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Vollendete Autobiographien: 212
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Von Hedy Barothy – Kaleidoskop
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Ganymed am Bürkliplatz / 11.11.2024 um 13.23 Uhr
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Der Chemiestudent / 11.11.2024 um 13.23 Uhr
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Kaleidoskop / 11.11.2024 um 13.33 Uhr
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Vorwort
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Kaleidoskop
2.
Der Lenz ist da
3.
Kennen Sie den ...?
4.
Die bekleidete Maja
5.
Der Rabbiner
6.
Ganymed am Bürkliplatz
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Der Chemiestudent
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Auf dem Forum Romanum
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Der Kantor
10.
Ein Ungar kommt selten allein
Die von mir erlebten Ereignisse, in einem mit bunten Steinchen gefülltenKaleidoskop gesammelt, widme ich meiner Familie mit dem Wunsch,sich von Zufällen nicht irritieren zu lassen.
Vorwort
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Vorwort
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Wenn man unvermittelt, sozusagen aus heiterem Himmel,
plötzlich ein Ereignis erlebt, spricht man von "Zufall".
Ob sie "glückliche Fügung" oder ein "Wink des Schick-
sals" sind, sie sorgen auf allen Gebieten der Wissenschaft
für Gesprächsstoff und sind Gegenstand philosophischer
und psychologischer Betrachtungen. Jedermann wurde
davon schon überrascht. Einige ankern stark im
Gedächtnis und drängen an "die frische Luft".
Die von mir erlebten Ereignisse, in einem mit bunten
Steinchen gefüllten Kaleidoskop gesammelt, widme ich
meiner Familie mit dem Wunsch, sich von Zufällen nicht
irritieren zu lassen.
Kaleidoskop
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1.
Kaleidoskop
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KALEIDOSKOP
Jeder Lebensabschnitt setzt sich aus Zufällen zusammen.
In der Erinnerung erscheinen diese Zufälle wie das
Gewebe eines bunten Teppichs (Schopenhauer) oder wie
ein Blick ins Kaleidoskop. Beim Drehen seiner Röhre
wirbeln die darin enthaltenen bunten Steine durcheinan-
der. Sie bilden im Widerschein der angeordneten Spiegel
durch das Drehen der Röhre bizarre Muster.
In unserem Frankfurter Kinderzimmer lagen mehrere
solche "Mirakelrohre" herum, wie sie mein mittlerer
Bruder nannte. Erst als mein ältester Bruder uns über das
wahre Innenleben dieser Mirakelrohre aufklärte, verloren
sie nicht an Faszination, aber gewannen am Interesse, sie
auseinander zu nehmen. Wir zerlegten sie kurzer Hand:
Aus jedem kamen einige bunte Steinchen und drei schräg
zugeschnittene Spiegel hervor. Danach schauten wir in die
leere Pappröhre, die aussen hübsch bemalt war. Ich benutzte
das leere Rohr als Feldstecher. Unsere ältere Schwester erzählte,
im Physikbuch blätternd, von Illusionen, Einbildungen und falscher
Vorstellung der Tatsachen, denen sich der Mensch hin gäbe, wenn er
den Dingen nicht auf den Grund schaue. Sie schaute auf den Grund
und las uns vor:
"Schon die alten Griechen kannten das Kaleidoskop. "Ja, ja" dachte ich,
schon wieder die alten Griechen". Ich kenne sie zum Ueberdruss aus
deren Sagenbuch, in dem sie auf Kupferstichen splitternackt ihre Taten
vollbringen.
Aber dann wurde ihr Vorlesen doch noch spannend:
"Der Erfinder des modernen Kaleidoskops, der schottische
Physiker, Davis Brewater, entdeckte es 1816 neu. Um die
Polarisation doppelbrechender Kristalle zu untersuchen,
betrachtete er solche Kristalle in einer spiegelnden Metallröhre.
Das grösste, je gebaute Kaleidoskop stand während der Expo 2005
in Japan. Ein 47 Meter hoher Turm mit einer Glaskuppel. Darin brach
sich einfallendes Sonnenlicht und wurde mittels einer komplizierten
Anordnung von Spiegeln auf drei rotierende Glasscheiben reflektiert.
Das Wort "KALEIDOSKOP" stammt aus dem Griechischen und bedeutet
soviel wie "Schöne Formen sehen". In der Sprachwissenschaft erhält es viele Synonyme wie bunt, gemischt, facettenreich, mannigfaltig, verschiedenartig, rotierend oder verwirrend. So wie sich vieles auf dieser Welt darbietet oder sich immer wieder
einmal das eigene Tun anfühlt..
Der Lenz ist da
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2.
Der Lenz ist da
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Wir schreiben Februar 2020. Die Sonne bescheint warm
Flur und Wald. Man könnte meinen, der Sommer halte
bereits Einzug. Die Bienenstöcke der Nachbarin werden
auf Futter kontrolliert. "Was fressen die kleinen pelzigen
Bienen am liebsten?" "Eine Zuckerlösung, speziell für diese
Bienen zubereitet. In meinem Fall, respektive im Falle meiner
80 Bienenvölker, ist es eine Zuckerlösung, die für diese Bienen
zubereitet wird. So geniessen sie immer den Geschmack, auf dem
sie dann auffliegen, wenn sich die Blüten öffnen.
Einige Tage nach diesem Gespräch, überfällt uns eine garstige
Kältewelle. Die Bienen schwirren nicht mehr. Vor ihren Bienenhäusern
herrscht Totenstille. Keine Bienenseele ist weder zu sehen noch
zu hören. Als ob sie alle geflohen wären, scheint es mir. Die Nachbarin
meint, das seien sie gewohnt. "Die machen es sich in ihren Waben gemütlich
und saugen an der Zuckerlösung."
So mache ich es jetzt auch. Gehe nach Hause, setze mich gemütlich ins
Wohnzimmer, geniesse bei einer Tasse Tee das letzte Kuchenstück. Blättere
in der Regionalzeitung nach kulturellen Veranstaltungen und werde fündig:
PEDRO LENZ kommt steht da, mit Ort, Datum und Zeit seines Auftritts.
Sogar noch mit Nachtessen.!
Das ist eine gute Idee, meinen 84. Geburtstag einfach vier Tage früher zu
feiern. Mit Familienmitgliedern und langjährigen Freunden. Ein pures Vergnügen,
Keine Einkäufe, kein Kochen mit allem Drum und Dran, keine Vorbereitungen. das
alles übernimmt das "JOHO" das Restaurant der St. Josefstiftung in Bremgarten.
Nach einigen Telefonaten, weiss ich wer mitkommt. Bis es soweit ist, spaziere ich
wieder an den Bienenstöcken vorbei. "Jetzt sind alle draussen" konstatiere ich
und die Nachbarin meint;
Die sind alli unterobsi, die wüsset nümmer, ob sie sötte fleuge oder vor der
Huustüre bliebe. Es is zum Verruckt werde".
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Erst wieder eben...Gerade setze ich mich gemütlich aufs Sofa,
stecke mir eine Paranuss in den Mund, geniesse ihren feinen Geschmack,
fragt mich mein Mann: "Hast Du schon deiner Klassenkameradin gemailt?",
macht es "platsch" "Was war denn das"?, Mein Mann meint, es hätte sich angehört,
als ob irgendwo Porzellan heruntergefallen wäre ".
Nach einer Weile des Nachdenkens schwant mir etwas. Widerwillig stehe ich von meinem gemütlichen Plätzchen auf, gehe ins Badezimmer und sehe die Bescherung:
Badetuch, Handtuch, mein Hosenanzug auf dem Bügel, ein Kleid mit Jacke am anderen Bügel, ein leerer Bügel und unter diesem bunten Haufen schaut etwas Weisses hervor.
Es ist der Plastikkleiderhaken mit Selbstklebeband und dem Aufdruck "bombensicher"!
Er grinzt mich an als ob er sagen wolle, "Siehst Du jetzt hast Du die Bescherung". Hätte ich doch nur gleich die Kleiderbügelsammlung in den Schrank gehängt, wäre der "Platsch" nicht passiert. Eindeutig Ueberlastung des vierhakigen Plasikhakens, der mit dem starken Klebeband auf seinem Rücken. Ich hatte ihn auf die Seitenwand meiner Duschkabine
angebracht. Sein Nachbar hingegen klebt fest und dauerhaft, weil er nicht so spontan
benutzt wird wie sein Kollege, der einen Absturz erleiden musste. Wenn ich nur gleich meinen Mann gebeten hätte, mir die neue Chromstahlleiste in die Wand zu dübeln wäre das nicht passiert.
"Ach, ja, hätte ich doch nur die Postkarte aufgegeben"!
Bevor ich nach Locarno fahre, schreibe ich meiner Enkeltochter noch diese Ansichtskarte mit Bild von Lugano, einem Ausflugsdampfer darauf und dem Touristenzüglein, das durch die Stadt bimmelt sowie dem Monte Bré, der die Szenerie unter blauem Himmel und dem blinkenden Seewasser überblickt. Die Ein-Franken-Briefmarke habe ich, also muss ich
nur noch den Glückwunschtext verfassen. Aber wo ist die genaue Adresse?
Hier, in Neggio, müsste ich doch auch eine Adressliste liegen haben! Da fällt mir ein, dass ich sie in Eggenwil gelassen habe. "Schon wieder so ein "ach hätte ich sie doch nur in den Koffer gelegt."
Dank "Telsearch" finde ich ihre neue Adresse im Nu, schreibe sie auf die Ansichtskarte und schaue auf die Uhr. "Ja, für den Glückwunsch reicht die Zeit noch dicke". Da ruft mein Mann, der gerade verschwitzt aus dem Garten kommt "kannst du mir bitte mein Hemd über den Kopf ziehen?" Selbstverständlich mache ich das sofort, damit er unter die Dusche kann. Jetzt schreibe ich in aller Ruhe den Glückwunschtext fertig, stopfe noch den Fotoapparat in die gepackte Handtasche, schnappe den Autoschlüssel und fahre los. Auf dem Monte Ceneri fällt mir ein dass ich ja die Geburtstagskarte für Prisca mitnehmen wollte...jetzt liegt sie in Neggio!!!!. Eigentlich nicht so schlimm. ich werde sie morgen an unseren Briefkasten klemmen, auf das die Pöstlerin sie mitnähme, denn die Post "bringt und holt" ja alles, wie es auf jedem dicken gelben Postauto steht.
Der nächste Morgen ist ein Samstag. - Ich schaue in den Briefkasten. Der ist leer. Also ist noch keine Pöstlerin dagewesen. Oder hat mein Schwiegersohn sie schon rausgeholt? Zweifel, Zweifel plagen mich. Bekommt Prisca ihren Glückwunsch am Dienstag rechtzeitig? Oh, das arme Kind, beisst mich mein Gewissen. Plötzlich taucht Rocco auf, mein Schwiegersohn, raschelt mit seinem Autoschlüssel, küsst mich auf die Wange und Stirn und fragt: "Wohin des Weges so früh am morgen?" (Es ist bereits 10 Uhr 30) mit einer Postkarte in der Hand?" "Nun ja mein Lieber. Die ist für Prisca. Sie hat am Dienstag Geburtstag. "Du kannst sie mir mitgeben, denn ich fahre jetzt nach Agno, leere mein Schliessfach und werfe die Karte direkt in den Briefkasten am Bahnhof,
"Galanter Schwiegersohn, denke ich und das ist ja nochmal gut gegangen.
Die bekleidete Maja
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4.
Die bekleidete Maja
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Ihr Mann, Schreiner und Modellbauer von Beruf, baute das alte, schmale, dreistöckige Gebäude neben dem ehemaligen Kornspeicher in der unteren Altstadt zu einer
Galerie aus. Das Ziel verfolgend, seiner Frau, kinderlos, ambitiös, kontaktfreudig und obendrein "schaffig" einen ausfüllenden Lebensinhalt zu geben, der zugleich ihrer
kaufmännischen Ausbildung gerecht käme. Zudem erwies sich die Idee mit der Galerie
noch in anderer Hinsicht als gut. Praktischerweise bot sie ihm ausreichend Platz
für sein grossformatig angelegtes Modell des Städtchens, an dem er sicher jederzeit arbeiten könne, wenn er wieder eines der zahlreich vergiebelten Altstadthäuser oder Türme
massgerecht im Rohbau fertig hätte. So entstand unter den Augen der über die Jahre angewachsenen Besucherzahl der Galerie ein originalgetreues Konterfei der kleinen Stadt,
in der er seine Kinder- und Jugendzeit verbrachte. Idealerweise schuf er mit der Galerie einen Ort der Begegnung, deren es zu jener Zeit zu wenige gab. Obwohl die Umgebung
der Stadt eine zunehmende Bautätigkeit aufwies, was einen erheblichen Zuwachs potentieller Kunstinteressierter versprach.
Die auf diese Weise zur Galeristin gewordene Ehefrau, hatte nach dem Abschluss der kaufmännischen Berufsschule immer gearbeitet. Sie versah nach der Heirat administrative Belange in der von ihrem Ehemann und dessen Bruder geführten Schreinerei. Sie verfügte
über Erfahrung im Umgang mit Kunden, jedoch ohne nennenswerte kunstgeschichtliche Kenntnisse. So ausstaffiert, eröffnete sie die gediegene "Galerie zum Kornhaus". Maler, Bildhauer, Grafiker und Kunsthandwerker aus der näheren und weiteren Umgebung der Stadt, füllen mit ihren Exponaten seit drei Jahrzehnten deren Ausstellungen. Die von ihnen
dargebotene Kunst entspricht dem landläufigen Geschmack. Nach über 150 Ausstellungen, präsentieren sich die Werke handwerklich gekonnt, jedoch nicht dem Geiste der Zeit folgend. Allgemein verständlich- auch deren Titel - brav im Sujet und Farbgebung, gewinnen sie sich eine Stammkundschaft, die sich von Generation zu Generation zu übertragen scheint.
Dank ihr ist kein erhöhtes Geschäftsrisiko zu befürchten. Mit der Zeit beherbergt die Stadt weitere Galerien für avantgardistische Trends und in den Augen der Kornhausgaleristin "sehr gewagte moderne Kunst", was eine gewisse Konkurrenz mit sich bringt. Ab und zu zeigen im "Kornhaus" Zeichenlehrer aus Gymnasien ihr Können, was die breite Oeffent-lichkeit zu einem Galeriebesuch animiert. Das bringt der Galerie stets ein zahlreiches Vernissage-Publikum und während der Ausstellungdauer noch so manche Schulklasse. Für sie öffnet die Galeristin immer die schwere Altstadthaustüre, begrüsst die Eintretenden, hilft ihnen aus den Mänteln, versorgt deren Schirme, Einkaufstaschen oder Hüte, verweist auf das Gästebuch, drückt ihnen nach dem obligatorischen Eintrag ins Gästebuch, die Ausstellungsliste in die Hand und lenkt ihre Augen und Fersen auf ihn. Spart zudem keineswegs mit eigenen Kommentaren zu diesem oder jenem Exponat. Lobt die gutbesuch-te Vernissage an der der Orchesterverein in kleiner Formation aufspielte, versichert unge-fragt, diese oder jene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gut zu kennen und zu ihren Stammgästen zählen zu dürfen.
Dabei plaudert sie aber auch unaufgefordert aus deren Leben. Ueber Ehen, die nach etwelchen Querelen geschieden oder neu geknüpft wurden. Ueber Mühen der Künstler beim
Auffinden grösserer Ateliersräume für das gesteigerte Schaffenspotential. Auch, wie oft der gleiche Künstler schon in der "Kornhausgalerie" ausgestellt und wie viel er verkauft habe,
"weil er eben seinem Stil treu geblieben sei" und nicht der verrückten Modernen gefolgt ist. So in etwa hören sich ihre Schlusskommentare an, bevor sie die drei Stockwerke
wieder hinunterhastet und neue Besucher mit der gleichen Hingabe durch ihr Reich beglei-tet bis sie schliesslich mit ihnen im dritten Stock am Cheminee und unter der Dachschräge
landet. Dort bietet sich Gelegenheit, Leute auf Sesseln sitzend, anzutreffen, die sich bei einem Getränk von der ausserordentlichen Zuwendung der Galeristin erholen. Erst beim Abstieg kann sich der Besucher den ausgestellte Exponaten zuwenden. Denn die Galeristin bleibt mit Sicherheit noch beschäftigt mit den nach ihnen Eingetretenen.
Eines Tages befanden sich ausser der fotografierenden Journalistin zwei Herren in der Galerie, die sich gleich beim Eintreten dem Ritual der Galeristin höflich aber bestimmt entzogen. Sie waren mit der Absicht gekommen, Recherchen darüber anzustellen, welcher Art von Ausstellungsgut sich eine Galerie bedient, die auf den Zug der Hochkonjunktur
und Boutiquebooms aufgestiegen ist. Sie gingen aufmerksam von Bild zu Bild, während die Journalistin sich Notizen für ihren Bericht und einige Fotos machte. Die Galeristin sass, etwas eingeschüchtert von den beiden Herren, an ihrem Schragentisch, der ihr als Schreibtisch diente. Das Telefon griffbereit neben sich, vor ihr der Karteikasten mit den Adressen potentieller Aussteller. Daneben der Terminkalender für noch zu planende Ausstellungen und ein Stapel Korrespondenz, die Galeriebedingungen, Zeitungen, in denen Berichte von der letzten Vernissage veröffentlich waren. Diese schnitt sie gerade aus kopierte sie. Legte sie in einen Hefter um sie den Ausstellenden beim Heimtransport zusammen mit der Abrechnung zu übergeben. Als die Journalistin in ihrer Nähe eintraf, fragte die Galeristin etwas empört, weshalb "ihre Zytig" keinen Bericht von der Vernissage veröffentlicht hätte. Deswegen bin ich ja hier, entgegnete die Reporterin mit dem Fotoapparat vor ihren Augen. "Deswegen bin ich hier". Die Redaktion ist der Meinung, etwas ausführlicher über das neue Kunstereignis auszuholen" erklärt sie. "Ausserdem ergänzt sie, sieht man an den Vernissagen kaum je ein Bild vor lauter Leuten und hat keine Muse, gute Fotos zu schiessen. "Wann kommt denn der Bericht"? "Nun", so die Reporterin, etwa zur Halbzeit dieser Ausstellung. So wird nochmals auf ihrer Galerie aufmerksam ge-
macht. Daraufhin herrscht wieder Stille in der Galerie. Die beiden Herren betrachten gerade ein grösseres Gemälde. Drauf rekelt sich in ein züchtiges Negligé gewandet eine biedere Dame. Der eine Betrachter macht sich laut Luft über das dargestellte Sujet und prustet heraus: "Wäre sie nackt dürfte sie hier nicht hängen". Er gewahrte durch den Augenwinkel, dass die Galeristin am Schragentisch gespannt dem Gespräch lauscht und vertieft seine Bemerkung in erhöhter Lautstärke:"
"Eine ungeheuerliche Aehnlichkeit, ja Seelenverwandtschaft des begnadeten Goya mit seinem berühmten Gemälde "Die nackte Maja". Unverwechselbar ein Schüler Goyas". Sein Begleiter gibt ihm ebenso vernehmlich recht und lobt obendrein den sicheren Pinselstrich, die gekonnte Farbgebung und Perspektive. Die Galeristin hält es auf ihrer Stabelle vor dem Schragentisch nicht mehr aus. Sie stürzt sich auf die beiden Herren, in der Hand den Terminkalender und fragt ernsthaft, wo dieser Goha wohne ob die Herren ihn kennen. "Wüsset Sie, i möcht doch den Lehrer vom Ussteller au dem Publikum zeige"."Gallet Sie, me sött so öppis niemanden vorenthalte, Aber, wüsset Sie, der Maler hat mir in seiner Bescheidenheit nüt verzellt, dass er beim Goha oder Goja Unterricht gno hätt". Die beiden Herren versicherten ihr, den Goja, nicht Goha, sehr gut zu kennen und seine Werke in Spanien gelegentlich zu besichtigen "Das ist aber reizend". erwidert die Galeristin,
schreibt auf ein Kärtchen die nächsten geplanten Ausstellungswochen und kredenzt ihnen Weisswein. Die beiden Herren leeren ihre Gläser bedächtig und verabschieden sich von der Galeristin. Auch die Journalistin will gehen. packt ihre Fotoutensilien ein. Die Galeristin mit erfreutem Blick, stürzt sich auf sie und meldet ihr die Neuigkeit: "Schriebet Sie in ihrem Bericht nur, dass in absehbarer Zeit der Goja aus Spanien kommt, der Lehrer vom jetzigen Aussteller."Sehet Sie", fügt sie atemlos hinzu "die beide Herre waret Sachverständige und werdet mir scho no der Goja hier annebringe*. "Sicherlich" beschwichtigt die Journalistin. "Ohne Frage, nur müssen Sie mit hohen Kosten und hohen Sicherheitsvorkehrungen rechnen." "Ja weshalb denn das?" "Weil der Goja zu den weltberühmtesten Malern zählt, weil seine Werke nicht nur im Prado in Madrid ausgestellt sind, sondern über die ganze Welt verstreut in Museen und Privatsammlungen hängen. Auch dürfte er selbst kaum an die Vernissage kommen, weil er nämlich am 15. August 1828 in Bordeaux verstorben ist."
kaufmännischen Ausbildung gerecht käme. Zudem erwies sich die Idee mit der Galerie
noch in anderer Hinsicht als gut. Praktischerweise bot sie ihm ausreichend Platz
für sein grossformatig angelegtes Modell des Städtchens, an dem er sicher jederzeit arbeiten könne, wenn er wieder eines der zahlreich vergiebelten Altstadthäuser oder Türme
massgerecht im Rohbau fertig hätte. So entstand unter den Augen der über die Jahre angewachsenen Besucherzahl der Galerie ein originalgetreues Konterfei der kleinen Stadt,
in der er seine Kinder- und Jugendzeit verbrachte. Idealerweise schuf er mit der Galerie einen Ort der Begegnung, deren es zu jener Zeit zu wenige gab. Obwohl die Umgebung
der Stadt eine zunehmende Bautätigkeit aufwies, was einen erheblichen Zuwachs potentieller Kunstinteressierter versprach.
Die auf diese Weise zur Galeristin gewordene Ehefrau, hatte nach dem Abschluss der kaufmännischen Berufsschule immer gearbeitet. Sie versah nach der Heirat administrative Belange in der von ihrem Ehemann und dessen Bruder geführten Schreinerei. Sie verfügte
über Erfahrung im Umgang mit Kunden, jedoch ohne nennenswerte kunstgeschichtliche Kenntnisse. So ausstaffiert, eröffnete sie die gediegene "Galerie zum Kornhaus". Maler, Bildhauer, Grafiker und Kunsthandwerker aus der näheren und weiteren Umgebung der Stadt, füllen mit ihren Exponaten seit drei Jahrzehnten deren Ausstellungen. Die von ihnen
dargebotene Kunst entspricht dem landläufigen Geschmack. Nach über 150 Ausstellungen, präsentieren sich die Werke handwerklich gekonnt, jedoch nicht dem Geiste der Zeit folgend. Allgemein verständlich- auch deren Titel - brav im Sujet und Farbgebung, gewinnen sie sich eine Stammkundschaft, die sich von Generation zu Generation zu übertragen scheint.
Dank ihr ist kein erhöhtes Geschäftsrisiko zu befürchten. Mit der Zeit beherbergt die Stadt weitere Galerien für avantgardistische Trends und in den Augen der Kornhausgaleristin "sehr gewagte moderne Kunst", was eine gewisse Konkurrenz mit sich bringt. Ab und zu zeigen im "Kornhaus" Zeichenlehrer aus Gymnasien ihr Können, was die breite Oeffent-lichkeit zu einem Galeriebesuch animiert. Das bringt der Galerie stets ein zahlreiches Vernissage-Publikum und während der Ausstellungdauer noch so manche Schulklasse. Für sie öffnet die Galeristin immer die schwere Altstadthaustüre, begrüsst die Eintretenden, hilft ihnen aus den Mänteln, versorgt deren Schirme, Einkaufstaschen oder Hüte, verweist auf das Gästebuch, drückt ihnen nach dem obligatorischen Eintrag ins Gästebuch, die Ausstellungsliste in die Hand und lenkt ihre Augen und Fersen auf ihn. Spart zudem keineswegs mit eigenen Kommentaren zu diesem oder jenem Exponat. Lobt die gutbesuch-te Vernissage an der der Orchesterverein in kleiner Formation aufspielte, versichert unge-fragt, diese oder jene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gut zu kennen und zu ihren Stammgästen zählen zu dürfen.
Dabei plaudert sie aber auch unaufgefordert aus deren Leben. Ueber Ehen, die nach etwelchen Querelen geschieden oder neu geknüpft wurden. Ueber Mühen der Künstler beim
Auffinden grösserer Ateliersräume für das gesteigerte Schaffenspotential. Auch, wie oft der gleiche Künstler schon in der "Kornhausgalerie" ausgestellt und wie viel er verkauft habe,
"weil er eben seinem Stil treu geblieben sei" und nicht der verrückten Modernen gefolgt ist. So in etwa hören sich ihre Schlusskommentare an, bevor sie die drei Stockwerke
wieder hinunterhastet und neue Besucher mit der gleichen Hingabe durch ihr Reich beglei-tet bis sie schliesslich mit ihnen im dritten Stock am Cheminee und unter der Dachschräge
landet. Dort bietet sich Gelegenheit, Leute auf Sesseln sitzend, anzutreffen, die sich bei einem Getränk von der ausserordentlichen Zuwendung der Galeristin erholen. Erst beim Abstieg kann sich der Besucher den ausgestellte Exponaten zuwenden. Denn die Galeristin bleibt mit Sicherheit noch beschäftigt mit den nach ihnen Eingetretenen.
Eines Tages befanden sich ausser der fotografierenden Journalistin zwei Herren in der Galerie, die sich gleich beim Eintreten dem Ritual der Galeristin höflich aber bestimmt entzogen. Sie waren mit der Absicht gekommen, Recherchen darüber anzustellen, welcher Art von Ausstellungsgut sich eine Galerie bedient, die auf den Zug der Hochkonjunktur
und Boutiquebooms aufgestiegen ist. Sie gingen aufmerksam von Bild zu Bild, während die Journalistin sich Notizen für ihren Bericht und einige Fotos machte. Die Galeristin sass, etwas eingeschüchtert von den beiden Herren, an ihrem Schragentisch, der ihr als Schreibtisch diente. Das Telefon griffbereit neben sich, vor ihr der Karteikasten mit den Adressen potentieller Aussteller. Daneben der Terminkalender für noch zu planende Ausstellungen und ein Stapel Korrespondenz, die Galeriebedingungen, Zeitungen, in denen Berichte von der letzten Vernissage veröffentlich waren. Diese schnitt sie gerade aus kopierte sie. Legte sie in einen Hefter um sie den Ausstellenden beim Heimtransport zusammen mit der Abrechnung zu übergeben. Als die Journalistin in ihrer Nähe eintraf, fragte die Galeristin etwas empört, weshalb "ihre Zytig" keinen Bericht von der Vernissage veröffentlicht hätte. Deswegen bin ich ja hier, entgegnete die Reporterin mit dem Fotoapparat vor ihren Augen. "Deswegen bin ich hier". Die Redaktion ist der Meinung, etwas ausführlicher über das neue Kunstereignis auszuholen" erklärt sie. "Ausserdem ergänzt sie, sieht man an den Vernissagen kaum je ein Bild vor lauter Leuten und hat keine Muse, gute Fotos zu schiessen. "Wann kommt denn der Bericht"? "Nun", so die Reporterin, etwa zur Halbzeit dieser Ausstellung. So wird nochmals auf ihrer Galerie aufmerksam ge-
macht. Daraufhin herrscht wieder Stille in der Galerie. Die beiden Herren betrachten gerade ein grösseres Gemälde. Drauf rekelt sich in ein züchtiges Negligé gewandet eine biedere Dame. Der eine Betrachter macht sich laut Luft über das dargestellte Sujet und prustet heraus: "Wäre sie nackt dürfte sie hier nicht hängen". Er gewahrte durch den Augenwinkel, dass die Galeristin am Schragentisch gespannt dem Gespräch lauscht und vertieft seine Bemerkung in erhöhter Lautstärke:"
"Eine ungeheuerliche Aehnlichkeit, ja Seelenverwandtschaft des begnadeten Goya mit seinem berühmten Gemälde "Die nackte Maja". Unverwechselbar ein Schüler Goyas". Sein Begleiter gibt ihm ebenso vernehmlich recht und lobt obendrein den sicheren Pinselstrich, die gekonnte Farbgebung und Perspektive. Die Galeristin hält es auf ihrer Stabelle vor dem Schragentisch nicht mehr aus. Sie stürzt sich auf die beiden Herren, in der Hand den Terminkalender und fragt ernsthaft, wo dieser Goha wohne ob die Herren ihn kennen. "Wüsset Sie, i möcht doch den Lehrer vom Ussteller au dem Publikum zeige"."Gallet Sie, me sött so öppis niemanden vorenthalte, Aber, wüsset Sie, der Maler hat mir in seiner Bescheidenheit nüt verzellt, dass er beim Goha oder Goja Unterricht gno hätt". Die beiden Herren versicherten ihr, den Goja, nicht Goha, sehr gut zu kennen und seine Werke in Spanien gelegentlich zu besichtigen "Das ist aber reizend". erwidert die Galeristin,
schreibt auf ein Kärtchen die nächsten geplanten Ausstellungswochen und kredenzt ihnen Weisswein. Die beiden Herren leeren ihre Gläser bedächtig und verabschieden sich von der Galeristin. Auch die Journalistin will gehen. packt ihre Fotoutensilien ein. Die Galeristin mit erfreutem Blick, stürzt sich auf sie und meldet ihr die Neuigkeit: "Schriebet Sie in ihrem Bericht nur, dass in absehbarer Zeit der Goja aus Spanien kommt, der Lehrer vom jetzigen Aussteller."Sehet Sie", fügt sie atemlos hinzu "die beide Herre waret Sachverständige und werdet mir scho no der Goja hier annebringe*. "Sicherlich" beschwichtigt die Journalistin. "Ohne Frage, nur müssen Sie mit hohen Kosten und hohen Sicherheitsvorkehrungen rechnen." "Ja weshalb denn das?" "Weil der Goja zu den weltberühmtesten Malern zählt, weil seine Werke nicht nur im Prado in Madrid ausgestellt sind, sondern über die ganze Welt verstreut in Museen und Privatsammlungen hängen. Auch dürfte er selbst kaum an die Vernissage kommen, weil er nämlich am 15. August 1828 in Bordeaux verstorben ist."
Der Rabbiner
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5.
Der Rabbiner
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Der Rabbiner
Vier Monate nach Ende des zweiten Weltkrieges grün-
dete das Deutsche Rote Kreuz (DRK) einen Suchdienst.
Dringlichste Aufgabe des DRK war, nach Vertriebenen,
Verschleppten, Ausgebombten, Internierten, Gefangen-
en zu suchen und ihren Familien zuzuführen. Mein Bru-
der Werner hörte von diesem Dienst und meldete unse-
ren Bruder Hans-Martin in diesem Suchdienst an. Zwei-
mal pro Woche hörten wir beide am Radio die Suchmel-
dungen ab in der Hoffnung, unseren Bruder wieder zu-
finden. Leider ergebnislos. Erst viele Jahre später beka-
men wir die Gewissheit, dass er als junger Soldat wäh-
rend der Kämpfe um Budapest am 12. und 13.Februar
1945 verletzt wurde und im Deutschen Lazarett, das in
den Katakomben der Budapester Burg installiert war, ver-
storben sein muss. Von seiner Kompanie blieb niemand
am Leben. Das DRK suchte lange nach deren Verbleib,
stellte nach zehn Jahren die Suche ein mit dem Rat,
Hans-Martin als verschollen zu betrachten. Werner und ich
gaben noch weitere Suchmeldungen ans DRK auf. Un-
ter ihnen auch nach den Geschwistern unserer Mutter,
Emy und Erich. Ihr Bruder Erich wurde nach Stalingrad.
verlegt, wo er leider während der Einkesselung gefallen
sein muss. Von Emy fehlte jede Spur. Auch das DRK fand
keine Daten von ihr. Tante Emy lernte ich als Kind in
Frankfurt/Main kennen. Sie war eine lebhafte, gebildete Frau,
die mit dem Hitlerregime nicht einverstanden war und aus
Protest in die Kommunistische Partei eintrat. Sie heiratete
einen Arzt, der ihre Ansicht teilte. Die beiden mussten Hals
über Kopf aus Deutschland verschwinden. Sie blieben auch
jahrelang verschwunden...Mein Vater, der beruflich in München
zu tun hatte, lud mich ein, während der Frühlingsferien ein paar
Tage zu ihm nach München zu kommen. Also brachte mich meine
Mutter 1947 zum Bahnhof Esslingen am Neckar, wo der Schnellzug
nach München hielt. Sie suchte für mich einen sicheren Platz und
schob mich in ein Abteil, in dem ein älterer Herr sass.
Sie begrüsste diesen Herrn und bat ihn, auf mich aufzupassen.
Als der Zug, gezogen von einer Dampflokomotive, abfuhr, winkten
wir uns zu. Ich schaute mir die vorüberziehende Gegend an:
Den Neckar, die Schwäbische Alb mit etlichen Burgen, die vorüber-
ziehenden Dörfer etc. An der grossen Steige bei Geisslingen ächzte
die Lokomotive und die in die Jahre gekommenen Waggons quietschten
und ratterten auf den Geleisen. Es war meine aller erste Zugsreise alleine.
Als Reiselektüre gab Mammi Wilhelm Hauffs Buch "Lichtenstein" mit,
weil ich durch diese romantische Gegend fahre. Also zog ich den
schmalen, grünen Band hervor und betrachtete mir zunächst die darin
abgebildeten Kupferstiche. Der ältere Herr mir gegenüber schmunzelte
ein wenig und betrachtete mich intensiv. Das war mir unangenehm.
Deshalb vertiefte ich mich in meine recht spannende Lekture. Plötzlich,
auf offener Strecke, hielt der Zug. Der älterer Herr und ich sahen uns
verdutzt an. Er nutzte die Gelegenheit, mich zu fragen, ob ich eventuell
eine Tante in Haifa hätte. Verdattert antwortete ich ihm, dass ich nichts
wüsste. "Wenn es meine Mutter wüsste, hätte sie uns allen schon längst
davon erzählt." "Aber, so der Herr, dir ist bekannt, dass deine Mutter eine
Schwester hat'" "Und noch einen Bruder, der leider in Stalingrad gefallen ist"
ergänzte ich. "Weisst du zufällig wie deine Tante heisst? "Sie heisst Emy. Sie
hat auch noch einen Bruder Erich, der leider in Stalingrad gefallen ist".
"Weisst Du zufällig wie deine Tante heisst?" "Emy", erwiderte ich. Er zog
ein Foto aus seiner Brieftasche betrachtete es intensiv und schien es mit mir zu vergleichen..."Wer ist denn das?" "Nun, ich bemerke eine gewisse Aehnlichkeit
mit dir und diesem Gesicht". Dieses Foto gab mir diese Dame auf meine Reise
durch Deutschland mit. Wir kennen uns durch die Tageszeitung in Haifa. Emy ist unser Sprachgenie, übersetzt viele Meldungen ins Hebräische und heisst Emy Langerhans geborene Canthal. "Canthal ist der Mädchenname meiner Mutter", meldete ich ihm erstaunt. "Du kannst ihre Adresse auf der Rückseite lesen. Sie kam auf die Idee, mir
durch Deutschland mit. Wir kennen uns durch die Tageszeitung in Haifa. Emy ist unser Sprachgenie, übersetzt viele Meldungen ins Hebräische und heisst Emy Langerhans geborene Canthal. "Canthal ist der Mädchenname meiner Mutter", meldete ich ihm erstaunt. "Du kannst ihre Adresse auf der Rückseite lesen. Sie kam auf die Idee, mir
das Foto mitzugeben, in der Hoffnung jemanden zu finden, der ihr ähnlich sieht...
Ich war wie verdattert. Erzählte dem Herrn, dass ich diese Person so nicht als Tante
Emy erkennen kann, weil ich sie zuletzt etwa 1943 in Frankfurt gesehen habe. "Aber, zeigen sie doch dieses Bild meinem Vater, der mich in München auf dem Bahnsteig erwartet". "Tatsächlich, das ist Emy", versicherte Pappi beim Anblick dieses Fotos.
"Auch er war völlig überrascht und bestätigte, dass sein Sohn Werner und ich den Suchdienst des DRK abhören, wo auch Emy registriert sei aber noch nicht gefunden werden konnte. Der Herr stellte sich als Rabbiner vor, gibt meinem Vater
seine Adresse in Haifa, er kann leider nicht mit uns zu Mittag essen, weil bereits der "Kongress für Verfolgte" in München begonnen habe, zudem er eingeladen worden sei.
Meine Eltern schrieben sofort Tante Emy nach Haifa.
Der Briefwechsel ging fleissig hin und her. Erst 1951 wagte es Tante Emy nach Europa zu reisen. Sie besuchte uns öfters in Esslingen am Neckar und erzählte nach und nach viel Dramatisches aus ihrem Leben.
Ganymed am Bürkliplatz
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6.
Ganymed am Bürkliplatz
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Es ist ein wunderschöner warmer Sommertag 1956.
Die Glarner Alpen scheinen direkt hinten an den Zürichsee zu stossen.
Die Luft flimmert in der Hitze. Auch mir ist es zu heiss. Etwas müde
vom Staunen über diese Stadt, die ich zum ersten Mal besuche, treffe ich
am Bürkliplatz ein mit der Absicht, mich auf einer der Bänke auszuruhen.
Aber alle Bänke sind besetzt. Nur auf einer sitzt alleine ein älterer Herr.
Ich überlege, ob ich mich zu ihm setzen soll. Ich würde es ja gerne tun,
wenn ich mich nur traute. Deshalb beschliesse ich, vom Geländer aus
meinen Blick über den See schweifen zu lassen und betrachte dabei
auch die klassische Skulptur, die ich entdecke. Ich denke: "Wenn dieser
Hirtenknabe - nicht ahnend, dass der vor ihm sitzende Adler Vater Zeus ist
es wagt, den grossen Vogel zu fragen, ob er ihn ein Stück weit in den Himmel
hebe, kann ich ja auch am Ende der nur von einem Herrn besetzten Bank
Platz nehmen...Gesagt, getan. Ich grüsse den Herrn mit einem Kopfnicken und
setzte mich ans Ende der Bank. Langsam melden sich bei mir Hunger und
Durst. Ich schaue auf den Stadtplan und merke, dass das Restaurant
"Olivenbaum", welches mir mein Chef in Winterthur empfohlen hat, nicht
weit weg ist. "Nun, denke ich "jetzt ruhe ich mich ein wenig aus und dann
marschiere ich über die Seebrücke zum "Olivenbaum", dem Restaurant, das
mir mein Chef in Winterthur empfohlen hat. Der Herr am anderen Ende
der Bank räuspert sich. Er fragt mich, ob ich mich in Zürich auskenne.
"Nein, nicht besonders. ich bin zum ersten Mal hier". "Nun", meint der Herr,
da habe ich einen kleinen Vorsprung, denn ich bin öfters mal geschäftlich hier.
Er will gleich wissen wo ich herkomme und was ich heute Nachmittag vorhabe.
Genau so etwas, denke ich, will ich ja vermeiden und halte meine Antwort knapp.
Der Herr steht auf, stellt sich vor mich hin und fragt ernsthaft, ob ich nicht in
Esslingen am Neckar zu Hause sei. Das versschlägt mir die Sprache, aber, da er
sich ja vorgestellt hatte, will ich nicht unhöflich wirken. Ja, da wohnen meine
Eltern und Geschwister. Nun, dann ist mir alles klar, erwidert der Herr. "Dann
können Sie mir sicherlich erklären, was diese Skulptur darstellt.? "Wer diese
wundervolle Skulptur geschaffen hat weiss ich leider nicht. Aber ich weiss, dass
es sich um die Geschichte vom Hirtenknaben Ganymed und dem als Adler ver-
wandelten Gottvater Zeus handelt. "Bravo, bravo klatscht der Herr in seine Hände,
stellt sich namentlich vor und fragt mich ob ich mich nicht an ein Mittagessen in
meinem Elternhaus erinnere, zu dem er eingeladen gewesen war. Ich stutze und erwiderte
ihm, dass sehr häufig Geschäftsleute oder Mitarbeiter meines Vaters bei uns
hereinschauen und auch ab und zu mit uns essen. Aber an die Namen oder Gesichter erinnere ich mich nur selten. Der Altersunterschied ist ja auch zu gross und
meistens muss ich ja wieder in die Schule. Es stellt sich heraus, dass Dr. Pick ein Mitarbeiter meines Vaters ist und er ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit in
Zürich vertritt. Er hätte mich sofort wieder erkannt und wäre deshalb sehr behutsam vorgegangen, mich anzusprechen. Er wisse von meinem Vater. dass ich seit ein paar Wochen in Winterthur arbeite. "Was haben Sie denn heute in Zürich noch vor? "Nach
dem Mittagessen will ich zum Zwinglidenkmal an der Wasserkirche und dann mit dem
Zug nach Winterthur zurück. "Aber, so Dr. Pick, ein wenig weit weg?- Er ladet mich ein, mit ihm im nahegelegenen Hotel Baur au Lac zu speisen. Man sässe da in einem schönen Garten und geniesse die feinen Gerichte. Er hätte noch eine Stunde Zeit bis zur nächsten Besprechung in einer nahegelegene Bank. Da fand ich, dass darf ich annehmen. Während wir unsere "Forellen blau" verzehrten, verflog die Stunde, wie im Fluge. Wir brechen beide auf. Er zu seinem Termin und ich zum Zwingli. Am darauffolgenden Montag fragt mich mein Chef, wie mir Zürich gefallen habe und ob ich im Olivenbaum satt geworden wäre. Ich berichte ihm, dass ich im "Baur au Lac" im schönen Garten eine Forelle blau verspeist hätte und das nächste mal, wenn ich wieder in Zürich bin, den "Olivenbaum" besuchen würde. Sein Erstaunen war riesig. "Aber mit ihrem Lohn können sie sich das Baur au Lac doch nicht leisten. Sie haben ja dann fast einen halben Monat lang kein Geld mehr. Meitschi, Meitschi!!!!! Ich beruhigte ihn damit, dass ich eingeladen worden wäre. "TTTT, das auch noch". Alles ganz harmlos, lieber Herr Matter, beruhige ich ihn. Der spendable Herr ist ein Mitarbeiter meines Vaters und sass zufällig auf einer Bank am Bürkliplatz als ich mir den Ganymed betrachtete....
]
Eltern und Geschwister. Nun, dann ist mir alles klar, erwidert der Herr. "Dann
können Sie mir sicherlich erklären, was diese Skulptur darstellt.? "Wer diese
wundervolle Skulptur geschaffen hat weiss ich leider nicht. Aber ich weiss, dass
es sich um die Geschichte vom Hirtenknaben Ganymed und dem als Adler ver-
wandelten Gottvater Zeus handelt. "Bravo, bravo klatscht der Herr in seine Hände,
stellt sich namentlich vor und fragt mich ob ich mich nicht an ein Mittagessen in
meinem Elternhaus erinnere, zu dem er eingeladen gewesen war. Ich stutze und erwiderte
ihm, dass sehr häufig Geschäftsleute oder Mitarbeiter meines Vaters bei uns
hereinschauen und auch ab und zu mit uns essen. Aber an die Namen oder Gesichter erinnere ich mich nur selten. Der Altersunterschied ist ja auch zu gross und
meistens muss ich ja wieder in die Schule. Es stellt sich heraus, dass Dr. Pick ein Mitarbeiter meines Vaters ist und er ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit in
Zürich vertritt. Er hätte mich sofort wieder erkannt und wäre deshalb sehr behutsam vorgegangen, mich anzusprechen. Er wisse von meinem Vater. dass ich seit ein paar Wochen in Winterthur arbeite. "Was haben Sie denn heute in Zürich noch vor? "Nach
dem Mittagessen will ich zum Zwinglidenkmal an der Wasserkirche und dann mit dem
Zug nach Winterthur zurück. "Aber, so Dr. Pick, ein wenig weit weg?- Er ladet mich ein, mit ihm im nahegelegenen Hotel Baur au Lac zu speisen. Man sässe da in einem schönen Garten und geniesse die feinen Gerichte. Er hätte noch eine Stunde Zeit bis zur nächsten Besprechung in einer nahegelegene Bank. Da fand ich, dass darf ich annehmen. Während wir unsere "Forellen blau" verzehrten, verflog die Stunde, wie im Fluge. Wir brechen beide auf. Er zu seinem Termin und ich zum Zwingli. Am darauffolgenden Montag fragt mich mein Chef, wie mir Zürich gefallen habe und ob ich im Olivenbaum satt geworden wäre. Ich berichte ihm, dass ich im "Baur au Lac" im schönen Garten eine Forelle blau verspeist hätte und das nächste mal, wenn ich wieder in Zürich bin, den "Olivenbaum" besuchen würde. Sein Erstaunen war riesig. "Aber mit ihrem Lohn können sie sich das Baur au Lac doch nicht leisten. Sie haben ja dann fast einen halben Monat lang kein Geld mehr. Meitschi, Meitschi!!!!! Ich beruhigte ihn damit, dass ich eingeladen worden wäre. "TTTT, das auch noch". Alles ganz harmlos, lieber Herr Matter, beruhige ich ihn. Der spendable Herr ist ein Mitarbeiter meines Vaters und sass zufällig auf einer Bank am Bürkliplatz als ich mir den Ganymed betrachtete....
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Der Chemiestudent
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7.
Der Chemiestudent
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Wir wohnen seit 1946 in Esslingen am Neckar. Meine neun Jahre ältere Schwester studiert
in Stuttgart am Max Plank Institut Metallographie. Gerade als ich zur Schule in
dieser hübschen, vom Krieg unzerstört gebliebenen Stadt, unterwegs bin, spricht
mich ein junger Mann an und fragt nach dem Weg zur Martinstrasse 45. Ich gebe ihm Auskunft, sage ihm aber nicht, dass ich in diesem Haus wohne. Hingegen mache
ich ihn darauf aufmerksam, dass er die Hausnummer nicht finden würde, weil die
ganze Fassade eingerüstet sei. Er spricht gebrochen Deutsch mit einem leicht österreichischen oder bayerischen Akzent. Deshalb denke ich, dass er wohl auf
das Flüchtlingsamt im gleichen Gebäude will um sich gültige Papiere zu besorgen. Wir wohnen in diesem ehemaligen Bürogebäude der Firma Quist. Die Wohnung ist recht geräumig, liegt aber im Industrieviertel der Stadt. Unser Vater entdeckte das völlig unzerstört gebliebene Esslingen am Neckar, 14 km von Stuttgart entfernt, weil er als Wirtschaftsprüfer die Städtischen Werke Esslingen überprüft wieder zum Laufen bringen musste. Er mietete kurzerhand die damaligen Büroräume und überraschte uns damit in
unserer knappen Behausung im völlig zerstörten Stuttgart. Wir zogen gerne in diese
"heile Welt". Endlich fing auch für mich wieder ein regelmässiger Schulunterricht an.
Meine Lücken waren beträchtlich, hatte ich doch von 1943 bis 1945 keinen nennenswerten Schulunterricht. Meine Mutter unterrichtete mich mit den Büchern der älteren Geschwister. Sie beschäftigte mich systematisch, was mir gut gefiel. Aber im Klassenverband, den
ich als befremdend und unpersönlich empfand, war dann doch alles anders. Es galt bald, die Prüfung ins Gymnasium zu schaffen. Mein sechs Jahre älterer Bruder Werner unkte:
"Das schaffst du mit deiner krakeligen Schrift niemals.". Als ich an diesem Tag aus der Schule kam ahnte ich nicht, wen ich zum 2. mal am gleichen Tag nochmals treffen würde.
Ich erinnere mich, dass Mammi zum Nachmittagskaffee rief und betonte, Inge, meine ältere Schwester, hätte einen Gast. Aha, dachte ich, das wird ja spannend. Als ich eintrat war ich doch sehr überrascht, den jungen Mann wiederzusehen, der mich nach der Martinstrasse 45
fragte. Er stand sofort auf und sagte zu mir: "Haben wir uns nicht bereits lernen kennen' Sagten Sie nicht zu mir, Haus hat Rüstung. Nun ich habe gefunden alles. "Wir lachten sehr und ich fragte ihn, weshalb er die deutschen Sätze so falsch mache. "Nun ich bin geboren in Oedenburg, Ungarn, wo ich gewesen in Gymnasium aber nicht hatte guten Unterricht in deutsch. Meine Schwester ergänzte, dass der junge Mann Robert heisst, Chemie studiert
am Max Plank Institut und ihr die Handhabungen am grossen Elektronenmikroskop erkläre. "Ach so, alles klar!" Besagter Robert behielt meine Schwester im Auge, ging aber mit mir zu den Fussballkämpfen ins Neckarstadion. Inge mochte keinen Fussball und übergab mich an Robert, den wir Bobbi nannten. Vier Jahre später promovierte er und heiratete meine Schwester.
Auf dem Forum Romanum
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8.
Auf dem Forum Romanum
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"Hier" so erklärte ich meinen beiden Kindern, Erica 10 und Thomas 12 Jahre alt,
trafen sich die Römer zum Wasser holen und zum Tratsch.. Sie traschten über Gott
und die Welt und natürlich auch über den aktuellen Caesar, der gerade sein Zepter schwang und die Geschicke Roms zu lenken versuchte. Aehnlich wie die Politiker auch die Schweiz führen Wir wanderten durch die Ruinen, bewunderten Triumphbögen, Zisternen, Gebäudereste, riesige Säulen, die einst grosse Tempel stützten. Dabei gelangten wir an einen quadratischen Platz, der mit einem starken Geländer umgeben war. "Hat man da Bösewichte hinunter gelassen fragte Erica, und Thomas meinte, dass das auch ein Brunnen zum Waschen der Togen gewesen sein könnte. Wir plauderten, am Geländer hinunterschauend, als wir eines älteren Herrn gewahr wurden, der sich schmunzelnd unser Geplapper anhörte. "Darf ich erläuternd etwas ergänzen? Wir spitzten unsere sechs Ohren und sahen gespannt auf seine Lippen. Er klärte uns gründlich auf: "Da wo wir jetzt stehen, befand sich die Kloake Roms. Aller Unrat, menschlicher, tierischer und sonstiger Herkunft, wurde hier hinuntergelassen Er stank nach relativ kurzer Zeit zum Himmel. Loertscher fuhr in diesem Stil plastisch weiter bis zu der Stelle, als der damalige in Geldnöten steckende Caesar nach neuen Einnahmequellen sann. "Als es mal wieder so fürchterlich stank, dass Kaiser Nero aus seinen Träumen gerissen wurde, hatte er eine zündende Idee, wie er den Staatssäckel aufbessern könnte. Nach kurzer Zeit - als es bis zum Himmel stank -, wurde in ganz Rom eine "Kloakensteuer" eingeführt. Die Bürger stöhnten, ob der neuen Belastung ihrer Haushalte. der Caesar hingegen freute sich über die neue Geldmaschine und lachte höhnisch:
PENUNIA NON OLET. Er, der Caesar, finanzierte daraus ausser der Kriegsmaschinerie auch gleich noch seine eigenen Anliegen. Der kurze Geschichtsunterricht gefiel uns sehr. Wir stellten uns namentlich vor und bedankten uns bei ihm.
Es war der Schweizer Schriftsteller Hugo Loertscher, der uns einen humorvollen Einblick in die damalige Geldpolitik verschaffte, Zwei Jahre später als ich in der Reformierten Kirche-
gemeinde Bremgarten-Mutschellen Mitglied der Organisation war, engagierten wir Hugo Loetscher zu einem Vortrag. Meine Kollegin und ich bedankten uns am Ende seines Referates und überreichten ihm neben einem Blumenstrauss, eine Flasche Wein und ein Couvert. Er schaute zunächst meine Kollegin an, dann mich, dankte zurück und zwinkerte mir zu:" Geld stinkt nicht" oder "penunia non olet". "Daran können Sie sich noch erinnern, staunte ich. Immerhin liegt diese Begegnung an der Cloaca auf dem Forum Romanum doch schon zwei Jahre zurück", "Eben, aber ich hatte noch nie eine Mutter mit zwei Kindern bei ihr stehen sehen, obwohl ich mich mit ihr wegen meines neuen Projektes "Abwasser" intensiv beschäftigt habe."
Der Kantor
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9.
Der Kantor
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Das Dorf liegt verhüllt unter einer dichten Nebeldecke.
Wie dicker Rauch die Sicht verhindert, so mindert der feucht dampfende Niederschlag jeden Laut, Selbst das sonst munter klingende Gezirpe der Wintervögel im Geäst des grossen Birnbaumes vor dem Esszimmerfenster ist kaum zu vernehmen. Diese gedämpfte Lärmigkeit pflanzt sich im inneren des Hauses fort. Hier drinnen herrschen Wärme und Emsigkeit. Die Emsigkeit an Schreibtischen, die nur durch das monotone Rauschen der Computer und der Druckermotoren begleitet wird. Wie gewohnt, verschafft sich ab und zu das Telefon Gehör: Anrufe von Kunden, Mitarbeitern, Freunden. Da, plötzlich ein Anrufer, der ganz und gar nicht in diesen Kreis hineinpasst, "Bluntschi, Kantonspolizei, Bremgarten. Wegen einer dringenden Angelegenheit möchte ich mit Ihnen sprechen. Können sie Morgen um halb zehn in mein Büro kommen. Es handelt ich um einen Mordfall". Nach einer Frage meines Mannes antwortet der Kriminalist: Nein, ich kann Ihnen dazu am Telefon keine näheren Angaben machen, weil die Angelegenheit zu kompliziert ist.
"Gut ich erwarte Sie Morgen. Danke".
Janos denkt :"Ein Mord ist also passiert: Was habe ich mit einem Mord zu tun. Wer ist ermordet worden? Komisch, berührt mich nicht, kann nur eine Verwechslung sein. Ist ja völlig absurd, Am besten ich sage ich Hedy vom Grund dieses Termins vorerst mal nichts",
Entscheidet sich mein Mann.
"Was wollte denn die Polizei? fragt Hedy auch schon. Sie wollen mit mir reden, morgen Vormittag. Kannst Du vom Tennis sofort nach Hause kommen? Sicher ist irgendwas mit unseren Autos passiert, etwas Anderes kann ich mir nicht vorstellen. Na, wir werden es ja bald erfahren. Mit diesen Gedanken wendet Hedy sich ihrer Arbeit zu. Kein Wort, kein Nachsinnen ihrerseits.
Also hat Hedy auch keine Ahnung. Es kümmert sie weiter nicht. Aber, wenn sie wüsste, dass es sich um einen Mord handelt, würde sie sich aufregen und die ganze Nacht kein Auge zu machen. Ich jedoch werde wie immer gut schlafen, auch wenn ich nicht weiss, wer ermordet worden ist.
Beim Mittagessen am nächsten Tag, erzählt Janos vom kurzen Gespräch mit Herrn Bluntschi, das in entspannter Atmosphäre sachlich gehalten war. Er, Janos, dürfe mir aber keine Details nennen, denn Herr Bluntschi will auch mit dir sprechen. Zur auf einem Zettel notierten Zeit stelle ich mich auf dem Polizeiposten ein. Herr Bluntschi begrüsst mich freundlich, bietet mir Platz an und fragt, ob ich Bezug zur Reformierten Kirche Bremgarten/Mutschellen hätte. Ich bestätige ihm das und ergänze, dass ich mit anderen Frauen aktiv am Aufbau der Gemeinde helfe, auf dass der Mutschellen nicht zu einem puren "Schlafberg" werde. Denn der neue Kirchenbau rege gerade dazu an, kulturelles Leben aufzubauen, mit Unterstützung des Reformierten Pfarrers, der ein sehr aufge-schlossener Herr sei, welcher lange Jahre in Kamerun Mission betrieben habe. "Sind Sie auch Mitglied des Kirchenchores?" will Bluntschi wissen. "Ja, es macht mir Spass, zumal uns der Chorleiter viel beibringt und die Proben interessant gestaltet
"Nun", fährt Bluntschi fort, "das ist aufschlussreich, zumal ich hier das Notizbuch des Chorleiters in Händen halte. Darin sind Sie mit voller Adresse aufgeführt. Deshalb wandte ich mich auch an ihren Mann. Können Sie mir darlegen, weshalb Ihre Adresse da drin zu finden ist?" Selbstverständlich. Die kulturellen Veranstaltungen in der Kirche Mutschellen erfreuen sich regen Zuspruchs seitens der alten und neu hinzugezogenen Bevölkerung. Die Gruppe um Pfarrer Hofer musste sich neu organisieren,. Häufig gebe ich dem Kantor Veranstaltungsdaten bekannt, damit er seine Konzerte planen kann. Deshalb stehe ich in seinem Notizbuch und so hatten wir immer wieder telefonischen Kontakt. "Jetzt möchte ich aber auch gerne wissen, weshalb Sie nach dem Kantor fragen". "Weil leider an ihm übel gehandelt worden ist". Der Kantor hatte in Amsterdam ein Hausboot mit seinem Freund. Vorgestern wurde uns gemeldet, dass man eine Leiche aus der Gracht geborgen habe. Abklärungen ergaben, dass der Kantor offensichtlich auf dem Hausboot ermordet und seine Leiche in die Gracht geworfen wurde. Von seinem Freund fehlt jede Spur. Das Hausboot, Eigentum des Kantors, wird forensisch untersucht. Mal sehen, was dabei heraus kommt und ob der Freund tatsächlich der Mörder ist, falls man ihn denn findet." Herr Bluntschi dankte für unsere Koordination und entschuldigte sich damit, dass er allen Spuren nachgehen müsse. Bestürzt und traurig fahre ich nach Hause.
Noch lange spricht man über das Schicksal des beliebten Kantors, das soviel ich
weiss, bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.
Ein Ungar kommt selten allein
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Ein Ungar kommt selten allein
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Ein Ungar kommt selten allein
Unsere Ehe ist eine Reisebekanntschaft.
Unsere Ehe ist eine Reisebekanntschaft.
Mein Mann, damals Chemiestudent an der ETH,
und ich Sekretärin der Verkaufsabteilung einer
bekannten Firma in Zürich.
Ich besuchte turnusmässig meine Eltern in Esslingen
am Neckar. Fast jeden Tag ass ich in einer Pension
am Schaffhauserplatz zu Mittag. Mein väterlicher Chef
hatte mich dort angemeldet, weil er meinte, zwei Stunden
Mittagspause seien lang und bei Madame Fevrier gibt es keine
Raucher und Trinker. Nur nette junge Leute. Also tat ich ihm
den Gefallen. Auf den langen Tischen der Pension dampften
die Schüsseln mit heisser Suppe, Kartoffeln, Teigwaren,
Gemüse, Fleisch, manchmal auch Fisch. Alles wurde auf-
merksam hin und her gereicht und ständig wieder aufgefüllt.
Diese heimelige Atmosphäre gefiel mir, wie auch interessante
Gespräche über allerlei Aktuelles und drüber hinaus. Meine
Aufmerksamkeit richtete sich auf Martin, Maschinenbaustudent,
der sehr gut deutsch sprach. Ich fragte ihn, ob er Zeit hätte, mir
von Budapest zu erzählen, wo mein 10 Jahre älterer Bruder 1945
als deutscher Soldat, 18jährig, gefallen sei. Er nahm sich die Zeit
und berichtete mir von seinen Eindrücken damals. Allerdings wisse
er nicht viel über die Situation in Budapest selbst. Er gab mir den Rat,
mein Inneres nicht zu sehr zu belasten, weil ich am Schicksal meines
Bruders nichts ändern könne. Schauen wir voraus!" Wollen Sie mit
mir und zwei Kollegen nächsten Samstag nach Stuttgart mitkommen?
Ich hole sie mit dem Auto ab und wir werden sie am Sonntagabend
sicher nach Zürich zurückbringen". Ein verlockendes Angebot. Ich
informierte Mammi am Telefon. Sie meinte, komme doch mit
den jungen Leuten zum Mittagessen. Weil Studenten immer Hunger
haben, füllte ich eine grosse Tüte mit Sandwiches für unterwegs.
Ich nahm wenig Notiz von den beiden anderen, die hinten sassen.
merkte aber, dass sie eifrig in die Tüte griffen. Mein Platz war
neben Martin der das Auto lenkte. Unterwegs lud ich alle nach
Esslingen zum Mittagessen ein, so wie es mit meiner Mutter abge-
sprochen war. Alle nahmen die Einladung an nur Janos nicht,
der angab in Stuttgart eine Verabredung zu haben. Auf der
Rückreise, ich sass wieder neben Martin, fühlte ich immer wieder
eine Hand auf meiner Schulter. Wenn ich die Schulter anhob, ohne
zurückzublicken, war der Druck für eine Weile verschwunden, stellte
sich aber bald wieder ein. Ich bat Martin, er möge doch bitte dafür
sorgen, dass das der Hintermann bleiben lassen soll. Auf ungarisch
wies er seinen Kollegen zurecht. Am nächsten Montag kam Martin
in Begleitung des "Hintermannes" in die Pension, nahm mir gegen-
über Platz und stellte ihn mir vor. Man verabredete einen Opern-
hausbesuch auf "Legikarte". Aber ich könnte mir auch einen besseren Platz
reservieren, jedoch ohne Ermässigung. Da fand ich, wenn ich schon
mitgehe, sitze ich auch bei den Herren. Die Plätze befanden sich
überraschenderweise nicht im "Schwalbenparterre" sondern hinter-
einander im Parkett". Man gab Zar und Zimmermann, eine lebhafte
Inszenierung. Janos fragte mich, ob ich Interesse hätte einmal
das Schauspielhaus zu besuchen. Aber sicher, da bin gespannt, weil
sehr viele deutsche Schauspieler dorthin emigrierten. Also folgten
immer wieder Theaterabende auf Legikarte. Im Winter luden mich
die Herren nach Selfranga ins Berghaus der ETH ein. Obwohl
ich nicht Skifahren konnte, nahm ich die Einladung an und
nahm Skiunterricht. Janos beobachtete mich und meinte:
"jetzt brauchen Sie keinen Skilehrer mehr, denn der bin ich in Zukunft"
Ich fasste grosses Vertrauen in ihn und verliebte mich zunehmend.
Pfingsten stand vor der Türe und meine Eltern erwarteten mich in Esslingen.
Ich fragte Janos, ob er meine drei Geschwister und meine Eltern kennen
lernen wolle. Er strahlte mich an, und war sehr gerührt über die Einladung.
1959 verlobten wir uns. Mein Vater gab seine Einwilligung mit dem Versprechen,
dass nach erfolgreichem Abschluss des Chemiestudiums einer Hochzeit wohl
nichts im Wege stünde. Janos erfüllte diese Bedingungen. So fand im Oktober
1961unsere Hochzeit statt. 1986, zum 25. Hochzeitstag, schenkte uns meine
Schwester, die ja auch mit einem ungarischen Chemiker verheiratet ist,
(siehe Episode der Chemiestudent) das geistreiche Buch von Georg Kövary
"Ein Ungar kommt selten allein"
und ich Sekretärin der Verkaufsabteilung einer
bekannten Firma in Zürich.
Ich besuchte turnusmässig meine Eltern in Esslingen
am Neckar. Fast jeden Tag ass ich in einer Pension
am Schaffhauserplatz zu Mittag. Mein väterlicher Chef
hatte mich dort angemeldet, weil er meinte, zwei Stunden
Mittagspause seien lang und bei Madame Fevrier gibt es keine
Raucher und Trinker. Nur nette junge Leute. Also tat ich ihm
den Gefallen. Auf den langen Tischen der Pension dampften
die Schüsseln mit heisser Suppe, Kartoffeln, Teigwaren,
Gemüse, Fleisch, manchmal auch Fisch. Alles wurde auf-
merksam hin und her gereicht und ständig wieder aufgefüllt.
Diese heimelige Atmosphäre gefiel mir, wie auch interessante
Gespräche über allerlei Aktuelles und drüber hinaus. Meine
Aufmerksamkeit richtete sich auf Martin, Maschinenbaustudent,
der sehr gut deutsch sprach. Ich fragte ihn, ob er Zeit hätte, mir
von Budapest zu erzählen, wo mein 10 Jahre älterer Bruder 1945
als deutscher Soldat, 18jährig, gefallen sei. Er nahm sich die Zeit
und berichtete mir von seinen Eindrücken damals. Allerdings wisse
er nicht viel über die Situation in Budapest selbst. Er gab mir den Rat,
mein Inneres nicht zu sehr zu belasten, weil ich am Schicksal meines
Bruders nichts ändern könne. Schauen wir voraus!" Wollen Sie mit
mir und zwei Kollegen nächsten Samstag nach Stuttgart mitkommen?
Ich hole sie mit dem Auto ab und wir werden sie am Sonntagabend
sicher nach Zürich zurückbringen". Ein verlockendes Angebot. Ich
informierte Mammi am Telefon. Sie meinte, komme doch mit
den jungen Leuten zum Mittagessen. Weil Studenten immer Hunger
haben, füllte ich eine grosse Tüte mit Sandwiches für unterwegs.
Ich nahm wenig Notiz von den beiden anderen, die hinten sassen.
merkte aber, dass sie eifrig in die Tüte griffen. Mein Platz war
neben Martin der das Auto lenkte. Unterwegs lud ich alle nach
Esslingen zum Mittagessen ein, so wie es mit meiner Mutter abge-
sprochen war. Alle nahmen die Einladung an nur Janos nicht,
der angab in Stuttgart eine Verabredung zu haben. Auf der
Rückreise, ich sass wieder neben Martin, fühlte ich immer wieder
eine Hand auf meiner Schulter. Wenn ich die Schulter anhob, ohne
zurückzublicken, war der Druck für eine Weile verschwunden, stellte
sich aber bald wieder ein. Ich bat Martin, er möge doch bitte dafür
sorgen, dass das der Hintermann bleiben lassen soll. Auf ungarisch
wies er seinen Kollegen zurecht. Am nächsten Montag kam Martin
in Begleitung des "Hintermannes" in die Pension, nahm mir gegen-
über Platz und stellte ihn mir vor. Man verabredete einen Opern-
hausbesuch auf "Legikarte". Aber ich könnte mir auch einen besseren Platz
reservieren, jedoch ohne Ermässigung. Da fand ich, wenn ich schon
mitgehe, sitze ich auch bei den Herren. Die Plätze befanden sich
überraschenderweise nicht im "Schwalbenparterre" sondern hinter-
einander im Parkett". Man gab Zar und Zimmermann, eine lebhafte
Inszenierung. Janos fragte mich, ob ich Interesse hätte einmal
das Schauspielhaus zu besuchen. Aber sicher, da bin gespannt, weil
sehr viele deutsche Schauspieler dorthin emigrierten. Also folgten
immer wieder Theaterabende auf Legikarte. Im Winter luden mich
die Herren nach Selfranga ins Berghaus der ETH ein. Obwohl
ich nicht Skifahren konnte, nahm ich die Einladung an und
nahm Skiunterricht. Janos beobachtete mich und meinte:
"jetzt brauchen Sie keinen Skilehrer mehr, denn der bin ich in Zukunft"
Ich fasste grosses Vertrauen in ihn und verliebte mich zunehmend.
Pfingsten stand vor der Türe und meine Eltern erwarteten mich in Esslingen.
Ich fragte Janos, ob er meine drei Geschwister und meine Eltern kennen
lernen wolle. Er strahlte mich an, und war sehr gerührt über die Einladung.
1959 verlobten wir uns. Mein Vater gab seine Einwilligung mit dem Versprechen,
dass nach erfolgreichem Abschluss des Chemiestudiums einer Hochzeit wohl
nichts im Wege stünde. Janos erfüllte diese Bedingungen. So fand im Oktober
1961unsere Hochzeit statt. 1986, zum 25. Hochzeitstag, schenkte uns meine
Schwester, die ja auch mit einem ungarischen Chemiker verheiratet ist,
(siehe Episode der Chemiestudent) das geistreiche Buch von Georg Kövary
"Ein Ungar kommt selten allein"





