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Von Anita Sigrist – Porträt mit Hintergrund
Anita Sigrist
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1.
Erste Erinnerungen und Kindheit
2.
Meine Eltern
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
3.
Meine Grosseltern
3.1.
Mein Grossvater väterlicherseits
3.1.
Mein Grossvater väterlicherseits
3.2.
Meine Grossmutter väterlicherseits
3.2.
Meine Grossmutter väterlicherseits
3.3.
Mein Grossvater mütterlicherseits
3.3.
Mein Grossvater mütterlicherseits
3.4.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
3.4.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
4.
Kindergartenjahre
5.
Primarschulzeit
6.
Gymnasium
7.
Universität
8.
Arbeiten und Ausland
8.1.
Verschiedene Berufe
8.2.
Italien
8.2.
Italien
8.2.
Italien
8.2.
Italien
9.
Eheleben
10.
Kinder
11.
Nachgedanken
Meine Geburt
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Meine Geburt
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3.3.1967
Meine Geburt begann offenbar mit einer Verweigerung. Mehrere Tage lang wollte ich die Augen nicht öffnen. Ob das etwas bedeutet? Wollte ich die Realität nicht sehen? Oder ist es einfach eine Geschichte, die im Lauf der Jahre ausgeschmückt wurde?

Meine Mutter erzählte, die Schwestern hätten mir einen neugeborenen Jungen gezeigt, in der Hoffnung, ich würde aus Neugier endlich die Augen öffnen. Vielleicht haben meine Eltern diese Anekdote erfunden, weil sie sie amüsant fanden.

Eine weitere Geschichte handelt von meiner Geburtszeit. Meine Mutter behauptete stets, ich sei genau um Mitternacht geboren worden, in der Nacht vom zweiten auf den dritten März. Auf dem Geburtsschein stehen jedoch drei Minuten nach Mitternacht. Angeblich brauchte man eine eindeutige Uhrzeit, damit alles seine Ordnung hatte.

Diese Geschichte gefiel mir. Der Gedanke, zwei Geburtstage zu haben, hatte etwas Verlockendes. Fast so, als hätte ich zwei Anfänge.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte auch zwei Leben. Im zweiten könnte ich manches anders machen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Man bräuchte gar kein ganzes zweites Leben. Es würde genügen, an einer einzigen Stelle eine andere Entscheidung zu treffen.

Nur welche?

Denn nach dieser einen Entscheidung wäre nichts mehr so, wie es geworden ist.

Wie meine Eltern auf meinen Vornamen gekommen sind
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie meine Eltern auf meinen Vornamen gekommen sind
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Meine Mutter behauptet, sie habe meinen Namen geträumt. Im Traum habe sie eine lange Liste von Namen gesehen, auf der nur einer gross und deutlich geschrieben gewesen sei: „Anita Borsch“. Warum ausgerechnet dieser Nachnahme? Internet sagt mir, dieser Nachname hätte verschiedene Ursprünge:
  • Slawischer Ursprung: Er ist oft eine Kurzform des slawischen Vornamens Borislav (bedeutet "Kampf" und "Ruhm").
  • Deutscher Ursprung: Er kann sich von Orten namens Borsch (z.B. in Hessen und Thüringen) oder Börsch (im Elsass) ableiten
Ich habe keinen Borsch geheiratet.

Manchmal frage ich mich, ob dieser Name auf ein Schicksal hindeutete, das ich verpasst habe. Schliesslich habe ich im Laufe meines Lebens viele nette Deutsche kennengelernt, und ausgerechnet Russisch wurde mein Studienfach. Vielleicht hätte ein Herr Borsch irgendwo auf mich gewartet.

Der Vorname dagegen gefiel meinen Eltern so gut, dass sie ihn übernahmen. Anita ist mir recht. In der Primarschule hatten fast alle meine Freundinnen zwei Vornamen. Nur ich musste mich mit einem einzigen begnügen. Das erschien mir ungerecht. Wer zwei Vornamen besass, schien reicher zu sein als ich. Ich fühlte mich, als wäre ich unvollständig.
Übernamen
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Übernamen
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In der Primarschule gab es noch ein Mädchen namens. Um uns zu unterscheiden, begannen meine Klassenkameraden mich "Sigi" zu nennen - die Kurzform meines Nachnamens. Das gefiel mir gar nicht. Warum eigentlich? So genau weiss ich es nicht. Gegen meinen Nachnamen habe ich nämlich nichts. Im Gegenteil.

Als ich 1997 in der Schweiz heiratete, durfte ich meinen Mädchennamen nicht einfach behalten. Damals musste der Name des Ehemannes Teil des offiziellen Nachnamens werden. Ich hätte Anita Marsicano-Sigrist, Anita Sigrist-Marsicano oder sogar Anita Marsicano heissen können.  

In Italien war es anders. Dort behielt meinen Nachnamen und heisse bis heute Anita Sigrist. Auf meinem Schweizer Pass steht allerdings Anita Marsicano-Sigrist. Ist das nicht absurd?

Leider sprechen die Italiener meinen Nachnamen auf eine Weise aus, die mir gar nicht gefällt. "Siigrist" oder "Sigrit" (warum in aller Welt gefällt ihnen das zweite s nicht?).
Hinzu kommt, dass ich meinen Nachnamen immer buchstabieren muss, wenn jemand meinen Namen notieren muss. Savona Imola Genova Roma Imola Savona Torino. So heisse ich hier zum Nachnamen. "Min richtige Nachname isch aber Sigrischt!"

Ich habe die italienische Staatsbürgerschaft. Als Nicht-EU-Bürgerin war es ein gewaltiger bürokratischer Aufwand, sie zu erhalten. Ich spreche einwandfrei italienisch, aber mit Akzent. Wenn ich in einem Laden sage: "Vorrei un kilo di pomodori!", bitten die Verkäufer mich üblicherweise, meine Frage zu wiederholen, weil sie als erstes registrieren, dass ich einen Akzent habe, also Ausländerin und folglich schwer verständlich bin.
"Guten Tag, mein Name ist Anita Borsch." "Zdravstvujtje, menja zovut Anita Borsh". Wie wären diese anderen Leben gewesen?
Erste eigene Erinnerungen
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erste eigene Erinnerungen
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Als ich zweieinhalb Jahre alt war, zog meine Familie in die Stadt Zürich. Zuvor hatten wir in Kloten in einer Mietwohnung im zweiten Stock gelebt. Mein Vater hatte geerbt und konnte sich eine Eigentumswohnung in Wollishofen leisten.

Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, wie privilegiert ich aufgewachsen bin: eine Viereinhalbzimmerwohnung mit Garten und Seesicht, dazu ein eigenes Zimmer. Als Kind nahm ich das alles als selbstverständlich hin.

In diesem Zimmer jedoch durchlebte ich manche Nacht voller Angst.

Einmal sah ich einen Film, der ganz offensichtlich nicht für Kinder gedacht war. Darin war ein Mann in einer Telefonzelle eingeschlossen und konnte nicht entkommen. Alle Rettungsversuche scheiterten. Schliesslich wurde die Telefonzelle in eine riesige Halle transportiert, in der Tausende weiterer Telefonzellen standen. In jeder befand sich ein toter Mensch. In einer sah man ein Skelett.

Nach diesem Film war ich überzeugt, dass sich unter meinem Bett ein Skelett befinden könnte.

Die Angst war so gross, dass ich nachts kaum wagte, meine Bettdecke zu bewegen. Wenn mir zu warm wurde, schwitzte ich lieber, als die Decke aufzuschütteln. Denn wer wusste schon, ob das Skelett nicht genau auf diesen Moment wartete, um zu mir ins Bett zu kriechen?

Meine Eltern liessen die Zimmertür nach dem Zubettbringen einen Spalt offen. Doch meistens war ich noch wach, wenn sie sie später ganz schlossen. Dann lag ich allein in meinem Zimmer und kämpfte gegen meine Ängste an.

In Italien schliefen meine Kinder bis zum Alter von acht beziehungsweise zehn Jahren bei uns im Schlafzimmer. Anfangs, weil wir uns keine grössere Wohnung nicht leisten konnten, später, weil sie selbst entscheiden durften, wann sie in ihre eigenen Zimmer ziehen wollten.

Es war eine stille Genugtuung zu wissen, dass sie nicht dieselben nächtlichen Ängste durchstehen mussten wie ich. Aber sie hatten andere Ängste.

Mein Vater war nicht der geborene Familienmensch. Er sagte oft, er habe eigentlich gar keine Kinder gewollt. Er habe nur zugestimmt, weil man damals als verheiratetes Paar eben Kinder bekam.

Meine Schwester und ich wurden als Babys um elf Uhr abends ins Kinderzimmer gebracht, die Tür wurde geschlossen, und um sechs Uhr morgens gab es den Schoppen. Lagen wir wach, schrien wir, weinten wir? Wer weiss es.

War das gut? War das schlecht? War es einfach die übliche Praxis jener Zeit? Habe ich mich deswegen im Leben oft einsam und verlassen gefühlt? Wie gesagt, meine Kinder schliefen mit mir. Sie wurden gestillt, getröstet und herumgetragen. Ich stand nachts mehrmals auf, bis sie wieder einschliefen. Trotzdem haben auch sie Einsamkeit erlebt und das Gefühl gekannt, nicht dazuzugehören.

Einmal erzählte mir meine Mutter, es habe ihr das Herz gebrochen, mich als Zweijährige unten auf der gemeinsamen Wiese allein spielen zu sehen. Offenbar war es in den sechziger Jahren nichts Ungewöhnliches, kleine Kinder am Nachmittag einfach hinauszuschicken. Meine Schwester war damals sechs Jahre alt. Sie hatte ihre Freundinnen und verständlicherweise keine Lust, ihre kleine Schwester ständig mitzuschleppen.

Also war ich dort unten allein.

Was ich auf dieser Wiese tat, weiss ich nicht mehr. Vielleicht spielte ich im Gras. Vielleicht sprach ich mit mir selbst. Vielleicht beobachtete ich Ameisen oder Wolken. Oder vielleicht fühlte ich mich gar nicht allein.
Vielleicht fühlte ich ja auch noch die Nähe meines Schutzengels.

Kinderspiele draussen
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Kinderspiele draussen
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Am neuen Wohnort gab es wie gesagt auch einen Garten. Zwischen zwei Bäumen montierte mein Vater eine Schaukel. 

Es gab andere Kinder hier, wir spielten zusammen in den Gärten. Die anderen Kinder Michelle und Aurel, waren im Alter meiner Schwester. Ich war drei Jahre jünger. Am Anfang war da noch ein anderer kleiner Junge, Gerald, der war gleichalt wie ich. Wir spielten oft zusammen.

Die älteren Kinder hänselten uns und behaupteten, wir seien verliebt und würden zusammengehören. Ich erinnere mich nur noch daran, dass Gerald blond war. Seine Eltern waren Deutsche. Leider zog die Familie bald weg. So verlor ich einen Spielkameraden. (Er hiess übrigens nicht Borsch mit Nachnamen.)

Ich war die jüngste der Gruppe, und konnte vieles noch nicht so gut wie die anderen. Aber wir unternahmen viele spannende Dinge. Die Gärten waren eine zauberhafte Welt, in der es alles gab.
Wir bauten Tunnels im Gebüsch.
Wir erschufen im Sandhaufen ganze Städte mit Seen, Bergen, Landschaften und Strassen.
Wir sammelten Haselnüsse und knackten sie mit den Zähnen
Wir sammelten Kastanien und bauten Kastanienmännchen und Tiere.
Wir sammelten Raupen und anderes Getier und versuchten sie zu züchten.

Wir spielten Verstecken. Einmal versteckte ich mich so gut im Gebüsch, dass mich niemand fand. Ich sass auf meinem Plätzchen und wartete und wartete darauf, dass man mich finden würde, bis es dunkel wurde. Dann kam meine Mutter herausgerannt und rief mich. Meine Eltern hatten schlussendlich realisiert, dass ich nicht zu Hause war. Eigentlich merkwürdig, dass ich nach einer gewissen Zeit nicht die Geduld verlor und von selber aus dem Gebüsch krabbelte.

Mit meiner Tochter spielte ich später oft Verstecken. Bevor sie sich versteckte, verriet sie mir jeweils ganz genau ihr Versteck, damit sie sicher sein konnte, dass ich sie auch wirklich finden würde. Jedes Mal, wenn ich sie entdeckte, tat ich überrascht. Es schien sie überhaupt nicht zu stören, dass ich von Anfang an wusste, wo sie war. Mich störte es auch nicht.

Wir spielten Ball, Seilspringen und Gummitwist. Wir stellten uns vor, Piraten zu sein. Die obere Wiese war unser Schiff, das wir gegen feindliche Angreifer verteidigen mussten.

Manchmal erweiterten wir unseren Spielraum. Wir fanden einmal ein Loch im Zaun und drangen auf das Nachbargrundstück ein. Dort stand eine grosse, verlassene Villa mit einem riesigen blumenreichen Garten, der von einem Gärtner gepflegt wurde. Genau deshalb war es spannend und gefährlich zugleich, denn man konnte ihm begegnen. Einmal erwischte er uns tatsächlich und jagte uns davon. Wir trauten uns nicht ins Haus hinein, aber wir kletterten auf die Terrasse und stellten uns vor, wir wären eine superreiche Familie. Wuchsen im Garten doch auch Erdbeeren. Dass man sogar Blick auf den See hatte, fanden wir nichts Besonderes. Später wurde die Villa verkauft und das Grundstück mit drei Wohnblöcken überbaut. Die Villa hatte einer italienischen Familie gehört.

Einmal waren andere Kinder zu Besuch. Ein Junge besass ein Spielzeug, eine Art Vogel, den man aufziehen konnte und der dann flog. Alle anderen Kinder durften ihn ausprobieren, aber als Jüngste kam ich nie an die Reihe. Als der Vogel nach einem Flug wieder auf dem Boden landete, rannte ich los, um ihn als Erste zu erreichen. Ich war so schnell, dass ich ausrutschte. Statt vor dem Vogel zum Stehen zu kommen, fiel ich direkt auf ihn und zerquetschte ihn. Scham und Verzweiflung überkamen mich. Eine komplette Niederlage.

Später wurde dieses Erlebnis für mich zu einem Symbol meiner seelischen Wiedergeburt. Ich muss mich nicht dafür schämen, dass ich etwas erreichen will, auch wenn ich mit meinem Übereifer das Gegenteil erreicht habe. Ich trage nicht alleine die Schuld für das Missgeschick. Die anderen Kinder hatten mir nie die Möglichkeit gegeben, ebenfalls einmal an die Reihe zu kommen - es wäre mir zugestanden. Auch sie trugen ihren Teil dazu bei. Deshalb denke ich: Kopf hoch, wenn du etwas vermasselt hast, denn du hattest das Recht, etwas zu wollen.

Ein weiteres Erlebnis ereignete sich ebenfalls im Garten. Es gab eine Sonnenfinsternis, die man nicht mit blossem Auge betrachten durfte. Eines der Kinder besass ein verdunkeltes Glas, durch das man sie beobachten konnte. Alle durften hindurchsehen, nur ich nicht. Vor Wut und Enttäuschung lief ich hinter das Haus auf die andere Wiese und weinte. Plötzlich öffnete sich über mir ein Fenster. Eine Frau beugte sich hinaus. Sie hatte mein Weinen gehört und wollte mich trösten. Sie warf mir einen Keks herunter. Meine Tränen versiegten augenblicklich. Mit einem Schlag war ich nicht mehr die Ausgeschlossene, sondern die Privilegierte. Noch heute erinnere ich mich gern an dieses Erlebnis, wenn ich eine Bestätigung dafür brauche, dass mir im Leben immer wieder Trost geschenkt wird.

Beim dritten Erlebnis ging es darum, dass meine Schwester mit einer Schulfreundin ein Lagerfeuer draussen angemacht hatte. Sie wollten Äpfel braten. So schickten wie mich nach Hause, um Äpfel zu holen, falls unsere Mutter welche hatte. Tatsächlich fand ich zwei Stück und brachte sie gehorsam den Mädchen. Da es aber nicht für alles reichte, wurde es entschieden, dass ich keinen Apfel braten durfte. Gekränkt trabte ich in die Wohnung zurück. Viele Jahre lang sah ich mich in dieser Geschichte als bedauernswertes Opfer. Erst später betrachtete ich die Situation aus einer anderen Perspektive: Ich hätte die Gelegenheit gehabt, zu lernen, die Krallen zu zeigen. Ich hätte einen Eimer Wasser holen und auf das Feuer schütten können. Oder ich hätte etwas anderes zum Braten holen können, ein Brötchen oder ein Würstchen oder was immer es in unserer Küche hatte, und mich zu den Freundinnen gesellen können. Stattdessen hatte ich den Schwanz eingezogen und zum Rückzug geblasen.

Hobbies
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Hobbies
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Nicht weit von uns entfernt – das sage ich heute, als Kind erschien mir der zwanzigminütige Weg endlos – gab es eine Bibliothek. Sie war eine Schatztruhe. Was für ein Glück, wenn ein Buch von Enid Blyton, Berta Bratt, Astrid Lindgren oder Michael Ende noch im Regal stand. Denn oft waren die begehrten Bücher bereits ausgeliehen. Trotzdem kam ich meistens mit reicher Beute nach Hause.

Meine Welt war in Ordnung, so lange ich lesen konnte. Denn die Welt, die sich mir in den Büchern auftat, gehörte mir. Die Mädchen darin wurden zu Freundinnen oder auch Feindinnen. Ich hatte an ihren Abenteuern teil.

Mit elf schrieb ich selbst ein Buch. Es handelte von Susi, die in ein Internat kam. Ich tippte es direkt auf der mechanischen Schreibmaschine. Wenn ich es heute lese, muss ich lachen. Es wirkt wie eine Parodie auf die Bücher, die ich damals verschlang. Zum Schreiben angeregt hatte mich meine Schwester. Auch sie hatte ein Jugendbuch verfasst. Ich versuchte immer ihr nachzueifern. Bis sie sich eines Tages auf Dinge einliess, die nicht nachahmenswert waren. Meine Eltern waren voller Sorge, und ich musste sie jeden Tag beruhigen und versuchte, die Handlungsweise meiner Schwester zu verteidigen. Ich wurde zu ihrer Anwältin. Dass mir aber der Boden unter den Füssen weggenommen worden war, realisierte nicht einmal ich selber. 

Meinen Eltern gefiel es, dass wir lasen. Das gehörte ja zur Bildung. Als die Bibliothek nicht mehr genügte, erklärte mein Vater, wir dürften alle Bücher kaufen, die wir wollten. Er würde sie bezahlen. Wir mussten nicht unser Taschengeld dafür hergeben.

Meine Schwester und ich bekamen nämlich Taschengeld. In der ersten Klasse erhielt ich einen Franken pro Woche, in der zweiten zwei Franken und so weiter. Bis ich gross genug war, um auch meine Kleider selber kaufen zu können. Da erhielt ich 100 Franken im Monat. Das war etwa im Jahre 1979. Auf diese Weise sollten ich und meine Schwester sparen lernen. "Auf etwas sparen" - das war etwas, das man machte.

Ich sparte auf eine eigene Nähmaschine. Damals wollte ich unbedingt Barbiekleider nähen. Im Handarbeitsunterricht hatten wir Nähen gelernt, und ich träumte von einer Bernina – genau von dem Modell, mit dem wir in der Schule arbeiteten. Sie kostete 1000 Franken. Also legte ich Monat für Monat Geld beiseite, bis ich den Betrag zusammenhatte. Ich glaube, es vergingen fast zwei Jahre.

Endlich war ich die stolze Besitzerin einer Nähmaschine. Inzwischen war ich allerdings älter geworden, und Barbiekleider interessierten mich nicht mehr. Das minderte meine Freude an der Nähmaschine eigentlich nicht. Ich besitze sie noch heute und benutze sie regelmässig, um Hosen zu kürzen, Kleider enger zu machen oder andere kleinere Näharbeiten zu erledigen.

Für meine Tochter nähte ich später dennoch zwei oder drei Barbiekleider. Damals gab es in Italien an den Kiosken wöchentlich erscheinende Sammelserien, darunter Barbiekleider aus verschiedenen Ländern. Diese kaufte ich für meine Tochter. Die kleinen Kleidungsstücke waren farbenfroh und abwechslungsreich und bereiteten uns beiden viel Freude.

Hätten meine Eltern es vermocht, mir sofort eine Nähmaschine zu schenken? Ja, locker. Sie hätten ja das Nähen als Teil der Bildung anschauen können, genau wie die Bücher. Aber ich weiss, sie waren stolz darauf, dass ich und meine Schwester sparten.
Gutenachtgeschichten und Lerngeschichten
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Gutenachtgeschichten und Lerngeschichten
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Meiner Schwester las meine Mutter bestimmt oft vor, denn Marina konnte ganze Bilderbücher auswendig aufsagen, noch bevor sie lesen konnte. Wir wissen das bestimmt, weil wir eine Tonbandaufnahme haben, als wir sechs bzw. zwei Jahre alt waren. Ich konnte damals knapp ein kurzes Kinderlied. Schade, dass ich mich nur an ein einziges negatives Erlebnis im Zusammenhang mit dem Vorlesen erinnere: Ich hatte noch ein Kinderbett mit Gitter, aus dem Herauszuklettern extrem schwierig war, aber nicht unmöglich. Nachmittagsschlaf war obligatorisch. Meine Mutter sass an meinem Bett und las mir vor. Nach einer Weil schloss sie das Buch, stand auf und ging aus dem Kinderzimmer hinaus. Ich war jedoch nicht eingeschlafen und hatte keineswegs die Absicht, ruhig und brav im Bettchen liegen zu bleiben. So kletterte ich mit Mühe und Not heraus, um meine Mutter aufzusuchen und sie davon zu überzeugen, dass ein Nachmittagsschlaf heute gewiss ganz fehl am Platz sei. Sie wurde jedoch wütend, schimpfte und trug mich sogleich ins Bett zurück. 

Dafür gab mir meine Schwester Schulunterricht. Wir spielten "Schüelerlis". Dank ihr konnte ich im Kindergarten bereits Lesen und Schreiben. Damals begann die Schule noch im Frühling, im April, und da ich im März geboren war, hätten meine Eltern wählen können, ob ich mit 6 oder mit 7 Jahren eingeschult würde. Sie entschieden, zu warten, bis ich 7 Jahre alt war, obwohl ich ja schon lesen und schreiben konnte. Warum diese Entscheidung? Ich glaube, weil für sie einfacher war. Denn wenn ich mit 6 Jahren in die Schule kommen sollte, hätten sie extra einen Antrag stellen sollen. Meine Eltern waren eine merkwürdige Mischung von einerseits Ehrgeiz für die Ausbildung von ihren Kindern, andererseits zeigten sie manchmal völlige Gleichgültigkeit. Zum Beispiel wurden uns nie irgendwelche Kurse am Nachmittag vorgeschlagen, bei denen wir etwas dazugelernt hätten. Nur in die Skischule mussten wir, aber der Grund war wohl nicht so sehr, dass meine Eltern auf unsere Ausbildung konzentriert waren, sondern dass sie selber in Ruhe Skifahren wollten. Das ist ja auch verständlich. Marina und ich hassten aber die Skischule, und wir klagten dauernd über sie. Ich fürchtete mich vor den steilen Hängen, den eisigen Stellen und Slalombuckeln, und auch die anderen fremden Kinder flössten mir Angst ein. In der Nacht hatte ich Albträume. Meine Mutter sagte, sie wäre so stolz gewesen, dass sie uns mit in unsere eigene Ferienwohnung in Zermatt nehmen konnte und uns Skiferien offerieren konnte. Wie enttäuscht sei sie gewesen, als es uns so gar nicht gefiel. Den Zwang zur Skischule rechtfertigten unsere Eltern mit dem für uns fadenscheinigen Grund, dass wir Skifahren können mussten, weil wir sicher einmal einen Freund haben würden, der diesen Sport ausübte und mit seiner Freundin gern in die Skiferien fahren würde. Als ich 18 Jahre alt war, hörte ich mit dem Skifahren auf. Ich heiratete einen Süditaliener der noch nie im Leben auf Skiern gestanden war.

Aber wisst ihr was? Als er 40 Jahre alt war, kam es ihm in den Sinn, die Ferienwohnung in Zermatt ausnützen zu wollen und Skifahren zu lernen. Zwei Jahre lang ging er in die Skischule während ich die Kinder hütete. Im dritten Jahr fand ich, dass unsere Kinder doch auch in die Skischule gehen konnten. Und auch ich wollte wieder einmal auf den Skiern stehen. Es wurmte mich, dass mein Mann die Ferien geniessen konnte, während ich wie immer auf die Kinder aufpassen musste. In Italien hatte ich nämlich keine Stelle gefunden. Als ich wieder auf den Skipisten hinunterglitt, war erstaunlicherweise die Angst verschwunden. Ich fuhr wieder Ski, nur mittelmässig, aber mit Freude. Wer hätte das gedacht. Mein Mann hingegen war ein bisschen verstimmt, weil die ganzen Skierien jetzt teurer und umständlicher waren, denn wir mussten ja die Kinder in die Skischule bringen, bevor wir den Berg erklimmten. 

Skifahren mit 40 war für mich eine unglaubliche Revanche. Ich bereue nur, dass ich damals nie mit meinem Vater zusammen skifahren ging. Wir waren ja nicht gleichzeitig in Zermatt. Und als wir einmal alle zusammen nach Arosa fuhren, und ich mich so darauf gefreut hatte, mit ihm Ski zu fahren, ging es ihm nicht gut und schaffte es nicht, auf die Bretter zu stehen. Er liebte die Berge und das Skifahren über alles. Gut hat er sich 2 Jahre früher pensionieren lassen. Er verbrachte jedes Jahr ein paar Monate in den Bergen.
Spiele und Hobbies drinnen
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Spiele und Hobbies drinnen
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Wir spielten auch viel drinnen. Ich durfte Freundinnen nach Hause bringen, wann immer ich wollte. Meistens spielten wir mit meinen Barbiepuppen. Ich besass einen Ken, zwei oder drei Barbies und eine Skipper. Das war genug, um die schönsten Geschichten auszudenken und durchzuspielen. Zwar gab es immer Streit, wer Skipper sein durfte und wer Ken sein musste. Gerne hätte ich mehr Kleider für meine Puppen gehabt.

Dann gab es Brettspiele und Puzzles. Ich liebte diese Spiele. "Afrikas stjerne" (hatten wir in Dänemark gekauft) mit Edelsteinen, die man gewinnen konnte, das "Barbiespiel" mit Freundschaftsringen, die man anziehen konnte, "Piratenspiel" mit kleinen Schiffchen, auf die man Rumfässer und Goldstücke laden konnte, "Lexidata" mit dem Männchen, das aus dem Kasten sprang, wenn man die Frage richtig beantwortet hatte und die noch grössere Befriedigung, wenn man es wieder hineindrücken konnte. Meistens spielte ich diese Spiele mit mir allein. Hunderte von Malen. Meine Mutter spielte nie mit mir, obwohl sie eigentlich Zeit gehabt hätte, denn sie war beruflich Hausfrau und Mutter. Vielleicht hatte sie keine Lust dazu, vielleicht kam es ihr gar nicht in den Sinn, das so etwas möglich wäre. 
Sie sah, dass ich mich gut mit mir selber beschäftigen konnte, und das reichte ihr.

Ich malte auch viel. Kiloweise von Blättern wurden mit Filzstiftzeichnungen gefüllt. Im Kindergarten malte ich immer wieder Inseln mit Palmen, Hütten und Eingeborenen. Später malte ich Geschichten, die ich erfunden hatte. Mit Kindern oder Tieren, die Abenteuer erlebten. Ich durfte diese Geschichten in der Primarschule den anderen Kindern erzählen. Das machte mich sehr stolz. In der letzten Unterrichtsstunde am Nachmittag las die Lehrerin immer aus einem Kinderbuch vor. Sie sass auf einem Stuhl und las, während wir Kinder im Kreis um sie herum am Boden im Schneidersitz sassen und zuhörten. Wie liebte ich diese Geschichten! Und manchmal durfte ich eben selber in der Mitte auf dem Stuhl sitzen und meine Geschichte erzählen. Meine Bildergeschichten wurden im Klassenzimmer in einem Schrank verstaut. Als ich die Primarschule verliess, meinte die Lehrerin, meine Mutter solle die Geschichten holen kommen, denn es waren so viele, dass ich sie nicht selber hätte tragen können. Sie tat es aber nie. Schade. Ich besitze nur noch einen Ordner mit der Lebensgeschichte von sieben Schwestern die gleichzeitig geboren werden - Siebenlingen. Ihr ganzes Leben bis zum Tode. Es sind ein paar hundert Zeichnungen.

Ja, zeichnen war enorm wichtig für mich. In den ersten drei Primarklassen wollte ich immer alleine in einer Schulbank sitzen, damit ich genug Platz für all meine Farb- und Filzstifte hatte, die ich alle neben mir aufreihte und immer einen schönen Überblick über meinen Reichtum hatte. Ich ging gern zur Schule. Nach den Sommerferien, die unendliche 5 Wochen dauerten, zitterte ich am Abend vor dem ersten Schultag vor Glück. Das sollte sich im Gymnasium ändern.
In den ersten drei Primarschuljahren hatte ich eine beste Freundin. Das war etwas, das man hatte. Wir gingen oft nach der Schule zueinander nach Hause. Ich durfte direkt zu ihr nach Hause gehen, ohne es zuerst daheim mitteilen zu müssen. Das Wichtige war, dass ich zum Abendessen zu Hause war. Meine Freundin musste jedoch immer zuerst nach der Schule nach Hause gehen und die Mutter wissen lassen, bei wem sie war. Ich fühlte mich privilegiert, weil ich die Freiheit hatte, nach der Schule zu machen, was immer ich wollte.

Für die vierte Klasse wurden die Schüler und Schülerinnen neu in Klassen eingeordnet. Meine Freundin Claudia war in der Parallelklasse gelandet. Ich war niedergeschmettert. Am ersten Schultag der vierten Klasse setzte ich mich mit gebrochenen Herzen in eine Bank. Ein Mädchen setzte sich zu mir, sie gehörte zu den "herzigen". Sie fragte mich: "Wollen wir Freundinnen sein?" Ich antwortete: "Ja!" Das war es. Ich war gerettet. 

Ihr Vater war Italiener. Leider habe ich den Kontakt zu ihr verloren, als ich ins Gymnasium kam. Von Facebook habe ich erfahren, dass sie einen Mann geheiratet hat, der "Salerno" zum Nachnamen heisst. Ich wohne heute in Salerno. Mein Chef bei der Inlingua in Bern, wo ich später Dänischunterricht gab, hiess auch Salerno zum Nachnamen. 

Ein anderes Hobby meiner Kindheit war Handarbeit. Einmal pro Woche hatten wir am Nachmittag zwei Stunden Handarbeit. Was wir nicht alles anfertigten! Am Ende des Schuljahres durften wir stolz einen Armvoll selbst Gestricktes, Gehäkeltes und Genähtes nach Hause bringen. Am liebsten hätte ich auch am Werken teilgenommen, aber das war den Buben vorgehalten. Zu Hause strickte und häkelte ich weiter. Hätte es damals instagram gegeben, wäre es ein Vergnügen gewesen, meine neun Pullis online zu veröffentlichen. Denn die Hälfte davon waren zu eng oder verformt und passten mir nicht - ich hätte wenigsten online mit meinem Werk prahlen können. Aber vielleicht hätte ich vor lauter scrollen gar keine Zeit gehabt, neun Pullis zu stricken. Ich strickte auch mehrer Kleintiere, und ein Grosstier, eine zwei Meter lange Schlange. Ich häkelte mindestens drei Kissen, Gürtel, Topflappen und Portemonnaies. Ich hörte erst auf, wenn der Faden so tief in den Zeigefinger eingeschnitten hatte, dass es weh tat. Unnötig zu sagen, dass meine Schwester auch Pullis strickte. 

Mit elf Jahren begann ich, Klavier zu spielen. Diese Iniziative beruht eigentlich auf einem Missverständnis. Wenn wir meine Grossmutter am Wochenende besuchte, langweilte ich mich jeweils zu Tode. Sie hatte kein Kinderspielzeug und nach dem Mittagessen gab es rein gar nichts zu tun. Die Erwachsenen sassen im Wohnzimmer und diskutierten, und um die Zeit totzuschlagen, verdrückte ich mich ins ehemalige Kinderzimmer, wo ein Klavier stand. Dort sass ich gelangweilt und probierte verschiedene Melodien, Dreiklänge, Vierklänge oder Mehrklänge aus. Mein Onkel war beeindruckt und machte meine Eltern darauf aufmerksam, dass ich sicher eine musikalische Ader hätte, da ich mich so sehr für das Klavierspielen interessierte. Ich hätte sicher Talent, meine Eltern sollten mich doch in die Klavierstunde schicken. So geschah es, dass ich ein weiteres Hobby bekam.

Glücklicherweise gefiel es mir gut, Klavierstunden zu nehmen, auch weil meine beste Freundin ebenfalls Klavier spielte. Da sie aber schon mit sechs Jahren angefangen hatte, spielte sie viel besser als ich und ich beneidete sie heiss. Mein Ziel war es, die Sonate von Kuhlau genausogut wie sie spielen zu können. Das gelang mir erst, als ich sie aus den Augen verloren hatte. Ich nahm acht Jahre lang Klavierstunden und spiele heute noch. In meiner Wohnung in Salerno besitze ich einen Stutzflügel. Ich wollte mir eigentlich ein normales Klavier leisten, aber mein Mann insistierte, dass ein kurzer Flügel im Wohnzimmer Platz finden solle. Es sei ein schönes Möbelstück und gebe der Wohnung eine vornehme Note. 

Als meine Schwester dreizehn und ich neun waren, schauten wir einen Kinderkochkurs im Fernsehen: "Lirum, larum, Löffelstiel". Die Kinder im Fernsehen hatten einen Riesenspass, den wollten wir auch haben. Wir kauften das Kochbuch zur Sendung und los gings. Wir durften alles kochen, was wir wollten, auch die unmöglichsten Rezepte. Meine Mutter kaufte ein und wusch auch ab. Ich weiss nicht wieviele tausend Rezepte ich in meinem Leben ausprobiert habe. Einmal gewann ich sogar 300 Fr. in einem Uncle Bens Kochwettbewerb. Wie kommt es, dass ich heute seufzend in den Supermarkt gehe und mich frage: "Was soll ich heute bloss kochen?"

Unser erstes Videospiel. Mein Vater brachte es nach Hause und installierte eine Konsolle am Fernseher. Ich glaube es war Pong, eine Tischtennissimulation. Es fand aber keinen grossen Anklang bei uns. Wir fanden es zu schwierig. Und so wurde es zu meinem ersten und letzten Videospiel.

Filme und TV-Serien
Seite 9
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Filme und TV-Serien
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Mein Vater duldete es nicht, dass während des Abendessens der Fernseher lief. Wie oft schlich ich erbittert und verzweifelt zum Esstisch, weil ich Schweinchen Dick nicht zu Ende schauen durfte! Voller Vorfreude warteten wir jede Woche auf die Fernsehzeitung, die per Post kam. Wir unterstrichen die Titel der Sendungen, die wir sehen wollten – und dann galt es, das Einschalten nicht zu verpassen und mögliche Streitigkeiten zu schlichten, wenn jemand ein anderes Programm bevorzugte. Besonders gerne sahen wir Serien mit echten Tieren: Black Beauty, Flipper, Lassie oder Fury. Aber auch Pippi Langstrumpf, Heidi, Die Biene Maja, Daktari, Unsere kleine Farm und Die Sendung mit der Maus durften nicht fehlen. Ich werde richtig nostalgisch, wenn ich an all diese Sendungen zurückdenke.

Manchmal sassen meine Geschwister und ich gemeinsam vor dem Bildschirm. Das war meistens dann der Fall, wenn unsere Eltern abends ausgingen und uns allein zu Hause liessen. Wir brannten darauf zu sehen, was die wenigen Sender, die es damals gab, im Abendprogramm zeigten. Das grösste Problem dabei: Wer musste vom gemütlichen Sofa aufstehen, um den Kanal direkt am Gerät umzuschalten? Ich meine mich zu erinnern, dass wir uns deshalb regelrecht gerauft haben.

Welch grosse Genugtuung war es schliesslich, als Videokassetten aufkamen und man eine Sendung einfach aufnehmen konnte! Oder als man einen Film beliebig oft ansehen konnte, weil man die Videokassette oder später die DVD besass.

Als ich elf Jahre alt war, durfte ich zum ersten Mal offiziell bis neun Uhr abends aufbleiben, um mit der ganzen Familie die Krimiserie 77 Sunset Strip zu schauen. In Italien hingegen essen kleine Kinder im Sommer erst um neun Uhr zu Abend, um danach um zehn auf die Piazza zu gehen und bis Mitternacht zu spielen.

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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit
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Meine Lieblingsessen und ihr Gegenteil
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Meine Lieblingsessen und ihr Gegenteil
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Meine Mutter kochte einfache Gerichte. Anders als wir Kinder hatte sie zu Hause nie kochen gelernt und musste es erst während ihrer Ehe lernen. Deshalb kamen wir auch nicht in den Genuss der traditionellen dänischen Küche.

Leider schmeckte mir vieles von dem, was bei uns regelmässig auf den Tisch kam, überhaupt nicht. Da gab es die Seemannspizza mit Muscheln. Oder ein Dessert aus Blätterteig, Erdbeeren und Schlagrahm, bei dem der Teig matschig wurde und die schaumige Konsistenz des Rahms mir widerstrebte. Speckkartoffeln schwammen in dem Fett, das aus Speck und Käse ausgetreten war. Vogelnester – gekochte Eier, die mit Brät umhüllt und frittiert wurden – waren gummig. Birchermüesli erschien mir wie Schlamm, Rösti wie eine fettige Teigmasse.

Leider handelte es sich dabei um typische Alltagsgerichte.

Umso grösser war meine Freude, wenn es Ravioli aus der Büchse, Fischstäbchen oder eingemachte Früchte gab. In meinem Zimmer stand ein Schrank, den man abschliessen konnte. Heimlich legte ich mir dort einen Vorrat an Konservendosen und einen Dosenöffner an. Hinter verschlossener Tür verspeiste ich mit Genugtuung Linsen, Erbsen, Thunfisch und Pfirsiche direkt aus der Dose. Meine Eltern bemerkten nie etwas davon.

Das Aussergewöhnlichste aber war, dass ich keine Schokolade mochte.

Für ein Kind war das eine gesellschaftliches Benachteiligung. So viele Glaces hätten mir gefallen, wenn sie nicht irgendwo einen Schokoladenüberzug oder kleine Schokoladenstückchen enthalten hätten. Manchmal kaufte ich mir trotzdem eines und knabberte die Schokolade mühsam ab. Bis ich damit fertig war, begann das Glace bereits zu schmelzen.

Wenn meine Eltern Gäste hatten, brachten diese oft Schokolade für uns Kinder mit. Meine Schwester freute sich, während ich leer ausging. Missmutig schaute ich ihr beim Geniessen zu. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, Schokolade ebenfalls zu mögen! Es erschien mir zutiefst ungerecht.

Auf Kindergeburtstagen wurde fast immer «Schoggiässe» gespielt. Dann sass ich am Rand und sah den anderen zu. Auch Pralinen übten eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Sie sahen wunderschön aus, und ich stellte mir vor, wie köstlich sie schmecken mussten. Besonders faszinierte mich ihr Inneres. Stand eine Pralinenschachtel auf dem Tisch, setzte ich mich daneben und bat die Erwachsenen, ihre Pralinen nur zur Hälfte abzubeissen, damit ich sehen konnte, was sich darin verbarg.

Ich war anders als die anderen. Ausgeschlossen von einer der grössten Freuden dieser Welt, ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Schokoladenliebhaber.

Mit siebzehn änderte es sich.

Ganz plötzlich schmeckte mir Schokolade. Ohne Vorwarnung. Es war eine Offenbarung. Vielleicht hatte sich mein Hormonhaushalt verändert; vielleicht hatte sich einfach mein Geschmack gewandelt.

Leider befand ich mich damals häufig auf Diät. Dennoch kam der Tag, an dem ich mir eine ganze Schachtel Pralinen kaufte und eine nach der anderen ass. Sie schmeckten genauso herrlich, wie ich es mir all die Jahre vorgestellt hatte.

Das Warten hatte sich gelohnt.

Kleider und Pelz
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Kleider und Pelz
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Als wir noch klein waren, trugen meine Schwester und ich gelegentlich die gleichen Kleider. Meistens bekam ich jedoch ihre abgetragenen Sachen. Das empfand ich keineswegs als Erniedrigung. Im Gegenteil: Ich konnte es kaum erwarten, bis ein Kleidungsstück zu mir weiterwanderte. Mir gefiel alles, was meine grosse Schwester trug.

Natürlich bekam ich auch neue Kleider, die ich oft heiss und innig liebte. Besonders fasziniert war ich von Pelz. Einmal erhielt ich einen Mantel mit einem Pelzkragen. Nun war meine Welt in Ordnung. Doch auf dem Pausenplatz riss ein „böser Bub“ daran und hielt plötzlich lachend einen Streifen Pelz in der Hand. Ich war untröstlich.

Damals besass ich auch eine Sammlung kleiner Pelztiere. In der Nähe unserer Wohnung gab es ein Möbelgeschäft, das solche Tierchen verkaufte. Wenn mich eines mit seinem niedlichen Gesicht anschaute, hatte ich das Gefühl, die Welt würde sich nicht weiterdrehen, wenn ich es nicht mit nach Hause nehmen könnte. Natürlich musste ich sparen oder mir die Tiere zum Geburtstag oder zu Weihnachten wünschen. Das war jedes Mal eine Geduldsprobe. Vielleicht würde jemand anderes das Tier kaufen, bevor ich genug Geld hatte. Mit klopfendem Herzen ging ich am Schaufenster vorbei: War der kleine Fuchs noch da?

Ich war überzeugt, dass es auch für den Fuchs das Beste wäre, bei mir zu wohnen. Niemand konnte seine Herzigkeit so wertschätzen wie ich.

Früher gab es im Zürcher Stadtzentrum mehrere Pelzgeschäfte, die Pelzmäntel verkauften und reparierten. Ich klapperte sie eines nach dem anderen ab und fragte nach Pelzresten. Tatsächlich bekam ich zahlreiche Stücke in den unterschiedlichsten Farben und Strukturen. Mein Ziel war es, daraus einen Pelzteppich herzustellen. Mit Weissleim klebte ich die Fetzen zu einem grossen Patchwork zusammen. Dieser Teppich war für mich ein Traum. In einem Geschäft erhielt ich sogar einen ganzen Kaninchenpelz.

Dagegen besass ich kaum eine einzige Hose ohne geflickte Knie. Wir rannten ständig herum, kletterten und stürzten. Kaum war ein Loch gestopft, entstand das nächste. Das schien völlig normal zu sein.

Noch im Gymnasium trug ich oft tagelang dieselben Kleider. Heute besitze ich einen grossen Kleiderschrank, der eine ganze Wand füllt. Darin hängen viele schöne Stücke, manche seit zwanzig Jahren. Fast alle habe ich im Ausverkauf gekauft, viele auch gebraucht auf eBay.

Manchmal denke ich, dieser Schrank ist nichts anderes als die Fortsetzung meines Pelzteppichs. Jedes Stück wurde mit Sorgfalt ausgewählt, aufgehoben und wertgeschätzt. Wie damals die Pelzfetzen sind auch diese Kleider Teil einer Sammlung von Dingen, die ich nicht einfach besitze, sondern liebe.

Zwei Jahre lang hatten meine Schwester und ich ein Meerschweinchen, Stupsi. Wir liebten ihn und spielen oft mit ihm. Nach einiger Zeit aber misteten wir sein Gehege nicht so oft aus, wie man sollte. Als er krank wurde, brachten meine Eltern ihn nicht zum Tierarzt. Als er starb, meinten sie, er sei gestorben, weil er traurig gewesen sei, dass wir Kinder ihn nicht oft genug ausgemistet hätten. Ich weinte mit solcher Bitterkeit, wie ich sie bis bisher noch nie gefühlt hatte.
Erinnerung an eine Nachbarin
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerung an eine Nachbarin
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Lange konnte ich nicht schwimmen. Es gelang mir einfach nicht, mich über Wasser zu halten. In den Sommerferien gingen meine Schwester und ich regelmässig ins Strandbad, wo ich verzweifelt versuchte, schwimmen zu lernen.

Meine Mutter kam nie mit. Sie fühlte sich unter vielen Menschen nicht wohl, und ausserdem hätte sie mir das Schwimmen ohnehin nicht beibringen können, da sie selbst nicht schwimmen konnte. Sie war in Kopenhagen aufgewachsen. An der Nordsee mit ihren starken Gezeiten und hohen Wellen lernt man nicht unbedingt schwimmen. Ebbe und Flut können dort gefährlich werden. Mein Vater wäre einmal beinahe in der Nordsee ertrunken. Er war weit hinausgeschwommen, als die Ebbe einsetzte, und konnte sich nur mit letzter Kraft ans Ufer zurückkämpfen.

Schliesslich brachte mir eine Nachbarin das Schwimmen bei. Sie nahm mich und ihre Enkelin eines Tages mit ins Schwimmbad. Als sie hörte, dass ich noch nicht schwimmen konnte, rief sie erstaunt: „Was, du bist schon so gross und kannst noch nicht schwimmen? Das kann ich kaum glauben!“

Dann packte sie mich kurzerhand, hob mich hoch und warf mich ins Becken.

In Panik strampelte ich mit den Beinen, ruderte mit den Armen, schluckte Wasser und kämpfte ums Überleben. Sah sie denn nicht, dass ich am Ertrinken war? Nein. Sie sah vielmehr, dass ich mich über Wasser hielt und innerhalb weniger Sekunden schwimmen lernte.

Ich wusste nicht recht, ob ich über ihr Verhalten empört oder ihr dankbar sein sollte. Wie konnte sie es wagen? Obwohl ich ihr eine wichtige Fähigkeit verdankte, betrachtete ich sie von diesem Tag an mit einem gewissen Misstrauen.

Heute bin ich am Meer in Italien eine der wenigen, die längere Strecken schwimmt. Die meisten Italiener gehen im Sommer nur bis zum Bauch ins Wasser und verbringen ihre Zeit damit, mit Freunden und Verwandten zu plaudern. Mein Mann kann ebenfalls nur etwa zehn Meter weit schwimmen.

Ich dagegen liebe das Wasser. Das Meer tröstet mich über mein Heimweh hinweg.

Einflussreiche Personen
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Einflussreiche Personen
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In meiner Kindheit gab es zwei besonders einflussreiche Personen. Die erste war meine Schwester. Für mich war sie ein Bethlehemstern. Gleichzeitig stritten wir jedoch auch heftig – da waren im Himmel plötzlich Blitz und Donner. Nie wieder im Leben habe ich so innig geschworen, mit jemandem nie mehr zu sprechen, wie in diesen unzähligen Momenten.

Die zweite prägende Person war meine dänische Grossmutter. Sie war Güte in Person - ein ganzer Sternenhimmel. Sie verstand es, bedingungslose Liebe zu geben. Bei ihr wurden wir stets mit einer Herzlichkeit empfangen, die uns spüren liess: Wir haben das ganze Jahr ungeduldig auf euch gewartet. Ihr seid etwas Besonderes.

Sie las mir Märchen von Hans Christian Andersen und andere Bilderbücher vor. Wenn ich zu Hause bei meiner Mutter klagte, mir sei langweilig, runzelte diese nur die Stirn. Meine Grossmutter hingegen stellte mir eine Schüssel Wasser und eine leere Baumnussschale hin, damit ich Däumelinchen spielen konnte. Sie gab uns alte Zeitschriften, aus denen wir Bilder ausschneiden und zu fantasievollen Collagen zusammenstellen konnten. Mein Grossvater und sie brachten uns Kartenspiele bei und spielten geduldig mit uns. Als junges Mädchen schrieb ich ihr viele Briefe. Obwohl sie damals schon über achtzig Jahre alt war, schrieb sie mir immer zurück, auf der Schreibmaschine, weil ihre Handschrift ein bisschen kraxelig geworden war, und jeder Brief von ihr begann mit Lob und Ermutigung. 

Jedes Jahr schenkten meine Grosseltern uns vergoldete Sammlerlöffel, die ich zu Hause sorgfältig unter einer Schublade zu meinen anderen Schätzen, Bergkristallen und kleinem Schmuck, legte. An der Wand in ihrer Wohnung hingen mehrere allerliebste blau-weisse Weihnachtsteller, datiert aus vom Anfang des Jahrhunderts und sogar noch früher. Was die wohl wert waren! Meine Grosseltern versprachen uns Enkelkindern, dass wir sie einmal erben würden. Begeistert teilten wir sie unter einander auf. Des Älteste Kind durfte zuerst wählen. Mit gemischten Gefühlen betrachtete ich danach die Teller, die mir zugeteilt worden waren. Also ich hätte lieber diesen anderen gehabt! Oder jenen. Das war bitter.

Es waren nicht nur meine Grosseltern, die diese Erinnerungen prägten. Dänemark selbst erschien mir als ein Land, in dem Milch und Honig fliessen. Auch meine Eltern wirkten dort entspannter und fröhlicher.

Mit sechs Jahren besuchte ich zum ersten Mal das königliche Ballett. An diesem Abend war sogar die Königin anwesend – märchenhafter hätte es nicht sein können.

An Weihnachten kamen die drei Geschwister meiner Mutter mit ihren Familien zusammen, insgesamt achtzehn Personen, die um den Weihnachtsbaum tanzten. Es gab „Risengrød med mandelgave“ – süssen Reisbrei, in den eine Mandel eingearbeitet wurde. Wer sie fand, erhielt ein Geschenk. Meine Grossmutter sorgte jedoch dafür, dass jedes Kind eine Mandel in seinem Teller entdeckte. 

Auch ihre Küche war Teil dieses Zaubers. Es gab knallrote Würste, Softice mit Streuseln, die besten Weihnachtskekse, dänisches Gebäck und „Flæskesteg“ sowie „Rødspættefilet“. Der Begriff "Grossmutters Küche" ist keine Legende. Ich habe oft versucht, ähnlich gute panierte Fischfilets zuzubereiten – sogar mit selbstgemachtem Paniermehl aus Brötchen und in dänischer Butter (Lurpak) gebraten. Doch sie erreichten nie denselben Geschmack.

Nach meinem Sprachstudium fand ich in der Schweiz zunächst keine Stelle und überlegte, ob ich in Dänemark arbeiten könnte. Sogar eine Stelle als Deutschlehrerin bei Berlitz in Kopenhagen wäre möglich gewesen. Die Direktorin meinte jedoch, sie könne mir zwar einige Unterrichtsstunden garantieren, aber möglicherweise nicht genug Einkommen für den Lebensunterhalt. Deshalb liess ich die Idee fallen und kehrte in die Schweiz zurück, wo ich das Studium für das Höhere Lehramt aufnahm.

Dabei hätte ich genügend Ersparnisse gehabt, um mindestens ein Jahr in Kopenhagen zu leben. Es bleibt die Spur eines möglichen anderen Lebens.

Wenigstens durfte ich alle blau-weissen Weihnachtsteller nach Hause mitnehmen. Keiner meiner Cousins hatte sie gewollt. Jeder Teller ist höchstens ein paar Franken wert. Ich hängte sie zu Hause in Italien an die Wand. 

Meine beiden älteren Kinder leben heute in Zürich. 

Was mir als erstes einfällt, wenn ich an meine Mutter denke
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was mir als erstes einfällt, wenn ich an meine Mutter denke
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Bente Sigrist (geborene Gimsing) 25.6.1934

 
Meine Mutter rennt aus der Küche ins Wohnzimmer. Schnell den Hebel vorschieben – klack – und das Tonband läuft. Die Aufnahme startet.

Meine Mutter nimmt Lieder auf. Deutsche Schlager, englische Songs, französische Chancons, Orchesterstücke die im Radio kommen und ihr gefallen. Wir haben haufenweise von Tonbändern. Es läuft fast immer Musik in der Wohnung. Ich habe auch gelernt, das Tonband einzulegen und abzuspielen. Meine Mutter ist aufgestellt, wenn ihre Musik spielt. Sie bewegt sich in einem Traumland.

Die Tonbänder haben wir schon lange nicht mehr. Als meine Mutter stirbt, suche ich möglichst viele Lieder auf Youtube. Ich kenne die meisten Lieder halb auswendig, so oft haben wir sie gehört.  Ich stelle eine Playlist zusammen, 64 Lieder.  Wenn ich sie höre, ist es, als ob meine Mutter aufersteht. Ich höre die Playlist nicht zu oft, weil ich sicher sein will, dass die Magie überdauert.

Woher meine Mutter stammt und einiges von dem, was ich über ihr Leben weiss
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Woher meine Mutter stammt und einiges von dem, was ich über ihr Leben weiss
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Eine Zeit lang beschäftigte ich mich mit MyHeritage. Dabei gelang es mir, die Familie meiner Mutter bis auf elf Generationen zurückzuverfolgen – ihre Wurzeln liegen in Jütland.

Meine Mutter hätte gerne Englisch studiert. Da sie jedoch drei Geschwister hatte, entschieden meine Grosseltern aus finanziellen Gründen, dass nur ihre beiden Brüder studieren durften. Weil meine Mutter leidenschaftlich gern las, drängten sie sie zu einer Ausbildung als Bibliothekarin. Die Arbeit sagte ihr jedoch wenig zu. Umso glücklicher war sie, als sie kurz nach ihrer Übersiedlung in die Schweiz mit meiner Schwester schwanger wurde. Damals, 1963, war es noch gang und gäbe, dass eine Mutter zu Hause blieb.

Trotz des materiell angenehmen Lebens litt meine Mutter unter starkem Heimweh. Einmal erzählte sie mir, sie habe in den ersten Jahren nur für die Besuche bei ihrer Familie in Dänemark gelebt. Obwohl sie rasch Schweizerdeutsch lernte, blieb sie sozial weitgehend isoliert.

Ursprünglich war geplant, dass mein Grossvater, der finanziell gut gestellt war, meinem Vater ein Uhrengeschäft kauft, damit dieser sich selbstständig machen konnte. Meine Mutter hätte dann im Geschäft mitgearbeitet. Als angestellter Uhrmacher verdiente mein Vater nur wenig, und meine Mutter drehte jeden Rappen zweimal um, bevor sie ihn ausgab. Doch während meine Eltern nach einem geeigneten Laden suchten, starb mein Grossvater unerwartet. Durch die Erbschaft erhielten sie einen finanziellen Zustupf, sodass es ihnen bequemer erschien, alles beim Alten zu belassen.

So konnte meine Mutter in einer behüteten, fast idyllischen Welt leben, die von grossen Herausforderungen weitgehend verschont blieb. Sie bewahrte sich ihr Leben lang etwas Unfertiges, Kindliches – eine gewisse Egozentrik, aber gleichzeitig auch eine ansteckende Grosszügigkeit und Begeisterungsfähigkeit. Alles jedoch, was nicht in ihr Bild dieser heilen Welt passte, wurde von ihr scharf kritisiert.

Wenn ich aus Italien zu Besuch in die Schweiz kam, wurden meine Kinder und ich von ihr mit Geschenken überschüttet. Es gefiel ihr ein bestimmter Modedesigner, und jedes Mal führte unser Weg in die entsprechende Abteilung des Jelmoli. Dort hatte sie bereits Kleidungsstücke für mich ausgesucht, die ich anprobieren sollte und die sie mir anschliessend schenken wollte. Nicht alles entsprach meinem Geschmack. Deshalb versuchte ich mir Zeit zu nehmen, andere Modelle der Kollektion zu mustern, und nahm zwei oder drei davon mit in die Kabine. Doch meine Mutter verlor rasch die Geduld, und so landeten in der Einkaufstasche manchmal Kleider, die ich eigentlich gar nicht richtig wollte.

Einmal schlug ich vor, ein anderes Geschäft zu besuchen. Sie willigte zwar ein, sass dort jedoch die ganze Zeit mit einer Miene wie eine Gewitterwolke, sodass ich solche Vorschläge in Zukunft lieber bleiben liess. Nach unseren Einkäufen tranken wir jeweils gemeinsam ein Glas Champagner. Meine Mutter war dann glücklich – und ich ja auch. Eine Verkäuferin kommentierte einmal: «Ich möchte auch eine Mutter haben, die mir Marc-Cain-Kleider kauft.»

Kleider waren die persönliche Leidenschaft meiner Mutter, genau wie schon die meiner Grossmutter. Die oben beschriebene Szene hatte sich eine Generation zuvor bereits in Dänemark ereignet. Wir wiederholen gerne die Mutter-Tochter-Muster, die uns einst Freude bereitet haben. Einerseits sind wir stolz darauf, unseren Kindern dasselbe Glücksgefühl schenken zu können, das wir damals erlebten; andererseits lassen wir die Vergangenheit durch dieses Duplikat wieder aufleben. Dabei vergessen wir manchmal, dass unsere Kinder vielleicht ein ganz anderes Bedürfnis nach Glück haben.

Für die Kleider, die meine Mutter mit meiner Grossmutter in Dänemark kaufte, konnte man am Zoll 20 % des Kaufpreises zurückerhalten. Deshalb lohnte sich die ganze Aktion erst recht. Sparen, sammeln, nichts verschwenden – ich glaube, diese Haltung ist ein weiteres Familienerbe aus jener Zeit, als meine Eltern klein waren und die Not des Zweiten Weltkriegs herrschte. Wenn meine Mutter damals mit meiner Grossmutter telefonierte, dauerte das Gespräch nie länger als drei Minuten, da sonst der teurere Tarif griff. Als ich später mit meinem zukünftigen Mann aus der Schweiz nach Italien telefonierte, sprachen wir nie länger als zehn Minuten. Heute halten wir jeden Sonntag einen Family Lunch ab: Wir treffen uns auf Google Meet, essen zusammen zu Mittag und plaudern, so lange wir wollen – mein Mann in Pisciotta, meine älteren Kinder in Zürich und ich mit meinem Jüngsten in Salerno.

Zu den grossen Leidenschaften meiner Mutter gehörten neben dem Lesen und der Musik auch das Kochen. Nachdem die erste Phase von Seemannspizza und Rösti überstanden war, durchstöberte sie Zeitschriften und unzählige Kochbücher nach besonderen, exklusiven Rezepten. Sie schnitt sie aus, klebte sie sorgfältig in Ordner ein und legte so im Laufe der Jahre eine beachtliche Sammlung an. Mehrere dieser Ordner füllten schliesslich ein ganzes Regal.

In unserer Familie gab es keine Liebkosungen – weder mit meinen Eltern noch mit meiner Schwester. Meine Mutter trug ohnehin so viel Parfüm, Tagescreme und Lippenstift auf, dass ich eher zurückschreckte. Der einzige Körperkontakt mit meinem Vater bestand darin, dass er mit uns „Cheslicheere“ und „Stosspennele“ spielte, vor denen ich mich allerdings fürchtete.

Auf dem Schulhof sah ich, wie Schulkameradinnen sich bei anderen Mädchen einfach unterhakten. „Wie macht man das?“, dachte ich damals. Natürlich sah ich, wie es funktionierte, aber für mich gab es da eine unsichtbare Barriere. In Italien beobachte ich heute, wie meine Tochter ihre Primarlehrerin umarmt. Ich bin bass erstaunt – und glücklich darüber. Aber das bedeutete nicht, dass ich später, als ich selbst Lehrerin an einem italienischen Gymnasium bin, meine Schüler umarme oder sonst irgendwie berühre.

Wie sich meine Eltern kennengelernt haben
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie sich meine Eltern kennengelernt haben
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Meine Mutter hatte ein kindliches Gemüt. Sie liebte romantische Filme, besonders jene aus den fünfziger und sechziger Jahren – selbst dann, wenn sie ausgesprochen kitschig waren.

Die Geschichte, wie sie meinen Vater kennenlernte, scheint direkt aus einem solchen Film zu stammen. Nein, eigentlich ist das noch untertrieben. Die meisten dieser Filme sind weniger kitschig als die wahre Geschichte, die ich nun erzähle.

Beide Eltern hatten nur wenige oder gar keine Freunde. Deshalb ging meine Mutter gelegentlich allein in Konzerte klassischer Musik. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, als bei einem Chopin-Konzert in Kopenhagen ein junger Mann neben ihr Platz nahm – ebenfalls allein. Dieser Mann liebte ebenfalls Musik, er spielte Klavier.

„Hoffentlich spricht er mich an“, dachte meine Mutter, denn er sah gut aus.

Und tatsächlich sprach er sie an.

Er war Schweizer und arbeitete für ein Jahr als Uhrmacher in Dänemark. Nach dem Konzert gingen sie noch etwas im „De 7 Små Hjem“ trinken.

Als meine Mutter ihn fragte, wie alt er sei, dachte sie: „Hoffentlich sagt er nicht achtzehn.“ Mein Vater sah sehr jung aus.

Er war vierundzwanzig, meine Mutter sechsundzwanzig.

Für beide war es die erste Liebesbeziehung.

Mein Vater hatte ursprünglich vorgehabt, jedes Jahr in einem anderen Land zu arbeiten und sich so Schritt für Schritt bis nach Kapstadt vorzuarbeiten. Tatsächlich verabschiedete er sich nach einem Jahr von meiner Mutter und zog nach Österreich, wo er eine neue Stelle antrat.

Dort verdiente er jedoch so wenig, dass er sich abends entscheiden musste: Kaufe ich eine Packung Zigaretten oder gehe ich ins Kino? Für beides reichte das Geld nicht.

Irgendwann kam er zu dem Schluss, dass er genug von diesem Wanderleben hatte. Lieber wollte er mit meiner Mutter sesshaft werden.

Also kündigte er seine Stelle, kehrte nach Dänemark zurück, heiratete meine Mutter und brachte sie in die Schweiz.

Meine Mutter hatte ein kindliches Gemüt. Sie liebte romantische Filme, besonders jene aus den fünfziger und sechziger Jahren – selbst dann, wenn sie ausgesprochen kitschig waren.

Die Geschichte, wie sie meinen Vater kennenlernte, scheint direkt aus einem solchen Film zu stammen. Nein, eigentlich ist das noch untertrieben. Die meisten dieser Filme sind weniger kitschig als die wahre Geschichte, die ich nun erzähle.

Beide Eltern hatten nur wenige oder gar keine Freunde. Deshalb ging meine Mutter gelegentlich allein in Konzerte klassischer Musik. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, als bei einem Chopin-Konzert in Kopenhagen ein junger Mann neben ihr Platz nahm – ebenfalls allein. Dieser Mann liebte ebenfalls Musik, er spielte Klavier.

„Hoffentlich spricht er mich an“, dachte meine Mutter, denn er sah gut aus.

Und tatsächlich sprach er sie an.

Er war Schweizer und arbeitete für ein Jahr als Uhrmacher in Dänemark. Nach dem Konzert gingen sie noch etwas im „De 7 Små Hjem“ trinken.

Als meine Mutter ihn fragte, wie alt er sei, dachte sie: „Hoffentlich sagt er nicht achtzehn.“ Mein Vater sah sehr jung aus.

Er war vierundzwanzig.

Für beide war es die erste echte Liebesbeziehung.

Mein Vater hatte ursprünglich vorgehabt, jedes Jahr in einem anderen Land zu arbeiten und sich so Schritt für Schritt bis nach Kapstadt vorzuarbeiten. Tatsächlich verabschiedete er sich nach einem Jahr von meiner Mutter und zog nach Österreich, wo er eine neue Stelle antrat.

Dort verdiente er jedoch so wenig, dass er sich abends entscheiden musste: Kaufe ich eine Packung Zigaretten oder gehe ich ins Kino? Für beides reichte das Geld nicht.

Irgendwann kam er zu dem Schluss, dass er genug von diesem Wanderleben hatte. Lieber wollte er mit meiner Mutter sesshaft werden.

Also kündigte er seine Stelle, kehrte nach Dänemark zurück, heiratete meine Mutter und brachte sie in die Schweiz.

 

 

Woher mein Vater stammt und einiges von dem, was ich von seinem Leben weiss
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Woher mein Vater stammt und einiges von dem, was ich von seinem Leben weiss
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Die beiden älteren Leute im Vordergrund sind die Grosseltern meiner Grossmutter, hinten sind ihre Kinder mit Ehepartner

Die Grosseltern meines Vaters versuchten ihr Glück in Amerika. Jahrelang arbeiteten sie als Hausangestellte in einer wohlhabenden amerikanischen Familie. Nach ihrer Rückkehr ins schweizerische Frutigen konnten sie es sich leisten, Land und Kuhrechte in den Bergen zu erwerben. Kurz danach, als ihre Mutter bereits 45 Jahre alt war, wurde meine Grossmutter geboren. Auch vonseiten meines Grossvaters war Geld vorhanden, und dennoch galt in der Familie das oberste Gebot: „Sparen“. An Weihnachten bekam mein Vater neue Socken und durfte als einziges Mal im Jahr eine Orange essen. Er war handwerklich begabt, zimmerte sich seine Gegenstände und sein Spielzeug selbst. Als Erwachsener warf er seiner Mutter einmal vor, sie hätten ihm damals keine Rundsäge gekauft, die er sich zum Werken so sehnlich gewünscht hatte. Meine Grossmutter blieb ungerührt: „Dafür kannst du dir jetzt alles kaufen, was du willst.“

Im Wohnzimmer stand eine Peitsche in der Ecke. Einmal sprang mein Vater vom Balkon, um ihr zu entgehen. Ein anderes Mal erwischte ihn meine Grossmutter dabei, wie er als Bub vor dem Fest ein Weihnachtsgeschenk in die Hand nahm und daran schüttelte – in der Hoffnung herauszufinden, ob dieses Jahr etwas anderes als Socken darin sei. Dieses Geschenk bekam er nie. Als meine Grossmutter schliesslich Zeugin Jehovas wurde, zwang sie ihn dazu, in seiner Freizeit auf der Strasse den Wachturm zu verteilen.

Mein Vater liebte seine Mutter nicht. Seine Eltern stritten viel, und er dachte oft mit grossem Unbehagen an eine mögliche Scheidung. Dieses Unbehagen rührte von der Angst her, im Ernstfall nicht den Mut aufzubringen, zu sagen, dass er nicht bei der Mutter, sondern beim Vater bleiben wollte. Meine Mutter sagte, sie hätte meinen Vater im Leben nur zweimal weinen sehen: als mein Grossvater starb und als ich mit meiner zwei Monate alten Tochter für immer nach Italien zog.

In der Schule war mein Vater nicht gut. Bei den Hausaufgaben half ihm niemand, und er fürchtete sich vor der körperlichen Züchtigung, die damals gang und gäbe war. Dennoch preiste er später vor mir und meiner Schwester die „strengen alten Zeiten“ an – als der Lehrer den dümmsten Schüler einfach vor die Tür stellte und es für die besten eine Ehre war, in der ersten Bank direkt vor dem Lehrer sitzen zu dürfen. Im Singen und Turnen hatte mein Vater allerdings eine Sechs. Zudem lernte er Klavier spielen.

Nach Abschluss der Sekundarschule trat er eine Lehre als Uhrmacher an. Dieser Beruf gefiel ihm, da er gern mit den Händen arbeitete und Präzision liebte. Er war fleissig und machte den besten Abschluss. Mit vierzig Jahren erfüllte er sich einen Traum und machte das Flugbrevet als Pilot für zweisitzige Leichtflugzeuge. Über den Wolken eroberte er sich ein Stück Freiheit zurück. Doch er musste das Fliegen wieder aufgeben: Er war am Boden zerstört, als meine Schwester ihr Studium abbrach und einen bettelarmen Kosovo-Albaner heiratete. Es blieb ihm das Skifahren. Als er klein war, wurden unter die Ski Seehundfelle gespannt, damit man den Hang hinauf steigen konnte, da es kaum Skilifte gab. Nach seiner Pensionierung ging mein Vater so oft wie möglich skifahren. Wir hatten eine Ferienwohnung in Zermatt. Meine Eltern waren die Hälfte des Jahres dort. Eigentlich wären sie gerne Reisen gegangen - aber als sie nach der ersten Tour nach China fast die ganze Reise unter Übelkeit und Verdauungsproblemen litten, entschieden sie, nur noch vor allem nach Zermatt und auch zu mir nach Italien zu reisen. Immerhin - es gibt viele Leute, die nach der Pensionierung vor allem von einem Spital zum anderen reisen.

Hans Walter Sigrist 20.3.1936

Weil er ein tüchtiger und zuverlässiger Mitarbeiter war, hatte er die Position des Vizechefs inne. Als man ihm die Stelle des Chefs bei Bucherer in Bern anbot, lehnte er ab – eine Führungsposition lag ihm einfach nicht. Anstatt zu sagen: „Ich gehe zur Arbeit“, drückte er sich zeitlebens so aus: „Ich gehe ins Kohlenbergwerk.“ Er liess sich zwei Jahre früher pensionieren, weil die Arbeit als Uhrmacher nicht mehr dieselbe war wie einst. Anstatt die Uhren selbst zu reparieren, schickte das Geschäft Bucherer sie nun direkt in die Fabrik. Mein Vater musste immer öfter im Kundenservice arbeiten, was ihn enorm stresste. In den Jahren vor seiner Pensionierung litt er unter mehreren psychosomatischen Krankheiten. 

Er tröstete sich über die Last der Kindererziehung hinweg, weil meine Schwester und ich intelligent sowie handwerklich begabt waren – und deshalb Zahnarzt werden könnten. Das wäre der absolute Traumberuf meines Vaters gewesen: ein Handwerk, das manuelle Fähigkeiten voraussetzt und mit dem man viel Geld verdienen kann. Doch zu seiner grossen Enttäuschung wählten weder meine Schwester noch ich diesen Weg. Ich denke rückblickend, er hätte eine Chance bei uns gehabt, wenn er uns den Beruf auf eine andere Weise schmackhaft gemacht hätte. Doch für uns als junge Mädchen stand fest: Menschen, die hauptsächlich ans Geld denken, verachteten wir.

Mein Elternhaus und unser damaliges Familienleben
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Mein Elternhaus und unser damaliges Familienleben
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Wir sind in unserer Ferienwohnung in Zermatt; ich bin etwa acht Jahre alt. Mein Vater erlaubt sich einen Scherz mit meiner Mutter und kauft eine Plastikspinne. Als meine Mutter, die gerade in der Küche Fleisch schneidet, den Raum kurz verlässt, legt er das Gummitier auf das Schneidebrett. Bei ihrer Rückkehr bietet sich ihr ein vermeintlicher Horroranblick. Sie schreit hysterisch auf. Mein Vater lacht und freut sich diebisch über seinen gelungenen Streich. „Beruhige dich!“, ruft er, „die Spinne ist nicht echt!“ Doch statt sich zu beruhigen und mit ihm zu lachen, ist meine Mutter tief gekränkt. Sie schliesst sich im Badezimmer ein und kommt den ganzen Abend nicht mehr heraus.

Meine Mutter muss Autofahren lernen, was ihr sichtlich schwerfällt. Die praktische Prüfung besteht sie erst beim dritten Anlauf – und das ihrer Meinung nach auch nur, weil der Experte ein lieber, älterer Mann ist. Als sie einmal mit meinem Vater übt, kritisiert er sie ungeduldig; ihm fehlt jedes Verständnis dafür, dass jemand so einfache Dinge nicht beherrscht. Meine Mutter verliert daraufhin die Geduld: Sie stoppt den Wagen, springt heraus und marschiert wütend davon. Ihren Heimweg bestreitet sie per Autostopp. Da sie eine gut aussehende, elegante Frau ist, wird sie sofort mitgenommen.

Auch bei der Kindererziehung sind sich meine Eltern uneinig. Während mein Vater Strenge walten lassen will, erträgt es meine Mutter nicht, uns leiden zu sehen. Bei einem ihrer Streitigkeiten schleudert sie aus Frustration sogar eine leere Flasche gegen die Wand. Ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wenn ich meine Mutter von diesem Vorfall erzählen höre. Damals bewunderte ich sie noch für ihren Mut, so aufmüpfig gewesen zu sein; erst viel später betrachtete ich ihr Verhalten eher als unreif.

Irgendwann gibt mein Vater seinen strengen Erziehungsstil auf. Ich glaube, es wird ihm schlicht zu mühsam, sich ständig durchzusetzen. Ich kann das gut nachempfinden: Bei meinen eigenen Kindern versuche ich einmal "Ämtchen" einzuführen. Jeden Tag sollen meine zehn und dreizehn Jahre alten Kinder eine kleine Arbeit erledigen, zum Beispiel den Küchenboden fegen oder den Abfall zur Sammelstelle in der Piazza hinuntertragen. Doch vonseiten der Kinder regt sich massiver Widerstand. Wenn ich nicht auf sie losschreie, passiert überhaupt nichts. Nach zweu Monaten gebe ich es schliesslich auf.

Meine Schwester und ich müssen in unserem Elternhaus dazu kaum einen Finger rühren: Nach dem Essen tragen wir die Teller in die Küche, und einmal in der Woche wird das Zimmer aufgeräumt. Und selbst dafür gibt es von meiner Mutter noch ein kleines Geschenk – die Samstagsüberraschung. 

Diese Samstagsüberraschungen gehören zu meinen schönen Erinnerungen: eine Packung Kekse, fünf besondere Himbeerjoghurt-Becher, die ich alle auf einmal verspeise, oder daumengrosse Porzellanfiguren, die ich gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Flohmarkt im Stadtzentrum aussuchen darf. Ich besitze bald eine ganze Sammlung von weissen niedlichen Pferdchen mit goldenen Hufen und anderes Getier.

Mein Vater begründet seinen neuen, gelassenen Erziehungsstil schliesslich mit folgender Theorie: "Wenn die Kinder nicht ins Bett machen und in der Schule gute Noten haben, ist alles in Ordnung. Dann kann man sie als Eltern einfach gewähren lassen." Das mag ja gut klingen, aber es beinhaltet ein Desinteresse für die Gefühlswelt des Kindes. Bei meinen Kindern mache ich das anders. Ich verbringe viel Zeit zusammen mit ihnen auf ihrer Ebene. Wir spielen zusammen auf dem Strand, wir spielen mit Puppen, wir basteln, wir malen zusammen, ich gebe ihnen Klavierunterricht, ich bringe meine Kinder zu allen Kursen, die am Nachmittag in Pisciotta und Umgebung angeboten werden. (Viel gibt es ja nicht). Die Sommerferien, die wir jeweils in Zürich verbringen, sind vollgestopft mit Ferienaktivitäten für Kinder, die ich vor unserer Abreise für die reserviert habe. Ich mache praktisch die ganze Zeit nichts anderes, als sie an die verschiedenen Orte zu begleiten. Nach wie vor spielen meine Eltern nicht mit ihren Enkelkindern, aber sie kaufen ein, bereiten das Essen zu und ich muss nicht einmal die Teller in die Küche tragen.

Könnte ich doch noch einmal einen solchen Sommer erleben. Oder eine Weihnacht. Nur eine.

Vielleicht sind meine Schwester und ich ein bisschen zu sehr uns selber überlassen. Meine beste Freundin in der Primarschule erzählt mir schadenfreudig, ihre Mutter hätte sich darüber beklagt, dass ich sie nicht einmal begrüsse, wenn ich zu ihre nach Hause komme. Ich bin ganz betreten. Diese elementare Gesellschaftsregel ist mir nicht beigebracht worden. Auch in Pisciotta grüsst meine Tochter niemanden - aber aus Rebellion.

Mein Vater schenkt meiner Mutter oft Blumen. Meine Eltern gehen ab und zu zusammen ins Konzert oder ins Theater.

Meine Mutter erhält monatlich eine Summe Taschengeld und eine Summe, die sie für den Haushalt ausgeben kann. Ende Monat gibt es bei uns öfters „Gschwellti“, weil das Haushaltsgeld aufgebraucht ist. Manchmal legt sie von dieser Summe Geld beiseite und spart, damit sie unsere Familie irgendwohin einladen kann. Einmal hat sie die ganze Familie auf ein Wochenende in Amsterdam eingeladen. 

Wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kommt, steht das Essen immer schon bereit. Um 17:00 Uhr hat mein Vater Feierabend, steigt in das Tram Nr. 7 und ist um 17:30 Uhr zu Hause – das Essen steht auf dem Tisch. Selbst in den Wochen, in denen er Spätschicht hat und erst um 19:00 Uhr heimkehrt, wartet eine fertige Mahlzeit auf ihn. In all den Jahren gibt es kein einziges Mal, an dem das Abendessen nicht rechtzeitig serviert wird.

Wir bewohnen eine Viereinhalbzimmer-Wohnung, wo vorgesehen ist, dass die Eltern gemeinsam im Elternschlafzimmer übernachten. Da aber beide Elternteile schnarchen, beschliessen sie, getrennte Betten zu nutzen. Im Wohnzimmer befindet sich ein Schrankbett, in dem mein Vater schläft.

Manchmal verkündet mein Vater: „Mir gönd echli go lige“. Die beiden verschwinden dann im Elternschlafzimmer, das sonst meine Mutter allein bewohnt. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, und fühle mich unbehaglich – wie eine Katze, der verschlossene Türen missfallen. Nach einiger Zeit kommt mein Vater wieder heraus. Erst Jahre später begreife ich, dass meine Eltern damals intim waren.

Noch viel später erwähnt meine Mutter einmal beiläufig: „Wie kann man leidenschaftlich sein, wenn der Partner seine Kleider auszieht, sie ordentlich zusammenlegt und erst dann ans Werk geht?“ Ich denke mir meinen Teil, behalte es aber für mich: ‘Und ein Partner, der dir die Kleider vom Leib reisst? Hinterher musst DU sie aufsammeln und im Schrank verstauen. Ist das etwa besser?‘

Das Abendessen nehmen wir immer gemeinsam ein, wobei meine Eltern stets eine Flasche Wein miteinander teilen. Mein Vater liebt es, dabei Lebensweisheiten zum Besten zu geben. Über die Ehe äussert er einmal folgende Statistik:

„Die Hälfte aller Ehen wird geschieden. Von der verbleibenden Hälfte bleibt wiederum die Hälfte nur aus Bequemlichkeit zusammen. Beim letzten Viertel streiten die Eheleute tagaus, tagein. Nur das letzte Achtel führt eine wirklich gelungene Ehe.“

Es bleibt jedoch unklar, ob meine Eltern ihre eigen Ehe wirklich zu diesem Bruchteil zählen.

Mein Vater hat für meine Mutter den Kosenamen „Tiger“, während sie ihn „Muus“ nennt. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass meine Mutter die dominante Persönlichkeit ist. Bei Diskussionen behält mein Vater immer das letzte Wort. In bestimmten Dingen kann meine Mutter ihn zwar umstimmen – so überredet sie ihn beispielsweise, meinen Schwager trotz anfänglicher Skepsis im Haus zu empfangen. Sie strebt stets nach Harmonie.

Mein Vater hat klare, bisweilen schwarz-weisse Vorstellungen von der Welt. Das höchste Gebot ist für ihn die reine Vernunft. In mein Poesiealbum schreibt er:

„Wer mit dem Kopf denkt, für den ist das Leben eine Komödie. Wer sich aber vom Gefühl leiten lässt, für den ist das Leben eine Tragödie.“

Meine Mutter hingegen hinterlässt mir folgende Zeilen von Goethe:

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.“

Sie ist der emotionale Gegenpol. Was die Ehe meiner Eltern letztlich zusammenhält, sind ihre tiefen Gemeinsamkeiten: die Liebe zur Musik, zur Bildung, zur Aufrichtigkeit und das gemeinsame Wohlbefinden in einem eher zurückgezogenen Leben. Sie ergänzen einander – er als der Vernünftige und Praktische, sie als die Träumerische und Schwärmerische.

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3.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits.

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 Walter Sigrist

  Ich habe ihn nicht gekannt. Er starb als ich sechs Monate alt war. Mein Vater hielt ihn in Ehren.

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3.2.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter väterlicherseits.

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Emmi Sigrist (geborene Rösti)

Ich muss immer alles aufessen, obwohl mir scheint, dass kein Bissen mehr hinuntergeht. Auch die heisse Milch mit Honig muss ausgetrunken werden. Ich hasse heisse Milch. Mit Abscheu sehe ich zu, wie sie die Haut isst, die sich auf der heissen Milch bildet. Sie wärmt das Heidelbeerjoghurt auf, bevor sie es verzehrt. Auf der Kommode steht in der Nacht ein Wasserglas mit ihrem Gebiss. Was, wenn die Zähne aus dem Glas springen und sich selbstständig machen?

Meine Grossmutter zeigt mir, wie man Fingernägel richtig schneidet. Sie schneidet meine so kurz, dass es schmerzt. Als ich es später selbst machen und ihr beweisen soll, dass ich es gelernt habe, gerate ich in Panik. Ich bringe es einfach nicht fertig, mir selbst weh zu tun.

Wenn meine Eltern in die Ferien fahren wollen, lassen sie uns Kinder manchmal bei meiner Grossmutter.

Sie ist Zeugin Jehovas. Meine Eltern haben ihr verboten, uns zu missionieren. Trotzdem erzählt sie uns vom Königreich Gottes.

„Willst du denn nicht ewig im Paradies leben?“

Sie kann Hunderte von Bibelstellen auswendig und kennt jede Geschichte. Was mich jedoch völlig in den Bann zieht, sind die Bilderbücher. Ich bewundere die Illustrationen. Wie meisterhaft sie gezeichnet sind! So möchte ich auch zeichnen können. Und ich möchte im Paradies sein und einen Löwen streicheln.

Ich nehme die Bücher heimlich mit nach Hause und betrachte sie unter der Bettdecke. In der Schule erzähle ich meinen Klassenkameraden vom Paradies, werde aber ausgelacht.

Einmal nimmt mich meine Grossmutter zu einem alten Herrn mit, der behauptet, zu den 144 000 Auserwählten zu gehören, die einmal an der Seite Jesu im Himmelreich sein werden. Ich bin voller Ehrfurcht, fühle mich in dem fremden Haus jedoch unbehaglich. Alte Männer machen mir ohnehin Angst. Einmal hat mir der grauhaarige Pate meiner Schwester einen Gutenachtkuss auf den Mund gedrückt. Auch meine Grossmutter muss ich zur Begrüssung auf den Mund küssen.

Heute bin ich sechzig Jahre alt und bemerke, wie sich kleine Fältchen um meinen Mund bilden. Sie erinnern mich an meine Grossmutter. Mit dem Älterwerden habe ich sonst nie gehadert. Im Gegenteil: Ich empfinde sogar eine gewisse Zärtlichkeit für meinen guten alten Körper. Aber diese Fältchen bereiten mir Unbehagen.

Als meine Eltern merken, wie sehr mich die Religion beschäftigt, nehmen sie mir die Bücher weg. Sie behaupten, ich hätte nachts Albträume vom Teufel und diese Religion sei nicht gut für mich. Meine Schwester hat für die Zeugen Jehovas stets nur Spott übrig gehabt.

Meine Grossmutter hätte eigentlich Hebamme werden wollen, doch das war ihr nicht erlaubt. Sie heiratete bereits mit zwanzig Jahren. Mein Grossvater besass damals ein Hotel in Frutigen, und als seine Frau hätte sie dessen Leitung übernehmen sollen. Doch als junges Mädchen fühlte sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das Hotel wurde verkauft, und mein Grossvater wandte sich anderen Geschäften zu.

Der grosse Streitpunkt zwischen meinen Grosseltern war die Religion. Mein Grossvater verlor die Geduld, sobald sie versuchte, ihn zu bekehren.

Mein Vater behauptet, mein Grossvater sei der reichste Mann von Frutigen gewesen. Das stimmt wohl nicht ganz. Finanziell waren sie jedoch zweifellos gut gestellt.

Nachdem meine Grossmutter gestorben war, durfte ich in ihrem Haus nach einem Andenken suchen. Alle Schubladen waren voller Krimskrams. In einer lagen Knöpfe, Nähgarn und Stoffreste, in einer anderen alte Briefumschläge und Schreibblöcke, in einer dritten unzählige einzelne Socken.

Ein Leben lang hatte meine Grossmutter keinen Geschirrspüler haben dürfen.

Ich fand auch das Lätzchen meines Vaters aus seiner Babyzeit. Es war bestickt und vollkommen fleckenlos. Wie oft mochte es gewaschen worden sein? Das nahm ich mit.

Ausserdem nahm ich ein Thomas Avory-Tafelservice mit. Etwas Wertvolles für den Feiertag hatte es trotzdem gegeben. 

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3.3.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater mütterlicherseits.

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Tage Gimsing

 Mein Grossvater erklärt sich bereit, mit mir Karten zu spielen. Doch bevor wir beginnen, bereite ich alles sorgfältig vor. Wenn ich die Karten zwischen uns verteile – zuerst drei für meinen Grossvater, dann drei für mich und so weiter –, werde ich am Ende die besten Karten in der Hand halten. Auch die Reihenfolge auf dem Kartenstapel berechne ich genau, damit ich später die nötigen Karten ziehe, um die nächstbeste Meldung legen zu können.

Als das Spiel beginnt, kann ich mir das Lachen kaum verkneifen. Schon nach der ersten Runde melde ich stolz: „Doppelbesique!“ Mein Grossvater versteht natürlich sofort, wo der Hase im Pfeffer liegt, spielt aber zunächst mit. Als ich kurz darauf auch noch eine Sequence auslege, ruft er: „Jetzt habe ich dich aber entlarvt, du Schlingel!“ Dann lachen wir beide laut und lange.

Mein Grossvater sitzt am Steuer seines kleinen Autos, voll besetzt mit Kindern: meiner Schwester, meinen Cousins und mir. Auf der langen Reise nach Jütland amüsieren wir uns königlich mit einem Wortspiel, das wir entdeckt haben. Im Dänischen kann „Kør bare!“ sowohl „Fahr nur!“ als auch, mit etwas Fantasie, wie „Bare køer“ – „nur Kühe“ – klingen.

Jedes Mal, wenn wir an einer Kuhherde vorbeifahren, rufen wir laut: „Kør bare!“
Mein Grossvater spielt entrüstet mit: „Was sagt ihr da? Ich fahre doch schon!“
Zufrieden über unseren gelungenen Streich antworten wir: „Bare kør!“
„Ach so“, sagt er dann und tut verzweifelt. „Ihr wolltet mich also zum Narren halten?“

So geht das endlos weiter. Wir sind aufgekratzt und vergnügt. Mein Grossvater macht das Spiel geduldig mit, bis wir Kinder irgendwann müde werden.

Mein Grossvater ist Kinderarzt. Auf dem Buffet im Wohnzimmer steht eine kleine Gedenktafel mit der Inschrift: „Von einem dankbaren Patienten.“ Als Kind beeindruckt mich das sehr. Ich stelle mir vor, wie mein Grossvater einem Kind das Leben gerettet hat.

Als meine Schwester und ich geboren werden, reist er eigens von Dänemark nach Zürich, um bei der Geburt dabei zu sein und meine Mutter zu unterstützen.

Meine Grossmutter sagte immer: „Heiratet nie einen Arzt!“ Sie meinte damit, dass ein Arzt nie wirklich Feierabend habe. Als Oberarzt brachte mein Grossvater oft noch administrative Arbeit mit nach Hause.

Bis kurz vor Studienbeginn schwanke ich zwischen Medizin und Sprachen. Schliesslich entscheide ich mich gegen die Medizin, weil ein Professor in einer Probevorlesung erklärt, wer Medizin studieren wolle, müsse alle Hobbys aufgeben, sonst werde er das Studium nicht schaffen. Selbst mit neunzehn glaubte ich noch fast alles, was Autoritätspersonen sagten. Vielleicht ist es heute besser, wo man gelernt hat, Dinge zu hinterfragen – sogar Fotos, Filme und Tonaufnahmen.

Mein Grossvater pflegte zu sagen, das Beste an Gästen sei der Moment, in dem sie wieder gingen. Dennoch war er bei den zahlreichen Festen und Einladungen meiner Grossmutter ein gern gesehener Teilnehmer. Er gehörte zu jenen Menschen, denen immer etwas Witziges einfällt und die jede Gesellschaft bereichern.

Im Alltag war er nicht immer so unbeschwert. Beim Abendessen sagte er nicht viel und sah finster aus. So hatte es meine Mutter in Erinnerung. Ihn beschäftigten die schweren Schicksale der Kinder, die er im Spital behandelte. Dazu kamen die Spannungen und Konflikte, die es in jedem Krankenhaus gibt – jedenfalls kenne ich solche Geschichten auch von meinem Mann, der ebenfalls Arzt ist.

Mein Grossvater roch nach Zigarren.

Wenn wir in Kopenhagen ankamen, fragte er stets als Erstes: „Wann kommt ihr das nächste Mal wieder?“

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3.4.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter mütterlicherseits.

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Karen Gimsing (geborene Byskov)

Bevor meine Grossmutter heiratete, war sie Lehrerin. Sie unterrichtete Dänisch. Ihr Vater war sogar Unterrichtsminister gewesen. In unserer Familie wurde stets mit Stolz von Jens Byskov erzählt, der sich gewissermassen nach dem Vorbild des amerikanischen Traums hochgearbeitet hatte. Er schrieb auch eine Autobiografie! Darin berichtet er, wie arm er als junger Mann gewesen war. Um ein Praktikum als Lehrer finanzieren zu können, ging er von Haus zu Haus durch das jütländische Dorf und bat die Leute um Geld, obwohl ihm das äusserst peinlich war.

Später besass er eine eigene Lehrerseminarschule und eine grosse Villa in Kopenhagen. Von diesem Wohlstand blieb jedoch nicht viel übrig. Als Mitgift brachte meine Mutter lediglich ein einziges Möbelstück mit: einen Sekretär in schlichtem skandinavischem Design, sonst nichts.

Meine Grossmutter besass einen Ordner, in den sie Zeitungsausschnitte und Fotografien ihres Vaters eingeklebt hatte. Er war schliesslich eine öffentliche Persönlichkeit gewesen. Genau hundert Jahre vor mir wurde er geboren.

Meine Grossmutter sagte, sie sei nicht gerne Lehrerin gewesen, weil sie keine Disziplin habe durchsetzen können. Das kann ich mir kaum vorstellen. Für mich war sie eine unternehmungslustige, resolute Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm. Andererseits weiss ich heute, dass es nicht einfach ist, eine Klasse voller pubertierender Mädchen zu führen. Zum Glück sind meine Klassen klein; heutzutage entscheiden sich immer weniger junge Leute für Russisch.

Meine Grossmutter war offen, kontaktfreudig, humorvoll und warmherzig. Sie war stets elegant gekleidet. Ihre schönste Eigenschaft war jedoch, dass sie über sich selbst lachen konnte. Einmal erzählte sie, wie sie Handschuhe gestrickt hatte und dabei den Daumen so angesetzt hatte, dass er mitten aus dem Handschuh herausragte.

Sie wusste immer etwas Aufmunterndes zu sagen.

In der Pubertät fiel es mir schwer, Kleider zu kaufen. Ich war unsicher, und nichts gefiel mir. Wenn wir in Kopenhagen waren, ging ich dennoch gerne einkaufen, weil ich unbedingt Kleidungsstücke aus diesem schönen Land besitzen wollte. Ich durchstreifte sämtliche Geschäfte im Zentrum und kaufte am Ende einen schrecklich langweiligen, unförmigen braunen Pullover.

Meine Grossmutter lobte ihn jedoch.

„Das hast du wirklich gut gewählt. Das Material ist Rohseide, das erkenne ich sofort. Es gehört zu den besten und wertvollsten Materialien überhaupt. Wenn ich Kleider kaufe, achte ich immer zuerst auf die Qualität des Stoffes. Das hast du sehr gut gemacht. Du verstehst etwas von Kleidern.“

Nach diesen Worten fühlte ich mich, als könnte ich wieder aufrecht gehen.

Später sollte ich meinen zehnjährigen Cousin Nikolaj auf einen Ausflug begleiten. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, und meine Grossmutter bemerkte das sofort.

„Also musst du Nikolaj begleiten? Ja, das ist immer schwierig mit solchen jungen Burschen. Man weiss nie recht, worüber man mit ihnen reden soll.“

Sie hatte genau die Sorge ausgesprochen, die ich selbst empfand. Ich erinnere mich noch, wie sehr mich das erstaunte. Jemand verstand meine Gefühle, ohne dass ich sie erklären musste.

Einmal gab sie mir ein Buch mit dänischen Novellen zu lesen. In einer dieser Geschichten ging es um eine junge Frau namens Ida, die aussergewöhnlich aufopfernd und hilfsbereit war und deshalb ihre eigenen Interessen oft zurückstellte. Ein junger Mann, in den sie verliebt war und der kurz davorstand, ihr einen Korb zu geben, bemerkte über sie: «Ida ist ein Mensch, der im Leben immer den Kürzeren ziehen wird.»

Dieser Satz beunruhigte mich, weil ich mich in mancher Hinsicht mit Ida identifizierte. Als ich meiner Grossmutter davon erzählte, erwiderte sie: «Was für eine unfreundliche Bemerkung. Dieser junge Mann taugt nichts.»

Wie erleichtert ich war! Mit diesen wenigen Worten hatte sie dem verletzenden Urteil seine Macht genommen. In diesem Moment begriff ich, dass ein Kommentar zerstörerisch sein kann, während ein mitfühlendes Wort eine schwierige Situation entschärfen und die Perspektive verändern kann. Es war wie im Märchen von Dornröschen: Die letzte Fee konnte den Fluch der bösen Fee zwar nicht aufheben, aber sie vermochte ihn zu mildern.

Damals nahm ich mir vor, selbst einmal so zu werden wie meine Grossmutter.

Wenn sie mir als Kind vorlas, sass ich ganz nah bei ihr. Ihre Hände waren runzlig. Ich hielt ihre Hand.

Sie war wie die Grossmutter aus dem Märchen vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern. Vielleicht habe ich deshalb keine Angst vor dem Tod. Ich bin überzeugt: Wenn es ein Jenseits gibt, wird sie dort sein und mich empfangen.

Wenn ich heute nicht einschlafen kann, höre ich manchmal Ausschnitte aus dänischen Hörbüchern. Sie vertreiben die ängstlichen Gedanken und schenken mir ein Gefühl von Geborgenheit.

Meine frühesten Erinnerungen an den Kindergarten
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4.  Kindergartenjahre

Meine frühesten Erinnerungen an den Kindergarten
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Ich halte den Platz neben mir frei, denn ich möchte, dass Petra sich neben mich setzt. Sie hat lange, blonde Haare wie eine Prinzessin. Wer lange blonde Haare hat, kann sitzen, wo sie will. Ich habe kurze braune Haare – Petra setzt sich nicht neben mich. Es ist für mich eine absolute Tragödie, dass meine Eltern mir jedes Jahr die Haare schneiden, weil sie behaupten, die Haare würden dadurch kräftiger. Oder liegt es vielleicht daran, dass kurze Haare einfacher zu kämmen sind? Wenn ich meiner kleinen Tochter jeden Tag die Haare kämme, habe ich grösste Mühe, den Kamm durch ihre Mähne zu bringen, ohne dass sie sich beklagt.

Meine Mutter begleitet mich am ersten Tag in den Kindergarten, danach gehe ich allein – wie alle anderen Kinder auch. In Italien muss ich eingeschriebene Briefe schreiben und mehrere Telefonate führen, damit man mir erlaubt, dass mein achtjähriger Sohn allein von der Schule nach Hause gehen darf, denn in diesem Jahr kann ich ihn nicht abholen, weil ich drei Tage pro Woche unterrichte. Die beiden anderen Kinder – und auch Leonardo bis zu seinem achten Lebensjahr – habe ich tagaus, tagein zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Die Schule liegt fünf Gehminuten von unserem Haus entfernt.

Ich muss in Wollishofen eine Strasse mit Gegenverkehr überqueren, aber ich kenne den Trick: „Luege, lose, laufe.“ Ich muss mich konzentrieren, damit ich auf die richtige Seite schaue, aus der die Autos kommen. Ausserdem achte ich darauf, nicht auf die Fugen zwischen den Randsteinplatten zu treten – damit der Schulweg nicht so langweilig wird.

Ich habe ein Znünitäschli dabei. Der Znüni ist das Highlight des Kindergartens. Wenn wir Kinder ankommen, ziehen wir die Schuhe aus und schlüpfen in Finken. In Italien hingegen trampeln die Kinder fröhlich mit ihren Strassenschuhen durch den Kindergarten. Auch mein Mann trabt später unbekümmert mit Schuhen in die Wohnung, selbst wenn unsere Kinder noch klein sind und auf dem Boden krabbeln. Noch heute verschlägt es mir fast den Atem, wenn ich Schuhe im Wohnzimmer sehe – der Schmutz von draussen scheint förmlich an mir hochzukriechen. Ich versuche, ihm meinen Sinn für Hygiene zu erklären, aber es hat keinen Zweck.

Der Kindergarten dauert zwei Stunden am Morgen und zwei Stunden am Nachmittag. In der ersten Stunde gibt es Aktivitäten im Klassenzimmer, wir Kinder sitzen im Kreis auf Stühlen – wenn möglich neben Petra. Meine beste Freundin hat wenigstens blonde, kurze Haare. Am liebsten spiele ich „Nüssliverzauberis“ oder „Gwaggelpudding“. Bei beiden Spielen muss ein Kind kurz nach draussen, während die anderen die Überraschung vorbereiten. „Das Nüssli isch verzauberet!“ Zu Hause darf ich nie Haselnüsse haben, deshalb gefällt mir dieses Spiel so gut.

In der zweiten Stunde dürfen wir frei spielen, werden dabei aber in Zonen eingeteilt. Am liebsten würden alle in die „Bäbiegge“ – oder wir dürfen auf den Hof hinaus, wo es Klettertürme und einen Sandkasten gibt.

Wir haben viele traditionelle Kinderlieder gesungen, die ich alle auswendig konnte. Erst heute fällt mir auf, dass viele davon von armen Kindern handelten: „Schuemächerli, Schuemächerli, was choschtet mini Schue?“ oder „Es schneielet, es beielet, es gaht en chüele Wind …“ Damals war mir gar nicht bewusst, dass diese Lieder schon zu jener Zeit veraltet waren – wir froren im Winter nie und waren auch gut beschuht. Der soziale Hintergrund liess mich völlig unberührt. Mir gefielen die Lieder, weil darin von „Vögeli“ die Rede war, oder von der „wiissen Geiss“, deren weissen Pelz ich mir gut vorstellen konnte. Was Melken eigentlich bedeutet, davon hatte ich kaum eine Ahnung.

Einmal schlägt meine beste Freundin vor, nicht in den Kindergarten zu gehen. Also gehen wir zusammen einfach nicht hin. Eigentlich will ich das gar nicht, aber meine Freundin hat es ja vorgeschlagen – und es ist aufregend. Vielleicht ist es in Italien doch besser, wo die Kinder von Erwachsenen begleitet werden? Im Kinderbuch „Wir Kinder aus Bullerbü“ planen ein paar Kinder ebenfalls, von zu Hause fortzugehen. Diese Idee fasziniert mich sehr – „Hänschen klein, geht allein …“ Am besten gefällt mir, wie die Kinder ihren Proviant vorbereiten: Im Bilderbuch hat Hänschen ein Bündel mit guten Sachen dabei. Noch heute irritiert es mich ungemein, wenn in einem Film Schauspieler sich zum Essen hinsetzen, dann aber streiten oder aus irgendeinem anderen Grund aufstehen und das Essen stehen lassen. Iss doch lieber zuerst!

In Italien bekommen die Kinder Süssigkeiten für den Kindergarten mit. Ich gebe meinen Kindern manchmal Rüebli, Tomaten oder einen Joghurt mit. Später wirft mir meine Tochter vor, sie habe sich deswegen benachteiligt gefühlt – eine von unzähligen Kleinigkeiten, die unsere beiden Kulturen unterscheiden. Ausserdem müssen die Kinder in Italien ein eigenes Handtuch mitbringen, um sich vor dem Mittagessen die Hände zu waschen und abzutrocknen. Hier sind die Italiener hygienischer als die Schweizer, denke ich mir. Ich gebe meinen Kindern ein ganz gewöhnliches Frotteetuch mit. Eines Tages sehe ich, dass die anderen Kinder schön bestickte, personalisierte Tüchlein haben. Mit schlechtem Gewissen nähe ich sofort die Namen meiner Kinder auf die Handtücher. Zum Glück erwähnen meine Kinder nie, dass sie darunter gelitten hätten, eine Zeit lang keine schönen Handtücher gehabt zu haben.

Mein Kindergarten war eine schöne Zeit. Er war eben, was sein Name verspricht: ein Garten voller schöner Dinge.

Primarschulzeit
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5.  Primarschulzeit
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Ich bin gut in der Schule – die Beste der Klasse. Der Moment, bevor ich das Zeugnis öffne und die vielen Sechsen sehe, ist von einem unbeschreiblichen Glück erfüllt. Und dann sind die Sechsen auch noch so schön geschrieben. Für fehlerfreies Schreiben bekomme ich zudem viele kleine, runde Bildchen, die die Lehrerin unter den Text klebt. Und wenn ich nichts radiert habe, bekomme ich sogar ein rotes Herz. Ich kann mich kaum daran sattsehen.

Ich bin aber nicht gerne die Beste der Klasse. Ich falle nicht gerne auf. Wenn ich das Notenbüchlein aufklappe, gebe ich mir Mühe, den anderen meine Freude nicht zu zeigen, denn ich glaube, das könnte mich unbeliebt machen. Als ich ins Gymnasium komme, sagt mein Vater: „Jetzt pfiift es anders Vögeli.“ Er meint damit, dass ich jetzt viel mehr als vorher lernen müsse und schlechtere Noten haben werde. Statt beunruhigt zu sein, bin ich erleichtert. Doch im Gymnasium stellt sich heraus, dass ich weiterhin gute Noten habe. Ich bin verzweifelt und überlege mir, ob ich absichtlich Fehler in die Prüfungen einschmuggeln soll, um mittelmässige Noten zu bekommen – doch den Mut zu schummeln habe ich nicht. Ich möchte nicht anders sein als alle anderen, ich möchte dazugehören, und trotzdem lerne ich fleissig. Denn es gefällt mir, etwas zu können. Es rechtfertigt meine Existenz. Nur im Turnen bin ich schlecht. Wenn wir Basketball oder Volleyball spielen dürfen und Mannschaften zusammenstellen, werde ich immer als Letzte gewählt. Dabei bin ich, wie alle Kinder, körperlich sehr aktiv: In der Pause stürmen wir auf den Schulhof, rennen umher, machen Übungen am Reck, springen Seil oder Gummitwist, spielen Verstecken, und die Buben dürfen Fussball auf der Wiese spielen. Eigentlich hätte ich gerne eine Sportart als Hobby betrieben. Aber ich bin „schlecht“ im Sport.

In Italien bin ich schockiert, weil die Kinder in der Primarschule keine Pausen haben. Sie müssen fünf Stunden lang auf ihren Bänken sitzen. Auch im Gymnasium dürfen sie den Pausenhof nicht betreten.

Am Anfang des Unterrichts stehen wir an, damit wir der Lehrerin die Hand geben können. Ich verehre meine Lehrein. Sie hiesst Fräulein Kühne. Sie hat lange glatte wunderschöne Haare. Viele Jahre später sehe ich sie zufällig von weitem - ihre Haare sind immer nocht lang, aber grau. Sie sieht traurig aus. Ich wünsche mir, dass sie trotz ihrer langen grauen Haare ein erfülltes Leben gehabt hat.

Zu Hause zeige ich stolz mein Zeugnis meinem Vater. Er lobt mich und gibt mir 5 Franken. Meine Existenz ist gerechtfertig.

Auf dem Heimweg umringen mich einige grössere Buben aus der Schule. Sie haben etwas gegen mich, ich verstehe nicht genau, was – es scheint mir, es passt ihnen nicht, dass ich gut in der Schule bin. Einer von ihnen versetzt mir einen Schlag in den Magen, sodass ich kaum mehr Luft bekomme. Zum Glück vertreibt ein Mann, der gerade vorbeigeht, die Buben. In der vierten bis sechsten Klasse gibt es auch in unserer Klasse gewalttätige Buben – nicht alle, nur eine Gruppe. Fast jeden Tag werden Mädchen verprügelt, sitzen danach in der Schulbank und weinen. Es sind die Mädchen, die nicht so beliebt sind, die nicht hübsch sind. Ich gehöre gerade noch knapp zu jenen, die nicht zusammengeschlagen werden. Der Anführer der Gruppe wird schliesslich von der Schule verwiesen. Zu meinem Entsetzen finde ich ihn später im Gymnasium in meiner Klasse wieder. Doch er ist nicht mehr so wie früher – und er besteht die sechsmonatige Probezeit nicht.

In unserer Klasse gibt es drei Jungen, die Italiener sind. Sie gehören nicht zur gewalttätigen Bande. Sie können nicht so gut Deutsch, und ihre schulischen Leistungen sind nicht so hoch. Wir schauen deswegen auf sie herab. Zu dieser Zeit gibt es noch keine Schulbücher, in denen integrierte Kinder aus anderen Nationen abgebildet sind – niemand hinterfragt diese Situation. Im letzten Schuljahr wird ein Junge aufgenommen, der Deutscher ist. Er spricht Hochdeutsch, kein Schweizerdeutsch. Eigentlich sollten wir ihn bewundern und von ihm lernen. Stattdessen wird er ausgelacht. Ich schäme mich, wenn ich an diese Dinge zurückdenke. Ich wünschte, ich könnte in diese Zeit zurückkehren und Thomas, Donato, Rino und Tommaso sagen: „Kommt, lasst uns doch Freunde sein!“ Aber vielleicht hatten sie es ja auch besser ohne uns?

Das Schulhaus heisst Manegg. In der Pause stehen immer zwei Schüler an der Türwache. Sie müssen gut darauf achten, dass alle Kinder ihre Schuhe an der Matte abputzen, bevor sie ins Haus strömen. Freche Kinder versuchen, sich durchzudrängen, ohne die Schuhe zu reinigen, werden aber von der Türwache erwischt. Lachend wischen sie die Schuhe dann doch an der Matte ab – schmutzige Schuhe gehören schliesslich nicht ins Haus.

Wenn ich mit meinen kleinen Kindern in Zürich spazieren gehe, schlage ich meistens den Weg ein, der an der Schule vorbeiführt. Es ist dann immer gerade Sommerferien. Manchmal steht das Gelände offen, und ich bringe meine Kinder auf den neuen Schulspielplatz. Mein Herz sehnt sich nach früher. Nach fast allem.

In der sechsten Klasse spielen wir „Bubenjagd“ und „Mädchenjagd“. Dabei ist schon eine erste Prise Herzklopfen für das andere Geschlecht mit im Spiel. Lustig ist das allerdings nur für die beliebten Kinder, die oft gefangen werden. Ein paar Jahre später treffe ich eine ehemalige Mitschülerin, die damals zu den Mädchen gehört hatte, die verprügelt worden waren, und die bei dieser Buben- und Mädchenjagd erst gar nicht mitgemacht hatte. Sie ist zu einer schönen, schlanken, hübschen jungen Frau geworden, die vor Lebensfreude sprüht.

Die Schulzimmer sind hell. Im hinteren Teil des Schulgebäudes gibt es einen Schulzahnarzt. Wer beim Bohren nicht weint, bekommt ein Abziehbildchen. Ich gebe mir Mühe, nicht zu weinen, und habe viele Gelegenheiten, es zu versuchen, denn ich habe viele Löcher. Meine Mutter gibt mir nachmittags, vor der Schule, jeweils einen Franken, und dann gehe ich „chrömle“ – das heisst, ich kaufe zusammen mit anderen Kindern Süssigkeiten am Kiosk: Goggifröschli, Bazooka, Schläckmuschle, Sugus, Tiki, Foifermokke, Schümli, Carambar, Pez, Kaugummizigaretten und vieles mehr. Es gab genug auch für mich, die ich Schokolade nicht mochte.
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6.  Gymnasium
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Das Gymnasium Rämibühl liegt weit weg von meinem Zuhause. Ich fahre mit dem Tram und muss sogar umsteigen. Schon diese Distanz sorgt dafür, dass ich mich wie auf einem anderen Planeten fühle. Mir ist, als sei ich ausgehöhlt worden. Ich bin verloren in dieser gähnenden Leere. Das Schulhaus ist enorm gross. Die Teppiche sind grau, die Mauern aus grauem Rohbeton. Dafür bestehen die Wände der Schulzimmer ganz aus Glas, mit Blick auf eine grosse Wiese und Bäume. Zur Schule gehören mehrere Laboratorien, ein grosser Pausenplatz, eine Bibliothek, eine Cafeteria, ein Kiosk mit täglich frischem Gebäck, eine Mensa, ein biologischer Garten, ein Biotop und eine Aula, die als Theatersaal genutzt werden kann. In der Pause dürfen wir auf den Schulhof, und wenn wir eine Freistunde haben, dürfen wir sogar in die Stadt gehen. Wir beklagen uns über alles: das Schulhaus, die Lehrer, den Unterricht, Zürich. Jemand sprayt „Zürich ist Grönland“ an die Schulmauer.

Ich komme zum zweiten Mal zu spät zum Unterricht. Dafür gibt es eine Strafe: Ich muss an meinem freien Nachmittag in die Schule zurück und den Putzfrauen beim Reinigen des Schulhauses helfen. Man drückt mir einen Besen in die Hand. Die Putzfrau beobachtet, wie ich wische, und schüttelt den Kopf. „Du musst das mit Gefühl machen“, korrigiert sie mich. „Schau, so, mit Gefühl! Stell dir vor, dieser Besen sei dein Geliebter!“ Bis zum Ende der Schulzeit komme ich nie wieder zu spät.

Wenn ich die erste Stunde habe, muss ich Appell machen. In Italien beginnt die Schule offiziell um 8.10 Uhr, doch bis 8.20 Uhr darf man noch als pünktlich gelten. Ich sitze von 8.10 bis 8.20 Uhr am Pult und komme mir dabei dumm vor. Erscheint ein Schüler nach 8.20 Uhr, darf er zur Strafe erst zur zweiten Stunde ins Schulzimmer. Wir Lehrer vermerken diese Verspätung online als „Entrata in seconda ora“. Bei der Notenkonferenz beklagen sich die Lehrer über gewisse Schüler, die 20- bis 30-mal erst zur zweiten Stunde aufgetaucht sind – doch damit hat es sich dann auch schon. Damit das Schuljahr gültig ist, muss ein Schüler an 75 Prozent der Schulzeit anwesend gewesen sein. Die Lehrerkonferenz kann jedoch entscheiden, dass er unter gewissen Umständen auch mit einer niedrigeren Präsenzquote versetzt wird.

Das Gebäude in Cava de’ Tirreni, wo ich jetzt unterrichte, stammt aus den Sechzigerjahren. Jedes Jahr regnet es irgendwo hinein, und ein Klassenzimmer muss geräumt werden. Manche Türen schliessen schlecht. An den Wänden klaffen Löcher mit Schrauben, wo früher etwas hing. Im Parterre sind Gitter vor den Fenstern angebracht. Einen Pausenplatz gibt es nicht; die Schüler müssen sich immer im Klassenzimmer aufhalten. Wenn sie auf die Toilette müssen, müssen sie den Lehrer fragen – ja, sogar volljährige Schüler fragen mich um Erlaubnis. Die Aula befindet sich in einem anderen Schulgebäude. Es gibt nur Wasserspender, die Schüler bringen sich ein Brötchen von zuhause mit. In manchen Klassenzimmern wächst Schimmel an den Wänden. Im Winter wird nur von 8 bis 12 Uhr geheizt, und selbst das nützt wenig, weil die Schule undicht ist. Ich sitze den ganzen Tag im Schafpelzmantel – ja, jetzt besitze ich einen, und ich brauche ihn dringend. Die Schüler beklagen sich genauso wie ich einst über das Schulhaus, den Unterricht und die Lehrer. Aber vielleicht mit mehr Recht als wir damals? Am letzten Schultag fallen sich die Schülerinnen und Schüler der fünften Klasse laut weinend in die Arme. Sie sind untröstlich, weil sie sich nun nicht mehr jeden Tag sehen werden.

Aus meiner alten Schule gehen nur zwei mit mir in dieselbe Klasse. Alle anderen Teenager kenne ich nicht. Schön wäre es, eine neue beste Freundin zu finden, so wie ich sie in der Primarschule hatte. Wir waren unzertrennlich. Im letzten Schuljahr gründeten wir sogar einen Klub und trafen uns oft auch ausserhalb der Schule. Im Gymnasium hingegen kommen nur drei Mitschüler aus Wollishofen, alle anderen aus anderen Stadtteilen – denn eigentlich hätte ich ins gleiche, näher gelegene Gymnasium wie meine Schwester gehen sollen. So aber ist es aufwändig, sich am Nachmittag oder Abend mit den anderen zu verabreden.

Hinzu kommt, dass bei mir die Pubertät in ihrer ganzen negativen Pracht einsetzt. Ich verwandle mich von einem lebensfrohen Mädchen in ein muffiges Ungeheuer. Schaue ich in den Spiegel, sehe ich ein hässliches Entlein. Die Kinderwelt, in der Märchen und Realität ineinander übergingen, ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden – deshalb wird dieses Entlein nie zum Schwan werden. Nicht nur mein Aussehen nehme ich selbst unter eine kritische Lupe, sondern auch, was ich sage, wie ich es sage, und was ich denke. Befangen und verunsichert warte ich sehnsüchtig auf das Ende der Pausen, denn beim Smalltalk mitzuhalten ist schlimmer, als auf dem Eis zu tanzen. Hätte es damals schon Handys gegeben, hätten sie mein Aussenseitertum legitimiert. Auch zu Hause igle ich mich ein. Hinter verschlossener Zimmertür lese ich haufenweise Bücher und fülle reihenweise Tagebücher. Beim gemeinsamen Abendessen sitze ich schmollend und schweigend da, während meine Schwester die Unterhaltung dominiert. Sie ist brillant. Meine Eltern lassen mich gewähren in diesem Sumpf, in dem ich stecke. Mir scheint, ich hätte ein Recht auf dieses Verhalten, weil ich ja in Büchern und Zeitschriften für Jugendliche lese, dass das zum Erwachsenwerden gehört. Meine Eltern lassen sich nicht anmerken, ob sie besorgt oder verletzt sind. Vielleicht akzeptieren sie es einfach, oder sind sie gleichgültig? Ich frage mich nie, ob mein Verhalten sie schmerzt. Erst als ich selbst Kinder habe, erfahre ich, dass es keinen grösseren Schmerz gibt, als die eigenen Kinder leiden zu sehen. Es wäre wohl für alle besser gewesen, hätte ich mich etwas mehr zusammengenommen. Eine Zeitlang bin ich mit einem Mädchen aus Chile befreundet. Sie meint, in ihrem Heimatland gebe es gar keine Pubertät – das sei etwas, das bei uns erfunden worden sei. Genauso wie man das Altsein üben kann: Jetzt bin ich alt, wenn ich aufstehe, darf, ja muss ich stöhnen. Natürlich ist es eine Tatsache, dass ich so und so viele Jahre durchlebt habe – aber eigentlich könnte ich auch ganz gut ohne Stöhnen aufstehen.

In meiner Jugend gehe ich abends praktisch nie aus. Als ich mit meinem Mann und meinen Kindern in Pisciotta zu leben beginne, tröste ich mich damit, dass meine Kinder jederzeit eine Piazza voller Kinder finden – die dort im Sommer sogar bis Mitternacht und länger anzutreffen sind.

Heute leben und arbeiten meine beiden älteren Kinder in Zürich. Ein Zürich, das nun für mich ganz neu ist, als wäre es eine andere Stadt. Früher, wenn ich meine Eltern besuchte, kehrte ich immer schweren Herzens nach Italien zurück. Ich verliess meine wahre Heimat – nur eine Hülle reiste über die Grenze. Jetzt gibt es seit sechs Jahren kein Elternhaus mehr für mich in der Schweiz, und ich besuche Wollishofen nie. Meine Erinnerungen sind sorgfältig in ein Paket verpackt, das einen Ehrenplatz im Regal hat und nur noch manchmal hervorgeholt wird. Wühle ich darin, ziehe ich vor allem die guten Erinnerungen heraus – sodass die schlechten mehr und mehr auf den Grund sinken.

Wie ich diese Schulzeit erlebt habe
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6.  Gymnasium

Wie ich diese Schulzeit erlebt habe
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Das Gymnasium Rämibühl liegt weit weg von meinem Zuhause. Ich fahre mit dem Tram und muss sogar umsteigen. Schon diese Distanz sorgt dafür, dass ich mich wie auf einem anderen Planeten fühle. Mir ist, als sei ich ausgehöhlt worden. Ich bin verloren in dieser gähnenden Leere. Das Schulhaus ist enorm gross. Die Teppiche sind grau, die Mauern aus grauem Rohbeton. Dafür bestehen die Wände der Schulzimmer ganz aus Glas, mit Blick auf eine grosse Wiese und Bäume. Zur Schule gehören mehrere Laboratorien, ein grosser Pausenplatz, eine Bibliothek, eine Cafeteria, ein Kiosk mit täglich frischem Gebäck, eine Mensa, ein biologischer Garten, ein Biotop und eine Aula, die als Theatersaal genutzt werden kann. In der Pause dürfen wir auf den Schulhof, und wenn wir eine Freistunde haben, dürfen wir sogar in die Stadt gehen. Wir beklagen uns über alles: das Schulhaus, die Lehrer, den Unterricht, Zürich. Jemand sprayt „Zürich ist Grönland“ an die Schulmauer.

Ich komme zum zweiten Mal zu spät zum Unterricht. Dafür gibt es eine Strafe: Ich muss an meinem freien Nachmittag in die Schule zurück und den Putzfrauen beim Reinigen des Schulhauses helfen. Man drückt mir einen Besen in die Hand. Die Putzfrau beobachtet, wie ich fege, und schüttelt den Kopf. „Du musst das mit Gefühl machen“, korrigiert sie mich. „Schau, so, mit Gefühl! Stell dir vor, dieser Besen sei dein Geliebter!“ Bis zum Ende der Schulzeit komme ich nie wieder zu spät.

Wenn ich die erste Stunde habe, muss ich Appell machen. In Italien beginnt die Schule offiziell um 8.10 Uhr, doch bis 8.20 Uhr darf man noch als pünktlich gelten. Ich sitze von 8.10 bis 8.20 Uhr am Pult und komme mir dabei dumm vor. Erscheint ein Schüler nach 8.20 Uhr, darf er zur Strafe erst zur zweiten Stunde ins Schulzimmer. Wir Lehrer vermerken diese Verspätung online als „Entrata in seconda ora“. Bei der Notenkonferenz beklagen sich die Lehrer über gewisse Schüler, die 20- bis 30-mal erst zur zweiten Stunde aufgetaucht sind – doch damit hat es sich dann auch schon. Damit das Schuljahr gültig ist, muss ein Schüler an 75 Prozent der Schulzeit anwesend gewesen sein. Die Lehrerkonferenz kann jedoch entscheiden, dass er oder sie unter gewissen Umständen auch mit einer niedrigeren Präsenzquote versetzt wird.

Das Gebäude in Cava de’ Tirreni, wo ich jetzt unterrichte, stammt aus den Sechzigerjahren. Jedes Jahr regnet es irgendwo hinein, und ein Klassenzimmer muss geräumt werden. Manche Türen schliessen schlecht. An den Wänden klaffen Löcher mit Schrauben, wo früher etwas hing. Im Parterre sind Gitter vor den Fenstern angebracht. Einen Pausenplatz gibt es nicht; die Schüler müssen sich immer im Klassenzimmer aufhalten. Wenn sie auf die Toilette müssen, müssen sie den Lehrer fragen – ja, sogar volljährige Schüler fragen mich um Erlaubnis. "Prof, posso andare in bagno?"  Die Aula befindet sich in einem anderen Schulgebäude. Es gibt nur Wasserspender, die Schüler bringen sich ein Brötchen von zuhause mit. In manchen Klassenzimmern wächst Schimmel an den Wänden. Im Winter wird nur von 8 bis 12 Uhr geheizt, und selbst das nützt wenig, weil die Schule undicht ist. Ich sitze den ganzen Tag im Schafpelzmantel – ja, jetzt besitze ich einen, und ich brauche ihn dringend. Die Schüler beklagen sich genauso wie ich einst über das Schulhaus, den Unterricht und die Lehrer. Aber vielleicht mit mehr Recht als wir damals? Am letzten Schultag fallen sich die Schülerinnen und Schüler der fünften Klasse laut weinend in die Arme. Sie sind untröstlich, weil sie sich nun nicht mehr jeden Tag sehen werden.

Aus meiner alten Schule gehen nur zwei mit mir in dieselbe Klasse. Alle anderen Teenager kenne ich nicht. Schön wäre es, eine neue beste Freundin zu finden, so wie ich sie in der Primarschule hatte. Wir waren unzertrennlich. Im letzten Schuljahr gründeten wir sogar einen Klub und trafen uns oft auch ausserhalb der Schule. Im Gymnasium hingegen kommen nur drei Mitschüler aus Wollishofen, alle anderen aus anderen Stadtteilen – denn eigentlich hätte ich ins gleiche, näher gelegene Gymnasium wie meine Schwester gehen sollen. So aber ist es aufwändig, sich am Nachmittag oder Abend mit den anderen zu verabreden.

Hinzu kommt, dass bei mir die Pubertät in ihrer ganzen negativen Pracht einsetzt. Ich verwandle mich von einem lebensfrohen Mädchen in ein muffiges Ungeheuer. Schaue ich in den Spiegel, sehe ich ein hässliches Entlein. Die Kinderwelt, in der Märchen und Realität ineinander übergingen, ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden – deshalb wird dieses Entlein nie zum Schwan werden. Nicht nur mein Aussehen nehme ich selbst unter eine kritische Lupe, sondern auch, was ich sage, wie ich es sage, und was ich denke. Befangen und verunsichert warte ich sehnsüchtig auf das Ende der Pausen, denn beim Smalltalk mitzuhalten ist schlimmer, als auf dem Eis zu tanzen. Hätte es damals schon Handys gegeben, hätten sie mein Aussenseitertum legitimiert. Auch zu Hause igle ich mich ein. Hinter verschlossener Zimmertür lese ich haufenweise Bücher und fülle reihenweise Tagebücher. Beim gemeinsamen Abendessen sitze ich schmollend und schweigend da, während meine Schwester die Unterhaltung dominiert. Sie ist brillant. Meine Eltern lassen mich gewähren in diesem Sumpf, in dem ich stecke. Mir scheint, ich hätte ein Recht auf dieses Verhalten, weil ich ja in Büchern und Zeitschriften für Jugendliche lese, dass das zum Erwachsenwerden gehört. Meine Eltern lassen sich nicht anmerken, ob sie besorgt oder verletzt sind. Vielleicht akzeptieren sie es einfach, oder sind sie gleichgültig? Ich frage mich nie, ob mein Verhalten sie schmerzt. Erst als ich selbst Kinder habe, erfahre ich, dass es keinen grösseren Schmerz gibt, als die eigenen Kinder leiden zu sehen. Es wäre wohl für alle besser gewesen, hätte ich mich etwas mehr zusammengenommen.

Eine Zeitlang bin ich mit einem Mädchen aus Chile befreundet. Sie meint, in ihrem Heimatland gebe es gar keine Pubertät – das sei etwas, das bei uns erfunden worden sei. Genauso wie man das Altsein üben kann: Jetzt bin ich alt, wenn ich aufstehe, darf, ja muss ich stöhnen. Natürlich ist es eine Tatsache, dass ich so und so viele Jahre durchlebt habe – aber eigentlich könnte ich auch ganz gut ohne Stöhnen aufstehen.

In meiner Jugend gehe ich abends praktisch nie aus. Als ich mit meinem Mann und meinen Kindern in Pisciotta zu leben beginne, tröste ich mich damit, dass meine Kinder jederzeit eine Piazza voller Kinder finden – die dort im Sommer sogar bis Mitternacht und länger anzutreffen sind.
Heute leben und arbeiten meine beiden älteren Kinder in Zürich. Ein Zürich, das nun für mich ganz neu ist, als wäre es eine andere Stadt. Früher, wenn ich meine Eltern besuchte, kehrte ich immer schweren Herzens nach Italien zurück. Ich verliess meine wahre Heimat – nur eine Hülle reiste über die Grenze. Jetzt gibt es seit sechs Jahren kein Elternhaus mehr für mich in der Schweiz, und ich besuche Wollishofen nie. Meine Erinnerungen sind sorgfältig in ein Paket verpackt, das einen Ehrenplatz im Regal hat und nur noch manchmal hervorgeholt wird. Wühle ich darin, ziehe ich vor allem die guten Erinnerungen heraus – sodass die schlechten mehr und mehr auf den Grund sinken.
Meine Motivation für ein Studium
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7.  Universität

Meine Motivation für ein Studium
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Medizin, Physik, Sprachen, Kunst und Musik – das waren meine Favoriten. Ich neigte auch deshalb zum Sprachstudium, weil ich nicht nur gerne las und während der Gymizeit neben Tagebuchauszügen auch ab und zu Kurzgeschichten schrieb, sondern weil es „in der Familie lag“. Meine Tante unterrichtete englische  Literatur an der Kopenhagener Hochschule und meine Mutter, die gerne Englisch studiert hätte, las viele Bücher auf englisch. Einmal im Jahr traf sie sich mit ihrer Schwester in London, wo die beiden eine Woche lang Theaterstücke und Musicals besuchten – manchmal sogar zwei an einem Tag. Meine Schwester hatte ebenfalls ein Deutsch- und Englischstudium begonnen, es dann aber abgebrochen, weil es sich nicht mit ihrer Ehe vereinbaren liess. Eines stand für mich damals allerdings fest: Lehrerin wollte ich auf keinen Fall werden.
Meine Studentenjahre
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7.  Universität

Meine Studentenjahre
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1986-1996

Hauptfach Englische und amerikanische Literatur, Nebenfach englische mittelalteriche Literatur, zweites Nebenfach russische Sprache und Literatur. Ich studiere nicht deutsch, weil ich mir sage, deutsch kann ich ja schon. Wie man sieht, habe ich keine richtige Ahnung, was es heisst, Literatur zu studieren. Ich belege im ersten Semester einen Kurs der heisst „Idioms and synonyms“. Es nimmt auch ein Student des vierten Studienjahres daran teil. Ich wundere mich: Der sollte doch englisch perfekt können! Wie ist es möglich, dass er einen Kurs belegt, der einem hilft, den Wortschatz zu erweitern? Erst mit der Zeit erkenne ich das Paradox: Je mehr ich studiere, desto mehr wird mir bewusst, was es noch zu wissen gäbe. Das Gebiet des Nichtwissens ist unendlich.  Heute trägt man einen grossen Teil des Weltwissens in der Hosentasche dank KI. Ein Studium wird wohl nie mehr so spannend sein wie es für meine Generation war. Das Studium hat mich bereichert. Jetzt bin ich arm. Früher gab es Leute, die besassen Goldschätze, und ich war dabei, wertvolle Goldmünzen ins Sparschwein zu tun, während die anderen nur Metallmünzen hatten. Heute haben alle Leute Goldmünzen, Gold ist nichts mehr wert. Die Kasse klingt nicht mehr.

Gut, das Studium ist nicht immer spannend. Zum Beispiel kann ich mich beim besten Willen nicht begeistern, altkirchenslawisch zu lernen. Mit der Linguistik habe ich auch Mühe. Da mehr oder weniger alle Sprachstudenten auch das Höhere Lehramt anpacken, für den Falle eines Falles, nehme ich auch an der ersten Vorlesung über die Geschichte der Pädagogik bei. Ich langweilige mich aber zu Tode und gebe wieder auf. Erst später, als ich einmal eine Stellvertretung an einem Gymnasium machen kann, gefällt mir das Unterrichten, und ich schreibe mich nach Studienabschluss für zwei weitere Studienjahre ein.

Ich bin eine fleissige Studentin. Besuche möglichst viele Vorlesungen, lese alle Bücher der freiwilligen Leseliste, lerne in meiner Freizeit Vokabeln. Ich habe stets einen „Grund- und Aufbauwortschatz“ oder sonst ein Buch in der Tasche, das ich hervorhole, wenn ich im Zug sitze oder sonst Zeit überbrücken muss.

Während des Studiums verbrachte ich zwei längere Auslandaufenthalte: ein Jahr lang studiere ich in Exeter und fünf Monate in St. Petersburg.

Ich war bereits einmal in Russland, als es die Sowjetunion noch gab. Stell dir eine Stadt ganz ohne Reklame vor. Keine Plakate, keine Leuchtreklamen, in den Schaufenstern nur wenige bescheidene Waren. Für viele Sowjetbürger war das Ausdruck des Mangels. Für mich war es, als wäre plötzlich eine Last von mir genommen worden. Der ständige Kaufdruck unserer Konsumgesellschaft – dieses Gefühl, zwar viel zu besitzen und doch nie genug zu haben – war einfach verschwunden.

Natürlich erlebt man dieselbe Ruhe auch bei einem Waldspaziergang oder einer Bergwanderung. Doch in einer Stadt erwartet man Werbung. Gerade deshalb fällt ihre Abwesenheit so stark auf. Ein Spaziergang wird plötzlich zu einer unerwarteten Form der Entspannung.

Zwar hingen überall riesige Porträts von Lenin, Marx und Engels. Doch da ich diese Figuren nicht mit persönlich erlebter Unterdrückung verband, störten sie mein Empfinden kaum.

 

Mein Auslandsemester in Russland machte ich im Winter 1992. Im Studentenheim – angeblich einem der besten in St. Petersburg – wohnten auch Austauschstudenten aus Japan, Deutschland und Kanada. Jeder von uns teilte ein kaum zwölf Quadratmeter grosses Zimmer mit einem russischen Studenten oder Studentin. Das war nur möglich, weil die Betten eher Schiffskojen glichen. Sie bestanden aus einer dünnen Matratze die auf einem Kasten lag.

Am Morgen kochten ich und meine russische Zimmergenossin Olga stets eine Portion Teigwaren oder Reis, weil man nie sicher war, ob es in der Mensa an der Uni etwas zu essen geben würde. Bevor man die Pasta ins heisse Wasser schüttete, musst man kontrollieren, ob sich im Paket keine Küchenschabe befand. Die Schaben hatten sogar den Backofen in der Küche besiedelt, den wir fast nie benutzten. Stellte man nämlich den Ofen ein, kamen sie scharenweise herausgeflohen. Wenigstens war man sicher, dass der heisse Ofen schabenfrei war. Die Japaner hatten sich aus Japan spezifisches Insektengift schicken lassen, aber es half nur etwa eine Woche lang, dann hatten die Schaben das Territorium wieder zurückerobert. Küchenschaben sollte ich ja im Leben später wieder antreffen.

Man hätte damals eine Wohnung für 50 Dollar im Monat am Nevskij-Prospekt mieten können. Aber ich wollte leben wie die Russen. Es ist natürlich nicht ganz dasselbe, wenn man weiss, dass man nach ein paar Monaten wieder abfährt.

Ich hatte für die 5 Monate 2000 Dollar in bar mitgenommen, weil es in dieser Zeit nicht möglich war, von einer Schweizer Bank Geld überwiesen zu bekommen. Ich gab einen Teil davon einem Mädchen zur Aufbewahrung auf der deutschen Botschaft. Die Dollar konnte man gut in Rubel wechseln. Wir Ausländer waren reich. Ein Dollar genügte damals für ein ganzes Menü im Restaurant.

Zu kaufen gab es sonst herzlich, es gab zum Beispiel importierte Güter aus der Türkei. Aber das allerschönste war für mich die Erschwinglichkeit von Theater-, Konzert und Opernbilletten. Wenn ich an einem Kiosk Theaterkarten entdeckte, kaufte ich spontan zwei oder drei und lud russische oder ausländische Freunde ein. Ein Billett kostete umgerechnet etwa 60 Eurocent. Ich war etwa zweimal in der Woche am Abend an einer Aufführung.

Am frühen Morgen sassen ältere Frauen, Babuschkas, am Strassenrand und verkauften Bier. Es waren Frauen, die ihr ganzes Leben im Glauben verbracht hatten, am Aufbau des Kommunismus mitzuwirken. Nun versuchten sie, mit ein paar Flaschen Bier ihre Rente aufzubessern.

Am Eingang der Metrostationen waren Leute, die ihre Hab und Gut feilboten – Bücher, Porzellan, wertvolle Gebrauchsgegenstände.

Ich hatte einige Souvenirs aus der Schweiz mitgenommen, weil man mir gesagt hatte, dass das Teil der russischen Kultur war: Obmen suvenirami – der Austausch von Souvenirs. Wenn ich bei einem Russen zu Hause eingeladen war, brachte ich ein Mitbringsel aus dem Westen mit. Der Gastgeber ging zum Büchergestell in seinem Wohnzimmer und schenkte mir eines seiner Bücher. Zum Beispiel eine illustrierte Ausgabe von einem Künstler.

Die Russen kennen das Höflichkeitslächeln nicht. Sie lächeln dich nur an, wenn sie wirklich einen Grund dazu haben. Wenn man jemanden im überfüllten Bus aus Versehen anschlug, wandte sich derjenige ärgerlich an dich: „Pass doch auf!“ In Europa hätte man sich entschuldigt: „Ist schon gut, macht nichts!“ und im Inneren gedacht: „Du Idiot, pass doch besser auf!“ Mit gefiel diese Ehrlichkeit der Gefühle. Es war eine Erleichterung, den eigenen Gefühlen entsprechend reagieren zu dürfen. Gefällt dir das Handeln von jemandem nicht, sagst du es ihm ins Gesicht. In Italien  herrscht das extreme Gegenteil. Mein Mann grüsst jemanden mit überschwinglichem Lächeln: „Ciao, come stai! Tanto tempo che non ti vedo! Mi sei mancato! Quando ci vediamo?” Ich überlegte schon, was ich kochen sollte, wenn diese Person dann zu uns nach Hause eingeladen werden würde. Zehn Minuten später sagte mein Mann: „Diese Person ist schlecht, weil… hoffentlich kontaktiert sie uns nicht!“ Bis heute fällt es mir schwer, mich in dieser italienischen Zweigleisigkeit zurechtzufinden. In Russland lernte ich Menschen kennen, die ihre Gefühle oft unverblümt zeigten. In Italien begegnete ich einer Kultur, in der Freundlichkeit und innere Meinung nicht immer übereinstimmen. Erst mit den Jahren begriff ich, dass auch dies eine kulturelle Sprache ist, die man lernen sollte.

Meinen zweiten Auslandaufenthalt verbrachte ich an der Universität Exeter. Genau wie in Russland lernte ich dort viele aufgeschlossene, sympathische Studierende kennen, Engländer ebenso wie Austauschstudenten aus aller Welt. Wir kamen gut miteinander aus und schlossen Freundschaften, von denen wir glaubten, sie später brieflich aufrechterhalten zu können. Heute ist das viel einfacher; damals kostete jeder Brief Zeit und Aufmerksamkeit – an einer einzigen Seite schrieb man leicht eine halbe Stunde.

Ich wohnte in einem Studentenwohnheim auf dem Campus, in einem Einzelzimmer. Im Wohnheim gab es eine Mensa, in der wir zu Mittag assen. Es braucht Mut, sich einfach an einen fremden Tisch zu setzen, wenn man nicht einmal sicher ist, alles zu verstehen. Was für eine kalte Dusche das war! Zwei Jahre Englischstudium – und trotzdem hatte ich Mühe, einem ganz gewöhnlichen Gespräch zwischen Mitstudierenden zu folgen!

Der Campus war wunderschön, praktisch ein botanischer Garten – und wurde bestimmt dreimal am Tag von einem Regenschauer getränkt.

Zu Beginn des Jahres gab es eine Veranstaltung, an der man sich in verschiedene "societies" – Studentenvereinigungen, die allerlei Aktivitäten anboten – einschreiben konnte. Ich machte den Fehler, mich nicht gleich bei zwanzig societies anzumelden, um sie alle auszuprobieren und mich dann für die zwei oder drei besten zu entscheiden. Stattdessen schrieb ich mich nur bei der "Outdoor Society" und der "Theatre Society" ein. Mit der Theatergruppe hatte ich allerdings Pech: Die Organisatorin, eine Lehrerin, stellte normalerweise jedes Jahr ein Theaterstück von Shakespeare auf die Beine. Wir hielten Lesungen ab, um die Rollen zu verteilen, und sie versprach mir, dass ich für die Rolle der Imogen in "Cymbeline" infrage kommen könnte. Doch dann fanden sich zu wenige Interessierte, und das Ganze wurde aufgegeben.

Einer meiner Kindheitsträume war es gewesen, Schauspielerin zu werden. Als ich noch ganz klein war, soll ich auf die übliche Frage, was ich denn werden wolle, wenn ich gross sei, geantwortet haben: "Schauspielerin!" Und als man weiterfragte: "Welche Rolle möchtest du denn gerne spielen?", kam die Antwort: "Die Hauptrolle."

In der sechsten Klasse führten wir in der Primarschule ein kleines Theaterstück auf. Alle Mädchen wollten die Rolle der „Dame“ spielen, obwohl sie nur zwei Sätze zu sagen hatte. Dabei war die Rolle gar nicht besonders schmeichelhaft, denn die Dame war alt und ausrangiert, und einer ihrer Sätze lautete: "Ich bin wie ein alter Löwe ohne Zähne." Das war uns Mädchen jedoch nicht bewusst – das Einzige, was zählte, war, die Dame spielen zu dürfen, weil man dafür ein schönes Kleid tragen durfte. Es wurde ausgelost, wer die Rolle bekam, und ich hatte eine meiner Sternstunden: Ich zog das Gewinnerlos! Im Keller fand sich ein altes Ballkleid meiner Grossmutter, das ich anzog. So begann, könnte man sagen, meine Karriere.

Im Gymnasium gab es ebenfalls eine Theatergruppe, bei der ich mitmachte. Einmal wöchentlich blieben wir nachmittags in der Schule und machten Übungen – Sprech-, Bewegungs- und Rollenspielübungen. Am Ende des Schuljahres gab es jeweils eine Aufführung, doch die Rollen wurden unter den Schülern des Lehrers verteilt, der das Ganze organisierte – was ja auch verständlich war. Es hiess, man komme erst im zweiten Jahr als Schauspieler dran. Doch im zweiten Jahr wiederholte sich derselbe Trick. Ich machte sogar bei einer Arbeitswoche in einem Bergdorf mit, wo wir Masken für die Geister im Stück "The Tempest" herstellten – doch eine Rolle bekam ich nie. Ich war sehr enttäuscht. Ich glaube nicht, dass ich damit meine Berufung verpasst habe, aber Spass gemacht hätte es mir bestimmt.

An der Uni Bern belegte ich später einen Drama-Kurs. Von Anfang an war klar, dass es keine Aufführung geben würde, sondern nur verschiedene Übungen – und es wurde einer der besten Kurse meiner ganzen Studienzeit. Ich erinnere mich vor allem an zwei Übungen: Einmal gingen wir alle auf eine grosse Wiese, und jeder musste so laut und so lange schreien, wie er nur konnte. Das war unglaublich befreiend. Ein andermal sollten wir in einem Raum herumtanzen und, ohne ein Wort zu sagen, jemanden aus der Gruppe als "Opfer" auswählen. Diese Person wurde dann umzingelt, bis sie von selbst in die Knie ging und damit signalisierte, dass sie aufgab – natürlich ganz ohne Gewalt. Tatsächlich gelang uns das, und ich kann kaum beschreiben, was für eine Dynamik dabei entstand. Es war unheimlich.

Als Lehrer steht man ja gewissermassen auch auf einer Bühne. So hat sich meine Theaterkarriere in diese Form verwandelt – mit einem deutlich kleineren, aber nicht weniger anspruchsvollen Publikum! Teil des Höheren Lehramtes ist es, ein Praktikum zu absolvieren. Man muss in Gegenwart des Tutors eine Klasse unterrichten. Der Tutor nimmt alles unter die Lupe: Wie du den Unterricht vorbereitet hast, wie es effektiv abläuft, was du sagst, wie du es sagst, was du nicht sagst, wie du dich bewegst... Nach dem Unterricht wird über all das im Detail diskutiert. In dieser Zeit nahm ich vor lauter Stress 5 kg ab. Aber eigentlich war es nicht schlecht, Grösse 36 zu haben!

Einmal fuhren wir mit einem Professor zu einer Veranstaltung, an der auch ein Mitglied der englischen Königsfamilie auftrat. Ich sass auf einer Bank neben ihm; er wirkte gemütlich und gelassen. Doch als die königliche Person erschien, richtete er sich schlagartig kerzengerade auf und jubelte ihr zu – er war wie ausgewechselt. Diese Verwandlung der Körperhaltung, die ich unmittelbar neben mir spürte, entstand aus einem Gefühl völliger Hingabe. Sie ist für mich zu einem eindrücklichen Symbol dafür geworden, wie Bewunderung für Personen oder Ideen zu einer aufrichtenden, ja fast erhebenden Energie werden kann.

Eine meiner besten Freundinnen in Exeter war eine Japanerin. Wir hatten, jedenfalls aus meiner Sicht, eine wirklich innige Beziehung. Was mich an ihr besonders beeindruckte, war ihre Art, nie über jemanden zu urteilen. Sie suchte stets nach Entschuldigungen für Personen, die sich nicht gerade vorbildlich verhalten hatten. Wenn ich ihr etwas erzählte – über mich oder andere –, das nicht gerade im besten Licht dastand, verurteilte sie nie, sondern fügte einen verständnisvollen Kommentar hinzu, etwa: "Ja, wir sind nicht vollkommen und neigen manchmal zu solchem Verhalten." Das beeindruckte mich sehr, und ich beschrieb sie in einem Aufsatz für die Proficiency-Prüfung. Der Prüfer kommentierte: "Lucky you, that you have such a good friend." Erst Jahre später erfuhr ich, dass soziale Harmonie ein zentraler Teil der japanischen Mentalität ist: Direkte Konfrontation, lautes Äussern von Meinungsverschiedenheiten oder offene Kritik gelten dort als störend und werden daher vermieden. Auch später, in Italien, sollte ich erfahren, wie schwierig es ist, das Verhalten von Menschen aus einer anderen Kultur richtig einzuschätzen – weil wir dabei unbewusst unsere eigenen Massstäbe anlegen.

Finanzierung meines Studiums und Anstellung
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7.  Universität

Finanzierung meines Studiums und Anstellung
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Meine Eltern finanzierten mein Studium. Sie waren sogar damit einverstanden, dass ich nicht in Zürich, sondern in Bern studierte, weil ich unbedingt von zu Hause ausziehen wollte. Für mich war damals nicht entscheidend, die beste Universität zu wählen. Ich dachte vielmehr: Wenn ich schon ausziehe, dann in eine andere Stadt. Die Situation in meinem Elternhaus war angespannt, und ich brauchte Abstand.

Heute stelle ich fest, wie verwöhnt ich war, dass mir all das ermöglicht und finanziert wurde. Ich vermute allerdings, dass auch meine Eltern es für das Beste hielten, mich nicht ständig mürrisch und unzufrieden zu Hause zu haben, wie ich es in der Pubertät geworden war.

Viel später änderte sich mein Verhalten. Vor allem als meine Eltern älter wurden, erzählte ich ihnen von meinen Problemen kaum noch, weil ich merkte, dass sie diese nicht mehr verkraften konnten. Mein Vater sagte einmal zu mir: "Wenn wir von dir hören, ist es immer so erfreulich." Deshalb verschwieg ich ihnen schlechte Nachrichten.

Immerhin fuhr ich allein nach Bern, um verschiedene Studentenheime zu besichtigen und mich an der Universität einzuschreiben. Meine Eltern überwiesen mir jeden Monat 1000 Franken, von denen ich die Miete, meinen Lebensunterhalt und meine persönlichen Ausgaben bestreiten sollte. Das gelang mir gut, denn ich hatte keine grossen Ansprüche. Die Bücher bezahlten sie zusätzlich.

Mein Vater eröffnete für mich bei der Berner Kantonalbank ein Konto. Er war so stolz. Ich wünschte, er hätte noch erlebt, dass ich mit fünfzig Jahren eine Stelle als Russischlehrerin an einem Gymnasium antreten konnte.

In Italien schien dieser Traum lange unerreichbar. Viele Jahre blieb mir der Zugang zu einer festen Stelle an einem staatlichen Gymnasium verwehrt. Als ich mich in die Warteliste für Russisch eintragen liess, wurde ich sogar ausgelacht. Trotzdem erneuerte ich meine Eintragung alle drei Jahre, obwohl ich die Hoffnung längst aufgegeben hatte, jemals berücksichtigt zu werden. Meine Punktzahl war zu niedrig.

Das italienische System funktioniert streng nach Punkten: Berufsjahre, Abschlussnote und Fortbildungskurse bestimmen die Reihenfolge der Bewerber. Wer die meisten Punkte hat, erhält die nächste freie Stelle. Die andere Möglichkeit ist ein sogenannter Concorso, ein anspruchsvolles Auswahlverfahren, bei dem sowohl Fachwissen als auch didaktische Fähigkeiten geprüft werden. Ich nahm nur einmal daran teil, im Jahr 2012. Damals bewarben sich rund 700 Kandidaten auf gerade einmal 40 Stellen – und das nur in der Region Kampanien.

Zur selben Zeit verpflichtete die Europäische Union Italien jedoch dazu, die Wartelisten für unbefristete Lehrerstellen tatsächlich auszuschöpfen. Gleichzeitig hatte am sprachlichen Gymnasium in Cava de’ Tirreni jemand die Idee, Russisch als Fach einzuführen. Unerwartet meldeten sich genügend Schülerinnen und Schüler an. Aus einer Klasse wurden mehrere, und schliesslich entstand ein voller Lehrstuhl.

In der Warteliste für russische Sprache und Literatur stand nur ein einziger Name: meiner. Obwohl ich kaum Punkte besass – weil ich in den Jahren zuvor weder Stellvertretungen übernommen noch Fortbildungskurse besucht hatte –, erhielt ich die Stelle.

Wer Italien kennt, versteht, dass meine Anstellung an ein Wunder grenzt.

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8.  Arbeiten und Ausland

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8.1.  Arbeiten und Ausland – Verschiedene Berufe.
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Der Lehrer, der mich im Praktikum für das Höhere Lehramt begleitet hatte, teilte mir einmal beiläufig mit: Wenn sie Bewerbungen bekämen, schaue man sich sowieso nur diejenigen mit einer Note über dem Fünfer an – alle anderen würden ohnehin verworfen. „Gut, weiss ich das erst jetzt“, dachte ich, „sonst wäre ich bei den Prüfungen noch nervöser gewesen.“ Nach meinem Diplomabschluss (1996) – der eine lange Abhandlung über Rudolf Steiner und seine Theorie sowie mehrere Seminararbeiten über Didaktik in ihrer vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Form umfasst hatte – machte er noch eine andere vernichtende Aussage: „Als ich jung war, bestand der Fremdsprachenunterricht darin, Texte zu übersetzen. Und trotzdem haben wir alle die Sprache gelernt.“

Eine Zeitlang spielte ich auch mit dem Gedanken, eine Doktorarbeit zu schreiben, am liebsten in Alt- und Mittelenglisch. Die Professorin meinte, ich solle mir ein interessantes Thema ausdenken. Das aber fiel mir schwer – es sollte ja eines sein, das mich für die nächsten vier Jahre begeistern würde. Gleichzeitig bewarb ich mich bei verschiedenen Schulen als Lehrerin, und auch bei Firmen, die nicht viel mit Sprachen zu tun hatten. Ich hatte kleine Jobs als Lehrerin an Erwachsenenschulen. In der Zeitung des englischen Leseklubs, dessen Mitglied ich war, las ich, dass ein gewisser Dr. Pole vom SRK, Abteilung Internationale Zusammenarbeit, eine Sekretärin suchte, die gut Englisch konnte. Also bewarb ich mich auch dort und wurde sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, obwohl ich gar nicht richtig qualifiziert war – ich hatte ja keine kaufmännische Ausbildung. Für meinen zukünftigen Chef war jedoch interessant, dass ich Russisch konnte, da sie zwei Projekte in Kirgisistan und Usbekistan laufen hatten. So begann ich, zu 50 % beim SRK in Wabern zu arbeiten. Es war ein Sprung ins kalte Wasser: Mein Chef war oft auf Mission und hinterliess mir Berge von Dokumenten, die eingeordnet werden mussten. Man hatte mich gefragt, ob nicht das Risiko bestehe, dass ich mich bei dieser Arbeit langweilen würde, da sie viel aus Kopieren, Dateneingabe oder Diktatschreiben bestand, bei dem sich eine Studentin unterfordert fühlen könnte. Ich erwiderte jedoch, ich hätte ohnehin vor, in der verbleibenden Zeit an einer Doktorarbeit zu schreiben, und mein Bedürfnis nach intellektueller Herausforderung würde so sicher befriedigt.

Tatsächlich gefiel mir die Arbeit beim SRK ganz gut. Ich genoss es, nach Büroschluss alles hinter mir lassen zu können, ohne den Problemen weiter einen Gedanken widmen zu müssen – ich war ja nicht die Chefin. Als Lehrerin hingegen musste man sich zu Hause vorbereiten, korrigieren und nach Material suchen. Zudem hatte ich zu meinen Kolleginnen und Kollegen der Internationalen Zusammenarbeit ein gutes Verhältnis; wir waren alle jung und begannen sogar, uns in der Freizeit zu treffen. Ich hatte Glück gehabt: Die Stelle war regulär in der Zeitung ausgeschrieben und bereits besetzt worden, doch die neue Sekretärin hatte kurz nach Arbeitsbeginn gekündigt, und es war zu spät, die anderen Bewerbungen noch einmal in Betracht zu ziehen. Deshalb hatte mein Chef, ein Australier, die Sache selbst in die Hand genommen und in der englischen Klubzeitung inseriert.

Die Doktorarbeit gab ich schliesslich auf. Ich hätte lange Jahre mit einem halben Sekretärinnenlohn leben müssen, denn eine offene Doktorandenstelle gab es an der Uni Bern nicht, und hatte plötzlich keine Lust mehr dazu. Ich war achtundzwanzig und stellte mir mein Leben so vor: noch ein paar Jahre arbeiten, dann heiraten und Kinder bekommen, und dabei die Hälfte meiner Arbeit beibehalten – entweder beim Roten Kreuz, an den verschiedenen Erwachsenenschulen, oder vielleicht sogar mit einer Halbtagsstelle an einer staatlichen Schule.

Die nächste Haltestelle war aber Italien.

Während meine Anfrage auf Anerkennung meiner Diplome in irgendeinem Büro auf Eis lag, trieb ich mein Leben als Mutter und Hausfrau voran. Auch um meiner Kinder willen gab ich mir Mühe, mich zu integrieren und mit den Leuten Kontakt aufzunehmen. Eigentlich fühle ich mich als introvertierter Mensch wohler mit einem bescheidenen Ausmass an Geselligkeit, aber ich merkte bald: Wenn ich nicht auf die Leute zugehe, bleibe ich ganz allein. Es gibt nichts Einfacheres, als am Strand, auf dem Spielplatz oder vor dem Schulhaus ein Gespräch mit anderen Müttern zu beginnen. Jeder Erfahrungsaustausch war willkommen, besonders für mich, da ich nicht wie die anderen Pisciottaner im Dorf einen grossen Bekanntenkreis hatte – Brüder, Schwestern, Cousinen, Cousinen zweiten Grades, kurz: alle waren irgendwie miteinander verwandt.

Auf dem Spielplatz lernte ich die Frau eines Inhabers eines deutschen Reisebüros kennen. Sie waren auf das Cilento spezialisiert und kamen deshalb ab und zu hierher, um verschiedene Wohnungen zu besichtigen und mit den Bewohnern Verträge zu unterschreiben, um sie an Deutsche zu vermieten. Den Sprachkurs, mit dem ich einst nach Pisciotta gekommen war, gab es nicht mehr: Die Pisciottaner hatten begonnen, immer höhere Mieten für ihre Zimmer zu verlangen, sodass sich die „Torre di Babele“ aus dem Cilento zurückgezogen hatte. Das Reisebüro hatte auch ein Programm mit einem Reiseleiter in Marina di Camerota; im Frühling und Herbst wurden Wanderwochen angeboten. Da aber weder der Reiseleiter noch die Angestellten des Hotels, in dem die Deutschen untergebracht waren, Deutsch sprachen, fand man es eine gute Idee, jemanden vor Ort zu haben, der übersetzen konnte. Diesen Jemand fanden sie in mir. Ich sollte abends jeweils nach Camerota ins Hotel fahren und zwei Stunden lang anwesend sein, um die Probleme der Touristen zu lösen – von allgemeinen Gesprächen über Italien über Klagen zur Sitzordnung am Esstisch, zu viele oder zu wenige Handtücher, bis hin zu Gängen in die Apotheke und anderen Übersetzungsaufgaben.

An einem Tag der Wanderferien wurde ein Ausflug zur Ausgrabungsstätte Velia gemacht sowie eine Ölmühle besichtigt. Bei dieser Exkursion war ich den ganzen Tag dabei und übersetzte vom Italienischen ins Deutsche. Dieser Teil der Arbeit gefiel mir besonders, weil der lokale Reiseführer ein sehr belesener und unterhaltsamer Mensch war. Er hatte an der italienischen Sekundarschule Geschichte, Geografie und Italienisch unterrichtet und war zudem politisch engagiert, sodass er auch viel über die gegenwärtige Situation Italiens wusste. Es war für mich lehrreich und spannend, auf diesen Exkursionen übersetzen zu dürfen, zumal Salvatore bei jeder Exkursion neue interessante Dinge aus seinem Wissensschatz hervorholte – untermalt und bereichert durch Erzählungen aus seinem persönlichen Leben.
Wenn mich jemand fragte: „Was machst du beruflich?“, konnte ich wenigstens sagen: „Ich arbeite mit einem deutschen Reisebüro zusammen.“

Eines Tages hatten sie eine Idee, die für uns beide lukrativ werden konnte: Sie schlugen vor, einen einwöchigen Italienischkurs für Anfänger in Pisciotta zu organisieren, der grösstenteils aus praktischen Aktivitäten bestehen sollte. So organisierten wir es: Der erste Tag begann mit zwei Stunden Unterricht bei mir zu Hause, gefolgt von einem Spaziergang durchs Dorf, bei dem ich einiges zur Geschichte des Ortes auf Deutsch erzählte, während ich die Leute gleichzeitig gelernte Sätze wiederholen liess: „Questo è una casa. La casa è grande. La finestra è piccola. La pianta è verde. Saliamo le scale. Scendiamo le scale. Sali le scale. Il panorama è bello.“ An einem anderen Tag gingen wir zu Fuss nach Marina di Pisciotta, wo wir um etwa 19 Uhr auf das Fischerboot warteten, das vom Meer zurückkam. Das hatte ich natürlich mit den Fischern abgesprochen, die bereitwillig einige Fragen beantworteten, die meine Schüler vorbereitet hatten. Meistens kauften sie dann auch frischen Fisch. Am dritten Tag besichtigten wir den Markt in Pisciotta. Wenn ich vier Schüler oder weniger hatte, packte ich sie ins Auto, und wir fuhren zum Markt im nächsten Dorf, damit sie noch mehr zu sehen bekamen. Dort liess ich sie auch das Einkaufen üben: Sie sollten versuchen, ein T-Shirt oder eine Hose zu kaufen und, wenn möglich, den Preis zu drücken. Mein Mann erhielt in dieser Zeit viele neue Kleider! Am vierten Tag gab es einen Kochkurs. Zuerst gingen wir einkaufen, dann bereiteten wir zu Hause das Mittagessen vor: „Adesso tagliamo la carota.“ – „Paolo, che cosa fai?“ – „Tagliare la carota.“ – „TAGLIO la carota.“ – „Angela, che cosa fa Paolo?“ – „Taglia la carota.“ – „Brava.“

Der letzte Tag war vielleicht der am wenigsten gelungene: Wir schauten uns den ersten Teil eines Films an, in dem relativ wenig und langsam gesprochen wurde – es war eine Herkulesaufgabe, einen solchen italienischen Film überhaupt zu finden. „Manuale d'amore“ von Verdone schien mir die beste Wahl. Die Leute mussten das Gesehene verstehen und in einem zweiten Anlauf kommentieren.

Der Kurs gefiel den Leuten gut. Meiner Meinung nach könnte dieses Format auch heute noch ein Erfolg für ein alternatives Sprachenlernen sein.

Manchmal kamen auch Leute allein, die sogar längere Zeit in Pisciotta blieben und jeden Tag zu mir zum Unterricht kamen. Bei fast allen dachte ich: „Wie schade, dass ihr wieder abfahrt! Ich hätte gerne Freundschaft mit euch geschlossen.“ Mit einigen habe ich den Kontakt auch nach dem Unterricht aufrechterhalten. Eine Gruppe kam drei Jahre hintereinander – die waren dann richtig gut im Italienischen! Das einzig Mühsame an dem Kurs war, dass er bei mir zu Hause stattfand: Ich musste jeden Tag mindestens eine Stunde zuvor die Wohnung reinigen, da man sie durchqueren musste, um auf die Terrasse zu gelangen, wo der Unterricht stattfand. Mit kleinen Kindern ist es unmöglich, eine Wohnung stets auf Hochglanz zu halten.

Jetzt konnte ich also sagen: „Ich arbeite mit einem italienischen Reisebüro zusammen und gebe Italienischkurse.“
Später kam noch hinzu: „Ich male Bilder und biete sie zum Verkauf an.“

In Vallo, der nächstgrösseren Stadt, hatte ich nämlich einen Kurs in Ölmalerei angeboten gesehen und beschloss, mein altes Hobby wieder aufzunehmen. Ich trat einer Vereinigung von Hobbymalern bei und besuchte einen Weiterbildungskurs bei einer russischen Künstlerin, Viktoria Novikova, die – wie ich – einen Italiener geheiratet hatte und es ebenfalls ins Cilento verschlagen hatte. Ich nahm auch an Stegreifmalwettbewerben teil, was sehr vergnüglich war, und es gelang mir sogar ein paar Mal, das Bild für 20 bis 30 Euro an den Eigentümer des Hauses zu verkaufen, das ich gemalt hatte. Der Plan, mehrere Bilder von Pisciotta und Umgebung an Touristen zu verkaufen, ging jedoch nicht auf – es gibt ja, erfreulicherweise, so viele talentierte professionelle und Hobbymaler. Genauso wie es mehr Menschen gibt, die schreiben, als solche, die lesen.

„Professoressa!“, werde ich am Gymnasium von den Schülern angesprochen. Ich fühle mich stolz, weil im Hintergrund das Prestige mitschwingt, das dieser Titel im Deutschen hat.
Um diese Vollzeitstelle annehmen zu können, verlege ich meinen Wohnsitz nach Salerno. Mein zehnjähriger Sohn wohnt bei mir, meinen Mann sehe ich jeweils am Wochenende. So etwas ist unter Lehrern in Italien nicht einmal etwas Besonderes: Man reist dorthin, wo einem eine Stelle zugewiesen wird – ähnlich wie einst in der Sowjetunion. Eine Kollegin von mir hat ihren Mann in Sizilien zurückgelassen und lebt mit ihren zwei kleinen Kindern in Vietri, weil dieser Ort am zentralsten zwischen den drei Schulen liegt, an denen sie unterrichtet. Eine andere unterrichtet einen Tag pro Woche auf Capri und fährt mit dem Schiff hin. Wieder eine andere Kollegin fährt von Salerno aus jeden Tag über eine Stunde mit dem Bus die kurvenreiche Strasse nach Amalfi, wo sie zwanzig Jahre unterrichtet – bis sich für sie eine Stelle in Cava de' Tirreni ergibt. Meine Kolleginnen necken mich: „Du hast das grosse Los gezogen! Unter der Woche hast du keinen Ehemann, der dir auf den Wecker geht, und am Wochenende könnt ihr auf verliebtes Pärchen machen!“
Ein volles Pensum sind 18 Unterrichtsstunden, dazu kommen Notenkonferenzen, Elternabende beziehungsweise -nachmittage, Lehrerversammlungen und alles Drum und Dran. Die 18 Stunden verteilen sich auf fünf Wochentage. An unserer Schule haben wir beschlossen, dass der Samstag der freie Tag ist; an anderen Schulen gehen die Schüler samstags zur Schule, und jeder Lehrer hat an einem anderen Wochentag frei. Der Unterricht dauert von 8.10 bis 14.00 Uhr. Im September 2018 fange ich an.

Mein Lohn beträgt 1600 Euro netto – die Steuern sind bereits abgezogen, was praktisch ist. Dazu gibt es den „Bonus docenti“: 500 Euro, die ich jedes Jahr für Hardware, Bücher und kulturelle Veranstaltungen ausgeben darf. Eine Kollegin weist mich darauf hin, welches Elektrogeschäft einem entgegenkommt, wenn man einen Staubsauger oder eine Waschmaschine braucht – an der Kasse scannt der Verkäufer dafür einfach den Barcode von einem Computer ab.
Am ersten Schultag ist mir angst und bange. In der Schweiz habe ich zwar auch an Gymnasien unterrichtet, aber nur als Stellvertretung – und das vor einem Vierteljahrhundert. Es ist genau festgelegt, wie viele schriftliche Prüfungen und wie viele „interrogazioni“ ein Lehrer pro Quartal machen muss. Was um Himmels willen ist eine „interrogazione“? Meine älteren Kinder hatten zwar manchmal erwähnt: „Domani la prof interroga!“, was so viel heisst wie „Morgen stellt die Lehrerin Fragen“, aber was genau es damit auf sich hatte, wusste ich eigentlich nicht – ich wusste nur, dass sie für diese Interrogazioni Noten bekamen. Da Francesca und Emanuele immer gute Noten hatten, hatte ich mich nie sehr in ihr schulisches Leben eingemischt; ich wollte keine „Curling-Mutter“ sein. Ich getraue mich nicht, eine Kollegin zu fragen, was eine Interrogazione ist, und rufe stattdessen meine Kinder an, um mich von ihnen erleuchten zu lassen. So sieht es dann praktisch aus: Nach ein paar Wochen Unterricht fragt der Lehrer den durchgenommenen Stoff ab. Entweder ruft er die Schüler überraschend auf, oder es wird abgemacht, wer wann drankommt (interrogazioni programmate) – bei dieser zweiten Variante riskiert der Lehrer allerdings, dass der betreffende Schüler an diesem Tag fehlt. Dann kommen ein, zwei oder drei Schüler nach vorn zum Lehrerpult; sie dürfen den Text oder das Lehrbuch mit den unterstrichenen Stellen vor sich haben. Die Schüler erzählen, was sie gelernt haben, und werden dabei ab und zu vom Lehrer unterbrochen, wenn sie etwas nach dessen Meinung Wichtiges vergessen haben. Der Rest der Klasse sollte eigentlich zuhören, aber meistens sitzen die anderen einfach herum, starren aufs Handy (seit 2025 ist dessen Benutzung in der Schule offiziell zwar verboten) oder lernen für die eine Interrogazione in einem anderen Fach.

Jeder Lehrer muss zu Beginn des Schuljahres sein Jahresprogramm aufstellen und am Ende eine Zusammenfassung über die Klasse und den tatsächlich behandelten Stoff verfassen. „Wie muss die Relazione finale aussehen?“, frage ich eine Kollegin zaghaft. Ich bekomme zu hören: „Mach es einfach so, wie du es immer gemacht hast!“ Die Kollegin, mit der ich mir die Klassen teile, ist jedoch hilfsbereiter und gibt mir ihre Abschlussberichte vom letzten Jahr, damit ich meine nach demselben Muster aufbauen kann.

Ein weiterer Stolperstein ist der Literaturunterricht. Im dritten Gymnasialjahr wird im Sprachunterricht Literatur behandelt, und zwar ist es nicht üblich, ganze Werke zu lesen, sondern Anthologien mit Beschreibungen des literarischen und historischen Hintergrunds sowie Übungen. Erstaunlicherweise gibt es in Italien nur ein einziges Literaturbuch, das eigens für italienische Gymnasialschüler geschrieben worden ist – allerdings auf Niveau B1, was in der dritten Klasse für die meisten Schüler zu schwierig ist. Deshalb basteln sich viele Russischlehrer einen eigenen Literaturkurs zusammen, wie mir auch die WhatsApp-Gruppe bestätigt, die aus praktisch allen Russischlehrern Italiens besteht (im Moment 138 Mitglieder) – Gott sei Dank bin ich in dieser Gruppe dabei. In der Provinz Salerno wird nämlich nur am Gymnasium in Cava de' Tirreni Russisch unterrichtet, und dabei hätte ich doch so gerne Kolleginnen und Kollegen in meinem Fach gehabt, mit denen ich mich persönlich hätte austauschen können. Mit den Jahren habe ich mir so einen vielfältigen Literaturkurs aus adaptierten Texten und Videos zusammengeschmiedet, der den Schülern einen aufschlussreichen Einblick in die russische Literatur und Geschichte gibt. Immer wieder integriere ich mein Programm mit attraktivem Material, auch dank den neuen Technologien. 

Mit den Schülern habe ich meistens ein gutes Verhältnis. Da Russisch ein Wahlfach ist, sind die meisten interessiert und relativ fleissig. Generell neigt die Schule dazu, den Schülern entgegenzukommen, und an der Notenkonferenz werden Noten oft aufgerundet. Eine Schule möchte eine möglichst tiefe Durchfallquote und möglichst viele exzellente Maturnoten aufweisen, weil sie dann gut dasteht und sich möglichst viele Schüler einschreiben. Die Schule ist zu einem Betrieb geworden. Zu Beginn des Schuljahres machen wir Werbung dafür: Gratis-Schnupperkurse, Tage der offenen Tür, Zeitungsartikel über die vielen Preise, die unsere Schüler an den unzähligen Wettbewerben gewonnen haben. In manchen Jahren gehen wir Lehrer morgens und nachmittags an die verschiedenen Sekundarschulen, um kleine Einführungskurse in unser Fach zu halten.

Jetzt kann ich sagen: „Ich bin Gymnasiallehrerin.“





Leben in einem neuen Land: Sprache
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8.2.  Arbeiten und Ausland – Italien.

Leben in einem neuen Land: Sprache
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Ich sitze im Zugabteil, neben mir die Babyschale mit meiner zwei Monate alten Tochter. Meine Eltern stehen auf dem Bahnsteig und winken. Dann gehen sie weg.

Ich hatte immer geglaubt, ich sei weltoffen. Ich bin schliesslich zweisprachig und mit zwei Kulturen aufgewachsen, habe Fremdsprachen studiert, ein Jahr in Exeter und fünf Monate in Sankt Petersburg verbracht. Ich bin aufgeschlossen.

Zweimal ist es mir seither morgens passiert, dass ich aufwache und nicht mehr weiss, wer ich bin. Das ist beängstigend – tausendmal schlimmer, als aufzuwachen und nicht zu wissen, wo man ist. Ich befinde mich nämlich nicht nur in einem Land, dessen Sprache ich nur mittelmässig beherrsche, sondern gleichzeitig auch in zwei neuen Rollen: als Ehefrau und als Mutter. Zwar heisse ich immer noch Anita Sigrist, doch das ist nur noch ein Übername. Für alle Italiener, die ich kennenlerne, bin ich „la moglie di Nello", „la mamma di Francesca", „la mamma di Emanuele", „la mamma di Leonardo". Auch mein Unidiplom ist verschwunden: Da die Schweiz nicht zur Europäischen Union gehört, muss ich es erst anerkennen lassen.

Ich bin ausgelöscht worden.

Ich hatte keinen Führerausweis. Nun aber war Autofahren unumgänglich, denn die öffentlichen Verkehrsmittel in Pisciotta erlaubten es nicht, dorthin zu gelangen, wo ich hinmusste. Beim Büffeln der Theorie für die schriftliche Prüfung lernte ich viel Italienisch. Für die Anerkennung meines Unidiploms musste ich, wie alle italienischen Sprachstudenten, eine Prüfung in italienischer Literatur bestehen und zusätzlich ein Zertifikat erwerben – damals das Celi 5 der Universität Perugia –, das Sprachkompetenz auf höchstem Niveau bescheinigte. Wenn ich wegen administrativer Fragen an die Universität musste, nahm ich meinen kleinen Sohn Emanuele im Bus mit, der regelmässig erbrach, weil es im Bus so heiss war und die Strecke so kurvenreich. Zeit zum Lernen fand ich nur, wenn Emanuele seinen Nachmittagsschlaf hielt und Francesca sich brav mit den Kindergartenbüchern beschäftigte, die ich ihr vorsorglich gekauft hatte. War Emanuele wach und ich versuchte zu lesen, dauerte es keine zwei Minuten, bis er sich an meine Beine hängte und weinte. Kochte ich hingegen, konnte er eine halbe Stunde lang allein daneben spielen. Woher dieser Unterschied?

Immerhin lernte ich auf diese Weise ausgezeichnet Italienisch – und natürlich auch im Gespräch mit meinem Mann. Der aber war oft nicht zu Hause: morgens arbeitete er in einem Zentrum für hyperbare Sauerstofftherapie, nachmittags fuhr er an die Universität Neapel, um sich in Anästhesie zu spezialisieren. Beim Dialekt von Pisciotta zog ich allerdings eine Grenze – den wollte ich mir nicht auch noch aneignen. In der Familie meines Mannes wurde jedoch nur Dialekt gesprochen. Ich konnte den Gesprächen kaum folgen, und besonders unangenehm war es, wenn über etwas gelacht wurde, das ich natürlich nicht verstanden hatte. Vergeblich hatte ich darum gebeten, meinetwegen Hochitalienisch zu sprechen. Das Einzige, was mich bei solchen Gelegenheiten tröstete, war die Küche meiner Schwiegermutter: Ass man ihre Mahlzeiten, vergass man alles um sich herum.

Mit meinen Kindern spreche ich Schweizerdeutsch. Mein Mann schlägt vor, ich solle Hochdeutsch mit ihnen sprechen, weil ihnen das nützlicher sein könnte. Das kommt für mich jedoch nicht infrage. Ich muss in meiner Muttersprache mit ihnen sprechen, weil es lebenswichtig ist – es ist die Sprache, die meinen Gefühlen für die Kinder entspricht, die einzig wahre Sprache für uns. Ist mein Mann zu Hause, wechseln wir ins Italienische. So bin ich schliesslich selbst aufgewachsen: Dänisch mit meiner Mutter und ihrer Familie. Die Kinder schaffen das.

Ich führe ein Tagebuch über die Fortschritte meiner Kinder. Es zeigt auch die Zweisprachigkeit eindrücklich. Es gab viele lustige Momente – einige davon möchte ich hier wiedergeben:

  • Wir schauen Heidi im Fernsehen. Ich erkläre: „Lug, d'Klara isch truurig." Francesca wiederholt: „Truurig." Nello wiederholt auch: „Truurig." Francesca wendet sich an ihn: „Tu no!"
  • Sie spricht in kurzen Sätzen wie "Io voglio ässe", "Dov'è Bäbi?", „Non mi piace questo.", "Voglio Wasser schpile," "Mami, libro zelle?", "Böle da obe?", „Büsi chlättere?", "Bäbi Tätsch gäh?", "Papi warte", "Mami, Chleidli chnöpfle", "Io sono suuber", "Dov'è piedi? Non c'è.", "Voglio Gurke hebe. Voglio Gurke näh."  – “C'è Loch une." – "Chile offe!" (sie geht gern in die Kirche) – "Nöd gern Zäh putze." – "Tuet nüme weh. Io Wasser druf." – „Io non riesce. Io sono piccola. Papà, aiuti?" – "Papà giusta nino (aggiusta il telefonino) perché è rotto." – "Io dato."
  • Käse und Salami für das Nachtessen sind schon auf dem Tisch. Francesca sagt: „Voglio das!" und zeigt auf den Käse. Ich verbiete es: „Nei, muesch warte bis es z'Nacht git!" F: „Non voglio z'Nacht! Voglio Chäs!"
  • Ich erkläre F, dass es „Öpfelbütschgi" heißt. Sie wiederholt: „Bütschig", ich: „Nei, Bütschgi!", sie „Bütschig!", und so noch drei Mal. Zuletzt meint sie: „Ich italienisch rede."
  • Francesca: „Voglio Stuel!" Ich: „'Voglio' isch italienisch. Du muesch säge: Ich wett de Stuel! Säg emal: ,Ich wett de Stuel!‘" Francesca: „Voglio sediolina."
  • Francesca braucht manchmal im Deutschen die italienische Satzstellung, z.B.: „Voglio Schoggi heiss."
  • "Nonno hät mich garrabiaret!" (arrabbiare=verärgern)
  • "Ich wett echli Chäs. Aber ohni Geiss!" (kein Geisskäse)
  • "Dän chani uusscegliere!" (auswählen) – "Ich wett Olive grüen!"
  • Ich sage zu Francesca: "Emanuele isch müed." Francesca bestätigt: "Ja! Dä isch pelzmüed!" (von Faulpelz)
  • Francesca ist auf dem Spielplatz und spielt mit einem Mädchen aus Pisciotta. Sie braucht noch manchmal deutsch Wörter, wenn sie italienisch spricht, und umgekehrt. Sie sagt: "Io non wono qui." (Ich wohne nicht hier). Darauf das Mädchen: "E dove woni?" (sie spricht kein deutsch) 
  • Wenn man Francesca fragt: „Sag etwas auf Deutsch!", dann kann sie nicht antworten. Sie ist sich zwar bewusst, dass sie zweisprachig ist, weil sie sagt: „Ich rede tüütsch und italienisch!", aber sie kann die Sprachen nicht richtig einordnen. Manchmal macht sie sogar Fehler wie: „Was heisst „bottiglia" uf italienisch?"
  • Francesca schaut zu, wie ihre italienische Grossmutter den Boden fegt. Sie kommentiert: "Nonna putze!" Die Grossmutter ist entsetzt. "Ma come, dici che puzzo?" (Was sagst du da, du meinst, ich stinke? - "puzzare" heisst auf italienisch "stinken")
  • Normalerweise schauen wir Teletubbies auf Deutsch, heute ausnahmsweise auf Italienisch. Sobald der erste Teletubby zu sprechen beginnt, ist E ganz erstaunt und fragt mich: „Was seit?" Ich erkläre, dass es auf Italienisch ist. Während der nächsten Viertelstunde wiederholt E immer wieder ganz nachdenklich: „italienisch…italienisch…italienisch…" 
  • Nachdem ich beim Coiffeur gewesen bin, fragt Emanuele: „Mami, schöni Pelli  gmacht?" (capelli = Haare)
  • Emanuele braucht das Wort „cazzo". Seine Schwester schimpft ihn aus: „Muesch nöd so wüeschti Wörter säge, du blöds Arschloch!"
  • Emanuele: „Nöd faccio!" (Non ce la faccio).
  • Francesca: „Ich han en Limonesummerschmätterling gseh!" (aus: Zitronenfalter, Summervogel, Schmetterling)
  • Im „Globi" kommt eine Isolde Schwertfeger vor. Francesca meint: „Die hät sicher vil Gält." Ich will wissen: „Wieso?" - Francesca: „Wil sie Isolde heisst." – „Was hät de Name mit rich sii z‘tue?" – „Wegen ,soldi'!" (soldi = Geld)
  • Wenn ich italienisch rede, wird Emanuele wütend und wirft mit vor: „Mami, muesch nöd so rede! So känn ich dich nöd!" 
  • Emanuele ist eine halbe Stunde lang im Wohnzimmer allein. Dann kommt er zu uns hereingesprungen. Er ist von Kopf bis Fuss mit Filzstift bemalt. Er hatte sich für die „Pipueid" (Street Parade) verkleidet.
  • Grosspapi schneidet das Gebüsch mit der Schere. Er fragte Emanuele: „Hilfsch mer au?" Emanuele sagt eifrig zu und schneidet und schneidet Äste ab, sicher 1 Stunde lang. Ab und zu rufen wir ihn: „Komm, sitz mit uns! Komm, iss eine Frucht!" Er lehnt immer ab: „Nei! Ich mues lavorare!" Als es dunkelt, hält er inne, wendet sich kläglich an Grosspapi und fragt: „Grosspapi, mues ich no lang lavorare?"
  • Emanuele: „Muesch das chaufe und gnue!" (Compralo e basta!)
  • Emanuele erklärt: „Im Chindergarte säg ich em Nashorn: Nasicorno!"
Wohnen
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8.2.  Arbeiten und Ausland – Italien.

Wohnen
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Die ersten drei Jahre wohnten wir in Salerno. Der Zufall wollte es, dass meine Schwägerin kurz zuvor eine neue Wohnung gekauft hatte und uns ihre bisherige überliess – beziehungsweise die Wohnung meines Schwiegervaters, in der sie 25 Jahre lang mit ihrer Familie gelebt hatte. Es war also eine Wohnung, die seit Jahren nicht renoviert worden war, mit Küchenmöbeln, die kurz vor dem Auseinanderfallen standen. Sie lag zwar relativ zentral, aber im ersten Stock über zwei stark befahrenen Kreuzungen. Fuhr ein Bus vorbei, zitterte die ganze Wohnung. Der Verkehrslärm war ohrenbetäubend. Nur zwischen etwa drei und sechs Uhr morgens war es ruhig – das weiss ich genau, weil ich wegen des Stillens oft um diese Zeit wach war. Der Balkon war schwarz vor Russ vom Verkehr. Da wir keine Miete zahlen mussten, hatten wir dankbar zu sein. Manchmal krochen drei bis fünf Zentimeter grosse Kakerlaken über den Boden. Krabbelte Francesca auf dem Boden, packte mich die Panik, sie könnte eine erwischen und womöglich sogar verspeisen. In vielen italienischen Städten sind Kakerlaken tatsächlich ein Problem.

Mein Mann verdiente nicht viel im Zentrum für hyperbare Therapie, wo er angestellt war. Meine Eltern waren bei ihrem Steuerberater gewesen, der ihnen mitgeteilt hatte, sie könnten mir bis zu 400'000 Franken als Erbvorbezug zukommen lassen, damit ich mir in Salerno eine Wohnung kaufen konnte. Das klingt natürlich grossartig, war in Wahrheit aber keine so einfache Lösung. Salerno besteht grösstenteils aus hässlichen, viereckigen Wohnblöcken, dicht aneinandergebaut und von Strassen durchzogen, auf denen ständig Verkehr herrscht. Und nun sollte ich meine ganze Erbschaft in eine Wohnung investieren, die sich für mich wie ein Gefängnis anfühlen würde. Meine Einstellung war ein Fehler. Wenn man in Lappland leben muss, sollte man sich glücklich schätzen, ein komfortables Iglu zu haben; lebt man in Sibirien, sollte man froh sein über eine geräumige Jurte – und nicht einer Wohnung in Paris an der Seine nachtrauern. Man muss sich anpassen. Doch das gelang mir nicht, und ich besichtigte wohl über hundert Wohnungen in Salerno, stets mit meiner kleinen Tochter im Schlepptau beziehungsweise in der Babytrage – keine Wohnung war je gut genug. Denn im Hinterkopf hatte ich die Wohnung, in der ich aufgewachsen war, und die gab es in Salerno für diese stattliche Summe eben nicht. Dabei waren die Wohnungspreise in jener Zeit so tief, dass der Kauf praktisch jeder Wohnung ein guter Deal gewesen wäre.

Nach drei Jahren schloss mein Mann seine Spezialisierung ab und wurde am Spital in Vallo della Lucania angestellt. Eigentlich hätte ich Süditalien gerne verlassen, denn es war mir zu heiss und zu chaotisch – doch da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Nello hatte zwar angedeutet, er könne als Anästhesist überall in Italien arbeiten, mir aber nicht klargemacht, dass Süditaliener vor allem dort bleiben wollen, wo ihre Ursprungsfamilie lebt. Und das sollte von Jahr zu Jahr ausgeprägter werden, zumal mein Mann bald in der Lokalpolitik von Pisciotta mitzumischen begann und sich langsam von einem international ausgerichteten Studenten in einen bodenständigen, seiner Heimat treu ergebenen Dorfbewohner verwandelte.

Das bedeutete, dass wir nach Pisciotta übersiedelten, wo mein Schwiegervater praktischerweise ebenfalls eine Wohnung besass, in der wir unterkommen konnten. Auch diese war renovierungsbedürftig. Was also waren die Nachteile? Es waren 90 Quadratmeter, verteilt auf drei Stockwerke. Zwei Fusswege führten hinauf – der eine über 72 breite Stufen, der andere über 101 schmale. Mit Kinderwagen und Einkäufen ist das ziemlich anstrengend. Zudem kann man in dieser Zone nicht mehr als 3kWh Strom in einer Wohnung haben, das heisst, ich konnte nicht gleichzeitig zwei Haushaltsgeräte eingeschaltet haben. Deshalb fiel die Sicherung oft raus, weil ich dieses Detail im Eifer des Gefechts meistens vergass, und den Geschirrspüler und die Waschmaschine oder Föhn, Bügeleisen oder Ofen gleichzeitig eingeschaltet hatte. Dann musste ich die Treppen auf und ab rennen, um Verschiedenes ein- und auszuschalten.
Ich muss aber sagen: Die Aussicht im dritten Stock ist atemberaubend. Man sieht das Dorf von oben und das Meer im Hintergrund. Eigentlich sollte diese Wohnung nur eine Übergangslösung sein. Aber man rate: Wir wohnen noch heute dort – ich zumindest im Sommer. Es gibt eben nichts Beständigeres als das Provisorium.

Während der Renovation gelang es uns, die Nachbarwohnung zu kaufen und beide zu vereinen. Nun hatten wir 150 Quadratmeter auf drei Etagen – eine ganz stattliche Wohnung mit Terrasse (leider nicht meerseitig). Meine Tochter stürzte einmal die Treppe hinunter und brach sich das Handgelenk. Ich selbst rutschte einmal aus und war zwei Tage lang wie gelähmt.

Zudem besass mein Schwiegervater unweit von uns ein kleines Landhaus mit Oliven- und Zitronenbäumen. Stieg man die Treppen nochmals gut 100 Stufen weiter hinauf und legte dann noch ein paar hundert Meter zu, erreichte man dieses Landhaus. Einmal, auf dem Rückweg vom Landhaus zu unserer Wohnung, war ich besonders schlecht gelaunt und blickte neidisch-grummelnd auf jedes Haus, an dem ich vorbeikam. „Schau, das Haus von Ivan – so viele Terrassen, Meerblick, Palmen. Schau das Haus des Richters – ein Pool, unzählige Olivenbäume, ein grandioser Garten. Schau das Haus links – zweistöckig, mit Obstgarten, Parkplatz, Meerblick. Und dieses hier, mit der riesigen Terrasse. Und dieses, gross, mit Balkon und Meerblick …" – da wurde mir plötzlich klar: Das war unser eigenes Haus.

Aussicht vom dritten Stock

Als ich Jahre später die Stelle in Cava dei Tirreni antreten konnte, gelang es uns, innerhalb von drei Monaten eine Wohnung in Salerno zu kaufen, in der ich heute noch glücklich lebe. Wie war das möglich? Sie kostete weniger, als mir vor dreissig Jahren zur Verfügung gestanden hatte. Ein wenig Glück war dabei, denn sie liegt in einem Stadtteil, der mir schon immer gefallen hat. Sie ist zentral, und der Verkehr ist erstaunlich gering. Allerdings hat die Wohnung weder Terrasse noch Garten, nur einen halben Quadratmeter Balkon. Mein Traum war es schon immer, in der Natur zu leben. Luxuriöse Einrichtung bedeutet mir nichts – ein echter, grosser Garten, vielleicht mit Hühnern und einem weiteren Tier, das wäre mein Traum.

Ich kann nicht einmal genau sagen, was sich eigentlich verändert hat. Ich bin selbst erstaunte Zeugin einiger unerklärlicher Wandlungen in meinem Leben: Einst hasste ich das Skifahren – Jahre später machte es mir plötzlich Freude. Einst hasste ich die Stadt Salerno – zwanzig Jahre später fühle ich mich dort wohl. In der Pubertät fühlte ich mich in Zürich unwohl; als Auslandschweizerin zerging ich später vor Heimweh nach dieser Stadt; heute ist sie für mich wunderbar, erholsam und frei von jeglicher Reue.

Mentalität
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8.2.  Arbeiten und Ausland – Italien.

Mentalität
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Es gibt ein italienisches Sprichwort: „Tutto il mondo è paese.“ Es drückt die Überzeugung aus, dass die Menschen im Grunde überall gleich sind. Als Schweizerin machte ich jedoch immer wieder die Erfahrung, dass dieselben Situationen in Italien ganz anders interpretiert wurden als in meiner Heimat. Oft dauerte es Jahre, bis ich verstand, welche unausgesprochenen Regeln dahinterstanden.

In Süditalien war es damals immer noch üblich, dass das erste Kind nach den Grosseltern väterlicherseits benannt wird. (Es gab eine Möglichkeit, sich diesem ungeschriebenen Gesetz zu entziehen, ohne die Schwiegereltern vor den Kopf zu stossen: Man konnte dem Kind den Namen des Dorfheiligen geben).
Für mich kam es aus Prinzip nicht infrage, mich in einer so persönlichen Entscheidung einer Tradition zu unterwerfen. Zudem gefiel mir der Name meiner Schwiegermutter nicht. Es gab gewisse Spannungen zwischen ihr und meinem Mann, deshalb wollte er unserer Tochter nicht den Namen seiner Mutter geben. Wir einigten uns auf einen Kompromiss: Sie sollte Francesca heissen, die weibliche Form des Namens, den mein Schwiegervater trug. Da dieser Name mir tatsächlich gefiel, dachte ich: „Warum auch nicht?“
Unser zweites Kind war ein Sohn. Nun konnten wir ihn natürlich nicht gut auch Francesco taufen, wie es die Tradition gewollt hätte. Mein Mann schlug auch vor, wir könnten ihn doch Walter nennen, denn so hiess der zweite Vorname meines Vaters. „Walter?“, zögerte ich, „ist es nicht merkwürdig für ein Kind in Italien, Walter zu heissen?“ – „Nein, überhaupt nicht, das ist ein beliebter Name. Es gibt einen berühmten Fussballspieler und Trainer, der Walter heisst. Dein Vater wird froh sein!“ – „Nein, es ist meinem Vater egal“, widersprach ich, „diese Tradition gibt es bei uns nicht.“ – „Das kann sein“, erwiderte mein Mann, „aber er wird sich dennoch geschmeichelt fühlen.“ – „Das glaube ich nicht“, stellte ich richtig. „Du wirst es ja sehen“, schloss mein Mann unbeirrt. Er war stolz, dass er mit dieser Namensgebung seinem Schwiegervater eine Ehre erwiesen hatte. „Was, euer Sohn hat als zweiten Namen Walter?“, schüttelte mein Vater den Kopf. „Wenigstens ist sein Hauptvorname schön italienisch: Emanuele.“
Meine Schwiegermutter schenkte ihren Enkelkindern zum Geburtstag jeweils einen 50-Euro-Postschatzschein. Als sie mir den für Francesca übergab, meinte sie trocken: "Wenn dein Kind Jolanda heissen würde, wäre es ein 100-Euro-Schein!"

Ich stehe beim Metzger an. Es sind noch ein paar andere Kundinnen im Geschäft. Da kommt ein junger Bursche aus der Bar gegenüber und bringt dem Metzger einen Kaffee, den dieser sich bestellt hat. „Grazie mille!“, sagt er, entfernt das Aluminium, das die kleine Espressotasse bedeckt hat, blickt sich im Kreis herum, hält die Tasse hoch und fragt: „Möchte jemand?“ Ich traue meinen Augen nicht. Dieser Mann erwartet, dass jemand aus seiner Kaffeetasse trinkt? Wie bei Goldilöckchen und den drei Bären? Keiner der Kunden nimmt das Angebot an. Später bin ich Zeugin vieler ähnlicher Situationen. Zum Beispiel im Zug: Wenn jemand etwas zu essen hervorholt, bietet er den wildfremden Leuten im Abteil etwas davon an – und erwartet, dass keiner zugreift. Oder: Mein Mann und ich haben beschlossen, am Abend auszugehen. Mit wem auch immer mein Mann unterwegs ein Wort wechselt, wird eingeladen, mit uns mitzukommen. Es ist eine soziale Konvention. Ganz so einfach ist es aber nicht, denn es gibt natürlich Situationen, in denen eine Einladung echt gemeint ist, ja in denen es sogar unhöflich ist, abzulehnen. Bis heute weiss ich nicht immer, wann eine Einladung nur Höflichkeit ist und wann sie wirklich gilt.

Das Schulgebäude ist zwei Gehminuten von der Piazza entfernt. Als es renoviert werden muss, werden die Klassen in ein anderes Gebäude verlegt, das den Schulweg auf zehn Minuten verlängert. Ich finde es gut, dass meine Kinder länger gehen und Bewegung bekommen. Fast alle Eltern jedoch beginnen, ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen. Sie meinen, dass die Kinder vom Gehen schwitzen und krank werden könnten, oder dass ein Teil ihrer Kleidung bei Regen nass oder feucht werden und sie dadurch krank werden könnten. Einmal, als ich mit meinen Kindern auf dem Heimweg bin, hält eine Frau, die ich flüchtig kenne, neben mir ihr Auto an und bietet mir an, mich mit meinen Kindern mitzunehmen. „Nein danke“, erwidere ich leichthin, „wir gehen lieber, es tut gut!“ Das Gesicht der Frau wechselt augenblicklich von freundlich zu beleidigt, und ich merke, dass etwas falsch gelaufen ist. Sie interpretiert meine Absage als persönliche Beleidigung.

Das Dorf Pisciotta, wo wir wohnen, liegt auf einem Hügel. Eine lange, kurvige Strasse führt zum Strand hinunter. Es gibt auch einen steilen Fussweg, den aber nur Touristen benutzen. Kein Pisciottaner, der bei klarem Verstand ist, würde sich zu Fuss nach Marina di Pisciotta begeben. Ich aber schon. Als ich mich auf den Weg mache, fährt ein Auto mit einem guten Bekannten an mir vorbei. Eigentlich finde ich nichts dabei. Nach italienischer Sitte hätte er jedoch anhalten und fragen sollen, ob er mich mitnehmen könne. Deshalb frage ich mich: Soll ich jetzt beleidigt sein wegen eines Ereignisses, das mich eigentlich gar nicht beleidigt?

Ich komme mit meinem erwachsenen Sohn am Bahnhof von Pisciotta an und warte auf meinen Mann, der mich abholen kommen sollte. Zufällig ist einer der Freunde meines Mannes mit seiner Frau am Bahnhof, und sie fragen, ob sie uns mitnehmen können. „Ich ruf mal meinen Mann an“, sage ich, „vielleicht ist er ja schon auf dem Weg.“ Tatsächlich wird er bald mit dem Auto am Bahnhof ankommen. Ich erwarte, dass Claudia und Fabio weiterfahren, aber sie bleiben neben mir und meinem Sohn im Auto sitzen und unterhalten sich mit uns. Mir ist unbehaglich, und ich denke: „Warum fahrt ihr nicht los? Wird etwas von mir erwartet? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Erst als das Auto meines Mannes auftaucht und sie sich verabschieden, verstehe ich: In Italien lässt man niemanden allein zurück.

Multitasking gibt es in Italien wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten – nämlich wenn es darum geht, sich zu unterhalten. Italiener können sprechen und gleichzeitig mindestens zwei anderen Personen zuhören. Das ist wirklich unglaublich. In einer Gruppe sprechen mindestens zwei Leute gleichzeitig. Für mich ist es praktisch unmöglich, ein Wort einzuwerfen. Manchmal beginne ich einfach zu sprechen, obwohl andere gerade das Wort haben. Meistens bleiben meine Äusserungen in der Luft hängen. Manchmal aber geht plötzlich jemand darauf ein. Ich erschrecke förmlich.

Die Schulaufführung ist auf sechs Uhr angesetzt. Mittlerweile weiss ich, dass in Italien kaum eine Veranstaltung oder Einladung pünktlich beginnt. Ich überlege: „Wann werden die Leute kommen? Um halb sieben? Oder sogar erst um sieben? Nein, eine Stunde später ist doch ein bisschen viel. Also etwa Viertel vor sieben? Machen wir zwanzig vor sieben …“ Und genau um zwanzig vor sieben stehe ich im Schulhaus. Ich bin pünktlich zu spät gekommen.

Wir renovieren unser Haus. Der Maurer wird pro Arbeitsstunde bezahlt. Mein Mann sagt mir: „Schreib immer genau auf, wann er kommt und wann er geht. Es geht schliesslich um Geld.“ Also führe ich eine akkurate Liste über die Arbeitszeit des Maurers. Als er nach getaner Arbeit seine Rechnung präsentiert, vergleiche ich seine Stundenzahl mit meiner. Tatsächlich hat er einige Stunden mehr aufgeschrieben. Mir graut davor, dass ich jetzt mit ihm über die genaue Stundenzahl und die Bezahlung streiten müsse. Als ich ihn jedoch auf die Diskrepanz aufmerksam mache, zuckt er nur mit den Schultern. „Ich habe mich wohl verzählt.“

Kinder werden wie Prinzen und Prinzessinnen verehrt und bedient. Die Italiener sorgen sich um sie. Die Mütter rufen: "Renne nicht, sonst schwitzt du und wirst krank!" Bei uns fordert man sie auf: "Renne los, beweg dich!" Während mein Vater zu hause zuerst so viel Birchermüesli schöpfen konnte, wie er wollte, weil er die Arbeitskraft war, bekommen hier die Kinder den Leckerbissen. Sie werden überallhin begleitet und umsorgt, ja quasi zur Abhängigkeit von Eltern und Familie erzogen. Man will nicht nur ihr Bestes, sondern auch, dass sie ein Leben lang in der Nähe bleiben und sich eines Tages um die alten Eltern kümmern. Meine Schwiegermutter hat mir das vorgezeigt in der Episode mit dem Besen, die ich zuvor geschildert habe. Sie hat nämlich meiner zweijährigen Tochter erklärt: "Siehst du, wie ich den Boden wische, damit du auf einem sauberen Boden spielen kannst? Wenn du einmal gross bist, wirst du für mich den Boden wischen, wenn ich nicht mehr kann." 

Wenn Leute, die einander kennen, sich an der Bar zusammenfinden, wird immer einer von ihnen die Bestellung der ganzen Gruppe bezahlen. Es gibt extra einen Ausdruck dafür, wenn jeder für sich selber zahlen sollte: "alla romana". Diese Art wird aber nicht gern gesehen. Manchmal kommt es vor, dass du in deinem Dorf an die Bar gehst, etwas trinkst und bezahlen willst, der Barman aber abwinkt: "Der Herr am anderen Tisch hat schon bezahlt!" Es ist jemand, der dir vielleicht einen Gefallen schuldet. Andererseits gibt es auch Momente, in denen gerechnet wird: Wenn du zum Beispiel an eine Hochzeit eingeladen bist, wird es erwartet, dass du dem Paar ein Geschenk oder eine Geldsumme zukommen lässt, die den Preis der Mahlzeit sowohl einer Hochzeitsgabe deckt.

In den ersten Jahren in Salerno wohnten wir ziemlich nahe bei meiner Schwägerin. Ab und zu ging ich mit meiner kleinen Tochter bei ihr vorbei, sie selbst kamen allerdings kaum je zu uns. Einmal bekam ich am Abend furchtbare Magenkrämpfe und war so schlecht beieinander, dass ich vielleicht ins Spital gebracht werden musste. Meine Schwägerin und ihr Mann kamen daraufhin zu uns nach Hause. Für mich war das zunächst eher befremdlich und, ehrlich gesagt, ziemlich sinnlos: Was sollte es mir nützen, wenn jemand neben mir stand und mir beim Leiden zusah? Gleichzeitig verstand ich, dass genau darin ihre Anteilnahme lag. Indem sie kamen und meinen Mann und mich in dieser Situation nicht allein liessen, zeigten sie uns, dass sie sich um uns sorgten. Jemandem bei einer Krankheit Interesse und Beistand zu zeigen, hat in Italien einen hohen Stellenwert. 

Wie ich meinen Mann kennengerlernt habe und eine kleine Ansicht unserer Ehe
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9.  Eheleben

Wie ich meinen Mann kennengerlernt habe und eine kleine Ansicht unserer Ehe
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Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: „Ja, das wäre vielleicht etwas.“

Ich hatte bereits zwei Jahre an der Uni Bern Englisch und Russisch studiert und alle Proseminararbeiten geschrieben. Damals dauerte der erste Teil des Studiums zwei Jahre. Ich hatte keine Pläne für den Sommer 1988. Meine beste Freundin, die ich an der Uni kennengelernt hatte, wanderte nach Amerika aus, und so war ich allein. Unternehmungslustig und leichtsinnig wie ich war, entschied ich, einen Sprachkurs im Ursprungsland zu besuchen, aber nicht etwa in England, Amerika oder Russland, deren Sprache ich ja studierte, sondern einen Italienischkurs in Italien - vielleicht gab es ja Sprachkurse am Meer? Ich wollte unbedingt ans warme Mittelmeer. Ich schrieb der italienischen Botschaft in Zürich, ob es Sprachkurse am Meer in Italien gebe, worauf sie mir zwei Prospekte schickten: Einen von Orbetello und einen von Pisciotta. Wieso ich Pisciotta wählte? Nach dem Motto: Wenn schon, denn schon. Wenn schon Italien, dann gleich Süditalien. Um das Geld dafür zu verdienen, arbeitete ich zwei Wochen lang als Blumenverkäuferin im COOP an der Bahnhofstrasse. Mein Schwager, der dort als Filialchef in der Abteilung für Milchprodukte arbeitete, hatte mir zu diesem Ferienjob verholfen. Die Unterkunft für einen Monat kostete 400 000 Lire, der Sprachkurs auch so viel. So konnte ich meinen Urlaub selbst bezahlen. Ich dachte, mit einem Sprachkurs fing ich drei Fliegen auf einen Streich: Ich lernte etwas, und machte Bekanntschaft mit anderen Leuten und hielt mich an einem schönen Ort auf.

Lernende in einer Gruppe schliessen immer schnell Freundschaft, sowohl untereinander als auch mit anderen. So traf ich meinen Mann, der sich zu uns gesellte, als wir auf der Piazza etwas tranken. Nachdem ich beschlossen hatte, dass der junge Mann mir ganz gut gefiel, suchte ich einen Vorwand, um ihn wieder zu treffen. Er besass eine Gitarre, und ich fragte ihn, ob er sie mir ausleihen könne, da ich gerne Gitarre spielte und Lieder sang. So verabredeten wir uns für den nächsten Nachmittag. Eine Woche meines Urlaubs war bereits vergangen. In den verbleibenden drei Wochen – und einer zusätzlichen Woche, die ich noch anhängte – erlebten wir eine Liebesgeschichte. Meine erste. Ich war in einem Doppelzimmer zusammen mit einer Deutschen, die ebenfalls einen Pisciottaner kennen lernte, Fischer von Beruf, ihn nach einem Jahr heiratete, nach Pisciotta zog, aber sich dann nach einigen Jahren scheiden liess. Ihre drei Kinder zogen zu ihr.

Bei uns war es komplizierter, weil wir ja unser Studium zuerst abschliessen mussten, bevor wir in Betracht ziehen konnten, in das Heimatland des anderen zu ziehen. Jetzt denke ich, es wäre am besten für unsere Beziehung gewesen, wenn wir uns an einem Ort niedergelassen hätten, der weder der Heimatort von einem, noch des anderen war. Denn so hätten wir gemeinsame Probleme gehabt. Da ich aber zu meinem Mann zog, war ich mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, die mit dem Leben in einem anderen Land verbunden waren, die mein Mann aber nicht nachfühlen konnte, da er diese Erfahrung nie gemacht hatte. Uns fehlte das Gefühl, Verbündete zu sein. Dazu kam, dass ich ihn ungerechterweise innerlich beschuldigte, wenn es mir wegen Italien nicht gut ging. Konnte ich den Sommer nach drei heissen regenfreien Monaten kaum noch aushalten, dann war es auch seine Schuld. Hatte ich grosses Heimweh wegen der Nahrungsmittel, die hier nicht gleich schmeckten wie in der Schweiz, zum Beispiel Butter, dann war es auch seine Schuld. Musste ich stundenlang mit meiner Babytochter vor der Quästur (in der bratenden Sonne!) mit anderen Nicht-Europäern für die Erneuerung der Auslandaufenthaltserlaubnis anstehen, dann war es seine Schuld. Dabei gilt doch das Prinzip der Mittäterschaft.

Mittlerweile ist es auch in der Schweiz so heiss.

Wir besitzen heute noch unzählige Briefe, die wir einander in den Jahren zwischen 1988 und 1997 geschrieben haben. Das ganze Bündel wiegt 3,6 kg! So viel wie ein Neugeborenes.

Unser erster Kuss ist am Strand.

„Ja, das wäre vielleicht etwas!“ Er erwidert meine Gefühle. Er schätzt die Eigenschaften in mir, die ich selber an mir schätze,  die aber bis jetzt das andere Geschlecht nicht zur Kenntnis genommen hat. Er ist überschwänglich und voller schöner Worte. Es beeindruckt mich, dass ihm kleine Kinder gefallen. Sein Gesicht leuchtet auf, wenn er ihr Lächeln sieht. Er ist intelligent und gesellschaftlich gewandt. Ich dagegen nur ersteres. Wir sind beide jung und idealistisch. Wir beschliessen, dass wir eines Tages zusammen sein und elf Kinder haben werden.

„Papà ti vuole tanto bene!” Er umarmt seine Kinder und liebkost sie. Nach einer kurzen Weile stellt er sie ab. Jetzt muss ich mich wieder um sie kümmern. Ich habe mir das anders vorgestellt. Ich war überzeugt, dass mein Mann sich viel Zeit nehmen würde, um sich mit seinen Kindern zu beschäftigen. Denn genau das hat mir selber gefehlt: Dass meine Eltern Zeit mit mir und meiner Schwester verbracht haben. Aber seine Begeisterung für Kinder ist zeitlich limitiert. Das ist Teil der italienischen Mentalität, die ich absorbieren muss: etwas scheint so, ist aber nicht so. Die Realität wird mit Kunst angereichert.

Nello ist sehr aktiv. Er ist voller Ideen, unternehmungslustig, spontan und chaotisch. Wenn er zur Tür hereinkommt, wirft er die Tasche in eine Ecke, das Handy in eine andere, setzt sich an den Tisch und zieht Schuhe und Socken aus, legt den Autoschlüssel irgendwohin wo er ihn nachher bestimmt nicht mehr findet. Neben dem Studium und der Arbeit macht er einen Master in Ästhetischer Medizin und Hospital Management, die er aber dann aber doch nicht braucht. Er arbeitet viel auf dem Landgut seines Vaters: Da muss Gras geschnitten werden, Oliven gesammelt, Gemüse angebaut werden. Mit ein paar Freunden kauft er Trauben und produziert Wein. Er kauft eine Mansarde, um sie zu renovieren und teurer zu verkaufen und zieht in Betracht, so etwas als Nebenjob zu machen. Die Renovation ist aber aufwändig und kostspielig. Er ist handwerklich begabt, ein wahrer Tausendsassa: Ob verstopftes Rohr, defekte Steckdose oder knifflige Reparaturen – er packt alles selbst an und bekommt es wieder hin. Aber wenn etwas gemacht wird, dann immer letzten Moment. Deshalb hat das Ganze einen Nebengeschmack von Stress. Er ist anstrengend.

Als meine Kinder in die Pubertät kommen, beginnt er mit Lokalpolitik. Das beinhaltet stundenlanges Lesen von Dokumenten, Vorbereiten von Reden, Diskutieren in der Piazza. Ich ärgere mich, denn mein Sohn ist in die Pubertät gekommen und hätte es nötig, zu erleben, dass sein Vater ihm Zeit widmet. Dann wird mir die Italianità zu viel. Wenn man einem bestimmten Stoff zu viel ausgesetzt wird, wird man allergisch. So scheint es mir manchmal mit Italien und allem Drum und Dran. Ich habe es nötig, mich abzugrenzen. Im Alltag kann ich mit meinen Kindern zu Hause schweizerdeutsch reden, Schweizer Traditionen aufrecht erhalten und das Ganze ausbalancieren. Ich beginne auch, Schuhe mit Plateausohlen zu kaufen. Abgesehen davon, dass es gut aussieht, schaffen sie einen Abstand zwischen mir und dem italienischen Boden. Einen Abstand, den ich brauche. Zehn Jahre später falle ich aufgrund dieser instabilen Sohlen hin und breche mir die Hüfte.

Während Nello in seiner Jugend ein brillanter und gutaussehender Arzt im italienischen Umfeld ist, der bereit war, mit mir wohin auch immer zu reisen, wird er immer mehr mit Pisciottanität durchtränkt. Er wird von seiner Vergangenheit eingeholt: Er ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und fühlt mehr und mehr, dass er seine Eltern und alle ärmeren Leute, die hier wohnen, rechtfertigen und ihnen auf politischer Ebene beistehen muss. An sich sympathisiere ich mit sozialer Gerechtigkeit, aber das politische Engagement meines Mannes bringt unerwartete Stolpersteine für mich. Wenn ich zum Beispiel aus dem Haus gehe, fühle ich mich unbehaglich. Die Hälfte der Leute im Dorf sympathisieren mit der Gruppe meines Mannes, die andere mit der anderen. Von vielen Leuten weiss ich nicht, ob ich erwarten muss, kühl behandelt zu werden oder nicht. Ich fühle mich ständig beobachtet und hinterrücks kritisiert.

In der ersten Zeit in Italien bekam ich eine Art juckender Ausschlag an der rechten Hand. Und wie es mit dem Jucken auf sich hat, ist der Reiz stärker als alles andere, ich kratze mich blutig. Oft wache ich in der Nacht auf, um mich wie verrückt  zu kratzen. Ein Uniprofessor von Napoli hat ein privates Studio in Salerno und diagnostiziert „Ekzem / Psoriasis“. Die private Visite kostet 150 Euro. Wenn man  auf dem üblichen Weg vorgeht, muss man sich zuerst vom Hausarzt untersuchen lassen, der einem dann die Spezialvisite verschreibt. Daraufhin muss man eine allgemeine Nummer anrufen, das CUP, durch die man eine Untersuchung eines Spezialisten im nächsten Spital reservieren kann. Die Wartezeit ist ein Monat, drei Monate, vielleicht sechs Monate. Für die Visite bezahlt man aber nur 30 Euro, das sogenannte Ticket.

Psoriasis, oje, denke ich. Das ist oft unheilbar. Mein Mann ist wütend weil Dr. Rossi keine genauere Diagnose gestellt hat. Er hat kein Vertrauen in die verschriebene Therapie. Ich muss eine Creme auftragen und darüber einen Stoffhandschuh tragen. Mir werden auch Tabletten verschrieben. Es sind Psychopharmaka. Aber nach ein paar Wochen bin ich geheilt.

Obwohl ich eigentlich gerne allein bin, geht es mir auf den Keks, dass mein Mann so oft ausgeht, um mit den Pisciottanern über Politik zu diskutieren.

„Esco.“ (ich gehe aus)

                                             „Esco.“

               „Esco.“                                                                             „Esco.“

                                                            „Esco.“                                                              „Esco.“

„Esco.“

Als ich dann meine Arbeit als Lehrerin in Salerno aufnehme und meinen Mann noch weniger als vorher sehe, fühle ich mich aber weniger einsam.

Planen ist nicht Nellos Sache.

Wir haben kurze Ferien vor. Francesca, Emanuele und ich fahren nach Vallo um Nello abzuholen. Ich hatte zu Hause Sandwiches vorbereitet. Nello begrüsst seine Kinder begeistert: „Wie geht es, seid ihr bereit? Wollen wir eine Pizzetta kaufen bevor wir abfahren?“ Die Kinder sind mit dabei, ich aber erhebe ergebnislos einen Einwand. Niemand isst meine Sandwiches.

Wenn die Tankanzeige seines Autos auf Reserve schaltet, haltet er nicht an der nächsten Tankstelle. Er fährt so lange, bis er kaum noch ein Liter Benzin im Tank ist und riskiert, dass er auf der Strecke bleibt. Einmal hat er mir mein Auto mit fast null Benzin überlassen. Tatsächlich bleibt das Auto auf der Strecke zwischen Pisciotta und Ascea plötzlich stehen. Ich schicke meinen Sohn Leo zu Fuss nach Ascea, um einen Kanister Benzin zu holen, damit wir weiterfahren können. Ich stehe am Strassenrand und warte auf ihn. In der Zwischenzeit hält ein Auto an, aus dem zwei Bekannte meines Mannes aussteigen und mich fragen, was los ist. Sie bieten an, Benzin in einem anderen Dorf  zu holen – damit mein Sohn nicht so weit gehen muss. Ich habe auch meinen Mann im Spital angerufen, um die Situation zu schildern, an der er ja auch Schuld hat. Eine Viertelstunde später kommt ein Auto auf mich zu, aus dem mein Sohn mit einem Benzinbehälter aussteigt. Ein Mitarbeiter meines Mannes, der in Ascea wohnt, hat die Situation gerettet und Leo begleitet. Hilfe von hinten und von vorne.

Ich muss zugeben, dass es manchmal besser sein kann, etwas im letzten Moment zu organisieren, weil es ja alle so machen. Deshalb wird einem bei einem Plan meistens ein Strich durch die Rechnung gemacht, und man muss trotz allem den Plan umkrempeln.

Aber eine Sache ist es, einen Unterschied rational zu verstehen, eine andere Sache ist es, es sich eigen zu machen. In Italien merke ich, dass ich nicht einfach die neue Software installieren kann. Sie funktioniert nicht richtig, weil die Hardware ein altes Modell ist.

 

Mein jüngster Sohn
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10.  Kinder

Mein jüngster Sohn
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Leonardo, 24.2.2006

 

Mein dreijähriger Sohn lächelt uns verschmitzt an, während die Lifttür zugeht und der Lift ihn verschluckt. Der Lift setzt sich in Bewegung. Wir sind starr vor Schreck. Wir sind in einem mehrstöckigen Parkhaus in Norditalien. Mein Mann rennt in den nächsten Stock hinauf um zu schauen, ob der Lift dort anhält. Ich soll hier bleiben, die anderen Kinder die unteren Stockwerke kontrollieren. Irgendwann wird die Lifttür aufgehen, Leonardo könnte herausspazieren und sich verlieren! Und wenn ihn jemand findet, weiss man nicht, wie er heisst und zu wem er gehört – denn Leo kann nicht sprechen.

Ich bleibe auf dem Stockwerk stehen, wo Leo verschwunden ist. Da geht die Lifttür plötzlich auf. Vor mir steht mein Sohn mit einem Mann, der offensichtlich auch Lift fahren musste. Welch eine Erleichterung! Mit leichtem Unbehagen schliesse ich meinen Sohn in die Arme. Was, wenn jetzt keiner vor dem Ausgang gewesen wäre und dieser fremde Mann meinen Sohn mitgenommen hätte?

Ich lese, dass es Kinder gibt, die erst mit drei Jahren zu sprechen beginnen, die sogenannten Late-Bloomers. Leo kann nur einige Wörter. Aber es ist nicht nur das. Er scheint auch nicht richtig zu verstehen, was man ihm sagt. Wenn er etwas will, führt er meine Hand zum Objekt und dann muss ich selber erraten, ob und was ich mit diesem Objekt anstellen soll. Er führt oft beunruhigend repetitive Bewegungen aus, auf lange Zeit. Zum Beispiel mag er Autos sehr gerne. Er nimmt ein Spielzeugauto in die Hand und fährt es endlos hin und her, hin und her, hin und her. Ansonsten hat er aber keine autistischen Merkmale. Es ist uns nicht ganz klar, was und wie er alles versteht. Als er vier Jahre alt ist, gebe ich ihm einmal Zahnstocher zum Spielen. Er nimmt zwei, spiesst Gurkenstücke auf und ruft: „Mulan“. Da Mulan im Disneyfilm mit Stäbchen isst.

Als Leo zweieinhalb Jahre alt ist, bringe ich ihn in den Kinderhort, damit er mit anderen Kindern zusammensein kann. Vielleicht kann ihn der Umgang mit anderen Kindern zum Reden anregen. Ich mache mir natürlich auch Gedanken darüber, ob ich es lassen soll, mit ihm schweizerdeutsch zu sprechen. Vielleicht ist er ja auch wegen der Zweisprachigkeit verwirrt. Es hat nur ein Vallo einen Kinderhort, und ich fahre jeden Tag 40 Min. mit dem Auto hin. Die Inhaberin des Hortes lädt mich ins Büro ein und redet auf mich ein: Ich solle ihr versprechen, dass ich von jetzt an nur noch italienisch mit meinem Sohn spreche, er lebe ja schliesslich in Italien, schweizerdeutsch könne er ja auch später lernen, wenn er wolle. Auch in Pisciotta halten mich Leute auf der Strasse an und sagen das gleiche. Ich ärgere mich ungemein, weil sich die Leute ungefragt einmischen. Die Meinungen der Psychologon und Psychiater sind verschieden: Einige behaupten, die Zweisprachigkeit sei nicht das Ausschlaggebende für Leos Sprachprobleme, andere meinen wie das Volk, es wäre besser, meinen Sohn nur noch der italienischen Sprache auszusetzen. Was ich eines Tages auch mache. Aber es ist natürlich nicht das gleiche, wenn er schweizerdeutsch erst lernt, wenn er erwachsen ist. Falls er überhaupt je richtig sprechen lernen kann.

Wir sind besorgt und wenden uns eben an verschiedene Fachleute. Als Leo dreieinhalb Jahre alt ist, kommt er in den staatlichen Kindergarten. Es sind über dreissig Kinder in einer Klasse, das heisst, alle drei Jahrgänge sindzusammen, weil es nicht genug Kinder hat, um drei Klassen zu bilden. Die Kindergartenlehrerinnen haben natürlich keine Zeit, sich extra um Leo zu kümmern, der am liebsten bei gar nichts mitmachen will. Am Ende des ersten Kindergartenjahres werden die Eltern stets zu einem Gespräch mit der Kindergärtnerin eingeladen. Leo hat nur etwa 10 gemalte Bilder vorzuweisen. Auch zu Hause bringe ich ihn kaum dazu, einen Stift in der Hand zu halten. Bei vielen Aktivitäten weigert er sich einfach, mitzumachen.

Aber in der Zwischenzeit haben wir beschlossen, alle erdenklichen neuropsychiatrischen Untersuchungen machen zu lassen, damit ihm das Gesetz 104 zugesprochen werden kann… „wenn eine körperliche, geistige oder sensorische Beeinträchtigung (stabilisiert oder fortschreitend) vorliegt, die Schwierigkeiten beim Lernen, bei der sozialen Interaktion oder bei der Integration verursacht und zu einer sozialen Benachteiligung führt.“ Wir hatten gezögert, weil wir nicht sicher waren, wie förderlich es ein könnte, im Dorf als „handicapped“ abgestempelt zu sein. Aber das wollen wir riskieren. Ich verbringe 10 Tage lang mit Leo in einem Spital in Foggia (2009), wo jeden Tag verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden. Manchmal wird mir nicht einmal genau erklärt, wozu all die Sonden sind, die man ihm an den Kopf steckt und irgendetwas misst. Für einige dieser Untersuchungen muss er schlafen, und mir wird aufgetragen, ihn früh zu wecken oder ihn wachzubehalten, damit er einschläft, wenn die Untersuchung durchgeführt werden soll. Der schlimmste Moment ist, als man ihm eine medizinische Computertomografie macht. Ich sehe meinen kleinen Sohn in das Rohr fahren, als fahre er in den Eingang des Jenseits.

Die Untersuchungen ergeben keinen Hinweis auf eine organische Ursache der Beschwerden. Die Diagnose lautet: „Disturbo misto dello sviluppo.“ Man erklärt mir, dass das eben heisst, dass er sowohl Mühe mit dem Sprechen, als auch mit dem Verstehen hat.

Das bringt uns insofern weiter, dass er jetzt eine Sonderpädagogin bekommt. Ihm wird das Maximum der Anwesenheit der Sonderpädagogin zugesprochen, das sind 22 Stunden pro Woche. Ausserdem hat er 5 Std. pro Woche im Zentrum für Physio- und Bewegungstherapie in Vallo, der nächsten Stadt. Ich fahre dreimal in der Woche am Nachmittag nach Vallo und warte jeweils im Auto auf Leonardo. Im Laufe der Jahre bringe ich ihn mehrere Male zur Evaluation in die Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ins Spital Santobono in Neapel und ins Bambin Gesu in Rom. Ich verbringe Stunden um Stunden um Stunden in den Wartesälen. Die verzweifelten Eltern. Ihre Zärtlichkeit und Sorge für ihre Kinder. Ihre Hingabe und Hilfsbereitschaft. Eltern denken, sie haben diese Eigenschaften, aber bei Eltern von behinderten Kindern werden sie multipliziert und man ist nie mehr der gleiche Mensch.

Zwar kann man die Psychologen um Rat fragen, wie man sich denn in gewissen Situationen mit dem Kind verhalten soll, aber zu Hause bin ich dann allein mit dem Kind. Ich fühle mich überfordert. Soll ich ihm jetzt das Auto wegnehmen, mit dem er schon eine halbe Stunde lang hin und her gefahren ist, wie mir Doktor x geraten hat, oder soll ich es lassen, weil ihm diese Bewegungen Ruhe bringen, wie ich auf Internet gelesen habe? Die Ärzte raten mir: Er soll so viel wie möglich mit anderen Kindern zusammen sein. So bringe ich ihn in Kurse für Kinder, sobald es möglich ist. Es wäre sicher am besten, wenn er zu Hause bei anderen Kindern spielen könnte, oder wenn andere Kinder zu uns nach Hause kämen. So wie ich es als Kind hatte, oder meine anderen Kinder. Doch wollen das Eltern von „normalen“ Kindern? Ich war gleichzeitig mit einer Nachbarin schwanger, und wir schmiedeten Pläne, wie unsere Kinder einmal nach der Schule zusammen Hausaufgaben machen würden. Als es bekannt wurde, das Leo Lernschwierigkeiten hatte, teilte sie mir mit, dass ihre Tochter lieber alleine lernte, sonst könne sie sich nicht konzentrieren. Ich begann, mich anderen Müttern gegenüber minderwertig zu fühlen. Als müsse ich um Almosen bitten, obwohl ich in Wirklichkeit genauso reich war wie sie. Und deshalb beginne ich den anderen gegenüber Feindseligkeit zu hegen. Denn für mich ist mein Sohn genausoviel wert wie jedes andere Kind. Ich hätte in dieser Zeit psychologische Unterstützung gebraucht.

Als ich nach dem zweiten Kindergartenjahr zu einem Gespräch von der Kindergärtnerin eingeladen werde, wartet sie mit einer riesigen Beige von Zeichnungen und Collagen auf mich.

Der Kindergarten ist ganztägig, und die Kinder essen dort auch zu Mittag. Leo darf jeweils das Brot verteilen. Vielleicht lernt er dadurch, großzügig zu sein? Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern gibt er immer von allem, was er hat, ab, wenn man ihn darum bittet.

Diese Institution einer vollzeitlichen Sonderpädagogin war Leonardos Rettung. Ich bin ewig dem Dr. Panico dankbar, der ihm 22 Std. zugesprochen hat, sowie seiner „Maestra di sostegno“. Sie hat ihn im Kindergarten jeweils von unter dem Tisch hervorgezogen, als er sich weigerte, eine Zeichnung zu machen, oder im Chor mitzusingen, oder Formen aus Papier auszuschneiden. In der Primarschule hat er dann andere Sonderpädagoginnen bekommen, praktisch jedes Jahr eine andere, was natürlich nicht ideal war, was aber vom italienischen System abhängt. In den letzten beiden Primarschuljahren ist er sich der Tatsache bewusst, dass die Lehrerin hauptsächlich für ihn da ist. Er beginnt, abzuwinken, wenn sie sich ihm widmen will. Aber der Berg ist erklommen. An der Sekundarschule wird ihm die 104 abgesprochen. Es bleiben nur noch Dysgraphie und Dyskalkulie. Heutzutage haben viele Schüler eine diagnostizierten spezifischen Lernstörung. Am Schwierigsten war nicht, dass es fünfmal so viel Zeit brauchte, ihm als Kind etwas beizubringen, sondern dass er sich weigerte, dass ich eine permanente Resistenz überwinden musste, und nicht richtig wusste, wie ich das machen sollte. Ich hätte gerne auch zehnmal so viel Zeit verbracht, wenn die Motivation dagewesen wäre. Und das gilt auch für das Unterrichten als Lehrerin: Das Frustrierende am Job ist nicht, dass ich die Lektionen vorbereiten muss oder Aufgaben korrigieren muss. Sondern dass Schüler motivieren zu versuchen, die nicht motiviert sind.

Aber nach und nach ändert sich sein Bewusstsein. Er wird ehrgeizig. Er absolviert die Technische Fachschule und beginnt an der Uni Salerno Informatik zu studieren.

Einer meiner deutschen Schüler in Pisciotta, die italienisch lernen wollten, war ein Rektor aus Leonberg einer Schule für geistig und körperliche Behinderte. Er hat mit 70 eine Velotour von Bari nach Rom unternommen. Auf dieser Reise machte er eine Woche in Pisciotta halt für meinen Kurs. Leo ist sechs Jahre alt und ich erzähle ihm von seinen Problemen. Er versichert mich, dass Leo mit zwölf genauso sein wird, wie alle anderen Kinder auch. Später sendet er mir eine Mail:

„Dein Leo mit seinen Irrfahrten zu den verschiedenen Ärzten und Therapeuten geht mir nicht aus dem Kopf. Auch ich glaube, dass diese Fachleute in Rom und anderswo sich nach einer halben Stunde Untersuchung und Befragung kein umfassendes Bild über die vermuteten oder tatsächlichen Defizite deines Sohnes machen können. Wenn du ihnen gegenüber Unsicherheit zeigst, dann lieferst du dich ihnen aus und sie schicken dich von einem Kollegen zum anderen, aber eine wirkliche Hilfe sind sie nicht, weder für dich noch für Leo.

Meine Empfehlung: Lass dem Leonardo viel Zeit, habe Geduld mit ihm und zeig ihm, dass du ihn liebst und so mit ihm zufrieden bist, wie er ist. Wenn du ihn hierhin und dahin zu Untersuchungen schleppst, dann entsteht in ihm vielleicht der Eindruck, dass du mit ihm nicht so recht zufrieden bist, vielleicht sogar, dass du ihn anders haben möchtest und nicht so, wie er eben ist, und das hemmt seine Entwicklung eher als dass es sie fördert. Letztlich kannst du die Verantwortung nicht an Logopäden und Neuropsychiater abgeben. Und vergiss nicht: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, es wächst am besten bei feuchtem und warmem Wetter, also in einer guten und liebevollen Atmosphäre.“

Meine Tochter
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10.  Kinder

Meine Tochter
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Francesca, 24.4.1997

 Als sie vierundzwanzig ist, muss sie wegen einem gesundheitlichen Problem ins Unispital Zürich. Bei der Pazientenaufnahme lächelt die Mitarbeiterin sie an: „Du warst schon einmal hier!“ Francesca schaut erstaunt drein. Die Mitarbeiterin fährt fort: „Nämlich am 24.4.1997.“

Ich habe Francesca am Unispital Zürich geboren, weil die Ärzte besorgt waren. Ich habe Thrombophilie, wollte aber keine Heparinspritzen machen, weil ich Angst hatte, dass es zu einer inneren Blutung führen könnte. Deshalb wurde die Geburt als problematisch klassifiziert. Als meine Wehen einsetzten, fuhr ich mit meiner Mutter ins Spital. Mein Mann, den ich gerne bei der Geburt dabei gehabt hatte, war in Italien. Man hielt meine Mutter an unter den Wehen bei mir zu bleiben, weil das Personal ausgelastet war. Meine  Mutter war damit aber völlig überfordert. Sie sass die ganze Zeit wie versteinert mit einem bekümmerten Gesicht da. Ab und zu kam eine junge Hebamme in der Ausbildung vorbei, um zu sehen, wie es ging. Es ging aber nicht gut, und als ich nach 9 Stunden hörte, dass die Öffnung zwar 5 cm war, das Gewebe aber angeschwollen war, und ich halt bis auf weiteres in den Wehen liegen bleiben sollte, bis die Schwellung aufhörte, geriet ich in Panik und schrie wie am Spiess, man sollte mir helfen. Da kam eine Equipe von mehreren jungen Assistenzärzten, die mich alle höflich mit Händedruck begrüssten, während ich heulte. Eine angehende Ärztin nahm eine Vakuumextraktion vor. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie konzentriert vor mir sass und auf ihre Arbeit schaute. Ich verlor viel Blut, weil mir ab Beginn der Wehen Heparin gegeben wurde. Nachdem ich eine Woche mit meiner Tochter zu Hause war, musste ich ins Spital zurückkehren, weil ich eine Gebärmutterschleimhautentzündung hatte.

Ein paar Monate lang nach der Geburt, wenn ich Francesca in die Wiege lege, bugsiert sie sich nach vorn bis sie mit dem Kopf an die weiche Wand der Wiege stösst. Ob das ein Verhalten des Geburtstraumas ist?

Ich bin im Spitalzimmer mit einer chinesischen Mutter. Sie hat Zwillinge. Glücklich liegt sie da, in jedem Arm ein Kind und spricht chinesisch auf sie ein. Es wird mir bewusst, was für Genies Neugeborene sind.

Uns frischgebackenen Müttern wird aufgetragen, dass wir unsere Babies vor jedem Stillen ausziehen müssen, dann wägen, dann stillen, wieder wägen, und dann wieder anziehen. Und das alle zwei bis drei Stunden. Wir alle folgen diesen Instruktionen. Nach einer Geburt ist man schwach, wehrlos. Ich habe Ragaden, das Stillen schmerzt unheimlich. Dazu kommt das an- und ausziehen während meine Tochter schreit. Sie schreit und fuchtelt herum, nackt auf der Waage. Meine Milch ist nicht genug, und ich muss Schoppen zufüttern. Es ist ein Albtraum.Ich mache all das mit. Wahrscheinlich musste ein Doktorand eine Abhandlung über die Gewichtszunahme bei Neugeborenen schreiben.

Francesca ist eigensinnig. Sie spielt nur mit anderen Kindern, wenn es ihr passt. Im Kinderhort hat sie ihren ersten kleinen Freund, der unter ihrem Pantoffel steht, wie mir die Horterzieherin Nunzia bestätigt. Wir ziehen nach Pisciotta, als sie vier Jahre alt ist. Sie wird im Kindergarten nicht so gut aufgenommen.

Die anderen wollen nicht mit ihr spielen, ihr nicht die Hand geben, rufen sie schlimme Namen. An der Fasnacht zieht sie ihr Prinzessinnenkleid an und sagt: "Wenn die anderen sehen, wie schön ich bin, dann haben sie mich sicher gern!" Die anderen aber lachen sie aus, sie sei hässlich mit ihren roten Bäckchen. Sie erklärt: "Wenn ich wieder klein bin, gehe ich wieder in den Kinderhort zu Nunzia!"

Mit meiner Schwiegermutter klopfen wir an die Türe der Leute, die sie kennt oder zu ihrer Familie gehören. Meine Schwiegermutter fragt, ob Francesca zu ihnen zum Spielen kommen kann. Nach diesem Feldzug geht es besser im Kindergarten.

Im Kindergarten muss Francesca ein Bild mit ihrer Familie zeichnen. Mich zeichnet sie ganz gross mit langen ausgebreiteten Armen. Nach Meinung der Kindergärtnerin bedeutet das, dass ich viel Liebe gebe. Ihr Bruder Emanuele ist klein zu meinen Füssen zu sehen. Nello ist auch klein, ohne Arme und mit roter Farbe ausgemalt. Er sei weniger gegenwärtig, meint die Kindergärtnerin, gebe weniger und wirke aggressive auf Francesca (rote Farbe!), oder sie habe aggressive Gefühle gegen ihn. Sich selbst hat sie zuerst gar nicht mitgezeichnet. Die Kindergärtnerin meint, das bedeute, Francesca sei nicht egozentrisch.

Sie ist lernbegierig. Am Anfang geht nicht alles glatt; es gibt eine Zeitlang, da stottert sie, am Anfang kann sie Zahlen nicht von Buchstaben unterscheiden und einige Buchstaben schreibt sie hartnäckig spiegelverkehrt. Jeden Abend vor dem Schlafengehen erzähle ich Bilderbücher. Als die Kinder älter sind, lese ich Kinderbücher vor. Wir schauen viele deutsche Kindervideos – Der kleine Eisbär, Heidi, Disneyfilme. Manchmal machen wir ein Quiz: Ich zitiere einen Satz aus einem Film, und Francesca weiss sofort, aus welchem Film er ist. Francesca liest gerne und wir haben zum Glück genug Geld, ihr und Emanuele alle Bücher zu kaufen, die sie lesen wollen. Denn in Pisciotta gibt es keine Bibliothek. Ihre Mathematiklehrerin sagt: „Francesca ha una marcia in più." Man rät uns, sie in klassische Gymnasium zu schicken. In Süditalien gehen alle intelligenten Kinder aus gutem Hause ins klassische Gymnasium, egal, ob man es nützlich findet, Altgriechisch zu lernen oder nicht. Aber Francesca ist mathematisch-naturwissenschaftlich begabt und wir schicken sie in das entsprechende Gymnasium. Sie muss 5 Jahre lang um sieben Uhr morgens auf den Bus und ist erst um halb vier nachmittags zu Hause.

Francescas Charakter ist farbenfroh. Sie ist überschwänglich, fröhlich, vielseitig interessiert und begabt. Sie lernt Klavier und Querflöte spielen, sie schaut Filme auf englisch und schreibt alle Wörter ins online Vokabular auf die sie dann lernt. Sie malt, lernt klassisches Ballett und Jazzdance, bastelt, kocht, macht in einem Chor mit, später bereist sie die ganze Welt, lernt selber Tiere häkeln, Kleider nähen, Pullis stricken, südamerikanische Tänze, Velofahren, Basketball, surfen, Foilboard, Kiteboard, segeln, macht einen Marathonlauf. Sie besteht die Aufnahmeprüfung am Politechnikum in Turin für einen Sonderkurs für „Giovani talenti“. Das Masterstudium absolviert sie an der ETH.

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10.  Kinder

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Emanuele, 2.2.2000

Emanuele wird im Wasser geboren. Ein Spital in der Nähe von Salerno bietet diese Möglichkeit an. Das warme Wasser gibt mir den Eindruck, beschützt zu sein. Ich kann mein Baby gleich nach der Geburt in den Armen halten. Emanuele schaut zufrieden herum. Erst als man ihn mir wegnimmt um die üblichen Untersuchungen zu machen, beginnt er zu schreien. Nach der Geburt muss ich nur vier Tage im Spital bleiben. Ich bin mit drei anderen Italienerinnen in einem Zimmer. In Italien ist es üblich, dass die Verwandtschaft die Neomütter stundenlang besucht und selbstgemachtes Essen mitbringt. Ich habe aber keine Sippe und bin allein, zum Glück, so kann ich mich ausruhen und muss nicht immer schwatzen. Da die anderen Mütter das Spitalessen nicht nötig haben, bekomme ich an jeder Mahlzeit vier Portionen die ich alle aufesse weil ich einen Mordshunger habe. Das Essen ist vielleicht nicht so delikat, aber ich bin nicht wählerisch.

Emanuele lässt sich gerne von Francesca bemuttern, aber ganz zahm ist er nicht. Er ärgert sie gerne, überhaupt mag er es, andere auf die Palme zu bringen.

Sein Charakter ist nicht simpel. Man gibt ihm ein Cornetto (Gipfeli) Er beginnt zu weinen. „Warum weinst du?“ frage ich verblüfft. „Warum hani nachher no meh Hunger!“

„Mami, wetter luege wie Wasser chocht!" (mit 2 spricht er von sich in der dritten Person) – „S'Wasser chocht aber nonig." – „Mami, wetter luege wie Wasser nöd chocht!"

Ich meine: „Ich will ja nur das Beste für euch, aber es ist nicht immer einfach." Emanuele darauf: „Aber ich han nöd gärn s'Beschte!"

 Er ist sehr feinfühlig. Wenn ich traurig bin, versuche ich meistens, es meinen Kindern nicht zu zeigen. Aber Emanuele durchschaut mich jedes Mal (mit fünf): „Mami, was häsch?“ Je älter er jedoch wird, desto mehr versteckt er seine Sensibilität.

Ich kaufe erzieherische Videospiele: "Mogli erste Klasse", "Globi auf der Suche nach der schwarzen Perle", und andere. Mit viereinhalb hat er sich selber lesen beigebracht. Die Kindergärtnerinnen erzählen mir später: „Emanuele hat sich gerne mit einem Haufen Donald Duck-Bücher unter dem Tisch verschanzt. Wir glaubten, er schaue sich die Bilder an. Dabei las er sie.“ Am Muttertag und an Weihnachten sagt er mir immer drei Gedichte auf: Das der kleinsten Kinder, das der Kinder von 4-5 und das der grössten Kinder.

Mit fünfeinhalb kommt er bereits in die Schule. Es ist zu früh, fünf Stunden lang in einem Bank zu sitzen, wie das in Italien üblich ist. Aber es scheint fehl am Platz, ein Kind, das schon lesen, schreiben und rechnen kann, noch ein Jahr länger im Kindergarten zu behalten. Die ersten zwei Jahre lang muss ich aber mit ihm sitzen und die Hausaufgaben machen, weil er so voller Energie ist, dass er kaum sitzen kann, sondern vom Sofa auf den Tisch und unter den Stuhl auf die Terrasse und überall herumspringt. Nur am Computer sitzt er lange. Er lernt in diesem zarten Alter auch Klavier spielen, weil seine Schwester Klavier spielt. Ich unterrichte meine Kinder notdürftig selber, das er in Pisciotta keinen Klavierunterricht gibt. In der Schule lernt er Gitarre und bald kann er alle möglichen Lieder, die er hört, selber auf Gitarrenmusik umsetzen.

Mit acht lernt er zaubern und führt uns die erstaunlichsten Tricks vor.

Zufällig beginnt er sich für Origami zu interessieren. Wir kaufen ihm ein Buch mit einem Einführungskurs in diese japanische Kunst. Das nächste Buch lädt er aus dem Internet herunter. Es ist von einem bekannten Origamierfinder und nur auf englisch zu haben, und so lernt er gleichzeitig eine Fremdsprache. Er faltet hunderte von Blättern zu Tieren, Fabelwesen und Kreaturen. Wir bestellen spezielles Papier, Leime und andere Materialien, damit er seine Blätter selber herstellen kann. Wir wussten alle gar nicht, dass Origami eine so hochwertige und vielseitige Kunst ist.

Er ist schlank und hat gern Musik. Er bewegt sich viel. Ich hätte ihn gerne in die Tanzschule eingeschrieben. Aber hier wird man als Bub ausgelacht, wenn man ins klassische Ballett oder auch ins Modern Dance geht. Deshalb will Emanuele nicht ins Tanzen. Später bringe ich ihn ins Basketball. Ein Freund von ihm geht auch (im nächsten Dorf in Ascea). Ich und die Mutter von Solla bringen unsere Söhne abwechslungsweise ins Basket. Die Autofahrt dauert etwa 25 Minuten. Es gefällt mir, den Nachmittag so zu verbringen. Ich sitze am Rand der Turnhalle und schaue den Kindern zu, wie sie Übungen und die abschliessende Basketpartie machen. Mein Sohn ist nicht agressiv. Er rennt dem Ball nach, aber es scheint, als schwebe er über das Feld. So schade, dass er nicht Tanzen lernte. 

Mit dreizehn registriert er sich auf Internet auf einer Seite,  wo Leute Probleme mit dem Computer und dem Programmieren posten. Er löst einige Probleme und verdient sich sein erstes Geld.

Er gewinnt jedes Jahr am nationalen Mathematikwettbewerb eine Medaille.

Viele Schulfächer interessieren ihn aber nicht, und wenn er auf eine mündliche Prüfung lernen muss, läuft er wie ein Tiger im Käfig im Wohnzimmer hin und her und wiederholt laut den Inhalt des Stoffes. Es scheint, als möchte er ausbrechen.

Nach dem naturwissenschaftlichen Gymnasium in Vallo studiert er an der ETHZ.



 

 

 

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10.  Kinder

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Haustiere sehen weniger Farben als wir Menschen. Nachdem meine Kinder ausgezogen sind, bin ich ein Hund.
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11.  Nachgedanken

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Zurück zur anfänglichen Fragestellung.

Der Gedanke gefällt mir, dass ich verschiedene Leben hätte führen können. All diese Möglichkeiten existieren nur, weil die Samen dafür in mir lagen – und noch immer liegen, selbst wenn manche davon brachgefallen sind. Diese potenziellen Leben gehören zu mir. Sie sind wie der Hintergrund eines Porträts, der die Gestalt im Vordergrund entweder harmonisch ergänzt oder durch starke Kontraste erst richtig hervorthebt.
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