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Von Wolfram Schneider-Lastin – Meine Großväter und ihr Enkel
Wolfram Schneider-Lastin
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4.2.
Mein Großvater Jakob / 03.11.2024 um 22.36 Uhr
4.
Mein Großvater Jakob / 03.11.2024 um 22.40 Uhr
2.
Meine beiden Großväter / 03.11.2024 um 22.41 Uhr
3.
Mein Großvater Josef / 03.11.2024 um 22.41 Uhr
4.3.
Mein Großvater Jakob / 03.11.2024 um 22.48 Uhr
4.4.
Mein Großvater Jakob / 19.11.2024 um 22.13 Uhr
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Vorwort
1.
Der Enkel
2.
Meine beiden Großväter
3.
Mein Großvater Josef
4.
Mein Großvater Jakob
4.1.
Jakob und der Erste Weltkrieg
4.2.
Jakob der Koch
4.3.
Jakob in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus
4.4.
Ein Ereignis aus ferner Vergangenheit
4.5.
Das Dokument
4.6.
Die Erklärung der Gräfin
4.7.
Helfer in der Not
Meiner am 2. Februar 2024 verstorbenen Mutter Gerda Schneider, geb. Lastin.
Vorwort
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  Vorwort
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Während des Corona-Lockdowns, in einer Zeit des erzwungenen Stillstands, habe ich begonnen, die Geschichte meiner süddeutschen Großväter aufzuschreiben. Ich wollte ihr bewegtes Leben, vor allem während des Nationalsozialismus, für mich und meine Familie festhalten.

Die Geschichte meines Großvaters mütterlicherseits - jedenfalls das, woran ich mich erinnerte oder durch Recherche bei Familienmitgliedern und in Dokumenten herausfand - habe ich fertiggestellt. Ich habe sie, obwohl das ursprünglich nicht geplant war, im September 2024 zusammen mit 29 Geschichten anderer Autorinnen und Autoren im Buch Fragen hätte ich noch - Geschichten von unseren Großeltern (Rotpunktverlag Zürich) publiziert.

Im Oktober 2024 stieß ich im Internet auf die Plattform meet-my-life.net und sah hier die Möglichkeit, diese Geschichte in etwas veränderter Form (und mit Fotos) mit der Geschichte meines Großvaters väterlicherseits und auch Erinnerungen zu mir, dem Enkel, zusammenzuführen und einer Öffentlichkeit vorzustellen.

Der folgende Text unterscheidet sich, soweit ich sehe, in Inhalt und Form von den anderen Autobiografien auf dieser Website. Ich begreife aber die aus meiner Sicht erzählte Geschichte meiner Großväter auch als Teil meiner Geschichte, als meine Geschichte; sie ist daher nicht nur biografisch, sondern auch autobiografisch. Meine Großväter leben in mir weiter und dienen mir in vielem auch als Vorbild.



Der Enkel
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1.  Der Enkel
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Das Licht der Welt erblickte ich am 5. Juli 1951 in Schwäbisch Gmünd.

Ich wurde in eine vielköpfige Familie geboren. Sowohl auf väterlicher, wie auch auf mütterlicher Seite gab es die Großeltern, viele Onkel, Großonkel, Tanten, Großtanten und weiter entfernte Verwandte, ja auf meines Vaters Seite habe ich sogar noch meine Urgroßeltern erlebt. Da die Schwestern meiner Mutter noch kinderlos, ja damals selbst zum Teil noch Kinder waren, und ein Bruder meines Vaters eine Tochter hatte, war ich in der Familie der erste männliche Nachkomme der nächsten Generation, der Thronfolger sozusagen und der erste Enkel meiner beiden Großeltern - und daher sehr willkommen; das bekam ich von Anfang an und von allen Seiten zu spüren. In einem Wort: Ich wuchs geliebt und behütet auf und wurde verwöhnt.

Nach meiner Taufe im Garten der Lorcherstraße 24 in Schwäbisch Gmünd. Im Hintergrund alle vier Großeltern, links Jakob und Julie Lastin, rechts Josef und Emilie Schneider; im Vordergrund links meine beiden Taufpaten, rechts meine Eltern Bruno und Gerda Schneider, geb. Lastin.


Mein Großvater mütterlicherseits hatte drei Töchter - und wünschte sich doch, so wurde mir berichtet, immer einen Sohn, der seinen Namen weiterführt. Meine Mutter empfing mich, als sie noch ledig war, doch heirateten meine Eltern noch vor meiner Geburt, und so bekam ich automatisch den Nachnamen meines Vaters. Von meinem Großvater ist dazu folgender (sicher nicht ganz ernst gemeinter) Kommentar überliefert: Hätte er gewusst, dass meine Mutter einen Sohn zur Welt bringt, hätte er sein Einverständnis zur Hochzeit nicht gegeben ... Ganz am Schluss meiner Geschichte erfahrt ihr, dass er dann doch noch bekommen sollte, was er sich erhoffte - auch wenn er es selbst nicht mehr erlebt hat.

Als meine Mutter ihren späteren Mann, meinen Vater, kennenlernte und außerdem noch von ihm schwanger wurde, gab es Aufruhr in der Familie, vor allem in derjenigen meiner Mutter. Sie (und ihre ganze Familie) war evangelisch, die Familie meines Vaters jedoch katholisch. Meine beiden liberalen Großväter verstanden es jedoch, die Aufregung zu befrieden. Zudem war mein Vater einverstanden, dass die Trauung nach evangelischem Ritus vollzogen und die Kinder aus dieser Ehe - also ich und mein acht Jahre jüngerer Bruder - evangelisch getauft wurden (freilich mit dem Effekt, dass die katholische Kirche meinen Vater exkommunizierte).


Mit meinen Eltern während Ferien Mitte der 50er-Jahre am Chiemsee.

 

Nicht nur in dieser Angelegenheit waren meine Großtanten - überhaupt die Frauen - dominierend. Doch die beiden Großväter bildeten den Ruhepol und haben sich schließlich immer durchgesetzt.

Die Frauen in meiner Familie, also meine Großmütter, Großtanten und Tanten, waren einzigartig und ich habe sie geliebt. Vorbilder bis heute aber sind meine beiden Großväter. Deshalb sollen sie im Mittelpunkt der nun folgenden Geschichte stehen.

Meine beiden Großväter
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2.  Meine beiden Großväter
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Ich trage ihrer beider Nachnamen. Wären sie noch am Leben, könnte ich sie fragen, wie es war damals, als sie sich in den 30er- und 40er-Jahren gegen das nationalsozialistische System auflehnten, es durch ihr Verhalten unterliefen. Doch sie sind lange tot und können keine Auskunft mehr geben, über ihr Handeln und das Warum. So bleibt mir nur, das zusammenzutragen, woran ich mich erinnere, was andere erzählten oder ich in Dokumenten über ihr Leben gefunden habe.

Meine beiden Großväter: der eine, väterlicherseits, Josef Schneider, geboren 1887 in Elchingen bei Aalen, Tagelöhner und Versicherungsvertreter; der andere, der Vater meiner Mutter, Jakob Lastin, geboren 1894 in Aitrach im Allgäu, Zollinspektor. Der eine ein überzeugter Kommunist und Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD, der andere gläubiger Christ. Zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben und die Welt und doch waren sie in einem verbunden: in der Ablehnung dieses Staates, der alle Menschen, die ihm nicht genehm waren, verfolgte, einsperrte und ermordete. Und noch eines, vielleicht das Wichtigste, hatten sie gemeinsam: den Mut, dies alles nicht zu akzeptieren, nicht mitzumachen, Widerstand zu leisten.
Mein Großvater Josef
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3.  Mein Großvater Josef
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Vielleicht war es etwas naiv, sich in Schwäbisch Gmünd, dieser schwäbischen Kleinstadt, in der Josef wohnte, auf den Marktplatz zu stellen und zu rufen, wie könnt ihr nur diesem Schnauzbart in Berlin glauben und ihm folgen. Zudem wenn man Kommunist war und sowieso schon verdächtig, beobachtet und verfolgt. Und er tat es auch noch, als er schon mehrmals deswegen festgesetzt worden war, und er tat es wieder, kaum entlassen. War es nicht unvorsichtig, ja geradezu verantwortungslos der Familie gegenüber, wo doch im Haus, genau eine Etage unter der Wohnung, ein tiefbraun gefärbter Nachbar wohnte? War der Preis für den Mut, für seine Überzeugung einzustehen, nicht zu hoch? Fragen, die vielleicht nur Nachgeborene stellen können …

Das musste doch schiefgehen.

Und es ging schief. Erneute Verhaftung. Doch dieses Mal sollte keine Entlassung folgen, sondern die Deportation. Die Familie, verzweifelt. Doch vielleicht hatte der Mut schon abgefärbt, auf die Tochter zumindest, das älteste der Kinder. Sie, Arzthelferin, besorgte sich eine Uniform der staatstreuen Krankenschwestern, mit allen Abzeichen, die sie auftreiben konnte, und sprach bei den zuständigen Dienststellen vor. Ihr Vater ein Verräter, ein Gegner des Systems? Nie und nimmer, das müsste gerade sie doch wissen. Nie hätte sie von ihrem Vater Derartiges gehört, das könne nur üble Nachrede eines missgünstigen Nachbarn sein! Der Auftritt der Tochter zeigte Wirkung, der Vater wurde tags darauf entlassen. Die für diesen Tag angeordnete Überstellung ins Lager fand nicht statt.


Mein Großvater väterlicherseits, Josef Schneider, geboren am 31. Oktober 1887 in Elchingen, Kreis Aalen.

 
Doch die Erfahrung, gerade noch einmal davongekommen zu sein, führte nicht etwa zu Stillhalten und Anpassung. In den 40er-Jahren, als der älteste der Söhne für einen Heimaturlaub von der Front nach Hause kam, wollte er unter keinen Umständen mehr zurück in das Gemetzel. Die Familie, unter Führung des Vaters, entschloss sich, den Sohn zu verstecken. Hinter einer verborgenen Wand wurde ihm ein Lager eingerichtet, alle Familienmitglieder, vor allem die jüngeren Kinder, wurden zu strengster Geheimhaltung verpflichtet. Der Nachbar unten durfte nichts hören, keinen Verdacht schöpfen. Auch Freunde und andere Verwandte wurden nicht eingeweiht. Wie lange konnte man die Anwesenheit des fahnenflüchtigen Sohnes geheim halten, wie lange würde man das durchstehen? Würde der Mut reichen? Die Angst, entdeckt zu werden, war ein ständiger Begleiter durch den Tag, durch Wochen und Monate. Es ging gut. Das Kriegsende brachte die Erlösung vom ständigen Bangen und Schweigen, der Sohn konnte sein Versteck verlassen und wieder ins Helle treten.

Viel mehr weiß ich sonst nicht von ihm zu berichten, außer dass er sehr zugewandt und aufmerksam zu mir war, wenn ich mit meinen Eltern bei ihm und meiner Großmutter zu Besuch war. Während ich dies schreibe, fällt mir doch noch etwas ein: Meine Großeltern väterlicherseits waren nicht sehr belesen, viele Bücher gab es in diesem Haushalt nicht, aber eines, an das ich mich erinnere und aus dem mir mein Großvater immer vorlas. Es hieß Und die Bibel hat doch recht von Werner Keller. Wenn ich heute daran denke, erscheint es mir doch recht seltsam angesichts der Tatsache, dass mein Großvater ein überzeugter Kommunist war.

Verschwiegenheit war auch eine Grundbedingung für Jakob, meinen anderen Großvater, damit nicht ans Tageslicht kam, was er in jenen dunklen Jahren tat, tun musste aus innerer, christlicher Überzeugung. Über sein Leben weiß ich mehr und will darüber ausführlicher berichten.

Mein Großvater Jakob
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4.  Mein Großvater Jakob
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Mein Großvater mütterlicherseits hieß Jakob, doch die Familie nannte ihn nur den Kobus. Wer 1894 als uneheliches Kind in einem Allgäuer Bauerndorf zur Welt kam, hatte nicht gerade den besten Start ins Leben. Doch der Kobus ließ sich davon nicht beirren und wuchs im Laufe seines Lebens über sich hinaus. Dafür bewundere ich ihn und will euch in den nächsten Kapiteln erzählen, warum.


Meine Großeltern Jakob und Julie Lastin mit ihrer ältesten Tochter Gerda, meiner Mutter (geb. 1930), im Garten ihres Wohnhauses in der Lorcherstraße 24 in Schwäbisch Gmünd.

 

 











 


 

 

 

Jakob und der Erste Weltkrieg
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4.1.  Mein Großvater Jakob – Jakob und der Erste Weltkrieg.
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Als im Juni 1914 in Sarajewo die tödlichen Schüsse fielen, war Jakob noch keine 20 Jahre alt. Anders als die meisten seiner Generation, die den Krieg mit begeistertem Hallo und Hurra begrüßten, war ihm das patriotische Getöse ein Gräuel. Aber was half es? Er wurde einberufen und fuhr mit einem fahnengeschmückten Zug voll hochgestimmter junger Männer an die Front, nach Frankreich. Doch die Begeisterung für Krieg und Kampf fürs Vaterland verflog dem Jungvolk sehr rasch im Schlamm der Schützengräben.

Jakob sann Tag und Nacht, wie er dem blutigen Gemetzel entkommen könnte, ohne gleich als Vaterlandsverräter oder Deserteur gebrandmarkt zu werden. Da erfuhr er per Zufall, dass im Offizierskasino ein Koch gesucht wurde. Zwar hatte er eine Ausbildung zum Bäcker und Konditor absolviert und war zu Hause oftmals seiner Mutter, einer vorzüglichen Köchin, in der Küche zur Hand gegangen, hatte auch mit großem Interesse und scharfem Blick beobachtet, wie sie all die köstlichen schwäbischen Suppen, Fleisch- und Süßspeisen zubereitete. Aber diese Gerichte höchstselbst für die feinen Herren Offiziere zu kochen, das musste dem jungen Jakob doch eine Nummer zu groß erscheinen. Er nahm allen Mut zusammen und bewarb sich. Gefragt, welche Gerichte er denn beherrsche, zählte er die ganze Vielfalt auf, die bei seiner Mutter auf dem Speiseplan stand. Und als er auch noch probekochen sollte, gerieten ihm die Fleischsuppe mit Knöpfle, die Rindsrouladen und die Bananenrolle so vorzüglich, dass er vom Fleck weg engagiert wurde. Den Ersten Weltkrieg überlebte mein Großvater also im Schutz von Pfannen und Töpfen. Und wohl schon damals formte sich ein Lebensprinzip, dem er treu bleiben sollte: Mach nicht mit bei etwas, das dir sinnlos erscheint und das du mit deinem Gewissen nicht vereinbaren kannst.

Jakob hatte einen Freund, der mit ihm in den Krieg gegen die Franzosen geschickt wurde. Sie hatten vereinbart, dass, wenn einer von ihnen ums Leben käme, der andere die Angehörigen benachrichtigen sollte. Der Freund blieb auf dem Feld. Jakob löste sein Versprechen ein und fuhr, wie ihm aufgetragen, zur Verlobten seines Freundes, um ihr die traurige Nachricht zu überbringen. Der beschwerliche Besuch fand jedoch ein glückliches Ende, für ihn, denn er verliebte sich in eine ihrer Schwestern, die erst 16-jährige Julie. Sie wurde meine Großmutter.


Jakob heiratete die am 18. Dezember 1900 geborene Julie Paul am 26. Oktober 1923 in Schwäbisch Gmünd, die kirchliche Trauung war erst im darauf folgenden Jahr, am 10. Mai 1924.

 

 

 

Jakob der Koch
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4.2.  Mein Großvater Jakob – Jakob der Koch.
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Nach dem Krieg wurde Jakob nicht etwa Koch, was nahegelegen hätte, sondern ging zur Polizei und dann zum Zoll. Aber gekocht, gebraten und gebacken hat er weiterhin, bis an sein Lebensende. Zuerst immer an Sonn- und Feiertagen, nach seiner Pensionierung auch unter der Woche. Da zauberte Jakob in seiner Küche, für die Familie und die zahlreichen Gäste. Immer war Besuch da, immer saß jemand mit am Tisch, denn Jakob und Julie führten ein gastfreundliches Haus, in dem jeder willkommen war und zu essen bekam. Kulinarische Höhepunkte im Jahreslauf waren natürlich die Feste, die Geburtstage und all die kirchlichen Feiertage. Da verschwand Jakob für Stunden in seinem Reich und ward erst wieder gesehen, als die dampfenden Schüsseln und verführerisch duftenden Platten aus der Küche getragen und mitten auf die akkurat gedeckte Tafel platziert wurden. Julie kümmerte sich derweil um die Gäste, zur Küche hatte sie während Jakobs Wirken keinen Zutritt. Nur freitags gehörte die Küche ihr, denn da schuf sie jeweils ihr eigenes Glanzstück, den Hefekranz, wie ihn kein Bäcker jemals wieder zustande bringen würde.

Bei Tisch herrschte ein strenges Ritual, das war meinem Großvater heilig. Vor dem Essen wurde selbstverständlich gebetet und Herr Jesus Christ als Gast willkommen geheißen. Alle fassten sich an den Händen und wünschten einander eine gesegnete Mahlzeit. Erst dann durfte der Löffel mit der Flädle- oder Markklößchensuppe zum Munde geführt werden. Zuerst bekamen die Erwachsenen ihre Portion, dann waren wir Kinder an der Reihe. Den Teller leer zu essen war Pflicht. Es fiel aber auch nicht schwer, denn was mein Großvater, der nie Kochen gelernt hat, an Köstlichkeiten zauberte, mundete allen. An viele der Gerichte erinnere ich mich noch heute und vermisse sie: den Rheinischen Sauerbraten mit Rosinen, das süßsaure Gurkengemüse mit Bratkartoffeln, die russischen Eier auf Kartoffelsalat, an hohen Festtagen die gefüllten Tauben (die meine Großmutter jeweils rupfen musste) und, als Gipfel der feinen schwäbischen Küche, das Eingemachte Kalbfleisch mit handgeschabten Spätzle, das heute in kaum einem Restaurant mehr zu finden ist. Nicht zu vergessen meines Großvaters Desserts, Kuchen und Torten, seinen Bienenstich und das Probestück von 1914, die Bananenrolle.

Auch nach Tisch stets dasselbe Ritual: Nachdem das Dankgebet absolviert war, trennten sich die Geschlechter. Die Frauen trugen ab und wuschen das Geschirr in der Küche, wo sie unter sich waren und Neuigkeiten austauschen konnten. Die Männer blieben in der Stube, rauchten Stumpen, Marke »Weiße Eule«, und unterhielten sich über Politik, Wirtschaft und den Krieg. Ich setzte mich in eine Ecke und verfolgte gespannt die Gespräche der Männer, die im dichten Dunst der Zigarren mehr zu hören als zu sehen waren.

Jakob in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus
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4.3.  Mein Großvater Jakob – Jakob in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus.
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Jakobs Kochkunst und seine von Herzen kommende Gastfreundschaft habe ich selbst noch lange miterlebt. Ich war 20 Jahre alt, als er starb. Nicht aus eigener Anschauung weiß ich, was er während der dunklen Jahre des »Dritten Reiches« tat. Er erzählte es niemandem, weder während der Zeit des Nationalsozialismus noch nach dem Krieg. Auch Julie wusste nicht Bescheid. Sie ahnte zwar, dass er Dinge tat, die den braunen Machthabern nicht gefallen würden, und meinte, er bringe die ganze Familie damit in Gefahr. Einiges bekam sie wohl mit, Genaueres wusste sie nicht. Jakob handelte und schwieg. Verschwiegenheit war in jenen Jahren eine Grundbedingung für ihn, auch gegenüber seiner Frau und seinen drei Töchtern, um diese zu schützen und auch sich selbst.

Wäre er noch am Leben, dann könnte ich ihn fragen, wie es war damals, als er, immerhin ein Diener dieses Staates, diesen im Innersten ablehnte, diesen Staat, der gleichschaltete, das Denken verbot, Menschen verschwinden ließ und ermordete. Dann könnte ich ihn bitten zu erzählen, wie er den Mut aufbrachte, nicht mitzumachen, wie er sich gegen das System stellte, indem er es durch sein Verhalten unterlief.

Erst nach seinem Tod, als er keine Auskunft mehr geben konnte, begann ich nachzuforschen, zusammenzutragen, Familienmitglieder und auch meine eigene Erinnerung zu befragen, um so das lebenslange Schweigen aufzulösen. Dabei stieß ich – neben seiner humanistisch-christlichen Grundeinstellung – auf ein weiteres Motiv für Jakobs Handeln, ein Ereignis in der Familie, das sehr lange zurücklag, dessen Erinnerung aber bis in die Gegenwart hereinreichte und prägend für ihn war.

Ein Ereignis aus ferner Vergangenheit
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4.4.  Mein Großvater Jakob – Ein Ereignis aus ferner Vergangenheit.
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1651, der Dreißigjährige Krieg war gerade vorbei, wurde dem in der Kärntner Grafschaft Ortenburg wohnhaften Bauer Simon Lastin, lutherischen Bekenntnisses, eröffnet, sich mitsamt seiner Sippschaft innerhalb von vier Wochen zur Heiligen katholischen Kirche zu bekennen oder aber Hof und Land »zu quittieren und zu räumen«. Obwohl im Westfälischen Frieden von 1648 festgelegt worden war, dass die Bewohner der protestantischen Gebiete bei ihrem Glauben bleiben könnten, hatten die Habsburger sich ausbedungen, dass diese Bestimmung in ihren Erblanden Kärnten und Steiermark nicht gelten solle. Die Lastins ließen sich nicht beirren und hielten an ihrem Bekenntnis fest. Sie veräußerten Haus und Hof mitsamt dem Vieh und zogen mit vielen anderen lutherischen Familien ins Schwäbische. Dort fanden sie in dem zur Reichsstadt Ulm gehörenden Dorf Wain eine neue Heimat.

An die Geschichte der Kärntner Glaubensflüchtlinge wird im Ort seitdem, durch die Jahrhunderte hindurch, jedes Jahr erinnert. Stets gegenwärtig ist in der Dorfkirche ein großes Gemälde von 1658, die »Exulantentafel«, mit der Darstellung des Auszugs Abrahams von Haran nach Kanaan und den Namen der Familien, die sich den Anordnungen nicht gebeugt haben.


Die "Exulantentafel" in der Dorfkirche St. Michael im oberschwäbischen Wain mit den Namen der Familien, die aus Kärnten vertrieben wurden und in diesem Dorf eine neue Heimat fanden, darunter die Familie Lastin.

 
Für meinen Großvater Jakob Lastin war dieses Ereignis aus ferner Vergangenheit ein unverrückbarer Orientierungspunkt, Jahr für Jahr pilgerte er, solange er konnte, zu den Festlichkeiten nach Wain. Und es bestimmte sein Handeln während Diktatur und Krieg. Noch heute ist mir sein Ausspruch im Gedächtnis, mit dem er, selten genug und nur verklausuliert, die Motivation für sein Verhalten während des Dritten Reiches andeutete: »Wir Lastins haben uns auch vor 300 Jahren nicht angepasst …«

 

 

 

 

Das Dokument
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4.5.  Mein Großvater Jakob – Das Dokument.
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Was aber tat er denn Unangepasstes, Verbotenes, das, wäre es ans Tageslicht gekommen, einen Beamten des Deutschen Reiches sofort das Leben gekostet hätte? Er selbst hat, als alles vorbei war, kein Aufhebens davon gemacht. Und die Familie wurde von ihm in Unkenntnis gehalten, kann daher nur wenig Auskunft geben. Zudem waren die Töchter, zwischen 1930 und 1940 geboren, damals noch Kinder.


Meine Großeltern Jakob und Julie Lastin mit ihren drei Töchtern Gerda, Gerlinde und Helga.

 
Glücklicherweise tauchte in seinem Nachlass ein Dokument auf, das, zumindest schemenhaft, vom mutigen und höchst riskanten Tun meines Großvaters erzählt. Dazu muss ich etwas weiter ausholen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg starteten die Siegermächte in ihren Besatzungszonen eine politische Säuberungsaktion, um Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien und demokratische Werte durchzusetzen. In der amerikanischen Besatzungszone, in der Jakob mit seiner Familie wohnte, wurde diese Entnazifizierung schärfer als in den anderen Zonen durchgeführt. Jeder Erwachsene musste sich hier einer politischen Prüfung unterziehen.  Mein Großvater wurde, da er als Zollinspektor zwangsläufig Mitglied in der NSDAP war, im Jahr 1947 als »minderbelastet« eingestuft, »minder« zwar, aber eben »belastet«, was ein sofortiges Berufsverbot zur Folge hatte.

 

Dieser Bescheid stürzte Jakob in eine tiefe Depression, es war der Endpunkt einer Reihe von Schicksalsschlägen, welche die Familie in den Jahren zuvor getroffen hatte. Von 1931 bis 1936 hatte Jakob den Dienst als Zollbeamter an der Schweizer Grenze bei Lörrach versehen, 1936 wurde er in den hohen Norden versetzt, auf die Insel Rügen, wohin ihm Julie mit dem ersten Kind, meiner erst sechsjährigen Mutter, folgte. Im Januar 1942 wechselte die Familie bereits wieder den Wohnort, Jakob wurde Leiter der Zollstelle am Flughafen Stuttgart. Damit zog die Familie mit inzwischen drei kleinen Kindern mitten im Krieg in eine Stadt, deren Zentrum bis 1945 zu zwei Dritteln zerstört wurde. Kurz vor Kriegsende brannte auch das Wohnhaus meiner Großeltern nach einem verheerenden Luftangriff vollständig nieder, die gesamte Habe ging verloren. Zum Glück war Julie mit den Kindern bereits in Sicherheit und bei ihren Schwestern in Schwäbisch Gmünd untergekommen. Im Radio hörten sie von der Feuerwalze in jener Nacht und den Hunderten von Toten im Zentrum Stuttgarts und mussten annehmen, dass auch der Kobus unter ihnen war, da sie nichts mehr von ihm hörten. Freunde und Bekannte sprachen Julie bereits ihr Beileid aus, als die älteste Tochter aus dem Fenster schaute und ihren Vater die Straße herunterkommen sah. Sie rannte aufgeregt zu ihrer Mutter, um ihr mitzuteilen, dass der Totgeglaubte auf das Haus zukomme. Ungläubig verbat sich Julie diesen schlechten Scherz.  Doch Jakob hatte das Bombardement überlebt, weil er in jener Nacht ausnahmsweise nicht zu Hause war, sondern im Flughafen den Dienst für einen Kollegen übernommen hatte.

Zum Verlust der Wohnung und des gesamten Besitzes kam nun zwei Jahre nach Kriegsende noch der Verlust von Beruf und Einkommen aufgrund eines Urteils, das, wie sich herausstellen sollte, den Falschen traf. Jakob erhob gegen den Bescheid, der ihn zutiefst verletzte, Einspruch. Im November desselben Jahres kam es zu einer mündlichen Verhandlung vor der Berufungskammer, in der endlich die Dinge, auch durch Zeugen, zur Sprache kamen, die belegten, dass Jakob alles andere war als ein Anhänger der braunen Ideologie, sondern im Gegenteil im Verborgenen gegen sie gearbeitet hatte. In diesem Verfahren wurde Jakob rehabilitiert.

Das neue Urteil, ein mehrseitiges Dokument, blieb erhalten und erzählt für ihn, der nicht mehr erzählen kann. Wie er sich in Gefahr brachte, indem er sich, auch seinen Kollegen gegenüber, abfällig über den Nationalsozialismus äußerte, ausländische Zeitungen las und verbotene Radiosender hörte, wie er Ausländer in seiner Wohnung aufnahm, darunter eine junge Russin namens Ludmilla. Ins Visier der NSDAP geriet er, so wird berichtet, wegen seiner Kirchentreue. Die Partei übte mehrfach massiven Druck auf ihn aus und drohte mit einer Strafversetzung nach Polen. Er blieb standhaft. Keinen Wind schien sie aber bekommen zu haben von dem, was sich an der Schweizer Grenze abspielte, wo Jakob, ich habe euch schon davon erzählt, zwischen 1931 und 1936 Dienst tat, und zwar an einer kleinen Kontrollstelle mitten im Wald, die ich selbst vor ein paar Jahren noch gesehen habe. Offenbar muss er, entgegen allen Verboten, jüdische Flüchtlinge über die Grenze gelassen haben. Außerdem hat er ungarische Juden, so wird berichtet, bei der Zollkontrolle »äußerst menschlich behandelt« – was immer das heißt. Das Dokument zählt dies alles in knappen Worten auf, die lakonische Schilderung führt freilich dazu, dass neue Fragen entstehen, die leider niemand mehr beantworten kann.

Seite 1 (von 3) des Urteils der Berufungskammer Stuttgart vom 19. 1. 1948, in dem mein Großvater durch ausführliche eigene und anderer Zeugenaussagen von "minderbelastet" zu "Mitläufer" heruntergestuft wurde: "Aus all dem ergibt sich, dass der B[eschuldigte] in Gesinnung und Tat alles andere war, als ein Nazi-Aktivist", heißt es auf Seite 3 des Dokuments.

 

 

 

 

Die Erklärung der Gräfin
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4.6.  Mein Großvater Jakob – Die Erklärung der Gräfin.
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Ausführlich dagegen ist eine dem Urteil beigelegte eidesstattliche Erklärung von Olga Gräfin Schenk von Stauffenberg, in der diese nahe Verwandte des Hitlerattentäters Claus von Stauffenberg zugunsten meines Großvaters aussagt. Auf zwei Seiten schildert sie, wie Jakob, als er Vorsteher des Zollamts am Flughafen Stuttgart war, über Mittelsmänner in der Schweiz Kurierdienst leistete zwischen ihr und ihrem Sohn Alfred, der sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft befand. Und sie dankt im Namen der Familie Stauffenberg überschwänglich ihrem, wie sie ihn nennt, »Helfer in der Not« für das große Risiko, das er auf sich genommen habe, und dies, man stelle sich vor, über ausländische Kontakte und im Einflussbereich der den Flughafen kontrollierenden Gestapo.


Vorderseite der Eidesstattlichen Erklärung der Gräfin Olga von Stauffenberg zugunsten meines Großvaters beim Entnazifizierungsprozess 1947 in Stuttgart (beglaubigte Abschrift, in Familienbesitz).


Rückseite der Eidesstattlichen Erklärung.

 

Helfer in der Not
Seite 11
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4.7.  Mein Großvater Jakob – Helfer in der Not.
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Als Helfer in der Not handelte Jakob offenbar auch in anderem Zusammenhang. Erst vor Kurzem fand meine Tante in einer Mappe auf dem Dachboden einen rührenden Brief, den ihr Vater am 8. Mai 1933 an seine Julie zum Jahrestag ihrer kirchlichen Trauung am 10. Mai 1924 geschrieben hat. Großes Erstaunen löste der gedruckte Briefkopf aus. Da steht in schöner Schrift und Gestaltung, mit Wappen und Adresse: »J. Lastin, Kunstgewerbe in Lederschnitt«. Wie das? Jakob war doch Zollbeamter und kein Kunsthandwerker. Hatte er neben seinem Beruf noch einen Handwerksbetrieb? Meine Tante, seine Tochter, die im Jahr des Briefes noch gar nicht geboren war, erinnerte sich schließlich an Erzählungen ihrer Mutter, dass Jakob Anfang der 30er-Jahre einem jüdischen Betrieb, der aus politischen Gründen in Bedrängnis gekommen war, half, indem er anbot, diesen pro forma unter seinem Namen weiterzuführen.


Brief meines Großvaters Jakob Lastin ("Kobus") an seine Julie vom 8. Mai 1933 zum 9. Hochzeitstag (wohl der kirchlichen Trauung, die standesamtliche war am 26. Oktober 1923). Als Adresse der Firma wird Buchstraße 41 in Schwäbisch Gmünd angegeben. Die Familie Lastin ist seit 10. Oktober 1924 bis zu ihrem Wegzug dort gemeldet. Danach muss das Haus abgerissen worden sein, im Jahr 1935 ist es nach Auskunft des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd nicht mehr nachweisbar - was ausgesprochen rätselhaft ist, denn die Häuser auf dieser Straßenseite, links von Nr. 41 sind alle im gleichen Stil, wohl in den 20er-Jahren erbaut - waren also damals noch relativ neu - und sie stehen noch heute. Dies legt den Schluss nahe, dass in den 30er-Jahren dieses Haus mitsamt der Firma, den Akten - und seiner (jüdischen) Bewohner beseitigt werden musste.

 

Rückseite des Briefes, maschinenschriftlich unterschrieben mit "Euer Vattile" und handschriftlich hinzugefügt: "Kobus". Die im Postscriptum erwähnte "Emma" ist meine Großtante Emme, die Schwester meiner Großmutter.


Gräfin Stauffenberg schloss ihre Eidesstattliche Aussage mit dem Satz »Dazu gehörte wirklich Mut!« Ich weiß nicht, ob ich in diesen Jahren ebenso mutig gewesen wäre wie Jakob. Ich werde es nie erfahren und ich möchte es auch nicht erfahren. Ich wollte euch erzählen, warum ich den Kobus, meinen Großvater, bewundere, wie er war und was er tat, und hoffe, dass ihr es jetzt ein wenig versteht.

Als Ausdruck meiner Bewunderung habe ich kurz nach seinem Tod seinen Familiennamen angenommen.

Unsere Förderer
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