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Von Anton Feller – Wer bin ich?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
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2.2.
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Die Ehe meiner Eltern
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Wohnen
Was weisst du über deine Geburt?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
Was weisst du über deine Geburt?
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Eigentlich hätte ich Adrian heissen sollen. Da kurz vorher ein Cousin von mir auf diesen Namen getauft wurde, entschied sich mein Vater bei der Anmeldung auf dem Zivistandsamt spontan für Anton ohne das Wissen und Zutun meiner Mutter. Woher er den Namen genommen hat, weiss ich nicht. Vielleicht war es ein früherer Freund oder Arbeitskollege, der so hiess, oder vielleicht war das kulturell bedingt (z.B. Anton Tschechow) auf jeden Fall war der Name eher in katholischen als in reformierten Gebieten verbreitet.
Ich hatte viele Übernamen. Für meine Mutter zwar hiess ich Anton. Sie nannte mich immer so. Dabei schwang stets ein leicht sorgenvoller Unterton mit, aber auch ein Stück Hoffnung auf eine gute Zukunft. Könnte etwa ein Arzt oder ein Pfarrer aus mir werden?
Meine Übernamen waren jedoch vom gerade aktuellen sozialen Umfeld abhängig. Für meine Dritt-und Viertklasslehrerin war ich der "Toneli" und blieb es bis in die Pubertät. Davon ein bisschen später. Im Dorf, unter Gielen, war ich der "Tönu", wenn wir Räuberlis oder Fussball spielten und manchmal nannten sie mich auch "Donald Duck"aus den Mickey Mouse Heftchen, die ich gerne las, weil ich wohl etwas geldgierig war und so wahrgenommen wurde. Auch davon später etwas mehr. Im Progymnasium und Gymnasium wie auch an der Uni war ich der Toni, obwohl auch hier im Unifussball der Tönu spielte. Nach meinem ersten längeren Englandaufenthalt nannte ich mich dann "Tony", englisch ausgesprochen, weil das Teil meiner Identität wurde.
Wenn Namen viel mit der eigenen Identität zu tun haben, stellen sich viele Fragen: Wer bin ich? Wer war ich? Wer werde ich sein? Was kann aus mir noch werden?
Wenn ich zum Beispiel ein Anmeldeformular ausfüllen muss, sei es amtlich oder inoffiziell oder im Internet, so zögere ich jeweils, weil ich nicht weiss, ob ich mich jetzt als Anton oder als Tony anmelden soll. Meine Identität oszilliert jeweilen und ich bin unsicher. Anton tönt so formell und weit weg von mir, Tony ist vertraut aber nicht in offiziellen Dokumenten verbürgt. So schwanke ich hin und her und bin oft mal dieser oder eben jener, und so fühle ich mich auch. Allerdings blieb ich als Englisch- und Geschichtslehrer und als Dozent am Höheren Lehramt und am Institut IS 2 der PH Bern konsequent dem "Tony" treu, weil ich mich stark mit diesen Rollen identifizierte.
Den letzten Namen, den ich bekam, ist "Boppa". Er erfüllt mich mit Wärme und stiller Freude und ein bisschen Stolz. So nennen mich meine Enkelin und meine Enkel. Wenn sie den Namen sagen löst dies bei mir die genannten Gefühle aus.
In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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Eine der ersten Erinnerungen ist der Ungarnaufstand im Jahre 1956. Ich kann mich an das Foto erinnern, auf der Titelseite der Zeitung, das sowjetische Panzer umgeben von ungarischen Freiheitskämpfern zeigt. Ich konnte schon früh lesen und ich las meinen sehr besorgten Eltern die Bildunterschrift vor und den Anfang der Nachricht, die darunter stand.
Mein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg lange Aktivdienst geleistet. Er war Feldweibel. Noch heute besitze ich viele alte Fotos aus seiner Militärzeit. Das Militär war in meiner frühen Kindheit häufig präsent. Wenn eine Kompanie in der Gemeinde Militärdienst leistete, beherbergten meine Eltern Offiziere, denen ein Zimmer zur Verfügung gestellt wurde. (Die Einkünfte waren willkommen, denn das Geld war knapp.) Draussen schaute ich gerne den Soldaten zu, wie sie 10,5 cm Haubitzen herumschoben reinigten, ölten oder ihre Karabiner zerlegten, putzten und wieder zusammensetzten. Wenn dann noch Düsenjäger über unsere Köpfe hinwegflogen (es waren damals Vampires, Venoms und auch Hunters) oder Offiziere aus heranbrausenden amerikanischen Jeeps noch im Fahren heraussprangen, dann war das aufregend und 'cool'.
Ich stellte mir dann vor, ich sei einer der Piloten dieser Düsenjäger und bombardierte Städte und Seen, indem ich Kieselsteine in die Hand nahm, losrannte und sie im Rennen wie Bomben auf Pfützen warf. Ich beobachtete die Einschläge im Wasser und die daraus entstehenden Wellenbewegungen, bis ich den nächsten Angriff lancierte. Mein Bruder erhielt von seinem Paten eine ganze Schweizer Armee aus Zinnsoldaten inklusive Fahrzeugen und Panzern, aber die interessierten mich nicht. Die Hoffnung war wohl, dass mein Bruder eines Tages Militärkarriere machen würde.
Im Dorf gab es einen Grossrat aus der sozialdemokratischen Partei. Es wurde oft über ihn gemunkelt und er war irgendwie suspekt, obwohl eigentlich niemand irgendwelche konkreten Anhaltspunkte besass. Die Parteizugehörigkeit in einem konservativen Bauern- und Gewerbedorf genügte schond für unbestimmten Verdacht.
Wirtschaftlich kündigte sich der Aufschwung überall an. Es herrschte Aufbruchstimmung.
Meine Eltern bauten sich ein Haus, in das wir einzogen, als ich etwa 5 oder 6 Jahre alt war. (Das weiss ich nicht mehr genau und ich konnte auch im Grundbuch nicht herausfinden, wann es gebaut wurde.) Auf einmal begann man überall Strassen zu teeren. Grosse Strassenbaumaschinen, Trax und riesige Kipper tauchten auf, verschoben Erdreich und legten breite Strassen an. Walzen planierten den dampfenden Teer, desse Geruch ich noch heute liebe. Ich liebte es auch diesen, wie mir damals schien, gewaltigen Arbeiten zuzuschauen.
Mein Vater war Vorarbeiter bei Trachsel, einer Strassenbaufirma. Das musste vor dem Krieg gewesen sein. 1945 wechselte er dann als Hilfsarbeiter nach Thun zur Selve und Co., einer Buntmetallfabrik, in der er bis zu seinem Tod blieb. Im Nachruf der Firma heisst
es :"... im Jahre 1951 übernahm er dank seiner geistigen Regsamkeit die Funktion eines Werkstattschreibers... Die ihm anvertrauten Arbeiten verrichtete er jederzeit mit grosser Sachkenntnis und Umsicht. Er war im Grunde kein Mensch, der sich gerne in eine Schablone pressen liess. Er liebte vielmehr die Abwechslung." Und weiter:"Diese Arbei verlangte von ihm ein hohes Mass an Beweglichkeit und Einfühlungsvermögen. Beide Eigenschaften vereinigte er in idealer Weise zu einem harmonischen Ganzen." Das Einkommen schien zu genügen, war aber, wie schon gesagt, knapp. Mit der Zeit verkürzten sich die Arbeitszeiten. Anfänglich arbeitete mein Vater bis und mit Samstag Nachmittag. Das Wochenende begann erst Samstagabend. In einem ersten Schritt kam er dann schon Samstag Mittag nach Hause, die Fünftagewoche erlebte er nicht mehr.
Der Aufschwung zeigte sich auch darin, dass ein neues Sekundarschulhaus gebaut wurde.
Ich gehörte zum ersten Jahrgang, der 1962 ins brandneue Schulhaus einziehen durfte. Es gingen auf einmal viel mehr Kinder in die Sek, weil es nach dem Krieg viel mehr Kinder gab. (Heute reden wir von der Babyboomer Generation.) Mit der wirtschaftlichen Entwicklung wurde die Ausbildung wichtig. Obwohl im Dorf noch viele alte Handwerke bestanden, schien man schon vorauszublicken und in die Zukunft zu investieren.
Die ersten Fernseher kamen ins Dorf und allmählich begann das Auto die Strassen zu übernehmen. Spielten wir im Winter noch Eishockey auf der Strasse, gelegentlich unterbochen von etwa einem Auto pro Nachmittag, so war dies schon nach ein paar wenigen Jahren nicht mehr gut möglich. Der Beginn der Konsumgesellschaft zeigte sich darin, dass die Migros einmal in der Woche, nämlich jeden Mittwochnachmittag, als alle anderen Läden geschlossen waren, mit ihrem Verkaufswagen ins Dorf fuhr und eine Zeitlang an einem unauffälligen versteckten Ort, nämlich hinter der Dreschschopf, ihre Ware verkaufte. Die Frauen, die dort einkauften, unter anderen meine Tante Hanna im Englizmoos, versuchten sich möglichst unsichtbar zu machen, denn das lokale Gewerbe behandelte sie fast wie Aussätzige.
Mein Onkel eröffnete einen Waschsalon mit mehreren Waschmaschinen, die automatische Waschprogramme laufen liessen, während meine Eltern zwar auch schon eine Waschmaschine gekauft hatten, die aber noch von Hand bedient werden musste. Ein Staubsauger hielt Einzug in unserem Haushalt.
Ich sehe den Vertreter noch vor mir, wie er meinen Eltern vordemonstrierte, wie viel mehr Dreck und Staub aus unserem Perserteppich mittels dieser Neuheit herausgeholt werden konnte. Fein säuberlich schüttelte er den Inhalt des Staubsaugerbeutels auf ein grosses Stück weisses Papier, damit sichtbar wurde, wie modern, effizient und überlegen dieses neue Gerät war.
Aber einen Fernseher, geschweige denn ein Auto konnten sich meine Eltern nicht leisten. Das Radio war deshalb wichtig. Und eines Tages reichte es sogar für ein neues Küchengerät aus Bakelit: ein Ungetüm von einer Saftpresse, die riesigen Lärm verursachte. Kühlschrank hatten wir keinen. Der Anke wurde in einer Schüssel mit kaltem Wasser aufbewahrt. Auch Telefone waren Mangelware, nur ein Nachbar besass einen Anschluss.
Die früheste Erinnerung ausser dem Ungarnaufstand war die: ich weiss, dass ich auf dem Balkon in einem Kinderwagen lag und zur Decke hochschaute, und ich glaube ich sehe sie noch heute vor in ihrer gelben Farbe, und höre die Geräusche, die von der (unsichtbaren) Strasse heraufkommen. Mein Bruder sagte mir, dass er damals 7 Jahre alt war, als wir in diesem Haus wohnten (das heute noch steht), also muss ich drei Jahre alt gewesen sein oder ein bisschen älter, denn es war Sommer.
Kurz danach liegt eine Erinnerung im Alter von etwa vier Jahren. Wir wohnten damals im obersten Stock von Dänzers Haus an der Burgisteinstrasse. Dänzer war Metzger und Viehhändler und ein grober Mensch. Ich kam eines Tages die lange Holztreppe hinunter, an der zuunterst eben dieser Dänzer stand mit einem langen Messer in der Hand. Als ich unten anlangte zückte er es und sagte, "Jetzt werde ich dieses kleine Ferkel gleich metzgen!"
Ich war geschockt und sehr verängstigt und zog mich so schnell ich konnte die Treppe hoch zurück in unsere Wohnung. Der Schock sass tief und ich habe erwachsenen Männern bei der ersten Begegnung immer misstraut. (Davon habe ich noch nie jemandem erzählt.)
Dänzers hatten auch ein Adoptivkind, Astrid. Sie war schwarz und wir Kinder hatten sie gern. Sie war etwas älter als wir. Ihre Spur hat sich leider verloren.
In einem Nachbarhaus auf der gegenüberliegenden Strassenseite wohnten die Hadorns, die mehrere Söhne hatten. Einer davon war Bänz. Die Hadorn Giele hatten eine Jazzband und mir kommt nur noch in den Sinn, dass einer von ihnen Trompete spielte, die mich mit ihrer Lautstärke sehr beeindruckte.
Die Hadorngiele waren auch in der Pfadi aktiv und machten eifrig Werbung für sie, vor allem Bänz. Mein Bruder war dabei und ich ging deshalb einmal an ein paar Schnuppertage mit. Die Pfadi gefiel mir überhaupt nicht. Die Rituale kamen mir sehr seltsam vor und die Aktivitäten schienen mir irgendwie sinnlos. Bei jeder fragte ich mich innerlich, was soll das jetzt? Das Gruppengebaren empfand ich als bedrohlich. So entschied ich mich, nicht beizutreten.
Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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Da Leo und Frieda weit weg wohnten, hatte ich nicht viel Kontakt zu ihnen. Nur einmal im Jahr kam Leo vorbei, weil er an einem Schiessen in Burgistein bei Wattenwil teilnahm. Er war passionierter Schütze. Er drückte mir jedes Mal, wenn er kam, einen Zweiliber in die Hand. An Weihnachten kam manchmal ein Päckchen, aber Geburtstage beachteten sie nicht.
Mit Ernst hatte ich etwas mehr Kontakt, weil ich oft meinen Grossvater besuchte, der im gleichen Haus wohnte, welches das Elternhaus meiner Mutter war.
Es machte ihm Spass, mit mir 'Chäslichehre' zu machen und zu scherzen. Als ich Fussball spielte, kam er einmal vorbei, um mich zu filmen mit seiner neu erstandenen Super 8 Kamera. Er zeigte mir die Filme, die ich lustig fand.
Was mich davor abschreckte, mehr Kontakt zu suchen, war seine Frau, Tante Frieda, die 'zämehäbig' war, wie wir auf Berndeutsch sagen würden. Wenn ich mit meiner jüngeren Schwester Rahel unsere Kusinen besuchte, holte Frieda das alte harte, ausgetrocknete Brot und nicht etwa das frische hervor, um Zuckerschnittchen zu machen.
Einmal feierten wir Weihnachten bei Ernst und Frieda und die Künzis waren da, Tante Trudi war die jüngste Schwester meiner Mutter. Trudis Ehemann mit ihren Kindern waren auch gekommen. Während Ernst und Frieda ihre Kinder reich beschenkten, so schien es uns wenigstens, gingen wir mit eher kümmerlichen Geschenken nach Hause, was mich und meine Schwester Rahel betrübte. Die Künzis hatten zusammen einen Posaunenchor, der laut, für meine Ohren zu laut, aufspielte, Weihnachtslieder, Psalmen, und überhaupt fühlte ich mich unwohl, weil es so stark frömmelte an dieser Weihnacht.
Dies führte an einer späteren Weihnachten zu Konflikten mit unserer Mutter. Meine Schwester Rahel, deren Patin Tante Frieda war, und ich, hätten an Heilig Abend unsere Geschenke bei Frieda und Ernst abholen sollen. Wir beide weigerten uns, hinzugehen, weil wir spürten, dass die Geschenke eigentlich nicht von Herzen kamen. Unsere Mutter flippte völlig aus und geriet in eine Krise, ging auf den Friedhof zum Grab ihrer Mutter und drohte damit sich dort umzubringen. Wahrscheinlich tat sie dies aus Scham, weil wir unsere Verwandten so desavouierten. Sie kam dann, als sie sich beruhigt hatte, wieder nach Hause, aber Rahel und ich gingen trotzdem nicht hin und wir kriegten unsere Weihnachtsgeschenke erst später, ich weiss nicht mehr wann und wie.
Onkel Leo hingegen war von anderer Natur. Er erzählte ständig Witze. Als er in der SBB Werkstatt in Biel einen schweren Unfall hatte, er arbeitete auf einer Lokomotive, als ihn ein Stromschlag von 15'000 Volt traf und ihn auf den Boden schleuderte und dadurch schwere Verbrennungen erlitt, meinte er später scherzhaft, es sei gut, dass ich ihn nicht im Spital besucht hätte, denn niemand wolle eine 'verbrätlete Cervelat' sehen. Als mein Grossvater väterlicherseits beerdigt wurde und wir würdevoll hinter dem pferdegezogenen
Leichenwagen von der Kirche zum Friedhof schritten, erzählte er einen schlüpfrigen Witz nach dem andern. Ich war damals schon erwachsen und es war mir äusserst peinlich, so dass ich mich heute an keinen einzigen mehr erinnern kann. Tod und Sex passen zusammen und Leo hat letzteren gebraucht um ersteren zu verdrängen.
Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?
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Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?
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Wie gross war dein erstes Zuhause? Erinnerst du dich an die einzelnen Räume?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
Wie gross war dein erstes Zuhause? Erinnerst du dich an die einzelnen Räume?
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Das Haus war für die damaligen Verhältnisse recht gross, heute würde man von einem Häuschen sprechen. Es steht immer noch und unsere Nachfolger leben immer noch darin. Sie müssen beide wohl über 90 Jahre alt sein. Das Haus ist heute praktisch unverändert. Es sind nur einige Anbauten dazugekommen wie eine Garage oder ein Unterstand.
Von der Strasse her führt ein Steinplattenweg zur Haustüre, die verglast ist. Kommt man zur Tür herein steht man im Flur. Nach dem Eintreten geht es rechts eine Holztreppe hoch.Im Flur links geht es in das Wohnzimmer, das mit Lärchenholz ausgekleidet ist. Vom Wohnzimmer kann man durch eine Tür in den Garten vor das Haus treten. Gegenüber der Wohnzimmertür steht die Badzimmertür. Das Bad war klein, rechts stand die Waschmaschine dann eine Badewanne, in der wir oft zusammen badeten. Die Toilette befand sich zuhinterst an der Aussenwand auf der linken Seite. Und gegen den Flur zu ein Waschbecken mit Spiegel.
Geradeaus im Flur lag ein Zimmer, in dem ein Klavier stand, mit Fenster auf die Strasse hinaus. Es war das Zimmer, in dem wir uns am meisten aufhielten, wenn es nicht vermietet war; wir hatten oft Mieter. Zuerst Fräulein Santschi, die Lehrerin an der Primarschule war und die wir heiss liebten. Dann wohnte ein Herr Mollet eine Zeit lang bei uns, der ein Auto besass, das er auf dem Strässchen vor dem Haus parkierte.Ich erinnere mich auch an einen Herrn Häusermann. Manchmal waren auch Offiziere eines WKs bei uns untergebracht. Zuhinterst im Flur rechts lag die Küche, die den nordwestlichen Teil das Hauses abschloss. In der Ecke rechts hinten stand ein Schüttstein aus gelbem Stein mit Waschbecken und Abtropfrinne.Bevor man zu diesem gelangte, musste man an der Heizung vorbei. Es war ein Ofen mit vier Kochplatten aus Gusseisen. Darauf kochten wir. Gleichzeitig heizten wir unser Haus und produzierten das Warmwasser. Der Ofen wurde mit Steinklohle betrieben. In der entfernten linken Ecke der Küche stand der Tisch umgeben von einem Eckbank und Tabourettli. Ein Fenster blickte zu den Nachbarn, ein anderes Richtung Norden zur Dorfkirche.
An der dem Flur zugeneigten Wand fungierte der Küchenschrank, in dem Geschirr, Besteck und Nahrungsmittel aufbewahrt wurden. Der Boden war gelbgrau geplättelt so wie der Badzimmerboden auch.
Die Treppe in den oberen Stock machte einen leichten Linksschwung. Oben angekommen stand man auf einer Landung, von der aus es in zwei Zimmer ging. Geradeaus ein Zimmer mit Dachschräge und rechts ging es in das Schlafzimmer der Eltern. Ein grosser offener Raum schloss unmittelbar an die Landung an, deren Abschluss zur Treppe mit einem Holzgeländer gesichert war. Alle Räume waren mit Holz getäfelt. Das Elternschlafzimmer hatte eine Türe auf den Balkon.
Im Untergeschoss gab es einen Wäschetrocknungsraum, einen Gemüse- und einen Kohlekeller. Im Gemüsekeller lagerten Kartoffeln auf 'Hurden', im Winter auch Geranien und Wurzelwerk von Dahlien. Er war sehr finster.
Ein eigenes Zimmer besass ich nicht. Wir Geschwister mussten uns zwei Zimmer teilen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, welches Zimmer ich mit meinem Bruder belegte. Nur dass zwei Betten an gegenüberliegenden Wänden standen.
Eines Tages allerdings beschloss ich, mein eigenes Zimmer zu haben und ich transportierte mein Bett, ein Tischchen, einen Lehnstuhl und andere Sachen in den grossen leeren Raum neben dem Elternschlafzimmer, zog den Vorhang, der vom Boden bis zur Decke reichte, und schloss ihn mit Wäscheklammern ab. Damit hatte ich mein eigenes Zimmer. Ich weiss nicht mehr, wie meine Eltern und Geschwister darauf reagierten. Ich glaube, dass später meine ältere Schwester zu mir zog.
Unser Wohnzimmer wurde nur an den Abenden und am Wochenende bewohnt. In einer Ecke stand das Radio, das mit Drehknöpfen ausgestattet war, mit denen man die Sender suchen musste. Zuerst musste man aber auf eine Taste drücken, um Mittel-, Lang- oder Kurzwellensender auszuwählen. Meistens hörten wir Radio Beromünster auf Mittelwelle, weil dort der Empfang am besten war. Wir sassen zusammen und hörten uns die legendären Gotthelfhörspiele an, Ueli der Knecht, Ueli der Pächter und Ueli der Meister. Dass diese Hörspielserie umstritten war, bekamen wir damals nicht mit, erst viel später nahm ich das wahr. Auf jeden Fall gefielen sie uns und wir warteten jeweils mit Spannung auf die Fortsetzung in der nächsten Woche.
Am Sonntag hörte ich mit meinem Vater oft die live Reportagen von Fussballspielen mit der unverkennbaren Stimme von Godi Baumberger aus dem Wankdorfstadion oder dem Letzigrund oder dem Joggeli oder den anderen Stadien aus der ganzen Schweiz. Auch an Eishockeyreportagen aus der Kawede in Bern von Spielen mit dem SCBern erinnere ich mich. Die Nachrichten verfolgten wir auch und hörten immmer das Echo der Zeit. Am besten ist die belegte etwas rauchige Stimme von Roger Staub aus Paris in Erinnerung geblieben.
In der Mitte des Wohnzimmers stand ein Tisch mit Stühlen, er war immer mit einem vornehmen dicken Tischtuch belegt und wurde nur an Sonntagen oder Feiertagen, Ostern oder Weihnachten, benutzt. Essen fand immer in der Küche statt.
Ein Perserteppich war damals Standard und wir hatten zwei Sessel aus hellem Bambusrohr mit beigen Sitzflächen und Rückenlehnen, der letzte Schrei. Dazwischen stand eine Ständerlampe mit einem von meiner Mutter selbst gefertigten und bestickten Lampenschirm.
Meine Mutter liebte Pflanzen und zog eine grosse Zimmerlinde hoch, die das Wohnzimmer verschönerte. Auch St.Pauli Veilchen und grünweisse Lilien gehörten dazu. Das Wohnzimmer, das gegen Süden blickte, war der hellste Raum im Haus, aber der am wenigsten benutzte.
Mein Vater hatte vor dem Haus einen Rasen angelegt, den wir erst einige Zeit nach dem Einzug ins Haus betreten durften. Unter dem Wohnzimmer- und dem Nebenzimmerfenster lag je ein Blumenbeet, das je nach Jahreszeit mit verschiedenen Blumen bepflanzt wurde. Im Frühjahr mit Tulpen, Osterglocken, im Sommer mit Gerbera, Tagetes, im Herbst mit Astern und Dahlien. Zwei stachelige Büsche komplettierten das Bild. Längs der westlichen Hausseite war eine Art Brachland, das der Vater eines Wochenendes in einen Gemüsegarten umwandeln wollte. Davon etwas später.
Wir Kinder haben viel gespielt. Mein Vater lehrte mich und meinen Bruder Schach, wenn auch nicht systematisch, so dass ich nie ein guter Schachspieler war. Vom World Wildlife Fund gab es ein Spiel, in dem man weltweit auf allen Kontinenten Tiere einkaufen konnte, um sie in den eigenen Zoo zu stecken oder zu retten. So lernten wir die Fauna der verschiedenen Kontinente kennen. Eine Zeitlang spielten wir fast nur noch Monopoly, bis es uns verleidete, weil meistens mein Bruder gewann und es oft zu Streitereien führte. Quartet und Jass waren beliebte Kartenspiele und Eile mit Weile spielten wir auch. Der Spielort war für fast alle Spiele der Küchentisch, aber manchmal spielten wir auch auf dem Boden.
Draussen wurde vor allem vom Frühjahr bis in den späten Herbst gespielt. Auf dem Rasen vor dem Haus Federball und Fussball oder Ball über die Schnur. Auf dem Steinplattenweg Himmel und Hölle, Seiligumpe, und ums Haus herum Fängerlis. Oft waren Nachbarkinder anwesend, die natürlich bei den Spielen mitmachten.
Im Winter gab es Schneeballschlachten und wir spielten Fängerlis auf den nahe beim Haus deponierten schneebedeckten Baumstämmen aus dem Gurnigelwald, die die Bauern des Dorfes dort bis zum Frühjahr lagerten. Die mit von Pferden gezogenen Bockschlitten heran transportierten Baumstämme (Trämle, wie wir sie nannten) ergaben auf unserem Natursträsschen eine wunderbare Eisbahn oder einen wunderbaren Schliff, den wir zum Schlitteln benutzten. Das Strässchen hatte eine ideale Neigung, so dass Schlitteln eines der grössten Wintervergnügen war. Wir trugen damals im Winter Holzbodenschuhe, die mit Fell gepolstert waren. Sie wärmten unsere Füsse und eigneten sich sehr gut zum Gleiten auf unserem Strässchen. Wir veranstalteten Wettbewerbe, wer mit Anlauf am weitetsten gleiten konnte, und ich war der Geschickteste darin.
Sobld er erste Schnee fiel, bestürmten wir unseren Vater die Skier hervorzuholen und zu präparieren, was er auch tat. Die Präparation war ein aufwändiger Prozess. Zuerst musste Vater den Lack des Vorjahres mittels einer Lötlampe wegmachen, dann die Oberflächen schleifen, schliesslich den neuen roten Tokowachs heiss auftragen und trocknen lassen. Dann erst wurden die Skier gewachst mit Wachs aus verschiedenen Farben, silbrigem für Nassschnee, rotem oder gelbem,wenn es kälter war. Wir Kinder hatten damit wenig Geduld und wollten immer sofort auf die Skier stehen. Skilifte oder Skipisten gab es noch keine. Als wir endlich die Skier benutzen konnten, gingen wir zum Hang hinter den Nachbarhäusern, um unsere Piste zu präparieren, indem wir hochstampften. Mit möglichst vielen Schwüngen fuhren wir dann hinab, um die Piste zu glätten. Dies taten wir ganze Nachmittage lang, wenn schulfrei war. Wir bauten auch Sprungschanzen, um zu sehen, wer am weitesten springen konnte.
Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?
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Ich liebte jede Jahreszeit wie sie war. Am speziellsten war für mich der Frühling, weil ich dann Geburtstag hatte. Das Zeichen, dass der Frühling da war, waren die Osterglocken und der gelbblühende Forsizienstrauch vor dem Haus, dann wusste ich, jetzt ist mein Geburtstag nah. In dieser Zeit gingen wir Kinder über Feld und Flur, entdeckten Schlüsselblumen und Frauenschüeli, Primeln, Osterglocken und Lederblüemli, Veilchen, Geissleitern, Zytröseli, Wydenbüsseli am Bachrand und viele andere mehr, deren Namen ich nicht mehr weiss und die heute nicht mehr einfach so zu finden sind. Wir glaubten manchmal auch den Osterhasen gesehen zu haben, wenn wir durch die Wiesen streiften. Wiesel oder Iltis liefen uns über den Weg, die waren hingegen nicht erfunden.
Oft pflückten wir die Blumen, formten Sträusschen und brachten sie Mutter nach Hause.
Am allerschönsten war der Bergfrühling. Der Kindheit eben entronnen machte eine Gruppe Giele Ausflüge per Fahrrad an den Fuss der Stockhornkette, wo wir zur Möntschelenalp hochstiegen, um den Bergfrühling zu sehen. Die Blumenpracht war überwältigend. Ich vergesse nie die Enziane, Soldanellen, Alpenrosen und unzähligen anderen Blumen, die einen farbigen Teppich bildeten.
Im Sommer lagen wir oft im hohen Gras der Wiese, die unser Haus von zwei Seiten umgab. Sie war durchsetzt mit einer Vielfalt von Gräsern, Zittergras zum Beispiel, das heute kaum noch zu finden ist, und vielen Blumen, Margritten, Glockenblumen und Guggerszyt. Wir beobachteten die verschiedenen Käfer, die darin herumkrabbelten und vor denen wir je nach Aussehen, Farbe und Grösse ein bisschen Angst hatten. Sommerzeit war auch immer Badezeit in der Gürbe. Bei den hohen Schwellen gab es tiefes Wasser, wo wir Schwimmen konnten. Ich war allerdings wasserscheu und lernte erst viel später schwimmen. Die Verbrennungen, die wir Kinder ungeschützt in der prallen Sonne erlitten, kriegte ich allerdings schon mit. Es war manchmal so schlimm, dass ich Blasen kriegte und sich die Haut später abstreifen liess, wenn neue nachgewachsen war. An Sonnenschutz dachte damals niemand.
Sommer bedeutete auch Arbeit. Ich ging oft zum Grossvater väterlicherseits, um beim Heuen zu helfen. (Wir hatten damals noch Heuferien, die je nach Wetterlage spontan ausgerufen wurden.) In einer langen Schlange wendeten wir Heu, Schritt für Schritt das Feld hinunter und dann in der Gegenrichtung an den Anfang zurück, in einem synchronen Rhythmus; wenn es trocken war, machten wir mit Rechen Wälme, schoben diese zu Haufen zusammen, rollten sie in ein riesiges Tuch und trugen es zum offenen Tor der Heubühne, öffneten das Tuch, so dass das Heu hinunter auf den Heustock fiel. Bei Nussbaums luden wir das Heu auf den Heuwagen, der das Heu in das Tenn brachte. Wenn ein Gewitter drohte, pressierte es manchmal und wir beluden die Heuwagen in grosser Hast. Am liebsten stand ich ganz oben auf dem Heuwagen, wo ich die grossen Büschel Heu, die mit der langen Gabel heraufgereicht wurden, entgegennahm, sie sozusagen umarmte und dann mit meinem ganzen Körpergewicht auf das schon geladenen Heu platzierte und mit den Füssen feststampfte. Ich liebte den Staub, der am schweissigen Körper klebte, und den Geruch des Heus und das leichte Schwanken des Wagens, es war wie auf einem Schiff auf dem Thunersee. Ganz am Schluss kam dann der Höhepunkt, als der Bimbaum heraufgereicht, oben in der Mitte auf das Fuder gelegt und Mittels einer Winde mit Hanfseilen festgezurrt wurde. Dann war die Arbeit fertig, die Bremsen des Wagens wurden gelöst und die Pferde zogen mit dem schweren Fuhrwerk los in das Tenn. Wenn wir zu spät waren, mussten wir das Heu liegenlassen und es später auf sogenannte Heinzen verteilen, dreibeinige Gestelle mit drei Etagen von hervorstehenden Zacken, auf denen das Heu gut befestigt werden konnte.
Der Sommer brachte in unserer Gegend oft schwere Gewitter, die sich an der Stockhornkette im sogenannten Gürbeloch zusammenbrauten. Sie waren sehr bedrohlich und manchmal verheerend. Bei solchen Wetterlagen sassen wir abends vor dem Haus und schauten dem Spektakel zu, das sich in Richtung Thunersee und Emmental abspielte. Blitz und Donner, davon rasende dräuende Wolken und starke Winde beeindruckten unsere Sinne.
Herbst war naturgemäss Erntezeit. Wir halfen bei der Kartoffel-, Zuckerrüben- und der Obsternte. Der schwere Geruch der feuchten Erde liegt mir noch heute in der Nase. Am liebsten hatte ich den Geruch der Kartoffelfeuer, der durch den feuchten Nebel verstärkt wurde. Die Kartoffelstauden wurden zuerst abgemäht, getrocknet und dann verbrannt. Wir wickelten Kartoffeln in Aluminiumfolien ein, warfen sie in die Glut des Feuers, fischten sie mit Stecken heraus und assen sie noch auf dem Feld. Der leicht ascherne verkohlte (manchmal karamelige) Geschmack hatte sich mit dem Duft des Feuers und der Erde vermischt, ein Hochgenuss!
Im Garten blühten dann Dahlien, deren Farbenpracht und Duft ich sehr mochte. Auch die herbstlichen Astern gehörten zu meinen Lieblingen. Die Herbstferien, die 6 oder 8 Wochen dauerten, das weiss ich nicht mehr so genau, verbrachte ich oft bei Bauern, mehr davon später.
Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?
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Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?
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Das erste Geschenk, an das ich mich richtig erinnere, war eine Zielscheibe mit Pfeilen, ich war damals 10 Jahre alt. Ich konnte stundenlang im Keller damit spielen, dachte mir Turniere aus mit Länderteams, Deutschland, Frankreich, Italien, England und so weiter und die Schweiz. Ich schrieb die Resultate auf ein Blatt mit Kolonnen für jedes Land, zuunterst das Total und am Schluss die Rangierung. Ich konnte die Zielgenauigkeit so manipulieren, dass die Schweiz immer gewann. Ich empfand beim Sport sehr patriotisch.
An Sonntagen gingen wir im Sommer entweder mit Vater spazieren (zum Beispiel in den Gurnigelwald, wo uns Vater Pilze zeigte und die Flora erklärte) oder auf den Hornusserplatz. Vater war passionierter Hornusser, bis er am eidgenössischen Hornusserfest in Utzensdorf 1960 ein Auge verlor. Wir schauten beim Hornussen zu, tranken Weissenburger Mineralwasser (am liebsten Himbeergeschmack) und assen brätleti Cervelat. Oft hielten wir uns in der Gefahrenzone auf und es war ein Wunder, dass nicht mehr Unfälle passierten, denn oft gab es Querschläger, wenn einer den Nouss nicht richtig traf. Seltsamerweise versuchte mein Vater nie, uns Kindern, d.h. uns Buben, das Hornussen beizubringen. Ich schaute gerne zu, höre heute noch die Rufe und das Gebrüll der im Feld verteidigenden Mannen, die versuchten den Nouss abzufangen bevor er zu Boden fiel und ein Nummero produzierte. Vielleicht interessierte ich mich nicht dafür oder vielleicht hielten es die erwachsenen Männer gar nicht für nötig uns zu lehren, weil das eben ein Sport für Erwachsene war. Beim Fussball war es dann anders, doch davon später.
Ostern war Eierfärbezeit, aber manchmal kauften wir die knallig gefärbten Eier im Konsum ein. Die Osterneste mussten wir natürlich im Haus oder draussen suchen. Die Suche gestaltete sich frustrierend, manchmal hatten die Geschwister ein Nest schon entdeckt, verrieten es aber nicht. Wenn die Suche zu lange dauerte, steuerten sie das andere Geschwister, indem sie "Heiss" oder "Kalt" riefen, bis das Nest gefunden war. Am liebsten war mir immer der Osterhase aus brauner Schokolade nebst den vielen andern süssen Sachen, die im Nestchen steckten wie Zucker- und Schokolade- und Nougateili. Die Osternestchen hatten wir am Abend zuvor vorbereitet, sie mit grünem Stroh gefüllt und die Ränder mit Frühlingsblumen geschmückt und dann für den Osterhasen bereitgestellt. Am Ostersonntag Morgen ging dann das Eiertütschen los, jeder wollte das stärkste Ei haben.
Sankt Nikolaus war ein wichtiger Tag. Wir warteten gespannt darauf, ob er vorbeikommen würde. Damit verbunden war eine gewisse Furcht, denn wir wussten, dass er eine Rute hatte, aber wir waren nicht sicher, ob er sie gebrauchen würde, wenn er uns tadeln sollte. Auf jeden Fall hatten wir für ihn einen Vers vorbereitet und auswendig gelernt. Wir sagten ihn dann brav auf, nachdem wir die üblichen Fragen des Nikolaus beantwortet und seinen Mahnungen zugehört hatten, und erhielten dafür die Nüsse, Erdnüsse, Schöggeli, Orangen und Mandarinen, die er aus dem Sack leerte. Als es uns dämmerte, dass der Nikolaus vielleicht nicht echt war, begannen wir nach dem Besuch zu rätseln, wer es wohl gewesen sein könnte, der unter dem weissen Bart steckte. Wir tippten auf unsere grossen Stauffercousins oder einen grösseren Nachbarsbuben. Es kam vor, dass gleich mehrere Kläuse bei uns anklopften, was natürlich unseren Argwohn weckte. Der Nikolaus erhielt von den Eltern einen Batzen und zog dann weiter zum nächsten Haus mit Kindern. (Davon gab es viele, denn alleinstehende Leute gab es nur sehr wenige.)
Der Batzen regte mich dann an, selber Nikolaus zuwerden, "chlöisle zu gehen" wie wir sagten. Es war ein einträgliches Geschäft, denn ich nahm mehr ein als ich für den Inhalt meines Klausensacks ausgegeben hatte. Mit dem Geld konnte ich mir dann so viele Süssigkeiten kaufen wie ich wollte und ich konnte das Weihnachtsgeschenk für Mutter finanzieren, das ich dann im Haushaltwarenladen erstand.
Der Chlousetag fällt in die Adventszeit. Unsere Mutter bereitete immer einen Adventskranz vor, den wir am Abend auf dem Küchentisch anmachten. Wir sassen alle um den Küchentisch herum, nahmen dann das Kirchengesangsbuch hervor und sangen zusammen einige Advents- und Weihnachtslieder. "O du fröhliche", "Vom Himmel her, da komm' ich her", "Ihr Kinderlein kommet", "Macht auf das Tor, macht auf die Tür" und viele andere. Meine ältere Schwester sang am lautesten und auch am schönsten und konnte alle übertönen, so dass wir fast gezwungen waren, alle Lieder einstimmig zu singen. (Deshalb habe ich noch heute Mühe, eine andere Stimme durchzuziehen, wenn jemand anders zu laut neben mir singt, ich habe dann die Tendenz mich der Stimme anzupassen und den eigenen Faden zu verlieren.) Wir beteten wahrscheinlich auch, denn meine Mutter war religiös, aber ich kann mich nicht an ein einziges Gebet erinnern. Vielleicht war es einfach das Vater unser.
Weihnachten habe ich als sehr schön in Erinnerung, auch wenn wir deswegen einmal Streit hatten, den ich schon weiter oben geschildert habe. Das Allerschönste war, dass unsere Eltern es uns verboten, das Wohnzimmer an Heiligabend zu betreten. Die Türe war abgeschlossen, während sie den Christbaum schmückten und die Geschenke darunter legten. Wenn der Baum fertig geschmückt war, reihten wir uns vor der Wohnzimmertür auf und warteten voller Vorfreude auf die Öffnung der Tür. Als sie sich dann auftat, bot sich uns der herrliche Anblick des Weihnachstbaums dar mit, so schien es mir, unzähligen brennenden Kerzen und Kugeln. Der Baum glänzte und strahlte, ich war geblendet und überwältigt von der Pracht.
Dies wurde nur noch übertroffen an einem andern Heiligen Abend. Als wir vor dem hell erleucheten Baum standen, klöpferlete es leise am Wohnzimmerfenster, wir horchten auf und fragten uns, wer es wohl sein könnte. Mutter machte das Fenster auf und ein strahlendes, liebreizendes Gesicht erschien, umrahmt von goldigem Haar. Die Augen strahlten und aus dem Mund kamen liebliche Worte: 'Das Christkind ist da! Es bringt euch gute Mär!' Und Geschenke! Als sie übergeben waren, verschwand das Christkind, das in einem blendend weissen Kleid steckte, auf mysteriöse Weise im Dunkel der Nacht und wir waren wieder unter uns.
Dass ein wenig später Tante Margrit und Onkel Erwin an der Tür klingelten, erweckte damals keinen Verdacht bei mir (bei meinen beiden älteren Geschwistern vielleicht schon) und ich würde noch heute gerne an das Christkind glauben.
Am nächsten Morgen war der Zauber verblasst, wenn wir Kinder uns um die Schokoladefiguren stritten, die die Eltern zum Schmuck an den Baum gehängt hatten. Die in Alufolien eingehüllten bunten Samichläuse, Pilze, Glocken und anderen Figuren waren jeweils schnell verschlungen. Der Christbaum verlor seinen Glanz.
Wie haben eure Mahlzeiten ausgesehen?
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Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, assen wir viel Kartoffeln, Gemüse, Käse, Brot und wenig Fleisch. Letzteres gabe es eigentlich nur am Sonntag oder wenn Gäste kamen, was selten war. Unter der Woche gab es höchstens Aufschnitt oder Würstchen, Wienerli oder Schweinswürstchen. An ganz besondere Mahlzeiten kann ich mich nicht erinnern, ausser wenn Vater, der gelernter Koch war, Kutteln oder Lunge oder Leber zubereitete. An Sonntagen gab es gelegentlich Braten oder Plätzli oder bei Besuch Entrecotes.
Vater liebte Gschwellti, die er mit Ziger und Konfitüre ass. Diese Kombination löste bei mir schon Ekel hervor, wenn ich sie nur roch. Noch schlimmer war für mich Apfelrösti, die bei mir Brechreiz auslöste. Die obligaten Auseinandersetzungen um Spinat führten wir auch. Dafür waren Hörnli beliebt, die manchmal mit Hackfleisch und Apfelmus auf den Tisch kamen.
Im Winter müssen wir wohl viel Trockenfrüchte gegessen haben, denn ich kann mich erinnern, dass wir im Herbst Früchte, Aprikosen, Birnen, Äpfel, Zwetschgen, zum Dörren nach Burgistein-Station in die Trocknungsanlage brachten und sie ein paar Wochen später abholten. Im Dorf gab es auch einen Standort mit Kühlfächern, die man mieten konnnte, was wir dort aufbewahrt hatten, weiss ich nicht mehr. Nur die Kühlanlage, die man betreten konnte ist mir noch in Erinnerung geblieben.
An Weihnachten assen wir Züpfe und Rollschinkli und Nüsslersalat mit Speck und Ei. Aber vielleicht war das erst viel später. Spezielle Geburtstagsmenus gab es für uns Kinder nicht. Es gab ja auch keine Geburtstagsfeste für Kinder, wie sie heute üblich sind.
Wer und wie waren deine Spielkameraden?
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Als wir noch zu Miete waren, waren dies vor allem die Kinder der Vermieter. Dänzers Kinder habe ich schon erwähnt. Auch Dorli Zimmermann war wichtig, als wir bei Zimmermanns wohnten. Nach dem Einzug ins neue Haus waren es die Nachbarskinder.
Am nächsten wohnten Däppens, die einen Sohn hatten, Fredi. Am meisten hielten wir uns aber bei Niederhäusers auf, die zwei Töchter hatten, Hanna und Hedi. Und auf der andern Seite des Bachs, der vor unserem Haus durchfloss, Bählers. Heinz, der eine Behinderung hatte, war öfters mein Spielkamerad, dessen Verhalten mir manchmal komisch vorkam und das ich nicht einordnen konnte, so dass ich manchmal wütend wurde und sogar tätlich wurde gegen ihn, indem ich ihn schüttelte oder würgte, wenn er nicht so reagierte wie ich es wollte.
Etwas weiter entfernt wohnten Hännis, deren Sohn Hugo manchmal mit mir spielte. Doch davon etwas später.
Wir kannten unsere Nachbarn gut und verkehrten auch viel mit ihnen, ausser mit Däppens, die wir nicht so gut mochten, vor allem den Vater nicht, den unser Vater auf der Latte hatte, wie wir sagten. Däppen war immer krankgeschrieben, war zu Hause und arbeitete viel im Haus und im Garten, was meinen Vater in Rage brachte; er hielt Däppen für einen Simulanten, was natürlich auch auf unsere Einstellung ihm gegenüber abfärbte.
Im übernächsten Haus wohnten eben Niederhäusers, die arm waren. Vater Niederhäuser war ein einfacher Mann, arbeitete auf dem Bau. Seine Frau war eine herzensgute Nachbarin, die immer darauf aus war zu helfen und Gutes zu tun. Sie näselte leicht beim Sprechen, lachte oft und schaute immer freundlich drein. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals betrübt oder besorgt gesehen zu haben, obschon sie unter der Armut und den Schicksalsschlägen gelitten haben muss. Zum Beispiel als Hedi einen Epilepsieanfall in der Schule erlitt, einseitig gelähmt war und dann in ein Heim gebracht wurde.
Frau Niederhäuser hatte immer etwas zum Schlecken oder Essen parat. Wir spielten oft im Tenn, wo ein Rittiplampi(eine Schaukel) von der hohen Decke hing, mit dem wir Riesenschwünge vollführen konnten. Im Herbst durften wir freimütig von ihren Beerenstauden Chrosle und Meertrübeli pflücken und uns den Mund damit vollstopfen. Schon im Sommer hatten wir ihre Kirschbäume geplündert oder Äpfel 'gestohlen', indem wir im Finstern auf die Bäume kletterten und uns die Bäuche voll schlugen.
Frau Niederhäuser hatte eine Untermieterin, Frau Muralt, die mich immer interessierte. Sie war alleinstehend und kam im Sommer oft mit uns Kindern an die Garbe zum Baden. Ich beobachtete heimlich ihren Körper und wollte wissen, was es auf sich hatte mit den Haaren die zwischen ihren Schenkeln hervorguckten.
Hännis, die etwas weiter bachaufwärts wohnten, waren ebenfalls gute Nachbarn. Wir brachten ihnen jeweils das "Söichübeli", wenn es voll war mit Speiseabfällen und -resten, worauf dann in der Altjahrswoche ein gutes Stück Schweinefleisch für uns abfiel. An den säuerlichen Gestank des Chübels kann ich mich noch gut erinnern. Frau Hänni stammte aus dem Elsass und ihr Dialekt tönt mir noch heute in den Ohren. Wenn ich ihn höre, kommt wir sofort Frau Hänni in den Sinn. Meine Mutter verkehrte gern und häufig mit ihr.
Nahe Nachbarn waren auch die Fischers auf der nordöstlichen Seite des Hauses. Turi, der alten Frau Fischer ihr Sohn, war der erste oder einer der ersten, der einen Fernseher besass.Turi(Arthur) war ledig und fuhr einen VW-Käfer. Wir gingen oft zu Fischers, um fernzugucken. Das war der Dienstag- oder Mittwochnachmittag, an dem Kindersendungen ausgestrahlt wurden. Entweder Walt Disneys Tom und Jerry und ähnliche oder dann die Lassie-Serien oder Jim Casey der Lokomotivführer, Fury der Schwarze Hengst und andere, an die ich mich nicht genau erinnere. Auf jeden Fall ging es im Wilden Westen oft dramatisch zu und her und dann ganz nach Hollywood Manier immer mit einem Happy End, bis zum nächsten Drama. Auch der Schuhmacher Bähler besass etwas später als Turi Fischer einen Fernseher, wo wir dann am Dienstag Abend hingingen, um den Krimi zu sehen, der um diese Zeit ausgestrahlt wurde, 'Der Alte'. Sowohl unsere Eltern als auch unsere Gastgeber hatten nicht unbedingt Freude daran, dass wir regelmässig zum Gucken hingingen. Wir wurden aber niemals abgewiesen. Vielleicht waren unsere Eltern auch froh, uns abends ausser Haus zu haben.
Fernsehgucken war ein sozialer Event. An Samstagabenden, wenn Einer Wird Gewinnen (EWG) ausgestrahlt wurde, war Fischers Stube voll. Alle fieberten mit, ob wohl die Schweiz, die ja nicht einmal zur EWG gehörte, wie schon so oft wieder gewinnen würde. An Sonntagen schauten wir die Stummfilmshow, die immer mit dem selben Spruch des Moderators anfing: "Vorausgesetzt, dass der Operateur das Zeichen sieht..." Das Stehklavier klimperte los und der Operateur setzte den Projektor in Gang. Laurel und Hardy- und Charlie Chaplinfilme flimmerten über die Leinwand.
Zwischenakt: einer unserer Nachbarsgiele, Bähler Ruedi, besass einen Projektor mit Hilfe dessen er eben dieselben schwarz-weiss Chaplin und Laurel und Hardy Filme von Hand abspulen konnte, indem ermöglichst regelmässig regelmässig an einer Kurbel drehen musste. Wir verbrachten viele Nachmittage mit den Filmen in seinem verdunkelten Zimmer.
Zum Bersten voll war Fischers Stube dann, wenn ein Fussballländespiel stattfand. In schwarz-weiss sahen wir die Entscheidungsspiele Schweiz-Schweden um die Teilnahme an der Fussball WM in Chile. Speziell das Entscheidungsspiel aus dem Berliner Olympiastadion, das die Schweiz dank eines Kopfballtores von Heinz Schneiter gewann, ist mir geblieben.
Im grossen und ganzen kannten wir unsere Nachbarn gut, verkehrten recht viel mit ihnen, auch wenn die Verbindungen recht lose waren. Befreundet waren wir nicht, zum Teil unter uns Kindern schon. Der Kontakt fand vielleicht mehrmals wöchentlich statt. Auf dem Schulweg konnten wir ja abmachen.
Die einflussreichste Person in meiner KIndheit war sicherlich meine Mutter, solange sie nicht arbeitete. Sie gab die Erziehung vor, die wir genossen. Vater war nur am Wochenende präsent und übte da seinen Einfluss aus.
Was für Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten? Gab es unter diesen solche, die dir damals oder auch später besonders nahe standen?
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Erste Erinnerungen und Kindheit
Was für Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten? Gab es unter diesen solche, die dir damals oder auch später besonders nahe standen?
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Die andern Geschwister meines Vaters lebten weiter weg, die nächsten in Bern. Nur eine Tante, Berti, die behindert war, lebte eine Zeitlang noch beim Grossvater im Englizmoss, bis sie dann in ein Heim in Riggisberg eintrat und dort umsorgt wurde.
Von Mutters Seite lebten beide Eltern noch. Mein Grossvater hatte ein Spengler-und Sanitärgeschäft, wie es damals hiess, und die Grossmutter führte ein Haushaltwarengeschäft.
Beide waren von recht stattlicher Postur. Bei Besuchen im Haushaltwarenladen stapelte sich vor allem Geschirr. Und natürlich allerlei Haushaltgeräte, neuerdings aus Plastik! Im Schaufenster Grossvaters standen noch die alten Wäschekocher, die mit Holz eingeheizt wurden und von oben gefüllt werden mussten. Mein Onkel Ernst, der auch mein Taufpate war, lebte im selben Haus wie Grossvater, für dessen Nachfolge im Geschäft er vorgesehen war. Von seiner Frau Frieda habe ich weiter oben schon erzählt. Sie hatten vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Buben wie wir. Wir hatten nicht so viel Kontakt und spielten auch nicht so oft mit ihnen.
Mit Grossvater hatte ich viel Kontakt. Ich ging mit ihm auf Montage, wenn er zum Beispiel im Forst bei Wattenwil einen Spülkasten neu montieren musste. Ich schaute ihm zu wie er Kupferleitungen legte, den Kasten anschloss und ausprobierte. Ich durfte die Spielzeuge der Kinder des Hauses, die in der Schule waren, benutzen und kreiste stundenlang mit deren Velo im Garten herum. Grossvater besass einen VW Ladewagen, mit dem er Werkzeugkästen und das Material, das er gerade brauchte, mitnahm. Einmal durften mein Bruder und ich mit ihm ins Simmental fahren. Auf der Heimfahrt lud uns Grossvater auf die leere Ladefläche auf, wo wir mit dem Rücken zur Kabine sassen. Das Sitzen dauerte jedoch nicht lange, auf der kurvenreichen Strecke lagen wir bald auf dem Boden und rollten bei jeder Kurve hin und her, was uns grossen Spass machte.
Grossvater besass auch einen BMW Töff mit Seitenwagen, den er an Sonntagen zu Spritzfahrten benutzte. Leider durfte ich mit dem Gefährt nur spielen und es bestaunen, mitfahren durfte ich nie.
Grossvater war auch Rutengänger. Wenn irgendwo gebaut wurde, wurde er gerufen, um Wasser zu finden, damit das neue Haus versorgt werden konnte. Ich ging einmal mit, gleich in unserer Nähe. Ich sah wie neben dem vorgesehenen Bauplatz die Rute, die er mit beiden Händen vor sich führte, plötzlich ausschlug und Grossvater sagte: "Hier!"
Man begann an dieser Stelle zu graben und ein wenig später kam eine Quelle zum Vorschein.
Als Grossvater bettlägerig wurde und im obersten Stock die ganze Zeit im Bett verbrachte, besuchte ich ihn oft. Er freute sich, mich zu sehen, offerierte mir immer Bananen oder Orangen, die allerdings meistens vergammelt waren. Ich ass sie trotzdem, obwohl sie nicht gut schmeckten, ich dachte, sie seien halt so. Wir schauten zusammen fern. In der Altjahrswoche den Spenglercup aus Davos, fast täglich. Grossvater war immer zu Spässen aufgelegt und guter Laune. Er lachte viel. Auf dem Kopf hatte er warzenartige Wülste. Ich durfte darauf drücken und Grossvater sagte lachend "Drrring!jetzt hats bei mir geklingelt". Dieses Spielchen wiederholte sich oft. Ein anderes war, dass er sagte, es kämen Krähen geflogen, die sich dann auf meinen Kopf setzten. Daraufhin zog er an meinen Haaren und rief: "Kra, kra kra! Die Krähen fliegen aus!"
Als ich ihn eines Tages wieder besuchte, lag er wie üblich im Bett, hielt aber eine Stoppuhr in der Hand, guckte auf sie und sagte zu mir:"Jetzt ist gerade mein Herz 40 Sekunden lang stehen geblieben." Er lachte darüber.
So sind seine Heiterkeit und seine Gelassenheit stets ein Wegweiser durch schwierige Situationen gewesen. Was kann schon passieren? Das Leben geht doch weiter und du sollst dich freuen.
Die älteste Schwester meiner Mutter, Tante Hanni, lebte etwas gürbeabwärts in einem Einfamilienhaus. Sie war verheiratet mit Albert, der früher bei meinem Grossvater als Spengler gearbeitet hatte. Er war sehr jähzornig, weshalb er das Grosselternhaus mit Hanni verliess. Sie hatten drei Söhne und eine Tochter. Albert, der ältetste, war hochbegabt und künstlerisch sehr interesssiert. Er spielte Klavier, wollte wie Beethoven werden, aber sein Vater trieb ihm alles was nicht mit bodenständigem Broterwerb zu tun hatte, mit dem Lederriemen aus. Er und seine Brüder waren gute Geschichtenerzähler und wir Fellerkinder hörten gerne ihre humorvollen und zum Teil abstrusen Geschichten. Der mittlere von ihnen, der nach eine Schriftsetzerlehre Pfarrer wurde, schrieb später erfolgreich berndeutsche Geschichten, die sich um seine Jugenderlebnisse im Dorf drehten.
Auch Albert junior konnte gut erzählen. Einmal als ich bei Tante Trudi übernachtete, der jüngeren Schwester meiner Mutter, die im Nachbardorf Gurzelen wohnte, war er auch da. In einer Vollmondnacht machten wir einen Nachtspaziergang durch die Gegend. Bei hellem Mondschein passierten wir ein Wäldchen und den kleinen Geistsee, der genau so hiess. Albert begann eine Schauergeschichte zu erzählen, derart überzeugend, dass unsere Schritte um den kleinen See herum immer schneller wurden und wir am Schluss heilfroh waren, im sicheren Haus von Tante Trudi Unterschlupf zu finden.
Onkel Albert hatte den Spenglerberuf aufgegeben und sich selbständig gemacht. Er baute eine Champignonzucht selber auf. Manchmal halfen wir, wenn der Pferdemist frisch geliefert wurde beim Umschichten. Der säuerliche Duft steckt mir noch heute in der Nase. Wenn wir dort waren, bettelten wir um Champignons, die wir gerne hatten. Mein Vater wollte sie sich nicht leisten, weil sie teuer waren. Sie waren damals noch ein Luxusprodukt, mit dem sich gut Geld verdienen liess. Selten erhielten wir dann doch welche zum mit nach Hausenehmen.
Wie mein Taufpate Leo war Albert ein sehr guter Schütze. Die Wohnstube war gespickt mit Schützenabzeichen, die in Glasvitrinen aufbewahrt wurden. Er war sehr stolz auf seine überquellende Sammlung.
Tante Hanni war eine sehr liebe Frau, die immer jemandem etwas Gutes tun wollte. Sie litt unter Alberts Jähzorn und im Rückblick vermute ich, dass er sie gelegentlich schlug, wenn er nicht gerade seinen Ältesten misshandelte. So waren Besuche bei ihr immer zweischneidig, einerseits erwartungs- und freudevoll, andrerseits, wenn gerade eine schlechte Stimmung herrschte, sehr missbehaglich. Aber grundsätzlich gingen wir Kinder sehr gerne hin, denn wir hatten unsere Cousins und unsere Cousine gern. Wir hatten es immer lustig zusammen.
Tante Trudi im Nachbardorf Gurzelen besuchten ich und meine jüngere Schwester manchmal zu Fuss. Den Weg dorthin nahmen wir immer mit etwas Unbehagen unter die Füsse, man hatte uns vor fremden Männern gewarnt. Tante Trudi war auch eine positiv eingestellte Frau und ihren Mann Alfred habe ich auch so in Erinnerung. Ihre älteste Tochter, Katharina oder Käthi, hatte ich gern und ich war als Bub sogar zu ihrer Konfirmation eingeladen, an die ich mich so genau erinnere, weil ihr Taufpate in blauer Swissair Uniform erschien, deren drei goldenen Streifen ihn als Flugkapitain auswies. Er hatte viel Spannendes zu erzählen, von Flügen nach New York oder nach Rio, doch an Details kann ich mich nicht erinnern. Mit den drei Cousins hingegen konnte ich nicht so viel anfangen.
Von allen Verwandten im Dorf hatte ich Onkel Leander von der Fellerseite am liebsten. Er war ein ruhiger besonnener Mann, der immer gemütlich an seiner Pfeife sog. Das Schönste war für mich, bei ihm hinten auf dem Gepäckträger seines Militärvelos zu sitzen und vom Hornusserplatz aus der Gürbe entlang nach Hause zu fahren. Ich hielt mich an ihm fest, genoss den Fahrtwind und den Tabakgeruch, der durch den Fahrtwind in meine Nase getragen wurde. Er hatte zwei Söhne, Heinrich und Werner. Letzterer war gleich alt wie ich und wir gingen zeitweise zusammen zur Schule und verbrachten viel Freizeit miteinander,. doch davon später.
Ihre Mutter, Tante Hanni, war eine freigebige Frau, die immer etwas zu Essen parat hatte. Sie war sehr geschwätzig und umtriebig, verbrachte viel Zeit im Dorf beim Tampen, wie wir sagten. Allerdings waren Hygiene und Kochen nicht ihr grosses Anliegen. Die Küche war immer ein bisschen schmuddelig und ihre Kochkünste sehr bescheiden. Ihre Mahlzeiten schmeckten einfach nicht und ich erinnere mich an den Geschmack von ranzigem Öl in ihrer Küche, wenn wir um die Fasnachtszeit "Chnöiplätze" oder um Weihnachten herum "Tirgeli und Schlüferli" darin siedeten. Wenn wir vor Ostern bei ihr Eier färbten, wurden die Eigelb immer dunkelgrün oder sogar grau, weil sie die Eier viel zu lange kochte. Alle diese Köstlichkeiten hatte ich auf diese Art nicht gerne und wenn sie sie mir anbot, hielt ich mich immer sehr zurück. Ich hatte Tante Hanni trotz allem gern, weil sie so fürsorglich und ein lieber Mensch war.
Nur einmal enttäuschte sie mich oder besser gesagt alle Kinder sehr, als sie uns versprach, einem jeden einen Zweifränkler in die Hand zu drücken, wenn wir Grossvater im Englizmoos beim Heuen helfen würden, was wir mit viel Einsatz dann auch taten. Nur leider sahen wir die Zweifränkler nie und wir konnten natürlich nicht danach fragen.
Wenn ich an Grossvater Leander, dem wir beim Heuen halfen, denke, kommen mir verschiedenen Erlebnisse in den Sinn. Eine der grossen Aufregungen war, ob er dieses Jahr wieder auf der Titelseite des Gelben Heftes als Samichlaus erscheinen würde. Er hatte nämlich einen langen weissen Bart und ein markantes Gesicht, das sich sehr als Chlouseportät eignete. Wahrscheinlich prangte er nur ein einziges Mal von der Titelseite, eingekleidet in den klassischen roten, weiss umsäumten Mantel mit grosser Kapuze. Es ist wohl kindliches Wunschdenken zu sagen, er sei mehrmals oder immer am Chlousetag
auf der Titelseite erschienen.
Grossvater war auch Pösteler. Er bediente zu Fuss oder per Fahrrad die weitläufigen ausserhalb des Dorfes gelegenen Gebiete. Er hatte weder Töffli noch Auto. Er trug die Post in einem grossen Sack und die Geldbeträge, die er zu verteilen hatte, in einer Ledertasche bei sich. Nicht unähnlich wie der Samichlaus seine Post trägt.
Als wir nicht mehr im Dorf wohnten und nach Thun gezogen waren, schickte mich Mutter jeweils in der Altjahrswoche mit einer Flasche Wein zu ihm, um Grüsse zu überbringen und ein gutes neues Jahr zu wünschen. Grossvater sass dann immer in der Stube auf dem sehr heissen Trittofen und starrte vor sich hin, ohne irgendetwas zu sagen. Ich versuchte dann, ein Gespräch in Gang zu bringen, was gründlich misslang, denn Grossvaters Antworten waren immer einsilbig, Ja oder Nein. Ich hielt es manchmal fast nicht aus, probierte möglichst lange zu bleiben, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich habe es eilig und ihn so zu brüskieren.
Jahre später, als Grossvater gestorben war und Onkel Leander und Tante Hanni das Englizmoos bewohnten, bildeten mein Cousin Werner und ich zusammen mit zwei Freunden und Onkel Leander ein paar Jahre lang eine Altjahrsjassrunde. Wir besuchten Leander, der für uns Wild kochte und uns mit den Weinen, die ich Jahre zuvor Grossvater gebracht hatte bewirtete. Grossvater hatte sie nie getrunken und stets im Keller verstaut.
Mein Vater hatte wohl ein schwieriges Verhältnis zu seinem Stiefvater. Meine Mutter klagte machmal darüber, dass Grossvater uns nie etwas zukommen liess, zum Beispiel Milch oder Honig (Grossvater war auch Imker) oder Kartoffeln oder etwas anderes, das wir hätten gebrauchen können, schliesslich war das Geld knapp. Das schürte bei meinem Vater wohl gewisse Ressentiments, die aber eigentlich daher rührten, dass er nie die Ausbildung machen konnte, die er sich wünschte. Er hätte eigentlich Medizin studieren wollen, doch dafür gab es kein Geld, und so lernte er Koch. Es hiess,"Da hast du ein Dach über dem Kopf und immer etwas zu essen." Dass sein jüngerer Bruder dann studieren konnte, verbitterte ihn, eine Verbitterung, die ihn bis zu seinem Tod begleitete.
Ich bin noch im Besitz eines Heftes, in dem in schönster Schrift und Zeichnung, der Beginn der Studien meines Vaters festgehalten ist.
"Anatomie" E.Feller heisst es da.
Die anatomischen Zeichnungen sind sehr exakt, sehr schön, wie gedruckt, man hätte es sogar gedruckt nicht besser machen können. Dass aus seinen Ambitionen nichts geworden ist, muss eine riesige Enttäuschung für ihn gewesen sein.
So war wohl mein (Stief-) Grossvater keine Unterstützung für unsere Familie, obwohl wir ihm oft aushalfen. Den Heuet habe ich schon erwähnt. Daran gibt es aber auch eine schöne Erinnerung. Da das Haus an einen Hang gebaut war, konnte man das Heu von der Rückseite das Hauses, die sich gegen eben diesen Hang zu öffnete, direkt durch ein Tor auf die Heubühne, die direkt darunter lag, bugsieren. Wenn das Heu eingebracht war, nahmen wir weiter oben am Hang Anlauf, rannten so schnell wir konnten auf das Tor zu, sprangen ab und flogen in hohem Bogen in den Heustock hinein. Das Fluggefühl war grossartig und wir wollten es so oft als möglich auskosten, auch wenn wir jedes Mal eine Riesenmühe hatten, uns aus dem Heu auszugraben und hochzurappeln. Doch sogar das machte uns Spass.
Grossvater konnte ungeduldig und jähzornig sein. Wenn er die Kühe von der Weide holte, fuhr er oft ohne eigentlichen Anlass in sie hinein, traktierte sie mit dem Stecken, wenn es ihm zu wenig schnell ging, was zur Folge hatte, dass die Kühe widerspentstig wurden, ein Chaos entstand, die Kühe ihren Platz nicht fanden und das ganze Prozedere viel länger dauerte. Ich hatte da mehr Geduld. Als Grossvater schon recht gebrechlich war und die Kühe zum Melken holen wollte, übernahm ich einmal das Kommando. Ich brauchte dazu nicht einmal einen Stecken. Ich liess die Kühe einfach selber machen und jede ging wie von Zauberhand geleitet an ihren Platz im Stall.
Grossvater ging im hohen Alter dann als rechter Winkel durchs Land, so stark vornübergebeugt war sein Rücken. Das hatte seine Tücken. Als ich ihn an einem meiner Weihnachtbesuche zu Gesicht bekam, erschrak ich, denn er war bis zur Unkenntlichkeit entstellt, sein Gesicht war ein einziger "Rauft". Eigentlich waren nur noch seine Augen erkennbar. Zu jener Zeit wurdne in Wattenwil gerade die Leitungen für die ARA (Abwasserreinigungsanlage) gebaut. Grossvater hatte aus Neugierde in einen der tiefen Gräben geguckt, hatte das Gleichgewicht verloren und war kopfvoran hinein gestürzt und dabei sein Gesicht völlig zerschunden.
Mit dem Umzug nach Thun verlor ich den Kontakt mit den meisten Verwandten, ausser mit meinem gleichaltrigen Cousin Werner, mit dem ich noch einige Jahre lang Fussball spielte, doch auch hievon mehr etwas später.
Meine Mutter
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Meine Eltern
– Meine Mutter.
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Wir Kinder halfen mit, und als Lohn gab es Eier oder eine Züpfe oder eine Speckseite von der alten Frau Nussbaum. Meine Mutter war sehr tüchtig und arbeitete gern und viel. Sie war fröhlich dabei.
Heuen war Handarbeit. Erst gerade hatte der Motormäher die Sense ersetzt. Heuwender gab es noch nicht und so reihten wir uns wie bei Grossvater Leander auch bei Nussbaums in lange Linine auf.
Das Getreide wurde zuerst gegarbt, wofür es spezielle Garbrechen gab, die zuerst das Korn bündelten. Mit Schnüren wurde es dann zusammengebunden, es entstanden Garben, mit denen Puppen gebaut wurden, die man einige Zeit auf dem Feld stehen liess, um das Getreide gut zu trocknen. (Schon bald kam dann die Liöse, eine Maschine, die, wie der Name sagt, das Getreide automatisch zu Garben band.) Danach kam es einige Zeit in das Tenn, bis der Dreschschopf frei war, wohin man das Getreide zum Dreschen brachte. Dort stand eine Dreschmaschine, die von allen Bauern der Gegend gebraucht wurde. Von hinten fuhr man an die Dreschmaschine heran, die Garben wurden mittels Gabeln hochgehoben, oben auf der Maschine entbündelt und in die Maschine gefüttert. Durch die heftigen Schüttelbewegungen wurden die Körner herausgelöst, sie kamen auf der Seite aus der Maschine heraus und flossen direkt in die abfüllbereiten Jutesäcke, die, wenn sie voll waren, laufend durch neue ersetzt wurden. Das Stroh kam vorne aus der Maschine in Ballen heraus, die, wenn sie zu Boden gefallen waren auf bereitstehende Wagen geladen wurden. Die Spreu fiel unter die Maschine und wurde später zusammengewischt. Das ganze Prozedere war schweisstreibend, die Spreu wirbelte durch die Luft und klebte an den schweissigen Armen und Oberkörpern, die hier am Werk waren.
Der ohrenbetäubende Lärm der Dreschmaschine erfüllte den Dreschschopf, so dass eine Verständigung nur mit Rufen oder Schreien möglich war.
In der Hitze des Sommers gab es am Morgen einen Znüni- und am Nachmittag einen Zvierikorb. Käse, Speck oder Würste, weisses Bauernbrot und Most waren drin. Am liebsten hatte ich ein "Ghüratnigs", das heisst ein Glas halb Süssmost, halb sauren Most. Durch den Alkohol im sauren Most war ich dann leicht angesäuselt, was ich als sehr angenehm empfand.
Die Kartoffelernte, die ich schon bei Etters als 7- oder 8-Jähriger erlebte, habe ich schon weiter oben beschrieben. Die Zuckerrübenernte kam immer etwas später. Die Rüben oder "Rungglen" wie wir sie nannten wurden mittels einer speziellen Gabel aus der Erde gehievt. Wir hoben sie auf, schnitten das Kraut oben ab und putzten sie mit einem Rübenmesser und warfen sie auf einen bereitstehenden Ladewagen. Auch hier gab es schon bald Maschinenen, die die Arbeit erleichterten, einen Kartoffelgraber und einen Rübenernter. Das Einsammeln war aber noch immer Handarbeit. Als ich später im Gymnasium in den Landdienst musste, waren dann schon sogenannte Sammelroder für die Kartoffelernte bereit.
Mutter war bei all diesen Arbeiten voll dabei und ich leistete auch meinen Teil. Ich machte diese Arbeit sehr gerne, so wie meine Mutter. Die körperliche Tätigkeit befriedigte mich, sie war nicht ein Muss oder eine Mühsal. Wenn ein solcher Tag vorbei war, sank ich am Abend zufrieden ins Bett. Das Zusammensein, das Zusammenarbeiten in froher Stimmung erfüllte mich schon als Kind.
Es ist durchaus nicht so, dass ich jetzt ein vergangenes Idyll heraufbeschwören möchte, denn im Rückblick, von heute aus gesehen, war es das nicht. Es gab Aspekte, die mich schon damals störten; die Giftspritzerei gegen das Mutterkorn beim Getreide und bei den Kartoffeln befremdeten mich.
Die Zeit bei Nussbaums mit der Mutter zusammen war für mich eine Zeit des Glücks und der Zufriedenheit. Sie nahm ein Ende als Mutter zu arbeiten begann, als ich sieben Jahre alt war.
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
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Meine Eltern
– Meine Mutter.Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
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Mutter war fromm. Sie war streng und wurde manchmal wütend, wenn ihr zum Beispiel mein älterer Bruder nicht gehorchte. Einmal warf sie mit dem Deckel der Saftpresse nach meinem Bruder, verfehlte ihn und zerstörte dabei das hinter meinem Bruder liegende Fenster. Ich glaube, sie hatte strikte Moralvorstellungen, aber sie war nicht sehr kommunikativ. Wir redeten nicht viel über Werte oder über heikle Themen wie Sexualität. Als ich einmal versuchte ihr beim Staubsaugern unter den Rock zu gucken, wies sie mich scharf zurecht. Am Mittagstisch mussten wir immer nach dem Essen unsere Mäulchen eine Minute lang schliessen und stille sitzen, erst danach durften wir den Tisch verlassen. Die Auseinandersetzung um die Weihnachstgeschenke von Onkel Ernst und Tante Frieda habe ich schon weiter oben geschildert.
Ich denke auch, dass ihr die Idee der Barmherzigkeit und der gegenseitigen Hilfe sehr wichtig war. Sie war Samariterin. Wenn der Motoclub Burgistein-Wattenwil sein alljährliches Motocross durchführte, war Mutter im Samariterzelt auf Pikett. Und anhand der damaligen Hundertfranken Note, die eben den Samariter zeigte, wie er seinen Mantel mit seinem Schwert entzweischneidet und dem Bettler die Hälfte übergibt, erzählte und erklärte sie uns diese Geschichte.
Freizeitunternehmungen gab es damals nicht. Sie kam nie mit auf die Sonntags-spaziergänge, die wir mit Vater unternahmen, sie blieb immer zu Hause. Sie machte wohl Hausarbeiten oder führte die Krankenkasse, für die sie eine Weile lang zuständig war.
Sie war immer gut gekleidet, besonders an festlichen Anlässen. Da war sie modebewusst.
Wie sich meine Eltern kennengelernt haben, habe ich nie erfahren, ich vermute aber, dass dies irgendwann im Dorf passiert sein muss, denn die Dorfgemeinschaft war ja klein und man kannte sich. Meine Mutter heiratete unseren Vater an ihrem 25. Geburtstag, mein älterer Bruder kam 13 Monate später zur Welt. Es war eine kirchliche Heirat; ich sehe auf einem schwarzweiss Foto Mutter und Vater in Begleitung ihrer Trauzeugen(ihre Schwester Margrit und Vaters Cousin Leo, mein Taufpate) aus der Kirche in einen Kirchhof schreiten, Mutter in Weiss gekleidet, sie trägt einen Schleier, der zurückgeklappt ist, und im rechten Arm ein Arrangement aus weissen Rosen. Vater trägt einen dunklen Anzug und in der linken Hand eine Bibel. Sie sehen beide zufrieden aus, tragen ein von innerer Erfüllung zeugendes Lächeln auf dem Gesicht, aber nicht eines, das auf die grosse romantische Glückseligkeit schliessen liesse.
Daraus entnehme ich, dass Mutter vor ihrer Heirat keine Liebesbeziehung oder zumindest keine intime Beziehung hatte. Ob das stimmt, weiss ich nicht, denn über solche Dinge redete man eben nicht und sie hat auch später in ihrem Leben nie etwas davon erzählt. Nach der Heirat war Mutter zu Hause.
Als ich in die erste Klasse ging, begann sie bei LOEB in Thun zu arbeiten, als Hilfsverkäuferin. Sie war sehr engagiert und zuverlässig, so dass sie es bis zur Stv.-Abteilungsleiterin Sport brachte. Fünf Jahre später wurde sie fest angestellt, was aber damals nicht hiess, dass sie nicht gleich fristlos hätte entlassen werden können bei einem kleinsten Verstoss gegen das Angestelltenreglement. Die Arbeitszeiten waren sehr lang. Das Geschäft öffnete um 8 Uhr morgens und schloss erst um 18.30 Uhr abends, dazwischen eine 2-stündige Mittagspause. Dies bedeutete, dass Mutter sehr früh wegging und erst gegen 7 Uhr abends nach Hause kam.
Ich kann mich nicht erinnern, mich bewusst an meine Mutter wegen eines Problems gewandt zu haben, aber wenn ich krank war oder einen Unfall hatte, war sie immer da und fürsorglich.
Sie war sicher handwerklich begabt, sie strickte und stickte. Sie hatte auch gewisse dichterische Ambitionen; sie hatte Gedichte verfasst, die sie uns einmal vorlas.
Die Gedichte waren eigentlich Verse, die sich reimten, nicht von dichterischer Qualität. Sie beschäftigten sich vor allem mit Naturbeobachtungen und mit Mutters Dankbarkeit für die Schöpfung. Hier ein Beispiel:
"Helles grün aus zarten Knospen spriesset-
reine Jesusliebe mir ins Herz ergiesset!
Warme Sonnenstrahlen tief ins Herz dir leuchten,
Sehnsuchtstränen dir die Augen feuchten.
Sanfte Strahlen still die Erde küssen-
leuchtend uns der Berge Gipfel grüssen!
In Land und Herz zieht jubelnd Frühling ein-
o, dass die reine Liebe auch nur so dürft sein!"
Diese Zeilen verfasste sie bei ihrem Welschlandaufenthalt bei der Pfarrfamilie Jacot in Peseux im Jahre 1937/38, das heisst mit sechzehn oder siebzehn Jahren. Als erwachsene Frau und Mutter schrieb sie auch Gedichte, zum Beispiel über das Samariterzelt beim Motocross in Wattenwil. Zum Hochzeitstag ihrer Schwester Trudi hatte sie auch Reime verfasst und noch später, als sie schon frühpensioniert war, kehrte sie wieder zu ihren Themen zurück: die Natur und der Glaube.
"Die Buche."
Erstes Grün, du bist hervorgebrochen,
das lange schlummernd in der Erde lag.
Von zarten Säften ward dein Leib geschwängert
und Leben, das der grosse Gott dir gab.
Du hieltetst Stand dem Mammon des Verderbens,
der um dich brauste winterlich und kalt.
Oh'n gleichen hütest du der Knospen Segen,
vertrautest einer höheren Gewalt.
Nun stehst du da, im schmucken grünen Kleide
gar zart ist deiner Blätter Werk,
ein Sonnenstrahl kann deine Herkunft zeugen,
denn deine Wiege liegt im Sonnenall.
Du grüssest Niedrige und Grosse,
erfüllest jeden edlen Menschen Brust,
Frühling ist die Botschaft, di du kündest,
Frühling, süsse, grosse linde Lust!"
Musisch war meine Mutter interessiert. Auf unserem Klavier standen stets die Noten von der Oper Martha von Flotow. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je jemand gespielt hat, und ich weiss auch nicht, ob Mutter das Klavierspielen gelernt hat. Sie wollte aber wie mein Vater, dass wir Kinder ein Instrument lernen. Sie las auch Romane, zum Beispiel Anna Karenina von Tolstoj und sicher auch Anderes, von dem ich nichts mehr weiss.
Mein Vater
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2.2.
Meine Eltern
– Mein Vater.
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Ich sehe ihn vor allem im Zusammenhang mit Sport und Bewegung. Er war nur am Wochenende zu Hause und auch da nur vom späten Samstag Nachmittag an, denn er arbeitete Montag bis Freitag 9 Stunden pro Tag und am Samstag bis Mitte Nachmittag. Etwas später kam dann die 48 Stundenwoche, was bedeutete, dass er ab Samstag Mittag zu Hause war und schliesslich kam die 45 Stundenwoche, was hiess, dass er am Samstag frei hatte. Am Wochenende machten wir oft einen Sonntagsspaziergang in der näheren Umgebung oder wanderten im Gurnigelwald, zum Gurnigelbad, wo er früher als Koch gearbeitet hatte, oder am Fusse der Stockhornkette (zum Beispiel von zu Hause auf die Wasserscheide, über die Oberwirtneren nach Blumenstein und zurück nach Hause).Im Gurnigelwald erklärte er uns die Pilze (Eierschwämme und Söiöhrli und Steinpilze) und die Flora. Mutter kam wie gesagt nie mit. Im Sommer verbrachten wir viele Sonntage auf dem Hornusserplatz im Gürbegrien oder auswärts in anderen Ortschaften (Gasel, Gerzensee, Thun, Allmendingen). Auch Fussball war angesagt. Vater hatte früher Fussball gespielt, bei Old Boys Basel(vielleicht auch bei Etoile Carouge) und beim FC Wattenwil. Ich begann dann auch mit 10 Jahren Fussball zu spielen und Vater brachte uns einmal sogar gewisse Spielzüge bei, als wir ihn darum baten, uns zu trainieren. Auch am Grümpelturnier des FC Wattenwil war er dabei und wir Buben als Zuschauer.
Aus Fotos weiss ich, dass Vater Berggänger war. (Fotos von Bachalp bei Grindelwald, Lischanagipfel, ein leicht zugänglicher Dreitausender im Unterengadin). Und er liebte das Skifahren, wovon es auch einige Fotos gibt, einmal vor einer nicht definierbaren Unterkunft, ein ander Mal irgendwo im Engadin. Er wollte uns Kindern das Skifahren ermöglichen, was ich schon weiter oben geschildert habe. Vom Gornergrat gibt es ein Foto von ihm in Uniform, wahrscheinlich in einem Armeeskikurs, der schön aufgereiht mit dem Matterhorn im Hintergrund als Kulisse steht.
Die Armee spielte sicherlich eine wichtige Rolle in Vaters Leben. Er war Feldweibel, leistete lange Zeit Dienst während des Krieges. Es gibt Fotos aus denen ersichtlich ist, dass er an verschiedenen Orten im Dienst war. Im Tessin, im Jura, und in einem Bild ist die Strafanstalt Thorberg im Hintergrund verschwommen zu erkennen, also Krauchthal Kanton Bern. Auch die grosse Allmend in Thun kommt vor. Auf diesen Bildern macht Vater immer einen entspannten, zum Teil aber auch ernsten Eindruck. Ob sie aus der Kriegszeit stammen, kann ich nicht eruieren. Dass wir zeitweise Offiziere im WK beherbergten ist auf diese positive Einstellung der Armee gegenüber zurückzuführen. Die Erwartungshaltung gegenüber meinem Bruder, dass er in der Armee Karriere machen würde, kam wohl auch daher. Er hat sie im Gegensatz zu mir verinnerlicht.
Mein Vater wurde in Karabulach, Georgien, geboren. Sein Vater, Waldemar, wollte auswandern und im damaligen Russland eine Käserei aufbauen, was er denn auch tat. Gemäss der Familienlegende hätte er eigentlich ans Gymnasium sollen, wollte aber unbedingt nicht. Er verkrachte sich mit meinem Urgrossvater, der ursprünglich Lehrer war, aber als Opernsänger im Ausland tätig war. So zog Waldemar die Option Russland, wo gute Arbeit mit einem guten Einkommen winkte und es möglich war zu einem gewissen Wohlstand zu kommen und vor allem selbständig zu sein. In Karabulach lernte Waldemar Bertha Locher kennen, die seine Ehefrau wurde. Sie war schon zweite Generation Auswanderer und war in Alexandersdorf geboren. Mein Vater war der Erstgeborene und er verbrachte die ersten zehn Jahre seines Lebens in Georgien.
Ein Foto, welches in KARS bei einem Fotografen im Studio gemacht wurde, zeigt Vater auf einem aus Bambusrohr gefertigten Sessel mit asymmetrischer Lehne sitzend. Er hält sich mit der Linken an der Armlehne fest und schaut zu jemandem, der rechts von der Kamera platziert sein muss, vielleicht seine Eltern, die stolz auf ihren Erstgeborenen sein müssen. Er ist in ein mit Rüschchen und gehäkelten Bordüren verziertes weisses Kleidchen gekleidet. Das Foto lässt auf einen gewissen Wohlstand seiner Eltern schliessen. Kars lag doch recht weit von Alexandershilf weg, die Reise dorthin und die Herstellung des Fotos müssen einiges gekostet haben.
Die nächste Siedlung war 6 Reitstunden entfernt, man war also auf sich alleine gestellt. Vater erzählte einmal von einem Arztbesuch. Der Arzt kam zu Ross mitten im kalten Winter, sie hörten die Wölfe heulen, der Arzt ritt nach dem Besuch mir einer brennenden Fackel in der Hand davon, um die Wölfe abzuschrecken. Andere Erlebnisse meines Vaters Johann Emil zusammen mit seinem Bruder Roland habe ich indirekt durch eine Kusine, respektive deren Mutter also meiner Tante, erfahren. Sie betreffen natürlich Roland und nur zum Teil meinen Vater. Nur so viel: die Schweizer, die vom Zaren geholt worden waren, um das Land zu entwickeln, waren nicht überall beliebt, denn sie nahmen den Einheimischen das Land, respektive das Futter weg. Andrerseits gaben sie den Tataren Arbeit, denn für die Arbeit im Sommer, für den Heuet, brauchten sie Hunderte Arbeitskräfte, die tagelang mähten, das Gras trockneten und auf den Hof brachten. Die Tataren zogen in Planwagen durchs Land, mähten in die eine Richtung, kehrten um und sammelten auf dem Rückweg das Heu ein und brachten es auf den Gutshof zurück.
Vater und sein jüngerer Bruder waren fasziniert von der Welt der Tataren, vor allem die Pferde hatten es ihnen angetan und sie versuchten, die Reitkünste der Tataren nachzuahmen. Dabei verunfallte Roland als er von hinten in Tataternart auf ein Pferd zu springen versuchte; das Pferd schlug aus und Roland erwischte einen Schlag, der sein rechtes Schienbein zertrümmerte. Grossvater Leander schiente das Bein mit zwei abgesägten Heugabelstielen ein, verabreichte dem Jungen eine Portion Branntwein und ritt zu einem 6 Stunden entfernten Gut. Der Bruch wurde dort von einem blinden Kriegssanitäter, der über einen ausgeprägten Tastsinn verfügte, zusammengeflickt und nach drei Wochen war das Bein geheilt.
Ein Foto aus dieser Zeit zeigt in der Mitte einen grossen Käse, welcher aussieht wie ein riesiger Golddukat. Aus der Grösse kann man schliessen, dass es sich um einen Emmentaler handelt. Um den hochgestellten Käse herum sind neun Männer gruppiert, alle formell gekleidet, d.h. wohl in Sonntagskleidung, und alle mit weissem Hemd und Krawatte. Alle tragen einen Schnauz, keinen Hut oder keine Mütze. Mein Grossvater steht rechts im Bild, schaut wie alle andern direkt in die Kamera, stolz und selbstbewusst hält er seine rechte Hand oben auf den Käse, was ein anderer auf der linken Seite schön symmetrisch mit seiner Linken tut. Ein wichtiges Detail sind die beiden Tataren links und rechts im Bild. Beide tragen eine Bärenfellmütze. Der Linke hat sein Gewehr geschultert und scheint Wache zu stehen, der Rechte sitzt vor dem Käse und hält sein Gewehr so vor sich hin als könnte er es jederzeit hoch heben, in den Anschlag nehmen und jeden Angreifer vertreiben. Ein breiter Patronengurt zieht sich von seiner linken Schulter bis zur rechten Hüfte hinunter. Er ist mit mindestens 30 Schusspatronen bestückt. Man musste sich also schützen, vor möglichen Angriffen, Diebstahl und Gewalt.
Frauen und Kinder sind auf dem Foto keine zu sehen.
Es zeigt auch die Ausrüstung der Käserei. Jeder der Männer, ausser den zwei Vorgenannten, hält einen Gegenstand in der Hand. Leider ist nicht genau zu erkennen, um welchen es sich jeweils handelt; einzig eine sogenannte Harfe, mit welcher man die Käsemasse zerschnitt bevor man sie presste, ist erkennbar. Die Käser bezogen die Ausrüstung aus der Schweiz. Die Kontakte zum Heimatland wurden aufrechterhalten, was sich später als hilfreich erweisen sollte.
Mein Vater kam dann als Zehnjähriger in die Schweiz zurück, weil seine Familie vor den Wirren des Bürgerkrieges nach der Russischen Revolution flüchten musste. Die Familie hatte sich eine neue Heimat erschaffen, war von Karabulach auf einen Hof südwestlich von Tiflis gezogen, den sie Birkenwäldli getauft hatten, nach einem Birkenwald in der Nàhe. Sie wurden von Bolschewiki überfallen und ausgeraubt und zogen deshalb nach Karabulach zu ihren Verwandten zurück. Aber auch dort wurde die Lage unsicher, so dass die Familie mit Bertha und Leander, der inzwischen Waldemar als Familienoberhaupt ersetzt hatte, (Waldemar verstarb 1915 als mein Vater 6 Jahre alt war) in die Schweiz nach Wattenwil zurückzog. Sie hatten die Früchte ihrer jahrelangen Aufbauarbeit vollständig verloren und mussten wieder bei Null anfangen und sich neu integrieren. Grossvater Leander war ein Leben lang darüber verbittert und konnte den Verlust, der auch sozialen Abstieg bedeutete, nie verwinden. Dies könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass er es nie schaffte, meinen Vater zu unterstützen, der ja nur sein 'Stiefsohn' und gleichzeitig sein Neffe war. Wenn ich meinen Vater fragte, ob er noch Russisch sprechen könne, dieselbe Frage stellte ich auch meinem Grossvater , antwortete er mit ein paar Ausdrücken, an die er sich noch schwach erinnern konnte. Grossvater war da schon etwas entschiedener und antwortete in etwas längeren Redewendungen, die ich natürlich nicht verstand. Nur dunkel klang es und sehr fremd.
Die Integration in das dörfliche Leben muss für meinen Vater schwierig gewesen sein. Er wurde zusammen mit seinem Bruder Roland in der Schule als 'Russe' bezeichnet. Heute würde man sagen, sie wurden gemobbt. Bis sie eines Tages beschlossen, zusammen den anderen eine Falle zu stellen und sie zu verprügeln. Danach waren sie akzeptiert.
Mein Vater war streng. Wenn ihm etwas nicht passte, verteilte er Kopfnüsse, wovon ich etliche abbekam. Er konnte auch aufbrausend sein. Er nahm mich einmal zu einem Fussballspiel des FC Thun mit. Er regte sich dabei fürchterlich auf, wenn es einen Fehlentscheid des Schiedsrichters oder einen schlechten Spielzug oder eine verpasste Chance gab. Mir war das peinlich und ich schämte mich für seine aufbrausende Art.
Ich ging höchstens zu ihm, wenn mich mein Bruder ärgerte, aber mein Vater half mir nie, was ich als ungerecht empfand. Ich machte oft Einkäufe für ihn. Er war starker Raucher. Er schickte mich oft zum Kiosk im Dorf, um Zigaretten zu kaufen. Er rauchte Mary Long oder Parisienne gelb beide ohne Filter. Die Raucherei hatte er sich wohl bei seiner Ausbildung im Gastgewerbe angewöhnt. Ich tätigte Einkäufe in der Käserei, bei den drei Bäckereien, beim Metzger oder im Konsum, wie damals Coop noch hiess. Ich brauchte oft Mutters Fahrrad dazu.
Vater war voll und ganz für die Familie da. Es muss eine grosse Belastung gewesen sein. Als ich 7 Jahre alt war, begann Mutter zu arbeiten und Vater übernahm grosse Teile des Haushaltes, d.h. er kochte am Abend, wenn er nach dem langen Arbeitstag nach Hause kam, und auch übers Wochenende. Er bekam grosse gesundheitliche Probleme, die in zwei Herzinfarkten gipfelten. Beim Zweiten verstarb er im 55. Lebensjahr. Der Stress und das Rauchen hatten ihre Arbeit getan. Auch sein Bruder Roland verstarb an einem Herzinfarkt, er wurde nur ein Jahr älter als mein Vater. Eine gewisse genetische Varanlagung scheint vorhanden zu ein. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass der Tod ihres Vaters in Georgien und die sehr herausfordernde Rückreise und Übersiedelung in die Schweiz die beiden sehr belastet hat. Die prekäre Familiensituation nach der Ankunft in der Schweiz, die längere Zeit andauerte, die Familie wohnte in sehr engen Verhältnissen bei der Mutter im Fellerhaus an der Kreuzgasse, tat auch das Ihre. Ein neuerlicher Umzug in das Englizmoos, ein kleiner total vergammelter Hof, den Grossvater Leander neu aufbauen musste, trug sicherlich auch dazu bei.
Und doch kann ich sehen, dass eine Lebensfreude da gewesen sein muss: in einer Foto spielen die drei ältesten Brüder Ländlermusik. Ein Trio: in der Mitte Hans auf einem Schemel sitzend mit Akkordeon, das linke Bein lässig über das rechte Knie geschlagen. Das Akkordeon ist weit auseinander gezogen und Hans scheint gerade zu einem Akkord anzusetzen. Dasselbe liesse sich von Roland auf seiner linken Seite sagen, er steht mit Geige, das rechte Bein leicht angewinkelt, in lockerer Pose und setzt gerade zum Aufstrich an. Mein Vater steht auf Hans' rechter Seite, breitbeinig bläst er Klarinette. Wie es wohl getönt hat? Vater hat leider nie darüber gesprochen. Ich habe die Foto viel später nach seinem Tod gefunden, sonst hätte ich ihn gefragt.
Für ihn war aber klar, dass seine Kinder ein Instrument lernen sollten. Meine ältere Schwester ging in die Klavierstunde, wohin ich sie oft begleitete. Ich hätte eigentlich auch gerne Klavier gelernt, aber offenbar liessen sich meine Eltern vom Musiklehrer in der Sekundarschule überzeugen, dass ich Cello lernen sollte, denn ich hätte grosse Hände. So lernte ich Cello, worüber ich noch später berichten werde. Mein Bruder begann erst mit Klavierunterricht als er das Lehrerseminar besuchte. Meine jüngere Schwester konnte kein Instrument lernen, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen. Vater starb, als es bei ihr darum ging mit einem Instrument zu beginnen.
Vater las viel: Billige Literatur: Edgar Wallace Krimis, Jerry Cotton Geschichten, Western Heftchen, die sehr wenig kosteten. Ich las diese auch, vor allem die Wallace Krimis verschlang ich. Für ihn war das sicher eine gute Ablenkung vom Stress bei der Arbeit und vom Alltag. Für mich waren die Krimis sehr spannend und aufregend.
Die Ehe meiner Eltern
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2.3.
Meine Eltern
– Die Ehe meiner Eltern.
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Konfliktpotenzial war sicher auch vorhanden. Das zeigte sich etwa, wenn Mutter fürchtete, Vater könnte zu lange in die Beiz gehen und zu viel Geld ausgeben, wenn er mit den Hornussern nach einem Auswärtsspiel zurückkam. Offene Streitigkeiten gab es nie, aber auch keine innige Harmonie. Wie schon oben geschildert kam Mutter nie auf Spaziergänge mit, sie blieb lieber zu Hause, was Vater bedauert haben muss, denn er war ja ein Bewegungsmensch.
Im Gegenzug muss Mutter bedauert haben, dass Vater nie in die Kirche ging, mindestens von dem Punkt an, an dem der Dorfpfarrer ihn mit einer Lüge brüskiert hatte. Vater lag wochenlang nach einem Hornusserunfall, in dem er das linke Auge verlor, im Anna Seiler Haus im Inselspital in Bern. Der Pfarrer behauptete, er habe Vater besuchen wollen, aber er habe ihn nicht mehr vorgefunden, er sei wohl schon wieder zu Hause gewesen. was nicht stimmte, denn Vater war immer noch dort. Diese Heuchelei veranlasste Vater mit der Kirche zu brechen.
Der Verlust des linken Auges passierte am eidgenössischen Hornusserfest 1960 in Utzenstorf. Mein Bruder und ich standen vorne beim Bock (die Abschlagvorrichtung) beim Abschlag. Die gegnerische Mannschaft war am Schlagen, die Wattenwiler standen im Feld, um den Nouss 'abzutun'. Einer schlug ab, plötzlich ertönte lautes Geschrei, aber nicht dasjenige, das man gewöhnlich beim Abtun hörte, die Tonlage hatte sich verändert. Es tönte sehr dramatisch, einer war getroffen worden, das Spiel unterbrochen. Onkel Leander kam zu uns und beruhigte uns, es sei nichts Schlimmes passiert, unser Vater sei wohlauf. Genau diese Worte lösten bei mir eine dunkle Vorahnung aus. Die Schutzbehauptung wirkte nur so lange bis wir zu Hause waren. Mein Bruder und ich waren nach Hause gebracht worden und wir warteten mit Mutter zusammen auf Vater. Doch er kam nicht. Es wurde Mutter sehr bange. Schliesslich erschien Onkel Leander auf seinem Militärvelo. Er erklärte uns, dass Vater vom Nouss getroffen worden sei, am linken Auge, er liege im Inselspital in Bern. Er versuchte die ganze Situation herunterzutemperieren. Unsere Mutter war sehr niedergeschlagen und sie wusste nicht, wie es weitergehen würde.
Einige Zeit später, wohl nachdem die Heilung schon etwas fortgeschritten war, besuchten wir Vater in der Insel. Onkel Erwin brachte uns in seinem schmucken Citroen dorthin. Als Vater wieder zu Hause war, musste er immer wieder sein Glasauge, das er nach einiger Zeit erhielt, aus der Augenhöhle herausnehmen und die leere Augenhöhle zeigen. Wir befingerten dann das Glasauge und staunten ob der perfekten Nachahmung der Form und der Farbe. Die leere Augenhöhle war uns ein bisschen unheimlich. Wenn Vater das Glasauge nicht trug, trug er einen Patch wie ein Pirat.
Die Gesundheit meiner Eltern war ein Dauerthema. Vor der Konfirmation meines Bruders erlitt Vater einen Herzinfarkt. Wie stark sein Herz durch den Schock, den er beim Verlust des Auges und bei der anschliessenden Behandlung (es wurde ihm Opium als Schmerzmittel verabreicht, von dem er wieder entwöhnt werden musste) geschädigt wurde, liess sich nicht abschätzen. Wir besuchten ihn nach der Kirche im Spital. Die Behandlung eines Infarktes war, von heute aus gesehen, völlig falsch, aber man wusste es damals nicht besser. Es hiess Vater müsse während einer bestimmten Zeit im Bett sich ausruhen, er dürfe auf keinen Fall Anstrengungen unternehmen, bis sich das Herz erholt habe. So sehe ich ihn noch heute in diesem Spitalbett liegen, gut eingepackt und mit sorgenvollem Gesicht, die Konfirmationsgesellschaft um das Bett herumstehend. Er wurde angehalten, jeden Tag ein Gläschen Whisky zu trinken, das erweitere die Arterien und mindere das Risiko auf einen neuerlichen Herzinfarkt. Ich sehe die Whiskyflaschen vor mir, Black&White, auf der Etikette ein schwarzer und ein weisser Scotty. Zu jeder Flasche gab es ein Plastikfigürchen, entweder einen weissen oder schwarzen Scotty zum Sammeln.
Aufgrund der Erkrankung beschlossen meine Eltern, unser Haus zu verkaufen und nach Thun zu ziehen, damit sich der Arbeitsweg Vaters verkürze und er nicht die Anstrengung des Pendelns auf sich nehmen müsse. Nach dem Umzug im Frühjahr 1964 starb Vater an einem Herzinfarkt am 5. September, nur einige Monate später. Die Behandlung, respektive die Nichtbehandlung, hatte versagt.
Auch Mutter litt lange Zeit an einer Krankheit. Sie verspürte immer wieder grosse Schmerzen beim Wasserlösen und die Ärzte konnten nicht herausfinden, was das Problem war. Etliche Röntgenaufnahmen konnten nichts finden, bis eines Tages jemand auf die Idee kam, Mutter stehend zu röntgen. Da stellte sich heraus, dass sich eine Niere aus ihrer Befestigung gelöst hatte und runtergefallen war, es war eine sogenannte Wanderniere. Mutter wurde operiert und die Niere in ein Nylonnetz gehängt. Monatelange Rekonvaleszenz und Kur auf dem Beatenbeg hoch über dem Thunersee. Ein ander Mal verursachte ein Arzt durch einen Fehlgriff bei Mutter eine Lungenembolie, was auch einen längeren Spitalaufenthalt zur Folge hatte. Wenigstens stand der Arzt zu seinem Fehler, so dass die Eltern nicht noch zusätzliche Kosten zu tragen hatten.
Trotz dieser gesundheitlichen Sorgen spielte sich das Familienleben ruhig ab. Wir Kinder waren im Haushalt eingespannt, wir halfen beim Kochen, Abwaschen, beim Heizen (im Winter Kohle im Kohlekeller holen und Einheizen am Morgen früh), beim Putzen. Diese Arbeiten wurden noch mehr als Mutter zu arbeiten begann. Bei mir führte dies offensichtlich zu einer gewissen Anspannung. Eines Nachts oder besser gesagt eines sehr frühen Morgens, das ganze Haus schlief noch, stand ich in der Finsternis auf, schlafwandlerisch begab ich mich in die Küche und begann einzuheizen, bis die Eltern ob der Geschäftigkeit erwachten und mich ins Bett zurück brachten.
Ich glaube nicht, dass meine Eltern humorlos waren, obwohl ich mich nicht an humorvolle Momente erinnere. Die Atmosphäre war immer von Ernsthaftigkeit geprägt. Nur wenn unsere älteren Stauffercousins vorbeikamen oder wenn Götti Leo da war, wurde es lustig. Es wurde gescherzt und gelacht. Und wenn ich Fotos mit meinem Vater oder mit meiner Mutter, die vor ihrer Heirat gemacht wurden, anschaue, sehe ich einen lachenden, öfters allerdings einen ernst dreinschauenden Vater und eine fröhliche Mutter. Nur einmal, es muss an einem ersten August gewesen sein, finde ich Mutter und Vater zusammen auf einem Bild. Sie sitzen auf der Eingangstreppe vor Mutters Elternhaus und strahlen gemeinsam um die Wette. Ich sitze zu Mutters Rechten, meine jüngere Schwester Rahel sitzt auf Vaters Schoss. Vater guckt sie liebevoll von hinten an.
Ich kann mich nicht erinnern, je als Kind Taschengeld erhalten zu haben. Es gab an Weihnachten Lebkuchen mit Fünflibern drauf. Die legten wir in ein Sparkässeli der Kantonalbank. Das Geld wurde später auf die Bank gebracht und im Sparheft eingetragen.
Ich suchte nach Verdienstmöglichkeiten, um meine Sucht nach Süssigkeiten zu befriedigen.
Eine Einnahmequelle war meine Tante Margrit, die im Büro des örtlichen Notars arbeitete. Ich besuchte sie oft und fragte, ob ich Erledigungen für sie machen könne. Meistens stimmte sie zu und ich erhielt nach getaner Arbeit ein 10- oder 20-Rappen Stück, das ich beim Kiosk in Täfeli oder anderes Schleckzeug umsetzte. Als ich dann in der ersten Klasse bei Röthenmunds regelmässig zu Mittagstisch sass, gab es auch da Gelegenheit zu Geld zu kommen. Ich mähte den Rasen bei ihnen und erhielt fünfzig Rappen dafür, oder ich füllte Säcke mit Sägemehl und Abfallholz aus der Sägerei in grosse Säcke, wofür ich pro Sack 20 Rappen erhielt. (Röthemunds hatten eine Holzheizung, die mit Sägereiabfällen gefüttert wurde.)
Ich war auch ein Dieb und stahl Geld aus meinem Kässeli, indem ich mit einem Messer den Zackenverschluss so manipulierte, dass die Münzen herauskullerten. Immerhin war ich schlau genug, das Kässeli nicht vollständig zu leeren, damit die Eltern es nicht merkten.
Ich war auch geschickt im Tauschhandel mit Münzen. Einmal verhandelte ich offenbar so schlau mit dem Sohn das Dorfpolizisten, dass dessen Vater am Abend bei meinen Eltern vorbeikam und das Geld seines Sohnes zurückforderte. Kleinlaut musste ich den Profit aus dem Tauschhandel zurückgeben. Wie eingangs dieser Biografie erwähnt war ich geldgierig und erhielt so den Übernamen Donald Duck, was eigentlich nicht richtig war, denn der Millionär war ja Dagobert.
Über Sexualität wurde in unserer Familie nicht gesprochen. Ich begann schon sehr früh mit mir selber zu spielen, ohne bewusst Selbstbefriedigung zu suchen. Ich hatte keine sogenannten 'wet dreams', aber ich ergoss mich schon beim Spielen. Als die Eltern merkten, dass auch mein Bruder sich für das Thema zu interessierte, drückten sie uns eine Aufklärungsschrift in die Hand, die vor allerhand Dingen warnte, aber nicht wirklich aufklärte. In der Zeit bei Röthemunds kam es vor, dass wir Jungs gemeinsam duschten (die Röthenmunds waren wohl die ersten und damals einzigen, die über eine Dusche verfügten, die sogar mit mehreren Duschköpfen ausgestattet war) und dann die Grösse unserer Schnäbelis verglichen. Das war alles ganz harmlos.
In der dritten oder vierten Klasse erlebte ich dann einen tiefen Schock zu diesem Thema. Ich traf mich mit einer Schulkameradin und wir erforschten uns gegenseitig. In völliger Unschuld stillten wir unsere Neugier über das andere Geschlecht. Bei einer dieser Gelegenheiten hinter dem Dreschschopf wurden wir von Soldaten überrascht und zutiefst erschreckt. Wir waren so vertieft, dass wir gar nicht bemerkten, dass da andere Leute zugegen waren. Die Nachricht von diesen Spielen erreichte unsere Klassenlehrerin, die uns dann vor der ganzen Klasse blossstellte. Wir mussten beide aufstehen und mitanhören, was wir Übles und Schreckliches getan hätten. Ich erinnere mich an kein einziges Wort mehr, nur daran, dass ich da stand und am liebsten im Boden versunken wäre. Alle meine Sinne hatten sich völlig ausgeschaltet.
Das Thema Sexualität interessierte mich aber weiter. Ich schaute gern die Reklamen für weibliche Unterwäsche und BHs an, die im 'Stern', den meine Mutter abonniert hatte, an, und auch die entsprechenden Seiten in den Katalogen (Versandhaus Achermann zum Beispiel), die regelmässig ins Haus flatterten. In der Pubertät wurden die Kataloge dann durch Sexhefte ersetzt. Das Thema war noch lange tabu, bis die ersten Aufklärungsfilme in den Kinos auftauchten. Oswald Kolles 'Die Frau das unbekannte Wesen' sah ich mit meiner älteren Schwester, die dann begann die Pille zu nehmen, was Diskussionen auslöste, die allerdings immer mit einem moralischen Mahnfinger und Warnungen endeten. Eine richtige Aufklärung gab es nach wie vor nicht. Hier spielte mein Stiefvater eine Rolle, die durch seinen katholischen Hintergrund geprägt war, und die gut zur puritanischen Haltung meiner Mutter passte. So spielte sich Sexualität im Geheimen mit Schuldgefühlen ab. Diese wurden später durch den Konfirmandenunterricht noch verstärkt. Der Pfarrer warnte uns, Selbstbefriedigung sei eine Sünde, so dass ich ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich sogar an einem Sonntag meine Lust befriedigte.
Die Heuchelei meines Stiefvaters entdeckte ich eines Tages per Zufall. Ich fand heraus, dass er sich auch Sexheftli anschaute wie 'Praliné' oder 'Schlüsselloch'. Natürlich konnte ich nicht mit ihm darüber reden, denn ich war ja selbst befangen.
Nun muss ich auf den Tod meines Vaters zurückkommen. Wegen seines Gesundheitszustands waren wir wie weiter oben schon geschildert nach Thun gezügelt.
Vor dem Umzug besuchten wir die eben erst fertiggestellte Wohnung am Arvenweg 8 in Thun Dürrenast. Es war eine Vierzimmerwohnung mit Elternschlafzimmer, Wohnzimmer und zwei kleineren Zimmern im ersten Stock eines zweigeschossigen Wohnblocks mit 4 Parteien. In der andern symmetrischen Hälfte des Blocks wohnten ebenfalls 4 Parteien mit separatem Eingang. Durch einen unterirdischen Gang konnte man von der einen in die andere Hälfte des Blocks gelangen. Als wir in der Wohnung ankamen, unser Onkel Erwin hatte uns dorthin chauffiert, fiel uns der neue Fernseher im sonst leeren Wohnzimmer auf. Darauf freuten wir uns. Wir müssten dann nicht immer bei den Nachbarn fragen, ob wir bei ihnen fernsehen dürften. Den Geruch der Neuheit habe ich noch heute in der Nase und er ist heute bei neu erstellten Wohnugen immer noch gleich. Es roch nach frisch verlegten Tapeten, die noch nicht ganz fertig getrocknet waren, und nach frisch gestrichenen Wänden und scharfen Putzmitteln. Bald würden wir hier einziehen.
Ich hatte bei der Besichtigung ein eigenartig mulmiges Gefühl. Ich fühlte eine Fremdheit und eine Leere, die durch die Wohnung widerspiegelt wurde. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein würde hier zu wohnen. Als wir dann einzogen und die Wohnung sich mit unseren Dingen füllte, zu denen auch neue kamen, verschwand das Gefühl ein wenig, ging aber nie ganz weg. Diese Gefühle durchlebte ich dann in viel stärkerem Ausmass, als wir aus unserem Haus in Wattenwil auszogen. Wir Kinder oder wenigstens ich, das weiss ich nicht mehr so genau, halfen beim Ausräumen des Hauses und Beladen des Zügelwagens mit, sogar mit einem gewissen Eifer, doch auf einmal war das Haus vollkommen leer, ich stand erstarrt da und wollte in das Haus zurückgehen und einen letzten Blick hineinwerfen. Es war nicht so, dass ich mir sagte, ich will jetzt noch einen letzten Blick hineinwerfen, wie man so schön zu sagen pflegt, sondern es war das was ich spürte: das ist wohl das letzte Mal, dass ich in diesem Haus bin. Und eigentlich habe ich nie Abschied genommen von diesem Haus. Das wird mir jetzt bewusst. Ich bin zwar ein paar Mal dorthin zurückgekehrt in grossen zeitlichen Abständen, aber betreten habe ich es nie mehr. So bleiben mir bis heute diese letzten Blicke in das leere Wohnzimmer, den leeren Gang und auf die leere Treppe, die sonst immer mit einem Teppich belegt gewesen war.
Schliesslich kam noch unsere Katze angerannt, die wir wegen der neuen Wohnung, in der keine Haustiere erlaubt waren, zurücklassen mussten. Wir waren darüber sehr traurig und wir machten uns Sorgen, wie wohl die neuen Besitzer mit ihr umgehen würden. Wir waren auch sicher, dass uns die Katze sehr vermissen würde ebenso wie wir sie. Wir hatten oft mit ihr gespielt, besonders als sie Junge hatte. Für die Kätzchen, die sie mehrmals gebar, hatte sie die unmöglichsten Verstecke gefunden: ein Mal im Wäschekorb, ein ander Mal in einem Kleiderschrank, wo wir sie erst etwas später vorfanden, verraten durch ihr Piepsen und Miauen. Meine ältere Schwester und ich bauten Häuser für die Kätzchen aus Harassen und versuchten, ihnen Zimmer zuzuweisen, was nie klappte. Wir fütterten sie mit Milch, die wir mit Wasser gestreckt hatten. Wir versuchten sie zu erziehen, was ihre Mutter viel effizienter tat, indem sie sie kurzerhand beim Schopf packte und an den Ort hinbrachte, wo sie hingehören sollten, meistens das Nest, das wir für sie vorbereitet hatten.
Vor der Katze hatten wir eine deutsche Schäferhündin besessen, die auch einmal Welpen gebar, mit denen wir tagelang spielen konnten. Als unser Nachbar ebenfalls einen Schäferhund anschaffte, einen Rüden. drehte unsere Asta, die wir tagsüber alleine lassen mussten, als alle zur Schule gingen und beide Eltern arbeiteten, durch und zerriss die Vorhänge in der Küche. Sie litt so sehr unter der Situation, dass wir sie weggeben mussten, was uns Kinder sehr traurig machte. Dies war auch ein Puzzleteil, das dafür sorgte, das den Nachbarn bei uns unbeliebt machte.
Der Abschied von unsere Katze, wie sie miauend über den Gartenweg herangerannt kam, geriet zum Symbol für meinen Abschied vom Haus. Es war eine Trennung, gekennzeichnet von Trauer, Wehmut, vermischt mit Unsicherheit über die Zukunft.
Nun waren wir in der neuen Wohnung, der Wohnung, in der mein Vater sterben sollte. Doch ich merke, dass ich noch nicht bereit bin über seinen Tod zu schreiben, den ich hautnah miterlebt habe. Zuerst muss ich noch einmal in unser Haus und unser Dorf zurückkehren, über die es noch viel zu erzählen gibt.
Ich habe weiter oben schon berichtet, wie wir die Gewitter beobachteten, die aus dem Gürbeloch kommend ostwärts Richtung Thun oder Emmental zogen. Mutter hatte uns schon erzählt wie gefährlich die Gürbe war, denn sie hatte es in ihrem Elternhaus selber erlebt, das direkt an der Gürbe lag. Die Werkstatt ihres Vaters wurde überschwemmt. Das passierte Jahrzehnte später auch meinem Onkel, der den Betrieb von ihm übernommen hatte. Onkel Ernst ertrank dabei fast in den Fluten. Er konnte ganz knapp gerettet werden, erlitt Schäden an Lunge und Hirn, die ihn für den Rest seines Lebens in den Rollstuhl zwangen und seiner Selbständigekeit beraubten. Wenn sich ein Gewitter im Gürbeloch entlud, rannten wir zur Gürbebrügg hinunter, um zu beobachten wie der 'Anschutz' den Fluss hinunter kam. Eine braune Brühe kam daher wie eine rasende zwei bis drei Meter hohe Wand mit Grollen, denn sie war durchmischt mit Felsen, Geröll, viel Kleinholz und mächtigen Baumstämmen. Das Spektakel sorgte für viel Aufregung und wir genossen es.
Eines Sonntags wurden wir dann selber Opfer eines Unwetters, das sich oberhalb unseres Dorfes entlud. Danach war das halbe Dorf verwüstet. Vor unserem Haus floss ein Bächlein durch, das beidseits mit allerlei Gehölz und Gebüsch eingerahmt war. Ein grosser Nussbaum direkt gegenüber unserem Haus war das Wahrzeichen dieses Hölzchens, das sich vom Weiher am untersten Ende das Bächlein entlang bis fast hoch zu Hännis, unseren übernächsten Nachbarn erstreckte. Es war der schönste Spielplatz überhaupt. Wir spielten oft dort. Man konnte mit Wasser spielen, aus Zweigen Hütten bauen, Verstecken spielen, wenn es belaubt war. Doch eines Tages wurden wir diese Spielplatzes beraubt. Bagger fuhren auf, das Wäldchen wurde zerstört und das Bächlein in eine offene Röhre gezwängt. Das Wasser floss jetzt sehr schnell ab und das Einzige, das wir tun konnten war noch hin und her darüber springen. Stauseeli gab es nicht mehr und auch die Frösche, Lurche und Krebse verschwanden.
Wir hatten noch nicht lange im Haus gewohnt, als das Bächlein saniert wurde. Der Rasen vor dem Haus war frisch und Vater hatte auf der oberen Seite des Hauses einen Garten frisch angelegt mit mehreren Beeten, die er mit Setzlingen bepflanzte. Den ganzen Samstag hatte er mit unserer Unterstützung im Garten gearbeitet und er blickte zufrieden auf sein Werk. Doch am Sonntag Nachmittag kam das Unheil über uns. Ein riesiges Gewitter entlud sich im Grundbach, der ein paar Hundert Meter oberhalb unseres Hauses liegt. Die Wassermassen rasten ohne durch Hindernisse aufgehalten zu werden die neue offene Röhre hinunter, traten über den Rand und deckten das umliegende Land und vor allem unseren gerade fertiggestellten Garten vollständig mit Geröll und Schlamm zu. Das war das Ende von Vaters Bemühungen um einen Gemüsegarten. Während des Gewitters hielten wir uns furchtsam im Haus auf und hofften, dass der Blitz nicht einschlagen würde. Es blitzte ununterbrochen und donnerte gewaltig. Auf einmal floss Wasser, das irgendwo im Dach eingedrungen war, auf der einen Seite des Kamins hinunter, genau auf der Seite, wo der Lichtschalter angebracht war. Das Wasser floss da hinein löste einen Kurzschluss aus, es funkte und schmürzelete, so dass wir ohne Strom waren und in der Finsternis, die die Blitze und das Donnergrollen noch furchteinflössender machte, ausharren mussten.
Bevor wir uns in das Haus gerettet hatten, war noch ein Unfall passiert, der uns die Gefährlichkeit des reissenden Bachs und des Gewitters bewusst machte und die Eltern dazu veranlasste, uns in das Haus zurückzubeordern. Denn anfänglich war es noch spannend, dem Gewitter und dem Anschwellen des Bächleins zuzuschauen. Ein Nachbarjunge, der Bub des Predigers oder Missionars, wie wir ihn nannten, und zu dem wir in die Sonntagsschule gingen, versuchte wie ein Stabhochspringer den Bach zu überqueren, in dem er den Rechen, den er bei sich hatte, in den Bach steckte, sich daran festhielt, um mit Schwung durch den Rechen gestützt hinüberzufliegen. Wir Kinder hatten dies schon oft gemacht, es war eines der wenigen Spiele, die uns nach der Bachsanierung übriggeblieben waren. Nur dies Mal war die Kraft des Wassers so gewaltig, dass sie den Rechen mitriss, der Junge fiel hinein und verschwand in den Fluten. Wir rannten hinten nach und schrien wie verrückt um Hilfe. Unser Nachbar Däppen rannte aus dem Haus zum Weiher hinunter, sprang hinein, verschwand selber einen Moment in der braunen Brühe und fischte den Buben heraus. Eine wahrhaft heldenhafte Tat, für die er verdientermassen die Lebensrettermedaille erhielt. Der Bub überlebte und hatte Zeit seines Lebens ein grosses Loch in seinem Knie.
Ein anderes Hagelgewitter ist mir in Erinnerung geblieben. Unser Zimmerherr hatte sein Auto auf dem Strässchen vor dem Haus stehen, als sich der Hagel mit Lärm ankündigte. Die Hagelkörner waren fast eiergross und erzeugten Knalle auf dem Dach und blechernes Scheppern auf dem Autodach. Herr Mollet und Vater stürzten mit Wolldecken aus dem Haus, um das Auto schützten. Nur Vater wurde eben auch getroffen und erlitt eine Platzwunde am Kopf, die stark blutete. Weil Vater ein Glatzkopf war, sah es schlimm aus.
Wie unser Bächlein vor der Sanierung war auch die Gürbe ein beliebter Spielplatz. Im Sommer badeten wir bei den Schwellen und sassen oder lagen im Kiesbett. Die Sonne brannte erbarmungslos und zerstörte unsere Haut. Die Abkühlung im Wasser war immer willkommen. Wirklich schwimmen konnte man nicht, nur im Wasser stehen und gelegentlich den Kopf eintauchen und Wasserschlachten veranstalten waren möglich. Im Winter war der Fluss gefroren und wir konnten Hockey spielen und schlittschuhlaufen. Wir besassen keine Schlittschuhe, sondern Kufen, die wir an die Schuhe schrauben konnten. Ich musste mich mit Holzböden begnügen, die allerdings ausgezeichnet auf dem Eis glitten. Mit Christoph Röthenmund ging ich manchmal fischen, denn es gab damals noch viele Forellen. Ich sah dem Fischen skeptisch zu. Warum einen Fisch fangen, ihn entweder ins Wasser zurückwerfen, wenn er zu klein war, oder ihn töten? Es schien mir sinnlos und es reizte mich nie mit der Fischerei anzufangen. Auch langweilte ich mich dabei. Im Sommer war es an gewissen Stellen möglich, Krebse zu beobachten und zu fangen.
Manchmal verfärbte sich die Gürbe rot, wenn eine der beiden Metzgereien im Dorf schlacheteten und die Abfälle einfach in den Fluss gespült wurden. Später kam die Verschmutzung durch die Verzinkerei dazu, so dass die Gürbe allmählich verarmte. Auch eine chemische Reinigung trug das Ihre bei.
Nicht der Fluss selber, sondern das sogenannte Gürbegrien war auch ein wichtiger Ort für uns. Mit unseren Fahrrädern veranstalteten wir Rennen, ahmten dabei das Motocross nach, das alljährlich in der Gemeinde stattfand. Wir rüsteten unsere Velos auf, indem wir Kartonstücke mit Wäscheklammern zwischen die Speichen montierten, das daraus entstehende Rattern hielten wir für den Motorenlärm unserer Töffs.Wir steckten eine Strecke ab, die zwischen den Büschen und Bäumen hindurchführte und Kieshügel rauf und runter ging und sogar Sprünge beinhaltete. Es war zwar kein Rundrennen wie das richtige Motocross, aber wir massen die Zeit, in der wir die Strecke zurücklegten und addierten nach jedem Lauf die Rangpunkte. Der Gewinner war nach einer bestimmten Anzahl Läufe derjenige mit der niedrigsten Punktzahl. Die Zeit massen wir mit einer Stoppuhr. Beim Start senkte der Starter eine Fahne, eine Schweizer Fahne, der Zielrichter setzte die Uhr in Bewegung und als der Fahrer die Ziellinie überquerte, stoppte er sie und notierte die Zeit auf einer Liste. Jeder hatte ein Startgeld von 10 oder 20 Rappen bezahlt, das weiss ich nicht mehr so genau. Mit dem Geld kaufte Jürg Messmer, der das ganze Verfahren erdacht hatte, kleine Preise, die am Schluss bei einer Siegerehrung verteilt wurden.
Das Gürbegrien war auch der Ort, wo die Hornusser ihren Austragungsort eingerichtet hatten. Auf einer Foto, in der mein Vater gerade für seinen Bruder Leander einen Nouss auf dem Bock platziert, sehe ich, dass der Platz vorher auf einer Wiese lag, die wahrscheinlich einem Bauern gehörte und erst nach dem ersten Schnitt im Frühsommer spielbar war. An einem Samstagnachmittag machten sich die Hornusser auf, um einen Platz im Gürbegrien zu schaffen. Sie rückten aus mit Beil, Sägen, Schaufeln und Hacken und rodeten ein gehöriges Stück Land. Bäume, Büsche, Tannen, junge und alte wurden umgemacht und verbrannt. Grosse Rauchschwaden trieben durch die Luft. Grosse Felsbrocken wurden beiseite geschafft und Kies wurde planiert. Am Ende des Tages lag eine lange Schneise vor uns, die den neuen Hornusserplatz bildete. Ein abschliessbare Baracke zur Lagerung des Materials wurde aufgestellt sowie ein Unterstand zum Schutz vor Hitze oder Regen.
Wir sollten viele Sonntagnachmittage, die ich schon weiter oben geschildert habe, dort verbringen.
Wenn ich dadurch auch nicht zum Hornussen kam, so entdeckte ich dort eine meiner athletischen Fähigkeiten. Im Turnunterricht in der Sekundarschule führte uns der Lehrer an frühen Sommermorgen trabend (heute würden wir sagen: joggend) in das Gürbegrien. (Buben hatten von den Mädchen getrennten Turnunterricht.) Ich rieche den frischen Morgenduft bei aufgehender Sonne. Das Knirschen des Kieses unter unseren einfachen Turnschuhen höre ich und spüre, wie der Morgentau meine Turnschuhe und meine Fussgelenke netzt.
Im Gürbegrien wurden wir dann in einer Reihe aufgestellt und durch nummeriert. Nun mussten wir zum Sprint antreten, immer zwei gegeneinander, im Cupsystem. Die geraden Nummern waren unter sich und die ungeraden auch. Der Sieger auf jeder Seite kam immer eine Runde weiter und traf auf den Sieger eines anderen Duells, bis am Schluss die beiden Sieger der jeweiligen Seite übrig waren. Der Final war dann immer Bänz gegen mich und ich gewann immer knapp. Die Ausgeschiedenen mussten zuschauen. So entdeckte ich meine Schnelligkeit, die mir Freude machte. Ich liebte das direkte Duell 'Mann gegen Mann'. Wenn ich am Fernseher Leichtathletik gucke, ist mir der Sprint über hundert Meter am liebsten. Da gibt jede und jeder alles und die /der Beste gewinnt ohne Fremdeinwirkung. Noch heute, wenn ich renne, spüre ich in meinem Körper die totale Anspannung bei gleichzeitiger Lockerheit; es fühlt sich an als ob ich flöge: So sollte Freiheit sein.
Mit Wohnorten sind auch immer Menschen verbunden. Welche Erinnerungen hast du an Nachbarn und Kameraden aus der Nachbarschaft?
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3.
Wohnen
Mit Wohnorten sind auch immer Menschen verbunden. Welche Erinnerungen hast du an Nachbarn und Kameraden aus der Nachbarschaft?
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Das Dorfzentrum befindet sich noch heute bei diesen zwei Abzweigungen. Mettlen bleibt etwas südlich gelegen das Nebenzentrum, obwohl es auch stark gewachsen ist.
Dazu gibt es noch zwei wichtige andere Verbindungen. Die eine führt vom Dorfbrunnen in Richtung Süden in die Post- und danach in die Fröschgasse. Letztere führt an unserem Haus im Bodenacker vorbei mehr oder weniger parallel zur Blumensteinstrasse ins Gmeis, das gleich neben der Mettlen liegt. Die andere hauptsächliche Verbindung führt beim Dorfbrunnen von der Burgisteinstrasse geradeaus hoch in die Grundbachstrasse, die zwischen Kirche und altem Schulhaus vorbeigeht und nach der Kirche sich in einer scharfen Linkskurve Richtung Grundbach wendet. Von hier aus geht es weiter hoch Richtung Grunigelgebiet.
Es gab damals noch viele Geschäfte, daneben viele Bauernbetriebe, Wattenwil war eigentlich ein Bauerndorf wie seine Nachbardörfer auch. Die Bauern wachten streng darüber, dass wir Kinder ihr Gras nicht zertrampelten, es war verboten, sich im hohen Gras aufzuhalten. Manchmal taten wir es trotzdem. Wenn wir erwischt wurden, setzte es eine Ohrfeige ab, aber das geschah selten.
Der am nächsten gelegene Hof an der Fröschgasse hatte einen 'Muni'. Es wurde gemunkelt, dass er sehr gefährlich sei und einmal jemanden getötet hatte. Wenn er aus dem Stall geführt wurde, um eine trächtige Kuh zu decken, breitete sich die Nachricht wie Lauffeuer unter uns Kindern aus. Wir rannten zur kleinen Weide, die gleich neben dem Stall lag und mit einem massiven Lattenzaun eingehegt war, kletterten auf den Zaun und guckten zu, wie der Muni die Kuh besprang. Die meisten von uns verstanden nicht genau, was sich da abspielte, aber unsere Ehrfurcht vor dem Spektakel war gross. Einige Jungs wussten schon mehr und machten Anspielungen und blöde Bemerkungen, die wir nicht einordnen konnten, uns aber zum Nachdenken brachten.
Gleich gegenüber stand der Kolonialwarenladen von Gerbers. Hier machten wir die meisten unserer Einkäufe. Frau und Herr Gerber waren immer sehr freundlich und nett zu uns Kindern. Wenn ich mein Schleckzeug nicht am Kiosk bei Frau Messmer kaufte, dann dort. Neben Gerbers wohnte der Schuhmacher Bähler. Im Parterre waren der Laden mit grossem Schaufenster und die Werkstatt. Die Wohnung, zu der eine Treppe auf der Rückseite des Hauses führte, lag im ersten Stock. Wir kannten jeden Tritt, denn wir gingen sehr oft, immer am Dienstagabend zu Bähler, um den Krimi zu schauen. Schuhmacher Bähler gegenüber stand ein recht herrschaftliches Haus mit grossem Umschwung. Darin befand sich das Notariat Kunz, wo meine Tante Margrit im Büro arbeitete. Von ihr erhielt ich nach kleinen Besorgungen die Batzen, die ich dann bei Gerbers oder Frau Messmer in Süssigkeiten umsetzte.
In diesem Haus spielten wir Jungs vom Dorf oft auf dem Dachboden, der sehr gross und hoch war. Der jüngere Sohn von Kunzes, Hanspeter oder 'Häisu', wie wir ihn nannten, hatte dort einmal eine Hochsprunganlage eingerichtet, mit Messpfosten, Latte und einer alten Matratze als Landegrube. Wir wollten natürlich herausfinden, wer am höchsten springen konnte und führten richtige Leichtahtletik Meetings durch.
Von Kunzes Haus führt die Vorgasse zur Kirche und zum alten Schulhaus hoch. Auf der linken Strassenseite eine Gärtnerei. Nach Beerdigungen und später dem Abräumen der frischen Gräber warfen die Leute die verwelkten Kränze auf einen Komposthaufen. Ich ging dorthin, schälte das aus Stroh geflochtene Kranzgerüst heraus und brachte es vom Friedhof zur Gärtnerei. Der Gärtner gab mir dann ein 50-Rappenstück dafür, das ich in Süssigkeiten umsetzte. Ich ging gern im Nachbarhaus des Gärtners zu einem Mädchen, das in der gleiche Klasse war. Wir sassen nebeneinander auf dem Bett ihres Zimmers und genossen still die Zweisamkeit, ohne dass wir gewusst hätten, was miteinander anzufangen.
Gleich an der Kreuzung zur Grundbachstrasse, an der die Kirche und das Schulhaus liegen, gab es einen Uhrmacher, der unsere Wanduhr und die Armbanduhr meines Vaters reparierte. Die Wanduhr war für Mutter sehr wichtig. Sie schlug zu jeder halben und vollen Stunde mit ihren hellen Glöcklein, die mir noch heute im Ohr klingen. Die Uhr ist nun im Besitz meiner Schwester in Norwegen; wenn ich mit ihr telefoniere, höre ich manchmal das Klingeln im Hintergrund. Die Armbanduhr meines Vaters ist in meinem Besitz. Ich lieh sie mir einmal von Vater aus, als ich herausfinden wollte, wie schnell ich einen Kilometer laufen konnte. Vom Anfang unseres Strässchens bildeten Fröschgasse, Postgasse und Blumensteinstrasse einen Kreis von ziemlich genau einem Kilometer. Ich lief so schnell ich konnte, guckte immer wieder auf die Uhr, war aber leider nicht so schnell wie ich gehofft hatte. Die Uhr ist schon lange kaputt und läuft nicht mehr, eine Reparatur ist gar nicht möglich oder lohnt sich nicht, aber ich behalte sie trotzdem.
Die Kirche und das alte Schulhaus betrat ich nicht oft. Ich kann mich nicht einmal an die Konfirmation meines Bruders oder die Abdankung von Grossvater Leander erinnern. In der Sekundarschule hielten wir einmal eine Stunde in der Kirche ab. Der Zeichnungslehrer führte uns dorthin und die Aufgabe war, die Sprüche in Zierschrift, die an den Wänden angebracht waren, möglichst detailgetreu abzuzeichnen. An die Bibelzitate mag ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an die Schrift, die modern und elegant in einem schönen Fluss rings um die Kirchenwände wanderte.
Jahrzehnte später besuchte ich die Kirche. Die Schrift war immer noch da. Neu war die New Age Musik, die auf einer Endlosschlaufe in einem Kassettengerät abgespielt wurde, das auf einem Tischlein mit brennenden Duftkerzen und entsprechendem New Age Krims Krams und kitschigen Engelchen stand.
Das alte Schulhaus gegenüber der Kirche betrat ich ein einziges Mal in meinem Leben, anlässlich der Sekundarschulprüfung, die alle Viertklässler machen mussten. Es war sehr finster darin. Wir schrieben unsere Antworten mit Stahlfedern, die wir in die in den Pulten eingelassenen Tintenfässer tauchten und mit einem Lappen putzten. Mit Löschpapier mussten wir das Geschriebene abtrocknen. Ich war weder nervös noch angespannt wegen der Prüfung, sie war einfach Teil des Lebens. Wir mussten Rechenaufgaben lösen und ein Diktat schreiben, vielleicht gehörten auch andere Aufgaben dazu, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Natürlich wollten dann alle wissen, wer es in die Sekundarschule geschafft hatte und wer nicht, und auf die sogenannt 'Dummen' schauten wir schon ein bisschen herab. Sie durften nicht wie wir ins nigelnagelneue Sekundarschulhaus einziehen, sondern mussten im alten Primarschulhaus, in dem wir die erste bis vierte Klasse absolviert hatten, bleiben.
Unterhalb des Schulhauses an der Grundbachstrasse wohnten Bählers. Meine älteren Geschwister waren mit deren Kindern befreundet, denn sie gingen mit ihnen zur Schule . Mein Bruder ging bei Bählers zum Mittagstisch, als unsere Eltern beide arbeiteten. Bei der Einbiegung der Grundbachstrasse in die Burgisteinstrasse befand sich der Lebens-mittelladen der Grossmutter meines besten Schulkameraden von der ersten bis zur dritten Klasse, Liechti Jürg. Wir spielten viel zusammen, meistens in der Gärtnerei Liechti und manchmal halfen wir auch bei verschiedenen Arbeiten.
Eines Tages spielten Jürg und ich hinter Liechtigrossmutters Laden. Wir hatten Strohmatten, die zum Beschatten der Frühsaat in den Couchen gebraucht wurden, aus der Gärtnerei über die Strasse hinter Grossmutters Haus geschleppt und ein Strohhaus eingerichtet, in dem wir Verkäuferlis spielten. Irgendwie waren wir an Zigaretten gekommen und versuchten sie anzuzünden. Da kam Jürgs Grossmutter dazu. Sie brachte uns dicke Zigarren und ermunterte uns, sie anzuzünden und sagte, als sie zu qualmen begannen: "Und jetzt tief einziehen!", was wir befolgten. Uns beiden wurde kotzübel und wir rührten Zigaretten und Zigarren nie mehr an.
Neben Grossmuters Laden lag die Käserei. Vater schickte mich oft hierhin, um Milch und Käse zu holen, wobei er nie zufrieden war mit der Qualität des Käses, er musste als Käserssohn schliesslich wissen, was guter Käse ist. "Den guten Käse exportieren sie und den schlechten verkaufen sie uns!" murrte er. Die Käsemilch wurde mit allerlei Fuhrwerk, von Pferden oder sogar von Hunden gezogen, hergebracht. Die kleineren Bauern brachten sie in so genannten 'Brännten', die sie am Rücken trugen. Ich schaute oft beim Wägen zu und wie der Käser das Gewicht bei jedem Bauern auf einer schwarzen Wandtafel in die entsprechende Spalte eintrug, so dass jeder sehen konnte, ob es stimmte. Aus diesem Verfahren entstand ein gewisser Konkurrenzdruck (wer hat denn am meisten hergebracht?) aber auch eine gegenseitige Kontrolle.
Neben der Käserei stand die Metzgerei. Wenn es überhaupt welches gab, kauften wir hier Fleisch: Würstchen (Wienerli, Cervelat) oder Aufschnitt. Vater bereitete oft Innereien vor, die erschwinglich waren (Kutteln, Nierli, Lunge oder Herz). Nur manchmal am Sonntag oder wenn wir Besuch hatten, gab es ein besseres Stück Fleisch wie Entrecôte oder einen Braten. Da Vater gelernter Koch war, wusste er alles schmackhaft zuzubereiten.
Oft verbrachte ich Nachmittage damit, beim Schlachten in der Metzgerei zuzuschauen, wie die Tiere mit einem Bolzen getötet, ausgeblutet, aufgeschnitten und dann zerteilt wurden. Ich sah, wie der Blick der Tiere erstarrte und leer wurde. Schon beinahe bevor die letzten Zuckungen aufgehört hatten, schnitt der Metzger den Bauch des Schafes, des Kalbes oder der Kuh auf, die Gedärme quillten heraus und platschten auf den kalten Boden, von dem Dampf aufstieg. Der Metzger schob die Masse beiseite, spülte das Blut in einen Abfluss hinunter und begann mit der Zerlegung des Tieres. Ich empfand nichts dabei, der ganze Vorgang schien normal und war Teil meiner Welt.
Gegenüber der Metzgerei an der Postgasse stand ein grosses Gebäude, das in der linken Ecke einen Kiosk beherbergte, der von Frau Messmer betrieben wurde. Daneben das Hauptgeschäft mit zwei grossen Schaufenstern, in denen die Haushalt- und Eisenwaren präsentiert wurden. Hier kaufte ich die Weihnachtsgeschenke für Mutter, einmal zum Beispiel einen schönen farbigen Keramikteller. Frau Messmer wohnte in einer Wohnung im ersten Stock zusammen mit ihrem Sohn Jürg, der mein Hauptspielgefährte ab der vierten oder fünften Klasse wurde und der auch sonst viele Aktivitäten von uns Buben im Dorf initiierte. Ich mochte Frau Messmer, sie gefiel mir, sie war immer nett. Manchmal hörten wir schlechte Dinge über sie, sie habe ein Verhältnis mit dem Metzger gegenüber. Ich wusste nicht genau, was das war. Erst später als Jürg ein kleine Geschwisterchen bekam, ahnte ich, was das heissen könnte. Wir Kinder wussten auch nicht, ob Frau Messmer verheiratet, verwitwet oder geschieden war, niemand wollte es uns sagen. Als alleinlebende Frau war sie Gegenstand vieler Spekulationen.
Mitten auf der Kreuzung, wo sich Grundbachstrasse und Postgasse kreuzen, stand ein Brunnen unter einer Linde. Hier veranstalteten wir Schifflirennen.Wir schnitten ein trockenes Stück Holz in eine Länge von etwa 10 Centimetern, legten sie am Ende des Brunnens ins Wasser und bliesen die Schiffchen ans andere Ende. Die Anstrengung vom Blasen liess mich schwindlig werden, ich hyperventilierte beinahe und der Brunnen drehte sich manchmal im Kreis.
Das Gässchen, das am Kiosk vorbeiführte, ging zur Gärtnerei Liechti hinunter. Ich verbrachte viel Zeit bei Liechtis, zusammen mit Jürg. Wir spielten zum Beispiel Don Quijote und Sancho Pansa. Wir hatten ein Bilderbuch gefunden, das die Geschichte erzählte. Vater und Mutter Liechti waren gute Gastgeber und sie sahen mich gern und nahmen mich liebevoll auf. Auch ihr Arbeiter, ein italienischer 'Fremdarbeiter', Toto, war immer sehr nett zu mir. Er hatte den Namen Toto bekommen, weil er am Wochenende immer Fussballtoto spielte. Er war wettverrückt.
Ich half manchmal in der Gärtnerei bei den Arbeiten. Im Frühjahr beim Holzspalten, im Herbst beim Umschichten des Komposts oder bei Arbeiten im Gewächshaus, dessen feuchten Geruch ich sehr liebte. Im Frühsommer deckten wir die Saatbeete mit Strohmatten ab, um die spriessenden Setzlinge vor der Sonne zu schützen. Davor hatten wir die Couchen mit duftender dampfender Erde gefüllt. Diese Komposterde wurde mit einem Dampfofen sterilisiert. Toto heizte ein, durch einen Schlauch gelangte Dampf zu einer Art metallenem Gitterbrett, aus dem er entwich, ähnlich wie bei einem Dampfbügeleisen. Das Brett wurde eine Zeitlang auf die Erde in den Beeten gelegt, die so von Schädlingen und unwillkommenen Samen von Unkräutern befreit wurde.
Der Dampfofen wurde eines Tages beinahe zu meinem Verhängnis. Er war ein grosser, hoher Zylinder aus verzinktem Eisen, sehr schwer. Zum Transport von einer Couche zur andern waren daran zwei eiserne Räder angebracht. Wegen des riesigen Gewichts brauchte es jeweils mehre Leute, um ihn zu verschieben. Dies geschah auf langen Holzbrettern, damit er nicht im weichen Erdreich steckenblieb. Der Tag, an dem das Unglück passierte, war feucht und regnerisch. Entsprechend glitschig waren die Holzbretter. Gerade als wir den Ofen an einem hohen Stapel Glasscheiben vorbeirollten, kam der Ofen ins Rutschen und kippte zur Seite. Toto rief: "Lasst los, rennt zur Seite!" Nur ich wollte reflexartig den Ofen vor dem Umstürzen bewahren und versuchte mit all meiner Kraft den Ofen zu halten. Zum Glück hatten wir den Ofen nicht ganz auf die gleiche Höhe wie den Scheibenstapel geschoben. Als der Ofen umkippte, rammte er meine linke Hand genau auf den Holzrahmen der obersten Scheibe und zerquetschte meinen linken Daumen. Hätte ich die Hand etwas höher am Ofen gehalten und wäre ich einen Schritt weiter vorne gestanden, hätte mir der Ofen die Hand und den Arm durch das Glas gedrückt und mich zwischen Stapel und Ofen zerdrückt. Wie ich aus dieser misslichen Lage mit eingeklemmtem Daumen befreit wurde, weiss ich nicht mehr, wohl vor Schmerz. Ich sass auf einmal in Liechtis Wohnzimmer, Frau Liechti telefonierte mit dem Spital und eine der älteren erwachsenen Töchter kümmerte sich um mich und brachte mich ins Spital. Dort empfing mich Oberschwester Madeleine.
Hier ging die Qual weiter. Zuerst entfernte sie den Daumennagel mit einer Pinzette. Das Nagelbett schmerzte durch den Luftkontakt und als sie versuchte, den Daumen zu röntgen, fiel ihr aus Versehen das Röntgenröhrchen aus der Halterung genau auf das blosse Nagelbett. Dieser Schmerz ist noch heute in meinem Körper gespeichert und ich kann mich genau an ihn erinnern. Ich kriegte dann einen dicken Verband, den ich mehrere Wochen tragen musste.
Bis heute hat mich der linke Daumen immer wieder beschäftigt. Lange Zeit war er kein Problem, aber auf einmal fing der Nagel an stark zu wuchern, wurde immer dicker und wuchs zur Seite, so dass ich ihn immer wieder mit einem scharfen Messer zurechtstutzen musste, Vor ein paar Jahren entschloss ich mich dann zu einem Handchirurgen zu gehen, um den Nagel so zurechtzuschneiden, dass er keine Probleme mehr bereitet.
In Liechtis Gärtnerei konnten wir Giele uns aber auch austoben. Im Feuerwehrteich, der auch als Wassereservoir für das Giessen diente, konnten wir im Sommer baden. Mit Luftgewehren schossen wir auf Spatzen. Wir spielten Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer. Dazu hatten wir Käpslipistolen und Cowboyhüte. Indianer Kopfschmuck mit Federn, Äxte und Friedenspfeifen gehörten auch dazu. So verfolgten und jagten wir uns gegenseitig in der Gärtnerei herum.
Wenn ich heute ein Gewächshaus oder im zoologischen Garten ein Tropenhaus betrete und den Duft und die Feuchtigkeit einatme, bin ich sofort bei Liechtis in der Gärtnerei und die Erlebnisse dort tauchen in meinem Geist auf.
Liechti Jürg schaffte es nicht in die Sekundarschule und so wurde Messmer Jürgu mein wichtigster Spielkamerad. Liechti Jürg übernahm die Gärtnerei seines Vaters. Jetzt existiert sie nicht mehr, das Areal ist mit Wohnungen überbaut. Als mich mein Bruder zum siebzigsten Geburtstag nach Wattenwil einlud, um Erinnerungen aufzufrischen, ging ich bei Jürg vorbei, aber er erkannte mich nicht mehr und hatte keine Ahnung, dass wir in der Schulzeit oft zusammen gespielt hatten.
So komme ich nun zu diesem anderen Jürg. Messmer Jürg war etwas älter als ich. Er hatte immer tolle Ideen, was wir tun könnten. Das war nicht auf uns zwei beschränkt, sondern auf das ganze Dorf. Die beste Erinnerung, die nur uns zwei betrifft, ist Folgende: Wir gingen zu Röthenmunds in die Sägerei und fischten dort dünne Holzplatten aus dem Abfallholz, das wir zurecht sägten. Daraus nagelten wir ein richtiges Fussballstadion zusammen, ringsum Tribünen mit Stufen von ganz unten bis etwa zehn Stufen hoch, etwa so wie wir es im Wankdorfstadion gesehen hatten. Unten legten wir den Rasen aus, der aus der Spielfläche aus Plastik aus dem Tipp-Kickspiel bestand. Es sah ziemlich echt aus. Dazu kamen die Tore und die Plastikfigürchen und der sechs-eckige schwarzweisse Ball.
Mit dieser Ausrüstung spielten Jürg und ich Fussballturniere ganze Nachmittage lang. Oder eine Nationalliga-A Meisterschaft mit Hin- und Rückrunde. Alle Resultate wurden aufgeschrieben und am Schluss eine Tabeller erstellt und eine Siegerehrung abgehalten. YB war meine Lieblingsmannschaft. Zur gleichen Zeit tauschten wir die Bildchen von Fussballern, welche wir beim Kauf von Kaugummis erwarben.
So dominierte Fussball eine Zeitlang unser Leben. Im Sommer waren wir denn auch fast täglich auf dem Fussballplatz des FC Wattenwil anzutreffen. Dieser war der Treffpunkt für viele Buben im Dorf. Meistens mussten wir nicht einmal abmachen, sondern wir trafen uns einfach im Dorf, es war immer jemand da, der mit auf den Fussballplatz kam. Meistens spielten wir das Fünfminutenspiel, weil wir oft nicht genug Buben waren, um zwei Mannschaften zu stellen. Wir nannten es 'Fünfminütele' Das hiess, eine Mannschaft spielte Angriff, die andere Verteidigung. Nach fünf Minuten wurden die Seiten gewechselt, und so weiter und so fort. Die Tore wurden wurden nach jeder Runde aufaddiert und am Schluss gab es einen Gewinner.
Als ich zehnjährig war, begann meine Begeisterung für den Fussball. Eines Tages wurden mehrere Jungs, darunter auch mein Cousin Werner und Messmer Jürg, in einen VW-Bus gepackt und nach Bern gefahren, ins Wankdorfstadion. Wir wurden Zeugen eines denkwürdigen Matchs, Young Boys gegen Lausanne Sports. Wir durften auf der Tribüne sitzen und bei Flutlicht die uns von den Fussballbildchen oder vom Fernsehen vertrauten Grössen, wie Geni Meier, Heinz Schneiter, Eli Tachella und Richard Dürr bestaunen. Zur Pause führte YB 1:0. Doch danach spielte nur noch Lausanne und YB verlor. Unser Begleiter, der später auch unser Coach wurde, beschloss beim Stande von 1:5 das Stadion zu verlassen, den Jubel über das 1:6 hörten wir draussen und wollten schnell ins Stadion zurückrennen, weil wir hofften YB habe doch noch ein Tor erzielt, aber da war es schon zu spät, das Spiel war schon vorbei. Spät abends kehrten wir enttäuscht nach Hause zurück.
Bei Fischers, unseren Nachbarn, die lange als Einzige einen Fernseher besassen, hatte ich schon den Englischen Cupfinal gesehen. Es war das Jahr in dem Tottenham Hotspur das Double gewann. Danny Blanchflower war Captain der Mannschaft und er war mein Held. Wir Jungs waren auch Fans der Schweizer Nationalmannschaft und wir wollten alle Fussballer werden und in der Nationalmannschaft spielen. Wir stellten unsere eigenen Nationaltrikots her (zu kaufen gab es damals noch keine), indem wir mit Farbstiften ein Schweizer Kreuz auf die Brust weisser T-Shirts malten. T-Shirts wurden gerade Mode. Wir kauften Bazooka Kaugummis wie wild, denn mit zehn Bazooka Umschlägen erhielt man gratis ein Bazooka T-Shirt. Das war dann auch unser Team-Trikot, in dem wir an der informellen Meisterschaft spielten, die Messmer Jürg erfunden hatte.
Jürg war mit dem Velo unterwegs und kontaktierte die Jungs in den Nachbardörfern, ob sie bereit seien, eine Mannschaft zu bilden und in einer Meisterschaft mit Hin- und Rückrunde mitzumachen. Schliesslich waren Seftigen, Thierachern und Blumenstein dabei, mit Wattenwil im ganzen 4 Teams. (Vielleicht war Uetendorf auch dabei, das weiss ich nicht mehr genau.) Bei jedem Match war ein Spieler eines fremden Teams Schiedsrichter. Alle sassen auf ihre Velos, um zu den Auswärtsspielen anzureisen. Jeder hatte ein kleines Startgeld bezahlt, so dass eine Summe zusammenkam, die genügte, um einen kleinen Pokal zu erwerben und ihn am Ender der Meisterschaft der Siegermannschaft zu überreichen. Dies geschah auf dem Fussballplatz in Wattenwil. Wer Meister wurde, weiss ich nicht mehr.
Einmal spielten wir auch Cup, wie im richtigen Fussball. An einem einzigen Tag wurden auf dem Sportplatz in Blumenstein alle Partien ausgelost und gespielt bis zum grossen Final, den wir Wattenwiler gewannen. Darauf waren wir sehr stolz.
Jürg organisierte im Übrigen auch Skirennen auf Gras! Ich weiss nicht mehr, ob dies im Frühjahr geschah oder im Herbst, ich vermute eher Frühjahr, nachdem der letzte Schnee geschmolzen war und das Gras noch nicht zu spriessen begonnen hatte. Dies lief ähnlich ab, wie die Motocross im Gürbegrien. Es wurde eine Strecke ausgesteckt mit Haselstecken, zuoberst am Hang stand der Starter mit der Fahne, am Ziel der Zeitmesser, der auf das Fahnezeichen hin die Stoppuhr in Gang setzte. Es gab drei Disziplinen: Abfahrt, Riesenslalom und Slalom. Wir rannten den Abhang hinunter, zwischen den Stecken mit weissen Fähnchen hindurch, so schnell wir konnten. Dann gab es eine Rangliste für jedes Rennen und derjenige mit der niedrigsten Gesamtpunktzahl war der Sieger. Auch hier Startgeld und Siegerehrung mit Preisen.
Bei diesen Rennen war ich sehr geschickt und ich war immer in den vordersten Rängen, obwohl ich einer der Jüngsten war. Bis heute haben meine Füsse und Beine gespeichert, wie es ist, sich auf steilem unebenen Gelände zu bewegen und runterzurasseln. Ich liebe es noch immer, wenn ich am Wandern bin, sei es in hügeligem Gebiet oder im Gebirge.
Einmal fuhr die Tour de Suisse durchs Gürbetal. Wir fuhren mit unseren Velos (die meisten ohne Übersetzung, ein Dreigang-Velo war schon Luxus) nach Mühlethurnen und in den Gurnigel hinauf, um die Tour zu verfolgen. Wir kauften und sammelten die Bildchen (Paninis) der Stars wie Hugo Koblet und Ferdi Kübler. All dies war Inspiration für Jürg Messmer, unter uns eine Tour de Suisse zu veranstalten. Dies ging so: beim ersten Treffpunkt machten wir ab, wo das Ziel der ersten Etappe sein sollte. Zum Beispiel vom Dorfbrunnen vor der alten Käserei bis zum Dittligsee bei Forst. Dort vereinbarten wir den nächsten Zielpunkt und so weiter bis wir wieder beim Dorfbrunnen ankamen. Da wir die Zeiten nicht stoppen konnten, gab es nach jeder Etappe Rangpunkte, und der Gesamtsieger war derjenige mit den wenigsten Punkten.
Da ich einer der Jüngsten war und mit Mutters Velo einen schweren Apparat zu fahren hatte, musste ich auf eine List zurückgreifen, um einmal eine Etappe zu gewinnen. Das Ziel war in dieser Ettape die Blumensteinbrücke zwischen Blumenstein und Wattenwil. Ich war mit Messmer Jürg alleine vorne, ich hatte mich an sein Hinterrad geklebt. Kurz vor der Brücke täuschte ich die totale Erschöpfung vor, obwohl ich noch Reserven hatte. Jürg war sich sicher, dass er die Etappe gewinnen würde, er hatte die meisten vorher schon gewonnen, Da legte ich wenige hundert Meter vor dem Ziel plötzlich los und überraschte Jürg, der mich nicht mehr einholen konnte. Es war fast wie in einem richtigen Rennen.
Doch zurück zum Fussball. Mein Cousin Werner und ich spielten Nachmittage lang auf dem Fussballplatz. Einer von uns stand im Tor, der andere schoss aufs Tor. Das war aber nur aus einer gewissen Distanz erlaubt, so dass der Goalie eine Abwehrchance hatte. Wir spielten dann ungefähr acht Jahre in der gleichen Mannschaft des FC Wattenwil. Zuerst natürlich bei den Junioren B, dann A und schliesslich mit achtzehn Jahren in der Drittliga Mannschaft, d.h. in der ersten Mannschaft. Wir spielten beide in der Verteidigung. Werner als Libero, eine Position , die damals 'in' war, und ich als Manndecker. Wir harmonierten gut. Ich war sehr schnell und deshalb immer schnell am Ball, vor dem gegnerischen Stürmer, und wenn es einmal nicht klappte, war dann Werner zur Stelle. Wir waren auch Freistossspezialisten und gingen abwechslungsweise nach vorne, wenn es einen Freistoss für uns vor dem gegenerischen Strafraum gab. Wir waren so gut, dass wir immer mehr Zuschauer hatten als die erste Mannschaft, in der wir später spielten.
Einmal schlugen wir sogar die Junioren von YB 1:0. Das kam so: Werner war frech und vorlaut und er gab vor dem Match die Taktik durch, die wir spielen sollten. Wir wussten, dass erstens die Stadtjungs uns physisch überlegen sein würden, sie waren alle einen Kopf grösser als wir Landeier, und zweitens fussballerisch viel besser. So lautete die Taktik: wir spielen mit zwei Liberos, Werner rechts und ich links, davor eine Fünferkette und drei Mann im Sturm.
So machten wir unseren Strafraum dicht. Wir konnten uns auch auf einen guten auf der Linie sehr reflexschnellen Goalie verlassen (Garo Beat oder 'Bädu') und auf einen schnellen Stürmer, Winkler Bänz. Sobald wir in Ballbesitz kämen, würden wir einen langen Ball auf ihn spielen und er würde versuchen, den aufgerückten Bernern zu entwischen, um den Ball zu versenken. Für den Fall, dass dies nicht klappen würde und YB ein Tor erzielte, hatten wir vor dem Match mit dem Schiedsrichter gesprochen, der Oberländer war.
"Gäll, Schiri, wir sind alle Oberländer, wir halten zusammen, wenn wir die Arme hochreissen, dann pfeifst du Offside."
Letztere Situation kam gleich zu Beginn des Spiels einmal vor, die Young Boys erzielten ein reguläres Tor, aber Vetter und ich rissen die Arme hoch und der Schiedsrichter pfiff Offside. Das frustrierte die Stadtjungs derart, dass sie aus dem Konzept gerieten und eigentlich während des ganzen Spiels nie mehr brandgefährlich wurden. Wir aber zogen unsere Taktik kosequent durch, und siehe da, genau wie wir es geplant hatten, erlief Bänz einen unseren langen Bälle und versorgte ihn im gegenerischen Tor. Der Jubel unter uns und bei den zahlreichen Zuschauern auf dem Gürbedamm war gross.
In einem der nächsten Spiele hatten wir es mit einem noch viel stärkeren Gegner zu tun, dem FC Bern, und erst noch auswärts, so dass wir den Vorteil des holprigen, unebenen und mit recht grossem Gefälle versehenen Platzes (der Höhenunterschied zwischen den Toren betrug etwa zweieinhalb Meter!) nicht ausnützen konnten. Die Junioren des FC Bern hatten bisher alle Matches, auch gegen YB, zweistellig und zu null gewonnen.
Wir beschlossen, in Bern die gleiche Taktik wie zu Hause gegen YB anzuwenden. Wir waren sehr stolz darauf, dass wir nur 0:5 verloren.
Diese Resultate führten dazu, dass eines Tages die Scouts des Bernischen Fussball-verbandes in Wattenwil auftauchten und Werner und mich zu einem Selektionstreffen einluden. Wir kamen dann beide nicht weiter, weil wir doch nicht so gut waren. Darauf folgte immerhin das Aufgebot für die erste Mannschaft, die in der Drittliga spielte. Ich spielte dann etwa 10 Spiele und beschloss, mit Fussball aufzuhören, denn es gefiel mir nicht bei den Männern. Es wurde geschubst und geboxt und gestöckelt('dräckelet' wie wir sagten), wenn der Schiedsrichter nicht hinschaute, und ich war physisch zu wenig weit entwickelt, um dagegen halten zu können, was ich sowieso nicht getan hätte, weil es mir die Freude am Spiel verdarb. Werner hingegen setzte seine Karriere noch einige Jahre fort und wurde später Schiedsrichter.
Fussball war die Tätigkeit, die mich nach dem Wegzug nach Thun noch emotional mit Wattenwil und meinen Kollegen verband. Ich fuhr ein Mal, später sogar zwei Mal, in der Woche mit dem Fahrrad nach Wattenwil und zurück, dazwischen jeweils anderthalb Stunden Training. So behielt ich noch lange den Kontakt, aber mit der Zeit beschlich mich das Gefühl, dass ich auch hier nicht mehr richtig dazugehörte. Als ich dann mit dem Fussball aufhörte, brach der Kontakt für längere Zeit ab.
Oft fuhr ich spät nachts die zehn Kilometer nach Thun zurück und bei jedem Wetter. Als ich dann in der ersten Mannschaft spielte, nahm mich unser Spielertrainer mit, der im Nachbarblock wohnte. Das hatte den Nachteil, dass die Männer nach dem Training manchmal beim Teamkollegen in Seftigen anhielten, um noch eine Runde Poker oder Jass zu spielen bei einem oder mehreren Gläsern Whisky, bis sie besoffen waren. Und sie rauchten auch wie richtige Männer es damals taten. Meistens schlief ich daneben ein und musste vor der Heimfahrt aufgeweckt werden. So kam ich dann sehr spät, repektive früh ins Bett.
Die emotionale Bindung zu Wattenwil war sehr wichtig für mich, denn nach dem Umzug war ich in der Schule am Progymnasium Thun ein Aussenseiter, ich gehörte nirgendwo hin und war anfänglich isoliert. Ich redete anders als der Rest der Klasse, mit breitem Akzent, über den die andern sich lustig machten. Ich vermisste unser Haus, den täglichen Kontakt mit meinen Schulkollegen, insbesondere mit Werner, meinem Cousin, und mit Bänz, den ich oft in Blumenstein besucht hatte. Ich vermisste auch die Freiheiten, die wir Kinder im Dorf geniessen konnten. Auf einmal steckten wir in einer Wohnung, in der wir leise sein mussten, in einem Block, wo uns strenge Regeln auferlegt wurden: ihr dürft dieses und jenes nicht, sonst... Ich hatte ein Gefühl der Enge, das mich beklemmte.
Dieses Gefühl der Entwurzelung verstärkte sich enorm als Vater starb. Die erhoffte Entlastung durch den Umzug nach Thun trat nicht ein. Vater starb in der Nacht vom Freitag, 4. September auf Samstag, den 5. September 1964 in seinem 55. Lebennsjahr. Ich war dreizehn Jahre alt.
Vater war an diesem Freitag zu Hause geblieben, wahrscheinlich, weil er sich nicht wohl fühlte. Wir, d.h. er und Mutter und ich, (ich weiss nicht mehr, ob eine meiner Schwestern auch dabei war) unternahmen einen Spaziergang durch das Quartier. Am Kiosk in der Nähe der Bahnunterführung in Dürrenast kaufte mir Vater aus freien Stücken etwas Süsses, was aussergewöhnlich war, denn normalerweise bettelte ich darum, bis ich es bekam. Dieses Mal lief es ganz harmonisch ab und Vater war ganz lieb zu mir. Er muss das nahende Ende gespürt haben.
Mutter hatte mich darauf vorbereitet, was zu tun sei, falls Vater wieder eine Herzattacke erleiden würde. Seit Monaten hatte sie nach dem Umzug von Wattenwil bei der PTT darauf gedrängt, dass wir so rasch als möglich einen Telefonanschluss bekommen sollten, damit wir im Notfall möglichst rasch einen Arzt rufen konnten. Die einzigen im Block, die einen Anschluss hatten, waren der Hauswart und seine Familie. Familie Aebi wohnte in der anderen Hälfte des Blocks, dessen symmetrische Anordnung ich schon weiter oben geschildert habe. Um zu ihnen zu gelangen, musste ich das Gebäude im Parterre verlassen, dem Trottoir entlang gehen und am andern Eingang läuten, damit ich sie wecken konnte.
Die unterirdische Verbingung zwischen den Blockhälften war meistens geschlossen.
In jener Nacht erlitt Vater eine tödliche Herzattacke. Er war aufgestanden, Mutter schrie in Panik. Ich schlief im Nebenzimmer, wurde durch das Schreien von Mutter geweckt. Dann hörte ich einen dumpfen Aufprall, wie wenn ein sehr schwerer Gegenstand zu Boden fiele. Mutter schrie noch mehr, nach mir:"Anton lauf zu den Nachbarn, klingle sie heraus, sie sollen den Arzt rufen, lauf!" Dies tat ich. Ich rannte in extremer Panik und extremem Terror die Treppe hinunter, aus dem Haus, durch die Finsternis der Nacht der Strasse entlang zum benachbarten Hauseingang und klingelte wie verrückt, bis Frau Aebi zum Fenster herausschaute und ich ihr sagen konnte, sie solle den Arzt rufen. Als dieser endlich eintraf, konnte er nur noch den Tod Vaters feststellen.
Mutter rief mich und meine Schwestern zusammen und wir verbrachten den Morgen in meiner Schwestern Zimmer, ich mit Rebekka in ihrem Bett und Mutter mit Rahel in deren Bett. Wir waren geschockt und wussten nicht, was reden. Mutter seufzte, war sonst stumm. (Mein Bruder war nicht zu Hause, er war am Seminar in Langenthal und hatte dort ein Zimmer und kam manchmal nur übers Wochenende nach Hause.)Wir warteten auf den Bestatter und bald kam Onkel Leander vorbei oder sonst jemand von der Familie, das weiss ich nicht mehr genau.
Ausser dem Schock empfand ich nichts, ich war sprachlos und schämte mich für den Gedanken, dass ich nun wohl nicht an die Kadettentage nach Burgdorf gehen konnte, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich wäre doch einer der Favoriten für den Gesamtsieg in der Leichtathletik gewesen.
Ich sah Vater nie wieder. Ich wollte nicht zur Aufbahrung gehen, sie machte mir Angst. Auch als wir kurz vor der Beerdigung auf dem Friedhof vor der Aufbahrungshalle herumstanden, fragte mich Onkel Leo, ob ich noch Vater sehen wolle, bevor er in das Grab gelegt würde. Ich wollte das nicht. Ich war immer noch zu geschockt, um mit der Tatsache des Todes umzugehen. Ich wusste nicht was der Tod war, obwohl ich doch beim Töten beim Metzger oft zugeschaut hatte. So empfand ich nichts und ich spürte keine Trauer. Dass Vater nun nicht mehr da sein würde, war noch nicht in mein Bewusstsein gedrungen.
Dieses einschneidende Erlebnis veränderte mein, unser, Leben grundlegend.
Doch muss ich vorerst noch einmal zurück ins Dorf, denn hier gibt es noch viel zu erzählen. Nebst der Gärtnerei gab es viele Gewerbebetriebe, die vor allem der Landwirtschaft zudienten. Gegenüber der Gärtnerei, auf der andern Strassenseite war der Hufschmied, Loretan, der mit Vater auch Hornussen spielte. Ich schaute ihm oft beim Behufen der Pferde zu, wie er zuerst die Hufe beschnitt, mit Hammer und Messer, wie er das neue Hufeisen zum Glühen brachte, es auf dem Amboss auf die richtige Grösse zurechthämmerte, in kaltes Wasser tauchte, auf das Huf auflegte und mit Rossnägeln, die er mit einem grossen Hammer in das Huf hinein trieb, fixierte. Bei dieser Arbeit entstand eine Klangwelt, die vom dumpfen Holzhammerschlag auf das Messer, über den hellen, metallenen, lange nachhallenden Klang von Eisen auf Eisen bis zum Zischen des eingetauchten glühenden Eisens ins kalte Wasser reichte. Funken sprühten, Dämpfe und Rauchwolken stiegen auf und verpesteten die Luft mit dem Gestank verbrannter lebendiger Masse. Loretan war ein Hüne, einer der grössten Männer im Dorf. In seinem braunen Lederschurz und mit Hammer und Zange in der Hand hätte er ganz gut in der griechischen oder germanischen Mythologie einen Platz gefunden.
In seiner Nähe wohnte Aebi, der Kaminfeger. Auch er war beim Hornussen dabei. Im Gegensatz zu Loretan war er klein, trug stets eine Schirmmütze, die seine Glatze vor der Sonne schützte. Er besass einen Döschwo, dessen Dach er zurückrollen konnte, um seine langen Kaminfegerbürsten zu transportieren, die scheinbar sinnlos den blauen Himmel putzten, wenn er an uns vorbeifuhr. An Sonntagen allerdings transportierte er die langen Hornusserstecken, die meterhoch aus dem Dach hervorguckten und durch die Fahrt in Schwingung versetzt wurden. Ich sass oft neben Aebi im Döschwo und blickte durch das offene Dach zum Himmel, in dem die Schlagköpfe ('Rääf' wie wir sie nannten) auf- und abtanzten.
An der Kreuzung Burgistein-, Blumensteinstrasse gab es eine zweite Schmitte, die von Garo betrieben wurde. Er war eher zuständig für Reparaturen an Landmaschinen. 'Bädu', sein Sohn war unser Goalie, ein Jahr jünger als ich und behäbig wie sein Vater. Hier stand auch der 'Bären', der Schauplatz vieler Erinnerungen ist.
Als wir nach Thun zogen und unser Haus geleert und verlassen hatten, kehrten wir ein letztes Mal dort ein. Die Eltern luden die Zügelmänner zum Mittagessen ein, ich verstand nicht warum. Wir hatten doch nie auswärts gegessen und die Beiz war mir fremd, so fremd wie mir unser Haus erschien, als ich einen letzten Blick in die leeren Räume geworfen hatte. Und ich sah vor meinem inneren Auge unser miauendes Büsi, was mich traurig
machte.
Im 'Bären' fand auch Tante Margrits Hochzeitsfest statt. Im Saal auf der gegenüberliegenden Strassenseite, im ersten Stock, gab es das Festmahl und eine Band mit damals modischem Namen spielte zum Tanz auf. Wir Kinder durften aufbleiben bis wir so müde waren, dass uns jemand in einem grossen Studebaker, der extra für Kinder gemachte Höcker hinter der ersten Sitzreihe hatte, rückwärts gewandt, nach Hause brachte. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich nicht die Kleider meines Bruders austragen, sondern wir vier erhielten zur Hochzeit schöne neue Kleider, paarweise identisch gestaltet.
Am schönsten war die Postautofahrt nach der Kirche gewesen. Wir konnten durch die offenen Fenster und das offene Dach schauen, denn es war ein strahlender Frühsommertag, und dem Horn des Postauos zuhören, dessen Klang besonders in der Enge bei der Simmenfluh von den Flühen freudig widerhallte.
Wenn ich heute die Hochzeitsfotos angucke, denke ich, 'welch schönes Paar', die Margrit und der Erwin, 'welch schöne Braut, welch schöner Bräutigam!' Man wähnt sich fast in Hollywood! Das Foto der fünf Geschwister: Eleganz, kein kleinbürgerlicher Anstrich, sondern eher gutbürgerliche Aspiration. Meine Mutter strahlt am schönsten der fünf Geschwister, sie stand Margrit wohl am nächsten. Auch auf anderen Fotos, sei es bei Nussbaums im Heuet oder bei ihren Eltern auf der Treppe am 1.August strahlt sie Freude aus. In meiner Erinnerung sehe ich sie seltsamerweise nie so strahlend. Ob es wohl damit zusammenhängt, dass ich sie nach dem Tod meines Vaters sehr sorgenvoll erlebt habe und diese Erinnerung alle andern überdeckt?
Die Ehe zwischen Margrit und Erwin scheiterte. Margrit wurde alkoholabhängig und wurde immer wieder in Heime eingeliefert, letztlich verstarb sie in einem solchen im Alter von 92 Jahren. Meine Mutter hatte noch eine gewisse Zeitlang Kontakt mit ihr, schickte ihr immer wieder Pakete mit Geschenken, aber als sie eines Tages von einem Heim die Aufforderung erhielt, sie solle Margrit kein 'Eau de Cologne' mehr schicken, da Margrit es trinke, brach der Kontakt wohl ab. Jahrzehnte lang wusste keiner von uns, wo Margrit sich eigentlich aufhielt und ob sie überhaupt noch lebte, sie war buchstäblich vom Erdboden verschwunden. Erst als sie starb, kontaktierte uns das Sozialamt und wir erfuhren, wo sie sich all die Zeit aufgehalten hatte. Ihr Erbe mussten wir ausschlagen, weil es überschuldet war.
Erwin war Berufsoffizier, genau genommen Instruktor/Unteroffizier in der Schweizer Armee. Er war eine Lebemann, prahlte mit seiner Vergangenheit in Deutschland, zeigte uns Narben auf seinem Rücken, die er in Kriegsgefangenschaft bekommen habe. Er erzählte uns von den Sandkastenspielen, die sie in der Armee betrieben. Ich mochte ihn. Er war immer sehr freundlich, lieb. Er duftete immer gepflegt, war immer gut gekleidet, auch wenn er nicht in seiner eleganten Berufsuniform steckte. Im Gegensatz zu Vater rauchte er Filterzigaretten und auf vornehme Art und Weise. Das zeigte sich am neuartigen runden Aschenbecher, den er uns bei einem unserer Besuche mit Stolz vorführte. Er drückte die Zigarette aus, drückte einen senkrecht in der Mitte platzierten Hebel herunter, worauf sich der Deckel des Aschenbechers wie eine Fotolinse öffnete und der Stummel auf einer Scheibe in einer Drehbewegung ins Innere bugsiert wurde. Der Aschenbecher schloss sich beim Loslassen des Hebels und der Stummel war geruchsfrei versorgt. Erwin fuhr den neuesten Citroen DS, in dem wir zu Hause abgeholt und zurückgebracht wurden, ein sehr angenehmes Fahrterlebnis. Auch besassen er und Margrit ein kleines hölzerens Motorboot (eigentlich ein Ruderboot mit Aussenbordmotor) auf dem Thunersee. Erwin lud einmal meinen Bruder und mich auf eine Bootsfahrt in der Spiezerbucht ein.
Erwin und Margrit blieben kinderlos. Dass die schöne glanzvolle Fassade eine dunkle Rückseite hatte, erfuhr ich eines Nachts in eben diesem Saal, in dem Margrit und Erwin gefeiert hatten. An einem der Fussballfeste des FCW prahlte sein Bruder Wolfgang, der auch für den FCW spielte und mit dem ich sogar eine Zeitlang in der 4.Liga-Mannschaft zusammen war, in betrunkenem Zustand, wie er es zusammen mit seinem Bruder gleichzeitig mit mehreren Weibern getrieben hätte. Ich war geschockt und behielt dieses Wissen für mich. Wie sollte ich dies einordnen, wem konnte ich es überhaupt erzählen? Ich wusste es nicht.
Der Bären brannte 1972 nieder, der Bärenstock auf der anderen Strassenseite mit den Stallungen und dem Saal darüber wurde abgerissen und der Neue dort wieder aufgebaut, ein seelenloses Restaurant aus den siebziger Jahren. Heute beherbergt das Gebäude eine Dennerfiliale.
Auch der andere Gasthof, der 'zum Wilhelm Tell', war etwa zehn Jahre früher abgebrannt. Es war ein sehr kalter Winter gewesen und der Gasthof überheizt und als Folge davon fing er Feuer. Wir Kinder hörten die Alarmglocken und Feuerhörner mitten in der Nacht. Wir kamen aus unseren Betten und schauten vor dem Haus Richtung Dorf, wo wir den glutroten Himmel sahen. Am nächsten Morgen gingen wir ins Dorf, um uns die Katastrophe anzusehen. Der Dachstock war zwar in das Innere des Gasthofs gefallen und schwarze Balken stachen in den Himmel, aber das Ganze war vom Gemäuer umgeben, das noch vollständig stand und von einer dicken, weissen, matt glänzenden Eisschicht eingepackt war. Es sah aus wie der Eispalast einer Märchenkönigin.
Der 'Tell' war das Stammlokal der Hornusser gewesen. Sämtliche je errungenen Füllhörner, Zinnbecher und -pokale, Teller, Wappenscheiben und die Vereinsfahne waren verbrannt. Wir waren nach dem Hornussen, speziell aber nach der Rückkehr von den zahlreichen Hornusserfesten immer im Tell eingekehrt, zusammen mit der Blasmusik, die die triumphierenden Hornusser jedes Mal in Empfang nahm. Auch hier wurde im Stil der 70er Jahre eine weitere seelenlose Gaststätte errichtet.
An der Bernstrasse Richtung Gürbebrücke gab es weitere Geschäfte, die in unserem Leben eine Rolle spielten. Die Drogerie Grauer, ein Eisenwaren- und Haushaltwarengeschäft, eine Bäckerei gleich neben dem 'Bären' sowie ein Elektrofachgeschäft, das gerade neu eröffnet hatte. Gleich neben der Brücke befand sich ja das Geschäft meiner Grosseltern, das ich schon ganz am Anfang beschrieben habe. Grossvater hatte in den dreissiger Jahren Streit mit seinem Nachbarn, der ihn gemäss meiner Mutter betrogen haben soll. Er liess von Grossvater sämtliche Spenglereiarbeiten an Haus und Geschäft neu machen und meldete dann Konkurs an, so dass Grossvater grosse Verluste einstecken musste. Der Nachbar hatte schon vor der Vergabe der Arbeiten gewusst, dass er pleite war. Grossvater habe dies mit einem Lächeln weggesteckt.
In die Drogerie Grauer musste ich oft, denn Mutter schickte mich dorthin, um Schmerzmittel zu kaufen, Saridon, wie es damals hiess.
Ob es mit ihrer Nierenerkrankung zu tun hatte, kann ich von heute aus nicht mehr sagen. Lange Zeit litt sie unter Schmerzen im Blasen- und Nierenbereich. Sie wurde mehrmals untersucht und die Ärzte fanden nichts, bis einer auf die Idee kam, sie stehend zu röntgen. Es stellte sich heraus, dass eine ihrer Nieren aus ihrer Halterung gefallen war, es war eine sogenannte Wanderniere. Operation, lange dauernde Genesung und Kur auf dem Beatenberg. Die längere Abwesenheit nahm schon diejenige voraus, die wir Kinder bei ihrer Anstellung bei LOEB dann erfuhren.
Die Grauer Töchter gingen mit uns zur Schule. Eine davon besuchte mit mir die 1. bis 4. Klasse und danach die 5. und 6. Sekundarklasse. Ich erkenne sie sowohl in der Foto der ersten Klasse als auch in derjenigen der 5. Klasse. An den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kann mich sehr gut an all die Gesichter in den Fotos erinnern, aber die Namen weiss ich nur noch teilweise.
Fräulein Badertscher war meine erste Lehrerin. Fräulein war die angemessene Anrede, denn Lehrerinnen hatten damals noch alleinstehend zu sein, was sich allerdings zu meiner Schulzeit sehr rasch zu ändern begann. Ich hatte Fräulein Badertscher nicht so gern. Wir mussten am Morgen als Erstes immer im Pult stehend Übungen machen. Ich mochte auch ihre Stimme nicht. Sie war zwar nett und lud einmal die Klasse zu sich nach Hause zum Kasperlitheater ein. Sie spielte uns den Froschkönig (oder war es Schneewittchen?) vor.
Im Klassenfoto steht sie auf der linken Seite. Sie trägt eine Schürze, darunter eine helle Bluse oder Pulllover. Sie sieht eher aus wie eine Magd, die auf dem Bauernhof in der Küche hilft, denn eine Lehrerin. Das Foto ist sehr schlecht ausgeleuchtet, es gibt viele Schatten, so dass man nicht einmal alle Gesichter deutlich sieht. Ich stehe neben Liechti Jürg in der hintersten Reihe, trage eine Brille, die half meine Hornhautverkrümmung zu korrigieren. Ich trage eine wollene Jacke. Liechti Jürg steht mit verschränkten Armen sehr selbstbewusst da.
In der 3. und 4. Klasse bei Frau Kestenholz war ich dann sehr gern. Das hatte sicher damit zu tun, dass ich ihr Liebling war. Ich hatte immer sehr gute Noten und Frau Kestenholz sagte immer, ich werde eines Tages Professor an der Uni werden. Sie bevorzugte mich auch in anderer Hinsicht. Am Schulfest durfte ich die Fahne tragen und dem Umzug voranschreiten. Ich war auch in allen Wettbewerben sehr gut und gewann im Kartoffelsackhüpfen den ersten Preis. Am Ende des vierten Schuljahrs gab sie mir sogar im Fach 'Schrift' eine 6, obwohl ich dort immer höchstens eine Fünf, manchmal nur eine Vier erhalten hatte. (Während meiner ganzen Schulkarriere, bis Ende Gymnasium musste ich immer wieder den Vorwurf hören, meine Schrift sei unsauber und nicht gut lesbar. Dies setzte sich sogar in der Lehrerausbildung fort, wo ich immer zu hören bekam, meine Wandtafelanschriften seien verbesserungswürdig! Ich versuchte es zwar, meine Schrift zu verschönern und die Wandtafeldarstelllung zu optimieren, aber ich schaffte es eigentlich nie, wenigstens nicht dauerhaft.) Ich konnte es mir auch leisten gegenüber Klassenkameraden eklig zu sein, einmal ohrfeigte ich einen, ich weiss nicht einmal mehr aus welchem Anlass, und nichts passierte. Ich war so selbstsicher.
Frau Kestenholz kam auch immer an unsere Schuttmatches und feuerte uns (d.h. Vetter und mich) an und rief:"Toneli, wenn du ein Tor schiesst, bekommst du einen Fünfliber!" Das spornte uns natürlich doppelt an. Nur dass ich mit Mädchen verkehrte, schätzte sie ganz und gar nicht. Ich verschwand nach dem Schulfest auf dem Heimweg mit einem Mädchen in einem Maisfeld, was spannend war, obwohl eigentlich nichts passierte. Frau Kestenholz war sicher eine spezielle, starke Person. Einmal wurde sie von einer Biene ins Gesicht gestochen. Sie kam trotzdem in die Schule mit einem riesig aufgedunsenen Gesicht. Ihre Augen waren zu winzigen Schlitzen geworden. Auch als ihr Ältester Sohn auf der Schulreise in der neunten Klasse bei einem Badeunfall in der Maggia ums Leben kam, reagierte sie speziell. Alle wussten, dass sie dessen Zimmer über Jahre hinweg genauso beliess, wie er es am Tag der Schulreise verlassen hatte.
Der Unterricht von der ersten bis zur vierten Klasse bestand vor allem aus Auswendig- lernen und Abschreiben. Wir konnten das Einmaleins vor- und rückwärts, Addition, Subtraktion, Multiplikation, Durchrechnen, alles wurde automatisiert und im Chor runtergespult. Zum Nachdenken wurden wir auf jeden Fall nicht angeregt, auch im Schreiben nicht. Dazu war viel körperliche Ertüchtigung gefragt, im Turnen, im Wandern, im Klassenzimmer.
Alles in allem ging ich sehr gern zur Schule. Die Schulreisen mochte ich besonders. Da konnte ich meinen Bewegungsdrang ausleben. Die Ziele waren klassisch: Blausee, Mont Vully. Auch die Maibummel liebte ich. Mein Lieblingsfach war immer der Sport oder Turnen, wie es damals hiess. Am liebsten spielte ich 'Völkerball', weil ich meistens der Geschickteste war und am Schluss übrigblieb und mein Volk rettete.
Was ich weniger mochte waren die grosse Weihnachtsfeier mit der ganzen Schule. Da führten wir uns idiotisch auf. Hingegen das Abschlusstheater im Frühling machte ich gerne mit. Ich hätte gerne eine Hauptrolle gehabt und war sehr enttäuscht, dass ich nur einen Buchfinken spielen durfte. Ich erinnere mich sehr wohl an diese Enttäuschung. Immerhin hatte ich gerne die Flügel hergestellt, aus Packpapier ausgeschnitten und mit Ölkreide in den Farben des Buchfinks bemalt. So hüpfte ich in diesem Frühlingsreigen als Buchfink mit schlagenden Flügeln herum, obwohl mir dies dumm vorkam.
Das Primarschulhaus lag in unserer Nähe, so dass wir Kinder zu Fuss zur Schule gehen konnten. Auf dem Schulweg passierten die unter Kindern üblichen Händel. Wer darf mit wem unterwegs sein? Wer hat wem die Kappe vom Kopf gerissen und irgendwo hingeschmissen? Wer hat die Schneeballschlacht angefangen? Und so weiter und so fort! Es ging aber meistens friedlich zu und her.
Bevor das neue Sekundarschulhaus eröffnet wird, kehre ich nochmals auf den Dorfrundgang zurück. Von der Kreuzung beim Bären Richtung Blumenstein gab es die Metzgerei Luginbühl, Dann folgte Röthenmunds Bauernhof und etwas weiter das Bezirksspital Wattenwil, in dem ich und meine Geschwister geboren wurden. Noch weiter Richtung Blumenstein der Konsum, wo wir oft einkauften. Das Spital spielte nebst meiner Geburt eine wichtige Rolle in meinem Leben.
Zweimal war ich für einen längeren Aufenthalt dort untergebracht. Das erste Mal als mir die Mandeln herausgeschnitten wurden. Dr. Albrecht schnitt wohl allen Kindern im Dorf die Mandeln heraus, das war damals Usus. Ich erinnere mich an den Moment als mir die schwarze Maske mit Lachgas auf das Gesicht gedrückt wurde und das helle Licht von der Decke plötzlich verschwand. Es war sehr unangenehm und jagte mir Angst ein, als plötzlich eine schwarze Nacht auf mich einstürzte.
Das zweite Mal lag ich mehrere Wochen im Spitalbett, weil ich einen Selbstunfall hatte. Ich brauchte oft Mutters Fahrrad, wie zum Beispiel bei den Motocrossrennen im Gürbegrien oder bei unserer 'Tour de Suisse' und ich war schon oft gestürzt, vor allem am Anfang, als ich noch nicht so gut fahren konnte und weil das Velo eigentlich viel zu schwer war. So hatte ich mir schon schwarze Kniescheiben geholt, als ich auf der noch ungeteerten Strasse in hohem Tempo hinfiel. Ich hatte mich überschätzt. Wochenlang pickte ich am Schorf an meinen Knien herum, bis sie endlich wieder weiss waren. Aber ab der ersten Klasse beherrschte ich das Velo schon recht gut.
Eines Abends kam Vater recht spät nach Hause. Er war immer für das Abendessen zuständig. Er schickte mich in den Konsum, um Sauerkraut zu holen, das er zubereiten wollte. Er mahnte mich zur Eile, da der Konsum gleich schliessen würde und er so bald als möglich kochen wollte. So raste ich ins Konsum, kam gerade noch rechtzeitig an, kaufte das Sauerkraut, packte es in eine Plastiktasche und hängte es an den Fahrradlenker. Ich wollte so schnell wie ich fahren konnte nach Hause zurück, Vater hatte es ja gesagt. Um schneller zu sein, fuhr ich nicht im Sattel sitzend, sondern stehend. Dies setzte das Velo in seitliche Bewegung und die Plastiktasche am Lenker begann zu schaukeln und schwingen, und gerade als ich das höchste Tempo erreicht hatte, schnappte sie im Vorderrad ein und blockierte es. Durch den abrupten Stopp wurde ich kopfüber aus dem Velo katapultiert, ich machte einen Salto und landete kopfvoran mit voller Wucht mit meiner Stirn auf dem Asphalt.
Ich wusste nicht mehr, wo ich war, Schwindel hatte mich befallen. Ein entgegenkommendes Nachbarmädchen hatte den Unfall beobachtet oder zumindest gesehen. Sie half mir auf, hob das Fahrrad auf und begleitete mich nach Hause, wo ich erbrechen musste. Vater ging mit mir zu Dr.Albrecht. Es war mittlerweile Nacht geworden und der Weg dorthin schien mir ewig lang. Der Doktor lieferte mich ins Spital ein, wo ich fünf oder sechs Wochen liegenblieb. Es war nicht sicher, ob ich überleben würde.
Als ich wieder mich selber war und im Bett begann herumzuturnen, ein Äffchen spielte, mir sämtliche Finger- und Zehennägel mit den Farbstiften anmalte, die man mir zum Zeitvetrtreib gegeben hatte, durfte ich nach Hause. Ich war gerne im Spital, weil mich die Schwestern liebevoll umsorgten, nachts vorbeischauten und mir Brausetabletten verabreichten. Es gefiel mir, wenn ich sie mit meinen Kapripolen amüsieren konnte.
Einen weiteren schweren Unfall hatte ich in der dritten oder vierten Klasse, den ich auch knapp überlebte. Ich hatte eine Auseinandersetzung mit einem Nachbarbuben. Wir spielten mit Dinky Toys Autos und wollten Tauschgeschäfte machen. Sie liefen nicht so wie ich es wollte und reagierte jähzornig. Ich kann mich nicht erinnern, ob Hugo es war, der mir ein Auto entriss oder umgekehrt. Ich wurde sehr wütend und schmiss eines von Hugos Autos weit weg. Nur, es landete im Dachkännel und war unwiederbringlich verloren. Das machte seinerseits Hugo wütend. Er packte mich an den Fussgelenken und zog kräftig. Ich knallte rückwärts wie ein Brett auf den Steinboden auf meinen Hinterkopf. Ich erlebte das Gleiche wie beim Velounfall und doch war es anders. Ein sehr intensiver Schwindel ergriff mich, Hännis Haus schwamm vor meinen Augen und Hugo schien vor mir zu tanzen. Seine Mutter hatte die Auseinandersetzung beobachtet. Sie holte mich ins Haus und verabreichte mir Traubensaft, den ich gleich wieder von mir gab. Dann brachte sie mich nach Hause, ich wurde ins Bettgelegt. Am
Abend kam der Arzt vorbei und verordnete Bettruhe. Ins Spital wurde ich diesmal nicht gebracht, wahrscheinlich konnten sich meine Eltern nicht nochmals einen mehrwöchigen Aufenthalt leisten. Ich lag wiederum fünf bis sechs Wochen im Bett. Auch dieses Mal war unsicher, ob ich das überleben würde.





