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Was weisst du über deine Geburt?

Am 1. Oktober 1938 begann die deutsche Wehrmacht mit dem Einmarsch in die 1. Zone der durch das Münchner Abkommen vom 29. September an das Deutsche Reich übertragenen Gebiete. Konrad Henlein wurde zum Reichskommissar für die sudetendeutschen Gebiete ernannt.
Am 1. Oktober 1938 wurde für jüdische Ärzte ihre Eintragung im Arztregister und ihre Zulassung gestrichen. Sie durften nur noch jüdische Versicherte und deren Familienangehörige behandeln.
Am 1. Oktober 1938, einem Sonnabend, wurde ich gegen 19 Uhr in der Landesfrauenklinik in Danzig geboren.
Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?

In einer Haustaufe erhielt ich wenige Wochen später auf Wunsch meines Vaters den Namen Renate (die Wiedergeborene), also trotz des damaligen Zeitgeistes keinen der üblichen "germanischen" Namen, wie Brunhilde, Heidrun o.ä.
Mein Vater pflegte abfällig zu sagen, er habe seine Tochter nicht Heidrun = "die Himmelsziege" nennen wollen. Er wünschte einen christlichen Namen.
Auf Wunsch meiner Mutter kamen noch "Hedwig" und "Alice" dazu, die Namen meiner Grossmütter. Also Renate Hedwig Alice Hahn, genannt Nati.
Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?

Meine Patinnen waren meine Grossmutter mütterlicherseits, Alice Lackner; eine Schwester meines Vaters, Edit Ehrhardt; und Else Becker, die Frau meines Grossonkels Dr. Hugo Becker, der der Bruder meiner Grosmutter mütterlicherseits war.
Die Paten waren Hubert Lackner, der Bruder meiner Mutter; Dr. Heinz Dirks, der Schwager meines Vaters und Ehemann seiner jüngsten Schwester Sabine; und ausserdem Admiral von Trotha, den mein Vater schon lange von den Wandervögeln her kannte. Dieser kam allerdings nicht zur Taufe. Er schickte mir als Geschenk eine silberne Kette mit einem filigranen Kreuzanhänger und einem Saphir. Er hat mich nie gesehen.
Die übrigen Pattinnen und Paten haben zu verschiedenen Zeiten meines Lebens bleibende Eindrücke hinterlassen. Ich schreibe hier über sie in der Reihenfolge, wie ich sie bewusst kennenlernte:
- Alice Lackner, meine Grossmutter mütterlicherseits. Über sie werde ich später berichten.
- Else Becker. Sie war die Frau des angesehenen Augenarztes Dr. Hugo Becker. Die beiden lebten in Insterburg/Ostpreussen. Bis zum Sommer 1944 besuchten wir sie einige Male, da meine Mutter schon als Kind dort sehr häufig Ferien verbracht hatte und später während ihrer Arbeit als Sekretärin eine enge Beziehung zu ihren Verwandten aufbaute. Tante Else war eine sehr fröhliche Person, die trotz ihrer schweren Gichtanfälle viel sang und lachte. Oft band sie an ihren Gehstock ein Tüchlein und liess ihren Terrier dann auf Kommando kleine Kunststückchen vorführen, die sie ihm beigebracht hatte. Unter grossem Gelächter zitierte sie auch gerne lange Gedichte von Robert Johannes, dem bekanntesten ostpreussischen Dialektdichter. Bei ihr musste ich helfen, Gänse zu "nudeln" (stopfen). Zuerst wurde ein dicker Brei aus Schrot und Wasser hergestellt. Aus diesem wurden dann längliche "Keilchen"(etwa daumenlange, fingerdicke Würstchen) geformt. Dabei sassen die Tante, meine Mutter, ich und 2 oder 3 Hausmägde im Kreis, die Brei- und die Keilchenschüssel in der Mitte. Zuletzt wurde den armen Gänsen der Schnabel mit Gewalt geöffnet, und ein Keilchen nach dem anderen wurde ihnen tief in den Hals geschoben, 7 - 8 Stück hintereinander. Unser letzter Besuch bei Tante Else fand im Sommer 1944 statt. Als ich mit meiner Mutter eines Tages vom Einkaufen über den Marktplatz zurückging, war dort ein erbeuteter russischer Panzer ganz mit Blumen geschmückt ausgestellt. Laut fragte ich meine Mutter: "Ist das das Grab vom Hitler?" Sie verschwand schleunigst mit mir um die nächste Ecke........Tante Else kam mit uns nach Danzig zurück, weil es klar war, dass bald die Flucht bevorstehen würde. Onkel Hugo folgte dann kurz vor Weihnachten. Beide wollten nicht weiter flüchten und nahmen sich am 25. März 1945 das Leben. Wenige Stunden später sind sie von den einrückenden Russen im Pfarrgarten beerdigt worden.
- Edit Ehrhardt. Sie war die jüngere Schwester meines Vaters, geboren 1905. Mit finanzieller Unterstützung meines Vaters studierte sie Mathematik in Göttingen. Sie machte einen so guten Abschluss, dass ihr Professor sie in der nächsten Vorlesung rühmte: "Das war die beste Dame, die ich je hatte." Tosendes Gelächter!
Später heiratete sie Prof. Dr. Arnold Ehrhardt, dessen Mutter Jüdin war. Er verlor deswegen seine Anstellung an der Universität Frankfurt. Die Familie zog nach Lörrach, weil mein Onkel an der Universität Basel bei Prof. Karl Barth eine Stelle antreten konnte. Als er versuchte, auch meine Tante und seine 4 Kinder in die Schweiz zu holen, wurde ihm das von den Schweizer Behörden verweigert. Er emigrierte mit seiner Familie nach England.
Diese Patin kannte ich also zunächst nur dem Hörensagen nach, da ja spätestens mit Ausbruch des Krieges jeder Kontakt abbrach. Nach dem Krieg war sie überzeugt, dass - wenn überhaupt - nur ich und der älteste Sohn Sven ihrer jüngsten Schwester Sabine überlebt haben könnten. Von den übrigen inzwischen geborenen Kindern wusste sie nichts, und die Erwachsenen hielt sie alle für umgekommen. So suchte sie uns mit Hilfe des Suchdienstes vom Roten Kreuz. Wir wurden tatsächlich gefunden, unsere Adressen an sie übermittelt und von da an schickte sie uns ab ca. Mitte 1946 nach Möglichkeit Pakete. Ich erinnere mich z.B., dass ich einen himbeerfarbenen Wollmantel für den Winter bekam, ein unglaubliches Geschenk. Übrigens sendete der Rote-Kreuz-Suchdienst noch lange jeden Nachmittag im Radio Namen von Suchenden und Gesuchten; 1948 hörte ich das bei meiner Freundin, deren Familie ein Radio hatte, einen Volksempfänger.
Im Sommer 1950 durfte ich sie mit meinem Vater in Manchester besuchen, wo sie mit ihrer Familie in äusserst bescheidenen Verhältnissen lebte, und lernte so auch meine dortigen Cousins und Cousinen kennen, inzwischen 5 an der Zahl.
In den folgenden Jahren habe ich sie noch einige Male wiedergesehen, sie kam zwar nach Deutschland zu Besuchen, weigerte sich aber, endgültig in dieses Land zurückzukehren, das ihrer Familie so übel mitgespielt hatte. Zuletzt sah ich sie im Sommer 1990 in England anlässlich der Hochzeit ihrer Enkelin. Sie lebte bei ihrer zweitältesten Tochter und war schon bettlägerig, erkannte mich aber noch und sprach mit mir über vergangene Zeiten. Kurz darauf starb sie.
- Hubert Lackner, der jüngere Bruder meiner Mutter. Ihn sah ich bewusst erst nach dem Krieg, als er in Göttingen Medizin studierte. Vorher war er Soldat; zuerst Gebirgsjäger, dann aber sehr bald Panzerjäger in Russland. Dort steckte er sich mit Fleckfieber an und mit Tuberkulose, die nicht rechtzeitig erkannt wurde. Es entwickelte sich eine Milliartuberkulose. Das neu entwickelte Penicillin war für Deutsche nicht zu bekommen. Er starb 1948 in Göttingen. Er muss sehr kinderlieb gewesen sein, denn ich erinnere mich, dass er gerne mit mir spielte. Beeindruckt hat mich vor allem, dass sich seine Eltern für viel Geld einem Schlepper anvertrauen mussten, der sie über die Grenze zwischen der russisch besetzten Zone und Westdeutschland bringen.sollte. Sie kamen aber zu spät: Ihr Sohn war schon gestorben. Da mit ihm der Familienname Lackner ausstarb, fragten die Grosseltern, ob mein Bruder den Doppelnamen "Hahn-Lackner" führen dürfe, dasselbe wollten sie auch für den 2. Sohn ihrer älteren Tochter, er sollte "Kreysing-Lackner" heissen. Doch beide Familien lehnten ab.
- Dr. Heinz Dirks war der Mann von meines Vaters jüngster Schwester Sabine. Sie wohnten mit ihren 3 Söhnen in der Nähe von Berlin, d.h. er wurde natürlich eingezogen. So kannte ich auch ihn erst ein wenig besser nach dem Krieg, als er in Düsseldorf eine psychologische Praxis eröffnete und für grosse Firmen im Ruhrgebiet als Arbeitspsychologe arbeitete. Von ihm bekam ich den Stoff für mein Konfirmationskleid: Dunkelblauer Seidensamt. Daraus wurde ein "Prinzesskleid" genäht, mit hochgezogener Taille und Puffärmeln. Später wurde es zum Sonn- und Festtagskleid, etwas aufgehellt durch einen weissen Spitzenkragen. Ich habe es lange getragen.
Der Beruf "Psychologe" faszinierte mich sehr. Mein Onkel musste mir wieder und wieder Fragen beantworten, wenn ich die Familie einige Male während der Schulferien besuchen durfte. Seine Praxis befasste sich auch mit Graphologie, die damals als neuestes Instrument bei der Beurteilung von Stellenbewerbern eingesetzt wurde. Ich konnte mir gut vorstellen, diesen Beruf zu ergreifen, doch mein Onkel warnte mich: "Als Frau würde ich nicht Fuss fassen können, nicht anerkannt werden." Er ging natürlich von den Anstellungsmöglichkeiten als Arbeitspsychologin in der Wirtschaft aus. Andere Formen der Psychologie zog er nicht in Betracht. Nach dem Abitur aber konnte ich durch seine Vermittlung 2 halbjährige Praktika machen, eines in einem Hotel im Hunsrück, nahe bei Koblenz; das andere in einer Textilfabrik im Rheinland, zwischen Düsseldorf und Wuppertal.
Lurz vor seinem Tode 1998 besuchte ich ihn und die Tante nochmals. Er war ganz altersverwirrt, kannte mich nicht mehr. Es war sehr bedrückend, diesen früher so vitalen, unternehmenden Mann so zu sehen.
Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?

Am 1. Mai 1937 wurde mein älterer Bruder Reiner Arnold Wilhelm Hahn in Berlin -Schöneberg geboren. Warum meine Mutter zur Geburt nach Berlin reiste, weiss ich nicht. Nach anfänglich "normaler" Entwicklung schien irgendetwas "nicht zu stimmen". Meine Mutter beobachtete, dass sie mit seiner Ernährung bestimmte Symptome hervorrufen konnte, z.B. Verstopfung und Fieberanfälle mit fetter Kuhmilch. Er schien weder Muttermilch noch Kuhmilch zu vertragen und fiel in seiner Entwicklung zurück. Verzweifelt reiste meine Mutter mit ihm von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik. Da die Symptome offenbar atypisch waren, nahmen die Ärzte die Beobachtungen meiner Mutter nicht ernst. Reiner starb am 15. Juli 1939 in einer Klinik in Kassel, die meiner Mutter empfohlen worden war. Damit die anderen Patienten "nicht gestört" wurden, musste der kleine Sarg unter äusserster Diskretion durch einen Hintereingang zum Zug gebracht werden. Meine Mutter hatte mich auf diese Reise mitgenommen und fuhr nun also mit einem knapp 1jährigen und einem toten Kind zurück nach Danzig. Mein Bruder wurde im Familiengrab der Beckers in Gumbinnen begraben, warum, weiss ich nicht.
Zum Entsetzen meiner Eltern zeigte auch ich bald die gleichen Symptome wie mein verstorbener Bruder. Glücklicherweise fand meine Mutter in Berlin einen alten Kinderarzt, Dr. Braumüller. Als sie ihm ihre Beobachtungen schilderte, sagte er sofort: "Ihre Kinder vertragen keinerlei tierisches Eiweiss" und empfahl eine Diät, die auf Soja und Eigelb beruhte. Damit entwickelte ich mich prächtig. Auch mein jüngerer Bruder Friedrich Wilhelm Gerhard Hugo, genannt Friewi, geboren am 27. August 1940, überlebte dank dieser Ernährung.
Am 9. August 1942 wurde meine jüngste Schwester geboren, Cordula Edit Cäcilie. An dieses Ereignis erinnere ich mich gut, denn als mein Vater aus der Klinik zurückkam, überreichte er meinem Bruder und mir Geschenkpäckchen, die die neue Schwester "aus dem Himmel für uns mitgebracht hatte", Malbücher, Stifte, Süssigkeiten. Natürlich liebten wir sie sofort dafür und waren kein bisschen eifersüchtig. Sie war für mich ein wunderschönes Baby mit dichten schwarzen Haaren und sehr blauen Augen. Leider hatte auch sie die Milchunverträglichkeit. Aber nun war Krieg, Dr. Braumüller war schon gestorben, die nötigen Diätzutaten nicht mehr erhältlich. Sie wuchs, konnte aber nicht sitzen, nicht stehen oder krabbeln. Am 18. Dezember 1944 starb sie. Ich sah sie zum letzen Mal aufgebahrt im Schlafzimmer meiner Eltern, ein weisses Seidentuch meiner Mutter und deren Kirchengesangbuch unter dem kleinen Kinn. Als wir die Hammerschläge zur Sargschliessung im Zimmer nebenan hörten, heulten und jammerten mein Bruder und ich im Kinderzimmer laut, ich kann mich aber nicht erinnern, ob irgendjemand zu unserem Trost oder mit Erklärungen bei uns war. Cordula wurde in Danzig begraben.
Meine Mutter war durch Verlust zweier Kinder völlig traumatisiert und lebte in ständiger Angst um meinen Bruder und mich. Sie versuchte, das nicht zu zeigen, aber ich merkte es an ihren Reaktionen, sobald wir krank wurden. Das führte dann dazu, dass ich mich als grösseres Kind z.B. nicht getraute zu husten, weil sie dann sofort ausser sich geriet und eine Lungenentzündung oder - schlimmer - Tuberkulose vermutete, an der ich sicher sterben würde. So unterdrückte ich mit aller Kraft den Husten, um sie nicht zu beunruhigen. Das war manchmal quälend.
Als meine älteste Tochter geboren wurde, schickte meine Mutter mir lange, ausführliche Anweisungen, wie ich sie am besten ernähren könnte, um eine Wieederholung des Dramas zu vermeiden.
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?

Meine Mutter war Angelika Hedwig Berta Lackner, geboren am 18. Juli 1912 in Berlin. Sie hatte eine 3 Jahre ältere Schwester Cäcilie. 1923 wurde dann noch ihr Bruder Hubert geboren.
Ihr Vater war Arnold Lackner, ein Jurist und Syndikus der Berliner Verkehrsbetriebe. Ihre Mutter war Alice Laura, geb. Becker. Beide stammten ursprünglich aus Ostpreussen, der Grossvater aus Königsberg, die Grossmutter aus der Nähe von Gumbinnen, wo sie in einer Oberförsterei aufgewachsen war.
Die Ursprungsfamilie des Grossvaters gehörte zu den Salzburger evangelischen Glaubensemigranten, die um 1750 nach Preussen auswanderten. Unter den Vorfahren der Grossmutter findet sich der Name Dodillet. Sie kamen aus dem schweizerischen Jura, aus Cormoret. Warum sie nach Preussen auswanderten, ist uns nicht bekannt. Vielleicht waren sie Täufer, vielleicht folgten sie der Aufforderung des preussischen Königs, da dieser damals auch Fürst vom Kanton Neuenburg war.
Meine Mutter wuchs sehr behütet in einer finanziell gut gestellten Bildungsbürger-Familie auf. Ihr Vater war Mitglied in einer Loge. Es gab "Logenbälle" und private Einladungen zu Hause, für die dann extra eine Kochmamsell und Bedienung angstellt wurden. Es gabe viele Theater-, Konzert- und Kabarettbesuche. Sie tanzte begeistert Charleston, was sie uns Kindern später lachend vormachte (zu ihrem Leidwesen konnte mein Vater gar nicht tanzen). Sie besuchte das Lyzeum und machte wie ihre Schwester Abitur. Ihr liebster Sport war rudern, ihre Schule unterhielt ein Bootshaus mit Booten am Kleinen Wannsee in Berlin. Kurz, sie erlebte das Berlin der "Goldenen 20er Jahre". Von dem wirtschaftlichen Elend, das gleichzeitig auch in der Stadt herrschte, bekam sie fast nichts mit, wie sie mir später sagte.
Nach dem Abitur hätte sie wohl gerne studiert; das aber wurde von ihren Eltern gar nicht erst erwogen: "Sie würde ja doch irgendwann heiraten." Daher besuchte sie zuerst ein Jahr lang eine Haushaltungsschule in Schlesien, danach absolvierte sie einen Sekretärinnenkurs und arbeitete dann für ihren Onkel, den Augenarzt Dr. Hugo Becker, im ostpreussischen Moorbad Waldfrieden, das dieser in den 20er Jahren gekauft und ausgebaut hatte. Da er noch seine Praxis in Insterburg führte und selten in Waldfrieden anwesend war, "schmiss sie den Laden" praktisch alleine, was ihr offenbar viel Spass machte. Sie erzählte uns später begeistert davon.
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?

Im Sommer 1935 besuchte mein Grossvater meine Mutter in Waldfrieden und nahm sie auf eine Ferienreise nach Hause mit. Auf dem Rückweg von Insterburg nach Berlin besuchten die beiden meinen Vater in Danzig, denn sie waren weitläufig verwandt, ihre Grossmütter waren Schwestern. Mein Vater schreibt dazu: "Als ich sie sehe, schlägt ihr mein Herz entgegen. Es war Liebe auf den ersten Blick!" Kurzentschlossen ging er also nach dem Mittagessen in ihr Zimmer und machte ihr einen Antrag. Etwas überrascht bat sie sich Bedenkzeit aus, und so verabredeten sie beide, sie würden sich wieder treffen, wenn meine Mutter zu Weihnachten wieder von Insterburg nach Berlin fahren würde. Deswegen stieg mein Vater also am 23.12.1935 in Marienburg in den Zug nach Berlin, der von dort den "polnischen Korridor" durchquerte und in den auf polnischem Gebiet niemand zusteigen durfte. Als der Zug wieder auf deutschem Gebiet hielt, wo mein Vater aussteigen musste, waren sie verlobt. Sie heirateten am 2. Mai 1936 in Berlin. Damit verlor meine Mutter ihre deutsche Staatsangehörigkeit, denn Danzig war damals eine "Freie Stadt" unter dem Schutz des Völkerbundes.
Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?

Mein Vater war Werner Samuel Hermann Wilhelm Hahn, geboren am 17. September 1899 in Cranz, Ostpreussen, wo sein Vater Friedrich Wilhelm Pfarrer war. Er lebte dort mit seinen Eltern, seinem jüngeren Bruder Gerd und 2 noch jüngeren Schwestern, Edit und Sabine bis 1909. In diesem Jahr starb sein Vater plötzlich an einer nicht behandelbaren Lungenentzündung. Da die Grundpension für Pfarrwitwen sehr dürftig war, wenn zur Pfarrei nicht noch weitere Einkommenspfründe gehörten (übrigens ein System, das noch bis nach dem 2. Weltkrieg in Schleswig-Holstein zu finden war), zog meine Grossmutter Hedwig mit den 4 Kindern nach Königsberg zu ihrem Vater, um ihm den Haushalt zu führen. Dort wurde mein Vater im Friedrichskolleg-Gymnasium eingeschult. In dem kleinen Seebad Cranz war er der unbestrittene Anführer der Dorfjugend gewesen, nun war er plötzlich ein unbekannter Niemand, er wurde "gemobbt", wie man heute sagen würde, und zog sich sehr zurück. In unbekannter Umgebung ist er daher zeitlebens eher scheu und zurückhaltend gewesen.
In der Pubertät verschlechterten sich seine schulischen Leistungen dermassen, dass meine Grossmutter erwog, ihn aus der Schule zu nehmen und in eine Lehre zu stecken. Als sie mit seinen Lehrern darüber sprach, beschwor der Griechischlehrer sie: "Lassen Sie ihn doch wenigstens noch das nächste Jahr machen, dann lernt er die Verben auf "mü", damit hat er doch was fürs Leben!" Ein Ausspruch, der in meiner Familie legendär wurde.
1916 trat mein Vater einer Wandervogelgruppe bei. Von nun an verbrachte er nach Möglichkeit alle Ferien und Wochenenden auf Wanderungen in Ostpreussen, besonders in Masuren und auf der kurischen Nehrung. Er schilderte uns später sehr anschaulich und eindrücklich seine Erlebnisse, so dass ich Jahrzehnte später (2014), als ich während einer Ferienreise die Kurische Nehrung mit Schwarzort und Nidden besuchte, das Gefühl hatte, hier schon einmal gewesen zu sein. Er liebte diese Landschaft sehr und hatte nach dem 2. Weltkrieg solche Sehnsucht und derartiges Heimweh, dass er sich strikt weigerte, dorthin eine Besuchsreise zu machen, als es möglich wurde. Er hätte die Trauer über den Verlust nicht ertragen.
1917 machte mein Vater mitten im 1. Weltkrieg vorzeitig das sogenannte "Notabitur" und meldete sich sofort zum Militär. Tatsächlich wurde er im März 1918 als Fahnenjunker in die Schlacht an der Somme geschickt, überlebte als einziger seines Klassenjahrgangs den 1. Weltkrieg und kehrte als Leutnant zurück. Allerdings hatte auch er, wie so viele, die europaweit wütende "Spanische Grippe" nur knapp überlebt und bewegte sich seither etwas steif und ungeschickt.
Nach dem Krieg studiert mein Vater Theologie, nachdem er lange auch Architektur oder Berufsoffizier erwogen hatte. Aus Kostengründen kam "nur" die Universität Königsberg infrage, da er dort zu Hause wohnen konnte. Das erlaubte ihm aber, sich in seiner Freizeit seiner Leidenschaft zu widmen, der Wandervogelbewegung, in der er bald in die Leitung aufstieg.
1925 machte mein Vater sein Schlussexamen und wurde als evangelisch-lutherischer Pfarrer ordiniert. Nachdem er zuerst als Studiendirektor in einem Predigerseminar gearbeitet hatte, bewarb er sich 1929 auf eine frei werdende Pfarrstelle in einem Danziger Vorort und wurde gewählt. Seine Mutter zog zu ihm, um sich vorerst um den Haushalt zu kümmern. Er konnte endlich ans Heiraten denken. Zunächst aber war keine passende junge Dame in Sicht.
Hast du deine Kindheit und Jugend in der gleichen Wohnung bzw. im gleichen Haus verbracht, oder musstest du öfters umziehen?

In Danzig-Langfuhr wohnten wir in der Hälfte eines Doppelhauses gleich neben der Christus-Kirche am Bärenweg 11. Unsere Hälfte war das Pfarrhaus. Im Parterre gelangte man vom Eingang in eine grosse Diele, in der wir oft spielten. Ganz links lag das "Amtszimmer" (Büro) meines Vaters, das wir nicht betreten sollten. Es hatte ein kleines Vorräumchen mit Bänken, wo Besucher warten konnten. Daneben das etwas - in meiner Erinnerung - düstere Wohnzimmer, dem eine Veranda vorgebaut war, die einen Ausgang in den grossen Garten hatte. Dieses Zimmer betrat ich nur mit grosser Angst, hing dort doch eine Kopie des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald, das die Kreuzigung und Auferstehung von Jesus zeigt. Ich erinnere mich an fahles Gelb, in dem Jesus zum Himmel aufstieg, und an einem ausgestreckten grünlichen Finger auf dem Kreuzigungsbild. Mir grauste davor. Es gab aber auch eine wunderbar geschnitzte grosse Holztruhe, wahrscheinlich ein Erbe meiner Salzburger Vorfahren. Dort bewahrte meine Mutter wenig benutzte Wäsche auf.
Geradeaus lag das Esszimmer, mit Blick zum Garten. Dort wurde immer zusammen gegessen, aber auch gespielt. Zur Rechten die Küche und die Speise(Vorrats)kammer und ein Durchgang zur anderen Haushälfte, in der beide Wohnungen an andere Familien vermietet waren. Rechts führte auch die Treppe in den 1. Stock, wieder auf eine Diele mir einem grossen Tisch, auf dem z.B. Wäsche zusammengelegt wurde oder auch Spiele gespielt wurden. Ganz links war das Badezimmer mit einer Toilette (es gab für Gäste auch eine im Parterre), anschliessend das Zimmer meiner Grossmutter väterlicherseits, dann das Kinderzimmer, wo mein Bruder und ich schliefen und das auf einen Balkon hinausführte. Dann ein weiteres Zimmer, wahrscheinlich ein Gästezimmer, und über dem Esszimmer das Schlafzimmer meiner Eltern.Ganz rechts gab es hinter einer Tür einen Aufgang zum Boden (Estrich) und zu einigen Mansarden. Natürlich war das ganze unterkellert.
Vor dem Haus lag ein grosser Platz mit einigen Bäumen und zur Strasse hin von einer dichten Hecke eingefasst, ein idealer Platz zum Spielen. Auf der einen Seite gab es einen direkten Durchgang auf das Kirchengelände, auf der gegenüberliegenden Seite war zwischen 2 Steinpfeilern eine Pforte, die auf ein Nebensträsschen führte.
Bist du an frühere Wohnorte zurückgekehrt?

Zweimal bin ich besuchsweise nach Danzig zurückgekehrt. Einmal 1990. Da sah ich das Haus nur von aussen, die Eingangstür hatte immer noch ein verwaschenes Graublau.
2006 war ich dann nochmals dort. Diesmal auch drinnen. Es wird nun von Jesuiten bewohnt, die auch die Kirche übernommen haben. Sehr liebenswürdig wurde mir angeboten, auch das obere Stockwerk zu besuchen. Mir fiel sofort auf, dass die Treppe verändert war. Ja, bestätigte der alte Priester, sie hatte erneuert werden müssen. Und unser Kinderzimmer ist nun die Hauskapelle, an der Stelle meines Bettes steht der Marienaltar.
Warum hast du für deine autobiografischen Aufzeichnungen diesen Titel gewählt?

Wenn ich mein Leben an mir vorbeiziehen lasse, scheint mir, ich habe so viel erlebt, gesehen, machen können und Erfahrungen gesammelt, dass es auch für 2 sehr erfüllte Leben gereicht hätte. Ein "Noch Mehr" wäre wohl wirklich kaum möglich gewesen.
Weshalb bzw. für wen willst du über dein Leben, oder wenigstens Teile davon, schreiben?

Als mein Vater pensioniert worden war, fing er an, seine Erinnerungen für uns aufzuschreiben und auch die Familiengeschichte anhand alter Briefe, Erzählungen und Dokumente, die mein Grossvater mütterlicherseits gesammelt hatte. Mit grösstem Interesse habe ich dann alles gelesen, da Zeiten und Lebensumstände beschrieben werden, die mir völlig unbekannt sind. Vielleicht finden es später auch meine Nachfahren spannend, meinen Lebensweg nachzulesen.





