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Von Rudolf Langer – Lustvolles Labyrinth
Rudolf Langer
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8.
Die große Chance / 17.09.2025 um 20.11 Uhr
8.
Die große Chance / 17.09.2025 um 20.19 Uhr
8.1.
Die große Chance / 17.09.2025 um 20.29 Uhr
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Die große Chance / 17.09.2025 um 20.31 Uhr
8.3.
Die große Chance / 17.09.2025 um 20.32 Uhr
1.6.
FRÜHE KINDHEIT / 11.12.2025 um 0.56 Uhr
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1.
FRÜHE KINDHEIT
1.1.
Am Waldrand
1.2.
Verbrecher und erste Frauen
1.3.
So viele Gefahren
1.4.
Der Geisterschrank
1.5.
Verführerische Spiele
1.6.
Erste Mamazweifel
1.7.
Woran ich mich nicht erinnern kann
1.8.
Wo sind Vater und Bruder
2.
KINDHEIT
2.1.
Altenschwand
2.2.
Die Vorschulzeit
2.3.
Bobby wird geboren
2.4.
Sand des Verderbens
2.5.
Das erste Mal im Krankenhaus
2.6.
Mein Freund Sepp
2.7.
Abenteuerspielplatz "Dorf"
2.8.
Oma und Tante Klara
2.9.
Die geheime Welt
2.10.
Gerlinde, meine erste Liebe
3.
Erste mystische Erlebnisse
3.1.
Adieu Altenschwand
4.
JUGEND
4.1.
Amberg, ein neues Zuhause
4.2.
Das humanistische Gymnasium
4.3.
Offizieller Kontakt mit Gott
4.4.
Das zweite Mal im Krankenhaus
4.5.
Neues Deutschland
4.6.
Ah, die Adria
4.7.
Die endgültige Entdeckung der Mädchen
4.8.
Alfred Adler, mein Tutor
4.9.
Ulli
5.
Die Mädchen können mich mal alle
5.1.
Erster Abschied
6.
Erste Fluchtgedanken
6.1.
Eine Idee reift
7.
Schulische Kämpfe
8.
Die große Chance
8.1.
Die große Reise beginnt
8.2.
Im Land der guten Menschen
8.3.
Nach Istanbul
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
8.4.
Angekommen in der Fremde
9.
Meine Eltern
9.1.
Meine Mutter
9.1.
QX Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
9.1.
QX Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
9.1.
QX Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
9.1.
QX Wie würdest du sie beschreiben?
9.1.
Wie hast du sie als Mutter empfunden?
9.1.
Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
9.1.
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
9.1.
Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
9.1.
Welches war der Beruf deiner Mutter, bevor sie heiratete? Hat sie diesen Beruf auch nach der Heirat ausgeübt?
9.1.
Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
9.1.
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?
9.1.
Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?
9.2.
Mein Vater
9.2.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?
9.2.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?
9.2.
Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?
9.2.
Wie würdest du ihn beschreiben?
9.2.
Wie hast du ihn als Vater empfunden?
9.2.
Was waren seine herausragenden Eigenschaften?
9.2.
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
9.2.
Hast du dich an deinen Vater gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
9.2.
Welches war der Beruf deines Vaters bevor er heiratete? Hat er später seinen Beruf gewechselt?
9.2.
Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?
9.2.
Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?
9.2.
Hat dir/euch der Vater erzählt, wie er die Mutter erobert hat?
9.2.
Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?
9.3.
Die Ehe meiner Eltern
9.3.
Was fällt dir spontan ein, wenn du an deine Eltern als Ehepaar denkst?
9.3.
Wie würdest du dein Elternhaus und euer damaliges Familienleben beschreiben?
9.3.
Wie würdest du ihr Verhältnis/ihren Umgang miteinander bezeichnen?
9.3.
Falls es zu Trennungen/Scheidung kam: Was war das für eine Erfahrung?
9.3.
An welchen Elternteil hast du angenehmere oder spezifischere Erinnerungen?
9.3.
An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?
9.3.
Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?
9.3.
Wie hielten es deine Eltern mit Taschengeld?
9.3.
Wie waren deine Eltern religiös eingestellt?
9.3.
Haben deine Eltern dir als Kind/euch als Kinder gegenüber ihre politischen Ansichten geäußert? Wo standen sie politisch?
9.3.
Hast du Erinnerungen an das damalige Verhältnis deiner Eltern zu Behörden und Obrigkeit? Zur Kirche?
9.3.
Was für mediale Erinnerungsstücke an deine Eltern wie Briefe, schriftliche Aufzeichnungen, Bilder, Fotos, Filme, Tonaufzeichnungen, Videos hast du?
9.3.
Was für andere Objekte, wie Möbel Geschirr, usw. hast du von ihnen geerbt und behalten?
9.3.
Gibt es Lebensweisheiten, die dir deine Eltern mitgegeben haben?
9.3.
Inwiefern glaubst du, dem Vater oder der Mutter ähnlich zu sein? Oder bewusst anders?
9.3.
Welche Rolle spielte Humor in deinem Elternhaus? Erinnerst du dich an lustige Geschichten oder Vorfälle?
9.3.
Wie haben sich die Themen Erotik und Sexualität/Erotik in deinem Elternhaus und deinem Leben entwickelt?
9.4.
Früheste Erlebnisse
FRÜHE KINDHEIT
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1.  FRÜHE KINDHEIT
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IRGENDWIE MENSCH BLEIBEN

Wie ich vermutlich bei mir blieb


Manchmal lache ich über mich; manchmal nehme ich mich ernst; manchmal möchte ich weinen, wenn ich an mich denke. Selbstverständlich schäme ich mich im selben Augenblick. Beides verwirrt mich dann: meine Tränen und meine mir peinliche Scham, peinlich, nicht weil ich ein Mann bin, sondern weil ich dachte, solche Gefühle hätte ich lange schon hinter mir.

Meine Erinnerungen an mich selbst gleichen einem Schwamm. Einerseits hat er aufgesaugt tausend Tröpfchen meiner Vergangenheit, andererseits wischen die Jahre die Einträge meiner Kindheit und Jugend von der Tafel meines Gedächtnisses. Beeilen muss ich mich also. Aber wie geht das, wenn man mit der Nadel seine Erinnerungsstücke zusammennähen muss, die man mühsam nur erkennt unterm Vergrößerungsglas? Auch der nahende Tod ändert daran nichts, mag er als Reisebegleiter mir auch dienlich sein.

Um es vorneweg zu sagen: Ich wollte ein anderer werden als ich bin und ein anderes Leben leben wollte ich als ich es lebe. Meine Pläne, das eigenen Leben betreffend, sind also schiefgegangen. Trotzdem war alles richtig im Nachhinein. Seltsam, nicht wahr? Geht es nicht allen Menschen so, oder wenigstens doch den meisten? Wir segeln, getrieben vom ablandigen Wind der Kindheit und Jugend, kühn in Richtung offene See, aber kaum haben wir den schützenden Hafen verlassen, verhageln uns Wind und Wetter die Richtung. Am Ende können wir stolz sein, den Kompass nicht ganz verloren zu haben. Ist mir das gelungen? Ich wünsche es mir. Schau’n wir mal.

Über die Form meines Schwamms habe ich noch nichts gesagt. Vermutlich ist er eine Kugel, die, wie Schwämme eben so sind, nicht glatt ist, sondern an allen Rändern ausgefranst, voll bizarrer, unerwarteter, oft nicht einmal mir bekannter Hohlräume, und kugeltypisch ist alles mit allem verbunden in diesem Labyrinth der Erinnerung. Ich bin also eine sich durch die Zeit, auf mein Ende hin, rollende Schwammkugel.

Am Waldrand

    Ich war eine leichte Geburt. Und überwiegend leicht fühlt sich mein Leben seither an, auch in schweren Momenten. An einem sonnigen Morgen des 24. September kam ich gegen 8.30 Uhr zur Welt - und war eine Glückserinnerung meiner Mutter, die bis zu ihrem Tod traumatisiert war von der Geburt meines dreieinhalb Jahre älteren Bruders.

   Wie damals noch üblich - und heute glücklicherweise wieder -, hatte mich meine Mutter schon wenige Minuten später im Arm, um mir die Brust zu reichen. Dabei muss ich - oder sie - etwas gründlich falsch gemacht haben, denn von da an hatte meine Mutter kaum Milch für mich. "Du hast mich mit deinen großen, dunklen Augen so forschend und aufmerksam angeschaut, dass ich richtig erschrocken bin. Du hast ausgesehen, als wüsstest du schon alles über die Welt." Ihre Brüste spendeten mir so wenig Nahrung, dass die Muttermilch abgepumpt werden musste tropfenweise, oft schmerzhaft. Ich drohte zu verhungern. Das war meine erste Lebensgefahr. Meine Eltern und ihr Hausarzt Dr. Meier suchten nach Ersatz und kamen auf selbst gemachte Hafermilch, die ich dann gierig trank. Das Vergnügen ist mir geblieben bis heute.

   Rudolf Josef Gerhard nannten mich meine Eltern, Rudolf, weil Vater so hieß; die beiden anderen Vornamen erbte ich von meinen Großvätern väterlicher- und mütterlicherseits. die Speerspitze meiner Ahnen wurde ich so. Später ergabe sich noch Bobby als Spitz(!)name. Schon als als junger Mann betrachtete ich Namen vorwiegend als Irreführung und stellte mich manchmal spöttisch mit Rudolf Josef Sepp Gerhard Bobby Langer vor. Eine, die das verstand und folgerichtig als Provokation auffasste, war meine Deutschlehrerin in der neunten (oder zehnten, egal) Klasse. Mit dem "Rudolf" konnte ich mich nie so recht anfreunden; er klingt "heraldisch" in meinen Ohren. Die meisten, die mich kennen, finden, er passe nicht zu mir. Und das von Rudolf abgeleitete "Rudi" hat meine Mutter mir verleidet. Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr konnte sie es nicht lassen, mich "Rudilein" zu nennen. Oft hätte ich sie dafür erwürgen mögen. Ich habe es nie versucht.


Wald und lockendes Geheimnis gehörten von Anfang an zusammen.

   Also nochmals von vorne: Geboren wurde ich am 24. September 1953 in Neunburg vorm Wald. Ja, der Ort heißt wirklich so, und gemeint ist damit, dass gleich hinter Neunburg die Ausläufer des Bayerischen Waldes beginnen, Wälder, die mir als Kind wie ein dunkler Ozean vorkamen. Unser Haus war das letzte in der Diendorfer Straße; danach begannen die Kartoffel-, Getreide- und Rübenfelder, etwa 300 Meter entfernt lag der Wald, in den hinein sich die Diendorfer Straße verlor. Sowohl in Neunburg wie später in oberpfälzischen Dörfchen Altenschwand lebte ich eine Waldrand-Kindheit. Im Blick zurück werfe ich immer auch einen Blick auf den Wald und seine Versprechungen und Geheimnisse, seine Stille, die mir immer verlockend war, aber als kleines Kind auch Furcht einflößte, sein geheimnisvolles Knacken und Knarzen, das Rascheln von Igel, Mäusen und Vögeln im Laub und die schauerliche Ahnung unsichtbarer Wesen. Und da waren die sich bedächtig neigenden Baumriesen bei Sturm, das Wogen und Rauschen und das Wissen, unendlich viel kleiner zu sein als dieses Große beinahe vor meiner Haustür.

Verbrecher und erste "Frauen"

   Wenn ich an die Diendorfer Straße denke, dann denke ich auch an Militärkolonnen. Neunburg lag ja nahe der tschechoslowakischen Grenze, Manöver waren an der Tagesordnung. Irgendwann taucht ein VW-Käfer an meinem Erinnerungshorizont auf. Meistens sitzen wir zu viert darin, meine Eltern, mein großer Bruder Lothar und ich. Wir überholen lange Militärkolonnen, und das Gesicht meines Vaters verdüstert sich, während er murmelt: "Das sind alles Verbrecher, alles Verbrecher." Ich verstehe das nicht, denn manchmal winken die Männer aus den Lastwägen oder aus den fahrenden Panzern recht freundlich. Verbrecher sollen das sein? Die habe ich mir anders vorgestellt. Aber natürlich glaube ich meinem Vater und meine knabenhafte Freude an den mächtigen Maschinen wird im Keim erstickt. Verbrecher, lernte ich, tragen Uniform und haben Gewehre und Panzer. Auf der anderen Seite der unüberwindlichen Grenze - manchmal fuhren wir hin und ich blickte über einen Schlagbaum ins nur scheinbar harmlose Niemandsland (hinter jedem Gebüsch konnte ein Maschinengewehrnest lauern, sagte mein Vater, und schon wieder waren da "Mörder", nur diesmal auf der anderen Seite) - wohnten keine Feinde, sondern Menschen wie wir und mein Onkel Josef, der Bruder meines Vaters, in der DDR. Das war zwar weiter im Norden, aber angesichts des Eisernen Vorhangs spielte das keine Rolle.

   Meine optische Erinnerungsfähigkeit ist schwach ausgeprägt. Die Erinnerung an unsere Neunburger Wohnung jedenfalls beschränkt sich auf einen einzigen Augenblick: Ich stehe aufgerichtet, bin aber so klein, dass die Tischkante, an der ich mich mit erhobenen Händen festhalte, hoch über mir liegt. Am Tisch sitzen die Erwachsenen, die sich gerade nicht um mich kümmern. Ich bin allein, schaue zu der dicken, eckigen Holzkante empor und sehne mich danach, einmal groß genug zu sein, um über diese Kante blicken zu können

   Ein weiteres Innenraum-Bild erhalte ich aus der Schreinerei, die in unserer Straße stadteinwärts lag. Der Schreiner Karl mit seinem vollen, grauen, sich hoch auf dem Kopf erhebenden Haar war ein Hüne, ein Turm von einem Mann und voll herbstlicher Freundlichkeit. Er hatte ein warmes, weiches Gesicht und blaue, gütige Augen. Wenn er sich tief zu mir herabbeugte, war das nie bedrohlich, sondern immer wie ein Geschenk. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn er mich auf den Arm genommen hätte, aber das tat er nie. Immer duftete es in seiner Werkstatt nach frisch geschnittenem Holz. Einmal erteilte er mir die Erlaubnis, mir aus den Haufen von Holzstaub und Hobelspänen kleine Holzstückchen herauszusuchen, und ich wurde zu einem Goldgräber. Jedes Hölzchen war eine Beute, die ich, stolz neben meinem Vati herschreitend, mit nach Hause tragen durfte.

   Ein wenig abseits der Diendorfer Straße führte ein Pfad links in den geliebten, duftenden Wald hinein. Er prägte alles, was ein Weg seither für mich haben muss, um sich "Pfad" nennen zu dürfen. Er war schmal, war weich unter meinen Sohlen und ich konnte über Baumwurzeln hüpfen und klettern, die wie erstarrte, braune Schlangen, mal dick, mal dünn knorrig den Weg querten. Ich sehe die linke niedrige Böschung vor mir, die rechte Seite des Pfads hat meine Erinnerung gelöscht. Aber links lag das Leben mit all seinen Verlockungen, links lagen die Geheimnisse, die Felsbrocken, die verwitternden Baumstümpfe und Farne, die Wohnungen der Kaninchen, der Mäuse, die Fuchs- und Dachsbauten. Links wuchsen die schlanken Türme der Fichten aus der Erde. Links in den Schatten unter dem hellen Licht mussten die Zwerge,l Kobolde und Elfen wohnen. Vermutlich kamen von dort die Heinzelmännchen, von denen Mutter erzählte. Und einmal, als wir dort an einem Sonntagmorgen spazierengingen, lagen da auch bunte Eier, die zu suchen mein Vater mich ermunterte. Und tatsächlich fand ich immer wieder eines und war voller Staunen, Begeisterung und Freude über den Osterhasen und voller Dankbarkeit, dass Vater mich dieses Geheimnis entdecken ließ.


   In die Neunburger Zeit fallen meine ersten zwei "Frauenerlebnisse". Das eine hieß Rosi, das zweite Christl. Rosi muss die ältere Erinnerung sein. Mit Rosi verbindet mich eine innige Zuneigung, eine warme Zärtlichkeit, eine sehr verschwommene Händchen-Halten-Empfindung ohne jede erotische Beimischung: Ich spiele mit ihr auf einem Hügel im hellen Sonnenlicht. Es muss Sommer sein, denn sie ist nackt und trägt nur eine kurze, an den Beinen weit ausgeschnittene Hose, unter der dicke Baumwollwindeln hervorlugen. Und da ist die Mahnung - oder das Gebot? - meiner Mutter, mit Rosi nicht zu spielen, mich nicht mit diesem Mädchen "abzugeben", wie sie das zu nennen pflegte, wenn sie von oben herab über Menschen aus der "ungebildeten" Gesellschaftsschicht sprach. Mit Rosi, erklärte sie mir, stimme etwas nicht, weil Rosi noch in die Hosen mache und manchmal etwas Braunes aus ihren Windeln hervorquoll. Mich störte das nicht, und so verbindet sich mit Rosi mein erstes Verlustgefühl. Ich hatte Rosi lieb und wurde geschimpft dafür; schon bald durfte ich sie nicht mehr sehen.
   Christl muss allein schon deshalb später gekommen sein, weil sie mit einem schwärmerischen Gefühl verbunden ist. Meine Cousine Christl war etwa drei Jahre älter als ich, also ungefähr so alt wie mein Bruder Lothar. Christl war schlank und groß und schön, schon ein richtiges Mädchen, eine Ikone. Ihr dunkelbraunes Haar hing lang gelockt bis auf die schlanken Schultern und war so verheißungsvoll weich, dass ich es immer wieder berühren wollte, ohne zu wissen, warum. Eigentlich war alles an ihr verheißungsvoll, ihre langen, dunklen Augenwimpern, ihre freundlichen, dunklen Augen, ihre schwungvoll trotzigen, zu Neckereien aufgelegten Lippen, ihre samtige Haut. Sie hatte etwas von "Wald" an sich, und wenn ich den alten Ausdruck "schlank wie eine Tanne" höre, dann steht auch schon Christl vor mir. - An dem Tag in meiner Erinnerung waren Onkel Richard und Tante Erika, Christls Eltern, mit meinen Eltern nachmittags in den Wald hinüber spazieren gegangen, während wir Kinder, mein Bruder Lothar, Christl und ich, in der Wohnung herumtobten und fangen spielten. Dabei stießen wir den großen Gummibaum im Wohnzimmer um und Erde regnete aus dem Blumentopf auf den Wohnzimmerteppich. Trockene Erde, zum Glück, denn als wir, erschrocken über dieses Unglück, schuldbewusst zum Fenster hinausblickten, sahen wir die vier Erwachsenen plaudernd näherkommen. In größter Eile und stillschweigender Verschwörung kehrten wir mit unseren kleinen Händen die Krumen hastig erst vom Teppich auf den Linoleumboden daneben und von dort unter den Teppich. Als die Erwachsenen hereinkamen, stand der Gummibaum wieder aufgerichtet neben dem Fenster und drei harmlos dreinblickende Kinder spielten brav auf dem Wohnzimmerboden.

So viele Gefahren

Der größte Teil meiner frühen Kindheit hat sich im Freien abgespielt; an unsere Wohnung entsinne ich mich - von jenem Gummibaum abgesehen - ganz und gar nicht, an keine Zimmereinrichtung, an keinen Blick aus dem Fenster, an keine Feierlichkeit. Geblieben ist nur die Erinnerung an vielleicht sechs, sieben Betonstufen hoch zur Haustür. Und an die kann ich mich nur deshalb erinnern, weil sie von mir zu meiner Mutter führen, die oben in der Haustür Mutter steht. Sie ist herausgekommen, weil ich laut nach ihr gerufen habe.
   Was war geschehen? In vielleicht 200 Meter Entfernung unseres Hauses lag am Waldrand eine Wiese, die wir "Zeign" nannten. Auf der Zeign hüteten damals noch ein paar Kinder eine Gänseherde, vor deren zischenden Gänserichen ich einen heiden Respekt hatte. Lieber blieb ich diesseits der ungeteerten Straße, die zunächste auf die Zeign zuhielt und dann im rechten Winkel nach rechts abknickte und am Waldrand entlang verlief. Auf "meiner" Seite der Straße lag ein mehrere Meter tiefes Gebüsch, das voller Verlockungen für mich war, voller Höhlenbaumöglichkeiten, Aus dem dichten Grün ragten Bäume auf, die mich zum Klettern reizten. An diesem Tag war ich besonders tollkühn und kletterte an einem Baum hoch hinauf - bis ein Ast unter mir brach und ich den Halt verlor. Kopfüber stürzte ich abwärts, bis mir ein Ast in die linke Wade fuhr und mein Leben rettete. Ich musste ihn wohl abgebrochen haben, denn mein nächstes Erinnerungsbild zeigt mich, wie ich mit dem Aststumpf in meiner Wade nach Hause humpele, schockiert und mit einem Gefühl bleierner Ergebenheit. Schon am Gartentürchen rief ich nach Mutter. In der Eingangstür, oben an der Treppen stehend, sah sie mein Malheur und befahl mir, mich auf die Stufen zu setzen. Dann verschwand sie drinnen und kam mit einem kleinen Fläschchen heraus und zu mir herunter. Mit einem schnellen Ruck zog sie mir den Ast aus der Wade und träufelte eine rote Flüssigkeit auf die Wunde. Ob sie brannte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich an die Woge von Vertrauen und Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber erinnern. Sie wusste einfach immer, das Richtige zu tun.

Trügerische Sicherheit

Ob es noch im Winter des gleichen Jahres geschah, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls mussten die Schutzengel eine Sonderschicht für mich einlegen. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder und seine Kumpels waren raus auf die Wiesen zu einem zugefrorenen Weiher zum "Ranscheln" gegangen. So nannten wir das, wenn wir Anlauf nahmen, um dann auf dem Eis dahinzuschlittern. Und je öfter man ranschelte, desto glatter wurde die Eisfläche und desto weiter rutschte man. Ich war mit von der Partie. Lothar und seine Freunde verloren schon bald die Ranschel-Lust, aber ich hatte gerade Feuer gefangen und blieb auf dem Weiher, während sie in die frühe Dunkelheit davonzogen. Das Eis war hell genug, dass ich mich gut orientieren konnte. Also ranschelte ich alleine vor mich hin - bis das Eis unter mir brach und ich plötzlich bis zur Hüfte im Wasser hing. Alle Versuche, mich aufs Eis hinaufzuziehen, schlugen fehl, meine nassen Wollfäustlinge wärmten längst nicht mehr und meine Finger wurden erstarrten zunehmend. Ich schrie und schrie in die Dunkelheit hinein, aber um mich waren nur Eis, stumme Felder und Wiesen, graues Gebüsch, schwarze Bäume. Bis nach Hause waren es nur ein paar Hundert Meter. Plötzlich erschien eine rettende Hand, die mir einen Stock reichte, an dem ich mich festklammern konnte. Eine Frau hatte ihrer Mutter im Nachbardorf Medizin gebracht und war über einen Feldweg heimgekehrt, von dem aus sie mich schreien hörte.
   Doch damit war die Lebensgefahr noch nicht vorbei. Eine viel heimtückischere Gefahr lauerte am Wegrand meiner Kindheit: eine Lungenentzündung. Ob sie durch meinen Sturz ins kalte Wasser verursacht war, weiß ich nicht mehr. Und kaum hatte ich diese Lungenentzündung überstanden, als mich ein Rückfall wieder ins Bett zurückwarf. Meine Eltern bangten um mein Leben und Dr. Meier kämpfte dafür. Torturen mit täglichen Spritzen in meinen Po kamen auf mich zu, meine Eltern, die mich angstvolles, weinendes Kind an Armen und Beinen festhielten, damit der Arzt seine lange Spritze in mich stechen konnte. Die Erinnerung daran ist eine Art Tiefseegefühl, eine Mischung aus Todesangst, Furcht vor der Nadel des Doktors, Zorn über meine mich festklammernden Eltern und meine Hilflosigkeit, ein dunkles, gequältes Winden wie von einem Fisch, der sich gegen die Fangarme eines Oktopus wehrt, ihm aber nicht entkommen kann. Aber auch eine schöne Erinnerung säumt diese Wochen meiner Krankheit: Ich liege im Bett, das Mutter mitten im Wohnzimmer aufgebaut hat, damit sie mich rundum umsorgen kann. Ich habe die "Zehn kleinen Negerlein" geschenkt bekommen und lasse sie mir von Mutter vorlesen. Ich mag die Reime, ohne deren Brutalität zu verstehen.

Geistesgift für Kinder

Wer dieses "Kindergift-Buch" nicht kennt, dem sei hier eine Auswahl von drei Strophen zum Besten gegeben:

Zehn kleine Negerknaben schlachteten ein Schwein;
Einer stach sich selber tot, da blieben nur noch neun.

Fünf kleine Negerknaben, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.

Drei kleine Negerknaben spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.

So lag ich und erholte mich und schließlich kam Ostern und ich war über den Berg. Meine Eltern waren überglücklich und ich auch, denn noch nie war ich so umsorgt und umhegt worden. Der Osterhase brachte ein ungewöhnlich großes Nest mit einem etwa 20 Zentimeter großen, braunen Osterhasen mit plüschiger Haut und abdrehbarem Kopf. Drinnen war er hohl und ganz und gar mit kleinen Zuckereiern gefüllt. Ich war begeistert.

Der Geisterschrank

Nicht nur ich war krank, auch meine Mutter war von der Flucht aus Schlesien, und den zermürbenden Lebensumständen danach nervlich am Ende. Das war so schlimm, dass sie sich nicht mehr um mich kümmern konnte. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, so hieß das damals; sie hatte Schwierigkeiten beim Sprechen und vor allem bei der Bewegung. Sie hatte die Kontrolle über ihre Beine verloren, die, wenn sie gehen wollte, ein Eigenleben entwickelten und sich steif in die Luft hoben, so dass sie bestenfalls stolzierte wie ein Storch. Sie kam nach Regensburg in die Psychiatrie, wo man ihr, in der Meinung, das würde helfen, den größten Teil ihrer oberen, völlig intakten Zähne aus dem Kiefer meißelte. Nach ein paar Monaten verloren sich die Symptome und ich durfte wieder heim.

Das weiß ich aber nur aus Erzählungen. Ich selbst wurde nach Schillingen in der Eifel ausquartiert, wo der Vater meiner Mutter Volksschulrektor war. Der größte Teil der Erinnerungen an diese Zeit verschwimmt, aber ein paar Details sind erhalten.

Es muss um die Weihnachtszeit gewesen sein, denn ich war mit Oma in der Küche abends beim Plätzchenbacken. Es war schon ziemlich spät, als mein Großvater angetrunken nach Hause kam. Mit irgendetwas muss ich ihn provoziert haben, denn er drohte mir mit Prügel, denen ich auswich, indem ich um den Tisch herum, der mitten in der Küche stand, vor ihm davonrannte. Er mir hinter her, so dass wir ein paar Runden um den Tisch drehten. In meiner Furcht vor ihm war ich schneller, zumal der Alkohol ihn behinderte. Irgendwann ging ihm die Puste aus und ich war gerettet.

An das Haus grenzte ein großer Garten an, den meine Oma versorgte und daraus erntete. Einerseits liebte ich den Garten, weil es dort allerlei zu naschen gab, andererseits grenzte er an die Mauer des Pfarrhofs. Der Teil des Pfarrgartens auf der anderen Seite war verwildert und ein wunderbarer Spielort für mich uns meine Schillinger Kameraden. Auf unserer Seite war die Mauer leicht zu erklimmen, dann ließ man sich rückwärts in den Pfarrgarten ab. Zurück ging's nicht mehr, dazu war die Mauer zu hoch. Also mussten wir bis zum Pfarrhof und von dort auf der Straße. Wie er hieß und warum wir ihn nicht mochten, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war da ein Junge, der immer bei uns mitspielen wollte. Irgendwann beschlossen wir, ihm eine Abreibung zu verpassen. Wir erzählten ihm von dem tollen Pfarrgarten und er kam mit uns mit, ließ sich wie wir rückwärts die Mauer hinab und stand inmitten von einem hohen Brennnesseldickicht. Wir hatten deswegen lange Hosen an, er kurze. Danach wollte er nicht mehr mit uns spielen.

Die stärkste Erinnerung aus der Zeit in Schillingen ist der Geist aus dem Schlafzimmerschrank. Ich schlief in Omas Bett, Opa schlief woanders. Nachts wachte ich von einer tiefen, bedrohlichen Stimme auf, die ständig rief: "Wo bin ich? Wer bin ich?" Ich  hatte wirklich Angst vor dieser Stimme, die aber nur ich hörte. Oma hat mit mir den Schrank durchsucht, aber da war nichts. Eine Weile war es still, aber irgendwann wachte ich von der Stimme wieder auf und war mehrere Nächte richtig verängstigt. Die Erklärung des Phänomens lieferte dann Opa. Als er von der Bedrohung im Schlafzimmer erfuhr, lachte er  und sagte: "Beim nächsten Mal, wenn die Stimme wieder da ist, musst du Oma in die Seite knuffen und die Stimme wir leiser werden oder ganz weg sein, spätestens, wenn sie aufwacht."

Als mein Vater mich abholte und ich wieder in Neuburg war, sprang ich meiner Mutter in die Arme und rief: "Mutti, ich geh nie mehr weg von dir!"

Verführerische Spiele

Der Sommer kam und mit ihm drei Erlebnisse, in denen sich lustvolle mit angstvollen Erlebnissen mischten. Ich war wohl an die vier Jahre und ein richtiger kleiner Racker, voller Bewegungsdrang und Selbstbewusstsein. Im Handumdrehen hatte ich Fahrradfahren erlernt und wollte bei allem mitmischen, was Lothar tat. Weil die Diendorfer Straße frisch geteert war - bis heute liebe ich den Geruch von frischem Teer - war sie köstlich rutschig, ideal für das Spiel der Großen, möglichst lange Bremsspuren zu produzieren. Wir hatten einen Bremsstrich quer über die Straße gemalt. Dann galt es, auf dem Rad so kräftig wie möglich Anlauf zu nehmen und beim Strich eine Vollbremsung hinzulegen. Das ging auch lange gut und macht mir viel Vergnügen. Aber einmal hielt ich mich nicht richtig an der Lenkstange fest. Durch meine eigene Bremsung flog ich darüber hinweg mit dem Kopf voraus auf die Straße - und holte mir eine riesige Beule. Mutter erzählte ich natürlich, ich sei hingefallen und sie kurierte mich mit dem üblichen Messer, das sie zunächst unter kaltes Wasser hielt, um es dann mit der Breitseite auf die Beule zu drücken.
 
Gegenüber der Diendorfer Straße, also auf der anderen Hausseite, lag der Hausgarten, hinter dem sich der Hang zu einem flachen Tal absenkte und danach wieder zu einem kleinen Hügel anstieg. Auf halber Höhe, quer zum Hang, gab es auch ein mehrere Meter breites Gebüsch. Dort, aber auch im Wald neben der Diendorfer Straße, fanden unsere heimlichen Doktorspiele statt. Sie schienen sich wie von allein zu ergeben, so wie Wasser keineswegs wiederstrebend sich in einen Strudel hineinwindet, so ergaben wir uns der dunklen, verbotenen Lust der Berührung. Es war auch ein Mädchen dabei, dem wir die Unterhose herunterziehen durften und sie dort ansehen und betasten durften. Eines Tages hatte sie sich mit nacktem Unterleib rücklings aufs Moos gelegt. Unsere Hände waren über ihr und fanden, erregt, auch den Eingang zu ihrer Scheide. Da lag es nahe, dass wir etwas hineinstecken wollten. Noch zu klein, um zu verstehen, was dort natürlich hineingehörte, suchten wir nach kleinen Stecken, die wir in sie schieben konnten und es mit ihrer Zustimmung - ich habe keine Erinnerung an irgendwelchen Zwang - auch taten. Einmal wohl mit wenig Feingefühl, denn sie schrie auf, dass ihr das jetzt wehtue und wir aufhören sollten. Bis heute fühle ich den Schrecken dieses Augenblicks, aber auch die Lust, die mich erfüllte, die Angst vor dem Entdecktwerden und die Angst vor der Sünde, denn der liebe Gott, das hatten die Eltern 

Die verbotenen Früchte des Waldes.

mich gelehrt, sieht alles. Und das, was wir da taten, war eindeutig Sünde. Das wusssten wir und konnten uns den Sog doch nicht entziehen. Eines Tages trug ich bei einer solchen Situation eine Lederhose. Zwar kann ich mich nicht daran erinnern, wie wir uns gegenseitig befühlt hatten, aber es war wohl geschehen und ich musste nach Hause zum Essen. Aber ich war wohl so aufgeregt, dass ich die Knöpfe des Hosenlatzes in dem harten Leder nicht richtig zubekam und mit verknöpftem Hosenlatz nach Hause kam. Mein schlechtes Gewissen war so groß wie die ganze Welt um mich, aber Mutter bemerkte nur etwas Belangloses und knöpfte mir die Hose wieder richtig zu.

Neben unserem Haus lag ein Bauernhof mit einem hutzeligen kleinen Bauern, der sehr liebenswürdig zu uns war und auf dessen Traktor ich oft mit aufs Feld hinaus tuckerte. Zusammen mit anderen Kindern halfen wir beim Stohmännchenbauen, aber noch viel mehr nutzten wir die zu gelben Pyramiden aufgestellten Strohballen zum Versteck spielen. Im Herbst entwickelten sich manche Felder zu ganz besonderen Verlockungen. Dort wuchsen dann die "Seuchelrüben", Rüben, die mild und würzig schmeckten und die wegen ihrer harntreibenden Wirkung ihren Namen trugen. Wir Kinder zogen sie mit Vorliebe aus der Erde, rubbelten sie halbwegs sauber und knabberten daran. Natürlich durften wir das nicht, es war ja Diebstahl, hatten wir gelernt, und der gute Bauer hatte es uns auch mit erhobenem Zeigefinger verboten.  Ebenso natürlich tat ich es dennoch und wurde dabei vom Bauern erwischt. Ich lief davon und er - scheinbar - hinter mir her. Ich lief in großer Panik nach Hause, flüchtete zu meiner Mutter und harrte schweigend auf die Strafe, die meiner Meinung nach kommen musste. Die Furcht währte zwei, drei Tage, bis mir klar war, dass der Bauer noch netter war, als ich gedachte hatte. Er kam nicht und es gab keine Strafe. Was für ein Glück ich hatte!

Erste Mamazweifel

Die ersten Zweifel an meiner Mutter beschlichen mich im folgenden Winter. Es fiel reichlich Schnee, und Vater hatte uns allen die billigsten Skier gekauft, einfache Better mit einer Gummischlaufe, welche die Schuhspitze unter Metallösen drückte, wenn man die Schlaufe spannte. "Uns allen" bedeutet "auch Mutter". Ich sehe sie mit einer schwarzen Trainingshose und einem bunten Ringelpullover unbeholfen auf den Skiern tappsen, voller Angst zu stürzen und beim kleinsten Gefälle tief in die Knie gehend, damit ihr nur ja nichts passiert. Daneben Vater mit einer bemühten Geduld, von der ich spürte, dass sie von Ärger über seine ängstliche Frau unterlegt war. Das war keine souveräne Mutter mehr, sondern ein vor Furcht schlotternder Erwachsener, dem ich mich überlegen fühlte und den ich wegen der vermeintlichen Unsinnigkeit seiner Frucht verachtete.
 
Aber dann gab es auch die Mutter, die mich an dem kleinen Hang hinter unserem Haus "rettete". Dort fuhren wir Ski, Vater sehr um Lothar bemüht, der viel mehr Freude an der Sache hatte als ich, der ich mehr herumstand und heulte, weil mir die Füße vor Kälte wehtaten. So stand ich und stand ich, fürchtete, von Vater als "Memme" bezeichnet zu werden und wagte nicht zu sagen, dass ich nur noch heim in die Wärme wollte, bis Mutter ihre Ski abschnallte, mich an der Hand nahm und sagte: "Komm, wir gehen schon mal nach Hause."

Eine kleine geheime Welt in einer Erinnerungsblase eingeschlossen waren Mutters und meine Besuche bei einer alten Dame. Weshalb wir dort hingingen, ich an Muttis Hand und durchaus ein Stück Wegs, weiß ich nicht mehr. Eins aber weiß ich genau: Wenn wir bei der Dame ankamen, machte ich meinen Diener, wie es sich gehörte, und setzte mich brav aufs Sofa, den Wohnzimmerschrank immmer im Blick, genauer gesagt, die Schubladen hinten rechts unten in der Nähe des Fensters. Denn irgendwann ging sie dort hin und dann war das nur wegen mir, für mich. Sie zog eine der Schubladen auf und nahm eine Süßigkeit heraus, die sie mir brachte und mir dann ganz allein gehörte und die ich auch mit niemandem teilen musste.

Woran ich mich nicht erinnern kann

Eine Erinnerung fehlt mir; gleichwohl erscheint sie wichtig und wurde mir von meiner Mutter berichtet. Sie erzählte: "Ich war einkaufen und eine Weile unterwegs. Du hast auf dem Hof vor dem Haus mit den anderen Kindern gespielt. Im Haus gab es einen ganz unangenehmen Jungen, dem es Spaß machte, die Kleineren zu ärgern und zu quälen. Er war vielleicht drei Jahre älter als du. Du mochtest ihn gar nicht und hast ihn gemieden. Auf dem Weg nach Hause höre ich schon von fern ein schreckliches Gebrüll. Das machte mir aber keine Sorgen, denn es war nicht deine Stimme. Aber als ich näher kam, sah ich, dass du die Ursache für das Gebrülle warst. Du hattest dich in der Wange dieses Quälgeistes verbissen und hast nicht losgelassen wie ein Hochseilartist, der sich nur mit den Zähnen festhält. Der große Junge schlug um sich und auch auf dich ein, um dich loszuwerden, denn du hingst in freier Luft nur an seiner Backe fest. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich dich überredt hatte, deine Zähne zu lösen." Die genauen Folgen meiner Attacke hat mir Mutter leider nie berichtet, aber obwohl sie sich bei der Mutter des Jungen für mein Verhalten entschuldigte, war sie insgeheim stolz auf mich. Danach hat der Große mich wohl in Ruhe gelassen und lieber andere Kinder gequält.

Wo sind Vater und Bruder?

Mein Bruder spielt in den frühen Kindheitserinnerungen - von den wenigen bereits erzählten Situationen abgesehen - gar keine Rolle. Ich empfand ihn weder als Beschützer noch als Freund oder Konkurrenten. Das gilt letztlich auch für meinen Vater - mit einer Ausnahme. Wir waren auf einer Kirmes. Daran erinnere ich mich ganz verschwommen, an die vielen Verlockungen, an die bunten Farben, an die Zuckerwatte, die ich nicht verstand und auch nicht bekam, an neue Düfte, an Musikspiele, an viele Menschen. Ich war so klein, dass mein Arm nach oben zeigte, wenn ich die Hand meiner Mutter hielt. Irgendwo war da auch eine kleine Unstimmigkeit zwischen meinen Eltern, ich vermute, Mutter versuchte die Ausgabe zu verhindern, denn wir waren ja arm, aber mein Vater setzte sich durch und dann kommt die entscheidende Szene: Er beugt sich zu mir herab mit einer Eistüte in der Hand. Ob da nun eine Kugel oder zwei Kugeln drin waren, weiß ich nicht mehr, aber an meine Freude und an meine Dankbarkeit erinnere ich mich sehr stark. Mein Vati! Denn so hießen meine Eltern in der Kindheit: Mutti und Vati.

Kindheit

Altenschwand

Wie von einem Dschinn in die Hand genommen und nach Altenschwand versetzt, so fühlte ich mich. Neunburg als Ort war gelöscht, war wie durchgestrichen, als wäre es aus der Welt verschwunden, die nun Altenschwand hieß, ein kleines Dorf in der Oberpfalz zwischen Schwandorf und Bodenwöhr und eine Nachbargemeinde des später berüchtigt gewordenen Wackersdorf. Weder ist mir der Umzug in Erinnerung noch der Einzug in unsere Lehrerwohnung im zweiten Stock unter dem Dach. Mein Vater war Schulleiter einer zweiklassigen Schule mit Volkshochschule geworden, vor allem meiner nervlich zerrütteten Mutter zuliebe, die es "in der Stadt" nicht mehr ausgehalten hatte; zweiklassig bedeutete: Es gab da die Klassen 1 bis 4 in einem Klassenzimmer im Parterre und die Klassen 5 bis 8 im zweiten Klassenzimmer im ersten Stock. Unter dem Parterre gabe es die Kellerräume und den Heizungskeller, aber davon später.

Meine Vorschulzeit

Vermutlich sind wir im Sommer umgezogen, in den großen Ferien, also im August 1959. Das weiß ich, weil ich im September sechs Jahre alt wurde und meine Eltern mich, den zierlichen, schmalen Buben, noch nicht einschulen wollten. Das hätte auch nächstes Jahr noch Zeit. Aber die Kinder, mit denen ich spielte, meine neuen Kameraden aus dem Dorf, kamen alle in die Schule.

Frühe Kinderspiele

So war ich oft alleine unterwegs, streunte durch den großen Gemüsegarten, den meine Mutter zusammen mit Fräulein Schmidtbauer unterhielt, kletterte auf die Birke vor dem Haus und saß da oben im Geäst und freute mich, wenn mich keiner bemerkte. Fräulein Schmidtbauer war die große, stattliche Lehrerin mit dunklem, angegrautem Haar, die im zweiten Stock der Schule in einer kleinen Wohnung neben uns wohnte. Wie es sich damals für Volksschullehrerinnen gehörte, hatte sie keine Kinder und hatte mich schnell ins Herz gefasst. Ich ich mochte sie, mochte ihre dunklen Augen, die so ganz anders waren als die blauen Augen meiner Mutter, geheimnisvoller und wohlwollender, schien mir.

Weil wir in der Schule wohnten, kam mir Schule alltäglich vor. Dass ich nicht in den Unterricht gehen durfte, verstand ich nicht. Gelindert wurde das Problem dadurch, dass Fräulein Schmidtbauer nichts dagegen einzuwenden hatte, wenn ich mich manchmal einfach so in die Klasse setzte, weil ich grade nichts Besseres zu tun hatte und zuhörte, aber auch jederzeit wieder gehen konnte, wie es mir beliebte. Die Mathematik fand ich besonders interessant und konnte nicht verstehen, was daran schwierig war. Zahlen zu addieren und zu subtrahieren, das konnte doch jedes Kind, fand ich. Aber irgendwann wurde ich natürlich offiziell eingeschult - inklusive Schulranzen. Ich weiß nur noch, dass er mir riesengroß vorkam, aber vom Inhalt ist keine Spur hängen geblieben. Hängen geblieben ist allerdings etwas ganz anderes: Eine neue Seite aufschlagen und sie mit etwas zu beschreiben, ob's nun Zahlen oder Buchstaben sind, erschien mir immer wie ein heiliger Akt. Dem konnte ich nur durch größtmögliche Schönheit gerecht werden.

Am 24. September hatte ich Geburtstag, wahrscheinlich meinen siebenten. Ein Geschenk beeindruckte mich besonders. Meine Eltern hatte mir eine riesengroße Schachtel Konfekt gekauft, ein Wunder, das ich ganz ganz sparsam in den nächsten Wochen verzehrte. Natürlich erzählte ich am Nachmittag meinen Spielkameraden davon, aber sie verstanden mich nicht. Ich versuchte zu erkären, was ich bekommen hatte, konnte aber nicht zu ihnen durchdringen, sondern wurde nur ausgelacht. Ich war so verwirrt und traurig, dass ich zu meiner Mutter nach Hause lief und weinte: "Die Kinder verstehen mich nicht." Mutti fand die Lösung. Die Altenschwander Kinder kannten das Wort Konfekt nicht, sie kannten nur Pralinen. Als ich mit diesem neuen Wort zurückkehrte und verstanden wurde, stand für mich fest: Ich muss lernen, wie meine Kamerade zu sprechen. Innerhalb weniger Monate lernte ich also meine erste Fremdsprache: Oberpfälzisch. Bald beherrschte ich es so gut, dass mich Mutti nicht mehr verstand und zu Haus eine neue Regel eingeführt wurde: Zu Hause sprechen wir Hochdeutsch.

Als "Sohn vom Herrn Lehrer" hatte ich automatisch eine privilegierte Position im Dorf, dies umso mehr, als ich manchmal meine "Freunde" in die Schule einlud, wo ich an den Nachmittagen kindlicher Hausherr war. Ein besonderes Spielzimmer war der große Saal, der für Gemeindeversammlungen und Volkshochschulvorträge genutzt wurde. Meistens stand er also leer. In Bezug auf diesen Saal gibt es vier Erinnerungen. Die eine bezieht sich auf die Weihnachtszeit, als ich zusammen mit anderen Kindern für eine Weihnachtsfeier Weihnachtslieder flötete. Ich war aufgeregt, aber zugleich auch begeistert, weil es klappte, auch wenn mein Ton ein wenig verzittert war. In der zweiten Erinnerung taucht ein mächtiger Weihnachtskaktus auf mit Hunderten von Blüten (Mutter hatte ein grünes Händchen), die ich sehr bewunderte, die ich aber, anders als die Bromelie, nicht gießen durfte. Irgendwann sah mich Mutter beim Gießen der Bromelie und schimpfte, ich solle sie nicht von oben her gießen. Ich widersprach mit dem Argument, dass die Pflanze nicht trichterförmig wachsen würde, wenn kein Regen in den Trichter fallen dürfte. Das klang auch für ihre Ohren logisch und wir besprachen es beim Abendbrot. Vater stimmte mir zu und ich bekam Recht. Das war meine erste Erinnerung, mit Logik "gesiegt" zu haben. In einer dritten Erinnerung befinde ich mich vor Erwachsenen, die sich im Saal zu einer Veranstaltung versammelt haben. Ich hatte zu Weihnachten einen Zauberkasten geschenkt bekommen und ein paar einfache Zaubertricks eingeübt. Mit einem schwarzen Umhang und einem spitzen, breitkrempigen Zauberhut bekleidet stand ich also vor diesen Leuten und konnte sie verblüffen. Dabei waren die Tricks so einfach, dass ich kaum verstand, war sie niemand durchschaute. Mein Respekt vor den Erwachsenen schwand. In der letzten Erinnerung an den Gemeindesaal hatten meine Kumpels und ich den großen Weihnachtskaktus beiseite gestellt, damit wir das große Brett, auf dem er normalerweise stand, als Spielfläche zur Verfügung hatten. Wir spielten meistens Krieg, und zwar mit den Plastiksoldaten, die wir mit Hilfe von Wundertüten gesammelt hatten. Wundertüten waren vielleicht 15 Zentimeter hohe Papiertüten, die wir als Kinder ganz billig kaufen konnten und in denen sich allerlei Krimskrams zum Sammeln befand, darunter eben immer auch diese Kunststoffsoldaten. Wir stellten Fronten auf, sich gegenüberstehende Plastiksoldaten-Reihen. Weiter ging mein Spiel nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie diese Figuren aufeinander schossen oder sich gegenseitig umbrachten. Irgendetwas lähmte dabei meine Phantasie, so dass ich oft gelangweilt danebn stand, während die anderen begeistert "kämpften".

Mit Fräulein Schmidtbauer verbinden mich zwei Erinnerungen, eine angenehme und eine weniger angenehme. Letztere zuerst.

Ich weiß nicht, in welcher Klasse ich war, ich würde mal vermuten, in der dritten, wahrscheinlich war ich neun Jahre alt. Mit meinen Kumpels hatte ich einige Wochen lang in einem auf einem hohen Anger gelegenen Gebüsch am Dorfrand eine "Höhle" gebaut, die wir schon ganz gemütlich ausgestattet hatten, mit ein paar alten Töpfen, die uns das Gefühl gaben, dort kochen zu können, irgendwelchen alten Stoffen, die wir als "Teppich" auf den Boden gelegt hatten und eingeschlagenen Nägeln, um unsere Kleider dran zu hängen. Außerdem hatten wir unsere Höhle schon leidlich gegen Regen abgeschirmt. Als wir das nächste Mal hinkamen, hatte da jemand randaliert. Ärgerlich, aber konnte man nichts machen, wir haben wieder aufgeräumt und versucht, den Urzustand wiederherzustellen. Am nächsten Nachmittag dasselbe Desaster. Jetzt waren wir wirklich sauer. Aber wir hatten auch einen Verdacht. Es gab den Sohn eines Armenhäuslers und Trunkenbolds, der mit uns in die Schule ging, den wir aber nicht in unserem Club haben wollten. (Vermutlich haben wir dabei einfach die gängigen Vorurteile unüberlegt nachvollzogen.) Er musste auf dem Weg zur Schule an unserer Höhle vorbei. Ich beschloss, am nächsten Morgen nicht in die Klasse zu gehen, sondern mich vor Schulbeginn auf die Lauer zu legen. Und siehe da, er war es. Sobald er die Höhle betrat, fiel ich mit allem Zorn über ihn her und hab ihn verprügelt.

Wie meine Tat Fräulein Schmidtbauer zu Ohren kam? Zweifellos muss ich an diesem Tag zu spät zum Unterricht gekommen sein, er aber auch, und vermutlich hatte er ein paar blaue Flecken. Wie auch immer, ich weiß nur, dass Fräulein Schmidtbauer "sehr enttäuscht" von mir war und mich vor die Klasse rief - zum ersten und einzigen Mal in den vier Jahren meiner unbeschwerten Grundschulzeit. Ob ich dann von ihr eine Watschn bekam oder nicht, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass ich mich sehr geschämt habe.

Nun die angenehme Erinnerung. Als ich acht Jahre alt war, bekamen wir einen Fernseher. Mit den Fernsehzeiten gingen meine Eltern aber sehr pädagogisch um. Hin und wieder durfte ich eine Kindersendung sehen oder mal was Harmloses wie Tiersendungen oder Bayern-Nachrichten. Was ich leider nicht sehen durfte, war die Ritterserie Ivanhoe, weil meine Eltern die Sendungen zu gewalttätig fanden.

Also ging ich zum Spielen nach draußen wie alle Nachmittage, nachdem ich im Flug meine Hausaufgaben erledigt hatte. An Tagen mit einer Ivanhoe-Folge war das aber nur ein Vorwand. Ich sagte Tschüs, zog die Tür hinter mir zu und ging ein paar Meter weiter übers Treppenhaus zu Fräulein Schmidtbauers Tür und klopfte. Sie machte mir auf, ließ mich herein und schaltete auf meine Bitte ihren Fernsehapparat ein. Und während ich, gemütlich auf ihrem Sofa sitzend, Ivanhoe schaute, versorgte sie mich mich Keksen, Schokolade und einem heißen Kakao. Einfach wunderbar. Ich war ihr sehr dankbar und meine Sympathie für sie erreichte ungeahnte Höhen. Und wir hielten beide dicht. Meine Eltern haben davon nie erfahren.

Leider, leider habe ich als junger Mann versäumt, mich bei ihr zu bedanken. Das schmerzt mich bis heute, wo sie schon längst unter der Erde liegt.

Bobby wird geboren

Ohne Fernsehen wäre ich nicht der, der ich bin. Die längste Zeit in Altenschwand waren Förster oder Lokomotivführer meine Traumberufe, obwohl ich damals noch nichts von Jim Knopf wusste. Bilder hatte ich zunächst nur aus Fotoalben gekannt und wusste, dass der Apparat, mit dem Vater "knipste" die Quelle dieser Fotos war. Möglicherweise hatte ich auch schon im Rahmen eines Volkshochschulvortrags Dias gesehen, aber weiter reichte meine Medienbildung nicht - bis wir einen Fernseher bekamen. Die Menschen, die auf der Mattscheibe auftauchten, vermutete ich im Inneren des Geräts, was meine Eltern sehr amüsierte. Vermutlich ahnten sie aber schon damals, dass Kinder nicht vor einen Fernsehapparat gehören, sondern in die Natur. Entsprechend knapp waren meine Fernsehzeiten bemessen. Fräulein Schmidtbauer lässt also grüßen.

Eine Sendung, an die ich mich bis heute schemenhaft erinnere, war biografisch prägend. Ich sah eine Dokumentation über die Londoner Bobbys. Sie erschienen mir majestätisch, elegant und enorm würdevoll. Als ich erfuhr, dass es sich dabei um die Londoner Polizisten handelte, warf ich meine Förster- und Lokomotivführer-Ambitionen über Bord und beschloss, eines Tages Bobby in London zu werden.

Ich muss von meinen neuen Berufsplänen wohl so geschwärmt haben, dass mein Bruder mich "Bobby" zu nennen begann, was mich mehr als erfreute. Ich fühlte mich geehrt und hatte den Eindruck, mit diesem Ehrentitel meiner Zukunft schon ein Stückchen näher gerückt zu sein. Freilich dauerte es noch viele Jahre, bis aus Lothars gelegentlichem "Bobby" ein Vorname wurde, unter dem die meisten meiner Bekannten mich kennen. Auch meine Eltern, insbesondere mein Vater, nannten mich zu ihrem Lebensende hin immer häufiger "Bobby" statt "Rudi", und mein Bruder tut das bis heute ebenso wie meine Familie.

Sand des Verderbens

In der zweiten Klasse konnte ich schon gut lesen. Eines Tages versprach mir mein Vater, er würde mir ein paar besondere Bücher zeigen, ganz berühmte Bücher, die ich vielleicht schon lesen konnte. An einem Nachmittag führte er mich in die Gemeindeschreiberei, die im Parterre vor meinem Schulzimmer lag, grüßte die Anwesenden und ging mit mir zur Rückseite des Raumes, an dem sich die "Gemeindebücherei" befand. Sie bestand aus einem deckenhohen, mit Büchern gefüllten Regal. Ein bisschen zu hoch für mich zeigte er auf drei fest gebundende Bücher. Der Autor war Karl May. Er las mir die Titel vor und ich durfte mir eins aussuchen. Ich entschied mich für "Sand des Verderbens", das klang spannend. Und tatsächlich las ich das Buch, nein, ich verschlang die rund 400 kleingedruckten Seiten mit den erklärenden Fußnoten. Kara Ben Nemsis Mut, Selbstbeherrschung und Disziplin beeindruckten mich mächtig. So wollte ich auch werden, so mutig. Eine Stelle beeindruckte mich so sehr, dass ich mich bis heute daran erinnere. Kara Ben Nemis war wohl von Beduinen gefangengenommen worden. Er bewies ihnen, dass er mutiger und beherrschter war als sie. Das wollten sie ihm nicht glauben. Sie setzten sich gemeinsam in den Sand und Kara Ben Nemsi zückte sein Messer und trieb es durch das Fleisch seines Oberschenkels in den Boden. Das sollte sie erst mal nachmachen. Sie waren genauso beeindruckt wie ich und wurden aus seinen Feinden zu seinen Verbündeten.

Zu meinen Aufgaben gehörte es, regelmäßig abends bei Bürgermeister eine Kanne Milch zu holen. Das muss gegen halb sieben Uhr gewesen sein, denn um sieben musste ich zu Hause sein. Im Winter war es da schon stockdunkle Nacht, Straßenlaternen gab es noch nicht, und die einzige Beleuchtung waren Mond und Sterne und der gelegentliche Lichtschein aus den Fenstern, an denen ich vorüberging. Der Weg zum Bauernhof des Bürgermeisters war etwa 500 Meter lang und machte eine kleine Biegung nach rechts und eine große nach links. Zwischen unserer Schule und den nächsten Häusern auf der rechten Seite war ein vielleicht 100 Meter langes Stück noch unbebaut, ebenso die linke Seite mit einer Wiese und einem riesigen Kirschbaum. Etwa auf der Hälfte der 100 Meter ging rechts ein Feldweg ab, und in dieser Ecke Stand ein Marterl, also ein Bildstock mit einer Marienfigur, inmitten eines riesigen Holunderbuschs. Auf meinem Rückweg vom Milchholen war es nicht zu sehen. Dagegen erhob sich der Holunderbusch gegen den Nachthimmel und wirkte auf mich, wenn der Wind wehte, wie ein drohendes, riesiges Gespenst, das seine vielen Arme nach mir ausstreckte. Entsprechend ging ich möglichst nahe am rechten Straßengraben und so schnell wie möglich an dieser Erscheinung vorbei. Irgendwann blieb ich stehen und überlegte, was Kara Ben Nemsi jetzt wohl täte. Ich suggerierte mir, dass das gar kein Gespenst war, sondern ein Holunderbusch. Aber wie konnte ich das rausfinden? Ich setzte meine Milchkanne ab und ging mit klopfendem Herzen Schritt für Schritt auf das Monster zu. Es tat mir nichts. Noch ein Schritt und noch einer und endlich war ich ganz nahe heran, so nahe, dass ich meine Hand ausstrecken und in den Schatten tauchen konnte. Und das Holz fühlte. Es war also tatsächlich nur das Holundergebüsch, das ich vom Tag her kannte.

Eine andere Auswirkung der Karl-May-Lektüre waren meine Schleichübungen. Ich ging alleine hinaus auf die Felder und hielt Ausschau nach einem Bauern bei der Arbeit. Dann legte ich mich auf den Bauch schlich mich so nahe wie möglich an ihn heran. Natürlich hat er mich irgendwann entdeckt und lachend angerufen. Dann stand ich auf und lief davon.

Das erste Mal im Krankenhaus

Die Schule hätte mich beinahe das Leben gekostet. Folgendes geschah. Da wir im zweiten Stock der Schule wohnten, hielt es meine Mutter für richtig, dass ich mir in der Pause ein frisches Pausenbrot "von oben" abholte. Dazu musste ich aus dem Parterre in den zweiten Stock laufen, mein Brot abgreifen und wieder runterrennen in den Pausenhof im Freien. Dabei versäumte ich wichtige zwei Minuten, also legte ich diesen Umweg so schnell wie möglich zurück. Ein Hindernis, bevor man aus dem Schulgebäude laufen konnte, war eine zweiflügelige Glasschwingtür. Als ich im Rennen danach griff, warf sie irgend  jemand mir entgegen, so dass ich den Griff verfehlte und mit der rechten Hand durchs Glas schlug.

Danach begann ein großes Geschrei um mich herum. Aus meinem rechten Handgelenk quoll Blut und ergoß sich auf die Steinplatten unter mir. Kinder rannten zu meinem Vater, der noch im ersten Stock im Klassenzimmer war. An Schmerzen kann ich mich nicht erinnern. Mein Vater meine später, mein Handgelenk sei einfach ein Loch gewesen. Eine Glasscherbe hatte alle fünf Sehnen durchschnitten.

Zum Glück hatten wir kurz zuvor ein Telefon bekommen und meine Eltern riefen den Arzt in Bodenwöhr an, 12 Kilometer entfernt. Er kam eilends und meinte, wir müssten augenblicklich nach Schwandorf ins Krankenhaus fahren, 20 Kilometer entfernt. Währenddessen lag ich auf dem Sofa und fragte meine Mutter: "Muss ich jetzt sterben?" Mein Vater holte aus aus unserem VW Käfer raus, was rauszuholen war. Der Operationssaal war leer, so dass ich sofort dran kam, doch meine Eltern durften mich nicht begleiten. Ich lag also eine Weile allein in dem verlassenen OP auf einer Bahre, bekam die Panik und brüllte nach meinen Eltern, was dazu führte, dass man mich an allen Vieren festband. Dann bekam ich eine Äthernarkose; mit anderen Worten: Ich bekam ein stinkendes Etwas auf Mund und Nase gepresst, und diesen Gestank musste ich einatmen, wenn ich nicht ersticken wollte. In meiner Phantasie löste das sich auflösende Bewusstsein folgendes Bild aus:

Ich war auf einer großen, flachen Ebene und musste laufen, laufen, laufen. Mein Weg führte geradewegs auf einem trichterförmigen Krater zu, in den ich springen musste. In diesem Augenblick teilte sich meine Wahrnehmung in zwei Teile: Der eine sprang und hatte Angst im Abwärtsstürzen, der andere sah, wohin der andere stürzte, nämlich auf eine riesige Nadel zu, die sich am Grund des Trichters befand. Auf die schlug der erste auf, wurde in zwei Teile zerrissen und der Horrortrip verdoppelte sich. So ging das immer weiter, bis ich nur noch aus Molekülen bestand und verschwand.

Objektiv betrachtet hatte ich große Glück gehabt. Ein paar Monate zuvor war ein junger Chirurg an das Schwandorter Krankenhaus gekommen, der ein Jahr zuvor an der Freiburger Uniklinik eine neue OP-Technik erlernt hatte, wie man gerissene Sehnen miteinander verbindet. Er hat seine Sache gut gemacht. Alle fünf Sehnen funktionieren bis heute einwandfrei, nur die Sehne, die das obere Glied des rechten Daumens mit dem Daumengelenk verbindet, ist in der Beweglichkeit eingeschränkt, so dass ich damit keinen Klammergriff mehr ausführen kann.

Bis zur vollkommenen Genesung musste ich vier Wochen im Krankenhaus bleiben. Insgesamt schien mir das nicht allzu viel auszumachen, ich scheine mich mit den Schwestern meistens gut verstanden zu haben und fand die Sache eher abenteurlich. Schlimm war nur, dass ich meine Eltern, wenn sie mich besuchen kamen, nicht umarmen durfte, denn wir konnten nur - wie im Knast - über eine Art Thresen, dessen Breite eine Umarmung verhinderte, hinweg miteinander sprechen, nachdem ein Schiebefenster nach oben gedrückt worden war. Das "meistens gut verstanden" bezieht sich auf einen Vorfall, der heute so nicht mehr denkbar wäre. Ich war beim Toben in der Kinderabteilung ausgerutscht und rückwärts hingefallen, wobei ich mit dem Hinterkopf gegen eine Eisenlamelle des Heizkörpers schlug und einen Riss in der Kopfhaut hatte. Als ich heulte und die Schwestern mit mir nicht mehr klarkamen, führten sie mich zu meiner Mutter, die hochschwanger im ersten Stock lag - wovon ich nichts gewusst hatte. Jedenfalls wurde ich ihr als zimperliches Kind zugeführt. Ob meine Mutter wegen all dieser Aufregungen kurz danach meinen kleinen Bruder verlor, weiß ich nicht, aber sie hat's immer wieder vermutet, denn ihre Nerven waren seit jeher schwach.

Mein Freund Sepp

Mein bester Kamerad war Sepp. Das einstöckige Haus, in dem er mit seiner Großmutter und Mutter wohnte, lag mit seiner Breitseite auf der gleichen Straßenseite wie der Bildstock, gleich danach. Von unserer Schule zu ihm konnte ich in einer Minute rennen, wenn es sein musste. Trotzdem war es für mich ein Erlebnis, bei ihm übernachten zu dürfen. Da kam ein paar mal vor. Dann schlief ich im ersten Stock, ob mit ihm im Zimmer oder allein, weiß ich nicht mehr. Sich im ersten Stock aus dem Fenster zu lehnen, war im Sommer eine köstliche Sache, denn an der Hauswand wuchs ein alter Rebstock, der bis unters Fensterbrett dunkelblaue Früchte trug, von denen ich naschen durfte.

Natürlich habe ich auch bei Sepp zu Mittag gegessen und fand die dortigen Kartoffelknödel zum Schweinebraten viel besser als die zu Hause. Sepps Großmutter mochte mich und ich mochte sie. Sie war ein bisschen meine Ersatzgroßmutter, denn Vaters Mutter wohnte fernab bei Hannover, Mutters Mutter bei Trier.

Sepps Großmutter war auch die erste und einzige Herrin über Katzen, die ich kennengelernt habe. Sie hatte zwei Katzen, die sie beide auf ähnliche Weise liebte. Allerdings nahm sich die eine oder die andere Katze manchmal daneben, indem sie zum Beispiel etwas stibitzte, was ihr nicht zustand. Oder nicht folgte, wenn Oma Duscher sie rief. Dann gab es Konsequenzen, ganz moderne übrigens. Sie bestrafte die jeweilige Katze nicht, sondern bevorzugt für eine Weile die andere. Das äußerte sich so, dass sie zum Hoffenster hinaus nach der bevorzugten Katze rief, die dann auch - meistens - angeschnürt kam, zum Fenster hereinsprang und sich erwartungsvoll auf den Boden zu Großmutters Füßen setzte. Dann gab es irgend eine Leckerei und Oma Duscher sagte: "Jetzt kannst du wieder gehen." Dann sprang die Katze wieder zum Fenster hinaus und war verschwunden.

Im Haus Duscher habe ich auch eine katholisch-magische Zeremonie erlebt. Ich war zum Mittagessen eingeladen. Wir hatten alle trefflich gefuttert und eigentlich war jetzt die Zeit zum Verdauen, zum Rumhängen, etwas Spielen. Aber draußen wurde es immer dunkler. Ein mächtiges Gewitter hatte sich aufgebaut, Donner rollten über Altenschwand und die umgebenden Wälder, erste Blitze zuckten. In wenigen Minuten war eine bedrohliche Situation entstanden. Oma Duscher sagte: "Jetzt müssen wir beten", und zündete die geweihte Gewitterkerze an, die auf dem alten Radio zwischen Tisch und Fenster stand. Sie hatte ein spezielles Gewitter-Bann-Gebet, das sie vorlas, anschließend beteten wir das "Gegrüßet seinst du, Maria, voller Gnaden, der Herr ist mit dir." Natürlich kannte ich das Gebet aus der Kirche, aber die Situation war mir völlig fremd. Irgendwie magisch und sehr dicht. Von zu Hause kannte ich das nicht. Da war ein Gewitter eine Wettererscheinung, der man am besten aus dem Weg ging und sich nicht unter große Bäume stellen sollte. Aber hier, in der Wohnstube von Oma Duscher, herrschte eine andere Wirklichkeit, und schon beim zweiten Mariengebet habe ich gläubig mitgebetet.

Ein ziemlich dicker Wermutstropfen in der Erinnerung an Sepp ist eine Situation, wo wir zu viert oder zu fünft vor den Ställen eines Bauernhofs standen und überlegten, wie es jetzt weitergeht. Mein Vorschlag wurde von allen angenommen, nur nicht von Sepp, der nicht nur widersprach, sondern das gefühlt sehr provokativ tat à la: "Musst du immer bestimmen!" Ohne jede Überlegung holte ich aus und schlug ihm mit der Faust in den Magen, so dass er augenblicklich zu Boden ging. Ich kann mich nicht entsinnen, das jemals davor (und danach) getan zu haben, aber geschehen war geschehen. Ich war völlig schockiert und weiß auch nicht mehr, wie es danach weiterging. Ich fühlte mich, als hätte ich mich selbst geschlagen.

Abenteuerspielplatz "Dorf"

Was Raufereien anging, so habe ich sie nämlich normalerweise gemieden. Nicht unbedingt, weil ich sie schlimm fand, sondern ganz einfach, weil ich meistens unterlag. Einer, der mich immer besiegte und dann in den demütigenden Schwitzkasten nahm, war Hans. Er wohnte im neuen Dorf, vielleicht ca. 500 Meter entfernt. Wir waren keine Feinde, nur manchmal wollte oder musste er mir zeigen, wer der Chef war, nämlich er. Ich hatte eigentlich nicht weniger Kraft als er, aber irgendwie hatte er einen Trick raus, mich in den Schwitzkasten zu kriegen und dann war ich verloren und gab auf. Das geschah auch auf dem Platz vor der Schule, und ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater jemals eingeschritten wäre. Heute vermute ich, dass er sich für meine Niederlagen geschämt hat, sicher bin ich mir allerdings nicht.

Auch Hans war eine andere Welt, nochmals ganz anders als bei den Duschers. Bei Hans wurde zum Beispiel in einem Tischbutterfass noch Butter gemacht. Ich staunte wirklich Bauklötze, als ich das sah. Ich sehe nur noch das Butterfass vor mir, das geöffnet wurde und in dem die Butter oben auf der Buttermilch schwamm.
Hans war vor allem auch eine verbotene Welt. Er oder seine großen Brüder besaßen nämlich Tibor- und Sigurd-Heftchen, Comics, die anfangs in einem sehr kleinen Format in Schwarz-Weiß erschienen, später dann auch größer und farbig. "Verboten" deshalb, weil mein Vater von diesen Heftchen nichts hielt und sie uns sofort wegnahm, wenn er welche entdeckte.

In meiner Clique war er jedenfalls nicht. Eher im Gegenteil, denn auch im Neuen Dorf gab es eine "Gang", mit der wir uns manchmal zur einer Steine-Schlacht verabredeten. Das war letztlich auch Spiel, aber eines, das buchstäblich ins Auge gehen konnte (aber nie ging). Die Alte-Dorf-Bande und die Neue-Dorf-Bande verabredeten sich zur "Schlacht", die Fronten waren vielleicht 50 Meter getrennt. Jede Bande hatte vorher einen Steinhaufen zusammengesammelt, unsere Munition, um die andere Bande damit zu bewerfen. Nun hab es kaum jemand, der diese Entfernung wirklich werfen konnte, aber manchmal gelang es eben doch und dann gab es Beulen und blaue Flecken, wenn's ins Gesicht traf. An einem dieser Tage kam ich mit einer dicken Beule auf der Stirn nach Hause. Meine Mutter fragte zwar nach der Ursache, aber ich murmelte nur irgendetwas Belangloses und sie frage klugerweise auch nicht weiter nach.

Eine aufregende und am Ende enttäuschende Geschichte aus Altenschwand war unser "Häuschen". Es stand auf einer Streuobstwiese, hatte die Größe von vielleicht 4x4 Metern, ein kleines Spitzdach und drei Fenster. Ich weiß nicht mehr, wie es uns gelang, das "Häuschen einzunehmen", jedenfalls betrachteten wir es eine Weile als unseren Besitz und begannen es auszubauen, indem wir einen 1. Stock einzogen. Denn vom Parterre konnte man einfach zum Dach hinaufsehen, eine Decke gab es nicht. Als wir ungefähr zu drei Vierteln die Decke gebaut hatten, kam der Besitzer und vertrieb uns mit einem mords Gebrüll, das ausreichte, um unsere Eroberung kampflos aufzugeben.

Ein unwiderstehlicher Dauerspielplatz waren die Heuberge in mehrere Scheunen, und das ist wörtlich gemeint. Zu den besten Zeiten lag das Heu bestimmt drei Meter hoch aufgetürmt. Da von einem höher gelegenen Scheunenboden hineinspringen zu können, war Genuss pur, denn es gab keinen Aufprall, sondern das Heu unter meinen Füßen ein, bis es sich genug verdichtet hatte, um meinem Gewicht Widerstand zu leisten. Ich spüre bis heute den würzig trockenen Duft nach Heu in der Nase, aber auch das Kitzeln, denn im Heu zu spielen bedeutete auch, den Heustaub einzuatmen und immer wieder mal niesen zu müssen - was eher lustig als bedenklich war. Allergien kannte ich noch nicht. Ich kann mich nicht entsinnen, dass uns einmal ein Bauer verjagt hätte. Vermutlich hatte die Bauern als Kinder selbst im Heustadtl gespielt und verstanden unser Vergnügen. Und weil das so war, gab es eine eiserne Regel für die Heunutzer und eine für die Kinder. Die Nutzer durften auf keinen Fall eine Heugabel im Heu stecken lassen, und die Kinder mussten wissen, wo das Wurfloch war, um das Heu auf einem höheren Scheunenstockwerk nach unten werden zu können. Dieses Wurfloch war eine vielleicht zwei mal zwei Meter große Bodenaussparung im Heuboden. Es war uns klar: Wer da versehentlich durchfiel, knallte drei, vier Meter tief unten auf den Betonboden der Scheune. Ich hatte immer einen heiden Respekt davor. Die Erwachsenen erzählten uns von dem einen oder anderen schlimmen Unfall, weil Kinder nicht aufgepasst hatten und ihnen eine Heugabel im Bauch steckte. Das genügte, und ich kann mich nicht entsinnen, einen solchen Unfall miterlebt oder auch nur davon gehört zu haben. Die Horrorstorys erfüllten also ihren Zweck.

Für die Milch gab es abends keine feste Abholzeit. Ich vermute, ab sechs Uhr abends standen die gefüllten Milchkannen zum Abholen bereit. Manchmal marschierte ich also mit meiner leeren Milchkanne früher als nötig los, um noch genug Zeit für ein Heustadel-Abenteuer zu haben. Ich weiß nicht, wie oft es vorkam, dass ich auf die Zeit vergaß, aber ich vermute, ein paar Mal zu oft. Denn an einem Abend kam ich erst gegen halb acht Uhr heim, viel zu spät, und diesmal erwartete mich eine Strafe. Normalerweise war der Abendbrottisch gedeckt, und sobald ich Mutter meine volle Milchkanne übergeben hatte, setzte ich mich hungrig an den Tisch, wo mein Vater bereits auf mich wartete. Seltsamerweise kann ich mich in dem Zusammenhang nicht an meinen Bruder erinnern. Wie dem auch sei: An diesem Abend war kein Tisch mehr gedeckt, niemand saß da und Mutter meinte: "Heute gibt es für dich kein Abendessen, weil du schon wieder zu spät gekommen bist. Wir können ja nicht ewig auf dich warten!" Waf für ein Schock für mich. Zum ersten Mal erlebte ich, dass eine Selbstverständlichkeit nicht mehr selbstverständlich war. Es fühlte sich an wie den Boden unter den Füßen verlieren. Bis dahin war das nie geschehen. Essen bekam ich immer, aber heute nicht. Und ich war selbst schuld. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging und ob ich doch noch etwas bekam. Ich vermute mal, dass mir meine Mutter ein belegtes Brot machte, aber das Ritual des Abendbrots war gestrichen.

Das absolute Vertrauen in meine Mutter war dahin und ließ sich auch nicht mehr reparieren. Ob dieser Vorfall mit einer ganz anderen Sorge zu tun hatte? Vielleicht, vermutlich. Denn wir hatten ein dickes Grimms-Märchen-Buch zu Hause, in dem ich gerne las. Manche der Märchen waren richtig gruselig, und zwar besonders dann, wenn es eine Stiefmutter gab, die den Stiefkindern etwas antat. Zwei Erzählungen blieben bis heute haften. In der einen versuchte die Stiefmutter, die fremden Kinder ihres Mannes in heißem Badewasser zu verbrühen, in der anderen gab sie den fremden Kindern grätenreichen Fisch, damit sie erstickten. Ich sagte mir, dass ich ja nicht wissen könne, ob meine Mutter meine echte Mutter ist oder eine Stiefmutter. Also war ich bei unserem Badeofen immer sehr vorsichtig, denn der wurde mit Holz und Kohlen geheizt und das Wasser kam siedend heiß aus dem Hahn, so dass das abkühlende Wasser Dampfwolken im Badezimmer bildete. Und weil meine Mutter an Festtagen besonders gerne Karpfen servierte, der viele kleine Gräten hatte, war mit den Gräten immer sehr pingelig, so dass das leckere Fleisch oft schon abgekühlt war, bevor ich zum Essen kam.

Ein besonderes Abenteuer war meine Fahrradausflüge mit meinem Bruder Lothar. Er kannte sich besser aus als ich und wir fuhren auf Forstwegen weit in den Wald hinein. Das allein fand ich schon aufregend. Eines Tages entdeckten wir ein kleines Häuschen mit verrammelten Fensterladen und einer verschlossenen Tür. Genau das hat uns gereizt. Da wollten wir hineinkommen. Wir versteckten unsere Räder im Unterholz und spähten nach einer Möglichkeit, aufs Dach zu kommen. Es gab einen Baum mit weit überhängenden Ästen. Den kletterten wir hinauf und hangelten uns aufs (nicht allzu steile) Dach. Auf der dem Weg abgewandten Seite lösten wir ein paar Dachziegeln und stand bald auf ein paar Holzbalken über dem Innenraum. Es war uns beiden klar, dass wir etwas Verbotenes machten, aber das war ja der Reiz der Sache. Durch die Fensterritzen konnen wir nach draußen schauen und die Menschen beobachten, die an "unserem" Haus vorbeiwanderten oder -radelten. Es gab auch ein paar, die anhielten und von draußen nach drinnen schauen wollten. Dann duckten wir uns und waren mucksmäuschenstill, bis "die Gefahr" vorbei war. Was für ein triumphierendes Gekicher danach.

In der Nähe des Altenschwandner Bahnhofs gab es ein paar Häuser, in denen eine Bekannte meiner Mutter wohnte. Eines Tages wollte sie "den armen Kindern" etwas Gutes tun und lud uns beide zum "Kaffee" ein. Wir radelten also hin, die kleine Siedlung lag ca. einen Kilometer hinter dem eigentlichen Dorf im Wald, und bekamen einen köstlichen Kakao vorgesetzt. Das war schon mal gut. Und dann kam der Kuchen. Die Frau meinte es mit uns besonders gut und kam mit zwei Tellern herein, jeweils mit zwei riesigen Sahnetortenstücken. Bis dahin hatte ich nur Hausmacherkuchen und -torten gekannt, aber jetzt lernte ich Konditorware kennen - und verabscheuen. Ich erinnere mich an zweierlei: etwas Weiches im Mund, das ich weder kauen noch schlucken konnte und das fremd und künstlich schmeckte. Lothar und ich sahen und an und er nickte mir aufmunternd zu. Am liebsten hätte ich alles wieder ausgespuckt, aber ich hatte schon gelernt: So etwas macht man nicht. Also habe ich brav beide unvergesslichen Tortenstücke in mich hineingezwungen - immer am Rande eines Brechreizes.

Ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs lag die Gärtnerei Urban mit der Adresse "im Blaubeerwald 1-3". Die Urbans waren nach dem 2. Weltkrieg als Flüchtlinge hier gelandet und hatten sich ein eigenartiges Reich aufgebaut. Es gab ein kleines, einstöckiges Wohnhaus, in dem damals die Oma wohnte. Daneben, ein Stück entfernt, stand ein Zigeunerwagen, in dem eine der Töchter wohnte. Dann gab es noch ein ganz und gar ungewöhnliches Gebäude, das aussah wie ein in die Länge gezogenes Bungalow, aber zwei Stockwerke hatte, ein halb in die Erde versenktes Tiefgeschoss mit niedrigen Decken und einen ersten Stock. Immer, wenn Bedarf bestand, hatte die Urbans dieses Haus um weitere zwei Zimmer, eins unten und eins darüber, verlängert. Hinter diesen drei "Häusern" lag die Gemüse- und Blumengärtnerei, die vom Dorf gut angenommen war. Frau Urban war mindestens 1,80 m groß, hager wie eine alte Fichte und mit tief eingekerbten Gesichtszügen. Sie erschien mir immer viel älter als meine Mutter. Die Urbans waren die Einzigen im Dorf, mit denen meine Eltern "verkehrten", denn Frau Urban war früher Gymnasiallehrerin gewesen, und Herrn Urban habe ich als Meteorologen in Erinnerung, der oft abwesen war.

Die Urbans waren mein erster Hinweis darauf, dass es noch etwas anderes gab als die Altenschwandner Welt. Zum Beispiel gab es dort Margarine. Meine Mutter hielt das für Teufelszeug, weil es nicht von Tieren kam, sondern aus der Fabrik, weshalb es bei uns zu Hause nur Butter gab. Aber bei Urbans aß ich leidenschaftlich Frau Urbans Bauernbrote, die dick mit Margarine bestrichen waren, wofür sich Mutter schämte und versuchte, mir diesen Genuss madig zu machen.

Um die Weihnachtszeit war es bei Urbans besonders schön und geheimnisvoll. Da es früh dunkel wurde und die drei Häuser mitten zwischen die Bäume gebaut waren, schimmerten die Lichter zwischen den verschneiden Ästen sehr märchenhaft uns Besuchern entgegen. Zu jeder Weihnachtszeit hatten die Urbans seltsame Menschen zu Gast, nämlich Studenten aus fernen Ländern, an einem Weihnachten auch mal einen Asiaten und einen Mohren. Das war das Wort, das ich für dunkelhäutige Menschen kannte. Einer von ihnen war auf der Sarotti-Schokolade als Logo abgebildet, so dass ich mit Mohren ausgesprochen positive Assoziationen hatte. In der Kirche stand über dem Opferstock eine Mohrenfigur, die auch mochte. Denn wenn man eine Münze durch den Spalt drückte, nickte die Figur mit dem Kopf, weshalb wir sie den "Nickneger" nannten.

Oma und Tante Klara

Klara Langer war meine Lieblingstante und Oma Langer meine Lieblingsgroßmutter. Sepps Großmutter mochte sich schon sehr, aber sie war eben seine und nicht meine Oma. Da die Flüchtlingsfamilie meines Vaters über ganz Deutschland verteilt war mit den Schwerpunkten München, Hannover und Hamburg, fuhren wir nur zwei- oder dreimal zu Oma nach Rodenberg. Oma Langer war ja eine ehemalige Bauersfrau, breit und so schwer gebaut, dass ich immer den Eindruck hatte, sie stehe mit drei Beinen auf dem Boden. Sie hatte ihre Haare wohl nie schneiden lassen, sondern trug sie zum großen Dutt gewunden auf dem Hinterkopf.

Tante Klara, die unverheiratet war, als Magd auf dem Bauernhof Brunkhorst in der Nachbarschaft arbeitete und sich um Oma Langer kümmerte, hatte die gleich Frisur. Sie war die einzige Frau mit Oberlippenbärtchen, die ich kannte. Normalerweise übernachteten meine Eltern mit Lothar bei Tante Mariechen, die ganz in der Nähe wohnte (und die ich nicht so mochte), ich aber bei Oma und Tante Klara. An einem dieser Tage ließe eine der beiden "alten" Frauen ihr Haar zum Auskämmen herunter; es reichte bis zur Hüfte. Später habe ich ein Bild von Tante Klara in jungen Jahren gesehen; sie war großgewachsen, schlank, schwarzhaarig und wunderschön. Kein Wunder, dass sie eines Tages "von einem Unbekannten" geschwängert wurde. Ein würdiger Rest ihrer Schönheit blieb ihr bis ins hohe Alter. Ich durfte an diesen Tagen in Tante Klaras Bett schlafen (wo sie schlief, weiß ich bis heute nicht). Es war eines dieser großen, alten Betten mit dunklen, schweren Holzrahmen, einem großen, dunklen Brett an der Kopfseite, an dem normale Kissen und große Paradekissen lehnten. Und Tante Klara brachte mich immer zu Bett. Es ging eine steile Stiege nach oben und dann gegenüber in ihr Schlafzimmer. Wenn ich endlich im Bett lag, dann setzte sie sich zum mir, sprach noch ein wenig mit mir, machte mir ein Kreuz auf die Stirn und begann, mich mit Gute-Nacht-Liedern in den Schlaf zu singen.

Von Oma Langer sind mir zwei lebhafte Erinnerungen verblieben. Sie besuchte uns einmal in Amberg (das ich weiter unten schildere) und ging dort regelmäßig jeden Morgen um halb sieben in die Frühmesse. Kurz nach sieben war sie dann wieder da und frühstückte mit uns. Im Gegensatz zu meiner redseligen Mutter war sie eher schweigsam. In der Situation, an die ich mich erinnere, war es später Vormittag. Meine Mutter wuselte durch die Küche und hatte Großes vor. Sie musste ihrer Schwiegrmutter ja zeigen, wie toll sie kochen konnte. Oma saß mitten in der Küche auf einem Hocker an einem Ausziehbrett und schälte wortlos Kartoffeln; aber nicht so, wie meine Mutter Karoffeln schälte, sondern Strich für Strich mit einer Seelenruhe, als hätte sie Zeit bis übermorgen. Trotzdem waren die Kartoffeln rechtzeitig fertig. In der zweiten Situation gingen wir, meine Eltern, Oma und ich in einem Wald auf einem engen Pfand spazieren. Die Sonne schien lebhaft, aber schon von der Seite, und unser Pfad wand sich zwischen hohen Felsen hindurch. Um eine Ecke biegend entdecken wir, in etwa 20 Meter Entfernung, ein Liebespaar, eng umschlungen, halb nackt, an einen Felsen gelehnt - für mich eine willkommene Sensation, für meine Eltern eine peinliche Situation, die sie mit Sätzen à la "die Jugend von heute" kommentierten. Und was sagt meine tief katholische Großmutter? "Ach, lass doch die jungen Leute. Man ist doch nur einmal jung." Spätestens ab da war meine Oma mein Idol. Ihr Verständnis erlebte ich als schockierend positiv. Aber zurück nach Altenschwand.

Die geheime Welt

Lothar und ich schliefen in einem Kinderzimmer. Gemeinsam einzuschlafen, war schön und irgendwie gemütlich. Dazu hatten wir vereinbart, uns abwechselnd Geschichten zu erzählen. Leider kann ich mich an keine einzige mehr erinnern. Aber ich weiß, dass für mein Gefühl Lothar die schöneren Geschichten erzählte.
In einem Winter hatten wir uns beide schwer erkältet und Mutter hatte uns beiden Bettruhe verordnet, wie das damals üblich war. Ich weiß nicht mehr, ob sich die folgende Szene morgens oder abends abspielte, lustig war sie auf jeden Fall. Mutter hatte uns gefragt, ob wir ein Butterbrot möchten und hatten beide mit Ja geantwortet. Also kam sie mit einem Teller mit zwei halbierten Scheiben Butterbrot und dem Hinweis: "Sagt Bescheid, wenn ihr mehr wollt." Wir futterten gierig die ersten Brote und riefen gleich nach Nachschub. Sobald der kam, baten wir sofort um mehr, so dass ich ein regelrechtes Wettrennen zwischen einer Brote schmierenden Mutter und Brote mampfenden Jungs entwickelte. Na ja, irgendwann waren wir dann wohl doch mal satt.

Es gibt auch eine gruselige Erinnerung an dieses nächtliche Kinderzimmer. Dazu muss man wissen, dass es im Dorf ein Haus gab - links etwas von der Straße zurückweichend an meinem Milchhol-Weg gelegen -, in dem ein "böser Mann" wohnte. So hatte ihn meine Mutter mir beschrieben und mir eingeschärft, auf keinen Fall mit ihm zu gehen oder mit ihm allein zu sein. Ich hatte keinerlei Ahnung, was das bedeutete, nahm aber die Warnungen sehr ernst. Eines Nachts wachte ich auf und sah eine dunkle Gestalt durchs Kinderzimmerfenster steigen oder sich dort jedenfalls zu schaffen machen. Ich hatte ziemlich die Hosen voll und rief schließlich Lothar um Hilfe. Er knipste lachend das Licht an und erklärte mir den "bösen Mann". Mutter hatte ein Hemd zum Trocknen an den Fenstergriff über dem Heizkörper gehängt, und der Stoff des Hemdes bewegte sich in der aufsteigenden Warmluft.

Mit Lothar teilte ich so manches Geheimnis, so die Heftchen im Keller. Dieser Keller unter dem gesamten Schulhaus bestand aus mehreren Räumen, von denen zwei oder drei von meinen Eltern genutzt wurden. In einem befand sich immer ein großer Stapel Briketts, die für die Schulheizung benötigt wurden, aber auch für unsere Holz-Kohlen-Öfen in der Wohnung.
Normalerweise war es Lothars oder meine Aufgabe, Briketts aus dem Keller zu holen. Mutter war in meiner Erinnerung nie dort unten (was nicht stimmen kann), Vater nur am frühen Morgen, wobei ich ihn manchmal begleitete, weil mich der riesige Ofen faszinierte. Vater musste nämlich in der kalten Zeit jeden Morgen die Schul-Zentralheizung anwerfen. Dazu musste er in dem Ofen ein Höllenfeuer entfachen. Die Ofentür war so groß, dass ich locker hineingepasst hätte.

Im Großen und Ganzen war aber der Schulkeller Lothars und mein Reich. Hier hatten wir die Tibor- und Sigurdheftchen von Hans versteckt, von Lothar auch einige Tarzan-Hefte. Hierher zogen wir uns immer zum Schmökern zurück, meistens ich allein, wenn Mutter davon ausging, dass ich draußen irgendwo spielte. Erwischt wurden wir dabei nie, was auch gut war, weil sonst Hans Probleme bekommen hätte, weil der doch die Lehrerkinder zur schlechten Lektüre verführte. Immerhin fuhren meine Eltern immer wieder mit mir nach Schwandorf in eine Buchhandlung, wo ich mir ein Buch aussuchen durfte. Das waren dann verschiedene Bände von Fury, einem schwarzen Mustang, Lassie, einer Collie-Hündin, und Rin Tin Tin, einem Schäferhund.

Eine andere Form von geheimen "Heftchen" gab es auch noch in Altenschwand: Das waren Hochglanzmagazine mit mehr oder weniger halbnackten bis nackten jungen Frauen. Lothar, der damals schon als Fahrschüler aufs Gymnasium ging, brachte sie aus Amberg mit. Soweit ich mich erinnere, wurden auch sie von meinen Eltern nicht gefunden, obwohl Lothar sie relativ griffbereit versteckte: unter der Badewanne und in einer chaotischen, unübersichtlichen Holzkonstruktion von Dachbalken, Bodenholz etc., eine Schmuddelecke am Eingang unserer Wohnung, die kaum sauber zu machen war und deshalb von Mutter gemieden wurde. Das Versteck unter der Badewanne machte mir Sorgen, hätte Mutter doch auf die Idee kommen können, dort man zu putzen. Wie ich die Magazine entdeckt habe, weiß ich nicht mehr, kann mich aber noch gut an das damit verbundene sündige Gefühl erinnern, wenn ich auch noch nicht genau wusste, was es damit auf sich hatte. Gefährlich für Lothar waren diese Hefte allemal. Denn eines Tages fanden meine Eltern eine Bildzeitung in seiner Schultasche, was für eine dramatische Szene sorgte. Ob mein Vater Lothar wegen dieser Schweinerei beschlagen hat, weiß ich nicht mehr, ist aber gut möglich. Die Schweinerei war die halbnackte Frau auf der, ich glaube, zweiten Seite.

Und dann war da noch ein Geheimnis über dem Hühnerstall. Es gab nämlich außerhalb des Hauses einen vielleicht zehn Meter langen Holzschuppen, in dem sich auch ein gemauerter, oben abgeschlossener Hühnerstall befand. Denn auf dessen Deckenhöhe führte quasi ein 1. Stock durch den Holzschuppen, wo allerlei Gerümpel aufbewahrt wurde. Dieser erste Stock, und insbesondere die Decke über dem Hühnerstall, war Lothars Rückzugsort, wenn er seine Ruhe haben und rauchen wollte. Er war damals zwölf oder dreizehn, jedenfalls dreieinhalb Jahre älter als ich. Ich wusste davon, durfte aber nicht nach oben, wenn er dort war. Eines Tages kam mein Vater auf die Idee, den Hühnerstall sauber zu machen und das Gerümpel zu entsorgen. Das war kein guter Plan, denn er entdeckte eine ganze Batterie von Zigarettenkippen, und der Zusammenhang war ihm schnell klar. Das gab dann wirklich ein Riesendonnerwetter.

Gerlinde, meine erste Liebe

In Altenschwand habe ich auch die Liebe entdeckt. Es muss also mein letztes Jahr gewesen sein. Lothar hatte einen Kumpel im neuen Dorf, den Zischka Werner. Ich war nicht so oft im neuen Dorf, hab aber Lothar manchmal auf seinem Weg zu Werner begleitet und diesem Zusammenhang Werners Schwester entdeckt. Sie war schlank und groß - also so groß wie ich - und hatte ihre weizenblonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr bis zur Schulter hingen. Das, ihre leuchtend blauen Augen und ihr verschmitztes Lächeln hatten es mir bald angetan, so dass ich immer wieder Gründe suchte, ins neue Dorf zu gehen, wo ja auch Hans wohnte. Sobald nämlich die Hausaufgaben gemacht waren, waren die Kinder auf der Straße. Verkehr gab es kaum, Fernseher waren die noch die Ausnahme. So konnte ich so gut wie jedes Mal Gerlinde sehen und vielleicht sogar ein paar Worte mit ihr wechseln. In die Festplatte meiner Erinnerung ist auch eine Begegnung mit ihr eingebrannt, als ich sie vor der kleinen Post im alten Dorf, nicht weit von Sepp, entdeckte und wunderschön fand.

Ich hatte schon bald herausgefunden, dass sie beim gleich Bauern Milch holte wie ich. Um die Umstände zu verstehen, muss man wissen, dass jeder Milchholer zwei Milchkannen hatte. Eine Milchkanne bliebe beim Bauern und wurde gefüllt, mit der zweiten, leeren kam man an, nahm die volle Kanne auf und stellte die leere an ihren Platz. Es dürften an die zehn Milchkannen gewesen sein, die da regelmäßig standen und ich begann mir zu merken, wann Gerlinde kam. Also richtete ich es mir so ein, dass auch ich zu diesem Zeitpunkt "rein zufällig" auftauchte. Manchmal, wenn ich mich geschickt anstellte, bückte ich mich zeitgleich mit ihr zu meiner Milchkanne, wobei es geschehen konnte, dass ich ihren Arm oder ihre Hand berührte. Mit was für Glücksgefühlen ich da nach Hause marschierte!

Erste mystische Erlebnisse

Vom Fenster des Kinderzimmers konnte ich weit über den Pausenhof und Felder hinweg schauen bis zu einem dunklen Waldrand auf der linken Seite meines Erinnerungsbildes. Dieser Waldrand faszinierte mich immer wieder und immer mehr. Er war ein Geheimnis, das mich verlockte, aber mich nicht zuließ. Noch nicht.

Mein Vater war noch sehr von den Kriegserlebnissen geprägt. Also übte er mit mir die Himmelsrichtungen. Wo ist Westen, wo Süden (wo dann automatisch Norden) und wo Westen. Und er übte mit mir, wie ich mit Hilfe meiner Armbanduhr die Südrichtung ermitteln konnte. "Du musst dich orientieren können", prägte er mir ein. "Wenn du mal irgendwo alleine bist und kannst dich nicht orientieren, bist du hilflos und weißt nicht, wohin." Das fand ich logisch.

In Bewegung gesetzt durch meine Abenteuerlust und gesichert durch mein Orientierungsvermögen wollte ich mich ausprobieren und plante im 10. Sommer meines Lebens Erkundungsgänge in den tiefen Wald rund um Altenschwand. Jeden Sonntagmorgen gingen wir zur Frühmesse um sieben Uhr, danach gab es Frühstück und dann durfte ich losziehen. Spätestens um sieben Uhr abends musste ich zurück sein. In meiner Erinnerung habe ich mir dabei nichts mitgenommen, kein Wasser, keinen Proviant. Mein Ehrgeiz war es, an einer mir unbekannten Stelle querfeldein in den Wald vorzudringen, immer weiter auf unbekanntem Terrain und schließlich am frühen Nachmittag den Rückweg einzuschlagen und wieder heimzufinden. "Auch wenn das mal nicht so ganz klappt", beruhigte und stärkte mich mein Vater, "kommst du an irgendein Dorf und fragst nach Altenschwand."

Ich kann mich nicht entsinnen, mich einmal verlaufen zu haben. Immer wieder erreichte ich die Bahnlinie von Schwandorf nach Furt im Wald. Sie lag im Sonnenschein und es verschaffte mir ein seltsames, voyeuristisches Vergnügen, mich im Gebüsch neben der Bahnlinie zu verstecken, einen Zug abzuwarten - die Züge fuhren damals noch vergleichweise langsam - und durch die Zugfenster die Menschen in den Abteilen zu beobachten, wie sie miteinander plauderten, einsam saßen oder hin und herliefen. Sie wussten nichts von mir, aber ich konnte sie sehen. So musste es dem lieben Gott gehen.

An einem dieser sonnendurchfluteten Sonntage folgte ich einem Pfad, der in einen vielleicht drei Meter breiten, hellsandigen Waldweg einmündete, der von links kommend beinahe im rechten Winkel nach rechts verlief und dem zu folgen ich mich entschloss. Er würde der erste Teil meines Heimwegs sein, solange die Richtung passte. Der Weg führte ein Stück bergab und klomm nach vielleicht hundert Metern wieder nach oben zu einer Hügelkuppe. Rechts und links erhoben sich turmhohe Fichten in den blauen Sommerhimmel, die Sonne schien bereits ein wenig schräg in breiten Lichtschwaden durch die Wipfel von rechts auf meinen Weg. Auf einmal wusste ich: "Da ist Gott. Da, vor mir, in diesem Dom aus Licht ist Gott." Es war ganz still und doch war ein Brausen in mir und eine plötzliche, mächtige Erregung. Ich war den Tränen nahe oder ich weinte, das weiß ich nicht mehr genau, aber dass da Gott auf mich wartete, das war ganz klar. Was würde geschehen, wenn ich weiter ging, in Gott hinein? Eigentlich nichts, denn es war ja der "liebe" Gott, aber Mut brauchte ich trotzdem für die nächsten Schritte, bevor ich spürte: Dir geschieht nichts, du bist aufgehoben, es war ein Gehen im Zuhause für ich weiß nicht mehr, wie lange, nur, dass es eine besondere Form von Seligkeit war, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.

Adieu Altenschwand

Schließlich hieß es, Altenschwand zu verlassen. An sich waren wir dort alle glücklich gewesen. Nein, nicht alle. Lothar wurde wegen Altenschwand zum Fahrschüler. Meine Eltern hatten ihn zunächst nach Amberg in ein christliches Seminar geschickt, aus dem er nur am Wochenende heimkam - mit katastrophalen Ergebnissen vor allem in Latein. Was in dieser Heimschule wirklich geschah, weiß er selbst nicht einmal genau, klar ist nur, er musste morgens zur Messe und begann, das Christentum zu hassen und letztlich alle Religion. Er war dort so unglücklich, dass er es auf sich nahm, täglich mit dem Zug nach Amberg und zurück zu fahren, was jeweils ca. 45 Minuten dauerte. Das, fanden meine Eltern, war kein Zustand, zumal sie befürchteten, dass mir ein ähnliches Schicksal blühte.

Infolgedessen bewarb sich mein Vater für eine Lehrerstelle in Amberg und erhielt auch den Zuschlag für das zweite Halbjahr 1964, so dass mein Bruder Fahrschüler wurde und mein Vater Fahr-Lehrer. Ich selbst fühlte mich hin und hergerissen. Ich las damals die Fünf-Freunde-Bücher - die paar Karl Mays aus der Gemeindebibliothek hatte ich längst ausgelesen - und war Abenteuer nicht abgeneigt. Dass eine Stadt mehr Abenteuermöglichkeiten bot als Altenschwand, schien logisch. Wenn da nur nicht Sepp und Gerlinde gewesen wären. Aber ich konnte nun mal nichts dagegen tun und nahm die Umstände sowohl traurig wie aufgeregt hin.

So kam es, dass eines Tages meine Mutter auf die Idee kam, wir beide - sie und ich - könnten nach Amberg trampen und "Vati" an seiner neue Schule überraschen. Während Mutter noch schwankte, war ich sofort Feuer und Flamme, was sie schließlich bewog, das Abenteuer tatsächlich zu wagen. Also standen wir an einem der nächsten Tage zu zweit an der Straße und ich hielt den Daumen raus. Der erste Wagen der anhielt, war für uns beide eine Sensation.

Wie lange es dauerte, bis wir in Amberg waren, habe ich vergessen, aber wir schafften es tatsächlich, Vater zu überraschen, und ich glaube mich zu erinnern, dass er stolz auf uns beide war. Auch ich war stolz, denn ich weiß, dass ich das erste Mal eine Männerrolle eingenommen hatte. Ohne mich hätte meine Mutter diese Fahrt nie unternommen.

Mit Amberg hatte die unbeschwerte Schulzeit allerdings ein Ende. Es war klar, dass ich aufs Humanistische Gymnasium gehen und mit Latein beginnen sollte. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber ich wusste, dass man dafür gut sein und eine Aufnahmeprüfung machen und bestehen musste. Also begann meine Mutter, mich für die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Ich weiß nicht wie oft, aber oft genug, gab sie mir Diktate, weil Rechtschreibung mein Hauptproblem war. Und lustigerweise fiel mir die richtige Schreibung des Wortes "Fehler" besonders schwer. Es dauerte eine Weile, bis ich nicht mehr "Vehler", sondern "Fehler" schrieb. Wie auch immer, eines Tages fand die Aufnahmeprüfung, für die wir nach Amberg fahren mussten - ca. 60 Kilometer) statt und ich bestand sie mit Ach und Krach. Das Problem war Mathematik, das sich auch in den Folgejahren nie zu einem Lieblingsfach entwickelte. Igendwie konnte ich, in einer erhöhten Bankreihe sitzend, das Mädchen auf der tieferliegenden Reihe vor mir dazu bewegen, dass sie sich so zur Seite lehnte, dass ich ihre Aufgabe sehen und abschreiben konnte. Skrupel hatte ich dabei keine.

JUGEND

Amberg

Ein neues Zuhause

Meine Eltern hatten ein kleines Reiheneckhaus erstanden, die Sebstian-Kneipp-Straße Nummer 84, ein quadratischer Kasten ohne Dach und nur mit einem Hochkeller, anstatt einer Unterkellerung. Weil die Häuser in unserem Neubauviertel so billig waren - ich glaube, unseres kostete ca. 80.000 Mark -, wohnte wir im sogenannten D-Programm (D stand und steht für Demonstativ"). Lothar und ich bekamen jeder ein eigenes Zimmer, der Traum! Das war irgendwie wie seine eigene Höhle einrichten dürfen, nur eben gefühlt für immer.

Die ersten zwei Erinnerungen an Amberg waren allerdings eher traumatisch. Da wir im Laufe des zweiten Schulhalbjahres umgezogen waren, musste ich noch die 4. Klasse der Luitpoldschule besuchen. Fräulein Schmidtbauer hatte mir ein Zwischenzeugnis ausgestellt, das meine Mutter für übertrieben gut hielt, aber das sich nicht ändern ließ. Entsprechend hochgeschraubt waren die Erwartungen meines Amberger Grundschullehrers; ein Mann und keine Frau. Er wollte mir den Einstieg leicht machen und meinte, ich solle doch mal ein Lied vorsingen, das ich in Altenschwand gelernt hatte. Aber in dem vierklassigen Klassenzimmer hatten wir nicht gesungen. Das einzige Lied, das mir einfiel, war "Hänschen klein". Als ich es anstimmte, brach die Klasse in brüllendes Gelächter aus - und ich in Tränen.

Die zweite Erinnerung bezieht sich auf den ca. zwei Kilometer langen Schulweg nach Hause. Ich nehme an, Mutter ist ihn ein paar mal mit mir gegangen, aber es kam eben der Tag, an dem ich ihn alleine gehen musste. Ich fand auch meinen Weg bis zum D-Programm, aber dann sahen plötzlich alle Häuser, viele von ihnen noch im Rohbau, ziemlich gleich aus. Ich irrte ein wenig herum und klingelte schließlich an einer Tür, die ich für die richtige hielt. Aber eine Unbekannte öffnete. Glücklicherweise kannte sie meine Mutter bereits und brachte mich nach Hause. An dem Tag ging ich ein par mal "raus", um mir den richtigen Heimweg einzuprägen.

An einem der nächsten Schultage freundete ich mich mit einem großen Jungen aus meiner neuen Klasse an, mit dem ich einen Teil des neuen Schulwegs teilen konnte. An seinen Namen kann ich mich nicht entsinnen, aberer war blond und mindestens einen Kopf größer als ich. Trotzdem war er irgendwie liebevoll. Ich mochte ihn gern, wenn ich auch nicht verstand, wie jemand, dere so groß war, so weich sein konnte, weicher als ich. Zum Schuljahrsende bestätigte mein Lehrer meine gute Noten, was mich mit Stolz erfüllte.

Mit dem Umzug nach Amberg begann Mutters eindeutiges Nörgel-Regiment. Vermutlich war das schon vorher so, aber jetzt war ich wohl alt genug, um es auch wahrzunehmen. Um seine Ruhe zu haben, hat Vater ihr so wenig wie möglich widersprochen. Wütend geworden ist er maximal einmal jährlich und hat seine Stimme mächtig wider sie erhoben. Dann ist sie tatsächlich zusammengezuckt und hat, sich klein machend, abgewartet, bis sich die Gewitterwolken verzogen hatten, um ihm dann sofort Vorwürfe wegen seines Benehmens zu machen. Spätestens ab dem 16. Lebensjahr dachte ich im Stillen: Wenn so eine Ehe aussieht, dann will die NIE IM LEBEN!

Das kleine Reihenhäuschen haben sich Eltern buchstäblich vom Mund abgespart. Mutters ganzes Ansinnen war auf die möglichst schnelle Rückzahlung der ca. 90.000 Mark gerichtet. Dementsprechend hat sie mit eiserner Hand jeden Pfennig umgedreht - interessanterweise gelang das, ohne mir das Gefühl zu geben, bei uns sei die Armut ausgebrochen. Aber essen gehen war zum Beispiel völlig undenkbar. "Von dem Geld kann ich ja eine ganze Woche kochen", war ihr unschlagbares Argument. Ohne das Wort "sparen" bzw. "wir müssen sparen" verging wohl kaum ein Tag. Später, als ich schon lage nicht mehr zuhause wohnte, hat sie gestanden, dass sie, sobald "die Männer" aus dem Haus waren, die Heizung aufs Minimum runtergestellt und ihre Arbeit im Wintermantel verrichtet hat.

Ein ganz wichtiger Teilaspekt des Sparens war der Werterhalt des Hauses und des Mobiliars. Sauberkeit war mindestens so wichtig, vielleicht noch wichtiger als Sparen. Und zur Sauberkeit gehörten für sie auch gute Manieren. Sauberkeit war eine Art Lebensstil. Mehr als die Hände, am Ende gar die Ellbogen beim Essen auf den Tisch zu legen, war für sie der Inbegriff von "Arbeitermanieren". Da konnte sie, wenn sie ärgerlich wurde, auch schon mal zuschlagen. Das kam aber zum Glück selten vor und hat für sie definitiv nicht zur "guten Erziehung" gehört. Einmal, an den Anlass kann ich mich nicht entsinnen, hat sie mir auf die rechte Hand geschlagen und dabei das oberste Glied des Ringfingers angeknaxt. Seither ist der ein bisschen krumm, unauffällig, aber für mich ausreichend, um mich an diese Szene zu erinnern. Ich würde wohl darauf vergessen haben, wenn sie nicht in ihren späten Jahren immer wieder mal darauf zurückgekommen wäre, um sich bei mir für ihr Verhalten zu entschuldigen.

Den einzigen weiteren und persönlichen Einblick in eine Ehe bekam ich bei Tante Ulla, die nur 100 Meter von uns entfernt wohnte. Ihren Mann, Onkel Walter, ein alter Rektor, der ca. 25 Jahre älter war, hat sie noch weit schlimmer behandelt. Sie hat ihn regelrecht aus dem Haus gescheucht, und zwar für Stunden, damit sie in Ruhe putzen und aufräumen konnte. Er hat die Zeit genutzt, um entweder in die Pilze zu gehen oder in der Stadt für irgendwelche Kleinigkeiten die Preise in verschiedenen Geschäften zu vergleichen und dann das billigste zu erwerben. Dieser Putz- und Sauberkeitsfimmel hatte durchaus wahnhafte Aspekte. So kam es vor, dass ich nach nebenan geschickt wurde, weil Mutter z.B. eine Zitrone zum Backen gebraucht hat. Dann hab ich geläutet und musste mehrere Minuten warten, bis sie die Tür aufgemacht hat. Warum so lange, schließlich war sie weder krank noch gehbehindert? Nun, sie wusste ja nicht, wer vor der Tür steht, und hat erst einmal die Plastik-Schutzbezüge von den Wohnzimmer-Möbeln entfernt, bevor sie zur Tür ging. Ihr Rasenstück war ein bisschen größer als das unsere, aber ungleich gepflegter. Das Gras war immer perfekt auf Bürstenschnitt getrimmt und im Sommer konnte ich sie frühmorgens schon dort auf dem Knien sehen, um eventuell keimendes Unkrat sofort auszureißen.

Mutter und Tante Ulla waren in einer Dauerwettkampf, wer von den beiden die kränkere ist. In solchen Zankgesprächen warf sie Mutter vor, den jüngeren Mann zu haben, weshalb sie sich das Leid ihrer Schwester gar nicht ausmalen könne. Manches Leid hat sie sich mit ihrem Sauberkeitswahn auch selbst angetan. Irgendwann bekam ich mit, dass ein Gynäkologe ihr empfohlen hatte, sich "da unten" weniger zu waschen, weil sie ihre komplette Scheidenflora ruiniert hatte. Ich vermtue mal, sie ist da mit Desinfektionssprays rangegangen.

Trotzdem war diese Nachbarschaft mit Tante ein Segen für mich, denn Christoph, ihr Sohn, also mein Cousin, war ein, zwei Jahre lang, ein guter Freund und auch ein paar Jahre danach haben wir uns bestens verstanden. Bis heute sind wir in gutem Kontakt. Außerdem hat mir Tante Ulla noch mehr als meine Mutter unmissverständlich klar gemacht, wie ich auf keinen Fall werden wollte. Unabhängig davon war sie so gut wie immer nett zu mir. Irgendwie habe ich bei ihr in einer nörgelfreien Zone gelebt.

Das humanistische Gymnasium

Heute heißt es Erasmus-Gymnasium, ob das schon damals so war, weiß ich nicht. Wenn wir davon sprachen, dann hieß es "das Huma". "Wo gehst denn auf'd Schul?" "Ich geh aufs Huma." Das Huma lag überraschenderweise in der Gymnasiumstraße und war ähnlich weit vom D-Programm entfernt wie die Luitpoldschule. In kürzester Zeit entstand aus meiner ersten Klasse am Huma eine Schulweggemeinschaft: Wolfgang, Bruno, Hermann und ich. Auf dem Schulweg lagen zwei Verlockungen, denen wir regelmäßig erlagen, ein kleiner Lebensmittelladen, wo es billige, gefärbte und für unseren Geschmack großartige Zuckertabletten gab, das Stück für einen Pfennig. Da konnte wir uns schon was leisten. Und kurz vor dem Gymnasium lag auf der rechten Seite eine winzige Bäckereifiliale, die mit zwei Köstlichkeiten aufwartete: Amerikanern mit dickem Zuckerguss und dreieckigen, karamelisierten Nussschnitten. Natürlich kam das nur selten in Frage bei der 3 Mark Taschengeld, die ich hatte, aber umso großartiger war dann der Genuss.

Der herrschaftliche Eingang zum Huma lag ein Treppenstufen über dem Bürgersteig. In der Regel stand ab 7.30 Uhr die Tür offen. Hinter der Tür musste man weitere ca. zehn Stufen hochsteigen, um im Parterre der Schule anzukommen. Das war aber erst um 7.45 gestattet. Der Herr über die Zeit - und über uns - war der Hausmeister, ein großer Mann, der nicht dick, aber sehr stämmig war, ähnlich breit wie hoch, mit einem großen, strengen Gesicht. Ich habe ihn nie lächeln gesehen. Er hieß bei uns Schülern nur "der Zerberus", also der Höllenhund.

Zur frühesten Erinnerung ans Huma zählen meine Eindrücke mit meiner ersten Fremdsprache: Latein. In meiner dörflichen Einfalt hatte ich bis dahin alle meine Worte für selbstverständlich gehalten und nie darüber nachgedacht, dass man für den selben Gegenstand auch ein anderes Wort verwenden könnte. Dabei hätte mir das bei den Besuchern der Urbans in Altenschwand auffallen müssen. Mich jedenfalls begeisterte die Tatsache, dass ein Bauer plötzlich nicht nur "Bauer" hieß, sondern auch "agricola", eine Frau "femina", die Erde terra, puella das Mädchen und Lieben hieß amare. Puer puellam amat, der Knabe liebt das Mädchen, te amo - ich liebe dich, flüsterten wir und spürten die herannahende Pubertät auf den Lippen. Als irgendwann das Wort sinus für Meerbusen zu lernen war, empfand ich Latein als ausgesprochen sinnliche Sprache.

Da wir vier, Wolfgang, Bruno, Hermann und ich nahe beieinander wohnten, gründeten wir - selbstverständlich - einen Club, den man heute vermutlich "Gang" nennen würde. Wir verfassten eine Clubordnung, malten Clubkarten, die wir ausschnitten und bei uns trugen. Eine Erdkundelehrerin namens Jakobi mit dem Spitznamen "die Jackson", die wir gar nicht mochten, wohnte irgendwo in der Nähe, so dass wir sie öfters herumspazieren sahen. Eines Tages beschlossen wir, sie, die uns ständig ärgerte, auch einmal zu ärgern. Als wir sie wieder einmal kommen sahen, versteckten wir uns hinter einem hohen Erdhaufen - überall wurde ja noch gebaut - und skandierten laut: "Die Jackson, die Jackson ist blöd, die Jackson ist blöd, die Jackson ist blöd." Am nächsten Tag gab es Ärger im Huma, denn die Jackson war nicht faul gewesen und hatte recherchiert, welche Kinder in welcher Klasse im D-Programm wohnten. Das waren eben wir, aber nicht nur wir. Doch kam es zu keiner Verurteilung, weil wir standhaft unsere Beteiligung an dem Verbrechen leugneten.

Offizieller Kontakt mit Gott

Sehr bald wurden wir vier auch Mitglieder der KJG, die "Katholische Jungmännergemeinschaft" hieß, parallel zur KFG, der Katholischen Frauenjugendgemeinschaft. Später wurden beide in der "Katholischen jungen Gemeinde", immer noch als KJG abgekürzt, zusammengefasst. Zur KJG gingen wir, weil wir in der neu gegründeten Siedlungskirche, einer umfunktionierten Fabrikhalle, im D-Programm Ministranten werden wollten. Eine der Voraussetzungen für den "Dienstantritt" war das Erlernen des Stufengebets "Introibo ad altare Dei: ad Deum, qui laetificat juventutem meam" , auf Deutsch: "Zum Altare Gottes will ich treten. Zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf." Für uns Lateiner kein Problem!

Tatsächlich hatten die Gottesdienste im jungen Stadtteil "D-Programm" einen ganz eigenen Charme. Sie hatten etwas von "frühem Christentum" und fanden in einer zu einer Kirche umfunktionierten Fabrikhalle statt.

Das zweite Mal im Krankenhaus

Aber dann kam die Mandel-Operation. Heute weiß ich, dass es damals einen Mandel-OP-Boom gegeben hat, viel mehr Eingriffe als nötig (sprich: als in anderen Ländern). Ich hatte meinen Höllentrip bei der Narkose in Schwandort nicht vergessen, war aber inzwischen alt genug, dass ich mir einreden konnte, diesmal wird es bestimmt anders. Es war nicht anders, sondern der gleiche Horrortrip, der schlimm genug war, dass ich mir schwor: Lieber sterben als das noch einmal durchmachen zu müssen.
Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich einfach nur Schmerzen im Hals und enorme Schluckbeschwerden. Jeder Schluckvorgang tat weh. Ich lag in einem Zimmer mit ca. zehn anderen Kindern, von denen ein Junge, in einem ähnlichen Alter wie ich, andauernd jammerte und schrie. Ich weiß nicht mehr, was man dagegen unternahm, mir ist nur sein Jammer in Erinnerung; aber auch eine schöne Erinnerung gibt es aus diesen Tagen: Ich bekam jeden Tag, drei, vier Tage lang, Eis zur Kühlung meiner Mandel-Wunde. Noch nie hatte ich so viel Eis essen dürfen, auch wenn jedes Schlucken wehtat.

Neues Deutschland

Offenbar war meinen Eltern die Katholische Junge Gemeinde nicht genug für meine christliche Erziehung. Sie meldeten mich bei der ND an. So sagten wir damals und keiner wusste mit dem eigentlichen Namen, nämlich Bund Neudeutschland, etwas anzufangen. Ich war immer hin- und hergerissen von dem, was wir in diesen Gruppenstunden machten. Gesungen wurde viel, vor allem sogenannte Fahrtenlieder wie zum Beispiel "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord". Insgesamt fand ich es eher langweilig, habe mich aber auch nicht gesträubt.
Die Gruppentreffen mit ungefähr zehn NDlern in meinem Alter fanden im Ziegeltor statt, einem der vier noch existierenden Stadttore in der Stadtmauer. Der Raum, in dem wir uns trafen, und zu dem man an der Außenseite des Tors eine Holztreppe ca. zehn Meter steil nach oben steigen musste, war klein, ziegelig, holzig-muffig; alle diese Gerüche lagen im Raum und waren wohl das Beste an der Treffen. Ich mochte diesen Geruch und seither riecht das Mittelalter für mich so wie dieeser Raum im Amberger Ziegeltor.

An ein Gruppentreffen erinnere ich mich mit einem besonderen Grauen. In meiner Gruppe war ein Junge, der größer war als ich, ein lieber, weicher, freundlicher Kerl, mit dem ich einen Teil des Wegs ging vom D-Programm zum Ziegeltor, damals ungefähr 40 Minuten. Ich will ihn einmal Klaus nennen. An jenem Abend kam der "Pfarrer" unsere Gruppe besuchen, um "nach dem Rechten" zu schauen. Er war der ND-Chef, jemand, zu dem man aufzuschauen hatte, ein großer, staatlicher Mann, der in meiner Erinnerung immer so wirkte, als wäre er mit seiner glänzenden Haut eben aus der Badewanne gestiegen. Das "Rechte" waren für ihn die Schulerfolge. Er fragte unsere Noten ab. Für mich war das kein Problem, wohl aber für "Klaus". Klaus war ein schlechter Schüler und war so ungeschickt, ein paar Vierer und Fünfer zuzugeben. Der Herr Pfarrer wurde daraufhin regelrecht böse auf ihn, beschimpfte ihn vor uns allen als Versager und er solle sich anstrengen, so jemanden wolle er nicht bei der ND. Er trampelte so lange auf der Seele des armen Kerls herum, bis dieser in Tränen ausbrach.
Damit hatte der Herr Pfarrer auch meine letzten, kindlichen Restsympathien verscherzt und ich verachtete ihn mehr als gründlich. Mit Klaus ging ich an diesem Abend nach Hause, unfähig ihn zu trösten und mir kamen meine guten Noten wie schlechte Noten vor.

Damals war ich wohl zehn oder elf Jahre. Wie ich von der ND loskam, weiß ich nicht mehr, jedenfalls hat es nicht mehr lange gedauert, bis ich der Organisation dieses Höllenpfarrers den Rücken kehrte. Das Beste an den Gruppentreffen war ein winziger Laden gleich neben dem Ziegeltor, eigentlich nur eine Fensterbank, über die hinweg ein alter Mann Eis verkaufte - das beste Eis diesseits und jenseits des Mississippi. Sei Eis hatte gleich mehrere, unvergleichliche Aspekte: Erstens war es ein kinderlieber, alter Mann, zweitens kostete das Eis so wenig, dass wir uns es leisten konnten (10 oder 20 Pfennig für zwei gehäufte Esslöffel voll in die Waffel gestrichen), und drittens schmeckte es es nur noch himmlisch.

Lignano

Ligano, ein viel von Touristen heimgesuchtes Städtchen an der Adria, wurde für einige Jahre eine zweite Heimat für mich. Wir landeten dort während eines Urlaubs, den meine Eltern in Österreich am Faker See geplant hatten. Ich nehme an, dass wir uns dort mit Onkel Richard aus München getroffen hatten, denn verschwommen taucht in diesem Zusammenhang meine Lieblingscousine Christel auf. Wie auch immer: Das Wetter passte nicht, also beschlossen meine Eltern, die rund 200 Kilometer über die Alpen weiter an die Adria zu fahren. Der Vorteil: Man bekam viele Lire für die D-Mark, so dass der Urlaub relativ billig war.

Ob das vor oder nach meinem zehnten Geburtstag stattfand (eher davor), weiß ich nicht mehr so genau. Ohnehin beginnen viele Kindheitserinnerungen zu verschwimmen. Es war bei diesen Fahrten durch Österreich nach Lignano, das zufälligerweise unser Stamm-Ort wurde, dass ich zum Alm-Dudler-Fan wurde.

Es war also Lignano, das heute für mich so langweilige, beinahe schon abstoßende Lignano, wo ich zum ersten Mal das Meer erlebte - und berauscht davon war. Aus der heutigen Perspektive waren unsere Urlaube asketisch, aber aus meiner kindlichen Sicht waren sie paradiesisch. Meine Eltern waren entspannt, Morgens durfte ich zum Bäcker gehen und "Panini" besorgen. Dafür bekam ich die Lire abgezählt in die Hand und hatte zuvor die Zahlen bis zehn gelernt: uno, due, tre, quattro, chinque, sei, sette, otto, nove, dieci. "Otto panini, prego", sagte ich stolz und reichte der Verkäuferin mein Geld hoch. Eine Weile wunderte ich mich , dass es Menschen gab, die das verstanden, aber angesichts von "Acht Semmeln, bitte" ratlos waren. Nach dem Frühstück gingen wir ca. 300 Muter an den Strand, wo ich mit den Wellen kämpfen und Sandburgen bauen durfte, mittags kehrten wir nach Hause zurück, wo Mutter uns auf einem Zweiplattenherd etwas zubereitete, das mir mit einem Bärenhunger immer köstlich erschien (oft genug aus Dosen erhitzt), beinahe jeden Tag durfte ich mir ein Eis aussuchen, das Gelati hieß. Mittags oder abends erschallte ein lauter Ruf durchs Fenster: pesce, pesce, pesce! Das war der Fisch-Mann mit dem dreirädigen Lieferwagen, und manches seltene Mal kaufte Mutter bei ihm und bereitete uns ein Festmahl.

Kulinarischer Höhepunkt unserer Lignano-Urlaube war das Grill-Hähnchen. Ich unserer Nähe gab es eine Grillstation, und vier mal während des Urlaubs, ging einer zwei knusprige Hähnchen holen. So etwas gab es zu Hause nie; also begann der Genuss schon bei der Vorstellung. Wer die Hähnchen holte, vielleicht auch Lothar, weiß ich nicht, aber dass ich ein halbes Grill-Hähnchen alleine auffuttern durfte, erschien mir als Paradies pur.

In Lignano gab es einen Lunapark. Das war eine Art Kirmes für Touristen, wo ich mit meinem großen Bruder ohne die Begleitung meiner Eltern hingehen durfte. Wir bekamen eine Portion Lire zugesteckt, die durften wir ausgeben, mehr gab es nicht, und mehr war auch nicht nötig. Allein die Dunkelheit auf dem Weg zum Luna Park und zurück waren ihr Geld wert. An einem dieser Luna-Park-Besuche überredete mich Lothar zu einer FahrT in der Geisterbahn. Das war nicht wirklich schrecklich, aber ein bisschen schon. Jedenfalls war ich froh, das hinter mich gebracht und gemeistert zu haben.

In Ligano habe ich auch das Schwimmen gelernt. Vater, der zeit seines Lebens eine vorbildlicher Schwimmer war, hatte mir schon beigebracht, unter Wasser zu schwimmen und dabei die Augen aufzumachen. Das brannte zwar ein wenig, aber war okay. Irgendwann kam der Punkt, wo er meinte: Jetzt musst du nur noch deinen Kopf aus dem Wasser heben und dann kannst du schwimmen. Gesagt, getan. Ich war begeistert und jubelte. Auch Vater schrie. Einen Moment lang dachte ich, er würde auch vor Begeisterung schreiben, aber tatsächlich hatte ihn ein Stechfisch erwischt. Genauer gesagt: Er war in einen Giftstachel des "Petermännchens" getreten, der "Kreuzotter der Adria". Kein Spaß. Der NDR schreibt dazu: "Der Stich führt zu einem stechenden Schmerz, starken Gelenkschmerzen und Schwellungen. Im schlimmsten Fall kann es zu einem lebensbedrohlichen allergischen Schock und Herzstillstand kommen." Und das, als ich gerade das Schwimmen gelernt hatte. Ich hatte unsägliches Mitleid mit meinem Vater, der seufzend und den Schmerz unterdrückend aus dem Wasser an den Strand humpelte. Zum Glück gab es in der Nähe einen Sanitäter, der wusste, was zu tun war, so dass Vater schon zwei Tage später wieder "einsatzbereit" war.

Von diesem Tag war ich ein begeisterter Schwimmer. Mutti, die am Bodenwöhrer Weiher in ihren Dreißigern das Schwimmen gelernt hatte, ging bevorzugt mit mir ins Wasser, denn sie merkte, dass ich mit den Wellen gut umgehen konnte und mit Vergnügen drunter durchtauchte. Einmal wurde sie von einer Welle überrascht und ging unter. Als sie prustend wieder hochkam, fanden das Lothar und Vater nur lustig. Nur ich eilte zu ihr, um ihr beizustehen.

Etwas fünfzig Meter vom Strand gab es eine parallel zum Land verlaufende Reihe von Bojen, die vielleicht jeweils 20 Meter voneinander entfernt waren. Jenseits der Bojen war freie Fahrt mit Motorboote. Schon die letzten zwanzig Meter vor den Bojen gab es kaum mehr Schwimmer. Das wurde zu meiner Lieblingszone. Ich schwamm hinaus, legte mich auf den Rücken, spürte in die Tiefe hinunter, die hier vielleicht bei vier bis sechs Metern lag, genoss diese abenteuerliche Art von Alleinsein und Einsamkeit und wusste doch, dass ich zur Not in zehn Minuten am Strand sein konnte. Manchmal hielt ich mich auch an der Boje fest und genoss die Nähe zum "Gefahrenbereich".

Interessanterweise vertrauten meine Eltern meinen Schwimmkünsten. Kam ich zu spät aus dem Meer zum Strand und zu unserem Sonnenschirm, dann waren sie schon gegangen und ich musste die ca. 15 Minuten bis zu unserer Pension alleine gehen in Badehose und Plastik-Strandschlappen. Meistens beeilte ich mich dann, denn "zu Hause" würde es ja etwas Leckeres zu essen geben.

In welchem der Adria-Urlaube ich mir einen massiven Sonnenbrand zugezogen hatte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war er so stark, dass Mutter mir morgens verbot, mit an den Strand zu kommen. Also blieb ich zu Hause, ich war sowieso schlapp und döste vor mich hin, schlief, döste, schlief. Irgendwann wachte ich in einem Riesenlärm auf. Jemand war durchs offene Fenster im ersten Stock in mein Zimmer gestiegen und öffnete meine Zimmertür für meine Eltern. Die waren mittags vom Strand heimgekehrt und hatten an meine abgeschlossene Tür geklopft, aber ich machte nicht auf. Sie schlugen an die Tür, aber ich schlief meinen Erholungsschlaf so fest, dass ich ihren Radau nicht hörte. Natürlich hatten sich auch die italienischen Vermieter Sorgen gemacht, denn jedes Jahr gab es Touristen, die an einem Sonnenstich starben.

Mit der Adria verbinde ich auch ein ganz schlimmes Erlebnis. Ich hatte mich mit einem dicken, großen, Hochdeutsch sprechenden Jungen in meinem Alter angefreundet und wir spielten oft im Sand miteinander. An einem Tag war meine Eltern bereits "nach Hause" aufgebrochen, aber wir zwei hatten noch zu tun. Plötzlich hielt er inne und sagte: "Du hast eben etwas Hässliches von mir gedacht." "Aber nein", antwortete ich, "das ist nicht wahr." Er hatte mich völlig überrumpelt und ich verstand nicht im Geringsten, was los war. Er stumpte mich rückwärts in den Sand, ich spürte Panik aufkommen, er nahm mich in den Schwitzkasten und keuchte immer wieder: "Du hast was Schlechtes von mir gedacht. Ich weiß es, gib's zu." Ich war nur noch Bündel aus Angst und Schweiß und Panik und wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Irgendwie gelang es mir, mich von meinem "Freund" freizustrampeln und heimzulaufen. Dort habe ich nichts erzählt. Vielleicht hatte er ja Recht gehabt, vielleicht hatte ich wirklich schlecht von ihm gedacht. Ich wusste es nicht.

Und es gab ein wundervolles Erlebnis in Lignano, das mein Leben lang bewirkt hat, dass ich den schwäbischen Akzent bei Frauen als sexy empfinde. Meine Eltern hatten sich mit einem schwäbischen Ehepaar am Strand in unserer Nähe angefreundet. Abends gingen sie mit mir öfters dorthin "auf ein Gläschen Wein". Das Paar hatte auch eine Tochter in meinem Alter, die mir sehr gefiel. Sie hatte dunkelbraune, lockige, lange Haare, die zu zwei Zöpfen geflochten und zu einem Krönchen auf ihrem Hinterkopf gebunden waren. Wenn also ihre und meine Eltern am Klönen bzw. am Ratschen waren (wie man in Bayern sagt) und sich der Abend hinzog, dann langweilten wir uns und gingen auf den Balkon zum Spielen. In meiner Erinnerung haften geblieben ist das heimliche Kuscheln unter einer Decke - gegen die kalte Luft -, die Nähe ihres zarten Körpers, das blumig lustvolle Gefühl bei den unvermeidlichen Berührungen unserer nackten Haut, das dunkel Sündige, Schamvolle, Erregende, ohne dass etwas für die Erwachsenen Nennenswertes zwischen uns geschah. Das war so köstlich, so ahnungsvoll und noch uneindeutig, auf eine ganz besondere Art lustvoll, wie es eine "erwachsene" Erotik nicht sein kann. Ich will diese kleineSchwäbin Esther nennen, denn Esther ist der Name, der ihr am nächsten kommt.
Auch am Strand waren wir bald untrennbar. Esther war ebenso lebendig wie ich, wir rauften mit den Wellen, tauchten, schwammen und ab und zu stießen wir auch aneinander, ohne dies vermeiden zu wollen, waren wie kleine, liebevoll tollende Tiere zu- und miteinander. Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen bestand darin, mit dem Metzler-Gummikanu meines Vater am Strand entlang zu paddeln. Das aufblasbare Zweier-Kanu hatte zwei Sitzplätze mit Rückenlehne. Ich paddelte, sie manchmal auch, und so fuhren wir in zwanzig, dreißig Metern Entfernung mal 100 Meter links, mal 100 Meter rechts am Strand entlang und schauten, was dort so los war. Das Wichtigste an diesen Fahrten aber waren meine nackten Füße, die an ihrer Rückenlehne vor mir vorbei ihre nackten Hüften berührten und sie ganz, ganz vorsichtig streichelten. Wieviele dieser märchenhaft erotischen Bootsfahrten zustande kamen? Bestimmt zehn oder mehr.

So war also Esther meine zweite Liebe. Als wir nach Amberg zurückkamen und ich meine Kameraden wieder traf, lachten sie mich gehörig aus. Denn ich hatte mein Bayerisch ganz vergessen und sprach so schwäbisch wie Esther gesprochen hatte. Nach ein paar Tagen hatte ich mich wieder "gefangen" und Esther war bis auf Weiteres vergessen.

Die Entdeckung der Mädchen

Offenbar hatte die Pubertät bei mir schon sehr früh eingesetzt. Aufgeklärt war ich natürlich nicht - mit Betonung auf "natürlich". Niemand in unserem Vierer-Team am Gymnasium war das. Unser Kerninteresse konzentrierte sich zunehmend auf die Frage: Wo kommen eigentlich die Kinder raus aus einer Frau? Ich weiß nicht, in wie vielen Stunden wir die Frage erörterten. Keiner von uns hatte je eine Scheide gesehen, aber irgendwo, in irgendwelchen Aufklärungsbüchern eine Ahnung davon bekommen. Außerdem hatte Wolfgang eine Schwester (die mir auch sehr gefiel) und kannte das Organ aus eigener Anschauung. Folglich war uns klar: aus dieser Körperöffnung kann kein Kind kommen. Außerdem machen die Mädchen damit Pippi; wie kann das also sein? Ich entwickelte dann eine Theorie anhand unserer Italienurlaube, wo ich ja gesehen hatte, dass alle Frauen zwischen den Brüsten einen großen Schlitz haben, der womöglich tiefer reicht, als wir das wissen; der vielleicht groß genug ist, dass da ein Baby durchpasst.

Das war ungefähr der Stand der Dinge, als mein wenige Monate älterer Cousin mich bei einem abendlichen, sommerlich schwülen Spaziergang aufklärte, wie das alles zusammenhing. Erst einmal musste etwas in die Mädchen hineingesteckt werden, bevor ein Baby herauskommen konnte, und zwar durch die gleiche Öffnung. Hm, das erschien mir logisch, auch wenn ich mir den Dehnungsprozess der  Scheide bei der Geburt nicht vorstellen konnte. Andererseits hatte ich noch nie ein weibliches Geschlechtsteil gesehen, auch mein Cousin übrigens nicht. Erklären konnte er mir die Details auch, aber er war sich quasi "wissenschaftlich" sicher, dass seine Informationen stimmten; seine Eltern hatten ihm nömlich ein Aufklärungsbüchlein geschenkt. Mein Cousin zeigte mir auch, dass jeder von uns so ein Ding mit sich herumträgt, mit dem man Babys machen kann, am praktischen Beispiel, indem er mir in die Hose - oder an (so genau weiß ich das nicht mehr, ich hab's wohl verdrängt) - die Hose griff. Auf jeden Fall war meine Aufregung enorm, mein Penis entwickelte ein gewisses Eigenleben, und ich begann zu verstehen, weshalb ich so begeistert von Irmgard war, die in der Türreihe unseres Klassenzimmers saß und die ich soooo süß fand und die in mir undefinierbare, heiße Gefühle in meinen Penis steigen ließ.

Und natürlich entdeckte ich nicht nur das andere Geschlecht, sondern auch die Selbstbefriedigung - unter ungeheurer Scham in meiner katholischen Seele, eine unwiderstehliche Selbstbefleckung. Der liebe Gott, hatte ich gelernt, sieht alles, auch alles Schmutzige, was du tust. Und Onanieren war zu hundert Prozent schmutzig. Sexualität war schmutzig, es sei denn, um Kinder zu machen. Wie ein Dieb bemächtigte ich mich heimlich, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, des Quellekatalogs (Quelle war damals ein berühmtes Versandhaus). Die mehrseitige Unterwäscheabteilung für Frauen war nicht nur meine garantiert funktionierende Onanievorlage, sie regte mich auch künstlerisch an. Da ich mir sicher war, dass es bei den vielen Seiten nicht auffallen würde, wenn eine fehlte, trennte ich mit einer Rasierklinge die schärfste BH-Seite sauber heraus und versteckte sie in meinem Schreibtisch. In stillen, garantiert sicheren Stunden, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, holte ich sie hervor, legte sie vor mich auf meinen kleinen Schreibtisch und begann, die mich so ungeheuer reizenden Rundungen nachzuzeichnen.

Das brachte mich in enorme Schwierigkeiten. Der Pfarrer, für den ich ministrierte, war nämlich gleichzeitig mein Beichtvater. Dass er meine geheimsten Geheimnisse kennen sollte, gefiel mir gar nicht. Ich musste also beim Beichten einen Kompromiss finden zwischen der Wahrheit und der Offenbarung meiner Lust. Alles, wozu ich mich durchringen konnte, war ein ganz allgemeines: "Ich habe mehrfach gegen das 6. Gebot verstoßen." Der Herr Hirtreiter war so gnädig, nicht im Detail nachzufragen, denn dann hätte ich mit meinen Ferkeleien herausrücken müssen. Den Pfarrer, den Stellvertreter Gottes, im Beichtstuhl anzulügen, war undenkbar. Auch das hätte der liebe Gott gesehen bzw. gehört und vermutlich wäre eine Lüge im Beichtstuhl sogar eine Todsünde gewesen. Wer im Stand einer Todsünde stirbt, so hatte ich gelernt, für den gibt es keine himmlische Gnade, sondern er fährt direkt in die Hölle. So weit ich mich erinnere, habe ich manchmal mit dem lieben Gott gedealt und im Beichtstuhl manche Sünde gestanden, die ich gar nicht begangen hatte, um so die Menge der Sünden einigermaßen aufrecht zu erhalten.

Entkommen hätte ich dem Dilemma nur können, wenn ich mein Ministrantentum aufgegeben hätte. Aber daran war schon aus Gründen meiner Lüsternheit gar nicht zu denken. Bei der Verteilung der Hostien bei der Kommunion mussten sich die Frauen und Mädchen vor den Pfarrer und mich hinknien und ihren Mund öffnen, damit der Pfarrer eine Hostie auf ihre leicht herausgestreckte Zunge legen konnte. Bestimmt hatte er damals Phantasien, an die ich in meinen jungen Jahren nicht zu denken wagte. Immerhin befand sich der Mund der Hostienempfängerin exakt auf der Höhe seines Genitals. Wie auch immer, alles in allem dauerte der Vorgang pro Frau oder Mädchen vielleicht zehn Sekunden, genug Zeit für mich, um köstliche Einblicke in so manchen klaffenden Ausschnitt und manche Mädchenbrust zu erhaschen, so dass ich am Ende der Messe einigermaßen erregt in die Sakristei ging. Kein Wunder, dass ich, besonderes im Sommer, leidenschaftlich gern in der Sonntagsmesse ministrierte.

In der Messe gab es auch einen Vorbeter. Er war ein schöner, dunkelhaariger, gelockter Mann, ein Kollege und der einzige Freund meines Vaters. Er hatte einen Sohn - etwa ein Jahr jünger als ich - und drei Töchter. Eine von ihnen, Sophie, war zwei Jahre älter und vier Zentimeter größer als ich und bereits voll entwickelt. Sie hatte alles, was ich an Mädchen liebte: eine gertenschlanke Gestalt, lockiges, langes, dunkles Haar, eine leicht getönte, samtene Haut, ein geheimnisvolles Lächeln, eine gewisse natürliche Schüchternheit, die ihre Schönheit noch mehr zu Geltung brachte als alles Herausgeputze. Für mich war sie eine Göttin.

Manchmal waren wir dort zu Besuch. Meine Eltern wunderten sich, weshalb ich so bereitwillig mitging. Aber für mich lohnten sich zwei Stunden Langweile mit den "Alten", wenn sie - betont gelangweilt - einmal durchs Zimmer gegangen war und ich sie mit meinen Augen 30, 40 Sekunden verschlingen konnte, heimlich, versteht sich. Klar hatte sie nichts für mich übrig, ich war ein kleiner Bub für sie. Meine Begeisterung für sie wurde so stark, dass ich in der Nähe ihreres Elternhauses herumstriff, bis ich beobachten konnte, wie sie herauskam und zum Beispiel etwas zur ca. 50 Meter entfernten Aschentonne trug. Noch heute bekomme ich "Gefühle", wenn ich an sie denke, obwohl das alles knapp 60 Jahre her ist.

Alfed Adler, mein Tutor

Was wäre ich ohne die kleine, kleinbürgerliche Hausbibliothek meines Vaters. Auf den Regalbrettern seines Arbeitszimmers stand die übliche Auswahl, ein bisschen Schiller, ein bisschen Goethe, Adalbert Stifter, Gerhard Hauptmann, Eichendorff, Thomas Mann (natürlich nur die Buddenbrocks), So grün war mein Tal von Richard Llewellyn. Aber da war auch Sinuhe, der Ägypter von Mika Waltari. Mit dem Späherblick eines frisch Pubertierenden entdeckte ich dort die erotischen Passagen mit der Tempelhure. Wie auch immer: Ich lernte Literatur mit Wertigkeit zu assoziieren, Bücher mit Bildung - einem vor allem von meiner Mutter, die vollkommen ungebildet war und immer Stand mit Bildung verwechselte, betonten Begriff. Aber für ihren Begriff gehörte sie zum Bildungsadel der Nation.
Zunächst eroberte ich die Amberger Stadtbücherei, die schon eine Welt für sich war und sogar die silberglänzenden, gebundenen Erstausgaben der Perry-Rhodan-Romane führte. Aber schon bald wechselte ich über in die geheimnisvollen Welten der Provinzialbibliothek, ein Mittelding zwischen Stadtbücherei und Universitätsbibliothek. Dort entdeckte ich Alfred Adler, den großen Wiener Individualpsychologen. Ich lieh mir seine Bücher aus und verschlang sie atemlos wie ein Astronaut, der einen neuen, besiedeltem Planeten entdeckt. Ich entdeckte, dass Menschen sich etwas vormachen, dass sie nicht nur andere, sondern vor allem sich selbst belügen; dass es so etwas wie unterbewusstes Handeln gibt, Schichten und Sphären des Geistes, von deren Existenz die meisten Menschen noch nicht einmal etwas ahnen - und die es also auch in mir geben musste. Plötzlich war ich nicht nur in der Pubertät, ich entdeckte auch, dass ich in diesem Lebens- und Entwicklungsabschnitt steckte - und alle um mich herum, meine Freunde, meine Kumpels, meine Klassenkameraden. Wir alle hatten ähnliche Gefühle, ähnliche Ängste, Hoffnungen, Befürchtungen, Geilheiten. Aber auch meine Eltern verloren ihre Position als unangefochtene Autoritäten. Alfred Adler beschrieb Standardsituationen, in denen Menschen nach Standardmustern reagierten. Und genau so war es. Auch meine Eltern waren wie ich ihrem Unter- und Unbewussten ausgeliefert. Aber einen entscheidenden Unterschied zwischen ihnen und mir gab es auf einmal: Ich wusste darum, sie wussten es nicht. Sie waren Marionetten, die sich für Marionettenspieler hielten. Sie hielten sich für gute Christen, aber wenn es darauf ankam, liebten sie nur sich selbst und ihre Kinder, aber keineswegs ihren Nächsten. Ich begann zu verstehen, was Bob Dylan meinte, als er sang: "Two eyes took the aim | Behind a man's brain | But he can't be blamed |
He's only a pawn in their game." Meine Eltern waren wie alle Erwachsenen, die ich bis dahin kennengelernt hatte; sie waren nicht so geworden, weil sie so werden wollten, sie waren so geworden, weil sie die Welt um sie zu dem gemacht hatte, was sie waren. Sie waren weder Täter noch Opfer, sie waren Mitläufer.

Uli

Ich kann mich nicht entsinnen, sie deswegen verachtet zu haben. Eher erschreckte mich ihre Situation, die ich auf mich zukommen sah, denn auch ich würde ja älter und eines Tages erwachsen und "einer von ihnen" werden, a pawn in the game. Aber die Konsequenzen aus dieser (für mich) markerschütternden Erkenntnis ließen noch auf sich warten.

Zunächst einmal begann die Phase des Hockermühlbads, wie das Amberger Freibad hieß. Die unschuldige Begegnung mit Esther oder gar meine kindlich Leidenschaft für Gerlinde hatte sich in sündige Wollust verwandelt. Es muss wohl um 1966 gewesen sein, als der Minirock fröhliche Urständ feierte und mein Blick sich nur vom weiblichen Oberschenkeln hin zum Gesicht vortastete (das dann freilich oftmals enttäuschend war), sofern er nicht von wundervollen Bikini-Hügellandschaften unterbrochen wurde. Zu toppen war das nur durch einen langsamen Gang durchs Hockermühlbad. Links lag das große Schwimmbecken, dahinter das Nichtschwimmerbecken, rechts die Liegewiese, und dazwischen, wie auf einem breiten Damm, der erhöhte Gehweg auf Bitumen, der in der Sommersonne weich wurde und auf dem mir, reizwogend und immer wieder, Bikinischönheiten entgegenkamen, bei deren Anblick sich mein Penis unwillkürlich aufbäumte. Also legte ich mich mit dem Bauch auf den Bitumen, dachte bemüht an etwas Unerotisches wie Ziegelsteine oder Kneifzangen und wartete ab, bis sich mein wild gewordenes Glied beruhigt hatte. Das war nicht immer einfach, denn selbst der Gedanke an einen Ziegelstein konnte etwas verstörend weiblich Warmes haben, und mit einer Kneifzange konnte man auch einen Mädchenslip anfassen. Oh weh ...
Es konnte also eine halbe Stunde dauern, bis ich die ca. 200 Meter bis zu meinem Handtuch zurückgelegt hatte. Ob ich damals schon rauchte oder noch nicht, weiß ich nicht mehr, aber um diese Zeit herum begann ich, mit Zigaretten zu experimentieren, meinte ich doch, damit die Mädchen beeindrucken zu können. Von meinem kleinen Taschengeld zog ich mir eine Schachtel HB aus dem Zigarettenautomaten und übte hustend. Und weil das nicht richtig klappte, bat ich meinen Bruder um Rat, der mir dann auch zeigte, wie man beeindruckend Rauch durch die Nasenlöcher ausstößt. Uli war keine Bikinischönheit; sie trug einen grauweißen Ganzkörper-Badeanzug, aber ihre lockiges, dunkelbraunes Haar und ihre schwarzen Kulleraugen fand ich noch beeindruckender als ihren hübschen, kleinen Busen. Ich hatte sie kaum gesehen, war ich ihr schon verfallen. Sie war ein Jahr älter als ich und hatte noch keinen Freund. Also habe ich sie mit Leidenschaft - und Erfolg - umworben. An manchen Nachmittagen lag ich im Hockermühlbad neben ihr auf meinem Handtuch und pries den Himmel für unsere sich berührenden Hüften. Ich war wie von Sinnen vor Verliebtheit. Manchmal gingen wir Hand in Hand, manchmal lösten wir uns voneinander, weil wir nicht wussten, ob wir uns so zeigen durften oder konnten. Uli war Gast auf der Party zu meinem 13. Geburtstag im September, die meine Mutter (ich bin ich heute dankbar, damals fand ich das eher "normal") für mich veranstaltete. Auch meine Klassenkameradin Irmgard war zugegen und jetzt konnte und wollte ich ihr die kalte Schulter zeigen. Zum ersten Mal spürten meine Hände beim langsamen Tanz Ulis Hüften, einTraum.

Es war die Liebe meines Lebens, bis heute. Sie erfüllte mich so sehr, dass es keine Zelle meines Körpers gab, die nicht ganz mit ihr, an ihr, in ihr sein wollte. Ich schlief in GEdanken an sie ein und wachte mit ihr auf. Und doch war ich katholisch. Und doch scheute ich die Sünde. Also liefen wir sechs Monate keusch und voller Lust aufeinander Hand in Hand durch Amberg. Für sie lernte ich Latein und die verhasste Mathematik, für sie wollte ich Mann werden, für sie opferte ich meine sündhaften Gedanken der Keuschheit. Für Uli betete ich als Ministrant am Altar darum, dass ich ihr treu bleiben könnte. Das gelang mir auch, alle meine Gebete wurden erhört, aber anders als ich es erwartet hatte.

Im Februar, draußen dominierten Schnee und Eis, waren wir bei Tobias zu unserer ersten Faschingsparty eingeladen, die von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends dauern sollte, der größte Teil der Zeit also bei Dunkelheit, Schummerlicht, ein paar Kerzen und viel Pop-Musik, einer hocherotischen Grundstimmung. Zwei-, dreimal tanzten Uli und ich zusammen, langsam, Körper an Körper; ich war verwirrt vor Glück und Verliebtheit. Als ich ein weiteres Mal mit ihr tanzen wollte, wies sie mich ab. Der Grund hatte einen Namen: Jochen. Er war größer als ich und zwei Jahre älter. Mit ihm verbrachte sie die nächsten "Runden" auf der Tanzfläche im Wohnzimmer von Tobias' Eltern. Ich brauchte eine Weile, bevor ich verstand, was vor meinen Augen vor sich ging: Uli wollte mich nicht mehr, sondern bevorzugte Jochen. Eng umschlungen tanzten sie miteinander, enger als ich das je gewagt hatte; ich sah seinen Händen zu, die mit den dunklen Locken in ihrem Nacken spielten, seinen Händen, die ihren Rücken hinunter zu ihrem Po glitten, beobachtete, wie ihre Unterleiber sich aneinander pressten, wie sie sich zu küssen begannen, erst zaghaft, aber dann mit offenem Mund und ganz viel Zunge. Da waren nur noch die beiden und meine Enttäuschung, Einsamkeit, mein Schmerz, als zerrisse eine ganze Welt in mir. Der innere Schrei war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Also lief ich aus der Wohnung im zweiten Stock hinunter zur Haustür des Mietblocks, hinaus in den Schnee in die Dunkelheit zwischen den Häuserblocks, wo ich losheulen konnte, wo sah keiner meine Beschämung sah und wo ich gegen Jochen wüten konnte, der mir meine Uli genommen hatte.

War es die Kälte vor der Haustür, vor der ich nur in dünner Hose und Hemd stand, die mich abkühlte, oder war es die Oberhand gewinnende Vernunft? Vermutlich eine Gemenge aus beidem. Jedenfalls stellte ich fest, dass Alfred Adler auch über mich geschrieben hatte; dass auch ich mich benahm wie eine Marionette, dass meine Reaktionen nicht die meinen waren, sondern von der Situation vorgegebene Verhaltensmuster. Auf einmal schämte ich mich nicht mehr vor den anderen, die zugesehen hatten, wie Jochen mir Uli ausgespannt hatte, sondern ich schämte mich vor mir selbst für meine banalen Reaktionen. Meine Tränen versiegten, ich wusch meine verheulten Augen mit Schnee aus und stieg tapfer wieder nach oben.

Dort taten alle so, als wäre nichts geschehen. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, aber ich beteiligte mich an einem Gruppenspiel namens "Zublinzeln". Dabei standen Stühle im Kreis und zwar ein Stuhl mehr als Mädchen zugegen waren. Die Mädchen setzten sich auf die Stühle (es blieb also zwangsläufig einer leer) und wir Jungs stellten uns, mit auf dem Rücken verschränkten Händen, hinter die Stühle. Nun richteten sich die Augen aller Mädchen auf den von uns, der hinter dem leeren Stuhl stand. Denn er würde einer von ihnen heimlich zublinzeln und sie müsste dann, so wollten es die Spielregeln, so schnell es ging aufspringen und sich auf den leeren Stuhl setzen - es sei denn, dem Jungen hinter ihr gelang es, sie an den Schultern festzuhalten. Dabei kam es zu leichten Rangeleien, intensiver Körperkontakt war vorprogrammiert. Natürlich blinzelte ich bevorzugt Uli zu, und mehrfach geschah es, dass sie vor mir saß, und Jochen hinter einem leeren Stuhl stand. Wenn er dann Uli zublinzelte, was immer der Fall war, dann ich tat dann so, als sei ich zu langsam, mein verlorenes Mädchen festzuhalten; es war die reinste Einübung im Loslassen.

Schließlich war es zehn Uhr und die Party war zuende. Die Mädchen wurden von ihren Eltern abgeholt, die Jungs gingen zu Fuß nach Hause. Meine Eltern erwarteten mich spätestens um halb elf Uhr zurück, aber ich beschloss, das diesmal in den Wind zu schlagen. Ich wollte, ich musste Jochen kennenlernen. Wie konnte ich ihm feindlich gesinnt sein, ohne ihn zu kennen! Also begleitete ich ihn quer durch die Stadt nach Hause und wir hatten ein langes, gutes Gespräch, nicht über Uli, sondern über Dinge, die uns bewegten, die Eltern (seine Mutter war alleinerziehend), die Schule, Gott. Er war ein netter Kerl, stellte ich fest, und ein interessanter Gesprächspartner. So wurde es beinahe zwölf Uhr, bis ich nach Hause kam, wo der Haussegen mehr als schief hing und mein Vater nur mit Mühe meine Mutter hatte daran hindern können, die Polizei zu alarmieren.

Als das elterliche Gewitter ausgedonnert und ausgeblitzt hatte, saß ich schließlich an meinem kleinen Schreibtisch und schrieb mein erstes Gedicht in mein kindliches Tagebuch, das sich mit einem winzigen Schlüsselchen abschließen ließ. Natürlich handelte der Text von Uli und half mir ein Stück weit zu verstehen, was geschehen war. Bis heute ist Lyrik für mich geblieben, was damals, mit diesem ersten Text, begann: ein seelischer Fahrstuhl in eine unbekannte, aber dennoch vorhandene Unterwelt.

Monatelang lief ich mit einer Leichebittermiene herum. Alle Welt sollte wissen, wie schlecht es mir ging, schließlich fühlte ich mich von der Welt betrogen. Meine Mutter beklagte sich: "Was ist aus meinem fröhlichen Rudi geworden." Mädchen, befand ich, sind untauglich für eine tiefe Liebe, sondern leichtfertige Geschöpfe. Auch von Gott fühlte ich mich betrogen, dem ich in allen Anfechtungen treu geblieben war und der eine solche Enttäuschung zugelassen hatte. Der einzige, der mir wirklich geholfen hatte, war Alfred Adler. Er hatte mich gerettet. Also vertiefte ich mich weiter in psychologische Lektüre und verabschiedete mich von dem sexuellen Reinheitsgebot, das ich mir auferlegt hatte.

Ich verschlang die Oberschenkel der Mädchen unter den kurzen Miniröcken, ich stellte mir vor, wie ich ihre Brüste und ihre Scheide berührte, diesmal nicht mehr mit schlechtem Gewissen, sondern im Gefühl, mich rächen zu müssen. Am Gymnasium gab es zwei Klassen höher eine Yvonne mit den märchenhaftesten Oberschenkeln der Welt und einer samtenen, leicht gebräunter Haut. Da ihr Klassenzimmer im ersten Stock des Gymnasiums lag, stellte ich mich so oft wie möglich an den Fuß der breiten Holztreppe und folgte ihrem wippenden Po, bis sie am Treppenabsatz verschwand. Und gelegentlich erhaschte ich eine Blick auf ihr weißes Höschen.

Schräg gegenüber von unserem Haus wohnte ein Mächen in meinem Alter mit schon beachtlichen, spitzen Brüsten, die von keinem BH beengt durch ihre eng anliegenden Pullis mir ins Auge - und in den Unterleib - stachen. Sie musste nur am Fenster stehen und schon war ich erregt. Sie wusste das oder ahnte es zumindest, denn wenn ich mich ans Fenster stellte, dann kam sie oft auch an ihr Fenster, streckte und reckte sich und tat so, als würde sie mich nicht bemerken. Um meine Schularbeiten machen zu können, musste ich mindestens einmal am Tag, manchmal auch zwei-, dreimal onanieren. Wie gut, dass ich ein Waschbecken in meinem Zimmer hatte, denn Papiertaschentücher waren noch nicht üblich.

An meinem Schreibtisch gab es drei Schlüssel (einen für die Schublade und je einen für die beiden Seitenschränkchen). Diese Schlüssel hatten oberhalb des Barts einen Ring von ca. drei Zentimeter Durchmesser. Es machte mir Vergnügen, meinen schlaffen Penis da hindurchzuziehen. Dann brauchte ich nur an das Mädchen von gegenüber denken und ein wenig zu reiben, und schon schnitt der Schlüsselring schmerzhaft in meinen wachsenden Phallus. Natürlich gestattete ich mir solche Exzesse nur, wenn ich alleine zu Hause war. Es gab nur wenig, was meinen sexuelle Fantasie nicht entzündete. Beispielsweise war da das lateinische Wort "sinus" mit der Bedeutung "Meerbusen". Der weibliche Bestandteil genügte, um mir das Wort ein für alle mal einzuprägen.

In meiner frühen Pubertätszeit spielte ich mit einer seltsamen Idee, einer Mischung aus Tagträumerei und revolutionärem, umweltorientierem Gestaltungswillen. Von woher mich die Idee anflog, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war ich der Ansicht, dass zu viele Norddeutsche, insbesondere Berliner - die Preißn! - in Schwärmen über den Bayerischen Wald herfielen und seine einzigartige Natur bedrohten. Dagegen musste etwas unternommen werden. Also stellte ich mir vor, ich würde ein Robin-Hood-mäßiges Doppelleben führen. Bei Tag wäre ich ein angesehener Landarzt, bei Nacht würde ich mit meiner Band preußische Touristen überfallen. Der Nutzen wäre gleich ein doppelter gewesen: Unter den Touristen würde sich herumsprechen, dass es gefährlich sei, im Bayerischen Wald Urlaub zu machen, und die Beute würde mir natürlich unter den Armen verteilen.

Die Mädchen können mich mal

Eine große Liebe gab es nach Uli vorerst nicht mehr, aber natürlich ließen die Hormone mich nicht in Ruhe. Ich konsumierte Berührungen von Mädchen in einer Mischung aus Lüsternheit und Verachtung: die oder die, das war mir egal. Es gab Berührungen im Fahrradkeller des Gymnasiums; es gab Berührungen bei abendlichen Spaziergängen nach der Maiandacht, wo wir uns im Schutz großer Mülltonnen vergnügten, Berührungen im Freibad unter Wasser (eine Petra, deren Wohnhaus ich heute noch finden würde, und die zwei Jahre älter war als ich, mochte das besonders gern); und es gab Berührungen eines Mädchens im Nachbarhaus meiner Großeltern, einem Wohnblock, wo sie mit ihren Eltern im ersten Stock wohnte. Wenn ich meinen Großeltern nachmittags einen Besuch abstattete, waren ihre "Alten" meinstens nicht zu Hause. Dann zeigte sie mir ihre Nähergebnisse, Kissen, Deckchen und so weiter und das Stück, an dem sie gerade arbeitete. Dazu setzte sie sich vor mich an ihre Nähmaschine, und während sie nähte, streichelte ich über ihre Schultern hinweg ihre Brüste.

Für zwei, drei Monate ging" ich mit einer Marion. Wie ich sie kennenlernte, kann ich mich nicht mehr entsinnen. Ihr Vater war Aufseher im Zuchthaus, an dem ich jeden Tag vorbeiradeln musste, wenn ich in die Stadt fuhr. Marion war ganz süß und sehr naiv, was mir gefiel, denn sie stellte mir ihre köstlichen Brüste gerne für "Steicheleinheiten" zur Verfügung. Das gehöre sich so, wenn man einen Freund hat, hatte ich ihr erklärt. Wenn ich mit ihr ein Treffen vereinbaren wollte, ging das nur, wenn ich bei ihr zu Hause anrief, tagsüber natürlich, wenn ihr Vater arbeiten war. Zu dumm, dass ich mir anfangs ihren Namen nicht merken konnte. Meist ging ihre Mutter ans Telefon und ich fragte sie, ob ich mit ihrer Tochter sprechen könne. Dann rief sie "Mariooon, für diiich!", und ich wusste wieder, wie meine Freundin hieß. Eines Tages ging unsere Freundschaft abrupt in die Brüche, und das kam so: Marion und ich waren auf ein größeres Faschingsfest eingeladen. Sie rief mich ein, zwei Tage vorher an und fragte, wie ich mich verkleiden würde. Ich verkleide mich gar nicht, sagte ich ihr, darin sähe ich keinen Sinn. Weil sie's mir gleichtun wollte, verkleidete sie sich auch nicht und wir gingen "ganz normal" zur Feier. In meiner Erinnerung hatte ich guten Spaß und sie auch; jedenfalls schien es mir so. Und natürlich wurde sie von ihrem Vater abends abgeholt. Am nächsten Tag rief sie mich tränenerstickt und böse an und ich fiel aus allen Wolken. Ich hätte mich nur nicht verkleidet, weil ich sie vor allen anderen Mädchen erniedrigen wollte, und das werde sie mir nie vergessen usw. und so fort. Ich war regelrecht ereschüttert über diesen Vorwurf und meinte: "Wenn du das nicht vergessen willst, dann können wir ja Schluss machen" und legte auf. Ob ich noch "dumme Gans" hinzufügte, weiß ich nicht mehr, aber wohl eher nicht.

"Übersättigung" war das Gefühl, das sich bei mir zunehmend einstellte. Ich erinnere mich an Gefühle des Ekels vor dem Mädchen, mit dem ich eben "fummelte" und mich küsste. Das geschah mindestens zweimal und endete damit, dass ich auf die Toilette gehen musste, um mich zu übergeben und mir dann sorgfältig den Mund ausspülte, denn ohne einen Kuss konnte ich mich natürlich nicht "ehrenvoll" zurückziehen.

In gewisser Weise hat mich Maria wieder - und unwissentlich - zur Vernunft gebracht. In sie habe ich mich noch einmal heftig verliebt, aber leider (ja, das sage ich immer noch) wurde daraus keine große Sache. Ich weiß sogar noch ganz genau, in welcher ungewöhnlichen Situation ich sie entdeckte. Wieder spielt dabei Fasching eine Rolle. Jede Klasse hatte den Auftrag, für die nachmittägliche Faschingsfeier in der Turnhalle des Gymnasiums einen Beitrag zu leisten. Meine Klasse spielte eine Klassenzimmer-Szene. Wir waren etwa zu zehn auf dem Podium samt Tischen und Stühlen, und einer von uns spielte den Lehrer. Vor dem Podium saßen alle MitschülerInnen auf dem Fußboden, die kleineren uns am nächsten, die großen weiter hinten. Meine Aufgabe bei dem Sketsch war einfach: Ich sollte ständig mit meinem Stuhl kippeln, bis ich schließlich rückwärts umfiel. Natürlich wollte ich möglichst effektvoll umfallen und schaute in den zwei, drei Sekunden meines "unfreiwilligen" Sturzes ins Publikum - und sah in Marias Augen.

Für mich war das eine Offenbarung, sie konnte sich später gar nicht daran erinnern. Wie es mir gelang, sie für mich zu gewinnen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls "gingen" wir ein paar Wochen miteinander. Ich glaube, ich war 14 und sie 12, aber schon recht weiblich entwickelt. Sie kam mich sogar zu Hause besuchen und war mit mir allein auf meinem Zimmer. Allerdings kam immer wieder meine Mutter "nach dem Rechten schauen". Ich weiß noch genau, wie unsere Liebelei zuende ging. Ich denke, sie hatte ihren 13. Geburtstag und ich schenkte ihr einen hübschen, hölzernen, gedrechselten Kerzenhalter mit Kerze. Danach wollte sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Der Zusammenhang mag Zufall sein, anders kann ich es mir nicht erklären, aber seitdem bin ich - bis heute - äußerst vorsichtig mit frühzeitigen Geschenken. Ich war wirklich traurig. Es war der volle Herzschmerz. Ich hatte sie wirklich mehr als lieb. Sie war zu 100 Prozent mein Typ: gertenschlank mit einem überwältigend süßen Lächeln, mit dunklen, stark gewelltem Haar, klug, schlagfertig und realistisch. Im Gymnasium ging sie mir aus dem Weg, auch auf dem Amberger Volksfest, wo wir uns bald darauf begegneten, wechselte sie sozusagen die Straßenseite. Heute denke ich, dass sie einfach zu jung und von meinem erotischen Avancen überfordert war. Später, ich denke ca. zwei, drei Jahre später haben wir uns wiedergefunden, allerdings nicht mehr auf einer erotischen Ebene, sondern eher im Sinn einer guten Freundschaft. Lebhaft erinnere ich mich an manche Mittage, wo ich auf dem Bauernhof ihrer Eltern zum Essen eingeladen war. Danach haben wir wie ein altes Paar abgewaschen, wobei ich den Abtrockne-Part hatte. Marias Mutter war beim ersten Mal sehr erstaunt, dass ein Junge abtrocknet. Sehr viel später hatten wir noch ein paar überwältigende, erotische Begegnungen. Aber alles zu seiner Zeit.

Es gab noch eine zweite Maria, die jüngere Schwester eines Klassenkameraden. Sie fand ich einfach zum Umfallen sexy. Sie kreuzte bei unseren KJG-Beatpartys auf, die alle paar Wochen abends im Veranstaltungskeller des Gemeindezentrums stattfanden (oder unter der Kirche?). Überwiegend tanzten wir dort, und zwar möglichst langsame Songs, bei denen ich Maria sehr nahe kam. Höhepunkt war immer "Je t'aime", ein Song, der eine derart sinnliche Atmosphäre erzeugte, dass sich unser dusterer Beatkeller in einen erotischen Hexenkessel verwandelte. Maria und ich tanzten tatsächlich, Oberschenkel an Oberschenkel, Scham an Scham, uns langsam, sehr langsam drehend, als wären wir ein Leib und nicht zwei Leiber. Seltsamerweise verliebten wir uns nicht, weder ich mich in sie noch umgekehrt. Jenseits des KJG-Kellers war und blieb sie die Schwester meines Klassenkameraden, und allmählich verloren wir uns aus den Augen, vor allem, weil ich wenig später aus der KJG austrat und auch mein Ministrantenamt an den Nagel hängte.

Dabei hatte ich einmal mit dem Gedanken gespielt, Papst zu werden; zuerst natürlich Priester, da war ich ganz realistisch, dann Bischof, schließlich Kardinal und von da an wäre der Weg zum Papst nicht mehr weit gewesen. Ich könnte das schaffen, inklusive fließend Latein, da war ich mir sicher. Wenn ich auf meinem Cello das Ave Maria spielte, war das eine doppelte Beglückung: Einerseits dachte ich dabei an Maria und andererseits war es für mich ein Kirchenlied. Wenn ich es nur spielte, fühlte ich mich dem Himmelreich nahe, jedenfalls dem, was ich fürs Himmelreich hielt. Vermutlich war Maria sogar die Pförtnerin. Dabei habe ich noch gar nicht erzählt, wie ich zum Cello kam. Von der fünften Klasse an hatte mich meine gedrängt, ein Instrument zu erlernen, am besten Geige, weil sie das für besonders vornehm hielt und sich für eine "gute Familie" so gehörte. In der sechsten und siebenten Klasse konnte ich sie irgendwie austrixen, indem ich die Anmeldungstermine verpasste. An sich hatte ich gar nichts gegen ein Instrument einzuwenden, aber Herr Baldauf, der den Geigenunterricht hielt, war ein strenger Mensch, den ich irgendwie fürchtete. In der achten Klasse behielt meine Mutter die Termine im Auge, so dass ich nicht mehr auskam. Also meldete ich mich für Cello an, weil der unterrichtende Lehrer, den ich vom Knabenchor her kannte, ein viel angenehmerer Mensch war. Später habe ich dann ja sogar mit Hilfe des Cellos mein Musikabitur gemacht.

Mein Abfall von der heiligen Mutter Kirche begann mit meinen Zweifeln an unserem Pfarrer. Er hatte die wunderbarsten Predigten geschwungen, aber kaum betrat er die Sakristei, ereiferte er sich gegenüber dem Meßner über diese Frau oder jenen Mann, schimpfte auf sie oder lästerte über sie - ganz und gar unheilig.

Der endgültige Beschluss reifte, während ich beim Einweihungsgottesdienst in der neu erbauten Gemeindekirche ministrierte. Unser Pfarrer hatte mehrere Jahre seine Schäflein unter Druck gesetzt, jeden Monate ein paar Mark für den Neubau zu spenden. Auch meine Eltern machten mit, aber sie bedeutete das eine Menge; schließlich sparten sie sich jede einzelne Mark vom Mund ab. Schließlich war es so weit. Die Kirche war mit Tausenden von Spenden und einem Zuschuss der Diözese zum Preis von mehreren hunderttausend Mark erbaut und wurde zum ersten Mal "bespielt". In seiner Predigt bedankte sich der Pfarrer für die "Opferbereitschaft" seiner Gemeinde und fügte hinzu: "Nun haben Sie Ihre milde Gabe in ihre Haushaltsausgaben seit vielen Jahren eingeplant, so dass sie sie kaum mehr bemerken. Ich bitte sie deshalb, Ihre Spende nicht einzustellen, sondern beizubehalten. Denn schon mit fünf Mark können Sie in Afrika ein Menschenleben retten. Wie ist das möglich, werden Sie fragen. Nun, ganz einfach: Viele Menschen erblinden dort, weil sie sich das an sich günstige Augenmedikament nicht leisten können. Und wer blind ist in diesen Ländern, ist dem Tode geweiht. Deshalb bitte ich Sie nochmals eindringlich: Stellen Sie Ihre Spende nicht ein! Der Herrgott wird es Ihnen danken."

Schon lange war mir klar geworden, dass dieser Kirchenneubau nur einen Zweck hatte: die Eitelkeit unseres Pfarrers; denn mit ihr bekam er eine eigene, selbständige Gemeinde, wurde Gemeindepfarrer. Dabei standen die großen Kirchen der Stadt, St. Georg und St. Martin, an den Sonntagen zur Hälfte leer. Zu Fuß dorthin waren es vielleicht 25 Minuten, mit dem Auto fünf Minuten. Unsere neue Kirche war schlicht überflüssig bzw. bediente die Faulheit von Gläubigen, denen fünf Autominuten und zwei Minuten Einparken zu aufwändig waren, um in die Kirche zu gehen. Und wenn es stimmte, was der Pfarrer erzählte, dann hatte die Million Mark (1.000.000:5), die diese Kirche gekostet hatte, 200.000 Afrikanern das Leben geraubt. Noch während der Pfarrer weiterpredigte, sah ich im Geist, wie sich die Leiber der Toten neben  unserer Kirche aufhäuften. Es war der letzte Gottesdienst, in dem ich ministrierte.

Erster Abschied

Doch allmählich gingen mir "die Weiber", so hieß es unter uns Jungs, auf die Nerven. Sie schienen mir vor allem Gelegenheiten zu sein, mein Herz zu verlieren, meine Konzentration zu  rosa Wölkchen zu verblasen und nicht bereit für eine tiefe, seelische Begegnung. Dann konnte ich auch auf ihre verführerischen Körper verzichten. Vaters kleine Hausbibliothek hatte ich bald ausgelesen; an die paar Bände Schiller und Goethe wage ich mich nicht heran. Dafür gab es in der Stadtbücherei in der Zeughausstraße eine unerschöpfliche Menge an Büchern. Nach den 70 oder 80 Karl-May-Bänden (besonders beeindruckten mich "Winnetous Erben" und die europäischen Bände wie "Die Herren von Greifenklau" oder "Der Peitschenmüller") wandte ich mich der "höheren" Literatur zu.  Ich las Heinrich Bölls "Ansicht eines Clowns" und verstand, dass Marie nichts verstand; dass ihr katholisches Nest stärker war als die Liebe. Was konnte das schon für eine Liebe sein. Wie fühlte ich mit dem Clown Hans Schnier mit! Immer wenn ich seitdem einen Clown sehe, muss ich an ihn denken und seine männlich hoffnungslose Liebe; seine Verzweiflung darüber, dass die Liebe allen Beteuerungen Maries zum Trotz im Verhältnis zu der seinen seicht war. Typisch weiblich eben.
In der Zeit geriet mir ein Buch über Yoga in die Hände und zeigte mir eine ganz neue Welt der Selbstbetrachtung, der Disziplin mit mir selbst, der Innenschau, die mir neu war und mich neugierig machte. Das Buch bestand im Wesentlichen aus den gezeichneten Position einer Frau, die Asanas - also die typischen Hatha-Yoga-Stellungen -  ausführte, dazu Beschreibungen, wie sie durchzuführen seien und welche körperlichen und seelischen bzw. spirituellen Auswirkungen sie haben könnten. Diesem praktischen Teil ging ein theoretischer Teil voran, der mich mit den ersten Grundlagen von Meditation bekannt machte - und mir die Ahnung von einer Souveränität auf den Weg gab, an die in diesem Alter freilich noch nicht zu denken war. Eine Übung forderte mich dazu auf, meinen Körper in allen seinen Teilen bewusst zu spüren. Wie heute erinnere ich mich an den Schrecken darüber, dass ich den größten Teil meines Rückens nicht spüren könnte. Er fremdes Land, meinem Willen nicht zugänglich. Ich kam mit regelrecht behindert vor und begann von da ab mit regelmäßigen, meditativen Übungen; die eigentlichen Yogapositionen interessierten mich weniger. Schließlich stieß ich auf Nietzsches "Menschliches, allzu Menschliches". Seinen Satz "Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe" konnte ich jetzt lebhaft nachvollziehen, wobei ich das "etwas" am liebsten durch "eine Menge" ersetzt hätte. Ich verstand zwar eine Menge in diesem Buch, das Meiste jedoch nicht, aber seine mit Widersprüchen spielenden, oft auch sarkastischen bis zynischen Gedankengänge ergänzten meine Alfred-Adler-Erkenntnis perfekt. Nichts war mehr, was es schien. Zum Beispiel Sätze wie diese:
"Jede Tugend hat Vorrechte: zum Beispiel dies, zu dem Scheiterhaufen eines Verurteilten ihr eigenes Bündelchen Holz zu liefern."
Oder: 
"Mitunter genügt schon eine stärkere Brille, um den Verliebten zu heilen; und wer die Kraft der Einbildung hätte, um ein Gesicht, eine Gestalt sich zwanzig Jahre älter vorzustellen, ginge vielleicht sehr ungestört durch das Leben."
Oder:
"Die Unvernunft einer Sache ist kein Grund gegen ihr Dasein, vielmehr eine Bedingung desselben."
Oder:
"Wer tiefer denkt, weiß, dass er immer unrecht hat, er mag handeln und urteilen, wie er will." Nietzsche erschien wie ein großer Bruder im Geiste, ein weltliches Brevier, das ich unbedingt bei mir  haben wollte und mir deshalb eine Goldmann-Ausgabe von "Menschliches, Allzumenschliches" kaufte. Sie führte ich die nächsten Jahre, egal wohin, mit mir.

Allmählich rundeten sich die scharfen Zacken meines sexuellen Erlebens zu mal höheren, mal flacheren Wellen. Schon Uli war ganz anders gewesen, hatte mich weniger erregt als vielmehr durch ihr stilles, ja nächtliches Wesen fasziniert. Mit Maria war es ähnlich, allerdings sehr viel erdiger. So hatte sie ein großes Muttermal im Gesicht neben dem linken Flügel ihrer Stupsnase, das mir ungemein gefiel. Durch ihre Schlabberkleidung, durch ihre lockeren Jeans - sie trug nichts anderes - und ihre lässigen Pullis, die sie nur im Hochsommer gegen T-Shirts tauschte, erreichte mich etwas anderes als die bekannte Provokation und Verlockung; etwas, das mir sehr viel mehr gefiel als die Raserei, die mich angesichts von spitzen Brüsten und knackigen Pos befiel. Ich hatte die Erotik zu entdecken begonnen.
Ich entsinne mich mancher Besuche bei ihr zu Hause zwei, drei Jahre später - ihre Eltern hatten einen Bauernhof in Gailoh, mit dem Fahrrad ca. zehn Minuten von unserem Haus -, wo ich gelegentlich zum Essen eingeladen war und sie und ich nachher abwuschen und abtrockneten. Ich stand nahe bei ihr und während ich das Geschirr mit dem Abtrockentuch abrieb, bewunderte ich, von Teller zu Teller, von Gabel zu Gabel, von Messer zu Messer neu ihre selbstverständlichen, runden Bewegungen und liebte ihre so gar nicht grazilen, sondern eher ein wenig knubbeligen, Feldarbeit gewohnten Finger, lauschte ihrer Stimme, verliebte mich in ihre Wangelgrübchen.

Unvergesslich ist mir Theresa. Ich erspähte sie eines Sonntags in einer Morgenmesse in St. Martin, einer großen Amberger Kirche, die meine Eltern bei besonderen Gelegenheiten besuchten. Ich saß links von meiner Mutter, mein Vater rechts von ihr. Typisch für katholische Gottesdienste ist der häufige Wechsel zwischen Sitzen, Aufstehen und Hinknien. Einmal, als wir eben aufgestanden waren und wohl etwas sangen ("Maria zu ehren ist allzeit mein Sinn" war lange mein Lieblingslied, und die Melodie summt mir heute noch gelegentlich durch den Kopf), schaute ich mich um und erblickte SIE auf der anderen Seite des Mittelgangs. Auch sie war mit ihren Eltern da, auch sie langweilte sich und sah mir direkt in die Augen, für ein paar Sekunden sogar ein wenig provokant, ehe sie wieder fromm nach vorne blickte. Maria hieß nur so, war aber agar nicht heilig, SIE aber, dort drüben, sah aus wie eine Maria. Etwas köstlich Sanftes durchwirkte ihr Gesicht, keine ihrer Bewegungen war hektisch, aber auch nicht langsam. Noch zwei-, dreimal schaute sie zu mir herüber und weckte eine ganz neue Art von Begeisterung in mir. Sie war schlank, ihr Gesicht schmal geschnitten und dominiert von den ein wenig spöttischen, großen, leuchtend tiefblauen Augen. Sie schien genauso groß zu sein wie ich, das nur leicht gewellte, dunkelblonde, seidige Haar fiel ihr ein Stück über die Schultern. So, dachte ich müssen Heilige ausgesehen haben, so weiblich zart und doch so distanziert und fern.
Als die Messe zuende war, trödelten meine Eltern auf dem Weg zum Ausgang, ich aber drängte mich durch die Menge, denn ich wollte sehen, in welches Auto sie mit ihren Eltern stieg - was mir auch tatsächlich gelang. Es war ein großer Opel, dessen Farbe und Kennzeichen ich mir rasch einprägte. Ich würde nach diesem Auto suchen, ich musste wissen, wo sie wohnte, hoffentlich in der Nähe. Mir war klar, dass das ein ziemlich verrücktes Unterfangen war in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern. Und doch fuhr ich an diesem Sonntagnachmittag sämtliche Straßen in meiner Nähe ab, um nach dem Auto ihrer  Eltern zu suchen, aber ohne Erfolg. Ich weiß nicht, wie lange meine Ausdauer anhielt, ein paar Stunden schon, und plötzlich kam dieser Augenblick der Euphorie, als ich den Opel vor der dreistöckigen Villa eines Zahnarzts in der Nähe der Strafanstalt entdeckte.

Theresa war zu meiner großen Freude regelmäßige Freibad-Besucherin und wurde Anlass zu nahezu meditativen erotischen Momenten. Die wurden möglich wegen der Sonnenbänke, auf die sich die Mädchen und Frauen zum Bräunen legten. Die Sonnenbänke waren denkbar einfach konstruiert. Sie bestanden aus zwei etwa 1,50 von einander entfernten, parallelen, etwa vier Meter langen Betonmäuerchen, von denen das eine vielleicht 30 cm und das zweite etwa 60 cm hoch war. Verbunden wurden die Mäuerchen über die ganze Länge von lange schon vergrauten, aneinander gefügten Holzbrettern. Sie bildeten eine schiefe Ebene wegen der unterschiedlich hohen Mäuerchen. Immer, wenn Theresa (mit mir) im Freibad war, behielt ich sie im Blick, dass ich bald wusste, wann sie die Sonnenliegen ansteuerte. Solange sie auf dem Rücken lag, konnte ich aus sicherer und unauffälliger Entfernung ihre makellose - sie war ja ein Engel, wie konnte es also anders sein - Figur unter dem gelben Bikini bestaunen, aber kaum hatte sie sich auf den Bauch gedreht, setzte ich mich auf ein paar freie Zentimeter des niedrigeren Mäuerchens, las scheinbar in meinen Nietzsche und studierte heimlich ihren Rücken. Dank meiner ersten Meditationsanleitungen vertiefte ich mich in die Feinheiten ihrer - selbstverständlich makellosen - gebräunten Haut. Dabei entdeckte ich den goldenen Saum beidseits entlang ihrer Wirbelsäule vom Nacken bis zum Höschenrand, Härchen, die seidig in der Sonne flimmerten und die ich heute, nach ungefähr 55 Jahren, noch vor mir sehe. Ja, natürlich sah ich ihre Brüste, war mir ihr Po zum Greifen nahe, aber es waren diese Härchen, die mich vor allem beglückten und den Wunsch nach Zärtlichkeit weckten.
Eines Nachts verwandelte sich ihr Elternhaus in einen riesen Raum der Versuchung. Ich radelte an dem Haus vorbei und fühlte mich gezwungen stehen zu bleiben.Ich stellte mein Rad ab und folgte mit klopfendem Herzen einem unwidersehlichen Sog; wie ein Dieb schlich ich zu dem ca. 15 Meter von der Straße entfernten, dunklen Hauseingang. Ich drückte die Klinke, die Tür war offen. Ich stellte mir vor, wie ich leise die breite Holzstiege der Villa in den dritten Stock emporschlich, wo ihr Mädchenzimmer war; wie ich dort leise ihre Tür öffnen, mich zu ihr ans Bett setzen und ihr Schulter streicheln würde, die unter der Bettdecke hervorlugte. Das war unrecht, das war Sünde, der liebe Gott würde mich sehen, aber es ging nicht anders. Ich musste nur ganz, ganz leise und ganz ganz zärtlich zu ihr sein und sie würde, erwachend, nicht laut werden, würde meine Liebe erkennen und spüren und alles wäre gut und sie würde mir die Bettdecke beiseite schlagen und mich einladen, mich zu ihr zu legen, mich bitten, ihre Wärme zu teilen. Vielleicht bekäme ich sogar einen Kuss und mehr. Ich spürte schon, wie ihre Brüste aus dem Schlaf erwachten und sich meinen Händen sehnsüchtig entgegenwölbten, ich ahnte ihren Po, spürte ihre zarten Beine an den meinen. Ich war in Flammen. Aber die brachten mich glücklicherweise zur Besinnung.

Wie lange ich vor dieser Haustür gestanden war und mit der Versuchung gekämpft hatte, weiß ich nicht mehr, fünfzehn Minuten werden es wohl gewesen sein, bevor ich tief durchatmete, mich innerlich verabschiedete und einsam  nach Hause fuhr. Gegenüber meinen Eltern zeigte ich ein gleichglültiges Gesicht, aber oben, an meinem Schreibtisch, machte ich ein paar Notizen in mein Tagebuch und weinte vor Enttäuschung über mich und um mich,  enttäuscht, dass ich es nicht gewagt hatte, und enttäuscht, dass ich es hatte wagen wollen. Was für eine doppelte Niederlage. Ob es eine Holzstiegenhaus gab, ob ihr Zimmer allein im dritten Stock lag - heute scheint mir das alles wie Einbildung. Ich hatte es unmöglich wissen können.

Nach dieser nächtlichen "Versuchung" erlahmte meine Leidenschaft für Theresa. Irgendwann lernten wir uns sogar kennen, sie gefiel mir immer noch sehr, sie war intelligent, geistreich, sie wäre eine gute Wahl gewesen, wir hätten uns wunderbar unterhalten und lieben können, wir hätten zusammen studiert, neue Horizonte erkundet, gemeinsame Kinder gehabt, kluge gemeinsame Kinder, ohne Zweifel; im Grunde, fühlte ich, waren wir für einander gemacht ... aber schnell war klar, dass mein Interesse doch sehr einseitig war. Ich war ganz einfach zu jung für sie.

Erste Fluchtgedanken

"Viele", schrieb Friedrich Nietzsche, "sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel." Ich dürfte diesen Satz im Hockermühlbad gelesen und, vermutlich allein, um sein Verständnis gerungen haben. Ich lag immer öfter alleine auf meinem Handtuch, rauchte eine Zigarette und "studierte" Nietzsche. Jedenfalls war klar: Falls er mich gemeint hatte, ich hatte weder das eine noch das andere, also Weg noch Ziel.

Eines Tages, ich weiß es wie heute, ging ich an der weiß gekalkten, hohen, Stacheldraht-bewerten Mauer des Zuchthauses entlang und wurde mir bewusst, dass ich immer auf dieser Seite der Mauer unterwegs sein würde. Ich war nicht gefährdet, war Katholik, sündigte angemessen und hatte gute Noten. Aus dem kleine, vierzehnjährigen Gymnasiasten würde eines Tages ein großer 18-jähriger erfolgreicher Gymnasiast werden - gute Noten zu erringen fiel mir nicht schwer -, ich würde ein gute Abi hinlegen, studieren und schließlich ein erfolgreicher Erwachsener sein. Eines Tages würde ich genauso reagieren wie meine Eltern oder wie jetzt schon viele meine Kameraden: wie eine Marionette, nach vorhersagbaren Mustern. Ich würde mich verlieben, das war ja nicht allzu schwer, ich würde heiraten, Vater werden, ordentlich Geld verdienen, vielleicht einer Partei beitreten, vermutlich der CSU, weil man das in Amberg so machte, und nach einiger Zeit der Karriere-Akrobatik stünde irgendwann eine Trauergemeinde an meinem Ehrengrab. Das war der mir vorgezeichnete Weg. Ich würde einer von "ihnen" werden, eingereiht, erfolgreich, stolz auf mich selbst.

Keiner entging diesem Druck bzw. nur sehr wenige, und das waren meistens Künstler. Ich sah die quirligen Jugendlichen um mich her. Sobald ich mich unter sie mischte, wäre ich einer von ihnen, kichernd, hirnlos, geil, dirigierbar. Aber war ich das nicht sowieso? War nicht die Viertelstunde vor Theresas Haustür der beste Beweis meiner Niedrigkeit? Hatte ich mich nicht für einen Christen gehalten, einen gläubigen Christen? War das nur eine dünne Firnis, die beim ersten Hormonsturm in Fetzen riss? Ich schämte mich, ja ich ekelte mich vor mir. Wenn ich jetzt mitmachte mit den anderen, Zoten risse wie sie, mich über "die Weiber" lustig machte, "die Alten" und die doofen Lehrer, müsste ich mich noch mehr verachten. Was war mein Weg, MEIN Weg? Und was war MEIN Ziel? Ganz bestimmt nicht, wie alle anderen Schafe zum Pferch getrieben, gemolken und geschoren zu werden und das auch noch gut zu finden. Aber was dann, was dann?! "Aus den Leidenschaften wachsen Meinungen", schrieb Nietzsche, "die Trägheit des Geistes lässt diese zu Überzeugungen erstarren.- Wer sich aber freien, rastlos lebendigen Geistes fühlt, kann durch beständigen Wechsel diese Erstarrung verhindern." Das klang gut, das war doch wenigstens ein Zwischenziel: freien, lebendigen Geistes bleiben. Danke, Friedrich!

Als ich nach Hause kam, war es noch längst nicht Abend und meine Mutter staunte. "So früh heute?" - "Ja", murmelte ich, "ich muss noch etwas arbeiten." Und ich arbeitete tatsächlich, aber nicht für die Schule. Ich schrieb in mein kleines, verschließbares Tagebuch, ich dachte nach, ich schloss die Augen, horchte, meditierte. Ein bisschen Stille hatte ich schon entdeckt, und einen Teil meines unteren Rückens konnte ich schon bewusst spüren. Das war ein Erfolg, größer als eine Eins in Latein. Als ich mich schlafen legte, wusste ich: Das war kein Zwischenziel, es war das Ziel überhaupt: freien und lebendigen Geistes bleiben. Keine Marionette werden, mich nicht zum Schafsein degradieren lassen. Niemals! Nur wie konnte das gelingen? Hatten das nicht viele Jugendliche zu allen Zeiten gewollt? Vielleicht sogar alle? "Du verlierst schon noch deine Flausen", pflegte Mutter zu sagen. Auf die meisten Jugendlichen traf das sicher zu. Sie verloren ihre Flausen und angehende Wölfe verwandelten sich in Schafe. Oder auch umgekehrt: Sanftmütige Schafe wurden von Nazis und anderen Rattenfängern zu mörderischen Wölfen gemacht. Ich, jedenfalls, wollte meine Flausen nicht verlieren und schon gar nicht versehentlich, ich wollte sie bürsten, pflegen und kultivieren; meine Flausen sollten mich vor dem Schafsein schützen. Nur wie? Wie? Einen letzten Nietzsche-Satz gönnte ich mir noch: "In der Einsamkeit frist sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die vielen." Letzteres erschien mir würdelos. Ich würde also einsam sein müssen. Mit dieser Erkenntnis und mit diesem Vorsatz schlief ich ein.

Eine Idee reift

Auf die Idee brachten mich die Beatles. Ihr Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" war grade herausgekommen, ein unglaublicher Hit. Jeder Song ein Hit. Ich hörte sie der Reihe nach wieder und wieder an, sie liefen ja ununterbrochen im Radio. Ich hatte mein erstes Jahr Englisch und versuchte, die Texte zu verstehen. Ein Song hieß: "She's leaving home." Er war konservativer als die anderen, weniger rockig, mit Orchester, mit Streichern; sehr melancholisch und genau zu meiner Stimmung passend. "Leaving home", ja, was war's vielleicht, weg hier, raus aus der Tretmühle von Latein, Mathe, Erdkunde, Geschichte, Deutsch, Religion und einem idiotischen Kunstunterricht ("viel Farbe, großer Pinsel, wenig Farbe, kleiner Pinsel"), weg von Schulaufgaben und Exen, weg von diesem Dauerleistungsdruck, weg von diesem blöden Auswendiglernen unsinniger Fakten, die ich nach spätestens einem Monat wieder vergessen hatte.

So lief ich durch die Welt, einsam und nachdenklich, auch wenn ich mit meinen drei Schulkameraden jeden Morgen zur Schule ging und den Heiteren spielte, aber immer, immer mit dem "Weg hier!" im Kopf und im Herzen. Einmal schoss mir der Satz "Was soll ich nur, ich bin ganz allein auf dieser Insel!" in den Sinn, und ich rief ihn im Laufe des Schulwegs immer wieder laut aus. Meine Kumpels lachten natürlich, weil der Satz ihnen so absurd erschien. "Ja", rief ich, "ich bin Robinson und ganz allein auf dieser Insel!" Aber hier ist doch gar keine Insel, antworteten sie und ich entgegenete: "Doch, doch, ihr seht sie nur nicht."

Dennoch erschien mir der Gedanke einer Flucht immer abwegiger. Mir kamen die Tränen, wenn ich meine Eltern betrachtete. Sie würden vergehen vor Schmerz, wenn ich einfach verschwände. Sie würden mich nie verstehen, ihre Routinen wären dadurch unterbrochen und würden sinnlos werden. Mutter würde allein vor ihren Kochtöpfen stehen und nicht mehr für mich mitkochen können. Sie würde am Herd weinen. Mein Vater würde meine schulischen Erfolge vermissen, auf die er stolzer war als ich. Er würde sich fragen: "Warum? Warum?", keine Antwort finden und die Frage mit dem Priester im Beichtstuhl besprechen: "Was haben wir falsch gemacht, Herr Pfarrer?" Die Beatles sangen: "We gave her most of our lives | sacrified most of our lives | we gave her everything money could buy."

Und ich dachte an meinen Bruder, der sauer auf mich sein würde, weil er jetzt dem häuslichen Leistungsdruck ganz allein ausgeliefert war.  Auch ihn würde ich vermissen, so fern wir uns waren. Aber wäre ich denn anderswo weniger Druck ausgesetzt, würde ich in einer anderen Stadt, einem anderen Land weniger zur Marionette zu werden, weniger dem Verhaltensdruck ausgeliefert sein? Ziemlich sicher würde ich in Not sein, vermutlich hätte ich nicht genug zu essen, ich würde ja kaum Geld haben. Wäre das nicht viel schlimmer, als in der häuslichen Sicherheit zu versuchen, ein "freier, lebendiger Geist" zu bleiben?

Aber ich fühlte mich zu schwach für diese Aufgabe, zu ausgeliefert. Ich hatte nicht die Kraft, dem Druck meiner Eltern, meiner Lehrer, meines Großvaters, der an mich und meine "große Zukunft" glaubte, standzuhalten, auch nicht dem Gruppendruck meiner Kumpels. Aber das löste mein Problem nicht: Anderswo, ohne die Unterstützung meiner Eltern, wäre alles nur noch schwieriger.

Schließlich kam die rettende Idee: Ich musste das umgehen, musste dem ausweichen, was meine Eltern und alle anderen zusammenhielt und was ihnen ihre Kraft gab: die europäische Zivilisation! Das war der Kleister, der sie alle zusammenhielt und zu dem machte, was sie waren. Auch sie waren ja nicht Täter, sondern Opfer, waren unmerklich zu Schafen geworden, die den Weisungen ihrer Hirten folgten, so wie ich eines werden würde. Aber wie der europäischen Zivilisation entrinnen?

Ich wusste mir keinen Rat. Wie jedes Jahr fuhr ich mit meinen Eltern nach Lignano an die italienische Adria, schwamm hinaus aufs Meer zu der Boje, die den Strand der Schwimmer von der Bootslinie trennte, legte mich auf den Rücken, spürte die Tiefe unter und die Weite über mir und träumte - wie all die Jahre zuvor. In diesem Sommer verliebte ich mich sogar in eine Italienerin, die ich beim Boccia-Spielen kennenlernte. Wir waren vier Wochen am Strand und ihre Famlie drei Wochen. Tiziana war sooo schön, dunkel mit langem Haar und einer märchenhaften Figur und einem ebenso märchenhaften Lächeln, unfassbar sexy und anziehend und charmant. Noch nie hatte ich so ein schönes Mädchen gesehen und auch nie mehr danach. Ich konnte ihr Lachen aus 100 Metern Entfernung von allen anderen Mädchenstimmen am Strand unterscheiden. Nichts geschah zwischen uns, aber ihre magnetische Anziehungskraft wirkte stark genug, dass wir Tag für Tag miteinander Boccia spielten und manchmal verkniff ich mir ein Eis, um ihr eins ausgeben zu können. Sie war die reinste Meerjungfrau, selbstverständlich mit Bikini, dessen Blau sich leuchtend von ihrer braunen Haut abhob. Als wir uns schließlich verabschiedenten, gewährte mir sie einen Kuss - auf die Lippen! Den einzigen, den ersten echten und unvergesslichen.

An einem dieser verliebt romantischen Tage begriff ich: Auf der anderen Seite des Horizonts liegt Nordafrika. Afrika! Nicht Europa. Zu Hause schlug ich auf meinem Atlas nach. So weit weg war das gar nicht. Von Sizilien aus waren es gerade mal 140 Kilometer. Von Amberg nach Frankfurt war es weiter. Das musste zu schaffen sein, irgendwie.

Wieder zu Hause, erzählte ich Jochen von meinem großartigen Plan. So recht zog er nicht, fand diese und jede Gründe, die dagegen sprachen, vernünftelte. Und natürlich hatte er irgendwie Recht: Ich war 14, hatte keinen Personalausweis und vermutlich würde mich die Polizei in kürzester Zeit schnappen. Alles sprach dagegen - außer meinem Enthusiasmus, der im Hintergrund glomm und die Wirklichkeit nach einer Flucht-Möglichkeit abtastete.

Schulische Kämpfe

Im bayerischen Gymnasium nannten wir die Studienräte "Herr Professor" - ganz selten auch "Frau Professor". Der falsche Titel sollte Eindruck machen, aber das war Unsinn, weil wir ja gar nicht wussten, was ein Professor war. Die Universität war unendlich weit weg, mindestens so weit entfernt von uns wie das Abitur von einem Grundschüler. Professor war für uns keine wertvollere Bezeichnung als Frisör oder Hausmeister, ein Name, eine Funktionsbezeichnung, nicht mehr, die in unserem Mund so klang: der "Professa".

Ich stellte schon bald fest, dass unseren Professoren - mit wenigen Ausnahmen - sehr menschlich waren, sprich: schwach. Da gab es zum Beispiel einen einen großen, langgliedrigen Lateinlehrer, der auf die 60 zuging, also uralt war, der uns mit seinem langweiligen Unterricht zu Tode langweilte. Außerdem ließ Professor A. sich etwas zuschulden kommen. Einer meiner Klassenkameraden hieß Finsterer. Ich mochte ihn, ohne eine besondere Beziehung zu ihm zu haben; er kam einfach zu sehr vom Land und war keines hochdeutschen Wortes fähig. "Finsterer", bekam er regelmäßig zu hören, "sprich doch anständig." Der Finsterer war Fahrschüler. Weil er aus einem weit entfernten Dorf stammte und sein Zug nur zweimal am Nachmittag ging, hatte er vom Direktor die Erlaubnis erhalten, fünf Minuten vor Unterrichtsschluss die Schule zu verlassen, um den Mittagszug zu erreichen. Eines Tages, in der sechsten Stunde, packte Finsterer also vor Unterrichtsschluss im Lateinunterricht seinen Schulranzen, stand auf und wollte gehen. Professor A. herrschte ihn an, was er vorhabe. Finsterer: " I moa eizat hoam. Mei Zug geit inerer viertl Stund." "Du bleibt", befahl Professor A. "Na, i derf gei. I mao etzat furt." Schulterte seinen Ranzen und ging zur Tür, worauf Professor A., angesichts dieser Provokation außer sich vor Wut, ihm einen Faustschlag versetzte und Finsterer zu Boden ging. Als er sich aufrappelte, war Professor A. bereit, ihn mit den Füßen zu treten. Aber als hätte wir ein gemeinsames Signal erhalten, erhoben wir uns alle und umrundeten den Professor und sein Opfer, bereit, uns auf ihn zu stürzen, wenn er unserem Klassenkameraden noch etwas antäte.

Offenbar genügte die Drohung der Klasse, Professor A. zur Vernunft zu bringen und Finsterer verließ ohne weitere Verletzungen das Klassenzimmer, wurde auch in späteren Wochen nie mehr gemaßregelt. Der Finsterer-Vorfall festigte unseren Entschluss, Professor A. loszuwerden. Im Winter war es dann so weit. Draußen lag viel Schnee und jeder von uns trug Winterstiefel, die wir zur akustischen Waffee umfunktionierten. Als zweite Waffe übten wir Junge im Pausehof, auf Befehl mit Hilfe von geschluckter Luft laut zu rülpsen. Dann machten wir einen Plan: Wir entwarfen ein Zickzack quer durchs Klassenzimmer, so dass eine logische Reihenfolge kaum erkennbar war. Wenn Professor A. an der Tafel stand und uns den Rücken zukehrte, schlug einer von uns zum Beispiel hinten rechts mit seinem Winterstiefel laut gegen die Schulbank. Wenn sich der Herr Professor dann umdrehte und die Quelle des Lärms auszumachen versuchte, krachte es vorne rechts, dann hinten Mitte links dann ganz hinten in der Mitte und so weiter. Das ging eine Weile, bis irgendwo im Klassenzimmer die ersten Rülpser ertönten, die auf einer andere Seite beantworteten wurden und sich durchs Klassenzimmer fortsetzten. Professor A. begann zu schreien und so verwandelte sich sein Unterricht zunehmend ins Chaos. Ein vergnüglicher Höhepunkt für uns alle trat immer dann ein, wenn sich Klaus, ein gedrungener Rothaariger in der ersten Bank der Türreihe, meldete und sagte: "Herr Professor, da ist so ein Lärm, ich kann mich gar nicht konzentrieren." Dabei war er an unserer nakustische Revolution voll beteiligt. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber nicht allzu lange, und Professor A. weigerte sich, unser Klassenzimmer zu betreten. Kurz vor Weihnachten erfuhren wir, dass er wegen einer Gallenkolik ins Krankenhaus kam. In der Zwischenzeit hatten wir eine junge, goldige Referendarin, die uns so fürchtete, dass sie uns erlaubte, zu tun, was wir wollten. Also machten einige mit, einige spielten Schafkopf oder gingen einer anderen Freizeitbeschäftigung nach.

Wie dieses schulische Abenteuer endete, weiß ich nicht mehr. Irgendwie brauchte unsere neue Lehrerin ja Noten von uns und muss mit uns Schulaufgaben geschrieben haben. Aber weil sie nett war und jung und ich glaube auch ganz hübsch, hatten wir Mitleid mit ihr und befolgten die notwendigsten Regeln. Sie war ja auch nett zu uns.

Ein Abenteuer ganz anderer Art war die bereits erwähnte Deutschlehrerin, die sich über meine vielen Vornamen aufregte. Sie war damals vielleicht 40 oder 45 Jahre alt, hatte noch eine gute Figur, was aber nichts daran änderte, dass sie in unseren Augen alt war, zu alt jedenfalls für ihr Verhalten. Sie trug nämlich bevorzugt Miniröcke und setzte sich damit quer zur ersten Bank auf den Tisch, um uns in dieser Position zu unterrichten. Wenn sie dann ein Bein übers andere schlug, bekamen wir Stilaugen und erspähten ihr Höschen - das selten weiß war. Also machten wir uns schon bald einen Spaß daraus, morgens Wetten darauf abzuschließen, welche Farbe ihr Höschen wohl heute haben würde. Besonders Respekt fördernd war das jedenfalls nicht.

Einen ganz persönlichen Kampf trug ich mit dem Lateinlehrer im Jahr meiner ersten Fluchtpläne aus. Der Mann hieß Batzl und setzte uns von der ersten bis zur letzten Unterrichtsminute unter Notendruck. Das begann mit der Wörterabfrage, gefolgt von der Grammatikabfrage und ging über in die Wiederholungsabfrage und die Neuübersetzungen. Für die Wörter- und Grammatikabfrage musste der aufgerufene Schüler vor die Klasse ans Lehrerpult treten, für den Rest "nur" aufstehen. Batzl kostete die Sekunden aus, bevor er jemanden von uns aufrief. Er blätterte nachdenklich in seinem kleinen Notenbuch hin und her und dann erscholl sein Ruf und einer von uns musste aufstehen und vor der Klasse sein Wissen testen lassen. Dabei ging es Batzl nicht wirklich darum, die Lernarbeit des Schülers zu überprüfen, sondern hauptsächlich darum, die schlechten Schüler zu erniedrigen. Das war nicht weiter schwer, denn bei den "Schlechten" brauchte er nur ein bisschen zu "bohren", um auf Lücken zu stoßen. Auf denen ritt er dann so lange herum, bis der Schüler vor der Klasse in Tränen ausbrach und er ihn lächelnd mit einer schlechten Note und einem abfälligen Kommentar wie "Sie sind und bleiben eben dumm" auf seinen Platz zurückschickte.
Ich begann diesen Lehrer nicht nur zu verachten, sondern wegen seines sadistischen Vergnügens regelrecht zu hassen. Immer wieder stand ich einfach auf und stellte ihn ärgerlich zur Rede, so dass er meine Mutter zur Sprechstunde einberief. "Ich weiß gar nicht, was der Junge hat", sagte er meiner Mutter, "er ist doch gut." Damit meinte er natürlich meine Noten. Meine Mutter aber hielt zu mir, wofür ich ihr dankbar war. Sein Kommentar zu mir verschleierte die Situation in der Klasse; denn wenn ich "dran" war, um vor allen geprüft zu werden, versuchte er, auch mich kleinzukriegen. Also lernte ich zu Hause Latein mit einer glühenden Begeisterung. Meine Abfrage-Zeiten vor der Klasse waren die reinsten Ringekämpfe mit Batzl. Er versuchte, mich fertig zu machen und ich versuchte, ihn keine Lücken entdecken zu lassen und ihn in seiner sadistischen Gier vorzuführen. Und tatsächlich brachte er mich kein einziges Mal zum Weinen. Meistens setzte ich mich mit einem befriedigten Grinsen in meine Bank. Später erzählte mir Lothar, dass die älteren Schüler Batzl immer wieder bei fehlerhaften Übersetzungen "erwischten". Er war also nicht einmal gut in seinem Fach, sondern einfach ein schlechter Mensch, der seinen Beruf nutzte, um uns zu missbrauchen. Leider ist bis heute "Sadismus" kein Tatbestand.

Wie sehr "Mensch", in meinen Augen damals gleichbedeutend mit "Marionette", die Lehrer waren, bewies unser Konrektor, den wir in Biologie hatten und der das Pech hatte, die eine Stunde "Aufkärungsunterricht" pro Woche bei uns ableisten zu müssen. Für ihn muss das schlimm gewesen sein, denn er war ein verknöcherter Mann kurz vor den Pensionierung mit einem roten Bluthochdruckgesicht und kalten, bösen Augen. Sein Aufklärungsunterricht bestand hauptsächlich aus menschlichem Anatomieunterrichte mit Betonung der Skelettknochen.

Nun muss man dazu wissen, dass manche unserer Mädchen, 14-, 15-jährig, die Minirockmode voll ausnutzten. Unser Biolehrer fuhr auf eines unserer Mädchen besonders ab. Christa trug extrem kurze Röckchen, war hübsch - was sie wusste -, verwirrte mit großen, dunklen Rehaugen die Lehrer, war gut entwickelt, und ihre enganliegende Pullis modellierten eine perfekte Mädchenfigur. Im Aufklärungsunterricht inszenierte sie ihre entblößten Oberschenkel quer zur Bank, leicht zurückgelehnt in Richtung Lehrerpult, so dass unser Biolehrer sie bemerken musste, wenn er nicht ganz blind war. Und er war diesbezüglich das Gegenteil von blind. Wir konnten richtig zuschauen, wie er sich so positionierte, dass er einen freien Blick auf Christas Schenkel hatte. In dem Augenblick, an den ich mich erinnere, beschrieb er den Aufbau der menschlichen Schulter. Und während seine Augen Christas Beinen abtasteten und er Oberarmknochen sagen wollte, vertat er sich und sagte stattdessen "Oberschenkelknochen". Selbst die Ahnungslosesten unter uns begriffen, was im Kopf (und in der Hose) des Herrn Professors vorging, und die ganze Klasse brach in ein riesen Gelächter aus, so dass er augenblick seinen Fehler bemerkte und mit rotem Kopf das Klassenzimmer verließ.

Eine Möglichkeit bietet sich

Wie jeder gute Bürgerhaushalt in Amberg hatten meine Eltern die Amberger Zeitung abonniert. Eines Tages entdeckte ich im Lokalteil eine Initiative, die eine Städtepartnerschaft mit einer Stadt in Schottland anbahnte und für den nächsten Sommer eine Jugendaustauschgruppe für 14 Tage ins schottische Argyll schicken wollte. Dafür wurden noch Jugendliche gesucht. Meine große Chance, da war ich mir sicher. Ich würde da mitfahren und irgendwie musste ich es hinkriegen, mich innerhalb dieser 14 Tage von der Gruppe abzusetzen, um Zeit für meine Flucht nach Afrika zu haben. Tunesien, so hatte ich inzwischen herausgefunden, könne man ab diesem Jahr mit einem Personalausweis bereisen. Den hatte ich zwar noch nicht, aber die Jugendlichen der Schottlandgruppe, erfuhr ich bald würden vorzeitig einen ausgestellt bekommen.

Meine Eltern von der Idee, meine Englischkenntnisse zu vertiefen und mich der Austauschgruppe anzuschließen, war nicht schwierig gewesen. Alles, was meine Karriere förderte, fanden sie ohnehin gut. In meinen Treffen mit Jochen ging es jetzt nur noch um die eine große Frage: Wie könnte ich mich glaubwürdig und rechtzeitig von der Gruppe absetzen? Bei der Suche nach der Antwort, halfen mir meine "wissenschaftlichen" Erkenntisse über menschliches Verhalten. Irgendein tragischer Anlass würde nötig sein, um das Verlassen der Gruppen zu rechtfertigen. Zugleich musste es etwas Glaubwürdiges und Eiliges sein. Schließlich hatte wir die Idee, während meines Aufenthaltes meine geliebte Großmutter sterben zu lassen. Dazu muss man immer berücksichtigen, dass es damals kein Internet gab, keine Handys und sogar eine Telefonverbindungen von Schottland nach Deutschland eine teure Hürde darstellte. Jochen sollte also von Amberg aus an unsere Gruppe in Dunoon, so hieß der Ort, wo wir sein würden, ein Telegramm schicken, das mich zur Beerdigung dringend nach Hause rief. Er würde dann in der Nähe auf mich warten und wir würden zusammen nach Sizilien trampen und von dort nach Tunesien übersetzten. Und weg wären wir.

Das klang nach einem makellosen Plan. Dass er dann doch so manchen Makel aufwiese, stellte sich ein paar Monate später heraus. Am Anfang der bayerischen Sommerferien, also Anfang August, saßen rund 15 Amberger Jungs und Mädels im Bus nach Schottland. Unser Gruppenleiter hatte noch schnell einen Crashkurs Englisch belegt, das er bis dahin nicht gesprochen hatte - und ab da eigentlich auch nur in Brocken. Die meisten von uns konnten mehr als er. Ich hatte in der neunten Klasse mein zweites Jahr Englisch hinter mir. Für Erwachsene wären die rund 1750 Kilometer eine endlos eintönige Fahrt gewesen, aber für 15- und 16-Jährige im Jahr 1968 war es phantastisch. Keiner von uns war jemals so weit weg gewesen. Und keiner auf einer riesigen Nordseefähre wie der von Ostende nach Dover. Dann gab es noch einmal eine kleine Überfahrt über den River Clyde nach Dunoon, einem schottischen Städtchen mit rund 8500 Einwohnern und mehreren Schulen und Internaten.

Wir wurden in einem während der Sommerferien leerstehenden Internat untergebracht und trafen an jedem Tag die schottischen Jugendlichen, mit denen wir dann gemeinsam etwas unternahmen, mal einen riesigen See besuchten, der dort eigenartiger Weise "Loch" hieß - und alle anderen Seen auch -, mal eine Party zusammen organisierten, mal Fußball spielten.
An ein paar Details erinnere ich mich noch genau, zum  Beispiel an unsere Vorstellungsszene, bei der jeder von uns etwas Englisches sagen sollte. Einer von uns berichtete, der Junge neben ihm sei sein "boy friend", was bei den Schotten schallendes Gelächter auslöste. Dabei erfuhren wir, dass man das nur sagen würde, wenn man schwul wäre. Vermutlich war das das erste Mal, dass ich von der Bedeutung dieses Wortes erfuhr. Bis dahin hatte ich die gegenseitige Anziehung von Mädchen und Jungen für ein Naturgesetz gehalten.
Für unseren Gruppenleiter, der kein Wort Hochdeutsch beherrschte, schämte ich mich auch ein paar Mal, denn sein Englisch war derart schlecht, dass es sogar uns auffiel und die Schotten Mühe hatten, nicht die ganze Zeit über sein Sprachgestolper zu lachen. Wenn er eine Zigarette rauchen wollte, hatte er meistens keine Streichhölzer einstecken und wandte sich - in breitestem Bayerisch - mit der Frage an die älteren Schotten: Kän Ei häf a feia? Anfangs verstanden sie ihn gar nicht (die richtige Frage wäre gewesen: Can I have a light, please?), was er wollte. Erst nachdem er das Anstreichen eines Streichholzes simuliert hatte, wussten sie, was er meinte. Und dann dauerte es nicht lange, bis er fragte: Du Ju häve an Äschenbecka? Ashtray konnte er sich einfach nicht merken, obwohl wir es ihm mehrmals beizubringen versuchten.
In der Zwischenzeit stieg meine Spannung. Die ganzen Freizeitaktivitäten interessierten mich herzlich wenig, ich wolle nur weg und wartete ungeduldig und auch nervös auf Jochens Telegram. Jeder Tag, den ich hier verbrachte, war ein verlorener Tag. Natürlich durfte das niemand wissen, ja nicht einmal ahnen. Also war ich besonders lustig und aufgedreht und bei den Schotten sehr beliebt. Schon am zweiten Tag hatte ich es tatsächlich als einziger gewagt, mich beim Mittagessen an einen Tisch zu setzen, an dem nur Schotten saßen und ich gezwungen war, Englisch zu sprechen. Natürlich schämte ich mich für meine englische Unbeholfenheit, stellte aber rasch fest, dass die anderen sehr nett und verständnisvoll waren und mich nach Kräften unterstützten - mit Oxford English, das auszusprechen ihnen schwer fiel und ähnlich fremd war wie mir das Englische überhaupt. Insbesondere Robert kümmerte sich um mich und unterstützte mich, wo er konnte. Abends, wenn wir zusammen feierten, kam immer von irgendwo her eine Flasche Bier oder eine Flasche Vodka heimlich in die Runde (offiziell natürlich streng verboten) und wir wurden sehr fröhlich und auch übergriffig. Die Schotten machten mich mit Moira näher bekannt, die unsittliche Berührungen lustig fand und geradezu als Kompliment auffasste. So kam es nicht selten, dass gleich mehrere von uns sie überall da berührten, wo es der katholische liebe Gott verboten hat.
Dass bei den Partys - gefühlt waren es in den 14 Tagen mindestens fünf - immer auch die Musik der Beatles lief, war selbstverständlich, auch, dass ich besonders gerne Sgt. Peppers Loneley's Hearts Club Band auflegte. Aber das fiel niemandem auf, auch nicht, dass ich mich bei dieser Musik immer besonders melancholisch fühlte:She is leaving home. Für die anderen war das nur Musik, auf die man langsam und gefühlvoll tanzen konnte, für mich war es eine Aufforderung, jetzt endlich mal zur Sache zu kommen.
Endlich kam - nach einigen Tagen - der große Augenblick. Unser Gruppenleiter rief mich morgens nach dem Frühstück ins Büro und präsentierte mir das Telegramm. Meine schauspielerische Leisung muss wenigstens angemessen gewesen sein. Er klopfte mir auf die Schultern, meinte, ich solle es nicht so schwer nehmen, wie alte denn die Oma gewesen sei und so weiter. Und dann meinte er, er wolle die Sache noch einmal mit seinen Kollegen durchsprechen und überlegen, wie man reagieren wolle. Das sei ja keine einfache Sache. Dann entließ er mich wieder.
Natürlich war es jetzt an mir, traurig zu sein. Immerhin war meine allerliebste Oma gestorben. Das brachte vor allem die deutsche Gruppe in Verlegenheit, die ja Party machen und nicht mit mir trauern wollte. So saß ich immer wieder mal alleine da und trauerte äußerlich; was allerdings zu meinen Überlegungen passte, was wohl im "Büro" entschieden wurde. Mit Robert führte ich einige Gespräche über den Tod und wie er alles relativiert, was einem im Leben wichtig war. Er war der Einzige, der sich iimmer wieder ein paar Minuten nahm, zu zu mir setzte und mir zuhören wollte. Das war doppelt seltsam, denn ausgerechnet die Großmutter, die in Amberg wohnte, mochte ich gar nicht besonders; umgekehrt fand ich es aber lieb von Robert, dass er so Anteil nahm und ich ihm etwas vorheucheln musste in meinem radebrechenden Englisch.
Dann kam die Entscheidung. Ich wurde wieder ins Büro gerufen. Ein paar Stunden waren vergangen und unser Gruppenleiter hatte im Jugendamt in Amberg angerufen, wie er mir erklärte. Bis man einen Bus für mich organisiert haben würde, bis ich in Dover wäre und in Ostende und endlich mit einem weiteren Bus in Amberg - das sei zwar alles möglich, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Beerdigung meiner Grußmutter verpassen würde, sei doch sehr groß. Niemand habe diese Umstände ahnen können, und so habe er einen Mitarbeiter des Jugendamtes gebeten, meine Eltern aufzusuchen und zu fragen, ob ich nicht bleiben könne. Der Kollege würde heute Nachmittag anrufen und Bescheid geben. Leider müsse er mit der deutschen Gruppe zu dieser Zeit auf den Fußballplatz, so dass ich im Büro bleiben und den Anruf aus Amberg entgegennehmen müsse.

Die Logik der Erwachsenen war übermächtig. Jochen und ich hatten uns das alles viel einfacher vorgestellt. Aber die Lüge war in der Welt und ich musste sie jetzt ausbaden. Ich musste jetzt den Einsichtsvollen mimen, um irgendwie das Unheil abwenden, das mir drohte, wenn meine Eltern die Lüge erfuhren und dann auch mein Gruppenleiter und alle anderen der Gruppe. Das gemeinsame Mittagessen, sonst immer lustig, wollte mir nicht schmecken, und die zwei oder drei Stunden, die ich allein im Büro saß und auf den verhängnisvollen Anruf aus Amberg wartete, gaben wir Zeit zu überlegen, wie ich reagieren wollte. Das Donnerwetter meiner Eltern konnte ich nicht abwenden, aber zumindest konnte ich die Lüge hier vor Ort abfangen durch reuevolles Verhalten. Ich würde zustimmen, hier zu bleiben, so dass sich eine weitere Rücksprache mit dem Amberger Jugendamt erübrigte.
Schließlich kam der Anruf. Der Sozialarbeiter am anderen Ende der Leitung kondolierte mir und meinte dann, er sei an unserem Haus gewesen, aber meine Eltern seien nicht zu Hause gewesen. Also sei er unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Ich bedankte mich für seine Mühe und meinte, er müsse es nicht erneute versuchen, ich hätte mit seinem Kollegen hier vereinbar, dass ich in Dunoon bleiben und ich meine Eltern per Telegram davon benachrichtigen würde.

Ich glaube nicht, dass es in meinem Leben einen größeren Stein gab, der mir von der Seele rollte, als an diesem Nachmittag. Als die anderen vor dem Abendessen nach Hause kamen, war alles geregelt, ich war erzählte, der Kollege habe meine Eltern nicht erreicht, aber das sei ja jetzt auch nicht mehr nötig, da ich verstanden hätte, wie schwierig das alles sei. So blieb die große Lüge unaufgedeckt. Nur: Was sollte ich jetzt tun?

Hinzu kam, dass Jochen mir geschrieben hatte, er sei jetzt doch zu Hause geblieben, würde mich aber da erwarten. In meiner Jugendgruppe hatte man mich wieder aufgenommen, und ich schien so unbekümmert wie zu vor. Die Frage aber blieb: Was sollte ich nur tun? Einfach mit ihnen wieder heimfahren, als wäre nichts gewesen? Nein, das war ja doch die Antwort, es war ja noch Ferienanfang. Ich musste also hier bleiben und sie alleine fahren lassen. Nur mit welchem Argument und welcher Logik konnte ich meinen Gruppenleiter überzeugen?

Schließlich hatte ich eine Idee und sprach mit Robert. Könnte ich vielleicht auf der Farm seiner Eltern übernachten und eine Weile bleiben? Wir würden bestimmt Spaß zusammen haben? Er fragte seine Eltern und die fanden das okay - sofern meine Eltern zustimmten. Also schrieb ich einen langen Brief nach Hause, berichtete, dass mein Englisch Fortschritte gemacht habe und ich jetzt die Chance hätte, meinen Aufenthalt hier bis zum Ferienende zu verlängern. Das sei aber nur möglich, wenn sie mir die schriftliche Erlaubnis dafür erteilten.

Und so kam es dann auch. Meine Eltern erlaubten mir zu bleiben, die Rückfahrt war bezahlt und ließ sich um vier Wochen verschieben. So fuhr die Amberger Reisegruppe ohne mich zurück und wurde bei Roberts Eltern einquartiert, auf der Gortanansaig Farm bei Mrs. und Mr. Lamont. Dort hielt es mich aber nicht lange, drei Tage vielleicht, dann drängelte ich und wollte "doch lieber nach Hause" als allein in der Fremde bleiben. Irgendwie verstanden Robers Eltern das, auch wenn ich dann doch gleich mit der Gruppe hätte fahren könnten, meinten sie, aber da war nichts mehr zu machen, die waren ja weg. Meine Eltern hatten mir in einem Briefumschlag 100 Mark zur Überbrückung geschickt, das sollte für die Heimfahrt reichen. Die Busfahrt würde verfallen, aber das bezahlte Ticket nach Ostende ließ sich umschreiben. Nur: Wie wollte ich jetzt nach Ostende kommen, fragten sie und ich meinte kühn, ich könne ja trampen. Mrs. Lamont wollte das nicht verantworten und überredete ihren Mann, mir den Bus nach London zu bezahlen.

An die genauen Umstände meiner Fahrt von Dunoon nach London erinnere ich mich nicht mehr, aber sie war finanziert und bequem. Mein neuer Freund Robert brachte mich zur Buchanan Bus Station nach Glasgow und zehn Stunden später war ich in der Victoria Coach Station in London. Nun begann das Abenteuer wirklich. Noch nie in meinem Leben hatte ich so eine riesige Stadt gesehen und noch nie einen Bahnhof, in dem mehr Menschen aller Hautfarben unterwegs waren als Amberg Einwohner hatte. Von Robert wusste ich, dass ich irgendwie auf die andere Seite Londons kommen musste, um von da nach Dover zu trampen. Ich musste die U-Bahn nehmen, die Underground. Aber wie und wohin genau? Mit meinem bisschen Englisch, das in Schottland zum Glück flüssiger geworden war, fragte ich mich so lange durch, bis ich tatsächlich ein gültiges Ticket in der Tasche hatte und mich an Londons Südseite wiederfand. Ab jetzt hieß es Daumen raus und trampen. In meinem Rucksack war alles, was ich brauchte. Mrs. Lamont hatte noch alle meine Wäsche gewaschen und mir einen großen Beutel Kekse mitgegeben.

Auf dem Weg nach Dover gab es eine Stadt, deren Namen mir verheißungsvoll vorkam: Gravesend, das Ende des Grabes. Genau darum ging es mir: dem Grab des kleinbürgerlichen Denkens, Fühlens und Handelns zu entkommen, in das ich mich legen sollte. Die Fahrt nach Dover, die Überfahrt über den Kanal und auch die knapp 800 Kilometer von Ostende nach Amberg vergingen wie im Traum. Hungern musste ich nicht, denn einerseits hatte ich ja noch Geld von meinen Eltern übrig und andererseits war ich viel zu aufgeregt, um groß Hunger zu haben. In London hatten meine ersten Klau-Versuche geklappt: Warten, bis die Verkäuferin mit einem Kunden beschäftigt ist und dann in der Auslage auf der Straße mit einen Apfel schnappen und Fersengeld geben! Diese Fähigkeit würde ich noch brauchen.

Nach Amberg musste ich aus zwei Gründen: Einerseits wartete dort Jochen auf mich und andererseits hatte ich mein Postsparbuch ohne Wissen meiner Eltern eingesteckt, auf dem ich 100 weitere Mark zusammengespart hatte, die ich jetzt gut brauchen könnte. Meine Eltern würden mich lange in Schottland vermuten, dafür hatte ich gesorgt. Als sich nämlich die deutsche von der schottischen Jugendgruppe trennte, gab ich ein paar Schotten jeweils eine ausgefüllte Postkarte mit, die an meine Eltern gerichtet und mit einem Datum versehen war. Sie sollten die Postkarte am jeweiligen Datum in den Briefkasten werfen. So würden meine Eltern von mir noch Post aus Schottland erhalten, während ich schon über alle Berge war.

Die große Reise beginnt

Mein letzter Lift (so nannten wir damals die jeweilige Mitfahrgelegentheit) brachte mich an die Amberger Stadtgrenze. Es war später Nachmittag oder früher Abend, im Sommer also noch heller Tag. Das Risiko, erkannt zu werden, wenn ich jetzt einfach zu Jochen ging, konnte ich nicht eingehen. Also stieg ich den Mariahilfberg hinan, setzte mich in den Wald oberhalb von Amberg und meditierte. Bäume und Farne, Moos und Blaubeerstauden, der Pilzduft in der Luft und die zwitschernden Vögel waren mir Vertraute im Gegensatz zu der fremden Stadt dort unten mit den ca. 50.000 mir fremden Menschen. In diesen Stunden festigte sich nochmals der Entschluss, dies alles hinter mich zu bringen. Irgendwann suchte ich mir ein Moospolster als Kissen und schlief ein. Mitten in der Nacht wachte ich auf und machte mich auf den Weg zu Jochen, erst durch den Wald irrend in Richtung der erleuchteten Stadt, schließlich durch die menschenleeren, halbdunklen Straßen.

Ich läutete an Jochens Klingel, aber der Türöffner summte viel zu lange nicht. Ständig fürchete ich, jemand könne vorbeikommen und mich erkennen. Endlich kam das erlösende Geräusch. Jochen war, wie erwartet, allein, seine Mutter in Urlaub. Eine kurze Umarmung, ein paar Worte, mehr nicht, denn er war schläfrig und ich war zwar aufgeregt wach, aber zugleich müde.
Am folgenden Morgen schliefen wir lange und frühstückten zusammen. Ich hatte einen Bärenhunger und im Bewusstsein, nicht zu wissen, wann ich auf meiner Reise wieder gut zu essen bekommen würde, schlug ich mir mit allem, was im Kühlschrank war, den Bauch voll. Jochen erkärte mir, dass er jetzt doch nicht mitkomme - den Grund, den er nannte, habe ich vergessen. Seltsamerweise hat mich das wenig schockiert. Irgendwie hatte ich damit gerechnet. Schon, dass er nicht nach Schottland gekommen war, war mir als Verrat erschienen und hatte ich verdauen müssen. Die neue "Offenbarung" passte ins Schema. Für ihn war es ein "Ausreißen von zu Hause", für das er keinen wirklichen Grund sah, mit Sicherheit aber eine Menge Ärger bekommen würde.

Aber naturlich war ich enttäuscht. Meine Vorstellung von Freundschaft war Karl-May-geprägt, also hoch idealisiert. Ich hatte mindestens 60 Bände gelesen. Das, was Jochen mir bot, hatte mit Freundschaft nichts zu tun. Gut, dass ich das jetzt schon wusste und nicht unterwegs erfahren musste. Also würde ich mich alleine auf den Weg machen. Jetzt ging es darum, möglichst schnell von hier fortzukommen. Jochen hatte einen Klassenkameraden, Tobias, ins Vertrauen gezogen. Die nächsten zwei Tage verbrachten wir zusammen und ein wenig fühlte ich mich als Held. Keiner der beiden wagte, was ich wagen würde, obwohl sie es zu Hause auch "blöd fanden". Jochen schickte ich mit meinem Postsparbuch und meinem Personalausweis zur Post, um die 100 Mark abzuheben, die ich mir innen in meine Jeans einnähte als eiserne Reserve. Tobias besorgte ein schwarzes Haarfärbemittel, mit dem er mir die Haare wusch, die danach wirklich kohlrabenschwarz waren. Wieso? Nun, ich ging davon aus, dass meine Eltern die Polizei verständigen würden und die mich anhand einer Personenbeschreibung suchen würden. Ich hatte hellbraunes Haar, nach einem Jungen mit schwarzem Haar würden sie nicht suchen. Und Tramper waren damals viele unterwegs. Sowohl Jochen als auch Tobias versuchten mich zu überreden zu bleiben, aber das erschien mir unvorstellbar.

Am nächsten Morgen schaute ich aus dem Fenster im vierten Stock hinunter auf die Straße und sah meinen Bruder auf dem Fahrrad in die Arbeit fahren. Am liebsten hätte ich das Fenster aufgerissen und ihm zugerufen, aber das war ja unmöglich. Ein Canossagang stand mir noch bevor: Ich musste, das war mir eine innere Pflicht, mich von meinen Eltern verabschieden. Ihnen ohne dies sang- und klaglos den Rücken zu kehren, erschien mir schofel. Also machte ich mich am letzten Abend bei Dunkelheit gegen halb elf Uhr, dunkel gekleidet, auf den Weg von der Drahthammerstraße zu meinem Elternhaus in der Sebastian-Kneipp-Straße. Unser kleines Haus war das untere Eckhaus einer Reihe von sechs aneinander gebauten Häusern, mit einem kleinen, von niedrigen Büschen umgebenen Rasenstück auf der Rückseite. Von dort schlich ich mich quer über den Rasen auf die Terrasse und lugte durch den Spalt unter der Jalousie ins hell erleuchtete Wohnzimmer. Meine Mutter schritt gerade quer nach links durch den Raum in Richtung Küche, mein Vater saß auf der Couch und übte Gitarre. Angesichts der friedlichen Szene kamen mir die Tränen. Sie ahnten ja nicht, dass ich hier, mit klopfendem Herzen und nur fünf Meter von ihnen entfernt, ihnen zusah und im Stillen um Verzeihung bat für das, was ich ihnen in den nächsten Wochen antun würde. Aber ich ahnte, dass dies ein großer Abschied war, ein endgültiger Abschied von der Kindheit, ein Abschied von allen, die ich bisher gekannt und geliebt hatte. Was ich vorhatte, war eine Unternehmung mit offenem Ende. Ja, irgendwann wollte ich zurückkommen, aber unterwegs konnte alles passieren. Vielleicht sah ich meine Eltern jetzt zum letzten Mal.

Am nächsten Morgen stand ich früh um sechs Uhr an der B85 vor der Leopold-Kaserne und hielt meinen Daumen raus. Es dauerte nicht lange und ich hatte einen Lift in Richtung Autobahn München. München war auch die erste, großer Herausforderung. Man hatte mich am Stadtrand abgesetzt, aber wie kam ich jetzt in Richtung Richtung Brenner? Die heutige Autobahn dorthin gab es noch nicht, sondern nur Landstraßen. Es gelang mir, einen jungen, bärtigen Motorradfahrer anzuhalten, dem ich mein Problem erzähle. Wir unterhielten uns eine ganze Weile und ich berichtete ihm von meinem Tunesienplan. "Ja", sagte er, "ich habe auch gehört, dass man in Kürze ohne Pass nach Tunesien reisen kann", aber falls das nicht klappe, könne er mit die Türkei empfehlen. Einmal im Monat fahre eine Fähre von Brindisi nach Istanbul. Er war so nett und brachte mich quer durch die Stadt zu einer geeigneten Trampstelle und wünschte mir viel Glück.

Italien

Dank der Italienreisen mit meinen Eltern hegte ich ein ausgesprochen positives Vorurteil den Italienern gegenüber. Dass ich es nach Sizilien bzw. Palermo schaffen würde, erschien mir selbstverständlich, eine Portion Geduld vorausgesetzt. Sie war die eine Qualität, die man fürs Trampen brauchte, denn es konnte ein paar Stunden dauern, bis jemand so gnädig war anzuhalten. Die zweite Qualität beieinflusste die erste: Ich musste einen guten Platz finden, an dem Autos auch rechts ran fahren konnten. Nur wenige Fahrer waren bereit, auf offener Straße anzuhalten und möglicherweise den Verkehr zu stören. Heute weiß ich, was ich damals noch nicht wusste: Die Italiener sind gute Menschen, wie mir die Reise quer durch Italien bewies.

Die erste Situation, an die ich mich gut erinnere, sah so aus: Ich war nach einer Autofahrt gen Süden abends an einer Autobahnausfahrt abgesetzt worden. Da man damals erst begonnen hatte, die quer über die Autobahn gebauten Mautstationen zu errichten, gab es an jeder Auffahrt eine Art Zollhäuschen. Wer auf die Autobahn fahren wollte, musste dort seinen Obulus abgeben. Das Zollhäusen an der Ausfahrt, an der ich stand, war verlassen. Also beschloss ich, meinen Schlafsack auf dessen dunkler Rückseite aufzuschlagen und mich schlafen zu legen. Am nächsten Morgen schien mir die Sonne auf den Schlafsack und weckte mich. Als ich herausgekrabbelt war, stellte ich fest, dass das Häuschen inzwischen besetzt war, und ein mulmiges Gefühl stellte sich ein. Ich würde an diesem Wärter kaum ungesehen vorbeikommen. Wie würde er also auf einen Jugendlichen reagieren, der hinter seinem Haus genächtigt hatte? Möglichst leise packte ich meinen Sachen zusammen und bot dann nach vorne zur Straße um die Hausecke. Dort saß ein etwa vierzigjähriger, dunkler Italiener auf den Stufen und frühstückte mit Weißbrot, Käse und Oliven. "Buon giorno", grüßte er mich ohne jede Überraschung. Offenbar hatte er mich schon früher entdeckt. Ich grüßte zurück, aber damit waren meine Italienisch-Kenntnisse auch so ziemlich erschöpft. Aber beherrschte ich Latein ganz ordentlich, was aber so gut wie niemand unterwegs verstand. Trotzdem half mir der eine oder ander Brocken weiter und löste oft auch Gelächter aus. Jedenfalls war nicht zu übersehen, dass der Mann mich einlud, mich neben ihn zu setzen und sein Frühstück mit mir zu teilen. Das nahm ich natürlich gerne an, denn Hunger war an diesen Tagen mein ständiger Begleiter. Also saßen wir schmausend und eine gelegentliche Kommunikation versuchend zusammen in der Sonne, bis ich scließlich aufstand, mich bedankte - mille grazie - und mich an die Straße stellte.

Die zweite Situation hatte gleichfalls mit Essen zu tun. Ich hatte ein paar Stunden erfolglos an einer Straße gestanden, als ein Mopedfahrer anhielt. So wie es aussah, würde er mich höchstens 20 Kilometer mitnehmen können, aber nach so viel Frust waren mir auch 20 Kilometer recht. Also setzte ich mich mit meinem Rucksack auf den Sozius und ab ging die ratternde Post. Er fuhr mit mit in ein Dorf oder Kleinststädtchen auf einer Hügelkuppe; es war früher Nachmittag, und der Ort lag wie ausgestorben in der prallen Sonne. Er hielt dort einer Trattoria und bedeutete mir, ihm zu folgen. Innen war es angenehm schattig und kühl und er lud mich ein, Platz zu nehmen. Verunsichert machte ich ihm klar, dass ich nicht pagare/zahlen könne. Aber er winkte nur ab und unterhielt sich, auf mich weisend, mit der Inhaberin. Dann geschah eine Weile nichts, obwohl ich wusste (und hoffte), dass etwas Gutes geschehen würde. Schließlich setzte sie einen riesigen Teller Spaghetti Bolognese vor mich auf den Tisch, den ich mit Heißhunger verschlang. Bezahlen musste ich dafür keinen Pfennig.

Wie ich da wegkam, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls trug sich die nächste Situation abends zu. Es war schon dunkel und ich stand im Zwielicht der Straßenlaternen an der Ausfallstraße einer größeren Stadt. Das war eine schwierige Situation. Einen dunkel gekleideten Tramper im Halbdunkel auch nur wahrzunehmen, war ein Glücksfall. Ich stand da wohl an die zwei Stunden, als ein schwerer Lastwagen hielt. Erst reagierte ich gar nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er wegen mir angehalten hatte. Und doch war es so. Der Fahrer beugte sich aus dem Fenster und winkte mir zu. Die Glücksgefühle sind nicht zu beschreiben. Also saß ich neben ihm hoch über der Straße und wir fuhren in die Nacht. Er fuhr ziemlich weit, vielleicht 200 Kilometer, es war also ein richtig guter Lift. Die ganze Situation zwischen uns war eher lustig, denn ich versuchte wieder mal, mich auf Lateinisch verständlich zu machen und er umgekehrt auf Italienisch. Ab und zu verstanden wir etwas. Schließlich, vielleicht gegen zwei Uhr morgens, fuhr er in einer Stadt in eine Neubausiedlung, winkte mir mitzukommen und führte mich in eine Wohnung im dritten oder vierten Stock eines Hochhauses. Er machte Licht und weckte seine Mutter mit "Abbiamo un ospite tedesco", wir haben einen deutschen Gast. Seine Mutter kam im Morgenmantel in die Küche geschlurft, grinste ein Willkommen übers ganze Gesicht, genoss die besondere Situation und begann, mir eine fürstliche Brotzeit zu bereiten. Nach einer Weile kam noch ein Mann hinzu, vermutlich sein Bruder, und alle drei genossen es, mir beim Futtern zuzuschauen. Ich übrigens auch.

Sizilien war damals noch nicht mit dem Festland verbunden wie heute. Aber die Personen, die auf diesen Autofähren mitfuhren, kosten nur wenige Lire. Das konnte ich mir grade noch leisten. Denn unterwegs hatte ich eisern kein Geld ausgegeben. Das sommerliche Italien hielt für einen Tramper genug zum Futtern bereit. Der Wagen, in den ich auf der anderen Seite einstieg, war ein Sportwagen. Zu einer Gesprächsanbahnung kam es nicht, weil der Fahrer sich auf die tausend S-Kurven der Küstenstraße nach Palermo konzentrieren musste, die er so schnell wie möglich per Powerslide managen musste. In dem Wettrennen, das er sich mit einem anderen Italiener lieferte, wollte er nicht Zweiter werden. Und ich wollte nicht sterben. Ich würde mal sagen: Todesangst hatte ich nur in jeder zehnten Kurve, sonst nur Angst.

Irgendwann saß ich dann im Hafengebäude von Palermo, wo man die Fahrkarte nach Tunesien kaufen konnte. Ich war so todmüde, dass ich erst mal auf einer Bank ziemlich lange schlief. Dann ging ich guter Dinge zu den Schaltern. Aber niemand verstand dort ein Wort Englisch - geschweige denn Latein. Es war zum junge Hunde Kriegen. Schließlich trottete ich in Richtung Innenstadt, was auch kein kurzer Weg war, um ein Tourist Office zu finden, irgend etwas mit Tourismus. Dort würden sie mich hoffentlich verstehen. Und so war's auch. Doch was ich erfuhr, erschütterte mich und machte mir schon wieder Angst: Mein Personalausweis nützte mir im Moment gar nichts, um nach Tunesien zu kommen, er war erst ab Oktober gültig.

Da stand ich wie ein begossener Pudel. Mir wurde heiß und kalt und spürte schon die Klauen der Polizei nach mir Ausbrecher greifen. In Europa bleiben wollte ich auf keinen Fall. Mit kamen die Tränen,als ich draußen auf der Straße vor dem Reisebüro stand, aber mit den Tränen kam die Erinnerung an den Münchener Motorradfahrern: Brindisi - Fähre in die Türkei. Die fuhr zwar nur einmal im Monat, aber im Zweifelsfall konnte ich ja auch ein paar Tage warten, bis sie ablegte.

Wie ich mir das nötige Kartenmaterial beschaffte oder schon dabei hatte, weiß ich nicht mehr. Aber so schnell es ging stand ich am Ortsausgang von Palermo in einer Kurve, wo die Autos langsam fahren mussten und hielt meinen Daumen in den Wind. Zwei Tage später nahm mich ein Italiener mit, der über Brindisi hinausfuhr und - mein Glück - Englischlehrer war. Am Ortseingang von Brindisi setzte er mich ab und erklärte mir, wo der Bus zum Hafen abfuhr.

Der Hafen war damals übersichtlicher als heute. Jedenfalls lag nur ein großes Schiff am Kai - mein Schiff. Zu dumm, dass die Matrosen grade die schweren Taue von den Pollern lösten, weil die Fähre dabei war abzufahren. Ich sah sämtliche Felle davon schwimmen und veranstaltete gegenüber den Matrosen auf Englisch-Deutsch-Latein einen solchen Tanz, dass sie mich ernst nahmen - irgend etwas ganz Schlimmes würde sonst geschehen - und meinem Wunsch, den 1. Offizier zu rufen, nachkamen. Was ich dem erzählte, denn er verstand Englisch, weiß ich nicht mehr, vermutlich etwas sehr Tragisches, denn als er wusste, dass ich die 96 Mark zahlen konnte (dann würde ich noch vier Mark übrig haben), schleuste er mich im Eiltempo durch die Hafenbhörden, füllte mit mir Formulare aus, wobei ich immer hoffte, dass noch keine Suchmeldung nach mir vorlag, und eine halbe Stunde später legte das Schiff - mit mir - ab.

Istanbul

Die Fahrt dauerte zwei Tage, zwei Übernachtungen lang. Aus irgend einem Grund waren viel Frauen an Bord, denen ich etwas von wenig Geld und viel Hunger erzählte, so dass ich den einen oder anderen Sandwich spendiert bekam. Ein besonders gutes Verhältnis hatte ich zum dem Bartender, einem jungen Türken, der ähnlich gut oder schlecht Englisch sprach wie ich; jedenfalls mochten wir uns. Er war es dann auch, der mir einen "Deal" vorschlug, als er hörte, dass ich in Istanbul bleiben wollte. Er meinte, er selbst würde gar nicht an Land gehen, sie würden nur neue Passagiere aufnehmen und weiterfahren. Aber sein großer Bruder sei Whiskyfan, und wenn ich ihm zwei Flaschen Whisky durch den Zoll mitnähme, dann könnte ich bei ihm an der Bar kostenlos trinken. Das fand ich eine ausgezeichnete Idee; denn einerseits kam ich mir dabei ziemlich "wild" vor, andererseits wusste ich, dass Alkohol auch Kalorien hatte und ich Kalorien brauchte.

Ein Mann, ein Wort - als wir anlandeten, verstaute ich zwei Flaschen Johnny Walker von ihm in meinem Rucksack und machte mich mit der Adresse seines Bruders auf einem Zettel auf den Weg zum Taksim-Platz. Dort irgendwo in der Nähe hatte sein Bruder ein Tea Restaurant. Es dauerte ein paar Stunden, bis ich mich durchgefragt hatte und mehrmals falsch gelaufen war. Aber schließlich erreichte ich die Straße seine Bruders. Eine Hausnummer hatte ich nicht, nur die Information des "Tea Restaurant". Also suchte ich in der vielleicht 200 Meter langen, sehr belebten Straße nach einem Teerestaurant. Vergebens. Absolut vergebens. Aber der Name stimmte, irgendwo musste das doch sein!

Schließlich entdeckte mein forschender Blick einen Mann mit einem metallenen Tablett, auf dem mehrere sanduhrenförmige Gläser, gefüllt mit einer rotbraunen Flüssigkeit, standen, die er auf der Straße an Passanten verkaufte. Vielleicht war das ja Tee! Also folgte ich ihm, als er in einem dunklen Korridor verschwand. Mein Weg führte in eine Art Küche mit mehreren Männern, die dort Tee kochten. Sie verstanden mich zwar nicht, waren aber freundlich. Ich zeigte ihnen meinen Zettel mit dem Namen des "Bruders", und sie nickten eifrig. Aber er war nicht da, komme aber wieder, entnahm ich dem gemeinsamen Kauderwelsch. Ein, zwei  Stunden später tauchte er tatsächlich auf, er war ja der stolze Besitzer eines Tea Restaurant, und war auch ausreichend des Englischen mächtig. Was ich von ihm wollte, fragte er. Nun, sagte ich, ich hätte gehört, er sei an Whisky interessiert. Woher ich das denn wisse? Na, ich wüsste es eben. Interessiert, ja oder nein? Was ich denn anzubieten habe? Ich könne ihm Johnny Walker anbieten, ungeöffnete Flaschen, zwei Stück. Was ich dafür wolle? Ein Zimmer irgendwo in der Stadt für eine Woche. Eine Flasche vorher, eine Flasche nachher. Er fand den Deal in Ordnung und brachte mich zu einem Zimmer im Hochparterre in irgend einem Hinterhof. Aber egal, ich hatte erst mal eine Bleibe und ein Dach über dem Kopf.

Was macht man, wenn man in einem fremden Land mit einer völlig fremden Kultur und fremden Sitten als Fünfzehnjähriger unterwegs ist und überleben will, ohne Geld auszugeben? Erst einmal war alles überwältigend neu: die riesen Stadt, die unverstehbaren Menschen, von denen so gut wie niemand Englisch sprach, und der Hunger. Ich hatte ein Dach über dem Kopf, aber nichts zu essen. Mein Bares hatte für die Überfahrt weitgehend verbraucht, und meine 100 in die Jenas eingenähten Mark waren wirklich die eisernste aller eisernen Reserven. Bevor ich die anriss, musst ich schon halb tot sein. In den Straßen des lebhaften Viertels gab es auch Touristen, meistens Engländer, Schweizer und Amerikaner, Deutsche so gut wie nie. Und da, wo Touristen unterwegs sind, gibt es auch Menschen, die diesen Touristen ihr Geld abknöpfen wollen.

Zum Beispiel gab es da eine Gruppe von vielleicht 15 oder ein wenig mehr Jugendlichen, die meisten älter als ich. Sie fanden mich interessant, verstanden auch, dass ich viel besser Englisch sprechen konnte als sie, was mich noch interessanter machte. Einige von ihnen waren perfekte Hütchenspieler, die meisten jedoch hatten nur die Aufgabe, eine Gruppe von Interessenten zu bilden oder Anfang und Ende der jeweiligen Straße zu bewachen, um rechtzeitig vor der Polizei zu warnen. Wenn man bei Wikipedia nachliest (https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%BCtchenspiel), so ist da von einer grundsätzlichen Gewaltbereitschaft die Rede. Das habe ich so kein einziges mal erlebt. Eher war das ganze Treiben und Betrügen der Touristen selbst ein Spiel, das mit viel Vergnügen und großem Geschick betrieben wurde. Worum es sich genau handelte, habe ich damals nicht wirklich verstanden. Verstanden habe ich aber, dass sie freundlich zu mir waren und mich regelmäßig zu irgendeinem Snack einluden. Damit hatten sie bei mir schon gewonnen.

Im Lauf der Tage bemerkte ich, dass viele Türken gern vor ihren Kumpels mit ein paar Brocken Englisch angaben. Ich entsinne mich eines Imbissladens, der um die Mittagszeit voll besetzt war, 30 bis 40 Männer würde ich mal schätzen. Links und rechts des Mittelsgangs waren jeweils Doppelsitze an einem Tisch, am Ende des Gangs war die Theke. Anfangs ging ich da hinein, weil mich der Duft der Gerichte magisch anzog. Wenigstens schnuppern wollte ich, was ich mir nicht leisten konnte. Erst einmal dachte ich, die Männer, die mir etwas zuriefen, wollten mich provozieren, aber dann bemerkte ich, dass das, was sie riefen, krudes Englisch war. Sie wollten einfach nur zeigen, dass sie Englisch konnten und von mir verstanden wurden. Meine schwarz gefärbten Haare nahmen sie sowieso nicht ernst. Ich war unübersehbar ein Europäer. Bald hatte ich den Kniff heraus. Ich reagierte auf ihre Rufe, setzte mich zu ihnen und machte ihnen klar, dass ich Hunger hatte. Das war nicht besonders schwer, und dem jeweiligen Großmaul blieb nichts anderes übrig, als mich einzuladen. So war das Hungerproblem erst einmal gelöst.

Was ich jetzt brauchte, war ein Job. Ohne Geld zu sein, war nervig. Selbstbewusst probierte ich es beim Personalausgang des Hilton Hotels. Dort nahm man mich auch durchaus ernst, doch als sie erfuhren, dass ich keine Arbeitserlaubnis hatte, wiesen sie mich ab. Trotzdem hatte mir das Mut gemacht, und ich klapperte eine Reihe von Taksim-Hotels ab. Bei einem wurde ich fündig. Es hörte einer Frau und hatte fünf oder sechs Stockwerke, einen Speiseraum und eine Bar. Meine Unterkunft hatte ich in der Zwischenzeit verloren und meine zweite Flasche Whisky abgegeben. Aber das war nicht schlimm, denn im Hotel konnte ich mit den anderen Angestellten im unausgebauten Dachgeschoss auf Matratzen schlafen. Ich wurde Mädchen für alles. Wenn nichts zu tun war, musste ich Fenster putzen, aber meistens musste ich Koffer von abreisenden oder anreisenden Gästen schleppen. Das konnte verdammt anstrengend sein, denn es gab keinen Aufzug, und einen schweren Koffer als leichtgliedriger 15-jähriger in den 4. Stock zu schleppen war wirklich mühsam. Aber immerhin gab es da beinahe regelmäßig Trinkgeld, das ich penibel sparte.

In diese Zeit  fällt auch mein Schweitzer-Trauma. Ein großer Reisebus mit Schweitzern war gekommen, bestimmt 30 Personen, denen ich ihr Gepäck aufs Zimmer schleppte - und keinen Lira Trinkgeld bekam. Was für ein geiziges, hartherziges Volk, dachte ich. Es dauerte viele Jahre, bis ich diese Erfahrung verwunden hatte.

Nachts unter dem Dach war es oft heiß, so dass die meisten von mehr oder weniger nackt unter die Decken krochen. In einer dieser Nächte wachte ich auf, weil etwas Schweres, Schnaufendes auf mir lag, und es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass es sich um einen Erwachsenen handelte, der mich befummelte. Wie ich schnell bemerkte, war es der dicke Koch, der einen Narren an mir gefressen hatte. Ich war natürlich schnell blitzwach und wies ihn rüde - und mit Erfolg - ab. Auch damals war Homosexualität in der Türkei streng verboten. In einer anderen Nacht versuchte er noch einmal sein Glück, aber ebenso erfolglos. Ich war ganz einfach nur schockiert.

Eine ähnliche, aber sehr viel angenehmere Erfahrung machte ich mit einem vornehmen Gast aus dem Iran. Er war Journalist und ließ sich regelmäßig Cocktails aufs Zimmer bringen - bevorzugt von mir, da wir uns auf Englisch unterhalten konnten. Irgendwann lud er mich ein, mich auf einen Cocktail neben ihn zu setzen. Er erzählte mir von seiner Arbeit hier und im Iran, und zwischendurch landete seine Hand immer wieder wie zufällig auf meinem linken Oberschenkel. Doch als er mich zu streicheln begann, wurden mir seine Absichten klar. Das war schade, denn er war ein gut aussehender, ausgesprochen angenehmer Mensch. Er hatte schnell meine Situation verstanden und bot mir an, mich mit nach Persien zu nehmen und mir eine journalistische Ausbildung zu finanzieren.

Eine Weile überlegte ich ernsthaft, sein Angebot anzunehmen, aber letztlich war ich sexuell viel zu unerfahren, um damit umgehen zu können. Als ich ablehnte, war er überzeugend traurig. Trotzdem gab er mir noch ein großzügiges Trinkgeld. Insgesamt empfand ich ich ihn als guten Menschen.

Als die erste Woche rum war, ging ich zu meiner Chefin und fragte nach meiner Bezahlung. Ohne Skrupel erklärte sie mir, ich könne dankbar sein, hier Essen und Trinken zu bekommen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Das sei Bezahlung genug. Empört packte ich meine Sachen zusammen und verließ wenig später das Hotel. Mit dem Türken, der die Anmeldung machte, verstand ich mich gut und erklärte ihm, dass ich die Hoteladresse nutzen würde, damit mir Freunde aus Deutschland schreiben konnten. Ich würde ab und zu vorbeischauen und "meine Post" abholen. Dann kehrte ich zu meinen Hütchenspielern zurück, die mich mit Hellau begrüßten.

Einer von ihnen, ich glaube, einer der ältesten, mochte mich besonders. Ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, aber Ahmet klingt vertraut. Zwischen uns hatte sich eine Art Freundschaft entwickelt. Er verstand auch ein bisschen Englisch. Irgendwie passte er auf mich auf und nahm mich auch mit zur gemeinsamen Übernachtungsmöglichkeit. Bis dahin wusste ich nämlich noch nicht, wie und wo ich die Nacht  verbringen würde und hatte schon befürchtet, in irgendeiner Gasse, an meinen Rucksack gelehnt, den Morgen abwarten zu müssen. Es kam viel angenehmer. Ahmet brachte mich zu einer großen, unfreundlichen Fabrikhalle. Zu meinem Erstaunen war eine Seitetür offen. Drinnen war es angenehm warm und auf dem Boden lagen Decken, um sich drauf zu legen und sich zuzudecken. Es war eine Industrieweberei, wo nachts Obdachlose übernachten durften, ein Musterbeispiel islamischer Moral.

An einem dieser Tage nahm mich Ahmet mit nach Hause, um mich seinen Eltern vorzustellen. Ganz verschwommen erinnere ich mich, dass wir ein Stück des Weges mit einer Straßenbahn fuhren. Es war ein strahlender, heißer Sommertag, als wir vor der Hütte seiner Eltern standen. Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass das hier ein Haus sein sollte. Es war aus den dünnen Latten von Obstkisten zusammengenagelt bzw. -geflickt, hatte aber rechts und links der Tür jeweils ein Fenster. Jedes der beiden Fenster führte in einen Raum, mehr Räume gab es nicht. Der linke Raum war "das Wohnzimmer". Dort wohnte man, wenn man nicht draußen unterwegs war. Der rechte Raum war das Schlafzimmer. Es war mit alten Decken und ein paar Matratzen ausgestattet, die alle auf dem Boden lagen. Ahmet war der Älteste, er hatte an die fünf oder sechs kleine Geschwister. An den Vater kann ich mich nicht erinnern, vermutlich war er nicht da, aber die Mutter wirkte noch ziemlich jung und war überwältigend lieb zu mir.
Ich kam mir vor wie ein Ehrengast. Alle meine Versuche, irgendwo irgendwie mitzuhelfen, wurden energisch zurückgewiesen. Man bereitete ein Ehrenmahl für mich, das Beste, was ich bis dahin gegessen hatte. Weil mir klar war, dass Ahmets Eltern - vermutlich war der Vater abends doch dabei - ihre letzten Lira ausgaben, um mich zubewirten. Und ganz sicher waren Ahmets Hütchenspiele eine wichtige Einkommensquelle der Familie.
Nach dem Abendessen wurde ich ins "Schlafzimmer" geführt. Mein Platz im hinteren linken Eck war der einzige mit einer Matratzenunterlage. Dort musste ich schlafen. Nur allzu gerne, mit vollem Bauch, streckte ich mich behaglich aus und schief ein - vermutlich als erster. Irgendwann wachte ich nachts auf. Durch das Fenster schien Licht herein und ich konnte den Rest der Familie sehen. Ahmets Eltern lagen neben mir auf dem Boden, er und seine Geschwister über den Raum verteilt. Da wurde mir klar, dass ich auf dem Lager seiner Eltern schlief und sie sich für meinen Komfort auf den Boden gelegt hatten.
Am nächsten Morgen, es war sehr warm gewesen, war ich verschwitzt und ich wollte mich waschen. Ahmets Mutter wies auf einen Brunnen, der zehn oder zwanzig Meter vom Haus entfernt auf einem Platz lag und von weiteren Hütten  umgeben war. Also ging ich dort hin, um mich zu erfrischen und bespritzte mich über und über in jugendlichem Übermut - bis mir Ahmets Mutter kopfschüttelnd die Arme festhielt. Ich glaubte zu verstehen, dass man mit dem Wasser sparsam umgehen muss, es müsse für alle reichen. Das war vielleicht der peinlichste Moment dieser ganzen Reise.Mit einem Schlag wurde mir klar, dass ich mich gerade wie ein dummer Europäer benommen hatte.
Am dritten Tag plagte mich das Gewissen. Diese Leute hatten nichts, aber gaben mir alles, und ich hatte 100 Mark in der Hose eingenäht. Ich weiß nicht, ob Ahmet verstand, weshalb ich nicht bleiben konnte, aber er brachte mich wieder zurück zum Taksim und seiner Gang. Übernachten war auch dort kein Problem, und ich war Gleicher und Gleichen, auch wenn "die Jungs" mich immer wieder mit Essbarem versorgten.

Inzwischen hatte ich zwei- oder dreimal nach Hause geschrieben an Jochens Adresse. Er hatte auch geantwortet, dass meine Eltern inzwischen wussten, was los war und ich per Interpol europaweit gesucht wurde. Wie gut, dass ich nicht mehr in Europa war. Das hatte ich mir doch gut ausgedacht! Als ich mal wieder zu meinem Hotel-Portier ging, um zu schauen, ob neue Post für mich da wäre, hatte er zwar nichts für mich, dafür eine schlechte Nachricht: "Mal gut, dass du nicht mehr hier bist. Gestern war die Polizei hier und hat nach dir gefandet. Also sei vorsichtig, wenn du herkommst."

Später schrieb mir Jochen, was vorgefallen war. Mein schlauer Vater hatte sich überlegt, dass ich bestimmt noch einen Heimatkontakt hatte. Und dann doch wohl bei meinem besten Freund. Also stand er eines Tages vor Jochens Tür, hat sich Zugang verschafft und eine "private Hausdurchsuchung" gestartet. Dabei stieß er auf meine Briefe aus Istanbul und auf die Hoteladresse, die er an Interpol weitergab, die offenbar ein Kooperationsabkommen mit der türkischen Polizei hatte.

Es gab zwar so Gedanken wie "Mist", jetzt wissen sie ungefähr, wo ich bin, aber keine Panik. Wer mit einer Hütchenspieler-Gang zusammengelebt hat, füchtet die Polizei nicht besonders. Die Gassen und Hinterhöfe von Istanbul sind ein unkontrollierbares Labyrinth.

Zu dieser Zeit sprach mich ein älterer Mann an, einer vielleicht um die 40, aber schon ziemlich grauhaarig. Er sprach ein ganz gebrochenes, falsches Englisch, aber wir konnten uns verständigen. Er hatte eine freundliche, warme Ausstrahlung und war Händler, der nach einem Geschäftspartner suchte. Sein Handelsgut war Haschisch, seine Kunden waren Europäer, die im Hafen ankamen, und sein Problem war das mangelhafte Englisch. Mir stellte er ein üppiges Einkommen in Aussicht, wenn ich mich einmal "eingearbeitet" haben würde, außerdem freie Kost und Logis.

Das klang doch schon mal gut. Mit Letzterem machte er auch gleich ernst. Er zeigte mir sein Zimmer, wo zwei Betten standen - eines für mich - und stellte mich im Viertel vor als seinen "Freund". Ich könne essen, was ich wolle, er bezahle dafür. Den Zweitschlüssel zum Zimmer gab er mir auch gleich. Ich war geschätzt eine Woche mit ihm zusammen und probierte sein Angebot aus. Tatsächlich konnte ich trinken und essen, was und so viel ich wollte, ohne zahlen zu müssen. Großartig. Abends kam er gegen zehn Uhr "von der Arbeit" "nach Hause" - da lag ich meistens schon in meinem neuen Bett. Er hievte dann seinen riesigen Überseekoffer, in dem alle seine Habe war, vom Kleiderschrank, schloss ihn auf und packte ein riesiges Stück Haschisch aus, das beinahe so groß war wie der Koffer und vielleicht zwei Zentimter dick, schnitt sich ein Stück ab und drehte sich einen riesigen Joint. Naürlich bot er auch mit einen Joint an, aber damals hatte ich noch viel zu viel Respekt  vor Haschisch. Der Joint war sein Einschlafritual. Danach war er nicht mehr so vorsichtig, so dass ich rasch wusste, wo er seinen Kofferschlüssel versteckt hielt.

Am zweiten oder dritten Abend nahm mich mein neuer "Freund" mit in einen Nightclub, wo er "Geschäfte" hatte. Er setzte mich am Eingang des Clubs an der Bar ab und meinte, ich solle mir bestellen, was ich wolle. Er hole mich später ab. Ich weiß nicht mehr, was ich getrunken habe, aber vermutlich Vodka-Coke, weil ich das aus Schottland kannte, als eine bildhübsche Europäerin an mich herantrat und mich auf Englisch frage, ob ich nicht Lust hätte, die Nacht mit ihr zu verbringen, wäre auch ganz billig, nur 50 Mark. Ich glaube nicht, dass sie älter war als17, eher jünger. Vermutlich war das die größte Herausforderung des ganzen Abenteuers. Ich habe bestimmt fünf Minuten mit mir gerungen - ich hatte ja die 100 Mark in der Hose -, was umso schwieriger war, als sie sich auf meinen Oberschenkel lehnte (ich saß auf einem Barhocker) und mit ihren Brüsten an meinem Knie rieb. Mir war klar, dass sie in einer ähnlichen Situation sein musste wie ich, so dass ich mich beinahe schon verpflichtet fühlte, sie zu unterstützen.

Nun, ich konnte die Versuchung - schlechten Gewissens ihr gegenüber - abwehren. Dafür begann eine ganz neue Herausforderung. Als mein "Freund" mich abholte und wir "nach Hause" gegangen waren, er seinen Joint zur Hälfte geraucht hatte und in seeliger Stimmung war, fragte er mich, ob er mir den Rücken massieren dürfte. Dazu Ja zu sagen, fiel mir nach den vergangenen Erfahrungen in dem Hotel mehr als schwer, aber sein Angebot abzuwehren wagte ich auch nicht. Schließlich war er die ganze Zeit sehr zuvorkommend gewesen. Also setzte er sich irgendwann, währendich auf dem Bauchlag, auf meine Beine und begann - Joint rauchend - meinen nackten Oberkörper zu massieren. Natürlich wartete ich laufend darauf, dass er übergriffig werden würde, aber nichts geschah. Es war sozusagen ein Zusatzservice für seinen neuen europäischen Geschäftspartner. Also entspannte ich mich allmählich und genoss, was ich zuvor noch nie genossen hatte, und er machte es wirklich gut.

Die nächsten Tage fühlte ich mich wieder Fisch im Wasser. Ich konnte durchs Viertel streifen, mir überall die feinsten Sachen zum Essen aussuchen und ging meine Hütchen-Freunde besuchen. Es war eine richtige Luxus-Woche. Sogar ein wenig Geld hatte ich in der Tasche. Ich kann mich nur an eins erinnern, was ich mir davon leistete: einen Schuhputzer. Damals lief eine Menge Schuhputzer mit einem Koffer voller Schuhputzmittelchen und -Bürsten durch Istanbul. Mein Schuhputzer war höchstens ein Jahr jünger als ich, aber er war froh um den Auftrg und ich fühlte mich als "Herr". Doch allmählich stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie lange soll das noch so weitergehen? Ich fühlte mich souverän und angstfrei. Eltern und Schule und Deuschland wirkten auf einmal wie vergleichweise kleine Herausforderungen. So reifte in mir der Entschluss heimzukehren. Die einzige Möglichkeit bestand darin, die deutsche Botschaft zu kontaktieren und mich heimbringen zu lassen; denn an den Grenzen wurde ich ohnehin gesucht.

Heimkehr

Schießlich rief ich die Botschaft an. Auf der anderen Seite war eine mürrische, deutsche Stimme, der Hausmeister, dem ich sagte, ich sei von zu Hause ausgerückt, werde gesucht und wolle mich freiwillig stellen. Aber er gab mir nur Bescheid, sie hätten schon Feierabend, es sei Wochenende und ich solle mich am Montag melden. Diese Antwort verblüfft mich bis heute. Offenbar war so etwas nicht vorgesehen. Jedenfalls rief ich am Montag an, man sagte, man wisse Bescheid und ich möge vorbeikommen. Das tat ich dann auch, landete in einem Büro, wo man mir sagte, es gebe jemanden, der mit mir in drei, vier Tagen nach Deutschland fliegen würde.

Der "jemand" war ein katholischer Missionar, der zum Heimatbesuch nach Hause flog. Es war ein ungemein freundlicher, großzügiger Mann, der mir anbot, ich könne bis dahin bei ihm wohnen, wir müssten nur zuerst meine Sachen abholen. Wir fuhren in seinem Auto zu meiner Haschisch-Adresse, wo er unten im Auto wartete und ich hoch in unser Zimmer ging. Da ich inzwischen ganz gut die Verhaltensweisen meiner Mit-Gangster einschätzen konnte, holte ich den Koffer meiner Geschäftspartners vom Schrank, um zu überprüfen, ob er mir nicht etwas aus meinem Rucksack gestohlen hatte. Und tatsächlich war eines meiner Hemden in seinem Koffer und noch ein zweiter Gegenstand, an den ich mich nicht erinnern kann. Mit einer gewissen Empörung steckte ich mir einen Teil seines Wechselgeldes, das er im Koffer aufbewahrte, in die Tasche, um vor dem Flug noch zwei Souvernirs für meinen Bruder und meine Eltern besorgen zu können. Die nächsten Tage bei dem Missionar waren reiner Luxus. Ich hatte quasi Vollpension, konnte duschen und habe mit ihm lange, philosophische Gespräche geführt, denn natürlich wollte er den Grund meiner "Flucht" erfahren. Bis heute war er einer der wenigen, der verstand, wovon ich sprach.

Wie sich das so gehört, waren wir viel zu früh am Flughafen, was für mich gut war, denn so hatte ich Zeit genug, mithilfe des "getauschten" Haschisch-Geldes meine Geschenke einzukaufen. Für meinen Bruder kaufte ich eine Stange türkische Zigaretten und für meine Eltern erstand ich einen "antiken" Flaschenöffner. Natürlich war der Flug eine kleine Sensation für mich, schließlich war ich noch nie geflogen. Weniger sensationell war die Ankunft in München. Dort erwartete mich der Grenzschutz und buchtete mich ein. So also fühlte es sich an, gefangen zu sein und in einer Zelle zu sitzen! Die Metaphorik der Situation erschien mir unübersehbar: Ich kehre ins Gefängnis zurück. Die Beamten sagten, meine Eltern seien auf dem Herweg, in zwei Stunden spätenstens seien sie da. Als ich nach einer Weile auf die Toilette musste, spitzte sich die Situation zu. Ein bewaffneter Beamter folgte mir aufs Klo und bezog Wache vor meiner Klotür. Als er mich danach wieder zu meiner Zelle bringen wollte, wurde ich sauer. Im Büro, das wir dafür durchqueren mussten, herrschte ich die Männer an, ob sie noch alle Fünfe beieinander hätten. Ich hätte mich freiwillige zurückgemeldet und nun dächten sie, sie müssten mich gefangen halten, damit ich nicht ausrücke! Die Situation ähnelte 9der im Hafen von Brindisi, ich war außer mir - und damit irgendwie überzeugend. Sie wiesen mir einen Stuhl im Büro neben einem der Schreibtische an, wo ich zivil wartete, bis meine Eltern kamen.

Beide verhielten sich so, wie ich es erwartet hatte. Mein Vater war düster und brummelig, wahrscheinlich hätte er mir am liebsten den Hintern versohlt, meine Mutter war froh, mich unversehrt wiederzuhaben. Natürlich wollten auch sie auf dem zweistündigen Heimweg nach Amberg wissen, weshalb ich das "getan" habe. Ich konnte es ihnen damals nicht erklären und auch nicht bis zu ihremTod.

Der erste Redaktionsjob

Natürlich war ich erst einmal der Star der Schule. Keiner war sonst je ausgerückt, und wenn, dann höchstens innerhalb Deutschlands. Viele meiner Kumpels wollten alles mögliche von mir wissen, nur nicht die Wahrheit, die ja auf sie selbst zurückgewiesen hätte. So erlahmte das Interesse doch recht bald, auch wenn ich meinen Ruf als ein "Absonderlicher" endgültig weg hatte. Und ohne den wäre wohl auch nicht geschehen, was dann kam.

Auch heute, wo ich das 70. Lebensjahr überschritten habe, ist mir bewusst, dass mein Leben ohne diese Erfahrung des sechs Wochen Allein- und Getrenntseins vollkommen anders verlaufen wäre. Sobald ich wieder "zu Hause" war, blieb ein Teil des Geschiedenseins erhalten. Die meisten Probleme und Interessen meiner Mitschüler erschienen mir gewissermaßen weltfremd. Die ihnen natürliche Welt hielt ich für eine größtenteils künstliche. In der echten Welt ging es darum: Woher bekommen ich und meine Kinder morgen Nahrung? Ich brauche ein Dach über dem Kopf, nur wie? Und überhaupt: Wie überlebe ich vielleicht sogar über morgen hinaus? Sie aber, meine Klassenkameraden, wissen von ihrem unzüchtigen Reichtum nichts und halten ihn für eine Selbstverständlichkeit und ihr Recht. Aber gerade er ist, der sie korrumpierte von Geburt an; darüber hinaus wohl auch die Selbstverständlichkeit ihres Lebens selbst. Ich erinnerte mich an mein erstes Gedicht, das ich, in Tränen über Ulis Verlust, geschrieben hatte. Leider ist es verschollen. Jetzt regte sich in mir der Wunsch, Schriftsteller zu werden. Das war für mich einer mit einer Doppelrolle: Einerseits erzählte er von und aus seinem Leben, andererseits war er einer, der auf das Leben schaut, zugleich aber eben auch "hinter das Leben", sozusagen auf den Bühnenhintergrund.

Aber zurück ans Erasmus-Gymnasium. Ich weiß nicht mehr, ob es diesen ekelhaften Direktor schon vor meiner Reise gegeben hatte. Er hieß Gehr ähnlich wie der germanische Wurfspieß Ger. Damit war gewissermaßen schon sein Charakter beschrieben. Er verstand die Schule als eine Art Gefängnisanstalt und die Klassenzimmer als Gefangenenzellen; selbstverständlich auch jeden Schüler als Gefangenen. Meine Ablehnung dieses Unmenschen begann mit einer seiner sogenannten "Pauseansprachen". Dazu muss man wissen, dass die Sporthalle ein Zusatzgebäude darstellt, das im rechten Winkel an die Schule angebaut war. Von den Eingangstüren zur Sporthalle (die gebäudeintern über einen Gang erreichbar war) führen drei oder vier Stufen zum Pausenhof hinunter. Zwischen den Türen und den Stufen war eine kleine, vielleicht vier Meter breite Plattform. Auf dieser stand Herr Gehr mit einem Megaphone und befahl den Schülern, sich klassenweise in Zweierreihen aufzustellen. Und den Mund zu halten, denn jetzt spreche er. Wir Zehntklässler konnten diesen Typen einschätzen und waren vorsichtig - anders als die Fünfklässler. Als sie während seiner ca. zehnminütigen "Ansprache" unruhig wurden und zu schwätzen begannen, griff er sich zwei heraus, zitierte sie vor sich auf die Plattform, machte sie zur Sau und erteilte ihnen einen Direktoratsverweis. Die armen Kleinen wussten gar nicht, wie ihnen geschah, und mir war klar, was ich für einen Menschen vor mir hatte. Er war mein Feind.

Mit Hilfe unseres Musiklehrers, Professor Baldauf, konnten wir ihm aber im Juli dieses Jahres einen Streich spielen. Direktor Gehr trug sämtliche Schlüssel der Schule in einem großen Bund an seinem Gürtel, so dass man es schon klappern hörte, bevor man ihn nur sah. Jener Tag war sehr heiß, aber nicht heiß genug für das ersehnte "hitzefrei" (das es heute nicht mehr gibt) für die sechste und letzte Schulstunde. In der fünften Stunde hatten wir Herrn Baldauf im Musikzimmer. Das Musikzimmer lag im kältesten Winkel der Schule, und nur, wenn dort auf dem Außenthermometer die Temperatur über 26 Grad gestiegen war, gab es hitzefrei. Das Dumme: Das Thermometer zeigte 24 Grad. Aber Herr Baldauf hatte eine verschwörerische Idee: nämlich mit unserem heißen Atem die Quecksilbersäule "hochzublasen". Also bezog einer von uns im Türspalt Wache, um Direktor Gehrs Auftauchen der Klasse mitzuteilen. Von dem ersten Schlüsselklappern bis zu seiner Ankunft vergingen zwei, drei Minuten. Endlich war es so weit: Direktor Gehr nahte. Zwei oder drei von uns hauchten in aller Eile die Temperturanzeige nach oben, und als der Herr der Schule eintrat, lag die Temperatur kurz vor 27 Grad und die ganze Schule bekam hitzefrei. So ist das nun mal mit der Macht der Fakten. Ich hatte Professor Baldauf lange gefürchtet, weil er erstens riesengroß und klapperdürr war und außerdem sehr streng und fordernd. Aber an diesem Tag begann ich ihn zu respektieren und geradezu zu lieben.

Freilich war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass ich die Schule verlassen und aufs musische Gymnasium überwechseln würde. Auch das hatte Direktor Gehr verschuldet. Ich hatte nämlich die Leitung unserer Schülerzeitung übernommen, die wir in unserem "Redaktionsbüro" im Schulkeller auf einem Matritzendrucker selbst herstellten. Das Jahr 1968 machte sich deutlich bemerkbar. Wir zwei, drei Redakteure wollte uns vom Direktor nicht ins Handwerk pfuschen lassen. Andererseits bestand Direktor Gehr darauf, jede Zeile zu kennen, die "in seinem Haus" veröffentlicht werden sollte. Das war schon schwierig genug. Aber inzwischen war ich zu jemandem geworden, an den sich Mitschüler wandten, wenn sie Stress mit Lehrern hatten. Ich sollte vermitteln und wurde regelmäßig bei Direktor Gehr vorstellig, um etwas zu klären oder mich für jemanden einzusetzen - in aller Regel vergeblich. Ich hasste seine Art, mir großväterlich auf die Schuler zu klopfen und zu sagen: "Das wird schon wieder. Das hat schon alles seine Richtigkeit." Nichts hatte seine Richtigkeit, und am falschesten war er selber, der sich nur groß fühlen konnte, wenn er andere klein machte.

Übergangszeit

Wie die Situation mit Herrn Baldauf gezeigt hatte, war er auch im Kollegium unbeliebt. Eine Situation ist mir triumphal in Erinnerung. Wir hatten als Biologielehrer einen Dr. Kupke, der als d e r Naturwissenschaftler an der Schule galt. Von ihm stammte der Spruch: "Wenn das Militär so viel Geld bekäme wie die Wissenschaft, würden sie heute noch mit Holzschwertern herumlaufen." Kupke dirigierte unsere Klasse lässig und souverän. Schüler, aber auch Schülerinnen, bekamen zielsicher seine Kreide oder den Tafelschwamm an den Kopf, wenn sie sich während des Unterricht allzu lange abgeseilt hatten. Ein Spruch von ihm würde heute wohl sexistisch UND rassistisch aufgefasst werden - irrigerweise. Gegenüber unaufmerksamen Schülerinnen spöttelte er: "Man sollte sie eindosen und nach Afrika verkaufen: junge Europäerin im eigenen Saft." Kupke hatte auch den Ruf, zwei Zusatzaugen am Hinterkopf zu haben, so dass Spicken (=Abschreiben) bei seinen Stegreifaufgaben unmöglich war, ohne erwischt zu werden.

Ich jedenfalls mochte Kupke sehr, und er wohl auch mich. An diesem besonderen Tag stand ich mit ihm vor dem Lehrerzimmer, die Pause nähere sich dem Ende, aber wir waren noch ins Gespräch vertieft, als Direktor Gehr von der Seite unsere Unterhaltung unterbrach und Kupke eine Frage stellen wollte. Kupke aber wandte sich ihm nur halb zu und sagte: "Herr Kollege, ich bitte um den nötigen Anstand. Sie sehen, dass wir im Gespräch sind." Direktor Gehr zuckte zurück, als ob er sich verbrannt hätte, Kupke lächelte und wandte sich wieder mir zu. "Sie sehen, Langer, Alter schützt vor Torheit nicht." Nur war ich von diesem Augenblick an kein gern gesehener Gast mehr im  Direktorat, wenn es wieder um einen Streitfall ging, in dem ich vermitteln oder beilegen sollte. Da ich für mich kein Land mehr sah an diesem Gymnasium, lag mein Entschluss, aufs Max-Reger-Gymnasium überzuwechseln, ein musisches Gymnasium, nahe. Ein Problem war das nicht, weil ich ja im dritten Jahr Cello spielte.

Kurz nachdem ich zurückgekehrt war, erlaubten mir meine Eltern einen Hund - was ich mir schon lange gewünscht hatte, vermutlich in dem Kalkül, dass ich vielleicht wieder sie, aber nicht den Hund verlassen würde. Ich hatte mich schon im Jahr vorher mit Hunderassen beschäftigt und hatte zwei Favoriten: einen Hovaward oder einen Boxer. Sie hatten den Charakter, den ich mochte. Da der Hovaward zu zottig war - "da ist dann alles voller Haare" - wurde es der Boxer. An sich hatte meine Mutter Angst vor Hunden, aber der kleine, sechs Wochen alte James, so tauften wir ihn, war so goldig, dass er ihr Herz augenblicklich eroberte. Boxeraugen sind unwiderstehlich! Er war so klein, dass er die Handfläche meines Vaters nicht voll ausfüllte und die eine Stufe von unserer kleinen Rasenfläche zur Terrasse nicht alleine erklimmen konnte. Natürlich liebte auch ich unseren James, aber vorwiegend wurde er doch zu Mutters Hund. Ich war einfach zu sehr mit der Schule und den Mädchen beschäftigt. Für die täglichen 1,5 Stunden Auslauf, die sein Kraftkörper benötigte, stand ich nur gelegentlich zur Verfügung. Als Mutters Hund war er sehr verzogen. Zum Beispiel schaute er abends leidenschaftlich gerne mit Mutter Fernsehen. Dann saß sie auf dem Sofa, er hockte auf dem Boden vor dem Wohnzimmertisch zwischen ihren Beinen und ließ sich den Kopf kraulen, und beide schauten in Richtung Mattscheibe. James’ Stammplatz war ein alter Sessel in der Küche, der zusätzlich mit einer alten Decke gepolstert war. Noch lieber war ihm aber das Sofa im Wohnzimmer - was ihm allerdings nicht gestattet war. Wenn die Schiebetür zu Ess-/Wohnzimmer offenstand und ihm niemand Einhalt gebot, schlich er ins Wohnzimmer und machte es sich auf der Couch gemütlich. Überwiegend geschah das, wenn keiner von uns "unten" war. Aber wenn einer von uns die Treppe hinunterging, dann konnten wir hören, wie er vom Sofa sprang und in die Küche jagte. Betraten wir dann die Küche, dann schaute uns James aus seinem Sessel unschuldig in die Augen. Irgendwie fanden wir das alle lustig.

Apropos Mädchen. Im Herbst bekam ich meinen ersten echten Kuss. Ich hatte mich abends in der Stadt herumgetrieben, ohne genau zu wissen, wo ich hinwollte. Schließlich lungerte ich vor einer Disko in der Nähe vom Bahnhof herum, für die man 16 sein musste. Wie ich reinkam, weiß ich nicht mehr, aber die Tanzfläche war dicht gepackt mit Menschen, mit Jugendlichen vor allem, und die Atmosphäre war rauchig warm zum Schneiden. Ich tanzte mit einem Mädchen bzw. einer junge Frau, die mich ein wenig an Uli erinnerte, ebenso dunkles Haar, ebenso getönte Haut, aber mit einem leichten Oberlippenbärtchen, das ich ganz putzig fand. An ihren Namen kann ich mich nicht mehr entsinnen; ich nenne sie jetzt mal Petra. Für mich fühlte sich die Situation ziemlich erwachsen an. Auf gewisse Weise war uns beiden klar, dass wir etwas von einander wollten. Die langsamen Tänze tanzten wir sehr langsam und gefühlvoll, als würden wir uns schon ewig kennen, oft auch Wange an Wange oder Nase an Näschen, Lippen auf Lippen, als ich plötzlich merkte, wie mir ihre Zunge entgegen kam. Was für Erlebnis. Ganz vorsichtig antwortete ich und so standen wir mehr als dass wir tanzten, ganz ineinander vertieft zwischen bestimmt 300 anderen jungen Leuten. "Petra" ist es zu verdanken, dass ich bis heute eine gewisse weibliche Behaarung sexy finde. Außerdem erinnerte mich ihr Oberlippenbärtchen an meine Lieblingstante Klara. Auch Petras Beine waren seidenweich und dunkel behaart, was ich im Freibad streichelnd erkunden durfte. Wie sich unsere Liebschaft auflöste, weiß ich nicht mehr. Meine Eltern jedenfalls erfuhren nie etwas davon.

Cooler Abschied von Lignano

In Sommer 1969, ich war inzwischen 16, machten wir den letzten Familienurlaub in Lignano an der Adria. Tiziana war unvergessen, aber leider nirgends zu entdecken. Mein Cousin Christoph war zu meiner Unterhaltung mitgekommen. Wir teilten uns ein Zimmer im zweiten Stock der Pension, meine Eltern wohnten im übernächsten Zimmer auf dem selben Flur. Ich hatte mir von meinem Taschengeld einiges zusammengespart; ich ging mit Christoph in Lignano zur Bank und blätterte mein Erspartes auf den Tisch. Der Kassenangestellte rechnete aus, was ich bekommen würde: 24.000 Lire. Das war ganz ordentlich. Für 100 Lire bekam man schon ein Eis oder einen Kaffee, aber den trank ich damals noch nicht. Ich nahm die italienischen Banknoten entgegen in dem Gefühl, jetzt viel Geld zu haben. Als ich meinen Reichtum nachzählte, waren es 42.000 Lire. Ha, das gab einen Luftsprung.

In diesem Sommer haben Christoph und ich die nächtlichen Bars von Lignano unsicher gemacht. Wir hockten lässig auf den Barstühlen, nahmen "Drinks" (für Chris kein Problem, er hatte immer mehr Geld als ich) und philosophierten über Gott und die Welt. Christoph war damals mein bevorzugter Gesprächspartner, denn die Freundschaft zwischen Jochen und mir war erkaltet. Vermutlich trug ich ihm insgeheim nach, dass er sein Versprechen gebrochen hatte, mich zu begleiten. Meine Eltern wussten nichts von Christophs und meinen Eskapaden; denn gegen 9 Uhr gingen wir als "gute Jungen" brav auf unser Zimmer. Dort wartet wir ab, bis meine Eltern auf dem ihren waren und dort dem Lacrima Christi fröhnten, einem Likörwein, der ihnen besonders gut schmeckte. Spätestens um halb elf waren sie im Tiefschlaf, Zeit für uns aufzubrechen. Der Flur stand uns wegen der Mäuschenohren meiner Mutter nicht zur Verfügung, denn ersten knarrte unsere Tür  und zweitens hallte dort jeder Schritt. Aber es gab ja noch den Balkon, vor unserem und vor allen anderen Zimmern. Sie waren nur durch eine niedrige Trennwand abgetrennt, so dass wir, uns von Balkon zu Balkon schwingend, eine Terrasse erreichten, von der aus eine offen Tür zum Treppenhaus gab. Sehr praktisch. Der Rückweg funktionierte genauso. Wenn wir dann manchmal morgens nicht aus den Federn kamen, lag das natürlich an dem "typisch jugendlichen Verhalten".

Am Max-Reger-Gymnasium

Das Pflichtinstrument war weniger das Problem an diesem musischen Gymnasium, aber an Musiktheorie musste ich einiges nachlernen. Aber auch das hielt sich in Grenzen. Die neue Klasse fand ich interessant und auch angenehm, weil sie ja nichts von mir wussten. Eine Herausforderung war Reinhard, der Klassenkasper. Er verhielt sich ungemein provokativ sowohl den Lehrern wie auch seinen Klassenkameraden gegenüber. Und dann gab es da noch eine Mitschülerin, die mich schon bald sehr interessierte. Aber von beiden später.

Was mir vor allem guttat, war mein neuer Mathe- und Physiklehrer. Am Huma (so nannten wir das humanistische Gymnasium) hatte ich in diesen Fächern einen Sadisten gehabt. Er hatte eine Methode ersonnen, um naturwissenschaftlich schwache Schüler wie mich total nervös zu machen. Immer, wenn wir eine Klassenarbeit schrieben, begann er - nachdem er verkündet hatte: "Ich hab diese Aufgaben in zehn Minuten durchgerechnet, dann sind 40 Minuten für euch mehr als üppig - mit einem Countdown à la "So, jetzt habe ihr nur noch 30 Minuten", "So, jetzt habt ihr nur noch zwanzig Minuten. Die Hälfte müsst ihr jetzt schon haben" usw. Ich war vor den Klassenarbeiten so aufgeregt, dass ich ein paar Minuten nicht schreiben konnte, weil mir die Finger so sehr gezittert haben. Ich hätte ihn wirklich auf den Mond schießen können.

Was für eine Wohltat war da doch "Professor Dutz". Er war ebenso sanft und freundlich, wie er groß war. Er wurde auch nicht ungeduldig, wenn ich ihm in Physik Löcher in den Bauch fragte. Was ich von ihm lernen musste: Die Physik erklärt nicht das Warum, sondern nur das Wie. Wenn ich bei ihm eine Klassenarbeit in Mathe oder Physik schreiben musste, dann stellte er sich zu Beginn neben mich, legte kurz und beruhigend seine Hand auf meine Schulter und sagte: "Sie können das, Langer, ich weiß, dass Sie das können." Offenbar hat er mir meine Ängste an den Augen (oder den zitternden Fingern) abgelesen. Großer Sprung in die Zukunft: Letztes Jahr hatten wir das 50-jährige Abi-Jubiläum. Dazu fuhr ich nach Amberg und siehe da: Herr Dutz lebte noch, war um die 85, kam unseren Jahrgang in einem Restaurant besuchen und begrüßte uns, Mensch für Mensch, mit einem Handschlag. Tatsächlich konnte er sich noch an meinen Namen erinnern. Unfassbar für mich.

An zwei amüsante Spick-Details erinnere ich mich noch sehr deutlich. "Spicken" war unser Wort für "Abschreiben". Heute würde ich es als "Unterlaufen des Benotungszwangs" bezeichnen, was wir zu einem Hochleistungssport entwickelt hatten. Im Hauptfach Musik hatten wir in einem dieser letzten drei Jahre Opern durchgenommen. In der Klassenarbeit ging es darum, dass eine von mehreren Opern, vier oder fünf, im Detail abgefragt wurden: Komponist, musikalische Einordnung, musikalische Besonderheiten etc. Neben saß ein Junge namens Kallert (leider nicht mehr unter den Lebenden), mit dem zusammen ich mich zu Hause hinsetzte und vier oder fünf komplette Klassenarbeiten auf Schulaufgabenpapier niederschrieb; natürlich hat er seins etwas anders formuliert und strukturiert wie ich, damit's nicht auffiel. In der Klassenarbeit haben wir dann "ganz normal" vor uns hingeschrieben, aber als die Arbeitsbögen eingesammelt wurden (das machte normalerweise ein Schüler für den Lehrer), haben wir unseren gegen den vorfabrizierten ausgetauscht. Kein Wunder, dass wir immer eine Eins bekamen.

Die zweite, noch ausgefeiltere Methode haben wir uns in Latein ausgedacht. Wir hatten in diesem Schuljahr nur noch mit Cicero-Texten zu tun, nicht grade einfach, die wir ins Deutsche übersetzen mussten. Aber alle hatten etwas gemeinsam: Cicero benutzte in seinen Texten viele Eigennamen anderer befreundeter oder gegnerischer römischer Politiker, über die er sich entweder lustig machte oder deren Positionen er teilte. Und das war der Clou. Sämtliche Cicero-Texte gab es ja in deutscher Übersetzung. Jeder von uns besorgte sich die komplette Cicero-Sammlung und jeder nahm sich ein halbes oder ganzes Buch vor, von dem wir Listen anlegten, welche Namen auf welcher Seite vorkamen. Die Kombination von Eigennamen auf einer Seite war in der Regel einmalig, so dass man anhand der Eigennamen auf die Textseite rückschließen konnte. Und wenn das mal doppeldeutig war, dann gab es ein paar unter uns (ich gehörte dazu), die anhand des Textes schnell sehen konnten, welche Seite die richtige war. Zu Beginn der Klassenarbeit glichen wir "guten Lateiner" den lateinischen Text mit unseren Listen ab. Das dauerte meistens nicht länger als eine Minute. Wer den Text gefunden hatte, der räusperte sich überdeutlich und streckte, wenn der Lehrer nicht aufpasste, einen Zettel hoch, auf dem dann z.B. in großen Buchstaben geschrieben stand: 7/33. Also Band 7, Seite 33. Kurz danach entstand ein gewisser Geräuschpegel im Klassenzimmer, denn jeder holte den Band 7 aus seiner Tasche und trennte die Seite 33 heraus.

Aber das war noch nicht alles; wir hatten das System noch weiter verfeinert. Es war ja klar, dass wir die deutsche Übersetzung nicht 1:1 übernehmen konnten, das wäre aufgefallen. Also musste jeder seine "Übersetzung" individuell abwandeln. Für die "Guten", die die lateinischen Konstruktionen einigermaßen überblickten, war das nicht sonderlich schwer, für die Schlechten schon. Also hatten wir uns eine Fünfer- und Sechserbremse ausgedacht. Die "Guten" hatten sich zu Hause Kohlepapier zurechtgeschnitten und fertigten damit so schnell wie möglich Durchschriften ihrer Übersetzung für die "Schlechten" an, die diese dann abwandeln konnten, ohne den lateinischen Text zu verstehen. Der wurde dann in der jeweiligen Sitzreihe durchgereicht, bis er denjenigen oder diejenige erreichte. Meistens handelte es sich bei den "Schlechten" um Jungs.

Nun gab es ja zwei Parallelklassen, die A-Klasse und die B-Klasse. Ich war in der B-Klasse. Da der Lehrer sich nicht die Mühe machte, zwei Klassenarbeiten zu entwerfen, sondern die gleiche in beiden Klassen hielt, durften wir erst in die Pause, wenn er bereits in der anderen Klasse war. Trotzdem hatten wir leichtes Spiel, und zwar folgendermaßen. Im Korridort vor unserem Klassenzimmer war in der Wand eine kleine Schublade eingelassen, die Lehrern früher während der Pausenaufsicht als Aschenbecher gedient hatten. Zu meiner Zeit wurden sie aber nicht mehr benutzt, nicht von den Lehrern, aber sehr wohl von uns. Sobald wir die 7/33 wussten, musste einer von uns aufs Klo und steckte auf dem Weg dahin einen Zettel mit 7/33 in dieses Schublädchen. So wusste die Parallelklasse oft schon eine halbe Stunde, bevor ihre Klassenarbeit begann, wo die Übersetzung zu finden war. Hier nochmals mein Dank an "Professor Gebele", der so gut wie nie bei Klassenarbeiten durch die Gänge spazierte, nie etwas bemerkte und uns generell mit "Kinder" anredete. Er war so um die 60, also ein alter, gutmütiger Mann für uns, ein lieber Opa.

Mein bester Lehrer am Max-Reger-Gymnasium war Oberstudienrat Kruis. Er war so um die 50 und der einzige Lehrer, der mit dem Fahrrad zum Unterricht kam. Herr Kruis bezeichnete sich als linken CSUler. Aus heutiger Sicht klingt das amüsant, damals hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, was er damit sagen wollte. Wir hatten ihn in Deutsch und Sozialkunde. Ich weiß nicht, wie oft ich mich mit ihm wegen Korrekturanmerkungen in meinen Besinnungsaufsätzen gestritten habe, aber ziemlich oft. Er hatte die Geduld, mir meine Fehler zu erklären; meistens musste ich klein begeben. Aber manchmal, vielleicht im Verhältnis 1:10 gab er auch mir Recht. Das war enorm. Sozialkunde war ein Fach, das mich wenig interessierte, ein langweiliges Lernfach. Bernhard, den wir Wuff nannten, sah das ganz anders, denn Bernhard war Marxist. Er hatte, sagte er, das Kapital gelesen und verstanden. Kapital? Hm, nie gehört. Aber Herr Kruis kannte es und fand heraus, dass das wohl nicht aufgeschnitten war, sondern stimmte. In den Stegreifaufgaben, Mini-Klassenarbeiten, die wir Exen nannten und die uns immer unerwartet trafen, beantwortete er die Fragen nicht lehrbuchgemäß, wie gewünscht, sondern eben marxistisch. Herrn Kruis Kommentar dazu: "Das sehe ich zwar anders als Sie, aber im Grunde hervorragend argumentiert." Wuff war einer der wenigen, der regelmäßig die Einser abräumte. Schon damals habe ich vor so viel Toleranz den Hut gezogen (und tue es heute noch viel mehr). Schade nur, dass Herrn Kruis Tochter, die gelegentlich ein Auge auf mich warf, etwas Aschenputtelhaftes hatte. Als Schwiegervater hätte ich ihn gern gehabt.

Die "Gicht"

Eine Weile hatte ich bei einem Fußballverein gekickt (immer mit zu engen Fußballschuhen, weil Mutter meinte, die müssten doch noch reichen) und war dann zu einem Tischtennisverein übergewechselt, wo es mir bedeutend besser gefiel und ich sogar an ein paar Turnieren teilnehmen durfte.

Schließlich überredete mch mich meine Mutter, Tennis zu spielen. Nichts war ihr zu teuer, um mich in die Reihen der Rich&Beautiful einzugliedern. Sie brauchte dafür keine allzu großen Überredungskünste, denn auf den Tennisplätzen tummelten sich sexy Mittel- und Oberschichtmädchen in mittel- und oberkurzen Röckchen. Das allein war mir das Tennisspielen wert. Ich ging also zweimal wöchentlich zum Tennistraining, wo mich unter anderem unser alter Sportlehrer Harry Rieß betreute. Er war eine interessante Mischung aus militärischen Drillvorstellungen und menschlicher Nachsicht, schwer vorstellbar, aber ein netter Kerl.

Irgendwann beim Tennisspielen taten mir meine Zehen weh. Anfangs nur nach längerer Belastung, aber bald schon nach einer halben Stunde. Schließlich konnte ich gar nicht mehr spielen, es sei denn, ich hätte Lust gehabt, unter Schmerzen zu spielen. Natürlich schickten mich meine Eltern zum Orthopäden, der eine Gicht diagnostizierte. Mein rechter Ballen am großen Zeh war gerötet und angeschwollen; auch der kleine Zeh war gerötet. Auch die Harnsäurewerte im Blut waren erhöht. Tja, so ist das eben, musste ich einsehen lernen. Wenn die anderen in der Schule Fußball spielten und ihren Spaß hatten, musste ich jetzt zusehen.

Die Erkrankung nahm in ihrer Symptomatik so sehr zu, dass ich nachts nur schlafen konnte, mein rechter Fuß bloß lag, denn schon das Gewicht der Bettdecke auf der Haut löste Schmerzen aus. Kein Wunder also, dass ich humpelte. Es war natürlich eine Zeit der Selbstzweifel. Für irgend etwas, dachte ich, werde ich bestraft, nur wofür? Meine Klassenkameraden hielten sich mit ihrem Mitgefühl doch sehr zurück. Ohne mich konnte man ja auch seinen Spaß haben. Im Rückblick erscheint mir dieses Jahr der Schmerzen wie im Nebel. Es ging einfach darum, irgendwie durchzuhalten. Immerhin brachte mir mein Fuß einen Vorteil ein: Meine Eltern kauften mir ein Mofa, also eine Art von jugendlichem Rollator-Ersatz, mit dem ich überall hinkam, unter anderem zu Stefan zu später Stunde, aber davon später.

Ich greife hier ein wenig vor, möchte aber dieses Thema zusammenhängend behandeln.

Irgendwann hatte mein Vater eine Schülerin, deren Mutter praktische Ärztin war und schnell zu unserer Hausärztin avanzierte. Sie war so erfolgreich, dass sie kaum mehr gehen konnte vor lauter Fett, aber sie war eine gute und äußerst beliebte Ärztin mit einer pickeligen Tochter, die mir ebenfalls nahegelegt wurde. Bei einem Besuch erzählte mein Vater ihr von meiner Gichterkrankung, woraufhin sie sich noch einmal genau nach den Ernährungsgewohnheiten in unserer Familie erkundigte und dann zu dem Schluss kam: Das kann nicht sein. Sie bot meinem Vater an, ihren Sohn einzuschalten, der an der Universitätspolyklinik in München arbeitete.

Durch seine Vermittlung bekam ich also einen Termin bei einem Professor, der als internationale Gicht-Kapazität galt. Er hatte während des Krieges in den USA gearbeitet zu einer Zeit, als es in Deutschland noch so gut wie keine Gicht gab. Zu diesem Zeitpunkt war ich 17. Er nahm sich eine Menge Zeit, tastete meinen Fuß und meine Zehen minutenlang ab und kam zu dem Ergebnis: "Eins kann ich Ihnen schon einmal sagen: Gicht ist es garantiert nicht." Meine Eltern fuhren wieder ab und ich blieb in der Klinik zur "Diagnostik", auf der Privatstation, versteht sich, mein Vater war ja Beamter. Also begannen die Blutabnahmen für die Ausschlussdiagnostik. Eine Röntgenaufnahme hatte ergeben, dass die Mittelfußknochen unterhalb des großen und kleinen Zehs schon halb durchgefressen waren. Nur wovon? War es Knochenkrebs, Knochentuberkolose? Alles schien denkbar. Ich erfuhr davon jeweils nur, wenn ich die beruhigende Nachricht bekam: Das ist es nicht.

Dazu muss gesagt sein, dass ich eine Heidenangst vor Spritzen hatte, vermutlich das Resultat meiner Spritzenbehandlung zur Zeit meiner Lungenentzündung in der Kindheit. Im Zusammenhang damit erinnere ich mich, dass mir eine junge Krankenschwester im Gang der Polyklink Blut abnehmen wollte (warum im Gang, weiß ich nicht, aber es war so). Sie war aber noch so unerfahren, dass sie die Ader im Arm auch nach mehreren Versuchen einfach nicht fand und ich schon der Ohnmacht nahe war. In dieser Situation kam eine ältere Schwester vorbei (heute würde ich schätzen: Sie war vielleicht dreißig), die das Debakel bemerkte und sagte: "Lassen Sie mich das mal machen." Sie fand die Ader beim ersten Stich und eine Minute später war alles überstanden. Ich glaube, meine Herz war noch selten zuvor und danach einer Frau mehr zugetan als dieser Schwester (die obendrein ganz hübsch war).

Schließlich waren alle Negativtests durch und die Diagnose stand noch immer nicht fest. Also wurde beschlossen, bei Narkose den Fuß zu öffnen, die Entzündung abzuschaben und eine Gewebeprobe untersuchen zu lassen. Das Ergebnis: innere Schuppenflechte, sprich: eine Schuppenflechte auf der Knochenhaut. Infolgedessen kamen einige Studenten an mein Bett, wo der Oberarzt ihnen meinen Fall erläuterte; ich war zum medizinischen Unikum geworden. Und noch ein Gutes hatte meinAufenthalt in der Klinik: Christl, meine Lieblingscousine, mit der ich in Neunburg gespielt hatte, kam mich besuchen. Natürlich konnte ich ihr nicht ausdrücken, wie sehr mich das freute.

Die zweite, indirekte Spritzenerfahrung machte ich mit jenem Oberarzt, unserem Stationsleiter. Er war Altachtundsechziger, hatte Haare bis auf die Schultern. Indirekt, weil ich nicht der Betroffene war, sondern vorwiegend ältere Damen der Privatstation, die, wie ich beobachten konnte, ähnlich viel Schiss vor Spritzen hatten wie ich. Aber der Oberarzt hatte eine sehr ungewöhnliche Form der Angst-Anästhesie erfunden. Er hatte seine Spritze parat und den Unterarm der Damen vorbereitet. Aber dann setzte er die Spritze nicht an, sondern begann, ihnen einen längeren und vor allem schmutzigen Witz zu erzählen, was unaufhaltsam ihrerseits zu einem Kichern führte. Und während die Dame noch kicherte, hatte er schon ihr Blut in der Kanüle.

Es war jener Oberarzt, der mir bei der Entlassung mitteilte: "Herr Langer, wir haben getan, was man tun kann, aber es gibt keine gesicherte Heilungsmöglichkeit in Ihrem Fall. Beides ist möglich: dass Sie in ein paar Jahren im Rollstuhl sitzen, oder dass nicht." Und dann fragte er: "Nächstes Jahr werden Sie 18. Da wird Vater Staat sie holen? Wollen Sie zum Militär?" Nein, das wollte ich garantiert nicht und hatte auch schon erste Infos für Kriegsdienstverweigerer gelesen. Also schüttelte ich den Kopf. "Sehr gut", sagte er, "das lässt sich verhindern. Wenn es so weit ist, rufen Sie mich an. Hier ist meine Telefonnummer."

Reinhard

Reinhard fand ich anfangs so unangenehm, dass ich ihn auf ein inneres Abstellgleich hätte abschieben müssen. Seine Bemerkungen, mit denen er die Lehrer malträtierte, zeichneten sich nicht durch Witz und Intelligenz aus, sondern wollten einfach nur stören. Folglich wurde er von der Klasse gedisst, wie man heute sagt. Keiner wollte mit ihm zu tun haben, weshalb er aber umso mehr auf sich aufmerksam machen wollte, ein Teufelskreis.

Da ich nicht glauben konnte, dass es Menschen gab, die wirklich so waren, wie Reinhard zu sein schien, beschloss ich, ihn erst einmal kennenzulernen, bevor ich mir ein endgültiges Urteil erlaubte. Er ging auf meine "Annäherungsversuche" gerne ein und schon bald verabredeten wir uns in seinem "Keller". Es war ein Partykeller im Keller seines Elternhauses, gemütlich eingerichtet, es gab eine Couch, auf die wir uns fläzen konnten, es gab einen Plattenspieler, ein Tonbandgerät, eine selbst gebaute Lichtorgel und allerlei Sammelobjekte technischer Natur, die er zusammengetragen hatte. Unter anderem stand da auch eine Verstärkerbox, wie sie von Beatgruppen verwendet wurde. Reinhardt hatte das Ding mit einer eigenen Erfindung, die er auch hatte patentieren lassen, optimiert: mehr Sound, weniger Strom. Aber niemand, sagte er, interessiere sich für seine Erfindung.

Sobald wir zu zweit waren und ich ihm ernsthaft zuhörte, ließ seine Angeberei sofort auf und er verwandelte sich in einen netten Kumpel. Seinen Vater bekam ich wenig zu Gesicht - die beiden kamen nicht gut klar miteinander -, dafür umso mehr seine Mutter, die mich mochte und sich freute, dass jemand ihren Sohn besuchen kam. Er hatte auch zwei große Schwestern; eine war schon irgendwo im Studium, und die andere machte grade Abitur.

Bald stellte sich heraus, dass Stefan, ein alter Klassenkamerad aus dem Huma, Reinhard auch kannte, so dass wir schon bald ein häufig gesehenes Kleeblatt bildeten. Stefan und ich fanden seinen Keller höchst attraktiv. Zwei- oder dreimal hatten wir dorthin auch Mädchen eingeladen, aber zu unserem Leidwesen blieben diese Treffen harmlos. Also hörten wir Musik (Reinhardt hatte mehr Geld als wir, so dass er immer mal eine neue LP kaufte), unterhielten uns, philosophierten - insbesondere Stefan und ich - und experimentierten mit der Wirkung von den Tabletten unserer Mütter (ich konnte da mit Schlaftabletten aufwarten) im Zusammenhang mit Alkohol. Bier gab es immer, und oft auch Vodka oder andere harte Sachen. Bier allein war für unsere Experimente untauglich, Haschisch hatten wir nicht und LSD schon gar nicht. Davor hatten wir auch einen ziemlichen Schiss. Aus heutiger Sicht sträuben sich mir einerseits die Haare, wenn ich mir vorstellte, was hätte passieren können, andererseits wundere ich mich, dass gar nichts Schlimmes geschah. Vermutlich waren wir letztlich doch sehr vorsichtig.

Eines Abends hatten wir uns zu dritt fürs Bergfest verabredet, einem bis heute beliebten Bierfest auf dem Maria-Hilf-Berg. Stefan und ich warteten eine Viertelstunde an dem verabredeten Stand, aber Reinhard kam nicht. Handy gab's damals noch nicht, also würden wir den Abend ohne ihn verbringen müssen. Von unseren anderen Kummpels war niemand da, es drohte also langweilig zu werden. Aber da kam uns eine Idee: Wir würden eine Stunde Zigaretten schnorren gehen, und wer am meisten hatte, hatte gewonnen. Das war schon allein deswegen ein prima Plan, weil im Verhältnis zu unserem Taschengeld auch damals Rauchen nicht günstig war. Wer von uns beiden gewonnen hat, weiß ich nicht mehr, aber irgendwas zwischen 20 und 30 Zigaretten hatte jeder von uns geschnorrt. Mit so vielen kostenlosen Zigaretten in der Tasche haben wir uns dann noch ein oder zwei Bier geleistet, bevor wir wieder abzogen.

Es war am Ende der Sommerferien dieses Jahres; so weit ich weiß war es der Sommer, in dem Chris und ich uns an der Adria vergnügten, als eines Morgens mein Vater zu Beginn des Schuljahrs beim Frühstück die Zeitung aufschlug und nach ein paar Minuten mit den Worten "Oh, mein Gott" mir die Zeitung rüberreichte. Dort war von einem tödlichen Unfall die Rede mit zwei Jugendlichen, Reinhard und Stefan. Stefan erzählte mir später den genauen Hergang. Er war Reinhard besuchen, der irgendwann das Motorrad des Nachbarn " mal ausprobieren" wollte. Das war deswegen einfach, weil der Nachbar immer den Zündschlüssel stecken ließ. Gegen eine kleine Spritztour würde er schon nichts einzuwenden haben, dachte Reinhard, setzte sich auf das Motorrad und Stefan auf den Sozius. Reinhard hatte so gut wie keine Fahrerfahrung, aber traute sich alles zu. Das ging auch zehn Minuten gut, aber dann kam Reinhard in einer ziemlich flachen Kurve an den Randstein, geriet ins Schlingern, konnte die Maschine nicht mehr halten und krachte mit vielleicht 60 km/h gegen einen Zaun. Beide Jungs wurden in die Luft geschleudert, Reinhard Kopf voraus direkt gegen einen Betonpfosten, prallte ab und blieb auf der Straße liegen. Es war ein Samstag und wenig los. Einige Minuten später erwachte Stefan aus seiner Bewusstlosigkeit. Er war auf die Fahrbahn geflogen und hatte sich über mehrere Meter den Rücken aufgeschürft, aber das spürte er in dem Schock nicht. Einige Meter weiter lag Reinhard mit geöffnetem Schädel, durch den Stefan das blanke Gehirn sehen konnte. Er rannte zu einer Telefonzelle in der Nähe, rief den Notarzt an und bei Reinhard zu Hause. Sein Vater war am Telefon, und seine einzige Reaktion: "Für das Motorrad zahle ich nicht." Kaum im Krankenhaus starb Reinhard wenig später, gegen fünf Uhr.

Dazu gibt es einen seltsamen Zusammenhang. Am Tag, bevor ich davon erfuhr, war bei uns Badetag. Ich habe das Baden in der Badewanne immer sehr genossen, in aller Regel mit einem Buch. Neben dem kleinen Badezimmer - Duschen waren damals noch ungebäuchlich -, lag Vaters Arbeitszimmer. Dort gab es einen Schrank mit herausklappbarem Fach, was sein Schreibtisch war. Es war später Nachmittag, als ich meine Armbanduhr auf diese Klappe legte und ins Bad zurückging. Etwa eine Stunde Stunde später hatte ich mich wiedr angezogen und wollte meine Uhr anziehen. Aber da war der Minutenzeiger vom Stift unter dem Uhrglas abgesprungen. Der Stundenzeiger zeigte auf fünf Uhr. Das schien unerklärbar, denn die Uhr hatte ja unberührt eine Stunde dort gelegen. Am nächsten Morgen wurde das Unerklärliche auf einmal geheimnisvoll.

Die elfte Klasse

Noch immer war ich irgendwie von Uli traumatisiert. Mein Rachebedürfnis gegenüber allen Mädchen war unverbraucht. Ich fühlte mich quasi moralisch im Recht, den Mädchen zu zeigen, dass sie nichts wert waren. Uli hatte keine Rücksicht genommen, also brauchte ich auch keine Rücksicht zu nehmen. Was für eine einfache, billige Moral, aber ich hoffe, normal für dieses Alter.

Bernhard, einer meiner Klassenkameraden, der Sohn einer Brauerfamilie, hatte einen dunkelblauen VW-Käfer. Er muss also etwas älter gewesen sein als ich. Wir verstanden uns blendend. Er war Marxist und überzeugter Revolutionär. Irgendwann beschlossen wir, seinen VW in einen Liebeswagen umzufunktionieren. In unserer Vorstellung war das ganz einfach: Wir würden, weil das Auto damals eine Prestigesache war, Mädchen in Freistunden oder nach dem Unterricht, einladen zu einer Spritztour, idealerweise zwei Mädchen, damit er auf den Vordersitzen freie Hand hatte und ich auf den Hintersitzen. Das hat zwei- oder dreimal geklappt und war auch immer eine sehr stimulierende Mischung aus Scham und Erregung.

In diese Zeit fiel auch meine Beziehung mit Bananen-Evi. So nannte Lothar sie spöttisch, weil ihre Eltern ein Obst- und Gemüsegeschäft am Ziegeltor hatten. Kennengelernt hatte ich sie in einer Disko neben dem Wingertshofer Tor, wo wir uns schon bald körperlich sehr nahe kamen. Trotzdem ist mir diese Liebschaft in einer sehr zwiespältigen Erinnerung als eine Art Missbrauch. Evi, die eine absolut perfekte, schlanke Figur hatte und das auch gerne zeigte, war körperlich sehr leicht erregbar und hielt mein Begehren für einen Ausdruck von Liebe, was, so schmerzlich ich mir das eingestehen muss, von ihrer Seite auch der Fall war. Ich fand Bananen-Evi einfach scharf, und dass sie nicht besonders intelligent zu sein schien, erregte mich womöglich noch mehr. Aber das habe ich mir wohl nur eingebildet, um mich zu entlasten. Nachdem ich Schluss gemacht hatte, schrieb sie mir einen berührenden Liebesbrief, den ich als "Beweis meiner Schuld" lange aufgehoben habe. Irgendwie ging er verloren. Irgendwann im Sommer dieses Jahres waren ihre Eltern mal samstags und sonntags weg, das Haus stand leer und Evi lud mich nach Hause ein. Leider weiß ich nur mehr wenig davon. Es war wunderbar warm und wir zogen uns nackt aus und verbrachten Stunden mit Liebesspielen, fummelten, knutschten. Wie ich diese vielen Stunden wohl meinen Eltern verkauft habe? Vermutlich waren es die zwei erregendsten Tage meines Lebens. Ich weiß aber, dass wir nicht miteinander schliefen. Aber Petting war damals ja sehr in Mode, und was mich mehr erregte als alles andere, das war, ein Mädchen zu stimulieren und es die Kontrolle verlieren zu sehen vor Lust.

In jenem Sommer hatten wir auch Besuch von einer Schotting namens Heather, auf Deutsch Heidekraut. schon den Namen fand ich sexy, und Schottinnen hatten natürlich bei mir ein Stein im Brett. Ein Jugendlicher aus der Nachbarschaft, Heather, ich und meine Eltern waren im Bayerischen Wald wandern. Am Ende des Tages waren wir müde, es war fast dunkel, als wir endlich zurückfuhren, gute zwei Stunden, und Heather zwischen diesem anderen Jungen und mir. Unsere Hände waren, vom Dunklen im Wagen versteckt, überall an ihr und zwischendurch bebte ihr ganzer Körper. Unserer natürlich auch.

Aber allmählich begann ich zu begreifen, dass mein Türkeiabenteuer für die Katz war, wenn ich mich nun, wie die anderen, wie eine Marionette von meinen Wünschen und Begierden dirigieren ließ. Nicht umsonst gehörte der Song von Sandy Shaw zu meinen Lieblingsliedern: Like a Puppet on a String. Das Video von 1967 zeigt ganz gut die Atmosphäre, die damals herrschte.

Aber dann gab es auch zwei Songwriter, die ich als Befreier empfand und die mir unter die Haut gingen. Der eine war der Schotte Donovan Leitch. 1968, in meinem Türkeijahr, war er zusammen mit den Beatles nach Rishikesh in Indien gefahren und hatte dort Meditationskurse gemacht (was mich natürlich auf meinem Weg bestätigte). Zwei Songs von ihm haben mich augenblicklich durch ihre Zartheit begeistert: das Liebeslied "Jenifer Juniper" und "Catch the Wind". Ich kann mich bis heute erinnern, wie ich am Radio im Arbeitszimmer meines Vaters saß und zum ersten Mal bewusst "Jennifer, Juniper" erklingen hörte. Ich war hingerissen. Wer singt da, wer ist das!!! Ich hatte es bald herausgefunden. Aber als ich dann "Catch the Wind" höre, das von der Vergeblichkeit der Liebe singt, war ich hin und weg. In gewisser Weise war das inhaltlich meine Vorbereitung auf Leonard Cohen:

In the chilly hours and minutes
Of uncertainty, I want to be
In the warm hold of your loving mind

To feel you all around me
And to take your hand, along the sand
Ah, but I may as well try and catch the wind

When sundown pales the sky
I want to hide a while, behind your smile
And everywhere I'd look, your eyes I'd find

For me to love you now
Would be the sweetest thing
That would make me sing
Ah, but I may as well, try and catch the wind

When rain has hung the leaves with tears
I want you near, to kill my fears
To help me to leave all my blues behind

For standin' in your heart
Is where I want to be, and I long to be
Ah, but I may as well, try and catch the wind

Aber Donovan war nicht nur ein Poet. Berühmt wurde auch seine Interpretation von "Universal Soldier" 1965, als der Vietnamkrieg tobte

And he's fighting for Canada
He's fighting for France
He's fighting for the U.S.A
And he's fighting for the Russians
And he's fighting for Japan
And he thinks we'll put an end to war this way

And he's fighting for Democracy
He's fighting for the Reds
He says it's for the peace of all
He's the one who must decide
Who's to live and who's to die
And he never sees the writing on the wall

Und so wenig sich Deutschland heute mit Friedensinitiativen hervortut, sondern die USA in allen ihren kriegerischen Unternehmungen unterstützt, so wenig tat sie es auch im Vietnamkrieg. Wie immer stand dieses NATO-Land kritiklos zu den USA. Das änderte sich auch nicht, als das Massaker der US-Truppen von My Lai bekannt wurde.

Entschiedene Antikriegspositionen nahm hingegen mein zweites Idol ein: Bob Dylan. Seine Poesie verstand ich erst später. Anfangs ergriffen mich seine wilde Kombination aus Lyrik und Protest, so zum Beispiel in seiner Abrechnung mit den Profiteuren: Masters of War:

Like Judas of old
You lie and deceive
A world war can be won
You want me to believe
But I see through your eyes
And I see through your brain
Like I see through the water
That runs down my drain

How much do I know
To talk out of turn
You might say that I'm young
You might say I'm unlearned
But there's one thing I know
Though I'm younger than you
That even Jesus would never
Forgive what you do

Oder der Song, der die moralische Heuchelei der USA anklagte:

I learned to hate the Russians all through my whole life
If another war comes, it's them we must fight
To hate them and fear them, to run and to hide
And accept it all bravely with God on my side

But now we've got weapons of chemical dust
If fire them we're forced to, then fire them we must
One push of the button and they shot the world wide
And you never ask questions when God's on your side

Ich war also nicht allein mit meinem kritischen Blick auf die Gesellschaft, die mich zu formen versuchte. Es gab überall auf der Welt Widerstand. Er war nicht so mächtig wie die Propaganda der NATO - die natürlich auch den Vietnamkrieg rechtfertigte wie alle Kriege der USA in der Vergangenheit bis heute, aber es gab ihn.

Schon in "She is leaving home" hatte mich der Text angesprochen. Songs mit banalen Texten interessierten mich immer weniger. Kein Wunder also, ich zum Dylan-Fan wurde, genauer gesagt: zum Fan seiner Texte und seiner unabhängigen Haltung, die sich wenig um das scherte, was die Fans von ihm verlangten. Als im Herbst 1970 ein Sturm mit Windgeschwindigkeit bis zu 224 km/h Sturmwellen bis zu zehn Metern Höhe auslöste und Bangladesh verwüstete, beteiligte sich Dylan zusammen mit dem Beatle George Harrison am Concert for Bangladesh, das Ravi Shankar im Madison Square Garden in London im Sommer 1971 veranstaltete. Aufgrund des Bangladesh-Krieges waren an die zehn Millionen Flüchtlinge im Land unterwegs. Katastrophaler konnte die Situation kaum sein. Die 243.000 US-Dollar Einnahmen gingen an die UNICEF, die damit Hilfsgüter und Hilfeleistungen für Bangladesch bezahlte.

Zur gleichen Zeit begeisterte sich Deutschland für Schnulzen wie "Schön ist es auf der Welt zu sein" von Roy Black oder "Schöne Maid" von Tony Marshall: "Wir singen tra-la-la und tanzen hopsa-sa | Wir wollen fröhlich sein und uns des Lebens freuen." Am liebsten hätte ich ihnen diese musikalischen Falschheiten in die Kehle zurückgedrückt. Wenn's denn wenigstens echte Gefühle gewesen wären. Dass sich Bob Dylan zu dieser Zeit ebenfalls hauptsächlich mit Love Songs beschäftigte, hab ich ihm allerdings verziehen. Seinen Song "Lay, Lady Lay" hab ich bis heute in den Ohren. Liedzeilen wie diese waren freilich für Roy Black & Co. unerreichbar: "Whatever colors you have | In your mind | I'll show them to you | And you'll see them shine." Und was sagte Donovan zu all dem? "All is not as it would seem | Nothing ever remains the same | Change is life's characteristic | Bend and flow and play the game | Lose your chain.

Verliere deine Kette. Genau darum ging's. Um diese Zeit in etwa brachte Lothar eine LP nach Hause. Ich erinnere mich noch genau an diese Situation. Er kam kurz vor dem Mittagessen. Mutter hatte schon den Esszimmertisch gedeckt, als er hereinkam, den Deckel von unserem Dual-Plattenspieler hob und seinen "Fund" auf den Plattenteller legte. Mutter zeterte, das gehe jetzt nicht, sie wolle in Ruhe essen und nicht von dieser lauten Musik gestört werden. Aber Lothar in seiner stoischen Art sagte nur: "Wart's ab." Und dann erklangen die erste Töne: Like - a - bird - on - the - wire ... Like a drunk in some midnight choir |
I have tried in my way to be free | Like a worm on the hook | Like a knight bent down some old-fashioned book | It was the shape, the shape of our love twisted me. Mutter hörte erstaunt zu und meinte schließlich: "Das kann man ja wirklich mal anhören." Das war meine erste Begegnung mit Leonard Cohen. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich wirklich zu begreifen begann, was dieser Autor, Lyriker und Sänger uns schenkte. Immerhin gehörte und gehört er seit jenem denkwürdigen Mittagessen zu meinen Lieblingssängern.

In jene Zeit fiel auch ein Besuch bei meinem Onkel Josef in Thüringen, also in der damaligen DDR. Der Besuch war für meinen Vater nicht einfach; einerseits brauchte er als Beamter eine Erlaubnis des bayerischen Kultusministeriums (und musste anschließend Bericht erstatten über etwaige Annäherungen durch DDR-Geheimdienste), in der DDR musste er bei der Staatssicherheit vorsprechen und sich verhören lassen; er hätte auch auch ein Spion sein können.

Für mich waren drei Erlebnisse besonders eindrucksvoll: Zum einen der Grenzübertritt, der allgegenwärtige Stacheldraht und die einschüchternde Atmosphäre. Vater zeigte nach links und rechts und meinte, dort lägen überall Scharfschützen bereit, die auf uns schießen könnten, wenn wir uns falsch benehmen. Onkel Josef war ein kleiner Mann mit einer umso größeren Zigarre, die er in meiner Erinnerung kaum ausgehen ließ, so dass ständig dicker Zigarrenrauch im Wohnzimmer hing. Meine Cousins waren Volkmar und Dagmar. Volkmar war acht Jahre älter als ich, Dagmar sechs Jahre. Beide waren quasi schon Erwachsene, und Volkmar, wie mir Vater sagte, ein leidenschaftler Anhänger der SED, der maßgeblichen Partei der DDR. Wir waren etwa eine Woche da, während der ich auf der Straße Jungs und Mädchen in meinem Alter auf der Straße traf. Sie lachten über meine glockenförmig ausgestellten Jeans, im Westen der neuest Schrei und den Beatles abgeschaut. Sie fanden das einfach nur komisch, ich hingegen fand ihre röhrenförmigen, grauen oder braunen Stoffhosen totlangweilig und völlig veraltet. Auf dem Rückweg wies mich Vater noch auf die in die Straße eingebauten Barrieren hin, die hochgefahren werden konnten, so dass kein Auto sie überqueren konnte. Es sollte nämlich immer wieder Menschen geben, die aus der DDR flüchten wollten. Wieso und warum, verstand ich nicht und hat mich - leider - auch nicht besonders interessiert.

Klaudia

Klaudia war in meiner Klasse, wie Reinhard. Und sie war das Mädchen, das mir sofort auffiel. Sie war anders als die anderen (was auch heute auf sie zutrifft, denn wir sind immer noch in Verbindung). Zum einen lachte sie für ihr Leben gern, Lachen war quasi ihr Hobby. Eine andere Eigenschaft, die sie von anderen abhob und abhebt: Sie war ein unschuldiges Wesen, ein schwarzhaariger Engel, der sich versehntlich auf die Erde verirrt hatte, aber mit all den menschlichen Eigenschaften einer attraktiven jungen Frau. Nur ihr Gesicht fand ich immer eine Spur zu breit. Aus mir nicht ganz klaren Gründen passte ihr polnischer Akzent zu ihrer sprudeligen Wesensart.

Wie wir zusammenkamen, kann ich nicht mehr erinnern. Jedenfalls saß ich in der vorletzten Doppelbank in der Mittelreihe der Klasse und sie saß auf der Wandseite der Türreihe in der dritten Doppelbank von vorne neben Irene, die ich auch ziemlich sexy fand. Was uns trennte, waren vielleicht drei bis vier Meter. Wahrscheinlich gabe es in der Wand der rechten Klassenseite eine Delle, so oft habe ich dort hingeschaut. So weit ich mich erinnern kann, kamen wir in der zwölften Klasse zusammen und waren dann auch ein Herz und eine Seele. Klaudia war das erste Mädchen, mit dem ich schlief und ich vermutlich ihr erster Mann (aber darüber haben wir nie gesprochen). Jedenfalls war sie ziemlich leidenschaftlich und so gar nicht polnisch katholisch, ein wunderbares Mädchen.

Sie war einfach durch und durch natürlich. Meine Mutter hat sie sofort geliebt. Als sie dann mit einem großen Blumenstrauß für mich zu meinem (vermutlich) 18 Geburtstag zu uns kam, war Mutter ihr regelrecht verfallen, zumal sie ja auch aus ihrer Heimat kam, Schlesien. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht bei uns war oder ich bei ihr. Ihre Eltern arbeiteten als Fließbandarbeiter bei Siemens (allerdings bin ich mir da nicht mehr ganz sicher) und sprachen ein sehr polnisches Deutsch. Klaudias Vater hatte herausgefunden, dass ich Whisky mochte und hatte für mich immer einen Johnny Walker bereits stehen. Und bei den meisten meiner Besuche fragte er mich, nicht wissend, wie man die Marke ausspricht: "Boobi, magst du einen Jonnie Wallker?" Meistens mochte ich einen.

Die Mädchengeschichten waren irgendwie rum. Einmal hatte mir jemand erzählt, für Uli sei es bedrückend, mir zu begegnen, auch wenn's rein zufällig in der Stadt war, irgendwo auf der Straße. Ich würde sie dann anschauen, als ob sie ein Verbrechen begangen hätte. Das würde sie ganz fertig machen. "Mein Gott", dachte ich, die ganze Zeit läufst du rum wie der lebendige Vorwurf und hast keinen Augenblick dran gedacht, dass du ihr damit wehtust. Ich meiner Uli wehtun?! Ich hatte mich zwei Jahre ihr gegenüber als Schuft benommen. Das war falsch, und jeder weitere Tag würde es noch falscher machen. Interessanterweise waren damit meine Rachegefühle beendet.

Die Zeit mit Klaudia ist mir als glückliche Zeit in Erinnerung. Ich war wirklich, wirklich verliebt. Meine Eltern mochten sie, ihre Eltern mochten mich, die kleine, süße Schwester Antonia mochte mich auch, alles in Butter. Fast alles. Zwei Aspekte stört mich an unserer Freundschaft und führten nach zwei Jahren auch zu ihrem Ende. Der eine war Klaudias Verehrung, ihr Aufschauen zu mir. Ich empfand es immer so, als würde sie mich anhimmeln: Bobby, mein Heiland. Das störte mich sehr, aber es war quasi Teil ihrer Wahrnehmung. Wer wäre ich ohne sie gewesen? Aber ich wünschte mir eine Freundin, mit der ich auf Augenhöhe leben, reden, Sex haben konnte, keine Untergebene oder gar Dienerin. Hinzu kam, dass sie eifersüchtig war wie ein Wachhund. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen, aber ich habe es nun mal so empfunden. Und was ich empfand, erschien mir damals als wahr. Ich konnte mich mit keinem anderen Mädchen ernsthaft unterhalten, geschweige denn scherzen oder sogar flirten, ohne von Klaudia eine Szene zu bekommen.

Was das Abitur angeht, so weiß ich noch, dass mir die Mathematikaufgaben erstaunlich leicht vorkamen. Tatsächlich bekam ich eine Zwei. Der Wahnsinnslernaufwand hatte sich also gelohnt. Vielleicht hatte ich auch davon profitiert, dass ich Fritz, einem molligen Klassenkameraden, vorher quasi Mathe-Nachhilfe gab, damit er nicht durchrasselt. Wenn der Taube dem Blinden ... Beim Musikabitur, bei dem ich vorsingen und Cello vorspielen musste, bleibt die Erinnerung an die Scham für meine sehr mäßige Stimme, so dass mir die Drei, die ich dafür bekam, eher als unverdiente Streicheleinheit erschien. Cello vorzuspielen kam mir leicht vor, auch das eine bequeme Note. Deutsch wurde, glaube ich, eine Gedichtinterpretation. Gedichte zu interpretieren, war mir immer leicht gefallen. Wie auch immer: Mein Abi-Notenschnitt war eine 1,7 und ließ mich jubeln, denn der Numerus Clausus für Medizin lag bei 1,8.

Aber denkste! Weil damals die Abiturdurchschnittsnoten von Bundesland zu Bundesland stark schwankten, hatten sich die Kultusminister der Länder darauf geeinigt, einen bundesweiten Durchschnitt anzustreben. Länder, die unter dem bundesweiten Durchschnitt lagen, bekamen einen Bonus, solche, die drüber lagen, einen Malus. Der Abiturdurchschnitt in Bayern war 0,2 Punkte besser als der Durchschnitt, als verschlechterte sich jede bayerische Abiturnote um 0,2. Plötzlich hatte ich einen Schnitt von 1,9, was bedeutete: Ich musste ein Jahr warten, bevor ich Medizin studieren konnte.

Nach dem Abitur beschlossen Claudia und ich (also vorwiegend ich, und sie stimmte zu), gemeinsam nach Schottland zu fahren. Meine Mutter wollte das nur genehmigen, wenn eine dritte Person dabei war, quasi als informeller Aufpasser. Das war zwar in jeder Hinsicht Unsinn, denn der dicke Fritz, der unser Begleiter wurde, hatte alles andere im Sinn als uns zu überwachen. Diese Rolle war ihm eher peinlich.

Immerhin hatte er einen VW, mit dem wir fahren konnten, und das war ja auch wichtig. Geschafft haben wir's erst mal bis Amsterdam. Dort machte sein Auto schlapp. Ich weiß nicht mehr, welches wichtige Teil nicht mehr funktionierte, jedenfalls haben wir's mit Mühe bis dahin geschafft und dort den VW-Service angerufen. Unser Auto wurde abgeholt und es hieß, das Teil sei erst am nächsten Tag da und könne dann eingebaut werden. Aus heutiger Sicht unfassbar. Am Tag 1 hatten wir ein kaputtes Auto, und am Tag 2 sind wir mit dem reparierten Auto weitergefahren.

Die gemeinsamen Tage in Schottland, es dürften zwei Wochen gewesen sein, waren schön, aber in meiner Wahrnehmung wurde Klaudias Eifersucht immer unerträglicher. Zu Ende unserer Reise waren wir wieder in Gortansaig, bei Robert und seinen Eltern [die Farm gibt es heute nicht mehr. Wen's interessiert, kann unter Toward Moorings and Towage nachschauen]. Dort beschloss ich, ich müsste noch jetzt, in diesem Urlaub, Schluss mit ihr machen. Am liebsten hörten wir die feingliedrigen Song von Simon & Garfunkel (Bridge Over Troubled Water), aber auch Cat Stevens (The Hurt) und Neil Young (Time Fades Away):  Als das geschah, dieser Einbruch des Himmels, waren wir zu dritt, Klaudia, Fritz und ich, auf einem Spaziergang entlang von Loch Striven, an dessen Ufer die Farm lag. Auf der anderen, fernen Seite des Fjords lag ein hoher dunkler Berg. Es war ein sonniger Nachmittag, an dem die Berge besonders mächtig sind. Ich weiß noch, dass wir umgedreht hatten, um nicht zu weit laufen zu müssen, als ich Klaudia mitteilte, dass ich unsere Beziehung beenden würde. (Heute erscheint mit das ausgesprochen frevelhaft, denn ich hatte sie ja immer noch lieb.) Ich weiß auch noch, dass mir die kommenden Monate, in denen ich Amberg verlassen würde, dabei keine Rolle spielten. Ich konnte das alles einfach nicht mehr aushalten. Es dauerte eine Weile, bis Klaudia begriff, dass das jetzt keine Laune war, sondern blutiger Ernst. Sobald sie das verstanden hatte, begann sie zu heulen und zu schreien, dass sie das nicht aushalte, dass das einfach nicht sein dürfe und lief zum Ufer, um sich ins kalte Wasser zu stürzen. Ich sehe noch ihre schwarzen wilden Haare rund um ihr aus der Fassung geratenes Gesicht. Natürlich bin ich hinterhergelaufen und hab sie fest- und zurückgehalten. Wieder einmal kam ich mir wie ein Verbrecher vor. Aber gibt es Verbrechen aus Notwehr? Ich glaube schon, vielleicht ist das sogar die Regel.

Es versteht sich, dass die Heimreise nicht mehr besonders lustig war. Und doch gab es währenddessen eine für mich gar nicht mehr zuordenbare Situation, in der Klaudia und ich zusammen in einer Badewanne sitzen und unsere Körper uns vorschreiben, was zu geschehen hat. Es war eine schreckliche Vermengung von Lust, Abschied, Traurigkeit und schlechtem Gewissen.

Falls du dies eines Tages lesen solltest, liebste Claudia, dann wisse, dass ich immer um dich geweint habe. Was für Verbrechen man an einander begeht!

Der Führerschein

Erwachsen sein erschien mir zwischendurch identisch mit "einen Führerschein" haben. Obwohl damals Führerscheine (auch im Verhältnis) erheblich günstiger waren als heute, überforderten die Kosten meine Eltern. Also musste ich einen Teil beisteuern. Ich fand auch ziemlich schnell einen Job, der mir ziemlich cool vorkam. Er bestand darin, in Hirschau, einem kleinen Ort nördlich von Amberg, die Kataloge des Versandhauses Quelle aus Eisenbahnwaggons auf Lastwägen umzuladen. Dafür gab es einen ordentlichen Stundenlohn; bei schönem Wetter erschien mir das schon beinahe unverschämt einfach.

Nun, in der Praxis war es alles andere als das. Jeder Katalog wog ca. eineinhalb Kilo. Am Anfang war es ein Kinderspiel, zwei zu packen und auf die Lastwagenfläche zu werfen. Bei zehn Sekunden pro Arbeitsgang waren das sechs pro Minute und 360 pro Stunde. 1240 Kataloge später fühlte sich jeder Katalog wie 5 kg an, und die letzte Stunde erforderte jeder Arbeitsgang eine Überwindung. Aber immerhin hatte ich ein paar Hundert Mark verdient und dem Führerschein stand nichts mehr im Weg. Um Geld einzusparen, beschloss Vater, mir wenigstens die Grundlagen - Kuppeln, Gang einlegen, Gangbremse, Anfahren am Berg - vorab beizubringen - was dann auch auf abgelegenen Forststraßen geschah. Damals erschien mir das einfach nur eine tolle Herausforderung. Dass er, falls wir erwischt worden wären, als Beamter bestimmt Schwierigkeiten bekommen hätte, daran dachte ich nicht.

Nun, die Mühe lohnte sich. Den Führerschein zu machen, erschien mir einfach. Sogar das Einparken funktionierte problemlos (was es heute nicht immer tut). Und im Herbst 1972 wurde ich stolzer Inhaber eines damals grauen, offiziellen "Lappens" mit einem Passbild, auf dem ich ziemlich gestrahlt habe. Ich entsinne mich, meinem Vater kurz danach sein Auto unter einem Vorwand abgerungen zu haben. Tatsächlich ging es mir nur darum, mal alleine zu fahren. Also begab ich mich auf die B85 in Richtung Schwandorf. Auf der langen Talfahrt in Richtung Pittersberg gab ich Gas, Vollgas und schoss bergab - bis mir plötzlich bewusst wurde, dass egal, was jetzt geschah, zum Beispiel ein kleines Tier, das auf die Fahrbahn rannte, ich keine Kontrolle mehr über den Wagen haben würde. Ich erschrak vor meinem eigenen Geschwindigkeitsrausch, drehte bei der nächsten Gelegenheit und schlich behutsam nach Hause.

Die zwei Jahre vor dem Abitur waren eine Zeit, in der ich viel Bier getrunken habe (bevorzugt in Zwischenstunden auf der kleinen Terrasse einer Kneipe gleich neben der Schule, aber auch im Wingertshof, der heutige Taverne Zorbas), viel Flipper gespielt habe in einer Kneipe am Hang unterhalb der Schule und viele Stunde bei der roten Moni in der Buchhandlung in der Georgenstraße verbrachte. Moni, die damals wohl um die 30 Jahre alt war, war doppelt rot, erstens hatte sie naturrotes, als Bubikopf geschnittenes Haar, und zweitens war sie links und natürlich bei den Jusos. Damals waren Buchhandlungen vorwiegend Räume mit vielen Bücherregalen, gemütlich sitzen ließ sich da nicht, aber bei Moni im Büro ging das schon - wo ich auch rauchen durfte (wie sie auch) und mich, mit ihr politisierend, erwachsen fühlen konnte. Vor ein paar Jahren, als ich wegen einer Klassenfeier mal wieder in Amberg war, ist sie mir doch tatsächlich in einem Café über den Weg gelaufen bzw. über den Weg gesessen. Ich war mir nicht sicher, ob sie's war und hab sie angesprochen und tatsächlich: Sie war's und konnte sich, nach rund 40 Jahren, auch noch an mich erinnern.

Apropos Klassenfeier. Beim 50-jährigen Abitur-Jubiläum kam uns tatsächlich unser Physiklehrer Professor Dutz besuchen. Er war da 88 Jahre, hatte ein verbundenes Ohr und ging am Stock, aber noch immer selbstständig. Er ging von Person zu Person, drückte jedem die Hand und versuchte erst einmal, sich an den jeweiligen Namen zu erinnern. Meinen kannte er noch.

STEFAN

Meine Türkei-Wochen ganz allein mit mir und die vielen, vielen Gesprächs- und Philosophiestunden mit Moni bestätigten und verstärkten meine Zweifel an der Gesellschaft, in der ich würde leben und mich irgendwie bewähren müssen. Ich hatte in der Zwischenzeit begonnen, Gedichte zu schreiben, was mich aber wenig befriedigte. Donovan, die Beatles, die Hippiebewegung, die Studentenbewegung, Bob Dylan, die Anti-Vietnam-Bewegung, Georg Trakl, Gottfried Benn, Heinrich Böll, Max Frisch ... es gab so viele Denk- und Nachdenkanlässe - was aber nicht bedeutete, dass ich Trübsal geblasen hätte. Eher im Gegenteil. So mit 16 hatte ich endgültig das Bier für mich entdeckt. Es schmeckte mir und zwar zunehmend, je näher das Abitur rückte. Die Person, mit der ich Lebenslust, Lust auf Mädchen und Lust am Bier am besten verbinden konnte, war und blieb Stefan, insbesondere nachdem unser gemeinsamer Freund Reinhard tödlich verunglückt war.

War ein Jahr oder waren es zwei? Jedenfalls hatte ich schon mein Mofa und fuhr gegen Mitternacht zu Stefan. Möglich war das, indem ich, nachdem ich schlafen gegangen war, wach blieb und abwartete, bis meine Eltern grantiert eingeschlafen waren. Für meine nächtlichen Eskapaden musste ich mehrere Hindernisse überwinden: Das Schlafzimmer meiner Eltern lag wie mein Zimmer im ersten Stück und meine Mutter wachte beim leisesten Geräusch auf. Ich musste also unendlich langsam und leise die Treppe zur Küche hinunterschleichen. Meinen "Fluchtweg" hatte ich schon vorab präpariert, indem ich, nachdem die Eltern im Schlafzimmer verschwunden waren, nochmals in die Küche gegangen war, offiziell, um noch etwas zu trinken. Das ca. 60 Zentimeter hohe (also recht schmale) Küchenfenster öffnete ich schon mal und lehnte die Küchentür auf dem Rückweg in mein Zimmer nur an. War dann Mitternacht gekommen, schlich ich mich in die Küche, stieg auf die Küchenanrichte, schlüpfte durchs Küchenfenster nach draußen, zog von außen das Küchenfenster wieder zu und schob mein Mofa aus dem Schuppen und dann zwei Häuserreihen weiter, bevor ich es anließ. Bis zu Stefan waren es ca. 15 Minuten Fahrzeit. Aber auch zu ihm konnte ich um diese Zeit nur inoffiziell kommen. Ich konnte nicht in der Straße vor dem Haus seiner Eltern parken, denn vor dort gab es nur den Weg durch die Eingangstür, die nachts abgeschlossen war. Also stellte mein Mofa in einer Parallelstraße ab und durchquerte ca. drei Hausgärten - über Zäune setzend -, ehe ich vor Stefans Fenster anlangte. Stefans Zimmer lag in einem kleinen, flachen Anbau, so dass wir auch nachts noch Musik hören und ungestört reden - und philosophieren - konnten. Ich schätze, es gab fünf oder sechs solche "Ausflüge", die Mutter nie bemerkte. In einer dieser Nächte beschlossen wir auch, nach Wien zu trampen, um die österreichischen Mädels zu "vernaschen", von denen wir nur Gutes gehört hatten.

Also packten wir im August unsere Rucksäcke und Schlafsäcke, Geld würden wir kaum brauchen, und stellten uns an die Straße. Alles lief wie geschmiert. Stefan und ich verstanden uns ohne viel Worte. An einem Abend sah es sehr nach Regen aus und wir waren irgendwo auf einer Landstraße unterwegs. Der einzige, zuverlässig trockene Schlafplatz war der Betonsockel eines Pfeilers unter einer Autobahnbrücke. Es war die erste Nacht meines Lebens, in der ich nicht gut schlie und die verblüffende Feststellung machte, dass Beton härter ist als Stein. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in dieser Nacht wegen irgendeines Schmerzes aufwachte, aber oft genug, um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen. In einem österreichischen Kramerladen, wo wir ein paar Kleinigkeiten einkauften, entdeckten wir in einem abseitigen Regal ein kleines, hölzernes Halbliterfässchen Whisky, das um die 80 Mark kostete. Kaufen konnte wir uns das nicht. Also lenkte Stefan den Kramer ab und ich steckte das Fässchen flugs in meinen Rucksack. So ganz glücklich machte mich unser Raub nicht, denn es war ein kleiner Laden und vermutlich ein ziemlicher Schaden für den Mann. Aber die Reue kam zu spät (und sogar heute stellt sich noch ein ungutes Gefühl ein). Die letzten ca. 150 Kilometer auf der Autobahn bekamen wir einen tollen, aber auch gefährlichen Lift, einen Schweizer BMW, der die Strecke nach Wien in einer Stunde zurücklegen musste, weil er einen Termin hatte. Das Problem war nicht nur die Geschwindigkeit von annähernd 200 km/h, sondern seine Müdigkeit. Sie hatte ihn bewogen, uns mitzunehmen, damit wir ihn während des Fahrens wach hielten. Also setzte sich Stefan neben ihn labert ihn voll - das konnte er weit besser als ich. Trotzdem nickte der Mann zwischendurch am Steuer ein, so dass Stefan ihn regelmäßig rüde anrempeln musste, ein mehr mulmiges Gefühl.

Na, wir haben's überlebt und wanderten aufatmend und wohlgemut nach Wien hinein. Es war ein Samstagabend in den großen Ferien. Die Diskos, da waren wir uns sicher, würden überquellen von wunderschönen Mädchen, die alle auf uns warteten wie dürstende Landschaft auf den Sommerregen. Nur: Mit Rucksäcken in die Disko? Das war ein Problem. Wir mussten unsere Rücksäcke irgendwo an einem sicheren Ort ablegen. Nur wo? An Schließfächer dachten wir nicht; ich bin mir auch nicht sicher, ob es die damals schon gab. Uns kam eine viel bessere Idee: Wir betraten ein Hotel und erzählten der Dame am Empfang, man habe uns gesagt, dass es sich hier um ein vertrauenswürdiges Haus handle. Ob sie das so bestätigen könne? Aber selbstverständlich!, beteuerte sie eifrig nickend. Ja dann könnten wir vielleicht unbesorgt unsere Rucksäcke für ein paar Stunden hier lassen? Aber selbstverständlich!

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Straßen waren wohl deshalb so menschenleer, weil alle schon in der Disko waren? Wir klapperten zwei, drei Diskos ab, wo bestenfalls 20 bis 30 Leute in Totengräberstimmung zur Musik abhingen, die Tanzflächen waren leer. Hm, vielleicht war es noch nicht spät genug? In der letzten Disko bezahlten wir Eintritt, Geld für Hoffnung. Nach einer Stunde hatte sich an der langweiligen Atmosphäre nichts geändert. Als war's wohl nichts mit dem "Weiber-Aufreißen" für 16-Jährige Oberpfälzer in der Großstadt. Enttäuscht trotteten wir zum Hotel zurück und schulterten erneut unsere Rucksäcke. Wir würden uns eben ein gemütliches Plätzchen in einem Park suchen, unser Whiskyfässchen leeren und uns einen Joint genehmigen. Wir fanden einen ziemlich großen Stadtpark, schlugen uns dort in die Büsche und richteten uns auf einer Miniaturlichtung unseren Schlafplatz her: Wir klaubten Steine vom Boden auf und legten sie beiseite, rollten unsere Schlafsäcke aus, kramten Brot und rohen Schinken hervor und machten unser Fässchen bereit. Eben, als Stefan den Joint anzünden wollte, deutete er hinter mich und flüsterte: "Da ist einer." Tatsächlich kauerte eine menschliche Gestalt zwischen den Büschen und beobachtete uns. "Da ist ein Hase im Busch!", rief Stefan, "hau ab du Tier!" Er nahm ein paar Steine und warf sie nach dem "Tier". Das sprang auf und rannte davon. Na gut, dachten wir, der Spanner wird wohl nicht mehr wiederkommen. Aber kaum hatten wir uns entspannt, raschelte es im Gebüsch, nicht ein wenig, sondern ziemlich laut. Wir brauchten zehn, zwanzig Sekunden, bis wir die Quelle identifiziert hatten: Die Stadtgärtnerei sprengte den Park und das Rauschen rührte von Wasser her, das auf die Büsche regnete. Oh nein! In Windeseile packten wir unsere Sachen mehr schlecht als recht zusammen und flüchteten in die Gegenrichtung des Bewässerungsfahrzeugs.

Wir waren inzwischen zu genervt und zu müde, um noch nach einem guten Schlafplatz zu suchen und legten uns am erstbesten hin. Für den Joint war's nicht mehr gemütlich genug, aber ein Schlucke aus unserem Fässchen gönnten wir uns noch. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, stellten wir fest, dass wir uns direkt neben einem Fußweg durch den Park niedergelassen hatten, nicht weit von der nächsten Straße und einer Kirche. Das spielte deshalb eine Rolle, weil eine Menge Leute ein, zwei Meter von uns entfernt zum Frühgottesdienst gingen und uns stirnrunzelnd beäugten. Also packten wir erneute zusammen, hockten uns auf eine Parkbank und machten "Lagebesprechung". Offenbar war die Stadt im Sommer von Mädchen leergefegt. Was sollten wir hier noch? Stefan hatte eine Idee: Er hatte letztes Jahr mit seinen Eltern Urlaub am Bodensee gemacht. Da gab es mehr Mädchen auf dem Campingplatz als Forellen in einem Fischteich. Also auf zum Bodensee, etwas über 600 Kilometer. Zeit hatten wir. Wir fanden eine große Tankstelle am Westende der Stadt und fanden dort ziemlich schnell einen Fernfahrer, der uns ein paar hundert Kilometer mitnahm und wilde Storys erzählte. Tamperinnen, die bei ihm einstiegen, wüssten in der Regel, womit bezahlen mussten. Und alle anderen würde er wieder auf die Straße stellen. Uns mitzunehmen war eine großzügige Ausnahme ohne Fernfahrer-Vergnügen.

Wie der Ort hieß, wo wir unser Lager aufschlugen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls fand Stefan die Campingplatz unserer Wünsche. Der hatte zusätzlich zu einem tatsächlichen Mädchenüberschuss den Vorteil, dass wir in einer alten, aufgelassenen Fischerhütte im Schilf ganz in der Nähe trocken und zuverlässig übernachen und von dort aus zum Ufer des Campingplatzes schwimmen konnten, ohne Eintritt zu bezahlen. Unser Whiskyfässchen war bald leer, aber Stefan hatte ein paar "Gramm" Hash dabei, die wir, am Hütteneingang auf den nächtlichen See schauend, genüsslich "verzehrten". Tagsüber baggerten wir Mädchen an und hatten auch bald ein Dauer-Opfer gefunden: eine ganz süße, norddeutsche, Hochdeutsch sprechende Blondine, vielleicht ein, zwei Jahre jünger als wir, aber schon angenehm kurvenreich in ihrem Blümchen-Bikini. Schon sie anzuschauen machte uns ganz wild, aber es blieb nicht beim Anschauen. Sie war so nett und schwamm mit uns auf eine kleine Holzplattform auf dem See, vielleicht 50 Meter vom Strand entfernt, damit wir uns dort - in aller Ruhe und und unbelästigt von Erwachsenen - sonnen konnten. Dazu gehörte natürlich das Einreiben mit Sonnencreme. Es war wirklich erstaunlich, was für eine trockene Haut das Mädchen hatte, da mussten wir unbedingt und regelmäßig abhelfen auf ihrer Rück- und Vorderseite. Der Bikini blieb zwar an, aber wurde doch ziemlich ölig. Bei dieser köstlichen Fummelei zog Stefan vom Leder. Wir seien Brüder, erzählte er, unsere Eltern würden auf der anderen Seeseite wohnen, wohin wir abends zurückschwämmen. Die Möwen, die überall zu sehen waren, würden unserem Vater gehören und abends ebenfalls, ganz wie Tauben, in ihren Verschlag zurückkehren. Ob sie sich noch nicht gewundert habe, wohin all die Möwen über Nacht verwänden? Die Möwen seien ein ganz großes Geschäft, denn Vater würde sie an die Bodenseeverwaltung vermieten, weil der See mit Möwen einfach viel romantischer wäre. Sie war von unseren Geschichten, unserer bayerischen Deftigkeit - und der Zärtlichkeit unserer Hände - ganz beeindruckt. Als zweieiige Zwillinge, erzählt wir, würden wir alles fair miteinander teilen. Das ging aber leider nur zwei, drei Tage so, bis ihr Vater angeschwommen kam und sie bedrohlich schimpfend "abholte".

Sinnsuche

Aber was war der Sinn des Lebens? Ganz sicher lag er nicht darin, zu werden wie alle anderen. Die Ausläufer der 68-er Bewegung hatten mich natürlich gestreift, dazu kamen die politischen Gespräche mit Moni. Vielleicht konnte ich ja im politischen Feld den Sinn entdecken? Der einzige, naheliegende Zugang bestand in meinem katholischen Umfeld. Mein ehemaliger KJG-Gruppenführer war Mitglied der Jungen Union, der Jugendorganisation der CSU. Also ging ich erst einmal dorthin. Nach wenigen Monaten war dieser Test abgeschlossen. Hier ging es hauptsächlich um Profilierungswünsche und Autoritätsgläubigkeit; wenn jemand dachte, dann im Sinn von besser wissen, aber nicht im Sinn von wissen wollen, dazulernen, seinen Horizont erweitern wollen. Die Gruppe fühlte sich an wie Fische, die eine Staustufe überwinden wollen, um seine Vitamin-B-Möglichkeiten ausbauen und endlich in der Partei Karriere machen zu können. Es war eine Ansammlung von jungen Leuten, die im System etwas werden wollten. Hier galt es, so stromlinienförmig zu denken und sich zu verhalten, wie nur irgend möglich. Hier war nicht die Heimat von Bob Dylan, sondern von Roy Black.

Moni machte mir Mut, es mit den Jusos zu versuchen. Die seien viel progressiver. Ein Stück desillusioniert trat ich also den Jusos bei (der Jugendorganisation der SPD). Die freuten sich über jeden Neuzugang, denn in Amberg gab es nur einen SPD-Stadtrat, der Rest war CSU. Folglich wurde ich sehr freundlich behandelt. Doch letzten Endes war die Stimmung und die Geisteswelt dasselbe in Rot. Ob man sich nun ein CSU- oder ein SPD-Mäntelchen umhängte, schien mir egal. Der Hauptunterschied bestand darin, dass die Jusos sich ein wenig wie die Elite fühlten, als die Linken, die Sozis. Als Sozialisten hätten sie sich selbstverständlich nie bezeichnet, "Sozialist" war in ihren Kreisen ebenso ein Schimpfwort wie in der CSU. Wer sozialistisch dachte oder fühlte, konnte "gleich nach drüben gehen", sprich in die DDR. Noch schlimmer waren nur noch die Kommunisten. 

Vermutlich hörte ich in diesem Zusammenhang überhaupt zum ersten mal vom Kommunismus. Alles, was ich darüber erfuhr, klang eigentlich ganz gut: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen; Abschaffung der Klassengesellschaft; Gemeinbesitz von Fabriken, Land und Rohstoffen - das klang doch gut. Ich verstand gar nicht, wie man dagegen sein konnte. Wenn ich Vater gegenüber solche ketzerischen Gedanken äußerte, so hörte er mir durchaus zu, meinte dann aber, das seien jugendliche Ideale, die sich unmöglich realisieren ließen. Da brauche man nur in die DDR schauen, die würden jeden Tag beweisen, dass es nicht funktioniert. 

Die letzten zwei Schuljahre bis zum Abi hatte sich mit dem Englischlehrer der Parallelklasse eine ganz besondere Freundschaft angebahnt. Kennengelernt hatten ich ihn im Freibad, wo er regelmäßig mit seiner Freundin so manchen Nachmittag verbrachte. Die Decke der beiden war immer von älteren Schülern belagert, zu denen schon bald ich gehörte. Für die Belagerung gab es mehrere Gründe. Klaus, so hieß er, war links. Wir konnten ihn mit Du ansprechen, er sympathisierte mir der IRA, der Irish Republican Army, die gegen die englischen Kolonialisten kämpfte und selbstverständlich verurteilte er die Vietnamkrieg. Klaus hatte eine so große Decke, dass mehrere von uns darauf Platz hatten, ohne im Gras sitzen zu müssen. Dass dabei zu "ungewollten" Berührungen mit seiner ultrascharfen Freundin kam, ließ sich quasi nicht verhindern.

An manchen dieser Sommertage setzten wir unsere "Party" in Klaus' Wohnung fort, natürlich nur auf seine Einladung hin. Dann zogen ein paar Jungs und Mädels (ja, die gab es auch) zu ihm in die Wohnung, wo er Platten auflegte, während seine Freundin gigantische Mengen Spaghetti Bolognese kochte. 17-jährige können nach einem halben Tag im Schwimmbad eine Menge Nudeln futtern! Oft gab es dazu auch billigen Rotwein, denn Klaus trank lieber Wein als Bier. An einem dieser Abend beschlossen wir mitten in dere Nacht alle zusammen, im Haidweiher nackt baden zu gehen. Der kleine See lag kurz vor Amberg in einer Senke, nicht weiter als 100 Meter von der Straße entfernt, und man konnte mit dem Auto bis ans Ufer fahren. Mit welchem Auto? Mit Klaus' Auto natürlich. Ich weiß nicht, wie wir da alle reingepasst haben, aber zu acht waren wir mindestens, Klaus' Freundin inklusive. Am Ufer zogen wir uns aus und liefen in den Weiher, der an den meisten Stellen nicht tiefer als 1,50 m ist. Ich sehe noch die weißen, nackten Körper vor mir. Alles in allem war das kaum erotisch, trotz Klaus Freundin, sondern hauptsächlich lustig. Wir bewarfen uns gegenseitig mit Schlamm, der dann natürlich wieder abgewaschen werden musste, gegenseitig, wenn möglich. Ob Klaus auch bei dieser Schlammschlacht mitmachte, weiß ich nicht mehr.

Schon bald stellte sich heraus, dass wir beide, Klaus und ich, besonders gut miteinander konnten. Schon bald entwickelte er sich zu DEM Gesprächspartner meiner Jugendjahre. Oft besuchte ich ihn abends und wir philosophierten miteinander, wobei ich natürlich überwiegend von ihm lernte. Immer und immer wieder ging es um den Sinn des Lebens. Ich hatte ja schon eine "große" Erfahrung hinter mir,  und Klaus war der letzte, der meine "Flucht" in Frage stellte. Im Gegenteil fand er, ich müsse die Radikalität meines Handelns durch radikale Gedanken ergänzen. Irgendwann lehrte er mich: Überall und von allen Seiten wird dir vorgekaut, was du denken und fühlen sollst, was richtig und was falsch ist. Wie kannst du da noch zwischen dir und den anderen unterscheiden. Du kannst nur vermeiden, zum Einheitsbrei zu werden, indem du erst einmal alles, woran du glaubst und was du für richtig hältst, niederreißt. Und dann kannst du beginnen, das aufzubauen, wir dir wirklich wichtig ist. Dir, und nicht irgendjemand sonst. Eine unvergessliche Lekton.

DIE MUSTERUNG

Als der Musterungsbescheid eintraf und der Militärdienst drohte, erinnerte ich mich an diesen wunderbaren Oberarzt in München. Seine Telefonnummer hatte ich mir aufgehoben. Ich rief ihn an und gab Alarm. "Keine Sorge", sagte er, "ich regle das." Ein paar Minuten später hatte ich einen Termin in der Polyklinik. Dort schleuste man mich durch allerlei neue Tests (inzwischen war ich schon abgebrühter) und entließ mich mit einem Zeugnis, das - mit Unterschrift mehrerer Professoren - bestätigte, dass ich wehruntauglich sei und bei einem Fußmarsch mit Marschausrüstung die Gefahr bestehe, dass mir schon nach einem halben Kilometer der Fuß durchbricht.

Ich hatte nicht verweigert, weil ich davon ausging, dass das Münchner Attest ausreichen würde, mich vom Militärdienst zu befreien. Aber wissen konnte man ja nie. Wir waren mehrere Jungs, die nach Weiden zur Musterung fahren mussten. Unser Termin war am späten Vormittag. Am Morgen hatten wir uns in einer Amberger Kneipe verabredet, um unseren Kreislauf mittels Schnaps und Bier durcheinanderzubringen. Ich hatte vorher noch ein paar Schlaftabletten meiner Mutter geschluckt in der Hoffnung, dass ich dann vielleicht zusammenklappen würde oder ähnliches. Ungefähr zwei Stunden haben wir getrunken und Schafkopf gespielt, ein in Bayern sehr beliebtes Kartenspiel. Ich war da immer ein beliebter Mitspieler, weil es mir völlig egal war, ob ich verlor oder nicht,  und deshalb auch meistens verloren habe.

Im Zug spielten wir weiter, bester Stimmung übrigens, und waren eine halbe Stunde später in Weiden und wenig später beim Kreiswehrersatzamt. Wir ließen die üblichen, entwürdigenden Untersuchungen über uns ergeben, ich musste mich nach vorne beugen und ein Arzt fuhr mir mit dem Finger in den Hintern, Seh- und Hörtests wurden gemacht, der Blutdruck wurde gemessen, Blut- und Urinproben waren fällig. Ich hatte eine Nadel mitgenommen, mit der ich mir in den Finger stach, um ein bisschen Blut in den Urin zu mischen. Aber es halb alles nichts, alles war mit mir in Ordnung. Alle meine Vorbereitungen hatten nichts geholfen. Aber dann zückte ich meinen Trumpf und überreichte das Münchener Attest. Dann saßen wir lange herum und warteten wie Delinquenten auf das Ergebnis unserer Wehr-Tauglichkeit. Es gab vier Stufen: tauglich, eingeschränkt tauglich, vorübergehend untauglich und dauernd untauglich.

Schließlich wurde ich vor die Prüfungskommission gerufen, drei Männer und eine Frau, soweit ich mich erinnere. Sie saßen hinter Tischen, die irgendwie wie die Schulbänke in Altenschwand aussahen, ich stand ca. zwei Meter vor ihnen. Zum Platznehmen wurde ich nicht aufgefordert. Sie sahen mich mitleidig an, dann räusperte sich einer uns sagte: "Tja, Herr Langer, wir müssen Ihnen eine enttäuschend Mitteilung machen. Wir haben das Attest der Münchener Kollegen studiert und sind übereinstimmend der Meinung, dass Sie für den Wehrdienst dauerhaft untauglich sind. Wir hoffen, Sie können damit leben?" Ich habe natürlich versucht, die Wogen der Glücksgefühle, die über mich schwappten, zu verbergen, nickte traurig und sagte: "Ja, das ist bitter." "Wir wünschen Ihnen viel Glück für Ihr weiteres Leben. Auf Wiedersehen."

Ja, auf nimmer Wiedersehen!

DIE GROSSE FREIHEIT

In meiner Erinnerung geraten zwei Zeiten durcheinander: Schottland mit Claudia und Fritz und Portugal mit Lothar. Beide hingen mit der Zeit nach dem Abi zusammen, als ich, abgesehen von der Studien-Immatrikulation hatte ich jetzt wochenlang Zeit und keine Pflichten. Was Lothar damals machte bzw. nicht machte, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war auch er ziemlich flexibel. Nach einige Überlegung fiel unsere Wahl auf die Algarve, wohin wir mit Lothars VW fahren würden, eine Riesenstrecke, und danach quer durch Spanien nach Granada. Die Algarve musste traumhaft schön und zum Baden perfekt sein, Die Alhambra in Granada war wohl eine Krönung menschlicher Baukunst. Beide Erwartungen gingen zu 100 Prozent in Erfüllung, so viel kann ich schon vorab sagen.

Das Einzige, was im Weg stand, war das fehlende Geld. Also bewarb ich mich bei Siemens für einen Fließbandjob; soweit ich mich erinnere, für drei Wochen, und zwar alle vier Schichten. Also durfte ich mal ein Schicksal kennenlernen, zum dem viele Menschen ihr Leben lang verurteilt sind. Tatsächlich stand ich dann nicht am Fließband, sondern bekam eine Akkordarbeit verpasst (je schneller du bist, desto mehr verdienst du). Was es genau war, weiß ich nicht mehr, aber die ganze Sache lief so ab: rechts von mir stand auf dem Boden ein eckiger Kunststoff-Korb mit den unbearbeiteten, kleinen Elektromotoren, vor mir stand die etwa einen halben Meter hohe, schlanke Maschine auf einem Werktisch. Links von der Maschine war eine Kiste mit den auf- oder einzuschweißenden Teilen; links von mir auf dem Boden stand ein Korb für die fertigen Teile. Die ganze Arbeit so so aus: (1) mit der rechten Hand aus dem rechten Korb einen kleinen Motor fischen und ihn (2) in die Maschine vor mir einspannen, dann mit der linken Hand der Kiste links vor mir das neue Teil entnehmen (3) und auf den Motor legen (4), mit der rechten Hand einen Hebel bedienen (5), so dass sich die Maschine schnell auf die beiden Teile senkte und sie zischend verschweißte. Dann mit der Rechten den Hebel wieder lösen (6), das fertige Teil ausspannen (7) und mit der Linken in den Korb links von mir legen (8). Das waren immerhin acht Teilschritte, geradezu anspruchsvoll. 150 Teile pro Stunde war das Soll. Arbeitete ich weniger, sank mein Stundenlohn, arbeitete ich mehr, bekam ich mehr. Statt mich über die öde Arbeit zu ärgern, hatte ich beschlossen, das Ganze als Herausforderung anzunehmen. Soweit ich weiß, schaffte ich in den letzten Tagen ca.180 Teile und kam auf einen ganz ordentlichen Lohn, so dass genug, ja beinahe schon üppig Geld für meinen Teil der großen Fahrt zur Verfügung stand.

Geplant waren vier Wochen, davon zwei Tage hin und zwei Tage zurück. Opa Mählert gab uns noch ein zusätzliches Taschengeld, obwohl der unserer Reise für überflüssig und gefährlich hielt. Lang war sie auf jeden Fall, ca. 2.700 Kilometer. Aber für uns bedeutete es: 2700 Genussminuten, denn Lothar fuhr leidenschaftlich gerne Auto und ich war so kurz nach dem Führerschein auch begierig darauf, mich hinters Steuer zu klemmen. Damals gab es noch keine zusammehängende Autobahn, sondern nur Teilstücke, insbesondere durch die Schweiz. Die fanden wir eher ermüdend; aber wenn es dann kurvenreich durch die Berge ging, da begann der Spaß. Und Lothar fuhr, wie wir damals sagten, "wie der Henker". Da er Formel-1-Fan war, betrachtete er unser Auto als eine Art Testfahrzeug für sein fahrerischen Können, so dass ich öfters schwer schlucken musste. Aber dann war ja auch ich wieder dran und versuchte, es ihm nachzumachen. Insbesondere das Powerslide beherrschte ich noch nicht so gut, also das gezielt herbeigeführte Schleudern in der Kurve, das man durch Gegenlenken zu kontrollieren hatte. Das versuchte ich nicht nur auf ebener Strecke, sondern auch in den spanischen Bergen, so dass auch mein Bruderherz gelegentlich blass wurde. Trotzdem gab es in meiner Erinnerung keine echte Gefahrensituation, jedenfalls nicht aus meinem Blickwinkel. In Spanien gab es lange, über Kilometer schnurgerade Landstraßen, bei denen man den Gegenverkehr weit voraus einkalkulieren konnte. Warum es trotzdem immer wieder lange Schlangen hinter irgendwelchen Lkws gab, verstanden wir nicht und überholten wie die Wilden. Lothar hatte mir beigebracht, dass man im Zweifelsfall nur den Blinker setzen braucht und sich in jede Schlange reinquetschen kann, falls nötig. Einmal war das bei mir sehr nötig. Dummerweise saß in dem Auto, vor das ich mich zwängen musste, eine ängstliche Frau am Steuer, die, statt auf die Bremse zu gehen, in den rechten Straßengraben fuhr. Erschrocken sind war da schon ein wenig, aber wenige Sekunden später war der Gegenverkehr durch, ich setzte neu an und war schon an dem Lkw vorbei, bevor ich noch überlegen konnte, ob ich nicht vielleicht hätte stehenbleiben sollen. Aber die Vorstellung eines unverständlichen Palavers in einem fremden Land, möglicherweise auch noch mit Polizei, belehrte uns schnell eines Besseren. Kurz danach überholten uns zwei Spanier. Statt der befürchteten Verfluchungen winkten sie uns lachend - mit Daumen nach oben - zu und weg waren sie.

Na, irgendwann waren wir in Lagos, wo die Portugiesischen Seefahrer ausgebildet wurden, und in Sagres, wo am Cabo de São Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas, sich neben einer Festung der stärkste Leuchtturm Europas über einem steil abfallenden Kliff befindet. Es war 1973, eine Jahr vor der Nelkenrevolution, die das Ende der Diktatur einläutete und von der wir nichts mitbekamen. Heute ist die Algarve eines DER touristischen Highlights Portugals, damals war es ein Geheimtipp für Individualisten und Aussteiger. Das Touristen-Dasein kannten wir bislang ja nur von der italienischen Adria. Hier fühlte sich alles anders an. Die Restaurants bzw. Bars waren vorwiegend von Einheimischen besucht, und überall gab es Fisch, Fisch, Fisch, was wir sehr genossen und uns häufig leisten konnten, denn die Preise waren mehr als günstig. Da sich hier schon die Wasser von Mittelmeer und Atlantik mischten, konnte es draußen so heiß sein, wie es wollte, das Schwimmen war immer bei vielleicht 18 bis 20 Grad, erst einmal ein kurzes Brrrr, dann der Genuss pur.

Eines Tages wollten wir uns einen besonderen Teil der Steilküsten ordwestlich von uns ansehen. Lothar hatte auf der Landkarte eine tolle, kleine Bucht ausgemacht, wo wir ein paar Stunden verbringen wollten mit Schwimmen und Lesen. Das Wichtigste hatten wir dabei: Tabak zum Zigarettendrehen und zwei Bände vom "Herrn der Ringe" einen für Lothar und einen für mich. Nach ein bisschen Suchen auf einer ungeteerten Straße fanden wir unser Ziel. Wir stellten das Auto ab und machten uns mit Sandalen und in der Badehose auf den Weg nach unten, ein Pfad, der sich über vielleicht 300 Meter zwischen den seitlich aufragenden Felsen zum Ufer hinunter schlängelte. Was für eine Enttäuschung: Wir waren nicht allein. Nicht viele Sonnenhungrige waren gekommen, aber drei, vier Pärchen hatten es sich auf Decken gemütlich gemacht.

Weil wir allein sein und nackt schwimmen wollten, beschlossen wir, nach links über die zum Wasser abfallende Felskante zu klettern, weil auf der anderen Seite sicher noch ein paar kleinere Strände sein würden. Von der Gischt waren die Felsen glatt und rutschig, aber wir wollten ja nicht viel Zeit mit der Kletterei verbringen und kletterten behutsam mit Tendenz nach oben, jeder von uns mit einem Buch in einer Hand und dem Tabak im Badehosenbund. Wir hatten vielleicht eine Höhe von sechs Metern erreicht, als wir "um die Ecke" schauen konnten. Was wie eine Kante ausgesehen hatte, war keine, jedenfalls noch nicht, vielleicht nach zehn weiteren Metern, vorerst aber nur mehr Fels. Die ganze Kletterei machte langsam keinen Spaß mehr, und schon gar nicht, als wir schließlich ein grades Stück Küste erreicht hatten und sich die Felswand ein paar Hundert Meter vor uns erstreckte - ohne eine weitere Bucht. Stattdessen, waren der Felswand kleine, vielleicht zwei, drei Meter hohe Felsen vorgelagert, überdimensionale schwarze Zacken, die sich ins Wasser hinein erstreckten. Wir waren inzwischen vielleicht 15 Meter hoch. Jetzt war "Kriegsrat" angesagt. Schnell war uns klar: Zurückklettern war zu gefährlich. Nach oben war's viel einfacher, zumal der Fels jetzt trocken war und gar nicht so senkrecht, wie er aus der Ferne gewirkt hatte  zwischen 70 und 80 Grad, und viele Griffe zu Festhalten bot. Also lieber hochklettern bis zum Rand der Steilwand, wir waren ja nicht in Eile. Wie viele Höhenmeter wir in der Wand überwinden mussten, war schwer zu schätzen, 60, 80 100? Also machten wir uns auf den "steinigen" Weg, Lothar kletterte voraus und erkundete die besten Tritte und Griffe, ich unter seiner Anleitung hinterher. Was wir unterschätzt hatten, war die Tageszeit. Inzwischen war es Mittag geworden und kletterten in der prallen, portugiesischen Sonne, mindestens 50 Grad. Wasser hatten wir keins mitgenommen. Tabak war wichtiger gewesen. Auf einem kleinen Felsplateau in der Größe eines Drei-Mann-Zeltes machten wir Rast, um eine zu rauchen. Gut die Hälfte war geschafft, wir waren guter Dinge, auch wenn der Mund und die Lippen inzwischen so trocken waren, dass die Zigarette nicht mehr schmeckte.

Also weiter. Auf 70, 80 Metern Höhe war die Wand zwar noch immer steil, aber sie flachte ein wenig ab, erste karge Büsche kralltens ich in den Fels und erleichterten uns das Vorwärtskommen. Das in der Falllinie zu anstrengend war, kletterten wir im Zickzack. Auf dem Weg nach rechts erreichten wir eine vielleicht drei Meter breite Geröllrinne. Die meisten Steine darin waren faustgroß oder ein wenig größer, manche aber auch mit einem Durchmesser von ca. 30, 40 Zentimetern. Da drüber zu gehen, erschien mir wirklich gefährlich; andererseits wirkte der "Weg" auf der anderen Seite der Rinne leicht zu bewältigen. Lothar meinte, wenn er sich auf dem Rücken liegend übers Geröll bewegte, müsste das sicher sein. Also gut. Er gab mir Buch und Tabak, legte sich auf den Rücken und bewegte sich, die pralle Sonne auf sich, zentimeterweise hinüber. Das ging auch gut, bis er etwa zwei Meter hinter sich gebracht hatte und das Geröll plötzlich unter ihm zu rutschen begann. Unser Schrecken konnte kaum größer sein. "Leg dich hin! Beweg dich nicht!", schrie ich, während er stumm und in Todesangst langsam, langsam auf eine Kante zurutsche, nach der es senkrecht nach unten ging, wo die schwarzen Klippen auf ihn warteten. und ihn aufspießen würden. "Oh mein Gott!", rasten meine Gedanken. Ich stand zwei Meter von ihm entfernt und konnte nichts tun. Ich würde dort hinunter müssen, würde meinen zerschmetterten Bruder ansehen müssen, würde die Überführung der Leichenteile organisieren müssen ... Da kam das Geröll ins Stocken und blieb stehen. "Rüh dich nicht! Keine einzige verdammte Bewegung!" "Und jetzt?", rief er zurück. "Ich kletterte an der Rinne nach oben, suche nach einem Stock in den Büschen und komm auf der anderen Seite zurück. Dann kannst du dich an dem Stock festhalten und ich zieh dich raus!"

Die nächsten Höhenmeter an der Rinne entlang bin ich schier "geflogen". Tatsächlich fand ich einen kräftigen Stock und die Rinne verjüngte sich weiter oben so sehr, dass ich problemlos übersetzen und zu Lothar zurückklettern konnte. Der Rest war dann einfach. Sobald Lothar den Stocken zu fassen bekommen hatte, war er eine Minute später bei mir. Aber der Schreck saß ihm natürlich noch in den Knochen, so dass der kleine Bruder jetzt vorklettern musste. Das Adrenalin verlieh uns jetzt neue Kräfte und wir kamen gut vorwärte, höchstens noch zwanzig Meter, als sich uns eine überhängende Felsnase in den Weg stellte. Die hochzuklettern war unmöglich, wir mussten sie unterqueren und uns dafür zwei, drei Meter runterlassen. Das war nicht schwierig, aber steil, sollte also gut machbar sein. Diesmal reichte ich Lothar das Buch, hielt mich an einem Steinzacken fest und suchte mit den Füßen nach dem ersten Tritt nach unten. Bevor ich den noch gefunden hatte, löste sich das Feststück, an dem ich mich festgeklammert hatte, und für eine halbe Sekunde hing ich frei in der Luft, 80 Meter Felswand und die Klippen unter mir. Aber ehe ich zu stürzen begann, reichten mir meine Schutzengel ein anderes Felsstück und verhinderten meinen Sturz. Danach lief alles wie am Schnürchen. Lothar warf mir die Bücher zu, ich dirigierte seine Füße. Sobald wir die Felsnase hinter uns gebracht hatte, sahen wir schon den Rand der Felswand vor uns und die dort wachsende Macchia. Zehn Minuten später waren wir oben und wusste definitiv, was Durst bedeutete. Die Sonne war noch heißer geworden. Zum Glück war das Gebüsch nicht allzu eng und wenig stachelig gewachsen, so dass wir Äste beiseite wischend auf ein kleines Steinhaus zuhalten konnten, das vielleicht 200 Meter vor uns lag.Was für ein Glück, es war eine kleine Armee-Station. Die Soldaten hatten uns schon kommen sehen und traten und neugierig entgegen. Wie gut, dass Wasser auch auf Porugiesisch áqua heißt, denn das war es, was wir ihnen stöhnend mitteilten, woraufhin sie uns einen Krug kühles Wasser brachten. Die Fragen, die sie uns stellten, konnten wir nicht beantworten, weil wir sie ja nicht einmal verstanden. Der Fahrweg zur Armeestation führte zu der Straße, auf der wir gekommen waren, und wenig später hatten wir unser Auto erreicht. Mit Baden war es nichts mehr an diesem Tag.

Tatsächlich verbrauchten wir weniger Geld als erwartet. Wo wir übernachteten, weiß ich nicht mehr. Die klare See, die guten Menschen, das erfrischende Wasser, die Tolkien-Lektüre und das köstliche Essen verschmolzen in der Erinnerung zu elbisch leichten Wochen, einer Lothlórien-Erfahrung. Schließlich schlug Lothar vor, die Südküste entlang nach Spanien und immer weiter nach Granada zu fahren. Die Alhambra, von der ich noch nie gehört hatte, erzählte er, muss ein Weltwunder sein. Und Zeit hatten wir ja noch. Auf die Idee, dass die Diktatur unter General Franco - er starb 1975 - eine Hindernis sein könnte, kamen wir nicht. Also machten wir uns frohgemut auf den knapp 600 Kilometer weiten Weg nach Osten, sparten Sevilla aus, wandten uns, unbehelligt von Militär, ein Stück nach Süden entlang der 1800 Meter aufragenden Sierra Sur de Jaén - ich hatte mir Spanien immer flach vorgestellt -, blieben nördlich der spektakulären Berghänge der Sierras de la Tejada und erreichten schließlich nach zwei Tagen die Gebirgsstadt Granada am Rand der Sierra Nevada.

Seither war ich nur noch einmal in Granada, aber auch das zweite Mal, ca. 40 Jahre später, faszinierte mich die alte Maurenstadt ebenso sehr wie beim ersten Mal. Für den Besuch der Alhambra brauchte man damals noch keine tagelange Vorbuchung einer Eintrittkarte. Lothar hatte nicht übertrieben. Die 740 Meter lange und bis zu 220 Meter breite Palastanlage der Alhambra kann man sich - auch mit dem besten Video - nicht wirklich vorstellen. Man muss erlebt haben, wie meisterhaft es den Mauren gelungen war, die Feinheit geklöppelter Spitze in Stein zu übersetzen. Ich stand vor diesen filigranen Steinkunstwerk mit offenem Mund; es war einfach unglaublich, zu welcher Meisterschaft Menschen fähig sind (wenn sie sich nicht gerade wieder einmal totschlagen). Im Grund ist ein Tag dafür nicht ausreichend. Und reichte uns auch nicht. Wir waren mindestens zweimal bei Tag und einmal bei Nacht viele Stunden dort, und noch heute lebt einen Staunen in mir auf, das ich angesichts dieser Weltwunders wohl erst erlernte. "Über Architektur staunen" und "Alhambra" sind für mich nahezu gleichbedeutend.

In der Jugendherberge hatten wir problemlos einen Platz bekommen und genossen von dort aus, besonders an den warmen Abenden, die engen Gassen der Stadt und insbesondere des maurischen Albaicín-Viertels. Wie wir uns sprachlich durchschlugen, weiß ich nicht mehr, aber irgendwie klappte es ganz gut. An Granada knüpft sich neben der Alhambra eine zweite, unauslöschliche Erinnerung, die damit begann, dass wir durch die schummrigen Gassen schlenderten und essen gehen wollten. Schließlich verlockte uns einvon Kerzenlicht erhellter Innenhof mit weiß gedeckten Tischen. Wir nahmen Platz, bestellten eine Karaffe Wein und fanden etwas auf der Speisekarte, was Lothar erkannte: Calamares, Tintenfisch. Das kannte ich nicht und konnte mir einfach nicht vorstellen, dass so etwas schmecken soll. Und wenn, wie? Das ließ sich nur herausfinden, indem ich es bestellte. Das Essen war rundum köstlich; in mir noch das Wunder des Palastes, der warme Abend, die Kerzen, und zu allem Überfluss spielte auch noch ein Geigenspieler auf - ein magischer Abend, der meine Vorliebe für Tintenfisch für alle Zeiten prägte.

Granada hatte uns so in Bann geschlagen, dass wir auf die Zeit vergaßen. Eines Morgens, beim Frühstück in der Jugendherberge, fragten wir jemanden, welchen Tag wir denn hätten - und erschraken. Schon vor einer Woche hätte wir in Amberg sein müssen, das hattenwir versprochen. Mutter würde verrückt werden vor Angst um uns. Also packten wir in größter Eile unsere sieben Sachen und fuhren los, non stop, einander abwechselnd - 2300 Kilometer schlechtes Gewissen -, ohne anzuhalten. War der Fahrer zu müde, wechselte er zum Schlafen auf den Beifahrersitz. So richtig zum Ausruhen war das allerdings nicht. Ich war am Steuer, als wir auf einer langen, geraden Autobahnstrecke die Schweiz durchquerten. Lothar schnarchte neben mir und ich versuchte, die Augen offen zu halten, denn es war höchstens eine Stunde her, seitdem wir die Plätze getauscht hatten. Pötzlich fuhr ich auf einer Wiese mitten durch Löwenzahn, aber nichts holperte. Das konnte nicht sein. Ich riss die Augen auf und stellte fest, dass ich eben auf die Leitplanken zuhielt. Noch vier, fünf Meter und ... Natürlich riss ich das Steuer herum und war wieder auf der sicheren Spur, fuhr aber, Adrenalin-geladen, bei der nächsten Möglichkeit rechts ran und machte den Motor aus. Dann schliefen wir beide erst einmal zwei, drei Stunden nebeneinander. Die restliche Heimfahrt gelang ohne Probleme.

DIE WAHL FÄLLT AUF Würzburg

Seit mein Vorhaben, Priester zu werden und dann logischerweise Papst, erloschen war, hatte ich mir vorgenommen, Medizin zu studieren. Ich wollte den Menschen helfen, also musste ich Medizin studieren. Ein Großteil meiner schulischen Anstrengungen speiste sich aus diesem Wunsch. Verstärkt wurde dies noch durch eine Klassenfahrt nach Dachau, bei der ich zum ersten Mal von den medizinischen Versuchen der Nazis erfuhr. Das war für mich nicht nur schrecklich zu hören, sondern ein Bruch mit meinem gültigen Menschenbild. Bis dahin hätte ich mir derartiges nicht vorstellen können. Ich sah dort Bilder von Menschen in Badewannen. Sie zeigten Experimente mit Juden mit dem Ziel herauszufinden, wie lange Menschen in eiskaltem Wasser aushalten, bevor sie erfrieren.

Und es waren nicht irgendwelche Menschen, die diese Experimente veranlasst und durchgeführt hatten, sondern Menschen meiner Kultur, Menschen, die meine Sprache gesprochen hatten, die Worte wie Liebe, Glaube, Gott, Zärtlichkeit, Elternschaft, Zuneigung in sich trugen, dies sie aber nicht hinderte, zu Unmenschen zu werden. Der Grund, weshalb ich versucht hatte, mich durch meine Flucht vor dem Schlimmsten zu bewahren, hat sich mir dadurch noch einmal und vermutlich endgültig bestätigt. Offenbar, stellte ich fest, kann man mit Menschen so gut wie alles machen und sie zu jedem Verbrechen verführen, wenn man ihnen die passenden Verhaltensmuster vorgibt, idealerweise kombiniert mit Angst im Fall eines Zuwiderhandelns, eben like puppets on a string. Soldaten marschieren und gehorchen zu sehen, wurde mir zum Inbegriff menschlicher Dummheitsbereitschaft. Daran wollte und will ich keinen Teil haben. Das Argument, Unterwerfung sei dann in Ordnung, wenn das Regime, dem ich mich unterwerfe, in Ordnung ist, kann nicht gelten. Denn jedes Regime, auch das nationalsozialistische, versuchte und versucht, das eigene Vorgehen als legitim, ja als dringend erforderlich darzustellen. Wie anders ließen sich Menschen in Kanonenfutter verwandeln.

Ursprünglich hatte ich vorgehabt, in München zu studieren. Aber wegen des ermüdenden Hin und Her hinsichtlich der Abinote war die Immatrikulationsfrist für München schließlich verstrichen. Nach Regensburg hätte ich noch gehen können, aber dahin wollte ich nicht. Mindestens 80 Prozent meines Abijahrgangs würde in Regensburg studieren; mit anderen Worten: An meinem Studienort würde meine Clique der Amberger Clique sehr ähnlich sein. Das hieß: Dort würde ich dieselbe Person sein müssen wie in Amberg, würden die selben Verhaltensmuster würden von mir erwartet werden und eine persönliche Weiterentwicklung wäre mir deutlich erschwert. Also entschied ich mich für Würzburg, wohin aus meinem Jahrgang niemand hinging.

Anfang Oktober 1973 fuhr ich also mit Vaters Auto nach Würzburg. Mutter hatte ich "im Gepäck". Weshalb sie mitkommen wollte? Vermutlich, um einen schönen Tag außerhalb Ambergs zu haben. Ein Studienführer (ein Buch vom Arbeitsamt) hatte mir beigebracht, dass Germanistik und Anglistik in der philosophischen Fakulätt am Hubland angesiedelt waren. Das gefiel mir natürlich. War ich nicht schon ein halber Philosoph? In der Annahme, dort würde ich mich fürs Studium einschreiben müssen, fragte ich mich zum Hubland durch. Noch hatte der Studienbetrieb nicht begonnen, also war auch wenig los auf dem Parkplatz vor den Fakultätsgebäude. Weil eben ein Student zu seinem Auto ging, steuerte ich ihn an, stieg aus und fragte: "Kannst du mir sagen, wo ich mich hier einschreiben kann?" Er sah mich indigniert an, schaute von oben auf mich herab - er war ein wenig größer als ich - und sagte: "Ich kann mich nicht entsinnen, Ihnen das Du angeboten zu haben." Ich schluckte, aber die Auskunft war wichtig, also entschuldigte ich mich, woraufhin er mich gnädig in Kenntnis setzte, dass die Einschreibung zentral in der Neuen Alten Universität laufe. Das wisse er, weil er dort Jura studiere. Na prima. Also fragte ich mich zur Neuen Alten Uni durch (was für ein doofer Name!), ließ Mutter im Auto sitzen, die neugierig die vielen Studenten vor dem Gebäude bewunderte, und erledigte die Einschreibungsformalitäten. So weit ich mich erinnere, genügten dafür mein Personalausweis und das Abiturzeugnis. Die Anfänge des Internets waren noch 25 Jahre entfernt.

Über die Zimmervermittlung des Studenwerkes bekam ich eine Bude in der Schönleinstraße, einer Nebenstraße der Bismarckstraße in der Nähe des Bahnhofs. Mein Zimmer lag im dritten oder vierten Stock einer alten Villa und war wohl mal eine Bedienstetenkammer gewesen. Eine Dusche gab es ein Stockwerk tiefer im Flur. Im ersten Stock wohnte die Besitzerin, eine Fabrikbesitzerswitwe, und ihr 14-jährige Tochter. Die erste Woche in meiner Buche fühlte ich mich der Herrgott von Frankreich. Zwei, drei Wochen dauerte es bis zum Studienbeginn, und auch die ersten Studienwochen begannen gemächlich. Zwischen der Bismarckstraße und der höchst belebten Juliuspromenade mit vielen Cafés lag nur ein ca. 100 Meter breiter Streifen des Stadtparks und eine weitere Straße, die Koellikerstraße. An der Juliuspromenade lag eine kleine Bäckerei, vor deren Verkaufstresen zwei Tischchen mit je zwei Stühlen standen. Das war alles andere als gemütlich, aber es gab billigen Kaffee für 60 Pfennig die Tasse, so dass ich dort schon bald zum Stammgast wurde. Ich brauchte mich nur zu setzen und mein Buch aufzuschlagen, und schon kam ungefragt "mein Kaffee". Nachdem ich damit ein, zwei Stunden zubrachte, war der Kaffee natürlich längst kalt, aber das störte mich nicht, und die Verkäuferinnen störte meine Gegenwart ebenso wenig. Sie beachteten mich nur, falls mir ein wenig nach Flirten war oder ich eventuell doch noch einen zweiten Kaffee wollte. Jedenfalls kam ich mir dort schon sehr studentisch und großstädtisch vor. Das Café hatte ich bei meinen Erkundungsgängen entdeckt, die ich, mit einem Stadtplan in der Hand, unternahm. Würzburg war für mich eine ganze Weile tatsächlich "Großstadt". 

Mit meiner Bude in der Schönleinstraße gab es bald schon zwei unüberwindbare Probleme. Es gab zwar eine Klingel, so dass ich hörte, wenn Kommilitonen unten vorm Gartentor standen, aber es gab keinen Türöffner. Also musste ich, wenn es läutete, einen langen Gang bis zur Treppe vorlaufen, dann mehrere Stockwerke hinunter, zur Haustür raus und zum Gartentor. Immer wieder war dann der Besucher (oder die Besucherin?) verschwunden, bevor ich auftauchte. Das war ärgerlich, hätte mich aber weniger gestört, wäre da nicht das zweite Problem gewesen: die Witwe. Zunächste versuchte sie mehrfach, mich zu überreden, ihrer Tochter Englisch-Nachhilfeunterricht zu geben. Das wollte ich aber nicht, zumal ich das Gefühl nicht loswurde, dass sie mich in ihre Wohnung locken wollte. Vermutlich wollte sie da auch, aber ich war nicht verrucht genug. Abends, wenn ich in eine Disko wollte oder in den Folkclub Omnibus, musste ich meinen Gang bis vor bis zum Treppenabsatz im Dunklen laufen, weil erst dort die Treppenbeluchtung einzuschalten war. Ein paar mal "erwischte" ich sie auf der Treppe, wo sie stand und mich schweigend lüstern anstarrte, während ich mit einem "Guten Abend" an ihr vorbei nach unten ging. Irgendwie fand ich das gruselig. Sie war für mich eine alte Frau, eine Art Vampir in Wartestellung.

Einer meiner Besucher, mit dem ich dann "um die Häuser" zog, war Peter. Ich hatte ihn in meiner ersten Würzburger Woche bei der Studienberatung im Studentenhaus am Friedrich-Ebert-Ring kennengelernt. Wir saßen auf Stühlen vor dem Raum des Beratungsbüros und warteten darauf, an die Riehe zu kommen. Peter war vor mir dran. Und weil es eine Weile dauerte, kamen wir ins Gespräch. Er stammte von einem Bauernhof in den Hassbergen, nicht allzu weit von Würzburg entfernt. Er kannte niemanden hier, ganz so wie ich. Also beschlossen wir, einander kennenzulernen. Peter wusste immerhin von einer Weinstube ganz in der Nähe. Da wollten wir zusammen hingehen, sobald ich "fertig" war. Mein beschränkter Amberger Horizont verstand unter einem Café ein Café, also etwas, wo man Kaffee und Kuchen bzw. Torten bekommt. Das Café Klug in der Peterstraße (!) 12 war alles andere als das. Vorwiegend war es eine rauchgeschwängerte Studentenkneipe, wo man für wenig Geld viele Stunden sitzen konnte. Das nutzten wir ausgiebig. Nachmittags, spätestens gegen fünf Uhr, ließen wir uns auf den Weinstuben-Holzbänken nieder und trennten uns erst wieder, als das "Klug" zumachte, also gegen Mitternacht. Wir hatten uns unendlich viel zu erzählen, zumal er wie ich Englisch und Deutsch studieren würde. Das Klug war nicht nur in der Peterstraße, sondern Peter war auch enorm klug. Und witzig. Und phantasievoll. Schon an diesem Abend verliebte ich mich in ihn, soweit ich mich in einen Mann verlieben konnte. 





Der Erienntnisprozess in der Cafeteria: meine Soheit erkennen.


 
Am Waldrand
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1.1.  FRÜHE KINDHEIT – Am Waldrand.
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Am Waldrand

    Ich war eine leichte Geburt. Und überwiegend leicht fühlt sich mein Leben seither an, auch in schweren Momenten. An einem sonnigen Morgen des 24. September kam ich gegen 8.30 Uhr zur Welt - und war eine Glückserinnerung meiner Mutter, die bis zu ihrem Tod traumatisiert war von der Geburt meines dreieinhalb Jahre älteren Bruders.

   Wie damals noch üblich - und heute glücklicherweise wieder -, hatte mich meine Mutter schon wenige Minuten später im Arm, um mir die Brust zu reichen. Dabei muss ich - oder sie - etwas gründlich falsch gemacht haben, denn von da an hatte meine Mutter kaum Milch für mich. "Du hast mich mit deinen großen, dunklen Augen so forschend und aufmerksam angeschaut, dass ich richtig erschrocken bin. Du hast ausgesehen, als wüsstest du schon alles über die Welt." Ihre Brüste spendeten mir so wenig Nahrung, dass die Muttermilch abgepumpt werden musste tropfenweise, oft schmerzhaft. Ich drohte zu verhungern. Das war meine erste Lebensgefahr. Meine Eltern und ihr Hausarzt Dr. Meier suchten nach Ersatz und kamen auf selbst gemachte Hafermilch, die ich dann gierig trank. Das Vergnügen ist mir geblieben bis heute.

   Rudolf Josef Gerhard nannten mich meine Eltern, Rudolf, weil Vater so hieß; die beiden anderen Vornamen erbte ich von meinen Großvätern väterlicher- und mütterlicherseits. die Speerspitze meiner Ahnen wurde ich so. Später ergabe sich noch Bobby als Spitz(!)name. Schon als als junger Mann betrachtete ich Namen vorwiegend als Irreführung und stellte mich manchmal spöttisch mit Rudolf Josef Sepp Gerhard Bobby Langer vor. Eine, die das verstand und folgerichtig als Provokation auffasste, war meine Deutschlehrerin in der neunten (oder zehnten, egal) Klasse. Mit dem "Rudolf" konnte ich mich nie so recht anfreunden; er klingt "heraldisch" in meinen Ohren. Die meisten, die mich kennen, finden, er passe nicht zu mir. Und das von Rudolf abgeleitete "Rudi" hat meine Mutter mir verleidet. Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr konnte sie es nicht lassen, mich "Rudilein" zu nennen. Oft hätte ich sie dafür erwürgen mögen. Ich habe es nie versucht.


Wald und lockendes Geheimnis gehörten von Anfang an zusammen.

   Also nochmals von vorne: Geboren wurde ich am 24. September 1953 in Neunburg vorm Wald. Ja, der Ort heißt wirklich so, und gemeint ist damit, dass gleich hinter Neunburg die Ausläufer des Bayerischen Waldes beginnen, Wälder, die mir als Kind wie ein dunkler Ozean vorkamen. Unser Haus war das letzte in der Diendorfer Straße; danach begannen die Kartoffel-, Getreide- und Rübenfelder, etwa 300 Meter entfernt lag der Wald, in den hinein sich die Diendorfer Straße verlor. Sowohl in Neunburg wie später in oberpfälzischen Dörfchen Altenschwand lebte ich eine Waldrand-Kindheit. Im Blick zurück werfe ich immer auch einen Blick auf den Wald und seine Versprechungen und Geheimnisse, seine Stille, die mir immer verlockend war, aber als kleines Kind auch Furcht einflößte, sein geheimnisvolles Knacken und Knarzen, das Rascheln von Igel, Mäusen und Vögeln im Laub und die schauerliche Ahnung unsichtbarer Wesen. Und da waren die sich bedächtig neigenden Baumriesen bei Sturm, das Wogen und Rauschen und das Wissen, unendlich viel kleiner zu sein als dieses Große beinahe vor meiner Haustür.

Verbrecher und erste Frauen
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1.2.  FRÜHE KINDHEIT – Verbrecher und erste Frauen.
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Verbrecher und erste "Frauen"

   Wenn ich an die Diendorfer Straße denke, dann denke ich auch an Militärkolonnen. Neunburg lag ja nahe der tschechoslowakischen Grenze, Manöver waren an der Tagesordnung. Irgendwann taucht ein VW-Käfer an meinem Erinnerungshorizont auf. Meistens sitzen wir zu viert darin, meine Eltern, mein großer Bruder Lothar und ich. Wir überholen lange Militärkolonnen, und das Gesicht meines Vaters verdüstert sich, während er murmelt: "Das sind alles Verbrecher, alles Verbrecher." Ich verstehe das nicht, denn manchmal winken die Männer aus den Lastwägen oder aus den fahrenden Panzern recht freundlich. Verbrecher sollen das sein? Die habe ich mir anders vorgestellt. Aber natürlich glaube ich meinem Vater und meine knabenhafte Freude an den mächtigen Maschinen wird im Keim erstickt. Verbrecher, lernte ich, tragen Uniform und haben Gewehre und Panzer. Auf der anderen Seite der unüberwindlichen Grenze - manchmal fuhren wir hin und ich blickte über einen Schlagbaum ins nur scheinbar harmlose Niemandsland (hinter jedem Gebüsch konnte ein Maschinengewehrnest lauern, sagte mein Vater, und schon wieder waren da "Mörder", nur diesmal auf der anderen Seite) - wohnten keine Feinde, sondern Menschen wie wir und mein Onkel Josef, der Bruder meines Vaters, in der DDR. Das war zwar weiter im Norden, aber angesichts des Eisernen Vorhangs spielte das keine Rolle.

   Meine optische Erinnerungsfähigkeit ist schwach ausgeprägt. Die Erinnerung an unsere Neunburger Wohnung jedenfalls beschränkt sich auf einen einzigen Augenblick: Ich stehe aufgerichtet, bin aber so klein, dass die Tischkante, an der ich mich mit erhobenen Händen festhalte, hoch über mir liegt. Am Tisch sitzen die Erwachsenen, die sich gerade nicht um mich kümmern. Ich bin allein, schaue zu der dicken, eckigen Holzkante empor und sehne mich danach, einmal groß genug zu sein, um über diese Kante blicken zu können

   Ein weiteres Innenraum-Bild erhalte ich aus der Schreinerei, die in unserer Straße stadteinwärts lag. Der Schreiner Karl mit seinem vollen, grauen, sich hoch auf dem Kopf erhebenden Haar war ein Hüne, ein Turm von einem Mann und voll herbstlicher Freundlichkeit. Er hatte ein warmes, weiches Gesicht und blaue, gütige Augen. Wenn er sich tief zu mir herabbeugte, war das nie bedrohlich, sondern immer wie ein Geschenk. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn er mich auf den Arm genommen hätte, aber das tat er nie. Immer duftete es in seiner Werkstatt nach frisch geschnittenem Holz. Einmal erteilte er mir die Erlaubnis, mir aus den Haufen von Holzstaub und Hobelspänen kleine Holzstückchen herauszusuchen, und ich wurde zu einem Goldgräber. Jedes Hölzchen war eine Beute, die ich, stolz neben meinem Vati herschreitend, mit nach Hause tragen durfte.

   Ein wenig abseits der Diendorfer Straße führte ein Pfad links in den geliebten, duftenden Wald hinein. Er prägte alles, was ein Weg seither für mich haben muss, um sich "Pfad" nennen zu dürfen. Er war schmal, war weich unter meinen Sohlen und ich konnte über Baumwurzeln hüpfen und klettern, die wie erstarrte, braune Schlangen, mal dick, mal dünn knorrig den Weg querten. Ich sehe die linke niedrige Böschung vor mir, die rechte Seite des Pfads hat meine Erinnerung gelöscht. Aber links lag das Leben mit all seinen Verlockungen, links lagen die Geheimnisse, die Felsbrocken, die verwitternden Baumstümpfe und Farne, die Wohnungen der Kaninchen, der Mäuse, die Fuchs- und Dachsbauten. Links wuchsen die schlanken Türme der Fichten aus der Erde. Links in den Schatten unter dem hellen Licht mussten die Zwerge,l Kobolde und Elfen wohnen. Vermutlich kamen von dort die Heinzelmännchen, von denen Mutter erzählte. Und einmal, als wir dort an einem Sonntagmorgen spazierengingen, lagen da auch bunte Eier, die zu suchen mein Vater mich ermunterte. Und tatsächlich fand ich immer wieder eines und war voller Staunen, Begeisterung und Freude über den Osterhasen und voller Dankbarkeit, dass Vater mich dieses Geheimnis entdecken ließ.


   In die Neunburger Zeit fallen meine ersten zwei "Frauenerlebnisse". Das eine hieß Rosi, das zweite Christl. Rosi muss die ältere Erinnerung sein. Mit Rosi verbindet mich eine innige Zuneigung, eine warme Zärtlichkeit, eine sehr verschwommene Händchen-Halten-Empfindung ohne jede erotische Beimischung: Ich spiele mit ihr auf einem Hügel im hellen Sonnenlicht. Es muss Sommer sein, denn sie ist nackt und trägt nur eine kurze, an den Beinen weit ausgeschnittene Hose, unter der dicke Baumwollwindeln hervorlugen. Und da ist die Mahnung - oder das Gebot? - meiner Mutter, mit Rosi nicht zu spielen, mich nicht mit diesem Mädchen "abzugeben", wie sie das zu nennen pflegte, wenn sie von oben herab über Menschen aus der "ungebildeten" Gesellschaftsschicht sprach. Mit Rosi, erklärte sie mir, stimme etwas nicht, weil Rosi noch in die Hosen mache und manchmal etwas Braunes aus ihren Windeln hervorquoll. Mich störte das nicht, und so verbindet sich mit Rosi mein erstes Verlustgefühl. Ich hatte Rosi lieb und wurde geschimpft dafür; schon bald durfte ich sie nicht mehr sehen.
   Christl muss allein schon deshalb später gekommen sein, weil sie mit einem schwärmerischen Gefühl verbunden ist. Meine Cousine Christl war etwa drei Jahre älter als ich, also ungefähr so alt wie mein Bruder Lothar. Christl war schlank und groß und schön, schon ein richtiges Mädchen, eine Ikone. Ihr dunkelbraunes Haar hing lang gelockt bis auf die schlanken Schultern und war so verheißungsvoll weich, dass ich es immer wieder berühren wollte, ohne zu wissen, warum. Eigentlich war alles an ihr verheißungsvoll, ihre langen, dunklen Augenwimpern, ihre freundlichen, dunklen Augen, ihre schwungvoll trotzigen, zu Neckereien aufgelegten Lippen, ihre samtige Haut. Sie hatte etwas von "Wald" an sich, und wenn ich den alten Ausdruck "schlank wie eine Tanne" höre, dann steht auch schon Christl vor mir. - An dem Tag in meiner Erinnerung waren Onkel Richard und Tante Erika, Christls Eltern, mit meinen Eltern nachmittags in den Wald hinüber spazieren gegangen, während wir Kinder, mein Bruder Lothar, Christl und ich, in der Wohnung herumtobten und fangen spielten. Dabei stießen wir den großen Gummibaum im Wohnzimmer um und Erde regnete aus dem Blumentopf auf den Wohnzimmerteppich. Trockene Erde, zum Glück, denn als wir, erschrocken über dieses Unglück, schuldbewusst zum Fenster hinausblickten, sahen wir die vier Erwachsenen plaudernd näherkommen. In größter Eile und stillschweigender Verschwörung kehrten wir mit unseren kleinen Händen die Krumen hastig erst vom Teppich auf den Linoleumboden daneben und von dort unter den Teppich. Als die Erwachsenen hereinkamen, stand der Gummibaum wieder aufgerichtet neben dem Fenster und drei harmlos dreinblickende Kinder spielten brav auf dem Wohnzimmerboden.
So viele Gefahren
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1.3.  FRÜHE KINDHEIT – So viele Gefahren.
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So viele Gefahren

Der größte Teil meiner frühen Kindheit hat sich im Freien abgespielt; an unsere Wohnung entsinne ich mich - von jenem Gummibaum abgesehen - ganz und gar nicht, an keine Zimmereinrichtung, an keinen Blick aus dem Fenster, an keine Feierlichkeit. Geblieben ist nur die Erinnerung an vielleicht sechs, sieben Betonstufen hoch zur Haustür. Und an die kann ich mich nur deshalb erinnern, weil sie von mir zu meiner Mutter führen, die oben in der Haustür Mutter steht. Sie ist herausgekommen, weil ich laut nach ihr gerufen habe.
   Was war geschehen? In vielleicht 200 Meter Entfernung unseres Hauses lag am Waldrand eine Wiese, die wir "Zeign" nannten. Auf der Zeign hüteten damals noch ein paar Kinder eine Gänseherde, vor deren zischenden Gänserichen ich einen heiden Respekt hatte. Lieber blieb ich diesseits der ungeteerten Straße, die zunächste auf die Zeign zuhielt und dann im rechten Winkel nach rechts abknickte und am Waldrand entlang verlief. Auf "meiner" Seite der Straße lag ein mehrere Meter tiefes Gebüsch, das voller Verlockungen für mich war, voller Höhlenbaumöglichkeiten, Aus dem dichten Grün ragten Bäume auf, die mich zum Klettern reizten. An diesem Tag war ich besonders tollkühn und kletterte an einem Baum hoch hinauf - bis ein Ast unter mir brach und ich den Halt verlor. Kopfüber stürzte ich abwärts, bis mir ein Ast in die linke Wade fuhr und mein Leben rettete. Ich musste ihn wohl abgebrochen haben, denn mein nächstes Erinnerungsbild zeigt mich, wie ich mit dem Aststumpf in meiner Wade nach Hause humpele, schockiert und mit einem Gefühl bleierner Ergebenheit. Schon am Gartentürchen rief ich nach Mutter. In der Eingangstür, oben an der Treppen stehend, sah sie mein Malheur und befahl mir, mich auf die Stufen zu setzen. Dann verschwand sie drinnen und kam mit einem kleinen Fläschchen heraus und zu mir herunter. Mit einem schnellen Ruck zog sie mir den Ast aus der Wade und träufelte eine rote Flüssigkeit auf die Wunde. Ob sie brannte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich an die Woge von Vertrauen und Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber erinnern. Sie wusste einfach immer, das Richtige zu tun.

Trügerische Sicherheit

Ob es noch im Winter des gleichen Jahres geschah, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls mussten die Schutzengel eine Sonderschicht für mich einlegen. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder und seine Kumpels waren raus auf die Wiesen zu einem zugefrorenen Weiher zum "Ranscheln" gegangen. So nannten wir das, wenn wir Anlauf nahmen, um dann auf dem Eis dahinzuschlittern. Und je öfter man ranschelte, desto glatter wurde die Eisfläche und desto weiter rutschte man. Ich war mit von der Partie. Lothar und seine Freunde verloren schon bald die Ranschel-Lust, aber ich hatte gerade Feuer gefangen und blieb auf dem Weiher, während sie in die frühe Dunkelheit davonzogen. Das Eis war hell genug, dass ich mich gut orientieren konnte. Also ranschelte ich alleine vor mich hin - bis das Eis unter mir brach und ich plötzlich bis zur Hüfte im Wasser hing. Alle Versuche, mich aufs Eis hinaufzuziehen, schlugen fehl, meine nassen Wollfäustlinge wärmten längst nicht mehr und meine Finger wurden erstarrten zunehmend. Ich schrie und schrie in die Dunkelheit hinein, aber um mich waren nur Eis, stumme Felder und Wiesen, graues Gebüsch, schwarze Bäume. Bis nach Hause waren es nur ein paar Hundert Meter. Plötzlich erschien eine rettende Hand, die mir einen Stock reichte, an dem ich mich festklammern konnte. Eine Frau hatte ihrer Mutter im Nachbardorf Medizin gebracht und war über einen Feldweg heimgekehrt, von dem aus sie mich schreien hörte.
   Doch damit war die Lebensgefahr noch nicht vorbei. Eine viel heimtückischere Gefahr lauerte am Wegrand meiner Kindheit: eine Lungenentzündung. Ob sie durch meinen Sturz ins kalte Wasser verursacht war, weiß ich nicht mehr. Und kaum hatte ich diese Lungenentzündung überstanden, als mich ein Rückfall wieder ins Bett zurückwarf. Meine Eltern bangten um mein Leben und Dr. Meier kämpfte dafür. Torturen mit täglichen Spritzen in meinen Po kamen auf mich zu, meine Eltern, die mich angstvolles, weinendes Kind an Armen und Beinen festhielten, damit der Arzt seine lange Spritze in mich stechen konnte. Die Erinnerung daran ist eine Art Tiefseegefühl, eine Mischung aus Todesangst, Furcht vor der Nadel des Doktors, Zorn über meine mich festklammernden Eltern und meine Hilflosigkeit, ein dunkles, gequältes Winden wie von einem Fisch, der sich gegen die Fangarme eines Oktopus wehrt, ihm aber nicht entkommen kann. Aber auch eine schöne Erinnerung säumt diese Wochen meiner Krankheit: Ich liege im Bett, das Mutter mitten im Wohnzimmer aufgebaut hat, damit sie mich rundum umsorgen kann. Ich habe die "Zehn kleinen Negerlein" geschenkt bekommen und lasse sie mir von Mutter vorlesen. Ich mag die Reime, ohne deren Brutalität zu verstehen.

Geistesgift für Kinder

Wer dieses "Kindergift-Buch" nicht kennt, dem sei hier eine Auswahl von drei Strophen zum Besten gegeben:

Zehn kleine Negerknaben schlachteten ein Schwein;
Einer stach sich selber tot, da blieben nur noch neun.

Fünf kleine Negerknaben, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.

Drei kleine Negerknaben spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.

So lag ich und erholte mich und schließlich kam Ostern und ich war über den Berg. Meine Eltern waren überglücklich und ich auch, denn noch nie war ich so umsorgt und umhegt worden. Der Osterhase brachte ein ungewöhnlich großes Nest mit einem etwa 20 Zentimeter großen, braunen Osterhasen mit plüschiger Haut und abdrehbarem Kopf. Drinnen war er hohl und ganz und gar mit kleinen Zuckereiern gefüllt. Ich war begeistert.

Der Geisterschrank
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1.4.  FRÜHE KINDHEIT – Der Geisterschrank.
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Der Geisterschrank

Nicht nur ich war krank, auch meine Mutter war von der Flucht aus Schlesien, und den zermürbenden Lebensumständen danach nervlich am Ende. Das war so schlimm, dass sie sich nicht mehr um mich kümmern konnte. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, so hieß das damals; sie hatte Schwierigkeiten beim Sprechen und vor allem bei der Bewegung. Sie hatte die Kontrolle über ihre Beine verloren, die, wenn sie gehen wollte, ein Eigenleben entwickelten und sich steif in die Luft hoben, so dass sie bestenfalls stolzierte wie ein Storch. Sie kam nach Regensburg in die Psychiatrie, wo man ihr, in der Meinung, das würde helfen, den größten Teil ihrer oberen, völlig intakten Zähne aus dem Kiefer meißelte. Nach ein paar Monaten verloren sich die Symptome und ich durfte wieder heim.

Das weiß ich aber nur aus Erzählungen. Ich selbst wurde nach Schillingen in der Eifel ausquartiert, wo der Vater meiner Mutter Volksschulrektor war. Der größte Teil der Erinnerungen an diese Zeit verschwimmt, aber ein paar Details sind erhalten.

Es muss um die Weihnachtszeit gewesen sein, denn ich war mit Oma in der Küche abends beim Plätzchenbacken. Es war schon ziemlich spät, als mein Großvater angetrunken nach Hause kam. Mit irgendetwas muss ich ihn provoziert haben, denn er drohte mir mit Prügel, denen ich auswich, indem ich um den Tisch herum, der mitten in der Küche stand, vor ihm davonrannte. Er mir hinter her, so dass wir ein paar Runden um den Tisch drehten. In meiner Furcht vor ihm war ich schneller, zumal der Alkohol ihn behinderte. Irgendwann ging ihm die Puste aus und ich war gerettet.

An das Haus grenzte ein großer Garten an, den meine Oma versorgte und daraus erntete. Einerseits liebte ich den Garten, weil es dort allerlei zu naschen gab, andererseits grenzte er an die Mauer des Pfarrhofs. Der Teil des Pfarrgartens auf der anderen Seite war verwildert und ein wunderbarer Spielort für mich uns meine Schillinger Kameraden. Auf unserer Seite war die Mauer leicht zu erklimmen, dann ließ man sich rückwärts in den Pfarrgarten ab. Zurück ging's nicht mehr, dazu war die Mauer zu hoch. Also mussten wir bis zum Pfarrhof und von dort auf der Straße. Wie er hieß und warum wir ihn nicht mochten, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war da ein Junge, der immer bei uns mitspielen wollte. Irgendwann beschlossen wir, ihm eine Abreibung zu verpassen. Wir erzählten ihm von dem tollen Pfarrgarten und er kam mit uns mit, ließ sich wie wir rückwärts die Mauer hinab und stand inmitten von einem hohen Brennnesseldickicht. Wir hatten deswegen lange Hosen an, er kurze. Danach wollte er nicht mehr mit uns spielen.

Die stärkste Erinnerung aus der Zeit in Schillingen ist der Geist aus dem Schlafzimmerschrank. Ich schlief in Omas Bett, Opa schlief woanders. Nachts wachte ich von einer tiefen, bedrohlichen Stimme auf, die ständig rief: "Wo bin ich? Wer bin ich?" Ich  hatte wirklich Angst vor dieser Stimme, die aber nur ich hörte. Oma hat mit mir den Schrank durchsucht, aber da war nichts. Eine Weile war es still, aber irgendwann wachte ich von der Stimme wieder auf und war mehrere Nächte richtig verängstigt. Die Erklärung des Phänomens lieferte dann Opa. Als er von der Bedrohung im Schlafzimmer erfuhr, lachte er  und sagte: "Beim nächsten Mal, wenn die Stimme wieder da ist, musst du Oma in die Seite knuffen und die Stimme wir leiser werden oder ganz weg sein, spätestens, wenn sie aufwacht."

Als mein Vater mich abholte und ich wieder in Neuburg war, sprang ich meiner Mutter in die Arme und rief: "Mutti, ich geh nie mehr weg von dir!"

Verführerische Spiele
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1.5.  FRÜHE KINDHEIT – Verführerische Spiele.
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Verführerische Spiele

Der Sommer kam und mit ihm drei Erlebnisse, in denen sich lustvolle mit angstvollen Erlebnissen mischten. Ich war wohl an die vier Jahre und ein richtiger kleiner Racker, voller Bewegungsdrang und Selbstbewusstsein. Im Handumdrehen hatte ich Fahrradfahren erlernt und wollte bei allem mitmischen, was Lothar tat. Weil die Diendorfer Straße frisch geteert war - bis heute liebe ich den Geruch von frischem Teer - war sie köstlich rutschig, ideal für das Spiel der Großen, möglichst lange Bremsspuren zu produzieren. Wir hatten einen Bremsstrich quer über die Straße gemalt. Dann galt es, auf dem Rad so kräftig wie möglich Anlauf zu nehmen und beim Strich eine Vollbremsung hinzulegen. Das ging auch lange gut und macht mir viel Vergnügen. Aber einmal hielt ich mich nicht richtig an der Lenkstange fest. Durch meine eigene Bremsung flog ich darüber hinweg mit dem Kopf voraus auf die Straße - und holte mir eine riesige Beule. Mutter erzählte ich natürlich, ich sei hingefallen und sie kurierte mich mit dem üblichen Messer, das sie zunächst unter kaltes Wasser hielt, um es dann mit der Breitseite auf die Beule zu drücken.
 
Gegenüber der Diendorfer Straße, also auf der anderen Hausseite, lag der Hausgarten, hinter dem sich der Hang zu einem flachen Tal absenkte und danach wieder zu einem kleinen Hügel anstieg. Auf halber Höhe, quer zum Hang, gab es auch ein mehrere Meter breites Gebüsch. Dort, aber auch im Wald neben der Diendorfer Straße, fanden unsere heimlichen Doktorspiele statt. Sie schienen sich wie von allein zu ergeben, so wie Wasser keineswegs wiederstrebend sich in einen Strudel hineinwindet, so ergaben wir uns der dunklen, verbotenen Lust der Berührung. Es war auch ein Mädchen dabei, dem wir die Unterhose herunterziehen durften und sie dort ansehen und betasten durften. Eines Tages hatte sie sich mit nacktem Unterleib rücklings aufs Moos gelegt. Unsere Hände waren über ihr und fanden, erregt, auch den Eingang zu ihrer Scheide. Da lag es nahe, dass wir etwas hineinstecken wollten. Noch zu klein, um zu verstehen, was dort natürlich hineingehörte, suchten wir nach kleinen Stecken, die wir in sie schieben konnten und es mit ihrer Zustimmung - ich habe keine Erinnerung an irgendwelchen Zwang - auch taten. Einmal wohl mit wenig Feingefühl, denn sie schrie auf, dass ihr das jetzt wehtue und wir aufhören sollten. Bis heute fühle ich den Schrecken dieses Augenblicks, aber auch die Lust, die mich erfüllte, die Angst vor dem Entdecktwerden und die Angst vor der Sünde, denn der liebe Gott, das hatten die Eltern 

Die verbotenen Früchte des Waldes.

mich gelehrt, sieht alles. Und das, was wir da taten, war eindeutig Sünde. Das wusssten wir und konnten uns den Sog doch nicht entziehen. Eines Tages trug ich bei einer solchen Situation eine Lederhose. Zwar kann ich mich nicht daran erinnern, wie wir uns gegenseitig befühlt hatten, aber es war wohl geschehen und ich musste nach Hause zum Essen. Aber ich war wohl so aufgeregt, dass ich die Knöpfe des Hosenlatzes in dem harten Leder nicht richtig zubekam und mit verknöpftem Hosenlatz nach Hause kam. Mein schlechtes Gewissen war so groß wie die ganze Welt um mich, aber Mutter bemerkte nur etwas Belangloses und knöpfte mir die Hose wieder richtig zu.

Neben unserem Haus lag ein Bauernhof mit einem hutzeligen kleinen Bauern, der sehr liebenswürdig zu uns war und auf dessen Traktor ich oft mit aufs Feld hinaus tuckerte. Zusammen mit anderen Kindern halfen wir beim Stohmännchenbauen, aber noch viel mehr nutzten wir die zu gelben Pyramiden aufgestellten Strohballen zum Versteck spielen. Im Herbst entwickelten sich manche Felder zu ganz besonderen Verlockungen. Dort wuchsen dann die "Seuchelrüben", Rüben, die mild und würzig schmeckten und die wegen ihrer harntreibenden Wirkung ihren Namen trugen. Wir Kinder zogen sie mit Vorliebe aus der Erde, rubbelten sie halbwegs sauber und knabberten daran. Natürlich durften wir das nicht, es war ja Diebstahl, hatten wir gelernt, und der gute Bauer hatte es uns auch mit erhobenem Zeigefinger verboten.  Ebenso natürlich tat ich es dennoch und wurde dabei vom Bauern erwischt. Ich lief davon und er - scheinbar - hinter mir her. Ich lief in großer Panik nach Hause, flüchtete zu meiner Mutter und harrte schweigend auf die Strafe, die meiner Meinung nach kommen musste. Die Furcht währte zwei, drei Tage, bis mir klar war, dass der Bauer noch netter war, als ich gedachte hatte. Er kam nicht und es gab keine Strafe. Was für ein Glück ich hatte!
Erste Mamazweifel
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1.6.  FRÜHE KINDHEIT – Erste Mamazweifel.
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Erste Mamazweifel

Die ersten Zweifel an meiner Mutter beschlichen mich im folgenden Winter. Es fiel reichlich Schnee, und Vater hatte uns allen die billigsten Skier gekauft, einfache Better mit einer Gummischlaufe, welche die Schuhspitze unter Metallösen drückte, wenn man die Schlaufe spannte. "Uns allen" bedeutet "auch Mutter". Ich sehe sie mit einer schwarzen Trainingshose und einem bunten Ringelpullover unbeholfen auf den Skiern tappsen, voller Angst zu stürzen und beim kleinsten Gefälle tief in die Knie gehend, damit ihr nur ja nichts passiert. Daneben Vater mit einer bemühten Geduld, von der ich spürte, dass sie von Ärger über seine ängstliche Frau unterlegt war. Das war keine souveräne Mutter mehr, sondern ein vor Furcht schlotternder Erwachsener, dem ich mich überlegen fühlte und den ich wegen der vermeintlichen Unsinnigkeit seiner Frucht verachtete.
 
Aber dann gab es auch die Mutter, die mich an dem kleinen Hang hinter unserem Haus "rettete". Dort fuhren wir Ski, Vater sehr um Lothar bemüht, der viel mehr Freude an der Sache hatte als ich, der ich mehr herumstand und heulte, weil mir die Füße vor Kälte wehtaten. So stand ich und stand ich, fürchtete, von Vater als "Memme" bezeichnet zu werden und wagte nicht zu sagen, dass ich nur noch heim in die Wärme wollte, bis Mutter ihre Ski abschnallte, mich an der Hand nahm und sagte: "Komm, wir gehen schon mal nach Hause."

Eine kleine geheime Welt in einer Erinnerungsblase eingeschlossen waren Mutters und meine Besuche bei einer alten Dame. Weshalb wir dort hingingen, ich an Muttis Hand und durchaus ein Stück Wegs, weiß ich nicht mehr. Eins aber weiß ich genau: Wenn wir bei der Dame ankamen, machte ich meinen Diener, wie es sich gehörte, und setzte mich brav aufs Sofa, den Wohnzimmerschrank immmer im Blick, genauer gesagt, die Schubladen hinten rechts unten in der Nähe des Fensters. Denn irgendwann ging sie dort hin und dann war das nur wegen mir, für mich. Sie zog eine der Schubladen auf und nahm eine Süßigkeit heraus, die sie mir brachte und mir dann ganz allein gehörte und die ich auch mit niemandem teilen musste.
Woran ich mich nicht erinnern kann
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1.7.  FRÜHE KINDHEIT – Woran ich mich nicht erinnern kann.
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Woran ich mich nicht erinnern kann

Eine Erinnerung fehlt mir; gleichwohl erscheint sie wichtig und wurde mir von meiner Mutter berichtet. Sie erzählte: "Ich war einkaufen und eine Weile unterwegs. Du hast auf dem Hof vor dem Haus mit den anderen Kindern gespielt. Im Haus gab es einen ganz unangenehmen Jungen, dem es Spaß machte, die Kleineren zu ärgern und zu quälen. Er war vielleicht drei Jahre älter als du. Du mochtest ihn gar nicht und hast ihn gemieden. Auf dem Weg nach Hause höre ich schon von fern ein schreckliches Gebrüll. Das machte mir aber keine Sorgen, denn es war nicht deine Stimme. Aber als ich näher kam, sah ich, dass du die Ursache für das Gebrülle warst. Du hattest dich in der Wange dieses Quälgeistes verbissen und hast nicht losgelassen wie ein Hochseilartist, der sich nur mit den Zähnen festhält. Der große Junge schlug um sich und auch auf dich ein, um dich loszuwerden, denn du hingst in freier Luft nur an seiner Backe fest. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich dich überredt hatte, deine Zähne zu lösen." Die genauen Folgen meiner Attacke hat mir Mutter leider nie berichtet, aber obwohl sie sich bei der Mutter des Jungen für mein Verhalten entschuldigte, war sie insgeheim stolz auf mich. Danach hat der Große mich wohl in Ruhe gelassen und lieber andere Kinder gequält.
Wo sind Vater und Bruder
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1.8.  FRÜHE KINDHEIT – Wo sind Vater und Bruder.
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Wo sind Vater und Bruder?

Mein Bruder spielt in den frühen Kindheitserinnerungen - von den wenigen bereits erzählten Situationen abgesehen - gar keine Rolle. Ich empfand ihn weder als Beschützer noch als Freund oder Konkurrenten. Das gilt letztlich auch für meinen Vater - mit einer Ausnahme. Wir waren auf einer Kirmes. Daran erinnere ich mich ganz verschwommen, an die vielen Verlockungen, an die bunten Farben, an die Zuckerwatte, die ich nicht verstand und auch nicht bekam, an neue Düfte, an Musikspiele, an viele Menschen. Ich war so klein, dass mein Arm nach oben zeigte, wenn ich die Hand meiner Mutter hielt. Irgendwo war da auch eine kleine Unstimmigkeit zwischen meinen Eltern, ich vermute, Mutter versuchte die Ausgabe zu verhindern, denn wir waren ja arm, aber mein Vater setzte sich durch und dann kommt die entscheidende Szene: Er beugt sich zu mir herab mit einer Eistüte in der Hand. Ob da nun eine Kugel oder zwei Kugeln drin waren, weiß ich nicht mehr, aber an meine Freude und an meine Dankbarkeit erinnere ich mich sehr stark. Mein Vati! Denn so hießen meine Eltern in der Kindheit: Mutti und Vati.
Altenschwand
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2.1.  KINDHEIT – Altenschwand.
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Wie von einem Dschinn in die Hand genommen und nach Altenschwand versetzt, so fühlte ich mich. Neunburg als Ort war gelöscht, war wie durchgestrichen, als wäre es aus der Welt verschwunden, die nun Altenschwand hieß, ein kleines Dorf in der Oberpfalz zwischen Schwandorf und Bodenwöhr und eine Nachbargemeinde des später berüchtigt gewordenen Wackersdorf. Weder ist mir der Umzug in Erinnerung noch der Einzug in unsere Lehrerwohnung im zweiten Stock unter dem Dach. Mein Vater war Schulleiter einer zweiklassigen Schule mit Volkshochschule geworden, vor allem meiner nervlich zerrütteten Mutter zuliebe, die es "in der Stadt" nicht mehr ausgehalten hatte; zweiklassig bedeutete: Es gab da die Klassen 1 bis 4 in einem Klassenzimmer im Parterre und die Klassen 5 bis 8 im zweiten Klassenzimmer im ersten Stock. Unter dem Parterre gabe es die Kellerräume und den Heizungskeller, aber davon später.

Die Vorschulzeit
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2.2.  KINDHEIT – Die Vorschulzeit.
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Vermutlich sind wir im Sommer umgezogen, in den großen Ferien, also im August 1959. Das weiß ich, weil ich im September sechs Jahre alt wurde und meine Eltern mich, den zierlichen, schmalen Buben, noch nicht einschulen wollten. Das hätte auch nächstes Jahr noch Zeit. Aber die Kinder, mit denen ich spielte, meine neuen Kameraden aus dem Dorf, kamen alle in die Schule.

Frühe Kinderspiele

So war ich oft alleine unterwegs, streunte durch den großen Gemüsegarten, den meine Mutter zusammen mit Fräulein Schmidtbauer unterhielt, kletterte auf die Birke vor dem Haus und saß da oben im Geäst und freute mich, wenn mich keiner bemerkte. Fräulein Schmidtbauer war die große, stattliche Lehrerin mit dunklem, angegrautem Haar, die im zweiten Stock der Schule in einer kleinen Wohnung neben uns wohnte. Wie es sich damals für Volksschullehrerinnen gehörte, hatte sie keine Kinder und hatte mich schnell ins Herz gefasst. Ich ich mochte sie, mochte ihre dunklen Augen, die so ganz anders waren als die blauen Augen meiner Mutter, geheimnisvoller und wohlwollender, schien mir.

Weil wir in der Schule wohnten, kam mir Schule alltäglich vor. Dass ich nicht in den Unterricht gehen durfte, verstand ich nicht. Gelindert wurde das Problem dadurch, dass Fräulein Schmidtbauer nichts dagegen einzuwenden hatte, wenn ich mich manchmal einfach so in die Klasse setzte, weil ich grade nichts Besseres zu tun hatte und zuhörte, aber auch jederzeit wieder gehen konnte, wie es mir beliebte. Die Mathematik fand ich besonders interessant und konnte nicht verstehen, was daran schwierig war. Zahlen zu addieren und zu subtrahieren, das konnte doch jedes Kind, fand ich. Aber irgendwann wurde ich natürlich offiziell eingeschult - inklusive Schulranzen. Ich weiß nur noch, dass er mir riesengroß vorkam, aber vom Inhalt ist keine Spur hängen geblieben. Hängen geblieben ist allerdings etwas ganz anderes: Eine neue Seite aufschlagen und sie mit etwas zu beschreiben, ob's nun Zahlen oder Buchstaben sind, erschien mir immer wie ein heiliger Akt. Dem konnte ich nur durch größtmögliche Schönheit gerecht werden.

Am 24. September hatte ich Geburtstag, wahrscheinlich meinen siebenten. Ein Geschenk beeindruckte mich besonders. Meine Eltern hatte mir eine riesengroße Schachtel Konfekt gekauft, ein Wunder, das ich ganz ganz sparsam in den nächsten Wochen verzehrte. Natürlich erzählte ich am Nachmittag meinen Spielkameraden davon, aber sie verstanden mich nicht. Ich versuchte zu erkären, was ich bekommen hatte, konnte aber nicht zu ihnen durchdringen, sondern wurde nur ausgelacht. Ich war so verwirrt und traurig, dass ich zu meiner Mutter nach Hause lief und weinte: "Die Kinder verstehen mich nicht." Mutti fand die Lösung. Die Altenschwandner Kinder kannten das Wort Konfekt nicht, sie kannten nur Pralinen. Als ich mit diesem neuen Wort zurückkehrte und verstanden wurde, stand für mich fest: Ich muss lernen, wie meine Kamerade zu sprechen. Innerhalb weniger Monate lernte ich also meine erste Fremdsprache: Oberpfälzisch. Bald beherrschte ich es so gut, dass mich Mutti nicht mehr verstand und zu Haus eine neue Regel eingeführt wurde: Zu Hause sprechen wir Hochdeutsch.

Als "Sohn vom Herrn Lehrer" hatte ich automatisch eine privilegierte Position im Dorf, dies umso mehr, als ich manchmal meine "Freunde" in die Schule einlud, wo ich an den Nachmittagen kindlicher Hausherr war. Ein besonderes Spielzimmer war der große Saal, der für Gemeindeversammlungen und Volkshochschulvorträge genutzt wurde. Meistens stand er also leer. In Bezug auf diesen Saal gibt es vier Erinnerungen. Die eine bezieht sich auf die Weihnachtszeit, als ich zusammen mit anderen Kindern für eine Weihnachtsfeier Weihnachtslieder flötete. Ich war aufgeregt, aber zugleich auch begeistert, weil es klappte, auch wenn mein Ton ein wenig verzittert war. In der zweiten Erinnerung taucht ein mächtiger Weihnachtskaktus auf mit Hunderten von Blüten (Mutter hatte ein grünes Händchen), die ich sehr bewunderte, die ich aber, anders als die Bromelie, nicht gießen durfte. Irgendwann sah mich Mutter beim Gießen der Bromelie und schimpfte, ich solle sie nicht von oben her gießen. Ich widersprach mit dem Argument, dass die Pflanze nicht trichterförmig wachsen würde, wenn kein Regen in den Trichter fallen dürfte. Das klang auch für ihre Ohren logisch und wir besprachen es beim Abendbrot. Vater stimmte mir zu und ich bekam Recht. Das war meine erste Erinnerung, mit Logik "gesiegt" zu haben. In einer dritten Erinnerung befinde ich mich vor Erwachsenen, die sich im Saal zu einer Veranstaltung versammelt haben. Ich hatte zu Weihnachten einen Zauberkasten geschenkt bekommen und ein paar einfache Zaubertricks eingeübt. Mit einem schwarzen Umhang und einem spitzen, breitkrempigen Zauberhut bekleidet stand ich also vor diesen Leuten und konnte sie verblüffen. Dabei waren die Tricks so einfach, dass ich kaum verstand, war sie niemand durchschaute. Mein Respekt vor den Erwachsenen schwand. In der letzten Erinnerung an den Gemeindesaal hatten meine Kumpels und ich den großen Weihnachtskaktus beiseite gestellt, damit wir das große Brett, auf dem er normalerweise stand, als Spielfläche zur Verfügung hatten. Wir spielten meistens Krieg, und zwar mit den Plastiksoldaten, die wir mit Hilfe von Wundertüten gesammelt hatten. Wundertüten waren vielleicht 15 Zentimeter hohe Papiertüten, die wir als Kinder ganz billig kaufen konnten und in denen sich allerlei Krimskrams zum Sammeln befand, darunter eben immer auch diese Kunststoffsoldaten. Wir stellten Fronten auf, sich gegenüberstehende Plastiksoldaten-Reihen. Weiter ging mein Spiel nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie diese Figuren aufeinander schossen oder sich gegenseitig umbrachten. Irgendetwas lähmte dabei meine Phantasie, so dass ich oft gelangweilt danebn stand, während die anderen begeistert "kämpften".

Mit Fräulein Schmidtbauer verbinden mich zwei Erinnerungen, eine angenehme und eine weniger angenehme. Letztere zuerst.

Ich weiß nicht, in welcher Klasse ich war, ich würde mal vermuten, in der dritten, wahrscheinlich war ich neun Jahre alt. Mit meinen Kumpels hatte ich einige Wochen lang in einem auf einem hohen Anger gelegenen Gebüsch am Dorfrand eine "Höhle" gebaut, die wir schon ganz gemütlich ausgestattet hatten, mit ein paar alten Töpfen, die uns das Gefühl gaben, dort kochen zu können, irgendwelchen alten Stoffen, die wir als "Teppich" auf den Boden gelegt hatten und eingeschlagenen Nägeln, um unsere Kleider dran zu hängen. Außerdem hatten wir unsere Höhle schon leidlich gegen Regen abgeschirmt. Als wir das nächste Mal hinkamen, hatte da jemand randaliert. Ärgerlich, aber konnte man nichts machen, wir haben wieder aufgeräumt und versucht, den Urzustand wiederherzustellen. Am nächsten Nachmittag dasselbe Desaster. Jetzt waren wir wirklich sauer. Aber wir hatten auch einen Verdacht. Es gab den Sohn eines Armenhäuslers und Trunkenbolds, der mit uns in die Schule ging, den wir aber nicht in unserem Club haben wollten. (Vermutlich haben wir dabei einfach die gängigen Vorurteile unüberlegt nachvollzogen.) Er musste auf dem Weg zur Schule an unserer Höhle vorbei. Ich beschloss, am nächsten Morgen nicht in die Klasse zu gehen, sondern mich vor Schulbeginn auf die Lauer zu legen. Und siehe da, er war es. Sobald er die Höhle betrat, fiel ich mit allem Zorn über ihn her und hab ihn verprügelt.

Wie meine Tat Fräulein Schmidtbauer zu Ohren kam? Zweifellos muss ich an diesem Tag zu spät zum Unterricht gekommen sein, er aber auch, und vermutlich hatte er ein paar blaue Flecken. Wie auch immer, ich weiß nur, dass Fräulein Schmidtbauer "sehr enttäuscht" von mir war und mich vor die Klasse rief - zum ersten und einzigen Mal in den vier Jahren meiner unbeschwerten Grundschulzeit. Ob ich dann von ihr eine Watschn bekam oder nicht, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass ich mich sehr geschämt habe.

Nun die angenehme Erinnerung. Als ich acht Jahre alt war, bekamen wir einen Fernseher. Mit den Fernsehzeiten gingen meine Eltern aber sehr pädagogisch um. Hin und wieder durfte ich eine Kindersendung sehen oder mal was Harmloses wie Tiersendungen oder Bayern-Nachrichten. Was ich leider nicht sehen durfte, war die Ritterserie Ivanhoe, weil meine Eltern die Sendungen zu gewalttätig fanden.

Also ging ich zum Spielen nach draußen wie alle Nachmittage, nachdem ich im Flug meine Hausaufgaben erledigt hatte. An Tagen mit einer Ivanhoe-Folge war das aber nur ein Vorwand. Ich sagte Tschüs, zog die Tür hinter mir zu und ging ein paar Meter weiter übers Treppenhaus zu Fräulein Schmidtbauers Tür und klopfte. Sie machte mir auf, ließ mich herein und schaltete auf meine Bitte ihren Fernsehapparat ein. Und während ich, gemütlich auf ihrem Sofa sitzend, Ivanhoe schaute, versorgte sie mich mich Keksen, Schokolade und einem heißen Kakao. Einfach wunderbar. Ich war ihr sehr dankbar und meine Sympathie für sie erreichte ungeahnte Höhen. Und wir hielten beide dicht. Meine Eltern haben davon nie erfahren.

Leider, leider habe ich als junger Mann versäumt, mich bei ihr zu bedanken. Das schmerzt mich bis heute, wo sie schon längst unter der Erde liegt.

Bobby wird geboren
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2.3.  KINDHEIT – Bobby wird geboren.
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Bobby wird geboren

Welchen Einfluss die Medien haben! Ohne Fernsehen wäre ich nicht der, der ich bin. Die längste Zeit in Altenschwand waren Förster oder Lokomotivführer meine Traumberufe, obwohl ich damals noch nichts von Jim Knopf wusste. Bilder hatte ich zunächst nur aus Fotoalben gekannt und wusste, dass der Apparat, mit dem Vater "knipste" die Quelle dieser Fotos war. Möglicherweise hatte ich auch schon im Rahmen eines Volkshochschulvortrags Dias gesehen, aber weiter reichte meine Medienbildung nicht - bis wir einen Fernseher bekamen. Die Menschen, die auf der Mattscheibe auftauchten, vermutete ich im Inneren des Geräts, was meine Eltern sehr amüsierte. Vermutlich ahnten sie aber schon damals, dass Kinder nicht vor einen Fernsehapparat gehören, sondern in die Natur. Entsprechend knapp waren meine Fernsehzeiten bemessen. Fräulein Schmidtbauer lässt also grüßen.

Eine Sendung, an die ich mich bis heute schemenhaft erinnere, war biografisch prägend. Ich sah eine Dokumentation über die Londoner Bobbys. Sie erschienen mir majestätisch, elegant und enorm würdevoll. Als ich erfuhr, dass es sich dabei um die Londoner Polizisten handelte, warf ich meine Förster- und Lokomotivführer-Ambitionen über Bord und beschloss, eines Tages Bobby in London zu werden.

Ich muss von meinen neuen Berufsplänen wohl so geschwärmt haben, dass mein Bruder mich "Bobby" zu nennen begann, was mich mehr als erfreute. Ich fühlte mich geehrt und hatte den Eindruck, mit diesem Ehrentitel meiner Zukunft schon ein Stückchen näher gerückt zu sein. Freilich dauerte es noch viele Jahre, bis aus Lothars gelegentlichem "Bobby" ein Vorname wurde, unter dem die meisten meiner Bekannten mich kennen. Auch meine Eltern, insbesondere mein Vater, nannten mich zu ihrem Lebensende hin immer häufiger "Bobby" statt "Rudi", und mein Bruder tut das bis heute ebenso wie meine Familie.

Sand des Verderbens
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2.4.  KINDHEIT – Sand des Verderbens.
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Sand des Verderbens

In der zweiten Klasse konnte ich schon gut lesen. Eines Tages versprach mir mein Vater, er würde mir ein paar besondere Bücher zeigen, ganz berühmte Bücher, die ich vielleicht schon lesen konnte. An einem Nachmittag führte er mich in die Gemeindeschreiberei, die im Parterre vor meinem Schulzimmer lag, grüßte die Anwesenden und ging mit mir zur Rückseite des Raumes, an dem sich die "Gemeindebücherei" befand. Sie bestand aus einem deckenhohen, mit Büchern gefüllten Regal. Ein bisschen zu hoch für mich zeigte er auf drei fest gebundende Bücher. Der Autor war Karl May. Er las mir die Titel vor und ich durfte mir eins aussuchen. Ich entschied mich für "Sand des Verderbens", das klang spannend. Und tatsächlich las ich das Buch, nein, ich verschlang die rund 400 kleingedruckten Seiten mit den erklärenden Fußnoten. Kara Ben Nemsis Mut, Selbstbeherrschung und Disziplin beeindruckten mich mächtig. So wollte ich auch werden, so mutig. Eine Stelle beeindruckte mich so sehr, dass ich mich bis heute daran erinnere. Kara Ben Nemis war wohl von Beduinen gefangengenommen worden. Er bewies ihnen, dass er mutiger und beherrschter war als sie. Das wollten sie ihm nicht glauben. Sie setzten sich gemeinsam in den Sand und Kara Ben Nemsi zückte sein Messer und trieb es durch das Fleisch seines Oberschenkels in den Boden. Das sollte sie erst mal nachmachen. Sie waren genauso beeindruckt wie ich und wurden aus seinen Feinden zu seinen Verbündeten.

Zu meinen Aufgaben gehörte es, regelmäßig abends bei Bürgermeister eine Kanne Milch zu holen. Das muss gegen halb sieben Uhr gewesen sein, denn um sieben musste ich zu Hause sein. Im Winter war es da schon stockdunkle Nacht, Straßenlaternen gab es noch nicht, und die einzige Beleuchtung waren Mond und Sterne und der gelegentliche Lichtschein aus den Fenstern, an denen ich vorüberging. Der Weg zum Bauernhof des Bürgermeisters war etwa 500 Meter lang und machte eine kleine Biegung nach rechts und eine große nach links. Zwischen unserer Schule und den nächsten Häusern auf der rechten Seite war ein vielleicht 100 Meter langes Stück noch unbebaut, ebenso die linke Seite mit einer Wiese und einem riesigen Kirschbaum. Etwa auf der Hälfte der 100 Meter ging rechts ein Feldweg ab, und in dieser Ecke Stand ein Marterl, also ein Bildstock mit einer Marienfigur, inmitten eines riesigen Holunderbuschs. Auf meinem Rückweg vom Milchholen war es nicht zu sehen. Dagegen erhob sich der Holunderbusch gegen den Nachthimmel und wirkte auf mich, wenn der Wind wehte, wie ein drohendes, riesiges Gespenst, das seine vielen Arme nach mir ausstreckte. Entsprechend ging ich möglichst nahe am rechten Straßengraben und so schnell wie möglich an dieser Erscheinung vorbei. Irgendwann blieb ich stehen und überlegte, was Kara Ben Nemsi jetzt wohl täte. Ich suggerierte mir, dass das gar kein Gespenst war, sondern ein Holunderbusch. Aber wie konnte ich das rausfinden? Ich setzte meine Milchkanne ab und ging mit klopfendem Herzen Schritt für Schritt auf das Monster zu. Es tat mir nichts. Noch ein Schritt und noch einer und endlich war ich ganz nahe heran, so nahe, dass ich meine Hand ausstrecken und in den Schatten tauchen konnte. Und das Holz fühlte. Es war also tatsächlich nur das Holundergebüsch, das ich vom Tag her kannte.

Eine andere Auswirkung der Karl-May-Lektüre waren meine Schleichübungen. Ich ging alleine hinaus auf die Felder und hielt Ausschau nach einem Bauern bei der Arbeit. Dann legte ich mich auf den Bauch schlich mich so nahe wie möglich an ihn heran. Natürlich hat er mich irgendwann entdeckt und lachend angerufen. Dann stand ich auf und lief davon.

Das erste Mal im Krankenhaus
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2.5.  KINDHEIT – Das erste Mal im Krankenhaus.
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Das erste Mal im Krankenhaus

Die Schule hätte mich beinahe das Leben gekostet. Folgendes geschah. Da wir im zweiten Stock der Schule wohnten, hielt es meine Mutter für richtig, dass ich mir in der Pause ein frisches Pausenbrot "von oben" abholte. Dazu musste ich aus dem Parterre in den zweiten Stock laufen, mein Brot abgreifen und wieder runterrennen in den Pausenhof im Freien. Dabei versäumte ich wichtige zwei Minuten, also legte ich diesen Umweg so schnell wie möglich zurück. Ein Hindernis, bevor man aus dem Schulgebäude laufen konnte, war eine zweiflügelige Glasschwingtür. Als ich im Rennen danach griff, warf sie irgendjemand mir entgegen, so dass ich den Griff verfehlte und mit der rechten Hand durchs Glas schlug.

Danach begann ein großes Geschrei um mich herum. Aus meinem rechten Handgelenk quoll Blut und ergoß sich auf die Steinplatten unter mir. Kinder rannten zu meinem Vater, der noch im ersten Stock im Klassenzimmer war. An Schmerzen kann ich mich nicht erinnern. Mein Vater meine später, mein Handgelenk sei einfach ein Loch gewesen. Eine Glasscherbe hatte alle fünf Sehnen durchschnitten.

Zum Glück hatten wir kurz zuvor ein Telefon bekommen und meine Eltern riefen den Arzt in Bodenwöhr an, 12 Kilometer entfernt. Er kam eilends und meinte, wir müssten augenblicklich nach Schwandorf ins Krankenhaus fahren, 20 Kilometer entfernt. Währenddessen lag ich auf dem Sofa und fragte meine Mutter: "Muss ich jetzt sterben?" Mein Vater holte aus aus unserem VW Käfer raus, was rauszuholen war. Der Operationssaal war leer, so dass ich sofort dran kam, doch meine Eltern durften mich nicht begleiten. Ich lag also eine Weile allein in dem verlassenen OP auf einer Bahre, bekam die Panik und brüllte nach meinen Eltern, was dazu führte, dass man mich an allen Vieren festband. Dann bekam ich eine Äthernarkose; mit anderen Worten: Ich bekam ein stinkendes Etwas auf Mund und Nase gepresst, und diesen Gestank musste ich einatmen, wenn ich nicht ersticken wollte. In meiner Phantasie löste das sich auflösende Bewusstsein folgendes Bild aus:

Ich war auf einer großen, flachen Ebene und musste laufen, laufen, laufen. Mein Weg führte geradewegs auf einem trichterförmigen Krater zu, in den ich springen musste. In diesem Augenblick teilte sich meine Wahrnehmung in zwei Teile: Der eine sprang und hatte Angst im Abwärtsstürzen, der andere sah, wohin der andere stürzte, nämlich auf eine riesige Nadel zu, die sich am Grund des Trichters befand. Auf die schlug der erste auf, wurde in zwei Teile zerrissen und der Horrortrip verdoppelte sich. So ging das immer weiter, bis ich nur noch aus Molekülen bestand und verschwand.

Objektiv betrachtet hatte ich große Glück gehabt. Ein paar Monate zuvor war ein junger Chirurg an das Schwandorter Krankenhaus gekommen, der ein Jahr zuvor an der Freiburger Uniklinik eine neue OP-Technik erlernt hatte, wie man gerissene Sehnen miteinander verbindet. Er hat seine Sache gut gemacht. Alle fünf Sehnen funktionieren bis heute einwandfrei, nur die Sehne, die das obere Glied des rechten Daumens mit dem Daumengelenk verbindet, ist in der Beweglichkeit eingeschränkt, so dass ich damit keinen Klammergriff mehr ausführen kann.

Bis zur vollkommenen Genesung musste ich vier Wochen im Krankenhaus bleiben. Insgesamt schien mir das nicht allzu viel auszumachen, ich scheine mich mit den Schwestern meistens gut verstanden zu haben und fand die Sache eher abenteurlich. Schlimm war nur, dass ich meine Eltern, wenn sie mich besuchen kamen, nicht umarmen durfte, denn wir konnten nur - wie im Knast - über eine Art Thresen, dessen Breite eine Umarmung verhinderte, hinweg miteinander sprechen, nachdem ein Schiebefenster nach oben gedrückt worden war. Das "meistens gut verstanden" bezieht sich auf einen Vorfall, der heute so nicht mehr denkbar wäre. Ich war beim Toben in der Kinderabteilung ausgerutscht und rückwärts hingefallen, wobei ich mit dem Hinterkopf gegen eine Eisenlamelle des Heizkörpers schlug und einen Riss in der Kopfhaut hatte. Als ich heulte und die Schwestern mit mir nicht mehr klarkamen, führten sie mich zu meiner Mutter, die hochschwanger im ersten Stock lag - wovon ich nichts gewusst hatte. Jedenfalls wurde ich ihr als zimperliches Kind zugeführt. Ob meine Mutter wegen all dieser Aufregungen kurz danach meinen kleinen Bruder verlor, weiß ich nicht, aber sie hat's immer wieder vermutet, denn ihre Nerven waren seit jeher schwach.

Mein Freund Sepp
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2.6.  KINDHEIT – Mein Freund Sepp.
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Mein Freund Sepp

Mein bester Kamerad war Sepp. Das einstöckige Haus, in dem er mit seiner Großmutter und Mutter wohnte, lag mit seiner Breitseite auf der gleichen Straßenseite wie der Bildstock, gleich danach. Von unserer Schule zu ihm konnte ich in einer Minute rennen, wenn es sein musste. Trotzdem war es für mich ein Erlebnis, bei ihm übernachten zu dürfen. Da kam ein paar mal vor. Dann schlief ich im ersten Stock, ob mit ihm im Zimmer oder allein, weiß ich nicht mehr. Sich im ersten Stock aus dem Fenster zu lehnen, war im Sommer eine köstliche Sache, denn an der Hauswand wuchs ein alter Rebstock, der bis unters Fensterbrett dunkelblaue Früchte trug, von denen ich naschen durfte.

Natürlich habe ich auch bei Sepp zu Mittag gegessen und fand die dortigen Kartoffelknödel zum Schweinebraten viel besser als die zu Hause. Sepps Großmutter mochte mich und ich mochte sie. Sie war ein bisschen meine Ersatzgroßmutter, denn Vaters Mutter wohnte fernab bei Hannover, Mutters Mutter bei Trier.

Sepps Großmutter war auch die erste und einzige Herrin über Katzen, die ich kennengelernt habe. Sie hatte zwei Katzen, die sie beide auf ähnliche Weise liebte. Allerdings nahm sich die eine oder die andere Katze manchmal daneben, indem sie zum Beispiel etwas stibitzte, was ihr nicht zustand. Oder nicht folgte, wenn Oma Duscher sie rief. Dann gab es Konsequenzen, ganz moderne übrigens. Sie bestrafte die jeweilige Katze nicht, sondern bevorzugt für eine Weile die andere. Das äußerte sich so, dass sie zum Hoffenster hinaus nach der bevorzugten Katze rief, die dann auch - meistens - angeschnürt kam, zum Fenster hereinsprang und sich erwartungsvoll auf den Boden zu Großmutters Füßen setzte. Dann gab es irgend eine Leckerei und Oma Duscher sagte: "Jetzt kannst du wieder gehen." Dann sprang die Katze wieder zum Fenster hinaus und war verschwunden.

Im Haus Duscher habe ich auch eine katholisch-magische Zeremonie erlebt. Ich war zum Mittagessen eingeladen. Wir hatten alle trefflich gefuttert und eigentlich war jetzt die Zeit zum Verdauen, zum Rumhängen, etwas Spielen. Aber draußen wurde es immer dunkler. Ein mächtiges Gewitter hatte sich aufgebaut, Donner rollten über Altenschwand und die umgebenden Wälder, erste Blitze zuckten. In wenigen Minuten war eine bedrohliche Situation entstanden. Oma Duscher sagte: "Jetzt müssen wir beten", und zündete die geweihte Gewitterkerze an, die auf dem alten Radio zwischen Tisch und Fenster stand. Sie hatte ein spezielles Gewitter-Bann-Gebet, das sie vorlas, anschließend beteten wir das "Gegrüßet seist du, Maria, voller Gnaden, der Herr ist mit dir." Natürlich kannte ich das Gebet aus der Kirche, aber die Situation war mir völlig fremd. Irgendwie magisch und sehr dicht. Von zu Hause kannte ich das nicht. Da war ein Gewitter eine Wettererscheinung, der man am besten aus dem Weg ging und sich nicht unter große Bäume stellen sollte. Aber hier, in der Wohnstube von Oma Duscher, herrschte eine andere Wirklichkeit, und schon beim zweiten Mariengebet habe ich gläubig mitgebetet.

Ein ziemlich dicker Wermutstropfen in der Erinnerung an Sepp ist eine Situation, wo wir zu viert oder zu fünft vor den Ställen eines Bauernhofs standen und überlegten, wie es jetzt weitergeht. Mein Vorschlag wurde von allen angenommen, nur nicht von Sepp, der nicht nur widersprach, sondern das gefühlt sehr provokativ tat à la: "Musst du immer bestimmen!" Ohne jede Überlegung holte ich aus und schlug ihm mit der Faust in den Magen, so dass er augenblicklich zu Boden ging. Ich kann mich nicht entsinnen, das jemals davor (und danach) getan zu haben, aber geschehen war geschehen. Ich war völlig schockiert und weiß auch nicht mehr, wie es danach weiterging. Ich fühlte mich, als hätte ich mich selbst geschlagen.
Abenteuerspielplatz "Dorf"
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2.7.  KINDHEIT – Abenteuerspielplatz "Dorf".
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Abenteuerspielplatz "Dorf"

Was Raufereien anging, so habe ich sie nämlich normalerweise gemieden. Nicht unbedingt, weil ich sie schlimm fand, sondern ganz einfach, weil ich meistens unterlag. Einer, der mich immer besiegte und dann in den demütigenden Schwitzkasten nahm, war Hans. Er wohnte im neuen Dorf, vielleicht ca. 500 Meter entfernt. Wir waren keine Feinde, nur manchmal wollte oder musste er mir zeigen, wer der Chef war, nämlich er. Ich hatte eigentlich nicht weniger Kraft als er, aber irgendwie hatte er einen Trick raus, mich in den Schwitzkasten zu kriegen und dann war ich verloren und gab auf. Das geschah auch auf dem Platz vor der Schule, und ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater jemals eingeschritten wäre. Heute vermute ich, dass er sich für meine Niederlagen geschämt hat, sicher bin ich mir allerdings nicht.

Auch Hans war eine andere Welt, nochmals ganz anders als bei den Duschers. Bei Hans wurde zum Beispiel in einem Tischbutterfass noch Butter gemacht. Ich staunte wirklich Bauklötze, als ich das sah. Ich sehe nur noch das Butterfass vor mir, das geöffnet wurde und in dem die Butter oben auf der Buttermilch schwamm.
Hans war vor allem auch eine verbotene Welt. Er oder seine großen Brüder besaßen nämlich Tibor- und Sigurd-Heftchen, Comics, die anfangs in einem sehr kleinen Format in Schwarz-Weiß erschienen, später dann auch größer und farbig. "Verboten" deshalb, weil mein Vater von diesen Heftchen nichts hielt und sie uns sofort wegnahm, wenn er welche entdeckte.

In meiner Clique war er jedenfalls nicht. Eher im Gegenteil, denn auch im Neuen Dorf gab es eine "Gang", mit der wir uns manchmal zur einer Steine-Schlacht verabredeten. Das war letztlich auch Spiel, aber eines, das buchstäblich ins Auge gehen konnte (aber nie ging). Die Alte-Dorf-Bande und die Neue-Dorf-Bande verabredeten sich zur "Schlacht", die Fronten waren vielleicht 50 Meter getrennt. Jede Bande hatte vorher einen Steinhaufen zusammengesammelt, unsere Munition, um die andere Bande damit zu bewerfen. Nun hab es kaum jemand, der diese Entfernung wirklich werfen konnte, aber manchmal gelang es eben doch und dann gab es Beulen und blaue Flecken, wenn's ins Gesicht traf. An einem dieser Tage kam ich mit einer dicken Beule auf der Stirn nach Hause. Meine Mutter fragte zwar nach der Ursache, aber ich murmelte nur irgendetwas Belangloses und sie frage klugerweise auch nicht weiter nach.

Eine aufregende und am Ende enttäuschende Geschichte aus Altenschwand war unser "Häuschen". Es stand auf einer Streuobstwiese, hatte die Größe von vielleicht 4x4 Metern, ein kleines Spitzdach und drei Fenster. Ich weiß nicht mehr, wie es uns gelang, das "Häuschen einzunehmen", jedenfalls betrachteten wir es eine Weile als unseren Besitz und begannen es auszubauen, indem wir einen 1. Stock einzogen. Denn vom Parterre konnte man einfach zum Dach hinaufsehen, eine Decke gab es nicht. Als wir ungefähr zu drei Vierteln die Decke gebaut hatten, kam der Besitzer und vertrieb uns mit einem mords Gebrüll, das ausreichte, um unsere Eroberung kampflos aufzugeben.

Ein unwiderstehlicher Dauerspielplatz waren die Heuberge in mehrere Scheunen, und das ist wörtlich gemeint. Zu den besten Zeiten lag das Heu bestimmt drei Meter hoch aufgetürmt. Da von einem höher gelegenen Scheunenboden hineinspringen zu können, war Genuss pur, denn es gab keinen Aufprall, sondern das Heu unter meinen Füßen ein, bis es sich genug verdichtet hatte, um meinem Gewicht Widerstand zu leisten. Ich spüre bis heute den würzig trockenen Duft nach Heu in der Nase, aber auch das Kitzeln, denn im Heu zu spielen bedeutete auch, den Heustaub einzuatmen und immer wieder mal niesen zu müssen - was eher lustig als bedenklich war. Allergien kannte ich noch nicht. Ich kann mich nicht entsinnen, dass uns einmal ein Bauer verjagt hätte. Vermutlich hatte die Bauern als Kinder selbst im Heustadtl gespielt und verstanden unser Vergnügen. Und weil das so war, gab es eine eiserne Regel für die Heunutzer und eine für die Kinder. Die Nutzer durften auf keinen Fall eine Heugabel im Heu stecken lassen, und die Kinder mussten wissen, wo das Wurfloch war, um das Heu auf einem höheren Scheunenstockwerk nach unten werden zu können. Dieses Wurfloch war eine vielleicht zwei mal zwei Meter große Bodenaussparung im Heuboden. Es war uns klar: Wer da versehentlich durchfiel, knallte drei, vier Meter tief unten auf den Betonboden der Scheune. Ich hatte immer einen heiden Respekt davor. Die Erwachsenen erzählten uns von dem einen oder anderen schlimmen Unfall, weil Kinder nicht aufgepasst hatten und ihnen eine Heugabel im Bauch steckte. Das genügte, und ich kann mich nicht entsinnen, einen solchen Unfall miterlebt oder auch nur davon gehört zu haben. Die Horrorstorys erfüllten also ihren Zweck.

Für die Milch gab es abends keine feste Abholzeit. Ich vermute, ab sechs Uhr abends standen die gefüllten Milchkannen zum Abholen bereit. Manchmal marschierte ich also mit meiner leeren Milchkanne früher als nötig los, um noch genug Zeit für ein Heustadel-Abenteuer zu haben. Ich weiß nicht, wie oft es vorkam, dass ich auf die Zeit vergaß, aber ich vermute, ein paar Mal zu oft. Denn an einem Abend kam ich erst gegen halb acht Uhr heim, viel zu spät, und diesmal erwartete mich eine Strafe. Normalerweise war der Abendbrottisch gedeckt, und sobald ich Mutter meine volle Milchkanne übergeben hatte, setzte ich mich hungrig an den Tisch, wo mein Vater bereits auf mich wartete. Seltsamerweise kann ich mich in dem Zusammenhang nicht an meinen Bruder erinnern. Wie dem auch sei: An diesem Abend war kein Tisch mehr gedeckt, niemand saß da und Mutter meinte: "Heute gibt es für dich kein Abendessen, weil du schon wieder zu spät gekommen bist. Wir können ja nicht ewig auf dich warten!" Waf für ein Schock für mich. Zum ersten Mal erlebte ich, dass eine Selbstverständlichkeit nicht mehr selbstverständlich war. Es fühlte sich an wie den Boden unter den Füßen verlieren. Bis dahin war das nie geschehen. Essen bekam ich immer, aber heute nicht. Und ich war selbst schuld. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging und ob ich doch noch etwas bekam. Ich vermute mal, dass mir meine Mutter ein belegtes Brot machte, aber das Ritual des Abendbrots war gestrichen.

Das absolute Vertrauen in meine Mutter war dahin und ließ sich auch nicht mehr reparieren. Ob dieser Vorfall mit einer ganz anderen Sorge zu tun hatte? Vielleicht, vermutlich. Denn wir hatten ein dickes Grimms-Märchen-Buch zu Hause, in dem ich gerne las. Manche der Märchen waren richtig gruselig, und zwar besonders dann, wenn es eine Stiefmutter gab, die den Stiefkindern etwas antat. Zwei Erzählungen blieben bis heute haften. In der einen versuchte die Stiefmutter, die fremden Kinder ihres Mannes in heißem Badewasser zu verbrühen, in der anderen gab sie den fremden Kindern grätenreichen Fisch, damit sie erstickten. Ich sagte mir, dass ich ja nicht wissen könne, ob meine Mutter meine echte Mutter ist oder eine Stiefmutter. Also war ich bei unserem Badeofen immer sehr vorsichtig, denn der wurde mit Holz und Kohlen geheizt und das Wasser kam siedend heiß aus dem Hahn, so dass das abkühlende Wasser Dampfwolken im Badezimmer bildete. Und weil meine Mutter an Festtagen besonders gerne Karpfen servierte, der viele kleine Gräten hatte, war mit den Gräten immer sehr pingelig, so dass das leckere Fleisch oft schon abgekühlt war, bevor ich zum Essen kam.

Ein besonderes Abenteuer war meine Fahrradausflüge mit meinem Bruder Lothar. Er kannte sich besser aus als ich und wir fuhren auf Forstwegen weit in den Wald hinein. Das allein fand ich schon aufregend. Eines Tages entdeckten wir ein kleines Häuschen mit verrammelten Fensterladen und einer verschlossenen Tür. Genau das hat uns gereizt. Da wollten wir hineinkommen. Wir versteckten unsere Räder im Unterholz und spähten nach einer Möglichkeit, aufs Dach zu kommen. Es gab einen Baum mit weit überhängenden Ästen. Den kletterten wir hinauf und hangelten uns aufs (nicht allzu steile) Dach. Auf der dem Weg abgewandten Seite lösten wir ein paar Dachziegeln und stand bald auf ein paar Holzbalken über dem Innenraum. Es war uns beiden klar, dass wir etwas Verbotenes machten, aber das war ja der Reiz der Sache. Durch die Fensterritzen konnen wir nach draußen schauen und die Menschen beobachten, die an "unserem" Haus vorbeiwanderten oder -radelten. Es gab auch ein paar, die anhielten und von draußen nach drinnen schauen wollten. Dann duckten wir uns und waren mucksmäuschenstill, bis "die Gefahr" vorbei war. Was für ein triumphierendes Gekicher danach.

In der Nähe des Altenschwandner Bahnhofs gab es ein paar Häuser, in denen eine Bekannte meiner Mutter wohnte. Eines Tages wollte sie "den armen Kindern" etwas Gutes tun und lud uns beide zum "Kaffee" ein. Wir radelten also hin, die kleine Siedlung lag ca. einen Kilometer hinter dem eigentlichen Dorf im Wald, und bekamen einen köstlichen Kakao vorgesetzt. Das war schon mal gut. Und dann kam der Kuchen. Die Frau meinte es mit uns besonders gut und kam mit zwei Tellern herein, jeweils mit zwei riesigen Sahnetortenstücken. Bis dahin hatte ich nur Hausmacherkuchen und -torten gekannt, aber jetzt lernte ich Konditorware kennen - und verabscheuen. Ich erinnere mich an zweierlei: etwas Weiches im Mund, das ich weder kauen noch schlucken konnte und das fremd und künstlich schmeckte. Lothar und ich sahen und an und er nickte mir aufmunternd zu. Am liebsten hätte ich alles wieder ausgespuckt, aber ich hatte schon gelernt: So etwas macht man nicht. Also habe ich brav beide unvergesslichen Tortenstücke in mich hineingezwungen - immer am Rande eines Brechreizes.

Ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs lag die Gärtnerei Urban mit der Adresse "im Blaubeerwald 1-3". Die Urbans waren nach dem 2. Weltkrieg als Flüchtlinge hier gelandet und hatten sich ein eigenartiges Reich aufgebaut. Es gab ein kleines, einstöckiges Wohnhaus, in dem damals die Oma wohnte. Daneben, ein Stück entfernt, stand ein Zigeunerwagen, in dem eine der Töchter wohnte. Dann gab es noch ein ganz und gar ungewöhnliches Gebäude, das aussah wie ein in die Länge gezogenes Bungalow, aber zwei Stockwerke hatte, ein halb in die Erde versenktes Tiefgeschoss mit niedrigen Decken und einen ersten Stock. Immer, wenn Bedarf bestand, hatte die Urbans dieses Haus um weitere zwei Zimmer, eins unten und eins darüber, verlängert. Hinter diesen drei "Häusern" lag die Gemüse- und Blumengärtnerei, die vom Dorf gut angenommen war. Frau Urban war mindestens 1,80 m groß, hager wie eine alte Fichte und mit tief eingekerbten Gesichtszügen. Sie erschien mir immer viel älter als meine Mutter. Die Urbans waren die Einzigen im Dorf, mit denen meine Eltern "verkehrten", denn Frau Urban war früher Gymnasiallehrerin gewesen, und Herrn Urban habe ich als Meteorologen in Erinnerung, der oft abwesen war.

Die Urbans waren mein erster Hinweis darauf, dass es noch etwas anderes gab als die Altenschwandner Welt. Zum Beispiel gab es dort Margarine. Meine Mutter hielt das für Teufelszeug, weil es nicht von Tieren kam, sondern aus der Fabrik, weshalb es bei uns zu Hause nur Butter gab. Aber bei Urbans aß ich leidenschaftlich Frau Urbans Bauernbrote, die dick mit Margarine bestrichen waren, wofür sich Mutter schämte und versuchte, mir diesen Genuss madig zu machen.

Um die Weihnachtszeit war es bei Urbans besonders schön und geheimnisvoll. Da es früh dunkel wurde und die drei Häuser mitten zwischen die Bäume gebaut waren, schimmerten die Lichter zwischen den verschneiden Ästen sehr märchenhaft uns Besuchern entgegen. Zu jeder Weihnachtszeit hatten die Urbans seltsame Menschen zu Gast, nämlich Studenten aus fernen Ländern, an einem Weihnachten auch mal einen Asiaten und einen Mohren. Das war das Wort, das ich für dunkelhäutige Menschen kannte. Einer von ihnen war auf der Sarotti-Schokolade als Logo abgebildet, so dass ich mit Mohren ausgesprochen positive Assoziationen hatte. In der Kirche stand über dem Opferstock eine Mohrenfigur, die auch mochte. Denn wenn man eine Münze durch den Spalt drückte, nickte die Figur mit dem Kopf, weshalb wir sie den "Nickneger" nannten.

Oma und Tante Klara
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2.8.  KINDHEIT – Oma und Tante Klara.
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Oma und Tante Klara

Klara Langer war meine Lieblingstante und Oma Langer meine Lieblingsgroßmutter. Sepps Großmutter mochte sich schon sehr, aber sie war eben seine und nicht meine Oma. Da die Flüchtlingsfamilie meines Vaters über ganz Deutschland verteilt war mit den Schwerpunkten München, Hannover und Hamburg, fuhren wir nur zwei- oder dreimal zu Oma nach Rodenberg. Oma Langer war ja eine ehemalige Bauersfrau, breit und so schwer gebaut, dass ich immer den Eindruck hatte, sie stehe mit drei Beinen auf dem Boden. Sie hatte ihre Haare wohl nie schneiden lassen, sondern trug sie zum großen Dutt gewunden auf dem Hinterkopf.

Tante Klara, die unverheiratet war, als Magd auf dem Bauernhof Brunkhorst in der Nachbarschaft arbeitete und sich um Oma Langer kümmerte, hatte die gleich Frisur. Sie war die einzige Frau mit Oberlippenbärtchen, die ich kannte. Normalerweise übernachteten meine Eltern mit Lothar bei Tante Mariechen, die ganz in der Nähe wohnte (und die ich nicht so mochte), ich aber bei Oma und Tante Klara. An einem dieser Tage ließe eine der beiden "alten" Frauen ihr Haar zum Auskämmen herunter; es reichte bis zur Hüfte. Später habe ich ein Bild von Tante Klara in jungen Jahren gesehen; sie war großgewachsen, schlank, schwarzhaarig und wunderschön. Kein Wunder, dass sie eines Tages "von einem Unbekannten" geschwängert wurde. Ein würdiger Rest ihrer Schönheit blieb ihr bis ins hohe Alter. Ich durfte an diesen Tagen in Tante Klaras Bett schlafen (wo sie schlief, weiß ich bis heute nicht). Es war eines dieser großen, alten Betten mit dunklen, schweren Holzrahmen, einem großen, dunklen Brett an der Kopfseite, an dem normale Kissen und große Paradekissen lehnten. Und Tante Klara brachte mich immer zu Bett. Es ging eine steile Stiege nach oben und dann gegenüber in ihr Schlafzimmer. Wenn ich endlich im Bett lag, dann setzte sie sich zum mir, sprach noch ein wenig mit mir, machte mir ein Kreuz auf die Stirn und begann, mich mit Gute-Nacht-Liedern in den Schlaf zu singen.

Von Oma Langer sind mir zwei lebhafte Erinnerungen verblieben. Sie besuchte uns einmal in Amberg (das ich weiter unten schildere) und ging dort regelmäßig jeden Morgen um halb sieben in die Frühmesse. Kurz nach sieben war sie dann wieder da und frühstückte mit uns. Im Gegensatz zu meiner redseligen Mutter war sie eher schweigsam. In der Situation, an die ich mich erinnere, war es später Vormittag. Meine Mutter wuselte durch die Küche und hatte Großes vor. Sie musste ihrer Schwiegrmutter ja zeigen, wie toll sie kochen konnte. Oma saß mitten in der Küche auf einem Hocker an einem Ausziehbrett und schälte wortlos Kartoffeln; aber nicht so, wie meine Mutter Karoffeln schälte, sondern Strich für Strich mit einer Seelenruhe, als hätte sie Zeit bis übermorgen. Trotzdem waren die Kartoffeln rechtzeitig fertig. In der zweiten Situation gingen wir, meine Eltern, Oma und ich in einem Wald auf einem engen Pfand spazieren. Die Sonne schien lebhaft, aber schon von der Seite, und unser Pfad wand sich zwischen hohen Felsen hindurch. Um eine Ecke biegend entdecken wir, in etwa 20 Meter Entfernung, ein Liebespaar, eng umschlungen, halb nackt, an einen Felsen gelehnt - für mich eine willkommene Sensation, für meine Eltern eine peinliche Situation, die sie mit Sätzen à la "die Jugend von heute" kommentierten. Und was sagt meine tief katholische Großmutter? "Ach, lass doch die jungen Leute. Man ist doch nur einmal jung." Spätestens ab da war meine Oma mein Idol. Ihr Verständnis erlebte ich als schockierend positiv. Aber zurück nach Altenschwand.

Die geheime Welt
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2.9.  KINDHEIT – Die geheime Welt.
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Die geheime Welt

Lothar und ich schliefen in einem Kinderzimmer. Gemeinsam einzuschlafen, war schön und irgendwie gemütlich. Dazu hatten wir vereinbart, uns abwechselnd Geschichten zu erzählen. Leider kann ich mich an keine einzige mehr erinnern. Aber ich weiß, dass für mein Gefühl Lothar die schöneren Geschichten erzählte.
In einem Winter hatten wir uns beide schwer erkältet und Mutter hatte uns beiden Bettruhe verordnet, wie das damals üblich war. Ich weiß nicht mehr, ob sich die folgende Szene morgens oder abends abspielte, lustig war sie auf jeden Fall. Mutter hatte uns gefragt, ob wir ein Butterbrot möchten und hatten beide mit Ja geantwortet. Also kam sie mit einem Teller mit zwei halbierten Scheiben Butterbrot und dem Hinweis: "Sagt Bescheid, wenn ihr mehr wollt." Wir futterten gierig die ersten Brote und riefen gleich nach Nachschub. Sobald der kam, baten wir sofort um mehr, so dass ich ein regelrechtes Wettrennen zwischen einer Brote schmierenden Mutter und Brote mampfenden Jungs entwickelte. Na ja, irgendwann waren wir dann wohl doch mal satt.

Es gibt auch eine gruselige Erinnerung an dieses nächtliche Kinderzimmer. Dazu muss man wissen, dass es im Dorf ein Haus gab - links etwas von der Straße zurückweichend an meinem Milchhol-Weg gelegen -, in dem ein "böser Mann" wohnte. So hatte ihn meine Mutter mir beschrieben und mir eingeschärft, auf keinen Fall mit ihm zu gehen oder mit ihm allein zu sein. Ich hatte keinerlei Ahnung, was das bedeutete, nahm aber die Warnungen sehr ernst. Eines Nachts wachte ich auf und sah eine dunkle Gestalt durchs Kinderzimmerfenster steigen oder sich dort jedenfalls zu schaffen machen. Ich hatte ziemlich die Hosen voll und rief schließlich Lothar um Hilfe. Er knipste lachend das Licht an und erklärte mir den "bösen Mann". Mutter hatte ein Hemd zum Trocknen an den Fenstergriff über dem Heizkörper gehängt, und der Stoff des Hemdes bewegte sich in der aufsteigenden Warmluft.

Mit Lothar teilte ich so manches Geheimnis, so die Heftchen im Keller. Dieser Keller unter dem gesamten Schulhaus bestand aus mehreren Räumen, von denen zwei oder drei von meinen Eltern genutzt wurden. In einem befand sich immer ein großer Stapel Briketts, die für die Schulheizung benötigt wurden, aber auch für unsere Holz-Kohlen-Öfen in der Wohnung.
Normalerweise war es Lothars oder meine Aufgabe, Briketts aus dem Keller zu holen. Mutter war in meiner Erinnerung nie dort unten (was nicht stimmen kann), Vater nur am frühen Morgen, wobei ich ihn manchmal begleitete, weil mich der riesige Ofen faszinierte. Vater musste nämlich in der kalten Zeit jeden Morgen die Schul-Zentralheizung anwerfen. Dazu musste er in dem Ofen ein Höllenfeuer entfachen. Die Ofentür war so groß, dass ich locker hineingepasst hätte.

Im Großen und Ganzen war aber der Schulkeller Lothars und mein Reich. Hier hatten wir die Tibor- und Sigurdheftchen von Hans versteckt, von Lothar auch einige Tarzan-Hefte. Hierher zogen wir uns immer zum Schmökern zurück, meistens ich allein, wenn Mutter davon ausging, dass ich draußen irgendwo spielte. Erwischt wurden wir dabei nie, was auch gut war, weil sonst Hans Probleme bekommen hätte, weil der doch die Lehrerkinder zur schlechten Lektüre verführte. Immerhin fuhren meine Eltern immer wieder mit mir nach Schwandorf in eine Buchhandlung, wo ich mir ein Buch aussuchen durfte. Das waren dann verschiedene Bände von Fury, einem schwarzen Mustang, Lassie, einer Collie-Hündin, und Rin Tin Tin, einem Schäferhund.

Eine andere Form von geheimen "Heftchen" gab es auch noch in Altenschwand: Das waren Hochglanzmagazine mit mehr oder weniger halbnackten bis nackten jungen Frauen. Lothar, der damals schon als Fahrschüler aufs Gymnasium ging, brachte sie aus Amberg mit. Soweit ich mich erinnere, wurden auch sie von meinen Eltern nicht gefunden, obwohl Lothar sie relativ griffbereit versteckte: unter der Badewanne und in einer chaotischen, unübersichtlichen Holzkonstruktion von Dachbalken, Bodenholz etc., eine Schmuddelecke am Eingang unserer Wohnung, die kaum sauber zu machen war und deshalb von Mutter gemieden wurde. Das Versteck unter der Badewanne machte mir Sorgen, hätte Mutter doch auf die Idee kommen können, dort man zu putzen. Wie ich die Magazine entdeckt habe, weiß ich nicht mehr, kann mich aber noch gut an das damit verbundene sündige Gefühl erinnern, wenn ich auch noch nicht genau wusste, was es damit auf sich hatte. Gefährlich für Lothar waren diese Hefte allemal. Denn eines Tages fanden meine Eltern eine Bildzeitung in seiner Schultasche, was für eine dramatische Szene sorgte. Ob mein Vater Lothar wegen dieser Schweinerei beschlagen hat, weiß ich nicht mehr, ist aber gut möglich. Die Schweinerei war die halbnackte Frau auf der, ich glaube, zweiten Seite.

Und dann war da noch ein Geheimnis über dem Hühnerstall. Es gab nämlich außerhalb des Hauses einen vielleicht zehn Meter langen Holzschuppen, in dem sich auch ein gemauerter, oben abgeschlossener Hühnerstall befand. Denn auf dessen Deckenhöhe führte quasi ein 1. Stock durch den Holzschuppen, wo allerlei Gerümpel aufbewahrt wurde. Dieser erste Stock, und insbesondere die Decke über dem Hühnerstall, war Lothars Rückzugsort, wenn er seine Ruhe haben und rauchen wollte. Er war damals zwölf oder dreizehn, jedenfalls dreieinhalb Jahre älter als ich. Ich wusste davon, durfte aber nicht nach oben, wenn er dort war. Eines Tages kam mein Vater auf die Idee, den Hühnerstall sauber zu machen und das Gerümpel zu entsorgen. Das war kein guter Plan, denn er entdeckte eine ganze Batterie von Zigarettenkippen, und der Zusammenhang war ihm schnell klar. Das gab dann wirklich ein Riesendonnerwetter.

Gerlinde, meine erste Liebe
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2.10.  KINDHEIT – Gerlinde, meine erste Liebe.
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Gerlinde, meine erste Liebe

In Altenschwand habe ich auch die Liebe entdeckt. Es muss also mein letztes Jahr gewesen sein. Lothar hatte einen Kumpel im neuen Dorf, den Zischka Werner. Ich war nicht so oft im neuen Dorf, hab aber Lothar manchmal auf seinem Weg zu Werner begleitet und diesem Zusammenhang Werners Schwester entdeckt. Sie war schlank und groß - also so groß wie ich - und hatte ihre weizenblonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr bis zur Schulter hingen. Das, ihre leuchtend blauen Augen und ihr verschmitztes Lächeln hatten es mir bald angetan, so dass ich immer wieder Gründe suchte, ins neue Dorf zu gehen, wo ja auch Hans wohnte. Sobald nämlich die Hausaufgaben gemacht waren, waren die Kinder auf der Straße. Verkehr gab es kaum, Fernseher waren die noch die Ausnahme. So konnte ich so gut wie jedes Mal Gerlinde sehen und vielleicht sogar ein paar Worte mit ihr wechseln. In die Festplatte meiner Erinnerung ist auch eine Begegnung mit ihr eingebrannt, als ich sie vor der kleinen Post im alten Dorf, nicht weit von Sepp, entdeckte und wunderschön fand.

Ich hatte schon bald herausgefunden, dass sie beim gleich Bauern Milch holte wie ich. Um die Umstände zu verstehen, muss man wissen, dass jeder Milchholer zwei Milchkannen hatte. Eine Milchkanne bliebe beim Bauern und wurde gefüllt, mit der zweiten, leeren kam man an, nahm die volle Kanne auf und stellte die leere an ihren Platz. Es dürften an die zehn Milchkannen gewesen sein, die da regelmäßig standen und ich begann mir zu merken, wann Gerlinde kam. Also richtete ich es mir so ein, dass auch ich zu diesem Zeitpunkt "rein zufällig" auftauchte. Manchmal, wenn ich mich geschickt anstellte, bückte ich mich zeitgleich mit ihr zu meiner Milchkanne, wobei es geschehen konnte, dass ich ihren Arm oder ihre Hand berührte. Mit was für Glücksgefühlen ich da nach Hause marschierte!

Erste mystische Erlebnisse
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3.  Erste mystische Erlebnisse
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Erste mystische Erlebnisse

Vom Fenster des Kinderzimmers konnte ich weit über den Pausenhof und Felder hinweg schauen bis zu einem dunklen Waldrand auf der linken Seite meines Erinnerungsbildes. Dieser Waldrand faszinierte mich immer wieder und immer mehr. Er war ein Geheimnis, das mich verlockte, aber mich nicht zuließ. Noch nicht.

Mein Vater war noch sehr von den Kriegserlebnissen geprägt. Also übte er mit mir die Himmelsrichtungen. Wo ist Westen, wo Süden (wo dann automatisch Norden) und wo Westen. Und er übte mit mir, wie ich mit Hilfe meiner Armbanduhr die Südrichtung ermitteln konnte. "Du musst dich orientieren können", prägte er mir ein. "Wenn du mal irgendwo alleine bist und kannst dich nicht orientieren, bist du hilflos und weißt nicht, wohin." Das fand ich logisch.

In Bewegung gesetzt durch meine Abenteuerlust und gesichert durch mein Orientierungsvermögen wollte ich mich ausprobieren und plante im 10. Sommer meines Lebens Erkundungsgänge in den tiefen Wald rund um Altenschwand. Jeden Sonntagmorgen gingen wir zur Frühmesse um sieben Uhr, danach gab es Frühstück und dann durfte ich losziehen. Spätestens um sieben Uhr abends musste ich zurück sein. In meiner Erinnerung habe ich mir dabei nichts mitgenommen, kein Wasser, keinen Proviant. Mein Ehrgeiz war es, an einer mir unbekannten Stelle querfeldein in den Wald vorzudringen, immer weiter auf unbekanntem Terrain und schließlich am frühen Nachmittag den Rückweg einzuschlagen und wieder heimzufinden. "Auch wenn das mal nicht so ganz klappt", beruhigte und stärkte mich mein Vater, "kommst du an irgendein Dorf und fragst nach Altenschwand."

Ich kann mich nicht entsinnen, mich einmal verlaufen zu haben. Immer wieder erreichte ich die Bahnlinie von Schwandorf nach Furt im Wald. Sie lag im Sonnenschein und es verschaffte mir ein seltsames, voyeuristisches Vergnügen, mich im Gebüsch neben der Bahnlinie zu verstecken, einen Zug abzuwarten - die Züge fuhren damals noch vergleichweise langsam - und durch die Zugfenster die Menschen in den Abteilen zu beobachten, wie sie miteinander plauderten, einsam saßen oder hin und herliefen. Sie wussten nichts von mir, aber ich konnte sie sehen. So musste es dem lieben Gott gehen.

An einem dieser sonnendurchfluteten Sonntage folgte ich einem Pfad, der in einen vielleicht drei Meter breiten, hellsandigen Waldweg einmündete, der von links kommend beinahe im rechten Winkel nach rechts verlief und dem zu folgen ich mich entschloss. Er würde der erste Teil meines Heimwegs sein, solange die Richtung passte. Der Weg führte ein Stück bergab und klomm nach vielleicht hundert Metern wieder nach oben zu einer Hügelkuppe. Rechts und links erhoben sich turmhohe Fichten in den blauen Sommerhimmel, die Sonne schien bereits ein wenig schräg in breiten Lichtschwaden durch die Wipfel von rechts auf meinen Weg. Auf einmal wusste ich: "Da ist Gott. Da, vor mir, in diesem Dom aus Licht ist Gott." Es war ganz still und doch war ein Brausen in mir und eine plötzliche, mächtige Erregung. Ich war den Tränen nahe oder ich weinte, das weiß ich nicht mehr genau, aber dass da Gott auf mich wartete, das war ganz klar. Was würde geschehen, wenn ich weiter ging, in Gott hinein? Eigentlich nichts, denn es war ja der "liebe" Gott, aber Mut brauchte ich trotzdem für die nächsten Schritte, bevor ich spürte: Dir geschieht nichts, du bist aufgehoben, es war ein Gehen im Zuhause für ich weiß nicht mehr, wie lange, nur, dass es eine besondere Form von Seligkeit war, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.
Adieu Altenschwand
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3.1.  Erste mystische Erlebnisse – Adieu Altenschwand.
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Adieu Altenschwand

Schließlich hieß es, Altenschwand zu verlassen. An sich waren wir dort alle glücklich gewesen. Nein, nicht alle. Lothar wurde wegen Altenschwand zum Fahrschüler. Meine Eltern hatten ihn zunächst nach Amberg in ein christliches Seminar geschickt, aus dem er nur am Wochenende heimkam - mit katastrophalen Ergebnissen vor allem in Latein. Was in dieser Heimschule wirklich geschah, weiß er selbst nicht einmal genau, klar ist nur, er musste morgens zur Messe und begann, das Christentum zu hassen und letztlich alle Religion. Er war dort so unglücklich, dass er es auf sich nahm, täglich mit dem Zug nach Amberg und zurück zu fahren, was jeweils ca. 45 Minuten dauerte. Das, fanden meine Eltern, war kein Zustand, zumal sie befürchteten, dass mir ein ähnliches Schicksal blühte.

Infolgedessen bewarb sich mein Vater für eine Lehrerstelle in Amberg und erhielt auch den Zuschlag für das zweite Halbjahr 1964, so dass mein Bruder Fahrschüler wurde und mein Vater Fahr-Lehrer. Ich selbst fühlte mich hin und hergerissen. Ich las damals die Fünf-Freunde-Bücher - die paar Karl Mays aus der Gemeindebibliothek hatte ich längst ausgelesen - und war Abenteuer nicht abgeneigt. Dass eine Stadt mehr Abenteuermöglichkeiten bot als Altenschwand, schien logisch. Wenn da nur nicht Sepp und Gerlinde gewesen wären. Aber ich konnte nun mal nichts dagegen tun und nahm die Umstände sowohl traurig wie aufgeregt hin.

So kam es, dass eines Tages meine Mutter auf die Idee kam, wir beide - sie und ich - könnten nach Amberg trampen und "Vati" an seiner neue Schule überraschen. Während Mutter noch schwankte, war ich sofort Feuer und Flamme, was sie schließlich bewog, das Abenteuer tatsächlich zu wagen. Also standen wir an einem der nächsten Tage zu zweit an der Straße und ich hielt den Daumen raus. Der erste Wagen der anhielt, war für uns beide eine Sensation.

Wie lange es dauerte, bis wir in Amberg waren, habe ich vergessen, aber wir schafften es tatsächlich, Vater zu überraschen, und ich glaube mich zu erinnern, dass er stolz auf uns beide war. Auch ich war stolz, denn ich weiß, dass ich das erste Mal eine Männerrolle eingenommen hatte. Ohne mich hätte meine Mutter diese Fahrt nie unternommen.

Mit Amberg hatte die unbeschwerte Schulzeit allerdings ein Ende. Es war klar, dass ich aufs Humanistische Gymnasium gehen und mit Latein beginnen sollte. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber ich wusste, dass man dafür gut sein und eine Aufnahmeprüfung machen und bestehen musste. Also begann meine Mutter, mich für die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Ich weiß nicht wie oft, aber oft genug, gab sie mir Diktate, weil Rechtschreibung mein Hauptproblem war. Und lustigerweise fiel mir die richtige Schreibung des Wortes "Fehler" besonders schwer. Es dauerte eine Weile, bis ich nicht mehr "Vehler", sondern "Fehler" schrieb. Wie auch immer, eines Tages fand die Aufnahmeprüfung, für die wir nach Amberg fahren mussten - ca. 60 Kilometer) statt und ich bestand sie mit Ach und Krach. Das Problem war Mathematik, das sich auch in den Folgejahren nie zu einem Lieblingsfach entwickelte. Igendwie konnte ich, in einer erhöhten Bankreihe sitzend, das Mädchen auf der tieferliegenden Reihe vor mir dazu bewegen, dass sie sich so zur Seite lehnte, dass ich ihre Aufgabe sehen und abschreiben konnte. Skrupel hatte ich dabei keine.

JUGEND
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4.  JUGEND
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AMBERG

Amberg, ein neues Zuhause
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4.1.  JUGEND – Amberg, ein neues Zuhause.
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Amberg, ein neues Zuhause

Meine Eltern hatten ein kleines Reiheneckhaus erstanden, die Sebastian-Kneipp-Straße Nummer 84, ein quadratischer Kasten ohne Dach und nur mit einem Hochkeller, anstatt einer Unterkellerung. Weil die Häuser in unserem Neubauviertel so billig waren - ich glaube, unseres kostete ca. 80.000 Mark -, wohnte wir im sogenannten D-Programm (D stand und steht für Demonstativ"). Lothar und ich bekamen jeder ein eigenes Zimmer, der Traum! Das war irgendwie wie seine eigene Höhle einrichten dürfen, nur eben gefühlt für immer.

Die ersten zwei Erinnerungen an Amberg waren allerdings eher traumatisch. Da wir im Laufe des zweiten Schulhalbjahres umgezogen waren, musste ich noch die 4. Klasse der Luitpoldschule besuchen. Fräulein Schmidtbauer hatte mir ein Zwischenzeugnis ausgestellt, das meine Mutter für übertrieben gut hielt, aber das sich nicht ändern ließ. Entsprechend hochgeschraubt waren die Erwartungen meines Amberger Grundschullehrers; ein Mann und keine Frau. Er wollte mir den Einstieg leicht machen und meinte, ich solle doch mal ein Lied vorsingen, das ich in Altenschwand gelernt hatte. Aber in dem vierklassigen Klassenzimmer hatten wir nicht gesungen. Das einzige Lied, das mir einfiel, war "Hänschen klein". Als ich es anstimmte, brach die Klasse in brüllendes Gelächter aus - und ich in Tränen.

Die zweite Erinnerung bezieht sich auf den ca. zwei Kilometer langen Schulweg nach Hause. Ich nehme an, Mutter ist ihn ein paar mal mit mir gegangen, aber es kam eben der Tag, an dem ich ihn alleine gehen musste. Ich fand auch meinen Weg bis zum D-Programm, aber dann sahen plötzlich alle Häuser, viele von ihnen noch im Rohbau, ziemlich gleich aus. Ich irrte ein wenig herum und klingelte schließlich an einer Tür, die ich für die richtige hielt. Aber eine Unbekannte öffnete. Glücklicherweise kannte sie meine Mutter bereits und brachte mich nach Hause. An dem Tag ging ich ein par mal "raus", um mir den richtigen Heimweg einzuprägen.

An einem der nächsten Schultage freundete ich mich mit einem großen Jungen aus meiner neuen Klasse an, mit dem ich einen Teil des neuen Schulwegs teilen konnte. An seinen Namen kann ich mich nicht entsinnen, aberer war blond und mindestens einen Kopf größer als ich. Trotzdem war er irgendwie liebevoll. Ich mochte ihn gern, wenn ich auch nicht verstand, wie jemand, dere so groß war, so weich sein konnte, weicher als ich. Zum Schuljahrsende bestätigte mein Lehrer meine gute Noten, was mich mit Stolz erfüllte.

Mit dem Umzug nach Amberg begann Mutters eindeutiges Nörgel-Regiment. Vermutlich war das schon vorher so, aber jetzt war ich wohl alt genug, um es auch wahrzunehmen. Um seine Ruhe zu haben, hat Vater ihr so wenig wie möglich widersprochen. Wütend geworden ist er maximal einmal jährlich und hat seine Stimme mächtig wider sie erhoben. Dann ist sie tatsächlich zusammengezuckt und hat, sich klein machend, abgewartet, bis sich die Gewitterwolken verzogen hatten, um ihm dann sofort Vorwürfe wegen seines Benehmens zu machen. Spätestens ab dem 16. Lebensjahr dachte ich im Stillen: Wenn so eine Ehe aussieht, dann will die NIE IM LEBEN!

Das kleine Reihenhäuschen haben sich Eltern buchstäblich vom Mund abgespart. Mutters ganzes Ansinnen war auf die möglichst schnelle Rückzahlung der ca. 90.000 Mark gerichtet. Dementsprechend hat sie mit eiserner Hand jeden Pfennig umgedreht - interessanterweise gelang das, ohne mir das Gefühl zu geben, bei uns sei die Armut ausgebrochen. Aber essen gehen war zum Beispiel völlig undenkbar. "Von dem Geld kann ich ja eine ganze Woche kochen", war ihr unschlagbares Argument. Ohne das Wort "sparen" bzw. "wir müssen sparen" verging wohl kaum ein Tag. Später, als ich schon lage nicht mehr zuhause wohnte, hat sie gestanden, dass sie, sobald "die Männer" aus dem Haus waren, die Heizung aufs Minimum runtergestellt und ihre Arbeit im Wintermantel verrichtet hat.

Ein ganz wichtiger Teilaspekt des Sparens war der Werterhalt des Hauses und des Mobiliars. Sauberkeit war mindestens so wichtig, vielleicht noch wichtiger als Sparen. Und zur Sauberkeit gehörten für sie auch gute Manieren. Sauberkeit war eine Art Lebensstil. Mehr als die Hände, am Ende gar die Ellbogen beim Essen auf den Tisch zu legen, war für sie der Inbegriff von "Arbeitermanieren". Da konnte sie, wenn sie ärgerlich wurde, auch schon mal zuschlagen. Das kam aber zum Glück selten vor und hat für sie definitiv nicht zur "guten Erziehung" gehört. Einmal, an den Anlass kann ich mich nicht entsinnen, hat sie mir auf die rechte Hand geschlagen und dabei das oberste Glied des Ringfingers angeknaxt. Seither ist der ein bisschen krumm, unauffällig, aber für mich ausreichend, um mich an diese Szene zu erinnern. Ich würde wohl darauf vergessen haben, wenn sie nicht in ihren späten Jahren immer wieder mal darauf zurückgekommen wäre, um sich bei mir für ihr Verhalten zu entschuldigen.

Den einzigen weiteren und persönlichen Einblick in eine Ehe bekam ich bei Tante Ulla, die nur 100 Meter von uns entfernt wohnte. Ihren Mann, Onkel Walter, ein alter Rektor, der ca. 25 Jahre älter war, hat sie noch weit schlimmer behandelt. Sie hat ihn regelrecht aus dem Haus gescheucht, und zwar für Stunden, damit sie in Ruhe putzen und aufräumen konnte. Er hat die Zeit genutzt, um entweder in die Pilze zu gehen oder in der Stadt für irgendwelche Kleinigkeiten die Preise in verschiedenen Geschäften zu vergleichen und dann das billigste zu erwerben. Dieser Putz- und Sauberkeitsfimmel hatte durchaus wahnhafte Aspekte. So kam es vor, dass ich nach nebenan geschickt wurde, weil Mutter z.B. eine Zitrone zum Backen gebraucht hat. Dann hab ich geläutet und musste mehrere Minuten warten, bis sie die Tür aufgemacht hat. Warum so lange, schließlich war sie weder krank noch gehbehindert? Nun, sie wusste ja nicht, wer vor der Tür steht, und hat erst einmal die Plastik-Schutzbezüge von den Wohnzimmer-Möbeln entfernt, bevor sie zur Tür ging. Ihr Rasenstück war ein bisschen größer als das unsere, aber ungleich gepflegter. Das Gras war immer perfekt auf Bürstenschnitt getrimmt und im Sommer konnte ich sie frühmorgens schon dort auf dem Knien sehen, um eventuell keimendes Unkrat sofort auszureißen.

Mutter und Tante Ulla waren in einer Dauerwettkampf, wer von den beiden die kränkere ist. In solchen Zankgesprächen warf sie Mutter vor, den jüngeren Mann zu haben, weshalb sie sich das Leid ihrer Schwester gar nicht ausmalen könne. Manches Leid hat sie sich mit ihrem Sauberkeitswahn auch selbst angetan. Irgendwann bekam ich mit, dass ein Gynäkologe ihr empfohlen hatte, sich "da unten" weniger zu waschen, weil sie ihre komplette Scheidenflora ruiniert hatte. Ich vermtue mal, sie ist da mit Desinfektionssprays rangegangen.

Trotzdem war diese Nachbarschaft mit Tante ein Segen für mich, denn Christoph, ihr Sohn, also mein Cousin, war ein, zwei Jahre lang, ein guter Freund und auch ein paar Jahre danach haben wir uns bestens verstanden. Bis heute sind wir in gutem Kontakt. Außerdem hat mir Tante Ulla noch mehr als meine Mutter unmissverständlich klar gemacht, wie ich auf keinen Fall werden wollte. Unabhängig davon war sie so gut wie immer nett zu mir. Irgendwie habe ich bei ihr in einer nörgelfreien Zone gelebt.

Das humanistische Gymnasium
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4.2.  JUGEND – Das humanistische Gymnasium.
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Das humanistische Gymnasium

Heute heißt es Erasmus-Gymnasium, ob das schon damals so war, weiß ich nicht. Wenn wir davon sprachen, dann hieß es "das Huma". "Wo gehst denn auf'd Schul?" "Ich geh aufs Huma." Das Huma lag überraschenderweise in der Gymnasiumstraße und war ähnlich weit vom D-Programm entfernt wie die Luitpoldschule. In kürzester Zeit entstand aus meiner ersten Klasse am Huma eine Schulweggemeinschaft: Wolfgang, Bruno, Hermann und ich. Auf dem Schulweg lagen zwei Verlockungen, denen wir regelmäßig erlagen, ein kleiner Lebensmittelladen, wo es billige, gefärbte und für unseren Geschmack großartige Zuckertabletten gab, das Stück für einen Pfennig. Da konnte wir uns schon was leisten. Und kurz vor dem Gymnasium lag auf der rechten Seite eine winzige Bäckereifiliale, die mit zwei Köstlichkeiten aufwartete: Amerikanern mit dickem Zuckerguss und dreieckigen, karamelisierten Nussschnitten. Natürlich kam das nur selten in Frage bei der 3 Mark Taschengeld, die ich hatte, aber umso großartiger war dann der Genuss.

Der herrschaftliche Eingang zum Huma lag ein Treppenstufen über dem Bürgersteig. In der Regel stand ab 7.30 Uhr die Tür offen. Hinter der Tür musste man weitere ca. zehn Stufen hochsteigen, um im Parterre der Schule anzukommen. Das war aber erst um 7.45 gestattet. Der Herr über die Zeit - und über uns - war der Hausmeister, ein großer Mann, der nicht dick, aber sehr stämmig war, ähnlich breit wie hoch, mit einem großen, strengen Gesicht. Ich habe ihn nie lächeln gesehen. Er hieß bei uns Schülern nur "der Zerberus", also der Höllenhund.

Zur frühesten Erinnerung ans Huma zählen meine Eindrücke mit meiner ersten Fremdsprache: Latein. In meiner dörflichen Einfalt hatte ich bis dahin alle meine Worte für selbstverständlich gehalten und nie darüber nachgedacht, dass man für den selben Gegenstand auch ein anderes Wort verwenden könnte. Dabei hätte mir das bei den Besuchern der Urbans in Altenschwand auffallen müssen. Mich jedenfalls begeisterte die Tatsache, dass ein Bauer plötzlich nicht nur "Bauer" hieß, sondern auch "agricola", eine Frau "femina", die Erde terra, puella das Mädchen und Lieben hieß amare. Puer puellam amat, der Knabe liebt das Mädchen, te amo - ich liebe dich, flüsterten wir und spürten die herannahende Pubertät auf den Lippen. Als irgendwann das Wort sinus für Meerbusen zu lernen war, empfand ich Latein als ausgesprochen sinnliche Sprache.

Da wir vier, Wolfgang, Bruno, Hermann und ich nahe beieinander wohnten, gründeten wir - selbstverständlich - einen Club, den man heute vermutlich "Gang" nennen würde. Wir verfassten eine Clubordnung, malten Clubkarten, die wir ausschnitten und bei uns trugen. Eine Erdkundelehrerin namens Jakobi mit dem Spitznamen "die Jackson", die wir gar nicht mochten, wohnte irgendwo in der Nähe, so dass wir sie öfters herumspazieren sahen. Eines Tages beschlossen wir, sie, die uns ständig ärgerte, auch einmal zu ärgern. Als wir sie wieder einmal kommen sahen, versteckten wir uns hinter einem hohen Erdhaufen - überall wurde ja noch gebaut - und skandierten laut: "Die Jackson, die Jackson ist blöd, die Jackson ist blöd, die Jackson ist blöd." Am nächsten Tag gab es Ärger im Huma, denn die Jackson war nicht faul gewesen und hatte recherchiert, welche Kinder in welcher Klasse im D-Programm wohnten. Das waren eben wir, aber nicht nur wir. Doch kam es zu keiner Verurteilung, weil wir standhaft unsere Beteiligung an dem Verbrechen leugneten.

Offizieller Kontakt mit Gott
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4.3.  JUGEND – Offizieller Kontakt mit Gott.
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Offizieller Kontakt mit Gott

Sehr bald wurden wir vier auch Mitglieder der KJG, die "Katholische Jungmännergemeinschaft" hieß, parallel zur KFG, der Katholischen Frauenjugendgemeinschaft. Später wurden beide in der "Katholischen jungen Gemeinde", immer noch als KJG abgekürzt, zusammengefasst. Zur KJG gingen wir, weil wir in der neu gegründeten Siedlungskirche, einer umfunktionierten Fabrikhalle, im D-Programm Ministranten werden wollten. Eine der Voraussetzungen für den "Dienstantritt" war das Erlernen des Stufengebets "Introibo ad altare Dei: ad Deum, qui laetificat juventutem meam" , auf Deutsch: "Zum Altare Gottes will ich treten. Zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf." Für uns „Lateiner“ kein Problem!

Tatsächlich hatten die Gottesdienste im jungen Stadtteil "D-Programm" einen ganz eigenen Charme. Sie hatten etwas von "frühem Christentum" und fanden in einer zu einer Kirche umfunktionierten Fabrikhalle statt.

Das zweite Mal im Krankenhaus
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4.4.  JUGEND – Das zweite Mal im Krankenhaus.
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Das zweite Mal im Krankenhaus

Aber dann kam die Mandel-Operation. Heute weiß ich, dass es damals einen Mandel-OP-Boom gegeben hat, viel mehr Eingriffe als nötig (sprich: als in anderen Ländern). Ich hatte meinen Höllentrip bei der Narkose in Schwandort nicht vergessen, war aber inzwischen alt genug, dass ich mir einreden konnte, diesmal wird es bestimmt anders. Es war nicht anders, sondern der gleiche Horrortrip, der schlimm genug war, dass ich mir schwor: Lieber sterben als das noch einmal durchmachen zu müssen.
Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich einfach nur Schmerzen im Hals und enorme Schluckbeschwerden. Jeder Schluckvorgang tat weh. Ich lag in einem Zimmer mit ca. zehn anderen Kindern, von denen ein Junge, in einem ähnlichen Alter wie ich, andauernd jammerte und schrie. Ich weiß nicht mehr, was man dagegen unternahm, mir ist nur sein Jammer in Erinnerung; aber auch eine schöne Erinnerung gibt es aus diesen Tagen: Ich bekam jeden Tag, drei, vier Tage lang, Eis zur Kühlung meiner Mandel-Wunde. Noch nie hatte ich so viel Eis essen dürfen, auch wenn jedes Schlucken wehtat.

Neues Deutschland
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4.5.  JUGEND – Neues Deutschland.
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Neues Deutschland

Offenbar war meinen Eltern die Katholische Junge Gemeinde nicht genug für meine christliche Erziehung. Sie meldeten mich bei der ND an. So sagten wir damals und keiner wusste mit dem eigentlichen Namen, nämlich Bund Neudeutschland, etwas anzufangen. Ich war immer hin- und hergerissen von dem, was wir in diesen Gruppenstunden machten. Gesungen wurde viel, vor allem sogenannte Fahrtenlieder wie zum Beispiel "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord". Insgesamt fand ich es eher langweilig, habe mich aber auch nicht gesträubt.
Die Gruppentreffen mit ungefähr zehn NDlern in meinem Alter fanden im Ziegeltor statt, einem der vier noch existierenden Stadttore in der Stadtmauer. Der Raum, in dem wir uns trafen, und zu dem man an der Außenseite des Tors eine Holztreppe ca. zehn Meter steil nach oben steigen musste, war klein, ziegelig, holzig-muffig; alle diese Gerüche lagen im Raum und waren wohl das Beste an den Treffen. Ich mochte diesen Geruch und seither riecht das Mittelalter für mich so wie dieser Raum im Amberger Ziegeltor.

An ein Gruppentreffen erinnere ich mich mit einem besonderen Grauen. In meiner Gruppe war ein Junge, der größer war als ich, ein lieber, weicher, freundlicher Kerl, mit dem ich einen Teil des Wegs ging vom D-Programm zum Ziegeltor, damals ungefähr 40 Minuten. Ich will ihn einmal Klaus nennen. An jenem Abend kam der "Pfarrer" unsere Gruppe besuchen, um "nach dem Rechten" zu schauen. Er war der ND-Chef, jemand, zu dem man aufzuschauen hatte, ein großer, staatlicher Mann, der in meiner Erinnerung immer so wirkte, als wäre er mit seiner glänzenden Haut eben aus der Badewanne gestiegen. Das "Rechte" waren für ihn die Schulerfolge. Er fragte unsere Noten ab. Für mich war das kein Problem, wohl aber für "Klaus". Klaus war ein schlechter Schüler und war so ungeschickt, ein paar Vierer und Fünfer zuzugeben. Der Herr Pfarrer wurde daraufhin regelrecht böse auf ihn, beschimpfte ihn vor uns allen als Versager und er solle sich anstrengen, so jemanden wolle er nicht bei der ND. Er trampelte so lange auf der Seele des armen Kerls herum, bis dieser in Tränen ausbrach.
Damit hatte der Herr Pfarrer auch meine letzten, kindlichen Restsympathien verscherzt und ich verachtete ihn mehr als gründlich. Mit Klaus ging ich an diesem Abend nach Hause, unfähig ihn zu trösten und mir kamen meine guten Noten wie schlechte Noten vor.

Damals war ich wohl zehn oder elf Jahre. Wie ich von der ND loskam, weiß ich nicht mehr, jedenfalls hat es nicht mehr lange gedauert, bis ich der Organisation dieses Höllenpfarrers den Rücken kehrte. Das Beste an den Gruppentreffen war ein winziger Laden gleich neben dem Ziegeltor, eigentlich nur eine Fensterbank, über die hinweg ein alter Mann Eis verkaufte - das beste Eis diesseits und jenseits des Mississippi. Sei Eis hatte gleich mehrere, unvergleichliche Aspekte: Erstens war es ein kinderlieber, alter Mann, zweitens kostete das Eis so wenig, dass wir uns es leisten konnten (10 oder 20 Pfennig für zwei gehäufte Esslöffel voll in die Waffel gestrichen), und drittens schmeckte es es nur noch himmlisch.

Ah, die Adria
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4.6.  JUGEND – Ah, die Adria.
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Ah, die Adria

Lignano, ein viel von Touristen heimgesuchtes Städtchen an der Adria, wurde für einige Jahre eine zweite Heimat für mich. Wir landeten dort während eines Urlaubs, den meine Eltern in Österreich am Faker See geplant hatten. Ich nehme an, dass wir uns dort mit Onkel Richard aus München getroffen hatten, denn verschwommen taucht in diesem Zusammenhang meine Lieblingscousine Christel auf. Wie auch immer: Das Wetter passte nicht, also beschlossen meine Eltern, die rund 200 Kilometer über die Alpen weiter an die Adria zu fahren. Der Vorteil: Man bekam viele Lire für die D-Mark, so dass der Urlaub relativ billig war.

Ob das vor oder nach meinem zehnten Geburtstag stattfand (eher davor), weiß ich nicht mehr so genau. Ohnehin beginnen viele Kindheitserinnerungen zu verschwimmen. Es war bei diesen Fahrten durch Österreich nach Lignano, das zufälligerweise unser Stamm-Ort wurde, dass ich zum Alm-Dudler-Fan wurde.

Es war also Lignano, das heute für mich so langweilige, beinahe schon abstoßende Lignano, wo ich zum ersten Mal das Meer erlebte - und berauscht davon war. Aus der heutigen Perspektive waren unsere Urlaube asketisch, aber aus meiner kindlichen Sicht waren sie paradiesisch. Meine Eltern waren entspannt, Morgens durfte ich zum Bäcker gehen und "Panini" besorgen. Dafür bekam ich die Lire abgezählt in die Hand und hatte zuvor die Zahlen bis zehn gelernt: uno, due, tre, quattro, chinque, sei, sette, otto, nove, dieci. "Otto panini, prego", sagte ich stolz und reichte der Verkäuferin mein Geld hoch. Eine Weile wunderte ich mich , dass es Menschen gab, die das verstanden, aber angesichts von "Acht Semmeln, bitte" ratlos waren. Nach dem Frühstück gingen wir ca. 300 Muter an den Strand, wo ich mit den Wellen kämpfen und Sandburgen bauen durfte, mittags kehrten wir nach Hause zurück, wo Mutter uns auf einem Zweiplattenherd etwas zubereitete, das mir mit einem Bärenhunger immer köstlich erschien (oft genug aus Dosen erhitzt), beinahe jeden Tag durfte ich mir ein Eis aussuchen, das Gelati hieß. Mittags oder abends erschallte ein lauter Ruf durchs Fenster: pesce, pesce, pesce! Das war der Fisch-Mann mit dem dreirädigen Lieferwagen, und manches seltene Mal kaufte Mutter bei ihm und bereitete uns ein Festmahl.

Kulinarischer Höhepunkt unserer Lignano-Urlaube war das Grill-Hähnchen. Ich unserer Nähe gab es eine Grillstation, und vier mal während des Urlaubs, ging einer zwei knusprige Hähnchen holen. So etwas gab es zu Hause nie; also begann der Genuss schon bei der Vorstellung. Wer die Hähnchen holte, vielleicht auch Lothar, weiß ich nicht, aber dass ich ein halbes Grill-Hähnchen alleine auffuttern durfte, erschien mir als Paradies pur.

In Lignano gab es einen Lunapark. Das war eine Art Kirmes für Touristen, wo ich mit meinem großen Bruder ohne die Begleitung meiner Eltern hingehen durfte. Wir bekamen eine Portion Lire zugesteckt, die durften wir ausgeben, mehr gab es nicht, und mehr war auch nicht nötig. Allein die Dunkelheit auf dem Weg zum Luna Park und zurück waren ihr Geld wert. An einem dieser Luna-Park-Besuche überredete mich Lothar zu einer FahrT in der Geisterbahn. Das war nicht wirklich schrecklich, aber ein bisschen schon. Jedenfalls war ich froh, das hinter mich gebracht und gemeistert zu haben.

In Lignano habe ich auch das Schwimmen gelernt. Vater, der zeit seines Lebens ein vorbildlicher Schwimmer war, hatte mir schon beigebracht, unter Wasser zu schwimmen und dabei die Augen aufzumachen. Das brannte zwar ein wenig, aber war okay. Irgendwann kam der Punkt, wo er meinte: Jetzt musst du nur noch deinen Kopf aus dem Wasser heben und dann kannst du schwimmen. Gesagt, getan. Ich war begeistert und jubelte. Auch Vater schrie. Einen Moment lang dachte ich, er würde auch vor Begeisterung schreiben, aber tatsächlich hatte ihn ein Stechfisch erwischt. Genauer gesagt: Er war in einen Giftstachel des "Petermännchens" getreten, der "Kreuzotter der Adria". Kein Spaß. Der NDR schreibt dazu: "Der Stich führt zu einem stechenden Schmerz, starken Gelenkschmerzen und Schwellungen. Im schlimmsten Fall kann es zu einem lebensbedrohlichen allergischen Schock und Herzstillstand kommen." Und das, als ich gerade das Schwimmen gelernt hatte. Ich hatte unsägliches Mitleid mit meinem Vater, der seufzend und den Schmerz unterdrückend aus dem Wasser an den Strand humpelte. Zum Glück gab es in der Nähe einen Sanitäter, der wusste, was zu tun war, so dass Vater schon zwei Tage später wieder "einsatzbereit" war.

Von diesem Tag war ich ein begeisterter Schwimmer. Mutti, die am Bodenwöhrer Weiher in ihren Dreißigern das Schwimmen gelernt hatte, ging bevorzugt mit mir ins Wasser, denn sie merkte, dass ich mit den Wellen gut umgehen konnte und mit Vergnügen drunter durchtauchte. Einmal wurde sie von einer Welle überrascht und ging unter. Als sie prustend wieder hochkam, fanden das Lothar und Vater nur lustig. Nur ich eilte zu ihr, um ihr beizustehen.

Etwas fünfzig Meter vom Strand gab es eine parallel zum Land verlaufende Reihe von Bojen, die vielleicht jeweils 20 Meter voneinander entfernt waren. Jenseits der Bojen war freie Fahrt mit Motorboote. Schon die letzten zwanzig Meter vor den Bojen gab es kaum mehr Schwimmer. Das wurde zu meiner Lieblingszone. Ich schwamm hinaus, legte mich auf den Rücken, spürte in die Tiefe hinunter, die hier vielleicht bei vier bis sechs Metern lag, genoss diese abenteuerliche Art von Alleinsein und Einsamkeit und wusste doch, dass ich zur Not in zehn Minuten am Strand sein konnte. Manchmal hielt ich mich auch an der Boje fest und genoss die Nähe zum "Gefahrenbereich".

Interessanterweise vertrauten meine Eltern meinen Schwimmkünsten. Kam ich zu spät aus dem Meer zum Strand und zu unserem Sonnenschirm, dann waren sie schon gegangen und ich musste die ca. 15 Minuten bis zu unserer Pension allein gehen in Badehose und Plastik-Strandschlappen. Meistens beeilte ich mich dann, denn "zu Hause" würde es ja etwas Leckeres zu essen geben.

In welchem der Adria-Urlaube ich mir einen massiven Sonnenbrand zugezogen hatte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war er so stark, dass Mutter mir morgens verbot, mit an den Strand zu kommen. Also blieb ich zu Hause, ich war sowieso schlapp und döste vor mich hin, schlief, döste, schlief. Irgendwann wachte ich in einem Riesenlärm auf. Jemand war durchs offene Fenster im ersten Stock in mein Zimmer gestiegen und öffnete meine Zimmertür für meine Eltern. Die waren mittags vom Strand heimgekehrt und hatten an meine abgeschlossene Tür geklopft, aber ich machte nicht auf. Sie schlugen an die Tür, aber ich schlief meinen Erholungsschlaf so fest, dass ich ihren Radau nicht hörte. Natürlich hatten sich auch die italienischen Vermieter Sorgen gemacht, denn jedes Jahr gab es Touristen, die an einem Sonnenstich starben.

Mit der Adria verbinde ich auch ein ganz schlimmes Erlebnis. Ich hatte mich mit einem dicken, großen, Hochdeutsch sprechenden Jungen in meinem Alter angefreundet und wir spielten oft im Sand miteinander. An einem Tag war meine Eltern bereits "nach Hause" aufgebrochen, aber wir zwei hatten noch zu tun. Plötzlich hielt er inne und sagte: "Du hast eben etwas Hässliches von mir gedacht." "Aber nein", antwortete ich, "das ist nicht wahr." Er hatte mich völlig überrumpelt und ich verstand nicht im Geringsten, was los war. Er stumpte mich rückwärts in den Sand, ich spürte Panik aufkommen, er nahm mich in den Schwitzkasten und keuchte immer wieder: "Du hast was Schlechtes von mir gedacht. Ich weiß es, gib's zu." Ich war nur noch Bündel aus Angst und Schweiß und Panik und wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Irgendwie gelang es mir, mich von meinem "Freund" freizustrampeln und heimzulaufen. Dort habe ich nichts erzählt. Vielleicht hatte er ja Recht gehabt, vielleicht hatte ich wirklich schlecht von ihm gedacht. Ich wusste es nicht.

Und es gab ein wundervolles Erlebnis in Lignano, das mein Leben lang bewirkt hat, dass ich den schwäbischen Akzent bei Frauen als sexy empfinde. Meine Eltern hatten sich mit einem schwäbischen Ehepaar am Strand in unserer Nähe angefreundet. Abends gingen sie mit mir öfters dorthin "auf ein Gläschen Wein". Das Paar hatte auch eine Tochter in meinem Alter, die mir sehr gefiel. Sie hatte dunkelbraune, lockige, lange Haare, die zu zwei Zöpfen geflochten und zu einem Krönchen auf ihrem Hinterkopf gebunden waren. Wenn also ihre und meine Eltern am Klönen bzw. am Ratschen waren (wie man in Bayern sagt) und sich der Abend hinzog, dann langweilten wir uns und gingen auf den Balkon zum Spielen. In meiner Erinnerung haften geblieben ist das heimliche Kuscheln unter einer Decke - gegen die kalte Luft -, die Nähe ihres zarten Körpers, das blumig lustvolle Gefühl bei den unvermeidlichen Berührungen unserer nackten Haut, das dunkel Sündige, Schamvolle, Erregende, ohne dass etwas für die Erwachsenen Nennenswertes zwischen uns geschah. Das war so köstlich, so ahnungsvoll und noch uneindeutig, auf eine ganz besondere Art lustvoll, wie es eine "erwachsene" Erotik nicht sein kann. Ich will diese kleine Schwäbin Esther nennen, denn Esther ist der Name, der ihr am nächsten kommt.
Auch am Strand waren wir bald untrennbar. Esther war ebenso lebendig wie ich, wir rauften mit den Wellen, tauchten, schwammen und ab und zu stießen wir auch aneinander, ohne dies vermeiden zu wollen, waren wie kleine, liebevoll tollende Tiere zu- und miteinander. Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen bestand darin, mit dem Metzler-Gummikanu meines Vater am Strand entlang zu paddeln. Das aufblasbare Zweier-Kanu hatte zwei Sitzplätze mit Rückenlehne. Ich paddelte, sie manchmal auch, und so fuhren wir in zwanzig, dreißig Metern Entfernung mal 100 Meter links, mal 100 Meter rechts am Strand entlang und schauten, was dort so los war. Das Wichtigste an diesen Fahrten aber waren meine nackten Füße, die an ihrer Rückenlehne vor mir vorbei ihre nackten Hüften berührten und sie ganz, ganz vorsichtig streichelten. Wieviele dieser märchenhaft erotischen Bootsfahrten zustande kamen? Bestimmt zehn oder mehr.

So war also Esther meine zweite Liebe. Als wir nach Amberg zurückkamen und ich meine Kameraden wieder traf, lachten sie mich gehörig aus. Denn ich hatte mein Bayerisch ganz vergessen und sprach so schwäbisch wie Esther gesprochen hatte. Nach ein paar Tagen hatte ich mich wieder "gefangen" und Esther war bis auf Weiteres vergessen.

Die endgültige Entdeckung der Mädchen
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4.7.  JUGEND – Die endgültige Entdeckung der Mädchen.
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Die endgültige Entdeckung der Mädchen

Offenbar hatte die Pubertät bei mir schon sehr früh eingesetzt. Aufgeklärt war ich natürlich nicht - mit Betonung auf "natürlich". Niemand in unserem Vierer-Team am Gymnasium war das. Unser Kerninteresse konzentrierte sich zunehmend auf die Frage: Wo kommen eigentlich die Kinder raus aus einer Frau? Ich weiß nicht, in wie vielen Stunden wir die Frage erörterten. Keiner von uns hatte je eine Scheide gesehen, aber irgendwo, in irgendwelchen Aufklärungsbüchern eine Ahnung davon bekommen. Außerdem hatte Wolfgang eine Schwester (die mir auch sehr gefiel) und kannte das Organ aus eigener Anschauung. Folglich war uns klar: aus dieser Körperöffnung kann kein Kind kommen. Außerdem machen die Mädchen damit Pippi; wie kann das also sein? Ich entwickelte dann eine Theorie anhand unserer Italienurlaube, wo ich ja gesehen hatte, dass alle Frauen zwischen den Brüsten einen großen Schlitz haben, der womöglich tiefer reicht, als wir das wissen; der vielleicht groß genug ist, dass da ein Baby durchpasst.

Das war ungefähr der Stand der Dinge, als mein wenige Monate älterer Cousin mich bei einem abendlichen, sommerlich schwülen Spaziergang aufklärte, wie das alles zusammenhing. Erst einmal musste etwas in die Mädchen hineingesteckt werden, bevor ein Baby herauskommen konnte, und zwar durch die gleiche Öffnung. Hm, das erschien mir logisch, auch wenn ich mir den Dehnungsprozess der  Scheide bei der Geburt nicht vorstellen konnte. Andererseits hatte ich noch nie ein weibliches Geschlechtsteil gesehen, auch mein Cousin übrigens nicht. Erklären konnte er mir die Details auch, aber er war sich quasi "wissenschaftlich" sicher, dass seine Informationen stimmten; seine Eltern hatten ihm nömlich ein Aufklärungsbüchlein geschenkt. Mein Cousin zeigte mir auch, dass jeder von uns so ein Ding mit sich herumträgt, mit dem man Babys machen kann, am praktischen Beispiel, indem er mir in die Hose - oder an (so genau weiß ich das nicht mehr, ich hab's wohl verdrängt) - die Hose griff. Auf jeden Fall war meine Aufregung enorm, mein Penis entwickelte ein gewisses Eigenleben, und ich begann zu verstehen, weshalb ich so begeistert von Irmgard war, die in der Türreihe unseres Klassenzimmers saß und die ich soooo süß fand und die in mir undefinierbare, heiße Gefühle in meinen Penis steigen ließ.

Und natürlich entdeckte ich nicht nur das andere Geschlecht, sondern auch die Selbstbefriedigung - unter ungeheurer Scham in meiner katholischen Seele, eine unwiderstehliche Selbstbefleckung. Der liebe Gott, hatte ich gelernt, sieht alles, auch alles Schmutzige, was du tust. Und Onanieren war zu hundert Prozent schmutzig. Sexualität war schmutzig, es sei denn, um Kinder zu machen. Wie ein Dieb bemächtigte ich mich heimlich, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, des Quellekatalogs (Quelle war damals ein berühmtes Versandhaus). Die mehrseitige Unterwäscheabteilung für Frauen war nicht nur meine garantiert funktionierende Onanievorlage, sie regte mich auch künstlerisch an. Da ich mir sicher war, dass es bei den vielen Seiten nicht auffallen würde, wenn eine fehlte, trennte ich mit einer Rasierklinge die schärfste BH-Seite sauber heraus und versteckte sie in meinem Schreibtisch. In stillen, garantiert sicheren Stunden, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, holte ich sie hervor, legte sie vor mich auf meinen kleinen Schreibtisch und begann, die mich so ungeheuer reizenden Rundungen nachzuzeichnen.

Das brachte mich in enorme Schwierigkeiten. Der Pfarrer, für den ich ministrierte, war nämlich gleichzeitig mein Beichtvater. Dass er meine geheimsten Geheimnisse kennen sollte, gefiel mir gar nicht. Ich musste also beim Beichten einen Kompromiss finden zwischen der Wahrheit und der Offenbarung meiner Lust. Alles, wozu ich mich durchringen konnte, war ein ganz allgemeines: "Ich habe mehrfach gegen das 6. Gebot verstoßen." Der Herr Hirtreiter war so gnädig, nicht im Detail nachzufragen, denn dann hätte ich mit meinen Ferkeleien herausrücken müssen. Den Pfarrer, den Stellvertreter Gottes, im Beichtstuhl anzulügen, war undenkbar. Auch das hätte der liebe Gott gesehen bzw. gehört und vermutlich wäre eine Lüge im Beichtstuhl sogar eine Todsünde gewesen. Wer im Stand einer Todsünde stirbt, so hatte ich gelernt, für den gibt es keine himmlische Gnade, sondern er fährt direkt in die Hölle. So weit ich mich erinnere, habe ich manchmal mit dem lieben Gott gedealt und im Beichtstuhl manche Sünde gestanden, die ich gar nicht begangen hatte, um so die Menge der Sünden einigermaßen aufrecht zu erhalten.

Entkommen hätte ich dem Dilemma nur können, wenn ich mein Ministrantentum aufgegeben hätte. Aber daran war schon aus Gründen meiner Lüsternheit gar nicht zu denken. Bei der Verteilung der Hostien bei der Kommunion mussten sich die Frauen und Mädchen vor den Pfarrer und mich hinknien und ihren Mund öffnen, damit der Pfarrer eine Hostie auf ihre leicht herausgestreckte Zunge legen konnte. Bestimmt hatte er damals Phantasien, an die ich in meinen jungen Jahren nicht zu denken wagte. Immerhin befand sich der Mund der Hostienempfängerin exakt auf der Höhe seines Genitals. Wie auch immer, alles in allem dauerte der Vorgang pro Frau oder Mädchen vielleicht zehn Sekunden, genug Zeit für mich, um köstliche Einblicke in so manchen klaffenden Ausschnitt und manche Mädchenbrust zu erhaschen, so dass ich am Ende der Messe einigermaßen erregt in die Sakristei ging. Kein Wunder, dass ich, besonderes im Sommer, leidenschaftlich gern in der Sonntagsmesse ministrierte.

In der Messe gab es auch einen Vorbeter. Er war ein schöner, dunkelhaariger, gelockter Mann, ein Kollege und der einzige Freund meines Vaters. Er hatte einen Sohn - etwa ein Jahr jünger als ich - und drei Töchter. Eine von ihnen, Sophie, war zwei Jahre älter und vier Zentimeter größer als ich und bereits voll entwickelt. Sie hatte alles, was ich an Mädchen liebte: eine gertenschlanke Gestalt, lockiges, langes, dunkles Haar, eine leicht getönte, samtene Haut, ein geheimnisvolles Lächeln, eine gewisse natürliche Schüchternheit, die ihre Schönheit noch mehr zu Geltung brachte als alles Herausgeputze. Für mich war sie eine Göttin.

Manchmal waren wir dort zu Besuch. Meine Eltern wunderten sich, weshalb ich so bereitwillig mitging. Aber für mich lohnten sich zwei Stunden Langweile mit den "Alten", wenn sie - betont gelangweilt - einmal durchs Zimmer gegangen war und ich sie mit meinen Augen 30, 40 Sekunden verschlingen konnte, heimlich, versteht sich. Klar hatte sie nichts für mich übrig, ich war ein kleiner Bub für sie. Meine Begeisterung für sie wurde so stark, dass ich in der Nähe ihreres Elternhauses herumstriff, bis ich beobachten konnte, wie sie herauskam und zum Beispiel etwas zur ca. 50 Meter entfernten Aschentonne trug. Noch heute bekomme ich "Gefühle", wenn ich an sie denke, obwohl das alles knapp 60 Jahre her ist.a
Alfred Adler, mein Tutor
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4.8.  JUGEND – Alfred Adler, mein Tutor.
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Alfred Adler, mein Tutor

Was wäre ich ohne die kleine, kleinbürgerliche Hausbibliothek meines Vaters. Auf den Regalbrettern seines Arbeitszimmers stand die übliche Auswahl, ein bisschen Schiller, ein bisschen Goethe, Adalbert Stifter, Gerhard Hauptmann, Eichendorff, Thomas Mann (natürlich nur die Buddenbrocks), So grün war mein Tal von Richard Llewellyn. Aber da war auch Sinuhe, der Ägypter von Mika Waltari. Mit dem Späherblick eines frisch Pubertierenden entdeckte ich dort die erotischen Passagen mit der Tempelhure. Wie auch immer: Ich lernte Literatur mit Wertigkeit zu assoziieren, Bücher mit Bildung - einem vor allem von meiner Mutter, die vollkommen ungebildet war und immer Stand mit Bildung verwechselte, betonten Begriff. Aber für ihren Begriff gehörte sie zum Bildungsadel der Nation.

Zunächst eroberte ich die Amberger Stadtbücherei, die schon eine Welt für sich war und sogar die silberglänzenden, gebundenen Erstausgaben der Perry-Rhodan-Romane führte. Aber schon bald wechselte ich über in die geheimnisvollen Welten der Provinzialbibliothek, ein Mittelding zwischen Stadtbücherei und Universitätsbibliothek. Dort entdeckte ich Alfred Adler, den großen Wiener Individualpsychologen. Ich lieh mir seine Bücher aus und verschlang sie atemlos wie ein Astronaut, der einen neuen, besiedeltem Planeten entdeckt. Ich entdeckte, dass Menschen sich etwas vormachen, dass sie nicht nur andere, sondern vor allem sich selbst belügen; dass es so etwas wie unterbewusstes Handeln gibt, Schichten und Sphären des Geistes, von deren Existenz die meisten Menschen noch nicht einmal etwas ahnen - und die es also auch in mir geben musste. Plötzlich war ich nicht nur in der Pubertät, ich entdeckte auch, dass ich in diesem Lebens- und Entwicklungsabschnitt steckte - und alle um mich herum, meine Freunde, meine Kumpels, meine Klassenkameraden. Wir alle hatten ähnliche Gefühle, ähnliche Ängste, Hoffnungen, Befürchtungen, Geilheiten. Aber auch meine Eltern verloren ihre Position als unangefochtene Autoritäten. Alfred Adler beschrieb Standardsituationen, in denen Menschen nach Standardmustern reagierten. Und genau so war es. Auch meine Eltern waren wie ich ihrem Unter- und Unbewussten ausgeliefert. Aber einen entscheidenden Unterschied zwischen ihnen und mir gab es auf einmal: Ich wusste darum, sie wussten es nicht. Sie waren Marionetten, die sich für Marionettenspieler hielten. Sie hielten sich für gute Christen, aber wenn es darauf ankam, liebten sie nur sich selbst und ihre Kinder, aber keineswegs ihren Nächsten. Ich begann zu verstehen, was Bob Dylan meinte, als er sang: "Two eyes took the aim | Behind a man's brain | But he can't be blamed | He's only a pawn in their game." Meine Eltern waren wie alle Erwachsenen, die ich bis dahin kennengelernt hatte; sie waren nicht so geworden, weil sie so werden wollten, sie waren so geworden, weil sie die Welt um sie zu dem gemacht hatte, was sie waren. Sie waren weder Täter noch Opfer, sie waren Mitläufer.

Ulli
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4.9.  JUGEND – Ulli.
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Ich kann mich nicht entsinnen, sie deswegen verachtet zu haben. Eher erschreckte mich ihre Situation, die ich auf mich zukommen sah, denn auch ich würde ja älter und eines Tages erwachsen und „einer von ihnen“ werden, a pawn in the game. Aber die Konsequenzen aus dieser (für mich) markerschütternden Erkenntnis ließen noch auf sich warten.

Zunächst einmal begann die Phase des Hockermühlbads, wie das Amberger Freibad hieß. Die unschuldige Begegnung mit Esther oder gar meine kindlich Leidenschaft für Gerlinde hatte sich in sündige Wollust verwandelt. Es muss wohl um 1966 gewesen sein, als der Minirock fröhliche Urständ feierte und mein Blick sich nur von weiblichen Oberschenkeln hin zum Gesicht vortastete (das dann freilich oftmals enttäuschend war), sofern er nicht von wundervollen Bikini-Hügellandschaften unterbrochen wurde. Zu toppen war das nur durch einen langsamen Gang durchs Hockermühlbad. Links lag das große Schwimmbecken, dahinter das Nichtschwimmerbecken, rechts die Liegewiese, und dazwischen, wie auf einem breiten Damm, der erhöhte Gehweg auf Bitumen, der in der Sommersonne weich wurde und auf dem mir, reizwogend und immer wieder, Bikinischönheiten entgegenkamen, bei deren Anblick sich mein Penis unwillkürlich aufbäumte. Also legte ich mich mit dem Bauch auf den Bitumen, dachte bemüht an etwas Unerotisches wie Ziegelsteine oder Kneifzangen und wartete ab, bis sich mein wild gewordenes Glied beruhigt hatte. Das war nicht immer einfach, denn selbst der Gedanke an einen Ziegelstein konnte etwas verstörend weiblich Warmes haben, und mit einer Kneifzange konnte man auch einen Mädchenslip anfassen. Oh weh ...

Es konnte also eine halbe Stunde dauern, bis ich die ca. 200 Meter bis zu meinem Handtuch zurückgelegt hatte. Ob ich damals schon rauchte oder noch nicht, weiß ich nicht mehr, aber um diese Zeit herum begann ich, mit Zigaretten zu experimentieren, meinte ich doch, damit die Mädchen beeindrucken zu können. Von meinem kleinen Taschengeld zog ich mir eine Schachtel HB aus dem Zigarettenautomaten und übte hustend. Und weil das nicht richtig klappte, bat ich meinen Bruder um Rat, der mir dann auch zeigte, wie man beeindruckend Rauch durch die Nasenlöcher ausstößt. Uli war keine Bikinischönheit; sie trug einen grauweißen Ganzkörper-Badeanzug, aber ihre lockiges, dunkelbraunes Haar und ihre schwarzen Kulleraugen fand ich noch beeindruckender als ihren hübschen, kleinen Busen. Ich hatte sie kaum gesehen, war ich ihr schon verfallen. Sie war ein Jahr älter als ich und hatte noch keinen Freund. Also habe ich sie mit Leidenschaft - und Erfolg - umworben. An manchen Nachmittagen lag ich im Hockermühlbad neben ihr auf meinem Handtuch und pries den Himmel für unsere sich berührenden Hüften. Ich war wie von Sinnen vor Verliebtheit. Manchmal gingen wir Hand in Hand, manchmal lösten wir uns voneinander, weil wir nicht wussten, ob wir uns so zeigen durften oder konnten. Uli war Gast auf der Party zu meinem 13. Geburtstag im September, die meine Mutter (ich bin ich heute dankbar, damals fand ich das eher "normal") für mich veranstaltete. Auch meine Klassenkameradin Irmgard war zugegen und jetzt konnte und wollte ich ihr die kalte Schulter zeigen. Zum ersten Mal spürten meine Hände beim langsamen Tanz Ulis Hüften, einTraum.

Es war die Liebe meines Lebens, bis heute. Sie erfüllte mich so sehr, dass es keine Zelle meines Körpers gab, die nicht ganz mit ihr, an ihr, in ihr sein wollte. Ich schlief in GEdanken an sie ein und wachte mit ihr auf. Und doch war ich katholisch. Und doch scheute ich die Sünde. Also liefen wir sechs Monate keusch und voller Lust aufeinander Hand in Hand durch Amberg. Für sie lernte ich Latein und die verhasste Mathematik, für sie wollte ich Mann werden, für sie opferte ich meine sündhaften Gedanken der Keuschheit. Für Uli betete ich als Ministrant am Altar darum, dass ich ihr treu bleiben könnte. Das gelang mir auch, alle meine Gebete wurden erhört, aber anders als ich es erwartet hatte.

Im Februar, draußen dominierten Schnee und Eis, waren wir bei Tobias zu unserer ersten Faschingsparty eingeladen, die von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends dauern sollte, der größte Teil der Zeit also bei Dunkelheit, Schummerlicht, ein paar Kerzen und viel Pop-Musik, einer hocherotischen Grundstimmung. Zwei-, dreimal tanzten Uli und ich zusammen, langsam, Körper an Körper; ich war verwirrt vor Glück und Verliebtheit. Als ich ein weiteres Mal mit ihr tanzen wollte, wies sie mich ab. Der Grund hatte einen Namen: Jochen. Er war größer als ich und zwei Jahre älter. Mit ihm verbrachte sie die nächsten "Runden" auf der Tanzfläche im Wohnzimmer von Tobias' Eltern. Ich brauchte eine Weile, bevor ich verstand, was vor meinen Augen vor sich ging: Uli wollte mich nicht mehr, sondern bevorzugte Jochen. Eng umschlungen tanzten sie miteinander, enger als ich das je gewagt hatte; ich sah seinen Händen zu, die mit den dunklen Locken in ihrem Nacken spielten, seinen Händen, die ihren Rücken hinunter zu ihrem Po glitten, beobachtete, wie ihre Unterleiber sich aneinander pressten, wie sie sich zu küssen begannen, erst zaghaft, aber dann mit offenem Mund und ganz viel Zunge. Da waren nur noch die beiden und meine Enttäuschung, Einsamkeit, mein Schmerz, als zerrisse eine ganze Welt in mir. Der innere Schrei war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Also lief ich aus der Wohnung im zweiten Stock hinunter zur Haustür des Mietblocks, hinaus in den Schnee in die Dunkelheit zwischen den Häuserblocks, wo ich losheulen konnte, wo sah keiner meine Beschämung sah und wo ich gegen Jochen wüten konnte, der mir meine Uli genommen hatte.

War es die Kälte vor der Haustür, vor der ich nur in dünner Hose und Hemd stand, die mich abkühlte, oder war es die Oberhand gewinnende Vernunft? Vermutlich eine Gemenge aus beidem. Jedenfalls stellte ich fest, dass Alfred Adler auch über mich geschrieben hatte; dass auch ich mich benahm wie eine Marionette, dass meine Reaktionen nicht die meinen waren, sondern von der Situation vorgegebene Verhaltensmuster. Auf einmal schämte ich mich nicht mehr vor den anderen, die zugesehen hatten, wie Jochen mir Uli ausgespannt hatte, sondern ich schämte mich vor mir selbst für meine banalen Reaktionen. Meine Tränen versiegten, ich wusch meine verheulten Augen mit Schnee aus und stieg tapfer wieder nach oben.

Dort taten alle so, als wäre nichts geschehen. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, aber ich beteiligte mich an einem Gruppenspiel namens "Zublinzeln". Dabei standen Stühle im Kreis und zwar ein Stuhl mehr als Mädchen zugegen waren. Die Mädchen setzten sich auf die Stühle (es blieb also zwangsläufig einer leer) und wir Jungs stellten uns, mit auf dem Rücken verschränkten Händen, hinter die Stühle. Nun richteten sich die Augen aller Mädchen auf den von uns, der hinter dem leeren Stuhl stand. Denn er würde einer von ihnen heimlich zublinzeln und sie müsste dann, so wollten es die Spielregeln, so schnell es ging aufspringen und sich auf den leeren Stuhl setzen - es sei denn, dem Jungen hinter ihr gelang es, sie an den Schultern festzuhalten. Dabei kam es zu leichten Rangeleien, intensiver Körperkontakt war vorprogrammiert. Natürlich blinzelte ich bevorzugt Uli zu, und mehrfach geschah es, dass sie vor mir saß, und Jochen hinter einem leeren Stuhl stand. Wenn er dann Uli zublinzelte, was immer der Fall war, dann ich tat dann so, als sei ich zu langsam, mein verlorenes Mädchen festzuhalten; es war die reinste Einübung im Loslassen.

Schließlich war es zehn Uhr und die Party war zuende. Die Mädchen wurden von ihren Eltern abgeholt, die Jungs gingen zu Fuß nach Hause. Meine Eltern erwarteten mich spätestens um halb elf Uhr zurück, aber ich beschloss, das diesmal in den Wind zu schlagen. Ich wollte, ich musste Jochen kennenlernen. Wie konnte ich ihm feindlich gesinnt sein, ohne ihn zu kennen! Also begleitete ich ihn quer durch die Stadt nach Hause und wir hatten ein langes, gutes Gespräch, nicht über Uli, sondern über Dinge, die uns bewegten, die Eltern (seine Mutter war alleinerziehend), die Schule, Gott. Er war ein netter Kerl, stellte ich fest, und ein interessanter Gesprächspartner. So wurde es beinahe zwölf Uhr, bis ich nach Hause kam, wo der Haussegen mehr als schief hing und mein Vater nur mit Mühe meine Mutter hatte daran hindern können, die Polizei zu alarmieren.

Als das elterliche Gewitter ausgedonnert und ausgeblitzt hatte, saß ich schließlich an meinem kleinen Schreibtisch und schrieb mein erstes Gedicht in mein kindliches Tagebuch, das sich mit einem winzigen Schlüsselchen abschließen ließ. Natürlich handelte der Text von Uli und half mir ein Stück weit zu verstehen, was geschehen war. Bis heute ist Lyrik für mich geblieben, was damals, mit diesem ersten Text, begann: ein seelischer Fahrstuhl in eine unbekannte, aber dennoch vorhandene Unterwelt.

Monatelang lief ich mit einer Leichebittermiene herum. Alle Welt sollte wissen, wie schlecht es mir ging, schließlich fühlte ich mich von der Welt betrogen. Meine Mutter beklagte sich: "Was ist aus meinem fröhlichen Rudi geworden." Mädchen, befand ich, sind untauglich für eine tiefe Liebe, sondern leichtfertige Geschöpfe. Auch von Gott fühlte ich mich betrogen, dem ich in allen Anfechtungen treu geblieben war und der eine solche Enttäuschung zugelassen hatte. Der einzige, der mir wirklich geholfen hatte, war Alfred Adler. Er hatte mich gerettet. Also vertiefte ich mich weiter in psychologische Lektüre und verabschiedete mich von dem sexuellen Reinheitsgebot, das ich mir auferlegt hatte.

Ich verschlang die Oberschenkel der Mädchen unter den kurzen Miniröcken, ich stellte mir vor, wie ich ihre Brüste und ihre Scheide berührte, diesmal nicht mehr mit schlechtem Gewissen, sondern im Gefühl, mich rächen zu müssen. Am Gymnasium gab es zwei Klassen höher eine Yvonne mit den märchenhaftesten Oberschenkeln der Welt und einer samtenen, leicht gebräunter Haut. Da ihr Klassenzimmer im ersten Stock des Gymnasiums lag, stellte ich mich so oft wie möglich an den Fuß der breiten Holztreppe und folgte ihrem wippenden Po, bis sie am Treppenabsatz verschwand. Und gelegentlich erhaschte ich eine Blick auf ihr weißes Höschen.

Schräg gegenüber von unserem Haus wohnte ein Mächen in meinem Alter mit schon beachtlichen, spitzen Brüsten, die von keinem BH beengt durch ihre eng anliegenden Pullis mir ins Auge - und in den Unterleib - stachen. Sie musste nur am Fenster stehen und schon war ich erregt. Sie wusste das oder ahnte es zumindest, denn wenn ich mich ans Fenster stellte, dann kam sie oft auch an ihr Fenster, streckte und reckte sich und tat so, als würde sie mich nicht bemerken. Um meine Schularbeiten machen zu können, musste ich mindestens einmal am Tag, manchmal auch zwei-, dreimal onanieren. Wie gut, dass ich ein Waschbecken in meinem Zimmer hatte, denn Papiertaschentücher waren noch nicht üblich.

An meinem Schreibtisch gab es drei Schlüssel (einen für die Schublade und je einen für die beiden Seitenschränkchen). Diese Schlüssel hatten oberhalb des Barts einen Ring von ca. drei Zentimeter Durchmesser. Es machte mir Vergnügen, meinen schlaffen Penis da hindurchzuziehen. Dann brauchte ich nur an das Mädchen von gegenüber denken und ein wenig zu reiben, und schon schnitt der Schlüsselring schmerzhaft in meinen wachsenden Phallus. Natürlich gestattete ich mir solche Exzesse nur, wenn ich alleine zu Hause war. Es gab nur wenig, was meinen sexuelle Fantasie nicht entzündete. Beispielsweise war da das lateinische Wort "sinus" mit der Bedeutung "Meerbusen". Der weibliche Bestandteil genügte, um mir das Wort ein für alle mal einzuprägen.

In meiner frühen Pubertätszeit spielte ich mit einer seltsamen Idee, einer Mischung aus Tagträumerei und revolutionärem, umweltorientierem Gestaltungswillen. Von woher mich die Idee anflog, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war ich der Ansicht, dass zu viele Norddeutsche, insbesondere Berliner - die Preißn! - in Schwärmen über den Bayerischen Wald herfielen und seine einzigartige Natur bedrohten. Dagegen musste etwas unternommen werden. Also stellte ich mir vor, ich würde ein Robin-Hood-mäßiges Doppelleben führen. Bei Tag wäre ich ein angesehener Landarzt, bei Nacht würde ich mit meiner Band preußische Touristen überfallen. Der Nutzen wäre gleich ein doppelter gewesen: Unter den Touristen würde sich herumsprechen, dass es gefährlich sei, im Bayerischen Wald Urlaub zu machen, und die Beute würde mir natürlich unter den Armen verteilen.

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5.  Die Mädchen können mich mal alle
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Die Mädchen können mich mal alle

Eine große Liebe gab es nach Uli vorerst nicht mehr, aber natürlich ließen die Hormone mich nicht in Ruhe. Ich konsumierte Berührungen von Mädchen in einer Mischung aus Lüsternheit und Verachtung: die oder die, das war mir egal. Es gab Berührungen im Fahrradkeller des Gymnasiums; es gab Berührungen bei abendlichen Spaziergängen nach der Maiandacht, wo wir uns im Schutz großer Mülltonnen vergnügten, Berührungen im Freibad unter Wasser (eine Petra, deren Wohnhaus ich heute noch finden würde, und die zwei Jahre älter war als ich, mochte das besonders gern); und es gab Berührungen eines Mädchens im Nachbarhaus meiner Großeltern, einem Wohnblock, wo sie mit ihren Eltern im ersten Stock wohnte. Wenn ich meinen Großeltern nachmittags einen Besuch abstattete, waren ihre "Alten" meinstens nicht zu Hause. Dann zeigte sie mir ihre Nähergebnisse, Kissen, Deckchen und so weiter und das Stück, an dem sie gerade arbeitete. Dazu setzte sie sich vor mich an ihre Nähmaschine, und während sie nähte, streichelte ich über ihre Schultern hinweg ihre Brüste.

Für zwei, drei Monate ging" ich mit einer Marion. Wie ich sie kennenlernte, kann ich mich nicht mehr entsinnen. Ihr Vater war Aufseher im Zuchthaus, an dem ich jeden Tag vorbeiradeln musste, wenn ich in die Stadt fuhr. Marion war ganz süß und sehr naiv, was mir gefiel, denn sie stellte mir ihre köstlichen Brüste gerne für "Steicheleinheiten" zur Verfügung. Das gehöre sich so, wenn man einen Freund hat, hatte ich ihr erklärt. Wenn ich mit ihr ein Treffen vereinbaren wollte, ging das nur, wenn ich bei ihr zu Hause anrief, tagsüber natürlich, wenn ihr Vater arbeiten war. Zu dumm, dass ich mir anfangs ihren Namen nicht merken konnte. Meist ging ihre Mutter ans Telefon und ich fragte sie, ob ich mit ihrer Tochter sprechen könne. Dann rief sie "Mariooon, für diiich!", und ich wusste wieder, wie meine Freundin hieß. Eines Tages ging unsere Freundschaft abrupt in die Brüche, und das kam so: Marion und ich waren auf ein größeres Faschingsfest eingeladen. Sie rief mich ein, zwei Tage vorher an und fragte, wie ich mich verkleiden würde. Ich verkleide mich gar nicht, sagte ich ihr, darin sähe ich keinen Sinn. Weil sie's mir gleichtun wollte, verkleidete sie sich auch nicht und wir gingen "ganz normal" zur Feier. In meiner Erinnerung hatte ich guten Spaß und sie auch; jedenfalls schien es mir so. Und natürlich wurde sie von ihrem Vater abends abgeholt. Am nächsten Tag rief sie mich tränenerstickt und böse an und ich fiel aus allen Wolken. Ich hätte mich nur nicht verkleidet, weil ich sie vor allen anderen Mädchen erniedrigen wollte, und das werde sie mir nie vergessen usw. und so fort. Ich war regelrecht ereschüttert über diesen Vorwurf und meinte: "Wenn du das nicht vergessen willst, dann können wir ja Schluss machen" und legte auf. Ob ich noch "dumme Gans" hinzufügte, weiß ich nicht mehr, aber wohl eher nicht.

"Übersättigung" war das Gefühl, das sich bei mir zunehmend einstellte. Ich erinnere mich an Gefühle des Ekels vor dem Mädchen, mit dem ich eben "fummelte" und mich küsste. Das geschah mindestens zweimal und endete damit, dass ich auf die Toilette gehen musste, um mich zu übergeben und mir dann sorgfältig den Mund ausspülte, denn ohne einen Kuss konnte ich mich natürlich nicht "ehrenvoll" zurückziehen.

In gewisser Weise hat mich Maria wieder - und unwissentlich - zur Vernunft gebracht. In sie habe ich mich noch einmal heftig verliebt, aber leider (ja, das sage ich immer noch) wurde daraus keine große Sache. Ich weiß sogar noch ganz genau, in welcher ungewöhnlichen Situation ich sie entdeckte. Wieder spielt dabei Fasching eine Rolle. Jede Klasse hatte den Auftrag, für die nachmittägliche Faschingsfeier in der Turnhalle des Gymnasiums einen Beitrag zu leisten. Meine Klasse spielte eine Klassenzimmer-Szene. Wir waren etwa zu zehn auf dem Podium samt Tischen und Stühlen, und einer von uns spielte den Lehrer. Vor dem Podium saßen alle MitschülerInnen auf dem Fußboden, die kleineren uns am nächsten, die großen weiter hinten. Meine Aufgabe bei dem Sketsch war einfach: Ich sollte ständig mit meinem Stuhl kippeln, bis ich schließlich rückwärts umfiel. Natürlich wollte ich möglichst effektvoll umfallen und schaute in den zwei, drei Sekunden meines "unfreiwilligen" Sturzes ins Publikum - und sah in Marias Augen.

Für mich war das eine Offenbarung, sie konnte sich später gar nicht daran erinnern. Wie es mir gelang, sie für mich zu gewinnen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls "gingen" wir ein paar Wochen miteinander. Ich glaube, ich war 14 und sie 12, aber schon recht weiblich entwickelt. Sie kam mich sogar zu Hause besuchen und war mit mir allein auf meinem Zimmer. Allerdings kam immer wieder meine Mutter "nach dem Rechten schauen". Ich weiß noch genau, wie unsere Liebelei zuende ging. Ich denke, sie hatte ihren 13. Geburtstag und ich schenkte ihr einen hübschen, hölzernen, gedrechselten Kerzenhalter mit Kerze. Danach wollte sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Der Zusammenhang mag Zufall sein, anders kann ich es mir nicht erklären, aber seitdem bin ich - bis heute - äußerst vorsichtig mit frühzeitigen Geschenken. Ich war wirklich traurig. Es war der volle Herzschmerz. Ich hatte sie wirklich mehr als lieb. Sie war zu 100 Prozent mein Typ: gertenschlank mit einem überwältigend süßen Lächeln, mit dunklem, stark gewelltem Haar, klug, schlagfertig und realistisch. Im Gymnasium ging sie mir aus dem Weg, auch auf dem Amberger Volksfest, wo wir uns bald darauf begegneten, wechselte sie sozusagen die Straßenseite. Heute denke ich, dass sie einfach zu jung und von meinen erotischen Avancen überfordert war. Später, ich denke ca. zwei, drei Jahre später haben wir uns wiedergefunden, allerdings nicht mehr auf einer erotischen Ebene, sondern eher im Sinn einer guten Freundschaft. Lebhaft erinnere ich mich an manche Mittage, wo ich auf dem Bauernhof ihrer Eltern zum Essen eingeladen war. Danach haben wir wie ein altes Paar abgewaschen, wobei ich den Abtrockne-Part hatte. Marias Mutter war beim ersten Mal sehr erstaunt, dass ein Junge abtrocknet. Sehr viel später hatten wir noch ein paar überwältigende, erotische Begegnungen. Aber alles zu seiner Zeit.

Es gab noch eine zweite Maria, die jüngere Schwester eines Klassenkameraden. Sie fand ich einfach zum Umfallen sexy. Sie kreuzte bei unseren KJG-Beatpartys auf, die alle paar Wochen abends im Veranstaltungskeller des Gemeindezentrums stattfanden (oder unter der Kirche?). Überwiegend tanzten wir dort, und zwar möglichst langsame Songs, bei denen ich Maria sehr nahe kam. Höhepunkt war immer "Je t'aime", ein Song, der eine derart sinnliche Atmosphäre erzeugte, dass sich unser dusterer Beatkeller in einen erotischen Hexenkessel verwandelte. Maria und ich tanzten tatsächlich, Oberschenkel an Oberschenkel, Scham an Scham, uns langsam, sehr langsam drehend, als wären wir ein Leib und nicht zwei Leiber. Seltsamerweise verliebten wir uns nicht, weder ich mich in sie noch umgekehrt. Jenseits des KJG-Kellers war und blieb sie die Schwester meines Klassenkameraden, und allmählich verloren wir uns aus den Augen, vor allem, weil ich wenig später aus der KJG austrat und auch mein Ministrantenamt an den Nagel hängte.

Dabei hatte ich einmal mit dem Gedanken gespielt, Papst zu werden; zuerst natürlich Priester, da war ich ganz realistisch, dann Bischof, schließlich Kardinal und von da an wäre der Weg zum Papst nicht mehr weit gewesen. Ich könnte das schaffen, inklusive fließend Latein, da war ich mir sicher. Wenn ich auf meinem Cello das „Ave Maria“ spielte, war das eine doppelte Beglückung: Einerseits dachte ich dabei an Maria und andererseits war es für mich ein Kirchenlied. Wenn ich es nur spielte, fühlte ich mich dem Himmelreich nahe, jedenfalls dem, was ich fürs Himmelreich hielt. Vermutlich war Maria sogar die Pförtnerin. Dabei habe ich noch gar nicht erzählt, wie ich zum Cello kam. Von der fünften Klasse an hatte mich meine gedrängt, ein Instrument zu erlernen, am besten Geige, weil sie das für besonders vornehm hielt und sich für eine "gute Familie" so gehörte. In der sechsten und siebenten Klasse konnte ich sie irgendwie austrixen, indem ich die Anmeldungstermine verpasste. An sich hatte ich gar nichts gegen ein Instrument einzuwenden, aber Herr Baldauf, der den Geigenunterricht hielt, war ein strenger Mensch, den ich irgendwie fürchtete. In der achten Klasse behielt meine Mutter die Termine im Auge, so dass ich nicht mehr auskam. Also meldete ich mich für Cello an, weil der unterrichtende Lehrer, den ich vom Knabenchor her kannte, ein viel angenehmerer Mensch war. Später habe ich dann ja sogar mit Hilfe des Cellos mein Musikabitur gemacht.

Mein Abfall von der heiligen Mutter Kirche begann mit meinen Zweifeln an unserem Pfarrer. Er hatte die wunderbarsten Predigten geschwungen, aber kaum betrat er die Sakristei, ereiferte er sich gegenüber dem Meßner über diese Frau oder jenen Mann, schimpfte auf sie oder lästerte über sie - ganz und gar unheilig.

Der endgültige Beschluss reifte, während ich beim Einweihungsgottesdienst in der neu erbauten Gemeindekirche ministrierte. Unser Pfarrer hatte mehrere Jahre seine Schäflein unter Druck gesetzt, jeden Monat ein paar Mark für den Neubau zu spenden. Auch meine Eltern machten mit, aber sie bedeutete das eine Menge; schließlich sparten sie sich jede einzelne Mark vom Mund ab. Schließlich war es so weit. Die Kirche war mit Tausenden von Spenden und einem Zuschuss der Diözese zum Preis von mehreren hunderttausend Mark erbaut und wurde zum ersten Mal "bespielt". In seiner Predigt bedankte sich der Pfarrer für die "Opferbereitschaft" seiner Gemeinde und fügte hinzu: "Nun haben Sie Ihre milde Gabe in ihre Haushaltsausgaben seit vielen Jahren eingeplant, so dass sie sie kaum mehr bemerken. Ich bitte sie deshalb, Ihre Spende nicht einzustellen, sondern beizubehalten. Denn schon mit fünf Mark können Sie in Afrika ein Menschenleben retten. Wie ist das möglich, werden Sie fragen. Nun, ganz einfach: Viele Menschen erblinden dort, weil sie sich das an sich günstige Augenmedikament nicht leisten können. Und wer blind ist in diesen Ländern, ist dem Tode geweiht. Deshalb bitte ich Sie nochmals eindringlich: Stellen Sie Ihre Spende nicht ein! Der Herrgott wird es Ihnen danken."

Schon lange war mir klar geworden, dass dieser Kirchenneubau nur einen Zweck hatte: die Eitelkeit unseres Pfarrers; denn mit ihr bekam er eine eigene, selbständige Gemeinde, wurde Gemeindepfarrer. Dabei standen die großen Kirchen der Stadt, St. Georg und St. Martin, an den Sonntagen zur Hälfte leer. Zu Fuß dorthin waren es vielleicht 25 Minuten, mit dem Auto fünf Minuten. Unsere neue Kirche war schlicht überflüssig bzw. bediente die Faulheit von Gläubigen, denen fünf Autominuten und zwei Minuten Einparken zu aufwändig waren, um in die Kirche zu gehen. Und wenn es stimmte, was der Pfarrer erzählte, dann hatte die Million Mark (1.000.000:5), die diese Kirche gekostet hatte, 200.000 Afrikanern das Leben geraubt. Noch während der Pfarrer weiterpredigte, sah ich im Geist, wie sich die Leiber der Toten neben unserer Kirche aufhäuften. Es war der letzte Gottesdienst, in dem ich ministrierte.
Erster Abschied
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5.1.  Die Mädchen können mich mal alle – Erster Abschied.
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Erster Abschied

Doch allmählich gingen mir „die Weiber“, so hießen sie unter uns Jungs, auf die Nerven. Sie schienen mir vor allem Gelegenheiten zu sein, mein Herz zu verlieren, meine Konzentration zu rosa Wölkchen zu verblasen und nicht bereit für eine tiefe, seelische Begegnung. Dann konnte ich ebenso gut auf ihre verführerischen Körper verzichten. Vaters kleine Hausbibliothek hatte ich bald ausgelesen; an die paar Bände Schiller und Goethe wage ich mich nicht heran. Dafür gab es in der Stadtbücherei in der Zeughausstraße eine unerschöpfliche Menge an Büchern. Nach den 70 oder 80 Karl-May-Bänden (besonders beeindruckten mich "Winnetous Erben" und die europäischen Bände wie "Die Herren von Greifenklau" oder "Der Peitschenmüller") wandte ich mich der "höheren" Literatur zu.  Ich las Heinrich Bölls "Ansicht eines Clowns" und verstand, dass Marie nichts verstand; dass ihr katholisches Nest stärker war als die Liebe. Was konnte das schon für eine Liebe sein. Wie fühlte ich mit dem Clown Hans Schnier mit! Immer wenn ich seitdem einen Clown sehe, muss ich an ihn denken und seine männlich hoffnungslose Liebe; seine Verzweiflung darüber, dass die Liebe allen Beteuerungen Maries zum Trotz im Verhältnis zu der seinen seicht war. Typisch weiblich eben.

In der Zeit geriet mir ein Buch über Yoga in die Hände und zeigte mir eine ganz neue Welt der Selbstbetrachtung, der Disziplin mit mir selbst, der Innenschau, die mir neu war und mich neugierig machte. Das Buch bestand im Wesentlichen aus den gezeichneten Position einer Frau, die Asanas – also die typischen Hatha-Yoga-Stellungen –  ausführte, dazu Beschreibungen, wie sie durchzuführen seien und welche körperlichen und seelischen bzw. spirituellen Auswirkungen sie haben könnten. Diesem praktischen Teil ging ein theoretischer Teil voran, der mich mit den ersten Grundlagen von Meditation bekannt machte - und mir die Ahnung von einer Souveränität auf den Weg gab, an die in diesem Alter freilich noch nicht zu denken war. Eine Übung forderte mich dazu auf, meinen Körper in allen seinen Teilen bewusst zu spüren. Wie heute erinnere ich mich an den Schrecken darüber, dass ich den größten Teil meines Rückens nicht spüren könnte. Er fremdes Land, meinem Willen nicht zugänglich. Ich kam mit regelrecht behindert vor und begann von da ab mit regelmäßigen, meditativen Übungen; die eigentlichen Yogapositionen interessierten mich weniger. Schließlich stieß ich auf Nietzsches „Menschliches, allzu Menschliches“. Seinen Satz „Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe“ konnte ich jetzt lebhaft nachvollziehen, wobei ich das „etwas“ am liebsten durch „eine Menge“ ersetzt hätte. Ich verstand zwar eine Menge in diesem Buch, das meiste jedoch nicht, aber seine mit Widersprüchen spielenden, oft auch sarkastischen bis zynischen Gedankengänge ergänzten meine Alfred-Adler-Erkenntnis perfekt. Nichts war mehr, was es schien. Zum Beispiel Sätze wie diese:
„Jede Tugend hat Vorrechte: zum Beispiel dies, zu dem Scheiterhaufen eines Verurteilten ihr eigenes Bündelchen Holz zu liefern.“
Oder: 
„Mitunter genügt schon eine stärkere Brille, um den Verliebten zu heilen; und wer die Kraft der Einbildung hätte, um ein Gesicht, eine Gestalt sich zwanzig Jahre älter vorzustellen, ginge vielleicht sehr ungestört durch das Leben.“
Oder:
„"Die Unvernunft einer Sache ist kein Grund gegen ihr Dasein, vielmehr eine Bedingung desselben.“
Oder:
„Wer tiefer denkt, weiß, dass er immer unrecht hat, er mag handeln und urteilen, wie er will.“

Nietzsche erschien wie ein großer Bruder im Geiste, ein weltliches Brevier, das ich unbedingt bei mir haben wollte und mir deshalb eine Goldmann-Ausgabe von „Menschliches, Allzumenschliches“ kaufte. Sie führte ich die nächsten Jahre, egal wohin, mit mir. Auch später, in Würzburg, war es stets in meiner Nähe.

Allmählich rundeten sich die scharfen Zacken meines sexuellen Erlebens zu mal höheren, mal flacheren Wellen. Schon Uli war ganz anders gewesen, hatte mich weniger erregt als vielmehr durch ihr stilles, ja nächtliches Wesen fasziniert. Mit Maria war es ähnlich, allerdings sehr viel erdiger. So hatte sie ein großes Muttermal im Gesicht neben dem linken Flügel ihrer Stupsnase, das mir ungemein gefiel. Durch ihre Schlabberkleidung, durch ihre lockeren Jeans - sie trug nichts anderes - und ihre lässigen Pullis, die sie nur im Hochsommer gegen T-Shirts tauschte, erreichte mich etwas anderes als die bekannte Provokation und Verlockung; etwas, das mir sehr viel mehr gefiel als die Raserei, die mich angesichts von spitzen Brüsten und knackigen Pos befiel. Ich hatte die Erotik zu entdecken begonnen.

Ich entsinne mich mancher Besuche bei ihr zu Hause zwei, drei Jahre später - ihre Eltern hatten einen Bauernhof in Gailoh, mit dem Fahrrad ca. zehn Minuten von unserem Haus -, wo ich gelegentlich zum Essen eingeladen war und sie und ich nachher abwuschen und abtrockneten. Ich stand nahe bei ihr und während ich das Geschirr mit dem Abtrockentuch abrieb, bewunderte ich, von Teller zu Teller, von Gabel zu Gabel, von Messer zu Messer neu ihre selbstverständlichen, runden Bewegungen und liebte ihre so gar nicht grazilen, sondern eher ein wenig knubbeligen, Feldarbeit gewohnten Finger, lauschte ihrer Stimme, verliebte mich in ihre Wangengrübchen.

Unvergesslich ist mir Theresa. Ich erspähte sie eines Sonntags in einer Morgenmesse in St. Martin, einer großen Amberger Kirche, die meine Eltern bei besonderen Gelegenheiten besuchten. Ich saß links von meiner Mutter, mein Vater rechts von ihr. Typisch für katholische Gottesdienste ist der häufige Wechsel zwischen Sitzen, Aufstehen und Hinknien. Einmal, als wir eben aufgestanden waren und wohl etwas sangen ("Maria zu ehren ist allzeit mein Sinn" war lange mein Lieblingslied, und die Melodie summt mir heute noch gelegentlich durch den Kopf), schaute ich mich um und erblickte SIE auf der anderen Seite des Mittelgangs. Auch sie war mit ihren Eltern da, auch sie langweilte sich und sah mir direkt in die Augen, für ein paar Sekunden sogar ein wenig provokant, ehe sie wieder fromm nach vorne blickte. Maria hieß nur so, war aber agar nicht heilig, SIE aber, dort drüben, sah aus wie eine Maria. Etwas köstlich Sanftes durchwirkte ihr Gesicht, keine ihrer Bewegungen war hektisch, aber auch nicht langsam. Noch zwei-, dreimal schaute sie zu mir herüber und weckte eine ganz neue Art von Begeisterung in mir. Sie war schlank, ihr Gesicht schmal geschnitten und dominiert von den ein wenig spöttischen, großen, leuchtend tiefblauen Augen. Sie schien genauso groß zu sein wie ich, das nur leicht gewellte, dunkelblonde, seidige Haar fiel ihr ein Stück über die Schultern. So, dachte ich müssen Heilige ausgesehen haben, so weiblich zart und doch so distanziert und fern.
Als die Messe zuende war, trödelten meine Eltern auf dem Weg zum Ausgang, ich aber drängte mich durch die Menge, denn ich wollte sehen, in welches Auto sie mit ihren Eltern stieg - was mir auch tatsächlich gelang. Es war ein großer Opel, dessen Farbe und Kennzeichen ich mir rasch einprägte. Ich würde nach diesem Auto suchen, ich musste wissen, wo sie wohnte, hoffentlich in der Nähe. Mir war klar, dass das ein ziemlich verrücktes Unterfangen war in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern. Und doch fuhr ich an diesem Sonntagnachmittag sämtliche Straßen in meiner Nähe ab, um nach dem Auto ihrer Eltern zu suchen, aber ohne Erfolg. Ich weiß nicht, wie lange meine Ausdauer anhielt, ein paar Stunden schon, und plötzlich kam dieser Augenblick der Euphorie, als ich den Opel vor der dreistöckigen Villa eines Zahnarzts in der Nähe der Strafanstalt entdeckte.

Theresa war zu meiner großen Freude regelmäßige Freibad-Besucherin und wurde Anlass zu nahezu meditativen erotischen Momenten. Die wurden möglich wegen der Sonnenbänke, auf die sich die Mädchen und Frauen zum Bräunen legten. Die Sonnenbänke waren denkbar einfach konstruiert. Sie bestanden aus zwei etwa 1,50 voneinander entfernten, parallelen, etwa vier Meter langen Betonmäuerchen, von denen das eine vielleicht 30 cm und das zweite etwa 60 cm hoch war. Verbunden wurden die Mäuerchen über die ganze Länge von lange schon vergrauten, aneinander gefügten Holzbrettern. Sie bildeten eine schiefe Ebene wegen der unterschiedlich hohen Mäuerchen. Immer, wenn Theresa (mit mir) im Freibad war, behielt ich sie im Blick, dass ich bald wusste, wann sie die Sonnenliegen ansteuerte. Solange sie auf dem Rücken lag, konnte ich aus sicherer und unauffälliger Entfernung ihre makellose - sie war ja ein Engel, wie konnte es also anders sein - Figur unter dem gelben Bikini bestaunen, aber kaum hatte sie sich auf den Bauch gedreht, setzte ich mich auf ein paar freie Zentimeter des niedrigeren Mäuerchens, las scheinbar in meinen Nietzsche und studierte heimlich ihren Rücken. Dank meiner ersten Meditationsanleitungen vertiefte ich mich in die Feinheiten ihrer - selbstverständlich makellosen - gebräunten Haut. Dabei entdeckte ich den goldenen Saum beidseits entlang ihrer Wirbelsäule vom Nacken bis zum Höschenrand, Härchen, die seidig in der Sonne flimmerten und die ich heute, nach ungefähr 55 Jahren, noch vor mir sehe. Ja, natürlich sah ich ihre Brüste, war mir ihr Po zum Greifen nahe, aber es waren diese Härchen, die mich vor allem beglückten und den Wunsch nach Zärtlichkeit weckten.

Eines Nachts verwandelte sich ihr Elternhaus in einen riesen Raum der Versuchung. Ich radelte an dem Haus vorbei und fühlte mich gezwungen, stehen zu bleiben. Ich stellte mein Rad ab und folgte mit klopfendem Herzen einem unwiderstehlichen Sog; wie ein Dieb schlich ich zu dem ca. 15 Meter von der Straße entfernten, dunklen Hauseingang. Ich drückte die Klinke, die Tür war offen. Ich stellte mir vor, wie ich leise die breite Holzstiege der Villa in den dritten Stock emporschlich, wo, außerhalb der elterlichen Wohnung, ihr Mädchenzimmer lag; wie ich dort leise ihre Tür öffnen, mich zu ihr ans Bett setzen und ihr Schulter streicheln würde, die unter der Bettdecke hervorlugte. Das war unrecht, eine lüsterne Vorstellung, also Sünde. Der liebe Gott würde mich sehen, aber es ging nicht anders. Ich musste nur ganz, ganz leise und ganz ganz zärtlich zu ihr sein und sie würde, erwachend, nicht laut werden, würde meine Liebe erkennen und spüren und alles wäre gut und sie würde mir die Bettdecke beiseite schlagen und mich einladen, mich zu ihr zu legen, mich bitten, ihre Wärme zu teilen. Vielleicht bekäme ich sogar einen Kuss und mehr. Ich spürte schon, wie ihre Brüste aus dem Schlaf erwachten und sich meinen Händen sehnsüchtig entgegenwölbten, ich ahnte ihren Po, spürte ihre zarten Beine an den meinen. Ich war in Flammen. Aber die flackerten so hoch auf in mir, dass mich die eigene Hitze zur Besinnung brachte.

Wie lange ich vor dieser Haustür gestanden war und mit der Versuchung gekämpft hatte, weiß ich nicht mehr, fünfzehn Minuten werden es wohl gewesen sein, bevor ich tief durchatmete, mich innerlich verabschiedete und einsam nach Hause fuhr. Gegenüber meinen Eltern zeigte ich ein gleichgültiges Gesicht, aber oben, an meinem Schreibtisch, machte ich ein paar Notizen in mein Tagebuch und weinte vor Enttäuschung über mich und um mich; enttäuscht, dass ich es nicht gewagt hatte, und enttäuscht, dass ich sündig genug war, es hatte wagen zu wollen. Eine doppelte Niederlage. Ob es eine Holzstiege in der Villa gab, ob ihr Zimmer wirklich allein im dritten Stock lag - heute scheint mir das alles wie Einbildung. Ich hatte es unmöglich wissen können.

Nach dieser nächtlichen "Versuchung" erlahmte meine Leidenschaft für Theresa. Irgendwann lernten wir uns sogar kennen, sie gefiel mir immer noch sehr, sie war intelligent, geistreich, sie wäre eine gute Wahl gewesen, wir hätten uns wunderbar unterhalten und lieben können, wir hätten zusammen studiert, neue Horizonte erkundet, gemeinsame Kinder gehabt, kluge gemeinsame Kinder, ohne Zweifel; im Grunde, fühlte ich, waren wir füreinander gemacht ... aber schnell war klar, dass mein Interesse doch sehr einseitig war. Ich war gleichaltrig, also einfach zu jung für sie.
Erste Fluchtgedanken
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6.  Erste Fluchtgedanken
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„Viele“, schrieb Friedrich Nietzsche, „sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.“ Ich dürfte diesen Satz im Hockermühlbad gelesen und, vermutlich allein, um sein Verständnis gerungen haben. Ich lag immer öfter allein auf meinem Handtuch, rauchte eine Zigarette und „studierte“ meinen Nietzsche. Jedenfalls war klar: Falls er mich gemeint hatte, ich hatte weder das eine noch das andere, also weder Weg noch Ziel, ich dröppelte vor mich hin.

Eines Tages, ich weiß es wie heute, ging ich an der weiß gekalkten, hohen, Stacheldraht-bewerten Mauer des Zuchthauses entlang und wurde mir bewusst, dass ich immer auf dieser Seite der Mauer unterwegs sein würde. Ich war nicht gefährdet, war Katholik, sündigte angemessen und hatte gute Noten. Aus dem kleinen, vierzehnjährigen Gymnasiasten würde eines Tages ein großer 18-jähriger erfolgreicher Gymnasiast werden – gute Noten zu erringen fiel mir nicht schwer –, ich würde ein gute Abi hinlegen, studieren und schließlich ein erfolgreicher Erwachsener sein, Arzt vermutlich. Eines Tages würde ich ebenso reagieren wie meine Eltern oder wie jetzt schon viele meine Kameraden: wie eine Marionette, nach vorhersagbaren Mustern. Ich würde mich verlieben, das war ja nicht allzu schwer, ich würde heiraten, Vater werden, ordentlich Geld verdienen, vielleicht einer Partei beitreten, vermutlich der CSU, weil man das in Amberg so machte, und nach einiger Zeit der Karriere-Akrobatik stünde irgendwann eine Trauergemeinde an meinem Ehrengrab. Vielleicht gäbe es auch ein paar Tränen, hoffentlich. Das war der mir vorgezeichnete Weg. Ich würde einer von „denen“ werden, eingereiht, erfolgreich, stolz auf mich selbst. Ein Hahn.

Keiner entging diesem Druck bzw. nur sehr wenige, und das waren meistens Künstler. Ich schrieb zwar auch erste Gedichte, aber Künstler – was war das? Wie wurde man das? Ich sah die quirligen Jugendlichen um mich her. Sobald ich mich mit ihnen vermischte, wäre ich einer von ihnen, kichernd, hirnlos, geil, dirigierbar. Aber war ich das nicht sowieso? War nicht die Viertelstunde vor Theresas Haustür der beste Beweis meiner Niedrigkeit? Hatte ich mich nicht für einen Christen gehalten, einen gläubigen Christen? War das nur ein dünner Firnis, der beim ersten Hormonsturm in Fetzen riss? Ich schämte mich, ja ich ekelte mich vor mir. Wenn ich jetzt mitmachte mit den anderen, Zoten risse wie sie, mich über „die Weiber“ lustig machte, „die Alten“ und die doofen Lehrer, müsste ich mich noch mehr verachten. Was war mein Weg? MEIN Weg? Und was war MEIN Ziel? Ganz bestimmt nicht, wie alle anderen Schafe zum Pferch getrieben, gemolken und geschoren zu werden und das auch noch in vollem Einverständnis. Ich sah die prallen Euter der Kühe in Altenschwand vor mir. Was für eine Erleichterung, wenn sie gemolken wurden.

Aber was dann, was dann?! „Aus den Leidenschaften wachsen Meinungen“, schrieb Nietzsche, „die Trägheit des Geistes lässt diese zu Überzeugungen erstarren.- Wer sich aber freien, rastlos lebendigen Geistes fühlt, kann durch beständigen Wechsel diese Erstarrung verhindern.“ Das klang gut, das war doch wenigstens ein Zwischenziel: freien, lebendigen Geistes bleiben. Danke, Friedrich!

Als ich nach Hause kam, war es noch längst nicht Abend und meine Mutter staunte. „So früh heute?“ – „Ja“, murmelte ich, „ich muss noch etwas arbeiten.“ Und ich arbeitete tatsächlich, aber nicht für die Schule. Ich schrieb in mein kleines, verschließbares Tagebuch, ich dachte nach, ich schloss die Augen, horchte, meditierte. Ein bisschen Stille hatte ich schon entdeckt, und einen Teil meines unteren Rückens konnte ich schon bewusst spüren. Das war ein Erfolg, größer als eine Eins in Latein. Als ich mich schlafen legte, wusste ich: Das war kein Zwischenziel, es war das Ziel überhaupt: freien und lebendigen Geistes bleiben. Keine Marionette werden, mich nicht zum Schafsein degradieren lassen. Niemals! Nur wie konnte das gelingen? Hatten das nicht viele Jugendliche zu allen Zeiten gewollt? Vielleicht sogar alle? Ganz sicher war ich keine Ausnahme. „Du verlierst schon noch deine Flausen“, pflegte Mutter zu sagen. Für mich war das eine Drohung. Auf die meisten Jugendlichen traf ihre Vorhersage sicher zu. Sie verloren ihre Flausen und angehende Wölfe verwandelten sich in Schafe. Oder auch umgekehrt: Sanftmütige Schafe wurden von Nazis und anderen Rattenfängern zu mörderischen Wölfen gemacht. Ich, jedenfalls, wollte meine Flausen nicht verlieren und schon gar nicht versehentlich, ich wollte sie bürsten, pflegen und kultivieren; meine Flausen sollten mich vor einer Schafexistenz bewahren. Nur wie? Wie? Einen letzten Nietzsche-Satz gönnte ich mir noch: „In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die vielen.“ Letzteres erschien mir würdelos. Ich würde also einsam sein müssen. Mit dieser Erkenntnis und mit diesem Vorsatz schlief ich ein.

Eine Idee reift
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6.1.  Erste Fluchtgedanken – Eine Idee reift.
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Eine Idee reift

Auf die Idee brachten mich die Beatles. Ihr Album „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ war grade herausgekommen, unfassbar, jeder Song ein Hit. Ich hörte sie der Reihe nach wieder und wieder an, sie liefen ja ununterbrochen im Radio. Ich hatte nach Latein mein erstes Jahr Englisch und versuchte, die Texte zu verstehen. Ein Song hieß: „She's leaving home.“ Er war konservativer als die anderen, weniger rockig, mit Orchester, mit Streichern; sehr melancholisch und genau zu meiner Stimmung passend. „Leaving home“, ja, was war's vielleicht, weg hier, raus aus der Tretmühle von Latein, Mathe, Erdkunde, Geschichte, Deutsch, Religion und einem idiotischen Kunstunterricht („viel Farbe, großer Pinsel, wenig Farbe, kleiner Pinsel“), weg von stressigen Schulaufgaben und Kurzproben, weg von diesem Dauerleistungsdruck, weg von diesem blöden Auswendiglernen unsinniger Fakten, die ich nach spätestens einem Monat wieder vergessen hatte.

So lief ich durch die Welt, einsam und nachdenklich, auch wenn ich mit meinen drei Schulkameraden jeden Morgen zur Schule ging und den Heiteren spielte, aber immer, immer mit dieses „Weg hier!“ im Kopf und im Herzen. Einmal schoss mir der Satz „Was soll ich nur, ich bin ganz allein auf dieser Insel!“ in den Sinn, und ich rief ihn im Laufe des Schulwegs immer wieder laut aus. Meine Kumpels lachten natürlich, weil der Satz ihnen so absurd erschien. „Ja“, rief ich, „ich bin Robinson und ganz allein auf dieser Insel!“ „Aber hier ist doch gar keine Insel“, antworteten sie und ich entgegnete: „Doch, doch, ihr seht sie nur nicht.“

Dennoch erschien mir der Gedanke einer Flucht immer abwegiger. Mir kamen die Tränen, wenn ich meine Eltern betrachtete. Sie würden vergehen vor Schmerz, wenn ich einfach verschwände. Sie würden mich nie verstehen, ihre Routinen wären dadurch unterbrochen und würden sinnlos werden. Mutter würde allein vor ihren Kochtöpfen stehen und nicht mehr für mich mitkochen können. Sie würde am Herd weinen. Mein Vater würde meine schulischen Erfolge vermissen, auf die er stolzer war als ich. Er würde sich fragen: „Warum? Warum?“, keine Antwort finden und mit dem Priester im Beichtstuhl besprechen: "Was haben wir falsch gemacht, Herr Pfarrer?" Die Beatles sangen: “We gave her most of our lives | sacrified most of our lives | we gave her everything money could buy.”

Und ich dachte an meinen Bruder, der sauer auf mich sein würde, weil er, wenn ich weg wäre, dem häuslichen Leistungsdruck ganz allein ausgeliefert war.  Auch ihn würde ich vermissen, so fern wir uns auch waren. Aber wäre ich denn anderswo weniger Druck ausgesetzt, würde ich in einer anderen Stadt, einem anderen Land weniger zur Marionette zu werden, weniger dem Verhaltensdruck ausgeliefert sein? Ziemlich sicher würde ich in Not sein, vermutlich hätte ich nicht genug zu essen, ich würde ja kaum Geld haben. Wäre das nicht viel schlimmer, als in der häuslichen Sicherheit zu versuchen, ein „freier, lebendiger Geist“ zu bleiben?

Aber ich fühlte mich zu schwach für diese Aufgabe, zu ausgeliefert. Ich spürte nicht die Kraft in mir, dem Druck meiner Eltern, meiner Lehrer, meines Großvaters, der an mich und meine „große Zukunft“ glaubte, standzuhalten, auch nicht dem Gruppendruck meiner Kumpels. Aber das löste mein Problem nicht: Anderswo, ohne die Unterstützung meiner Eltern, wäre alles nur noch schwieriger.

Schließlich kam die rettende Idee: Ich musste das umgehen, musste dem ausweichen, was meine Eltern und alle anderen zusammenhielt und was ihnen ihre Kraft verlieh: die europäische, die westliche Zivilisation! Das war der Kleister, der sie alle zusammenhielt und zu dem machte, was sie waren. Auch sie waren nicht Täter, sondern Opfer, waren unmerklich zu Schafen umdressiert worden, die den Weisungen ihrer Hirten folgten, das Schicksal, das auch mich ewartete. Aber wie der europäischen Zivilisation entrinnen?

Ich wusste mir keinen Rat. Wie jedes Jahr fuhr ich mit meinen Eltern nach Lignano an die italienische Adria, schwamm hinaus aufs Meer zu der Boje, die den Strand der Schwimmer von der Bootslinie trennte, legte mich auf den Rücken, spürte die Tiefe unter und die Weite über mir und träumte - wie all die Jahre zuvor. In diesem Sommer verliebte ich mich sogar in eine Italienerin, die ich beim Boccia-Spielen kennenlernte. Wir waren vier Wochen am Strand und ihre Famlie drei Wochen. Tiziana war sooo schön, dunkel mit langem Haar und einer märchenhaften Figur und einem ebenso märchenhaften Lächeln, unfassbar sexy und anziehend und charmant. Noch nie hatte ich so ein schönes Mädchen gesehen und auch nie mehr danach. Ich konnte ihr Lachen aus 100 Metern Entfernung von allen anderen Mädchenstimmen am Strand unterscheiden. Nichts geschah zwischen uns, aber ihre magnetische Anziehungskraft wirkte stark genug, dass wir Tag für Tag miteinander Boccia spielten und manchmal verkniff ich mir ein Eis, um ihr eins ausgeben zu können. Sie war die reinste Meerjungfrau, selbstverständlich mit Bikini, dessen Blau sich leuchtend von ihrer braunen Haut abhob. Als wir uns schließlich verabschiedeten, gewährte mir sie einen Kuss - auf die Lippen! Den einzigen, den ersten echten und unvergesslichen.

An einem dieser verliebt romantischen Tage begriff ich: Auf der anderen Seite des Horizonts liegt Nordafrika. Afrika! Nicht Europa. Zu Hause schlug ich auf meinem Atlas nach. So weit weg war das gar nicht. Von Sizilien aus waren es gerade mal 140 Kilometer. Von Amberg nach Frankfurt war es weiter. Das musste zu schaffen sein, irgendwie.

Wieder zu Hause, erzählte ich Jochen von meinem großartigen Plan. So recht zog er nicht, fand diese und jene Gründe, die dagegen sprachen, vernünftelte. Und natürlich hatte er irgendwie Recht: Ich war 14, hatte keinen Personalausweis und vermutlich würde mich die Polizei in kürzester Zeit schnappen. Alles sprach dagegen - außer meinem Enthusiasmus, der im Hintergrund glomm und die Wirklichkeit auf Flucht-Möglichkeiten abtastete.
Schulische Kämpfe
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7.  Schulische Kämpfe
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Schulische Kämpfe

Im bayerischen Gymnasium nannten wir die Studienräte „Herr Professor“ – ganz selten auch „Frau Professor“. Der falsche Titel sollte Eindruck machen, aber das war Unsinn; wir wussten gar nicht, was für ein Titel „Professor“ war. Die Universität war unendlich weit weg, mindestens so weit entfernt von uns wie das Abitur von einem Grundschüler. Professor war für uns keine wertvollere Bezeichnung als Frisör oder Hausmeister, ein Name, eine Funktionsbezeichnung, nicht mehr. Im oberpfälzischen Mund klang der Titel auch recht respektlos: nicht der „Professor“, sondern der „Professa“.

Ich stellte schon bald fest, dass unseren Professoren – mit wenigen Ausnahmen – sehr menschlich waren, sprich: schwach. Da gab es zum Beispiel einen großen, langgliedrigen Lateinlehrer, der auf die 60 zuging, also uralt war, der uns mit seinem langweiligen Unterricht zu Tode langweilte. Außerdem ließ Professor A. sich etwas zuschulden kommen. Einer meiner Klassenkameraden hieß Finsterer. Ich mochte ihn, ohne eine besondere Beziehung zu ihm zu haben; er kam einfach zu sehr vom Land und war keines hochdeutschen Wortes fähig. „Finsterer“, bekam er regelmäßig zu hören, „sprich doch anständig.“ Der Finsterer war Fahrschüler. Weil er aus einem weit entfernten Dorf stammte und sein Zug nur zweimal am Nachmittag ging, hatte er vom Direktor die Erlaubnis erhalten, fünf Minuten vor Unterrichtsschluss die Schule zu verlassen, um den Mittagszug zu erreichen. Eines Tages, in der sechsten Stunde, packte Finsterer also vor Unterrichtsschluss im Lateinunterricht seinen Schulranzen, stand auf und wollte gehen. Professor A. herrschte ihn an, was er vorhabe. Finsterer: „I mao eizat hoam. Mei Zog geit inerer Viertlschtund.“ (Ich muss jetz heim. Mein Zug geht in einer Viertelstunde.) „Du bleibst“, befahl Professor A. „Na, i derf gei. I mao eizat furt.“ (Nein, ich darf gehen. Ich muss jetzt fort.)  Schulterte seinen Ranzen und ging zur Tür, worauf Professor A., angesichts dieser Provokation außer sich vor Wut, ihm einen Faustschlag versetzte und Finsterer zu Boden ging. Als er sich aufrappelte, war Professor A. bereit, ihn mit den Füßen zu treten. Aber als hätte wir, seine Mitschüler, ein gemeinsames Signal erhalten, erhoben wir uns allesamt und umrundeten den Professor und sein Opfer, bereit, uns auf ihn zu stürzen, wenn er unserem Klassenkameraden noch einmal etwas antäte.

Offenbar genügte die Drohung der Klasse, Professor A. zur Vernunft zu bringen und Finsterer verließ ohne weitere Verletzungen das Klassenzimmer, wurde auch in späteren Wochen nie mehr gemaßregelt. Der Finsterer-Vorfall festigte unseren Entschluss, Professor A. loszuwerden. Im Winter war es dann so weit. Draußen lag viel Schnee und jeder von uns trug Winterstiefel, die wir zur akustischen Waffee umfunktionierten. Als zweite Waffe übten wir Junge im Pausehof, auf Befehl mit Hilfe von geschluckter Luft laut zu rülpsen. Dann machten wir einen Plan: Wir entwarfen ein Zickzack quer durchs Klassenzimmer, so dass eine logische Reihenfolge kaum erkennbar war. Wenn Professor A. an der Tafel stand und uns den Rücken zukehrte, schlug einer von uns zum Beispiel hinten rechts mit seinem Winterstiefel laut gegen die Schulbank. Wenn sich der Herr Professor dann umdrehte und die Quelle des Lärms auszumachen versuchte, krachte es vorne rechts, dann hinten Mitte links dann ganz hinten in der Mitte und so weiter. Das ging eine Weile, bis irgendwo im Klassenzimmer die ersten Rülpser ertönten, die auf einer anderen Seite beantworteten wurden und sich durchs Klassenzimmer fortsetzten. Professor A. begann zu schreien und so verwandelte sich sein Unterricht zunehmend ins Chaos. Ein vergnüglicher Höhepunkt für uns alle trat immer dann ein, wenn sich Klaus, ein gedrungener Rothaariger in der ersten Bank der Türreihe, meldete und sagte: "Herr Professor, da ist so ein Lärm, ich kann mich gar nicht konzentrieren." Dabei war er an unserer nakustische Revolution voll beteiligt. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber nicht allzu lange, und Professor A. weigerte sich, unser Klassenzimmer zu betreten. Kurz vor Weihnachten erfuhren wir, dass er wegen einer Gallenkolik ins Krankenhaus kam. In der Zwischenzeit hatten wir eine junge, goldige Referendarin, die uns so fürchtete, dass sie uns erlaubte, zu tun, was wir wollten. Also machten einige mit, einige spielten Schafkopf oder gingen einer anderen Freizeitbeschäftigung nach.

Wie dieses schulische Abenteuer endete, weiß ich nicht mehr. Irgendwie brauchte unsere neue Lehrerin ja Noten von uns und muss mit uns Schulaufgaben geschrieben haben. Aber weil sie nett war und jung und ich glaube auch ganz hübsch, hatten wir Mitleid mit ihr und befolgten die notwendigsten Regeln. Sie war ja auch nett zu uns.

Ein Abenteuer ganz anderer Art war die bereits erwähnte Deutschlehrerin, die sich über meine vielen Vornamen aufregte. Sie war damals vielleicht 40 oder 45 Jahre alt, hatte noch eine gute Figur, was aber nichts daran änderte, dass sie in unseren Augen alt war, zu alt jedenfalls für ihr Verhalten. Sie trug nämlich bevorzugt Miniröcke und setzte sich damit quer zur ersten Bank auf den Tisch, um uns in dieser Position zu unterrichten. Wenn sie dann ein Bein übers andere schlug, bekamen wir Stilaugen und erspähten ihr Höschen - das selten weiß war. Also machten wir uns schon bald einen Spaß daraus, morgens Wetten darauf abzuschließen, welche Farbe ihr Höschen wohl heute haben würde. Besonders Respekt fördernd war das jedenfalls nicht.

Einen ganz persönlichen Kampf trug ich mit dem Lateinlehrer im Jahr meiner ersten Fluchtpläne aus. Der Mann hieß Batzl und setzte uns von der ersten bis zur letzten Unterrichtsminute unter Notendruck. Das begann mit der Wörterabfrage, gefolgt von der Grammatikabfrage und ging über in die Wiederholungsabfrage und die Neuübersetzungen. Für die Wörter- und Grammatikabfrage musste der aufgerufene Schüler vor die Klasse ans Lehrerpult treten, für den Rest "nur" aufstehen. Batzl kostete die Sekunden aus, bevor er jemanden von uns aufrief. Er blätterte nachdenklich in seinem kleinen Notenbuch hin und her und dann erscholl sein Ruf und einer von uns musste aufstehen und vor der Klasse sein Wissen testen lassen. Dabei ging es Batzl nicht wirklich darum, die Lernarbeit des Schülers zu überprüfen, sondern hauptsächlich darum, die schlechten Schüler zu erniedrigen. Das war nicht weiter schwer, denn bei den "Schlechten" brauchte er nur ein bisschen zu "bohren", um auf Lücken zu stoßen. Auf denen ritt er dann so lange herum, bis der Schüler vor der Klasse in Tränen ausbrach und er ihn lächelnd mit einer schlechten Note und einem abfälligen Kommentar wie "Sie sind und bleiben eben dumm" auf seinen Platz zurückschickte.

Ich begann diesen Lehrer nicht nur zu verachten, sondern wegen seines sadistischen Vergnügens regelrecht zu hassen. Immer wieder stand ich einfach auf und stellte ihn ärgerlich zur Rede, so dass er meine Mutter zur Sprechstunde einberief. "Ich weiß gar nicht, was der Junge hat", sagte er meiner Mutter, "er ist doch gut." Damit meinte er natürlich meine Noten. Meine Mutter aber hielt zu mir, wofür ich ihr dankbar war. Sein Kommentar zu mir verschleierte die Situation in der Klasse; denn wenn ich "dran" war, um vor allen geprüft zu werden, versuchte er, auch mich kleinzukriegen. Also lernte ich zu Hause Latein mit einer glühenden Begeisterung. Meine Abfrage-Zeiten vor der Klasse waren die reinsten Ringekämpfe mit Batzl. Er versuchte, mich fertig zu machen und ich versuchte, ihn keine Lücken entdecken zu lassen und ihn in seiner sadistischen Gier vorzuführen. Und tatsächlich brachte er mich kein einziges Mal zum Weinen. Meistens setzte ich mich mit einem befriedigten Grinsen in meine Bank. Später erzählte mir Lothar, dass die älteren Schüler Batzl immer wieder bei fehlerhaften Übersetzungen "erwischten". Er war also nicht einmal gut in seinem Fach, sondern einfach ein schlechter Mensch, der seinen Beruf nutzte, um uns zu missbrauchen. Leider ist bis heute "Sadismus" kein Tatbestand.

Wie sehr "Mensch", in meinen Augen damals gleichbedeutend mit "Marionette", die Lehrer waren, bewies unser Konrektor, den wir in Biologie hatten und der das Pech hatte, die eine Stunde "Aufkärungsunterricht" pro Woche bei uns ableisten zu müssen. Für ihn muss das schlimm gewesen sein, denn er war ein verknöcherter Mann kurz vor den Pensionierung mit einem roten Bluthochdruckgesicht und kalten, bösen Augen. Sein Aufklärungsunterricht bestand hauptsächlich aus menschlichem Anatomieunterrichte mit Betonung der Skelettknochen.

Nun muss man dazu wissen, dass manche unserer Mädchen, 14-, 15-jährig, die Minirockmode voll ausnutzten. Unser Biolehrer fuhr auf eines unserer Mädchen besonders ab. Christa trug extrem kurzes Röckchen, war hübsch – was sie wusste –, verwirrte mit großen, dunklen Rehaugen die Lehrer, war gut entwickelt, und ihre enganliegenden Pullis modellierten eine perfekte Mädchenfigur. Im Aufklärungsunterricht inszenierte sie ihre entblößten Oberschenkel quer zur Bank, leicht zurückgelehnt, Beine überschlagen, in Richtung Lehrerpult, so dass unser Biolehrer sie bemerken musste, wenn er nicht ganz blind war. Und er war diesbezüglich alles andere als blind. Wir konnten richtig zuschauen, wie er sich so positionierte, dass er einen freien Blick auf Christas Schenkel hatte. In dem Augenblick, an den ich mich erinnere, beschrieb er den Aufbau der menschlichen Schulter. Und während seine Augen Christas Beinen abtasteten und er Oberarmknochen sagen wollte, vertat er sich und sagte stattdessen "Oberschenkelknochen". Selbst die Ahnungslosesten unter uns begriffen, was im Kopf (und in der Hose) des Herrn Professors vorging, und die ganze Klasse brach in ein riesen Gelächter aus, so dass er augenblicklich seinen Fehler bemerkte und mit rotem Kopf das Klassenzimmer verließ.

Die große Chance
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8.  Die große Chance
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Die große Chance

Wie jeder gute Bürgerhaushalt in Amberg hatten meine Eltern die Amberger Zeitung abonniert. Eines Tages entdeckte ich im Lokalteil eine Initiative, die eine Städtepartnerschaft mit einer Stadt in Schottland anbahnte und für den nächsten Sommer eine Jugendaustauschgruppe für 14 Tage ins schottische Argyll schicken wollte. Dafür wurden noch Jugendliche gesucht. Meine große Chance, da war ich mir sicher. Ich würde da mitfahren und irgendwie musste ich es hinkriegen, mich innerhalb dieser 14 Tage von der Gruppe abzusetzen, um Zeit für meine Flucht nach Afrika zu haben. Tunesien, so hatte ich inzwischen herausgefunden, könne man ab diesem Jahr mit einem Personalausweis bereisen. Den hatte ich zwar noch nicht, aber die Jugendlichen der Schottlandgruppe, erfuhr ich bald würden vorzeitig einen ausgestellt bekommen.

Meine Eltern von der Idee, meine Englischkenntnisse zu vertiefen und mich der Austauschgruppe anzuschließen, war nicht schwierig gewesen. Alles, was meine Karriere förderte, fanden sie ohnehin gut. In meinen Treffen mit Jochen ging es jetzt nur noch um die eine große Frage: Wie könnte ich mich glaubwürdig und rechtzeitig von der Gruppe absetzen? Bei der Suche nach der Antwort, halfen mir meine „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse über menschliches Verhalten. Irgendein tragischer Anlass würde nötig sein, um das Verlassen der Gruppen zu rechtfertigen. Zugleich musste es etwas Glaubwürdiges und Eiliges sein. Schließlich hatte wir die Idee, während meines Aufenthaltes meine geliebte Großmutter sterben zu lassen. Dazu muss man immer berücksichtigen, dass es damals kein Internet und keine Handys gab. Sogar eine Telefonverbindungen von Schottland nach Deutschland stellte eine teure Hürde dar. Jochen sollte also von Amberg aus an unsere Gruppe in Dunoon, so hieß der Ort, wo wir sein würden, ein Telegramm schicken, das mich zur Beerdigung dringend nach Hause rief. Er würde dann in der Nähe auf mich warten und wir würden zusammen nach Sizilien trampen und von dort nach Tunesien übersetzten. Und weg wären wir.

Das klang nach einem makellosen Plan. Dass er dann doch so manchen Makel aufwiese, stellte sich ein paar Monate später heraus. Am Anfang der bayerischen Sommerferien, also Anfang August, saßen rund 15 Amberger Jungs und Mädels im Bus nach Schottland. Unser Gruppenleiter hatte noch schnell einen Crashkurs Englisch belegt, das er bis dahin nicht gesprochen hatte - und ab da eigentlich auch nur in Brocken. Die meisten von uns konnten mehr als er. Ich hatte in der neunten Klasse mein zweites Jahr Englisch hinter mir. Für Erwachsene wären die rund 1750 Kilometer eine endlos eintönige Fahrt gewesen, aber für 15- und 16-Jährige im Jahr 1968 war es phantastisch. Keiner von uns war jemals so weit weg gewesen. Und keiner auf einer riesigen Nordseefähre wie der von Ostende nach Dover. Dann gab es noch einmal eine kleine Überfahrt über den River Clyde nach Dunoon, einem schottischen Städtchen mit rund 8500 Einwohnern und mehreren Schulen und Internaten.

Wir wurden in einem während der Sommerferien leerstehenden Internat untergebracht und trafen an jedem Tag die schottischen Jugendlichen, mit denen wir dann gemeinsam etwas unternahmen, mal einen riesigen See besuchten, der dort eigenartigerweise „Loch“ hieß - und alle anderen Seen auch -, mal eine Party zusammen organisierten, mal Fußball spielten.

An ein paar Details erinnere ich mich noch genau, zum Beispiel an unsere Vorstellungsszene, bei der jeder von uns etwas Englisches sagen sollte. Einer von uns berichtete, der Junge neben ihm sei sein "boy friend", was bei den Schotten schallendes Gelächter auslöste. Dabei erfuhren wir, dass man das nur sagen würde, wenn man schwul wäre. Vermutlich war das das erste Mal, dass ich von der Bedeutung dieses Wortes erfuhr. Bis dahin hatte ich die gegenseitige Anziehung von Mädchen und Jungen für ein Naturgesetz gehalten.

Für unseren Gruppenleiter, der kein Wort Hochdeutsch beherrschte, schämte ich mich auch ein paar Mal, denn sein Englisch war derart schlecht, dass es sogar uns auffiel und die Schotten Mühe hatten, nicht die ganze Zeit über sein Sprachgestolper zu lachen. Wenn er eine Zigarette rauchen wollte, hatte er meistens keine Streichhölzer einstecken und wandte sich - in breitestem Bayerisch - mit der Frage an die älteren Schotten: Kän Ei häf a feia? Anfangs verstanden sie ihn gar nicht (die richtige Frage wäre gewesen: Can I have a light, please?), was er wollte. Erst nachdem er das Anstreichen eines Streichholzes simuliert hatte, wussten sie, was er meinte. Und dann dauerte es nicht lange, bis er fragte: Du Ju häve an Äschenbecka? Ashtray konnte er sich einfach nicht merken, obwohl wir es ihm mehrmals beizubringen versuchten.
In der Zwischenzeit stieg meine Spannung. Die ganzen Freizeitaktivitäten interessierten mich herzlich wenig, ich wolle nur weg und wartete ungeduldig und auch nervös auf Jochens Telegram. Jeder Tag, den ich hier verbrachte, war ein verlorener Tag. Natürlich durfte das niemand wissen, ja nicht einmal ahnen. Also war ich besonders lustig und aufgedreht und bei den Schotten sehr beliebt. Schon am zweiten Tag hatte ich es tatsächlich als einziger gewagt, mich beim Mittagessen an einen Tisch zu setzen, an dem nur Schotten saßen und ich gezwungen war, Englisch zu sprechen. Natürlich schämte ich mich für meine englische Unbeholfenheit, stellte aber rasch fest, dass die anderen sehr nett und verständnisvoll waren und mich nach Kräften unterstützten - mit Oxford English, das auszusprechen ihnen schwer fiel und ähnlich fremd war wie mir das Englische überhaupt. Insbesondere Robert kümmerte sich um mich und unterstützte mich, wo er konnte. Abends, wenn wir zusammen feierten, kam immer von irgendwo her eine Flasche Bier oder eine Flasche Vodka heimlich in die Runde (offiziell natürlich streng verboten) und wir wurden sehr fröhlich und auch übergriffig. Die Schotten machten mich mit Moira näher bekannt, die unsittliche Berührungen lustig fand und geradezu als Kompliment auffasste. So kam es nicht selten, dass gleich mehrere von uns sie überall da berührten, wo es der katholische liebe Gott verboten hat.

Dass bei den Partys - gefühlt waren es in den 14 Tagen mindestens fünf - immer auch die Musik der Beatles lief, war selbstverständlich, auch, dass ich besonders gerne Sgt. Peppers Loneley's Hearts Club Band auflegte. Aber das fiel niemandem auf, auch nicht, dass ich mich bei dieser Musik immer besonders melancholisch fühlte:She is leaving home. Für die anderen war das nur Musik, auf die man langsam und gefühlvoll tanzen konnte, für mich war es eine Aufforderung, jetzt endlich mal zur Sache zu kommen.

Endlich kam - nach einigen Tagen - der große Augenblick. Unser Gruppenleiter rief mich morgens nach dem Frühstück ins Büro und präsentierte mir das Telegramm. Meine schauspielerische Leistung muss wenigstens angemessen gewesen sein. Er klopfte mir auf die Schultern, meinte, ich solle es nicht so schwernehmen, wie alte denn die Oma gewesen sei und so weiter. Und dann meinte er, er wolle die Sache noch einmal mit seinen Kollegen durchsprechen und überlegen, wie man reagieren wolle. Das sei ja keine einfache Sache. Dann entließ er mich wieder.
Natürlich war es jetzt an mir, traurig zu sein. Immerhin war meine allerliebste Oma gestorben. Das brachte vor allem die deutsche Gruppe in Verlegenheit, die ja Party machen und nicht mit mir trauern wollte. So saß ich immer wieder mal alleine da und trauerte äußerlich; was allerdings zu meinen Überlegungen passte, was wohl im "Büro" entschieden wurde. Mit Robert führte ich einige Gespräche über den Tod und wie er alles relativiert, was einem im Leben wichtig war. Er war der Einzige, der sich immer wieder ein paar Minuten nahm, sich zu mir setzte und mir zuhören wollte. Das war doppelt seltsam, denn ausgerechnet die Großmutter, die in Amberg wohnte, mochte ich gar nicht besonders; umgekehrt fand ich es aber lieb von Robert, dass er so Anteil nahm und ich ihm etwas vorheucheln musste in meinem radebrechenden Englisch.
Dann kam die Entscheidung. Ich wurde wieder ins Büro gerufen. Ein paar Stunden waren vergangen und unser Gruppenleiter hatte im Jugendamt in Amberg angerufen, wie er mir erklärte. Bis man einen Bus für mich organisiert haben würde, bis ich in Dover wäre und in Ostende und endlich mit einem weiteren Bus in Amberg - das sei zwar alles möglich, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Beerdigung meiner Grußmutter verpassen würde, sei doch sehr groß. Niemand habe diese Umstände ahnen können, und so habe er einen Mitarbeiter des Jugendamtes gebeten, meine Eltern aufzusuchen und zu fragen, ob ich nicht bleiben könne. Der Kollege würde heute Nachmittag anrufen und Bescheid geben. Leider müsse er mit der deutschen Gruppe zu dieser Zeit auf den Fußballplatz, so dass ich im Büro bleiben und den Anruf aus Amberg entgegennehmen müsse.

Die Logik der Erwachsenen war übermächtig. Jochen und ich hatten uns das alles viel einfacher vorgestellt. Aber die Lüge war in der Welt und ich musste sie jetzt ausbaden. Ich musste jetzt den Einsichtsvollen mimen, um irgendwie das Unheil abwenden, das mir drohte, wenn meine Eltern die Lüge erfuhren und dann auch mein Gruppenleiter und alle anderen der Gruppe. Das gemeinsame Mittagessen, sonst immer lustig, wollte mir nicht schmecken, und die zwei oder drei Stunden, die ich allein im Büro saß und auf den verhängnisvollen Anruf aus Amberg wartete, gaben wir Zeit zu überlegen, wie ich reagieren wollte. Das Donnerwetter meiner Eltern konnte ich nicht abwenden, aber zumindest konnte ich die Lüge hier vor Ort abfangen durch reuevolles Verhalten. Ich würde zustimmen, hier zu bleiben, so dass sich eine weitere Rücksprache mit dem Amberger Jugendamt erübrigte.
Schließlich kam der Anruf. Der Sozialarbeiter am anderen Ende der Leitung kondolierte mir und meinte dann, er sei an unserem Haus gewesen, aber meine Eltern seien nicht zu Hause gewesen. Also sei er unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Ich bedankte mich für seine Mühe und meinte, er müsse es nicht erneute versuchen, ich hätte mit seinem Kollegen hier vereinbar, dass ich in Dunoon bleiben und ich meine Eltern per Telegram davon benachrichtigen würde.

Ich glaube nicht, dass es in meinem Leben einen größeren Stein gab, der mir von der Seele rollte, als an diesem Nachmittag. Als die anderen vor dem Abendessen nach Hause kamen, war alles geregelt, ich war erzählte, der Kollege habe meine Eltern nicht erreicht, aber das sei ja jetzt auch nicht mehr nötig, da ich verstanden hätte, wie schwierig das alles sei. So blieb die große Lüge unaufgedeckt. Nur: Was sollte ich jetzt tun?

Hinzu kam, dass Jochen mir geschrieben hatte, er sei jetzt doch zu Hause geblieben, würde mich aber da erwarten. In meiner Jugendgruppe hatte man mich wieder aufgenommen, und ich schien so unbekümmert wie zu vor. Die Frage aber blieb: Was sollte ich nur tun? Einfach mit ihnen wieder heimfahren, als wäre nichts gewesen? Nein, das war ja doch die Antwort, es war ja noch Ferienanfang. Ich musste also hier bleiben und sie alleine fahren lassen. Nur mit welchem Argument und welcher Logik konnte ich meinen Gruppenleiter überzeugen?

Schließlich hatte ich eine Idee und sprach mit Robert. Könnte ich vielleicht auf der Farm seiner Eltern übernachten und eine Weile bleiben? Wir würden bestimmt Spaß zusammen haben? Er fragte seine Eltern und die fanden das okay - sofern meine Eltern zustimmten. Also schrieb ich einen langen Brief nach Hause, berichtete, dass mein Englisch Fortschritte gemacht habe und ich jetzt die Chance hätte, meinen Aufenthalt hier bis zum Ferienende zu verlängern. Das sei aber nur möglich, wenn sie mir die schriftliche Erlaubnis dafür erteilten.

Und so kam es dann auch. Meine Eltern erlaubten mir zu bleiben, die Rückfahrt war bezahlt und ließ sich um vier Wochen verschieben. So fuhr die Amberger Reisegruppe ohne mich zurück und wurde bei Roberts Eltern einquartiert, auf der Gortanansaig Farm bei Mrs. und Mr. Lamont. Dort hielt es mich aber nicht lange, drei Tage vielleicht, dann drängelte ich und wollte "doch lieber nach Hause" als allein in der Fremde bleiben. Irgendwie verstanden Robers Eltern das, auch wenn ich dann doch gleich mit der Gruppe hätte fahren könnten, meinten sie, aber da war nichts mehr zu machen, die waren ja weg. Meine Eltern hatten mir in einem Briefumschlag 100 Mark zur Überbrückung geschickt, das sollte für die Heimfahrt reichen. Die Busfahrt würde verfallen, aber das bezahlte Ticket nach Ostende ließ sich umschreiben. Nur: Wie wollte ich jetzt nach Ostende kommen, fragten sie und ich meinte kühn, ich könne ja trampen. Mrs. Lamont wollte das nicht verantworten und überredete ihren Mann, mir den Bus nach London zu bezahlen.

An die genauen Umstände meiner Fahrt von Dunoon nach London erinnere ich mich nicht mehr, aber sie war finanziert und bequem. Mein neuer Freund Robert brachte mich zur Buchanan Bus Station nach Glasgow und zehn Stunden später war ich in der Victoria Coach Station in London. Nun begann das Abenteuer wirklich. Noch nie in meinem Leben hatte ich so eine riesige Stadt gesehen und noch nie einen Bahnhof, in dem mehr Menschen aller Hautfarben unterwegs waren als Amberg Einwohner hatte. Von Robert wusste ich, dass ich irgendwie auf die andere Seite Londons kommen musste, um von da nach Dover zu trampen. Ich musste die U-Bahn nehmen, die Underground. Aber wie und wohin genau? Mit meinem bisschen Englisch, das in Schottland zum Glück flüssiger geworden war, fragte ich mich so lange durch, bis ich tatsächlich ein gültiges Ticket in der Tasche hatte und mich an Londons Südseite wiederfand. Ab jetzt hieß es Daumen raus und trampen. In meinem Rucksack war alles, was ich brauchte. Mrs. Lamont hatte noch alle meine Wäsche gewaschen und mir einen großen Beutel Kekse mitgegeben.

Auf dem Weg nach Dover gab es eine Stadt, deren Namen mir verheißungsvoll vorkam: Gravesend, das Ende des Grabes. Genau darum ging es mir: dem Grab des kleinbürgerlichen Denkens, Fühlens und Handelns zu entkommen, in das ich mich legen sollte. Die Fahrt nach Dover, die Überfahrt über den Kanal und auch die knapp 800 Kilometer von Ostende nach Amberg vergingen wie im Traum. Hungern musste ich nicht, denn einerseits hatte ich ja noch Geld von meinen Eltern übrig und andererseits war ich viel zu aufgeregt, um groß Hunger zu haben. In London hatten meine ersten Klau-Versuche geklappt: Warten, bis die Verkäuferin mit einem Kunden beschäftigt ist und dann in der Auslage auf der Straße mit einen Apfel schnappen und Fersengeld geben! Diese Fähigkeit würde ich noch brauchen.

Nach Amberg musste ich aus zwei Gründen: Einerseits wartete dort Jochen auf mich und andererseits hatte ich mein Postsparbuch ohne Wissen meiner Eltern eingesteckt, auf dem ich 100 weitere Mark zusammengespart hatte, die ich jetzt gut brauchen könnte. Meine Eltern würden mich lange in Schottland vermuten, dafür hatte ich gesorgt. Als sich nämlich die deutsche von der schottischen Jugendgruppe trennte, gab ich ein paar Schotten jeweils eine ausgefüllte Postkarte mit, die an meine Eltern gerichtet und mit einem Datum versehen war. Sie sollten die Postkarte am jeweiligen Datum in den Briefkasten werfen. So würden meine Eltern von mir noch Post aus Schottland erhalten, während ich schon über alle Berge war.

Die große Reise beginnt
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8.1.  Die große Chance – Die große Reise beginnt.
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Mein letzter Lift (so nannten wir damals die jeweilige Mitfahrgelegentheit) brachte mich an die Amberger Stadtgrenze. Es war später Nachmittag oder früher Abend, im Sommer also noch heller Tag. Das Risiko, erkannt zu werden, wenn ich jetzt einfach zu Jochen ging, konnte ich nicht eingehen. Also stieg ich den Mariahilfberg hinan, setzte mich in den Wald oberhalb von Amberg und meditierte. Bäume und Farne, Moos und Blaubeerstauden, der Pilzduft in der Luft und die zwitschernden Vögel waren mir Vertraute im Gegensatz zu der fremden Stadt dort unten mit den ca. 50.000 mir fremden Menschen. In diesen Stunden festigte sich nochmals der Entschluss, dies alles hinter mich zu bringen. Irgendwann suchte ich mir ein Moospolster als Kissen und schlief ein. Mitten in der Nacht wachte ich auf und machte mich auf den Weg zu Jochen, erst durch den Wald irrend in Richtung der erleuchteten Stadt, schließlich durch die menschenleeren, halbdunklen Straßen.

Ich läutete an Jochens Klingel, aber der Türöffner summte viel zu lange nicht. Ständig fürchtete ich, jemand könne vorbeikommen und mich erkennen. Endlich kam das erlösende Geräusch. Jochen war, wie erwartet, allein, seine Mutter in Urlaub. Eine kurze Umarmung, ein paar Worte, mehr nicht, denn er war schläfrig und ich war zwar aufgeregt wach, aber zugleich müde.
Am folgenden Morgen schliefen wir lange und frühstückten zusammen. Ich hatte einen Bärenhunger und im Bewusstsein, nicht zu wissen, wann ich auf meiner Reise wieder gut zu essen bekommen würde, schlug ich mir mit allem, was im Kühlschrank war, den Bauch voll. Jochen erklärte mir, dass er jetzt doch nicht mitkomme - den Grund, den er nannte, habe ich vergessen. Seltsamerweise hat mich das wenig schockiert. Irgendwie hatte ich damit gerechnet. Schon, dass er nicht nach Schottland gekommen war, war mir als Verrat erschienen und hatte ich verdauen müssen. Die neue „Offenbarung“ passte ins Schema. Für ihn war es ein "Ausreißen von zu Hause", für das er keinen wirklichen Grund sah, mit Sicherheit aber eine Menge Ärger bekommen würde.

Aber natürlich war ich enttäuscht. Meine Vorstellung von Freundschaft war Karl-May-geprägt, also hoch idealisiert. Ich hatte mindestens 60 Bände gelesen. Das, was Jochen mir bot, hatte mit Freundschaft nichts zu tun. Gut, dass ich das jetzt schon wusste und nicht unterwegs erfahren musste. Also würde ich mich allein auf den Weg machen. Jetzt ging es darum, möglichst schnell von hier fortzukommen. Jochen hatte einen Klassenkameraden, Tobias, ins Vertrauen gezogen. Die nächsten zwei Tage verbrachten wir zusammen und ein wenig fühlte ich mich als Held. Keiner der beiden wagte, was ich wagen würde, obwohl sie es zu Hause auch „blöd fanden“. Jochen schickte ich mit meinem Postsparbuch und meinem Personalausweis zur Post, um die 100 Mark abzuheben, die ich mir innen in meine Jeans einnähte als eiserne Reserve. Tobias besorgte ein schwarzes Haarfärbemittel, mit dem er mir die Haare wusch, die danach wirklich kohlrabenschwarz waren. Wieso? Nun, ich ging davon aus, dass meine Eltern die Polizei verständigen würden und die mich anhand einer Personenbeschreibung suchen würden. Ich hatte hellbraunes Haar, nach einem Jungen mit schwarzem Haar würden sie nicht suchen. Und Tramper waren damals viele unterwegs. Sowohl Jochen als auch Tobias versuchten mich zu überreden zu bleiben, aber das erschien mir unvorstellbar.

Am nächsten Morgen schaute ich aus dem Fenster im vierten Stock hinunter auf die Straße und sah meinen Bruder auf dem Fahrrad in die Arbeit fahren. Am liebsten hätte ich das Fenster aufgerissen und ihm zugerufen, aber das war ja unmöglich. Ein Canossagang stand mir noch bevor: Ich musste, das war mir eine innere Pflicht, mich von meinen Eltern verabschieden. Ihnen ohne dies sang- und klaglos den Rücken zu kehren, erschien mir schofel. Also machte ich mich am letzten Abend bei Dunkelheit gegen halb elf Uhr, dunkel gekleidet, auf den Weg von der Drahthammerstraße zu meinem Elternhaus in der Sebastian-Kneipp-Straße. Unser kleines Haus war das untere Eckhaus einer Reihe von sechs aneinander gebauten Häusern, mit einem kleinen, von niedrigen Büschen umgebenen Rasenstück auf der Rückseite. Von dort schlich ich mich quer über den Rasen auf die Terrasse und lugte durch den Spalt unter der Jalousie ins hell erleuchtete Wohnzimmer. Meine Mutter schritt gerade quer nach links durch den Raum in Richtung Küche, mein Vater saß auf der Couch und übte Gitarre. Angesichts der friedlichen Szene kamen mir die Tränen. Sie ahnten ja nicht, dass ich hier, mit klopfendem Herzen und nur fünf Meter von ihnen entfernt, ihnen zusah und im Stillen um Verzeihung bat für das, was ich ihnen in den nächsten Wochen antun würde. Aber ich ahnte, dass dies ein großer Abschied war, ein endgültiger Abschied von der Kindheit, ein Abschied von allen, die ich bisher gekannt und geliebt hatte. Was ich vorhatte, war eine Unternehmung mit offenem Ende. Ja, irgendwann wollte ich zurückkommen, aber unterwegs konnte alles passieren. Vielleicht sah ich meine Eltern jetzt zum letzten Mal.

Am nächsten Morgen stand ich früh um sechs Uhr an der B85 vor der Leopold-Kaserne und hielt meinen Daumen raus. Es dauerte nicht lange und ich hatte einen Lift in Richtung Autobahn München. München war auch die erste, großer Herausforderung. Man hatte mich am Stadtrand abgesetzt, aber wie kam ich jetzt in Richtung Richtung Brenner? Die heutige Autobahn dorthin gab es noch nicht, sondern nur Landstraßen. Es gelang mir, einen jungen, bärtigen Motorradfahrer anzuhalten, dem ich mein Problem erzähle. Wir unterhielten uns eine ganze Weile und ich berichtete ihm von meinem Tunesienplan. „Ja“, sagte er, „ich habe auch gehört, dass man in Kürze ohne Pass nach Tunesien reisen kann“, aber falls das nicht klappe, könne er mit die Türkei empfehlen. Einmal im Monat fahre eine Fähre von Brindisi nach Istanbul. Er war so nett und brachte mich quer durch die Stadt zu einer geeigneten Trampstelle und wünschte mir viel Glück.

Im Land der guten Menschen
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8.2.  Die große Chance – Im Land der guten Menschen.
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Im Land der guten Menschen

Dank der Italienreisen mit meinen Eltern hegte ich ein ausgesprochen positives Vorurteil den Italienern gegenüber. Dass ich es nach Sizilien bzw. Palermo schaffen würde, erschien mir selbstverständlich, eine Portion Geduld vorausgesetzt. Sie war die eine Qualität, die man fürs Trampen brauchte, denn es konnte ein paar Stunden dauern, bis jemand so gnädig war anzuhalten. Die zweite Qualität beeinflusste die erste: Ich musste einen guten Platz finden, an dem Autos auch rechts ran fahren konnten. Nur wenige Fahrer waren bereit, auf offener Straße anzuhalten und möglicherweise den Verkehr zu stören. Heute weiß ich, was ich damals noch nicht wusste: Die Italiener sind gute Menschen, wie mir die Reise quer durch Italien bewies.

Die erste Situation, an die ich mich gut erinnere, sah so aus: Ich war nach einer Autofahrt gen Süden abends an einer Autobahnausfahrt abgesetzt worden. Da man damals erst begonnen hatte, die quer über die Autobahn gebauten Mautstationen zu errichten, gab es an jeder Auffahrt eine Art Zollhäuschen. Wer auf die Autobahn fahren wollte, musste dort seinen Obulus abgeben. Das Zollhäuschen an der Ausfahrt, an der ich stand, war verlassen. Also beschloss ich, meinen Schlafsack auf dessen dunkler Rückseite aufzuschlagen und mich schlafen zu legen. Am nächsten Morgen schien mir die Sonne auf den Schlafsack und weckte mich. Als ich herausgekrabbelt war, stellte ich fest, dass das Häuschen inzwischen besetzt war, und ein mulmiges Gefühl stellte sich ein. Ich würde an diesem Wärter kaum ungesehen vorbeikommen. Wie würde er also auf einen Jugendlichen reagieren, der hinter seinem Haus genächtigt hatte? Möglichst leise packte ich meinen Sachen zusammen und bot dann nach vorne zur Straße um die Hausecke. Dort saß ein etwa vierzigjähriger, dunkler Italiener auf den Stufen und frühstückte mit Weißbrot, Käse und Oliven. „Buon giorno“, grüßte er mich ohne jede Überraschung. Offenbar hatte er mich schon früher entdeckt. Ich grüßte zurück, aber damit waren meine Italienisch-Kenntnisse auch so ziemlich erschöpft. Aber ich beherrschte Latein ganz ordentlich, was aber so gut wie niemand unterwegs verstand. Trotzdem half mir der eine oder andere Brocken weiter und löste oft auch Gelächter aus. Jedenfalls war nicht zu übersehen, dass der Mann mich einlud, mich neben ihn zu setzen und sein Frühstück mit mir zu teilen. Das nahm ich gerne an, denn Hunger war an diesen Tagen mein ständiger Begleiter. Also saßen wir, schmausend und eine gelegentliche Kommunikation versuchend, zusammen in der Sonne, bis ich schließlich aufstand, mich bedankte - mille grazie - und mich an die Auffahrt stellte.

Die zweite Situation hatte gleichfalls mit Essen zu tun. Ich hatte ein paar Stunden erfolglos an einer Straße gestanden, als ein Mopedfahrer anhielt. So wie es aussah, würde er mich höchstens 20 Kilometer mitnehmen können, aber nach so viel Frust waren mir auch 20 Kilometer recht. Also setzte ich mich mit meinem Rucksack auf den Sozius und ab ging die ratternde Post. Er fuhr mit mit in ein Dorf oder Kleinststädtchen auf einer Hügelkuppe; es war früher Nachmittag, und der Ort lag wie ausgestorben in der prallen Sonne. Er hielt dort einer Trattoria und bedeutete mir, ihm zu folgen. Innen war es angenehm schattig und kühl und er lud mich ein, Platz zu nehmen. Verunsichert machte ich ihm klar, dass ich nicht pagare/zahlen könne. Aber er winkte nur ab und unterhielt sich, auf mich weisend, mit der Inhaberin. Dann geschah eine Weile nichts, obwohl ich wusste (und hoffte), dass etwas Gutes geschehen würde. Schließlich setzte sie einen riesigen Teller Spaghetti Bolognese vor mich auf den Tisch, den ich mit Heißhunger verschlang. Bezahlen musste ich dafür keinen Pfennig.

Wie ich da wegkam, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls trug sich die nächste Situation abends zu. Es war schon dunkel und ich stand im Zwielicht der Straßenlaternen an der Ausfallstraße einer größeren Stadt. Das war eine schwierige Situation. Einen dunkel gekleideten Tramper im Halbdunkel auch nur wahrzunehmen, war ein Glücksfall. Ich stand da wohl an die zwei Stunden, als ein schwerer Lastwagen hielt. Erst reagierte ich gar nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er wegen mir angehalten hatte. Und doch war es so. Der Fahrer beugte sich aus dem Fenster und winkte mir zu. Die Glücksgefühle sind nicht zu beschreiben. Also saß ich neben ihm hoch über der Straße und wir fuhren in die Nacht. Er fuhr ziemlich weit, vielleicht 200 Kilometer, es war also ein richtig guter Lift. Die ganze Situation zwischen uns war eher lustig, denn ich versuchte wieder mal, mich auf Lateinisch verständlich zu machen und er umgekehrt auf Italienisch. Ab und zu verstanden wir etwas. Schließlich, vielleicht gegen zwei Uhr morgens, fuhr er in einer Stadt in eine Neubausiedlung, winkte mir mitzukommen und führte mich in eine Wohnung im dritten oder vierten Stock eines Hochhauses. Er machte Licht und weckte seine Mutter mit „Abbiamo un ospite tedesco“, wir haben einen deutschen Gast. Seine Mutter kam im Morgenmantel in die Küche geschlurft, grinste ein Willkommen übers ganze Gesicht, genoss die besondere Situation und begann, mir eine fürstliche Brotzeit zu bereiten. Nach einer Weile kam noch ein Mann hinzu, vermutlich sein Bruder, und alle drei genossen es, mir beim Futtern zuzuschauen. Ich übrigens auch.

Sizilien war damals noch nicht mit dem Festland verbunden wie heute. Aber die Personen, die auf diesen Autofähren mitfuhren, kosten nur wenige Lire. Das konnte ich mir grade noch leisten. Denn unterwegs hatte ich eisern kein Geld ausgegeben. Das sommerliche Italien hielt für einen Tramper genug zum Futtern bereit. Der Wagen, in den ich auf der anderen Seite einstieg, war ein Sportwagen. Zu einer Gesprächsanbahnung kam es nicht, weil der Fahrer sich auf die tausend S-Kurven der Küstenstraße nach Palermo konzentrieren musste, die er so schnell wie möglich per Powerslide managen musste. In dem Wettrennen, das er sich mit einem anderen Italiener lieferte, wollte er nicht Zweiter werden. Und ich wollte nicht sterben. Ich würde mal sagen: Todesangst hatte ich nur in jeder zehnten Kurve, sonst nur Angst.

Irgendwann saß ich dann im Hafengebäude von Palermo, wo man die Fahrkarte nach Tunesien kaufen konnte. Ich war so todmüde, dass ich erst mal auf einer Bank ziemlich lange schlief. Dann ging ich guter Dinge zu den Schaltern. Aber niemand verstand dort ein Wort Englisch - geschweige denn Latein. Es war zum junge Hunde Kriegen. Schließlich trottete ich in Richtung Innenstadt, was auch kein kurzer Weg war, um ein Tourist Office zu finden, irgend etwas mit Tourismus. Dort würden sie mich hoffentlich verstehen. Und so war's auch. Doch was ich erfuhr, erschütterte mich und machte mir schon wieder Angst: Mein Personalausweis nützte mir im Moment gar nichts, um nach Tunesien zu kommen, er war erst ab Oktober gültig.

Da stand ich wie ein begossener Pudel. Mir wurde heiß und kalt und spürte schon die Klauen der Polizei nach mir Ausbrecher greifen. In Europa bleiben wollte ich auf keinen Fall. Mit kamen die Tränen ,als ich draußen auf der Straße vor dem Reisebüro stand, aber mit den Tränen kam die Erinnerung an den Münchener Motorradfahrern: Brindisi - Fähre in die Türkei. Die fuhr zwar nur einmal im Monat, aber im Zweifelsfall konnte ich ja auch ein paar Tage warten, bis sie ablegte.

Wie ich mir das nötige Kartenmaterial beschaffte oder schon dabeihatte, weiß ich nicht mehr. Aber so schnell es ging stand ich am Ortsausgang von Palermo in einer Kurve, wo die Autos langsam fahren mussten, und hielt meinen Daumen in den Wind. Zwei Tage später nahm mich ein Italiener mit, der über Brindisi hinausfuhr und - mein Glück - Englischlehrer war. Am Ortseingang von Brindisi setzte er mich ab und erklärte mir, wo der Bus zum Hafen abfuhr.

Der Hafen war damals übersichtlicher als heute. Jedenfalls lag nur ein großes Schiff am Kai - mein Schiff. Zu dumm, dass die Matrosen grade die schweren Taue von den Pollern lösten, weil die Fähre dabei war abzufahren. Ich sah sämtliche Felle davon schwimmen und veranstaltete gegenüber den Matrosen auf Englisch-Deutsch-Latein einen solchen Tanz, dass sie mich ernst nahmen - irgendetwas ganz Schlimmes würde sonst geschehen - und meinem Wunsch, den 1. Offizier zu rufen, nachkamen. Was ich dem erzählte, denn er verstand Englisch, weiß ich nicht mehr, vermutlich etwas sehr Tragisches, denn als er wusste, dass ich die 96 Mark zahlen konnte (dann würde ich noch vier Mark übrighaben), schleuste er mich im Eiltempo durch die Hafenbhörden, füllte mit mir Formulare aus, wobei ich immer hoffte, dass noch keine Suchmeldung nach mir vorlag, und eine halbe Stunde später legte das Schiff - mit mir - ab.
Nach Istanbul
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8.3.  Die große Chance – Nach Istanbul.
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Nach Istanbul

Die Fahrt dauerte zwei Tage, zwei Übernachtungen lang. Aus irgendeinem Grund waren viel Frauen an Bord, denen ich etwas von wenig Geld und viel Hunger erzählte, so dass ich den einen oder anderen Sandwich spendiert bekam. Ein besonders gutes Verhältnis hatte ich zum dem Bartender, einem jungen Türken, der ähnlich gut oder schlecht Englisch sprach wie ich; jedenfalls mochten wir uns. Er war es dann auch, der mir einen „Deal“ vorschlug, als er hörte, dass ich in Istanbul bleiben wollte. Er meinte, er selbst würde gar nicht an Land gehen, sie würden nur neue Passagiere aufnehmen und weiterfahren. Aber sein großer Bruder sei Whiskyfan, und wenn ich ihm zwei Flaschen Whisky durch den Zoll mitnähme, dann könnte ich bei ihm an der Bar kostenlos trinken. Das fand ich eine ausgezeichnete Idee; denn einerseits kam ich mir dabei ziemlich „wild“ vor, James-Dean-mäßig, andererseits wusste ich, dass Alkohol auch Kalorien hatte und ich Kalorien brauchte.

Ein Mann, ein Wort – als wir anlandeten, verstaute ich zwei Flaschen Johnny Walker von ihm in meinem Rucksack und machte mich mit der Adresse seines Bruders auf einem Zettel auf den Weg zum Taksim-Platz. Dort irgendwo in der Nähe hatte sein Bruder ein Tea Restaurant. Es dauerte ein paar Stunden, bis ich mich durchgefragt hatte und mehrmals falsch gelaufen war. Aber schließlich erreichte ich die „Straße seines Bruders“. Eine Hausnummer hatte ich nicht, nur die „unfehlbare“ Information des „Tea Restaurant“. Also suchte ich in der vielleicht 200 Meter langen, sehr belebten Straße nach einem Teerestaurant. Vergebens. Absolut vergebens. Aber der Name stimmte, irgendwo musste das doch sein!

Schließlich entdeckte mein forschender Blick einen Mann mit einem metallenen Tablett, auf dem mehrere sanduhrenförmige Gläser, gefüllt mit einer rotbraunen Flüssigkeit, standen, die er auf der Straße an Passanten verkaufte. Vielleicht war das ja Tee! Also folgte ich ihm, als er in einem dunklen Korridor verschwand. Mein Weg führte in eine Art Küche mit mehreren Männern, die dort Tee kochten. Sie verstanden mich zwar nicht, waren aber freundlich. Ich zeigte ihnen meinen Zettel mit dem Namen des „Bruders“, und sie nickten eifrig. Aber er war nicht da, komme aber wieder, entnahm ich dem gemeinsamen Kauderwelsch. Ein, zwei  Stunden später tauchte er tatsächlich auf, er war ja der stolze Besitzer eines Tea Restaurant, und war auch ausreichend des Englischen mächtig. Was ich von ihm wollte, fragte er. Nun, sagte ich, ich hätte gehört, er sei an Whisky interessiert. Woher ich das denn wisse? Na, ich wüsste es eben. Interessiert, ja oder nein? Was ich denn anzubieten habe? Ich könne ihm Johnny Walker anbieten, ungeöffnete Flaschen, zwei Stück. Was ich dafür wolle? Ein Zimmer irgendwo in der Stadt für eine Woche. Eine Flasche vorher, eine Flasche nachher. Er fand den Deal in Ordnung und brachte mich zu einem Zimmer im Hochparterre in irgendeinem Hinterhof. Aber egal, ich hatte erst mal eine Bleibe und ein Dach über dem Kopf.
Angekommen in der Fremde
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.
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Angekommen in der Fremde

Was macht man, wenn man in einem fremden Land mit einer völlig fremden Kultur und fremden Sitten als Fünfzehnjähriger unterwegs ist und überleben will, ohne Geld auszugeben? Erst einmal war alles überwältigend neu: die Riesenstadt, die unverstehbaren Menschen, von denen so gut wie niemand Englisch sprach, und der Hunger. Ich hatte ein Dach über dem Kopf, aber nichts zu essen. Mein Bares hatte für die Überfahrt weitgehend verbraucht, und meine 100 in die Jenas eingenähten Mark waren wirklich die eisernste aller eisernen Reserven. Bevor ich die anriss, musst ich schon halb tot sein. In den Straßen des lebhaften Viertels gab es auch Touristen, meistens Engländer, Schweizer und Amerikaner, Deutsche so gut wie nie. Und da, wo Touristen unterwegs sind, gibt es auch Menschen, die diesen Touristen ihr Geld abknöpfen wollen.

Zum Beispiel gab es da eine Gruppe von vielleicht 15 oder ein wenig mehr Jugendlichen, die meisten älter als ich. Sie fanden mich interessant, verstanden auch, dass ich viel besser Englisch sprechen konnte als sie, was mich noch interessanter machte. Einige von ihnen waren perfekte Hütchenspieler, die meisten jedoch hatten nur die Aufgabe, eine Gruppe von Interessenten zu bilden oder Anfang und Ende der jeweiligen Straße zu bewachen, um rechtzeitig vor der Polizei zu warnen. Wenn man bei Wikipedia nachliest (https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%BCtchenspiel), so ist da von einer grundsätzlichen Gewaltbereitschaft die Rede. Das habe ich so kein einziges Mal erlebt. Eher war das ganze Treiben und Betrügen der Touristen selbst ein Spiel, das mit viel Vergnügen und großem Geschick betrieben wurde. Worum es sich genau handelte, habe ich damals nicht wirklich verstanden. Verstanden habe ich aber, dass sie freundlich zu mir waren und mich regelmäßig zu irgendeinem Snack einluden. Damit hatten sie bei mir schon gewonnen.

Im Lauf der Tage bemerkte ich, dass viele Türken gern vor ihren Kumpels mit ein paar Brocken Englisch angaben. Ich entsinne mich eines Imbissladens, der um die Mittagszeit voll besetzt war, 30 bis 40 Männer würde ich mal schätzen. Links und rechts des Mittelsgangs waren jeweils Doppelsitze an einem Tisch, am Ende des Gangs war die Theke. Anfangs ging ich da hinein, weil mich der Duft der Gerichte magisch anzog. Wenigstens schnuppern wollte ich, was ich mir nicht leisten konnte. Erst einmal dachte ich, die Männer, die mir etwas zuriefen, wollten mich provozieren, aber dann bemerkte ich, dass das, was sie riefen, krudes Englisch war. Sie wollten einfach nur zeigen, dass sie Englisch konnten und von mir verstanden wurden. Meine schwarz gefärbten Haare nahmen sie sowieso nicht ernst. Ich war unübersehbar ein Europäer. Bald hatte ich den Kniff heraus. Ich reagierte auf ihre Rufe, setzte mich zu ihnen und machte ihnen klar, dass ich Hunger hatte. Das war nicht besonders schwer, und dem jeweiligen Großmaul blieb nichts anderes übrig, als mich einzuladen. So war das Hungerproblem erst einmal gelöst.

Was ich jetzt brauchte, war ein Job. Ohne Geld zu sein, war nervig. Selbstbewusst probierte ich es beim Personalausgang des Hilton Hotels. Dort nahm man mich auch durchaus ernst, doch als sie erfuhren, dass ich keine Arbeitserlaubnis hatte, wiesen sie mich ab. Trotzdem hatte mir das Mut gemacht, und ich klapperte eine Reihe von Taksim-Hotels ab. Bei einem wurde ich fündig. Es hörte einer Frau und hatte fünf oder sechs Stockwerke, einen Speiseraum und eine Bar. Meine Unterkunft hatte ich in der Zwischenzeit verloren und meine zweite Flasche Whisky abgegeben. Aber das war nicht schlimm, denn im Hotel konnte ich mit den anderen Angestellten im unausgebauten Dachgeschoss auf Matratzen schlafen. Ich wurde Mädchen für alles. Wenn nichts zu tun war, musste ich Fenster putzen, aber meistens musste ich Koffer von abreisenden oder anreisenden Gästen schleppen. Das konnte verdammt anstrengend sein, denn es gab keinen Aufzug, und einen schweren Koffer als leichtgliedriger 15-jähriger in den 4. Stock zu schleppen war wirklich mühsam. Aber immerhin gab es da beinahe regelmäßig Trinkgeld, das ich penibel sparte.

In diese Zeit  fällt auch mein Schweitzer-Trauma. Ein großer Reisebus mit Schweitzern war gekommen, bestimmt 30 Personen, denen ich ihr Gepäck aufs Zimmer schleppte - und keinen Lira Trinkgeld bekam. Was für ein geiziges, hartherziges Volk, dachte ich. Es dauerte viele Jahre, bis ich diese Erfahrung verwunden hatte.

Nachts unter dem Dach war es oft heiß, so dass die meisten von mehr oder weniger nackt unter die Decken krochen. In einer dieser Nächte wachte ich auf, weil etwas Schweres, Schnaufendes auf mir lag, und es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass es sich um einen Erwachsenen handelte, der mich befummelte. Wie ich schnell bemerkte, war es der dicke Koch, der einen Narren an mir gefressen hatte. Ich war natürlich schnell blitzwach und wies ihn rüde - und mit Erfolg - ab. Auch damals war Homosexualität in der Türkei streng verboten. In einer anderen Nacht versuchte er noch einmal sein Glück, aber ebenso erfolglos. Ich war ganz einfach nur schockiert.

Eine ähnliche, aber sehr viel angenehmere Erfahrung machte ich mit einem vornehmen Gast aus dem Iran. Er war Journalist und ließ sich regelmäßig Cocktails aufs Zimmer bringen - bevorzugt von mir, da wir uns auf Englisch unterhalten konnten. Irgendwann lud er mich ein, mich auf einen Cocktail neben ihn zu setzen. Er erzählte mir von seiner Arbeit hier und im Iran, und zwischendurch landete seine Hand immer wieder wie zufällig auf meinem linken Oberschenkel. Doch als er mich zu streicheln begann, wurden mir seine Absichten klar. Das war schade, denn er war ein gutaussehender, ausgesprochen angenehmer Mensch. Er hatte schnell meine Situation verstanden und bot mir an, mich mit nach Persien zu nehmen und mir eine journalistische Ausbildung zu finanzieren.

Eine Weile überlegte ich ernsthaft, sein Angebot anzunehmen, aber letztlich war ich sexuell viel zu unerfahren, um damit umgehen zu können. Als ich ablehnte, war er überzeugend traurig. Trotzdem gab er mir noch ein großzügiges Trinkgeld. Insgesamt empfand ich ich ihn als guten Menschen.

Als die erste Woche rum war, ging ich zu meiner Chefin und fragte nach meiner Bezahlung. Ohne Skrupel erklärte sie mir, ich könne dankbar sein, hier Essen und Trinken zu bekommen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Das sei Bezahlung genug. Empört packte ich meine Sachen zusammen und verließ wenig später das Hotel. Mit dem Türken, der die Anmeldung machte, verstand ich mich gut und erklärte ihm, dass ich die Hoteladresse nutzen würde, damit mir Freunde aus Deutschland schreiben konnten. Ich würde ab und zu vorbeischauen und "meine Post" abholen. Dann kehrte ich zu meinen Hütchenspielern zurück, die mich mit Hellau begrüßten.

Einer von ihnen, ich glaube, einer der ältesten, mochte mich besonders. Ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, aber Ahmet klingt vertraut. Zwischen uns hatte sich eine Art Freundschaft entwickelt. Er verstand auch ein bisschen Englisch. Irgendwie passte er auf mich auf und nahm mich auch mit zur gemeinsamen Übernachtungsmöglichkeit. Bis dahin wusste ich nämlich noch nicht, wie und wo ich die Nacht  verbringen würde und hatte schon befürchtet, in irgendeiner Gasse, an meinen Rucksack gelehnt, den Morgen abwarten zu müssen. Es kam viel angenehmer. Ahmet brachte mich zu einer großen, unfreundlichen Fabrikhalle. Zu meinem Erstaunen war eine Seitentür offen. Drinnen war es angenehm warm und auf dem Boden lagen Decken, um sich drauf zu legen und sich zuzudecken. Es war eine Industrieweberei, wo nachts Obdachlose übernachten durften, ein Musterbeispiel islamischer Moral.

An einem dieser Tage nahm mich Ahmet mit nach Hause, um mich seinen Eltern vorzustellen. Ganz verschwommen erinnere ich mich, dass wir ein Stück des Weges mit einer Straßenbahn fuhren. Es war ein strahlender, heißer Sommertag, als wir vor der Hütte seiner Eltern standen. Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass das hier ein Haus sein sollte. Es war aus den dünnen Latten von Obstkisten zusammengenagelt bzw. -geflickt, hatte aber rechts und links der Tür jeweils ein Fenster. Jedes der beiden Fenster führte in einen Raum, mehr Räume gab es nicht. Der linke Raum war "das Wohnzimmer". Dort wohnte man, wenn man nicht draußen unterwegs war. Der rechte Raum war das Schlafzimmer. Es war mit alten Decken und ein paar Matratzen ausgestattet, die alle auf dem Boden lagen. Ahmet war der Älteste, er hatte an die fünf oder sechs kleine Geschwister. An den Vater kann ich mich nicht erinnern, vermutlich war er nicht da, aber die Mutter wirkte noch ziemlich jung und war überwältigend lieb zu mir.
Ich kam mir vor wie ein Ehrengast. Alle meine Versuche, irgendwo irgendwie mitzuhelfen, wurden energisch zurückgewiesen. Man bereitete ein Ehrenmahl für mich, das Beste, was ich bis dahin gegessen hatte. Weil mir klar war, dass Ahmets Eltern - vermutlich war der Vater abends doch dabei - ihre letzten Lira ausgaben, um mich zu bewirten. Und ganz sicher waren Ahmets Hütchenspiele eine wichtige Einkommensquelle der Familie.

Nach dem Abendessen wurde ich ins "Schlafzimmer" geführt. Mein Platz im hinteren linken Eck war der einzige mit einer Matratzenunterlage. Dort musste ich schlafen. Nur allzu gerne, mit vollem Bauch, streckte ich mich behaglich aus und schief ein - vermutlich als erster. Irgendwann wachte ich nachts auf. Durch das Fenster schien Licht herein und ich konnte den Rest der Familie sehen. Ahmets Eltern lagen neben mir auf dem Boden, er und seine Geschwister über den Raum verteilt. Da wurde mir klar, dass ich auf dem Lager seiner Eltern schlief und sie sich für meinen Komfort auf den Boden gelegt hatten.

Am nächsten Morgen, es war sehr warm gewesen, war ich verschwitzt und ich wollte mich waschen. Ahmets Mutter wies auf einen Brunnen, der zehn oder zwanzig Meter vom Haus entfernt auf einem Platz lag und von weiteren Hütten umgeben war. Also ging ich dort hin, um mich zu erfrischen und bespritzte mich über und über in jugendlichem Übermut - bis mir Ahmets Mutter kopfschüttelnd die Arme festhielt. Ich glaubte zu verstehen, dass man mit dem Wasser sparsam umgehen muss, es müsse für alle reichen. Das war vielleicht der peinlichste Moment dieser ganzen Reise. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mich gerade wie ein dummer Europäer benommen hatte.

Am dritten Tag plagte mich das Gewissen. Diese Leute hatten nichts, aber gaben mir alles, und ich hatte 100 Mark in der Hose eingenäht. Ich weiß nicht, ob Ahmet verstand, weshalb ich nicht bleiben konnte, aber er brachte mich wieder zurück zum Taksim und seiner Gang. Übernachten war auch dort kein Problem, und ich war Gleicher und Gleichen, auch wenn "die Jungs" mich immer wieder mit Essbarem versorgten.

Inzwischen hatte ich zwei- oder dreimal nach Hause geschrieben an Jochens Adresse. Er hatte auch geantwortet, dass meine Eltern inzwischen wussten, was los war und ich per Interpol europaweit gesucht wurde. Wie gut, dass ich nicht mehr in Europa war. Das hatte ich mir doch gut ausgedacht! Als ich mal wieder zu meinem Hotel-Portier ging, um zu schauen, ob neue Post für mich da wäre, hatte er zwar nichts für mich, dafür eine schlechte Nachricht: "Mal gut, dass du nicht mehr hier bist. Gestern war die Polizei hier und hat nach dir gefandet. Also sei vorsichtig, wenn du herkommst."

Später schrieb mir Jochen, was vorgefallen war. Mein schlauer Vater hatte sich überlegt, dass ich bestimmt noch einen Heimatkontakt hatte. Und dann doch wohl bei meinem besten Freund. Also stand er eines Tages vor Jochens Tür, hat sich Zugang verschafft und eine "private Hausdurchsuchung" gestartet. Dabei stieß er auf meine Briefe aus Istanbul und auf die Hoteladresse, die er an Interpol weitergab, die offenbar ein Kooperationsabkommen mit der türkischen Polizei hatte.

Es gab zwar so Gedanken wie "Mist", jetzt wissen sie ungefähr, wo ich bin, aber keine Panik. Wer mit einer Hütchenspieler-Gang zusammengelebt hat, füchtet die Polizei nicht besonders. Die Gassen und Hinterhöfe von Istanbul sind ein unkontrollierbares Labyrinth.

Zu dieser Zeit sprach mich ein älterer Mann an, einer vielleicht um die 40, aber schon ziemlich grauhaarig. Er sprach ein ganz gebrochenes, falsches Englisch, aber wir konnten uns verständigen. Er hatte eine freundliche, warme Ausstrahlung und war Händler, der nach einem Geschäftspartner suchte. Sein Handelsgut war Haschisch, seine Kunden waren Europäer, die im Hafen ankamen, und sein Problem war das mangelhafte Englisch. Mir stellte er ein üppiges Einkommen in Aussicht, wenn ich mich einmal "eingearbeitet" haben würde, außerdem freie Kost und Logis.

Das klang doch schon mal gut. Mit Letzterem machte er auch gleich ernst. Er zeigte mir sein Zimmer, wo zwei Betten standen - eines für mich - und stellte mich im Viertel vor als seinen "Freund". Ich könne essen, was ich wolle, er bezahle dafür. Den Zweitschlüssel zum Zimmer gab er mir auch gleich. Ich war geschätzt eine Woche mit ihm zusammen und probierte sein Angebot aus. Tatsächlich konnte ich trinken und essen, was und so viel ich wollte, ohne zahlen zu müssen. Großartig. Abends kam er gegen zehn Uhr "von der Arbeit" "nach Hause" - da lag ich meistens schon in meinem neuen Bett. Er hievte dann seinen riesigen Überseekoffer, in dem alle seine Habe war, vom Kleiderschrank, schloss ihn auf und packte ein riesiges Stück Haschisch aus, das beinahe so groß war wie der Koffer und vielleicht zwei Zentimter dick, schnitt sich ein Stück ab und drehte sich einen riesigen Joint. Naürlich bot er auch mit einen Joint an, aber damals hatte ich noch viel zu viel Respekt vor Haschisch. Der Joint war sein Einschlafritual. Danach war er nicht mehr so vorsichtig, so dass ich rasch wusste, wo er seinen Kofferschlüssel versteckt hielt.

Am zweiten oder dritten Abend nahm mich mein neuer "Freund" mit in einen Nightclub, wo er "Geschäfte" hatte. Er setzte mich am Eingang des Clubs an der Bar ab und meinte, ich solle mir bestellen, was ich wolle. Er hole mich später ab. Ich weiß nicht mehr, was ich getrunken habe, aber vermutlich Vodka-Coke, weil ich das aus Schottland kannte, als eine bildhübsche Europäerin an mich herantrat und mich auf Englisch frage, ob ich nicht Lust hätte, die Nacht mit ihr zu verbringen, wäre auch ganz billig, nur 50 Mark. Ich glaube nicht, dass sie älter war als17, eher jünger. Vermutlich war das die größte Herausforderung des ganzen Abenteuers. Ich habe bestimmt fünf Minuten mit mir gerungen - ich hatte ja die 100 Mark in der Hose -, was umso schwieriger war, als sie sich auf meinen Oberschenkel lehnte (ich saß auf einem Barhocker) und mit ihren Brüsten an meinem Knie rieb. Mir war klar, dass sie in einer ähnlichen Situation sein musste wie ich, so dass ich mich beinahe schon verpflichtet fühlte, sie zu unterstützen.

Nun, ich konnte die Versuchung - schlechten Gewissens ihr gegenüber - abwehren. Dafür begann eine ganz neue Herausforderung. Als mein "Freund" mich abholte und wir "nach Hause" gegangen waren, er seinen Joint zur Hälfte geraucht hatte und in seeliger Stimmung war, fragte er mich, ob er mir den Rücken massieren dürfte. Dazu Ja zu sagen, fiel mir nach den vergangenen Erfahrungen in dem Hotel mehr als schwer, aber sein Angebot abzuwehren wagte ich auch nicht. Schließlich war er die ganze Zeit sehr zuvorkommend gewesen. Also setzte er sich irgendwann, währendich auf dem Bauchlag, auf meine Beine und begann - Joint rauchend - meinen nackten Oberkörper zu massieren. Natürlich wartete ich laufend darauf, dass er übergriffig werden würde, aber nichts geschah. Es war sozusagen ein Zusatzservice für seinen neuen europäischen Geschäftspartner. Also entspannte ich mich allmählich und genoss, was ich zuvor noch nie genossen hatte, und er machte es wirklich gut.

Die nächsten Tage fühlte ich mich wieder Fisch im Wasser. Ich konnte durchs Viertel streifen, mir überall die feinsten Sachen zum Essen aussuchen und ging meine Hütchen-Freunde besuchen. Es war eine richtige Luxus-Woche. Sogar ein wenig Geld hatte ich in der Tasche. Ich kann mich nur an eins erinnern, was ich mir davon leistete: einen Schuhputzer. Damals lief eine Menge Schuhputzer mit einem Koffer voller Schuhputzmittelchen und -Bürsten durch Istanbul. Mein Schuhputzer war höchstens ein Jahr jünger als ich, aber er war froh um den Auftrg und ich fühlte mich als "Herr". Doch allmählich stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie lange soll das noch so weitergehen? Ich fühlte mich souverän und angstfrei. Eltern und Schule und Deuschland wirkten auf einmal wie vergleichweise kleine Herausforderungen. So reifte in mir der Entschluss heimzukehren. Die einzige Möglichkeit bestand darin, die deutsche Botschaft zu kontaktieren und mich heimbringen zu lassen; denn an den Grenzen wurde ich ohnehin gesucht.

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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1953 in Neunburg vorm Wald. Ja, der Ort heißt wirklich so, und gemeint ist damit, dass gleich hinter Neunburg die Ausläufer des Bayerischen Waldes beginnen, die mir als Kind endlos erschienen wie ein dunkler Ozean. Unser Haus war das letzte in der Diendorfer Straße; danach begannen die Kartoffel-, Getreide- und Rübenfelder, etwa 300 Meter entfernt lag der Wald, in den hinein sich die Diendorfer Straße verlor. Sowohl in Neuburg wie später in Altenschwand lebte ich eine Waldrand-Kindheit. Im Blick zurück werfe ich immer auch einen Blick auf den Wald und seine Versprechungen und Geheimnisse, seine verlockende Stille, sein geheimnisvolles Knacken und Knarzen, das Rascheln von unsichtbaren Mäusen und Vögeln im Laub, die sich bedächtig neigenden Baumriesen bei Sturm, das Wogen und Rauschen und das Wissen, unendlich viel kleiner zu sein als dieses Große beinahe vor der Haustür.

Wenn ich an die Diendorfer Straße denke, dann denke ich auch an Militärkolonnen. Neunburg lag ja nahe der tschechoslowakischen Grenze, Manöver waren an der Tagesordnung. Irgendwann taucht ein VW-Käfer am Erinnerungshorizont auf und wie wir mit ihm lange Militärkolonnen überholen und das düstere Gesicht meines Vaters, der murmelt: "Das sind alles Verbrecher." Ich verstehe das nicht, denn manchmal winken die Männer aus den Lastwägen oder aus den fahrenden Panzern. Das sollen Verbrecher sein? Aber natürlich glaube ich meinem Vater und meine knabenhafte Freude an den mächtigen Maschinen wird im Keim erstickt. Auf der anderen Seite der unüberwindlichen Grenze - manchmal fuhren wir hin und ich blickte über einen Schlagbaum ins nur scheinbar harmlose Niemandsland (hinter jedem Gebüsch konnte ein Maschinengewehrnest lauern, sagte mein Vater, und schon wieder waren da "Mörder", nur auf der anderen Seite) - wohnten keine Feinde, sondern Menschen wie wir und mein Onkel Josef, der Bruder meines Vaters.

 

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
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   Die Erinnerung an unsere Neunburger Wohnung beschränkt sich auf einen einzigen Augenblick: Ich stehe aufgerichtet, bin aber so klein, dass die Tischkante, an der ich mich festhalte, hoch über mir liegt. Am Tisch sitzen die Erwachsenen, die sich gerade nicht um mich kümmern. Ich bin allein, schaue zu der dicken, eckigen Holzkante empor und sehne mich danach, einmal groß genug zu sein, um über diese Kante blicken zu können

   Ein weiteres Innenraum-Bild erhalte ich aus der Schreinerei, die in unserer Straße stadteinwärts lag. Der Schreiner mit seinem vollen, grauen, sich hoch auf dem Kopf erhebenen Haar war ein Hüne, ein Turm von einem Mann und voll wunderbarer Freundlichkeit. Er hatte ein warmes, weiches Gesicht und blaue, gütige Augen. Wenn er sich zu mir herabbeugte, war das nie bedrohlich, sondern immer wie ein Geschenk. Und immer duftete es in seiner Werkstatt nach frisch geschnittenem Holz. Einmal erteilte er mir die Erlaubnis, mir aus den Haufen von Holzstaub und Hobelspänen kleine Holzstückchen herauszusuchen, und ich wurde zu einem Goldgräber. Jedes Hölzchen war eine Beute, die ich, stolz neben meinem Vati herschreitend, mit nach Hause tragen durfte.

   Ein wenig abseits der Diendorfer Straße führte ein Pfad in den geliebten Wald hinein. Er prägte alles, was ein Weg seither für mich haben muss, um "Pfad" heißen zu dürfen. Er war schmal, war weich unter meinen Sohlen und ich konnte über Baumwurzeln hüpfen und klettern, die ständig den Weg querten. Ich sehe die linke niedrige Böschung vor mir, die rechte Seite des Pfads hat meine Erinnerung gelöscht. Aber links lag das Leben mit all seinen Verlockungen, links lagen die Geheimnisse, die Felsbrocken, die verwitternden Baumstümpfe und Farne, die Wohnungen der Kaninchen, der Mäuse, die Fuchsbauten. Links wuschsen die Fichten wie Türme empor. Links in den Schatten unter dem hellen Licht vermutete ich die Zwerge und Elfen. Und einmal lagen da auch bunte Eier, die zu suchen mein Vater mich ermunterte. Und tatsächlich fand ich immer wieder eines und war voller Staunen, Begeisterung und Freude über den Osterhasen und voller Dankbarkeit, dass mein Vater mich dieses Geheimnis entdecken ließ.

Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
Seite 44
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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In die Neunburger Zeit fallen meine ersten zwei "Frauenerlebnisse". Die eine hieß Rosi, die zweite Christl. Rosi muss die ältere Erinnerung sein. Mit Rosi verbindet mich eine innige Zuneigung, eine warme Zärtlichkeit, eine sehr verschwommene Händchen-Halten-Empfindung ohne jede geschlechtliche Beimischung; ich spiele mit ihr auf einem Hügel im hellen Sonnenlicht. Es muss Sommer sein, denn sie ist nackt und trägt nur eine kurze, an den Beinen weit ausgeschnittene Hose, unter der dicke Windeln hervorlugen, die damals ja noch Baumwollwindeln waren. Und da ist die Mahnung - oder das Verbot? - meiner Mutter, mit Rosi zu spielen, mich mit diesem Mädchen "abzugeben", wie sie das zu nennen pflegte, wenn sie von oben herab über Menschen aus der "ungebildeten" Gesellschaftsschicht sprach. Mit Rosi, erklärte sie mir, stimme etwas nicht, weil Rosi noch in die Hosen machte und manchmal etwas Braunes aus ihren Windeln hervorquoll. Mich störte das nicht, und so verbindet sich mit Rosi mein erstes Verlustgefühl. Ich liebte Rosi; und schon bald durfte ich sie nicht mehr sehen.
   Christl muss allein schon deshalb später gekommen sein, weil sie mit einem schwärmerischen Gefühl verbunden ist. Meine Cousine Christl war etwa drei Jahre älter als ich, also ungefähr ebenso alt wie mein Bruder Lothar. Christl war schlank und groß und schön, schon ein richtiges Mädchen. Ihr dunkelbraunes Haar war lang gelockt bis auf die schlanken Schultern und so verheißungsvoll weich, dass ich es immer wieder berühren wollte, ohne zu wissen, warum. Eigentlich war alles an ihr verheißungsvoll, ihre langen, dunklen Augenwimpern, ihre freundlichen, dunklen Augen, ihre schwungvoll trotzigen, zu Neckereien aufgelegten Lippen, ihre samtfarbene Haut. Sie hatte etwas von "Wald" an sich, und wenn ich den alten Ausdruck "schlank wie eine Tanne" höre, dann steht auch schon Christl vor mir. - An dem Tag in meiner Erinnerung waren Onkel Richard und Tante Erika mit meinen Eltern nachmittags in den Wald hinüber spazieren gegangen, während wir Kinder, mein Bruder Lothar, Christl und ich, in der Wohnung herumtobten. Dabei stießen wir den großen Gummibaum im Wohnzimmer um und Erde regnete aus dem Blumentopf auf den Wohnzimmerteppich. Trockene Erde, zum Glück, denn als wir, erschrocken über dieses Unglück, schuldbewusst zum Fenster hinaus blickten, sahen wir schon die vier Erwachsenen plaudernd herankommen. In größter Eile und stillschweigender Verschwörung kehrten wir mit unseren kleinen Händen die Krumen hastig vom Teppich auf den Linoleumboden daneben und von dort unter den Teppich. Als die Erwachsenen hereinkamen, stand der Gummibaum wieder aufgerichtet neben dem Fenster und drei harmlos dreinblickende Kinder spielten auf dem Wohnzimmerboden.

So viele Gefahren

Der größte Teil meines Lebens scheint sich im Freien abgespielt zu haben; denn an unsere Wohnung entsinne ich mich ganz und gar nicht, an keine Zimmereinrichtung, an keinen Blick aus dem Fenster, an keine Feierlichkeit. Geblieben ist nur die Erinnerung an vielleicht sechs, sieben Betonstufen hoch zur Haustür. Und an die kann ich mich auch nur deshalb erinnern, weil ich oben in der Haustür Mutter stehen sehe. Sie ist herausgekommen, weil ich laut nach ihr gerufen habe.

   Was war geschehen? In vielleicht 200 Meter Entfernung von zu Hause lag am Waldrand eine Wiese, die wir "Zeign" nannten. Auf der Zeign hüteten damals noch ein paar Jungs eine Gänseherde, vor deren zischenden Gänserichen ich einen heiden Respekt hatte. Lieber blieb ich diesseits der ungeteerten Straße, die zunächste auf die Zeign zu hielt und dann im rechten Winkel nach rechts abknickte und am Waldrand entlang verlief. Auf "meiner" Seite der Straße lag ein mehrere Meter tiefes Gebüsch, das voller Verlockungen für mich war, voller Höhlenbaumöglichkeiten und unterbrochen von daraus aufragenden Bäumen, die mich zum Klettern reizten. An diesem Tag war ich besonders tollkühn und kletterte an einem Baum hoch hinauf - bis ein Ast unter mir brach und ich den Halt verlor. Kopfüber stürzte ich abwärts, bis mir ein Ast in die linke Wade fuhr und mein Leben rettete. Ich musste ihn wohl abgebrochen haben, denn mein nächstes Erinnerungsbild zeigt mich, wie ich mit dem Aststumpf in meiner Wade nach Hause laufe, schockiert und mit einem Gefühl bleierner Ergebenheit. Schon am Gartentürchen rief ich nach Mutter. In der Eingangstür, oben an der Treppen stehend, sah sie mein Malheur und befahl mir, mich auf die Stufen zu setzen. Dann verschwand sie drinnen und kam mit einem kleinen Fläschchen heraus und zu mir herunter. Mit einem schnellen Ruck zog sie mir den Ast aus der Wade und träufelte eine rote Flüssigkeit auf die Wunde. Ob sie brannte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich an die Woge von Vertrauen und Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber erinnern. Sie wusste einfach immer, das Richtige zu tun.
 
Ob es noch im Winter des gleichen Jahres geschah, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls mussten die Schutzengel eine Sonderschicht einlegen. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder und seine Kumpels waren raus auf die Wiesen zu einem zugefrorenen Weiher zum "Ranscheln" gegangen. So nannten wir das, wenn wir Anlauf nahmen, um dann auf dem Eis dahinzuschlittern. Ich war mit von der Partie. Lothar und seine Freunde hatten bald keine Lust mehr, aber ich hatte gerade Feuer gefangen und blieb auf dem Weiher, während sie in die früher Dunkelheit davon zogen. Das Eis war hell genug, dass ich mich gut orientieren konnte. Also ranschelte ich alleine vor mich hin - bis das Eis unter mir brach und ich plötzlich bis zur Hüfte im Wasser hing. Alle Versuche, mich aufs Eis hinaufzuziehen, schlugen fehl, meine nassen Wollfäustlinge wärmten längst nicht mehr und es wurde immer kälter. ich schrie und schrie in die Dunkelheit hinein, aber um mich waren nur stumme Felder und Wiesen. Bis nach Hause waren ein ein paar Hundert Meter. Aber plötzlich erschien da eine rettende Hand, die mir einen Stock reichte, an dem ich mich festklammern konnte. Eine Frau hatte ihrer Mutter im Nachbardorf Medizin gebracht und war über einen Feldweg heimgekehrt, als sie mich schreien hörte.

   Doch damit war die Lebensgefahr noch nicht vorbei. Einevielheimtückischere Gefahr lauerte am Wegesrand meiner Kindheit: Ich bekam eine Lungenentzündung. Und hatte die kaum überstanden, als mich ein Rückfall ins Bett zurückwarf. Meine Eltern bangten ernstlich  um mein Leben und Dr. Meier kämpfte dafür. Torturen mit täglichen Spritzen in meinen Po kamen auf mich zu, meine Eltern, die mich angstvolles Kind an Armen und Beinen festhielten, damit der Arzt seine lange Spritze in mich stechen konnte. Aber auch eine schöne Erinnerung säumt diese Wochen meiner Krankheit: Ich liege im Bett, das Mutter mitten im Wohnzimmer aufgebaut hat, damit sie mich rundum umsorgen kann. Ich habe die "Zehn kleinen Negerlein" geschenkt bekommen und lasse sie mir von Mutter vorlesen. Ich mag die Reime, ohne deren Brutalität zu verstehen.

Wer dieses "Kindergift-Buch" nicht kennt, dem sei hier eine Auswahl von drei Strophen zum Besten gegeben:

Zehn kleine Negerknaben schlachteten ein Schwein;
Einer stach sich selber tot, da blieben nur noch neun.

Fünf kleine Negerknaben, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.

Drei kleine Negerknaben spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.

So lag ich und erholte mich und schließlich kam Ostern und ich war über den Berg. Meine Eltern waren überglücklich und ich auch, denn noch nie war ich so umsorgt und umhegt worden. Der Osterhase brachte ein ungewöhnlich großes Nest mit einem etwa 20 Zentimeter großen, braunen Osterhasen mit plüschiger Haut und abdrehbarem Kopf. Drinnen war er hohl und ganz und gar mit kleinen Zuckereiern gefüllt.

Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?
Seite 45
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?
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Kommt in den anderen, frühen Erinnerungen vor und ist da ausführlich beschrieben.
Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du/spieltet ihr besonders gern im Haus oder im Freien?
Seite 46
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du/spieltet ihr besonders gern im Haus oder im Freien?
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In die Neunburger Zeit fallen meine ersten zwei "Frauenerlebnisse". Die eine hieß Rosi, die zweite Christl. Rosi muss die ältere Erinnerung sein. Mit Rosi verbindet mich eine innige Zuneigung, eine warme Zärtlichkeit, eine sehr verschwommene Händchen-Halten-Empfindung ohne jede geschlechtliche Beimischung; ich spiele mit ihr auf einem Hügel im hellen Sonnenlicht. Es muss Sommer sein, denn sie ist nackt und trägt nur eine kurze, an den Beinen weit ausgeschnittene Hose, unter der dicke Windeln hervorlugen, die damals ja noch Baumwollwindeln waren. Und da ist die Mahnung - oder das Verbot? - meiner Mutter, mit Rosi zu spielen, mich mit diesem Mädchen "abzugeben", wie sie das zu nennen pflegte, wenn sie von oben herab über Menschen aus der "ungebildeten" Gesellschaftsschicht sprach. Mit Rosi, erklärte sie mir, stimme etwas nicht, weil Rosi noch in die Hosen machte und manchmal etwas Braunes aus ihren Windeln hervorquoll. Mich störte das nicht, und so verbindet sich mit Rosi mein erstes Verlustgefühl. Ich liebte Rosi; und schon bald durfte ich sie nicht mehr sehen.
   Christl muss allein schon deshalb später gekommen sein, weil sie mit einem schwärmerischen Gefühl verbunden ist. Meine Cousine Christl war etwa drei Jahre älter als ich, also ungefähr ebenso alt wie mein Bruder Lothar. Christl war schlank und groß und schön, schon ein richtiges Mädchen. Ihr dunkelbraunes Haar war lang gelockt bis auf die schlanken Schultern und so verheißungsvoll weich, dass ich es immer wieder berühren wollte, ohne zu wissen, warum. Eigentlich war alles an ihr verheißungsvoll, ihre langen, dunklen Augenwimpern, ihre freundlichen, dunklen Augen, ihre schwungvoll trotzigen, zu Neckereien aufgelegten Lippen, ihre samtfarbene Haut. Sie hatte etwas von "Wald" an sich, und wenn ich den alten Ausdruck "schlank wie eine Tanne" höre, dann steht auch schon Christl vor mir. - An dem Tag in meiner Erinnerung waren Onkel Richard und Tante Erika mit meinen Eltern nachmittags in den Wald hinüber spazieren gegangen, während wir Kinder, mein Bruder Lothar, Christl und ich, in der Wohnung herumtobten. Dabei stießen wir den großen Gummibaum im Wohnzimmer um und Erde regnete aus dem Blumentopf auf den Wohnzimmerteppich. Trockene Erde, zum Glück, denn als wir, erschrocken über dieses Unglück, schuldbewusst zum Fenster hinaus blickten, sahen wir schon die vier Erwachsenen plaudernd herankommen. In größter Eile und stillschweigender Verschwörung kehrten wir mit unseren kleinen Händen die Krumen hastig vom Teppich auf den Linoleumboden daneben und von dort unter den Teppich. Als die Erwachsenen hereinkamen, stand der Gummibaum wieder aufgerichtet neben dem Fenster und drei harmlos dreinblickende Kinder spielten auf dem Wohnzimmerboden.

So viele Gefahren

Der größte Teil meines Lebens scheint sich im Freien abgespielt zu haben; denn an unsere Wohnung entsinne ich mich ganz und gar nicht, an keine Zimmereinrichtung, an keinen Blick aus dem Fenster, an keine Feierlichkeit. Geblieben ist nur die Erinnerung an vielleicht sechs, sieben Betonstufen hoch zur Haustür. Und an die kann ich mich auch nur deshalb erinnern, weil ich oben in der Haustür Mutter stehen sehe. Sie ist herausgekommen, weil ich laut nach ihr gerufen habe.
   Was war geschehen? In vielleicht 200 Meter Entfernung von zu Hause lag am Waldrand eine Wiese, die wir "Zeign" nannten. Auf der Zeign hüteten damals noch ein paar Jungs eine Gänseherde, vor deren zischenden Gänserichen ich einen heiden Respekt hatte. Lieber blieb ich diesseits der ungeteerten Straße, die zunächste auf die Zeign zu hielt und dann im rechten Winkel nach rechts abknickte und am Waldrand entlang verlief. Auf "meiner" Seite der Straße lag ein mehrere Meter tiefes Gebüsch, das voller Verlockungen für mich war, voller Höhlenbaumöglichkeiten und unterbrochen von daraus aufragenden Bäumen, die mich zum Klettern reizten. An diesem Tag war ich besonders tollkühn und kletterte an einem Baum hoch hinauf - bis ein Ast unter mir brach und ich den Halt verlor. Kopfüber stürzte ich abwärts, bis mir ein Ast in die linke Wade fuhr und mein Leben rettete. Ich musste ihn wohl abgebrochen haben, denn mein nächstes Erinnerungsbild zeigt mich, wie ich mit dem Aststumpf in meiner Wade nach Hause laufe, schockiert und mit einem Gefühl bleierner Ergebenheit. Schon am Gartentürchen rief ich nach Mutter. In der Eingangstür, oben an der Treppen stehend, sah sie mein Malheur und befahl mir, mich auf die Stufen zu setzen. Dann verschwand sie drinnen und kam mit einem kleinen Fläschchen heraus und zu mir herunter. Mit einem schnellen Ruck zog sie mir den Ast aus der Wade und träufelte eine rote Flüssigkeit auf die Wunde. Ob sie brannte oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich an die Woge von Vertrauen und Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber erinnern. Sie wusste einfach immer, das Richtige zu tun.

Trügerische Sicherheit

Ob es noch im Winter des gleichen Jahres geschah, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls mussten die Schutzengel eine Sonderschicht einlegen. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder und seine Kumpels waren raus auf die Wiesen zu einem zugefrorenen Weiher zum "Ranscheln" gegangen. So nannten wir das, wenn wir Anlauf nahmen, um dann auf dem Eis dahinzuschlittern. Ich war mit von der Partie. Lothar und seine Freunde hatten bald keine Lust mehr, aber ich hatte gerade Feuer gefangen und blieb auf dem Weiher, während sie in die früher Dunkelheit davon zogen. Das Eis war hell genug, dass ich mich gut orientieren konnte. Also ranschelte ich alleine vor mich hin - bis das Eis unter mir brach und ich plötzlich bis zur Hüfte im Wasser hing. Alle Versuche, mich aufs Eis hinaufzuziehen, schlugen fehl, meine nassen Wollfäustlinge wärmten längst nicht mehr und es wurde immer kälter. ich schrie und schrie in die Dunkelheit hinein, aber um mich waren nur stumme Felder und Wiesen. Bis nach Hause waren ein ein paar Hundert Meter. Aber plötzlich erschien da eine rettende Hand, die mir einen Stock reichte, an dem ich mich festklammern konnte. Eine Frau hatte ihrer Mutter im Nachbardorf Medizin gebracht und war über einen Feldweg heimgekehrt, als sie mich schreien hörte.
   Doch damit war die Lebensgefahr noch nicht vorbei. Einevielheimtückischere Gefahr lauerte am Wegesrand meiner Kindheit: Ich bekam eine Lungenentzündung. Und hatte die kaum überstanden, als mich ein Rückfall ins Bett zurückwarf. Meine Eltern bangten ernstlich  um mein Leben und Dr. Meier kämpfte dafür. Torturen mit täglichen Spritzen in meinen Po kamen auf mich zu, meine Eltern, die mich angstvolles Kind an Armen und Beinen festhielten, damit der Arzt seine lange Spritze in mich stechen konnte.

Der Sommer kam und mit ihm drei Erlebnisse, in denen sich lustvolle mit angstvollen Erlebnissen mischten. Ich war wohl an die vier Jahre und ein richtiger kleiner Racker, voller Bewegungsdrang und Selbstbewusstsein. Im Handumdrehen hatte ich Fahrradfahren erlernt und wollte bei allem mitmischen, was Lothar tat. Weil die Diendorfer Straße frisch geteert war - bis heute liebe ich den Geruch von frischem Teer - war sie köstlich rutschig, ideal für das Spiel der Großen, möglichst lange Bremsspuren zu produzieren. Wir hatten einen Bremsstrich quer über die Straße gemalt. Dann galt es, auf dem Rad so kräftig wie möglich Anlauf zu nehmen und beim Strich eine Vollbremsung hinzulegen. Das ging auch lange gut und macht mir viel Vergnügen. Aber einmal hielt ich mich nicht richtig an der Lenkstange fest. Durch meine eigene Bremsung flog ich über sie hinweg mit dme Kopf voraus auf die Straße - und holte mir eine riesige Beule. Mutter erzählte ich natürlich, ich sei hingefallen und sie kurierte mich mit dem üblichen Messer, das sie zunächst unter kaltes Wasser hielt, um es dann mit der Breitseite auf die Beule zu drücken.
 
Gegenüber der Diendorfer Straße, also auf der anderen Hausseite, lag der Hausgarten, hinter dem sich der Hang zu einem flachen Tal absenkte und danach wieder zu einem kleinen Hügel anstieg. Auf halber Höhe, quer zum Hang, gab es auch ein mehrere Meter breites Gebüsch. Dort, aber auch im Wald neben der Diendorfer Straße, fanden unsere heimlichen Doktorspiele statt. Sie schienen sich wie von allein zu ergeben, so wie Wasser keineswegs wiederstrebend sich in einen Strudel hineinwindet, so ergaben wir uns der dunklen, verbotenen Lust der Berührung. Es war auch ein Mädchen dabei, dem wir die Unterhose herunterziehen durften und sie dort ansehen und betasten durften. Eines Tages hatte sie sich mit nacktem Unterleib rücklings aufs Moos gelegt. Unsere Hände waren über ihr und fanden, erregt, auch den Eingang zu ihrer Scheide. Da lag es nahe, dass wir etwas hineinstecken wollten. Noch zu klein, um zu verstehen, was dort natürlich hineingehörte, suchten wir nach kleinen Stecken, die wir in sie schieben konnten und es auch taten. Einmal wohl mit wenig Feingefühl, denn sie schrie auf, dass ihr das jetzt wehtue und wir aufhören sollten. Bis heute fühle ich den Schrecken dieses Augenblicks, aber auch die Lust, die mich erfüllte, die Angst vor dme Entdecktwerden und die Angst vor der Sünde,
der liebe Gott, das hatte die Eltern mich gelehrt, sieht alles. Und das, was wir da taten, war eindeutig Sünde. Das wusssten wir uns konnten uns den Sog doch nicht entziehen. Eines Tages trug ich bei einer solchen Situation eine Lederhose. Zwar kann ich mich nicht daran erinnern, wie wir uns gegenseitig befühlt hatten, aber es war wohl geschehen und ich musste nach Hause zum Essen. Aber ich war wohl so aufgeregt, dass ich die Knöpfe des Hosenlatzes in dem harten Leder nicht richtig zubekam und mit verknöpftem Hosenlatz nach Hause kam. Mein schlechtes Gewissen war so groß wie die ganze Welt um mich, aber Mutter bemerkte nur etwas Belangloses und knöpfte mir die Hose wieder richtig zu.
 
Neben unserem Haus lang ein Bauernhof mit einem hutzeligen kleinen Bauern, der sehr liebenswürdig zu uns war und auf dessen Traktor ich oft mit aufs Feld hinaus tuckerte. Zusammen mit anderen Kindern halfen wir beim Stohmännchenbauen, aber noch viel mehr nutzten wir die zu gelben Pyramiden aufgestellten Strohballen zum Versteck spielen. Im Herbst entwickelten sich manche Felder zu ganz besonderen Verlockungen. Dort wuchsen dann die "Seuchelrüben", Rüben, die mild und würzig schmeckten und die wegen ihrer harntreibenden Wirkung ihren Namen trugen. Wir Kinder zogen sie mit Vorliebe aus der Erde, rubbelten sie halbwegs sauber und knabberten daran. Natürlich durften wir das nicht, es war ja Diebstahl, hatten wir gelernt, und der gute Bauer hatte es uns auch mit erhobenemZeigefinger verboten.  Ebenso natürlich tat ich es dennoch und wurde dabei vom Bauern erwischt. Ich lief davon und er - scheinbar - hinter mir her. Ich lief in großer Panik nach Hause, flüchtete zu meiner Mutter und harrte schweigend auf die Strafe, die meiner Meinung nach kommen musste. Die rucht währte zwei, drei Tage, bis mir klar war, dass der Bauer noch netter war als ich gedachte hatte. Er kam nicht und es gab keine Strafe. Was für ein Glück ich hatte!
Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
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Generell passt diese Frage nicht zur frühen Kindheit. Ausnahme ist folgende Situation:
 
... auch eine schöne Erinnerung säumt diese Wochen meiner Krankheit: Ich liege im Bett, das Mutter mitten im Wohnzimmer aufgebaut hat, damit sie mich rundum umsorgen kann. Ich habe die "Zehn kleinen Negerlein" geschenkt bekommen und lasse sie mir von Mutter vorlesen. Ich mag die Reime, ohne deren Brutalität zu verstehen.

 

Geistesgift für Kinder

Wer dieses "Kindergift-Buch" nicht kennt, dem sei hier eine Auswahl von drei Strophen zum Besten gegeben:

Zehn kleine Negerknaben schlachteten ein Schwein;
Einer stach sich selber tot, da blieben nur noch neun.

Fünf kleine Negerknaben, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.

Drei kleine Negerknaben spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.

So lag ich und erholte mich und schließlich kam Ostern und ich war über den Berg. Meine Eltern waren überglücklich und ich auch, denn noch nie war ich so umsorgt und umhegt worden. Der Osterhase brachte ein ungewöhnlich großes Nest mit einem etwa 20 Zentimeter großen, braunen Osterhasen mit plüschiger Haut und abdrehbarem Kopf. Drinnen war er hohl und ganz und gar mit kleinen Zuckereiern gefüllt.

Welches waren deine damaligen Medien? Telefon? Radio, TV, Bücher, Comics, Computer, Spielkonsolen, etc.? Gab es Vorschriften deiner Eltern?
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Welches waren deine damaligen Medien? Telefon? Radio, TV, Bücher, Comics, Computer, Spielkonsolen, etc.? Gab es Vorschriften deiner Eltern?
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In meiner frühen Kindheit gab es neben Zeitung und Illustrierten nur ein Medium, das Radio. Und daran kann ich mich nicht erinnern.
Wovor hattest du am meisten Angst?
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Wovor hattest du am meisten Angst?
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Mit Ausnahme folgender Situation kann ich mich an keinerlei Ängste in der frühen Kindheit erinnern:
 
Eine viel heimtückischere Gefahr lauerte am Wegesrand meiner Kindheit: Ich bekam eine Lungenentzündung. Und hatte die kaum überstanden, als mich ein Rückfall ins Bett zurückwarf. Meine Eltern bangten ernstlich  um mein Leben und Dr. Meier kämpfte dafür. Torturen mit täglichen Spritzen in meinen Po kamen auf mich zu, meine Eltern, die mich angstvolles Kind an Armen und Beinen festhielten, damit der Arzt seine lange Spritze in mich stechen konnte. Die Erinnerung daran ist eine Art Tiefseegefühl, eine Mischung aus Todesangst, Furcht vor der Nadel des Doktors, Zorn über meine mich festklammernden Eltern und meine Hilflosigkeit, ein dunkles, gequältes Winden wie von einem Fisch, der sich gegen die Fangarme eines Oktopus wehrt, ihm aber nicht entkommen kann.
Was für Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten? Gab es unter diesen solche, die dir damals oder auch später besonders nahe standen?
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8.4.  Die große Chance – Angekommen in der Fremde.

Was für Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten? Gab es unter diesen solche, die dir damals oder auch später besonders nahe standen?
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Meine Cousine Christl war etwa drei Jahre älter als ich, also ungefähr ebenso alt wie mein Bruder Lothar. Christl war schlank und groß und schön, schon ein richtiges Mädchen. Ihr dunkelbraunes Haar war lang gelockt bis auf die schlanken Schultern und so verheißungsvoll weich, dass ich es immer wieder berühren wollte, ohne zu wissen, warum. Eigentlich war alles an ihr verheißungsvoll, ihre langen, dunklen Augenwimpern, ihre freundlichen, dunklen Augen, ihre schwungvoll trotzigen, zu Neckereien aufgelegten Lippen, ihre samtfarbene Haut. Sie hatte etwas von "Wald" an sich, und wenn ich den alten Ausdruck "schlank wie eine Tanne" höre, dann steht auch schon Christl vor mir. - An dem Tag in meiner Erinnerung waren Onkel Richard und Tante Erika mit meinen Eltern nachmittags in den Wald hinüber spazieren gegangen, während wir Kinder, mein Bruder Lothar, Christl und ich, in der Wohnung herumtobten. Dabei stießen wir den großen Gummibaum im Wohnzimmer um und Erde regnete aus dem Blumentopf auf den Wohnzimmerteppich. Trockene Erde, zum Glück, denn als wir, erschrocken über dieses Unglück, schuldbewusst zum Fenster hinaus blickten, sahen wir schon die vier Erwachsenen plaudernd herankommen. In größter Eile und stillschweigender Verschwörung kehrten wir mit unseren kleinen Händen die Krumen hastig vom Teppich auf den Linoleumboden daneben und von dort unter den Teppich. Als die Erwachsenen hereinkamen, stand der Gummibaum wieder aufgerichtet neben dem Fenster und drei harmlos dreinblickende Kinder spielten auf dem Wohnzimmerboden.
Meine Eltern
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9.  Meine Eltern
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Meine Eltern

 
 
Meine Mutter
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9.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.
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   Dacht ich an meine Mutter in der Nacht, ward ich - zumindest einmal - um den Schlaf gebracht. Ich wachte vor Entsetzen auf, denn im Traum hatten mich Mutters enorme Brüste erregt. Entsetzt, weil ich im wachen Bewusstsein nie derartiges gefühlt hatte (und bis heute nicht fühle). Und doch war sie da, die Erregung, mit der ich aus dem Fenster blickend ihr begehrlich in den Ausschnitt sah.
   Heute sind sie noch immer da, diese Brüste, und liegen als enorme Fleischberge auf den dicken Oberschenkeln meiner bald 93-jährigen Mutter, nicht nur unschön, sondern jetzt endlich als das sichtbar, was sie ihr schon immer waren: ein unangenehmer Ballast.
   Wenn ich's so recht bedenken, dann sind Mutters Busenberge wohl der Grund, weshalb ich kleine, faustgroße Brüste schon immer attraktiver fand als die Großangebote im Erotikshop des Lebens.
 
   Denk ich an Mutter bei Tage, dann gibt es zwei Erinnerungen, die mich mit ihr verbinden und ein Glücksgefühl in mir auslösen.
Als Junge von elf oder zwölf Jahren litt ich häufig an extremen Kopfschmerzen im Übergangsbereich zwischen Nacken und Hinterkopf. Die Schmerzen zogen an den beiden Muskelsträngen des Halses hinauf bis hinter die Ohren und brachten mich zum Weinen. Ich wollte niemand damit belästigen, wollte das alleine durchstehen und stark und tapfer sein, aber an diesem Abend waren die Schmerzen stärker als mein Wille. Das schreckliche Ziehen und Pochen im Hinterkopf ließ mich nicht einschlafen. So lag ich erbärmlich zusammengekrümmt und weinend in meinem Bett, als sich die Tür auftat und meine Mutter hereinkam. Es war mitten in der Nacht. Sie hatte mich gehört und nahm mich in die Arme. Nach einer Weile folgte ich ihr in ihr Bett und durfte mich an sie kuscheln. Und dann streichelte sich meinen Hinterkopf gefühlte tausend Male, bis ich schmerzerfüllt und doch glücklich und dankbar einschlief.
Die zweite Erinnerung ist sehr viel banaler, aber doch gleichermaßen glücksverbämt. Wie alt ich war, weiß ich nicht mehr, ab er vermutlich jünger als 14. Ich sitze am kleinen Esstisch in der Küche. Es ist ungefähr sieben Uhr morgens; vor mir steht ein leerer Suppenteller. Mutter steht in der langgezogenen Küche ein Stück in Richtung Esszimmer vor dem Gasherd und rührt in einem Topf. Ich weiß genau, was sie da macht: Sie kocht diese unglaublich köstliche Haferflockensuppe. Und dann gießt sie mir auch schon den Teller voll und schabt mir ein Stückchen Butter obenauf, das sich goldgelb verteilt. Ich liebe diese Suppe und boin Mutter dankbar, dass sie sie für mich macht - natürlich für uns alle, aber es ist ja "mein Glück", das sie da fabriziert.
 
   Mutter ist Schlesierin, Oberschlesierin genauer gesagt. Ihr eigentlicher Heimatort im heutigen Polen hieß "Kaltwasser". Ihr Vater war Schulleiter, ein rechter Diktator, zugleich aber auch ein herzensguter Mensch (wie ich später erfuhr). Er wollte nicht, dass seine Kinder Polnisch sprachen und hatte es ihnen verboten. Sie sollten Hochdeutsch sprechen, was meiner Mutter am besten von den vier Geschwistern gelang. Ich weiß nicht allzu viel von ihrer Kindheit und Jugend, aber doch so manches: Beispielsweise hasste sie Ziegenmilch, vermutlich deshalb, weil sie Ziegen besaßen und es täglich Ziegenmilch gab. Sie musste Klavier lernen, weil sich das so gehörte, aber sie mochte es ebenso wenig wie Französisch. So war sie zur Gymnasiastin ungeeignet und begann nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. In den Ferien liebte sie Aufenthalte bei den Großeltern mütterlicherseits, die eine große Gastwirtschaft besaßen, wo sie auch bedienen und die Theke machen durfte. Ohne es genau zu wissen (aber umso sicherer zu erahnen), liebte sie dort die vermutlich ununterbrochenen Avancen der Männer, die sie geistig nicht verstand, wohl aber als Komplimente ihres Frauseins begriff.
   Als Kindergärtnerin war sie wohl recht erfolgreich. Bestimmt 1000 mal im Leben habe ich von ihr gehört: "Ich war nicht nur Kindergärtnerin, sondern Kindergärtnerin und Hortnerin." Ihre Kinder schien sie über alles in der Welt zu lieben und war auch sehr romantisch. Die in Richtung Auschwitz ziehenden Soldaten und Offiziere bewunderte sie, weil sie so "chic" waren.
   Die Naivität, mit der sie das erzählte, und mit der sie später das Geschehene beweinte, waren für mich immer lückenlos glaubwürdig.
   1945, so erzählte sie, legte ihre Kindergartenleiterin ihr nahe, nach Hause zu fahren, weil die Front doch schon so nahe war. Bis nach Hause kam sie nicht. Am Bahnhof war die Hölle los, alles war im Aufbruch, ein riesen Durcheinander flüchtender Menschen, die alle in die nach Westen fahrenden Züge drängten. Und inmitten dieser Menschenmenge entdeckte sie ihre Familie, genauer gesagt ihre Mutter,  ihren kleinen Bruder Hubert und die Schwestern Uschi und Susi. Nach Hause konnte sie also gar nicht mehr, sondern stieg mit in den Zug und fuhr zunächst zu Verwandten im Riesengebirge, denn der Endsieg, so verhieß die Progaganda, war ja nah.
   Doch daraus wurde nichts. Die russische Front rückte nach und schon bald war die Familie - der Vater war an der Front - erneut auf der Flucht im eiskalten Februar. Man hatte Verwandte in Dresden und in Bayern. Dresden lag näher. Doch als der Zug sich Dresden näherte, empfahl ihnen ein Offizier, sie sollten nach Bayern weiterfahren, Dresden sei hoffnungslos überfüllt. Also folgten die Mutter dem Rat des Mannes und bewahrte die Ihren vor der Bombardierung, die ein paar Tage später folgte. Die Mutter hatte zwei große Koffer gepackt, so viel Koffer sie eben besaß. Doch in diesere Nacht, nachdem sich der Zug in Richtung Bayern in Bewegung gesetzt hattee, wurde einer der beiden Koffer bei einem Tieffliegerangriff gestohlen.
 
   Mutter war und blieb ein Kind. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben einen naiveren Erwachsenen erlebt habe als sie. Alles, was ihr richtig erschien, glaubte sie ohne Wenn und Aber. Sie glaubte an ihren Rudi, also meinen Vater, an ihre Kinder, an ihre menschliche Überlegenheit den Bayern gegenüber, an Sauberkeit und Hausfrauenideale, an ihre weibliche
Souveränität, die sie nicht zuletzt ihren mächtigen, gelegentlich in bayerische Dirndl verpackten Brüsten verdankte. Mutter war eine Marylin Monroe der Provinz. Heute bin ich mir sicher, dass sich die Männer an ihr mehr als sattsahen und sie das genoss, ohne auch nur zu ahnen, was in den Köpfen ihrer Bewunderer vorging. Als Ehemann und Bettgenossen gab es nur einen: ihren Vati. Alle anderen Männer waren dazu da, sie zu bewundern. Wer es nicht tat, war ihrer nicht wert.
   Und doch war Mutter nicht eitel. Um eitel zu sein, bedarf es einer gewissen Selbstbeweihräucherung, eines Blickes auf sich selbst, der besagt: Wie schön ich doch bin. Aber über all das verfügte sie nicht. Sie war ganz einfach durch und durch Frau und schön und üppig, die Frau gewordene Rippe Adams im 20. Jahrhundert.
   Eine Eigenschaft war ihr schier angeboren: Das Mitgefühl für die Armen. Klopfte ein Bettler, Hausierer oder Zigeuner an ihre Tür, dann ließ sie alle furchtlos herein, auch wenn Vati nicht zu Hause war. Viel zu sehr fühlte sie sich als Fürstin, die zwar wenig, aber doch so manches, zumindest Freundlichkeit, zu geben hatte. Mit diesen Leuten plauderte sie ebenso zwanglos und herzlich wie mit allen anderen. Sie dacht sich ja nichts dabei, sondern war ganz einfach sie selbst, ohne Einschränkung und ohne jeden Gran Selbstzweifel.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
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9.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
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   Dacht ich an meine Mutter in der Nacht, ward ich - zumindest einmal - um den Schlaf gebracht. Ich wachte vor Entsetzen auf, denn im Traum hatten mich Mutters enorme Brüste erregt. Entsetzt, weil ich im wachen Bewusstsein nie derartiges gefühlt hatte (und bis heute nicht fühle). Und doch war sie da, die Erregung, mit der ich aus dem Fenster blickend ihr begehrlich in den Ausschnitt sah.
   Heute sind sie noch immer da, diese Brüste, und liegen als enorme Fleischberge auf den dicken Oberschenkeln meiner bald 93-jährigen Mutter, nicht nur unschön, sondern jetzt endlich als das sichtbar, was sie ihr schon immer waren: ein unangenehmer Ballast.
   Und wenn ich's so recht bedenken, dann sind Mutters Busenberge wohl der Grund, weshalb ich kleine, faustgroße Brüste schon immer attraktiver fand als die Großangebote im Erotikshop des Lebens.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
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9.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
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Denk ich an Mutter bei Tage, dann gibt es zwei Erinnerungen, die mich mit ihr verbinden und ein Glücksgefühl in mir auslösen.
Als Junge von elf oder zwölf Jahren litt ich häufig an extremen Kopfschmerzen im Übergangsbereich zwischen Nacken und Hinterkopf. Die Schmerzen zogen an den beiden Muskelsträngen des Halses hinauf bis hinter die Ohren und brachten mich zum Weinen. Ich wollte niemand damit belästigen, wollte das alleine durchstehen und stark und tapfer sein, aber an diesem Abend waren die Schmerzen stärker als mein Wille. Das schreckliche Ziehen und Pochen im Hinterkopf ließ mich nicht einschlafen. So lag ich erbärmlich zusammengekrümmt und weinend in meinem Bett, als sich die Tür auftat und meine Mutter hereinkam. Es war mitten in der Nacht. Sie hatte mich gehört und nahm mich in die Arme. Nach einer Weile folgte ich ihr in ihr Bett und durfte mich an sie kuscheln. Und dann streichelte sich meinen Hinterkopf gefühlte tausend Male, bis ich schmerzerfüllt und doch glücklich und dankbar einschlief.
Die zweite Erinnerung ist sehr viel banaler, aber doch gleichermaßen glücksverbämt. Wie alt ich war, weiß ich nicht mehr, ab er vermutlich jünger als 14. Ich sitze am kleinen Esstisch in der Küche. Es ist ungefähr sieben Uhr morgens; vor mir steht ein leerer Suppenteller. Mutter steht in der langgezogenen Küche ein Stück in Richtung Esszimmer vor dem Gasherd und rührt in einem Topf. Ich weiß genau, was sie da macht: Sie kocht diese unglaublich köstliche Haferflockensuppe. Und dann gießt sie mir auch schon den Teller voll und schabt mir ein Stückchen Butter obenauf, das sich goldgelb verteilt. Ich liebe diese Suppe und boin Mutter dankbar, dass sie sie für mich macht - natürlich für uns alle, aber es ist ja "mein Glück", das sie da fabriziert.
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
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9.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
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   Mutter ist Schlesierin, Oberschlesierin genauer gesagt. Ihr eigentlicher Heimatort im heutigen Polen hieß "Kaltwasser". Ihr Vater war Schulleiter, ein rechter Diktator, zugleich aber auch ein herzensguter Mensch (wie ich später erfuhr). Er wollte nicht, dass seine Kinder Polnisch sprachen und hatte es ihnen verboten. Sie sollten Hochdeutsch sprechen, was meiner Mutter am besten von den vier Geschwistern gelang. Ich weiß nicht allzu viel von ihrer Kindheit und Jugend, aber doch so manches: Beispielsweise hasste sie Ziegenmilch, vermutlich deshalb, weil sie Ziegen besaßen und es täglich Ziegenmilch gab. Sie musste Klavier lernen, weil sich das so gehörte, aber sie mochte es ebenso wenig wie Französisch. So war sie zur Gymnasiastin ungeeignet und begann nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. In den Ferien liebte sie Aufenthalte bei den Großeltern mütterlicherseits, die eine große Gastwirtschaft besaßen, wo sie auch bedienen und die Theke machen durfte. Ohne es genau zu wissen (aber umso sicherer zu erahnen), liebte sie dort die vermutlich ununterbrochenen Avancen der Männer, die sie geistig nicht verstand, wohl aber als Komplimente ihres Frauseins begriff.
   Als Kindergärtnerin war sie wohl recht erfolgreich. Bestimmt 1000 mal im Leben habe ich von ihr gehört: "Ich war nicht nur Kindergärtnerin, sondern Kindergärtnerin und Hortnerin." Ihre Kinder schien sie über alles in der Welt zu lieben und war auch sehr romantisch. Die in Richtung Auschwitz ziehenden Soldaten und Offiziere bewunderte sie, weil sie so "chic" waren.
   Die Naivität, mit der sie das erzählte, und mit der sie später das Geschehene beweinte, waren für mich immer lückenlos glaubwürdig.
   1945, so erzählte sie, legte ihre Kindergartenleiterin ihr nahe, nach Hause zu fahren, weil die Front doch schon so nahe war. Bis nach Hause kam sie nicht. Am Bahnhof war die Hölle los, alles war im Aufbruch, ein riesen Durcheinander flüchtender Menschen, die alle in die nach Westen fahrenden Züge drängten. Und inmitten dieser Menschenmenge entdeckte sie ihre Familie, genauer gesagt ihre Mutter,  ihren kleinen Bruder Hubert und die Schwestern Uschi und Susi. Nach Hause konnte sie also gar nicht mehr, sondern stieg mit in den Zug und fuhr zunächst zu Verwandten im Riesengebirge, denn der Endsieg, so verhieß die Progaganda, war ja nah.
   Doch daraus wurde nichts. Die russische Front rückte nach und schon bald war die Familie - der Vater war an der Front - erneut auf der Flucht im eiskalten Februar. Man hatte Verwandte in Dresden und in Bayern. Dresden lag näher. Doch als der Zug sich Dresden näherte, empfahl ihnen ein Offizier, sie sollten nach Bayern weiterfahren, Dresden sei hoffnungslos überfüllt. Also folgten die Mutter dem Rat des Mannes und bewahrte die Ihren vor der Bombardierung, die ein paar Tage später folgte. Die Mutter hatte zwei große Koffer gepackt, so viel Koffer sie eben besaß. Doch in diesere Nacht, nachdem sich der Zug in Richtung Bayern in Bewegung gesetzt hattee, wurde einer der beiden Koffer bei einem Tieffliegerangriff gestohlen.
Wie würdest du sie beschreiben?
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9.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie würdest du sie beschreiben?
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   Mutter war und blieb ein Kind. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben einen naiveren Erwachsenen erlebt habe als sie. Alles, was ihr richtig erschien, glaubte sie ohne Wenn und Aber. Sie glaubte an ihren Rudi, also meinen Vater, an ihre Kinder, an ihre menschliche Überlegenheit den Bayern gegenüber, an Sauberkeit und Hausfrauenideale, an ihre weibliche
Souveränität, die sie nicht zuletzt ihren mächtigen, gelegentlich in bayerische Dirndl verpackten Brüsten verdankte. Mutter war eine Marylin Monroe der Provinz. Heute bin ich mir sicher, dass sich die Männer an ihr mehr als sattsahen und sie das genoss, ohne auch nur zu ahnen, was in den Köpfen ihrer Bewunderer vorging. Als Ehemann und Bettgenossen gab es nur einen: ihren Vati. Alle anderen Männer waren dazu da, sie zu bewundern. Wer es nicht tat, war ihrer nicht wert.
   Und doch war Mutter nicht eitel. Um eitel zu sein, bedarf es einer gewissen Selbstbeweihräucherung, eines Blickes auf sich selbst, der besagt: Wie schön ich doch bin. Aber über all das verfügte sie nicht. Sie war ganz einfach durch und durch Frau und schön und üppig, die Frau gewordene Rippe Adams im 20. Jahrhundert.
   Eine Eigenschaft war ihr schier angeboren: Das Mitgefühl für die Armen. Klopfte ein Bettler, Hausierer oder Zigeuner an ihre Tür, dann ließ sie alle furchtlos herein, auch wenn Vati nicht zu Hause war. Viel zu sehr fühlte sie sich als Fürstin, die zwar wenig, aber doch so manches, zumindest Freundlichkeit, zu geben hatte. Mit diesen Leuten plauderte sie ebenso zwanglos und herzlich wie mit allen anderen. Sie dacht sich ja nichts dabei, sondern war ganz einfach sie selbst, ohne Einschränkung und ohne jeden Gran Selbstzweifel.
Früheste Erlebnisse
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9.4.  Meine Eltern – Früheste Erlebnisse.
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Die Hauptperson meiner frühesten erotischen Erinnerung, an die ich mich entsinnen kann, hieß Gerlinde. Damals muss ich neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, sie ungefähr ebenso alt. Sie war die Schwester von einem Schulfreund meines Bruders, hieß Gerlinde und hatte dicke, lange blonde Zöpfe. In meiner Erinnerung ging von ihren Augen ein Leuchten aus, dass mir sehr gefiel, ihre Haut war rosig und ihre Figur ein wenig breit und knochig. Brüste hatte sie noch nicht – sonst wüsste ich das.

Dabei fällt mir ein, dass in der Schulbank vor mir (ich war wohl in der vierten Klasse) ein Mädchen saß, dem ich in den Ausschnitt gucken konnte, wenn ich aufstand und mich nach vorne beugte. Interessanterweise interessierte ich mich aber nur für ihre Brüste, nicht aber für sie.

Bei Gerlinde war das genau umgedreht. Ich war verliebt in sie. Das war ein warmes, sehr zärtliches Drängen zu ihr hin. In der Praxis hatte das durchaus Konsequenzen: Meine Aufgabe war es, jeden Abend beim Bauern Milch zu holen. Das funktionierte so, dass ich eine leere Milchkanne hintrug und mir eine zweite, gefüllte Kanne abholte. Natürlich war ich nicht das einzige Kind, das Milch holte. Deshalb standen etliche Kannen – vielleicht zehn – dicht nebeneinander auf dem gefließten Boden der relativ engen Milchkammer. Ich hatte herausgefunden, wann Gerlinde die Milch holte und richtete es so ein, dass ich dann „zufällig“ auch zu diesem Zeitpunkt kam. Ich kann mich nicht entsinnen, ob wir etwas miteinander gesprochen haben, aber ich spüre noch ihren Körper neben mir stehen und die „versehentliche“ Berührung, die ich einfädelte, wenn wir uns gleichzeitig zu den Milchkannen hinunterbückten. Meistens war das ihre Hand, die ich streifte, manchmal auch ihre Hüfte oder Schulter – winzige Berührungen, die mich verzückten und mich in Hochstimmung die zehn Minuten nach Hause gehen ließen. Besonders intensiv waren diese Erlebnisse im Winter, wenn die Dunkelheit noch eine ganz besondere Atmosphäre wob und sich Gerlindes Nähe noch dichter und wärmer anfühlte.

Was auch noch eine Rolle spielt, war die Nähe des Kuhstalles, die sinnliche Wärme der Tiere, ihr Geruch, den ich bis heute sehr mag, der große Heustadel, der unser Abenteuerspielplatz war: ein Gefühl von Abenteuer ist in diesem sinnlichen Erlebnis auch enthalten, die Kühnheit, sie berühren zu wollen und es auch zu schaffen. Also scheint auch das Abenteuerliche in die erotische Wahrnehmung hineinzuspielen oder sie sogar ein Stück weit mit zu erzeugen. Hm …

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