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Von Sabina Kürsteiner – Keine Lust zum Sterben Band IV
Sabina Kürsteiner
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7.
Gegenwart – Bereit zu Empfangen? / 30.10.2026 um 11.22 Uhr
8.
Vergangenheit – Nachtfahrten / 30.10.2026 um 11.29 Uhr
9.
Vergangenheit – Auslandfahrten / 30.10.2026 um 11.29 Uhr
10.
Gegenwart – Die Lust am Schreiben / 30.10.2026 um 11.32 Uhr
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Gegenwart – Neues Heim / 30.10.2026 um 11.33 Uhr
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Gegenwart – Deal mit Gott / 30.10.2026 um 11.34 Uhr
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Vorwort
1.
Gegenwart – Neues Heim
2.
Vergangenheit – Neue Herausforderungen
3.
Gegenwart – Zivilisationslärm
4.
Vergangenheit – Erste Schritte in die nächste Sucht
5.
Gegenwart – Deal mit Gott
6.
Vergangenheit – Auf der Straße
7.
Gegenwart – Bereit zu Empfangen?
8.
Vergangenheit – Nachtfahrten
9.
Vergangenheit – Auslandfahrten
10.
Gegenwart – Die Lust am Schreiben
Ich widme diesen letzten Band all jenen, die den Mut haben, sich selbst, statt andere zu hinterfragen. Den Mut haben, alte Wege zu verlassen und neue zu erforschen …
Vorwort
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  Vorwort
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Auf ein Wort …

Wie bei der Ausreise aus der Schweiz, hyperventilierte Jill auch beim Einreisen. Würde es gutgehen? Hatte sie ihre Habe korrekt für den Zoll aufgelistet? Keinesfalls hatte sie vor, ihr Glück erneut herauszufordern und bei der Einreise für Leerguttransporter hindurchzurutschen. Und was, falls ein Zollbeamter den Kleinlaster untersuchte? Es war Anfang Juni und Jill hatte im Frühling ihre Hanfsamen für den Eigenbedarf ausgesät. Besagte Pflanzen waren inzwischen stattliche 20 cm hoch, ergo, unübersehbar, welcher Gattung sie angehörten.
Schätzchen, willst du hier ernsthaft anfangen, von deinen Hanfpflanzen zu quatschen?, fragte die Zickenstimme.
»Hab ich das noch nie?« 
Nein, was nach meinem Ermessen klug war, denn das Zeug ist in der Schweiz – mehr oder weniger – illegal.
»Dann wird es Zeit, dass ich Stellung beziehe.« 
Dein Bier, aber verkneif es dir später zu sagen, ich hätte es versäumt, dich zu warnen.
Jill ging in sich – keinerlei Zweifel keimten in ihr auf. Fakt ist, dass aus medizinischer Sicht Cannabis ein Geschenk der Natur ist.

Jill Grey und Marihuana:

»Stets habe ich den Rat der Ärzte ignoriert, Cannabis zu rauchen. Wer kämpft schon dafür, von den Drogen wegzukommen, und fängt dann an zu kiffen? Nichtsdestoweniger bewahrte ich für eine Kollegin Gras auf, um für sie gelegentlich einen Joint zu drehen, besuchte ihr Liebhaber sie. Um 1998 wurde mir eine Medikamentenkombination verschrieben, welche mir äußerst schlecht bekam. Mich zu übergeben, war die Regel. Neben der HIV-Therapie nahm ich erfolglos Medikamente und Tropfen gegen Übelkeit. Ich schluckte am Morgen eine Handvoll Kapseln und betete inständig darum, dass sie drinnen blieben. Anschließend hätte ich nonstop reihern können und am Abend wartete die nächste Ladung Pillen auf mich. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war am Ende meiner Kräfte und das Leben erschien mir wenig lebenswert.

Erwähnte Kollegin riet mir, einen Joint zu rauchen. Zuerst sträubte ich mich vehement, irgendwann wagte ich einen Versuch und kam mir vor wie eine Schwerverbrecherin. Ich schloss die Wohnungstür ab und zog die Vorhänge zu, um dann den Corpus Delicti anzuzünden. Nach zwanzig Minuten öffnete ich den Kühlschrank: Ich hatte einen unbändigen Heißhunger. Seit Ewigkeiten war mir nicht übel und ich konnte genussvoll essen. Okay, das war hinterher anders. Ich hatte in der Gier zu große Mengen, und alles durcheinander in mich hineingestopft.

Es tut mir unendlich leid, dass viele Chemotherapie-Patienten konstant mit Übelkeit zu kämpfen haben. Ich vertrete die Ansicht, dass im Bereich der Medizin, Marihuana den Menschen zugänglich gemacht werden sollte. Jene robuste Heilpflanze schaffte bereits in geringen Mengen, was kein Medikament zustande gebracht hatte: keine Übelkeit, jegliche Nebenwirkungen der Medikamente wurden gemindert und der Appetit gefördert. Heute habe ich verträgliche Medikamente und aufgehört zu rauchen. Zur allgemeinen Freude gibt es heute Samen ohne THC: Jedwede Nebenwirkung von ›Bekifftsein‹ fällt weg.«

Da Jill sich nun geoutet hat, kehren wir zurück zum Zoll und ihren kleinen Pflanzen – damals mit THC –, welche vorne im Laster herumlümmelten, um den Transport unbeschadet zu überleben. Als Erstes teilte ihr der nette Zöllner mit, dass am Wochenende das Zollbüro geschlossen sei. Im Ernst? Süffisant fügte er hinzu, dass sie, würde sie den Betrag umgehend bar bezahlen, eine Ausnahme machen könnten. War ja vorhersehbar.
Jills Herz kullerte ihr fast ins Höschen, weil eine grimmig in die Welt blickende Zollbeamtin sie aufforderte, zur Seite zu fahren, damit sie ihre Ladung kontrollieren konnte. Und dort standen diese kleinen Hanfpflanzen, kein Wässerchen trübend, und guckten zu den zwei Beamten hoch, und die schauten zu ihr, dann abermals in den Laderaum, bevor sie vermutlich zum Schluss kamen, dass sie mit dem Chaos im Laster garantiert den restlichen Tag beschäftigt wären. Sie forderten Jill auf, die Hebebühne zu schließen und anfallende Zollgebühren zu bezahlen.
Wie heißt es so schön? Geh mit Gott. Bei Jills Ein- und Ausreise nach Italien muss er mit ihr gegangen sein, danke …

Gegenwart – Neues Heim
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1.  Gegenwart – Neues Heim
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Im Juni 2011 zog Jill in ihr kleines Häuschen im Thurgau. Ein geräumiges Wohnzimmer, eine offene Küche und ein Bad. Im abgeschrägten Dachstock befanden sich das Schlafzimmer und zwei Stauräume. Es gab einen Keller, eine Waschküche, und einen großen Garten. Überdies hatte Jill eine Garage, wo sie das Holz für den Winter lagerte.
Von Bad und Küche hatte man einen bombastischen Ausblick über Wiesen und Wälder, bis hin zum Bodensee. Der Ausblick vom Wohnzimmer war mäßig berauschend: zahlreiche aneinandergereihte Zweifamilienhäuser mit hübschen, akribisch gepflegten Gärten.

Neben dem Haus führt eine Straße zum Kloster hoch. Überdimensionale Kirchenglocken bimmelten unermüdlich viertelstündlich. Am Sonntag ermahnten dieselben Glocken jene Klosterbewohner um halb sechs in der Früh, ohrenbetäubend zum ersten Gebet zu erscheinen. Die Ermahnung zum Gottesdienst folgte zu einem christlicheren Zeitpunkt.
Jill hielt inne. Der Leser würde unweigerlich den Eindruck erhalten, dass ihr neues Heim keineswegs den Vorstellungen der Autorin entsprach. Richtig! Wer eine Weile abgelegen, verkehrs- und nachbarsfrei lebt, verfällt bei dermaßen viel Zivilisation unweigerlich in einen Schockzustand. Sie hatte sehr wohl ihre Bedenken, das Haus zu mieten, ungeachtet dessen hatte sie auf keinen Fall vor, den nächsten Winter in ihrem Schuhkarton an der ligurischen Küste zu verbringen. Also verließ sie heroisch ihre Komfortzone, um der Zivilisation eine Chance zu geben.

Jill räumte ihre Schachteln aus, immerzu suchten sie Zweifel ob des Umzugs heim. Sie fischte einen Hefter aus dem Karton, blätterte darin herum und fand eine Wunschliste, die sie in Italien geschrieben hatte. »Hat sich eigentlich fantastisch angefühlt, als ich sie geschrieben hab«, murmelt sie versonnen.
Definiere »eigentlich«.
»Es ist ein ›All-you-can-eat-Buffet.‹ Abgesehen von drei Punkten, wo ein Quäntchen Bescheidenheit angebracht wäre. Und wahrscheinlich scheiterte ich, weil ich zu gierig bin.« 
Erzähle mir von deiner Gier.
»Musst du diesen Ausdruck benutzen?« 
Es war deine Wortwahl.
»M-hmm«
Dann schildere mir deine überflüssigen, sündigen Wünsche. Ich brenne darauf, sie zu hören.
»Du lachst mich aus!« 
Würdest du begreifen, was du zu empfangen imstande bist, würdest du mit mir lachen. Sag mir, wessen du dich schämst.
»Eine erstklassige – und demzufolge teure – Matratze.« 
Du möchtest komfortabler und gesund schlafen. Worin besteht hierbei die Sünde?
»Verschwenderisch zu sein?«  
Dann ist es an der Zeit, zu lernen, dich zu beschenken. Das wird dir neue Welten eröffnen. Berichte mir von den verbleibenden Sünden.
»Einen neuen Mac-Computer. Allerdings läuft der alte Computer noch halbwegs.« 
Wir reden von deiner Arbeit und diese soll dich künftig ernähren. Bezeichnest du das allen Ernstes als Verschwendung?
»Hm … nein, ein Computer kommt gleich nach dem Bürotisch und Stuhl.«  
Prima, und just hast du dich von einer weiteren Sünde reingewaschen. Tut doch gar nicht weh?
»Könntest du mit deinem Sarkasmus ein bisschen sparsamer hantieren?« 
Kann ich, ja. Hingegen möchte ich dich lehren, größer zu sein, als du dir eingestehst.
Jill legte ihre Liste beiseite. »Ich sehe ein, dass jene Dinge außerhalb der Kategorie Sünde stehen. Danke, ich fühle mich besser!« Jill wollte weiter auspacken.
Kommen wir zur letzten Sünde.
»Das waren alle.«
Hast du vor, sie nachher klammheimlich von der Liste zu streichen? Tu es, und sage mir morgen, wie es dir ergangen ist.
»Das ist unfair, du weißt, was morgen kommen würde.« 
Und du ebenso, du hast es zur Genüge mit unzähligen Wünschen getan.
»Dann sag ich es dir halt …« 
Das musst du nicht.
»Nein?« 
Müssen tust du nichts.
»Also wäre es dir egal?« 
Wie alt bist du momentan?
»Im Kindergartenalter. Und diesmal setze ich eine Fußnote: Du bist unerbittlich.«  
Und was will das Kind?

Jill Grey wusste, was besagtes Kind begehrte. Dass ihr Vater – ihre Mutter – sagte: ›Du bist mir wichtig, und deshalb liegt mir viel daran, es zu wissen.‹ Das Kind sehnte sich nach Liebesbezeugungen. Und so sprach sie den Gedankengang leise aus.
Schön, hast du den Mut, mir das zu sagen. Und da du dir meiner Liebe sicher bist, mein Kind, kommen wir gleich zum Eingemachten.
»Ohne weiteres Vorspiel?« 
Das hatten wir doch?
»War kaum der Rede wert. Na schön: Auf der Liste steht, dass ich durch das Schreiben die ›normalen‹ Lebensausgaben abdecken kann, mit eingeschlossen ein monatlicher Überschuss von CHF 1000.-, den ich auf ein Sparkonto transferiere, für Renovationen am Blockhaus, besondere Ausgaben, Altersvorsorge usw.« 
Und worin liegt hier die Sünde?
»Habgier?«
Mit CHF 1000.- mehr, welche du für den normalen Lebensunterhalt benötigst, erachtest du dich als habgierig?

»Hallo? Das ist reichlich Geld!« 
Aus deiner Warte. Aber was, hast du durchgerostete Wasserrohre, ein marodes Dach, ein kaputter Ofen? Ganz zu schweigen von den Tierarztrechnungen, schließlich willst du alten Hunden einen schönen Lebensabend ermöglichen. Tritt irgendetwas in dein Leben, das außerhalb der üblichen Verdächtigen liegt, ist dein Betrag schwindend klein.
»Musst du alles so schwarz anmalen?« 
Bezüglich des Geldes zelebrierst du das Thema bereits selbstständig hingebungsvoll. Eine Fußnote: Wärst du frei von Angst, hätte dich diese Aussage mitnichten berührt.
»Das ist schwer zu widerlegen. Und ja, mit einem Polster lebt es sich um einiges ruhiger.« 
Und was ist falsch daran?
»Dass ich es als Sünde betrachte?«
Exakt. Lass den Betrag stehen oder erhöhe ihn. Lege deine Überzeugungen von Sünde ab, tue es bewusst und finde Frieden damit.

Langsam wiegte Jill den Kopf. »Wahre Vollkommenheit hat nichts mit der materiellen Welt zu schaffen. Und entferne ich mich nicht von der Vollkommenheit, von dir, revidiere ich lustvoll meine Wunschliste?« 
Habe ich dich dazu ermutigt?
»Und das ist der Punkt, es erscheint mir widersprüchlich.« 
Weil ich sage, dass ihr wahren Reichtum, wahre Glückseligkeit, einzig in euch finden werdet?
»Genau. Wie könnte mich das nicht irritieren?« 
Sage ich, dass ihr gezwungen seid, zu verzichten, um Glückseligkeit zu erlangen? Nein. Und ich ermutigte dich nicht, eine materielle Liste zu erstellen, sondern eine Liste deiner Herzenswünsche.
»Oh, stimmt. Und es sind ausschließlich materielle Dinge drauf.« 
Erschreckt dich das?
»Nein. Den Rest kann ich mir selbst schenken.«  
Sage mir, glaubst du, aus der Armut lernen zu können?
»… Ähm … darauf war ich unvorbereitet.«  
Was sagt dein Innerstes?
»Nein.«
Und …
»Was ich zu lernen habe, ist, mir einzugestehen, dass bei der Erfüllung all dessen mir bange wird.« 
Gut.
»Was ist daran, bitteschön, gut?«, fragte Jill ratlos.  
Dass du solche Befürchtungen aussprichst. Ihr haltet so vieles fest, wobei euch entgeht, dass ihr euren Ängsten Kraft verleiht. Was ausgesprochen ist, verliert an Macht, und der Raum wird frei für Neues. Hast du auch Angst vor mir?
»Was …? Ich hab keine Angst vor dir!« 
Falls sich deine Wünsche erfüllen, was würde geschehen? Ich sage bitte, und dir wird gegeben. Glaube, und du wirst erfahren. Was, widerfährt es dir wahrhaftig?

Zwanzig Minuten später …
Schön, du bist zurück.
»Hab mir die Beine vertreten.« 
Und Luft geholt?
»Jep.« 
Beschreibe den Zustand, den du erlebt hast.
»Panikattacken?!« 
Ich bin das Gesamte! Ich bin das, was du meidest, zu erfahren. Du bittest aus reinstem Herzen, und nehmen wir an, dein Wille geschehe, wovor fürchtest du dich so sehr, dass es dir die Luft raubt?
»Restlos zu glauben? Jegliche Hintertüren endgültig zu schließen?« vielmehr ein Flüstern.
So ist es. Du hättest bedingungslose Hingabe gelebt, an mich und genauso an dich. Was stünde dir dann noch im Weg, zu zweifeln?
»Ich hab Schiss, herauszufinden, wozu wir fähig sind, glauben wir bedingungslos. Dass es keinerlei Grenzen gibt. All das verwirrt mich«, sagte sie verzagt. 
Dessen ungeachtet hast du den Mut, darüber zu reden. Sieh es als primären Schritt zur Erfüllung deiner irdischen Wünsche. Hintertüren geben euch eine Illusion von Sicherheit, gleichwohl beraubt ihr euch eurer Zukunft.
Jill blies die Backen auf. »Puh … Im Kopf ist das vorhanden, es müsste bloß ins Herz rutschen. Und dann jene alte Furcht, abzuheben.« 
Dies wird keinesfalls passieren, du hast dir einen soliden Boden geschaffen.
»Ja, trotzdem hab ich dann und wann Fantasien, wo ich Freunden sage: ›Vertraue, glaube, und alles kommt gut!‹ Hätte mir früher jemand das gesagt, während ich am Ertrinken war, hätte ich gedacht: ›Versprüh deine Frömmigkeit woanders.‹ Und ich kann unmöglich wissen, ob ich mit einer Sache umgehen kann, wenn ich sie nie erlebt habe.« 
Und dennoch malst du es dir schon aus. Kannst du dann vorbehaltlos etwas erleben?
»Demnach bin ich zu unreif dafür.« 
Erwartest du jetzt von mir eine Bestätigung?
»Nein. Du hast mir die Augen geöffnet. Kannst du mir einen Tipp geben, wie ich all das ins Herz befördere?« 
Lebe Hingabe und vertraue.
»Und erneut kann ich sagen: Wie einfach das klingt.« 
Das wäre es, tragischerweise macht ihr es kompliziert. Andererseits wird das Ganze so erst zum Abenteuer, und ich genieße jedes davon, das ich durch dich erleben darf.
»Demnach bin ich gekommen, um dich zu unterhalten?«
In gewisser Weise. Durch euch kann ich mich erfahren, so wie ihr euch durch mich, und habt ihr dies erkannt, werdet ihr euch auf das Abenteuer einlassen wollen, um eurem wahren Ich zu begegnen.
»Das war ein kleines Referat für eine Gemeinsamkeit.« 
Du hast es verstanden.

Vergangenheit – Neue Herausforderungen
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2.  Vergangenheit – Neue Herausforderungen
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Beharrlich haderte Jill damit, bedingungslosen Glauben, beziehungsweise Hingabe zu leben. Fürchtete sie ernsthaft die Folgen, gesetzt den Fall, ihre Träume verwirklichten sich? Möglicherweise. Allenfalls war die Opferrolle zu bequem; keinerlei Verantwortung und letztlich gibt dir das die altgewohnte Sicherheit, korrekt?
Über derlei Dinge sollte sie doch allmählich hinausgewachsen sein? Apropos Opferrolle: Wo war sie in ihrer Biografie stehen geblieben?

Nach dem Spaziergang setzte sich Jill just an den Computer, als ihre Hausglocke bimmelte. Sie schreckte unweigerlich hoch. Nun ja, sie hatte neun Jahre keine nervende Hausglocke. Nach fünf Minuten stapfte sie ins Wohnzimmer und moserte: »Ich könnte ein Schild an der Tür antackern: Hausieren unerwünscht!« 
Weswegen regst du dich auf?
»Weswegen? Würde ich all den Taubstummen und Gläubigen, welche vorhaben, mich zu bekehren, Kindern mit ihren Schokoladentalern, Behinderten, mit ihren selbstgemachten Stoffpuppen, was geben, wäre ich nächstens verarmt. Es ist nervenaufreibend, dass pausenlos jemand läutet, und ich fühle mich mies, gebe ich nichts!« 
Sie sind gegangen, lass du sie ebenfalls los.
»Aber sie kommen immerzu, hierbei sind sie unerbittlich.« 
So war es. Sie waren weg, und Jill regte sich weiter auf. Typisch. Seit sie in der Zivilisation lebte, war ihr Nervenkostüm merklich dünner geworden. Sie atmete tief durch und öffnete dann die Datei der Biografie:

»Im November 1988 kam ich von London heim in die Schweiz, zog bei Dominique ein und begleitete ihn mit dem Anhängerzug auf diversen Touren durch Europa. Ich liebte es, fremde Länder zu bereisen, vorwiegend England, bis hinauf in den Norden, wo ich mich in einer Welt wiederfand, die einem Märchen entsprungen sein könnte. Kleine Dörfer, in denen sämtliche Häuserdächer mit dichtem Stroh bedeckt waren. Unendliche Wiesen, auf denen tausende von Schafen weideten. Ich liebte das Land und diese weiten Ebenen, die sich erstreckten. Ein Empfinden, mit England verbunden zu sein. Ich war damals ahnungslos, dass meine Vorfahren aus England stammten.

Mit vierundzwanzig entschied ich mich, die Pkw-Prüfung zu machen. Ich arbeitete in einem Putzinstitut, Lohn Fr. 13.- pro Stunde, Krankheit und Ferien unbezahlt. Wir putzten von Umzugswohnungen, Rohbauten, Fenster und Schaufenster, über Bürogebäude sowie Krematorien und erledigten Grobreinigung. Manche Leute rechtfertigten sich, dass sie die letzte Woche weniger gründlich geputzt hätten, da wir das ja erledigen würden. Die letzte Woche? Wohl eher Monate.
Ich durfte mich meist mit dem Badezimmer befassen. 1988 hatten wir massenhaft hochgiftige Mittel gegen Dreck und Kalk. Ab und zu kam in Toiletten, falls unumgänglich, Salzsäure zum Einsatz. Mitunter waren Badezimmer fensterlos und es wurden aggressive Mittel eingesprüht, deren Dämpfe man notgedrungen einatmete. Masken fehlten. Alsbald schluckte ich Unmengen an Kopfschmerztabletten.«
Jill Grey konnte schwerlich von sich behaupten, dass sie ihren Traumjob gefasst hatte. Sie stieß zuerst Luft und dann einen Fluch aus.
Wo liegt dein Problem?
»Es ist knifflig, alle Daten zusammenzubringen. Im Prinzip ist es schnurzegal. O Mann, ist es normal, dass ich einen Durchhänger hab?« 
Es wäre nicht normal, wärst du krisenfrei.
»Wow, jetzt geht es mir gleich besser. Ich schreib das Kapitel fertig, dann gebe ich mich dem Durchhänger hin.« 
Viel Spaß.

»Und da war Charly, eine Bobtail/Bergamaskermischung. Dominique schaffte sich den Welpen an und nahm ihn im Lastwagen mit. Er hatte wenig dabei studiert. Nach den ersten Regentagen kam er zum Schluss, dass er den jungen Hund zu Hause lassen müsse, weil seine Kabine anfange zu stinken, liege der nasse Hund darin. Ich hatte das Angebot, im Pub zu arbeiten, wo am Abend ein DJ Platten auflegte. Höchstwahrscheinlich hätte ich ohnehin zugesagt, doch wir benötigten eine Lösung für den Hund und das Pub war die Lösung. Arbeitete ich tagsüber, konnte ich ihn mitnehmen, und arbeitete ich am Abend, kümmerte sich Dominique um ihn, war er zu Hause. Die zwei Wochen im Monat, wo er im Ausland war, kam er mit mir, und legte um acht abends der DJ seine Platten auf, brachte ich ihn in den Keller, wo der Chef sein Büro und Schlafraum hatte.

In jener Zeit starb meine Großmutter. Ich konnte ihren Tod schlecht verkraften und trank übermäßig Alkohol. Mir war klar, dass der Job ungeeignet für mich war, und so sagte ich Dominique, dass ich vorhatte, die Lkw-Prüfung zu machen. Seine Reaktion würde ich kaum mit Freude assoziieren. Wir waren seinerzeit verlobt und er entgegnete kategorisch, dass nach seiner Meinung eine Frau an den Herd gehöre. Seine Äußerung überraschte mich. Dominique war mindestens zwei Wochen im Monat im Ausland, und fuhr er in der Schweiz, kam er spät nach Hause. Ich hatte im Pub oft Spätschicht, kam um eins, halb zwei morgens heim. Er schlief dann längst, musste um fünf aufstehen. So lebten wir mehrheitlich aneinander vorbei. Gäbe es Oscars für Introvertiertheit, Dominique hätte allesamt abgeräumt. Er war ein herzensguter Mensch, und ich versagte komplett, diese Auster zu knacken.
Seine Reaktion bezüglich der Lkw-Prüfung, tat zwar weh, hielt mich jedoch keinesfalls davon ab. Und seine Aussage, dass besagte Prüfung eine Herausforderung sei, weckte meinen Ehrgeiz erst recht. Im Sommer 1990 stürzte ich mich ins Lernen für die Theorieprüfung, wobei ich innert Kürze überzeugt war, eine Mechanikerin zu werden. Ich büffelte täglich stundenlang und bestand die Theorieprüfung auf Anhieb, und am 13. Dezember 1990 die praktische Fahrprüfung.

Ich hatte durch den Sommer ausgiebig gebüffelt und es geschafft! Obwohl ich in der Schule versagt hatte, bestand ich jede Prüfung, welche ich im Anschluss absolvierte, auf Anhieb. Nach der Lkw-Prüfung war ich zuversichtlich, nicht gänzlich dumm zu sein. Einige hatten ihre Mühe, nachzuvollziehen, weshalb ich die Prüfung gemacht hatte. Damals waren Frauen eine Ausnahme. Ich vermute, ich wollte mir etwas beweisen. Ein weiterer Beweggrund waren die Fahrten mit Dominique nach England, für mich die schönste Zeit unserer Beziehung. Ich hatte das Verlangen, jene Freiheit auch für mich zu erleben. Es kam anders. Jene Vorstellung von dem Beruf war schlichtweg naiv.

Die Beziehung mit Dominique wurde für uns beide zunehmend komplizierter und dieser Zustand verstärkte sich, als er die Firma wechselte und ausschließlich im Inland fuhr.
Gelegentlich überlegte ich mir, wie gut Dominique mich kannte. Es entlockt mir ein Schmunzeln, denke ich an sein erstes Weihnachtsgeschenk. Mitten im Wohnzimmer thronte ein wunderschön eingepacktes Geschenk. Ich war beim Auspacken ganz kribbelig und voller Vorfreude. Gleichermaßen war ich sprachlos und überfordert, sobald ich den runden Flechtkorb auf drei Beinen inspizierte, auf dem ein Stoffdeckel lag. Auf die Frage, was das sei, kicherte er: Schau hinein! Ich hob den Deckel und spähte in den Korb. Darin befand sich Nähzeug! Nein, damit hätte ich nie und nimmer gerechnet. Flugs hob Dominique das Plastikteil mit dem Nähzeug an und zum Vorschein kam zusätzliches Nähzeug. Es berührte mein Herz, dass er sich kindlich freute. Gleichzeitig war ich ratlos, was mit dem überdimensionalen Nähkasten anzufangen. Fürs Protokoll: Ich hasse es, zu nähen! Es war ein Dilemma. Dominique freute sich unverkennbar und meinte stolz, dass das keiner Hausfrau fehlen dürfe. Ich sehnte mich nach etlichem, außer eine Hausfrau zu sein.

Ich liebte diesen Mann und der wich jeder tieferen Kommunikation aus. Dasselbe tat ich, indem ich ihm verschwieg, dass ich noch nicht bereit war, das Leben einer nähenden Hausfrau zu leben.

Nachdem meine Großmutter gestorben war, holte er mich in Basel ab. Ich war völlig neben der Spur und benebelt vom Valium, das mir der Arzt gegeben hatte. Fortwährend brach ich in Tränen aus und Dominique gab keinen Mucks von sich. Er war mit der Situation komplett überfordert und ich fühlte mich dementsprechend allein gelassen. Was wollte ich von der Beziehung, vom Leben? Ich wusste nur, dass ich mich nach Liebe verzerrte.

 

Liebe

Sag, dass du liebst, und vielleicht wirst du Qualen erleiden.
Sag, dass du liebst, und vielleicht wirst du von Scham ergriffen.
Sag, dass du liebst, und vielleicht erfasst dich die Einsamkeit.
Blicke hinter deine Vorstellungen
und womöglich erkennst du die Liebe.

 J.G.

Gegenwart – Zivilisationslärm
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3.  Gegenwart – Zivilisationslärm
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Es war Hochsommer, der erste in ihrem neuen Häuschen im Thurgau, und es war heiß. Deshalb öffnest du alle Fenster, solange der Schatten darauf fällt. Jill war baff, dass dermaßen viel Lärm von den schmucken Zweifamilienhäuschen in ihr trautes Heim flatterte. Samstags war kollektives Rasenmähen angesagt. Manche hatten Trimmer, was genauso Lärm produzierte. Ein Nachbar konnte tatsächlich drei Stunden lang seine Gartenplatten mit dem Hochdruckreiniger abspritzen, veranstaltete einen Schweinelärm, und mit einem Kessel Wasser und Schrubber ginge es wesentlich schneller. Elektrische Heckenschere, überaus laut und beliebt. Multipliziere sämtliche Gerätschaften mit zwölf Zweifamilienhäusern …  echt, das ist mit einem akustischen Albtraum vergleichbar.

Zu erwähnen sind zudem die Kinderchen gegenüber. Jene hatten ein monströses Schwimmbecken im Garten und luden ihre Spielkameraden ein, um kreischend darin herumzuplantschen. Dann wurde das Schwimmbecken in den hinteren Teil des Gartens umplatziert, worauf Jill erleichtert aufatmete, zumindest bis sie begriff, dass Platz für das überdimensionale Trampolin geschaffen worden war. Die Singlefrau gegenüber: Sie liebte es ungemein, im Garten zu telefonieren, man wurde quasi genötigt, mitzuhören, und diese Frau hing unentwegt an der Strippe. Willkommen in der Zivilisation!
Seit knapp zwei Monaten lebte Jill Grey in ihrem Häuschen, wo es im abgeschrägten Dachschlafzimmer im Sommer teils so heiß wurde, dass sie auf dem Sofa nächtigte. Zwei Monate, und sie erlag ihren altbekannten Zuständen. Unablässige Geräuscheinflüsse bewirkten, dass sie langsam aber sicher mürbe wurde, derweil hielt der Durchhänger, in puncto Biografie, an. Folglich hatte sie angefangen, ihren ersten Roman »Die letzte Schlacht auf Erden« zu beenden.

 
Am Computer war für Jill alles glasklar, die Geschichte floss sozusagen ungehindert aus ihr heraus. Konzentriert kreierte sie eine wichtige Schlüsselszene, bedacht, Emotionen der Figur prägnant auszudrücken. Urplötzlich riss sie das Kreischen der Kinder abrupt in die Realität. Es folgte das Planschen von Wasser und mehr Geschrei.
»Verflucht, haben die schon wieder frei?«, stöhnte sie, drehte sich im Stuhl und linste trübselig aus dem offenen Fenster hinter sich.
»O Mann, wie soll ich bei dem Lärm arbeiten?!« Völlig entnervt schloss sie die Fenster im Wohnzimmer und öffnete stattdessen das in der Küche, wo soeben der Dieselbus vorbeidonnerte.
»Herrgott nochmal, ich hasse mein neues Zuhause!«  
Jill war todunglücklich. Sie schielte bekümmert zur Wunschliste, welche sie aufgehängt hatte; für ein Quäntchen Ruhe würde sie all ihre Wünsche aufgeben. Jill hatte böse Gedanken.
Welch sündige Gedanken.
»Solche hab ich zurzeit massig.« 
Wie materieller Reichtum eine Sünde ist oder von seiner Kunst leben zu können?
»Müssen wir das ständig durchkauen? Zu deiner Information: Ich betrachte es heute nicht mehr als Sünde.«  
Kein bisschen?
»…« 
Kein klares Nein?
»Ich überlege … Okay, ich gebe eine gewisse Disharmonie zu.« 
Dir ist bewusst, dass ihr euch eine materielle Welt erschaffen habt. Nicht einmal das Wasser der Erde könnt ihr trinken, ohne dafür zu bezahlen.
»Natürlich!« 
Und deswegen musst du für dich sorgen, und ich wiederhole es gerne: Ich sagte nie, ihr seid gezwungen, dies in Armut zu tun.
»Ein wiederkehrendes Thema. Ich hab dich gehört.«  
Wissen und Hören reichen mitnichten aus; lebe es.

Jill war heute keineswegs in Stimmung, sich auf solch zähe Diskussionen einzulassen. Ihr war elend zumute. Das Geschrei und der Lärm aus Nachbars Gärten polterten unaufhörlich durch die geschlossenen Fenster. »Ja, gut. Sorry, könntest du deine ewigen Hinterfragungen ausnahmsweise runterschlucken?« 
Ich habe lediglich nachgehakt.
»Du hast mich geprüft und, oh Wunder, ich bin durchgerasselt!« 
Ich habe dir dargestellt, wo du dir im Weg stehen könntest. Was du damit anfängst, ist deine Wahl.
»Könntest du mich zur Abwechslung mal ermutigen?« 
Kannst du es? Kannst du mir ein klares Nein geben, wenn ich dich frage, ob du deine Wünsche nicht mit Sünde gleichsetzt?
Alles, was sie hervorbrachte, war ein: »Wow …« 
Oh … jetzt lässt du mich deine Scham erfahren, könnten wir die überspringen?
»Du bringst mich zum Lachen. Danke, dass du mir gezeigt hast, wie rasch etwas anwachsen kann, lass ich meine Energien dort hineinfließen.«  
Also seid achtsam, wohin sie fließen, denn ich bin willens, euch zu geben, doch seid euch im Klaren darüber, was ihr begehrt.
»Eigentlich bin ich das.« 
Ja, lässt du das »eigentlich« weg. Und tauchen weitere Zweifel auf, trete ihnen gehörig in den Hintern.
»Das ist alles andere als göttlich.« 
Nach deiner Vorstellung der Göttlichkeit?
»Und freilich spielst du mir den Ball zurück.« 
Dessen ungeachtet kommst du zu mir.
»Bilde dir nichts darauf ein, mit dir zu sprechen ist einfach … einfacher.« 
Aufgrund von?
»Du urteilst nicht, fällst niemals in deine eigenen Geschichten, welche du nebenbei nicht hast. Ich komme, weil du mir ein liebgewonnener Spiegel bist, durch den ich sogar im größten Schmerz Heilung finde. Und ich kann mit dir streiten, keine Angst vor Verlust … Was tu ich da gerade?«   
Du offenbarst mir deine Liebe.

So war es. Jill spähte zu ihrem Computer. »Ich vollende derzeit den Roman und nehme an, du bist einverstanden, dass ich die Biografie auf Eis gelegt habe?« 
Weswegen sollte ich dagegen sein?
»Es war deine Idee und …, ich dachte …« 
Was dachtest du?
»Mir ist eben klar geworden, dass es für mich stimmen muss. Es bereitete mir reichlich Spaß, warum solltest du Widerspruch einlegen.« 
Ich gehe jeden Weg mit dir, keiner ist falsch oder richtig, es ist nur ein Weg.
»Du meinst: Dein Wille geschehe?« 
Dein Wille und somit mein Wille …

Vergangenheit – Erste Schritte in die nächste Sucht
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4.  Vergangenheit – Erste Schritte in die nächste Sucht
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An einem Nachmittag regnete es. Was für ein Segen, keinerlei Lärm drang von draußen ins Haus. Jill entschied, einen weiteren Eintrag ihrer Biografie zu schreiben. Sie wollte diese Ruhe ausnutzen, um das Puzzle fertigzustellen.

»Meine Großmutter starb im Dezember 1989. Damals arbeitete ich im Pub, und sobald mir das Valium ausgegangen war, trank ich vermehrt Alkohol. Ich war außerstande, loszulassen, und hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Das Leben nahm seinen Lauf, ich indessen blieb im Verlust stecken. Du spürst, dass du die Kontrolle verlierst, allerdings ignorierst du es, strengst dich an, irgendwie zu funktionieren.
Tagsüber kümmerte ich mich um den Hund und arbeitete dann im Pub. Dominique kam meist nach Hause, wenn ich weg war, und verließ die Wohnung am Morgen, wenn ich noch schlief. Wir lebten regelrecht aneinander vorbei, entfremdeten uns komplett, wobei sich hierbei die Frage stellt, ob wir uns je nahe gewesen waren. Bemühte ich mich, tiefer zu gelangen, verkroch sich Dominique postwendend in sein Schneckenhaus.
Wenngleich es für Dominique offensichtlich war, dass ich trank, sonderte er bloß ab und zu eine zynische Bemerkung ab, das war’s. Dominique trank weder Alkohol noch rauchte er, er war der seriöseste Mann, den ich kannte. Und der schweigsamste.

Es verstrichen Monate, in denen ich ausgiebig trank und einsehen musste, dass wir uns kaum was zu sagen hatten. Ich versagte jämmerlich, ihn aus seinem Schneckenhaus hervorzulocken. Startete ich einen neuen Anlauf, schwieg er stundenlang beharrlich, das war seine neuste Taktik. Wurde ich wütend, schluckte er allesamt klaglos herunter. Dieser Mann hatte eine mir unbegreifliche Sturheit.
Ich hatte ihm meine Vergangenheit offengelegt. Er hatte geschwiegen. Ebenfalls, als es offenkundig wurde, dass ich die Kontrolle verlor. Der letzte Ausweg, unsere Beziehung zu retten, war, ihm den Vorschlag zu unterbreiten, zusammen eine Therapie zu machen. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich unsagbaren Schmerz und Wut empfand, ich fühlte mich entsetzlich einsam in der Partnerschaft. Die Antwort ist präsent: ›Eine Therapie? Das praktizieren Leute mit Problemen!‹ Auf die Frage, ob er der Ansicht sei, dass wir keine Probleme hätten, sagte er, ihm ginge es bestens. Ich konnte unter seiner harten Schale seine Trauer wahrnehmen, war aber unfähig, ihn dazu zu bringen, seine Mauer niederzureißen.
Wieso unterließ ich es, allein eine Therapie in Angriff zu nehmen? Ich vermute, mir lagen weiterhin jene Nachwehen vom Neuthal in den Knochen. »Band III«.
Das war für mich der Zeitpunkt, unsere Beziehung zu beenden. Ich zog aus, mietete oberhalb von Wald ZH ein Häuschen, verliebte mich kurz danach in Jens, der bei seiner Mutter wohnte und, nach absolvierter RS, zu mir zog.

Ich bekam eine Stelle bei der Fbb in Hinwil und fuhr für eine Saison einen Vierachskipper. Mit dem Weggang im Pub stoppte ich zugleich mit dem Trinken.
Seit zwei Wochen fuhr ich den Kipper, als auf einer Nebenstraße ein Pkw aus der Baugrube kam. Der Lenker bremste ab, gab dann unerwartet Gas und fuhr mir vor den Laster. Während ich bremste, ertönte ein ohrenbetäubender Knall und ein unverkennbares Geräusch, wenn Metall auf Metall scheuert. Ich fuhr höchstens 40 km, dennoch dauerte es eine Weile, bis der Lkw zum Stillstand kam. Und in der Bremsphase, die mir ewig vorkam, schob ich den Pkw vor mir her.
Mein Körper zitterte wie Espenlaub. Ich eilte zum Pkw, aus dem zwei ältere Männer ausgestiegen waren und auf mich zukamen. Der Fahrer entschuldigte sich fortlaufend und erkundigte sich, ob ich verletzt sei. Ich versicherte ihm, dass es mir gutgehe und sagte, ich würde die Disposition anfunken, sie würden die Polizei verständigen – mobile Telefone waren 1992 eine Seltenheit. Als ich zurückkam, lag der Fahrer am Boden und sein Gesicht war aschfahl.

Der Krankenwagen, ebenso der Rettungshelikopter, und die Polizei kamen. Am Abend tauchte noch ein Beamter vom Gericht auf. Dies sei das Standardprozedere, schießt ein Stärkerer einen Pkw ab – ihre Worte. Der Beifahrer bestätigte den Beamten mehrmals, dass sein Freund zunächst angehalten habe, dann grundlos auf das Gaspedal trat und vor den Lkw fuhr. Das war irrelevant, ich wurde pro forma angeklagt und im selben Dokument von jeglicher Schuld freigesprochen.
Der Disponent, der zur Unfallstelle kam, verfrachtete mich am Abend zu einem Chauffeur in die Kabine, und der fuhr mich zur Zentrale. Ich sagte ihm, ich bliebe am nächsten Tag daheim. Ich hatte Schiss. Er parierte: ›Das ist inakzeptabel, du setzt dich morgen in deinen Laster!‹ Der war im Gegensatz zum Pkw praktisch unversehrt.
Der ältere Mann, der den Pkw gefahren hatte, hätte laut seines Arztes, unter keinen Umständen ein Fahrzeug lenken dürfen. Er schluckte zahlreiche Medikamente und war sehr krank.

Zwei Wochen später fuhr ich mit meinem alten Opel Commodore nach Hause. In einem Dorf wartete ein Kind auf seinem Fahrrad auf dem Gehsteig. Ich bremste ab, und als der Junge mich ansah und stehenblieb, fuhr ich weiter. Dann vernahm ich einen lauten Knall am Heck. Der Junge hatte sich entschlossen, husch die Straße zu überqueren, und prallte ins Heck. Ich riss die Tür auf und sprang in zwei Sätzen um den Wagen herum. Was ich zuerst sichtete, war lediglich das Fahrrad auf der Straße. Der Junge lag auf dem Gehsteig und starrte mich mit riesigen, ungläubigen Augen an, bevor er anfing zu schreien und weinen. Ich kniete mich neben ihn, um auszumachen, ob er verletzt sei – er schrie voller Inbrunst. Ich bemühte mich, in Erfahrung zu bringen, wo er wohne – er schrie.

Dann kam seine Mutter schreiend aus dem gegenüberliegenden Haus gerannt. Sie redete mit ihrem Jungen und fuhr mich zwischendurch an, ob ich zu schnell gefahren sei? Sie nahm den Jungen auf den Arm und trug ihn ins Haus, wo sie ihn gründlich untersuchte. Ich erläuterte ihr, was vorgefallen war, bezweifelte jedoch, dass sie mir zuhörte. Endlich sagte sie mir, dass er unverletzt sei, sich erschrocken habe. In der gleichen Sekunde beruhigte sich der Junge, stattdessen fing ich an zu heulen.
Der Junge schlemmte auf dem Sofa zufrieden Kekse mit Milch. Unterdessen trank ich mit der Mutter Kaffee, welche sich entschuldigte, dass sie mich auf der Straße so angefahren habe. Auf dem Heimweg überlegte ich, ob es eine gute Idee war, auf der Straße zu arbeiten. Ich war seit Monaten nüchtern, dementsprechend aufmerksam, und bereits nach drei Wochen im Job hatte ich zwei Unfälle. Meinte ich zuvor, die Schatten verbannt zu haben, schienen jene sich auf ein Neues auszubreiten …« 

 

Gesichter der Angst

Angst hüllt dich ein.
Spürst du den Schmerz, er ist dunkel wie eine Nacht,
in der weder Sterne noch der Mond am Himmel leuchten.
Spürst du die Kälte, sie kriecht in jede Zelle,
sodass dein ganzes Tun ein Akt von Schwere ist.
Sag mir, weshalb besitzt die Angst solche Kraft?
Weil wir sie ihr geben, und weil wir oft vergessen,
wie kraftvoll die Sonne in uns zu scheinen vermag.

 J.G.

Gegenwart – Deal mit Gott
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5.  Gegenwart – Deal mit Gott
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Der 1. August, Jills erster Nationalfeiertag nach der Abgeschiedenheit. Um zwei am Morgen dachte sie allen Ernstes, dass dies die Hölle auf Erden sei. Manch eine Dumpfbacke schert sich einen Dreck darum, dass es verboten ist, vor dem 1. August Feuerwerk abzulassen. Es ist ihnen schnuppe, dass Tiere über Tage panische Angstzustände durchleben müssen.

Trauer und Wut trieben Jill durch den heißen Tag, und eine Nacht, so schwül, dass sie sämtliche Fenster im Dachstock öffnete, um wenigstens ein bisschen Luft zu bekommen. Dann ging die Post ab. Ihre beiden Hunde zitterten und winselten. Die Bewohner der Zweifamilienhäuser mussten ein kleines Vermögen für ihr nächtliches Vergnügen ausgegeben haben. Jill befürchtete, die Feuerwerke würden ihr kleines Holzhaus in Brand stecken. Der dichte Rauch drang ins Zimmer und raubte ihr die Luft. Sie schloss alle Fenster und versuchte, ihre Hunde zu beruhigen.
Mit den geschlossenen Fenstern wurde die Hitze im Dachstock jedoch unerträglich, also begab sie sich runter ins Wohnzimmer. Nun schrieb sie am Computer ihren Frust nieder. Die erhoffte Erleichterung blieb aus. Zwei Monate in der Zivilisation und sie hasst ihr Leben.

Was möchtest du mir sagen?
»Unsere Dialoge diesbezüglich erscheinen mir fruchtlos.« 
Du bist wütend und verletzt.
»Überrascht dich das? Ich hab irgendwann in den Resignier-Modus gewechselt.« 
Probiere, deine Bitte laut auszusprechen.
»Um was bitte ich denn?« 
Sag du es mir.
»Mann, manchmal könnte ich dich auf den Mond schießen.« 
Vergib mir, dort bin ich auch, ich bin überall, ich bin Gott.
»Und du wirst nicht müde, mir das unter die Nase zu reiben.« 
So wie du niemals müde wirst, dich mit mir zu streiten, statt dich verständlich auszudrücken.
»Du weißt, um was ich bitte, also hör auf, mich zu demütigen«, murrte sie zerknirscht.
Solange du dich gedemütigt fühlst, deine Bitte auszusprechen, wäre es ratsam, dass du es tust, um dich von der Demut zu befreien.

Die Minuten verstrichen …
Ich warte.
»Ich bitte um ein schönes Haus und Erfolg in der Arbeit!« 
Wie fühlt sich das an?
»Vor dem Einschlafen erfasst mich eine Kraft und Energie. Doch hier und jetzt reagiert der Körper.«  
Malst du dir aus, dass jemand diese Zeilen liest, empfindest du Scham.
»Jep. Und dann kommt der Verstand angaloppiert und posaunt aus: Keinesfalls wird um Erfolg oder ein Traumhaus gebettelt, das tut man nicht!« 
Bitte, so lange darum, bis jegliche Kraft und Energie darin wahrnehmbar ist. Das ist die reinste Form des Gebets, sie verbindet, lässt wachsen und entstehen. Und erkenne, wo du dir im Wege stehst, deine Wünsche zu leben.
»Du meinst jene Überzeugungen, um was es erlaubt ist zu bitten.« 
Exakt. Außerdem ängstigst du dich kontinuierlich, wahrhaftig zu bekommen. Das würde dich zu deinem Glauben führen, was wiederum eine Herausforderung ist.

Jill prustete die Luft aus. »Ich stimme dir zu. Wir reiten unermüdlich auf alten Gäulen rum. Du erhörst mein Bitten, demzufolge müsste ich mich der Herausforderung stellen?« 
Oh … das ist clever! Du willst mit mir, mit Gott, einen Deal aushandeln?
»Hättest du das ›mit Gott‹ nicht weglassen können?«, sagte sie kläglich.
Habe ich dir den Wind aus den Segeln genommen, mein Kind
»Ja, MEIN VATER.« 
Machst du einen Rückzieher?
»Nein, etwaiges Selbstvertrauen ist bloß vorübergehend geschrumpft.« 
Du meinst dein Glaube. Willst du den Deal dennoch?
»Ja!« 
Ausgezeichnet, ich kann deinen Glauben spüren, ich revidiere, dein Selbstvertrauen.
»Aha! Ich kapiere, was du abziehst.« 
Erkennst du wirklich, wie leicht du ins Wanken gerätst, auch nur mit den Worten Beten, Glauben und Gott. Du bauschst es auf und erlebst dich darunter klein, demütig und schwach, ihnen unwürdig, und das ist Bullshit!
»Sag mal, wie sprichst du denn? »
Ich drücke aus, was du lebst, und bediene mich eurer Wortwahl.
»Aber … du bist Gott!« 
Ihr tut es ebenfalls?
»Wir sind Menschen, mit Fehlern und Schwächen.« 
Und meiner unwürdig?
»Das ist unfair.« 
Sprühend vor Leben, trittst du mir gegenüber – es war wundervoll, dich so wahrzunehmen –, dann sage ich dir, dass ich Gott bin und … den Rest kennst du. Sind wir uns einig?
»Ja.« 
Perfekt. Und sage mir nicht, was ich tun und zu unterlassen habe, tue ich das denn bei euch?
»Nein, aber …« 
Es gibt kein Aber. Du stellst mich auf einen Sockel, das ist keineswegs mein Wille.

Jills Unterkiefer purzelte herunter. Hatte der werte Herr ihr soeben den Kopf gewaschen? Ja, und das nicht zu knapp. »Und was ist denn mit: Gott wertet und urteilt nie? Sagst du, das ist Bullshit, tust du genau das«, konterte sie couragiert.
Du hast es vorhin erkannt: Ich bin Gott, insofern kann ich von meinen Prinzipien abweichen, ist es erforderlich, ein stures Kind wachzurütteln. Noch Fragen?
»N-nein … du hast mich schnörkellos abgefertigt.« 
Und ich bete, dass es diesmal fruchtet. Und was ist mit deinem Deal mit mir, mit Gott? 
»Selbstverständlich will ich den Deal!«, erwiderte sie voller Inbrunst.
Ich bin dabei.
»Ist das dein Ernst?« 
Fängst du wieder an, an mir zu zweifeln?
»Nein, aber du gibst mir garantiert nicht einfach so, worum ich bitte?« 
Nichts geschieht einfach so.
»Aha! Ich verstehe.« 
Bist du sicher, dass du verstehst?
»Sicher bin ich sicher. Es liegt schlussendlich an mir.« 
Mein Kind, wie könnte ich dir irgendetwas geben, an das du nicht glaubst?
»Du … du bist so …!« 
Ich bin willens zu geben, also werfe du mir keine Steine in den Weg.
»Du weckst meinen Kampfgeist.« 
Hervorragend! Du kannst alles leben, an das du aus tiefstem Herzen glaubst.
»Ob Himmel oder Hölle.« 
Genauso ist es.

 
Träume
Träume können uns helfen, unsere Ziele zu erkennen.
Doch wie oft baden wir in unseren Albträumen?
J.G.
Vergangenheit – Auf der Straße
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6.  Vergangenheit – Auf der Straße
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In den nächsten Wochen arbeitete Jill abwechselnd an ihrem Roman und der Biografie. Sie hoffte inständig, dass sie im vierten Band zum Finale kommen würde. Sie strebte danach, abzuschließen. 
Schätzchen, im Schlamm vergangener Zeiten herumzuwaten, beschert dir lediglich eine Depression. Ich hab’s dir ja gesagt, allerdings hast du auf stur geschaltet.
»Nicht hilfreich! Spar dir den Atem, ich werde das beenden, falls nötig auf allen Vieren!« 
Auf den Anblick freue ich mich!
Vergleichbar mit einem nassen Hund, schüttelte Jill jene Zickenstimme aus ihrem Schädel, und studierte Einträge, um den Faden aufzunehmen.

Der kleine Junge mit seinem Fahrrad, der ihr ins Heck fuhr …
»Ein weiteres Ereignis geschah an einem Samstag. Wir fuhren Belag nach Zürich. Bevor der Belag auf die Straße kommt, wird sie mit einer Art dünnem, besprühtem Filzteppich belegt. Ich fuhr darüber und der Filz wickelte sich um die Achse. Ein Bauarbeiter zückte heroisch sein Messer, kroch unter den Laster und schnitt das Zeug ab. Auf dem Rückweg im Aathal fiel mir auf, dass er mir zusätzlich die Bremsleitung angeschnitten hatte. Zum Glück hat ein Laster verschiedene Bremsen.

Einmal klopfte es beim Bremsen. Ich meldete mich über Funk, schilderte das Problem und wurde zur Werkstatt beordert, wobei ich das Schmunzeln des Disponenten über Funk vernehmen konnte. Auf dem Beifahrersitz hockend, meinte er dann herablassend: ›Fahr los, wollen schauen, was ›Tack-tack‹ macht.‹ Nach hundert Metern bellte der Disponent, der aus dem Fenster lehnte, ich solle sofort stoppen, und polterte: ›Himmelherrgott, dein Rad ist locker!‹ Der Mechaniker hatte die Schrauben schlampig angezogen, was wir beide nicht bemerkt hatten. Wir hatten wöchentlich einen halben Tag Werkstattdienst. Diese M.A.N.-Laster hatten früher Schmiernippel, welche von Hand mit der Pumpe einzeln geschmiert wurden. Ich mochte es, obwohl ich hinterher selbst als Schmierlappen daherkam.

Was mir hingegen widerstrebte, war, eine Schicht lang von Grube zu Grube zu tingeln. Nervenaufreibend wurde es, tuckerte ich voll beladen Richtung Gossau den steilen Berg hinauf und ein Rudel Radrennradfahrer nahm die Straße, anstelle des Radwegs in Anspruch. Um mit dem Laster überholen zu können, ist es unerlässlich, weit auf die Gegenfahrbahn auszuscheren. Sie strampeln vor dir her und fangen an, sich in einer Linie zu formatieren. Unterdessen bist du fleißig am Runterschalten, dann winken sie genervt, dass du überholen sollst, leider bist du inzwischen im dritten Gang und die Straße unübersichtlich. Unter uns: Mit über zwanzig Tonnen kannst du am Berg schlecht beschleunigen, um husch zu überholen, da läuft gar nix, was das Rudel Rennfahrer vor dir nicht checkt. Sie fuchteln beharrlich wild herum und wirken genervt, weil du mit deinem dämlichen Laster nicht endlich überholst.

Ein weiteres Ärgernis ist, schneidet ein Fahrzeug die Kurve. Mit dem Lkw fährt man per se praktisch auf dem rechten weißen Streifen. An einem Morgen hatte ein Pkw-Fahrer die ausgezogene Linie in einer unübersichtlichen Kurve massiv überfahren. Rechts war eine Felswand. Du hast zwei Möglichkeiten, und du musst dich subito entscheiden. Entweder du rammst den Idioten oder … Ich entschied mich für Option zwei, und der Knall, bei dem der Doppelspiegel von der Felswand zerschmettert wurde, war gewaltig. Und freilich mustert dich der Disponent, der Probleme hat, dass Frauen sich in diesen Berufszweig einnisten, mit kritischer Miene, während du ihm erklärst, weswegen du einen neuen Doppelspiegel benötigst.

Einst wäre ich beinahe verunglückt. Ein Kollege hat gesehen, was ich unmöglich sehen konnte, und rettete mir aller Wahrscheinlichkeit das Leben. Ich fuhr weit in der Grube hoch, hatte irgendeinen Sand geladen, den ich oben über der Klippe abladen musste. Der Typ, der mit dem Schaufelbagger in jener Grube für Beladungen zuständig war, war ungemein pedantisch und stänkerte ständig herum, weil ich zum Abladen den Rand der Klippe mied – wo es höllisch tief hinunterging. Ich stoppte meist knapp 2 Meter vorher. Im Klartext: Kam ich, durfte er danach mit seinem Bagger hochkommen, um den Rest, der am Klippenrand lag, runterzustoßen.
Ich setzte zurück und löste gleichzeitig den Hebel, um die Mulde anzuheben. Die Fahrertür stand offen und ich lehnte mich hinaus, um zu überprüfen, wie nahe die Hinterachse am Abgrund war. Ich hatte vor, mich zu trainieren, näher an den Rand zu fahren, um mir Ärger zu ersparen. Plötzlich dröhnte es aus dem Funkgerät: ›Eddi 57, leg den Vorwärtsgang ein und gib Gas! SOFORT!!!‹ Es lag dermaßen viel Panik in seinem Tonfall, dass ich es umgehend tat. Ich schmiss den Vorwärtsgang ein, gab Gas und senkte die Mulde, dann folgte ich der Anweisung über Funk, runterzukommen. Unten angekommen, zeigte der Kollege zur Klippe, wo ich an den Rand gefahren war. Mein Blick schweifte weit hinauf und oh Gott, der Klippenrand war auf einer Breite von ungefähr vier Metern unterhöhlt! Wäre ich einen halben Meter näher an den Rand gefahren und hätte die Mulde vollständig aufgerichtet – das volle Gewicht auf den hinteren beiden Achsen –, wäre das Brett unter dem Gewicht eingestürzt und hätte den Laster mit mir in die Tiefe gerissen. Einem Kollegen von Dominique war das zugestoßen, er sprang während des Sturzes aus der Kabine und wurde letztlich unter ihr begraben. Der Schock saß tief in den Knochen. Künftig mied ich den Grubenrand, schnurzegal, ob sich der Typ auf seinem Bagger trotzig gebärdete und Sprüche über Frauen am Steuer absonderte.

Der Funk war ein Segen und gleichermaßen ein Fluch. Alle konnten mithören. Ein alter, grimmiger Mann, der in Bäretswil auf seinem Hochsitz thronte und Knöpfe betätigte, beschämte mich eines schönen Tages. Sobald ich ihn näher kennenlernte, merkte ich, dass er keineswegs so grimmig war. Ich musste dringend aufs Klo, stellte den Laster ab und sprintete zur Toilette. Anschließend tönte es aus dem Funk: ›Eddi 57, musst du das nächste Mal Pipi, stell deine Karre gefälligst nicht mitten auf den Platz!‹ Es ist überflüssig zu erwähnen, dass es eine Weile spaßig war, mich damit aufzuziehen.

Ansonsten habe ich es stets vorgezogen, mit Männern, anstatt mit Frauen zusammenzuarbeiten. Sie sind um einiges umgänglicher und weniger kompliziert. Mein damaliger Freund war eifersüchtig, eine regelrechte Dramaqueen. War ich mit Kollegen was trinken und kam später nach Hause, gab es eine opernreife Szene.

Und da war mein Hund Charly, den mir Dominique sozusagen untergeschoben hatte. Es wurde mir zwar gestattet, ihn mitzunehmen, dennoch litt er im Sommer vermehrt. Die Fahrerkabine wurde verdammt heiß, hatte keine Klimaanlage. Eine Bauersfrau kannte eine Nachbarin, die meinen Hund zum Spaziergang mit ihrer kleinen Tochter mitnahm. Alsbald holte sie den Hund am Morgen ab und brachte ihn, bevor ich heimkam. Dann zog die Familie nach Österreich, sie hatten ein Haus mit Garten gekauft, und schlugen mir vor, Charly mitzunehmen. Schweren Herzens sagte ich zu. Nachdem Charly nach Österreich ausgewandert war, schenkte mir die Bäuerin eine Katze, um mir den Verlust erträglicher zu machen. Ich taufte sie Michelle. Und weil auf dem Hof zwei potente Kater ihr Unwesen trieben, war sie in Kürze trächtig. Alsbald war ihre Schwangerschaft unübersehbar und ich freute mich auf den Nachwuchs.

Jens, der von seiner Mutter zu mir gezogen war, konnte kaum was mit Haustieren anfangen, war zeitweilig sogar auf sie eifersüchtig. Er liebte Autos und fuhr dementsprechend zügig um die engen Bergkurven. Eines Abends vernahm ich von draußen das Quietschen von Reifen. Eine Kälte und Vorahnung erfassten mich. Dann tauchte Jens auf, kreidebleich und zitternd, sagte er, dass Michelle tot auf der Straße liege, jemand müsse sie überfahren haben. Ich rannte an ihm vorbei hinaus, kniete mich neben ihren leblosen Körper und weinte um meine kleine Katze und ihre ungeborenen Babys. Denkbar, dass Jens sie überfahren hatte, was ich für mich behielt, er schien so schon unsäglich zu leiden. Auf ein Neues hatte ich einen Verlust zu beklagen.

Die Fbb-Saison endete im Herbst und ich war betrübt. Es gibt eine Kleinigkeit, welche zu erwähnen ich versäumt habe. Obschon, so klein war besagte Angelegenheit nicht. Wie vorangehend erwähnt, war ich über diese Monate clean. Naja, fast. Ende des Sommers hatte ich einen hässlichen Husten und das ist ärgerlich, zudem gefährlich, muss man sich auf die Straße konzentrieren. Der Apotheker gab mir Hustensirup mit. Dass er Kodein enthielt, wurde mir erst klar, als ich zu Hause davon nahm und mich in wohlige Wärme gehüllt wiederfand.

Die Dramen der Beziehung, der Verlust von Charly und Michelle, all das glitt in die Ferne; eine innere Wärme und Frieden durchströmten mich. Ich hatte bis anhin keinerlei Erfahrung mit Kodein, aber den Zustand wollte ich wiederhaben. Folglich besorgte ich mir des Öfteren den Hustensirup und trank ihn am Abend, um abzuschalten. Ungeachtet dessen blieb ich bei der Arbeit nüchtern. Legst du dir indessen für zwei Wochen Ferien auf den dominikanischen Inseln einen Vorrat an, füllst ihn in Flaschen um und gibst ihn mit dem Gepäck auf – 1992 praktikabel –, ist es offensichtlich, dass du in die Sucht schlitterst. Insofern habe ich mich nach den Ferien in den Entzug begeben.« 



 »Ausbruch«
Öl, Acryl, Goldpulver auf Leinwand
Gegenwart – Bereit zu Empfangen?
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7.  Gegenwart – Bereit zu Empfangen?
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Jill Grey hatte in ihrem neuen Zuhause im Thurgau einen großzügigen Garten. Der war im weiten Umkreis der Einzige, dem kein wöchentlicher Bürstenschnitt verpasst wurde. Sie wollte eine Blumen- und Pflanzenpracht, und somit den Insekten eine artgerechte Lebensweise ermöglichen. Bedauerlicherweise war ihre Garten-Vision den Nachbarn ein Dorn im Auge; solch eine üppige Blumenpracht versamte und wurde mit dem Wind in Nachbars ›Bürstenschnitt-Gärten‹ getragen. Selbstredend wurde sie diskret darauf hingewiesen. Der Nachteil eines solchen Gartens: Sämtliche Katzen der Umgebung kackten in ihre Gemüsebeete, welche in Nachbars Gärten nirgends zu finden waren.

Heute kreiste ihr Denken um den Morgen und die Therapiesitzung. Weil ihre Zustände schlimmer wurden, hatte sie eine Therapeutin aufgesucht. Hinterher ging es ihr weitaus schlechter. Jill schilderte, wo sie derzeit im Leben stand, und dass sie alles daransetze, um mit diesem Leben und dessen Einflüssen klarzukommen. Im Anschluss brach sie zusammen. Was prinzipiell gut war. Doch was tat jene Frau daraufhin? Sie sagte laut und genervt: ›Was möchten Sie von mir? Tabletten?‹
In den 45 Minuten tätigte sie vier Telefonate. Das war auch heute so, worauf Jill sich höflich erkundigte, wieso ihre Vorzimmerdame nicht den Telefondienst übernehmen würde. Die Therapeutin klärte sie auf, dass sie alle Termine selber festlege, die Vorzimmerdame bewältige nur das Administrative. Jill war definitiv wütend und verletzt. Und sie war wütend, dass ihr die Courage fehlte, dieser Frau ordentlich die Meinung zu sagen.

Trübselig hockte sie sich auf eine Bank. Nach fünf Minuten beschloss sie, ihrer Therapeutin zu schreiben, weshalb sie die Sitzungen nicht weiterführte. Sie trottete nach Hause, schrieb den Brief, und suchte sich dann im Internet einen neuen Therapeuten.

»Ich habe länger nicht mit dir gesprochen.« 
Du und ich sind anwesend, das alleine zählt. Zeit ist für mich irrelevant.
»Ich weiß, Zeit ist unsere Erfindung, und wir sind ihre Sklaven.« 
Das seid ihr wahrlich. Sage mir, wo stehst du?
»Ich verliere mich hier komplett. Und ich hab den Roman fertig. Ihn zu schreiben hat mir geholfen. All die Charaktere auszudrücken. Und da ist Scham, denn manch eine Figur ist abgrundtief böse oder versoffen, und ich lebe sie bei der Arbeit aus.« 
Ferner fühlst du dich dabei wohl.
»Ja. Ich befürchte, diesen ›bösen‹ Teil zu unterdrücken, verleiht ihm zusätzlich Macht.«
So ist es. Du hast einen Weg gefunden, ihn zu leben, und du nimmst die Schatten deiner selbst an.
Sie schmunzelte. »Ja, und ich liebe jede einzelne Figur. Und ich hab keinerlei Verlangen, die Menschheit auszulöschen.« 
Nie den Gedanken gehabt? An die dreihundert Manuskriptseiten lang?

»Du bringst mich zum Lachen. Ja, zuweilen wäre es wünschenswert, wir würden verschwinden, um Mutter Erde Erholung zu gewährleisten. Und vorausgesetzt, wir sind klüger, können wir zurückkehren. Der Punkt ist, je stärker die Sehnsucht wird, heimzukehren in die Natur, desto beengender fühlt sich die Zivilisation an. Bedenken kommen auf, dass mein Glaube eben keine Berge versetzen kann. Es würde mir leichter fallen, damit umzugehen, könnte ich dir die Schuld geben.« 
Ah, du legst dir vorweg eine Strategie zurecht, um dich auffangen zu können, verlierst du den Boden, und ich bin dein Opfer, das du zum Täter erküren kannst.
»Und ich bezweifle stark, dass es klappen wird.« 
Hast du denn Alternativen, beziehungsweise andere, die du zur Schlachtbank führen könntest?
»Nein, tragischerweise bloß mich. Dann lieber dich.« 
Ich danke dir für deine Offenheit. Es gibt wenige, die zugeben, lieber mich, statt sich zu opfern, was letztendlich auf ein und dasselbe hinausläuft.
»Das ist ja der Haken.« 
Und das macht dich wütend.
»Natürlich. Du könntest eine Niederlage problemlos wegstecken.« 
Es ist erstaunlich, welche Energie du in »eventuelle« Niederlagen investierst.
»Korrekt. Es wäre ja nicht die erste auf dem Gebiet, ich habe etliche Briefe ans Universum und an dich geschrieben, also unterlass es, über meine Zweifel zu urteilen. Ich rate dir, dein Personal zu überprüfen. Können die lesen? Und verkneif dir den Spruch, von wegen ›ich bin nicht bereit zu empfangen.‹ ICH BIN BEREIT ZU EMPFANGEN! Oh Gott, ich werde hier meschugge.«  
Ich habe dich gehört. Was verbirgst du hinter deiner Wut?
»Lass es.«
Möchtest du unseren Dialog beenden?
»Nein.« 
Was dann?
»Dass du mich verstehst!« 
Dann fange an, mit mir zu sprechen.
»Das tu ich doch.« 
Tatsächlich?

Vor sich hin grummelnd marschierte Jill zur Küche und stierte beleidigt aus dem Fenster. Ein Bus donnerte vorbei. Ihre Geräuschempfindlichkeit hatte sich derart gesteigert, dass es weh tat. »Ja … nein … was weiß ich!« 
Mitunter habe ich den Eindruck, du kontrollierst weiterhin.
»Das mit dem Kontrollding kannst du auch lassen.« 
Ein enormes Ding.
»Ja …« Kaum hörbar und kummervoll.
Was würde geschehen, gibst du die Kontrolle auf?
»Bei den Bestellungen? Ich könnte sie aus den Augen verlieren!« 
Wie war das vorhin? Du denkst, dich zu verlieren?
Blitzartig schnappt sie nach Luft. »Du schnürst mir den Hals zu.« 
Es ist mir unmöglich, dir den Hals zuzuschnüren. Vergib mir, dir deine Illusion zu nehmen. Ich bin nicht der Täter.
»Demzufolge bin ich Täter und Opfer.« 
Du bist diejenige, welche nicht bereit ist, zuzulassen, und dir die Luft nimmt. Atme tief durch, spüre, wie die Lebensenergie in deine Lungen strömt.
Das praktizierte Jill eine Weile. »Danke, es geht mir besser.« 
Du hattest vergessen, zu atmen. Tue es bewusst, das befördert dich ins Hier und Jetzt.
»Es ist, als sei ich in einem Käfig eingesperrt«, schniefte Jill. »Und die Arbeit an der Biografie, so vieles, was auf mich einströmt, neben den Einflüssen von außen. Und bin ich so negativ, kann nichts Positives eintreffen.«  
Ich verstehe, und es ist richtig, solange du in der negativen Energie verharrst, wirst du genau das anziehen. Du hast erkannt, was du nicht leben willst, daraus entstanden deine Briefe, mit klaren Angaben. Erinnerst du dich daran, all das auszudrücken?
»Oh ja.« 
Dann nimm die Haltung deiner Wahl ein …
Jill war tief berührt. »Ich liebe dich und manchmal fürchte ich mich vor dieser Liebe …« 


Wege

Die Sonne, die immer wieder aufgeht,
der Mond, der immer wieder zurückkehrt
und diese eine Hoffnung, die in mir aufkeimt.
Lediglich ein kleiner Lichtschein, der mir den Weg aufzeigt,
ein Weg, den ich selbst nicht kenne,
ein Weg, der mir fremd ist.

J.G.

Vergangenheit – Nachtfahrten
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8.  Vergangenheit – Nachtfahrten
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Zweifelsfrei waren die Umstände dieselben, Umstände, deren emotionale Folgen Jill kontrollieren wollte. Was unnötig war, es war ihr erlaubt zu heulen, wenn möglich, außer Hörweite der Nachbarn, denn das würde Fragen aufwerfen. Gegebenenfalls kontrollierte sie deshalb erneut, denn: Wir beobachten, wir hören dich …!

Tags darauf arbeitete sie an ihrer Biografie, und anders als beim vorherigen Eintrag, war sie weniger erschlagen, was die Zickenstimme wachrüttelte.  Den puren Sonnenschein strahlst du aber auch nicht aus. Kleines, dein Hadern ist überdeutlich.
»Ich hab bald das Schlimmste überstanden.« 
Von mir aus, ist dein Nervenkostüm, das du strapazierst. Hingegen würde dir niemand Vorwürfe machen, steigst du aus, am allerwenigsten ich. Was sagt der alte Tattergreis gerne: Dein Weg ist mein Weg.
»Könntest du dein Gift woanders versprühen?!« 
Stille. Fröstelnd rieb sich Jill die Arme, der Herbst breitete sich langsam aus. Sie holte sich eine dicke Jacke und Decke, welche sie über ihre Beine legte, dann atmete sie tief ein und fuhr fort:

»Ich hatte einen Job in Rüti. Der Chef stellte mir einen der großen Laster in Aussicht, falls ich für zwei, drei Monate mit dem 5-Tonnen-Sattelschlepper Nachtfahrten übernehmen würde. An einem Morgen um sechs stoppte mich zum krönenden Abschluss der Schicht die Polizei. Nach ein paar Minuten bat der eine Polizist: ›Sagen Sie uns, was an dem Fahrzeug überhaupt funktioniert, das ginge wesentlich zügiger.‹ Ich erläuterte ihnen, dass ich jeden Mangel mehrmals dem Chef angegeben hätte. Der Polizist hob die Hand. ›Wir kennen den Herrn, und seinen Umgang mit den Angestellten und Fahrzeugen. Wir werden uns direkt an ihn wenden.‹ Sie verzichteten auf eine Buße. Der Witz war, dass der Chef mir sagte, der Mechaniker hätte den Sattelschlepper überholt. Ja klar.

Wir befanden uns kontinuierlich unter Zeitdruck. Verpasste man um zehn den letzten Zug durch den Lötschberg, hieß es, außenrumfahren, was reichlich Zeit in Anspruch nahm. Die meisten Firmen waren im Wallis, vereinzelt fuhr ich nach Lausanne. Der Chef versicherte mir, dass ich zwischen zwölf und eins am nächsten Nachmittag fertig sei. Die Norm war vier, fünf Uhr.
Führ ich am Montag um fünf los, war ich am Dienstag gegen fünf fertig und hatte bis Mittwoch frei. Ich fuhr jene Tour, welche durchschnittlich 24 Stunden dauerte, dreimal pro Woche. In der folgenden Woche fing ich am Dienstag an und fuhr die Tour zweimal.

Ein Junge, achtzehn Jahre, arbeitete mich in zwei Nächten ein. Zur Tour gehörte ein Schlüsselbund, mit dem wir Zugang zu den Firmen hatten. Des Weiteren zeigte er mir, wo Kaffeeautomaten zu finden waren, ein wichtiger Bestandteil, um wach und konzentriert zu bleiben. Ich kaufte mir in Zürich ein Funktelefon, das Ding war schweineteuer und so monströs und schwer, dass es als Waffe durchging, vom Ladegerät gar nicht zu sprechen. Dennoch hatte es sich gelohnt, ich kannte einen Chauffeur, der dieselbe Route fuhr, und so konnte ich nachfragen, wo welche Firma war. Navigationsgeräte waren damals Zukunftsvision.

Es war die zweite Nacht. Wir fuhren eine kurvenreiche Straße hinunter Richtung Sion. Links ragte eine Felswand in die Höhe, rechts war eine Leitplanke, hinter der es steil abfiel.
Um halb zwei rollte ich mit dem Sattelschlepper mit 40 km die Straße hinunter. Neben dem Motorengeräusch hörte ich plötzlich von außen ein Quietschen. Vor mir lag eine enge Kurve, aus der ein roter VW Golf schoss. Ich dachte entsetzt: Das schafft der niemals! Das Quietschen waren die Reifen des Golfs, der um die Kurve schlitterte, die Mittellinie überfuhr und geradewegs auf uns zuraste. Ich besinne mich, dass etwas Riesiges am Fenster vorbeiflog, und in der Sekunde, als mein Fuß versuchte, das Bremspedal durch den Boden zu drücken, explodierte ein Knall, Synchron dazu wurde der Sattelschlepper durchgerüttelt. Meine Hände umschlossen krampfhaft das Lenkrad, unterdessen kam die Felswand vor mir erbarmungslos näher. Neben mir der langgezogene Schrei des Jungen. Es war mir unmöglich, den Sattelschlepper zu steuern. Der VW hatte beinahe die Vorderachse abgerissen, bevor er unter den Auflieger geriet.
Ich gab keinen Mucks von mir, hielt verkrampft das blockierte Lenkrad fest und schaute zur dunklen Wand, welche unaufhaltsam näherkam. Der einzige Gedanke war: Es ist vorbei.

Dann der Ruck, der mich gegen das Lenkrad schlug. Fassungslos starrte ich auf die schwarze Wand vor mir … Wir standen wahrhaftig vor der Felswand, anstatt an ihr zu zerschellen?! Ich schielte zu dem Jungen, erkundigte mich, ob er verletzt sei. Er glotzte, offenkundig unter Schock, mit offenem Mund und aufgerissenen Augen auf den Felsen, sagte heiser, dass er unverletzt sei. Ich stieg aus, und konnte sehen, was uns gestoppt hatte. Vor der Felswand war ein Graben, er verlief die gesamte Straße hoch und wurde, teilte mir die Polizei später mit, am Vortag ausgehoben. ›Sie hatten einen Schutzengel, wäre der Graben nicht ausgehoben worden, wären sie frontal in diese Felswand gekracht.‹ Seinerzeit gab es keine Sicherheitsgurte in den Lastwagen.

Oben auf der Straße sichtete ich den zerschmetterten VW Golf. Der Teil, der noch intakt war, waren die zwei Vordersitze mit den Überrollbügeln. Hätten sich die beiden Männer angeschnallt, wären sie nicht herausgeschleudert worden. Zu dem Zeitpunkt war ich ahnungslos, dass zwei Personen darin waren. Eine Person lag mitten auf der Straße. Ich wählte den Notruf und wies den Jungen an, das Pannendreieck vor die Kurve zu stellen. Ich beugte mich zu dem Mann runter und konnte eine starke Alkoholausdünstung riechen. Mir war klar, dass man es vermeiden sollte, ein Unfallopfer zu bewegen, allerdings lag er in einer Kurve, und trotz des Pannendreiecks hätte jemand zu spät abbremsen können. Wir trugen ihn behutsam zur Seite, ich holte eine Decke und legte sie über ihn.
Der Junge blieb bei dem Mann, ich suchte mit der Taschenlampe die Straße ab, um sicherzugehen, dass niemand sonst im Wagen gewesen war. Dann leuchtete ich bei der Leitplanke den Hang hinunter und am Fels nach zum Graben. Ich hätte weiter hochgehen sollen. Ein junger Mann lag weit oben im Graben, sogar die Polizei entdeckte ihn erst nach zwei Stunden. Er starb im Spital.

Die Befragung auf der Polizeiwache endete um sechs am Morgen. Ein Beamter fuhr uns zur Werkstatt und einem Ersatzlaster. Der Sattelschlepper konnte bloß noch verschrottet werden. Ich bemerkte rote Farbe unterhalb des Fahrerfensters. Dort schlug der Golf zuerst auf.
Bei der nächsten Fahrt stoppte mich auf der Autobahn die Polizei mit Blaulicht, um mir mitzuteilen, dass ich schuldlos und der junge Mann gestorben sei. Beide hatten allerhand getrunken.
Auch diesen Unfall schob ich beiseite, mit dem Bewusstsein, dass es an ein Wunder grenzte, dass der Graben am Vortag ausgehoben worden war. Der Schutzengel würde weitaus mehr Arbeit mit mir haben. Die Arbeit in der Nacht war äußerst ungesund …«

Nach dem Unfall fuhr Jill künftig allein, der Junge hatte gekündigt.
»Ich hatte niemanden mehr zum Reden. Je tiefer es in die Nacht geht, umso müder wirst du. Es herrscht praktisch kein Verkehr auf den Straßen, insofern fehlt die Konzentration. Bei jeder Firmen trank ich einen mit Zucker durchsetzten doppelten Espresso und der zweite kam mit auf die Fahrt. Ich schüttete unzählige Espressos in einer Nacht in mich hinein. Kam ich heim, spulte mein Gehirn gleich der Räder des Lasters unter mir. An Schlaf war mitnichten zu denken. Vierundzwanzig Stunden auf der Straße, irgendwann glaubst du, umzukippen. Du legst eine Kassette ein und drehst die Lautstärke auf, singst mit, um wach zu bleiben. Dann drehst du das Fenster runter und streckst den Arm hinaus, bis die Kälte dich wachrüttelt. Es wurde Winter, das ist mir so präsent, weil mich im Schnee einmal der Arsch des Aufliegers überholen wollte.
Ich kam zur Firma, wo just ein Lkw-Motor in den hinteren Teil des Aufliegers geladen wurde. Auf den Einwand, dass ich mit dem garantiert überladen sei, blaffte der Chef jovial: ›Als ob Sie das beurteilen könnten.‹ 

Nach drei Stunden meldete sich der Disponent und flippte aus. Er nannte den Chef ein ignorantes Arschloch und meinte, ich wäre mit dem Motor komplett überladen. Der Sattelschlepper war tatsächlich schwerfällig. Der Motor musste nach Lausanne. Im Regen fuhr ich die Autobahn hoch, dann durch einen ellenlangen Tunnel. Beim Rauskommen fiel die Autobahn ab und – sie war schneebedeckt. Es ist davon abzuraten, auf Schnee mit Übergewicht voll abzubremsen, deswegen schaltete ich Gang für Gang runter. Während ich ins Schlittern kam, wagte ich den Blick in den Seitenspiegel, und da kam der Arsch des Aufliegers quer über die Fahrbahn gerutscht. Auf welche Weise ich diese Katastrophe bewältigte, ist mir schleierhaft. Es gelang mir. Hinterher kroch ich nach Lausanne. Dort angekommen fuhr ich zur Rampe, schob den Gabelstapler unters Palett mit dem Motor, pumpte ihn auf und zog daran. Ich konnte das Scheißding keinen Zentimeter bewegen. Na toll. Sollte ich warten, bis die Bude am Morgen aufmachte? Ich entschied mich, weiterzufahren und nochmal nach Lausanne zurückzukommen, ansonsten wäre ich mit der Tour nie und nimmer fertig geworden. Die Männer, welche am Morgen den Motor ausluden, hatten ähnlich nette Bezeichnungen für den Chef übrig wie der Disponent.

Dieser Job ging an die Substanz und es wäre ratsam gewesen, eher zu kündigen. Jedoch hatte ich noch zu lernen, für mich einzustehen. Eine Kollegin schlug vor, es mit Koks zu probieren, damit würde ich bestimmt wach bleiben. Gesagt-getan und der Teufel fläzte sich auf ein Neues in meinem Leben herum. Ich spritzte zwar nur ein bisschen, nichtsdestotrotz lässt es sich nicht schönreden. Befürchtete ich einzuschlafen, setzte ich mir einen kleinen Schuss. Und wie früher, war mir der Zustand, den mir das Koks vermittelte, befremdend. Nach zwei Wochen war Schluss damit.
Bei der darauffolgenden Tour hatte ich ein weiteres Problem mit dem Laster: Der Anlasser war defekt und die Hebebühne klemmte ständig.

An einer Kreuzung blieb stehen und gaffte ungläubig auf den Platz; zehn große Metallfässer lagen verstreut herum. Wegen des kaputten Anlassers ließ ich den Motor weiterlaufen, zog die Handbremse an und stieg aus. Rechts von mir war eine dichte Hecke, und aus der ragte der hintere Teil eines Lieferwagens, dessen offene Ladefläche leer war. Offensichtlich waren dort die Fässer gewesen. Dann nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ein junger Mann, mit einer bösen Schramme im Gesicht schaute mich entsetzt an. ›Geht es dir gut? Bist du verletzt?‹, erkundigte ich mich. Er stierte mich an, wedelte mit den Armen herum und entfernte sich rückwärts, Schritt um Schritt, von mir. Herrgott, sah ich so grauenhaft aus? Ich war außerstande zu verstehen, was er faselte, abgesehen von ›Non …‹ Er drehte sich um und hetzte, wie von der Tarantel gestochen, auf der Hauptstraße, in die Nacht. Wovor hatte er solche Angst? Eine bedrückende Stille herrschte, in der ich jetzt ich ein Geräusch vernahm, ein »Pfffhhh.« Und hier stand ich, eine brennende Zigarette zwischen den Fingern, und studierte eingehender die um mich herumliegenden Fässer. Dann rannte auch ich.

Auf den Fässern waren Totenköpfe abgebildet und sonstige Zeichen, die Böses verhießen, und dieses »Pfffhhh« waren Lecks in den Fässern. Nun ergab die Reaktion des jungen Mannes Sinn. Weiß der Geier, was aus den Fässern ausströmte. Ich drückte die Zigarette aus und wählte den Notruf. Die forderten mich auf, an der Unfallstelle zu bleiben, sie wären in zehn Minuten da. Mit klopfendem Herzen wartete ich zwei Minuten, dann fuhr ich weg. Mit dem kaputten Anlasser konnte ich den Laster schlecht abstellen, und ihn rattern zu lassen, wo irgendwelche Substanzen ausströmten, war keine Option. Ich folgte dem Beispiel des jungen Mannes und machte mich schleunigst vom Acker.

Schwierig zu sagen, wie lange ich diese Nachtfahrten tätigte, mir Ohrfeigen verpasste, um den Sekundenschlaf zu verhindern. In der Woche, in der ich jene Tour dreimal fuhr, hatte ich von Montag bis Samstag ungefähr 24 Stunden Schlaf. Heute ist mir bewusst, was ich mir und dem Körper zugemutet habe. Ich sprach den Chef auf sein Versprechen an, mir einen Lkw zu geben. Er laberte herum: ›Wenn Sie sich weiter so bewähren, bald, es sind zurzeit alle Laster besetzt.‹ Ich zweifelte an seiner Aussage.

Die Entscheidung fiel kurz danach. Es war eine der Nächte, in denen ich Unmengen von Espressos in mich schüttete und weiterhin hundemüde war. Minuten erschienen mir wie Stunden und unermüdlich zog sich der Mittelstreifen dahin … Streifen … Streifen … Streifen … Dann, endlich, kam ich in eine Stadt und wurde wieder aktiv. Ich bog rechts ab, um über eine Brücke zu fahren, auf der sich eine Insel befand. Ich besinne mich, dass ich blinkte und auf die Brücke fuhr. Als Nächstes wurde ich vom Sitz gehoben, es rüttelte mächtig, und ich kam vor dem Brückengeländer auf der Gegenfahrbahn zum Stehen. Ich war eingeschlafen, die Insel in der Mitte überfahren und das Brückengeländer hatte den Laster gestoppt. Abrupt war ich hellwach.

Ich reichte meine Kündigung ein. Erstaunlicherweise ging es mir nachher bestens, ich kämpfte wohl jede Nacht gegen das Einschlafen, dennoch wurde es erträglicher. Vermutlich hatte mich die Kündigung aus einer Endlosschleife befreit. Und genauso war mein Leben eine quälende Endlosschleife.«


Glaube

Verliere niemals den Glauben an dich selbst.
Du bist das Einzige, das dich niemals belügt.
Alle Kraft, alle Macht ist in dir.
Rüttle sie wach und nutze sie,
bevor sie dich benutzt.

J.G.

Vergangenheit – Auslandfahrten
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9.  Vergangenheit – Auslandfahrten
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Der Herbst hatte Einzug gehalten und an diesem Tag regnete es anhaltend. Jill rüstete Gemüse und vernahm ein Tropfen im Wohnzimmer. Markierte einer ihrer Hunde? Nein, das würden die zwei Racker niemals tun. Sie betrat das Wohnzimmer, wo der Regen frontal an die Scheiben klatschte, und sichtete ein altbekanntes Bild: An den hinteren Fenstern lief das Wasser auf der Innenseite runter. »Na besten Dank …«  Grimmig holte sie Frottiertücher und legte sie unter das Fenster. Ihr war längst aufgefallen, dass die Fenster alt waren, aber das? Mit einem Seufzer lauschte sie dem Regen. Sie mochte derart trübes Wetter, die Kinder blieben drinnen und niemand kam auf die Idee, irgendwelche laute Gartengeräte zu bedienen.

Dann zog der November ins Land. Jill hatte den kleinen Kachelofen gefüllt und rieb sich fröstelnd die Arme. Stirnrunzelnd betrachtete sie – mit dicken Socken an den Füßen – den Boden im Wohnzimmer; als stünde sie auf einem gefrorenen Bergsee. Sie stülpte sich dicke Finken und eine Fleecejacke über und hockte sich an den Computer.

Irgendwo im Jahr 1992
»Ich landete erneut an der Nadel. Eine junge Frau taucht auf, ich kannte sie von der Migros. Sie hatte zwei kleine Kinder, und wo andere sich zum Morgenkaffee eventuell eine Zigarette anzünden, zündete sie sich einen fetten Joint an. Einmal im Monat konsumierte sie mit einem Kollegen Heroin. Es ist mit allen Süchten so: Du bist trocken, und dann kommt jemand und offeriert dir, Stoff zu besorgen. Es ist verlockend, das Angebot anzunehmen, wenn dir dein Leben so elendiglich leer vorkommt.

Ich beendete die Nachtfahrten und fand einen Job bei einer Firma, welche auch im Ausland tätig war. Ich hatte bislang keine Anhängerprüfung und der neue Arbeitgeber sagte mir, dass wir an den Wochenenden üben würden. In der Schweiz war es, im Gegensatz zum Ausland, erlaubt, mit dem L und Anhänger herumzufahren. Mein Chef meinte, fahre ich nach Italien, Frankreich und Spanien, könne ich den Anhänger trotzdem mitnehmen, die Polizei würde das in den seltensten Fällen merken. Ich wurde sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Glaubte ich, jene Nachtfahrten seien übel gewesen, erkannte ich, dass Auslandsfahrten keineswegs erträglicher waren. Im Kartenlesen war ich eine Niete, und verstehst du die Sprache nicht, wird es schwierig, Wegbeschreibungen zu folgen. Es ist Sommer, heiß in Italien, und du hast zum ersten Mal den verdammten Anhänger am Hintern. Es ist eine Sache, ihn hinter dir herzuziehen, indessen mit dem Ding rückwärts an eine Rampe zu fahren … Hinzu kommt, willst du Termine einhalten, ist es unmöglich, Ruhezeiten einzuhalten. Dann kamen Ausflüge nach Deutschland, ohne Anhänger direkt ein Spaziergang.«

Jill besann sich schmunzelnd einer Tour nach Deutschland. Sie war ahnungslos, dass für Lastwagen tagsüber ein Überholverbot galt. Sie war solo unterwegs und konnte ein zügiges Tempo halten, überholte Lkws, deren Fahrer ihr hektisch zuwinkten. Sie erwiderte den Gruß. Irgendwann scherte sie nach dem Kontrollblick in den Spiegel aus, um zu überholen, worauf ein lautes Hupen ertönte, und Scheinwerfer aufblitzten. Prompt raste ein Pkw in Überschalltempo heran, sie konnte just das Steuer herumreißen und einscheren. Vor ihr zog sich die Autobahn in stetiger Steigung eine Anhöhe hinauf, ein Lkw reihte sich an den nächsten. Dann fiel ihr eine Tafel auf und sie nahm sie genauer in Augenschein. Lastwagen ist es untersagt, zu überholen!
Prima, kriecht der Vorderste mit 30 km eine Steigung empor, müssen alle hinterherkriechen, um den Pkw-Fahrern das Privileg zu gewähren, zu rasen. Logisch, dass eine Kollision vorprogrammiert wäre, scherte so ein Depp wie Jill unverhofft aus.

Es war das Jahr 1992, die Berliner Mauer war gefallen und ihre Tour führte sie nach Chemnitz und Zwickau. Ein unvergessliches Erlebnis, als fahre man weit in der Geschichte zurück, in eine Welt, wo Autobahnen teils so gewaltige Löcher aufwiesen, dass, fuhr sie in eine Kurve hinein und übersah das Loch, vom Schlag beinahe vom Sitz gerissen wurde. Zudem war es erforderlich, dass sie zum Fahren Holzzockel trug. Der Sitz des Steyrs hatte sie bis zum Anschlag nach vorne geschoben, kam so mit den Zehen zu den Pedalen. Mit Holzzockeln funktionierte das einigermaßen. Und da war der allgegenwärtige Stau auf den deutschen Autobahnen. Jill hatte schon das Pech, wegen einem Stau ein Wochenende auf einer Raststätte verbringen zu dürfen, weil sie es zeitlich nicht schaffte, vor dem Wochenende in Basel anfallende Zollformalitäten an der Grenze zu erledigen. Nein, so gesehen waren die Fahrten nach Deutschland doch kein Spaziergang.

Jene Erinnerungen an ihre Auslandsfahrten bereiteten Jill Unbehagen. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum.
Sprich deine Gedanken aus.
»Du hast leicht reden! Wie kann es einem so miserabel gehen?« 
Ist deine Frage rhetorisch?
»Ja …?« 
Definiere miserabel.
»Miserabel ist miserabel.« 
Das war keine Definition.
»Dann definiere ich es halt anders: Zum Kotzen.« 
Beschreibe mir dein Befinden, ohne Kraftausdrücke zu verwenden.
»Puh … du könntest genauso gut einen Besoffenen mit vier Promille auffordern, auf der ausgezogenen Linie zu laufen.« 
Fange an …
»Ich empfinde abgrundtiefe Scham. Was soll ich sagen, ich hab Schiss davor, was jemand von mir halten könnte.«  
Für vier Promille läufst du hervorragend auf der Linie. Ich danke dir, nun weiß ich, wie du dich fühlst. Fange mit mir an. Erzähl mir, wofür du dich schämst.

Nach einem Schluck Kaffee fuhr Jill fort:
»Auf ein Neues erlag ich dem Heroin. Anfangs setzte ich mir lediglich in stundenlangen Staus einen Schuss. Es waren geringe Mengen, nichtsdestotrotz war es unverantwortlich. Selbstverständlich gab es Chauffeure, welche kleine Fernseher hatten und im Stau TV schauten, manche tranken sogar Bier. Und wenn wir schon beichten: Gelegentlich fuhr ich mit dem Lkw auf die Gasse, um Stoff zu kaufen.
Regelmäßig brach ich heulend hinter dem Steuer zusammen, hatte mich gottlos verfahren oder war unfähig, den verkackten Anhänger retour an eine Rampe zu fahren. Ich war unsagbar müde und außerstande, mir einzugestehen, dass ich körperlich und seelisch zu schwach für den Job war.

Ich besinne mich an einen Abend auf einer Raststätte, weit unten im Süden von Italien. Sämtliche Chauffeure waren überaus nett zu mir, und sie waren fassungslos, dass ich allein so weit in den Süden fuhr. Seinerzeit gab es viele Überfälle auf Lastwagen. Die Täter sprühten K.O.-Sprays in die Kabine und klauten Ladungen. Insofern fuhren damals einige zu zweit, wechselten sich beim Fahren und Schlafen ab. Die Chauffeure nahmen mich mit dem Laster in ihre Mitte und passten auf mich auf.

Einst hatte ich sogar einen Beifahrer, dessen Hausrat ich mit ihm nach Italien zügelte. Wir fuhren um fünf Uhr morgens ab und um sechs am Abend erkundigte ich mich zum dritten Mal, ob er überhaupt wisse, wo sein Dorf liege. Wir fuhren nahe der jugoslawischen Grenze (heute Slowenien) vorbei. Auf der Landstraße befand sich ein Maschendrahtzaun und dahinter Militär mit Sturmgewehren. Mir war unwohl, ich war hundemüde und weit über der Zeit, welche ich fahren durfte, und ich konnte beileibe darauf verzichten, mit dem Typen in der Kabine zu schlafen.

Dann hielt uns die Polizei an, um den Fahrtenschreiber zu überprüfen. Sie erkannten, dass ich teils zu schnell und zu lange gefahren war. Eine emotionsgeladene Diskussion entfachte, der Beifahrer übersetzte. Die Polizisten informierten mich, ich müsse den Lkw stehen lassen und mit auf das Revier kommen. Ich weigerte mich partout, den Anhängerzug unbeaufsichtigt in dieser Pampa stehenzulassen. Dann nannten sie einen Betrag, den ich zu zahlen hätte, andernfalls würden sie den Laster beschlagnahmen. Natürlich war das unzulässig, doch was tust du, gerätst du in einem fremden Land im Nirgendwo mit zwei Beamten aneinander? Nach endlosem Geknatsche unterbreiteten sie mir den Vorschlag, dass, bezahle ich ihnen 200 000 Lira (ca Fr. 200.-) bar, wohlgemerkt ohne Quittung, sie einverstanden wären, dass wir weiterfahren. Hatte ich eine Wahl? Nein. Der Beifahrer bezahlte.

Mit der Polizei in Italien konnte ich ausnahmslos verhandeln, und je weiter ich in den Süden kam, desto bereitwilliger wurde vonseiten der Polizei gefeilscht. Oftmals reichte auch ein Lächeln. Ich wurde einmal auf der Autobahn gestoppt und befürchtete, dass sie bemerkten, dass ich keine Anhängerprüfung hatte. Ich stieg mit Shorts und T-Shirt aus der Kabine, die Tachoscheibe und Mappe mit den Ausweisen parat. Beide strahlten mich an und schenkten statt den Dokumenten mir Beachtung. Wir flirteten kurz und sie erlaubten mir abschließend, weiterzufahren, aber bitte langsamer.

Die meisten Fahrer fuhren zwischen 90 und 95 km/h. Niemand, der meinen Führerausweis kontrolliert hatte, merkte, dass mir die Anhängerprüfung fehlte. Ich hatte den Chef mehrfach diesbezüglich angesprochen, leider kam es nie dazu, dass er mit mir übte. Frisst du die Woche durch im Ausland Kilometer, kommst du selbst auf den Felgen heim. Ich ahnte, dass die Chauffeuse-Karriere ein baldiges Ablaufdatum haben würde, jedoch nicht, dass es mit einem weiteren Unfall endete …« 

 

Flucht

Du fährst auf der Straße, siehst die weißen Streifen
in der Dunkelheit, sie kommen auf dich zu,
um im nächsten Moment unter dir zu verschwinden.
Nichts sehen, fühlen und denken.
Vor was flüchtest du?
Du kannst gehen, wohin du willst.
Du kannst fahren, so schnell und weit du willst.
Deine Flucht wird niemals enden.
Wohin du auch gehst, du bist schon da.
Du wirst immer da sein.

J.G.

Gegenwart – Die Lust am Schreiben
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10.  Gegenwart – Die Lust am Schreiben
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Die Ausflüge in die Vergangenheit zerrten so sehr an Jill wie die Kälte in ihrem neuen Heim. Folglich hatte sie sich entschieden, heute ein anderes Thema zu wählen anstelle der ermüdenden Auslandsfahrten, Drogen und Häuser, die eine ewige Baustelle sind.

Nach Beendigung ihres Romans gab sie ihn aus der Hand. Jeder (Möchtegern)-Autor lechzt nach Kritik, ist sein erstes Baby geboren. Sicherlich hatte Jills früherer Partner den Roman bereits gelesen und war voll des Lobes. Der nächste Prüfstein war eine Bekannte. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, und mit erwähnter Gabe erschien sie ihr geradezu prädestiniert, das Manuskript zu prüfen.

»Im Anschluss eines fertigen Romans, kommen allfällige Korrekturen, und solche sind für mich so willkommen wie der Abwasch nach einem fürstlichen Essen. Ich hab durchaus ein Rechtschreibprogramm, was unverzichtbar ist, hat man in Deutsch im Abschlusszeugnis eine Drei ergattert.
Als meine Grammatik noch ein Desaster war, erzeugten Korrekturarbeiten stets eine Krise. Du musst den Text fortlaufend lesen, gleichzeitig korrigierst du Fehler, welche jemand für dich aufgestöbert hat. So richtig Stimmung kommt auf, hast du die Korrektur von circa 500 Seiten durch, und dann kommt die Fassung der Kollegin und du begreifst, dass Freund und Kollegin sich uneinig zu sein scheinen, was Grammatik anbelangt. Und während du die Blätter durchgehst, springen dir unentwegt Textteile entgegen, die du verbessern könntest. Gibst du jenem Drang nach, kommt dein Buch niemals zu einem Schluss. Es wird nie perfekt sein, denn das Leben und du gehen weiter, und du erkennst, dass dein Trieb zur Perfektion, ausgeprägter ist, als dir lieb ist.
Die erste Korrektur ist die härteste. Du fürchtest dich, dein Ego zu begraben. Ich musste weder leiden, geschweige denn das Ego begraben, das ›Urteil‹ hat mein Herz zum Leuchten gebracht. Und was weitaus wichtiger, und für mich interessant war: Ich war überrascht, dass ich eingefügte Kritiken problemlos annehmen konnte, wahrscheinlich, weil es jemand Außenstehender war, mit dem ich damals kaum eine Verbindung hatte. Ich habe die größte Hochachtung vor jemandem, der mir seine ehrliche und objektive Meinung mitteilt. Ich wollte Kritik, war mir hingegen unschlüssig, wie ich darauf reagiere.

Ich spürte, dass sich jemand viel Mühe gegeben, sich mit dem Manuskript auseinandergesetzt hatte. Beim Schreiben stehst du generell mittendrin, obschon bestrebt, bei der finalen Überarbeitung außerhalb Platz zu nehmen. Ich dachte bei praktisch jeder Anmerkung: Das ist es, deswegen blieb ich hier ständig hängen! Und: Sie hat recht, ich wiederhole mich! Und dann gab es Grammatikfehler, bei denen ich vorab eine Runde lachte. Ich hatte sie gelesen und übersehen. Der Text ist so tief in dir verankert, dass du längst weißt, was kommen wird, bevor dein Auge es sieht.
Der Augenblick des ›Aus der Hand Gebens‹ befreite mich von einer immensen Last, und plötzlich bist du frei! Abgesehen vom Titel. Sämtliches muss betitelt werden. Ich habe schon Probleme, Bilder und Skulpturen zu betiteln. Es ist ausgeschlossen, alles, was ins Werk geflossen ist, in ein Wort zu packen. Vereinzelt laufe ich an einer Skulptur vorbei und denke: Heute würde ich ihr einen neuen Titel geben.

Schreiben ist für mich enorm befreiend, insbesondere Romane. Ich liebe es, das Tor, auf dem Fantasie steht, zu öffnen und mich mit Haut und Haar in diese Welt zu stürzen. Es ist ein Abenteuer, Figuren zu formen und sie zu Helden oder Bösewichten werden zu lassen, und sie nach Belieben in den Tod zu schicken. Ich liebe es, in ihre Rolle zu schlüpfen und sie zu leben.

Beim ersten Roman, der sage und schreibe 500 Manuskriptseiten umfasste – heute ist er auf 300 Seiten gekürzt –, konnte ich am Abend schwerlich damit aufhören. Das Tor stand weit offen und die Eingebungen sprudelten aus mir heraus, allerdings signalisierte mein Körper: Feierabend, es ist für heute genug! Du fährst den Computer runter, und wer schließt das Tor in deinem Kopf? Die Geschichte plapperte ungebremst drauflos. Des Öfteren schrieb ich im Bett Stichwörter auf, da jene Flut an Informationen nur zögerlich verebbte. Sobald ich mich trainiert hatte, mit dem Computer gleichermaßen das Gehirn runterzufahren, besagte Türe oben bewusst zu schließen, schlief ich besser. Tags darauf war ich aufgeregt: Wie geht es weiter? Anfangs hatte ich lediglich einen Satz, ich schrieb ihn auf, danach kam es Schlag auf Schlag. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich eine Ahnung, welchen Verlauf die Geschichte nehmen könnte, bis ich die Tür erneut aufschloss. Es ist zu vergleichen mit einer Serie, man ist neugierig, was als Nächstes kommt, so ergeht es mir heute mit Romanen; ich bin neugierig, herauszufinden, auf welche Weise sich die Figuren weiterentwickeln, beziehungsweise was aus ihnen im Verlauf wird.« 

Verträumt schielte Jill aus dem Fenster. Über ihren Romanen zu sprechen, hatte sie in höhere Sphären befördert. Ihn zu schreiben, war das Schönste, das sie in der Zivilisation erlebt hatte. Und die Erinnerung daran hatte ihr zu einem Energieschub verholfen. Sie hatte vor, diese Energie zu nutzen, um in ein weiteres Kapitel abzutauchen …

 

Momente

Diesen Moment, halte ihn fest.
Du kannst ihn sehen, du kannst ihn hören,
und du kannst ihn spüren.

Diesen Moment, halte ihn fest.
Du kannst ihn leben, und er wird für immer dir gehören,
und manchmal, da wird er dich vielleicht tragen.

J.G

Unsere Förderer
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