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Von Kurt Lussi – Leben und Sterben auf dem Kandishof
Kurt Lussi
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Der Kandishof / 27.09.2025 um 10.14 Uhr
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Vorwort
1.
Zur Geschichte der Nidwaldner Familie Lussi
2.
Die Familie des Maria Lussi
3.
Der Tod kehrt ein
4.
Sterbebildchen und Totenfürsorge
5.
Die Teilung des Nachlasses
6.
Advent, das Fasten und eine Metzgete
7.
Mittwinterliches Brauchtum, die Rauhnächte und die Zwölften
8.
Der General in Dierikon
9.
Liebe auf den zweiten Blick
10.
Der Kandishof
11.
Grossvaters Wettervorhersage
12.
Ein Tag wie viele andere
13.
Die Kapelle von Dierikon und das Angelusläuten
14.
Die letzte Generation
15.
Wörter, Begriffe, Redewendungen aus Luzern und Nidwalden
16.
Literaturverzeichnis
17.
Anhang
«Die Vergangenheit ist der Leitfaden für die Gestaltung der Zukunft. Lerne sie also kennen.»
Eine Nidwaldner Bauernfamilie zwischen Tradition und Moderne. Zeitdokumente und Erinnerungen
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  Vorwort

Eine Nidwaldner Bauernfamilie zwischen Tradition und Moderne. Zeitdokumente und Erinnerungen
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Kleine auf Karton aufgezogene Porträtfotos aus der Jahrhundertwende: Man findet sie zuhauf auf Flohmärkten und in Antiquitätengeschäften. Sie zeigen scheue Kinder, selbstbewusste Damen und Herren der feinen Gesellschaft, Soldaten in schmucken Uniformen, aber auch Knechte, alte Frauen und Greise, deren Gesichter von den Sorgen und Nöten des Lebens gezeichnet sind. Alle diese Bilder haben etwas gemeinsam. Kaum jemand weiss noch, wie die Personen hiessen, die uns stumm anblicken. Wo wohnten diese Menschen, was haben sie erlebt und wie sind sie verstorben? Bilder ohne Namen und Geschichten, die zu Objekten für Sammler geworden sind.

In der Nidwaldner Familie Lussi haben sich viele dieser Porträtbilder erhalten, dazu mit Gebeten und Denksprüchen versehene Leidbilder, die man bei uns Leidhöugali, andernorts Sterbebilder nennt, dann auch Fotos von Brautpaaren und Familienbilder. Letztere zeigen meist Grossvater und Grossmutter, mal mit ihren erwachsenen Kindern, mal mit den Enkelkindern. Einige schauen scheu in die Kamera, andere sitzen gelangweilt da oder wollen partout nicht aufs Bild. Aber nur noch wenige Nachfahren kennen einzelne Namen der Abgebildeten. Zeit also, sie zu benennen und die dazugehörigen Geschichten aufzuschreiben. Eine Generation später wird dies nicht mehr möglich sein.

Menschen und ihre Geschichten haben mich schon immer fasziniert, vor allem dann, wenn sie einen Bezug zur eigenen Familie haben. Viel erfahren habe ich von meinem Vater Albert Lussi-Bieri, den wir Kinder nach alter Innerschweizer Tradition bis heute Dädi nennen. Er wuchs auf dem Kandishof in Dierikon auf und hat uns Kindern, wenn er in Stimmung war, immer wieder mit der ihm eigenen Nüchternheit Interessantes und Lustvolles aus seiner Jugend erzählt.

Vieles von dem, was in dieser Schrift festgehalten ist, verdanke ich Tante Theres. Sie stammte aus der Innerschweiz, us dä Ländere, wie man die Urkantone bis heute nennt. Tante Theres, von der immer wieder die Rede sein wird, war die Ehefrau des Josef Lussi, den wir nur Onkel Sepp nannten. Er war der älteste Bruder meines Vaters und der letzte, der den Kandishof zusammen mit seiner Frau Theres, geborene Flury, noch während längerer Zeit bewirtschaftete.

Tante Theres hatte ein gutes Gedächtnis. Wenn man sie danach fragte, holte sie die Schachtel mit den Ahnenbildern hervor. Wie mein Vater erzählte sie gerne von früheren Zeiten und tat dies sehr präzise. Sie kannte nicht nur die Namen der Abgebildeten, sondern fast immer auch deren Schicksale. Ihr verdanke ich vor allem interessante Episoden vom Wegzug der Familie von Stans im Jahre 1900 und dem Neuanfang im luzernischen Dierikon.

Noch zu erwähnen ist mein Onkel Arnold, Noldi genannt. Er ist der jüngste Bruder meines Vaters. Dank ihm sind die Familienbüchlein meines Urgrossvaters und meines Grossvaters erhalten geblieben. Von Onkel Hans, dem Ehemann von Lisbeth, einer der beiden Schwestern meines Vaters, erhielt ich einen Teilungsvertrag, berechnet auf den 4. Januar 1929, dem Todesdatum meines Urgrossvaters. Er gibt Aufschluss über den Kandishof, seine hypothekarische Belastung sowie die Kosten, die eine Bestattung und die anschliessende Teilung damals nach sich zogen. Nicht zuletzt erwähnen möchte ich meinen Cousin Peter, der jüngste Sohn von Onkel Sepp und mein Spielgefährte, wenn ich die Ferien auf dem Hof verbrachte oder wenn wir dort zu Besuch weilten. Von ihm stammen verschiedene Hinweise und Ergänzungen. Und zu nennen ist schliesslich noch Joseph Brunner, geboren 1958. Zusammen mit seiner Familie führt er heute die Bäckerei und ehemalige Mühle Brunner in sechster Generation. Die Brunners waren direkte Nachbarn zu den Lussis, die den oberhalb der Mühle gelegenen Kandishof bewirtschafteten. Da verwundert es nicht, dass auch er Geschichten zu erzählen wusste, die sonst der Vergessenheit anheimgefallen wären.Ihnen allen gilt mein Dank.

Zeitdokumente und Erinnerungen heisst es im Untertitel dieser Publikation. Genau darum geht es hier. Es sind von mir aufgezeichnete eigene Erlebnisse sowie teils nur noch fragmentarisch erhaltene Erinnerungen der oben genannten Personen, die meist auf den noch vorhandenen Fotos, Dokumenten und Zitaten aufbauen. Zum besseren Verständnis habe ich die losen Überlieferungen, soweit sinnvoll, in das historische, kulturelle und religiöse Umfeld eingebettet, aus dem sie hervorgegangen sind.Entstanden ist dadurch eine etwas andere Autobiografie. Nicht meine persönlichen Erfahrungen, Daten und Fakten stehen im Vordergrund, sondern das familiäre und kulturelle Umfeld, das mich in meiner Jugend nicht nur entscheidend geprägt, sondern meinen persönlichen und beruflichen Werdegang, wie auch meine Einstellung zum Leben massgeblich mitbestimmt hat. Und so ist es bis heute geblieben.

Noch eine Anmerkung zum Schluss: Der leichteren Lesbarkeit wegen habe ich bei den Mundartausdrücken auf die Anwendung des Internationalen Phonetischen Alphabets verzichtet und die mundartlichen Wörter so geschrieben, wie sie die Leser mit schweizerdeutscher Muttersprache aussprechen.

 

 


 

 

 

 

 


 

Zur Geschichte der Nidwaldner Familie Lussi
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1.  Zur Geschichte der Nidwaldner Familie Lussi
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Die Familie Lussi gehört zu den ältesten und bedeutendsten Geschlechtern des Kantons Nidwalden. Ihre Herkunft liegt im Dunkeln. Nach einer Familienlegende sind die Lussis Nachfahren römischer Legionäre, die sich nach dem Ende ihrer Dienstzeit in Beckenried und Stans niederliessen. Belege dafür gibt es keine. Dennoch scheint die Legende ein Körnchen Wahrheit zu enthalten. Gesichert ist, dass 1969, beim Bau der Autobahn oberhalb von Buochs, zwei gallorömische Brandgräber aus dem 1. und 2. Jahrhundert nach Christi gefunden wurden.[1] Obschon für eine Besiedlung des Gebiets aussagekräftige Quellen fehlen, geben weitere Funde von Brandgräbern, diesmal im Dorfkern von Stans, Grund zur Annahme, dass der Raum Stans-Buochs-Beckenried in römischer Zeit besiedelt war. Die Art der gefundenen Beigaben lassen die Vermutung zu, dass es sich bei den Bestatteten um Gallorömer handelt, also um Menschen einheimischer Abstammung, die von den Römern Sitten, Gebräuche und Begriffe übernommen haben. Daraus ist abzuleiten, dass zu der Zeit, als die Bestattungen vorgenommen wurden, die Gegend von Stans besiedelt war. Wo sich allfällige Siedlungen oder vielleicht nur einzelne Gutshöfe befanden, wissen wir nicht. Es wird jedoch angenommen, dass noch vorhandene Spuren von Niederlassungen am ehesten im Raum Stans Oberdorf zu finden wären.[2] Dazu passt, dass nebst Beckenried der Stanser Ortsteil Oberdorf das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Familie Lussi war.
Einen weiteren Beleg dafür, dass in diesem Gebiet Menschen nicht nur bestattet wurden, sondern auch sesshaft waren, finden wir in Stagnum, der lateinischen Bezeichnung des Ortsnamens Stans, was stehendes Gewässer, See oder Teich bedeutet.[3]


Das von Ritter Melchior Lussi 1586 erbaute Hechhuis in Wolfenschiessen gehört zu den ältesten Häusern Nidwaldens.

 
Die früheste Erwähnung des Namens Lussi finden wir in einer im Staatsarchiv des Kantons Nidwalden aufbewahrten Urkunde nach der 1370 ein Hartmann Lussi als Zeuge in einem Marchstreit erscheint.[4] Über die Tätigkeit und die soziale Stellung seiner Nachfahren in Beckenried ist jedoch wenig bekannt.

Unterwalden "ob und nid dem Wald". Standesscheibe im Landratssaal von Stans, um 1520.

 
Johannes Lussi (1469-1541)
An Bedeutung gewann die Familie erst mit der Übersiedlung des Johannes Lussi (1469-1541) von Beckenried nach Stans. Johannes war der Grossvater des Staatsmannes und Ritters Melchior Lussi. In erster Ehe war er mit Barbara Spichtig verheiratet, mit der er keine Kinder hatte und die offenbar früh starb. Aus der Ehe mit seiner zweiten Gattin, Barbara Vokinger, hatte er fünf Kinder. 1501 wurde er Stanser Genosse (Bürger) und 1522 Seckelmeister (Verwalter des Staatsvermögens). Bis zu seinem Tod wurde er mehrmals zum Nidwaldner Landammann gewählt, nämlich 1522, 1523, 1524, 1525, 1530, 1532, 1535 und noch 1538 und 1541. Johannes starb im Amt. Sein Sohn Arnold beendete für ihn das Amtsjahr und wurde daraufhin selbst zum Landammann gewählt. Ein Gemälde im Landratssaal des Rathauses von Stans, Kanton Nidwalden, zeigt ihn nach spanischem Vorbild gekleidet in ein schwarzes Wams mit weisser Halskrause. Seine Linke ruht auf einem Schädel. Links daneben steht, vom Bilderrahmen beinahe ganz verdeckt, eine Sanduhr. Beides sind Symbole der Vergänglichkeit alles Irdischen. Am unteren Bildrand aufgeführt sind die Jahre, in denen er Landammann von Nidwalden war.

Johannes Lussi (1469-1541) von Beckenried und Stans. Sein Bild befindet sich im Landratssaal von Stans.

Johannes Lussi ist der eigentliche Stammvater des Geschlechts der Lussi. Mit seiner Wahl zum Nidwaldner Landammann im Jahre 1523 begründete er die grosse Ämtertradition der Familie, die insgesamt elf Landammänner hervorbrachte.[5

Kartusche mit dem Namen des Johannes Lussi (1495-1556), der Talvogt von Engelberg war. Stammbaum der Familie Lussi im Rathaus von Stans (Ausschnitt).

Johannes (Johann) Lussi (1495-1556)

Die Reihe der bedeutenden Vertreter der Familie findet ihre Fortsetzung in der Person des Johannes Lussi (1495-1556). Er ist der Sohn des oben erwähnten Johannes und war Talvogt von Engelberg. Johannes war mit Anna Fruonz verheiratet, mit der er vier Kinder hatte, nämlich Wolfgang Lussi (1525-1597), Jost Lussi (1527-1575), Melchior Lussi (1529-1606) und schliesslich der nach seinem Vater benannte Johann Lussi (1531-1580). Letzterer ist der Stammvater des Zweiges jener Familie, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Dierikon auswanderte, dort den Kandishof erwarb und von der nachfolgend die Rede sein wird. Daraus erhellt sich, dass die Familie der Dierikoner Lussi nicht in direkter Linie auf den berühmten Staatsmann Melchior Lussi (1529-1606) zurückgeht, sondern auf dessen jüngsten Bruder Johann (1531-1580).


Wappen des Ritters und Landammanns Melchior Lussi (1529-1606) an der Fassade der Casa Stanga in Giornico. Das Fresko entstand wohl nach seiner Wallfahrt nach Jerusalem, wo er 1583 zum Ritter geschlagen wurde. Das Ordenswappen befindet sich links oben im Bild (fünf Kreuze zu Ehren der fünf Wunden Christi).

 
Aus dieser Zeit stammt auch das Wappen der Familie Lussi, das sich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in vielen Beispielen erhalten hat. Es zeigt in Blau auf grünem Dreiberg ein silbernes Lamm mit goldenem Nimbus, eine rot-weisse Kreuzfahne im rechten Vorderlauf haltend.[6] Wir finden es nicht nur in den Profan- und Sakralbauten von Stans und Umgebung, sondern auch in den Burgen, Schlössern und Gasthöfen der ehemaligen ennetbirgischen Landvogteien. Ein besonders schönes Beispiel hat sich an der Fassade der Casa Stanga in Giornico erhalten. Das aus dem 16. Jahrhundert stammende ehemalige Wohn- und Gasthaus ist bekannt für die gemalten Wappen berühmter Gäste, die hier einst logierten. Unter den in den Jahren 1588-1589 von Giovanni Battista Tarilli und Domenico Caresano ausgeführten Fresken findet sich auch das Wappen des Melchior Lussi, der hier auf einer seiner Reisen Station machte. Heute beherbergt das sorgfältig restaurierte Gebäude das Museo di Leventina.


Die Casa Stanga in Giornico. Das aus dem 16. Jahrhundert stammende ehemalige Wohn- und Gasthaus ist bekannt für die gemalten Wappen berühmter Gäste, die hier einst logierten. Das Wappen der Lussi befindet sich runten rechts.

 
Die Familie Lussi

Die Familie der Lussi von Stans hat sich seit dem 14. Jahrhundert weit verzweigt. Besonders häufig finden wir sie in Kanada und in den USA, wo die grösste Population in Kalifornien lebt. Aufschluss darüber geben die Passagierlisten der Auswandererschiffe. Aus diesen geht hervor, dass die Vorfahren der meisten heute in den USA lebenden Lussi zwischen 1880 und 1920 in der Neuen Welt eine zweite Heimat fanden.
Zur Schreibweise des Namens: Bis um etwa 1600 war Lussi üblich. Im Zuge des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs wechselte man zu Lussy. Das sah etwas vornehmer aus. Ab 1815 bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhundert werden die Mitglieder der Familie im Stammbuch als Lussi eingetragen. Nach 1860 wechselte man zurück zu Lussy. Ab etwa 1905 finden wir wiederum die Schreibweise Lussi.


Das Familienwappen seit Melchior Lussi (1529-1606). Die Goldumrandung geht zurück auf seine Tätigkeit als Oberst in Venezianischen Diensten. Von der Familie gestifteter Seitenalter in der Pfarrkirche Stans, datiert 1647.

 

Die Hauptlinie der Lussi

Zur weiteren Entwicklung der Familie heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz: «Die Hauptlinie von Ritter Melchior entwickelte im 16. und 17. Jahrhundert eine dynastische Macht, indem sie es schaffte, höchste Staatsämter mit ihren Vertretern zu besetzen. Zahlreiche Lussi machten Offizierskarrieren in spanischen, französischen, italienischen und päpstlichen Diensten. Verschiedene Familienangehörige wirkten auch als Söldnervermittler, wodurch vor allem der erwähnte Melchior zu grossem Reichtum gelangte. Zahlreiche Lussi schlossen Ehen mit Nachkommen von Nidwaldner, Luzerner, Urner und Obwaldner Rätefamilien. Die gegenreformatorische Aktivität war vor allem in der Hauptlinie vertreten und zeigte sich in der von ihren Exponenten initiierten Ansiedlung des Kapuzinerordens im Jahre 1582. Das 1541-1766 als prunkvoller Familiensitz (heute Museum) dienende Winkelriedhaus in Stans zeugt vom anfänglichen Reichtum der Lussi und ist gleichzeitig Ausdruck katholischer Religiosität und der Nähe zur italienischen Kultur.
Bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts verlor die Familie ihre Vormachtstellung in Nidwalden weitgehend. Der soziale und wirtschaftliche Niedergang ist unter anderem aus der Veräusserung der Stanser Rosenburg, des Winkelriedhauses sowie auswärtiger Herrschaftssitze (z.B. in Hilfikon) ersichtlich. Die Hauptlinie der Lussi erlosch Mitte des 18. Jahrhunderts.»[7]

Exkurs: Schloss und Herrschaft Hilfikon

Die Schlossanlage am südlichen Dorfrand von Hilfikon geht vermutlich auf eine von den Herren von Hilfikon im 13. Jahrhundert errichtete Burg zurück. Erstmals erwähnt wird sie im Habsburger Urbar, das in den Jahren 1303 bis 1307 unter König Albrecht I. erstellt wurde. Im Spätmittelalter wurde die Burg zu einer weitläufigen, mit etlichen Türmen und einer Ringmauer bewehrten Anlage ausgebaut. 1473 kamen Burg und Herrschaft in den Besitz der Zürcher Familie Meiss. 1498 wird Hans von Seengen, Vogt zu Kaiserstuhl, als neuer Besitzer genannt. Dieser verkaufte zwischen 1506 und 1510 Burg und Herrschaft an den Luzerner Heiliggrabritter Melchior zur Gilgen, der sie 1514 mit der Vogtei Sarmenstorf vereinigte. Sein Nachkomme, Aurelian zur Gilgen, verkaufte die Schlossherrschaft 1628 (nach einer anderen Quelle 1629) an Johann Lussi, den damaligen Landammann von Nidwalden.
Aus seiner Zeit stehen von der ursprünglichen Burg Hilfikon noch zwei Ecktürme sowie Teile der Ringmauer. Das aktuelle Aussehen erhielt die Anlage jedoch erst rund 100 Jahre später.
Heute gehört Hilfikon zur benachbarten Gemeinde Villmergen.

Schloss Hilfikon. Ansicht von Südosten. Aus der Zeit des Johann Lussi und seiner Nachfahren erhalten geblieben sind zwei Ecktürme sowie Teile der Ringmauer.


Offenbar rentierte der Besitz nicht, denn bereits 16 Jahre später gingen Schloss und Herrschaft an die Gebrüder Sebastian und Johann Zwyer von Evibach aus Silenen, welche die Anlage zu einem Schloss umbauen liessen. (www.://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hilfikon)

Johann Lussi (um 1577-1633)

Johann Lussi (um 1577-1633), der Käufer der Herrschaft Hilfikon, war der Sohn des Melchior Lussi und der Agatha Wingartner. Sein Vorname Johann lässt vermuten, dass Johann Lussi (1531-1580), der jüngste Bruder des Melchior Lussi, sein Pate war.
Johann Lussi (um 1577-1633) war Hauptmann, Ritter und mit besonderen Ermächtigungen ausgestatteter päpstlicher Pfalzgraf (Comes palatinus Lateranus).1596-1607 war er Landschreiber zu Locarno und, gemäss einer Angabe auf seinem im Landratssaal von Stans hängenden Gemälde, 1608 auch Landeshauptmann. 1620, 1622, 1623, 1626, 1629 und 1630 war er Nidwaldner Landammann und zudem ab 1610 bis zu seinem Tod am 15. November 1633 Bannerherr. (Fabian Hodel: «Lussi, Johann», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.09.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/023170/2006-09-04/, Aufruf vom 30.10.2024).


Johann Lussi (um 1577 bis 1633), Sohn des Melchior Lussi und Neffe des Johann Lussi (1531-1580), war Ritter, Landammann und Bannerherr sowie ab 1628 Besitzer von Schloss und Herrschaft Hilfikon.


Als Johann Lussi auf der Burg residierte, hätte er sich wohl kaum vorstellen können, dass rund 350 Jahre später ein Nachkomme seines Onkels Johann Lussi (1531-1580), nämlich unser Vater Albert Lussi, geboren 1931, ab 1961 bis zu seiner Pensionierung als Betriebsleiter der Gemeindewerke Villmergen amtieren würde.

Johann Lussi (1531-1580)

Zurück zu Johann Lussi, dem jüngsten Bruder des Melchior Lussi und Stammvater des Zweiges der Lussi in Dierikon. Johann, der nach dem Tod seiner ersten Frau Margaretha Murer, mit der er keine Kinder hatte, Elisabeth Stultz ehelichte, erreichte zwar nicht die Bedeutung seines Bruders Melchior. Dennoch machte auch er Karriere. Von 1565 bis 1571 war er Landseckelmeister, dann von 1572-1574 und offenbar noch 1580 Landvogt zu Locarno, das zu dieser Zeit Luggárus (nach einer anderen Schreibweise Luccarus) hiess. Noch erhalten ist dort das Castello Visconteo, das nach dem Zuschlag der ennetbirgischen Ländereien an die Eidgenossen von 1513 bis 1798 Sitz der Nidwaldner Lanfocti (Landvögte) war.[8] Auch sein Bild hängt, zusammen mit den Porträts einer ganzen Reihe weiterer Landammänner des Geschlechts der Lussi, im Landratssaal des Ratshauses von Stans.

Das Castello Visconteo

Über die Anfänge des Schlosses ist wenig bekannt. Vermutet wird, dass die noch erhaltenen burgähnlichen Teile aus dem Jahre 1342 stammen, aus jener Epoche also, in der das vom Mailänder Condottiere (Söldnerführer) Luchino Visconti (1292-1349) eroberte Castello zu einer Festung ausgebaut wurde. Zwischen 1439 und 1466 war es Sitz der Familie Rusca, die das bestehende Bauwerk mit Festungswerken ausstattete, welche das Schloss und den Hafen gegen Angriffe schützen sollten.[9] Diese Verteidigungsanlagen reichten damals bis an das untere Ende der heutigen Via Franchino Rusca.


Das Castello Visconteo in Locarno. Hier residierten bis 1798 die Innerschweizer "Lanfocti" (Landvögte). Ansicht um 1900.


In den Jahren 1531 bis 1532 wurden grosse Teile der Burg geschleift.[10] Von den fünf Türmen ist nur einer übriggeblieben.

Die noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhaltenen Teile des Castello Visconteo sind im Innern reich mit Malereien ausgestattet. Zwischen Blumen, Ranken und anderen Zierelementen finden sich die Spuren der Landvögte, die hier einst residierten. In einem der beiden Seitentrakte entdecke ich die Fragmente eines Freskos mit dem Namen Johann Lussi (1530-1580). Ein knappes halbes Jahrtausend hat hier seine Spuren hinterlassen. Das Bildmotiv ist nicht mehr zu erkennen. Aber die Inschrift, die das verwaschene Fresko krönt, ist noch gut lesbar. HAVPTMAN IOANN LVSSI SEKELMEISTER ZVO LVCCARVS [Locarno] ANNO 1573 VND ANNO, steht da geschrieben. Der Rest ist nicht mehr lesbar.



Innenhof des Castello Visconteo in Locarno. im Innern Fresken mit den Wappen der Landvögte. Das Castello ist heute ein Museum.


Plötzlich wird die Vergangenheit lebendig. Ich sehe Johann Lussi, wie er am Tag seiner Abreise ein letztes Mal durch die Räume streift und Abschied nimmt von der Residenz, die während mehreren Jahren sein zu Hause gewesen war. Unten im Hof warten bereits ungeduldig die Säumer mit ihren vollbepackten Mauleseln. Es war wohl ein Abschied für immer. Entsprechend wehmütig muss es ihm zumute gewesen sein. Ich kann das gut nachvollziehen. Uns erging es gleich, wenn wir am Ende unserer Sommerferien im Tessin wieder zurück in die Deutschschweiz fuhren, wo uns der Alltag und ein raues Klima erwarteten.

Hans Lussi (1565-1624)

Danach schwand allmählich der Einfluss der Nachkommen dieses Zweiges der Lussi. Immerhin finden wir in den Annalen noch Hans Lussi (1565-1624), einer der Söhne des oben genannten Johann Lussi (1531-1580). Er war in zweiter Ehe mit Ottilia Achermann (1565-1682) verheiratet, mit der er zwölf Kinder hatte. Von Hans Lussi wissen wir, dass er Hauptmann in den Diensten des Herzogs von Savoyen war.

Caspar Lussi (1604-1666)

Caspar Lussi (1604-1666), Sohn des Hans Lussi (1565-1624) war verheiratet mit Dorothea von Matt (1608-1679). Er war der zweitjüngste Spross des Hans Lussi.[11] Caspar war Ratsherr in Stans. Für die Lussi in Dierikon von Bedeutung ist sein Sohn Kaspar.

Kaspar Lussi (1635-1716)

Kaspar war in erster Ehe mit Barbara van Thier (verstorben 1668) verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Aus seiner zweiten Ehe mit Marie Barbara Christen (1646-1687) gingen elf Kinder hervor, unter ihnen Josef Anton (1679-1755). Über ihn vererbte sich die Linie der Lussi in Dierikon weiter.

Josef Anton Lussi (1679-1755)

Josef Lussi, Sohn des oben genannten Kaspar Lussi, war mit Maria Dorothea Huser verheiratet, die jedoch 1736 verstarb. Er war Spitalherr in Stans. Als Wohnort wird Oberdorf angegeben. Unter seinen Nachkommen ist für die Lussi in Dierikon Bonaventura des Rats Lussi (1736-1815) von Bedeutung. Wie er zu seinem für die damalige Zeit aus der Reihe fallenden Vornamen Bonaventura kam, wissen wir nicht.

Bonaventura des Rats Lussi (1736-1815)

Bonaventura war verheiratet mit Maria Verena Barbara Stültzi, von der wir die Lebensdaten nicht kennen und über die auch sonst nichts bekannt ist. Bonaventura war Kirchmeier. Das ist bis heute die Bezeichnung für die Verwalter von Kirchenvermögen. 1769 wurde er zum Genossenvogt gewählt.[12] Er ist einer der letzten dieses Zweiges der Lussi, der bedeutende öffentliche Ämter bekleidete.

Unter seinen Nachfahren für uns wichtig ist sein Sohn Remigi Alois.

Remigi Alois Lussi (1770-1826) und seine Nachfahren

Remigi Alois Lussi (1770-1826), Sohn des Bonaventura, verheiratet mit Veronica Gasser, war Landwirt in Stans Oberdorf. Einer seiner Söhne, Franz (genannt Franzischg, wohl abgeleitet von Franciscus) Lussi (1802-1866), war mit Katharina Christen verheiratet. Mit ihr hatte er dreizehn Kinder.[13] Das zweitjüngste hiess Maria, genannt Mareiä Lussi (1852-1929).[14] Maria, ein damals auch für Männer gebräuchlicher Taufname, kam zwar noch in Stans zur Welt. In den Verzeichnissen wird er jedoch als «Landwirt in Dierikon» geführt.

Maria Lussi (nachfolgend Urgrossvater genannt), geboren am 25. Juni 1852 in Ennetmoos, ehelichte am 13. September 1890 die am 21. Januar 1865 in Hergiswil geborene Josefa Odermatt, Tochter des Nikolaus Odermatt und der Catharina Renggli. Er ist unter anderem der Grossvater des Albert Lussi und seiner Geschwister sowie der Urgrossvater von Kurt Lussi (geboren 1956; Verfasser dieser Schrift), Bruno Lussi (1959-1978) und Priska Lussi (geboren 1961).

Von Maria Lussi und seinen Nachfahren soll nachfolgend die Rede sein.

 

[1] Bundesamt für Strassen (Hg.): Historische Verkehrswege im Kanton Nidwalden. Eine Publikation zum Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz IVS. Bern 2007, S. 8. (www.ivs.admin.ch).

[2] Jost Bürgi: Oberdorf NW. Römische Brandgräber, in: Archäologie der Schweiz, 6 (1983), S. 173.

[3] Gemeinde Stans, Geschichte, https://www.stans.ch/geschichte/4293 (Aufruf vom 30.7.2023).

[4] Staatsarchiv des Kantons Nidwalden, Urkunde vom 31. Mai 1370, StANW: KA Stans.

[5] Fabian Hodel: Lussi, Johann, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 31.08.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/023169/2006-08-31/ (Aufruf vom 30.7.2023).

[6] Plazidus Hertmann: Das Wappen des Geschlechtes Lussy von Nidwalden und seine Entwicklung, in: Schweizer Archiv für Heraldik, Jahrbuch, Bd. 73 (1959), S. 3-10.

[7] Fabian Hodel: Lussi, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.10.2009. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024108/2009-10-20/ (Aufruf vom 14.07.2023).

[8] Diese und die nachfolgenden Angaben nach dem Stammbuch der Leuw, Odermatt, Christen-Bucher-Waser-Agner, Z’Rotz, Lussi, Zelger, Stulz, von Matt, Achermann, Kaiser und von Flüe, zusammengestellt von Landammann Johann Melchior Leuw, um 1650. Staatsarchiv des Kantons Nidwalden, Signatur StANW A-1197-3/1.

[9] Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hg.): Kunstführer durch die Schweiz. Band 2. Bern 2005, S. 600.

[10] Elfi Rüsch, Riccardo Carazzetti: Locarno. Das Schloss und die Casorella in: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hg.): Schweizerische Kunstführer. Serie 72, Nr. 711. Bern 2002, S. 7.

[11] Unter den Kindern werden hier und nachfolgend immer nur jene Söhne erwähnt, die direkte Vorfahren der Lussi von Dierikon sind.

[12] Die Genossenvögte seit 1741, in: Grundgesetz der Genossenkorporation von Stans, darin: Gesetz über das Korporationsbürgerrecht, die Organisation und Verwaltung der Korporationen sowie die Nutzung des Korporationsvermögens (Korporationsgesetz), Fassung vom 26. April 1992, S. 23.

[13] Diese und die nachfolgenden Angaben stammen aus dem am 10. August 1891 vom Civilstandsamt Stans ausgestellten Familienbüchlein.

[14] In katholischen Landesteilen kam dem Namenspatron eine hohe Bedeutung zu. Bei der Taufe wurde ein Kind durch die Wahl des Namens dem Schutz des oder der betreffenden Heiligen unterstellt. In katholischen Gebieten galt und gilt die Gottesmutter Maria als mächtige Fürsprecherin. Der Taufname Maria wurde daher häufig auch für Männer gewählt.

Die Familie des Maria Lussi
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2.  Die Familie des Maria Lussi
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Soweit zu den Fakten. Und nun zu den Erinnerungen. Dazu eine Bemerkung vorweg. In der Geschichtswissenschaft nennt man jene Methode, in der Zeitzeugen zu Wort kommen «Oral History» (mündliche Geschichte). Dabei erzählen Personen ihre Erlebnisse und Sichtweisen, die möglichst wortgetreu und ohne Beeinflussung durch den Historiker aufgezeichnet werden. Dies trifft hier nicht zu. Die wichtigsten Zeitzeugen sind entweder verstorben oder dann nicht mehr in der Lage, ihre Erinnerungen zu schildern. Bei den nachfolgenden Aufzeichnungen handelt es sich daher um meine eigenen Erinnerungen an oft zufällig zustande gekommene Gespräche, die ich in meiner Jugendzeit mit meiner Tante Theres Lussi-Flury und später vor allem mit meinem Vater geführt habe. Dazu kommen persönliche Erlebnisse und Eindrücke sowie volkskundliche Ausführungen, die ich zum Teil bereits an anderer Stelle publiziert habe. Dadurch entsteht ein Gesamtbild. Es zeigt, wie man auf dem Kandishof an der Schwelle zur Moderne lebte und starb.


Hauptseite des am 10. August 1891 noch in Stans ausgestellten Familienbüchleins mit den wichtigsten Daten des Maria Lussi-Odermatt und seiner Gattin Josefa.

 

 
Stanser Wurzeln
Maria Lussi bewirtschaftete zusammen mit seinem Bruder einen Hof in Stans Oberdorf und war Bürger der Genossenkorporation Stans.[1] Zerwürfnisse unter den eingeheirateten Frauen, vielleicht auch Unstimmigkeiten unter den Brüdern bezüglich der Bewirtschaftung der Liegenschaft, führten dazu, dass sich Maria Lussi seinen Anteil auszahlen liess. Mit dem Erlös erwarb er in der Luzerner Gemeinde Dierikon von Rosa Unternährer das Kandis- oder Bächlerheimwesen, wie es im Kaufbrief vom 18. September 1900 (amtliche Fertigung vom 19. Dezember 1900) genannt wird.[2] Dieses umfasste nebst der eigentlichen Liegenschaft mit dem dazugehörigen Land zusätzlich ein Stück Weideland, das im Kaufbrief Wölflisweid genannt wird, sowie ein im Dierikonerberg gelegenes Waldstück von 2 ½ Jucharten.[3]
Ein paar Jahre später erwarb Maria Lussi gemäss Kaufbrief vom 1. Juni 1906 (amtliche Fertigung vom 25. Oktober 1906) von Kaspar Schryber ein ebenfalls in Dierikon gelegenes «Stück Mattland samt Tobel».[4]

Die Familie Lussi auf dem Kandishof
Zum Zeitpunkt des Kaufs bestand die Familie Lussi aus Maria Lussi-Odermatt (geboren 1852), seiner Ehefrau Josefa Lussi-Odermatt (geboren 1865) sowie den Kindern Josef Maria (geboren 1891), Catharina (geboren 1892), Caspar Jakob, genannt Jakob (geboren 1894), Caspar Walter (geboren 1896, genannt Onkel Walter), Maria Albert (geboren 1897, genannt Albert oder Bärti, Götti meines Vaters) und Anna Marie, genannt Marie (geboren 1899, Gotte meines Vaters). Alle diese Kinder kamen noch in Stans zur Welt. In Dierikon folgten Agnes Christine (geboren 1901, genannt Christine), Anna Carolina (1904-1917, genannt Anna) und Arnold (1907-1912). Von den früh verstorbenen Kindern Anna und Arnold wird im nachfolgenden Kapitel noch die Rede sein.
Noch erhalten ist eine Fotografie der Familie des Maria Lussi, die wohl um 1911 entstanden ist. Denn darauf nicht mehr abgebildet ist Josefa, die Ehefrau des Maria, die am 14. Juli 1907 in Root verstorben war. Unten, links neben seinem Vater Maria Lussi sitzend, sehen wir jedoch Arnold, der am 3. Januar 1912 beim Schlitteln tödlich verunfallte. Auf dem Familienfoto dürfte er etwa vier oder fünf Jahre alt sein.

Die Familie des Maria Lussi-Odermatt vor dem Kandishof um 1911. Hintere Reihe, stehend von links: Marie (geboren 1899), Caspar Walter (1896), von den Nachfahren Onkel Walter genannt, Grossvater Josef Maria (1891), Caspar Jakob (1894) und Maria Albert (1897). Vordere Reihe, sitzend von links: Agnes Christine (1901), Arnold (1907-1912), Maria Lussi-Odermatt, Vater der hier abgebildeten Kinder (1852), und rechts von ihm die Töchter Catharina (1892) und Anna Carolina (1904-1917).

 

Meinem Urgrossvater Maria Lussi, vorne in der Mitte sitzend, ist es anzusehen, wie sehr ihm der Verlust seiner Gattin zu Herzen ging. Nebst dem Leid, das der Tod eines geliebten Menschen immer mit sich bringt, war es sicher auch die Sorge um die Kinder, die nun ohne die Mutter aufwachsen mussten. Deren Rolle hatte nun Catharina (geboren 1892) zu übernehmen. Sie war die älteste Tochter meines Urgossvaters. Bis zu ihrer Heirat mit Franz Renggli, gebürtig von Entlebuch und nun Landwirt auf dem Hof Körbligen in Inwil, kümmerte sie sich um die Kinder und erzog sie so gut es ging im Sinne der verstorbenen Mutter. Sie war zu diesem Zeitpunkt erst fünfzehn Jahre alt. Ohne sie hätte man wohl eine Familienhilfe einstellen müssen. Auf dem Bild sitzt sie, in weisser Bluse und hellem Rock, rechts von ihrem Vater. Im Hintergrund, ohne Schindeln, der heute noch stehende, sorgfältig renovierte Kandishof.
Eingeschult wurden die Kinder in Root, wo man sie, erzählte mir Tante Theres, wegen ihrer «komischen Sprache» zuweilen hänselte. Damit gemeint ist der urwüchsige Nidwaldner Dialekt, eine durch die Reisläuferei, die Politik und den Handel stark nach Süden orientierte alpine Mundart, die sich vom Wortschatz und der schon fast melodischen Betonung her von den Dialekten des Kantons Luzern stark abgrenzt. Das fiel in der Schule natürlich sofort auf.
Durch die vielen Zuzüger hat sich die Nidwaldner Mundart vor allem in den Zentren mittlerweile etwas verwässert. Aber selbst ins Unterland Ausgewanderte bewahren noch jahrelang Ausdrücke, an denen man sofort den Nidwaldner erkennt. Selbst die Sprache meines Vaters Albert Lussi ist nach seiner Auswanderung nach Villmergen bis heute geprägt von Ausdrücken und Wortwendungen, die sonst nur in den Zentralschweizer Dialekten verbreitet sind.


Grossvater Josef Maria Lussi (stehend) als Soldat im Luzerner Füsilier-Bataillon 42. Das Bild entstand vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

 
Stramme Soldaten
Aus der Frühzeit des Lebens auf dem Kandishof ist wenig bekannt. Immerhin haben sich zwei Fotos erhalten. Das eine zeigt Grossvater als strammen Infanteristen des Luzerner Infanterieregiments 42. Der neben ihm sitzende Soldat war wohl einer seiner Kameraden, vielleicht einer aus Dierikon, der offenbar zur gleichen Zeit in einer anderen Einheit Dienst tat. Dieses Bild dürfte nach Abschluss der Rekrutenschule, spätestens jedoch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden sein.

Albert Lussi (geboren 1897) war der Bruder meines Grossvaters und Götti meines Vaters Albert. Er übernahm später den Hof Hirselen in Dierikon und war nebenbei noch Angestellter. Albert verstarb am 9. März 1973.

 

Auf dem zweiten Bild zu sehen ist Gossvaters Bruder Albert (geboren 1897). Er trägt bereits die grau-grüne Uniform, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs von der Schweizer Armee eingeführt worden war. Albert war der Götti (Pate) meines nach ihm benannten Vaters. Anders als heute gab man damals den Kindern nicht irgendwelche weltfremde Fantasienamen, sondern man benannte sie in der Regel nach Familienmitgliedern und Verwandten. Der älteste Sohn trug gewöhnlich den Namen seines Vaters. Die anderen Kinder erhielten die Rufnamen von Onkeln und Tanten, die in der Folge meist auch die Patenschaften für die nach ihnen benannten Kinder übernahmen.
Die Lussis waren Patrioten. Das betonte Tante Theres immer wieder, wenn sie die Personen auf den Fotos benannte und von ihnen erzählte. Das belegt auch das ehemals im Korridor des Kandishofs hängende Foto von General Henri Guisan. Von ihm und seinem Bezug zu Dierikon wird später noch die Rede sein.
Bei alledem verwundert es also nicht, dass das eine oder andere Andenken an die Militärzeit der beiden Söhne und an die Grenzbesetzung erhalten geblieben ist. Eine Postkarte zeigt die zwischen 1861-1863 auf dem sogenannten Kurzweilplatz (heute Kasernenplatz) in der Stadt Luzern errichtete Infanteriekaserne, in der unser Grossvater noch Dienst tat. Die Kaserne blieb bis 1935 in Betrieb und bot ursprünglich für 1111 Soldaten Platz[5].
Vom Kasernenplatz bis zur Bruchstrasse sind es bloss ein paar Schritte. Dort fand zwischen 1912 und 1971 jeweils am Dienstag ein Viehmarkt statt. Der Markt war überregional bekannt, denn die dort gehandelten Tiere stammten nicht nur aus der Zentralschweiz, sondern auch aus dem Aargau, aus Bern, Freiburg und der Waadt. Sogar aus dem Tessin und aus der Ostschweiz reisten Händler und Verkäufer an.[6] Mein Grossvater besuchte oft und gerne diesen Markt und erzählte zu Hause begeistert, was er dort Neues gesehen und von Händlern gehört hatte. Für ihn, den Landwirt aus Berufung, war der Marktbesuch jeweils ein Festtag, den er regelmässig mit einem Besuch im heute noch bestehenden Wirtshaus Galliker an der Schützenstrasse verband.[7]


General Ulrich Wille flankiert von zwei Schweizer Soldaten. Prägepostkarte zur Erinnerung an die Generalmobilmachung am 1. August 1914.

 

 
Eine andere Postkarte zeigt Ulrich Wille (1848-1925) flankiert von zwei Soldaten. Ulrich Wille war während des Ersten Weltkriegs General der Schweizer Armee. Aber anders als General Guisan war der deutschfreundliche Wille vor allem bei den Sozialdemokraten und in der Romandie unbeliebt. Im Juli 1915 hielt Wille in einem Brief an den ebenfalls deutschfreundlichen Bundesrat Arthur Hoffmann sogar unverblümt fest, dass der Zeitpunkt für einen Eintritt der Schweiz in den Krieg an der Seite Deutschlands jetzt günstig wäre.[8] Und wenige Monate später deckte er zwei Generalstabsoffiziere, die zugunsten Deutschlands und Österreich-Ungarns Nachrichtendienste betrieben hatten. Dazu kommt seine Vorliebe für Drillübungen nach preussischem Vorbild, was bei den Soldaten schlecht ankam. Auf diese Zeit zurück geht das Bonmot Wenn Wille will und Sprecher spricht, dann tue dies und murre nicht, das während des Ersten Weltkriegs unter den Soldaten zirkulierte. Grossvater gab es immer dann zum Besten, wenn er von der Grenzbesetzung 1914-1918 erzählte oder etwas erledigen musste, das ihm zuwider war.[9]
Wie weit man auf dem Kandishof von diesen Dingen wusste, entzieht sich meiner Kenntnis. Zwar hing in Grossvaters Stübli ein Andenken an den Ersten Weltkrieg.[10] Aber dieses zeigte Bundespräsident Giuseppe Motta und Bundes Vize-Präsident Eduard Schulthess. Nach einem Bild von Ulrich Wille suchen wir vergebens. Und auch sonst wurde er nicht in Gesprächen erwähnt, als ob er nie existiert hätte. Ebenfalls nie ein Thema war der Landesstreik und die damit zusammenhängende Besetzung Zürichs mit Truppen aus ländlichen Gegenden. Aufgeboten wurden dazu auch Luzerner und mit ihnen unser Grossvater. Dass er nie davon sprach ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass er zwar den Befehl befolgte, dabei aber ein ungutes Gefühl hatte. Anders als während des Krieges ging es diesmal nicht um die Verteidigung des Vaterlandes, sondern der Einsatz richtete sich gegen das eigene Volk, dessen Aufbegehren gegen den Staat aus damaliger Sicht triftige Gründe hatte.

 

[1] Genossenschaftsbürger sind Personen, die einem der in Art. 3 des Grundgesetzes der Genossenkorporation Stans abschliessend aufgezählten alten Nidwaldner Geschlechter angehören und Bürger von Stans sind. Wahlberechtigt und zum Bezug des Korporationsnutzens berechtigt sind jedoch nur jene Korporationsbürger, die Wohnsitz in Stans oder Oberdorf haben. Näheres ist in den Artikeln 32 bis 34 des Grundgesetzes geregelt.

[2] Die Herkunft des Namens Kandishof ist unsicher. Möglicherweise ist er abgeleitet von einem Vorbesitzer mit dem Vornamen Candid. Daraus entstanden sein könnte Candid’s Hof bzw. Candishof und später Kandishof.

[3] Eine Luzerner Juchart, unterteilt in 450 Quadratruten zu 100 Quadratfuss, entspricht einer Fläche von 36,355 Aren. Quelle: http://daniel-stieger.ch/masseinheiten.htm (Aufruf vom 20.1.2023). Diese Angaben entnehme ich dem Teilungsvertrag (Inventur und Teilung vom 22. August 1930).

[4] Gemäss den Aktiva im Teilungsvertrag vom 22. August 1930.

[5] Verein Turmuhren Luzern, Uhren, https://turmuhrenluzern.ch/de/project/infanteriekaserne/ (Aufruf vom 26.7.2023). Darin die Episode von der beim Abbruch geretteten Kasernenuhr sowie eine kurze Geschichte des Gebäudes.

[6] Pilatus today, Viehmarkt an der Bruchstrasse in Luzern, https://www.pilatustoday.ch/zentralschweiz/luzern/viehmarkt-an-der-bruchstrasse-in-luzern-136922126 (Aufruf vom 26.7.2023).

[7] Mündlich von Albert Lussi-Bieri, Villmergen.

[8] Böschenstein, Hermann: Bundesrat und General im Ersten Weltkrieg, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 10 (1960), Heft 4, S. 515–532. Darin ist der Brief vom 20. Juli 2015 im originalen Wortlaut abgedruckt (S. 519-520). Das Schreiben befindet sich heute im Nachlass von Bundesrat Edmund Schulthess.

[9] Von meinem Vater Albert Lussi-Bieri. Sprecher bezieht sich auf Theophil Sprecher von Bernegg (1850-1927), der während des Ersten Weltkriegs Generalstabschef der Schweizer Armee war.

[10] Ein Stübli ist in der Innerschweiz eine eher selten benützte und daher meist nicht oder schlecht geheizte kleine Stube, die dem Altbauern vorbehalten ist.

Der Tod kehrt ein
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3.  Der Tod kehrt ein
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Die ersten sieben Jahre auf dem Kandishof waren für die Lussis wohl die glücklichsten. Nach den Streitereien auf dem mit seinem Bruder gemeinsam bewirtschafteten Bauernhof in Stans hatte Maria Lussi mit seiner Familie hier den Frieden und ein Auskommen gefunden. Mit den Nachbarn hatte man es gut, besonders mit den Brunners, die heute bereits in sechster Generation die Mühle und Bäckerei unterhalb des Kandishofs führen. Und so ist es bis heute geblieben.

Urgrossmutters Heimgang
Dann aber schlug der Tod zu. Am 13. Juli 1907 verschied Josefa Lussi-Odermatt, die Gattin meines Urgrossvaters Maria Lussi. Woran sie starb, wissen wir nicht. Vielleicht steht ihr früher und für die Familie wohl auch überraschender Tod in Zusammenhang mit der Geburt von Arnold, dem jüngsten Kind, das am 16. Juni 1907 zur Welt gekommen war. Als Todesursache am naheliegendsten ist das Kindbettfieber. Darunter zu verstehen ist eine Infektionskrankheit, die nach der Entbindung während des Wochenbetts auftreten kann, insbesondere auch im Falle einer unvollständigen Nachgeburt. Die Folgen sind vom Beckenbereich ausgehende Entzündungen des Bauchfells, der Gebärmutterschleimhaut und weiterer Organe. Damit verbunden sind starke Fieberanfälle, Schmerzen im Unterleib, Übelkeit und Erbrechen. Ohne wirksame Behandlung führt Kindbettfieber in den meisten Fällen innerhalb weniger Wochen zu einer Blutvergiftung und schliesslich zum Tod.
Ob Kindbettfieber der Grund für ihren frühen Tod war lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Was wir aber wissen ist, dass Kindbettfieber noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der Hauptursachen für die hohe Sterblichkeit von Wöchnerinnen war. Erschwerend kam hinzu, dass zu dieser Zeit der Notwendigkeit einer gründlichen Desinfektion viel zu wenig Beachtung geschenkt wurde und die Krankheitserreger folglich über die Hände und Instrumente der Hebammen in die Geburtswege der Frauen gelangen konnten. Das oben Gesagte gilt nicht nur für die Hausgeburten, sondern auch für Entbindungen in Krankenhäusern, wo die Infektionsgefahr sogar noch höher war.[1]
An die Urgrossmutter erinnerte zu Lebzeiten meines Grossvaters ein dunkel gerahmtes Bild, das im Stübli, seinem Arbeitszimmer und Rückzugsort, über dem Bett hing. Das Bild ist nicht mehr vorhanden. Mit ihm verschwunden ist auch die Geschichte, die sich damit verbindet.
Nun stand der Urgrossvater alleine mit jenen neun Kindern da, die auf dem wohl um 1911 entstandenen Familienfoto, das wir bereits besprochen haben, abgebildet sind.

Noch zwei Todesfälle
Am 3. Januar 1912 kam der oben erwähnte Arnold ums Leben. Er war zum Zeitpunkt seines Todes knapp fünf Jahre alt. Von Tante Theres wissen wir, wie es zum tragischen Unglück kam. Anfangs Januar 1912 lag ziemlich viel Schnee und die Buben gingen oberhalb des Kandishofs schlitteln. Dabei geschah es, dass Arnold mit seinem Schlitten in einen Baum prallte. Das Schicksal wollte es, dass ihm dabei ein hervorlugendes Aststück durch ein Auge direkt ins Hirn drang. Seine Brüder brachten den Schwerverletzten nach Hause, wo man ihn sorgsam auf den beheizten Kachelofen bettete, denn an diesem frostigen 3. Januar 1912 war es auch innen im Haus sehr kalt. Die ärztliche Hilfe kam zu spät. Zu weit war der Weg von Root nach dem Kandishof und zu schwer die Verletzung. Noch gleichentags starb der nicht mehr zu Bewusstsein gekommene Arnold. Das Hirn sei ihm durchs Auge ausgelaufen, erzählte Tante Theres, die auch über ein halbes Jahrhundert nach dem schrecklichen Unfall sehr bewegt war, wenn sie darauf angesprochen wurde.
Vielleicht zum Andenken an seinen jüngsten, auf so schreckliche Weise ums Leben gekommenen Bruder, taufte Grossvater Jahrzehnte später seinen jüngsten Sohn auf den Namen Arnold, den wir alle nur Onkel Noldi nennen.


Sterbebild der Anna Lussi, die bei einem Autounfall in Luzern ums Leben kam.

 
Fünf Jahre später musste auch die am 26. März 1904 geborene Anna Carolina das Irdische mit dem Himmlischen tauschen. Als Todesursache wird «Autounfall» angegeben. Was genau geschehen war, wissen wir nicht. Vielleicht wollte sie die Strasse überqueren und übersah dabei ein herannahendes Automobil. Ihr Todestag ist der 26. Mai 1917. An sie erinnert ein noch erhaltenes Sterbebild, auf dem zu lesen ist:

«Ach zu früh bist du von uns geschieden, in deinem blühenden Altersjahr.
Nur zu gut warst du auf dieser Welt.
Drum hat dich Gott im Unschuldskleide den Engeln beigesellt.»

Und darunter steht:

«O liebster Jesus! Um Deines bittern Leidens willen erbarme Dich ihrer und aller armen Seelen.
Vater unser, ave Maria.
Ihr alle, die ihr sie im Leben gekannt und geliebt, gedenket ihrer im frommen Gebete.»


Sterbebild des Maria Lussi-Odermatt, geboren am 25. Juni 1852 in Stans und verstorben am 4. Januar 1929 in Dierikon.

 
Urgrossvaters Tod
Ein paar Jahre später starb auch mein am 25. Juni 1852 geborener Urgrossvater Maria Lussi. Über den Grund seines Todes ist nichts bekannt. Mit 77 Jahren hatte er jedoch, wie man damals sagte, es schöns’ Alter erreicht. Sein Heimgang kam wohl nicht überraschend.
Gegen das Ende seines Lebens mögen ihn nebst gesundheitlichen Problemen und der Trauer um seine Liebsten wohl auch Sorgen und Nöte geplagt haben. Wirtschaftlich ging es der Schweiz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zwar den Umständen entsprechend gut. Doch am Horizont zeichneten sich bereits die Vorboten einer Wirtschaftskrise ab, die schliesslich am 29. Oktober 1929 mit dem New Yorker Börsencrash ihren Höhepunkt erreichte. Dazu kamen der frühe Tod seiner Gemahlin und der Verlust seiner beiden jüngsten Kinder. Auf seinem Sterbebild lesen wir:

«Ruh’ nun aus vom Erdenschmerz
Geliebtes, treues Vaterherz;
Blick’ segnend jetzt vom Himmel auf d.[die] Deinen
Die noch auf Erden, um dich trauernd, steh’n
Und bitte Gott, er möge einst uns einen,
Zu einem frohen, freudigen Wiederseh’n!»



 

[1] Wikipedia, Kindbettfieber, https://de.wikipedia.org/wiki/Kindbettfieber (Aufruf vom 24.7.2023).

Sterbebildchen und Totenfürsorge
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4.  Sterbebildchen und Totenfürsorge
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Die in der Zentralschweiz Leidbilder oder mundartlich Leidhöugali genannten Sterbebilder nehmen im Totenkult der katholischen Schweiz einen wichtigen Platz ein. In unserer Gegend kamen sie ab den 1860er Jahren in Mode. Sie haben ungefähr die Grösse jener kleinen Andachtsbilder oder Gebetszettel, wie sie heute noch an Wallfahrtsorten aufliegen. Seit etwa 1875 werden die Texte mit einem eingeklebten, meist ovalen Bildchen des Verstorbenen ergänzt. Links und rechts davon steht das unverzichtbare «Herr gib ihm [ihr] die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihm [ihr].» Danach folgen biographische Angaben und die Lebensdaten sowie Gebete.
Ab etwa 1885 wird die eingeklebte Originalfotografie zunehmend durch ein eingedrucktes Cliché-Bild des Verstorbenen verdrängt.[1] Zugleich nehmen die Porträts immer mehr Raum ein, während die Ablassgebete und Sinnsprüche allmählich in den Hintergrund treten.
Auf der Rückseite finden wir meist farbige oder dann in dezentem Schwarz und Silber gehaltene religiöse Darstellungen. Ein beliebtes Motiv ist Christus am Kreuz, ergänzt mit frommen Erbauungstexten wie jener, der auf dem Sterbebild der Anna Lussi (1904-1917) unterhalb einer Kreuzigungsszene aufgedruckt ist. Dort heisst es:

«Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und benedeien dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.»


Sterbebild des Jakob Lussi-Hess, Kniri, Stans, geboren am 27. Juli 1854 und verstorben am 28. Februar 1926. Jakob war der jüngere Bruder unseres Urgrossvaters Maria Lussi-Odermatt (1852-1929).

 

Ein häufig verwendetes Motiv war die Darstellung der Muttergottes, deren Herz mit einem Schwert durchbohrt ist. Die biblische Grundlage dafür finden wir im Lukasevangelium. Dort steht: «Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen» (Lk 2,35). Dieser Ausspruch des Sehers Simeons an Maria bei der Darstellung Jesu im Tempel weist hin auf den Schmerz Marias, den sie beim Tod ihres Sohnes erleiden wird. Darauf zurück geht der Name Mater Dolorosa, schmerzhafte Muttergottes. Trotz dem trauernden Gesicht Marias handelt es hierbei um eine tröstende Darstellung. Maria erträgt den Schmerz im Wissen, dass der Kreuzestod ihres Sohnes Teil des Heilsgeschehens ist.

Mater Dolorosa nach Dolci
Allmählich verschwand das Schwert und machte einem Bildtypus Platz, der sich an der Mater Dolorosa des italienischen Malers Carlo Dolci (1616-1686) orientiert. Abgebildet ist nun nur noch die trauernde Madonna mit gesenktem Haupt. Damit in Zusammenhang stehen die Ecce Homo Darstellungen, die den Gekreuzigten mit der Dornenkrone zeigen. Dieses Bildmotiv bezieht sich auf eine Stelle im Johannesevangelium: «Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch!» (Ecce Homo; Joh 19,5). Mater Dolorosa nach Dolci und Ecce Homo nach einem Werk von Guido Reni, gehören nach 1900 zu den beliebtesten Motiven auf Sterbebildern.


Mater Dolorosa nach einem Gemälde des italienischen Malers Carlo Dolci (1616-1686). Andachtsbild um 1920.

 

 
Der Tod ist nicht endgültig, sagen uns die gedruckten Epitaphe und ihre Erbauungstexte, sondern er ist bloss der Übergang in eine andere Welt. Dort hoffen die Seelen der Verstorbenen, dass ihnen die Lebenden mit Gebeten und guten Werken beistehen, damit sie aus dem Fegefeuer erlöst werden. Die auf den Sterbebildchen aufgedruckten Ablassgebete fordern die Betrachter denn auch auf, für das Seelenheil der Verstorbenen zu beten und die dadurch gewonnenen Ablässe den armen Seelen zuzuwenden.[2]
Ein schönes Beispiel dafür finden wir auf dem Sterbebild des am 28. Februar 1926 verstorbenen Jakob Lussi-Hess, eines Bruders von Maria Lussi-Odermatt. Unter seinen Lebensdaten steht:

«Göttliches Herz Jesu, bekehre die Sünder, errette die Sterbenden, befreie die armen Seelen im Fegfeuer (300 Tage Ablass).»

Später erscheinen auf den Sterbebildern immer öfter Symbole der Vergänglichkeit, wie sie oft auch auf Grabsteinen jener Zeit zu finden sind: Urnen (Symbol der Vergänglichkeit), abgebrochene Säulen (Ende des Lebens; Vergänglichkeit), von Passionsblumen umwundene Kreuze (Hinweis auf das Leiden Christi), Anker (Symbol der Hoffnung und Auferstehungserwartung), das Jesuskind mit Kreuz und Dornenkrone (Hinweis auf die bevorstehende Passion und die damit verbundene Erlösungstat Christi), um nur einige Beispiele zu nennen.

Gebete für den Verstorbenen
Zu Urgrossvaters Zeit achtete man darauf, dass die Leidhöugali möglichst früh an die Trauernden abgegeben wurden. Meist verteilte man sie bereits nach der Seelenmesse oder auf dem Friedhof, legte sie jedoch spätestens den Danksagungen bei. Die Bildchen verwahrte man meist im Gebetbuch, seltener in der Brieftasche. Zuhause steckte man sie hinter ein Kreuz, stellte sie im Herrgottswinkel auf oder klemmte sie zwischen Glas und Rahmen von Spiegeln und Heiligenbildern.
Durch die ständige Präsenz im Bild lebten die Verstorbenen in der Gemeinschaft der Familie weiter. Gleichzeitig erinnerten die Leidhöugali die Lebenden daran, den Heimgegangenen in den Gebeten zu gedenken und ihnen mit guten Werken beizustehen. Wichtig war also, dass auf diesen den Toten zuwendbare Ablässe aufgedruckt waren. In keinem katholischen Bauernhaushalt fehlen durften zudem Armeseelen-Andachtsbücher. Sie enthielten Belehrungen, Gebete und Hinweise, wie den Seelen der Verstorbenen zu gedenken und ihnen mit frommen Werken beizustehen sei. Das in der Innerschweiz wohl bekannteste und seit 1846 in mehreren Auflagen erschienene ist «Trost der Armen Seelen» von Pfarrer Joseph Achermann.[3]

Messbundstiftungen
Besonders beliebt war die Mitgliedschaft in einer Messbundstiftung, in die man sich durch eine Spende einkaufen konnte. Im Gegenzug dafür wurden für die verstorbenen Mitglieder täglich Heilige Messen gelesen beziehungsweise die Stifter in die Fürbitten miteingeschlossen. Beim Eintritt in eine Messbundstiftung erhielt man eine Aufnahmebestätigung. Ein schönes Beispiel dafür ist der Aufnahmeschein für Franz Odermatt, Rübi, Dallenwil, vielleicht ein Bruder oder Verwandter von Maria Lussis Ehefrau Josefa Lussi-Odermatt, die ebenfalls aus Dallenwil stammte. Die Aufnahmebestätigung zeigt auf der einen Seite einen Priester beim Lesen der heiligen Messe und links von ihm Engel, welche die dank der heiligen Messen aus dem Fegefeuer erlösten Seelen in den Himmel geleiten. Auf der Rückseite sind die Satzungen der Messbundstiftung aufgedruckt.


Bestätigung für den Beitritt des Franz Odermatt, Dallenwil, in eine Messbundstiftung. Franz Odermatt war vielleicht ein Verwandter von Maria Lussis Ehefrau Josefa Odermatt, die ebenfalls aus Dallenwil stammte.

 

 
Erinnerungen an den Tod
Darüber hinaus hatten die Sterbebilder die Funktion eines Memento Mori. Sie riefen den Lebenden den eigenen Tod in Erinnerung, der jederzeit jeden Menschen treffen kann. «Gwüss ist der Tod, Ungwüss sein Zeit» mahnt ein Spruch in Caspar Meglingers Totentanz auf der Luzerner Spreuerbrücke, der zwischen 1616 und 1637 entstanden ist. Alles ist vergänglich, nichts währt ewig, weder die Werke der Menschen, noch das Andenken an jene, die sie geschaffen haben. Eigentlich ein beruhigender Gedanke. Doch er passt nicht so recht in das Weltbild des modernen Menschen. Die Vergänglichkeit entzieht sich seiner Kontrolle. Sein eigenes Sterben lässt sich zwar verkürzen oder hinauszögern, nicht aber überwinden. Der Tod ist unausweichlich. «Alles ist von Staub gemacht und wird wieder zu Staub», lesen wir im Buch der Prediger, entstanden im 3. Jahrhundert vor Christus.[4]

Die Verdrängung
Damit der moderne und rational denkende Mensch nicht an das eigene Ende erinnert wird, verdrängt er alles, was mit Sterben und Tod zu tun hat. Der Tod geschieht irgendwo, meist weit weg vom Alltag der Lebenden, in Spitälern zum Beispiel oder in Altersheimen. Der Tod im eigenen Heim, im Kreis der Familie und mit seelsorgerischem Beistand, wie dies noch bei meinem Grossvater auf dem Kandishof der Fall gewesen war, ist heute die Ausnahme und nicht die Regel.
Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als die Nachricht von Grossvaters Tod kam und wir nach Dierikon fuhren. Er lag auf dem weiss bezogenen Bett im Stübli und war in seinen feinsten Anzug gekleidet. Seine Hände waren gefaltet und – soweit ich mich erinnere – umklammerten sie ein Sterbekreuz und einen Rosenkranz. Über dem Bett hingen die grossformatigen Porträts seiner Eltern Maria und Josefa Lussi-Odermatt. Rechts vom Bett, auf dem Nachttisch, standen ein Kreuz, umrahmt von brennenden Kerzen und Vasen mit Blumen. Es herrschte eine eigentümliche, fast feierliche Stimmung, die mich damals trotz meines jugendlichen Alters sehr bewegte.
Heute wird der Tod aus dem Alltag verbannt. Selbst die Sprache meidet ihn. In den Todesanzeigen stirbt kaum einer wirklich, sondern er geht heim, entschläft friedlich, wird vom Schöpfer abberufen oder geht schlicht von uns. Sterben. Ein unmissverständliches Wort. Und keiner will’s, als ob es die Krätze hätte.
Selbst der Transport des Verstorbenen auf den Friedhof heisst, um das Wort Leiche nicht verwenden zu müssen, Überführung. Die noch zur Zeit meines Grossvaters dafür gebräuchliche Bezeichnung Leichenfuhre gilt als despektierlich. Man verschickt auch keine Todesanzeigen mehr, sondern Leidzirkulare. Die Grab- oder Leichenrede nennt sich nun Lebenslauf und aus der Totenkapelle wurde der Aufbahrungsraum oder, noch profaner, die Abdankungshalle. Die kirchliche Totenmesse, die Missa pro Defunctis, deren Ablauf seit der Frühzeit des abendländischen Christentums fast unverändert geblieben ist, wich dem Trauer- oder Auferstehungsgottesdienst. Neu aber nicht minder würdevoll sind die Abdankungsfeiern der Ritualbegleiterinnen und Ritualbegleiter, die vielerorts an die Stelle kirchlicher Trauergottesdienste getreten sind.
Dagegen ist nichts einzuwenden. All das sind moderne Formen des Umgangs mit dem Tod. Sie sind weder gut noch schlecht, sondern Ausdruck einer Zeiterscheinung, in der der Tod des Menschen und die Form seiner Bestattung zu einer persönlichen Angelegenheit geworden sind. Und oft erfährt man denn auch erst im Nachhinein, dass die Beisetzung eines Verstorbenen im engsten Familienkreis stattgefunden hat.


Schädel in der Totenkapelle von Wolfenschiessen fordern die Lebenden auf, zum Heil der eigenen Seele der Toten zu gedenken. Sie versinnbildlichen Mahnsprüche wie "memento mortis" (Gedenke des Todes) oder "mors certa hora incerta" (Gewiss ist der Tod, ungewiss die Zeit).


Die Erinnerung
All dies steht im Gegensatz zu der früher gebräuchlichen Öffentlichkeit des Todes. Ältere Menschen erinnern sich noch an die Leichenzüge. Das war in der Zeit, als die Verstorbenen bis zum Begräbnis daheim aufgebahrt wurden. Im Haus des Toten nahm der Zug seinen Anfang. Voraus der von zwei meist schwarzen Pferden gezogene und mit Trauerkränzen behängte Leichenwagen. Links und rechts die Sargträger. Der Platz direkt hinter dem Leichenwagen war den Familienangehörigen vorbehalten. Ihnen folgten die Nachbarn und in städtischen Gebieten die Honoratioren, das waren die Bürger, die aufgrund ihres herausgehobenen Status und ihrer Verdienste ein besonderes Ansehen genossen. Erst dann kam das übrige Volk.


Trauerzug zum 1896 angelegten Friedhof von Köln-Deutz. Hinter dem Leichenwagen die Söhne des Verstorbenen mit einem mit weissen Blumen besteckten Kranz. Ihnen folgen die Honoratioren in der damals üblichen Trauerkleidung langer schwarzer Mantel und Zylinder. (Anonyme Fotografie um 1935). Etwa so muss man sich auch den Trauerzug anlässlich des Todes meines Urgrossvaters im Jahre 1929 vorstellen.

 

In der Kirche warteten der Priester und die Ministranten, ersterer im schwarzen und mit einem silbernen Kreuz oder dem Trigramm IHS bestickten Messgewand, letztere in schwarzem Talar und weissem Chorhemd. Die Luft war geschwängert mit Weihrauch und einem Hauch von Moder. Bilder und Gerüche, die seit meiner Zeit als Ministrant in Villmergen im Dunkel des Vergessens entschwunden sind aber immer wieder hochkommen, wenn ich einen Friedhof oder ein Beinhaus besuche.


Untergeschoss des 1482 errichteten und 1560 um ein Geschoss erhöhten Beinhauses von Stans. Die an der Wand aufgeschichteten und zum Teil beschrifteten Schädel erinnern an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und das Jüngste Gericht (siehe auch das Porträt des Johannes Lussi im ersten Kapitel). Aufnahme um 1910.

 

   
Die öffentliche Zurschaustellung von Tod und Trauer ist für den Menschen der Gegenwart nur schwer zu ertragen. Dies hat auch damit zu tun, dass die Düsterkeit eines traditionellen Begräbnisses den Lebenden unangenehm an seine eigene Vergänglichkeit erinnert, wie auch an den Verlust dessen, was er erreicht hat und worauf er stolz ist. Der Einzelne hat im Leben möglicherweise viel geleistet, ein Geschäft aufgebaut oder ein grösseres oder kleineres Vermögen angehäuft. Er geniesst das Ansehen, das ihm entgegengebracht wird und erfreut sich der Enkelkinder, die Bewegung in sein Leben bringen. Das Leben findet für ihn in der Gegenwart statt und es geht ihm trotz des vorgerückten Alters und einiger kleiner Beschwerden gut. Der Tod ist daher weit weg und sterben tun ohnehin immer nur die andern. Die wenigsten mögen dabei an einen weiteren Mahnspruch erinnert werden, der auf einer Bildertafel der Luzerner Spreuerbrücke die Durcheilenden mahnt: «Wann Ehr und Alter zsammen kumpt, ist nicht weit mehr, die letzte Stundt.»

Die Mahnung
Der Leichenzug, der am Begräbnistag durchs Dorf oder die Stadt zog, weckte nicht nur Mitgefühl für den Verstorbenen und die Angehörigen. Auch er stimmte nachdenklich und forderte die Lebenden mahnend auf, über das eigene Ende nachzudenken. Vor allem aber über das, was nach dem Tod sein würde. Die Fragen sind beklemmend und lassen sich nur schwer verdrängen. Was geschieht nach dem Tod? Ist er wirklich das Ende aller Dinge oder gibt es ein Danach? Beweisen lässt sich weder das eine noch das andere. Insofern haben Jahrhunderte alte Bilder des Todes und der Vergänglichkeit nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. In der erstmals in einem Visitationsbericht von 1632 erwähnten Kapelle St. Anna im Weiler Hapfig, Ruswil, findet sich ein an der Rückwand angebrachtes Vanitasbild. Vanitas. Das aus dem Lateinischen stammende Wort bedeutet leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit und Vergänglichkeit. In der Kapelle St. Anna wird dies durch ein Bild mit drei Totenschädeln versinnbildlicht. Darunter steht der Mahnspruch: «Schöne, Reiche, Arme, nun sage wer von diesen drei der Schöne, Reiche, Arme sey.»

Die Ewigkeit
Im Himmel erwartet die Seele des geläuterten Menschen das ewige Leben im Lichte Gottes. In der vom süddeutschen Maler Anton Messmer geschaffenen Scheinkuppel im Chor der Pfarrkirche St. Mauritius in Ruswil ist der Himmel als helles Licht dargestellt. Durch die kreisrunde Öffnung im Scheitel der Kuppel scheint es hinab zur Erde zu fliessen. Der Himmel als Lichtscheibe. Gott als Göttlichkeit ohne Gestalt. Das Ewige ist nicht fassbar, wie auch der Himmel kein räumlich zu begreifender Ort ist, sondern ein Zustand, in den die Seele nach dem Tod eingeht.
Tod und Abschied. Erinnerungen an die Vergänglichkeit. Bei alledem geht es immer um die Mahnung an die Lebenden, sich im Diesseits auf jene Existenz vorzubereiten, die nach dem Tod der sterblichen Hülle des Menschen ewig währen wird. Letzteres ist eine Frage des Glaubens. Das Weiterleben der Seele lässt sich nicht belegen. Aber auch das Gegenteil ist nicht möglich. Der Tod und das Leben danach bleiben ein Mysterium, das sich dem rationalen Denken des aufgeklärten Menschen entzieht.

 

[1] Cliché ist im Buchdruck die Bezeichnung für einen vorgefertigten Druckstock. Druckstöcke waren stempelartige Formen. Sie wurden vom Setzer als fertige Vorlagen in den damals noch mit Bleibuchstaben gesetzten Text eingefügt.

[2] Als Ablass wird in der römisch-katholischen Kirche ein durch bestimmte Gebete oder fromme Werke erwerbbarer Gnadenakt bezeichnet, durch den nach der Lehre der Kirche zeitliche Sündenstrafen erlassen werden. An die Ablässe sind bestimmte Bedingungen geknüpft mit deren Erfüllung sie erworben werden können. Ablässe können auch den Seelen der Verstorbenen zugewendet werden.

[3] Joseph Achermann: Trost der Armen Seelen. Belehrungen und Beispiele über den Zustand der Seelen im Fegfeuer. Einsiedeln 1876 (mit Approbation vom 27. Juli 1846).

[4] Prediger 3,20, siehe auch 1 Mose 3,19.

Die Teilung des Nachlasses
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5.  Die Teilung des Nachlasses
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So sehr der Tod des Maria Lussi-Odermatt seine Kinder, die Verwandten und Freunde schmerzte und sie an die eigene Vergänglichkeit erinnerten: Das Leben auf dem Hof musste weitergehen und die Hinterlassenschaft aufgeteilt werden. Gemäss der «Inventur und Teilung in Verlassenschaftssachen des unterm 4. Januar 1929 verstorbenen Mannes Herrn Maria Lussi, gewesener Landwirt von Stans in Dierikon», ausgefertigt am 22. August 1930, wurde der Kandishof gemäss letztwilliger Verfügung des Erblassers vom 8. September 1923 den beiden Brüdern Josef Maria und Walter Lussi amtlich zugeschrieben. Die Geschwister meines Grossvaters wurden ausgekauft.


Erste Seite des auf den Todestag des Maria Lussi-Odermatt ausgestellten Teilungsvertrags.

 
Die Teilung von 1929
Im oben genannten Teilungsvertrag von besonderem Interesse sind nebst der Auflistung der Aktiven sowie der bestehenden Schulden und Schuldbriefe vor allem auch die im Zusammenhang mit dem Tod des Familienvaters und der Teilung entstandenen Passiven. Sie geben Aufschluss darüber, was eine Beerdigung und der damit verbundene Erbgang damals kosteten, weshalb wir sie hier zwar in gekürzter Form aber im originalen Wortlaut wiedergeben:

Jnventur und Teilung
in Verlassenschaftssachen des unterm 4. Januar 1929 verstorbenen Mannes Herrn Maria Lussi, gewesener Landwirt von Stans, in Dierikon [Auszug in Franken]
(…)
Dem Pfarramt Root für Beerdigung und Gedächtnisse                                                    39.-
Dem Josef Stücheli, Totengräber                                                                                  15.-
Dem Dr. F. Elsig, Root für Arztkosten                                                                         150.-
Dem A. Krieger, Ebikon                                                                                               33.-
Für ein Grabdenkmal                                                                                                  247.-
Dem Emmenegger, Kriens für Leidandenken                                                                  32.-
Der Publizitas Luzern für Jnserate                                                                                46.80
Dem Karl Herzog für Leichenfuhr                                                                                 12.-
Dem Petermann zum Rössli, Root lt. Rechnung                                                            113.30
Dem obigen für ditto                                                                                                    89.30
Dem Peter Kost, Root für Sarg                                                                                      52.-
An Steuer für Erblasser [summarisch]                                                                          140.35
ditto für Sohn Josef Lussi, Total pro 1928                                                                        9.65
ditto für Sohn Walter Lussi, Total pro 1928                                                                     21.65
An Steuer pro 1929 für Erblasser [summarisch]                                                             132.-
pr. Staats- Polizei- Armen- & Kirchensteuer pro
1929 für Sohn Josef                                                                                                        7.15
per ditto pro 1929 für Sohn Walter Lussi                                                                        21.30
An Gemeindeammannn Brunner Dierikon per eidg.
Kriegssteuer der III. Steuerperiode                                                                                 10.-
Für Kosten der Liegenschaftszuschreibung [summarisch]                                                 79.-
Dem Teilungsoffizium Dierikon für Kosten der Besiegelung
Erbsverhandlung, Jnventur, Ausfertigung derselben,
Abschriften des Testaments, Zustellung, Vorlage an
Amtsgehilfen und Protokoll                                                                                         107.80
Dem Gemeinderat per Prüfung                                                                                         6.-
(…)

Zuweisung und Auskäufe
Die Teilung und Zuweisung des Kandishofs erfolgte gemäss der letztwilligen Verfügung des Erblassers vom 8. September 1923. Die Liegenschaft ging demnach an die beiden Söhne Josef und Walter Lussi über und zwar zum Wert der Katasterschatzung von Fr. 42'000.-. Dazu kamen Erbvorempfänge von Fr. 10'415.79 was für Josef und Walter eine Auskaufsumme von Fr. 52'415.79 ergab. Dafür hatten sie die liegenden und fahrenden Schulden von Fr. 33'878.65 beziehungsweise Fr. 1'364.30 zu übernehmen. Die Finanzierung des Restbetrags erfolgt einerseits durch die Anrechnung des eigenen Erbanteils sowie durch die Erbanteile der übrigen Geschwister, die teilweise als Darlehen stehen gelassen wurden.

Onkel Walter
Nun befand sich der Kandishof also im Besitz meines damals erst achtunddreissig Jahre alten Grossvaters Josef Maria Lussi sowie seines Bruders Walter. Bewirtschaftet wurde er jedoch in erster Linie von Josef Maria während Walter auf dem Hof mithalf. Der Einbezug von Walter als Mitbesitzer erfolgte aus Gründen der Familienfürsorge. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht anzunehmen, dass er jemals den Kandishof verlassen und eine eigene Familie gründen würde. Als Mitbesitzer war für ihn jedoch bis ans Lebensende gesorgt. Er erhielt Kost und Logis sowie ein Sackgeld. Dazu übernahm Grossvater auch sonst alle für ihn anfallenden Kosten. Überdies hatte er in der Person seines Bruders eine wertvolle Arbeitskraft. Auch Walter dürfte mit dieser Lösung mehr als zufrieden gewesen sein. Abgesehen vom Verlust seines Vaters änderte sich für ihn nichts. Er konnte weiterhin in seiner ihm von Kindheit an vertrauten Umgebung bleiben und jene Arbeiten verrichten, die er sich seit seiner Jugend gewohnt war. Damit dies auch in Zukunft so bleiben würde, hielt mein Grossvater in seiner letztwilligen Verfügung vom 5. Januar 1965 fest:

«Mit Kauf- und Verpfründungsvertrag vom 15. September 1950 habe ich mich verpflichtet meinen Bruder Walter Lussi 1896 auf Lebenszeit zu mir in meine häusliche Gemeinschaft zu nehmen, ihm in angemessener Weise Wohnung und Unterhalt zu gewähren und ihm in Krankheitsfällen die nötige Pflege und ärztliche Behandlung angedeihen zu lassen. Die Ansprüche von meinem Bruder haben sich nach den gegenwärtigen Lebensverhältnissen zu richten. Diese Verpflichtung hat mein Sohn Josef nach meinem Ableben zu eigenen Lasten zu übernehmen.»

Onkel Walter war ein ruhiger, liebenswürdiger Mensch, der nur wenig redete. Er verstarb nach kurzer schwerer Krankheit am 8. Februar 1971, rund zwei Jahre vor meinem Grossvater. Walter, den alle, auch wir Kinder, ebenfalls Onkel Walter nannten, ist eigentlich unser Grossonkel. Aber so sprach ihn niemand an. Ihn führe ich hier auf, weil er in den später geschilderten Erlebnissen mehrmals erwähnt wird.
Advent, das Fasten und eine Metzgete
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6.  Advent, das Fasten und eine Metzgete
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Noch vor dem Tod des Urgrossvaters Maria Lussi-Odermatt hatte mein Grossvater Josef Maria, geboren am 14. Juli 1891, in der Amalie Rüedi (genannt Elise, später Elisabeth), geboren am 14. August 1891, eine tüchtige Gattin gefunden. Wie Grossvater ging sie in Root zur Schule. Ein durch glückliche Umstände erhaltenes Klassenbild von 1898 zeigt sie ganz rechts in der vordersten Reihe. Sie trägt ein dunkles, wollenes Kleid mit einem weissen und auffallend grossen Spitzenkragen.
Wie sich die beiden kennengelernten, wissen wir nicht. Da sie den gleichen Jahrgang haben ist es gut möglich, dass sie sich vielleicht seit der Primarschule kannten und sich daraus eine Beziehung entwickelte. Wir wissen auch nicht, wo die Trauung stattfand, was die Heirat kostete und wo das Hochzeitsfest stattfand. Nur das Datum kennen wir. Es war der 6. September 1921.

Klassenbild der Mädchenschule in Root von 1898. Amalie Rüedi, genannt Elisabeth, ist das kleine Mädchen in der vordersten Reihe ganz rechts im dunklen Kleid mit dem übergrossen weissen Spitzenkragen.

 


Durch glückliche Umstände hat sich nebst Grossmutters Klassenfoto auch ihr Hochzeitsbild erhalten. Es zeigt sie in dunklem Kleid und mit weissem Schleier, wie dies zu dieser Zeit Mode war. Lange weisse Brautkleider, wie sie heute üblich sind, waren damals noch unbekannt.


Hochzeitsbild der Grosseltern Josef Maria und Amalie (genannt Elisabeth oder Elise) Lussi-Rüedi. Die Trauung war am 6. September 1921. Weisse Brautkleider waren damals noch nicht bekannt. Zur Hochzeit trug man Schwarz. Das Bild entstand im Atelier des damals bekannten Fotografen Emil Goetz, Luzern.

 
Die Kinder
Das Paar hatte sieben Kinder. Das älteste war die am 31. Juli 1922 geborene Maria Josefa, genannt Marie, die später einen während des Zweiten Weltkriegs internierten polnischen Soldaten namens Josef Mikolajczyk heiratete und mit ihm nach Frankreich zog. Das zweitälteste Kind hiess Josef, geboren am 16. August 1924, von uns Onkel Sepp genannt. Gemäss Erbteilungsvertrag vom 12. September 1974 übernahm Sepp später, gestützt auf Grossvaters letztwilliger Verfügung vom 5. Januar 1965, den Hof als Alleineigentum zum Preis von Fr. 50'000.-. Dazu erhielt er die lebende und tote Fahrhabe im Wert von Fr. 24'000.-. Zudem wurden ihm die Kosten für die Anschaffung eines Motormähers und eines Pneuwagens im Betrag von Fr. 3'000.- rückvergütet. Ebenso schrieb man ihm einen Lidlohn für zwanzig Jahre in der Höhe von Fr. 14'000.- gut. Die übrigen Nachkommen wurden gemäss dem erwähnten Erbteilungsvertrag ausgekauft.
Das nächstgeborene Kind Walter kam am 21. Oktober 1926 zur Welt, starb aber bereits am nächsten Tag. Dann folgte Elisabeth, genannt Lisbeth. Ihr Geburtsdatum ist der 26. Februar 1928. Tante Lisbeth war meine Gotte. Sie heiratete Hans Schmid, der als Maschinenmechaniker in der Papierfabrik Perlen tätig war. Das nächste Kind, Albert, geboren am 10. März 1931, ist mein Vater. Ihn nannten wir Kinder nach alter Innerschweizer Tradition nur Dädi. Darauf folgten Walter Josef, genannt Onkel Walti, geboren am 6. Februar 1933 und am 2. Januar 1935 Arnold Alois, der auf den Namen Onkel Noldi hört.

Eine Scheune in Alt-Dierikon im Winter. (Bild Joseph Brunner, Dierikon)

 
Advent, Advent
An die Frühzeit seiner Jugend erinnerte sich mein Vater oft und gerne. Besonders um die Weihnachtszeit erzählte er uns Kindern immer wieder von den gestrickten Socken, die ihm das Christkind brachte, von der Schokolade, welche die Mutter dazwischengeschoben hatte, aber auch von den Birreweggä (Birnenwecken), die es reichlich gab. Ein beliebtes Thema war auch die spätherbstliche Metzgete, die meist in den ersten Dezembertagen stattfand. All das steht in Kontrast zum heutigen Weihnachtsrummel, mit dem wir spätestens ab November überschwemmt werden. Was gibt es da nicht alles, das uns in eine besinnliche Stimmung versetzen soll und doch das Gegenteil bewirkt: Weihnachtsmärkte, Guetzli, Adventskranz, Glühwein, lichterfüllte Städte, Dörfer und Häuser. Der Advent ist heute ein Fest des Konsums, der beruflichen Überarbeitung, der Jahresabschlüsse und der bunten Santa-Claus-Figuren, der LED-Weihnachtsgirlanden und farbigen Lichterketten für den Weihnachtsbaum. Zu kurz kommen Einkehr und Besinnung, ganz zu schweigen vom Spirituellen, den Roratemessen, den vorweihnächtlichen Krippenspielen und Besinnungsabenden. Dafür scheint man in der hektischen Gegenwart keine Zeit mehr zu haben.

Advent an der Schwelle zur Moderne
War es früher besinnlicher und idyllischer? In Josef Konrad Scheubers Bauerngebetbuch von 1960, das nach dem Krieg in fast jedem Bauernhaushalt zu finden war, lesen wir im Abschnitt «Lichtfroher Advent»: «Am Vorabend eines jeden Adventssonntags darf eines der Kinder (Erstkommunikant, Messdiener, das Jüngste) eine neue Kerze anzünden. Unter diesem Lichterkranz betet die Familie allabendlich den Rosenkranz, hier singt man die alten, frommen Weihnachtslieder, hier beten die Kinder zum St. Niklaus und zum Christkind und kerben ihre gebrachten Öpferlein in einen Holzstab ein[1]
Letzteres tönt nach einer brauchtümlichen Trouvaille, die nicht allgemein bekannt ist. Darauf angesprochen schüttelt mein Vater den Kopf. An die Sache mit den Holzstäbchen kann er sich nicht erinnern und auch das Rosenkranzgebet scheint bei ihm keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Stattdessen entfährt es ihm: «Im Advänt hemmer welle guet ässe». (Im Advent wollten wir gut essen). Damit bringt er mich in Verlegenheit, denn meine traditionellen Vorstellungen vom Advent in der «guten alten Zeit» drehen sich um Begriffe wie Fasten, Einkehr, Besinnung, Weihnachtsgeschichten, Adventslieder, Backen, Beten und Basteln mit den Kindern. Entgegen den romantisch-verklärenden Ausführungen in Scheubers Bauerngebetbuch gab es auf dem Kandishof offenbar wenig Volksfrommes, dafür umso mehr Bodenverhaftetes. Ganz so idyllisch, wie im Bauerngebetbuch beschrieben, war es damals offenbar doch nicht.

Die traditionelle Hofmetzgete
Schnell kommt er zum Kern der Sache. Bereits im Frühherbst, erfahre ich, bestellte sein Vater den Störmetzger. Hans Furrer hiess der Mann, der in Ebikon in der Nähe des Gasthauses Löwen wohnte und ab Anfang November ständig bei den Bauern der Gegend unterwegs war. Geboren war Hans Furrer im Jahre 1900. Er war der Grossvater und zugleich Pate des 1958 geborenen Joseph Brunner, der heute (2023) zusammen mit seiner Familie die ehemalige Mühle und Bäckerei Brunner führt. Daneben betrieb Furrer noch eine Kalbermast. Nur vom Metzgen allein hätte er nicht leben können.

Die Vorbereitungen
Rückte der Schlachttag näher, rieb sich Grossvater vor Freude die Hände und sagte mit Verschwörermiene, als ob es hier um die Preisgabe eines Staatsgeheimnisses ginge, immer wieder: «De Forrer Hänsli chonnt, de Forrer Hänsli chonnt» (Der Furrer Hans kommt, der Furrer Hans kommt).
Lange bevor das Schwein aus dem Stall geholt wurde, herrschte rege Betriebsamkeit. In grossen, mit Holz befeuerten Kesseln, die man je nach Verwendung Wöschhafä (Waschhafen zum Kochen der Wäsche) oder, wenn darin Kartoffeln gekocht wurden, Härdöpfudämpfer nannte, brodelte heisses Wasser.[2] Auf einem Tisch hatte der Metzger verschiedene Messer, zwei Haken und einige Borstenglocken ausgebreitet. Das Gerät, das der Störmetzger nie aus den Augen liess, war der Bolzen- oder Schlachtschussapparat, eine Erfindung von Dr. Hugo Heiss (1863-1936), ehemals Direktor des Schlachthofs von Straubing. Mit diesem Gerät wird das Tier vor dem Schlachten betäubt.[3]Nun wird es gestochen und das Blut aufgefangen. Danach hieven es die Helfer in einen grossen Holzzuber und übergiessen es mit kochendem Wasser. Durch das Überbrühen werden Haut und Borsten aufgeweicht. Damit sich die Borstenhaare leichter lösen, wird dem Wasser frisches Baumharz beigemischt. Die Borstenhaare des Schweines verarbeitete man damals zu Bürsten und Pinseln. Dazu wurden die rohen Borsten gekämmt und sortiert, mit Alaunwasser oder Seife gereinigt und mit schwefliger Säure gebleicht.

Das Schlachtschwein wird aus dem Stall geholt. Geschlachtet wurde meist zu Beginn des Winters, damit die Würste länger haltbar blieben. Photographie um 1930.

 
Das Entborsten
Nach dem Brühen nimmt der Störmetzger mithilfe der Umstehenden das Schwein aus dem Wasser und legt es auf eine über den Holzzuber geschobene Leiter. Nun beginnt die mühselige Arbeit des Entborstens. Wie schon seit Jahrhunderten wird bei einer Husmetzgete (Hausmetzgete) diese Tätigkeit auch heute noch von Hand verrichtet. Zum Entborsten benutzt der Störmetzger eine Schabe- oder Borstenglocke, seltener ein Schabmesser. Das trichterförmige Gerät besteht aus verzinktem oder rostfreiem Stahl. Die kreisförmige Unterkante der Glocke, mit der die Borsten abgeschabt werden, ist scharf geschliffen. Der Haken an der Spitze dient zur Entfernung der Hornteile (Klauen) der Schweinepfoten, die man Füessli nennt. Diese Arbeit war vor allem früher wichtig, als noch alle Teile des Tieres verwertet wurden. Die Klauen verarbeitete man meist zu Zier- und Gebrauchsgegenständen. Und da wir schon beim Verwerten sind: Aus Knochen und Schlachtabfällen stellte man Leim her.[4] Selbst die übriggebliebenen Knochen wurden weiterverwendet. In einer durch Wasserkraft angetriebenen Chnochestampfi wurden sie zu Knochenmehl gestampft, das wiederum als Dünger Verwendung fand.
Das Entfernen der Borsten ist trotz der gut geschliffenen Fleischerglocke, wie die Borstenglocke auch genannt wird, noch immer eine anstrengende Arbeit, die vom Störmetzger selbst oder dann von geübten Helfern ausgeführt wird. Das von den Borsten befreite Tier kann nun ausgenommen werden. Dazu befestigt der Metzger an den Hinterbeinen des Schweins massive Fleischerhaken. An diesen wird es mittels eines Seilzugs aufgehängt. Auf dem Kandishof geschah dies im Inneren der Trotti. Das ist das Mostereigebäude, in dem sich auch die Mostpresse befand und verschiedene Gerätschaften untergestellt waren. Dazu hatte es an den Deckenbalken massive eiserne Ringe durch die das Schwein mittels Ketten aufgezogen wurde. An diese Ringe erinnere ich mich gut, weil ich damals dachte, das sei die Deckenhalterung für ein Riitiseili (Kinderschaukel).

Das Ausnehmen
Noch vor dem Aufhängen hat der Metzger den Darmausgang freigeschnitten. Von dort ausgehend öffnet er nun dem kopfüber hängenden Tier die Bauchhöhle. Helfer fangen die herausquellenden Innereien mit einem Kübel auf. Die Därme werden später gereinigt und in Salzlake gelegt. Das Grick oder Gerick (Herz, Lunge und Leber des eben geschlachteten Schweines) legt der Metzger beiseite. Anschliessend teilt er das Tier in zwei Hälften. Dazu verwendet er eine Säge oder, wie Hans Furrer und Toni Wagner, das traditionelle Hackbeil. 

Abflammen und Zerlegen
Vor dem Zerlegen werden die Schweinehälften abgeflammt oder gesengt. Das Abflammen oder Sengen ist ein Verfahren, bei dem die Schwarte mit einer offenen Flamme von den restlichen Borstenhaaren und Stoppeln befreit wird. Dann folgt das Zerlegen. Die besten Teile des Schweines halten sich am längsten. Sie werden daher beiseite gelegt, da sie erst später verzehrt werden. Das übrige Fleisch wird zu Bratwürsten verarbeitet. Dazu wird es mithilfe eines Fleischwolfs gehackt, dann gewürzt, gesalzen und schliesslich in die zuvor gereinigten Schweinsdärme gefüllt. Das Grick, das mittlerweile in den grossen Kochkesseln zusammen mit Halsspeck und Schwartenstücken gar geworden ist, wird vom Störmetzger zu Leberwürsten und das beiseite gestellte Blut zu Blutwürsten verarbeitet. Als Hüllen werden Rinderdärme verwendet.

Leberwürste
Der Störmetzger Hans Furrer hat seine Rezepte mit ins Grab genommen. Aus der Erinnerung weiss ich, dass seine Leberwürste nicht viel anders schmeckten, als die heutigen, zu denen man Apfelmus reicht. Früher kamen die Äpfel jedoch direkt in die Leberwurst. Darauf zurück geht der Name einer längst verschwundenen Bauerngaststätte im Luzerner Luthertal. Sie hiess Zur süssen Wurst. Bekannt geworden ist sie im Zusammenhang mit einer Messerstecherei, bei der einer der verletzten Kontrahenten auf dem Weg zu dieser Gaststätte  verblutete. An dieses Ereignis erinnert bis heute ein Bildstöcklein. Es steht dort, wo der Schwerverletzte tödlich zusammenbrach.

Bildstöcklein im Luthertal. Es steht noch immer dort, wo das eine Opfer der Messerstecherei tödlich verletzt zusammenbrach (siehe Text). Unweit davon befand sich die heute verschwundenen Bauerngaststätte "Zur süssen Wurst".


Zurück zur süssen Wurst. Dazu ein Berner Rezept aus einem Kochbuch von 1830:

«Legt eine Schweinsleber in laues Wasser und lasst das Blut recht ausziehen, häutelt dieselbe und schwellt sie im siedenden Wasser; schneidet dann einen Kabiskopf in vier Theile und schwellt ihn mit der Leber. Wenn alles eine Viertelstunde gekocht hat, so nehmt es heraus, schneidet die Kabisstorzen weg, und hackt denselben mit der Leber; schneidet dann in eine Pfanne 3 Viertelpfund Schmeer in kleine Würfel mit fein gehackten Zwiebeln, schweizt sie bis sie weich sind, fügt noch eine Hand voll gehackte Reinetteäpfel, und die Krumen von einem halbbatzigen weissen Brod, die zuvor in Nidlen geweicht waren, dazu, mischt alles wohl durcheinander, nebst Salz, weissem Pfeffer, Mazis oder Muskatnuss, und 1 Viertelpfund sauber gewaschenen Rosinen. Wenn alles wohl vermischt ist, so thut es in sauber gereinigte fette Därme, verbindet sie wohl und schwellt sie
(Aus: Vollständiges Kochbuch, oder Anweisung allerley Speisen auf abwechselnde und schmackhafte Art zuzubereiten. Bern 1830, S. 81)

Begriffliches: häuteln: die Haut abziehen; schwellen: knapp unter dem Siedepunkt in heissem Wasser ziehen lassen; Kabis: Weisskohl; Storzen: in Süddeutschland und in der deutschen Schweiz verbreitete alemannische Bezeichnung für Strunk; Schmeer: mundartlicher Ausdruck für Fett, insbesondere das Bauchfett der Schweine. Der seit dem 8. Jahrhundert belegte Begriff geht zurück auf das mittelhochdeutsche smer (althochdeutsch smer bzw. das germanische smerwa für Fett. im Luzernischen Schmutz genannt); schweizen: dünsten; halbbatzig: hier nicht als «von geringem Wert» zu verstehen, sondern als Massangabe. Halbbatzig ist die Brotmenge, die man (1830) für einen halben Batzen bzw. 5 Rappen erhielt; Nidle: schweizerische Bezeichnung für Rahm, Sahne. Die Herkunft ist unklar. Im Mittelhochdeutschen bedeutet nidelen «absahnen».
Das hier genannte Rezept hat sich bis heute in den Siedwürsten der Westschweiz erhalten, nämlich in der Saucisse aux choux vaudoise (Kabiswurst nach Waadtländer Art) und in der besonders im französischsprachigen Jura verbreiteten Saucisse au Marc, die nebst Weinbrand auch Weinbeeren enthält.

Die Schlachtplatte
Der Termin, auf den der Störmetzger auf den Kandishof bestellt war, sprach sich bei der Verwandtschaft schnell herum. Am Schlachttag kamen sie dann von weither angereist, um zu verzehren, was zuerst weg musste: Blutwürste, Leberwürste, Füessli und Schnörrli. Aber keine Bratwürste. Diese legte meine Grossmutter fein säuberlich auf Holzbretter und trug sie in den Estrich, wo sie, um das kostbare Gut vor Mäusen zu schützen, an Drähten aufgehängt wurden. Damals waren die Winter noch streng und die Dächer nicht isoliert. Die Würste waren schnell gefroren und hielten dadurch bis in den Januar. Der Bauchspeck und die zum Räuchern bestimmten Würste hing man in die grosse Rauchkammer im Estrich.[5] Die besseren Fleischstücke wurden eingepökelt. Die gab’s an Weihnachten.
Den reinen, fein gehackten Schweinsspeck erhitzte man in grossen Eisenpfannen und füllte das austretende Fett, das in der Zentralschweiz Schmotz heisst, in Hafe genannte Töpfe aus blau glasiertem Steingut, wie sie heute auf jedem Flohmarkt für wenig Geld zu haben sind. Was vom Speck übrig blieb, nannte man Gröibi (Grieben). Darunter zu verstehen ist das in der Pfanne zurückbleibende Bindegewebe der Speckteile. Gröibi passt wunderbar zu Brot oder zu Rööschti. Die Spezialität aus Grossmutters Zeiten gibt es heute nur noch im Rahmen von privaten Huusmetzgete (Hausschlachtung).
An den Schmotzhafe in der Kandishof-Küche kann ich mich noch gut erinnern. Er stand zusammen mit dem Salz- und dem Ankehafe (Steinguttopf mit eingesottener Butter) links vom Feuerherd auf einer grob gezimmerten Holzbank.
Blut- und Leberwürste, Schnörrli, Füessli, Bratwürste, Eingepökeltes, Geräuchertes. In dieser Reihenfolge wurden die Vorräte den Advent über und in der Weihnachtszeit verzehrt. So war es während des Krieges, betonte mein Vater und ergänzte, dass sich am Schlachttag die Verwandtschaft nicht nur «Haut und Bauch» vollschlug, sondern auch nie mit leeren Händen nach Hause ging. Denn vor allem während des Krieges war das märklifreie Fleisch, also Fleisch, zu dem man ohne Essensmarken kam, als vorweihnächtliche Zugabe sehr geschätzt. Dazu muss man wissen, dass das Fleisch und viele andere Grundnahrungsmittel in den Kriegsjahren rationiert und nur mit Lebensmittelmarken erhältlich waren.


Weihnachten auf dem Kandishof war nicht ganz so idyllisch wie auf dieser Postkarte aus der Zeit um 1910. Aber auch Grossvaters Weihnachtsbaum war nach städtischem Vorbild mit Kerzen, roten und weissen Glaskugeln sowie viel Lametta geschmückt. Und so sah er auch in meiner Jugend aus.

 
Weihnachtsgebäck
«Und Weihnachtsgebäck?» hakte ich beim Vater nach. Schliesslich ging es hier um den Advent und um Weihnachtsbräuche und nicht ums Metzgen. Ja, Gebäck gab es auch, selbst in den Kriegsjahren. Vorherrschend waren Zimtsterne, Chräbeli (ein helles, leicht gebogenes und mehrfach eingeschnittenes Änisgebäck) und Mailänderli. Letzteres ist ein traditionelles, in der Deutschschweiz und in Süddeutschland unter diesem Namen verbreitetes Wiehnechtsguetzli (Weihnachtsgebäck). Es besteht aus Mehl, Zucker und Butter und hat einen leichten Zitronengeschmack. Vor dem Backen wird es mit etwas Eigelb bestrichen, was ihm eine schöne, braungelb glänzenden Oberfläche verleiht.
Zur Hauptsache aber hatte man Birreweggä (Birnenweggen), denn zu dieser Zeit hatte der Kandishof einen grossen Bestand an Obstbäumen. Birnen von besserer Qualität wurden nach der Ernte gedörrt, der Rest gemostet. In der Adventszeit weichte meine Grossmutter die Dörrbirnen ein und zerstampfte sie zu einem Chrosi genannten Mus, dem sie noch etwas Zimt, wenig Zucker und Baumnüsse hinzufügte. Damit die Masse sämig wurde, gab sie noch etwas Honig und vor allem Birnel dazu. Birnel, umgangssprachlich Birrehong (Birnenhonig; Birnendicksaft) genannt, ist ein opaker, dickflüssiger, brauner bis schwarzbrauner eingedickter Fruchtsaft aus Birnen. Er wird in der Zentralschweiz hauptsächlich aus Birnen von Hochstammbäumen hergestellt und in der Bauernküche als Brotaufstrich und zum Süssen von Gebäck und Getränken verwendet. Birnenhonig war schon im Mittelalter bekannt, bevor man Mitte des 18. Jahrhunderts industriell Zucker und damit Marmeladen herstellen konnte.
Aufgabe der Buben war es dann, das Gemisch zur Bäckerei Brunner am Fuss des Mülihogers in Dierikon zu bringen. Daraus stellte der Mülibeck die Birnenweggen her. Rund dreissig Stück liessen sich aus dem gelieferten Chrosi backen, selten weniger, meistens mehr, erinnerte sich mein Vater. Die Buben holten sie mit einem Wägeli, das ist ein kleiner, von Hand gezogener Leiterwagen, ab und schichteten die Birnenweggen sorgfältig in grosse Zeinen, die man zurück im Kandishof in einem kühlen Zimmer aufbewahrte. Der Vorrat reichte in der Regel bis in den Januar.

Mühle und Bäckerei Brunner in Dierikon, um 1950. Die Brunners waren direkte Nachbarn zu den Lussis auf dem Kandishof. (Bild und Sammlung Joseph Brunner, Dierikon)

 


Luzerner Lebkuchen
Nebst den Birreweggä gab es auf dem Kandishof vor allem in der Zeit um St. Nikolaus (6. Dezember) auch Lebkuchen. Eine wichtige und für damalige Verhältnisse nicht gerade preisgünstige Zutat war die Nidle (Sahne). Auf dem Kandishof hatte man genug davon aus eigener Produktion und keinen Mangel gab es auch beim Birnenhonig. Gedörrte Birnen und Brennholz aus dem eigenen Wald fürs Einkochen waren im Überfluss vorhanden.
Im Gegensatz zu den Nürnberger Lebkuchen, die sogar ins Ausland exportiert werden, ist der Luzerner Lebkuchen kaum über die Grenzen der Zentralschweiz hinaus bekannt. Er ist eine regionale Spezialität, die im Herbst, besonders aber in der Zeit um St. Nikolaus, auf zwei verschiedene Arten hergestellt wird. Der dunkle, fast schwarze Lebkuchen hat die Form eines flachen, runden Brotes. Man isst ihn mit gschwungener Nidle (Schlagsahne) und trinkt dazu Milchkaffee. Manche streichen auch noch etwas Anke (Butter) auf die Schnitten.
Etwas heller ist der Teig, aus dem man Läbchueche-Samichläus herstellt. Das sind schemenhaft geformte Lebkuchen, die mit einem farbigen Bild des Weihnachtsmannes oder dann, was selten geworden ist, mit einem Bild des hl. Nikolaus von Myra beklebt sind. Diese Gebildbrote sind Überbleibsel ursprünglicher Opferbrote, die in den Rauhnächten, also in der Zeit um die Wintersonnenwende, geopfert wurden. Sie waren als Abbilder einer Wintergottheit geformt und leben bis heute nicht nur in den beklebten Lebkuchen fort, sondern auch in den Grittibänzen und Grättimannen, die aus Hefeteig hergestellt werden. Mit der Einführung des Christentums wurden diese Kultgebäcke, die man Gebildbrote nennt, ihres heidnischen Charakters beraubt; an die Stelle des bärtigen Wintergottes trat nun der hl. Nikolaus, während die Grittibänzen und Grättimannen ihre heidnische Gestalt bewahren konnten.

Lebkuchenbildchen
Die farbigen Bildchen, mit denen die Läbchueche-Samichläus verziert werden, stammen in der Regel aus England. Sie zeigen meist einen bärtigen Mann in rotem, seltener blauem oder grünem Gewand. Auf diesen farbenprächtigen Bildchen trägt der Samichlaus schwere Stiefel und eine Mütze, die manchmal mit Stechpalmen umwunden ist. In dieser Aufmachung erinnert die Figur mehr an eine nordische Gottheit, als an den hl. Nikolaus von Myra, mit dem diese Bildchen kaum noch etwas gemeinsam haben. Nur vereinzelt werden noch Lebkuchenchläuse angeboten, deren aufgeklebte Bildchen den hl. Nikolaus zeigen.
Die ältesten Luzerner Lebkuchenrezepte finden sich in den Aufzeichnungen des Stadtschreibers und Apothekers Renward Cysat (1545-1614). Seine Rezepturen unterscheiden sich kaum von den heute gebräuchlichen. In bäuerlichen Haushalten, wie dem Kandishof, wird der bei Cysat erwähnte Honig, durch Birnenhonig (Birrehong) ersetzt, was dem Lebkuchen die charakteristische dunkle Farbe gibt.

Ein Rezept für Luzerner Lebkuchen

Für die Herstellung benötigt man die folgenden Zutaten:

1 Tasse süsse oder saure Nidle (Sahne), halbsteif geschlagen, 3 Esslöffel Birnenhonig (Birnendicksaft), 1 Tasse Zucker, etwas abgeriebenen Zitronenschale, 1 gehäufter Esslöffel Lebkuchengewürz, 1 gehäufter Kaffeelöffel Natron in etwas lauwarmer Milch aufgelöst und etwas Salz. Diese Zutaten mit etwa 400 bis 500 Gramm Mehl vermischen und nach Bedarf etwas lauwarme Milch dazugeben, bis der Teig noch dicklich von der Holzkelle läuft. Etwa 60 bis 70 Minuten bei 180 Grad backen.

(Nach einem Rezept auf der Rückseite eines Glases mit Birnendicksaft)

Wunsch und Wirklichkeit
Doch wo bleiben die alten Lieder, die Lichter, die Weihnachtsgeschichten und frommen Texte? Um nochmals aus Josef Konrad Scheubers Bauerngebetbuch zu zitieren: «Man nütze die freien Stunden und Abende, um mit der ganzen Familie wahre Vorbereitung auf die Ankunft Christi in der Weihnacht zu halten[6] Nun denn, wie so oft klaffen auch hier Wunschdenken und Wirklichkeit auseinander. Auf den Bauernhöfen war die Arbeit hart, der Arbeitstag auch im Winter lang und kalt und am Abend ging man folglich zeitig ins Bett. Für Besinnliches, Beschauliches und Brauchtümliches ohne direkten Nutzen blieb daher wenig Zeit. Und beten? Hemmer scho au (Haben wir schon auch), sagte mein Vater, d’Muetter hed’s eso welle (die Mutter wollte es so). Immerhin etwas, das Konrad Scheuber wohlwollend zur Kenntnis genommen hätte.

 

 

[1] Josef Konrad Scheuber: Bauern-Gebetbuch, Einsiedeln 1955, S. 400-401.

[2] Diese und die nachfolgenden Schilderungen basieren auf eigenen Beobachtungen sowie fachlichen Ergänzungen des verstorbenen Störmetzgers Toni Wagner, Ettiswil.

[3] Hans Furrer benutzte dazu einen Bolzenapparat ohne Feder. Stattdessen schlug man mit einem schweren Hammer auf den hervorstehenden Bolzen, wie das bis zum Anbruch der Moderne allgemein üblich war.

[4] Die in unserer Gegend bekannteste Produktionsstätte für Knochenleim war die von Heinrich Glättli (1824-1884) in Zürich-Riesbach gegründete Leimfabrik, die nach dem technischen Berater des Betriebs, Johann Heinrich Geistlich (1824-1884), benannt wurde. 1899 übernahm die Firma die Knopf- und Beinwarenfabrik Josef Meyer im luzernischen Wolhusen und wandelte sie ein Jahr später in eine Leim- und Düngerfabrik um. Wikipedia, Geistlich Pharma, https://de.wikipedia.org/wiki/Geistlich_Pharma (Aufruf vom 31.7.2023).

[5] Mündlich von Albert Lussi-Bieri, Villmergen.

[6] Josef Konrad Scheuber: Bauern-Gebetbuch, Einsiedeln 1955, S. 400.

Mittwinterliches Brauchtum, die Rauhnächte und die Zwölften
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7.  Mittwinterliches Brauchtum, die Rauhnächte und die Zwölften
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Brauchtümliches zur Mittwinterzeit ist vom Kandishof wenig überliefert. Die Gründe habe ich oben bereits angedeutet. Zwar gab es im Winter weniger zu tun als in der übrigen Zeit des Jahres. Dennoch hatte man wenig Freizeit. Nach dem Nachtessen hörte der Grossvater mit seinem Detektor, von dem später noch die Rede sein wird, die Nachrichten und erzählte das Neueste seiner Familie, während das Geschirr gewaschen und die Küche aufgeräumt wurde. Dann aber war Lichterlöschen, denn am anderen Tag musste man zeitig wieder aus den Federn. Etwas auf der Strecke blieben daher die zahlreichen Winterbräuche, die andernorts vielleicht etwas intensiver gepflegt wurden. Dennoch führe ich nachstehend der Vollständigkeit halber die wichtigsten auf, darunter auch solche aus anderen Teilen Europas.

Mittwinter
Die dunkelste Zeit des Jahres ist zugleich die geheimnisvollste. Kein Abschnitt des Jahres ist reicher an Sagen und Legenden, an alten Bräuchen, überlieferten Ritualen und Orakeln, die über Zukünftiges Aufschluss geben sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Zwölften. Das sind die zwölf Tage und Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Anders als früher werden sie heute mit den Rauhnächten gleichgesetzt. In einer Fülle von Büchern kann der Interessierte nachlesen, was es mit dieser Zeit auf sich hat, was für Geheimnisse diese Nächte bergen und welche Rituale am wirksamsten sind. Doch so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, ist das Ganze nicht. Das belegen die frühen Bauernkalender. Sie unterscheiden zwischen den Zwölften und den eigentlichen Rauhnächten.


Vorbereitungen zu einer mittwinterlichen Holzschleipfete. Unter diesem Begriff zu verstehen ist das Schleppen von Baumstämmen mittels eines Pferdegespanns. Dies geschah der Einfachheit halber meist dann, wenn der Boden gefroren war. (Postkarte um 1900)

 

 
Die Zwölften
In der Innerschweiz gelten die zwölf Tage und Nächte als Lostage. Das sind bestimmte Tage im Jahr, die nach altem Volksglauben vor allem Aufschluss über das zu erwartende Wetter geben. Die Zwölften sind bedeutsam für die Verrichtung landwirtschaftlicher Arbeiten, die vom Wetter abhängig sind, wie zum Beispiel Aussaat oder Ernte. Anleitungen, wie sie zu deuten sind, finden sich in den traditionellen Bauernkalendern.

Unter dem Titel «Von den zwölff Tagen und Nächten» enthält die 1591 gedruckte Ausgabe des Calendarium Oeconomicum & Perpetuum auf mehreren Seiten Hinweise, auf welche Wetterverhältnisse in den Zwölften zu achten ist. Massgebend sind einerseits der Sonnenschein und andererseits der in den zwölf Nächten vorherrschende Wind. So finden wir unter dem Eintrag «Am Christtag» den Zweizeiler: «Scheint die Sonne vollkömlich und klar / So bedeuts ein frölich Jahr.» Sonnenschein galt in allen Bereichen als gutes Omen. Anders verhielt es sich mit dem Wind. Sein Wehen in der Nacht verhiess bezüglich des zu erwartenden Wetters und der davon abhängenden Fruchtbarkeit Ungutes. Wehte der Wind in der elften der zwölf Nächte, so befürchtete man, dass «wird sterben des Viehes viel» und empfahl dem Leser daher wärmstens «Drumb bete vleissig und sey nicht still.»

Wetterorakel
Die Beobachtung des Wetters in den Zwölften und dessen Bedeutung für die Witterung des kommenden Jahres hat Tradition. Der verstorbene Entlebucher Feldmauser Josef Schärli, der sich Feldrichter nannte, notierte in den Zwölften die Witterung jedes einzelnen der zwölf Tage. Jeder Tag repräsentierte dabei einen Monat des kommenden Jahres, beginnend mit dem Weihnachtstag, der für den Januar stand und endend mit der Nacht auf den Dreikönigstag. Dazu kamen bestimmte Vorkommnisse und Zeichen, aus denen er über das im kommenden Jahr [bezüglich des Wetters] zu erwartende Glück oder Unglück Schlüsse zu ziehen versuchte.[1] Ähnliches machte auch der aus einer kinderreichen Familie stammende Feldmauser Hans Kurmann (1905-1996), der allgemein nur Süessmuser genannt wurde. Er hielt seine Beobachtungen in einem Bauernkalender fest und verglich sie Ende des Jahres mit seiner Fangstatistik. Daraus leitete er ab, welchen Einfluss das Wetter auf die Population der Feldmäuse und damit auf sein Einkommen als Feldmauser haben werde.[2]

Die Rauhnächte
Nicht mit den Zwölften zu verwechseln sind die Rauhnächte. In den meisten Gegenden des Alpenraums kennt man nur fünf, manchmal auch sechs oder sieben Rauhnächte, von denen jedoch nur ein Teil mit den Zwölften zusammenfällt. Die bei uns bekanntesten sind die Nacht auf den Nikolaustag (6. Dezember), jene auf den Luzientag (13. Dezember), die Thomasnacht (21. Dezember), die Nacht auf den Christtag (25. Dezember), die Silvesternacht (31. Dezember auf den 1. Januar) sowie die Nacht auf den Dreikönigstag (6. Januar). Es sind Orakel- und Ritualnächte in denen die Mächte der Finsternis am aktivsten und magische Handlungen daher am erfolgversprechendsten sind.

Die Nacht auf St. Nikolaus
St. Nikolaus, der Heilige mit dem goldenen Buch, in dem die guten und weniger guten Taten der Kinder verzeichnet sind, hat die Nachfolge Wodans angetreten. Wodan ist nach dem römischen Schriftsteller Tacitus der höchste Gott der Germanen und Herr der Toten. Er lebt einerseits fort im Weihnachtsmann, der wie Russlands Väterchen Frost einen weissen Bart trägt, und andererseits in St. Nikolaus, der katholischen Ausprägung Wodans.
Im alpenländischen Raum wird St. Nikolaus beim Auszug aus der Kirche vielerorts vom Wilden Heer begleitet, das ihm lärmend den Weg bahnt und zugleich die unruhigen Toten und bösen Geister vertreibt. Der Brauch geht zurück auf die keltisch-germanische Vorstellung, wonach die Seele des Menschen im Zeitpunkt des Todes die sterbliche Hülle verlässt und Teil des Wilden Heeres wird. In den Sagen unserer Gegend wird das geisterhafte Heer der Toten vom Türst angeführt, der eine Verkörperung Wodans ist. Frühe Belege dafür finden wir in der Collectanea Chronica und denkwürdige Sachen pro Chronica Lucernensi et Helvetiae des Luzerner Stadtschreibers Renward Cysat (1545-1614). Er berichtet vom wilden Türst, der in dunklen Winternächten als heftiger Sturmwind ins Jenseits braust. Wo er durchjagt, schützt man Haus und Hof mit magischen Zeichen und Marienbildern oder trifft sonstige Vorkehrungen, um sich vor dem Geisterheer zu schützen, das alles zerschmettert, was sich ihm in den Weg stellt.[3]
Auf dem Kandishof verkleidete sich am Abend des 6. Dezember Dädis Vater als hl. Nikolaus. Woher er das Kostüm hatte oder ob er sich der Einfachheit halber mit alten Kleidern unkenntlich machte, ist nicht überliefert. Dädi erinnert sich jedoch, dass sein Vater jeweils mit einem umgekehrten Melkkessel und einem Holzknebel einen ohrenbetäubenden Lärm zu machen pflegte. Die Gaben, die der «hl. Nikolaus» damals brachte, waren bescheiden. Nüsse, Äpfel und manchmal ein paar Guetzli (Biskuits). Es war Krieg, und Süssigkeiten wie Schokolade waren Mangelware.


Erinnerung an die grosse Kälte von 1929. Am 12. Februar fiel in der Stadt Luzern das Thermometer auf minus 24,6 Grad. Im Vordergrund das damalige Entengehege. Im Hintergrund die Reuss mit darauf treibenden Eisschollen. (Zeitgenössische Postkarte)

 
Die Luziennacht
Die Nacht auf den Festtag der hl. Luzia (Lucia), der Lichtbringerin, war im Mittelalter, als man noch nach dem Julianischen Kalender rechnete, die längste Nacht des Jahres. Danach nahm die Tageslänge wieder zu. Da aber der Julianische Kalender rund elf Minuten länger ist, als die Zeit von einer Frühlings-Tagundnachtgleiche zur anderen, stimmte die kalendarische Wintersonnenwende schon bald nicht mehr mit den tatsächlichen astronomischen Gegebenheiten überein. Zur Zeit der Einführung des Gregorianischen Kaenders im Jahre 1582 betrug die Differenz des Julianischen Kalenders zum astronomischen (tropischen) Jahr bereits zehn Tage. Dazu ein Beispiel. Im Calendarium Oeconomicum von 1591 heisst es zwar «Auff Barnabae die Sonne Weicht / Auff Lucia sie wieder zu uns schlecht.» In Wahrheit war bereits 1591, also neun Jahre nach der Einführung des Gregorianischen Kalenders, die längste Nacht nicht am Luzientag, sondern am 21. Dezember. Heute ist die Differenz zwischen dem alten Julianischen und dem aktuellen Gregorianischen Kalender bereits auf 13 Tage angewachsen. Daraus erklärt sich auch, weshalb die Appenzeller Silvesterchläuse zweimal von Hof zu Hof ziehen, nämlich am 31. Januar nach unserer Zeitrechnung und dann nochmals am alten Julianischen Silvester, der auf den 13. Januar fällt. Ihr Auftreten soll einerseits die Schaden bringenden Dämonen vertreiben, die in der Mittwinterzeit am aktivsten sind, und andererseits die guten Geister anlocken, die für ein fruchtbares Jahr sorgen sollen.

Die Thomasnacht
Die Thomasnacht, die Nacht vom 20. auf den 21. Dezember, ist die letzte Nacht vor der Wintersonnenwende. Diese ist am 21. Dezember, wenn die Sonne in das Zeichen des Steinbocks tritt. Von diesem Moment an werden die Tage länger.
In der Thomasnacht zog nach dem Abendläuten an manchen Orten ein Priester segnend, betend und Weihrauch räuchernd durch das Haus. An seiner Stelle tat dies oft auch das Familienoberhaupt. Verwendet wurde dabei nicht Weihrauch, der als heilige Substanz ausschliesslich für den kirchlichen Gebrauch reserviert war, sondern man besprengte die Räume betend mit Weihwasser. Die Segnung des Hauses durch den Familienvorstand mit geweihten Kräutern und Wacholderbeeren kam erst später auf.
Wie die Andreas- und die Christnacht ist die Thomasnacht günstig, um mehr über den zukünftigen Bräutigam zu erfahren. Dazu stellt sich die heiratswillige Tochter nackt vor einen Spiegel und kehrt dazu mit einem Besen rückwärtsgehend die Kammer. Im Spiegel, heisst es, könne sie dann den Zukünftigen erblicken. Oder er erscheine ihr im Traum, wenn sie vor dem Schlafengehen ein Gebet zum hl. Andreas spreche. Vielleicht ist manch eine wegen dem, was ihr das Traumbild offenbarte, ledig geblieben.

Die Christnacht
Die Zahl der Orakel, Riten und Vorstellungen, die sich mit der Nacht auf den Weihnachtstag verbinden, ist fast unübersehbar: Haus und Stall werden ausgeräuchert, um Mitternacht können die Tiere sprechen, man sieht den zukünftigen Bräutigam, und auch sonst ist die Christnacht «gut» für allerhand Zauber.
Von ganz besonderen Vorstellungen geprägt ist die Weihnachtszeit im ehemaligen Ostpreussen. Bei den dort nach dem Krieg angesiedelten Russen geht die Furcht vor dem Werwolf um. Sie nennen ihn oboroten, was verwandelt und zugleich behände bedeutet. Darauf bezieht sich ein alter russischer Brauch. In der Weihnachtszeit, an manchen Orten in der Christnacht, hängen sich junge Burschen vilcuren (Wolfspelze) um. So verkleidet ziehen sie durch die Dörfer und necken und peinigen jene, die sie ergreifen können.


Die Heiligen Drei Könige an der Krippe des Christuskindes. Die Gaben, die sie bringen, haben eine symbolische Bedeutung. Gold steht für Licht, Weihrauch versinnbildlicht Opfer und Gebet und Myrrhe ist seit der Antike ein Symbol des Leidens und des Todes. (Postkarte um 1910)

 
Dieser Brauch erinnert an ähnliche Überlieferungen aus anderen Gegenden im Nordosten Europas. Frühe Belege dafür finden wir in der Nord-schwedischen Hexerey, einer 1677 gedruckten Beschreibung der schändlichen Verführungen des leidigen Satans. Aus dem Druckwerk geht hervor, dass in Kurland und Livland die Weihnachtszeit, besonders aber die zwölf Tage und Nächte zwischen dem Weihnachts- und dem Dreikönigstag, die bevorzugte Zeit der Werwölfe war, in der sie die Lebenden besonders häufig plagten und ihnen selbst in den Dörfern nachstellten. Waren es hungrige Wölfe, die damals in die Dörfer eindrangen und von denen man glaubte, es seien Werwölfe? Wir wissen es nicht.[4]

Luzerner Werwölfe
Was wir hingegen wissen ist, dass auch bei uns der Glaube an Werwölfe verbreitet war, was wiederum mit der im 17. Jahrhundert bei uns herrschenden Wolfsplage zu tun hat.[5] So gesteht 1664 ein gewisser Peter Breitenmoser von Wolhusen den Richtern zu Luzern, er habe sich «zu einem wolff gmacht (…) und 2 schaff nider gerissen.»[6] Und nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass im Museo di Castelgrande in Bellinzona eine etwa auf das Jahr 1470 zurückgehende Temperazeichnung auf Papier ausgestellt ist, die zusammen mit anderen Zeichnungen einst die Kassettendecke eines aus dem 15. Jahrhundert stammenden und jetzt leider abgerissenen Herrschaftshauses in Bellinzona zierte. Die farbige Malerei zeigt einen lupo mannaro, einen Werwolf. Es ist gut möglich, dass sich Johann Lussi (1531-1580), der, wie wir wissen, von 1572-1574 und offenbar noch 1580 Landvogt zu Locarno war, mit Werwölfen und anderen Formen der Hexerei und des Zauberglaubens befassen musste oder zumindest von diesen Dingen Kenntnis hatte.


Lupo Mannaro (Werwolf). Temperazeichnung auf Papier aus der Zeit um 1470. Zusammen mit anderen Zeichnungen zierte sie ursprünglich die hölzerne Kassettendecke eines aus dem 15. Jahrhundert stammenden und 1970 abgerissenen prunkvollen Altstadthauses. Die Bilder befinden sich heute im Museo Castelgrande in Bellinzona.

 
Die Nacht auf Neujahr
In ganz Süddeutschland und in der Schweiz verbreitet ist der alte Brauch, an Silvester geschmolzenes Blei oder Zinn in eine mit Wasser gefüllte Schüssel zu giessen. Aus den sich bildenden Figuren und Symbolen versucht man, die Zukunft zu ergründen. Sterne zum Beispiel verheissen Glück, Kreuze Leiden. Sackförmige oder menschenähnliche Figuren bedeuteten kommenden Reichtum, Tierchen den bevorstehenden Tod.
Das Bleigiessen ist jedoch keine alte Silvestertradition, sondern es hat seine Wurzeln in den zahlreichen Orakelbräuchen der Thomasnacht. Und nebst Fragen zu Reichtum oder Armut, Gesundheit oder Krankheit, sind es eben auch solche zum Liebesleben. Bis heute ist Bleigiessen daher der Klassiker unter den traditionellen Beziehungsorakeln. Und wer es genau und nach altem Brauch wissen will, wählt dazu nicht die Neujahrs- sondern die Thomasnacht.

Die Dreikönigsnacht
Sie ist die letzte Nacht der Zwölften und zugleich die letzte und gefährlichste der mittwinterlichen Rauhnächte. Nach Einbruch der Dunkelheit machen sich nebst dem auch in dieser Nacht umgehenden Totenzug besonders jene Seelen bemerkbar, denen wegen ungesühnter Schuld und unterlassener Wiedergutmachung die Vereinigung mit dem Heer der Ahnen verunmöglicht ist. Stehen Scheunen oder Häuser leer oder werden sie nicht ausreichend durch magische Vorkehrungen geschützt, nehmen die Wesen aus dem Reich der Schatten von ihnen Besitz.


Die Liegenschaft Enziloch. In dunklen Winternächten ist im Haus ein Heulen zu hören, das mit einem in weisses Leinen gehüllten Totengeist in Verbindung gebracht wird.

 
Davon erzählen die früheren Bewohner eines heute nur noch von Jägern genutzten Hauses. Es steht nordöstlich des Napfs auf einer Krete am Rand einer tiefen und schwer zugänglichen Schlucht. Im oberen Stockwerk, wird erzählt, geistere zu gewissen Zeiten eine in weisses Leinen gehüllte Jungfrau umher, die ihre Anwesenheit durch ein pfeifendes Heulen kundtue.[7] Da wird es verständlich, wenn Josef Konrad Scheuber in seinem Bauerngebet empfiehlt, zur Segnung und Weihe des Hauses das am Vorabend zum Dreikönigstag gesegnete Dreikönigswasser zu verwenden, dem eine besonders starke Schutzwirkung gegenüber den Mächten der Finsternis zugeschrieben wird. Und als ob der Verfasser diesem Schutz selbst nicht ganz trauen würde, mahnt er zudem, oberhalb jeder Türe im Haus mit geweihter Kreide die Formel C M B zusammen mit der Jahreszahl und drei Kreuzen anzubringen. C M B. Das sind die Anfangsbuchstaben des Schutzsegens Christus Mansionem Benedicat (Christus schütze [dieses] Haus). Die drei Kreuze stehen für Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist. In ländlichen Gegenden und vermehrt auch in städtischen wird die Schutzformel bis heute oberhalb der Eingangstüre angebracht.[8]
Im Volk verbreitet ist jedoch die weiter in die Zeit zurückreichende Auffassung, wonach die Buchstabenfolge C M B für die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar stehe. Das hat auch mit den Sternsingern zu tun, die zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag von Haus zu Haus ziehen. Sie besingen die Geschichte von den Heiligen Drei Königen, die dem Stern folgten und dem Kind in der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten. Bevor sie weiterziehen, schreiben sie mit Kreide die Segensformel C M B sowie die Jahrzahl über die Haustüre.
Sternsingen ist ein bis heute von Jungwächtlern gepflegter Heischebrauch. Einer aus der Gruppe hat daher ein Kässeli bei sich, in das man ein Nötli steckt.

 

 

[1] Kurt Lussi: Der Feldmauser, in: Paul Hugger (Hrsg.): Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Reihe Altes Handwerk, Heft 60. Basel 1993, S. 27-28.

[2] Mündlich von Hans Kurmann, Willisau, im Rahmen der Recherchen zur Schrift Der Feldmauser (1992).

[3] Cysat, Collect. C. fol. 215, nach: Alois Lütolf: Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Lucern, Uri, Schwiz, Unterwalden und Zug. Luzern 1862, S. 28-29.

[4] Christian Kortholt: Nord-Schwedische Hexerey, oder Simia Dei, Gottes Affe. Das ist Außführliche Beschreibung der schändlichen Verführungen des leidigen Satans (…) [ohne Ortsangabe]. 1677.

[5] Mehr dazu in: Kurt Lussi: Luzerner Wölfe und Werwölfe, in: Heimatkunde des Wiggertals, Heft 48. Willisau 1990, S. 59-97.

[6] Siehe dazu: Joseph Schacher: Das Hexenwesen im Kanton Luzern nach den Prozessen von Luzern und Sursee 1400-1675. Luzern 1947, S. 23; Kurt Lussi: Luzerner Wölfe und Werwölfe, in: Heimatkunde des Wiggertals, Heft 48. Willisau 1990, S. 59-97.

[7] Mehr dazu: Kurt Lussi: Die Wiederkehr der armen Seelen. Wo die Welt zwischen dem Diesseits und Jenseits Wirklichkeit ist, in: Reiner Sörries et al. (Hg.): Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer. Göttingen, 7. Jahrgang Heft 3/2018, S. 32-38.

[8] Kurt Lussi: Im Reich der Geister und tanzenden Hexen. Jenseitsvorstellungen, Dämonen und Zauberglaube. Aarau 2002, S. 98 und dort genannte Quellen.

Der General in Dierikon
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8.  Der General in Dierikon
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Wenn Dädi vom Leben während des Zweiten Weltkriegs erzählte, kam er meist auch auf den General zu sprechen. Damit meinte er General Henri Guisan (1874-1960), der von 1939 bis 1945 General und damit Oberbefehlshaber der Schweizer Armee war. Die meisten Historiker sind sich heute einig, dass ihm und seiner Réduit-Strategie das Hauptverdienst zukommt, Hitler von einer Besetzung der Schweiz abgehalten zu haben.

Nebst seinen militärischen Fähigkeiten mag dazu auch seine Volksverbundenheit beigetragen haben. Wie nur wenigen Heerführern gelang es ihm, das Volk und die Soldaten für die Verteidigung des Vaterlandes zu motivieren und so den Wehrwillen der Schweizer Soldaten und der Bevölkerung zu stärken. Das erkannten selbst seine Gegner. In einem Orientierungsheft bestätigte das Oberkommando der deutschen Wehrmacht: «Die Entschlossenheit von Regierung und Volk, die schweizerische Neutralität gegen jeden Angreifer zu verteidigen, steht bisher ausser Zweifel.»[1]

Volksverbundenheit als Teil der geistigen Landesverteidigung: Anders, als dies damals üblich war, suchte der General regelmässig den Kontakt zu einfachen Soldaten und Kommandanten der unteren Dienstgrade, wie auch zum Volk. Das sorgte für Sympathie und schuf Vertrauen. Seine grosse Beliebtheit zeigt sich in den vielen Generalsportraits, die noch immer in älteren Wirtschaften und in Wohnhäusern hängen. Im Kandishof befand sich sein Abbild, wie wir wissen, im Korridor links vom Eingang. Es verschwand erst nach Grossvaters Tod.

Ein Defilee in Dierikon
Gross war daher die Begeisterung der Bevölkerung von Dierikon als bekannt wurde, dass General Guisan auf dem Gebiet der Gemeinde ein Defilee abnehmen würde. Grund dafür war, wie mir mein Vater versicherte, die Strasse, die von Ebikon über Dierikon nach Root verläuft. Sie war eben und schnurgerade und daher für ein Defilee besonders geeignet. Dieses begann am 17. April 1942 um 10 Uhr vormittags.[2] Verkehr gab es während des Krieges so gut wie keinen und die Einheimischen, die ein Auto besassen, konnte man an einer Hand abzählen. Um 10 Uhr setzte sich mit militärischer Pünktlichkeit zuerst eine grosse Abteilung Infanterie in Bewegung. Ihr schloss sich eine kleinere Abteilung Feldartillerie an. Oben vom Kandishof aus sah man, wie sich der Zug gegen Root zu bewegte, um sich schliesslich an der Gemeindegrenze aufzulösen.

An das Defilee erinnert sich mein Vater gut. Lange bevor es begann, wartete er mit Freunden und Nachbarn unten beim heute verschwundenen Restaurant Sonne. Danach ging es heimzu. Zurück im Kandishof staunte er nicht schlecht, als er in der Küche jene fünf Basler Heerespolizisten antraf, die während des Defilees den damals spärlichen Verkehr regelten und sich nun an dem gütlich taten, was die Mutter aufgetischt hatte. Das Quintett blieb den ganzen Nachmittag. Immer wieder trug Dädis Mutter Speck auf. Als einer der Heerespolizisten durchsickern liess, ob er vielleicht, naja, man darf schliesslich fragen, ein Stück einer Speckseite kaufen könne, sagte sie energisch: Er wössid genau, dass me das ned darf. Wenn i’s trotzdem mache, get’s ä Strof. Aber solang er do sind, chönder ässe sovel er wend. (Ihr wisst genau, dass man das nicht darf. Wenn ich es trotzdem tue, dann gibt es eine Strafe [d. h. Busse]. Aber solange ihr hier seid, könnt ihr essen so viel ihr wollt). Sätze, die Dädi nie mehr vergass.

Marie Brunner und ihr General
Vom Defilee gibt es meines Wissens keine öffentlich zugänglichen Unterlagen. Davon habe ich lediglich durch Joseph Brunner erfahren. In seiner Stube hängt eine besondere Erinnerung, nämlich, eingezwängt in einen Bilderrahmen, ein Bild des Generals und ein von ihm unterzeichnetes Schreiben. Beides bezieht sich auf das Defilee vom 17. April 1942. Die damals etwa vierzehn Jahre alte Marie Brunner durfte dem General im Namen der Gemeinde Dierikon ein Gedicht vortragen. Am nächsten Tag flatterte ein Brief ins Haus. Absender war das Armeehauptquartier. Im Schreiben vom 18. April 1942 ist zu lesen:

«Liebe Marie, Du hast mir gestern im Namen der Gemeinde Dierikon schöne Blumen als Willkommensgruss überreicht und mich dabei mit einem hübschen Sprüchlein begrüsst. Ich danke Dir und Deiner kleinen Schwester herzlich für die mir erwiesene Aufmerksamkeit. Mit freundlichen Grüssen. Dein General: (gezeichnet Guisan).»

Dem Brief beigelegt war jenes signierte und datierte Porträt des Generals, das heute zusammen mit dem Brief in der grossen Stube der Brunner-Mühle hängt.


Henri Guisan (1874-1960), während des Zweiten Weltkriegs General und Oberbefehlshaber der Schweizer Armee. Signierte Fotografie mit der Widmung «General Guisan. Dierikon 17. April 1942». (Mit freundlicher Genehmigung Joseph Brunner, Dierikon)

 

 
Kriegerische Zeiten
Während des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 blieb die Schweiz vom Krieg weitgehend verschont. Von der grossen Not, die damals in Europa herrschte, war auf dem Kandishof wenig zu spüren. Dennoch hatte sich das Leben der Lussis geändert. Von Norden her, erinnert sich mein Vater, hörte man manchmal das dumpfe Grollen und Donnern von den Bombardierungen, die gegen Kriegsende nun auch den süddeutschen Städten schwere Schäden zufügten. Einen bleibenden Eindruck hinterliessen bei ihm vor allem aber die endlos langen Kolonnen Feldartillerie, die oberhalb des Hofs über die dort vorbeiführende Götzentalstrasse in Richtung Adligenswil zogen. Etwa aus dieser Zeit stammt eine noch erhaltene Forografie, die eine Abteilung Feldartillerie zeigt.


Eine Abteilung Feldartillerie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die langen Kolonnen, die während des Krieges oberhalb des Kandishofs vorbeizogen, haben bei meinem Vater Albert Lussi-Bieri einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

 

Während des Krieges war auf dem Kandishof ein ständiges Kommen und Gehen, besonders an Sonntagnachmittagen. Häufige Gäste waren Catharina Renggli-Lussi mit ihrem Ehemann und den beiden Söhnen. Catharina haben wir bereits kennengelernt. Sie ist Grossvaters älteste Schwester, die nach dem Tod ihrer Mutter die Geschwister erzog. Von ihrem Ehemann Hans Renggli wird im Abschnitt über die Brautwerbung noch die Rede sein.

Dädi weiss auch von den Streitgesprächen zu erzählen, die zwischen deutschfreundlichen Besuchern und jenen, die es mit den Alliierten hielten, entbrannten. Wenn es Grossvater, dem Patrioten, zuviel wurde, zog er sich einfach zurück. Sich gross einmischen tat er nicht.

Militär auf dem Kandishof
Immer wieder war auf dem Kandishof auch Militär einquartiert. Dädis jüngerer Bruder Arnold weiss noch, dass man einmal das Eckzimmer oberhalb von Grossvaters Stübli ausräumte, Bretter und Stroh hinauftrug und für einen Zug Soldaten eine Unterkunft herrichtete. Es war ein grosses, schönes und helles Zimmer, von dem aus man über das Tal und hinunter zur Brunner-Mühle blicken konnte. Verpflegt wurden die Männer aus der Feldküche ihrer Einheit. Was übrig blieb, verteilten die Soldaten an die Buben. Die Rapporte hielten sie unten in der Stube und, obschon sich niemand mehr erinnern kann, dürften auch sie reichlich mit Speck und Kafi-Träsch versorgt worden sein.


Korporal Geissmann aus Hägglingen mit Grossvaters Pferd Flori auf dem Kandishof (um 1942/1943).

 
Von einem der Soldaten hat sich eine Fotografie erhalten. Sie zeigt ihn mit Grossvaters Pferd Flori, das er an einem Zügel hält. Sowohl Dädi als auch sein jüngerer Bruder Noldi erinnern sich an den Mann, Geissmann hiess er und in Hägglingen im Kanton Aargau sei er daheim gewesen. Er war Korporal bei den Radfahrern. Ein anderer war ein Heerespolizist. Dietz war sein Name. Mehr weiss man nicht mehr von ihm.


Grossvater im Dienst (zweiter Soldat von links). Ob er als Offiziersordonnanz noch Aktivdienst leistete, ist nicht bekannt.

 
Ob und in welchem Umfang Grossvater während des Zweiten Weltkriegs Aktivdienst leistete, ist nicht überliefert, immerhin war er bei Kriegsausbruch bereits achtundvierzig Jahre alt. Allerdings hat sich ein Bild aus den späten Dreissigerjahren erhalten (siehe oben). Es zeigt ihn inmitten einer Gruppe älterer Soldaten. Grossvater war zuletzt Offiziers-Ordonnanz. Vielleicht wurde das Bild kurz vor Kriegsausbruch in einer Offiziersunterkunft aufgenommen. Darauf deuten die Kochmützen und die Kochschürzen der Soldaten rechts im Bild.


Gegen Kriegsende kamen Kinder aus den Nachbarländern zur Erholung in die Schweiz. Das Bild zeigt links Roger aus Belgien und rechts Dädi, meinen Vater. In der Mitte Dädis ältere Schwester Lisbeth. Foto um 1945/1946.

 
Nach dem Krieg
Aus den zerbombten Städten Deutschlands, Frankreichs und Belgiens kamen nach Friedensschluss am 8. Mai 1945 viele Kinder in die Schweiz, wo sie vor allem auf Bauernhöfen durch Ruhe, nahrhaftes Essen und frische Luft wieder zu Kräften kommen sollten. An einen dieser Buben erinnert sich Dädi gut. Er hiess Roger und stammte aus Belgien. Mit ihm verband ihn eine Freundschaft, die auch später noch einige Zeit anhielt. Eine Fotografie zeigt Dädi zusammen mit seiner älteren Schwester Lisbeth und Roger. Er erinnert sich auch an die resolute Inge aus München, welche die Buben beim Abwasch einzuteilen pflegte: «Josef wäscht ab, Albert trocknet das Geschirr und Arnold putzt den Herd!» Dädi konnte sich nie ein Lächeln verkneifen, wenn er diesen Satz rezitierte.

 

[1] Jürg Stüssi-Lauterburg, Schweizer Sommer 1942, in: ASMZ : Sicherheit Schweiz : Allgemeine schweizerische Militärzeitschrift, Band 176 (2010), Heft 6.

[2] Diese und die nachfolgenden Ausführungen mündlich von Albert Lussi-Bieri, Villmergen.

Liebe auf den zweiten Blick
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9.  Liebe auf den zweiten Blick
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Nach dem Krieg kam der wirtschaftliche Aufschwung. Onkel Sepp fuhr das Heu anstatt mit Ross und Wagen nun mit einem Willys Jeep ein. Elektrizität hatte Einzug gehalten. Und mit der sanften Modernisierung zog auch die Liebe ins Haus. Zeit also, uns mit der Brautwerbung, dem Kilten, zu befassen.

Liebe und Brautwerbung
«Sag’ mir das Wort.» In grossen Lettern prangt diese Frage auf einer jener Postkarten, die sich Liebespärchen früher zuzustellen pflegten. Sie zeigt einen Galan in schwarzem Anzug. Seine Haltung verrät die väterliche Geduld jener jungen Männer, die zwar der Liebe huldigen möchten, sich aber nicht oder noch nicht für Frau und Kinder entscheiden können. Anders die junge Dame, die vor ihm auf dem Polster sitzt. Sehnsüchtig scheint sie darauf zu hoffen, dass ihr der Geschniegelte endlich jene Worte zuflüstert, auf die sie seit langem wartet. Die Szene auf dieser Karte ist eindeutig. Raum für Interpretationen gibt es keinen. Und damit die Botschaft auch wirklich verstanden wird, doppelt der aufgedruckte Vierzeiler nach:

«Das Wort der Liebe lass’ mich hören, /
Auf das mein Ohr begierig lauscht, /
In dem der Klang von Himmels-Sphären, /
Das höchste Glück der Erde rauscht.»

So romantisch, wie uns dies die Postkarte weismachen will, ging es früher bezüglich Brautwerbung wohl eher selten zu. Und nicht immer fand die grosse Liebe auch auf Anhieb Erfüllung. Oft waren es gesellschaftliche Normen oder Standesunterschiede, die Liebespaare an einer gemeinsamen Zukunft hinderten. Vernunftehen waren zwar nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme. Ganz ausgestorben sind sie bis heute nicht.


Albert Lussi und seine Braut Rosmarie Bieri, hier als «Königin der Nacht», auf einem Maskenball in Root. Ob das Bild vor oder nach der Hochzeit entstand, ist nicht bekannt.

 

Viele Ehen wurden in alter Zeit von den Eltern, Verwandten oder Freunden arrangiert, denn die Möglichkeiten, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, waren früher beschränkt. Das galt namentlich für jene Bauern, die alleine oder mit Unterstützung von Familienmitgliedern arbeitsintensive Höfe bewirtschafteten, wie auch für Töchter, die selten von zuhause wegkamen. Zu den spärlichen Gelegenheiten, einen Partner oder eine Partnerin kennenzulernen, gehörten die Kirchweihfeste, die Chilbis, dann die noch zu meiner Zeit üblichen Waldfeste (Wer begleitet die hübsche Lilo durch den finsteren Wald nach Hause?). Gelegenheit, mit einer Dorfschönheit anzubandeln, boten allenfalls noch die Gottesdienste am Sonntag, wo man sich nach der Messe oft zu einem Schwatz vor der Kirche traf.
Etwas besser dran waren jene Bauern, die sich als Fuhrleute oder durch die Mithilfe auf benachbarten Bauernhöfen, wo die eine oder andere Tochter vielleicht noch nicht vergeben war, ein Zusatzbrot verdienten. Und zu guter Letzt: Nicht jeder war ein Draufgänger. Manche waren eher etwas scheu und zurückhaltend. Sie taten ihre Pflicht auf dem Hof und krampften von morgens früh bis abends spät. Und so blieb für viele Bauernsöhne, die später den väterlichen Hof übernehmen sollten, kaum Zeit, sich nach einer Partnerin umzusehen. Und das war schlecht, sehr schlecht sogar, denn die Gründung einer Familie hatte in einer Zeit, als es noch keine Altersrenten und Pensionen gab, den Charakter einer Altersvorsorge. Während sich die Alten langsam von der Schwerstarbeit zurückzogen, übernahm der Nachwuchs den Hof, zeugte wiederum Kinder und sorgte zugleich für die Eltern.

Wie Onkel Sepp zu seiner Frau kam
So etwa war es um Onkel Sepp bestellt, den sie meist Seppali nannten. Er war der älteste der vier Söhne meines Grossvaters. Für die Bewirtschaftung des Kandishofs hatte es zwar genügend männliches Personal. Nebst Onkel Sepp waren da noch sein Vater, also mein Grossvater, sowie dessen lediger Bruder Walter. Aber es haperte im Haushalt, den die Grossmutter alleine zu führen hatte.
Dass sie ob der Last immer mehr an die Grenzen ihrer Kräfte kam, blieb dem bereits erwähnten Hans Renggli-Lussi, Angestellter in der Papierfabrik Perlen und Ehemann der Catharina Renggli-Lussi, sowie seinem Freund Josef nicht verborgen. Als es in der Küche wieder einmal hektisch zu und her ging und Grossmutter laut seufzte, meinte ersterer: Ech glaube es esch a de Ziit, das mer em Seppali e Frau suechid! (Ich glaube es ist an der Zeit, dass wir dem Seppali eine Frau suchen!). Es sollte allerdings nicht irgendeine sein, sondern eine Bauerntochter aus Nidwalden.[1]
Hans Renggli scheint dabei die treibende Kraft gewesen zu sein. Er hatte Beziehungen zu Stans, insbesondere zur alteingesessenen Familie Flury. Ihr Hof befand sich dort, wo heute das Kantonsspital steht.
Die Flurys waren eine kinderreiche Familie. Auch für ihre vierzehn Nachkommen musste nach einer Existenz Ausschau gehalten werden. Einer der Söhne, Josef Melchior Flury (1916-1999) war bereits im luzernischen Neuenkirch fündig geworden und hatte dort den Hof Windblosen erworben. Noch nicht vergeben war zum Glück die am 4. Juli 1925 geborene Theres. Vom Alter her würde sie gut zu Josef passen, der am 16. August 1924 auf die Welt gekommen war. Die Sache kam schliesslich zustande. Man brachte Theres nach Dierikon und stellte sie Onkel Sepp vor. Mein Vater, der damals mit Rosmarie Bieri, meiner Mutter, verlobt war, drückte sich diesbezüglich so aus: Do hed er müesse annäh. D’Muetter hed eifach nömme möge (Da musste er zusagen. Die Mutter konnte einfach nicht mehr).


Hochzeit von Josef (Sepp) Lussi und Theres Flury. Aufgenommen wurde das Bild anlässlich der Doppelhochzeit in Stans am 17. April 1952. Als Kulisse diente der Eingang zur Magnus-Kapelle auf dem Allweg.

 

 
Doppelhochzeit in Stans
So kam Onkel Sepp zu seiner Frau, Theres unter die Haube und die Grossmutter zur lang ersehnten Entlastung im Haushalt. Geheiratet wurde am 17. April 1952 in der Pfarrkirche Stans und für die Hochzeitsfeier ging die Gesellschaft ins Gasthaus Allweg. Es war eine Doppelhochzeit, denn mein Vater Albert hatte sich im «reifen» Alter von einundzwanzig Jahren nun ebenfalls entschieden, seine um ein Jahr jüngere Rosmarie Bieri, meine Mutter, zu ehelichen. Kennengelernt hatten sich die beiden, wen wundert’s, auf einer Chilbi. Aber er erinnert sich nicht mehr, ob dies in Dierikon oder in Ebikon der Fall gewesen war. Da seine Zukünftige erst am 29. Juni 1952 zwanzig Jahre alt und damit volljährig wurde, benötigte mein Vater noch die schriftliche Einwilligung seiner Schwiegermutter, also meiner Grossmutter mütterlicherseits. Auf die Frage, weshalb sie die beiden Monate bis zur Volljährigkeit nicht einfach abgewartet hätten, meinte er: Es hed sich eifach so ergäh, aber underwägs gsii esch nüüd (Es hat sich einfach so ergeben, aber unterwegs gewesen war nichts).
Eine andere Version erzählte uns die Mutter. Es war sehr wohl «etwas unterwegs gewesen». Ein Mädchen war es und Elisabeth hätte es geheissen, benannt nach Dädis älterer Schwester Lisbeth (Elisabeth), die später meine Gotte wurde. Das Kind kam wegen einer Nierenbecken-Entzündung der Mutter im siebten Monat tot zur Welt. Wann genau dies geschah, wissen wir jedoch nicht.
Fotos zeigen die Brautpaare vermutlich vor dem Eingang zur 1805 bis 1808 wiederaufgebauten Magnus-Kapelle auf dem Allweg. Diese war beim Franzosenüberfall am 9. September 1798 von den Truppen des französischen Generals von Schauenburg niedergebrannt worden. Daran erinnert das Denkmal auf der gegenüberliegenden Strassenseite, vor dem sich die beiden Paare nach der Trauung für den Fotografen aufstellten.
Der Verbindung zwischen Josef und Theres Lussi-Flury entsprossen vier Buben. Josef war der älteste und wiederum dafür vorgesehen, von seinem Vater Sepp Lussi-Flury dereinst den Kandishof zu übernehmen.[2] Dann waren da noch Kari (Karl), Bärti (Albert) und Peter, der jüngste. Meine Eltern hatten drei Kinder: Kurt (1956, der Verfasser dieser Schrift), Bruno (1959-1978) und Priska (1961).

Die Grosseltern im Sonntagsstaat. Die Boutonnière (Blume im Knopfloch) wurde damals nur zu Festlichkeiten wie Hochzeiten oder Tanzveranstaltung getragen. Das Bild entstand vermutlich 1952 anlässlich der Doppelhochzeit der beiden Söhne Josef und Albert.

 

 
Kiltbräuche
Aus heutiger Sicht mag es befremden, wie noch vor nicht allzu langer Zeit Ehen zustande kamen. Gerne vergisst man dabei, dass es heute nicht viel anders zu und her geht, als dies früher der Fall gewesen war. An die Stelle von Vermittlern sind mittlerweile Kuppelshows wie Bauer ledig sucht, Blind Date oder Dinner Date getreten, durch die sich Singles unter den voyeuristischen Augen der Öffentlichkeit finden sollten. Dazu kommt die kaum übersehbare Zahl von Internet-Plattformen, in die man seine Daten und Vorzüge – letztere vor allem – einspeisen kann. Entsteht ein Match, tauscht man ein paar Mails aus, um sich dann möglichst bald zu treffen. Das Ganze hat allerdings einen Haken. Die Auswahl ist riesig und die Gefahr gross, nach einem Partner oder einer Partnerin Ausschau zu halten, der oder die alle Vorzüge der bis anhin angesehenen Profile auf sich vereint und dabei gerne vergisst, dass man selbst eigentlich nicht viel zu bieten hat beziehungsweise sich die eigene Attraktivität, bei Lichte besehen, in ziemlich engen Grenzen hält. Und überhaupt: Traumpartner und Traumpartnerinnen gibt es, wie es der Name sagt, nur in Träumen.
Anders als auf den Internetplattformen, wo die Partnervorschläge lediglich aufgrund des Abgleichs von Zahlen und Fakten entstehen, waren bei einer Vermittlung immer auch persönliche Eindrücke entscheidend. Hans Renggli kannte beide Familien, die Lussis und die Flurys. Das Gespür sagte ihm, ob Theres und Sepp zusammenpassen würden und sich daraus eine Beziehung entwickeln könnte. Liebe vielleicht nicht auf den ersten, wohl aber auf den zweiten Blick. Aber auch Tante Theres wusste sehr gut, auf was sie sich einliess, dass sie im Haushalt mit ihrer Schwiegermutter zurechtkommen und die Sorgen und Nöte der Lussis künftig auch die ihrigen sein würden und umgekehrt. Gemeinsam an einem Strick zu ziehen und eine Existenz aufzubauen schweisst zusammen. Auf diese Weise zustande gekommene Beziehungen sind meist tragfähiger als jene, die aufgrund von Äusserlichkeiten, erhofften materiellen Vorteilen und Schwärmereien eingegangen werden.

Zu Gaden steigen
Partnervermittlung durch gute Freunde oder Bekannte war nur eine Möglichkeit der Brautwerbung. Eine andere war der Kiltgang. Chöute (Kilten) nannte man im Luzernischen den Brauch, nach Einbruch der Dunkelheit unerkannt zum Wohnort der Auserwählten zu schleichen und sich unter ihrem Fenster durch leises Klopfen oder Rufen bemerkbar zu machen. So romantisch dies tönt: Auch das Kilten war fast immer zum Voraus arrangiert und die Beziehung im Vorfeld sorgfältig eingefädelt worden. Die Familie wusste vom bevorstehenden Kiltbesuch eines Freiers und hatte rechtzeitig entsprechende Vorkehrungen getroffen.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit zog die junge Frau in die Dachkammer des Speichers, der in der Innerschweiz Gade genannt wird, und stellte ein Licht ans Fenster. Sobald sich der Freier bemerkbar machte, öffnete sie das Gadefeischterli (Gadenfensterchen). Eine Leiter war nicht weit. Dafür hatten der Vater oder die Brüder beizeiten gesorgt. Nun nahm der junge Mann all seinen Mut zusammen und stieg die Leiter hoch. Auf diese Kletterübung zurück gehen Bezeichnungen wie zu Gaden steigen oder zu Licht gehen, die man in anderen Landesgegenden, namentlich in Bayern, für das Kilten gebraucht.


Kiltgang. Genrehafte Darstellung von Sigmund Freudenberger (1745-1802). Ganz rechts eine verkorkte Flasche, die vielleicht einen Liebestrank enthält.

 

Oben in der Kammer bot sie dem Freier Schnaps, Wein, Grünbitter oder aphrodisierende Gewürzweine wie Hypokras oder Rosoli an. Letzterer war vor allem in Nidwalden beliebt. Dort nannte man ihn bezeichnenderweise auch Muet-Erneuerer. Zu Recht, denn ungefährlich war die Sache nicht. Fast immer bekamen neidische Mitbewerber vom bevorstehenden Kiltgang Wind. War eine besonders begehrenswerte Tochter im Spiel, lauerten sie dem Verliebten auf, verprügelten ihn, überschütteten den Unglücklichen mit Jauche (die bei uns Gülle heisst) oder trieben sonst allerlei Schabernack mit ihm. Hatte der Kilter Begleiter bei sich, kam es bisweilen zu Schlägereien. Manche endeten tödlich, wie jene auf dem Hof Hinter-Churzenbach im Schärlig bei Marbach, Entlebuch, wo 1903 einer der Begleiter des Kilters mit einem Zaunstecken erschlagen wurde.[3]
In der Gadenkammer selbst ging dann das an sich harmlose Brautwerben nicht selten in jenen Teil über, der von der Kirche, die voreheliche Enthaltsamkeit und Keuschheit predigte, gar nicht gerne gesehen wurde. Die Rede ist, wie sag’ ich’s nur, vom Beisammensein der intimeren Art. Wurde die Frau dabei schwanger erwartete man, dass der Freier sie heiratete. Bis zu einem Drittel der Bräute, will der 1993 verstorbene Lokalhistoriker Charly Hurni am Beispiel einer leider nicht genannten Entlebucher Gemeinde herausgefunden haben, ging damals «gesegneten Leibes» in die Ehe.[4] Das passte zwar nicht zu den damals herrschenden Moralvorstellungen der Kirche, aber dass eine zukünftige Bäuerin Kinder in die Welt setzen konnte war, wie wir bereits wissen, bezüglich der eigenen Altersvorsorge überlebenswichtig. Insofern war eine vorzeitige Schwangerschaft vielleicht gar nicht so unerwünscht.
Dass das Gadensteigen in ländlichen Gegenden noch im 20. Jahrhundert in Gebrauch war, zeigt eine Begegnung am Stammtisch im Gasthof Rössli in Ruswil. Als ich mit einem befreundeten Historiker einst die Sache mit dem Gadensteigen diskutierte, brummelte ein älter Mann, der weiss Gott schon wie viele Kafi Träsch intus hatte: I jonge Johre han ech de mängs Gadechämmerli gseh (In jungen Jahren habe ich manche Gadenkammer gesehen) um sich dann einem weiteren Kafi Träsch zuzuwenden, welches ihm die Wirtin in der Zwischenzeit gebracht hatte. Ob der Mann flunkerte oder nicht braucht uns hier nicht weiter zu interessieren. Jedenfalls schien er zu wissen, was ein Gadechämmerli ist und dass dessen Vorhandensein in engstem Zusammenhang mit dem Beglückenden steht.

 

[1] Mündlich überliefert von Peter Lussi, Dierikon und Albert Lussi-Bieri, Villmergen.

[2] Über Jahrhunderte war es in Nidwaldner Familien üblich, dass jeweils der älteste Sohn den Namen des Vaters erhielt. In unserer Familie waren dies vor allem Arnold, Johannes, Melchior, Josef, Caspar und Walter, während bei den männlichen Nachfahren in der Linie des Wolfgang Lussi (1525-1597), des älteren Bruders unseres Johann Lussi, Namen wie Jost, Melcher (Melchior), Carl und Viktor am gebräuchlichsten waren.

[3] Mehr zum Kilten und zu Liebestrünken siehe Kurt Lussi: Liebestrünke. Mythen, Riten, Rezepte. Baden und München 2006, S. 15-35 und dort genannte Quellen und Rezepte.

[4] Mündlich von Charles (Charly) Hurni, Ruswil. Charles Hurni (1923-1993) war Posthalter und Lokalhistoriker in Ruswil.

Der Kandishof
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10.  Der Kandishof
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Im grossen Wohnhaus, das der Urgrossvater im Jahre 1900 erworben hatte, änderte sich bis zu seinem Tod 1929 so gut wie nichts. Auch mein Grossvater und noch weniger sein Bruder und Mitbesitzer Walter dachten nie daran, grössere Modernisierungen oder gar Umgestaltungen vorzunehmen. Das Geld, sofern welches übrig blieb, wurde in den laufenden Betrieb gesteckt oder für schmale Zeiten beiseitegelegt. So kommt es, dass ich als Bub regelmässig in einem Haus zu Besuch und mehrmals in den Ferien weilte, in dem sich seit Jahrzehnten kaum etwas verändert hatte. Nur ein paar Bilder und verschiedene Einrichtungsgegenstände waren im Laufe der Jahrzehnte dazu gekommen. Im Grossen und Ganzen aber lernte ich den Kandishof so kennen, wie er vom Urgrossvater übernommen worden war.[1

Der Eingang
Den Hauseingang erreichte man über eine ausgetretene Steintreppe. Die knarrende Türe machte den Blick frei auf den dunklen, mit Steinplatten belegten Mittelgang. Dass Grossvater ein Patriot war, wissen wir bereits. Es überrascht also nicht, dass einem als erstes das links an der Wand hängende Porträtbild von Henri Guisan (1874-1960) in die Augen stach, der während des Zweiten Weltkriegs General und damit Oberbefehlshaber der Schweizer Armee war und in der Familie «als Retter der Schweiz» höchstes Ansehen genoss.

Der Kandishof in Dierikon nach der Renovation. Grossvaters Stübli befand sich im Erdgeschoss (geschlossene Fensterläden). Von dort hatte er einen direkten Blick auf den Hof und den Pilatus. (Aufnahme von 2023)

 
Vom Korridor her führten insgesamt vier Türen in die angrenzenden Räume. Die erste links öffnete sich zur talseitigen kalten Stube, dem sogenannten Stübli. Von dort gelangte man direkt in das Schlafzimmer der Grosseltern. Letzteres hatte eine weitere Türe, die von dort aus wieder auf den Korridor führte. Nach dem gleichen Prinzip waren auch die hangseitigen Räume aufgeteilt. Durch die erste Türe rechts nach dem Eingang kam man direkt in die Küche und von dort aus durch eine weitere Türe in die Stube. Von dieser ging wiederum eine Türe auf den Korridor. An dessen Ende hatte es eine weitere Türe, durch die man zum Abort gelangte. Vier Räume sind es also, die ich nachfolgend beschreibe: das Stübli mit dem angrenzenden Schlafzimmer der Grosseltern und auf der andern Korridorseite die Küche mit der ebenfalls angrenzenden grossen Stube.


Erinnerungen der Schweizerischen Eidgenossenschaft an den Ersten Weltkrieg. In der Mitte abgebildet sind Bundespräsident Giuseppe Motta (links) und Bundes-Vizepräsident Eduard Schulthess. Darum herum gruppiert sind Lebensmittelmarken. Nicht dieses, aber ein identisches Bild hing in Grossvaters Stübli. Graphische Kunstanstalten A. Trüb & Cie, Aarau und Lugano, um 1920.

 

 
Das Stübli
Das Stübli wurde nur spärlich beheizt. Mehr war auch nicht nötig, denn es wurde nur selten benutzt. Was man beim Eintritt als erstes sah, war der zwischen zwei talseitigen Fenstern stehende Sekretär. Darüber hing eine grosse Chromolithographie, ein Andenken an den Ersten Weltkrieg. Darauf zu sehen waren, soweit ich mich erinnere, die Bundesräte Giuseppe Motta (1871-1940), von 1912 bis 1919 Vorsteher des Finanz- und Zolldepartements und Edmund Julius Schulthess (1868-1944). Letzterem unterstand im Ersten Weltkrieg das Volkswirtschaftsdepartement. In dieser Eigenschaft kam er nicht darum herum, mit zahlreichen dirigistischen Massnahmen, wie zum Beispiel mit der Einführung von Lebensmittelmarken, in die Volkswirtschaft einzugreifen, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Rohstoffen sicherzustellen.
Für Grossvater war dies wohl eine schwierige Zeit. 1911 absolvierte er die Rekrutenschule als Infanterist. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war er erst 23 Jahre alt. Als junger Soldat hatte er für das Vaterland einzustehen. Gleichzeitig fehlte er aber auf dem Hof, der nun von seinem Vater Maria und seinen jüngeren Brüdern alleine bewirtschaftet werden musste. Dennoch hatte er nicht zu klagen, denn die Schweiz wurde vom Krieg und einer grossen Versorgungsknappheit verschont. Umso verständlicher ist seine Dankbarkeit, die er mit der prominenten Platzierung dieses Andenkens ausdrückte.
Links an der Wand stand ein altertümliches Bett. Darüber hingen noch 1970 grossformatige Bilder von Grossvaters Eltern Maria Lussi (über dem Kopfende des Bettes an der talseitigen Wand) und links davon, zwischen den Fenstern an der hofseitigen Wand, das seiner Ehefrau Josefa, geborene Odermatt. An dieses Bett kann ich mich gut erinnern. Es ist jenes, auf dem mein Grossvater nach seinem Tod aufgebahrt worden war.
Rechts vom Sekretär stand ein runder, mit einem Spitzentuch bedeckter Tisch, an dem der Grossvater wohl seine Korrespondenz und die Buchhaltung erledigte. Zwischen Tisch und Sekretär führte die Türe ins Schlafzimmer der Grosseltern. Für uns Kinder war das Betreten dieses Zimmers ein Tabu. Wir gingen einfach nicht hinein, obschon nie jemand ausdrücklich gesagt hatte, dass wir das nicht dürften.

Die Küche
Besser in Erinnerung geblieben ist mir die grosse Küche, denn das tägliche Leben spielte sich hier ab und weniger in der angrenzenden geheizten Stube, ganz zu schweigen vom Stübli, das im sozialen Alltagsleben der Familie so gut wie keine Rolle spielte.
Markantester Einrichtungsgegenstand war der grosse, lange Holztisch, der mit seiner Schmalseite zur Küchentüre gewandt war. Die gegenüberliegende Schmalseite endete beim grossen Abwaschtrog, der Schüttstein genannt wurde. Beim Eintreten rechts von der Küchentüre stand ein altertümliches Küchenbuffet. Von der Küchentüre aus gesehen links vom Tisch war der Eisenherd, und auf der ihm direkt gegenüberliegenden Seite hing an der sonst leeren Wand eine auf Holz geschraubte, handbetriebene Kaffeemühle. Zwischen dem Tisch und der leeren Wand konnte der Boden aufgeklappt werden. Die Stiege darunter führte in den Keller. Ich war nur ein einziges Mal unten, erinnere mich aber gut an die Eichenfässer, in denen der vergorene Most gelagert wurde.

Die Tischordnung
An der Schmalseite des Tisches, mit dem Rücken zur Küchentüre und mit Blick auf den Schüttstein, sass der Grossvater. Es war der Platz des Hausherrn und später, nach dessen Tod, jener von Onkel Sepp, seinem ältesten Sohn und Nachfolger. Links vom Grossvater aus gesehen war der erste Platz auf der hölzernen Bank für Grossvaters Bruder Walter reserviert, der, wie wir wissen, Mitbesitzer des Hofes war. Auf den Plätzen nach jenem von Walter sassen die Gäste, von denen es am Wochenende immer etliche hatte, sowie die Frauen, die somit den Eisenherd im Rücken hatten. Ganz unten, am anderen Ende des langen Tisches und mit dem Rücken zum Spültrog, war der Platz der Grossmutter. Sie sass auf einem Taburettli. Das ist ein viereckiger Hocker ohne Rückenlehne, der in der Mitte ein Loch hat. Das seit dem 18. Jahrhundert belegte Wort Taburett ist abgeleitet vom französischen tabouret (d. h. kleine Trommel).[2]
Rechts vom Platz des Grossvaters aus gesehen begann die Reihe mit seinem ältestem Sohn Sepp (Seppali). Dessen Söhne folgten nun in hierarchischer Reihenfolge, beginnend mit meinem, wiederum nach seinem Vater benannten Cousin Josef, der von allen nur (um ihn von seinem Vater zu unterscheiden) Seppli und nicht Seppali genannt wurde. Danach folgten dem Alter nach die übrigen Söhne Karl (genannt Kari; später Charly), Albert (genannt Bärti) und schliesslich der jüngste, der Peter. Ihn nannten sie zu meiner Zeit, das war in den frühen 1970er Jahren, nur Peterli.

Die Grosseltern mit ihren Kindern vor dem Kandishof. Hintere Reihe: Grossmutter Elise, Marie, Grossvater Josef Maria. Vorne von links nach rechts: Arnold, Walter, mein Vater Albert, Josef, der später den Kandishof übernahm, und Lisbeth, die 1956 meine Gotte wurde.

 

 
Die auffallend häufige Wortendung -li ist hier keineswegs im abschätzenden Sinn zu verstehen, sondern eine in der Schweiz verbreitete sprachliche Eigenart. So wünscht man sich hierzulande nicht simpel einen schönen Tag, sondern verabschiedet sich mit dem sanfter klingenden es schöns Tägli. Kindern packt man als Zwischenverpflegung ein Brötli und ein Schöggali ein, damit sie nicht verhungern, wenn sie am Bächli ein Staumürli bauen. Erwachsene besprechen derweil ihre Sörgali (Sorgen) bei einem Käfeli zu dem es meist ein paar Guetzli gibt. Und ein paar Fränkli hat jeder übrig, wenn die Dame von der Pro Senectute mit der Sammelbüchse vorbeikommt. Aber die meisten geben ein Nötli, vielleicht auch deshalb, weil man sich auf einer Liste mit dem Namen und dem gespendeten Betrag eintragen muss, was die nachfolgenden Spender natürlich sehen.[3] Es ist also wenig verwunderlich, wenn Peter auf den Namen Peterli hörte, Onkel Sepp wohlwollend Seppali genannt wurde und die Grossmutter auf einem Taburettli sass und nicht auf einem Taburett.
Ich erinnere mich noch schwach daran, dass Grossvater ein eigenes, bereits etwas lädiertes Chacheli oder Beckli und dazu seinen eigenen Löffel hatte.[4] Diese Dinge hatte zuvor offenbar schon sein 1929 verstorbener Vater Maria benutzt. Dies lässt vermuten, dass das Essgeschirr und das Besteck ursprünglich den Charakter von Insignien hatten. Wer aus dem Chacheli trank und den abgenutzten Esslöffel benutzte, war der Herr im Haus, also jener, der über die Geschicke des Hofes bestimmte. Darauf zurück geht wohl die alte Redensart Er hed de Löffel abgää (Er hat den Löffel abgegeben). Das ist nichts anderes als eine poetische Umschreibung für verstorben. Sie stammt aus einer Zeit, in der noch jeder seinen persönlichen und oft mit dem Namen versehenen Löffel hatte, der ihn bis zum Tod begleitete. Reste dieses Brauchs finden wir in den silbernen oder versilberten Löffeln mit eingraviertem Namen, welche viele Taufpaten bis heute den neugeborenen Kindern schenken.[5]
Am anderen Ende des langen Tisches, unten beim erwähnten Schüttstein, war der Platz der Grossmutter, die sich jetzt dort nützlich tat und die Kocherei ihrer Schwiegertochter überliess. Mit dem Rücken zum Eisenherd und damit in der Nähe der darauf brutzelnden Rööschti sass, wir ahnen es bereits, Tante Theres.

Der Eisenherd
Bei diesem Kochherd handelte es sich um eines jener in den 1870er Jahren aufgekommenen Modelle, wie sie bis heute in alten Häusern zu finden sind. Diese Herde hatten Eisenplatten, die mittels eines Hebels herausgehoben werden konnten. Das war namentlich dann von Nutzen, wenn die Köchin Holzscheite nachlegen wollte, die ihrer Grösse oder Unförmigkeit wegen nicht vorne durch das Ofetürli (Ofentüre) ins Feuer geschoben werden konnten. Holzherde wie dieser hatten zudem mindestens eine Platte, die aus einzelnen Ringen bestand. Dadurch war es möglich, die konischen Pfannen, wie man sie des Öftern noch in Berghütten sieht, durch das Wegnehmen von Ringen stufenweise näher ans Feuer zu bringen. Dies bewirkte, dass das Kochgut verstärkt der Hitze des Feuers ausgesetzt war, wie dies zum Beispiel beim scharfen Anbraten von Fleisch wichtig war oder wenn man Suppe oder Milch schnell erhitzen wollte. Meist genügten jedoch die Pfannen mit flachen Böden. Zum Regulieren der Bratintensität schob man sie auf dem Herd einfach hin und her.
Fast alle Modelle hatten auch ein Wasserschiff. Das ist ein grosser, in den Eisenofen eingelassener Behälter aus innen verzinktem Kupfer, der mit Wasser gefüllt wurde. Dadurch hatte man einen ständigen Vorrat an heissem Wasser, das man mit einer grossen Kelle aus dem Wasserschiff schöpfte. Die durch das Feuer im Eisenherd entstehende Abwärme leitete man in den Choust genannten Kachelofen, der in der angrenzenden Stube stand. Mittels eines Schiebers konnte die heisse Luft direkt in den Kamin geleitet werden, was namentlich im Sommer geschah.
Auf dem Kandishof liess sich der Kachelofen zusätzlich direkt beheizen. Die dazu vorhandene Ofentüre war erheblich grösser als jene des Eisenherds, sodass man ganze Spälte ins Feuerloch schieben konnte.[6]
Auf dem Holzbänkli (schon wieder ein Wort mit der Endung -li) links vom Herd standen die bereits früher erwähnten drei Töpfe aus graublauem Westerwälder Steinzeug. Sie hatten hölzerne Deckel und enthielten das für eine gute Rööschti unentbehrliche, ausgelassene Schweinefett, Salz und eingesottene Butter.[7] Den Topf, in dem man das Schweinefett aufbewahrte, nennt man im Hochdeutschen Schmalztopf. Bei uns war dafür der Name Schmotzhafe (Schmotz oder Schmutz ist, wie bereits erwähnt, der schweizerdeutsche Ausdruck für Schweinefett) gebräuchlich. Der Steinguttopf mit der ausgelassenen Butter, wir wissen es bereits, hiess Ankehafe. Links vom Holzbänkli war das Brenn- und Anfeuerholz aufgestapelt.
Rechts vom Eisenherd stand noch bis in die Siebzigerjahre ein elektrischer Herd. Dieses Ding kam kurz nach Kriegsende in das Bauernhaus. An den Elektroherd erinnere ich mich gut, weil wir in unserem 1903 erbauten Haus in Ruswil den gleichen stehen hatten und ihn bis zum Küchenumbau noch benutzten. Das war eines jener grau-weiss emaillierten Modelle, die noch Steckplatten hatten, also Kochplatten, die man von oben her in eine Halterung stecken konnte. Hatte eine dieser eisernen Kochplatten einen Defekt, konnte man sie auswechseln, ohne den Kochherd als Ganzes ersetzen zu müssen (heute würde man dies Nachhaltigkeit nennen). Zwischen Kochplatte und gesprenkelter Abdeckung sah man, wenn man sich etwas bückte, die elektrischen Drähte glimmen. In der Mitte des Herdes, direkt unterhalb der Abdeckung, hatte es eine Schublade. Floss das Kochgut über, gelangte es über Rillen in der Abdeckung in die Schublade, die man dann nur noch zu leeren brauchte.
Als der Kochherd kurz nach dem Krieg gebracht wurde, erinnert sich mein Vater, der damals etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war, schaute er mit wachsendem Interesse dem Monteur zu, wie er erst die Steckdose montierte und dann den Kochherd anschloss. Danach gab es eine kleine Vorführung. Der Mann von der CKW drehte den Schalter und siehe da, die Eisenplatten wurden heiss. Von dem, was mein Vater an diesem Tag sah, war er so begeistert, dass er beschloss, Elektriker zu werden.
Die Küche war auch der Ort, wo Tante Theres ihren Nachwuchs zu baden pflegte. Dazu füllte sie eine grosse Zinkwanne mit heissem Wasser. Derweil hockten die Buben der Grösse nach eingehüllt in ein Badetuch auf der Bank. Mit einer Bestimmtheit, die keine Widerrede duldete, packte sie den Ältesten, den Seppli, tauchte ihn ins Wasser, seifte ihn gründlich ein und schruppte ihn mit einer Art Wurzelbürste. Dann ein nochmaliges Untertauchen und schon sass der inzwischen vom heissen Wasser und intensiven Bürsten krebsrot gewordene Seppli, eingehüllt in ein Badetuch, wieder auf der Bank. So ging es der Reihe nach bis zum Jüngsten, dem Peterli. Als die Reihe an mir, dem Ferienbub, war, schien sie sich plötzlich zu besinnen und meinte: Be der darf i dänk ned eso reble. Besch der’s dänk ned so gwönnt (Bei dir darf ich wohl nicht so schruppen. Bist es dir wahrscheinlich nicht so gewohnt).


Drei Lussi-Buben auf dem Pferd Flori. Von links: Arnold, Walter und Albert, der Vater des Autors. Im Hintergrund der Kandishof mit dem grossen Kastanienbaum (Aufnahme um 1942/1943).

 

Wasser vom Bach
Noch zu Grossvaters Zeiten entnahm man das Wasser einem kleinen Bach, der neben dem Wohnhaus durchfloss. Etwas oberhalb der Scheune hatte es eine Brunnstube, die vom Wasser dieses Baches gespiesen wurde. Von dort floss es in einer Röhre zum Haus. Die Zuleitung endete oberhalb des grossen Schüttsteins. Letzteres ist, wie wir bereits wissen, ein grosser Trog aus meist bräunlichem Steingut.
Probleme gab es nicht nur im Winter, der damals strenger war als heute, sondern auch im Sommer. Das war namentlich dann der Fall, wenn ein Nachbar weiter oben Gülle (Jauche) ausbrachte und dabei keine Sorgfalt walten liess. Floss Gülle in den Bach, wurde folglich auch das Wasser in der Brunnstube verseucht. Für mehrere Tage hatte man dann kein sauberes Wasser im Haus. Man behalf sich, indem man es kesselweise vom Brunnen holte, der von einer anderen Quelle gespiesen wurde.

Die grosse Stube
Diese betrat man meist von der Küche aus, seltener vom Korridor. Die Türe zum Korridor benutzte man nur, wenn man zum Abort oder in die oberen Räume ging.
Über dem Durchgang zwischen Küche und Stube befand sich eine aus einem Brett gezimmerte einfache Ablage. An die dort aufgereihten Bücher erinnere ich mich gut, weil mich alte Bücher, überhaupt alte Dinge, schon als Kind interessierten. Es waren die üblichen: ein Lateinisch-Deutsches Sonntags-Messbuch, das in fast jedem Bauernhaushalt vertretene Trost der Armen Seelen von Joseph Ackermann, ein Laudate (Gebets- und Kirchengesangbuch), ein Buch mit Regeln und Tipps für die Landwirtschaft sowie eine Bauernpraktik (Bauernkalender), in der nebst dem Kalendarium insbesondere auch die für einen Bauern wichtigen Markttage sowie eine Übersicht über die Tragzeit von Nutz- und Haustieren verzeichnet waren. Dazu hatte es ein Schächtelchen mit Schreibzeug und sonst noch ein paar Utensilien, an die ich mich nicht mehr erinnere. Was fehlte, war eine Bibel. In katholischen Haushalten waren Bibeln nicht üblich. Dafür hatte man eine jener Katholischen Handpostillen von P. Leonhard Goffine, die von der Verlagsanstalt Benziger in Einsiedeln in grossen Auflagen gedruckt wurden. Sie durften zu jener Zeit in keinem Haushalt fehlen. Diese aber, weil sie nicht ständig benutzt wurde, befand sich nicht auf dem Gestell, sondern im Stübli..
Rechts vom Eingang war ein Fenster und links davon ein einfacher Junghans-Regulator, der vermutlich aus den 1930er Jahren stammte. In seiner Nähe hing zudem ein Barometer. Wetter und Wettervorhersage waren für meinen Grossvater wichtig und er verfügte diesbezüglich, wie wir später noch erfahren werden, über grosse Kenntnisse. Ein Telefon hatte man bis Anfang der Siebzigerjahre keines. Waren Telefonate zu tätigen, ging man hinunter in die Mühle oder die Götzentalstrasse hoch zu Frau Thali. Erst kurz vor Grossvaters Tod entschloss man sich, eines anzuschaffen. Der schwarze Kasten aus Bakelit, an den ich mich gut erinnern kann, hing rechts vom Fenster in der Nähe der Stubentüre.
Vom Stubeneingang aus fiel der Blick direkt auf den Herrgottswinkel. Darunter zu verstehen ist ein Ecktablar auf dem ein grosses Kruzifix, Wallfahrtsandenken, Vasen mit Blumen und eine kleine Marienstatue aus bemaltem Porzellan standen. Darum herum gruppiert waren verschiedene Leidhöugali (Sterbebilder) von unlängst heimgegangenen Personen. Ältere Bilder nahm Tante Theres mit Ausnahme der Leidhöugali verstorbener Familienmitglieder, regelmässig weg und legte sie in eine Schachtel.
Erst bei der Niederschrift meiner Erinnerungen ist mir aufgefallen, dass sich der Herrgottswinkel im Kandishof in jener Ecke der Stube befand, die genau gegen Osten ausgerichtet ist. Die Ostausrichtung hat mit dem Glauben an die Wiederkunft Christi zu tun. Der Jüngste Tag beginnt mit dem Aufgang der Sonne im Osten, die als Sol invictus, als unbesiegbare Sonne, Christus symbolisiert. Zum Gericht erscheint Christus denn auch im Osten, wie dies aus einer Prophezeiung im Evangelium des Matthäus hervorgeht: «Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird auch das Kommen des Menschensohns sein» (Mt 24,27). Die Ausrichtung des Herrgottswinkels gegen Osten mag zwar Zufall sein oder eine Folge der baulichen Gegebenheiten des Kandishofs. Trotzdem finden wir in dessen Anordnung ein zum Nachdenken anregendes christliches Symbol, denn die Ostung war vor allem beim Kirchenbau und bei Bestattungen üblich. Bis in die neueste Zeit waren die Gräber an vielen Orten so angelegt, dass die Toten in Richtung Osten schauten. Denn im Osten beginnt der Jüngste Tag und von dort kommt nach christlicher Auffassung auch Christus, «um zu richten die Lebenden und die Toten», wie es im zweiten Brief des Paulus an Timotheus heisst (2 Timotheus 4,1).


[1] Der nachfolgende Beschrieb der Räumlichkeiten wiedergibt den Zustand aus der Zeit um 1970. Im Wesentlichen hat sich seit der Hofübernahme durch meinen Grossvater in den Dreissigerjahren nur wenig geändert.

[2] Rudolf Telling: Französisch im deutschen Wortschatz. Lehn- und Fremdwörter aus acht Jahrhunderten. Berlin 1987 (Stichwort: Taburett).

[3] Siehe dazu Stefan Schmidli: Ein Hoch auf das li-Land, in: Anzeiger vom Rottal vom 27.7.2023, 118. Jahrgang, Nummer 30.

[4] Unter dem Begriff Chacheli oder Beckli zu verstehen sind henkellose Schüsselchen, aus denen man den Milchkaffee trank.

[5] Der Brauch war in unserer Familie bis vor kurzem üblich. Die Tauflöffel von Doris Lussi-Bucher (1961) sowie jener unserer Tochter Franziska (1988) befinden sich heute, zusammen mit einem Hochzeitslöffel aus dem 19. Jahrhundert, sowie einem Eisenlöffel, im Historischen Museum Luzern (Inventar-Nr. SZ 01242).

[6] Als Spälte, abgeleitet von spalten, bezeichnet man Brennholz, das durch ein oder zweimaliges Spalten eines längeren Rundholzes entstanden ist.

[7] Westerwälder Steinzeug nennt man Waren aus Steingut, die seit dem 17. Jahrhundert im unteren Westerwald produziert und in ganz Europa gehandelt wurden. Unabhängig von seiner Herkunft wird der Begriff Westerwälder Steinzeug allgemein für blau-graues Steinzeug verwendet. Es ist ab etwa 1650 eine der dominierenden Warenarten unter dem Deutschen Steinzeug. Es wird bis heute hergestellt. Wikipedia, Westerwälder Steinzeug, https://de.wikipedia.org/wiki/Westerw%C3%A4lder_Steinzeug (Aufruf vom 27.7.2023).

Grossvaters Wettervorhersage
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11.  Grossvaters Wettervorhersage
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Heute verlassen sich die Bauern meist auf die Vorhersagen der Wetterdienste. Und sie fahren nicht schlecht damit, auch wenn sich das Wetter nicht immer so entwickelt, wie es die Meteorologen voraussagen. Früher aber mussten die Landwirte ihrem eigenen, von jahrelanger Erfahrung geprägten Gespür vertrauen und dieses mit den Wetterregeln in den Bauernkalendern kombinieren. Eine andere Möglichkeit hatten sie nicht. Das Erfahrungswissen war folglich wichtig. Denn vom Wetter und von der persönlichen Wettervorhersage hing es ab, ob man genug Korn und Heu einbringen konnte, um sich und das Vieh durch den Winter zu bringen.
Wie wird das Wetter? Bleibt es lange genug schön und warm, damit man Heuen oder die Frucht einfahren kann? Für meinen Grossvater gab bereits der Mai Hinweise darauf, ob der Juni, in alten Kalendern Brachmonat oder Brachmond genannt, seinem Namen gerecht würde. Rägnet’s im Maie, get’s vel Gras zum mäie (Regnet es im Maien, gibt es viel Gras zum mähen), pflegte er zu sagen.[1] Das deckt sich mit den Wetterregeln im Hundertjährigen Witterungskalender, einem immer wieder neu aufgelegten Druckwerk, das in keinem Bauernhaushalt fehlen durfte. In einer undatierten, um 1860 erschienenen Ausgabe heisst es: «Auf nassen Mai, kommt trockener Juni herbei.» Und eine weitere Regel doppelt nach: «Ein kühler Mai bringt guten Wein und gibt viel Heu.»[2]
Wetterprophezeiungen wie diese können zutreffen, müssen aber nicht. Anders verhält es sich mit jenen Regeln, die auf Naturgesetzen beruhen. So weist das lebhafte Funkeln der Sterne auf eine Wetterveränderung hin, da es durch unterschiedlich temperierte Luftschichten in der Atmosphäre entsteht. Ist bei schönem Wetter das Flackern besonders heftig, ist mit einem baldigen Wetterumsturz zu rechnen. Dasselbe gilt auch, wenn Sonne oder Mond mit einem leuchtenden Ring, einem Halo, umgeben sind.

Wolken als Wetterzeichen
Verlässliche Anzeiger von Wetterveränderungen sind die Wolken und ihr Verhalten am Himmel. Eine bekannte Regel ist diese:
«Die Wolken, welche gleich weissen Bergen und Schneehaufen zu sehen sind und nacheinander aufziehen, von der Sonne jedoch zertrennt werden, verkünden helles und klares Wetter.»
Grossvater, der von seinem Hof den Pilatus, den Hausberg der Stadt Luzern sehen konnte, hatte noch eine besondere Wolkenregel: Hed de Pilatus e Huet, werd ’s Wätter guet, hed er e Chraage [also ein Wolkenband unterhalb der Spitze], chamm’er’s waage. Hed er e Dääge [ein Wolkenband etwa auf der Höhe des Eigentals], get’s Rääge (Hat der Pilatus einen Hut, wird das Wetter gut, hat er einen Kragen, kann man’s wagen. Hat er einen Degen, gibt’s Regen). Dieser Regel liegt die Beobachtung zugrunde, wonach niedrige Wolken und Nebel rund um Bergspitzen meist Vorboten kommenden Regens sind. Dazu kam noch Grossvaters Blick gegen den Ruswilerberg, den man vom Kandishof aus im Westen sehen konnte. Zogen dort dunkle Wolken auf, war mit einem Gewitter zu rechnen. Je nach Windstärke, erzählte mir mein Vater, wusste sein Vater in etwa, wann sich das Unwetter über Dierikon oder seiner Umgebung entladen würde. Die Rigi hingegen würdigte er keines Blickes. Als Wetteranzeiger hatte sie für ihn keine Bedeutung.
Überhaupt die Unwetter. Mein Vater betonte in seinen Erzählungen regelmässig, dass sein Vater, also unser Grossvater, ein eigentlicher Wättermönsch (Wettermensch) gewesen war. Fast alle Arbeiten, vor allem jene im Sommer, richteten sich nach seinen Wetterbeobachtungen und den daraus gewonnenen Schlussfolgerungen. Grossvater besass offenbar ein altes Erfahrungswissen, das er zum Teil wohl noch von seinem Vater Maria Lussi mitbekommen hatte. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an unser 1903 erbautes Haus in Ruswil, in dem wir über dreissig Jahre wohnten. Wenn es in der Küche, wo ein alter und vor allem im Winter befeuerter Eisenherd stand, plötzlich nach geräuchertem Speck roch, war ein Wetterumschwung nicht weit. Spätestens nach zwei oder drei Tagen kam Regen. Gleiches galt auch, wenn an den ungeschützt verlaufenden Wasserleitungen im Keller Wasser kondensierte.
Interessant ist auch, dass Grossvater anfänglich nicht einmal ein Barometer besass. Erst später bekam er eines geschenkt. Daraus ist zu folgern, dass er auch ohne Instrumente die Entwicklung des Wetters aufgrund von Anzeichen in der Natur und dem Verhalten von Tieren erahnen konnte.


Verschiedene in der Natur vorkommende Anzeichen, die auf Regen hinweisen. Nach einer Zeichnung von E. Schmidt, in: Die Gartenlaube. Heft 31, Leipzig 1889, S. 529. Wie jeder Bauer, hat auch unser Grossvater diese Vorzeichen (und viele andere) gekannt.

  
Vom Wind
Ein wichtiger Wetterzeiger war für ihn der Wind. Dieser zeigt nicht nur an, woher ein allfälliges Unwetter kommen könnte, sondern er ist auch ein verlässlicher Indikator für Wetteränderungen. Dazu muss man wissen, dass die Richtung, aus welcher der Wind weht, sich meist im Uhrzeigersinn fortbewegt. Auf Ostwind, der kalt und trocken ist, aber schönes Wetter bringt, folgt gewöhnlich Südwind, der allmählich in Südwestwind übergeht, um dann nach Westen, Nordwesten und Norden zu drehen. Die Drehung von Ost gegen Südwest und West ist meist verbunden mit Tauwetter und Regen, der im Winter mit dem weiteren Drehen des Windes nach Nordwest und Nord in Schnee übergehen kann. Dazu die alte Wetterregel, die wie mein Grossvater wohl jeder Bauer kannte und vielleicht heute noch kennt: «Wind aus Ost bringt Frost. Wind aus West gibt dem Frost den Rest.» Und: «Wenn der Wind von West nach Norden dreht, er Schnee oder Regen mit sich trägt.» Letzteres hat einen einfachen Grund. Die sich abkühlende Luft vermag das Wasser nicht mehr zu halten, weshalb es als Niederschlag zur Erde geht.

Der Mond
Bei Vollmond wechselt das Wetter. Diese immer noch gängige Auffassung ist ein Relikt des alten Planetenglaubens. Der Mond, im Weltsystem des Ptolemäus der erdnächste der damals bekannten sieben Planeten, beeinflusst durch seine unterschiedliche Lichtstärke, seine Erdferne, seine Erdnähe wie auch durch seine auf- und absteigende Umlaufbahn (letzteres heisst im Luzernischen obsigänt und nidsigänt) zwar das Leben auf der Erde, auf das Wetter hat er jedoch keinen Einfluss. Zwar sagt man, Vollmond bringe einen Wetterwechsel und auch die übrigen Lichtgestalten des Mondes – Letztes Viertel, Neumond und Erstes Viertel – sollen Einfluss auf das Wetter haben. Beobachtungen, die man gemäss dem oben genannten Witterungs-Kalender bereits im 17. Jahrhundert machte, zeigen jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Wetterregeln, die auf dieser Annahme beruhen, können sich zwar zufällig bewahrheiten, verlässlich sind sie nicht.

Die Mondphasen und das Wetter
Anders verhält es sich mit dem Erscheinen der Lichtgestalt des Mondes am Nachthimmel. Je nach den atmosphärischen Bedingungen können daraus Schlüsse für die Entwicklung des Wetters gezogen werden. Ist der Mond am nächtlichen Winterhimmel hell und klar, folgen kühle, aber niederschlagsfreie Tage, heisst es zum Beispiel in einer alten Bauernpraktik. Darauf ist durchaus Verlass. Die Luftschichten sind nicht in Bewegung. Die Luft ist kalt und trocken. Der Grund dafür ist der Ostwind, die Bise, die meist längere Zeit anhält. Die damit verbundene Regel kennen wir bereits: «Wind aus Ost bringt Frost.» Umgekehrt deutet eine bleiche und blasse Farbe des Mondes auf Regen. Dazu eine weitere Regel aus dem Witterungs-Kalender:

«Scheint der Mond weiss, so will das Wetter schön sein, scheint er rot, so wird viel Winds gedeihn.
Scheint er aber bleich, merk mich gar eben, so bedeuts viel Regen darneben.»

Ebenso sind Nebenmonde, wie auch Höfe und Ringe um den Mond, Vorboten baldigen Regens. Auch das hat eine natürliche Ursache. Die sich abkühlende Luft ist mit Feuchtigkeit geladen, die je nach den atmosphärischen Bedingungen als Regen oder Schnee niedergehen kann. Ähnliches gilt auch für die folgende Regel: «Entsteht zur Zeit des abnehmenden Mondes ein allgemeiner Nebel vor Sonnenaufgang, so soll im Neumond unfehlbar Regen eintreten.» Mit den Mondphasen hat diese Wetterregel keinen Zusammenhang, obschon es auf den ersten Blick danach aussieht. Der Hinweis auf den abnehmenden Mond bei Sonnenaufgang hat einen einfachen Grund. Die abnehmende Mondsichel ist nur gegen den Morgen, also vor Sonnenaufgang, zu sehen; der zunehmende Mond nur in den Abendstunden. Neumond dagegen ist immer tagsüber, weil unser Erdtrabant dann zwischen Sonne und Erde steht.

Die Planeten
Aufgrund der verschieden langen Umlaufzeiten der einzelnen Planeten um die Erde ergibt sich, dass diese gegeneinander ständig wechselnde Winkelbeziehungen einnehmen. Das Verhältnis der Planeten zueinander nennt man Aspekte. Um sie zu ermitteln und zu deuten benötigte man keine astronomischen Kenntnisse. Die Aspekte waren, wie dies unsere Abbildung eines Blattes aus dem Nidwaldner Kalender von 1873 zeigt, durch geometrische Symbole angegeben. Man musste sie nur noch mithilfe eines Witterungskalenders deuten. Doch was wir vom Mond bezüglich seiner Rolle als Wettermacher gesagt haben, gilt im Besonderen auch für die übrigen Planeten des Ptolemäischen Weltsystems. Sie haben keinen Einfluss auf das Wetter.

Das Blatt Dezember im Nidwaldner Kalender von 1873 mit den Lichtgestalten des Mondes und seiner Stellung im Tierkreis, den mit geometrischen Symbolen dargestellten Aspekten und den Tageslängen.

 

 
Nach 1900 verschwanden die Aspekte allmählich aus den Kalendern. Sie waren ein auf die Antike zurückgehendes mittelalterliches Relikt, das an der Schwelle zur Moderne selbst für traditionelle Bauern keinen praktischen Wert mehr hatte. Mondphasen und Planeten spielten gemäss den Gesprächen mit Dädi als Vorbedeuter für das Wetter denn auch keine Rolle. Grossvater verliess sich lieber auf die natürlichen Wetterzeichen. Diese waren verlässlicher und auf Verlässlichkeit war er angewiesen.

Die Lostage
In der bäuerlichen Wettervorhersage spielten Lostage eine wichtige Rolle. Lostage sind bestimmte Tage des Jahres, an denen gelost wird, das heisst, an denen man versucht, über Zukünftiges Aufschluss zu erlangen. Dies geschieht besonders bezüglich des zu erwartenden Wetters. Aber nicht jede an ein bestimmtes Datum geknüpfte Wetterregel macht den betreffenden Tag zu einem Lostag. Das gilt vor allem für die vielen Bauernregeln im Kalender, die an eine noch zu verrichtende Arbeit oder ein bestimmtes Ereignis erinnern. Ein Beispiel dafür: «St. Gertraud [hl. Gertrud von Nivelles, Gedenktag 17. März], Acker und Gärten baut.» Hier hat der Heiligengedenktag bloss die Funktion einer Mahnung: Es ist an der Zeit, die Äcker und Gärten für die Aussaat vorzubereiten.

Heiligengedenktage
Gleich verhält es sich mit jenen Heiligengedenktagen, die den Anfang oder das Ende einer Jahreszeit anzeigen. Auch dazu ein Beispiel: «An Allerheiligen [1. November] sitzt der Winter auf den Zweigen.» Ebenso haben die Begrenzungen verschiedener Wetter- oder Vegetationsperioden nichts mit den Lostagen zu tun, wie dies die nachfolgende Regel verdeutlicht: «Mattheis [Matthias, 24. Februar] bricht’s Eis. Hat er keins, so macht er eins.» Die Schlussfolgerung: Ist es an diesem Tag gefroren, tritt Tauwetter ein. Ist es aber mild, so ist im März Frost zu erwarten.

Glücks- und Unglückstage
Auch die Glücks- und Unglückstage sowie die guten und schlechten Tage für das Aderlassen gehören nicht zu den Lostagen. Von einem Lostag kann erst dann gesprochen werden, wenn die Vorbedeutung nicht vom Tag selbst abhängt, sondern von seinem vorher nicht zu berechnenden Verlauf. Bezüglich des Wetters geht es also darum, aus den meteorologischen Verhältnissen eines bestimmten Tages auf bevorstehende Wetterverhältnisse zu schliessen, wie dies das nachfolgende Beispiel zeigt: «Ist Ambrosius [4. April] schön und rein, wird St. Florian [4. Mai] dann milder sein

Vom Nutzen des Kalenders
Ein immenses Wissen also, das die landwirtschaftliche Arbeit über Jahrhunderte bestimmte. Die vielen Bauernkalender halfen mit ihren Wetterangaben, den Wetterregeln, den Lostagen, den Stellungen von Sonne und Mond sowie dem astronomisch-astrologischen Kalendarium sich in diesem Dschungel zurechtzufinden. Man musste also nicht mehr wissen, wie im Kalender eine bestimmte Wetterprophezeiung zustande gekommen war. Es genügte, ein paar grundsätzliche Wetterregeln zu kennen. Den Rest konnte man in der Bauernpraktik nachschlagen und aus der Kombination der verschiedenen Regeln und Anzeichen in der Natur seine Schlussfolgerungen ziehen.
Ob und in welchem Umfang sich unser Grossvater nach den Lostagen, dem Mond und den sich darauf beziehenden Wetterregeln im Bauernkalender richtete, wissen wir nicht. Einige der oben zitierten Regeln, die allgemeines Volksgut sind, wird er jedoch bestimmt gekannt haben.

 

[1] Dieser und die folgenden Hinweise von meinem Vater Albert Lussi-Bieri, Villmergen.

[2] Sofern nicht anders erwähnt stammen diese und alle nachfolgenden Bauernregeln aus: M. Johannis Coleri: Calendarium Perpetuum. Das ist: Hundertjähriger Witterungs-Kalender, oder: Standhafter Bericht von den Wetteranzeichen und Regeln der alten und neuen Astrologen und Wetterpropheten. Verlag von Ferd. Förderer, Villingen, ohne Jahr (um 1860).

Ein Tag wie viele andere
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12.  Ein Tag wie viele andere
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Arbeitsbeginn war um fünf Uhr morgens. Die Kühe wurden damals noch von Hand gemolken. Dazu schnallte sich Onkel Sepp einen einbeinigen Schemel, den sogenannten Melkstuhl, um und klemmte den Melkkessel mit den Beinen fest. Wenn wir ihm beim abendlichen Melken zuschauten, hiess er uns manchmal, nah beim Milchkessel niederkauern. Muul uf, Buebe (Maul auf, Buben), kommandierte er, und schon spritzte uns direkt von der Zitze die warme, rahmig schmeckende Milch in den Mund. Auf Anhieb traf er selten. Darob gab es dann jeweils ein grosses Gelächter.

Arbeit im Stall
Durch ein Milchsieb füllte Onkel Sepp die Milch in Milchkannen, wobei die Katzen, die sich inzwischen eingefunden hatten, ihren Teil abbekamen. Die aus Aluminium gefertigten Kannen hatten einen einsteckbaren, mit einem Bügel versehenen Deckel und fassten je etwa vierzig Liter Milch. Während des Krieges, erzählte mir mein Vater, brachte man sie mit einem einachsigen Wagen, dem das Pferd Flori vorgespannt war, zu den Thalis, die etwa zweihundert Meter weiter oben in Richtung Götzental wohnten. Dort hatte es eine sogenannte Milchbank. Das war eine aus Holz gezimmerte, nur wenig über dem Boden stehende massive Bank, auf die man die Kannen stellte. Von dort wurden sie von der Luzerner Molkerei Galliker abgeholt. Im Winter, wenn Schnee lag, nahm man statt des Wagens den Schlitten. Mein Vater erinnert sich, dass dies oft der Fall war, denn damals waren die Winter noch schneereich und kalt.
Der Ablauf des Melkens, wie er oben beschrieben ist, blieb seit Vaters Jugend gleich. Erst als Onkel Sepp den Hof von seinem Vater, meinem Grossvater also, übernommen hatte, gab es Änderungen. An die Stelle des treuen Pferdes Flori war nun ein Willys Jeep getreten. Wieso Onkel Sepp einen Jeep und nicht einen Traktor angeschafft hatte, weiss ich nicht. Das meiste zum Hof gehörende Land war steil und für die Bewirtschaftung mit einem Jeep als Zugfahrzeug nicht besonders geeignet.

Onkel Walter und seine Hühner
Für die Hühner zuständig war Onkel Walter, der bereits mehrfach erwähnte Bruder meines Grossvaters. Bei Tagesanbruch ging er zum Hühnerstall. Dieser war kein freistehendes Gebäude, sondern unterhalb der Heubühne im Kuhstall eingebaut. Dann öffnete er den Schieber und die Hühner stürmten gackernd ins Freie, während er die Eier einsammelte.
Der Auslauf der Hühner war nicht begrenzt. Nur ins Haus und in den Garten durften sie nicht. Dafür sorgte Tante Theres. Nachdem Onkel Walter die Eier in der Küche abgegeben hatte, ging er mit einem Chesseli (kleinen Kessel) zu einer in der Nähe des Aborts stehenden Milchkanne, in der das Hühnerfutter mäusesicher aufbewahrt wurde. Mit Futter versorgt stellte er sich bei der Eingangstreppe auf und rief chomm sä, sä, sä. Und schon stürmten die Hühner aus allen Richtungen herbei und mit ihnen ein grosser Schwarm Spatzen. Nun entbrannte ein Kampf um die Körner, den die Spatzen meist für sich entschieden. Sie waren schneller, wendiger und aufmerksamer als die Hühner, die kopflos herumflatterten und zuweilen nicht zu bemerken schienen, dass sie manchmal sogar auf den Körnern standen. Ich kann es nicht belegen. Aber die Vermutung drängt sich auf, dass der Ausdruck «blindes Huhn» hier seinen Ursprung hat.


Walter Lussi, geboren am 30. März 1896 und verstorben am 8. Februar 1971. Er war der Bruder meines Grossvaters und Mitbesitzer des Kandishofs. Walter war insbesondere auch für die Hühner zuständig.

 
Das Streuen der Körnermischung hatte einen wichtigen Nebeneffekt. Die Hühner liefen nicht davon, sondern in Erwartung weiterer Auftritte von Onkel Walter hielten sie sich meist in der Nähe des Hauses oder der Scheune auf.
Zwischendurch erhielten sie zusätzlich zum Körnerfutter auch angefeuchtete Kleie. Kleie ist ein Sammelbegriff für die bei der Verarbeitung von Getreide zurückbleibenden Rückstände aus Schalen und Keimlingen. Es ist ein Mühlennachprodukt, das früher vorwiegend als Futtermittel verwendet wurde. Die auf dem Kandishof verfütterte Kleie bezog man von der Brunner-Mühle. Einmal, aber nur dieses eine Mal, kamen wir Buben auf die Idee, unter die feuchte Kleie etwas Träsch zu mischen. Nicht lange, und die meisten Hühner lagen auf der Seite, gackerten unartikuliert und strampelten mit den Füssen in der Luft. Das Donnerwetter hielt sich in Grenzen. Das Federvieh war überraschend schnell wieder auf den Beinen.

Suppenhühner und Spatzennester
Erschien Onkel Sepp mit einem Hackbeil, so hiess das, dass eines der Hühner geschlachtet würde. Hopp Buebe, das schwarze deet (Hopp Buben, das schwarze dort), kommandierte er. Während wir dem Huhn nachrannten um es einzufangen, hatte sich Theres mit ihren Gerätschaften unter dem grossen Kastanienbaum bereits zum Rupfen und Ausnehmen des Vogels bereit gemacht. Dann ging alles sehr schnell. Onkel Sepp packte das Huhn an den Füssen, schwang es ein paarmal herum, damit es die Besinnung verlor oder zumindest etwas benommen war, legte es auf den Holzstock und zack, ein Schlag, und der Kopf war weg. Manchmal liess er das kopflose Huhn los und wir Buben mussten es om i Bewegig z’bliibe (um in Bewegung zu bleiben) wieder einfangen. Währenddessen hatten sich die anderen Hühner gackernd und mit den Füssen scharrend beim Holzstock eingefunden, wohl in der Hoffnung, dass von der Schlachterei für sie etwas zum Aufpicken abfallen würde.
Eine andere Sache war die mit den Spatzennestern. Dank Onkel Walters traditioneller Hühnerfütterung vermehrten sich die Spatzen verheerend schnell. So kam es, dass man ab und zu, wenn die Spatzen unter den Scheunenvordächern ihre Nester gebaut hatten und am Brüten waren, den Bestand etwas dezimierte. Dazu stellte Onkel Sepp eine Leiter an. Einer meiner Cousins, der sich das gewohnt war, kletterte hoch und wischte die Nester samt Inhalt herunter. Das hört sich für Tierschützer grausig an. Aber die Dezimierung war unumgänglich, wobei ich jedoch nie das Gefühl hatte, dass der Spatzenschwarm merklich kleiner geworden wäre. Der Bau eines überdeckten Geheges war für Grossvater keine Option. Er wusste nur zu gut, dass die Hühner viele Schädlinge frassen und sich dazu oft unter den Obstbäumen einfanden, wo sie wiederum mit ihrer Hinterlassenschaft den Boden düngten. Heute werden die Hühner vielerorts noch immer auf engstem Raum gehalten, während in den Obstgärten teure Spritzmittel die Aufgabe der Hühner übernommen haben.
Mittlerweile hat jedoch eine Gegenbewegung eingesetzt. Immer mehr Menschen möchten gesündere und natürliche Produkte von denen man weiss, woher sie kommen und wie und mit welchem Energieaufwand sie hergestellt wurden. Nachhaltigkeit heisst hier das Zauberwort. Nachhaltigkeit in jeder Beziehung.

Ganzheitliches Wirtschaften
Onkel Walters Hühnerhaltung geschah im Einklang mit der Natur. Die Hühner hatten einen freien Auslauf. Sie beseitigten zudem Schädlinge und düngten die Böden. Gleichzeitig aber, anders hätte es nicht funktioniert, musste auch der Spatzenbestand auf ein verkraftbares Mass reduziert werden. Ein Nebeneinander also, von dem wir bezüglich des wieder heimisch gewordenen Wolfs lernen können. Es kann nicht sein, dass Schafe und Ziegen in Pferchen gehalten werden müssen und die Alpen verganden, weil die Schutzmassnahmen gegen den sich ungebremst vermehrenden Wolf, nebst allen anderen Erschwernissen, eine Bewirtschaftung der Alpen in personeller und finanzieller Hinsicht unrentabel machen und diese in der Folge aufgegeben werden müssen. Wir gefährden damit ein über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gewachsenes kulturelles Erbe, zu dem wir Sorge tragen sollten. Es wird also darum gehen, den Wolfsbestand auf ein erträgliches Mass zu reduzieren, damit Alpwirtschaft und Grossraubtier nebeneinander existieren können und beides eine Zukunft hat.

Das Znüni
Erst gegen halb sieben, wenn die Kühe gemolken und die Milchkannen zum Abholen bereitgestellt waren, gab es das Frühstück. Dieses bestand aus Möuchkafi (Milchkaffee), Brot (das für Luzern typische schwarze Sauerteigbrot, Weggen genannt), Anke (Butter) und Chäs (Käse). Dann ging es wieder in den Stall. Um neun Uhr folgte dann das Znüni. Zusätzlich zu Milchkaffee, Brot, Käse und Butter gab es jetzt noch eine Rööschti (Rösti). Dazu nahm Tante Theres festkochende gschwellti Härdöpfel (Pellkartoffeln) vom Vortag. Sie wurden geschält und mithilfe einer Rööschtiraffel (Reibe) grob geraspelt. Zum Anbraten nahm sie immer reichlich Schmotz (ausgelassenes Schweinefett), das sie in einer grossen Eisenpfanne erhitzte. Nun kamen die geraffelten Kartoffeln hinein. Das Ganze musste jetzt nur noch gesalzen und knusprig gebraten, das heisst geröstet werden (daher der Name Rööschti). Wichtig war für sie, nicht mit dem Schweinefett oder dem Anken zu geizen. Ä rechtigi Rööschti muess glänzä (Eine richtige Rösti muss glänzen), pflegte sie zu sagen. Etwas anderes als eine traditionelle Rööschti wäre beim Grossvater, der sich dies von seinen Eltern her gewohnt war, nicht gut angekommen. Das hat nichts mit Rückständigkeit zu tun sondern mit dem Festhalten an Bewährtem. Was gut ist, muss ohne Grund nicht geändert werden. Grossvater hätte es auch nicht geduldet, und daher hatte es in der Kandishof-Rööschti in der Regel meist weder Speck noch Zwiebeln.

Das Mittagessen
Um zwölf Uhr, angezeigt durch das Mittagsläuten der Glocken der Dorfkapelle, folgte das Mittagessen. Dieses bestand meist aus einer währschaften Suppe, einer Fleischsuppe zum Beispiel, Kartoffeln mit Voressen, Bratwürsten, Gepökeltem und nach einer Metzgete (Schlachtung) aus Blut- und Leberwürsten. Dazu gab es Most. An Sonn- und Feiertagen nahm Grossvater noch ein Glas Wein. Diesen kaufte man in Literflaschen. Was für einen Wein Grossvater trank weiss niemand mehr. Ich vermute aber, dass es Algerier war, den man damals in Kolonialwarengeschäften kaufen konnte. Algerier war ein gar nicht so schlecht schmeckender und erst noch preiswerter Massenwein. Anderen gab es damals höchst selten und wenn, dann zu vergleichsweise hohen Preisen. Er wurde in der ehemaligen französischen Kolonie Algerien in ungeheuren Mengen produziert.[1] Man trank ihn nicht nur in Privathaushalten, sondern er wurde auch in Gaststätten gerne bestellt. Dort gab es ihn nur im Offenausschank. Den letzten Algerier trank ich vor etwa fünfzehn Jahren im Tübali (Restaurant Taube) in Willisau.
Zum Abschluss gab es ein Kafi (Kaffee). Dazu brachte Tante Theres Wasser zum Kochen. In das kochende Wasser gab sie etwas gemahlenen Kaffee. Das Ganze liess sie zweimal aufwallen und prüfte dann die Farbe. Der Kaffee musste hell sein wie Tee. Entstanden ist diese Art des Zubereitens wohl in der Zeit, als Kaffee ein exotisches und daher sehr teures Produkt war, das man nur sparsam verwendete. Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung, als Kaffee für jedermann erschwinglich geworden war, blieb man in der Innerschweiz beim hellen Kaffee, den man aus speziellen Kafigläsern trank. Man hatte sich an diesen meist mit Schnaps versetzten Kaffee gewöhnt – und auch an die Gläser, deren Form sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert hat.


Leben auf dem Kandishof. Von links: Albert Lussi-Bieri mit seiner Frau Rosmarie, Theres Lussi-Flury und rechts davon der Hofhund Dino, an dessen ruhige Art ich mich gut erinnere.

 
War Tante Theres mit der Farbe zufrieden, schreckte sie die Brühe mit einer Kelle kaltem Wasser ab, damit sich das Kaffeepulver auf dem Boden setzt. Den fertigen Kaffee füllte sie nun in eine Kaffeekanne aus Blech und stellte diese mit der Aufforderung machid zwäg auf den Tisch. Zwägmache. Das hiess, dass sich nun jeder eines der auf dem Tisch stehenden Kaffeegläser nehmen und sich Kaffee einschenken konnte. Vor dem Einschenken kam ein Blechlöffel ins Glas, damit dieses nicht sprang. Das Gebräu, das so hell war, dass man den Kaffeelöffel noch gut erkennen konnte, wurde mit mindestens zwei, in manchen Nidwaldner Bauernfamilien mit bis zu sechs gehäuften Kaffeelöffeln Zucker gesüsst und mit einem ordentliche Gutsch Träsch aromatisiert.

Träsch – ein traditioneller Bauernschnaps
Träsch ist ein klarer Schnaps, der heute vorwiegend aus Äpfeln und Birnen gebrannt wird. Auf dem Kandishof war das damals anders. Aus den Äpfeln und Birnen stellte man zuallererst Most her. Gebrannt wurde das ausgepresste Fruchtfleisch, das man Trester nannte. Diesen füllte man in Fässer und liess die Mischung vergären. War der Gärprozess abgeschlossen, liess man den Brenner kommen. Da man in der heute verschwundenen Trotti (Ökonomiegebäude mit Mostpresse) des Kandishofs keine hydraulische Presse hatte, sondern alles von Hand tun musste, enthielt die Maische noch immer genügend Flüssigkeit, um daraus Schnaps zu brennen.
Beim Brennen unterschied man zwischen Vorlauf, Mittellauf und Nachlauf. Als Trinkschnaps verwendet wurde nur der Mittellauf, den man noch abestemmä (das heisst mit destilliertem Wasser verdünnen) musste. Anders als der sich heute im Handel befindliche Träsch hatte jener, den man auf dem Kandishof brannte, nach dem abestemmä etwa 62 Volumenprozente. Vor- und Nachlauf nannte man Söilibotzer. Diese Teile des Schnapses verwendete man in der Tiermedizin zur Desinfektion von Wunden.[2]
An freien Nachmittagen kamen die Kinder von der Brunner Mühle gerne hinauf auf den Kandishof. Manchmal spielten sie in der Stube sogar Fussball, während Onkel Walter, der in die Jahre gekommen war, auf dem Kachelofen sass und den Buben zuschaute. Bei diesen Gelegenheiten hing Tante Theres jeweils ein grosses weisses Leintuch aus einem der talseitigen Fenster. Dieses signalisierte Frau Brunner unten in der Mühle, dass ihre Buben auf dem Kandishof waren. Ein Telefon zum Nachfragen gab es anfänglich ja noch nicht.

Das Zobig
So gegen 16 Uhr war Zeit für ein Zobig, das man an anderen Orten auch Zvieri nennt. Wiederum trank man Milchkaffee. Dazu gab es Brot und Käse. Vor allem in der warmen Jahreszeit stand meist auch ein Krug suure Moscht (sauerer Most) auf dem Tisch, wobei Grossvater, darauf angesprochen, zu betonen pflegte, dies sei nicht saurer Most, sondern vergorener. Im Herbst, nach dem Mosten, mischte man oft vom Vorjahr noch vorrätigen sauren Most mit Süssmost. Die Mischung, die je etwa zur Hälfte aus frisch gepresstem Süssmost und vergorenem Most bestand, nannte man im Luzernischen Duledö (von franz. tout les deux, alle beide).[3]
Bezüglich des Milchkaffees ist anzumerken, dass man den dazu verwendeten Kaffee etwas anders zubereitete, als jener für das Kafi Träsch. Milchkaffee musste dunkel sein. Daher setzte man dem Kaffee noch einen oder zwei Löffel Franck Aroma zu. Das ist ein aus Zichorie (von lat. cichorea) gewonnener Kaffee-Ersatz, der dem Milchkaffee die wunderbare braune Farbe verleiht.[4]

Frank Aroma, ein Surrogat, das dem Milchkaffee eine schöne dunkle Farbe verleiht.

 
Nach getaner Arbeit
Etwa um 18.30 Uhr, je nach dem Stand der Arbeiten, folgte das Znacht (Nachtessen). Es bestand in Dädis Jugend oft aus einer Kartoffelsuppe oder Resten vom Mittag. Dazu gab es Most. Während des Krieges, erzählte mir mein Vater, war es nach dem Abräumen Zeit für die Nachrichten, auf die alle gespannt warteten. Sein Vater hatte dazu einen Radiodetektor. Dieses einfache Gerät zum Abhören von Rundfunksendungen arbeitete stromunabhängig und benötigte daher weder Batterien noch Netzteile. Die notwendige Energie bezog es aus den von den Radiosendern ausgehenden elektromagnetischen Wellen. Allerdings konnten die Sendungen nur mittels eines Kopfhörers abgehört werden. Für mehr reichte die Energie nicht. Nach den Nachrichten ging es also ans erzählen, wobei während des Zweiten Weltkriegs die beteiligten Parteien jeweils in der Einzahl genannt wurden: de Tütsch, de Ross (der Russe), de Amerikaner, de Franzos.
Nach den Nachrichten war Lichterlöschen. Im ganzen Haus gab es zu Kriegsbeginn drei elektrisch betriebene Lampen. Im Stall hatte es gar keinen Strom. Gemolken und gefüttert wurden die Kühe im Schein einer Petrollampe, deren Glas durch dicke Drähte geschützt war. Noch heute heissen diese einfach konstruierten Lampen Stalllaternen. Beliebt und wegen ihrer Robustheit sehr geschätzt waren damals Stalllaternen der Marke HELVETIA. Bezüglich Qualität und Bedienerfreundlichkeit sind sie nicht zu vergleichen mit den heute angebotenen, oft undichten Billig-Stalllaternen aus dünnem, schwach verzinktem Blech.
Nachzutragen ist, dass vor dem Essen jeweils ein Gebet gesprochen wurde. Auch in meiner Jugend war das noch so üblich. In unserer Familie gebräuchlich war es das bekannte Komm Herr Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen. Auf das Beten werden wir später noch zurückkommen.

 

[1] Während der französischen Kolonialzeit erreichte die Produktion algerischer Weine im Jahre 1938 mit 21.000.000 Hektolitern einen absoluten Höhepunkt. Heute sind es noch rund 500.000 Hektoliter.

[2] Mehr zum Thema «Träsch» in: Kulinarisches Erbe der Schweiz, https://www.patrimoineculinaire.ch/.

[3] Mündlich vom verstorbenen Melker Hans Dubach, Ruswil (um 1985).

[4] Franck Aroma ist noch heute fast überall erhältlich. Für die Herstellung von Franck Aroma verwendet wird die Gemeine oder Gewöhnliche Wegwarte (lat. Cichorium intybus).

Die Kapelle von Dierikon und das Angelusläuten
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13.  Die Kapelle von Dierikon und das Angelusläuten
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Das Gebet in der Familie war das eine, die mit der Dorfgemeinschaft gelebte Frömmigkeit das andere. Zwar hatte Dierikon nie eine eigene Kirche, in der man sich zum Gebet treffen oder einer Heiligen Messe beiwohnen konnte. Aber dafür stand seit 1675 in Unterdierikon inmitten der kleinen dörflichen Gemeinschaft eine Kapelle, in deren Nachfolgerbau bis nach dem Zweiten Weltkrieg Messen gelesen und Andachten abgehalten wurden.


Die 1862 im neugotischen Stil erbaute Kapelle von Dierikon vor der Ausräumung und dem Umbau in einen Gastronomiebetrieb. (Bild Marcel Herrmann, Gemeinde Dierikon)

 

 
Eingeweiht wurde eine erste Kapelle am 30. September 1676. Wer sie erbauen liess und woher die Mittel dazu kamen, ist nicht bekannt. Als sie baufällig wurde und sich die Renovation nicht mehr lohnte, beschloss man, sie durch einen Neubau zu ersetzen. Am 28. April 1862 erteilte die Luzerner Regierung dazu die Baubewilligung. Mit der Ausführung beauftragt wurde der Luzerner Baumeister Wilhelm Keller, der auch an anderen Orten der Zentralschweiz Neubauten von Kirchen und Kapellen realisierte. Seine Sakralbauten sind fast durchwegs im damals populären neugotischen Stil gehalten. Diese Kunstrichtung war eine Folge des Kulturkampfs bei dem es letztlich um den Platz der Katholischen Kirche und ihrer Lehre in der beginnenden Moderne ging. Das Kräftemessen zwischen Staat und Kirche führte zu einer inneren Erstarkung der Kirche und ihren Institutionen. Nach aussen zeigte sich dies in der Hinwendung zu mittelalterlichen und byzantinischen Bauformen sowie gotischen Zierelementen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert setzte sich mit der wachsenden Erstarkung der Kirche der Historismus fast in der gesamten katholischen Schweiz durch. Strittig war an manchen Orten nur noch, in welchem historischen Stil ein Kirchenneubau ausgeführt werden sollte.[1]

Religiöser Angelpunkt der Bevölkerung von Dierikon
Im Glaubensleben zeigte sich die Wiedererstarkung des katholischen Glaubens in der Vorliebe für Andachtsformen, die – wie die Herz Jesu-Verehrung – an der mittelalterlichen Passionsmystik anknüpften. Andererseits erhielt die schon immer im Volk fest verankerte Marienverehrung durch die plötzliche Häufung von Erscheinungen der Muttergottes (Rue du Bac, Paris, 1830; Lourdes 1858; Fatima 1917) sowie durch das 1854 verkündete Dogma der unbefleckten Empfängnis Mariens einen Aufschwung, der einer Massenbewegung gleichkam.
Diesem Zeitgeist entsprach das Bild auf dem Hauptaltar der Kapelle. Dargestellt war die Krönung Mariens, die nach den Vorstellungen der Katholischen Kirche mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Die biblische Grundlage dieses Motivs leiteten die Theologen des Mittelalters aus Versen des Hohelieds (Hld 4,8) und den Psalmen (Ps 45,10) ab, die mariologisch gedeutet wurden.
In dieser Kapelle, von der nur noch die entweihte Hülle steht, hielt man die Herz Jesu-Freitage und Maiandachten. Hier beteten die Dorfbewohner gemeinsam den Rosenkranz oder versammelten sich nach einem Todesfall zum Sterbegebet, wie dies anlässlich Grossvaters Tod noch der Fall gewesen war. Und an stillen Nachmittagen breitete man hier vor dem Bild Mariens seine Sorgen und Nöte aus.

Das Angelusläuten
Eng mit der Marienverehrung verknüpft ist das Angelusläuten. Für Menschen, die in der Nähe einer Kirche oder einer Kapelle wohnen, ist es etwas Vertrautes: Frühmorgens um sechs, dann pünktlich am Mittag und schliesslich nochmals am Abend rufen die Kirchenglocken zum Gebet. Betzeitläuten oder Zbättelüüte, wie dies Josef Zihlmann nannte, heisst das Geläute, das dreimal am Tag ertönt und die Christen zum Gebet ruft.[2] Geläutet wird meist mit einer bestimmten Glocke, die das Volk Bet- oder Angelusglocke nennt. Auch in Dierikon hatte das Angelusläuten, an das sich meine Cousins noch gut erinnern können, eine lange Tradition. Es verstummte erst mit der Profanierung und Ausräumung der Kapelle. Vom neugotischen Hochaltar wissen wir, dass er in die 1908 erbaute Kapelle St. Wendelin in Roggliswil kam. Eine grosse Herz Jesu-Statue und die Glocken befinden sich noch in der Kapelle. Wo sich die übrigen Ausstattungsgegenstände befinden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Mit dem Altar verschwanden nicht nur Kultgegenstände, sondern auch die damit verbundene Spiritualität und die Volksfrömmigkeit, die das Leben in Dierikon über Jahrhunderte geprägt hatten.

Die Ursprünge des Angelusläutens
Die Wurzeln des Betzeitläutens reichen zurück ins Mittelalter. Aber erst seit der Zeit der Türkenkriege ist das dreimalige Läuten fester Teil kirchlicher Läuteordnungen. Zur gegenwärtigen Form hat sich das Angelusläuten jedoch über mehrere Schritte entwickelt. Seine Einführung steht in engem Zusammenhang mit der im Mittelalter aufgekommenen Marienverehrung und den damit verbundenen Gebeten und Gebräuchen. Anlässlich des Generalkapitels der Franziskaner in Pisa im Jahre 1263 kam vom Orden der Impuls, beim abendlichen Läuten zum kirchlichen Gebet zusätzlich die Muttergottes zu grüssen und der Menschwerdung Christi zu gedenken. Darauf zurück geht das Gebete Der Engel des Herrn, das gewöhnlich nach seinem lateinischen Beginn Angelus Domini benannt ist (Angelusgebet oder Englischer Gruss). Es besteht aus drei meditativen Betrachtungen der Menschwerdung Christi aus dem Lukas- und Johannesevangelium, denen je ein Ave Maria (Gegrüsst seist du Maria) folgt. Abgeschlossen wird es mit einem kurzen Gebet, das an einigen Orten mit dem Ehre sei dem Vater und einem Gedenken an die Toten erweitert wird.

Der neugotische Hochaltar mit dem Bild Maria Krönung. Der Altar befindet sich heute in der 1908 erbauten Kapelle St. Wendelin in Roggliswil. (Bild Marcel Herrmann, Gemeinde Dierikon)

 
Das Angelusgebet ist auch der Grund, weshalb das Läuten etwa drei bis vier Minuten dauert. Das ist die Zeit, die man zum Beten des Englischen Grusses braucht (siehe unten).

Das Angelusgebet

"Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft – und sie empfing vom Heiligen Geist. – Gegrüsst seist du Maria (…).
Maria sprach: «Siehe, ich bin eine Magd des Herrn – und mir gescheh’ nach deinem Wort.» – Gegrüsst seist du Maria (…).
Und das Wort ist Fleisch geworden – und hat unter uns gewohnt. – Gegrüsst seist du Maria (…).
Bitte für uns o heilige Gottesgebärerin! – Auf dass wir würdig werden der Verheissungen Christi.
Lasset uns beten: Wir bitten dich, o Herr, giesse deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur glorreichen Auferstehung, durch denselben Christus, unseren Herrn. Amen." (Aus dem Bauerngebetbuch von Josef Konrad Scheuber, Einsiedeln 1955)

Anreiz zum Beten des Angelusgebets oder Englischen Grusses gab zudem ein von Papst Benedikt XIV. verliehener Ablass, der unter den folgenden Bedingungen gewonnen werden konnte (zitiert nach "Kurze Sammlung einiger Gebete und guten Werke. Einsiedeln 1836, S.68):

«Wer dreimal, wie gewöhnlich, des Tages das grosse Geheimniss der Erlösung beherzigend die Mutter Gottes andächtig grüsst und anruft, Samstag Abends, Sonntag und zur Osterzeit stehend, sonst aber knieend, gewinnt jedesmal 100 Tage Ablass und fall’s er es täglich thut, einmal des Monats nach Beicht und Kommunion einen vollkommenen. Bened. XIV. 1742.»

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Herz Jesu-Verehrung ein wichtiger Teil der katholischen Volksfrömmigkeit. Daran erinnert die um 1860 geschaffene Herz Jesu-Statue. Sie steht heute beim Aufgang in die oberen Räume der Kapelle.

 
Im 14. Jahrhundert kam das morgendliche Läuten dazu. Aber erst seit dem 15. Jahrhundert in Gebrauch ist das Mittagsläuten. Dieses steht in engem Zusammenhang mit der Erscheinung des Kometen Halley am 10. Juni 1456 und den damit verbundenen abergläubischen Vorstellungen.

Kometenfurcht
Bereits die Römer deuteten Kometen als Unglücksboten. Im Mittelalter verstärkte sich diese Auffassung. Kometen galten als schicksalshafte Vorzeichen von Dürre, Seuchen und Missernten. Vor allem aber sah man in ihnen Künder kommender Kriege, während die Frage nach dem natürlichen Ursprung des Himmelsereignisses von den Gelehrten und erst recht vom Volk weitgehend ausgeblendet wurde.[3]
Da verwundert es nicht, dass der von Astronomen vorausberechnete Durchgang des Halleyschen Kometen am 10. Juni 1456 Papst Calixtus III. veranlasste, das Mittagsläuten und mit ihm das Mittagsgebet «wider die Türken» einzuführen. Immer mehr war man im Abendland nämlich über das offenbar unaufhaltsame Vorrücken der Türkischen Heere nach dem Fall von Konstantinopel am 29. Mai 1453 beunruhigt. Am 4. Juli 1456, nur wenige Wochen nach dem Erscheinen des Kometen, standen die Armeen des Sultans bereits vor der damals zum Königreich Ungarn gehörenden Stadt Belgrad. Ihr Besitz wäre für sie die ideale Ausgangsbasis für weitere Eroberungen ungarischer Gebiete und ein Vorstoss ins Herzen Europas gewesen.


Der Komet von 1456. Aus dem Augsburger Wunderzeichenbuch von 1552. Darauf zurück geht das heute noch in katholischen Gegenden übliche Mittagsläuten. (Wikimedia Commons).

 

 
Das Türkenläuten
Aus damaliger Sicht kam die Anordnung des Papstes gerade noch rechtzeitig. Am 14. Juli 1456 zerstörten die zahlenmässig unterlegenen, ungarischen Truppen die Flottille des Sultans. Am 22. Juli gelang es ihnen, das Lager des türkischen Heeres einzunehmen. Aber erst am 6. August 1456, also über einen Monat nach dem von Calixtus verordneten Mittagsläuten, gelangte die Nachricht vom Sieg der Christen nach Rom.[4] Das Mittagsläuten ist also kein Siegesgeläute, sondern das, was es von Beginn an war: Ein Aufruf zum Gebet.
Dass den Christen dieser Gewaltakt gelungen war, führte man auf den Eingriff Mariens zurück. Ereignisse wie der Sieg der Christen bei Belgrad bildeten denn auch die geistige Grundlage für die Entstehung von Gnadenbildern, wie das von Lukas Cranach dem Älteren nach 1537 geschaffene Mariahilf-Bild im Innsbrucker Dom. Nicht zufällig wurde in den nachfolgenden Türkenkriegen, namentlich in der entscheidenden Schlacht um Wien am 12. September 1683, «Mariahilf» für die kaiserlichen Truppen als Schlachtruf ausgegeben.
Schliesslich hob Sultan Mehmed II. die Belagerung Belgrads auf und kehrte nach Istanbul zurück. Das mittägliche Läuten mit einer bestimmten Glocke aber blieb und ging als Türkenläuten in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.
In Stans, im Kanton Nidwalden, wurde die Glocke, die zum Angelusgebet ruft, schon vor der Schlacht um Wien Türkenglocke genannt. Noch am 7. August 1663, schreibt Franz Niederberger in seiner 1924 erschienenen Sammlung von Sagen und Gebräuchen, «verordnete der Wochenrat in Stans anlässlich des vom Bischof befohlenen Türkengebetes, dass Jedermann, sobald er die Glocke höre, niederkniee zum Gebet.»[5]
Seit dem 15. Jahrhundert rufen nun in katholischen Gebieten die Glocken morgens, mittags und abends die Gläubigen pünktlich zum Angelusgebet. Insofern hat das Läuten auch die Funktion einer Zeitmarke. Es trennt den Vormittag vom Nachmittag und den Tag von der Nacht. Letzteres ist besonders für den Volksglauben von Bedeutung.

Das Abendläuten. Ein Bauer und seine Frau beten den Englischen Gruss. Farbdruck nach einem Gemälde von Jean François Millet (1814-1875). Bild Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia (CC BY-NC-SA 4.0)

 

Unselige Zeit
Mit dem morgendlichen und abendlichen Läuten verbindet sich die Vorstellung, wonach mit Einbruch der Dämmerung die Zeit der Geister anbricht: «Ist eine Hochzeit von der Kanzel verkündet, so wage sich die verkündete Person Abends nach Betglocke ohne Noth nicht mehr ins Freie hinaus, denn bösen Gewalten ist sie jetzt mehr als sonst ausgesetzt», belehrt uns der Luzerner Pfarrer Alois Lütolf, der durch seine Sammlung von Sagen, Bräuchen und Legenden bekannt geworden ist, die er 1862 in Luzern veröffentlichte.[6] Dass seine Warnungen nicht nur an junge Paare gerichtet waren, belegt ein weiteres Zitat aus seiner Sammlung: «Die Nachtzeit zwischen den Betglocken ist den Geistern und ihrem Einfluss freigegeben.»[7]
Mit Gebeten, Segnungen und christlichen Zeichen versucht der Mensch bis heute, sich gegen die Mächte der Finsternis zu schützen. An besonders gefährdeten Orten errichtet er Kreuze und Bildstöcke. Auf den Alpen, wo der Klang der Betglocke nicht hinreicht, schützt er das Vieh und alle Habe beim Einnachten mit dem Betruf, der zu den ältesten magischen Gesängen des Alpenraums gehört.

Die wilde Jagd des Türst
Die Geister, von denen bei Lütolf die Rede ist, erscheinen den Lebenden in mannigfacher Gestalt. An Wegbiegungen lauern den Vorübergehenden Kobolde auf und an Kreuzwegen ist es möglich, dass sogar der Leibhaftige erscheint. Nach Einbruch der Dunkelheit besonders gefürchtet ist der Türst, von dem bereits der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545-1614) berichtet. Der Türst, das ist ein Sturmwind, der als Zug der ins Jenseits reisenden Totengeister gedeutet wird. Wer ihm begegnet wird krank und muss im schlimmsten Fall selbst das Diesseits mit dem Jenseits vertauschen. Zur Warnung jagen dem Zug gespenstische Hunde voraus, deren heiseres Bellen die Lebenden vor dem unheimlichen Zug der Toten warnt.

Geisterhunde
Doch der Türst kann in der Nacht nur von einer Betglockenzeit zur andern fahren, beruhigt uns Lütolf. «Mag eines seiner Hündchen aus Müdigkeit nicht weiter und wird es am Morgen vom Glockenklang überrascht, muss es liegen bleiben, bis wieder am Abend zum Beten geläutet ist.»[8]
Auf einem Hof bei Grosswangen fanden die Knechte vor langer Zeit gleich ein halbes Dutzend dieser Hündchen, die wie tot auf dem Miststock lagen. Einer konnte es nicht lassen, das schönste mit in die Scheune zu nehmen, obschon ihn die andern davor warnten. Am Abend aber, als der letzte Hall der Betglocke verklungen war, kam der grosse Hund, wütete und schrie: «Gim m’r mis Gragöri use, gim m’r mis Gragöri use.» Und er liess nicht locker, bis sie’s taten.[9]

Ausblick
Soweit zu der einst in dieser Kapelle besonders ausgeprägten Marienverehrung, die sich hier sowohl in der Ausstattung, wie auch in der damit zusammenhängenden Frömmigkeit manifestierte. Mit der Umwandlung zu einem Gastrobetrieb hat in der Dorfkapelle von Dierikon die Moderne Einzug gehalten. Es bleibt nun nur noch die Frage zu klären, wie es mit dem Kandishof nach Grossvaters Tod weiterging.

 

 

[1] Siehe dazu: Kurt Lussi: St. Peter und Paul in Villmergen. Ein Beitrag zum Kirchenbau des Historismus. Mit einem Geleitwort von Benno Malfèr, Abt von Muri-Gries. Lindenberg 2003, S. 7-8 und dort zitierte Quellen.

[2] Josef Zihlmann: Volkserzählungen und Bräuche. Handbuch luzernischer Volkskunde. Hitzkirch 1989, S. 82.

[3] Mehr zu diesem Thema: Markus Griesser: Die Kometen im Spiegel der Zeiten. Eine Dokumentation. Bern und Stuttgart 1985.

[4] Wikipedia, Mittagsläuten, https://de.wikipedia.org/wiki/Mittagsl%C3%A4uten (Aufruf vom11.8.2023).

[5] Franz Niederberger: Sagen und Gebräuche aus Unterwalden. Zürich 1978 (unveränderter Nachdruck der Ausgabe Sarnen 1924 und des ebenfalls in Sarnen ohne Jahr erschienenen letzten Teils), S. 865.

[6] Alois Lütolf: Sagen, Bräuche und Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug. Hildesheim und New York 1976 (unveränderter Nachdruck der Ausgabe Luzern 1862), S. 548.

[7] Ebenda, S. 560.

[8] Ebenda, S. 462.

[9] Ebenda, S. 463.

Die letzte Generation
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14.  Die letzte Generation
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Grossvater war, wie schon sein Vater, ein tüchtiger und umsichtiger Landwirt, ein gwehriger (wehrhafter) dazu. In der Nähe seines Bettes war ein Stecken, den er dann mitnahm, wenn er ausser Haus ging. Man konnte ja nie wissen, was sich auf der Landstrasse so alles herumtrieb. Besonders das heute noch abgeschiedene Götzental hatte bei ihm offenbar einen zweifelhaften Ruf.[1] Zu diesem führt die Strasse oberhalb des Hofs. Sie verbindet das Rontal mit Adligenswil und Udligenswil. Zusätzlich zum Stecken hatte er im Spind einen Revolver, mit dem die Offiziersordonnanzen ausgerüstet waren.

Raketen und andere Feuerquellen
Grossvaters ständige Sorge war die Angst vor dem Ausbruch eines Feuers. Kündigte sich nachts durch Donnergrollen ein Gewitter an, stand er auf und ging in den Stall um nachzusehen, ob das Vieh ruhig geblieben und auch sonst alles in Ordnung war. Manchmal, wenn es heftig regnete, hob er mitten in der Nacht kleine Gräben aus für den Fall, dass der am Haus vorbeifliessende Bach überlaufen würde.


Albert Lussi, geboren am 10. März 1931. Aufnahme um 1941/1942.

 
Grossvater war gegenüber seinen Kindern sehr nachsichtig. Mein Vater konnte sich nicht erinnern, dass er oder einer seiner Brüder jemals Prügel erhalten hätten. Nur ein einziges Mal, als es gegen den 1. August ging und Grossvater ein paar Raketen gekauft hatte, schwang er bedrohlich den Stecken. Aus gutem Grund. Mein Vater und einer seiner Brüder konnten es nicht lassen, die Raketen heimlich hervorzuholen und in der Stube zu begutachten. Nur ein wenig ansehen, sonst nichts. Aber wie es so kommt. Einer der Buben hielt ein Streichholz in die Nähe der Zündschnur. Schliesslich muss man wissen, wie die Dinger am 1. August gezündet werden. Womit die beiden nicht gerechnet hatten: Die Zündschnur fing durch die Funken des Streichholzes Feuer. Ein kurzes Zischen und schon jagte eine der Raketen durch die Stube um schliesslich unter dem Ofen zu explodieren.[2]
Dass Grossvater zum Stecken griff, aber diesen schliesslich doch nicht benutzte, ist verständlich. Die Angst vor Feuersbrünsten, entweder durch Menschen verursachte oder auf natürliche Weise entstandene, war bei ihm ein ständiger Begleiter. Er wusste nur zu gut, dass ein in Vollbrand geratenes grosses Holzhaus wie der Kandishof oder eine mit Heu vollgestopfte Scheune nicht mehr zu retten waren. Und ein Grossbrand genügte, um eine über Jahre aufgebaute Existenz zu vernichten.
Ähnliches erfuhren wir von unserem Vater. In Momenten höchster Bedrängnis pflegte er den Teppichklopfer für uns gut sichtbar im Korridor an eine Schranktüre zu hängen. Danach gegriffen hat er nie. Nicht ein einziges Mal. Aber wir wussten, dass jetzt de letscht Zweck a de Geissle esch (dass jetzt der letzte Zwick an der Geissel ist), wie er zu sagen pflegte.

Ein Bauer alten Schlages
Bei all seiner Liebenswürdigkeit war Grossvater vor allem auch ein Landwirt alten Schlages. Da er sparsam war, tätigte er meist nur unumgängliche und dann vor allem auf den Betrieb bezogene Investitionen. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg kochte man auf dem alten Holzherd mit dem kupfernen Wasserschiff. Er stammte aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und war schon da, als mein Urgrossvater die Liegenschaft im Jahre 1900 kaufte. Erst kurz vor dem Krieg kam Elektrizität ins Haus. Mit der Zuleitung wurden, wie bereits erwähnt, zu Beginn lediglich drei Lampen gespiesen: eine in der Küche, eine weitere in der Stube und eine dritte im Korridor. Das war für Grossvater schon daher von Nutzen, weil er fortan besser schlafen konnte. Die mit den wenigen elektrischen Leitungen verbundene Brandgefahr war weitaus geringer, als jene, die von Petrollampen und Kerzen ausging.

Modernisierungen
Grossvater war, wir haben es erwähnt, sehr sparsam und daher gegenüber Modernisierungen zurückhaltend. Erst während des Krieges wurde die Obstpresse elektrifiziert. Bis dahin betrieb man Obstmühle und Obstpresse mit einem Pferdegöpel. Dieser bestand aus einer senkrecht stehenden Göpelspindel mit einem langen Querbaum, den man Schwengel nannte. Dem Schwengel vorgespannt war das Pferd Flori.
Ein Telefon hatte man auf dem Kandishof erst seit den frühen Siebzigerjahren. Der dringend benötigte Motormäher und ein Pneuwagen schaffte Onkel Sepp noch zu Lebzeiten Grossvaters aus eigenen Mitteln an. Immerhin wurden ihm diese Kosten bei der Erbteilung rückvergütet.[3]
Wiederum schlug der Tod zu. Am 2. Dezember 1964 verstarb unsere Grossmutter. Nach alter Tradition überführte man den Sarg vom Kandishof nach Root mit einem Leichenwagen, dem zwei schwarze Pferde vorgespannt waren. Diese Art der Überführung Verstorbener verschwand nach der Mitte der Siebzigerjahre, zumal auch der Tod zu Hause im engsten Kreis der Familie zur Ausnahme geworden war. Gleichzeitig ersetzte man den Begriff «Leichenfuhre» mit der neutraleren Bezeichnung «Überführung».

Von Grossvaters Finanzen
Dann, am 15. September 1973 verstarb schliesslich auch der Grossvater. Zum Zeitpunkt seines Todes stand der Betrieb in finanzieller Hinsicht gut da. Gemäss Erbteilungsvertrag betrugen die Aktiven im Liegenden Fr. 53'000.-, wobei anzumerken ist, dass die Liegenschaft zum Kataster- und nicht zum Verkehrswert bewertet wurde.[4] Dem standen Passiven von Fr. 40’889.65 gegenüber.
Im Fahrenden betrugen die Passiven lediglich Fr. 25'414.05, darin eingeschlossen sind Grossvaters Bestattungskosten von Fr. 4'845.85 und die Kosten der Teilungsbehörde in der Höhe von Fr. 801.20.[5] Unter den Bestattungskosten von besonderem Interesse sind für uns die Auslagen für das Leidessen in der Höhe von Fr. 1'319.30, eine für diese Zeit sehr hohe Summe. Sie belegt, dass damals viele Leidlüüt (Trauernde) zum Leidessen kamen, denn anders als heute war eine Beerdigung eine öffentliche Angelegenheit. Ich erinnere mich auch an die vielen Menschen, die ihm am Grab die letzte Ehre erwiesen.
Im Vergleich zu den Kosten für das Leidessen waren jene für den Transport des Verstorbenen von Dierikon nach Root sehr bescheiden. Im Posten «Leichenfuhre» sind lediglich Fr. 45.- ausgeführt.


Die Grosseltern Elisabeth (Elise) und Josef Maria Lussi-Rüedi mit ihren Kindern Walter, Lisbeth, Albert, Marie, Noldi und Sepp (von links). Aufnahme von 1962.

 

 
Hofübernahme
Gemäss Grossvaters letztwilliger Verfügung vom 5. Januar 1965 war vorgesehen, dass der Hof in das alleinige Eigentum seines Sohnes Josef Lussi-Flury übergehen sollte. Ausdrücklich wird ihm darin ein jährlicher Lidlohn von Fr. 700.- zugesprochen. In der entsprechenden Bestimmung heisst es:

«Seit seiner Volljährigkeit im Jahre 1944 arbeitete Sohn Josef mit kleinen Unterbrüchen, wo er in der Mühle Dierikon beschäftigt war, in meinem Landwirtschaftsbetriebe ohne einen Barlohn zu beziehen. Seine Familie wurde von mir verköstigt. In Anbetracht dieser Umstände soll ihm pro Jahr durchschnittlich ein Lidlohn von Fr. 700.- (…) zugesprochen werden.» [6]

Nirgendwo ist jedoch erwähnt, dass Onkel Sepp ein Mitspracherecht oder Einsicht in die finanziellen Angelegenheiten des Kandishofs gehabt hätte oder vorzeitig in die Leitung des Betriebs einbezogen worden wäre.

Erbgang und Weiterführung des Betriebs
Nach Grossvaters Tod übernahm Onkel Sepp den Kandishof. Von einem Tag auf den andern war er es, der sich nicht nur allein um den Betrieb kümmern musste, sondern auch um alles andere. Plötzlich waren Entscheidungen zu treffen und Überlegungen zu machen, wie der Hof, den man in vielen Teilen noch nach den Vorstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bewirtschaftete, in die Moderne geführt werden konnte und welche Investitionen dazu nötig waren.
Nach dem frühen Tod von Onkel Sepp, er verstarb am 10. Oktober 1979, nur wenige Jahre nach Grossvater, ging der Betrieb wiederum auf seinen ältesten Sohn, meinen Cousin Sepp über. Bald zeigte sich, dass der Kandishof trotz verschiedener Investitionen den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen war. Gründe dafür waren, nebst der Betriebsstruktur und dem Nachholbedarf bei den Investitionen, vor allem auch die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft, die sich seit Kriegsende massiv gewandelt hatten. Änderungen erfahren hatte auch das Umfeld. Die Lebensstandards und damit die Ansprüche der Konsumenten hatten sich verändert und das Leben war generell teurer geworden. Im Gegensatz dazu blieben die Erträge aus den Bauernhöfen moderat. Selbst mit grossen Maschinen bewirtschaftete Betriebe mit viel ebenem Land können heute vielfach nur dank Zuschüssen durch den Bund überleben.
Urgrossvater und Grossvater waren vor allem Selbstversorger. Man hatte Milch, Fleisch von zwei Schweinen, Hühner, Eier, Kartoffeln, Gemüse aus dem Garten, Most, Birnenhonig und Schnaps. Zugekauft werden mussten Dinge wie Teigwaren, Kaffee, Kaffeeersatz, Zucker, Mehl, Brot und Käse. Abgesehen vom elektrischen Strom für die drei Glühbirnen und später für den Kochherd hatte man auch keine Energiekosten, denn zum Kandishof gehörte eine grosse Waldparzelle, die genügend Brennholz lieferte. Wasser entnahm man dem Bach und anstatt eines Traktors hatte man das oben erwähnte Pferd Flori. Gemäht wurde anfänglich mit der Sense, später mit einem von Flori gezogenen mechanischen Mäher. Dazu gab es einen hölzernen Ladewagen. Für das Zusammenführen des Heus hatte man grosse Rechen und aufgeladen wurde es mit Gabeln.


Die Grosseltern Josef Maria und Elisabeth (Elise) Lussi-Rüedi mit ihren Enkelkindern. Der «Zwängli» rechts aussen, der partout nicht aufs Bild wollte, ist der Verfasser dieser Schrift. Aufnahme von 1962.

 

 
Das Ende
All das tönt zwar nach Romantik gotthelfscher Prägung. Zum Überleben in der Moderne reichte dies nicht. Dazu kommt, dass das Land des Kandishofs schwierig zu bewirtschaften und das Haus, das einst für eine Grossfamilie mit landwirtschaftlichen Angestellten gebaut worden war, für eine Kleinfamilie überdimensioniert und der Unterhalt im Verhältnis viel zu hoch war. Zudem ist der zum Kandishof gehörende Mülihoger so steil, dass das Gras nur mit der Sense oder einem speziellen Gebirgsmotormäher geschnitten werden kann. Bis anhin funktionierte die Bewirtschaftung im Wesentlichen auch, weil Walter, der Bruder meines Grossvaters, bis zu seinem Tod am 8. Februar 1971 auf dem Hof blieb und für Kost und Logis sowie ein kleines Sackgeld arbeitete. Materielle Bedürfnisse hatte er so gut wie keine und Mindestlöhne gab es zu dieser Zeit noch nicht.
Für meinen Cousin Sepp, der letzte, der den Landwirtschaftsbetrieb noch für eine kurze Zeit weiterführte, bestand schliesslich die einzig vernünftige Lösung darin, das Land zu verpachten und in das Haus Wohnungen einzubauen. Heute ist der Kandishof in zwei Wohnungen aufgeteilt, die sich dank der schönen Lage hoch über dem Rontal gut vermieten lassen.


Besteigung des Wetterhorns (3692 m. ü. M.) anlässlich des freiwilligen Sommergebirgskurses in der Rosenlaui vom 31. August bis 7. September 1957. Ganz rechts mein Vater Albert Lussi.

 

 
Nach und nach zogen Grossvaters Kinder aus. Mein Vater, Albert Lussi-Bieri, wohnte mit seiner Frau Rosmarie ab April 1952 im Silvesterhof in Ebikon. Die erste Zeit seiner Ehe war geprägt durch seine häufige militärische Abwesenheit, von der er später gerne und häufig erzählte. Am 27. März 1958 zog die Familie, ich war damals zwei Jahre alt, nach Kerns, wo mein Vater bei den Centralschweizerischen Kraftwerken (CKW) eine Stelle als Elektroinstallateur angenommen hatte. Am 11. April 1958 schloss er mit Erfolg die Ausbildung zum Eidgenössisch diplomierten Elektro-Installateur ab. Im Frühjahr 1961 nahm er bei den Gemeindewerken Villmergen eine Stelle als Betriebsleiter an, die er bis zu seiner Pensionierung innehatte.
Aus der Geschichte des Kandishofs und jener seiner Bewohnerinnen und Bewohner ergeben sich im Wesentlichen drei Erkenntnisse, die ich nachfolgend verdeutlichen.

Frömmigkeit

Die eine betrifft die Frömmigkeit der katholischen Landbevölkerung, die im 1951 erstmals erschienenen Bauerngebetbuch von Josef Konrad Scheuber idealisiert wird. Schon im Geleitwort stellt der Verfasser fest, dass der katholische Bauer «in vielen Landesgegenden der treue Hüter des alten Väterglaubens und des christlichen Brauchtums» sei. In manchen Familien mochte dies zutreffen. Vieles war aber auch reines Wunschdenken, wenn er zum Beispiel unter dem Titel «Rosenkranzvolk» schreibt:

«Um das grosse Holzkreuz im Herrgottswinkel herum hängt das altehrwürdige holzgeschnitzte ‘Bätti’. Daran betet der Hausvater den abendlichen Familienrosenkranz vor, besonders im Mai und Oktober und an den langen Winterabenden.»[7]

Ganz so fromm war man auf dem Kandishof nicht. Von Bräuchen wie diesem wusste mein Vater nichts. Man betete, weil es üblich war, vor dem Essen zu beten. Zwar beteten in meiner Jugend auch wir vor dem Essen das allgemein bekannte Komm Herr Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast, wie ich dies im Kapitel «Ein Tag wie viele andere» bereits erwähnt habe. Dazu bekreuzigten wir uns im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und beschlossen das Gebet mit einem gemurmelten Amen, wobei wir meist bereits zwischen Geistes und Amen zum Suppenlöffel griffen. Aber ich hatte in meiner Familie immer den Eindruck, dass dies vor allem ein Ritual war.
Mit der Frömmigkeit war es früher nicht viel anders bestellt. Das belegt zum Beispiel, die Schilderung meiner Mutter vom Ablauf des Abendgebets in der Familie ihres Vaters, also meines Grossvaters mütterlicherseits. Beim abendlichen Rosenkranz beteten er und seine Brüder zwar mit, doch gleichzeitig spielten sie Karten. Und sie waren nicht die einzigen, wie mir erzählt wurde, wenn ich davon sprach. Offenbar war man allgemein der Meinung, dass dies der Wirkung des Gebets keinen Abbruch tue. Man betete schlicht in der Überzeugung, dass das Gebet vor allem durch die gesprochenen oder gemurmelten Worte für das Seelenheil von Nutzen sei, auch wenn man nebenbei noch etwas anderes tat. Ein anschauliches Beispiel für diese Vorstellung ist auch das, was mir eine Pflegerin einst von einer namentlich nicht genannten Frau in einem Altersheim unserer Gegend erzählte. Die aus dem Entlebuch stammende Heimbewohnerin beharrte zwar darauf, dass vor dem Essen ein Tischgebet gesprochen werde. Während des Betens pflegte sie jedoch mit einer Klatsche Fliegen totzuschlagen. Dass sie der Fliegenjagd mehr Aufmerksamkeit widmete, als dem Tischgebet, braucht wohl nicht sonderlich betont zu werden.
Dazu passt auch, was ich in meiner Zeit als Ministrant in Villmergen erlebte. In Erinnerung geblieben ist mir jener Unternehmer, der mit seiner Familie Sonntag für Sonntag auf der Männerseite die zweitvorderste Bank belegte. Er war der Erste, der zur Kommunion ging und der Letzte, der sich von der Kniebank erhob, während alle anderen bereits sassen. Sehen und in der Kirche gesehen werden, war damals wichtig fürs Geschäft. Beim Einzug des Opfers, in Villmergen Aufgabe der Ministranten, zeigte es sich dann, dass es mit seiner zur Schau gestellten Frömmigkeit nicht weit her war. Er tat zwar immer etwas ins Opferkörbchen und hatte dazu stets genug Föifräppler (Fünf-Rappen Münzen) bei sich, damit es hörbar klimperte. Aber selbst für die damalige Zeit waren fünfzehn oder zwanzig Rappen kein Riesenbetrag, schon gar nicht für einen Unternehmer. Ein Schleckstängel, ein sogenannter Fünfermocken, kostete damals, wie es der Name sagt, lediglich fünf Rappen.
Immerhin, andere der «sichtbar Frommen» taten bloss so, als würden sie etwas opfern, indem sie die eine Hand übers Körbchen hielten und mit der andern kräftig daran rüttelten. Fehlten die eifrigen Kirchengänger als Jugendliche vielleicht allzu oft in der Christenlehre, deren Besuch für die katholische Jugend bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil an vielen Orten obligatorisch war. Dort hätten sie vielleicht Kenntnis vom Brief des Jakobus an die Christen erhalten, in dem zu lesen ist: «Der Glaube ohne Werke ist tot» (Jak 2,14-26)..
In diesem Zusammenhang ist auch jener frischgebackene Leutnant zu erwähnen, der mehrere Sonntage nacheinander zuerst in die Frühmesse, danach in die Hauptmesse und schliesslich gleichentags noch in die Spätmesse ging. Jedes Mal erschien er nicht nur in der Uniform, sondern er ging auch zur Kommunion. Mir war schnell klar, dass es hier weniger ums Beten, dafür umso mehr ums Vorzeigen ging, denn ich sah ihn sonst nie in der Kirche. Dem Mann kam erstens zugute, dass Militärangehörige damals verpflichtet waren, im Wochenendurlaub in der Öffentlichkeit ihre Uniform zu tragen, und zweitens war der sonntägliche Gang in die heilige Messe damals für viele Gläubige noch immer eine Art gesellschaftliches «Muss».

Nachhaltigkeit
Die zweite Erkenntnis betrifft die Nachhaltigkeit. Verwertet wurde, wie wir wissen, auf dem Kandishof so gut wie alles. Abfälle gab es kaum und was übrig blieb wurde dem Acker wieder als Dünger zugeführt. Die Verschwendung von Lebensmitteln, wie das heute im grossen Stil praktiziert wird, gab es auf dem Kandishof nicht. Aus altem Brot und Äpfeln zum Beispiel machte man eine Öpfelrööschti. Das ist ein wohlschmeckendes Gericht, das wunderbar zu dunklem Milchkaffee passt und in meiner Familie häufig auf den Tisch kommt. Dazu wird das Brot in Würfel geschnitten und in Butter gebääit (geröstet). Gleichzeitig kocht man in wenig Zuckerwasser, dem meist etwas Zitrone und eine Prise Zimt beigegeben wurde, Apfelschnitze. Beides wird dann vor dem Servieren vermengt.
Was nicht sofort verwendet werden konnte, wurde eingemacht. Eier zum Beispiel legte man in sogenanntes «Wasserglas» ein. Bei diesem Verfahren gibt man eine bestimmte Menge Alkalisilicatlösung in Wasser und rührt und schlägt die Mischung mit dem Schneebesen. Nach einer Weile wird sie gallertartig. In die Masse legt man nun die gereinigten Eier. Auf diese Weise konserviert halten sie drei bis sechs Monate.
Früchte wurden gedörrt, ebenso Bohnen. Manchmal wurden auch fertig gekochte Gerichte eingemacht. Bratwürste, um hier ein weiteres Beispiel zu nennen, füllte Tante Theres mitsamt der Zwiebelsauce in Einmachgläser. Kam plötzlich Besuch brauchte man den Inhalt bloss noch zu wärmen.

Albert Lussi war nicht nur ein begeisterter Alpinist, sondern auch ein guter Schütze. Davon zeugen die vielen Auszeichnungen, die sich in grosser Zahl erhalten haben.

 
Regionalität versus Abhängigkeit
Die dritte Erkenntnis hat mit Regionalität zu tun. Mit Ausnahme der Kolonialwaren war man auf dem Kandishof bezüglich der Lebensmittel Selbstversorger.[8] Das Fehlende bezog die Familie aus der Nachbarschaft oder dem Dorfladen. Für den Kauf von Luxusgütern wie Schokolade blieb meist wenig Geld übrig. Ein einfaches Leben ohne Exotik. Dafür verfügte man über ein Gut, das in unserer Konsumgesellschaft äusserst rar geworden ist: Unabhängigkeit. Heute wird ein wesentlicher Teil der Lebensmittel importiert. Tomaten und Peperoni werden in Spanien grün geerntet und reifen dann auf dem Transport, sofern man in diesem Zusammenhang das Wort «reifen» überhaupt gebrauchen darf. Wir hätten genügend Alpen, die sich für die Schafzucht eignen würde. Aber wir überlassen sie offenbar lieber dem sich mittlerweile unkontrolliert vermehrenden Wolf und importieren dafür das Lammfleisch aus Neuseeland. Sojamilch und andere Sojaprodukte kommen aus Plantagen in Übersee, die frühen Erdbeeren aus Marokko. Aber brauchen wir bereits Ende Februar Erdbeeren? Ist es nicht lustvoller zu warten, bis die einheimischen reif und dafür auch aromatisch sind? Gewiss, aus Spanien oder Holland importiertes Hors-Sol-Gemüse ist billiger als einheimisches. Der Preis dafür ist ein erheblicher Verlust an Qualität. Ein bekannter Koch brachte es vor Jahren einmal in einer Kolumne auf den Punkt, als er sagte: «Holländische Tomaten sehen aus wie grosse rote Nullen. Und so schmecken sie auch». Wer schon versucht hat, mit holländischen oder spanischen Treibhaustomaten eine Pastasauce zuzubereiten weiss, wovon ich rede.
Leben und Sterben auf dem Kandishof. Der Rückblick zeigt, dass sich seit dem Kauf des Kandishofs durch Maria Lussi über Jahrzehnte hinweg kaum etwas geändert hatte. Erst zu Beginn der Siebzigerjahre setzte ein gesellschaftlicher Wandel, der uns bis heute in Atem hält. Ob das neu Geschaffene zukunftstauglich ist, wird sich weisen.

 

[1] Mündlich von Peter Lussi, Dierikon.

[2] Mündlich von Albert Lussi-Bieri, Villmergen.

[3] Erbteilungsvertrag vom 12. September 1974.

[4] Unter dem Begriff «im Liegenden» sind unbewegliche Sachgüter wie Land, Wald sowie Immobilien und damit verbundene feste Einrichtungen zu verstehen.

[5] Unter dem im Erbteilungsvertrag genannten Begriff «im Fahrenden» wird das Fahrniseigentum subsummiert. Darunter zu verstehen sind die beweglichen Sachen wie Bargeld, Kassenbücher und Mobilien, die im Gegensatz zu den unbeweglichen Sachen (Immobilien) weder Grundstücke noch Bestandteile von Grundstücken sind.

[6] Der Lidlohn ist eine Entschädigung, auf die volljährige Kinder oder volljährige Grosskinder gemäss Art. 334 Abs. 1 ZGB einen Anspruch haben, wenn sie ihren Eltern oder Grosseltern im gemeinsamen Haushalt ihre Arbeit oder ihre Einkünfte zugewendet haben.

[7] Bauerngebetbuch, S. 389. Bätti ist der schweizerdeutsche Name für Rosenkranz. Eine Bättischlänggere ist eine Frau, die ihren Rosenkranz für alle sichtbar mit sich trägt und auf diese Weise ihre echte oder scheinbare Frömmigkeit zur Schau trägt. Ein Bättmönggali ist eine Frömmlerin.

[8] Als Kolonialwaren bezeichnete man früher Lebens- und Genussmittel, die meist aus Übersee importiert wurden, wie zum Beispiel Kaffee, Tee, Kakao, Gewürze, Reis, Zucker und Tabak.

Wörter, Begriffe, Redewendungen aus Luzern und Nidwalden
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15.  Wörter, Begriffe, Redewendungen aus Luzern und Nidwalden
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Zeitdokumente und Erinnerungen heisst es im Untertitel dieser Publikation. Zu letzteren gehören auch Ausdrücke, Begriffe und Redewendungen, die ich in meiner Jugend noch gehört und in Erinnerung behalten habe. Unten genannt habe ich jedoch nur solche, die nach wie vor Teil meiner Sprache sind und vorab von Menschen meines Alters auch verstanden werden.
Nicht aufgeführt sind Wörter und Begriffe, deren Bedeutung ich zwar noch kenne, für die ich aber im Alltag keine Verwendung mehr habe. Zwar weiss ich noch, was ein Bindbaum ist, nämlich eine Stange, die beim Heimtransport des Heufuders zu dessen Sicherung unter die oberste Sprosse der vorderen leiterartigen Stütze des Ladewagens geschoben und hinten mit einem Hanfseil am Wellenbaum befestigt und dann gespannt wurde. Das war auf dem Kandishof bis Ende der sechziger Jahre noch so, daran erinnere ich mich gut. Neu war nur, dass der altertümliche Ladewagen von Onkel Sepps Jeep und nicht mehr von einem Pferd gezogen wurde. Nun, das ist Geschichte. Das Einbringen des Heus ist heute automatisiert. Den Namen Bindbaum braucht es daher nicht mehr und er wird, da ihn niemand mehr verwendet, früher oder später vergessen werden.
Ein anderes Beispiel ist Anke. Den Begriff brauchen wir tagtäglich. Unsere Kinder kennen ihn, sagen aber immer öfter Butter, da Anke in ihrem Umfeld nicht mehr verstanden wird. Umgekehrt stosse ich im Alltag auf viele aus dem Englischen übernommene Begriffe und Redewendungen, deren Bedeutung ich erst nachschlagen muss.
Noch ein Wort zu den Erklärungen der einzelnen Begriffe. Meine Ausführungen mögen sich in einigen Fällen von Deutungen anderer Autoren unterscheiden. Nachstehend habe ich sie jedoch so umschrieben, wie ich sie von meiner Familie und meinem Umfeld her verstehe und gebrauche.
Die Liste wird laufend ergänzt. 


aacheerig
Den Ausdruck gebraucht man für einen hilfsbereiten oder geschickten Menschen. En aacheerige Boorscht (Ein geschickter Bursche).

aagattige
Etwas anfangen bzw. mit Geschick anpacken.

Aagreff
Angriff. Dies sagt man, wenn man bei der Begegnung mit einem Totengeist tätlich angegriffen wurde oder glaubt, angegriffen worden zu sein.

Aahöilig, aahöiig
Anschnitt beim Brot (meist der Motsch, siehe dort).

Aalah

Mundartlich für anlassen, anfangen, öffnen (eines Wasserhahns zum Beispiel). Aalah kann sich sowohl auf das Starten eines Motors beziehen als auch auf den Fortlauf einer eben begonnenen Sache, wobei für Letztere aalah gerne dann verwendet wird, wenn sie sich positiv entwickelt. Das hed sech scho emol guet aagloh (Das hat schon mal gut begonnen).
In Erinnerung geblieben ist mir eine kuriose Situation aus dem Entlebuch. Ein Jungbauer hatte endlich den Göllèschluuch (Jaucheschlauch)  bis ans obere hangseitige Ende der Wiese geschleppt, wo er mit dem Göllè beginnen wollte. Um sich mit seinem Vater zu verständigen, der unten beim Göllèwaagè (Jauchewagen) wartete, formte er mit seinen Händen einen Trichter und rief: aalah. Beim zweiten Anlauf klappte es. Der Vater verstand und öffnete das Ventil. Nun, aalah tönt wie Allah, weshalb einige Wanderer, die dem Treiben interessiert zugesehen hatten, scherzend meinten, ob sich die Entlebucher jetzt zum Islam bekehrt hätten.

Ääs oder Es
Ääs ist eine im liebevollen Sinn zu verstehende Bezeichnung für eine Frau oder ein Kind. Ääs hed eifach nömme rächt chönne laufe (Sie konnte einfach nicht mehr richtig gehen), klagte mein Vater einst, als unsere Mutter Gehschwierigkeiten hatte. Der Ausdruck ist in der Luzerner Landschaft noch immer verbreitet. Dazu ein Beispiel aus meiner Zeit als Jagdhelfer in der Jagdgesellschaft Ruswil-Süd. Ääs macht üüs secher no es Kafi (Sie macht uns sicher noch einen Kaffee), sagte ein mittlerweile verstorbener Jäger, wenn er die Jagdkameraden nach dem Aser (Abendessen) noch zu sich einlud. Eine andere Bedeutung hat Ääs wenn der erste Buchstabe nur kurz betont wird (d. h. ausgesprochen als «Es»). Dann steht das Wörtchen im Zusammenhang mit dem Unheimlichen, dem Übernatürlichen und Göttlichen. Es ist weder männlich noch weiblich und daher die Bezeichnung für ein nicht näher zu bestimmendes Geistwesen. Es isch weder ome (Es [das Geistwesen] ist wieder da). Und auch: Es rägnet (Es regnet). Wer ist «Es»? Ähnlich auch eine Stelle im Alten Testament: «Er ist es, der über dem Erdenrund thront», heisst es im Buch Jesaja (Jes 40,22) obschon die Formulierung «Er thront über dem Erdenrund» zwar einfacher und verständlicher, dafür aber nicht geschlechtsneutral wäre. 

Abhautig
Mundartlich für Abhaltung. Das war die vom Vater meiner Gewährsperson – dem bekannten Volksmusiker Hans Muff – verwendete Bezeichnung für ein Fest oder einen Anlass, an dem er als Musiker mitmachte. Ein mögliches Synonym für Abhautig ist Auftritt.

Abhöutig
Abfallend, steil. Siehe auch stotzig.

abelooh
Jemanden (vorsätzlich) töten. Er hed mi welle abelooh (Er wollte mich töten).

Abstalte
Darunter zu verstehen sind quer in abfallende Naturstrassen eingebaute Abflussrinnen, die durch das Ableiten des Regen- oder Schmelzwassers das Ausschwemmen des Wegunterbaus verhindern oder zumindest reduzieren sollen. Sie bestehen aus zwei schräg in den Boden eingelassenen Holzbalken oder starken Brettern, die mittels Bauklammern – das sind grosse Eisenklammern mit rechtwinklig abgebogenen und zugespitzten Enden – auf Distanz gehalten werden (siehe Bild unten). Eine Abstalte erfüllt ihren Zweck jedoch nur, wenn sie regelmässig von Sand und Geröll gereinigt wird, das sich in der Rinne ansammelt.
Der Wortteil stalte geht zurück auf mhd. stalde (= steiles Wegstück). Grundbedeutung von stalde war «Ort, wo man (oder etwas) gestellt», das heisst aufgehalten wird (siehe www.ortsnamen.ch und dort genannte Quellen; noch erhalten in «einen Dieb stellen», d. h. aufhalten). Abstalte heisst also [Wasser] aufhalten und von einem steilen Wegstück ableiten. Stalte kam bereits im 16. Jahrhundert ausser Gebrauch und hat sich nur in Fachbegriffen und im Verb stelle (stellen) erhalten. Anstelle von stalte (steil) verwendet man heute das Wort stotzig (siehe dort).


Abstalte auf einer Naturstrasse im Voralpengebiet. Die in den Boden eingelassenen Balken sind mit Bauklammern verbunden. Bild Claudia Muff, Ruswil


In montanen Gegenden, insbesondere südlich der Alpen, verwendet man anstelle von Holzbalken meist senkrecht in den Boden eingegrabene, sich gegenseitig überlappende Steinplatten, die etwa eine Handbreit aus dem Weg herausragen. Dadurch erübrigt sich der Aushub eines Grabens, da das Wasser durch die überstehenden Platten abgeleitet wird (siehe Bild unten). Diese Bauart der Wasserableitung nennt man im Val Veddasca (Italien) argine Mz. argini (mdl. aus Lozzo). Eine Schwelle (ohne Funktion der Wasserableitung) heisst auf ital. cordola (Mz. cordole).


Aus in den Boden eingelassenen Steinplatten gebildete Abstalte (ital. argine) im unteren Teil des mittelalterlichen Saumwegs von Indemini (Ti) nach Sant'Anna bzw. San Nazarro. Bild Kurt Lussi

 

abtue
Töten im Sinne von erlösen. De Hond hed eso glette, dass ne ha müesse abtue (Der Hund hatte so gelitten, dass ich ihn abtun [erlösen] musste). Siehe auch Bäri.

abverheit
Missraten, nicht gelungen.

Aff
En Aff haa (Einen Affen haben). Er hed weder en Aff ghaa (Er hatte wieder einen Affen = Er war wieder betrunken). Siehe auch Öl am Huet.

Algerier
Zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft aus Algerien importierter Massenwein, der vor allem für den Verschnitt mit anderen Weinen verwendet wurde. In Gaststätten, wo man ihn nur im Offenausschank erhielt, war er seines geringen Preises wegen sehr beliebt. Algerier war wohl auch der Wein meines Grossvaters (siehe Kapitel «Ein Tag wie viele andere»).


 Vin d'Algérie. Der Wein des Grossvaters. Algerier war besser, als sein Ruf. Bild und Sammlung Kurt Lussi



allergattigs
Verschiedenes. Do gets Allergattigs zom chröömle (Hier gibt es Verschiedenes zu kaufen).

Allmend
Land, das der ganzen Gemeinde gehört und das, mit Ausnahme der davon abgegrenzten Bünt (siehe dort), auch gemeinschaftlich bewirtschaftet wird. Auf der Allmend wurden vor allem Flachs und Hanf angebaut. Sie war auch der Ort, an dem bis ins 18. Jahrhundert Fruchtbarkeitsrituale stattfanden, die von der Obrigkeit als Hexentänze verteufelt wurden (siehe «Im Reich der Geister und tanzenden Hexen», S. 221-264).

alle
Jeweils, in der Regel.

Alpeneier
Alpeneier
sind Munihoden, die nach speziellen Rezepten zubereitet werden. Sie sind eine lokale Spezialität, die manchmal in traditionellen Gaststätten angeboten wird. Alpeneier gelten als potenzfördernd. Sie werden meist nur von Männern verzehrt. Siehe auch Muni.

amigs
Siehe aube.

Anke
Mit dem Wort Anke (ohne zusätzliche Bezeichnung) ist die süsse Butter (Tafelbutter) gemeint.

Ankebock
Umgangssprachlich für Butterbrot (eine mit Butter bestrichene Brotscheibe). Selten gewordener, unter der Luzerner Landbevölkerung aber noch bekannter Ausdruck. Meine Mutter gebrauchte stattdessen den Begriff Ankebrod.


Ankehäfe: Zwei Westerwälder Steinzeugtöpfe. Jener rechts auf dem Bild fasst einen Liter (Markierung 1 L.). Er stammt aus den 1920er Jahren. Die Häfe auf dem Kandishof waren erheblich grösser als die hier abgebildeten. Bild und Sammlung Kurt Lussi

 

Ankehafe
Ein Ankehafe ist ein Steinguttopf, in dem eingesottene (nie süsse) Butter aufbewahrt wird. (Die heutige Bezeichnung für eingesottene Butter ist Bratbutter). Auf dem Kandishof stand der Ankehafe direkt neben dem Füürhärd (Kochherd mit Holzfeuerung, siehe Füürhärd).
Für das Aufbewahren von eingesottener Butter, Schmalz (siehe Schmutz) und das Einlegen von Fleisch verwendete man fast ausschliesslich die graublauen Steinzeugtöpfe mit der kobaltblauen Bemalung, wie man sie heute noch in grosser Zahl auf Flohmärkten findet. Importiert wurden sie aus dem Westerwald, wo sie spätestens seit 1600 in grossen Mengen und in allen Grössen als einfaches Gebrauchsgeschirr bis heute produziert werden. Die handwerkliche Herstellung von Westerwälder Steinzeug sowie die damit verbundenen Traditionen in und um die Gemeinden Höhr-Grenzhausen (Kannenbäckerland) und Breitscheid, gehören seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands.

aube 
Früher, jeweils. Do hemmer d’Möuch aube zo’s Thalis broocht (Da brachten wir die Milch jeweils zu Thalis). Das Wohnhaus der Familie Thali stand oberhalb des Kandishofs, direkt an der Strasse ins Götzental. Dort hatte es auch eine Möuchbank (Milchbank, siehe dort). Ein Synonym für aube ist amigs.

auwäg (allwäg, auwää, äuwäg)
Ausruf des Zweifels. Das glaube ich nicht, das kann doch nicht sein. Meine Mutter brauchte diesen Begriff oft. Auwäg oder auwää kann auch Ausdruck der Vermutung sein: Das esch auwää e Hond gsii wo do glochet hed (Das war wohl ein Hund, der hier gescharrt hat).

bääie
Rösten, toasten. Bei älteren Personen noch immer verbreitet.

Bängu
Eigentlich ein Stück Holz von mässiger Dicke und Länge. Im Luzernischen Bezeichnung für ein längliches Schwarzbrot von einem Kilo Gewicht. Der Begriff ist auf dem Land bei älteren Personen noch bekannt, aber nicht mehr allgemein in Gebrauch.

Bare
Eine Bare (auch Futterbare, Bar- oder Futterleiter) ist eine aus Stangen konstruierte und auf dem Futtertrog aufgesetzte leiterförmige Absperrung. Erst dann, wenn Onkel Sepp die Bare öffnete, hatten die Kühe Zugang zum Futter, das zuvor in den Trog gefüllt worden war. Man tat dies, damit man beim Füllen der Futterkrippe mit Gras oder Heu nicht unabsichtlich ein Tier verletzte. Den Begriff Bare habe ich von meinem Onkel. Ich erinnere mich gut an das klackende Geräusch, wenn er sie öffnete und die Kühe zum Trog drängten. Auch das Mampfen und laute Ausstossen des Atems der Tiere während des Fressens ist mir in den Ohren geblieben.

Bärghöguschnaps
Im Raum Ruswil und im Entlebuch (Schweiz) bis vor wenigen Jahrzehnten gebräuchliche Bezeichnung für Kartoffelschnaps. Der sonst in der Zentralschweiz übliche Begriff dafür ist Härdöpfeler. Der milde und leicht erdige Kartoffelschnaps war im 19. Jahrhundert sehr beliebt, da er als meist industriell hergestelltes Massenprodukt leicht verfügbar war. Bärghöguschnaps war wohl auch seines geringen Preises wegen das alkoholische Gesöff, mit dem sich die meisten Schnäpseler betranken. Den Begriff habe ich vom verstorbenen Ruswiler Melker Hans Dubach über den ich an anderer Stelle ein Porträt verfasst habe (siehe: «Als eine Rasur noch 40 Rappen kostete»; online abrufbar auf www.academia.edu (29) Als eine Rasur noch 40 Rappen kostete (Serie "Zeitzeugen")

Bäri (siehe auch abtue)
Das ist sowohl Name als auch Bezeichnung für einen grossen Hofhund (z. B. Berner Sennenhund). Früher, wenn das Tier ins Alter kam und Beschwerden hatte, wurde es an manchen Orten geschlachtet, namentlich dort, wo die Familie «schmal durchmusste». Ein längst verstorbener Arbeitskollege von mir, Hans Arnold (1934-1994), Sohn eines Kleinbauern und aufgewachsen in der Nähe von Altdorf, erinnerte sich, dass seine Mutter aus dem Fleisch des Hundes jeweils ein Ragout zubereitete. Das war ein Festessen für die Familie, denn während des Krieges war Fleisch rationiert und das «Schwarzmetzgen» bei Strafe verboten. Ab und zu kam zwar ein Kontrolleur auf den Hof um den Tierbestand zu zählen. Wenn er sich bei der Gelegenheit nach dem Verbleib des Bäri erkundigte, erzählte Hans, gab sich sein Vater ahnungslos. Der Bäri, pflegte er zu sagen, sei eben ein Löitschi (Streuner) gewesen und wohl unter den Zug gekommen (das Trassee der Gotthardbahn befand sich in der Nähe). Beweisen liess sich nichts und den Geleisen entlang nach etwaigen Spuren zu suchen, lohnte für die Obrigkeit den Aufwand nicht, zumal man ja nicht wusste wie lange es her war, seit der Hund im Kochtopf gelandet –  pardon – vom Zug «überfahren» worden war.
In unserer verwöhnten Überflussgesellschaft, in der Hunde à la carte gefüttert, teuren Operationen unterzogen und schliesslich unter Tränen auf einem Tierfriedhof bestattet werden (inklusive Leidzirkular), gilt das Verspeisen des Haushundes als barbarischer und gruusiger Akt (siehe gruusig). Man darf aber nicht vergessen, dass die Zeit während des Krieges hart und das Essen karg bis eintönig war. Der Älpler Zachi (siehe die Bemerkungen zum Begriff Ofetööri) erzählte mir, dass er als Kind im Sommer manchmal wochen- oder sogar monatelang nichts anderes z’ frässe (sic!) bekommen hatte als Polenta und Heubeeribrägel. Letzteres ist ein unter der Zugabe von Wasser, Zucker, Mehl und Zimt gekochtes Mus aus Heidelbeeren, dem man, wenn vorhanden, vor dem Servieren manchmal geröstete Brotwürfel untermischte. Was er Polenta nannte, war allerdings nichts anderes als in Salzwasser gekochtes Maisgries, ohne die Zugabe von Ankè und Chääs (Käse) notabene.

Barlade (Barladen)
Unter Barladen ist ein grosser und schwerer hölzerner Laden zu verstehen mit dem die Futterkrippe der Kühe vom Tenn her verschlossen werden kann. Auf dem Kandishof tat man dies vor allem im Winter, damit das Vieh vor Kälte und Durchzug geschützt war.

Bätti
In der Umgangssprache gebräuchliche Bezeichnung der für das Rosenkranzgebet benötigten Gebetskette. Sie besteht aus insgesamt 59 Perlen und einem Kreuz (Credokreuz) oder einer Medaille. Zu Beginn nimmt man Kreuz oder Medaille in die Hand und betet das «Glaubensbekenntnis». An der ersten grossen Perle betet man das «Ehre sei dem Vater» sowie ein «Vater unser». Dann folgen drei kleine Perlen (für je ein «Gegrüsst seist du Maria»), dann folgt wiederum eine grosse Perle für ein weiteres «Vater unser». Danach kommen fünzig Perlen, bei denen je ein «Gegrüsst seist du Maria» zu beten ist. Diese kleinen Perlen sind durch eingeschobene grössere «Vater unser»-Perlen in Zehnergruppen unterteilt. Nur dieser Rosenkranz hiess Bätti. Alle anderen Formen nannte man beim Namen (Kreuzweg-Rosenkranz, Fünf Wunden-Rosenkranz, Arme Seelen-Rosenkranz u.a.)

Bättischlänggere
Bezeichnung für eine Frau, die das Bätti (Rosenkranz) für alle sichtbar zur Schau trägt und so ihre Frömmigkeit demonstriert. Heute nur noch selten und wenn, dann im abschätzigen Sinn gebrauchter Ausdruck (siehe auch Frömmeler).

Bättmönggali
So nennt man eine Frau, die ihre echte oder angebliche (katholische) Frömmigkeit öffentlich zur Schau stellt. Der Begriff setzt sich zusammen aus bätte (beten) und Munggi (auch Mönggi oder Mönggali). Letzteres ist die Bezeichnung für einen verdriesslichen, mürrischen Menschen, der durch undeutliches Reden lästig fällt (siehe Id. 4, 333). Wegen der zunehmenden Distanz des Volkes zur Kirche sind Bättmönggali selten geworden.


Betruf auf der Alp Trübsee. Im Hintergrund der Titlis (3238m). Bild um 1940. Nachlass Walter Kuster, 9.3.1.WK.201.P. Sammlung Tal Museum Engelberg.

 

Bättruef (Betruf)
Unter Bättruef zu verstehen ist ein in Form eines Sprechgesangs vorgetragenes magisch-religiöses Bitt- und Schutzgebet, das an vielen Orten noch immer allabendlich von Sennen und Hirten meist von einem erhöhten Standpunkt aus in einem eigenartig melodiösen Gesang über die Alp gerufen wird (sogenanntes z’Bätte rüeffe). Zur Verstärkung des Gesangs wird eine Folle (Milchtrichter) verwendet, denn nur so weit der Schall reicht sind die Alp und alles, was umen ischt (d. h. was vorhanden ist) vor den Mächten der Finsternis geschützt.
Dem Betruf zugrunde liegen Bann- und Beschwörungsrituale, die vermutlich ebenso alt sind, wie die Bewirtschaftung der Alpen selbst. Diese reicht weit in die vorchristliche Zeit zurück. Letzteres wird unter anderem durch Funde belegt, die auf der Stremlücke auf 2800 m sowie auf dem 2756 m hohen Schnidejochpass gemacht wurden. Mehr dazu in meinem Artikel Betzeitläuten und Betruf der Älpler: Magisch-religiöse Rituale zur Abwehr des Bösen | Zenodo. Am Beispiel des Obwaldner Betrufs und mit Fokus auf dessen magisch-religiösen Elemente gehe ich darin unter Berücksichtigung neuerer archäologischer Erkenntnisse den Ursprüngen des Betrufs nach und komme zum Schluss, dass dieser vermutlich wesentlich  älter ist, als bis jetzt angenommen wurde.
Der Betruf wird häufig verwechselt mit dem Alpsegen. Letzteres ist eine zu Beginn der Alpsaison von einem Priester vorgenommene Segnung der Alp, während der Betruf ein allabendlich wiederholtes Bitt- und Schutzgebet des Älplers ist.


 


1 Batzen X Rappen. Luzern 1811, Billon, HMZ 2-673.  Bild Romano Agola, Expertise Numismatique


Batz
(Batzen)
Die Bezeichnung Batzen (gespr. Batze) für ein Geldstück (ursprünglich für einen Doppelplappart) ist seit dem 15. Jahrhundert belegt. Ein Batzen hatte anfänglich den Wert von vier, später von fünf Kreuzern. In der durch die Helvetische Republik (1798-1803) erstmals eingeführten Frankenwährung galt ein Batzen zehn Rappen und zehn Batzen ergaben einen Franken. Mit der definitiven Umstellung auf das Frankensystem im Jahre 1850 wurde der Begriff Batzen für die zehn Rappen-Münze (Batze oder Zähni, heute noch üblich) übernommen. Die zwanzig Rappen-Münze (Zwänzgi) nannte man Zwöibätzler (nicht mehr üblich). In meiner Jugend war noch das Wort Föifbätzler in Gebrauch. Das waren fünfmal zehn Rappen (heute Föfzgi). Siehe auch Föifbätzler. 
Im übertragenen Sinne bezeichnet Batzen auch eine wertmässig nicht definierte Geldsumme: E schöne Batze Gäld (Eine hübsche Summe Geld), Göttibatze (Geldgeschenk des Paten), oder auch: Wenn im Frühjahr der Kuckuck das erste Mal ruft, sollte man e Batze (gemeint ist in diesem Zusammenhang eine Münze oder Münzen von beliebigem Wert) im Sack haben, dann hat man das ganze Jahr über Geld (von Katharina Muff-Wolfersberger, 1909-1992, Menznau, von ihrer Enkelin Claudia Muff mitgeteilt).
Batzen kann auch die Bedeutung von minderwertig haben: Ke Batze wärt (Keinen Batzen wert)Halbbatzig (eigentlich ein halber Batzen bzw. fünf Rappen) ist heute das Synonym für unfertig, schludrig. E halbbatzègi Sach (Eine nicht ausgereifte Sache). E halbbatzigi Büez (Eine schludrige oder nicht sauber zu Ende geführte Arbeit). Wenn jedoch in einem Kochbuch von 1830 unter den Zutaten von halbbatzigem Mehl die Rede ist, so ist darunter nicht minderwertiges Mehl zu verstehen, sondern die Menge Mehl, die man zu dieser Zeit für einen halben Batzen (fünf Rappen) erhielt (siehe: Vollständiges Kochbuch, oder Anweisung allerley Speisen auf abwechselnde und schmackhafte Art zuzubereiten. Bern 1830) 
Siehe auch auf www.zentralplus.ch: Ein schöner Batzen und andere Blüten. Veröffentlichung: 11.01.2016.
Online verfügbar: https://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/ein-schoener-batzen-und-andere-blueten


Beckli
Verkleinerungsform von Becken (mundartl. Becki). Ein Becki ist eine Schüssel (Wöschbecki). Ein Beckli dagegen ist eine kleine henkellose Schale aus der man meist Milchkaffee (mundartl. Möuchkafi) oder Tee trank, nicht aber Kafi Luz. Für diesen hatte man massive Gläser mit kurzem Stiel. Siehe Kapitel «Ein Tag wie viele andere» (in der Printversion von «Leben und Sterben auf dem Kandishof» Seiten 99-101; Abb. unter dem Stichwort Perkolator).

belzig
(nidw.)
In Nidwalden in der Umgangssprache gebrauchter Ausdruck. Dui bisch dänn ä belzige Huer (im Sinne von «ein verrückter Hund» oder «ein toller Hecht»). Die Redewendung ist nicht ganz salonfähig und wird nur unter Kollegen gebraucht, wenn einer zum Beispiel durch ein Husarenstück (siehe dort) einer Polizeikontrolle entgehen konnte (siehe auch Huere). Den Hinweis verdanke ich Manuela Scheuber, Ennetmoos.

Berewegge
Birnenwecken oder Birnenweggen. Die Füllung der Luzerner Berewegge ist sämiger und saftiger als jene des Bündner Birnenbrots. Mehr dazu im Kapitel «Advent, das Fasten und eine Metzgete», S. 49-50.

Bildstöckli
Als Bildstöckli werden vom Volk kleine Wegheiligtümer bezeichnet, die in katholischen Gegenden die Landschaft wie ein Netz magisch-religiöser Bezugspunkte überziehen. Bildstöckli stehen meist an Orten, die eine besondere Bedeutung oder Geschichte haben. Sie erinnern oft an Unglücksfälle und Verbrechen, können aber auch Zeichen des Dankes für überstandene Gefahren (Pest, Viehseuchen, durch göttliche Fügung überstandenes Unglück) sein. Darüber hinaus schützen sie die Vorübergehenden vor unruhigen Totengeistern, Kobolden und Dämonen oder fordern sie zum Gebet für die unerlösten Seelen Verstorbener auf, die an diesen Orten oft ihren Aufenthalt haben.
Im Luzernischen werden diese Wegzeichen Höuge- oder Helgestöckli genannt (siehe Höuge). Von einem anderen Wegheiligtum, dem Chäppali (siehe dort) unterscheidet sich das Höugestöckli durch die Bauweise.

Höugestöckli am alten Weg zwischen Hellbühl und Ruswil. Vor etwas über einhundert Jahren brach hier eine Frau auf dem Weg zur Kirche tödlich zusammen. Ihr vorzeitiger Tod und ihr damit nicht erfülltes Leben verhindern die ewige Ruhe. Um die Vorübergehenden vor der unerlösten Seele der Verstorbenen zu schützen, errichtete man dieses Helgestöckli. Bild Kurt Lussi

 
Biecht, ndw. Jääch
Aus dem Alemannischen stammendes Mundartwort für Rauhreif. Biecht entsteht, wenn bei sehr kaltem Wetter wärmere bzw. feuchte Luft an Bäumen, Sträuchern, Zäunen und Gegenständen in Form von Eiskristallen kondensiert. Biecht bildet sich meist über Nacht und verzaubert die Landschaft in ein glitzerndes Weiss (Abbildung). In der Umgangssprache sagte man diesem Vorgang nicht etwa 's hed Biecht gäh, sondern 's hed biechtet (vgl. Id 4, 1010). Rauhreif, der bei Bodenfrost entsteht, nennt man nicht Biecht, sondern Riif oder Riffe. Der Ursprung der in Nidwalden an einigen Orten dafür gebräuchlichen Bezeichnung Jääch (Hinweis von Manuela Scheuber, Ennetmoos) ist dem Verfasser nicht bekannt.

 Altschnee und Biecht bei Hilfikon im Kanton Aargau. Bild Kurt Lussi

 
Blätz
(Mz. Blätze)
Eigentlich Platz, Ort (Pflanzblätz, siehe Bünte). Auch Bezeichnung für Wunden. Ä Blätz haa (Eine Wunde haben). Blätz gebraucht man vor allem für Hautabschürfungen oder bezeichnet damit kleine, bereits verkrustete oder schlecht heilende Wunden. Blätz kann auch die Bezeichnung für einen Tuchfetzen (Putzlappen) oder einen tuchartig ausgewallten Teig sein, der über dem Knie geformt wird (Chnöiblätz, siehe dort).

Blooschti
Angeber, einer, der inhaltsloses Geschwätz von sich gibt. Die Bezeichnung wird oft noch verstärkt: Ä dommè Blooschti. (Ein dummer d. h. geschwätziger Angeber).

Bomper
Kleiner Sack, Hosentasche (Hosebomper). Daher auch die im Luzernischen verbreitete Redensart S'Totehömmli hed käi Bomper (Das Totenhemd hat keine Taschen). Das erinnert die Lebenden daran, dass man keine materiellen Güter in die jenseitige Welt mitnehmen kann.

Böntali, Pöntali
Bezeichnung für die in einem Tuch zusammengebundenen Habseligkeiten eines Menschen, die man an einem Stecken über dem Rücken trägt. S'Böntali packe (weggehen). Wenn das nomohl machsch, pack' ech der s'Böntali (Wenn du das nochmals tust, schicke ich dich weg). Früher manchmal gebrauchte Drohworte für unfolgsame Kinder. (mdl. von Doris Lussi-Bucher).

Bördali
Reisigbündel. Bedeutung siehe Wälle. Bördali (von Bürde) ist auch die Bezeichnung für eine Last im wirklichen, wie auch im übertragenen Sinne. Jede muess halt siis Bördali sälber träge (Jeder muss eben seine eigene Last [im Sinne von Sorgen und Nöten] tragen). Ein Synonym für Bördali (im übertragenen Sinne für Last) ist Kreuz.

Börschtali
Gemüse- oder Topfbürste. Beschrieb folgt.

Botzlene
Von butzen (vermummen). Wegen dem meist verdeckten oder nicht erkennbaren Gesicht Bezeichnung für Kobolde (siehe die Sage vom grünen Männchen bei Althus in: «Himmel und Hölle», S. 83). Auf einen Kobold Bezug nimmt auch das bekannte Volkslied Es tanzt ein Bi- Ba Butzemann, dessen Text 1808 erstmals veröffentlicht wurde. In Ruswil nannte man die zahlreichen Schnäpseler ihrer abgetragenen Kleider und aufgedunsenen Gesichter wegen Botzlene, siehe dazu die Einleitung zu meiner Publikation «Lärmen und Butzen. Mythen und Riten zwischen Rhein und Alpen» (S. 8 bis 9). 

Bronz, Brunz
Urin, Harn; brönzle bzw. bisle = urinieren. Davon abgeleitet: Kei Bisel wärt (wertlos, heute noch gebräuchlich); Bronzhafe (Nachttopf, auch Nachthafe). Das Wort ist in meinem Umfeld allgemein noch bekannt, ist aber im Verschwinden begriffen. Dröbert abe bisle (Über eine Wunde bzw. einen Blätz oder eine Warze urinieren, um Heilung zu bewirken, siehe Blätz). Die volksmedizinische Anwendung war in meiner Jugendzeit noch allgemein gebräuchlich, ist heute jedoch selten geworden. Ich selbst tat dies als Kind mehrmals um Warzen loszuwerden, die danach tatsächlich auch verschwanden. Die Eigenharnbehandlung beruht übrigens auf der Vorstellung, wonach sich im Urin keimtötende Substanzen befänden. 

Bschötti
Siehe Gölle.

Büezer, Beckibüezer
Büezer
ist in der Deutschschweiz die umgangssprachliche Bezeichnung für einen rechtschaffenen tüchtigen Arbeiter, der seiner Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit wegen geschätzt wird. Darüber hinaus steht Büezer etwas idealisierend für den «kleinen Mann aus dem Volk» auf den Verlass ist: En aaständige Büezer (im Sinne von «ein rechtschaffener Arbeiter»). Als Substantiv bezeichnet Büez sodann die Arbeit an sich bzw. deren Bewertung: E suuberi Büez (Eine saubere bzw. gute Arbeit) oder: Käi schöni Büez (Eine schludrige Arbeit, siehe Batze bzw. halbbatzig). Käi schöni Büez steht auch für eine schmutzige bzw. aufwendige Arbeit (Dreckarbeit), die man notgedrungen noch erledigen muss.
Büezer
geht zurück auf das Verb büezen in der Bedeutung von flicken, wieder Instand stellen. Dann auch verbüetzen (zusammennähen) oder nach einer Quelle von 1528 zesamen gebüezt (zusammengebüezt; Id 4, 234). Oft wird die Büez näher bezeichnet (Beckibüezer, d. h einer, der zerbrochenes Geschirr oder Häfe flickt, siehe Abbildung). Beckibüezer waren meist einheimische Kleinhandwerker, die zwar irgendwo eine Bude hatten und dort wohnten, den Sommer über jedoch auf Stör gingen.

 «De Beckibüezer» von Scherz bei Schinznach (Kanton Aargau). Bild von J. B. Stäger, Wohlen, um 1910.


Bünt
(pl. Bünte oder Bünten)
Das Wort bedeutet nichts anderes als «umwundenes, eingezäuntes Landstück». Die Bünt war ursprünglich der Flachs- oder Hanfgarten des Bauern, der im Rahmen der bäuerlichen Selbstversorgung die Familie mit Gespinstfasern belieferte. Die Bünten befanden sich fast immer auf jenen Teilen des Landes eines Dorfes, das der Allgemeinheit gehörte (Stichwort Allmend, Allgemende = Land das allen Gemeindemitgliedern gehört). Meist war dies sumpfiges oder vermoostes Ödland, das sich nicht für den Ackerbau eignete. Umso besser gediehen dort Gespinstpflanzen wie Hanf, der als stark zehrendes Gewächs einen tiefgründigen Boden bevorzugt. Die Bünte war also ein  Stück Land, das zwar der Allgemeinheit gehörte, aber durch die Umzäunung von diesem abgegrenzt war und einer einzelnen, dazu berechtigten Familie für die persönliche Nutzung überlassen wurde (Id. 4, 1401). In Ruswil befindet sich die Bünt noch heute auf dem ehemaligen Moos am Fuss des Schächbelerwaldes. Sie ist heute in kleine Pflanzplätze unterteilt.

Chäppali, Chäppeli
Eigentlich «kleine Kapelle». In der Verkleinerungsform Chäppali bezieht sich der Begriff meist auf ein grösseres Wegzeichen, dessen Bauweise entfernt an eine Kapelle erinnert. Seine Funktion gleicht jener des Bildstöckli (siehe dort). Doch anders als dieses, ist ein Chäppali oft auch ein lokaler Wallfahrtsort zu dem man ging, um vor dem dort befindlichen «Gnadenbild» (Kreuz, Muttergottes- oder Heiligenbild) seine Sorgen und Nöte auszubreiten. Das Charakteristische eines Chäppali ist – nebst der Kapellenform – die Grösse des Innenraums. Er ist meist so bemessen, dass man Blumen und Kerzen hineinstellen kann. Ist der Innenraum so gross, dass man das Chäppali betreten kann, spricht man im Luzernischen von einem Inechnöile-Chäppali. Als Beispiel dafür diene das im 17. Jh. errichtete Oberfeldchäppali auf dem Hof Buchen (Buochen, siehe «Merkwürdiges aus Buholz», S. 29).

Chäppali zwischen Ruswil und Rüediswil, datiert 1883. Der Name zwischen der Jahrzahl, Joseph Richli, ist vielleicht jener des Stifters. Das Wegheiligtum wird mit einer leuchtenden Gestalt ohne Kopf in Verbindung gebracht, die vor Jahrzehnten verschiedene Fuhrleute gesehen haben wollen. Mehr dazu in: Kurt Lussi, Himmel und Hölle, S. 103.

 
Cheib, Chäib 
Eigentlich die Bezeichnung für einen Leichnam oder einen Menschen, der wegen einer Krankheit dahinsiecht (Cheibehuus = Siechenhaus; siehe Id. 3, 101). In der Umgangssprache hat Cheib eine sowohl positive als auch negative Bedeutung: E rassige Cheib (Ein schöner, gepflegter Mann) oder Es rassigs Cheibali (Eine attraktive Frau). Aber auch: domme Cheib. Heute noch gebräuchlich.

Chnöiblätze
Darunter zu verstehen ist eine früher im Schmotz (Schweinfett, siehe Schmotz) ausgebackene Spezialität, die heute von Grossverteilern unter dem Namen «Fasnachtschüechli» verkauft wird. Den Namen haben Chnöiblätze von der traditionellen Herstellung: Die flach ausgewallten Teigstücke werden über dem Knie geformt. Dadurch erhält das Zentrum des Küchleins eine Wölbung. Darum herum ist es, wie dies auch bei industriell hergestellten Produkten der Fall ist, wellenartig gewölbt. Chnöiblätze gab und gibt es vor allem vor und während der Fastnachtszeit.
Einer der Gründe für das Ausbacken im Fett war ursprünglich, vor der Fastenzeit den überzähligen Vorrat an Schmotz zu reduzieren, da das Fett mit Beginn der warmen Jahreszeit ranzig werden und verderben konnte. Von daher kommt auch das Wort Fastnacht, d. h . die Nacht oder Nächte vor Beginn der Fastenzeit, in der man in Schweinefett ausgebackene Süssigkeiten verzehrte.

Chouscht
Kachelofen, meist, wie im Kandishof, mit einer Sitzfläche und einem vor den Chouscht gestellten hölzernen Ofèbänkli (siehe dort) versehen. In unserem 1903 erbauten Haus in Ruswil konnten wir den Chouscht ausschliesslich vom eisernen Kochherd in der Küche aus beheizen. Jener im Kandishof hatte hingegen eine zusätzliche Ofentüre. Diese war so bemessen, dass man auch mit Spälte und Wälle (siehe dort) einfeuern konnte. In Herrschaftshäusern, wie dem Winkelriedhaus in Stans, wurden die Kachelöfen meist vom Korridor aus beheizt.


Der auf das Jahr 1599 datierte Kachelofen des Melchior Lussy im Winkelriedhaus in Stans. Der zeitweise verschollene und stark beschädigte Prunkofen wurde vom Korridor aus beheizt. Bild Kurt Lussi


Chriesisteisäckli

Mit Kirschensteinen gefüllte Stoffsäckchen. Man erwärmte sie tagsüber im Ofäloch (Öffnung im Kachelofen, nicht zu verwechseln mit dem Iifüüri). Kurz vor dem Schlafengehen legte man sie in die Betten, um diese aufzuwärmen. Bis zum Wegzug aus unserem 1903 erbauten Haus hatte dies den Winter über schon fast den Charakter eines Rituals. Im Ofäloch (siehe dort) wärmten wir auch die Bettsocken und Bettflaschen auf.

Chröömle
Ungezielt einkaufen, sich vom Angebot leiten lassen. Heute würde man dafür wohl «shopping» sagen.

Chrosi
(auch: Chrusi)
Grobes Durcheinander. Chrosi nannte meine Grossmutter das Gemisch aus zerstampften Dörrbirnen, Zimt, Zucker, gehackten Baumnüssen und Birnendicksaft mit dem die Berewegge gefüllt wurden. Siehe Kapitel «Advent, das Fasten und eine Metzgete».

Chrusimusi
Auf kleine Dinge bezogenes allgemeines Durcheinander. Chrusimusi bezieht sich auf Speisen. Für das übrige Wirrwarr hatte man den Begriff Gnoosch (siehe dort).

Coifför, Frisör
Das scheinbar Wenige, das man in den 1930er und 1940er Jahren an Bargeld zur Verfügung hatte, reichte weiter, als man vermuten würde. So konnte man sich in Ruswil bei Marfurt, der seinen Schuhladen in der Wächtergasse hatte, für achtzig Rappen die Haare schneiden lassen. Das Rasieren, damals noch mit Rasierschaum und Messer, kostete vierzig Rappen. Etwas günstiger war Hirsbrunner in der Unteren Gerbi, der bereits für sechzig Rappen zur Schere griff und die Rasur für vierzig besorgte. Obendrein hatte er manchmal bis neun Uhr abends offen. Siehe auch: (2) Als eine Rasur noch 40 Rappen kostete (Serie "Zeitzeugen") 

Dängele
Dängele (hochdeutsch dengeln) nennt man das Schärfen von Sensen (mundartlich Sägesse) oder Sicheln mittels eines speziellen Hammers (Dengelhammer) auf einem Amboss (Dengelamboss oder Dengelstock). Die Kunst des Dengelns ist uralt. Es gibt sie wohl, seit es Sensen und Sicheln gibt. An das Dengeln des Grossvaters kann ich mich gut erinnern. Er sass dabei auf einem grossen Granitstein, in den der Dengelamboss eingelassen war. Das gleichmässige helle Ting Ting Ting klingt mir heute noch in den Ohren.

Doppuzentner (Doppelzentner)
Alte, im Luzerner Hinterland gebrauchte Bezeichnung für eine Gewichtseinheit von 100 Kilogramm (2 mal 50 Kilo). Diese Auskunft verdanke ich dem Altbauern Hans Rogger, über den ich an anderer Stelle ein Porträt verfasst habe (siehe: Totengeister: Erlebnisse von Hans Rogger. Aufgezeichnet und mit volkskundlichen Erläuterungen versehen von Kurt Lussi ) Doppelzentner ist möglicherweise abgeleitet von Dezitonne (1/10 einer Tonne = 100 Kilogramm) Der Ausdruck ist vor allem älteren Bauern aus meinem Umfeld noch bekannt bzw. bei diesen noch gebräuchlich, wenn sie von alten Zeiten erzählen. Heute wiegt ein Zentner 100 Kilogramm.

dorehächle
Durchnehmen, über Menschen und ihre Stellung zueinander reden. Der Ausdruck kommt von der Hanfverarbeitung (siehe Rätschwyb).

Duledö
Gemisch von je zur Hälfte süssem und vergorenem Most. Von frz. tout les deux, alle beide, siehe Kapitel «Ein Tag wie viele andere». Der heute im Handel angebotene Suuri Moscht (Ramseier, Möhl und andere) kommt, weil der Gärprozess durch Pasteurisation gestoppt wird, wegen seiner Restsüsse dem Duledö am nächsten.

Duusser, duussen (luz.), duisse (nidw.)
Siehe Tuusser.

Fäärli
Mundartlich für Ferkel, die noch an der Zitze der Muttersau saugen. Siehe auch Moore. Der Begriff ist vor allem in der Landwirtschaft gebräuchlich. Stadtkinder sprechen nicht von Fäärli, sondern sie sagen Söili.

Fazeneetli (nidw.), Fazenettli (luz.)
Bezeichnung für das rote, zur Nidwaldner Tracht gehörende Taschentuch. Das Wort ist abgeleitet vom italienischen fazzoletto, was die alte Verbindung Nidwaldens zur italienischsprachigen Südschweiz und zu Italien belegt. Das Fazeneetli wird von Männern nach aussen sichtbar im Hosensack getragen. In Luzern sagt man Fazenettli (mit Betonung auf -nettli). Zwei unserer Tanten, Fanny und Hermy, gebrauchten für Nas- oder Taschentücher nur diesen Ausdruck.

Flente (Flinte)
Jagdwaffe mit glattem Lauf, vor allem zum Verschiessen von Patronen mit Schrotkugeln auf kurze Distanzen verwendet. Bei den Luzerner Jagdgesellschaften, die, wie zum Beispiel jene in Ruswil, früher zur Mehrheit aus Bauern bestanden, kamen Flinten fast ausschliesslich bei der herbstlichen Treibjagd sowie beim Fochse (Fuchsen = Fuchsjagd im Januar) zum Einsatz. Siehe auch Stutzen.

Födli, Födliworscht
Födli ist die umgangssprachliche Bezeichnung für das Gesäss. Worscht ist das Mundartwort für ein Fleischerzeugnis. Das Wort wird aber auch im übertragenen Sinne gebraucht: Mer esch alles Worscht (Mir ist alles egal). Födliworscht bedeutet also, dass einem der Ausgang einer Sache oder die Sache selbst vollkommen egal bzw. mehr als nur egal ist. Auf Hochdeutsch würde man vielleicht sagen «Das geht mir am Arsch» vorbei.
Übrigens: Einen meiner Schulkollegen nannte man Födlitschegg. Wie er zu diesem Übernamen kam, weiss ich nicht und wie er mit vollem Namen wirklich hiess, habe ich vergessen.

Föifbätzler
Geldstück von fünfzig Rappen (Föfzgi). Der Begriff ist vom Wert abgeleitet. Fünf Batzen (siehe dort) ergeben einen Föifbätzler.

Frau, Fraiwä
(nidw.)
Wir sprechen heute von der Gleichstellung von Mann und Frau, was im Grunde genommen eine sprachliche Ungleichbehandlung ist. Richtig wären Mann und Weib (Mannevölcher und Wybervölcher, siehe dort) oder dann Herr und Frau, denn wie Herr bei den Männern (siehe dort), war Frau ursprünglich die Bezeichnung für eine Angehörige des niederen Adels. Frau als Ehrentitel hat sich in den Bezeichnungen für Maria, die Mutter des Herrn, erhalten (Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel; Liebfrauenkirche). Sodann ist Frau ein Ehrentitel für die Vorsteherin eines Klosters (Frau Muetter oder Muetter Oberin), während die Nonnen mit Schwöschter (Schwester) angesprochen werden. Als Gegenstück zum Herrn ist heute an die Stelle von Frau das vornehmer klingende Wort Dame getreten.

Schluckbildchen (Fresszettel), Johann Friedrich Carl, um 1780. Wikimedia Commons.

 
Frässzädali
Frässzädali = Fresszettel. Der Ausdruck geht zurück auf die vom 18. bis ins 19. Jahrhundert im katholischen Alpenraum verbreiteten Schluckbildchen. Darunter zu verstehen sind kleine auf einem grösseren Bogen zusammengefasste und meist gesegnete Darstellungen von Maria und den Heiligen. Die Bildchen bildeten einen wichtigen Bestandteil der «geistlichen Hausapotheke». Bei Bedarf wurde das Bild des für die Krankheit «zuständigen» Heiligen herausgerissen und eingenommen (gefressen), wodurch der Zettel mit den verschiedenen Bildchen bald ein zerfleddertes Aussehen bekam. Von den Bögen mit den Schluckbildchen, den eigentlichen Fresszetteln, ist der Name im Laufe der Zeit auf die profanen Notizzettel übergegangen.
In Erinnerung geblieben ist mir der Fresszettel eines älteren Ehepaars bei dem ich zu Beginn meiner Tätigkeit in Luzern ein Zimmer gemietet hatte. Das war 1982. Der Mann war Bäcker und ging am Morgen sehr früh zur Arbeit, weshalb ihm seine Frau bereits am Vorabend das Gedeck für das Frühstück auftrug. Mit dabei war immer auch ein total vergammelter, mit Konfitüre verschmierter und mit Kaffee- und Fettflecken getränkter Fresszettel. Darauf stand, in krakeliger, kaum noch lesbarer Schrift «Wurst ist im Kühlschrank». Ich war ein Jahr dort und sah jeden Morgen den immer gleichen dreckigen Frässzädel. Einmal war ich versucht, diesen am Vorabend heimlich zu entsorgen, tat es aber nicht. Die Frau tat mir leid. Wahrscheinlich hätte ihr Mann sie um drei Uhr morgens geweckt und sie gefragt, ob die Wurst im Kühlschrank sei. Womöglich wäre sie sogar aufgestanden, um den Zettel zu suchen.
Die Verwendung der Schluckbildchen in der Volksmedizin basiert übrigens auf der Vorstellung, wonach Gebresten durch im Leib sitzende Krankheitsdämonen verursacht werden. Die gesegnetenDarstellungen der betreffenden Heiligen, denen man besondere Heilkräfte zumass, sollte den Krankheitsdämon aus dem Körper vertreiben und so Heilung bewirken.
Schluckbildchen waren sehr verbreitet. Man erhielt sie, wie die Muettergöttesli (siehe dort), an Wallfahrtsorten.

Fröili, Frölein

Ein Fräulein war ursprünglich eine unverheiratete Frau höheren Standes. In der Umgangssprache war Frölein (ohne i ausgesprochen) bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Anrede für eine Serviceangestellte im Unterschied zu einer Lehrerin, die man nicht Frölein, sondern Fröili nannte. Zwei unserer ledigen Tanten, Fanny und Hermy, legten bis zu ihrem Tod grossen Wert darauf, mit Frölein angesprochen zu werden, während sie die Anrede Frau nicht sonderlich schätzten, obschon dies im Grunde genommen ein Ehrentitel ist (siehe Frau). Der männliche Gegenpart zum vornehmen Fräulein war nicht etwa Herrlein, sondern Junker (siehe dort), eine Bezeichnung, die jungen Herren von Stand vorbehalten war. «Gewöhnliche»  unverheiratete Männer nannte man Jünglinge, und dies auch dann, wenn sie im reifen Alter waren. Frölein ist mittlerweile aus der Mode gekommen. Fröili (als Bezeichnung für eine Lehrerin) hört man auf dem Lande noch ab und zu, wenn Kinder von der Schule erzählen (d'Fröli hed gsäit...), während Jüngling schon seit Jahrzehnten aus der Umgangssprache verschwunden ist.

Sterbebild des 52 Jahre alten Jünglings Xaver Bauer, 1911. Sammlung Kurt Lussi

 
Frömmeler
Bezeichnung für eine Person, die fromm ist oder so tut, als ob sie es wäre bzw. die ihre echte oder angebliche Frömmigkeit besonders betont. Darauf zurück geht die Redensart Diä wo i de Chelä z’vorderscht hockid, send ned emmer die frömmschte (Jene, die in der Kirche zuvorderst hocken, sind nicht immer die frömmsten). Als Frömmeler bezeichnet man vor allem Stündeler (Mitglieder christlich-evangelikaler Sekten), während mit Bättmönggali (siehe dort) ausschliesslich Katholikinnen gemeint sind, dies wegen der Ableitung des Begriffs von Bätti (Gebetskette, Rosenkranz) bzw. bätte (beten).

Fronfaschte
(auch: Froufaschte, Fraufaschte)
Die Fron- oder Quatemberfasten treten viermal im Jahr ein, nämlich am Mittwoch, Freitag und Samstag in der Woche nach dem Aschermittwoch, nach Pfingsten, nach dem Fest Kreuzerhöhung (14. September) und nach dem Luzientag (13. Dezember). Das Volk merkte sich diese Tage mit dem Spruch: Nach Äsche, Pfengschte, Chrüüz, Luzei, am Mettwoch druuf Fronfaschte sei. Zusätzlich war in den Kalendern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts der erste Fronfastentag mit dem rot gedruckten Kürzel «Fronf.» Oder zwei ebenfalls rot gedruckten Fischen gekennzeichnet, damit auch des Schreibens und Lesens Unkundige wussten, dass sie in den nächsten Tagen auf Fleischspeisen verzichten mussten, die es die Woche über bei ihnen ohnehin nicht gab.
In den Fronfasten Geborene nannte man Fronfastenkinder. Sie galten als geistersichtig und empfänglich für Begegnungen mit den Mächten der Finsternis. Überhaupt sind die Totengeister, die Kobolde wie auch der Teufel und seine Gehilfen in den Fronfasten am unruhigsten und gefährlichsten. Man vermied es daher nach Möglichkeit, in den Fronfasten nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs zu sein. Denn wer in diesen Nächten einem Geist begegnete, wurde meist krank. Dies musste einst einer erfahren, dem oberhalb der Niklauskapelle in Ruswil in den Fronfasten eine kopflose Gestalt erschienen war. Darauf wurde er krank und musste mehrere Tage das Bett hüten (siehe «Himmel und Hölle», S. 99-103). Erfahren habe ich dies von Hans Dubach, über den ich unlängst ein Porträt verfasst habe (siehe: (1) Als eine Rasur noch 40 Rappen kostete (Serie "Zeitzeugen"). Von einer anderen Gewährsperson vernahm ich, dass auf der alten Strasse oberhalb der Kapelle in den Fronfasten oft ein grosser schwarzer Hund stehe, der nur ein grosses, unheimlich leuchtendes Auge auf der Stirn habe. Ein anderer der im Schächbelerwald, Ruswil in den Fronfasten Tannen stutzte, sah plötzlich kleine Teufel, die auf den gefällten Bäumen tanzten (siehe «Merkwürdiges aus Buholz», S. 54). 

Die Niklauskapelle an der Strasse von Ruswil nach Sigigen. Links im Bild der alte Weg auf dem in Fronfastenächten zuweilen ein schwarzer Hund erscheint. Bild Kurt Lussi

 
Fochse
(Fuchsen)
Der Begriff bezieht sich auf die mittwinterliche Jagd auf Füchse durch den Ansitz beim Fuchsbau. Fochse kann auch die Bedeutung von reuen oder Leid tun haben. Es fochst mi schampaar, das ech ned ha chönne choo (Es mag mich ungemein, dass ich nicht kommen konnte).

Füürgeischt
Darunter zu verstehen ist ein Verstorbener, der sich den Lebenden als brennender Mann oder brennendes Skelett (sog. Züüsler) bemerkbar macht. Von der Begegnung mit Züslern berichtet bereits der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545-1614) in seiner «Collectanea chronica». Siehe dazu meinen Beitrag «Das Phänomen brennender Totengeister am Beispiel eines Luzerner Spukfalls aus dem Jahre 1599», in: Ethnographisch Archäologische Zeitschrift, Heft 1-2, 2009, S. 39-51. Online abrufbar. (2) Das Phänomen brennender Totengeister am Beispiel eines Luzerner Spukfalls aus dem Jahre 1599. Von Züüslern ist bis in die neueste Zeit die Rede, nicht nur in immer wieder von Neuem erzählten Sagen, sondern auch in Schilderungen realer Erlebnisse von Menschen, die einem Feuergeist begegnet sind. Belege dafür finden sich u. a. in «Himmel und Hölle» (S. 89-92; «Ein verhextes Haus», mit Kommentar, sowie ab S. 93, «Irrlichter»). Ein dem Verfasser persönlich mitgeteiltes Erlebnis einer Personen, die einen Züüsler gesehen und in ihm einen unlängst Verstorbenen erkannt haben will, ist publiziert in: «Merkwürdiges aus Buholz» (S. 18-19, mit Erläuterungen).
Geistergeschichten aus der Zentralschweiz werden auf der vom Bundesamt für Kultur geführten Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz als gefährdetes Kulturerbe aufgeführt. Grundlage dafür ist das UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes, welches die Schweiz mitunterzeichnet hat (für die Schweiz in Kraft getreten am 16. Oktober 2008; siehe systematische Rechtssammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 0.440.6 AS 2008 4801; BBI 2007 7251).


Wo ein Füürgeischt am Ämmerbärg seinen Anfang nahm. Ganz links eine Banntafel. Sie schützte die in den oberen Räumen schlafenden Kinder vor den Besuchen des unerlöst wandelnden Feuergeistes. Siehe dazu «Himmel und Hölle» (S. 89-92, mit Kommentar). Bild Kurt Lussi, aufgenommen um 1980. (Tafel und Abortverkleidung nicht mehr vorhanden)

Die Banntafel aus dem Heimet am Ämmerbärg. Aufnahme um 1980. Bild Kurt Lussi

 
Füürhärd
So nennt man die Eisenkochherde, wie man sie zum Teil immer noch in alten Bauernhäusern und in Alphütten findet. Damit die Hitze optimal ausgenutzt werden kann, sind in die Öffnungen der Herdplatten sogenannte Ringspiele eingelassen. Das sind abnehmbare Ringe aus Eisen. Sie ermöglichen es, die Grösse der Öffnung der jeweiligen Einsatz- oder Holzherdpfanne anzupassen. Durch das Höher- oder Tieferstellen der Pfanne kann die auf das Kochgut einwirkende Hitze reguliert werden (siehe Bild). Diese meist aus Aluminium hergestellten Pfannen besitzen eine konische Form und einen breiten Rand, damit sie möglichst präzise in die Öffnungen passen.
Der Füürhärd in unserem 1903 erbauten Haus «Schönheim» in der Gemeinde Ruswil hatte zusätzlich ein grosses kupfernes, innen verzinktes und ebenfalls im Herd «versenktes» Wasserschiff. Solange der Füürhärd beheizt wurde, hatte man warmes Wasser zur Verfügung, das man mit einer Schöpfkelle dem Wasserschiff entnehmen konnte. Mit einer Klappe oder einem Schieber (in der Abb. oben rechts im Bild; Abzug ins Kamin offen) konnte man zudem die heisse Abluft wahlweise entweder durch den Chouscht (siehe dort) oder direkt ins Kamin leiten.
Im Vordergrund des Bildes (auf der Abdeckung des Wasserschiffs) eine traditionelle Gemüsebürste für die schonende Reinigung von Lagergemüse wie Kartoffeln (Gummeli, siehe Häppere), Karotten (Rüebli, d.h. kleine Rüben) und Sellerie. Siehe auch Börschtali.  

Füürhärd in einem Bauernhaus vor der Sanierung der Küche, um 1957/1958. Bild aus dem Jahresbericht der Schweizerischen Vereinigung zur Wahrung der Gebirgsinteressen. Ausgabe Mai 1959. Bild zVg (Fotograf nicht bekannt)

 
Gääch
Steil. E gääche Hoger (Ein steil ansteigender Hügel oder Hang). Der zum Kandishof gehörende Mülihoger war so gäch, dass man ihn nicht mit Maschinen bewirtschaften konnte. E gäche cheibe Hoger, meinte mein Grossvater als er einmal von den Schwierigkeiten erzählte, diesen abzumähen.

Gade
Im Luzernischen Bezeichnung für Vorratsspeicher, in denen kleineres landwirtschaftliches Gerät, Mostflaschen, Futtervorräte und vieles mehr aufbewahrt wird. Unter dem Giebel ist meist ein Gadechämmerli (Dachkammer) eingebaut, das in der Brautwerbung, dem Kilten, eine wichtige Rolle spielte (siehe Kapitel «Liebe auf den zweiten Blick» sowie meine Publikation «Liebestrünke, Mythen, Riten, Rezepte». Aarau 2006, S. 29-33).

Gänterli
Eckschränkchen. Ein freistehendes eher kleineres Küchenbuffet wird als Chochigänterli oder Chochichäschtli bezeichnet. Letzteres dient auch dazu, fremdsprachige Menschen auf die Schippe zu nehmen und sich ob deren Aussprachebemühungen zu amüsieren (Säg emol Chochichäschtli).

Gellerettli
Gellerettli ist die in der Zentralschweiz von älteren Personen manchmal noch verwendete Bezeichnung für eine Taschen- oder Armbanduhr. Der Begriff geht zurück auf die französische Besetzung Nidwaldens nach dem Überfall von 1798. Das Wort entstand aus der Frage nach der Uhrzeit: Quelle heure est-il? (Wieviel Uhr ist es?). Wer damals die Uhr zückte um dem fremden Soldaten die Frage zu beantworten, war sie dann meist auch für immer los. Gellerettli ist nicht mehr sehr verbreitet.

Gimmel, Gummel, Gumeli oder Gummli
Siehe Häppere.

Gloggere
Mundartlich für Glucke. Eine Glucke ist eine Henne, die auf den Eiern sitzt, diese ausbrütet und dabei die typischen Glucklaute von sich gibt. Nach dem Schlüpfen ihrer Küken beschützt und verteidigt sie diese intensiv. Im übertragenen Sinne ist Gloggere die Bezeichnung für eine überbesorgte Mutter, die ihre Kinder ständig vor allem und jedem bewahren will.

Glongge
Mundartwort für Pfütze, an einigen Orten auch die Bezeichnung für ein Kafi Crème (siehe dort). Ein verstorbener Arbeitskollege von mir pflegte im Restaurant jeweils eine Glongge zu bestellen - und die Serviertochter wusste gleich, was sie bringen musste. 

Glönggi
Trottel, Tolpatsch, Einfaltspinsel (Bernbiet). Bei uns ist der Glönggi einer, der unbekümmert in die Welt hineinlebt, einer also, der nichts zustande bringt und zu nichts zu gebrauchen ist. Andere Schreibweisen: Gglünggi (Bern), Glunki (Schwarzwald). In Schluchsee ist der wie ein Narr gekleidete Schluchseeglunki eine Fastnachtsgestalt.

Gnoosch
Wirrwarr, Durcheinander. Of em Tesch esch au weder es Gnoosch (Auf dem Tisch ist wieder ein Durcheinander). Davon abgeleitet nooschen (suchen, in etwas wühlen) und Nooscheli. Letzteres ist ein Tüchlein oder sonst ein dem Kind vertrauter Gegenstand. Nooscheli gibt man den Kindern mit ins Bett. Ein Nooschi ist hingegen ein zerstreuter Mensch, der in seinem Durcheinander gedankenlverloren ständig etwas sucht und das Gesuchte dennoch nicht oder selten findet.

Gölle
Mundartlich für Jauche. Eine andere Bezeichnung dafür ist Bschötti. Doch wenn jemand in einer hiesigen Gaststätte es Chöbeli Golle (einen Humpen Jauche) bestellt, ist das keine gruusigi Spezialität aus dem Kuhstall, sondern ein Gemisch von etwa je zur Hälfte Bier und Coca Cola.

Göllegoon
Grosse, kübelartige Schöpfkelle mit langem Holzstiel. Wurde früher gebraucht, um die Gölle (Jauche) von Hand aus dem Gölleloch zu schöpfen. Nach dem Ersten Weltkrieg geschah dies immer öfters mittels einer stationären Göllepompi. Eine solche steht noch immer bei der Scheune des Kandishofs.

Gölleloch

Mundartliche Bezeichnung für eine Jauchegrube. Diese war meist direkt am Kuhstall angebaut und mit Brettern abgedeckt. Jauchegruben stellen eine ernsthafte Gefahr dar, da sie gefährliche Gase absorbieren, die bereits nach wenigen Atemzügen zu Bewusstlosigkeit oder zum Tod führen können.
Aus der Frühzeit meiner Berufstätigkeit ist mir der Fall eines alleinstehenden, ziemlich eigenbrötlerischen Bauern in Erinnerung, der sein «Geschäft» jeweils direkt über dem Gölleloch zu erledigen pflegte. Dazu hatte er am Dachsparren der Scheune zwei Ketten mit Ringen angebracht (wie man sie in Turnhallen hat). An diesen hielt er sich fest, wenn er sich rückwärts über das Gölleloch beugte. Das Ganze endete, wie fast zu erwarten war, nicht gut. Nachdem der Mann einige Tage nicht mehr am Stammtisch der Dorfwirtschaft erschienen war, machten sich die Dörfler Sorgen. Beherzte Nachbarn, die ihn krank im Bett vermuteten, fuhren zu seinem Heimetli. Schon von Weitem war zu sehen, erzählte man mir, dass die Bretter, die das Gölleloch normalerweise abdeckten, beiseite geschoben waren. Das verhiess nichts Gutes. Ein Blick in die Grube brachte die Gewissheit. Der Mann hatte bei der Erledigung seines «Geschäfts» offenbar das Bewussstsein oder das Gleichgewicht verloren und war rückwärts ins Gölleloch gefallen, wo er ertrank oder durch die Gase zu Tode kam. (Mitgeteilt um 1990 von Eugen B., Triengen)

Göllepompi
Text und Bild folgen.

Götterli
Eigentlich ein kleines Fläschchen. Im Wirtshaus aber auch die Bezeichnung für eine Flasche Wein. Näm’mer no es Götterli? (Nehmen wir noch ein Fläschchen) pflegte ein verstorbener Freund von uns zu sagen, wenn ihm nach einer weiteren Flasche Wein zumute war. In Süddeutschland versteht man unter einer Guttere eine grosse, geeichte Karaffe für den Offenausschank alkoholischer Getränke in Gaststätten.

Göut (auch Göltä oder Gölt)
Mundartlich für Gült, abgeleitet von ahd. geltan (gelten). Ursprünglich Bezeichnung für ein Entgelt, eine Abgabe oder Schuld des Bauern an den Grundherrn, später Bezeichnung für das Dokument mit dem diese Schuld rechtlich abgesichert war (vgl. Schuldbrief). Die Göut ist in neuerer Zeit, wie der Schuldbrief, durch die Grundpfandverschreibung ersetzt worden. Anders als die Göutä und Schuldbriefe sind Grundpfandverschreibungen keine Wertpapiere und damit nicht handelbar.

Eine Gräbt in den 1940er Jahren. Zuvorderst zwei Kirchendiener mit Laternen, dann die eigentlichen Leidlüüt (Trauernde). Ihnen folgen zwei Priester (genannt Heeren, siehe Herr) und die mit Kränzen behangenen Leichenwagen. An diese Leichenzüge kann ich mich gut erinnern. Mein Vater blieb jeweils ehrfürchtig stehen und wartete, bis der Zug vorüber war. Besonders Fromme schauten nicht bloss zu, sondern sprachen ein Gebet für den Verstorbenen. Ort und Fotograf nicht bekannt. 

 
[E] Gräbt
Eine Beerdigung. Auf dem Lande nahm meist das halbe Dorf an einer Gräbt teil. Nach dem Liidässe (Leid- oder Traueressen) arteten manche Beerdigungen in wüste Trinkgelage aus, denn nicht alle, die zum Mittagessen kamen, waren auch im Leid (in Trauer). Vor allem die Möschteler (siehe dort), die regelmässig bei einer Gräbt aufkreuzten, liessen sich die Aussicht auf eine Gratismahlzeit mit Most, Wein und Schnaps nicht entgehen. So löste eben oft ein Götterli (siehe dort) das andere ab.
Der Begriff Gräbt wird heute von mir und Menschen meiner Generation ab und zu noch verwendet, ist aber selten geworden. Mehr zum Thema: Lussi, Kurt: Erinnerungen an die Vergänglichkeit, in: Anzeiger vom Rottal, Ausgabe vom 27. Oktober 2022, Nr. 43, S. 20. Online: (1) Erinnerungen an die Vergänglichkeit.



Das abgerissene Bauernhaus auf das sich die Geschichte vom Gragöri bezieht (Text siehe unten). Archivbild Sammlung Kurt Lussi

 
Gragöri
Gragöri
heissen in den Sagen die kleinen Hunde, die den Türst - das ist der Herr der ins Jenseits jagenden Toten - und die Sträggele auf ihrer wilden Jagd begleiten. In einer von Alois Lütolf 1862 aufgezeichneten Begebenheit werden einige dieser kleinen Hunde vom morgendlichen Betzeitläuten überrascht und müssen bis zum Abendläuten liegen bleiben. Das Läuten der geweihten Kirchenglocken bannt nach altem Glauben die Mächte der Finsternis. Mehr dazu: (1) Drei Ave-Maria wider die Osmanen. Zum Ursprung des Angelusläutens 
Knechte, welche die Hündchen einst fanden, nahmen das schönste mit und brachten es in die Scheune. Doch am Abend nach dem Betzeitläuten kam der grosse schwarze Geisterhund und fordert es laut heulend und kläffend wieder heraus. (Lütolf, Sagen, S. 463-465). Das publizierte Ereignis bezieht sich auf ein, mir bekanntes, aber unlängst abgerissenes Bauernhaus in der Nähe von Grosswangen, Kanton Luzern. Gragöri ist abgeleitet von gragöle, d. h. wild lärmen, grölen, sich gegenseitig zu überschreien versuchen (Id 2, 723).

 

Ruswil um 1930. Rechts das Haus «Schönheim» an der Neuenkirchstrasse mit dem ursprünglichen Rand von 1903. Im Hintergrund die 1782-1793 erbaute Pfarrkirche St. Mauritius. Sammlung Kurt Lussi (Fotograf unbekannt)


Grandet
Rand nennt man im Alpenraum die Fassadenverkleidung eines Hauses mit Holzschindeln. Diese wurden aus Fichten- oder Lärchenholz hergestellt. Sie waren im Vergleich zu heutigen Schindeln schmäler und unten meist abgerundet. Ein Haus, dessen Fassade nach alter Tradition mit Randschindeln verkleidet ist, ist ein grandets Huus oder man sagt einfach, wenn man dessen Besonderheit betonen will, Es esch grandet. Unser 1903 erbautes Haus «Schönheim», das wir von 1982 bis 2015 besassen, war grandet. Die Schindeln mussten jedoch ersetzt werden. Sie erreichten ein Alter von 90 Jahren.

Gränggu
Ein Gränggu ist ein Mensch von schwacher Konstitution (siehe greng). Davon zu unterscheiden ist eine kleinwüchsige Person von normaler oder gar kräftiger Statur, die man allenfalls als chlii grootä, aber nicht als greng bezeichnete.

Grend (Mz, Grendä), Grind (ndw.)
Umgangssprachlich für Kopf. Grendweh (Kopfschmerzen). Im Zusammenhang mit der Luzerner Fastnacht auch Bezeichnung der Vollmasken (Grendä).

greng
Gering im Sinne von kleinwüchsig, zerbrechlich. Ääs esch scho emmer es grengs Cheibali gsii (Es [das Kind] war schon immer etwas kleinwüchsig und zerbrechlich).

Gröibi
Gewebeteile, die beim Auslassen des Schweinefetts in der Pfanne zurückbleiben. Siehe Kapitel «Advent, das Fasten und eine Metzgete».

Grotzli
Ein verkrüppeltes, meist dürres Nadelbäumchen (Tannegrotzli).

Gruusig
Mundartl. Bezeichnung für unappetitlich, widerlich. Auch für beschwerlich gebraucht. E gruusige Wääg (Ein beschwerlicher, mitunter gefährlicher Weg).

Gstampft
Zerkleinert, gemahlen, Chnochästampfi = Mühle in der Knochen zu Mehl gestampft werden, das danach als Dünger verwendet wird. Ein Kafi fertig ist guet gstampft, wenn der dünne Kaffee mit reichlich bzw. mehr als der üblichen Menge Schnaps aromatisiert wird. Breng mer es Träsch - aber es guet gstampfts!, hört man ab und zu noch in den Wirtschaften.

Gugger-Zytli (luz. Gogger-Zytli)
Beschreibung und Bild folgen.

Gummeli
Kartoffeln, siehe Häpperè.

Gutsch,
auch Götschli
Ein Schluck, eine kleine Menge Flüssigkeit, etwa soviel, wie beim schnellen Kippen einer Flasche aufs Mal ohne zu gluckern aus dem Ausguss kommt.

Haage
Bezeichnung für die Arbeit des Einzäunens einer Viehweide. Siehe auch Zuune.

halbbatzig
Siehe Batzen.

Häli
Luzerner Bezeichnung für trockene Kleingebäcke. In den 1920er Jahren gab es noch Rappigi Häli. Das waren Guetzli, die damals offenbar nur ein paar Rappen kosteten (Zihlmann, «Volkserzählungen und Bräuche», S. 209). Als Häli bezeichnete man auch Schäfchen (Hälibock = Schafbock). Der Name Häli für Guetzlich geht wohl auf ein Wallfahrtsgebäck in Schäfchenform zurück (siehe Hälibock).

Hälibock
Häliböck sind bis heute ein beliebtes Mitbringsel aus dem Schwyzer Wallfahrtsort Einsiedeln. Es handelt sich dabei um ein Lebkuchengebäck. Häli ist zudem Lockruf und zugleich Bezeichnung für das Schaf (Zihlmann, «Sie rufen mich beim Namen», S. 224). Daher der Name Häli. Unter Hälibock ist demnach ein Gebäck in der Form eines Schafbocks zu verstehen. Das passt wiederum zu einem Wallfahrtsort (Darstellung von Christus als Lamm Gottes, siehe Bild unten). Mehr zum Thema: Kurt Lussi, «Die Wallfahrt zu den Quellen der Kraft», in: Heimatkunde des Wiggertals 1993 (Heft 51), S. 59-93). Online: (3) Die Wallfahrt zu den Quellen der Kraft : ein Beitrag zum Volksglauben der Luzerner

 Wallfahrtsgebäck aus Einsiedeln. Links ein gefüllter Lebkuchen, rechts zwei Häliböck. Bild Kurt Lussi

 
Hälimändu
Im Luzerner Hinterland sowie in Ruswil und Umgebung Bezeichnung für Läbchueche-Samichläus. Hälimändu setzt sich aus zwei Wörtern zusammen. Häli ist die alte Bezeichnung für ein trockenes Gebäck (ursprünglich wohl ein Gebildbrot in Schäfchenform, siehe oben, Hälibock). Mändu ist wie Mandli die Verkleinerungsform von Maa (= Mann oder Mensch). Hälimändu ist demnach ein trockenes Gebäck in der Gestalt eines Mannes (Weihnachtsmann bzw. des St. Nikolaus), was durch ein aufgeklebtes Prägebild zusätzlich betont wird. Nebst dem heute üblichen Weihnachtsmann mit Kapuze gab es früher auch Lebkuchenbildchen die den hl. Bischof Nikolaus von Myra zeigten.

Drei Hälimändu aus unserer Backstube (mit alten Prägebildchen aus England). Bekannt für ihre Hälimändu ist die Traditionsbäckerei Willi in Ruswil. Ihre Lebkuchen-Samichläuse werden bis heute mit echtem Bienenhonig nach einem auf das Gründungsjahr 1889 zurückgehenden Rezept hergestellt und nach dem Backen ebenfalls mit einem Samichlausbild beklebt. Bild Kurt Lussi

 

Der Ruswiler Bäckermeister Robert Erni, genannt Mähl-Robi (um ihn von seinem gleichnamigen Nachbarn, dem Rössli Robi genannten Wirt zu unterscheiden), verzierte seine Hälimändu nach alter Tradition mit viel Spritzzucker. Die dazu benötigten Formen und Vorlagen stammten noch von seinem Grossvater. Wegen Nachfolgeproblemen wurde der seit Generationen bestehende Betrieb unlängst aufgegeben. Bild Kurt Lussi 

 
Hälsig, Häusig
Kurzer Hanfstrick zum Anbinden des Viehs, besonders für Kälber gebraucht (Chalberhälsig).

Häppere
Von meinem Vater Albert Lussi regelmässig verwendete Bezeichnung für Kartoffeln. Häppere ist wohl abgeleitet von der an einigen Orten der Innerschweiz (Gemeinde Arth, siehe Id 2, 308) gebräuchlichen Bezeichnung Herdbire oder Härdbire (wörtlich Erdbirnen = Kartoffeln) für Kartoffeln. Im Kanton Schwyz nennt man sie - gemäss einem Eintrag auf der Webseite des Restaurants Hirschen in Oberiberg - sonst allgemein Gummel, Gumeli oder Gummli. Der Überliefung nach werden sie dort so benannt, weil die ersten Kartoffeln 1727 von einem Söldner aus Frankreich mitgebracht und zuerst auf dem Hof Gummi bei Goldau, Gemeinde Arth, angepflanzt worden seien (siehe Id 2, 308). Wahrscheinlicher ist, heisst es an gleicher Stelle, dass Gummeli auf das aus dem frz. pomme de terre entstandene Mundartwort bummeliterr (= Erdknollen) zurückzuführen ist. In Abwandlungen ist Gummeli auch in anderen Innerschweizer Kantonen verbreitet. Ein längst verstorbener Arbeitskollege aus dem Kanton Uri gebrauchte dafür den Ausdruck Gimmel.

Härdöpfeler
Aus Kartoffeln gebrannter Schnaps, der seiner Verfügbarkeit (industrielle Produktion) und seines geringen Preises wegen vor allem bei den Schnäpseler (siehe dort) sehr beliebt war. Siehe auch Bärghöguschnaps.

Henderwälder (alte Viehrasse)
Henderwälder (Hinterwälder) Rinder sind eine sehr genügsame und anpassungsfähige Naturrasse, die vom Keltenrind abstammen soll. Zwar haben die Kühe im Vergleich zu anderen Rassen eine kleinere Milchleistung, dafür benötigen sie kein zusätzliches Kraftfutter. Wegen ihres geringen Gewichts können sich die Tiere zudem in steilem Gelände sehr gut fortbewegen. Diese alte und seltene Landrasse eignet sich daher vorzüglich für die Haltung in alpinen und voralpinen Gegenden mit ihren oft sehr steilen und nur schwer zugänglichen Weiden, wie sie im Napfmassiv die Regel sind.

Hinterwälder Rinder auf einer Wiese bei Unter-Matthüsli, Gemeinde Menznau, Kanton Luzern. Bild Kurt Lussi


Heimgang, heimgehen
Zum Teil im Luzernischen noch verwendete Begriffe für Tod (Heimgang) und sterben (heimgehen). Ääs esch heigange (Sie ist verstorben). Auf dem Land unter älteren Menschen noch verbreitet.

Heinze (auch Heuheinze, Heubock oder Heureuter)
Heinzen sind im Freien stehende hölzerne Gestelle. Man brauchte sie, um das noch nicht ganz trockene Heu vor Bodenfeuchtigkeit bzw. vor Regen zu schützen. Heinzen sieht man ab und zu noch an Weidescheunen aufgehängt, wo sie an die traditionelle Art der Heutrocknung erinnern (Bild unten; siehe auch Triste).


Alte Heinzen unter dem Vordach einer Weidescheune auf dem Rüdiswiler Moos, Gemeinde Ruswil, erinnern an die traditionelle Art der Heutrocknung. Bild Kurt Lussi

 
Henecht

Heute (Abend). Henècht am Obe gömmer z'Chele (Heute Abend gehen wir in die Kirche).

Herr, Heer
Herr
ist die einfachste, heute allgemein übliche Anrede für männliche Personen. Ursprünglich war Herr jedoch eine Standesbezeichnung sowie ein Herrschaftstitel (Herren von Wolhusen). Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde Herr immer mehr zu einer Höflichkeitsbezeichnung. Im Luzerner Hinterland bezeichnete man bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Pfarrer allgemein als Heere (mit Betonung auf ee). A dere Beärdigung hets vell Heere gha (An dieser Beerdigung hatte es viele Priester). Herr ist bis heute die ehrfurchtsvolle Bezeichnung für Gottvater (Der Herr im Himmel) sowie die Anrede für Jesus (Herr Jesus Christus).

Fronleichnamsprozession am Herrgottstag. Vor dem eigens dazu errichteten Altar liest der Priester den Anfang von einem der vier Evangelien. Fotografie um 1960. Ort und Fotograf nicht bekannt.


Herrgottstag
Herrgottstag
ist die traditionelle volkstümliche Bezeichnung für das Hochfest Fronleichnam (Festum corporis Christi), das jeweils am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis) gefeiert wird. In dem von Papst Urban IV. im Jahre 1264 angeordneten Fest wird Christus verehrt, der in der geweihten und in einer Monstranz zur Verehrung ausgesetzten Hostie gegenwärtig ist.
Die Monstranz mit der geweihten Hostie wird nach der Heiligen Messe an vielen Orten noch immer durch das Dorf oder durch die Stadt zu einem einzelnen Altar oder einer Kapelle getragen, wo der Schlusssegen erteilt wird. Die früher üblichen vier Stationen mit den bunt geschmückten Altären, den Herz Jesu-Statuen und Heiligenbildern, an denen der Priester die Anfänge der vier Evangelien las, sind heute fast überall verschwunden, wie auch die seit dem 14. Jh. damit verbundenen Prozessionen von Altar zu Altar, an die ich mich als ehemaliger Ministrant gut erinnern kann (siehe Abbildung). 
Im deutschsprachigen Raum wandelte sich die Fronleichnamsprozession schon früh zu einer eigentlichen Flur- und Wetterprozession. An manchen Orten, so etwa in Luzern und Sempach, nehmen zudem militärische Formationen in historischen Uniformen teil. Sie besorgen das Schiessen mit Kanonen (Luzern) oder mit Böllern (Villmergen und andere Orte). Die Schüsse sind einerseits das Signal, das dem Volk anzeigt, dass die Prozession durchgeführt wird. Zusätzlich werden bei jedem Halt, bei dem der Priester mit der Monstranz den Segen erteilt, weitere Schüsse abgefeuert.
An manchen Orten wurden früher die Birken- oder Buchenzweige, mit denen die vier Altäre geschmückt waren, vom Volk mit nach Hause genommen. Durch das Vorbeiziehen der Prozession mit dem Allerheiligsten galten sie als gesegnet. Man steckte sie, wie die gesegneten Palmzweige, hinter Kreuze oder hing sie über den Türen auf. Man glaubte, sie würden kraft des erhaltenen Segens das Haus vor Unwettern und bösen Geistern schützen. In Ruswil sind dann und wann noch immer Feldkreuze zu sehen, die auf diese Art geschmückt werden. Das soll ihre schützende Kraft verstärken.

Heuschober
Siehe Triste.

Hoger
Kleiner Hügel, markante Erhebung im Gelände. Ein klassischer Hoger ist der kleine Hügel links am Weg von Ruswil nach Wolhusen. Der Überlieferung nach stand oben einst eine kleine Burg oder ein Wohnturm. Hoger ist ein im Luzernischen allgemein verbreiteter Ausdruck.

Hösu

Gemäss dem Vater meiner Gewährsperson ist ein Hösu ein Mann oder Bursche, der nachlässig oder schludrig gekleidet ist. Im umgekehrten Sinn kann Hösu aber auch die Bezeichnung für einen adretten und gepflegten Mann sein (E flotte Hösu). Sodann ist ein Hösu auch ein Bursche oder Mann, der wenig Durchsetzungsvermögen hat, immer tut, was ihm gesagt wird, sich nicht auflehnt und sich stattdessen unterordnet, auch wenn ihm der Sinn einer Tätigkeit vielleicht nicht klar ist oder ihm diese widersteht. In diese Kategorie fallen die sogenannten Pantoffelhelden, bei denen die geflüsterten Worte ihrer Gattinen Befehle sind. Hierher gehört jene Anektote in der die Kollegen eines Hösu von diesem wissen wollten, was er denn tue, wenn er zu spät heimkomme. «Ich nehme sofort einen Stuhl», sagte dieser, «und stelle ihn an ihr Bett». «Und das hilft?», wollten die anderen wissen. «Nein», sagte darauf der Hösu, «aber ich möchte sitzen, wenn das Theater losgeht».

Höuge 
(Höugali für kleine Andachtsbilder), Helge
Ausdruck für ein meist gerahmtes Heiligenbild, heute oft im abschätzigen Sinn verwendet (Kitschhöuge). Bei den grossformatigen, farbig glänzenden Höuge handelte es sich fast immer um Chromolithografien der Kunstanstalt E. G. May, Frankfurt a. Main. Beliebt waren Herz Jesu- und Herz Maria-Darstellungen. Diese hingen zusammen mit Ahnenbildern meist in den Schlafkammern. Links und rechts des Herrgottswinkels platzierte man hingegen kleinere Bilder von Heiligen, zu denen man einen besonderen Bezug hatte. Auch Kommunion- und Wallfahrtsandenken hingen dort. Höuge mit Darstellungen des heiligen Viehpatrons Wendelin brachte man über den Stalltüren an, um Viehkrankheiten, Schadenzauber und sonstiges Unheil abzuwehren. Die farbigen Heiligenbildchen, die man ins Gebetbuch legte, nannte man Höugali. Sterbebilder hiessen Leidhöugali (siehe dort).


Herz Jesu-Höuge. Kleiner Farbdruck nach dem 1760 von Pompeo Batoni geschaffenen Gemälde in der Chiesa del Gesù in Rom. Eine um 1862/1863 von Anton Bütler nach dem Römer Original angefertigte Devotionskopie befindet sich in der Äschkapelle Ruswil. Sammlung Kurt Lussi

 
Höugestöckli
Siehe Bildstöckli.

Huere 
(luz.), hüääre (nidw.)
Huere ist ein im Luzernischen oft verwendetes Verstärkungswort, das meist im positiven Sinn gebraucht wird (huereguet, huereschön). Huere kann aber auch den Charakter einer Verfluchung haben, wenn zum Beispiel etwas nicht wunschgemäss vonstatten geht. Huere Siech nomol. Huere als Verstärkungswort ist im Luzernischen noch allgemein verbreitet, wird aber zunehmend neudeutschen Wort mega verdrängt. In Nidwalden wird huere auch als Substantiv gebraucht: Ä belzige Huer (Ein toller Hecht, siehe belzig). 

Husarekafi
Mit dem bis anfangs des 20. Jahrhunderts in Luzern gebräuchlichen Begriff bezeichnete man den hellen, mit Zucker gesüssten und mit viel Schnaps aromatisierten Kaffee. Der helle Kaffee wurde damals - auch in Gaststätten - in Kannen serviert und der Schnaps separat dazu gereicht (wird in einem Entlebucher Mordprozess erwähnt). In Luzerner Bauernhaushalten wird der Schnaps nach wie vor in der Flasche serviert, damit die Gäste den Kaffee nach eigenem Gusto aromatisieren können. Man nennt diesen Vorgang «zwägmache». Husarekafi wird u. a. auf S. 3 im Begnadigungsgesuch des Jakob Mattmann vom 7. Juni 1885 an den «Hohen Grossen Rath des Kantons Luzern» erwähnt mit dem Hinweis, dass der Gesuchsteller sowohl dem puren Schnaps, als auch dem Husarekafi verfallen gewesen sei. Um die Sensiblen unter uns zu beruhigen: Mattmann wurde begnadigt und die Todesstrafe in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt. 1901 kam er frei und wanderte nach Kanada aus, wo sich seine Spur verliert.
Bevor wir's vergessen: Nachfolger des Husarekafis ist der Kafi fertig in allen seinen innerschweizer Variationen.

Husarestöck
(Husarenstück, Husarenstreich)
Bezeichnung für ein tollkühnes Unternehmen, das einiges an Wagemut erfordert und schliesslich erfolgreich endet. Der Begriff geht zurück auf die Husaren, eine Kavallerietruppe der Österreichisch-Ungarischen Armee, die für ihre Wendigkeit, ihren Mut und ihre Schnelligkeit bei Überraschungsangriffen bekannt war. Wie der Begriff in die Innerschweiz kam, ist mir nicht bekannt. Gleiches gilt auch für die seit der 2. Hälfte des 19. Jh. in Luzern verbreitete bzw. nachgewiesene Bezeichnung Husarekafi für ein Kafi fertig (siehe auch Husarekafi, Kafi fertig und belzig).

Iifüüri
Mit einer eisernen Türe verschliessbare Brennkammer der Kachelöfen und Eisenherde. Bei Kachelöfen war die Öffnung meist so bemessen, dass auch Wälle (siehe dort) und Spälte (siehe dort) in die Brennkammern geschoben werden konnten (siehe auch Chouscht).

Jesses, Jesses näi
Auch: Jesses Maria. Ausruf meiner Mutter, wenn sie plötzlich mit einer unschönen Nachricht konfrontiert wurde (im Sinne von unglaublich, das gibt’s doch nicht). Jesses geht zurück auf die Anrufung höherer Mächte in verschiedenen Ablassgebeten (Jesus, Maria, Josef, Euch schenke ich mein Herz und meine Seele; Jesus, Maria, Josef, stehet mir bei im letzten Streit u. a). Die Anrufung Jesses oder Jesses Maria hat den Charakter einer Unterschutzstellung unter die höheren Mächte in Momenten höchster Bedrohung mit unbekannter Ursache. Noch immer in Gebrauch, vorab bei älteren Menschen. Bei den Jungen ist Jesses mittlerweile durch das amerikanische fuck ersetzt worden.

Jompfere, Jumpfere
Auch Jumpfer. Nur noch selten zu hörende Bezeichnung für eine Jungfrau. Jompfere hat heute einen negativen Beigeschmack im Sinne einer abschätzigen Bezeichnung für eine alte, verschrobene und eigenwillige Frau (en alti Jompfere). An manchen Orten ist Jompfere eine Fasnachts- bzw. Brauchtumsfigur, die den Winter und damit die Unfruchtbarkeit symbolisiert (Alty Dorfjumpfere Altendorf, Kanton Schwyz). 

Junker (gesprochen: Jongker)
Abgeleitet vom Mittelhochdeutschen Juncherre (Jungherr, junger Herr). In Deutschland nannte man die männlichen Mitglieder des niederen Adels Junker. In Luzern wurden die Söhne der Stadtpatrizier so genannt. Junker hat sich in der Bezeichnung einiger Sommersitze der Luzerner Patrizier erhalten, die sie ab der Mitte des 17. Jahrhunderts auf der Luzerner Landschaft errichteten (u. a. Junkerhaus in Weggis, um 1644). Junker ist heute nicht mehr in Gebrauch; der Begriff wird hier lediglich der Vollständigkeit halber aufgeführt.

Kafi Crème
Die Bezeichnung stammt aus der Zeit, als man in den Gaststätten begann, den Kaffee nach italienischer Art zuzubereiten. Anders als der übliche, eher helle Filterkaffee hat ein Kafi Crème ein Schäumchen, so wie heute der italienische Espresso. Kafi Crème geht also nicht auf die Beigabe von Kaffeerahm zurück, sondern auf das durch die italienische Zubereitung entstehende Schäumchen.

Kafi Halb-halb
Im Glas serviertes Kafi mit je zur Hälfte Träsch und Zwetschgenbrand bzw. Birnen- und Zwetschgenbrand von Hochstammbäumen. Im Restaurant bestellt man einfach es Halb-halb.

Kafi Luz, auch Kafi fertig
Abkürzung von Kafi Luzern (Kaffee nach Luzerner Art). Im Glas servierter Kaffee mit Schnaps. Der Ausdruck wird nur von Nicht-Einheimischen bzw. ausserhalb der Zentralschweiz verwendet. In den hiesigen Wirtschaften bestellt man auch kein Kafi Träsch oder Kafi Chriesi (Kaffee mit Kirschenbrand) sondern man sagt einfach es Träsch, es Chriesi oder es Zwätschge. Bezüglich der Zubereitung siehe Kapitel «Ein Tag wie viele andere» (siehe auch Husarekafi). Kafi Luz wird nicht nur in den Gaststätten sondern auch in Privathäusern ausschliesslich im traditionellen Glas serviert (siehe Abb. im Abschnitt über den Perkolator). Möuchkafi (Milchkaffee) trank man ohne Zucker aber mit viel Milch aus einem Beckli (siehe dort).

Kafi Wii
Heller Kaffee, dem anstelle von Schnaps ein ordentlicher Gutsch Wein zugesetzt wird. Marie Duss (1927-2023), eine Entlebucherin aus Doppleschwand, trank nach dem Essen nichts anderes und liess sich auch im Altersheim nicht davon abbringen. Und sie war, wie mir versichert wurde, beileibe nicht die Einzige.

Laferi
Bezeichnung für einen Schwätzer. Siehe Plappertante und Schnorri.

Ländere, Länderer
Bezeichnung für die Kantone der Urschweiz bzw. für die Urschweizer, besonders für Nid- und Obwaldner gebraucht. Wenn unser Grossvater sagte, es käme jetzt einer uss dä Ländere oder einer vo inne use, dann war damit ein Nidwaldner gemeint. Miär hüäre Länderer miänd dänn zämästah (Wir Nidwaldner müssen zusammenhalten), sagte Josef (Sepp) Durrer (1922-2000) zu mir, als wir ins Schönheim in Ruswil zogen. Der von Kerns zugewanderte Durrer Sepp und seine Frau Lisbeth wohnten etwas weiter oben in einem Chalet, das den Namen St. Maria trug.

Larifari
Gleichgültigkeit, Quatsch, Schlendrian. Nach einem Eintrag im Wikipedia könnte der Begriff auf die italienische Tonsilbenfolge La, re, fa zurück (den Noten a, d, f zur Bildung eines d-moll-Akkords) zurückgehen. Da diese Silben aneinandergereiht keinen Sinn ergeben, wurde aus La, re, fa möglicherweise Larifari. Larifari könnte aber ebensogut eine Verballhornung des Französischen Laissez-faire sein, das ebenfalls die Bedeutung von Gleichgültigkeit, Schlendrian hat. Wie viele andere Begriffe aus dem Französischen wäre auch dieser durch Söldner in französischen Diensten zu uns gekommen.

Lätsch
Ä Lätsch mache ist der Ausdruck für eine missmutig verzogene Miene. Älter ist der Gebrauch des Wortes als Bezeichnung für einen Knopf oder eine Schlinge. Ein Bindbaumlätsch ist gemäss meinem Vater eine Verknotung, die sich durch einen einfachen Zug an einem Ende des Stricks lösen lässt.

Laudate
Katholisches Gebets- und Kirchengesangbuch ohne das man nicht in die Heilige Messe ging. (Mein persönliches Laudate erhielt ich als Erstkommunikant.) Das Laudate enthielt nebst altbekannten Liedern des 14. bis 19. Jahrhunderts auch Gebete, Segenstexte und Erklärungen.  Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam es ausser Gebrauch und wurde ersetzt durch das Kirchengesangbuch, aus dem viele altbekannte Lieder verschwunden und dafür neue, etwas despektierlich Taizé-Liedli genannte «Songs» hinzugekommen sind. Es wird heute an manchen Orten ergänzt mit Liederbüchern wie rise up, deren moderne Texte und Melodien die meist älteren Kirchenbesucher weder kennen noch verstehen. Zudem sind sie, anders als die alten Lieder, meist schwer zum Mitsingen.

Laferi
Siehe Plappertante.

Leidhöugali
Sterbebild mit den Lebensdaten und einem Bild des bzw. der Verstorbenen sowie verschiedenen Gebeten. Siehe Kapitel «Sterbebildchen und Totenfürsorge». Ein Höugali ist ein kleines Heiligenbild, das in einem Laudate (siehe dort) Platz hat (siehe auch Höugè).


Leidhöugali der Anna Lussi, die bei einem Autounfall in Luzern ums Leben kam. Nebst Trostworten enthalten diese Sterbeandenken auch Ablass- und Trostgebete. Sammlung Kurt Lussi

 

Malader
Von frz. malade (krank). Bisch malader? (Bist du krank?), pflegte die Tante einer Bekannten zu fragen, wenn jemand in der Familie kränkelte. Wie Gellerettli (siehe dort) nur noch von älteren Menschen verwendet. Der Ausdruck geht zurück auf die Besetzung Nidwaldens durch französische Truppen im September 1798, auch bekannt als Franzosenüberfall oder kurz Überfall. Von Manuela Scheuber, Ennetmoos.

Mannevolch
Bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts gebräuchliche Bezeichnung für Männer, die nicht der höheren Gesellschaft angehörten. Heute nur noch selten gebraucht.

Mandli
(seltener: Mändli)
Kleiner Mann, Männchen. Vor allem auch Bezeichnung für mythische Gestalten: Bärgmandli (Bergmännchen), Härdmandli (Erdmännchen). Dann aber auch Bezeichnung für menschenähnliche Wegzeichen (Stäimandli).

Ein 1598 datierter Marchstein bei Seengen. Er trennte ursprünglich den Berner Aargau vom Freiamt. Ansicht von Westen. Das noch gut erkennbare Freiämter Wappen geht zurück auf ein 1512 den Freiämter Truppen von Papst Julius II verliehenes Banner. Bild Kurt Lussi

 
March
, Marchstei
March 
ist die im Schweizerdeutschen verwendete Bezeichnung für Grenzland, Grenze sowie Grenzzeichen wie Steine (Marchsteine), Gräben, Mauern und Hecken, im Luzerner Hinterland Hagstelli (als Bezeichnung für Grenzhecken; Zihlmann, «Sie rufen mich beim Namen», S. 78-80). Vermarchen (eine Grenze ausmessen). Uusmarche (Grundstückgrenzen festlegen, aber auch eine strittige Angelegenheit bereinigen), Marchstein (Grenzstein). Ein Marchsteinversetzer war einer, der heimlich Marchsteine zu seinem Vorteil versetzte, eine Freveltat, die sich früher schwer beweisen liess. Oft verbarg man daher unter dem Marchstein heimlich Beckischerbi oder Ziegelstücke, was den ursprünglichen Standort des Marchsteins im Falle einer mutwilligen Versetzung belegen sollte (Id. 4, 388) .
Zur Strafe und vielleicht auch zur Abschreckung von Nachahmern hiess es, Marchsteinversetzter würden nach dem Tod keine Ruhe finden. Sie müssten als Lichter oder Füürgeischter (siehe dort) den ursprünglichen Marchgrenzen entlangwandern oder schwere Marchsteine umherschleppen. Auf die Frage eines gespenstischen Marchversetzers Wo muess i setze, wo muess i setze (Wo muss ich [ihn] hintun, wo muss ich [ihn] hintun), antwortet einer: Deert wo d‘ne gnoo hesch (Dorthin, wo du ihn genommen hast). Am anderen Tag hatte er einen geschwollenen Kopf. Sonst geschah ihm nichts. (Mehr dazu in: «Merkwürdiges aus Buholz», S. 58-59).

Masel
Masel g'haa; Glück gehabt. Als Masel wird in der Umgangssprache das unerwartete, lotterieartige Glück in einer Situation bezeichnet, die gewöhnlich einen Ausgang zu unseren Ungunsten nimmt.
Weshalb mein Vater den aus dem Rotwelschen stammenden Ausdruck anstelle von «Glück» gebrauchte, wusste er nicht zu erklären. Bezüglich des Begriffs «Rotwelsch» verweise ich auf meine auf www.zenodo.org publizierte Abhandlung Die Sprache der Landstrasse: Herkunft und Bedeutung des Rotwelschen

Meie
Auf der Luzerner Landschaft vor allem noch von älteren Frauen gebrauchter Ausdruck für einen Blumenstrauss. In den Ämtern Sursee und Willisau noch verbreiteter Begriff.

Meietöpfli
Blumentopf (siehe Meie).

Möuchbank
Eine niedere massive Bank, auf der man die Milchkannen zur Abholung bereitstellte. Jene des Kandishofs befand sich oben an der Strasse, die von Root ins Götzental führt.

Mohr
Mohr ist abgeleitet von Maure (Bewohner des nordafrikanischen Staates Mauretanien). Mohren waren nicht schwarzafrikanische Sklaven, sondern maghrebinische Piraten und Sklavenjäger, die besonders auf die Beschaffung der in arabischen Ländern begehrten weissen Sklaven und Sklavinnen spezialisiert waren. Die Sklaven beschafften sie sich vor allem durch das Kapern europäischer Handelsschiffe; die Sklavinnen raubten sie aus Küstendörfern in Skandinavien und England. Ausgangspunkt der Kapernfahrten war bis zur Besetzung durch die Franzosen im Jahre 1830 Algier. (Literatur: Charles Summer: «White Slavery in The Barbary States. A Lecture Before The Boston Mercantile Library Association, Feb. 17, 1847». William D. Ticknor and Company, Boston 1847; Dokumentarfilm «The White Slave Trade That History Tried to Erase - When Europeans Were the Slaves» u. a.).
Mohr hat sich in der Bezeichnung Mohrenkopf (eine Süssigkeit aus weichem, mit Schokolade überzogenem Schaumzucker) und in den Jahrhunderte alten Namen vieler Gaststätten erhalten. Bekannt ist der Mohren (oder Möhre, wie die Einheimischen sagen) in Willisau. Erstmals erwähnt wird diese Gaststätte 1574 als «Wirtschaft zu dem neuen Möhren». In meiner Jugend fuhren wir an Mittwochnachmittagen mit dem Fahrrad oft nach Waltenschwil zur Robert Dubler AG, wo man abverheiti (formlich missratene) Mohrenköpfe kaufen konnte. Für zwei Franken erhielt man damals eine ganze Schachtel. 

Mönggali
Siehe Bättmönggali.

Mooss 
Mooss (Betonung auf oo) ist im Luzerner Hinterland die mundartliche Bezeichnung für Mass. Im bäuerlichen Alltag versteht man darunter eine Masseinheit von 1 1/2 Litern. Meist wird diese Messeinheit für Most gebraucht. Mooss ist nur noch älteren Bauern bekannt. Den Begriff habe ich von Hans Rogger. (Mehr zu ihm siehe «Totengeister». Online: Totengeister: Erlebnisse von Hans Rogger. Aufgezeichnet und mit volkskundlichen Erläuterungen versehen von Kurt Lussi)

Moore
Moor oder Moore ist die Bezeichnung für eine Sau, die ihre Jungen (Fäärli) säugt bzw. aufzieht oder aufziehen könnte (Mutterschwein). Sodann ist Moore ein Schimpfwort für eine derbe, ungepflegte und oft primitive Frau, das meist durch eine Verdoppelung verstärkt wird (Sau und Moore = Soumoore). Moore ist sodann ein in der Umgangssprache gebräuchliches, zwar derbes aber nicht unanständiges Verstärkungswort: Dosse esch ès chout wie ne Moore (Draussen ist es saukalt). Mit Moore beschreibt man also einen Zustand. Huere (siehe dort) ist demgegenüber eher ein Ausdruck der Freude bzw. der positiven Überraschung: Das esch jetzt huere schön gsii (Das war jetzt aussergewöhnlich schön). Der Gebrauch der beiden Wörter, die für fast das Gleiche stehen, geschieht im Einzelnen intuitiv. Eine feste Regel ist dem Verfasser nicht bekannt.

Möschteler
Ursprünglich Bezeichnung für einen Menschen niederen Standes, der zu oft, zu gerne und vor allem zuviel Most trank. Vergorener Most war früher das günstigste alkoholische Getränk. Die meisten Bauern hatten ihn fassweise vorrätig (siehe Kapitel «Der Kandishof»).
Auf der Luzerner Landschaft rekrutierten sich die Möschteler meist aus herumziehenden Gelegenheitsarbeitern, Landstreichern, Obdachlosen und Hilfsknechten. Manche unter ihnen waren Originale, die von Hof zu Hof zogen und sich gegen eine geringe Arbeitsleistung eine warme Suppe, Most und Schnaps erbettelten (siehe «Himmel und Hölle», S. 124-127). In Erinnerung geblieben ist mir die 1988 von einem Gemeindeangestellten erzählte Geschichte von jenem, namentlich nicht genannten Möschteler, der offenbar aufgrund jahrelanger Alkoholexzesse im Sterben lag. Als der Pfarrer ihn aufforderte: D'er chönnd jetzt biichte. Nachhär geb ech üch no die letscht Ölig (Sie können jetzt beichten, nachher erhalten sie die letzte Ölung), soll der Möschteler erwidert haben: Ech hätt aber lieber no es Moscht (Ich hätte lieber noch einen [sauren] Most). Ein anderer, der sich an Leberwürsten und Speck überessen hatte, die ihm ein wohltätiger Bauer aufgetischt hatte, soll deswegen einen Kreislaufkollaps gehabt haben und zusammengebrochen sein. Als ihn der Pfarrer mit de letscht Ölig versehen wollte, soll der Möschteler geantwortet haben: Nor nüüd mee Feisses (Nur nichts mehr Fettiges). Die beiden Geschichten waren zu dieser Zeit (um 1990) im Raum Willisau-Land unter den Einheimischen allgemein bekannt. Was daran wahr ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Motsch
Mutsch, Rest oder Anschnitt des Brotes in Form eines Mutsches. Den fast schwarzen Motsch eines Sauerteigbrotes sparte meine Mutter manchmal auf und verwendete ihn bei der Zubereitung von Voressen, was dem Gericht einen besonderen Glanz und eine Sämigkeit verlieht. Brot wurde in unserer Familie nie weggeworfen. Aus altem Brot bereitete meine Mutter meist Öpfelrööschti zu. Das sind in Anke gebääiti Brotwürfel (siehe dort), die kurz vor dem Anrichten mit zuvor gekochten Apfelschnitzen vermischt werden. Dazu tranken wir Möuchkafi (Milchkaffee). Und so halten wir es bis heute auch in unserer Familie.

Möuch
Luzernische Aussprache des Wortes Milch.

Muettergöttesli
Muettergöttesli
 nannte man die verkleinerten Nachbildungen des Gnadenbildes von Einsiedeln, die man früher in den vor dem Kloster aufgebauten Devotionalienständen kaufen konnte. Sie bestehen aus Ton, dem kleinste Partikel von Reliquien und etwas Staub vom Mörtel der Gnadenkapelle beigemischt sind. Sie sind in der Regel zwischen drei und sieben Zentimeter gross. Ältere Exemplare sind oft farbig bemalt und haben zum Teil feine Blattgoldauflagen (siehe Abbildung). Nach dem Kauf liess man die kleinen Statuetten segnen und nahm sie als «magisch» wirkende Schutz- und Heilmittel mit nach Hause.
Der Fachausdruck für die Muettergöttesli ist Schabmadonna. Die Bezeichnung hat mit ihrer Verwendung im Heilzauber zu tun. Bei Bedarf kramte man das Muettergöttesli hervor, schabte von der Rückseite der Figur etwas Tonstaub in ein Getränk und nahm dieses ein. Dieses Ritual ist ein Relikt des Glaubens, wonach eine Krankheit durch einen im Körper sitzenden Dämon verursacht wird. Die in den Muettergöttesli innewohnenden, «magisch» geladenen Substanzen (Reliquienstaub, Mörtel von der Gnadenkapelle) verstärkt durch die Darstellung des Gnadenbildes und die Segnung durch einen Ordensmann des Klosters) sollten die Macht des im Leib sitzenden Krankheitsdämons brechen und so, wie die Fresszettel (siehe dort), Heilung bewirken. Insofern handelt es sich bei den Muettergöttesli um Kompositamulette (Das sind Amulette, denen durch das Zusammenwirken mehrerer Elemente (Mörtel der Gnadenkapelle, Reliquienstaub, Segen) eine besondere Wirkung zugeschrieben wird). Mehr zu den Krankheitsdämonen: Lussi, Dämonen, Hexen, Böser Blick, S. 31-34.

 Zwei Muettergöttesli (Schabmadonnen) aus Einsiedeln, 18. oder frühes 19. Jh. Bild Kurt Lussi

 
Muni
Muni ist die alemannische bzw. schweizerdeutsche Bezeichnung für einen Zuchtstier. Nur wenige Bauern hatten früher einen eigenen Muni, den sie jeweils gegen ein Entgelt ausliehen. In Villmergen, wo ich einen Teil meiner Jugend verbrachte, nannte man einen Schulkollegen von mir nur de Munimaa, wohl deshalb, weil sein Vater einen Muni hatte. Die Familie hiess s'Munimanne; der Sohn s'Munimanne Sepp. An manchen Orten war Muni auch die etwas despektierliche, aber doch eher wohlwollend gemeinte Bezeichnung für einen umtriebigen Gemeindepräsidenten (Gmeinsbüffel bzw. Gmeinsmuni). Muni ist in der Luzerner Landbevölkerung noch allgemein verbreitet. Siehe auch Alpeneier.

Der 781 Kg schwere Muni des Landwirts Jakob Koch in Aesch, Kanton Luzern. Bild von 1930. Sammlung Kurt Lussi (Fotograf unbekannt)

Muuser
Feldmauser (Mäusefänger). Meist im Nebenberuf ausgeführte saisonale Tätigkeit. Auch Übername. Einen meiner Schulkameraden nannte man Muuser Schang. Sein richtiger Name war Hans (= Johann) Meier (Schang ist vom französischen Namen Jean abgeleitet). Im Luzerner Hinterland als tüchtiger Feldmauser bekannt war der Süessmuuser genannte Hans Kurmann (14. Mai 1905 bis 3. November 1996). Ihn und sein Handwerk habe ich porträtiert in der Schrift «Der Feldmauser» (Heft 60 der von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde herausgegebenen Reihe «Altes Handwerk»).

Der «Zesmeler» genannte Josef Schmidli (1931-2012), wohnhaft gewesen in Ziswil, Gemeinde Ruswil, war von Beruf Landwirt und leidenschaftlicher Jäger. Das Feldmausen übte er im Nebenberuf aus. Bild Kurt Lussi

Neger
Wenn de ned uufpassisch, besch de de Neger
(Wenn du nicht aufpasst, bist du dann der Neger, im Sinne von «der Schuldige» bzw. «der Geprellte»). Bis vor etwa einem Jahrzehnt noch gebräuchliche, heute nicht mehr salonfähige Redensart. Mein Vater brauchte diesen Ausdruck oft.

Negerschweiss
Nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommene Bezeichnung für Coca Cola. Der rassistische Begriff ist mittlerweile wieder aus der Umgangssprache verschwunden.

Necessaire
Abgeleitet von frz. nécessaire bzw. lat. necessarius = notwendig oder das Notwendigste. Ein Necessaire ist das, was im benachbarten Deutschland Kulturbeutel genannt wird, nämlich ein Beutel oder Täschchen, das die wichtigsten Utensilien für die tägliche Körperpflege enthält.

Niidle, Nidlespilete
Niidle
 ist das Mundartwort für Rahm, Sahne. Gschwongni Niidle ist Schlagsahne. Aus Ruswil überliefert ist der Brauch der Niidlespelete. Zwischen Weihnacht und Lichtmess luden sich die Nachbarn gegenseitig zu einer Niidlespelete ein, bei der man mit dem alten, heute durch das Jassen verdrängten Kaiserspiel um die Niidle kämpfte. Danach setzte man sich gemeinsam um den meist mit einem weissen Leinentuch bedeckten Tisch, worauf die Hausfrau die geschwungene (steife) Niidle auftrug. Während des Essens schleuderten die Gäste nach alter Sitte etwas davon an die hölzerne Stubendecke, was vielleicht als Rest einer Opfergabe zur Beschwichtigung der Hausgeister gedeutet werden kann. Zum Abschluss gab es Kafi Chriesi bevor sich die Gesellschaft in Tanz auflöste. Mehr dazu in: Kurt Lussi, Im Reich der Geister und tanzenden Hexen, Aarau 2002, Seite 106.

Nooschi
Siehe Gnoosch.

Nutte, Nuttedisu
Nutte 
ist eine aus der Berliner Vulgärsprache eingewanderte Bezeichnung für eine Prostituierte. Ursprünglich wurden damit jedoch nur junge, nicht registrierte Frauen mit kindlichem Aussehen bezeichnet. Darauf weist auch die Herkunft des Wortes. Nutte geht nach dem Wörterbuch des Rotwelschen zurück auf das mittelalterliche lütt für klein, jung, zierlich (Quelle: Siegmund A. Wolf: Deutsche Gaunersprache. Wörterbuch des Rotwelschen. Hamburg 1993, S. 233). Disu (Diesel) ist Treibstoff und in diesem Zusammenhang die Bezeichnung für Schaumwein. Nuttedisu ist also Schaumwein, der bei den Beteiligten die Zungen lösen, Hemmungen beseitigen und dadurch das Anbandeln mit einer Prostituierten befördern soll. Siehe auch: Die Sprache der Landstrasse. Bedeutung und Herkunft des Rotwelschen.Link: Die Sprache der Landstrasse: Herkunft und Bedeutung des Rotwelschen | Zenodo 

obsigänt, nidsigänt
Auf- bzw. absteigende Mondbahn (nicht zu verwechseln mit zu- und abnehmendem Mond). Ob der Mond obsigänt oder nidsigänt ging und für welche Arbeiten die jeweilige Stellung des Mondes günstig war, entnahm man den Bauernkalendern. Grundsätzlich gilt: Alles, was nach oben wachsen muss, sät man bei obsigänt (z. B. Stangenbohnen). Was möglichst nicht aus der Erde kommen soll, pflanzt man bei nidsigänt (Zwiebeln, Kartoffeln). Abgeleitet davon tut man alles, was sich zurückbilden bzw. nicht weiter wachsen soll, bei nidsigänt, wie z. B. Fingernägel schneiden (damit sie nicht zu schnell wachsen) oder die Warzenbehandlung durch magische Heilsprüche (damit sie sich zurückbilden oder ganz verschwinden).

Ofebänkli
Darunter zu verstehen ist eine schmale, längliche Holzbank. Sie stand vor dem Chouscht (siehe dort) wo sie einerseits das Hinsetzen erleichterte und andererseits den Sitzenden als Fussschemel diente (siehe Abbildung).


Auf der Chouscht mit davor stehendem Ofebänkli studieren der Landwirt Josef Muff-Wolfersberger und seine Ehefrau Katharina die Pläne für den Neubau ihres Hofes Stadelbode, Gemeinde Menznau. Aufnahme von 1957. Fotograf unbekannt (publiziert mit Zustimmung der Nachfahren) 


Ofetööri, Ofetörli
Klappe zum Verschliessen der Brennkammer von Küchenherden und Kachelöfen. Der verstorbene Urner Älper Zachi (Zacharias Baumann) pflegte, wie er mir einst erzählte, in kalten Winternächten die Brennkammer seines Speckstein-Kachelofens nach dem Mittagessen auszuräumen, damit er darin die Nacht verbringen konnte. Was daran wahr ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber nach dem Aussehen des Ofetööri zu schliessen, war die Brennkammer gross genug, um sich hineinzwängen zu können. Zachis Heimwesen, in dem ich früher den Sommer über oft übernachtete, befindet sich auf der Göscheneralp auf 1680 Metern über Meer. Es wird heute von einem seiner Söhne bewirtschaftet.

Ofeloch
Stubenseitige Öffnung im Kachelofen. Darin erwärmte man Socken, Chriesisteisäckli (siehe dort) oder Keramiksteine, die man vor dem Schlafengehen ins kalte Bett legte. Das war zuweilen bitter nötig. Auf dem Kandishof war es im Winter in den Schlafkammern manchmal so kalt, dass die nassen Hosen am Morgen steifgefroren waren, was ich selbst noch erlebt habe.

Ofetori
Traditionelles Gericht aus Ob- und Nidwalden. Kartoffelstock, Eier, Nidle (siehe dort), Anke (siehe dort), Käse und Gewürze werden mit Speckstreifen garniert und im Ofen bei 200° gebacken.

Öl am Huet (Redensart)
Das sagt man von jemandem, der mehr oder minder stark beschwipst, aber nicht stockbetrunken ist. Von einem  Volltrunkenen sagt man Er hed en Aff (Er hat einen Affen, siehe dort).


Unser Perkolator mit dem Endprodukt im Glas. Die zu dunkle Farbe erklärt sich durch den Umstand, dass dem fertigen Kaffee noch kein Schnaps zugesetzt wurde. Der abgebildete Perkolator stammt aus der Zeit um 1940. Bild Kurt Lussi

Perkolator
Für den hellen, in einem Glas servierten und mit einem beliebigen Schnaps aromatisierten Kafi Luz (siehe dort) nimmt man heute meistens eine Prise löslichen Instant-Kaffee. Früher verwendete man zum Brauen des Kaffees jedoch einen Perkolator. Das ist eine aus dickem Aluminium hergestellte Kaffeekanne die innen ein Steigrohr und einen Siebeinsatz für den gemahlenen Kaffee hat. Bei dem durch das Erhitzen entstehenden Druck wird das Wasser durch das Steigrohr nach oben gedrückt und tröpfelt dann durch das Kaffeepulver nach unten, wo es sich wieder mit dem kochenden Wasser vermischt. Der Vorgang wird so lange wiederholt, bis der Kaffee die gewünschte Farbe hat. Dies lässt sich durch den Glaseinsatz im Deckel überprüfen.

Pinätsch
Von meinem Vater Albert Lussi manchmal gebrauchte Bezeichnung für den Luzerner Hausberg Pilatus. Woher der Begriff kommt, weiss er nicht. Er hat ihn von seinem Vater übernommen.

Plappertante, Syn. Schnattergeiss
Eine Plappertante bzw. eine Schnattergeiss ist eine geschwätzige Frau, die nicht zuerst denkt und dann redet, sondern eine, die redet und dabei nichts denkt. Eine Plappertante kann ein Rätschwyb sein (siehe dort), muss es aber nicht zwangsläufig.
Eines ihrer entscheidensten Merkmale ist der fast ununterbrochene Redefluss. Inhaltlich ist das fast immer Nichtssagendes, das man sogleich wieder vergisst oder gar nicht erst memoriert hat.
Für Männer gebraucht man anstelle von Plappertante Ausdrücke wie domme Schnorri, domme Schwafli oder domme Laferi. Zu dieser Spezies gehören insbesondere Leute, die gedankenlos immer das sagen, was sie gerade tun und was sie dabei denken, sofern sie letzteres überhaupt tun. Bekannter Treffpunkt der Plappertanten und Laferi sind die Menüaushänge der Restaurants. Wenn sich davor mehr als zwei Personen ansammeln, findet sich immer einer oder eine, der oder die sie für alle laut vorliest: Lo-do, hött gets Schnipo aber mè cha au nor è Brodworscht haa ond dè hend's no etc.

Rätschwyb
Klatschweib. Der Name kommt von der Hanfverarbeitung. Unter rätschen zu verstehen ist die eintönige, meist von Frauen und Knechten ausgeführte Arbeit des Hanfbrechens mit einem Rätschbock. Diese Tätigkeit, die genug Zeit für Klatsch bot, habe ich in meinem Buch «Im Reich der Geister und tanzenden Hexen» ausführlich beschrieben (S. 245-250; siehe Literaturverzeichnis im Anhang).


Hanfbrechen auf dem Hof Fluck, Gemeinde Ruswil, um 1925. Rechts im Bild werden über einem glimmenden Feuer (sogenanntes «Höllenfeuer») die Hanfstengel getrocknet. Links sind Knechte damit beschäftigt, mit dem Rätschbock die noch steifen Fasern zu brechen. In der Bildmitte (im schwarzen Anzug) der Hofbesitzer Melchior Muff (1835-1931). Sammlung Kurt Lussi (Fotograf unbekannt)

 
Reisseckler (gespr. Räisseckler)
Von den Obwaldnern gebrauchter, eher despektierlich gemeinter Übername für die Nidwaldner. Ein Reisseckli ist eine zur Nidwaldner Tracht gehörende Tasche aus meist grünem Baumwoll- oder Wollstoff. Das Reisseckli geht zurück auf die grossen Proviantsäcke, in denen man auf Reisen seine Habseligkeiten mit sich führte. In verkleinerter Form ist das Reisseckli dann Teil der Nidwaldner jedoch nicht der Obwaldner Tracht geworden. Daher der Begriff Reisseckler.
Nach einer anderen Quelle geht der Begriff auf die Reisläuferei zurück. Reisläufer war die Bezeichnung für die schweizerischen Söldner in fremden Diensten. Er setzt sich zusammen aus Reis (Kriegszug) und dem heute noch verwendeten Wort sekle für schnell gehen, rennen, sich beeilen. Ein Reisseckler wäre demnach einer, der sich als Söldner verdingte. Und besonders viele Söldner stammten eben aus Nidwalden.

Rode
Der Begriff rode (roden) geht zurück auf die Urbarmachung von Land (Waldrodung). Dabei werden nicht nur die Bäume gefällt, sondern man entfernt auch das Wurzelwerk, damit die gewonnene Fläche landwirtschaftlich oder anderweitig genutzt werden kann. In der Umgangssprache ist rode zudem ein Synonym für umrühren. Muesch guet rode, söscht hocked's aa (Du musst gut umrühren, sonst brennt [das Gericht] an).

Rosoli

Rosoli ist das klassische Beispiel einer scheinbar urtümlichen alpenländischen Spezialität, die in Wirklichkeit von Söldnern und reisenden Kaufleuten aus Italien eingeführt worden ist. Nach Nidwalden dürfte der Rosoli im Zuge der Eroberung des Tessins (nach 1512) und der damit aufgekommenen Kontakte der Nidwaldner Besatzungsmacht mit der einheimischen Bevölkerung gekommen sein. In Nidwalden spielte der Rosoli eine wichtige Rolle bei der Brautwerbung, dem Kilten, siehe dazu: Kurt Lussi, «Liebestrünke. Mythen, Riten, Rezepte». Baden und München 2006, S. 31 ff. (AT Verlag).

rüüdig
Eigentlich räudig, von Krätzmilben befallen. Im Luzernischen, besonders aber in der Stadt Luzern, im positiven Sinne Bezeichnung für etwas Aussergewöhnliches: E rüüdig schöni Fasnecht (Eine unglaublich schöne Fastnacht). In der Sprache der Jungen wird rüüdig allmählich vom Neudeutschen mega verdrängt.

Schab- oder Borschtäglogge (Schab- oder Borstenglocke)
Die Schab- oder Borstenglocke ist ein trichterförmiges Utensil aus verzinktem oder rostfreiem Stahl, dessen Unterkante scharf geschliffen ist. Mit diesem Gerät entborstet der Störmetzger das geschlachtete Schwein, bevor es ausgenommen wird. Siehe Kapitel «Advent, das Fasten und eine Metzgete» sowie die Aufnahme unten.

Der Störmetzger Toni Wagner, Ettiswil (1957-2017) beim Entborsten eines eben geschlachteten Schweines. Die Aufnahme entstand 2010 anlässlich der traditionellen Metzgete der Söilizunft Grosswangen. Bild Kurt Lussi

 
schampar
Eigentlich schandbar im Sinne von in Schande bzw. ehrlos sein. In der heutigen Umgangssprache ist schampar ein Verstärkungswort. Är esch scho e schampar liebe Mönsch (Er ist schon ein sehr lieber Mensch), sagte meine Mutter von einer Person, die bei ihr in hohem Ansehen stand oder die sie gut mochte. Meine in Ebikon bei Luzern aufgewachsene Mutter brauchte dieses Wort oft auch, um eine Aussage im positiven Sinn zu verstärken (schampar es schöns Chleid).

Scheese
Von frz. chaise (Stuhl). Ursprünglich die Bezeichnung für eine leichte Kutsche mit klappbarem Verdeck. In der Verkleinerungsform Scheesali Bezeichnung für einen Kinderwagen mit aufspannbarem Verdeck. In den alemannischen Dialekten auch abwertend für eine  unangenehme, (scheinbar) dümmliche und eingebildete Frau. Das esch denn ä blödi Scheese! im Sinne von ä dommi Chue!

Schener
In der Zentralschweiz gebräuchliche Bezeichnung für einen grossen, ursprünglich eher derben und aus gespaltenen Holzschienen (daher der Name) hergestellten Behälter, in den man die Wäsche tut. Heute bezeichnet man vor allem die grossen, meist aus Weidenruten geflochtenen und etwas grazileren Zeinen als Schener (Wäschezeinen).
 
Schmotz
Ausgelassenes Schweinefett, das noch warm in Häfe (Steinguttöpfe) gefüllt wird. Das dabei zurückbleibende Gewebe nennt man Gröibi (siehe dort).


Ruswiler Chlausengruppe (früher Chlausjagd genannt). St. Nikolaus mit schwarz geschminktem Schmotzli, Geisselchlöpfer, Gabenträger und Guido Gassmann mit Schwyzerörgeli. Bild Beni Fischer

 
Schmotzli
Schwarz gekleideter Begleiter des St. Nikolaus. Der Name geht auf die Schwarzfärbung des Gesichts zurück. Dazu verwendete man mit Russ vermischtes Schweinefett (Schmotz). Mehr dazu in: Kurt Lussi (Hg.).St. Nikolaus. Heiliger und Kinderschreck. Lindenberg 1999, S. 39-48.

Schnäfali

Ganz wenig. Meist dann gebraucht, wenn man jemanden bittet, von einem Ganzen ein Stückchen abzuschneiden: Gesch mer ou äs Schnäfali Brod? (Gibst du mir auch ein Stückchen Brot?)

Schnäpseler
Bezeichnung für eine Person, die dem Schnaps hörig ist. Wie die Möschteler (siehe dort) waren auch die Schnäpseler dorfbekannt, da sie innerhalb eines engen Rayons von Hof zu Hof zogen, also in einer bestimmten Gegend sesshaft waren. Die meisten Schnäpseler lebten von Gelegenheitsarbeiten und dem Betteln, nicht aber von Diebstählen, da es ihnen lediglich darum ging, zur täglichen Ration Schnaps (meist Härdöpfeler, siehe auch Bärghöguschnaps) zu kommen.

Schnorri
Bezeichnung für einen Schwätzer. Siehe auch Plappertante. Ich erinnere mich an einen längst verstorbenen, wortgewaltigen  Versicherungsvertreter. Schnopp hiess er. Als sich der Mann wieder einmal telefonisch zu einem Verkaufsgespräch angemeldet hatte, sagte unser eher wortkarger Vater (der diesen geschwätzigen Vertreter nicht leiden mochte) zur Mutter: Rosmarie, am obig chond de no de Schnorri verbii. Die Mutter wusste Bescheid. Wir Kinder nicht. Als der Mann dann in der Diele stand, streckt ich ihm meine Hand entgegen und sagte: Grüezi Herr Schnorri. Peinlich. Nun, daraus lernt man, immer vorsichtig zu sein und gut zu überlegen, bevor man etwas sagt.
Ein ähnliches Erlebnis, allerdings im umgekehrten Sinne, hatte ich 1976 in der Londoner U-Bahn. Ich lebte schon länger in der Stadt und war dementsprechend «hippiemässig» gekleidet. Mir gegenüber sassen im Zug in Richtung Edgware ein paar Aupair-Mädchen aus der Schweiz. Ich tat so, als ob ich ihr Geschwätz nicht verstehen würde. Zuerst vorsichtig abwartend und prüfend, ob ich sie verstände, dann aber immer dreister, begannen sie über mich zu reden. Als sie bei den intimsten Stellen und der dort vermuteten Funktion angekommen waren  - ich verzichte jetzt auf Einzelheiten, man kann sie sich mit etwas Fantasie vorstellen - hielt die Bahn. Belsize Park. Beim Aussteigen wandte ich mich kurz zurück und sagte Tschau zäme. Es war mir leider nicht vergönnt, mich an den betretenen Gesichtern zu weiden. Immerhin ist zu bemerken, dass ich in der Beurteilung nicht allzuschlecht wegkam.

Schorgrabe
Bezeichnung für den Abflusskanal im Kuhstall durch den der ausgeschiedene Urin der Kühe von selbst ins Gölleloch läuft. Den Kot muss der Bauer jedoch mit einem Schieber zuerst von der Standplatte der Kühe in den Schorgraben befördern. Die Entleerung des Schorgrabens geschieht dann wiederum mit diesem Schieber, der so breit wie der Schorgraben ist. Mit diesem schiebt man, wie ich das in den Ferien oft getan hatte, die Masse durchs Schorloch in die angrenzende Jauchegrube, die bei uns Gölleloch genannt wird. Heute sind offene Schorgräben in Laufställen nahezu gänzlich verschwunden. Sie wurden entweder abgedeckt oder entfernt, da sie für die Tiere ein erhebliches Verletzungsrisiko darstellen.
Schoren geht zurück auf das spätalthochdeutsche scora bzw. das mittelhochdeutsche schorn (Schaufel) in der Bedeutung von «mit der Schaufel arbeiten», zusammenscharren, kehren. Schnee schore = mit einer Schaufel Schnee wegräumen (siehe Id 8, 1195-1196).

Schöttstei
Schüttstein. Grosser Trog aus meist braungelbem Steingut, in dem das Geschirr abgewaschen wurde.

Schwafli
Bezeichnung für einen Schwätzer. Siehe Plappertante und Schnorri.

Schwändte

Auf die alemannische Zeit zurückgehender Begriff für die Brandrodung. Heute bezeichnet man auch das Ausreissen des auf der Weide wild wachsenden Gestrüpps als schwändte. Dies tut man, um der Vergandung (siehe dort) des Landes vorzubeugen. Auf die Brandrodung zurück gehen viele Liegenschafts- und Ortsnamen (Schwand, Oberschwand, Schwanderholz) sowie der Geschlechtsname Schwander.

Schwändttääg
Schwendtage. Das sind in alten Bauernkalendern besonders gekennzeichnete Unglückstage.

[Es] Schwarzes
In Nidwalden bis heute gebräuchliche Bezeichnung für ein im Glas serviertes helles Kafi mit einem beliebigen Schnaps. Den Ausdruck kenne ich aus meiner Militärdienstzeit im Raum Stans: Jetz muess i es Schwarzes haa (d. h., jetzt brauche ich ein Kafi met Schnaps), pflegte ein Nidwaldner Dienstkamerad zu sagen, wenn er sah, dass der Kantinier (so nannte man den Soldaten, der für die Kantine zuständig war) den hölzernen Rollladen hochzog, und meist steuerte er dann geradewegs darauf zu. Es Schwarzes ist der Nachfolgebegriff für Husarekafi (siehe dort), mit dem Unterschied, dass Es Schwarzes bereits fertig zubereitet ist, was beim Husarekafi früher nicht der Fall war: der Kaffee wurde in Kannen und der Schnaps separat in Glasflaschen serviert (siehe Husarèkafi).

schweitze
Von anschwitzen (= anbraten). Zebeleschweitzi nennt man angebratene bzw. im eigenen Saft gedünstete Zwiebeln. Eine Zebeleschweitzi serviert man vor allem zu Blut- und Leberwürsten sowie zu Bratwürsten (anstelle einer Zwiebelsauce).

Schwengerkafi
Ein in einem Glas serviertes dünnes Kafi met Schnaps, das zusätzlich eine nicht zu knapp bemessene Haube aus gschwongner Nidle hat. Die Spezialität kam im Zusammenhang mit den wieder populär gewordenen Schwingfesten auf, wo sie zuerst serviert wurde.

Schwere
Grober Zaunpfahl aus gespaltenen Baumstämmen oder dicken Ästen.

Siech
Ursprünglich Bezeichnung für einen kranken Menschen (dahinsiechen; siehe auch Cheib). Siech hat heute eine doppelte Bedeutung: Ä glattä Siech (Ein umgänglicher Typ). Ä dommä Siech (Ein Idiot, Einfaltspinsel, Nervensäge).

Söihäfeli, Söideckali
Futtertrog für Schweine und dazu passender Deckel. Söihäfeli, Söideckali sagt man von zwei Personen, die sich finden oder gemeinsame Sache machen und deren Absichten und oft zweifelhaften Handlungen auf den eigenen Vorteil ausgerichtet sind. Die Redensart ist nach wie vor verbreitet.

Söilibotzer
Im Raum Luzern verbreiteter Name für den Vorlauf. Darunter zu verstehen ist das beim Schnapsbrennen zuerst anfallende leichtflüchtige Destillat. Dieses enthält giftige Stoffe wie Methanol und Acetaldehyd und ist daher nicht für den Genuss geeignet. Vorlauf wird zur Herstellung von Tinkturen, zur Reinigung und in der bäuerlichen Tiermedizin (Desinfizierung von Wunden) genutzt.

Der Störbrenner Sepp Gloggner, Ruswil. Die ältesten Teile seiner fahrbaren Brennerei stammen aus den 1940er Jahren. Im neu verchromten Kessel rechts unten wird der Vorlauf (Söilibotzer) aufgefangen. Aufnahme von 2010. Bild Kurt Lussi

 
Spälte
Als Spälte, abgeleitet von spalten, bezeichnet man Brennholz, das durch ein oder zweimaliges Spalten eines längeren Rundholzes entstanden ist. Spälte sind wesentlich grösser und länger als Holzscheite. Mit ihnen befeuert man vor allem Kachelöfen, die direkt (also nicht über den Eisenherd in der Küche) beheizt werden können. Der Begriff ist in bäuerlichen Kreisen noch immer allgemein bekannt. Auf dem Kandishof hatte es, wie meist auf grösseren Bauernhöfen, ein separates Iifüüri für Spälte und Wälle (siehe dort).

Spatzig
Raum haben, Zeit haben. S'Schächteli mues e chli Spatzig haa, söscht tuet's chlemmè (Das Schächtelchen muss ein wenig Spiel haben, sonst klemmt es). Aber auch im nichtmateriellen Sinne verwendeter Ausdruck: Mer händ no föif Minute Spatzig (Wir haben noch fünf Minuten Zeit). Letzteres gebrauchte man vor allem dann, wenn Spatzig die Spanne zu einer Endzeit bezeichnete. Mein Vater machte hier genaue Unterschiede. Mer händ no Ziit (Wir haben noch Zeit, ohne Angabe des Umfangs). Spatzig gebrauchte er nur, wenn die Länge der Zeitlücke bekannt war: Föif Minute Spatzig (Fünf Minuten verbleibend, bis zur Abfahrt des Zuges zum Beispiel).

Stande
Hoher Steinguttopf, in dem man Sauerkraut oder Trester zum Vergären einlegt. Die Standen für Sauerkraut waren auf dem Kandishof aus Keramik. Für das Vergären von Trester sind heute Fässer aus blauem Kunststoff mit schwarzen Deckeln in Gebrauch.

Stiif
Eigentlich steif. Im übertragenen Sinne bedeutet stiif gradlinig, korrekt, gut oder sogar mehr als gut. Dä spöut cheibe stiif (Der spielt ziemlich gut), pflegte der bekannter Volksmusiker Hans Muff (1944-2015) zu sagen, wenn ein anderer Musiker nicht nur gut spielte, sondern die Erwartungen sogar noch übertraf. War etwas mittelmässig oder knapp genügend, bewertete er dies mit grad äbä rächt. Von Claudia Muff, Ruswil


Stobete auf dem Hof Stadelbode, Gemeinde Menznau. An der Handorgel Josef Muff-Wolfersberger (1902-1967), Vater des bekannten Volksmusikers Hans Muff. Das Bild entstand um 1957/1958 im ehemaligen Bauernhaus (abgetragen um 1960). Publiziert mit Zustimmung der Nachfahren. (Fotograf unbekannt)

 
Stobete
Unter einer Stobete zu verstehen ist das lose Zusammentreffen einzelner Musiker oder Musikgruppen in einer Gaststube, wo dann eine Formation nach der andern auftritt. Zu einer Stobete gehören fast immer auch Gesang, Tanz und traditionelle Gerichte, die auf diesen Anlass hin vom Wirt vorbereitet werden.
Ursprünglich war eine Stobete jedoch ein privater Anlass auf einem Bauernhof, bei dem sich Nachbarn und Freunde zu einem geselligen Beisammensein in der Stube (daher der Name Stobete) des Bauernhauses trafen und dabei nicht nur Karten spielten, sondern meist auch einzeln oder zusammen musizierten (siehe Abbildung).
Eine traditionelle Stobete war die Niidlespelete in Ruswil, bei der gesungen und getanzt wurde (siehe Niidlespilete). Mit einer Stobete endeten früher oft auch die Chlausjagden (das sind St. Nikolausgruppen, die früher von Hof zu Hof zogen). Man wählte dazu als letzte Station des Abends oft einen Hof, auf dem es noch Töchter im heiratsfähigen Alter hatte. Die an manchen Orten zum Gefolge des St. Nikolaus gehörenden Musikanten spielten dann, zusammen mit Hofbewohnern, die ebenfalls ein Instrument beherrschten, nach den mahnenden Worten des St. Nikolaus zum Tanz auf. Reste dieses Brauchs haben sich an manchen Orten bis heute erhalten, so in Ruswil und Neuenkirch. (Zum Brauch des Chlausjagens siehe Kurt Lussi [Hg.]: St. Nikolaus. Heiliger und Kinderschreck. Lindenberg 1999 [Reihe Volksfrömmigkeit und Brauchtum], S. 39-40).

Stood
Begriff aus dem Hinterland für ein festes, längliches und senkrecht stehendes Bauteil mit dem etwas abgestützt wird Andere Bezeichnungen dafür sind Pfosten oder Ständer. Im Luzerner Hinterland in neuerer Zeit auch Synonym für Schwerä (siehe dort).

Stör (auf die Stör gehen, Störhandwerker)
Darunter zu verstehen sind Berufsleute (Schneider, Hafner, Sattler u. a.) die ihre Tätigkeit direkt bei den und mit den Dingen des Kunden ausführen. Auch der jüngeren Generation noch bekannt ist der Störmetzger (siehe Kapitel «Advent, das Fasten und eine Metzgete»). Andere Tätigkeiten sind mittlerweile verschwunden, wie zum Beispiel die auf Stör gehenden Korbflicker. Über die Grenzen hinaus bekannt war die Korbflechterfamilie Zuber aus Berg, St. Gallen. Die lebensfrohe und überall geschätzte Familie zog jeweils den Sommer über mit ihrem Karren, den sie in Ermangelung eines Pferdes selber schleppte, von Ort zu Ort, um Körbe und Zeinen zu flicken und auch, um selbst hergestellte Produkte zu verkaufen. Das Störhandwerk ist seit dem 17. Jahrhundert nachgewiesen, wurde aber schon früher ausgeführt. Mehr dazu: Anne-Marie Dubler: «Störarbeit», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 30.05.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007935/2012-05-30/, konsultiert am 26.01.2026.

Die Korbflechterfamilie Zuber aus Berg, St. Gallen auf der Stör. In Ermangelung eines Pferdes zog die Familie ihren Karren selber. Photographie von R. Stauss, St. Georgen, um 1920

 
Störmetzger
Kundenmetzger, der auf Bestellung Hausschlachtungen durchführt. Selten gewordene Tätigkeit. In meiner Jugendzeit waren Hausschlachtungen noch allgemein üblich. Mehr dazu im Kapitel «Advent, das Fasten und eine Metzgete». Siehe auch oben, Schab- oder Borschtägloggè.

Stotze (Stutzen)
Handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf. Bei der Ansitzjagd verwendet. Sie auch Flinte.

stotzig

Steil, abfallendes Gelände (ä stotzige Hang), aber auch im Sinne von aufgerichtet: Er hend jo stotzig Hoor (Sie haben ja steil aufgerichtete Haare). Davon abgeleitet ist Stutz (steil abfallendes Gelände).

Sträggele
Weiblicher Totendämon. Begleiterin des Türst (siehe dort). Im Luzerner Hinterland allgemein bekannter Begriff. Mehr dazu in meiner Publikation «Im Reich der Geister», S. 33-70.

Stunggis
Stunggis ist ein Nidwaldner Eintopfgericht bestehend aus Schweinsvoressen, Zwiebeln, verschiedenem Gemüse, Fleischbouillon, Kartoffeln und Gewürzen wie Muskatnuss, Majoran oder Thymian. Die Verwendung exotischer Gewürze belegt die enge Beziehung Nidwaldens zum Süden (ehemalige Tessiner Landvogtei Luggarus [Locarno], Reisläuferei, Bezüge zu Venedig und dem Vatikan, siehe Kapitel «Zur Geschichte der Nidwaldner Familie Lussi»).

Sum
Nidw. für einige. Sum geht zurück auf frz. somme (Summe). Sum Hiender leggid wiissi, sum bruini Eier (Einige Hühner legen weisse, einige braune Eier). In bäuerlichen Kreisen heute noch verbreitet, auch bei jungen Leuten. Einer der Gründe dafür ist vielleicht, dass sum schneller ausgesprochen ist als das Wort «einige». Die Farbe der Eier hängt übrigens nicht von jener der Federn ab, sondern von der Farbe der Ohrscheiben (Ohrlappen). Den Hinweis verdanke ich M. Sch.

suuber
Sauber. I dem Huus esch es ned suuber (In diesem Haus ist es nicht sauber). Dies sagt man von einem Haus, in dem es spukt oder in dem Unheimliches vor sich geht. Ned suuber ist es oft auch in verlassenen Scheunen, an Kreuzwegen und in bestimmten Waldabschnitten. In Ruswil dafür bekannt ist das Gebiet rund um die Helgetanne (auch: Höugetanne) im Schächbeler Wald, um das sich viel Unheimliches rankt (siehe «Merkwürdiges aus Buholz», S. 53-59; Literaturverzeichnis im Anhang).  


Höugetanne im Schächbelerwald, Gemeinde Ruswil. Die Örtlichkeit rund um diese Wegscheide und das dort stehende Kreuz gelten als von bösartigen Kobolden und unruhigen Totengeistern besetzt. Bild Kurt Lussi

Totebaum (Totenbaum)
Selten gewordene, früher jedoch übliche Bezeichnung für einen Sarg. Der Begriff geht vielleicht zurück auf jene Zeit, in der man die Verstorbenen in einem ausgehöhlten Baum (Einbaum) bestattete. Auf jeden Fall aber belegt er den engen Zusammenhang von Baum und Seele des Menschen. Mehr dazu siehe: «Beseelte Bäume und tanzende Hexen: Aufsätze zu Josef Zihlmanns Heilige Bäume und Orte», in Heimatkunde Wiggertal, Band 53 (1995), S. 161-180, online abrufbar unter (1) Beseelte Bäume und tanzende Hexen : Aufsätze zu Josef Zihlmanns "Heilige Bäume und Orte

Träsch
Schnaps. Siehe Kapitel «Ein Tag wie viele andere».

Triste
Eine Triste ist ein im Freien um eine Stange (Tristlatte) und über einem Rost aus Latten oder Ästen (Tristbett) kegelförmig aufgeschichteter Heuhaufen. Die bis zu drei Meter hohe Triste, die im Laufe des Winters etwa einen Drittel an Höhe verliert, wird oben mit einem Rasenstück abgedichtet, damit kein Wasser eindringen kann. Tristen sind eine in ganz Europa verbreitete, mittlerweile jedoch selten gewordene traditionelle Form der Heulagerung. Bei uns sieht man sie ab und zu noch in Berggebieten. Im Spreewald gebraucht man dafür den Begriff Heuschober (sorbisch kupka sena, wörtlich «Haufen Heu», siehe Bild). Bei uns versteht man unter Heuschober jedoch ein überdachtes Brettergerüst oder eine kleine Feldscheune, in der Heu und landwirtschaftliches Gerät wie zum Beispiel Heinzen (siehe dort) aufbewahrt werden.


Tristen auf einer Wiese zwischen Lübbenau und Lehde im Spreewald. Man nennt sie dort Heuschober (sorbisch kupka sena). Bild Kurt Lussi
 

Tschifeler
Übername für Obwaldner. Tschifeler ist abgeleitet von Tschifere, dem Dialektwort für einen Tragkorb aus Weidenruten oder Holzlatten. Ein Tschifeler ist also einer der einen solchen Rückentragkorb umgehängt hat. Tschifere wiederum ist abgeleitet von lombardischen Wort civéra (Tragkorb), was auf die engen Beziehungen zwischen den Urkantonen und den angrenzenden lombardischen Gebieten deutet.

Tschompali

Es Tschompali pflegte der 2002 verstorbene Paul Würsch, Initiator des Museums Ronmühle, im Moritz (Gasthof St. Mauritz in Schötz) zu bestellen. Ein Tschompali ist ein einfaches kurzstieliges Glas mit kleinem, rundlichem Becher, in dem man früher in den Gaststätten den preisgünstigen Rotwein (meistens Algerier, siehe dort) im Offenausschank glasweise servierte. Anders, als dies heute der Fall ist, war das Tschompali meist bis oben an den Rand gefüllt.

Tschompel
Tschompel
ist wie Tscholi die Bezeichnung für einen einfachen, schwerfälligen und eher einfältigen Menschen. Tschompel kann auch die Bezeichnung für eine Sache sein (zum Beispiel eine rundliche Baumkrone oder ein einfaches Glas, siehe auch Tschompali).

Türst
Innerschweizer Sagengestalt. Name für den Anführer des Totenheeres sowie das Totenheer selbst, das in stürmischen Winternächten ins Jenseits braust. In der Zentralschweiz noch allgemein bekannt. Früher hörte ich ältere Menschen oft sagen De Törscht hed weder gjagt, wenn sie mir von einem heftigen Sturm berichteten.


Tuisser (Jäger) um 1900/1910 mit dem erlegten Wild nach einer Treibjagd. Sammlung Kurt Lussi (Ort, Fotograf und Verlag unbekannt)

 
Tuusser
(luz), Tuisser (nidw.)
Im Luzernischen ist Tuusser die mundartl. Bezeichnung für einen Wilderer, in Nidwalden hingegen ist ein Tuisser in erster Linie ein regulärer Jäger (mitgeteilt von Manuela Scheuber, Ennetmoos). Das Wort Tuusser (Wilderer), abgeleitet von tuusse (sich heimlich schleichend fortbewegen), hat auch sonst seine Tücken. Im Nidwaldnischen versteht man unter tuisse jemandem (Mensch oder Tier) abzupassen bzw. aufzulauern. Sich leise fortzubewegen heisst demgegenüber diissele. Das gilt aber nur für den Raum Stans und die Orte in Richtung Luzern. In Buochs und in den Gemeinden gegen Uri hin sagt man hingegen teyssele – und meint damit ebenfalls das «sich leise Fortbewegen», das im Luzernischen wiederum tüüssele heisst (Hinweise von Manuela Scheuber, Ennetmoos). Dass sich das Wort tüüssele wohl eher auf die Wilderei bezieht und weniger auf die reguläre Jagd, belegt auch das bekannte Volkslied «Der Wilddieb». Gleich in der ersten Strophe heisst es: «Wer schleicht dort im nächtlichen Walde, so einsam und wildernd umher: Er hält in seiner Rechten, so krampfhaft und fest sein Gewehr».


Gute Beute. Öldruck um 1910 nach einem Gemälde von Josef Ringeisen. Bild und Sammlung Kurt Lussi


Kritische Nachbemerkung: Den Wilderer umranken seit jeher zahlreiche Mythen. Er stellt sich, stellvertretend für alle Freiheitsliebenden, aktiv gegen die Obrigkeit, die das Recht der Jagd ausschliesslich für sich beansprucht oder die Bejagung des Wildes strikten Regulierungen unterzieht und diese durch Jagdaufseher durchsetzen lässt (siehe «Bundesgesez für Jagd und Vogelschuz vom 17. Herbstmonat 1875»; BBl 1875 IV 489). Demgegenüber galt der Wilderer beim Volk als ein auf seiner Seite  stehender Rebell, als eine Art Robin Hood der Berge, der das erbeutete Fleisch grosszügig an die Armen verteilt, ein Mythos allerdings, der einer näherer Betrachtung nicht standhält. Wilderer wie der Nidwaldner Adolf Scheuber oder der legendäre oberbayerische Georg Jennerwein verkauften das erbeutete Wild an Gaststätten. Es ging beim Wildern also in erster Linie um Diebstahl zur persönlichen Bereicherung und nicht um einen heroischen Akt der Auflehnung gegen die Obrigkeit. Doch die romantische Verklärung der illegalen Jagd, wie auch der gewaltsame Tod bekannter und beim Volk beliebter Wilderer trugen dazu bei, dass der Mythos des opferbereiten Rebellen lebendig blieb und sich immer wieder Nachahmer fanden, die auf das Wohlwollen des Volkes zählen durften. Dafür sorgten nicht nur die auch bei uns beliebten Öldrucke mit ihren verklärenden Jagd- und Wildererszenen, sondern auch Lieder wie zum Beispiel das bekannte, 1911 erstmals veröffentlichte Jagd- und Volkslied «Ich bin ein freier Wildbretschütz» des Schriftstellers Hermann Löns (1866-1914).

Verganden
Verganden ist die in der Schweiz gebräuchliche Bezeichnung für die Verbuschung von Kulturland. Wenn me d'Alpe nömme bestossid, denn vergandit's (Wenn man die Alpen nicht mehr bewirtschaftet verganden sie).

Verwahrzüüg
Darunter zu verstehen sind jene Kultgegenstände die man brauchte, um bei einem Todesfall in einem katholischen Haushalt einen kleinen Altar für die Spendung der Sterbesakramente durch den Priester herzurichten. Das Verwahrzüüg schaffte sich ein Brautpaar meist unmittelbar nach der Hochzeit an. Gleichzeitig kaufte man an einem Wallfahrtsort Kerzen und liess sie segnen. Diese Kerzen brauchte man nur im Todesfall. An Wallfahrtsorten erhielt man auch die kleinen Sterbekreuzchen aus schwarz gefärbtem Holz und silberfarbenen Beschlägen (Christus, Kreuzinschrift und Totenkopf mit gekreuzten Knochen). Diese liess man mit einem Sterbeablass versehen. Man gab sie dem Toten mit ins Grab, da der Ablass durch die Weitergabe des Kreuzes an eine andere Person ohnehin verloren gegangen wäre. Das war bei meinem Urgrossvater so und auch noch bei meinem Grossvater.
Ein anderer Name für Verwahrzüüg ist Versehgarnitur.


Eine Versehgarnitur bestehend aus einem ovalen Tablett, einem Standkruzifix, zwei Kerzenständern, zwei Schälchen für Watte und Wasser, einem Kelch für Salz, einem Pressglasschälchen für Weihwasser und einem Leinenhandtuch, um 1930/1940. Bild Heimatarchiv Schnaitsee


Wälle
Reisigbündel zum direkten Beheizen von Kachelöfen, die ein grosses Iifüüri (siehe dort) haben. Die Bezeichnung Wälle für Reisigbündel wird vor allem in der Luzerner Landschaft bis heute gebraucht, obschon das Wällemachè heute nicht mehr sehr verbreitet ist. Andere Bezeichnungen dafür sind Bördali (u. a. Aargau) und Wädele (Bernbiet). Wälle bezeichnet auch die Tätigkeit: Hött Nomittag gömmer go wälle (ohne den Zusatz machen).

Wälle- oder Wädelebock
Gerät zur Herstellung von Wälle (siehe dort) bzw. Wädele.

Wäschpi
Wespe. Besser als es Muul voll Wäschpi (Besser als ein Maul voll Wespen) pflegte mein Grossvater zu sagen, wenn ihm ein Gericht besonders gut schmeckte.

wederhaa
Von meinem Vater gebrauchte Bezeichnung für «einen Gegenstand halten».

Wegge
Weggen. Bezeichnung für das dunkle, früher fast schwarze, mild säuerlich schmeckende Sauerteigbrot. Es ist oval und wird längs eingedrückt, wodurch es sich leicht in zwei Hälften teilen lässt. Auf dem Kandishof gab es nur dieses Brot. Man bezog es vom Müli-Beck.

Welderer
Wilderer, Jagdfrevler. Näheres dazu unter dem Stichwort Tussèr.

Weibsperson
Bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts in amtlichen Akten gebrauchte Bezeichnung für Frauen, die nicht der höheren Gesellschaft angehörten. Selten gewordener Begriff.

Wiibervolch
In der Umgangssprache allgemeine Bezeichnung für eine weibliche Person niederen Standes. Heute wird dieses Wort im abschätzigen Sinne gebraucht: Es domms Wiibervolch, pflegte meine Mutter von Frauen zu sagen, die sie nicht mochte.

Zäiali
Mit dem Wort Zäieli, abgeleitet von Zäie (Zeichen), werden Medaillen mit religiösen Motiven oder Segenstexten bezeichnet (Herz Jesu- und Herz Mariä-Darstellungen, Abbildungen von Gnadenbildern in Einsiedeln, Altötting und anderswo, dann auch Medaillen mit aufgeprägtem Benediktussegen und ähnlichen Schutz- und Segensgebeten). Besonders beliebt sind bis heute Zäiali mit einer Darstellung der Marienerscheinung in der Rue du Bac in Paris (im Volk bekannt als «Wundertätige Medaille», siehe Abbildung). Man erhält sie an Wallfahrtsorten und in Devotionaliengeschäften. Nach dem Kauf lässt man sie segnen und hängt sie als Schutzzeichen an einem Kettchen um den Hals.
Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil wurden in der Zentralschweiz Erstkommunikanten, Mädchen wie Buben, automatisch in die lokale Herz Jesu-Bruderschaft aufgenommen. Als Andenken daran erhielten sie ein gesegnetes Herz Jesu-Zäieli.


Die«Wundertätige Medaille». Die Gestaltung geht zurück auf eine Marienerscheinung der Nonne Catherine Labouré im Jahr 1830. Silberfarbig mit deutschsprachiger Umschrift. Bild Wikimedia Commons/Helge Rieder

 

Zigüüner (Zigeuner)
Zigeuner ist die despektierliche, ausser Gebrauch gekommene Bezeichnung für das Volk der umherziehenden Sinti und Roma. Ungeachtet der Volkszugehörigkeit bezeichnete man jedoch bis nach der Mitte des 20. Jahrhunderts alle Fahrenden, die keinen bekannten Wohnsitz hatten, als Zigüüner. Nicht zu den Zigeunern gehörten Pilger, Reisläufer, Händler und Handwerker auf der Walz oder auf der Stör, wie auch gewöhnliche Reisende.
In Ruswil hielten sich die Fahrenden meist mehrere Tage im Spitzwäldli auf, von wo aus sie als Kleinhandwerker von Hof zu Hof zogen. Das im Zuge der Anbauschlacht abgeholzte Spitzwäldli befand sich am Weg von Ruswil nach Wolhusen bei der Abzweigung nach Hopöschen. Das Wäldchen galt als unheimlich und verrufen. Mehrere Zeugen wollen dort einen schwarzen Hund mit einem feurigen Auge und andere Geistwesen gesehen haben. Den Fahrenden waren die unheimlichen Geschichten gerade recht. Nach Einbruch der Dunkelheit waren sie dort ungestört, da sich dann niemand dorthin traute. Mehr dazu in: Die Sprache der Landstrasse: Herkunft und Bedeutung des Rotwelschen (Link) sowie «Himmel und Hölle», Seite 120.


 Eine Gruppe von Roma unterwegs auf einer Landstrasse in Holland, um 1930. Sammlung Kurt Lussi (Fotograf unbekannt)

 
Zmorge
Zmorge
 (Frühstück), Züni (Zwischenverpflegung um 9 Uhr), Zmittag (Mittagessen), Zvieri (Zwischenverpflegung um etwa 4 Uhr nachmittags), Zföifi (eine etwas später als das Zvieri eingenommene und auch etwas reichhaltigere Zwischenverpflegung), Zobig (wie Zvieri, aber etwas später) und Znacht (Nachtessen). Diese sieben Mahlzeiten bestimmten früher den Tagesablauf der Bauern. Und sie wurden sehr genau eingehalten. Man nahm sie immer gemeinsam ein und benutzte die Gelegenheit, um sich zu informieren und zu besprechen, was bis am Abend unbedingt noch erledigt werden musste.
Bei uns kam der Vater immer um zwölf Uhr von der Arbeit heim. Das Mittagessen gab es, wie er es sich vom Kandishof her gewohnt war, nach dem Mittagsläuten, also um etwa 12.10 Uhr. (Zum Ursprung des Mittagsläutens siehe Kapitel «Die Kapelle von Dierikon und das Angelusläuten»).

Zmorge auf der Alp. Der bärtige Älpler im Vordergrund ist ein z'Sennchömige (siehe unten). Er hat den Milchhafe mit einem Holzbrett abgedeckt damit die warme Milch vor Fliegen geschützt ist. Sammlung Kurt Lussi (Fotograf und Verlag unbekannt)

 
Z'Sennchömige
Ein z'Sennchömige 
ist ein Mensch, der praktisch veranlagt ist und gute Ideen hat, dem eben im Bedarfsfall etwas in den Sinn kommt. Dieser nicht mehr häufig verwendete Begriff war im Raum Menznau (Luzern) verbreitet (mitgeteilt von Claudia Muff, Ruswil).

Zuune

Einzäunen eines Landstücks mit einem oft aus Brettern bestehenden Zaun (Lattenzaun). Bei den Luzerner Bauern noch allgemein bekannt. Das Wort Haage (siehe dort) wird vor allem in der Alpwirtschaft für die Umfriedung der Alp mit Zaunstecken gebraucht, die mit Stacheldraht verbunden werden (heute meist ein Elektrozaun).

Züüsler (Züsler)
Siehe Füürgeischt.

Literaturverzeichnis
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Nachfolgend aufgeführt sind nur jene Publikationen des Verfassers, die einen Bezug zu dieser Familienbiographie haben.

Buchpublikationen

Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister. Christoph Lichtin (Hg.), Historisches Museum Luzern. Edition Voldemeer Zürich; Walter de Gruyter GmbH. Berlin/Boston 2019.

Dämonen, Hexen, Böser Blick. Krankheit und magische Heilung im Orient, in Europa und Afrika. AT Verlag. Aarau 2011.

Kilten. Sonntagsfreuden, Heft Nr. 12. Mit Textbeiträgen von Kurt Lussi und Gina-Lisa Bucher. Illustrationen von Nadine Gerber. Hier und Jetzt Verlag. Baden 2011.

Liebestrünke. Mythen, Riten, Rezepte. AT Verlag. Baden und München 2006.

Im Reich der Geister und tanzenden Hexen. Jenseitsvorstellungen, Dämonen und Zauberglaube. Mit einem Beitrag von Christian Rätsch. AT Verlag. Aarau 2002.

Wind und Wetter. Die Bäuerliche Wettervorhersage und Unwetterabwehr. Wollerau 1994.

Himmel und Hölle. Verlag Willisauer Bote. Willisau 1992.

Merkwürdiges aus Buholz. Eine Spurensuche. Verlag Willisauer Bote. Willisau 1989.

Volkskundliche Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelwerken (Auswahl)

Von der Natur und dem Einfluss der Planeten, in: Anzeiger vom Rottal, Nr. 14 vom 6. April 2023, S. 13.
Drei Ave-Maria wider die Osmanen, in: Anzeiger vom Rottal, Nr. 6 vom 9. Februar 2023, S.10.
– Weltuntergang und Jüngstes Gericht, in: Anzeiger vom Rottal, Nr. 52 vom 29. Dezember 2022, S. 11.
Die geheimnisvollen Rauhnächte und die Zwölften, in: Anzeiger vom Rottal, Nr. 47 vom 24. November 2022, S. 19.

Erinnerungen an die Vergänglichkeit, in: Anzeiger vom Rottal Nr. 43 vom 27. Oktober 2022, S. 20.

Die Wiederkehr der armen Seelen. Wo die Welt zwischen dem Diesseits und Jenseits Wirklichkeit ist, in: Reiner Sörries et al. (Hg.): Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer. Göttingen, 7. Jahrgang Heft 3/2018, S. 32-38.

Mythische Welt am Fuss der Alpen, in: UNESCO Biosphäre Entlebuch (Hg.): Journal. Aktuelles aus der UNESCO Biospäre Entlebuch. Ausgabe 2015, S. 48-51. (Mit Fotos von Richard Portmann).

Hagelschlag und magischer Schutz. Luzerner Wetterhexen im 16. und 17. Jh., in: Historisches Museum der Pfalz Speyer (Hg.): Hexen, Mythos und Wirklichkeit. Speyer und München 2009, S. 74-81.

Die Reise der Seele ins Jenseits – Der Sterbeprozess am Beispiel von Alfred Rethels «Der Tod als Freund», in: Uli Wunderlich (Hg.): L’Art Macabre 4. Jahrbuch der Europäischen Totentanz-Vereinigung Bundesrepublik Deutschland e. V. Düsseldorf 2003, S. 149-160.

Des Frommen Ziel ist nicht das Grab, in: Neue Luzerner Zeitung vom 2.11.1996. Luzern 1996.

Der Feldmauser, in: Paul Hugger (Hg.): Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Reihe «Altes Handwerk», Heft 60. Basel 1993.

Je kürzer die Tage, desto böser die Dämonen. Winterliche Masken- und Lärmbräuche in der Zentralschweiz, in: Luzerner Tagblatt vom 15.11.1990. Luzern 1990.

Luzerner Wölfe und Werwölfe, in: Heimatkunde des Wiggertals, Heft 48. Willisau 1990, S. 59-97.

Der hl. Antonius von Padua in Wettersegen, in: Schweizer Volkskunde. Korrespondenzblatt der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Heft 4. Basel 1988, S. 49-57.

Innerschweizer Liebestränke. Eine Sammlung «vergessener» Rezepte, in: Christian Rätsch/John R. Baker (Hg.): Jahrbuch für Ethnomedizin und Bewusstseinsforschung/Yearbook for Ethnomedicine and the Study of Consciousness, Nummer/Issue 5. Berlin 1996, S. 79-97.

Der Tod in den Alpen – Wahrheit, Mystik und Brauchtum/Death in the alps – Truth, Mysticism and Customs, in: Christine E. Gottschalk-Batschkus; Joy C. Green; Ethnomed, Institut für Ethnomedizin (Hg.): Der grosse Lebenskreis – Ethnotherapien im Kreislauf von Vergehen, Sein und Werden/Ethnotherapies in the cycle of life. München 2005, S. 27-37.

Die Sprache der Landstrasse. Herkunft und Bedeutung des Rotwelschen, in: Heimatvereinigung Wiggertal (Hg.): Heimatkunde Wiggertal 2014. Willisau 2013, S. 58-71.

Reihe Volksfrömmigkeit und Brauchtum

St. Peter und Paul in Villmergen. Ein Beitrag zum Kirchenbau des Historismus. Mit einem Geleitwort von Benno Malfèr, Abt von Muri-Gries. Lindenberg 2003.

Quellen der Kraft. Die Wallfahrtskapellen von Ruswil. Mit einem Geleitwort von Martin Gächter, Weihbischof von Basel. Lindenberg 2002. (Zusammen mit Rudolf Gut).

Das gnadenreiche Christuskind und die Verehrung der Kindheit Jesu. Mit einem Geleitwort von S. Em. Henri Kardinal Schwery. Lindenberg 2001.

Die Karwoche in Mystik und Brauchtum. Mit einem Vorwort von Kurt Koch, Bischof von Basel. Lindenberg 2000.

St. Nikolaus. Heiliger und Kinderschreck. Mit Beiträgen von Martin Ruch und Ursula Karbacher. Lindenberg 1999.

Beiträge in Sammelwerken

Im Auge des Ewigen. Christliche Kuppelbauten vereinen Erde und Himmel, in: Pallottiner-Verlag (Hg.): Geheimnisvoll. Ferment Bildband 2015. Gossau 2015, S. 12-21.

Die Verehrung des heiligen Josef in der Schweiz, in: Hans-Otto Mühleisen, Hans Pörnbacher, Karl Pörnbacher (Hg): Der heilige Josef. Theologie, Kunst, Volksfrömmigkeit. Lindenberg 2008, S. 191-200.

Reliquien des Heiligen Kreuzes, in: Grossmeisteramt des Ritterordens vom Hl. Grab zu Jerusalem (Hg.): Annales Ordinis Equestris Sancti Sepulchri Hierosolymitani. Città del Vaticano 2005, S. 42-45.

Die Krippe und ihre Form, in: Motovun Book Gmbh. (Hg.): Jesus von Nazareth zu Bethlehem geboren. Die biblischen Überlieferungen im Spiegel von Kunst und neuer Forschung. Freiburg, Basel, Wien 2003, S. 24-25.

Die Krippe und ihre Botschaft, in: Motovun Book Gmbh. (Hg.): Jesus von Nazareth zu Bethlehem geboren. Die biblischen Überlieferungen im Spiegel von Kunst und neuer Forschung. Freiburg, Basel, Wien 2003, S. 30-31.

Schuld und Sühne. Die ewige Anbetung zwischen Kulturkampf und Erstem Weltkrieg, in: Schnell & Steiner (Hg.): Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft, Heft 4. Regensburg 2000, S. 311-316.

Maria Himmelfahrt in der Tradition der barocken Kunst, in: Schnell & Steiner (Hg.): Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft, Heft 4. Regensburg 1999, S. 311-319.

Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften

Die Geburt Jesu und die christliche Kunst, in: Anzeiger vom Rottal vom 22.12.2022, Ruswil 2022.

Erinnerungen an die Vergänglichkeit, in: Anzeiger vom Rottal vom 27.10.2022, Ruswil 2022, S. 20.

Geschichte und Berechnung des Ostertermins, in: Anzeiger vom Rottal vom 27.03.2014. Ruswil 2014, S. 27.

Maria in Trauer: Eine Weihnachtstrilogie als Aufruf zur Hoffnung, in: Anzeiger vom Rottal vom 23.12.2004, S. 6. Ruswil 2004.

Warum auf Gräbern Lichter brennen, in: Bestattungskultur. Fachzeitschrift für das Deutsche Bestattungsgewerbe, S. 12-14. Düsseldorf 2002.

Die Verehrung der Kindheit Jesu. Darstellungen des gnadenreichen Jesuskindes künden vom Geheimnis der Menschwerdung Christi, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache vom 21.12.2001, Seite 5. Città del Vaticano 2001.

Der hl. Bernhard und das Christuskind, in: Quattro. Beilage zum Willisauer Boten vom 20.12.2001, S. 4-9. Willisau 2001.

Das Christuskind und die Gottesmutter der Passion, in: Anzeiger vom Rottal vom 20.12.2001, Titelseite. Ruswil 2001.

Leiden als Mysterium, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache vom 21.4.2000, Seite 5. Città del Vaticano 2000.

Barocke Kunst im Dienst der Seelsorge. Kulturgüter der Kirche und das Heilige Jahr 2000, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache vom 15.1.1999, Seite 5. Città del Vaticano 1999.

Die Wallfahrt ins Heilige Land. Ausdruck der Nachfolge Christi und persönliches Glaubensbekenntnis, in: Unitas. Zeitschrift der Schweizerischen Statthalterei des Ritterordens vom Hl. Grab zu Jerusalem, Ausgabe April 1999, S. 8-11. Basel 1999.

Die «Via Sacra» in Jerusalem, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache vom 11.9.1998, Seite 6. Città del Vaticano 1998.

Durch irdisches Leid zu ewigem Leben. Bildsprache barocker Andachtsbildchen, in: Heimatkunde des Wiggertals, Heft 55, S. 185-202. Willisau 1997.

Licht in tiefster Finsternis. Lichterbögen erhellen das Dunkel der Nacht und die Seelen der Menschen. Anzeiger vom Rottal vom 24.12.1997, Frontseite.

Anhang
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Dank

Eduard Amstad-Lussy, Landweibel, Stans, für die Führungen und Erklärungen zum Landratssaal.
Joseph Brunner, Dierikon, für die zur Publikation zur Verfügung gestellten Bilder.
Marcel Herrmann, Gemeinde Dierikon, für die Fotos der Dorfkapelle vor ihrer Ausräumung.
Peter Lussi, Dierikon, für die die wertvollen Hinweise.
Priska Lussi, Aarau, für das Gegenlesen und die Hinweise.
Staatsarchiv des Kantons Bern für die Abdruckgenehmigung eines Archivbildes.
Staatsarchiv des Kantons Nidwalden für verschiedene Auskünfte im Zusammenhang mit der Geschichte der Familie Lussi.

Hinweise

Wo keine Quellen angegeben sind, handelt es sich um eigenes Wissen, Erfahrungen und Erinnerungen an Gespräche mit verschiedenen Personen. Dieses Erinnerungswissen, das ich zum Teil bereits vor mehreren Jahrzehnten schriftlich festgehalten habe, wird nun mit dieser Publikation allgemein zugänglich gemacht.
Bei den volkskundlichen Ausführungen handelt es sich meist um Zusammenfassungen aus meinen früheren Publikationen. Aufschluss darüber gibt das Literaturverzeichnis.

Bilder

Alle Bilder ohne Quellenangabe bei der Bildlegende stammen vom Verfasser bzw. aus dessen Archiv. Das historische Bildmaterial befindet sich mittlerweile im Staatsarchiv Luzern, sodass es auch nachfolgenden Generationen zur Verfügung steht.

Zum Autor

Kurt Lussi, geboren 1956 in Luzern, ist Referent und Buchautor. Zu seinen bekanntesten Publikationen gehören Im Reich der Geister und tanzenden Hexen (Aarau 2002) sowie Dämonen, Hexen, Böser Blick (Aarau und München 2011). Bis 2018 war er am Historischen Museum Luzern als wissenschaftlicher Mitarbeiter zuständig für Religion, Magie, Volksglaube und Volksmedizin. Zum Abschluss seiner Museumstätigkeit erschien 2019 Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister (Edition Voldemeer Zürich; De Gruyter, Berlin/Boston).

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