Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212

Ich bin für jeden Tag auf dieser Erde dankbar. Alles was geschehen ist, macht für mich im Nachhinein Sinn. Bis heute hatte ich wundervolle Begegnungen und Erlebnisse. Es gab traurige, von düsteren Wolken durchzogene Tage. Manchmal wusste ich kaum weiter. Doch das Leben schreitet voran und beschenkte mich immer wieder mit vielen Lernmöglichkeiten.
Warum schreibe ich meine Lebensgeschichte auf? Mit gut siebzig fand meine Mutter elf schreibmaschinengeschriebene Seiten. Eine ihr unbekannte Tante hatte einen Teil ihres Lebens dokumentiert. Mama und ich waren fasziniert. Plötzlich wurden wir Zeitzeugen der Lebensumstände am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Daraus entsprangen interessante Diskussionen. Wer weiss, vielleicht können die folgenden Zeilen eben solche Effekte hervorrufen. Und ich möchte meiner einzigen Tochter ein Stück Familiengeschichte hinterlassen. Also los, ich beginne .......

Am 7. Oktober 1959 verliess ich das wohlige warme Wasser im Bauch meiner Mutter. Gemäss den Erzählungen meines Vaters war der dunkelhäutige Arzt sicher, dass ich noch vor Ende seiner Schicht das Licht der Welt erblicken würde. Er sollte recht behalten. Um 21:00 Uhr hatte Frankreich, ich wurde in Mulhouse geboren, eine neue Bürgerin.
Frankreich - Schweiz
1960 zogen wir von Thann nach Rorschach an den Bodensee. Ich war das einzige Enkelkind, und meine Oma wollte uns in der Nähe haben. In ihrem Dreifamilienhaus war noch keine Wohnung frei. So zogen wir in ein Gärtnerhaus, welches zu einer Villa am See gehörte. Mein Vater fand rasch eine Anstellung als Fabrikarbeiter. Nebenher kümmerte er sich mit meiner Mutter um den Garten der Villa. Jahrelang war mein Vater ein hochdekorierter Berufssoldat in der Fremdenlegion gewesen. Nun war er Befehlsempfänger in einer Fabrik. Hinzu kamen noch die Vorurteile, welche Fremdenlegionären entgegengebracht wurden. Ein unschönes Beispiel war sein erster Arbeitsort zurück in der Schweiz. Bei der Aluminium Rorschach hatte man ihm wegen seiner Legionärsvergangenheit einen tieferen Anfangslohn bezahlt als den anderen Arbeitern.
Auch meine Mutter hatte mit dem Neuanfang in der Schweiz zu kämpfen. Anfang der Sechzigerjahre waren die Deutschen immer noch sehr unbeliebt. Kurz nachdem wir nach Rorschach gezogen waren, wurde meine Mutter darauf angesprochen, wie gut sie als Französin Deutsch sprechen würde. Meine Mutter reagierte nicht, erfuhr aber von Grossmutter, dass sie allen Bekannten erzählt habe, meine Mutter sei Französin. Was ja gemäss Pass stimmte. Allerdings wurde aus meiner deutschen Mutter nur eine Französin, weil sie in erster Ehe mit einem Franzosen verheiratet gewesen war.
Aus selbigem Grund hatte ich als Kind nie ein Dirndl bekommen. Alle meine Cousinen in Deutschland hatten eines. Kein Betteln half. Meine Mutter hatte zu grosse Angst, dass ich in der Schweiz als Schwabenkind ausgelacht werden würde.
Nach einem Jahr wurde im Haus meiner Oma die mittlere Wohnung frei.
In unserer Strasse gab es drei identische Häuser, die jeweils drei Wohnungen beherbergten. Meine Oma bewohnte das oberste Stockwerk, wir das mittlere. In der unteren Wohnung lebte eine Schweizer Familie mit erwachsenen Kindern. Später nach meiner Einschulung sollte, da meine Mutter wieder zu arbeiten begonnen hatte, Frau Spirig meine Betreuung vor und nach der Schule übernehmen. Die Spirigs kamen ursprünglich aus dem Rheintal. Das von dort stammende Gericht Ribel, ein süsser Maisbrei, lernte ich dank dieser Familie kennen und lieben.
In meiner Erinnerung war unsere Wohnung riesig. Ich hatte ein eigenes Zimmer von dem aus ich zum Nachbarhaus und in unseren Garten schauen konnte. Gegenüber dem Kinderzimmer war ein Gästezimmer mit Blick auf den Bodensee. Jahre später sollte dieses an eine Seminaristin vermietet werden.
Zwischen dem Gästezimmer und dem Wohnzimmer lag das Schlafzimmer meiner Eltern. Von dort aus hatte man Zugang zu einem kleinen Balkon mit Seeblick. Von der Stube aus genoss man ebenfalls Seeblick. Viele Abende verbrachten wir gemeinsam in der Stube und schauten fern. Mein Vater wählte was geschaut wird. Meine Mutter strickte sich durch alle Fernsehprogramme. Da wir an der deutschen und österreichischen Grenze wohnten, schauten wir hauptsächlich deutsches und seltener österreichisches Fernsehen.
Herzstück unseres Familienlebens war die Wohnküche. Mein Vater war gelernter Koch, meine Mutter kochte ebenfalls gerne und gut. Essen, vor allem gemeinsame Mahlzeiten hatten einen hohen Stellenwert in unserer Familie. Am Küchentisch wurden Nachrichten gehört, getafelt und über Gott und die Welt geredet.
Diesen Grundwert habe ich in mein Leben integriert. Ob das mit der Familie, mit Freunden oder Nachbarn ist, ist unwichtig. Hauptsache man isst, trinkt zusammen und führt interessante Gespräche. Die Freude am Kochen und Ausprobieren von Rezepten wurde mir sprichwörtlich in die Wiege gelegt.
Ganz zu Beginn meiner Erinnerungen hatten wir in allen Wohnungen Kohleheizung, später Ölheizung. Die zwei Schlafzimmer hatten keine Heizung. Das bedeutete, dass ich im Winter stets mit einer Wärmflasche ins Bett ging.
Gebadet wurde in der Waschküche im Keller. Wie oft wir das taten, weiss ich nicht mehr. Ich erinnere mich, dass zuerst meine Eltern jeweils in die Badewanne sassen, danach wurde ich im selben Wasser gewaschen.
Als das Haus Jahre später meinen Eltern gehörte, wurden Duschkabinen in die obere und untere Wohnung eingebaut. Meine Eltern waren auf die Mieteinnahmen angewiesen. Ohne Duschmöglichkeiten waren keine Mieter zu finden. Unsere Wohnung wurde mit einer Sitzbadewanne ausgestattet. Warmwasser erzeugte ein kleiner Durchlauferhitzer. Ach, wie beneidete ich Kameradinnen, die in einem Wohnblock mit richtigem Badezimmer wohnten.
Zu unserem Haus gehörte ein grosser Garten. Weder meine Mutter noch mein Vater konnten sich für Gartenarbeit begeistern. Nach dem Tod meiner Grossmutter wurde aus den Gartenbeeten Rasen. Ich kann das gut nachvollziehen, da meine Eltern beide berufstätig waren.
Im Sommer stand im Hof die alte Badewanne aus der Waschküche. Das war mein Swimmingpool. Gefühlt verweilte ich Tausende von Stunden im Wasser.
Bereits von sehr klein auf verbrachten wir, wenn Mama frei hatte, oder an den Wochenenden, viele Sommertage im Strandbad. Meine Mutter war Gott sei Dank auch eine Wasserratte. Ihr war wichtig, dass ich schnell schwimmen lernte. So bewegte ich mich bereits im Alter von vier wie ein Aal im Wasser.
Mit meiner Oma väterlicherseits verbinden mich schöne Erinnerungen. Sie verwöhnte mich. War ich oben bei ihr, setzte sie mich oftmals auf den Stubentisch und fütterte mich mit mundgerechten Käsestückchen mit Mayonnaise drauf. Sie nannte diese "Schnorräbrötli". Im Winter schälten wir gemeinsam Erdnüsse, um die Vögel damit zu füttern. Zu Weihnachten bekam ich ein Dreirad, blau mit roten Rädern. Meine Mutter fand das nicht so toll, denn wo sollte ich im Winter damit fahren. Oma löste das Problem, indem sie mich in ihrer Wohnung den Hausflur auf und ab fahren liess. Damit mein Dreirad eine Garage hatte, entfernte sie kurzerhand den Bürostuhl und ich durfte mein Dreirad unter dem gewaltigen Holzschreibtisch parkieren.
Leider wurde Oma krank und starb als ich viereinhalb Jahre alt war. Zur Beerdigung durfte ich nicht. Ich wurde als zu jung empfunden. Ich war traurig.
Nach dem Tod meiner Grossmutter bezog ein Ehepaar in den Vierzigern die Wohnung. Sie war Schweizerin, er Italiener. Herr Huldi war dem Alkohol sehr zugeneigt. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater Herrn Huldi des Öfteren an seinem Jackett hochziehen und in die Wohnung bringen musste. Ich fand das damals sehr lustig, Frau Huldi wohl nicht.
Dank dieser Familie wurden meine Eltern auf eine Familienpension in Bellaria (Italien) aufmerksam. Bereits mit fünf Jahren sah ich dort die Adria. Dies beflügelte meine bis heute ungebrochene Liebe zu See und Meer.
Sonn- und Feiertage
Feiertage, dazu gehörten für uns auch Sonntage waren schöne Familientage. Da meine Eltern keine Kirchgänger waren, hatte mein Vater Zeit ein feines Mittagessen zu zaubern. Meine Mutter machte sich derweil die Haare und die Fingernägel. Es wurde gut gegessen und gelacht. Später auch gestritten, wegen und mit mir.
Während der Lebenszeit meiner Eltern kann ich mich an ein einziges Weihnachtsfest ohne sie erinnern. Das war 1983 - es war furchtbar und tat unendlich weh. Mehr dazu später.
An einen speziellen Nikolaustag erinnere ich mich, als ob es gestern gewesen wäre. Ich vermute, ich war etwa 5 oder 6 Jahre alt. Ich war, wie schon an anderer Stelle erwähnt, ein eher ängstliches Kind. Meine Eltern und ich sassen im Wohnzimmer. Es klingelte. Meine Mutter führte einen wunderschön gekleideten Nikolaus und seinen Knecht Ruprecht ins Wohnzimmer. Zuerst erstarrte ich vor Ehrfurcht, danach aus Angst. Was er zu mir gesagt hat, weiss ich nicht mehr. Aber ich musste vor ihm hinknien und beten. Heute würde ich sagen, es war entwürdigend. Ich war total verängstigt.
Meine Eltern hatten die Situation richtig eingeschätzt. Von da an kam nie mehr ein Nikolaus in unser Haus. Er klingelte nur noch und legte seinen reich gefüllten Sack vor die Tür. Danke, liebe Eltern, das habt ihr gut gelöst.Erste Spielkameradin
In unserer Nachbarschaft gab es nur ein weiteres Mädchen in meinem Alter. Wie ich Eliane kennengelernt habe, weiss ich nicht mehr. Ich ging bereits in die Unterstufe. Ihre Mutter Annemarie wurde über die Jahre zur besten Freundin meiner Mutter. Ihr Ehemann Arthur war ein schwieriger Charakter. Nach der Trennung wurde Annemarie im übertragenen Sinn in unsere Familie eingegliedert. Mit Eliane spielte ich oft "Vater und Müetterlis". Am meisten genossen wir die Zeit nach Weihnachten. Eliane brachte ihre neuen Spiele oder Spielsachen zu mir. Somit waren wir den ganzen Tag beschäftigt. Meine liebste Erinnerung an Eliane war, als wir "Coiffeurlis" spielten. Sie war meine Kundin. Wir hatten vereinbart, dass ich ihr die Fransen schneiden würde. Eine gewöhnliche Schere kam dafür nicht infrage. Ich bevorzugte die gerundete Nagelschere. Gesagt getan! Uns Kindern hat das Resultat gut gefallen. Nicht aber ihrem cholerischen Vater. Ich sehe ihn heute noch laut polternd in unserem Treppenhaus. Meine Mutter konnte ihn beruhigen, doch von an traute ich mich nur zu Eliane, wenn ihr Vater ausser Haus war.
Ausser Eliane gab es einige Jungs in unserer Nachbarschaft. Ab der Mittelstufe spielte ich sehr gerne "Räuber und Poli" mit ihnen. Diesen Nervenkitzel, der auch durch Angst ausgelöst wurde, liebe ich noch heute in spannenden Filmen.
Lieblingsbeschäftigungen
Wie vermutlich beinahe alle Kinder liebte ich Gesellschaftsspiele. Meinen Vater konnte man dafür nicht begeistern, meine Mutter schon. In der kalten Jahreszeit spielten wir oft Mensch ärgere dich nicht und Halma. Das Schweizer Nationalkartenspiel, den Jass, lernte ich erst mit 65zig Jahren.

Mein Vater war sechsunddreissig, meine Mutter siebenunddreissig als ich das Licht der Welt erblickte. Ich war ein Wunschkind. Meine Mutter hatte all die Post meines Vaters an sie vor ihrer Hochzeit aufgehoben. Gute 63 Jahre nach meiner Geburt lass ich die Briefe und erkannte, wie sehnlichst sie sich ein Kind gewünscht hatten. Das tat meiner Seele gut.

Wer war meine Mutter
Meine Mama wurde im Juli 1923 in Ravensburg geboren. Sie war das fünfte von sieben Kindern. Ihre Mutter war Hausfrau, ihr Vater arbeitete als Briefträger bei der Deutschen Post. Die Familie bewohnte ausserhalb der Stadt ein Dreifamilienhaus. Mit Hilfe der bäuerlichen Verwandtschaft und dem Bewirtschaften eines grossen Schrebergartens kamen sie einigermassen gut durch schwierige Jahre. Sie durchlebten die Wirtschaftskrise, den Aufstieg und die Regierungsübernahme Hitlers und den Zweiten Weltkrieg. Mein Grossvater weigerte sich lange, Mitglied der NSDAP zu werden. Unter Androhung seine Stelle bei der Post zu verlieren, musste er irgendwann klein beigeben. Meine Mutter erzählte mir, dass es Pflicht war, ein Hitlerbild im Wohnzimmer aufzuhängen. Dies wurde von unangemeldeten Parteimitgliedern kontrolliert. Um dieser Schikane gerecht zu werden, hing mein Grossvater das Hitlerbild an die Wand hinter der stets offenen Wohnzimmertür.
Die Hitler-Ära war eine Zeit, in der sich grauer Nebel über Deutschland legte. Vieles wurde verschleiert, nicht angesprochen oder nachgefragt. Ich habe als junge Erwachsene oft mit meiner Mama über diese Zeit gesprochen und sie mit Fragen gelöchert. Ich konnte nicht nachvollziehen wie man lange nicht gemerkt haben wollte, was mit der jüdischen Bevölkerung passierte. Mama hat mir erzählt, dass natürlich jüdische Kinder plötzlich der Schule fernblieben. Man sagte ihnen damals lapidar, sie seien weggezogen. Nachzuhaken traute man sich nicht. Da blieb nur wegschauen.
Nach den obligatorischen Schuljahren absolvierte Mama die Handelsschule. Da sie keine Anstellung fand, durchlief sie zusätzlich eine Lehre als Metzgereiverkäuferin. Mitte des Zweiten Weltkrieges wurde sie eingezogen und zur Sanitätskrankenschwester ausgebildet. Auf einem Flughafen in Norddeutschland musste sie Dienst tun. An zwei sehr traurige Geschichten erinnere ich mich gut. Mama erzählte von einem alten Bauern, der mit einer Schubkarre seinen gefallenen Sohn nach Hause holte. Einen weiteren Einsatz musste sie als Zahnarzthelferin in einem Arbeitslager nahe der holländischen Grenze absolvieren. In einer Schublade horteten der Arzt und sie Brot für die Gefangenen. War ein Gefangener als Patient bei ihnen, bekam er neben der Behandlung ebenfalls etwas zu essen. Sie erklärte mir, wären sie aufgeflogen, hätte das schlimme Konsequenzen für sie gehabt.
Nach Kriegsende war die Bodenseeregion französische Besatzungszone. Es war üblich, dass junge Frauen Hausangestellte von Besatzerfamilien werden mussten. Mama hatte Glück, sie wurde einer hochrangigen französischen Offiziersfamilie zugeteilt. Zwischen ihr und der Familie entwickelte sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Als der Offizier in den Schwarzwald versetzt wurde, ging meine Mutter freiwillig mit. Sie blieb, bis sie heiratete. Der Kontakt zur Offiziersfamilie brach nie ganz ab. In den siebziger Jahren besuchten wir sie mehrmals in Südfrankreich.
Während der Jahre als Hausmädchen lernte meine Mama ihren ersten Mann Henry kennen. Auf Drängen ihrer Mutter heiratete sie und zog mit ihm ins Elsass. Wieder begann ein hartes Leben. Das Nachkriegsfrankreich hatte nicht auf eine Deutsche gewartet. Das junge Ehepaar hatte wenig Geld. In einer Spinnerei fanden sie Arbeit. An einem Samstagnachmittag 1954 wurde Henry von einem angetrunkenen jungen Mann auf seinem Motorrad überfahren und starb. Mama war mit dreiunddreissig verwitwet und lebte in einem Land, wo die Deutschen verhasst waren. Mama blieb in Thann. In Ravensburg hatte sie ihre Wurzeln verloren.
Denke ich an Mama, habe ich das Bild einer tüchtigen und lebensfrohen, eher rundlichen Frau vor mir. Trotz der schwierigen Jahre, die sie erlebt hatte, war sie eine der Welt wohlwollend zugewandte Person gewesen. Reisen war bis ins hohe Alter eine ihrer Leidenschaften. Ihre letzte Flugreise unternahm sie als 80-Jährige mit Kiran, meiner damals 11-jährigen Tochter nach Sardinien. Während meiner Zeit bei der Swissair profitierten sie und mein Vater von zahlreichen Flugvergünstigungen. Gemeinsam bereisten wir Südostasien, Afrika und natürlich Europa. Als ich in Chicago arbeitete, besuchte mich Mama alle paar Monate. Auch später als verheiratete Frau bin ich oft mit meinen Eltern in den Urlaub geflogen.
Ich erlebte meine Mutter als unkompliziert und aufgeschlossen. Zweifelte ich an mir, meinte sie immer: "Was andere können, kannst du auch!". Ich verinnerlichte diesen gut gemeinten Satz. Nachteilig wirkte sich aus, dass ich Mamas Ratschlag verstärkte. Es wurde ein oft hinderlicher Glaubenssatz, nämlich: "Was andere können, kannst du auch, aber besser!". Diese Aussage, die ich ausschliesslich mir zuschreibe, führte mich geradewegs auf die Schiene des Perfektionismus. Obwohl ich dieses Thema bearbeitet habe, lächelt mir diese Eigenschaft auch heute noch ins Gesicht.
Einen Charakterzug, den ich von Mama abgeschaut habe, ist es allen recht machen zu wollen. Meine Mutter hat sich eher zurückgenommen, als Ansprüche gestellt. Im Alltag wurde dieses Attribut wohl manchmal ausgenutzt. Im hohen Alter hingegen war es vorteilhaft. Durch ihre Zufriedenheit und Liebenswürdigkeit wurde sie im Altersheim sehr geschätzt.
Manchen Mittwochnachmittag sassen Mama, ihre Freundin Annemarie oder sonst eine Nachbarin beim Kaffee zusammen. Bereits von klein auf durfte ich dabei sein. Ich liebte es, ihre Geschichten aus dem Alltag zu hören.
Mama hatte für alle Menschen und im Speziellen für mich immer ein offenes Ohr. Ich konnte über alles mit ihr reden. Als ich in die Pubertät kam, war ich froh meine Fragen, Nöte und den logischerweise nicht ausbleibenden Liebeskummer mit ihr zu besprechen. Es gab auch Themen, die wir vor Vater geheim hielten. Dies sollten wir später, als ich meinen ersten Mann kennenlernte, noch oft tun. Wir wollten Vaters Zorn nicht herauskitzeln. Das Gravierendste, was ich aus meiner Sicht meiner Mutter anvertraut habe, war folgendes:
1981 gestand ich ihr, dass ich mich während des gemeinsamen Urlaubes in Mombasa (Kenia) in den jungen Inder verliebt hatte und ihn alle paar Wochen besuchen würde. Dies war mir dank den damaligen Flugvergünstigungen leicht möglich. Da meinte meine Mutter, Papa sagen wir nur, dass du halt wieder an die Wärme fliegen würdest. Im Juli 1982 offenbarte ich meiner Mutter, dass ich den jungen Inder heiraten wollte. Da musste Vater informiert werden.
Als arbeitende Frau in den späten sechziger und siebziger Jahren war sie stets mein Vorbild. Mama arbeitete in einer Autokühlerfabrik an der Maschine. Sie war eine der wenigen Frauen in der Werkstatt. Ich war stolz auf sie. Nie hatte ich das Gefühl, dass ich zu wenig Zeit von ihr bekommen würde.
Mama war eine leidenschaftliche Strickerin. Gott, wie hasste ich als Kind die gestrickten Pullover! Als erwachsene Frau liebte ich ihre selbstgemachten bunten Socken. Was mich betraf, ich war eine vollkommene Niete im Handarbeitsunterricht. Erst mit vierundsechzig entdeckte ich dank YouTube das Stricken für mich. Beinahe alle Socken meiner Mutter waren durchgelaufen. Also sah ich mich ermuntert, dies nun selbst zu lernen. Heute, zwei Jahre später ist Stricken auch mein Hobby geworden.
Der Kleidungsstil meiner Mutter war praktisch. Wichtig waren ihr die Haare und Nägel. Sonntagmorgen gestaltete sich folgendermassen: Mein Vater kochte, meine Mutter montierte nach dem Bad die Lockenwickler und machte ihre Fingernägel.
Schminken mochte sie nicht. Aber ohne Lippenstift verliess sie nie das Haus.
Hatte meine Mutter ihren Todeszeitpunkt wählen können, oder war es Zufall? Egal, es war der richtige Zeitpunkt. Sie starb im Alter von neunzig Jahren und zwei Wochen. Sie ist friedlich eingeschlafen. Ich war zu der Zeit wegen einer Burnout-Erkrankung in der Klinik. Dort half man mir auch diesen Todesfall zu verarbeiten.
Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht kurz an meine Mama denke.

Mein Vater wurde am 25. August 1924 in eine Metzgerfamilie hineingeboren. Er war der jüngste von drei Buben. Sein Bruder Hans war Jahrgang 1918, Max 1920. Mein Grossvater war gemäss Erzählungen ein strenger Vater. Alle seine Buben mussten einen Beruf aus der Lebensmittelbranche erlernen. Hans wurde Metzger, Max Bäcker und mein Vater Koch. Lieber hätte er in der nahe gelegenen FFA Flugzeugmechaniker gelernt. Doch Grossvater willigte nicht ein.
In seiner Jugend mangelte es nie an Essen, aber an elterlicher Zuwendung. Sein Vater war oft abwesend. Sonntags bezahlte Grossvater die Bauern, welche ihm ihr Vieh brachten, aus. Mein Vater blieb mit Grossmutter zu Hause. Sein Sonntagshighlight war der Gang zur Bäckerei, um für sich und Grossmutter ein Stück Torte, früher hiessen die "Zwanzgerstückli", zu holen.
Das Verhältnis der Brüder untereinander war nicht von Liebe geprägt. Der Älteste, Hans, neigte angeblich zu Selbstüberschätzung, liebte grosse Autos und schöne Frauen. Er war der Liebling meiner Grossmutter. Nachdem er sich finanziell übernommen hatte, beging er Selbstmord. Ich kann mir nur vorstellen, wie meine Oma gelitten haben musste.
Bis zum Tod meiner Grossmutter hatten meine Eltern noch ab und an Kontakt zu Max, seinem zweiten Bruder. Nach Omas Ableben überwarfen sich die beiden Brüder. Es war zu einem üblen Erbstreit gekommen. Ich war damals um die fünf Jahre alt.
Nach der Kochlehre und der Rekrutenschule verliess mein Vater seine Anstellung in einem Hotel im Wallis. Er ging mit einem Kollegen auf Wanderschaft. Er arbeitete schwarz als Koch in Frankreich. Da er illegal im Land lebte wurde es mit der Zeit immer schwieriger eine Anstellung zu finden. Schliesslich landete er in Marseille. Dort meldete er sich bei der Fremdenlegion und trat ihr im September 1947 bei. Seine erste Station war Sidi-Bel-Abès (Algerien), das damalige Hauptquartier der Fremdenlegion in Nordafrika. Er wurde seines erlernten Berufes wegen in die Truppenküche eingeteilt. Vater arbeitete sich hoch und war schliesslich der persönliche Koch des Kommandanten der Legion. Dabei lernte er fliessend Französisch. Doch mein Vater wollte mehr erreichen, er hatte den bequemen Dienst satt und beantragte eine Versetzung in die französische Kolonie Indochina. Er wollte an die Front. In Vietnam erreichte er den Grad eines Sergeanten. Für sein Verhalten im Einsatz wurde mein Vater mehrere Male ausgezeichnet, beispielsweise mit der "Médaille Militaire avec Palme", der höchsten Auszeichnung im französischen Militär. Einen Wendepunkt in Vaters Legionärslaufbahn stellte die Schlacht um Diên Biên Phu im Jahre 1954 dar. Die Franzosen erlitten ihre entscheidende Niederlage. Vater wurde gefangen genommen und war vom 4. April bis zum 2. September in vietnamesischer Gefangenschaft. Bei seiner Befreiung wog er noch 46 Kilo bei einer Grösse von 180cm. Vom französischen Staat erhielt er die Auszeichnung "Medaille d'Honneur de la Legion Etrangère".
Während der Gefangenschaft bekam er pro Tag 500 g gekochten Klebereis auf einem Palmblatt serviert. Daraus resultierte, dass es bei uns kaum Reis zum Essen gab. Mein Vater konnte ihn verständlicherweise nicht mehr sehen. Während der Gefangenschaft verlor mein Vater praktisch alle Zähne. Jahrzehnte später realisierte ich erst, dass mein Vater ein Gebiss trug.
Zur Rekonvaleszenz wurde er nach Frankreich geschickt. Nach seiner Genesung diente er in Algerien, unter anderem im "Deuxième Bureau", dem Geheimdienst der Legion. Was da genau seine Aufgaben waren weiss ich nicht. Im September 1958 trat er aus der Legion aus.
Jahre später erzählte er beinahe jeden Sonntag Anekdoten aus seinem Leben als Legionär. Immer wieder betonte mein Vater, dass er die schönste Zeit seines Arbeitslebens in der Legion verbracht habe. Ich bereue es zutiefst, dass ich diese Geschichten damals nicht aufgeschrieben habe. Heute sind mir nur Fotoalben ohne Daten und weitere Informationen zu den einzelnen Orten geblieben. Vielleicht ist es mir deshalb so wichtig, meine eigene Lebensgeschichte schriftlich festzuhalten.
Wie war mein Vater
Ein hochgewachsener, gut aussehender Mann, das war mein Vater.
Er lebte für seine kleine Familie. Das war ihm wichtig. Freunde hatte er keine, nur ein paar Arbeitskollegen. Ich glaube, er wollte gar keine engen Freunde. Er mochte nicht mit fremden Menschen über seine Zeit in der Fremdenlegion reden. Er war der Ansicht, dass sie ihn verurteilen würden. Viele Aussagen über Fremdenlegionäre waren aus seiner Sicht Klischees, die nur teilweise der Realität entsprachen.
Ich war und bin stolz auf ihn und seine Zeit in der Legion.
Mein Vater arbeitete nie mehr als Koch. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wurde er Fabrikarbeiter. Ich denke, er war weder glücklich noch unglücklich in seinem Job. Er war schlicht und einfach zufrieden.
Glücklich erlebte ich meinen Vater vor allem wenn wir in Italien und später in Frankreich am Meer in den Ferien waren. Ich sehe ihn braun gebrannt, seine Beine übereinandergeschlagen, eine Zigarette in der Hand an einem Tisch am Pool sitzen, vor sich ein Glas Pernod und ein Schälchen Oliven.
Interessant fand ich, dass meine Mutter meinem Vater jeden Sonntagabend die Kleider für die kommende Woche herrichtete. Ja, sie bestückte sogar sein Portemonnaie mit Geld. Ich denke, er war das von der Legion her gewohnt.
Vater war politisch interessiert und hatte eine klare Meinung. Dummerweise bildete ich mir ab der Pubertät meine eigene, welche oft nicht mit seiner deckungsgleich war. Es gab Momente, da konnte man sich mit ihm austauschen. An manchen Tagen verteilte er verbale Rundumschläge, denn nur seine Meinung war richtig. Ich begann die Themen bei denen unsere Sichtweisen divergierten, zu umschiffen. Ich konnte nicht gut umgehen mit seinen verbalen Verallgemeinerungen.
Je älter ich wurde, liessen sich lautstarke Auseinandersetzungen nicht mehr vermeiden. Völlig flippte er aus, als ich ihm gestand, dass ich Kaushik meinen indischen Freund aus Kenia heiraten würde. Ich verstand die Welt nicht mehr. Seit ich denken konnte, hörte ich ihn sagen, wie eigenartig Schweizer seien. Ich war immer der Ansicht, dass er dank seiner Zeit in der Fremdenlegion weltoffen geworden war. Doch ich sollte mich täuschen.

Meine Eltern müssen sich Anfang Februar 1957 kennengelernt haben. Dies entnehme ich den Briefen meines Vaters an meine Mutter. Der erste war vom 3. Februar 1957 und der letzte vom 27.12.1957 datiert. Am 4. oder 5. Januar 1958 reiste er mit einem Konvoi von Géryville, heute El Bayadh (Algerien) nach Oran. Seine Reise dauerte drei Tage. Anschliessend musste er auf ein Flugzeug der Armee nach Marseille warten. Die Reise von Marseille nach Thann legte er mit dem Zug zurück. Ein beschwerlicher Weg zur Hochzeit. Es muss Liebe gewesen sein.
Mir wurde stets erzählt, dass meine Eltern sich im Zug in Frankreich kennengelernt hätten. Nun, das habe ich bis 2023 geglaubt. Dann suchte eine Vermutung den Weg in mein Hirn.
Ich wusste, dass während einer gewissen Zeit meine Eltern in regem Briefkontakt waren. Meine Mutter hatte alle Post meines Vaters zusammengerollt, von einem roten Band gehalten, aufbewahrt. Nach ihrem Tod 2013 bekam ich die Briefe. Ich fand lange nicht den Mut sie zu lesen. Es schien mir damals, als würde ich in die Intimsphäre meiner Eltern eintauchen. 2023 fand ich die Courage. Ich war tief berührt. Ich lernte meinen Vater von einer anderen Seite kennen. Er war der zärtliche, sich um meine Mutter kümmernde Mann. Aus den zig Briefen ging hervor, wie sehr er sich ein Kind wünschte. Diese Aussagen machten mich überglücklich. Relativierten sie doch seine manchmal gnadenlosen verbalen Ausraster. Meine Mutter hatte also recht, er hatte mich geliebt und oft aus Sorge irrational reagiert.
Aus Aussagen meines Vaters schliesse ich, dass sie sich über eine Brieffreundschaftsannonce gefunden haben.
Geheiratet haben sie am 7. Februar 1957 um 06:30 Uhr in Thann (F). Da mein Vater reformiert und meine Mutter katholisch war, wurde die Trauung früh morgens in einem Seitenflügel der Kirche vollzogen. Mein Vater trat in Uniform vor den Traualtar. Er war damals noch Berufssoldat in der französischen Fremdenlegion.
Meine Eltern haben sich sehr geliebt. An Streitigkeiten zwischen den beiden kann ich mich nicht erinnern.
Obwohl ich die Erziehungsmethoden meiner Eltern als liberal bezeichnen würde, war ich oft unsicher und ängstlich. Ich erinnere mich an einen einzigen Klaps auf den Popo, ansonsten wurde ich verbal bestraft. Ich wollte gefallen, geliebt werden. Verbale Kränkungen, zumindest hatte ich es so empfunden, lösten Angst und Scham in mir aus. Bis ich Mitte dreissig war, erlebte ich diese Art von Konflikthandhabung vorwiegend durch meinen Vater. Meine Mutter hatte damals immer gesagt:
"Weisst du, er liebt dich eben sehr und will dich schützen."
Oh, ich zweifelte oft an dieser Liebe. Erst seine Briefe an meine Mutter brachten Klarheit. Er versicherte ihr immer und immer wieder, wie sehr er sich auf eine gemeinsame Familie freue. Danke, Papa. Ich denke, mein Vater war seelisch sehr abhängig von meiner Mutter. Sie gab ihm vermutlich das Sicherheitsgefühl, welches ihm in seiner Ursprungsfamilie verwehrt geblieben war.
Elternhaus und Familienleben
Familie war ein wichtiger Wert. Wir drei waren eine Einheit. Der Grund hierfür war, dass sich meine Eltern zu Beginn schwer taten, sich in der Schweiz einzuleben. Mit den Jahren wurde es besser. Nichtsdestotrotz hörte ich meine Eltern immer wieder sagen, wie viel schöner die Zeit in Frankreich gewesen war. Die Menschen seien offener, mit weniger Vorurteilen belastet. Irgendwie hatte ich damals den Eindruck gewonnen, dass alles Fremde interessanter, aufregender war als das Schweizerische. Heute ist mir klar, dass ich dieses Gedankengut so sehr verinnerlicht habe, dass es erhebliche Einfluss auf mein Berufsleben und meine Partnerwahl ausgeübt hat. Dadurch erlaubte mir mein Leben wichtige Lernschritte.
Familie bedeutet mir heute wie damals viel. Das familiäre Umfeld hat mir immer Sicherheit gegeben. Heute lebe ich in einer Patchworkfamilie. Die Nähe, die ich als Kind erleben durfte, bekomme ich von meinem Lebenspartner. Weder meine Tochter noch seine sind in der Lage, mir das Gewünschte zu geben. Ich bin mir im Klaren, dass ich daran eine Mitschuld trage. Es gibt Momente, wo diese Erkenntnis schmerzt. Ich habe gelernt damit umzugehen.
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt pflegten meine Eltern keinen grossen Freundeskreis. Einmal im Monat fuhren wir zu meiner Oma nach Ravensburg. Gleichzeitig besuchten wir die ältere Schwester meiner Mutter, Paula.
Im Haus hatten wir guten Kontakt zur einer ungarischen Familie, die nach Spirigs unten einzog. Im Sommer sassen wir viel im Garten, wir Kinder spielten, die Erwachsenen unterhielten sich.
Bin ich mehr meine Mutter, mein Vater oder beide?
Abschied von meinen Eltern

Als Kind war ich sehr scheu. Meine Eltern beschlossen, mich nicht in den Kindergarten zu schicken. Das sollte sich rächen, denn als ich eingeschult wurde, fühlte ich mich unsicher und hatte Angst vor Zurückweisung. Ich hatte noch nicht gelernt, wie man sich in einer grösseren Gruppe von Kindern verhalten sollte.
Ich muss vielleicht fünf Jahre alt gewesen sein, als ich meine Mutter eines Abends überraschte, wie sie Kleider und Hausschuhe von mir in einer Tasche verstaute.
"Was machst du da, Mama?", fragte ich besorgt.
"Du darfst morgen zu Papa ins Geschäft. Du sollst ihm helfen, Schrauben zu zählen."
Ich dachte mir nichts dabei. Ich war nur neugierig. Früh am nächsten Morgen ging ich mit meiner Mutter nicht zu Papas Arbeitsstelle, sondern nach Goldach in ein Haus, das ich nicht kannte. Eine Frau in Krankenschwesteruniform kam uns entgegen. Mir wurde flau. Meine Mutter übergab mich in die Arme dieser fremden Frau. Ich begann wild um mich zu schlagen. Mama drehte sich um und verliess die Szene. Die Tür ging zu. Ich war in Panik. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich in ein Krankenbett gekommen bin. Ich liess alles über mich ergehen. Man musste mir die Mandeln schneiden. Der Arzt hatte meinen Eltern gesagt, dass es besser sei, mich nicht zu besuchen, da ich zu arg unter Heimweh litt. Als mich Mama endlich abholte, war ich überglücklich. Für Wochen wich ich nicht von ihrer Seite. Dieser Krankenhausaufenthalt war ein furchtbares Erlebnis für die kleine Isabelle.
Der Nachbarsjunge Peter war mein bester, ja einziger Freund zu jener Zeit. Ich sehe das Bild vor mir, wie wir gemeinsam auf der Schaukel im Garten sassen und lauthals sangen: "Taxi nach nach Texas zu Bill!" Dieses Lied stammte aus dem Jahr 1964 und wurde von Martin Lauer gesungen. Mein kleiner Freund Peter war ein Jahr älter als ich und ging in den Kindergarten. Zu gerne wäre ich mit ihm gegangen, denn ich war mir sicher, er würde mich immer beschützen. Traurig blieb ich zurück. Mein allzeit bereiter Spielkamerad stand nicht mehr jederzeit zur Verfügung.

Im Frühjahr 1966 wurde ich eingeschult. Wie vermutlich alle Kinder, war ich gespannt und auch etwas zögerlich.
Ich kann mich an den ersten Schultag nur daran erinnern, dass ich, anders als meine Cousins und Cousinen aus Deutschland, keine Schultüte erhielt. Das war in der Schweiz nicht üblich.
Im ersten Schuljahr fühlte ich mich unsicher. Viele Schulkameraden waren sich aus dem Kindergarten vertraut. Ich kannte niemanden, war unsicher, wie man Kontakt aufbauen kann. Also konzentrierte ich mich aufs Lernen.
Herr Frei war mein Lehrer während der ersten bis zur dritten Klasse. Er war für mich eine absolute Respektsperson. Jeden Morgen stand er unter dem Türrahmen. Wir mussten ihm die Hand geben und mit "Guten Morgen, Herr Frei" grüssen. Meine Mutter hatte mir eingeimpft, ich müsse anstelle von Herr Frei, wie es in Deutschland die Gepflogenheit war, Herr Lehrer sagen. Dies missfiel Herrn Frei, und so musste ich gefühlte hundert Mal wieder hinten in der Reihe anstehen. Dieses Szenario bediente meine Unsicherheit. Die Schule an sich gefiel mir. Lernen machte mir Freude. Nur Kopfrechnen bereitete mir Mühe. Wir mussten stehen, während Herr Frei uns Rechenaufgaben stellte. Wer die richtige Antwort sagte, durfte sich setzen. Oft stand ich lange. Diese Situation baute Druck in mir auf. Mein Gehirn verabschiedete sich. Aus methodisch-didaktischer Sicht eine ungeeignete Lernanlage. Das Thema Sprache hingegen beflügelte mein Gehirn. Und das tut es heute noch.
In der Unterstufe war Religionsunterricht auf dem Stundenplan. Geleitet wurde er von Kaplan Kobler. Ich liebte seine Stunden. Er erzählte wunderbare Kirchengeschichten. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können. Die Legende vom Leben der heiligen Idda von Toggenburg ist mir bis heute in Erinnerung. Meine Bewunderung für den alten Kaplan Kobler gipfelte darin, dass ich mit Wiesenblumen bestückt am Mittwochnachmittag seine Kapelle, das Wilen-Kirchlein, besuchte und die Blumen dort niederlegte. In meinem Schlafzimmer hatte ich einen kleinen Altar errichtet. Mein erster Berufswunsch war geboren. Mit kindlicher Freude spielte ich mit dem Gedanken, Nonne zu werden. Meine Begeisterung für die Kirche zerstörten die Kirchenmänner der Mittelstufe mit ihrer ewigen Angstmacherei.
In der dritten Klasse zeichnete sich dank der Fernsehserie "Salto Mortale" mein nächster Berufswunsch ab. Ich wollte als Artistin zum Zirkus. An einem Trapez elegant durch die Lüfte zu schweben, genau das wollte ich. Ich bearbeitete meine Eltern so lange, bis sie mir eine Turnstange am Türrahmen zu meinem Zimmer befestigten.
Meine Oma hatte immer mal wieder Untermieter, veraltet auch Zimmerherr genannt. Ich kann mich vage an einen jungen Franzosen erinnern, der in einer Fabrik ein Stage machte. Ein klareres Bild habe ich von einer jungen Frau namens Maria. Sie musste 1964 bei Oma eingezogen sein. Nach Omas Tod kam sie zu uns in die Wohnung. Maria war eine Bekannte von Frau Spirig, der Mieterin aus dem unteren Stockwerk. Sie besuchte das Lehrerseminar in Rorschach. Mit ihrem Einzug begann für mich eine wundervolle Zeit. Sie war zwölf Jahre älter als ich und wurde für mich zur grossen Schwester. Maria und ihr Freund Markus übten an mir und meiner Freundin Eliane, was sie im Seminar gelernt hatten. Sie spannten ein grosses Tuch zwischen die Zimmertür und beglückten uns mit einem improvisierten Kasperlitheater. Ich erinnere mich noch gut an all die bunten Papiere und Stifte, die Maria besass. Ich vermute, das war der Grundstein für meine spätere Leidenschaft für schöne bunte Seminarkärtchen und Pinwand-Marker. Ich sollte eine gute Neuland-Kundin werden.
Nach dem Abschluss des Lehrerseminars verloren wir uns für viele Jahre aus den Augen. Im Mai 2024 kam es zwischen Maria und mir zu einem Wiedersehen in Luzern. Wir hatten uns Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Sie hatte beim Betrachten alter Fotos eben solche von mir als Vierjährige entdeckt. Durch das Internet gelang es Maria, mich zu finden. Es war ein herzerwärmendes Treffen.

Von der vierten bis zur sechsten Klasse unterrichtete uns Herr Bohl. Ich sehe ihn vor mir in seinem schwarzen Anzug. Auf mich wirkte er alt. An einer Klassenzusammenkunft 1989 sah er erstaunlicherweise immer noch gleich aus, schwarzer Anzug, freundliches Gesicht. Doch nun war er wirklich alt.
Während seiner Zeit als mein Lehrer empfand ich ihn als streng. Ich mochte das, man wusste genau, was er von einem verlangte. In Bezug auf die Entwicklung von Jugendlichen hatte er altbackene Moralvorstellungen. Wir waren in der sechsten Klasse. Aus irgendwelchen Quellen hatte er vernommen, dass wir bei einem Klassenkameraden in der Waschküche am Samstagnachmittag eine Party veranstaltet hatten. Kurz darauf hielt er uns im Klassenzimmer eine Standpauke. Was er sagte, weiss ich nicht mehr, es ging um Moral.
Die Jahre von 1969 bis 1972 waren die Jahre, in denen ich mich etwas sicherer in Gruppen bewegen konnte. Ich mochte meine Klassenkameraden und Kameradinnen. Die Freude am Lernen war da. Der Lehrperson gegenüber verhielt ich mich immer noch sehr angepasst, ja brav. Zu oft hatte ich erlebt, dass Lehrer Bohl grob zu Buben war. Ohrfeigen waren keine Seltenheit. Bei lautem Verhalten in der Klasse oder sonstigen kleineren Vergehen mussten wir von Herrn Bohl vorgegebene Sätze 100-mal bis zum nächsten Tag in ein Heft schreiben.
In der sechsten Klasse war ein Winterklassenlager in Tarasp Pflicht. Jeden Morgen war Schule angesagt, am Nachmittag Skifahren. Ich war das erste Mal von Zuhause fort. Zu meiner Überraschung gefiel es mir sehr gut. Allerdings überschattete ein Vorfall die Woche. Die Tochter des Schulpräsidenten hatte ihrem Freund einen Brief geschrieben, in dem sie klagte, wie schrecklich die Woche in Tarasp sei. Lehrer Bohl hatte ihn konfisziert und gelesen. Elisabeth wurde sofort nach Hause geschickt. Ich sah sie nie wieder. Ihr Vater nahm sie nach diesem Vorfall von der Schule. Ab da besuchte sie ein Internat. Damals übten die Lehrer noch sehr viel Macht aus.
Während der Pausen spielten die Jungs Fussball, wir Mädchen quatschten. Unsere körperliche Entwicklung war ein Thema. Welches Mädchen konnte bereits einen BH tragen? Wer mochte welchen Jungen besonders? Wir waren in der Vorpubertät angekommen.
Was meine schulischen Leistungen anbelangt, war ich in der vorderen Mitte. Hausaufgaben machte ich gerne. Zudem hätte ich es nie gewagt, diese nicht zu erledigen. Mein Respekt vor Lehrern war zu gross.
Da meine Eltern beide berufstätig waren, beschäftigte mich meine Mutter in den Ferien ebenfalls mit Hausaufgaben. Sie bereitete jeden Tag für mich ein A4-Blatt mit Rechenaufgaben vor. Bis sie mittags heimkam, musste ich diese gelöst haben.
Für die Zeugnisse war meine Mutter zuständig. Damals gab es zweimal im Jahr Zeugnisse. Ich erinnere mich bestens an den Fünfliber, den ich jedes Mal bekam.
Mein Freizeitverhalten passte sich den Jahreszeiten an. Die Sommermonate verbrachte ich im Strandbad, am liebsten von morgens bis abends. Ab der sechsten Klasse waren wir eine richtige "Badiclique". Da fühlte ich mich richtig wohl in der Gruppe.
Die Wintermonate war ich gern zu Hause, las, schaute fern oder war nachmittags mit meiner Mutter unterwegs.
Ich war nie eine Vereinsmeierin. Ich war kurz im Blauring, Turnverein etc.. Ich mochte das Regelmässige nicht, jeden Mittwoch um 14:00 Uhr! Nicht mein Ding, auch heute noch nicht.

In der sechsten Klasse erzielte ich einen Notendurchschnitt, der mir den Übertritt in die Sekundarschule ohne Aufnahmeprüfung ermöglichte.
Wir hatten zwar einen Hauptlehrer, doch die Fächer wurden von verschiedenen Lehrpersonen unterrichtet. Dieses System behagte mir.
Gegen Ende des ersten Sekundarschuljahres verunglückte ich beim Skifahren in Heiden. Wie es oft der Fall ist, geschah es auf der letzten Abfahrt. Ich brach meinen linken Unterschenkel. Per Schlitten wurde ich zur Talstation gebracht. Im Spital Heiden wurde mein Bein gegipst. Ich dankte allen Göttern dieser Welt, als man mir sagte, dass ich nicht bleiben müsse. Ich kann mich noch gut an das Heimweh erinnern, das ich während meines Klinikaufenthalts wegen der Mandeloperation hatte. Spät abends holten mich meine Eltern nach Hause.
Mehrere Wochen hatte ich einen Gips bis zum Oberschenkel. Alle zwei Tage brachte mir ein Schulkamerad die Hausaufgaben. Die machte ich gerne. Aber dann liess auch noch die ungeliebte Handarbeitslehrerin meinen angefangenen Pullover vorbeibringen. Ich hätte jetzt genug Zeit, um zu stricken, waren ihre aufmunternden Grussworte auf dem beigelegten Zettel. Ich wäre am liebsten aus dem Bett gesprungen. Ich hasste Stricken, und die Handarbeitslehrerin trug die Schuld daran. Ein paar Monate zuvor hatte sie uns gezeigt, wie Socken gestrickt werden. Als Prüfungsaufgabe forderte sie uns auf, anzuschlagen und vier Gänge hochzustricken. Ich höre noch heute ihre schrille Stimme:
"Neben der guten Note erhält jedes Mädchen ein Schöggeli! Ich habe zwei weniger dabei, da ich weiss, dass Margrit und Isabelle das nie schaffen würden!"
Natürlich kam es, wie es kommen musste - Margrit und ich versagten. Das war methodisch-didaktisch eine wahre Glanzleistung!
Mama rettete die Pulli-Situation. Das angefangene Teil taxierte sie als Sack. Schmunzelnd musste ich ihr zustimmen. Sie löste das Strickzeug auf und begann von Neuem. Ein passabler Pullover entstand dabei. Ich meine mich zu erinnern, dass sogar die Handarbeitstante zufrieden war.
Mit dem Geh-Gips konnte ich wieder am Schulbetrieb teilnehmen. Alle wollten mit meinen Stöcken auf dem Pausenplatz rumhumpeln. Das hat mir gefallen.
Mit der ersten Sekundarschulklasse begann der Französischunterricht. Warum weiss ich nicht mehr, nur so viel: Ich war eine Pfeife. Im ersten Zeugnis stand eine 3! Mein Vater, der fliessend französisch sprach, konnte es nicht fassen. Es war das erste und einzige Mal, wo er sich in mein Schulleben einmischte. Von da an wollte mein pädagogisch ungeschulter Vater mir Nachhilfe in Französisch geben. Es war völlig für die Katz. Nach ein paar Wochen sah er ein, dass das nichts bringen würde. Ich erkannte, dass es für alle Beteiligten am vorteilhaftesten war, den Notenschnitt eigenständig so schnell wie möglich zu verbessern. Am Ende der Sekundarschule stand eine 5.5 in meinem Zeugnis.
In der zweiten Sekundarschulklasse durften wir entweder Englisch oder Italienisch als Freifach wählen. Meinem späteren Berufswunsch geschuldet, favorisierte ich die erstgenannte Sprache.
Während der Sekundarschulzeit mussten wir jedes Jahr einen Vortrag halten. In der ersten über eine berühmte Person. Ich wählte Pablo Picasso. In der zweiten über einen Beruf. Ich wählte Stewardess, heute Flight Attendant. Dafür interviewte ich eine junge Frau, die bei der Swissair angestellt war. Diese Begegnung sollte einen wichtigen Punkt in meinem Leben darstellen. Von diesem Vortrag an wusste ich, dass ich zur Swissair wollte. Ich wollte allerdings nicht Flight Attendant werden, ich wollte am Boden und am liebsten im Ausland für die Swissair arbeiten.
Meine Eltern dachten vermutlich, das sei eine Träumerei, die vorbeigehen würde. Trotzdem unterstützten sie mich, wo sie konnten.
Für mich gab es nur einen Weg. Ich musste die Verkehrsschule in St. Gallen absolvieren und zwar in der Swissair Klasse. Guten Mutes meldete ich mich an und fiel prompt durch die Prüfung. Für mich ging eine Welt unter.

Mir blieb keine Wahl, die Aufnahmeprüfung für die Verkehrsschule vergeigt, die für die Weiberschule, wie ich den Talhof anfänglich nannte, bestanden.
Die Tatsache, dass es sich bei dieser Schule um eine reine Mädchenschule handelte, wog nicht so schwer wie mein Kummer, dass ich nie zur Swissair kommen würde. Ich war tatsächlich in meinem ersten beruflichen Tief. Zum Glück änderte sich das kurz nach Beginn des ersten der drei Schuljahre. In meiner Klasse war ein Mädchen, deren Vater Lehrer an der Verkehrsschule St. Gallen war. Sie klärte mich auf. Sie wusste von ihrem Vater, dass die Swissair immer ein paar leistungsstarke Absolventinnen des Talhofs zur Aufnahmeprüfung für die Luftverkehrslehre zuliessen. Ich spüre meine Erleichterung heute noch. Klar ich musste drei Jahre zur Schule, hatte aber dafür einen Abschluss, welcher höher als eine KV-Lehre war.
Diese drei Jahre verflogen, und dank dem hervorragenden Lehrpersonal waren das meine besten Schuljahre. Meine anfängliche Skepsis verflog binnen weniger Wochen. Wir Mädchen wurden gefördert und gefordert und verliessen die Schule als junge Frauen.

Während der Sekundarschulzeit und der Handelsschulzeit war ich vornehmlich mit Lernen beschäftigt. Um meine Leistungen zu erbringen, bedurfte es Fleiss. Ich mochte lernen, musste es aber auch tun, denn gute Noten flogen mir nicht zu. Ich empfand dies nie als Bürde.
Die Sonntagnachmittage verbrachte ich mit dem Hören der Ö3-Hitparade und Hausaufgaben machen.
Lesen gehörte und gehört heute noch zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Als Teenager verschlang ich wie vermutlich Millionen andere die Zeitschrift BRAVO.
In der Handelsmittelschule hatten wir das Fach Literaturgeschichte. Ich liebte es. Zu jener Zeit war Hermann Hesse mein Lieblingsautor. Ich hatte mir auch vorgenommen, dass ich ihn für meine Abschlussarbeit in Literatur nehmen würde. Doch da machte mir der Deutschlehrer einen Strich durch die Rechnung. Ich musste die Posse "Einen Jux will er sich machen" von Johann Nepomuk Nestroy (österreichischer Dramatiker und Schauspieler 1801 - 1862) mit dem Werk "Als das Wünschen noch geholfen hatte" von Peter Handke (österreichischer Schriftsteller 1942 - ) in Beziehung setzen. Ich verabscheute die Gedichte von Handke. Trotzdem lieferte ich eine überzeugende Arbeit ab. Da wurde mir bewusst, dass man manchmal Dinge, die man nie wählen würde, erfolgreich erledigen konnte.
Während dieser Jahre hatte ich keine beste Freundin. Ich war Teil einer gemischten Clique und das genügte mir vollkommen. Wir trafen uns im Sommer jeden Tag in der Badi Rorschach. Später traf man sich zum Tanzen.
Ab der zweiten Sekundarschulklasse durfte ich am Samstagabend in den Jugendkeller oder eine Wanderdisco besuchen. Ich war tanzbegeistert. Zunehmend interessierte ich mich auch für das andere Geschlecht. Den ersten Schritt oder nur schon einen Jungen zum Tanzen aufzufordern hätte ich mich damals nie getraut.
Ich erinnere mich noch gut an den warmen Spätnachmittag am 3. August 1975. Ein Junge aus unserer Clique kam und fragte mich, ob ich mit René gehen wolle. So begann meine erste zarte Beziehung zu einem Jungen. René war drei Jahre älter als ich und bereits in der Lehre als Flugzeugmechaniker bei der FFA. Schöne Zeiten sollten folgen.
René war meine Jugendliebe von 1975 bis Frühsommer 1978. Er war ein grundanständiger junger Mann. Meine Eltern mochten ihn, er durfte bei uns ein-und ausgehen. Mit ihm wagte ich die ersten Schritte in die Welt der Sexualität, zaghaft und voller Unsicherheit.
Ab der dritten Sekundarschulklasse gingen wir jeden Samstag gemeinsam aus. Unsere Sportart war das Tanzen. René war ein hervorragender Tänzer. Diese Samstagabende wurden eingeläutet mit den TV-Sendungen "Disco", moderiert von Ilja Richter, oder der "ZDF-Hitparade" von Dieter Thomas Heck.
Leider verliebte ich mich im Frühjahr 1978 für kurze Zeit in einen viel älteren Mann. Ich beendete die Beziehung zu René. Viele Jahre bereute ich meine Entscheidung. Ich war damals und bin heute noch ein Beziehungsmensch, der sehr gerne in einer langen Partnerschaft lebt. Nach René sollten Jahre kommen, in denen ich diese Stabilität nicht hatte. Auch das war gut für meine Entwicklung.

Während der Ausbildung bei der Swissair war meine engste Vertraute Gaby. Wir teilten uns eine Wohnung für über ein Jahr. Als ich nach Chicago ging, verloren wir uns. Ebenfalls aus der Ausbildungszeit ist mir meine Freundin Helen bis heute geblieben. Mal ist der Kontakt intensiver, mal weniger. Um alte Freundschaften am Leben zu erhalten, ist es unerlässlich, gemeinsam Erlebnisse in der Gegenwart zu schaffen. Keine Beziehung kann ausschliesslich von der Vergangenheit leben. Im Leben geht man mit einigen Menschen ein Stück des Weges, dann aus unerklärlichen Gründen trennen sich die Wege. Das gehört zum Leben.
Eine Trennung kam in der Retrospektive nicht unerwartet. Sie zeichnete sich über eine lange Zeit am Horizont ab. Allerdings hätte ich nie im Leben vermutet, dass dieser Freundschaft der Stecker je gezogen wird.
Denise, die Tochter einer Freundin meiner Mutter, verbrachte, seit ich vielleicht 12 Jahre alt war, jeden Sommer zwei Wochen bei uns in der Schweiz. Sie wurde für mich wie eine Schwester. Während meiner Chicago-Zeit war der Kontakt nur brieflich. Doch kaum zurück in der Schweiz trafen wir uns regelmässig. Einmal alle zwei Wochen telefonierten wir bis die Leitungen glühten. Unser Kontakt liess etwas nach zu der Zeit, als mein zweiter Mann noch lebte. Er mochte ihren Kurt, ihren Ehemann, nicht sonderlich. Als Stephan verunglückte, intensivierte sich der Kontakt wieder. Ich fand Kurts Umgang mit Denise grauenvoll, schwieg mit Rücksicht auf Denise. Als ich im Frühjahr 2017 meinen heutigen Lebenspartner kennenlernte, wurde es schwierig. Kurt bekannte sich lautstark zur AFD und Denise zog mit. Grauenhafte Aussagen hörte ich. Es kam zum Eklat mit Kurt. Denise stellte sich auf seine Seite. Seither ist unsere Beziehung tot. Versuche mit ihr alleine in Kontakt zu bleiben, lehnte sie aus Angst vor Kurt ab. Es schmerzt mich heute noch. Häufig denke ich an die grossartigen Momente zurück, die wir miteinander geteilt haben. Denise ist eine Person, die mir in meinem Leben fehlt.

Im November 1977 wurde ich nach Kloten zur Aufnahmeprüfung für die Luftverkehrslehre bei der Swissair geladen. Meine Mutter und ihre Freundin Annemarie begleiteten mich. Ich kann mich nur noch an die mündliche Prüfung erinnern. Sie fiel mir leicht. Wir gingen nach der Prüfung nach Zürich, um auf der Bahnhofstrasse zu flanieren. Ich war das erste Mal dort und tief beeindruckt. Mein Tag war grandios, denn ich durfte mir zwei angesagte Röhrenjeans aus Manchester aussuchen, beige und braun.
Als ich drei Wochen später das Okay für die Ausbildung bekam, war ich im siebten Himmel. Ich war meinem seit Jahren gehegten Traum sehr nahe.
Meine Ausbildung bei der Swissair begann am 1. Juli 1978. Zwischen dem Abschluss der Handelsmittelschule und dem Start meiner Ausbildung arbeitete ich als Assistentin des Inhabers der politischen Jugendzeitschrift Stiftung PRO DIALOG. Es war eine interessante Zeit. Damals war die Gründung des Kantons Jura das politische Thema. Ich durfte meinen Chef zu Podiumsdiskussionen in der Schweiz begleiten und die Berichte schreiben. In diesen zwei Monaten wurde mir erneut klar, dass die Arbeit in einem Büro nicht meine Zukunft sein konnte. Im tiefen Inneren hatte ich realisiert, dass das Empfangen von Anweisungen wie: "Fräulein Hufschmid zu Diktat bitte." mir nicht gefielen.
Zwei ereignisreiche Jahre lagen vor mir, in denen ich alle drei Monate eine neue Abteilung der Swissair kennenlernen durfte. In allen Abteilungen wurde mit einem anderen Computerprogramm gearbeitet. Ich hatte also 1978 den ersten Kontakt mit der Computerwelt. Ich war begeistert, es hatte für mich immer etwas Spielerisches. Abgesehen von der Frachtabteilung, in der die Spediteure unsere Kunden waren, hatte ich eine grosse Vorliebe für den Kontakt mit Passagieren, Reisebüros, Sekretärinnen und ähnlichen Personen. Bevor wir in die Abteilungen geschickt wurden, besuchten wir vorbereitende Kurse, die von Fachinstruktoren durchgeführt wurden. In jeder Abteilung hatten wir im Durchschnitt fünf bis sieben Einführungstage, danach wurden wir als vollwertige Arbeitskräfte eingeteilt. Mir gefiel diese Selbstständigkeit sehr. Ich hatte nie das Gefühl, wie eine Lehrtochter behandelt zu werden. Wir wurden zu veritablen Allroundern im Luftverkehr ausgebildet. Seit 1997 gibt es die Luftverkehrslehre nicht mehr. In meinen Augen ist das bedauerlich.
Bereits als Lehrlinge genossen wir grosszügige Flugvergünstigungen, welche ich und meine Kollegen und Kolleginnen, wann immer möglich, ausnutzten. Mein erster Gratisflug führte mich und meine Freunde Gaby und Philipp nach Griechenland. Dazu fällt mir folgende Anekdote ein. Wir wollten von Athen mit der Fähre nach Santorin fahren. Um unser Budget zu schonen, buchten wir die zweite Klasse, was einem Kinosessel im Schiff entsprach, auf der Nachtfähre von Piräus. Geplant war eine Reisezeit von 13 Stunden. Wir gerieten jedoch gegen Morgen bei strahlendem Sonnenschein in einen Aprilsturm. Unser Schiff musste in einer Bucht weit weg von einem Hafen ankern. Und so kamen wir unfreiwillig in den Genuss einer kleinen Mittelmeerkreuzfahrt mit zahlreichen seekranken Mitreisenden. Erschöpft erreichten wir nach 48 Stunden Santorin. Die ersten zwei Tage wackelte der Inselboden unter meinen Füssen. Frei nach dem Motto: "Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben."
Im zweiten Lehrjahr reiste ich mit meiner Freundin Gaby drei Wochen durch Kalifornien. Bereits während der Lehrzeit durften wir dem Jugendarbeitsschutzgesetz angepasste Schichten arbeiten. So konnten wir uns manchmal verlängerte Wochenenden erarbeiten. Diese Freitage nutzte ich oft, um Europa zu erkunden. Da wir durch die Swissair in zahlreichen Hotels Rabatte erhalten haben, war unser Lehrlingsgehalt ausreichend.
Die Swissair stellte uns günstige WG-Zimmer in einer ihrer Immobilien zur Verfügung. Unter der Woche übte ich das Leben als Erwachsene, genoss die neue Freiheit. Mit meinen Mitstiften feierten wir teils exzessive Partys. Ich kam zum ersten Mal mit viel Alkohol in Kontakt. In der Diskothek Blackout hatten wir von Montag bis Freitag kostenlosen Eintritt. Gaby und ich schwangen dort oft das Tanzbein.
An den Wochenenden war ich bei meinen Eltern in der Ostschweiz und liess mich meistens gerne betüddeln. Meine Clique in der Ostschweiz hatte ich durch die Trennung von René verloren. Ich hatte dadurch mehr Zeit für meine Eltern, fühlte mich aber auch etwas einsam als junge Frau am Wochenende. Nun, es wurde immer wieder Montag.
Die Tage flogen in dieser Zeit sprichwörtlich. Ich war frei, durchlebte immer mal wieder erfolglose Beziehungsversuche. Mein Leben war aufregend und bunt.

Während der Lehre wurde mir bewusst, dass ich gerne für die Swissair im Ausland arbeiten würde. Eine Kostprobe eines solchen Lebens wurde jedem Luftverkehrslehrling nach der Lehre geboten. Für ein sechsmonatiges Praktikum hatten wir die Möglichkeit, entweder nach London oder nach Paris zu reisen. Ich wollte unbedingt nach Paris. Voraussetzung dafür war, dass man bereits gut Englisch sprach und das First Certificate in Zürich bestanden hatte. Beides war für mich kein Problem. Juhu, ich durfte für ein halbes Jahr nach Paris, zwei Monate in die Sprachschule, weitere vier arbeitete ich am Schalter auf dem Flughafen Paris-Orly.
Mit Irene teilte ich mir eine kleine Wohnung. Eine Besonderheit war unsere Waschgelegenheit. Wir hatten keine eigentliche Dusche. In der Küche mussten wir eine Art Plastiksandkasten vor den Spültrog platzieren. Einen verkürzten Gartenschlauch befestigten wir am Wasserhahn. Um nicht die ganze Küche vollzuspritzen, hing ein Gestänge an der Decke, das sich spinnenförmig aufklappen liess. Daran war ein Duschvorhang befestigt. Es war also tatsächlich so, dass keine von uns alleine duschen konnte. Wir mussten schliesslich nach dem Vergnügen den mit Wasser gefüllten, schweren Sandkasten gemeinsam in den Trog kippen. Somit wuschen wir uns oft am Lavabo.
Neben der Arbeit genossen wir das Pariser Leben in vollen Zügen. Irene und ich verstanden uns prächtig. Sie hatte zu jener Zeit Liebeskummer, ich war auf der Suche nach der grossen Liebe. Beide waren wir erfolglos. Also unternahmen wir Ausflüge in die nähere Umgebung oder trieben uns die freien Nächte in Diskotheken um die Ohren. Es war eine richtig gute Zeit. Eine unangenehme Situation erlebten wir nach einer Spätschicht. Da wir beide Hunger hatten, beschlossen wir, diesen im McDonald's an der Rue Montparnasse zu stillen. Es musste kurz nach 23 Uhr gewesen sein. Die Uniform samt Taschen liessen wir im Auto. Kurz danach kamen wir mit Essenstüten beladen zurück. In der Zwischenzeit war das Auto aufgebrochen worden, Uniformen samt Taschen waren entwendet worden. Ans Essen war nicht mehr zu denken. Wir verbrachten die nächsten zwei Stunden auf einer Polizeiwache und füllten Formulare aus. Weit nach Mitternacht fielen wir hundemüde ins Bett. Am nächsten Tag hätten wir frei gehabt und freuten uns aufs Ausschlafen. Doch weit gefehlt! Kurz nach acht klingelte der Postbote und überreichte uns ein Telegramm von der Assistentin des Stationsleiters. Inhalt: "Wie geht es euch? Bitte meldet euch sofort! Eure Uniformtaschen mit allen Ausweisen (Flughafenausweis, Swissair Ausweis) wurden in einer Mülltonne gefunden".
Handys gab es damals noch keine, Telefonanschluss hatten wir keinen. Also zogen wir uns an und fuhren zum Flughafen, um unsere Geschichte zu erzählen. Alle waren sehr besorgt. Sie hatten befürchtet, uns sei etwas zugestossen. Zu jener Zeit bereitete es niemandem Sorgen, dass alle Ausweise in fremden Händen waren und ersetzt werden mussten.
Nach diesem Praktikum war ich noch mehr entschlossen, eine Auslandslaufbahn einschlagen zu wollen. Für eine junge Frau war das zu jener Zeit höchst ungewöhnlich. Ich würde noch Durchhaltevermögen und Flexibilität zeigen müssen.
Nach Paris hatte ich drei Möglichkeiten, in den Verkauf zu gehen, also in die Reservation und anschliessend in einem Luftreisebüro zu arbeiten. In die Frachtabteilung wollte ich auf keinen Fall. Somit blieb noch Operations, das hiess Check-in, Gate und Lost and Found. Ich wusste, dass die meisten möglichen Auslandseinsätze Flughafenjobs waren. Deshalb begann ich Anfang 1981 am Flughafen Zürich. Schnell langweilte ich mich, mir erschien die Arbeit eintönig. In Paris musste jeder alles machen, in Zürich gab es Abteilungen. Zudem sagte mir mein Vorgesetzter, dass mindestens 18 Männer vor mir auf der Auslandliste seien. Ich war frustriert. Dann kam mir zu Ohren, dass im Verkauf nur eine Person auf der Liste für einen Auslandeinsatz stand. Somit war klar, ich wechselte in den Telefonverkauf. Dort wurden Flugreisen gebucht und Ticketingaufträge erstellt. Die Arbeit gefiel mir. Ein Jahr musste ich warten. Dann erhielt ich die frohe Botschaft, dass die Person vor mir auf der Liste nicht mehr ins Ausland wolle und ich gehen könne, so ich noch wolle. "Aber klar doch, wohin darf ich?", jubelte meine Seele. Man schickte mich nach Chicago. Ich sollte helfen eine Telefonreservation für den Midwest aufzubauen. Ich war stolz und glücklich.

Am letzten Wochenende des Januars 1983 brachten mich meine Eltern zum Flughafen Zürich. Die Woche zuvor hatte das Umzugsunternehmen bereits meine wenigen Haushaltsgegenstände für meinen Umzug nach Chicago abgeholt. Hier stand ich nun mit meinen zwei Koffern, einem Herzen voller ängstlicher Vorfreude. Meine Mutter weinte, mein Vater mimte den Helden. Schnell durch die Passkontrolle. Es gab es kein Zurück mehr. Am Gate bereits die erste Überraschung. Das Flugzeug schien gut gebucht zu sein und ich wurde in die First Class upgegradet. Zu jener Zeit gab es nur Economy oder First Class. Überwältigt nahm ich zum ersten Mal Platz in diesen grossen, komfortablen Sesseln, die damals üblich waren. Die zweite Überraschung stellte sich bereits nach ein paar wenigen Minuten ein. Die Flight Attendant, die mir zur Begrüssung ein Glas Champagner reichte, war eine ehemalige Nachbarin aus Rorschacherberg. Beide waren wir baff. Nach dem Begrüssungsdrink beruhigten sich meine Nerven etwas und ich konnte die Vorfreude auf mein Abenteuer geniessen. Am Flughafen Chicago O'Hare angekommen, wurde ich von einer eleganten Dame in Uniform abgeholt, durch den Zoll geschleust und in ein Taxi verfrachtet. Im Hotel Palmer House staunte ich nicht schlecht über die Grösse meines Zimmers. Es erschien mir riesig. Es war mit zwei Toiletten ausgestattet. Dies sollte für die nächsten Tage mein Zuhause sein.
Nach einem herzhaften amerikanischen Frühstück begab ich mich am nächsten Tag ins fünf Minuten entfernte Swissair Büro. Der Districtmanager Herr Eggenberger begrüsste mich. Er war ein wohlwollender Mann mittleren Alters. Komisch war für mich, dass er mich stets mit Isabelle ansprach, aber siezte. Ich nannte ihn Herr Eggenberger. Sinika war seine rechte Hand und wurde mir für die nächsten Tage zur Seite gestellt. Sie sollte mir behilflich sein, eine passende Wohnung für die nächsten zwei Jahre zu finden. Sie hatte bereits vorsondiert und wir legten gleich los. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich meine Traumwohnung gefunden. Sie lag im 11. Stock eines Hochhauses mit 58 Stockwerken und 900 Apartments. Damals war dieses Gebäude das höchste Wohnhaus in Chicago. Ich bezog ein schön möbliertes One Bedroom Apartment mit Sicht auf den Lake Michigan. Zum Haus gehörten ein Pool und zwei Tennisplätze. Ein Concierge hütete den Eingang. Hatte man es an ihm vorbeigeschafft, kam man in einen grossen Raum mit eben 900 Briefkästen, danach wähnte man sich in einer noblen Hotellobby mit Sitzgelegenheiten. Hinter einer Wand verbargen sich 6 Aufzüge, 3 führten bis in den 25. Stock, die 3 anderen fuhren direkt in den 25. Stock und dann weiter bis in den 58. Stock. Neben der Lobby waren ein Supermarkt und eine Kleiderreinigung untergebracht. Ich konnte es kaum fassen, dass ich erst wenige Monate über dreiundzwanzig war und das Privileg hatte, an einem so tollen Ort zu leben. An eben diesem tollen Ort sollte ich aber auch noch lernen, wie es sich anfühlt alleine zu sein.

Nach vier Tagen in Chicago wurde ich zur Einarbeitung nach New York geschickt. In der Nähe des Flughafens John F. Kennedy (JFK) befanden sich die Telefonreservation und das Rate Desk (dort wurden die komplexeren Routen berechnet). Anrufe aus den ganzen USA kamen hier an. Einen Monat später sollte das Büro Chicago die des Mittleren Westens übernehmen.
Ich habe die Reservation als immenses Grossraumbüro mit wenig Tageslicht in Erinnerung. Sollte mich meine Merkfähigkeit nicht trügen, sassen da bestimmt dreissig Mitarbeitende in engen Zellen. Diese Arbeitsnischen waren ausgestattet mit kleinen Tischen, die von halbmeterhohen Wänden umrandet waren, um die Gesprächslautstärken zu dämpfen. Ich war geschockt! In der Schweiz sassen wir an grossen Tischen für acht Personen. Hier kam ich mir vor wie ein Batteriehuhn. Unsere Headsets waren nicht nur mit dem Telefon gekoppelt, sondern dienten auch als eine Form der Überwachung. Wann immer man zur Toilette musste, Pause oder Mittag machte, musste man einen bestimmten Knopf drücken. So konnte der Supervisor zum Tagesende feststellen, wie viele Minuten tatsächlich gearbeitet wurden. An den Wänden waren mehrere Leuchten wo man sehen konnte, wie viele Anrufe in der Warteschlaufe waren.
Eine weitere Überraschung war für mich, dass über die Hälfte der Telefonate von Reisebüros kamen. Neben der Buchung musste man den Reisebüros die simpelsten Tarifberechnungen machen und ihnen langsam herunterbeten. In der Schweiz waren die Reisebüros tatsächlich so versiert, dass nur komplexe Routen von der Fluggesellschaft berechnet werden mussten. Hier war das komplett anders. Ich wurde Hals über Kopf mit allen Dialekten der USA konfrontiert. Die verschiedenen amerikanischen Akzente fand ich unterhaltsam und bereiteten mir keine Schwierigkeiten. Die Arbeitsplatzsituation jedoch gefiel mir ganz und gar nicht. Ich begann meinen Mut nach Amerika zu gehen, infrage zu stellen. Zwei lange Wochen durfte ich als Batteriehuhn arbeiten. Eine weitere war ich dem Ratedesk zugeteilt. Das gefiel mir besser. Dort arbeiteten wir zu sechst und ohne Überwachung. Wir bearbeiteten einen Anruf nach dem anderen. Unsere Aufgabe bestand darin, die komplexen Reiserouten zu berechnen und mit den jeweiligen Reisebüros zu besprechen.
Februar in New York kann kalt und regnerisch sein. Ich verbrachte einen Monat alleine in einem Flughafenhotel. An den Wochenenden motivierte ich mich, die Stadt zu erkunden, wurde jedoch nicht wirklich warm mit New York. Ich war froh, dass ich als Einzelkind gelernt hatte, alleine zu sein. Wie würde es mir wohl in Chicago gehen?

Die Arbeit in New York war ungewohnt, die Kollegen und Kolleginnen nett, das Büro für mich eher ein Gefängnis. Und Chicago? Die Räumlichkeiten der Swissair lagen im zweiten Stock eines ehrwürdigen alten Hochhauses an der Michigan Avenue. Durch eine Glastür trat man in das grosszügige Luftreisebüro. Das Swiss National Touristoffice teilte mit uns den Publikumsbereich. Ein übergrosses Bild des Blausees (Berner Oberland) zierte die Wand, welche das Luftreisebüro von den anderen Büros trennte. Dahinter lagen die Büros der Aussendienstmitarbeiter, der kleinen Gruppenabteilung, unser neues "kleines" Grossraumbüro für die Reservation, das Büro des District Managers und dessen Assistentin. Mein erster Arbeitstag war Karfreitag - kein Feiertag in den USA. Ich war alleine in unserer neuen Abteilung. Meine drei anderen Kollegen und Kolleginnen würden erst nach Ostern starten.
Das Büro war grosszügig mit 5 Arbeitsplätzen ausgestattet. Eine grosse Fensterfront liess mich auf die Michigan Avenue blicken. Ich konnte atmen, ohne von kleinen Wänden eingeschlossen zu sein. Am Dienstag nach Ostern lernte ich meine neuen Arbeitskollegen kennen.
Guity, die Dame, die mich am Flughafen abgeholt hatte, war Iranerin und lebte bereits viele Jahre in den USA. Sie war mit Bill, einem Amerikaner verheiratet. Sie hatte sich vom Flughafen in die Stadt versetzen lassen.
Cheryl war etwa in meinem Alter und hatte zuvor mit Guity gearbeitet.
Unser Teamleiter Rick kam aus Florida und war vorher bei einer anderen Fluggesellschaft angestellt. Schnell hatten wir uns aneinander gewöhnt. Nine-to-five-Arbeitszeiten klingen sehr entspannt. Ich war jedoch oft fix und fertig, denn wir nahmen pro Person bis zu 100 Anrufe in dieser Zeit entgegen. Doch ich mochte die Arbeit sehr.
Im Herbst desselben Jahres gesellte sich Patrice zu uns. Ich durfte sie in unsere Arbeit einführen. So kam es, dass wir uns anfreundeten. Diese Freundschaft sollte noch Jahrzehnte halten. Eine Kuriosität in unserem Leben verband uns - unsere Ehen mit Männern aus einem anderen Kontinent.
Ab Spätherbst 1983 wurde ich vermehrt im Luftreisebüro eingesetzt. Da immer nur eine Person das Reisebüro betreute, war ich mein eigener Herr und Meister. Dies kam meinem Naturell sehr entgegen. Ich genoss die Selbstständigkeit und die Verantwortung.
Mindestens einmal im Monat gab es im Büro des District Managers am Freitagabend einen kleinen Apéro. Das Arbeitsklima untereinander war ausgesprochen freundschaftlich. Meine Arbeitsrealität in Chicago empfand ich im Gegensatz zu New York als genial.
Die Wochenenden waren da schon schwieriger. Ich kannte nur meine Arbeitskollegen. Die wohnten in der Regel in den Vorstädten, also über eine Stunde von mir entfernt. Ich hatte kein Auto. Durch Zufall lernte ich meinen direkten Nachbarn kennen. Er war ein geschiedener schwarzer Anwalt. Oft ging er am Lakeshore joggen während ich mit meinem Velo neben ihm herfuhr. Er suchte mehr als eine Freundschaft. Ich wollte ihm nicht mehr geben, denn ich war zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Jahr mit meinem zukünftigen Mann befreundet. Viele Wochenenden verbrachte ich allein, las viel, schrieb zahlreiche Briefe und sah fern.
Ich ermunterte mich mehrere Mal an einem Samstagabend in eine Bar zu gehen um Musik zu hören. Die amerikanische Mentalität machte es mir leicht. Ich kam meistens schnell in ein oberflächiges Gespräch mit Männern und Frauen. Mir genügte das und doch fühlte ich mich oftmals einsam.
Im Juni besuchte mich meine Mutter zum ersten Mal. Ihr gefiel Chicago sofort. Während meiner zwei Jahre in dieser tollen Stadt sollte sie mich noch oft besuchen.

Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der in einer soliden Zweierbeziehung leben möchte. Das war mein Wunsch, seit ich die Männerwelt für mich entdeckte. Abenteuer habe ich immer geliebt, ausser bei Liebesangelegenheiten. Mir nahestehende Personen sehen das vermutlich anders. Ich bezeichne mich in dieser Angelegenheit als etwas eigensinnig.
Einzig die grosse Liebe, die von der frühen Erwachsenenzeit bis ins Greisenalter bestehen sollte, blieb mir verwehrt. Ich vermute, ich befinde mich diesbezüglich in bester Gesellschaft.

Im Herbst 1981 nahm ich an einer Indonesienrundreise für Airlineangestellte teil. Mein Reisebericht machte meine reisefreudigen Eltern "gluschtig". Seit ich bei der Swissair arbeitete, nahmen sie, vornehmlich meine Mutter, viele Reisevergünstigungen wahr. So überredeten sie mich im März 1982 nochmals mit ihnen diese Rundreise zu unternehmen. Ich war fasziniert von Indonesien, also willigte ich gerne ein. Schicksal oder Zufall, etwa zwei Wochen vor Reisebeginn fiel die Reise ins Wasser. Was sollten wir nun tun mit den geplanten Ferientagen. Schnurstracks machte sich meine Mutter auf den Weg ins Reisebüro in Rorschach. Bepackt mit Katalogen und Ideen kam sie zurück. Unser neues Ziel - Mombasa in Kenia. Rasch hatte ich Flüge und Hotel gebucht. Die Visa waren innerhalb dreier Tage organisiert. Die Auswirkungen jener Reise auf mein zukünftiges Leben nicht ahnend, freute ich mich auf den mir unbekannten schwarzen Kontinent.
Tanz ins Abenteuer
Nördlich von Mombasa an einem langen, feinen Sandstrand wie aus dem Bilderbuch lag das Hotel Severin Sea Lodge. Das Klima war tropisch warm, der Pool und der Indische Ozean wohltemperiert. Ich verbrachte die Tage mit Strandspaziergängen und Lesen. Die Abende waren langweilig trotz der tollen Band namens "Them Mushrooms", die mehrmals die Woche spielte. Da sich die Hotelgäste vornehmlich aus Familien oder Paaren zusammensetzten, fehlten die Tanzpartner. Ende der ersten Woche, wir wollten gerade auf unsere Zimmer gehen, kam ein blendend aussehender junger Inder auf mich zu und bat mich zum Tanz. Ich lehnte ab, denn wir waren schon dabei, zu gehen. Meine Mutter, die ja nur zu genau wusste, was für ein "Tanzfüdli" ich bin, stiess mich sanft an. Meine Eltern gingen auf ihr Zimmer. Ich tanzte derweil mit dem jungen Mann, bis die Band den letzten Song anspielte. Dies im Nichtwissen, dass er mein Ehemann werden sollte. Die folgenden Ferientage und Abende waren nicht mehr von Langeweile geprägt. Der gut aussehende Inder mit den ungewöhnlich grünen Augen hiess Kaushik Shah und war ein Jahr älter als ich. Er führte den Souvenirshop im Hotel nebenan. Seine zurückhaltende Art gefiel mir. Innerhalb weniger Tage entwickelte sich ein veritabler Ferienflirt. Sollte es dabei bleiben? Am Vorabend meiner Heimreise stellten wir uns dieser Frage. Ich wollte mir alles in Ruhe zu Hause überlegen. Vielleicht würden meine Gefühle verblassen wie die Bräune meiner Haut. Wir vereinbarten uns zu schreiben. Ich versprach, sollten unsere Gefühle anhalten, würden wir uns nach vier oder fünf Wochen wiedersehen. Dank meiner Flugvergünstigungen konnte ich mir derartige Kapriolen erlauben. Meine Mutter hatte realisiert, dass ich verliebt war. Mein Vater glaubte zu dem Zeitpunkt, dass ich mich einfach gut amüsiert habe - ach, Papa!
Faszination der Andersartigkeit
Nach meiner Rückkehr erhielt ich mehrmals in der Woche einen Brief von Kaushik. Auch ich mutierte zur fleissigen Briefeschreiberin. Ende April Anfang Mai hatte ich ein paar Freitage zusammen und machte mich auf den Weg nach Mombasa. Meine Mutter wusste, wo ich hinflog und warum. Meinem Vater hatte sie erklärt, dass ich wieder etwas Sonne tanken wolle. Wer weiss, was er wirklich dachte? Kaushik hatte uns ein günstiges Cottage organisiert. Die Tage verbrachte ich am Strand und die Abende mit ihm. Ich kochte, und danach gingen wir aus. Ich kam in Kontakt mit seinen afrikanischen und indischen Freunden. Dabei lernte ich viel. Ich hatte vor meiner ersten Reise nach Kenia keine Vorstellung davon, dass es dort eine so bedeutende indische Population gibt. Kaushik erklärte mir die Gründe. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Eisenbahn von Dar es Salaam (Tansania) nach Kampala (Uganda) gebaut wurde, emigrierten viele Inder nach Ostafrika. So auch der Grossvater meines Freundes. Kaushiks Vater Somchand wurde in Mombasa geboren. Wie viele Inder führte er ein kleines Geschäft mit seinem Bruder. Mit seiner Frau Kasturben gründete er eine Familie mit acht Kindern. Im Alter von nur 28 Jahren wurde sie Witwe und musste fortan selbst für den Unterhalt der Kinder sorgen. Der Bruder von Kaushiks verstorbenen Vater riss das Geschäft an sich und kümmerte sich nicht um Ba (Kosename für Mutter in Gujarati). Der jüngste Sohn starb an Unterernährung. Ba trug ein Leben lang weisse Saris und blieb alleine. Weiss ist die Trauerfarbe im Hinduismus. Kaum war ich in Mombasa, stellte mich Kaushik seiner Mutter Ba vor. Ich wurde herzlich aufgenommen. Ich muss gestehen, ich war geschockt, als ich die einfache, karg eingerichtete Wohnung mitten in Mombasa zum ersten Mal betrat. Nein, nicht der Einfachheit wegen, sondern etwas ganz anderes stach mir ins Auge. Direkt am Eingang war eine grosse Swastika (Hakenkreuz) auf den Boden gemalt, und an den blassgrün getünchten Wänden entdeckte ich mehrere kleinere dieser Symbole. Gab es Nazi-Gruppen in der hinduistischen Gesellschaft? Ich war verwirrt. Meiner Neugierde sofort Befriedigung zu schenken, fragte ich, was diese Swastika zu bedeuten hätten. Nachsichtig wurde ich aufgeklärt. Im Hinduismus ist die Swastika das wichtigste Symbol nach dem Om. Es symbolisiert traditionell Wohlstand, Glück und Wohlergehen. Das Wort „Swastika“ ist aus der Sprache des Sanskrit abgeleitet, wobei „Swasti“ Wohlbefinden bedeutet. Erleichtert ergab ich mich all den exotischen Eindrücken. Ich war fasziniert. Weder das Plumpsklo noch der stetige Lärm, der durch die offenen Fenster drang, störten mich. Im Gegenteil, die Geräusche, ein Gemisch aus Swahili, Gujarati und Strassenverkehr, klangen wie Musik in meinen verliebten Ohren. Fortan wohnte ich viele Male bei der Familie. Das Schlafzimmer teilte ich sittlich mit Ba. Im Nachhinein realisierte ich, dass dies für die damalige Zeit in jener Kultur extrem fortschrittlich war. In der hinduistischen Gesellschaft war und ist es oft heute noch üblich, dass Ehen arrangiert werden. Es gilt die Weisheit: "Die Liebe kommt mit der Zeit!". Und so kam es, dass ich immer mehr in diese Welt eintauchte. Mein kulturelles Rucksäckchen wurde bunt bestückt. Wann immer möglich nahm ich alle Freitage am Stück um manchmal nur für vier Tage zu Kaushik zu fliegen. Wir wollten uns nahe sein. Dieses Hin- und Herreisen, Wandeln zwischen zwei Welten, klappte wunderbar, bis der Entscheid fiel, dass ich ab 1. Februar 1983 in Chicago arbeiten würde. Meine Reisezeit würde sich um weitere 10 Flugstunden erhöhen. Wieder stand die Frage im Raum: "Was tun?". Eines war immer für mich klar. Auf den Job in Chicago wollte ich auf keinen Fall verzichten. Ich wollte beides - Kaushik und Chicago!
Dass die Reisezeit unzumutbar werden würde, war uns beiden klar. Darum hatten wir die Idee, dass Kaushik ein dreimonatiges Touristenvisum für die USA beantragen sollte. Wir kannten uns gut ein Jahr und wollten das Zusammenleben ausprobieren. Dieses Vorhaben scheiterte kläglich. Die USA befürchteten, einen weiteren illegalen Immigranten zu bekommen. Der Visaantrag wurde prompt abgelehnt.
Ich arbeitete bereits ein paar Monate in Chicago, als ich im Juni 1983 nach Kenia reiste. Zwangsläufig mussten neue Pläne her. Zum ersten Mal stand das Thema Heirat im Raum. In Nairobi gingen wir zur US-Botschaft, erläuterten meine Situation und fragten, ob Kaushik ein Visum bekommen könnte, falls wir heiraten würden. Die Antwort lautete ja, aber der Immigration Officer am Ankunftsflughafen würde das letzte Wort haben. Die Einreise könnte zu jedem Zeitpunkt noch verweigert werden. Was nun? Jung, verliebt und mutig, wie wir waren, beschlossen wir im September in Mombasa zu heiraten.
Von Freude und Verständnis keine Spur
Auf dem Rückweg nach Chicago machte ich ein paar Tage Halt in der Schweiz und besuchte mit der freudigen Nachricht im Gepäck meine Eltern. Ich erinnere mich noch gut. Es war ein schöner Frühsommerabend. Zu dritt sassen wir auf dem Balkon und genossen die Sicht auf den Bodensee und die langsam untergehende Sonne. Ich fand dies einen schönen Moment, meinen Eltern meine Heiratspläne zu eröffnen. Ich war ängstlich - zu Recht! Die Stimmung fühlte sich an, als ob eine Atombombe über dem See gezündet worden wäre. Mein Vater bombardierte meinen Selbstwert mit Aussagen, die unglaublich waren: "Dieser Inder will nur aus Afrika raus, er ist ein Märchenerzähler. Ich weiss, wovon ich rede. Und du bist so naiv und glaubst alles. Du weisst schon, dass du lebenslang diesen Taugenichts finanziell aushalten musst. Wir kommen bestimmt nicht nach Mombasa zu dieser irrwitzigen Hochzeit. Solltest du ihn heiraten, sind wir geschiedene Leute!"
Meine Mutter versuchte Vaters Sorgen netter zu formulieren. Mama und ich weinten. Wort- und ratlos floh ich ins Bett.
Beim Abschied am nächsten Tag war die Stimmung gedrückt. Das Thema wurde nicht mehr angesprochen. Schweren Herzens und trotzdem unbeirrt ging ich meinen Hochzeitsplänen in Chicago nach. Ich war überzeugt, lieber mit dreissig glücklich geschieden zu sein, als mit dreissig immer noch zu denken ach hätte ich es doch nur probiert.
Die Hochzeitsvorbereitungen waren hauptsächlich Papierkram. Der Schweizer Botschaft musste ich erklären, dass ich die Schweizer Staatsbürgerschaft behalten wollte, der französischen Botschaft genügte später die Heiratsurkunde vorzulegen. Das HR in New York, meinen Chef Herrn Eggenberger und das Team musste ich natürlich auch über die Hochzeit informieren. Die Trauzeugen waren bereits organisiert, Helen und Martin würden nach Mombasa kommen.
Es waren vielleicht noch gute fünf Wochen bis zum Termin. In der Zwischenzeit hatte ich viele Telefonate mit meiner Mutter. Sie redete mit Engelszungen auf mich ein, um mich umzustimmen. Tatsächlich fühlten sich sogar einige Verwandte, die mich nie in den USA anriefen, dazu gedrängt, mir zu erklären, wie unvernünftig meine Entscheidung sei. Ich blieb stur - bis zu jenem Anruf.
Meine Mutter rief an und informierte mich, dass mein Vater mit schweren Herzproblemen im Spital läge. Er wollte lieber sterben, als diese Heirat zu erleben. Da gefriert einem das Herz. Ich konnte nicht mehr, meine Kraft war am Ende. Ich telefonierte mit Kaushik, erklärte ihm unter Tränen die Situation, und dass ich ihn unter solchen Umständen nicht heiraten konnte. Alles in mir fühlte sich taub an. Zwei Tage später flog ich in die Schweiz. Am Krankenbett sagte ich meinen Eltern, dass ich die Hochzeit abgesagt hätte. Wenige Tage später wurde mein Vater aus dem Krankenhaus entlassen. Der Arzt empfahl ihm, unverzüglich mit dem Rauchen aufzuhören und sich zu erholen, am besten an einem Ort, den er liebte. Diesen Ort kannten wir alle drei sehr gut. Es war La Grande Motte in Südfrankreich. Also chauffierte ich meine Eltern dorthin. Kaum angekommen, war mein Vater wieder der Alte. Er rauchte, trank Wein und freute sich, dass seine liebsten Frauen bei ihm waren.
Schweigendes Entsetzen machte sich in mir breit. Sukzessive schlich sich folgende Überlegung in mein Gehirn. Würde mein Vater erst nach einer allfälligen Hochzeit davon erfahren, ergäbe es keinen Sinn mehr, mich mit Sterbedrohungen davon abzuhalten. Plötzlich stand mein Entschluss fest. Meine Eltern blieben noch eine weitere Woche in Südfrankreich. Ich flog via Paris zurück nach Chicago. Erschrocken über meinen eigenen Mut rief ich von Paris Kaushik an.
"Willst du mich trotz allem noch heiraten?", fragte ich mit zweifelndem Herzen. Es war Regenzeit in Mombasa, ein Knacken drang durch die Leitung.
"Aber natürlich Chokra!", Kaushiks Stimme schepperte und klang weinerlich. Er nannte mich beim Kosenamen. Chokra bedeutet Spitzbube auf Gujarati.
Glücklich und mit bangem Herzen kam ich in Chicago an. Am folgenden Tag bat ich um nochmals zwei Wochen Urlaub für Ende Oktober. Mein Chef war flexibel und grosszügig. Meine Eltern waren derweil im Glauben, alles würde nun zu ihrer Zufriedenheit verlaufen.
Die Hochzeit fand am 25. Oktober 1983 auf dem Standesamt in Mombasa statt. Aufgrund der Verschiebung konnten unsere Trauzeugen nicht anwesend sein. Also hatten wir weder Trauzeugen noch fand eine Feier statt. Nach der Trauung gingen wir zu meiner Schwiegermutter, Ba. Wie es im Hinduismus üblich ist, gehörte ich nun zur Familie Shah. Um Ba Ehre und Respekt zu zollen, kniete ich vor sie und berührte mit dem Kopf ihre Füsse. Für mich war diese Zeremonie wichtig. Unser Honeymoon war ein zweitägiger Aufenthalt in einem Hotel an der malerischen Südküste von Mombasa.
Danach ging es nach Nairobi zur US-Botschaft. Dort hiess es, das Visum brauche leider zwei Wochen.
Wehmütig flog ich frisch verheiratet alleine zurück, denn ich musste ja zur Arbeit. Im Transit in Zürich schrieb ich meinen Eltern einen erklärenden Brief. Wenige Tage später rief mich meine Mutter an. Sie meinte, sie hätte so etwas geahnt. Vater sei sehr wütend, aber er würde sich sicher irgendwann beruhigen.
Drei Wochen später reiste Kaushik in Chicago ein. Endlich konnte unser Eheleben beginnen.
Eheleben in Chicago
An eine aus heutiger Sicht bizarr anmutende Szene kann ich mich gut erinnern. Ich hatte einen Koffer voller Kleider von Kaushik mit nach Chicago genommen. Natürlich wusch ich alles. Das Bügeln seiner Hemden erfreute mich! Zur Klarstellung, ich bügle nicht sonderlich gerne. Damals vermittelte mir diese langweilige Arbeit das Gefühl, dass unsere Beziehung alle Widrigkeiten überwunden habe.
Trotz aller Liebe war es für mich gewöhnungsbedürftig, immer jemanden um mich zu haben. Die ersten zwei Monate war Kaushik ohne Arbeit. Er hatte ja keine Arbeitsbewilligung. Danach verhalf ihm ein indischer Kunde von mir zu einer Anstellung in einem kleinen Seven Eleven Shop, gleich um die Ecke von meinem Büro. Das ist in der indischen Gesellschaft üblich. Einer hilft dem anderen. Kaushik arbeitete nun sechs Tage die Woche für USD 125 (ca. 312 CHF) pro Woche.Wir waren zufrieden mit unserem Leben, wir hatten Freunde, genug Geld und uns. Ich bin nach wie vor sicher, dass es uns beiden guttat, weit weg von unseren Familien zu sein. Wir kamen beide aus verschiedenen Kulturen, lebten in noch einer anderen. Wir waren förmlich gezwungen, uns damit auseinanderzusetzen und zu lernen. Bereits vor der Entscheidung zu heiraten hatten wir unterschiedliche Themen besprochen. Meine Mutter als Vorbild wollte auch ich immer im Berufsleben stehen. Dies galt auch, falls wir Kinder haben würden. Mir war von vornherein klar, dass ich zumindest in den ersten Jahren die Hauptverdienerin sein würde.
Regelmässige Telefonate mit meiner Mutter häuften sich wieder. Einen Wermutstropfen gab es. Mein Vater wollte partout Weihnachten nicht mit uns feiern. Dies war für mich das erste Weihnachtsfest ohne meine Eltern. Dafür hatten wir einen völlig unerwarteten Gast. Im Swissair-Büro machte ich wenige Tage vor Weihnachten die Bekanntschaft mit einem Mann aus Abidjan, Elfenbeinküste. Er hatte ein Asylgesuch in den USA gestellt. Ich erinnere mich nicht mehr genau, warum er ins Swissair-Büro gekommen war. Ich weiss jedoch, dass ich mehrmals am Telefon zwischen Louis und den amerikanischen Behörden englische/französische Übersetzungshilfe leistete. Meine Überzeugung war immer, dass Weihnachten nicht in Einsamkeit gefeiert werden sollte, daher lud ich Louis kurzerhand ein, Heiligabend mit Kaushik und mir zu verbringen. Nach den Festtagen verloren wir uns wieder aus den Augen.
Nachgiebig und immer um Frieden bemüht, kam Mama im Januar 1984 zu Besuch. Sie wollte ihren Schwiegersohn kennenlernen. Im März desselben Jahres lud mein Vater uns in die Schweiz ein. Die Beziehungen begannen sich zu normalisieren.
Bye-bye Chicago
Swissair Chicago wollte mich länger behalten. Ich wäre nur zu gerne geblieben. Doch leider bestand das Headoffice in Zürich darauf, dass ich zurückkehren sollte.
Etwa eine Woche vor meiner geplanten Rückreise im Februar 1985 ereignete sich etwas Unerwartetes.
Kaushik war mit Kollegen aus. Ich ging nach unten in den Supermarkt, um mir eine Tüte Chips zu holen. Ich hatte bereits bezahlt, da stand ein süsses kleines Kätzchen vor mir. Bis zu jenem Zeitpunkt mochte ich Katzen nicht sonderlich. Draussen herrschten Minusgrade. Ich spürte förmlich, wie mein Herz vor lauter Mitleid anschwoll. Ich wusste, dass es viele Haustiere in unserem Haus gab. Ich informierte den Kassierer und den Portier, dass ich das Kätzchen vorübergehend in meine Wohnung nehmen würde, bis der Besitzer sich meldet. Das Tierchen war wenige Minuten in meinem Apartment, und ich war schockverliebt. Ich hoffte zum Glück nicht vergeblich, dass sich kein Besitzer melden würde.
Am nächsten Morgen war unser Haushalt katzentauglich ausgerüstet mit Katzenklo, Futter und Leckerli.
Wenn ich etwas wollte, setzte ich alles daran, es zu erhalten. Das tue ich übrigens auch heute noch! Somit hiess es binnen weniger Tage Reisedokumente und Impfungen für unser neues Familienmitglied Whisky zu organisieren.
Im Februar 1985 siedelte ich mit meinem kenianischen Ehemann und amerikanischen Kater in die Schweiz um.
Eingewöhnung in der Schweiz
In Kloten bezogen wir eine kleine Dreizimmerwohnung in einem älteren Wohnblock, der der Swissair gehörte. Kaushik besuchte während zweier Monate einen Deutschkurs. Seit Anbeginn unserer Beziehung hatten wir uns ausschliesslich auf Englisch unterhalten. Meine damaligen Kollegen und Kolleginnen aus der Airlinebranche nahmen Kaushik gut auf. Da ich schon damals mit Leidenschaft kochte, hatten wir oft Besuch. Die Beziehung zu meinen Eltern beruhigte sich. Einmal im Monat bekochte uns mein Vater in Rorschach. Ein Zeichen, dass sie sich mit ihrem Schwiegersohn arrangiert hatten.
Kaushiks Einstieg in die Schweizer Arbeitswelt
Nach nur zwei Monaten Deutschkurs bewarb sich Kaushik in der Denner Filiale in Kloten. Er hatte gesehen, dass dort ein Verkaufsmitarbeiter gesucht wurde. Voller Freude berichtete er mir, dass er zum Filialleiter gesagt hatte: "Ich bin das richtige Mann!". Ich war wirklich stolz auf ihn. Kaushik war immer sehr arbeitsam. In weniger als einem Jahr offerierte man ihm die Filialstellvertretung. In einem Geschäft zu arbeiten war seine Passion. Es sollten noch weitere Arbeitsstellen folgen, wo er sich beweisen konnte. Er erklomm stetig einige Stufen der Leiter nach oben. Für einen jungen Mann ohne Lehre, ohne anerkannten Schulabschluss finde ich das heute noch bewundernswert.
Meine neue, alte Arbeitswelt
Ich musste an meine alte Arbeitsstelle in die Telefonreservation zurück. Langeweile überkam mich, und ich war unzufrieden. Wider meinen Willen war ich aus meinem Traumjob herausgerissen worden. In Chicago hatte ich viele Freiheiten und Verantwortung. Wieder fand ich mich auf einer Warteliste. Dieses Mal für das Luftreisebüro am Hauptbahnhof. Monate schlichen ins Land und nichts geschah.
Im Spätherbst 1986 erfuhr ich, dass die American Airlines ab Frühjahr 1987 Zürich bedienen würde. Ich wollte ja eigentlich nie die Swissair verlassen. Trotzdem rang ich mich schweren Herzens dazu durch, mich zu bewerben, und bekam eine Stelle am Flughafen. Zuerst ging es für einen Monat nach Dallas zur Einarbeitung. Das gefiel mir sehr gut. Im Trainingscenter lernten wir die Basics von American Airlines. Anschliessend arbeitete ich eine Woche in Houston. Alles schien neu und aufregend. Ich muss allerdings eingestehen, dass ich viele Abläufe mit denen der Swissair verglich. Das war nicht immer zum Vorteil von American Airlines. Zurück in Zürich sollten wir im März den Erstflug für den April von Dallas nach Zürich vorbereiten. Ich langweilte mich zu Tode!
Dann kam ein Anruf vom Swissairchef Deutschweiz/Tessin. Er offerierte mir die Stelle als Supervisor/Schalterchefin im Luftreisebüro am Paradeplatz. Ich sagte sofort zu. Die Swissair war meine berufliche Heimat. Schliesslich verliess ich die American Airlines, bevor die erste Maschine in Zürich landete.
Die Arbeit am Paradeplatz gefiel mir sehr. Obwohl für mich als junge Führungskraft die älteren Mitarbeiterinnen eine Herausforderung waren. Ich erinnere mich noch gut an eines meiner ersten Mitarbeitergespräche. Im Nachhinein bin ich nicht sicher, mit wem das Gespräch geführt wurde, mit mir oder mit meiner älteren Mitarbeiterin!
Mein direkter Vorgesetzter war ein netter Mann, kurz vor der Pensionierung. Er war schon lange am Paradeplatz und liess sich von den Damen auf der Nase herumtanzen. Seine Konfliktscheue bewies er Ende November. Wir bekamen von weiter oben einen bestimmten Frankenbetrag, den wir den Mitarbeitern leistungsbezogen für das kommende Jahr zuteilen sollten. Mein Chef besprach sich mit mir, na ja, er meinte, wir teilen den Betrag durch die Anzahl der Mitarbeiter. Ich schritt vehement ein. Giesskannenprinzip für Leistungslohn!! Zähneknirschend willigte er ein. Die Zeit im Swissair-Büro am Paradeplatz lehrte mich, wie man Menschen führt. Doch tief in mir drin war der Wunsch nach Arbeiten im Ausland noch nicht eingeschlummert.
Welch ein Glück! Im Oktober 1988 konnte ich in die Auslandschulung wechseln. Die Welt kam zu mir, und ich durfte öfters hinaus. Unsere Abteilung war für die Schulung aller Swissair Angestellten weltweit in den Bereichen Tarifberechnungen, Reservations- und Ticketingsysteme und Umgang mit Kunden zuständig. Ich konnte endlich wieder sehr selbstständig arbeiten. Meine Schulungsaufträge führten mich stets für ein oder mehrere Wochen in verschiedene Städte wie z. B. Abu Dhabi, Lagos, Beirut, Philadelphia, Montreal, Frankfurt, Wien, Bangkok, Shanghai. Da ich oft alleine unterwegs war, kam ich in Kontakt mit den jeweiligen Lokalangestellten. Diese nahmen mich meist herzlich auf und liessen mich ihre Kultur näher kennenlernen. Dies sollte mir in einer späteren Tätigkeit noch sehr nützlich sein. Diese Stelle war neben meiner Zeit in Chicago mein Traumjob.
Auch Traumjobs haben Nachteile. Auf einer Geschäftsreise nach Abu Dhabi 1989 erkrankte ich an Gelbsucht. Ich war einige Wochen arbeitsunfähig. Das war damals nicht einfach für meine Mitkollegen und Kolleginnen, mussten sie doch meine Auslandeinsätze und die Schulungen in der Schweiz übernehmen.
Ich war damals um die dreissig und alle meine männlichen Kollegen hatten eine Weiterbildung begonnen. Also machte ich auch eine - ich wählte den Lehrgang zur Personalfachfrau. Im Nachhinein frage ich mich, warum. Der Lehrgang war interessant, für die Abschlussprüfung meldete ich mich nie an. Jahre später hatte ich oft mit HR-Abteilungen zu tun. Somit war die Ausbildung nicht ganz umsonst.
Im Januar 1992 kontaktierte mich der HR-Chef von Gate Gourmet International. Er fragte, ob ich Interesse hätte, seine Assistentin zu werden. Ich fühlte mich gebauchpinselt und sagte zu. Fehlentscheidung!!! Ich hätte doch wissen müssen, dass ich nicht für einen reinen Büroalltag gemacht bin. Ich blieb von Mai 1992 bis Ende 1992 im HR. Über meine Zeit im HR kann ich sagen, dass ich gelernt habe, kontroverse Gespräche sowie auch Streitgespräche mit Vorgesetzten zu führen.
Wie ein Lichtstrahl in mein Leben trat
Obwohl mich gegen Ende der achtziger Jahre erste Zweifel an meiner Ehe beschlichen, wollten wir eine kleine Familie gründen. Das Kinderprojekt sollte harzig werden, schweisste uns aber für ein paar weitere Jahre zusammen. Ich wurde nicht schwanger. Untersuchungen brachten zutage, dass Kaushik keine Kinder zeugen konnte. Ich vermutete das schon lange, er vielleicht auch. Wir fielen jedenfalls nicht aus allen Wolken und suchten nach Lösungen. Zuerst versuchten wir es mit künstlicher Befruchtung mit indischem Spendersamen. Das gab es damals in der Schweiz noch nicht. Also musste ich mehrmals nach London fliegen, um die gewünschte Behandlung durchführen zu lassen. Es funktionierte nicht und war sehr kostspielig. Mitte 1991 brachen wir den Versuch mit künstlicher Befruchtung ab. Irgendwie bekam ich die Adresse einer Adoptionsvermittlerin, die mit dem Mutter -Teresa-Kinderheim in Bombay, heute Mumbai, zusammenarbeitete. Wir kontaktierten sie umgehend. Sie erklärte uns, dass es im besten Fall anderthalb Jahre dauern würde, bis wir ein Kind bekommen würden. Zuerst müssten wir sowieso die Erlaubnis des Jugendamtes in Pfäffikon vorlegen. Der Behördenmarathon war viel weniger schlimm als erwartet. Klar, viele Papiere mussten ausgefüllt werden. Vor dem Besuch des Jugendamtes bei uns zu Hause hatte ich etwas Angst. Völlig unbegründet, wie sich herausstellte. Dass Kaushik Hindu war fand der zuständige Beamte sehr gut, so hätte das potentielle Adoptivkind Zugang zu seinen kulturellen Wurzeln. Sogar die Tatsache, dass ich Teilzeit weiterarbeiten würde, war kein Problem. Ich wusste, ich würde auf jeden Fall weiterarbeiten müssen, da ich die Haupternährerin war. Wir waren überzeugt, dass wir nach der Zustimmung des Jugendamtes noch etwa eineinhalb Jahre Zeit hätten, um unsere finanzielle Lage zu optimieren. Es sollte anders kommen.
Ironischerweise wollte das Schicksal, dass ich im Frühherbst 1991 an Endometriose erkrankte. Nach der langwierigen Operation meinte mein Frauenarzt, dass es gut wäre, schwanger zu werden, um die letzten Endometrioseherde abzutöten!
Zu Ostern 1992 gab das Jugendamt Pfäffikon grünes Licht. Etwas später wurde klar, dass Kaushiks Arbeitgeber Skyracer (eine Tochter der Swissair) schliessen würde. Mit der bescheidenen Austrittssumme wollte Kaushik sich seinen Traum von einem eigenen Geschäft mit Artikeln aus Afrika und dem Fernen Osten verwirklichen. Das passende Lokal wurde in Rapperswil gefunden. Ich kann es mir heute nicht mehr erklären, warum ich ihm das nicht ausredete. Von Anfang an war klar, dass das sehr schwierig werden würde. Zudem hatten wir 1989 eine Eigentumswohnung in Fehraltorf gekauft. Ich brachte es nicht übers Herz seinen Traum platzen zu lassen. Er hatte seine Heimat für mich verlassen. Wegen mir hatte er bereits zwei Mal einen Neuanfang in verschiedenen Ländern gemacht. Ich fühlte mich schuldig. Obwohl ich es besser wusste, konnte ich nicht dagegenhalten. Bis zur Eröffnung der Boutique im September 1992 investierten wir neben Geld auch viele Arbeitsstunden.
Im August hatten wir der Adoptionsvermittlungsstelle alle Unterlagen des Jugendamtes zugestellt. Wiederum sagte man uns, dass wir frühestens Ende kommenden Jahres mit einem Vorschlag des Kinderheimes rechnen dürfen. Zum Glück, denn im Moment standen Kaushiks Geschäft und meine ungeliebte Stelle im HR im Vordergrund.
Niemals in meinem Leben werde ich den 6. Oktober 1992 vergessen. Die Adoptionsstelle rief an und informierte mich, dass sie so einen Fall wie uns noch nie gehabt hätte. Da Kaushik Hindu ist, würde unser Antrag nach hinduistischem Recht behandelt. Das bedeute, dass die Mutter Oberin bereits ein kleines Mädchen namens Kiran für uns ausgesucht hätte. Kiran sei am 15. August 1992 auf die Welt gekommen. Der Name bedeutet Lichtstrahl. Da es sich um eine Hinduadoption handele, müsse einer von uns nach Bombay zum Gericht kommen. Im Dezember sei der Gerichtstermin. Wir konnten es kaum glauben, waren überwältigt und ich in grosser Sorge um unsere finanzielle Situation. Schlaflose Nächte lagen vor mir.
Am Tag darauf waren wir bei meinen Eltern zum Mittagessen eingeladen. Es war mein dreiunddreissigster Geburtstag. Nicht zum ersten Mal interpretierte ich die Stimmung am Familientisch falsch. Die freudige Nachricht aus Bombay kam nicht gut an. Meine Mutter freute sich, mein Vater schalt mich eine verdammte Egoistin. Wir würden uns doch gar kein Kind leisten können. Ich weinte! Was die Finanzen anging, hatte er recht, aber ich war doch keine Egoistin, bloss, weil ich ein Kind wollte. Ich hoffte, dass sich mein Vater, wenn Kiran erst mal da ist, wieder beruhigen würde.
Zeitgleich hatte ich meinem damaligen Chef bei Gate Gourmet International gesagt, dass ich nicht bleiben würde. Nun musste ich für den kommenden Februar eine Teilzeitstelle finden, und das Geschäft meines Mannes sollte dringend zum Fliegen kommen.
Doch das Geschäft von Kaushik dümpelte mehr oder weniger dahin. Knapp konnte er den Mietzins erwirtschaften. So traf er die Entscheidung, abends zusätzlich eine Teilzeitstelle bei Gate Gourmet Zürich, einem Cateringbetrieb, anzunehmen. Ich fand auf Februar 1993 eine Teilzeitstelle am Check-in. Von vornherein war klar, dass ich nur einen Monat unbezahlten Urlaub nehmen konnte. Mehr lag finanziell nicht drin.
Einen Kinderwagen erstand ich in einem Secondhandladen in Kloten. Als meine Mutter davon erfuhr, war sie entsetzt. Sie nahm mich mit in ein Kinderfachgeschäft und suchte mit mir einen neuen, in bunten Farben gehaltenen Kinderwagen aus. Die Vorfreude stieg - ich würde Mama werden.
Die Reise nach Bombay
Mein Chef hatte mir erlaubt, Ferien zu nehmen unter der Bedingung, dass ich bis zur letzten Minute arbeiten würde. Dankbar für seine Flexibilität war ich erleichtert. In Bombay waren politische Unruhen, und ich wusste nicht, wann ich aufs Gericht bestellt werden würde. Ende November feierte meine Schwiegerfamilie eine grosse indische Hochzeit in Bombay. Kaushik flog hin, ich wartete bis Anfang Dezember. Am Morgen meiner Abreise arbeitete ich im Büro. Das war gut, denn so war ich abgelenkt von meiner steigenden Nervosität. Gegen Mittag hastete ich zum Flughafen. Ich hatte ein Stand-by-Ticket, was hiess, dass ich nur mitreisen konnte, wenn irgendein Platz frei bleiben würde. Die Maschine war überbucht und zu meinem Leidwesen erschienen alle Passagiere. Der Kapitän kannte meinen Reisegrund und liess mich auf dem Jumpseat (Klappsitz für die Besatzung) mitfliegen.
Gerädert vom Flug auf dem Jumpseat fuhr ich nach meiner Ankunft am frühen Morgen ins Hotel. Als ich eintraf, waren meine damalige Schwägerin Indira, ihre Tochter Trishna und ihr Sohn Sushil noch in Bombay. Der Rest der Familie war bereits wieder in Kenia. Ich sagte kurz Hallo. Nach einer schnellen Dusche nahm ich ein Taxi ins Mutter-Teresa-Kinderheim in Bombay. Ich sehe alles noch deutlich vor mir. Um in das Klosterareal zu gelangen, musste man ein grosses verschlossenes Metalltor passieren. Es war heiss und feucht. Ich war allein und sehr aufgeregt. Eine Nonne kam auf mich zu und fragte nach meinem Ansinnen. Ich erklärte ihr, dass ich die zukünftige Mama von Kiran sei. Lächelnd reichte sie mir die rechte Hand. Mit ihrer linken Hand umfasste sie unsere beiden Hände. Das ist Usus in Indien. Sie führte mich in ein eingerüstetes Haus. Ich trat in einen Raum ein, der in einem hellen Lindgrün gestrichen war und stark an das Wartezimmer eines Arztes erinnerte. In der Mitte stand ein Holztisch, an zwei Wänden Stühle. Links erblickte ich eine offene Tür, die zu einem Büro führte. Es war das Dienstzimmer der Mutter Oberin. Rechts neben dem Eingang war eine geschlossene Tür, die flankiert war von zwei eisernen leeren Kinderbettchen. Die Schwester bat mich, zu warten. Die Zeit stand still, die Luft flirrte.
Plötzlich ging die Tür auf. Die freundliche Nonne betrat den Raum mit meinem kleinen Mädchen. Kiran war noch keine vier Monate alt. Sie trug ein buntes, viel zu grosses Kleidchen und eine Stoffwindel. Liebevoll legte mir die Nonne das Baby in den Arm. Kiran war ganz ruhig, grosse nussbraune Augen schauten mich an. Tränen liefen über mein Gesicht. Ein warmes Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit. Ich weiss nicht mehr, wie lange ich so dagesessen bin. Plötzlich hörte ich mich sagen: "Kiran, ich verspreche dir, ohne dich werde ich dieses Land nie verlassen. Und wenn es ewig dauert!"
Irgendwann kam die Nonne zurück und meinte, man würde mich im Hotel benachrichtigen, wann der Gerichtstermin stattfinden würde. Sie könne mir allerdings nicht sagen, wann das genau sein werde. Ich sollte ihr schon mal alle Dokumente übergeben. Bevor ich ins Hotel zurückging, fragte ich die Nonne, ob es in Ordnung sei, wenn ich jeden Tag für ein paar Stunden vorbeikommen würde. Sie nickte freundlich.
Glücklich fiel ich im Hotel ins Bett und tauchte in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen besuchte ich das Kinderheim wieder. So sollte es noch viele Tage gehen. Meine Begleitnonne, ich weiss leider ihren Namen nicht mehr, erklärte mir, wie es im Heim zugeht. Manchmal werden die Babys einfach vor das grosse Stahltor gelegt. Oft kommen jedoch die Mütter einige Wochen vor der Niederkunft ins Kinderheim. Bis sieben Tage nach der Geburt dürfen sie bleiben und sich um ihr Kind kümmern. Einen Namen dürfen sie ihm jedoch nicht geben. Ich habe einige solche arme Mütter dort kennengelernt. Meistens waren es junge Frauen, die von ihrer Familie hierher geschickt wurden, weil sie ungewollt schwanger waren. Zu jener Zeit (ist leider auch heute noch verbreitet) empfanden hinduistische Familien Mädchen als Bürde. Es ist Tradition, dass die Eltern der Braut die Hochzeit ausrichten, und es wird erwartet, dass die Tochter mit einer gehörigen Mitgift ausgestattet ist. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: "Eine Tochter zu haben, ist, wie wenn du die Blumen in Nachbars Garten giessen müsstest."
Eines Morgens waren die beiden Eisenbettchen im Empfangsraum belegt. Es lag nicht ein Baby im Bettchen, nein, es lagen in jedem Bettchen drei Babys quer. Sie waren so klein, ihre Gesichtchen sahen aus wie die von ganz alten Menschen, ihre Augen sprangen schier aus den Höhlen. Die Haut spannte sich über ihren mageren Körper. Dieses Bild hat sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingebrannt.
Der Gegensatz war krass. Kiran blühte während unserer gemeinsamen Zeit im Kinderheim auf. Ich lernte, das Fläschchen zu geben, sie zu wickeln, eben vieles, was vermutlich auch Teil eines Geburtsvorbereitungskurses gewesen wäre.
Weihnachten kam immer näher. Ich hatte keine Ahnung, wo ich dieses Jahr feiern würde. Ich hatte nur den Wunsch, mit Kiran zusammen zu sein.
Kurz vor den Feiertagen bat mich die Schwester um Mithilfe. Selbstverständlich sagte ich zu. Am nächsten Tag sollten 800 ausgewählte arme Familien kommen, um ihr Weihnachtsgeschenk abzuholen. Mir wurde eine Mutter-Teresa-Schürze umgebunden. Meine Aufgaben bestanden darin, grosse Säcke Milchpulver in jeweils halbe Kilogramm- Säckchen abzufüllen, pro Familie 10 Petit Beurre Guetzli abzuzählen und Häufchen mit gespendeten Kleidern für Buben, Mädchen, Frauen und Männer bereitzulegen.
Am folgenden Tag wurde das Tor geöffnet. Es hatte sich bereits eine Schlange mit bedürftigen Menschen gebildet. Als Erkennungszeichen hatten sie ein Papierfetzchen in der Hand. Die Dankbarkeit, die die Menschen den Schwestern und mir entgegenbrachten, macht mich heute noch demütig. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich im Kinderheim verbringen durfte.
Am Morgen des 23. Dezembers 1992 ging alles plötzlich sehr schnell. Früh kam die Schwester zu mir ins Hotel. Der Gerichtstermin sei noch heute Morgen. Per Taxi ging es zum Bahnhof, dann per Zug zum Gericht. Ich reiste in einem Ladiescar der dritten Klasse. Mir war alles egal, Hauptsache, ich würde pünktlich erscheinen können. Kirans Grossvater stand als Vertreter der minderjährigen Mutter mit mir vor Gericht. Es ist alles wie im Dunst, ich kann mich nicht mehr erinnern, nur, dass alles nach einer halben Stunde vorbei war.
Ich raste zurück ins Hotel, packte meine Sachen und rief bei der Swissair an. Es gab freie Plätze für den Flug heute Nacht. Ich bat darum, ein Infantticket am Flughafen für mich bereitzustellen. Danach holte ich Kiran im Kinderheim ab. Die Abschiedsszene war herzzerreissend. Die Nonnen weinten nicht, nein, ich war es, die weinte. Ich hatte seelisch sehr eindrucksvolle Tage dort erlebt.
Trishna, die jüngste Tochter meiner ehemaligen Schwägerin, hatte mich ins Kinderheim begleitet. Zurück im Hotel passte sie auf Kiran auf, während ich duschte. Gott, jetzt war ich alleine mit einem Säugling und musste heute Nacht mit ihr nach Zürich fliegen. Was, wenn sie nonstop weinen würde? Doch auch da mussten wir durch!
Am Flughafen angekommen gestand mir der Ticketagent der Swissair, dass er es nicht geschafft hätte, ein Infantticket auszustellen. Netterweise liess er mich an den Computer und innerhalb weniger Minuten hatte Kiran ihr erstes Flugticket.
Wenig später sassen wir im Flugzeug nach Zürich. Nach dem Start legte ich Kiran ins Babybettchen vor mir. Dem Himmel sei Dank, sie schlief bis kurz vor der Landung in ihrer neuen Heimat.
Es war der 24. Dezember 1992, als ich mit Kiran in der Schweiz ankam. Unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest feierten wir bei Kirans Patentante, meiner Freundin Heidi und ihrer Familie. Den zweiten Weihnachtstag verbrachten wir mit meinen Eltern. Beim Anblick von Kiran schmolz mein Vater regelrecht dahin. Meine Mutter entwickelte sich in Minutenschnelle zur besten Oma der Welt. Zum Glück, denn ich sollte Oma und Opa noch dringend brauchen.
Familienleben
Da wir ja Knall auf Fall Eltern wurden, mussten wir uns schnell in unsere neuen Rollen einfinden. Kiran machte es uns glücklicherweise sehr einfach. Ein zufriedenes Baby hatte zu uns gefunden. Von vornherein war für uns klar, dass Kiran zweisprachig aufwachsen sollte. Kaushik sprach mit ihr Englisch, ich Deutsch. In die Mütterberatung gingen wir abwechselnd, je nach Arbeitsplan. Kaushik wurde dort als einer der wenigen Männer mit offenen Armen empfangen. Mir fiel es schwerer. Vor allem hatte ich Mühe mit der Wichtigkeit, die gewisse Themen einnahmen. Ich denke, dass es für einige Mütter ein Projekt darstellte, ein Kind zu haben. Jede Phase dieses Projekts wurde ausgewertet und in einer Endlosschlaufe besprochen und verglichen. Konkret denke ich da zum Beispiel an das Thema, wie viele Zähne ein Kleinkind bereits hat oder eben nicht. Ich liebte mein Kind über alles, aber ich hungerte nach Gesprächen mit anderen Erwachsenen. Und trotzdem war ich traurig, dass mein freier, unbezahlter Monat viel zu schnell vorbeiging. Damals bekamen Mütter von Adoptivkindern im Kanton Zürich keinen bezahlten Mutterschaftsurlaub! Ab Februar musste ich aus wirtschaftlichen Gründen Teilzeit arbeiten gehen.
Ich erinnere mich an eine Situation, wo mich die finanziellen Sorgen beinahe erdrückten. An einem Januarmorgen klingelte es gegen elf Uhr an der Haustür. Mit Kiran auf dem Arm öffnete ich. Zwei ernst dreinschauende Männer gaben sich als Zollinspektoren zu erkennen. Verwirrt schaute ich sie an. Was wollten die nur von uns, rauschte es durch meinen Kopf. Ich bat sie einzutreten. Sachlich und freundlich erklärten sie mir, dass Kaushik unter Verdacht stehe, Zollgebühren unterschlagen zu haben. Als Beweis zeigten sie mir Papiere von einer Warenlieferung für Kaushiks Laden aus Kenia. Mir blieb schier die Luft weg. Ein Arm umklammerte Kiran fester, mit dem anderen suchte ich Halt an der Wand. Tränen standen mir in den Augen. Ich bat die beiden Inspektoren, mir in den Keller zu folgen. Dort war die Ware untergebracht. Von den neun Kartonkisten waren acht gefüllt mit beschädigten und somit unverkäuflichen Gütern. Kaushiks Kollege in Mombasa hatte die Ware nicht sorgfältig verpackt. Wir hatten die Kosten. Die beiden Herren verglichen die Zollpapiere und die marode Ware. Sie schauten sich an und nickten stumm. Dann geschah ein Wunder. Aus welchen Gründen auch immer, vielleicht war es Mitleid, ich weiss es nicht, verabschiedeten sich die beiden Beamten mit der Aussage, dass alles in Ordnung sei. Ich müsse mir keine weiteren Sorgen machen. Oh, dem Himmel sei gedankt!
Kaushik arbeitete immer noch in der nicht florierenden Boutique. Mehrmals die Woche übernahm er abends bei Gate Gourmet die Spätschicht. Das war eine ziemliche Knochenarbeit. Er musste Trolleys mit Essen für die frühen Abflüge am nächsten Tag bereitstellen. Wir hatten beide keine Wahl. Wir mussten finanziell über die Runden kommen, denn wir hatten immer noch die Befürchtung, dass das Jugendamt uns Kiran wieder wegnehmen könnte. Zum Glück stellte sich heraus, dass diese Angst unbegründet war.
Kiran musste ich in die Kinderkrippe geben. Hatte ich Schichten, die nicht mit der Krippe vereinbar waren, durfte ich sie zu meinen Eltern nach Rorschach bringen. Sie nahmen Kiran nur zu gerne zu sich. Ich war dankbar.
Schon vor unserer Heirat hatten Kaushik und ich viel über unsere Kulturunterschiede gesprochen. Man kann über vieles reden, doch es gibt eben auch Andersartigkeiten, die erst im Laufe des Zusammenlebens sichtbar werden. Eine nette Anekdote ist die folgende: Kurz vor Kirans erstem Geburtstag meinte Kaushik, wir sollten ihr die Haare scheren. Das sei eine Tradition und diene der rituellen Reinigung des Kindes. Ich fiel aus allen Wolken. Unsere Tochter ging in die Kinderkrippe. Da würde man wahrscheinlich denken, sie hätte Läuse. Wir diskutierten diese Thematik aus und einigten uns schliesslich auf einen frechen Kurzhaarschnitt. Solche Situationen machen aus meiner Sicht eine multikulturelle Partnerschaft interessant.
Im Frühjahr 1993 musste Kaushik seine Boutique schliessen. Aus vertraglichen Gründen waren wir gezwungen, die volle Miete noch weitere vier Monate zu bezahlen. Nun war noch mehr Sparen angesagt. An Ferien war nicht mehr zu denken. Unsere Ehe lief so lala, wir funktionierten eben. Zu jener Zeit stieg leider Kaushiks Alkoholkonsum. Da ich gut kochen konnte, hatten wir oft Gäste zum Essen. Dies war jedes Mal eine Gelegenheit für Kaushik über den Durst zu trinken. Ich fühlte mich unwohl. Gespräche mit ihm führten nicht zum gewünschten Erfolg.
Nach kurzer Zeit fand Kaushik eine Anstellung bei K300, einem Supermarkt. Dort arbeitete er sich zum Filialleiter hoch. Später wechselte er zu Coop, wo er auch die Treppe zum Filialleiter erklomm. Ich war stets stolz auf seinen Willen, etwas zu erreichen. Neben meinem eigenen Job unterstützte ich ihn, wo immer ich konnte. Standen Mitarbeitergespräche an, bereitete ich diese mit ihm vor. Manchmal half ich ihm am Sonntag seinen Coop wieder auf Vordermann zu bringen, d. h. Aktionen auszupacken und aufzustellen. Wie gesagt, wir waren ein gut funktionierendes Team. Mit seiner Anstellung bei Coop reduzierte sich unser finanzieller Druck.
1995 ging ich wieder zurück in die Auslandschulung. Ich war froh über die geregelten Arbeitszeiten. War ich im Ausland sprang meine Mutter ein.
Immer öfter beschlich mich der Wunsch, Kaushik zu verlassen. Ich hatte Angst. Einerseits befürchtete ich, dass mir das Jugendamt Kiran wegnehmen könnte, andererseits wusste ich nicht, wie ich die Eigentumswohnung alleine halten sollte. Die Zeit war einfach noch nicht reif. Es lief ja nicht so schlecht, machte ich mir vor.
In der Zwischenzeit entwickelte sich Kiran zu einem munteren kleinen Mädchen. Da ich ein Mensch bin, dem körperliche Nähe wichtig ist, genoss ich ihre Anhänglichkeit. Kiran liebte es, Kindervideos nachzuspielen. Ihr Favorit war "König der Löwen". Unser Sofa mutierte während des Films immer zum Königsfelsen, Kiran wechselte von Mufasa zu Simba - es war ein Bild für Götter.
1997 verbrachte ich geschäftlich einen Monat in Shanghai. Als ich zurückkam, sagte mir meine Mutter, dass Kiran gesagt habe: "Jetzt muss Mami aber lange arbeiten". Das war ein Stich in mein Herz. Etwas musste sich ändern. Ich kündigte meine Festanstellung und arbeitete nur noch als Aushilfe am Flughafen. Da die Swissair Aushilfen nicht sehr gut bezahlte, ging ich zu Jet Aviation. Dies sollte sich noch als Glücksfall erweisen.
Fluchtort Brand in Vorarlberg
Kaushik liebte Schnee und hatte Skifahren gelernt. Deshalb fuhren wir 1998 zum ersten Mal in den Skiurlaub nach Brand in Vorarlberg. Wir trafen auf einen kleinen, familienfreundlichen Ort, eingebettet in eine schöne Bergwelt. Während Kiran die Skischule besuchte, fuhren wir gemütlich Ski. Für einen Tag hatten wir uns Langlaufskier ausgeliehen. Wir wollten eine neue Sportart ausprobieren. Puh, das war anstrengender als gedacht. Ich spürte Muskeln, von deren Vorhandensein ich bis dato nichts gewusst hatte. Natürlich konnte ich am nächsten Morgen kaum aufstehen vor Muskelkater. Der Ort gefiel uns so gut, dass wir uns kurz entschlossen auf die Suche nach einer Ganzjahresferienwohnung zur Miete machten. Der Zufall kam uns zu Hilfe. Die Mutter von Kirans Skilehrerin war Witwe und vermietete uns in ihrem Dreifamilienhaus eine nett möblierte Dreizimmerwohnung. Im obersten Stock wohnte die Oma, in der Mitte wir und im Parterre die Besitzerin. Schnell fühlten wir uns heimisch in dem kleinen Ort.
Kiran ging inzwischen in den Kindergarten. Kaushik arbeitete fast jeden Samstag im Supermarkt. Für Kiran und mich war es die Gelegenheit, Zeit in unserer Ferienwohnung zu verbringen. Meine Freundin aus der Lehrzeit bei Swissair besuchte uns oft. Helen war alleinerziehende Mutter. Ihre Tochter Léonie war nur ein halbes Jahr älter als Kiran und somit die ideale Spielgefährtin. Mir tat die Zeit mit Helen gut. Ihr konnte ich von meiner nicht mehr glücklichen Ehe erzählen. Ich musste mir bald eingestehen, dass die Zeit in Brand für mich eine Flucht aus dem Ehealltag darstellte. Immer deutlicher manifestierte sich das Bedürfnis, meiner Ehe ein Ende zu setzen. Die Konkretisierung dieses Wunsches läutete auch das Ende der schönen Zeit im Brandnertal ein. Und so war es. Immerhin durften wir dort vierundzwanzig tolle Monate in den Bergen geniessen.
Jahre später würde ich wieder einen Zweitwohnsitz in Vorarlberg bewohnen. Nur das wusste ich damals noch nicht.
Die Nacht der Entscheidung
Den Samstagabend des 27. August im Jahr 2000 werde ich nie vergessen. Ich war den ganzen Tag an einer Weiterbildung. Kaushik hatte frei und kümmerte sich um unsere Tochter. Für den Abend hatte er an einer nahegelegenen Feuerstelle für seine Mitarbeiter einen Grillabend organisiert. Der Plan war, dass ich Kiran dort gegen 21:00 Uhr abholen sollte. Als ich an der Feuerstelle eintraf, war Kaushik bereits sehr angetrunken. Seine Sprache war schleppend und ging eher in ein Lallen über. Ich schämte mich für ihn. Wie konnte er vor unserem Kind ein derart unverantwortliches Verhalten an den Tag legen? Was dachten wohl seine Mitarbeiter? Mir wurde schlagartig klar, ich verlasse ihn!
Weit nach Mitternacht musste ich einen sturzbetrunkenen Ehemann, der zudem mit dem Auto heimgefahren war, in Empfang nehmen. Wohlwissend, dass ich in eine tote Telefonleitung sprechen würde, teilte ich ihm mit leisen Worten mit, dass ich ihn verlassen werde. Es musste einfach raus.
Die Aussprache am Sonntagmorgen war nicht einfach. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich nicht den Mut aufbrachte, eindeutige Verhältnisse zu schaffen. Ich schlug Kaushik eine sechsmonatige Trennung vor. Danach würden wir weiterschauen. Im tiefsten Inneren wusste ich, dass ich für immer aus dieser Ehe raus wollte. Trotz aller finanziellen Ängste war ich bereit, diesen Schritt zu wagen. Zu viel war passiert.
Das Finden einer Wohnung dauerte weitere vier Monate. Ich half ihm, sein neues Zuhause einzurichten. Ich bezahlte auch einen Teil der benötigten Möbel. Ich sehe immer noch die Szene vor mir, als wir Kiran unsere Trennung verkündeten. Sie sass wie gewohnt auf der Eckbank im Essbereich. Wie wir ihr unseren Entscheid erklärten, kippte sie wie ein Sack auf die rechte Seite. Es muss für sie ein furchtbarer Schock gewesen sein. Ich fühlte mich so schuldig. Sie hatte schon die Ursprungsfamilie verloren und nun ihren "zweiten" Vater auch noch.
Später sollte ich herausfinden, dass Kiran gemeint hatte, ich hätte die Trennung verursacht. Als Erstklässlerin hatte sie ihren Vater höchstens angeheitert erlebt oder konnte die Situation noch nicht einschätzen. Auch das sollte sich bald ändern.
Die Zeit als Alleinerziehende
Kaushik zog im November 2000 aus. Wir hatten vereinbart, dass Kiran jedes zweite Wochenende, d. h. Samstagabend bis Sonntag, bei ihm verbrachte. Hatte Kaushik ausnahmsweise am Samstag frei, brachte ich sie am Freitagabend. Ich erinnere mich noch gut, dass nach der ersten Euphorie, endlich alleine zu sein, mich manchmal samstagabends die Einsamkeit überfiel. In der Tat war ich gelegentlich nah dran, Kaushik anzurufen und zu fragen, ob wir nicht zu dritt Pizza essen gehen wollten. Wohlweislich verkniff ich mir diesen Impuls.
Kiran erholte sich von der Trennung. Ich schickte sie in eine Maltherapie, um alles zu verarbeiten. In unserer Überbauung hatte sie zwei Freundinnen, Julia und Nadine, gefunden. Wir Mütter verstanden uns ebenfalls gut. Konnte eine von uns mal nicht Mittagessen kochen, so durfte das jeweilige Kind bei einer anderen essen. Wir drei Frauen sahen das locker.
Natürlich unterstützten mich meine Eltern, wo sie konnten. Sehr beeindruckt hat mich die Haltung meines Vaters. Ursprünglich war er ja vehement gegen meine Verbindung mit Kaushik gewesen. Während der Ehe hatte er mich nie mehr zu diesem Thema gerügt. Nach der Trennung habe ich nicht eine abwertende oder belehrende Bemerkung von meinem Vater gehört. Dafür bewunderte ich ihn sehr.
Die Zeit mit meiner Tochter war schön. Natürlich war es nicht immer einfach, Geld zu verdienen und genug Zeit für mein Kind zu haben. Irgendwie klappte es. Aber ich musste mir eingestehen, dass mir ein verlässlicher Partner an meiner Seite fehlte. Zu Kaushik wollte ich auf keinen Fall zurück. Im späten Frühjahr 2001 suchte ich das Gespräch mit ihm. Ich wollte die Scheidung. Kaushik war nie streitsüchtig gewesen. Dies erlaubte uns eine gemeinsame Anwältin mit der Scheidung zu beauftragen. Ich schlug vor, dass er nur für unsere Tochter Unterhalt zahlen müsste. Dafür wollte ich für Kiran und mich unsere Wohnung behalten. Ich war stolz darauf, dass wir unsere Trennung auch in finanzieller Hinsicht friedlich regeln konnten. Später würde ich leider noch feststellen müssen, dass die Trinkerei Kaushik weiter ins Elend treiben würde. Es gab Wochenenden, an denen musste ich Kiran bei ihrem stockbetrunkenen Vater abholen. Er verlor seine Anstellung als Filialleiter, zahlte keinen Unterhalt mehr und floh für einige Jahre nach London zu seinen Verwandten. Dank meiner Arbeit waren wir finanziell nicht von ihm abhängig. Doch Kiran hatte leider ihren Vater verloren.
Im Dezember 2001 wurden wir geschieden.
Am 11. Februar 2019 starb Kaushik an Multiorganversagen infolge von übermässigem Alkoholkonsum. Mein Fazit aus den Jahren mit Kaushik. Wir hatten schöne, intensive und schwierige Zeiten gemeistert. Es war unsere ehrliche Absicht gewesen, unseren Lebensweg zusammen zu gehen. Allerdings ist uns auf dem Weg unbeabsichtigt unsere Liebe abhandengekommen. Kaushiks Neigung zu Suchtmitteln (früher in Kenia Cannabis und Zigaretten, später Alkohol) hat einerseits einen Beitrag geleistet. Andererseits denke ich, dass es vermutlich nicht leicht war, mit einer starken Frau wie mir zu leben. Auch ich habe meinen Beitrag zum Scheitern geleistet. Kaushik hat mir einen wahren Spruch hinterlassen: "Man kann nicht mit einer Hand klatschen!"

Mich faszinierte die Welt der Erwachsenenbildung. Daher begab ich mich auf die Suche nach etwas Passendem, wo ich meine Rollen als Mutter, Familienfrau und später Alleinerziehende gut leben konnte. 1997 begann ich eine Ausbildung als Elternbildnerin. Es war nie meine Absicht, den Eltern das Leben mit Kindern zu erklären, sondern das Leben als Paar. Was mir in der Elternbildungsszene nicht gefiel, war die Unverbindlichkeit der Teilnehmenden. Um es lapidar auszudrücken, sah die Situation oft so aus. Ein Elternbildungskurs ist für Dienstag um 19:00 Uhr angesetzt, 12 Teilnehmende sind gemeldet, erscheinen tun vielleicht 9. Warum habe ich mich damals immer wieder gefragt? Liegt es am äusserst geringen Unkostenbeitrag von CHF 10.-? Ist das TV-Programm spannender? Ich kam aus der Industrie, da erschienen die Teilnehmenden in der Regel alle und meistens pünktlich.
Im Sommer 1998 besuchte ich ein TA-Nachtseminar. TA ist die Abkürzung für Transaktionsanalyse. Die Transaktionsanalyse wurde 1957 von Eric Berne, einem amerikanischen Psychiater, entwickelt. Sie ist ein auf der Psychoanalyse basierendes Modell der Persönlichkeit und der Interaktionen. Die Transaktionsanalyse (TA) hilft, Kommunikation besser zu verstehen und das Verständnis für sich und andere zu erweitern. Ich war begeistert. Bereits zu Swissair Zeiten kam ich mit TA in Kontakt. Allerdings verstand ich nur Bruchstücke. Ich war damals noch nicht empfänglich gewesen für TA. Ich verliess die Elternbildung. Im Jahr 2000 begann ich die dreijährige Ausbildung am Eric- Berne-Institut in Zürich.
Lebensumstände treiben wundersame Blüten
An meinem Arbeitsplatz als Aushilfe bei Jet Aviation zeichneten sich zeitgleich neue Möglichkeiten für mich ab. British Airways wechselte die Abfertigungsfirma am Flughafen Zürich. Neu durfte die Jet Aviation die Flüge betreuen. Um diesen wichtigen Kunden zufriedenzustellen, wollte die Jet Aviation ihr Personal zum Thema Kundendienst auf Vordermann bringen. Mein Vorgesetzter wusste um meine berufliche Vergangenheit. Ich erhielt die Anfrage, ob ich einen Kundendienstkurs für die Schaltermitarbeitenden auf die Beine stellen könnte. Natürlich war ich hocherfreut über diese Anfrage. Ich liebte es zu unterrichten, das Kreieren von Seminaren forderte mich und machte mir zugleich unheimlich Spass. Und nun bekam ich diese einmalige Chance. Mit Eifer stürzte ich mich in die Arbeit. Mein Auftrag lautete, ein eintägiges Kundendienstseminar zu kreieren und durchzuführen. Ohne es zu jener Zeit zu ahnen, wurde damit der Grundstein für meine nie angestrebte Selbstständigkeit gelegt. Das Seminar fand grossen Anklang. Ich durfte weitermachen. Es entstand eine Reihe, bestehend aus dem eintägigen Seminar für alle, die neu bei der Firma anfingen und zwei zweitägigen Aufbauseminaren. Alle Schulungen liefen mehrmals im Jahr bis zu meinem Ausstieg 2016.
1999 meldete ich mich für die Höhere Fachprüfung für Betriebsausbilder an. Die Jet Aviation ermöglichte mir das Schreiben meiner Diplomarbeit. Gegenstand meiner Arbeit war, ein Seminar für neue Führungskräfte zu kreieren. Um den genauen Schulungsbedarf zu eruieren, machte ich zuerst eine Umfrage in der Firma. Während der Präsentation meiner Abschlussarbeit entschied der Vorgesetzte, dass er meine Idee kaufen möchte. Nach dem Bestehen der HFP wurde die Führungsausbildung in der Firma mit mir als Seminarleiterin implementiert. Bereits zum zweiten Mal hatte ich das Glück, von einem Unternehmen gefördert zu werden: zunächst von der Swissair und anschliessend von der Jet Aviation (heute DNATA). Nun endete mal wieder meine Zeit am Flughafenschalter. Ich hatte viele Seminartage in meiner Agenda. Die Seminare konnte ich alle zu Hause vorbereiten. Dies ermöglichte mir, viel mehr als früher daheim zu sein und Zeit mit Kiran zu verbringen. Nicht zu vergessen, jetzt verdiente ich gut.

Im Juni 2001 fand ich im Zürcher Oberländer ein interessantes Inserat. Ein 42zigjähriger geschiedener Mann, der an den Wochenenden seine fünfjährige Tochter betreute, war auf der Suche nach einer Lebensgefährtin. Klang nicht schlecht. Mutig meldete ich mich. Gemäss meinem Gedächtnis lief unser erstes Date am 30. Juni 2001 wie folgt ab: Kiran war bei ihrem Vater. Mit Stephan war ausgemacht, dass er mich bei mir zu Hause abholen sollte. Allein schon die Tatsache, dass ich eingewilligt hatte, dass wir uns nicht an einem neutralen Ort trafen, bewies meine Unerfahrenheit bezüglich Dates mit Fremden. Kurz vor 19:00 Uhr sah ich einen Mann energisch über den Spielplatz vor unserem Haus schreiten. Ich war tierisch nervös. Als ich die Tür öffnete, schaute ich in ein fröhlich dreinschauendes, leicht gebräuntes Gesicht mit blauen Augen. Mein Gegenüber war grösser als ich und von kräftiger Statur. Mir gefiel seine Erscheinung.
Nach einer ungelenken Begrüssung meinte er, wir könnten nach Zürich zum Abendessen gehen. Freudig willigte ich ein. Um wohl etwas Eindruck zu schinden, war er mit einem dunkelblauen VW Golf Cabriolet gekommen. In Zürich angekommen, genossen wir einen Apéro am Limmatquai. Anschliessend besuchten wir ein mexikanisches Restaurant, wo Stephan einen Tisch reserviert hatte. Natürlich war die Wahl des Lokals Zufall. Ich musste innerlich schmunzeln. Zu jener Zeit war ich ein absoluter Fan der mexikanischen Küche. Anfänglich noch etwas zögerlich tauschten wir uns über unsere bisherigen Leben aus. Mit einem Augenzwinkern gestand er mir nach einem guten Glas Rotwein, dass er anfangs erschrocken gewesen sei, als ich mich am Telefon mit dem Namen Shah meldete. Er sei nun sehr froh, dass ich einen Ostschweizer Akzent hätte. Dies, obwohl seine Ex-Frau einen ähnlichen Dialekt habe.
Es wurde ein netter Abend. Als Stephan mich kurz nach Mitternacht nach Hause brachte, öffnete er den Kofferraum, nahm einen schönen, aber bereits etwas malträtierten Blumenstrauss heraus und übergab ihn mir. Ich lachte und fragte, ob er diesen vor lauter Aufregung am frühen Abend vergessen hatte. Er argumentierte: "Weisst du, wäre unser erstes Date ein Flop geworden und ich dir die Blumen am Anfang gegeben hätte, wäre das doch umsonst gewesen."
Tolle Logik, dachte ich. Ich verdrehte die Augen und gab zurück: "Okay, somit ist der Abend wohl gelungen! Sehen wir uns wieder?" Die Situation war urkomisch. Als nächstes Treffen war der 4. Juli ausgemacht.
4. Juli 2001 - das erste richtige Rendez-vous
Ich konnte es kaum glauben. Bald würde ich 42zig werden und benahm mich wie ein Teenager. Ich freute mich auf unser Treffen und war unheimlich aufgeregt.
Wiederum gingen wir essen, dieses Mal in Rapperswil. Der Austausch unserer bisherigen Lebensgeschichten gewann an Tiefe. Ich erfuhr, dass Stephans Mutter in der Nähe von Feltre (Norditalien), woher sie auch stammte, lebte. Sein Vater war Schweizer gewesen und hatte die letzten Jahre bis zu seinem Tod in Italien verbracht.
Die Ehe von Stephan endete 1996 und wurde 1999 geschieden. Seine kleine Tochter Anja sollte ich beim nächsten Treffen kennenlernen.
Der Konkurs seiner Lastwagengarage im Jahr 1996 stellte Stephans grossen beruflichen Misserfolg dar. Beim Abendessen in Rapperswil hatten wir beide nicht gedacht, dass dieser Konkurs einmal Einfluss auf unser Leben haben sollte. Doch davon später. Von jenem Misserfolg hatte er sich gut erholt und beruflich längst wieder gefangen. Er hatte eine sehr gute Stelle als Aussendienstler bei einer Firma, die Filter verkaufte.
Sein Hobby war Handwerken. Dies sollte mich später noch öfters ärgern und erfreuen zugleich.
Auch der zweite Abend war schön. Es knisterte gewaltig zwischen uns. Ein erster Kuss rundete unser Rendez-vous ab.
Ein weiteres Kind tritt in mein Leben
Am darauffolgenden Freitag sollte ich Anja kennenlernen. Ich war mein ganzes Leben noch nie so aufgebrezelt in einen McDonald's gefahren. Ich begegnete einem herzigen, aufgeweckten fünfjährigen Mädchen, das mein Herz im Sturm eroberte.
Eine Woche später lernten Kiran und Anja sich kennen. Zu unserer Freude verstanden sich die beiden auf Anhieb. Trotz des Altersunterschieds von vier Jahren spielten sie zusammen. Schnell verbrachte Anja jedes zweite Wochenende bei uns. Mehrmals im Jahr fuhren wir zu viert in die Ferien. Für mich war das eine Erleichterung, Kiran hatte nun eine Spielkameradin.
Anja war ein sehr anhängliches Kind. Sie suchte meine Nähe, wollte auf meinem Schoss sitzen, ja nannte mich sogar Mama. Ich musste ihr erklären, dass sie bereits eine Mama hat. Sie solle mich bitte Isabelle nennen. Was sie von da an auch tat.
Im Nachhinein denke ich, dass es für Kiran keine einfache Situation war. Ein neuer Mann war in unser Leben getreten. Dieser war nicht ansatzweise so ruhig wie ihr Vater, sondern ungestüm und laut. Dann war da ein kleines Mädchen, das mich nun auch noch beanspruchte. Kiran verbrachte unregelmässig einen Samstagabend und Sonntag bei Kaushik. Dieser rutschte immer tiefer in die Sucht. Es muss eine schwierige Zeit für meine damals neunjährige Kiran gewesen sein. Vielleicht war das der Zeitpunkt, wo sie begann, sich zurückzuziehen und seelisch abzuschotten. Ich suchte immer wieder das Gespräch - vergeblich.
Veränderungen
Im Oktober, wohlgemerkt, wir kannten uns gerade mal gute drei Monate, überrumpelte mich Stephan mit der Idee, ein Haus für uns zu kaufen. Seine Mietwohnung oder meine Eigentumswohnung waren für uns vier zu klein. Aber bereits in diesem frühen Stadium unserer Beziehung den Schritt des Zusammenziehens und einen Hauskauf obendrauf zu wagen? Ich liess ihn gewähren. Zig Häuser schauten wir an. Mein Herz verlor ich an ein Einfamilienhaus in Rumlikon, einer Aussenwacht von Russikon. Das Dorf liegt im Zürcher Oberland. Fehraltorf, mein damaliger Wohnort, war nur knapp fünf Autominuten entfernt. An einem sonnigen Herbsttag betrat ich zum ersten Mal unser zukünftiges Zuhause. Die offene Küche war nach meinem Geschmack, das grosse Wohnzimmer lichtdurchflutet. Ich mag helle Wohnräume. Für jedes Kind war ein eigenes Zimmer vorhanden und sie würden in einem riesigen Garten spielen können. Ich war hingerissen.
In den Herbstferien reisten wir zum ersten Mal zu viert für ein paar Tage zu Stephans Mutter nach Italien. Ich begegnete einer resoluten Frau, die einerseits sehr liebevoll, andererseits verbittert war. Ihre Meinung tat sie in der Regel ungefragt zu allem und jedem in gebrochenem Schweizerdeutsch kund. Als ich ihre Lebensgeschichte kennengelernt hatte, verstand ich sie. Sie war einsam, obwohl sie in der weiteren Umgebung Geschwister hatte. Paulo, ihr Ehemann war drei Jahre zuvor verstorben. Stephans Vater war Schweizer und hatte jahrzehntelang für die Schweizer Post gearbeitet. Als die x-te Reorganisation anstand, hatte er genug gehabt, kündigte mit Mitte fünfzig und zog mit seiner italienischen Frau in ein kleines Dorf namens Giaroni in der Nähe von Feltre. Interessant fand ich, dass er als Schweizer, nicht etwa seine Ehefrau, unbedingt nach Italien wollte. Damals hätte ich im Traum nicht daran gedacht, dass Jahre später Stephan dasselbe Ziel anstreben würde. Nonna, wie wir Stephans Mutter nannten, war damals eher widerwillig mitgegangen. Ihre drei Söhne und Enkelkinder blieben in der Schweiz. Mit diesen dreien hatte sie es nicht ganz einfach. Der Älteste war Alkoholiker. Es gab zwar trockene Phasen, doch die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Kliniken oder in betreuten Wohneinheiten. Der mittlere Sohn, ein erfolgreicher und tüchtiger Handwerker, hatte es weit gebracht. Er hatte ein KMU gegründet und war dem Grössenwahnsinn verfallen. Die wenigen Begegnungen, die ich mit ihm haben sollte, waren Bühnen für seine Selbstdarstellung. Seine Mutter besuchte er sehr selten. Zu Weihnachten schickte er einen Angestellten, um sie in die Schweiz zu holen. Was man mit Geld regeln konnte, das tat er. Das hatte ich schnell realisiert. Ja, und ihr jüngster Sohn Stephan stand immer eher im Schatten des Grösseren. Der Jüngste stellte Nonna nun seine zweite Lebensgefährtin und deren Kind vor. Nonna empfing uns mit offenen Armen. Sie war glücklich, hatte sie die Kinder um sich.
Auf unserer Rückreise machten wir einen Abstecher nach Mestre, nahe Venedig. dort besuchten wir Nonnas jüngste Schwester. Kiran und ich wurden auch dort herzlich in die Familie aufgenommen. Einen kurzen Besuch in Venedig liessen wir uns natürlich nicht entgehen. Auf dem Markusplatz tappte ich mit den Kindern in die Touristenfalle. Wir setzten uns auf die Terrasse eines Cafés. Im Hintergrund spielte eine Musik. Total in Ferienstimmung bestellte ich zwei Espressi und zwei Cola - Kostenpunkt 70 Euro. Auf der Rechnung fanden wir die Erklärung. Zu den Getränken kamen noch 10 Euro pro Person für die Musik dazu. Stephan bekam Schnappatmung, als er zu uns stiess. Na ja, das kann naiven Touristen passieren.
Nach unserer Rückkehr in die Schweiz konkretisierten wir den Kauf des Hauses in Rumlikon. Ich musste meine Eigentumswohnung loswerden. Wir durften einige potenzielle Käufer begrüssen. Die Wohnung gefiel, aber da das Haus nicht über einen Lift verfügte, sagten die meisten ab. Schlussendlich konnte ich sie im Januar 2002 mit einer Einbusse verkaufen.
Mein Leben stand Kopf. Meine Tätigkeit als selbstständige Ausbilderin begann richtig Fahrt aufzunehmen, mein Privatleben war eine rosa Blase. Die nächste Veränderung lauerte bereits.
Ich erinnere mich noch gut an den 1. November 2001. Ich unterrichtete bei einem neuen Kunden in Olten. Stephan war mit beiden Kindern mit dem Lastwagen unterwegs, um Eisenteile auszuliefern. Beim Abladen geriet ein riesiger Eisenbalken ins Rutschen und verletzte sein Bein so stark, dass er sofort ins Spital Grabs eingeliefert wurde. Unmittelbar vor der Narkose rief er mich an. Ich war schockiert – es sollte nicht das letzte Mal sein. Schnell ging ich in den Funktionsmodus über. Ich beendete das Seminar planmässig. Netterweise holte seine Ex-Frau beide Mädchen ab und nahm sie zu sich. Stephans bester Freund Andi, alias Hasi, kümmerte sich um den Lastwagen. Ich fuhr durch die halbe Schweiz und war abends um zehn im Krankenhaus. Wie sich in der Zukunft herausstellen sollte, müsste ich ihn noch viele Male in Spitälern besuchen.
Drei Tage später wurde er aus dem Spital entlassen und zog bei mir ein. Er konnte mit Krücken unmöglich alleine wohnen.
Anfang Dezember standen Kaushik und ich vor der Scheidungsrichterin in Pfäffikon. Wir hatten eine gemeinsame Anwältin. Unsere Scheidungskonvention sah vor, dass ich das Sorgerecht für Kiran bekäme, auf jeglichen Unterhalt verzichten würde und Kaushik einzig etwas mehr als vierhundert Franken Unterhalt für Kiran zahlen sollte. Diesen Zahlungen kam er gerade mal zwei Jahre lang nach.
Kurz vor Weihnachten, als Stephans Gips entfernt wurde, fuhr er nach Giaroni um seine Mutter über die Festtage zu uns zu holen. Ich feierte zum ersten Mal mit Nonna, meinen Eltern, Anja, Kiran und Stephan das Weihnachtsfest.
Bewegtes 2002
Während der Sportferien Ende Februar stand der grosse Umzug an. Wir wollten, dass Kiran nach den Ferien neu in Russikon zur Schule gehen konnte. Zufälligerweise zog Kirans beste Freundin genau zur selben Zeit aus unserem Quartier aus. Julias Familie hatte ein neues Einfamilienhaus wenige Fahrminuten von uns entfernt, gekauft. Das machte Kiran den Abschied von Fehraltorf leichter.
Der Umzug war anstrengend. Es galt, zwei Wohnungen, Stephans in Wetzikon und meine in Fehraltorf, aufzulösen. Das Haus in Rumlikon einzurichten machte mir Spass. Zum Glück durfte Kiran während dieser für ein Kind ungemütlichen Zeit zu meinen Eltern nach Rorschach.
Anfang Februar 2002 wurde meine Scheidung nach einer zweimonatigen Wartezeit rechtskräftig.
Nebenbei lief noch der Verkauf meiner Wohnung. Die Käufer wollten im März einziehen.
Die erste Zeit in Rumlikon war ruhig, Kiran hatte sich schnell an den neuen Schulweg, den es per Velo zurückzulegen galt, gewöhnt. Die neue Lehrerin war eine herzliche ältere Dame. Wir lernten nette Leute kennen. Unsere direkten Nachbarn hatten zwei Kinder, die etwas jünger als Kiran waren. Wie Kinder eben sind, knüpften sie rasch Kontakte zueinander. War ich auf der Arbeit, durfte Kiran bei ihnen Mittagessen, war ich zu Hause im Büro assen die Nachbarskinder oft bei uns.
Einzig Sorgen bereitete mir der Umstand, dass Kiran plötzlich wahnsinnig Mühe hatte, mit Einschlafen, ja, sie nässte auch ein paar Mal ein. Ich ging mit ihr zum Kinderarzt, versuchte im Gespräch die Ursache zu finden. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass die vielen Veränderungen in dieser kurzen Zeit zu viel für sie waren. Glücklicherweise pendelte sich im Sommer alles ein.
Im August hatten Stephan und ich beschlossen zu heiraten. Das Heiratsdatum wurde auf den 22. Dezember festgelegt. Vielleicht würde ich dieses Mal ein richtiges Hochzeitsfest erleben dürfen.
Im Sommer startete mein drittes und letztes Jahr der Ausbildung zur Transaktionsanalytikerin mit Praxiskompetenz.
Ab September ging es drunter und drüber. Meine Eltern hatten geplant, zwei Wochen nach Torremolinos zu fliegen. Das taten sie jedes Jahr seit einer gefühlten Ewigkeit. Leider erlitt mein Vater am 5. September einen starken Schlaganfall und war halbseitig gelähmt. Die Reise wurde annulliert. Mein Vater erholte sich einigermassen im Spital, er konnte wieder sprechen, jedoch eine Körperseite blieb gelähmt. Nach einer guten Woche wurde er nach Walzenhausen in die Reha verlegt.
Kiran hatte Mitte August die vierte Klasse begonnen. Die neue Lehrerin war jung und sehr fordernd. Am 8. September ereignete sich das nächste Unglück. Kiran fiel bei Julia von einer Mauer und brach sich beide Handgelenke. Ein Handgelenk musste operiert werden, beide wurden eingegipst. Nach einer Woche ging sie wieder zur Schule. Glücklicherweise waren zu jener Zeit Hosen mit elastischem Bund angesagt. So konnte Kiran wenigstens allein auf die Toilette. In der Schule schlug sie sich wacker, schrieb sogar Diktate mit den eingegipsten Händen. Emotional und körperlich lastete viel auf uns. Kiran hatte ihren Grossvater sehr gerne. Es war schwer für sie, ihn so zu sehen. Neben meiner Arbeit unterstützte ich, wo ich konnte. Ich half meiner Mutter, machte mit Kiran Hausaufgaben und besuchte meinen Vater in der Reha. Kirans Leistungen in der Schule begannen sich zu verschlechtern. Stephan übernahm die Betreuung der Hausaufgaben. Er hatte mehr Geduld. Nebenbei begann er mit dem Umbau des Umschwungs.
Die Reha in Walzenhausen brachte keinen Erfolg. Der behandelnde Arzt bat meine Mutter und mich zum Gespräch. Er war der Ansicht, dass mein Vater nicht aktiv mitmachen würde. Ich konnte das kaum glauben. Das konnte doch nicht sein, mein starker Papa!! Natürlich versuchte ich auf Vater einzuwirken. Traurig gestand er mir, er sei einfach so müde. Anfang Oktober wurde er zurück ins Krankenhaus Rorschach verlegt. Weitere Untersuchungen standen an.
Im Sommer hatten wir für die kommenden Herbstferien fünf Tage in einem kinderfreundlichen Hotel in Brand gebucht. Beide Mädchen freuten sich, vor allem Kiran, konnte sie endlich mal wieder zurück an den Ort, wo wir einst so glücklich waren. Stephan und die Kinder mussten alleine gehen. Ich konnte meine Eltern nicht im Stich lassen.
Die Untersuchungen bei meinem Vater brachten zutage, dass er Lungenkrebs hatte. Metastasen hatten bereits massiv gestreut. Es war die Tumormüdigkeit, die ihn nicht aktiv an den Reha-Therapien hatte teilnehmen lassen. Der junge Arzt, der die Untersuchungen durchgeführt hatte, meinte, es sei besser, ich würde die schlechte Nachricht meinem Vater überbringen. Keine Operation würde mehr helfen, es sei alles nur noch eine Frage der Zeit. Wir müssten wohl oder übel einen Heimplatz für meinen Vater organisieren. Ich werde diesen schwarzen Tag nie vergessen. Es war Montag, der 7. Oktober - mein Geburtstag. Zuerst sprach ich mit meiner Mutter. Sie nahm die Botschaft gefasst auf. Schweren Herzens trat ich an das Krankenbett meines 78-jährigen Vaters. Händeringend suchte ich nach den passenden Worten. Wo war meine psychologische Ausbildung geblieben, jetzt, wo ich sie dringend brauchte. Ich riss mich zusammen und versuchte so schonend wie möglich zu sein. Als ich Papa den Schweregrad seiner Krebserkrankung erklärte, meinte er: "Dann sollen die Ärzte eben alles wegoperieren wie damals beim Blasenkrebs."
Es brach mir beinahe das Herz, ihm sagen zu müssen, dass es dafür zu spät sei. Er verstummte, sein Gesicht versteinerte sich.
Ich wartete einen Moment mit der nächsten Hiobsbotschaft. "Papa, es tut mir so leid, aber unter diesen Umständen sind Mama und ich gezwungen, einen Heimplatz für dich zu suchen. Mama ist zu schwach, dich zu Hause zu pflegen."
Ich vermute, diese Mitteilung, dass er nie mehr heim zu seinem geliebten Luisle kommen könne, brach seinen Lebensmut.
Wir blieben noch eine Weile bei Vater, danach brachte ich meine Mutter nach Hause. Mama ging sehr gefasst mit der Situation um. Verstört und aufgewühlt fuhr ich ins Zürcher Oberland.
Der Sozialdienst des Krankenhauses half uns einen Pflegeplatz zu finden. Wir sollten das Heim am Donnerstag besichtigen. Es würde nicht so weit kommen.
Am Mittwoch, kurz nach Mittag, klingelte das Telefon. Meine Mutter war am Apparat und sagte unter Tränen: "Isabelle, komm bitte, Papa will dir Adieu sagen!"
Ich sackte zusammen, Stephan fing mich auf. Ein Albtraum hatte begonnen. Ich fuhr sofort nach Rorschach. Die Szene ist mir noch klar vor Augen. Als ich Vaters Zimmer betrat, sagte er bedauernd: "Isabelle, jetzt habe ich dir letzten Montag deinen Geburtstag versaut. Aber ich bin froh, dass du bald heiraten wirst. Stephan wird gut für dich und Kiran sorgen."
Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Ich drückte mich an die Brust meines kranken Papas und dankte ihm für alles, was er für mich und Mama getan hatte. Es ist mir noch in Erinnerung, wie er den Arzt darum bat, ohne Schmerzen gehen zu können. Dies wurde ihm zugesichert. Danach wurde mein Vater in ein Einzelzimmer mit Seeblick verlegt. Er nahm den Anblick seines geliebten Bodensees noch wahr, dann fiel er in einen Dämmerzustand. Mutter und ich verbrachten Stunden an seinem Bett. Ich hatte viele Bücher von der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross gelesen. Nun war ich Zeugin des Sterbeprozesses des eigenen Vaters. Niemand sollte alleine gehen müssen. Ich war dankbar, dabei sein zu können, obwohl es nicht leicht war. Papas Atem ging schwer, ein knatterndes Geräusch war zu hören. Manchmal wimmerte er. Es gab Momente, wo er nach dem Triangelgriff langte und sich krampfhaft daran festhielt. Ich stellte mir die Frage, ob Bilder seines Lebens auch aus der Zeit in der Fremdenlegion an ihm vorbeizogen.
Am Montag, 14. Oktober, um 01:20 Uhr glitt mein Vater in eine andere Welt. Alleine nahm ich von ihm Abschied im Aufbahrungsraum des Spitals. Wie in Trance organisierte ich die Beerdigung.
Samstag, der 19. Oktober, war ein sonniger, milder Herbsttag. Mein Vater hatte darauf bestanden, bei seiner Bestattung auf das Verlesen seines Lebenslaufs zu verzichten. Wir folgten seinem Wunsch. Die Abdankung war würdevoll. Nachbarn waren da und drei Abgesandte der französischen Fremdenlegion. Beim Versenken der Urne wehten die Legionsflaggen über meinem Vater. Ich glaube, das hätte ihm sehr gefallen. Beim Entgegennehmen der Beileidsbekundungen stand plötzlich ein alter Mann vor mir. Ich blickte in wasserblaue Augen, die Augen meines Papas! Ich realisierte, dass dies der ältere Bruder meines Vaters sein musste. Und so war es! Ich begegnete Onkel Max und Tante Yvonne nach gut 37 Jahren. Mama und ich luden sie zum anschliessenden Leichenmahl ein. Aus gesundheitlichen Gründen wollten sie nicht mitgehen.
Die Zeit zwischen dem Tod meines Vaters und unserem Hochzeitstermin verlief schnell. Es standen noch einige Hochzeitsvorbereitungen auf der Pendenzenliste.
Kiran fiel es zunehmend schwerer, in der vierten Klasse mitzuhalten. Wir übten Mathe, aber nichts wollte in ihrem Kopf hängenbleiben. Sie tat mir so leid, aber was sollte ich nur machen?
Meine Mutter reiste am 23. Dezember mit Onkel Hermann zurück nach Rorschach. Sie wollte Heiligabend nicht mit uns feiern, da ihr der vergangene Trubel etwas zu viel war. Konnte ich gut verstehen, meine Mama war damals bereits 79 Jahre alt.
Ruhige Zeiten nicht absehbar
Nonna verlängerte ihren Aufenthalt bei uns um auf Kiran aufzupassen. Stephan und ich flogen Anfang Januar 2003 in unsere Flitterwochen nach Cancun. Wir genossen die Zweisamkeit, Tage auf dem Liegestuhl und Spaziergänge am Strand. Ausflüge nach Tulum und Chinchen Itza unternahmen wir mit dem Mietauto. Stephan wollte sich keinesfalls einer Ausflugsgruppe anschliessen.
Aber auch Arbeit war präsent. Ich erarbeitete meine Abschlusspräsentation in Transaktionsanalyse. Stephan war vertieft in seine Umbauideen für unser Haus. Am Umschwung war er ja bereits dran. Er zeichnete Pläne um Pläne. Ich realisierte schnell, dass er von seinen Vorstellungen nicht mehr abzubringen war. Ich denke, er wäre ein begnadeter Bauleiter geworden. Für ihn war jedoch auch der Weg das Ziel. Ich erinnere mich an seine wiederkehrende Aussage: "Was ich mit meinen beiden Händen machen kann, mache ich selbst!"
Diese Haltung hatte zur Folge, dass sich sein Umbauprojekt über Jahre hinzog. Das ärgerte mich manchmal, denn leben auf einer Baustelle war nicht mein Ding. Stephan war kein Vereinsmeier, er ging kaum ohne mich aus, dafür war er stets etwas am Bauen. Dies hatte natürlich auch zur Folge, dass ich mich in dieser Zeit meiner Arbeit als Ausbilderin widmen konnte. Ich weiss heute auch, dass er es für uns so schön wie nur erdenklich möglich machen wollte.
Dank Mund-zu-Mund-Propaganda nahm meine Selbstständigkeit Fahrt auf. Verschiedene Firmen am Flughafen Zürich wollten, dass ich für sie massgeschneiderte Seminare anbiete. Es machte mich glücklich, dass meine Arbeit auf fruchtbaren Boden fiel.
An einem Dienstag, den 18. März 2003, erhielt ich kurz vor Seminarbeginn einen Anruf. Stephan war am Apparat. Seine Ex-Frau war mit dem Helikopter ins Unispital nach Zürich geflogen worden. Sie erlitt ein geplatztes Aneurysma im Gehirn und schwebte in Lebensgefahr. Er hole jetzt Anja ab und bleibe mit ihr zu Hause. Wie ich das Seminar fertig geleitet habe, ist mir nicht mehr präsent. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir bewusst wurde, dass ich beim Leiten eines Seminars alles andere, sowohl Angenehmes als auch Herausforderndes, vollständig ausblende.
Am Abend sassen Stephan und ich zusammen, um die beste Lösung für Anja zu finden. Wir fragten meine 79-jährige Mutter, ob sie für eine Weile zu uns ziehen könnte, um auf beide Mädchen während unserer beruflichen Abwesenheiten aufzupassen. Meine hilfsbereite Mama willigte sofort ein. Wir hatten auch entschieden, dass Anja weiterhin in Gossau zur Schule gehen sollte. Wir würden sie jeden Tag holen und bringen. Mittagessen durfte sie bei einem Schulkameraden.
Anjas Mutter wurde erfolgreich operiert und danach in ein künstliches Koma versetzt. Ein paar Wochen später wurde sie aus dem Koma geholt und einige Tage danach in die Rehaklinik Zihlschlacht verlegt. Dort erholte sie sich zum Glück. In der Zwischenzeit lebte Anja bei uns. Ein oder zwei Wochenenden verbrachte sie bei ihrem Götti, dem Bruder ihrer Mutter. Irgendwann im Juni wurde Anjas Mutter aus der Reha entlassen und holte ihr Kind zurück nach Gossau. Unschönerweise musste ich auf Umwegen erfahren, dass Anjas Mutter mir vorwarf, ich hätte ihr Anja wegnehmen wollen. Ich war traurig, enttäuscht und wütend. Stephan wollte seine Ex-Frau zur Rede stellen. Ich hielt ihn zurück. Wir hatten geplant, in den Sommerferien wieder zu viert ans Meer zu fahren. War das unter diesen Anschuldigungen noch sinnvoll? Meine Art ist es, Unstimmigkeiten zeitnah in einem Gespräch zu klären. Also bat ich Anjas Mutter in ein Café zur Aussprache. Ich versicherte ihr, dass wir nur helfen wollten, und dass es nie unsere Absicht war, ihr das Kind wegzunehmen. Ich vermute, sie verstand mich. Was ich hingegen nicht verstand, war der Umstand, dass jemand, der dem Tod so knapp entronnen ist, nach unserer Aussprache aufstand und sich eine Zigarette anzündete!
Am dritten Juli selbigen Jahres wurde meine Mutter 80zig. Stephan und ich hatten für sie eine Überraschungsfeier im Restaurant Waldau in Rorschacherberg organisiert. Wir hatten Freunde aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz zum Mittagessen eingeladen. Meine Mutter war überwältigt. Sie hatte es wirklich verdient. Wenn ich nur daran denke, was sie in jenem Jahr alles für uns gemacht hatte.
Das zweite Fest des Jahres 2003 fand auf der Reise in die Sommerferien statt. Wir machten Halt bei Nonna. Sie war im Februar 70zig geworden und hatte eine Feier mit Familie und Freunden in der Birreria in Feltre organisiert. Es war ein schönes italienisches Fest. Anschliessend fuhren wir weiter auf einen Campingplatz in Grado an der Adria. Unser Urlaub im gemieteten Holzbungalow verlief sehr friedlich zu viert.
Nach den Sommerferien begann Kiran ihr Repetitionsjahr bei einer jungen, noch etwas unerfahrenen Lehrerin. Es sollte gut kommen.
In den Herbstferien durften wir ein neues Mitglied in unserer Familie willkommen heissen - Charamba, eine Mischung aus Labrador und Berner Sennenhund. Kiran war selig, dass Stephan eingewilligt hatte. Es war lustig, Stephan zu beobachten. Es war nicht zu übersehen, dass er keine grosse Erfahrung hatte mit Haustieren. Zu Beginn wusch er sich jedes Mal, wirklich jedes Mal die Hände, wenn er mit Charamba gespielt hatte. Nach etwa drei Wochen hörte er damit auf. Er fütterte Charamba sogar mit Essen von seinem Teller, obwohl er genau wusste, dass ich das gar nicht gut fand. War ich am Arbeiten, nahm er Charamba mit auf seine Aussendienstler-Touren. Innerhalb weniger Wochen waren sie dicke Freunde. Kiran wie Anja liebten unseren gutmütigen Charamba.
In der Zwischenzeit hatte mein Ex-Mann seine Anstellung als Filialleiter verloren. Wie ich später erfuhr wegen seiner Alkoholprobleme. Kiran wollte ihn nicht mehr besuchen. Kaushik rief mich an und fragte, ob ich ihm nicht am Flughafen im Gepäckdienst eine Stelle besorgen könnte. Ich konnte nicht nein sagen. Also rief ich einen mir bekannten Abteilungsleiter, welcher auch zugleich ein Kunde von mir war, an. Kaushik hatte ja bereits aus früheren Jahren Flughafenerfahrung, also wurde er zu einem Gespräch eingeladen. Dieses verlief gut und so wurde noch ein Sicherheitscheck, welcher für Flughafenangestellte üblich ist, gemacht. Da stellte sich heraus, dass er seinen Führerausweis bereits mehrfach wegen Trunkenheit hatte abgeben müssen und somit als vorbestraft galt. Ich wusste nichts davon. Wie konnte er nur diese Tatsache vor mir verheimlichen?! Ich entschuldigte mich beim Abteilungsleiter. Von da an ging es mit Kaushik nur noch bergab. Stephan war ausser sich. Ein Jahr später verliess Kaushik für ein paar Jahre die Schweiz und ging zu Verwandten nach England. Auch dort jobbte er mal hier, mal dort. Die Unterhaltszahlungen für Kiran hatte er eingestellt.
In meiner Erinnerung verlief der Rest des Jahres einigermassen ruhig - oder doch nicht? Nein, natürlich nicht! Stephan äusserte erstmals seinen Traum vom Auswandern nach Italien. Wie es aussah, hatte er ähnliche Bedürfnisse wie sein Vater. Sein Knie bereitete ihm immer mehr Probleme. Er war überzeugt, dass die Wärme Italiens sowohl seinem Knie als auch meinem Asthma guttun würde.
Stephan und sein Knie
Stephan hatte in sehr jungen Jahren einen Unfall im Militär. Dabei wurde sein Knie schwer verletzt. Ständig litt er unter Schmerzen, mal mehr, mal weniger. Zu Schmerzmitteln griff er höchst selten. Vieles wurde ausprobiert, Kortisonspritzen, Injektionen für den Knorpelaufbau und vieles mehr. Es gab Phasen, in denen ihn die ständigen Schmerzen leicht reizbar machten. Er war öfters unruhig, hatte einen starken Drang, sich zu bewegen. Er hatte mir erklärt, dass er die Schmerzen weniger spüre, wenn er in Bewegung sei. Während unserer gemeinsamen Jahre kamen mehrere Operationen dazu, Teilprothese, Korrektur der Teilprothese und schlussendlich Vollprothese. Keiner dieser Eingriffe führte zu einer nennenswerten Verbesserung. Glücklicherweise übernahm die Militärversicherung die Kosten für die Krankenhausaufenthalte und die damit verbundenen Lohnausfälle.
Ein Traum zeichnet sich am Horizont ab
Meine One-Woman-Show, wie ich meine berufliche Selbstständigkeit gerne nannte, wurde im Jahr 2004 in eine juristische Person, eine GmbH, umgewandelt. Meine wichtigsten Weiterbildungen, wie Transaktionsanalyse, Fortbildung in Organisationsentwicklung und die Coaching-Kompakt-Ausbildung, waren abgeschlossen. Meine kleine Firma gedieh prächtig ohne teure Werbung. Ich wurde immer wieder weiterempfohlen.
Im Februar begann Stephans Suche nach einem Haus oder Umbauprojekt in Italien. Zuerst durchstreiften wir das Piemont. Die Immobilien, die Stephan herausgesucht hatte, gefielen mir überhaupt nicht. Dann hatte er eine neue Idee. Der 70-jährige Vater eines Kollegen bewohnte ein riesiges Grundstück in der Toskana, in Sassofortino in der Nähe von Grosseto. Er spielte mit dem Gedanken, zurück in die Schweiz zu ziehen. Natürlich fuhren wir zeitnah in die Toskana. Der alte Hans wohnte in einem grossen Wohnwagen. Das bereits renovierte Haus war zwar schön, wurde aber von der Gemeinde aus bautechnischen Gründen als nicht bewohnbar eingestuft. Das Meer konnte man bei klarer Sicht in der Ferne erahnen. Wollte man an den Strand, musste man gute vierzig Minuten Auto fahren. Meine Begeisterung für das Grundstück war marginal, dafür zog ein kleines Katzenbaby meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich beackerte Stephan so lange, bis er einwilligte, dass wir das Katzenbaby bei uns aufnehmen würden. Ich brachte das starke Argument vor, dass die Kinder sich gewiss riesig freuen würden. Stephan knickte ein. Da das Kätzchen noch zu klein war, um von der Mutter weggenommen zu werden, versprach Hans, es bei seiner nächsten Reise in die Schweiz mitzunehmen. Er war nur zu froh, als er wieder ein Tier los wurde. Und so kam es, dass Sasso im Sommer 2004 unser neues Familienmitglied wurde. Die Kinder waren begeistert. Charamba beschnupperte ihn kurz, und von da an waren sie dicke Freunde. Oftmals schliefen sie eng aneinander gekuschelt im Hundebett. Es war ein herziger Anblick.
Was das Grundstück in Sassofortino anbelangte, sah Stephan ein, dass es mir nicht gefällt. Zudem wären immense Investitionen auf uns zugekommen. Somit war der Traum aufgeschoben – allerdings nur vorläufig.
Bevor die Sommerferien begannen, baute Stephan den Pool im Garten. Im vergangenen Hitzesommer 2003 hatten wir diesen gekauft. Leider war damals die Baugenehmigung noch hängig und das definitive Go für den Bau erhielten wir im Frühjahr 2004. Diesen Sommer sollten wir alle planschen können.
Die Jahre 2002 bis 2004 könnte man als Baujahre Stephans bezeichnen. Er baute eine riesige Doppelgarage. Auf dieser Garage befanden sich meine beiden Coachingräume. Das war für mich Luxus pur, meine Klienten kamen nie in unser Haus. Nichtsdestoweniger war diese langwierige Bautätigkeit für mich anstrengend und nicht immer komfortabel.
2005 verbrachten wir unsere wohlverdienten Sommerferien mit beiden Mädchen in Tunesien. Den Girls gefiel es nicht wirklich. Das Hotel hatte eine gute Animation, das sagte zu, doch abendliches Flanieren durch Souks war nicht ihr Ding.
Im Januar 2006 war der Pfäffikersee ganz zugefroren. Das Eis war mehr als 12 cm dick. Der See wurde zu einem grossen Eisfeld. Die Kinder und Charamba amüsierten sich königlich.
Im selben Jahr bekam ich einen interessanten neuen Auftrag. Ich durfte für das Kantonsspital Luzern ein Seminar zum Thema "Umgang mit Krankheit und Sterben in den 5 Weltreligionen" auf die Beine stellen. Die Thematik Umgang mit fremden Kulturen war immer schon ein Herzensthema von mir. Ich stürzte mich mit Freude in die neue Aufgabe. Das Seminar wurde ein grosser Erfolg, aus einer eintägigen Schulung wurden schnell zwei Tage. Diese Seminare wurden mehrmals im Jahr angeboten und liefen bis 2016.
Stephan googelte sich durchs Internet in der Hoffnung, ein passendes Objekt in Italien zu finden. Im Frühjahr fand er einen Kontakt. Marcello war Italiener, hatte beinahe zwei Jahrzehnte in Vorarlberg gelebt und eine Vorarlbergerin geheiratet. Vor Jahren waren sie zurückgegangen nach Mittelitalien, genauer nach Ripatransone in den Marken. Dank seinem hervorragenden Deutsch und guten Kenntnissen auf dem Bau hatte sich Marcello als Immobilienhändler für deutschsprachige Interessenten einen Namen gemacht. Stephan hatte mir von möglichen Grundstücken Bilder gezeigt. Ich war angetan. Im Mai 2006 fuhren wir für ein paar Tage zu Marcello. Tatsächlich fanden wir unser Traumgrundstück mit Meer- und Bergblick. Es stand zwar nur eine mit Gestrüpp überwucherte Hausruine dort, aber die Lage war wirklich schön. Wir ahnten nicht, dass sich Jahre später daraus ein Albtraum entwickeln würde.
Zwischen Marcello, seiner österreichischen Frau Beate und uns entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Innerhalb zweier Tage wurden wir uns handelseinig, ein Vorkaufsvertrag wurde unterschrieben und die Abmachung war, dass wir im Juli die Anzahlung bar dem Notar bringen würden. Wir hatten für die Sommerferien wieder ein Häuschen in Grado gebucht. Ein Abstecher nach Ripatransone liess sich problemlos realisieren. Deshalb reisten wir etwas früher zu Nonna und liessen die Mädchen für zwei Nächte bei ihr. Wir fuhren weiter nach Campofilone. Nun war es urkundlich beglaubigt, dass Stephan im Juli 2005 seinem Traum nähergekommen war. Er war der stolze Eigentümer eines grossen Grundstücks mit einer Ruine in Campofilone. Er hatte wieder einen neuen Robinsonspielplatz gefunden.
Dank seiner italienischen Mutter hatte Stephan im Jahr zuvor die italienische Nationalität erhalten. Ich sollte diese erst im Dezember 2008 bekommen. Im Gegensatz zu Stephan musste ich auf dem Konsulat einen Schwur auf den italienischen Staat und dessen Verfassung ablegen. Ich sehe mich heute noch mit erhobener rechter Hand vor dem Konsul stehend, eine Schärpe mit den italienischen Flaggenfarben umgelegt, ähnlich denen bei einer Misswahl, in Zürich meinen Eid ablegend. Wenige Wochen darauf war ich offiziell Miteigentümerin des Grundstücks in Campofilone. Zum Glück, wie sich später herausstellen sollte.
Im Jahr 2007 war Stephan mit dem Roden des verwaisten Grundstücks beschäftigt. Wenn er in der Schweiz war, verbrachte er manchen Abend im Büro und zeichnete Pläne. Auf unserem Land befand sich ein Terrain, für welches wir eine Baubewilligung für einen Stall quasi miterworben hatten. Diese Baugenehmigung besagte, dass wir innerhalb von fünf Jahren mit dem Bau beginnen mussten. Unsere Idee war es, dort ein Haus mit vier Gästezimmern zu bauen. Gegenüber sollten eine Küche und ein Essraum für etwa sechs Tische entstehen. Unsere Geometra und Marcello versicherten uns, dass wir nach der Fertigstellung den angeblichen "Stall" problemlos in ein Gästehaus umwandeln könnten. Ich wunderte mich und vertraute ihnen. Bauen in Italien folgt anderen Gesetzmässigkeiten als in der Schweiz. Zwischen dem Rohbau und dem Dach musste zum Beispiel ein gut 40 cm hoher Betonriegel angebracht werden. Dies damit der "Stall" erdbebensicher war!
Stephans Drang, im 2014, spätestens aber 2016, nach Italien auszuwandern, wurde schleichend stärker. Ich bin mir heute sicher, dass bei ihm der Wunsch bedeutend ausgeprägter war als bei mir. Klar, mit den Jahren wurde es auch meiner. In mir gedieh eine Idee. Ich sah mich bildlich als Teilzeitgastgeberin. Ich würde über die Sommermonate ein kleines Bed & Breakfast betreiben. Es war eine schöne Vorstellung. Kiran hatte früh den Wunsch geäussert, dass sie auf jeden Fall in der Schweiz bleiben wollte. Nur schon aus diesem Grund war für mich immer klar, dass wir nach wie vor eine kleine Wohnung in der Schweiz behalten würden. Auf keinen Fall wollte ich meine Seminartätigkeit, die ich liebte, komplett aufgeben. Ich plante drei Mal im Jahr für drei bis vier Wochen in die Schweiz zu kommen und nur noch meine Lieblingsseminare zu geben. Stephan war mit meiner Idee einverstanden.
Die Sommerferien im Jahr 2007 hatten wir uns alle wieder redlich verdient. Für dieses Jahr hatten wir einen Hausteil auf Gran Canaria in Playa del Ingles gemietet. Eine Abwechslung zu Italien. Die Kinder und ich genossen es. Stephan konnte hier nicht arbeiten. Wie eigentlich stets, wenn wir weder in der Schweiz waren, noch in Campofilone Urlaub machten, war er ein wunderbarer Vater. Die Mädchen freuten sich über diese raren Momente. Ein Zwischenfall trübte das Ferienglück. In unserem Bungalow hatten wir keine Klimaanlage. Mehrere Tage und Nächte blies der Calima. Beim Calima handelt es sich um Ostwind, der aus der Wüste Sahara heisse Luft nach Gran Canaria herüberweht. In der Nacht legten wir die Matratzen auf die Liegestühle im Garten, in der Hoffnung, etwas Abkühlung zu erlangen. Vergeblich! Plötzlich bekam Stephan starke Atemnot. Sofort fuhren wir zum Notarzt. Stephan wurde untersucht und an den Tropf gelegt. Es hatte zum Glück nichts mit dem Herzen zu tun. Die Diagnose lautete: Angstattacke! Wieso und warum wussten weder Stephan noch ich. Am nächsten Tag war der Spuk vorbei.
In der zweiten Urlaubswoche kam Martin, Kirans Patenonkel, mit seinem damaligen Freund zu Besuch. Lustige unbeschwerte Tage vergingen wie im Flug.
2008 war in jeder Hinsicht ein erfolgreiches und arbeitsintensives Jahr. Ich hatte einen Grosskunden gewonnen. Die Gemeinde Küsnacht am Zürichsee wollte alle MitarbeiterInnen im Umgang mit Kunden schulen. Mit allen war gemeint, Büroangestellte, Polizei, Strassenunterhalt, Gärtner, Pflegepersonal etc., etc.. Das Seminar dauerte einen Tag. Organisatorische Gründe verlangten gemischte Gruppen. Es war genial, eines meiner liebsten Seminargefässe. Aus den 50 gebuchten Seminartagen wurden später Jahre. Als der Gemeindeschreiber nach Effretikon wechselte, wurde die Stadt Effretikon mein Kunde. Ich war beschäftigt und zufrieden.
Seit dem Tod meines Vaters versuchte ich alle zwei Wochen meine Mutter zu besuchen. Stephan betreute als Aussendienstmitarbeiter die Ostschweiz. Auf seinen Routen plante er, wenn immer möglich, auch einen Besuch oder ein gemeinsames Mittagessen mit meiner Mutter ein. Gegen Ende 2006 liessen Mutters Kräfte nach. Wir konnten eine Putzhilfe aus ihrer Nachbarschaft organisieren. Ich übernahm ihre Wäsche. Da sie kaum noch kochte, bestellten wir für sechs Tage in der Woche Essen auf Rädern. Für Sonntag kochte ich jeweils für sie vor. Im Verlauf des Jahres ass Mama nicht mal mehr die gebrachten Mittagessen. Über die Pro Senectute konnten wir eine Dame anstellen, die von Montag bis Freitag über Mittag eine halbe Stunde bei ihr sass, um sicherzustellen, dass meine Mutter ass. Die Krankenhausaufenthalte häuften sich. Meine Seminare begannen in der Regel um 09:00 Uhr. Wenn immer kurz vor Seminarbeginn das Telefon klingelte und ich eine mir nicht bekannte Nummer mit der Vorwahl 071 auf dem Handy-Display sah, wurde ich nervös. War Mutter wieder gestürzt oder noch schlimmer? Diese äusserst belastende Phase sollte bis zum Frühjahr 2009 andauern.
Zeitgleich wollte Stephan im Herbst mit dem Bau des Gästehauses beginnen. Damit dies realisiert werden konnte, sollten zwei Lastwagen mit Baumaschinen und Material nach Italien gebracht werden. Man stelle sich das riesige Prozedere vor, bis alle benötigten Zollpapiere für die Occasionsmaschinen vorhanden waren! Nun ja, hatte sich Stephan mal was in den Kopf gesetzt, gab es selten ein Zurück. Andi, sein bester Freund und Edgar, ein guter Kollege, würden jeweils einen Laster fahren. Wir würden im PW mit den Kindern folgen. Martin, Kirans Patenonkel, war auch dieses Jahr wieder mit uns dabei. Drei Wochen Sommerferien in einer grossen Wohnung am Meer, etwa zehn Autominuten von Campofilone entfernt, waren gebucht. Gott, wie mühsam die Reise schon begann. Wir standen einen halben Tag am Zoll in Stabio. Am frühen Nachmittag entschied ich mich, mit den Kindern und Martin weiterzufahren. Stephan blieb mit Andi und Edgar und wartete auf die Zollabfertigung. Es war bereits 22:00 Uhr, als wir hundemüde und hungrig ankamen. Schnell wurden die Kinder verköstigt und ins Bett gebracht. Martin und ich genehmigten uns ein grosses Glas Wein an der Bar. Stephan sah ich erst am nächsten Morgen. Und dann ging's los! Die Fahrer und Stephan waren mit dem Abladen beschäftigt, Martin und ich waren mit den Mädchen am Strand. Andi hatte seine Partnerin Esther mitgenommen. Das war gut, so konnte ich mich doch bei ihr etwas ausjammern. Mir war auf der Fahrt klar geworden, dass in den nächsten drei Wochen Stephan die Vaterrolle kaum übernehmen würde. Er war auf seinem Robinsonspielplatz. Und ich sollte Recht behalten. Mein Lichtblick während dieser Sommerferien war ein dreitägiger Ausflug nach Rom, eine meiner Lieblingsstädte. Da war er wieder, Stephan in der Vaterrolle.
Im Verlauf des Herbstes fragte meine Freundin Helen, ob ich mit Kiran und ihrer Tochter Léonie im Sommer 2009 eine USA-Reise machen würde. Aber klar, doch! Ich war zu jener Zeit immer noch ein totaler USA-Fan. Stephan hatte nie in die USA gehen wollen. Als ich ihn mit meinem Wunsch konfrontierte, schien er zunächst nicht abgeneigt. Er meinte, ich könne seine Tochter ebenfalls mitnehmen. Das lehnte ich klar ab, denn ich wollte auch mal Ferien und nicht immer das Kindermädchen geben. Léonie und Kiran waren gleich alt und gut befreundet, da hielt sich die Betreuung und Bespassung absolut in Grenzen. Stephan passte meine Haltung überhaupt nicht. Eine nicht sehr schöne Auseinandersetzung folgte. Unser beider Temperament steuerte die Konversation. Daraus resultierten ein paar ungewöhnlich schweigsame Tage. Dann traf mich fast der Schlag! Stephan unterbreitete mir den Vorschlag, mit mir und den Mädchen in die USA zu kommen. Ich bin ein friedliebender Mensch, und leider möchte ich es oft allen recht machen. Ich sass in der Zwickmühle. Ich entschied mich zugunsten meiner Familie. Helen war verständlicherweise sehr enttäuscht. Sie wollte ab sofort so wenig wie möglich mit Stephan zu tun haben. Nach diesem Vorfall trafen wir uns alleine. Das war für mich gut, denn so konnte ich unsere Begegnungen unbeschwerter geniessen.
Im Frühjahr 2009 begannen die Bauarbeiten für das Gästehaus in Italien. Stephan verbrachte einige Zeit allein in Campofilone. Meine Mutter war wegen Darmkrebs in Behandlung und unsere dreiwöchige USA-Reise stand an. Nach der Darmoperation musste sie drei Wochen zur Reha. Zu meinem Glück überschnitt sich die Reha-Zeit mit unserer dreiwöchigen USA-Reise. So konnte ich einigermassen beruhigt nach Übersee. Während den Frühlingsferien der Mädchen machten wir uns auf nach Kalifornien. Zuerst besuchten wir Las Vegas. Die Girls waren fasziniert von dieser schillernden Stadt in der Wüste. Natürlich durfte ein Ausflug in den Grand Canyon nicht fehlen. Danach flogen wir weiter nach San Francisco. Damals hätte Stephans Tochter Anja nie vermutet, dass sie hier später ein halbes Jahr studieren würde. 2018 tat sie das. Mit dem Mietwagen fuhren wir den Pacific Coast Highway (Highway 1) runter nach Los Angeles, genauer nach Anaheim, wo wir zwei Tage im Disneyland verbrachten. Im Hotel in Anaheim hatte Stephan seine zweite Panikattacke. Wieder war es in der Nacht. Er schlief zwar schnell ein, doch wurde er nach kurzer Zeit wach. Er musste aufstehen und sich ein paar Stunden bewegen. So drehte er in der Tiefgarage seine Runden. Die Mädchen bemerkten nichts. Wir behielten diesen Vorfall für uns. Wie wir wieder in der Schweiz waren, vergass ich den Zwischenfall. Die letzten paar Tage vor unserem Rückflug verbrachten wir in Santa Barbara, einer überschaubaren Stadt am Pazifik. Wir hatten eine Zwei-Zimmer-Suite direkt am Meer. In diesem friedlichen Umfeld erholten wir uns gut und konnten unsere Reise Revue passieren lassen. Es sollte unsere letzte grosse Familienreise werden. Kiran würde im Sommer ihre Lehre beginnen, Anja in die Oberstufe wechseln.
Kaum zu Hause angekommen, ging die Lehrstellensuche für Kiran in die Endphase. Eigentlich war Kirans Wunsch gewesen, eine Ausbildung als Hotelfachfrau zu absolvieren. Sie schnupperte an verschiedenen Orten. Das Hotel, welches sie sofort genommen hätte, gefiel ihr nicht. Im Grand Hotel Dolder fiel sie in der letzten Runde aus dem Rennen. Schlussendlich fand sie im Restaurant Lakeside in Zürich eine Lehrstelle als Restaurationsfachfrau. Ich war nicht so begeistert, liess sie gewähren und wollte ihr die Freude keinesfalls nehmen.
Nach dem Reha-Aufenthalt meiner Mutter zeichnete sich ab, dass sie nicht mehr alleine würde wohnen können. Glücklicherweise fanden wir zeitnah einen Heimplatz im Altersheim Hechleren in Thal. Sie bekam ein sonniges Eckzimmer. Trotzdem war es für meine Mutter sehr schwer, ihre Wohnung mit Blick auf ihren geliebten Bodensee, wo sie immerhin 39 Jahre gewohnt hatte, zu verlassen. Mir brach es beinahe das Herz. Und doch musste es sein. Ein Lichtblick war, dass dem Heim Alterswohnungen angegliedert waren. Dort wohnte seit Jahren ihre beste Freundin Annemarie. Sie war eine herzensgute Frau. Sie besuchte meine Mutter mehrmals die Woche, ass mit ihr zu Mittag und begleitete ein paar Jahre später meine Mama in den Tod. Mit dem Umzug stand natürlich auch die Auflösung der Dreizimmerwohnung meiner Mutter an. Die Arbeit stemmten Stephan und ich. Schwieriger war der Umstand, dass wir Mama anschwindeln mussten. Sie konnte nicht verstehen, dass niemand ihr altes, noch "pfennigganzes" Schlafzimmer haben wollte. Also gaben wir vor, es einer armen Familie geschenkt zu haben. In Tat und Wahrheit wollte nicht einmal die Caritas die Möbel nehmen. Wir schlugen alles klein und warfen es in die Mulde.
Im Juni durfte ich als Aufsichtsperson Kirans Abschlussreise der Sekundarschule nach Paris begleiten. Ich genoss es, wieder in der Stadt zu sein, wo ich als junge Frau am Flughafen gearbeitet hatte. Es war erfrischend, mit all den jungen Menschen die Stadt zu erkunden. Das Zimmer teilte ich mit Rahel, einer anderen Mutter. Bis tief in die Nacht hatten wir gute Gespräche. Wortwörtlich sprachen wir über Gott und die Welt. Beglückt denke ich an diese Reise zurück.
Während Kirans letzten grossen Sommerferien waren wir wie gewohnt mit beiden Mädchen wieder zwei Wochen am Meer in Italien. Stephan werkelte auf unserem Grundstück, ich war mit den Kindern alleine am Strand. Während dieser Ferien bemerkte ich, dass es mir nach jedem Essen übel war und ich von Völlegefühlen geplagt wurde. Wieder daheim stellte sich heraus, dass ich Gallensteine hatte. Eine Operation stand also an. Nur, ich hatte keine Zeit! Ich hatte Seminare bis weit ins Jahr 2010 verkauft. Gegen den Willen des Arztes fixierte ich den Operationstermin auf den 21. Dezember 2009. Puh, ich hatte Glück, ich hielt durch bis dahin.
Mit grossem Enthusiasmus begann Kiran Ende August ihre Lehre. Die Freude sollte nicht lange währen. Alle Versprechen, dass sie keine Zimmerstunde haben würde, dass das Jugendschutzgesetz bezüglich Arbeitszeiten eingehalten werden würde, wurden gebrochen. Kiran verlor an Gewicht, wurde bleich. Mehrmals die Woche musste ich sie um Mitternacht in Zürich abholen. Ein Gespräch mit der Direktorin versprach zwar Besserung, diese war jedoch nur von kurzer Dauer. Ende September fassten wir mit Kiran zusammen den Entschluss, die Lehre abzubrechen. Ich konnte nicht mehr zusehen, wie mein Kind derart ausgebeutet wurde. Stephan holte Kirans Sachen im Lakeside ab. Er wollte nicht, dass Kiran da nochmals hinmusste. Ich war ihm so dankbar. Nach zwei Wochen Erholung startete Kiran in Wetzikon das 10. Schuljahr. Dieses Zwischenjahr sollte ihr richtig guttun.
Im November selbigen Jahres wurde das Dach fürs Gästehaus gedeckt. Über das Jahr verteilt war Stephan bestimmt drei Mal in Campofilone am Bauen. Er wollte die Bauarbeiten vorantreiben.
Das Jahr ging gut zu Ende, ich konnte meinen Operationstermin einhalten, meine Mutter hatte sich im Heim eingelebt.
Stephans Drang, immer wieder, wenn auch nur für ein paar Tage nach Campofilone zu fahren nahm im Jahr 2010 nochmals zu. Ich liess ihn gewähren. Kiran und ich kamen gut alleine zurecht. Ich konnte mich meinen Seminaren widmen, sie der Lehrstellensuche. Ich vermute, dank ihrer offenen Art, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer Sanftmut fand sie bereits Anfang des Jahres eine KV-Lehrstelle bei Reichle & De-Massari in Wetzikon. Dort sollte es ihr gut gefallen. Eine grosse Last fiel von mir ab.
Im Februar machten Stephan und ich seit langem wieder einen Urlaub zu zweit. Wir flogen für vierzehn Tage nach Sri Lanka. Die Reise war traumhaft. Stephan hatte kurz zuvor die x-te Knieoperation hinter sich und ging noch an Krücken. In Dubai stiegen wir um. Ungefragt kam uns sofort ein Flughafenangestellter zu Hilfe, lotste mich und meinen humpelnden Mann zum Anschlussgate. In Colombo wurden wir wie VIPs durch den Zoll gebracht. Im Hotel erhielt Stephan jede erdenkliche Hilfe. Im Hinblick auf die Hilfsbereitschaft war der Kulturunterschied zwischen dem Mittleren Osten, Asien und der Schweiz gewaltig. Spasseshalber meinte Stephan, dass er künftig für Reisen in derartige Länder stets Gehstöcke mitnehmen wolle. Ich genoss die ungestörte, nicht von Bauarbeiten unterbrochene Zweisamkeit in einem tropischen Land. Besorgt war ich jedoch durch das erneute Aufflackern von Stephans Panikattacken. Plötzlich ertrug er die Dunkelheit in der Nacht nicht mehr. Also mussten wir im Bad das Licht anlassen, damit er schlafen konnte. Meine Bitte, dieses Unwohlsein doch mal abklären zu lassen, wies er mit einem charmanten Lachen ab.
Im März war der Rohbau des Gästehauses fertiggestellt. Im November sollte der Anbau folgen. Stephan war sehr zufrieden.
Nach Abschluss des 10. Schuljahres verbrachte Kiran mit ihrem Freund Lukas die Sommerferien im Tessin. Dort besassen seine Grosseltern ein Ferienhäuschen. Ich fuhr wie gewohnt mit Stephan ein paar Tage nach Italien.
Wir hatten ein kleines, gemütliches Hotel direkt am Strand in Grottamare gefunden. So konnte ich auf dem Liegestuhl lesen, die Wärme geniessen, während Stephan sich auf seinem Spielplatz austobte. Durch die Reisetätigkeit, die meine Seminare mit sich brachte, war ich es gewohnt, viel alleine zu sein. Auch als Einzelkind hatte ich gelernt, mich selbst zu beschäftigen. Von dieser Fähigkeit sollte ich jetzt und in Zukunft noch viel mehr profitieren.
Kiran startete gut in ihre KV-Lehre. Ich war heilfroh. Zudem war ich immer der Meinung, dass eine kaufmännische Grundausbildung eine gute Grundlage für den Start ins Berufsleben ist.
Im Oktober konnte ich Stephan ein letztes Mal für fünf Tage an die Wärme entführen. Wir flogen nach Marbella. Die paar Tage vergingen wie im Flug. Im November war Stephan dann wieder in Campofilone. Während der Weihnachtszeit planten wir das kommende erste halbe Jahr. Stephan wollte im Februar, April über die Ostertage und im Mai nach Italien. Ich sprach zu jener Zeit ganz passabel Italienisch. Doch ich wollte bezüglich unserer Auswanderungspläne die Sprache fliessend beherrschen. Also meldete ich mich für einen jeweils einwöchigen Privatkurs für April und Mai an. Letzteren sollte ich nicht mehr besuchen.
Anfang Februar fuhr Stephan nach Campofilone. Der 5. Februar war sein Geburtstag. Ich wollte keinesfalls, dass er ohne mich feiern musste. Ich kaufte ein Zugticket und fuhr am 5. Februar nach Italien. Die Bahnreise verlief angenehm. Mit Beate und Marcello war abgesprochen, dass sie mich am Bahnhof in San Benedetto abholen sollten, damit ich Stephan in der Bar del Mar überraschen konnte. Um 18:00 Uhr wartete ich voller Vorfreude hinter einer Säule in der Bar. Als Stephan mich entdeckte, brach er in Freudentränen aus. Wir fielen uns in die Arme. Immer wieder brachte er an diesem Abend zum Ausdruck, dass er nicht glauben konnte, dass ich hier sei. Ich bin froh, dass wir nicht wussten, dass dies unser letzter gemeinsamer Geburtstag werden sollte.
Prinz William heiratet - meine Welt bricht zusammen!
Stephan war mit Charamba bereits knappe zwei Wochen in Italien. Lukas, Kirans Freund, kam für ein paar Tage zu uns. Ich fuhr in der Nacht von Ostersonntag zu Ostermontag einen alten Seat Ibiza, welcher in Italien bleiben sollte, nach Campofilone. Morgens um 04:00 Uhr erwarteten mich Stephan und Charamba vor dem Hotel Rivamare ausserhalb von Marina di Massignano. Die Unterkunft war günstig und praktisch gelegen, unweit Campofilone. Wie gewohnt war Stephan mit Bauarbeiten auf unserem Grundstück beschäftigt. Manchmal half ihm unser Freund Marcello. Bereits fertig war der Rohbau des Gästehauses und Teile des Anbaus. Diese Woche war unter anderem geplant, dass die Stromleitungen gezogen werden würden. Ich hatte für mich für einen Intensiv-Italienischkurs an 5 Tage zu je drei Stunden mit einer Privatlehrerin angemeldet.
Das Wetter zeigte sich frühlingshaft warm. Unserem Tagesablauf war geschuldet, dass es sich anfühlte, als würden wir bereits in Italien leben. Stephan ging gegen acht Uhr auf die Baustelle. Vorher brachte er mir von der Bar unten einen Cappuccino und ein Croissant. Ich duschte und fuhr vierzig Minuten zu meiner Schule. Von 10:30 bis 13:30 Uhr hatte ich Unterricht. Danach fuhr ich der wunderbaren Küste entlang zurück nach Pedaso, holte mir eine Kleinigkeit zum Essen und besuchte Stephan auf der Baustelle. Ich ass mein Sandwich in der warmen Frühlingssonne. Stephan hatte meistens bereits mit Marcello in einem Restaurant gegessen. Anschliessend kehrte ich ins Hotel zurück und erledigte meine Hausaufgaben, bis mir der Kopf rauchte. Ich wollte so viel wie möglich profitieren. Italienisch ist noch heute für mich eine wunderbare Sprache. Abends gingen wir jeweils gemütlich essen, alleine oder mit Beate und Marcello.
Dann kam der 29. April 2011. In England herrschte Festtagsstimmung. Prinz William heiratete seine Kate. Ich fuhr am Morgen zur Schule, Stephan zur Baustelle. Es war mein zweitletzter Schultag. Am Samstag war geplant, nach dem Unterricht in die Schweiz zurückzufahren. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre. Die letzte Stunde des Privatunterrichts war Sprechtraining. Zuvor hatten wir ausführlich die Zukunftsform "il futuro" behandelt. Nun sollte die Praxis folgen. Die Lehrerin wollte von mir wissen, welche Zukunftspläne ich hätte. Also erzählte ich ihr von den Plänen von Stephan und mir. In zwei, drei Jahren wollten wir nach Campofilone ziehen. Geplant sei, dass wir das kleine Vier-Zimmer-Haus als Bed & Breakfast führen würden. Ich würde noch ein paar wenige Wochen in der Schweiz verbringen, um Seminare zu geben. Stephan wolle mit Marcello verschiedene Baustellen für Ausländer betreuen. Ich erzählte auch, dass wir am Abend zuvor einen Briefkasten gekauft hätten. Wir würden unserem Ziel, einem Neuanfang in Campofilone langsam näherkommen. Der Plan war klar gewesen, die Zukunft geplant - und es sollte anders kommen.
Nach dem Unterricht fuhr ich wie bereits gewohnt mit einem Sandwich auf dem Nebensitz zur Baustelle. Stephan fuhr mit seinem Bagger einen steilen Hang hoch. Für mich sah es wagemutig aus. Er stoppte sein Gefährt, stieg runter, um sich zu mir in die Sonne zu setzen. Munter plaudernd erzählte ich ihm vom Unterricht und ass mein Sandwich. Nach etwa einer Stunde gab ich ihm einen flüchtigen Kuss und wollte mich auf den Weg zum Hotel begeben. Stephan versprach mir, dass er um 18:00 Uhr bei mir sein würde. Er wolle kurz duschen, und danach würden wir lecker essen gehen. Für mich passte das, denn ich hatte noch Hausaufgaben zu machen. Zudem wollte ich unsere Siebensachen für die morgige Heimreise packen. Gesagt getan, ich fuhr zurück ins Hotel. An der Bar bestellte ich einen Crodino Spritz und ging auf unser Zimmer. Schnell, etwas weniger perfektionistisch, erledigte ich meine Hausaufgaben. Es war bereits nach 16:00 Uhr, als ich meinen Drink genoss und die Hochzeit von William und Kate im Fernsehen verfolgte. Nebenbei kümmerte ich mich um unser Gepäck. Um 18:00 Uhr hatte ich gepackt und wartete hungrig auf Stephan. Er kam nicht. Ich versuchte, ihn anzurufen - Mailbox! Gegen 19:00 Uhr verwandelte sich mein Ärger in Besorgnis. Ich stieg ins Auto. Auf dem kurzen Weg nach Campofilone fragte ich mich, wie eigentlich die Notarztnummer in Italien lautete. Ich wusste da noch nicht, dass ich sie nicht brauchen würde. Nach dem Dorf Campofilone bog ich rechts ab in die Località Santa Maria. Nach ca.10 m gelangte ich auf den Kiesweg, der sich leicht den Hang hinunter zum Haus unseres Nachbarn und weiter zu unserem Grundstück schlängelte. Vor dem Haus des Nachbarn war ein kleiner Vorplatz. Dort erblickte ich ein grosses Feuerwehrfahrzeug, ein Ambulanzfahrzeug und die Polizei. Ich hielt an. Ein Mann mittleren Alters in Polizeiuniform kam zu meinem Auto und wollte wissen, wer ich sei. Ich erklärte mich. Er teilte mir mit, dass mein Mann einen Unfall gehabt habe. Natürlich wollte ich sofort zu ihm. Dies wurde mir ohne Angabe von Gründen verwehrt. Mit jeder Minute, die ich warten musste, wurde mir kälter. Mein Inneres schien zu Eis zu erstarren. Ich stieg aus, es begann zu regnen und wurde langsam dunkel. Nach einer gefühlten Ewigkeit forderte mich der Maresciallo, so hatte er sich mir vorgestellt, auf, mit ihm auf den Polizeiposten nach Pedaso zu kommen. Ich sagte ihm, ich könne nicht mehr Auto fahren, ich sei zu aufgeregt. So fuhr er mich auf den Posten. Dort erkundigte er sich, ob ich Freunde oder Familie hier hätte. Ja, aber sie seien in einem Restaurant beim Essen. Wo wüsste ich nicht. Es war mir nicht möglich, seine Frage in den Kontext einzubetten. Ich war auf diesem kargen Polizeiposten. Die Zeit schlich, während sich in meinem Kopf Nebel ausbreitete. Immer wieder fragte ich, lebt mein Mann noch. Die Antwort war ja. Man müsste noch abklären, ob man ihn nach San Benedetto del Tronto oder nach Fermo ins Krankenhaus bringen würde. Ich wollte nur eines - zu Stephan. Ich dürfe zu ihm, sobald klar sei, in welches Krankenhaus sie ihn bringen würden. Ich glaubte dem Maresciallo. Ich fror. Unseren Hund Charamba hatte ich zu dem Zeitpunkt total vergessen.
Gegen 23:30 Uhr ging die Tür auf. Beate und Marcello traten ein. Sie waren vor ihrem Haus von der Polizei empfangen worden. Beate kam auf mich zu, umarmte mich und sagte leise: "Isabella, du musst mit dem Schlimmsten rechnen!"
"Nein!" krächzte ich. "Er", ich zeigte forsch mit dem Finger auf den Mann in Uniform, "hat mir gesagt, dass Stephan im Krankenhaus in Fermo liegen würde." Ich klammerte mich an das Gesagte - erfolglos.
"Isabella, es tut mir so leid, er ist tot!"
In diesem Moment ging meine Welt unter. Ich sank zu Boden. Ab diesem Moment übernahmen Beate und Marcello die Führung. Sie fuhren mit mir ins Hotel. Ich holte meine bereits gepackte Tasche und ging mit ihnen nach Ripatransone. Dort angekommen machte ich ein paar verzweifelte Telefonanrufe. Beate bereitete für mich das Gästezimmer vor. Sie war sehr fürsorglich. Sogar ein Heizbett legte sie auf mein Bett und verbrachte die ganze Nacht, was davon noch übrig war, neben mir.
Am Folgetag erwachte ich mit einer grauenhaften Migräne. Mit voller Wucht traf mich die Tatsache, dass mein geliebter Stephan tot war. Wie so oft in meinem Leben, begann ich im Funktionsmodus zu agieren. Einem Roboter gleich informierte ich alle nahen Personen in unserem Umfeld. Um 10:00 Uhr stand ich im Leichenschauhaus des Spitals von Fermo. Ich wähnte mich in einem Tatort-Krimi. Ein nicht uniformierter Polizist, Marcello und Beate waren dabei. Der Polizist überreichte mir einen kleinen durchsichtigen Plastikbeutel mit dem Ehering, einer Halskette und der Uhr meines verstorbenen Mannes. Wir standen in einem kleinen Raum, die Wände waren aus Edelstahl, an den Seiten waren Kühlfächer für tote Menschen. Ein grüngewandeter Mann öffnete ein sich auf mittlerer Höhe befindendes Fach und zog eine Liege heraus. Darauf lag unter einer grünen Decke eine Leiche - mein Ehemann! Mit Blick auf mich hob sie der Pathologe und das Antlitz Stephans kam zum Vorschein. Mir stockte der Atem. Ich sah eine kleine Narbe auf der linken Seite seiner Stirn. Ich berührte seine Wange. Sie war eiskalt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass hier nicht mehr mein Mann liegt. Der Gedanke, dass seine Seele schon fort war, rauschte durch meinen Kopf. Den Rest von Stephans Körper wurde mir aus Pietät nicht gezeigt, zum Glück. Wie benommen wurde ich anschliessend auf den Polizeiposten von Fermo geleitet. Der Formalitätenkrieg sollte beginnen. Es ging um Stephans Rücktransport in die Schweiz. Ich wollte ihn kremieren lassen. In Italien ist eine Kremation jedoch nur dann möglich, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten seinen Wunsch schriftlich festgehalten hat. Eine solche Erklärung konnte ich nicht beibringen. Ich war heilfroh, dass meine Aussage genügte, dass Stephan das so gewollt hätte.
Nun war Wochenende und weitere Schritte konnten nicht eingeleitet werden.
Kirans Firmungsreise nach Rom wäre an diesem Wochenende geplant gewesen. Da wollte sie verständlicherweise nicht mit. Zuerst erwog sie, zu mir nach Italien zu kommen. Dann verwarf sie glücklicherweise diese Idee. Ich war erleichtert, da ich ihr diese schmerzhaften Szenen nicht zumuten wollte. Sie entschied sich, bis zu meiner Rückkehr bei der Familie ihres damaligen Freundes zu wohnen. Ich war froh, wusste ich sie in dieser schweren Zeit bei warmherzigen Menschen. Derweil kümmerten sich Beate und Marcello liebevoll um mich. Charamba, der bei einem Nachbarn in Campofilone in der Schreckensnacht Unterschlupf gefunden hatte, wurde zu mir nach Ripatransone gebracht.
Am Sonntag hatte ich einen Kondolenzbesuch vom Maresciallo aus Pedaso. Er war derjenige, welcher Freitagnacht für den Unfall und mich zuständig war. Er entschuldigte sich aufrichtig dafür, dass er mich so lange im Ungewissen gelassen hatte. Er gestand, dass er nicht den Mut gehabt hätte, mir die grausame Wahrheit zu sagen. Ich war doch ganz allein gewesen zu jenem Zeitpunkt. Ich verstand seine Situation. Irgendwie tat mir dieser hilflose Mann leid.
Das ganze Wochenende waren die lokalen Zeitungen voll mit Berichten zum tragischen Unfall in Campofilone. Komisch, woher hatten die all die Infos? Ich war nie dazu befragt worden!
Einige Tage später wurde mir auf dem Polizeiposten der genaue Unfallhergang geschildert. Stephan hatte den Dumper, ein Kippfahrzeug gefahren. Als er die Erde hatte ausleeren wollen, muss der Dumper talwärts gekippt sein. Stephan hatte noch versucht, abzuspringen. Es gelang ihm nicht, vermutlich wegen des operierten Knies. Das zwei Tonnen schwere Fahrzeug fiel auf seinen Brustkorb und erdrückte ihn. Man versicherte mir, dass der Tod innerhalb von Sekunden eingetreten sei. Nichtsdestotrotz erschien ein Bild des Grauens vor meinem geistigen Auge.
In meiner Trauer war ich innerlich erstarrt. Doch ich musste weiter funktionieren. Es gab viel zu organisieren. Meine Kunden mussten informiert werden, die Seminare für die nächsten Wochen mussten abgesagt werden. Dem Himmel sei’s gedankt, waren alle äusserst verständnisvoll. Wie sollte ich meinen toten Mann in die Schweiz bringen? Ich stand in ständigem Kontakt mit Andi, unserem Trauzeugen, und Rolf, einem guten Freund von Stephan. Sie versprachen, mit mir den Transport nach der Kremation zu organisieren.
Am Montag gingen wir ins Krematorium nach San Benedetto. Es befand sich gleich neben dem Friedhof. Ich trat in ein helles Büro mit drei Schreibtischen. Gleich neben dem Eingang befand sich ein kleines Einzelbüro. Dort trafen wir auf den Chef. Ich starrte auf einen Mann, der einen Pamir um den Hals trug und dessen Arbeiterkluft mit Asche bedeckt war. Es musste Asche von Verstorbenen sein. War ich in einem Horrorfilm? Ich schluckte leer. Marcello erklärte ihm meine Situation. Der Chef wusste natürlich aus den Zeitungen bereits vom Unfall. Er sprach sein Beileid aus und informierte uns über das weitere Vorgehen. Eine Einäscherung würde gute drei Stunden dauern, anschliessend müsste die Asche erkalten. Am Tag danach könne man die Urne abholen. In ca. drei Wochen würde ein Termin frei sein. Was!!! Ich konnte es kaum glauben, mir stockte der Atem. Ich wollte doch nur noch nach Hause, zurück in die Schweiz! Weiter meinte er, wir könnten schon mal die nötigen Papiere wie Pass und Totenschein vorbeibringen.
Am nächsten Morgen betraten wir erneut das Krematorium. Dieses Mal waren alle drei Arbeitsplätze im lichtdurchfluteten Büro besetzt. Marcello wollte gerade dem Chef die von ihm geforderten Dokumente übergeben, da rief die Dame, welche am ersten Schreibtisch sass, durch den Raum: "Allora, in den Zeitungen hiess es, der Verunfallte sei Schweizer, also müssen wir das Schweizer Konsulat noch beiziehen."
Ich stand auf, fuchtelte mit Stephans italienischem Pass in der Luft herum und mahnte mit erhobener Stimme: "Stephan und ich haben neben der Schweizer auch die italienische Staatsbürgerschaft!"
Es wurde still im Raum.
Plötzlich meinte der Chef, vielleicht könnten sie die Einäscherung etwas vorziehen. Da würde noch ein alter Mann warten, aber dessen Familie konnte noch nicht ausfindig gemacht werden. Im Gegensatz zu mir verstand Marcello sofort, was der Chef gemeint hatte.
So fuhren wir am Mittwoch mit 250 Euro ins Krematorium. Nachdem dieses Geld den Besitzer gewechselt hatte, war die Einäscherung für kommenden Freitag, den 6. Mai, festgesetzt. Ich wähnte mich wirklich wie im Film - aber nein, das war tatsächlich meine damalige Realität!
Marcello hatte vor gut zwei Wochen Geburtstag gefeiert. Anlässlich dieses Festes hatte Stephan ausnahmsweise einen Anzug dabei. Seit ich Stephan kannte, war dies das erste Mal, dass er einen im Gepäck hatte. Nachdem das Krematorium grünes Licht gegeben hatte, brachte ich den Anzug ins Leichenschauhaus. Der Gedanke, dass Stephan das Kleidungsstück auf diese Weise brauchen würde, liess mir den Atem stocken. Aber da musste ich durch.
Marcello hatte eine kleine Trauerfeier in der dortigen Spitalkapelle für den nächsten Tag organisiert. Es war mittlerweile Donnerstag. Es wurde schwierig für mich. Stephan lag in seinem Anzug im offenen Sarg. Marcello, Beate, der Schwager von Marcello, seine Frau und ich bildeten die kleine Trauergemeinde. Der Pfarrer sprach derart schnell Italienisch, dass ich kaum etwas verstand. War vielleicht gut, so konnte ich mich meinen eigenen Gedanken hingeben. Als der Sarg geschlossen wurde, brach ich zusammen. Ich wollte und konnte noch nicht definitiv Abschied nehmen. Doch ich musste! Sanft wurde ich vom Sarg weggezogen. Vor der Kapelle wartete der Leichenwagen, der an den hinteren Seitenfenstern mit Stephan Leutenegger angeschrieben war. Wir eskortierten den Wagen zum Krematorium in San Benededetto. Nein, ich war nicht in einem Film von Federico Fellini, ich war in meinem Leben.
Überrascht wurde ich am Abend von einem Anruf von Andrea, Stephans älterem Bruder. Er sagte, er wäre dabei eine Grabrede zu schreiben. Ich war verblüfft. So nahe standen sich die beiden gar nicht. Meinen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, erklärte mir Andrea mit bestimmter Stimme, dass die Grabrede gar nicht für seinen toten Bruder gedacht war. Er sei tatsächlich an seiner Grabrede. Er meinte, er wolle nicht, dass jemand, der ihn nur wenige Jahre kennen würde, irgendwann für ihn eine solche Rede schreiben würde. Eine geschmacklose Aussage mir gegenüber. Da wurde mir blitzartig klar, dass weder er noch seine Frau mir jemals in dieser schweren Zeit zur Seite stehen würden. Ich sollte Recht behalten. Ich sah ihn noch an der Beerdigung von Stephan und zwei Jahre später am 80zigsten Geburtstag von Nonna. Jene Feier hatte im Übrigen nicht er, sondern ich mit ihr organisiert!
Noch am selben Abend telefonierte ich mit Andi und Rolf. Sie versprachen, uns am Samstag nach Hause zu holen. So traurig es war, ich war nur noch froh, dass sie kommen würden. Ein weiterer Kollege, Peter, würde auch mitkommen. Einer von ihnen würde den Seat Ibiza, den ich vor wenigen Tagen nach Italien gefahren hatte, zurückfahren. Ein anderer Stephans Auto mit Hund und Anhänger und einer würde mich mit Stephan in die Schweiz repatriieren.
Den Freitag verbrachte ich mit dem Zusammentragen von all den Papieren, die es braucht, um eine Urne über die Grenze zu bringen. Die Beschäftigung lenkte mich ab, denn meine Gedanken schweiften immer zu meinem toten Mann, er gerade kremiert wurde.
Am Samstagmorgen gegen 10:00 Uhr war ich wieder im Hotel Rivamare. Andi (Hasi), Rolf und Peter sassen an einem Tisch und tranken Kaffee. Sie nahmen mich in ihre Arme und ich konnte meinen Tränen freien Lauf lassen. Gegen Mittag fuhren wir alle zum Krematorium, um Stephans Urne abzuholen. Es war ein sehr edles, rechteckiges dunkelbraunes Holzkistchen. Oben stand auf einer Messingplatte Stephan Leutenegger. In der Zwischenzeit hatte Beate Salat und Pasta vorbereitet. In der Zeit bei ihnen hat sie oft zu mir gesagt: "Isabella, du musst was essen! Essen und Wein halten die Seele zusammen." Und so kam es, dass Andi, Rolf, Peter, Marcello, Beate und ich noch ein letztes Mal zusammen assen.
Anschliessend fuhren wir nach Campofilone. Andi kannte unser Grundstück von seiner Transportfahrt im Jahr 2008. Die anderen beiden waren begeistert von der tollen Lage. Schnell organisierten sich die Herren – wir waren startbereit. Wieder fuhr ich im Konvoi, doch diesmal Richtung Schweiz. Ich sass mit Rolf im Auto. Er war sehr einfühlsam mit mir. Kurz vor Mitternacht erreichten wir mein Zuhause in Rumlikon. Ich trug Stephan ins Nebenhaus, wo meine beiden Coachingräume untergebracht waren. Nur Charamba und Sasso waren bei mir. Mir war irgendwie unheimlich, so alleine mit einer Urne im selben Haus zu sein.
Tiere sind sehr feinfühlig. Am Sonntagmorgen begleiteten mich Charamba und Sasso in den Coachingraum, wo sich Stephans Urne befand. Ich liess mich auf einen Stuhl vor Stephan nieder, Charamba und Sasso setzten sich neben mich. Es war eine intime und traurige Szenerie. Wie lange wir drei so verweilten, entzieht sich meiner Erinnerung.
Am frühen Nachmittag holte ich Kiran in Gündisau, einer Aussenwacht von Rumlikon, ab. Als Kiran mich erblickte, begann sie bitterlich zu weinen. So hatte ich sie noch nie gesehen. Wir hielten uns lange eng umschlungen. Lukas und seine Eltern haben sich während meiner Abwesenheit so gut um Kiran gekümmert. Dafür war ich ihnen sehr dankbar.
Nachbarn, die von Stephans Unfall gehört hatten, kamen und sprachen uns ihr Beileid aus.
Ab Montag begann der Schweizer Bürokratiemarathon. Das Zivilstandsamt der Gemeinde musste informiert werden. Mit der Pfarrgemeinde organisierte ich die Beerdigung für Freitag, den 13. Mai 2011. Eine Todesanzeige musste in die Zeitung, Trauerkarten kreiert und verschickt werden. Ein Leichenmahl sollte organisiert werden. Gefühlt hatte ich Tausende Telefonate zu tätigen. Zu guter Letzt musste ich mir noch einen schwarzen Hosenanzug kaufen.
Formulare musste ich ausfüllen, die Unfallversicherung von Stephans Geschäft fragte mich x-mal nach der Todesursache. Erst im Nachhinein erfuhr ich, warum. Zum Glück unterstützte mich Stephans Arbeitgeber in dieser Angelegenheit.
Und natürlich stiegen meine mir so vertrauten finanziellen Überlebensängste in mir auf. Würde ich das Haus, das Einzige, was mir von Stephan geblieben war, behalten können. Auch hier hatte er so viel Herzblut verbaut. Wir hatten zwar ein Testament, aber wie das in der Realität gehalten werden würde, wusste ich nicht.
Die Zeit bis zur Beerdigung verflog, ich war wie in Trance.
Am Dienstag fuhr ich mit meinem langjährigen Freund Martin zu meiner Mutter ins Altersheim. Ich wollte ihr die traurige Nachricht nicht alleine überbringen. Damals war meine Mama fast 88 Jahre alt. Ich vermute, sie realisierte nicht ganz, was passiert war. Oder sie wollte stark sein. Sie sagte: "Isabelle, Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist!" Diesen Satz kannte ich aus meiner Jugend nur zu gut. Es war mir klar, sie wollte mir auf ihre Art Mut zusprechen. Ich habe den Eindruck, dass nach diesem Schicksalsschlag sich Mama ganz langsam aus dem Leben verabschiedete. Sie sprach kaum mehr. Sie freute sich zwar immer, wenn ich sie besuchte, doch ansonsten war sie still.
Am Donnerstagnachmittag brachte ich die Urne von Stephan auf die Gemeinde.
Von Donnerstag auf Freitag übernachtete meine Freundin Helen aus Basel bei Kiran und mir.
Freitag, der 13. Mai 2011 - die Sonne schien, es war heiss und es war der Tag der Beisetzung. Es war kaum zu fassen, wie viele Menschen aus unserem nahen und weiteren Umfeld Stephan auf seinem letzten Weg begleiteten. Ein Teil meiner Verwandten aus Deutschland, sogar einige meiner Kunden waren anwesend. Ich war tief berührt. Aus Campofilone hatte ich Erde mitgenommen. Er sollte symbolisch dort begraben sein, wo er am liebsten gewesen war. Vorgängig hatte ich mit einer modernen Pastoralassistentin über eine Abschiedsfeier, die Stephan gefallen hätte, gesprochen. Aus meiner Sicht hat die Vertreterin der katholischen Kirche eine schöne und berührende Abdankung gestaltet. Zum anschliessenden Leidmahl kamen ca. 40 Gäste. So traurig alles war, aber beim Essen wurden Geschichten aus Stephans Leben ausgetauscht und gelacht. So sollte es sein. Nun verstand ich auch die Worte des Zivilstandsbeamten in Russikon. Als ich den Todesfall meldete, wollte ich zuerst kein Leidmahl ausrichten. Der einfühlsame Beamte erklärte mir, den Sinn eines Leidmahls. Am Grab sei man traurig, beim gemeinsamen Essen komme ganz langsam die Lebensfreude zurück und es würde gelacht werden. Genau so war es.
Helen musste am Abend zurück nach Basel. Ja, und da waren wir also, Kiran und ich, ganz alleine. Es war still im Haus.
Charamba musste meine Verletztheit und Schwäche gespürt haben. Seit unserer Rückkehr aus Italien entwickelte er einen übermässigen Beschützerinstinkt. Ohne dass ich es bemerkt hatte, hat er die Führung unseres Rudels an sich genommen. Kam jemand, den er nicht kannte, auf mich zu, stand er mit seinen 45 Kilo vor mich und bellte die Person an. Natürlich machte das den Menschen Angst. Dank Kurt, meinem Hundetrainer, bekamen wir das in den Griff. Ich übernahm wieder die Führung des Rudels.
Ich hatte bis Mitte Juni alle Seminare abgesagt. Meine Kunden reagierten mit grossem Verständnis. Kiran setzte ihre Lehre fort. Ich fiel in ein grosses Loch. Nach aussen zeigte ich mich stark, doch innerlich zerbrach ich beinahe. Ich erinnere mich an folgende Szene. Ich musste einkaufen gehen. Ich stand eines Morgens am Eingang der Migros Pfäffikon. Ich fragte mich ernsthaft, warum soll ich überhaupt noch einkaufen gehen? Da stürmte das Bild von Kiran und unseren Haustieren meinen Kopf. Ich rief mich zur Räson. Die Lieben, die mir geblieben sind, müssen versorgt werden. Diese Tatsache katapultierte mich in die Realität zurück. Ich versuchte mein Leben und mich unter Kontrolle zu bringen. Ich ass, ich joggte, und ich verlor Gewicht. Ironischerweise dachte ich damals, dass nichts so schlecht ist, um nicht auch für etwas gut zu sein. Ich war mir bewusst, dass dieser Gedanke sarkastisch war. Die nächsten Monate waren, gelinde ausgedrückt, arbeitsintensiv. Ich musste Steuerformulare ausfüllen, die Erbangelegenheit klären. Stephan hatte ja ein Kind aus erster Ehe. In unserem Testament hatten wir meine und seine Tochter auf den Pflichtteil gesetzt. Nun galt es auszurechnen, was ich Anja ausbezahlen müsste. Ich möchte an diesem Punkt ausdrücklich erwähnen, dass weder Stephans erste Frau noch Anja je Druck auf mich ausübten. Dafür war ich dankbar. Die Gesetzgebung in der Schweiz und Italien verlangte endlos viele Dokumente von mir. Ich musste jeden Franken beweisen, den ich in die Ehe mit eingebracht hatte. Manche schlaflose Nacht und viele Besuche bei meinem Anwalt in der Schweiz und einige Besuche bei meiner Anwältin in Italien wurden mir durchs Schicksal aufgebrummt.
Ab Mitte Juni nahm ich meine Seminartätigkeit wieder auf. Meine Mutter hatte mir früher immer gesagt, Arbeit sei die beste Medizin. Sie hatte sich nicht geirrt. Allerdings nahm ich stetig mehr von dieser Medizin. Dies sollte 2013 zu einem Burnout führen. Aus Angst, mein Haus zu verlieren, nahm ich übermässig viele Aufträge an.
Im November 2011 erfuhr ich von der Unfallversicherung, dass ich eine beträchtliche lebenslange Rente bekommen würde. Mir wurde nun ebenfalls klar, warum die Versicherung sich wiederholt erkundigt hatte, wie es zu diesem Unfall gekommen war und ob nicht vielleicht ein Herzinfarkt die Ursache gewesen sein könnte. Naiv hatte ich immer wahrheitsgetreu Auskunft gegeben. Hätte Stephan einen Herzinfarkt erlitten gehabt, hätte die Versicherung nicht zahlen müssen. Also hatte ich nun neben der Witwenrente auch eine Unfallrente. Dessen ungeachtet arbeitete ich weiter wie eine Besessene.
Anfangs 2012 war die Erbfrage geklärt. Somit endete ein monatelanges Zusammentragen von Papieren und Dokumenten. Es war klar, dass ich das Haus würde behalten können. Ich war erleichtert.
Im Januar 2012 folgte der nächste Schicksalsschlag. Unser Hund Charamba entwickelte eine rasch fortschreitende Krebsart. Ende Januar mussten wir ihn gehen lassen. Kiran und ich waren überzeugt, dass er zu Stephan wollte.
Kiran hatte nach dem Unfall wieder einen schulischen Taucher. Sie hatte Mühe in der Berufsschule. Nach einem Gespräch mit dem Lehrmeister fing sich Kiran und sie schloss ihre KV-Lehre im Sommer 2013 sehr gut ab.

Als Stephan noch lebte, kümmerte er sich um den Umschwung in Rumlikon. Unser Grundstück war 1000 m² gross. Ich Frühsommer 2011 war ich gezwungenermassen gefordert, zu lernen den Rasen zu mähen. Unkraut jäten konnte ich schon. Im Winter befreiten Kiran und ich die grosse Auffahrt vom Schnee. Bei kleineren Reparaturen half mir zum Glück Rolf. Ich war getrieben vom Gedanken, dass ich alles so gut wie möglich erhalten wollte. Es war Stephans Vermächtnis an mich.
Kiran und ich gewöhnten uns daran, allein zu sein. Lukas, Kirans Freund, war oft bei uns. Er unterstützte mich nicht selten, sei es mit kleinen Hilfeleistungen, oder dass er mit mir in den OBI fuhr, um neue Markisen für die Terrasse zu kaufen und vor allem diese zu montieren.
Im Oktober 2011 fuhren Kiran und ich zu meinem Geburtstag mit der City Nightline für ein paar Tage nach Berlin. Ein Tapetenwechsel tat uns beiden gut. An einem regnerischen Tag verbrachten wir, sage und schreibe, fünf Stunden im Jüdischen Museum in Berlin. Am Rande sei gesagt, dieses Museum ist absolut sehenswert.
Nebenbei florierte mein Geschäft noch mehr. Ich hatte Kunden in Genf, Bern, Basel, Zürich und St. Gallen. Dieser Umstand brachte natürlich auch mehr Reisezeit mit sich. Wochenenden kannte ich nicht mehr. Ich kreierte neue Seminare und entschloss mich auch noch zu einer sechsmonatigen Weiterbildung in Frankfurt. Die Ausbildung begann im November 2011. Vom ersten Seminartag ist mir folgende Szene noch in guter Erinnerung. Wir waren etwa 24 Teilnehmende. Wie gewohnt an solchen Anlässen beginnt der erste Tag mit einer grösseren Vorstellungsrunde. Eine Frage lautete, in was für einem Umfeld, und wie lebst du. Ich war als Sechste an der Reihe. Ich sass da und hörte mich zum ersten Mal vor einer so grossen, mir fremden Gruppe sagen: "Ich bin Witwe. Mein Mann ist vor 6 Monaten tödlich verunglückt." Tränen schossen mir in die Augen. Erstaunt realisierte ich, dass ich mich erstmals meiner Tränen in der grossen Runde nicht schämte.
Einen Monat nach Charambas Tod wurde Luna unser neues Familienmitglied. Sie war eine zweijährige Hündin aus einer Tierrettungsorganisation. Ich brauchte einfach jemanden, der mich zum Joggen begleitete und mich bei Wind und Wetter ins Freie zwang. Luna war eine anhängliche, liebenswürdige Hündin. War ich auf der Arbeit, konnte ich sie zu einer befreundeten Hundesitterin im Dorf bringen.
Über Ostern 2012 flogen Kiran und ich für zwei Wochen nach Dubai. Wir genossen den Strand, machten einen Ausflug in die Wüste, besuchten den Souk und verweilten in der riesigen Shopping Mall beim Burj Khalifa. Die Aussicht vom Burj Khalifa haute uns beinahe um. Kiran war absolut fasziniert von den vielen frei laufenden Pfauen auf unserem Hotelgelände. Kurzum, es war ein wunderschöner Mutter/Tochter-Urlaub.
Im Jahr darauf holte ich mit meiner Freundin Helen die verpasste USA-Reise nach. Wir flogen für eine Woche zu ihrer Ex-Schwägerin nach Miami. Seit Stephans Tod waren wir uns wieder näher gekommen. Das tat mir gut.
Durch die Spaziergänge mit Luna lernte ich eine etwas ältere, alleinstehende Frau namens Britta kennen. Wir freundeten uns an. Schon lange hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Golfspielen zu lernen. Ich erzählte Britta davon. Begeistert wollte sie auch mitmachen. Also begannen wir gemeinsam mit der Ausbildung zum Golfen. Den Weg bis zur Platzreife hatte ich mir leichter vorgestellt. Wir zogen das durch. Leider musste ich feststellen, dass diese Sportart für mich zu jener Zeit viel zu zeitintensiv war. Britta konnte dies schlecht nachvollziehen. Sie hatte zwar recht mit ihrer Ansicht, dass mir das Golfen gut täte, doch, dass ich nachher am Abend länger im Büro sass, verstand sie nicht. Ein paar Jahre später, ich glaube, es war irgendwann im Laufe der Jahre 2015/16, lebten wir uns auseinander. Britta wurde immer besitzergreifender. Anfänglich hatte ich diese Neigung gar nicht bemerkt. Tatsache war, dass ich dank ihr viel über die Pflege des Gartens lernen durfte. Zudem war sie eine gute Ferienpartnerin. Mit Britta machte ich zweimal Urlaub in Dubai und einmal in Ägypten. Sehr froh war ich, als Britta mir auf dem Rückflug von Ägypten auf den Kopf zu sagte, dass mit mir etwas nicht stimmen würde. Ich sei fahrig geworden und würde im Gespräch von Thema zu Thema hüpfen. Wusch, da war es! Ohne es mir eingestehen zu wollen, hatte ich das schon länger an mir bemerkt. Während den Seminaren oder in Coachingsessions war ich ruhig, konzentriert und geduldig. In meiner Freizeit verhielt ich mich ganz anders. Ich entschied mich, das Thema mit meinem Hausarzt zu besprechen. Er meldete mich kurzerhand zur Burnout-Abklärung an. Wie vermutet war ich am Rande eines Abgrundes, überarbeitet, übermüdet, ausgelaugt. Am 15. Juli 2013 trat ich in die Klinik Hohenegg ein. Es war die richtige Entscheidung. Gute sieben Wochen war ich dort. Ich musste lernen, mich mit meiner Trauer aktiv auseinanderzusetzen, mich Treibern wie "Perfektionismus" und "Mach es allen recht" zu stellen. Ich war in den Händen einer wunderbaren Psychotherapeutin, die mir einen wichtigen Leitsatz für mein weiteres Leben mitgegeben hat. Er lautet: "Frau Leutenegger, Ihren Obolus an die Gesellschaft haben Sie schon längst geleistet!" Danke, Frau Dr. Bibica. Leider verschwand dieser heilende Satz manchmal in meinem Unterbewusstsein. Zum Glück tauchte er immer wieder auf, wenn die Zeiten zu arg wurden.
Freitag, der 19. Juli war ein heisser Sommertag. Am späteren Nachmittag hatte sich ein Gewitter über dem Zürichsee entladen. Ich war kurz nach 18:00 Uhr mit einer Mitpatientin auf dem Weg vom Abendessen zurück zu unserem Wohnhaus auf dem Klinikareal. Der Himmel hatte sich aufgerissen, und ich meinte: "Schau, jetzt fliegt bestimmt eine Seele durch das offene Himmelstor!" Und so war es!
Kaum hatte ich mein Zimmer betreten, klopfte es. Meine zuständige Betreuerin kam und sagte mir, dass meine Mama soeben gestorben sei. Wieder ein Schicksalsschlag! Weinend fiel ich aufs Bett. Meine Betreuerin blieb, bis ich mich wieder etwas gefangen hatte. Ich glaube, für meine Mama war es eine Erlösung. Sie war im Beisein ihrer besten Freundin Annemarie im Alter von 90 Jahren und 10 Tagen friedlich entschlafen. Was mich betraf, ich war zu jenem Zeitpunkt am richtigen Ort. Nun konnte ich der Trauerarbeit definitiv nicht mehr entfliehen. Dank der optimalen Betreuung in der Klinik Hohenegg konnte ich Wochen später wieder gut Tritt fassen in meinem Leben. Doch zuerst galt es wieder eine Beerdigung zu organisieren. Mama wurde am 03. August 2013 neben meinem Vater beigesetzt.
Nach meinem Aufenthalt in der Hohenegg teilte ich mir meine Arbeit etwas besser ein. Einerseits wurde ich durch zwei kürzere Krankenhausaufenthalte dazu gezwungen, andererseits unternahm ich 2015 und 2016 mit Freunden Ferienreisen nach Fernost. Um ein soziales Leben zu pflegen, verabredete ich mich ca. alle zwei Wochen mit einer meiner Kolleginnen zum Nachtessen.
2015 war ein Jahr mit zwei Highlights, die ich mir schenkte. Im Frühsommer baute ich die Küche ganz nach meinen Vorstellungen um. An meinem 55zigsten Geburtstag organisierte ich ein Fest für mich. Ich lud Freunde und einen Cousin von mir zu einem gemeinsamen Kochabend bei einer Bekannten ein. Diese hatte ein Kochstudio. Mehrmals im Jahr bot sie Kochabende in kleinem Kreis an. Stets kochten wir ein tolles Gericht von Johann Lafer nach.
Ich war umgeben von lieben Nachbarn. Viele Male wurde ich zum Abendessen eingeladen. Wann immer ich konnte, nahm ich diese Einladungen an. Ich hatte gelernt mehr Mussestunden in mein Leben einzubauen.
In den Jahren 2015/16 und 2017 verbrachte ich jeweils im Mai eine oder zwei Wochen in Südfrankreich. Zweimal lud ich meine Jugendfreundin Denise ein. Wir waren seit der Kindheit eng befreundet. Wie ich an früherer Stelle erklärt habe, sollte diese Beziehung später ein Ende finden. Es macht mich heute noch traurig, aber c'est la vie.
Auch wurde die Beziehung zu Martin, dem Patenonkel von Kiran, wieder enger. Seine Schwester Marlis und ihr Partner Urs nahmen mich in ihren Bekanntenkreis auf. So flogen wir 2015 alle gemeinsam nach Phuket, 2017 nach Penang. Diese Reisen erinnerten mich an die guten alten Swissair-Zeiten. Ich ertappe mich gerade dabei, zu denken, Gott, wie bist du wieder viel gereist in den Jahren nach Stephan. Ja, das stimmt, doch die restliche Zeit arbeitete ich oder ackerte im Garten. Erholung fand ich tatsächlich nur im Urlaub.
Zwischendurch hatte ich eine Beziehung zu einem Mann. Ich finde es nicht rühmlich von mir, aber ich wusste von Anfang an, dass ich nie mit ihm zusammenleben würde. Ich wollte eigentlich nur jemanden zum Ausgehen. So dominierte ich für eine gewisse Zeit eine On/Off-Beziehung. Ich denke, im Nachhinein zog auch er seinen Nutzen aus unserem Zusammensein. Im Herbst 2015 beendete ich die Beziehung. Schwierig war für mich in den Jahren 2011 bis August 2019 die Tatsache, dass ich immer noch dieses Grundstück in Campofilone besass. Nach Stephans Tod wollte ich es lange Zeit behalten. Als ich mich 2015 zum Verkauf durchgerungen hatte, wurden mir Steine in den Weg gelegt. Zuerst wurde der Preis gedrückt, danach hiess es, dass im Grundbuchamt nicht alles eingetragen worden war. Was da passierte, hätte ich nie für möglich gehalten. Die Menschen, die ich für Freunde hielt, zogen mich sprichwörtlich über den Tisch. Nur dank meinem späteren Partner Peter hatte ich die Kraft, mich von dieser für mich mit grossem Schmerz verbundenen Liegenschaft zu trennen. Dieses Vorhaben, nach Italien auszuwandern, hatte mir meinen Ehemann genommen und mir einen Verlust dank sogenannter Freunde von gut 300'000 Euro beschert. Peter sagte immer: "Isabelle, das ist nur ein materieller Verlust. Dir wird es besser gehen, wenn du es los bist!" Und er sollte Recht behalten.

Gemütlich sass ich auf meiner Couch und las die NZZ am Sonntag. Den Abschluss machte der Kulturteil. Auf der letzten Seite waren Bilder von Schweizer Promis bei kulturellen Events abgebildet. Meine Augen blieben an einem Foto hängen. Ein bekannter Wettermoderator und dessen Partnerin waren abgelichtet. Der Moderator interessierte mich nicht, vielmehr faszinierte mich die Berufsbezeichnung der Frau an seiner Seite - Partnervermittlerin. Bingo! In meinem Gehirn sprühten Funken, es begann auf Hochtouren zu arbeiten. Schon länger suchte das Gefühl, nicht alleine alt zu werden, einen Weg in mein Handeln. Ich hatte über die letzten Jahre mit Unterbrechungen gelernt, gut ohne Partner zu leben und für mich zu sorgen. Ich wusste, ich war und bin bis heute ein Mensch, der es grundsätzlich bevorzugt, in einer harmonischen und stabilen Beziehung zu leben. Nur, wie findet Frau mit bald 58zig einen passenden Partner? Der Mann, den ich suchte, sollte interessiert an der Welt und natürlich an mir sein. Wenn er ein lustiges Wesen hat, gerne reist und ein Glas Rotwein nicht verabscheut, wäre er schon fast mein Traumprinz für die späten Jahre. Verflixt, wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Blitzschnell hatte ich mein iPad zur Hand und schlug die Internetseite dieser Dame auf. Und siehe da, sie nahm sich auch älteren partnersuchenden Menschen an. Ich war begeistert. Mein rationaler Gehirnteil war ebenfalls überzeugt, denn wenn jemand in der Öffentlichkeit steht, müsste ihre Agentur seriös sein. Mein Entschluss war gefasst. Am Dienstag nach Ostern würde ich anrufen. Ich bin immer voller Tatendrang und neige zur Ungeduld, wenn es um das Erledigen von Dingen geht. Am Dienstag erfuhr ich vom Telefonbeantworter, dass die Vermittlerin noch eine Woche in den Ferien weilt. Ich dachte, danke Schicksal, dass ich eine weitere Lerneinheit in Sachen Geduld erhalten habe!
Am Anfang der letzten Aprilwoche erreichte ich die Vermittlerin und bekam einen Termin für ein persönliches Gespräch in der ersten Maiwoche. Es war ein angenehm warmer Mainachmittag, als ich freudig gestimmt das Büro der Partnervermittlung betrat. Eine adrette, gesprächige Deutsche empfing mich. Zwanglos erzählte sie von sich und ihrer Partnerschaft mit dem Wettermoderator. Von mir wollte sie meine Geschichte, meine Vorlieben was Männer betrifft, meine Ansprüche an eine Beziehung, Hobbys und vieles mehr wissen. Freimütig lieferte ich die gewünschten Informationen. Während sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte, meinte sie: "Es ist nicht ganz einfach, eine Frau in ihrem Alter zu vermitteln. Männer würden leider immer noch jüngere Damen bevorzugen."
Autsch! Ich gab mich erhaben und entgegnete: "Kein Problem, dann ist das nette Gespräch wohl beendet." Innerlich enttäuscht kramte ich nach meiner Handtasche.
"Halt, halt, ich hätte da drei mögliche Herren, einer ist Störkoch, ein anderer Banker und sehr ruhig, der dritte ist ein pensionierter Holländer, welcher mal in der Schweiz gearbeitet hat", eröffnete sie, eine Hand zum Stoppzeichen erhoben.
Mein Hirn ratterte. Dann warf ich schnell ein: "Mich interessiert der Störkoch!" Wunderbar, meinte sie. Der Störkoch sei gut viereinhalb Jahre älter als ich und würde keine viel jüngere Frau mehr wollen. Aha! Mir wurde das weitere Vorgehen erklärt. Sie würde nun den Störkoch anrufen. Hätte er Interesse, würde er mich für ein Treffen kontaktieren. Alte Schule - das behagte mir. Wohlgemerkt, weder er noch ich würden ein Foto vor unserem ersten Treffen von der Vermittlerin bekommen. Das Einzige, was ich über mein potenzielles Date wusste, war sein Alter. Gut gelaunt fuhr ich nach Hause, zahlte die Vermittlungsgebühr ein und wartete! Wieder eine Lerngelegenheit in Geduld!
Donnerstag, 18. Mai, 19:00 Uhr
Ich sass auf der Terrasse und genoss mein Abendessen. Plötzlich drang das unliebsame Klingeln des Telefons an mein Ohr. Auf dem Display stand ein Firmenname, welcher an einen lästigen Telefonanbieter erinnerte. Widerwillig nahm ich den Anruf entgegen - zum Glück! Eine sehr sympathische Stimme gab sich als Peter zu erkennen. Die Vermittlerin hätte ihm meine Nummer gegeben. Mein Herzschlag setzte für eine Sekunde aus. Mein Gehirn dachte - Holy Shit! Wie aus der Pistole geschossen begann er, von sich zu erzählen. Innerhalb weniger Minuten wusste ich, dass er Krebs hatte, dass er zweimal verheiratet war, zwei erwachsene Töchter aus erster Ehe hatte, seine zweite Frau ihn wegen einer anderen Frau verlassen hatte, dass er drei Tage die Woche in zwei IT-Firmen und den Rest als Koch auf dem Kunkelspass arbeitete. Puh, viele Infos fürs Erste. Mir schwirrte der Kopf. An mich stellte er praktisch keine Fragen. Gut so! Somit war ich nicht gezwungen, viel zu erzählen.
Mir war schnell klar, dass da eine interessante Person am anderen Ende der Leitung war. Aber dachte er das auch von mir? Ich hatte für mein Dafürhalten wenig über mich preisgegeben. Er war der Ansicht, ich übrigens auch, dass wir uns kennenlernen sollten. Die Terminsuche gestaltete sich aufgrund all unserer Engagements nicht ganz einfach. Schliesslich konnten wir uns auf den kommenden Montag, 22. Mai, um 18:30 Uhr in Zürich am Bahnhof beim Meeting Point einigen. Aber wie würde ich ihn ohne Bild erkennen? Er meinte, er hätte einen orangen Rucksack.
Dieser schnelle Entscheid sollte nur der erste in unserem gemeinsamen Leben sein.
Montag, 22. Mai, 18:30 Uhr
Tag eins einer hochinteressanten dreitägigen Weiterbildung in Basel war zu Ende. Geschafft sass ich im Zug. Zürich kam immer näher. Ich war müde und nervös. Sollte ich einfach auf die tieferliegenden Perrons schleichen und Peter versetzen. "Benimm dich gefälligst nicht wie ein kleines Kind, zieh deine Lippen nach und steige lächelnd aus!" befahl ich mir leise. Mir selbst gehorchend, marschierte ich freundlich dreinblickend zum Meeting Point. Den orangen Rucksack und dessen Besitzer erkannte ich schnell. Eine nette Begrüssung folgte, mit der Aufforderung, etwas trinken zu gehen. Leicht hin und her gerissen, willigte ich ein. Ich wollte mich überraschen lassen. Mein Gegenüber entsprach nicht meinem Beuteschema. Wochen später sollte ich denken: Beuteschema, so ein Quatsch, wird völlig überbewertet! Peter führte mich in ein Lokal am Limmatquai. Dank zweier Gläser Chardonnay wurde zumindest ich lockerer. Wir entschieden uns, den Abend mit einem gemeinsamen Abendessen zu erweitern. Es war ein heisser Maiabend. Wir hatten das Glück, dass wir im Niederdorf bei einem leckeren Italiener einen Tisch im Freien ergatterten. Mir gefiel, dass, obwohl wir uns erst seit einer Stunde kannten, wir beide, ohne uns abzusprechen, das Gleiche bestellten. Kann das Zufall sein? Seit ewigen Zeiten hatte ich mich nicht mehr so gut unterhalten und mich einfach wohlgefühlt. Natürlich lockerte der gute Rotwein unsere Zungen. In der Rückschau war es unglaublich, dass wir so viele Gemeinsamkeiten hatten. Ein Beispiel: Ich war ja schon immer sehr reiselustig. Eine meiner noch offenen Destinationen war Kuba. Genau dieses Reiseziel war ebenfalls auf Peters Bucketlist. Wir versprachen uns kurzerhand, dass wir, egal was passiert, zusammen dorthin reisen würden. Ja, ja, da war sie wieder, meine manchmal übergrosse Begeisterungsfähigkeit.
An diesem Abend erfuhr ich, dass Peter eigentlich kein Störkoch war, sondern für zwei IT-Firmen Teilzeit arbeitete. Kochen war sein grosses Hobby. Sein Traum war es gewesen, in einem Restaurant zu lernen, für viele Leute schnell zu kochen. Dies war der Grund, dass er ohne Lohn zwei Sommersaisons auf dem Kunkelpass arbeitete. Neben dem Lernerfolg waren seine Tage im Sommer derart ausgefüllt, dass er über die Trennung von seiner Frau besser hinwegkam. Seine Frau war vierzehn Jahre jünger als er. Sie hatte ihn nach 22 Ehejahren für eine Frau verlassen. Das war für Peter schon starker Tobak. Für eine zukünftige Partnerschaft wünsche er sich einen kleineren Altersunterschied. Prima, dieser Punkt ging schon mal an mich.
Nun wollte er auch mehr über meine Vergangenheit wissen. Ich erzählte ihm von meiner ersten Ehe mit Kaushik und vom tödlichen Unfall von Stephan. Es war uns beiden klar, dass in unserem Alter jeder einen vollen Rucksack in eine mögliche Beziehung bringen würde.
Als wir gemeinsam zum Bahnhof spazierten, machten wir aus, dass wir uns nach meinen Ferien, also Mitte Juni, kontaktieren würden. Im Zug nach Fehraltorf war ich erschöpft und zufrieden. Einen Moment lang dachte ich daran, Peter ein Dankes-WhatsApp für den schönen Abend zu senden. Ich verkniff es mir.
WhatsApp ohne Ende
Am nächsten Morgen erhielt ich um 05:24 Uhr das erste WhatsApp von Peter. Bis heute haben wir bestimmt 1000 oder mehr Nachrichten ausgetauscht.
Vom 28. Mai bis 11. Juni 2017 verbrachte ich Ferien mit meiner Freundin Denise in Port Grimaud in Südfrankreich. Kiran besuchte uns in der zweiten Woche. Wir verbrachten herrliche Tage am Strand oder bummelten durch malerische Dörfer wie Ramatuelle, Cogolin und Gassin. Ich erholte mich gut, meine Haut bräunte sich und mein Herz entflammte langsam, aber sicher für einen Menschen, den ich erst einmal gesehen hatte. Während meines Aufenthaltes in Südfrankreich tauschten Peter und ich sage und schreibe 83 WhatsApp-Nachrichten aus. Teenagern würde man ein verständnisvolles Lächeln schenken, aber uns "reifen" Menschen?! Neben glühenden und sehnsüchtigen Nachrichten vereinbarten wir ein Treffen für den 16. Juni. Ich empfand immense Freude.
Treffen in Rapperswil
Mein Zug traf am frühen Nachmittag in Rapperswil ein. Peter kam mit dem Motorrad vom Bündnerland. Als wir uns sahen, umarmten wir uns wie selbstverständlich. Sofort war eine Vertrautheit da. Hand in Hand schlenderten wir durch die Altstadt von Rapperswil, bevor wir das Kursschiff nach Zürich bestiegen. Von dort ging es mit dem Zug nach Fehraltorf, wo ich mein Auto geparkt hatte. In meinem Haus angekommen öffnete ich die untere Haustür und meine Hündin Luna sowie auch mein Kater Sasso stürmten freudig auf Peter zu. Das nenne ich Liebe auf den ersten Blick. Luna war immer sehr den Menschen zugeneigt, aber mein Kater Sasso mochte Männer gar nicht. Da ich um die gute Menschenkenntnis von Tieren wusste, erlaubte ich mir, es den Tieren bezüglich Peter gleichzutun. Dass Peter leidenschaftlich gerne kochte, wusste ich bereits. Er wusste das auch von mir. Umso schlimmer war dann mein auf den Tisch gezaubertes Abendessen. Ich hatte Salat mit Lachs-Broccoli-Quiche zubereitet. Dieses Rezept hatte ich bei einer Kollegin gegessen, und es hatte mir geschmeckt. Doch genau an diesem Abend, wo ich Eindruck schinden wollte, ging es voll daneben. Die Quiche war staubtrocken. Zum Glück hatten wir genug Rotwein! Peter sah darüber hinweg.
Wir öffneten uns immer mehr. Ich beschrieb ihm die schwere Zeit, die ich seit 2011 durchlebt hatte. Ich erzählte ihm auch von meinem Erfolg als selbstständige Ausbilderin. Von ihm erfuhr ich, dass er einerseits eine Eigentumswohnung in Hünenberg See hatte und ein Ferienhaus in Luven. Wenn er kochte, wohnte er in Luven, ansonsten am Zugersee. Seine Frau hatte ihr Büro im unteren Stockwerk der Wohnung in Hünenberg. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, dass in Peters Leben noch viele Dinge ungeklärt oder nicht richtig abgeschlossen waren. Nun, es war unser erstes eigentliche Rendezvous. Mir war das zu jenem Zeitpunkt noch alles egal.
Am nächsten Morgen mussten wir früh aus den Federn. Peter musste zurück auf den Kunkelspass, um zu kochen.
Ein paar Tage später rief mich Peter an und meinte, so gehe das nicht. Wir sollten uns mindestens einmal die Woche sehen. Er wisse, dass ich mit meinen Tieren und den schweizweiten Seminaren nicht noch mobiler sein könnte, also würde er eben mehr reisen. Peter war ein Macher, ohne Zweifel. Mir gefiel seine Idee. Offensichtlich war ihm daran gelegen, dass unsere Beziehung wachsen konnte.
Rundwanderung am Pfäffikersee
Da Peter aus der Sportlerszene kam, schlug ich für das nächste Treffen eine Wanderung um den Pfäffikersee vor. Das war gegen Ende Juni. Wir parkten das Auto beim Juckerhof in Seegräben. Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre. Es war ein sehr heisser Tag. Wir waren etwa dreissig Minuten Richtung Auslikon unterwegs, ich hatte einen hochroten Kopf, Luna hechelte und mein Sportsfreund Peter meinte schwitzend: "Lass uns umkehren, das ist ja viel zu heiss zum Wandern!" Ich war überhaupt nicht unglücklich! Seit Anbeginn unserer Beziehung begleitete mich die Befürchtung, dass ich in sportlicher Hinsicht Peters Ansprüchen nicht genügen könnte. Heute, nach acht Jahren weiss ich, dass ich mir diesbezüglich unnötig Sorgen gemacht hatte.
Wir wanderten zurück und setzten uns in den Schatten eines grossen Baumes. Peter gönnte sich sein obligates Schinkensandwich, ich ein Stück Kuchen. Plötzlich aus dem Nichts heraus sagte er: "Isabelle, ich werde dich nie heiraten können. Meine Noch-Frau muss finanziell versorgt sein."
Oha, das sass! Ich schluckte und gab ehrlich zurück: "Das ist okay, ich will auch gar nicht mehr heiraten."
So, Fronten geklärt, oder!? Ich meine, das war damals unser drittes Treffen. Ich war weit entfernt davon, an eine solche Verbindlichkeit zu denken. Aber was ich nicht verstand, war diese Loyalität zu einer Person, die ihm derart wehgetan hatte. Wenn ich es mir heute so überlege, war unsere Beziehung aus meiner Sicht im ersten Jahr öfters von Widersprüchen geprägt. Peter und ich sind zwei Alpha-Menschen. Unsere starken Gefühle manifestierten sich nicht nur positiv, sondern entluden sich auch in heftigen Streitereien bezüglich nicht abgeschlossener Lebensteile. Peters Noch-Frau hatte ihre eigene Wohnung, die Trennung war jedoch noch nicht offiziell auf der Gemeinde deklariert. Also war auch eine Scheidung nicht am Horizont. Es lag auf der Hand, unsere Beziehung würde noch einige Herausforderungen meistern müssen. Die Zukunft würde zeigen, dass es sich lohnt, sich diesen Problemen zu stellen.
Bei Peter war es wohl so, dass ihm nicht Red Bull, dafür aber ein Schinkensandwich Flügel verleihen sollte. Er wollte heute noch in ein Reisebüro, um unseren Trip nach Kuba für Dezember zu buchen. Frisch gestärkt fuhren wir nach Pfäffikon und gaben die Reservation in Auftrag. Unglaublich, wenige Tage später war die erste grosse gemeinsame Reise unter Dach und Fach. War sie das wirklich?
Schlag auf Schlag
Anfang August genoss ich einen freien Mittwochnachmittag bei Peter in Hünenberg See. Es klingelte, er öffnete. Seine Noch-Ehefrau stand vor der Tür. Zu jenem Zeitpunkt hatte sie ja ihr Büro unter der Wohnung. Peter lud sie zu einem Kaffee mit uns auf die Terrasse ein. Ich erinnere mich noch gut an diese Episode. Toll fand ich, dass Peter sich zu mir auf meine Seite des Tisches setzte. Wir Frauen beschnupperten uns ungelenk. Ich versuchte Konversation zu machen, was mir eher kläglich gelang. Mein Gegenüber verhielt sich wortkarg. Wenn sie sprach, dann über das Wetter und die Wellen auf dem Zugersee. Es gelang schlichtweg nicht, einen gemeinsamen Faden aufzunehmen. Immerhin war die Situation freundlich langweilig.
Ende August verbrachten Peter und ich ein verlängertes Wochenende in Hamburg. Peter entpuppte sich als idealer Reisebegleiter. Wir buchten zum ersten Mal einen privaten Reiseleiter. Dies sollten wir auf all unseren Reisen beibehalten. Wir schätzten beide die Flexibilität und den direkten Wissenserwerb über eine fremde Stadt oder ein Land. Am Abend hatte mein spontaner Peter plötzlich die Idee, dass wir als Zeichen unserer Verbindung schöne Ringe kaufen sollten. Und zwar jetzt, sofort in Hamburg. Welche Frau mag keinen Schmuck? Freudig stimmte ich zu.
Nach Hamburg richteten sich unsere Gespräche auf das Thema zusammenzuziehen. Wohlverstanden, wir kannten uns erst gute drei Monate. Wir waren uns unserer Gefühle sicher. Ich kann es heute noch nicht nachvollziehen. Vor Peter war für mich absolut klar, dass ich nie mehr mit einem Mann zusammenleben wollte. Ich hatte mir eine schöne, lockere Beziehung mit gemeinsamen Wochenenden, Ferien und getrennten Wohnsitzen vorgestellt. Nun war alles anders. Ich wollte mit diesem Mann zusammenleben und das jeden Tag. Wir waren reife Menschen. Uns war klar, dass wir nicht mehr fünfzig Jahre vor uns haben würden. Also, los von Rom! Klar war, dass Peter weder Lust auf Gartenarbeit noch das Zürcher Oberland hatte. Also würde ich nach Hünenberg See gehen. Auch dieser Entscheid, obwohl aus heutiger Sicht gut, würde noch für kleinere Explosionen sorgen. Heute würde ich jedem Paar in dieser Situation raten: Verkauft beide euer altes Zuhause und kauft etwas komplett Neues für euch.
Natürlich wollte ich nicht ohne Kiran zu fragen unser Zuhause verkaufen. Wir diskutierten, ob sie es mieten wollte. Nach reiflichen Überlegungen waren sie und ich zur Überzeugung gekommen, dass einerseits die Miete ihr Budget zu sehr belasten würde, andererseits waren sie und ihr damaliger Freund nicht begeistert von der vielen Gartenarbeit. Kann ich verstehen, wenn man fünfundzwanzig ist, möchte man ausgehen und Spass haben.
Mitte September war mein Haus bereits durch Engel & Völkers auf dem Markt.
Patchwork zum zweiten
Ende Oktober organisierten wir ein grosses Familienessen. Peters Töchter aus erster Ehe, deren Partner und Kinder sowie Anja aus Stephans erster Ehe und natürlich Kiran mit ihrem damaligen Freund.
Es war das erste Mal, dass Peter und ich gemeinsam so viele Gäste bewirteten. Ich war es gewohnt, immer alles allein vorzubereiten und zu kochen. Meine vorherigen Ehemänner halfen jeweils nach dem Essen mit dem Abräumen und die Geschirrspülmaschine zu füllen. Ich habe immer früh mit der Mise en Place angefangen, und der Esstisch war in der Regel mindestens zwei Stunden vor dem Eintreffen der Gäste schön gedeckt. Dieses Mal war ich völlig baff. Die Gäste waren auf 18:00 Uhr bestellt. Peter meinte, wir sollten erst um 16:00 Uhr starten und uns vorher noch etwa ausruhen. Ich widersprach nicht, wurde aber innerlich leicht nervös. Peter war für das Fleisch zuständig, ich für den Rest.
Als wir mit dem Kochen begannen, fragte er mich: "Wann bist du mit deinen Dingen fertig?"
Warum fragte er mich so etwas? Ich entgegnete: "Wenn ich fertig bin. Warum fragst du?"
"Damit das Fleisch und die Beilagen gleichzeitig fertig sind", gab er zurück.
Das machte natürlich Sinn. Ich musste lachen, ich war es eben noch nicht gewohnt, als Team zu kochen. Zum Glück leite ich Teambildungsseminare, schmunzelte ich in mich hinein. Schnell fand ich Gefallen am gemeinsamen Kochen mit Peter. Mit der Zeit konnte ich die Gästebewirtung entspannter angehen. Der Gedanke, dass mir jemand zur Seite steht, wenn es nicht ganz so klappen sollte, gefiel mir. Wie es sich in den folgenden Jahren zeigen sollte, galt dies nicht nur fürs Kochen. Es war ein wunderbarer Sonntagnachmittag, das Essen war gelungen, die Stimmung war gut. Alle freuten sich.
Ich glaubte und glaube immer noch an das Gute, und mein Motto war immer: "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Also war ich zuversichtlich, dass aus den unterschiedlichen Individuen eine neue Art von Familiengemeinschaft wachsen würde. Anfänglich machte es den Anschein. Nach 2020 musste ich einsehen, dass meine Vorstellung nicht der Realität entsprach. Heute haben wir mit Peters jüngerer Tochter keinen Kontakt mehr. Die Ältere und meine Tochter sehen wir in unregelmässigen Abständen. Eng würde ich die Beziehungen keinesfalls betiteln. Peter und ich sollten in der Zukunft noch häufig über das Thema Familie reden. Ich hatte mir mehr erhofft. Peter konnte besser mit der Situation umgehen. Das ist bis heute noch so.
Hünenberg See einmal neu!
Peters Wohnung in Hünenberg war für mein Dafürhalten sehr spartanisch eingerichtet. Beide waren wir uns einig, dass der alte Groove raus musste und wir alles komplett neu einrichten möchten. Damit es später keine Schuldzuweisungen à la "dieses Sofa hätte ich nie gewollt" geben würde, beauftragten wir einen Interior-Designer. Michi traf genau unseren Geschmack. Anfang November waren bereits die Möbel bestellt und der Maler beauftragt. Meinem schrittweisen Einzug im Januar 2018 sollte nichts im Wege stehen - dachte ich.
Der Knall - Kubareise?
Mittwoch, den 22. November 2017, werde ich nie vergessen. Ich kam von einem anstrengenden und gelungenen Seminar nach Hünenberg. Wir gingen zum Abendessen ins Restaurant Krone in Cham. Kurz bevor das Dessert serviert wurde, entfachte sich ein heftiger Streit zwischen uns. Wie es passieren konnte, ist mir heute noch unklar. Peter war der Ansicht, ich hätte in ihm etwas getriggert. Grundlage des Zerwürfnisses war seine Vergangenheit. Dessen bin ich mir bis heute sicher. Wenn es so richtig gekracht hat, versuche ich stets die Wogen wieder zu glätten. Vergeblich, wie ich merken sollte. Ohne einen Löffel Tiramisu versucht zu haben, bat er den Kellner um die Rechnung. Schweigend verliessen wir das Restaurant, stiegen in den Bus und gelangten zu Peters Wohnung. Dort sagte er trocken: "Wir zwei sind fertig, du fährst jetzt besser nach Hause!". Noch nie hatte mir jemand den ersten Teil des Satzes an den Kopf geworfen. Für einen kurzen Moment dachte ich daran, meinen Ring aus Hamburg auf die Küchenbar zu knallen. Ich liess es. Er gab ja bereits die Dramaqueen. Schockiert verliessen Luna und ich Hünenberg. Ich erreichte die letzte Fähre von Horgen nach Meilen. Als ich kurz vor Mitternacht zu Hause angekommen war, zitterte ich am ganzen Körper. An Schlaf war in jener Nacht nicht zu denken.
Am nächsten Tag fühlte ich eine bleierne Leere. Damals wusste ich ja noch nicht, dass Peters Aussage "Wir zwei sind fertig" auch temporär ausgelegt werden kann. Für mich bedeutete dieser Satz das Ende der Beziehung. Ich war tieftraurig und spürte wieder dasselbe Leid wie nach Stephans Tod. Es ist ein beissender Schmerz im Oberbauch. Ursprünglich war jener Donnerstag reserviert, um ein heikles Teamcoaching für den nächsten Tag vorzubereiten. Mein Hirn war umnebelt, meine Seele verletzt. Erst am späten Nachmittag war ich in der Lage, mich ein wenig zu fokussieren. Von Peter hörte ich nichts!
Freitag fuhr ich frühmorgens nach Basel. Das Teamcoaching wurde, dem Himmel sei Dank, ein Erfolg. Am Anschluss hatte ich noch ein Gespräch mit der Personalchefin. Sie war froh über die erarbeiteten Resultate und überhäufte mich mit Lob für meine Arbeit. Aus dem Nichts heraus fragte sie mich, wie es mir gehe; ich sähe etwas bleich aus. Und wusch - heisse Tränen kullerten über meine Wangen. Ich empfand es als mässig professionell von meiner Seite, aber es passierte einfach. In wenigen Sätzen erklärte ich ihr meinen Zusammenbruch. Sie ermutigte mich von Frau zu Frau. Ich solle dem Mann Zeit lassen, das würde sich bestimmt wieder einrenken. Hoffentlich hatte sie recht.
Zurück in Rumlikon schaute ich vergeblich aufs Handy - kein Lebenszeichen von Peter. Also machte ich den ersten Schritt (sollte ich später noch öfters tun müssen - ist wohl meine Rolle). Per WhatsApp fragte ich ihn, ob er mich morgen zum Lunch treffen wolle. Ich musste am Samstagmorgen an der Technikerschule unterrichten. Siehe da, Peter willigte tatsächlich ein. Wir trafen uns in einem italienischen Restaurant beim Bahnhof in Winterthur. Das sollten Peters teuerste Steinpilzravioli werden. Von den sechs Ravioli schaffte es nur eine in meinen Magen. Danach verweigerte er eine weitere Nahrungsaufnahme.
Peter war noch nicht für Frieden bereit, also musste ich mir echt Mühe geben. Er meinte sogar, er hätte Angst vor der bereits gebuchten Kubareise. Was, falls wir uns dort so in die Haare geraten sollten? Ich meinte, es gäbe täglich Flüge nach Europa.
Ich bat ihn innigst, den Samstagabend bei mir zu verbringen. Also gingen wir in die Migros, um einzukaufen. Mit diesem Einkauf normalisierte sich die Lage langsam. Gemeinsames Kochen führt zusammen.
Schweigend lagen wir uns in jener Nacht in den Armen. Ich vermute, beide wussten um die Fragilität unserer Beziehung.
Am Sonntag machten wir oberhalb Girenbad eine lange Wanderung. Es schneite, wir froren und waren glücklich, dass wir diese Beziehungshürde meisterten. Damals war uns noch verborgen, dass wir noch weitere Gelegenheiten haben würden, dies zu üben.
Die Wochen danach verliefen friedlich. Peter freute sich wieder auf Kuba. Allerdings hatte er darauf bestanden, die Möbelbestellung vorerst zu stoppen und nach der Reise weiterzusehen. Damit konnte ich leben.
Samstag, 16. Dezember 2017
Meine erste Weihnachtsfeier in Hünenberg See. Wir hatten die ganze Familie auf 17:00 Uhr einbestellt. Seine jüngere Tochter hatte wenige Tage zuvor gefragt, ob ihre Mutter, also Peters erste Frau, bitte auch an unser Weihnachtsfest kommen dürfe. Na ja, was soll ich sagen? Ich schluckte und stimmte zu. Weihnachten ist für mich das wichtigste Familienfest. Der Gedanke, ich würde jemanden kennen, der dieses Fest alleine verbringen müsste, schmerzt. Also Kopf hoch, Augen zu und durch!
Peter und ich waren früh auf, um mit den Kochvorbereitungen zu starten. Gegen 09:00 Uhr unterbrach das bedrohliche Schrillen des Telefons unsere Tätigkeit. Das Display informierte mich, dass es das Altersheim in Arbon war. Meine einzige Verwandte in der Schweiz, Tante Yvonne, wohnte seit wenigen Jahren dort. Ich säuberte meine Hände an der Küchenschürze und drückte den grünen Knopf meines Handys.
"Frau Leutenegger, wir wollten Sie informieren, dass Frau Hufschmid im Sterben liegt!", klang es professionell am anderen Ende.
Ich räusperte mich. "Ich bin in knapp zwei Stunden bei ihr!", hörte ich mich sagen.
Peter nahm mich in den Arm: "Selbstverständlich werde ich dich begleiten." Ich war froh. Seit 2009, dem Tod ihres Mannes, Onkel Max, hatte ich regelmässig Kontakt mit Tante Yvonne. Das Paar war kinderlos. Ich sah es als meine Pflicht an, sie alle drei Wochen zu besuchen. Sie war doch meine Verwandte. Als Stephan noch lebte, richtete er seine Aussendiensttouren oft so ein, dass er uns beide in Arbon zum Mittagessen treffen konnte. Und jetzt, in ihren letzten Lebensstunden, brach mein alter Glaubenssatz wieder voll seinen Weg in mein Gehirn: "Alte Menschen lässt man, sprich Isabelle, nicht allein."
Wir riefen unsere Kinder an und verschoben das Weihnachtsessen auf 19:00 Uhr. Peter und ich setzten uns ins Auto, fuhren nach Arbon und nahmen Abschied von meiner Tante. Ich bin froh, konnte ich ihr diesen Liebesdienst erweisen.
Wir rasten zurück nach Hünenberg See. Pünktlich um 19:00 Uhr begann unsere etwas spezielle Familienweihnachtsfeier. Ich begegnete Peters erster Frau. Mit ihrer Gegenwart hatte ich kein Problem. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich sie nie als Konkurrentin aus der Vergangenheit betrachtet. Ich empfand eher Mitleid mit ihr.
Der Abend verlief gemütlich und recht entspannt.
Hola Cuba
Am folgenden Montag ging die von uns langersehnte und von Peter etwas gefürchtete Kubareise los. Der Flug mit Edelweiss verlief wunderbar. Müde fuhren wir nach der chaotisch unterhaltsamen Einreise vom Flughafen ins Hotel. Es war eine warme Nacht. Der Blütenduft, der in der Luft schwebte, lullte mich ein. Unglaublich, wir waren in Havanna. Von unserem Hotelzimmer aus genossen wir das Wirrwarr der Stimmen, das von der Strasse zu uns strömte. Zufrieden sanken wir in den Schlaf.
Am nächsten Tag wurden wir per Taxi nach Varadero in ein schönes Strandhotel gebracht. Konnte das gutgehen? Zwei konträre Ferienvorlieben trafen gleich zu Anfang aufeinander. Peter war es gewohnt, immer aktiv zu sein. Zudem musste er wegen seiner Hautkrebserkrankung stets den ganzen Körper vor der Sonne schützen. Ich gehörte der Liegestuhlfraktion an. Peter spazierte von Kopf bis Fuss leicht bekleidet den Strand entlang, während ich mit etwas schlechtem Gewissen ein Buch auf der Liege las. Es ging gut! Vielleicht hatten wir beide noch den Schmerz des Streits vom November in den Knochen. Da wir beide sowohl arbeitsintensive als auch gefühlsintensive Zeiten hinter uns hatten, taten diese drei Tage unserer Erholung gut. Es sollten die wärmsten Tage unserer dreiwöchigen Reise werden.
Im Strandresort erreichte uns die Nachricht, dass Tante Yvonne verstorben ist. Nach unserer Rückkehr sollten wir erfahren, dass sie zu Lebzeiten alles dem Altersheim vermacht hatte. So hatte das Heim auch ihren Abschied, zu dem wir nicht eingeladen worden waren, geregelt. C'est la vie!
Gestärkt freuten wir uns auf die kommende Rundreise. Die erste Bräune hatte sich auf unser Gesicht gelegt, als wir abgeholt wurden. Wir trauten unseren Augen nicht. Zwei Herren, einer im Anzug, einer sportlich elegant gekleidet, fuhren in einer todschicken schwarzen Limousine vor. Der Anzugträger gab sich als unser Fahrer zu erkennen, der andere als unser Reiseleiter. Sie würden uns die kommenden zwei Wochen auf unserer Reise begleiten. Zuerst waren wir fast etwas beschämt. Aber es ist nun mal einfach so, ich gewöhne mich schnell an Komfort und Luxus. Dank dieser beiden Herren durften wir sehr viel von Nord- bis Mittelkuba sehen und lernen. Wettertechnisch war es unglaublich, wir hatten wenige Hitzetage, dafür Regentage und sogar Nebel. Uns wurde gesagt, es sei der kälteste Winter seit Langem gewesen. Nun ja, ganz nach Peters Motto: "Der geübte Wanderer beginnt mit einem leichten Frösteln!". Fakt war, dass ich zu jenem Zeitpunkt weder eine geübte Wanderin war, noch mochte ich kaltes Wetter. Na ja, auch das würde sich mit der Zeit ändern. Zu unserer gemeinsamen Freude flogen keine Fetzen. Wir hatten nicht die kleinste Dissonanz auf dieser Reise. Wir lachten viel und waren dankbar für alles, was wir erleben durften. Fazit: Mit Peter zu reisen macht einfach Spass.
Wir machen all in
Kaum zurück in der Schweiz gab Peter den definitiven Auftrag für die Umgestaltung der Wohnung. Peters Noch-Ehefrau musste auf Peters Wunsch das Büro räumen. Eine riesige Schrankwand und ein Büchergestell wurden geschreinert und bald würde dort meine Firma, die IL Seminare & Coaching GmbH, domiziliert sein.
Die Schriften hatte ich per Ende Jahr umschreiben lassen. Da mein Geschäft erst im April 2018 nach Hünenberg See ziehen sollte, schlief ich quasi einmal hier, einmal dort.
In der Dorfpost, einem Anzeigenblatt von Fehraltorf und Russikon, hatte eine Familie eine Suchanzeige für ein Einfamilienhaus geschaltet. Der Preis lag unter den Vorstellungen von Engel & Völkers. Wir luden die Familie mit ihren zwei kleinen Vorschulkindern ein. Auf Anhieb verstanden wir uns. Ich beschloss, mein Haus dieser Familie zu verkaufen. Die Kinder würden den grossen Garten mit Pool zu schätzen wissen. Wir wurden uns handelseinig. Das bedeutete, dass mein Umzug zu Peter nun als definitiv anzusehen war.
Katzen haben bekanntlich Mühe mit Ortswechseln. Deshalb entschieden wir uns, Sasso bei Bea und Paul zu lassen. Sie waren meine direkten Nachbarn. War ich im Urlaub, hatten sie sich immer liebevoll um Sasso gekümmert. Paul verwöhnte ihn ja auch nach Strich und Faden. Wohl oder übel sagte ich ciao zu Sasso.
Peter seinerseits wurde aktiv. Er überzeugte seine Ehefrau, ihn auf die Gemeinde zu begleiten, um endlich die offizielle Trennung zu unterzeichnen. Die Zeit verging im Fluge, wir räumten mein Haus. Kiran nahm mit, was sie wollte oder brauchen konnte. Möbel verkaufte ich auf Ricardo. Trotzdem füllte ich tatsächlich sieben Mulden mit Dingen, die sich über die Jahre angesammelt hatten und nun keine Verwendung mehr fanden. Ende März waren meine Firma und ich definitiv in Hünenberg See eingezogen. Am 8. April 2018 gaben wir in Rumlikon ein Abschiedsfest. Ich hatte schöne Jahre in diesem Haus verbringen dürfen. Es war richtig, sich von vielen lieben Anwohnern in geselliger Runde zu verabschieden. In der dunkelsten Zeit meines Lebens wurde ich von einigen dieser Nachbarn getragen. Diese Unterstützung und die Empathie habe ich nie als etwas Selbstverständliches erachtet.
Neustart in Hünenberg See
Peter arbeitete zu jener Zeit noch drei Tage in der Woche. Meine Agenda war bis Ende 2018 komplett mit Seminaren und Coachings gefüllt. Ich war zu über 100 % mit Arbeiten beschäftigt. Trotzdem gelang es mir, einige Leute in der Überbauung kennenzulernen. Ich lebte mich langsam ein. Nur meiner Hündin Luna war nicht wohl. Sie wurde ruhig, man könnte schon sagen, teils apathisch. Klar, an meinem alten Wohnort war sie es gewohnt gewesen, in meiner Abwesenheit in einem kleinen Rudel bei den Hundesittern Ruth und Johnny zu sein. Konnte es sein, dass sie Sasso vermisste? Es war offensichtlich, ihr fehlte das Rudel. Fuhren wir in den Urlaub, brachten wir sie zu Ruth. Dort blühte sie sichtlich auf. Mir brach es beinahe das Herz. Ihr Leiden führte dazu, dass wir ein Jahr später Luna schweren Herzens für immer zu Ruth und Johnny gegeben haben.
Im Mai war unsere Wohnung fertig, neu eingerichtet, modern und trotzdem gemütlich. Mir gefällt sie bis heute.
Etwa zur selben Zeit diskutierten Peter und ich, ob es nicht eine schöne Idee wäre, meine Firma aufzulösen und mehr Zeit für mich zu haben. Es brauchte etwas Zeit. Nach ein paar Wochen spürte ich förmlich, wie ich mehr und mehr Gefallen an diesem Gedanken fand. Einfach machen, was ich wollte – sehr verlockend. Meine Firma bestand seit 20 Jahren, viel Herzblut steckte drin. Nach Stephans Tod war meine Arbeit eine Überlebensstrategie, die mich allerdings auch an den Rand meiner Kräfte geführt hatte. Nun war ein Mensch da, dem mein Wohlergehen so wichtig war, dass er mich in jeglicher Hinsicht unterstützte. War nun die Zeit gekommen, für mich zu schauen? Ich war hin und her gerissen. Einerseits gerührt, andererseits zögernd. Ich bewegte mich auf die neunundfünfzig zu, hatte mein ganzes Leben gearbeitet und mein eigenes Geld verdient. Ich hatte nie von der Witwenrente oder der Unfallrente von Stephan gelebt, alles gespart. Nun, nach acht Jahren sollte ich das ändern? Schliesslich gewann das Verlangen nach Freiheit. Da ich meinem eigenen Mut nicht traute, schrieb ich bereits an Auffahrt 2018 alle meine Kunden an. Ich teilte ihnen mit, dass ich meine Firma auf Ende Jahr auflösen würde und somit ab dem nächsten Jahr weder für Seminare noch Coachings zur Verfügung stehen würde. Als die Briefe draussen waren, erfüllte mich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war der Entscheid goldrichtig. 2020 kam Corona, und ich hätte keine Lust gehabt, Seminare via Zoom zu geben.
Während der Sommermonate führte mich Peter ins Seakajakfahren ein. Er liebte diesen Sport seit 25 Jahren. Das Seakajak war nicht so mein Ding. Ein Jahr später entdeckte ich den Epic Surfski, ein Sit-on-top Kajak. In Arbon nahm ich Privatunterricht, lernte und genoss meinen Bodensee.
Nach dem ersten Sommer in Hünenberg und der Aussicht auf endlose Freizeit begann im Herbst selbigen Jahres unsere intensive Reiserei. Im September reisten wir für drei Wochen nach Cavalaire-sur-Mer. Unterwegs übernachteten wir in Valence. Wir sassen gemütlich beim Apéro, als ein netter Mann fragte, ob er sich zu uns setzen dürfe. Er stellte sich als Christian vor. Sein Deutsch war sehr gut, doch sein charmanter Akzent verriet ihn als Franzosen. Wenig später lernten wir seine deutsche Frau Monika kennen. Sie fuhren seit Jahrzehnten jedes Jahr nach Ramatuelle Plage. Vorwitzig machten wir aus, dass wir sie dort in einer Woche zum Lunch besuchen würden. Sie glaubten nicht an unser Kommen. Da kannten sie uns ja auch noch nicht. Das sollte der Beginn einer lustigen Freundschaft werden. Heute noch treffen wir uns zwei bis drei Mal im Jahr irgendwo in Europa für ein, zwei Nächte.
Neben dem Auto hatten wir unser Motorrad Can-Am Spyder mitgenommen. Dies erlaubte uns, die engen Gassen schöner Dörfer und die schmalen Strassen des Hinterlandes der Côte d'Azur zu erkunden. Peter ist, wie bereits erwähnt, kein Strandmensch. Wegen seiner überstandenen Hautkrebserkrankung darf er keiner längeren direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt werden. Darum haben wir uns damals entschlossen, ein Haus mit Pool zu mieten. So konnte ich "bädele" und Peter den Schatten geniessen. Wunderschöne Sommerabende verbrachten wir bei einem kühlen Glas Rosé auf unserer Terrasse mit Blick auf das Mittelmeer.
Im Oktober flogen wir für ein paar Tage nach San Francisco. Wir besuchten Anja, Stephans Tochter aus erster Ehe. Sie absolvierte dort ein Austauschsemester ihres Studiums für International Finance. Wir verbrachten eine tolle Zeit zusammen in einer meiner Lieblingsstädte.
Nach dem obligaten Weihnachtsessen der Familie, dieses Mal ohne Peters erste Ex-Frau, flogen wir nach Singapur. Wir reisten knapp vier Wochen durch Südostasien. Laos begeisterte mich wegen seiner Ursprünglichkeit am meisten. Dort wurden wir in die Kunst des Reisanbaus eingeführt. Es war nicht nur schauen gefragt, nein Peter und ich standen oberschenkeltief im Wasser und pflanzten Reis. Einfach genial und zu Beginn auch angsteinflössend war der Tag mit den Elefanten. Wir lernten auf ihrem blossen Rücken bergauf, bergab zu reiten und den Fluss zu durchqueren. Gott, hatte ich Bammel! Eindrücklich war die Flussfahrt im Zweierkajak mit Peter. Ich war froh mit ihm einen erfahrenen Kanuten an Bord zu haben. Nach gefühlt tausend gesehenen Buddhas flogen wir weiter nach Hanoi. Ich wollte immer mal nach Vietnam, um den Spuren meines Vaters, dem ehemaligen Fremdenlegionär näher zu kommen. Wir bereisten das Land von Norden bis in den Süden, waren im Mekongdelta und hatten schlussendlich eine Überdosis an gesehenen Buddhastatuen. Zum Abschluss unserer Reise verbrachten wir drei Tage in Hongkong. Puuh - da wurden wir schwupps in die Hektik des Alltags zurück katapultiert. Das Jahr 2019 hatte bereits begonnen, und ich freute mich, nicht mehr an Seminare denken zu müssen, denn ich war ja ab sofort frühpensioniert. Juhu!
Als Paar leben
Peter verliess eine der beiden Firmen. Sein Arbeitspensum verringerte sich jedoch ausschliesslich auf der monetären Seite. Für die andere Firma war er gefühlt Tag und Nacht abrufbereit. Montags fuhr er immer nach Zürich. Die restlichen Tage, wohlgemerkt inklusive Wochenenden, waren oft mit Telefonkonferenzen oder Kurztrips nach Zürich belegt. Trotzdem waren wir viel unterwegs.
Im Juni verbrachten wir drei Wochen in einem tollen Haus auf Sylt. Neben Auto und Motorrad hatten wir unsere Fahrräder dabei. Sylt war toll zum Radeln, zum Baden jedoch war mir das Meer mit 12 Grad viel zu kalt. Es zeigte sich immer mehr, dass wir beide toll harmonieren, wenn es ums Reisen geht. Da haben wir eine Lockerheit, auch wenn mal nicht alles klappt. Nie fiel ein gehässiges Wort. Diese Lockerheit zeigte sich auch in der Küche. Wir kochten und tun dies immer noch, beide leidenschaftlich gern. Peter war in der Küche eher der ruhige Pol, während ich die bin, die stets etwas Neues ausprobieren musste. Geduldig liess er mich immer gewähren.
Wer hätte je gedacht, dass ich Enkel hüten würde? Doch das tat ich mit Peter im Sommer 2019. Peters ältere Tochter Claudia und ihr Mann reisten für sieben Wochen in die USA. Ihre zwei Teenagersöhne sollten nicht alleine sein, also zogen Peter und ich für zwei Wochen nach Zürich, um Opa und Oma zu spielen. Das war eine gute Erfahrung. Ich war es nicht mehr gewohnt, Frühstück, Mittag- und Abendessen zuzubereiten. Und klar, ich wollte brillieren als Super-Oma. Die zwei Jungs waren dankbare Esser. In meiner Erinnerung verbrachten wir zwei unterhaltsame Wochen. Als die Sommerferien der Jungs begannen, flogen wir mit ihnen nach San Francisco, um sie Claudia zu übergeben. Peter und ich hatten einen Schnäppchenpreis für die erste Klasse ergattert. So war der 13-Stunden-Flug ein Klacks. Anschliessend verbrachten wir drei gemeinsame Tage. Wir besuchten Sacramento und wanderten am Lake Tahoe. So schön Familie ist, aber nach ein paar Tagen wurde es für Peter und mich zu viel. Wir hatten einfach keine Lust mehr, rund um die Uhr mit so vielen Leuten zusammen zu sein. Es war anstrengend, ständig aufeinander Rücksicht zu nehmen und kaum einen Rückzugsort zu haben. So waren wir nicht unglücklich, als wir im Flugzeug von San Francisco nach Chicago sassen. Mir war wichtig, Peter mein Chicago zu zeigen. Patrice, meine Freundin aus meiner Zeit in Chicago, war eine tolle Reiseleiterin. Ich genoss es, wieder einmal in der Windy City zu sein.
Schnell ging das Jahr wieder seinem Ende zu. Peter engagierte sich immer noch stark im Beruf. Deshalb suchte ich nach einem passenden Hobby für mich. Ich wurde fündig. Ein Wochenendkurs für literarisches Schreiben faszinierte mich derart, dass ich mich entschied, im folgenden Jahr (2020) einen achtzehnmonatigen Diplomlehrgang zum Thema literarisches Schreiben zu absolvieren. Ich war mir bewusst, dass ich kein weiteres Diplom in meinem Leben brauchen würde, aber die Inhalte und vor allem die Lehrgangsleitung überzeugten mich. Peter unterstützte mein Vorhaben.
Gab es in diesem Jahr Unstimmigkeiten, dann drehten sich diese um das schleppende Vorankommen von Peters Scheidung. Peters zweite Ehefrau war nicht an einer zeitnahen Scheidung interessiert. Wohlverstanden, sie hatte ihn 2015 verlassen und wohnte mit ihrer Lebenspartnerin zusammen. Peter tat sich schwer mit Druck aufzusetzen. Ich hatte Mühe, dies zu verstehen. Doch meine Geduld zahlte sich aus. Im Dezember 2019 war der Gerichtstermin, und im Februar 2020 war die Scheidung offiziell bestätigt.
Südamerika
Kurz vor dem Corona-Ausbruch bereisten wir Südamerika. Da unsere Familien darauf bestanden, gemeinsam Weihnachten zu feiern, flogen wir erst Anfang Januar 2020 Richtung Buenos Aires. Eine heisse, pulsierende Stadt, die Luft flimmerte. Man fühlte förmlich das Blut in den Adern pulsieren. Genial und auch ein wenig anstrengend.
Wir unternahmen Ausflüge zu einer Rinderfarm und einer Rinderauktion. Auf der Farm kamen wir in den Genuss eines argentinischen Asado. Dabei handelt es sich um ein von der Gaucho-Kultur inspiriertes Barbecue. Ein wahres Festmahl für Fleischliebhaber. Meine Sitznachbarin war als Vegetarierin nicht begeistert, musste sie sich doch mit Salat, Maiskolben und Pommes zufriedengeben. Ich stellte mir vor, so müsste sich ein Priester im Bordell fühlen.
Die Tango-Tanz-Privatlektion war glücklicherweise für den späten Nachmittag anberaumt. Wir lachten, schwitzten und gaben ziemlich sicher eine lustige Figur ab.
Unsere Reise führte uns weiter südlich nach El Calafate. Wir begegneten unserem ersten Gletscher, den Perito Moreno. Zuvor hatte ich nur den Aletschgletscher gesehen. Nun stand ich hier vor diesem Ungetüm. Sieht man einen Gletscher kalbern, d. h. Eisstücke fallen ab, realisiert man seine eigene Unwichtigkeit im Universum.
Feuerland beeindruckte uns nicht wirklich, es ähnelte zu sehr der Schweiz im Herbst.
In Ushuaia gingen wir an Bord des kleinen Schiffs Australis. Fünf Tage befuhren wir die Fjorde Feuerlands, die Magellanstrasse, den Beagle-Kanal. Um sechs Uhr in der Früh stiegen wir auf das mystische Kap Hoorn. Wir hatten Glück, das Wetter erlaubte uns eine Anlandung. Oben angekommen, konnten wir unser Glück kaum fassen. Zig Regenbögen zauberten für uns eine noch nie dagewesene Lichtshow. Dieser Anblick füllte meinen Bauchraum mit Wärme, meine Seele mit Demut.
Waren keine Ausflüge geplant, genossen wir informative Vorträge und das herrliche Essen an Bord. Eindrücke, die ich nie vergessen werde.
Von Punta Arenas ging es in den Nationalpark Torres del Paine. Wiederum überwältigte mich die Landschaft. Wir unternahmen geführte Wanderungen, die mich zum Teil über meine physischen Grenzen zwangen. Das hat mir gut getan.
Vier Tage später flogen wir, ich immer noch mit gehörigem Muskelkater, nach Santiago de Chile. Dort holten wir unser Mietauto und fuhren an die Küste nach Matanzas. Ohne richtig zu wissen, was für ein Ort Matanzas ist, hatten wir für zwei Wochen ein Haus mit Pazifikblick gebucht. Eine neue Erfahrung wartete da auf uns. Ein grosses Haus mit perfekter Aussicht sollte für zwei Wochen unser sein. Die Küstenregion war landschaftlich wunderschön. Allerdings waren wir weit und breit die einzigen Nicht-Südamerikaner. Dieser Ort schien ein Ferienort ausschliesslich für Einheimische zu sein. Englisch sprach niemand. Gut so, ich hatte ja vor dieser Reise vierzehn Privatlektionen in Spanisch besucht. Damals hatte Peter mich ausgelacht. Ha, aber nun war er gottfroh, dass ich mich mit Händen und Füssen verständigen konnte. Es war lustig. Die Menschen waren so freundlich zu uns. Wir bekamen alles, was wir brauchten.
Asphaltstrassen gab es nur bis Matanzas, danach führten Sandpisten zu kleinen Städtchen. Der Supermarkt hatte die Grösse unseres Wohnzimmers. Dafür war nebenan ein netter kleiner Weinladen. Wir wunderten uns, weshalb viele Pick-ups mit einem Fass auf der Ladefläche fuhren. Sehr schnell wurde uns klar, dass die nächste Tankstelle gute 45 Minuten Autofahrt entfernt war. Bienvenidos a las pampas!
Nach zwei Wochen totaler Erholung fuhren wir zurück nach Santiago. Eine komplett andere Welt zeigte sich uns. Wir waren beelendet durch die Verhältnisse in der Hauptstadt, die Armut und die Ausweglosigkeit der Bevölkerung taten uns weh. Drei Tage später waren wir froh, durften wir zurück in die Schweiz fliegen. Für mich war diese Reise die eindrücklichste, die ich erleben durfte. Zurück in der Schweiz begann Corona.
Corona-Jahre
Ende März 2020 wurde der erste Lockdown verhängt. Es ging uns wie allen Menschen in der Schweiz. Plötzlich waren wir 24/7 beieinander. Restaurantbesuche waren out, unseren Kochkünsten war dies dienlich. Kochen mit Peter ist erholsam und paartherapeutisch wertvoll. Wir lernten selber Ravioli und Tagliatelle, welche wir mit verschiedenen Saucen anrichteten, herzustellen. Gutes Essen gemeinsam geniessen war ich von meiner Ursprungsfamilie her gewohnt. Mit Peter konnte ich das nun wieder zelebrieren.
Damit das Gewicht nicht komplett aus dem Ruder lief, fuhren wir mehrmals die Woche eineinhalb Stunden Velo.
Mein Lehrgang für literarisches Schreiben fand mehrheitlich remote, also in Zoom statt. Das war okay für mich, da somit keine Reisezeit anfiel. Ich begann schnell, eine Affinität zum Schreiben von Kurzgeschichten zu entwickeln. Im Sommer reichte ich einen Wettbewerbsbeitrag für den Zürcher Oberländer ein. Als ich die Nachricht bekam, dass ich unter den fünf auf der Shortlist stehen würde, konnte ich es kaum glauben. In Ohnmacht fiel ich dann beinahe, als ich erfuhr, dass ich den Schreibwettbewerb gewonnen hatte. Schreiben war ein wertvolles Hobby geworden.
Im Dezember desselben Jahres schloss ich die Diplomausbildung mit einer Reihe von Kurzgeschichten erfolgreich ab.
Unsere Velorunde, wir nannten sie die Corona-Runde, führte uns stets am Kloster Frauenthal vorbei. Dieser Konvent liess mich nicht mehr los. Und plötzlich war da die Idee für meinen ersten Roman. Im Juni 2022 war er geboren - mein erstes Buch mit dem Titel: "Jede Vergangenheit hat ihren Preis" herausgegeben im Tredition-Verlag. Viele Stunden Arbeit, jede Minute war es wert. Peter war mir eine grosse Hilfe, mein grösster Kritiker. Ich weiss nicht, ob ich das ohne ihn hingekriegt hätte. Er las Korrektur, er hinterfragte, und er lobte mich. Danke, danke lieber Peter.
Fontanella - mein Herzensort
Als die Corona-Massnahmen im Frühsommer 2020 etwas gelockert wurden, hatte Peter an einem Sonntagabend eine geniale Idee. Er war sich sicher, dass Corona uns noch lange begleiten würde und somit unsere Reisefreudigkeit eingeschränkt bleiben würde. Zudem war unsere Lust auf endlose Langstreckenflüge sprichwörtlich verflogen. Peter dachte an einen Zweitwohnsitz. Die Prämissen waren, dass dieser Ort nicht mehr als drei Autostunden von uns entfernt sein sollte und wir einen mehrjährigen Mietvertrag aushandeln könnten. Ich liebe Peters Ideen. Solche Ansagen beflügelten mich. Ich war Feuer und Flamme und stante pede am Computer. Schnell wurde uns klar, dass die Schweiz ganz schön ins Geld gehen würde, also haben wir beschlossen, unseren Radius auf Vorarlberg auszudehnen.
Zum Glück musste Peter am Montag nach Zürich. So konnte ich mich ungestört dem neuen Projekt widmen. Im Internet stiess ich auf eine Anzeige im Ländleanzeiger.at (Onlineplattform für Gratisanzeigen). Dort war eine Wohnung in einem alten Bauernhaus mit einer tollen Aussicht ausgeschrieben. Noch am selben Abend hatte ich einen Besichtigungstermin für den kommenden Samstag organisiert. Vom Ort Fontanella im Grossen Walsertal hatten bis dahin weder Peter noch ich je gehört. Am Samstag trafen wir den 78-jährigen Martin und seine Tochter. Seit vielen Jahren bewohnte der alte Herr allein die obere Wohnung. Diese Situation war ihm zu fad geworden. Er wollte, dass etwas mehr Leben ins Haus kommen würde. Wir waren hingerissen, die Wohnung war zwar einfach, dafür sehr charmant. Wir würden mit Holz heizen müssen. Peter kannte dies von seinem ehemaligen Haus in Luven. Keine Heizung im Schlafzimmer war ich aus meiner Kindheit gewohnt. Das Haus thronte auf 1250 m ausserhalb Fontanella, unterhalb der Blaseka-Spitze. Zu uns konnte man nur über eine Privatstrasse gelangen. Fussläufig lag unterhalb des Hauses des Seewaldsee. Die Aussicht ins Tal ist schlicht atemberaubend. Das Dorf hat ca. 400 Einwohner, nur ein Hotel und lebt vom Tagestourismus oder von Leuten, die eine Ferienwohnung mieten. Wer Schickimicki-Tourismus wünscht, sucht hier vergeblich. Das Dorf und das ganze Tal sind pittoresk. Schnell wurden wir uns handelseinig. Ende Juli 2020 zogen wir ein. Für mich wurde Fontanella mein Herzensort. Wir verbrachten viele schöne Stunden im Haus von Martin. Leider wurde er mit der Zeit immer sonderbarer; man könnte schon sagen schrullig. Schliesslich mussten wir im Oktober 2022 aus der Wohnung. Martin hatte Eigenbedarf angemeldet. Wir waren zu Tode betrübt.
Von einem guten Kollegen aus dem Dorf bekamen wir den Hinweis, dass nur wenige Höhenmeter unterhalb von Martins Haus in einem neu gebauten Dreifamilienhaus eine Wohnung frei werden würde. Ich rief an, doch der Besitzer, Georg, wusste von nichts. Enttäuscht suchten Peter und ich in der näheren Umgebung - erfolglos. Dann, ich erinnere mich noch gut, am Abend des 1. Novembers 2022, rief mich Georg an. Er musste meine Nummer behalten haben. Eine Wohnung würde auf Frühjahr 2023 frei werden. Ein Besichtigungstermin war schnell ausgemacht. Die Lage der neuen Wohnung war noch besser als bei Martin, das Haus topmodern mit Fussbodenheizung und allem Pipapo. Wiederum wurden wir uns schnell einig, doch es sollte anders kommen - noch besser! Anfang Januar teilte uns Georg mit, dass der junge Mann, dessen Wohnung wir hätten übernehmen sollen, nicht mehr ausziehen wolle. Er würde uns dafür die für ihn gedachte anbieten. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Georgs Wohnung war und ist bis heute ein Traum, alpiner Chic, gemütlich und modern zugleich. So zogen wir im März wieder nach Fontanella. Überschattet wurde unsere Freude von Martins Tod. An dem Tag, an dem wir in unser neues Zuhause zogen, entschloss er sich, durch die Schrotflinte zu sterben. Es war traurig. Ich konnte mich noch gut an eine Aussage von Martin erinnern. Er sagte mehrmals zu mir, aus dem Seewald werden sie mich heraustragen müssen. Und so war es.
Seit März 2023 verbringen Peter und ich 50 Prozent unserer Zeit im Seewald. Hier komme ich zur Ruhe. Meine Schreibstube mit Blick auf die Berge ist der Ort, der mich am meisten inspiriert, auch zum Schreiben an meiner Lebensgeschichte. Ich weiss, mein Herz wird immer hierbleiben.
Und noch mehr Österreich
In den Jahren 2021 und 2022 mieteten wir jeweils für drei Wochen ein Haus am Wörthersee. Wir kannten diese Gegend überhaupt nicht. Wir waren auf der Suche nach einem Haus mit Seeanstoss. Wir wollten jeden Tag mit den Surfskis raus aufs Wasser und das möglichst unkompliziert. Ein altes Fischerhaus, in für meinen Geschmack zu altmodischem Landhausstil gehalten, wurde unsere Ferienbleibe. Der Garten und die Veranda erlaubten uns traumhafte Abende mit eindrucksvollen Sonnenuntergängen. Ich war und bin eine bequeme Sportlerin, d. h. für mich war das Haus ideal. Nach dem Morgenkaffee war ich in zehn Schritten bei meinem Surfski und in weiteren fünf auf dem Wasser. Genau so macht Sport Freude.
Klagenfurt, die Hauptstadt des Bundeslandes Kärnten, ist eine kleine Stadt mit etwas über 100 000 Einwohner, die einiges an Kultur zu bieten hat. Mit unserem Motorrad erkundeten wir die Umgebung des Wörthersees. Begeistert waren wir von der mediterran-alpinen Küche der Region. Ich war mir nicht bewusst, wie vielfältig die Fischküche der Gegend ist.
Peter war und ist ein langjähriger Fan der Fernsehserie "Der Bergdoktor". Zu seinem Geburtstag im Jahr 2021 fuhren wir nach Ellmau. Ich hatte eine private Führung zu all den Drehorten organisiert. Wir wurden mit Hintergrundwissen gefüttert. Ein weiteres Highlight der Reise war unser Hotel, der Kaiserhof in Ellmau. Heute fliehen wir mindestens zweimal im Jahr in diese Oase des Willkommenseins. Die Gastlichkeit, die in diesem Hotel gelebt wird, ist einzigartig. Das Essen leider auch - sobald wir jeweils wieder zu Hause sind, ist für einige Tage Schmalhans Küchenmeister.
Motorradtasche versus Samsonite
Wer hätte das gedacht? Ich war stolz, Peter verblüfft. Im September 2021 machten wir eine dreiwöchige Motorradtour. Wir besuchten unsere französischen Freunde Monika und Christian in Ramatuelle Plage. Danach nahmen wir die Fähre nach Korsika. Unsere Nachbarn aus Hünenberg See besassen dort ein Ferienhaus. Bevor wir nach Sardinien übersetzten, erkundeten wir mit unserem Motorrad Korsika. Auf Sardinien genossen wir verdientermassen ein schickes Hotel. Endlich wieder allein. Wiederum stellten wir fest, dass wir zwar gerne mit anderen Menschen zusammen sind, aber bitte nicht mehr als drei Tage. Diese Erkenntnis hatten wir zwar bereits 2019 in Kalifornien, aber eben vergessen. So genossen wir die Zeit auf Sardinien, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Apropos Kompromisse, ich hatte vor der Motorradtour welche machen müssen, denn ich war noch nie mit so wenig Gepäck drei Wochen unterwegs. Nur schon beim Schreiben dieser Zeilen muss ich schmunzeln. Peter war tatsächlich der Ansicht, dass ich ohne Samsonite nicht überlebensfähig sei. Ha, da hat er sich gewaltig getäuscht!
Im Sommer 2024 hatte ich nochmals die Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen. Wir unternahmen eine Tour nach Venedig via Gardasee. Ach, ich liebe es, hinten auf dem Motorrad zu sitzen, die Landschaft zu bestaunen und meinen Gedanken nachzuhängen.
Der hohe Norden
Die Vorfreude zog sich erzwungenermassen ganz schön in die Länge. Während der Weihnachtstage 2021 hatten wir die Reise zum Nordkap, die Hurtigruten Route, gebucht. Ursprünglich wollten wir diese im März 2023 anlässlich Peters Geburtstag und seinem Austritt aus der Firma I-Engineers unternehmen. Mit 68 Jahren wollte er in seine wohlverdiente Rente gehen. Das mit dem Ruhestand klappte wunschgemäss, das mit der Schiffsreise sollte sich um ein Jahr verzögern. Unser Schiff, die Otto Sverdrup, war länger als geplant in der Werft, und so gingen wir erst im März 2024 in Hamburg an Bord. Es sollte wiederum eine Reise gespickt mit unvergesslichen Abenteuern werden.
Nach unserem Trip ans Kap Hoorn hatten Peter und ich beschlossen, des Klimas wegen weitgehend auf Flugreisen zu verzichten. Also fuhren wir zwei Tage vor dem Einschiffen mit dem Zug nach Hamburg, eine unserer Lieblingsstädte. Das milde Wetter erlaubte stundenlange Spaziergänge durch die Stadt. Ein guter Italiener half uns, die verlorenen Kalorien sofort wieder nachzuliefern. Der Auftakt zu unserer ersten langen, vierzehntägigen Schiffsreise war absolut gelungen. Am 15. März 2024 gingen wir an Bord. Augenblicklich fühlten wir uns zu Hause. Unser Zimmer war sehr grosszügig ausgestattet. Vom Bett und vom Sofa aus konnten wir die vorbeiziehende Landschaft betrachten. Die täglichen Vorträge über Geschichte, Land, Leute und Fauna genossen wir mit gutem Kaffee ausgestattet, gemütlich von unserer Couch aus. Sehr leckeres Essen aus der Region gab es im bedienten Restaurant. Zuvor gönnte ich mir jeweils einen alkoholfreien Cocktail in der Bar auf dem obersten Deck.
Auf jeden Landgang wurden wir mit Informationen bestens vorbereitet. Alle, wirklich alle Exkursionen waren ein Erlebnis: die Lofoten, Tromsø, das Nordkap, Bergen etc.. Kehrten wir von einem Ausflug zurück, und ich das Schiff von weitem sah, fühlte es sich für mich an wie nach Hause kommen.
An Peters Geburtstag, dem 29. März, erreichten wir wieder Hamburg. Unser Geist und unsere Seele quollen über vor unvergesslichen Eindrücken! Unsere Begeisterung gipfelte darin, dass wir im Herbst 2024 für den Sommer 2026 eine weitere Reise in den hohen Norden planen. Wir wollen die Mitternachtssonne auf Spitzbergen erleben.
Das restliche Jahr 2024 verbrachten wir mit schönen Motorradtouren. Zufrieden pendelten wir zwischen Fontanella und Hünenberg See hin und her. Beide Wohnsitze tun uns gut. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dies Luxus ist.
Im Oktober 2024 bekam Peter von mir vorzeitig sein Geburtstagsgeschenk für seinen siebzigsten Geburtstag im März 2025. Es ging leider nicht anders. Im Oktober verbrachten wir gemeinsam einen ganzen Tag bei Spitzenkoch Johann Lafer. Obwohl aus den Medien bekannt, ist er bodenständig geblieben. Ein grosszügiger, lustiger Zeitgenosse wies uns geduldig in die gehobene Küche ein. Wir schwitzten und schlemmten mit vierzehn anderen Kochenthusiasten. Ein gelungener Tag, an dem wir beide viel lernen durften.
Charme im Darm - von wegen!
Seit ich ein Kind war, hatte ich öfters nach den Mahlzeiten Bauchkrämpfe. Als Erwachsene musste ich oft kurz nach dem Essen auf die Toilette eilen. Daran gewöhnte ich mich über die Jahrzehnte. Im Sommer 2019 jedoch bekam ich sehr starke Bauchkrämpfe. Es fühlte sich an, als ob ich riesige Wackersteine im Unterbauch hätte. Das Wetter war sommerlich warm. Beim Gehen schmerzte der Bauch, also fuhr ich mit dem Fahrrad zur Hausärztin. Nach intensivem Abtasten tippte sie auf Divertikulitis und schickte mich sofort in die nahegelegene Hirslandenklinik. Divertikulitis hatte ich zuvor nie gehört, sollte mich aber von da an fast jährlich begleiten. Weder das Fahrrad noch ich verliessen an diesem Tag die Klinik. Ich wurde hospitalisiert. Es sollte sich in Zukunft wiederholen. Zwischen 2019 und 2024 war ich dreimal in der Hirslandenklinik, zweimal mit Divertikulitis, einmal sogar mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Da ich auf die meisten Penicilline allergisch reagiere, hilft oft nur ein spezielles Antibiotikum, welches intravenös verabreicht werden muss. Und das bedeutet Krankenhaus.
Ich bin prinzipiell eine sehr positiv denkende Person. Doch das Anhäufen von Krankheiten, seit ich nicht mehr arbeite, bedrückt mich manchmal. Ich bin der Meinung, dass ich mehrheitlich gesund esse, mich genug bewege und heute ein ausgeglichenes Leben führe. Peter ist der Ansicht, dass ich in früheren Jahren wahrscheinlich zu starken Raubbau an meinem Körper verübt habe. Kann sein, ich weiss es nicht. Was ich weiss, ist, dass ich diese Krankengeschichten nicht in den Mittelpunkt meines schönen Lebens stellen will. Ja, sie sind da, aber nur im Vordergrund, wenn sie wieder Aufmerksamkeit brauchen. Hoffentlich nicht zu oft!

Ich bin dankbar für meine Vergangenheit sowie für mein heutiges Leben. Ich kann ehrlich sagen, dass ich keine meiner grossen Entscheidungen bereue. Ich habe immer geliebt, wen ich wollte, trotz aller Unwegsamkeiten und der daraus resultierenden Probleme. Ich darf heute in einer liebevollen Partnerschaft leben. Es erfüllt mich mit Freude, mit Peter den dritten Lebensabschnitt zu meistern. Wir haben das Privileg, unsere gemeinsamen Hobbys wie kochen, reisen und ab und zu einen kulturellen Abend zu geniessen. Das alles ist nicht selbstverständlich. Vor neun Jahren hätte ich nicht im Traum daran gedacht, nochmals so zu lieben und geliebt zu werden. Peter ist mein Herzensmensch. Wir sind uns sehr nahe. Das ist wunderbar. Manchmal verspüre ich deswegen etwas Angst vor der Zukunft. Was, wenn ich wieder einen geliebten Menschen verliere? Weg da! Beiseite! Diese Gedanken scheuche ich schnell weg.
Ich habe eine wundervolle Tochter, die selbstständig ihren Weg geht. Ich bin sehr stolz auf sie. Manchmal wünschte ich mir mehr Nähe. Ich weiss, sie liebt mich auf ihre Art. Es ist, wie es ist.
Anja, Stephans Tochter aus erster Ehe, hat leider den Kontakt zu mir einschlafen lassen. Ich vermute, dass sie mir nicht verziehen hat, dass ich ihrer Hochzeit ferngeblieben bin. Ich hätte mich irgendwie fehl am Platz gefühlt. Meine Beweggründe hatte ich ihr in einem Brief mitgeteilt. Woraufhin wir ein gutes Gespräch geführt haben. Anja konnte ihre Enttäuschung und ich meine Beweggründe aussprechen. Ich dachte, nun sei alles wieder gut. Ich täuschte mich - schade.
Die Beziehung zu Peters älterer Tochter war zu Beginn sehr eng. Dies hat sich über die Jahre geändert. Wir unternehmen nichts mehr gemeinsam, eher seltener etwas mit der ganzen Familie. Aus meiner Sicht ist nichts Gravierendes vorgefallen. Vermutlich ist sie stark mit ihrem eigenen Leben beschäftigt.
Schaue ich auf mein berufliches Sein zurück, bin ich mehr als zufrieden und stolz auf alles, was ich geschafft habe. Ich hatte mein ursprüngliches Ziel, für die Swissair im Ausland zu arbeiten, erreicht und vieles mehr. Ich habe mein ganzes Leben viel gearbeitet, teilweise viel zu viel. Als ich 1988 in der internationalen Trainingseinheit der Swissair begann, nahm mein Arbeitspensum zu, wohlverstanden mein unbezahltes. Mir war stets wichtig, dass ich top vorbereitet vor einer Klasse oder einer Seminargruppe stand. Als ich 1998 selbstständig wurde, steigerte sich die Arbeitsintensität nochmals. Ich habe meine Arbeit wirklich geliebt! Mein Trainerleben war für mich eine wahre Berufung. Im Nachhinein muss ich mir die Frage stellen, ob Kiran vielleicht darunter gelitten hat. Ich kann die Antwort nur vermuten. Wichtig ist mir auch anzuerkennen, dass meine Arbeit mir sehr geholfen hat, über Stephans Tod hinwegzukommen. Dank meines arbeitsamen Wesens war ich mein ganzes Leben finanziell unabhängig. Das habe ich Kiran auch mit auf den Lebensweg gegeben. Gerade weil wir keine Verwandten in der Schweiz haben, erachte ich Unabhängigkeit als wichtig.
Spannend finde ich meinen Zugang zur Religiosität. Ich bezeichne mich als religiösen Menschen. Ich glaube an eine universelle Energie. Als Kind war ich fasziniert von der katholischen Kirche. Unglaublich, aber wahr, in der Unterstufe dachte ich daran, später ins Kloster zu gehen. Als Jugendliche war ich von fremden Religionen fasziniert. Das setzte sich logischerweise fort mit der Heirat eines Hindus. Während meiner Selbstständigkeit unterrichtete ich am Kantonsspital Luzern "Einführung in die Weltreligionen mit Schwerpunkt Umgang mit Tod und Krankheit". Diese Zeit schärfte meinen Blick für das Gute in jeder Glaubensrichtung. Ich realisierte auch, dass wir Menschen es sind, die aus jeder Religion etwas Schlechtes machen können. Ich für meinen Teil werde weiterhin versuchen, tolerant gegenüber allen Menschen und Kulturen zu sein.
An manchen Tagen, wenn ich mich nach dem Duschen im Spiegel betrachte, muss ich gestehen, dass ich leer schlucke. Der Körper wird älter, die Spannkraft lässt nach, mein Bedürfnis gut auszusehen hat sich diesen Gegebenheiten noch nicht angepasst. Meistens gelingt es mir in solchen Situationen positive Dinge wie meine geistige Flexibilität, meine Neugierde und meinen Zugang zu Fremden in den Fokus zu bringen. Zudem kaschieren schöne Kleider vieles.
Da wir gerade beim Altern sind. Peter und ich sind Mitglieder von Exit. Wir möchten auf keinen Fall eine Belastung für jemanden sein. Unser Ableben ist geregelt. Unser Baum wartet im Friedwald auf uns. Mehrmals im Jahr besuchen wir ihn. Es geht ihm gut und uns hoffentlich auch noch lange.
Ich bin bemüht, die heutige Jugend zu verstehen. Sie hat es verdient, wie wir damals. Auch hier ist Toleranz gefragt. Die Weltenlage, wie sie sich heute präsentiert, fordert mich. Das ist gut so. Ich will geistig dabeibleiben, versuchen zu verstehen.
Ja, vielleicht könnte ich auch etwas toleranter mir gegenüber sein. Ich habe mich bereits mehrmals entschieden, nicht mehr übertrieben perfektionistisch zu sein. Gelingt mir noch nicht so perfekt. Ach, da ist es ja schon wieder! Ich bin guten Mutes, das wird - irgendwann.
Zuversichtlich und gespannt schaue ich auf alles, was auf mich zukommen wird. Schliesslich werde ich im Oktober 66; da fängt das Leben doch erst an.
Danke an mein Leben.

Schreiben
Mein Leben war und wird es hoffentlich bleiben, wie der Titel meiner Lebensgeschichte beschreibt, kunterbunt mit Schleierwolken. Schleierwolken erscheinen, wie der Name sagt, als dünne Schleier, die sich vor die Sonne gelegt haben. Danach kann es zu einem Wetterumschwung im Leben vielleicht zu einem Neuanfang kommen. Veränderung als Konstante. Dieses Bild erfreut und beruhigt mich zugleich.
Das Schreiben meiner Erinnerungen war arbeitsintensiv und befreiend. Ich hatte ehrlich gesagt nicht geahnt, wie mich diese Arbeit faszinieren würde. Recherchieren in der eigenen Vergangenheit und das einhergehende Niederschreiben eröffnen neue Sichtweisen, können einen versöhnen und dankbar machen. Der Blick auf das eigene Leben nimmt noch mal eine andere Farbe an. Ich kann es nur empfehlen.
Seit letztem September 2024 bin ich an diesem Projekt. Bis Ende Mai habe ich gute 140 Stunden am Schreibtisch verbracht. Ich war mehrheitlich intuitiv unterwegs. Die Zeit von September bis Mai fühlte sich an wie eine geistige Schwangerschaft. Anfänglich schrieb ich drauflos, wobei mir das Fragengerüst sehr dienlich war. Später schoben sich Episoden, die sofort niedergeschrieben werden wollten, in den Vordergrund. Also schrieb ich, wann immer ich derartige Eingaben hatte. Einzig das Überarbeiten ging strukturiert über die Bühne. Lebensabschnitt für Lebensabschnitt arbeitete ich inhaltlich und grammatikalisch durch.
Peter, mein Lieblingsmensch und Lebenspartner, war mein Probeleser und liebevoller Kritiker. Tausend Dank an dich, Peter.
Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, schreibe ich seit 2020 Kurzgeschichten. Mit "Coq au Vin" habe ich 2020 den ersten Preis beim Schreibwettbewerb der Zürcher Oberland Medien AG gewonnen. Mein erster Kurzroman heisst "Jede Vergangenheit hat ihren Preis" und ist bei Tredition erschienen. Schreiben ist zu meinem Hobby geworden.
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