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Von Dr. Manfred Neugebauer – Durch den reißenden Strom des Lebens
Dr. Manfred Neugebauer
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9.4.
Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern / 29.07.2025 um 14.54 Uhr
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Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern / 29.07.2025 um 14.55 Uhr
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1.
Was ich lange nicht von mir wusste
1.1.
Inmitten des Kultursterbens
1.2.
"Der verfluchte Krieg hat alles kaputtgemacht!"
2.
Hineingeboren in eine kriegszerstörte Stadt
2.1.
Geburtsdrama und ein Familiengeheimnis
3.
Meine Familie als Kriegsopfer
3.1.
Unglückliche Nachkriegseltern
3.2.
Meine resolute Mutter
3.3.
Mein geheimnisvoller Vater
3.4.
Alte Schwestern spielen nicht
3.5.
Beobachten und Mitfühlen
3.6.
Meine unbekannten Großeltern
3.7.
"Omi ist der hellste Stern!"
3.8.
Exkurs: Riskante Reise in die Vergangenheit
3.9.
Ein schrecklicher Sprechfehler
4.
Familiäre Freuden
4.1.
Im Schrebergarten
4.2.
Familienbesuche
4.3.
Gemeinsamkeiten und Ausflüge
4.4.
Dreimal eine Urlaubswoche
4.5.
Der Heilige Abend - mein Jahreshöhepunkt
5.
Alptraum Kinderheim
6.
Meine Freiheit als Straßenjunge
6.1.
Die Straße gehört uns!
6.2.
Nebensache Schule
6.3.
Auf dem Weg zum Mann
6.4.
Meine fragwürdigen Schwager
7.
Die wahre 68er-Generation
7.1.
Meine Lehrzeit mit einem Hauch von Waffen-SS
7.2.
Freunde, Feten und ein bedenklicher Zwischenfall
7.3.
Die Familientragödie: Selbstmord meines Vaters und meiner Schwester
7.4.
Meine Studienzeit – oder wir wa(h)ren "68er"
7.5.
Eine Jugendliebe für mein ganzes Leben
8.
Familienvater mit vollem Herzen
8.1.
Drei Hausgeburten in weniger als drei Jahren
8.2.
Anders Vatersein
8.3.
Wir dürfen uns nicht vergessen
8.4.
Poesie eines italienischen Freundes
8.5.
Karriere unter Mobbingbedingungen
9.
Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern
9.1.
Was tue ich mir mit diesem Museum an?
9.2.
Urheber einer neuen Museumsgeneration
9.3.
Der "Saupreiß" muss weg!
9.4.
Das Glanzlicht im Würgegriff
9.5.
Meine verzweifelte Gegenwehr
9.6.
Eine einzigartige Vereinbarung
9.7.
Bundesweites Aufsehen
9.8.
Notrufe meiner Seele
9.9.
Unterlassene Remonstration und die verlorene Beamtenmoral
9.10.
"Rückhaltlose Aufklärung": ein populistischer Wortmissbrauch
9.11.
Epilog. Versöhnung ist ein Zauberwort
9.12.
Anmerkungen
10.
Perspektivwechsel Auswandern
10.1.
Leben in der Halbwüste
10.2.
Integration in Spanien
10.3.
Verzweifeltes Bemühen um den Familienzusammenhalt
10.4.
Seelische Verletzungen zeigen ihre Wirkung
10.5.
Kleine Taten der Tierrettung
10.6.
Die Immobilienkrise 2008: Adiós España
11.
Meine Begegnung mit dem Jenseits
11.1.
Eine „lebendige Lichterscheinung“
11.2.
Mein anderes Leben danach
11.3.
Über das Ich-Bewusstsein hinaus
12.
Auswanderung - die Zweite
12.1.
Integration und soziales Engagement
12.2.
Neun Jahre Drogenterror
12.3.
Tragödie einer Großfamilie
12.4.
Eine unerwartete Sterbebegleitung
12.5.
Corona-Pandemie 2020: "Menschen - Freiheit – Grundrechte"
12.6.
Sich selbst vertrauen und aufrecht bleiben
13.
Epilog
Für Karin
Was ich lange nicht von mir wusste
Seite 1
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1.  Was ich lange nicht von mir wusste
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Es gibt einzigartige kurzfriste und länger anhaltende Erlebnisse, großartige Erfolge und lebensprägende Misserfolge, aber auch persönliche Eigenschaften. Man glaubt sich selbst am besten zu kennen, doch ich wurde im Laufe meines Lebens immer wieder eines Besseren belehrt. Bestimmte Lebensabschnitte und Situationen hätte ich mir nie gewagt vorzustellen. Erst sehr spät begriff ich, dass meine Eigenschaften, Wertvorstellungen und Weltanschauungen sich nicht allein aus den durchlebten Ereignissen heraus entwickelt haben. Das wurde mir richtig klar, als ich mich vor Jahren einer jahrelangen Arbeit der Familienforschung widmete. Ohne dieses Wissen wäre meine Biografie nur eine Halbheit, denn ich entdeckte ererbte Eigenschaften, die mir in meinem Leben halfen, dramatische Lebensphasen zu überstehen. Denn es hieß oft genug für mich Lebensaufgaben anzunehmen, den Lebensmut und die Hoffnung nie zu verlieren, immer wieder aufzustehen und offen zu bleiben. Mir wurde auch klar, dass ich zur Nachfolgegeneration von zwei nicht mehr existenten Kulturkreisen des ehemaligen „deutschen Ostgebietes“ gehöre. Heute sind die kulturellen Werte dieser Menschen und die von ihnen geschaffenen Kulturlandschaften, ihre Dialekte, Lebensformen, Mentalitäten und Wertvorstellungen weitestgehend vergessen. Also beginnt meine Biographie mit einer kurzen Reise in die Vergangenheit meiner Vorfahren.

Bei den jahrelangen mühseligen Recherchen zu den Familienchroniken mütterlicherseits und väterlicherseits konnte ich das große Schweigen meiner Eltern durchbrechen. Vieles trieb mir dabei die Tränen in die Augen, weil ich das aufgedeckte Leid kaum ertragen konnte. Dabei spürte ich die Verantwortung, sich die Wahrheiten der Vergangenheit anschauen, sich dazu zu bekennen und sie anzunehmen, auch wenn es sehr schmerzhaft ist. Erst dadurch werden Veränderungen, Versöhnungen und Heilung möglich.

Meine Vorfahren stammen mütterlicherseits aus Ostbrandenburg, der Neumark und der Niederlausitz und väterlicherseits aus Niederschlesien (Abb. 1). Diese Regionen gehörten zum hochmittelalterlichen Landausbau östlich von Saale und Elbe, der über die Jahrhunderte vorwiegend deutschsprachige Einwanderer aus unterschiedlichen Regionen sowie aus Südeuropa zusammenführte. Da die Einwanderung bis ins 18. Jahrhundert nie verebbte, kam es in diesem kulturellen Schmelztiegel zu einem anhaltenden Kulturtransfer. Das verlangte von allen Zu- und Eingewanderten Aufgeschlossenheit, Innovationsbereitschaft und Toleranz, aber auch die Bereitschaft, sich neuen Lebensformen zu öffnen. Aus dieser vielfältigen ethnischen Verflechtung entwickelte sich die neue Identität und Mentalität eines „Kolonistentypus“. Durch die unmittelbare Nähe zu Polen sprach man in der Neumark und in Niederschlesien – der Herkunftsgebiete meiner Eltern - von einer dort herrschenden „Grenzlandmentalität“, die das Denken, Empfinden und Handeln sowie die Weltanschauung prägten.

Verhalten ist vererbbar, wobei Gene bei bestimmten Situationen aktiviert und entsprechende Verhaltensweisen gezeigt werden können. In meiner Lebensrückschau habe ich bestimmte ostdeutsche Tugenden festgemacht: mein ausgeprägter Freiheitsdrang, mein starker lösungsorientierter Wille, meine Motivations- und Risikobereitschaft und der feste Glaube an bessere Lebensbedingungen bei Neuanfängen durch eigenes Tun. Und auch in sozialen Bereichen zeigen sich bis heute ein starker Gerechtigkeitssinn, große Offenheit, hohe Gastfreundlichkeit, Toleranz, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit. So wurde in Breslau, der Heimatstadt meines Vaters und seiner Vorfahren, in dem einzigartigen „Toleranzviertel“ bzw. „Stadtteil der gegenseitigen Hochachtung“ in der Altstadt von Breslau Weltoffenheit beispielhaft gelebt. Hier lebten Juden, Katholiken, Protestanten, Deutsche, Polen und Tschechen in einem städtischen Mikrokosmos friedlich zusammen. Und auch die problemlose Zweisprachigkeit (deutsch, polnisch) war ein Markenzeichen. Nirgendwo anders standen seinerzeit vier Gotteshäuser verschiedener Glaubensrichtungen auf engstem Raum zusammen.


Abb. 1: „Ostkolonisation“ um 1400, die Herkunft meiner Vorfahren bis ins
18. Jahrhundert ist rot markiert.[1]


Schlesier waren Herzmenschen hieß es, sodass man durch ihre Offenheit und Direktheit schon im ersten Gespräch sehr viel ihnen erfahren konnte. Andererseits „kroch er nicht vor dem Herrn“ und galt als sehr fleißig. Sein bekannter Sinn für Lebensfreude, Gemütlichkeit und Heimeligkeit ist mit großer Gastfreundschaft gepaart. Nicht nur das: seine humorvoll-kritische Art wurde u.a. durch zahlreiche Kabarettisten in der Nachkriegszeit bekannt. Es sind alles Eigenschaften, die ich bei mir selbst erlebte.

Doch was ist mit meinen genetischen Veranlagungen aus der Linie meiner Mutter? Es ist eine sehr spezielle Familiengeschichte aus der Neumark, die meine Mutter als siebte und letzte Generation auf einem großen Kolonistenhof in Neu-Mecklenburg (poln. Zwierzyn) in einer Großfamilie erlebte (Abb. 2).  Der Ort befand sich am Rande des so genannten Netzebruchs. Der oder das „Bruch“ galt ursprünglich als undurchdringliches Sumpfgebiet, das meine Vorfahren erstmals seit 1766 als „Colonisten“ im Rahmen der „Peuplierung“ und Melioration unter Friedrich dem Großen kultivierten.


Abb. 2: Teilgebiet des Landkreises Neumark, hellgrau = die Bruchlandschaft der Netze, rot markiert die Wohnorte meiner Vorfahren „Neu-Mecklenburg“ und „Steinhöfel“
sowie die Kreisstadt Friedeberg.[2]


Wie ein Chronist 1769 berichtete, mussten sie ihre Fachwerkhäuser selbst errichten, deren Beschaffenheit u.a. mit simplem Sandbodenbelag sehr armselig war. Doch zehn Jahre später ist in einem Protokoll nachzulesen: „Allen Durchreisenden mag die Menge des besten Gartengewächses, welches die dortigen Einwohner von allerley Arten anbauen, und damit die in der Nähe gelegene Stadt Friedeberg reichlich versorgen, in die Augen fallen. Auch gewinnen viele von ihnen schon so viel Getraide, als sie zu ihrem notdürftigen Auskommen nötig haben.“ Dennoch galt in jener Zeit der Kolonistenspruch: „Die erste Generation arbeitet sich tot, die zweite leidet Not, die dritte findet ihr Brot.“

Ein Pfarrer charakterisierte 1918 den „Brücher“: „er hat gesunde Nerven, ein lebhaftes Temperament, ein regen Arbeitstrieb, viel natürlichen Frohsinn. Viel Geselligkeit findet man trotz der Entfernung der Nachbarn, viel Gastfreundschaft (…) Der Brücher fürchtet sich nicht vor schwerer Arbeit der Heumahd, noch vor dem Kampf mit den Elementen, besonders dem Hochwasser, noch vor persönlichen Auseinandersetzungen. Er lernt es von Kind auf, sich selber zu helfen und in allen Lebenslagen festzustehen. In diesem Sinne ist er ein Kraftmensch.“ Ein Motto der Kolonisten war „das unser (zählt), nicht das meine zählt“. Sie galten als tolerant, mitfühlend, hilfsbereit und sozial gerecht. So war es für meinen Urgroßvater (Abb. 3) als Besitzer eines der größten Bauernhöfe im Dorf, selbstverständlich den ärmeren Nachbarn als Schmied kostenlos ihre Karren zu reparieren und sie obendrein mit selbst angebautem Tabak zu beschenken. Ihre kritische Distanz zur evangelisch-lutherischen Kirche blieb auch mir erhalten, denn aus ihrer Sicht hatten die Kirchenoberen ausschließlich Aufgaben in der Sozial- und Solidargemeinschaft zu erfüllen und sich dem Seelenwohl zu widmen.


Abb. 3: Meine Vorfahren auf dem Kolonisten-Bauernhof in Neu-Mecklenburg 1922,
a= meine Urgroßeltern mit Großfamilie, b= (ihre Tochter Marie) meine Großmutter,
c= meine Mutter (Hildegard), d= mein Onkel Wilhelm.


Anmerkungen
Wenn nicht anders vermerkt stammen sämtliche Abbildungen von Autor
(©Dr. Manfred Neugebauer). 

1. Alfred Baldamus et al.:  Historischer Schul-Atlas. 1893; Quelle:https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bev%C3%B6lkerung_Mitteleuropas_um_895.jpg
2. Vergrößerter Ausschnitt aus der amtlichen Pommern-Karte von 1937;
Quelle:  http://www.woldenberg-neumark.eu/Plan/Fbg_Umgebung_1937.jpg
Inmitten des Kultursterbens
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1.1.  Was ich lange nicht von mir wusste – Inmitten des Kultursterbens.
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Zu meiner Vorgeschichte gehören auch die Realitäten nach dem Ende des 2. Weltkriegs: die Vertreibung meiner Eltern aus ihrer Heimat nach Duisburg ins Ruhrgebiet und der unwiederbringliche Verlust ihrer Lebensgemeinschaft und kulturellen Identität. Doch wen interessiert es heute noch, dass auf dem Hintergrund der ungeheuerlichen Nazi-Verbrechen die erzwungene Flucht der Ostdeutschen gleichwohl ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellte. Schon damals wurde die größte „ethnische Säuberung“ Europas mit einem apathischen Schweigen der Vertriebenen beantwortet. Auf meine bohrenden Nachfragen erhielt ich von meinem Vater nie eine Antwort und meine Mutter wich dabei gerne aus. Beide hatten durch ihre Kriegserlebnisse Schaden an ihrer Seele genommen (Abb. 4). Als Symbole ihrer Trauer wurden am Volkstrauertag und zur Adventszeit brennende Kerzen in die Fenster zum Gedenken an die Verstorbenen und an ihre verlorene Heimat gestellt. Meine Mutter bestand darauf, dass sie ihre Heimat nie freiwillig verlassen hätte: „wir sind Vertriebene und keine Flüchtlinge …wir wurden gezwungen alles aufzugeben“, wiederholte sie regelmäßig.


Abb.4: Meine traumatisierten Eltern: mein Vater 1946 (39 Jahre),
meine Mutter 1948 (37 Jahre).


Doch wer auf das „Recht auf Heimat“ bestand galt damals als Nazi, war „Gesochse“ (Nazi-Deutsch für Untermenschen) und gehörte zum elenden „Flüchtlingspack“ und zu den „Polacken“. Im rheinischen Karneval spottete man in einem umgedichteten Schunkellied „ach wären sie doch fort, sonst schlagen wir s(i)e tot.“ Erst 40 Jahre nach der Beendigung des 2. Weltkriegs stellte der damalige Bundespräsident von Weizäcker fest: „Bei uns wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt.“ Ihnen ist noch lange nach dem 8. Mai 1945 bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren. Um ihrem schweren Schicksal mit Verständnis zu begegnen, fehlte den Einheimischen oft die Phantasie und auch das offene Herz! Heute ist unbestritten, dass die Vertriebenen mit ihren preußischen Tugenden, ihre hohe Leistungs- und Anpassungsbereitschaft und ihre Sparsamkeit einen entscheidenden Beitrag zum Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik Deutschland leisteten. Noch 20 Jahre nach der Vertreibung wollten über die Hälfte wieder in ihre Heimat zurück und es wurde nachgewiesen, dass Depressionen und Selbstmorde unter Vertriebenen wesentlich häufiger waren.

Und auch meine Mutter hatte noch lange Zeit den großen schwarzen Haustürschlüssel ihres Wohnhauses in Landsberg/Warthe aufbewahrt. Für mich als „Duisburger Jung“ von vertriebenen Eltern hatte ich nie eine Chance sie wirklich zu verstehen. Was ich jedoch schnell verstand war, dass ich durch den 1. Weltkrieg ohne Großväter aufwachsen musste und dass durch beide Kriege unsere Großfamilien zerstört waren: von den sieben Geschwistern meiner Oma mütterlicherseits überlebten nur zwei und ihr Mann (mein Opa) starb mit seinen fünf Brüdern im 1. Weltkrieg. Der einzige Bruder meines Vaters starb im 2. Weltkrieg und meine Oma Neugebauer verstarb als ich ein Jahr alt war. Trotz aller wohlgemeinten Beteuerungen meiner Mutter „du bist ein Duisburger Jung“, blieb ich unbewusst ein Ostdeutscher, was mir allerdings erst viel später durch die Familienforschung klargeworden ist. Es war eine Herkulesaufgabe für mich hinter die Schweigemauer meiner engsten Verwandten zu schauen und die Grausamkeiten beider Weltkriege nachzuvollziehen. Immer wieder wurde ich von schmerzhaften Gefühlen überwältigt und musste bitterlich weinen.
"Der verfluchte Krieg hat alles kaputtgemacht!"
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1.2.  Was ich lange nicht von mir wusste – "Der verfluchte Krieg hat alles kaputtgemacht!".
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Auf ihre Ehe bezogen beschwerte sich meine Mutter häufig mit den Worten. „der verfluchte Krieg hat alles kaputt gemacht!“ Mein Vater hatte sie als junger Berufsoffizier auf einem der bekannten Landsberger Tanzbälle kennen und lieben gelernt. Für sie war es ihr Traummann und einziger Mann in ihrem Leben, wobei sie das Motto ihres Hochzeitsspruchs gerne zitierte: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben!“ Nach ihrer Aussage verlebten sie die glücklichsten zwei Jahre als kinderloses Paar in München, wo mein Vater studierte. Mit der Geburt der beiden Töchter erfüllte sie die übliche Frauenrolle als Hausfrau und Mutter (Abb. 5). Obgleich ich sie stets als selbstbewusste und durchsetzungsfreudige Frau erlebte, führten beide nie ein Zusammenleben auf Augenhöhe. Sie erhielt von meinem Vater immer viel zu wenig „Haushaltsgeld“, wohingegen er als Frauentyp gerne seinem persönlichen Vergnügen nachging.


Abb. 5: Fronturlaub Weihnachten 1941 in Breslau, meine Eltern mit meinen beiden Schwestern. Ein Jahr später zog sie mit den Kindern zu ihrer kranken Mutter nach Landsberg/Warthe.


Meine Oma wuchs als ältestes Kind einer Großfamilie in wilhelminischer Zeit auf und hatte gelernt, ihre Eltern noch mit „Herr Vater“ und „Frau Mutter“ anzusprechen. Mit zwölf Jahren erlitt sie einen schrecklichen Unfall als sie vom Heuwagen auf die Tenne stürzte. Wie durch ein Wunder überlebte sie den Wirbelsäulenbruch, der jedoch mit der Zeit zu einer schmerzenden Buckelbildung führte, wodurch sie nur 1,47 Meter groß wurde. Sie fand jedoch in dem Landbriefträger Franz einen sehr fürsorglichen Ehemann und Vater. Als mein Opa im 1. Weltkrieg durch einen Granatsplitter starb, hörte sie ihn in der Todesnacht die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinaufkommen; er ging durch die geschlossene Tür direkt an ihr Bett und lächelt sie an. Sie sah ihn ganz deutlich, doch seine Erscheinung verschwand urplötzlich – ihre außersinnliche Wahrnehmung sollte mich später noch einmal tiefgreifend beeindrucken. Als Kriegerwitwe schaffte sie es mit einem Kredit eine Doppelhaushälfte auf einer privilegierten Anhöhe von Landsberg/Warthe zu bauen (Abb. 6). Da der Hausbau damals reine Männersache war, wurde sie die erste Bauherrin in der ca. 44.000 Einwohner zählenden Stadt. Bei meinen Recherchen entdeckte ich ein Familiengeheimnis: ihr Bruder Erich hatte den ererbten Hof binnen kurzer Zeit heruntergewirtschaftet, wodurch er dem Leibgedinge seiner Eltern nicht mehr nachkommen konnte und sie von meiner Oma aufgenommen wurden. Ihre finanziellen Verhältnisse waren schlecht. So konnte sie der Aufforderung der Baupolizei nicht nachkommen, einen Brandgiebel für ein kleines Stallgebäude zu errichten. Doch sie gab nie auf und beantragte, ihr Wohnzimmer als Laden zu vermieten.


Abb. 6: Doppelwohnhaushälfte linke Seite (Bauherrin: meine Oma Marie), Landsberg/Warthe, Heinestraße 5, Bauantrag von 1924. Aus diesem Haus wurde meine Familie im Januar 1945 durch den russischen Vormarsch vertrieben; keiner von ihnen kehrte jemals dahin zurück.


Als die Rote Armee Ende Januar 1945 kurz vor Landsberg/Warthe stand, entschloss sie sich meine Mutter trotz der Fluchtverbote, mit ihrer körperbehinderten Mutter und den beiden 5- und 7-jährigen Töchtern zu fliehen. Die Erlebnisse sollten für alle traumatisch sein. Bei minus 25 Grad und Schneesturm erlebten sie katastrophale Zustände: sie sahen am Bahnhof sterbende und schreiende Verletzte, verzweifelte Kinder, die ihre Mütter verloren hatten und tote Kinder, die aus den Zügen gereicht wurden. Alle froren entsetzlich, da die Zugheizung abgestellt war und man hatte ständig Angst vor Tieffliegerangriffen. Nach einer dramatischen Zugfahrt wurden sie per Lastwagen auf einen heruntergekommenen Einödhof in der Lüneburger Heide transportiert. Der verwahrloste Hofbesitzer war stolz darauf sich nie gewaschen zu haben und verachtete die Neuankömmlinge zutiefst.

Er sah sie als seine Sklaven an, verfrachtete sie in eine erbärmliche Kammer und meine Mutter hatte von morgens fünf Uhr bis zur Dämmerung auf dem Hof zu schuften. Oft quälte sie der Hunger, obwohl der Bauer alles im Überfluss besaß: das hat sie ihm nie vergessen! Als sie meinen Vater 1946 durch den DRK-Suchdienst wiederfand gestand er ihr, dass eine andere Frau von ihm ein Kind erwartete. Es sollte bis zu seinem Tod ein Familiengeheimnis bleiben.

Mein Vater lebte als langgedienter Berufsoffizier auch nach dem Krieg in seiner Männerwelt, wobei er die Leistungen meiner Mutter mit ihrem täglichen 16 Stunden-Tag nie anerkannte, sondern sich über belanglose Dinge im Haushalt lautstark beschwerte. Er hatte keine emotionale Sprache mehr, schwieg beharrlich bis zu seinem Tod zu allen Erlebnissen der Vergangenheit. Dabei befand er sich in guter Gesellschaft, denn eine ganze Kriegsgeneration nahm ihre Gefühlswelt in kollektive Geiselhaft. Es ist typisch für kriegstraumatisierte Menschen, dass sie alles daransetzen, dass schmerzhafte Gefühl nie wieder zu erleben, ohne daran zu denken, dass sie es ihren Kindern weitergeben. Zu seinen Töchtern hatte er keinerlei Beziehung. Sie waren ebenfalls von der erzwungenen Flucht und den Nachkriegsjahren gezeichnet und sprachen auch mir gegenüber nie von ihren Erlebnissen; so hieß es stets: „ich kann mich nicht erinnern!“ Meine älteste Schwester litt traumatisch bedingt an einem unkontrollierbaren rhythmischen Augenzittern (Nystagmus), wohingegen sich meine andere Schwester in die Scheinwirklichkeit einer „Heilen Welt“ flüchtete, was katastrophale Folgen haben sollte.
Hineingeboren in eine kriegszerstörte Stadt
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2.  Hineingeboren in eine kriegszerstörte Stadt
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Durch den Kontakt meines Vaters zu seinem ehemaligen Chef bei der Wehrmacht, konnte er im Mai 1946 als Tiefbauingenieur bei der Stadt Duisburg Arbeit finden. Er half beim Wiederaufbau einer durch über 9.000 Bomben zerstörten Hafenstadt. Um eine Bleibe für seine Familie zu schaffen, half er dem ausgebombten Hausbesitzer sein ausgebombtes Einfamilienhaus im Stadtteil Duissern wiederaufzubauen (Abb. 1). Bombenkrater und hohe Trümmerberge durchzogen auch diese Wohnstraße, sodass die Bauarbeiten entsprechend lange dauerten und unsere Familie erst im Oktober 1947 einziehen konnte. Es handelte sich dabei um eine 60 m² große Dreizimmer-Einliegerwohnung im Obergeschoss. Im Erdgeschoss lebte das Eigentümerehepaar mit Tochter, die im Dachgeschoss noch ein Zimmer mit Bad besaß. Neben ihr hatte eine alleinstehende Lehrerin zwei Dachzimmer gemietet. Insofern liefen zwei Wohnparteien durch den Flur unserer Wohnung. Zur Selbstversorgung wurden auf unserer Loggia zeitweise Kaninchen oder auch einmal eine Gans gehalten, die meine Mutter zu den Festtagen schlachtete.

Die Möblierung der Zimmer blieb mit nahezu kahlen Wänden armselig, zumal auf der Flucht meiner Mutter nur das Wichtigste mitgenommen werden konnte. Durch die räumliche Beengtheit gab es keinerlei Spiel- und Rückzugsmöglichkeiten. Gekocht wurde auf einem Kohleherd, der zugleich Heizung war, wobei der Küchenraum mit einem Vorhang vom Wohn-Ess-Bereich abtrennbar war (Abb. 1, Nr. 5). Außerdem hatte mein Vater zwei Schrebergärten gepachtet, damit man sich u.a. mit Kartoffeln, Gemüse und Obst versorgte und durch das Einkochen und die Kartoffeleinlagerung im Keller über den Winter kam. Zum Leidwesen meiner Mutter sollten meine Eltern nie mehr woanders wohnen.


Abb. 1: Unsere Mietwohnung in Duisburg, Zieglerstraße Ende 1948; Grundriss des OG: 1= Nähmaschine, 2= mein Kinderbett, 3= Bett Oma, 4= Doppelbett der Schwestern,
5= Kohleofen (später Grude), 6= „Highboard“ mit Vorhang in Eigenbauweise,
7= Wickeltisch, 8= Kaninchenstall zur Hausschlachtung. Als ich ca. 6 Jahre alt war, bezog meine Schwester mit mir zwei getrennte Dachgeschosszimmer, wodurch eine Essküche mit Gasherd in Zimmer „b“ eingerichtet wurde (Handskizze aus der Erinnerung).



Geburtsdrama und ein Familiengeheimnis
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2.1.  Hineingeboren in eine kriegszerstörte Stadt – Geburtsdrama und ein Familiengeheimnis.
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Weit über 300 Luftangriffe hatten 80% der Duisburger Wohnhäuser samt Infrastruktur zerstört bzw. stark beschädigt und viele Einwohner waren traumatisiert. Außerdem war die Versorgungslage angespannt und durch Lebensmittelkarten geregelt (Abb. 2). Insofern wurden Geburten in dieser Zeit als unverantwortlich angesehen. Schwangeren warf man vorwurfsvolle Blicke zu und pöbelte meine Mutter an, auch weil sie bei der Zuteilung von Lebensmitteln bevorzugt wurden und sie obendrein noch ein Flüchtling war. Einziger Lichtblick war die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark im Juni 1948, wodurch die Rationierung der Alltagsgüter nahezu aufgehoben wurde. So gesehen fand meine Nachkriegsgeburt 1948 unter schlechten Bedingungen statt. Doch warum wurde ich in dieser schwierigen Zeit geboren? Ein „Unfall“ war es wohl nicht, denn meine Mutter beteuerte glaubhaft „du warst (m)ein Wunschkind!“ Bei der Rückkehr meines Vaters aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946 war er zunächst in Oberbayern, wo seine Affäre mit einer sehr jungen verheirateten Mutter von zwei Kindern mit ihrer Schwangerschaft endete. Ihre gemeinsame uneheliche Tochter wurde im August 1946 geboren. Mein Vater ist ihr Zeit seines Lebens nie persönlich begegnet und hatte auch sonst keinerlei Kontakte zu ihr. Das bedeutete, meine Halbschwester wurde zum Familiengeheimnis, das erst nach seinem dramatischen Tod aufgelöst wurde.

Den Grund, in eine desaströse Duisburger Trümmerwelt hineingeboren zu werden, sollte ich ebenfalls erst nach dem Tod meines Vaters erfahren. Meine Mutter musste nach der Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft sehr um ihren geliebten Mann kämpfen, denn er hatte sich, abgesehen von seinem unehelichen Kind, von seiner Familie durch seine jahrelange kriegsbedingte Abwesenheit stark entfremdet. So sehe ich ausschließlich schwerwiegende moralische Gründe für seine Rückkehr zu uns. Doch Mutter glaubte, mit mir ein neues Bindeglied zu seiner Familie zu schaffen. Denn ein „Stammhalter“, das war ihm immer besonders wichtig und sie wollte ihm seinen großen Wunsch erfüllen -  sie wurde mit 36 Jahren mit mir schwanger.


Abb. 2: Die Lebensmittelkarte meiner Mutter, als sie mit mir schwanger war, 1948.


„Die Hausgeburt hing am seidenen Faden“, hörte ich mehrfach von meiner Mutter. Ich war nach dem errechneten Geburtstermin übertragen worden und wog gut fünf Kilogramm. Die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals geschlungen und die Gebärmutter war gerissen – es ging um unser Überleben, erzählte sie mir immer wieder. Schon während der Schwangerschaft und als Neugeborenes hatte sie den Leitspruch: „es kann passieren was will mein Kleiner, ich bring Dich durch!“ Damals war man noch der Auffassung, dass Frauen, die ein breites „gebärfreudiges“ Becken besaßen allemal problemlose Geburten haben. Dabei spielte die Emotionalität gerade im Hinblick auf die traumatischen Kriegserlebnisse keine Rolle, was sich jedoch in der dramatischen Geburt zeigen sollte.

Die Hebamme war ein Duisburger Original mit über 6.000 Hausgeburten, der ich wohl mein Leben zu verdanken habe. Als sie mich mit verzerrtem Gesicht endlich in den Armen hielt, meinte sie in Duisburger Mundart „nee, Jung´, dir gefällt et hier überhaupt nich“, denn meine Mimik muss eindeutig gewesen sein. Mein Vater zog es vor, zu meiner Geburt erst gar nicht zuhause zu sein – „er wäre wahrscheinlich umgefallen“ kommentierte meine Mutter. Doch als er mich zum ersten Mal sah, steckte er mir gleich einen Zollstock in den Arm und meinte stolz „schau, mein kleiner Baumeister“ (Abb. 3). Meine Taufe fand im evangelischen Pfarrhaus statt, da die Kirche in Duissern zerstört und eine hölzerne Notkirche noch nicht fertiggestellt waren. Da in zwei Weltkriegen dreiviertel meiner Verwandten umkamen, sprangen als Taufpaten die Tochter unseres Hausvermieters und ein Bekannter meines Vaters ein, der sich danach nie mehr blicken ließ.


Abb. 3: Die „neue Familie“ in Duisburg, Mitte Dezember 1948, von links meine Schwester Gerlinde (11 J.), meine Mutter (37 J.) mit mir (zehn Wochen), Schwester Ingeborg (9 J.) und mein Vater (41 J.).

Meine Familie als Kriegsopfer
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3.  Meine Familie als Kriegsopfer
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Nur meine Mutter war bis zu ihrem Schulalter mit etwa zwei Dutzend Familienmitgliedern in einer Großfamilie auf dem Lande aufgewachsen. Sie wusste viel darüber zu berichten und beschwerte sich über die hierarchische Ordnung, dass ihr Großvater, als Hofbesitzer und Patriarch immer das meiste Fleisch für sich beanspruchte. Dennoch bezeichnete sie ihn im Umgang mit den Dorfbewohnern als sehr sozial. Wenn heute Soziologen pauschal feststellen, dass die Kleinfamilie der Natur des modernen Menschen entgegenkommt und geradezu eine Befreiung darstellt, so trifft diese Verallgemeinerung nicht auf die Familie meiner Mutter zu. So wuchs meine Oma Mariechen in der zuvor besagten Großfamilie auf, heiratete und bekam dort zwei Kinder. Wie Zeitzeugen bestätigten verbrachten sie dort die schönste Zeit ihres Lebens bis der 1. Weltkrieg ausbrach und mein Opa drei Jahre später fiel. Ich selbst habe eine Kernfamilie bei meinen Eltern, bei meinen beiden Schwestern und Schwiegereltern sowie an mir selbst erlebt. Bei allen entsprach die Rollenverteilung dem damaligen Familienbild: der Vater war Alleinverdiener, die Mutter schuftet als Hausfrau. Und dennoch waren diese fünf Kleinfamilien in verschiedener Hinsicht grundverschieden.


Unglückliche Nachkriegseltern
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3.1.  Meine Familie als Kriegsopfer – Unglückliche Nachkriegseltern.
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Es gibt zwei Aussagen meiner Mutter zu ihrer Ehe, die für sich sprechen: zum einem, dass sie ihre glücklichsten zwei Jahre mit ihrem Mann kinderlos in München verbrachte und dass der Krieg alles kaputt gemacht hat. Meine Mutter liebte das männliche Idealbild eines starken, disziplinierten Offiziers in Maßuniform und erzählte mir gerne davon. Doch in der Nachkriegszeit existierte das Idealbild nicht mehr. So sah ich meine Eltern nie intim miteinander, d.h. es gab nie einen Kuss, nie eine Umarmung oder ein Streicheln, nie ein liebendes oder lobendes Wort oder einen gemeinsamen Tanz. Wenn sie nebeneinander hergingen hatten beide eine würdevolle Körperspannung, die eher militärisch als paarverbunden auf mich wirkte (Abb. 1). Auch fehlte ein gemeinsamer Humor und an ein miteinander Lachen kann ich mich nicht erinnern. Obgleich ich meine Mutter als selbstbewusst und durchsetzungsfreudig erlebte, waren beide in ihren typisch konservativen Familienrollen gefangen.

Meine Mutter hatte sich nach der Realschule bei einem jüdischen Schuhfabrikanten in Landsberg/Warthe (Ostbrandenburg) zur Sekretärin ausbilden lassen und arbeitete anschließend dort weiter. Sie galt als „Teenager“ der 1920er Jahre in der ca. 55.000 Einwohner zählenden Provinzstadt als revolutionär, da sie die erste Bubikopf-Frisur mit kurzem Kleid und hochmodernen Schuhen trug. Mein Vater hatte sich in der Weimarer Republik als Berufsoffizier bei der Reichswehr beworben – eine Wehrpflicht gab es nicht. Das Auswahlverfahren war aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit an neuartige harte Auswahlverfahren (Vorläufer der heutigen „Assessment-Center“) gebunden, wobei er sich unter den siebzig von 300 Bewerbern befand, die als verbeamtete Offiziersanwärter angenommen wurden. Zum Bild der Reichswehr gehörte u.a. eine strenge Kleiderordnung, körperliche und geistige Fitness und eine große Reinlichkeit sowie Ordnungsliebe, die ihn sein Leben lang prägten. Mein Vater war für meine Mutter ihr dunkelhaariger sportlicher Idealmann, der nicht rauchte und keinen Alkohol trank. Sie heirateten ein Jahr nach ihrem Kennenlernen und mein Vater, der aus einer konfessionellen Mischehe stammte, ließ sich evangelisch-lutherisch trauen.

Mein Vater lebte das althergebrachte Bild eines (national)deutschen Ehemannes. Gemeinsame Essenszeiten waren klar geregelt und wenn das Essen einmal nicht pünktlich auf dem Tisch stand, nahm meine Mutter seine Rüffel wortlos hin.  Dennoch machte sie auf mich den Eindruck meinem Vater gegenüber eine gehorsame Dienerin zu sein, obgleich sie sich selbstlos, pflichtbewusst und opferbereit gegenüber allen Familienmitgliedern verhielt. Sie war sich ihrer Leistungen durchaus bewusst und hatte, wie sie gerne betonte, im Krieg die Rolle des abwesenden Ehemannes erfolgreich mitübernommen. Dadurch kam es zwischen beiden immer wieder zu Auseinandersetzungen: sie lag meinem Vater lange im Ohr, bis er endlich bereit war, die Zimmer gemeinsam zu tapezieren oder mir endlich einen Sandkasten und später eine Schaukel im Garten einzurichten etc. pp. Und wenn es um das unzureichende Haushaltsgeld ging, das er ihr monatlich gab, flogen gelegentlich lautstark die Fetzen. Dennoch schaffte sie es als Pfennigfuchserin immer wieder, uns mit kleinen Leckereien zu überraschen. Während sich meine Mutter der ganzen Familie hingab und ihrem Mann stets treu blieb, wurde ihr Vertrauen immer wieder von ihm enttäuscht. So zeigte sie mir einmal Wirtshausrechnungen mit Lokalrunden, die er sich finanziell eigentlich nicht leisten konnte. Von meinem Vater hörte ich nie ein anerkennendes Wort für ihre aufopferungsvolle Arbeit als Ehefrau und Mutter und auch an Geschenke von ihm zu den Familien-Festtagen kann ich mich nicht erinnern. Bei alledem wollte meine Mutter ihre Ehe unbedingt aufrechterhalten und versuchte es später u.a. mit einem gemeinsamen Abonnement im Stadttheater Duisburg.

Da beide Elternteile keinerlei Erbe oder keine Erbstücke besaßen, mussten sie sich alles selbst erarbeiten. Der sogenannte Lastenausgleich von 1952 für den Verlust von Immobilien in den besetzten Ostgebieten war ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es erschien wie der glatte Hohn, wenn man offiziell verkündete, dass man dadurch eine gerechte Vermögensverteilung schaffen würde. Meine Mutter musste auf den Ausgleich für das erbberechtigte Haus in Landsberg/Warthe bis 1961 warten. Dabei bekam sie gerade einmal so viel, dass wir uns den ersten Fernseher leisten konnten. In vielerlei Hinsicht war das Vertrauen in die Politik bei beiden nahezu gen Null gesunken, wobei sie darüber nie sprachen, welche Partei sie wählten – nach dem Motto das ist ein Wahlgeheimnis.


Abb. 1: Glückliche Eltern? Förmlich und einseitig durch die Frau gestaltet, so habe ich die elterliche Ehe wahrgenommen; von links nach rechts: 1954 (43/ 47 Jahre),1959 (48/ 52 Jahre), 1961 (50/ 54 Jahre).


Meine Mutter hielt letztlich die Familie zusammen, wobei durch meinen Vater viele soziale Ungerechtigkeiten stattfanden, die ich als kleiner Junge bereits empfand und die mich immer wieder wütend auf ihn machten und ich ihm unbemerkt die Zunge herausstreckte. Natürlich gab es keinerlei Gleichberechtigung in ihrer Ehe und dennoch war ich erstaunt, als mir meine Mutter nach dem Tod meines Vaters gestand: „es ist wie eine Befreiung für mich!“ Und in der Tat, sie machte plötzlich Flugreisen, hatte eine Yoga-Gruppe mit mehreren Freundinnen und machte endlich eine Kur – einen weiteren Mann in ihrem Leben gab es jedoch nicht.
Meine resolute Mutter
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3.2.  Meine Familie als Kriegsopfer – Meine resolute Mutter.
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Verwandte nannten meine Mutter „Hildchen“ und sahen in ihr „den alten Fritz“ und meinten damit den Charakter meines Urgroßvaters, der als Patriarch die Großfamilie anführte. Sie erfüllte bei ihrer Größe von 1,59 Meter offenbar das Bild ihres hart arbeitenden, herrischen aber sozialen Opas. An ihr vermisste ich sehr die Sanftheit einer liebevollen Mutter und die sensible und attraktive Weiblichkeit. Natürlich habe ich sie in ihrer Arbeitskleidung (Küchenschürze) stets als leistungsstark wahrgenommen und auch wie sie den Haushalt mit akribisch geführtem Haushaltsbuch und den Tagesablauf planvoll organisierte. Sie schneiderte viele Bekleidungen bis tief in die Nacht hinein für uns Kinder auf einer gebrauchten Singer-Nähmaschine selbst. Sie fertigte Mäntel, Hemden, Hosen, Blusen, Kleider etc. an, wobei sie die getragenen Kleidungsstücke oft mehrfach umnähte. Zudem strickte sie Socken, Mützen und Handschuhe und gönnte sich später eine Strickmaschine. An ihren Hobbies wie Sticken, Häkeln, Teppiche knüpfen und auch an bestimmten Zimmerpflanzen – sie besaß einen „grünen Daumen“ - hatte sie ihre Freude. 

Während in anderen Haushalten schon eine Waschmaschine existierte, wusch sie die Wäsche des Fünf-Personen-Haushalts per Hand. Es gab keinen freien Tag für sie und eine Mithilfe des Vaters im Haushalt war aus „Männersicht“ unmöglich. Zweimal erschrak ich als Vierjähriger heftig, als ich meine sonst so starke Mutter bei ihrem anstrengenden Hausputz mit einem schrecklichen Weinkrampf auf der Flurtreppe zusammengebrochen vorfand. Ich war allein im Haus und versuchte sie zu trösten, indem ich sie fest in meine Arme nahm, doch es gelang mir nicht… es war grausam... Ich hörte sie bitterlich weinen und darüber klagen, dass sie immer so viel harte Arbeit bis in die Nacht hinein hatte, nie einen freien Tag hatte, ihr zu wenig Geld zur Verfügung stand und ihre geliebte Heimat für immer verloren schien. Das war deshalb so schockierend für mich, da sie vor mir niemals zuvor die Fassung verloren hatte. Und auch später habe ich sie nie mehr so erlebt. Intuitiv wusste ich als kleiner Bub, was meine Mutter brauchte: Anerkennung und Liebe.

Ihre andere Seite war, dass sie sich im Tonfall sachlich aber unüberhörbar auch in der Öffentlichkeit beschwerte, wenn sich z.B. jemand beim Einkaufen vordrängen wollte. Derartiges Auftreten empfand ich als peinlich und schämte mich. Gut erinnern kann ich mich an das ständig laufende Radio im Wohn-Esszimmer mit einer permanent traurigen klassischen Musik, was ich überhaupt nicht mochte. Die Eltern hörten täglich mehrfach die Nachrichten, bei denen sie auf keinen Fall gestört werden durften. Denn es ging ihnen vor allem darum, ob sie jemals wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten. Als ich als Dreijähriger nach einer Nachrichtensendung meine Mutter wieder einmal über die deutsche Ostpolitik fluchen hörte, rief ich wutentbrannt etwas, was ich hier nicht wiederholen werde. Ich spürte schon damals so etwas wie soziale Ungerechtigkeit und das war es auch, was mich derart empörte.
 
Meine Mutter hatte zu Anfang nie Zeit für mich. Im Kinderwagen stellte sie mich auf die Loggia, denn „Bübchen“ musste auch mal an die frische Luft. Spielen mit ihr und eine normale Mutter-Kind-Kommunikation waren weitgehend ausgeschlossen. Da es keinen Menschen gab, dem ich etwas mitteilen konnte und auch ein Haustier fehlte, hatte ich mehrere kleine Kuschelfiguren und Handpuppen, die ich über alles mochte (Abb. 2). Jeden Abend lagen sie in meinem ausgestreckten Arm nebeneinander mit mir im Bett und ich redete mit ihnen. Sie stellten auch noch mit zehn Jahren den Ersatz für fehlende Gutenachtgeschichten und mein Kuschelbedürfnis mit den Eltern dar. Bereits mit vier Jahren musste ich die lose Milch in einer Milchkanne in einem paar hundert Meter entfernten Milchladen alleine kaufen oder meiner Mutter „Overstolz“-Zigaretten vom „Büdchen“, einer typischen Duisburger Trinkhalle holen. Taschengeld pro Monat bekam ich erst mit Schulbeginn - 20 Pfennig (etwa 7 Cent) - waren schnell am Büdchen für „Sallekes“ (Bonbons) oder ein Milcheis am Stil ausgegeben.


Abb. 2: Kuscheltiere, vor allem „Mecki“ nahm ich oft mit, ein Teddy hat bis heute überlebt.


Bis zu ihrem Tod bestritt meine Mutter hartnäckig, dass sie mich jemals geschlagen hat. Doch ich habe es ihr nie vergessen. So erfuhr ich im Kindergartenalter zweimal was es heißt, sich freiwillig bücken zu müssen, damit sie mit einem Bambusstock mehrmals auf mein Hinterteil schlagen konnte. Es war eine der größten Demütigungen für mich. In solchen Fällen zog ich mich auf den Balkon zurück, wo ich mich still in eine Ecke hockte und tief trauerte. Weinen, nein weinen durfte ich nicht, denn ein Junge weint doch nicht, hieß es immer! Als ich etwa 20 Jahre alt war, hat sie noch einmal die Hand gegen mich erhoben, die ich blitzartig sehr fest umgriff und ihr deutlich zu verstehen gab: „das machst Du nie wieder!“ Sie sagte erstaunlicherweise nichts dazu.

Ihre Kindererziehung kam der sogenannten schwarzen Pädagogik nahe, das heißt wir Kinder waren auf „eiserne Disziplin“ gedrillt. Nach Aufforderung der Eltern musste unvermittelt gehandelt werden mit dem Kommentar „immer schön brav sein“. Auf strenge Sauberkeitsregeln und der Einhaltung von festgelegten Essenszeiten wurde penibel geachtet. Und wenn ich einmal das Essen wie die Milchsuppe nicht mochte, hatte ich aufzustehen, meinen Teller in die Hand zu nehmen und weiter zu löffeln, bis ich ihn unter verschiedentlichem Würgen leer gegessen hatte. Mehr noch: bei Tisch hatten wir Kinder kein Wort zu reden. Auch Widerreden, wenn ich z.B. etwas nicht tragen mochte, wie Mützen oder kratzende Pullis, duldete meine Mutter nicht.

So wurde ich permanent bestimmt, was man zu tun und zu lassen hatte: “das tut man nicht“ hörte ich zig Mal am Tag! Zudem hatten wir Kinder unsere Aufgaben im Haus, was ich nicht als negativ empfand. Die Schwestern mussten mittags den Tisch abräumen, abwaschen und abtrocknen, wobei sie beide mehrstimmig sangen und es dabei immer stressfrei ablief. Meine Aufgaben waren ab vier Jahren den Müll zu entsorgen, meiner Mutter Zigaretten und meinem Vater Bier vom „Büdchen“ (Kiosk) zu kaufen, Lebensmittelvorräte und Kohlen für den Stubenofen aus dem Keller zu holen und später auch den Kaffee für meine Mutter zu kochen. Allerdings nervte der häufige Satz meiner Mutter „ich erwarte Dankbarkeit von euch,“ was sie in Verbindung mit unserer Mithilfe im Haushalt meinte.

Ein gut erzogenes Kind zeigte sich u.a. im respektvollen Umgang gegenüber allen Erwachsenen, egal wie kinderfeindlich sie waren oder unsympathisch man sie empfand. Bei Begrüßungen auch von unbekannten Erwachsenen musste mit einem „Guten Tag Herr/ Frau… die Hand gegeben werden, was unbedingt von einem tiefen Diener bzw. Knicks zu begleiten war – nach der Devise je tiefer der Diener, desto besser ist der Junge erzogen. Bei derartigen Begegnungen durfte man natürlich nur sprechen, wenn man gefragt wurde. Höflichkeit war auch in der Familie verpflichtend, was sich u.a. durch „Danke Vati/ Mutti…“ und „Bitte darf ich…“ ausdrückte. Apropos respektvoller höflicher Umgang mit den Einheimischen: diese legten unser Verhalten gerne als Kriecherei aus. Und wenn meine Mutter bekannte Vertriebene traf, gab es die ostdeutsche Standardbegrüßung mit einer innigen Umarmung, was gelegentlich empörtes Kopfschütteln unter den Duisburgern hervorrief.

Zweifellos gab mir meine Mutter das Vertrauen zum Leben für das ihr sehr dankbar bin. Es gibt zwei Lieblingsbilder mit ihr (Abb. 3): das eine zeigt sie als für mich attraktive Mutter, die sie in Wirklichkeit für mich nicht war, das andere zeigt sie mit mir als spielenden Mutter, die es ebenfalls nicht gab. Dennoch gehörte sie zu meinem Lebensmittelpunkt, sie gab mir Lebensmut, Geborgenheit und Sicherheit. Sie hat sich oft über die fehlende Dankbarkeit ihrer Lebensleistung beschwert und meinte damit das mangelnde Gefühl geliebt und anerkannt zu werden. „Du bist der Einzige, der zu mir steht“ hörte ich einmal von ihr, als alle Familienmitglieder zu Karneval das Haus verließen und sie bei über 39 Grad Fieber von mir versorgt wurde. Bei alledem hat sie nie ihren Stolz verloren: „Man kann mir alles nehmen, aber meine Ehre und mein Wissen nie“, war einer ihrer Leitsprüche.


Abb. 3: Wunschbilder fernab des Alltags: eine elegante „Mutti“ 1951 (40 J., 2 ½ Jahre) und erstmals „spielend“ auf der Schaukel 1952; meine mir von meiner Mutter abverlangte Dankbarkeit zeigte ich ihr trotz allem gern.
 
Mein geheimnisvoller Vater
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3.3.  Meine Familie als Kriegsopfer – Mein geheimnisvoller Vater.
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Ein Viertel meiner Generation wuchs vaterlos auf, also gehörte ich zu den privilegierten Nachkriegskindern. Doch mein Vater war kriegstraumatisiert und er wirkte auch deshalb für mich letztlich undurchsichtig. Obgleich er nie mit mir spielte, vertrauliche Gespräch führte und seine Gefühle ganz selten ausdrückte, fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Seine Anwesenheit und emotionale Ausstrahlung hat mich immer berührt. Andererseits spürte ich unbewusst seinen tiefen Schmerz und sein Trauma, was er mir gegenüber durch sein beharrliches Schweigen weitergab.


Abb. 4: Mein Vater (oben) mit 31 und 33 Jahren (unten) im Krieg am Westwall mit 34/ 36 Jahren.


Auch bei meinen Nachfragen als Heranwachsender hinsichtlich seiner Kriegserlebnisse, seinen Eltern und Großeltern, blieb er stets stumm und blickte dabei irgendwie durch mich hindurch. Für mich war damals schon klar „das möchte ich als Vater einmal ganz anders machen!“ Alles was ich über ihn wissen wollte, hörte ich von meiner Mutter. So z.B. sein gestörtes „Mutter-Sohn-Verhältnis“. Und ich bekam von ihr erzählt, dass ihn seine Mutter als Zwölfjähriger in Breslau die ganze Nacht vor der Haustüre übernachten ließ, als er abends einmal zu spät nach Hause kam.

Einmal muss er jedoch als Familienvater seine Fassung verloren haben und schlug meine zweitälteste Schwester Inge, sodass sie mit dem Kopf gegen die Wand donnerte. Warum meine Mutter mir dies als kleiner Bub erzählte, weiß ich nicht, da ich ohnehin vor ihm ziemlichen Respekt, aber nie richtig Angst hatte. Zu meinen beiden Schwestern hatte er zunächst keine Beziehung, was meine Mutter wiederum mit dem jahrelang fehlenden Kontakt während des Krieges erklärte. Ungeachtet dessen vergötterten ihn beide Schwestern und die Älteste hatte immer ein Portrait von ihm als Offizier des Pionierstabs bei sich (Abb. 4, oben rechts).

Als ehemaliger Berufsoffizier - sogenannter Zwölfender – empfand ich seine Disziplin, seinen Ordnungssinn, unglaublichen Fleiß und seine Aufopferung für berufliche Aufgaben irgendwie beeindruckend. Es vermittelte mir den Eindruck, dass ich mich bei ihm sicher fühlen konnte. Meine heimliche „Besichtigung“ seines beeindruckenden Ordnungssystems in seinem Kleiderschrank machte mich als Kind geradezu ehrfürchtig. Dort lagen zentimetergenau seine Wäschestücke in den Regalen geordnet und waren von ihm ausgerichtet nach Funktion und Farben. Seine Hosen waren bügelfaltengerecht exakt auf eigenen Hosenbügeln aufgehängt, sämtliche Schuhe sahen aus wie neu, weil auf Hochglanz von ihm täglich poliert und sie hatten Schuhspanner– alles erschien für mich wie eine perfekte Kleiderwelt.

Wenn er mich auf seinem alten schwarzen Fahrrad in den Schrebergarten in einem Kindersitz mitnahm nannte er mich liebevoll „Spatzemann“. Ansonsten ließ er mich im Garten allein, d.h. es gab kaum eine Kommunikation oder Gemeinsamkeit und ich musste sehen, wie ich mich allein beschäftigte (Abb. 5). Er hatte den „Kleingartenverein Neuland“ in Duisburg-Duissern als 2. Vorsitzender mitbegründet und zwei Schrebergärten gepachtet, wodurch wir zum Selbstversorger werden konnten. Mit beiden Gärten wurde er mehrfach ausgezeichnet – es war sein Hobby. Er schien überall beliebt zu sein und als parteiloser verbeamteter Abteilungsleiter der Stadt Duisburg war er hochgelobt. Außerdem ging er jeden Freitag mit seinen Mitarbeitern „ein Bierchen“ trinken. Seine Mitarbeiter verehrten ihn geradezu, was nach seinem Tod mit regelmäßigen Blumengebinden, auch noch 15 Jahre nach seinem Tod, sehr beeindruckend für mich war. Mein Vater war aufgeschlossen, hatte Führungsqualitäten und galt als sehr guter Diplomat, sodass ihn der Duisburger Oberstadtdirektor mehrfach bat, im Auftrag der Stadt mit der Landesregierung in Düsseldorf zu verhandeln.


Abb. 5: Mit meinem Vater im Schrebergarten und Weihnachten 1951 (3 J.); die gestellten Fotos täuschen vollkommen darüber hinweg, dass er nie mit mir spielte und kommuniziert wurde sehr spärlich. Dennoch empfand ich Weihnachten durch ihn immer als sehr feierlich und stimmungsvoll.


So wie sein Kleiderschrank geordnet war, so kleidete und pflegte er sich; „Vati“ war ein äußerst kultivierter Herr, zumal er wie die Mutter keinen Akzent hatte. Seine Markenzeichen: ein stets blitzblankes Schuhwerk, perfekte Kleidung, tägliches Duschen mit Haarwäsche und anschließender Gelfrisur mit der Marke Brisk. Wegen seines enorm starken Bartwuchses rasierte er sich zweimal pro Tag und nahm Rasierwasser. Durch eine permanent positive Körperspannung wirkte er souverän und hatte eine positive Ausstrahlung. Seine Disziplin war auch hinsichtlich seiner Körperpflege beeindruckend, denn er stand deswegen jeden Morgen um 5.30 Uhr auf, um eine Stunde im Bad zu verbringen.  Natürlich trug er täglich neue Wäsche und Oberhemden und wenn er abends fortging wechselte er wieder sämtliche Wäschestücke.

Mein Vater hat auf Frauen sehr anziehend gewirkt, obgleich es den Anschein hatte, dass er es nicht darauf anlegte. In dieser Beziehung habe ich ihn eher als zurückhaltend erlebt. Einmal konnte ich miterleben, dass sich eine äußerst attraktive blonde Ehefrau im Beisein ihres Ehemannes einfach auf seinen Schoss setzte und ihn „umgarnte“ – er wehrte sich nicht. Andere Anlässe gab es genug, wie sein monatlicher Kegelklub, in dem seine Männerwelt als Offizier wiederauflebte, was anschließend mit einem ausschweifenden Nachtleben endete. Gelegentlich kam er von dort früh morgens nach Hause, ging ohne Schlaf sofort ins Bad, um sich wie immer als kultivierter Mann pünktlich ins Büro zu begeben. In diesem Sinne war sein Durchhaltevermögen bei feuchtfröhlichen Feiern mit einer stets konsequenten Haltung bewundernswert, was er offenbar im Krieg gelernt hatte. Bei derartigen Zusammentreffen war er immer der Letzte und bei allem Durcheinander von Alkoholika konnte keiner ihn „unter den Tisch trinken“, so habe ich ihn auch niemals schwankend oder lallend etc. erlebt.

Von meiner Mutter wusste ich zum Thema „mein Vater als Frauenschwarm“ drei Dinge: er muss schon als Kind sehr hübsch gewesen sein, weshalb ihn seine junge bildhübsche außergewöhnliche „Tante Trudi“ als kleinen Neffen gerne mitnahm, um sich mit ihm in der Öffentlichkeit zu zeigen (Abb. 6). Sie war mit dem Hofjuwelier Louis Werner verheiratet, der zur reichen Oberschicht Berlins zählte und als „Königlich Preußischer Hoflieferant“ enge Kontakte zum Kaiser pflegte. Sie lebte in einer pompösen Villa in Berlin-Grunewald. Vater muss eine besondere Bindung zu seiner zwölf Jahre älteren sehr charmanten Tante gehabt haben, denn er stellte in unserem Wohnzimmer ein Portraitfoto von ihr auf, ansonsten existierte bemerkenswerter Weise kein anderes Foto (Abb. 6).


Abb. 6: Die rätselhafte bildhübsche reiche Tante meines Vaters mit 29 Jahren (Vater mit 4. J.); das Portrait von „Tante Trudi“ befand sich sehr lange bei uns im Wohnzimmer (ganz rechts mit mir).


Zudem gab es vor der Zeit meiner Mutter eine große Liebe meines Vaters – erzählte mir meine Mutter. Sie war angeblich blond und blauäugig und hatte ihn wohl später betrogen. Was ich wusste war, dass er blonde und attraktive Frauen sehr mochte. Wiederum von meiner Mutter hörte ich, dass er in der Stadtverwaltung Duisburg eine junge hübsche Verehrerin hatte. Man munkelte, dass hier mehr vorhanden gewesen ist. Und bei meinen Recherchen zur Familienforschung stieß ich auf ein Foto mit einer jungen blonden Frau, das er in einem Album aufbewahrte. Es handelte sich dabei um die Zeit als Festungsbauoffizier im Pionierstab an der südfranzösischen Atlantikküste, wo er u.a. 1940/41 die Organisation zum Bau des U-Boot-Bunkers in St. Nazaire und La Pallice (La Rochelle) innehatte. Es waren im Übrigen die Bunkerbauten, die später über den internationalen Filmhit „Das Boot“ bekannt geworden sind.

Da ich hinter den Fotos mit einer jungen Frau mehr vermutete, nahm ich 2014 Kontakt mit der „Deutschen Dienststelle „WASt“ in Berlin auf, da hier Suchanfragen von deutsch-französischen Kriegskinder nach ihrem Vater vorlagen. Meine Recherche blieb negativ, doch die französische Sachbearbeiterin meinte, nach der ihr vorliegenden Biographie meines Vaters, dass er erfahrungsgemäß eine feste Beziehung gehabt haben musste. In einem solchen Fall hätte eine französische Liebschaft seinen vollen Namen gekannt. Auch würden die guten Französischkenntnisse meines Vaters mit denen er zurückkehrte und sein privat gefahrener großer Citroen eindeutig für eine oder sogar mehrere Liebesbeziehungen sprechen. Mir ging es damals allerdings allein darum, meine Halbgeschwister zu finden und ihnen über unseren Vater zu berichten. Ich wandte mich an die Organisation „Coeurs sans Frontières (Herz ohne Grenzen)“, die sich ausschließlich mit dem Thema deutsch-französischer Kriegskinder beschäftigen und Kontakte vermitteln. Darüber hinaus nahm ich Verbindung zu einem deutsch-französischen Verein für Kriegskinder „Amicale Nationale Enfants de la Guerre (A.N.E.G.)“ in Amiens (Frankreich) auf und vereinbarte mit Jehan Sauval-Schmutzler eine Suchschaltung auf seiner Internetseite (Abb. 7). Bis heute gab es darauf keine Reaktion.


Abb. 7: Meine Suche im Internet bei Amicale Nationale Enfants de la Guerre (ANEG) in Amiens, 2014.

 




Alte Schwestern spielen nicht
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3.4.  Meine Familie als Kriegsopfer – Alte Schwestern spielen nicht.
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Der Altersunterschied zu meinen Schwestern von neun und elf Jahren bedeutete für mich „Nesthäkchen“ zu sein und ich fühlte mich zeitweise wie ein Einzelkind (Abb. 8). Natürlich habe ich mir immer ein jüngeres Brüderchen oder Schwesterchen gewünscht, da die „Alten“ nie mit mir spielten. Es kümmerte meine Schwestern auch nicht, wenn die Eltern sie beauftragten auf mich aufzupassen. Sie steckten mich als dreijähriges „Bübchen“ einfach viel zu früh am Nachmittag ins Bett, damit sie draußen auf der Straße mit ihren Freunden allein zusammen sein konnten. Das traf mich tief und ich weinte lange Zeit im Bett; es war schrecklich für mich so allein gelassen zu werden. Nur einmal kann ich mich daran erinnern, dass meine älteste Schwester versuchte, mir als Vierjähriger das Radfahren auf dem Rad des Vaters beizubringen – das war zumindest der Auftrag meiner Mutter. Doch letztlich brachte ich mir das Radfahren selber bei. Schwester Gerlinde war ein dominanter burschikoser Typ und hatte kaum Geduld mit mir. Außerdem konnte sie handgreiflich werden. Sie prügelte die jüngere Schwester Inge einmal derart zusammen, dass sie in die Badewanne krachte, aber Gottseidank unverletzt blieb. Wenngleich Inge durchaus „zickig“ sein konnte, empfand ich derartige Gewaltausbrüche als schrecklich. Meine verzweifelten Worte als Vierjähriger, dass sie doch damit aufhören sollte, ignorierte sie natürlich. 

Schwester Gerlinde wirkte auf mich emotional nie positiv und war deshalb für mich menschlich irgendwie abwesend. Sie fühlte sich als Älteste und später als Erwachsene immer als etwas Besonderes, obgleich sie den schlechtesten Schulabschluss von allen Kindern hatte. Ihr Drang, die Familie ständig zu kritisieren, zu manipulieren und zu erniedrigen empfand ich als sehr belastend. Nachbarn beschwerten sich über sie, dass sie nicht grüßt und auch ihre Freunde waren für die damalige Zeit ziemlich speziell. Eines Tages klingelte es und ich machte die Haustüre auf: ich erschrak, denn vor mir stand ein riesiger schwarzer Zwei-Meter-Mann, der sich mit ausgebreiteten Armen in der Türlaibung abstützte und dabei den gesamten Hauseingang ausfüllte. Er wirkte auf mich sehr unsympathisch und er befahl mir wirsch im gebrochen Deutsch „Gerlinde holen!“ Als ich die Eltern rufen wollte, stand der kleinwüchsige Hausvermieter neben mir und jagte ihn davon. Über Schwester Inge erfuhren wir später, dass er vom Duisburger Ausländerklub stammte, wo Gerlinde sich mehrmals aufgehalten hatte. Meine Mutter verbot ihr, dass dieser Mann jemals wieder bei uns auftauchte, was nichts mit seiner Hautfarbe, sondern mit seinem Benehmen zu tun hatte. 

Mit meiner Schwester Inge war das Zusammenleben für uns alle entspannter, obwohl sie immer wieder „zickig“ sein konnte. Sie war als Heranwachsende wie das fünfte Rad am Wagen und musste stets die Kleidung ihrer älteren Schwester auftragen. Unter ihrem Augenfehler litt sie sehr, der aber Gottseidank nach ihrer Pubertät operiert werden konnte. Erst als ich selbst in die Pubertät kam, wurde meine Beziehung zu ihr emotionaler. Wir saßen gemeinsam an meinem Dachzimmerfenster und erzählten über das Leben, wobei sie mich nicht mehr als „Brüderchen“ behandelte. Das lag auch an meiner frühreifen Art als Zwölfjähriger, zumal ich durchaus „Erwachsenengespräche“ führen konnte – was Wunder, wenn ich daheim nur mit Erwachsenen zu tun hatte. Es entwickelte sich daraus schnell eine engere Bruder-Schwester-Beziehung, wobei wir auch über viele Lebensprobleme sprechen konnten. Zu ihrer Prüfung als Drogistin konnte ich sie so regelmäßig mit den lateinischen Pflanzenbezeichnungen abhören, die sie intensiv lernte und sehr gut beherrschte. Sie wirkte auf mich in dieser Phase immer lebensfroh, hatte ein ausgeprägtes soziales Verhalten und zeigte viel Verständnis für mich. Mehr noch: sie steckte mir als Schüler gerne regelmäßig Geld zu, was ich sehr zu schätzen wusste. Außerdem war sie eine talentierte Turniertänzerin und zeichnete sich durch ihre Aufgeschlossenheit hinsichtlich neuer Stilrichtungen in der Musik, Mode und Kosmetik aus. So ließ sie sich neben ihrer Arbeit als Drogistin zur Diplom-Kosmetikerin ausbilden, was sie danach als Beruf mit großer Hingabe ausübte.


Abb. 8: (Oben) Mit meinen Schwestern, (daneben) 1 Jahr, (unten links) 2 Jahre, Inge (neben mir, 11 Jahre) und Gerlinde (13 Jahre); unten rechts mit Gerlinde und Inge zehn Jahre später (23, 12 und 21 Jahre).


Beobachten und Mitfühlen
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3.5.  Meine Familie als Kriegsopfer – Beobachten und Mitfühlen.
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In der Kommunikation der Familie hing ich als kleines Kind stets hinten an, das heißt sie fand kaum statt. Insofern lernte ich die Gefühlswelt der Mitmenschen hauptsächlich über die intensive Beobachtung ihres Verhaltens kennen. Für die Wahrnehmung anderer Menschen setzte ich meine Sinne ein, d.h. ich kannte ihre Körpersprache sehr genau und spürte ihre seelische Befindlichkeit. Stimmungen Einzelner oder einer Gruppe konnte ich irgendwie „lesen“ und spürte die Schwingungen im Raum, was mir bis heute erhalten geblieben ist. So erinnere ich mich noch an bestimmte negative Grundstimmungen in meiner Familie, die ich als Niedergeschlagenheit, düstere Traurigkeit und nervöse Rastlosigkeit empfand, was mich belastete aber nicht entmutigte. Grundsätzlich fühlte ich mich aufgerufen, alle Familienmitglieder fröhlich und glücklich zu machen und ein wenig Licht in das Dunkel ihres Lebens zu bringen. Dafür gab ich täglich mein Bestes.
 
Da ich als kleines Kind am meisten mit meiner Mutter zusammen war, hatte ich schnell das Gefühl, ihr ständig nahe sein zu müssen, um sie zu trösten und zu beschützen. Das brachte mir gelegentlich den Ruf eines Muttersöhnchens ein. Doch der Eindruck täuschte, denn ich wurde von meiner Mutter nicht überbehütet und fühlte mich auch nie abhängig von ihr, zumal ich meine Kinderfreundschaften täglich intensiv lebte. Mutter drückte ihre negativen Gefühle sehr selten aus, doch ich nahm ihre deprimierten Stimmungen wahr. Meine Erinnerungen und Selbstwahrnehmung als Kind gehen dahin, dass ich - wie Erzählungen bestätigten - ein sehr freundliches, fröhliches, lustiges, mitfühlendes und geduldiges Kind war. So wartete ich zum Beispiel ohne zu schreien auf das Fläschchen, was meine Mutter später immer wieder mit den Worten kommentierte „ich hätte zehn Kinder wie dich haben können!“ Damit in Zusammenhang steht wohl auch mein kleinkindlicher Kosename „Engelchen“, den sogar meine beiden Schwestern verwendeten, ansonsten war ich das „Bübchen“ (Abb. 9). Allerdings bedeuteten mir derartige Namensgebungen nicht viel, für mich war die ehrlich gemeinte Zuneigung viel wichtiger.


Abb. 9: Als „Bübchen“ mit einem bis zweieinhalb Jahren. Mittig links: mein 1. Geburtstag, im Hintergrund der Kohleherd im Wohn-/Esszimmer (siehe Pfeil, vgl. Grundriss in Kap. 2, Abb. 1), (Bildmitte) mit dem ständig laufenden Radio im Wohn-Esszimmer. Bildmitte rechts: Meine damals blonden Haare sollte stets ordentlich mit Scheitel gekämmt sein. Bild unten rechts: die Familie zur Adventszeit 1950 (2 Jahre).

Meine unbekannten Großeltern
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3.6.  Meine Familie als Kriegsopfer – Meine unbekannten Großeltern.
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Obwohl ich meine beiden Großeltern gar nicht kannte, habe ich sie auf irgendeine Weise vermisst. Von ihnen hörte ich durch meine Mutter immer wieder Bruchstücke ihrer Wesensart. Auch sah ich bei meinen Freunden deren Großeltern und konnte mir ein Leben mit ihnen gut vorstellen. Zudem spürte ich bei meiner Mutter den schmerzlichen Verlust über den viel zu frühen Tod ihres geliebten Vaters, meinen Opa Franz. Er war kaiserlicher Postbeamter und er musste für die damalige Zeit ein ungewöhnlich fürsorglicher Ehemann und Vater gewesen sein, der sich um das entsprechende Gerede wegen seines untypischen männlichen Verhaltens nicht scherte. Oma und Opa wurde nachgesagt, eine besonders seltene Liebesbeziehung geführt zu haben.
 
Als ich durch die Familienforschung bis ins Detail zur Geschichte von Opa Franz im 1. Weltkrieg in Nordfrankreich vorstieß, fühlte ich seinen tragischen Tod mit 34 Jahren südlich von Laon nach (Abb. 10). Er war er mir plötzlich ganz nahe, was mich zu Tränen rührte. Obgleich ich meinen Opa nie kennen lernen konnte, fühle ich mich mit ihm stark verbunden. Mit seiner großen Liebe zur Familie hat er für mich bis heute eine besondere Bedeutung.


Abb. 10: Mein Opa Franz (32 Jahre) und sein Grab auf dem Soldatenfriedhof bei Laon (Nordfrankreich); der Kranz stammt von mir.


Über meinen anderen Opa Josef Neugebauer habe ich nahezu nichts erfahren, außer zwei Fotos besitze ich von ihm nichts (Abb. 11). Er fiel mit 32 Jahren im 1. Weltkrieg als Offizier unter mysteriösen Umständen. Auch hier habe ich jahrelang in zahlreichen Quellen und Institutionen versucht, seinen Weg als Leutnant, sein Todesdatum, seinen Todesort und sein Grab zu finden. Es gelang mir schließlich, seine Truppengeschichte und seinen letzten Einsatzort bei Tschenstochau mit den grausamen Kriegshandlungen zu recherchieren. Da die sterblichen Überreste meines Opas nie geborgen wurden, gibt es auch kein Grab. Mehreren zeitgenössischen Berichten zur Folge wurden bei den Kampfhandlungen, in denen er verwickelt war, die entstellten toten Soldaten „wie Unrat beseitigt“. Das hat mich sehr tief getroffen. Dennoch glaube ich, dass ich mit den Nachforschungen meinem Opa Josef sein Gesicht zurückgeben habe, denn auf diese Art ist er zu mir zurückgekehrt.


Abb. 11: Mein Opa Josef mit 23 Jahren, rechts mit 21 Jahren im dunkelblauen Waffenrock mit rotem Kragen des schlesischen Infanterie-Regiments des Deutschen Kaiserreichs (ca.1903). Unten: Verlustlisten zum 1. Weltkrieg mit den entsprechenden Auszügen vom 03.02.1915 (links) und am 16.11.1915.


Als Opa Josef im Krieg fiel war seine Frau, meine Oma Bertha, 30 Jahre alt. Sie musste sich mit ihren sieben- und dreizehnjährigen Söhnen nun allein durchkämpfen. Auch hiervon habe ich von meinem Vater nichts erfahren und die Recherchen stellten sich als mühselig heraus. Dabei traf ich auf zwei unerwartete Belege. Zum einem fand ich ihre gärtnerische Seite, der sie in einem Kleingarten mitten in Breslau nachging. Das andere Rechercheergebnis war ein Schock für mich. Sie war im Gegensatz zu meinem Vater Mitglied der NSDAP und betreute in der NS-Frauenschaft als Gruppenleiterin Ausflüge von jungen Müttern, Kindern und Pensionisten (Abb. 12). Und auch ihr ältester Sohn, mein Onkel Alfred, der 1941 mit 39 Jahren starb, war im „Amt für Kriegsopferversorgung Kameradschaft Breslau-Mitte (NSKOV)“ der NSDAP.


Abb. 12: Oma Bertha Neugebauer 1937 (54 Jahre) und als Gruppenführerin der NS-Frauenschaft 1944 mit weißer Jacke.


Wie meiner Oma die Flucht aus der katastrophal zerstörten „Festung Breslau“ 1945 nach Auma in Thüringen gelang, ist nicht überliefert.  In der Sowjetischen Besatzungszone wurde sie schnell zur Opportunistin und war 1. Vorsitzende der Ortgruppe Auma im 1947 neu gegründeten „Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD)“.  Der DFD widmete sich zwar sozialen Belangen, war jedoch eindeutig politisch-ideologisch ausgerichtet, wodurch sie als ehemalige Verehrerin des Faschismus zur Gegenseite wechselte. Meine Mutter erzählte mir, dass sie an Leberkrebs starb und kurz vor ihrem Tod 1949 die lange Zugfahrt nach Duisburg auf sich nahm, nur um mich kennenzulernen. Da ich etwa ein halbes Jahr alt war, habe ich natürlich keinerlei Erinnerung daran und auch kein Foto von ihrem Besuch. Sie starb noch im selben Jahr mit 66 Jahren (Abb. 13). Mein Vater nahm als ehemaliger Wehrmachtsangehöriger das Risiko in Kauf durch die „Ostzone“ nach Auma zu fahren, um die Beerdigung durchzuführen. Im Gegensatz zu meinen unbekannten Großvätern wurde meine Hoffnung enttäuscht, über die Erschließung der Lebensgeschichte meiner Oma Bertha eine Beziehung zu ihr aufzubauen.

Abb. 13: Todesanzeige meiner Oma Bertha (Tageszeitung von Auma, rechts Tageszeitung Kreis Gera) im Dezember 1949.

"Omi ist der hellste Stern!"
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3.7.  Meine Familie als Kriegsopfer – "Omi ist der hellste Stern!".
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Meine Oma Marie (die Mutter meiner Mutter) war ein einziges Glück für mich. Wenngleich ich sie nur zwei Jahre bewusst zwischen drei und fünf Jahren erlebte, hat sie jedoch mein Leben nachhaltig beeinflusst (Abb. 14). Als ich über 60 Jahre nach ihrem Tod begann ihre Biographie innerhalb der Familienforschung zu erschließen, habe ich eine bewundernswerte kleine Frau entdeckt. Erst jetzt konnte ich das Ausmaß ihrer bemerkenswerten Lebensleistung richtig nachvollziehen. Oma Marie hatte vier politische Systeme mit dramatischen Umwälzungen, veränderten Lebensumständen und viel Leid durchlebt (Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, Bundesrepublik Deutschland). Am Ende hatte sie durch die beiden Weltkriege ihren Mann, ihre vier Brüder und alles Hab und Gut verloren. Sie lebte zuletzt als ehemalige Hausbesitzerin zur Untermiete in einem kleinen nordseitig ausgerichteten spartanisch möblierten Zimmer (Abb. 14).  Die Toilette und die Küche durfte sie mitbenutzen.


Abb. 14: Einliegerzimmer meiner Oma Marie um 1951 in Duisburg-Duissern nach meiner Gedächtnisskizze; (rechts) Oma Maries Geburtstag 1952 (66 Jahre), sie trug ein selbst genähtes Kleid, auf dem Nachttisch steht eine selbstgemachte Glückwunschkarte mit einem Foto von mir.

Damit nicht genug: die Generation junger „Kriegerwitwen“ des 1. Weltkriegs mussten als eigentliche Opfer eine beschämende „Kriegerwitwenrente“ in allen Systemen hinnehmen und waren in materieller Not. Oma erhielt nach der Währungsreform 1948 monatlich 25 DM pro Monat, was weniger als 13 Euro entspricht. Und für ihr mühsam erwirtschaftetes Haus in Landsberg/Warthe bekamen erst ihre Kinder 16 Jahre nach der Vertreibung über den so genannten Lastenausgleich zusammen 3.000 DM (ca. 1.500 Euro).
 
Als Kind habe ich ihre Körperbehinderung und Kleinwüchsigkeit mit 1,47 Meter nicht als Besonderheit wahrgenommen (Abb. 15). Sie wirkte auf mich auch nie kränklich. Von ihren Freunden wurde sie auf Grund ihrer Körpergröße liebevoll „Mariechen“ genannt. In Wirklichkeit litt sie durch die Wirbelsäulenverkrümmung immer wieder unter höllischen Schmerzen, die mit dem Alter zunahmen. Ich wusste nur, dass sie immer seltener zu uns in die Wohnung kam, da sie die Schmerzen nur noch mit Morphium aushalten konnte. Mehrmals holte ich sie alleine von ihrer Wohnung ab und begleitete sie zu uns nach Hause, da sie nur beschwerlich am Krückstock gehen konnte. Einmal trafen wir auf ältere Kinder, die sie als „alte Hexe“ verspotteten; es war schrecklich, denn ich konnte ihr als Vierjähriger nicht beistehen.
 
Oma Marie war für mich vielwissend, sie sprach hochdeutsch und kannte die Vor- und Nachnamen (Geburtsnamen, Angeheiratete) der entferntesten Verwandtschaft und deren Verhältnisse, Geburts-, Tauf-, Hochzeits- und Sterbedaten sowie die Geburtsorte sämtlicher auch angeheirateten Familienlinien. Ich hörte ihr aufmerksam zu, obwohl sie mir von unbekannten Menschen erzählte, die längst verstorben waren. Ihre Gestik war sehr zurückhaltend, wohl wegen ihrer Schmerzen, während sie stets ein liebevolles Lächeln hatte. Im Umgang mit anderen Menschen war sie eher zurückhaltend, aber immer freundlich. „Omi“, so nannte ich sie, hatte einen starken Glauben mit täglichen Gebeten, was sie demütig und hoffnungsvoll erscheinen ließ. Sie gab diese Hoffnung an meine Mutter weiter, die eine starke Bindung zu ihr hatte und mir versicherte „Oma ist meine beste Freundin!“


Abb. 15: Oma Mariechen mit mir 1949 und ihr letztes Weihnachten 1952 mit uns.


Bei Oma Marie fühlte ich mich immer geborgen und entspannt. Sie war warmherzig, sehr mitfühlend und bescheiden und ich erlebte sie nie traurig oder böse. Sie nannte mich „Engelchen“ oder „Bübchen“ und wir spürten unsere Seelenverwandtschaft. Und in unserer Zweisamkeit in ihrem Zimmer umgab mich ihre tiefe Herzlichkeit, die den kleinen Wohn-Schlafraum, in dem nie ein Sonnenstrahl fiel, immer hell für mich erscheinen ließ. Wenn ich mit der Zimmereinrichtung vorsichtig sein sollte und ich sie fragte „warum(?)“, hat sie mir erklärt, dass ihr nichts gehört; „und warum(?)“ fragte ich und es kam die für bis heute nachwirkende Antwort von ihr: „Engelchen, das letzte Hemd hat keine Taschen!“ Omi schenkte mir ihre Zeit mit sehr viel Geduld und war die Einzige, die mit mir spielte. Wegen ihrer Körperbehinderung erzählte sie mir aus dem Gedächtnis Grimms Märchen, denn es gab kein Märchenbuch. Zudem sollte ich kleine Geschichten nacherzählen wie „es war einmal ein Mann der hatte sieben Söhne, die sieben Söhne sprachen (…).“ Dabei saß ich immer auf ihrem Schoß. Gespielt wurde mit ihrer Knopfdose, indem immer wieder Knöpfe nach Größe oder Farben sortiert wurden. Und sie übte mit mir Kinderlieder.

Bei aller Zuneigung empfand ich sie als klar strukturiert, wobei sie genau wusste was sie wollte. Mit ihren moralischen Vorstellungen hielt sich mich regelmäßig an „Bübchen, sei immer recht brav zu Mutti und Vati, hörst Du?“ Es klang dabei aber immer eine warmherzige Zuwendung mit, sodass ich es nie als Maßregelung oder gar als Drohung empfand. Und sie hielt mich aus ihrer evangelisch-lutherischen Erziehung liebevoll an täglich zu beten. Gebete wurden in unserer Familie stets vor dem Essen und beim Zubettgehen praktiziert, die ich als Jüngster vor allen laut aufsagen musste. Da ich sehr gerne bei Omi war, lief ich bereits als Vierjähriger allein zu ihr und musste dabei stärker befahrende Straßen überqueren. Meine Mutter hatte mir nur einmal die Wegstrecke und Gefahrenpunkte erklärt.  Natürlich lockte mich auch das Ein-Pfennig-Stück von Oma, das ich von ihr beim Abschied erbat, um es auf meinem Rückweg am nächsten „Büdchen“ (Trinkhalle) für zwei „Knöterich-Bonbons“ oder ein anderes billiges „Salleken (Drops)“ einzulösen. Die Frau im Büdchen kannte mich natürlich schon und schenkte mir manchmal auch einen weiteren Knöterich – das war ein dann ein besonderer Moment für mich. Insofern waren meine Abschiedsworte bei Oma lange Zeit „Pfennig haben“! Sie hat mich zigmal vergeblich korrigiert „wie heißt das Bübchen?“ – natürlich „bitte!“

Omas Tod veränderte das Leben in unserer Familie (Abb. 16). Der Verlust war vor allem für meine Mutter besonders groß und sie ergraute buchstäblich über Nacht. Als ich Monate später mit meiner weinenden Mutter auf dem Balkon unserer Wohnung stand und wir in den Sternenhimmel blickten, sagte ich zu ihr ganz freudig und tief überzeugt „schau Mutti, dort oben der hellste Stern, das ist Omi, schau doch!“



Abb. 16: Meine geliebte Oma Marie, „der hellste Stern“.


Der hellste Stern, der ist sie bis heute für mich geblieben und im Geiste ist sie immer bei mir. Irgendwie habe ich nie richtig um Oma getrauert, weil ich wusste, dass sie bei mir ist, aber nun keine Schmerzen mehr hat. Und wenn es mir einmal nicht gut ging, höre ich deutlich ihre Bemerkungen „wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ und „es könnte Alles noch viel schlimmer sein!“ Oma war und ist für mich wie ein helles Licht, wie ein Mensch gewordener Engel, der in der kurzen Zeit unseres Zusammenseins sehr viel in meinem Herzen bewegt hat. Trotz ihres schweren Lebens war sie nie verbittert, resignierte nicht und gab nie auf. Sie teilte, kämpfte, hungerte, hoffte, übernahm Verantwortung für Andere und behielt dabei ihre Würde und ihren inneren Frieden. Sie ist für mich das einzige Vorbild in meinem Leben geblieben.

Exkurs: Riskante Reise in die Vergangenheit
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3.8.  Meine Familie als Kriegsopfer – Exkurs: Riskante Reise in die Vergangenheit.
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Es war im April 1973 und ich war ein 24-jähriger Architekturstudent an der Technischen Universität Berlin. Auf dem Rückweg von einer Studienreise in Danzig (Polen) gemeinsam mit einem Kommilitonen nahm ich die Gelegenheit wahr, über Landsberg/Warthe zum ehemaligen Haus meiner Oma zu fahren. Das war damals ein riskantes Unterfangen, zumal es im kommunistischen Polen äußerst schwierig war, überhaupt ein Einreisevisum mit einer bestimmten Reiseroute zu erhalten. Festnahmen von Westberlinern in Polen häuften sich (Abb. 17) und ich hatte mit meinem festen Wohnsitz einen Berliner Ausweis. Mit im Gepäck befand sich Gottseidank ein in polnischer Sprache übersetztes Schreiben des Senats von Berlin, der die polnischen Behörden bat, uns bei unseren bauhistorischen Untersuchungen zu unterstützen.

Polnische Hinweistafeln mit Fotografier- und Betretungsverbot ohne Sondererlaubnis wiesen in der Nähe von Omas Haus auf ein militärisches Sperrgebiet hin. Da wir kein Wort polnisch konnten, ignorierten wir die Schilder und fuhren, nach einer Wegbeschreibung meiner Mutter, unmittelbar zum Haus in die ehemalige Heinestraße. Unglaublich alles existierte noch so wie man es mir beschrieben hatte. Die Immobilie war erbärmlich heruntergekommen (Abb. 17), besaß aber noch das alte große Hausnummernschild Nr. 5. Und die Fenster, Eingangstüre und Dachziegel waren noch aus der Zeit der Erbauung des Hauses vorhanden. Das galt auch für die Gartenwege, Einfriedungen und Bepflanzungen samt kleinem Stallgebäude. Beim Fotografieren des Hauses näherten sich zwei Soldaten und fingen wild an zu fuchteln und zu schreien. Ein Nachbar kam aus dem gegenüberliegendem Haus und brüllte mich auf Polnisch an, derweil schoss ich unberührt meine Fotos weiter, wobei mein Studienfreund mich in dieser Situation fotografierte (Abb. 17).


Abb. 17: (Oben)  das Haus meiner Oma am 9. April 1973 in Landsberg/Warthe, ehemalige Heinestr. 5, es ist in dem unveränderten Zustand wie es 1945 verlassen wurde, sogar die Haus-Nr. 5 ist noch vorhanden; (unten) Warnung vor Polen-Reisen (Berliner Morgenpost vom 26.9.1974); ich fotografiere weiter das Haus während im Hintergrund bewaffnete Soldaten anrücken (siehe Pfeile) und es kommt zu meiner Festnahme.


Ein mittlerweile im Militärfahrzeug hinzugekommener Offizier entriss mir die Kamera, während uns die Soldaten mit schussbereiter MP bewachten. Es war wie ein Alptraum, wir wurden vom Militär verhaftet und in die städtische Polizeistation gebracht. Kamera, Fahrzeugpapiere und Pässe hatte man uns abgenommen und wir fanden uns in einem fensterlosen, schwach beleuchteten, abgesperrten Raum wieder, wo wir drei Stunden ohne Kontakt warten mussten. Dem Offizier hatte ich noch das Schreiben der Berliner Senatsverwaltung übergeben. Als der Offizier endlich zurückkam, gab er mir meine Kamera, dessen Film er herausgenommen hatte, mit allen Papieren und einem Händedruck zurück. Im ernsten Ton und im gebrochenen Deutsch forderte er uns auf, die Stadt sofort in Richtung DDR-Grenze bei Frankfurt/Oder zu verlassen. Hier mussten wir uns dort binnen drei Stunden beim Grenzposten melden. Ich fühlte mich irgendwie an die Vertreibung von meiner Mutter und Oma erinnert und war froh, viele Stunden später wieder im „sicheren“ West-Berlin zu sein. Damals schwor ich mir, dieses Land nie mehr wieder zu betreten. Doch drei Jahrzehnte später haben mich gerade die polnischen Mitarbeiter der staatlichen Archive und Behörden bei den Recherchen zur Familienforschung sehr unterstützt, wofür ich ihnen sehr dankbar bin.





Ein schrecklicher Sprechfehler
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3.9.  Meine Familie als Kriegsopfer – Ein schrecklicher Sprechfehler.
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Mit drei Jahren fing ich an zu stottern und das ziemlich heftig, was mich bis weit in die Pubertät begleiten sollte. Es wirkte auf mich, als wenn ich mich in einem unsichtbaren, undurchdringlichen Käfig ohne Hoffnung auf Befreiung befand. So litt ich unter starken Sprechängsten, hatte enorme Scham- und Minderwertigkeitsgefühle und stand deshalb ständig unter Stress, wenn ich mit anderen Menschen zusammentraf. Es war schrecklich belastend und frustrierend. Eine Therapie, an die meine Eltern durchaus dachten, gab es in dieser Zeit noch nicht, sodass sich mein Stottern zunehmend verfestigte. Dabei spürte ich, dass man mich nicht als vollwertigen, ernst zu nehmenden Kommunikationspartner ansah und mein Mitteilungswille immer mehr wich. Die seelische Belastung vor allem in der Schule führte dazu, dass meine Konzentrationsfähigkeit litt, denn ich war ständig mit einer komplexen Vermeidungsstrategie beschäftigt. Hierzu gehörte u.a. die Überlegung, welche Anfangsbuchstaben eines Wortes wähle ich ohne viel dabei zu stottern. Das Schlimme war, dass ich die Stigmatisierung durch die Mitmenschen und ihren gelegentlichen offenen Hohn und Spott mitbekam. Hinzu kam die Perspektivlosigkeit aus dieser sprachlichen Gefangenschaft jemals wieder herauszukommen.
 
Rückblickend mache ich als Ursache meiner Sprechstörung drei Faktoren verantwortlich: 1. meine anhaltend gestressten Familienmitglieder, in dem es kaum Chancen zur kindgerechten Kommunikation gab, was später meine Mutter ebenfalls meinte; 2. es gab ein Geburtstrauma, dass u.a. zu einer anormalen Atmung führte und 3. das Vorliegen einer genetischen Prädisposition. Gottseidank zog ich mich nicht vollständig aus dem sozialen Leben zurück, da ich mit meiner Mutter bezeichnenderweise störungsfreier sprach, was sich in meinen zahllosen Sprüchen von mir widerspiegelt, die sie notierte. Mit fünf Jahren meinte ich, wenn auch nicht ganz fehlerfrei „wenn ich groß bin helfe ich Dir, stopfe Deine Strümpfe, mache morgens Frühstück für Vati und Du kannst Dich ausruhen (…) wenn ich 100.000 Mark verdiene, gebe ich alles Dir!“ Und als ich mir noch ein Geschwisterchen wünschte, argumentierte ich „die beiden großen Ziegen (meine Schwestern) spielen ja doch nicht mit mir auf der Straße!“ Oder ich fragte fasziniert vom Erscheinungsbild unseres Hausvermieters „Mutti, ist Onkel G(...) gleich mit einer Glatze auf die Welt gekommen (Abb. 18)?“


Abb. 18: Unser Hausvermieter als angsteinflößender Weihnachtsmann mit Kaffeewärmer auf dem Kopf (1953); rechts mit seiner Frau und mir 1958; er machte mir bei Begegnungen im Treppenhaus gerne Angst „pass ja auf, im Keller ist der "Bullemann" (Kinderschreck), der steckt dich in den Sack und nimmt dich mit!“


Durch das Stottern verzögerte sich mein Ablösungsprozess von der Mutter noch mehr. Sehr gerne war ich dennoch mit Gleichaltrigen zusammen, litt aber gleichzeitig unter meiner Sprechstörung. So wehrte ich mich mit knapp vier Jahren vehement in den Kindergarten zu gehen. Obgleich sich die Betreuerin und die Kindergartenkinder sozial verhielten (Abb. 19), flehte ich unablässig darum, nicht mehr dort hingehen zu müssen, wodurch die Kinderhort-Phase nur knapp ein Jahr währte. Andererseits hatte ich auf der Straße schon mit vier Jahren meine Freunde, mit denen ich jeden Tag, außer sonntags, zusammen war. Wie in vielen Fällen legte sich das Stottern auch bei mir, wenngleich schleichend bis zum Ende meiner Pubertät. Danach litt ich unter posttraumatischen Sprechängsten, die ich erst viel später durch intensives Rhetorik-Training und berufsbedingte Auftritte vollständig verlor.


Abb. 19: (Oben) Auf dem Weg in den Kindergarten, den ich als Dreijähriger mit der Überquerung von drei befahrenen Straßen fast einen Kilometer alleine gehen musste; in meiner Gruppe hatte ich gerne eines meiner Kuscheltiere dabei und war stets sehr nah
bei der netten Kindergärtnerin (siehe Pfeil).



Familiäre Freuden
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4.  Familiäre Freuden
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Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Familienfeste, vor allem Weihnachten, aber auch die übrigen Feuertage wie Silvester, Ostern und die Geburtstage empfand ich immer als etwas Besonderes. Alle diese Feste wurden in Festtagskleidung zelebriert. Die Geburtstage galten als „Ehrentage“ des Betreffenden und es gab dafür einen festgelegten Ablauf: Hereinrufen des Geburtstagskindes, alle singen bei festlichem Kerzenlicht ein Geburtstagslied und es wurden nach der herzlichen Gratulation der Geburtstagskuchen von meiner Mutter und die verpackten Geschenke bestaunt. An den Ostertagen war morgens jeder festlich gekleidet und ich durfte Ostereier im Haus und später im Schrebergarten suchen. Mittags gab es den obligatorischen Osterlammbraten. Auch Silvester war ein Familienfest, dass wir in festlicher Robe als ich älter war bis weit nach 24 Uhr feierten. Dann gab es das Abendessen als Neuauflage des Heiligen Abends: Grünkohl mit schlesischen Weißwürsten und zuvor nachmittags „Berliner Pfannkuchen“ (Krapfen) und nach dem Jahreswechsel schlesische Mohnklöße. Ein Feuerwerk mit Raketen und Böllern stellte für mich den Höhepunkt der Silvesterfeier dar. Doch das Wichtigste des Jahres war für mich der Heilige Abend, wo ich als Kind wochenlang zuvor kaum richtig schlafen konnte und der für mich bis heute eine hohe emotionale Bedeutung hat.
Im Schrebergarten
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4.1.  Familiäre Freuden – Im Schrebergarten.
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Nach meiner Geburt pachtete mein Vater zwei nebeneinanderliegende Schrebergärten zur Selbstversorgung, die etwa drei Kilometer von unserer Mietwohnung entfernt lagen. Wir hatten nahezu alle erdenklichen Nutzpflanzen: Kartoffeln, einmal sogar Spargel, Schwarzwurzeln, Kürbisse, Salat- und Einmachgurken, Bohnen, Erbsen, Salate, Mohrrüben, Radieschen, Rettiche, Rote Beete etc. sowie alle erdenklichen Obst- und Beerensorten wie Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Zwetschgen und Pflaumen und natürlich Erdbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren sowie Sellerie, Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl, Blumenkohl, Wirsing, Fenchel, Zwiebeln und Kräuter wie Bohnenkraut, Dill, Senf, Schnittlauch, Petersilie etc. Schließlich gab es verschiedene frühe und späte Apfel- und Birnensorten zum Sofortverzehr oder auch zur Einlagerung bzw. zum Einkochen. Meine Mutter war darin Spezialistin, denn es gab fast nichts, was sie nicht einkochte und über den Winter brachte. Ich erinnere mich noch an den vollen großen Schrank im Keller unserer Mietwohnung, da ich immer die Einmachgläser mit Zwiebeln, Salzgurken, süßsaure schlesische Gurken, Pflaumen, Apfelmus, Kürbisse, viele Marmeladensorten und Mostflaschen aus dem dunklen Keller holen musste. Außerdem hatten wir dort auch eine Kartoffelkiste für das Winterhalbjahr.

 

Meine Eltern haben sich in den Nutzgärten nie ausgeruht, d.h. es gab keine Liegen o.ä., denn es wurde nur gearbeitet. Die größte Freude meiner Mutter waren die wunderschönen Blumensträuße aus dem Garten, die sie jedes Mal auf ihrem Rad neben anderen Gartenprodukten heimbrachte. Beide Gärten waren tipptopp gepflegt und erhielten wegen ihrer besonderen Gestaltung samt moderner Gartenlaube später mehrfach Auszeichnungen. In der Gartensaison war hier unser zweiter Lebensmittelpunkt, wobei ich als kleiner Junge auf dem Kindersitz vorne auf dem Rad meines Vaters mitfuhr. Er betonte immer wieder, dass ich meine Füße still zu halten habe; vergebens, bis wir beide eines Tages im hohen Bogen über das Lenkrad flogen und mit ein paar Schürfwunden davonkamen. Durch meine regelmäßigen Gartenaufenthalte sah ich den Anbau, die Pflege und Ernte der Nutzpflanzen, aber auch die Zierpflanzen und lernte die Vielfalt der dortigen Tiere kennen: wunderschöne Schmetterlinge (Abb. 1), Käfer, Maulwürfe, Mäuse, Kaninchen etc. Für die Singvögel stellte mein Vater Brutkästen auf, sodass ich die Brutpflege aufmerksam beobachten konnte. Gerne probierte ich die Nutzpflanzen roh zu essen und hatte eine Vorliebe für das junge Grün von Möhren und Kohlrabi und das Grün der Zwiebeln.


Abb. 1: Eines meiner Gartenbilder (4 Jahre); rechts im geliebten Garten mit zweieinhalb Jahren.


Als ich mit elf Jahren mein erstes Fahrrad bekam, fuhr ich in der Anlage umher, bis ich schließlich Wettrennen mit mir selbst gegen die Uhr veranstaltete und einmal schwer auf dem geschotterten Schlackeweg stürzte. Bis heute habe ich die schwarzen Schlackenreste aus der damaligen tiefen Wunde noch in meinem Knie. Vater konnte am Fahrrad alles reparieren: vom Bremsen aus- und wiedereinbauen über die Reparatur der Fahrradkette bis zum Auswuchten der „Acht“ mit dem Speichenschlüssel. Durch das Zuschauen lernte ich es am Ende selbst zu reparieren. Mit meinem Rad fuhr ich vom Garten häufig zum benachbarten Sportverein Preußen Duisburg und bot mich dort als Balljunge bei den Tennisspielern an. Schließlich trat ich in den Verein ein und spielte ein Jahr in der B-Mannschaft Hockey und nahm an Meisterschaftsspielen teil. Darüber hinaus trainierte ich auf der Aschebahn die Sprintstrecken mit dem damaligen 400-Meter Niederrheinmeister und späteren Sportjournalisten Roman Köster aus unserer Nachbarschaft.

Nach ständiger Intervention meiner Mutter erhielt ich endlich eine Sandkiste im Schrebergarten und mit drei Jahren eine Schaukel im Garten. (Abb. 2). Im dem dicht mit Kultur- und Zierpflanzen bestückten und mit kleinsten Trampelpfaden ausgestatteten Garten gab es für mich strenge Verhaltensregeln, die ich bereits als kleiner Junge pflichtbewusst einhielt. Das Schaukeln wurde nun meine Leidenschaft und ich schaffte, es am höchsten Punkt einfach abzuspringen (Abb. 2). Aber auch die neue Sandkiste weihte ich schnell ein, indem ich zum Entsetzen meines Vaters etliche große Nägel mit dem Zimmermannshammer ohne Probleme gerade hineinschlug. Ansonsten war ich bei meinem ganztägigen Aufenthalt im Garten ohne Spielzeug und mit den Pflanzen und Wildtieren beschäftigt. Später wollte ich natürlich etwas selber bauen. Nach langen Verhandlungen genehmigte mir mein Vater schließlich, dass ich aus alten Baumaterialien hinter der Gartenlaube einen kleinen Unterstand bauen durfte, den ich bei Regenwetter nutzte.


Abb. 2: (Oben) mit drei Jahren im Schrebergarten mit meinem Vater. Meine geliebte Gartenschaukel; (rechts unten) Sonntagsausflug mit Sonntagskleidung in den mehrfach prämierten Garten, 1956 (8 Jahre).

Im Urlaub meines Vaters musste ich ihm zur Mittagspause gelegentlich eine Flasche Alt-Bier aus dem Erdkeller innerhalb des Vereinshauses holen und durfte mir bei dieser Gelegenheit eine „Schlörperle“, d.h. eine Limonade mit Kohlensäure mitbringen. Dann wurde eine kurze Pause mit den mitgebrachten belegten Broten und den frisch geernteten Tomaten mit Schnittlauch, Radieschen etc. eingelegt, was er sehr appetitlich in kleinen „Häppchen“ mit seinem Taschenmesser vorbereitete. Das war dann etwas Besonders für mich. Ansonsten stillte ich meinen Durst stets am Pumpbrunnen des Gartens.
 
Eine kleine Freude hatte ich jeden Samstagabend, denn dann war „Badetag.“ Hierzu wurde eine Zinkwanne auf einem Hocker im Wohn-Esszimmer aufgebaut und das Badewasser langsam auf dem Grudeherd heiß gemacht. Und während der Badeprozedur konnte ich im Radio die Unterhaltungssendungen „Bunter Abend“ bzw. „das Wunschkonzert“ im Nordwestdeutschen Rundfunk mithören, was ich sehr mochte.



Familienbesuche
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4.2.  Familiäre Freuden – Familienbesuche.
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Die Gastfreundschaft meiner Eltern war beispiellos, was die Besuche von Verwandten, alten Kriegskameraden oder guten Freunden etc. betraf (Abb. 3). Es wurde aufgetischt, als wenn es der größte Feiertag war und mein Vater sorgte dafür, dass es stets bis zum frühen Morgen sehr schlesisch-gemütlich und feuchtfröhlich zuging. Während meine Mutter zum stillen Beobachter wurde, schwang mein Vater als „Luftdirigent“ immer wieder vor fehlendem Orchester im Stehen den Taktstock und zeigte uns bei Marschmusik den Stechschritt eines Paradeoffiziers. Dabei donnerte er durch das Wohnzimmer, sodass jedes Mal die Deckenleuchte gefährlich schwanke. Die fröhliche Stimmung, die er für alle verbreitete, genoss ich jedes Mal.


Abb. 3:  Familienbesuche bei uns daheim: a-b= mein Onkel Willi mit Frau - unvergessen sein Spruch zu mir: „aus dir wird mal nix“, c= Oma Marie, d= schlesische Bekannte,
e= meine Mutter mit mir (1952, 4 Jahre alt); rechts Kriegskamerad meines Vaters mit Familie vor unserer Mietwohnung.

Bei den Verwandtschaftsbesuchen blieb einer unvergessen; es war „Tante Mieke“, die Schwester von meinem Opa Franz und Tante meiner Mutter. Sie besuchte uns 1970 aus Frankfurt/Oder in der damaligen DDR. Sie war nach Aussage meiner Mutter „ein kinderloses unverheiratetes Mannweib, das Männer nicht mochte“. Bekannt war sie durch ihre sehr direkte Art, was mich faszinierte, denn sie meinte als so genannte Edelkommunistin „was Adolf (Hitler) vergessen hat, holt Walter Ulbricht bei uns nach!“

Eine besondere Beziehung hatte ich zur Cousine meiner Mutter, „Tante Lisa“, die trotz ihrer Kriegserlebnisse den Humor und ihre mütterliche Art behalten hatte (Abb. 4). Sie war zwölf Jahre jünger als meine Mutter, sehr kinderlieb, hatte zwei kleine Söhne und war eine richtige Frohnatur und überaus fleißige „ostdeutsche Pionierfrau“. Zu ihr fuhr ich zweimal eine Woche als Fünf- bzw. Sechsjähriger in die Eifel, wo sie mit ihrer Familie auf einem Dorf wohnte. Ihr Haus und Garten waren zur Selbstversorgung angelegt. Die Besonderheit: sie hatte auf dem Hof ein Plumpsklo, das fürchterlich stank und von vielen Fliegen bevölkert wurde – meine Sehnsucht nach dem heimatlichen Spülklosett war enorm, zumal ich schon damals ausgesprochen geruchsempfindlich war. Außerdem hielt sie Hühner und Kaninchen, die sie in meinem Beisein schlachtete. Einmal hatte sie einem Huhn auf dem Hackklotz mit dem Beil den Kopf abgeschlagen, es jedoch nicht richtig festgehalten, sodass es ohne Kopf blutend über den hohen Maschendraht des Käfigs flog. Die anderen Male ließ sie mich bei der Schlachtung eines Schweins und einer Kuh in der Nachbarschaft dabei sein. Für mich ist es bis heute unvergessen, dass man die fühlenden Haustiere vor allen anderen Stalltieren einfach abstach oder erschoss und dann direkt verarbeitete.

Es ist heute auch kaum nachvollziehbar, mit welcher Unbedarftheit und Neugier ich dort zuschaute und sogar noch mit den Schweineaugen des getöteten Schweins spielen konnte. Als Trophäe packte mir Tante Lisa den Schweif der geschlachteten Kuh bei der Rückfahrt mit ein, die meine Eltern mit großem Gelächter auspackten. Die mehrstündige direkte Rückfahrt von Jülich nach Düsseldorf machte ich als Fünfjähriger in einem Überlandbus ganz allein. Der Busfahrer wusste Bescheid und ich saß direkt hinter ihm, wobei ich in einem großen verschnürten Rama-Karton meine Kleidung und den besagten Kuhschwanz transportierte. Faszinierend war Tante Lisas Leidenschaft für Wellensittiche, denen sie stets das Sprechen beibrachte. Kam z.B. ihr Mann in die Wohnküche, schallte es aus dem Käfig mehrfach deutlich langgezogen „Dreeecksack, Dreeecksack“. Anderseits saß der Sittich gerne auf der Schulter meiner Tante und sie kommunizierten miteinander. Einmal hat sie den Vogel unbemerkt mit in den Garten genommen, wo er eine Runde flog und sich wieder zu ihr setzte. So schön wie es bei meiner Tante war, hier spürte ich abends vor dem Einschlafen zum ersten Mal, was Heimweh ist.


Abb. 4: Meine Mutter mit mir (5 Jahre) und meine „Tante Lisa“ (rechts), zu ihr fühlte ich mich stets hingezogen.


Gemeinsamkeiten und Ausflüge
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4.3.  Familiäre Freuden – Gemeinsamkeiten und Ausflüge.
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An die regelmäßigen „Spielenachmittage“ am Wochenende, vor allem in der Winterzeit und an die jährlichen Ausflüge in den Duisburg Zoo erinnere ich mich gerne (Abb. 5). Ein jährliches Spektakel stellte der gemeinsame Besuch des Groß-Feuerwerks „Rhein in Flammen“ dar, das ich mit meinen Eltern gemeinsam besuchte. Unvergessen bleiben für mich die alljährlichen Deutschen Meisterschaften im Seifenkistenrennen in Mühlheim-Uhlenhorst. Hier bekam ich eine Schirmkappe und einen Ansteckwimpel als Eintrittskarte, die ich über die Jahre sammelte. Mein größter Wunsch war, einmal eine Seifenkiste selbst zu bauen und im Wettbewerb mitzufahren, das blieb jedoch Utopie.
 
Etwas Besonderes für mich war ein Ausflug mit der „D-Bahn“ (Überlandstraßenbahn) von Duisburg HBF zum Flugplatz nach Düsseldorf-Lohhausen, um dort den Flugbetrieb auf der Aussichtsplattform mit außergewöhnlichen Langstreckenflugzeugen, wie etwa der „Super Constellation“, zu erleben. Dort trafen wir einmal Jesse Owens, den Olympiasieger im 100m-Lauf von Berlin 1936, mit dem ich ein Foto machte, was leider nicht erhalten blieb. Bei derartigen Besuchen wurde definitiv mein Fernweh geweckt - das Gefühl „die große weite Welt“ zu entdecken sollte mich nicht mehr loslassen.
 
Eine Ausnahme stellte die Teilnahme am sonntägliche „Hafenkonzert aus Duisburg-Ruhrort“ dar, das ab 6 Uhr live im WDR-Radio übertragen wurde. Dafür stand ich einmal mit meinem Vater um 4 Uhr früh auf, um mit der ersten Straßenbahn zum Veranstaltungsort zu fahren. Was ich dort mit meinem Vater in der Öffentlichkeit erlebte, empfand ich damals als peinlich und heute eher als humorig. Als begeisterter Liebhaber alter Militärmusik vergaß sich mein Vater geradezu, als das Musikkorps der Polizei seinen Lieblingsmarsch „Alte Kameraden“ spielte. Er dirigierte mit und tat so als wolle er im Stechschritt dazu paradieren - ich konnte ihn nicht zurückhalten. Andere Ausflüge wie zur Bundesgartenschau nach Köln 1957 oder in den „Grugapark“ zur Gruga-Gartenschau, die in Essen neu hergerichtet war, faszinierten mich dafür mehr (Abb. 5).


Abb. 5: Einer der Spielenachmittage (3 Jahre) hier ausnahmsweise mit meiner Eisenbahn, das Geschenk meiner Patentante Margot (1) zu Weihnachten 1951; meine Mutter mit mir (2/3), Schwester Inge (4), Oma Marie (5), Schwester Gerlinde (6); rechts im „Grugapark“ Essen 1956 mit meinen Eltern (7 J.).
Dreimal eine Urlaubswoche
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4.4.  Familiäre Freuden – Dreimal eine Urlaubswoche.
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Mit fünf Jahren fuhr ich mit meinen Eltern erstmals für eine Woche in den Teutoburger Wald. Dort waren wir preisgünstig in privaten Zimmern untergebracht (Abb. 6). Meine beiden Schwestern waren mit 16 und 15 Jahren nicht dabei, sie hatten andere Interessen und blieben daheim. Da wir trotz des Führerscheins meines Vaters nie ein Auto besaßen, erreichten wir nach über drei Stunden Bahnfahrt Bad Lippspringe und anschließend den kleinen Ort Schlangen. Auf dem benachbarten Bauernhof half ich gerne mit und hatte endlich Kontakt zu den vielen Haustieren, während meine Eltern allein einige Ausflüge machten. Im Nachhinein ist mir klar, dass ich schon damals eine Vorliebe für die Landwirtschaft besaß, da ich z.B. bei der Getreideernte gerne mithalf.


Abb. 6: Urlaub im Teutoburger Wald in einer Privatpension in Schlangen, 1954. Die Mitarbeit auf dem benachbarten Bauernhof machte mir Spaß.


Erst fünf Jahre später kam es zur ersten einwöchigen Auslandsfahrt nach Den Helder in Nord-Holland, wo wir wieder in Privatzimmern untergebracht waren (Abb. 7). Hier erlebten wir die besondere Gastfreundschaft der holländischen Vermieter, die uns einmal zu einer „Kopje Thee“ einluden und die Dame des Hauses plötzlich eine große Keksdose herausholte, sie öffnete und sagte, dass sich jeder bitte nur „een Koekje“ (einen Keks) herausnehmen darf; danach verschwand die Dose wieder im Schrank. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater Befürchtungen hatte, als ehemaliger Berufsoffizier in den Niederlanden nicht willkommen zu sein. Aber er sah sich getäuscht, zumal wir uns, wie in jedem Urlaub, sehr respektvoll gegenüber den Gastgebern verhielten. Unvergessen ist ein Strandbesuch an der windigen Nordseeküste, wo mein Vater tatsächlich im Strohhut, Bademantel und Badehose bekleidet hinlief und Aufsehen mit seinem ungewöhnlichen äußeren Erscheinungsbild erregte – ich schämte mich für ihn und hoffte, dass der Ausflug bald ein Ende hatte. Von Den Helder aus machten wir viele Tagesausflüge mit öffentlichen Verkehrsmitteln, was mein Vater wie immer perfekt organisierte (Abb. 7).



Abb. 7: (Links) Die private Unterkunft in einem Privathaus in Den Helder 1959 (10 J.); (rechts) Tagesausflug nach Scheveningen in den Miniaturpark „Madurodam“, im Bild mit meiner Mutter (siehe Pfeile).


Zwei Jahre später fand unser Urlaub auf einem oberbayerischen Großbauernhof in Sachsenkam bei Bad Tölz statt (Abb. 8). Die sprachliche Verständigung war durch den extremen bayerischen Dialekt des Bauernpaars gelegentlich schwierig. Dennoch erwachte wieder meine Liebe zur Landwirtschaft und zu den Haustieren, aber auch zur Alpenlandschaft, die ich bewunderte und lieben lernte. Die Bauersfamilie war trotz Kinderwunsch kinderlos geblieben und mochte mich sehr, weshalb ich allein in ihrem Hochzeitszimmer schlafen durfte, was traditionell eigentlich immer ungenutzt blieb. Mehr noch: sie sprachen ernsthaft mit meinen Eltern, dass ich doch bei ihnen bleiben soll - sie wollten mich tatsächlich adoptieren. Sie spürten wohl meine Freude auf dem Hof mitzuarbeiten, denn ich half gerne beim Melken, Kühe eintreiben, Milch zur Ladestation bringen, Stall ausmisten etc. Dort erlebte ich erstmals die Geburt eines Kälbchens, was mich sehr berührte.


Abb. 8: Sommer 1961 am München Hauptbahnhof mit meiner Mutter; meine tägliche Mithilfe auf dem oberbayerischen Bauernhof in Sachsenkam bei Bad Tölz (12 J.).


Trotz allem machte ich mit meinen Eltern noch Ausflüge und wir wanderten u.a. bis zum Trachtenfest nach Bad Tölz, das noch traditionell ohne Touristen gefeiert wurde. Außerdem führte uns eine Rundfahrt mit dem Autobus über Kufstein zum Achensee und wir fuhren zur Brauneck-Zahnradbahn bei Lengries. Allein die Fahrt mit der Bergbahn war damals für mich ein Abenteuer (Abb. 9). Auf dem Bauernhof kam ich zudem zu einer ganz anderen Erkenntnis, denn in der Nachbarschaft lebte ein älteres Nachbarmädchen mit beträchtlicher Körperfülle, dass mich heiß verehrte. Doch ich stellte fest, dass dicke Mädchen oder Frauen überhaupt nicht mein Typ waren (Abb. 9). Aber der Urlaub wartete noch mit etwas Besonderem auf: mein Vater erlaubte mir beim Sonntagsessen im nahegelegenen Kloster Reutberg erstmals ein kleines schwaches Landbier des Klosters zu trinken. Angeregt durch die dortige Klosterbrauerei, begann meine Sammelleidenschaft von Bierdeckeln. Am Ende hatte ich durch Tauschaktionen über 500 verschiedene Bierdeckel gesammelt, mit denen ich die Wände und Decke meines kleinen Dachzimmers tapezierte. Doch mit den ersten Freundinnen löste ich die bemerkenswerte Sammlung vollständig auf - ich fand sie plötzlich albern und irgendwie peinlich.



Abb. 9: Abends saßen wir gemütlich mit der Familie in ihrer Wohnküche zusammen (die Bäuerin, meine Eltern und die junge Verehrerin von mir); unsere Ausflüge in die Berge (hier: Brauneck bei Lengries) waren für mich als „Flachländer“ beeindruckend.



Der Heilige Abend - mein Jahreshöhepunkt
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4.5.  Familiäre Freuden – Der Heilige Abend - mein Jahreshöhepunkt.
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Dieser Tag war und ist für mich nach wie vor etwas Besonderes. Als Kind erlebte ich Weihnachten mit einer einmaligen feierlichen familiären Stimmung. Als „ostdeutsch-lutherisches Christusfest“ wurde es in heimatlicher Tradition in Festtagskleidung begangen. Es war der einzige Tag im Jahr, an dem die gesamte Familie nachmittags zur Kirche ging. Auch das Grünkohl-Essen gab es nur am Heiligen Abend. Es bestand aus einem fetten Grünkohl-Eintopf u.a. mit Weißkohl, Gänseschmalz, Bauchspeck, Schweinefleisch und Pellkartoffeln sowie geräucherten schlesischen Würsten. Hinzu kamen Krakauer, Wiener Würste und schlesische Weißwürste, die es traditionell nur am Heiligen Abend gab und eigens am Vormittag von einem schlesischen Fleischer auf Vorbestellung abgeholt werden mussten, da sie am selben Tag zu verzehren waren. Parallel gab es noch ein Eisbein mit Sauerkraut und obergäriges Alt-Bier vom Niederrhein. Rückblickend gab es in Breslau, im Heimatort meines Vaters, hervorragendes Bier, so dass er in der Nachkriegszeit zum passionierten Biertrinker wurde. Mein Vater füllte sich sein Altbierglas stets nur zur Hälfte und trank es niemals ganz aus, sondern füllte es nach, er war ein Genießer.  
 
Gegen Mitternacht wurden schlesische „Mohnpielen“ („Mohnklöße, Mohkließla“) aufgetischt. Die hatte mein Vater stets selbst mit mir zusammen zubereitet, was deshalb so bedeutend war, da er nie im Haushalt half.  Hierzu wurde frisch gemahlener Mohn in Schichten in einer Glasschale eingebracht, wobei eine weitere Lage aus fein in Scheiben geschnittenen alten Semmeln, geriebenen Mandeln, Rosinen und Zimtzucker bestand. Beiden Schichten wurden erst mit heißer Milch getränkt, bevor man weitere Lagen aufbrachte. Zu den kühl gelagerten „Mohnpielen“ gönnte sich mein Vater einen heißen Grog, während wir dazu einen Tee tranken.   
 
Jedes Mal verbreitete insbesondere mein Vater eine besondere festliche Stimmung. Er war sehr gerührt, wenn wir Kinder Weihnachtslieder sangen. Und er weinte jedes Mal still, wenn er die heimatlichen Glocken des Breslauer Doms in der Radiosendung „Glocken läuten die Weihnacht ein“ um 24 Uhr hörte. Dann spürte ich deutlich seine starke emotionale Bindung an seine Heimat und seine Erinnerung an die verlorenen Verwandten sowie seine Sehnsucht nach seiner Heimatstadt. Ich liebte „mein Hexenhaus“, das meine Mutter mir mit selbstgebackenen Lebkuchen und mit Zuckerguss gebastelt hatte (Abb. 10). Hinzu kam der Süßigkeitsteller mit Äpfeln, Nüssen, Orangen, selbstgebackenen Plätzchen und einem Schokolade-Weihnachtsmann. Die Weihnachtsgeschenke für uns Kinder bestanden in den ersten Jahren vor allem aus selbstgefertigten Kleidungsstücken, aber auch aus Spielsachen. Letztere gab es nur zu Weihnachten und vereinzelt auch zum Geburtstag. Später bekam ich gekaufte Kleidung, wie eine kurze Lederhose mit Hosenträgern.


Abb. 10: Am Heiligen Abend, (oben) 1950 (2 J.) und 1951 (3 J.) mit meinen Schwestern und dem heißgeliebten Hexenhaus auf dem Radio; (unten) 1952 (4 J.) mit meinen Geschenken Feuerwehrauto aus Blech, Kasperle-Handpuppe und hölzerne Steckbausteine.


 

Alptraum Kinderheim
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5.  Alptraum Kinderheim
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Mein schlimmstes Ferienerlebnis hatte ich als Elfjähriger bei einem sechswöchigen Aufenthalt im Kinderheim „Dünenhaus“ auf der Nordseeinsel Borkum, wo Jungen und Mädchen getrennt untergebracht waren. Der gut gemeinte Antrag meiner Mutter auf eine Erholungsmaßnahme für mich erfolgte als „Verschickung“ über das Jugendamt der Stadt Duisburg. Hierzu war jedoch eine gesundheitliche oder soziale Begründung erforderlich. In meinem Fall belegte ein Attest des Hausarztes, dass ich unter chronisch-asthmatischen Beschwerden litt und das Reizklima der Nordsee heilend wirken würde. Im „Dünenhaus“ lebten wir Jungen mit den betreuenden Schwestern zusammen, die in jeder Beziehung die „schwarze Pädagogik“ der NS-Kinderlandverschickung praktizierten (Abb. 1).
 
Es gab drei Grundregeln zum Verhalten in diesen „Kinderzuchtanstalten“: absoluter Gehorsam, extreme Sauberkeit und Pünktlichkeit. Alles das wurde mit psychischer und körperlicher Gewalt wie Isolation, Prügel und Lügen erzwungen. Bei der kleinsten Aufmüpfigkeit oder einem Fehlverhalten gab es sofort Ohrfeigen und der Umgangston hatte etwas vom Exerzierplatz. Dann musste man sich in eine Ecke oder abseits der Gruppe stellen und so lange stehen bleiben, bis man reumütig laut und deutlich bei der Erzieherin um Verzeihung bat. Unser Durst in der heißen Sommerzeit wurde nur zu den Mahlzeiten mit heißer Milch, Kakao oder Tee gelöscht. Die katastrophalen Mahlzeiten – und ich war dahingehend sicherlich nicht verwöhnt - wiederholten sich sehr oft und schmeckten allen absolut nicht. Dabei wurden wir unter Androhung von Gewalt gezwungen, unsere Teller, egal ob Vor-, Haupt- oder Nachspeisen, leer zu essen. Nackenschläge und an den Haaren ziehen setzten die Schwestern dabei als Druckmittel ein. Und wer weinte, musste sich hinstellen und wurde nach dem Thema verspottet „ein Junge weint doch nicht, das tun nur Memmen!“ Und der weinende Junge hatte bei weiterer Strafandrohung noch im Stehen damit aufzuhören. Das vollständige Aufessen der unzumutbaren Speisen gelang regelmäßig nicht allen, die dann das Essen im Stehen irgendwie herunterzuwürgen hatten, was nahezu täglich bei irgendeinem zum Erbrechen führte. Würgte man, hieß es im militärischen Befehlston „aufessen, weiteressen!“ Es war grausam, da die betreffenden Jungen fast zu ersticken drohten und sie ihr Erbrochenes selbst beseitigen mussten, derweil wir weiter zu essen hatten.


Abb. 1: Dünenhaus Borkum 1960, ein Kinderheim nach Nazi-Vorbild. Die Fotos wurden mit meiner Agfa-Box-Kamera gemacht. Es zeigt unsere Jungengruppe vor dem Kinderheim (ich bin mit einem Pfeil markiert); die Fotos unten links und Bildmitte sind im Schlafsaal aufgenommen. Im Bild unten rechts gelang mir eine heimliche Aufnahme an der Mädchen-Umkleidekabine meines unerreichten Mädchens-Schwarms Angelika.


Unvergessen sind die Schlafsäle, in denen wir als Zehn- bis Zwölfjährige noch Mittagsschlaf halten mussten. Während der absoluten strafbewährten Ruheforderung hörte ich regelmäßig einige angsterfüllte Jungen immer wieder leise weinen oder wimmern. Während der täglichen und nächtlichen Bettzeiten waren Toilettengänge bei Strafe streng verboten. Die Betten hatten wir selbstverständlich selbst zu richten bzw. zu beziehen, wobei es unter den Laken in jedem Bett eine hässliche rote Gummimatte als Maßnahme gegen das häufige Bettnässen gab, was natürlich bei einigen vor Angst und Panik vorkam.

Jeden Tag mussten wir uns nackt vor den Schwestern zum Duschen ausziehen, obwohl sich viele von uns schambehaart in der Geschlechtsreife befanden. Es war für mich der Horror. Über die sexuellen, widerwärtigen „Spielchen“ werde ich bewusst an dieser Stelle nichts weiter berichten. Unsere Postkarten an die Eltern durften nur unter Kontrolle der Erzieherinnen verschickt werden, sodass das Thema Heimweh und eine realistische Darstellung der Zustände vollkommen ausgeschlossen waren. Das Gefühl von Heimweh habe ich so intensiv danach nie mehr erlebt, abgesehen davon, dass ich permanent ein kollektives Dauerheimweh in der Gruppe spürte. Es hatte Ähnlichkeit mit der Trauer um den Tod eines geliebten Menschen, wobei die meisten die sechs Wochen wie im Gefängnis herunterzählten.

Natürlich hatte auch ich unglaubliches Heimweh und machte meiner Mutter bei meiner Rückkehr schwere Vorwürfe, mich dort die ganzen Sommerferien untergebracht zu haben. Von den sexuellen Vorkommnissen erzählte ich ihr nichts – so groß war mein Vertrauensverhältnis zu ihr auch wieder nicht. Bei den befreundeten Jungen bin ich mir sicher, dass sie darüber daheim ebenfalls nicht sprachen, frei nach dem Motto der Eltern „es wird schon nicht so schlimm gewesen sein!“ Im Übrigen waren in dieser Zeit Züchtigungen von Kindern grundsätzlich nicht verboten und von den meisten Eltern akzeptiert bzw. selbst praktiziert. Damit konnten derartige Kinderzuchtanstalten noch lange Zeit unter denselben Bedingungen weitergeführt werden. Dass man Kindern in Deutschland erst im Jahre 2000 ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, die frei von körperlicher Bestrafung, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen gesetzlich zusprach (§ 1631 BGB), löst bei mir heute noch Fassungslosigkeit aus.
Meine Freiheit als Straßenjunge
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6.  Meine Freiheit als Straßenjunge
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Für uns Kinder gab es im zerbombten Ruhrgebiet der Nachkriegszeit mit seinen vielen traumatisierten Menschen keinen kindgerechten Platz zum Spielen, weder daheim noch auf der Straße. Und dennoch genoss ich die Freiheit ein Straßenjunge zu sein. So spielte ich mit meinen Freunden bereits mit drei Jahren täglich - außer sonntags - draußen auf der Straße in einer kleinen Gruppe gleichaltriger Jungen. Hierbei kümmerte sich kein Erwachsener um uns, es gab lediglich feste Essenszeiten, die unbedingt von allen einzuhalten waren. Es war für mich ein prägendes Gefühl von Selbstbestimmtheit bei gleichzeitiger Selbstverantwortung, das bedeutete jeder hatte für die Konsequenzen seines Handelns einzustehen. Dabei wurden wir durch mehrheitliche Abstimmungen bei Spielentscheidungen demokratisiert und gleichzeitig sozialisiert. Wir wussten, was unsolidarisches und ungerechtes Handeln für Konsequenzen hatte – derjenige wurde von der Gruppe verbal angegriffen und hatte keine Chance, sich durchzusetzen. Bezeichnenderweise gab es nie tiefgreifenden Streit und nach kurzen Meinungsverschiedenheiten und ggf. Abstimmungen wurde weitergespielt. Insofern war ich auch kein Flüchtlingskind und auch mein Sprachfehler war nicht relevant, was ein Segen für mich war.
Die Straße gehört uns!
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6.1.  Meine Freiheit als Straßenjunge – Die Straße gehört uns!.
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Da es damals noch keine Kinderspielplätze gab, mussten wir uns in der trist-grauen Stadtlandschaft mit Bombenkratern, Ruinen und verwilderten Gärten in der Nähe eines zerschossenen Bunkers unsere Spielplätze selber schaffen (Abb. 1). Je nach Windrichtung kam der Gestank von Schwefel über die gelbgrauen Wolken der Fabrikschornsteine der Duisburger Stahlindustrie auf uns nieder, wobei sich auch kleine schwarze Rußflöckchen auf die Kleidung legten. Obwohl unsere Eltern alle hochdeutsch sprachen, verstanden wir schnell die Duisburger Mundart (Ruhrpott-Deutsch), zumal wir immer wieder auf Pferdefuhrwerke von Händlern trafen, die Kohlen brachten oder „Spinat, Salat, Kartöpelkes („Erpels“, Kartoffeln)“ verkauften. Mit ihnen kommunizierten wir bald in Ruhrpott-Deutsch und freuten uns über die frischen Pferdeäpfel, die wir mit bloßen Händen zu Wurfkugel formten und an Hausmauern warfen, damit sie zerplatzten.  
 
An die erschreckenden Bilder von herumirrenden Kriegsversehrten mit ihren körperlichen und seelischen Behinderungen erinnere ich mich deutlich, die wir abschätzig als „Krüppel“ bezeichneten. Die Begegnungen mit den auf Krücken hinkenden Männern, die uns gelegentlich unmotiviert und urplötzlich mit wirren oder sinnlosem Gebrülle entgegentraten, machten uns anfänglich Angst. Mit zunehmendem Alter ärgerten wir sie, da sie uns nicht fangen oder etwas anhaben konnten. So wie die zahllosen betrunkenen und obdachlosen Männer, die uns grundlos übel beschimpften und gelegentlich verfolgten. Dann flüchteten wir in einen Bombentrichter und hänselten sie von dort aus. Auch ist mir immer noch der spezielle Geruch von Kriegstrümmern und Bombenkratern in der Nase. Die meisten der vorbeikommenden Erwachsenen begegneten uns unfreundlich, denn wir sahen durch den Dreck, in dem wir spielten mussten, wie Bergleute aus, die ungewaschen von der Arbeit kamen. Unsere Markenzeichen als „Straßenjungs“ waren verschwitzte Haare, mehrfach geflickte Hosen, zerschlissene Schuhe und ein entsprechender Körpergeruch.


Abb. 1: Blick aus meinen Dachzimmerfenster 1965; unsere abzweigenden „Spielstraßen“ siehe Pfeil; im Hintergrund der ehemalige Standort der Barackenlager für die Flüchtlinge in Lagebeziehung zum Bunker mit zahlreichen Einschüssen aus dem Krieg, neben und gegenüber von unserer Wohnung befanden sich zwei von mehreren Bombenkratern (siehe „x“), die noch zehn Jahre nach Kriegsende vorhanden waren. (Rechts) In einer gestellten Aufnahme in Sonntagskleidung bin ich mit meinem neuen Roller aus Holz (3 J.) unterwegs, den ich schnell wieder ausmusterte.

Zudem waren wir immer laut und schrien beim Spielen fortlaufend – auch das war unser Kennzeichen. Insofern stellte die Anrede „du bist ein Straßenjunge“ ein Schimpfwort für die Erwachsenen dar und unsere Beziehung zu vielen Nachbarn war ständig gereizt. Sie beklagten sich gelegentlich bei unseren Eltern, was zwar einen Rüffel zur Folge hatte, am Ende jedoch erfolglos blieb. Schnell bildeten sich verschworene Straßen-Cliquen, sodass z.B. Kinder aus dem nahen Barackenlager der Flüchtlinge oder anderer Straßenzüge ausgeschlossen blieben (Abb. 1). Die „Barackenkinder“ hausten dort noch etwa 15 Jahre nach dem Krieg unter unwürdigen Bedingungen, wobei viele Eltern von ihnen resigniert hatten. Das Spielen auf den Durchgangsstraßen war mit dem zunehmenden Verkehr für uns nicht ungefährlich. Doch wir ließen uns davon nicht abbringen, denn die Straße gehörte uns. Und auch die Polizei, die immer wieder von Nachbarn gerufen wurde, ermahnte uns lediglich bitte leiser und vorsichtig zu sein.

Unsere Clique bestand aus einem festen Kern von vier Freunden, die sich gelegentlich auf sechs Kinder erweiterte, die alle in der benachbarten Straße wohnten. „Kutti“ (Kurt) war mein bester Freund (Abb. 2). Mich nannten alle „Manni“ und wir spielten zunächst Verstecken, Fangen, Völkerball, „Räuber und Schandit (Plattdeutsch = Gendarm)“, wetteiferten mit Ton- und Glasmurmeln. Bald schon folgte das „englische Fußballspielen“ mit drei Steinen und zwei Teilnehmern in Ausscheidungsspielen auf dem relativ ebenen Bürgersteig. Später wurde ausschließlich, trotz des zunehmenden Verkehrs, mit der „Leder-Pille“ leidenschaftlich Straßenfußball gespielt. Wir waren durch das tägliche Training auf Kopfsteinpflaster sehr gute „Dribbler“ mit engster Ballführung, was den damaligen Trainer des SV Duissern 23 auf uns aufmerksam machte und er uns zu einem Probetraining einlud.  Mit neuen Fußballschuhen und Trikot wurde ich als schneller Halbstürmer der B-Mannschaft bei einem zweiten Punktespiel auf rotem Aschenplatz brutal mit Ansage des Gegenspielers und unter lautem Gegröle der Zuschauer schwer gefault – mein Sturz war entsprechend blutig. Danach war für mich der Verein gestorben und ich blieb lieber beim geliebten Straßenfußball.

Vor dem Bunker unserer Straße befand sich ein Vorplatz, auf dem unglücklicherweise eine Telefonzelle war, die ausgerechnet im Bereich unseres mit Steinen markiertem Tores stand. Mein strammer Schuss war gefürchtet, sodass der Torwart lieber einen der knallharten Torschüsse durchließ, wodurch die dicke Glasscheibe nicht nur einmal mit starken Rissen übersäht war und immer wieder ausgewechselt werden musste. Auch ein offizieller Aushang der Post an der besagten Telefonzelle konnte uns nicht davon abhalten dort weiterzuspielen. Wenn uns der Hunger überkam, gab es von Kuttis Mutter (Abb. 2) „ne Kniffte“ (auch „nen Bütterken“), das als belegtes Brot natürlich besser als daheim schmeckte. Getrunken wurde „Kranenberger“, will heißen Leitungswasser. Als Kuttis Mutter von ihrer geliebten Katze Junge bekam, die sie aufzog, wollte sie mir eins davon schenken - ich war begeistert! Als ich ein Junges mit nach Hause brachte, jagte mich meine Mutter mit ihr davon und ich brachte sie unter Protest und mit Traurigkeit zurück.



Abb. 2: Mein bester gleichaltriger Freund „Kutti“ (links seine Mutter) mit mir 1952 (3.J.), mit 13 Jahren und mit 14 Jahren. Wir sammelten Zigarettenstummel, um das Rauchen auszuprobieren, was von uns schnell wieder aufgegeben wurde.

Wenn mein bester Freund einmal krank war und die anderen auch nicht zum Spielen „rauskamen“, lief ich zum Nachbarn, der einen Zwergschnauzer namens „Hollo“ hatte, um mit ihm alleine Gassi zu gehen. Der Hund war überhaupt nicht erzogen und ich hatte als Sechsjähriger keinerlei Erfahrung im Umgang mit Haustieren. Rüde Hollo hatte eine schwerwiegende Marotte: es gab keinen Baum, an dem er einfach vorbeiging, er markierte laufend. Hatte er markiert, zog er wie verrückt zum nächsten Baum - und von denen gab es in der alleeartigen Straße viele. Und wenn wir einem Hund begegneten, bekam er einen Tobsuchtsanfall und konnte auch beißen. Rückblickend fällt mir auf, dass ich schon damals sehr tierlieb war, obwohl mich ein großer Jagdhund des Nachbarn einmal freilaufend kräftig vor unserer Haustür in die Wade gebissen hatte. Dennoch hatte ich keine Angst vor Haustieren und brachte diesbezüglich viel Geduld mit.

Richtig wütend waren wir in unserer Clique, als unser Freund Elmar auf einer beschilderten „Spielstraße“ angefahren und verletzt wurde. Bei der Gerichtsverhandlung musste ich als Zeuge mit meiner Mutter als Begleitung aussagen. Der Fahrer wurde – obwohl schuldig – freigesprochen, was ich schon damals als herbe Ungerechtigkeit empfand! Elmar war für uns wichtig, da er der Einzige war, der einen Fernsehapparat zu Hause hatte. Hier wurde uns gelegentlich erlaubt, die Nachmittagsserien „Lassie“ und „Fury“ in Schwarz/Weiß anzuschauen, was für uns immer ein Highlight darstellte. Auch im Winter wurde, wenn kein Schnee lag, weiter Fußball gespielt. Bei ausreichendem Schneefall konnte ich meinen kleinen Ein-Mann-Holzschlitten nutzen und Kutti rodelte mit einem schweren eisernen Uraltmodell seines Großvaters. Hierzu mussten wir auf die höchste Erhebung von Duissern laufen, den 75 Meter hohen Kaiserberg, der parkartig angelegt war und mit der „Sedanwiese“ über eine ansehnliche Abfahrt verfügte. Später kam eine „Todesbahn“ hinzu, auf der mit alten Bobs gefahren wurde. Es war ein Riesenspaß, da ich auf dem Bauch liegend nun die Bobbahn hinunterdonnerte und wir konkurrierten, wer am weitesten in den langen Auslauf fuhr.

Wir lachten uns „krümelig“, wenn Familienväter mit ihren Lederschuhen, Hut, Mantel und Aktentasche von der Arbeit kamen und glaubten, ihren Kindern zeigen zu müssen, wie man richtig Schlitten fährt. Das war wie eine Aufforderung, uns auf unsere Art daran zu beteiligen. Es fing oft damit an, dass es den unsportlichen Vätern selten gelang, sich mit den Ledersohlen auf dem eisglatten Startpunkt ohne Sturz zu halten. Wenn es einige von ihnen tatsächlich mit ihrem Kind auf den Schlitten schafften, donnerten wir hinterher und hielten uns bei ihnen hinten derart am Schlitten fest, dass einige umkippten. Mit ihrer guten Bürokleidung kullerten bzw. glitten sie auf Bauch oder Hinterteil mit entsprechender Geschwindigkeit und unter dem lauten Hurra-Geschrei der Jungen die vereiste Piste hinunter. Und wenn ihr schöner Hut wegflog, wurde er solange von den nachfolgenden Schlitten überfahren oder mit dem Fuß weggeschossen, bis er wie „Knüllepapier“ aussah. Zuletzt fischten Jungen die zerknautschte Kopfbedeckung von der Bahn, um sie dem wütenden Besitzer zu übergeben.

Einige kinderfeindliche Nachbarn, die uns öfter wegen des lauten Fußballspielens anpöbelten, uns verjagen wollten und mit Schläge drohten, hatten es mit Kutti und mir schwer. Wir waren der Überzeugung, nichts Unrechtes getan zu haben, denn die Straße gehörte uns! Es begann zunächst harmlos mit „Schellekes“ („Schellemännchen“ = Klingelstreich) bei diesen Nachbarn. Dann musste unser Hausvermieter daran glauben, denn wir schafften es von unserem Balkon aus, ihm bei der Gartenarbeit mit gebückter Haltung eine hölzerne Wäscheklammer punktgenau auf seinen breiten Hintern zu pfeffern. Seine massive Beschwerde bei meiner Mutter und unsere pflichtgemäße Entschuldigung folgten zwar, aber er war bei uns als Kinderschreck unten durch.

Ein anderer Nachbar und Kinderfeind bekam seinen Müll wieder ins Haus zurück, indem wir heimlich die volle Tonne gegen die Haustür lehnten, „Schellekes“ machten und in unserem Versteck mit ansahen, wie unter lautem Getöse die Blechtonne in seinen Flur donnerte. Am Martinstag, wo wir nach dem St. Martins-Umzug traditionell an vielen Nachhäusern schellten und sangen, um einige Süßigkeiten zu bekommen, kam es vor, dass man es wagte, bei Anwesenheit nicht zu öffnen. In diesem Fall erlebte der Hausbewohner von uns einen in der ganzen Nachbarschaft unüberhörbaren Sprechgesang im Duisburger Platt „dat Hus dat ston uf eene Pin, der Giezhals der ston mittendrin: Giezhals… Giezhals… Giezhals!“ Es wäre zu überlegen, ein eigenes Streichebuch zu schreiben, das auch zeigen würde, wie wir mit großem Engagement und diebischer Freude bei sozialen Ungerechtigkeiten unsere Aggressionen abbauten und uns Genugtuung verschafften. Denn andererseits konnte jeder Nachbar, der sich durch uns gestört fühlte, mit uns normal sprechen und um Rücksicht nachsuchen. Das kam tatsächlich auch vor, wenn z.B. jemand krank im Bett lag, dann verlagerten wir selbstverständlich unser Spielzentrum. Wir genossen unsere Freiheit als „Straßenjungs“ und lebten sie voll und ganz aus, was mir heute noch ein tiefes Schmunzeln bereitet.


Abb. 3: Kutti links mit mir (rechts) und Schulfreund Joachim; 13 Jahre. Mit meinem ersten Fahrrad, 1961.


Als ich mein erstes, altes hergerichtetes und viel zu schweres Fahrrad 1959 zu Weihnachten bekam, war ich überglücklich, denn mein Freiheitsgefühl wurde noch einmal gesteigert (Abb. 3). Gemeinsam mit Kutti, der das Rad seiner älteren Schwester gegen ihren Willen nahm, konnten wir nun unseren Stadtteil Duissern bis in den Wald am Kaiserberg erkunden. Hier fanden wir eine Wiese, wo wir gelegentlich allein Fußball spielten oder in dem nahegelegenen Bach Salamander in mitgebrachten Gläsern fingen. Natürlich gehörten zum Spielen auch Unfälle. So hatte ich regelmäßig zerschundene Knie und Ellbogen, die mit Jod äußerst schmerzhaft durch meine Mutter behandelt wurden. Als meine Schwester Inge mich mit drei Jahren gegen meinen Willen ins Haus ziehen wollte, ließ sie plötzlich los und ich stürzte auf den Hinterkopf. Die große Platzwunde wurde ohne Vollnarkose im Krankenhaus genäht – noch heute kann ich mich an mein Geschrei, das Anherrschen der Ärzte und an eine rote ekelig riechende Gummidecke, die sie mir über den Körper gelegt hatten, erinnern - es war grausam.

In wenigen Jahren musste ich u.a. einen Schlüsselbeinbruch, einen zweimaligen Bruch des Handgelenks, starke Verstauchungen an beiden Händen, eine genähte Schnittwunde an der Handinnenfläche und einen dramatischen Nasenbeinbruch hinnehmen. Da meine Nasenscheidewand danach schief zusammenwuchs, wurde sie später im Krankenhaus bei örtlicher Narkose nochmals gebrochen und gerichtet, wobei ich die Schmerzen nach der OP bis heute nicht vergessen habe. Ein kleiner Nasenhöcker ist mir als Erinnerung daran geblieben. Andererseits „genoss“ ich meine regelmäßigen Erkältungskrankheiten mit hohem Fieber, da ich dann eine besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung meiner Mutter bekam. Und auch den Hausarzt Dr. W(...), der im Krieg verschüttet war und eine riesige sichtbare Narbe auf seiner Halbglatze trug, mochte ich gern, denn er war sehr kinderlieb. Wenn er mit seiner ruhigen Art mit mir liebevoll aber auch bestimmend sprach, fühlte ich mich sogleich besser.

Mit etwa elf Jahren gingen Kutti und ich nach dem „höschen“ (mundartlich für Fußballspielen) in die alte Gaststätte „Zur Erholung“ in Duissern, um uns eine „Limo“ (Zitronen-Limonade) zu gönnen. Dort lernten wir die Originale der Arbeiterschaft aus Duissern kennen, deren typische Konversation im „Ruhrdeutsch“ (Kumpelsprache) beispiellos war. Oder wir schauten den Rentnern zu, wie sie auf eigens aufgebauten speziellen Parkbänken „Skat kloppten“ und ständig ihre derb-komischen „Dönekes“ (unwahre Sprüche) und „Spässkens“ in Kumpelsprache losließen und „Fisematenten“ (Quatsch) machten. Wir „beömmelten“ (lachten) uns manchmal duselig und es war oft lustiger als bei der Comedy-Kunstfigur Atze Schröder – er hätte hier gratis ganze Drehbücher schreiben können. Wie überhaupt „Dick und Doof“ oder „Pat und Patachon“ u.a. aus den Stummfilmen der 1920er Jahre unsere Filmhelden waren. Diese Filme konnten wir am sonntäglichen Vormittag, natürlich in Sonntagskleidung, im „Parktheater“ für 50 Pfennig Eintritt sehen, um die wir die Eltern oftmals anbetteln mussten. Es waren Kindervorstellungen mit einem z.T. unerträglichen Gekreische und Gegröle der Kinder. Da viele Kinder immer wieder aufstanden und man dadurch nicht mehr die Leinwand sehen konnte, gab es deswegen ständig Streitereien, wobei wilde Handgreiflichkeiten nicht ausblieben. Hierin waren manchmal auch die wenigen anwesenden Eltern verwickelt, was zum Spaß mancher Kinder, gelegentlich wie „Dick und Doof live“ auf uns wirkte.

Ein anderer Höhepunkt stellte für mich Karneval dar, wo ich mich als Indianer oder Cowboy verkleidete und wir Räuber und Gendarm-Spiele machten. Da mein Vater die närrischen Tage nie mit seiner Familie verbrachte, erlebte ich die Karnevalszüge mit vielen „Karamellen“ (Karamellbonbons) zunächst nur mit meiner Mutter, die mit den niederrheinischen „Jecken“ (Narren) überhaupt nichts anfangen konnte. Später ging ich mit Kutti lieber allein, vor allem wegen der Bonbons zum „Zug“, die von den Festwagen in die Zuschauermenge geworfen wurden. Das Übel: die Zahl der Betrunkenen war enorm, die torkelnd und grölend durch die Stadt zogen. Erbrochenes lag zahlreich an den Straßenrändern und wenn stark Alkoholisierte pinkeln oder sich übergeben mussten, war das auch für uns ekelhaft mitansehen zu müssen.  Meinen Vater, der an den „drei tollen Tagen“ in seinem Element war, bekam ich in dieser Zeit nie zu Gesicht. Er war zu vielen Prunksitzungen namhafter Duisburger Karnevalsvereine eingeladen und ließ meine Mutter stets allein, obgleich Ehefrauen ebenfalls an derartigen Sitzungen teilnahmen. So verfügte er über eine große Sammlung von etwa zwanzig Karnevalsorden, die teilweise als wertvoll galten, wie z. B. der Orden der Prinzengarde der Stadt Duisburg, auf den er mächtig stolz war.

Im Übrigen waren wir nie in Schlägereien oder Handgreiflichkeiten verwickelt, die waren uns stets zuwider und die Tugenden einer Freundschaft wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Treue und Hilfsbereitschaft standen stets im Vordergrund. So fand ich beim Fußballspiel plötzlich einen goldenen Ehering, den ich umgehend bei der Polizei abgab. Dafür wurde ich mit anderen ehrlichen Findern vom Duisburger Polizeipräsidenten geehrt (Abb. 4). Es war eine sehr feierliche weihnachtlich geschmückte Veranstaltung mit viel Prominenz, wie dem Oberbürgermeister und der gesamten Führungsspitze der Duisburger Polizei. So kam für uns der „Verkehrskasperle“ und der Nikolaus und das „Deutsche Fernsehen“, was für die damalige Zeit besonders aufregend war.


Abb. 4: 1958 wurde ich vom Polizeipräsidenten Jürgensen mit Kakao bedient (im Bild); es war ein aufregendes Erlebnis bei der Polizei, die sich damals noch als unser Freund bei ihren Streifengängen in unseren Straßen zeigte (Quelle: „Duisburger General-Anzeiger“ vom 18.12.1958; die Tageszeitung wurde 1966 eingestellt).


Da das Taschengeld für eine Limo und ein paar „Sallekes“ („Klümpkes“, Bonbons) nie über den Monat ausreichte und es Süßigkeiten nur zu bestimmten Festtagen gab, mussten wir irgendwie an Geld kommen. So sammelten wir immer wieder Eisen- und Metallreste aus den Ruinen oder von den Baustellen und brachten sie zum „Schrottkerl“. Der kannte uns schon und gab uns manchmal ein paar Groschen (10-Pfennig-Münzen) mehr dafür. Als Schuljunge verdiente ich mir zudem Geld durch das Zeitungsaustragen mit dem alten Fahrrad, denn nur so konnte ich mir meinen Traum, ein neues Rad, erfüllen. Und tatsächlich schaffte ich es, das Geld für mein nagelneues Traumrad mit 5-Gang-Kettenschaltung zusammenzusparen. Ohne meinen Vater, der ein Radfan war, kaufte ich es bei dem bekannten Duisburger Fahrradhändler Dornbusch. Den lilafarbenen und verchromten Rahmen ließ ich mir mit Vorbaulenker, Rennsattel, Gepäckträger etc. zusammenstellen. Als mein Vater davon erfuhr, merkte ich zum ersten Mal, dass bei ihm eine gewisse Eifersucht vorhanden war, die ich befremdlich fand.

Nebensache Schule
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6.2.  Meine Freiheit als Straßenjunge – Nebensache Schule .
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Die Grundschule war ein großer Einschnitt für mich, da sie mir weniger Zeit am Tag für das gemeinsame Spielen mit meinen Freunden bot (Abb. 5). Der Vorteil: mein bester Freund Kutti war in meiner Klasse, aber leider ein grottenschlechter Schüler und ich tat mich mit meinem Sprechfehler schwer. Die Klassenlehrerin beschwerte sich bei meiner Mutter, dass ich während des Unterrichts regelmäßig unaufgefordert zu ihr ans Pult kam und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Warum? Beim Singen und Flüstern konnte ich mich sprachlich fließend ausdrücken. Gleichwohl hatte ich den Eintrag in meinem Zeugnis, dass ich den Unterricht regelmäßig störe. Ungeachtet dessen mochte ich unsere Lehrerin sehr, denn sie war mütterlich und sehr gepflegt u.a. mit farblos lackierten Fingernägeln und sie roch immer gut. Ich besuchte sie auch noch privat, als ich nicht mehr auf der Volksschule war. Zu Beginn der Schulstunde mussten wir in der Klasse aufstehen, wenn die Lehrerin den Raum betrat. Ihren Morgengruß hatten wir gemeinsam im Chor laut zu erwidern „Guten Morgen Frau W(…)!“ Danach hieß es stehen bleiben und wir sangen gemeinsam ein Lied und beteten. Erst auf Kommando des Lehrers setzten sich alle wieder hin. Im Übrigens lernten wir neben der lateinischen Schrift noch die deutsche Sütterlinschrift, was den althergebrachten Vermittlungskonzepten unserer Lehrer geschuldet war, die alle bereits in der Nazizeit unterrichteten.


Abb. 5: (Oben) Einschulung am 1. April 1955 in Duissern, die „Tonschule“ im Hintergrund von unserem Balkon aus aufgenommen; mein erstes Schulbuch (1954, Schwann Verlag), das ich noch immer besitze. Meine Klasse mit der Klassenlehrerin (a), mein bester Freund „Kutti“ (c) mit mir (b).

In der vierten Klasse mussten wir als Zehnjährige eine Verkehrsprüfung auf einem speziellen Übungsplatz bei der Verkehrspolizei ablegen. Hier waren u.a. Verkehrszeichen, Blechampeln, und Zebrastreifen im Kleinformat vorhanden und wir lernten mit Tretautos aus Blech bzw. Kinderrädern, den Parcours nach Anweisung eines Polizisten regelkonform zu durchqueren. Danach gab es eine schriftliche Prüfung, wobei wir die Fragen allerdings zu Hause beantworten durften. In derselben Klasse lernte ich Blockflöte spielen. Mein Auftritt in einer Flötengruppe beim Krippenspiel in der evangelischen Lutherkirche empfand ich selbst als peinlich, sodass ich das Flötespielen wieder aufgab.

Meine spätere Schulbekleidung hasste ich, da meine Mutter als „Sparfuchs“ meinte, dass ich eine große lederne Kniebundhose mit Hosenträgern wie ein bayerischer Trachtler haben musste. Da sie einen viel zu großen Bund besaß, konnte ich sie dann Jahre durchtragen. Dafür strickte sie mir eigens knielange unangenehm kratzende Wollsocken mit Zopfmuster. Da ich bei Wind und Wetter zur Schule fuhr, konnte die „Lederbuxe“ auch die Nässe ganz gut ab. Doch ich war froh, als sie mir nach über zwei Jahren nicht mehr passte, da ich sehr schnell wuchs. Unabhängig davon meinte mein Vater mir „Waterproof-Schuhe (Trachtlerschuhe)“ kaufen zu müssen, die so schwer wie Arbeitsschuhe waren – auch sie waren mir ein Greul.

Meine Mutter achtete darauf, dass ich Bücher las, was mir durch Erich Kästners „Emil und die Detektive“ auch gelang. Und schon damals zeigte sich mein Interesse an kriminalistischen Vorgängen und Zusammenhängen. So war natürlich „Meisterdetektiv Kalle Blomquist“ in der sonntäglichen Vorlesestunde im Hörfunk des WDR ein Muss für mich. Aber auch die Abenteuer von Tom Sawyer konnte ich irgendwie nachvollziehen, wenngleich ich mich dabei bei den langatmigen Beschreibungen von Vorgängen und Situationen gelegentlich langweilte. Ein anderes Thema waren für mich Sachbücher: so kannte ich über das „Flaggenlexikon“ viele ausländische Nationalflaggen und las gerne Jugendlexika oder blätterte einfach im Bertelsmann-Lexikon.
 
Auf Grund meines Sprechfehlers konnte ich durch die diesbezügliche Empfehlung der Klassenlehrerin „nur“ die Knaben-Realschule besuchen, deren schriftliche Aufnahmeprüfung ich gut bestand. Die Freiherr-vom-Stein-Realschule lag knapp vier Kilometer vom Wohnort entfernt und war mit der Bahn oder mit dem Fahrrad gut zu erreichen. An der mit alten Nazi-Lehrern besetzten Knabenschule war körperliche Gewalt durch das Lehrpersonal völlig normal. Als „stilles Wasser“, das bekanntlich tief ist, kam ich als einer der wenigen Mitschüler ohne sitzenbleiben mit teilweise schlechten Schulnoten durch. Bereits im 1. Schuljahr (5. Klasse) wurde ein Schüler derart vom Englischlehrer mit der Faust, unter lautem Protest einiger Mitschüler, zusammengeschlagen, dass er mit dem Kopf an die Tafel schlug und zusammenbrach. Der blutende Schüler stand wieder auf und griff den Lehrer mit Fäusten an, der seinerseits gegen die Tafel flog – es war grausam für mich. Und nicht etwa der Lehrer, sondern der Schüler musste die Schule verlassen.
 
Es gab mehrere Typen dieser Sorte Lehrer. Für mich unvergessen ist der hagere lange Mathe-Lehrer, der mit seinem angespitzten roten Bleistift seines Notenheftes durch die Reihen marschierte und mit der Bleistiftspitze unvermittelt und grundlos auf der Kopfhaut eines Mitschülers kratzte. Aber nicht nur er machte die Schüler psychisch fertig. So würde ich etwa die Hälfte des Lehrpersonals als Psychopathen bezeichnen, von denen wohl alle am 2. Weltkrieg teilgenommen hatten und in Gefangenschaft waren. Einer von ihnen war besonders gefürchtet: er war ein einarmiger brutaler Schläger, der mit seiner Prothese erst kräftig Schwung holte, um dann mit dem gesunden Arm derart hart ins Gesicht zu schlagen, dass viele Schüler zu Boden fielen und vor Schmerzen weinten. Auch ich war einmal betroffen, als ich nicht verraten wollte, wer die Schwammwerfer meiner Klasse waren. „Neugebauer“ schrie er mich an, „wer war es, sag mir die Namen?“ „ich weiß es nicht!“ antwortet ich leise, „hast Du Angst?“ schrie er mich dicht vor meinem Gesicht mit eiskaltem Blick an. Meine kurze Antwort „nein“, dann nahm er Schwung und es krachte fürchterlich in meinem Gesicht, das rot geschwollen anlief. Wie üblich bekam die ganze Klasse eine Strafarbeit. Irgendwie war ich jedoch stolz, stehen geblieben zu sein, nicht zu weinen und kein Verräter zu sein! Eine Beschwerde meiner Mutter beim Schuldirektor blieb, wie alle anderen Beschwerden von Eltern, erfolglos.
 
Derartige soziale Ungerechtigkeiten, die ich dort nahezu täglich erlebte, brauchten unbedingt ein Ventil. Und so gehörte ich zu einer Gruppe von etwa vier Mitschülern, die in den Pausen Rambazamba machten. Einen bärbeißigen Lehrer, der im Pausenhof Aufsicht führte, bewarf ich zielgenau aus dem Klassenzimmerfenster des zweiten Stocks mit einem wassergefüllten Plastikbeutel. Der Jubel vieler Schüler blieb nicht aus, wobei der Lehrer Gottseidank unverletzt blieb und ich nicht verraten wurde. Mit unserem kurzsichtigen, streng katholischen Klassenlehrer hatten wir zahlreiche Vergnügungen. So stibitzte ein ständig hungriger Schüler immer wieder während der Stunde unbemerkt die Pausenbrote und Pulmoll-Hustenbonbons des Lehrers vom Lehrerpult, die er anschließend auf seinem Platz genüsslich verspeiste. Oder ich hatte die Idee, das zum Biologieunterricht hereingeholte Modell des menschlichen Skeletts mit Mantel, Hut, Schal des Lehrers zu bekleiden und mit farbigen „Kreideaugen“ etc. auszustatten, um es am Kartenständer hängend unter der Decke zu positionieren. Natürlich hielten alle zusammen und es gab auch dafür kollektive Strafarbeiten. Die hielten uns jedoch nicht davon ab, in den Pausen mit nassen Tafelschwämmen und Tafelkreide ganze Schlachten zu veranstalten.
 
Über die zahlreichen Streiche, an denen ich immer maßgeblich beteiligt war, könnte ich ein eigenes Buch in Ruhrdeutsch schreiben. Denn die Mitschüler, die fast alle aus dem Arbeitermilieu stammten, kommunizierten untereinander weitgehend in „Ruhrdeutsch“, was mit den entsprechenden Aktionen an Komik kaum zu überbieten war. Die Akteure selbst blieben während des Unterrichts bei ihren trockenen Kommentaren in Duisburger Mundart, derweil andere Freunde ihre Köpfe nicht selten in die Schultaschen steckten, damit der Lehrer ihr Gelächter nicht hören sollte. Da der Unterricht von allen Lehrern und Schülern in akzentfreiem Hochdeutsch standfand, wirkten die Mundart-Kommentare umso krasser.
 
Noch ein Beispiel für den Klassengeist: unser Klassenlehrer, der fünf Kinder hatte, aber eigentlich Kaplan werden wollte, lehrte uns Deutsch, Musik und Biologie (Abb. 6). Er war erstaunlicherweise einer der ersten Lehrer, der uns mit 12 Jahren im Biologieunterricht sexuell aufklären wollte. Ohne auf die humoristische Seite seiner verzweifelten Aufklärungsversuche als strenger Katholik einzugehen, war dennoch sein Sexualkundeunterricht in Schulen völlig neu und eine Sensation. Als stark kurzsichtiger und gelegentlich etwas schusseliger Lehrer hatte er in einer dieser Stunden vergessen, seinen Hosenstall zuzuknöpfen, durch den man sein weißes Oberhemd blitzen sah. Er lehnte sich bei seinem Vortrag gerne an die erste Pultreihe an und wippte dabei immer wieder vor und zurück. Der betreffende Schüler vor ihm flegelte sich unbemerkt so auf die Tischplatte, dass sich sein Gesicht direkt vor seinem offenen Hosenstall befand. Nicht Lachen zu dürfen, kann brutal sein und das gelegentliche Prusten und verklemmte Brüllen nahezu aller Schüler bezog er auf seine Aufklärung, woraufhin er uns mit saftigen Strafarbeiten eindeckte. Als er in der Pause das Klassenzimmer verließ und keiner ihn auf das Dilemma hinwies, kam es auf seinem langen Weg ins Lehrerzimmer zu einem „Schaulaufen“, denn die Parallelklassen wussten, dass wir Sexualkundeunterricht bei ihm hatten.
 
Unser Klassenlehrer war überhaupt ein spezieller Lehrertyp, er trug seinen Hut stets im Nacken (Abb. 6) und seine mächtigen hohen Schnürschuhe hätte er zum Fallschirmspringen nutzen können. Sie passten definitiv nicht zu seinem Anzug. Da er passionierter Jäger war, machten wir immer wieder Ausflüge in den Duisburger Wald und er erklärte uns die Fährten von Wildschweinen oder zeigte uns den Waldkauz, den wir ohne ihn nicht wahrgenommen hätten. Zudem sah er sich als begabter Klavierspieler und lehrte uns am Flügel der Aula im Fach Musik das Singen. Hier hatte ich mein Aha-Erlebnis, denn mein Sprechfehler war beim Singen verschwunden und ich war plötzlich Vorsänger, sodass er mich an den gemischten „Duisburger Kinderchor“ mit einer professionellen Chorleiterin des Duisburger Stadttheaters weiterempfahl. Mit diesem Chor übten wir wöchentlich und hatten mehrere Auftritte, zudem war ich auch hier Vorsänger der Knabengruppe.  Doch meine Chorauftritte währten nur gut ein Jahr. Bei einem unserer wöchentlichen Schulgottesdienste verlor ich als 12-Jähriger plötzlich meine hohe Knabenstimme. Der Stimmbruch war ein Schock für mich und meine verzweifelten Versuche, meine Singstimme wiederzufinden, scheiterten kläglich. Da wir im Chor nach Noten singen konnten und ein gutes musikalisches Gehör hatten, empfand ich meine neue Männerstimme zum Grausen – das hat sich bis heute nicht geändert.



Abb. 6: (Oben) Lehrer unserer Klasse 1963, im Vordergrund mein besagter Sportlehrer.
(Unten) Klassenausflug mit dem Klassenlehrer (siehe Pfeil) 1962, halb verdeckt bin ich zu sehen (siehe “x“).


Eigentlich sollte unser Schullandheimaufenthalt in Neuastenberg (Hochsauerland) ein Highlight sein (Abb. 7). Die Erinnerung an die Erlebnisse sind so vielfältig, wie es wohl nur bei einer Knabenklasse sein kann. Am Ende hatte ich 42 Grad Fieber und lag die letzten Tage mit Wahnvorstellungen in einer Abstellkammer ohne Fenster im Bett. Mich hatte eine massive Nierenbeckenentzündung erwischt, wodurch für mich der Aufenthalt denkwürdig beendet war. Bereits ein Jahr zuvor gab es für mich als Zwölfjähriger einen Einschnitt. Mein Vater hatte eine Nierenstein-Operation und er bekam eine schwere Lungenembolie. Obwohl sein Leben am seidenen Faden hing und meine Mutter zwei Nächte im Krankenhaus blieb, war mir der Ernst der Situation nicht bewusst, mit einem Mal keinen Vater mehr zu haben. Aber das sollte ich ein paar Jahre später noch als Trauma erleben.

Abb. 7: Schullandheim-Aufenthalt September 1962 im Hochsauerland; der Klassenlehrer läuft hinterher und ich durfte die Fahne tragen; an eine vernünftige Nachtruhe konnte keiner im Heim denken (ich im Oberbett, s. Pfeil).


Das Positive an unserer Schule waren zwei Sportlehrer, die es ernst mit uns meinten. Einer von ihnen brachte uns das Basketballspielen bei, was damals noch weitgehend unbekannt war. Er gab an, es in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in den USA gelernt zu haben. Nach seiner Entlassung hat er dazu beigetragen, diese Ballsportart als Trainer am Niederrhein einzuführen. Er meinte „keiner von euch verlässt die Schule ohne Freischwimmer – jeder kann schwimmen!“ Vorrausgeschickt sei, dass mein Vater als sehr guter (Rettungs)Schwimmer mir nicht das Schwimmen beibrachte. Die Initiative ging von meiner Mutter aus, die als Nichtschwimmerin mit riesigen Schwimmringen versuchte mir im Hallenbad das Schwimmen beizubringen, bis schließlich ein Schwimmlehrer für sie einsprang. Mein Vater wollte sich nur einmal im Hallenbad vor mir präsentieren, indem er mit wollener Badehose einen tollen Kopfsprung vom Dreimeterbrett absolvierte und dabei die Badehose verlor. Aber wie ein Profi blieb er unter Wasser, tauchte nach ihr und zog sie unter dem Beifall einiger Badegäste noch im Tauchvorgang wieder an. Als ich als Elfjähriger das Fahrtenschwimmen schaffte, meinte mein Vater, dass er mich zum Training bei den Wasserballern des mehrfachen Deutschen Meisters DSV 98 (Duisburger Schwimmverein) anmelden müsste. Nach einigen brutalen Übungsstunden in der Schwimmhalle und beim „Anschwimmen“ zur Schwimmsaison im eiskalten Wasser des Wedauer Bertasees bei 12 Grad Wassertemperatur hatte ich buchstäblich die Nase voll und meldete mich wieder ab.

Unser Schwimmlehrer meinte, dass ich mit ein paar anderen Schülern das DLRG-Rettungsschwimmer-Abzeichen machen sollte. Dafür sollten wir ein „sehr gut“ im Fach „Schwimmen“ im Zeugnis erhalten. Mit 14 Jahren wurde ich plötzlich ehrgeizig, zumal mir mein Vater obendrein noch 50 Mark dafür versprochen hatte. Obgleich das Tauchen nicht meine Stärke war, schaffte ich schließlich den anspruchsvollen Grundschein (Abb. 8). Zuvor animierte mich derselbe Sportlehrer bei den Bundesjugendspielen auf besondere Weise: ich schaffte die 100 Meter in 12,0 Sekunden handgestoppt auf der Aschenbahn zu laufen, sprang 5,65 m weit und der 200g schwere Schlagball flog bei mir auf 66 Meter. Und so erhielt ich bei den Bundesjugendspielen die begehrte Ehrenurkunde. Weiter meinte er, die „Ehrenurkundler“ müssten alle das Sportabzeichen machen; auch das gelang mir (Abb. 8). Als der andere Sportlehrer, der Trainer im Duisburger Ruderverein war, meinte, uns zwei Größten der Schulklasse in einen Leichtgewichtszweier mit Steuermann zu setzen, habe ich erlebt, wie körperlich brutal das Sportrudern ist und gab das Vorhaben wieder auf.


Abb. 8:  Urkunden aus dem Schulsport, das Sportabzeichen mit 13 Jahren, der DLRG-Grundschein mit 14 Jahren.


Die Abschlussfahrt vor dem Schulabgang 1965 (Abb. 9) führte uns in die kirchliche Stiftung Bethel bei Bielefeld. Die Stiftung war der Nachfolger, der aus der Nazizeit berüchtigten Bodelschwinghschen Anstalten für Menschen mit geistigen und körperlichen Schwerstbehinderungen, schweren Fehlentwicklungen und Deformierungen. Diese Fahrt sollte für alle unvergesslich sein, denn sie war zutiefst bewegend. Was wir dort an menschlichem Elend erlebten führte dazu, dass sich einige Freunde übergeben mussten. Der leitende Arzt erklärte uns sachlich und unberührt, warum einige Patienten in geschlossenen Räumen waren und woran sie im Detail litten. Die Bilder von ständig brüllenden Patienten gingen mir nie mehr aus dem Kopf.


Abb. 9: Meine Abschlussklasse an der Freiherr-vom-Stein-Realschule mit unserem Klassenlehrer 1965.



Auf dem Weg zum Mann
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6.3.  Meine Freiheit als Straßenjunge – Auf dem Weg zum Mann.
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Alles begann mit meinen Schwestern, die beide als sehr gute Tänzerinnen den modernen Tänzen wie Boogy-Woogy, Rock´n´Roll, Mambo, Samba etc. in den Tanztees der Tanzschule der 1950er Jahre leidenschaftlich nachgingen. Ihre Freunde durften mehrmals zu uns kommen und brachten ihren tragbaren Schallplattenspieler mit. Die entsprechenden Songs von Bill Hayley, dessen Haarlocke meine Schwestern mir gerne legten, Fats Domino, Elvis, Jerry Lee Lewis, Little Richard und Chuck Berry liegen mir noch heute im Ohr. Bei diesen Treffen durfte ich die Platten auflegen, während die Schwestern mit den Jungen „abrockten“, dass die „Bude wackelte“. Meine Mutter setzte sich dabei gegen den Widerspruch meines Vaters durch, der dies als „Hottentotten-Musik“ verabscheute. Als wir Weihnachten 1962 ein TK 45-Tonbandgerät von Grundig bekamen, nahm ich es schnell in Besitz. Da der englische Radiosender BBC perfekt empfangen werden konnte, nahm ich über ein Kofferradio jede Woche die englische Top 20 Hitparade mit den neuesten internationalen Beatsongs mit dem Mikrofon des Tonbadgerätes auf (Abb. 10).


Abb. 10: 1961 hatte die Pubertät bei mir voll eingesetzt und es gab einige Mädchenbekanntschaften, rechts mit meinem geliebten Kofferradio in meinem Zimmer.

Mit 12 Jahren wurde ich zeugungsfähig und hatte den großen Wunsch nun schnell ein Mann zu werden. Was mir fehlte war nur ein stärkerer Bartwuchs, worüber ich mich sehr lange ärgerte, denn ich wäre sicher ein Bartträger geworden. Andererseits machte mir meine Körpergröße zu schaffen, denn ich war mit 15 Jahren bereit 1,89 m groß und betete, nun nicht mehr zu wachsen - es sollte meine Größe bleiben. Meine Mutter meinte mich mit 12 Jahren aufklären zu müssen, allerdings mit unklaren Aussagen, die mich nicht so richtig weiterbrachten. Auch besagter Klassenlehrer hatte im Biologieunterricht so seine liebe Not und erzählte uns aus seiner streng katholischen Glaubensrichtung allerlei Fragwürdiges. So z. B. dass eine sehr häufige sexuelle Bestätigung als Heranwachsender zur Unfruchtbarkeit im Alter führt. Der aufgeschlossene evangelische Pfarrer, selbst Vater von drei Kindern, war da viel direkter und betonte aber den emotionalen Bereich. Wir waren die ersten Konfirmanden, die erst durch Einverständnis aller Eltern an der „Aufklärungsveranstaltung“ nach Jungen und Mädchen getrennt bei ihm teilnahmen. Er hatte sich in diesem Fall gegen das konservative Presbyterium durchgesetzt. Er war ein moderner weltoffener Pfarrer, der uns im Pfarrhauskeller Tanzpartys mit Beatmusik und Schülerbands feiern liess. Das währte jedoch nicht lange, denn er wurde alsbald ins Sauerland versetzt. Letztlich blieben Mädchen wie Jungen, trotz der gut gemeinten Aufklärung, sexuell vollkommen verklemmt.

Während mein bester Freund Kutti auf der Volksschule blieb, wechselte ich auf die Realschule. Dadurch trennten sich unsere Wege nach der gemeinsamen Konfirmation allmählich (Abb. 11), was mit meiner anschließenden Lehrzeit und dem Studium besiegelt wurde. Hinzu kamen eine neue Freundesgruppe aus der Realschule, die ersten Flirts mit gleichalterigen Mädchen und die Tanzschule. Obgleich ich an weiblichen Freundschaften interessiert war, glaubte ich irgendwie immer an die eine Frau, die ich unbedingt suchen musste. Und so stand ich immer wieder an meinem Dachzimmerfenster und fragte sehnsüchtig „wo bist Du?“ Einige Jahre später sollte ich erfahren, dass sie bereits lange Zeit ganz nah bei mir war.



Abb. 11: (Oben) Meine Konfirmation 1962 in der Lutherkirche Duisburg-Duissern (a, 13 J.) mit meinem besten Freund Kutti (b) und meinen ersten Flirts Marlies (c) und Heidi (d); (unten) das letzte Foto von Kutti und mir zur Konfirmation vor seinem Haus – er hatte im Konfirmationsanzug unsere „Lederpille“ dabei.


Eine für mich gerne praktizierte Freizeitbeschäftigung war das Tanzen (Abb. 12). In jeder Abschlussklasse unserer Realschule wurde ein 12-wöchiger Tanzkurs mit Doppelstunden von einer Tanzschule angeboten. Der Grundkurs fand jeden Samstagabend in der Tanzschule Paulerberg in Duisburg statt und bestand aus „Anstandsunterricht“, einigen Standardtänzen und lateinamerikanischen Tänzen, die mit den Grundschritten gelehrt wurden. Hinzu kamen die modernen Tänze nach der neuesten Beatmusik, wie Blues Boogy, Madison, Shake, Chicken und Twist (Abb. 13). Der Hit war dann der „Tanztee“, der jeden Sonntag unter Aufsicht der Tanzlehrer stattfand. Hier traf man sich mit anderen Tanzpartnern und durfte sogar die Musikstücke wählen. Die auszubildende feste Tanzgruppe hatte eine gleiche Anzahl beiderlei Geschlechts, sodass die Tanzpaare vollständig zusammengestellt werden konnten.


Abb. 12: Schon früh lernte ich von meinen Schwestern die Begeisterung für das Tanzen, 1956 (8 J.) mit Schwester Gerlinde und zu meinem 16. Geburtstag mit meiner Schwester Inge beim Madison.


Es herrschte in der Tanzstunde „Krawattenzwang“ und Anzugpflicht, wobei blitzblanke Schuhe mit sauberer Ledersohle für den Parkettboden Pflicht waren und ggf. bei schlechtem Wetter separat mitgebracht und in einem Vorraum angezogen wurden. Der Kurs wurde stets vom Ehepaar Paulerberg durchgeführt, das uns die Tanzschritte für den führenden Herrn und für die Damen getrennt zeigten, während sich die Schüler alle im Halbkreis um sie gruppierten. Daraufhin nahm sich das Ehepaar jeweils eine Vortänzerin bzw. einen Vortänzer aus der Gruppe. Jedes Mal wählte mich die attraktive Frau Paulerberg dazu aus, da ich angeblich am besten tanzte. Es war für mich ein Genuss, mit der ehemaligen deutschen Vizemeisterin der Profitänzer zu tanzen. So lernte ich gleichzeitig von ihr die neuen Schritte spielend. In jeder Stunde wurden einige Anstandsregel gelernt, wie die Aufforderung der Dame zum Tanz oder wie man beim Hinsetzen den Stuhl für die Dame zurechtstellt etc., was als Zulassung zum Mittelball abgefragt wurde (Abb. 13).

Irgendwie lustig wurde es zum ersten Mal bei der Aufforderung zum Tanz. Schülerinnen und Schüler saßen sich getrennt an einer Seite des Saals gegenüber und warteten auf die Aufforderung des Tanzlehrers an die Herren, sich mit angemessenem Schritt zu den Damen ihrer Wahl zu begeben. Dass dann plötzlich zahlreiche meiner Klassenkameraden versuchten, als Erster vor einer Tanzschülerin zu stehen, endete wie im Spiel „die Reise nach Jerusalem“.  Mit einem Klassenkameraden hatten wir diesbezüglich einen Sprinter unter uns, der mit seinen Lederschuhen glaubte Spikes zu besitzen und das erste Mal gleich dementsprechend blitzartig startete; doch er fiel und sauste wie bei einer Schussfahrt bei tosendem Gelächter bäuchlings bis zur Partnerin.


Abb. 13: Mittelball 1965, oben links Tanzlehrer Paulerberg befragt seine Schüler nach den Anstandsregeln; meine Tanzpartnerin neben mir bei einem der obligatorischen Tanzwettbewerbe (s. Pfeil), da sie groß war, aber schwer zu führen; „Püppi“ (siehe x) war die Tochter unseres Geschichtslehrers und meine Lieblingspartnerin.


Meine Tanzpartnerin wurde mir für den Mittel- und Abschlussball wegen der passenden Größenverhältnisse zugeteilt. Sie war zwar hübsch, aber zugleich körperlich ziemlich steif und ließ sich schlecht zu führen, was man auf dem Foto mit dem von mir deshalb hochgezogenen Kleid erahnen kann (Abb. 13). Meine absolute Favoritin war „Püppi“, mit der ich mich gerne bei den sonntäglichen Tanztees traf. Wir konnten eigene Tanzschritte fehlerfrei improvisieren und es machte großen Spaß mit ihr –sie hatte immer gute Laune. Ich mochte sie sehr und traf mich mit ihr auch privat in einem Bistro. Doch es gab ein Problem: ihr Vater war mein Geschichtslehrer und da waren die Hemmungen beiderseits viel zu groß. Beim Abschlussball gehörte ich zu einer Formationsgruppe, in der wir die neuesten modernen Tänze wie Slop, Letkiss, Madison und Hully Gully vorführten. Die Choreographie wurde an besonderen Trainingstagen vom Sohn des Tanzlehrers mit uns einstudiert. Im großen Saal des renommierten „Duisburger Hofs“ fand der Abschlussball mit festlichen Ballkleidern unter dem Beisein der ebenfalls festlich gekleideten Familienangehörigen statt. Mich begleiteten meine Eltern und meine Schwester Inge, die als gelernte Turniertänzerin mit mir dort tanzte.
Meine fragwürdigen Schwager
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6.4.  Meine Freiheit als Straßenjunge – Meine fragwürdigen Schwager.
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Als „Nesthäkchen“ und frühreifer Junge habe ich vieles von den Freunden meiner beiden Schwestern durch heimliches Belauschen mitbekommen. Um es vorweg zu nehmen: beide Schwager habe ich auf ihre Art damals als Chauvinisten und Choleriker wahrgenommen. Als Erste hatte Schwester Gerlinde ihre ernsthaften männlichen Verehrer. Sie arbeitete mit 18 Jahren als Sekretärin in einer Versicherung und lebte noch bei uns. Allerdings sprach sie kein einziges Wort mit meinen Eltern, wobei ihr Grund dafür mehr als fragwürdig für mich war. Sie kommunizierte sporadisch durch uns Geschwister mit ihnen. Diese Kommunikationsweise währte etwa zwei Jahre, wobei die daraus resultierende Stimmung die restliche Familie stark belastete. Es gab hierzu keinen wirklichen Anlass und auch meine „Tante Lisa“ (Kap. 4, Abb. 4) war damit überhaupt nicht einverstanden und versuchte vergeblich auf Gerlinde Einfluss zu nehmen. Meine Schwester ignorierte die friedlichen Kommunikationsversuche meiner Mutter, wobei mein Vater sie schließlich aus dem Hause werfen wollte. Meine Mutter konnte das in Streitgesprächen mit ihm immer wieder verhindern, doch ich wäre froh gewesen, wenn die Schwester endlich das Haus verlassen hätte. Für mich blieb meine Schwester bis heute eine Egozentrikerin, die mit ihrer Gefühlskälte noch für viel Ärger in der Familie sorgen sollte.

Sie durchbrach ihre Sprachlosigkeit gegenüber den Eltern erst, als sie ihren Auserwählten, meinen zukünftigen Schwager T. mit nach Hause brachte. Er war der einzige Sohn eines einflussreichen reichen erzkatholischen Fabrikdirektors aus Süddeutschland, in dessen Villa angeblich Adenauer verkehrte. T. hatte als beruflicher Versager mit seinem dominanten Vater erhebliche Probleme, der ihn aber durch seine Kontakte in hohe Positionen der Industrie beförderte. Ich empfand ihn uns gegenüber als unverschämten eingebildeten Schnösel mit einem unglaublich großen Mundwerk, der sehr zynisch und zugleich cholerisch sein konnte. Er missbrauchte die Gastfreundschaft meiner Eltern, indem er immer wieder aus der Rolle fiel.  So beschimpfte er u.a. meinen Vater als „billigen kleinen Beamter“. Schlussendlich warf ihn mein Vater gegen den Willen meiner Mutter aus dem Haus und erteilte ihm Hausverbot. Zuvor bezeichnete er mich regelmäßig als „Milchbubi“ und signalisierte mir bei unserer Begrüßung stets sexistische Handzeichen, die ich fürchterlich hasste. Meine Wut über ihn und meine Schwester entlud sich über meine Karikaturen und ich wünschte mir älter zu sein, um diesem aufgeblasenen Möchtegern einmal ordentlich die Meinung zu sagen, zumal mich meine Schwester Gerlinde auch nicht in Schutz nahm und sich über sein Verhalten obendrein noch amüsierte (Abb. 14).


Abb. 14: (oben) Karikaturen von mir 1961, die den zukünftigen Schwager als Pfeifenraucher und Clown zeigen, rechts meine Schwester als Gans. Unten: Mein Schwager in spe (27 J.) mit Schwester Gerlinde (23 J.) und mit mir (11 J.); rechts ein Jahr später bei uns auf dem Balkon, er lümmelte sich wie immer diesmal auf einer Liege, während meine Schwester und Mutter (40 J.) sein fragwürdiges Benehmen stets wortlos hinnahmen.


Die Heirat mit ihm brachte meiner Schwester Wohlstand. Dafür musste sie allerdings zum katholischen Glauben übertreten, was ihr reicher Schwiegervater von ihr als Bedingung verlangte. Selbstverständlich durften meine Eltern und ich wegen unseres gesellschaftlichen Status bei der Hochzeit nicht dabei sein, derweil meine Schwester Inge mit ihrem akademischen Freund Walter eingeladen war. Ich empfand das als tiefe Demütigung, was mich sehr lange emotional verfolgte. Die Steigerung kam für mich zur Taufe ihres ersten Kindes, meiner Nichte Barbara in Duisburg. Als zwölfjähriger Onkel musste ich allein zu Hause bleiben, während die übrigen Familienmitglieder in der ca. zwei Kilometer von unserer Wohnung entfernt liegenden katholischen Kirche dabei sein durften. Ich kam mir sehr minderwertig und alleingelassen vor, da keiner meiner Familie für mich einstand oder mir eine plausible Erklärung abgab, warum man mich nicht mitnahm. Es dauerte auch nicht lange, da wiederholte sich der Familienkrach mit meinem Schwager T. und meinen Eltern, d.h. sie durften ihre Enkeltochter nicht mehr sehen. Meine Mutter bat mich inständig den Kontakt zu meiner Schwester zu halten, was ich allein ihr zu Liebe tat. So besuchte ich sie, wenn mein Schwager bei der Arbeit war und lernte dadurch erstmals meine Nichte kennen. Doch es blieb bei den wenigen Besuchen, denn meine Schwester redete mir gegenüber immer wieder abfällig über unsere Eltern, was ich nicht ertrug und den Kontakt auch wegen ihrer überheblichen Art mir gegenüber schließlich abbrach.  

Während mein Vater den Schwiegersohn, seine Tochter Gerlinde und seine Enkelkinder bis zu seinem Lebensende nicht mehr sah, wollte meine Mutter ihre Tochter und ihre Enkelkinder nicht verlieren. Das führte dazu, dass sie in meinem Beisein ein unvergessliches Telefonat mit ihrem Schwiegersohn Thomas führte und ihm auf Grund seines unverschämten Benehmens in unserer Familie ordentlich die Leviten las. Das machte sie jedoch in einer sehr souveränen und geradezu vorbildhaften Art und Weise, was auch mir eine gewisse Genugtuung verschaffte, nur geändert hat sie damit an dem gestörten Verhältnis zum ihm letztlich nichts.

Meine Schwester Inge trat plötzlich aus dem Schatten ihres Mauerblümchendaseins heraus und entwickelte sich zu einer attraktiven jungen Frau, die zahlreiche Verehrer hatte (Abb. 15). Wir beide kommunizierten wie erwachsenen Geschwister miteinander, obwohl ich erst zwölf Jahre alt war, was ich sehr genoss. Allerdings hatte sie sich als Drogistin und Diplom-Kosmetikerin in den Kopf gesetzt, unbedingt einen Akademiker heiraten zu müssen. Ein verhängnisvoller Irrtum, wie sich später herausstellte. Sie fand ihr Idealbild in dem konservativen W(...) aus Bayern, der als Diplomübersetzer freiberuflich tätig war und über ein einträgliches Einkommen verfügte. Er war bereits einmal in Bayern verheiratet und geschieden und hatte aus der Ehe eine Tochter, wobei es immer wieder zu Auseinandersetzungen, wegen fehlender Unterhaltszahlungen kam.

Die Offenherzigkeit meiner Eltern mit dem eigenwilligen katholischen Schwiegersohn W(...) blieb trotz ihrer bisherigen Erfahrungen ungebrochen. Das ging so weit, dass beide unverheiratet im Dachgeschoss neben meinem Kinderzimmer fast ein Jahr lebten. Um dieses Zimmer zu erreichen, mussten beide immer durch mein kleines Zimmer gehen und nachts bekam ich immer ihre Liebesspiele mit. Ein untragbarer Zustand, der dann auch von meiner Mutter diplomatisch beendet wurde. Zudem sorgte sie dafür, dass der zukünftige Schwiegersohn mit mir jeden Sonntag eine Stunde Französisch übte (Abb. 15). Dennoch empfand ich ihn als empathielosen Schönling, der nach dem Ellenbogenbogenprinzip lebte. Zudem war er jähzornig, sexistisch und konnte als ehemaliger Amateurboxer gewalttätig werden, zumal er täglich mindestens eine Flasche Whisky oder Cognac trank. Darüber hinaus war er nach seinem mehrjährigen Aufenthalt als Deutschlehrer in Frankreich zum Kettenraucher der Marke Gaulloise geworden, was mich animierte, auch mit dem Rauchen zu beginnen. Inge und W(...) heirateten standesamtlich in seiner Heimatstadt Fürth, ohne dass irgendjemand unserer Familie dabei sein durfte. Und dennoch waren meine Eltern bereit, seine Eltern zu einem längeren Besuch bei uns wohlwollend zu empfangen. Mehr noch: seine Mutter feierte bei uns ihren 65. Geburtstag - eine Gegeneinladung gab es jedoch nie. Im Beisein seiner Mutter veränderte sich W(...) komplett, denn er hatte nichts mehr zu sagen und wir erlebten sein erheblich gestörtes Mutter-Sohn-Verhältnis.


Abb. 15: (oben) Schwester Inge (23 J.) mit unserem Vater (56 J.); (unten) meine Skizzen zu beiden 1961 (12 J.) und mit W(...) 26 J.


Sogar die ältere Schwester von W(...), die in Dallas Texas (USA) verheiratet war, luden meine Eltern mit ihrem Ehemann bei uns fast eine Woche ein. Sie machten gemeinsame Ausflüge und wurden rund um die Uhr bewirtet. Der amerikanische Ehemann setzte alles daran, dass ich als 16-Jähriger nach Dallas komme, um bei ihnen zu leben und um dort später zu studieren. Der Hintergrund: er konnte durch eine Verletzung als Kampftaucher im Koreakrieg keine Kinder mehr bekommen. Ich wollte sofort zusagen, da mir die amerikanische Sprache sehr lag und ich ihn mochte. Doch meine Eltern wehrten ab. Die Ehe von Inge endete in einer Katastrophe – aber dazu mehr in einem anderen Kapitel.

Die wahre 68er-Generation
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7.  Die wahre 68er-Generation
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Die so genannte 68er-Zeit macht für mich den Zeitraum nach meiner Realschule bis zum Studienende in West-Berlin, d.h. von 1965 bis 1977 aus. Das Leben der Jugendlichen in der „68er-Generation“ ist mit vielen Verallgemeinerungen und Klischees verbunden, wobei ich mich im Ruhrgebiet, Düsseldorf und in West-Berlin in den Zentren dieser Jugendkultur befand. Meine Freunde und ich lebten hinsichtlich der Mode, den neuen Bars, Bistros, Discos und Musikrichtungen sozusagen an der Quelle. Kam eine neue Mode oder neue Songs aus England und den USA heraus, waren wir die Ersten, die mit einem entsprechenden Outfit auftraten und den Hits, wo immer möglich, lauschten und danach tanzten. Auch ohne eine Schallplatte besitzen zu müssen, hörten wir schnell über die BBC-Radiosendungen, in dessen Ausstrahlungsgebiet wir lagen, die neuesten Hits. Hinzu kamen später die Radio-Piratensender vor der holländischen Nordseeküste wie Radio Caroline. Mit meinem Tonband nahm ich alle musikalischen Neuheiten sofort auf und war damit in meiner Gruppe hoch angesehen.

Was politisch ablief, war einer großen Mehrheit auch in der Studentenschaft relativ egal, wir dachten an unser berufliches Fortkommen, abgesehen davon, dass wir erst mit 21 Jahren volljährig und wahlberechtigt waren. Unsere Befreiung von den traditionellen gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmodellen aus der Nazizeit äußerte sich hauptsächlich in der Musik und der vielfältigen Mode sowie in einer neuen Form des Zusammenseins in Discos und Bars. Doch was bis heute als „sexuelle Befreiung“ für diese Zeit kolportiert wird, widerspricht dem Sexualleben der großen Mehrheit der damaligen Jugendlichen, die sexuell noch lange verkrampft blieben. Andererseits trug die Antibabypille für die Frau, die in den 1960er Jahren den Moralvorstellungen in der Gesellschaft widersprach, zum freieren Ausleben von Liebesbeziehungen bei.

Außerdem hatte die 68er-Generation ganz andere Probleme, über die man heute allenfalls beim Thema „Nachkriegskinder“ spricht. Um uns herum, d.h. in der eigenen Familie und im Umfeld der Verwandten und Freunde befanden sich angstbesetzte, traumatisierte, alkoholisierte, frustrierte, depressive und geistig und körperlich kriegsgeschädigte Menschen. Hinzu kamen die rückwärtsgewandten Moralvorstellungen und die starren Nazi-Ideologien der Älteren. Man lebte mit dem Gefühl, dass der Krieg immer noch nicht ganz vorbei ist und der nationalsozialistische Geist in der Gesellschaft stumm weiter regiert. Insofern wurden Schuldfragen für Nazi-Vergehen umgehend abgestritten und Kriegserlebnisse, die damit in Verbindung standen, beharrlich verschwiegen. Zweifellos bekam unsere Generation nicht wenige Werte aus der Nazi-Zeit vermittelt. Doch eine Befreiung aus dieser tradierten Ideologie fand sicher nicht durch die linken Kommunen und ihr freies Sexualleben, den antiautoritären Kindergärten und einigen Studentenrevolten statt, die ich selbst miterlebte. Viel entscheidender war, wie unsere ältere Generation darauf reagierte und uns so ihre Einstellung zur Gesellschaft und den Mitmenschen offenbarte - wir hatten damit die Chance, es anders als die Kriegsgeneration zu machen.

Wenn man mich heute nach der 68-Generation fragt, zu der ich zweifellos gehöre, so warne ich vor dem Mythos, der von der kommerziell orientierten Sensationspresse bis heute verbreitet wird. Wenn man sich dabei auf die skandalumwitterten Exzesse einer kümmerlichen Minderheit linker Exoten, wie z.B. die Kommune I in West-Berlin oder die Hippies in Deutschland konzentriert, waren sie ganz sicher nicht die Repräsentanten der 68-Generation. Die so genannte Jugendbewegung dieser Zeit habe ich mit anderen Schwerpunkten erlebt und selbst versucht, meine individuelle Freiheit auf der Grundlage des freiheitlichen Rechtsstaats auszuleben. Dabei habe ich erlebt, dass sich gerade die vehementesten Protestierer der 68er-Generation oft genug als die größten Spießer, „Füdlibürger“, Mitläufer und Karrieristen in Politik, Behörden und Wirtschaft entpuppten.   

Meine Lehrzeit mit einem Hauch von Waffen-SS
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7.1.  Die wahre 68er-Generation – Meine Lehrzeit mit einem Hauch von Waffen-SS.
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In der letzten Klasse der Realschule sollte ich mich als 15-Jähriger für einen Beruf entscheiden, was mir mit der Anmeldung beim Duisburger Konservatorium für Musik und der Ausbildung zum Schlagzeuger auch gelang. Doch es fehlte die Unterschrift meines Vaters und die bekam ich schlicht und ergreifend nicht! Seine Vorstellungen über meine berufliche Laufbahn waren gänzlich andere und denen hatte ich zu folgen. Professionelle Musik war ihn „brotlose Kunst“ und er gab vor „du machst erst eine Lehre auf dem Bau, dann sehen wir weiter (…) am besten Du gehst danach freiwillig zu den Pionieren bei der Bundeswehr und studierst an der staatlichen Ingenieurschule in Siegen Wasserbau, was dir dann die Bundeswehr zahlt“. Damit hatte er mir genau seinen eigenen beruflichen Werdegang vorgeschrieben, bei dem ich jedoch erste Zweifel bekam. Mehr noch: im Januar 1965 gab er mir schriftlich die Garantie „Wenn 1969 Manfred als Leutnant nach Hause kommt erhält er 1.000 DM von mir.“

Eines Tages teilte er mir voller Stolz mit „ich habe dir eine Lehrstelle bei einem Duisburger Bauunternehmen als Betonbauer besorgt (Abb. 1).“ Warum gerade Betonbauer und nicht Zimmermann, Maurer etc.? Erst bei der Familienforschung wurde mir klar, dass er als Berufsoffizier der Wehrmacht im Pionierstab als Organisator für den Bau der U-Boot-Bunker des Westwalls in Südfrankreich mitverantwortlich war. Er hatte in seiner beruflichen Laufbahn das Betonbauer-Handwerk nie ausgeübt, er wusste aber genau, dass es körperlich zu den Schwerarbeiten gehörte.


Abb. 1: Auszug aus meinem dreijährigen Lehrvertrag von 1965; mit vielen Verpflichtungen u.a. zur Führung eines wöchentlichen Berichtshefts, das regelmäßig abgezeichnet werden musste.


Der Beruf des Betonbaufacharbeiters war damals dreigeteilt: man war der Spezialist zum Biegen, Verlegen und Binden der Armierungseisen und Baustahlgewebematten (Eisenflechter), konnte wie ein Zimmerer alle noch so komplizierten Bauteile einschalen (Schalungsbauer) und war zugleich Spezialist für die Herstellung der z.T. speziellen Betonmischungen (Maschinist) und deren fachgerechte Verarbeitung. Die Eisenflechter hatten eine überaus harte Knochenarbeit mit den nicht rostgeschützten Eisen zu verrichten. Sie mussten ausschließlich per Hand die sieben Meter langen Lagergrößen der Eisenstäbe mit bis zu 26mm Durchmesser schneiden, biegen, schleppen und mit Draht mittels Monierzange verbinden. Hinzu kam die Verarbeitung der 6,0 m mal 2,30 m großen bis zu 70 Kg schweren Baustahlgewebematten. Allein das Schneiden der sieben Meter langen stärkeren Rippentorstahlstangen erfolgte per Hand mit dem riesigen Dreimeterarm eines Bolzenschneiders, was bei umfangreichen Stückzahlen entsprechend kraftraubend war. Des Weiteren mussten die Eisenstangen per Hand auf der Biegemaschine gebogen werden. Im Arbeitsablauf musste ein Eisenflechter ggf. die schweren unterschiedlichen Versionen von Lagermatten alleine systematisch zusammenzustellen, damit sie anschließend in einem Bündel mit dem Kran auf die eingeschalte Decke befördert werden konnten. Dabei stellte er die 6 Meter-Matte an der Längsseite auf, arbeitete sich in den Mittelpunkt der schweren Eisenmatte vor, um sie auf seiner Schulter ablegen zu können und zum entsprechenden Stapel zu tragen.

Im Gegensatz zu meinem Vater wusste ich überhaupt nicht, was in der dreijährigen Lehrzeit auf mich zukam, andererseits hätte ich mich beruflich gar nicht anders entscheiden können, zumal es keine Berufsberatung mit Eignungstests gab. Auch konnte ich keine spezielle Anlage oder Neigung bei mir erkennen und so gab es außer dem Schlagzeugspielen, das ich nie probiert hatte, keinen beruflichen Favoriten. Was ich von meinen Eltern in ihren alltäglichen Arbeiten im Beruf und im Haushalt mitbekam war ein unglaublicher Fleiß, die Disziplin, Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit und der Ordnungssinn. Und das sollte in meiner Ausbildung zum Betonbau-Facharbeiter eine Fortsetzung finden. Mitten im Bauboom des Ruhrgebietes war Akkordarbeit angesagt, d.h. in einer bestimmten ausgehandelten Zeit hatten die Meister und Vorarbeiter entsprechender Gewerke gemeinsam schnellere Bauzeitfristen ausgehandelt, für die es dann, zusätzlich zum Monatslohn, eine Leistungsprämie gab. Davon waren allerdings die „Lehrjungs“ gesetzlich ausgeschlossen. Als 16-jähriger Realschulabsolvent kam ich zudem ich eine „Sonderklasse“ der Berufsschule, die nach bestandener Facharbeiterprüfung die Voraussetzung für den Besuch der Staatlichen Ingenieurschule darstellte.

Was ich als Lehrjunge auf dem Bau erlebte, hat mich nachhaltig geprägt. In den ersten sechs Wochen musste ich die Exkremente und das Erbrochene von Obdachlosen, die in den Rohbauten nächtigten, beseitigen, Brotzeiten holen und Schalbretter von Betonresten mühselig entfernen, d.h. ich hatte schnell die „Schnauze voll.“ Hinzu kam ein bärbeißiger Zimmerer, der als Vorabeiter mein Ausbilder sein sollte, aber „keinerlei Bock“ dazu hatte und mich deshalb permanent ungerechtfertigt fertigmachte. Ein Finger an seiner linken Hand fehlte und er erklärte mir auf meine Nachfrage, dass er ihn an der Kreissäge verloren hatte. Und gerade er wollte mir die sachgerechte Bedienung der Kreissäge erklären. Einige Wochen später geschah es: er hatte sich einen weiteren Finger mit der Tischkreissäge abgeschnitten und kam ins Krankenhaus. Meine Beschwerde beim Ausbildungsleiter, dass ich unbedingt einen anderen Meister haben wollte, hatte Erfolg und ich kam nun zu einem Eisenflechter. Er war Vorarbeiter und hatte nur mich als zweiten Mann. So machte er mir klar, dass ich verbotener Weise Akkordarbeiten mit ihm zu verrichten hätte, sonst könne er mich nicht brauchen und ich müsste wieder gehen.

Hierin sah ich eine Chance einerseits viel zu lernen und andererseits von ihm monatlich inoffiziell Geld für meine Akkordarbeit zu bekommen. Und das sollte nicht wenig sein, denn es machte im Durchschnitt den Monatslohn eines Facharbeiters mit Familie aus. Dafür schufteten wir gemeinsam als Team im Akkord, was sich drei Jahre lang bewähren sollte (Abb. 2-3). Aber es gab einen Haken: mein Ausbilder war als junger Unteroffizier der Waffen-SS entnazifiziert worden und musste deshalb als Arbeiter auf dem Bau anfangen. Er war darüber enorm wütend, zumal er Namen von Managern in der Industrie gut kannte, die als hohe Offiziere mit ihm bei der Waffen-SS waren und sich nun in Top-Positionen befanden, frei nach dem Motto „die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen!“ Er erzählte mir immer wieder von seinen vielen grauenvollen Kriegserlebnissen und den unmenschlichen militärischen Einsätzen an der Ostfront sowie von seiner russischen Kriegsgefangenschaft. Als Hitlerjunge war er freiwillig zur SS-Panzergrenadier-Division gekommen und hatte alsbald in der Offizierslaufbahn einen gewissen Rang eingenommen.

Für ihn gab es keinerlei Reue für die begangenen Kriegsverbrechen nach der Devise, die andere Seite hat es genauso gemacht. Das Thema Nazis war für ihn diskussionsfrei und der verlorene Krieg ein Desaster, sodass der alte Geist in seinen Gesprächen weiterlebte. Für ihn zählten nur seine Erlebnisse als blutjunger SS-Held und die Kameradschaft unter den Ehemaligen, die sich im Technischen Hilfswerk (THW) seiner Ruhrgebietsstadt sammelten und dort unerkannt regelmäßig ihre entsprechenden Kameradschaftsabende veranstalteten. Als Mitglied eiskalter Killerkommandos der Nazis und seiner grausamen russischen Lagerhaft in Sibirien wirkte er auf mich keineswegs traumatisiert. Zudem mochte er keinen Alkohol, was das krasse Gegenteil fast aller Kriegsheimkehrern darstellte. Dafür war er ein unangenehmer bisexueller „wohlwollender Sexist“, was mich sehr abgestoßen hat und er in der Beziehung bei mir keinerlei Chancen hatte. Seine starken Veranlagungen hielt er geschickt geheim und ich hatte das Glück, dass wir außer bei den Arbeitsbesprechungen kaum zusammenkamen.

Es war normal, dass auf den Großbaustellen eine Dreiklassengesellschaft herrschte: so gab es eine gemeinsame Baubude für die Meister und die Vorarbeiter der Maurer, Zimmerer, Eisenflechter und Kranführer. Getrennt davon war eine einzelne Baracke für den Polier vorhanden. Über ihm fungierte nur noch der Bauleiter, ein Bauingenieur der Baufirma, der regelmäßig zur Kontrolle vorbeikam. Die andere Baubude war für die Gesellen, Hilfsarbeiter und den Lehrjungen aufgestellt (Abb. 2). Ein „Budenjunge“ heizte bei Bedarf die Baracken mit Abfallholz, reinigte sie, holte die Brotzeiten für die Arbeiter und musste andere Hilfsarbeiten verrichten. Es gab eine klare Hierarchie und Hackordnung, wobei ich mich als Lehrjunge normalerweise mit den Hilfsarbeitern und dem Budenjungen an der untersten Stelle befand. Da mich mein Ausbilder jedoch als vollwertige Arbeitskraft einsetzte, hatte ich in kurzer Zeit den Status eines Gesellen erreicht. Diesbezüglich gab es auch nur einmal mit einem älteren eigenartigen „Budenjungen“, der bei den Zeugen Jehovas war, eine Auseinandersetzung. Er meinte, ich und nicht er müsste die Brotzeiten besorgen und als ich ihm widersprach, lauerte er mir hinter der Baubudentür mit einem Beil auf und wollte tatsächlich zuschlagen. In der Beziehung war ich angstfrei und herrschte ihn an, er solle es nur wagen, dann…. Meine Beschwerde beim Baustellenleiter führte dazu, dass der Mann verschwand.


Abb. 2: (Links) Bei der Verlegung von leichten Baustahlgewebematten in mieser „Arbeitskleidung“ ohne Sicherheitsschuhe und Bauhelm, Juni 1967 (3. Lehrjahr,
18 Jahre); (rechts) „mein Meister.“


Abb. 3: Eine meiner Hochhaus-Baustellen 1967; die vorab errichteten Beton-Treppenhaustürme wurden in Gleitschalung (Tag- und Nachtschichten) in einem Zug fertiggestellt; a= Baubude der Gesellen, Hilfsarbeiter und für mich, b= Baubude der Vorarbeiter, Kranführer und Meister. Im Vordergrund die wenigen Fahrzeuge meiner Arbeitskollegen.


Wir hatten eine 40-Stunden-Woche, fingen um 7 Uhr in der früh an und mussten um 9 Uhr zwanzig Minuten und um 12 Uhr vierzig Minuten Pause in der Baubude machen. Je nach Entfernung der Baustelle hatte ich um 5 Uhr aufzustehen, um nach einem Haferflocken-Müsli rechtzeitig zur Haltestelle der Straßenbahn zu kommen. Auf den Großbaustellen gab es eine Sirene mit Handkurbel, die zu den Pausen rief. Meine Arbeitskleidung verblieb in der Baubude, wo man sich auch selbstverständlich vor allen umkleidete. Am Arbeitsende war man durchgeschwitzt und sah durch den Roststaub im Gesicht und mit den Haaren entsprechend heruntergekommen aus. Hinzu kamen meine geschwollenen blutig zerstochenen Hände, die mit rissigen massiven Hornhautschichten überzogen waren. Der Roststaub in den Haaren und im Gesicht konnte nur daheim in der täglichen Dusche komplett beseitigt werden. Auf der Baustelle gab es lediglich einen Wassereimer und eine cremige Waschseife („Killefit“), die fürchterlich stank, um sich zumindest die Hände zu reinigen. So stieg ich jedes Mal beschämt in die Straßenbahn mit dem unguten Gefühl, wie ein Stadtstreicher („Penner“) auszusehen. Nach der Dusche machte mir meine Mutter in der Regel eine doppelte Portion warmes Essen mit zwei Koteletts etc. Nur einmal in den drei Jahren hatte ich die Gelegenheit, in einem „Gogomobil Coupé“ bei einem stämmigen Maurer mitzufahren. Das Problem: wir beide waren zu schwer für den 15 PS-Motor. Deshalb waren die Fahrten zur Arbeit ein reines Abendteuer, denn die „Kiste“ hielt immer wieder nicht durch und musste geschoben bzw. notdürftig repariert werden.

Während der Arbeit wurde nur in den Pausen getrunken. Wegen der körperlichen Belastung waren alkoholfreie Getränke angesagt, wobei viele Vollmilch tranken. Und auch bei den Richtfesten, wo ich nur einmal dabei war, bekam ich mit , dass die Kollegen nach höchsten zwei kleinen Bierchen nach Hause gingen. Gegessen wurde vielfach aus dem mitgebrachten Henkelmann oder der Budenjunge hatte Fleischwurst am Stück, eine eingelegte Gurke und Brötchen eingekauft. Mir genügten bei jeder Pause zwei „Kniften“ (belegte Brote) und Tee in einer Thermosflasche, was ich von zu Hause mitbrachte. Als ich einmal als Erster in die Baubude kam, sprang aus der Aktentasche eines Kollegen eine riesige Ratte heraus, sie hatte sich an seiner Brotzeit gütlich getan – danach wurden zahlreiche Rattenköder ausgelegt. Ganz rattenfrei blieben die Baubuden natürlich nie.

Es herrschte die „Kumpelsprache“, die ohne vollständige Sätze auf das allernotwendigste beschränkt in Ruhrpottdeutsch erfolgte. Man hatte nie Zeit und es musste immer schnell perfekt gearbeitet und nicht viel „rumgequasselt“ werden. Und wenn, dann war es ein Thema der Bild-Zeitung, wobei immer wieder die darin abgebildeten halbnackten Frauen kommentiert wurden. Der Umgangston war unüberhörbar laut und rau aber herzlich und es herrschte ein gewisser Zusammenhalt, wobei man sich gerne in der Bude „käbbelte“ (neckte). Natürlich gab es auch „Knackis“ als entlassene Straftäter unter uns, aber sie ordneten sich schnell angesichts des deutlichen und knallharten Umgangstons unter. Dabei war man schnell „ein Arschloch“, bekam „ein paar in die Fresse“ oder „gleich kriegse dat Kröppeisen innet Kreuz“ (Betonstahl-Biegeeisen, Kröpfeisen), was selten ernsthaft gemeint war und mit dem entsprechenden Tonfall eine Redewendung darstellte. Gastarbeiter aus Italien und Jugoslawien waren allesamt Hilfsarbeiter und blieben nie lange bei uns, da sie keine Akkordarbeit kannten und nach Meinung der Vorarbeiter viel zu langsam für uns waren.

Selten gab es Unfälle auf der Baustelle, obwohl die Arbeitssicherheit nicht großgeschrieben wurde und Sicherheitsschuhe und Helme erst später durch unsere Firma zur Verfügung gestellt wurden. Durch die häufige Zusammenarbeit kannten sich die Teams von Zimmerleuten, Eisenflechtern und Maurern. So erinnere ich mich an „Vater und Sohn“, zwei perfekt eingespielte Zimmerer, wobei der „(leibliche) Vater“ beim Abbau eines Gerüstes aus der vierten Etage direkt neben mir in Tiefe stürzte und rücklings auf einen Sandhaufen fiel – als die Rettung eintraf, lebte er noch, doch ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Bei mir hielten sich die Verletzungen in Grenzen – eine Narbe ist noch heute sichtbar. Es geschah als ich ein großes Bündel Schalbretter aus einem Rohbau durch den Kran herausziehen lassen wollte, dabei blieb ich an dem Bündel hängen und knallte mit dem Kopf gegen die Decke und blutete wie wild unter dem Auge. Ein anderes Mal hatten die Zimmerleute (von uns „Zimmerochsen“ genannt) die Decke mit zu kurzen Brettern eingeschalt. Deshalb knallte ich durch die Schalung und landete mit den Stahlschuhen auf einem Schalbrett mit Nägeln. Dabei bohrte sich ein Nagel durch die Stahlsohle bis in meinen Fuß – doch „du bis nen richtigen Kerl, machse weiter“, hieß es und danach wurde unter Schmerzen weitergearbeitet.

Das Übel für mich war der Winter. Während alle anderen Arbeiter mit „Schlechtwettergeld“ zu Hause blieben, musste ich - wie der Polier - als Angestellter zur Baustelle. Während der Meister in der warmen Polierbude saß, arbeitete ich bei frostigem Wetter auf der Baustelle. Einmal hatte ich mit einem Flammenwerfer Moniereisen zu enteisen und so war es kein Wunder, dass ich häufig mit Erkältungskrankheiten und Ischias zu kämpfen hatte. Dennoch gab es für mich eine Vier-Tage-Woche auf dem Bau, da jeden Montag – außer in der Schulferien -  Berufsschule in Essen war. Das hieß, ich musste wie immer früh zum Duisburger Hauptbahnhof laufen und mit dem Personenzug nach Essen fahren, um von dort aus den langen Weg zu Fuß zur Berufsschule zu gehen. Die Schule begann um 8 Uhr und war um 13 Uhr beendet. Das Dilemma: wir hatten dort „ausgemusterte“ Berufsschullehrer, die uns - diplomatisch ausgedrückt - nicht viel beibringen konnten. So z.B. im Monierbau: der Lehrer meinte uns die Regeln von Rundstäben aus der Nazizeit erklären zu müssen, die es auf der Baustelle nicht mehr gab, denn hier wurde nur noch Rippentorstahl eingesetzt. Da wir rund 20 Schülern in der Sonderklasse waren und einige, wie ich Akkord arbeiteten, beschwerten wir uns über die Lehrinhalte beim Direktor. Der wechselte die Lehrkraft, doch es wurde nicht viel besser, sodass wir alle monatelang einfach nicht mehr zur Schule gingen und den Tag frei machten.


Abb. 4: Wöchentliche Führung meines Berichtsheftes (2. Lehrjahr) mit dem Bericht zur Errichtung eines Treppenhausturms in Gleitschalung und dessen Bewehrung, 1967, vgl. Abb. 3.


Das Problem kam jedoch bald auf uns Schüler zu, denn die schriftliche Gesellenprüfung mit der Zulassung zur Staatlichen Ingenieurschule hatte einen anderen Anspruch als die normale Gesellenprüfung, was auch für das Gesellenstück galt. Jetzt aktivierten wir die Berufsschullehrer, uns zumindest den Prüfungsstoff zu vermitteln, was halbwegs gelang. Mein Vater kümmerte sich nicht um die Belange meiner Ausbildung und unterschrieb auch nicht die wöchentlich zu führenden Berichtshefte (Abb. 4). Für die praktische Prüfung gab es ein weiteres Problem. So hatte ich nie bei den Einschalern gearbeitet und musste mich auf die sechswöchigen Lehrgänge der Lehrwerkstätte in Essen (LEWA) verlassen, zu der ich einmal pro Jahr täglich mit der Straßenbahn hin und her fuhr. Dennoch intervenierte ich bei der Ausbildungsleitung der Baufirma, mich für eine Woche in der Zentrale Zimmererarbeiten üben zu lassen, was mir letztlich zugestanden wurde (Abb. 5).


Abb. 5. Berichtsheft, Ausschnitt zur Vorbereitung auf die praktische Gesellprüfung, die jedoch wesentlich anspruchsvoller sein sollte.


In Essen fand auf der LEWA die praktische Gesellenprüfung statt, wobei keine einzige Maschine wie eine Kreissäge etc. benutzt werden durfte. Erst am Prüfungstag erfuhren wir von der Aufgabenstellung: nach einer vorgegebenen Bauzeichnung hatte ich innerhalb eines vormittags einen maßgenauen Sechskantsäulen-Stumpf mit schrägem Balken-Voutenanschluss einzuschalen und zu bewehren. Die handwerkliche Herausforderung stellten die zahlreichen langen Gehrungen der Schalbretter dar, die ohne Winkelschmiege o.ä. passgenau mit der Spannsäge zu arbeiten waren. Ende gut alles Gut: ich erhielt meinen Facharbeiterbrief als Betonbauer und die begehrte „LEWA-Nadel“ als Auszeichnung für meine Leistungen während der Lehrgänge (Abb. 6).


Abb. 6: Auszeichnung für meine Leistungen auf den LEWA-Lehrgängen und mein Facharbeiterbrief.


Bis heute bin ich auf meinen Facharbeiterbrief stolz, da ich weder mit meiner Körperlichkeit die Vorrausetzungen für einen Bauarbeiter besaß, noch ein besonderes Talent für handwerkliche Arbeiten bei mir feststellte. Die Ausbildung hat mir das Selbstbewusstsein geschenkt, viele praktische Arbeiten selber machen zu können. Mehr noch: es gab für mich nun die Devise „ich schaffe auch das fast Unmögliche!“ Dazu lernte ich die Vorrausetzungen wie hohe Leistungsbereitschaft, Arbeitsdisziplin, lösungs- und praxisorientiertes Handeln, Durchhaltevermögen und Gewissenhaftigkeit. So werden alle meine körperlichen Arbeiten heute noch im Akkordtempo durchgeführt, das offenbar in den drei Jahren nachhaltig konditioniert wurde. Darüber hinaus hat mir das selbstständige Denken und Handwerken bei meinem Studium hinsichtlich eines praxisnahen Vorstellungsvermögens sehr geholfen.

Körperlich hatte ich durch die tägliche Arbeit u.a. mit der Monierzange zwar einen doppelt so dicken rechten Unterarm mit mehrfachen Sehnenscheidensentzündungen, aber auch Wirbelsäulenschäden davongetragen, die sich erst später äußern sollten. Darüber hinaus besaß ich nunmehr den Ehrgeiz, keinesfalls mein Berufsleben als Arbeiter auf der Baustelle verbringen zu müssen, denn ich hatte die älteren Kollegen gesehen, die körperlich fertig waren und unter berufsbedingten Schäden litten. Vor der Zulassung zur Staatlichen Ingenieurschule musste ich noch ein halbjähriges Praktikum in zwei artverwandten Bauberufen absolvieren. Dabei war ich im Fertigteilbau bei meiner Ausbildungsfirma tätig und durfte dort ohne Führerschein einen Vorderkipper (Motor-Japaner) auf dem Firmengelände fahren. Außerdem baute ich als Zimmerer den ganzen Tag Kabeltrommeln zusammen, wobei ich 21 cm lange Drahtstifte mit einem Beil tagelang einschlagen musste. Danach absolvierte ich ein Praktikum als Bauzeichner bei einem kleinen Bauunternehmen in Duisburg und lernte, Bauzeichnungen für die Praxis zu erstellen.

Daheim hatte ich in den drei Lehrjahren gestaffelt zwischen 100 und 300 Mark Kostgeld abzugeben. Von der Höhe meiner Prämien aus der Akkordarbeit erzählte ich meinen Eltern nichts. Der „Geldsegen“ der ausgezahlten Sondervergütung gab mir viele Freiheiten und Privilegien. So konnte ich mir die geliebte teure Kleidung zum Ausgehen leisten, machte mit meiner Freundin Flugreisen, lud sie in Restaurants und in Discos ein und sparte für einen Führerschein und ein Auto.

Freunde, Feten und ein bedenklicher Zwischenfall
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7.2.  Die wahre 68er-Generation – Freunde, Feten und ein bedenklicher Zwischenfall.
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Mit dem Besuch der Realschule hatten meine Freundschaften aus der Kindheit nicht mehr gehalten. Mein Kindheitsfreund Kutti wandte sich einem kriminell anmutenden neuen Freund zu, der eine Schreckschusspistole besaß und dem es u.a. um das Knacken von Zigarettenautomaten ging. Hierbei habe ich als 13-Jähriger einmal allein mit Kutti mitgemacht und trennte mich danach von ihm. Außerdem hatte ich vier neue Freunde aus der Realschule, die sich in einer festen Clique zusammenfanden und die bis in die Lehrzeit hinein halten sollte. Daneben unterhielt ich noch lockere Freundschaften, wobei eine davon mit einem Lehrjungen von der LEWA am längsten von allen bestehen sollte. Mit der Gruppe trafen wir uns regelmäßig in Gaststätten zum Skatspielen, gingen zum „Heiratsmarkt“ in der Duisburger Innenstadt, wo sich viele Jugendliche unter einem großen Laubengang des Kaufhauses Horten trafen, um vielleicht Bekanntschaften zu machen. Das gleiche galt auch für Besuche eines dafür bekannten Bistros namens „Espresso“, in dem die neueste Beatmusik gespielt wurde. Seltener besuchten wir auch abends Gaststätten, wo Cover-Bands auftraten, doch lieber schauten wir im „Wicküler“, im Stadtteil Neudorf vorbei. Hier befand sich unter einer Gaststätte ein Gewölbekeller, in dem ein Tanzschuppen eingerichtet war und der wegen seiner überlauten Musik überaus beliebt war.

Eine andere Anlaufstelle war das Jugendheim in unserem Stadtteil Duissern mit den dort auftretenden Duisburger Beatbands. Hier sollte ich ein nachhaltiges Erlebnis hinsichtlich meiner Verteidigungsbereitschaft haben. Dort hielt sich gelegentlich eine berüchtigte gewaltbereite Clique aus dem Ortsteil Schwiesenkamp auf. Dieser Bezirk war mit seinen ghettoartigen Notunterkünften (Baracken) für „Zigeuner“ gefürchtet. Einer dieser Jungs war gerade aus dem Jugendgefängnis angeblich wegen Totschlags entlassen worden. Im Veranstaltungssaal des Jugendheims forderte er mich provokativ auf, ihm meinen Stuhl zu überlassen, obgleich neben mir meine junge Freundin saß. Ich lehnte entrüstet ab und er meinte nur „das wirst Du noch bereuen!“ Als ich nichtsahnend zur Toilette ging, kam er mir nach und während ich mit offener Hose am Pissoir stand, schlug er meinen Kopf brutal gegen die Fliesenwand. Das war zu viel für mich, es gelang mir ihn in den Schwitzkasten zu nehmen und drückte mit meinen „Eisenflechterarmen“ knallhart zu und hielt ihn solange fest, dass er nur röchelte, wobei ich ihn wiederholt fragte „gibst Du auf?“ Als er angeblich aufgab und ich ihn losließ, griff er in die Westentasche seiner Jacke, um ein Stiletto (Springmesser) aufzumachen. Blitzschnell hatte ich ihn bereits an der Gurgel gepackt und drückte zu, wobei meine Fingernägel so tief in seinen Hals drangen, dass er blutete: „du machst mich tot“ krächzte er. Als plötzlich vier Mann seiner gefürchteten Clique herankamen und mich festhielten, sodass er mich zusammenschlagen sollte – wehrte ich mich wild mit einem riesigen Gebrüll, sodass die Heimleiterin kam und uns auseinanderbrachte. Ich wollte eine Anzeige machen, wobei die Leiterin mich unter vier Augen bat, davon Abstand zu nehmen, da er auf Bewährung frei sei und ich außerdem keine Zeugen für seinen Angriff hätte.

Der Vorfall hat mich lange Zeit gefühlsmäßig in ambivalenter Weise beschäftigt. Einerseits war ich über mich selbst schockiert, zumal ich körperliche Gewalt hasste, aber wusste, dass ich ihn beim zweiten Mal nicht losgelassen hätte. Andererseits gab es mir ein erhöhtes Selbstbewusstsein und eine Angstfreiheit im Notfall nicht zu kneifen, da ich wusste, dass ich mich entsprechend wehren konnte, was viele mir vielleicht nicht zutrauten. So blieb ich sehr selbstbewusst bei den gelegentlichen wüsten Schlägereien in den Discos mit meinen fast 1,90 m Größe unübersehbar an der Bar stehen, während alle andere Jugendlichen flüchteten bzw. sich unter den Tischen versteckten. Tatsächlich ist mir, wie ein Wunder, nie etwas geschehen. Dabei hatte ich oft das starke Gefühl, falls mich einer anlangt, gibt es sehr großen Ärger.

Das gute unserer Clique war, dass wir überhaupt keinen Drang nach Drogen verspürten und ich keinen kennenlernte, der mit Marihuana, Hasch oder Ähnlichem Probleme hatte.  Mir war von Anfang an jegliche Abhängigkeit von Genussmitteln, wie Alkohol und Tabak ein Gräuel. Im gewissen Widerspruch dazu stand die Tatsache, dass wir in der Gruppe alle rauchten, wobei ich filterlose Zigaretten und auch Pfeifentabak bevorzugte (Abb. 7). Aber nach einer Zeit gab ich das Laster ohne Probleme wieder komplett auf. Nach Jahren konnte ich aber wieder darauf zugreifen, um es dann abrupt wieder zu beenden. Nachdem ich das erste Mal bei der Feier zur bestandenen Gesellenprüfung mit den Kumpanen mit Bier und Schnaps eine Grenze überschritten hatte und mich völlig alkoholisiert total elendig fühlte, habe ich mir geschworen, dass mir so etwas nie mehr passiert. So war es auch mit den Bierchen in Bistros und Gaststätten, die sich bei mir stets in Maßen hielten.


Abb. 7: (Links) Campen in Castricum (Niederlande) 1964 (15 Jahre) mit der total angesagten „Prinz-Heinrich-Mütze“ und nach Auffassung meines Vaters viel zu langen Haaren. (Rechts) in Ausgehkleidung 1966 (17 Jahre).


Längere private Zusammenkünfte meiner Clique fanden stets bei mir zu Hause statt, da ich allein im Dachgeschoss des Hauses zwei Zimmer für mich alleine hatte. Hier hörten meine Freunde die neuesten Tonbandaufnahmen der Beatmusik aus den Top Twenty der englischen Hitparade. Als Soldatensender der britischen Besatzung war die BBC bei uns gut zu empfangen, die jedes Wochenende die „Top Twenty“ der englischen Hitparade ausstrahlte. Mit dem Mikrofon nahm ich die Songs jedes Mal mühselig auf Tonband auf, wobei ich heute noch einige Bänder davon besitze. Die Steigerung waren dann die Partys bei mir zu Karneval und zum Geburtstag, die als Bottle-Party ausgerichtet waren, wo jeder Getränke und Snacks mitbrachte (Abb. 8). Üblich waren Bier, Cola mit Rum oder Whisky. Zu meinen Tonbandaufnahmen rockten wir richtig ab und es machte allen riesigen Spaß. Hierbei wurden auch die ersten Mädchenbekanntschaften geknüpft.


Abb. 8: (Links) Geburtstagsfeier (16 Jahre) bei mir; (rechts Karnevalsparty bei mir im Februar 1967 (18 Jahre).


Meine Mutter war diesbezüglich sehr tolerant und erlaubte mir auch Partys zu Karneval und zu meinem Geburtstag mit Alkohol zu feiern (Abb. 8). Mein Vater hielt sich aus diesen Dingen heraus, obgleich ihm die moderne „Hottentottenmusik“ und die immer länger werdende Haartracht, wie bei den „Gammlern“ überhaupt nicht passten. Mein Verhältnis zu den Eltern war durch meine große Selbstständigkeit geregelt, d.h. ich musste mich sehr früh um viele Dinge selbst kümmern (Abb. 9). Breits als 15-Jähriger konnte ich bis um 22 Uhr in einer Gaststätte sein, um dort über die Musikbox die neuesten Hits der Beatles u.a. oder eine der ersten Beatbands live zu hören. Meine Eltern schränkten mich später nie in irgendeiner Weise mit dem Ausgehen oder in Frauengeschichten ein.


Abb. 9: 1965 mit meinen Eltern in Duisburg (16 Jahre); meine Mutter ließ mir viele Freiheiten, mein Vater war dagegen sehr konservativ, hielt sich aber weitestgehend aus der Erziehung heraus.


Nur einmal meinte mein Vater mir nach Holland nachreisen zu müssen. Was war geschehen? Wir waren mit unserer Clique auf einem holländischen Zeltplatz an der Nordseeküste in Castricum gefahren, um dort drei Wochen lang zu campen, Mädchenbekanntschaften zu machen und abends gelegentlich in Kneipen zu gehen – ich war erst 15 Jahre alt. Unsere angesagte Kluft bestand aus ausgefransten Jeans, US-Militärparka, Prinz-Heinrich-Mützen und Cowboystiefeln (Abb. 10). Nach zwei Wochen standen plötzlich die Eltern vor mir und mein Vater meinte, ich solle mir doch mal die Haare schneiden. Nachdem ich noch etwas Geld bekam, waren sie auch wieder verschwunden. Im weitesten Sinne wurde meine Lebensform toleriert, wenngleich ich spürte, dass mein Äußeres nicht ihren Vorstellungen entsprach. Andererseits trug ich, wie meine Freunde, beim Ausgehen einen Anzug oder ein Sakko sowie ggf. eine Krawatte, die z.B. beim Einlass in Discos gefordert wurde.


Abb. 10: (Links) 1964 in Castricum (holländische Nordseeküste) mit Freund, ausgefranste Jeans und Prinz-Heinrich-Mützen waren angesagt (15 Jahre); (rechts) beim Ausgehen trug man einen Anzug 1966 (17 Jahre).


Auf dem Campingplatz in Holland fand ich mit Henny meinen ersten Mädchenschwarm. Sie war ein attraktives blondes, blauäugiges, schlankes holländisches Meisje, so alt wie ich und zeltete dort mit ihren Eltern. Mit ihr hatte ich meinen ersten „richtigen“ Kuss und da sie kein Deutsch sprach, lernte ich mehr oder weniger gut holländisch. Nach den Ferien besuchte ich sie zweimal allein in ihrem Wohnort Amsterdam. Ihre nette ältere Freundin lebte bereits allein in einer kleinen Wohnung mitten in der City, wo wir uns allein trafen. Henny lebte bei ihren Eltern, die mich sogar zum Essen einluden und sehr nett zu mir waren. Wenngleich die Ressentiments gegen Deutsche wegen des 2. Weltkriegs bei den Erwachsenen zu spüren waren, haben wir als Jugendliche Entsprechendes nie erlebt. Mit Henny konnte ich zwar allein sein, doch sexuell blieb es wegen der beiderseitigen Unerfahrenheit letztlich oberflächlich. Interessant waren für mich die vielen Bars in der Altstadt von Amsterdam, die wir gemeinsam mit der Freundin besuchten. Dort erlebte ich zum ersten Mal, was Drogensucht bei Jugendlichen bedeutet, es stieß mich sehr ab. Die etwa dreistündige Zugfahrt mit dem D-Zug von Duisburg nach Amsterdam war letztlich doch ein Hindernis, da Henny mich nicht besuchen durfte. Wenngleich ich mich in sie verliebt hatte, ahnte ich, dass es irgendwo eine andere Frau für mich geben muss. So stand ich manchmal an meinem offenen Dachzimmerfenster und fragte nach ihr mit den Worten „wo bist Du?“ Dabei ahnte ich nicht, dass sie mir räumlich schon immer ganz nah war.

Die Freundschaften aus der Realschule blieben nicht von Dauer, was auch daran lag, dass mein Einsatz für unsere Gruppe stets intensiv und sehr einseitig war. Es fehlte die Gegenseitigkeit, wie z.B. bei Geburtstagen eingeladen zu werden etc. Mein soziales Engagement für Andere blieb mir jedoch bis heute erhalten, wobei es mir in all den Jahrzehnten immer wieder so erging, dass man meine soziale Einstellung und Mitmenschlichkeit gnadenlos ausnutzte. Das betraf auch meinen Freund von der LEWA, dem ich in vielen Belangen half und ihm u.a. immer wieder bei seinen seelischen Nöten mit Frauen im sexuellen Bereichen beistand. Im Nachhinein waren es keine richtigen Freunde, eher Bekannte, was sich in meinem Studium mit anderen „Bekanntschaften“ fortsetzte. Während sich die „Freunde“ bei mir jederzeit ausweinen konnten, interessierten sie meine seelischen Befindlichkeiten überhaupt nicht.



Die Familientragödie: Selbstmord meines Vaters und meiner Schwester
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7.3.  Die wahre 68er-Generation – Die Familientragödie: Selbstmord meines Vaters und meiner Schwester.
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Es war im Januar 1968, ich war 19 Jahre alt und es herrschte bei mir in vielerlei Hinsicht eine angespannte Situation vor, denn ich stand kurz vor meiner schriftlichen und praktischen Facharbeiterprüfung und hatte bereits den Stellungsbefehl bei der Bundeswehr zu den Pipeline-Pionieren in Köln, was mir nicht passte, aber ganz im Sinne der Vorstellung meines Vaters war. Außerdem lag ich wieder einmal mit Fieber erkältet im Bett, da die Baustellenarbeit bei den frostigen Temperaturen ihren Tribut forderte. Schwester Inge war schwanger und erwartete im Juli ihr erstes Kind, was mein Schwager absolut nicht wollte – bei ihnen ahnte ich erhebliche Spannungen. Darüber hinaus hatte ich mich zur Führerscheinprüfung angemeldet, deren theoretische und praktische Stunden anstanden.

Es war Dienstag, der 6. Februar 1968 morgens um ca. 6.45 Uhr als ich durch einen lauten Knall aus dem Halbschlaf gerissen wurde und aufrecht im Bett saß. Ich hatte plötzlich das Gefühl zu ersticken und hielt mir den Hals, der stark wie bei einem Halswirbelvorfall schmerzte. Doch dann schlief ich von der Erkältung gebeutelt wieder ein. Keine Stunde später kam meine Mutter aufgeregt zu mir ins Zimmer gestürmt, „komm schnell mit Vati ist was Schlimmes passiert“ – so hatte ich sie noch nie erlebt und sie berichtete mir, dass sie im Keller Licht gesehen und nachgeschaut hätte. Von weitem hätte sie gesehen, dass sich „Vati“ im Heizungskeller erhängt hatte. Damit die Vermieter nichts mitbekamen, machte sie das Licht im gesamten Keller wieder aus und bat mich, jetzt allein nachzuschauen. Schnell zog ich mich an und lief allein in den besagten Kellerraum und machte dort Licht. Dort sah ich meinen Vater an einem doppelt geflochtenen Paketseil mit einem pionierartigen Knoten an einer Eisenstange hängen. Daneben war der Hackstock für das Anmachholz, den er zum Anstieg benutzt hatte. Geistesgegenwärtig versuchte ich meinen Vater hochzuheben, da ich glaubte, dass er noch lebte. Er war enorm schwer und ich stellte fest, dass er an den Fingernägel blau angelaufen und tot war. Ich berichtete meiner Mutter davon, die unseren Hausarzt anrief und ihm alles schilderte. Der gab den Fall sofort an die Kriminalpolizei weiter, woraufhin gegen 9 Uhr zwei Beamte kamen und mit mir gemeinsam in den Todesraum gingen. Danach schickten sie mich fort und kamen später zu einem getrennten Verhör wieder ins Wohnzimmer.

Als ich zur Toilette ging, bemerkte ich an der Tür einen abgerissenen Kleiderhaken, daneben lag sein Bademantelgürtel. Jetzt wusste ich, warum ich morgens von einem lauten Knall erwacht war– es war ein missglückter Suizidversuch. Nachdem die Kripobeamten gegangen waren, erfuhr ich von meiner Mutter, dass er bereits ein Jahr zuvor einen äußerst gefährlichen Selbstmordversuch begangen hatte, indem er den Gashahn unseres Herdes aufdrehte und seine Nase direkt unter das ausströmende Gas hielt. Gottseidank hatte meine Mutter den Versuch rechtzeitig bemerkt. Sie drängte ihn danach, dass er sich ärztliche Hilfe holen sollte, wobei sie keinen Menschen in diesen Prozess einweihte. Doch mein Vater ging vor lauter Angst, auch wegen seiner inoperablen Leistenbrüche und anderen Probleme einfach nicht zum Arzt. Zwei Tage vor seinem Freitod hatte ich ein ungewöhnliches Zusammentreffen mit ihm. Im Beisein meiner Mutter gestand er mir unter Tränen „ich habe so viele Fehler gemacht (…) ich habe immer Angst im Leben gehabt!“ Ich nahm ihn liebevoll in den Arm und drückte ihn ganz fest und sagt ihm wie lieb ich ihn habe. Es sollte unser letzter Wortwechsel sein.

Man kannte mich als sehr reaktionsschnellen, lösungsorientierten jungen Mann, dessen entsprechende emotionale Reaktionen auf ungewöhnliche Vorfälle immer erst viel später einsetzten. Auch in den nächsten Tagen konnte ich keine einzige Träne weinen und auch nicht trauern, zumal meine Mutter unfähig war, irgendwelche Belange des Todesfalls zu regeln, sie überließ alles mir (Abb. 11). Es war völlig surrealistisch für mich, dass mein 60-jähriger Vater sich erhängt hatte, nein es war alles so unbegreiflich für mich. Gerade er, der immer von seiner (Offiziers)Ehre sprach, hätte niemals den Freitod gewählt, davon war ich fest überzeugt. Viel später habe ich verstanden, dass ich durch seinen Selbstmord in ein langes Trauma gefallen war, das sich erst nach einem Jahrzehnt allmählich auflöste.


Abb. 11: Mein Führerschein mit dem Foto, das direkt nach dem Tod meines Vaters im Februar 1968 gemacht wurde, ich trug sechs Wochen die schwarze Trauerkleidung, was damals üblich war (19 Jahre).


Damals galt Selbstmord als schwere Sünde und man machte schnell die Angehörigen dafür mitverantwortlich. Zudem war an dem Tag ein Leichenwagen der Kripo vorgefahren, um den beschlagnahmten Leichnam meines Vaters in die gerichtsmedizinische Abteilung zu bringen. Ich war dabei, als er in dem Blechsarg aus dem Haus gebracht wurde, der Anblick war fürchterlich für mich. Um den Suizid geheim zu halten, bat meine Mutter verzweifelt den Staatsanwalt, dass als Todesursache Herzversagen angegeben wurde, was er auch tat. Doch man munkelte viel und manche Anwohner gingen uns nun aus dem Wege. Zudem distanzierten sich meine bisherigen Freunde von mir. Nur einer blieb mir erhalten, der jedoch von alledem lange nichts wusste, zumal ich ihm von alledem nichts anvertraute. Es passte zu dem Bild, dass ich nach der Kindheit keine „echten Freunde“ mehr haben sollte.

Mein Leben veränderte sich ab diesem Zeitpunkt grundlegend. Bei den engsten Familienangehörigen taten sich abgründige Eigenschaften auf, die ich so nie für möglich gehalten hätte. Beide Schwestern und Schwager kümmerten sich angesichts der dramatischen Umstände des Todesfalls um rein Garnichts und ließen meine Mutter und mich völlig allein mit allen Problemen. Die älteste Schwester kam erst gar nicht zur Beerdigung und die schwangere Schwester musste zu diesem Zeitpunkt Gewalttaten von ihrem Mann ertragen, von denen später noch die Rede sein wird. Und auch meine 56-jährige Mutter zeigte mir plötzlich ein ganz anderes Gesicht, indem sie hilflos wirkte und sich ab dieser Zeit nicht im Stande sah, irgendwelche formalen Dinge zu klären. So besorgte ich u.a. den Bestatter und regelte die gesamte Beerdigung, ging mit ihr zum Amtsgericht wegen des Vaterschaftserbes, das es mangels Vermögen „Gottseidank“ nicht gab, lief mit ihr zum Personalamt der Stadt Duisburg, um dort das Sterbegeld und ihre Witwenrente zu beantragen und ich versuchte mit ihr an die Konten meines Vaters zu kommen, was erhebliche Probleme bereitete, da sie kein Zeichnungsrecht besaß.

Als ich allein das Büro meines verstorbenen Vaters bei der Stadt Duisburg im Beisein seiner Mitarbeiter auflöste, fand ich das Foto eines kleinen Mädchens. Daheim fragte ich meine Mutter, wer das ist und ich hörte zum ersten Mal, dass ich eine zwei Jahre ältere Halbschwester in Bayern hatte - ein Familiengeheimnis, das man zwei Jahrzehnte vor uns Kindern geheim gehalten hatte. Darüber hinaus befanden sich viele private Unterlagen von ihm im Büro, von denen meine Mutter nichts wusste. So fand ich u.a. eine Lebensversicherung auf meinen Namen, die bei seinem Tod, aber nicht bei Selbstmord mit einigen tausend Mark auszuzahlen war. Die Beerdigung war ein weiterer Höhepunkt der Strapazen, wobei etwa 300 Gäste den Trauerzug begleiteten (Abb. 12). Mitten in der Beerdigungsansprache des evangelischen Pfarrers sackte ich zusammen und bekam keine Luft mehr – ich war psychisch am Ende und drohte ohnmächtig zu werden. Meine Mutter packte mich unter dem Arm und flüsterte mir zu „Manfred komm, bleib hier!“ Wie ferngesteuert nahm ich alles weitere der Beerdigungszeremonie, wie die Ansprachen von Weggefährten und einem Vertreter der Stadt Duisburg am Grab, wahr. Tief in mir merkte ich, wieviel mein Vater mir bedeutet hatte und ich vermisste ihn sehr.


Abb. 12: Nach der Beerdigung meines Vaters am 9. Februar 1968, meine Mutter verschleiert in schwarz, links meine schwangere Schwester Inge. Mitarbeiter von ihm legten noch 15 Jahre nach dem Tod meines Vaters Blumen an sein Grab.


Auch nach der Beerdigung fand ich keine Zeit zu trauern, denn meine Mutter brauchte und verlangte täglich meine Hilfe. Außerdem musste ich die Facharbeiterprüfungen bis Ende März bestehen, was mir erstaunlich gut gelang. Und Mitte März hatte ich die Führerscheinprüfung nach nur acht Fahrstunden erfolgreich bestanden. Außerdem wollte ich unbedingt die genaue Ursache für den Suizid meines Vaters wissen, zumal wir den Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin nicht zur Einsicht bekamen. So ging ich mit meiner Mutter zu dem Chirurgen, der ihn mehrfach am Bruch und wegen der Nierensteine operiert hatte und der ihn bei seiner Lungenembolie erfolgreich behandelte. Ich berichtete ihm, dass ich am Todestag einen grünlichen Auswurf meines Vaters in der Badewanne entdeckt hatte. Der Arzt meinte, dass es sich wohl um eine Gallenkolik und Lebererkrankung handeln könnte. Da die Mutter meines Vaters, meine Oma, an Leberkrebs gestorben war, bohrte ich nach und erzählte ihm von den Beobachtungen, dass er gelegentlich geistig nicht ansprechbar war und einfach nur dastand, Konzentrationsschwächen zeigte und wie verändert wirkte, was auch seine Mitarbeiter im Büro bestätigten. Der Mediziner erklärte mir, dass aus einer kranken Leber Giftstoffe wie Ammoniak ins Gehirn gelangen können, die eine Interaktion der Nervenzellen verhindern und einen Suizid als Kurzschlusshandlung bewirken können (Hepatische Enzephalopathie). Das hieß für mich: wäre mein Vater konsequent zum Arzt gegangen und hätte seinen Lebensstil in puncto Alkoholexzesse geändert, wäre er am Leben geblieben. Ich war bestürzt und trotzdem erleichtert zumindest eine medizinisch plausible Erklärung für seinen Tod zu erhalten.

Aber das nächste Problem wartete bereits: meine Einberufung zur Bundeswehr stand kurz bevor. Völlig unerwartet wurde nun meine Mutter aktiv und erklärte als meine Erziehungsberechtigte mit mir zum Kreiswehreinsatzamt nach Düsseldorf zu fahren, um dort allein meine Freistellung in der Chefetage durchsetzen. Ich wartete vor dem Behördensitz und glaubte nicht an einen Erfolg, denn ein Stellungsbefehl wurde eigentlich nie zurückgezogen. Doch sie schaffte das schier Unmögliche: es hieß, die Einberufung wird bis 1971, d.h. bis zur Beendigung meines Studiums an der Staatlichen Ingenieur-Schule Essen, ausgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt und ohne die Vorgaben meines Vaters wurde mir klar, dass ein Wehrdienst bei der Bundeswehr niemals für mich in Frage kommen würde. Mir wurde bewusst, was der Krieg mit meiner Familie und unzähligen unschuldigen Menschen angerichtet hatte, daran würde ich mich niemals ein zweites Mal beteiligen.

So erfüllte ich mir den langen Traum von meinem Ersparten einen fabrikneuen „schnellen“ VW-Käfer mit einem 1.500 cm³- Motor zu kaufen. Der Autokauf sollte wie eine Befreiung auf mich wirken. Doch meine Mutter klammerte sich an mich und wollte immer wieder von mir u.a. zum Friedhof, zum Einkaufen, zur Stadt, zu meiner Tante Lisa gefahren werden. Sie tat mir leid und ich kam ihren Wünschen nach, wobei ich zunächst nicht merkte, dass sie mich dabei immer mehr vereinnahmte. Es gelang mir jedoch, sie später zu ihrem ersten Kuraufenthalt zu überreden, wobei sie mir danach gestand, dass der Tod von „Vati“ wie eine Befreiung für sie ist. Denn nun konnte sie mit der Pension endlich alleinverantwortlich ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten. Sie baute sich einen eigenen Freundeskreis in einer Yogagruppe auf, machte ihre ersten Flugreisen auf die Kanarischen Inseln und nach Istanbul und plötzlich stand ein Verehrer von ihr in unserer Wohnung. Von dem hatte ich zuvor nichts erfahren und da er ziemlich dreist auftrat, schmiss ich ihn aus dem Haus und machte meiner Mutter erhebliche Vorwürfe, da sie mir davon nichts erzählt hatte.

Als ich mich zum Wintersemester 1968 in den Fachbereich Bauingenieurwesen an der Staatlichen Ingenieur-Schule in Essen anmeldete, nahm ich nicht wahr, dass ich mich bereits in einer tiefen Depression befand. Insofern hatte ich keine Chance, den Ansprüchen dieser Ausbildung zu folgen und brach das Semester ab. Im Arbeitsamt Duisburg versuchte ich durch einen Berufseignungstest einen Berufswechsel. Hier hieß es, dass ich als Psychologe geeignet wäre, doch was sollte das? Für ein derartiges Studium fehlte mir das Abitur und so trug ich mich wieder zum Studium bei der Ingenieur-Schule, diesmal für den Fachbereich Hochbau ein. Parallel dazu suchte ich einen Psychiater auf. Dazu muss man wissen, dass eine psychiatrische Behandlung damals als verdächtig hinsichtlich eines „klappsmühlenreifen Zustands“ galt. Insofern versuchte ich bei den Terminen in seiner Ordination nicht gesehen zu werden.

Natürlich hatte ich einen schweren Schock erlitten und unbewusst Schuldgefühle, meinem Vater nicht zuvor irgendwie geholfen zu haben, um den Suizid zu verhindern. Außerdem fehlte mir jegliche soziale Unterstützung aus meinem Umfeld, was ich u.a. meiner ältesten Schwester nie vergessen habe. Es war mir auf Grund der Umstände und in Anbetracht der klammernden Mutter unmöglich, in eine Trauerarbeit und einen Verarbeitungsprozess des Selbstmords meines Vaters einzutreten. Im Zuge der „komplizierten Trauer“ litt ich zwangsläufig unter einer Depression und posttraumatischen Belastungsstörungen mit affektiven Störungen - ich war nicht mehr der, der ich vorher war! Eine erfolgreiche Therapie dafür gab es damals noch nicht und meine Situation erschien hoffnungslos, d.h. mein Trauma drohte mich vollkommen aus der Bahn zu werfen. Mein Psychiater sah damals jedoch die negative Einflussnahme meiner Mutter hinsichtlich meiner psychischen Situation und Entwicklung als junger Mann und forderte mich auf ganz von ihr wegzuziehen. Das sollte mir aber erst nach der Beendigung des Studiums in Essen mit 23 Jahren, vier Jahre nach dem Tod meines Vaters, gelingen.

Meinem Vater machte ich hinsichtlich seiner Selbsttötung keine Vorwürfe, was ganz im Gegensatz zu meiner Mutter stand. Ich war der Überzeugung, dass wir grundsätzlich nicht das Recht haben von einem Mitmenschen zu verlangen, sein Leben, vor allem bei einem erheblichen Leidensprozess bis zu einem natürlichen Tod zu Ende zu leben, insofern haben wir auch den Freitod zu respektieren. Meine Beziehung zu meinem Vater hat sich nicht verändert, obgleich er seine Gefühle mir gegenüber fast nie gezeigt hat. Erst durch meine Recherchen zur Familienforschung begriff ich, was hier für eine Tragödie vorlag. Mein sportlicher Vater, der als Berufsoffizier keinen Alkohol trank, hatte der Krieg mit seinen traumatischen Umständen psychisch fertiggemacht und zum Alkoholiker werden lassen. Wie meine Mutter immer wieder betonte „der Krieg hat alles kaputtgemacht“, manifestierte sich ihre Feststellung am Ende durch seinen Suizid. Durch seine regelmäßigen alkoholischen Exzesse in der Nachkriegszeit wurde er schließlich leberkrank, was er offensichtlich nicht erkannte bzw. nicht wahrhaben wollte, zumal er auch sehr viel Angst vor Arztbesuchen hatte und sie strikt ablehnte. Er wusste von der erblichen Gefahr, die von einer Lebererkrankung ausging, da seine Mutter durch Leberkrebs früh verstarb. Dennoch ignorierte er die ständigen Alarmrufe seines Körpers und sah in seinem selbstzerstörerischen Verhalten auch keine Verantwortung für seine Frau und seine Familie. 

Auch heute noch schmerzen die Narben meines Traumas durch seinen Selbstmord, trotz der plausiblen Erklärungen für seine Tat. Fünf Jahrzehnte nach seinem Suizid schrieb ich ihm in der Familienchronik „Neugebauer“ einen Brief. Hierin fand ich u.a. die Worte „ich nehme dich liebevoll in den Arm und sage dir, Alles ist gut wie es war, meine Liebe zu dir möge dir ein Licht sein, dass du zu deinem Frieden kommst, es gibt nichts mehr, was du hier wiedergutmachen müsstest, du brauchst keine Angst mehr zu haben, denn wir sind alle hier, um unsere Ängste und Fehler anzunehmen und aus ihnen zu lernen.“

Dass meine neun Jahre ältere Lieblingsschwester Inge einmal der Selbsttötung meines Vaters folgen würde, hätte ich gerade bei ihr, als stets lebensbejahende und positiv wirkende Frau völlig ausgeschlossen (Abb. 13).  Sie himmelte unseren Vater auch nach ihrer Heirat geradezu an und nannte ihn stets „Vatilein“, wobei er ihre Zuneigung als attraktive blonde Frau sichtlich genoss. Als sie uns 1967 offenbarte, dass sie schwanger ist, war mein Vater sichtlich entsetzt, denn er ahnte wohl, was kommen musste. Eigenartigerweise haben wir uns alle nicht so richtig freuen können, ohne zu wissen, welche Dramatik sich tatsächlich in ihrer Zweierbeziehung abspielte. In der vorgenannten Familienchronik habe ich mich mit dem Fall 50 Jahre später beschäftigt und es wurde mir schnell klar, dass ihr Mann ein gewalttätiger jähzorniger Narzisst war. Sein ständiges Bedürfnis nach bewundernder Anerkennung erfüllte sie auch vor mir permanent, indem sie u.a. seine Leistungen als Diplom-Übersetzer oder auch sein Aussehen überschwänglich und anhaltend lobte. Auf mich wirkte er selbstverliebt und völlig von sich überzeugt, der sich nie um das Empfinden anderer Mitmenschen kümmerte, d.h. er war der Mittelpunkt der Welt und allen anderen völlig überlegen. Meine Schwester merkte nicht, dass sie durch ihre totale Unterordnung von ihm ausgebeutet und extrem manipuliert und abhängig wurde. Das gipfelte u.a. darin, dass er sie gegen ihren Willen nicht arbeiten gehen ließ und sie ihm jederzeit „zur Verfügung zu stehen hatte.“ Meine Schwester baute sich bereits als Kind durch die Fluchterlebnisse eine „heile Welt“ auf, eine Scheinwelt, um ihre Seele zu schützen, was ein fataler Trugschluss sein sollte.


Abb. 13: Meine Schwester Ingeborg mit 24, 25 und 29 Jahren, vor ihrem Zusammenbruch, so will ich sie in Erinnerung behalten.


Mein Schwager trieb sie in unmenschlicher Art und Weise in den Abgrund und machte aus ihr, die zuvor Alkohol und Zigaretten verabscheute, eine Alkoholikerin, Liebesdienerin und Raucherin. Er selbst war trotz seiner Selbstständigkeit als gerichtlich vereidigter Übersetzer für Englisch und Französisch zum schweren Alkoholiker geworden, der jeden Tag u.a. mindestens eine Flasche Cognac oder Whisky trank und mehr als eine Schachtel filterlose Gauloises-Zigaretten mit Maispapier rauchte. Als sich Inge mit 29 Jahren gegen seinen ausdrücklichen Willen ein Kind wünschte und sie schwanger wurde, rastete er aus und - wie ich sehr viel später von ihr erfuhr -  schlug er sie buchstäblich grün und blau. Er trat ihr in der Schwangerschaft u.a. fürchterlich in den Bauch, sodass ihre Tochter Denise als Frühchen mit acht Monaten geboren wurde. Es hieß, dass mein Schwager sein eigenes Kind zu Hause nicht ertragen konnte und es nach der Geburt bei seinen in Bayern lebenden pensionierten Eltern abgab. Das Martyrium für meine Schwester ging jedoch weiter und wir bekamen von ihr 1970 einen nächtlichen Hilferuf aus ihrer Wohnung. Sie war mit gerade einmal 31 Jahren psychisch völlig am Ende, hatte Spuren von Gewaltanwendung am Körper und war traumatisiert. 

In einer „Befreiungsaktion“ schaute ich, dass mein Schwager wegen eines auswärtigen Besprechungstermins nicht zuhause war und fuhr bei dieser Gelegenheit umgehend mit meiner Mutter im VW von Duisburg nach Essen zu ihrer gemeinsamen Wohnung. Hier stand meine Mutter vor dem Haus „Schmiere“, um uns zu warnen, wenn er unerwartet auftauchen würde. So schnappte ich mir in Windeseile alle wichtigen Urkunden und privaten Gegenstände meiner Schwester und brachten sie zu uns. In den nächsten Tagen und Wochen erfuhren wir nun alles das, was sie erlebt und durchgemacht hatte. Sie musste unbedingt psychiatrisch betreut werden, was sie jedoch strikt ablehnte, wobei auch meine zugewandten langen nächtlichen Gespräche mit ihr, die auch noch viele Jahre danach stattfanden, keinerlei Einsichten bei ihr bewirkten. Dennoch erreichte ich, dass sie nicht mehr zu ihrem Noch-Ehemann zurückkehrte, es wäre angesichts seiner Brutalitäten vermutlich ihr Ende gewesen. 

Wenngleich sie nach Monaten ihrer ehemaligen Arbeit als Drogistin und Kosmetikerin wieder nachging, so wussten wir, dass sie ihrer Alkoholsucht bei abendlichen Ausgängen in Bars frönte. Was mir das Herz brach war die Tatsache, dass sie sich überhaupt nicht um ihre dreijährige Tochter Denise kümmerte, die mittlerweile bei uns lebte, da die bayerischen Großeltern gesundheitlich Probleme hatten. Dennoch gab ich meine Schwester nicht auf! Nach ihrer Scheidung versuchte ich während meiner Studienzeit meine kleine Nichte zuhause aufzumuntern, mit ihr zu spielen und sie immer wieder vom Kindergarten abzuholen. Dadurch lernte die Kleine erstmals richtig zu lachen. Daneben kämpfte meine Mutter mit ihrem Ex-Schwiegersohn erfolgreich um die Zahlungen des Unterhaltsgeldes für Denise. Unsere ganzen Bemühungen um meine Schwester und Denise schienen vergeblich, denn Inge machte ihre Touren durch die Lokale und Diskotheken weiter und wurde zur „Trallafitti-Dame“. Sie nahm ihre Rolle als Mutter in keiner Weise wahr und heiratete einen dieser „Bartypen,“ wobei sie mich nicht zu ihrer Hochzeit einlud, obgleich ich ihre Tochter auch nach dem Wegzug aus Duisburg durch Briefe und bei mir Hause in ihren Schulferien betreute, wovon noch die Rede sein wird.   

Ein Jahrzehnt später kam meine Schwester wegen ihrer schweren Alkoholsucht in eine geschlossene psychiatrische Klinik. Nach Gesprächen mit der Oberärztin stellte sich heraus, dass meine Schwester als nicht therapierbar galt und zeitweilig immer mal wieder entlassen wurde. Es war eine unglaubliche Katastrophe und sehr starke Belastung für mich mit ansehen zu müssen, wie meine ehemals attraktive Schwester zu Grunde ging. Vielleicht konnte ich sie davor retten eines Tages nicht erschlagen zu werden, aber ihre schwere Alkoholsucht war stärker als all meine Bruderliebe. Man fand sie am 22. Juli 1997 mit einer Überdosis Tabletten in der Wohnung ihres Ehemannes tot auf, sie hatte sich das Leben genommen.

Meine Studienzeit – oder wir wa(h)ren "68er"
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7.4.  Die wahre 68er-Generation – Meine Studienzeit – oder wir wa(h)ren "68er".
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Nachdem ich mein Studium im Fachgebiet Tiefbau auf Grund des Freitods meines Vaters und meiner damit zusammenhängenden Depression abbrechen musste, nahm ich an derselben Staatlichen Ingenieurschule (Staatsbauschule) in Essen das Studium, doch nunmehr im Fachgebiet Hochbau, auf (Abb. 14). Das Studium an der ehemaligen Staatlichen Baugewerkschule in Essen war als „Knochenmühle“ berüchtigt. Dort zu bestehen galt als besonders schwierig. Außerdem gab es keine Studentinnen, da die Einstiegsvorrausetzungen mit einem Facharbeiterbrief eines Bauberufs nebst einem halbjährigen Praktikum in einem artverwandten Bauberuf als reine Männersache angesehen wurde. So hieß es vom Direktor bei der Informationsveranstaltung für die Studienanfänger im militärischen Tonfall „merken sie sich eines: dreimal kein F (...) keine Frauen, keine Feiern, keine Ferien (...) ich garantiere ihnen, dass ich die Hälfte von ihnen nach dem Vordiplom hier nicht mehr sehe werde!“ Das Lehrpersonal bestand aus Bauräten, die zumeist aus der Baupraxis kamen und ihren Lehrstoff praxisorientiert vermittelten, was uns als gelernte Facharbeiter entgegenkam. Einige von ihnen stammten noch aus der Nazi-Zeit, wo sie u.a. in Forschungsprojekten z.B. für den Betonbau mitgearbeitet hatten. Andererseits war der Umfang des Gesamtstudiums mit insgesamt 32 Fächern innerhalb von sechs Semestern und der darin geforderte Wissensstand enorm.


Abb. 14: Studentenausweis der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen (später Fachhochschule) Essen.


Wir studierten in einem Semesterverband mit drei Parallelklassen. Am Studienende bestanden nur noch zwei Semesterklassen mit etwa der Hälfte der ursprünglichen Studentenzahl, wobei die Abbruchquote durch die hohe Leistungsorientiertheit mit über 40% der gewollten Auslese und der Vorstellung der Ingenieurschule entsprach. Alle Vorlesungen fanden an einem Vormittag statt und am Semesterende gab es ein Zeugnis sowie nach den ersten drei Semestern eine zusätzliche Vordiplom-Prüfung. Zum ersten Mal spürte ich einen existenziellen Kampf, denn ich wusste, keiner konnte mir helfen und ich musste unbedingt meine berufliche Zukunft durch ein gutes Zeugnis sichern. Das erschien eigentlich unmöglich, da es hieß - bei den über ein Dutzend Klausuren pro Semester - dass nie einer die Note 1 erhalten wird. War man am Studienende extrem gut, empfahl einen der Direktor an eine Universität bzw. Hochschule zum Weiterstudium, was pro Semester selten einem Studierenden gelang. Von meinem Semesterabbruch geschockt ordnete ich nahezu alles dem Studium unter und büffelte täglich, manchmal bis spät in die Nacht hinein und auch immer wieder an den Wochenenden.

In den Semesterferien arbeitete ich jedes Mal in einen bekannten Duisburger Ingenieurbüro, dessen Chef sich als Erbauer der „Duisburger Brücke“, eine der damals längsten deutschen Straßenbrücken, einen Namen gemacht hatte. Hier zeichnete ich mit den dort arbeitenden Statikern komplizierte Bewehrungspläne und verdiente dabei gutes Geld. Dadurch konnte ich mir jedes Jahr u.a. dreiwöchige Urlaubsreisen mit dem Flugzeug leisten. Andererseits lebte ich noch zuhause und ich erhielt die Unterstützung durch das „Honnefer Modell (später BAföG)“, wobei meine Mutter zusätzlich noch Kindergeld erhielt.

Anschließend an die Vorlesungen des Vormittags ging ich nahezu täglich ins Hallenbad zum Streckenschwimmen. Relativ schnell entwickelte ich mich bereits ab dem ersten Semester plötzlich zu einem Musterstudenten. Allerdings versuchte ich meinen Kommilitonen in allen Semestern bei Fach- und Prüfungsfragen zur Verfügung zu stehen, wodurch ich nicht als Streber galt. So bestand mein Abschlusszeugnis und meine Diplomarbeit aus sehr vielen Bestnoten, was mir die Aussicht auf ein Weiterstudium an einer Universität bzw. Hochschule eröffnete. Im Hauptstudium ließ ich mich von einem Kommilitonen überreden, in die Studentenverbindung „Ingenieur-Corporation Amicitia Essen“ einzutreten. Doch nach einigen Zusammenkünften merkte ich, worum es hier den Aktiven und „Alten Herrn“ vor allem ging, um Saufgelage und Besuche im Rotlichtmilieu, was meinen schnellen Wiederaustritt zur Folge hatte.

Apropos Studentenproteste der „68er“ und unser Verhältnis zu den Dozenten. Das Problem war, dass unser Abschluss als graduierter Ingenieur (Ing. grad.) an einer deutschen Ingenieurschule europaweit nur als Bautechniker anerkannt wurde. Mit unserem Streik im Juni 1969, der unter großer Sympathie des Lehrpersonals stattfand, zogen wir gut organisiert vor das Kultusministerium von Nordrhein-Westlandes in Düsseldorf. Bereits im Juli 1969 wurde das neue Fachhochschulgesetz im Landtag verabschiedet, in dessen Zuge die Absolventen nunmehr als Dipl. Ing. (FH) bezeichnet wurden. Zudem hatten auch die Dozenten der neuen Fachhochschulen das Recht auf Forschungsarbeit und wurden erstmals als Professoren eingestuft. Durch die spätere Fusion der Fachhochschule Essen mit der Universität Duisburg-Essen erhielt ich nachträglich den Titel „Diplom Ingenieur“ (Abb. 16).

Durch die besonderen Leistungen in allen Studiensemestern hatte ich sehr viel Selbstvertrauen gewonnen, zumal ich vom Studienabbrecher zum Semesterbesten aufgestiegen war und nun meine Chance sah, in ein Universitätsstudium einzutreten. Zudem war dadurch eine wesentlich verbesserte berufliche Existenz in Aussicht, da ein Fachhochschulabschluss und ein Universitätsabschluss einen erheblichen Unterschied für den beruflichen Aufstieg darstellte. Die besten Voraussetzungen für ein Weiterstudium fand ich an der Technischen Universität in West-Berlin im Fachbereich Architektur, wo ich bedingungslos direkt in das Hauptstudium eintreten konnte. Zur Zusage musste ich in der Verwaltung der Universität persönlich erscheinen und flog mit einer amerikanischen Fluggesellschaft – deutsche Flüge waren damals verboten - von Düsseldorf nach Berlin-Tempelhof. Nach dem Gespräch mit dem zuständigen Verwaltungsbeamten erhielt ich die Zusage, sofort in das Semester eintreten zu können - ich war begeistert.

Obgleich ich mich über die Regularien des Studiums gut informiert hatte, konnte ich mit dem Studienplan wenig anfangen, da er nicht der bisherigen Organisation des Fachhochschulstudiums entsprach und es keinen Semesterverband gab. Man musste sich das Hauptstudium allein erschließen, das hieß welche Pflichtvorlesungen, Seminare und Semesterarbeiten waren zu belegen, wobei sich dafür mehrere Alternativen ergaben. So stellte man sich selbst einen Studienplan zusammen und fragte bei den Ordinarien an, ob sie eine Semesterarbeit betreuen würden, deren Thema wir selbst definieren und inhaltlich begründen mussten. Es war für mich zu Anfang eine elende Lauferei zu den Instituten, wobei man mich dort als Neuling nicht kannte. Die Verwirrung war bei mir auf Grund dieser großen Freiheit und Selbstständigkeit eines Studiums ziemlich groß. So erlebte ich einige der wenigen Fachhochschulabsolventen aus der Bundesrepublik, wie sie das Studium deshalb wieder aufgaben. Zu meiner Überraschung traf ich einen Kommilitonen aus meinem Abschlusssemester der Fachhochschule Essen wieder. Er wollte auch aufgeben, doch ich konnte ihn überzeugen, dass wir uns als Gruppe für die umfangreichen Semesterarbeiten zusammenschließen sollten. Normalerweise waren mehr als zwei Studenten, wegen des geforderten Umfangs und der Qualität der Arbeiten erforderlich. Dennoch blieben wir allein zusammen, wobei sich unsere Talente sehr gut ergänzten, zumal er – im Gegensatz zu mir - ein begnadeter technischer Zeichner war.

Das Thema der Seminararbeit musste dem jeweiligen Professor vorgestellt werden, der dann über die Annahme, den Umfang und den Inhalt der Arbeit entschied, was danach bei regelmäßigen Testaten ggf. noch einmal fortgeschrieben werden konnte. Das war auch der Grund, warum mein Kommilitone gleich wieder das Studium hinschmeißen wollte, da der Dozent für den vorgelegten ersten Entwurf eine gravierende Veränderung verlangte, die enorme Mehrarbeit am Reißbrett bedeutete. Doch ich konnte ihn auch bei anderen Arbeiten immer wieder überzeugen weiterzuarbeiten, sodass wir letztlich großen Erfolg mit unserer Gruppenarbeit hatten. Dabei befanden wir uns beide ständig an der Leistungsgrenze und trafen uns nur in den zwei Studienjahren einmal extern zu einem Bierchen. Das bedeutet, wir bildeten eine Zweckgemeinschaft und waren in dem Sinne keine Freunde. Es war klar, dass wir mit der Zeit unter Erschöpfungssymptomen litten, die man heute als Burn-out bezeichnen würde (Abb. 15). Doch ich gab nie auf, wobei sich jetzt Bestnoten bei der Bewertung unserer Arbeiten einstellten.



Abb. 15: Zu Beginn meines Studiums in West-Berlin (oben); mein Studentenausweis und ein Foto von mir im Arbeitszimmer meines Kommilitonen, wir gingen im Studium permanent an unsere Leistungsgrenze, was sich bei mir in der Mimik deutlich abzeichnete.


Für eine Seminararbeit machte ich mit meinem Studienfreund eine beschwerliche Studienreise in das kommunistische Polen, um dort baukonstruktiv-historische Forschungen an Baudenkmalen deutschen Ursprungs aus dem Spätmittelalter durchzuführen. Mit Visa und Begleitschreiben des Berliner Senats in polnischer Sprache fuhren wir durch die DDR und Nordpolen u.a. nach Danzig und zur Marienburg und auf dem Rückweg zum Haus meiner Oma (siehe Kap. 3.8.). In Danzig trafen wir den Chef-Denkmalpfleger der Stadt und waren begeistert über die erstaunlich hohe Qualität der denkmalpflegerischen und restauratorische Arbeiten an den unter Schutz stehenden Bürgerhäusern. Auf der anderen Seite schockierte uns der baulich insgesamt verwahrloste Zustand auf dem Lande und den Kleinstädten. Als wir mit Dorfbewohnern sprachen, die ein wenig deutsch konnten, mussten wir uns in eine Kirche zurückziehen, damit Spitzel uns nicht belauschten. Hier übergaben wir ihnen Präsente, wie Nylonstrümpfe, weil wir von Polenreisenden wussten, dass wir ihnen damit eine große Freude machen konnten.  Viele fluchten fürchterlich über den kommunistischen Staat und meinten, es sollten doch nur die (West)Deutschen wiederkommen, dann wird alles besser. Und ein Pole in Danzig erzählte uns, dass er immer wieder gesehen hatte, wie Güterwagons mit Fleisch aus Polen in die UdSSR transportiert wurden, während man in Polen vielfach hungerte. Andererseits haben wir nirgends so viele alkoholisierte Männer angetroffen, wie bei dieser Studienfahrt.

Mit großer Neugier belegte ich das Fach „Architektursoziologie“, das erstmals an einer deutschen Universität gelehrt und von zwei Professoren von der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität Berlin als „Ko-Vorlesung“ durchführt wurde. Darüber hinaus hatten wir namhafte Professoren wie Prof. Dr. Rudolf Burkhardt, der maßgeblich die Entwicklung der Photogrammmetrie vorantrieb und der uns als hervorragender Dozent stets zu eigenen Leistungen motivierte. Dazu zählte auch Prof. Dr. Mielke im Fachgebiet Denkmalpflege, der als Begründer der Treppenforschung (Scalalogie) gilt.  Oder dem hochengagierten Querdenker und mehrfach ausgezeichneten Professor für Tragwerkslehre Dr. Stefan Polónyi, ein Spezialist für Schalen- und Faltwerkkonstruktionen. Im Fachgebiet Entwurfslehre konnten wir bei dem bekannten Professor Hermann Fehling einen der begehrten Betreuungsplätze für eine Gruppenarbeit bekommen. Fehling war ehemaliger Mitarbeiter in dem weltweit bekannten Architekturbüro von Erich Mendelsohn und Hans Scharoun und in unserer Zeit stellvertretender Direktor der Berliner Akademie der Künste. Durch seine weltoffene Art schaffte ich es, bei ihm meine Diplomarbeit im Bereich der Architekturpsychologie durchzuführen – es war die erste Diplomarbeit dieser Art überhaupt, da dieses Fachgebiet brandneu und im Entstehen begriffen war und einen interdisziplinären Ansatz erforderte. Bei diesem Thema ging es um die Wechselwirkung von gebauter Umwelt und ihrer emotionalen und sozialen Wirkung auf den Menschen. Die Aufgeschlossenheit der Berliner Universitätsprofessoren hat mich nachhaltig in meiner beruflichen Arbeit beeinflusst und mich motiviert, völlig neue Wege in meiner Arbeit zu gehen (vgl. Kap. 9).

Das Leben in West-Berlin war sehr speziell, zumal ich nachts immer wieder Schüsse in der Wohnung im Bezirk Reinickendorf von der nahegelegenen Grenze von Ost-Berlin hörte. Natürlich besuchte ich die Bernauer Straße und den Check-Point-Charly, wobei das Gefühl permanent vorhanden war, in einer 2 Millionen-Großstadt eingesperrt und von russischen und DDR-Truppen umzingelt zu sein. Das spürte man unmittelbar, wenn es mit dem Fahrzeug zur langen Heimreise durch die DDR nach Duisburg ging. Hier wurden wir Westberliner regelmäßig schikaniert, d.h. beim Grenzübertritt aus der Schlange herausgeholt und in Warteposition grundlos „abgestellt.“ Oder Vopos verfolgten einen auf der Autobahn und leiteten uns in einen Seitenweg, wo sie uns durchsuchten. Das Gefühl auf einem Pulverfass zu sitzen, war sehr bedrückend, schürte aber zugleich die Wut auf das kommunistische System. Dennoch unternahm ich mit meinem Kommilitonen als Westberliner Bürger im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs zweimal Studienreisen nach Ost-Berlin und wir besuchten u.a. das Pergamonmuseum auf der Museumsinsel.

Mein Ehrgeiz war es, die zwölf Hauptfächer und drei Wahlfächer optimal abzuschließen und dabei „studentische Akkordarbeit“ zu leisten, was mir schließlich in zweifacher Hinsicht gelang. Zum einem erhielt ich die ungewöhnliche Ausnahmegenehmigung wegen hervorragender Leistungen ein Semester zu überspringen, d.h. statt fünf Pflichtsemester nur vier davon abzuleisten. Zum anderen bestand ich die Diplomprüfung 1974 nach nur zwei Jahren mit dem Gesamturteil „mit Auszeichnung bestanden“ (Abb. 16). Dadurch war ich nun in der besonderen Lage, ein Promotionsstipendium nach dem gerade neu beschlossenen Graduiertenförderungsgesetz (GFG) mit 800 DM monatlich für die Durchführung einer Dissertation zu erhalten. Meinen Einsatz hatte ich jedoch mit einem ständigen Bluthochdruck bezahlt, den ich trotz Sport im Hallenbad und medikamentöser Behandlung erst allmählich wieder in den Griff bekam.



Abb. 16: Auszüge aus meinen Diplom-Urkunden.


Noch immer bin ich verblüfft über das bis heute sich hartnäckig haltende Klischee der berüchtigten Berliner Studentenbewegung, das für die gesamte Studentenschaft, z.B. auch für die Technischen Universität in Anspruch genommen wird. Aus eigenem mehrjährigen Erleben und als Studentenvertreter für den Fachbereich Architektur im Fachbereichsrat hatte ich tiefe Einblicke in das Geschehen der Universität.  Die Studentenproteste in West-Berlin betrafen eine sehr kleine Minderheit der Studentenschaft, die nahezu ausschließlich aus den geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Freien Universität Berlin stammten und sich u.a. als marxistische Traditionalisten ausgaben. Tatsache ist, dass der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), aus dem später die „Außerparlamentarische Oppositionen (APO)“ hervorging, in West-Berlin 1968 nur etwa 500 Mitglieder zählte, wenngleich allein an der TU Berlin zu meiner Zeit rund 20.000 Studenten eingeschrieben waren. Und auch mit der APO-Parole „Unter den Talaren – Muff von 1.000 Jahren“, der die Verkrustung an den Hochschulen aufzeigen sollte, konnte man an meiner Universität wenig anfangen, zumal sich hier eine große Mehrheit der Lehrstuhlinhaber für Reformen und Neuerungen aufgeschlossen zeigte. 

Für uns war damals schon damals, dass es bei den bühnenreifen Inszenierungen von Happenings und Sit-Ins sowie bei der Kommune I und den antiautoritären Kindergärten, um medial hochstilisierte Ereignisse der linken Szene ging. Keine Rede davon, dass wir uns als Studenten der Naturwissenschaften generell von den demonstrierenden marxistischen Traditionalisten distanzierten. Mit Argwohn betrachteten wir die linkssozialistischen Gruppierungen wie die „Roten Zellen“ mit ihren fragwürdigen Lehrsätzen. Bei ihrer destruktiven Kritik an bestehenden Verhältnissen zeigten sie keinerlei konkrete und praktikable Lösungswege auf. Zudem fand eine zunehmende Radikalisierung in den SED-nahen kommunistischen Gruppierungen statt. Insofern erahnten wir schon damals, dass es sich hierbei vermehrt um linke Kriminelle als um Revolutionäre handelte.

Zu unserer Einsicht trug u.a. ein Ereignis 1973 mit etwa einhundert demonstrierenden Studenten im unserem Fakultätsgebäude bei. Sie gehörten nicht zu unserem Fachbereich und blockierten mit wenig plausiblen Parolen den Zugang zu einer Vorlesung im großen Hörsaal. Eine Diskussion mit ihnen war unmöglich, denn sie brüllten unentwegt ihre Leitsprüche. Es gelang uns schließlich, einige Jugendliche in ein Gespräch zu verwickeln. Dabei stellte sich heraus, dass sie gar keine Studenten waren und für ihre Aktion bezahlt wurden. Wir waren stinksauer, denn unser Verhältnis zu den Professoren war bemerkenswert gut, zumal wir mit ihnen sachlich und fachlich fundiert auch gelegentlich einmal während der Vorlesung diskutieren konnten. So wollten wir unbedingt an der wichtigen Vorlesung teilnehmen und versuchten vergeblich durch die Masse der Demonstrierenden zum Eingang des Hörsaals zu gelangen. Ich sehe noch heute, wie sich mein 1,90 m großer und 150 kg schwerer Studienkollege plötzlich wie ein Sumo-Ringer wutschnaubend und fluchend mit einem Sturmlauf in Bewegung setzte. Direkt hinter ihm bekam ich mit, wie dabei die „Blockierer“ rechts und links zur Seite „flogen.“ Im Hörsaal machten wir dem verstörten Ordinarius klar, worum es sich bei den Demonstranten handelte, was ihn letztlich beruhigte.

Bereits zu Studienbeginn stellten wir fest, dass sich in dem Mensagebäude der TU fragwürdige Typen herumtrieben, die nicht den Eindruck von Studenten erweckten.  Der Speisesaal war irgendwie vermüllt und auf den Treppen lungerten Jugendliche herum und es roch nach Hasch. Als wir diesbezüglich „blöde angequatscht“ wurden, entschieden wir uns die Mensa zu meiden und haben sie tatsächlich nie mehr betreten.

Bei Semesterbeginn in West-Berlin ging ich davon aus, dass ich mit der Ausbildungsqualität einer Technischen Universität und meiner beruflichen Biografie die besten beruflichen Einstiegschancen besitze. Doch es kam alles ganz anders. 1974 brach eine weltweite Wirtschaftskrise mit der tiefsten Rezession im Nachkriegsdeutschland herein, die von einer hohen Arbeitslosigkeit begleitet wurde, wovon auch die Akademiker betroffen waren. Auslöser war die Ölkrise mit der extremen Steigerung des Ölpreises. Meine Informationen beim Westberliner Landesarbeitsamt, das Arbeitskräfte in die gesamte Bundesrepublik und ins Ausland vermittelte, waren hinsichtlich meines Berufseinstiegs niederschmetternd. Die Krise hatte die Bauwirtschaft besonders hart getroffen und der Bausektor verzeichnete einen extremen Stellenabbau. Als Lösung für meine berufliche Existenz sah ich nur zwei Wege: entweder ich wechsle die Studienrichtung und studiere Medizin oder ich schlage den wissenschaftlichen Weg eines Architekturhistorikers mit einer Promotion ein.

Die Auskünfte zum Medizinstudium an der medizinischen Fakultät der Freien Universität in West-Berlin waren vielversprechend, denn man forderte lediglich für den sofortigen Studienbeginn das kleine Latinum, das ich hinsichtlich meiner französischen Sprachkenntnisse in einem Crash-Kurs absolvieren konnte. Doch die Förderung meines Zweitstudiums über das BAföG wurde nach meinen Anträgen und mehreren Diskussionen schließlich abgelehnt. So bewarb ich mich bei Prof. Dr. Dr. Hans Reuther, dem Ordinarius für Baugeschichte und Bauaufnahme an meiner Fakultät. Nach Vorstellung meines Themenkreises aus der historischen Bürgerhausforschung erhielt ich ein externes zweites Gutachten von Prof. Dr. Dr. Günther Binding, dem Ordinarius des Kunsthistorischen Instituts der Universität Köln und beantragte mit Erfolg ein Stipendium nach dem „Gesetz über die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an Hochschulen, Graduiertenförderungsgesetz (GFG).“ Es sollte mir erlauben, die Promotion hauptberuflich durchzuführen. Endlich schien mein Ziel, eine besondere berufliche Laufbahn einzuschlagen, erfolgreich zu sein. Meine Mutter meinte hierzu „wir haben es geschafft“, was mich doch verstimmte, denn die Frage war, was hatte sie dabei geschafft.

Nach dem ersten Grundsatzgespräch mit meinem Doktorvater zu meinem Promotionsvorhaben war ich schnell auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Er offenbarte mir, dass etwa die Hälfte der Doktoranden ihr Vorhaben, wegen der zu hohen Anforderungen, wieder niederlegten und der Titel eines Doktor-Ingenieurs nebenberuflich durchschnittlich nach zwölf Jahren und hauptberuflich frühestens nach drei Jahren zu erreichen ist. Und so erweiterte er das Untersuchungsgebiet der zu untersuchenden kleinstädtischen Bürgerhäuser auf Nordniedersachsen. Das hieß für mich, ich musste mangels Denkmalliste erst einmal eine Untersuchung von über 30 Orten durchführen. Hierzu war ein Umzug nach Niedersachsen erforderlich, wobei ich die Nähe von Hannover wegen der dort vorhandenen Einrichtungen wie Staatsarchiv, Universitätsbibliothek, Landesdenkmalamt etc. suchte.

Im Laufe der Bearbeitung hatte ich gleich mit zwei größeren Problemen zu kämpfen. Da Professor Reuther als Betreuer in Hannoversch Münden wohnte und zwischen der TU Berlin und seinem Wohnort hin und her pendelte, hatte er nur einmal Zeit für ein Testat. Zudem kamen nach meiner Voruntersuchung acht Kleinstädte mit einem relevanten Bürgerhausbestand in Betracht, zu denen ich für eine eingehende Baubefunderhebung unbedingt Zutritt haben musste. Da die Objekte alle in Privatbesitz waren, aktivierte ich die regionalen und lokalen Pressevertreter und schaffte es, dass sie meine Absicht in die Privathäuser zu kommen unterstützten (Abb. 17). Darüber hinaus sorgte ich dafür, dass ich von den jeweiligen Bürgermeistern der Kleinstädte ein Empfehlungsschreiben für die Hausbesitzer erhielt. Auf diese Art machte ich für die Dissertation rund 150 Bauaufnahmen, was mit der archivalischen Erschließung von Quellen in den städtischen Bauämtern, Archiven etc. samt anschließender wissenschaftlicher Auswertung einen enormen zeitlichen Aufwand darstellte.


Abb. 17: Ausschnitte aus den Pressemitteilungen zwischen 1975 und 1976 zu meinem Dissertationsvorhaben.


Bei der Erarbeitung meiner Dissertation ging ich immer wieder über meine Leistungsgrenze hinaus, wobei ich auch einmal ohne Schlaf eine ganze Nacht und den nächsten Tag durcharbeitete. Kein Wunder, dass ich unter entsprechenden psychosomatischen Reaktionen litt. Alles das konnte mich aber nicht davon abhalten, mein Ziel unbedingt zu erreichen, was mir nach drei Jahren mit der Abgabe der Arbeit auch gelang. Für die Veröffentlichung der Doktorarbeit erhielt ich Forschungsmittel des Landes Niedersachsen und glaubte mit der Ernennung zum Doktor-Ingenieur die besten Voraussetzungen für einen Start in meine berufliche Laufbahn zu besitzen – ein niederschmetternder Trugschluss. Ganz abgesehen davon, dass man mir mitteilte, dass mein gesamtes Stipendium rückwirkend als Darlehen mit entsprechenden Zinsen zurückzuzahlen ist. Mein Protest bei dem zuständigen Bundesministerium in Bonn blieb erfolglos.




Eine Jugendliebe für mein ganzes Leben
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7.5.  Die wahre 68er-Generation – Eine Jugendliebe für mein ganzes Leben.
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Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass einhundert Meter Luftlinie von meiner Straße entfernt, meine große Liebe wohnte. Ich kannte zwar die unüberhörbare laute Stimme eines kleinen Mädchens beim Spielen, doch ich hatte Karin nie bewusst wahrgenommen oder gar mit ihr gesprochen, zumal die Nachbarstraße nicht meine Spielstraße war (Abb. 18). Als ich sie zum ersten Mal kennenlernte, war sie bereits in einen anderen Stadtteil umgezogen und hatte sich zu einer bildhübschen jungen Frau entwickelt.



Abb. 18: Karin vor ihrem Haus und ich als Kleinkinder.


Die Geschichte meiner Jugendliebe begann durch eine Wette mit Peter, einem ehemaligen selbstbewussten Mitschüler meiner Realschule. Er glaubte ein unwiderstehlicher Frauenheld zu sein. Doch er war bei Karin abgeblitzt. Sie hatte als attraktive, selbstbewusste und sehr schlanke Frau unter den jungen Männern den bezeichnenden Namen „Eisblock“. Als ich mich mit meinen Freunden am Samstag, den 9. Januar 1966 in der Bar „Espresso“ in der Duisburger Innenstadt traf, betrat Karin mit ihrer unüberhörbar lauten Stimme die Bar und begrüßte ihren Bekanntenkreis mit einem lauten „Hallöchen“. In diesem Augenblick stand der abgeblitzte „rothaarige Schönling“ gerade neben mir und schwärmte von ihr. Plötzlich meinte er, dass keiner von uns sie jemals als Freundin gewinnen wird, zumal er angeblich wusste, dass sie einen Freund hatte. Als ich das bezweifelte, bot er mir eine Wette um 10 DM an, dass es mir niemals gelingen wird, sich mit ihr zu verabreden. Ich schlug ein! Nun war Karin zu diesem Zeitpunkt für mich nicht mein großer Schwarm, denn ich war irgendwie immer noch in meine holländische Henny verliebt.

Dennoch als 17-jähriger Pubertierender stellte es für damals schon eine Mutprobe dar, eine unnahbar erscheinende, selbstbewusste hübsche 16-Jährige vor allen Anwesenden anzusprechen (Abb. 19).  Bekam man in einem solchen Fall einen Korb, setzte man sich dem Hohn und Spott seiner Bekannten und ggf. der Anwesenden aus. Da die Musik in dem Bistro stets auf dem neuesten Stand war und ich alle Songs und Bands namentlich kannte, meinte ich damit einen Aufhänger für mein Ansprechen gefunden zu haben. Und vor den Augen des rothaarigen Peter wagte ich mich mit Thema Musik an sie heranzutreten, wobei ich ein ziemlich mulmiges Gefühl dabei hatte. Schnell merkte ich, dass ich damit bei ihr völlig danebenlag, wenngleich sie die Beatmusik offensichtlich sehr mochte. Gottseidank war ich sensibel genug, um das schnell zu merken und wir tanzten in dieser Bar zum Erstaunen von Peter miteinander. Wie es mir allerdings gelang, sie danach zu einem Treffen zu überreden, ist mir heute noch ein Rätsel.



Abb. 19: Karin, meine große Jugendliebe mit 16 Jahren.


Karin war in mancher Beziehung vollkommen anders als der damalige „Normaltyp“ gleichaltriger junger Frauen, was mich auf irgendeine Weise faszinierte. Vor allem zog mich neben ihrem Äußeren, vor allem ihre Ausstrahlung in den Bann, denn sie zeigte unvermittelt ihre Emotionen durch eine gestenreiche Körpersprache und ein eindeutiges Verhalten – das ist im Übrigen bis heute so geblieben. Außerdem bewegte sie sich wie eine kleine Ballerina mit einer sehr selbstbewussten Körperspannung. Sie konnte natürlich super tanzen und war hochmodisch gekleidet – auch das ist bis heute so geblieben. Unglaublich für mich, aber es gelang, mir sie bei unserem ersten Treffen zu einer Party bei einem flüchtigen Bekannten einzuladen: das war ein Samstag, eine Woche später und dort kam es zum ersten Kuss. Dieser Tag sollte der Start unsere Jugendliebe sein, ich hatte zwar die Wette gewonnen, doch den Wetteinsatz bekam ich nie, was mir allerdings völlig egal war.


Mode, Musik, sinnliche Liebe und Lebensfreude
Mehr und mehr faszinierte mich an Karin ihr besonderes Wesen und ihre Vorliebe für ausgefallene Modestile. Sie wirkte diesbezüglich wie ein Modell, wog nur 46 Kilo und hatte eine Top-Figur. Mit stets außergewöhnlicher Kleidung, wechselnden Haarfrisuren und ausgefallenen Make-Ups war sie sehr veränderbar. Sie hob sich unübersehbar aus der Masse junger Frauen heraus und erregte als „Gesamtkunstwerk“ viel Aufmerksamkeit. Sie kürzte sich selbst ihre Röcke zu Super-Minis, häkelte Accessoires wie Kragen Mützen und superknappe Bikinis, trug verrückte Farbzusammenstellungen, wie eine königsblaue Samthose mit einem apfelgrünen selbstgehäkelten Oberteil, auffällige Haarschleifen, Boas etc. (Abb. 20). Hinzu kamen verrückte Haarfrisuren, so war sie z.B. eine der ersten jungen Frauen, die es wagte, ihre wunderschönen üppigen rostbraunen Haare ganz kurz abzuschneiden – der Frisör meinte sie sehe auch mit Glatze noch toll aus. Dabei wirkte sie mit ihrem selbstsicheren Auftreten niemals anrüchig. In jeder Beziehung passte sie aus meiner Sicht absolut nicht zu ihrem spießigen Elternhaus, einer Arbeiterfamilie. Ganz abgesehen davon, dass sie perfektes Hochdeutsch sprach und keinerlei Akzent hatte, was damals im Ruhrgebiet äußerst selten war.



Abb. 20: (Von oben links nach rechts) Das erste gemeinsame Foto 1966, Karin 16 Jahre mit mir (17 Jahre); Karin mit 17 bis 22 Jahren.


Karin entsprach meinem Idealbild einer gepflegten, extravaganten, ausgefallenen Frau. Und auch ich versuchte mich als 17-Jähriger in Modesachen auszuleben, ohne dass sie mich dabei beriet. Ich kaufte mir z.B. einen teuren dunkelbraunen Pierre Cardin Anzug mit einem darauf farblich abgestimmten Luxushemd (van Laack) samt passender extravaganter Seidenkrawatte. Der Hintergrund: damals war in allen besseren Discos ein Anzug oder Sakko mit Krawatte gefordert, was durch Türsteher kontrolliert wurde (Abb. 21). Natürlich konnten sich Jugendliche in der Regel kaum derartig extravagante Kleidung leisten, doch durch meine Akkordarbeit auf dem Bau war einiges möglich. Als mein Vater meinen Kleidertick mitbekam, irritierte mich sein Neid und er beschwerte sich darüber, wie ich mir das eigentlich als Lehrling alles leisten konnte – er wusste nichts von meinen hohen Prämienzahlungen auf dem Bau. Für mich war es zugleich der notwendige Ausgleich für meine harte „Drecksarbeit“ als Eisenflechter, bei der ich mich stets wie ein „Penner“ fühlte. Mit der Haarfrisur hatte ich so meine Probleme, da ich tatsächlich nie einen entsprechenden Frisör fand, der mir die Langhaarfrisur nach meinen Vorstellungen schnitt.

Die Reaktionen der Spießbürger in der Stadt auf unser Äußeres waren widersprüchlich. Die „älteren Herren“ mochten insgeheim die Miniröcke, wobei auch Grabscher unter ihnen waren, die Karin einmal bei der Polizei erfolgreich anzeigte. Andererseits hieß es bei der Langhaarfrisur der jungen Männer im Ruhrpottdeutsch „guck dich de Gammler ma an“, dabei sagte man selten, was man wirklich dachte, wie: der sollte sich schämen so rumzulaufen, bei Adolf wäre das nicht passiert.



Abb. 21: 17 Jahre (links) und 18 Jahre alt mit Karin.


Wir galten im erweiterten Bekanntenkreis als „Sonderfall“ eines jungen Paares und erregten einmal Aufsehen, als wir mit Caren, dem schwarzen Kind meiner Patentante Margot, die aus Toronto zu Besuch kam, allein in den Duisburger Zoo gingen. Dabei spürten wir die ungläubigen Blicke nach dem Motto „guck ma, wat machen die da mit de Schwatten“. Und auch im Ruhrgebiet gab es bei einer großen Mehrheit der Bevölkerung eine Ausländerfeindlichkeit, zumal die extrovertierte Caren mich sehr mochte und mich immer wieder umarmte. Schon damals waren wir uns einig, wenn wir einmal keine Kinder bekommen können, werden wir uns ein Kind adoptieren.

Mit unserem Einlassen auf die große Vielfalt neuer Musik-, Tanz- und Moderichtungen lebten wir hierin unsere Lebensfreude bei Live- und Diskomusik aus. Im Übrigen spielte hierbei Alkohol keine große Rolle. Die Diskotheken konnte man oft nach den bevorzugten Musikstilen unterscheiden, wobei wir alle ausprobierten. Allein in der Duisburger Innenstadt gab es sechs verschiedene Diskos sowie die neu aufgekommene Welle von Bistros mit Top-Ten-Hits. Wir bevorzugten jedoch die Altstadt von Düsseldorf, dessen Publikum ein aufgeschlosseneres Flair besaß und wo es zudem noch Jazz-Lokale wie „Dr. Jazz“ mit ausländischen Live-Bands gab. Nicht zu vergessen waren die urigen Altbier-Kneipen wie den „Uerigen“ oder den „Wicküler“ oder die speziellen Restaurants, wie den „Hühner Hugo“ u.a. mit original-französischer Zwiebelsuppe. Da wir alles kennenlernen wollten, waren wir auch in Haschschuppen wie im „Creemcheese“ mit der damals neu aufkommenden Underground-Musik.  Dabei gerieten wir einmal unversehens in eine Razzia, wobei uns die zivilen Ermittler an die Wand stellten, um uns zu filzen. Uns ließen sie zwar wieder gehen, während sie nicht wenige mit auf die Wache nahmen. Wir beide haben nie irgendwelche Drogen probiert, sie bedeuteten für mich den Verlust von Selbstbestimmung, wobei Karin bis heute Antialkoholikerin blieb.

1967 lud ich Karin erstmals zum Essen in ein neu eröffnetes jugoslawisches Restaurant in Duisburg ein, wo wir die mediterrane Küche kennenlernten. Sie aß mit Genuss Rohkostsalate, Cevapcici und Raznjici. Schnell führten wir ein, dass wir am 1. Weihnachtstag unsere eigene kleine Feier begingen. Meinen Geburtstag und Karneval begingen wir zu Anfang noch mit meiner alten Gruppe mit einer Party bei mir zu Hause (Abb. 22). Als sich meine Gruppe während meines Studiums an der Fachhochschule in Essen auflöste, setzte ich die Partys mit neuen Bekannten bei mir fort, wobei ein Freund mit uns sogar einen Wochenendurlaub in Holland verbrachte. Das heißt, wir zogen uns durch unsere intensive Zweisamkeit nie von den Freunden zurück bzw. suchten neue Bekanntschaften.


Abb. 22. Karneval- und Geburtstagspartys bei mir und mit Freunden 1967 (18/ 19 Jahre).


Rückblickend nahm ich meine Freunde und die Mehrheit der Jugendlichen in ihrem Auftreten und Tanzverhalten eher als verklemmt wahr. Über sexuelle Themen wurde allgemein viel geredet, aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus und ich möchte an dieser Stelle z.B. nicht von dem sexuellen Problemkreis meines Freundes berichten, was einer sozialen Phobie gleichkam. Als 1968 Oswald Kolles Film „Das Wunder der Liebe herauskam“, belegt die Beliebtheit des Aufklärungsfilms auch, wie verklemmt diesbezüglich unsere Generation mehrheitlich war. Eine geradezu kleine Revolution stellten öffentliche Liebesbeweise durch intensive Zungenküsse verliebter junger Paare dar, das auch für uns selbstverständlich war. Das hatte mit der von der Boulevardpresse aufgebauschten Lebensform einiger suspekter Sonderlinge wie in der Kommune I in West-Berlin nichts zu tun. Diese Typen waren sicher nie atypisch für eine Generation oder gar ihr Vorbild und wurden von den meisten Jugendlichen belächelt. Man war vielmehr als Jugendlicher damit beschäftigt, wie man sich Freiräume von zu Hause schaffen konnte, denn man lebte in der Regel bis zu seiner Hochzeit bei den Eltern. Es sei denn, man hatte wie bei meinem Studienfreund reiche Eltern, die einem eine Studentenbude oder gleich eine Eigentumswohnung finanzierten. 

Bis Ende 1967 hatte Karin kein Telefon zu Hause und auf ihrem Diensttelefon bei der Stadt Duisburg, wo sie arbeitete, waren Anrufe nicht erlaubt, sodass ich sie immer wieder unangemeldet von ihrer Arbeit abholte. In unseren regelmäßigen Treffen bekam ich in der ersten Phase emotionale Fragen an sie nie richtig beantwortet, wie auch ich in dieser Hinsicht sehr verschlossen blieb. So fanden wir beide einen Ausweg, indem wir uns sehr lange offene gefühlsbetonte Briefe schrieben. Die darin offen geäußerten starken Gefühle sind für mich heute ein weiterer Baustein für unsere sich damals entwickelnde intensive und gefühlsmäßig aufrichtige Partnerschaft und tiefe Liebesbeziehung. Keiner anderen Frau habe ich jemals derartige Briefe geschrieben, obgleich es immer wieder einmal Flirts gab. Ohne eindeutige sexuelle Erfahrungen verfassten wir bereits am 2. Mai 1966 einen kleinen „Vertrag“, wo wir uns dazu bekennen „für immer beieinander zu bleiben.“ So waren wir oft bis in die Nacht hinein in ihrem Zimmer zusammen und ich lief nach 24 Uhr die fünf Kilometer nach Hause, da keine Straßenbahn mehr fuhr. Wenn Karin bei mir war, rief ich ihr ein Taxi oder ich brachte sie nachts nach Hause und lief wieder zurück. Natürlich gab es Streitigkeiten zwischen uns. Karin konnte als bildhübsche Frau auch gelegentlich schwierig, leicht reizbar und durchaus ungeduldig sein, was vor allem bei Überforderungen auftrat, was nicht so selten vorkam.  Hier musste ich dann meinen Langmut und viel Geduld aufbringen. Bis heute gab es jedoch ein unausgesprochenes Gesetz für uns: bei aller Aufgeregtheit gingen wir stets respektvoll miteinander um und wurden nie ausfallend. Auch das ist sicherlich eine Grundalge für unsere wachsende Vertrautheit gewesen.

Ein eheähnliches Sexualleben war damals in Deutschland unmöglich, zumal vorehelicher Sex als unzüchtig galt; es existierte nach wie vor der „Kuppelparagraph“ für Eltern und Zimmervermieter, d.h. es wäre bis 1969 strafbar gewesen, uns ein Zimmer zur Verfügung zu stellen. Mit 17 Jahren entschieden wir uns im August 1966 einem gemeinsamen Urlaub an der holländischen Nordseeküste in Heiloo zu verbringen, den ich organisierte (Abb. 23). Mit dem bekannten „Reviera-Express“ fuhren wir von Duisburg nach Amsterdam und von da aus weiter mit der Regionalbahn. Offiziell hatten wir zwei getrennte Zimmer gebucht, inoffiziell verbrachten wir unsere Zeit in einem Zimmer. Dennoch sollte es erst nach neun Monaten zur ersten sexuellen Beziehung kommen. Bei dieser Annäherung nahm ich viel Rücksicht auf Karin und blieb stets einfühlsam, denn es war mir sehr wichtig, dass sie sehr glücklich ist und wir gemeinsam die Erfüllung erlebten. Auch das war zweifellos ein weiterer Baustein für unser intensives und leidenschaftliches Liebesverhältnis.



Abb. 23: Urlaub Heiloo 1966 (beide 17 Jahre).


Ein Jahr später machten wir unseren zweiten dreiwöchigen Urlaub im benachbarten Egmond aan Zee an der Nordseeküste, diesmal in einem kleinen Doppelzimmer einer Privatpension und genossen unser leidenschaftliches Liebesleben. Aber nicht nur das, wir entdeckten weitere Gemeinsamkeiten, indem wir an einem Tag fast 30 Kilometer an der Küste entlangwanderten, mit dem Zug nach Amsterdam fuhren, um die dortige Stadtkultur (Abb. 24) u.a. mit dem berühmten Flohmarkt und auch eine Grachtenrundfahrt zu genießen. Wir fuhren nach Scheveningen oder mieteten uns Fahrräder, um größere Fahrten in die benachbarten Badeorte zu unternehmen. Wir besuchten u.a. Museen und den bekannten Käsemarkt in Alkmaar. Alles das sollte sich als langlebiges gemeinsames Interesse bei uns in allen weiteren gemeinsamen Urlauben herausstellen.


Abb.24: Urlaub in Egmond 1967 (beide 18 Jahre).


Außerhalb des Urlaubs blieben die Gelegenheiten für ein erfülltes Liebesleben sehr begrenzt und war wegen der Heimlichkeit immer irgendwie negativ spannungsgeladen. Zudem bestand die beiderseitige Angst, dass Karin schwanger wurde, wobei die Antibabypille erst ab den 1970er Jahren zur Verfügung stand und in dieser Zeit zweifellos eine weitere Befreiung darstellte. Unabhängig davon kann ich rückblickend feststellen, dass durch die beständige Kreativität der Mode- und Musikstile, die von der Mehrheit unserer Jugend der 68er-Generation mitgetragen wurde, vielfältige Veränderungsimpulse für die folgenden Jahre erfolgten. Und erst darauf aufbauend entwickelte sich nach und nach eine sexuelle Liberalisierung. Bei Karin und mir hatte sich unabhängig davon durch unsere Treue sehr viel Intimität als Liebespaar eingestellt, was eine besondere Lebensqualität für uns schuf und für die damalige Zeit sicherlich die Ausnahme darstellte.


Bewährungsprobe in tiefen Tälern
Vier Wochen nachdem ich Karin angesprochen hatte, kam es zur Katastrophe: ihr 19-jähriger Bruder Wolfgang starb mit zwei weiteren Insassen bei einem fürchterlichen unverschuldeten Autounfall – seine Verlobte wurde dabei schwer verletzt. Ein Lastwagen war falsch in eine Einbahnstraße gefahren. Wolfgang hatte als blutjunger Profimusiker und Komponist eine eigene Beatband, trat im berühmten Star Club in Hamburg auf, spielte auf Konzerten im Ausland und hatte eine eigene Schallplatte herausgebracht (Abb. 25). Unter seinem Künstlernamen „Gammel“ verdiente er so gut, dass er sich einen VW-Käfer und die Limousine BMW 502 V8 leisten konnte, wobei er an diesem Tag tragischer Weise den VW fuhr. Sein Tod war für Karin, verstärkt durch das depressive Verhalten ihrer Eltern ein weiteres Trauma. Karins Elternhaus war geprägt durch den Alkoholismus des Vaters, der als Kraftfahrer arbeitete und dessen Exzesse bei Karin bereits als Kind traumatische Erlebnisse hinterlassen hatten.


Abb. 25: Karins Bruder Wolfgang (Künstlername Gammel) mit seiner Band Black & Whites 1965 (18 Jahre).


Eine Woche nach der Beerdigung des Bruders besuchte ich sie täglich, um ihr beizustehen. Dabei merkte ich, dass sie offenbar keine enge Bindung zu ihm besaß. Es schien mir das Beste, dass ich sie aus der elterlichen Wohnung in die Welt der Jugendkultur entführte. Wir unternahmen ständig etwas, gingen Minigolf spielen, machten ausgiebige Spaziergänge, besuchten Live-Konzerte mit Beatbands, gingen in Discos tanzen und in die neuesten Kinofilme.

Doch zwei Jahre später kam es durch den Selbstmord meines Vaters zu einem tiefen Einschnitt in unserer Beziehung - meine Depression hatte mich aus der Bahn geworfen. Ich musste das Studium aufgeben, brach den Kontakt zu Karin ab, suchte andere Flirts und fand darin keinerlei Erfüllung - meine ursprüngliche Lebensfreude war verschwunden. Da ich immer mehr Probleme bekam, suchte ich verzweifelt einen Psychiater auf. Dazu muss man wissen, dass in dieser Zeit derartige Fachärzte völlig neu waren und man sich als Patient schämte, zu einem „Nervenarzt“ zu gehen, da man für die Allgemeinheit als geisteskrank galt. Durch die Gesprächstherapie kam ich zu der Einsicht, dass für meine Situation meine Mutter erhebliche Mitverantwortung trug, da sie mich ständig moralisierte für sie da zu sein und ich ihr meine Dankbarkeit zeigen solte, dem ich aus viel Mitleid nachkam. Unvergessen ist für mich die Bemerkung des Psychiaters dazu „so eine Mutter habe ich noch nie erlebt!“ Er riet mir dringend, sofort auszuziehen und ihr meine Gründe dafür zu nennen. Doch wie sollte ich das mit meinem mittlerweile wieder aufgenommenen zeitlich anspruchsvollen Studium finanziell hinkriegen? Das bedeutete, ich musste bis zum Ende des Studiums warten, während meine Aussprache mit ihr auf keinerlei Verständnis stieß.

Karin kämpfte intensiv um unsere Beziehung, schrieb mir weiterhin Liebesbriefe und zeigte mir darin ihre starken Gefühle. Sie war durch mein Verhalten sehr verletzt, aber ich war zunächst noch viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Und dennoch bewies sie die unglaubliche Stärke bei allen Affären, die ich ihr später alle beichtete, zu mir zu halten. Anderseits versuchte auch sie mich durch Affären eifersüchtig zu machen, doch darin gab ich mich tolerant, was tief in meinem Herzen sicher nicht so war. Doch dann kam ein Tag, den ich bis heute nicht vergessen habe; ich würde ihn wie ein Erwachen aus einem Koma bezeichnen. Als ich Karin an diesem Tag in ihrem grünen Kostüm in der Innenstadt von weitem sah, durchfuhr mich plötzlich eine starke innere Stimme „schau doch hin, dass ich deine Lebensliebe!“ Ich war wie elektrisiert und am selben Tag rief ich sie an. Wir trafen uns und sprachen über alles miteinander, wobei die erneute tiefe Annäherung nun längere Zeit dauern sollte. Karin war mittlerweile auf der Abendrealschule, um ihre Mittlere Reife nachzuholen und sie wechselte kurze Zeit später auch die Arbeitsstelle. Dabei litt sie sehr unter dem Stress dieser Doppelbelastung.


Abb. 26: Mitte 1968 Karin mit mir und meinem neuen VW Käfer.

Mit meinem Auto konnten wir uns spontan entscheiden, ob wir z.B. ein Wochenende nach Holland fuhren – wir genossen diese Freiheit (Abb. 26). Andererseits ließen wir uns mit dem Liegewagen eine Woche nach Velden am Wörthersee befördern und wir machten gemeinsam dreiwöchige Flugreisen. Letztere waren damals fast noch ein Luxus, wobei sich die Passagiere für den Flug schick kleideten (Abb. 27). Die erste Luftreise ging 1970 nach Ibiza, wo ich bei der dortigen Landung des französischen Caravelle-Jets bemerkte, wie aus seinem Triebwerk riesige Stimmflammen schossen. Aber es ging alles gut. In unserem Urlaubsort lernten wir Felix, einen auffällig gekleideten und in seinem Verhalten extrovertierten typischen Homosexuellen kennen. Er war sehr empathisch, wurde jedoch von den Urlaubsgästen wegen seiner Veranlagung gemieden, während wir uns mit ihm regelmäßig zum Strand und in Tanzlokalen verabredeten. 1971 folgte ein dreiwöchiger Urlaub auf Rhodos mit einem unvergesslichen Tauchgang bis auf 20 Meter von mir und einen Ausflug in die Türkei. Ein Jahr später machten wir einen Kurzurlaub in Marbella und setzten mit einem Schnellboot nach Ceuta über. Aus heutiger Sicht bin ich froh, dass wir damals derartige Reisen unternahmen, auch um andere Kulturkreise und die dortigen Menschen kennenzulernen, was uns nahezu jedes Mal unseren Horizont weiter öffnete. Heute würden wir wegen des Massentourismus derartige Reisen nicht mehr gerne unternehmen, zumal wir später auch außerhalb Europas reisten.



Abb. 27: Gemeinsame Urlaubsreisen (oben) Velden und Marbella 1972, (mittig) Ibiza 1970, (unten) Rhodos 1971 mit meinem Tauchgang und beim Ausflug mit griechischen Bekannten auf der Fähre nach Simi und Marmaris (Türkei).

Die Beziehung zu den Eltern
Ein Prüfstein unserer Beziehung sollten auch unsere Eltern sein. Wenngleich wir beide jeweils unsere Partner nach einigen Monaten daheim vorstellten, blieb das Verhältnis zu den jeweiligen Eltern auf beiden Seiten angespannt. Als Karins Mutter meine Mutter traf, die sich beide flüchtig aus der Nachbarschaft kannten, meinte sie, dass ich Karin heiraten müsste, wenn sie ein Kind von mir bekommt. Vor allem während meines Studiums in Essen versuchte meine Mutter immer wieder Karins Anrufe abzuwimmeln, wobei ich ihr klarmachte, dass ich das keineswegs möchte. Dennoch duldeten beide Eltern unsere regelmäßige Anwesenheit, doch von Herzlichkeit war dabei keine Spur (Abb.28). Bei alledem behielten wir beide den Respekt vor den Elternteilen des Anderen und hielten uns aus den Disputen bis zu ihrem Tod heraus. Mein Verhältnis zu Karins Eltern blieb einseitig zugewandt. Karins Vater interessierte sich überhaupt nicht für uns und Gespräche kamen nur zustande, wenn ich ihm nach seinem Hobby dem Modellsegelfliegen fragte. Zur (Schwieger)Mutter war das Verhältnis zwar etwas besser, aber von ihrer Seite niemals herzlich oder offen. Dennoch brachte ich immer wieder Eis, Kuchen und Tulpen mit, was sie gerne annahm. Mehrmals warf sie mir vor, dass ich „was Besseres sei“, womit ich nichts anfangen konnte, denn mein Studium und meine akademischen Titel ließ ich bei niemanden „heraushängen“. Andererseits stellten mir Karins Eltern nie Fragen zu meiner Ausbildung oder später zu meinem Beruf.



Abb. 28: (Oben) Karin (18 Jahre) am 1. Weihnachtsfeiertag bei meinen Eltern 1967; (mittig) Karins Oma (links und Eltern bei uns Weihnachten 1976 in Hannover; (unten) meine Mutter mit meiner Nichte Denise Ostern 1976 bei uns in Hannover.


Als ich meine Schwiegermutter 2016 allein unter schwierigen Bedingungen mit über 90 Jahren und sterbenskrank aus ihrer Wohnung zu uns nach Kärnten holte und die Haushaltsauflösung und ihren Umzug managte, gestand sie mir zum ersten Mal im Duisburger Akzent „du weißt ja, ich war immer nen stur Mensch!“ Für mich war es wichtig, dass sie bei uns umsorgt war und in Frieden einschlafen konnte. Und nach einigen Wochen in Kärnten gestand sie uns, dass sie hier die schönste Zeit ihres Lebens verbringt.


Wilde Ehe in West-Berlin
Es war im Sommer 1972 und der Tag der zukunftsweisenden Entscheidung für uns als Paar: geht Karin mit mir in das politische Pulverfass West-Berlin, damit ich dort weiterstudieren konnte? Für Karin war es keine Frage mitzugehen! Sie litt unter Flugangst und als sie sich mit Erfolg um eine gut dotierte Stelle in Berlin bewarb, flog sie zum ersten Mal allein die Strecke von Düsseldorf nach Berlin-Tempelhof. Dazu muss man wissen, dass es sich um sehr spezielle Flüge der amerikanischen PAN AM handelte, die in niedriger Flughöhe durch einen der Flugkorridore über der DDR führten, wobei man beim Landeanflug über Berlin-Neukölln Angst hatte, der Jet würde die Hausdächer streifen. Als ich den Umzug organisiert hatte, mussten wir wochenlang in einer Pension übernachten, um in den Tageszeitungen nach einer Wohnung für uns als unverheiratetes Paar zu suchen. Wir waren verzweifelt, denn ein außereheliches Zusammenleben war bei fast allen Vermietern damals nahezu unmöglich. Und auch in dem angeblich toleranten Berlin entpuppte sich das immer wieder als ein Hinderungsgrund. Erst nach zwei Monaten gelang es uns bei den vielen offenen Mietangeboten, eine nach unserem Budget viel zu teure Zweieinhalb-Zimmerwohnung bei einer Wohnungsbaugesellschaft zu finden. So lebten wir als 23-Jährige gegen alle damaligen Konventionen als Unverheiratete wie ein Ehepaar zusammen.

In West-Berlin zu leben war sehr speziell und wer unter Platzangst litt, hatte es in bestimmten Situationen und Orten ausgesprochen schwer. Außerdem lag unsere Wohnung nicht weit von der Grenze nach Ost-Berlin entfernt, von der wir nachts immer wieder Schüsse hörten – es war sehr bedrückend. Von Anfang an hatte ich das Ziel, mein Studium dort in einem Zug zu absolvieren und wir einigten uns darauf, dass Karin Vollzeit arbeitete. Mit meinem BAföG allein hätte ich nebenbei arbeiten müssen, was eine erhebliche Verzögerung der Studienzeit bedeutet hätte. Als West-Berliner Bürger gab es für mich allerdings den Vorteil, dass ich nun nicht mehr der Wehrpflicht in der Bundesrepublik unterlag und wir über den gerade vereinbarten „Kleinen Grenzverkehr“ unter Auflagen auch nach Ost-Berlin reisen konnten.

Wir mussten uns vollkommen neu einrichten, denn es fehlte an allem, wodurch mein Erspartes aufgebraucht wurde. Gemeinsam tapezierten und strichen wir die gesamte Wohnung. Während ich daheim war, machte ich mehr schlecht als recht die Wäsche und Karin versuchte sich im Kochen, was ihr erst nach und nach immer besser gelang. Nebenbei machte sie ihren Führerschein in relativ kurzer Zeit, damit sie allein zur weiter entfernt liegenden Arbeit fahren konnte. Die gemeinsame Haushaltskasse war ständig leer und es musste für einen Gebrauchtwagen ein Kredit her. Dennoch schafften wir es in dieser Phase, die Pudelhündin Peggy anzunehmen, deren Frauchen verstorben war, wobei ich mittags von der Uni nach Hause fuhr um sie auszuführen.  Hier verband uns beide eine zukunftsweisende Tierliebe. Durch das angespannte Studium waren Abwechslungen wie Besuche im Museum und in Diskotheken der Sonderfall. Doch wir machten uns die Festtage immer sehr schön und besinnlich (Abb. 29). Da wir nicht auf unseren dreiwöchigen Urlaub verzichten wollten, verdiente ich in den Semesterferien bei einem Architekten Geld hinzu. Die Urlaubsreisen führten uns 1973 mit dem VW-Käfer nach Elba, wobei wir mangels Geld in der Schweiz im Auto übernachteten. 1974 ging es dann wieder per Flugzeug nach Portugal - es sollte die letzte Urlaubsreise mit dem Flugzeug für fast zwanzig Jahre und der letzte Urlaub für fast zehn Jahre sein.


Abb. 29: Karin steigerte sich in Berlin allmählich zu einer wahren Koch- und Backkünstlerin; die Festtage wurden von uns traditionell und immer sehr feierlich begangen (West-Berlin 1973).


Dank der Liebe und Stärke
Wenngleich wir immer wieder versuchten gewisse Gemeinsamkeiten zu pflegen, so verzichtete Karin auf viel, da meine Zeit wegen des Studiums sehr begrenzt war. Mehr noch: sie unterstützte mich bei allen meinen schriftlichen Ausarbeitungen für Seminararbeiten, später für die Diplomarbeit und die Dissertation, indem sie mir u.a. alle Entwürfe und Reinschriften auf der Schreibmaschine schrieb. Dabei entpuppte sie sich als sehr gute Lektorin. Ihre Unterstützung in emotionalen und logistischen Belangen war für mich sehr wichtig, weshalb ich meinen Studienerfolg zweifellos auch ihr zu verdanken habe. Darüber hinaus hatten wir vom Elternhaus oder Bekannten keinerlei Rückhalt, wodurch sich erstmals das Lebensgefühl einstellte, dass wir uns beide immer wieder völlig allein im Leben durchkämpfen mussten. Obendrein versuchten wir meine Mutter zu entlasten, da meine Nichte Denise dauerhaft bei ihr lebte. Sie war oft überfordert, weshalb wir sie immer wieder in den Ferien zu uns holten. Unabhängig davon luden wir unsere beiden Elternteile immer wieder zu uns ein.



Abb. 30:  1975 am Beginn der Arbeit zu meiner Dissertation in Hannover; Ausschnitt aus einer Pressemitteilung 1976 zu meinem Dissertationsvorhaben (vgl. Abb. 17).


Dabei zählten für uns beide nicht die Worte, sondern allein unsere Taten, die aus voller Überzeugung und Liebe entsprangen. Meine Bindung an Karin wurde dadurch immer intensiver. So war es auch keine Frage, dass sie mit mir in zehn Jahren insgesamt sieben Mal ausschließlich aus beruflichen Gründen umzog und sie dabei selbst neue berufliche Herausforderungen annahm. Mehr noch: sie assistierte mir bei jeder der schwierigen Baubefundaufnahmen der Untersuchungsobjekte meiner Dissertation (Abb. 30). Und an Urlaub war hinsichtlich der immensen Investitionen zur Promotionsarbeit nicht mehr zu denken. Da ich unter der einseitigen Belastung der wissenschaftlichen Arbeit unter Erschöpfungssymptomen litt, riet mir der Arzt unbedingt Sport zu treiben. Einen derartigen Ausgleich fand ich mit Karin beim Tennisspielen. Wenn ich Karin manchmal sagte „du bist wie eine Allzweckwaffe“ lachte sie darüber herzlich.

Wir beide führen nach 57 Jahren bis heute eine Lebensgemeinschaft auf Augenhöhe, voller Respekt und Liebe, wobei wir viele Gemeinsamkeit in elementaren Fragen und Interessen ausleben. Das betrifft unser soziales Engagement für hilfsbedürftige Menschen und die Tierliebe u.a. mit zahlreichen vom sicheren Tod geretteten Straßenhunden sowie die Liebe zur Natur. Gegen Ende meiner wissenschaftlichen Arbeit kam von uns beiden gleichzeitig ein Kinderwunsch auf, der für uns ganz neue Aufgaben bereithielt und unsere große Kinderliebe auf die Probe stellte. Mittlerweile war das Jahr 1977 angebrochen und wir waren bereits elf Jahre zusammen und lebten davon fünf Jahre in einer wilden Ehe.




Familienvater mit vollem Herzen
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8.  Familienvater mit vollem Herzen
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1978 begann für mich eine neue Lebensphase, in der ich Familienvater, Ehemann und Alleinverdiener wurde. Die langen kinderlosen Jahre der Zweisamkeit mit Karin waren vorbei und es galt nun vieles anders als unsere Eltern zu machen. Schnell sollte ich merken, dass Kinderliebe vor allem ein Lernprozess der Selbsterziehung bedeutet. Dabei durfte jedoch meine Ehe keineswegs unter die Räder kommen. Mein beruflicher Aufstieg, unsere Ehe und die Vaterschaft mussten unter einen Hut gebracht werden. Damals ahnte ich noch nicht, welche Traumata bis 1999, d.h. bis zur Volljährigkeit aller Kinder auf mich warten sollten.

Ohne große Ernsthaftigkeit oder gar Planung sagten wir uns Weihnachten 1976, wie schön es doch wäre, eine Familie zu gründen. Das war völlig abwegig, da ich mich noch in der intensiven Endphase meiner Dissertation befand, wobei Karin in einem der drei größten deutschen Verlagshäuser in Hannover als Vorstandssekretärin arbeitete. Im August 1977 wussten wir von der Schwangerschaft. Auf meine berufliche Situation bezogen diskutierten wir die Alternativen: a. Ich bleibe nach der Geburt als Hausmann daheim und arbeite als Wissenschaftsjournalist im Homeoffice und Karin geht ihrer Karriere im Vorstand des Verlagshauses nach oder b. ich trete im Dezember 1977 in eine auf ein Jahr befristet Stelle bei der Hansestadt Lübeck als Wissenschaftler an. Wir entschieden uns gemeinsam für die Risikovariante „b“.

Kurzfristig vor meinem Dienstantritt, als Karin im 6. Monat war, heirateten wir, was von der Überzeugung getragen war, dass es für unser Kind besser ist, verheiratete Eltern zu haben (Abb. 1). Aus Kostengründen fand keine Hochzeitsfeier mit den Verwandten statt. Auch den Umzug nach Lübeck machten wir wiederum allein – eine Hilfe wurde uns von den Familienangehörigen nie angeboten. Wir mieteten unser erstes Reihenhaus und freuten uns riesig. Hochschwanger luden wir noch unsere Verwandten zu uns ein, denn wir hatten, trotz aller vorliegenden negativen Erfahrungen, die Hoffnung auf eine Großfamilie nie aufgegeben.


Abb. 1: Unsere Hochzeit am 1. Dezember 1977.

Drei Hausgeburten in weniger als drei Jahren
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8.1.  Familienvater mit vollem Herzen – Drei Hausgeburten in weniger als drei Jahren.
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Eine Hausgeburt war 1978 in Lübeck eigentlich nicht möglich, denn es fehlten die privat praktizierenden Hebammen sowie die Frauenärzte, die in einem solchen Fall als Geburtshelfer ins Haus kamen. Darüber hinaus erklärte mir meine Krankenversicherung, dass sie hierfür keine Kosten übernehmen kann, da es diesen Abrechnungsfall nicht gibt, was sie später nach meinen mehrfachen Interventionen als Sonderfall behandelte. Doch warum sollte es gerade eine Hausgeburt sein? Wir hatten uns dafür entschieden, da Karin kein Vertrauen in die Behandlung von Schwangeren in Krankenhäusern mit dem damals obligatorischen Kreissaal und dem Wochenbettaufenthalt hatte. Für mich war klar, wenn es zu einer Krankenhausentbindung kommen sollte, ist Karin völlig verkrampft und das schien mir mit das Schlimmste für eine Geburt zu sein. Mir war klar, dass die angstfreie Einstellung und das Wohlempfinden einer Schwangereren für eine harmonische Geburt wichtig sind. Deshalb versuchte ich ihr bei unserer gemeinsamen Entscheidung vor allem seelisch sehr zur Seite zu stehen, zumal ihre Mutter immer wieder in ihren Telefonaten entsprechende Ängste verbreitete. Eine Hausgeburt bedeutete in unserem Fall, dass ich mir dafür meinen Jahresurlaub nehmen musste, um für Karin im Wochenbett und für unser Kind rund um die Uhr da zu sein.

Nach langer Suche fand ich beim Lübecker Ärzteverein einen Frauenarzt für die Hausgeburt. Darüber hinaus absolvierte ich mit Karin einen Säuglingspflegekurs (Abb. 2). Drei Tage vor der Niederkunft eröffnete uns der Frauenarzt schlicht und einfach, dass er zum Geburtstermin verreisen wird. Erst einen Tag vor der Niederkunft besorgte uns die Hebamme Rehberg einen für uns unbekannten Frauenarzt aus Lübeck. Als am 14. April 1977 am Spätnachmittag die Eröffnungswehen einsetzten, gingen wir mit unserem Hund noch eine Stunde im nahegelegenen Wald spazieren. Nach den ersten Blutungen rief ich die Hebamme spät abends an, wobei wir beide erstaunlich ruhig waren, was man von der erfahrenen Hebamme nicht unbedingt sagen konnte. Als die Geburtswehen einsetzten, sollten diese relativ lange dauern, wobei sich Karin zwei Stunden lang mit großer Kraft an meinem Daumen festhielt, der danach blau angelaufen war. Der Arzt kam erst gegen 4.30 Uhr und unsere Tochter wurde um 5.37 Uhr geboren.


Abb. 2: Meine Ausbildung für die Säuglingspflege; Vorbereitungen zur Hausgeburt.


Es war mir wichtig alles fotografisch, filmisch mit Super 8 und schriftlich in einem Tagebuch zu dokumentieren. In den schriftlichen Aufzeichnungen ist nachzulesen: „es überkam uns ein unbeschreibliches und einmaliges Gefühl von Freude, Glück und Erleichterung, dass man so stark nie zuvor erlebt hatte!“ Wir nahmen uns direkt nach der Geburt fest in die Arme und waren überglücklich. Nach zwei bis drei Stunden Schlaf wurde unsere Tochter zum ersten Mal gestillt (Abb. 3), was auf Anhieb klappte. Die 63-jährige mit über 6.500 Hausgeburten erfahrene Hebamme meinte, dass sie eine solch harmonische Hausgeburt noch nie erlebt habe. Doch jetzt begann erst meine Arbeit als „Säuglingsschwester“, denn es hieß unser Neugeborenes zu versorgen, d.h. zu waschen und zu wickeln sowie Karin im Wochenbett mit Essen etc. zu versorgen, den Haushalt zu machen und mich um den Hund zu kümmern.


Abb. 3: Zwei Tage nach der Hausgeburt in unseren Armen.


Nach 60 Stunden ohne Schlaf bin ich auf dem Sofa vor Erschöpfung tagsüber nahezu ohnmächtig eingenickt, doch ich war stolz alles geschafft zu haben, wobei die Hebamme jeden Tag die Säuglingswäsche und Windeln mit nach Hause nahm und alles frisch gewaschen wieder mitbrachte, was eine große Hilfe war. Karin hatte im Wochenbett einen starken physischen und psychischen Tiefpunkt und ich war froh, dass ich mir den sechswöchigen Jahresurlaub genommen hatte, um ihr beizustehen.

Kein Jahr später freuten wir uns sehr darüber, dass unsere Tochter im November 1979 ein Geschwisterchen haben sollte. Doch im 6. Monat stürzte Karin unglücklich die Kellertreppe hinunter und bekam zunehmend starke Kontraktionen, die nach drei Wochen in pressartige Wehen übergingen. Der Arzt ordnete einen Krankenhausaufenthalt an, doch ich rief die Hebamme an, die die Geburt unseres ersten Kindes betreut hatte und sie empfahl Eisbeutel auf den Bauch zu legen. Drei Tage lang betreute ich Karin im Bett – und es half. Am 15. November rief ich um 7 Uhr morgens die Hebamme an, da alle 5 bis 10 Minuten starke Wehen einsetzten. Ein für diesen Tag vereinbartes Bewerbungsgespräch beim Landesdenkmalamt in Münster sagte ich ab und nahm mir einen zweiwöchigen Urlaub. Für das Frühstück mit der Hebamme holte ich noch Brötchen und versorgte unsere Tochter mit dem Fläschchen, die ich um 11 Uhr ins Bett brachte, sie uns jedoch im Schlafzimmer sehen konnte. Gegen 12 Uhr hatte Karin einen 3.800 Gramm schweren Jungen geboren, über dessen Größe wir richtig erschrocken waren.


Abb. 4: Im Wochenbett mit dem gerade geborenen Sohn, November 1979.


Zu den Stillzeiten versorgte ich den Sohn zuvor mit waschen und wickeln (Abb. 4). Langsam stellte sich bei mir diesbezüglich eine Routine ein und ich war überglücklich über unsere zwei gesunden Kinder. Vierzehn Tage später musste ich zur Dr.-Prüfung nach West-Berlin an die TU Berlin fliegen, um am selben Tag wieder zurückzukehren. Ein halbes Jahr später notiere ich im Tagebuch, dass es mit zwei kleinen Kinder nach sieben Jahren kinderlosem Zusammenleben nicht leicht ist, wenn man sich wirklich Mühe gibt und stelle fest „wir sind dabei über einen großen Berg gekrochen und ich bin überglücklich so eine prächtige Familie zu haben!“

Mit meiner neuen Arbeitsstelle beim Landesdenkmalamt in Münster stand Mitte 1980 ein erneuter Umzug an, der mit zwei kleinen Kindern mit einem Umzugsunternehmen, aber in den Vor- und Nachbereitungen wieder allein bewältigt wurde. Nach einigen Tagen stellte Karin in Münster ihre erneute Schwangerschaft fest. Wir hatten eigentlich an eine längere Pause gedacht, um dann zwei weitere Kinder nacheinander zu haben – wir waren geschockt. Unsere Hebamme in Lübeck riet von der Schwangerschaft dringend ab, doch wir beide entschieden uns für unser Kind! Dennoch gab es ein weiteres Problem: wer macht in Münster mit uns die Hausgeburt? Endlich fand ich eine Hebamme, doch der einzige Frauenarzt, der dazu bereit war, verlangte von Karin eine vorgefertigte schriftliche Erklärung, dass sie ihn von seiner Verantwortung als Arzt bei der Hausgeburt entbindet, da er ausdrücklich davon abgeraten hatte.

Als ich von auf einer zweitägigen Dienstreise Ende Februar 1981 zurückkam, war es soweit und ich rief am Samstagabend die Hebamme an. Jetzt hatte ich schon Routine in Sachen Hausgeburt und die Hebamme zeigte mir einen Akkupressurpunkt an Karins Wirbelsäule, den ich nun vor dem Bett kniend drückte, damit sie entspannter sein konnte. Kurz vor Mitternacht rief ich erst den Arzt an, da wir alle meinten, dass wir ihn bei der Geburt selbst nicht unbedingt brauchen werden. Und so kam es, dass Karin nach einigen Presswehen ein 3.680 Gramm schweres Mädchen zur Welt brachte. Als ich dem Frauenarzt die Tür öffnete, konnte ich mir das Grinsen nicht verkneifen, da stand er tatsächlich in OP-Kleidung völlig aufgeregt vor mir und ich sah wie seine Hände zitterten. Ich musste ihn erst einmal beruhigen und meinte, dass schon alles vorüber ist – wie ich später von ihm erfuhr, war es seine erste Hausgeburt. Als er mit uns ein Glas Sekt trank meinte er, dass er wohl kaum noch nach Hause kommt – die Hebamme und wir amüsierten uns über ihn als er schon gegangen war. Sie hatte mit 58 Jahren ihre letzte Hausgeburt mit uns und war von der „Bilderbuchgeburt“ begeistert und brachte allen Kindern zum Abschied ein Geschenk mit.

Unsere zweijährige Tochter kam nach der Geburt nachts die Treppe zum Schlafzimmer im Dachgeschoss hinauf und schlief den Rest der Nacht mit uns und mit unserer neugeborenen Tochter in einem Bett (Abb. 5). Für mich gab es jetzt noch mehr zu tun, da ich zwei kleine Kinder während Karins Wochenbettzeit allein zu betreuen hatte. So ging ich u.a.  mit den beiden Kindern bei Regenwetter in den Wald. Dieses Mal sollten meine drei Wochen Urlaub für die Hausgeburt jedoch nicht ausreichen und ich besorgte für einige Wochen eine Haushaltshilfe. Als dreimaliger Vater hatte ich durch die Hausgeburten und die Erstbetreuung der Kinder von Anfang an eine große Bindung zu ihnen, was sich in den Folgejahren auch als bedeutsam für unsere Ehe herausstellen sollte.


Abb. 5: Am Tag der Geburt unserer jüngsten Tochter konnte Karin schon sofort wieder aufstehen (01.03.1981); die jüngste Tochter mit mir fünf Tage später.





Anders Vatersein
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8.2.  Familienvater mit vollem Herzen – Anders Vatersein .
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Als Eltern anders als die eigenen Eltern zu sein, bedingt in einen eigenen Entwicklungsprozess einzutreten, der eigentlich nie richtig endet und leichter gesagt als getan ist. Dabei hatten Karin und ich eine große Gemeinsamkeit, denn wir mussten nie über die Erziehung oder unser Verhalten gegenüber den Kindern diskutieren – wir vertraten und vertreten bis heute darin eine komplett gemeinsame Linie. Dabei sind unsere Einsichten in unserer Beziehung zu Kindern ständig gewachsen. Diese Tatsache ist für mich selbst ein Phänomen und zugleich ein Geschenk, was uns im Elternsein sehr verbunden und unseren Umgang mit den Kindern sehr erleichtert hat. Mein Vater vertrat die Devise in seinem Verhältnis zur Familie: der Beruf steht immer an erster Stelle. Hier hatte ich für mich von Anfang an die Prioritäten geändert: zuerst gab es meine Familie, zudem hatte ich eine wundervolle Ehefrau, die ich nicht vergessen durfte und dann kam die existenzsichernde und anspruchsvolle Arbeit. Alle Lebensbereiche waren jedoch irgendwie gleich wichtig und unter einen Hut zu bringen. Mit drei kleinen Kindern notiere ich dazu im Tagebuch, dass wir uns manchmal zu viele Gedanken um das Wohl unserer Kinder machen.

Nach Pestalozzi waren wir der Überzeugung, Erziehung ist Vorbild und viel Liebe. Allerdings wurde mir schnell klar, dass er hierbei nicht um die Selbstaufgabe als Paar gehen darf, denn wir hatten unsere Kinder nur für den Zeitraum ihrer Abhängigkeit als einmalige „Leihgabe“ erhalten. Ich wusste, wenn die Kinder aus dem Haus gingen, blieben wir als Ehepaar zurück. Dabei durfte uns die aufopfernde Arbeit mit den drei Kindern nicht entfremden, sondern eher näher zusammenbringen. Das war vor allem in der Phase mit drei Wickelkindern bis zur Schulzeit sehr schwierig. Mein Tagebucheintrag lautete dementsprechend „zurzeit bekommen die Kinder alles und meine liebste Frau, meine geliebte Karin allzu wenig (…) ich merke, wie sie unter ihren Aufgaben leidet (…) aber ich weiß, sie wird es schaffen – mit meiner Hilfe.“ Auf der anderen Seite ist zu lesen, dass ich durch die erste Hausgeburt viel gelassener und optimistischer geworden bin und sich mein Selbstwertgefühl merklich gesteigert hatte. Auch die sexuelle Zuneigung zu Karin wurde emotional noch intensiver und ich erlebte es wie einen neuen Abschnitt in unserer Beziehung. Dennoch war es wegen des beruflichen und familiären Trubels und der 7-Tage-Woche für Karin gar nicht einfach gemeinsame Stunden zu finden.

Wenn ich daheim war, wurden die drei Wickelkinder auch von mir mit betreut (Abb. 6). Bei alledem musste ich mit der Geburt des ersten Kindes meine Einstellung zur Vaterschaft finden, was mir durch die Säuglingspflege erheblich erleichtert wurde. Meine Erfahrungen lehrten mich: kindgerechte Erziehung ist letztlich Selbsterziehung, was Offenheit und Ehrlichkeit zu sich selbst bedingt und mit der Bereitschaft zum Umdenken zu einer positiven Veränderung führt. Für uns waren die Kinder bereits im ungeborenen Zustand richtige Persönlichkeiten, wodurch unsere Kinderliebe von Anfang an durch Respekt und Wertschätzung getragen wurde, so wie wir uns selbst als Paar begegneten. Wir wollten durch unsere Beziehung zu ihnen dafür sorgen, dass sie ihre Persönlichkeit frei entfalten konnten und wir ihnen viel Lebensfreude, Geborgenheit und Urvertrauen vermittelten. Über die Werte in unserer Familie mussten wir beide nie sprechen, wir haben sie einfach täglich gelebt. Dazu gehörten u.a. der respektvolle Umgang, das friedvolle Handeln sowie die gewaltfreie Kommunikation.


Abb. 6: Momentaufnahmen aus den Anfängen des dreifachen Vaterseins (1978 bis 1981) mit der ältesten Tochter (oben), dem Sohn (mittig) und der jüngsten Tochter (unten).


Offenheit in der Familie war uns sehr wichtig, denn es ging uns um eine vertrauensvolle und einfühlsame Beziehung zu unseren Kindern. So fragten wir sie nach ihren Erfahrungen, Bedürfnissen und Wünschen, wobei alle negativen Emotionen aufrichtig angesprochen wurden. Wir hörten ihnen genau zu, erkannten ihre Probleme, spendeten ihnen Trost und gaben ihnen Hoffnung. Auch pflegten wir stets einen zugewandten Umgangston mit ihnen, d.h. keiner wurde bei Auseinandersetzungen trotz unseres konsequenten Verhaltens angeschrien. Es sollte eine Beziehung sein, in der alles kommuniziert wurde, was emotional wichtig war. Wenn ich von der Arbeit kam und an den Wochenenden brachte ich mich in die Familie ein. Dabei war es mir wichtig, dass ich nie meinen Stress oder meine Wut aus meiner Arbeitsstelle mitbrachte und indirekt an den Kindern ausließ. Bevor ich nach Hause kam legte ich mental einen inneren „Schalter“ zum Vatersein um, wodurch ich wiederum Entspannung erfuhr – ich ließ die Arbeitswelt in diesem Moment los. So spielte ich mit den Kindern, half beim Baden, las ihnen jeden Abend Gutennachtgeschichten vor, baute Spielgeräte und einen Sandkasten mit Holzhaus (Abb. 7) und richtete einen ca. 50 m² großen Bauerngarten samt Stützmauer ein. Und wenn Karin einmal krank war, kam ich immer sofort von der Arbeit zu ihr und übernahm ihre Arbeiten. Auch wurde regelmäßig gespielt, gesungen, getanzt und vorgelesen. Dabei erkannten wir die Eigenheiten und Vorlieben unserer Kinder und förderten sie (Abb. 7). Sie sollten ihre Stärken frei entfalten können und aus ihren Erfahrungen lernen. Bei alledem fühlte ich mich wie ihr Begleiter und guter Freund, was mir die Kinder laut Tagebucheintragungen auch direkt sagten.


Abb. 7: Richtfest meines selbstgebauten Holzhauses für die Kinder im Garten des Miethauses; vom Sohn erfundene Kletterpartie im Türrahmen.


Wichtig war für uns ein strukturierter Tagesablauf sowie Rituale, was mit Konsequenz und damit als Normalität gelebt wurde. Dazu gehörte u.a. das gemeinsame Essen am Tisch zu bestimmten Zeiten, das zeitlich geregelte Fernsehen von Kindersendungen, das regelmäßige Duschen, das Ritual zu bestimmten Zeiten ins Bett zu gehen und das zugewandte Gutenachtsagen. Daraus entwickelte sich bei allen Kindern viel Sicherheit und Vertrauen. Auch waren später die Zeiten am Computer klar geregelt, denn die Kinder sollten draußen spielen und sich dabei körperlich ausgleichen. Mit dem altersgerechten Mitwachsen der Kinder hatten wir keinerlei Probleme und so stellte die Pubertät auch keine besondere Herausforderung für uns dar. Dabei forderte ich sie immer wieder heraus, wie z.B. schulische Referate daheim mit Video vorzutragen, damit sie sich durch Selbstkontrolle verbessern konnten. Bei ihren schulischen Wünschen finanzierten wir zwei Kindern eine Privatschule und allen ihr Studium, wobei unser Sohn zuvor noch eine private Designerschule besuchte.


Beziehung zu den Verwandten
Wir glaubten, durch unsere Kinder würde sich das Verhältnis zu unseren Eltern bessern, doch auch das sollte sich als eine Fehlannahme herausstellen. Dennoch blieben unsere Bemühungen, dass unsere Kinder selbst eine Beziehung zu ihren Großeltern und Verwandten herstellten, ungebrochen. Insofern banden wir die Großeltern zu bestimmten Fest- und Feiertagen mit ein und hofften, ihnen dabei die Werte eines Familienverbandes zu vermitteln. Gleichwohl begegneten wir beide unseren (Schwieger)Eltern weiterhin mit Respekt und zeigten ihnen unser Mitgefühl. Derartige Einladungen wurden von uns beiden immer aufwändig gestaltet und waren entsprechend kraftraubend, d.h. die Angehörigen erwarteten von uns stets rund um die Uhr bedient zu werden und das bei drei kleinen Kindern (Abb. 8). Da kam keiner auf die Idee einmal mitzuhelfen oder gar eine Anerkennung auszusprechen. Alle setzten sich stets an den gedeckten Tisch oder wurden von uns zum Essen in ein Restaurant eingeladen.

Gegeneinladungen gab es nie und das Beisammensein ohne Anteilnahme oder Fragen bezüglich unseres Befindens sowie die pessimistische Lebenshaltung aller Familienangehörigen waren bei derartigen Treffen immer bedrückend. Das übertrug sich auch auf die Kinder, die letztlich zu keinem ihrer Verwandten eine emotionale Beziehung aufbauten. Laut Tagebucheintrag weinte die älteste Tochter zu Anfang oft, wenn ihr Opa bei uns zu Besuch kam. Meine Schwiegermutter lud ich immer wieder zu einem gemeinsamen Urlaub nach Österreich, Italien, Oberbayern und Dithmarschen ein und übernahm immer gerne Kost und Logis für sie. Außerdem nahm ich sie in Restaurants und bei Ausflügen mit, wofür sie als Rentnerin nie etwas zu zahlen brauchte. Als unsere älteste Tochter mit neun Jahren erstmals in den Sommerferien allein bei ihren Großeltern in Duisburg war, was ihr ausdrücklicher Wunsch war, sollte das zugleich das letzte Mal sein. Sie ertrug die negative Stimmung bei den Großeltern nicht.


Abb. 8: (oben) 1. Geburtstag unserer ältesten Tochter in Lübeck mit ihrer Urgroßmutter und ihrem Opa; 1. Geburtstag unseres Sohnes in Münster mit seiner Urgroßmutter, Oma und Cousine Denise; (mittig) 3. Geburtstag der ältesten Tochter mit ihren Großeltern und ihrer Urgroßmutter; Ostern mit Großmutter in Bayern; (unten) Oma mit im Urlaub am Gardasee und mit meiner Halbschwester.


Meine Mutter fand nie ein herzliches Verhältnis zu ihren Enkelkindern und ihre Besuche liefen fortwährend frostig ab, wobei sie in ständiger Erwartungshaltung war, dass ich mit ihr etwas unternehmen sollte. So beschäftigte sie sich kein einziges Mal mit ihren Enkelkindern, obgleich sie körperlich enorm fit war. Sie erzählte ständig von ihren Problemen mit ihrer Enkeltochter Denise, die seit dem 3. Lebensjahr bei ihr lebte und um die sich die Eltern nicht kümmerten. Gegenfragen von ihr wie es Karin oder mir ging, gab es nicht. Meine Nichte Denise tat uns immer sehr leid und war bereits lange vor Geburt unseres ersten Kindes in fast allen Schulferien bei uns. Wir nahmen sie mit ins Puppentheater, in Vergnügungsparks, zum Schwimmbad, in Delphinshows, zum Ostseestrand, besuchten Musikveranstaltungen, gingen mit ihr in den Zoo und machten abends Spiele mit ihr. Karin häkelte Pullis für sie, wir kauften ihr regelmäßig Spielsachen und Süßigkeiten und schickten ihr Tonbänder mit bespielten Beiträgen von uns zu Geschichten von Biene Maja. Denise selbst hatte keinerlei Eigeninitiative, half auch später nicht im Haushalt mit und erwartete stets, dass wir etwas mit ihr unternahmen.

Als Denise einmal für drei Wochen bei uns zu Besuch war, wurde sie sehr krank und ihre Mutter, meine Schwester Inge, war telefonisch plötzlich nicht mehr erreichbar. Wir schlugen unser Nachtquartier im Wohnzimmer auf, während Denise allein in unserem Schlafzimmer blieb, wobei wir hofften, dass unser Sohn als Säugling und unsere älteste Tochter im benachbarten Kinderzimmer nicht angesteckt werden konnten. Im Übrigen hat sich meine Schwester in all den Jahren nie bei uns nach Denise erkundigt. Und sie zeigte trotz unserer Einladungen keinerlei Interesse an einer Beziehung zu ihren Nichten und ihrem Neffen. Das war für mich deprimierend, da ich mich nicht nur um ihre Tochter Denise, sondern immer wieder auch um ihre Befindlichkeit und Probleme kümmerte, was jahrelang durch stundenlange Gespräche bis tief in die Nacht hinein gekennzeichnet war.

Ähnliches geschah mit meiner ältesten Schwester Gerlinde, die sich auch nie für für unsere drei Kinder interessierte. Mehr noch: zum 70. Geburtstag von unserer Mutter fuhren wir mit unseren drei Kindern nach Duisburg, worüber sich Gerlinde sehr aufregte, da nach ihrer Meinung Kleinkinder bei einer Geburtstagsfeier in einem Restaurant nichts verloren haben. So konnten unsere Kinder ihre beiden Tanten nie kennenlernen. Andererseits luden wir die drei Kinder von Gerlinde nach unseren Tagebucheinträgen immer wieder vergeblich ein. Und als meine Mutter 1994 mit 82 Jahren starb, nahm meine Schwester Gerlinde schnell alle materiell und ideell wertvollen Gegenstände an sich, um mich danach vom Ableben unserer Mutter zu informieren. Obendrein erdreistete sich ihr Sohn Daniel, den ich 1990 mit seiner Frau bei seiner Kontaktaufnahme herzlich aufgenommen hatte, mich angesichts des Todes meiner Mutter übel zu beschimpfen. Und auch Denise erzählte uns bei ihrem letzten Besuch 1995, dass sie heiraten wollte, doch sie hat sich nie mehr bei uns gemeldet! Schlimmer noch: dass sich meine Schwester Inge 1996 mit 56 Jahren das Leben nahm, erfuhr ich erst nach ihrer Beerdigung.

In meiner damaligen Hoffnung auf eine Großfamilie, hatte ich nach mühsamer Suche 1979 Kontakt zu meiner Halbschwester aufgenommen und flog deshalb eigens von Hamburg nach München. Nach dem Treffen lud ich sie ein Jahr später zu uns nach Münster ein. Wir fuhren nach Duisburg zum Grab unseres Vaters und ich schenkte ihr seinen Goldring als seine einzige wertvolle Hinterlassenschaft. Darüber hinaus entschieden wir uns, dass sie die Taufpatin unserer drei Kinder sein sollte. Allerdings sah ihr wesentlich älterer Ehemann diese Verbindung nicht gerne. Auf Grund dessen zog sie sich nach der Taufe völlig zurück. Unser Traum einer Großfamilie hatte sich als eine Illusion herausgestellt.


Familienfeste
Weihnachten war für uns das größte Familienfest und hatte den größten Stellenwert. Es begann bereits in der Adventszeit mit den von Karin gebackenen Plätzchen und Stollen sowie meinem täglichen Vorlesen von Weihnachtsgeschichten beim Kerzenschein des Adventskranzes. Am Nikolaustag lagen Geschenke und Süßigkeiten in den Hausschuhen, die abends zuvor von den Kindern vor die Zimmertür gestellt wurden. Und als dann am Abend des 6. Dezembers der Nikolaus persönlich in unser Haus kam, war die Aufregung riesig – er war ihr Taufpate. Für uns war es eine große Freude, den Kindern die Hexenhäuser selbst zu basteln und gemeinsam für sie nach den passenden Geschenken Ausschau zu halten, was entsprechende Zeit in Anspruch nahm.

Der Heilige Abend war der Höhepunkt des Jahres und er begann mit dem Kirchgang am Nachmittag. Zum Erstaunen der Kinder brannte auf dem Rückweg jedes Mal die elektrischen Kerzen einer Fichte im Garten des Hauses, die ich vor dem Abfahren bereits eingeschaltet hatte, was jedoch nie ein Kind bemerkt hatte. Nun gab es das traditionelle Weihnachtsessen mit Grünkohl als Eintopf mit Schweinefleisch und schlesischen Weißwürsten, Mettwürsten und Frankfurter Würsten sowie später mit Malzbier für die Kinder. Danach ging ich allein in das von Karin und mir abends zuvor vorbereitete Wohnzimmer mit dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum und den darunterliegenden Geschenken, die alle den Namen des jeweils Beschenkten trugen (Abb. 9). Auf einem Tisch befanden sich die von Karin und mir selbst gebastelten drei Hexenhäuser und Süßigkeitsteller, die mit Kerzen erhellt wurden. Auf einer Anrichte war eine große holzgeschnitzte Krippe aufgestellt, die ebenfalls mit Kerzen ausgestattet war. Nachdem ich alle Kerzen angezündet hatte, läutete ich ein kleines Glöckchen als Zeichen für die Anwesenheit des Christkinds. Nun rief ich alle ins Zimmer und wir sangen gemeinsam mehrere Weihnachtslieder. Danach trugen die Kinder, als sie älter waren, ihre Gedichte vor, spielten auf Keyboards und wir wünschten uns alle von Herzen „frohe Weihnachten“.


Abb. 9: Der Heilige Abend zwischen 1978 und 1995, immer stimmungsvoll und voller Überraschungen.


Zur Tradition gehörte auch das „Ziehen“ der Weihnachtsgeschenke, wobei der Jüngste damit begann und altersgemäß bis zu uns fortgesetzt wurde. Wenn jemand ein Geschenk für einen anderen zog, übergab er es ihm. An den Weihnachtsfeiertagen spielte ich stets mit den Kindern mit ihren Geschenken oder ich half ihnen bei ihren Bastelarbeiten, während Karin das aufwändige Weihnachtsessen, zumeist einen Wildbraten, zubereitete. Über das Jahr hinweg bekamen unsere Kinder - außer zum Geburtstag - keine Geschenke bzw. Spielsachen, das war stets dem Weihnachtsfest vorbehalten, wobei sie dann entsprechend üppig ausfielen. Dabei achteten wir stets darauf, dass alle Kinder hinsichtlich der Wertigkeit der Geschenke gleichbehandelt wurden.

Während meine Mutter zweimal mit meiner Nichte Denise am Heiligen Abend eingeladen war, kam meine Schwiegermutter immer allein am 1. Weihnachtsfeiertag und blieb einige Tage, wobei wir dann nochmals eine kleine Bescherung für sie arrangierten und die Kinder von ihr Geschenke bekamen, die wir zuvor gekauft hatten.  Die Weihnachtszeit war für uns immer sehr besinnlich, aber vor allem auch ein fröhliches Fest, das Silvester mit einer lustigen Party und einem geschmückten Wohnzimmer, mit Krapfen essen und einem (Kinder)Feuerwerk am Abend endete. Trotz meiner erheblichen beruflichen Probleme in Bayern ab 1992 (siehe Kapitel 9) widmeten wir uns weiterhin mit tiefer Überzeugung und ganzem Herzen unseren Kindern und hielten alle negativen Einflüsse von ihnen fern. So wurden alle Familienfeste wie bisher weiter gefeiert.

Geburtstage wurden als „Ehrentage“ ebenfalls festlich begangen, wobei wir uns entsprechend kleideten und wenn möglich auch die Großeltern und Denise einluden. Neben entsprechenden Geschenken und Süßigkeiten gab es immer einen nach Wunsch des Geburtstagskindes von Karin selbstgebackenen Kuchen und später auch eine Geburtstagsparty. Hierfür bereitete Karin aufwändige Spiele vor und leitete sie, wie z.B. eine Schnitzeljagd im Wald, Topfschlagen, Würfelspiel etc. Ostern war ein weiteres großes Familienfest, das mit dem gemeinsamen Eierfärben am Ostersamstag begann und am Ostersonntag früh morgens mit dem Eiersuchen und beim Osterspaziergang am Vormittag fortgesetzt wurde. Tradition war ein üppiges Osterfrühstück mit von Karin gebackenen Häschen und Lämmchen sowie verschiedenen süßen Weizenbroten. (Abb. 10).


Abb. 10: Taufe der drei Kinder 1983 mit Taufpaten und Familienangehörigen beim Nachmittags-Kaffee; Osterfrühstück 1992 mit traditionell Selbstgebackenem.


Wir beide waren während meiner Berliner Studienzeit aus der Kirche ausgetreten, weshalb es der evangelische Pastor in Münster ablehnte, unsere drei Kinder zu taufen. In Bayern sind wir beide deshalb wieder in die Kirche eingetreten, um alle drei Kinder 1983 gemeinsam taufen zu lassen. Meine Halbschwester war Taufpatin und sie wurde mit ihrem Mann und Sohn eingeladen (Abb. 10). Die Großeltern kamen hinzu und wir luden alle zum Essen ins Restaurant ein. Anschließend feierten wir daheim bei Kaffee und Kuchen und einem abendlichen Buffet – auch hierbei wurde uns keinerlei Hilfe angeboten. Genauso verlief es bei den drei Einschulungen unser Kinder, die entsprechend mit prall gefüllter Schultüte und Bescherung, Essen im Restaurant und selbstgebackenem Kuchen mit den beiden Omas gefeiert wurden. Bei den Konfirmationen der drei Kinder war lediglich meine Schwiegermutter bei der ältesten Tochter anwesend. Danach ist sie nicht mehr gekommen.


„Ich weiß noch genau, ihr ward als Familie immer so aktiv!“
Für uns ging es stets darum kindgerechte Bedingungen zu schaffen. Daheim gelang das in einem gemieteten Einfamilienhaus mit großem Garten samt unmittelbarer Nähe von Wiesen, Wäldern und Spielstraße. Nach Absprache mit dem Vermieter schuf ich im Außenbereich viele Spielmöglichkeiten und baute u.a. Schaukeln und ein Holzhaus für die Kinder, das sie dann selbst bemalten (Abb. 7). Sie waren täglich körperlich sehr aktiv und bei Wind und Wetter unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge, Karin machte mit ihnen Picknick und sammelte Blaubeeren etc. Das bedeutete, dass sich alle Kinder abends stets auf ihre Bettruhe freuten.

Unsere Aktivitäten mit den Kindern waren altersspezifisch auf sie abgestimmt. Was mit meinen Sonntagvormittags-Ausfahrten mit der Kinderkarre am Timmendorfer Strand begann, führte später über den Ponyhof und das Schlittenfahren zum Schwimmen, Tauchen und Turmspringen vom Fünf-Meter-Turm. Spaß gab es beim Drachensteigenlassen, selbstgebastelten Modellseglern, Rollschuh- und Schlittschuhlaufen, Tennisspielen und beim Skifahren mit privatem Skilehrer. Daheim improvisierte ich „Popkonzerte“ zu denen sich die Kinder verkleideten und ihre Lieblingssongs vortrugen, während ich sie dabei filmte. Da Karin zu Hause viel sang, lernten die Kinder schnell, sich stimmlich ohne Scheu auszudrücken. Später kam das Turnen im Turnverein und der Reitunterricht für die älteste Tochter samt Reitturnier hinzu, zu dem wir sie jedes Mal begleiteten. Ich trainierte im Urlaub mit ihnen das Tennisspielen und nahm sie mit zu den Museumstagen im Freilandmuseum. Bei Faschingsveranstaltungen schminkte und kostümierte ich die Kinder, wobei der Sohn und die jüngste Tochter sogar von einer Jury ausgezeichnet wurden (Abb. 11). Natürlich besuchten wir auch Popkonzerte und sie lernten bei einem Musiklehrer Akkordeon, Gitarre und Keyboard spielen. Schließlich brachte ich allen dreien das Autofahren auf einem Übungsplatz bei.



Abb. 11: Kostümierung zum Kinderfasching, rechts mit Karin.


Sie sollten auch an den neuesten PC-Entwicklungen teilhaben und hatten gemeinsam einen „Commodore PC“. Andererseits unternahmen wir auch Tagestouren, wie von Münster zur Insel Langeoog, ich machte mit den Kindern in einem Sportflugzeug Rundflüge über das Umland von Münster, Regensburg oder mit dem Helikopter in der Oberpfalz und einer alten JU 52 in Niederbayern (Abb. 13). Wir fuhren auf die Zugspitze und nach der Grenzöffnung in die ehemalige DDR u.a. nach Dresden. Nach fast zehn Jahren machten Karin und ich mit den drei Kindern – davon zwei Wickelkinder – Urlaub in einem Bungalow auf einem Campingplatz an der Adria. Der Versuch, in der Oberpfalz in einem Zelt nahe einem Badesee mit Schlauchbootfahrten zu campen, blieb einmalig. Danach fuhren wir stets mehrere Jahre samt Hund nach Österreich auf einen Bauernhof, von wo aus wir mit den Kindern täglich ausgedehnte Bergtouren unternahmen und später auch einmal Skifahren waren. Bei den z.T. abenteuerlichen, auf unsere Kinder zugeschnittenen Touren war die jüngste Tochter erst vier Jahre alt, hielt aber tapfer mit, bis ich sie mehrmals auf den Schultern nach Hause tragen musste (Abb. 12). Alle Kinder waren begeistert und erzählten laut Tagebucheintrag noch lange von diesen Erlebnissen.


Abb. 12: Ausgedehnte Wanderungen begannen im Rauriser Tal, die jüngste Tochter war gerade 4 Jahre alt, die Bergwanderungen wurden später im Drautal fortgesetzt; Rundflug mit unserem Sohn in der Oberpfalz (9 Jahre); Skifahren am Pröller (Bayerischer Wald 1987); Tennisspielen im Drautal 1988.


Danach fuhren wir drei Jahre lang nach Kärnten zum gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub auch immer mit unserem Hund. Wie aktiv wir dort täglich waren, muss wohl auffällig gewesen sein, da sich die Hotelchefin auch noch nach 25 Jahren daran erinnern konnte: „Ich weiß noch genau, ihr ward als Familie immer so aktiv,“ meinte sie. Ob Rundflüge über den Weißensee und Großglockner, Schlauchbootfahrten auf der Drau, Modellfliegen mit zwei Seglern, Schwimmen, Tennisspielen, Tischtennisspielen und natürlich Bergwanderungen oder auch den Bau kleiner Staudämme in einer Ache etc. (Abb. 12).  Später folgten Urlaubsfahrten nach Bad Reichenhall, St. Peter Ording, Lübeck und Hamburg, wobei die Schwiegermutter und auch unser Hund immer wieder dabei war. Das galt auch für einige Urlaubsreisen nach Südtirol und zum Gardasee.

Erste Flugreisen folgten zunächst 1992 mit Karin und zwei Kindern nach Mallorca und ein Jahr später mit mir und zwei Kindern, wobei ich der ältesten Tochter und dem Sohn das Schnorcheln beibrachte. Gottseidank hatte ich meinen DLRG-Lebensrettungsschein, denn die älteste Tochter verfing sich weit draußen in der Meeresbucht beim Schnorcheln gefährlich in eine Schnur eines dort illegal angelnden Einheimischen. Sie konnte sich selbst nicht befreien und geriet in Panik. Mit viel Aufwand entfernte ich ihr den Angelhaken vom Fuß und befreite sie mühselig von dem Gewirr der Angelschnur. Da sie am Fuß verletzt war, brachte ich sie im Rettungsgriff zum Ufer und beruhigte sie dort. Dennoch brachte ich sie dazu, wieder mit zum Schnorcheln zu gehen. Mit einem offenen Geländewagen wurde dann die gesamte Insel u.a. mit ihren bedeutenden Bauwerken besichtigt, was die Kinder sichtlich genossen.


Vermittlung von sozialem Verhalten und Tierliebe
Sozialverhalten und Tierliebe lebten wir den Kindern aus tiefer Überzeugung vor. Sie erlebten unser Verhalten gegenüber den Bekannten, Verwandten und Großeltern, das stets zugewandt und respektvoll blieb. Um den Kontakt zu unseren Eltern aufrecht zu erhalten, fuhren wir mit ihnen als Kleinkinder von Bayern aus regelmäßig über 600 Kilometer zu ihnen nach Duisburg. Wichtig war für uns auch der gute Kontakt zu unserer Nachbarschaft und den dortigen Kindern, mit denen sie auf der Straße oder bei uns im Garten spielen konnten (Abb. 13). Das begann bereits in Lübeck, wo ich ein Kinderfest mit allen Nachbarschaftskindern organisierte, obwohl unsere älteste Tochter dafür noch zu klein war und Karin mit unserem zweiten Kind schwanger war. Auch als unsere älteste Tochter in der Pubertät ihre ersten Freunde hatte, konnten sie jederzeit zu uns kommen. Den pubertären Enthusiasmus unseres Sohnes für das illegale Graffiti-Sprayen konnte ich erfolgreich umlenken, wobei ich ihm die strafbare Handlung erklärte, zugleich aber mein Interesse an seinen Arbeiten zeigte und ihm entsprechend große Zeichenblätter für daheim besorgte.


Abb. 13: Nachbarschaftskinder bei uns im Garten bei Münster; Faschingsfest mit den Nachbarkindern in Bayern (x= unsere Kinder).


Durch unsere Tierliebe erlebten alle Kinder nahezu durchgehend Haustiere bei uns und lernten den Umgang mit ihnen. Dank Karins Liebe für Hausvögel gab es Volieren für Wellensittiche und „Unzertrennliche“. Später baute ich eine große winterfeste Außenvoliere für die Zucht von Schwarzschwanzsittichen, eine kleine Papageienart, die nur paarweise zu halten war (Abb. 14). Durch den in der Nähe befindlichen Bauernhof konnte unsere älteste Tochter ihre Liebe zu den Pferden entwickeln, wobei ein Pony häufiger bei uns im Garten war und sich einmal sogar ganz allein auf den Weg zu unserem Gartentor gemacht hatte. Unsere jüngste Tochter hatte ihre Vorliebe für Entenküken entdeckt und brachte sie zeitweilig vom Bauernhof mit in unseren Garten. Unsere Hündin „Biene“ war bei den Ausflügen und im Urlaub immer dabei. Mit unserem zweiten Hund "Apollo", einem Collie-Rüden, absolvierte ich eine Begleithundeprüfung und eine weitere Prüfung für Fortgeschrittene.

Anderseits sahen die Kinder immer wieder viele verschiedene auch ausländische Bekannte von uns, die wir einluden. Außerdem bekamen sie mit, dass ich dem Kirchenvorstand fachlich zur Seite stand, um ein mächtiges Kreuz auf dem Kirchturm der Kreuzkirche zu errichten oder beim Einstudieren der Krippenspiele der Kinder mithalf. Später unterstützte ich einen spanischen Austauschstudenten aus dem ERASMUS-Programm, der regelmäßig bei uns war und mit dem wir gemeinsam Rundfahrten unternahmen.  Damit nicht genug: Karin betreute deutsche Aussiedler aus Polen in einem Wohnheim, die wir zudem zu uns einluden und ich ihnen eine feste Arbeitsstelle besorgte.



Abb. 14: Die Aufzucht von Schwarzschwanzsittichen in einer großen selbstgebauten Außenvoliere; Enten und Pony vom benachbarten Bauernhof in unserem Garten; die älteste Tochter mit unserem Kleinspitz.

 

Wir dürfen uns nicht vergessen
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8.3.  Familienvater mit vollem Herzen – Wir dürfen uns nicht vergessen.
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Mein Einsatz als Familienvater hatte offenbar bei den Kindern entsprechende Resonanz gefunden. So schrieb mir meine 20-jährige älteste Tochter zu meinem 50-jährigen Geburtstag „… Du bist in Deinem Denken und Handeln für mich immer ein großes Vorbild (…) auch wenn der Weg voller Hindernisse sein mag und mühsam ist (…) du hast Erfolg (…) auch ich bewundere Dich dafür (…) Du bist für mich der liebste Pumi (ihr Kosewort für Papa) auf der ganzen Welt!“ Die Beziehung zu unseren drei Kindern liebevoll auszufüllen war nur möglich durch unsere Liebe als Paar. Unsere Liebe hatte sich zunächst in der kinderlosen Zeit bewährt, was auch die Einsicht und Bereitschaft bedingte, sich zu verändern. Nur so waren wir bereit, auch unseren Kindern viel Liebe zu schenken, sie zu schützen und zu fördern und uns dabei weiter zu entwickeln. Allerdings mussten wir oft genug auf unsere eigenen Bedürfnisse verzichten und gingen manchmal bis über die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit hinaus. Insofern war für unsere Paar-Beziehung die identische Einstellung zu unseren Kindern von immenser Bedeutung.

Unsere älteste Tochter hat uns später mehrmals gefragt, was unser Geheimnis ist, das wir so glücklich sind. Es sind vor allem unsere gemeinsamen Lebensziele, Weltanschauungen und eine von innen kommende Kinderliebe, die bis heute diskussionsfrei blieb, wodurch wir manche Tiefpunkte überwinden konnten. Und als Ehepaar? Hier blieb Karin als Mutter auch immer ganz Frau und sehr weiblich, was ich als Mann ebenso lebte, d.h. wir blieben für den Anderen immer attraktiv und gingen aufeinander ein, was uns sehr angezogen hat (Abb. 15). Unsere dauerhafte Paarbeziehung kennzeichnet die Bereitschaft, sich nicht in eine Komfortzone zurückzuziehen, sondern sich zu verändern und die tiefen Tälern gemeinsam zu durchschreiten. Erst später haben wir bemerkt, dass wir durch unsere gemeinsam praktizierte uneingeschränkte Kinderliebe für alle Zeiten bereichert wurden. Ein Konto voller Liebe auf der Habenseite geschaffen hatten, das einen äußerst großen Wert für die Zukunft haben sollte. Denn egal was wir an traumatischen Erlebnissen noch erleben mussten, es schenkt mir bis heute die Energie ein glückliches und zufriedenes Leben als Individuum und als Partner zu leben.  Für mich wäre es schrecklich daran zu denken, in der Beziehung zu meinen Kindern und zu meiner Frau aus Egoismus, beruflichen Prioritäten oder gar Bequemlichkeit ihnen keine Zeit und Liebe geschenkt zu haben. Es existiert für alles im Leben ein Zeitfenster das, wenn es einmal geschlossen ist, bitter werden könnte. Die Schuldfrage für die Familie und meine Frau nicht dagewesen zu sein, hätte spätestens in meinem Alter im Raume gestanden.

So leicht wie es hier beschrieben ist und nach außen hin erscheinen mag, war es jedoch in der Praxis nicht. Die Umstellung nach sieben Jahren kinderlosem Zusammenleben mit drei Kindern in weniger als drei Jahren stellte sich als große Herausforderung dar, bei der Disziplin gefordert war. Insofern gestalten wir bis heute unseren Alltag mit Freude und Überzeugung diszipliniert – jeder für sich und als Paar -, ohne dabei die Spontanität zu verlieren. So hatte ich jede Woche meinen Sporttag, gelegentlich auch meinen Modellflugtag und machte jeden Morgen mentales Training und gymnastische Übungen, während Karin mehrfach das Sportabzeichen schaffte und später vormittags Italienisch- und Spanischkurse belegte. Wir achteten auf unsere Ernährung und kleideten uns wie früher bewusst attraktiv (Abb. 15). Als die Kinder älter waren, gingen wir jeden Samstagmorgen allein zum ausgiebigen Frühstück nach Regensburg. Und als Paar lebten wir unsere sexuelle Beziehung weiterhin aus. Nach 20 Jahren flogen wir erstmals wieder allein als Paar in den Urlaub, wobei unsere Kinder ihre Selbstständigkeit daheim u.a. mit dem Versorgen der Haustiere bewiesen. Als wir auf Mallorca waren, hatten wir dort eine schicksalhafte Bekanntschaft mit einer deutschen Residentin, die für unseren weiteren Lebensweg entscheidend sein sollte.  


Abb. 15: (von oben links nach rechts) Elternsein mit 31, 34, 41, 47 und 50 Jahren.



Poesie eines italienischen Freundes
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8.4.  Familienvater mit vollem Herzen – Poesie eines italienischen Freundes.
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Als ich für die Biographie unser Tagebuch durchgelesen habe, ist mir ein handgeschriebener kleiner Brief aufgefallen (Abb. 16). Er stammt vom Herbst 1981. Damals waren unsere Kinder drei, zwei und ein halbes Jahr alt und wir gingen regelmäßig mit ihnen in eine italienische Eisdiele. Dort trafen wir den Besitzer Carmelo, der eine herzliche Beziehung zu uns aufbaute und mit dem wir uns auch privat trafen, zumal er sehr kinderlieb war. Eines Tages übergab er uns diesen Zettel, den wir inhaltlich nicht verstanden und wegen der Handschrift nicht übersetzen konnten. 2022 bat ich unsere italienische Nachbarin, die fünf Sprachen beherrscht, den Text für uns zu übersetzen. Als sie mir die deutsche Fassung übergab, meinte sie, dass wir mit dieser italienischen Poesie etwas ganz Besonderes bekommen haben und sie Probleme mit einer angemessenen Übersetzung hatte. Wir waren sehr überrascht als wir den folgenden Text von Carmelo lasen:

An Manfredo und Carin

Vom Himmel seid ihr gekommen und habt besondere Düfte mitgebracht,
bei eurem Vorübergehen haben alle Blumen geblüht.

Du Manfredo mit Deinen funkelnden Augen hast mit deinem durchdringenden Blick
Glück geschenkt.

Du Carin schlank und lebendig mit deiner schönen samtenen Welt aus Rosen und Veilchen, bei deinem Vorbeigehen hast Du die Berge zum Beugen gebracht.

Offenheit hast Du gebracht und die Herzen hast Du berauscht.

Ihr werdet in meinem Herzen eingraviert bleiben und mit der Zeit wird eure Erinnerung für immer in meinem Herzen verhaftet bleiben.

Ich werde zu den Meeren und Bergen gehen, ich werde den Wind herausfordern und ihr werdet diesen Kratzer in meinem Herzen nicht sehen.

Von eurem lieben Freund Carmelo




Abb. 16: Eine Poesie von unserem italienischen Freund Carmelo, 1981.

Karriere unter Mobbingbedingungen
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8.5.  Familienvater mit vollem Herzen – Karriere unter Mobbingbedingungen.
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Mein beruflicher Einstieg 1977 war in mehrfacher Hinsicht problematisch. Karin hatte ihre gut dotierte Aufstiegsposition aufgegeben und ich befand mich in einer zeitlich befristeten Anstellung als wissenschaftlicher Referent in Lübeck - wir lebten mitten in einer Wirtschaftskrise. Mein Ziel bestand darin, die Familie existenziell abzusichern, was ich in der damals anhaltenden Rezession definitiv nicht in der freien Wirtschaft und schon gar nicht ohne jegliche Beziehungen schaffen konnte. Mir blieb deshalb nur eine Chance: die Verbeamtung im öffentlichen Dienst, was ich eigentlich nie angestrebt hatte. In Lübeck versuchte ich mir als Bauforscher mit neuartigen bauhistorischen Untersuchungen an denkmalgeschützten Lübecker Monumentalbauten einen Namen zu machen (Abb. 17). Neben meinem befristeten Ein-Jahresvertrag musste ich die Dr.-Prüfung und die Veröffentlichung der Dissertation vorbereiten. Um meinen Namen in der Fachwelt über Lübeck hinaus zu etablieren, hielt ich verschiedene Referate in Niedersachsen und verfasste 18 wissenschaftlich fundierte Publikationen.


Abb. 17: Auswahl von Zeitungsberichten in den Lübecker Nachrichten (Ausschnitte von 1978-1980).


Das zeigte insofern Wirkung, da man mir die wissenschaftliche Leitung eines zeitlich befristeten architekturhistorischen Forschungsprojektes zur Hansestadt Lübeck im Sonderforschungsbereich 17 der Universität Kiel übertrug. Gleichzeitig hatte ich die Schriftleitung einer neuen wissenschaftlichen Schriftenreihe inne, in der ich selbst publizierte. Außerdem war ich bei den Altstadtfesten der Hansestadt Lübeck zur Vermittlung von bauhistorisch bedeutenden Bauten engagiert worden. Das Forschungsprojekt war im Amt für Vor- und Frühgeschichte der Hansestadt Lübeck integriert, das zugleich als obere Denkmalschutzbehörde für die Stadt fungierte. Das Arbeitsklima habe ich als miserabel erlebt, was nicht zuletzt auf die Vielzahl zeitlich befristeter Arbeitsverträge der hier tätigen jungen Wissenschaftler zurückzuführen war. Der Konkurrenzkampf untereinander war enorm, denn es ging für alle um die Möglichkeit auf der Grundlage ihrer Arbeiten eine Festanstellung zu erhalten. Insofern gab es keine Teamarbeit, d.h. man war mehr oder weniger Einzelkämpfer. Als ich mich aus sachlichen und fachlichen Gründen erfolgreich um Forschungsgelder der VW-Stiftung zur Erforschung der Lübecker Bürgerhäuser für die Technische Universität Hannover eingesetzt hatte, sah der Amtsleiter hierin einen Grund, mich fristlos zu entlassen. Ich war auf Grund seiner diskussionsfreien, im Tonfall jähzornig anmutenden Verhaltensweise entsetzt, denn es betraf definitiv nicht seine laufenden archäologischen Forschungsprojekte. So räumte ich psychisch niedergeschlagen meinen Schreibtisch mit dem sofortigen Gedanken, wie ich nun meine Existenz als dreifacher Familienvater in nächster Zeit absichern kann. Da mich der Amtsleiter jedoch unbedingt für laufende wissenschaftliche Arbeiten benötigte, zog er die Kündigung einen Tag später wieder zurück, wobei ich mein Vertrauen in ihn als Chef verloren hatte.

Damit nicht genug: Als ich mich in einem Zeitungsinterview der Lübecker Nachrichten dazu äußerte, dass sich Mitarbeiter von kurzzeitigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) als Arbeitnehmer 2. Klasse fühlten, wurde mir vom Personalchef der Lübecker Stadtverwaltung mitgeteilt, dass damit meine Bewerbung als Chef-Denkmalpfleger in Lübeck aussichtslos ist (Abb. 18). Damit war klar: wir mussten unbedingt Lübeck verlassen und es begann meine verzweifelte Suche nach einer Festanstellung mit über 50 handgeschriebenen Bewerbungen. Sie führten mich u.a. nach Stuttgart, Hamburg und Münster, wobei mich nun immer mehr existentielle Sorgen überkamen, da mein Vertrag an der Universität Kiel auslief.


Abb. 18: Mein Statement zu den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und zu meinem Weggang aus Lübeck (Lübecker Nachrichten 1979-1980).


Endlich erhielt ich gleich drei Zusagen für eine Festanstellung und entschied mich für das Westfälische Landesdenkmalamt in Münster, was sich als eine glatte Fehlentscheidung herausstellen sollte. Bei meinem Arbeitsbeginn 1980 hatte ich entgegen der Zusage des Amtsleiters plötzlich als Archäologe zu arbeiten, was fachlich kaum von mir zu leisten war, da mir hierzu bestimmte fachliche Voraussetzungen fehlten. Dennoch kämpfte ich mich so leidlich durch! Neben den Ausgrabungen machte ich vor allem durch meine begleitenden Untersuchungen als Bauforscher von mir reden mit dem Ziel, dadurch in eine andere Position beim Denkmalamt berufen zu werden (Abb. 19). Dabei entstanden zahlreiche Veröffentlichungen, die ich zumeist abends daheim anfertigte.


Abb. 19: Als Archäologe und Bauforscher im Westfälischen Landesamt für Denkmalpflege (Ausschnitte aus dem Haller Kreisblatt und dem Westfalenblatt 1980.)


Zu meiner Überraschung gab es bei den rund zwei Duzend verbeamteten Referenten des Westfälischen Landesamtes für Denkmalpflege selten eine kollegiale Zusammenarbeit oder gar ein Teamwork, es herrschte in meiner Wahrnehmung vielfach eine gewisse Selbstsucht und ein Kollegenneid vor, was für ein entsprechendes Arbeitsklima sorgte. Von einigen Kollegen gingen dauerhafte Boshaftigkeiten aus, worunter auch ich als Neuling zu leiden hatte. Da ich zum Generalkonservator ein gutes Verhältnis behielt, bot er mir die Stelle als Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Landesdenkmalamt an. Das nahmen wiederum einige meiner älteren Kollegen zähneknirschend zur Kenntnis, denn sie hatten mir ihre neuesten Arbeitsergebnisse fristgerecht abzuliefern. Zudem wurde ich zum Schriftleiter der wissenschaftlichen Schriftenreihe des Landesamtes für Denkmalpflege ernannt. Doch wegen des schlechten Arbeitsklimas wollte ich mich von dieser begehrten Festanstellung wieder wegbewerben, was schließlich 1982 nach Bayern als Museumsleiter eines Freilichtmuseums auch gelang.

Bei aller Freude über meinen Erfolg überwog jedoch die Skepsis hinsichtlich des beruflichen Wegzugs nach Bayern und im Tagebuch ist nachzulesen, dass die Entscheidung für diese neue verbeamtete Arbeitsstelle nur bei 51% lag. Was ich in Bayern als zugereister norddeutscher Museumsleiter erleben sollte, mündete nach einer zehnjährigen Aufbauleistung eines der letzten großen deutschen Freilichtmuseum in einer unglaublichen Verfolgung im Amt und öffentlichen Treibjagd, was durch meinen jahrelangen Widerstand überregionales und bundesweites Aufsehen erregte (siehe Kap. 9).

Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern
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9.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern
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„Es geht um einen politisch unbequemen Museumsleiter, dessen historische und museumspädagogische Vorstellungen nicht mit denen seines CSU-Dienstherrn übereinstimmen – unglaublich aber wahr,“ so die einleitenden Worte von Klaus Bednarz, dem Leiter des ARD-Fernsehmagazins Monitor im Oktober 1998 zu meinem außergewöhnlichen und bundesweit einmaligen Fall in Bayern. Für mich wirken diese einschneidenden Erfahrungen bis heute nach. Sie haben mein Leben nachhaltig verändert und meinen Glauben an den demokratischen Rechtsstaat schwer erschüttert.

Was tue ich mir mit diesem Museum an?
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9.1.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Was tue ich mir mit diesem Museum an?.
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1982 meinte Prof. Dr. Sonnenschein vom Freilichtmuseum Hagen bei seiner Begutachtung des gerade im Aufbau befindlichen Oberpfälzer Freilandmuseums ungewöhnlich drastisch „so viel Scheiß auf einen Haufen Herr Kollege, habe ich noch nie in einem europäischen Museum gesehen, überlegen sie sich das gut, ob sie sich das antun!“ Was war geschehen? Die maßgebliche Fachstelle zur Beurteilung der nichtstaatlichen Museen in Bayern hatte die Ablösung des hierfür hauptverantwortlichen Bezirksheimatpfleger Dr. Adolf Eichenseer mit seinem Museumsleiter gefordert. Meine interne Bestandsaufnahme des Sachstands sprach für sich (Abb. 1):

  • es waren Liegenschaftsrechte zahlreicher Privatbesitzer auf dem 24 ha großen Museumsgelände vorhanden,
  • ein Bebauungsplan war vom Landratsamt Schwandorf abgelehnt worden,
  • für die erste Hofanlage existierte ein Baustopp wegen Einsturzgefahr,
  • acht der 19 angekauften Transferierungsobjekte waren durch unsachgemäßen „Abtrag“ nicht wieder aufbaubar, wobei u.a. wertvolle barocke Wandmalereien zerstört wurden; die restlichen 11 Gebäude befanden sich in einem ruinösen Zustand, was ihre Versetzung mehr als fraglich machte;
  • 11.000 Sammlungsstücke waren konzeptlos und teuer erworben, wobei viele Exponate katastrophale Einlagerungsschäden aufwiesen; ein lückenhaftes Bestandsverzeichnis widersprach oft den Zahlungsbelegen, wobei bemalte Bauerntruhen und Bauernschränke nirgends aufzufinden waren und gemunkelt wurde, dass sich die schönsten Exemplare in Privatbesitz befanden.

Abb. 1: So fand ich das weitgehend bewaldete Areal des Oberpfälzer Freilandmuseums (schwarz umrandet) 1982 vor, a= zwei fragwürdig umgesetzte Gebäude im Baustopp,
b= unsachgemäße Einlagerung abgetragener Gebäude, c= das Dorf Neusath, ca. 60 km nördlich von Regensburg.

Warum sollte ich mich mit diesem Todeskandidaten eines Museums in einem als rückständig angesehenen ostbayerischem Grenzgebiet auseinandersetzen? Ohnehin hatten sich meine Frau und ich nur halbherzig für meinen beruflichen Wechsel in die Oberpfalz entschieden, weshalb wir unseren Wohnort in der Stadtnähe von Regensburg suchten. Dafür musste ich eine tägliche Fahrstrecke von ca. 140 km ins Museum in Kauf nehmen.

Urheber einer neuen Museumsgeneration
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9.2.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Urheber einer neuen Museumsgeneration.
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Am Ende der Gründungswelle europäischer Freilichtmuseen entschied ich mich für die einmalige Chance, ein zukunftsweisendes Projekt mit Alleinstellungsmerkmal aufzubauen, das im Gegensatz zu einem „Gaudipark“ mit Trachtenshows und volkstümelnder Musik stand. Mit breiter Zustimmung des Museumsträgers und mit den von mir eingeholten maximalen Zuschüssen konnte ich von 1982 bis 1992 das gesamte Museumsgelände erweitern und sukzessive als authentische historische Kulturlandschaft aufbauen, die so zum Exponat wurde (Abb. 2-3). Das war weltweit neu, jedoch mit enormer vielseitiger Aufbauarbeit verbunden. Nach historischen Vorbildern entstanden vier regionaltypische Siedlungseinheiten mit 30 transferierten Originalgebäuden des 16. bis 20. Jahrhunderts; ich bezeichnete das radiale Waldhufendorf der Nordoberpfalz als „Stiftlanddorf“, das planmäßige Straßendorf der Ostoberpfalz als „Waldlerdorf“, das unregelmäßig angelegte lockere Haufendorf der Westoberpfalz als „Juradorf“ und die Einödlagen mit Mühlen und Fischhaus als „Mühlental“. Verschiedene historische Wegeklassen zeigten eine Landstraße sowie Hohl- und Wirtschaftswege. Die aufgebauten Gewanne bezogen die Flurrelikte des Geländes wie Ackerterrassen und Meilerplätze mit ein. Daneben wurde mit der Renaturierung einer Naturwaldzone begonnen.


Abb. 2: Bundeslandwirtschaftsminister Kiechle erläutere ich das neue Museumskonzept beim „Oberpfalz-Tag“ in der Vertretung des Freistaats Bayern beim Bund in Bonn, 1983.

Schritt für Schritt entwickelte sich ein dynamisches, historisch-ökologisches System einer Kulturlandschaft mit ihren Tier- und Pflanzengemeinschaften, das im Gleichgewicht gehalten werden musste. Hierzu fand u.a. eine kontrollierte Haustierhaltung mit alten vom Aussterben bedrohten Rassen statt. Außerdem wurde die Dreifelderwirtschaft auf den originalen Block- und Streifenfluren mit alten Kulturpflanzensorten praktiziert. Das Saatgut stammte u.a. aus dem 18. Jahrhundert, das im Rahmen meiner Bauforschung an Transferierungsobjekten nach archäobotanischen Analysen reaktiviert werden konnte. In diesem Zusammenhang beteiligte ich mich an der Einführung eines überregionalen Gen-Pools für alte Kulturpflanzen und Obstbaumsorten sowie für gefährdete Haustierrassen. Bei der Ansiedlung und den Schutz charakteristischer und gefährdeter Pflanzengesellschaften wurden wichtige Erkenntnisse gewonnen, was über den Artenschutz hinaus für die Kulturlandschafts- und Denkmalpflege galt. Damit stieg das Museum zu einem Informationszentrum u.a. für Umweltbehörden auf. Geschulte Museumsarbeiter sorgten für die historisch belegte Bewirtschaftung der Fluren und waren zugleich Museumsführer.

In einem dreitägigen Projekt wurde das Museum zu einem Lernort für Schulklassen, was in dieser Form damals in Europa einmalig war. Hier erlebten die Schüler die Lebens- und Arbeitsbedingungen der ländlichen Bevölkerung in früheren Jahrhunderten, indem sie selbst Hand anlegten. Mein Wissen gab ich zudem als Lehrbeauftragter bzw. Universitätsdozent den Studenten der Fachhochschule Regensburg und Universität Regensburg weiter und gründete das neue Studienfach „Historische Bauforschung“. Darüber hinaus konnten Studenten bei mir ein praktisches Studiensemester im Museum absolvieren. Auch war ich von Anfang an um eine bürgernahe Vermittlungsarbeit bemüht, die ich durch Besucherumfragen untermauern ließ. Schnell machte sich eine große Zustimmung bei den Besuchern breit, wodurch das Freilandmuseum in wenigen Jahren zu den meistbesuchten Museumseinrichtungen in der Oberpfalz zählte.

Nach den anfänglich kritischen Stimmen in den Medien wurde nun verbreitet „ein einmaliges Museumskonzept, das sich wohltuend von anderen Bauernmuseen genannten Ramschbuden abhebt“[1] und in der ARD hieß es „das oberpfälzische Freilichtmuseum (gilt) in Fachkreisen als ein Modellprojekt von Weltrang (...) es (ist) ein führendes Freilandmuseum in Europa (...) diesen herausragenden Ruf verdankt es seinem Leiter Dr. Manfred Neugebauer, der hier in zehnjähriger Aufbauarbeit ein neues Konzept verwirklichte.“[2] DIE WOCHE kolportierte „Dr. Neugebauer, 1982 als Museumsleiter eingestellt, schaffte es auch ohne (Bezirksheimatpfleger) Eichenseer und CSU-Mitgliedschaft, das Freilandmuseum Neusath-Perschen zu einer anerkannten Mustereinrichtung in der europäischen Riege derartiger Institutionen zu machen. Obendrein verknüpfte er die sowohl wissenschaftlich als auch vom Publikum, vor allem von den Lehrern mit ihren Klassen, anerkannten Aktivitäten des Museums mit ökologischer Landschaftspflege.“[3]


Abb. 3: Das Museumsareal als Exponat einer historischen Kulturlandschaft 1991.


Der britische Präsident des International Council of Museums (ICOM) stellte 1992 fest, dass hier „eine neue Generation europäischer Freilichtmuseen“ geschaffen wurde und in Fachkreisen sprach man von einem „Glanzlicht unter den mitteleuropäischen Freilandmuseen.“[4] Doch der bekannte oberpfälzer Maler Rudolf Schieder warnte mich einmal, dass mir bestimmte Leute eines Tages das Messer in den Rücken stoßen werden. Und zu den neidvollen Kritikern meiner Aufbauarbeit bemerkte die Direktorin der Landesstelle für nichtstaatliche Museen Frau Dr. Isolde Rieger ungewöhnlich drastisch: „Herr Dr. Neugebauer, Sie haben hier Perlen vor die Säue geworfen!“ Sie kannte nach ihren eigenen Worten die Verantwortlichen in der Oberpfalz nur zu gut.
Der "Saupreiß" muss weg!
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9.3.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Der "Saupreiß" muss weg!.
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Ein CSU-Bezirksrat warnte mich einmal, mich nicht gegen das Primat der Politik zu stellen. Ungeniert betitelte er mich bei offiziellen Ansprachen als „Saupreiß“. Sein Intimus, der Bezirksheimatpfleger, torpedierte unablässig mein neues Museumskonzept mit abwegigen Vorwürfen. Dann kam der Februar 1992: Bezirkstagspräsident Alfred Spitzner starb mit erst 70 Jahren. Es war der Beginn eines siebenjährigen Alptraums, der tiefgreifende Konsequenzen für das Museum und für mich haben sollte. Der neue CSU-Bezirkstagspräsident Hans Bradl hatte nach Insiderinformationen für seine Wahl einen Deal mit einem CSU-Bezirksrat ausgehandelt: Dr. Neugebauer muss gehen und der Bezirksheimatpfleger übernimmt das Museum. Will er nicht gehen, so hieß es nach höchster Anordnung, so ist der parteilose verdiente Museumsleiter „psychisch und physisch fertig zu machen.“

Mein Rechtsanwalt sprach vom „System Bradl“, denn die hierin involvierten Beamten hatten sich mir gegenüber im Laufe der Jahre vorsätzlich amtspflicht- und rechtswidrig verhalten, was strafrechtlich zu ahnden war und sie für alle mir entstandenen Schäden in Haftung zu nehmen waren. Und in der Presse verkündete mein Anwalt „die lügen, dass sich die Balken biegen.“[5] Wie in einem Politthriller sah ich mich ständig der Gefahr ausgesetzt, schuldlos in Untersuchungshaft zu kommen. Die Abgründe des „Systems Bradl“ wurden im ARD-Fernsehbericht 1998 aufgedeckt, dabei hieß es: „Bradl lief auch gleich zum Staatsanwalt, wonach sich ganz unbewiesene Verdächtigungen flugs zum schwerwiegenden Strafverfahren aufblähten und damit ganz zufällig auch gleich öffentlich wurden. Sechs Jahre lang verfolgte der Staatsanwalt den Dr. Neugebauer. Seitdem probierte er dabei so ziemlich alles aus, was das Strafgesetzbuch hergibt (…) Untreue und andere Unregelmäßigkeiten, Urkundenfälschung, Betrug, Bedrohung und anderes mehr (…) nur herausgekommen ist bei den eifrigen Ermittlungen garnichts. Exemplarisches Ergebnis im polizeilichen Schlussbericht ´außer den geäußerten Vermutungen der BHV ergeben sich keinerlei Hinweise´ (…doch) die verbissene Strafverfolgung wurde einfach fortgesetzt, weiter ohne jedes Ergebnis.“[2]

So musste ich über die Jahre mehr als zwei Dutzend Strafanzeigen über mich ergehen lassen, erhielt Redeverbote, Kontaktverbote, Hausverbot und Publikationsverbot. Man oberservierte und erpresste meine Frau und forderte mich auf Dienstpflicht auf, gegen sie auszusagen. Ich wurde mehrfach aufgefordert Bayern zu verlassen, sonst würde man obendrein noch ein Disziplinarverfahren gegen mich eröffnen. Es gab mehrfach Abordnungsversuche auf nicht statusgerechte Stellen und man versuchte mich mit Mitte Vierzig vergeblich in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen. Hinzu kamen regionale und überregionale Rundfunk-, Fernseh- und Presseberichte, in denen ich wehrlos falschen Tatsachenbehauptungen ausgesetzt war. Und so jubelte Bradl in der Presse voreilig „des mußt‘ erstmal schaffen, einen verbeamteten Regierungsrat rauszuschmeißen, ohne eine Abfindung zahlen zu müssen. Ich hab ihn solange rumversetzt, bis es ihm gereicht hat! (Abb. 4).“

Was mussten das für eiskalte Gestalten sein, die ohne Unterlass gegen den Retter ihres 1982 totgeweihten Freilandmuseums vorgingen, der das Museum in mühevoller Aufbauarbeit zur internationalen Anerkennung verhalf und der Oberpfalz ein kulturgeschichtliches Denkmal setzte? Das interessierte diese Herrschaften nicht und so fragte mich der Leiter der Bezirkshauptverwaltung bei einem überfallartigen Besuch kurz vor Heilig Abend 1996 grinsend „na, Herr Doktor, wie lange halten sie das noch durch?“ Derselbe hatte meine Freistellung zur Beerdigung meiner Mutter in Duisburg abgelehnt. Nebenbei war er Mitglied des geheimnisumwitterten katholischen Geheimbunds „Deutscher Orden“, dessen Fragwürdigkeit damals in „Kennzeichen D“ des ZDF durchleuchtet wurde.[6] Weitere Ordensritter des „Deutschen Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ in der Komturei Regensburg waren der Bezirksheimatpfleger und bezeichnenderweise zwei Jahre nach Beginn der Treibjagd der besagte CSU-Bezirksrat, der meine Absetzung gefordert hatte.

Zunächst setzte ich noch auf die Staatsanwaltschaft, deren Rolle als politischer Helfershelfer ich sehr schnell zu spüren bekam. Bereits 2003 forderte der Deutsche Richterbund, dass ein Weisungsrecht des Justizministeriums abzuschaffen ist, da es „der Stellung der Staatsanwaltschaft als einem zur Gerechtigkeit und Objektivität verpflichteten Rechtspflege- und Justizorgan“ widerspricht und „bereits der böse Anschein, die Politik instrumentalisiere den Justizbereich für ihre Zwecke, ist geeignet, das Vertrauen in die Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit der Staatsrechtspflege insgesamt zu untergraben (…) Staatsanwälte sind an das Gesetz gebunden, nicht an die politischen Ansichten und Ziele der jeweiligen Regierung.“[7] Über bestimmte Netzwerke von Behördenvertretern kann sich jeder selbst ein Urteil bilden: So war der ermittelnde Staatsanwalt stellvertretender Präsident der Schönwerth–Gesellschaft in Amberg mit dem besagten Bezirksheimatpfleger als Präsidenten. Als Mitglied und Präsident des Rotary-Clubs sorgte der Staatsanwalt nach medialen Berichten für entsprechende Zuwendungen an diese Gesellschaft.



Abb. 4: Jahrelange Verleumdungen in den Medien; eine minimale Auswahl der Schlagzeilen von 1993/94. Die Neumarkter Nachrichten sprachen von „Amigo-Stil“, Chicago-Manier und von einem „Tribunal“, sie dokumentierten wie Bradl mit seinen Machenschaften gegen mich prahlte (02.02.1993 u. 12.03.1993).


Doch wäre es nicht die Stunde für die SPD-Opposition im Bezirkstag mit seinem Fraktionsvorsitzenden Landrat Schuierer gewesen? Er hatte sich als Gegner der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (WAA) bundesweit einen Namen gemacht hatte und selbst erfahren ungerechtfertigt in Verfahren verstrickt zu werden. Doch statt die Machenschaften gegen mich in Frage zu stellen, verstärkte er die Vorwürfe gegen mich, indem er u.a. gegenüber der Presse behauptete, ich habe Millionen in betrügerischer Absicht veruntreut und verschlammt.[8] Der Grund: er wollte Bradl wegen mangelnder Dienstaufsicht kaltstellen. Damit nicht genug: mein Fachanwalt für Verwaltungsrecht riet mir jahrelang stillzuhalten. Als ich jedoch erfuhr, dass seine Kanzlei bereits zuvor einmal einen Auftrag vom Bezirk Oberpfalz erhalten hatte, war mein Vertrauen in anwaltliche Vertretungen tief erschüttert.
Das Glanzlicht im Würgegriff
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9.4.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Das Glanzlicht im Würgegriff.
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Es schmerzte mit anzusehen, wie die mühselige Aufbauarbeit durch den Bezirksheimatpfleger mit seinem Trallala-Kurs der Volksbelustigung ad adsurdum geführt wurde. Das brachte auch die Presse auf die Palme: es grauste ihnen, denn das Museum befand sich nun in Eichenseers „Würgegriff“ und wird den „Trachtenheinis von Volks- und Deutschtümlern geopfert (… und sie wussten) Hans Bradl hat keine Ahnung wie ein Freilandmuseum aufzubauen, auszubauen und zu führen ist,“[9] es macht sich als „Nostalgie-Kulisse für Blasmusik, Gstanzeln, griebige Mundartgedichte international lächerlich“ und „verkommt nun (…) zum Musikantenstadl mit Modenschauen falscher Trachten.“[10] Und der Kreisheimatpfleger aus der Nordoberpfalz Franz Busl stellte fest „hier wird ein Oberpfälzer Disney-Land vorprogrammiert, das in wenigen Jahren die von Fachleuten gerühmte hohe wissenschaftliche Qualität des Oberpfälzer Freilandmuseums ad absurdum führen muss.“[11] Doch Bradl konterte „Norddeutsche müssen uns nicht zeigen, wie man (historische) Wege im Oberpfälzer Freilandmuseum baut“.[12]

Nun sah sich die Fachwissenschaft herausgefordert: das „Glanzlicht unter den mitteleuropäischen Freilandmuseen“ wird zum unsinnigen Vergnügungspark und zur Schaubühne mit allerlei folkloristischem Brimborium mit „Bezirksstutenschau“, Musi-Stammtisch, Marschiertheater etc. umfunktioniert. Und der Ordinarius am Institut für Volkskunde der Universität Würzburg Prof. Wolfgang Brückner warnte davor, dass Freilichtmuseen als derartige Freizeitparks missbraucht werden, weil man so zur Selbstfinanzierung beitragen möchte.[13] Prof. Daxelmüller, Leiter des Instituts für Volkskunde an der Universität Regensburg gab zu bedenken, „das Geschichtsbild, das da vermittelt wird, tradiert etwas, was es so nicht gegeben hat“.[14]  Die baulichen Veränderungen kritisierte der Siedlungsgeograph der Universität Göttingen Prof. Dr. Denecke. Er sah das einmalige museale Denkmal mit dem massigen Neubau im Eingangsbereich und der Raiffeiseneisenlagerhalle aus Floss in der festgelegten „Stadtmark“ unwiederbringlich zerstört.[15]

Einen der makabren Auswüchse einer volkstümlichen Kulisse à la Eichenseer sah man mit der Umsetzung der Raiffeisenlagerhalle. Nach Berichten von Zeitzeugen diente die Halle der zeitweiligen Unterbringung von Häftlingen im Zusammenhang mit dem 1938 eröffnete nahegelegene Konzentrationslager Flossenbürg. Im Fernsehbericht hieß es „niemand weiß, wieviel der Opfer durch diesen Schuppen geprügelt wurden.“[2]  Doch Eichenseer ließ in der Halle einen Tanzboden u.a. für Bierfeste, volkstümliche Tanz- und Musikveranstaltungen einbauen und davor entstand ein Spielplatz. In der umgesetzten Lagerhalle richtete er seine Trachtenberatungsstelle für die fragwürdige „oberpfälzer Tracht“ ein, eine Tracht, die es so nie gegeben hat und er beriet die Trachtenvereine mit viel staatlichen Zuschüssen.[16]

Mehr noch: Eichenseer verbreitete als Vertreter der „oberpfälzer Volksarchitektur“ das „Oberpfälzischen Bänderhauses“, das aus einer Baufibel der Nazis stammt und als Musterbeispiel für die Kulturarbeit der NSDAP gilt (Abb. 5). Als ich dieses braunbefleckte Treiben 1996 in dem Beitrag „Vorsicht Heimatpflege“ aufdeckte,[17] wollte der Bayerische Rundfunk zu diesem Thema ein Interview mit mir führen. Über das umgehend erteilte Aussageverbot setzte ich mich jedoch hinweg. In dem Rundfunkinterview wurde auch mit Statements anderer Kollegen klargestellt, dass es sich bei dem „Oberpfälzer Bänderhaus“ um ein tief mit nazistischem Gedankengut durchtränktes Konstrukt handelt, das es so nie gegeben hat. Und mit dem Betonen einer einzigen Bauform findet, ganz so wie man sich den Arier vorstellt, das Ausgrenzen statt, wobei alle andere Bautypen eliminiert werden.[18] Die ARD griff das Thema auf und stellte fest: „(der) Bezirksheimatpfleger, der auf dem Felde regionaler Architektur ein besonderes Steckenpferd reitet, das oberpfälzische Haus (…) vorgestellt wird diese Haustype in der vor vier Jahren gedruckten Baufibel für die Oberpfalz (…) nur das Buch ist der wortwörtliche Neudruck einer Nazi-Baufibel von 1942 (Abb. 5), die Fibel war amtliches Material der Kulturarbeit der NSDAP, (sie) stellt dabei einen Haustypus als besonders bodenständig heraus, eine Nazi-Erfindung (…) im Freilichtmuseum ist zu bewundern, wie die als NS-Prototyp wiedererweckte Bauform offenbar auch Pate für den Kassenhausneubau (Eingangszentrum) steht.“[2]


Abb. 5: Die „Baufibel für die Oberpfalz“ von 1942 mit Ausschnitten der Innentitelei. Im Hintergrund die Publikation zu den prämierten „landschaftsgebundenen“ Bauten in der Oberpfalz von 1978 bis 1989 im Sinne der Nazi-Baufibel mit Unterstützung des Bezirksheimatpflegers (Quelle: Anm. 2).

Meine verzweifelte Gegenwehr
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9.5.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Meine verzweifelte Gegenwehr.
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In dieser Phase sah ich zwei Herausforderungen: 1. das einmalige Museumskonzept für die Oberpfalz zu erhalten und 2. die Intentionen der Verantwortlichen im „System Bradl“ zu entlarven. Auf Grund meines Publikationsverbots erschienen meine ersten Beiträge zur Situation des Freilandmuseums unter den Autorennamen „Dietrich Denecke“ 1994 im Forum Nabburg.[19] Umgehend klagte der Bezirk gegen das Forum Nabburg – jedoch erfolglos. Nun aber observierte man den Mitautor Prof. Daxelmüller im Rahmen seiner Vorlesungen an der Universität in Regensburg und drohte ihm seitens des Bezirks rechtliche Schritte an. Der Kulturpreisträger Günter Schießl schrieb „auch wenn Kritik weh tun kann, müsste der Bezirk Oberpfalz eigentlich dem Forum Nabburg e.V. dankbar sein, dass es sich in einer mühevoll erarbeiteten Broschüre kritisch mit dem Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath/Perschen auseinandergesetzt hat (… es ist) ein unwürdiger Versuch, vom eigentlichen Thema abzulenken.“[20]

1996 war der niederbayerische Lichtung Verlag bereit, meinen Beitrag „Vorsicht Heimatpflege“ zu veröffentlichen, in dem ich die braugetränkte Bauberatung des Bezirksheimatpflegers aufzeigte.[21] Er war zugleich Vorlage für die Sendung im Bayerischen Rundfunk und für das ARD-Politmagazins Monitor.[22] Nachdem ich die Denkschrift beim Bezirk Oberpfalz und anderen staatlichen Stellen verbreitete, erhielt ich nie eine Reaktion darauf.

Im November 1995 erfuhr ich erstmals aus der Presse von einer veröffentlichten Neuauflage meines Museumsführers von 1986. Dabei stellte ich schockiert fest, dass neben meinem Namen weitere Autoren auftauchten und zahlreiche gravierende Fehler, falsche Veränderungen und die Lagerhalle aus Floß auftauchten. Mein Anwalt riet mir davon ab, gegen die Urheberrechtsverletzung vorzugehen. Deshalb verfasste ich nach eingehendem Rechtsstudium selbst eine umfangreiche Klageschrift, die ein anderer Anwalt beim Landgericht in Nürnberg einbrachte.

Makaber für mich war, dass alle Verhandlungen in dem Gerichtsgebäude stattfanden, wo sich der Schwurgerichtssaal der Nürnberger Prozesse befand. Bradl verlor trotz einer weltweit operierenden Anwaltskanzlei in zwei Instanzen. Dagegen behauptete die Bezirkshauptverwaltung in der Presse, man hätte den Prozess gewonnen.[23] Empört meldete sich eine andere Tageszeitung und meinte „da wird der geschasste Museumsdirektor mit einer Fülle von Zivil-, Straf- und Disziplinarverfahren überzogen. Der Grund, er passt nicht mehr ins Trallala-Konzept fürs Museum, das man am liebsten zum Musikantenstadl machen möchte. (…) Nach dem nun endgültigen Urteil des Oberlandesgerichts wird das jetzt ein mehrere 100.000 Mark teurer Spaß für den Steuerzahler (…) Und recht happig werden die Kosten des Rechtsstreits, für den sich der Bezirk eine international arbeitende Anwaltskanzlei engagierte, obwohl man eigene Juristen im Haus hat. Die Öffentlichkeit wird für dumm verkauft, indem man auf entsprechenden Versicherungsschutz verweist und auch noch einen Teilsieg konstruiert, obwohl man mit Pauken und Trompeten in zwei Instanzen verloren hat (…) In jedem Privatbetrieb würden Manager, die solche kapitalen Böcke schießen, an die Luft gesetzt.“ [24]

Redakteure teilten mir konsterniert mit, dass Bradl persönlich ihre Chefredaktion wegen ihrer kritischen Berichterstattung aufgesucht hatte und ihnen mit dem Entzug von Aufträgen drohte. Jedoch vergeblich, wie auch seine Versuche, unbequeme Fernsehberichte durch einstweilige Verfügungen oder durch Intervention beim Intendanten des Bayerischen Fernsehens zu verhindern. Das veranlasste wiederum die Presse, in meiner Causa u.a. von „Rambo-Methoden“, „Jagdszenen“ und einer „Bezirks-Treibjagd“ im „Skandal-Bezirk Oberpfalz“ zu berichten. Bradl ließ nicht locker und so wurden meine Frau und Tochter bei ihrem Besuch im Freilandmuseum observiert, da meine Frau u.a. die ominöse Lagerhalle fotografierte. Daraufhin forderte mich der Leiter der BHV auf Dienstpflicht auf auszusagen, was meine Frau mit meiner Tochter im Museum wollten (Abb. 6). Bezirksrat Schuierer meinte hierzu „das erinnert mich an Methoden wie in Wackersdorf (…) um keinen noch schlimmeren Vergleich zu ziehen (…) es werde eine Sippenhaft in Szene gesetzt“.[25] Apropos Beschattung: später erfuhr ich, dass mein Dienstherr wusste, dass ich mich z.B. mit meiner ehemaligen Sekretärin getroffen hatte, was man ihr wiederum zur Last legte.[26]


Abb. 6: DER NEUE TAG war über die Observierung meiner Frau durch den Bezirk informiert worden (31.07.1996, Ausschnitte).


Zunächst keimte noch Hoffnung auf, als ich gegen meine nicht statusgemäße Versetzung erfolgreich gerichtlich vorging. Das Verwaltungsgericht Regensburg hatte im März 1993 entschieden, dass meine Umsetzung als Museumsleiter in die Bezirksbauverwaltung rückgängig zu machen ist und bemerkte „so wird man einen unliebsamen Beamten nicht los.“ Doch der Leiter der BHV teilte mir umgehend mit, dass eine neue Umsetzungsverfügung erlassen wird und Anzeigen gegen mich erfolgen werden. Ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb durch einige Whistleblower im Bezirk. Und so kam Ende 1993 ein dubioses Schwarzkonto des Bezirksheimatpflegers an die Presse, wo es hieß „fest steht, dass von diesem Konto Überweisungen an das Privatkonto Eichenseers getätigt wurden.“[27] Bezeichnenderweise blieben die entsprechenden Verfahren gegen ihn aus, doch ging er in den vorzeitigen Ruhestand, was seine Aktivitäten in der „Heimatpflege“ keineswegs schmälern sollten.

Bradls ganzer Stolz, das erste touristische Hinweisschild an einer oberpfälzer Autobahn, das Ende 1994 mit der Aufschrift „Oberpfälzer Freilandmuseum“ das „Oberpfälzer Bänderhaus“ darstellte. Das wussten einige seiner Gegner und über Nacht wurde das Autobahnhinweisschild auf das „Oberpfälzer Disney-Land“ pressewirksam korrigiert (Abb. 7), was natürlich eine Anzeige gegen Unbekannt zur Folge hatte. Doch pünktlich zur Saisoneröffnung 1995 fanden die Museumsbesucher Aufkleber mit „Oberpfälzer Disneyland“ an ihren Windschutzscheiben vor, woraufhin der neue Verwaltungsleiter des Museums gegenüber der Presse - unter dem Grinsen vieler Leser - meinte „wir haben den Aufkleber nicht in Auftrag gegeben.“[28]



Abb. 7: „Bradls Autobahnschild“; seine Gegner hatten das Schild täuschend echt korrigiert; der Aufkleber „Oberpfälzer Disneyland“, die Presse kommentierte „Wieder eine geklebt“.[28]


In einem anonymen Schreiben an den bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber Ende 1996 wurde Bradl die Beschäftigung illegaler tschechischer Arbeiter u.a. beim Aufbau der Raiffeisen-Lagerhalle aus Floß vorgeworfen und die Presse wusste „Anonymes Schreiben bringt Bezirk in Rage.“[29] Doch angeblich wurde bei den schnellen polizeilichen Ermittlungen nichts gefunden, woraufhin Bradl eine Gegenanzeige gegen Unbekannt stellte. Aber die Negativ-Nachrichten hörten für Bradl nicht auf:  bei seinen zahlreichen berüchtigten cholerischen Wutausbrüchen war ihm bislang keiner entgegengetreten, doch das sollte sich ändern. Ein haarklein protokollierter Vorfall gelangte an die Presse, wo es hieß „keine Käsehäppchen: Bradl wirft Bedienstete in die Ecke.“[30] eine Bezirksbedienstete konnte  seiner spontanen Aufforderung Käsehäppchen zu servieren nicht umgehend nachkommen, woraufhin der Mann ausrastete, körperliche Gewalt anwendete und sie als „Trampel“ und „Maulaff“ bezeichnete.

Bereits zuvor wurde es durch einen Informanten für den Bezirkstagspräsidenten prekär und SPD-Fraktionschef Schuierer meinte „wenn Presseberichte stimmen, hätten wir einen Amigo-Fall in der Oberpfalz.“[31] Bradl wollte eine fünfstellige Aufwandsentschädigung als Aufsichtsrat beim Energieversorger OBAG umleiten, um so einen Steuerfreibetrag in Anspruch zu nehmen. Nach einer Anzeige beim Bayerischen Innenministerium wurde klar, dass Bradl die besagten Tantiemen abzuführen hatte. Doch der Leiter der BHV Schörnig bestritt gegenüber der Presse wahrheitswidrig, dass die Aufwandentschädigung abführungspflichtig sei.[32] 

 





Eine einzigartige Vereinbarung
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9.6.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Eine einzigartige Vereinbarung.
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Mein Anwalt hatte in all den Jahren keine Problemlösung für mich parat und meinte nur „sie werden niemals ins Freilandmuseum zurückkehren“ und auch von Gegenanzeigen und Klagen riet er mir beharrlich ab. Die Lösung lag somit allein in meiner Hand. Mitte 1997 suchte ich das Gespräch mit dem Pressesprecher des Bezirks. Innerhalb eines halben Jahres hatten wir über zwei Dutzend Vier-Augen-Termine, wobei ich alle Aussagen protokollierte. Mein Faustpfand waren strafrechtlich relevante falsche Verdächtigungen, üble Nachreden und Verleumdungen sowie meine Verfolgung als Unschuldiger durch Verantwortliche des Bezirks. Hinzu kam eine schwerwiegende Rufschädigung, die zur Zerstörung meiner beruflichen Laufbahn und irreparablen Gesundheitsschäden geführt hatten. Bei den ersten Gesprächen erfuhr ich, was für Bradl wichtig war: ich musste Bayern für immer verlassen und durfte keinen Verantwortlichen im Bezirk strafrechtlich verfolgen; ich sollte mich verpflichten, nie mehr über das Museum zu schreiben und keinerlei Kritik an den Verantwortlichen zu üben. Das war für mich erpresserisch, aber zugleich entlarvend und so entschied ich mich weiter zu verhandeln.

Es wurde ein zweiter Verhandlungsführer für Bradl mit einem pensionierten Abteilungsdirektor der Regierung der Oberpfalz vereinbart. Der Spitzenbeamte hatte vollständige Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft und er teilte mir mit, dass Bradl die Strafanträge gegen mich gestellt hatte und nicht, wie behauptet, die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig wurde. Bei den Verhandlungen wurde klar, dass auch meine Frau durch die Repressalien dramatische Hörstürze mit Hörverlusten erlitten hatte, die zwei teure Hörgeräte bedingten, deren vollständige Kostenübernahme durch den Bezirk vereinbart wurde.

Für eine vorzeitige Ruhestandsversetzung hatte die Amtsärztin einen zweiten externen Gutachter aus Niederbayern hinzugerufen. Sofort schaltete Bradl den Bezirkstagspräsidenten von Niederbayern als Dienstvorgesetzten des Medizinaldirektors ein. Zuvor hatte mir die Amtsärztin offenbart, dass sie durch die Kenntnis meines Falls zu einem vollkommen anderen Weltbild gelangt sei. Sie befürchtete, dass sie der Bezirk in eine Gasse drängt, vor sich hertreibt und ihr letztlich das Gleiche passiert wie mir. Da ich keinem mehr vertrauen konnte, bestand die Gefahr, bei einer Untersuchung in der Bezirksklinik Mainkofen (u.a. für Forensische Psychiatrie) bei entsprechenden Äußerungen festgehalten zu werden. Vor dem Gutachtertermin bekam ich bei meinem Hausarzt morgens einen Nervenzusammenbruch und wurde mit Medikamenten behandelt.

Zwei Tage vor dem Heiligen Abend 1997 fand die Untersuchung bei dem Gutachter in Mainkofen statt. Als ich sein Zimmer betrat bemerkte ich, dass er nervös war und seine Hände leicht zitterten. Er stellte zu Anfang fest, dass es ihm um mich sehr leidtut, so aus dem Beruf herausgenommen zu werden. Und er empfahl mir, meine Geschichte unbedingt einem Verlag anzubieten. Konnte ich ihm vertrauen? Beruhigt war ich erst, als er meine Frau zu dem Gespräch hinzu bat, die vor der Klinik wartete. Wir hatten vereinbart, wenn ich zu einer bestimmten Zeit nicht wieder zurückkomme, dass sie den Anwalt einschalten sollte. Der Medizinaldirektor fragte, ob sie mit meiner Ruhestandsversetzung einverstanden sei. Und meine Frau schilderte ihm ihre Situation und bestätigte unseren Wunsch, den Bezirk Oberpfalz aus gesundheitlichen Gründen zu verlassen.

Die Vereinbarung wurde Anfang Februar 1998 unterschrieben. Doch Bradl verlangte plötzlich eine eidesstattliche Versicherung von meiner Frau zu den Hausbesuchen des SPD-Bezirksrat Hartl und es hieß: anderenfalls wird die Urkunde zur Ruhestandsversetzung nicht ausgehändigt. Hartl hatte sich Notizen und Kopien von prekären Schriftstücke des Bezirks gemacht und gab meiner Frau vor, Bradl damit zu stürzen und mich zu rehabilitieren. Das war eiskalte Erpressung, zumal mir der Verhandlungsführer, wie schon bei der Vereinbarung, die Texte für die Erklärung meiner Frau vorgab. Erst jetzt erhielt ich die Urkunde vom Pressesprecher, wie von Bradl verlangt, würdelos in einer bayerischen Gaststätte. Dass Szenario nahm jedoch kein Ende, denn alle staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren gegen mich liefen weiter. Wegen der anstehenden bayerischen Landtagswahlen im September, so hieß es vom Pressesprecher und auch das Hausverbot im Museum blieb bestehen.

Bundesweites Aufsehen
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9.7.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Bundesweites Aufsehen.
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Was am 15. Oktober 1998 zur Hauptsendezeit in der ARD-Monitor-Sendung bundesweit Schlagzeilen machte, kündigte sich bereits am Morgen an. In einem Interview des Bayerischen Rundfunks mit dem Autor Helge Cramer kam man zunächst auf das von Bradl ausgesprochene Drehverbot im Freilandmuseum zu sprechen „das ist schlicht und einfach lächerlich (…) wir durften noch nicht einmal mit dem Landrat Schuierer ein Interview im Gelände machen (…) eine Lächerlichkeit, die wir so noch nicht kennengelernt haben;“ und zu den angedrohten rechtlichen Schritten des Bezirks gegen Monitor stellte Cramer fest „der Bezirk versucht es gegen jeden, der über das Freilandmuseum irgendetwas sagt oder tut, was dem Bezirkstagspräsidenten Bradl nicht so richtig gefällt; (...er hat) auch rechtliche Schritte gegen ein Kamerateam androht, von dem ich Material angekauft hatte, nachdem wir dort nicht drehen konnten (…) diese Liste könnte man endlos fortführen.“ Der Moderator fragte nach „und was machte für das ARD-Magazin Monitor diese Auseinandersetzung (…) denn so interessant?“ Cramer: „eine Vereinbarung die getroffen worden ist zwischen dem Bezirk und Dr. Neugebauer, (…) ein Passus, dass der Beamte das Land verlässt (…) das ist sensationell, das hat es nach meiner Kenntnis im Arbeitsrecht der Bundesrepublik so noch nicht gegeben!“

Dazu führte Cramer im abendlichen TV-Bericht aus „der Bezirk streitet natürlich ab, eine derartige Erklärung verlangt zu haben (…) dies ist das Original-Schriftstück (im Bild zu sehen), auf dem der Verhandlungsführer des Bezirks (…) das Entlassungsgesuch eigenhändig vorformulierte. Uns liegt eine eidesstattliche Versicherung vor, dass der Text nach Aussage des Verhandlungsführers vom Präsidenten Bradl ausdrücklich in diesem Wortlaut verlangt worden ist!“ Und weiter hieß es „die verbissene Strafverfolgung wurde einfach fortgesetzt, weiter ohne jedes Ergebnis aber mit der Folge, dass Dr. Neugebauer darüber krank und schließlich dauerhaft dienstunfähig wurde und daher am Ende um den Ruhestand bat (Abb. 8). Dem wurde stattgegeben unter der Voraussetzung ‚Im Hinblick darauf, dass der Beamte seinen dauerhaften Wohnsitz außerhalb Bayerns verlegt, verzichten beide Parteien auf die Möglichkeit einer eventuellen Reaktivierung‘ (Vereinbarung im Bild).“

Als im Monitor-Bericht u.a. vom braunbefleckten „Oberpfälzer Bänderhaus“, dem volkstümelnden Firlefanz und dem Umgang mit der Lagerhalle aus Floß berichtet wurde, ließ Bradl eine Unterlassungsklage los. Vergebens, so teilte der Sprecher des Landgerichts München II mit „die Darstellung sei gerechtfertigt, es gebe eine handschriftliche Behördennotiz, mit der dem ehemaligen Museumsdirektor ein Wegzug aus Bayern tatsächlich nahegelegt worden sei“ und auch die Darstellung, dass in einer im Freilandmuseum ausgestellten Hütte während der Nazidiktatur möglicherweise Insassen eines Konzentrationslagers misshandelt worden seien, sei eine solche journalistische Darstellung nicht zu beanstanden.“[33] Obendrein blieb seine Forderung nach Gegendarstellung erfolglos. Bradl hatte wieder mit „Pauken und Trompeten“ verloren und der Leiter von Monitor Klaus Bednarz setzte noch eins drauf „…wir bleiben an der Sache dran!“[34]


Abb. 8: Screenshot von mir aus dem Monitor-Bericht vom 15. Oktober 1998 (s. Anm. 2).


Unwidersprochen stellte Helge Cramer in seinem Bericht fest „es störte also, dass Dr. Neugebauer den hiesigen CSU-Freunden das Museum als attraktive Volkstanzkulisse verweigern wollte (…) es hatte auch gestört, dass er die lukrativen Aufträge zum Aufbau der Häuser im Museum nicht an die Baufirma des hiesigen CSU-Abgeordneten vergab und es störte beim Machtantritt des Herrn Bradl erst recht, dass dieser unbotmäßige Beamte nicht einfach wegversetzt werden konnte. Also bloß Zufall, dass die dann angesetzten Bauprüfungen plötzlich angebliche Unregelmäßigkeiten beim längst abgeschlossenen Wiederaufbau der Häuser zu entdecken glaubten.“ Bradl und seine Gehilfen waren außer sich und der Verhandlungsführer beschwerte sich massiv bei mir. „Ich habe Dich gewarnt,“ entgegnete ich gelassen „meine Frau hat die besten Beziehungen zu einigen deutschen Medien, sie wird in meiner Sache von nun an keine Ruhe mehr geben – ich kann sie nicht aufhalten!“

So ging ein Schreiben meiner Frau mit entsprechenden Belegen an das Bayerische Innenministerium mit Kopie an die Medien, in dem sie u.a. darlegte, dass sie vom Bezirk erpresst worden ist und sie genötigt wurde, ihre Gesprächskontakte zu einem SPD-Bezirksrat zu beenden, da andernfalls die Ruhestandsversetzung nicht erfolgen würde.[35] Die Antwort kam von der Generalstaatsanwaltschaft, die Bemerkenswertes feststellte: „… die Dauer des Ermittlungsverfahrens war dadurch bedingt, dass durch den Präsidenten bzw. der Verwaltung des Bezirkes der Oberpfalz die Vorwürfe (…) gegen Ihren Ehemann wiederholt erweitert wurden.“ Die vollständige Einstellung aller staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren erfolgte einen Tag vor dem Heiligen Abend 1998. Und auch der ermittelnde Staatsanwalt bekam Vorwürfe von meiner Frau zu hören, dass er durch seine negativen Erklärungen in der Presse und seiner fragwürdigen Ermittlungsarbeit mit die Verantwortung für meine gesundheitlich bedingte Ruhestandsversetzung trägt und dass er nachweislich falsche Angaben zum Abschlussbericht gemacht hatte. Daraufhin rief der Staatsanwalt meine Frau zweimal an, wobei sie den Eindruck von Einschüchterungsversuchen hatte. Bei einem protokollierten Telefonat gab er zu „dass er die Verantwortung für Schäden, die der Familie auf Grund der Dauer des Verfahrens zugefügt wurden, übernimmt.“[36]  

 

 

Notrufe meiner Seele
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9.8.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Notrufe meiner Seele.
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In der ersten Phase des Psychoterrors glaubten mir weder mein Anwalt, noch die Vertreter der Medien, frei nach dem Motto „irgendetwas wird schon dran sein.“ Wer weiß schon wie das ist, jahrelang unschuldig als Straftäter öffentlich vorgeführt zu werden? Um nicht den Kopf zu verlieren, musste ich meine seelischen Notrufe ignorieren und das rächte sich, denn die Seele kennt keine Zivilcourage. Was ein derartiger Absturz im Hinblick auf den mühseligen beruflichen Aufstieg als parteiloser Staatsdiener im höheren Dienst psychisch bedeutet, bekam ich selbst zu spüren: die Karriere ist blitzartig beendet, man wird öffentlich an den Pranger gestellt, unschuldig vorverurteilt, erhält später eine mindere Pension und alle adäquaten beruflichen Alternativen sind durch die enorme Rufschädigung unmöglich gemacht. In der Fragestunde „Nachgehakt“ zum besagten Monitor-Beitrag brachte es eine Anruferin aus Bayern auf den Punkt: „ich habe mich so aufgeregt, weil dieser Hans Bradl Bezirkstagspräsident ist und sein Amt missbraucht, man müsste gegen ihn wegen Amtsmissbrauch Anklage erheben, wenn das ein Bezirkstagspräsident sein will mit Würde und in Ehren, dann graust es mir (…) das ist ein Missbrauch ersten Ranges (…) der arme Dr. Neugebauer, der ist um sein Lebenswerk betrogen (…) das lässt sich ja gar nicht mehr gutmachen (...) und dieser Mensch (Bradl) hat es verschuldet, es ist Wahnsinn!“[37] Von Spitzenbeamten in Bayern, die durch politische Willkür in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurden, hörte ich nur Ungutes: sie ertrugen das ihnen zuteil gewordene Unrecht nicht, erkrankten teilweise schwer und man sprach sogar von Selbstmord.

Auf die seelische Unterstützung unserer Familien konnten meine Frau und ich nicht zählen: mein Vater war lange tot und meine Mutter starb mit 82 Jahren mitten in den dramatischen Auseinandersetzungen – ich hatte ihr von alledem nichts erzählt. Meine Schwester Ingeborg beging in dieser Phase Selbstmord und meiner anderen Schwester Gerlinde waren meine Angelegenheiten schon immer völlig egal. Die Schwiegereltern hatten sich nie für mich oder meine berufliche Laufbahn interessiert und waren auch nicht eingeweiht. Den einzigen seelischen Beistand fand ich in meiner Frau, mit der ich alles Leid teilte, wodurch sich bei uns beiden das Gefühl einstellte „wir gegen den Rest der Welt.“ Unsere drei pubertierenden Kinder hielten wir aus großer Fürsorge aus allen Geschehnissen heraus. Sie haben sich bis heute nie für diese dramatische Lebensphase von uns interessiert.

Dass ich durch derart tiefe Täler gehen und meine Wunden vernarben konnten, habe ich vor allem meiner Frau zu verdanken, die mich selbstlos in allen Phasen begleitete, wofür ich ihr unendlich dankbar bin. Doch durch die jahrelange psychische Extremsituation erlitt sie zwei Nervenzusammenbrüche und zwei Hörstürze mit Krankenhausaufenthalt. Es war furchtbar für mich mit anzusehen, wie sie die jahrelangen Repressalien emotional quälten. Bis heute leidet sie an der einseitigen sehr geringen Resthörfähigkeit sowie an Tinnitus. Und bei mir kamen Gefühle von Unsicherheit und Verwundbarkeit auf und es plagten mich Existenzängste. Bei all meiner Wut bemerkte ich nicht, dass ich mich bereits in einem Langzeit-Psychotrauma befand (Abb. 9). Meine jahrelange ständige Alarm-, Verteidigungs- und Kampfbereitschaft war unmerklich in chronischen Stress übergegangen. Bereits der erste psychische Übergriff Bradls am 7. August 1992 mit seinen wüsten Beschimpfungen, erlogenen völlig abwegigen Vorwürfen samt meinem grotesken Rauswurf hatte u.a. einen bleibenden psychisch bedingten Armtremor zur Folge.

Meine plötzlich grau werdenden Haare waren ein weiteres, wenn auch hinnehmbares äußeres Anzeichen. Aus Protest gegen die politische Willkür ließ ich mir, wie damals in meinem Studium in West-Berlin, als „68er“ wieder die Haare lang wachsen (Abb. 8-9). Psychosomatisch bedingt litt ich unter extremen chronischen Schmerzen in der Wirbelsäule, die ich durch beharrliche Physiotherapie längerfristig in den Griff bekam. Brutale regelmäßige nächtliche Migräneanfälle folgten, die ich nur dank der aufopfernden Behandlung meiner Frau irgendwie überstand. Mehr oder weniger zeitgleich erlitt ich zwei Nervenzusammenbrüche.


Abb. 9: Interview vor meinem Miethaus in Bad Abbach 1996 mit dem BR-Redakteur Bernhard Ebner. Die Bilder dokumentieren meine seelische Befindlichkeit, ich hatte Aussageverbot trotz massiver Vorwürfe in der Öffentlichkeit (Screenshots aus dem BR Fernsehbericht „Auf der Jagd nach dem alten Glump“, 1996).



Unterlassene Remonstration und die verlorene Beamtenmoral
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9.9.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Unterlassene Remonstration und die verlorene Beamtenmoral.
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Das „System Bradl“ erlebte ich als Unrechtssystem, das durch gefügige Staatsdiener ermöglicht wurde, die sich mangels Unrechtsbewusstsein bzw. aus erhofften Begünstigungen oder aus Angst vor Repressalien ihrem Herrn andienten. Sie waren bereit, die Treue zu einem totalitär agierenden CSU-Politiker über die verpflichtende Gesetzestreue zu stellen, statt dienstpflichtgemäß zu remonstrieren. Ihr Angriff zielte auf meinen Charakter, meine Psyche, Fähigkeiten, berufliche Position, Existenz und auf meine Familie. Sie begingen durch gezielte Des-Informationen sieben Jahre lang schweren Rufmord. Mein berufliches Fortkommen war durch das Ende der Regelbeförderung unmöglich, was sich bis heute in meinen Pensionsbezügen auswirkt. Eine derartige ungestrafte öffentliche Kriminalisierung eines nicht willfährigen Beamten wird in der Politikwissenschaft als eindeutiges Anzeichen für einen totalitären Staat angesehen.

Wenn derartiges Unrecht geschieht, stehen die Staatsdiener in der Pflicht einzuschreiten. Das Beamtenrecht fordert eindeutig dazu auf, dem Primat der Politik entgegenzutreten, da Beamte eine besondere staatsrechtliche Stellung einnehmen.[38]  Mit ihrem uneingeschränkten Vertrauensverhältnis und ihrer Loyalität dem Staat gegenüber bilden sie auftragsgemäß ein Schutzschild für alle Bürger und gleichwohl für untadelige Staatsdiener, insbesondere bei politischen Willkürakten. Alle in meinem Fall involvierten Beamten waren von Amts wegen als Kontrolleure der Macht aufgerufen, konsequent gegen die unlauteren Handlungen des Präsidenten und seiner Handlanger vorzugehen, zumindest aber dagegen zu remonstrieren. Das geschah zu keinem Zeitpunkt. Von verfilzten Verflechtungen der Politik und des Beamtentums sprachen bereits Richter in einschlägigen Prozessen und entlarvten das Sittenbild einer verrotteten kriminellen Politik, das sich durch Untreue, Vorteilsnahme und Amtsmissbrauch disqualifiziert.

Nach dem Monitor-Bericht im Oktober 1998 wetterten nun auch die Medien (Abb. 10) und man stellte nach der Einstellung jahrelanger haltloser Disziplinar- und Strafverfahren gegen mich die Frage „was ist eigentlich los in diesem Rechtsstaat?“ Vom Skandal-Bezirk Oberpfalz“ war die Rede, „selbst vor Sippenhaft schreckte der Bezirk Oberpfalz nicht zurück“ hieß es und es fielen Schlagworte wie gnadenloses Lügen und Betrügen sowie „Ägidiengate“.[39] Man war wütend wegen der wieder einmal verlorenen Klage des Präsidenten, diesmal gegen Monitor mit einem Streitwert von 170.000 DM, für die der Steuerzahler aufkommen musste![40]

Als Bradl unberechtigt Spesengelder in fünfstelliger Höhe erhalten hatte und die Presse belog, den Betrag aus eigener Tasche zurückgezahlt zu haben, war das Fass übergelaufen.[41] Mitte Januar1999 „wusste“ die Presse „dass sich (…) am Rande des CSU-Parteitags Ministerpräsident Edmund Stoiber den Bezirkstagspräsidenten zur Brust nehmen wird,“ aus Kabinettskreisen hieß es, Ministerpräsident Stoiber hatte ein Machtwort in Sachen Bradl gesprochen.[42] Tatsächlich gab Bradl am 27. Januar 1999 seinen Rücktritt bekannt (Abb. 10). Er begründete ihn mit seiner angeschlagenen Gesundheit und mit der Rücksicht auf seine Familie, außerdem hätten ihm Medienberichte und anonyme Briefe und Drohungen zu schaffen gemacht.[43] In der Presse hieß es „schikanöser Umgang mit Bezirksbeschäftigten oder rätselhafte Prozesse gegen Gott und die Welt (…) als wäre die gesamte Amtszeit eines der höchsten Wahlbeamten in Bayern ein einziger Sumpf von Skandalen und Verfehlungen (…) keine Umfrage hätte seine Beliebtheit bestätig (…) zu lange hat Hans Bradl das Amt des Präsidenten beschädigt.“[44] Und in den Neumarkter Nachrichten meinte man, dass jetzt im Skandalbezirk Oberpfalz die Aufräumarbeiten beginnen. Denn zur Tagesordnung, hieß es, konnte man nach Bradls Sturz nicht übergehen: „jüngstes Beispiel: der Frau des von Bradl geschassten früheren Museumsleiters Dr. Manfred Neugebauer sei der Umgang mit SPD-Bezirksrat Norbert Hartl (…) verboten worden. Sonst, so angeblich die Drohung eines Bradl Mitarbeiters, gebe es Schwierigkeiten mit den Ruhestandsbezügen ihres Mannes.“[45]


Abb. 10:  Auswahl von Schlagzeilen in der regionalen und überregionalen Presse Anfang 1999.



"Rückhaltlose Aufklärung": ein populistischer Wortmissbrauch
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9.10.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – "Rückhaltlose Aufklärung": ein populistischer Wortmissbrauch.
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Im Februar 1999 waren sich alle im Bezirkstag einig: der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bezirkstag Schuierer meinte „die unschönen Vorfälle der Vergangenheit müssen rückhaltlos aufgeklärt werden“[46] und der designierte Bezirkstagspräsident Rupert Schmid erklärte „wenn man einen Augiastall ausmisten will, muss man die Altlasten kennen.“[47] Schuierer meinte, dass die erpresserische Vereinbarung nur geschlossen worden ist, um mich zum Schweigen zu bringen und betonte „der Mann wusste zu viel, deshalb musste man ihn abschieben!“[48]

Strafprozesse, Suspendierungen und Schadensersatzklagen gegen die Verantwortlichen samt meiner vollständigen Rehabilitierung mit öffentlicher Entschuldigung und beruflicher und finanzieller Wiedergutmachung wären die schlüssige Konsequenz gewesen. Dennoch gab es nie eine offizielle Untersuchung oder einen Ankläger, sodass die gesamte Täterschaft frei von straf-, disziplinar- und zivilrechtlicher Verfolgung blieb. Natürlich habe ich selbst daran gedacht, gegen die Verantwortlichen vorzugehen, doch das wäre angesichts langwieriger Prozesse und meines Gesundheitszustands mein Todesurteil gewesen. Und so funktionierte das „System Bradl“ in bewährter Manier weiter: Die Staatsanwaltschaft stellte gleich drei Verfahren gegen den geschassten Bezirkstagspräsidenten ein, wobei eine Beweisaufnahme erst gar nicht stattfand.[49] Plötzlich sah sich Bradl als Opfer und beklagte seine langsame öffentliche Hinrichtung, die ihn angeblich tief traf. So mussten politisch lediglich die missliebigen Zustände beseitigt werden, weshalb der neue Bezirkstagspräsident in der Presse verlauten ließ, der „Jammerhaufen lohnt keine Abrechnung (Abb. 11).“


Abb. 11: Schlagzeilen der regionalen oberpfälzer Presse 1999.

Man lobte „eine neue Harmonie“ und der neue Bezirkstagspräsident rief die SPD dazu auf „jetzt gemeinsam zu spielen (denn) das Wasser, das vorbeigeflossen ist, treibt keine Mühlen mehr.“[50] Das war die Stunde von SPD-Bezirksrat Norbert Hartl, er wurde ohne Gegenstimme zum Vizepräsidenten gewählt (Abb. 11) und die SPD war begeistert über „den neuen Stil“ der CSU.[51] Nach seinem größten persönlichen Erfolg auf politischer Ebene befragt, stellte Hartl stolz fest „Ordnung im Bezirkstag zu schaffen“.[52] Da war das Maß für meine Frau voll und sie machte sich in einem Leserbrief Luft (Abb. 12). Sein Aufstieg endete erst 2017, denn er musste sich als mehrfacher Aufsichts- und Verwaltungsrat wiederholt als „Abkassierer mit Raffzahn-Mentalität“ beschimpfen lassen.[53] Zudem war Hartl in einen Spendenprozess verwickelt und als er 2019 aus der SPD austrat, beklagte er sich darüber, dass die Unschuldsvermutung für ihn nicht galt und dass in den drei schwierigsten Jahren seines Lebens „seine Partei, die für Gerechtigkeit, Solidarität und sozialem Gewissen steht, ihn im Stich gelassen hat!“[54]


Abb. 12: Leserbrief meiner Frau in der Mittelbayerischen Zeitung am 30.08.1999.

Bradl erhielt seinen monatlichen Ehrensold als Ex-Bezirkstagspräsident, blieb CSU-Vorsitzender des Kreistages Neumarkt und wurde mehrfach für seine Verdienste als Politiker ausgezeichnet. Wenige Wochen nach seinem Desaster als Bezirkstagspräsident gewann er mit großer Mehrheit die Wiederwahl als Bürgermeister. Der hochdotierte Leiter der BHV, Volljurist Jürgen Schörnig, brauchte sich lediglich für „falsche Rechtsanwendung und mangelndes Problembewusstsein“ zu entschuldigen,[55]. Er wurde 1999 zurück in die Regierung der Oberpfalz beordert und behielt seine vollen Bezüge im Range eines Ministerialrats.[56] Gleich gut erging es seinem Ordensbruder Bezirksheimatpfleger Dr. Adolf Eichenseer, der nach seiner vorzeitigen Pensionierung zahlreiche Auszeichnungen erhielt, darunter 1996 die „Bezirksmedaille“ als höchste Auszeichnung des Bezirk Oberpfalz, die er von Bradl überreicht bekam.[57] Die „Bezirksjagd“ auf mich musste ich mit meiner Gesundheit bezahlen. Hinzu kamen privat zu zahlende Anwaltskosten in fünfstelliger DM-Höhe und der finanzielle Verlust durch die Beendigung meiner beruflichen Karriere.

Die fachliche Erwähnung meiner „Ablösung“ fand erst in einer „Fortschreibung des Konzeptes des Freilandmuseums Oberpfalz“ 2021 statt. Hierin stellten die Autoren fest: „rund drei Jahrzehnte nach der Erstellung des derzeit noch gültigen Museumskonzeptes durch den damaligen Museumsleiter Dr. Manfred Neugebauer (… wurde) das Freigelände in Neusath gemäß dem Kulturlandschaftskonzept, das der damalige Museumsleiter Manfred Neugebauer maßgeblich entwickelt hat, gestaltet. Das großzügig angelegte Museumsgelände mit den in rekonstruierte landschaftliche Kontexte eingebetteten Gebäuden ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Freilandmuseums Oberpfalz und trägt maßgeblich zur Attraktivität des Museums bei (…das als) Kulturlandschaftskonzept nach wie vor zeitgemäß und tragfähig (ist).“[58]

Bei den Vorgängen meiner Abschiebung ist man allerdings fest davon überzeugt, dass eine „neue Schwerpunktsetzung“ durch den neuen Leiter Eichenseer, die „Hinwendung zu den BesucherInnen und der Vermittlungsarbeit richtig und wichtig gewesen ist, ebenso wie die verstärkte Ausstellungstätigkeit.“[59] Doch „Vorsicht Heimatpflege!“ Zum Zeitpunkt meiner Abschiebung hat das Oberpfälzer Freilandmuseum keinerlei Kursänderungen durch Eichenseer vertragen. Er hat das sensible Museumsgelände unter vielfachen medialen und fachlichen Protesten als Kulisse für seinen volkstümelnden Aktionismus missbraucht. Es diente nunmehr der Selbstdarstellung von Vereinen und volkstümlichen Gruppen. Ob unzählige Vogelscheuchen zusammenhanglos das Gelände bevölkerten, eine dubiose Trachtenberatungsstelle für die fragwürdige „oberpfälzer Tracht“ in der ominösen Lagerhalle aus Floß eingerichtet wurde oder er die Heimatpfleger und Kreisbaumeister mit dem braunbefleckten „Oberpfälzer Bänderhaus“ weiter schulte. Mehr noch: der massige Eingangstrakt im Stile der Nazi-Baufibel zerstörte das Gesamtbild des historischen Landschaftsmodells und damit das einzigartige Exponat einer Museumslandschaft, wozu auch der Aufbau eines „Naabtaldorfes“ gehört, das fernab jeglicher siedlungsgeografischen Struktur und Einbindung in das Gesamtkonzept entstand.

Gleichwohl vergisst man z.B. meine einzigartigen Schülerprojekte, die zahlreichen integren Ausstellungen und Veranstaltungen, Projekte mit Berufsschülern und Studenten, die vorliegenden Einrichtungskonzepte für die Exponatgebäude, die Herausgabe einer eigenen, sieben Bände umfassenden Schriftenreihe etc. Alles das wurde mit einem hohen persönlichen Aufwand und mit einer viel zu geringen Personaldecke durchgeführt. Auch wird geflissentlich ausgespart, dass das Oberpfälzer Freilandmuseum erstmals zum meistbesuchten Museum in der Oberpfalz aufstieg. Und die damalige „Kontroverse“ mit dem Bezirksheimatpfleger war bereits seit seiner Abwahl als Verantwortlicher des Freilandmuseums 1982 und mit der Einrichtung des Referats 10 „Oberpfälzer Freilandmuseum“ mit mir als Referatsleiter vollständig ausgetragen. Kurzum: fachliche Beweggründe für meine Abschiebung waren völlig abwegig.


                       Abb. 13: Selbstredender Leserbrief des Kreisheimatpflegers und CSU-Stadtrats Franz Busl, den er 1994 mitten in der Hetzjagd auf mich verfasste.[60] Neben vielfachen Auszeichnungen erhielt der Heimatpfleger das Bundesverdienstkreuz am Bande und die Verdienstadel der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (http://www.kreuzstein.eu/html/body_buslfranz.html).


Jedes integre Museum erhebt den Anspruch Kulturgeschichte und historische Wahrheiten im Rahmen seines Bildungsauftrags zu vermitteln. Das gilt auch vorbehaltlos für die eigene Geschichte des Museums. In der Causa „Freilandmuseum Oberpfalz“ wäre nicht nur der Museumsleiter als Retter, Urheber und Erbauer eines einzigartigen Freilandmuseums mit Alleinstellungsmerkmal, sondern auch sein schändlicher Sturz als ein zu Unrecht beschuldigter Leiter des Museums offenzulegen. Auch diese belegbaren Tatsachen werden nach wie vor totgeschwiegen (Abb. 13). Darüber hinaus verlangt die historistische Gerechtigkeit mehr: Anerkennung der Schuld und Wiedergutmachung, wobei es die Lauterkeit gebietet, den abgeschobenen Museumsleiter auch nach Jahrzehnten offiziell voll zu rehabilitieren, die unglaublichen Vorfälle zu bedauern und sich öffentlich zu entschuldigen – alles das ist bis heute nicht geschehen.


Und wer glaubte, dass nach Jahrzehnten die Causa „Dr. Neugebauer und das Oberpfälzer Freilandmuseum“ in verstaubten Archiven abgelegt war, sah sich getäuscht. Ein Bekannter aus dem Landeskriminalamt machte mich 2016 auf einen Zufallsfund im Verfahrensregister der Staatsanwaltschaft Amberg aufmerksam. Obgleich alle staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen mich 1998 eingestellt waren und die Löschung der Daten aus dem Verfahrensregister spätestens nach zwei Jahre zu erfolgen hatten,[61] war ich dort noch immer geführt. Mehr noch: mein Antrag auf Löschung der Daten wurde schlicht ignoriert. Erst nach Einschaltung des obersten bayerischen Datenschützers in Bayern gelang es mir, die rechtlich verbindliche Löschung meines Namens durchzusetzen. Das bedeutete für mich, dass das „System Bradl“ auch nach meiner Ruhestandsversetzung weiter funktionierte, so wie meine „Abschiebung aus Bayern“ in einer dubiosen Vereinbarung von 1998 verschwiegen wird.

Epilog. Versöhnung ist ein Zauberwort
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9.11.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Epilog. Versöhnung ist ein Zauberwort.
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Konstruktive Lösungsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, emotionale Intelligenz und Respekt vor den Leistungen der Bediensteten sollten eigentlich die Führungsqualitäten von jedem politischen Wahlbeamten und Behördenleiter sein. Auf einer solchen Basis wäre mein vernichtendes Ausscheiden als Museumsleiter undenkbar gewesen. Obendrein musste der Bürger für die Willkürmaßnahmen und das Machtgehabe der Bezirksleitung mit enormen Steuergeldern geradestehen. Als Helge Cramer in seinem Rundfunkinterview als Autor der Monitor-Sendung „Abschiebung auf bayerisch“ berichtete, dass er beim Bezirk Oberpfalz am 21. September 1998 nachfragte „wieviel ist eigentlich an Steuergeldern im Fall Dr. Neugebauer für juristische Auseinandersetzungen ausgegeben worden hieß es, es dauert zwei bis drei Tage, da es sehr viel sei hieß es, doch die Antwort steht bis heute noch nach drei Wochen aus. Und wenn man nicht davon ausgehen will, dass die nicht so blöd sind, dass die nicht in der Lage sind, es innerhalb von drei Wochen zusammenzustellen, dann müssen wir davon ausgehen, dass war dann sicherlich sehr sehr viel!“[62]  Eine Antwort hat er nie bekommen und es kam noch viel mehr hinzu: meine frühzeitigen Pensionierungskosten, meine Beihilfekosten für Folgekrankheiten und die Abfindung für Nutzungsrechte in sechsstelliger Höhe. Da ist man schnell bei einem Millionenbetrag an Steuergeldern angekommen.

Würde ich im anhaltenden Zorn auf diese krankmachende Zeit zurückblicken, dann hätte ich sicher nicht überlebt. In meinem Fall hat mich mein Widerstand gegen Unrecht und mein wieder Aufstehen stark gemacht. Dazu möchte ich viele aufrufen, die als Staatsbürger oder als Staatsbedienstete in ähnliche Situationen gelangen. Andererseits gibt es noch etwas sehr Bedeutsames, was mit dem Zauberwort „Versöhnung“ zu tun hat. So machte ich damals einen Schritt auf den Bezirkstagspräsidenten Hans Bradl zu und gab unter dem Titel „die neue Freiheit des Freilandmuseums-Direktors“ eine versöhnliche Stellungnahme in der Presse ab.[63] Als daraufhin der Redakteur Helmut Wanner selbst die Initiative ergriff und Hans Bradl um ein versöhnliches Zusammentreffen mit mir bat, lehnte dieser es kategorisch ab.

Bradl und sein Gefolge haben in vielerlei Hinsicht sehr viel zerstört, das man definitiv nicht wiedergutmachen kann. Dennoch habe ich mich einseitig mit diesem Mann und seinen Gehilfen versöhnt, was nichts mit der rückhaltlosen Aufklärung und der historischen Wahrheit zu tun hat. Versöhnung ist ein Zauberwort und niemals vergeblich, auch wenn sie durch mich allein erfolgte. Sie wirkt bis heute ausgesprochen positiv und ich habe dabei meine Würde behalten und nur deshalb bleibt Neues im Leben für mich immer möglich. Heute noch befinden sich zahlreiche Originale von Rudolf Schieder, meinem verstorbenen „Kunstfreund und Kupferstecher“, einem oberpfälzer Maler und Grafiker mit Ruhrpott-Mentalität, in unseren Zimmern. Sie erinnern mich an die Verarbeitung meines Traumas „Oberpfälzer Freilandmuseum“, aber auch an die vielen Begegnungen mit den herzensguten Oberpfälzern.

Anmerkungen
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9.12.  Meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern – Anmerkungen.
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Wenn nicht anders vermerkt, stammen sämtliche Abbildungen vom Autor und sind urheberrechtlich geschützt. Zwischen 1983 und 1996 erschienen von mir über dreißig Publikationen zum Oberpfälzer Freilandmuseum. Sie sind, wie die von mir herausgegebenen sieben Bände der Schriftenreihe „Oberpfälzer Freilandmuseum“, im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nachgewiesen.

Der vorliegende Text gründet auf meiner systematischen autobiografischen Dokumentation mit dem Titel „Abschiebung auf bayerisch“, die auf einer umfangreichen detaillierten Sammlung mit vielfältigen Belegen basiert.

  1. Neumarkter Nachrichten, 02.02.1993.
  2. ARD-Magazin Monitor, Bericht am 15.10.1998 „Abschiebung auf bayerisch“.
  3. DIE WOCHE, 04.02.1993.
  4. Dr. Stefan Baumeier, Vorstandsmitglied im Verband europäischer Freilichtmuseen, in: Kontroversen um die Konzeption und kulturelle Aufgabe von Freilichtmuseen; das Beispiel: Oberpfälzer Freilandmuseum, Heimat Nabburg, Jg. 15, 1994, S. 4.
  1. DIE WOCHE, 10.4.1997
  2. www.youtube.com/watch?v=-IjonzqWHgY
  3. Jens Gnisa: Das Ende der Gerechtigkeit. 2017, S.180.
  4. BILD-ZEITUNG, 21.07.1993.
  5. Neumarkter Nachrichten, 02.02.1993.
  6. DIE WOCHE, 04.02.1993 und 09.05.1996.
  7. Mittelbayerische Zeitung, 14.08.1993.
  8. Mittelbayerische Zeitung, 06.03.1995.
  9. DIE WOCHE, 05.08.1993.
  10. DIE WOCHE, 04.02.1993.
  11. Der Neue Tag, 07./08.08.1993; DIE WOCHE, 09.05.1996.
  12. Süddeutsche Zeitung, 08.08.2016; Bayerischer Rundfunk, TV-Bericht „Die Oberpfälzer Tracht“, 09.04. 2016.
  1. Manfred Neugebauer: Vorsicht Heimatpflege? In: Lichtung, 9. Jg., Oktober 1996/4, Viechtach 1996, S. 4-10.           
  1. Bayerischer Rundfunk, „Bilder aus der Heimat“ am 22.12.1996.
  2. Kontroversen um die Konzeption und kulturelle Aufgabe von Freilichtmuseen; das Beispiel: Oberpfälzer Freilandmuseum, Hrsg. im Auftr. des Forum Nabburg e.V. von Dietrich Denecke und Christoph Daxelmüller. Heimat Nabburg, Jg. 15, 1994.
  1. DIE WOCHE, 22.12.1994.
  2. Manfred Neugebauer. Vorsicht Heimatpflege? In: Lichtung, 9.Jg., Oktober 1996/4, Viechtach 1996, S. 4-10.
  1. Bayerischer Rundfunk, Bilder aus der Heimat, 22.12.1996 sowie Anm. 2.
  2. Donau Post, 19.02.1997.
  3. DIE WOCHE, 27.02.1997.
  4. DIE WOCHE, 18.07.1996.
  5. DIE WOCHE, 01.08.1996.
  6. DIE WOCHE, 4./5.12.1993.
  7. Der Neue Tag, 22.09.1994 und 28.03.1995.
  8. Mittelbayerische Zeitung, 26.11.1996.
  9. Mittelbayerische Zeitung, 23.01.1999.
  10. Mittelbayerische Zeitung, 27.01.1995.
  11. Mittelbayerische Zeitung, 15.03.1995; Die Woche, 16.03.1995.
  12. Mittelbayerische Zeitung, 19.01.1999.
  13. Der Neue Tag, 23.12.1998.
  14. Mittelbayerische Zeitung, 28.01.1999; Der Neue Tag T, 29.01.1999.
  15. Stenografische Protokolle der Telefonate von Karin Neugebauer vom 11.11.1998 und 01.12.1998.
  1. ARD-Magazin Monitor, Bericht am 15.10.1998 „Abschiebung auf bayerisch“; im Anschluss daran die ARD-Sendung „Nachgehakt.“
  2. „Beamtinnen und Beamte dienen dem ganzen Volke nicht einer Partei“ deutsches Bundesbeamtengesetz (§60) und Beamtenstatusgesetz (§33).
  3. Bezugnahme auf den Behördensitz am Ägidienplatz in Regensburg.
  4. Mittelbayerische Zeitung, 22.12.1998.
  5. Neumarkter Nachrichten, 29.01.1999; Der Neue Tag, 30.01.1999.
  6. Mittelbayerische Zeitung, 29.01.1998.
  7. Mittelbayerische Zeitung und Der Neue Tag, 28.01.1999.
  8. Rundschau (Regensburg), 28.01.1999.
  9. Neumarkter Nachrichten, 29.01.1999.
  10. Mittelbayerische Zeitung, 19.02.1999.
  11. Mittelbayerische Zeitung, 11.02.1999.
  12. Mittelbayerische Zeitung, 17/18.10.1998.
  13. Mittelbayerische Zeitung, 04.05.1999.
  14. Mittelbayerische Zeitung, 19.02.1999.
  15. Mittelbayerische Zeitung, 04.05.1999.
  16. Mittelbayerische Zeitung, 20.08.1999.
  17. Regensburger Stadtzeitung (RSZ), 01.08.2019.
  18. tv aktuell, 09.10.2019.
  19. Mittelbayerische Zeitung, 11.02.1999.
  20. Mittelbayerische Zeitung, 04.03.1999.
  21. Mittelbayerische Zeitung, 11.11.1996.
  22. FMO 2030, Fortschreibung des Konzeptes des Freilandmuseums Oberpfalz, Stand: 09.09.2021, S.9.
  1. wie vor, S.8.
  2. Der Neue Tag, 10.08.1994.
  3. § 494 (2) Strafgesetzbuch (StGB).
  4. Bayerischer Rundfunk, BR 2, Rundfunkinterview zur Monitor-Sendung am
  5. Oktober 1998.
  6. Mittelbayerische Zeitung, 29./30.05.1999, „Habe die Ehre“ von Helmut Wanner.
Perspektivwechsel Auswandern
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10.  Perspektivwechsel Auswandern
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Was ich zwischen 1992 und 1999 als Museumsdirektor in einer abgründigen Treibjagd gegen mich in der Oberpfalz erlebte, hat mein Vertrauen in den Rechtsstaat bis heute grundlegend erschüttert. Wie mir Anwälte bestätigten, war das Zustandekommen und verschiedene Inhalte der Vereinbarung zu meiner vorzeitigen Ruhestandsversetzung mit dem verantwortlichen politischen Leiter der Behörde juristisch mehr als fragwürdig. Dieser bundesweit aufsehenerregende Fall hat letztlich meine berufliche Karriere vollkommen zerstört und meine Gesundheit nachhaltig geschädigt. Dadurch stellte sich ein höchst negatives Lebensgefühl bei mir ein und ich fühlte mich in Bayern wie ein Fremder im eigenen Land.

Es ging für mich nun darum, die nötige Distanz zu den Vorkommnissen der Vergangenheit aufzubauen. Bei unseren Reisen nach Mallorca hatte ich bereits gespürt, wie gut uns ein kultureller Wechsel tat. Und Karin schrieb mir zu meinem 50. Geburtstag „ich freue mich sehr auf den neuen Lebensabschnitt mit Dir, den wir uns frei und wundervoll gestalten werden (…) lasse die alten Erinnerungen los (…) an deinen Lebensaufgaben bist Du stets gewachsen, teilweise über Dich selbst hinaus und ich wünsche Dir, dass die Herausforderungen des Lebens an Dich weniger werden.“ Ein Jahr später 1999 schrieb ich ihr zu ihrem 50, Geburtstag: „schau uns an, und Du siehst ein Paar, das immer wieder bereit ist neue Wege zu gehen, Deine Neugier, Deine Begeisterung, Deine Spontanität, Deine Liebe zu dieser Welt und ihren Menschen treiben Dich voran.“

Und so bereiteten wir uns auf einen Neuanfang außerhalb von Bayern vor. Wir hätten allerdings nie gedacht, wie dramatisch sich dieser neue Lebensabschnitt zwischen 1999 bis 2010 für uns darstellen sollte. Nach der vergeblichen Haussuche im Schwarzwald und im Elsass führte uns der Weg nach Mallorca. Dort bekam ich den persönlichen Kontakt zu dem schillernden „(Auto)König von Mallorca“ und Millionär Hasso Schützendorf – es war Sympathie auf den ersten Blick und würde eine eigene Geschichte rechtfertigen. Nur so viel: als Hasso von meiner Verfolgung in der Oberpfalz erfuhr, wollte er mir sofort die besten Anwälte bezahlen, um die Verantwortlichen in allen Instanzen zu verklagen, doch ich lehnte dankend ab. Andererseits halfen wir ihm in verschiedenen Fällen, wobei ich ihm u.a. eine Bestandsaufnahme von Bauschäden in seiner millionenschweren Villa in Valdemossa anfertigte.

Schon Ende der 1990er Jahre waren die Immobilienpreise auf Mallorca völlig überteuert und es schien deshalb aussichtslos dorthin auszuwandern. Doch dann bekamen wir 1999 von einer deutschen Residentin, die wir zuvor einmal auf Mallorca getroffen hatten, unverhofft die Nachricht, dass sie eine Finca in der südspanischen Mittelmeerregion Murcia gekauft hatte und auf der sie – nach einer Grundstückteilung - ein Holzhaus errichtet hatte, das nun zum Verkauf stand. Nach der Kaufeinigung mussten grundlegende Entscheidungen der mittlerweile erwachsenen Kinder getroffen werden: während sich der Sohn und die jüngste Tochter entschieden in Deutschland zu studieren, kam die älteste Tochter mit zu uns nach Spanien, um dort zu arbeiten und nebenbei ein Fernstudium zu beginnen. Ich besorgte beiden Kindern an ihrem Studienort in Deutschland eine Wohnung und finanzierte ihr Studium mit.

Leben in der Halbwüste
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10.1.  Perspektivwechsel Auswandern – Leben in der Halbwüste.
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Südspanien als neuer Wohnort war für uns vor allem wegen des milden Klimas und dem vielen Sonnenschein entscheidend. Um es vorweg zu nehmen: so viel gefroren, wie in den zur Winterzeit kaum vernünftig beheizbaren spanischen Neubauten hatte ich noch nie. Und „sonnengeblendet“ übersahen wir zunächst auch die dramatischen Probleme dieser menschengemachten Wüstenlandschaft. Unser Kaufobjekt befand sich in einem breiten Tal in der Nähe einer Rambla (= Trockenfluss), die nach etwa 15 Kilometer in das Mittelmeer mündete (Abb. 1). Unser 80-jähriger spanischer Nachbar Pepe erzählte uns, dass es hier bis Anfang der 1970er Jahre noch eine grüne Tallandschaft mit kleinteiligen Anbauflächen und einem ausgeklügelten Bewässerungssystem gegeben hatte. Seine Nachbarn zogen nach und nach in die Stadt und gaben ihre Fincas auf, die zu Ruinen verkamen (Abb. 2).


Abb. 1: EU-subventionierte Kulturlandschaft auf völlig erschöpften und erodierten Böden in der südspanischen Küstenregion Murcia (Pfeil= Lage unseres Hausgrundstücks), 2008.


Abb. 2: Verlassene große Finca mit ehemaliger Landwirtschaft unweit von unserem Wohnort in der südspanischen Region Murcia; hochgradig degradierte Böden mit Bildung einer Büschelgras-Trockensteppe, 2011.


Durch den Bau der vielen Urbanisationen für ausländische Residenten mit ihren zahllosen Poolbauten und Golfplätzen sowie den Industrieplantagen, die sich zu dem weltweit größten Treibhausgebiet aufblähten, sorgten für einen gigantischen Wasserverbrauch und damit für immer weniger Wasser für die Bauern (Abb. 3-4). Hinzu trat die dramatische Bodendegradation, was eine rasante Wüstenbildung zur Folge hatte. Die von der EU hochsubventionierten Industrieplantagen für Zitrusfrüchte und gigantische Treibhausanlagen für Tomaten und Gemüse sorgten für tonnenschwere Schadstoffeintragungen in die Oberböden, illegale Brunnen und Grundwasserprobleme. Wilde Müllentsorgungen in der Rambla sowie die verbotene Verbrennung von Plastikplanen und Abfällen aus der Landwirtschaftsindustrie kamen hinzu. Dieser von der EU mitfinanzierte Landschaftsumbau hat u.a. dazu geführt, dass Spanien in relativ kurzer Zeit zum europäischen Spitzenreiter der Bodenversalzung und Bodenvernichtung aufstieg.

Nicht genug damit: zur Baulandschaffung wurden auch in Naturschutzgebieten Waldbrände gelegt, die Spanien zu Europas Spitzenreiter der Waldzerstörung aufstiegen ließ. Allein im Bauboomjahr 2005 wurden über 25.000 Brände verzeichnet, wobei das „Instituto para la Conservación de la Naturaleza“ davon ausging, dass nur 4 % aller Brände auf eine natürliche Ursache zurückzuführen waren. Wir selbst konnten von unserem Haus einen derartigen gefährlichen Waldbrand in einem naheliegenden aufgeforsteten Gebiet mitverfolgen, in dem danach ein privat finanzierter Autobahnbau erfolgte. Unter dem Halbpseudonym Gerth. M. Neugebauer habe ich u.a. diese Sachverhalte später eingehend publiziert.*)


Abb. 3:  Hochsubventionierter Siedlungsbrei aus Treibhausplantagen und Urbanisationen mit Golfplatz für Residenten im Halbwüstengebiet der Region Murcia, 2008.


Abb. 4: Bodennutzung um jeden Preis fernab jedweder (Boden)Ethik; intakter Friedhof inmitten des „Treibhausmeers“ in der Region Murcia (Südspanien) in der Nähe unseres Wohnortes, 2011.


Auch wir erlebten die Problematik in einem semiariden Gebiet zu leben und mussten unsere Anpflanzungen regelmäßig mit wassersparender Tröpfchenbewässerung versorgen, kämpften permanent gegen die verschiedensten Parasiten der Obstbäume und das viele Unkraut im Zuge der notwendigen ständigen Bodendüngung. Und wenn der glühend-heiße Wüstenwind aus der Sahara die Sonne mit einer roten Sandstaubwolke verfinsterte, konnten die Temperaturen schnell über 40 Grad ansteigen, wobei man das Gefühl hatte, dass die Kleidung auf der Haut nahezu verbrannte und man ins Haus flüchten musste.

Unser Hausgrundstück lag außerhalb eines armseligen verwahrlosten Dörfchens, in dem es lediglich einen kleinen Kramerladen gab, wo man sich seine Post holen musste. Wir standen vor pionierhaften Herausforderungen, wobei das neuerrichtete Holzhaus bautechnisch das größte Problem darstellte. Abgesehen davon, dass Holzfassaden in einem Wüstengebiet grotesk sind, erfüllte das Gebäude in keiner Weise den allgemeinen Regeln der Baukunst. Baugenehmigungen und Bauabnahmen für das Gebäude lagen zwar vor, doch wie diese zustande gekommen sind, gehört zum fragwürdigen spanischen Behördenalltag. Bereits bei dem ersten stärkeren Regen mussten wir in den Zimmern Schüsseln aufstellen, da es ungeachtet des Ziegeldachs buchstäblich durchregnete. Die provisorische Dachisolierung nahmen meine Frau und ich selbst vor. Mangels Außenwanddämmung entwickelte ich ein System mit verputzten Dämmplatten, das wir beide allein innerhalb von vier Monaten verwirklichten (Abb. 5-7). Das war dringend notwendig, um die Raumtemperaturen im Sommer und im Winter einigermaßen erträglich zu machen.


Abb. 5: Unser Holzhaus inmitten eines Feldes von Mandelbäumen auf unfruchtbarem Boden in der Halbwüste von Murcia, 2000.


Um den Wert der Immobilie zu steigern, wurden sämtliche Fußböden, Decken und das Bad komplett erneuert sowie die Garage zum Wohnzimmer mit überdachtem Terrassenvorbau umgebaut. Es entstand ein neues Gartenhaus und ein Turm mit Aussichtsterrasse (Abb. 6), wofür ich eine Metall-Wendeltreppe konstruierte und einbetonierte. Aus Bruchsteinen, die ich aus der Rambla holte, schuf ich einen Sitzplatz mit Pergola, eine große Hundehütte und zahlreiche Bruchsteinmauern im Grundstücksbereich. Auch wurden von uns beiden Betonsäulen für eine neue Terrasse und einen überdachten Carport ohne Mischmaschine per Hand betoniert.


Abb. 6: Gemeinsame Sanierungsmaßnahmen an den Fassaden des Holzhauses, 2002.


Das hölzerne Haupthaus stand mitten in einem alten Mandelbaumfeld, wobei die kläglichen Bäume mit einer weitläufig verlegten komplexen Tröpfchen-Bewässerung am Leben gehalten wurden. Das Grundstück umfasste rund 2.200m² und wurde von Grund auf gärtnerisch neu gestaltet. Nach einem von mir geplanten Feng-Shui-Konzept pflanzten wir ca. 500 verschiedene Pflanzenarten und nahmen bis auf einen Mandelbaum alle anderen weitgehend trockenen Bäume aus dem Garten heraus (Abb. 7). Die unfruchtbare mit Steinen übersäte Erde war knochenhart, sodass Pflanzlöcher mühselig nur mit einer Hacke und eingewässert ausgehoben werden konnten. Es entstanden Gartenwege mit Garten- und Rosentoren, ein Blindbrunnen, ein Ton-Kunstwerk und Bruchsteinabmauerungen etc. Ein Gartenbereich wurde mit blühenden Kakteen, Palmen und Sukkulenten bepflanzt. Darüber hinaus ernteten wir Oliven, Feigen, Pampelmusen, Navel-Orangen, Zitronen, Mandeln und Maulbeeren. Ein besonderer Rasen für Halbwüstengebiete zierte das Zentrum. Am Ende entstand eine kleine Oase mit ansehnlicher Villa, die regelmäßig von den vorbeifahrenden ortsansässigen Spaniern bewundert wurde.


Abb. 7: (Oben) Das Haus nach der Sanierung, 2002; (mittig) Ausschnitte aus dem im Aufbau begriffenen Gartenbereich (vgl. Abb. 5), (unten) selbst entworfene Tonkunst und ein neues Gartenhaus sowie ein Aussichtsturm, 2003.


Die vielfältigen Konsequenzen der mächtigen Agrarindustrie für die Kulturlandschaft wurden uns hinsichtlich der chemisch gedüngten Kulturpflanzen und ihrer Behandlung mit giftigen Spritzmitteln durch illegale Landarbeiter aus Nordafrika vorgeführt. Sie hausten wie Sklaven gelegentlich ohne Lohn in verfallenen Ruinen der alten Fincas, unter Plastikplanen oder in Felshöhlen auch in der Nähe unseres Hauses. Wegen Geldnot begingen einige von ihnen Diebstähle. Aber da gab es noch ein ganz anderes Problem: das Küstengebiet der Region Murcia galt seit der Antike bis 1966 als bedeutendes Bergbaurevier u.a. für den Zink-, Blei- und Silberabbau, dessen Spuren mit ihren hochgiftigen Hinterlassenschaften seinerzeit deutlich sichtbar blieben und deren Auswirkungen auf die Anwohner nicht publik gemacht wurden (Abb.8).

Abb. 8: Wenige Kilometer von unserem Haus entfernt lag nahe einer südspanischen Kleinstadt ein hochkontaminiertes aufgelassenes Bergwerk, (oben) im Hintergrund die Treibhausindustrie auf übernutzten degradierten Böden; (unten) wie vor, Luftbild des bis 1966 betriebenen Bergwerks mit hochgiftigen Hinterlassenschaften, 2012.


Die deutsche Verkäuferin unserer Immobilie hatte unser Anwesen aus ihrem umliegenden riesigen Grundstück ausparzelliert, das sie günstig von einen Einheimischen erworben hatte. Als wir eingezogen waren teilte sie das übrige Areal weiter, um es nach und nach gewinnbringend an englische Residenten zu veräußern.  So kam es, dass um uns herum plötzlich zwei kriminell anmutende Engländer als Residenten dauerhaft dort lebten. Sie bauten illegal, feierten wilde Poolparties und veranstalteten Schießübungen auf ihrem Grundstück. Nicht genug damit: sie pöbelten uns ständig an, terrorisierten uns nachts mit Halogenlicht und wurden sogar handgreiflich. Wir wollten nur noch weg von diesem Ort! So kauften wir eine ca. 3 km von unserem Haus entfernt liegende verfallene Finca mit über 20.000m² und nahmen dafür einen Kredit auf. Auf dem Grundstück befanden sich die Ruinen alter bäuerlicher Gebäude, was wiederum ein Neubeginn im baulichen Bereich bedeutete. Meine Planung sah dort unter Einbeziehung der Ruinen ein neues massives Wohnhaus mit einem neuartigen ökologischen Gartenkonzept vor, das förderungswürdig war. Hierzu musste jedoch erst unser Haus verkauft werden, was allerdings erst zwei Jahre später gelang. In dieser Zeit befanden wir uns bereits am Anfang der weltweiten Immobilienkrise, sodass wir uns entschlossen, auch das neu erworbene Grundstück wieder abzustoßen und die Entwicklung zunächst in einem Mietobjekt zu beobachten.


Anmerkung
https://mediashop.at/autorin/535-gerth-m-neugebauer/.


Integration in Spanien
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10.2.  Perspektivwechsel Auswandern – Integration in Spanien.
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Wir lernten intensiv die spanische Sprache, die ich als Autodidakt studierte. Das Problem: in dieser spanischen Region wurde „Murciano“ als Dialekt und falsches Spanisch gesprochen, was das praktische Lernen im Umgang mit den Einwohnern nicht erleichterte. Dennoch konnte ich in einem Jahr alle umgangssprachlich wichtigen Bereiche bei Ärzten, Behörden, Banken und Versicherungen, Werkstätten und Handwerkern etc. auch telefonisch abdecken. Das stand oft genug im Gegensatz zu den ausländischen Residenten, die manchmal Jahrzehnte in Spanien lebten und sich nicht in der Landessprache verständigen konnten. Warum auch: der Spanier hatte in jedem kleinen Ort eine private englische Sprachschule, das heißt jeder Engländer verlangte, dass man ihn in seiner Sprache ansprach, was auf mich den Eindruck von Respektlosigkeit und Desintegration machte. So erlebte ich es immer wieder, wie Engländer arrogant spanische Geschäfte betraten und brüsk verlangten, das Englisch gesprochen wurde. Respektloses Auftreten galt natürlich auch für die vielen dort residierenden Deutschen und Franzosen, die im Umkehrschluss in ihrem Land verlangten, dass Ausländer selbstverständlich ihre Landessprache beherrschten. Ganz abgesehen davon, dass nicht wenige Residenten ihre Kinderstube vergaßen und sich ein Benehmen leisteten, das in ihrem Heimatland undenkbar gewesen wäre. So schämte ich mich oft genug ein Deutscher zu sein und sprach auch deshalb in der Öffentlichkeit mit Karin nur spanisch.

Wir mieden derartige Leute und fanden schnell intensiven Kontakt zu den Einheimischen. Dabei vergaßen wir nicht die deutschen Bekannten, die wir zu uns einluden und bewirteten und Rundfahrten mit ihnen unternahmen – Rückeinladungen erfolgten dabei nicht. Mein Kontakt zu einem spanischen Heimatforscher gipfelte dann in meiner Mitgliedschaft in einer Jury bei einem Wettbewerb von regionalen Künstlern (Abb. 9). Oder ich beriet ehrenamtlich einen Kulturbeamten in der Stadt bei seinen Sanierungsarbeiten eines historischen Gebäudes. Sehr herzlich war die Verbindung zu unserem älteren Freund Pepe aus der Nachbarschaft, über den ich einen Bericht in der deutschen Ausgabe der ECOS veröffentlichte (Abb. 9). Pepe kochte noch bei offenem Küchenfeuer und wusste sehr viel Interessantes aus der Geschichte der Region zu erzählen. Das galt z.B. auch für Bartolo mit seiner Familie, den Inhaber einer Autowerkstatt, den Besitzer einer Churrería (Café vor allem für Fettgebäck: Churros), den Baumeister Bonifatius und auch für unsere Zahnärztin Sunilda aus der Dominikanischen Republik oder Washington aus Ecuador, den wir auch zu Weihnachten einluden.  (Abb. 10). Das ging so weit, dass wir u.a. Pepe und Washington ins Krankenhaus brachten bzw. sie daheim aufsuchten, um sie zu betreuen

.
Abb. 9: 2003 publizierte ich im spanisch-lateinamerikanischen Magazin „ECOS“ wie unser 80-jähriger Nachbar und Freund Pepe die traditionelle Paella am offenen Feuer zubereitet; (rechts) Bericht von meiner Mitgliedschaft in einer Jury in der spanischen Tageszeitung „La Verdad“ (27.11.2000).


Abb. 10: (Oben) Weihnachten 2002, unser ecuadorianischer Freund Washington; unsere Zahnärztin Sunilda mit ihrer Mutter aus der Dominikanischen Republik mit unseren Töchtern bei uns im Garten, 2003.


Natürlich wollten wir ganz Spanien kennenlernen, weshalb wir viele Rundreisen unternahmen und dadurch die gesamte spanische Mittelmeerküste und viele Großstädte kennenlernten. Dabei merkte ich vor allem im Treffen mit Wissenschaftlern deutlich, wie wichtig die sprachliche Verständigung auch mit höheren Ansprüchen war. Als wir uns entschlossen, die ersten gemeinsamen Überseereisen zu unternehmen, konnten wir in Mexiko bei den dortigen Ausflügen spanisch sprechen und hatten dadurch viele Vorteile. Bereits ein Jahr später erkundeten wir, ob ein zweites Auswandern nach Kalifornien oder Miami in Frage kam und flogen dorthin. Da wir diesmal nicht die „Urlaubsbrille“ trugen, nahmen wir die dortigen Lebensverhältnisse in beiden US-Staaten realistischer und teilweise schlimmer als in Spanien wahr und kehrten ernüchtert nach Spanien zurück. Weitere Städtereisen nach Wien, Rom und Lissabon folgten, wobei uns Österreich am meisten in Erinnerung blieb, was noch Bedeutung erlangen sollte.

 

Verzweifeltes Bemühen um den Familienzusammenhalt
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10.3.  Perspektivwechsel Auswandern – Verzweifeltes Bemühen um den Familienzusammenhalt.
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Der Familienzusammenhalt war uns immer ein wichtiges Anliegen. Da der Sohn und die jüngste Tochter unbedingt in Deutschland bleiben wollten, stellte die Auswanderung nach Spanien diesbezüglich eine neue Herausforderung für uns dar. Wir riefen beide Kinder jedes Wochenende an, schrieben ihnen Briefe, buchten alle Flüge zu uns und ich unterstützte sie als Pensionär finanziell so gut wie ich es konnte. Der Sohn zog mit einer Freundin zusammen und ich übernahm die Mietbürgschaft, während die Tochter von uns ein Appartement gemietet bekam. Kurz darauf siedelte sie mit ihrem Freund nach Wien, um dort ein von uns finanziertes Fernstudium zu beginnen. Doch sie brach das Studium wieder ab und zog ohne Umzugsgut in unser Haus nach Spanien. Hier besorgte ich ihr eine Arbeitsstelle und sie nahm sich später mit ihrer Schwester ein Appartement.


Abb. 11: (Oben) Weihnachtsfeier mit den Töchtern in Spanien bei uns und später immer mit ihren Freunden (2005 und 2009); (unten) unsere Töchter mit ihren damaligen Partnern bei uns (Ostern 2007 und 2009).


Die Bekannten unserer Töchter luden wir stets zu uns ein und bewirteten sie (Abb. 11). Als die jüngste Tochter einen festen spanischen Freund kennenlernte, bestimmte sie, wie wir mit ihm umzugehen haben, sonst hätte sie alle Familienfeiern mit uns verweigert. Also musste er an allen Feiertagen mit dabei sein und auch zu seinem Geburtstag beschenkt werden. Als sie mit ihm zusammenzog, gab es für uns keine Gegeneinladung und auch er hatte nie eine Aufmerksamkeit für uns dabei, wenn er zu den Festtagen eingeladen war. Als geschiedener Dauerarbeitsloser lebte er jahrelang auf Kosten unserer Tochter. Seine Eltern habe ich nie kennengelernt, obgleich wir ihnen Kuchen, selbst geerntete Pampelmusen und Mandeln mitgaben. Es hieß nur, „sie probieren gerne mehr“ oder sie beschwerten sich, dass sie von uns ungeschälte Mandeln erhielten. Doch Gegengaben gab es nie! Deshalb freuten wir uns sehr, als wir von unserer ältesten Tochter einmal zu einer Silvesterfeier bei ihrem Freund eingeladen wurden.

Die älteste Tochter arbeitete in einem spanischen Immobilienbüro, lebte in einem gemieteten Appartement und fuhr ihr eigenes Auto und absolvierte nebenberuflich ein von uns finanziertes Fernstudium und studierte zusätzlich Spanisch. Um beiden Töchtern eine neue Existenzgrundlage zu verschaffen, arbeitete ich ab 2006 intensiv an zwei Stiftungskonzepten mit mehreren hundert Seiten. Die Töchter gaben ihre Arbeitsstellen auf und wurden von mir ein ganzes Jahr finanziert, um sich mit dem Gründungsthema der Stiftung zu beschäftigen (Abb. 12). Der spanische Freund der jüngsten Tochter erhielt von mir meine fachliche Expertise aus meiner Stiftungsarbeit über das Pferdeverhalten, die er an der Universität Madrid vortrug. Dadurch erreichte er die Zulassung mit Bestnote für eine Dissertation, doch eine Doktorarbeit schrieb er nie. Nach drei Jahren detaillierter Arbeit an dem Stiftungsprojekt zog ich mich davon zurück, womit auch das Vorhaben gestorben war. Um einen kleinen Teil meines Aufwands für die Stiftung zu retten schrieb ich mit viel Engagement gemeinsam mit unserer ältesten Tochter an dem später erfolgreichen „Lexikon der Pferdesprache“, was in mehrere Sprachen übersetzt wurde.*)


Abb. 12: Zwei Konzepte von mir zum Aufbau einer Stiftung in Spanien für meine beiden Töchter (Ausschnitt aus dem jeweiligen Deckblatt).


Unsere Bemühungen um den Familienzusammenhalt wurden durch das Auftreten von unserem Sohn und seiner Freundin tief überschattet, die wir beide mehrmals nach Spanien einluden. Wir mieteten ihnen ein Appartement und ein Auto, ein Surfbrett und machten Rundfahrten mit ihnen, gingen mit ihnen shoppen und beschenkten sie. Als sie sich am 11. September 2001von uns am Flughafen Alicante verabschiedeten, sollte das am Tag des Anschlags auf das World Trade Centers ein schlechtes Omen sein. Beide begannen die Beziehung zu uns systematisch zu zerstören. Es ging dabei immer nur um fragwürdige zusätzliche Geldforderungen, die durch hochaggressive Telefonate meines Sohnes zum Ausdruck kamen – er hatte sich seine eigene Welt gezimmert und uns mit abstrusen Vorwürfen konfrontiert. Schlimmer noch: die Freundin manipulierte in krimineller Weise Schreiben des BAFÖG-Amtes mit falschen Zahlungsaufforderungen an uns. Abgesehen von den permanenten Beschimpfungen bei unseren Telefonaten, siezte er uns nunmehr und forderte uns auf, ihn zur Adoption durch das Land Niedersachsen freizugeben. Dennoch versuchten wir durch versöhnliche Schreiben und Telefonate weiterhin die Verbindung zu unserem Sohn zu halten - vergeblich.

Durch seine Verhaltensweise erlitten wir unser nächstes Trauma mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen. Um Schaden von der Familie abzuwenden haben wir ihn vollständig enterbt. Unsere älteste Tochter schrieb uns bereits 2003 zum Auftreten ihres Bruders: „nach dem was alles passiert ist, bin ich mir 100%ig sicher, dass ich keinen Kontakt mehr haben werde, es ist einfach zu viel vorgefallen und es tut mir im Herzen weh zuzusehen wie er mit seinen Eltern umgeht und so blind ist, um zu erkennen welches wundervolles Zuhause er hat und es sich poco a poco (langsam) zerstört. Er hat euch nicht verdient.“ Nach den späteren Aussagen meiner Schwiegermutter besuchten mein Sohn und seine Partnerin sie in Duisburg, wobei sie ausschließlich finanzielle und materielle Absichten hatten.  Schließlich brachte er als nunmehr Angestellter meine Schwiegereltern dazu, in die Oberpfalz in die Nähe seines Wohnortes zu ziehen. Der Grund war rein materiell bedingt, so erhielt mein Sohn eine Bank- und Vorsorgevollmacht sowie eine Betreuungsverfügung. Letztendlich fühlte sich mein Schwiegervater nicht mehr wohl bei unserem Sohn und sie zogen wieder nach Duisburg zurück. Unabhängig davon, wussten wir nach seinem Studium von ihm nicht, wo er hingezogen war und dass er 2006 in Las Vegas seine Freundin geheiratet hatte. Auch von der späteren Geburt unseres Enkelsohns erfuhren wir nichts.

Die Vorstellung einer Großfamilie war längst von den Geschehnissen ad absurdum geführt worden, zumal auch alle drei Kinder zu ihren beiden noch lebenden Großeltern oder den Verwandten keine Beziehung hatten. Auch der jüngsten Tochter ging es bei ihren gelegentlichen Kontakten zu ihrer Oma ausschließlich ums Geld, wie mir meine Schwiegermutter berichtete. Ungeachtet dessen resignierten wir beide nicht und wir versuchten es nach Jahren wieder mit Versöhnungsschreiben an unseren Sohn und ich nahm telefonisch Kontakt zu ihm auf um eine Verständigung herbeizuführen – vergebens, er reagierte hochaggressiv und schrie mich an: „wir sehen uns in der Hölle wieder!“ Das bedeutete für mich der vorläufige Schlusspunkt meiner Bemühungen.


Anmerkung
*)https://www.amazon.de/Lexikon-Pferdesprache-Kommunikation-ausdrucksstarken-faszinierenden/dp/381860729X/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=1N70CA2M75B34&keywords=gerry m. neugebauer&qid=1666955233&sprefix=gerry m. neugebauer%2Caps%2C129&sr=8-1

Seelische Verletzungen zeigen ihre Wirkung
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Seite 57 wird geladen
10.4.  Perspektivwechsel Auswandern – Seelische Verletzungen zeigen ihre Wirkung.
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Die kriminell anmutenden Machenschaften von Verantwortlichen in der Oberpfalz gegen mich als Museumsleiter hatten nach sieben Jahren bei mir und meiner Frau ein chronisches Trauma hinterlassen. Die Wunden vernarbten nur sehr langsam, währenddessen uns unser Sohn ein weiteres Langzeit-Trauma zufügte, was nun Konsequenzen nach sich zog und in Kapitel 11 eigens beschrieben ist. Hinzu kam die Reaktion meiner Frau mit einem Zusammenbruch ihres Nervensystems, was sich u.a. in einem starken Tinnitus, Bluthochdruck und Panikattacken äußerte. Das Fatale für mich war, dass ich sie davor kaum schützen konnte. Sie empfand die Worte des Sohnes als gefühlskalte unbarmherzige seelische Schläge, wobei sie zu der Überzeugung gelangte, dass wir uns vor unserem eigenen Sohn schützen mussten, den sie als Zerstörer wahrnahm. Doch die Seele und das Unterbewusstsein lässt sich nicht so leicht irritieren und so wurde bei ihr eine rasant wachsende Wucherung im Bauchraum festgestellt. Nach der Entfernung eines kindskopfgroßen Tumors wurde im Labor glücklicherweise seine Gutartigkeit nachgewiesen. Während dieser Zeit lag ich mit einer Bruch-Operation im Krankenhaus, die ich mir bei den Bauarbeiten zugezogen hatte. 

Damit nicht genug: später wurde bei Karin eine stressbedingte Makuladegeneration eines Auges festgestellt, die zur Erblindung führen kann. Da eine Behandlung damals in Spanien nicht möglich war, recherchierte ich europaweit und fand in Kärnten die entsprechende Therapie.  Alle diese körperlichen Reaktionen habe ich als Notrufe der Seele angesehen verbunden mit dem Aufruf, unsere Einstellung zu unserem Sohn zu verändern, das heißt uns nicht ausschließlich als Opfer zu sehen. Es war mir allmählich klar, dass er es niemals schaffen wird uns zu entwürdigen und uns unser Bewusstsein für die geschaffenen und vermittelten Werte einer Familie zu nehmen. Hierbei half mir wieder einmal unsere gemeinsame Einsicht in diese Zusammenhänge und die Bereitschaft, als Eltern eigene Wege zu gehen. Ein kleines Beispiel dafür war, dass Karin als Nichtschwimmerin mit ihren 60 Jahren plötzlich ihren Wunsch verwirklichte, ihre diesbezüglichen Ängste zu überwinden und sie mit meiner Hilfe stilgerechtes Kraul- und Brustschwimmen sowie das Tauchen lernte und einen Kopfsprung ins Wasser machte

Kleine Taten der Tierrettung
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10.5.  Perspektivwechsel Auswandern – Kleine Taten der Tierrettung.
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Was wir in Spanien an grausamem Elend der Haustiere erlebten, hat unvergessliche Bilder geschaffen. Im Land der traditionellen Quälerei von Stieren ist es nicht verwunderlich, wie man mehrheitlich auch mit Hunden und Katzen umging. Passte ein Haustier nicht in die Vorstellungen des Besitzers wurde es in ein Auto gepackt und in der Rambla rausgeworfen, was ich mehrfach selbst erlebt habe. Die völlig aufgelösten Tiere liefen panisch umher und schrien, ließen sich nicht helfen und verendeten irgendwann als Straßenhunde. Anderseits wurden die Hunde auch von ihren Besitzern bestialisch zu Tode gequält, wobei ich hier nicht auf die Einzelheiten eingehe. Die Gegensätze hinsichtlich der Haustierhaltung in Spanien waren extrem. So gab es eine Minderheit der Haustierbesitzer, die bei der jährlichen Tiersegnung im Januar dabei waren und ihre Tiere geradezu vermenschlichten. Anderseits war die Mitnahme von Hunden in Cafés etc. in Spanien grundsätzlich verboten.

Unser nach Spanien mitgenommener Colli-Rüde „Apollo“ war ein ausgesprochener Hundefreund. Insofern entschlossen wir uns, einen kleine Fox-Terriermixhündin, die bei einem Tierarzt ausgeschrieben war, zu retten. „Pepa“ sollte mit uns drei Mal umziehen und uns 13 Jahre lang als liebevolle, intelligente und sensible Hündin begleiten. Bereits zwei Jahre später konnte ich nicht widerstehen die kleine anhängliche Kätzin „Laura“ zu retten. Erst später stellte sich beim Tierarzt heraus, dass es ein Kater war, den ich in „Lauro“ umtaufte. Alle drei Tiere verstanden sich gut und als wir drei Jahre später einen winzigen kleinen Mischlingshund beim Nachbarn in der Gosse liegen sahen, holten wir ihn zu uns und nannten ihn „Felix“. Er fühlte sich sofort wohl bei uns und spielte ausgelassen mit Pepa. Ein Problem der im Mittelmeerraum lebenden Hunde ist die von der Sandmücke übertragene Leishmaniose, wodurch wir unseren daran unheilbar erkrankten Collierüden nach sieben Jahren einschläfern lassen mussten. Danach sollte es eigentlich bei zwei geretteten Straßenhunden bleiben. Doch wenn man täglich das Elend dieser Tiere sieht hatten wir mit „Lili“, einer robusten und feinfühligen Chihuahua-Mixhündin dann plötzlich drei gerettete Hunde. Lili fand in unserem „Hundeengel“ Felix einen richtige Freund, der sie als Welpe wie eine Hundeamme betreute (Abb. 13). Alle Tiere waren kastriert, wobei Felix und Lauro zwei komplizierte Operationen durch eine schwere Verletzung durchmachten, wodurch sie nicht mehr auf drei Beinen laufen mussten.



Abb. 13: Unsere geretteten drei Straßenhunde (von oben nach unten) Pepa, Felix und Lili und Straßenkater Lauro (2000-2009). Die regelmäßige Hundepflege war auch wegen der zahlreichen Parasiten erforderlich.


Wir erlebten alle geretteten Tiere in ihrem Verhalten als äußerst sozial und hatten den Eindruck, dass sie genau wussten, dass sie von uns gerettet wurden und wie gut sie es nun hatten. Das lag auch daran, dass wir täglich mit ihnen in der Rambla und der Umgebung Gassi gingen. Auch untereinander haben sie sich alle trotz mancher charakterlichen Unterschiede sehr gut verstanden. Felix zeigte im Verhalten eine Besonderheit: wenn an unserem Haus Hundefänger mit ihren Lieferwagen vorbeifuhren um die Straßenhunde in die Tötungsanstalt zu verfrachten, dann erhob er ein fürchterliches durchdringendes Geschrei und war nicht zu beruhigen. Das gleiche geschah regelmäßig bei den Schweinetransporten zum Schlachthof. Derartige Hundelaute habe ich zuvor und nach ihm nie mehr von einem Hund gehört – es war fürchterlich, denn er nahm offenbar ihre Todesangst wahr. Alle vier in Spanien geretteten Tiere sollten bezeichnenderweise um die 13 Jahre alt werden und erlebten auch die zweite Auswanderung mit uns.

Die Immobilienkrise 2008: Adiós España
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10.6.  Perspektivwechsel Auswandern – Die Immobilienkrise 2008: Adiós España .
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Die weltweite Immobilienkrise 2008 legte Spaniens Wirtschaft völlig lahm. Wir hatten rechtzeitig alle Immobilien verkauft und die Erträge zinsbringend angelegt. Doch die Finanzkrise führte dazu, dass die Banken in Zahlungsschwierigkeiten kamen und wir um unsere Geldanlagen fürchten mussten. Einmal wurde uns sogar mein Pensionsgehalt nicht ausgezahlt.

Die im Aufbau befindlichen EU-subventionierten Massen-Urbanisationen verkamen zu Geisterstädten und der Mittelstand löste sich weitgehend auf, d.h. viele kleine Geschäfte mussten schließen. Darüber hinaus wurde Spanien zum europäischen Spitzenreiter illegaler Migranten und einer nie dagewesenen Jugend-Arbeitslosigkeit von über 55 %. Mit einem europäischen Rekord des Leerstands von fast 3,5 Millionen Häusern verfügte Spanien zeitgleich über eine bittere Wohnungsnot. Derweil gingen über 1,6 Millionen Arbeitsplätze verloren und weite Teile der jungen Bevölkerung konnten ihre Hypothekenzahlungen nicht mehr bedienen und wurden Opfer von Zwangsräumungen.

In dieser Zeit lebten wir zur Hausmiete in der Provinz Alicante und zogen nach einem Jahr sogar noch einmal um. Es machte sich eine spürbar depressive Grundstimmung in der spanischen Gesellschaft breit, die sich auch für uns zu einem belastenden Lebensgefühl entwickelte. Wir beschlossen nach zehn Jahren in Spanien nach Österreich auszuwandern, zumal wir dort immer mit den Kindern unseren Urlaub verbracht hatten und uns die dortige Mentalität sehr gefiel (Abb. 14). Nach zwei Jahren intensiver Suche fanden wir 2010 endlich ein Kaufobjekt in Kärnten. Wir waren bereit für weitere Erfahrungen und Aufgaben. Doch was uns nach der zweiten Auswanderung erwartete, hätten wir nicht für möglich gehalten.


Abb. 14: Zu Beginn unserer Spanienauswanderung 2000 und am Ende der Residentschaft im Dezember 2010 zum Abschied hier mit unserer deutsch-englischen Freundin Erica.



Meine Begegnung mit dem Jenseits
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11.  Meine Begegnung mit dem Jenseits
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Wenngleich die deutsche Sprache eine exakte wissenschaftliche Beschreibung von Sachverhalten ermöglicht, habe ich für mein Nahtoderlebnis keine annähernd passenden Worte gefunden. Ein Beispiel mag der Begriff „Lichterscheinung“ oder „Lichtwesen“ sein, der jedoch mit unserer irdischen Erfahrungen von Lichtrealitäten nicht annähernd etwas zu tun hat. Denn wie will man „lebendiges Licht“, das sich nicht als Person erklären lässt und dennoch eine tiefe Emotionalität vermittelt, beschreiben?

Zum ersten Mal wurde ich 1953 indirekt mit einem derartigen Phänomen konfrontiert. Meiner Oma ging es zunehmend schlechter und der Hausarzt versuchte ihr mit Morphiumspritzen Linderung gegen die starken Schmerzen zu verschaffen. Ich war gerade fünf Jahre alt geworden, als man mich überraschend mit meiner Schwester Inge am späten Freitagnachmittag des 6. Novembers in Omas Wohnung bestellte. Als wir den Raum betraten war alles anders als sonst: da saßen unsere Eltern mit meinem Onkel und meiner Tante traurig vor ihrem Bett. „Schau mal, wer dort gekommen ist“, meinte meine Mutter zu ihr. Aber Oma erkannte uns nicht: „ihr seht so dunkel aus“ sagte sie immer wieder. „Es sind doch Inge und das Bübchen“ meinte unsere Mutter. Als ich dicht an ihr Bett herantrat und ihre Hand nahm lächelte sie, doch sagte kein Wort mehr zu mir. Ich spürte die traurige Stimmung bei den Anwesenden im Raum, wusste aber nicht so recht warum.

Als wir Kinder gerade gegangen waren geschah etwas Ungewöhnliches, was mir meine Mutter später mehrmals genau erzählte. Danach sprach Oma plötzlich mit klarer und langsamer Stimme, wobei sich ihr bleiches Gesicht in einen frischen Teint färbte: „…es ist so dunkel … wie ein Tunnel…ich kann nichts sehen…“, meinte sie mehrmals und auf Rückfragen von meiner Mutter, was sie damit meinte, sagte sie plötzlich mehrfach „es ist so wunderschön…ich sehe ein Licht…ein wunderschönes Licht… es ist so hell…da ist ein Mann…“ dabei hatte sie ein wundervolles friedliches und engelhaftes Lächeln. Es waren ihre letzten Worte.

Eine „lebendige Lichterscheinung“
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11.1.  Meine Begegnung mit dem Jenseits – Eine „lebendige Lichterscheinung“.
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Eine Woche vor Weihnachten 2006 konnte ich mir die brennenden Schmerzen in der Lungengegend und meine Atemnot nur als starke Bronchitis erklären. Denn zwei Monate zuvor kam ich nach meiner jährlichen Vorsorgeuntersuchung mit 58 Jahren ohne Befund beim Herzcheck aus einer Arztpraxis in der Region Murcia (Spanien). Bei einem erneuten medizinischen Check wurde sofort eine Kathederuntersuchung des Herzens veranlasst. Das Ergebnis war niederschmetternd: drei Herzkranzgefäße waren nahezu verschlossen und ich wurde am 1. Weihnachtsfeiertag mit einem schleichenden Infarkt zur Herz-OP eingeliefert, wobei ich die positive Grundeinstellung hatte „meinem Herzen soll es dadurch bessergehen!“ Ich hatte das Glück einen bekannten Herzspezialisten als Chirurg zu haben, der als erster Arzt eine Herztransplantation in Spanien durchgeführt hatte. Im OP-Saal ließ ich mir u.a. die Operation selbst und die Herz-Lungen-Maschine erklären und war optimistisch. So verlief auch die OP komplikationsfrei.

Doch was ich dann auf der Intensivstation erlebte, kann ich nur als infernalisch bezeichnen. Man ließ mich einfach samt Beatmungsgerät viel zu lange in der Narkose liegen. Als ich endlich wieder aufwachte, hatte ich gegen einen Verschluss meines Schlunds zu kämpfen, litt unter schlimmen Hustenanfällen und glaubte immer wieder zu ersticken. Außerdem waren meine Rückenschmerzen unerträglich und der Brustkorb schmerzte. Ich war jedoch hellwach, wobei mein Bett so ausgerichtet war, dass ich einer spiegelnden Glasscheibe mehrere Patienten erkennen konnte. Zudem hatte ich mit der Bettposition auch eine Wanduhr im Blickfeld. Der Blickschutz für die Intensivbetten sollte zwar durch Vorhänge erfolgen, funktionierte aber nicht bei allen, da einige zurückgezogen blieben. Dadurch bekam ich die katastrophale medizinische Versorgung einiger Intensivpatienten mit. Es war entsetzlich für mich mitzuerleben, wie hilferufende Patienten ohne Betreuung starben, weil sich kein Personal darum kümmerte bzw. nicht auf der Station war. Dabei bemerkte ich nicht, dass ich mich offenbar selbst in einem Todeskampf befand.

Was dann am zweiten Tag tagsüber auf der Intensivstation geschah, habe ich nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus niedergeschrieben und werde es hier zum ersten Mal offenlegen. Auch wenn ich in den zurückliegenden Jahren einige Male versucht habe darüber zu reden, gelang es mir nicht, da mich jedes Mal sehr intensive Gefühle übermannten. Trotz Schmerzmittel, die ich mir auf der „Intensivpflegestation“ selbst verabreichen sollte, litt ich durchgehend an starken Schmerzen und war nahezu bewegungsunfähig. Geistig blieb ich jedoch hellwach und beobachtete u.a. immer wieder die Uhr, um zu wissen, dass ich alles mitbekomme, was zeitlich um mich herum geschah. Als mir bewusst wurde, dass ich auch sterben könnte, fragte ich mich, was ich auf dieser Welt noch erreichen will? Plötzlich nehme ich bei vollem Bewusstsein zwei „übermächtige Lichtsäulen“ wahr, die beidseitig von mir in Brustkorbhöhe in etwa 80 cm Durchmesser senkrecht verliefen. Das enorme Licht blieb konstant und schien lebendig zu sein und zu „strömen“. Es strahlte so weit aus, dass mein ganzer Körper und das weitere Umfeld erfasst wurden. Das Licht war gleißend, fast blendend in weißlich-hellgelber Farbe mit einer warmen Ausstrahlung. Von ihm ging eine ungeheuerliche Kraft aus, die mich vollständig körperlich und seelisch zu tragen schien. In diesem Moment spürte ich meinen Körper nicht mehr und war schmerzfrei, nahm jedoch mein Umfeld wie die Wanduhr und meine Liegesituation immer noch bewusst wahr.

Die Authenzität und unglaubliche Schönheit dieser Lichtquelle war extrem überwältigend. Sie umfasste um mich herum alles und ich spürte ihre gewaltige Erhabenheit und Liebe. Das Licht berührte mich seelisch so stark, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte. Es schien mir, als wenn die beiden „lebendigen Lichtsäulen“ aus der Unendlichkeit kamen und wieder in sie hineingingen und sich über mir in einem unendlichen Horizont verbreiterten. Im Hintergrund nahm ich eine grüne blühende Wiese wahr, die mir als unsere Erde in ihrer Schönheit verständlich wurde. Ich fühlte mich extrem mit dem Licht verbunden, das mich mit unendlicher Liebe durchströmte. Jetzt spürte ich ganz bewusst, dass ich ein Teil der Schöpfung bin und empfand, dass sie das höchste Gut ist. Das Licht war keine Person und dennoch lebendig und strahlte eine bisher noch nie von mir erfahrene totale Allwissenheit aus. Ich ließ alles los und spürte meinen Willen, dass ich gerne für Karin und meine Familie da sein und weiterleben wollte. Ich fragte das Licht in meiner Befürchtung vor dem frühen Tod demütig „Wenn ich leben will … was aber willst Du?“ Das Licht antwortet umgehend in einer intensiven Eingabe, wobei ich wusste, dass sie vollkommen richtig und wahrhaftig war „du hast alle Zeit dafür, es zu tun!“ Ich fühlte mich emotional stark mit dem Licht verbunden und fragte weiter „werde ich noch 30, 40 Jahre weiterleben?“ Das Licht unvermittelt „ja, solange wie Du willst!“ Als das Licht sich danach spontan zurückzog empfand ich eine tiefe Dankbarkeit für Alles, was mir bisher an negativen Erleben widerfahren war.

Danach umgab mich zum ersten Mal ein enormer innerer Frieden und eine tiefe innere Ruhe. Und ich wusste, dass ich meinem Körper, meiner Seele und meinem Geist alles das geben würde, was zu meiner vollkommenen Gesundung wichtig war. Ich fühlte, dass ich mein „wirkliches Ich“ gefunden hatte. Alle Worte können nicht annähernd mein Erlebnis wiedergeben, denn das „Lichtwesen“ war totale lebendige Liebe und so gewaltig, dass mich danach ein gewaltiger Schwall von Freudentränen ergriff.

Mein anderes Leben danach
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11.2.  Meine Begegnung mit dem Jenseits – Mein anderes Leben danach .
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Auf der Intensivstation bat ich Karin und meine älteste Tochter mich hier unbedingt herauszuholen, was am dritten Tag endlich gelang. Als die Tochter mich in das Krankenzimmer begleitete stellte sie fest, dass sich mein Augenausdruck und meine Ausstrahlung merklich verändert hatten. Im Krankenbett ging es mir jedoch weiterhin sehr schlecht, während Karin und meine beiden Töchter auch nachts am Bett wachten. Dennoch wollte ich nur noch weg aus diesem Hospital, was mir mit großen körperlichen Problemen knapp zwei Wochen nach der OP auch gelang. Was ich daheim erlebte war völlig unerwartet und widersprach allen Berichten über die Gesundung von Bypass-Patienten. Ich hatte weiterhin enorme Schmerzen, konnte kaum Schlucken und kämpfte mit Erstickungsanfällen und mein Aufstehen stellte ein großes Problem dar. Dabei stürzte ich einmal zu Boden und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. In Spanien gab es damals keine Reha-Klinik oder medizinische Nachversorgung, d.h. ich musste irgendwie allein für meine Gesundung sorgen.

Und so beschäftigte ich mit Fachliteratur und einer spezifischen Ernährung sowie der täglichen mentalen Arbeit. Auch Wochen nach der OP wurde mir meine außerordentlich schlechte körperliche Verfassung bewusst und ich hatte den Eindruck, dass mein Körper schon nahezu tot war und nun mein Geist mit hoher Energie den Körper wieder aktivierte, wozu er etwa ein halbes Jahr brauchte. Ich erlebte diese Phase so, als wenn mein Geist in dieser Zeit meinen Körper formte und wieder in ein normales körperliches Leben zurückführte. Doch durch mein Selbststudium zu einer verbesserten Ernährung sowie einer positiven körperlichen, emotionalen und mentalen Lebenseinstellung stellten sich gleich mehrere Phänomene ein. Meine sehr hohen Cholesterinwerte reduzierten sich nach etwa einem Jahr ohne Tabletteneinnahme auf ein Normalmaß, meine anderen Blutwerte waren optimal und mein Kreislauf zeigte Bestwerte. Dabei hatte ich mich gegen den ausdrücklichen Rat der Schulmediziner gestellt, die strikt weiterhin Beta-Blocker, Blutverdünner und Cholesterin-Tabletten empfahlen. Mehr noch: der ärztliche Befundbericht eines Kardiologen aus Wien, der u.a. an der Harvard-Universität Kardiologie studiert hatte, bestätigte 2014, dass nach acht Jahren keinerlei Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen mehr vorlagen und dass die linke ehemals vernarbte Herzhälfte wieder durchblutet war. Er hatte alle meine älteren Befunde und Analysen intensiv erarbeitet und meinte, hier liegt ein Phänomen der Selbstheilung vor, darüber sollte ich unbedingt ein Buch schreiben.

Über das Ich-Bewusstsein hinaus
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11.3.  Meine Begegnung mit dem Jenseits – Über das Ich-Bewusstsein hinaus .
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Mittlerweile weiß man aus der neueren Forschung, dass mindestens ein Drittel aller Ursachen von Herzinfarkten psychosozialer Natur sind. „Seit den allerersten Anfängen der Medizin wissen die Ärzte, dass Emotionen zur Krankheit prädisponieren und deren Verlauf beeinträchtigen können. Kardiologen haben gelernt, dass psychischer Stress die allerfeinsten Mechanismen der Herzfunktion beeinflussen kann (…) in der Tat können seelische Störungen (…) einen Herzinfarkt auslösen (Nobelpreisträger Kardiologe Prof. Dr. Bernhard Lown, Harvard University, 2002).“ Dieser Befund traf bei mir durch mehrere traumatische Erlebnisse zu und möglicherweise lag hierin auch der Grund für mein Nahtoderlebnis. Sicher ist, dass mein „Lichterlebnis“ zu einer Veränderung meiner Einstellung führte und ich damit mein Herz seelisch und körperlich buchstäblich von aller Last befreite. Da ich meiner physischen Kräfte nach der OP nahezu vollständig beraubt war, konnte ich mich der Vergeistigung und einer höheren Bewusstseinsebene zuwenden.

Mein Erlebnis wirkte darüber hinaus nachhaltig, denn durch die enorme Kraft meines Geistes wurden offenbar meine Selbstheilungskräfte enorm aktiviert und zugleich meine offenen seelischen Wunden geschlossen. Seitdem bin ich von einer göttlichen Existenz überzeugt und habe zur Schöpfung eine intensivere Einstellung bekommen. Im Nachhinein erschienen mir die Folgen meiner Herzoperation wie ein Symbol für den schmerzhaften Tod und den mühseligen Prozess der Wiedergeburt. Das grandiose „Licht“ wirkte auf mich wie eine „innere Erleuchtung“, die mir Befreiung schenkte und mir meine große Liebe zu Karin, meinen Kindern, zu den Mitmenschen, zu den Tieren und zur Schöpfung bewusst machte und mir Dankbarkeit für meine Erfahrungen schenkte. Darüber hinaus sah ich mich beauftragt selbst im Sinne der wundervollen Schöpfung zu wirken. So schrieb ich mit meiner Tochter unter einem Halbpseudonym (Gerry M. Neugebauer) u.a. ein Buch über die Pferdesprache, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Hierbei ging ich u.a. unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf das nachweisbare Bewusstsein und Seelenleben der Pferde ein.*)

Mein Nahtoderlebnis hatte nichts mit unserem Alltagsbewusstsein zu tun. Es handelte sich für mich um eine reale höhere Bewusstseinsebene, die man als „transpersonalen Bewusstseinszustand“ interpretieren könnte und der für die moderne Wissenschaft in Ermangelung spezifischer Befunderfassungsmethoden (noch) nicht erschließbar ist. Alle Formen derartiger Erlebnisse stellen die Frage nach dem jeweiligen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand, wobei bei aller starken emotionalen Ergriffenheit die faktischen Beobachtungen im realen Raum des Betreffenden – wie in meinem Fall -  auffällig sind. Aus meiner Sicht erlebt man in dieser Zeit für einen Moment die Erweiterung des eigenen Bewusstseins, in dem u.a. eine nicht auditive Kommunikation möglich ist.

In diesem Zusammenhang sollte man bedenken, dass wir uns in einer relativ jungen Entwicklungskette der Evolutionsgeschichte des (Ich-)Bewusstsein befinden und dass dieser Prozess definitiv nicht abgeschlossen sein kann. Unsere Bewusstseinsform ist somit nicht die höchste Entwicklungsstufe, d.h. weitere Steigerungsformen liegen auf Grund der relativ kurzen Zeit der Entwicklung von Bewusstsein auf der Hand. In der Evolutionsgeschichte hat sich die Empathie aus dem Versöhnen, Trösten, Entschuldigen und Verzeihen entwickelt. Dabei ist dieses subjektive Empfinden nicht mit Mitgefühl zu verwechseln. Während man sich beim Mitgefühl um den Anderen kümmert und sorgt, fühlt man bei der Empathie, was der Andere gerade authentisch empfindet. Das ist im Übrigen auch bei hochentwickelten Tieren gegenüber dem Menschen nachgewiesen.

Für mich scheint es so, als wenn das Wachstum des Bewusstseins und des Gehirns auch mit Empathie zu tun hat, was individuell bei allen höheren Lebewesen ausgeprägt und veranlagt ist. Empathie scheint wie ein Antrieb für die Bewusstseinsentwicklung zu sein und ist zweifellos für die Arterhaltung des menschlichen Daseins elementar. Mein Nahtoderlebnis erlebte ich als Modulation meines Bewusstseinszustands, was ich zugleich als persönliche Befreiung empfand und später als Aktivierung meiner Selbstheilungskräfte erlebte. Wenn eine Ursache für Herzinfarkte psychosozialer Natur ist, dann kann im Umkehrschluss das Herz, als besonders empfindsam Organ, mit Dankbarkeit und dem starken Gefühl der Liebe geheilt werden. Empathie und Vergebung lässt die Lebensenergie wieder fließen. Dabei geht es nicht um Gefühlsabwehr, dass unser Herz verschließt, sondern – wie bei mir - um die Auflösung negativer Gefühlswelten von Wut und exzessiver Leistungs- und Verausgabungsbereitschaft.

Anmerkung
*)https://www.amazon.de/Lexikon-Pferdesprache-Kommunikation-ausdrucksstarken-faszinierenden/dp/381860729X/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=1N70CA2M75B34&keywords=gerry m. neugebauer&qid=1666955233&sprefix=gerry m. neugebauer%2Caps%2C129&sr=8-1  

 

Auswanderung - die Zweite
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12.  Auswanderung - die Zweite
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Das Gefühl nach der Auswanderung nach Spanien jemals wieder nach Deutschland zurückzukehren, hatte ich nie. Bei einem Zwei-Tage-Aufenthalt in Bayern und später einmal in meiner Geburtsstadt Duisburg hatte ich immer das Gefühl, Fremder im eigenen Land zu sein. Insofern stellte sich für mich nicht das Gefühl von Heimat in Deutschland ein. In meiner Jugend war das anders – da gab es meine Heimatstadt Duisburg, zu der es mich auch noch während meines Studiums in West-Berlin immer wieder zurückzog. Nachdem ich jedoch sieben Mal in zehn Jahren umgezogen war und ich meine Verfolgung und Abschiebung aus Bayern erlebt hatte, fühlte ich mich im eigenen Land nicht mehr wohl. Wenn ich mit deutschen USA-Auswanderern sprach, wenn sie nach Jahrzehnten wieder in ihre Heimat Deutschland zurückkamen, um dort beerdigt zu werden, ist eine derartige Vorstellung für mich völlig fremd.

Insofern hatte ich kein Problem mit einer zweiten Auswanderung nach Kärnten. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern in Deutschland, wo man wegen seiner Herkunft beinahe als „deutscher Ausländer“ – in Bayern als „Saupreißn“ -  behandelt wurde, hatte ich in Kärnten nie ein derartiges Lebensgefühl, obwohl es zum südbayerischen Sprach- und Kulturraum gehört. Im Gegensatz zur verkopften „westdeutschen Mentalität“ fand ich hier viele „Herzmenschen“. Dennoch würde ich mich heute als Kosmopolit bezeichnen, der dort sein zu Hause hat, wo er sich als Mensch wohlfühlt und das habe ich in Deutschland definitiv nicht gefunden. Das alles schützte mich nicht davor, dass ich auch in Kärnten in der Zeit zwischen 2011 und 2022 mehrere Herz- und Panikattacken durch nicht für möglich gehaltene Geschehnisse zu überstehen hatte. Trotz vieler Niederschläge blieb ich bei meinem sozialen Engagement und es stellte sich zum ersten Mal das Gefühl bei mir ein, hier zu Hause zu sein.

Die erworbene Immobilie in Kärnten war ein Ladenhüter, denn es handelte sich um ein ehemaliges Einfamilienhaus, das man in zwei separate nicht gleichgroße Häuser getrennt hatte, wobei wir den Zwei-Drittel-Anteil erwarben. Der Altbau war zwar mehr oder weniger intakt, doch den rund 1.000 m² große Garten war verwahrlost. Er wurde von mir völlig neu nach Feng-Shui geplant und von uns gemeinsam vollständig umgestaltet. Bis heute haben meine Frau und ich alle Gehölze entfernt und durch neue Anpflanzungen ersetzt (Abb. 1). Bei den Betonbauarbeiten für eine Gartenstützmauer holte ich mir meinen insgesamt vierten Bruch und musste operiert werden.

Die Mitnahme unserer drei geretteten Straßenhunde samt Kater von Südspanien nach Österreich erfolgte mit EU-Impfpässen und einer Beruhigungsspritze für den Kater für die nahezu 24-stündige Fahrt ohne Schlaf. Als wenn unsere Haustiere wussten, dass sie mitgenommen wurden, waren alle während der gesamte Fahrt entgegen des sonstigen Verhaltens erstaunlicherweise ruhig. Im neuen Domizil angekommen, fühlten sich alle Tiere sofort sehr wohl und die Hunde genossen bei ihren ausgiebigen täglichen Gassi-Runden sichtlich die üppigen und saftigen Wiesen und Wälder. Wie auch der Kater sein neues Domizil mit dem großen Kachelofen sehr mochte und entgegen seiner Gewohnheit, das Haus nachts nicht mehr verlies. Vor allem die längeren Wanderungen durch die wunderschöne Berglandschaft war für alle Hunde, die nur die spanische Halbwüste gewohnt waren, immer etwas Besonderes. Alle von uns geretteten spanischen Straßenhunde und der Kater wurden um die 13 Jahre alt.


 
Abb. 1: (Oben) Unsere Kärntner Immobilie beim Kauf 2010 mit verwahrlostem Gartenbereich; eigenhändige und komplette Neugestaltung des gesamten Gartenbereichs (Ausschnitt).

Integration und soziales Engagement
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12.1.  Auswanderung - die Zweite – Integration und soziales Engagement.
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Seinen festen Wohnsitz im Ausland zu haben bedeutet für mich nicht nur der dortigen Kultur mit Respekt zu begegnen und die Landessprache zu sprechen, sondern sich auch mit Überzeugung sozial zu engagieren. Das gelang über die vielen Jahre in Spanien und begann in Österreich von Anfang an in der Nachbarschaft, indem ich drei SchülerInnen jahrelang kostenlose Nachhilfe für ihre Matura gab (Abb. 2). Oder ich half einer jungen Familie ihr Nachbargrundstück zu erwerben und ihrem Sohn – einem Legastheniker – eine spezielle Fahrschulprüfung zu absolvieren. Andererseits engagierte ich mich in einem Modellflugverein und half im Vorstand kräftig mit, um die behördlichen Fluggenehmigungen zu erhalten und dabei einem interessierten Nachbarn einen neuen, fertiggebauten Modellsegler zu schenken.


Abb. 2: (Oben) Nachbarschaftskinder bei uns, denen ich bei ihren Aufgaben auf dem Gymnasium half. (Unten) Weihnachtsfeier für Kinder im „Josefinum Viktring“ 2014, Karin überreicht gespendete Weihnachtsgeschenke.


Das Engagement von meiner Frau Karin und mir ging jedoch weit darüber hinaus. Wir engagierten uns als „Leihgroßeltern“ beim katholischem Hilfswerk, der Caritas und im SOS Kinderdorf Moosburg. Im Josefinum Viktring, einem sozialpädagogischen und therapeutischen Zentrum für Kinder und Jugendliche, gestalteten wir u.a. die Weihnachtsfeier mit (Abb. 2). Und wir engagierten uns als Paten von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, wofür wir bei der Jugendanwaltschaft des Landes Kärnten mehrere Fortbildungsmodule belegten und ein entsprechendes Dekret verliehen bekamen (Abb. 3). Da unsere älteste Tochter seit 2022 hauptamtlich für den Verein „Geben für Leben (Leukämiehilfe für Österreich)“ tätig ist und die Organisation Team Ost (Kärnten, Weststeiermark) leitet hilft meine Frau als ehrenamtliche Helferin regelmäßig mit, wobei ich sie unterstütze.[1]


Abb. 3: „Dekretverleihung“ 2016 als Paten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Ausschnitte der Presseaussendung des Landes Kärnten, 17.05.2016).

Nebenbei widmeten wir uns auch der Tierhilfe. So gaben wir unserem heutigen Mix-Rüden „Pauly“ aus Griechenland eine Bleibe. Er genoss von Anfang an die Natur hier sehr, sodass er auch heute noch täglich auf unserer Terrasse sitzt und lange den 180 Grad-Blick auf die Karawanken genießt (Abb. 4). Er liebt als „Grieche“ erstaunlicherweise den Schnee über alles, mehr als die Sommermonate. Schnell fand er einen Freund in unserem italienischen Nachbarhund „Max“, mit dem er ausgiebig herumtollt. Und als dann noch von unserer ältesten Tochter „Nelly“ eine aus der Tierrettung übernommene Mischlings-Hündin dazukam, ist das Hundeglück perfekt.


Abb. 4: (Oben) „Pauly“, unser aus Griechenland geretteter außergewöhnlicher Straßenhund bei seiner Abholung als ca. vier Monate alter Welpe. (Unten mittig) „Pauly“ mit seinem italienischen Nachbarhund und Freund „Max“ bei uns im Garten und mit seiner Freundin „Nelly“, einer von der ältesten Tochter geretteten Hündin aus dem Tierschutz.

Anmerkung
1. https://www.gebenfuerleben.at/infos/seite/Kontakt#gsc.tab=0

 

Neun Jahre Drogenterror
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12.2.  Auswanderung - die Zweite – Neun Jahre Drogenterror.
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Bei unserem Hauskauf handelte es sich um den größeren Anteil eines geteilten ehemalig freistehenden Einfamilienhauses. Aus diesem Grund wollten wir unbedingt vor dem Kauf die Nachbarn des kleineren Hausanteils kennenlernen, da ihr Wohnanteil nur durch eine leichte Trockenbauwand im Inneren abgetrennt war. Seitens des Maklers wurde uns eine Pensionärin vorgestellt, die angeblich mit ihrer älteren Tochter dort lebte, die ich wegen des Datenschutzes hier „Perdita“ nenne. Perdita lernten wir jedoch nicht persönlich kennen, was sich als großer Fehler herausstellen sollte. Um es vorweg zu nehmen: Perdita blieb jahrelang arbeitslos, war drogensüchtig, baute Cannabis im Garten an, war im Drogenhandel aktiv und gegen die Nachbarn auf Krawall und Drohungen gebürstet. Ihr Grundstücksanteil war verwahrlost und es wurden zahlreiche Tiere wie Kaninchen, Katzen oder auch zeitweise Amphibien gehalten.

Doch was nach unserem Einzug ab 2011 bis 2019 geschah, hätte ich mir im Hinblick auf die in dem Fall involvierten Sicherheitsbehörden nicht vorstellen können. Statt gegen die verschiedenartigen jahrelangen Unrechtmäßigkeiten dieser Nachbarin behördlicherseits vorzugehen, nahmen uns die Beamten der hiesigen Polizeiinspektion und eine weitere Nachbarschaft ins Visier - letztere lebten mit drei Generationen in einem Wohnhaus direkt neben Perdita. Sie hatten mich 2017 angsterfüllt gebeten ihnen zu helfen, da sie von ihr nahezu täglich terrorisiert wurden. Da ich mich dem Problem annahm, war ich zwei Jahre lang täglich beschäftigt, alle ihre Verwaltungsangelegenheiten, wie Anzeigen, Versicherungssachen, Anwalt etc. zu klären. Das bedeutet u.a., dass ich alle Statements, Beweismittel etc. für ihren Anwalt vorbereitete und sie bei den Terminen begleitete. Zu unserem Schutz hielt ich alle Geschehnisse um Perdita herum von Anfang an akribisch schriftlich, fotografisch und filmisch fest. Nachfolgend berichte ich lediglich über einen kleinen Ausschnitt – die Dokumentation und Schriftstücke füllen mehr als ein Dutzend Aktenordner.


Abb. 5: Ausschnitt der Cannabis-Plantage auf dem Nachbargrundstück von „Perdita“ (2011).

Nach unserem Einzug im Februar 2011 stellte ich in ihrem Garten in Lagebeziehung zu unserem Grundstück eine Plantage mit Cannabispflanzen fest (Abb. 5). Der charakteristische intensive Eigengeruch von Joints, die sie täglich z.T. vor ihrer Haustür rauchte war eindeutig. Außerdem bekam sie äußerst suspekte Besuche von jungen Männern, wobei es offenbar ums Dealen ging. Einer von ihnen besaß einen Kampfhund, den er von Perditas Grundstück gezielt auf unsere älteste Hündin „Pepa“ hetzte. Der Hund biss unseren Maschendrahtzaun im Garten durch, zog Pepa durch den Zaun und verletzte sie lebensgefährlich. Eine Notoperation in der Tierklinik rettete ihr das Leben, dennoch verstarb sie ein Jahr später an den Folgen der Verletzung.

Das Verhalten der arbeitslosen „Perdita“ eskalierte zunehmend mit Randalen, die nachts oder morgens oft weit über eine halbe Stunde andauerten. Zwei Jahre lang bat ich ihre Mutter unter Hinweis auf meine Herzerkrankung vergeblich Abhilfe zu schaffen. Dabei bot ich ihr meine Unterstützung bezüglich der Therapie gegen die Drogensucht ihrer Tochter an. Und so erfuhr ich, dass Perdita bereits einmal auf Drogenentzug war, den sie jedoch abgebrochen hatte. Die Mutter bat mich ihre Tochter nicht anzuzeigen. Doch es war hoffnungslos, da sich ihre Tobsuchtsanfälle ständig steigerten. Sie demolierte die amtliche Vermessungsmarke an unserem Haus, zertrümmerte wie wild Einrichtungsgegenstände, stellte eine Wildkamera auf, um die Nachbarn und uns rund um die Uhr zu beobachten, terrorisierte die Nachbaren mit Halogenbaustrahler etc.

Mehr noch: sie randalierte mit ohrenbetäubender „Heavy Metal Musik“, wobei sie ihre Stereoboxen an das offene Fenster stellte, sie brüllte und schrie wie bei einer Teufelsaustreibung und sie schlug brutal und wie von Sinnen gegen die leichte Trennwand zu unserem Haus. Dabei beschimpfte und drohte sie uns wie z.B. „du feige Sau (…) ich komm gleich rüber und gib´s euch (…) kommt raus ihr feigen Schweine (…) ich schwör dir noch einmal he (…) du wirst noch den Richter ficken …“ Alles das konnten die anderen Nachbarn wegen der Lautstärke wörtlich mithören und bezeugen. Das unerträgliche Spektakel wurde u.a. begleitet durch eindeutige installierte Drohbilder an ihrem Haus (Abb. 6) und mit minutenlangem Fixieren und Anstarren.

Den Nachbarn drohte sie u.a., dass ihnen ihr Kind weggenommen gehört, wobei sie die Nachbarn und uns mit verleumderischen Behauptungen unablässig bei der hiesigen Polizeiinspektion anzeigte. Dabei behauptete sie u.a., dass der Nachbar ihre Katzen umgebracht hätte, die jedoch quietschfidel in ihrem Garten herumliefen. Ein anderes Mal hieß es, er hätte einer ihrer vielen Katze die Krallen ausgerissen (Abb. 7) oder zur Silvesternacht wurde ihr Wagen auf dem Carport mit Silvesterraketen von den Nachbarn beschossen, obgleich sie und der Wagen in dieser Nacht gar nicht anwesend war. Nicht genug damit: sie zeigte uns und die Nachbarn wegen Lärmbelästigung an, die gar nicht stattgefunden hatten; so waren z.B. die Betreffenden zu diesem Zeitpunkt in Italien etc.


Abb. 6: Auszug aus den Drohbildern, die „Perdita“ an ihrer straßenseitigen Gartentür im August 2019 anbrachte; sie schlug dabei einen Zimmermannsnagel durch den Kopf eines Mannes auf der Intensivstation –wer damit gemeint war, war offensichtlich.


Andererseits wurde dokumentiert, wie sie immer wieder von Jugendlichen per Fuß aufgesucht wurde oder wie Perdita sie mit ihrem PKW abholte, um bei ihr Joints zu rauchen. Ein anderes Mal wurden Jugendliche in den Drogenkonsum eingeführt, in dem man Joints drehte und rauchte.

Dass sie sich als dauerhafte Sozialhilfeempfängerin erstaunliche Investitionen leisten konnte, wie den Einbau von neuen Fenstern, Türen und Fußböden, die Anschaffung eines gebrauchten Volvo Kombi, eines Klaviers etc. liess die Vermutung auf entsprechende drogenbezogene Einkünfte zu, zumal regelmäßig verdächtige „Dealertypen“ zu ihr kamen. Es würde zu weit führen alle Geschehnisse hierzu aufzuzeigen. Gemeinsam mit den Nachbarn wussten wir uns nicht anders zu helfen als Anzeigen gegen sie zu erstatten. Es erfolgten innerhalb der Jahre insgesamt um die 700 Anzeigen gegen Perdita, wovon keine einzige für Abhilfe sorgte!

Behörden unter Verdacht
Dass wir mit der jahrelang systematisch randalierenden und gefährlich drohenden drogensüchtigen Nachbarin aushalten mussten, ist auch auf die fragwürdige Untätigkeit zuständiger Behörden zurückzuführen. Statt gegen den Drogenanbau und die Verbreitung von Drogen vorzugehen und Abhilfe gegen den Lärm- und Psychoterror zu schaffen fand durch die örtliche Polizei eine unglaubliche Täter-Opfer-Umkehr statt, indem sie uns als Nachbarn kriminalisierten. Alles das ließ bei uns den Verdacht eines vorhandenen Drogen-Netzwerks aufkommen, was einige nachfolgende Fälle dokumentieren:

  • Es gab unzählige Verweigerungen, unsere Anzeigen gegen „Perdita“ aufzunehmen bzw. bei schriftlichen Anzeigen von uns wurden diese verschiedentlich nicht bearbeitet bzw. weitergeleitet.
  • Über drei Dutzend verleumderischen Anzeigen durch „Perdita“ innerhalb von fünf Jahren gegen uns erfolgten oft nur telefonisch. Ohne zwingend erforderliche Ermittlungen – z.B. ohne unsere Anhörung wurden die Anzeigen u.a. mit falschen Angaben unvermittelt an die Staatsanwaltschaft bzw. Ordnungsbehörde (Bezirkshauptmannschaft) weitergeleitet, sodass wir der straf- und ordnungsrechtlichen Verfolgung ausgesetzt waren.
  • Bei unseren Notrufen wegen Randalen und gefährlichen Drohungen von Perdita kommt kein Polizeibeamter vorbei – ein anderes Mal wird man bei einem Notruf einfach geduzt („was willst du?“) und kommt nicht zu Hilfe.
  • Perdita beschuldigte den Nachbarn wider besseres Wissen einer ihrer zahrleichen Katzen eine Kralle ausgerissen zu haben. Daraufhin wurden von zwei Beamten umgehend Hausdurchsuchungen und Leibesvisitationen beim Nachbarn durchgeführt. Dabei rief mich die Tochter zu Hilfe, wobei die beiden Polizeibeamten sich weigerten, sich auszuweisen. Ohne weitergehende Ermittlungen erfolgte eine Anzeige gegen den Nachbarn bei der Staatsanwaltschaft wegen Tierquälerei und der nicht hinreichend recherchierte Fall wurde an regionale Presse weitergeleitet (Abb. 7).
  • Ein Polizeibeamter zwang die 13-jährige Enkeltochter der Nachbarn widerrechtlich ohne Begleitung auf die Polizeiinspektion, um sie als Zeugin gegen ihren Großvater zu verhören.
  • Am 2. Weihnachtsfeiertag 2012 gab es um 4.40 Uhr auf unserem Grundstück einen fragwürdigen Zutritt von Polizeibeamten, die ohne Durchsuchungsgenehmigung unser verschlossenes Gartentor überquerten und mit Taschenlampen um das Haus herumliefen. Da wir zunächst von Einbrechern ausgingen und sie sich nicht zu erkennen gaben, versetzten sie uns in Angst und Schrecken.
  • Ein Polizeibeamter kam sonntagvormittags allein bei uns vorbei, um uns mitzuteilen, dass wir zahlreiche Anzeigen von Perdita erhalten haben; er lehnte eine Ermittlung des Sachverhalts ab und machte in der Anzeige falsche Angaben zu den angeblich 16 Vorfällen.

Diese 16 Anzeigen wurden uns am Heiligen Abend von der Bezirkshauptmannschaft per Einschreiben zugestellt.

Abb. 7: Nach einer verleumderischen Anzeige von Perdita wegen angeblicher Tierquälerei gegen unseren Nachbarn, die von der hiesigen Polizeiinspektion ohne hinreichende Ermittlungsarbeit provokativ an die Presse gegeben wurde – ein kleines Beispiel einer jahrelangen Kriminalisierungskampagne der ortsansässigen Polizeibeamten gegen uns; Screenshots*).


In einem Bericht eines hiesigen Polizeibeamten an die Staatsanwaltschaft 2019 stellte dieser lakonisch fest, dass es sich lediglich um einen „jahrelangen Nachbarstreit“ handelt, wohlwissend, dass Anzeigen wegen Drogenkriminalität, Prostitution, Randale, Krawallszenen, gefährlichen Drohungen etc. gegen die Nachbarin vorlagen, die nicht ermittelt wurden. Und ein anderer Polizeibeamter mutmaßte, dass ich doch nur den Hausteil von „Perdita“ kaufen wollte. Um das zu bekräftigen wurde eine Maklerin bei mir vorgeschickt, die mich fragte, ob ich nicht den Hausteil kaufen will, was ich ablehnte. Auch unsere angezeigten Beobachtungen, dass die drogenkranke Frau sich auffällig benahm, wird von den Behörden völlig ignoriert. Dazu gehört u.a. dass sie nachts mit einer Stirnlampe Johannisbeeren und Schnecken klaubte, „lachlustig“ im Garten torkelte, stundenlang im Garten vor sich hinstarrte oder auch an einer Stelle des Gartens völlig sinnlos scharrte, plötzlich Rosen und Pflanzen wie wild ausriss und mit Blumentöpfen um sich warf, Bücher wie irre zerriss, mit Bier die Fenster bespritzte, ein Stück Toastbrot mit Tesafilm umwickelte, um es an ihre gläserne Terrassentür zu hängen oder eine Klobürste mit Trichter im öffentlichen Straßenbereich in Nähe des Hauses installierte etc.

Im polizeilichen Netzwerk spielte die Bezirkshauptmannschaft (BH) als Ordnungsbehörde in den Verwaltungsstrafsachen eine besondere Rolle, da sie entsprechende Strafverfügungen erlässt, wobei sie selbstverständlich die über die Polizei angezeigten Vorgänge und Zusammenhänge pflichtgemäß zu prüfen hat. Doch was geschah in unseren Fällen? Sie tat es unter gröbster Verletzung der Dienstpflicht nachweislich nicht. Hier hatte ich im Widerspruchsverfahren stets bis zum Verwaltungsgericht vorzugehen und musste kostenpflichtig eine Anwältin hinzuziehen. Dabei wurden bei der BH unglaubliche Aktenwidrigkeiten offenkundig und die Rechtsanwältin stellte in allen Fällen Verstöße gegen § 44a VStG durch die BH fest.


Hilfeersuchen bei anderen Behörden
Wenn eine Sicherheitsbehörde wie die Polizeiinspektion und Bezirkshauptmannschaft in allen unseren Fällen so vorgehen, glaubt man mit den entsprechenden Belegen in einem funktionierenden Rechtstaat bei den vorgesetzten Dienststellen Abhilfe schaffen zu können. So wurden über meine Beschwerden - auch im Namen der Nachbarschaft - letztlich acht Behörden aktiviert, darunter das Landeskriminalamt Kärnten (LKA), das Amt der Kärntner Landesregierung (AKL), die Landespolizeidirektion Kärnten (LPD), die Staatsanwaltschaft (StA), die Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA), das Bundesinnenministerium (BMI), die Datenschutzbehörde (DSB) und die Justizombudsstelle des Oberlandesgerichtes Graz.

Zunächst wandte ich mich wegen des suspekten Vorgehens der hiesigen Polizei gegen den Anbau von Cannabis durch Perdita (Abb. 5) an das LKA. Was war geschehen? Ein hiesiger Polizeibeamter hatte nach meiner Anzeige allein den Fall an sich genommen. Bei seiner Ortsbesichtigung zeigte ich ihm unter Zeugen rund ein Dutzend angebaute Cannabis-Pflanzen und übergab ihm die Liste von KFZ-Kennzeichen verdächtiger Besucher, die er nur sehr widerwillig entgegennahm. Er packte alle Pflanzen ohne weitere Ermittlungen in Plastiksäcke und verstaute sie in seinem Wagen. Wie ich später bei einer Akteneinsichtnahme bei der Staatsanwaltschaft feststellte, gab er jedoch nicht ein Dutzend Cannabispflanzen, sondern lediglich zwei angebaute Cannabispflanzen bei seiner Anzeige an. Warum? Es ging um die strafbare Grenzmenge von 40 g Cannabis THC (entspricht 800 g Cannabiskraut), denn nicht vorbestrafte Personen mussten erst ab einer Menge von ein bis zwei Kilogramm mit einer Haftstrafe rechnen. Bei der Menge der angebauten Pflanzen wäre Perdita mit einer Haftstrafe belegt worden. Nach seiner Besichtigung ließ der Beamte Perdita 24 Stunden Zeit alle drogenrelevanten Gegenstände wie Glasröhrchen, Glastrichter, Trichter etc. unter Mithilfe von Helfershelfern in einem VW-Bus wegzuschaffen, was von mir dokumentiert wurde. Am nächsten Vormittag kam der betreffende Polizeibeamte mit einem Zivilkommando von sechs bewaffneten Personen wieder und stand „erstaunlicherweise“ vor den verschlossenen Türen von Perdita. Unvermittelt zogen alle Beamten ohne weitere Ermittlungen wieder ab.

Bei einem persönlichen Treffen mit zwei für Drogendelikte zuständige LKA-Beamte übergab ich ihnen alle vorhandenen Belege und erzählte ihnen den Vorfall, wozu einer von ihnen kopfschüttelnd feststellte „das ist nicht gut gelaufen!“ Sie empfahlen mir weiterhin alle KFZ-Kennzeichen zu notieren und er fragte nach meinem Einverständnis einer Installation von Abhörgeräten bei uns und versicherte mir „von nun an stehen Sie unter dem Schutz des LKA“. Bezeichnenderweise hörte ich nie mehr etwas vom LKA, was mir jedoch keine Ruhe ließ und ich Jahre später über einen Polizeiausbilder persönlichen Kontakt zu zwei anderen Sonderermittlern des LKA erhielt, die mich daheim aufsuchten. Sie erhielten meine umfangreiche weitergeführte Dokumentation mit über 22 Seiten, wobei sie sehr überrascht taten, dass bislang nichts unternommen worden war. Da auch meine schriftlichen Anzeigen beim LKA allesamt unbeantwortet blieben, erhielt ich schließlich von einem Ermittler den verdeckten Hinweis, dass es offenbar einen Verwandten von Perdita beim Bezirkspolizeikommando (vorgesetzte Dienstelle der betreffenden Polizeiinspektion) gab. Damit erschien mir Vieles plausibel.

Da ich keinerlei Vertrauen mehr zu den Ermittlungsbehörden hatte, wendete ich mich mit einer umfangreichen Beschwerde samt Belegen mit den Nachbarn an das Bundesinnenministerium (BMI) als oberster Dienstherr der Polizei und des LKA. Daraufhin wurde die Korruptionsstaatsanwaltschaft eingeschaltet, die jedoch den Fall an das LKA Kärnten zur Ermittlung weitergab. Der Kreis hatte sich geschlossen und wir hörten trotz Nachfragen beim LKA und bei Korruptionsstaatsanwaltschaft nie mehr etwas von diesen Behörden. Dennoch gab ich mit meinen Beschwerdeschreiben gegen die nicht enden wollenden Machenschaften der hiesigen Polizeibeamten nicht auf und warf ihnen mit einer Vielzahl von Belegen u.a. Amtsmissbrauch vor.

In meinen Schreiben an das Innenministerium stellte ich für uns Kläger einen gravierenden Vertrauensverlust in die gewissenhafte, unparteiische, sachliche und objektive Aufgabenerfüllung der hiesigen Polizei fest und beschwerte mich darüber, dass wir durch die Beamten in unerträglicher Weise als unbescholtene friedfertige Bürger kriminalisiert werden, wodurch eine garantierte unbeschadete Lebensführung unmöglich wurde. Daraufhin schrieb mir die Landespolizeidirektion Kärnten in Kenntnis aller Vorgänge, dass keinerlei dienstrechtliches Fehlverhalten der Beamten der PI Moosburg festgestellt wurde, woraufhin ich dem BMI in einer Beschwerde zu diesem Schreiben mitteilte, dass unser Vertrauen in die Polizeiarbeit vollkommen und unwiederbringlich zerstört wurde.

Meine Beschwerde über eine derartige Behördenarbeit bei der österreichischen Volksanwaltschaft, die bei Problemen von Bürgern mit den Behörden angeblich weiterhilft, fand ich heraus, dass sie sich in ihrem Prüfungsverfahren eine Stellungnahme von besagter Landespolizeidirektion einholte und damit ihre Ermittlungen einstellte. Eigentlich hatte ich darauf gewartet, dass mich die besagten Beamten bzw. Behörden nunmehr wegen falscher Beschuldigungen anzeigten – doch in Anbetracht meiner lückenlosen Belege hörte ich nie mehr etwas von ihnen. Die Beamten der hiesigen Polizeiinspektion wurden allesamt bis auf einen Bediensteten ausgewechselt. In meiner Not wandte ich mich bei einem Amtstag an das Bezirksgericht, bei dem Bürger einfache Rechtsauskünfte erhalten. Hierbei stellte die Richterin Bemerkenswertes fest: sie würde sich auf Grund ihrer Erfahrungen bei derartigen Vorfällen niemals an die Polizei, sondern direkt an die Staatsanwaltschaft wenden. Gesagt getan: meine Anzeigen gegen „Perdita“ und die Polizeibeamten wurden jedoch auch hier allesamt eingestellt.

Und so geschah weiterhin Ungeheuerliches: ich erhielt plötzlich eine Vorladung von besagter Polizeiinspektion in Sachen Perdita, angeblich auf Anordnung der Staatsanwaltschaft. Doch die hatte das betreffende Verfahren gegen sie längst eingestellt, wovon ich zu diesem Zeitpunkt nichts wusste. Bei meiner Vernehmung machte ich nun belastende Aussagen, die den Sachverhalt der gefährlichen Drohungen und Körperverletzung u.a. mit Zeugen und Dokumenten belegten, die nun nicht mehr berücksichtigt wurden. Nach meiner Beschwerde bei der Justizombudsstelle des Oberlandesgerichtes Graz brachte man mir dort viel Verständnis entgegen und stellte fest, dass meine Beschwerdeführung bei einem derartigen Vorgehen sehr wohl berechtigt ist. Also ging ich weiter und verlangte umfänglich Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft, wodurch mir erstmals viele Vorgänge zu den polizeilichen Aktivitäten bekannt wurden, die ich hier nicht weiter ausführe, da sie definitiv Straftaten beinhalten.

Damit nicht genug: ich verfasste eine Beschwerde beim Amt der Kärntner Landesregierung (AKL) als vorgesetzter Dienstherr der Bezirkshauptmannschaft wegen mehrfach rechtswidrigen und schuldhaften Verhaltens von Bediensteten gegen meine Frau und mich in 16 Strafverfügungen nach Anzeigen von Perdita. Hierbei nannte ich die verantwortliche Sachbearbeiterin, deren fragwürdige Strafverfügungen allesamt vor dem Landesverwaltungsgericht (LVG) mit Pauken und Trompeten wegen „Begründungsmängeln“, „fehlender Beweisführung“ und „unrichtiger rechtlicher Beurteilung“ verloren gingen (Abb. 8). Im Übrigen hielt es kein Vertreter der BH für nötig, bei der Verhandlung vor dem LVG zu erscheinen, geschweige sich denn zu entschuldigen. Nach meinen Recherchen wurde die Sachbearbeiterin versetzt, aber ich blieb auf den Rechtsanwaltskosten sitzen, die das Dreifache der Strafverfügungen ausmachten. Gerne hätte ich hierzu eine kostenintensive Zivilklage gegen die BH angestrengt, die mich jedoch kostbare Zeit meines Lebens und noch mehr Geld abverlangt hätte. Da wir keinerlei Rechtssicherheit und keinen geordneten Gesetzesvollzug durch die BH sahen, wurde unser Vertrauen in die sachliche Wahrnehmung, die Glaubwürdigkeit, Unbefangenheit und Zuverlässigkeit dieser Sicherheitsbehörde vollends zerstört. Ganz abgesehen, dass wir uns durch ihre Arbeitsweise als unbescholtene und sozial engagierte Pensionisten in unerträglicher Weise kriminalisiert fühlten.

Ein kleiner Lichtblick stellte lediglich meine Beschwerde bei der Datenschutzbehörde (DSB) wegen der Aufstellung einer Wildkamera dar, die Perdita zu unserer Überwachung installiert hatte, nachdem die hiesige Polizei auf Grund dieser Anzeige wieder einmal nicht reagiert hatte. Sie wurde nach langem Hin und Her schließlich abgebaut.



 Abb. 8: Erkenntnis des Landesverwaltungsgerichts vom 03.08.2020 zu Anzeigen von „Perdita“ gegen mich und ihrer erfolgten Weiterleitung durch die Polizei in Moosburg an die Bezirkshauptmannschaft (Ausschnitt).


Gesundheitliche Auswirkungen
Die Hauptlast der Verteidigung lag bei mir, denn ich hatte neben meiner Frau vier weitere Personen aus der unmittelbaren Nachbarschaft mit im Boot, die alle von Perdita angezeigt und von der Polizei verfolgt wurden. Das ging so weit, dass ich mit diesen Nachbarn bei ihren Vernehmungen durch die Polizei immer wieder dabei war, ihnen jahrelang Stellungnahmen für die Polizei, Staatsanwaltschaft, Rechtsanwälten, Versicherungen etc. fertigte und ihnen persönlichen Beistand leistete. Ihre diesbezüglichen ständigen Anrufe und Bitten wegen immer neuer Geschehnisse belasteten mich und bereiteten mir oft genug schlaflose Nächte – auf die Rolle ihrer Anwälte komme ich noch zurück.

Meine Frau und ich litten unter beträchtliche Herzproblemen, Panikattacken und erheblichen Schlafproblemen. Bei den notwendig gewordenen Arztbesuchen wurden uns jahrelang entsprechende Medikamente verschrieben. Durch den krankmachenden Terror und den Verleumdungen von Perdita und der fragwürdigen Polizeiarbeit wurde unsere Lebensführung sehr stark belastet und mein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend. Offenbar hatte die hiesige Polizei mit ihrer Verängstigungs- und Zermürbungstaktik auf diese Situation gesetzt. Auf Grund meiner Erfahrung mit meinem Dienstherrn (Kap. 9) wusste ich, dass Durchhaltevermögen wichtig war. Doch alles das erinnerte mich an meine katastrophalen Berufserlebnisse, was meine emotionale Reaktion noch verstärkte.


Hilfesuche bei nichtstaatlichen Stellen
Gottseidank hatte ich eine private Rechtschutzversicherung in der „Premiumversion“ mit entsprechender Rechtsberatung bei einer europaweit führenden Versicherungsgesellschaft abgeschlossen - so meinte ich finanziell gut abgesichert zu sein. Doch mein Widerspruch gegen die Bezirkshauptmannschaft (BH) wegen des zu Unrecht verfügten Ordnungsgeldes wurde mir als Belastung meines Kontos angerechnet. Das Argument: eine Rechtschutzversicherung kann die Anwaltskosten bei einem von der Behörde verlorenen Prozess nicht erstatten lassen. Schlimmer noch: man warf mich aus der Rechtschutzversicherung, obgleich ich kein einziges Verfahren verloren und die Anwaltskosten weitgehend selbst getragen hatte. Im Klartext hieß es, bezogen auf die Bediensteten der BH: alle widerrechtlich veranlassten Strafverfügungen konnten sich in dieser Form jederzeit zu Lasten der Bürger wiederholen, ohne dass die Verantwortlichen weder straf- noch disziplinarrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden, was mir aus meiner beruflichen Biographie bekannt vorkam (vgl. Kap. 9).

Die Beratungen durch die Rechtsanwälte im Fall Perdita bezogen auf die Nachbarn und auf mich würden ein eigenes Kapitel rechtfertigen. Um es in Kurzform abzuhandeln: mit einer Ausnahme half uns keiner in der Sache weiter. Denn es hieß, sie haben keine Chance gegen die Polizei – genauer gesagt, keiner der sechs verschiedenen Anwälte war überhaupt bereit, gegen das fragwürdige Handeln der Polizeibeamten vorzugehen. Eine kostenpflichtige Beratung eines von der Rechtsschutzversicherung empfohlenen TOP-Juristen, dem ich alle stichhaltigen Belege vorlegte, endete mit der schlichten Empfehlung doch lieber unser Haus umgehend zu verkaufen. Er meinte „sie haben keine Chance!“ Während ein anderer Fachanwalt „ein erhebliches Substrat an Amtsmissbrauch“ durch die Polizeibehörde feststellte, aber gegen die Straftäter vorzugehen lehnte er strikt ab.

Auch die Medien in Österreich stellen in Sachen Behörden- und Politikkritik einen Fall für sich dar, was ich in meiner Kontaktaufnahme zu vermeintlich kritischen Chefredakteuren schnell zu spüren bekam. Alle meine diesbezüglichen Anfragen bei der so genannten „Vierten Gewalt“ verhallten unerhört – von einem Berufsethos im Interesse des Rechtsstaats war weit und breit nichts zu hören und zu sehen. Beim Privatsender ATV fand ich 2019 schließlich in der Sendereihe „Mein Recht! Ich geb nicht auf“ Aufmerksamkeit.[1]  Doch man beschränkte die Vorfälle auf eine zivilrechtliche Angelegenheit, denn auch hier war der Amtsmissbrauch der Behörden vollständig ausgeklammert. Deshalb ging es dem Moderator lediglich um eine Zivilklage gegen „Perdita“. Nach zwei Folgen der Sendereihe und mehreren Gerichtsverhandlungen samt einem verlorenen Prozess verkauften Perdita und ihre Mutter schließlich ihren Hausteil im August 2020 (Abb. 9). Heute lebt dort eine nette italienische Familie mit ihren zwei älteren Kindern und einem Hund und es trat der langersehnte Frieden ein.


Abb. 9: Screenshot aus der ersten ATV-Sendung „Mein Recht! Ich geb nicht auf“ mit dem Moderator und Rechtsanwalt Dr. Christian Horvath mit uns an unserem Haus, 2019*)



Tragödie einer Großfamilie
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12.3.  Auswanderung - die Zweite – Tragödie einer Großfamilie.
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Mit unserer zweiten Auswanderung kamen auch unsere beiden Töchter mit nach Österreich und fanden hier eine entsprechende Arbeitsstelle und Wohnung. Dabei wurden die Traditionen zu den Festtagen wie bisher fortgesetzt, d.h. beide Töchter kamen stets zu uns, wobei die jüngste Tochter ihren spanischen Freund mitbrachte, der kaum deutsch sprach und versuchte als Taxifahrer zeitweise tätig zu sein. Was sich bereits in Spanien mit unserem Sohn abzeichnete, fand in Österreich eine unerwartete Fortsetzung. So erhielten wir Anfang 2012 eine eigenartige E-Mail, in der er uns angeblich mitgeteilte, das wir 2011 Großeltern geworden sind. Wir ließen uns auch auf die folgenden E-Mails ein, die allesamt mit dem Namen unseres Sohnes unterschrieben waren und glaubten, dass sie tatsächlich von ihm stammten. Erst später erfuhren wir, dass unser Sohn gar kein Interesse hatte uns zu informieren bzw. Kontakt aufzunehmen. Seine Frau hatte mit seinem Namen unterschrieben und uns somit wieder einmal getäuscht. Ihre Motivation blieb dieselbe – sie erhoffte sich über die Geburt des Enkelsohns materielle Vorteile.

Alles das bemerkten wir erst viel später, wobei wir auch erfuhren, dass sie bereits 2006 in Las Vegas geheiratet und sich ein Haus in der Oberpfalz gekauft hatten. Geblendet von der Tatsache Großeltern zu sein, verzichteten wir auf die für eine Versöhnung notwendige Aussprache zu bestehen. Und so kam es wie es kommen musste. Wir gaben uns bei ihren Besuchen ganz unserer alten Gepflogenheiten mit unserer einseitigen Zuwendung trotz der bedenklichen alten und neuen Betrugsgeschichten unsere Schwiegertochter hin. So übernachteten sie bei uns im Haus, wurden nach ihren Wünschen täglich bewirtet, bekamen Geschenke und Tagegeld für ihre Ausflüge, wurden zum Essen eingeladen und der Enkelsohn würde tagsüber von uns betreut, damit sie allein aktiv sein konnten (Abb. 10).

Und ich machte für unseren Sohn einen Termin im Unfallkrankenhaus aus und begleitete ihn dabei, damit er einen fachlich fundierten Befund zu seinem Schulterproblem erhielt, wozu er offensichtlich in Bayern nicht in der Lage war. Bei einem seiner Tagesausflüge in eine Therme beschwerte er sich darüber, dass meine Beigabe von 100 Euro zu wenig war, was mich erstmals stutzig werden ließ. Ganz abgesehen davon erhielten wir von ihm keinerlei emotionale Reaktion. Ganz im Gegenteil, er beschwerte sich darüber, dass er mehrmals im Jahr mit dem Auto rund 450 Kilometer nach Kärnten fahren sollte, was allerdings allein von der Schwiegertochter ausging. Alles das erschien mir immer befremdlicher, zumal es bei seinen Gesprächen ausschließlich um ihn ging und ihn unsere Situation und schwerwiegenden Belastungen der Vergangenheit überhaupt nicht interessierten. Insofern dachte er nie daran uns vielleicht einmal zu einem Besuch bei ihm einzuladen.


Abb. 10: Trügerische Idealbilder von uns als Großeltern mit unserem Enkelsohn.


Großeltern sein?
Darüber hinaus belastete uns ihr Umgang mit dem Enkelsohn sehr, da er in keiner Weise kindgerecht oder gar empathisch erzogen wurde, was insbesondere durch die Schwiegertochter u.a. in körperlichen Züchtigungen ausartete. So ließen sie den Enkelsohn mit seinen dreiviertel Jahren über Nacht bis morgens zehn Uhr einfach in seiner übervollen Windel liegen. Abends legten sie eine Flasche Orangensaft mit ins Bett, damit er sich selbst versorgen sollte.

Das Ergebnis: das Fläschchen lief aus dem Sauger langsam aus und das Bett war ebenfalls durchnässt. Und es kam wie es kommen musste. Nach eineinhalb Jahren unserer einseitigen Aufmerksamkeit eskalierte es bei einem gemeinsam vereinbarten einwöchigen Urlaub in Kroatien mit der jüngsten Tochter und ihrem spanischen Lebenspartner und meiner Frau in einem angemieteten Ferienhaus. Ich war bei unseren Hunden daheim geblieben und hatte irgendwie kein gutes Gefühl bei dieser Reise. Es war offensichtlich zu viel, dass auch unser Sohn seinen Anteil zur Hausmiete und zum Essen zahlen musste. Nach zwei Tagen schlechter Stimmung rasteten unser Sohn und die Schwiegertochter aus, beschimpften und maßregelten hochaggressiv meine Frau in übelster Weise.


Abb. 11: Unsere Schwiegertochter bei uns mit ihrem Sohn (unser Enkel) in unserem Wohnzimmer.


Dem psychischen Zusammenbruch nahe zog sich meine Frau wortlos zurück, packte in der Nacht ihren Koffer und vereinbarte mit der jüngsten Tochter gemeinsam am Morgen abzureisen. Danach erhielten wir von unserer Schwiegertochter, wiederum mit der Unterschrift unseres Sohnes u.a. folgende Zeilen „Wenn ein Mann den Himmel bespuckt, ist der Himmel nicht besudelt. Die Spucke fällt vielmehr in das Gesicht des Spuckenden zurück.“ Unser Sohn hat sich bis heute nie mehr bei uns gemeldet. Für uns hieß es damals, dass es definitiv der letzte „Versöhnungsversuch“ war, zumal Sohn und Schwiegertochter uns das Leben zur seelischen Qual machten und wir unsere Gesundheit vor ihnen zu schützen hatten. Es ging uns danach psychisch und körperlich sehr schlecht und wir waren deswegen in ärztlicher Behandlung. Dabei kamen wir zu der gemeinsam zu der Überzeugung den Sohn loszulassen, zumal er die Beziehung zu uns nie suchte und auch gar nicht wollte. Die Schwiegertochter erlebten wir als berechnende eigennützige und selbstsüchtige Materialistin, die allein auf ihren Vorteil bedacht war (Abb. 11). Mit ihrem pathologischen Kaufen hatte sie immer schnell eine Wunschliste an sinnlosen Geschenken für uns bereit, die nicht ausgepackt in ihrem Haus lagerten und sie verschiedentlich über eBay wieder zum Kauf anbot.

Nun sah ich die Aufgabe, uns mental friedvoll von unserem Sohn zu verabschieden und in Demut hinzunehmen, was wir nicht ändern konnten. Und unser Enkelsohn? Eine gute Beziehung zu ihm führt nur über einen halbwegs normalen Kontakt von uns zu seinen Eltern. Natürlich hätten wir damals ein gesetzlich geregeltes Kontaktrecht bei Gericht beantragen können, doch damit hätten wir ihn zwischen zwei Stühle gesetzt, was wir zum Wohle des Kindes nicht veranlassten.


Der entbehrliche Kampf ums Überleben
Aber das sollte noch nicht die letzte Prüfung hinsichtlich unserer Kinder und Enkelkinder sein. Was mich bei den Geschehnissen um meine Frau und meinen Sohn in Kroatien stutzig machte, war die Tatsache, dass unsere jüngste Tochter und ihr Lebenspartner es nicht für nötig hielten irgendwie einzugreifen. Das Ganze hatte eine Vorgeschichte, die mit ihrer Übersiedelung von Spanien nach Wien mit ihrem spanischen Freund begann. Während die Tochter eine gutdotierte Stelle bekam, blieb der Freund auf einfache Aushilfejobs angewiesen und blieb der deutschen Sprache kaum mächtig. Als ich mich bei meiner jüngsten Tochter darüber beschwerte, dass wir im Gegensatz zu den Eltern ihres spanischen Freundes noch nicht einmal ihre neue Wohnung in Wien kennenlernten durften, ging sie auch darauf nicht ein, durfte ich bei einem eigens durchgeführten Wienbesuch ihre neue Wohnung nur sehr kurz besichtigen.

Unabhängig davon stand ich unserer jüngsten Tochter stets helfend zur Seite: ob es ihre massiven arbeitsrechtlichen Probleme mit einer Stiftung oder ihr angestrebter Kauf eines Hauses etc. war. Oder auch bei einem vorzeitigen Abgang einer Schwangerschaft hatten wir ihr viel Mut gemacht. Anderseits wurden wir als Eltern nie bei ihr daheim eingeladen, ob zu ihren Geburtstagen, Weihnachten und zu anderen Feiertagen. Mehr noch: unsere jüngste Tochter definierte ihre Liebe zu uns ausschließlich über unser Verhalten zu ihrem spanischen Freund, für den wir alles nach ihren Vorstellungen zu tun hatten. Wir ließen uns darauf ein, um sie nicht zu verlieren.

Es war ein völlig einseitiges ständiges Geben von uns an ihn. So wurde er nach seiner Wunschliste zum Geburtstag und Weihnachten von uns üppig beschenkt. Zudem überließ ich ihm meine komplette jahrelange wissenschaftliche Arbeit für seine Dissertation zur Pferdeethologie. Bei jedem seiner Besuche bei uns bauten wir ihn psychisch auf, was er mit den Worten quittierte „jetzt habe ich wieder Energie!“ Dabei war er in all den Jahren nicht imstande durch selbst verdientes Geld sich selbst im Alltag durchzubringen und brachte schamlos das Ersparte unserer Tochter mit einer fünfstelligen Summe mit ihr durch.

Der Gipfel für mich war, dass er mir gegenüber erklärte, dass uns seine uns Eltern massiv schlechtmachten, obgleich sie uns gar nicht kannten und er das guthieß. Für mich waren die Besuche zunehmend energieraubend, wobei ich nach den Übernachtungen bei uns nervlich und körperlich fix und fertig war.  Auch deshalb baten wir unsere jüngste Tochter immer wieder vergeblich um eine Aussprache. Sie war von sich selbst sehr eingenommen und maßlos bei ihren Feststellungen über sich selbst, wie z.B., dass sie eine „Weltstimme“ besitzt, was niemals irgendein Gesangslehrer feststellte. Außerdem übertrieb sie ihre Leistungen maßlos und erwartete ständig entsprechende Anerkennung dafür. Ihre Selbsteinschätzung steigerte sich in Arroganz und Hochmut. Das ging so weit, dass sie angeblich die abwegige Eingebung hatte, dass nicht sie, sondern unsere älteste Tochter sich allein um uns im Alter zu kümmern hätte. Als die jüngste Tochter schwanger wurde, frohlockte ihr Lebenspartner, der nach wie vor nicht in der Lage war sich selbst materiell über Wasser zu halten: „ich bin jetzt bereit für ein Kind.“ Und es hieß nun: wir heiraten und wir werden eine Hausgeburt durchführen.

Als Begleiter von drei gesunden Hausgeburten wusste ich genau, dass eine erhebliche Mitverantwortung für ein gutes Gelingen beim Ehemann liegt und sah hier schwarz. Doch es kam noch anders:  bei der Hochzeit wurden wir vollkommen ausgeschlossen und Fragen nach einem Hochzeitsgeschenk wurden ignoriert. So erhielten wir keine Reaktion auf unsere Hochzeitskarte, bekamen nie die versprochenen Hochzeitsfotos und wurden auch nicht zum ebenfalls versprochenem nachträglichen Hochzeitsessen eingeladen. Das gleiche betrifft auch ihre beiden Geschwister.

Bei der Kontrolluntersuchung warnten zwei Ärzte die Tochter ausdrücklich vor einer Hausgeburt wegen einer vorliegenden gefährlichen Infektion. Aber sie wusste alles besser und auch ihr Ehemann, der eine Ausbildung beim spanischen Roten Kreuz hatte und studierter Biologe war, griff hier nicht ein. Beide setzten damit das Leben ihres Kindes aufs Spiel und es kam zu einer häuslichen Frühgeburt in Anwesenheit ihrer Hebamme, die am nächsten Tag ihren Urlaub antrat und noch für eine Ersatzhebamme gesorgt hatte. Das neugeborene Mädchen schrie nach der Geburt unaufhörlich, wobei es unser Schwiegersohn nicht für nötig hielt, sie als Notfall sofort in eine Klinik zu bringen. In einer SMS an uns, die er auf unsere sehr besorgte Nachfrage schickte, hieß es „Alles bestens!“ (Abb. 12). Sie ließen das Kind 24 Stunden lang schreien, bis es schließlich dehydrierte und kollabierte und nur durch die zufällig anwesende neue Hebamme reanimiert und vor dem sicheren Tod gerettet werden konnte! Der Säugling wurde umgehend in die Kinderklinik gebracht, um ihm das Leben zu retten.


Abb. 12: Unsere zurückhaltende ängstliche Anfrage bei unserem Schwiegersohn zum Wohlergehen von unsere Tochter Linda am 1. Tag nach der Geburt und die Antwort des Schwiegersohns.


Dann erhielt ich von Linda einen Hilferuf aus dem Krankenhaus, ich sollte dringend zu ihr kommen und ihr helfen, obgleich ihr Mann ständig bei ihr war und sie wusste, dass ich selbst einige Tage später zur Operation ins Krankenhaus musste. Ich kam ihrer Bitte nach und wurde unter Schmerzen von meiner Frau und der ältesten Tochter in einer vierstündigen Autofahrt nach Wien gefahren. Was ich dort erlebte war traumatisch für mich, denn die Ärzte kämpften um das Überleben unserer Enkeltochter. Zudem erlaubte die jüngste Tochter nicht, dass meine Frau und ihre Schwester das Neugeborene sehen. Als ich die Intensivstation betrat, ahnte ich Schlimmes und verlangte ein Vier-Augen-Gespräch mit der behandelnden Oberärztin.

Der medizinische Befund war eine Katastrophe: das Kind hatte eine perinatale schwere Meningitis, kämpfte ums Überleben, wobei die ersten Medikamente nicht anschlugen und sich der Zustand verschlechterte. Die von mir allein aufgesuchte Oberärztin erklärte, dass bei den Neugeborenen mit Folgeschäden zu rechnen ist. Epileptische Anfälle wären dafür die ersten Anzeichen, mehr konnte man aus medizinischer Sicht nicht prognostizieren. So versuchte ich noch für meine Tochter eine mögliche psychologische Betreuung aufgrund der Vorfälle zu erhalten, was sie aber strikt ablehnte.

Das sträfliche Versagen beider Elternteile war für mich unfassbar, denn statt aufrichtiger Reue für ein unverantwortliches Fehlverhalten wurde tatsächlich von beiden behauptet, dass sie ihrem Kind das Leben gerettet hätten. Als meine Frau den Schwiegersohn im Krankenhaus zur Rede stellte, warum er nichts unternommen hätte, konnte er nichts entgegnen, schrieb aber einen unverschämten Brief, indem er uns vorschrieb, was wir zu tun und zu lassen hätten und dass er von uns Trost erwartet hätte.  Meine Frau schrieb viele E-Mails an Linda und kämpfte um die Beziehung zu ihr, aber die Tochter brach die Beziehung zu uns ab. Um es vorweg zu nehmen, meine Frau hat bis heute ihre Enkeltochter nicht kennengelernt und auch ich habe sie nach meinem Krankenhausbesuch nie mehr gesehen, obgleich wir ständig darum baten.

Schließlich erhielten wir eine letzte E-Mail von Linda, in der sie uns kurzfristig mitteilte, dass unsere Enkeltochter bei ihren spanischen Schwiegereltern in Spanien in einer Woche katholisch getauft wird. Dabei nahm sie unsere Absage zur Taufe vorweg, was einer Ausladung gleichkam. Unsere Tochter und auch ihr Mann, der vorgab schlechte Erfahrungen mit der katholischen Kirche gemacht zu haben, hatten eine katholische Taufe stets ausschlossen. So hieß es zuvor, dass sie evangelische getauft und unsere älteste Tochter die Taufpatin sein wird. Die Taufpatin wurde nun jedoch eine Arbeitskollegin der jüngsten Tochter aus Wien. Außerdem erfuhren wir nie, wie unsere Enkeltochter mit vollständigem Vor- und Nachnamen heißt und welche Nationalität für sie beantragt wurde. Und auch nach der Taufe blieben alle unsere Bemühungen sie einmal kennenzulernen vergeblich; wir haben sie bis heute nie gesehen. Das bedeutet, unsere Enkeltochter durfte uns und ihre deutschen Wurzeln nie kennenlernen, was für ihre Entwicklung zweifellos wichtig gewesen wäre. Dabei hieß es noch während der Schwangerschaft von unserer Tochter „ihr seid die besten Großeltern der Welt“ und meine Frau wird die Erste sein, die ihr erstes Kind in den Armen hält.

Durch unsere älteste Tochter erfuhren wir, dass unsere Enkeltochter immer wieder unter schweren epileptischen Anfällen trotz starker Medikamente leidet, was mich im Hinblick auf die Ursache besonders schmerzt. Die Vorgänge und Zusammenhänge der Hausgeburt und alles was danach geschah nahmen uns die Lebensenergie und Lebensfreude mit entsprechenden gesundheitlichen Reaktionen, die noch zwei Jahre danach eine intensive medizinische Betreuung erforderten. Bald wusste ich, dass ich mich unbedingt von dieser Last befreien musste, um keinen zweiten Infarkt zu erleiden. Am Ende des Verarbeitungsprozesses hatte ich jegliches Vertrauen in meine jüngste Tochter verloren. Und ich schäme mich wegen ihrer Art und Weise, eine derartige Hausgeburt durchgeführt zu haben. Dazu gehört auch, dass sie zu ihrer veröffentlichten Vita im Internet falsche Angaben machte und vorgab Dipl.-Kauffrau, Mutter von zwei Kindern und verheiratet zu sein, obwohl sie da schon zwei Jahre geschieden war.

Nachdem wir fünf Jahre lang nichts mehr von ihr gehört hatten, stand sie im August 2021 plötzlich unangemeldet mit einem Leihwagen vor unserer Haustür. Bei ihrer eiskalten Begrüßung stellte sie fest „dass die Familienbande durchschnitten sind!“ Ich bat sie hineinzukommen, damit sie es meiner Frau selbst sagen sollte, um jegliche Missverständnisse auszuschließen. Auf die Nachfrage, warum sie sich nicht vorher angemeldet hatte, entgegnete sie unterkühlt „das habe ich so gewollt!“ Und sie wiederholte, dass die Familienbande durchschnitten sind! Nachfragen warum sie unsere Gesprächswünsche stets ablehnte und wir die Enkeltochter nicht kennenlernen durften ignorierte sie.

Da ich merkte, dass uns beiden die Situation gesundheitlich nicht bekam, sagte ich im ruhigen Ton zu ihr, dass es besser ist, wenn sie jetzt geht. Daraufhin ging sie zu ihrem Auto, drehte sich lachend um und wiederholte, dass das Familienband durchschnitten ist und fuhr davon. Meine Reaktionen waren Atemnot und starke Herzschmerzen - ich fühlte mich elendig und befürchtete einen Infarkt. Um die Nacht zu überstehen nahmen wir beide starke Beruhigungsmittel. Auch einen Tag danach fühlten wir uns leer, unruhig und ohne jede Energie. Wir konnten diesen Auftritt unserer jüngsten Tochter immer noch nicht fassen. Meine Frau empfand es als sehr wichtig, die Tochter wegzuschicken, da sie schlimmste Reaktionen bei uns beiden befürchtete.


Annehmen was nicht zu ändern ist
In unserer Gesellschaft sind die Eltern immer schuld, wenn es Probleme mit den Kindern gibt, was gelegentlich durchaus so sein kann, aber nicht grundsätzlich so sein muss. In unserem Fall haben wir uns selbstkritisch diese Fragen immer wieder gestellt und wir kamen zu dem Schluss, dass in Anbetracht der „wunderschönen Kindheit“, von der alle Kinder stets berichteten, dass dies offensichtlich keine Ursache für ihr Verhalten sein kann. Auch dass wir ihre Lebenspartner bei uns aufnahmen, ihnen halfen und wie unsere eigenen Kinder behandelten und beschenkten ist eine jahrelang praktizierte Tatsache. Gegenliebe erfuhren wir dafür von beiden Schwiegerkindern nicht, im Gegenteil wir wurden hintergangen und belogen und als schlechte Menschen beschimpft, was uns nicht daran hinderte, sie immer wieder bei uns aufzunehmen.

Unser Arzt, der uns über zehn Jahre lang begleitet hatte, diagnostizierte bei beiden Kindern mit hoher Wahrscheinlichkeit Psychosen, wie Schizophrenie und eine narzisstische Neurose. Es scheinen genetisch Anlagen vorzuliegen, die sich im Zusammenleben mit ihren Partnern „einschalteten“ („DNA-Expression“). Bei unserem Sohn wurde während seines Studiums, in der er mit seiner späteren Frau zusammenlebte, von einer Psychiaterin eine „schizophrene Episode“ diagnostiziert. Hierauf folgten bei ihm weitere schizophrene Schübe. Unter der starken emotionalen Verarmung, dem Realitätsverlust, den Trugvorstellungen und unter dem narzisstischen Verhalten beider Kinder litten wir sehr. Die übersteigerte Selbstbewunderung der eigenen realitätsfernen oder erlogenen Leistungen bzw. einzigartigen Talenten machte uns einfach nur sprachlos. Einfühlungsvermögen in Gefühle und Bedürfnisse anderer waren ihnen fremd, dafür traten sie uns mit Neid, Arroganz und Hochmut gegenüber.

Derartige Verhaltensmuster gelten als nicht therapierbar, insofern war das friedvolle Loslassen beider Kinder ein wichtiger Prozess für mich, zumal ich Ihnen nicht mehr helfen kann und bei allen verzweifelten Versuchen dabei selbst zugrunde gehen würde. Unser Leitbild „Erziehung ist Vorbild der Rest ist Liebe“ war für die spätere Entwicklung unserer zwei Kinder unbedeutend.

Es bleibt ein tieftrauriges Thema meiner Biographie, denn wir müssen uns für den Rest des Lebens vor den Kontakten zu beiden Kinder schützen, worunter auch unsere Enkelkinder zu leiden haben. Zugleich sind wir aufgerufen, uns nicht verbiegen zu lassen und unseren Lebensabend positiv mit Lebensfreude zu gestalten. Um anstehenden Erbschaftsstreit zu vermeiden, haben meine Frau und ich testamentarisch unsere älteste Tochter als Alleinerbin bestimmt, wobei der Pflichtteil an die beiden jüngsten Kinder ausdrücklich ausgeschlossen wurde. Bei allem Leid sind wir sehr dankbar, dass wir unsere älteste Tochter haben, die sich liebevoll um uns kümmert und der wir immer wieder helfend zur Seite stehen.

 

Eine unerwartete Sterbebegleitung
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12.4.  Auswanderung - die Zweite – Eine unerwartete Sterbebegleitung.
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2016 ging es mir auf Grund der Geschehnisse mit unserer jüngsten Tochter und Enkeltochter überhaupt nicht gut. Um meinen Herz- und Panikattacken entgegenzutreten befand ich mich in ärztlicher Behandlung. Ein Jahr zuvor hatten meine Frau und ich regelmäßig telefonischen Kontakt zu meiner über 90-jährigen Schwiegermutter Elisabeth, da ich an der Familienforschung zur Linie meiner Frau arbeitete. Dabei bemerkte ich, dass sie es schön fand, dass sich überhaupt jemand dafür interessierte. Als sich Elisabeth im Sommer 2016 aus dem Krankenhaus in Duisburg meldete, war sofort klar, dass es ein Notruf war. In einem Telefonat mit der behandelnden Ärztin, erfuhr ich, dass sie alle Untersuchungen ablehnte. Meine Frau konnte sie davon überzeugen, dass es das Beste für sie ist, wenn ich sie zu uns hole. Entgegen ihrem oft sturen „nein(!)“, kam ein sehr klares „ja(!)“. Sie wollte plötzlich zu uns nach Kärnten ziehen und einen kleine Wohnung beziehen. Meine Frau und ich suchten im Umkreis unseres Wohnorts nach entsprechenden Möglichkeiten. Aber für uns stand fest, dass sie erst einmal bei uns wohnen sollte. Es war mir klar, dass ich ihren gesamten Haushalt aufzulösen und den Umzug nach Österreich zu organisieren hatte, was sich zu einem wochenlangen Parforceritt ausweiten sollte.

Um sie nach Kärnten zu holen, flog ich Ende August nach Köln-Bonn, um mit ihr am nächsten Tag zurückzufliegen. Was ich nach meiner Ankunft am Spätnachmittag in ihrer Duisburger Wohnung vorfand, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen. Seit langer Zeit sah ich sie als 93-Jährige wieder und als sie von weitem vor ihrer Wohnungstür meinen Namen rief, drehte ich mich um, damit sie meine Erschütterung nicht sah. In ihrer Wohnung erlebte ich, was eine eiskalte Leichenfledderei ausmacht. Ihre Verwandten hatten Wochen zuvor ihre gesamte Wohnungseinrichtung, die immer ihr Stolz war, völlig auseinandergenommen, ohne Rücksicht darauf, was sie zum Alltagsleben brauchte, um den Rest mir allein zu überlassen. Das Ausmaß der Habgier bewegte mich tief und ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Als ich sie fragte, wer alles bei ihr war, hörte ich auch von unserem Sohn und unserer Schwiegertochter.

Beide kamen einige Wochen zuvor eigens aus Bayern angereist, um an dem letzten Hab und Gut ihrer Oma teilzuhaben – da stand ein Umzug noch nicht im Raum. So musste Elisabeth, die eine mittellose Rentnerin war, ihnen das Hotel für die Übernachtung, die Benzinkosten und 450 Euro für die Anreise zahlen. Beide ließen sich von ihr zum Essen im Restaurant einladen und sie nahmen u.a. ihr teures, über Jahrzehnte erspartes Lieblingsservice von Rosenthal mit, um es später bei eBay zu verhökern. Ich schämte mich zutiefst über ein derart raffgieriges, mitleidloses und würdeloses Verhalten unseres Sohnes und seiner Frau, zumal er als gutverdienender Mann seiner alten Oma und Witwe mit schmaler Rente wieder einmal das letzte Geld aus der Tasche zog. Über die Kindererziehung ihres 5-jährigen Urenkelsohns, war meine Schwiegermutter erschüttert. Er „brauchte“ noch einen Schnuller, saß wie ein Kleinkind nur in der Karre und kroch beim Essen im Restaurant ständig schreiend auf dem Boden herum. „Der Jung` tut mir wirklich leid, stell` dir vor, wenn der erst mal in die Schule kommt, der wird schwer gemobbt (…) der hat es `mal sehr schwer im Leben“, sah Elisabeth das Leben ihres Urenkels voraus. Als sie mitbekam, wie der 5-Jährige seine Mutter mit den Fäusten schlug, meinte sie „wenn der groß ist, vielleicht schlägt er sie tot“. Als sie hörte, wie sich ihr Enkelsohn uns gegenüber verhalten hatte, war sie entsetzt. Auch was den Partner ihrer jüngsten Enkeltochter anging konnte sie überhaupt nicht verstehen, „warum tut sie sich so etwas an, sie ist doch sonst so praktisch“, waren ihre Worte, „wie kann man so`nen Schaluppi (Ruhrpott-Dialekt) eigentlich heiraten, der nix taugt, der nie in der Lage ist sich selbst oder ein Kind zu ernähren.“ Und als sie von den Geschehnissen um die katastrophale Hausgeburt mit der Reanimation des Neugeborenen hörte und dass sie uns bis heute unser Enkelkind vorenthält, war sie fassungslos. Dann erzählte sie mir noch, dass unsere jüngste Tochter sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Duisburg besuchen wollte, wobei Elisabeth ihr zusicherte, dass sie die gesamte Flugreise bezahlt. Doch sie hat sich nie mehr bei ihr gemeldet.

Nach den Gesprächen suchte ich mit ihr gemeinsam von dem übrig gebliebenen Inventar aus, was sie unbedingt mit nach Kärnten nehmen wollte und packte es für den Rückflug am nächsten Tag bis in die Nacht hinein in zahlreiche Taschen und Koffer. Die Nachtstunden im Hotel verbrachte ich schlaflos die Vorkommnisse mit ihren Verwandten und unseren Kindern hatten mich zu sehr erregt. Am Morgen hatte ich plötzlich das Gefühl, dass mich meine zwei Schutzengel begleiteten, die mir bei meinem Nahtoderlebnis begegnet waren. Plötzlich war ich ganz ruhig, obgleich ich die enormen Flugängste meiner Schwiegermutter kannte und sie als 93-Jährige ihren ersten Flug und die Auswanderung vor sich hatte. Am Flugplatz hatte ich das Rote Kreuz mit einem Rollstuhl organisiert, die sie bis zur Abfertigung brachten und ich die schweren Koffer hinter mir herschleppte. Elisabeth drehte sich oft nach mir um und fragte stets sehr sorgenvoll: „Manfred, bist du noch da? (…) lass mich nicht allein (…) ich wäre hier ganz verlassen.“ Beim Sicherheitscheck konnten wir mit den Rote-Kreuz-Helfern einen separaten Eingang nehmen, wobei einige Habseligkeiten beim Durchleuchten natürlich auffielen. Der Mitarbeiterin vom Sicherheitspersonal erzählte ich wie alt Elisabeth sei und dass es ihr erster Flug ist, um die Stimmung aufzulockern. Die Kontrolleurin war ganz begeistert von den alten, selbst gehäkelten Deckchen, Taschentüchern etc., die sich zuhauf in ihren Tragetaschen befanden. Entzückt rief sie ihre Kollegen, um die „Kostbarkeiten“ zu bewundern. Soviel positive Aufmerksamkeit tat Elisabeth sichtlich gut.

Nachdem wir als erste Passagiere mit dem Rollstuhl direkt in die Maschine kamen, weihte ich den Chefsteward über die Situation des ungewöhnlichen Fluggastes ein und Elisabeth war für das Flugpersonal Mittelpunkt des Fluges. Sie lebte förmlich auf, da alle so nett zu ihr waren. Dabei musste sie schrecklichen Bilder vom Fliegen durch ihren Mann im Kopf gehabt haben, der bei der Luftwaffe im 2. Weltkrieg Dienst tat. Als ich sie vorsichtig fragte „willst Du gerne am Fenster sitzen?“ kam sofort die verblüffende Antwort „Ja natürlich, da kann ich alles besser sehen!“ Bei herrlichem Flugwetter wollte ich ihr noch klar machen wie das Flugzeug abhebt, doch da waren wir auch schon in der Luft und sie meinte „wir fliegen ja schon und ich merke ja nix!“ Als ich ihr die Landschaftsteile, Siedlungen, Wälder, den Rhein, die Seen und die Städte erklärte, wurde richtig euphorisch „das ist so wunderschön hier oben!“ Zwischendurch kam der besorgte Chefsteward mehrmals und bemühte sich rührend um sie. Elisabeth meinte zu ihm, dass er einen so schönen Beruf hätte, denn er sei immer über den Wolken. Plötzlich meinte sie, dass ihr Mann ihr immer nur Angst vorm Fliegen gemacht hätte und sie das überhaupt nicht verstehen kann.

Als wir die schneebedeckten Zentralalpen erreichten und sie den Schnee auf den Bergen entdeckte, war sie kaum noch zu halten „stell dir vor Manfred, du fliegst mit einem Drachen durch diese Täler, wie wunderschön!“ und sie machte dabei mit ihren Händen die Flugbewegungen nach. Im Anflug auf den Flughafen Klagenfurt fragte sie mich spontan „wie lange fliegt man denn nach Petersburg?“ Vielleicht drei Stunden, meinte ich und sie entgegnete „das ist wunderschön, das machen wir ´mal.“ Als die Maschine bereits zum Landeplatz rollte, wollte sie unbedingt den Kapitän sprechen und sich bei ihm persönlich für den wunderschönen Flug bedanken. So fragte ich den Chefsteward, ob dies möglich sei. Der Pilot bat sie in das Führerhaus, wo sie beim Anblick der vielen Armaturen fasziniert war. Sichtlich aufgeregt lobte sie ihn, dass er so grandios geflogen wäre, es ihr erster Flug mit 93 Jahren war und sie jederzeit wieder fliegen würde. Beide Piloten lachten und erklärten ihr noch, wie sie den Airbus fliegen. Beim Verlassen des Airbus A319 sicherte ich ihr noch zu, dass dies sicher nicht ihr letzter Flug sei. Davon war sie felsenfest überzeugt.

In den folgenden Tagen hatte ich zahlreiche Belange des Umzugs zu klären. Für mich war es ein großer Vertrauensbeweis, dass sie alles aus ihren Händen gab, da sie zuvor ihr ganzes Leben immer selbst geregelt und bestimmt hatte. Wir räumten für sie unser Schlafzimmer und schliefen im Keller unseres Hauses. Täglich unternahmen wir mit ihr kleine Rundfahrten durch die sonnendurchflutete Landschaft Kärntens, wobei ich das Leuchten in ihren Augen sah.

Karin übernahm ihre Körperpflege und sie genosses bei dem herrlichen September-Wetter auf unserer Terrasse zu sitzen, wo sie einen 180-Grad-Blick auf die Karawanken hatte (Abb. 13). Wir konnten mit ihr Lachen, alte Erinnerungen aus Duisburg wiederaufleben lassen und sie sah ihr Enkelkind - unsere älteste Tochter - wieder. Außerdem genoss sie Karins Mittagsgerichte und Kuchen und sie mochte die liebenswürdige Art der Kärntner sehr, wenn wir mit ihr ins Café oder zum Essen gingen. Sie liebte ihre neu gekaufte Daunendecke mit Kopfkissen und ihre neuen Schuhe und meinte „nee, so wat gibt et nich mehr in Duisburg“.


Abb. 13: Oma, Mutter und Schwiegermutter Elisabeth wird in unserem Haus gepflegt; (unten) mit ihrem ältesten Enkelkind - unserer Tochter - auf ihrem Lieblingsplatz in unserem Haus; ihr letztes Foto mit unserem spanischen Mischling Felix (16. 09. 2016).

Es überkamen mich zwiespältige Gefühle als ich von meiner Schwiegermutter mehrfach hörte „Manfred, die Zeit hier ist die schönste Zeit meines Lebens.“ Einerseits machte es mich traurig, dass sie so lange darauf warten musste, andererseits freute es mich, dass wir ihr noch so schöne Stunden in Kärnten bescheren konnten. Und sie war fest davon überzeugt noch länger zu leben „drei Jahre, ja dat schaff` ich noch“, meinte sie. Ihr Wunsch sollte nicht erfüllt werden.

Knapp vier Wochen nach ihrer Auswanderung nach Österreich brach sie abends vor dem Fernseher zusammen und spuckte viel Blut. Auf der Intensivstation wurde ein Speiseröhrenkrebs im Endstadium festgestellt, wobei wir sie bei unserem letzten Besuch auf der Intensivstation nur noch im künstlichem Koma erlebten – drei Tage später verstarb sie.

Nachdem wir ihre Beerdigung organisiert hatten wollte ich ihr am Grab noch etwas sagen, aber ich schaffte es seelisch einfach nicht, da meine Energie am Ende war. So schreibe ich es hier: „Spanne die Flügel deiner Seele weit aus und fliege, fliege wie du es immer wolltest durch die wunderschönen Täler deiner geliebten Berge und sei endlich frei und glücklich: dein Ziel ist ein wunderschönes neues zuhause mit wundervollen lieben Herzmenschen, die dich in Empfang nehmen und dich endlich verstehen und so lieben wie du bist. Nimm dabei die letzte Zeit mit uns in wunderschöner Erinnerung mit. Nun bist du endlich frei und du weißt wie wunderschön die Schöpfung ist, dessen wunderbarer Teil du bist. Wir werden dich nie vergessen.“

 

Corona-Pandemie 2020: "Menschen - Freiheit – Grundrechte"
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12.5.  Auswanderung - die Zweite – Corona-Pandemie 2020: "Menschen - Freiheit – Grundrechte" .
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In der Corona-Politik sah ich die Chance, mich für die Gesellschaft in Österreich zu engagieren. Bereits beim ersten Aufkommen von Maßnahmen gegen die Pandemie 2020 kamen mir viele politische Entscheidungen suspekt vor. So lagen u.a. keinerlei objektiven fachlich fundierten Erkenntnisse zu den neu entwickelten COVID-19-Impfstoffen vor. Zur Durchsetzung des politischen Willens wurde die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, was ein altbewährtes und probates Mittel ist, damit der Normalbürger nicht mehr seinen normalen Menschenverstand nutzt. Die Regierenden gewannen mit ihrer Angstpolitik immer mehr an Macht über die verschreckten Bürger, um ihnen dann die „richtigen Lösungen“ zu verordnen und ihnen eine fragwürdige Sicherheit durch eine Schutzimpfung vorzugaukeln. Zugleich nahm man den Bürgern, mangels rückhaltloser Aufklärung, die Freiheit selbst Verantwortung zu übernehmen und hebelte durch Lockdowns, Maskenpflicht und vielfältige COVID-19-Maßnahmenverordnungen die Grundrechte aus. Zu allem Überfluss gab es in Österreich keine Möglichkeit per einstweiliger Verfügung dagegen vorzugehen.

Rund ein Jahr später wurde vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) derartiges Vorgehen dutzendfach als gesetzes- und verfassungswidrig verurteilt. Das provozierte die Frage, wer bei der Pharmaindustrie mit ihrem weltweit größten Geschäft aller Zeiten alles mitverdient hat, zumal sich die Impfstoffe unbegründet und unbeschränkt exorbitant verteuerten. In verdächtiger Eintracht verbreiteten Politiker, Lobbyisten, willfährige Beamte, die Einheitsmedien und sogenannte Experten die angeblich hohe Wirksamkeit und völlige Bedenkenlosigkeit der neuen COVID-19-Impfstoffe. Zudem fand kein wissenschaftlicher Diskurs – wie sonst üblich - zur Problematik dieser völlig neuartigen umstrittenen Gen-Substanzen statt. Und damit nicht genug: wider aller demokratischen Regeln polarisierten die verantwortlichen Politiker und die Einheitsmedien die Bevölkerung in unerträglicher Weise in Impfbefürworter (Gutmenschen) und Impfgegner. Letztere stellte man pauschal als Verschwörer, Rechtsradikale und gewaltbereite Kriminelle an den Pranger, die zu einer unerträglichen Belastung für die Gesellschaft geworden waren.

Die Folge: über ein Fünftel der nicht geimpften Bevölkerung, die sich aus berechtigten Bedenken nicht impfen ließen, wurden beschimpft, ausgegrenzt, denunziert und mit Ordnungsgeldern oder auch Gefängnis bedroht. Um kritische Ärzte und integre Wissenschaftler zum Schweigen zu bringen, überzog man sie mit Disziplinarverfahren, diffamierte und verunglimpfte sie pauschal in aller Öffentlichkeit.

Auf Grund dieser Entwicklung gab ich nach reiflicher Überlegung meinen Grundsatz auf, parteilos zu bleiben und hoffte Ende 2021 als aktives Mitglied bei der neu gegründet österreichischen Partei „Menschen – Freiheit – Grundrechte (MFG)“ einen entsprechenden Beitrag zur Aufklärung der ungeheuerlichen Vorgänge und Zusammenhänge leisten zu können. So arbeitete ich als wissenschaftlicher Beirat ehrenamtlich für die Zentrale in Wien und war im Landesvorstand Kärnten als Landeskoordinator der wissenschaftlichen Beiräte in Kärnten aktiv (Abb. 14).  Innerhalb von drei Monaten verfasste ich für das Programm der Bundespartei mehrere Expertisen, wobei das Ganze für mich zu einem Fulltime-Job ausuferte.


Abb. 14: Auszüge aus der Internetseite der MFG des Bundesvorstands mit meiner Vorstellung als Wissenschaftlicher Beirat, Anfang 2022 (Screenshots).

In meiner ersten Expertise ging es mir um den „staatlichen Aufklärungsnotstand und die Nebenwirkungen von COVID-19-Impfstoffen.“ Der Hintergrund: es gab keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse für eine allgemeine Impfpflicht hinsichtlich ihrer Effektivität, Wirksamkeit sowie zu den Nebenwirkungen. Zudem fehlte eine objektive Aufklärung für alle Bürger. Andere wissenschaftliche Beiräte der MFG machten bei ihren Recherchen zu den verabreichten Impfstoffen erschreckende Entdeckungen, was ein eigenes Thema darstellt. Meine Hauptarbeit bestand in der Erarbeitung eines Parteiprogramms zum Thema „Öffentlicher Dienst“.[1]  Hierbei ging es darum, geeignete Maßnahmen gegen die unzulässigen Verflechtungen von Beamtentum und Politik festzulegen. Nach dem Beamtengesetz haben Beamte einen Schutzschild bei politischen Willkürakten für die Bürger und ihr Gemeinwohl zu bilden. Also postulierte ich Regeln für die Weisungen von Politikern an Bedienstete im öffentlichen Dienst. Zugleich begründete ich die Abschaffung des Amtsgeheimnisses und der Schweigepflicht für Beamte und definierte u.a. die Disziplinarfunktion neu. Und für den Fall der Erstellung von verfassungswidrigen Verordnungen durch Bedienstete, wie z.B. bei vielen COVID-19-Maßnahmenverordnungen, forderte ich, dass sie persönlich in Haftung genommen werden und nicht die Fürsorge- und Haftpflicht des Dienstherrn in Anspruch genommen werden kann.

Die Verfilzung von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik lag bei der verfehlten Pandemie-Politik für mich auf der Hand. Für das Parteiprogramm der MFG verdeutlichte ich, dass willfährige wissenschaftliche Bewertungen und Gefälligkeitsgutachten gegen das Grundrecht auf Unparteilichkeit und Weisungsfreiheit in der Wissenschaft verstießen. Andererseits war die individuelle Wissenschaftsfreiheit als verfassungsrechtlich gewährleistetes Grundrecht durch staatliche Eingriffe nahezu außer Kraft gesetzt. Insofern forderte ich, dass externe Mitarbeiter („Leihbeamte“) von Konzernen, Wirtschaftsverbänden etc., die hochsensible Daten von Bürgern verarbeiteten, abzuschaffen sind. Des Weiteren trat ich für den „einstweiligen Rechtsschutz“ bei allen Verwaltungsakten und Gesetzgebungen in Österreich ein, die in die Grund- und Freiheitsrechte des Bürgers eingreifen. Derartige vorläufige Entscheidungen haben als Eilverfahren eine aufschiebende Wirkung, wodurch die Effektivität des Rechtschutzes gewährleistet ist. Darüber hinaus verlangte ich eine frühzeitige Bürgerbeteiligung bei politischen Projekten und Vorhaben und die direkte Demokratie.

Bei meiner Expertise für das Parteiprogramm kam ich mit einem Verfassungsrichter am Obersten Österreichischen Verfassungsgerichtshof (VfGH) in Kontakt, der mit mir als Wissenschaftlicher Beirat arbeitete. Er unterstützte meine dargelegten Auffassungen im Parteiprogramm vollumfänglich. Für mein ehrenamtliches Engagement legte ich von Anfang an fest, dass es mir nicht um lukrative Partei-Posten geht, da ich schnell merkte, dass es einigen Vorstandsmitgliedern auf Bundes-und Landesebene sehr wohl um persönliche Vorteile und gewinnbringende Parteiposten ging, die sie versuchten durch Intrigen durchzusetzen. Hierbei sollte es u.a. zu unerlaubten Mitschnitten von angeblich brisanten Telefonaten gekommen sein. Mein Vertrauen in die blutjunge Partei, die sich offensichtlich selbst zerfleischte, war grundlegend erschüttert, sodass ich meine Mitgliedschaft in der MFG nach einem Vierteljahr enttäuscht beendete. Auch der Kärntner Parteiobmann verließ die MFG und gründete eine neue Partei. Bezeichnenderweise wurden nach meinem Parteiaustritt meine Programmpunkte in das Parteiprogramm der MFG aufgenommen.[1]

Bereits ein Jahr nach Beginn der staatlichen COVID-19-Verordnungen mit Lockdowns, Maskenpflicht und Impflicht zeigten sich in der Gesellschaft die ersten Kollateralschäden. Nicht wenige verloren ihre Existenz und zu allem Überfluss musste man feststellen, dass die COVID-19-Impfstoffe gar keinen Schutz vor der Coronavirus-Erkrankung, wie bei einer „Schutzimpfung“ üblich, gewährleisteten. Zudem blieb man den Nachweis der (Herden)Immunität, wie z.B. bei der Pockenimpfung schuldig.

Als immer mehr gesundheitliche Probleme mit anhaltenden physischen und psychischen Erkrankungen nach den Massenimpfungen auftauchten, bestritt man einen Zusammenhang mit den Impfstoffen. Für mich liegt es auf der Hand, dass eines Tages die Dimensionen des Corona-Skandals, das fragwürdige Zustandekommen von Notzulassungen, die Impfschäden und die Rolle der Pharmaindustrie, Politiker, Beamten, „Experten“ und Einheitsmedien ans Tageslicht kommen werden und wer hieran alles kräftig mitverdiente. Derzeit sitzt man die vielen heiklen Fragen wieder einmal aus, indem man verlangt, doch endlich mit dem Thema aufzuhören. Das erinnerte mich an viele Ungeheuerlichkeiten in der Geschichte und auch an die dubiose Vereinbarung mit meinem Dienstherrn, in der ich als Beamter zum Schweigen und zum Verlassen des Landes veranlasst wurde.[2]

Meine Frau und ich schlossen uns nicht der Panikmache an und ließen uns nicht impfen, wobei wir auch in der Vergangenheit Schutzimpfungen nicht grundsätzlich ablehnten. Wir beobachten bis heute aufmerksam die diesbezüglichen Entwicklungen, wobei unser Vertrauen hinsichtlich der sogenannten Expertenmeinungen, den politischen Veranlassungen und den medialen Berichten auf null gesunken ist. Als unser Corona-Test 2022 einmal positiv ausfiel, lag ich drei Tage mit Fieber, wie bei einer Grippe im Bett – meine Frau dagegen hatte keinerlei Symptome. Danach hatte ich keinerlei Probleme und mein Immunsystem zeigte sich in einer sehr guten stabilen Verfassung und bis heute habe ich keinerlei Erkrankungen mehr.

In der Phase der Lockdowns war es kein Problem für uns, unser Alltagsleben umzustellen, wenngleich der soziale Kontaktverlust und die Diffamierungen in einer gespaltenen Gesellschaft schmerzlich waren. Mit Rucksäcken und Verpflegung bepackt unternahmen wir in dieser Zeit besonders viele Wandertouren in der herrlichen Kärntner Berglandschaft, aus der wir sehr viel Energie schöpften.

Anmerkungen
1. „Diskussionspapier zum Aufbau der Fachgruppe „Öffentlicher Dienst“: Ein Beitrag zur Programmatik der MFG, 09. Januar 2022;“ übernommen in das Parteiprogramm der MFG zum Öffentlichen Dienst: https://www.mfg-oe.at/parteiprogramm/oeffentlicher-dienst/.

2.Auch rund 30 Jahre nach meiner vorzeitigen dubiosen Ruhestandsversetzung versuchte man bei der Geschichte des Oberpfälzer Freilandmuseums, wie z.B. bei Wikipedia, meine Urheberschaft des Museums und die wahren Umstände, die zu meiner Ablösung geführt hatten, zu verschweigen. Bei meinen mehrfachen Interventionen die Wikipedia-Seite mit faktischen Belegen zur Entstehungsgeschichte des Museums und die Literatur- und Quellenangaben fortzuschreiben, hieß es im November 2022 von Wikipedia „das ist zu tendenziös“ und es würde sich ja nur um eine „lapidare Korrektur“ handeln. Erst mit den diesbezüglichen Gerichturteilen des Landgerichts von 1996 und des Oberlandesgerichts Nürnberg von 1997 zu meiner Urheberschaft des Freilandmuseums erreichte ich bei Wikipedia im Dezember 2022 eine entsprechende Korrekturanmerkung: https://de.wikipedia.org/wiki/Freilandmuseum_Oberpfalz.

 

Sich selbst vertrauen und aufrecht bleiben
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12.6.  Auswanderung - die Zweite – Sich selbst vertrauen und aufrecht bleiben.
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Vor unserer Auswanderung nach Österreich hätte ich die neuen Aufgaben und Prüfungen des „neuen Lebens“, die mich in diesem Land erwarteten, kaum für möglich gehalten. Und nach vielen Jahren in dem Alpenland stellte sich für mich die Frage, ob ich mich nach allen Erfahrungen von den sozialen Engagements und Aktivitäten endgültig zurückziehe. Die neun Jahre Drogen- und Behördenterror, die zwei Jahre massive Lebenseinschränkung als nicht geimpfte deutsche Zuwanderer, mein jahreslanges soziales Engagement in der unmittelbaren Nachbarschaft und meine aktive ehrenamtliche Parteiarbeit in der MFG hatten mich zusammengenommen sehr viel Energie gekostet. Hinzu kamen die familiären Tragödien mit unserem Sohn und der jüngsten Tochter sowie mit den beiden Enkelkindern.

Es machte sich bei mir der Eindruck breit, dass ich mit meiner sozialen Art immer wieder in die gleiche Falle tappte. Hinzu kamen meine vierte Bruch-Operation und die Herzattacken durch die familiären Vorfälle und dem nachbarschaftlichen Drogen- und Behördenterror. Doch ich blieb bei mir selbst und veröffentlichte unter den besagten Umständen drei populärwissenschaftliche Monografien zu ganz unterschiedlichen Themen und verfasste zahlreiche Artikel (Abb. 15).

Abb. 15: Publikationen „Erde in Not (2017)“, in galizischer Sprache für Nordspanien 2020 übersetzt („A degradación invisible do solo“); „Verwahrloste Migration (2018)“; Lexikon der Pferdesprache, Neuauflage von 2020; „Lexikon der Pferdesprache (2011)“ als niederländische Übersetzung (2011) und französische Übersetzung (2012); Screenshot eines Artikels in CAVALLO aus einer Serie zu wissenschaftlichen Erkenntnissen der Pferdeseele.


Sie betrafen die weltweit ökologische Problematik der schwindenden fruchtbaren Erde, die Verwahrlosung der europäischen Migration und den artgerechten Umgang mit Hauspferden. Außerdem nahm ich Kontakt zu Filmproduzenten in Wien auf und verfasste Drehbücher für zwei Filme auf Grundlage meiner Bücher „Erde in Not“ und „Lexikon der Pferdesprache“.

Damit nicht genug: mit Karin besuchte ich 2018 einen Chor mit Teilnehmern „60 plus“, um Pop- und Rocksongs einzustudieren. Während ich mangels Stimmqualität aufgab, konnte Karin mit dem Chor „PopRockVoices“ bereits nach drei Monaten zahlreiche Auftritte für gemeinnützige Zwecke u.a. im Stadttheater Klagenfurt,[1]  der Klagenfurter Messe, im Casineum Velden Erfolge u.a. mit den Songs „Tears in Heaven“, „The Rose“, „We Will Rock you“ und „Lollipop“ verzeichnen (Abb. 16). Durch die Corona-Pandemie ging der Chor, den ich weiterhin unterstützt hatte, leider auch auseinander.


Abb. 16: „PopRockVoices“ 2018 bei ihren Auftritten (Karin siehe Pfeil), Stadttheater Klagenfurt (Bild oben), Casineum Velden (Bild unten).


2018 eröffnete ich auf YouTube „Omamas Kinderkanal“ für Karin und drehte Videos von ihr, wie sie Märchen erzählte, Kinderlieder sang und die Geschichte unserer drei geretteten spanischen Hunde erzählte. Jede Woche wurden neue Geschichten und Lieder aufgenommen, bis wir auf Grund der Aktivitäten im Chor den Kanal aufgaben. Eine weitere Leidenschaft gaben wir dagegen nie auf: das Bergwandern mit unseren Hunden, wobei uns die Tagestouren u.a. nach Slowenien und Italien führten und wir die anschließende Einkehr in eine Jausenstation bzw. Buschenschank genossen oder uns auf eine in Rucksäcken mitgenommene Brotzeit freuten (Abb. 17). Weitere Städtetouren innerhalb von Österreich und eine Reise nach Mallorca folgten. Die Balearen-Insel hatten wir nach knapp zwei Jahrzehnten wieder einmal besucht und waren entsetzt, wie heruntergekommen sich alles durch den Massentourismus entwickelt hatte. Es war klar, Spanien würde uns nie mehr wiedersehen, es war alles zu schockierend für uns.


Abb. 17: Bergwandern bis in den Schnee (Friaul und Kärnten 2015-2021).


Nach meiner Bypass-Operation Weihnachten 2006 musste ich mir mangels klinischer Rehabilitationsmöglichkeit in Spanien selbst ein Reha-Programm zusammenstellen. In diesem mehrdimensionalen Programm ging es u.a. um regelmäßige gymnastische und mentale Übungen, tägliche Bewegung mit unseren spanischen Hunden und um eine gesunde, ausgewogene Ernährung. Bei einem konstanten Gewicht von um die 74 kg und einer Körpergröße von 1, 89 Meter stellte sich bei mir das dauerhafte Gefühl des Wohlbefindens ein. Darüber hinaus zeigten die Blutanalysen bereits gut ein Jahr nach der Operation optimale Werte, so dass ich alsbald alle Medikamente absetzen konnte.

Nach Aussagen eines Wiener Kardiologen zeigte 2014 die Befunduntersuchung ein medizinisches Phänomen: die Vernarbung durch den Herzinfarkt hatte sich vollständig aufgelöst. Der Mediziner meinte, dass ich den Erfolg meines autodidaktischen Reha-Programms unbedingt publizieren sollte, was ich wegen anderer Veröffentlichungen bis heute noch nicht verwirklicht habe. Als sich bei mir 2022 unerwartet ein zunehmendes Herzstolpern einstellte, dass der behandelnde Arzt als Extrasystolie ohne AP-Symptomatik und Dyspnoe diagnostizierte, wurde auch von mir eine psychosomatische Reaktion angenommen. Das lange Schreiben an meiner Biographie hatte zu viele alte Wunden aufgerissen, sodass ich meine autobiographische Arbeit stoppte. Außerdem bemerkte ich eine zunehmende körperliche und psychische Schwäche, die trotz konsequenter Beibehaltung meines ganzheitlichen Reha-Programms von einem anhaltenden Muskelschwund begleitet wurde. Die herkömmliche Auffassung, dass man im 75. Lebensjahr mit derartigen körperlichen Hindernissen und Befindlichkeitsstörungen leben muss, wollte ich nicht akzeptieren.

Nach längerer Recherchen entschloss ich mich Anfang 2023 für das Kickbox-Training mit einem Personal Trainer der Sportwissenschaft und Trainingstherapie. Erschwert wurde meine Entscheidung jedoch durch einen jahrzehntlang vorhandenen essentiellen Tremor im rechten Arm, dessen Ursachen bei den neurologischen und physiologischen Untersuchungen nicht geklärt werden konnte. Und so trat er konsequent in der ersten Trainingsstunde auf. Mein Kickbox-Trainer und Sportwissenschaftler Christian war jedoch der festen Überzeugung, dass es sich hierbei allein um eine „Fehlschaltung“ im Gehirn handelt. Durch meine Studien zur Verhaltensbiologie und den neurologischen Vorgängen bei Emotionen im Gehirn bei höheren Lebewesen war ich zu der Überzeugung gekommen, dass durch das Kickboxen völlig neue und komplexe Bewegungsabläufe trainiert werden. Dadurch versprach ich mir, dass sich andere Verschaltungen im Gehirn bilden, zumal das Gehirn fähig ist, sich bis ins hohe Alter zu verändern und umzubauen.

Hinsichtlich meines Armtremors ging ich von der Theorie aus, dass sich die Bildung der Synapsen als nervliche Reaktionen auf eine anhaltende psychische Überbelastung bei mir zurückführen lässt. Die „synaptische Plastizität“ kann die Effektivität der Übertragung durch eine „Langzeitpotenzierung“ aus meiner Sicht nicht nur verstärken, sondern auch vermindern oder sogar ausgeschalten. Weiterhin nahm ich an, dass es durch das Kickbox-Training zu einer kompletten Neubildung von Synapsen kommt, die andere Verschaltungen, die den Armtremor provozieren, zurückhalten bzw. ausschalten können.

Was dann in der zweiten Trainingsstunde geschah, war für mich völlig unerwartet: der Tremor war vollständig verschwunden! Mehr noch: auch an allen anderen Tagen blieb er beim Heimtraining und beim professionellen Training bis heute aus. Indessen zeigte er sich im Alltag auch weiterhin, wie beim Anheben einer Kaffeetasse, wenngleich die Bereitschaft dazu abgenommen hat. Die psychische Auswirkung des Kickboxens ist bemerkenswert: ich konnte einen hohen Stressabbau und ein bislang unbekanntes Wohlbefinden nach dem Sport verzeichnen, was noch einen Tag danach anhält. Zudem fühle ich mich ruhiger und gelassener in Alltagssituationen. Insofern ist die Vorfreude auf das Training größer als bei jeder anderen sportlichen Aktivität, die ich zuvor betrieben hatte. Und auch das Herzstolpern ist nach wenigen Trainingseinheiten nahezu verschwunden. Durch die zusätzliche tägliche Einnahme von BCAA Aminosäuren und Omega 3 –EQ sowie die gezielte Zufuhr von Proteinen stellte bereits nach eineinhalb Monaten ein muskulärer Aufbau im gesamten Körper ein, der bei gleichbleibender Lebensführung und Ernährung zu einer Gewichtszunahme von zwei Kilogramm führte. Insofern bleibe ich gespannt auf meine weitere Entwicklung.

Anmerkung
1. https://www.youtube.com/watch?v=RA-Co7YGeb4



Epilog
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13.  Epilog
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Jede Biographie beschreibt auch das Lebensleid, das ich immer wieder gespürt habe. Rückblickend würde ich das mir zugestoßene Leid als Lebensprüfung und Lebensaufgabe bezeichnen. Als Nachkriegskind von vertriebenen Eltern legte meine Mutter mir meine Heimat ans Herz: „Du bist ein Duisburger Jung´“ meinte sie immer wieder zu mir und lachte, wenn ich aus Spaß Duisburger Dialekt sprach. Westdeutschland war zwar mein Geburtsland, wurde aber letztendlich nicht meine Heimat. Allerdings gehörte ich zu den privilegierten Nachkriegskindern, denn ein Viertel meiner Generation war vaterlos. Und ich hatte das Glück durch meine Eltern in Geborgenheit und Sicherheit aufzuwachsen und dadurch Lebensmut und Vertrauen für das Leben zu bekommen. Trotz allem kamen meine Eltern nie in Westdeutschland an. Besonders zu Weihnachten spürte ich mit den Tränen meines Vaters den Verlust ihrer Heimat. Und meine Mutter wiederhole oft „man kann mir alles nehmen, aber meine Ehre nie“ und „Wissen ist Macht, das kann dir keiner nehmen!“ Diese Glaubenssätze sollten auch für mich von Bedeutung sein.

Während der Erschließung der Familiengeschichte habe ich mich selbst immer wieder in den Ahnen wiedererkannt. Es waren ursprünglich Kolonisten, die von Mitteleuropa in den slawischen Teil Osteuropas zogen, um das Land zu kultivieren und eine Existenzgrundlage für die nachfolgenden Generationen zu schaffen. Dabei kam es immer wieder zu schwerwiegenden Schicksalsschlägen, die viele meiner Vorfahren mit übermenschlichen Leistungen demütig meisterten. Mittlerweile hat die (neuro)epigenetische Forschung belegt, dass sich bestimmte erlernte Verhaltensweisen der Vorfahren vererben, d.h. dass auch Spuren ihrer individuellen Erlebnisse sowie erlernte und erworbene Fähigkeiten weitergegeben werden. Dieses angelegte Verhalten muss von den Nachfahren aktiviert werden, sodass es nicht wieder verlernt und weitervererbt wird.

Bei dieser Art der epigenetischen Vererbung geht es nicht nur um die Stärken der Vorfahren, sondern auch um ihre negativen Erfahrungen, psychische Leiden und Traumata, wie sie in meinen beiden Familienlinien zuletzt durch die beiden Weltkriege vorlagen. Hierin ist offenbar auch die Bereitschaft für die Selbstmorde meines Vaters und meiner Schwester zu suchen. Und auch für mich war der Suizid meines Vaters ein Psychotrauma, das drohte mich vollkommen aus der Bahn zu werfen. Durch die Beschäftigung mit der Mentalitätsforschung bemerkte ich sehr viel später, dass ich das ostdeutsche Denken und Fühlen in meiner Jugend- und Lebensliebe Karin fand - ihre Vorfahren waren ebenfalls Kolonisten. Sie half mir mit ihrer besonderen Lebensart meine Depression zu überwinden.

Allerdings erforderte die Bewältigung von psychischen Ausnahmensituationen stets eine erhebliche Verhaltensänderung von mir. In jedem Schicksalsschlag, traumatischen Erlebnis und jeder tiefgreifenden sozialen Ungerechtigkeit lag zugleich die Chance meiner geistigen, seelischen und spirituellen Weiterentwicklung. Es galt die Niederschläge als Lebensprüfung und Lebensaufgabe zu verstehen und anzunehmen und sich seiner Stärken bewusst zu sein. Dabei war es für mich wichtig, dass die tiefen Wunden der Seele nicht mein Herz besiegten.

Meine Nahtoderfahrung hat mir klargemacht, dass mir mein überzeugtes Geben aus Liebe ein übervolles „Haben-Konto der Liebe“ bescherte, das mich heute glücklich, dankbar und voller Freude leben lässt. So war ich mit vollem Herzen ein dreifacher Familienvater und blieb, ungeachtet des herzlosen Verhaltens von zwei unserer erwachsenen Kinder, bei meiner versöhnlichen Haltung. Führe ich mir das Verhalten beider Kinder vor Augen, so macht sich die Einsicht breit, dass sie nicht das Produkt unserer Erziehung sind, dass sich allein über das Vorbild der Eltern definieren lässt, so wie es uns die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“ der 1960/70iger Jahre Glauben machen wollten. Hier waren ihre genetischen Anlagen wesentlich stärker.

Bereits kurz nach der Geburt sollte ich die Vorstellungen meines Vaters erfüllen, denn er steckte mir einen Zollstock in den Arm meinte stolz „der kleine Baumeister ist da!“ Obwohl ich seine Vorstellung übererfüllte, entdeckte ich nach meiner Promotion im Selbststudium meine vielfältigen Anlagen u.a. in der Pädagogik, Rechtswissenschaft und Kriminalistik sowie in der Ökologie, Gartengestaltung und Politik. Anderseits musste ich mir meine akademische und wissenschaftliche Laufbahn ohne „Vitamin B“ hart erkämpfen. Dabei hinterließ ich mit dem Oberpfälzer Freilandmuseum ein kulturgeschichtliches und ökologisches Vermächtnis. Als kritischer Autor zeigte ich die fragwürdigen gesellschaftsrelevanten Entwicklungen auf, und als zivilcouragierter Normalbürger ging ich gegen politische und behördliche Willkür vor. Darüber hinaus schreckte ich als Beamter – entgegen des anwaltlichen Rats - nicht davor zurück, gegen meinen Dienstherrn erfolgreich wegen Urheberrechtsverletzung vorzugehen. So legte ich den Finger in die Wunde faschistoider rückwärtsgewandter Machenschaften in der staatlichen Heimatpflege Ostbayerns. Als Privatmann sah ich mich auf der Seite hilfsbedürftiger Mitmenschen und Nachbarn. Wenngleich ich dabei immer wieder in menschliche Abgründe schauen musste, blieb ich bei meiner Nächstenliebe und Gastfreundschaft.

Andererseits bin ich aufgrund äußerst fragwürdiger Handlungen der christlichen Religionsgemeinschaften aus der evangelischen Kirche ausgetreten, was jedoch meinen Glauben an die christlichen Werte keineswegs zerstört hat. Mit dem Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg bin ich mit den demokratischen Werten erzogen worden, die mein Denken und Handeln bestimmten. Mit den Jahrzehnten stellte ich jedoch eine zunehmende Verwahrlosung der Demokratie fest. Es wurde mir klar, dass Banken, Pharmaindustrie und Waffenhersteller ohne Unterlass dafür Sorge tragen, dass wir uns verschulden, krank bleiben und Kriege führen. Zudem blieben die Einheitsmedien immer mehr bestrebt, dass wir die Wahrheit nicht erfahren, wobei die Regierung dafür sorgte, dass sich ihre dubiosen Machenschaften „legal“ bzw. ungestraft ausbreiten konnten.

Die Demokratie wurde uns nach dem verlorenen Weltkrieg vom Amerikaner vorgeschrieben, obwohl die Mehrheit der Deutschen sie gar nicht kannte bzw. wollte. Kein Wunder, dass in der Nachkriegszeit namhafte Nazi-Größen ungehindert in die Führungsämter von Politik und Wirtschaft aufsteigen konnten und die Justiz in ihrer überwiegenden Mehrheit aus Alt-Nazis bestand. So ist es kein Wunder für mich, dass es mit der Zeit zu einer zunehmenden Verlotterung des demokratischen Rechtsstaats kommen musste, was allmählich auch das Verhalten in der Gesellschaft veränderte.  Im Zuge der Wohlstandsverwahrlosung und den um sich greifenden sozial- und leistungsbedingten Verhaltensstörungen ging die Wertschätzung und der Respekt vor den Mitmenschen verloren, was sich u.a. in der Gleichgültigkeit gegenüber den sozial Schwachen und Kindern zeigt. Im Zuge des Werteverfalls etablierte sich eine egozentrische ICH-Gesellschaft, die u.a. dafür sorgte, dass eine aggressive Umgangsform und hasserfüllte Polarisierung in aller Öffentlichkeit gegenüber Andersdenkender nahezu ungeahndet stattfinden kann. Unter Mithilfe digitaler Medien wird bis heute der Müll aus manchen verwirrten bzw. kranken Gehirnen anonym und in der Regel straffrei entsorgt. Empathie und Mitgefühl sind als Bindeglieder von zwischenmenschlichen Beziehungen und sozialem Miteinander aus der Zeit gefallen und durch das „ICH will haben“ ersetzt.

Insofern ertrage ich die vielen von demokratischen Grundsätzen vollends entrückten Politiker und ihren Erfüllungsgehilfen aus den Behörden nicht, die der Gesellschaft ungebremst nachhaltigen Schaden zufügen. Beispiele aus Österreich in der Corona-Phase zeigten, wie spielerisch demokratische Grundregeln durch dubiose Verordnungen außer Kraft gesetzt werden konnten, die mangels einstweiliger Verfügung erst nach einem Jahr ihres Inkrafttretens vom obersten Gericht wieder aufgehoben wurden. Kein Wunder, dass mittlerweile die Mehrheit der Bürger ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie entwickelt hat, zumal der Weg zur Autokratie geebnet ist und eine Diktatur nicht mehr weit erscheint.


Abb. 1: Meine Frau Karin mit mir auf unserem geliebten Wörthersee (2016).


Lebensqualität im Alter bedeutet für mich körperliche und mentale Fitness und seelisches Wohlbefinden, was eine tägliche Selbstdisziplin erfordert. Außerdem bin ich sehr gerne mit Bekannten zusammen, von denen die meisten meine Kinder oder Enkel sein könnten. Im Alter gefällt mir insbesondere die Selbstbestimmtheit im Alltag, die wir auch als Paar gegenseitig sehr respektieren. Im Gegensatz zu früher fühle ich mich in dieser Lebensphase grundsätzlich viel wohler. Bei anhaltenden belastenden Gedanken hinterfrage ich stets die Realitäten und überprüfe, ob meine Gedanken darüber Sinn machen bzw. ob es realistische Alternativen und Lösungswege gibt.

Mein Alltagsleben definiert sich bis heute durch meine Beziehung zu meiner Frau Karin, mit der ich nicht nur viele Gemeinsamkeiten habe, sondern auch sehr viel Liebe und Verständnis empfange. Zu Gunsten unserer Kinder haben meine Frau und ich aus voller Überzeugung auf berufliche Karrieren verzichtet. Lebensfreude zu erfahren habe ich ihr maßgeblich zu verdanken, die mich über 57 Jahre lang stets durch alle tiefen Täler begleitete und mir beistand, wie auch ich ihr immer zur Seite stand (Abb. 1). Durch unseren „Ruhrpott-Humor“, der durch ostdeutsche Zuwanderer vor dem Krieg geprägt wurde, können wir auch heute noch jeden Tag über uns selbst lachen und den Menschen als Frohnaturen begegnen. Dabei bleiben wir bis heute aufgeschlossen, stellen uns neuen Aufgaben und Herausforderungen und sind immer bereit für einen Neubeginn.

Meine Gedanken an die Endlichkeit meines Daseins sind mit Dankbarkeit und Frieden erfüllt. Wie nie zuvor genieße ich das Jetzt und nehme meine liebende Frau Karin als ein wundervolles Geschenk wahr. Zudem bin ich sehr dankbar dafür, eine liebvolle und empathische älteste Tochter an unserer Seite zu wissen. Mein „Haben-Konto der Liebe“ kann mir keiner nehmen und es trägt eine Besonderheit in sich: es gibt mir im Alter ständig Energie und tiefen Frieden und lässt mich in Würde altern.

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