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Was weisst du über deine Geburt?

Ich bin in Bern geboren worden, sonst weiss ich nicht viel darüber. Meine Mutter wollte zu Hause gebären, sie hatte Angst vor Spitälern. Wahrscheinlich war eine Hebamme dabei. Ich hatte schwarze Haare.
Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?

Ich heisse eigentlich Marie Elisabeth, anfangs nannten sie mich Elseli, doch als die Eltern 1920 von Bern nach Altdorf zogen, wurde ich fortan Elsbeth genannt. Das ist mein Name, und der passt. Marie war der Name meiner Grossmutter in Altdorf. Sie war meine Gotte, doch es war ihr zu umständlich und weit, für die Taufe nach Bern zu kommen. Vaters Schwester Josi Jann reiste an, als ihre Vertreterin.
Hattest du auch Übernamen?

In Amerika wurde ich Liz genannt. Im Spital zum Beispiel.
In was für eine Zeit wurdest du geboren?

Es war eine unruhige Zeit, vor allem in Deutschland gab es einen Putsch nach dem anderen. In der Schweiz war 1918 der Generalstreik.
Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?

Ich war vier Jahre alt und stand unter der Türe zum Zimmer meiner Mutter. Sie hatte einige Tage vorher meinen Bruder Walter auf die Welt gebracht. Es ging ihr sehr schlecht, sie stöhnte und keuchte, das hat mich sehr erschreckt. Von da an hatte ich immer Angst, dass sie sterben könnte.
Mutter war in der Kindheit die wichtigste Person für mich.
Walter hatte gleich nach der Geburt eine Lungenentzündung, aber darum kümmerte sich kaum jemand, alle waren so besorgt um die Mutter. Die Mutter kriegte nach der Geburt eine Entzündung, da sie die Hebamme verletzt hatte. Sie erlitt eine Embolie und war etwa sechs Wochen lang schwer krank. Da schauten Schwestern von Vater zu uns. Und wir waren dann sehr froh, als es Mutter wieder besser ging.
Was hat man dir von deiner Taufe erzählt?

Nicht viel, ausser dass eben Tante Josi anreiste.
Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?

Einen Götti hatte ich nicht, nur eben die Grossmutter als Gotte. Sie war eine ganz liebe Frau, ich war sehr oft bei ihr. Sie wohnte in Altdorf ja gleich im Haus nebenan, in der Papeterie im 2. Stock. Sie hatte viele illustrierte Bücher, die schaute ich gern an. Mit Bildern aus dem 1. Weltkrieg, viele Soldaten. Sonst las sie wohl kaum, sie machte eher Handarbeiten, in ihrem Lehnstuhl am Fenster.
Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?

An meine älteste Schwester Lory kann ich mich in der Kindheit nicht so gut erinnern. Sie war die erste Tochter meiner Mutter und ist in Wimmis bei ihren Grosseltern und Mutters Schwester Louise aufgewachsen. Mit neun musste Lory mit Mutter und deren zweiten Mann nach Altdorf umziehen, was sie nicht gern machte. Lory musste dann oft zu mir und meiner jüngeren Schwester Alice schauen. Sie hat sie nicht gefreut, sie war oft ein bisschen hässig.
Alice ist zwei Jahre nach mir geboren. Zu ihr schaute vor allem ein Kindermädchen, die Anna Grossholz. Sie war die Tochter des letzten Scharfrichters von Uri und hatte kein einfaches Leben. Sie war in jungen Jahren Serviertochter und hatte mehrere uneheliche Kinder, die ihr immer weggenommen wurden. Sie kam dafür sogar ins Gefängnis. Als sie bei uns war, war sie schon über 30-jährig. Sie schaute sehr gut zu Alice, die sie richtig gern hatte. Sie wollte nur von Anna betreut und gehätschelt werden. Mutters Schwester Louise, die auch gern Kinder hatte, kam uns aus Wimmis besuchen und war sehr enttäuscht, als Alice sich nicht von ihr in die Arme nehmen liess. Sie hat ihr das nie verziehen! Als sie starb, hat Tante Louise ihr Geld mir und den Töchtern von Lory vererbt, Alice ging leer aus.

Wie gross war dein erstes Zuhause? Erinnerst du dich an die einzelnen Räume?

Wir wohnten im Haus an der Schützengasse, das war gebaut worden, bevor meine Eltern nach Altdorf zogen. Unten waren die Konditorei, das Tearoom und nach hinten die Backstube und oben unsere Wohnung. Die Küche war klein, auch das Zimmer von Walti war klein, dann gab es das Schlafzimmer der Eltern und das Esszimmer, das gleichzeitig auch Stube war.
Im zweiten Stock waren drei Schlafzimmer, das von Alice und mir, das von Lory und eines fürs Dienstmädchen und das Badezimmer. Ganz oben in der Mansarde wohnte ein angestellter Konditor.
Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?

Ich habe das Zimmer mit Alice geteilt. Wie es aussah, weiss ich nicht mehr.
Gab es ein Fenster, aus dem du besonders gern rausgeschaut hast? Was sahst du?

Wir hatten im Zimmer zwei Fenster, die gingen auf die Schützengasse.
Weisst du noch, wie die Küche ausgesehen hat?

Sie war eben ganz klein, mehr als zwei Personen konnten dort nicht drin sein. Sitzen konnte man nicht. Gekocht haben entweder Vater oder Mutter, aber nicht die Dienstmädchen, die mussten vor allem putzen und die Betten machen.
Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?

Bei der Backstube gab es einen Hinterhof, da standen nur die Velos. Doch einen richtigen Garten hatten wir erst, als meine Eltern im Krieg das zweite Tearoom eröffneten, das war gepachtet, hinter dem Telldenkmal. Da gab es einen Garten. Im Krieg musste man dort Kartoffeln anpflanzen.
Wohnte noch jemand bei euch?

Ja, eben das Dienstmädchen und ein Konditor.
Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?

Es gab Ganghofer-Bücher. Das war ein volkstümlicher österreichischer Schriftsteller, der meiner Mutter gefiel. Diese Bücher habe ich sicher zehn Mal oder mehr gelesen. Andere gab es nicht. Vater las nur die Zeitung, er hatte ja auch nur ein Auge. Eigentlich hatte beide Eltern keine Zeit zum lesen, die Arbeit ging vor.
Ich hingegen habe so gern gelesen, immer, mein ganzes Leben lang. Als ich etwa neun war, schenkte mir meine Mutter die Heidi-Bücher von Johanna Spyri zu Weihnachten. Sie war dann so erzürnt, dass ich die in zwei Tagen gelesen hatte, dass sie mir nie mehr ein Buch schenkte. Sie hatte angenommen, dass ich wochenlang daran zu lesen haben sollte.
Es war nicht einfach für mich, an Lesestoff zu kommen. Die Bücher aus der Bibliothek hatte ich bald gelesen, und lieh sie dann halt immer wieder aus. Oft dachte ich, wäre das schön, wenn ich im Haus nebenan, in der Papeterie leben würde, die war voller Bücher. Geführt wurde sie von Onkel Willi, dem Bruder meines Vaters und Tante Getrud. Sie lieh mir dann später ab und zu an einem Sonntag ein Buch aus dem Laden aus.
Erinnerst du dich an Filme und/oder TV-Serien?

Die ersten Filme zeigten uns die Klosterfrauen, Filme über Christenverfolgungen in Mexiko. Ein richtiges Kino gab es in Altdorf erst später.
Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?

Am Sonntag ging man zur Kirche.

Womit hast du in deinem Leben deine Freizeit vorwiegend oder am liebsten verbracht?

Am liebsten habe ich in der Freizeit gelesen, das war schon immer so, und stimmt bis heute. Als ich jung war, gab es in Altdorf nicht sehr viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Wenn wir nicht in der Schule waren, mussten wir in die Kirche gehen, am Sonntag nicht einmal, sondern zweimal, und auch sonst möglichst oft, früh am Morgen.
Ich war im Trachtenverein und trug die Bernertracht, da meine Mutter aus dem Berner Oberland stammte.

Als ich 20 war, fand die Landi statt.

Der Umzug war anstrengend, doch wir hatten es auch ganz lustig.

Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder dich zumindest dafür interessiert?

Skifahren hat mir viel Freude gemacht. 

Mein Onkel Rudolf, der älteste Bruder meines Vaters, war im Militär Oberst und Platzkommandant von Altdorf. Nachdem der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, kam er eines abends zu uns zu Besuch und sagte mit ernster Stimme, dass er finde, dass von unserer Familie auch jemand ins Militär gehen sollte. Vater war mit seinem einen Auge untauglich, und Bruder Walter war mit 16 noch zu jung. So meldete ich mich.
Ich dachte, dass das vielleicht kurzweiliger wäre als zu Hause in der Conditorei und im Tearoom zu helfen. Und ich wollte die Schweiz im Kriegsfall unterstützen. So bekam ich bald darauf das Aufgebot, beim Frauenhilfsdienst mitzumachen. Der war aber erst in Entstehung. Uniformen gab es keine, wir kriegten nur eine Schürze mit einem Schweizerkreuz auf dem Ärmel.
Mein erster Einsatz war in Altdorf, genau gesagt im Postgebäude. Von hier aus mussten wir die Station auf dem Haldi mit Nachrichten über den Flugverkehr über Altdorf beliefern. Oder die Soldaten von der Flugabwehr auf dem Haldi meldeten uns ihre Beobachtungen. Wir wir oder die auf dem Haldi die Flugzeuge überwachten, weiss ich nicht mehr.
Wir hatten immer sechs Stunden Dienst am Stück, manchmal tagsüber, aber auch in der Nacht, zum Beispiel von Mitternacht bis sechs Uhr in der Früh. Da nahm ich jeweils eine Thermoskanne mit Tee und Rum mit, um wach zu bleiben. Meist waren wir zu zweit, so konnten wir uns zwischendurch auch unterhalten, aber es waren lange sechs Stunden.
Dann wurde entschieden, dass wir Frauen unseren Dienst in Andermatt leisten sollten.
Wie war der militärische Alltag in Andermatt?

Bevor wir den FHD-Dienst in Andermatt aufnahmen, wurden wir in Rorschach ein paar Tage lang am Telefon ausgebildet. Wir lernten diverse Systeme und Apparate kennen. Und in Andermatt mussten wir eben die Verbindungen herstellen, wenn Armeeangehörige telefonieren wollten. Das war unsere Hauptarbeit.
Manchmal mussten wir auch Wache stehen oder patroullieren. So stand ich eines Nachts vor dem damaligen Grandhotel, wo wir wohnten und arbeiteten. Da kam mein Onkel Rudolf, der Oberst, vorbei und fragte, was ich da mache ganz allein und so spät. «Ich bewache das Hotel», gab ich zur Antwort. Worauf er ausrief: «Aber du hast ja gar kein Gewehr!». Das stimmte, daran hatte niemand gedacht, aber er, Onkel Rudolf, hatte den Befehl gegeben, dass das Hotel bewacht werden müsse… Es war halt alles ein bisschen provisorisch. Und ich stand lieber im Dorf vor dem Hotel Wache, als dass ich allein in der Nacht in den umliegenden Wald patroullieren ging.
Aber eine Zeitlang gefiel es mir im Dienst ganz gut, vor allem im Winter. Da konnten wir am Nachmittag Skifahren gehen, auf den Nätschen gab es ein Bähnchen, und ich fuhr recht gut Ski. Abends gingen wir oft tanzen, in die Charly Bar, da gab es Musik, einer spielte Handorgel, einer Geige. Es gab viele nette Tessiner, die gut tanzen konnten. Da ich mit 16 und 17 im Kloster in Locarno italienisch gelernt hatte, konnte ich mich mit den Tessinern gut unterhalten. Die Mädchen aus Andermatt durften nicht in die Charly Bar, so waren wir Frauen vom FHD sehr umschwärmt von den vielen Soldaten im Ort. Wir durften bis zehn Uhr im Ausgang sein.

Von einigen der abgebildeten Frauen weiss ich die Namen noch, doch angefreundet habe ich mich nur mit einer Vorgesetzten, Kläry Kissenpfenning, die habe ich später in Bern wieder getroffen. Da leitete sie das Studentenheim der Uni Bern. Von ihr habe ich leider kein Foto. Ich bin die vierte von links.

Der Sold betrug fünf Franken pro Tag. Als es dann schliesslich auch für Frauen Uniformen gab, hätte man die selber kaufen müssen. So blieb ich bei der Schürze.
Inwiefern hat sich deine Einstellung zum Militär über die Zeit verändert?

Ich hatte mich zum Dienst gemeldet in der Überzeugung, dass es auch in der Schweiz Krieg geben würde. Das geschah dann aber nicht. Am gefährlichsten war es für die Schweiz 1943, aber da war ich schon nicht mehr in der FHD.
Drei Mal hatte ich einige Wochen lang Dienst geleistet, doch dann hatte ich allmählich genug. Warum soll immer ich das machen, fragte ich mich. Es gibt ja noch viele andere junge Frauen in Altdorf, die man aufbieten könnte.
Als dann der nächste Befehl zum Einrücken kam, leistete ich dem keine Folge. Oder besser gesagt, ich rückte einfach drei Tage zu spät ein. Damals logierten wir in Andermatt nicht mehr im Grandhotel, sondern im Hotel Sonne. Kaum kam ich an, musste ich zum Hauptmann, der steckte mich «ins Loch».
Der Hauptmann bedauerte, dass er mich verurteilen musste. Ich sei zwar eine feine Person, und habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen, dennoch «Fräulein Huber, Sie haben drei Tage Zimmerarrest». So sass ich drei Tage im Hotel Sonne fest, konnte natürlich weder Skifahren noch Tanzen gehen. Zum Glück brachte mir meine Vorgesetzte Klärly Kissenpfennig Bücher zum lesen.

Nach den drei Tagen im Hotelzimmer machte ich zum letzten Mal Dienst. Dann teilte ich der FHD mit, dass ich nicht mehr einrücken und mitmachen wolle. So liessen sie mich in Ruhe.
Offiziell ausgetreten bin ich dann erst 1947 oder 48, als ich nach Amerika auswandern wollte.

Wie auch meine Schwestern Alice und Lory habe auch ich etwa zehn Jahre zu Hause in Altdorf in der Konditorei und dem Tearoom Huber gearbeitet, etwa zwischen 1938 und 1948. Wir drei Schwestern waren zwar alle gut in der Schule gewesen, doch eine richtige Berufsausbildung konnte keine von uns machen.
Unser Bruder Walter musste in der Konditorei nicht oft helfen. Es hiess immer, es solle ihm nicht vorzeitig verleiden, denn er war als Nachfolger von Vater Walter Huber vorgesehen, und machte eine Lehre als Konditor.
Ich durfte nach der Sekundarschule Sprachen lernen, zuerst Italienisch im Kloster in Locarno dann in England ebenfalls in einer Klosterschule Englisch. Das war im Tearoom, wo oft ausländische Gäste einkehrten, nützlich.
Die Arbeit war nicht sehr spannend, doch wir hatten keine Wahl. In der Jugend wäre ich gern Journalistin geworden. 


1948 bis 1953 lebte ich in Kalifornien.
Im ersten Jahr lebte ich bei einer Familie und hütete deren Tochter Kathleen. Im Ausgang lernte ich Amerikaner, aber auch ausgewanderte Schweizer und andere Europäer kennen.


Wann wurde klar, dass ihr zusammenleben wolltet? Wann, dass ihr heiraten wolltet?

Nach meiner Rückkehr aus San Francisco traf ich mich mit Werner in Basel. Wir schauten zusammen eine Goya-Ausstellung an. Dann fragte er mich, ob ich ihn heiraten möchte. Ich sagte ja.

Ich kannte Werner schon als Kind. Unsere Mütter waren Freundinnen, waren beide in Wimmis aufgewachsen und dort miteinander zur Schule gegangen.

Bevor ich 1948 nach San Francisco auswanderte, hatte mich Werner schon einmal gefragt, ob ich ihn heiraten wolle. Doch ich sagte nein, ich hatte schon alles für mein Amerika-Abenteuer in die Wege geleitet. Er war enttäuscht und hat mir in den fünf Jahren meiner Abwesenheit kein einziges Mal geschrieben.
Als ich dann zurück in der Schweiz war, rief er mich an und schlug ein Treffen in Basel vor. Und seinen zweiten Heiratsantrag nahm ich an, so verlobten wir uns an Ort und Stelle.
Als ich mit einem Ring zurück nach Altdorf kam, war mein Vater gar nicht zufrieden. «Er hätte ruhig bei mir um deine Hand anhalten können», rief Vater aus. Dabei war ich da schon 34!





