Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212

Was weisst du über deine Geburt?

Als die letzten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs endeten, entschied ich mich, am Tag vor Muttertag im Jahr 1945 auf die Welt zu kommen. Ich wollte ja meiner Mutter den ersten Muttertag gönnen.
Mein Vater, der im Militärdienst war, bekam für meine Geburt Urlaub, musste dann aber wieder zurück an die "Front". Da die Grossmutter mütterlicherseits zusammen mit meiner neuen Familie lebte, war meine Mutter nach dem obligaten Wochenbett dann jedoch nicht allein.
Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?

Hattest du auch Übernamen?

In was für eine Zeit wurdest du geboren?

Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?

Vor meinen Eltern erfuhr ich dann einmal, dass Trudy ein Auge auf meinen Taufpaten, Sepp Bühler, geworfen hatte und auch er sie gerne mochte. Jedoch leider hatte es ihn noch mehr zu Männern hingezogen.
Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?

Am 19. März bekam ich dann ein Brüderchen, Kurt. Ich kann mich nicht sehr gut daran erinnern und muss mich auf Erzählungen beschränken.
Doch offenbar hatte ich das kleine Baby sehr gerne und meinte es vor dem Verhungern schützen zu müssen. Doch die Brotscheibe die ihm füttern wollte, wurde mir dann aber schnell wieder abgenommen. Sowas ging nicht! Das hat bestimmt einen gewissen Frust zurück gelassen.
Wie gross war dein erstes Zuhause? Erinnerst du dich an die einzelnen Räume?

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?

Gab es ein Fenster, aus dem du besonders gern rausgeschaut hast? Was sahst du?

Musik erleben


Doch zuerst zu meiner Grossmutter. Theres wurde in Untermeitingen, nahe von Augsburg, im bayrischen Deutschland geboren. Wie es bei den jungen Frauen damals üblich war, ging auch sie in die Schweiz, um in einem Haushalt zu dienen. Dabei sollte sie andere Sitten und Gebräuche kennenlernen. Eine grosse Sprachbarriere bestand ja nicht. In der Familie wo sie diente, gab es einen Sohn in etwa ihrem Alter. Die beiden kamen sich immer näher und so haben sie dann den Ehestand gegründet. Seine Eltern waren über diese Liebe nicht sehr glücklich, war doch Theres eine Deutsche und die waren in den Kriegsjahren nicht gerne gesehen als Schwiegertochter.
Trotzdem waren die jungen Leute überzeugt voreinander und heirateten. Meine Grossmutter wurde dann irgendwann schwanger und beide freuten sich auf den Nachwuchs. Mein Grossvater, den ich leider nie kennenlernen durfte, arbeitet damals in der noch aktiven Mühle Tiefenbrunnen. Leider hat auch er sein Babymädchen nie in die Arme nehmen dürfen, denn noch während der Schwangerschaft seiner Frau verunglückte er bei der Arbeit im Lift tötlich.
Damit war Theres wieder allein und musste ihr Mädchen allein zur Welt bringen und dann aufziehen. Einen neuen Mann gab es für sie nie mehr, ihre Liebe zum Vater von Leni war zu gross.
Auf grosse Unterstützung ihrer Schweizer Schwiegereltern konnte sie leider nicht hoffen, denn sie war die Fremde, die unbeliebte Deutsche. Sie flüchtete dann für eine Zeit zurück zu ihrer Mutter nach Untermeitingen. Dort blieb sie bis meine Mutter, Leni, ins Schulalter kam. Die Schulen sollte sie, als Schweizerin, jedoch in der Schweiz durchlaufen, also zog Theres mit klein Leni zurück nach Zürich, um Leni in der Schweiz einzuschulen.
Mit Putzarbeiten, brachte Theres sich und ihre Tochter knapp durch.
Sie kämpfte dafür, dass Leni dann auch eine Berufslehre absolvieren konnte. Leni hat Schneiderin für Damen-und Herrenbekleidung gelernt und mit dieser erlernten Fähigkeit später auch mir und Kurt viele Kleider genäht.
Leni war es sehr bewusst, wie sehr ihre Mutter kämpfen musste, um sie beide durchzubringen. Sie entwickelte ein starkes Verantwortungsgefühl und grosse Dankbarkeit für ihre Mutter. Dies führte dazu, dass sie nicht bereit war, mit einem Mann eine Familie zu gründen, ohne dass sie ihre Mutter bei sich haben und zu ihr schauen konnte.
Mein Vater Justin (geb.1911) wuchs in Zürich zusammen mit zwei Schwestern auf. Er machte eine kaufmännische Lehre und spezialisierte sich zum Buchhalter. Als grosser Autofan hat er bereits mit 20 Jahren gelernt Auto zu fahren. Mir unbekannt woher, scheint er immer wieder die Gelegenheit gehabt zu haben, eines der damals noch wenigen Autos für einen Ausflug fahren zu können. Die nächste Stufe, die ich bereits mitbekommen habe, war der Kauf einer Vespa gewesen. Mit diesem Roller fuhr er dann nach Dübendorf zur Arbeit. Später wurde der Roller dann durch einen Renault Dauphin abgelöst, damit er auf seinen Fahrten auch die Familie mitnehmen konnte. Er war ein liebevoller Familienvater.

Meine Grossmutter väterlicherseits, Magdalena, erinnere ich mich immer ein bisschen kränklich, depressiv. Ein Grund dafür war wahrscheinlich unter anderem ihre Erbkrankheit "neurale Muskelatrophie CMT". Diese Krankheit war dazumal kaum bekannt. Mein Vater hatte sie auch geerbt und es wurde uns Kinder immer gesagt, wir müssten uns ruhig verhalten, da Vater es mit den Nerven habe. Er musste auch spezielle Schuhe / Einlagen tragen. Ob sein Hausarzt genau wusste, an was mein Vater leidete, kann ich nicht sagen, denn namentlich wurde das nicht erklärt.
Bei mir steckt diese Krankheit ebenfalls drin. Nur wusste man das ja auch nicht. Ich durchlebte meine ganze Schulzeit bis zur Pupertät als Bummerli, rundliches Mädchen. Darauf schloss man auch die Tatsache, dass ich im Turnen meistens nicht mit den anderen mithalten konnte. Bei Teambildungen wollte niemand mich im Team haben, da der letzte Platz dann vorprogramiert war. Die Nachrede "Dicksack" war mein ständiger Begleiter. Auch im Sprachuntericht erlebte ich Hindernisse: Diktate schreiben war für mich eine Pein, denn ich verstand alles wunderbar, kam aber beim Schreiben motorisch kaum nach und musste das meiste aus der Erinnerung nachschreiben. Aber eben, man suchte die Gründe eher in meinem Unvermögen, da es keine ärztliche Diagnose gab. Dies alles verhalf mir nicht zu einem guten Selbstbewusstsein. Jedoch forderte es meinen Ergeiz und intelektuellen Kampfwillen. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen und war umso wachsamer und wissbegieriger.
Auch mein Bruder, Kurt, hatte mit der Erbkrankheit zu kämpfen. Er absolvierte seine 9 Jahre Schule und machte dann eine Lehre als Beleuchtungszeichner. Dann mit 20 Jahren wurde er in die Rekrutenschule eingezogen, wie gewünscht als Lastwagenfahrer. Doch auch die Motorfahrer mussten zum obligaten 50km Marsch antreten. Das war dann für ihn zuviel. Er machte nach einer gewissen Strecke dann schlapp und konnte nicht weiter. Da das im Milität nicht toleriert wird, kam er in die medizinische Abklärung und wurde anschliessend in den Zivildienst ausgemustert.
Ich erinnere mich gut, als er mir dann mit einer gewissen Genugtuung mitteilte: jetzt hat unser Unvermögen endlich einen Namen. Wir sind nicht selber schuld am nicht können! Wir haben die Erbkrankheit "Neurale Muskelatrophie CMT", und diese vom Vater und wahrscheinlich von seiner Mutter vererbt bekommen.
Was hast du nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit gemacht?

Es war damals üblich, dass, vor allem Mädchen, nach der Schule ein Welschlandjahr absolvieren. Die meisten kamen in eine Familie in der französischen Schweiz als Kindermädchen und Hilfe im Haushalt. In unserer Nachbarschaft war eine Familie mit 2 Mädchen, die jedoch in ein katholisches Internat in Brüssel gingen. Beiden schien es sehr zu gefallen.
Also war das auch für mich beschlossene Sache. Das war ein von Nonnen geführtes Internat für bessere Schülerinnen aus Belgien und Frankreich, «Institut de la Vièrge Fidèle». Die meisten wohnten auch im Internat. Wir etwa 10 Schweizerinnen hatten etwa 3 Schlafzimmer in einem separaten Trakt. Wir hatten eine rundliche Französischlehrerin und eine seltsame Erzieherin. Diese kam uns vor wie eine ältliche Jungfer mit spitzer Nase und am Kopf festgeklebten Kringel-Löckchen. Dass sie jemals die Haare wusch, konnten wir uns gar nicht vorstellen. Neben Französisch lernten wir auch Haushalten und hatten Erste-Hilfe-Kurse. Eine wichtige Aufgabe war für uns das Putzen der Schlafräume im Internat und die Bedienung der Schülerinnen.
Die Oberaufsicht von all dem hatten natürlich die Nonnen. Bei den Nonnen waren jene von uns gut angesehen, die sich häufig in der Kapelle aufhielten und den Ordensschwestern schmeichelten. Dazu gehörte ich nicht. Ich war eher eine Rebellin, das schon weil ich mich in der Schule immer gegen das Schlechtmachen wehren musste.
Im Grossen und Ganzen habe ich eine gute und mit den Schweizerinnen freundschaftliche Zeit verbracht. Ich habe viel gelernt, nicht nur französische, auch zwischenmenschlich und habe an mir selber gearbeitet.
Falls du eine Lehre gemacht hast, wie kam es zu der Berufswahl?

Zurück in der Schweiz habe ich dann, auf Anraten meiner Eltern, eine kaufmännische Lehre bei Racher AG in Zürich begonnen. Dieser Lehrmeister war ein Kompromiss für mich. Gerne hätte ich etwas künstlerisches gemacht und dort hatte ich wenigstens den Zugang zu Mal-und Zeichenbedarf. Die 3 Jahre Lehre waren eine gute und lehrreiche Zeit in Zentrum von Zürich. Begeistern konnten mit zur Fasnachtszeit die vorbeiziehenden Guggenmusiken und ich wünschte ich könnte auch in solch schönen Kostümen bei diesen rythmischen Kakophonien mitmachen. Musik liegt in meinem Blut, auch wenn ich selber kein Instrument spielte.
Wie war dein Lehrmeister bzw. wie waren deine Arbeitskollegen?

Hattest du einen motivierenden Arbeitsalltag?

Wieviel hast du verdient? Was bedeutete dir dieser Lohn?






