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In den 1930er Jahren war Tel Aviv eine junge Stadt, die jedoch bereits vor Leben sprühte. In ihre Straßen strömten Einwanderer aus ganz Europa, wobei jeder von ihnen eine andere Sprache, andere Erinnerungen, unterschiedliche Bräuche und Hoffnungen auf eine neue Zukunft mitbrachte. Die Stadt war mehr als nur ein Wohnort – sie war ein Schmelztiegel, in dem sich Lebensgeschichten trafen, die auf den ersten Blick weit voneinander entfernt schienen, sich aber zu einer einzigen Geschichte verflechten sollten.
So war es auch mit unseren Familien. Sie kamen aus vier verschiedenen Ecken Europas: aus Österreich, aus Galizien in der heutigen Ukraine, aus Lettland und aus einer Region, die damals zu Polen gehörte und heute in Weißrussland liegt. Keiner von ihnen konnte ahnen, dass die Reise, die in einem weit entfernten Städtchen, einer Stadt oder einem Dorf begann, ihn ausgerechnet nach Tel Aviv führen würde und dass sich dort ihre Wege kreuzen würden.
Jede Familie ließ sich zunächst in einem anderen Stadtteil nieder – im ärmeren Süden oder im Zentrum der Stadt – und baute sich ein Zuhause auf. Diese Häuser, die noch immer stehen, sind weit mehr als nur Gebäude aus Stein und Putz; sie sind ein lebendiges Zeugnis für Träume, harte Arbeit und Wurzeln, die in einem neuen Land geschlagen wurden. Aus ihnen wuchsen neue Generationen heran, darunter auch unsere Familie.
Dies ist die Geschichte von Menschen, die von verschiedenen Orten kamen, verschiedene Sprachen sprachen und unterschiedliche Kulturen mitbrachten, aber in Tel Aviv ein gemeinsames Zuhause fanden. Es ist auch die Geschichte einer Stadt, die durch ihr rasantes Wachstum zur Kulisse wurde, vor der sich das Leben zweier Familien entfaltete – bis sie sich begegneten, vereinigten und zu einer einzigen Familie wurden.

Unter allen Zweigen der Familie begann die Geschichte der Familie meines Vaters einige Jahre zuvor in der Kleinstadt Sniatyn in Galizien, das damals Teil des Österreichisch-Ungarischen Reiches war. Es war eine alte jüdische Gemeinde, aber auch ein Ort, an dem die Juden Zeiten der Unsicherheit, Diskriminierung und Pogrome erlebten.
Mein Vater war der Erste in der Familie, der in die weite Welt hinausging. Seine Eltern, haben sich Mühe gegeben, sein Studium zu finanzieren. Er reiste nach Italien, um Medizin zu studieren. Nachdem er sein Studium 1930 abgeschlossen hatte, wurde er als Arzt bei der Ölgesellschaft „Shell“ in der Stadt Caracas in Venezuela eingestellt – eine angesehene Stelle, die eine vielversprechende berufliche und wirtschaftliche Zukunft garantierte.
Als er im selben Jahr aus Italien nach Sniatyn zurückkehrte, um sich von seiner Familie zu verabschieden, versuchte er, seine Eltern und Schwestern davon zu überzeugen, ihm zu folgen. Er war der Überzeugung, dass es für Juden in Galizien keine sichere Zukunft mehr gebe und dass sie das Land verlassen müssten, solange dies noch möglich sei. Seine Familie folgte seinem Rat und wanderte mit ihm nach Venezuela aus – eine mutige Entscheidung, die sich im Nachhinein als schicksalhaft erwies, da die jüdische Gemeinde von Sniatyn nur wenige Jahre später im Holocaust vernichtet wurde.
Doch auch Venezuela war nicht die letzte Station auf seiner Reise. Im Jahr 1935 beschloss mein Vater gemeinsam mit einer seiner Schwestern, nach Palästina auszuwandern, das damals unter britischem Mandat stand. Er ließ sich im Süden von Tel Aviv nieder, eröffnete eine Privatpraxis als Hausarzt und gehörte zu den Ärzten, die in den Anfangsjahren der sich entwickelnden Stadt tätig waren. In seiner Praxis behandelte er sowohl alteingesessene Einwohner als auch Neuankömmlinge und erlebte hautnah mit, wie sich Tel Aviv von einer kleinen Stadt zu einem zentralen Ballungszentrum im entstehenden Staat entwickelte.

Mein Vater Dr. Moshe Linker wanderte als junger Arzt aus Südamerika (Venezuela) nach Israel aus. Aus eigener Kraft, ohne jegliche Unterstützung durch medizinische Institutionen, gelang es ihm, sich in seinem medizinischen Beruf zu etablieren. Ab 1935 begann er seine private ärztliche Tätigkeit im Süden von Tel Aviv. Es war ein Leben ganz im Zeichen der Medizin (Tag und Nacht), das ganz den leidenden Menschen gewidmet war. Später setzte er seinen ärztlichen Dienst im Norden von Tel Aviv fort. Er widmete sich der Behandlung seiner Patienten bis zu seinem letzten Tag. Zehntausende Einwohner von Tel Aviv erinnern sich an sein segensreiches und erfolgreiches medizinisches Wirken. Viele von ihnen vergossen eine Träne, als sie von seinem Tod im Alter von 81 Jahren erfuhren. Aus der Trauerrede von Dr. N. Schnitzer „Brief an einen Freund“ der Israelischen Ärztekammer, August 1984)

Die Geschichte der Familie meiner Mutter ist völlig anders. Sie begann nicht mit der Flucht vor unmittelbarer Gefahr, sondern aus einem tiefen Glauben an die zionistische Idee und die Vision von Benjamin Ze’ev Herzl.
Die Familie lebte in Wien, der Hauptstadt Österreichs, einer Stadt, die damals ein wichtiges kulturelles und intellektuelles Zentrum war und in der auch Herzl selbst tätig war und die Idee des jüdischen Staates entwickelte. Mein Großvater, der ein Schuhgeschäft führte, war ein begeisterter Zionist und glaubte, dass die Zukunft des jüdischen Volkes nicht in Europa, sondern im Land Israel liege.
Zunächst kam er Mitte der 1930er allein ins Land, um sich ein Bild vom Leben dort zu machen. Der Besuch, der eigentlich nur vorübergehend sein sollte, änderte seine Pläne. In einem Brief an seine Frau und seine Tochter schrieb er, dass er seinen Platz gefunden habe, und nicht die Absicht habe, nach Wien zurückzukehren. Er bat sie, so bald wie möglich zu ihm zu kommen. Sie folgten seinem Ruf, ließen ihr Leben in Österreich hinter sich und wanderten nach Palästina aus. Diese Entscheidung im Nachhinein als schicksalhafte erwies, da die zurückgebliebenen Grosseltern nur wenige Jahre später im Holosaust vernichtet wurden.
Die Familie ließ sich im Süden von Tel Aviv nieder, in der Nähe des historischen Gebäudes des Herzliya-Gymnasiums – der ersten hebräischen Schule der Stadt, die damals eines der markantesten Symbole des jungen Tel Aviv und der Wiederbelebung der hebräischen Kultur war. Auch hier wurde ein Familienheim errichtet, von dem aus das neue Leben im Land begann – ein Leben voller Arbeit, Eingewöhnung und Integration in die Stadt, die stetig wuchs.
So trafen in Tel Aviv zwei unterschiedliche Welten aufeinander: eine Familie, die aus einem Gefühl der Dringlichkeit und der Bedrohung geflohen war, und eine Familie, die aus zionistischem Idealismus und dem Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes in seinem Land eingewandert war. Trotz der unterschiedlichen Beweggründe fanden beide in der jungen Stadt einen Ort, an dem sie ihre Zukunft aufbauen konnten.

Meine Mutter Zita Linker war eine israelische Politikerin, die zu den Gründerinnen der Liberalen Partei gehörte und in deren Namen als Abgeordnete der Likud-Fraktion in der achten Knesset tätig war. Ehrenbürgerin der Stadt Tel Aviv 1991 (Wikipedia)

Ein weiterer Zweig unserer Familie kam aus Riga, der Hauptstadt Lettlands. In den 1930er Jahren wanderten die Elterndes Vaters meiner Frau aus, eine große, wohlhabende und besondere Familie mit neun Kindern. Drei der Kinder waren ihre gemeinsamen Kinder, die anderen Fünf kamen aus den früheren Ehen der Eheleute in die Familie. Trotz der komplexen familiären Verhältnisse schufen sie in Israel ein gemeinsames Zuhause, das alle unter einem Dach vereinte.
Nach ihrer Ankunft in Tel Aviv bauten sie ein großes Haus in Strandnähe, im Zentrum der Stadt. In diesem Haus wohnten die Kinder, während sich die Eltern auf dem angrenzenden Grundstück ein weiteres kleines Haus bauten. Beide Häuser wurden zum Mittelpunkt des Familienlebens, ein Ort, an dem die Kinder aufwuchsen und Bindungen geknüpft wurden, die über Generationen hinweg Bestand hatten.
Doch sie gaben sich nicht damit zufrieden, ein Haus zu bauen. Aus Unternehmergeist und im Glauben an die Zukunft des Landes gründeten sie auch eine Schokoladenfabrik an der Grenze zwischen Tel Aviv und Ramat Gan. Die Fabrik trug den Namen C.D., die Initialen des Großvaters, und sie gehörte zu den ersten Industriebetrieben, die in jenen Jahren in der Region entstanden.
Die Häuser und die Fabrik zeugten davon, dass die Familie nicht nur Zuflucht und ein neues Zuhause in diesem Land suchte, sondern sich auch aktiv an dessen Aufbau und Entwicklung beteiligen wollte. Das Familienhaus steht noch heute, und es birgt viele Erinnerungen und Geschichten, auf die wir später noch zurückkommen werden.

Die Geschichte der Familie der Mutter meiner Frau ist vielleicht die dramatischste aller Familiengeschichten. Sie vereint eine langjährige Vision, wirtschaftlichen Erfolg, Einfallsreichtum in Momenten der Gefahr und ein wenig Glück – all dies vor dem Hintergrund der ersten Tage des Zweiten Weltkriegs.
Der Großvater meiner Frau war ein wohlhabender Holzhändler, der in Slonim in Polen lebte, in einer Region, die heute zu Weißrussland gehört. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte er an die Zukunft des jüdischen Volkes im Land Israel und begann daher schon lange im Voraus, sich auf die «Alija», so heisst die «Aufstieg» genannte Einwanderung ins Land Israel auf Hebräisch, vorzubereiten. Er erwarb eine Wohnung auf der Rothschild-Allee im Herzen des sich entwickelnden Tel Aviv sowie eine Orangenplantage in der Nähe von Kfar Saba. Trotz dieser Vorbereitungen führte er seine Geschäfte in Polen weiter und verschob den Umzug immer wieder, mit dem Gedanken, dass der richtige Zeitpunkt dafür noch kommen würde.
Dieser Moment kam plötzlich. Am 1. September 1939 marschierte Nazideutschland in Polen ein, und die Realität änderte sich über Nacht. Schon am selben Tag wurde ihm klar, dass keine Zeit mehr zum Zögern blieb. Aus tiefer Angst vor dem NS-Regime und vor den rassistischen Gesetzen, die den Juden in Polen auferlegt werden sollten, beschloss die Familie – er, seine Frau und zwei Kinder – sofort ihr Zuhause und ihren gesamten Besitz zurückzulassen.
Die Flucht war voller Gefahren. Die Bahnhöfe waren voller deutscher Soldaten, und man befürchtete, nicht weiterreisen zu können. Der Familienüberlieferung zufolge gelang es dem Großvater, den Zugführer davon zu überzeugen, an einer Stelle anzuhalten, die kein offizieller Bahnhof war. Dort stieg die Familie aus dem Zug und setzte ihre Reise auf Umwegen fort, bis sie Schweden erreichte. Von dort aus segelten sie mit einem Schiff nach Eretz Israel.
Als sie in Tel Aviv ankamen, erwartete sie bereits ihr Haus an der Rothschild-Allee – das Haus, das viele Jahre zuvor aus Überzeugung und Weitsicht erworben worden war. Gleichzeitig kümmerten sie sich um die Pflege der Orangenplantage, die der Großvater in der Nähe von Kfar Saba gekauft hatte. Jahrelang lieferte sie erlesene Orangen und Zitronen – Früchte des Bodens, die zu einem der markantesten Symbole des Landes Israel im Allgemeinen und der Region Tel Aviv–Jaffa im Besonderen wurden.
Die Geschichte dieser Familie veranschaulicht, wie eine langfristige Vision, frühzeitige Vorbereitung und eine mutige Entscheidung in einem schicksalhaften Moment das Schicksal einer ganzen Generation verändern können. Hätte der Großvater sein Haus und sein Land in Israel nicht schon viele Jahre zuvor erworben, hätte der gesamte Lebensweg der Familie möglicherweise ganz anders ausgesehen.

Die Hausarzt-Praxis meines Vaters in EmekYzrael (später Frenkel-Str.) 24 bestand aus zwei Räumen in einer 3-Zimmer-Wohnung und diente den Bewohnern der Region als medizinische Anlaufstelle. Zu seinen Patienten zählten auch Aktivisten der Irgun und des Lehi, unterschiedlich radikale jüdisch-zionistische und paramilitärische Untergrundorganisationen, die in jenen Jahren im Süden Tel Avivs operierten. Als Arzt behandelte er jeden, der seine Hilfe benötigte, unabhängig von deren politischer Einstellung, und war Teil des komplexen menschlichen Gefüges der Stadt in der Zeit vor der Staatsgründung.
In seiner Praxis erlebte er den Alltag des sich entwickelnden Tel Aviv hautnah – die neuen Einwanderer, die jungen Familien und die Mitglieder der Untergrundbewegungen, die in den Straßen der Stadt aktiv waren. So wurde er nicht nur zum Arzt seiner Patienten, sondern auch zum Zeugen einer historischen Epoche, in der die Stadt entstand und sich die Geschichte der jüdischen Siedlung in Palästina entfaltete.
Damals war Tel Aviv noch eine kleine, aufstrebende Stadt, und der Arzt war nicht nur ein Fachmann, sondern auch eine zentrale Figur in der Gemeinde. In seiner Praxis im Quartier Florentin im Süden der Stadt behandelte er viele Einwohner, und die Praxis diente ihm nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als Zuhause. In der Wohnung mit drei großen Zimmern diente eines als Praxisraum, eines als Wartezimmer und eines als Wohn-und Schlafzimmer. Hier begann er sich ein Leben in der neuen Heimat aufzubauen.
In Tel Aviv lernte er auch meine Mutter kennen – eine Begegnung, die fast zufällig schien, aber das Leben beider veränderte. Sie waren Nachbarn und wohnten in derselben Gegend im Süden von Tel Aviv, und so entstand die Verbindung zwischen ihnen. Nachdem sie geheiratet hatten, zog meine Mutter zu meinem Vater in dieselbe Praxiswohnung, die weiterhin sowohl als Zuhause als auch als sein Arbeitsplatz diente.
Als meine Schwester geboren wurde, kam ihr aufklappbares Bett in das Nebenzimmer, das tagsüber der Warteraum der Praxis war. Und als ich geboren wurde, war ich die vierte Person, die in diesem besonderen Haus schlafen durfte – in einem Babybett, das neben dem Bett meiner Schwester stand. So wurde die kleine Praxis im Süden von Tel Aviv zu unserem Familienheim.
Es waren die Tage des Unabhängigkeitskrieges 1948. Von Zeit zu Zeit ertönten in der Umgebung unseres Hauses die Luftschutz-Sirenen, und jedes Mal versammelten wir uns alle in der Küche, dem Ort, den wir für den sichersten hielten. Die schwache Glühbirne des Ofens war die einzige Lichtquelle, während die gesamte übrige Wohnung aus Angst vor den Bombardements im Dunkeln lag. Inmitten dieser schwierigen Realität begann unser Familienleben – in einem Haus, das zugleich Praxis, Arbeitsplatz und kleiner Zufluchtsort voller Wärme und Geborgenheit war.

Eine weitere interessante Tatsache, die die vier Familien verbindet, ist das Thema Sprache. Natürlich lernten alle vier Familien schnell Hebräisch und integrierten sich in das Leben im Land, und Hebräisch wurde zur Sprache der nachfolgenden Generationen. Doch über viele Jahre hinweg war es gerade das Deutsche, das ihre gemeinsame Sprache war. Mein Vater sprach Deutsch mit meiner Mutter, die in Wien geboren war. Er selbst war in Galizien, Ukraine, in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Deutsch eine zentrale Rolle in seinem Leben spielte. Das war die natürliche gemeinsame Sprache der beiden. Auch die Eltern meiner Frau hatten Deutsch als Fremdsprache gelernt, und in der ersten Zeit, als sie sich hier im Land kennenlernten, war dies praktisch die einzige Sprache, in der sie miteinander kommunizieren konnten. So wurde eine Sprache, die aus Europa kam, zum verbindenden Band zwischen Menschen, die sich in Tel Aviv ein neues Leben aufbauten.
Interessanterweise ist die vorherrschende Sprache auf Baustellen in Israel eine Art Mosaik aus verschiedenen Sprachen, wobei der Einfluss des Deutschen besonders auffällt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts leisteten die Deutschen einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des Bauwesens in Palästina. Dies begann mit den Templern, die fortschrittliche europäische Bauweisen mitbrachten, und setzte sich in den 1930er Jahren mit der Einwanderung deutscher Juden („die Jekes“) fort, von denen viele Architekten, Ingenieure und Fachleute waren. Sie trugen zur Verbreitung des modernistischen Stils bei, darunter auch Prinzipien, die mit dem Bauhaus in Verbindung stehen. Daher ist es kein Wunder, dass viele Begriffe in der Baubranche deutschen Ursprungs sind: Spachtel, Spritz, Block, Bibel, Schalter, Schieber und andere. Daneben wurden auch Wörter aus anderen Sprachen übernommen: aus dem Englischen «Loft“, „Penthouse“, „Polish“; aus dem Arabischen „Balata“; aus dem Russischen „Remont“, „Garmoschka“; aus dem Französischen „Siphon“; und aus dem Italienischen „Pompa“. Baustellen in Israel sind ein Treffpunkt für Arbeiter mit unterschiedlichem Hintergrund – Araber, Juden, Einwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, ausländische Arbeitskräfte aus China und anderen Ländern – und im Laufe der Jahre hat sich dort ein einzigartiger Wortschatz entwickelt, zu dem jede Gruppe Wörter und Ausdrücke aus ihrer Sprache beigetragen hat.

So trafen sich in Tel Aviv, fast ohne dass sie es geplant hatten, Menschen, die aus so unterschiedlichen Orten kamen: aus Galizien, aus Wien, aus Riga und aus Polen-Weißrussland. Einige kamen aus zionistischem Glauben heraus, andere aus einem Gefühl der Gefahr und der Notwendigkeit, ihre Familie zu retten, und wieder andere aus einer Mischung aus Vision, Mut und der Fähigkeit, ein neues Leben aufzubauen.
Jeder von ihnen trug eine ganze Welt in sich, die in Europa verschwunden oder bis zur Unkenntlichkeit verändert worden war.
Das Tel Aviv der 1930er Jahre war der Ort, an dem diese Welten aufeinandertrafen. Eine noch kleine Stadt, die ihre Einwohnerzahl zwischen 1936 und der Staatsgründung 1948 auf 240.000 Menschen verdoppelt hatte, voller Energie des Neuanfangs, in der man auf einer einzigen Straße viele Sprachen hören, Menschen aus unterschiedlichen Traditionen begegnen und miterleben konnte, wie aus den Trümmern der Vergangenheit eine neue Gesellschaft entsteht.
Die Häuser, in denen die Familien lebten, die Arztpraxen, die Geschäfte und Fabrik, die sie eröffneten, und die Orangenplantage, die sie bewirtschafteten, sind nicht nur Familienerinnerungen. Sie sind Teil der größeren Geschichte der Stadt und des im Entstehen begriffenen Staates. Hinter jedem Stein, jedem Obstbaum und jeder Straße verbirgt sich die Geschichte von Menschen, die sich entschieden – oder gezwungen sahen –, neu anzufangen.
Das ist vielleicht das Faszinierendste an unserer Familiengeschichte: Keiner dieser Menschen wusste, wie die Zukunft aussehen würde. Sie wussten nur, dass sie weitermachen mussten. Und dank der Entscheidungen, die sie trafen, dank des Mutes, den sie bewiesen, und dank ihrer Begegnung in der jungen Stadt Tel Aviv entstand eine neue Geschichte – unsere Geschichte.

Das Restaurant „Tnuva“ in der Emek-Izrael-Straße
Viele Erinnerungen begleiten mich aus den Jahren, in denen wir in der Emek-Izrael-Straße wohnten, der heutigen Frankel-Straße. Damals war die Straße Teil des alten Florentin – eines bescheidenen, lebhaften Viertels, in dem jeder jeden kannte.
Im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem wir wohnten, befand sich das Restaurant „Tnuva“, das dem größten, auf Milchprodukte spezialisierten Lebensmittelunternehmen Israels gehörte, welches Restaurants im ganzen Land hatte. Es war nicht nur ein Restaurant. Für die Arbeiter der Werkstätten und Fabriken in der Umgebung war es ein Ort für eine warme Mahlzeit und eine kurze Pause, und für die Bewohner des Viertels war es auch ein Treffpunkt, an dem sie Neuigkeiten austauschten, sich unterhielten und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlten.
An derselben Stelle befand sich auch eine Milchausgabestelle. Täglich trafen dort die Milchkannen von den Bauernhöfen ein, und bei Tagesanbruch machten sich die Milchmänner auf den Weg, ihre mit Glasflaschen beladenen Karren vor sich herschiebend. Sie gingen von Haus zu Haus und stellten die Milchflaschen vor die Türen.
Für mich als Kind war das ein fester Bestandteil des morgendlichen Bildes, ein untrennbarer Teil des Erwachens des Viertels.
In jenen Jahren wurde die Milch bereits pasteurisiert und in Glasflaschen verkauft. Die Generation vor uns kannte noch die Rohmilch, die aus großen Metallkanistern verkauft wurde, doch das war bereits eine Realität, die langsam verschwand.
Das Restaurant selbst war schlicht und bescheiden. Die Wände waren weiß oder hellgrün gestrichen, die Tische und Stühle bestanden aus einfachem Holz, und es wurde keinerlei Versuch unternommen, Eindruck zu schinden. Dennoch herrschte dort ein Gefühl von Sauberkeit, Ordnung und Gemütlichkeit. Dort wurden leichte Milchgerichte serviert, allesamt aus heimischer Produktion und zu Preisen, die sich jeder Arbeiter leisten konnte.
Als Kind ging ich gerne ins „Tnuva“, um Milch, Sauerrahm, Joghurt, Weißkäse oder Gelbkäse zu kaufen. An viele weitere Produkte kann ich mich nicht erinnern, und vielleicht gab es sie damals einfach noch nicht. Die Auswahl war begrenzt, aber niemand hatte das Gefühl, dass etwas fehlte. Das waren damals die Grundnahrungsmittel der heimischen Küche.
Nur selten aßen wir in einem Restaurant. Meine Mutter kochte jeden Tag zu Hause, und die von ihr zubereiteten Mahlzeiten waren ein fester Bestandteil unseres Familienlebens. Daher ist mir der Besuch im Restaurant „Tnuva“ vor allem als Erinnerung an einen Ort und eine Atmosphäre im Gedächtnis geblieben, nicht an die Mahlzeiten.
Auch der Name der Straße erzählt eine Geschichte. Sie hieß damals Emek Izrael, vermutlich als Hommage an die landwirtschaftliche Region, die einen Teil ihrer Erzeugnisse an „Tnuva“ lieferte. Jahre später wurde die Straße in „Rabbiner-Yedidya-Frankel-Straße“ umbenannt. Der Rabbiner, der in der Gegend wohnte, war ein enger Freund unserer Familie, und mein Vater war sein Hausarzt sowie der seiner Familie. Später wurde Rabbiner Yedidya Frankel zum Oberrabbiner von Tel Aviv–Jaffa ernannt.
Wenn ich heute an das Restaurant „Tnuva“ zurückdenke, denke ich nicht nur an die Milch oder den Käse. Ich erinnere mich an eine Welt, die es fast nicht mehr gibt – eine Welt kleiner, eng verbundener Stadtviertel, von Milchmännern mit Karren, von einfachen Geschäften und einem Alltag, der in einem anderen Rhythmus ablief, langsamer und mit engeren zwischenmenschlichen Beziehungen.

In den 1930er Jahren wohnten auf der Rothschild-Allee die Mutter meiner Frau, ihre Eltern und ihr Bruder. In jenen Jahren befand sich die Allee in voller Entwicklung und wurde zu einem der Wahrzeichen des jungen Tel Aviv. Entlang der Allee entstanden Gebäude im internationalen Stil (Bauhaus), es wurden Platanen gepflanzt, und sie wurde als zentrale Achse gestaltet, die die Teile der sich entwickelnden Stadt miteinander verband.
In den 1940er Jahren war die Allee Zeuge der prägenden Momente des entstehenden Staates. Die Cafés entlang der Allee dienten als Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler und Führungspersönlichkeiten, und am 14. Mai 1948 wurde im Dizengoff-Haus an der Rothschild-Allee 16 die Gründung des Staates Israel verkündet – ein historisches Ereignis, das die Allee zu einem der Orte machte, die am stärksten mit den Anfängen des Staates verbunden sind.
In den 1950er Jahren zog auch ich in die unmittelbare Nähe der Rothschild-Allee, nämlich an die Hashmonaim-Str. 62, nur drei Häuser entfernt von meiner zukünftigen Schwiegermutter und so wurde die Rothschild Allee zu einem untrennbaren Teil unserer gemeinsamen Lebensgeschichte. In jenen Jahren war die Allee ein pulsierendes Zentrum für Kultur, Mode und gesellschaftliches Leben. Die Menschen flanierten entlang der Allee, die Cafés waren voll, und es herrschte die Atmosphäre einer jungen, optimistischen und sich erneuernden Stadt. Der Komplex aus dem Habima-Theater und dem Auditorium (auf hebräisch «Kulturpalast»), der am nördlichen Ende der Allee errichtet wurde, festigte ihren Status als kulturelles Herz Tel Avivs und des gesamten Staates.



An den Weg zur Schule am Morgen und den Rückweg nach Hause am Nachmittag erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Hinter der grünen Allee erstreckte sich eine Fläche aus goldenem Sand, fast ohne Häuser. Nur einige große Platanen, deren ausladende Äste großzügigen Schatten spendeten, begleiteten die Passanten auf ihrem Weg. Kaum zu glauben, dass dort wenige Jahre später das Auditorium, die wegen ihrer reichen Besitzer „Schokoladenhäuser» genannten dreistöckigen Wohnhäuser in der Huberman-Straße und das Helena-Rubinstein-Museum entstanden sind. Der Ort, der einst eine offene Fläche aus Sand und Bäumen war, wurde zum kulturellen Herzen der Stadt.
Eine meiner Lieblingsstationen auf dem Weg war der „Kaines“-Verkäufer, der auf einem Transport-Dreirad fuhr und Stücke von Zuckerrohr verkaufte. Wir kauften bei ihm ein Stück und kauten es genüsslich auf dem Weg, obwohl wir uns erst kurz zuvor zu Hause die Zähne geputzt hatten.
Auf dem Heimweg wartete eine weitere vertraute Gestalt auf mich – der Zwerg, der „Ma’ariv-Chik“, der die Zeitung „Ma’ariv“ verkaufte. Jedes Mal, wenn er mich sah, lächelte er, kniff mir liebevoll in die Wange und wechselte ein paar Worte mit mir. Dieses Kneifen war fast schon ein festes Ritual, genau wie es die „polnischen“ Tanten in der Familie taten.
Das sind einfache Kindheitserinnerungen, die mir jedoch sehr am Herzen liegen. Erinnerungen an die Zeit in der Grundschule, an Tage, als Tel Aviv vor unseren Augen wuchs und sich entwickelte. Jedes Jahr kamen neue Straßen, Häuser, Gärten und öffentliche Gebäude hinzu, und die Stadt schien unaufhörlich zu wachsen.

Auch an die 'Jahre der Entbehrung' zwischen 1949 und 1959 erinnere ich mich noch gut. Vor allem erinnere ich mich an die Lebensmittelmarken, die festlegten, wie viel und was man kaufen durfte. Nicht nur Lebensmittel waren rationiert. Auf dem Personalausweis meiner Mutter war ein Stempel eingeprägt: „Erhielt ein Paar Nylonstrümpfe“ – ein Beleg dafür, dass sie nur ein einziges Mal berechtigt war, ein Paar Nylonstrümpfe zu kaufen. Das war eine Realität, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.
In jenen Jahren entstanden auch die „Maabarot“ – Viertel aus provisorischen Bauten, die dazu bestimmt waren, die großen Einwanderungswellen vor allem aus den arabischen Ländern, dem Nahen Osten und Nordafrika aber auch Holocaust-Überlebender aus Ost- und Mitteleuropa aufzunehmen. Sie waren ein untrennbarer Teil des Stadtbildes des jungen Staates und der Geschichte des sich entwickelnden Tel Aviv.
Und doch, wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich nicht an Mangel. In unserem Zuhause fehlte es an nichts, was wirklich wichtig war.
Wir wohnten in einer Wohnung, die meine Eltern mit viel Mühe und Schweiß erworben hatten. Wir hatten eine herzliche Familie, gute Freunde, eine Schule, die wir liebten, und eine Stadt, die wir als unsere eigene empfanden. Das Tel Aviv meiner Kindheit war nicht nur ein Wohnort – es war eine ganze Welt, voller Unschuld, Hoffnung und Erinnerungen, die mich bis heute begleiten.

Wenn ich auf meine Jugendjahre zurückblicke, wird mir bewusst, wie sehr diese Zeit mich geprägt hat. Es waren Jahre des persönlichen Wachstums und des Erwachsenwerdens in einer jungen, sich entwickelnden Stadt, in der jede Straße, jeder Strand und jede Ecke ein neues Erlebnis bereithielt.
An meine Zeit an der Gymnasion Ironi A erinnere ich mich als eine Zeit, in der wir bereits in unserer neuen Wohnung im Norden von Tel Aviv wohnten. Die Stadt hatte sich verändert und war erwachsen geworden, und auch ich wuchs mit ihr zusammen auf. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad zur Schule, und die Fahrt durch die Straßen der Stadt war ein untrennbarer Teil meiner Jugenderlebnisse.
Eine meiner liebsten Erinnerungen aus dieser Zeit sind die Schwimmstunden. Wir schwammen im Hadassah-Becken, aus dem später der Stadtpark wurde, und auch im Gordon-Schwimmbad, das damals direkt am Meer eröffnet wurde. Das Gordon-Schwimmbad war für uns eine aufregende Neuheit – salziges Meerwasser, ganz anders als alles, was wir bisher kannten, zwar ziemlich kalt, aber voller Zauber und Aufregung. Allein die Möglichkeit, direkt am Meer zu schwimmen, war ein besonderes Erlebnis, das uns alle begeisterte.
Vor allem aber war das Meer unser liebster Ort für Freizeitvergnügen. Es verging kaum eine Woche, in der wir nicht mindestens zweimal in den welligen Fluten am Tel-Aviv-Strand badeten. Wir gingen an den Strand, genossen die Sonne und den Sand und gönnten uns ein in Papier verpacktes «Kartiv», Zitronen-Eis am Stiel oder «Artik», Eis am Stiel aus Milch oder Sahne und Schokolade, das uns ein Verkäufer anbot, der barfuß über den heißen Sand lief, während eine kleine Kühlbox über seiner Schulter hing.
Wir liebten auch das „Hassake“ – das Stehpaddeln mit einem einzigen Paddel, das für uns eine Mischung aus Herausforderung, Spiel und Abenteuer war. Und natürlich darf man das «Matkot»-Spiel nicht vergessen, mit dem harten schwarzen Ball, bei dem wir versuchten, so lange wie möglich durchzuhalten, ohne dass der Ball auf den Sand fiel.
Heute, im Rückblick, wird mir klar, dass dies nicht nur Jahre der Jugend waren – es war eine Zeit, in der ich die Welt, mich selbst und den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, kennenlernte. Die Stadt Tel Aviv mit ihren Straßen, Stränden und Menschen war für mich eine weitere Schule des Lebens und schenkte mir ein Gefühl der Zugehörigkeit sowie Erinnerungen an Freude und Unbeschwertheit, die mich bis heute begleiten.
Und die Freitagsfeiern darf man nicht vergessen. Damals, als es noch keine Diskotheken gab, entschieden wir, bei wem die Party am Abend stattfinden sollte. Die Eltern desjenigen, der die Freunde eingeladen hatte, mussten das Haus verlassen und uns das Wohnzimmer überlassen. Ein großes Wohnzimmer und ein Plattenspieler mit 33er-Platten waren die unverzichtbaren Voraussetzungen für einen gelungenen Abend. Snacks waren nicht Pflicht, aber Getränke mussten her – vor allem alkoholfreie Getränke, obwohl eine oder zwei Flaschen Whisky oder Wodka immer mit großer Begeisterung aufgenommen wurden.
Langsame Slow-Tänze neben Tango, Pasodoble, Cha-Cha-Cha, Twist und Rock ’n’ Roll waren ein fester Bestandteil dieser Abende. Die Musik, die Freunde und die besondere Atmosphäre schufen Momente schlichter Freude, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind.
Es waren Jahre einer unbeschwerten und glücklichen Jugend, in denen die Stadt, das Meer und die Freunde unsere ganze Welt waren. Das Tel Aviv jener Tage war für uns nicht nur ein Wohnort, sondern ein Raum voller Erlebnisse, Entdeckungen und Erinnerungen, die mich mein ganzes Leben lang begleitet haben.

In unserer Wohnung im Norden von Tel Aviv, der jetzt als „Alter Norden“ bezeichnet wurde, wohnte ich während meiner Schulzeit am Gymnasium «Ironi A». Die König-David-Allee (Shderot David Hamelech) war damals eine wunderschöne Allee, gesäumt von hohen Bäumen, die einen weiten Schatten auf die Gehwege warfen, mit dem Duft von Erde und grüner Vegetation nach dem Gießen und ruhigen, gepflegten Häusern auf beiden Seiten. Ich liebte das Haus und das neue Viertel sehr, das Licht, das durch die Fenster fiel, und die Ruhe, die in den Straßen herrschte, doch ich habe meine wunderbaren Kindheitsjahre im Zentrum und im Süden der Stadt nie vergessen. Auch dort, wie hier, hatte ich gute Freunde und wertvolle Erinnerungen.
Foto Als wir 1960 in das Viertel zogen, wurde in der Nähe das Ichilov-Krankenhaus gebaut. Damals war es ein relativ neues Krankenhaus, doch im Laufe der Jahre entwickelte es sich weiter und wurde zum Sourasky-Medizinzentrum – dem zweitgrößten medizinischen Zentrum Israels. Auch es war Teil des großen Wandels, den unsere Umgebung durchlief, und der Entwicklung des modernen Tel Aviv, die sich vor unseren Augen vollzog.
In der Zwischenzeit hatte meine Schwester geheiratet und war nicht weit von uns entfernt in den Norden der Stadt gezogen. Von Zeit zu Zeit, vor allem an Freitagabenden, passte ich auf ihre beiden kleinen Kinder auf, während sie und ihr Mann ausgegangen waren. Ich half ihnen gerne, und die Zeit mit meinen Neffen war für mich ein Vergnügen an sich.
Der Fußweg zum Strand war kurz und angenehm. Ich liebte den Spaziergang zum Strand, die salzige Brise, die vom Meer her wehte, und das Rauschen der Wellen, das man aus der Ferne hörte. In unserer Wohnung gab es ein großes, helles Wohnzimmer, das sich besonders gut für Freitagspartys mit Freunden eignete. Dort tanzten wir, lachten, hörten Musik und erlebten unsere unschuldigen und schönen Jugendjahre, zwischen den Wänden des Hauses, die die Klänge der Freude und der Freundschaft in sich aufnahmen.
Kurz gesagt: Bis zu meinem Einberufungstag zur israelischen Armee genoss ich jeden Augenblick meines Lebens in Tel Aviv – einer Stadt, die ständig wuchs, sich veränderte und weiterentwickelte, und ich hatte das Glück, gemeinsam mit ihr aufzuwachsen und erwachsen zu werden. Je mehr Jahre vergingen, desto stärker wurde in mir das Gefühl, dass nicht nur ich meine Erinnerungen an die Stadt geprägt habe, sondern dass auch die Stadt in hohem Maße geprägt hat, wer ich war und wer ich geworden bin.
Shderot (Allee) David Hamelech 57 der Wohnkomplex, dessen Bau 1962 abgeschlossen wurde, war zu jener Zeit eines der prestigeträchtigsten und markantesten Wohnbauprojekte in Tel Aviv. In der David-HaMelech-Straße 57–51 errichtete die Baufirma „Nave“ auf einer Fläche von etwa zehn Dunam vier achtstöckige Wohngebäude, die damals als Hochhäuser galten. Die Gebäude zeichneten sich durch große, geräumige Wohnungen und einen weitläufigen Gemeinschaftsgarten aus – ein außergewöhnliches Merkmal, das es damals in anderen Wohngebäuden der Stadt noch nicht gab.Mit der Planung des Projekts wurde der Architekt Aharon Doron betraut, der viele der Wohnprojekte des Unternehmens entworfen hatte und sogar selbst seinen Wohnsitz in einem der Gebäude nahm. Der Entwurf des Gebäudes basiert auf dem H-Modell, ohne Schnörkel oder überflüssige Elemente, dafür aber mit einer sorgfältigen und hochwertigen Wohnungsplanung, die Dorons professionellen Ansatz während seiner gesamten Karriere prägte. (Aus: « Ein Rundgang durch die Wohnanlage der Firma „Nave“ in der David-HaMelech-Straße 57–51 in Tel Aviv». Eine Beschreibung des Architekten Michael Jacobson, die das Gebäude beschreibt, in dem ich während meiner Gymnasialzeit wohnte. (http://michaelarch.wordpress.com)

Eine weitere bedeutende Phase in meinem Leben, die ich nicht auslassen darf, sind meine Jahre in dem Jugendbund Tzofim“, der hebräischen Pfadfinderbewegung. Ich war Mitglied im Stamm Dizengoff, und die wöchentlichen Treffen, die Abendaktivitäten und die Sabbatabende waren ein fester Bestandteil meines Lebens. Die Bewegung bot mir nicht nur einen sozialen Rahmen, sondern vermittelte mir auch Werte wie Verantwortung, Zusammenarbeit und Liebe zum Land.
Ähnlich wie in der Schule verbrachten wir auch bei den Tzofim die Schulferien und die Sommerferien mit Ausflügen durch das Land und mit ehrenamtlicher Arbeit in den Kibbuzim. So lernte ich viele Orte und vielfältige Landschaften aus nächster Nähe kennen, neben einer Lebensweise, die sich stark von der unterschied, die ich aus Tel Aviv kannte.
Besonders gefiel mir die Arbeit bei der Apfelernte. Es war faszinierend, den gesamten Prozess zu beobachten – vom Pflücken im Obstgarten über das Sortieren und Prüfen der Früchte bis hin zu ihrer Lagerung. Die Arbeit war körperlich anstrengend, aber auch sehr erfüllend und vermittelte ein Gefühl echter Gemeinschaft.

Der Aufenthalt in den Kibbuzim eröffnete mir eine neue Welt. Die Kibbuzniks kamen mir besonders robust vor, und viele von ihnen waren hervorragende Sportler. Ich war beeindruckt von ihrem gemeinschaftlichen Lebensstil, vom Geist der gegenseitigen Hilfe und von der Gemeinschaftlichkeit, die ihr Leben prägte – Werte, die mir im Stadtleben weniger vertraut waren.
Zwar hatte ich Verwandte, die in einem Kibbuz lebten, doch gerade die wiederholten Freiwilligeneinsätze – sowohl im Rahmen der Schule als auch bei den Pfadfindern – ermöglichten es mir, den Alltag in verschiedenen Kibbuzim im ganzen Land aus nächster Nähe kennenzulernen. Diese Erfahrungen haben meinen Horizont erweitert, mein Verständnis der israelischen Gesellschaft vertieft und mir wertvolle Erinnerungen beschert, die mich bis heute begleiten.

Mein besonderer Dank gilt Alfred Messerli für die Anregung, meine Erinnerungen aufzuschreiben, sowie für die Bereitstellung der Online-Plattform. Ebenso danke ich meinem Sohn Alexander und meiner Schwiegertochter Sabrina herzlich für die Überarbeitung des Texts.
Eli Alon (geb. Linker) ist ein israelischer Anästhesiologe, der sich auf Schmerztherapie spezialisiert hat. Er ist Professor an der Universität Zürich, Medizinische Fakultät. (Wikipedia)






