da wir die Jugendherbergen anpeilen wollten und davon ausgingen, dass genug Platz vorhanden war.
Wir wollten unsere Volljährigkeit feiern und möglichst frei und ungezwungen reisen - mein erstes Rucksackabenteuer hatte begonnen.

Interrail
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3.1.  Fast erwachsen – Interrail.
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Unser erstes Ziel erreichten wir in den frühen Morgenstunden. Der Nachtzug Zürich-Wien brachte uns sicher in die Hauptstadt Österreichs. Als wir den Bahnhof verlassen wollten, wurden wir von einigen Typen angesprochen. Sie bedrängten uns mit Angebote; jeder wollte uns überzeugen, dass seine Übernachtungsmöglichkeit die günstigste war. Doch
wollten wir nicht eigentlich in die Jugendherberge? Das Diskutieren begann, und schon waren wir mittendrin in den Spannungen, die das Reisen mit sich bringen kann. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, und wenn man zu viert ist, sollte man einigermassen zu einem Konsens gelangen. Die Neugierde auf ein Experiment siegte. Wir wussten
nicht, was uns erwartete. Ein Schwindel? Eine Verarschung? Mussten wir gar mit einem Überfall rechnen? Naiv waren wir nicht, aber jung, mutig und experimentierfreudig.
Wir entschieden uns, ein günstiges Angebot anzunehmen, wo wir privat unterkommen konnten. Mit leicht flauem Magen und Befürchtungen, die uns doch nicht ganz losliessen,
folgten wir dem Tippgeber, Die Adresse führte uns in einen Innenhof eines u-formig angelegten Wohnblockes. Von den oberen Etagen schauten ein paar Bewohner neugierig zu uns herunter, was unser Nervenflattern nicht gerade beruhigte. Endlich wurde eine Tür geöffnet und ein freundliches Gesicht begrüsste uns warmherzig.Wir betraten die privaten Räumlichkeiten einer Grossfamilie, deren Kinder mittlerweile ausgezogen waren. Die leer gewordenen Zimmer wurden umgenutzt und standen für Gäste als bed & breakfast-Unterkunft zur Verfügung. Dies erzählte man uns, während wir unsere Rucksäcke deponierten und die Unterkunft bezogen.Die Vermieter waren freundlich, alles gut. Wirklich? Wir fokussierten uns erst einmal auf die kulinarischen Qualitäten der Stadt und verwöhnten unsere Gaumen am Nachmittag mit Kaffee und Kaiserschmarren. Da die menschliche Bahnhofswerbung nicht nur über Unterkünfte gut Bescheid wusste, erfuhren wir auch,
wo in Wien das grösste Wiener Schnitzel auf dem Teller landete. Zwar hatten wir keinen Vergleich, aber die Grösse des Schnitzels reichte aus, um anzuerkennen, dass es sich um das grösste der Stadt handeln könnte. Es gab nichts zu beanstanden, wir waren satt
und zufrieden, also kehrten wir nach dem Abendessen gut gelaunt in unsere Unterkunft zurück. Es war noch alles da, ganz wie es sein sollte, und wir schliefen tief und fest durch die Nacht. Zugegeben, ein bisschen erleichtert waren wir am Morgen schon: Wir lebten noch, und waren nicht überfallen worden! Beruhigt richteten wir unsere Aufmerksamkeit
nun auf die Stadtbesichtigung und widmeten uns den Sehenswürdigkeiten, die Wien zu bieten hatte.
Mit den ersten guten Erfahrungen im Erlebnisrucksack zogen wir zuversichtlich weiter nach Budapest. Wenn ich heute zurückdenke, drängt sich als erstes ein leckeres ungarisches Gulasch in meine Erinnerung. Nein,ich würde mich nicht als verfressen bezeichnen. Typische, regionale Gerichte koste ich aber beileibe sehr gerne.Und da ein Stadtrundgang irgendwann immer hungrig macht, lag es auf der Hand, dass in Ungarn ein Gulasch probiert werden musste. Warum ich heute das Essen als erstes mit Budapest verbinde, müssten mir meine Hirnleitungen erklären. Ich vermute, dass unsere damalige Gaumenkost nicht nur vorzüglich geschmeckt hatte, sondern zusätzlich mit einem musikalischen Rahmen
präsentiert worden war. Ein geschnürtes Genusspaket das unsere Sinne vollumgänglich umgarnte. Traditionelle Volksmusikanten boten uns eine Palette ihrer Volkslieder dar, gekleidet in ihrer Tracht mit den Staatsfarben Grün, Weiss und Rot. Ihre Lieder
erzählten von der kulturellen Vergangenheit ihres Volkes - das nahm ich jedenfalls an, denn leider verstand ich kein Ungarisch. Melancholische und fröhliche Töne wechselten sich ab, erzählten melodisch von Schattenseiten und Freudentaumel. Die Musikanten unterhielten uns mit Akkordeon, Geige und gesanglicher Kunst - eine Darbietung für uns Touristen, von der wir uns gerne bezaubern liessen. Aber selbstverständlich konnte man in Budapest nicht nur
gut essen, die Stadt hatte noch viel mehr zu bieten. Ich erinnere mich an eine Hauptstadt, die viel aus ihrer Vergangenheit zu erzählen wusste. Leider lässt man sich in jungen Jahren gerne von der äusseren Schönheit beeindrucken, die Geschichten dahinter bleiben aber nur für kurze Zeit hängen. Jedenfalls war das bei mir so. Vielleicht waren meine Gehirnwindungen noch mit dem Nachgeschmack der Leckereien verklebt. Dennoch schien mir, dass Budapest an der schönen Donau immer eine Reise wert war.

Der nächste Halt auf unserer Route hiess Berlin. Das erste, was wir dort unter die Füsse nehmen wollten, war die Einkaufsmeile Kurfürstendamm. Wohlwissend, dass diese Adresse mit den vielen Designerläden nicht unserem Geldbeutel entsprach. Es waren dann auch weniger die Läden, die uns beeindruckten, als vielmehr die auffallend verrückt
gestylten Passanten. Frisuren in allen Farben (was früher noch etwas exotischer war als heute). Knallrot, pink, blau, grün - die gesamte Farbpalette. Der Frisurenfantasie war ebenfalls keine Grenze gesetzt. Von Multikurz, Rasta und Punkstyle bis zu einer
tätowierten Glatze war alles möglich. Hier hatte einfach alles Platz, und niemand schien sich an der Ausgefallenheit der Menschen zu stören. Im Gegenteil, es schien normal zu sein, alles Gewöhnliche wirkte abnormal. Damals ordnete ich dies einfach als Markenzeichen der Stadt ein. Heute frage ich mich rückblickend, ob diese extreme Andersartigkeit Ausdruck einer unbewussten Rebellion gegen jede Art von Regel und Grenze war. Unser Reisestopp
in Berlin war zu einer Zeit, als die Stadt noch von einer Mauer in Ost- und Westberlin aufgeteilt wurde. Nach Westberlin durften wir reisen, den Osten durfte man, soweit ich mich erinnere, nur als Tagestourist betreten. Die bunte Malkunst entlang der Mauer wirkte wie ein verzweifelter Versuch des Ausbruches aus einer tristen Realität. Eine Betonmauer, die bereits zu bröckeln schien und die wenige Jahre später auch endlich fiel. Damals aber zog sie sich noch mitten durch die Stadt und sicherlich auch durch die Herzen von deren Bewohnern. Diese raue, harte Grenzsetzung hatte sicher auf die eine oder andere Art ihre Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich hätte ich auch rebelliert. Und wenn Auflehnung das Leben
kosten könnte, bleibt einem vielleicht nur noch die kleine Freiheit des individuellen Ausdruckes, der als kleiner Gewinn über das Gewöhnliche, das Auferlegte, steht. Ich weiss nicht, wie viel mir damals von geschichtlichen Ursprüngen der Nachkriegszeit überhaupt bewusst war und wie viel ich aus heutiger Sicht rein interpretiere. Meine Erinnerungen lenken mich in ein Museum, das wir am Checkpoint Charlie besucht hatten. Man erzählte uns dort von gelungenen Fluchten von Menschen, die nicht nur von Freiheit träumten, sondern sie mit raffinierten Methoden und ausgeklügelten Plänen in die Tat umsetzen konnten. Leider war dieser Erfolg nicht vielen gönnt, so erklärte man uns. Ich erinnere mich an einen
kleinen, hellbraunen Lederkoffer, den man uns im Mauermuseum zeigte. Als ich die dazugehörende Geschichte erfuhr, nämlich dass darin ein Mensch sein Weg in die Freiheit fand, staunte ich nicht schlecht. Das müsste ein Schlangenmensch gewesen jemand, der sich so sehr zusammenkrümmen konnte, dass kaum ein Millimeter Platz übriggeblieben war. Leider weiss ich die Details nicht mehr dazu, und ich merke, dass meine Fantasie nicht annähernd ausreicht, hier eine geniale Geschichte dazu erfinden zu können. Man sagt nicht umsonst, dass Not erfinderisch macht und von diesem Erfindungsgeist war ich tief beeindruckt. Viele Menschen starben auf ihrem Weg in ein neues Leben. Ein Kontrollapparat,
der brutal und deutlich die Systemregeln vorgab, keine Ausreise in den Westen zuliess und einem jede persönliche Freiheit nahm, sprich man wurde auf der Flucht erschossen. Wie befremdend, einengend und abstossend musste das sein? Nicht ansatzweise kann ich mir ein Leben mit permanenter Überwachung und Eingrenzung vorstellen. Wenn man so wie ich als
junger Mensch frei und ohne Existenzangst aufwachsen durfte, hielten einen solche Museumsbesuche emotional gefangen und stimmten nachdenklich. Das darf sein, das gehört zum Reisen dazu. Ich will mir jedoch nicht ausmalen, was es mit mir gemacht hätte, wenn wir uns Dachau oder Auschwitz als Reiseziel ausgesucht hätten. Ich weiss nicht,
wie viel Reisefreude übriggeblieben wäre.
Unser nächstes Etappenziel versprach Auflockerung, denn mit dieser Stadt verband man
mehr Verben wie davonfliegen, träumen, fantasieren oder wegdriften...! Wenn zur damaligen Zeit ansatzweise vom Kiffen die Rede war, dachte man sofort an Amsterdam. Jedenfalls nahmen wir die holländische Hauptstadt damals so wahr: Eine Stadt am Meer, ein idealer Ort als Ausgangspunkt und Umschlagplatz füirs Dealen im grossen Stil. Medienschlagzeilen aus den 80ern bestätigten dies am Laufmeter, doch wie viel war da wirklich dran? Wir freuten uns auf Amsterdam und waren riesig gespannt auf diese freakige Stadt, Ich weiss nicht, was
erwartet hatten. Strassen voller Dealer, die Gras anboten? Ich scheiterte schon an der Vorstellung was Hanf auf der Strasse kosten würde. Für uns drogenfreie Laien blieb es zum Glück bei einem naiven Schauspiel in der Fantasie, wo Hanf auf der Strasse massenweise seinen Besitzer wechseln würde. Wir bekamen nichts davon mit, suchten aber die
bekannten coffeeshops auch absichtlich nicht auf. Und das war auch gut so. In Bezug auf Drogen hatten wir keine Lust auf Experimente, viel zu brav war unser Background. Und derartige Probleme konnten wir uns in unseren zukünftigen Jobs nicht leisten. Also
richteten wir unsere Aufmerksamkeit auf eine andere Attraktion der Amsterdamer Strassen. Neugierig machten wir uns auf und promenierten durchs Rotlichtmilieu. Wir fühlten uns wichtig und wollten alles entdecken, was da so zu laufen schien. Scherzend und lachend spazierten wir durch diese Strassen und realisierten schnell, dass wir eigentlich eher
verunsichert als experimentierfreudig waren. Es blieb brav beim Hingucken, für Selbsterfahrungstests waren wir nicht mutig genug. Unsere bildhaften Vorstellungen wurden dennoch nicht enttäuscht. Die potenzielle menschliche Ware wurde wahrhaftig in
den Schaufenstern dargeboten; nur anstelle von Schaufensterpuppen war es echtes Leben, das sich da in Form lasziv dasitzenden oben-ohne-Frauen hinter den Glasscheiben aufplusterte. Anders kann ich die Szenerie selbst in meiner Erinnerung nicht beschreiben. Auf mich wirkte das Ganze abstrus bis ekelhaft. Ländlich aufgewachsen, wusste ich
wohl um die Dienste dieser Frauen, auch wenn Sexarbeit in unserer Heimat eher versteckt passierte, dieses offene zur Schau stellen empfand ich störend. Wie kann man sich das als Frau antun? Natürlich kannte ich Antworten darauf, und trotzdem wusste ich das Ganze nicht recht einzuordnen und beliess es dabei.Es war wie es war, abenteuerlich und anregend zum Nachdenken und Punkt. Deswegen reist man doch, um andere Sitten und Kulturen kennenzulernen und sich berühren zu lassen, ohne urteilen zu müssen. Den Rest von Amsterdam erkundeten wir im typisch holländischen Stil: Wir mieteten Fahrräder und traten kilometerlang kräftig in die Pedalen und das alles auf flachem Terrain. Herrlich!

Die letzte Grossstadt, die wir auf unserer Reise besuchten, war Paris – ein Muss unter den europäischen Hauptstädten. Eine Metropole voll mit Kunst und kulturellen Bauwerken, eines beeindruckender als das Andere. Notre Dame, Eiffelturm, Sacré Coeur…wir besuchten sie alle.  Was waren das für Menschen, die eine schöpferische, geistreiche und ja vielleicht durchgedrehte Kreativität, in Kunst und Monumentalbau verwandelt hatten? Ein meisterhaftes Transformieren von Fantasie in was ganz Grosses, beginnend als Spiel, als Experiment und endend in grosser Kunst! „Chapeau“ – ich ziehe noch heute den Hut! Selbst die Sprache klingt charmant und verspielt in ihrer eigenen Melodie. «Un croissant, s’il vous plaît ! «N’est-ce-pas?» Ja,ja vielleicht vermische ich da jetzt ein paar Klischees. Und vielleicht war eher ich diejenige, die mit der Sprache spielte. Das Schulfranzösisch rief nach Praxis. Gerne kramte ich meine gelernten Bruchstücke zusammen und versuchte daraus ein Ganzes zu formen. Nicht immer mit Erfolg, aber Hauptsache „je parle français.“

Langsam waren wir der Stadtluft überdrüssig geworden, eine Meeresbrise im Gesicht zu spüren, wäre eine nette Abwechslung. Kaum hatten wir beschlossen, irgendwo ans Meer zu fahren, als uns in Frankreich landesweite Eisenbahnstreiks einen Strich durch die Rechnung machten. Ich erinnere mich, dass wir deswegen eine oder gar mehrere Nächte in unseren Schlafsäcken am Bahnhof verbrachten. Wir fanden das damals abenteuerlich und es fühlte sich wie luxuriöse Obachlosigkeit an. Für ein bis zwei Nächte ist das lustig, aber für ein Leben lang ist der Strassenbeton wohl doch eine etwas harte Liege. Jedenfalls lagen wir auf dem Trottoir vor dem Bahnhof herum, vollbekleidet in den Schlafsack geschlüpft. Die Rucksäcke hatten wir in der Mitte zwischen uns hingestellt, und wir vier junge
Erwachsenen bildeten so ein menschlicher Schutzschild, damit auch ja niemand unser Zeugs klauen kann. War alles cool, aber wir wollten doch ans Meer. War auch cool, aber wir wollten doch ans Meer. Als die Streiks endlich beendet waren, schafften wir es doch noch nach Südfrankreich, wo wir uns eine Zeit lang rumtummelten. Meine Erinnerungen geben da leider nicht mehr viel her. Wir beendeten unsere Reise mit der Rückfahrt via Italien in die Schweiz. War da nicht noch ein Einkaufsbummel in Como, oder war es Mailand gewesen?

Reifejahre
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4.  Reifejahre
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Der Lehrabschluss in der Tasche, zu Hause ausgezogen und mit dem Gefühl, endlich die grosse Freiheit geniessen zu können, kostete ich anfangs der 90er Jahre jede Gelegenheit aus, mich in kleinere oder grössere Reiseabenteuer zu stürzen.

London
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4.1.  Reifejahre – London.
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Eine Freundin, welche ebenfalls bei der SBB arbeitete, lud mich ein, gemeinsam ihre Schwester in London zu besuchen. Sie musste mich nicht zweimal fragen. Mit welchem Transportmittel? Natürlich mit dem Zug, der unser Budget als „Bähnlerinnen“schonte.

Unsere freie Zeit reichte aus für ein verlängertes Wochenende, also mussten wir uns nicht für die schnelle und teure Flugvariante entscheiden. Die Reise führte durch Frankreich nach Calais. Dort wo heute ein Tunnel nach Dover führt, wartete früher die Fähre auf uns, welche uns ans gleiche Ziel überschiffte. Die unterirdische Tunnelvariante war damals noch Zukunftsgeflüster. Der Vorteil, des langsamen Reisens war, dass man ein anderes Gefühl für die Distanz bekam. Steigt man in ein Flugzeug, ist man in einer Stunde in London. Mit dem Zug und der Fähre ist man deutlich länger unterwegs. Der Weg erfuhr ich auf diese Weise intensiver und erlebnisreicher, ich sah Landschaften in all ihren Variationen an mir vorbeiziehen. So ist mir die Ankunft in Dover besonders in Erinnerung geblieben. Da zog nicht die Landschaft an mir vorbei, sondern wir steuerten ihr vom Meer entgegen. Meile für Meile näherten wir uns den eindrücklichen hellweissen Steilklippen der Küste Dovers. Was sich von weitem als unruhige weisse Linie zeigte, liess sich bei Ankunft als eindrückliche Kreidefelsen erkennen, die Küstenfront von Dover. Sprichwörtlich ist in diesem Sinne der Weg manchmal das Ziel. Und manchmal ist der Weg eindrucksvoller als das Ziel selbst. In London war dies jedoch definitiv nicht der Fall. All die Klischees, die ich mit London in Verbindung gebracht hatte, entpuppten sich als real, als Dinge, die tatsächlich zum Londoner
Alltag gehörten. Dabei denke ich an die roten Telefonkabinen oder die gleichfarbigen Doppel
deckerbusse. Mit selbigen buchten Lydia und ich auch gleich eine Sightseeingtour durch die Stadt. Geht es doch in einer Grossstadt zu und her wie in einem Ameisenhaufen, erstaunte mich das sittenhafte Anstehen ohne Drängeln in Kolonnen. Das ist mir bis heute sehr sympathisch, und diese Oualität könnte man meines Erachtens weltweit übernehmen.
Man munkelte (vielleicht war es aber auch das Insiderwissen unserer Bekannten), dass sich die Queen an unserem Besuchswochenende im Windsor Castle zeigen würde. Na dann los! Wenn schon Touristin, dann richtig. Das royale Gehabe gehört nicht unbedingt zu meinen grössten Interessen, dazu hatte ich als Nichtengländerin nie einen Bezug und verstehe bzw. reduziere die royalty eher als Teil der Regierung. Und man verzeihe mir, ich weiss, dass das
beileibe nicht alles ist. Da gibt es noch viel mehr Brimborium, zu dem ich allerdings, wie gesagt keinen Zugang finde. Dennoch muss ich gestehen, dass mich die königlichen Paläste beeindruckt haben. Irgendwie fühlte ich mich ins Mittelalter zurückversetzt, als Schlösser und Burgen mit den entsprechenden Herrschaften für lange Zeit die Ländereien beherrschten. An diesem Eindruck ändert die modernere Art der Schlosser in der heutigen Zeit
nichts. Eindrucksvoll sind sie allemal. Weniger angenehm fand ich die Menschenuenge, die sich vor  dem Schloss Windsor versammelte. Wir waren wohl nicht die einzigen, die von diesem Gerücht gehört hatten. Schlussendlich hatte ich keine Ahnung, ob sich die Queen tatsächlich zeigen würde oder nicht, ich bekam sie jedenfalls vor lauter Menschen nicht zu Gesicht. Da für uns Schweizer nicht die Welt zusammenbrach, genossen wir einfach das Schauspiel der Menschenmenge, die sich mit ihren royalen Fanartikeln stolz präsentierte und britannische Fähnchen dem Schloss entgegen schwenkten.
Die eigentliche Krönung dieses Wochenendes gipfelte im Besuch des Musicals «Starlight express». Nie zuvor hatte ich die Möglichkeit eines Theaterbesuches gehabt, wusste also nicht so recht, was mich in einem Musical erwarten würde. Neugierig und gespannt bewegte ich mich in den Räumlichkeiten des Theaters bis zu meinem Platz. So weit so gut. Als sich die Bühne füllte und die ersten Töne durchs Theater hallten, packte mich das Geschehen in vollen Zügen…und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Auf Rollschuhen flitzten die Darsteller durch die Zuschauertribünen, dabei Züge simulierend, sie tanzten rollend und singend eine Show! Ich weiss nicht, wie sie es schafften, beides gleichzeitig auf die Bühne zu zaubern. Ich war beeindruckt, wie die Sänger mir musikalisch die magische Geschichte vom „Starlight express“ erzählten. Ich war beeindruckt von diesen glitzernden Kostümen, der Stimmgewalt der Darsteller, der bewegten Show als Ganzes und dem musikalischen Meisterwerk. Ein durch und durch lebendiges Theater! Nachhaltig geflasht, hatte ich Musicalluft geschnuppert. Es sollte nicht das Letzte sein, von dem ich mich verzaubern lassen würde.

Auf dem Heimweg wurde ich wieder einmal mit einem Streik konfrontiert, und es kam zu einer ungewollten zusätzlichen Übernachtung am Fährhafen. Für mich war es keine grosse Sache, ich hatte frei. Lydia aber hätte am nächsten Morgen Dienst am Bahnhof gehabt; und wenn am Bahnhof niemand den Dienst antrat, fuhren keine Züge, da niemand den Zugverkehr regelte. Und wenn keine Züge durch den Bahnhof rollten, dann gab es mächtig Probleme, und Chaos ist dann nur ein Vorwort von Desaster. Dies setzte uns für einige Stunden unter Druck. Nachdem Lydia endlich ihren Chef, den Bahnhofvorstand, erreicht hatte, säuselte sie ihm liebe Worte vor und  fand überzeugende Argumente. Zwangsläufig wenn auch widerwillig musste er für sie einspringen. Als das dann endlich organisiert war, konnten wir auch den zusätzlichen Reisetag geniessen. Die Nacht am Boden schlafend zu verbringen, störte uns wenig. Wir beide hatten schon Erfahrung damit. In der Abfahrtshalle des Hafengebäudes war es wohlig warm und still. Denn ausser uns Beiden schien
niemand die Fähre verpasst zu haben. Der Boden war hart, aber in jungen Jahren steckt man das noch locker weg. Ein zusammengerollter Pullover diente als Kopfkissen und mit Musik im Ohr (Walk-Man sei Dank) schläft man sowieso besser.

 

Sinai
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4.2.  Reifejahre – Sinai.
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Internationale Luft machte hungrig und gegen diese Not musste ich dringend etwas unternehmen. Aber von Städtetouren hatte ich vorderhand genug.  Mir war nach Aktivurlaub zumute. Der Mut zu einer eigenen Tour, einfach den Rucksack zu packen und selber eine Reise zu planen, fehlte mir noch. Den Kompromiss fand ich in einem Angebot, das von Reiseleitern begleitet wurde. Ich buchte ein Wüstentrekking, das uns durch die Halbinsel Sinai in Ägypten führen sollte. Die Aussicht, einen anderen Kontinent kennenzulernen, kitzelte mich sehr unter den Füssen. Eine neue Welt wandernd zu erfahren und der arabisch-ägyptischen Kultur zu begegnen, darauf freute ich mich sehr, auch wenn ich mich an meine grosse Nervosität im Voraus erinnere. Der Ausgangs- und Treffpunkt für das Trekking war in Kairo, und nicht etwa am Flughafen Zürich. Das bedeutete, dass ich zuerst internationalen Boden betreten musste, um mich dann einer Reisegruppe anschliessen zu können. Ob das alles klappen würde? Als ich im Flugzeug zufällig neben einer jungen Frau sass, die mit  ähnlicher Wanderkleidung wie ich,ausgestattet war, kamen wir natürlich schnell ins Gespräch. Der Zielort müsste ja in etwa das Gleiche sein, hatten wir also dieselben Pläne? Tatsächlich! Es stellte sich heraus, dass wir das gleiche Arrangement gebucht hatten. Tonnenschwere Erleichterung überkam mich! Was auch immer passieren würde, ich war nicht allein. Es ist schon komisch, da will man weit weg und ist trotzdem froh. eine Verbindung
zur Heimat zu haben.. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich noch nicht wirklich reiseerfahren war und schon gar nicht ausserhalb Europas. Und wenn nicht der Zug als Transportmittel die Basis darstellte, kam eine neue Herausforderung auf mich zu. All die Abläufe rund ums Fliegen waren mir noch nicht geheuer. Ich lernte aber schnell, dass man sich gut führen lassen kann, wenn man die Ausschilderungen genau beachtet. Glücklicherweise wurden wir am Flughafen in Kairo ebenfalls mit Schildern in
Empfang genommen. Unbekannte Menschen hielten Tafeln in die Höhe, die mit unseren Namen beschriftet waren. Man erwartete uns also, das war ein gutes Zeichen. Der Tafelhalter stellte sich als unser Reiseleiter vor, und die anderen Personen entpuppten sich als weitere Teilnehmer, die kurz vor uns angekommen waren. So weit so gut. Wir wurden in ein Hotel gebracht, wo wir die erste und letzte Nacht verbringen würden, da hier der Ausgangs- und auch der Endpunkt unserer Reise war. Das Hotel wurde bereits künstlich beleuchtet, als wir ankamen. Die Palmen waren perfekt in Szene gesetzt. Und da war noch viel mehr, Ich erinnere mich an orientalische Stimmung, die aussen wie innen im
Hotel mit liebevollen Details hergezaubert worden war. Einzelheiten bringe ich in Bildern nicht mehr zusammen, es ist vielmehr die Stimmung die auf mich einwirkte und trotz meiner Aufregung ein Gefühl von Zufriedenheit und Vertrautheit aufkommen liess. Auch wenn diese Vertrautheit fremd war, sie fühlte sich gut an.

Nach dieser Nacht erwartete uns nur noch das Zelt als Nachtlager. Mit meinem neuen Schweizer „Gspänli“ hatte ich die perfekte Zeltpartnerin gefunden. Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem Kleinbus raus aus der Stadt zuerst durch die Wüste und dann in die Berge, in eine für mich komplett neuartige Landschaft, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Kahles, schroffes Gebirge ohne Grün. Sandfarbenes Gestein, das sich wie zusammengefaltet in die Höhe schob, wie übereinander geflossene Lavamassen, die sich nun in die Höhe türmten. Tafel für Tafel. In dieser Zone begann unsere erste Wanderetappe. Nach und nach lernten wir Trekkingteilnehmer uns kennen. Wir waren eine international gemischte Gruppe, Reisende aus Amerika, Lichtenstein, Schweiz und Österreich; ortskundig begleitet wurden wir von ägyptischen und israelischen Reiseführern sowie von einheimischen Stammesvertretern der Beduinen, welche uns unterwegs mit ihrer einheimischen Küche verköstigten. Demütig musste ich feststellen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich mich in einer solch kargen Gebirgslandschaft verpflegen müsste. Staunend sah ich dem Beduinen zu, als er mitten auf einer Felsplatte Mehl und Wasser zu einer Teigmasse mischte. Zum Backen nutzte er ein Loch im Felsen, worin ein kleines Feuer für die nötige Wärme sorgte und zugedeckt als perfekten Backofen diente. Und nein, ich erinnere mich nicht mehr daran, wie er das Feuer zustande gebracht hatte. Vielleicht hatte er schon sehr zivilisiert ein Feuerzeug genutzt. Die Vorstellung, dass er traditionelle Mittel verwendete, gefällt mir besser. Allerdings weiss ich wirklich nicht, was das hätte sein können. Ein Holzstock auf einem Stück Holz reiben? Woher kam aber das Stöckchen, denn Holz stand weit und breit nicht zur Verfügung. Hatte er was mitgebracht? Oder gab es in der Wüste andere geheimnisvolle Methoden, um Feuer zu machen? Ein Feuerstein vielleicht? Oder gab es in dem Loch gar kein Feuer? Täuschen mich da meine Erinnerungen? Gab es da unter Umständen ein Hohlraum, welcher Wärme abstrahlte? Ich weiss es nicht. Jedenfalls staunte ich nicht schlecht, ob dem Backresultat: Ein leckeres Fladenbrot, das in dieser Naturkulisse besonders gut schmeckte.

Unsere Wanderung führte uns zum Katharinenkloster, welches als eines der ältesten Klöster des Christentums gilt und mittlerweile auch ein touristisches Highlight war. Ich hatte das Gefühl, als wären wir in der Mitte des Nirgendwo, wobei sich dieses Nirgendwo am Fusse des Berges Sinai, dem Mosesberg, befand. Nach der christlichen Überlieferung soll sich dort der brennende Dornenbusch befunden haben, in dem sich Gott Moses offenbarte. Ich meine, diesen Moment als ehrfürchtig wahrgenommen zu haben, auch wenn ich nicht allzu gottesgläubig bin. Fürchterlich eröffnete sich mir aber meine persönliche Offenbarung einen Tag später durch meinen schmerzenden Allerwertesten. Den Mosesberg hatte ich ja unbedingt auf dem Rücken eines Kamels erklimmen wollen. Die Nachwehen meldeten sich deutlich in meinem Körper, da sich mein Hinterteil das Reiten nicht gewohnt war. Die Pein siegte jedoch nicht über die eindrückliche Erfahrung, auf einem solch besonderen Tier sitzend, und in einem schwankenden, nahezu einschläfernden Rhythmus, Schritt für Schritt den Berg hoch getragen zu werden. Übrigens begleiteten uns die Kamele während des gesamten Trekkings. Als geübte Lastenträger trugen sie unsere Zelte und die Waren, was wir zum Essen für unterwegs brauchten. Und natürlich wurden die Kamele respektvoll und sorgfältig betreut von den Beduinen.

Leider hatte ich mein Schweizer „Reisegspänli“ nach unserem Ferienabenteuer aus den Augen verloren. In der heutigen Zeit wären wir sicher auf Facebook befreundet, aber das gab es damals alles noch nicht. Keine Handys, kein Internet. Das Reisen machte es dadurch abenteuerlicher. Aber das ist eine heutige Sichtweise, denn zu dieser Zeit kannte man es nicht anders, es gab diese Möglichkeiten einfach nicht.

Ägypten zum zweiten
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4.3.  Reifejahre – Ägypten zum zweiten.
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Als mich Lydia,meine „Bähnlerfreundin“, mit der ich London besucht hatte, spontan anfragte, ob ich Lust hätte auf einen Kurztrip nach Kairo, sagte ich sofort zu. Dieser spontane Furz enthüllte sich als Ausflug mit Nachhalleffekt. Und damit meine ich nicht die Pyramiden oder sonstiges Kulturgut. Aber alles der Reihe nach.

Meine Freundin hatte sich inzwischen zum gleichen «Reisefüdli» entwickelt wie ich. Ungebunden und abenteuerlustig, wie wir waren, entschlossen wir uns gerne mal kurzfristig für einen Ausflug. Warum also nicht auch kurzfristig und planlos nach Kairo? Dieses reizvolle Reiseziel stand auf der Liste der «last minute» Flugangebote. Sehr kostengünstig zwar, aber die Betonung liegt auf Flug-Angebot. Wir zahlten also nur einen Flug, kein Arrangement für Unterkunft oder ähnliches. Erst als wir im Flugzeug sassen, realisierten wir, dass wir die Reise  etwas kopflos gebucht hatten. Wir hatten kein Visum, keine Übernachtungsbuchung und auch sonst keinen Plan für die nächsten Tage. Ich war zwar schon mal in Ägypten gewesen, aber nicht als unabhängige Rucksacktouristin. Und Kairo hatte ich noch als chaotische Grossstadt in Erinnerung, würden wir es schaffen, uns in dieser Stadt zu behaupten? Unser Adrenalinpegel stieg beträchtlich an. Mir ist heute noch bange, ob unserer damaligen Naivität. Das war das einzige Mal, wo ich meinen Eltern nicht reinen Wein einschenkte über meine Reiseaktivität. Zu bitter hätte er für meine Mutter geschmeckt. Mein Vater war im übertragenen Sinn etwas geeichter, ihm verriet ich, dass wir nach Kairo unterwegs waren und noch nicht so genau wüssten, wo wir schlafen würden. Mehr Detailinfos brauchte er aber auch nicht zu kennen. Nicht, dass ich mit 22 Jahren meine Eltern hätte informieren müssen, aber schliesslich sollten sie wissen, wo in der Welt ich mich gerade so rumtreibe. Zu dieser Zeit war es üblich, dass Hotelunterkünfte durch das Reisebüro gebucht wurden und man diesbezüglich auch gut von den Reisebüroangestellten beraten wurde, da sie meistens die Lokalitäten vor Ort kannten. Sich im Internet einen Überblick zu verschaffen und kurzfristig was zu buchen, das ging wie gesagt damals noch nicht. Also bleibt nur das Buchen vor Ort übrig. Aber wo fängt man da an, wenn man nicht ortskundig ist? Im Flugzeug bekamen wir mit, dass eine Reisegruppe unterwegs war nach Kairo. Wir überlegten, ob wir uns dieser Gruppe anschliessen sollten? Gedacht, getan! Wir fragten den Reiseleiter der Gruppe; er hatte nichts dagegen einzuwenden, konnte uns aber nicht vergewissern, ob es in „ihrem“ Hotel freie Zimmer zum Übernachten hätte. Wir selbst wussten ja nicht einmal, ob wir ohne Visum so einfach reingelassen werden würden. Vom Flugpersonal erfuhren wir glücklicherweise, dass man das Visum am Flughafen an einem dafür vorgesehenen Schalter einholen kann. Gut. Immerhin brachte uns diese Info einen kleinen Schritt weiter, der Sorgenpegel sank aber nur um einen gefühlten Millimeter. Als wir in Kairo Boden unter die Füsse bekamen, wussten wir, was zu tun war. Leider verloren wir beim Anpeilen des Visaschalters die andere Reisegruppe aus den Augen. Was für ein Mist! Was nun? Erst mal durch die Passkontrolle und dann kommt der nächste Schritt. Die Einreise wurde bewilligt, diese Hürde war geschafft. Der nächste Sorgenmillimeter verschwand. In der Empfangshalle wurden wir herzlich von lokalen Reisebüroangestellten empfangen, anders kann ich es nicht sagen, wir wurden geradezu überrannt mit Angeboten für Unterkünfte! Ja super, genau das, was wir brauchten! Aber waren die auch wirklich alle vertrauenswürdig? Hatten wir eine Alternative, wenn wir nicht auf der Strasse pennen wollten? Nein! (Habe ich erwähnt, dass die Ankunft in Kairo spätabends erfolgte? Also fast Schlafenszeit, die weder Lust noch Zeit übrigliess, mit dem Taxi irgendwelche Hotels abzuklappern?) Wir liessen uns auf ein Gespräch ein mit 2 jungen gutaussehenden Ägyptern und hörten ihrem Angebot zu. Hotelbuchung und Touristenführungen - alles ist möglich! Wir buchten ein Hotel und für den nächsten Tag eine obligate Tour zu den Pyramiden, falls wir die Nacht überhaupt überleben sollten! Im Hotel angekommen - wir wurden von den Reisebüroleitern persönlich dort hingefahren - liessen wir uns das Zimmer zeigen und fielen erschöpft in unsere Betten. Unsere leeren Batterien schöpften keine Energien mehr für irgendwelche Sorgenkonstrukte, wir schliefen sofort ein.

Dem morgendlichen Aufwachen folgte sofort der Schreckmoment des Erwachens! Kopflos in Kairo! Was war über Nacht passiert? Sind unsere Pässe noch da? Ist unser Geld noch da, oder wurden wir über Nacht ausgeraubt? Eilig checkten wir unsere Sachen durch. Alles war so, wie es sein sollte. Hellwach und tonnenschwer erleichtert begaben wir uns zum Frühstücksraum. Wir brunchten ausgiebig und schätzten die zurückhaltend freundliche Art der Bedienung. Das tat gut, auch wenn wir immer noch nicht wussten auf welches Abenteuer wir uns da eingelassen hatten! Nach dem Frühstück sollte uns ein Kleinbus mit einer Reisegruppe abholen. Wir wussten beide, dass es ein 50prozentiges Risiko gab, dass unsere bezahlte Reisetour, sich in Luft auflösen könnte und wir Geld zum Fenster rausgeworfen hätten. Bestenfalls würde es klappen wie mit dem Hotel und wir hätten eine Lowbudget-Tour gebucht. Pünktlich - nach typisch schweizerischen Art- warteten wir wie abgemacht an der Rezeption. Wir mussten viel lachen, um unsere Anspannung auszuhalten und sie gleichzeitig abzubauen! Wie erstaunt waren wir, als pünktlich ein Bus vorfuhr, um uns abzuholen. Und, wie angekündigt, befanden sich noch andere Touristen drin. Konnte es wahrhaftig so einfach sein? Für den Moment sank unser Sorgenbarometer um einige Zentimeter, aber so ganz wohl fühlten wir uns noch nicht. Wir entschlossen uns jedoch, diesen Tag einfach zu geniessen und dann Tag für Tag weiterzuschauen. Und es war ein weiser Entschluss, der uns auch nicht schwerfiel. Denn die grandiose Kulisse der weltberühmten Pyramiden liess uns alle Sorgen schnell vergessen!

Da standen wir vor einem der sieben Weltwunder, das auf Papier millionenfach fotografiert und historisch dokumentiert wurde, und wir waren zum Anfassen nahe vor diesen einzigartigen Bauwerken! Monumente, so einmalig, imposant und mit Worten kaum zu beschreiben! Was Menschen in einer weit zurückliegenden Zeit ohne Maschinen zustande bringen konnten! Wirklich erstaunlich! Es lässt einen klein und nichtig erscheinen, und unsere ersten Blicke erfassten ja gerade mal ein kleiner Teil von dem, was die Pyramiden ausmachten. Die labyrinthartigen Gänge zu den Gräbern blieben uns im Wesentlichen verborgen. Filmszenen von mit Flüchen belegten Grabräubern, welche nach Öffnung von Grabstätten elendiglich sterben mussten, schossen als Gedankenblitze durch meinen Kopf. Die Vorstellung, es könnte ein Körnchen Wahrheit darin stecken, erhöhte den Rhythmus meines Herzklopfens, mein Adrenalin schien sich startklar zu machen, um loszufliessen. Kribbelt da was an meinem Körper? Ach, nur ein Schweisstropfen, der sich meinem Rücken entlang einen Weg aus meinem Körper suchte; die drückende Hitze begann ich erst jetzt wahrzunehmen. Die Sonne heizte uns erbarmungslos ein, und die reflektierende Wärme vom Sandgestein machte die Sache nicht angenehmer. Wie gern wäre ich jetzt in einer kühlen Grabkammer! Eigentlich lieber doch nicht, ich könnte mich ja verirren und nie mehr herausfinden, oder doch einem Fluch zum Opfer fallen und einen frühen Tod finden? Von weiteren vielen mystischen Geschichten erfuhren wir mehr, als wir das ägyptische Museum besuchten, was wärmetechnisch wesentlich angenehmer verlief, aber nicht weniger imposant war. Ich wurde überrollt von Eindrücken und einer immensen Menge an Ausstellungsobjekten. Da war eine Fülle! Ein Museum im wahrsten Sinne des Wortes vollgestopft mit altägyptischer Kunst, die von einer jahrhundertealten Kulturgeschichte erzählten. Alles wirkte chaotisch. Eine riesige, überfüllte Schatztruhe, die vor lauter Fülle kaum zu sortieren war. Fundgegenstände aus den Pharaonengräbern wurden uns gezeigt. Schon allein das bekannte Grab von Tutanchamun bestand aus vielen tausend Fundstücken. Wahrscheinlich wurden hunderttausende weitere Gegenstände dort zusammengetragen. Alles kaum in Worte zu fassen! Geheimnisvoll, mystisch und doch irgendwie sehr real!

Geflasht von diesen Eindrücken, machten wir uns auf den Rückweg zu unserem Hotel. Und wieder holten uns die Fragen ein, ob unsere persönlichen Sachen noch im Zimmer liegen würden. Alles sah so wie immer aus, misstrauisch durchsuchten wir akribisch unser Zeugs. Und wahrhaftig! Es war alles noch da! So langsam wagten wir, Vertrauen in unser Reiseabenteuer zu stecken. Wir entschieden uns dafür, unsere Herzen zu öffnen. Belohnt wurden wir mit einer herzlichen Wärme des Hotelpersonals beim Nachtessen. Aber auch ausserhalb des Hotels beeindruckten uns die Kairoer mit ihrer sympathischen Art. Zugegeben, wir beiden jungen Frauen fielen natürlich durch unser klassisch europäisches Aussehen auf, ich mit meinen blonden Haaren sowieso, was in dieser Kultur eine Seltenheit ist. Meine grünen Augen schienen viele Ägypter zu bestechen, jedenfalls wurden für mich viele hunderte Kamele geboten bei einer potenziellen Heirat. Natürlich nur zum Scherz, die Kairoer lebten damals schon fortschrittlich. Vielleicht galt dies nicht für jede Ecke in diesem Land, aber die Hauptstädter wirkten überraschend modern und zeitgemäss auf uns. Jedenfalls war ich dann doch froh, dass mich meine Freundin nicht eintauschen wollte, und wir schmiedeten weitere Pläne für den Restaufenthalt in Ägypten. So entschlossen wir uns für einen Ausflug nach Luxor.

Wie jeder andere Einheimische erreichten wir dieses Reiseziel mit dem Zug. Ein Muss und eine besondere Freude für uns Eisenbahnerfrauen! In Luxor wartete das Tal der Könige auf uns sowie die Karnak- und Luxor-Tempel. Ich war gleichermassen beeindruckt, wie in dem Moment, als ich vor den Pyramiden gestanden hatte. Jedes Bild in einem touristischen Reisekatalog war nur ein Abklatsch von einer Kulisse, die in der Realität einen fast umhaut. Einmal mehr fühlte ich mich verpflichtet, dieser uralten Kultur meine Hochachtung zu zollen. Nach so viel Kulturgenuss buchten wir eine Flussfahrt auf dem Nil. Sonnenbadend, gemütlich auf dem Deck liegend, liessen wir die Flussgegend auf uns wirken. Ganz anders als die kargen Wüsten im Hinterland, zeigten sich die nahen Uferregionen des Nils als fruchtbares Gebiet, welche eine willkommene farbige Abwechslung bot. Von den regionalen Früchten liessen wir uns gerne überzeugen, denn sie bestachen mit einer ausgeprägten Süsse. Ich genoss eine Orange, wie ich sie noch nie zuvor gekostet hatte. Was für ein Unterschied es doch ausmacht, eine Frucht an dem Ort zu geniessen, wo sie auch wächst und nicht erst nach langen Transportwegen und zudem unreif gepflückt. Einfach köstlich!

Wie typische Touristen stückten auch wir uns mit einem Skarabäus-Anhänger aus. Ein Symbol für Leben und Auferstehung, das im übertragenen Sinn Glück auf allen weiteren Lebenswegen bringen soll. Mit diesem Glücksbringer in der Tasche konnte nichts mehr schief gehen. Wir kehrten in das gleiche Hotel nach Kairo zurück, wo wir wiederholt herzlich willkommen geheissen wurden. Glücklich genossen wir die restlichen Stunden in Ägypten. Mit reichlich neuen Eindrücken und einem weiteren grossen Reiseabenteuer im Rucksack, kehrten wir in die Schweiz zurück. Eine Reise, die auch anders hätte verlaufen können. Enorm dankbar, dass dem nicht so war, und umso begeisterter, labten wir uns in den Erinnerungen, welche uns nach diesem Trip blieben. Und ja noch heute, 30 Jahre später, schütteln wir die Köpfe, lachen darüber und sind immer noch dankbar. Wir hatten eine Menge daraus gelernt.

Eine Reise bleibt immer ein Abenteuer. Mit einer guten Planung kann vielen Gefahren vorgebeugt werden, ein Restrisiko bleibt immer. Aber ist es nicht genau das, was wir suchen? Wagnisse einzugehen, kitzelige Momente erleben und diese als Erfahrung im eigenen Seelendasein zu verankern? Jeder Schritt auf unbewohntem Terrain ist wie ein Vorwärtswaten in trüben Gewässern, wo man nicht weiss, was unter den Füssen lauert. Ein rutschiger Stein, weicher Sand oder unangenehme Algen, die einem die Fussgelenke umringen? Ja man läuft Gefahr auszurutschen, aber in der Regel ersäuft man nicht gleich. So ähnlich sehe ich die Reiseabenteuer, auch wenn es mir damals nicht auf diese Weise bewusst war. Eine Region zu bereisen, mit dem Ziel irgendwann wieder in die Heimat zurückzukehren mit gewonnenen Eindrücken über Länder, Kulturen und Menschen. Auf der Durchreise neue Wege beschreiten und dies sprichwörtlich im Aussen wie im Innen. Ist nicht das ganze Leben eine Art Durchreise bis wir irgendwann irgendwohin zurückkehren? Natürlich lauern überall Gefahren und ja, der Tod ist auch ein Teil auf dem Reiseweg durchs Leben. Man kann sich nun fragen, ob wir leben, um sterben zu können, oder sterben wir, um leben zu können? Mit anderen Worten: Lasse ich mich von der Angst leiten oder vertraue ich dem Leben als Paket voller spannenden Überraschungen? Eine Durchreise, braucht manchmal Mut und Vertrauen, übertriebene Ängstlichkeit bremst und hindert ein Vorankommen auf dem Weg. Umfallen gehört dazu. Die kleinen Kinder machen es uns vor, wenn sie hinfallen. Sie weinen, werden bestenfalls getröstet und weiter geht’s. Solange man aufstehen kann, lohnt es sich, sich mit den gewonnenen Erfahrungen wieder aufzurichten. Es darf einem schwer fallen, man darf auch liegen bleiben. Wir haben die Wahl.  Damit will ich sagen, dass solche Reiseerfahrungen enorme Lern- und Lebensprozesse für mich bedeuteten. Es prägte mich dahingehend, darauf zu vertrauen, dass es immer Wege und Lösungen gibt. Das mag pathetisch klingen, und nein, es war mir damals nicht in diesem Sinne bewusst. Aber ich wäre keine weiteren Abenteuer eingegangen, wenn ich dieses Gefühl nicht in mir getragen hätte. Mag sein, dass dies in späteren Lebensjahren ab und an wieder in Vergessenheit geriet. Der Samen jedoch, war gesät. Mit dieser sinnbildlichen Fruchtbarkeit im Herzen, verbuchte ich unser Ägyptenabenteuer und machte mich innerlich erneut auf die Suche nach ein
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5.  Erwachsen oder so
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In den 90er Jahren wurde das Reisen plötzlich populär. Jeder wollte unbedingt nach Amerika. Begeistert erzählten USA-Rückkehrer von ihren Besuchen in diversen Nationalparks wie den Grand Canyon, Yosemite oder Yellowstone. Die leuchtenden Augen in den beeindruckten Gesichtern der Erzählenden waren Zeugen von gewaltigen Naturschönheiten mit einer Tiervielfalt, von denen wir Zurückgebliebenen nur träumen konnten. Touren durch die einzigartigen Sumpfgebiete der Everglades in Florida schienen zum Standardprogramm zu gehören, und selbstverständlich hatte jeder mindestens eines, der gefährlichen Krokodilen gesichtet. Ob erfunden oder nicht, an der Besonderheit solcher Erdstriche zweifelte ich nicht. Städtefans berichteten von wolkenkratzenden Hochhäusern und einer Menschendichte, die annähernd die Gesamtbevölkerung unseres kleinen Landes ausmacht. In geografisch entgegengesetzter Richtung lockte es viele junge Leute auf den australischen Kontinent mit potenziellen Reisehighlights wie dem Great Barrier Reef, das zu einem Tauchgang verpflichtete. Oder das Besteigen des Ayers Rocks, welcher von einer für uns fremden Urkultur erzählte. Da man diese Welt neu zu entdecken schien, wunderte es auch wenig, dass es zu dieser Zeit in der Literatur tatsächlich viel zu lesen gab über das Volk und die Kultur der Aborigines.

Fasziniert hörte ich allen Reiseberichten aufmerksam zu. Ich malte mir meine eigenen Bilder im Kopf. Beim Anschauen dieser Szenerien kitzelte es mich. Irgendwann wird meine Reisezeit kommen. Doch bei allem Fernweh spürte ich, dass es mich woanders hinzog. Je mehr Reisende die gleichen Orte wählten, desto gleichgültiger wurden diese Reiseziele für mich. Sicherlich waren das alles wundervolle Trips, und jedes einzelne Ziel eine Reise wert. Wäre da nicht diese sonderbare Regung in mir, die mir zu verstehen gab, dass das, was alle anderen tun, nicht unbedingt das ist, was ich auch tun muss. Mainstream mag ich nicht besonders. Gegen den Strom zu schwimmen, habe ich mir in meinem Leben nicht bewusst ausgesucht. Manchmal entschied ich mich dafür. Oft war es mein Lebensfluss, der für mich die Wahl traf. Es ist nicht immer ein leichtfüssiger Weg, wenn man nicht mit allem mitfliessen will. Es schwingt Einsamkeit mit, welche nicht mit Isolierung oder Verlassenheit gleichzusetzen ist. Eher so was wie, eins sein in seinem persönlichen Lebensfluss, was nicht dem Strom der Massen zu entsprechen braucht. Es bedingt mehr Kraft, die sich einzusetzen lohnt, weil es den Horizont von einer anderen Seite zeigt und ungewöhnliche Gesichtspunkte zulässt. Meist zeigt sich dieser Weg als stimmig für mich, da es sich auf mich bezogen gewinnbringend auswirkt. Jedenfalls zieht sich dieses Anti-Mainstream-Ding wie ein roter Faden durch mein Leben.

Ob nun bewusst oder nicht, mein Herz reagierte mit Fernweh und der Kompass zeigte in südwestlicher Himmelsrichtung. Südamerika! Das war mein grosser Traum! Zugegeben, so ganz ohne das breite Massending kam ich nicht durch, natürlich peilte ich ebenfalls touristische Reiseziele an. Der Hauptsog lockte mich nach Peru zum Machu Picchu. Das war für mich ein «Muss»! Das wollte ich unbedingt mal gesehen haben, über alles andere liesse sich diskutieren. Südamerika bereisen, am liebsten individuell als Rucksacktouristin, das wünschte ich mir. Und wenn schon, dann sollte es eine richtige Auszeit ohne Ablaufdatum werden. Für dieses Abenteuer wollte ich mich jedoch gut vorbereiten, und diese Planung brauchte etwas Zeit. Also kühlte ich mein Reisefieber in der Zwischenzeit mit einem kürzeren Trip, der zwei Monate dauern sollte. Ein guter Vorlauf für meine eigentliche Traumstrecke. Ich begleitete meine Freundin Claudia, die ich vom Sport- und Fasnachtsverein kannte, auf der Schlussetappe ihrer mehrmonatigen USA-Reise. Zwar führte mich das in die Vereinigten Staaten, aber treu nach dem «Nicht-Mainstream-Motto», wurden die Südstaaten für uns zum Reiseziel.

Eine besondere Herausforderung, die ich im Vorfeld zu bestehen hatte, war, dass ich unbedingt noch die Autoprüfung absolvieren musste. Denn wir planten die Reise mit Wohnmobil, wo auch ich mich für gewisse Strecken hinter das Steuer setzen sollte. Das Bestehen dieser Autoprüfung stellte sich definitiv als Knackpunkt für mich heraus. Wie bereits erwähnt, war ich ohne Auto aufgewachsen. Ich kenne die öffentlichen Verkehrsmittel bestens, aber Auto fahren – nee, das war bis anhin nicht mein Ding. Das heisst, es kam einer Trockenübung gleich, denn die einzige Fahrpraxis erfuhr ich in den Lernfahrstunden, die sich frappant häuften und zunehmend teurer wurden. Kein Wunder, dass ich 3mal zur Prüfung antreten musste! Da ich mein Erspartes bekanntlich lieber fürs Reisen auszugeben pflegte, musste eine andere Lösung her. Diese offenbarte sich mir in Form eines Freundes des Bruders von Claudia. Dieser liebe Freund (der übrigens später mein Ehemann wurde) stellte sein Auto und sich als Lehrfahrer zur Verfügung. Längere Exkursionen mit dem Auto standen von nun an auf dem Programm. Ungewohnt und eher unsicher stellte ich mich dem Plan, denn es blieb mir keine andere Wahl, wenn ich nach Amerika in Urlaub wollte. Das Reisen auf Strassen anstatt auf Schienen ermöglichte tatsächlich andere Ausflüge. Und ja, wie ich den lieben Freund manchmal dafür hasste, dass er mich auf engen Fahrstrassen die Berge hochjagte. So schön das Ziel auch immer war, ich hatte es mit viel Angstschweiss verdienen müssen, mein Beifahrer vielleicht auch, aber der war ja selber schuld. Die Fahrpraxis krönte im Erfolg der endlich bestandenen Prüfung. Und der geplante Urlaub klopfte schon mächtig an der Tür. Jetzt konnte es losgehen!

USA und Südstaaten
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5.1.  Erwachsen oder so – USA und Südstaaten.
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In London Heathrow strandete ich, bevor es überhaupt losgegangen war. Dass der Start meines neuen Reiseunterfangens missglückte, davon berichtete ich schon. Auf dieser Tour verpasste ich in London meinen Anschlussflug, der mich zu meiner Freundin nach Miami hätte befördern sollen. Das Einzige, was weitertransportiert wurde, war mein Rucksack, also mein gesamtes Reisegepäck. Da sass ich fest, und es schien sich niemand für meine Tragödie zu interessieren. Ich machte meinem Ärger Luft, indem ich mich heftig beklagte, was mir zumindest eine bezahlte Hotelübernachtung einbrachte. Am folgenden Tag würde Miami wieder angeflogen, ich könne mit meinem Ticket in diese Maschine steigen. Schön! Aber was war mit meinem Gepäck? Wer würde das meiner Freundin erklären, die zum abgemachten Zeitpunkt in Südflorida auf mich warten sollte? Ja heute wäre das kein Problem. Das Handy zücken und anrufen. Damals waren wir von so moderner Telefonie noch weit entfernt; und da meine Freundin mit Wohnmobil auf mich wartete, konnte ich sie in keinem Hotel kontaktieren. Wird sie in Miami auf mich warten und werde ich mein Gepäck je wiedersehen? Mit all diesen Fragen im Kopf verbrachte ich die Stunden im Hotel. Irgendwann beruhigte sich mein Gemüt, so dass ich das Ganze als das Annehmen konnte, was es war: Etwas, das nicht nach Plan verläuft, eine Unterbrechung eines Entwurfes, den es neu zu skizzieren gilt. «Du willst reisen? Also gewöhne Dich an solche Abenteuer!» Einfacher gedacht als getan. Dennoch stimmte mich diese Einstellung zuversichtlicher, und ich nahm mir vor, ein Schritt nach dem anderen zu gehen, und dann würde schon alles irgendwie aufgehen. Hoffentlich! Der Flug nach Miami verlief tatsächlich reibungslos. Die Spannung stieg als ich auf dem amerikanischen Kontinent festen Boden unter den Füssen hatte und ich das Gate verliess. Wie war das noch Mal? Schritt für Schritt. Und diese steuerten in Richtung «baggage claim». Einsam und verloren, stand er da, mein Rucksack, wie bestellt und nicht abgeholt, was ja der Sache sehr nahekam. Erleichtert griff ich nach meinem Hab und Gut. Und nun? Der nächste Schritt, der aber eigentlich nicht ich machte. Plötzlich kam da jemand auf mich zugelaufen! Wie war ich doch überrascht, als mich ein bekanntes Gesicht plötzlich anstrahlte. Ich erkannte meine Freundin! Wie konnte das sein? Dass man sich am Schalter über Verspätungen, Anschlussflüge und Fluggäste informieren kann, darauf wäre ich nicht gekommen. Ich war sowas von erleichtert! „I’m landed“!

Wir durchquerten Florida auf dem Weg zu unseren Etappen durch die Südstaaten North und South Carolina, Virginia, Georgia, Alabama, Tennessee, Mississippi, Arkansas, Louisiana und Teile von Texas. Die genaue Reiseroute vermag ich nicht mehr zu rekonstruieren, das ist doch zu lange her. Wir hatten einen ungefähren Plan, durch welche Orte wir ziehen wollten, liessen uns jedoch meistens auf spontane Bedürfnisse ein. Etwas, was mich gleich zu Beginn beeindruckte, war, die Grösse dieses Landes im Alltag zu erfahren.  Eine Strecke von Punkt A nach Punkt B brachte uns auf der Landkarte nur einen Fliegenschiss weiter. Sehr vorteilhaft hingegen, zeigten sich die breit befahrbaren Strassen. Für mich als Driver-Neuling ein wunderbares Willkommensgeschenk. In keinen Parkplatz mussten wir uns reinquengeln, die Parkings waren riesig und entsprechend gross die Parkfelder. Dasselbe galt für die Campingplätze, ungestört konnten wir uns grosszügige Stellplätze aussuchen. Das machte das Reisen leicht und sehr angenehm! Auch schmale Bergstrassen blieben mir erspart! Hingegen boten die Grossstädte mit dem typischen städtischen Verkehr, eine Herausforderung. Neu musste ich mich auf 3-4 Fahrspuren konzentrieren. Gut zu wissen, dass wir uns abwechseln konnten.

Natürlich hatte ich mich eingelesen, was uns in den Südstaaten so erwarten könnte. Womit ich nicht gerechnet hatte, ist der unterschwellige teils auch offenkundige Rassismus, der gegenüber der dunkelhäutigen Bevölkerung damals (wie heute?) entgegengebracht wurde. Gerne waren wir in Bars unterwegs und freuten uns, über nette Kontakte mit der lokalen Bevölkerung. Uns war die Hautfarbe völlig egal, Sympathie hiess unser Massstab. Je nachdem wurden dann nur meine Freundin und ich bedient, die Begleitung blieb leer aus. Das zwang uns manchmal dazu, das Lokal zu wechseln. Etwas naiv, glaubte ich, dieses Süd- und Nordstaatending sei alter Käse und schimmle nur noch in den Geschichtsbüchern vor sich her. Nichts da! Meine zweite ernüchternde Erfahrung auf dieser Reise. Was gab es noch alles in meinem persönlichen Meinungs- und Wissenslexikon, das ich korrigieren sollte? Zum Beispiel, dass die offene und spontane Art der Amerikaner uns in mancher Bar zu Gratis-Drinks verholfen hatte und dabei auch gute Gespräche und Freundschaften entstanden waren. So erinnere ich mich an einen wohl typischen Sonntagnachmittag in einer Bar, wo ein footbal game mit dem einheimischen Team am TV mitzuverfolgen war. Ich hatte keine Ahnung vom Spiel, und es war mir komplett egal, wer den Sieg davontragen würde. Aber weil unsere neu gewonnenen Freunde mit ihrem Team so mitfieberten, taten wir das auch und verbrachten bei reichlich Bier und guter Laune einen herrlichen Nachmittag! Häufig wurden wir auch zu den neuen Bekanntschaften privat eingeladen. Dabei ging es nie um Sex oder Anzügliches, es war schlichtweg wahre Gastfreundschaft. Etwas, was mich nachhaltig beeindruckte, war ich mir aus unserer Kultur viel mehr Skepsis gewöhnt. Da meine Freundin in den USA schon ein Austauschjahr verbracht hatte, kannte sie sich mit amerikanischer Gastfreundschaft aus und wusste, dass das einfach ein sympathischer Wesenszug der Menschen hier war. Das wussten wir sehr zu schätzen, weil es einerseits unterhaltsamer war, uns die lokalen Begebenheiten aus einheimischer Sicht zeigten, und es schonte definitiv unser Reisebudget.

Diese Kontakte, diese Begegnungen waren schlussendlich auch das, was diese Reise ausmachte. Ich erinnere mich jedenfalls an wenige Sehenswürdigkeiten aus diesen Staaten. Nicht, dass es nicht solche gegeben hätte. Städte wie Savannah und Charleston machten dem Namen «Sehenswürdigkeit» alle Ehre, da brauchte es nicht noch ein spezielles Museum oder Gebäude. Aber es war nicht diese Art der Highlights, die wir suchten. Wir liessen uns von den persönlichen Begegnungen beeinflussen, hörten auf ihre Empfehlungen und fanden so häufig einzigartige Wege in die Natur.

Einer dieser Wege führte uns in die Great Smokey Mountains. Die herbstliche Jahreszeit passte, um die Farbenpracht des riesigen Waldgebietes zu bestaunen. Der Wald, der den Nationalpark bedeckt, gehört zu den ältesten Wäldern der Erde und ist das größte Urwaldgebiet. Der Smoky Mountains Gebirgszug verläuft zwischen Tennessee und North Carolina. Also lag es praktisch auf unserem Weg. Auch hier bestach wieder die immense Fläche eines Gebietes, so viel Platz wie es in der kleinen Schweiz nie möglich wäre. Sie würde einen mittelgrossen Kanton voll mit Wald bedecken. Zugegeben, eine wunderschöne Vorstellung!  Auch hier wurden wir wieder von einem Wildfremden auf einen Kaffee in sein Haus eingeladen. Ein einsam gelegenes Blockhaus an einem grossen See umgeben von farbigen Bäumen, soweit das Auge reicht. Ich war so ergriffen von diesem Farbenspiel in einer gigantischen Weite, eine unvergleichliche Naturkulisse, was mich die Gastfreundschaft dieses alten Herrn fast vergessen liess.

Unterwegs im Wohnmobil hörten wir dauernd Radio, meistens blieben wir auf einem der Country-Sender hängen. Der Country-Rock-Style war damals neu am Aufkommen und begeisterte uns. Als etwas hardcore empfanden wir den alten Stil, wo mit viel Steelguitar Musikwellen erzeugt wurden, die unsere Ohren dann doch überforderten. Bei der Country-Rockmusik blieben wir jedoch hängen, und sie begleitete uns die ganzen 8 Wochen lang. Nashville, wir kommen! Diese Station drängte sich geradezu auf, und wir freuten uns auf diesen Zwischenstopp, der etwas länger als gedacht ausfiel. Livemusik in einer Bar ist An und für Sich schon was Unterhaltsames; wenn die Musiksessions aber vor dem Hintergrund stattfinden, dass hier ein Sänger steht, der ein potenziell angehender Star werden könnte, machte es das Bühnenspiel besonders reizvoll. Halt so typisch amerikanisch, vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Bar-Sänger zum Weltstar. Viele Musiker suchen (auch heute noch) hier ihr Glück, hoffen, dass sich ihre Träume von der grossen Bühne erfüllen werden. Und tatsächlich weiss man nie, ob nicht zufällig ein Agent oder Manager in der Bar sitzt und mithört. Schon so mancher Country-Star wurde derart in Nashville entdeckt. Nicht umsonst steht in dieser Stadt die «Grand Ole Opry» DIE Country-Konzertbühne, wo neue Stars, Superstars und die Legenden der Countrymusik auftreten. Hinter solchem Hintergrund war jeder Liveauftritt ein Feuerwerk, jedenfalls fühlte und hörte es sich für uns Laien so an. Diese Kulisse bot genug Stoff zum Träumen und Verlieben. So geschehen, uns hatte es kalt (oder doch eher heiss?) erwischt. Also mussten wir uns fragen, ob wir für länger bleiben wollen, oder schweren Herzens doch unseren Reiseweg fortsetzen werden. Wir haben uns für Zweiteres entschieden.

Musikalisch hätte es in Memphis weitergehen könne, auf den Spuren des legendären Rock Stars Elvis Presley. Irgendwie gelüstete es uns nicht nach Totenbesuche. Obwohl eine Besichtigung von Graceland sicher eindrucksvoll gewesen wäre. Der Ehre vom King nähme es keinen Schaden, wenn wir diesen Besuch auslassen würden. Ich glaube dieses Mainstream-Dings ging da wieder mal mit uns durch. Den musikalischen Spuren blieben wir treu, und peilten ein anderes Grossstadt-Highlight an. New Orleans! Klischeehaft zeigte sich die Stadt des Nachts voller Aktivität. Die Bars waren voll, Jazzmusiker jeglichen Stils (sofern ich das als Banause überhaupt beurteilen konnte) zeigten ihr Können. Ganz anders als in Nashville ging es hier nicht vordergründig um potenzielle Berühmtheit. Nein, das war einfach pure Lebensfreude und Liebe zur Musik. Dieses seelenhafte «Soulspirit», berührte, ob man etwas von der Musik verstand oder nicht. Es traf einen in der eigenen Seele. Crazy und voller Lebenslust. Diese Stimmung vibrierte durch die Luft der ganzen Stadt. Viel wahrscheinlicher ist, dass es sich auf das «French Quarter» beschränkte. Dass man hier von der «Wiege des Jazz» spricht, ist wahrhaft keine Untertreibung. Es lud zum Feiern und Tanzen ein. Kein Wunder bekamen wir von der historischen Altstadt, wofür dieses Quartier ebenfalls bekannt ist, nicht allzu viel mit. Die Gebäude hoben sich durch einen deutlich ungewohnten Stil ab, aber das war es auch schon, was wir mitbekamen. Wer nachts feiert, verschläft den Tag. Für mich war ebenfalls schleierhaft, dass man als Gast einfach in eine Bar reinsteuern kann, und gratis von Live-Musik profitieren durfte. Ich war mir gewohnt, für alles Eintritt bezahlen zu müssen. Kulturelles Gut bleibt wohl Lebensstil und lässt sich nicht auf Konzertmomente reduzieren. Ich hinterfragte nicht länger, sondern genoss diesen Vorteil in vollen Zügen. Ich registrierte aber einmal mehr, dass wir in unseren Kreisen von dieser Lebensfreude gut und gerne eine Scheibe abschneiden könnten.
Was mir erst in späteren Jahren bewusst wurde, ist, dass diese Lebensfreude bis in deren Bestattungskultur, sozusagen über den Tod hinaus spürbar ist. Eine Jazz-Beerdigung, deren Ursprünge aus New Orleans stammen, habe ich während unseres dortigen Aufenthaltes nicht zu Gesicht bekommen. Als ich mich auf späteren Wegen mit dem Tod und Sterben auseinandersetzte und erfasste, dass Trauer sehr verschiedene Formen annehmen kann, erinnerte ich mich an New Orleans, an diesen von Jazz geprägten Ort und konnte mir dabei gut vorstellen, dass sich diese Kultur, beim Bestatten eines Verstorbenen durchwegs auch freuen kann.  In der Trauer wird hier Freud und Leid im Bestattungsritus verbunden und musikalisch zum Ausdruck gebracht. Zu einer typischen Jazz-Beerdigung gehört ein Trauerzug, der sich vom Haus des Verstorbenen, dem Bestattungsinstitut oder der Kirche zum Friedhof bewegt und von einer Brassband begleitet wird. Während der gesamten Prozession spielt die Band düstere Klagelieder und Choräle. Der Ton der Zeremonie ändert sich, wenn der Tote beerdigt wurde und die Angehörigen sich zum letzten Mal vom Toten verabschiedet haben. Danach wird die Musik fröhlicher. Die Festgemeinschaft feiert das Leben des Verstorbenen. Sie tanzen und singen, schwenken Sonnenschirme und Taschentücher in der Luft. Mich berührt diese Ausdrucksform jedes Mal, wenn ich Bilder davon sehe. Es verbindet das Leben mit dem Tod, Freud und Leid, Trost und Trauer in einer höchst kreativen Form. Es ist für mich der Inbegriff dafür, dass wir hier auf Erden nur auf der Durchreise sind.

Vorbereitung
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6.1.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Vorbereitung.
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Die Zeit war reif, meine Reisevorbereitungen für Südamerika endlich in Angriff zu nehmen. Lange genug gärten die groben Pläne in meinem Kopf. Sie wollten raus und in die Tat umgesetzt werden. Mir schwebte eine lange Auszeit vor, mindestens ein halbes Jahr oder länger. Am liebsten so ganz ohne Rahmen, ich wünschte so wenig Begrenzung wie möglich, wollte mich möglichst frei und unabhängig bewegen können und mir viele Möglichkeiten offenlassen. Dass ein unbezahlter Urlaub von Arbeitgeberseite nicht in Frage kam, störte mich deshalb nicht. Ich fasste den Entschluss, meinen Job an den Nagel zu hängen und irgendwann, irgendwo einen Neuanfang wagen. Das würde sich dann schon alles ergeben. Die nett gemeinten Ratschläge, einen solchen sicheren Job in Zeiten der Rezession nicht einfach aufzugeben, ignorierte ich. Ich war jung und unabhängig, wenn es darauf ankäme, würde ich auch mit putzen mein Geld verdienen können. Von einer Rezession liess ich mir meine Reisepläne nicht durchkreuzen. Die sonnige Kehrseite, wenn man gegen den Strom schwimmt, strahlte mir schon zu lange entgegen. Die gesäten Samen des eigenen Weges aus der Kindheit und Jugendzeit entwickelten sich zu Sprossen, die sich aus der schweren Erde befreiten, und sich einen neuen Weg bahnten, um sich entfalten können. Dieses Wachstum bedingt eine gute Grundlage, um nicht bei der ersten Dürre komplett auszutrocknen. Mit einer guten Vorbereitung wollte ich eine solide Basis legen, ich begann mich in viele Reiseberichte einzulesen.

So ganz rahmenlos ging es dann doch nicht. Ein paar Überlegungen machte ich mir schon. Zum Beispiel stand von Anfang an ausser Frage, dass ich den ersten Teil meiner Auszeit als Sprachaufenthalt beginnen wollte. Die Sprache bot für mich der Schlüssel zu den Menschen. Wenn ich also ausserhalb des touristischen Rahmens etwas von Südamerika erfahren wollte, brauche ich zumindest rudimentäre Spanischkenntnisse. Ich wusste aus vielen Berichten, dass man sich auf dem südamerikanischen Kontinent vielerorts auch auf Englisch verständigen konnte. Und es war gut zu wissen, dass dies eine Notlösung bieten könnte. Jedoch käme diese Variante einer Distanziertheit gleich, die ich zu vermeiden hoffte. Denn in den Augen vieler Südamerikaner wurde man als englischsprechende Person automatisch als «Gringo» gleichgestellt, was eine eher abschätzende Bezeichnung für Weisse bzw. US-Amerikaner war. Ich sah darin eine Wertung, mit dessen negativen Wunden ich nichts zu tun hatte. Ich hoffte, dass meine Bemühungen, mich in der Landessprache und auf Augenhöhe auszudrücken, mir leichteren Zugang zu den Menschen bringen würden. An meiner Herkunft konnte ich nichts ändern, aber ich kann die Haltung steuern, wie ich anderen Menschen begegnen will. Und da ich mich als sprachbegabt bezeichnen darf, ergaben sich daraus die ersten Eckdaten: Ein vierwöchiger Sprachaufenthalt mit Familienanschluss in Quito, der Hauptstadt Ecuadors.

Der zweite Etappenplan sollte mich zu meinem Traumziel dem Machu Picchu führen. Als individuelle Rucksacktouristin durch Peru zu reisen, wäre damals einer Reise mit Zeitbombe gleichgekommen, da zu der Zeit die Guerillakrieger des «sendero luminoso» immer noch aktiv waren. Der «leuchtende Pfad» führte einen bewaffneten Konflikt gegen die peruanische Regierung, welche immer wieder zahlreiche Todesopfer forderte. Die Hauptaktivitäten schienen beendet zu sein, jedoch hörte man immer wieder von Überfällen mit Toten, darunter leider auch oftmals Zivilisten. Um dieser Gefahr am sichersten zu begegnen, entschied ich mich für eine geführte Reise durch Peru. Ich buchte ab Quito eine 3wöchige Tour mit einer englischen «expedition company». Heute würde dies wohl «Eventtouren-Anbieter» heissen oder ähnlich.  Erfahrene Guides führen Reisende auf einer bestimmten Strecke mit einem Overland-Truck durch das Land und dies auf verschiedenen Kontinenten dieser Erde. Ich durfte also annehmen, dass diese Firma mit ihren Angestellten sehr reiseerprobt war. Und es kam meiner Vorstellung von Reisen sehr nahe. Perfekt! Das klang nach Abenteuer! 

Die restlichen Etappen wollte ich offenlassen. Alles zu Durchplanen erschien mir langweilig. Zudem würden die Pläne vor Ort höchstwahrscheinlich sowieso durchkreuzt. Ich informierte mich über Reiseziele, die mir zusagten, um eine ungefähre Vorstellung über eine Route zu bekommen. Das meiste Wissen dafür entnahm ich einem speziellen Reiseführer, der mich auf alles vorbereitet hatte und den ich später unterwegs auch nie aus den Augen liess. Er wurde zu meinem «Überlebensbuch». Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Titel.  Weisser Rahmen, rote Schrift auf dem Cover, das ist alles. In Grösse und Dicke in etwa mit einem durchschnittlichen Duden 19x13cm vergleichbar. Gerade so noch in mein Handgepäck passend. Darin waren allgemeine Reiseinfos festgehalten, Unterkünfte aus vielen Erfahrungsberichten, Tipps und Tricks wie man sich verhalten sollte. Zum Beispiel, dass man keine Fingerringe tragen sollte: Bei einem Überfall könnte es sein, dass einem der Schnelligkeit wegen, deswegen die Finger abgehackt würden. Es beinhaltete noch viele solcher kleineren und grösseren Hinweise. Sie waren in meiner Vorbereitung enorm wertvoll. Es lehrte mich, den nötigen Respekt und Umgang für verschiedene Situationen zu finden. Unterwegs profitierte ich im Reiseführer von den vielen detaillierten Unterkunftsbeschreibungen. Meine grobe Reiseroute stand dann bald auch fest: Ecuador, Peru, Bolivien, Chile, Argentinien. Detailbestimmungen sollten unterwegs passieren

Zu den Vorbereitungen gehörte auch, einige Eckpunkte festzulegen, um den Zu Hause Gebliebenen meine Route nachvollziehbar zu machen, wann ich wo ungefähr sein würde. Dies ermöglichte Familie und Freunden mir Post zu schicken, postlagernd an die Schweizer Botschaft innerhalb eines gewissen Zeitraums. Ich erkundete, in welchen Städten es Botschaften gab, was in den Hauptstädten meistens der Fall war. Viele davon besuchte ich ja sowieso. Weitere Eckpunkte plante ich als mögliche Treffen mit anderen Reisekollegen. Ich kannte 1-2 Freunde, die im gleichen Zeitraum in Südamerika unterwegs waren. Wir glichen unsere Reiseroute ab, und verabredeten uns zu einer bestimmten Zeit an einem gewissen Ort. Dies bedeutete dann ein Date zu haben, das ungefähr so lautete: Wir treffen uns ungefähr in der Woche xy in der Unterkunft sowieso. Wenn es passt, dann passts, wenn nicht auch gut. Bei Ankunft und Abreise ohne sich getroffen zu haben, hinterlässt man eine Nachricht. Ein solches Date war zum Beispiel in Bariloche (Argentinien) geplant. Ich erinnere daran, dass wir damals weder Handy noch Internet kannten.

Bevor es tatsächlich losgehen konnte, musste noch ein Haufen anderer Krimskrams erledigt werden:  Reiseausstattung organisieren, Reiseversicherung abschliessen und das Sistieren oder Umleiten des ganzen bürokratischen Hintergrundes eines Menschen. Da ich in einer WG wohnte, musste ich wenigstens die Wohnung nicht kündigen, das wäre sonst auch noch dazu kommen. Übrigens reisten wir früher mit Reisechecks. Zwar hatte ich auch damals eine Kreditkarte dabei, diese konnte man aber nur an wenigen Orten, meist in Hauptstädten oder mit Glück in grösseren Hotelbetrieben einsetzen. Mit den Checks hatte man den Vorteil, dass man bei einem potenziellen Raub diese von der Bank zurückerstattet bekam. Bei Diebstahl des Bargeldes war und blieb es weg. Gute Verstecke waren immer hilfreich. Meistens trug ich die wichtigsten Dinge am Körper mit einer speziellen Gurttasche, im Wissen darum, dass wenn mir bei einem potenziellen Überfall die Finger abgehackt werden könnten wegen eines Ringes, dann würde mich eine solche Körpertasche auch nicht weit bringen. Aber für den Reisealltag musste es ausreichen.

Bereit? Ja, und wie!  Das Ticket in der Hosentasche mit definitivem Abflugdatum im September 1993 nach Quito. Rückreise ab New York, irgendwann, Datum offen…. Es kann losgehen!


 

Ecuador
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6.2.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Ecuador.
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Während den langen Flugstunden über den Teich nach Quito, fragte ich mich, wie es mir in der Familie wohl ergehen würde. Mein letzter Sprachaufenthalt in England hatte ich in bester Erinnerung. Würde ich auf dem südamerikanischen Kontinent auch so gut aufgehoben sein? Ich freute mich und war gespannt, auf das Kennenlernen der Familie und das Lernen einer neuen Sprache.  Ein paar Notwörter hatte ich im Vorfeld schon gepaukt. Wahrscheinlich sollten diese wenige Brocken meine Hilflosigkeit kaschieren, ein Gefühl, das mir durch Mark und Bein geht, wenn ich mich nicht verständigen kann. Ich weiss nicht, was ich in einem Land tun würde, zu deren Sprache ich null Bezug hätte und deren schriftlicher Ausdruck mehr gemalt als geschrieben wäre. Ich würde mich komplett verloren fühlen. Mein Kontrollinstinkt liesse mich im Vorfeld wohl für ein Sprachstudium anmelden. Das Vertrauen in meine Kenntnisse von anderen romanischen Sprachen liess mich hoffen, dass ich im Notfall Wörter aus der italienischen oder französischen Sprachfamilie ableiten könnte; irgendwo gäbe es sicher einen Treffer, womit man eine Lösung erarbeiten könnte. Deshalb fühlte ich mich in der spanischen Sprache nicht ganz so verloren, auch wenn ich ihr noch nicht kundig war. Allerdings weiss ich nicht mehr, wie ich damals der Familie mitteilte, wann und mit welchem Flug ich in Quito landen würde. Per Post auf Englisch? Über die vermittelnde Sprachschule? Ich weiss es nicht mehr. In meiner Erinnerung zeigt sich nur noch die Überzeugung, dass abgemacht war, dass meine Gastfamilie mich am Flughafen abholen würde. Diesen Gedanken hing ich nach, eine Mischung aus Unsicherheit, ob auch wirklich alles klappen würde. (Sicherheitshalber hatte ich die mehrfach kontrollierte Adresse in meiner Hosentasche. Zur Not würde mich hoffentlich auch ein Taxi hinbringen…) Mehrheitlich suhlte ich mich aber in der Vorfreude auf Reiseabenteuer, auf meinen Traum, den ich schon lange geträumt hatte und sich nun in Realität verwandelte.

Schon der Anflug auf die riesige Hauptstadt Ecuadors war imposant. Die bereits eingetroffene Dunkelheit machte daraus ein magisches Schauspiel. Tausende Lichter, die mir entgegenstrahlten, eine riesige Stadt, eingebettet in einem auf 2800 m hochliegenden Anden-Becken. Na ja, die Höhe war mir zunächst egal, die dünne Luft sollte ich erst in den darauffolgenden Tagen zu spüren bekommen. Erst mal sicher landen und dann schauen, was mich am Boden erwarten würde. Nervös, aber voller Zuversicht begab ich mich zur baggageclaim. Koffer, Taschen, Rucksäcke zogen auf dem Gepäckband an mir vorbei. Wo blieb denn nur mein Rucksack?  Ich kannte diese Situation ja bereits, also durchatmen und warten, das würde sich schon klären. Die Luft zum Durchatmen half nicht, ich wurde immer nervöser. Bitte nicht schon wieder, das hatte ich doch schon mal! Ich kam zunehmend unter Druck, denn draussen wartete meine Familie auf mich, und ich suchte hier verzweifelt nach meinem Rucksack! Bis meine Hirnwindungen endlich die Kurve kriegten und ich zu realisieren begann, dass mein Gepäck erst am darauffolgenden Tag eintreffen würde, dauerte es ein paar Minuten. Dann machte ich mich schleunigst auf den Weg zum Ausgang, eindringlich hoffend, dass mir nicht auch noch die Gastfamilie verloren gegangen war. Erleichtert erkannte ich schnell, dass ich erwartet wurde. Da standen zwei freundliche Menschen, die ein Schild mit meinem Namen in die Höhe hielten. Glücklich steuerte ich auf sie zu. Ich verstand kein Wort, aber die Körpersprache liess keinen Zweifel übrig, dass ich herzlich willkommen geheissen wurde. Sympathische, lachende und offenherzige Gesichter begrüssten mich. Ich war so froh, dass sich dieser erste Kontakt so gut anfühlte. Sprache besteht eben nicht nur aus Worten, was ich hier deutlich erfahren durfte. Der Blick der fröhlichen Gesichter wechselte plötzlich auf fragend, begleitet von einer Geste, die wohl das Heben eines Koffers darstellen sollte. Ich übersetzte diese Mimik und Gestik in die Frage nach meinem Gepäck. Ja, und wie sollte ich das jetzt erklären? Da quasselte es automatisiert aber erfolglos englisch mit mir. Doch halt! Mein Notfallsprachset regte sich und ich murmelte sowas wie: «Maleta, mañana!» Koffer, morgen! Sie staunten, ich staunte, wir blickten uns wissend an, denn die Botschaft schien angekommen zu sein. Ich freute mich einfach nur noch auf ein Ankommen und ein Bett. Der Rest kann auch am nächsten Tag noch besprochen werden.

Erst am nächsten Morgen begann ich zu realisieren, dass ich nicht der alleinige Gast in der Familie war. Im Zimmer nebenan logierte ebenfalls eine Studentin. Sie stammte aus der italienischsprachigen Schweiz. Sie war eine Woche zuvor angekommen und besuchte die gleiche Sprachschule, bei der ich mich angemeldete hatte. Wir glaubten es kaum, als wir herausfanden, dass wir auch den gleichen Beruf bei den Schweizerischen Bundesbahnen ausübten. Naja, ich ja mittlerweile nicht mehr, aber immerhin hatten wir die gleiche Berufsvergangenheit. Dann konnte nichts mehr schief gehen, das erleichterte mir den Start ungemein. Sie nahm mich unter ihre Fittiche, was ich sehr gerne zuliess. Zu meiner Gastfamilie gehörte ein Ehepaar mit zwei erwachsenen Söhnen und einer indigenen Hausangestellten, die hauptsächlich für das leibliche Wohl zuständig war. Sie kochte für die ganze Familie und das meistens sehr lecker. Ich erinnere mich an eine Ausnahme, die weniger mit ihren Kochkünsten als mit der Art und Weise der Zubereitung zu tun hatte. An einem Feiertag sollte es einen besonderen Leckerbissen geben, den man mit uns als Gäste des Hauses auch teilen wollte. Frische Krustentiere! Das wäre ja grundsätzlich was Essbares. Als ich aber mitansehen musste, wie sie die Krebse lebend, aufeinandergeschichtet und eng zusammengebunden auf dem Markt besorgten und genauso lebend in siedend heisses Wasser legten, erst da wurde mir klar, woher die grellrote Farbe an den Krustentieren stammte. Mir verging der Appetit. Ich war keine heikle Esserin, das vereinfacht die Verköstigung auf Reisen ungemein. So störten mich, die regelmässig gleichen Thunfisch-Sandwiches als mittägliche Zwischenverpflegung überhaupt nicht. Aber das Mitansehen, wie das verschnürte Lebenspaket gegart wird, das lag als Kloss schwer in meinem Magen. Von der Familie amüsiert belächelt (dies sei halt so), akzeptierten sie meine Essensverweigerung ihrer Leibspeise, und ich konnte trotzdem den Festtag mit ihnen geniessen. Ich wusste, aus meinem Reisestudium, dass es in Südamerika üblich ist, Meerschweinchen (cuy) zu halten, die dann schlussendlich in der Pfanne enden würden. Obwohl ich das Meerschweinchen als Haustier lieben gelernt hatte, konnte ich gut damit leben, dass es andernorts als Nutztier diente. Meerschweinchen brauchen definitiv weniger Platz als Schafe oder Kühe und ist in der Haltung dadurch sicherlich einfacher. Als Fleischesserin kam ich damit gut zurecht. Aber das Mitansehen, das Tiere am lebendigen Leib verbrüht werden, ging mir doch zu sehr gegen den Strich.

Die ersten Tage in Quito wollte ich langsam angehen, musste sich mein Körper doch erst mal an die Höhe gewöhnen. Ruhig akklimatisieren, langsame Spaziergänge, die dünne Luft einatmen und viel trinken. Wir hatten jeweils am Morgen Schule, der Nachmittag stand zu unserer freien Verfügung. Unterrichtet wurden wir in einem 1:1 Setting. Unsere Lehrer waren einheimische, junge Studenten, die sich mit Unterrichten ihr eigenes Studium finanzierten. Geleitet wurde die Schule von einer Frau, was in einem Land, das nach wie vor vom übersteigerten männlichen Macho-Gefühl (lokal «machismo» genannt) dominiert wurde, eher ungewöhnlich war. Insgesamt waren wir etwa 4 Studierende, die von je 3 Lehrerinnen und 1 Lehrer unterrichtet wurden. Diese Grösse liess eine fast familiäre Atmosphäre zu, die uns Schüler auch ermutigte, in der spanischen Sprache Diskussionen zu führen. Was mussten wir lachen, wenn wir uns mit anderen Sprachfetzen zur Not behalfen und dabei aus der Butter ein Esel wurde. Gleiche Wörter bedeuten nicht zwangsläufig dasselbe, so ist der italienische «burro» die Butter, und der spanische «burro» der Esel. Nichtsdestotrotz verband uns eine vertrauensvolle Atmosphäre, die solche Lacher erlaubte und uns weiter ermutigte, Fragen zu stellen und rege die spanische Sprache zu üben.

Was mich brennend interessierte, war, wie die indigene Bevölkerung im Gesellschaftssystem eingebettet war. Und einmal mehr musste ich feststellen, dass es auch hier deutliche Klassenunterschiede gibt, auch wenn sie nicht so offensichtlich und rassistisch gelebt wurden wie andernorts. Armut war spürbar vorhanden, denn wir Touristen wurden überall, wo wir hingingen, von bettelarmen Kindern geradezu belagert. Wobei die Kinder teils auch dahingehend abgerichtet waren, sich möglichst mitleiderregend darzustellen, um potenzielle mitleidige Touristen auszunutzen. Es war nicht immer einfach, an den schwarzen Kinderaugen in schmutzigen Gesichtern mit schnodderiger Nase vorbeizugucken. Doch selbst daran gewöhnt man sich, und irgendwann wird die Penetranz so nervig, dass man die Armut zu ignorieren beginnt. Man kann nicht jedem helfen! Das mussten wir uns zu Herzen nehmen, sonst macht man sich in solchen Ländern seelisch kaputt. Ich fand es hilfreich, kritische Fragen an unsere Schulfamilie stellen zu dürfen. Ich musste dabei ja nicht alles gut finden, aber es erleichterte ungemein das Ankommen in einer fremden Kultur. Dieser «machismo» zum Beispiel fand ich damals wie heute altbacken, und trotzdem war es Teil dieser Kultur. Das kriegten wir zu spüren, als wir unseren Lehrer auf ein Drink einladen wollten. Meine Freundin aus der Gastfamilie und ich waren uns in der Schweiz gewohnt, dass man im Ausgang abwechselnd bezahlt, aber hier galten andere Regeln. Als Frauen allein in Quito in den Ausgang zu gehen, fanden wir nicht besonders erquickend. Wenn in einer Kultur die Männer meinen, das Sagen zu haben, dann wollten wir uns dieser Macht nicht unnütz aussetzen. Einmal gelang es uns, unseren jungen Lehrer zu überreden, uns in den Mc Donalds zu begleiten. (Die Schule verbot es den Lehrern, mit den Studenten etwas privat zu unternehmen, aber irgendwie gelang uns diese Ausnahme). Die amerikanische Fastfood-Kette war in der damaligen Zeit noch nicht überall verstreut, und so war es etwas Besonderes, diese in einer Stadt wie Quito zu finden. So überraschten uns die Preise auch wenig: Für uns Europäer entsprach es dem günstigen Taschenbeutel, für Einheimische war dieser Restaurantbesuch eher ein teures Unterfangen. In der Absicht von «jeder zahlt mal» bestellten meine Freundin und ich Getränke, auch im Wissen darum, dass unser Lehrer immer noch Student mit wenig Einkommen war und wir ihn nicht unnötig in Unkosten stürzen lassen wollten. Als wir merkten, dass es ihm immer unwohler wurde, und er sich gegen unsere Einladung wehrte, realisierten wir erst, dass wir ihn in eine völlig peinliche Lage gebracht hatten. Wie es die «machismo»-Sitten nun mal vorgaben, hätte er uns zum Essen und Trinken einladen sollen. Es nutzte ihm wenig, dass er selbst fortschrittlich dachte, die Leute im Lokal starrten ihn mit fragenden Augen an. Wir entschuldigten uns anschliessend bei ihm. Für mich war es ein Lehrstück erster Güte. Ich kann es noch so gut meinen, aber ich kann meine Überzeugung nicht jemandem überstülpen, der sie nicht teilt.

Nebst dem theoretischen Unterricht unternahmen wir als Schule gemeinsam viele Ausflüge. Diese Standen natürlich immer im Zusammenhang mit historischer Weiterbildung zu Land und Kultur. Die meisten Erzählungen berichteten aus der Inkazeit, vom Goldraub und von der Eroberung durch die Spanier. Leider blieben wenig Details bei mir hängen; ich könnte jetzt meinem damals sprachlichen Unvermögen die Schuld geben. Das Gleiche wäre mir wohl auch in der Schweiz passiert, Geschichte war noch nie meine Stärke, obwohl ich mittlerweile in reiferen Jahren zugeben muss, dass sie durchaus interessant und lehrreich sein kann, wenn sie auf eine spannende Art nähergebracht wird. Um zu diesen historischen Plätzen zu gelangen, mussten wir immer durch die Stadt fahren, oft befanden sich diese Orte deutlich ausserhalb der City. Dies ermöglichte mir, die Stadt auf mich wirken zu lassen und ihre wahre Grösse zu erahnen. Manchmal hielten wir an Stellen, von wo aus wir die Hauptstadt komplett überblicken konnten. Danach wusste ich, wo während meines Landeanflugs all die Lichter hergekommen waren. Von den tausenden von Häusern und Strassen, die aussahen, als hätten sie sich in einem sanften Vulkankrater zur Ruhe gelegt. Eindrücklich! Aus der Bodenperspektive betrachtet, war die Grossstadt alles andere als ruhig. Lebendig, pulsierend und mit jeder anderen Grossstadt vergleichbar. Ein Strassenverkehr, der mit Hupkonzerten geführt wurde. Kleinbusse als öffentliche Verkehrsmittel, die zum Bersten voll waren und die Nase mit vielerlei Gerüchen kitzelten. Gerüche, die man teils auf den «mercados» wiedererkannte, wo die zuvor transportierten Waren nun den Marktbesuchern dargeboten wurden. Obst, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Fisch. Im Fast Food Stil wurde auch Essen für einen Happen Lunch zubereitet. Dafür war ich zu Beginn meiner Reise noch nicht mutig genug, ich wusste nicht, ob ich dies meinem Magen anvertrauen konnte, ohne dass die Verdauung anschliessend rebellieren würde. Das Ganze bot vor allem ein optisches Schauspiel, eine bunt gemischte Farbpalette von Lebensmitteln, Gewürzen, Kleider, Teppiche…Inmitten dieser Farbtupfer lugte meist ein Frauengesicht hervor. In der Mitte ihres bunten Warenangebotes sitzend, selbst in farbige Kleider gehüllt, wie es in Ecuador typisch ist. Der Kopf bedeckt mit einem Hut, unter dem ein langer Zopf schwarzer Haare hervorlugte. Viele dieser Gesichter waren von harter Arbeit gekennzeichnet, furchige Haut, rote Wangen von Wind und Wetter geprägt. Jüngere Frauen trugen ihr Kleinkind am Rücken in einer Art Tragetuch. Das Alter konnte ich nie einschätzen; das war auch nicht wichtig, die Freundlichkeit war es, was mein Herz erreichte.

Auf einem unserer Ausflüge besuchten wir den «mitad del mundo», die Mitte der Welt, ein Äquatordenkmal, an dessen Stelle man den Verlauf des Äquators sichtbar machen wollte, eine sichtbare Linie, welche die Grenze zwischen der nördlichen und südlichen Halbkugel darstellt. Auf dem Denkmal symbolisiert eine grosse Kugel mit einem Metallring die Erde und den Äquator. Die vier Seiten des Gesteins zeigen in die vier Himmelsrichtungen. Eine gelbe Linie zieht sich durch die ganze Anlage, welche den genauen Verlauf des Äquators darstellen soll. Wie man aber später herausfand (GPS sei Dank), irrte man sich dabei um 240m. Aber wen interessierte das schon. Eindrücklich war es allemal. Quito selbst befindet sich auf der südlichen Breite. Ein Freund bat mich damals zu prüfen, ob sich das Wasser auf der südlichen Halbkugel tatsächlich in der umgekehrten Richtung in einen Abfluss dreht. Und ja, das ist tatsächlich so.

Erfrischend war die Rückkehr von einem langweiligen Besuch eines Museums, als es plötzlich aus gefühlt heiterem Himmel apfelgrosse Hagelkörner herunterschlug (wobei Korn als Beschreibung geradezu lächerlich wirkt, wenn faustgrosse Kugeln am Boden liegen). Die Strassen waren von den Eisbällen bedeckt, als ob der Winter im Frühling seinen Tribut fordern würde. Der Wetterwechsel hatte in Windeseile stattgefunden, der uns mitten in der Hauptstadt überraschte. Das Durchkommen mit dem Auto wurde zu einer mühseligen, rutschigen Angelegenheit. Zurück in der Schule mussten wir feststellen, dass es ins Gebäude reinregnete. Okay, das kann passieren, dachte ich. Aber als ich erkannte, auf welchem Weg sich die Wassertropfen vom Dach durchbahnten, graute es mir: Den Glühbirnen entlang ergoss sich ein plätscherndes Rinnsal in die von uns eiligst hingestellten Wassereimer! Die Pläne dieser Bauweise brauchte ich nicht zu kennen! Wir nahmen die Angelegenheit mit Humor. Schlussendlich war es eine erquickende Abwechslung, da kein grosser Schaden entstanden und niemandem etwas passiert war.

Galapagos
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6.3.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Galapagos.
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Täglich kam ich an Reisebüros vorbei, die eine Reise auf die Galapagos-Inseln anpriesen. Bunte Vögel und natürlich die Riesenschildkröten, welche dem Archipel auch den Namen bescheren, zierten die Prospekte. Ich spürte, dass ich an einem Abstecher auf diese Inselwelt nicht vorbeikommen werde. Auf etwas derart Besonderes würde ich nicht so schnell wieder treffen. Nach einem Budgetcheck und Gespräch mit Gastfamilie und Schule buchte ich ein paar Tage Inselhüpfen auf Galapagos. Im Klartext hiess das, dass ein 1-stündiger Flug mich auf den Archipel brachte. Dort traf ich auf eine kleine Gruppe Gleichinteressierten und einheimische Tourguides, die uns mit dem Boot von einer Insel zur anderen schifften und uns an Land Wissenswertes zu erzählen wussten. Das bedeutete, mehrere Stunden auf dem zu Meer verbringen. Ich wusste nicht, ob ich ohne Kotztüte durchkommen würde, ich war vorher noch die auf einem Bootstrip auf dem Meer. Leider hatte einer aus unserer Reisegruppe nicht so viel Glück wie ich, ich konnte mit dem Wellengang gut mithalten, wohingegen das andere Reisemitglied dauernd an der Reling hing. Unser einheimischer Kapitän fischte unterwegs, so dass wir als Mittagessen meist frische Meerestiere auf dem Speiseplan hatten. Und nein, ich hatte oft keine Ahnung, wie dieses Getier hiess geschweige denn, ob es mir schmecken würde. Zu meiner Überraschung waren die Menüs schlussendlich sehr lecker. Von anderen Fischen grösseren Kalibers wurden wir ebenfalls begleitet, einmal kamen uns Rojen sehr nahe und als Highlight schwamm eine Gruppe von Delphinen eine Zeit lang mit uns mit. Es ist schon was Besonderes, diese Tiere in Freiheit zu sehen und zu erleben. Es ist und bleibt kein Vergleich zum Zoo, wo diese Tiere meiner Meinung nach nicht hingehören.

Die Erkundungstouren fanden auf verschiedenen Inseln statt, wo wir jeweils auch übernachteten.  Ich genoss es jedes Mal, wieder festen Boden unter den Füssen zu spüren.  Den Wellengang der Stunden zuvor fühlte ich immer noch im Körper und dieser war es auch, der mich jeweils in den Schlaf wiegelte. Auch das ging ohne Mageneruptionen.
Jede der Vulkaninseln bot eine unterschiedliche Flora und Fauna, jedenfalls von deren vier, die wir besucht hatten: «Floreana, Santa Fé, Española» und die vierte benenne ich in meinem alten Fotoalbum als «Isla Lobo». Leider weiss ich nicht, ob es sich dabei um die kleine Insel «Lobos» handelte, die sehr nahe an «San Cristobal» liegt, oder ob ich da was durcheinandergebracht hatte. Ich war zwar mittlerweile recht fit in der spanischen Sprache, aber es wäre vermessen zu behaupten, dass ich immer alles verstanden hätte. Und irgendwann wird man müde, die Gedanken träge, und man gibt sich einfach nur noch der Stimmung hin. Aber was bedeuten schon Namen, wenn die Schöpfung Orte hervorbringt, die in ihrer Schönheit bestechen? Insgesamt setzt sich der Archipel mit mehr als hundert Inseln zusammen. Nur wenige waren bewohnt, als Touristen durften wir ebenfalls nur eine ausgewählte Anzahl besuchen. Die Inseln zeigten sich vielfältig, aber egal ob Sandstrand oder Kakteenlandschaft, schwarze Klippen oder das paradiesische Lebensgefühl, am meisten faszinierten mich, die dort lebenden, Tierarten.  Man kam sehr nahe an die Tiere heran, eben weil es nicht allzu viele Menschen dort gibt, welche für die Fauna eine Gefahr darstellten. Dies sei nur möglich, wenn man die jährliche Touristenzahl streng limitiere. Das leuchtete mir sehr schnell ein, denn ich war wahrhaftig beeindruckt, wie wir an Vögeln vorbeigehen konnten, ohne dass sie davonflogen. Albatrosse, Blaufusstölpel, Maskentölpel, Galapagos-Paloma und wie sie alle hiessen. Meerechsen und Leguane kreuzten unsere Wege, ohne dass für die eine oder andere Seite Gefahr bestand. Und wieder begegneten mir knallrote Krustentiere, diesmal aber waren sie von Natur aus so gefärbt, die «cangrejos». Wenn knallrote Krabbler sich die felsigen, schwarzen Klippen hochangeln, braucht man keinen Feldstecher. Das Schauspiel ist von weit her erkennbar, und es wundert nicht, dass diese Felstänzer «Klippenkrabben» heissen. Aber froh war ich, dass ich diese Tierchen nicht essen musste. Also lauerte keine Gefahr für irgendwen. Das alles war nur möglich, wenn wir als Touristen die Augen und Herzen öffneten, berühren war absolut verboten! Das musste uns keiner zweimal sagen. Die Natur, so friedlich und respektvoll zu erleben, war eine grandiose Erfahrung!

Eine Insel mit Meeranschluss lädt selbstverständlich auch zum Baden ein. Als ich im Wasser ungeahnt plötzlich Besuch von einem Seelöwen bekam, der mich in sein Wasserspiel miteinbezog, da staunte ich schon nicht schlecht. Verwundert, aber happy nahm ich diese Einladung an. Ich blieb auf Distanz, jedoch hatte der kleine Kerl offenbar so viel Spass und Vertrauen, dass er beim Vorbeischwimmen mich mit seinem Nasenbart berührte. Immer noch blieb ich auf Abstand. Es war spassig, sich nonverbal auf ein Spiel einzulassen. Auf Distanz behielt uns jedoch ein riesiges Männchen im Auge, auf dessen Besuch ich freiwillig verzichten wollte. Das Vergnügen löste sich so schnell wieder auf wie es angefangen hatte. Solche und viele weitere kleine Kontakte mit den Tieren waren möglich, aber nur dort, wo die Tiere von sich aus auf uns Menschen zukamen. Zum Beispiel setzte sich ein kleinerer Vogel kurzerhand auf mein Knie, ich liess ihn gewähren und blieb in der Rolle der Beobachterin. Aktiv darauf zu reagieren war ein Tabu.

Der Besuch der Riesenschildkröten stand auf unserer Tour ebenfalls auf dem Programm. Das erzählt mir zumindest mein Fotoalbum, denn in Erinnerung geblieben ist mir davon kaum etwas. Ein einzelnes Foto finde ich in meinem Album. Ob es sich dabei um den berühmten «lonesome George» gehandelt hatte (dessen Art mittlerweile ausgestorben ist), weiss ich nicht mehr. Schon komisch, welche Bilder und Ereignisse beim Zurückschauen auftauchen, und welche Erinnerungen sich im Schatten des Vergessens verlieren. In meiner Erinnerungsschublade «Riesenschildkröten» scheint sich ein blinder Fleck eingenistet zu haben. Es müsste was drin sein, das beweist das Foto im Album, aber ich kann suchen so viel ich will, der Inhalt der Schublade bleibt mir verborgen. Wenn ich mich stark darauf einlasse, machen sich kurze Aufheller bemerkbar, wie Sonnenstrahlen im Nebel, aber es sind eher Gefühle als tatsächliche Bilder, die sich da zeigen. Fühlt sich so das grosse Vergessen der Demenz an? Glücklicherweise ist es noch nicht so weit. Manchmal scheinen unsere Schubladen, die wir mit unseren Erlebnissen füllen einfach überbelegt zu sein. Ein natürlicher Mechanismus setzt Prioritäten, welche Inhalte er wegen Platzmangels rausschmeissen will. Zugegeben, die Gewichtung könnte ab und an etwas justiert werden, denn manchmal sind es komplett unwichtige Dinge oder Gefühle, an die ich mich bis ins kleinste Detail erinnere. Anderes, worauf ich gerne zurückblicken würde, wie zum Beispiel dieser Besuch der Schildkröten, bleibt unsichtbar. Trotzdem bin ich froh über die Grösse meiner Erinnerungsschublade, denn ich war erfüllt mit berührenden Erlebnissen, über die ich noch heute staune.

Wie die Inseln wohl in der heutigen Zeit aussehen? Konnte man die Menschenleere bewahren?

Ich kehrte nach Quito zu meiner Gastfamilie und in die Schule zurück. Nach dem Erschnuppern eines Gefühls, das ein bisschen nach Freiheit und Unabhängigkeit roch, erdrückte mich plötzlich die Enge der überfüllten Grossstadt. Es war nur ein momentanes jedoch nachhallendes Gefühl. Eine Grossstadt mag auf ihre Art eindrucksvoll sein, nicht nur mit Menschen gefüllt, sondern auch mit Kulturschätzen. Den Vorzug gebe ich definitiv den stilleren Flecken auf der Erde. Aber damals war ich noch jung, die Neugier zu gross, als dass ich da zwischen einsam und belebt grosse Unterschiede gemacht hätte. Mir blieben nur noch wenige Tage in Quito, bevor die nächste Etappe auf meiner Reise losging. Die ersten Reiseunterlagen gehörten der Vergangenheit hat und konnten geschreddert werden. Auf zu den nächsten Seiten, ich kramte die Papiere zur Perureise hervor. Wo war nochmal der Treffpunkt?


 

Peru
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6.4.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Peru.
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Mitten in Quito wartete ein Personenlastwagen auf seine Schäfchen. Da ich fast ortskundig war, wurde es ein leichtes Unterfangen, den genannten Treffpunkt ausfindig zu machen. Nicht schlecht staunte ich, als mich zwei Frauen begrüssten, die sich als Reiseleiterinnen zu erkennen gaben, welche auch den Personenlaster fahren würden. Warum auch nicht? Machismo gilt nicht für die ganze Welt. Eine Reiseleiterin kam aus England, die andere Frau war ursprünglich in Neuseeland zu Hause. Angestellt bei «Dragoman» der britischen «Overland Travel»-Agentur. Zu uns gesellten sich noch knapp 20 weitere Reiseteilnehmer, die von überall herkamen. Eine international bunt gemischte Truppe, komplett unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich auf ein gemeinsames Abenteuer einliessen. Die Reise sollte uns von Quito durch Peru bis zum Zielort La Paz in Bolivien bringen. Der kommunikative Kompromiss unserer Muttersprachen lag auf der Hand: es wurde englisch gesprochen! Ich wechselte somit den Sender meines Sprachenkanals. Ein bisschen Muttersprache blieb mir erhalten, da eine Kollegin aus der Schweiz zu mir gestossen war, die denselben Trip gebucht hatte.

Unser Truck war nicht einfach ein Bus, der Menschen transportierte. Da musste noch so viel mehr verstaut werden: Sämtliche Küchenutensilien, da wir immer unterwegs kochten. Waschbecken, Stühle und Tische und jegliches sonstiges Zubehör. Vor jedem Essen mussten die Hände gewaschen und desinfiziert werden, das gleiche Prozedere galt bei der Geschirrwaschroutine. Eingekauft wurde unterwegs, meistens auf einem Markt. Oh, da will ich mich gar nicht mehr so genau erinnern. Das Darbieten der Lebensmittel entsprach definitiv nicht den gleichen hygienischen Standards wie wir es uns aus der Heimat gewohnt waren. Aber deshalb unternimmt man ja Abenteuer, um unterwegs nicht auf das Gleiche zu stossen wie zu Hause. Erstaunlicherweise kamen wir alle ohne grössere Verdauungsprobleme durch. Sonst hätte es da noch «Imodium» gegeben, das Standardmittel in der Reiseapotheke bei Durchfallerkrankungen. Zum Glück musste ich nie darauf zurückgreifen.

Es war klar, dass wir uns nicht einfach durch die Gegend chauffieren lassen konnten, wir mussten als Gruppe mitanpacken. Und wer sich gruppendynamisch ein bisschen auskennt, weiss, dass dies nicht ohne Ränkeleien geht. Wesenszüge wurden offengelegt, ob erwünscht oder nicht. Das gehörte dazu, das war uns allen bewusst. Wir waren eine Zwangsgemeinschaft für ein paar Wochen, wir mussten uns aufeinander einlassen und konnten nicht einfach davonrennen. Wer eine solche Reise bucht, weiss das. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die zu Diskussionen Anlass gaben, wie zum Beispiel: welches Bier muss unbedingt Teil der Bar sein, welche Musik hören wir aus der Anlage des Busses…? Auch wenn es manchmal holprig war (nicht wegen den Strassenlöchern), ging es alles in allem gut. Wer mit mir das Zelt teilen würde, wusste ich. Alles andere ist Einstellungssache.

Nach wenigen Tagen bekamen diejenigen, die dazu Lust hatten, die Möglichkeit, das Transportmittel zu wechseln. Eine spektakuläre Bahnfahrt ab Alausí wartete auf die Abenteuerlustigen. Als ehemalige Bahnangestellte liess ich mich natürlich nicht zweimal bitten. Und weil die Transportmittel in Südamerika in der Regel immer übervoll sind, hockte ich mich auf das Zugdach, welches für den Personentransport ebenfalls gedacht war. Man stelle sich das in unseren Breitengraden vor. Zugegeben, da sich die Diesellock steilabwärts und im Zickzackkurs fortbewegte, war nicht an schnelles Tempo zudecken. Es war wirklich eine imposante Fahrt an steilen Bergkanten entlang. Trotz langsamem Tempo kam es zu einer Lokentgleisung. Wir warteten und warteten. Keine Information, kein Hilfszug, nix.  Stundenlang standen wir still, und ich habe keine Ahnung mehr, wie das Problem gelöst wurde. Mit mehreren Stunden Verspätung trafen wir an einem Ort ein, wo der Rest unserer Gruppe, welche mit dem Truck weitergefahren war, ausharrte und auf uns wartete. Da es schon spätabends war, wurde es unmöglich, den eigentlichen Zielort, wo wir hätten übernachten sollen, zu erreichen. Nun waren unsere Reisführerinnen gefordert. Sie hatten erstaunlich schnell eine gelungene Lösung gefunden, wir durften auf dem Fussballplatz in diesem Dorf unsere Zelte für die Nacht aufschlagen. Und da ich endlich irgendwo meine Notdurft verrichten musste, suchte ich mir einen Platz hinter einem Gebüsch, und als es danach im Zelt immer mehr nach Kacke stank, wurde auch mir klar, wo ich reingetreten war. Schuhe aus dem Zelt, im schlimmsten Fall werden sie geklaut, aber wegen des Gestanks „sterben“ wollten wir auf keinen Fall! So viel zu den Ereignissen, die einem im Gedächtnis hängen bleiben!

Der Norden Perus war für mich eine fade Angelegenheit. Peru war für mich das Sinnbild für die Hochanden. Ausgeblendet hatte ich offenbar, dass Peru auch einen langen Küstenstreifen hat. Mehrere Tage fuhren wir dem pazifischen Ozean entlang, in einer trockenen, kargen Landschaft hat. Durchaus eine Landschaft mit eigenen Reizen, nach mehreren Tagen der Durchfahrt wirkte sie auf mich langweilig und öd. Offenbar empfand ich das nicht als einzige so, weil sich zwei Teilnehmer damals entschieden hatten, den Küstenstreifen wegzulassen und per Flugzeug an einen neuen Ausgangspunkt zu fliegen, wo wir wieder auf sie treffen sollten. So weit wollte ich es dann doch nicht kommen lassen, ich spürte einfach meine Ungeduld, endlich in die Hochanden und meinem Traumziel dem Machu Picchu näher zu kommen.

Übrigens bin ich sehr froh über mein Fotoalbum. Es dient mir heute als Reiseführer, um mich meinen Erinnerungen näher zu bringen. Mit vielen Fotos verbinde ich Momentaufnahmen, die mich überwältigten. Einige Bilder sagen mit nicht mehr viel, sie helfen mir jedoch in der Rekonstruktion der Wegstrecke und von Erlebnissen, die einfach ein wenig ausgegraben werden müssen. Und um Ausgrabungen ging es oftmals, wenn wir historische Stätten besichtigten wie zum Beispiel die Pyramiden von Trujillo, zwei ausgegrabene Bauwerke aus der Moche-Kultur. Wobei Bauwerk wohl eine beleidigende Bezeichnung wäre, da es sich eindeutig um Heiligtümer handelte, worauf deren Namen auch hindeuten: «huaca de la luna» (Tempel des Mondes) und «huaca del sol» (Tempel der Sonne). Die mit Lehmziegel erbauten Pyramiden mussten von tausenden von Arbeitern erbaut worden sein. Auch wenn die Pyramiden von aussen nicht so imposant erschienen wie diejenigen von Gizeh, wirkten sie auf ihre eigene Weise heilig und Respekt einflössend, spätestens dann, als mich auf einem schwarz-weiss-rot bemalten Wandbild, der Blick der Gottheit „Aiapec“ erfasste. Viel Farbe war auf den Lehmziegeln nicht mehr vorhanden, jedoch war ein Gesamtbild erkennbar, das mit einer gelb-schwarzer Musterung umfasst und als quadratisches Bild auf eine Ecke gestellt war. In meinen Erinnerungen wirkte die Stätte damals wie eine verkümmerte historische «Angelegenheit», die man zwar gerne den Touristen zeigte, deren Tiefe der Kultur, die dahinter verborgen war, man nicht überzeugt rüberzubringen vermochte. Alles wirkte etwas trostlos, deshalb blieb wohl nur der Blick von Aiapec bei mir hängen, das war‘s dann auch schon. Wenn ich heute darüber recherchiere, sehe ich mit Überdachungen geschützte Pyramiden, Wandbemalungen, die aufgewertet wurden, Informationstafeln für Touristen…ich weiss nicht was besser ist, eine Aufwertung für die Touristen oder zwecks des kulturellen Bewusstseins. Da offenbar noch Ausgrabungen stattfinden, gehe ich davon aus, dass Kulturgelder fliessen. Ich wünsche mir, dass der Respekt und die Wahrung der Geschichte in einem Gleichgewicht bleibt zum Tourismus. Mir war das damals noch nicht bewusst. Vor allem, weil diese Besichtigung derart distanzierend auf mich wirkte. Aber mit der heutigen Sichtweise frage ich mich manchmal schon, wo die Grenze liegt zwischen, den Geld bringenden Reisenden, und dem Aufklärungscharakter eines Kulturgutes?  Das Befriedigen einer Neugier sprich irgendwo hinzureisen, ist heutzutage sehr leicht und erschwinglich geworden. Das bringt automatisch mehr Menschen an einen Ort. Wer profitiert schlussendlich davon?

Eindrücklich und ohne gedanklichen Ausgrabungscharakter blieb mir hingegen die Begegnung mit Knochenresten in Erinnerung. Die Rede ist von Menschenknochen, nicht etwa Überbleibsel von verstorbenen Tieren. Eher beiläufig, im wahrsten Sinne des Wortes, entdeckte ich während eines Spaziergangs durch sandige Pfade Knochen und Totenschädel, woran noch Haut und Haare hafteten. Der Blick in menschliche Gesichter, oder das, was davon noch übrig war, erfasste mich mit Haut und Haar. Mit Gänsehaut und einem Kribbeln über die Kopfhaut zeigte mir mein Körper, dass ich solche Anblicke nicht gewohnt war. Wahrlich ein makabrer Fund. Und nein, ich hatte mich nicht verlaufen, war nicht herumgewildert und schon gar nicht, war mir bewusst, einen Friedhof betreten zu haben. Was also sollte ich davon halten? Offenbar hatte ich gleichwohl eine Begräbnisstätte betreten, so wurde ich aufgeklärt. Abgrenzungen gab es hier nicht und tiefe Löcher konnte man wegen dem kargen, felsigen Boden nicht graben. Das Terrain war nur oberflächlich mit Sand bedeckt, so würden die Körper oft durch Wind und Erosion freigesetzt und wegen der Trockenheit kaum verwesen. Vor mir lagen also vertrocknete Leichen, welche durch die natürlichen Vorgänge der Natur sie wie mumifiziert aussehen liessen. Teils waren noch Stoffreste erkennbar, worin sie offenbar eingewickelt waren. Anders als bei uns, wurden sie sitzend begraben. Die Gründe dafür, kenne ich nicht. Dieser Ort berührte mich. Wer wohl die Menschen waren, die da vor mir lagen? Ich wollte hinschauen, nicht wegschauen und doch achtungsvoll die Totenruhe wahren. Bedächtigen Schrittes verliess ich das Terrain, sorgfältig darauf achtend, nicht auf Knochen zu treten. Leider weiss ich nicht mehr, wo diese Begräbnisstätte lag. Ich meine, sie stand in keinem Zusammenhang mit den Ruinen von Trujillo; es war an einem Ort, wo es überall sein kann, wo verstorbene Menschen begraben werden.

Endlich wurde die Gegend abwechslungsreicher, das sandfarbene Gelb wich mehr und mehr dem grün, welches Pflanzen und Gebüsche hervorbrachten. Die Andenlandschaft formte sich zu terrassenförmigen Berghängen in deren Täler sich breite Flüsse entlangschlängelten. Wir waren auf dem Weg zum «Colca Canyon».  Eine Schlucht, die zwar sehr eindrucksvoll aber nicht der eigentliche Grund unseres Zwischenstopps war. Im «Colca-Canyon» standen die Chancen hoch, die berühmten Andenkondore zu sichten. «El cóndor pasa!» Und tatsächlich, kaum angekommen konnten wir sie tief unten im Canyon fliegen sehen. Majestätisch und imposant mit ihren weissen Halskragen und einer Flügelspannweite von über 2 Metern! Welch Glück wir hatten! Ich bekam Gänsehaut, denn wir kamen dem Peru meiner Träume immer näher. Je weiter wir in die Anden kamen, desto seltener sprach die Bevölkerung spanisch. Die Quechua-Sprache mit all seinen verschiedenen Varianten hatte hier die Oberhand und ich begegnete dieser Sprache auf dem Inkatrail erneut. Dieses Reiseziel näherte sich als wir in Cusco ankamen, eine charmante Kolonialstadt auf 3400m Höhe, die Hauptstadt des Inkareiches und Ausgangspunkt für das Trekking zum Machu Picchu. Trotz ihrer Grösse wirkte diese Stadt sehr sympathisch auf mich. Ob es die sanften Andenhügel waren, welche die Stadt beschützend umgaben oder ob es die Vorfreude auf den Inkatrail war? Egal, ich fühlte mich in dieser Stadt sehr wohl. Wir hatten ein paar Tage Vorlaufzeit, bevor wir zum Trekking aufbrachen. Wir mussten uns erst an die Höhe akklimatisieren, und ich musste mich dringend von einer Erkältung mit leichtem Fieber erholen. Ich hatte keine Lust, wegen Krankheit den Inkatrail zu verpassen, als gönnte ich mir Bettruhe.

Endlich konnte es nach ein paar Tagen losgehen, meine Nase war wieder bereit Luft durchzulassen. Wir nahmen die ersten Kilometer unter die Füsse. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir Wandertouristen nur einen kleinen Tagesrucksack mittragen mussten. Die Zelte, Kochutensilien und unser ergänzendes Gepäck wurden von Trägern (in Nepal würde man sie Sherpas nennen) hochgeschleppt. Auch wenn wir nur wenig mit auf die 4tätige Tour mitnahmen (der Rest durften wir gut eingesperrt im Hotel zurücklassen), war es doch immens, was die Träger da leisteten. Barfuss in Sandalen marschierten sie die gleichen Pfade, wofür wir gutes Schuhwerk brauchten. Sie eilten schwer beladen unserer Truppe voraus, weil der Anspruch da war, vor unserer Ankunft an den Etappenorten, schon alles bereitgestellt zu haben. Weil wir ein paar Schnellwanderer in der Gruppe hatten, trieb das die Träger noch mehr voran. Wir versuchten deren Erwartungshaltung zu zügeln, indem wir versicherten, dass sie nicht zwingend vor uns da sein müssten und wir an den Etappenzielen auch mitanpacken könnten. Das nutzte wenig, also zügelten wir unser Tempo. Es gab Etappen, da zwang uns der Berg bzw. die Höhe zu langsamem Gehen. Die dünne Luft auf 4000m Höhe bot nicht viel Sauerstoff für unsere Lungen und liess keine schnellen Schritte zu. Bei der Begehung des höchsten Punktes erlebte ich dies als besondere Erfahrung. Kurz davor machten wir Rast, um uns nochmals mit Getränk und leichten Snacks zu stärken. Es war nicht mehr weit bis zur Passhöhe. «Das schaffen wir locker», dachte ich mir. Doch ich machte die Rechnung ohne den Sauerstoff, denn das Gehen wurde so schwer, dass ich einen Schritt vorwärts setzte und danach wieder zwei zurück. Eine kurze Strecke, die viele kleine Schritte und eine Menge Atemzüge brauchte. In diesem schweisstreibenden Schritttempo passierten wir den höchsten Punkt auf dem Trail. Das Fotoalbum sagt, es war auf 4115m! Ich war mir das Wandern in den Bergen gewohnt, doch diese Passage zu bewältigen, wurde zu einer Herausforderung, auf die ich stolz war, sie gut gemeistert zu haben.

Die Landschaft auf dieser Höhe war sehr karg, und wir trafen auf keine Menschen. Ich wusste nicht, welche Lagen noch für Menschen bewohnbar waren und Grundlage für eine Existenz boten. Weiter unten, noch vor dem Pass, kamen wir jedenfalls an einem Dorf vorbei, wo offenbar mehrere Familien mit ihren Kindern lebten. Die Einwohner, waren sichtlich erstaunt über unsere Wandertruppe, sie freuten sich über Besuch. Sie zeigten sich sehr gastfreundlich, denn wie es wohl ihr Brauch war, luden sie uns zu einem Getränk ein. Niemand von uns hatte besonders Lust darauf, denn wir hatten keine Ahnung, was es beinhaltete. Aber wir wollten diese Menschen auch nicht vor den Kopf stossen. Die Bewohner sprachen alle nur Quechua. Unser einheimischer Führer verstand die Sprache nur zum Teil, aber immerhin war er mit der Kultur vertraut. So übersetzte er die Worte, die in unseren Ohren ungewohnt klangen. Aber auch unser Reiseleiter war sich der Sache nicht sicher, er vermutete, dass es eine Art Maisbier war, es roch stark gärend und war ehrlich gesagt eklig. Niemand wollte dieses Gebräu auf der Zunge schmecken, und eine Magen-/Darmverstimmung wollte sich unterwegs keiner einfangen. Eine Frau leerte den ersten Schluck der Flüssigkeit auf den Boden. Sie gab uns zu verstehen, dass sie dadurch die «pachamama», die Mutter Erde, ehrte und ihr dankte. Diese Demut ergriff mich. Danach sollten wir einen Schluck trinken. Viele lehnten ab. Respektvoll versuchte ich meine Abneigung zu vertuschen, dünkte meinen Mund in der Brühe, aber trank keinen Schluck. Ein Kompromiss, ich weiss. Aber er erschien mir wertvoll, was die leuchtenden Augen im Gesicht der indigenen Frau bestätigte. Ich war dann doch froh, als die Dorfbewohner den Krug mit dem Getränk unter sich leerten. Neugierig wurde ich trotzdem, die erneute Begegnung mit der Quechua-Sprache kitzelte meine Sprachinstinkte. Wäre es möglich, dieser Dialekt rudimentär zu erlernen und dadurch mit der indigenen Bevölkerung näher in Kontakt zu kommen? Diese Gedanken nahm ich mit auf meinen weiteren Weg.

Mittlerweile befanden wir uns auf absteigenden Pfaden, denn der Machu Picchu befindet sich auf einer geringen Höhe von 2430 m, was nach unserem Viertausender fast dem Talboden gleichkommt. Noch einmal übernachten, dann trennte uns nur noch eine kurze Wegstrecke von der eindrucksvollen Inkastadt. Die letzte Rast kurz vor unserem Ziel, ermöglichte uns, zu Sonnenaufgang am Machu Picchu anzukommen und noch vor dem grossen Besucherstrom eine stille Zeit geniessen zu können.  

Á propos Besucherströme, das was ich damals als hohe Besucheranzahl empfunden hatte, wäre heute wohl eine Seltenheit. Gemäss Wikipedia-Quelle besuchten im Jahr 2017 1.4 Millionen Menschen den Machu Picchu, was einem ungefähren Tagedurchschnitt von 3900 Personen entspricht!! Und da stehen wir wieder bei der gleichen Frage, die ich schon mal gestellt hatte: Wo liegt die Grenze zwischen den verlockenden Einnahmen durch den Tourismus und dem Zeigen und Bewahren eines jahrhundertealten Kulturgutes? Die Vorstellung, ich hätte damals ein Ticket lösen müssen, um diese wunderschöne Ruinenstadt besuchen zu dürfen, hätte mich geschockt und abgeschreckt. Aber offenbar ist es heute der einzige Weg, um die Besucherzahl zu regulieren und eins der neuzeitlichen Weltwunder zu erhalten. Da lese ich in der gleichen Quelle, dass man darüber nachdenkt, eine Seilbahn zu bauen, welche Personen von Aguas calientes hoch zum Machu Picchu transportieren sollen, was wiederum einer Erhöhung der Besucherzahl gleichkommt. Da dreht sich mir fast der Magen um. Da erschaffen indigene Völker Bauwerke, welche Jahrhunderte überleben, und wir Menschen aus der aktuellen Zeit schaffen es, solche Anlagen in wesentlicher kürzerer Zeit zu zerstören? Und das alles des Geldes wegen? Ja ich gehörte auch zu denen, die eine persönliche Neugier stillen wollte, nur damals stand es noch in einem passablen Verhältnis. Und ich erinnere mich, dass ich mich manchmal als Eindringling fühlte, und ich fragte mich häufig, ob es das wert sei? Darf ich meine Neugier, mein Voyeurismus über eine Kultur stellen? Nur weil andere auf «mein» Geld (Tourismus) angewiesen sind, gibt es mir das Recht Heiligtümer zu betreten gar zu entweihen, überall herumzutrampeln oder gar den «Berg zu kaufen»? Fragen, auf die ich im Endeffekt keine Antwort hatte (sonst hätte ich konsequenterweise nach Hause zurückkehren müssen) mich jedoch dahingehend sensibilisierten, kritisch, respektvoll und dankbar diese Reise zu vollenden.

Aber zurück zu diesem stillen Moment vor 27 Jahren, der Augenblick, als ich an meinem lang erträumten Ziel angekommen war. Mit etwas Muskelkater trat ich meinem Reisehöhepunkt entgegen. Jedes Zupfen und Zwicken im Körper verflog beim Blick auf diese imposante Stadt. Das aufgehende Sonnenlicht erhellte Stück für Stück die Kulisse, gab schichtweise einen Blick frei auf die uralte, terrassenförmig angelegte Stadt, auf einem Bergrücken liegend, umgeben von einer Andenkulisse, die mir fast den letzten Atem nahm. Schöner, faszinierender als ich es mir je vorgestellt hatte. Eine, makellos Stein auf Stein, gebaute Stadt, die unscheinbar und doch eindrucksvoll herausragt aus einem gefühlten Nirgendwo. Die verbliebenen Ruinen lassen nach wie vor ein Bauwerk erkennen, das von einer alten Kultur sehr clever mit einfachen Mitteln erbaut worden war. Und dies nachhaltig über Jahrhunderte. Und noch war es still. Die Sonne strahlte und wärmte über die Bergspitzen. Ich glaubte, eine mystische Stimmung wahrzunehmen. So sass ich da, liess alles auf mich wirken. Erfüllt, berührt, beeindruckt. Wer waren die Menschen, die eine solche Anlage erbaut hatten? Was trieb sie an? Wie war das Leben in einer solchen Stadt, die so abgeschieden lag? Eine Stadt, die riesig wirkte in einer sonst unberührten Andenlandschaft? Diente sie als Tempel? Beobachteten sie die Sonne, die Tag- und Nachtgleichen? War es Wohnsitz des Inkaherrschers? Betrieben sie Handel, wenn ja, warum lag die Stadt so abgelegen? Nicht nur ich, sondern viele Wissenschaftler widmen sich diesem Mysterium, diesen Rätseln, welche die Inkastadt uns auferlegt. Fragen über Fragen, die seit Jahrzehnten beschäftigten und mit jeder neuen wissenschaftlichen Entdeckung, eine neue Antwort oder Interpretation erlaubt. Ist es ein Wunder, dass diese Stadt mystisch wirkt und einen anzieht wie ein Magnet?

Ich war so stolz, diesen Pfad erwandert zu haben. Die Wucht einer kargen und zugleich imposanten Bergwelt auf über 4000m Höhe erspürt und lufttechnisch erfahren zu haben, schenkte mir eine Körpererfahrung, die nur ansatzweise erkennen liess, was es bedeuten könnte, in solchen Höhen zu leben. Mein Kopf wollte ebenfalls verstehen und mehr wissen, deshalb schloss ich mich einer Führung an, um Antworten auf die Fragen in meinem Kopf zu bekommen. Schnell merkte ich jedoch, dass ich mich lieber der Stimmung und meinen verträumten Gedanken hingeben wollte. Einfach sein, wahrnehmen, wirken lassen, träumen, das Erreichen eines Ziels geniessen. Zu Recht hatte mich eine der Reiseführerinnen gefragt, was ich denn danach machen wolle? Jetzt, wo ich mein Ziel erreicht habe? Besteht die Gefahr, dass ich in ein Loch falle oder gibt es nächste Ziele? Eine gute Frage, über die ich mir keine Gedanken gemacht hatte. Und ich musste gestehen, dass trotz der Fülle, die ich auf dem Machu Picchu spürte, auch eine kleine Leere entstanden war, die mir sagte: und jetzt? War‘s das? Ein mit Begeisterung und Träumen gefüllter Luftballon war voll, übervoll, dass er platzen musste. Die Fülle bleibt im Herzen erhalten. Aber es brauchte einen neuen Luftballon, der mit meinen Wünschen und nächsten Träumen gefüllt werden wollte. Das spürte ich in diesem Moment deutlich, es drängte sich eine sanfte Traurigkeit auf. Irgendwie gelang es mir beides zuzulassen, zu welcher Stimmung meine Tränen gehörten, wollte ich nicht bestimmen. Manchmal braucht es keine Worte.

Wir kehrten zu unserem Ausgangspunkt in Cusco zurück. Müde, aber glücklich und zufrieden genoss ich die verbleibenden Tage in dieser wunderschönen Stadt. Und ich nutzte die Zeit, um meinen Lieben zu Hause Briefe zu schreiben und versuchte darin Worte für das Erreichen meiner Träume zu finden. Verarbeiten, einordnen, erinnern, alles nochmals durchziehen lassen, geniessen… Danach hatte meine Seele wieder Platz zum Feiern. Ich genoss das Nachtleben, besuchte Discos und tanzte mir den Muskelkater aus dem Leib. An solchem Ort lernte ich ihn kennen, ein anderer Reisender, ein junger, gutaussehender Israeli, der mir den Kopf verdrehte. Noch berauscht von den Glücksgefühlen aus dem Trail stimmte sich mein Herz auf neue Schwingungen ein. Sehnsüchte kamen auf, die mit Berührung gestillt werden konnten. Nur ein paar kuschelige Stunden bevor jeder am nächsten Tag wieder weiterzieht. Die Chance, dass wir uns wiedersehen würden, war verschwindend klein, doch sie bestand. Jeder Reisende besuchte in etwa die gleichen touristischen Höhepunkte eines jeden Landes, man besuchte ähnliche Absteigen, irgendwo kreuzte man die Wege sogar auf einem grossen Kontinent wie Südamerika. Das tröstete mich ein wenig, doch die Freiheit jedes Einzelnen von uns war stärker, als dass wir uns auf etwas ernsthafteres eingelassen hätten. Von ihm erfuhr ich interessanterweise auch, warum mir unterwegs so viele Israelis begegneten. Für sie als junge Erwachsene war entweder die Militärzeit gerade vorbei oder sie lag vor ihnen. Deshalb wollten sie reisend ein Stück Freiheit erleben. Bruchstückhaft bekam ich mit, wie eine Militärzeit in Israel aussieht (übrigens Pflicht für Mann und Frau). Das waren keine Trockenübungen, das waren leider reale Militär-Konflikte. Einmal mehr lernte ich meine Heimat schätzen, wo Frieden und Sicherheit existierten und Rahmenbedingungen für ein schönes Leben boten.

So langsam näherten wir uns dem Ende unseres Dragoman-Trips. Wir steuerten zielgerichtet auf La Paz in Bolivien zu, der Schlusspunkt unserer Reise. Vorerst genossen wir noch das peruanische Andenhochland. Hie und da huschte ein Lama oder Alpaka vor die Kamera. Und gelegentlich sahen wir Menschen, die in dieser für uns unwirtlichen Region lebten. Das Wandern oberhalb von 2500m lehrte mich, die Naturgewalten in ihrer Urkraft wahrzunehmen, und ich zolle diesen Menschen grossen Respekt. Auch wenn sie keine Wahl haben und seit ihrer Geburt dort akklimatisiert leben, bleiben die Lebensumstände sehr hart.
Eine völlig andere Lebenswelt zeigte sich uns bei den Menschen in Puno am Titicacasee. Die Urus, einer peruanischer ethnischen Gruppe Indigener, stellten aus Schilf schwimmende Inseln her. So schützten sie sich einst vor kriegerischen Aktivitäten. Sie brauchten nur eine Verankerung zu lösen und die Insel trieb mitten auf den See. So traten die Menschen ihren Rückzug an und versteckten sich dort offenbar erfolgreich vor den Unruhen. Nur noch wenige Urus leben heute auf ihren schwimmenden Inseln, auch sie hatten schon damals den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt und erlaubten Besuchern auf die Inseln zu kommen. Mich hatte damals die Einfachheit beindruckt, wie die Urus leben. Ihr ganzes Leben drehte sich um das Schilf, ihre traditionellen Boote waren daraus gebaut, ihre Hütten, Kochstellen…einfach alles. Diese typischen Boote bauten sie im Kleinformat nach, um sie als touristisches Mitbringsel zu verkaufen. Ich frage jetzt nicht, wie das wohl heutzutage aussehen mag.

Der Titicacasee ist mit einer 15fachen Grösse des Bodensees vergleichbar und liegt auf einer ungefähren Höhe von 3800m. Kein Wunder hatte ich das Gefühl, man könne die Wolken anfassen! Befindet man sich dann noch mit einem Boot auf dem See, worin sich der Wolkenhimmel spiegelt, ist das ein Schauspiel, das einen nicht die Sterne, sondern die weissen Wattebäuschchen vom Himmel holen lässt. Die Grenze zwischen Peru und Bolivien verläuft mitten durch den Titicacasee. Es blieb uns nur noch einen Katzensprung, um auf die andere Seite zu gelangen und die Hauptstadt Boliviens anzusteuern. So sehr ich mich auch auf dieses Land freute, blieb ein bisschen Wehmut zurück, die Dragoman-Truppe zurückzulassen. Aber auch das gehörte dazu: Reisende treffen und finden sich, teilen eine gemeinsame Strecke miteinander und gehen nachher wieder ihrer Wege. Das ist gut so. Hätten wir damals schon «social media» gekannt, hätten möglicherweise ein paar Freundschaften länger überdauert. Und manchmal ist es auch einfach gut so wie es ist. Wir alle waren auf diesem Kontinent nur auf der Durchreise. Wir lassen uns von Erlebnissen und Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen berühren, tragen diese Verbindungen in unseren Herzen mit nach Hause. Vieles bleibt erhalten, einiges verwässert sich mit der Zeit und manches müssen wir loslassen.
Bolivien
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6.5.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Bolivien.
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Nun war die Zeit für mein gescheites Buch gekommen, denn ab La Paz gab es keine Vorausbuchungen mehr. Aus meinem Südamerika-Reiseführer holte ich die Informationen, die ich für die weitere Planung brauchte. Meistens nützten mir die Beschreibungen aus dem Buch als Grundlage, um eine Idee zu bekommen, wie der nächste Tag aussehen könnte, wohin es mich ziehen würde. Das Wissen um diese Adressen gab mir eine gewisse Sicherheit. In der Realität entwickelte sich das Programm mehr und mehr nach der Mund zu Mund Werbung von Gleichgesinnten. Die Auswahl von touristischen Adressen war damals noch nicht riesig, also trafen sich Reisende meistens an denselben Orten in den gleichen Unterkünften. Man erzählte einander von Erlebnissen, von den Orten, die man schon besucht hatte und was sich bewährt hatte, worauf man achten müsse und welche Adressen sich lohnen würden. Dieser Austausch von Tipps und Erfahrungen funktionierte tatsächlich sehr gut, war verlässlich und bot zum Buchwissen eine interessante Abwechslung. Das machte das Unterwegssein spannend und lebendig. Über eine derart erhaltene Empfehlung erfuhr ich von der «Salar de Uyuni», eine Salzwüste, die man unbedingt gesehen haben sollte. Ich notierte mir dies im Hinterkopf und hob mir diesen Tipp für später auf. Denn geografisch war ich noch sehr weit von diesen Koordinaten entfernt. Zuerst genoss ich die Vorzüge einer Grossstadt, wo zum Beispiel zwischengelagerte Briefe aus der Heimat in der Botschaft auf mich warteten. Ich freute mich darauf, die Nachrichten meiner Lieben zu lesen und zurückzuschreiben. Ein paar Briefe warteten immer auf mich. Das tat meiner Seele gut. Denn auch wenn Reisen noch so lustvoll ist, dominiert nicht nur Freude und Fun. Jeder Briefwechsel fühlte sich an, wie einen Moment innehalten. Das erzählende Schreiben half mir im Einordnen der aktuellen Erlebnisse und beim Sortieren meiner Gefühle. Heimweh im klassischen Sinne hatte ich eigentlich nie. Ich lernte viele Leute kennen, einsam fühlte ich mich nicht, dennoch vermisste ich manchmal die Familie oder liebe Freunde aus der Heimat. Manchmal hätte ich gerne besondere Momente mit ihnen geteilt. Und manchmal ergriff mich eine Müdigkeit, in die sich leichte Sehnsuchtsgedanken an Heimat einschlichen, aber auch so schnell wieder verflogen, wie sie gekommen waren.

Ebenso freute ich mich in La Paz wieder auf meine Freundin, welche ich in Quito in der Gastfamilie kennengelernt hatte. Wir hatten nach unserem Sprachaufenthalt vereinbart, dass wir uns in Boliviens Hauptstadt treffen wollen und danach die Reise gemeinsam fortsetzen werden. Gesagt, getan. Wir blieben als mehrfachfremdsprachiges (italienisch, deutsch, spanisch, englisch) Reiseteam für eine Weile zusammen. Ein cooles Duo, wie ich fand! Die Spielerei mit der Sprache begleitete uns lange. Nicht schlecht staunte ich, als mir tatsächlich ein Wörterbuch für Quechua und Spanisch in die Hände fiel. Sollte ich mich tatsächlich daran wagen, fremde Wörter zu lernen und in eine frisch erlernte Fremdsprache übersetzen? Ein bisschen hoch gegriffen, zumal Quechua keine einfache Sprache ist, mit nichts ähnlichem vergleichbar. So, als müsste ich einen Dialekt lernen, der nirgends aufgeschrieben wurde und den man nur im kommunikativen Alltag erlernen kann. Ich kaufte das Wörterbuch, studierte die interessanten Wörter und musste bald eingestehen, dass ich keine Chance hatte! Zu schwer, zu ungewohnt setzten sich diese Buchstaben zusammen. Ich gab dieses Vorhaben rasch auf. Der Wille war da, ich hatte es probiert und musste kapitulieren!

Unter den Reisenden hatte sich herumgesprochen, dass es in der Umgebung von La Paz ein Skigebiet geben soll. Immer noch befanden wir uns 3500m Höhe, ich wunderte mich, wie hoch dann wohl ein solches Wintergebiet liegen möge? Auf sage und schreibe 5300m Höhe! Zum Glück hatte ich mich höhentechnisch schon längst akklimatisiert, dennoch war es eindrücklich, mit einer Bahn auf diese Höhe transportiert zu werden. Der Schnee war dann auch schon alles, was wir in Chacaltaya zu sehen bekamen. Das Wetter zeigte sich von der schlechten Seite und an Aussicht war nicht zu denken. Das Panorama blieb vom Nebel verschluckt. Die Natur hatte an diesem Tag das Sagen, und wir mussten uns geschlagen geben. Noch ein Beweisfoto machen, danach blieb uns nichts als der Rückzug.

In La Paz hatten wir ein Lokal entdeckt, das mit köstlichem regionalem Essen aufwartete. Nach unserer Enttäuschung auf dem Chacaltaya wollten wir uns kulinarisch trösten, und wir suchten besagtes Restaurant auf. Diesmal stand am Eingang ein einheimischer Mann, er trug traditionelle Kleidung. Als er begonnen hatte, uns in ein Gespräch zu verwickeln, wunderte ich mich, ob beim letzten Mal auch schon ein Türsteher den Eingang kontrollierte. Ich erwartete eine Abweisung, aus welchen Gründen auch immer. Aber nichts dergleichen passierte, er bequatschte uns weiter. Distanziert und etwas misstrauisch, fragte ich mich, was das Ganze wohl solle. So richtig zuhören wollte ich nicht, denn wenn er kein Türsteher war, dann handelte es sich vielleicht um irgendeine blöde Anmache. Meine Kollegin und ich gaben zu verstehen, dass wir hier eigentlich nur etwas essen wollten. Nach und nach drangen seine Worte verständig in unser Hirn, und wir realisierten, dass dieser stolze Herr uns erzählte, dass da im Restaurant gerade seine Tochter ihr Hochzeitsfest feiere. Schön, dann ist heute eben geschlossene Gesellschaft. Wir gratulierten und wollten schon umdrehen, um uns ein anderes Lokal zu suchen. Da hielt uns der Mann zurück und bat uns herein. Wir seien herzlich willkommen, wir sollen uns gerne dazugesellen. Natürlich lehnten wir ab, weil man bei uns nicht einfach in fremde Hochzeiten reinplatzt. Das gehört sich nicht. Dieser Mann bestand jedoch darauf und schubste uns rein in diese fröhliche Gemeinschaft. Nicht so recht wissend, was uns geschieht, liessen wir uns reinführen. Und tatsächlich sass da eine Gruppe indigener Leute an einem Tisch, die ausgelassen am Feiern waren. Man stellte uns Braut und Bräutigam vor, man lud uns zum Essen ein. Nett, wirklich, aber…Wir hielten uns zurück, weil es nicht in unserem Sinne lag, von einem fremden Festessen zu kosten. Ich glaube, wir sassen ziemlich verstört an diesem Tisch, weil wir das Gefühl nicht loswurden, im falschen Film zu sein. War das herzliche Gastfreundschaft oder führten die etwas im Schilde mit uns? Man löcherte uns mit Fragen, wer wir seien, woher wir kommen, warum sind wir in Bolivien…? Nur sehr zögerlich und oberflächlich beantworteten wir die Fragen, weil wir immer noch den Verdacht schöpften, dass diese Leute uns verfolgen und überfallen könnten. Die Hochzeitsgesellschaft feierte ausgelassen und zeigte sich von einer freudigen Seite, dass wir uns noch einen Moment darauf einliessen. Ich glaube, wir assen dann tatsächlich gemeinsam mit ihnen. Aber irgendwann wurde es uns doch zu unwohl und zu surreal, dass wir beschlossen, mit irgendeiner Ausrede diese Gesellschaft zu verlassen. Widerwillig liess man uns ziehen. Draussen an der frischen Luft wunderten wir uns über das soeben Erlebte. War das wirkliche, echte, spontane Gastfreundschaft? Oder lag da irgendeine Absicht dahinter? Mit einer Mischung aus erfüllter Freude und einer gehörigen Portion Misstrauen im Bauch, entkamen wir dem Geschehen. Mal sehen, wie sich die nächsten Tage entwickeln würden. Ich glaube, wir rechneten damit, dass man uns verfolgen könnte, weil man uns als reiche Ausländer betrachtete. In den nächsten Stunden waren wir noch umsichtiger wie sonst, überlegten uns zweimal, wo wir übernachten, essen und trinken würden.  Als wir schlussendlich feststellen durften, dass wir weder überfallen noch ermordet worden waren, schämten wir uns für unseren Argwohn. Die Gratwanderung zwischen Neugier, Vorsicht und den Dingen seinen Lauf zu lassen, auch wenn es noch so abstrus wirken mag, das ist die Kunst, die es auf Reisen auszubalancieren gilt. Der Gewinn kann genüsslich sein, ein Niederschlag zerschmettert alles. Welcher Energie folge ich? Der Angst, der Neugier, der Kontrolle? Meine Erfahrungen lehrten mich, wenn ich ein bisschen von allem zusammenmische, finde ich eine für mich gesunde Balance. Das «ein bisschen von allem» bleibt schlussendlich immer ein Experiment.

Triste Tage erwarteten uns in der Silberminenstadt Potosí. Wir kamen in der Weihnachtszeit dort an. Das Familienfest liess uns unsere Lieben vermissen. Die Tage des traditionellen Festes erfuhren die meisten von uns als Familienzeit, also durfte ein bisschen Sehnsucht ihren Platz einnehmen, auch wenn bislang niemand von Heimweh geplagt wurden. Zu sehr schlugen unsere Herzen für die Reiseneugier. Wir richteten unsere Aufmerksamkeit darauf, wie man in Südamerika Weihnachten feiern würde. Leider blieb es bei äusserlichen Beobachtungen, die mit vielen abwechselnd leuchtenden Farblämpchen, auf uns einwirkten.  Für mich zu kitschig. Wie es hinter den Türen in den Familien aussah, davon bekamen wir nichts mit. Von den kulinarischen Traditionen wollten wir uns jedoch gerne überzeugen lassen. Wir gingen auswärts essen und probierten das lokale, typische Weihnachtsmenu. Irgendetwas mit Kartoffeln und Fleisch in Sauce. Keine Ahnung was es war, es schmeckte jedoch ganz passabel. Nach den Feiertagen besuchten wir die berühmten Silberminen von Potosí. Erwartungsvoll machten wir uns auf den Weg zum «Cerrro Rico» (reicher Berg). Gespannt liessen wir uns die Stollen zeigen. Schmutzige Arbeiter in kaputten Kleidern präsentierten uns stolz ihren Arbeitsplatz. Meine Freude verebbte mehr und mehr in eine Tristesse, als ich erkannte unter welch katastrophalen Arbeitsbedingungen die Mineure dort schufteten. Junge Menschen, mehr Kind als Mann, gerade mal mit einem Helm geschützt, der sie weder vor grossen Steinschlägen bewahrt noch die Lungen vor dem Staub in den Stollen schützt. In dick gefüllten Backen liessen sie die Coca-Blätter ihre Wirkung tun. Die Folgen der beschwerlichen Arbeit liessen sich leichter ertragen, und es verdränge Hunger und Durst. In spiritueller Verbundenheit wurden frische Coca-Blätter täglich zusammen mit Schnaps und Tabak dem Minengott geopfert und man bat damit um Schutz und Sicherheit im Stollen. Die «mineros» wissen um die Gefährlichkeit ihrer Arbeit. Sie leben damit, weil sie sich ihrer Gottheit anvertrauen. Sie tun diese Arbeit über mehrere Generationen hinweg. Sie sind sehr stolz darauf. Aber ich meinte, das Echo darin zu hören, dass sie im Endeffekt gar keine andere Wahl haben. Ihre Lebenserwartung liegt bei 45-50 Jahren.  Das Kauen der Coca-Blätter ist in den Anden generell stark verbreitet. Von der Wirkung dieses Krautes durfte ich mich auch überzeugen lassen. Der «Mate de Coca», den leicht grasig schmeckenden Tee tranken wir Touristen, um mit der Höhe besser zurecht zu kommen, weil er angeblich die Sauerstoffaufnahme verbessert. Zudem gehört dieser Tee als Nationalgetränk auf jede Getränkekarte. Die leicht betörende Wirkung der Coca-Blätter ist zwar dem Inhaltsstoff Kokain zuzuschreiben; da dieser jedoch nicht raffiniert ist, führt er zu keiner Abhängigkeit beziehungsweise ist bloss vergleichbar mit der Sucht nach Koffein bzw. Teein. Die tatsächlichen chemischen Zusammenhänge liegen fern meines Interesses.

Es war langsam an der Zeit, den Geheimtipp des Reisenden in La Paz aus der Erinnerungsschublade hervorzukramen, weil wir uns den Koordinaten dieser Region näherten. Uyuni hiess der Ausgangsort für den Ausflug in die Salzwüste. In der Unterkunft, die einer Art Jugendherberge gleichkam, trafen wir erneut auf andere Gleichgesinnte. Natürlich hatten wir alle das gleiche Ziel: Die «Salar de Uyuni» zu erkunden! Das konnte man schlecht eigenhändig angehen, denn ohne lokale Kenntnisse verirrt man sich in dieser rund 21’000 km2 grossen Salzwüste ganz schnell mal. Und ich hatte definitiv keine Lust in einem salzigen Meer aus Weiss verloren zu gehen. Diese Reise ging nur mit ortskundiger Führung, und wenn wir uns als Gruppe zusammentun, würde die Reise günstiger. Gesagt – getan. Natürlich gab es auch damals schon verschiedene Tourenanbieter, diese beschränkten sich allerdings auf 2-3 Unternehmen. Die Wahl fiel uns leicht, es gab nämlich nur einer, der eine Funkanlage im Auto installiert hatte – man weiss ja nie! Und wie gesagt, in der Wüste hängen zu bleiben war keine Option. Und tatsächlich waren wir schlussendlich dankbar, diesen Kommunikationskanal zu haben. In unserer Gruppe erkrankte eine Kameradin an einer wüsten Erkältung mit Fieberschüben. Eine medizinische Betreuung drängte sich auf. Spitaleinweisung im Ausland war etwas, was man unter allen Umständen zu vermeiden hoffte und alles daran setzte einigermassen gesund zu bleiben. Leider blieb der Kameradin keine Wahl. Unser Tourguide war ein herzensguter Mensch, er scheute keine Umwege, und er fuhr mit uns in ein nah gelegenes Spital, wo wir unsere Kameradin abliefern mussten. Uns allen war weh zumute, keiner wollte mit ihr tauschen. Niemand will mitten im Nirgendwo in ein Spital, von dessen hygienischen Verhältnissen man nur hoffen kann, sie mögen keimfrei bleiben. Der Reiseleiter vergewisserte uns, dass seine Frau sich um sie kümmern und wir über Funk mit ihnen in Kontakt bleiben können. Mit diesen Beteuerungen fuhren wir weiter und starteten eine 4tägige Reise in eine Landschaft, die mir von Ort zu Ort ausserirdischer vorkam. Der Anfang machte ein Gebiet in weiss, dass farblich einer immensen Schneefläche gleichkam, jedoch sich als Salzboden des grössten Salzsees auf der Welt offenbarte. Die Sonne liess das gleissende Weiss noch mehr aufblenden, die Sonnenbrille wurde uns zum wichtigsten Accessoire. Ob man dort auch schneeblind (oder hiesse es «salzblind» werden oder sich wie in einem «white out» verlieren könnte?) Dass man sich vor dem weissen Licht schützen musste, bestätigte mir der Anblick eines Arbeiters des Salzabbaus. Eine Deckelmütze tief in die Stirn gezogen, ein Halstuch über die Nase gebunden, auf welcher eine Sonnenbrille ruhte, ein langärmliger Pullover, lange Hosen und hohe Gummistiefel drüber. Eine einfache aber offenbar zweckmässige Schutzkleidung der Arbeiter, die unter der grellen Sonne, das Salz in Blöcken aus dem Boden hauten. Nebst Salz wurde hier auch Lithium abgebaut, beides sind sehr begehrte Waren. Doch keiner von uns hatte Lust, seinen Arbeitsplatz mit diesen Arbeitern zu tauschen! Mitten auf dem Salzsee rasteten wir auf einer felsigen Insel, wo Kakteen wie Monolithen aus dem Boden schossen. Eine wohltuende Mittagspause an einem merkwürdigen Ort, der das hervorstechende Weiss zwar unterbrach, aber nicht weniger sonderbar wirkte. Ausserirdischer wurde die Fahrt in Richtung der «laguna colorada». Die Landschaft blieb wüstenartig, aber die Farbe wechselte in einen Braunton. Trockener, steiniger Boden sorgte bei der Durchfahrt für Sandaufwirbelungen, viel mehr war bis zur Lagune nicht zu entdecken. Ein Öde, von der ich nicht wusste, ob sie langweilig auf mich wirkte, oder ob gerade diese Leere, die doch keine war, mich beeindruckte? Ich suchte krampfhaft nach etwas, meine Augen wollten sich an etwas festhalten, etwas erblicken, was nicht da war. Umso empfänglicher wurde ich für die farbliche Abwechslung bei der Ankunft an der „laguna colorada“. Wie es der Name offenbart, ist dieser See gefärbt (colorada). Ein kupfriger Farbton mit weissen Schlieren darin durchzog die Lagune, und hob sich in dieser kargen Umgebung in einer Intensität hervor, in dessen Sog ich mich gerne hineinziehen liess. Der hohe Mineralstoffgehalt und eine dort vorherrschende Algenart ist Ursache dieser Verfärbung. Nicht schlecht staunte ich, als ich eine grosse Anzahl an Flamingos erblickte, die auf ihren langen Beinen im See herumstaksten. Wohl verstanden, wir bewegten uns auf einer Meereshöhe von über 4000m! Flamingos bringe ich normalerweise mit Florida oder anderen tropischen Gegenden in Verbindung. Aber diese besondere Algenart scheint den Flamingos besonders gut zu bekommen, was angeblich der Grund für das grosse Vorkommen jener Vögel in diesem Lagunengebiet ist. Bei den Seen «laguna verde und blanca» war kein einziger Flamingo mehr anzutreffen. Dort schien die mineralische Mischung ihnen wohl nicht zu bekommen oder schenkte ihren Lieblingsalgen keine Grundlage für ein Überleben. Weshalb welche Mineralien in welcher Zusammensetzung die Seen in ihren jeweiligen Farben erstrahlen lässt, müsste wohl ein Chemiker differenziert ausführen.  Mir waren die Details egal, als einfache Touristin genügte mir das Wissen, dass hohe Anteile verschiedener Mineralien, den einen See in Weiss und den anderen See in Grün erscheinen liessen. Wobei die Bezeichnung grün, schlichtweg eine Untertreibung ist. Ein edles smaragdgrün färbte diesen See und war umrandet von einem beige-braun-farbigen, steinigen Ufer. Der wolkenlose, knallblaue Himmel toppte die Szenerie und vollendete das perfekte Bild für die Kamera! Das Gefühl, nun definitiv auf dem Mond gelandet zu sein, kam spätestens dann hoch, als sich die Bodenvertiefungen mehr und mehr als Krater zeigten. Eine Kraterlandschaft, die den Mondbildern aus der Mondlandung von 1969 gleichkam. In der ausgetrockneten Form war eine gelbe Umrandung erkennbar, in der blubbernden Variante war, der nach faulen Eiern stinkende Schwefel, nicht mehr wegdiskutierbar. Hier brodelten aktive Geysire. Ein spinatkochend ähnliches Blubbern, das zwar farblich nicht in die Szenerie passte, aber auf sanfte Bodenaktivität deutete. Die aufsteigenden Dämpfe ergänzten das merkwürdige Schauspiel. Karg, mystisch, leer und doch voller Leben! Und ja, es gab tatsächlich Menschen, die an einem so unwirtlichen Ort lebten. Bei denen durften wir übernachten. Ein Nachtlager, das wohl einst als Stall diente und optisch immer noch entsprechend daherkam. Betten wurden ansprechend hergerichtet, wenn man die Art der Gegend berücksichtigt, kam dies einem Hotel gleich. Dennoch war ich froh, meinen eigenen Schlafsack auf die Matratze legen zu können, über mehr wollte ich gar nicht nachdenken. An diesem Ort durften wir Neujahr feiern, und dank des Funkes, kontakteten wir mit unserer zurückgelassenen Kollegin, die glücklicherweise auf dem Weg der Besserung war.

Zurück in Uyuni wurde mir so langsam bewusst, sobald wir Bolivien verlassen würden, wäre dies das Ende der Reise in den typischen Hochanden, wie ich mir Südamerika immer vorgestellt hatte. Diese Etappe hinter mir zu lassen stimmte mich etwas traurig. Gleichzeitig freute ich mich auch auf die weiteren Länder, die noch auf mich warteten. Der Übergang in unser nächstes Reiseland bedeute ein Wechsel der Landschaftszonen wie auch der Menschen und deren Kultur.  Doch bevor wir Chile erreichten, stand uns noch eine Zugfahrt bevor, die meine Geduld auf die Probe stellen sollte. Von Uyuni (Bolivien) nach Calama (Chile) gab es eine Zugverbindung, doch ein fixer Fahrplan existierte nicht. Wir mussten fragen, wann der Zug auf dieser Strecke fahren würde, und als Antwort bekamen wir: Ungefähr morgen früh um 7.00 Uhr. Nach mehreren Reisemonaten wussten wir inzwischen sehr genau, dass dies bedeuten konnte 6.30 Uhr oder 08.00 Uhr. Das wurde nicht so genau genommen, man fuhr, wenn man bereit dafür war. Welche Voraussetzungen dafür nötig waren, weiss ich nicht. Also machten wir uns entsprechend früh auf den Weg und waren froh, dass der Zug parat stand, und wir uns auf einer Sitzbank einrichten konnten. Meine Kollegin hatte noch irgendwas vergessen, und wir werweisten, ob sie das noch holen könne oder nicht, oder ob der Zug einfach abfahren würde. Sie entschied sich dafür, das Vergessene zu holen. Bange Minuten vergingen, nichtwissend, ob es meine Kollegin rechtzeitig schaffen würde. Ausser Atem kam sie endlich wieder bei mir an. Geschafft! Jetzt waren wir bereit. Eine Stunde verging, dann eine zweite, eine dritte und wir fragten uns, warum wir am Morgen so gestresst hatten. Aber alles blieb unberechenbar, niemand konnte uns sagen, wann und ob wir überhaupt je fahren würden. Tja, für uns Schweizer Eisenbahnerinnen war das ein besonderes Erlebnis; zu Hause schauen wir auf Sekunden, wenn es um Pünktlichkeit geht, und hier lassen selbst stundenlange Verspätungen niemanden ins Schwitzen bringen. Ich dachte, diese Reise hätte mich Geduld und Gelassenheit gelehrt, aber diese Zugfahrt, die immer noch keine war, sondern ein Warten darauf, dass die Lokomotive endlich ins Rollen kam, fing mich dann doch an zu nerven. Das war doch nach dieser Warterei mein Recht, oder?  Recht oder nicht, das schien hier wirklich niemanden zu interessieren, die lokalen Regeln spielten eine andere Tonart, für die mein Gehör zu wenig sensibel war. Ich vertrieb mir die Zeit mit meiner eigenen Musik: Kopfhörer auf, Kassette rein, play! Was hätte ich auf der Reise ohne meinen Walk Man gemacht? Ein Zeitvertreiber, der mich Traumfäden spinnen liess. Die Richtung bestimmte die Musik und meine aktuelle Stimmung. Gedanken, Worte, Buchstaben reichten mir meist nicht aus, um Eindrücke zu verarbeiten, ja überhaupt zu erfassen. Der Kopf ist voll, es bleiben Emotionen hangen. Musik schafft es, diese ins Herz zu transferieren, was Worte unnötig werden lässt. Das bedeutete mir die Musik unterwegs!

Irgendwann am späten Nachmittag fing sich etwas an zu bewegen, und tatsächlich: Wir fuhren endlich los! Chile wir kommen, wann auch immer wir dort ankommen werden!


 

Chile
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6.6.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Chile.
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Meine Traurigkeit war längst verflogen, übertrumpft von der Neugier auf das, was mich in Chile erwarten könnte. Viele Orte, die wir besuchten, kamen mir jedoch zu den bisher bereisten Ländern vergleichsmässig sehr europäisch vor. Nichts was mich aus den Socken haute. Vielleicht, weil viele Regionen der Landschaft in der Schweiz sehr ähnlich waren. Zum Beispiel unternahmen wir eine Schifffahrt, die mir vorkam, als würden wir auf dem Vierwaldstättersee rumschippern. Das war zwar alles wunderschön, so wie ich die Gegend auch in der Heimat bewunderte, doch es war nicht das, was ich wollte. Ich suchte nach der Abwechslung. Aus dieser Unruhe heraus pilgerten wir von Ort zu Ort und machten Sightseeing nach Art der klassischen Touristen. Es kam mir fast so vor, als müssten wir die Zeit rumkriegen. Mir fehlte das gewisse Etwas in diesem Land, das was mich kitzeln, beeindrucken oder staunen liess. Ich kann es weder beschreiben noch erklären, es war irgendwie so, als wäre alles auf neutral geschaltet. Ich kann heute nicht mehr unterscheiden, ob es nur meine persönliche Reaktion meiner Gefühle auf die Aussenwelt war oder ob die Gegend tatsächlich wenig zu bieten hatte (was ich ehrlich gesagt bezweifle).

In diesen Reisetagen gelangten wir über Valparaíso, einer verträumten, malerischen Hafenstadt, die auch als kulturelle Hauptstadt Chiles gilt nach Santiago de Chile, welches die eigentliche Landeshauptstadt ist. Je mehr Zeit wir in diesem Land verbrachten, desto weniger kamen wir an den grossen Namen wie Pablo Neruda, Salvador Allende, Isabel Allende, Augusto Pinochet vorbei. Museen, Statuen, Erzählungen konfrontierten uns regelmässig mit Chiles Vergangenheit. Diktatur. Unterdrückung. Politische Verfolgungen und das Leiden eines Volkes. Menschen, die einem erzählten, dass Angehörige immer noch vermisst wurden aufgrund von politischen Wirrungen. Eine Epoche, die in den Köpfen noch nahe war und in schmerzenden Seelen noch nachhallte. Da tat sich eine Welt auf, von der ich wenig wusste, geschweige denn, zu erfassen imstande war. Ein Hauch davon liess mich Isabell Allende, eine Nichte des ehemaligen Staatspräsidenten Salvador Allende, in ihren grossartigen Büchern nachempfinden. Im Endeffekt waren es diese Momente, in denen ich mit Chile in Berührung kam. Und einmal mehr war ich dankbar, in einem Land aufgewachsen zu sein, wo Frieden den Alltag bestimmte, wo man alles sagen durfte, wo das Leben Freiheit bedeutete. Ich konnte in jungen Jahren genug Geld für eine grosse Reise sparen, durfte laut planen und träumen, es stand mir frei, das Land zu verlassen, an Orte zu reisen, wo mich mein Herz hinzog. Nur Freunde und Familie liessen mich ungern ziehen, ansonsten gab es keine Macht, die mich zurückpfeifen würde. Die Welt lag mir zu Füssen oder anders gesagt: Die Sicherheit in meiner Heimat schenkte mir den Boden, um mich der Welt zu öffnen, meine Träume grenzenlos durchforschen zu können. Hindern konnte mich nur mein Budget oder persönliche Grenzen. Meine Heimat ermöglichte mir, mein junges Erwachsensein auszuloten, meine Persönlichkeit zu entdecken, neu zu erfinden und zu schleifen, sprich mich frei zu entfalten. Und ja es gab Zeiten, da hätte ich meine Heimat auswandernd verlassen, wollte der Enge des Kleinstaates und des Denkens der Menschen entfliehen, eine andere Form des Frei seins kennenlernen. Im Endeffekt geht es wohl darum, ob das Lebensgefühl, welches der andere Ort bietet, für einen bedeutender ist als alle anderen Konzessionen, die die eigene Heimat bietet. Schlussendlich kehrte ich immer gerne zurück in die Schweiz und bin, je älter ich werde, sehr dankbar um die sicheren Rahmenbedingungen, die das Leben in der Schweiz komfortabel machen.

In Santiago de Chile drehte ich mich gefühlsmässig ein bisschen im Kreis. Eine Sättigung machte sich in mir breit. Hatte ich schon genug gesehen? Oder war der Wechsel dieser Szenerie vom Andenhochland zum europäisch nachempfunden Chile zu krass, zu langweilig? Meiner Kollegin schien es ähnlich zu gehen. Und wieder einmal, war es einer dieser Tipps von anderen Reisenden, über den wir nachdachten. Salvador de Bahia…ein netter Ort in Brasilien…am Meer. Sollten wir diesen Tapetenwechsel anpeilen? Brasilien stand nie auf meiner Reiseliste, wahrscheinlich deshalb, weil dies das einzige Land auf dem südamerikanischen Kontinent ist, wo man nicht spanisch sprach. Aber portugiesisch ist ja sehr ähnlich wie spanisch, das kriege ich sicher hin, meinte auch meine Kollegin. Ich kaufte wieder einmal ein Wörterbuch. Wir verglichen spanische Bezeichnungen mit den portugiesischen Benennungen. Und tatsächlich, die Wörter schienen sich in der Schriftsprache sehr ähnlich! Portugiesisch schien eine Mischung aus dem italienischen und spanischen Vokabular zu sein. Perfekt, mit Beidem waren wir bereits gut ausgerüstet. Das packen wir! Wir dachten keinen Moment darüber nach, dass die Aussprache die Essenz der Sprache sein konnte. Wir buchten einen Flug von Santiago de Chile nach São Paulo!


 

Brasilien
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6.7.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Brasilien.
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Die lebensfrohe und herzliche Art der Brasilianer lernten wir gleich im Flugzeug kennen. Ein junger Biologiestudent, der der englischen Sprache mächtig war, sass neben uns und verwickelte uns in ein Gespräch. Gegenseitiges Interesse an unser aller Leben ergab eine sympathische Unterhaltung. Und wenn man schon mit lokalen Persönlichkeiten in Kontakt kam, löcherten wir ihn natürlich mit Fragen zu seiner Heimatstadt São Paolo.  Wir würden wieder eine Unterkunft brauchen und liessen uns beraten, worauf wir achten müssen, und wo es am günstigsten wäre. «Je näher im Stadtzentrum desto günstiger die Preise!» hiess überraschenderweise die Antwort. Da wir dachten, uns verhört zu haben, fragten wir nochmals nach. Ja es war tatsächlich so. Andere Länder, andere Sitten und Prinzipien. Für uns ein Glück, so konnten wir zentrumsnah billig übernachten. Und die Wege für das Stadtsightseeing blieben kurz. Nach und nach bekamen wir eine Ahnung, warum es nicht lohnenswert erschien, die Nähe der Stadtmitte zu suchen. In den Hotels wurden wir immer gefragt, für wie viele Stunden wir ein Zimmer zu buchen wünschten. Anfänglich dachten wir nicht näher darüber nach und antworteten immer mit «für eine Nacht». Bis uns endlich der Groschen viel, und wir realisierten, dass hier Hotelzimmer für eine rasche Nummer zu Liebeszwecken gebucht werden können. Willkommen in Brasilien! Ach, wie mussten wir über unsere Naivität lachen. Es liegt auf der Hand, dass wir uns somit nicht in jeder Unterkunft auch wirklich wohl fühlten, und ab und an fluchtartig die Herberge wieder verliessen. Da wir ja eh ein anderes Ziel hatten, reisten wir schnellstmöglich weiter.

In Salvador de Bahia angekommen, holte uns rasch ein anderes Urlaubsfeeling ein: Wir fanden Traumstrände vor, die uns einluden, die Seele baumeln und sich von der Sonne verwöhnen zu lassen! Reisepause! Wir tauschten unsere kurzen Hosen und T-Shirts mit dem Bikini und ab sofort, waren wir mehrheitlich nur noch am Strand zu finden. Dass auch hier Körperkult gelebt wird, überraschte uns nicht besonders. Am Strand galt es, die Schönheit seines Körpers zu zeigen. Frauen, meist oben ohne und mit nahezu perfekt geformten Taillen, zeigten sich stolz am Strand spazierend. Männer, sportlich und kräftig, betrieben Fitness am Strand. Den schönen, muskulösen Körper unter den beobachtenden Augen der Frauen in Form zu halten, war das höchste Motto. Dieses Spiel mit der körperlichen Anziehungskraft, ja fast erotisches zur Schau stellen, wirkte auf mich nicht anzüglich, wie ich es andernorts schon empfunden hatte. Hier strahlte eine intensive Lebenslust, die einer puren Armut gegenüberstand. Vielleicht war es ja genau dieses Wenig bis Nichts Besitzen, was die Leichtigkeit dieser Menschen ausmachte. Auch wenn ihnen das Leben sicher nicht nur Sonnenseiten bescherte, die Lust zu Leben und die Lust zu Lieben, liessen sie sich nicht nehmen. Die traumhaften Strände und das heisse Klima boten der ideale Rahmen dafür. Auf der Hand liegt, dass die Schattenseiten sich darin zeigten, dass viele junge Frauen, selbst fast noch Teenager schwanger und mit ihren Kindern sitzen gelassen wurden. Meistens kamen sie eh schon aus armen Verhältnissen, waren vielleicht Kinder von nie dagewesenen Vätern. Ihre Mütter wurden zu jungen Grossmüttern, man musste zusammenrücken, die Wohnbedingungen noch enger. Arbeit zu finden war eh schon eine Herausforderung und mit der Verantwortung für ein Kind grenzten sich diese Möglichkeiten noch mehr ein. Es ist ein Teufelskreis, wie wir aus erster Hand von einem betroffenen Mädchen erfahren durften. Sie war gerade mal 15 Jahre jung. Soweit ich mich erinnere, blieben solche Familien auf sich allein gestellt. Da war kein Staat, der mit Sozialhilfe oder ähnlichem unterstützte. Trotz der schwierigen Bedingungen berührte mich, dass sich diese Menschen als Lebenskünstler*innen durchs Leben kämpften und ihre Wärme in den Herzen nicht erkalten liessen.

Und weil auch wir zum Teil dieses Spiels wurden, kam man mit uns ins Gespräch. Es wollte geflirtet werden. Und spätestens hier holte uns das Unverständnis der portugiesischen Sprache ein. So klangvoll und wunderschön die Brasilianer ihre Sprache singen, so wenig Musikgefühl vibrierte in meinen Sinnen. Ich wollte verstehen, ich wollte lernen, ich wollte ausdrücken…ich musste kapitulieren. Ich verlor mich im melodischen Singsang dieser Sprache. Leider reichte mein Musikgehör dafür nicht aus. Umso mehr genoss ich dieses lebensfrohe Urlaubsgefühl. Die Ablenkungen am Strand blockierten unsere Motivation für Sightseeing ziemlich kräftig, was uns nicht weiter störte. Der einzige touristische Akt bestand im Badespass. Doch halt, da war ja noch die Besichtigung von Pelourinho, einem besonderen Stadtviertel von Salvador de Bahia. Daran kamen wir zum Glück nicht vorbei, denn dieser Stadtteil schien eine wichtige Geschichte über die Vergangenheit der dort lebenden Bevölkerung zu erzählen. Was früher der «Pranger» für den Sklavenmarkt war, ist heute ein farbenfrohes, lebendiges Quartier, welches von einer afrobrasilianischen Kultur geprägt wird. Hier durfte der Capoeira, ein brasilianischer Kampftanz (eine Mischung aus Kampfkunst und Tanz), dessen Wurzeln ebenfalls aus Afrika herrühren, nicht fehlen. Musik und Tanz sowie Getratsche in den Cafés…ein fröhliches Leben, das auf der Strasse stattfand. Es war eine Leichtigkeit spürbar, als würde es hier keine Sorgen geben. Einfach in den Tag hinein leben, der Rest würde sich dann schon irgendwie ergeben. Gerne liessen wir uns von dieser Unbekümmertheit, die in keiner Form auf die brutale Geschichte zurückblicken liess, anstecken. Warum sich also Sorgen machen, wenn das Leben so schön sein kann? War es Verdrängungskunst oder die Liebe zum Leben? Ich erinnere mich an einen Moment, als ich etwas nachdenklich auf einer Steinklippe am Strand sass. Ein junger Mann kam zu mir und sprach sanft auf mich ein. Was ich über unser sprachliches Hindernis hinaus verstand, war, dass er mich trösten wollte und mir sinngemäss zu verstehen gab „hey, das Leben ist schön! Wirf es nicht weg!“, was ich natürlich keinesfalls wollte. Dennoch berührte mich diese Begegnung. Mich erstaunte diese tiefe Kraft, das Leben feiern zu wollen, seien die Umstände auch noch so steinig.

Wir blieben der Urlaubsstimmung noch ein bisschen treu und fanden weitere Traumstrände auf Morro de São Paolo. Per Schiff erreichten wir die Insel irgendwann spätabends. Der Ort schien bei jungen Touristen beliebt zu sein. Ob wir noch Plätze zum Logieren finden würden? Manchmal fand ich die Suche nach Unterkünften ziemlich mühselig, vor allem dann, wenn ich spätabends an einem Ort eintraf. Doch meine Sorgen für Morro de São Paolo waren umsonst, problemlos ergatterten wir einen Schlafplatz. Tagsüber Sonne tanken wie gehabt, des Nachts riefen Strandpartys nach uns. Wir liessen uns nicht zweimal bitten und tanzten uns die Nächte um die Ohren. Das legere Leben hier wirkte wie ein Magnet, es zog viele Reisende an, und wir trafen auf junge Menschen, die wir unterwegs irgendwo schon mal gesehen hatten. So erkannte ich auch einige Kumpels von meiner israelischen Liebes-Bekanntschaft aus Cusco. Und ich musste mir eingestehen, dass ich sehr darauf hoffte, ihn wieder zu sehen. Hatte ich also doch Liebeskummer? Ich realisierte, dass ich an jedem Ort, wo sich Reisende trafen, genau hinguckte, ob er nicht auch zufällig dabei war. Eine Sehnsucht, die mich vorantrieb, ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein. Ich hoffte wirklich, ihm nochmals zu begegnen. Leider war er nicht mehr mit den gleichen Reisekollegen unterwegs, man konnte mir nicht sagen, wo er war, ich sollte ihn hier auf dieser Insel nicht finden.

Ablenkung fand ich in der Frage, ob wir nach Rio de Janeiro reisen sollten oder nicht. So paradiesisch es auf Morro de São Paolo auch war, ich hatte genug vom Strandfeeling. Mir wurde langweilig, meine Unruhe, Ungeduld machte sich bemerkbar, ich brauchte Abwechslung, neues Seelenfutter. Die Frage, ob wir Rio de Janeiro auf unserer Reiseroute festsetzen wollten, war einerseits sinnlos, dass wir sie überhaupt stellten. Denn diese Stadt ist ein MUSS, wenn man schon in Brasilien unterwegs war und gleichzeitig noch der Karneval vor der Tür stand. Da ich selbst aktive Fasnächtlerin war, kitzelte mich die Neugier, den typischen Carneval do Brasil zu erleben. Andererseits wussten meine Kollegin und ich, dass Rio ein heisses und gefährliches Pflaster war. Die Frage nach dieser Reiseetappe war für uns mehr als berechtigt. Grossen Respekt hatten wir davor, allein in diese Stadt zu reisen. Zu viel Kriminalität, zu viele Gefahren. Ja natürlich hätte uns auf der ganzen bisherigen Reise etwas passieren können, wir hätten überfallen und ausgeraubt werden können, oder was weiss ich. Wir waren uns der Risiken auf Reisen durchaus bewusst. Aber Rio de Janeiro während dem Karneval zu besuchen ohne besondere Kenntnisse zum Drumherum, wo zügelloses Feiern und hoher Alkoholgenuss die Hemmschwellen noch mehr herabsetzte, wo man Touristen mit klimperndem Geldbeutel gleichsetzte…das war uns etwas zu heikel. Und so kamen wir auf eine besondere Idee. Meine Kollegin erinnerte sich, dass die Truppe, mit der sie per Overland-Truck durch Peru reiste, Rio de Janeiro zur Karnevalszeit anvisieren würde. Falls wir unterwegs auf sie treffen würden, könnten wir uns womöglich ihnen anschliessen und Rio mit ihnen zusammen erkunden. Was sich hier als theoretisch und unmöglich anhört, war tatsächlich eingetroffen. Keine Ahnung mehr, wie das zustande gekommen war, und wo genau wir sie getroffen hatten, aber wir fanden die Truppe tatsächlich! Wir durften uns ihnen anschliessen und quartierten uns in Rio sogar im gleichen Hotel ein. Wir fühlten uns wohl und waren dankbar für diese Gelegenheit. Noch waren es nicht die Tage des Karnevals. Wir hatten Zeit, die Stadt auf uns wirken zu lassen…und wie sie wirkte! Eine Megastadt, Hochhaus an Hochhaus aneinandergereiht, nur wenige Meter in Form eines Sandstrandes trennte sie vom Meer. Hinter den Wolkenkratzern trugen hunderte, tausende weitere Häuser zum überfüllten Stadtbild bei, eng zusammengepfercht, in einer Hügellandschaft, wo nur der Zuckerhut in seiner Schönheit herausragte. Irgendwo dazwischen und mittendrin lagen die Favelas, die Armutsviertel der Stadt. Reich und Arm eng nebeneinander, etwas dazwischen schien es nicht zu geben. Diese Extreme, so dicht aufeinander waren für mich in der ganzen Stadt auf eine Weise spürbar, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Eine Stadt voller Gegensätze und doch voller Leben und sprühender Energie. Es wirkte wie ein Sog; im Vakuum zwischen zwei Polen will die fehlende Mitte gefüllt werden…mit Träumen aber auch mit Kriminalität. Obwohl uns diese latente Gefahr immer begleitete, fühlten wir uns durch die Einbettung in der Gruppe viel sicherer. Und im Endeffekt überwog das lebensfrohe Bild der Menschen, die dort lebten, die trotz Widrigkeiten einen Optimismus und Lebensfreude ausstrahlten, von der wir uns nur gerne anstecken liessen. Die gleiche Lebenslust hörte ich aus den Rhythmen des überpräsenten Sambas heraus. Aus jeder Musikbox sprühte sie einem entgegen und lud zum Tanzen ein. Auch wenn ich das lieber den Einheimischen überliess, spürte selbst ich, wie diese Rhythmen den Körper kitzelten und herausforderten, sich diesen Schwingungen hinzugeben. Als Gesamtpaket erlebte ich das am intensivsten während den Karnevalstagen, wo aber leider auch noch ganz andere Schwingungen die Luft bewegten.

Der Karneval ist ein Fest, das arm und reich jeder auf seine Weise feiert. Ein grosser Teil wird in den Strassen gefeiert, das Hauptfest passiert in einer Arena. Das, was in Rio als DER Karneval gilt, ist der 700metrige Durchmarsch von Rio’s Sambaschulen in der Arena des Sambódromo-Stadions. Ich schreibe das so nüchtern, weil ich das genau so empfunden hatte. Ich weiss nicht, was ich erwartet hatte. Jedenfalls nicht ein Ablaufen einer geraden Strecke in einem Stadion von Punkt A nach Punkt B. Es kam mir billig und unzureichend vor für einen derart propagierten Anlass. Jetzt war ich also hier, und wollte deswegen nicht Trübsal blasen. Ich beschloss, mich auf das Optische zu konzentrieren und mich von der Schönheit der Kunstwerke verwöhnen zu lassen. In einer leuchtend glitzerigen Farbenpracht zeigten die Sambaschulen ihre kreative Umsetzung des gewählten Themas. Und das war eine Wucht und hatte nichts mehr mit billig zu tun. Im Gegenteil, aufwändig dekorierte Wagen, Tänzerinnen und Tänzer in Sambakleider, die ein Vermögen kosten mussten, Kopf- und Federschmuck in diversester Ausführung…eine bunte Pracht! Die Teilnehmer tanzten sich die Karnevalsfreude aus dem Leib, präsentierten stolz ihr Können und feierten ein Fest der Leichtigkeit und Freude! Das beeindruckte mich wirklich! Ich wusste, dass der ganze Rahmen nach gewissen Regeln abläuft und Bewertungen vorgenommen werden. Die Details dazu kannte ich nicht! Viel wichtiger schien, und das war schlussendlich der Funke, der rüber sprang, die Ehre, die man damit verbindet. Die Ehre, mit dabei sein zu dürfen.  Die Ehre, diese Kostüme stolz an seinem Körper zu tragen. Die Ehre, zu einer erfolgreichen und womöglich preisgekrönten Sambaschule zu gehören. Diese Hochachtung schien mehr wert zu sein als jedes Preisgeld. Trotz meiner anfänglichen Enttäuschung genoss ich die Atmosphäre, die Ausgelassenheit und Intensität des Feierns, eine fremde und schöne Art des Karnevals!  Kaum hatten wir das Sambódromo verlassen, kam ich jedoch wieder auf dem Boden der Tatsachen an. Aus dem Nichts tauchte ein Schatten auf, der sich sofort über das frohe und feiernde Herz legte. Ich stiess auf Abfallberge genau jener Kleidung und Kunstwerke, die eben durch das Stadion getragen wurden. Es kam mir vor, als wäre mir eine Welt präsentiert worden, die mir bislang verborgen blieb. Eine Scheinwelt, die am Ausgang des Sambódromos platzte und sich in Luft auflöste. Kaum war der Durchmarsch beendet, wurde alles weggeworfen. Da wurde im übertragenen Sinn viel Geld auf die Strassen geworfen, welches plötzlich seinen Wert verloren hat. Eine Inflation, eine Ernüchterung und vielleicht die Realität der Armut, die einen einholte. Dass man viel Geld in ein Hobby steckt, das kannte ich auch aus meinem Karneval oder Fasnacht, wie wir hierzulande sagen. Feiern, was das Zeugs hält, basteln, bauen und nähen, die Gesamtwerke auf einem Rundgang dem Publikum präsentieren. All das kannte ich. Warum hatte ich dann dieses bittere Gefühl in der Magengegend? Rückwirkend betrachtet, versuchte ich wohl, diese Widersprüche, auf die ich ständig gestossen war, in Worte und Bilder zu fassen. Widersprüche, die auf mich wirkten, die ich als lokale Realität anzunehmen hatte und für mich in Einklang bringen musste. Zugegeben, eine nicht ganz einfache Aufgabe, ich hatte viel Stoff zum Nachdenken. Aber, was wusste ich schon. Ich war nicht dort aufgewachsen, kannte die Normen und Werte jener Gesellschaft nicht, die in einer (für mich) paradoxen Umgebung ihr Leben lebt. Es lag mir fern, darüber zu urteilen, ich spürte einfach den Schatten auf meinem Herz, dem ich durch das Sortieren meiner Gedanken Erleichterung verschaffen wollte.

Erholung suchten wir nach den Karnevalstagen typischerweise am Strand. Wenn schon denn schon wollten wir die weltberühmte Copacabana gesehen haben. Mit nichts als dem Bikini am Körper und mit einem leichten Stofftuch umwickelt (um ja nicht als Offerte für einen Überfall zu dienen) fuhren wir per Bus zu dieser Bucht. Mit den Hochhäusern direkt im Hintergrund, wirkte der Sandplatz etwas eigentümlich, nahm dem Ganzen aber nicht die Schönheit. Strände hat die Megastadt mehr als genug zu bieten, wir genossen die Vielseitigkeit der Meeresküste, badeten und faulenzten an der Sonne herum, bis uns wieder langweilig wurde. Aber bevor es dazu kam, sollte es nochmals Funken regnen. Irgendwo, an einem dieser Strände, begegnete ich ihm, dem meine Sehnsucht galt. Ich glaubte es kaum. Ich hatte meine Hoffnung schon aufgegeben, und da begegneten wir uns einfach so an einem Strand (zugegeben an einem Ort, wo sich Touristen häufig tummeln, wieso also nicht auch wir). Es wäre zu kitschig für eine lovestory gewesen. Unser Wiedersehen berührte mich. Wir verloren uns sofort wieder in guten Gesprächen, freundschaftlich, kribbelnd. Je länger das Zusammentreffen dauerte, desto mehr realisierte ich, dass da nicht mehr das gleiche Knistern zwischen uns war. Zu sehr war es auf unseren beiden Wegen verflogen, auch wenn ich mich lang an der Erinnerung daran festgehalten hatte. Wir trennten uns herzlich, gingen beide weiter auf unseren Wegen. Mein Herz fand endlich Ruhe und Frieden. Im Endeffekt eine schöne Erfahrung, denn es hätte für uns keine Zukunft gegeben, das wussten wir Beide.

Abschied nehmen, musste ich langsam auch von meiner treuen Reisebegleiterin. Ihre Urlaubszeit ging zu Ende, sie flog zurück in die Schweiz, der gewöhnliche Lebensalltag wollte sie zurück. Mit vielen gemeinsamen Erinnerungen im Herzen trennten wir uns etwas wehmütig. Wir trösteten uns in der Überzeugung, dass wir uns in der Schweiz sicher auf die eine oder andere Art wieder begegnen würden. Ab jetzt reiste ich allein weiter. Schon komisch, es waren seit Beginn meiner Reise etwa fünf Monate vergangen und nie war ich seither allein. Nun schaute ich zuversichtlich auf die nächsten Wochen, im Wissen darum, dass ich auch in Argentinien wieder tolle Leute kennenlernen werde.

Argentinien und Chile
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6.8.  Entwicklungshilfe in Südamerika – Argentinien und Chile.
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Meine Körpergrösse von wenigen 165 cm stellte sich während langen Busfahrten als wesentlichen Vorteil heraus. Meistens gelang es mir, meinen Körper auf eine Art und Weise zusammenzufalten, die mir durch die gewonnene Sitz- oder Liegepositionen zu einigen Stunden Schlaf verhalf. Wären noch mehr Zentimeter dazugekommen, wurde es grenzwertig von einer Liegeposition sprechen zu können, da blieb nur noch das steife Sitzen übrig. So erging es wohl meinem grossgewachsenen Sitznachbar auf der langen Fahrt nach Argentinien. Er konnte sich kaum bewegen auf seinem Sitz, er wirkte, als würde er sich mit freundlicher Konversation ablenken wollen, wenn er schon nicht schlafen konnte. Kaum war ich aus meiner Schlafpause aufgewacht, suchte er das Gespräch mit mir. Zuerst war ich etwas erstaunt, dass ich ihn überhaupt verstanden hatte, bis ich realisierte, dass er spanisch mit mir sprach. Ich erfuhr, dass er Argentinier sei und zurück auf dem Weg in seine Heimat war. Ich genoss das Gefühl, mich wieder anständig verständigen zu können, relativ fliessend auf Spanisch zu diskutieren, ohne mich mit Händen und Füssen erklären zu müssen. Eine angenehme Konversation entstand, welche die lange Fahrzeit kürzer erscheinen liess.

Nach der Zollschranke betrat ich zwar argentinischen Boden, blieb aber Grenzgängerin auf den Wegen durch den Iguazù-Nationalpark. Die Grenze zwischen Brasilien und Argentinien verläuft mitten durch die Wasserfälle, so wanderte ich mal auf der einen dann wieder auf der anderen Seite. Eine Grenze war für mich nicht wahrnehmbar, da die Iguazù-Fälle aus mehreren grossen und kleinen Wasserfällen bestehen, die sich auf einer Länge von über 2km ausdehnen. Ein aufsehenerregendes Bild, das sich durch eine Landesgrenze weder teilen noch aufhalten lässt. Zudem staunte ich mir die Augen aus dem Kopf, weil sich die Fälle von verschiedenen Ecken und Nischen erblicken liessen, und jedes Mal war das neu gesichtete natürliche Gemälde atemberaubend. Die Wucht dieser Wassermassen forderte tosend, rauschend und Gischt hochspritzend laut nach Aufmerksamkeit, die ihr gerne zollte. So laut wie es in der Nähe des Wassers war, so still zeigte sich der Park auf leicht entfernteren Wegen. Stundenlang wanderte ich im Park und liess die Kraft und Schönheit auf mich einwirken, sog die Ruhe ein. In meinen Erinnerungen zeigen sich einsame Bilder, als ob ich mich ganz allein im Nationalpark bewegt hätte, was sicher nicht der Fall war. Aber hätten sich Menschenströme durchgezwängt, dann würde es mir sicher nicht entfallen sein. Also nehme ich an, dass das Verhältnis zwischen Tourismus und Natur zum damaligen Zeitpunkt ausgewogen war. In der Stille meiner Gedanken vertieft, entdeckte ich plötzlich ein Schwarm pastellgrüner und zitronengelber Schmetterlinge, die sich auf der Oberfläche eines seichten Gewässers tummelten. Ein Zeichen der Verwandlung?

Ja es ging mir gut, und ich war sicher nicht mehr die Gleiche, die ich zu Beginn der Reise war. Ich fühlte mich gereifter und voller Selbstvertrauen. Das Meistern von Schwierigkeiten, das Erleben von Ungewissem, Kennenlernen von Ländern, Menschen, Bräuchen und Sitten, das Gefühl von «fremd sein»…all das wirkte und entwickelte sich in meiner Persönlichkeit. Mehr und mehr vertraute ich in meine Stärke, mich in die verschiedensten Situationen eingeben und anpassen zu können, ohne mich dabei selbst aufzugeben. Im Gegenteil, ich lernte mich in jedem Land, in jeder neuen Umgebung und in jeder neuen Situation besser kennen. So spannend und lehrreich das wiederholte Einlassen auf Unbekanntes auch war, so sehr konnte es an den Kräften ziehen. An verschiedenen Stationen auf meiner Reise gab es Momente, wo sich eine bleierne Müdigkeit aufdrängte. Manchmal gab ich dieser nach und ruhte mich in der Unterkunft aus. Meistens siegte aber meine Neugier. Denn, wer sagt mir, dass ich irgendwann in meinem Leben nochmals an diesen Ort zurückkehren würde? Also gab es immer wieder Momente auf der Reise, wo ich abwog, will bzw. muss ich das unbedingt gesehen haben, oder lasse ich es bleiben, weil es einfach grad gut ist, wie es ist. Quasi eine Sättigung auskostend und dem Umverteilungsmechanismus in der Erlebnis- und Erinnerungsschublade seinen Lauf lassen. In Peru zum Beispiel verzichtete ich auf den Überflug über die Nazca-Linien. Ich habe es nie bereut, darauf verzichtet zu haben, weil ich weiss, dass es zu diesem Zeitpunkt richtig war.

Mehr und mehr spürte ich eine Befriedigung, Dinge bzw. Orte gesehen zu haben, von denen ich geträumt hatte. Meine Unruhe verflüchtigte sich, ohne dabei die Neugier zu verlieren. So zeigt sich mein Fotoalbum ab diesem Zeitpunkt immer magerer. Oder war ich mittlerweile des Fotografierens überdrüssig geworden? Gewann der Genuss Oberhand, Situationen auszukosten, ohne die Fotokamera ständig zwischen mir und dem Objekt zu halten? Ob ich ohne Fotoapparat auskommen würde, diesen Test hatte ich noch zu bestehen. Aber davon später. Erstmal machte ich mich auf den Weg nach Buenos Aires. Wenn man aus einer Ruhezone kam, wie es die Iguazú-Wasserfälle für mich waren, kann einen eine pulsierende Hauptstadt schon mal kurz überrollen. Um etwas Atem zu holen, ging ich das Besichtigen der Stadt langsam an und liess mir in der Unterkunft Zeit für Gespräche mit Einheimischen. Und da war er wieder, der «machismo». Aber da war noch was Anderes. Traurigkeit. Nach und nach erkannte ich, dass die schwierige politische Vergangenheit dieses Landes tiefe Spuren in den Menschen hinterlassen hatte, dessen Leid bis in die Gegenwart reichte. Verletzungen, Sehnsucht nach ihren Freunden oder Angehörigen, die nach wie vor vermisst wurden. Einige jungen Argentinier, denen ich begegnete, trugen eine Gitarre bei sich oder schrieben Texte in ein Buch. Viele junge Menschen verwandelten diese Emotionen in künstlerischem Ausdruck durch Musik und Gesang oder in Gedichte, Texten und Bücher. Eine kreative Art sich dem Schmerz zu stellen und neu zu formen. Das berührte mich sehr.

Von vergangener Politik eingeholt, kam ich am grossen Namen «Evita» nicht vorbei. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, das Grab von Eva Perón zu besuchen, der ehemaligen First Lady, Ehefrau des Staatspräsidenten Juan Perón. In die politische Vergangenheit mochte ich nicht eintauchen. Aber über eine Frau, die sich in einer lateinamerikanischen Männerwelt in 1940er Jahren behaupten konnte, wollte ich mehr erfahren. Eine Frau, die nicht hätte politisieren dürfen (zu einer Zeit, wo es kein Frauenstimmrecht gab), die zu ihren ärmlichen Wurzeln stand und sich für die arbeitende und sozial schwache Bevölkerung stark machte, zum Feindbild der Mächtigen des Landes wurde, aber die Herzen der Schwachen eroberte und als deren Heldin verehrt wurde…an dieser Frau konnte und wollte ich nicht vorbeigucken. Ich wollte hinsehen, ihre Vergangenheit achten. Also machte ich mich auf zum Friedhof «La Recoleta». Noch nie zuvor hatte ich eine Ruhestätte besucht, deren architektonische Kunstwerke Museumscharakter hatten. Ich schlenderte an beeindruckenden Mausoleen vorbei, wo sich prominente und reiche Einwohner der Stadt ihre Grabstätte hatten bauen lassen. Das Ganze wirkte wie eine Kleinstadt in der Stadt. Ehemalige Staatsmänner lagen hier begraben, Politiker, Schriftsteller und Namen vieler berühmter Leute, die mir nichts sagten. Und Eva Perón? Würde ich den Hauch ihres Kämpferherzens an ihrem Grab wahrnehmen können? Die Vorstellung ihrer eindrücklichen Geschichte machte einer nüchternen Realität Platz. Das Mausoleum war beeindruckend, die Energien ihrer Vergangenheit verschwunden. War ich enttäuscht? Nein, schlussendlich blieben ihr Schaffen und das Andenken an sie erhalten, ihr Geist lebt in vielen argentinischen Herzen weiter. Die Grabstätte wirkte nur in der äusseren Form als nüchternes Denkmal. Wobei nüchtern hier das falsche Wort ist. Das Grab wurde nach wie vor beseelt, da an der Tür zum Mausoleum frische Blumensträusse hingen. Etwas, was ich bei anderen Ruheplätzen nicht beobachten konnte. Aus Gründen der Pietät hatte ich mich entschieden, den Fotoapparat nicht mitzunehmen. Auch wenn dieser Friedhof noch so ein aussergewöhnliches Bild erschuf, es blieb ein Ort der letzten Ruhe. Da hatte für mich ein Fotoapparat nichts verloren.

Lebendiger und pulsierender zeigte sich die Stadt in jenen Quartieren, wo getanzt wurde. Buenos Aires gilt als Geburtsstadt des Tangos. Ein Tanz, der in seiner Ausdrucksform das Leben in den Facetten der Leidenschaft, Melancholie und Schmerz wiedergibt. Zugegeben, ich wusste vorher nichts über den Tango. Die eindrucksvollen, tänzerischen Darbietungen, die teils mitten auf der Strasse stattfanden, wirkten elegant, erotisch und kraftvoll. Da war eine besondere Energie spürbar. Aber ein Kenner würde wahrscheinlich über meine Wortwahl lachen, ich blieb eine Banausin, ich fand auch in der Live-Version keinen Zugang zu dieser aussergewöhnlichen Tanzkunst. Aber es erinnerte mich daran, dass in Bariloche noch ein Date auf mich wartete. Die Zeit für den abgemachten Treffpunkt mit meinem Kollegen aus der Schweiz rückte näher. Also machte ich mich südwärts auf den Weg.

Patagonien – das Land der wilden Pferde und der gauchos, den argentinischen Cowboys. Man könnte behaupten, dass der Ruf der Wildnis einen in diese Region ziehen könnte. Ich wollte jedoch weder Pferde stehlen noch Rinder züchten, wobei ich zu einem leckeren Steak mit einem edlen Tropfen aus einer argentinischen Weintraube nicht nein sagen würde. Ich wollte meiner wandernden Leidenschaft treu bleiben. Und dafür boten die Nationalparks Los Glaciares und Torres del Paine die besten Rahmenbedingungen dafür. Wer im Süden Argentiniens unterwegs war, hatte meistens die gleichen Ziele: Bariloche, Perito Moreno-Gletscher, Mount Fitz Roy, Calafate und die Torres des chilenischen Parks Torres del Paine. Meine Reise südwärts gestaltete sich mit dem Bus etwas komplizierter als angenommen, sodass ich nicht zum abgemachten Datum in Bariloche eintreffen würde. Ich schickte wie vereinbart eine Nachricht an meinen Bekannten. Das habe so auch prima geklappt, wie ich Wochen später zu Hause erfuhr. Im Wissen darum, dass die Gegend um Bariloche sehr schweizerisch anmutet, liess ich diesen heimatlich gefühlten Abstecher aus und peilte direkt den Ausgangspunkt zum Perito Moreno Gletscher an. Es verwunderte nicht, dass ich hier wieder auf Gleichgesinnte traf. Einige Unterkünfte dienten als Basis für Touren in der Umgebung. Dort fand man sich und organisierte sich als Gruppe, um zum jeweiligen Highlight zu gelangen. In diesem Sinne war ich auf keiner Wanderung allein, es brauchte aber auch keine Wanderleiter dazu. Mit einer Karte und den Tipps und Informationen von lokalen Tourismusbüros war man bereits gut ausgerüstet.

Voller Vorfreude auf die Wanderung zum Perito Moreno genoss ich jeden Meter, schoss hie und da ein Foto. Kurz vor dem letzten Hügelkamm, bevor wir den Gletscher zu Gesicht bekommen sollten, realisierte ich, dass mein Film in der Kamera fertig war. Ich konnte keine weiteren Aufnahmen mehr machen, einen Reservefilm hatte ich nicht dabei. (Anmerkung für jene, welche die analogen Zeiten des Fotografierens nicht kennen: Ein Film ist voll, wenn er aufgewickelt ist. Entwickeln kann im wahrsten Sinne des Wortes nur jener, welche gleichzeitig die Fotos auf dem Film hervorkitzelt und ans Licht bringt. Da gab es kein Foto löschen zu Gunsten einer schöneren Variante. Voll ist voll!) Und jetzt? Einen kurzen Moment hätte ich mir die Haare ausreissen können, wie kann mir das passieren, nach so langer Zeit des Unterwegs Seins?  Im nächsten Moment besann ich mich darauf, dass es eigentlich egal war. Viel wichtiger war, das Erlebnis bewusst im Herzen zu verinnerlichen (und in meiner Erinnerungsschublade!). Mit diesem Vorsatz nahm ich die letzten Meter bewusst unter meine Füsse. Hinter dem Hügel sah ich ihn, den Perito Moreno Gletscher. Eine riesige, eindrucksvolle Eismasse, die sich vor dem See aufbäumte, als würde sie sich vor dem Schmelzen wehren wollen. Es wurde still in unserer Gruppe, jeder war auf seine Weise berührt von dem Moment. Die Stille wurde durch ein tiefes Grollen gestört, da sich in dem Moment ein riesiges Stück Eis vom Gletscher löste. Gischt und Wasser schossen meterweise aus dem See, um der Masse Platz zu machen, die sich geräuschvoll einen Weg suchte. Ein perfekter Moment! Ein perfektes Schauspiel! Auch wenn es eigentlich ein trauriges Bild zeigte, weil der Gletscher eben um dieses Stück kleiner wurde. Gletscherschmelze live.

In einer neu gemischten Gruppe wanderte ich zusammen mit drei Israelis durch die Nationalparks in Patagonien. Wer behauptet, dass dies Touren auf argentinischem Boden stattfand, der liegt falsch. Je näher wir dem Mount Fitz Roy und dem Cerro Torre kamen, desto unklarer wurde die Grenzziehung zu Chile. Schlussendlich war mir dies jedoch egal, denn die Schönheit der Berge mit ihren Gletschern und Seen verzauberten mich. Ich fühlte mich wieder wie damals als Kind, als wir unsere Bergwelt wandernd eroberten. Die Bergspitzen des Fitz Roy und Cerro Torre glichen denen der Dolomiten annähernd bis ins Detail, zumindest machte es auf mich diesen Eindruck, denn ich war zuvor noch nie in die Dolomiten gereist. Ich kannte diese Region nur von Bildern, aber diese sahen in meinen Augen genau so aus, wie die Gipfel, die sich nun vor mir auftürmten. Dennoch wäre es vermessen gewesen, einen Vergleich anzustellen, denn ich bewegte mich immer noch in den argentinisch-chilenischen Anden, das heisst, die Flora und Fauna liessen mich nicht ansatzweise an Italien oder Österreich denken. Die dicht zusammenstehenden Bäume fehlten in diesen Nationalparks. Fels, Gestein und Holzgewächse hatten in diesen Breitengraden Platz, keine Enge, kein Gedränge. Wege führten mich durch eine offene Landschaft mit einer Weite, die in der Seele Platz für Freiheitsgefühle schaffte. Das Ende meines Blickes wurde nur von den umliegenden Bergspitzen begrenzt, jene welche ich aus der Nähe betrachten wollte. Bergsteigen war noch nie mein Ding, dafür liebe ich es zu sehr, festen Boden unter den Füssen zu haben. Wandern und staunen reichen mir völlig aus, vor allem dann, wenn stundenlanges Wandern bedeutet, keinem Menschen, keinem Haus und keinem Dorf zu begegnen. In den Breitengraden, wo ich aufgewachsen bin, kannte ich das nicht, zu dicht besiedelt ist meine kleine Welt. Diese Einsamkeit begünstigte mein Gedankenspiel was mir Seelenfrieden brachte. Nur die Natur und ich…und meine Wandergefährten. Diesen schien es ähnlich zu gehen, obwohl ihre Landschaftsvergleiche wohl anders ausgesehen haben mochten. Lange Zeit wanderten wir wortlos, jeder in der Stille seiner inneren Betrachtungen versunken. War das die Gegend, wo sich wilde Pferde austoben können? Da es in dieser Wildnis folglich keine Hütten oder ähnliche Unterkünfte gab, waren wir mit Zelten ausgestattet. Routenbeschreibungen und Ratschläge zu Rastplätzen nahmen wir vor Antritt der Tour von Einheimischen gerne entgegen. So nahm mich des Nachts ein mulmiges Gefühl im Bauch in Beschlag. Man hatte uns vor Ratten auf gewissen Rastplätzen gewarnt. Das einsame Gefühl, das mich unterwegs begleitete, war ein leichtes Trugbild, denn wir waren definitiv nicht die einzigen Wanderer in diesem Nationalpark. Gerüche und Abfälle hinterliessen leider bereits zu jener Zeit Spuren, welche dementsprechend viele Nager anzuziehen vermochte. Wir beherzigten den Tipp, die Esswaren in einem Sack verpackt auf Bäumen aufzuhängen. Nun ja, als ängstlich würde ich mich nicht bezeichnen, aber wenn des nachts, krabbelnde Geräusche zu hören sind, dann geh ich nicht nachschauen, ob es sich tatsächlich um Ratten, Mäuse oder was weiss ich handelt. Ich achtete darauf, dass mein Zelt gut abgeschlossen war, um den Rest konnte ich mich bei Tageslicht kümmern. Weitere Details lasse ich ungeschrieben. Jedenfalls verhungerte ich nicht auf dem Trail. Mein positives Denken richtete ich auf die abwechselnde Schönheit der Landschaft. Das Wanderziel gipfelte im Anblick der «torres», den Berggipfel, die wie Türme aussahen, welche dem Nationalpark schlussendlich auch den Namen gaben. Im Torres del Paine konnte ich meinen Frieden mit Chile schliessen. Die Leere, die ich auf meiner ersten Etappe in diesem Land empfunden hatte, füllte sich hier mit berührender Begeisterung. Wie schon geahnt, hatte Chile viel anzubieten, ein facettenreiches Land, was ich erst jetzt erkannte.

Berauscht von den Eindrücken aus den Nationalparks Patagoniens lockte mich das Ende der Welt in der südlichsten Stadt – Ushuaia. Das Landschaftsbild wechselte von den in den Himmel ragenden Gipfeln Patagoniens auf das Bild einer Stadt, die an steile Bergkämme gebaut wurde. Ich war auf Meereshöhe angekommen, an einem Ort der auf mich einsam und verlassen wirkte, was aber sicher nicht der Fall war. Wahrscheinlicher war, dass mir das Wetter auf die Seele drückte. Dunkle Wolken, Regen und ein fieser Wind im Gesicht erwarteten mich. Die Strassen wirkten wie leergeräumt, sogar Einheimische mieden das Rausgehen. Mit jeder Körperfaser fühlte ich mich orientierungslos am Ende der Welt. Was zum Teufel hatte ich hier unten verloren?
Die Stadt dient als Ausgangspunkt für die Antarktis, was ich definitiv nicht als Aufenthaltsort aussuchte. Einen Abstecher auf die Falklandinseln lag meinen Reiseabsichten schon näher. Erst mal hiess es ankommen. Zum Glück fand ich eine Unterkunft bei einer Familie mit heiterem Gemüt. Das war doch mal ein Anfang. Das familiäre Ambiente tat mir nach den vielen Trekkings und Zeltnächten gut. Ich war an einem Ort angekommen, wo ich wieder etwas ausruhen, alles verarbeiten, Tagebuch weiterführen und an meine Lieben zu Hause schreiben konnte. Irgendwann liess es das Wetter zu, dass ich mich mal zum Flughafen begab, um mich einen Flug zu den Falklandinseln zu buchen. Ich war etwas überrascht, dass an dieser Stelle die englische Sprache so dominant rüberkam. Wenn ich neutrale Personen fragte, gehörten die Falklandinseln dem britischen Empire, fragte ich einen Argentinier, bekam ich deutlich zu verstehen, dass die Inseln den Argentinier gehörten. So schnell holte einen die Politik wieder ein. Ich dachte damals, der Krieg um diese Inseln wäre seit mehr als 10 Jahren vorbei. Die militärische Auseinandersetzung hatte zwar ihr Ende gefunden, aber der Streit um diese Inseln wurde für mich plötzlich so gegenwärtig, dass ich mich fragte, was ich dort solle? In eine Welt als zusätzlicher Störenfried eindringen? Spürbare Unruhe breitete sich in mir aus, diese Kontroverse befremdete mich sehr. Ich verliess den Flughafen, ohne einen Flug gebucht zu haben. Ich wollte mit dieser Auseinandersetzung nichts zu tun haben und kehrte diesem Ausflugsziel den Rücken zu in der Hoffnung, dass sich in naher Zeit eine Lösung finden liesse. Nie hätte ich gedacht, dass sich dieser Konflikt bis dato hinziehen würde. Und ausgerechnet heute am 14.11.2020 während ich diese Zeilen schreibe, entnehme ich einer Reportage des Schweizer Fernsehens, dass an diesem Wochenende die letzte Mine feierlich gesprengt wurde. Das letzte Überbleibsel eines vergangenen Krieges vor 38 Jahren. Die Inseln wurden minenfrei. Der Konflikt um die Besitzrechte bleibt bestehen.

Nachdenklich zog ich mich zurück in die behaglichen Zimmer meiner netten Gastfamilie. Ein guter Moment den Gedanken nochmals freien Lauf zu lassen und alles ein wenig zu sortieren. Ich spürte, dass sich eine Sättigung in mir breit machte, wie ich sie unterwegs immer mal wieder verspürte. Meine geplante Reisezeit neigte sich dem Ende entgegen. Im Bewusstsein, dass ich locker noch hätte verlängern können, antwortete mein Inneres mit Genügsamkeit. Da kroch kein Kitzeln mehr hoch. War ich unzufrieden? Nein, es war einfach gut, so wie es war. Befriedigt von einer Traumreise! Dankbar, dass mich das Glück und meine Schutzengel stets begleitet hatten. Zufrieden, dass mein Fernweh gestillt war, durfte mich gefühlt im Polstersessel fallen lassen und zurücklehnen. Durchatmen, geniessen, zurückschauen.

Hinter mir lag eine wunderschöne, ereignisvolle und reiche Zeit voller Erfahrungen, die mich nährten, stärkten und lehrten. Mein Credo «ich schaff das allein» war bislang aufgegangen. Wenn ich es fertigbringe, allein als Individualtouristin durch einen Kontinent zu reisen, was sollte mich im Leben dann noch aufhalten? Etwas grössenwahnsinnig? Ja vielleicht. Dies schmälerte den mächtigen Stolz auf mich keineswegs. Dass dieser Verdienst nicht allein mir zugesprochen werden konnte, lag auf der Hand. Da gab es so viele Menschen, denen ich begegnen durfte, die mich berührten, die mich durch ihr Sein befähigten, die Welt und mich als Teil darin mit anderen Augen zu betrachten. Menschen, die mich lehrten, Offenheit, Respekt und Toleranz weiterzuleben, diese Werte mit Ehre zu füllen. Länder, Kulturen mit ihrer Geschichte, und Politik, die mich Demut lehrten. Entwicklungshelfer, die mich um gute Jahre erwachsener werden liessen, mich formten und seelisch reich machten. Ich empfand grosse Dankbarkeit, nun darf etwas Ruhe einkehren, darf ich mich selbst als reifere Frau neu kennenlernen.

Voller Vertrauen ins Leben schaute ich in die Zukunft. Mit diesen kraftvollen Gedanken im Gepäck, war ich bereit zum ersten kleinen Schritt Richtung Heimat, welcher mich jedoch als Zwischenstopp nach New York lenkte. Eine Stadt, die ich unbedingt gesehen haben wollte; ein Muss, das ich als Reisehighlight noch mit in mein Gepäck füllen wollte.

Da war es wieder, das Kribbeln! Ganz abgestumpft war ich also noch nicht. Auf geht’s, das letzte Zielfähnchen wollte gesetzt werden auf meiner grossen Reise Ich freute mich auf ein paar Tage Amerika. See you in New York!

USA - New York
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6.9.  Entwicklungshilfe in Südamerika – USA - New York.
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In den letzten 6 Monaten hatte ich vielen Reisende kennengelernt, die von überall auf der Welt herkamen. Egal wie kurz oder lang die Begegnung war, ob man zusammen eine Reiseroute abklapperte oder ob es nur ein Schwatz in einer Absteige war, die gemeinsamen Interessen verbanden. Man berichtete von sich und seinen Plänen, verbrachte Zeit zusammen und wenn die Chemie passte, tauschte man Adressen aus mit der Aufforderung, sich gegenseitig zu besuchen, sollte man zufällig gerade mal in der Nähe sein. Man konnte ja nie wissen! Ich erinnere daran, dass man sich damals auf keiner Social Media Plattform finden und Kontakt halten konnte. Emailadressen gab es ebenso wenig. Wir notierten unsere Privatanschriften mit Telefonnummern auf einen Fresszettel und dieser wurde irgendwo im Gepäck gut verstaut. Miteinander in Kontakt bleiben, hiess damals Briefe schreiben. Ich liebte es, Post aus aller Welt zu erhalten, deshalb blieben mir viele dieser Adressen wichtig. Zwei davon, drängten sich für New York geradezu auf, denn ich lernte auf meiner Reise tatsächlich zwei Frauen kennen, die in New York wohnhaft waren. Bei Beiden galt das Angebot bei einem allfälligen Besuch in dieser Stadt bei ihnen nächtigen zu dürfen. Das liess ich mir nicht zweimal sagen, private Kontakte an einem fremden Ort waren immer wertvoll. Mit diesen Adressangaben im Gepäck verabschiedete ich mich (zugegeben etwas wehmütig) vom südamerikanischen Kontinent.

Irgendwen würde ich in New York sicher erreichen, da brauche ich mich nicht im Voraus um eine Unterkunft zu kümmern. Notfalls verfügte ich über die Adresse einer örtlichen Jugendherberge. Ich fühlte mich damit genug gewappnet, um mich auf diese Stadt einzulassen. Kaum war ich am Flughafen gelandet, peilte ich den nächsten Telefonapparat an. Aufgeregt, wählte ich die erste Nummer, die zu einer jungen Frau gehörte, welche Teil der Reisegruppe durch die Salar de Uyuni war. Wir verbrachten auf dieser Tour etwa 4 Tage miteinander, länger kannte ich sie nicht. Aber wie gesagt, wenn die Chemie passt, dann formen sich neue Kontakte. Reisen verbindet! Leider ging unter diesem Anschluss nach mehreren Versuchen niemand ran. Nun gut, mein Puls erhöhte sich zwar, aber ich hatte ja noch eine Möglichkeit. Diese Nummer gehörte zu einer älteren Französin, eine Weltenbummlerin, die aktuell bei ihrer Tochter in New York lebte. Auch da nahm niemand ab! Mist, und jetzt? Jugendherberge und allein weiterschauen? Auf gut Glück wählte ich die Nummer nochmals, und tatsächlich nahm am anderen Ende jemand den Hörer ab. Eilig erklärte ich, wer ich war, und wo wir uns kennengelernt hatten. «Here I am!» Wo ich mich denn aktuell befinde? «Am Flughafen in New York», war meine Antwort, «eben gelandet». Auf die folgende Reaktion war ich nicht im Mindesten gefasst. Ob ich denn von allen guten Geistern verlassen sei? Allein, ohne Buchung in New York aufzutauchen? Das hier sei ein ganz anderes Pflaster, das könne man in keinster Weise mit Südamerika vergleichen! Jetzt war ich ein halbes Jahr auf einem mir völlig fremden Kontinent unterwegs, dachte, ich hätte genug Erfahrung, um mich auch der Stadt New York stellen zu können, und da wird mir so was um die Ohren gehauen? Hätte mich jemand in diesem Moment beobachtet… ich gäbe einen Batzen, um zu erfahren, wie ich in dieser Sekunde auf den Hörer geblickt hatte. Die Stimme am anderen Ende der Leitung beruhigte sich langsam. Erhobenen Hauptes erläuterte ich meinen Plan B oder C (je nachdem), dass ich mich bei der Jugendherberge melden wollte. Dies fand sie eine besonders gute Idee, weil sie sofort den Plan fasste, mit mir dorthin zu kommen und ebenfalls dort zu übernachten. In der Wohnung bei ihrer Tochter werde es eng, und so täte ein Tapetenwechsel allen gut. Wir vereinbarten einen Treffpunkt und sie erklärte mir, mit welcher Subway ich dorthin gelangen würde. Ich solle auf mich aufpassen, mahnte sie. Auf dem Weg dorthin, fragte ich mich, was ich von der Reaktion meiner Bekannten halten sollte.  War es in dieser Stadt wirklich so gefährlich? In der U-Bahn mit den verschiedenen Menschen um mich herum, meinte ich zu verstehen, was sie mir sagen wollte. In Südamerika lauerten Gefahren, die einigermassen berechenbar schienen. Hier in New York war das ganz anders. Da konnte man ohne Grund überfallen werden, einfach so, weil gerade mal jemand durchdreht. Viel «crazyness» mit einer guten, bunten und lustigen Seite, aber eben auch mit einer gefährlichen und unberechenbaren Seite. Am vereinbarten Treffpunkt angekommen, fielen wir uns in die Arme. Da war sie wieder, die Frau, die ich auf der anderen Seite des Kontinents kennengelernt hatte. Gemeinsam buchten wir für ein paar Nächte einen Schlafplatz in der Jugi.

Nachdem die Sache mit meiner spontanen Ankunft in New York geklärt und die Unterkunft gebucht war, legten wir auch schon los mit Sightseeing. Um sich erst mal einen Überblick zu erschaffen, gibt es nichts besseres, als die Aussichtsmöglichkeit eines hohen Gebäudes zu nutzen. Natürlich kam für mich damals einzig das World Trade Center mit den Zwillingstürmen in Frage. Ein Lift führte uns die über hundert Etagen hoch, es dauerte und dauerte, bis er endlich ins Stoppen kam. Gefühlt, wie im Himmel angekommen, betrat ich die Aussichtsplattform und tatsächlich: Aus dieser Lufthöhe auf eine Stadt wie New York runter zu blicken, raubte mir fast den Atem. Dieses Mal war es nicht wie gewohnt die dünne Luft eines Viertausenders, der mich kurzatmen liess, sondern eine imponierende Weitsicht über Wolkenkratzer, die sich bis ans Ende meines Sichtfeldes ausweiteten. Wenn mich der Kulturschock nicht schon vorher erreicht hatte, dann spätestens jetzt. Was für eine komplett andere Welt nach der Reise auf der südlichen Seite des Kontinents! Mehr der Freude als dem Schock hingebend, genoss ich die Sicht auf Manhatten und Brooklyn! Im Anschluss daran durfte natürlich die Sightseeingtour auf dem Wasser nicht fehlen, um die Freiheitsstatue sowie die Skyline New Yorks bestaunen zu können.  

Es gibt nichts schöneres, wenn einem in einer fremden Stadt nebst den touristischen Highlights auch Ecken und Gassen mit Lokalkolorit gezeigt werden. Wir besuchten Viertel, die ich als Fremde nicht gefunden hätte und wahrscheinlich so auch nicht gesucht hätte. Ich sah, unterschiedliche Menschen, die in den Strassen musizierten, ein kleines Geschäft führten mit Lebensmitteln aus ihren Herkunftsländern…so wie ich es schon oft in einer Grossstadt angetroffen hatte aber nicht in dieser Vielfalt. Ob weiss, braun oder schwarz, die Hautfarbe schien hier nicht wichtig zu sein. Ebenso wenig kümmerte es, wenn jemand mit Turban sich durch die Strassen bewegte, jede Glaubensrichtung schien willkommen und man durfte es mit der zugehörigen Symbolik zeigen. Das war für mich das Beeindruckendste an New York. Diese Farbpalette von Menschen, die friedlich nebeneinander leben. Gut, zugegeben, wie es im Alltag tatsächlich aussah, wusste ich nicht. Ich erkannte darin jedoch die lebendige, schöne Seite der «New Yorker Crazyness». Das kriminelle Profil der Stadt, der Part des unberechenbaren Wahnsinns, wollte ich gar nicht erst kennenlernen. Wirre Blicke von Menschen, die sich der Gesellschaft entsagt zu haben schienen, genügten mir vollkommen. Kurze fühlbare Momente von Irre reichten mir aus, um meine Vorstellung darüber zu nähren, mit welcher Wucht hier Gegensätze aufeinanderprallen können. So verwundert es nicht, dass an jeder Ecke Sirenen zu hören waren. Dieser Ton des vorherrschenden Alarms durchzog die Geräuschkulisse der Stadt wie ein roter Faden. Stets war er da, hörbar, Tag und Nacht, jeden Tag. Alltag.

Als ich eines nachts in der Jugi wegen einer Sirene erwachte, dachte ich mir nichts weiter dabei. Der Lärm hat mich halt kurz geweckt, ich drehte mich auf die andere Seite. Als ich aber merkte, dass um mich herum sich geschäftiges Treiben bemerkbar machte, wurde ich etwas nervös. Ich schoss aus dem Bett und fragte die Leute, um mich herum, was denn los sei. Feueralarm! Alle müssen raus! Ach Du Scheisse! Muss das sein! Ein halbes Jahr ohne grössere Probleme unterwegs, und jetzt, in den letzten Tagen meiner Reise sollte mir ein Feuer den Spass verderben? Es war nicht die Zeit, um darüber nachzudenken. Das Nötigste zusammenpacken und raus aus dem Haus! Auf der Treppe wurde wieder hitzig diskutiert und mit den Armen herumgefuchtelt. Was jetzt? Fehlalarm! Unsicher, welche Meldung jetzt der Wahrheit entsprach, blieb ich stehen, schaute um mich. Und als dann alle in ihre Zimmer zurückkehrten, begann ich der zuletzt gehörten Meldung Glauben zu schenken. Fehlalarm! Gott sei Dank, welche Erleichterung! Ich wusste nicht, ob ich heulen oder lachen sollte. Aber ich wusste, dass ich einmal mehr grosse Dankbarkeit über ein Schicksal spürte, das es offenbar gut mir meinte.

Bevor meine Reisefreundin und ich wieder getrennte Wege gingen, lud sie mich ein, ein Musiktheater in Brooklyn zu besuchen, wo angeblich schon bekannte Grössen ihre Anfänge feierten. Das Besondere daran war, dass dort jeder auftreten durfte, jedoch das Publikum die Entscheidungshoheit darüber genoss, wie lange der Auftritt dauern darf. Kam die Darbietung beim Publikum nicht an, durfte es, den vermeintlichen Künstler ausbuhen und dieser musste sofort die Bühne verlassen. Wenn die Vorstellung den Zuhörern passte, durfte er unter tosendem Applaus sein volles Programm zeigen. Direkter kann eine Rückmeldung nicht sein. Und offenbar bestand so auch wirklich die Möglichkeit gross raus zu kommen, falls sich ein Manager gerade im Publikum befand. Vom «no name» zum Megastar oder wie es so schön heisst: vom Tellerwäscher zum Manager, «the american dream»! Dazu muss ich vielleicht noch erklären, dass es zu jener Zeit diese Ausscheidungsshows im Fernsehen, wie man sie heute kennt (Voice of…; Supertalent und wie sie alle heissen) noch nicht kannte. Es hatte besonderen Unterhaltungswert, zu wissen, dass ich die Macht hätte, jemanden von der Bühne zu buhen. Aber selbstverständlich war ich dafür viel zu anständig. 

Zum Abschluss versuchte ich nochmals die Person hinter meiner anderen Kontaktadresse zu erreichen. Diesmal mit Erfolg. Meine Reisefreundin aus Bolivien freute sich sehr über meinen Anruf. Wir vereinbarten ein Treffpunkt für ein gemeinsames Abendessen, wo wir genüsslich unsere gemeinsamen, aber auch individuellen Reiseabenteuer nochmals Revue passieren liessen. Ein schönerer Abschluss hätte es nicht geben können. Danach war ich bereit für den Heimflug.

Neuorientierung
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7.  Neuorientierung
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Nach Hause zu kommen, bedeutete für mich wieder bei meinen Eltern zu leben. Denn zwischenzeitlich wurde meine Wohnung aufgelöst. Ich glaube, ich war zu der Zeit in Bolivien unterwegs, als mich der Anruf meiner Freundin, mit welcher ich die Wohnung teilte, erreichte. Eine gemeinsame Bekannte müsse aus gesundheitlichen Gründen dringend eine Wohnung Nahe ihres Arbeitsplatzes haben. Unsere Wohnung biete sich dafür perfekt an. Ob ich mir vorstellen könnte, unsere Wohngemeinschaft aufzulösen. Meine Freundin wolle sowieso demnächst zu ihrem Freund ziehen. Ob das für mich stimmen würde? Ich kannte die besondere Situation unserer Bekannten und wollte gerne helfen. Mir war bewusst, dass nach der Rückkehr einen Neuanfang auf mich wartete, und schlussendlich war es mir egal, wo dieser beginnen würde. Einen Anruf und eine Erklärung bei meinen Eltern später und ich stimmte der WG-Auflösung zu. Einzige Bedingung war, dass sie ohne mich zügeln müssen. Und tatsächlich lief das dann irgendwie ohne mich über die Bühne, so kam es schlussendlich, dass ich wieder mein Kinderzimmer in der Wohnung bezog, wo ich aufgewachsen war.

So schön es auch war, von der Familie willkommen geheissen zu werden, umso komischer war mir, wieder in den Wänden meiner Kindheit zu leben. Ich war meinen Eltern sehr dankbar, aber die knisternden Nebeneffekte zwischen uns konnte ich nicht vermeiden. Eigentlich hatte ich eh die Absicht, nur einen Zwischenstopp zu machen, durchzuatmen und dann wieder zu verreisen. Vielleicht eine Zeit lang in einem Kibbuz leben? Ich hatte unterwegs so viele Israelis kennengelernt, dass es mich reizte, eine Zeit dort zu verbringen. Und nein, das hatte nichts mit der verflossenen Liebe zu tun. Das war definitiv abgeschlossen. Oder vielleicht wäre die Teilnahme in einem Friedenskorps eine spannende Sache? Ich hatte das Gefühl, die Welt stünde mir offen. Ungebunden, frei und offen für viele Möglichkeiten. Ich deckte mich mit Informationsmaterial ein und jobbte zwischenzeitlich, um den Eltern nicht nutzlos auf der Tasche liegen zu müssen. Interessanterweise konnte ich in einem Sozialdienst einspringen, was mir die Möglichkeit bot, den Sozialarbeitenden ein bisschen über die Schultern zu gucken. Denn ich wusste, sobald ich wieder für eine Anstellung bereit war, wollte ich einen Neuanfang im Sozialbereich wagen.

In der Zwischenzeit genoss ich es, meine Freunde wieder um mich zu haben. Dazu gehörte auch derjenige, bei dem ich damals Auto fahren gelernt hatte. Er hatte mir als Freund sehr gefehlt im letzten halben Jahr. Treu und aufmerksam lag regelmässig Post von ihm auf den jeweiligen Botschaften, darauf hatte ich mich immer sehr gefreut. Unsere Verbindung hielt der Ferne und der Zeit stand, wir knüpften an diesem Band wieder an. Doch da war plötzlich mehr, es begann zu knistern zwischen uns. War das tiefe Freundschaft oder Liebe? Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, und liessen das entstehen, was entstehen sollte. Liebe, Freundschaft, Beziehung. Aber wollte ich das wirklich? Eigentlich waren doch da noch andere Pläne! Ich widmete mich nochmal intensiv dem Informationsmaterial zu meinen Vorhaben und warf am Ende alles über den Haufen. Entweder überzeugte es mich nicht, oder die Liebe war einfach stärker. Ich entschied mich für das Ankommen. Die Phase der Neuorientierung war somit eingeläutet und hatte als Startschuss, den sofortigen Auszug bei meinen Eltern zur Folge. Die kindlichen Fesseln lösten sich ein weiteres Mal, um mich in der neuen Beziehung festzubinden. Ungewohnt, neu, wunderschön!

Beruflich kam ich in einer zweiwöchigen Auszeit weiter, als ich Menschen mit einer körperlichen Behinderung in ihren Ferien begleiten durfte, deren Handicap nie Urlaub machte. Die meisten dieser jungen Burschen hatten «Muskeldystrophie Typ Duchenne» als Diagnose, was bedeute, dass sich ihre Muskeln abbauten, (Muskelschwund) was leider bereits in jungen Jahren zum Tod führt. Für diese Jugendlichen, die bereits auf den Rollstuhl und pflegende Unterstützung angewiesen waren, wurden Helfer für ein Lager gesucht, wofür ich mich gerne meldete. Ach, wie war ich nervös, als ich den Jugendlichen kennenlernte, den ich während zwei Wochen betreuen sollte. Berührungsängste hatte ich keine, aber Respekt vor einer Aufgabe, die ich nicht ansatzweise kannte und zu Beginn nicht wusste, ob ich dem gewachsen war. Eine Befürchtung, die sich schnell in Luft auflöste, denn eine behutsame Einführung und der unkomplizierte Umgang untereinander, sorgte schnell für natürliche, lockere Stimmung. Nach diesen zwei Wochen schrie mein Körper nach Urlaub, es lag eine intensive Zeit hinter mir, ich fühlte mich hundemüde, aber glücklich und hochzufrieden. Meine Entscheidung war gefallen, ich wollte näher am Mensch sein und darauf meine berufliche Zukunft aufbauen. Auf diesen Entschluss folgte die Anmeldung für mein Studium in Sozialpädagogik und die Anstellung in einem Heim für körperbehinderte Menschen, wo ich das Studium berufsbegleitend absolvieren konnte.

 

Erwachsen - und jetzt?
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8.  Erwachsen - und jetzt?
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Dieser Neuanfang legte das Reisen vorerst auf Eis. Entwicklungstheoretisch betrachtet, war ich wohl definitiv in der Lebensphase des Erwachsenseins angekommen. Der Berufsalltag holte mich ein. Träume, Wünsche, Interessen verlagerten sich. Innerlich wie äusserlich wurde ich sesshaft, Mein Partner hatte zwei Kinder aus erster Ehe, und ich genoss das Dasein in einer Wochenend-Patchworkfamilie, und als solche verbrachten wir auch unseren ersten gemeinsamen Urlaub in den USA.

USA - Minnesota
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8.1.  Erwachsen - und jetzt? – USA - Minnesota.
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„Why Minnesota?“ fragte uns der Beamte an der Passkontrolle. Innerlich aufstöhnend, befürchtete ich, dass nun ein Durchfilzvorgang losgehen. Ich schaute dem Kontrolleur ins Gesicht, wartete auf seine löchernden Fragen, mit welchen er unsere potenziell verdächtigen Reisepläne aufdecken wollte. Erst beim zweiten Blick in sein freundliches, fragendes Gesicht, realisierte ich, dass wir in seinen Augen nicht als Verbrecher galten. Seine Frage schien ehrlich neugierig gemeint und bedeutete so viel wie: „Was zieht euch bloss nach Minnesota, da gibt es doch nichts zu sehen?“ Seine Gedanken spulten höchstwahrscheinlich ein klassisches Sommerferienprogramm ab, welches 99% der Familientouristen buchen würden: Disney World verbunden mit Badeferien in Florida. Nur wären wir dafür definitiv am falschen Zielort gelandet. Als ich die Absicht seiner Frage erkannte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich versuchte dem netten Herrn zu erklären, dass wir nicht „Mainstream-Touristen“ wären, wir erfreuten uns vielmehr an Natur und Ruhe. Er schüttelte verständnislos den Kopf, was uns wenig kümmerte, er sollte uns bloss an der Passkontrolle vorbeilassen. Tatsächlich suchten wir in Minnesota nicht das typische Reiseprogramm. Für uns zählte das Erlebnis mit den Kindern als neu zusammengewürfelte Patchworkfamilie. Für mich persönlich bedeutet es zudem eine neue Art des Reisens. Was ich früher als Individualtouristin mit Rucksack bewältigte, passierte nun im Dasein von Partner und Kinder und mit Mietauto reisend. Eine neue Erfahrung erwartete mich. Als Familie auf Spurensuche zu gehen, gemeinsam unterwegs sein und spontan planen, was Land und Leute uns gerade anbot, in einer Region, die ein Hauch Wildnis versprühte und für uns „little Alaska“ bedeutete.

Wir hatten familienintern vereinbart, dass derjenige, welche den ersten Elch sichtet, einen Dollar bekäme. Interessanterweise wurde beim ersten Waldgebiet schon der erste Elch geortet, dann rasch der zweite und plötzlich waren sie an allen Ecken und Enden zu sehen, bis wir die Dollarbelohnung aufhoben, und die Elchsichtung frappant rarer wurde. Unsere Reiseetappen hielten wir, um der Kinder willen kurz. Für die erste Übernachtung fanden wir ein Motel, dass allerdings nur noch ein Zimmer mit Doppelbett frei hatte. Weiterfahren kam nicht mehr in Frage, zu müde waren die Kinder. Wir behalfen uns mit einer aufblasbaren Matratze, die wir zusammen mit anderen Campingartikeln, bei Ankunft in den USA organisiert hatten. Knapp hatte die Matratze im Zimmer noch Platz, die Vorstufe zum Campen hatte begonnen. Tags darauf stand dem Zeltaufbau im erreichten Campingplatz jedoch nichts mehr im Wege. Eine Stange hier, die andere da, Zelttuch darum herum, befestigen mit Hering und schon war das Dach über dem Kopf gesichert. Das alles machte hungrig, die Feuerstelle wartete nur noch darauf, endlich wirken zu können. Die Steaks lagen zum Grillen bereit. Die Beilagen waren eh nur Nebensache. Das Leben als Feriencamper konnte losgehen. Doch ich hatte die Rechnung ohne die Moskitos gemacht. Woran sich Frösche erfreuen, da hält sich meine Begeisterung in sehr engen Grenzen. Vampirmässig stürzen sich diese blöden Viecher auf mein Blut und lassen sich kaum von Moskitosprays davon abbringen, an meiner Lebensflüssigkeit zu saugen. Da in Amerika alles ein bisschen grösser ist, waren auch die Moskitos grösser und entsprechend auch die Stiche, welche sie hinterliessen. Eine obervorwitzige Mücke meinte unbedingt, sie müsse sich an meiner Stirn gütlich tun, sodass ich mitten drauf eine Beule bekam, die dem schönsten Einhorn alle Ehre erwiesen hätte. Ich hasse sie! Übrigens waren es genau diese Kerlchen (Mädels miteingeschlossen), die mich das Amazonasgebiet in Südamerika meiden liessen. Zu Recht hatte ich Respekt davor, eine solche Tour nicht geniessen zu können. Zu oft raubten sie mir einen Teil des Vergnügens, weil ich mich vom Juckreiz kaum erholen konnte.

Beim Zelten wird es einem nie langweilig. Als unsere Zeltnachbarn zu sägen anfingen, staunten wir uns die Augen aus dem Kopf. Mit einer grossen Handsäge schnitten sie Scheibe für Scheibe von einem Baumstumpf ab. Für Feuerholz schienen die Abschnitte ungeeignet zu sein, viel zu gross und zu dick waren die Holzteile. Wundernd beobachteten wir das Ehepaar, wie sie sich länger damit beschäftigten und heimlich fragten wir uns, was diese sinnlose Arbeit wohl soll? Komische Nachbarn dachten wir und legten uns mit diesen Gedanken schlafen. Der nächste Tag brachte Aufklärung. Hinter unserem Campingplatz in Hayward sollte ein Wettkampf stattfinden. Was wir anfänglich als lokalen Event in der Holzbearbeitung abtaten, eröffnete sich im Endeffekt als die Weltmeisterschaft der Holzfäller! Die Teilnehmer der „lumberjack world championship“ stellten ihre berufsnahen Tätigkeiten in einem internationalen Wettbewerb unter Beweis. Unsere Zeltnachbarn waren Teilnehmer dieses Wettkampfes, wofür sie sich neben unserem Zelt entsprechend vorbereitet hatten. Und als wir dann endlich gecheckt hatten, dass die Beiden amtierende Weltmeister des Mann-Frau-Sägens dieses Holzfällerwettbewerbes waren (zugegeben, sie hatten nicht die Figur von typischen Holzfällern), da verwandelte sich der komische Eindruck in Bewunderung. Ich habe bis heute keine Ahnung, ob man für diesen Anlass tatsächlich auch Holzfäller sein muss, oder ab sich jedermann/jedefrau anmelden darf. Anyway, es war ein Spektakel, was uns da geboten wurde, wir tauchten in eine Welt ein, die uns zeigte, welche Mannes- bzw. Frauenkraft in den Wäldern gebraucht wurde:

Das «Bäume hochklettern» sah in der Wettkampfform folgendermassen aus: Die Füsse der (vorwiegend) Männer waren mit Steigeisen bewaffnet, an der Hüfte war ein Seil festgemacht, das ebenfalls um den Baumstamm führte. In rasendem Tempo kletterten sie den kahlen Pfahl hoch, die Füsse ins Holz gepresst und das Seil Meter um Meter den Stamm hochangelnd bis an dessen Spitze, um sich danach so schnell wie möglich wieder runterzubewegen. Das sah dann so aus, dass sich die Mutigsten um die 20m fallen liessen und nur kurz vor dem Boden einen Fallstopp einschoben. Andere machten mehrere, schnelle Zwischenhalte. Der schnellste Rückkehrer auf dem Boden war der Gewinner.

Die Kunst des Sägens wurde einzeln oder paarweise demonstriert. Männer und Frauen sägten mit einer meterlangen Handsäge Stücke aus dicken Baumstämmen, welche durch Zeitmessung qualifiziert wurde.

Etwas spassiger schien das Spiel auf dem Wasser. Zwei Personen standen auf einem Baumstamm und rollten diesen im Wasser in die eine oder andere Richtung, dies natürlich im Wettkampf gegeneinander. Derjenige mit dem besseren Gleichgewicht gewann. Was hier spielerisch und lustig erschien, war für die Arbeit des Flössers elementar wichtig, also dann, wenn es um den Transport des Holzes auf dem Wasser geht.

Das Hacken war ein weiterer Teil der Prüfung: Mit dem Beil wurden Schnitte in Baumstümpfe gehackt, um diese entweder auseinander zu reissen oder sich im Leitersystem am Stumpf hoch zu arbeiten, indem Holzteile in die Schnitte gesetzt wurden.

Dieses Kräftemessen beeindruckte mich. Mir zeigte es ein Bild, dass Waldarbeiten nicht nur mit motorisierten Geräten stattfanden, sondern offenbar immer noch Handarbeit gefragt war. Und darauf schienen alle Teilnehmer sichtlich stolz zu sein. Wer dann schlussendlich mit welchen Bewertungen gewonnen hatte, war mir egal. Der Funke, der rüberkam, die Freude und der Stolz auf seinen Beruf, das berührte mich. Ein überraschender Event mit prima Unterhaltungswert, von dem wir erst gar nicht auf die Idee gekommen wären, dass es so was gibt.

Um dem Ruf der Wildnis etwas Leben einzuhauchen, begaben wir uns auf die Suche nach wilden Tieren, welche in diesen Zonen leben. Natürlich schlichen wir dafür nicht durch die Wälder. Wir besuchten Orte, wo man uns diesen wilden Tieren auf besondere Art vorstellte. So trafen wir im «International Wolf Center» in Ely auf Wölfe. Das Wolfzentrum ist eine Forschungs- und Bildungsorganisation, die sich zur Aufgabe macht, das Überleben der Wölfe zu fördern. Junge Tiere wurden aus verschiedenen Situationen gerettet und an diesen Ort gebracht, weil sie nicht mehr ausgewildert werden konnten. Heute leben in diesem riesigen hektargrossen Revier mehrere Wölfe. Mittlerweile ist es ein Begegnungsort, wo auch Aufklärungsarbeit geleistet wird. Nach wie vor verklären dem Menschen falsche Informationen das Bild über die Wölfe. Der Besuch in diesem Center ermöglichte uns, diesen geschichtsträchtigen Tieren näher zu kommen. Es ging dabei nicht um einen physischen Kontakt, wir hatten keinen Zutritt ins Revier und Gewähr für eine Sichtung gab es nicht. Das Gelände war ebenso wenig mit einem Zoo vergleichbar. Das Gehege wurde zwar begrenzt, es war aber so weitläufig und dicht angelegt, dass sich die Wölfe annähernd wie in freier Wildbahn bewegen konnten. Im angrenzenden Waldgebiet nahm man uns mit auf einen Sinnesspaziergang, und man liess uns spielerisch in die Welt der Wölfe eintauchen. Wir schnüffelten uns durch Gerüche, ertasteten diverse Gegenstände, um Vergleiche mit den Sinnen der Wölfe erfahren. Nach Tönen lauschten wir, weil wir auf ein Wolfsgeheul hofften. Zurück im Zentrum wurde uns museumsähnlich viel Wissen rund um den Wolf vermittelt, hauptsächlich, dass er von sich aus nicht böse ist, wie es viele Märchen uns weis machen, sondern von Natur aus, ein scheues Tier ist. Der krönende Abschluss offenbarte sich in dem Moment, als wir tatsächlich noch Wölfe zu Gesicht bekamen, einer kam sogar bis an die Sichtschutzscheibe heran, der ein «face to face»-Blick herzauberte. Ich gebe zu, dass nicht nur die Kinder grosse Augen bekamen!

Irgendwo unterwegs erhielten wir den Tipp, dass man in der kleinen Ortschaft «Orr» Bären besichtigen könne, man drückte uns einen kleinen Informationsprospekt in die Hand. Zu bestimmten Zeiten würden dort regelmässig Bären gefüttert. Tönt spannend, aber wir konnten uns nicht so genau vorstellen, was uns da erwarten sollte. Neugierig machten wir uns auf den Weg. Gefühlt «in the middle of nowhere» angekommen, wies uns ein kleines Holzschild in eine Waldschneise hinein. Wir gelangten zu einem kleinen Parkfeld, wo wir das Auto abstellten. Nur wenige Motorfahrzeuge standen nebenan. Verunsichert, schauten wir herum. Keine Abschrankung, kein Gehege, nichts. Waren wir am richtigen Ort? Allmählich trafen wir auf Schilder, die uns mit Ausrufezeichen davor warnten, dass man sich vor wilden Bären in Acht nehmen müsse und wir das Grundstück auf eigene Gefahr betreten würden. Okay?! Soweit so gut, die Warnung ist angekommen. Wir trafen auf einen alten Mann, der gemütlich in einem Gartenstuhl sass, seinen Gehstock hatte er auf die Oberschenkel gelegt. In typisch amerikanischer Manier hatte er eine Deckelmütze auf, hinten am Nacken schauten noch knapp seine weissen Haare hervor. So gefährlich kann das Ganze also nicht sein, oder? Mittlerweile waren noch andere Neugierige angekommen, der alte Mann hiess uns zusammen mit seinen Volontären willkommen. Und kaum hatten sich seine Begrüssungsworte in der Luft verflüchtigt, tauchten die ersten Bären auf. Ruhig, klar, aber sehr bestimmt, wurden wir angewiesen, wie wir uns zu verhalten hätten. Die Bären seien auf diesem Areal zwar freundlich, aber es seien keine Zirkustiere. Sie würden hier frei herumlaufen und an uns vorbei spazieren. Wenn ein Bär sich uns nähern würde, solle man ruhig ein paar Schritte zurücktreten, die Arme nach oben strecken (und damit Grösse zeigen) und respektvoll Platz machen. Keine Berührung erlaubt! «They are wild!» liess man uns deutlich wissen. Seit vielen Jahren würden die Bären an diesem Ort regelmässig gefüttert werden. Sie tauchen aus der freien Wildbahn auf, verköstigen sich hier und wissen, dass ihnen hier nichts geschehe. Das Gelände wirke als sicherer Platz.  Dadurch seien sie freundlich in ihrem Verhalten. Eine gleiche Begegnung ausserhalb dieses Platzes unterliege definitiv wieder den Regeln der Wildnis. Und dazu muss man wissen, dass ein aufgescheuchter Bär keinen Spass versteht, und die Fluchtmöglichkeiten für den Mensch reduzieren sich dabei auf ein Minimum. Denn der Bär ist ein ausgezeichneter Schwimmer, Kletterer, und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, kann er sehr schnell rennen. Also geht man dem Bären besser vorher aus dem Weg! Während wir so dastanden und aufmerksam den Erklärungen zuhörten, versammelten sich immer mehr Bären um uns herum. Ich erinnere mich an mehr als 10 Schwarzbären, die auf Futtersuche vorbeikamen. Ab und an massen sie sich untereinander mit lautem Gebrüll, ein kurzes Kräftemässen, das uns daran erinnerte, dass die Schwarzbären für gewöhnlich nicht in einer Gruppe unterwegs waren. Man tolerierte hier also nicht nur den Menschen, sondern auch seine gleiche Art, auch wenn dabei ab und zu ein bisschen Stärke demonstriert werden musste. Bei einem der Bären konnte man deutlich erkennen, dass dies nicht nur leeres Gebrüll war. Vernarbungen im Gesicht wiesen auf alte Spuren von einem oder mehreren Kämpfen hin. Da ist es wohl keine Entblössung, wenn ich gestehe, dass ein mulmiges Gefühl mich beschlich, als die Bären teilweise auf knapp einen Meter Distanz an uns vorbei spazierten. Mein Herz schlug schneller, der Puls erhöhte sich massgeblich. Auch wenn meine inneren Impulse Flucht signalisierten, blieb ich standhaft und befolgte die Regeln. Die Ruhe, die auf dem Platz herrschte, besänftigte mich. Respektvoll wich ich zurück und das Miteinander funktionierte auf diese Weise wunderbar. Der ruhigste von allen schien der alte Mann zu sein, der gemütlich in seinem Gartenstuhl sass und regelmässig von 2-3 Bären umgeben war. Wenn unter den Bären Unruhe aufkam, wurden wir gebeten, uns auf eine erhöhte Plattform zurückzuziehen. Obwohl diese in einem Notfall keine absolute Sicherheit bieten würde. Wenn unten an der Treppe sich ein Bär ausbreitete (was dann auch der Fall war), fühlte man sich schnell in die Enge getrieben. Denn im Gegensatz zu den Bewegungsmeistern, hätten wir nicht so schnell von der Plattform weichen können, wenn die Treppe blockiert blieb. Die Gratwanderung, auf der wir uns bewegten, wurde deutlich spürbar. Gerne liessen wir uns von einem besonders lustigen Kerlchen ablenken, der die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu geniessen schien. Er kletterte auf einen Baum und bot uns eine Show, als wolle er sich dort wie auf einer Bühne präsentieren und uns mit Theater unterhalten.

Nach und nach konnte ich der wahren Geschichte lauschen, die uns Vince Shute, der alte Mann im Gartenstuhl, erzählte. Er war der Erschaffer dieses Platzes. Doch wie kam das?

Vince arbeitete viele Jahre als Holzfäller mit eigener Firma. Er lebte mit seinen Mitarbeitern in abgelegenen Wäldern, was automatisch bedeutete, dass sie von wilden Tieren umgeben waren. Der Geruch von Lebensmitteln lockte regelmässig Bären an, was nicht selten zur Folge hatte, dass die Bären die Hütten zerstörten, auf der Suche nach was Essbarem. Aus Ärger, Angst und Überlebensinstinkt begann Vince auf die Bären zu schiessen. Nach vielen Jahren begann er diesen Akt zu hinterfragen. Kann das die wahre Lösung sein? Er beobachte und studierte die Tiere und realisierte, dass die Bären nicht böse waren, sondern einfach nur hungrig. So fing er an, Nahrungsmittel auf der Wiese zu verteile, in der Hoffnung, die Bären von den Hütten fernhalten zu können. Das war der Anfang dieses besonderen Platzes. Heute weiss man, dass man wilde Tiere nicht füttert. Doch Vince hatte dadurch ein Mittel des Zusammenlebens gefunden. Was aus der Not entstanden war, entwickelte sich zu einer Herzensangelegenheit. Vince fühlte sich den Bären mehr und mehr verbunden, ohne dass er sie verhätschelte oder den Respekt vor deren freien Dasein verlor. Viele Menschen besuchten Vince und seine Tiere, und er erzählte seine Geschichte und teilte sein Wissen, seine Beobachtungen. Als er sich altershalber fragte, was denn danach mit diesem Ort und «seinen» Tieren passiere, wenn er nicht mehr lebte, traf er bei Freunden auf offene Ohren. Es wurde eine gemeinnützige Organisation gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, zur Aufklärung über das friedliche Zusammenleben zwischen Bären und Menschen beizutragen. Und nur dafür war dieser Platz gedacht: Dem Menschen beizubringen, dass man mit diesen wilden Tieren friedlich zusammenleben kann. Natürlich war es im kleinen Ansatz eine touristische Attraktion; auf mich wirkte das Ganze aber nicht wie eine Galanummer. Die Anwesenheit von Vince Shute, der damals schon hochbetagt war, und wie die Bären sich vor seinen Füssen niederliessen, offenbarte etwas Besonderes. Da war so etwas wie Freundschaft, obwohl dies ein viel zu menschliches Wort ist. Ich glaube, Respekt trifft es eher, gegenseitiges Achten, ohne das Gegenüber für einen Zweck zu missbrauchen. Vince’s Erzählungen, seine Geschichte wirkte echt und aufrecht. Es berührt mich sehr, zu wissen, dass nach seinem Tod sein Erbe weitergeführt wurde und bis in die heutige Zeit reicht. Sein Nachlass wurde in Vince Shute Wildlife Sanctuary benannt, ein Ort der Zuflucht, Schutz oder gar Heiligtum, Wörter die ich gerne als Übersetzung für «sanctuary» verstehe, die echt und ehrlich wirken.

Es waren diese Werte, die uns weiter nachhaltig geprägt hatten. Respekt, Achtung, Ehrlichkeit. Sie trafen bei uns auf fruchtbaren Boden, dem wir gerne den Platz für die Ausbreitung überliessen. Werte, die wir intensiv mit den Kindern diskutierten. Es waren Spuren, die bei uns allen einen nachhaltigen Abdruck hinterliessen, die wir nicht mehr verwischen wollten. Spuren, die dem Erlebten eine prägnante Kontur gaben. Spuren, die für mich das hohe Gut und der wahre Gewinn des Reisens sind.


 

Kanada
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8.2.  Erwachsen - und jetzt? – Kanada.
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Kanada wurde zu einem gemeinsamen Reisetraum von meinem Mann und mir. Wir planten eine zweimonatige Auszeit, um diesen Teil des nordamerikanischen Kontinents zu entdecken. Uns lockten Vancouver mit der Westküste von British Columbia sowie die grossen Nationalparks Banff und Jasper in Alberta. Als geeignetes Transportmittel drängte sich ein Wohnmobil oder Wohnwagen auf. Weil mein Mann unbedingt mal einen grossen Pickup fahren wollte, erfüllte er sich diesen Wunsch: Wir mieteten einen Wohnauflieger. 12 Meter Fahrzeuglänge insgesamt! Ich liess meinem Mann die Freude an seinem Transportmittel. Mir war eher unwohl mit diesem grossen Ungetüm, aber das würde schon werden. Mein Rucksack war definitiv abgelegt, das Motorfahrzeug hatte als Transportmittel gewonnen und bot eine eigene Form des Reisens, was nicht weniger Freiheit und Unabhängigkeit bedeutete. Ich freute mich auf die Kunst und Geschichte der indigenen Bevölkerung (First Nations). Auf Bildern hatte ich ihr kulturelles Schaffen mit den vielen ovalen Formen und Umrandungen bereits bestaunen können und wollte mehr erfahren. Erwartungsvoll und wissensdurstig schaute ich unserer Reise entgegen.

Vancouver / Vancouver Island
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8.3.  Erwachsen - und jetzt? – Vancouver / Vancouver Island.
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Kaum hatte ich meine Füsse auf kanadischen Boden gesetzt, wurde meine Neugier aufs schärfste angefacht. Überall in den riesigen Hallen des ganzen Flughafenareals wurde ich von Figuren und Holzskulpturen willkommen geheissen, deren Ausdruck ich deutlich einer indigenen Kunst zuordnen konnte. Muster und Formen, die sich ähnelten und sich in jedem Objekt wiederholten, Symbole für dargestellte Worte und Geschichten. Ein besonderer Blickfang bot eine etwa 6 mal 4 Meter grosses Jade Figur, die ein Kanu darstellte, welches proppenvoll mit Menschen und Tieren war und deren geheimnisvolle Bezeichnung lautete: «The spirit of Haida Gwaii». Fremd, mystisch und urgewaltig! Da war Energie, da war Berührung, da war Geschichte drin. Ich spürte, dass jedes Kunstwerk etwas zu erzählen hatte. Der Zugang dazu blieb mir noch verwehrt, aber gerne liess ich mich wie durch einen Sog hineinreissen in diese geheimnisvolle Welt. Endlich verstand ich, dass hier Künstler der First Nation ihr Kunsthandwerk zeigten, damit ihre kulturelle Verbundenheit, ihre Wurzeln darstellten und deutlich signalisierten, wer hier die ersten Menschen in diesem Land waren. Die Ankunft am Flughafen von Vancouver glich einem Spaziergang durch ein Kunstmuseum! Ich war begeistert, wollte sofort mehr erfahren und ansatzweise verstehen lernen, was die Formen und Gesichter zu erzählen hatten. Der Besuch des anthropologischen Museums rutschte sofort an die erste Stelle der «muss ich gesehen haben-Liste» in Vancouver.

Wie die ersten Menschen entstanden waren, erfuhr ich gleich zu Beginn des Besuches im anthropologischen Museum. Nicht der Mund eines Menschen erzählte uns die Legende des Haida- Stammes, sondern eine versinnbildlichte Skulptur.  Mit «Raven and the first mens» war sie betitelt und veranschaulichte auf einen Blick die Schöpfungsgeschichte, wie sie nach dem Glauben des Haida-Stammes entstanden war. Die Holzfigur zeigt, wie «Raven» analog der Legende eine Auster öffnet, worin er die ersten Menschen fand und diese aus der Muschel ins wirkliche Leben holte. Ein beeindruckendes Kunstwerk mit einem ungefähren Durchmesser von zwei Metern. Ehrfürchtig stand ich vor der Figur und hörte sprichwörtlich seinen Erzählungen zu. Belichtet wurde „Raven“ durch den natürlichen Sonnenschein, der durch das riesige runde Dachfenster drang. Nüchtern betrachtet war es ein bearbeiteter Holzklotz. Die Hände des Künstlers schaffte daraus ein wundervolles Werk, das Geschichten erzählt und kulturelle Wurzeln sichtbar macht. Nun begann ich zu verstehen, warum «Raven» in den meisten Formen, Figuren und Objekten einen Platz fand. Egal ob auf einer Maske, die für rituelle Tänze gebraucht worden waren oder auf Totempfählen, welche von der Familienzugehörigkeit erzählten, «Raven» war fast überall vertreten. Über andere Kunstwerke und Gegenstände ist mir nicht mehr viel geblieben. Einerseits hört man bei Erzählungen (vor allem wenn sie in einer Fremdsprache ausgeführt werden) nur Ausschnitte einer Darstellung. Auch wenn man die Geschichten nachliest, erschien mir dies immer nur ein Bruchteil des grossen Ganzen zu sein. Ich hatte damals wie heute das Gefühl, dass ich nicht ansatzweise in der Lage war, die ganze Symbolik der First Nation zu verstehen. Wie auch? Wie soll man kulturelles Verständnis von aussen entwickeln, wenn man nicht darin gelebt hat? Wie soll man Werte und Bedeutung für Gegenstände verstehen, wenn man den Hintergrund nicht erfahren und begreifen konnte? Ich war dankbar, über jeden noch so kleinen Bruchteil, den ich kennenlernen durfte. Mir wurde klar, dass ich in oder mit dieser Kultur hätte aufwachsen müssen, um ein Verständnis zu erlangen, das weit über das intellektuelle Wissen hinausgeht. Was bedauerlicherweise immer wieder rüberkam, war die geschichtsträchtige Zerstörung einer Lebensart zu vermeintlichen Gunsten eines anderen Glaubens. Die Ausschnitte meines Verstehens waren vielleicht nur die Überbleibsel einer Ganzheit, die im Verlaufe ihrer Geschichte im Namen der Zivilisation zerstört worden waren. Verstümmelungen, die heute wieder gepflegt, zurechtgerückt und in ein verändertes Ganzes zurückgeführt werden. Meine Aufmerksamkeit blieb auf der Schönheit der indigenen Kunst und deren Mystik haften, gerne liess ich mich von ihr im Hier und Jetzt verzaubern und gab dem grossen Rest Raum in meinem Herzen, ohne etwas verstehen zu müssen.

Vancouver bot die Skyline einer Grossstadt und trug im Herzen das sympathische Wirken einer verträumten Kleinstadt. Ich fühlte mich wohl darin, und dass ich vorübergehend ein Teil von ihr war, beseelte mich. Es blieben nur wenige Tage, bis wir mit der Fähre nach Vancouver Island übersetzten. Viel Schönes kam uns zu Ohren über diese Insel, unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Kaum angekommen, spürten wir, dass wir hier «richtig» waren. Wälder und Seen, soweit das Auge reicht, wild, rau und ursprünglich. Meereszugang mit Sandstränden, die bei Sonnenuntergang paradiesisch erschienen. Die Insel wirkte wie ein Juwel auf uns, sie war etwas Besonderes, das es nicht überall zu finden gab. Hier wollten wir unsere Seele baumeln und uns von der Natur überraschen lassen. Wir trafen auf Strände mit tausenden vom Meer erodierten Kieselsteinen, woraus ich mir ein Vergnügen machte, diese zu sammeln und nach Schmuckstücken zu untersuchen. Man weiss ja nie! Ob wir Wale sehen würden? Man sagte uns, dass wir in Telegraph Cove gute Chancen hätten Killerwale zu sichten. Dies war ein unscheinbarer Ort mit einer kleinen Bucht, ein Ort, den wir ohne Tipp höchstwahrscheinlich nicht aufgesucht hätten. Und tatsächlich, wir mussten kein «whale watching» buchen. Es genügte, ein paar Minuten dem Hafen entlang zu schlendern und schon zeigten sich schwarze Rücken. Wir konnten die Orcas vom Steg aus beobachten, wie sie in aller Seelenruhe im Meer an uns vorbeizogen. Schlicht und berührend, spielte die Natur mit uns. Es ging auch ohne touristisches Brimborium.

Zum Glück mussten wir einige Tage in Port Hardy auf die Fähre für die Inside Passage warten, denn während diesen Tagen offenbarte sich uns die Tierwelt, wie wir sie nie zuvor gesehen hatten. Den ersten Weisskopfseeadler erblickte ich am Hafen von Port Hardy, ganz oben auf einer Baumspitze hatte er sich niedergelassen. Ich traute mich kaum weiterzugehen, weil ich ihn nicht aufscheuchen wollte. Doch er war viel souveräner als ich, sass einfach da, und ich hatte (fast) alle Zeit der Welt, um ihn zu fotografieren. Wow! Verglichen mit dem Andenkondor würde der Weisskopfseeadler in Bezug auf die Flügelspannweite verlieren. Eindrücklich wirkte auf mich sein typischer weisser Adlerkopf, was sich sogar auf Distanz gut erkennen liess und auf mich sehr majestätisch wirkte. Am selben Ort ein paar Minuten später, stiessen wir auf eine Menschenansammlung, die aufs Meer hinaus starrten. Wir schauten in die gleiche Richtung und erkannten, dass sich eine Wal-Mamma mit ihrem Kleinen in der Bucht niedergelassen hatte. Es wurde gewerweisst, ob sie unglücklich gestrandet waren. Musste man sich Sorgen machen? Brauchten die Beiden Hilfe? Nach längerem Abwägen wurde es klar: Die Beiden zogen wieder ab, wahrscheinlich hatten sie hier bloss eine Pause eingelegt. Und wieder wow! Was für ein Schauspiel sich Mutter Natur für uns ausdachte, wir waren besonders dankbar, weil wir erkannten, dass dieser Moment selbst für die Einheimischen ein Besonderer war.

Als Geheimtipp wurde uns der Nationalpark Cape Scott empfohlen, man warnte uns aber vor der Strasse, die dorthin führte: 62 km «gravel road»! Nun gut, eine Schotterstrasse sollte unser Pick-up wohl noch aushalten können, und wir machten uns auf den Weg dorthin. Wir sichteten unterwegs annähernd 20 Bären, teils Mütter mit ihren Babys, die sorgenfrei die Strasse überquerten. Dass wir uns in einer Abgeschiedenheit bewegten, brauchte man uns nicht mehr zu verdeutlichen. Unser Herzklopfen schoss deutlich in die Höhe, nicht nur weil wir uns über die Bärensichtung freuten, sondern weil wir wussten, dass sie in freier Wildbahn schlicht und einfach gefährlich sein konnten. Vor allem Bärenmamas, die ihre Kleinen dabeihatten! Einmal getraute ich mich aus dem Auto zu steigen, weil ich unbedingt aus sicherer Distanz ein Foto machen wollte. Das Risiko hatte sich nicht gelohnt, weil das Bild schlussendlich vor lauter Nervosität unscharf wurde. Ansonsten hielten wir uns an die Warnungen, blieben ruhig im Auto und auf Abstand zu den Tieren. Am Ziel angekommen empfing uns ein riesiger Sandstrand, teils mit Buchten, die nur während der Ebbe begehbar waren. Also mussten wir beim Herumwandern auf die Zeit achten, was bei all der Ablenkung nicht einfach war. Unsere Augen richteten wir auf den Boden, die Sandoberfläche war voll mit Tierspuren deren Zuordnung einem Rätsel raten glich. Für Vögel zu gross, für Würmer zu klein, was waren das bloss für Tierchen, welche diese eigenartigen Spuren hinterliessen? Bis wir sie irgendwann entdeckten, die kleinen Krebse, kaum zwei Fingerspitzen gross, welche durch ihr Vorankommen im Sand diffuse Linien hinterliessen. Es gab so vieles, was unsere Aufmerksamkeit suchte. Geräusche, von denen wir annahmen, es wären knirschende Steine, entpuppten sich als ein muschelähnliches Getier. Ein Lebewesen, nein hunderte Wesen, die wir schlussendlich als Seepocken identifizierten. Die Krebsgart schient nach einer Meereswelle oder gar am liebsten nach der Flut zu lechzen. Tatsächlich fanden wir auch Muscheln. Austern waren keine dabei, jedoch konnte ich mittlerweile gut erahnen, warum die Haida in ihrer Schöpfungsgeschichte den Bezug zu einer Muschel herstellten. Viele kahle Baumstämme lagen als Schwemmholz überall herum, woran sich jedes Bastlerherz erfreut hätte. Weit und breit war keine andere Menschenseele in Sicht; herrlich, paradiesisch! Menschliche Spuren gab es da und dort dennoch zu finden, wenn zum Beispiel eine Hängematte sie verriet. Auf der Rückfahrt sichteten wir wieder etwa 15 Bären. Ob es sich um die gleichen Exemplare wie auf dem Hinweg handelte, das entzog sich meinen Bärenkenntnissen. Nachhaltig beeindruckt waren wir alle mal, die Natur hielt sich mit ihren Überraschungen nicht zurück.

Noch lag unsere Fähre für die Inside Passage nicht bereit, also tauchten wir nochmals ein in die Welt der First Nations.  Auf Cormorant Island in einem kleinen Ort namens Alert Bay hofften wir, wieder ein Körnchen dieser vielfältigen Kultur aufzupicken. Auf dieser Insel leben noch viele indigene Ureinwohner aus unterschiedlichen Stämmen. Im «U'mista Cultural Centre» wurden kulturelle Objekte ausgestellt mit vielen Runduminformationen für Touristen. Wie ich schon im Vorfeld angedeutet hatte, werde ich als touristische Museumsbesucherin keine Chance haben, eine alte indianische Kultur verstehen zu lernen. Wie ein Spotlicht kann ich Blicke auf ein Kapitel werfen, mich hineinziehen lassen, ohne das komplette Buch präsentiert zu bekommen. Wahrscheinlich würde mich ein solches Werk überfordern und die Zusammenhänge blieben mir unerklärt. Dennoch schätze ich jedes Kapitel, das ich vor die Augen kriege. Und im U'mista Cultural Centre» hiess der Titel des Kapitels: Potlach. Ein wichtiges Fest, das in der Kultur der First Nations eine zentrale Rolle einnahm und ein wichtiger Ritus darstellte. An einer solchen Zeremonie wurde ausgiebig gefeiert im Zeichen des Gebens. Durch das Verschenken seines persönlichen Reichtums erwarb der Schenkende einen wichtigen sozialen Status für sich oder seine Ahnen. Der Gebende stand dabei im Mittelpunkt. Nicht das Empfangen der Gaben führte zu Reichtum, sondern das Verschenken und Weggeben erhöhte das Ansehen. Es waren Zeiten der Freude und des Stolzes. Tanzend zelebrierte man ein Festritus mit Masken und Objekten, die einen wichtigen Bestandteil der Feier darstellten. Ein Potlatch markierte wichtige Anlässe im Leben wie zum Beispiel Heirat, Geburten, Taufe oder Todesfälle. Wir erfuhren, dass zur Zeit der Missionierungen und den erfolglosen Versuchen, die Indianer zu zivilisieren, die Potlaches für eine lange Zeit verboten worden waren. Viele rituelle Objekte wurden geraubt und in Museen gesammelt. Das U’mista Kulturzentrum hatte sich zur Aufgabe gemacht, alle diese Objekte zurückzuholen, was ihnen weitgehend gelungen war. Es waren ebendiese Gegenstände, welche uns in den Ausstellungsräumen gezeigt wurden. Mit dem Hauch einer Ahnung, welche Reisen diese Objekte hinter sich haben mussten, bestaunten wir ehrfürchtig Masken und Textilien. Ich spürte die Energie um die Wichtigkeit all dessen, doch ehrlich gesagt, fand ich keinen Gefallen daran. Das musste ich auch nicht. Auch wenn mir die einzelnen Bedeutungen vernebelt blieb, verstand ich deutlich, dass diese Objekte Teil eines Glaubens waren, wie die heiligen drei Könige, der Tannenbaum zu Weihnachten oder gar das Kreuz für die Christen. An diesem Ort berührten mich nicht die Objekte, sondern vielmehr die Erzählungen, die uns vermittelt wurden.

Beim Verlassen der Insel kurvten mehr Fragen als Antworten durch mein Hirn. Es tobte ein Chaos, doch ich schaffte es, mich an  folgenden Gedanken festzuhalten:

 

Ich kann hinsehen und anerkennen, dass diese Menschen in ihrem Ursprung von anderen Werten und Glaubenssätzen geleitet werden.

Ich kann die Vorderseite einer Wirklichkeit betrachten, die mir ein mir fremdes Leben zeigt.

Ich kann respektvoll dahinter schauen, ohne zu verurteilen, auch wenn ich Zusammenhänge nicht erkenne. 

Ich kann die Wahrheit anerkennen, dass Kulturen entwurzelt und beraubt wurden.

Ich kann anerkennen, dass Menschen misshandelt wurden und noch heute darunter leiden.

Ich kann den Kampf würdigen, dass sich diese Kulturen an ihre Wurzeln erinnern und darauf aufbauen wollen. 

Ich kann würdigen, dass Menschen ihr Rückgrat behalten wollen.

Ich muss keine Zeit zurückdrehen wollen.

Ich muss niemanden retten.

Ich kann Respekt zeigen.

Ich kann mich berühren lassen.

 

Und wie ich berührt wurde! Noch heute hallen diese Erinnerungen in mir nach.

British Columbia / Alberta
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8.4.  Erwachsen - und jetzt? – British Columbia / Alberta .
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Das lange Warten auf unsere Fähre der Inside passage hatte sich mehr als gelohnt. Was hätten wir alles verpasst, wenn wir bei Ankunft in Port Hardy sofort einen Platz auf der Fähre ergattert hätten. Im Nachhinein betrachtet waren es die schönsten Tage unserer Kanadareise. Vielleicht war es so besonders, weil wir in der Umgebung von Port Hardy nicht mit diesen Überraschungen aus Flora und Fauna sowie Einblicke in historisches Zeitgeschehen gerechnet hatten. Gesättigt, aber mit nicht weniger Vorfreude, schauten wir einer nächsten Reiseetappe entgegen. Mit der Fähre nach Prince Rupert, von wo aus wir uns ostwärts ins Landesinnere bewegen und die Nationalparks Jasper und Banff ansteuern wollten. Die Schiffsreise entlang der kanadischen Westküste vorbei an unzähligen kleineren und grösseren Inseln war eindrucksvoll, und weil wir nicht selbst navigieren mussten, genoss ich diese Tagesreise sehr. Ich konnte mich voll und ganz auf die Landschaft einlassen. Riesige Waldgebiete auf den Inseln und der ganzen Küste entlang, da und dort eine einsame Hütte oder gar ein Wohnhaus, wo selbstverständlich ein Boot nicht fehlen durfte. Viel Abwechslung bot die Landschaft nicht, und doch hatte sie ihren eigenen Charme. Höchstwahrscheinlich waren es nicht die vielen Bäume und das Meer, was mir gefiel, sondern viel eher das damit verbundene Gefühl von Stille, Freiheit, Frieden. Da die Gegend kaum belebt wirkte, strahlte sie eine Ruhe aus, die ich gerne aufnahm. Viel mehr bot die Aussicht nicht, denn wegen des Regenwetters wetteiferten die Grautöne der Bergketten unter dem wolkenverhangenen Himmel um den Sieg. Die Meeressäuger schienen sich vom Wetter nicht beeinflussen zu lassen. Es waren nicht viele Wale, die wir unterwegs vor die Kamera bekamen. Aber jeder Walrücken, der die Wasseroberfläche teilte und jede Walflosse, die klischeehaft aus dem Meer ragte, wurden glücklich von meinem Herzklopfen begrüsst.

Ab Prince Rupert übernahmen wir wieder das Steuer und machten uns auf die Reise landeinwärts. Eine vollkommen andere Gegend erwartete uns, alles wirkte «aufgeräumt». Das, was auf Vancouver Island mit einer wilden, rauen Schönheit überraschte, wirkte im Landesinneren geordnet, gehegt und gepflegt. Gartenzäune grenzten die Grundstücke der Wohnhäuser ab. Etwas, was uns zuvor nirgends aufgefallen war, wirkte hier demonstrativ besitzergreifend im Sinne von «das ist meins»! Ich weiss noch, dass ich mich wie auf Distanz gehalten fühlte, wo ich vorher von Mensch und Natur sehr willkommen schien. Wir liessen diese Gegend schnell hinter uns und fuhren viele Streckenkilometer landeinwärts, bis unser Bedürfnis nach Bewegung sich bemerkbar machte. Wir hatten Lust zum Wandern und die Landschaft lud uns geradezu dafür ein. Der Vorteil von einem geordneten System war, dass es gekennzeichnete Pfade und dazugehörige Karten gab. Da jede Region seine Besonderheiten hatte, erkundigten wir uns im Vorfeld nach Wanderwegen und worauf wir zu achten hätten. Zum Glück konnten wir schon etwas Erfahrung im Umgang mit Bären sammeln, theoretisch zumindest, denn praktisch möchte ich ihnen lieber nur in einer Schutzzone begegnen. Wir wurden eingehend vor den hier lebenden Bären gewarnt. Man erklärte uns ausführlich, welche Regeln gelten, wenn man ihnen begegne. Das Beste sei, präventiv immer ein Glöckchen bei sich zu tragen, so dass ein Bär uns von weitem höre und ausweichen kann. Überraschungseffekte können derart vermieden werden. Sollte man trotzdem unerwartet auf einen Bären treffen, dann dürfe man keinesfalls davon rennen. Wir wussten es ja bereits, der Bär wäre definitiv schneller. Folgende Massnahmen mussten wir uns hinter die Ohren schreiben:

  • Ruhig bleiben!! Sich so gross wie möglich machen! Hände und Arme in die Luft, und mit etwas Glück wäre der Bär von unserem Erscheinungsbild derart beeindruckt, dass er uns meiden würde. Sollte er sich uns trotzdem nähern, dann galt es sich hinzukauern und den Kopf zu schützen.

Ganz anders lauteten die Ratschläge, falls wir einem Puma begegnen würden:

  • Be aggressive!“ Werde laut, bedrohlich und aggressiv!

Auch das noch! Was erwartete uns da noch alles in freier Wildbahn? Wildnis ist kein Spaziergang im Zoo! Natürlich war mir dessen gewahr, und trotzdem fühlte ich mich eingeschüchtert. Wie behütet sind wir doch in den Wäldern und Bergen in unseren Breitengraden. Wir werden kaum mehr von einer Tierart bedroht, wobei man sich die Frage stellen müsste, wer hier wen bedroht. Die Natur, sprich Bär und Wolf erobern sich in der heutigen Zeit nach und nach ihren Platz zurück und schon sind wir heillos überfordert, mit ihnen in einem Gleichgewicht umzugehen. Und nein, ich habe keine Lösung für die damit entstehenden Probleme parat. Mir zeigt es auf, dass wir in unseren Regionen verlernt haben, mit wilden Tieren umzugehen. Das, wovor wir in Kanada gewarnt wurden, gehört dort zum Lebensgesetz. Beeindruckt und vom Reiz und Ruf der Wildnis gelockt, beachtete ich die Empfehlungen. Tief im Herzen wusste ich, dass ich bei einer überraschenden Begegnung mit Bär oder Puma, mir vor lauter Panik höchstwahrscheinlich in die Hosen machen würde. Ja, ich fühlte mich etwas überfordert. Aber zum Glück waren wir mit besagten Bärenglöckchen ausgestattet! Wir entschieden uns, keine Übernachtungen einzuplanen und uns mit Tageswanderungen zu begnügen. Dies schien ein guter Plan gewesen zu sein, wir wurden weder angefallen noch gefressen und konnten die Schönheit der Region wandernd geniessen.

Lange Autofahrten fordern ihre Pausen, unsere Köpfe lechzten oft nach Kaffee, um wach und konzentriert zu bleiben. Als wir in einem Coffee-Shop wieder mal unseren Kaffeefreuden nachgingen und uns auf schweizerdeutsch unterhielten, kam plötzlich ein Gast auf uns zu, der uns in unserer Muttersprache ansprach. Es verging einen Moment, bis wir realisierten, dass da jemand schweizerdeutsch redete. Natürlich kamen wir sofort ins Gespräch. Wir erfuhren, dass es hier in der Nähe eine Lodge gäbe, die von Schweizer Auswanderern geführt wurde, man könne dort essen und übernachten. Wir entschieden uns, an dieser Adresse den nächsten Stopp zu planen. Wir sind eigentlich nicht die Typen, die im Ausland unbedingt nach den gleichen Dingen oder dem gleichen Essen wie in der Heimat suchen, im Gegenteil. Wir schätzen das Neue und Entdeckbare. Trotzdem kann es reizvoll sein, wenn man auf langen Reisen im Ausland Menschen aus der Heimat trifft. Schliesslich hat man die gleichen Wurzeln, und meistens verbindet dies, auch wenn sich Leute aus welchen Gründen auch immer für das Auswandern entschieden haben. Die Aussicht auf eine willkommene Abwechslung auf der Speisekarte lockte uns. Und wir wurden nicht enttäuscht. Was uns an diesem Abend Leckeres aufgetischt wurde, war eine Gaumenfreude, die unsere Mägen fast platzen liess. Zur Vorspeise wurde frisch gebackenes Brot nach Schweizer Manier aufgetischt, und ich vergass mich beim Brotknabbern so sehr, dass die Hauptspeise kaum mehr Platz hatte. Auf meine getroffene Menuwahl konnte ich aber keineswegs verzichten, denn es lockten noch Lamm mit Kartoffelgratin! Ich kann es kaum beschreiben, wie sehr ich diese Abwechslung zu den sich wiederholenden Pommes Frites Menus genoss! Lecker, lecker, fein! Da wir ausserhalb der Hochsaison unterwegs waren, hatten die Schweizer Auswanderer etwas Zeit für uns, und wir unterhielten uns über das Leben in Kanada im Unterschied zur Schweiz. Wie ich sie schätze, die Schweizer Verlässlichkeit, worauf man im Ausland oft nicht zählen konnte. Dieser Mangel würde mich im Ausland wohl am meisten nerven. Reisend kann ich mich auf diese Hürden einstellen, wenn ich existentiell davon abhängig wäre, dann würde ich damit sicher hadern. Mich bestätigten diese Gespräche, dass das Auswandern zwar seinen Reiz hat, egal wohin es einen verschlägt, dass ich mich aber trotz meiner Vielreiserei nach wie vor sehr mit der Schweiz identifiziere und mich da auch verwurzelt fühle. Der Austausch war sehr inspirierend, und wir verbrachten in dieser Lodge einige wundervolle Stunden. Zum Glück hatten wir unseren Wohntrailer gleich neben dem Restaurant stehen und konnten uns gefühlt nur noch hinüber rollen, so sehr waren unsere Mägen gesättigt und unsere Seelen gut genährt von einer angenehmen Begegnung.

Die Richtung unserer Weiterfahrt lag auf der Hand, wir näherten uns den Nationalparks Banff und Jasper. Woran wir das erkannten? Nun, einerseits war es gute Arbeit des Co-Piloten (nämlich ich), dass wir mit einer Papierkarte den Weg zum Nationalpark gefunden hatten. Navigationsgeräte gab es damals noch keine. Aber zugegeben, es war auch keine grosse Kunst, denn der Weg zu einem der grössten Nationalparks in Kanada war nun definitiv mehr als gut ausgeschildert. Das Offensichtlichste beim Ankommen im Park war, dass sich ständig die unterschiedlichsten Tiere auf den Strassen ansammelten, und wir zum Warten verdonnert wurden. Natürlich hielten wir gerne für Bergziegen, Hirsche, Elch, Koyote und Bären an, denn wie sonst, kämen wir so einfach zu einem Foto? Auf einem Wegabschnitt kamen wir eine Zeit lang nur im Schritttempo vorwärts, einerseits aus berechtigter Angst, ein Tier könnte uns vor das Auto laufen, und weil tatsächlich einige Tiere am Wegrand zu sichten waren, als würden sie uns begrüssen: «Herzlich willkommen im Jasper Nationalpark»! Na ja, das waren wieder mal sehr menschliche Ideen meinerseits, dennoch war es eindrücklich zu sehen, dass die Tiere keine Angst vor uns hatten. Etwas, was funktionieren kann, solange man die Tiere in Ruhe lässt.

Da gewisse Tiere eher abend- oder nachtaktiv sind, entschieden wir uns für Spaziergänge während der Abenddämmerung. Und dieser Entscheid war weise, denn wir wurden belohnt. Das Finden eines Biberbaus ist noch lange keine Garantie, um dessen Bewohner auch wirklich zu sichten. Trotzdem hielt ich optimistisch Ausschau und sah all die Spuren, welche dieser Nager hinterlässt; Haufenweise kahle, abgeknabberte Baumstümpfe. Plötzlich tippte mich mein Mann an die Schulter, begleitet von einem «psst, schau mal». Und ich schaute und sah, wie leise ein Biber durchs Gewässer glitt. Sein Kopf hielt er über der Wasseroberfläche, so dass seine Nagezähne noch knapp sichtbar waren. Mit den dunklen Knopfaugen und den kleinen Ohren nahm er mich voll in Beschlag, so dass ich den Blick kaum abwenden konnte. Die Zeit schien einen Augenblick still zu stehen, höchstwahrscheinlich hielt ich den Atem an. Ja kein Geräusch von mir geben und ihn damit verscheuchen! Das Kerlchen schwamm in einer Seelenruhe an uns vorbei, als könnte ihm niemand was anhaben. Wow! Eine unerwarteter, aber erhoffter Moment, schön dass sich der Biber uns zeigte. So schnell wie er in unser Blickfeld glitte, so rasch verschwand er wieder. Bei nächster Gelegenheit tauchte er ab und weg war. Zurück blieben Stille und ein kurzer Moment der Berührung.  

Nicht immer waren es die Tiere, die so stark auf mich wirkten. Manchmal beeindruckten mich die Energie von Bäumen, riesigen Zedern oder stillen Waldflächen, soweit das Auge reicht. Manchmal waren es die Gewässer, die sich durch felsige Schluchten einen Weg bahnten, die ich ehrfürchtig bestaunte, weil sie dies schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten tun, und so der Natur ihre Formen aufzwingen. Und manchmal waren es unscheinbare, stille Plätze, die die mich glücklich machten. Als Naturliebhaber kamen wir überall auf unsere Kosten. Den Abstecher auf die amerikanische Seite zum Olympic National Park bot uns Binnenlandbewohner mit seiner Meeresküste einen besonderen Reiz. Und wieder war es hier ein Tier, das mir der schönste Augenblick ermöglichte. Das erst Mal in meinem Leben bekam ich einen Seeotter live zu sehen. Kaum wahrnehmbar, umringt von Algen, trieb er auf offenem Meer. Auf dem Rücken liegend, putzte er sich in aller Ruhe sein Köpfchen, als gäbe es momentan nichts Wichtigeres auf der Welt. Kleiner Kopf, Knopfaugen, kleine Ohren…ein ähnliches Gefühl wie beim Biber beschlich mich. Ich weiss nicht, was Biber und Seeotter an sich haben, dass sie sich sofort in mein Herz schleichen. Ist es ihre Verspieltheit? Oder weil sie so niedlich sind? Eigentlich unwichtig. Es waren Herzensmomente, die mich berührten und sich als erinnertes Bild mit einem Gefühl der Ruhe und Fröhlichkeit tief in mir verankerten.

Erst später lernte ich, dass Seeotter auf dem Rücken auch ihre Nahrung zu sich nehmen. Sie knabbern an ihren Muscheln, die sie zuvor mit einem Stein auf ihrem Bauch aufgeschlagen haben. Manchmal schlagen sie die Muscheln auch an eine Felsklippe, um sie zu öffnen. All das erfuhr ich im Zoobesuch in Vancouver, als wir den Abschluss unserer Reise durch Museumsbesuche nochmals Revue passieren liessen.

Durchreise
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9.  Durchreise
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«Do you speak english?»

 «¿Hablas español? 

«Parla italiano?»

«Parlez-vous français?»

Ich bin stolz darauf, ein kleines Angebot an Fremdsprachen in einem Teil des Hirnes, welcher für das Erlernen einer Sprache zuständig ist, mit mir herumzutragen. Und ich staune, dass dieser Speicher funktioniert, auch wenn ich zum Beispiel jahrelang kein Französisch mehr parlaveret habe. Für mich ist und war die Sprache nie nur eine Verständigung, um während des Reisens besser voran zu kommen, schneller oder einfacher an Informationen zu gelangen. Natürlich gestaltete es sich als wesentlichen Vorteil, wenn man sich in der Landessprache durchschlagen konnte. Das Lernen und Sprechen einer Fremdsprache ist für mich viel mehr. Ich höre den Klang in der Sprache, die Betonung der Wörter und die Bedeutungen. Es ist nicht einfach ein technisches Aneinanderreihen von anderen Worten. Ich tauche mit meinem Ohr und mit meiner Stimme in ein anderes (Lebens-)gefühl ein, das mir die Fremdsprache offenbart. Mit dem Eintauchen in eine andere Sprachwelt füge ich mich in eine Art neuen Lebensraum ein und versuche mich anzugleichen und darin zurecht zu finden. Das macht etwas mit mir. Das Sprechen einer anderen Sprache wirkt wie ein Überziehen einer anderen Haut. Ich bin nicht die gleiche, wenn ich englisch spreche, wie wenn ich spanisch spreche. Natürlich bin ich das mit meiner Persönlichkeit nach wie vor, aber in meiner Haltung und in meinem Wirken gibt es Unterschiede. Ich brauche andere Wörter und Beschreibungen, als ich es auf Deutsch ausdrücken würde. Und um mich im Verstehen des Fremdartigen zu schulen, brauche ich eine Offenheit dafür, was es in der Welt des Gegenübers zu entdecken gibt.

So ähnlich fühlte ich mich auf meinen Reisen. Suchend, abtastend, erkundend.  Mit ausgestreckten Fühlern das Leben entdecken. Ein wechselseitiger Rhythmus schwingt wie ein Echo in den Abenteuern mit. Reisen ist keine Einbahnstrasse, Erlebnisse prallen nicht einfach ab wie ein Steinwurf an die Mauer. Reisend unterwegs sein, beleuchtet andere Lebenswelten, welche spiegelbildlich Inputs in mein Leben zurückwirft, es mir erklärt. Es lässt mich Teile davon hautnah erfahren. Es ist nicht das schlichte Durchreisen von Ländern oder das Abklappern von Highlights. Oberflächlich betrachtet könnte man es so sehen, aber dann kratzt man tatsächlich nur an der Aussenseite. Ist es nicht so, dass es im Wesentlichen um das Innere geht, das was es mit einem macht, das was es mit mir gemacht hat? Durch das Reisen tauchte ich in andere Welten und Wahrheiten ein, erweiterte mein Wissen, stillte meine Neugier und wenn ich die Entfaltung mit mir verknüpfte, dann kam ich mit mir selbst in Kontakt. Dann entstand Berührung. Dann entstand tiefe Erfahrung. 

Die Historie über die Vertreibung der indigenen Bevölkerung kannte ich zuhauf aus den Geschichtsbüchern. Im Wesentlichen traf ich folglich nicht auf neues Wissen, als ich in Amerika oder Kanada in mit der Urbevölkerung in Kontakt kam. Was eine direkte Begegnung und Erzählungen aus erster Hand bewirken, können keine Buchstaben aus einem Geschichtsbuch erklären. Da entstand Kontakt in meinem Herzen, der mich die Geschichte mit anderen Fragen und kläglichen Antworten betrachten liess.

Als Rassismus aus vermeintlich verstaubten Büchern indirekt erfahrbar wurde, hinterliess dies verletzende Spuren in meinem Organismus. Es liess mich die Welt anders betrachten und hinterfragen und Gegensätze in der Theorie, dem vermeintlichen Wissen und der Realität erkennen.

Wenn uralte Kulturen und Lebensgewohnheiten im Kontext zu einer aktuellen Zeit sichtbar wurden, erkannte ich wahre Grössen, andere Denkweisen, Mythologien, die mich meine Welt neu erfahren und vor allem spüren liess, dass es verschiedene Wahrheiten gibt.

Berühren liess ich mich von Momenten in der Natur, wo sich mir Tiere zeigten, die ich sonst nur im Zoo oder in Büchern zu sehen bekäme, weil sie einerseits zu selten sind oder in einer Gegend leben, das weit von meinem Lebensumfeld entfernt ist. Augenblicke des Atem Anhaltens, Sekunden von Verbindung und Energien, die ins Herz fliessen. Natur lebendig erfahren.

Ich könnte noch viele Aufzählungen anreihen, schlussendlich gewinnt jeder Herzensmoment eine Würdigung, weil sie mich vor allem lernten, das Leben von verschiedenen Seiten zu betrachten. Ein roter Faden, der sich durch meine Lebensreise zieht.

 

 

 

Nachwort
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10.  Nachwort
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Die Tour in Kanada war meine letzte mehrmonatige Reise. Das war im Jahr 2000. Meine reisebiografischen Erzählungen enden in diesem Zeitraum. Der Kinderwunsch blieb mir verwehrt, dafür gliederte sich im Jahr 2005 der erste Schlittenhund in unsere Familie ein, und ein Jahr darauf der zweite und so fort. Dadurch veränderte sich mein Leben wie auch meine Reisepläne. Wenn man mehrere Wochen unterwegs sein will, müssen einige Umstände dafür stimmen. Je mehr Verantwortung und Verpflichtungen auf einen warten (Familie, Beruf, Tiere…) desto komplizierter kann das Planen einer längeren Reise werden. Ich bin nach wie vor sehr gerne unterwegs, auch wenn das mit den Hunden nun auf eine andere Art passiert. Das Auto hat definitiv den öffentlichen Verkehr abgelöst (was nicht bedeutet, dass ich keine öffentlichen Verkehrsmittel benutze). Aber mit vier Hunden im Zug zu reisen, macht die Sache dann doch etwas unruhig. Das Fahrrad wurde vom Mountainbike ersetzt, mit welchem wir unter anderem die Hunde trainieren. Den Rucksack brauche ich immer noch, aber wieder mehr zum Wandern in den Bergen wie reisend als Individualtouristin. Aktivitäten in der Natur sind mit den Hunden alltägliche Erlebnisse, weshalb wir auch naturnah und in den Bergen wohnen.

Die Abenteuer über mein Leben mit den Schlittenhunden sind in einem separaten Buch verewigt: «Schlittenhunde faszinieren – Mein Leben mit Nordischen Hunden».

Quellen
Unsere Förderer
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