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Von Patricia Mbumaston-Dolf – Eine unglaublich wahre Geschichte - Nick und die Rasselbande
Patricia Mbumaston-Dolf
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Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle IV / 21.02.2026 um 21.29 Uhr
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Eintritt in einen langen, dunklen Tunnel
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Vorerst aufgehoben
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Spurensuche in der Vergangenheit - Ein allerliebstes Baby
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Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle I
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Zurück daheim
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Unruhige Tage
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Spurensuche in der Vergangenheit - Nick entdeckt die Welt
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Spurensuche in der Vergangenheit – Aus dem Baby wird ein Kleinkind
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Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle II
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Erneute Krise
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Die Meinungen gehen auseinander
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Von Krise zu Krise
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Spurensuche in der Vergangenheit - Umzug in die Nordostschweiz
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Spurensuche in der Vergangenheit - Kindergarten und Schulbeginn
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Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle III
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Traumatisierung in der Psychiatrie
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Ninas diagnostische Auslegeordnung
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Wenig einvernehmliche Behandlungsplanung
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Nina stellt klar
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Nick und die Hip-Hop-Kultur
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Spurensuche in der Vergangenheit - Umzug nach Westen
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Spurensuche in der Vergangenheit - Immersion
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Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle IV
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Zaghafte erste Erfolge
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Unterschiedliche Sichtweise über den Verlauf
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Eltern und Sohn unter Druck - Blick in die Zukunft
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Synthese - Vorbereitungen - Austritt
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Spurensuche in der Vergangenheit -
36.
Spurensuche in der Vergangenheit -
Ein Buch für Betroffene, Nahestehende und Helfer Gewidmet: Meinem Mann Meinen beiden Söhnen Meinen früheren Patientinnen und Patienten
Vorwort
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1.  Vorwort
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Das Leben der Autorin hatte, wie jenes ihrer meisten Mitmenschen schöne und weniger schöne Momente. Sie verbrachte in den 50er Jahren eine behütete und wenig belastete Kindheit als Einzelkind in der Nähe von Solothurn.

 

Sie erlebte rückblickend eine mehr oder weniger unbekümmerte Schulzeit. Allerdings zog die Familie wegen der Karriere des Vaters zweimal um, sodass die Autorin mit verschiedenen kantonalen Schulsystemen konfrontiert wurde. Als der Moment näher rückte, in welchem sie sich entscheiden sollte, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollte, war sie dazu nicht in der Lage. So viele tolle Berufe gab es. Der einzige Ausweg war schliesslich, den Entscheid zu vertagen und bis dahin weiter zur Schule zu gehen. Diesen Entscheid bereute sie nie.

Gegen Ende der Gymnasialzeit stand der nächste schwierige Entscheid bevor. Welche Studienrichtung sollte sie wählen? So viele tolle Möglichkeiten gab es. Am liebsten hätte sie nacheinander verschiedenes studiert. Schliesslich entschied sie sich für die Medizin, da sie realisierte, dass sich ihr dadurch weitere interessante Fenster öffnen würden. In der Tat waren es deren so viele, dass sie am liebsten verschiedene Weiterbildungsrichtungen begonnen hätte. Nach Abtasten verschiedener Möglichkeiten begann die Autorin recht spät, als die verschiedenen Fachrichtungen zunehmend straff strukturiert wurden, mit einer Ausbildung zur Psychiaterin. Dieser Beruf hatte sie schon während der Gymnasialzeit interessiert. Sie wusste damals noch nicht, wie wichtig diese Wahl für sie und ihre Familie eines Tages sein würde.

 

Inzwischen musste die Autorin schon seit mehreren Jahren in den sauren Apfel der berufstätigen Mütter beissen. Multitasking von früh bis spät, organisieren und flexibel sein, umdisponieren und disponibel sein. Das war ihr Alltag.

 

Nie hätte sie gedacht, dass sie eines Tages das Bedürfnis haben würde, über ihr Leben zu schreiben. Doch dann kam es zu diesem verhängnisvollen Abend vom 23.12.2008, als sich das Leben der Autorin, jenes ihres Mannes und ihrer beiden Söhne dramatisch änderte.

 

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Was geschah soll in den kommenden Kapiteln dieser Autobiographie / Biographie geschildert werden. Die Autorin berichtet aus der Drittperson-Perspektive und verwendet dabei ein Pseudonym. Dies ermöglicht ihr, der Wissenschaftlichkeit und Objektivität der für sie teilweise sehr belastenden Ereignisse Genüge zu tun, ohne sich in der Subjektivität der Erstperson-Perspektive der leidenden Mutter zu verlieren. Zum Schutz der anderen Beteiligten wurden auch deren Namen geändert.

 

Es wird genauer dargestellt, wie Nina versucht zu verstehen, was geschieht und was geschehen ist. Nina stellt viele Fragen und versucht sie über ihren Wissensstand, den sie ständig erweitert, zu beantworten. Immer wieder blickt Nina aber auch zurück, denn sie realisiert schon bald, dass die wichtigsten Erklärungen in der Vergangenheit liegen.

 

In diesem Buch können helfende Angehörige und Berater Informationen finden, die Ihnen im Umgang mit Trauma-Betroffenen weiterhelfen. Auch Behandler dürften über diesen Text einen tieferen Einblick in das Leben von Betroffenen gewinnen können, da sie kaum je die Opportunität für einen so tiefen Einblick in schwere Traumafolgestörungen haben. Schliesslich kann dieses Buch als Information und Hilfe für stabile Betroffene von wiederholten zwischenmenschlichen Traumatisierungen, insbesondere auch sexuellem Missbrauch und Inzest dienen.

 

Es ist sehr wichtig, dass Betroffene verstehen können, woran sie leiden. Es soll ihnen aufgezeigt werden, wodurch ihr Leiden ausgelöst worden sein kann. Es sollen ihnen Wege aufgezeigt werden, wie sie mit dem Erlebten umgehen können. Sie sollen realisieren können, dass andere vor ähnlichen Schwierigkeiten stehen. Sie sollen Möglichkeiten finden, wie und wo sie Hilfe suchen können. Es soll aber auch auf die Widerwärtigkeiten hingewiesen werden, auf die sie dabei stossen können.

 

Helfenden Angehörigen und wenig erfahrenen Behandlern soll gezeigt werden, worauf sie schauen müssen, um zu erkennen, was sie bisher nicht sehen und nicht verstehen konnten. Ein unaufdringliches, an die Möglichkeiten der Betroffenen angepasstes Vorgehen öffnet dem Beobachter die fast unvorstellbaren Welten, in denen Betroffene leben.

Im Verlauf soll immer wieder der Bezug zu den damaligen und aktuellen Erkenntnissen in Wissenschaft, Therapie und sozialem Umfeld hergestellt werden.

 

Ganz wichtig ist, dass Betroffene durch das Lesen des Buches verstehen, dass sie nicht «verrückt» sind. Es soll ihnen gezeigt werden, dass das, was sie jetzt erleben ein Abbild ist von dem, was ihnen in ihrer frühen Kindheit widerfahren ist. Es sind missglückte Versuche ihres Geistes / ihres Körpers, frühere Erlebnisse zu verarbeiten, welche so schlimm waren, dass sie von Ihnen nicht verkraftet werden konnten und tiefe Narben hinterlassen haben.

 

 


 

Eintritt in einen langen, dunklen Tunnel
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2.  Eintritt in einen langen, dunklen Tunnel
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Hauptakteure:

Mutter Nina

Vater Mongha

Sohn Nick

 

Wir schreiben den 23. Dezember 2008. Der stattliche, künstliche Tannenbaum steht geschmückt in der Stube. Wie schon in den letzten Jahren hat ihn Nick, der jüngere Sohn der Familie, im Keller geholt und mit viel Eifer mit elektrischen Lichtern, farbigen Kugeln und glitzernden Girlanden kunstvoll geschmückt. Der Himmel ist verhangen. Am Nachmittag hat Nick mit seinem albanischen Kollegen Valon in der Stadt abgemacht. Zudem will er mit seinem Taschengeld noch einige Geschenke kaufen. Wie immer hat er etwas gespart und braucht, im Gegensatz zu seinem älteren Bruder früher, keinen Zustupf von seinen Eltern.

 

Mutter Nina und Vater Mongha haben noch einige Vorbereitungen für den morgigen Abend zu treffen. Dann wird Eric erwartet, der grosse Bruder von Nick, der mit seiner Freundin Melina in der Nordostschweiz lebt. Er ist 10 Jahre älter als Nick.

 

Nick, Mongha und Nina leben quasi auf dem „Röstigraben", der Grenze zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz. Sie wohnen seit dem Frühjahr 2001 im obersten Stockwerk eines siebenstöckigen Blocks aus der Mitte der 50er Jahre. Damals waren sie aus einer grösseren Stadt der Nordostschweiz hierher gezügelt, weil Nina in einer nahen Stadt der Romandie eine Stelle als Oberärztin antreten konnte. Sie hatte ihre Ausbildung zur Psychiaterin abgeschlossen und freute sich auf ihre erste Kaderstelle. Eric, der erstgeborene Sohn, blieb zurück, um seine Lehre als Koch zu beenden. Seine Abklärungen hatten ergeben, dass der Kantonswechsel den regelrechten Abschluss deutlich erschweren würde. Zudem hatte er ja auch seine Freundin in der Gegend. Nina war erleichtert, denn Erics weitere Anwesenheit in der Familie wäre aus ihrer Sicht problematisch gewesen. Zum einen war Eric nicht motiviert, auch nur das Kleinste zu einer funktionsfähigen familiären Beziehung beizutragen, zum anderen störte sich Nina am zwiespältigen Verhältnis ihrer beiden Söhne und befürchtete längerfristig negative Auswirkungen auf Nick. Eric bestand aber darauf, in der neuen Wohnung ein eigenes Zimmer zu haben. Diesem Wunsch wurde entsprochen. Anfangs reiste Eric an freien Tagen auch häufig zur Familie, mit der Zeit erschien er seltener.

 

Nick, der 16-jährige Sekundarschüler hat kein gutes Jahr hinter sich. Schon im Frühjahr war er ziemlich unmotiviert und oft in düsterer Stimmung. Er lag viel herum, wirkte gequält. Die Hausaufgaben zu erledigen, bereitete ihm zunehmend Mühe. Was hat er denn nur, fragte sich Nina besorgt und teilte ihre Beobachtungen Mongha mit. Sie versuchte mit Nick ins Gespräch zu kommen, doch dieser blieb verschlossen wie eine Auster. Sie bot ihrem Sohn gar an, eine Psychologin aufzusuchen, wenn er sich nicht ihr anvertrauen wolle. Nick weigerte sich entschieden. Die Mama könne ihn schon hinbringen, er werde einfach schweigen. Ratlos verzichtete Nina schliesslich.

 

Im Frühsommer hatte Nick dann durchblicken lassen, dass er es an seiner Schule nicht mehr aushalte. Seine Mutter müsse ihm unbedingt eine neue Schule finden, drängte er. Wenn er länger bleibe, werde es nicht gut gehen. Das „verfolgte Selbst", doch Nina erkannte es nicht. Sie hatte vom „verfolgten Selbst" noch nie gehört. Sie ahnte nicht, dass sie dieses in wenigen Monaten in einer absolut chaotischen Situation kennenlernen würde. Mangels einer besseren Lösung, hatte sie in aller Eile nach einer passenden Schule gesucht. Kurzfristig hatte sich Nick gefreut, war motiviert. Doch das dauerte nicht lange. Nun musste er täglich mit dem Zug in die Hauptstadt fahren und war bald überfordert.

 

Inzwischen ist Nick aus der Stadt zurückgekehrt und verschwindet in seinem Zimmer. In wenigen Stunden wird sein Leben auf Jahre hinaus auf den Kopf gestellt werden und damit auch jenes seiner ganzen Familie. Warum? Warum das seine? Quälende Fragen eines jeden vom Schicksal Getroffenen, auf die es keine Antwort gibt. Was weiss Nick in diesem Moment schon? Was fühlt er? Versteht er, was in ihm vorgeht? Vorerst beginnt Nick aber, die eingekauften Geschenke sorgfältig und geschmackvoll einzupacken, so wie er es immer tut. Als er zum Abendessen erscheint, ist er noch nicht ganz fertig, er will nachher weitermachen. Er wird aber nicht mehr dazu kommen.

 

Kaum hat Nick den letzten Bissen geschluckt, wird er von plötzlichem Brechreiz und heftigem Herzklopfen gepackt. Nina begleitet ihn ins Badezimmer. Erbrechen muss er nicht. Etwas stimmt aber nicht mit ihrem Sohn. Sie will noch seinen Blutdruck messen, doch die Manschette passt nicht auf den schlanken Arm. Nick ist angsterfüllt. Sein Puls rast. Seine aufgerissenen Augen, sein offener Mund, seine rasche Atmung drücken extreme Angst aus. Nina ist ratlos. Sie versucht zu beruhigen, zu erklären, dass Nick keine Gefahr droht. Doch Nick meint plötzlich, er höre Schüsse. Er ist sicher, dass „die Albaner" kommen und ihm Übles antun werden. Um ihnen zu entkommen will er aus dem Fenster steigen … und „dann hinunter“. Und das vom siebten Stock aus! Nina packt die Angst. Sie erkennt, dass sie es nicht allein schaffen wird und ruft Mongha um Hilfe. Schon längst ist Beruhigen nicht mehr möglich. Vor ihren Augen geschieht etwas Unheimliches. Nick wird von einer unsichtbaren Kraft zum Fenster gezogen.

Mongha eilt herbei: „Was ist los?"

Nina kann ihm nur kurz erklären, was vor sich geht. Die Situation eskaliert weiter. Nach kurzem Zögern beschliesst Nina, den Notarzt zu rufen, während Mongha Nick zurückhalten soll. Dieser entwickelt ungeahnte Kräfte. Als Nina zurückkehrt liegen Vater und Sohn am Boden und ringen. Nicks Augen rollen ständig nach oben, sein Gesicht verzerrt sich, nimmt groteske Züge an.  

Mit hämischem Grinsen zischt er mehrmals: „Ihr werdet alle sterben."


„Das verfolgte Selbst", das Nina seit dem Frühsommer 2008 wiederholt ratlos beobachtet hatte, ist nun also in einer absolut chaotischen Situation mit Wucht durchgebrochen. Eine heftige Entladung, der Nicks Eltern hilflos gegenüberstehen. Nina, welche diesen Zustand des „verfolgten Selbst" noch nicht kennt, kann nicht verstehen, was sich vor ihren Augen abspielt. Um sie herum bricht alles zusammen. Alle ihre Kenntnisse ihres medizinischen Fachgebietes, der Psychiatrie, wirbeln in ihrem Kopf herum. Sie weiss nur, dass Nick auf ihr Fachwissen angewiesen sein wird.

 

Onno van der Hart, Ellert Nijenhuis und Kathy Steele haben im Rahmen ihrer bahnbrechenden Forschungsarbeiten zum Thema der dissoziativen Störungen den Klassiker „Das verfolgte Selbst" herausgegeben. Nina wird das Buch erst später lesen, auf der Suche nach Erklärungen für das Erlebte. Aktuell erkennt sie nur eine perakute psychische Dekompensation. Die Symptomatik mutet auf den ersten Blick psychotisch an. Aber, ist es wirklich eine Psychose, oder gar eine Schizophrenie? Was sind die Ursachen dieses Schicksalsschlages? Nina kommt unwillkürlich der Cannabiskonsum Nicks von Ende Oktober in den Sinn. Ob der eine Rolle gespielt haben könnte?

 

Vorerst sieht Nina als einzige Option eine rasche Überweisung in eine psychiatrische Klinik, denn die Situation in der Wohnung oben im siebten Stock ist hochgefährlich. Zuerst muss Nick aber beruhigt, sediert werden, da er in diesem Zustand nicht transportiert werden kann. Nach Überwindung der akuten Krise wird beurteilt werden müssen, was an Symptomen übrigbleibt, wie sich der weitere Verlauf entwickelt. Wird Nick dann endlich bereit sein, mehr zu erzählen? Nina hofft, im Gefolge die Ursachen der Dekompensation genauer einordnen zu können. Von den wohl vielen möglichen Antworten wird wahrscheinlich keine allein alles erklären können.

 


 

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3.  Weichenstellung
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Mutter Nina

Vater Mongha

Sohn Eric

 

Sowie:

Notarzt Doktor Schollwälder

Stellvertretender Chefarzt Doktor Moser

 

Der gerufene Notarzt hat sich beeilt und ist schon bald zur Stelle. Nina führt ihn ins Badezimmer und erklärt ihm kurz, was bisher geschehen ist. Mongha ist inzwischen aufgestanden, Nick liegt noch am Boden. Notarzt Doktor Schollwälder sieht bald, dass er hier allein nichts ausrichten kann und nimmt mit der Sanität Kontakt auf. Es stellt sich heraus, dass er zwar für körperliche Notfälle, nicht aber für akute psychiatrische Krisen ausgerüstet ist. Entsprechend hat er kein Neuroleptikum in seinem Notfallkoffer, was Nina erstaunt. So selten sind psychiatrische Notfälle erfahrungsgemäss nicht. Neuroleptika sind zur Behandlung von Psychosen angewandte Arzneimittel, welche Erregung und Aggressivität dämpfen. Sie können daher auch bei akuten Erregungszuständen wie hier angewendet werden. Leider haben sie auch bedeutende Nebenwirkungen, insbesondere bei längerer Anwendung.

Nach Absprache mit Nina will Doktor Schollwälder Nick zur Beruhigung Valium®, ein Benzodiazepin, intramuskulär spritzen. Da beginnt der Kampf von neuem. Bald liegen Nick, Mongha und der Notarzt ringend am Boden. Weiter sind Nicks Augen nach oben gerollt, sodass sie nur noch weiss erscheinen. Weiter ist sein Gesicht durch dieses unheimliche Grinsen verzerrt. Nick ist nicht ansprechbar. Er brummt Bedrohliches. Vorerst ist an eine Injektion gar nicht zu denken, die Verletzungsgefahr ist viel zu gross.


Jetzt trifft die Sanität ein. Die drei werfen einen Blick auf das Geschehen und erklären, hier nicht ohne die Anwesenheit der Polizei eingreifen zu wollen. Diese wird gleich um Hilfe gerufen. Eine Patrouille befindet sich in der Nähe und die Polizisten treffen nach wenigen Minuten in der Wohnung im siebten Stock ein. Mit Hilfe der Sanität kann der Notarzt Nick nun 10 mg Valium® i.m injizieren, worauf er sich leicht beruhigt. Auf Ansprechen ist er aber weiterhin nicht erreichbar.

 

Der Entscheid, Nick in eine psychiatrische Klinik zu überführen ist bald gefällt. Nina versucht ihre Betroffenheit hinter einer Fassade von übermässiger Betriebsamkeit zu verbergen. Eine andere Lösung hat ja auch sie nicht, Fachkenntnisse hin oder her. Sie sieht nicht mehr, was um sie herum geschieht, wie es Mongha geht. Sie hört, dass Nick zuerst auf den Notfall des Regionalspitals gefahren werden muss, und sie weiss es ja auch. Der Stresspegel steigt. Nina sucht eine Tasche und hetzt in Nicks Zimmer. Ihr Herz zieht sich zusammen, als sie die liebevoll verpackten Geschenke am Boden liegen sieht. Schnell packt sie für Nick das Nötigste zusammen. Körper und Geist sind schon lange im Stressmodus. Oh nein, dann werden sie im Spital den Notfalldienst der Psychiatrie rufen, realisiert Nina plötzlich. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass jemand kommt, den sie kennt. Noch bis Ende Juli 2008 hat Nina als stellvertretende leitende Ärztin selber dort gearbeitet.

 

Jetzt wird der Transport organisiert. Der Ambulanzfahrer scheint Ninas Verstörtheit zu erkennen. Er bietet ihr an, den Sohn in der Ambulanz zu begleiten. Nina nimmt dankend an. Wie aber soll Nick in den Wagen gebracht werden? Er liegt noch immer am Boden, reagiert nicht auf Ansprechen, befolgt keine Anordnungen. Der Lift ist zu klein. Die Bahre müsste sieben Stockwerke über die Treppe hinuntergetragen werden. Die Sanitäterin schaut sich in der Wohnung um und wird fündig. Sie wollen es mit Nicks Bürostuhl versuchen. Sie packen Nick, setzen ihn auf den Stuhl und rollen ihn in den Lift. Nina und Mongha schauen sich an. Das tut alles so weh, so grausam weh.

„Ich geh rasch mit", meint Nina, schlüpft in ihre Stiefel und zieht sich den Mantel über.

Schon steht sie im Lift und fährt hinunter. Ihre Kehle ist zugeschnürt, ihr Kopf brodelt. Unten lädt sie der Ambulanzfahrer auf den Beifahrersitz ein. Der Wagen ist startbereit. Los geht's, mit Blaulicht durch die nächtliche Stadt, über menschenleere Strassen hinauf zum Spital. Nur vor den Kreuzungen ertönt kurz das Horn. Vom Fahrer erhält Nina ein paar tröstende Worte. Die beruhigen etwas. Der ist sich verzweifelte Angehörige sicher gewohnt.

 

Im Spital wird Nick auf den Notfall gebracht. Ein Assistenzarzt kommt, sieht rasch, dass dies nichts für ihn ist und erklärt Nina, dass er den Dienstpsychiater rufen will. Oh nein! Das war es, was sie befürchtete. Nina kann ihn schliesslich dazu bewegen, darauf zu verzichten. Er soll Nick nur in die Klinik überweisen. Sie erklärt ihm, was er am Telefon sagen und in seinem Überweisungsbrief schreiben soll. Der Dienstpsychiater wüsste ja auch nicht mehr. Der noch minderjährige Nick werde in die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Hauptstadt überführt, wird Nina informiert. Ob sie wieder mitfahren will? Nein, sie lehnt dankend ab. Sie könnte im Moment nichts für ihren Sohn bewirken.

 

Nina drückt ihrem Nick die Daumen und begibt sich mit zugeschnürter Kehle zur Bushaltestelle. Immer wieder drohen Ninas Augen zu überlaufen. Sie schluckt die Tränen hinunter. Sie denkt an Nick, der in eine Ambulanz gebracht und mit Polizeibegleitung durch die nächtliche Gegend in die Universitätsklinik gefahren werden soll. Was ist geschehen? Was hat er? Wird er sich rasch erholen? Wird er noch jahrelang krank sein? Sie ahnt nicht, welch beschwerlicher Weg noch vor ihr, vor Mongha und v.a. noch vor Nick liegt. Und noch viel weniger ahnt sie in diesem Moment, was die Hauptursache von Nicks psychischer Dekompensation ist.

 

Unten im Eingangsbereich des Hauses findet Nina Nicks Bürostuhl, den sie mit hinaufnimmt. Sie hofft insgeheim, dass nicht zu viele der Bewohner dieses Hauses mitbekommen haben, was eben im obersten Stock vorgefallen ist. Daheim findet sie Mongha in ähnlicher Verfassung an wie sie. Sie umarmen sich. Tränen fliessen erneut. Mongha hat Nicks älteren Bruder Eric bereits informiert. Dieser werde morgen früh kommen. Nun geht es ans Aufräumen.

„Komm", meint Mongha zu Nina.

Sie folgt ihm in Nicks Zimmer. Er zeigt auf den Boden. Während Ninas Abwesenheit hat er Nicks Geschenke, die im Zimmer verstreut lagen, alle zusammengelegt. Zum Glück haben sie bei der Intervention der Sanität keinen Schaden genommen. Nun breitet er ein Tuch darüber. Und wieder schiessen Nina die Tränen in die Augen. So schön und sorgfältig sind sie eingepackt, alle in Blautönen mit passenden Bändern.

 

Mongha und Nina verbringen eine schlimme Nacht. Gequält von vielen Fragen wälzen sie sich hin und her, finden kaum Schlaf. Was ist mit Nick geschehen? Was machen sie dort mit ihm? Schliesslich wird es doch noch Morgen. Eric kommt schon früh.

Er zeigt sich beunruhigt: „Was ist geschehen? Was hat Nick?"

Die Eltern wissen noch nichts. Sie wollen rasch einkaufen gehen und dann versuchen Nick zu finden. Wie es ihm wohl geht? Wo er wohl genau ist? Eric will mitkommen.

„Das ist lieb", meint Nina.

„Ja, das ist doch normal, für meinen kleinen Bruder", erklärt Eric unverbindlich lächelnd.


Sie brechen auf. Auf dem Weg zur Bushaltestelle läutet auf einmal Ninas Handy. Eine unbekannte Nummer. Nina nimmt ab. Doktor Moser stellt sich vor. Er sei von der universitären psychiatrischen Klinik. Ninas Sohn sei bei ihnen und werde noch überwacht. Er werde am Nachmittag zu den Kindern verlegt werden. Gestern Abend sei es zu spät gewesen. Er habe Haldol® erhalten. Nina kennt dieses alte, sehr wirksame Neuroleptikum gut, und sie hatte beruflich auch schon mit diesem Arzt zu tun. Doktor Moser scheint sie nicht zu erkennen. Nina ist erleichtert. Er stellt noch einige Fragen.

„Was könnte es sein", fragt Nina schliesslich.

Doktor Moser ist sich nicht sicher: „Vielleicht eine schizoaffektive Störung", meint er etwas ratlos.

Nina kann sich das nur schwer vorstellen. Diese eher seltene Störung ist gekennzeichnet durch schwere affektive und gleichzeitig vorhandene psychotische Symptome. Die Diagnose wird zu oft gestellt und sie passt hier nicht!

 

An der Busstation besprechen sich die drei. Was Nina immer noch quält, ist Nicks Cannabiskonsum von Ende Oktober. Sollte es doch in Richtung Psychose gehen? Eric denkt ja.

„Der war aber einmalig", entgegnet Nina.

„Vielleicht hat er ja doch mehr konsumiert", geht Eric sofort auf das Thema ein.

„Nick hat keine familiäre Belastung", entgegnet Nina.

Natürlich ist dies keine Garantie. Auf den damaligen Cannabiskonsum folgte ein richtiger „Bad Trip"! Also doch Psychose? Nein, nein! Nina wehrt sich gegen diesen Gedanken. Weshalb sollte Nick plötzlich eine Schizophrenie haben? Mongha hat keine Meinung, er ist einfach erschüttert.

 

Nachdem sie das nötigste eingekauft haben, gibt es etwas Kleines zum Mittagessen. Als der Weg ausgekundschaftet ist, ziehen die drei mit den öffentlichen Verkehrsmitteln los in die Klinik. Nina wäre jetzt nicht in der Lage mit dem Auto hinzufahren, sie ist zu aufgewühlt und hat kaum geschlafen. Ach, warum liegen psychiatrische Kliniken immer so dezentral, fragt sie sich einmal mehr. Früher sperrte man die psychisch Kranken möglichst weit weg von der Gesellschaft ein, wie die Leprakranken oder die Pestkranken. Ist das so viel besser geworden? Heute spricht man von gemeindenaher Psychiatrie, von Integration der psychisch Kranken in die Gesellschaft. Trotz der Fortschritte gibt es Ende 2008 noch ziemlich viel zu tun.

 

Der Weg ist lang, mit mehrmaligem Umsteigen, obwohl in Fluglinie gar nicht so weit. Endlich sind sie dort. Das Areal ist weitläufig. Wo ist Nick wohl? Sie kennen sich nicht aus. Nina war vor Jahren an einer Weiterbildung hier, doch seither wurde gebaut und umgebaut. Sie finden bald die Information-Aufnahme und fragen nach.

„Ja, er wurde gestern hier eingeliefert und hat die Nacht hier verbracht", werden sie informiert.

„Wo ist er?"

Die Frau am Schalter sieht nach. „Er ist noch hier, auf der Überwachung. Sie können dort läuten und fragen."

 

Die drei werden in einen Raum eingelassen. Durch eine Scheibe erblickt Eric seinen Bruder auf einer Liege im Nebenraum. Zur Überwachung ist er noch mit verschiedenen Apparaten verbunden. Das sieht seriös aus, denkt Nina zufrieden. Es gehe Nick inzwischen den Umständen entsprechend gut, werden sie informiert. Man habe ihm aber schliesslich Haldol® verabreichen müssen, vorher sei er nicht zu beruhigen gewesen. Nun werde er gleich ins Kriseninterventionszentrum (KIZ) der Kinder- und Jugendabteilung verlegt. Es sei hier auf dem Areal. Den drei wird nun Zugang zu Nick gewährt. Dieser freut sich über den Besuch, vor allem jenem des Bruders. Auch er scheint jedoch nicht zu verstehen, was gestern geschehen ist. Jetzt gehe es wieder gut, meint er erfreut. Ein Problem seien noch die Augen, die immer krampfartig nach oben hinten rollen. Das wird jetzt wohl das Haldol® sein, denkt Nina, welche die Nebenwirkung kennt. Eric geht forsch auf den kleinen Bruder zu, muntert ihn auf. Der ganze Spuk ist wie weggeblasen.

 

Nina erfährt erst Jahre später beim Lesen der Krankengeschichte ihres Sohnes, dass die Hospitalisierung offenbar nicht ganz so einfach abgelaufen ist, wie ihr Doktor Moser erzählt hat. So scheint Nick vom Regionalspital seines Wohnortes zwar tatsächlich an die Kinder- und Jugendabteilung der Universitätsklinik überwiesen worden zu sein und spät war es ohne Zweifel auch. Allerdings landete Nick nicht wegen der vorgerückten Zeit in der Erwachsenenpsychiatrie. In der Tat sei es sehr schwierig gewesen, Nick für den Transport zu beruhigen. Man habe ihm insgesamt 15 mg Dormicum®, ein potentes, rasch wirkendes Benzodiazepin, welches gerne zu Narkosezwecken verwendet wird, intravenös injiziert. So habe Nick schliesslich in die Hauptstadt verlegt werden können. Die geplante Zuweisung des nun somnolenten Nick in die Kinder- und Jugendpsychiatrie sei jedoch „aufgrund logistischer Probleme" nicht möglich gewesen. Nina entnimmt dem Bericht, dass die Trage, auf welcher Nick gebettet war, nicht durch die Türe des alten Hauses passte, worauf man ihn vorübergehend in die Erwachsenenpsychiatrie verlegt habe. Dort sei er in Begleitung zweier Sanitäter und eines Polizeibeamten in Handschellen(!) auf einer Trage eingetroffen.

 

Nina denkt an jenen Abend und ist bestürzt zu erfahren, was dieser Jugendliche, ihr Sohn, nach dem Verlassen der Wohnung noch alles erlebt hat. Was sie hingegen erleichtert ist die Bemerkung, dass das durchgeführte Drogenscreening positive Werte nur auf Benzodiazepine (also iatrogen oder ärztlich verordnet) ergab. Alle übrigen getesteten Substanzen hingegen, zeigten negative Resultate. Nick hatte also im Vorfeld zu seiner Dekompensation keine illegalen Drogen konsumiert. Sie hatte ihm zu Recht vertraut.

 


 


 

Vorerst aufgehoben
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4.  Vorerst aufgehoben
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Mutter Nina

Sohn Eric

Vater Mongha

 

Sowie:

Pflegefachmann Grosjean

Oberarzt Doktor Speer

Oberarzt Doktor Schafhirt

Assistenzärztin Frau Doktor Klotsche

 

Jetzt erscheint Pflegefachmann Grosjean, um Nick abzuholen und ins KIZ zu bringen. Eine Ambulanz wartet schon draussen. Den drei wird angeboten mitzufahren. Nach einer kurzen Fahrt hält der Wagen vor einem alten, etwas schäbig wirkenden grauen Haus mit Lauben im Erdgeschoss.



 

 

Sie sind angekommen. Nick steigt von der Bahre und wird hineinbegleitet. Er bekommt ein eigenes Zimmer im oberen Teil des Hauses. Gemütlich? Einigermassen und wenigstens halbwegs jugendgerecht eingerichtet. Reflexartig kontrolliert Nina die Fenster. Gut, die sind verriegelt. Die alte, steile Holztreppe gefällt ihr hingegen bedeutend weniger.

„Ein Sturz hier könnte böse Folgen haben", erklärt sie Mongha.

 

Gleich findet das Aufnahmegespräch statt. Assistenzärztin Dr. Klotsche und Dr. Speer, der zuständige Oberarzt stellen sich vor. Hier werde es nun um Stabilisierung und Abklärung gehen. Nina rechnet mit einem professionellen Vorgehen. Nicks Eltern müssen alles erzählen. Man werde das Haldol® wieder stoppen und Nick unter Zyprexa®, einem neueren Neuroleptikum stellen. Nina ist einverstanden, ist man doch noch völlig im Unklaren, woran Nick wirklich leidet.

 

Schweren Herzens lassen Mongha und Nina etwas später ihren Nick zurück. Eric zeigt weniger Mitgefühl. Er findet es spannend, etwas ganz Neues gesehen und erlebt zu haben. Die drei gehen den Weg zu Fuss zurück zur Aufnahme und weiter zur Bushaltestelle. Immer noch beschäftigt sie ein Thema: Was ist mit Nick geschehen?

Eric ist sich sicher: „Der hat gekifft und hat deswegen nun eine Schizophrenie.“

Erstaunlich diese Haltung, findet Nina, hat doch Eric in der Oberstufe selber immer wieder gekifft. Sie selber schliesst es zwar nicht aus, hat aber grosse Zweifel. Von Ende Oktober datiert der bekannte, laut Nick einmalige Konsum von einem oder wenigen Zügen eines Joints. Die Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie sind Nina hinlänglich bekannt. Je früher jemand mit Rauchen beginnt und je mehr geraucht wird, desto höher ist das Risiko. Auch haben Konsumenten ausgeprägtere psychotische Symptome, häufigere Rückfälle und neigen häufiger zur Chronifizierung. Der Beginn einer Schizophrenie ist aber meist nicht so akut, … ausser man interpretiert die Zeit im Sommer als Prodromalstadium, also als Frühphase mit unspezifischen Symptomen.

„Vielleicht hat er mehr", hakt Eric hartnäckig nach, „oder er hat noch anderes, schlimmeres konsumiert."

Das wäre Nina aufgefallen, oder doch nicht? Es ist für die Eltern schwer vorstellbar, dass Nick nach jenem furchtbaren Bad Trip von Ende Oktober nochmals gekifft haben könnte, und dies ohne jede Reaktion.

„Vielleicht hat er auch Pilze genommen", bleibt Eric hart auf seiner Linie.

Nina hat Mühe mit dieser Sichtweise und versteht den Eifer nicht, mit welchem Eric so voreingenommen über seinen jüngeren Bruder spricht. Endlich am Bahnhof angekommen, steigen sie in den Zug.

 

Erics grösste Sorge ist nun, wann sie Weihnachten feiern werden. Als ihm die Eltern mitteilen, dass sie nicht ohne Nick Weihnachten feiern wollen, zeigt er Verständnis. Er fährt direkt mit dem nächsten Zug weiter, während Nina und Mongha den Bus nach Hause nehmen. Daheim kommen ihnen die Tränen. Die Last der Trauer auf ihren Schultern ist so schwer zu tragen. Was ist denn nur mit Nick geschehen? Immer wieder denken sie an den gestrigen Abend. Wie wird das noch weitergehen? Sie werden in ihren Gedanken unterbrochen als Eric anruft, um zu melden, dass er inzwischen auch heimgekommen ist. Auch er zeigt sich nun betroffen über die Ereignisse, möchte aber möglichst bald abmachen, wann sie Weihnachten feiern werden. Als es dunkelt, schliesst Mongha die Storen. Nach einer Weile ruft er Nina in Nicks Zimmer. Noch immer liegen die Geschenke, welche Nick am Einpacken war, am Boden. Mongha hebt das Tuch, das er darüber gelegt hatte kurz auf. Die beiden starren auf die kunstfertig verpackten Geschenke. Die Tränen fliessen erneut. Warum nur das? Warum er, fragt sich Nina zum x-ten Mal, doch niemand gibt ihr eine Antwort. Nur ihr Kopf beginnt wieder zu brummen.

 

In den nächsten Tagen reisen Mongha und Nina mehrmals in die Klinik. Eric arbeitet und kann nicht mehr kommen. Nick geht es eher gut, doch kann er weiterhin nicht erklären, was geschehen ist.

 

Unter dem neu verabreichten Medikament entwickelt Nick den Appetit eines Löwen. Mit Pflegefachmann Grosjean kocht er Pferdesteaks, die er mit Genuss verzehrt. Nina macht sich für den gertenschlanken Nick vorerst keine Sorgen. Sie staunt hingegen, wie die Kinder in der Küche freien Zugang zu scharfen Messern haben. Ist das nicht fahrlässig? Zudem hört sie beiläufig, dass ein junger Messerstecher gerade hier weilt! Sie schüttelt den Kopf, beginnt an der Professionalität des Betriebs zu zweifeln.


Nun beginnt Nicks Gewicht plötzlich rasant zu steigen. Zunächst sind alle belustigt über diese Entwicklung, hatte Nick doch bisher eher die Statur einer Bohnenstange. Nick lacht auch noch, als er der Mama am Telefon verkündet, Pflegefachmann Grosjean habe ihm gesagt, er brauche neue, weitere Hosen. Das geht Nina nun aber entschieden zu weit. Sie kennt das verabreichte Medikament und hat in der Klinik und in der Sprechstunde viele dieser schizophrenen Patienten gesehen, die ein metabolisches Syndrom entwickelten, bei denen es also neben der Gewichtszunahme zu einem erhöhten Blutdruck, einem erhöhten Blutzucker und erhöhten Blutfetten kam. Sie beschliesst den zuständigen Arzt zu bitten, ein anderes Medikament einzusetzen. Es gibt ja inzwischen neuere, die weniger Nebenwirkungen verursachen und insbesondere weniger Einfluss auf das Gewicht haben. Doktor Schafhirt, der junge deutsche Stationsoberarzt zeigt Verständnis. Sie einigen sich auf Seroquel®, welches ein günstigeres Nebenwirkungsprofil hat.

 

Am 31.12.2008 wird Nick „in die bisherigen Verhältnisse entlassen", wie es jeweils in den Austrittsberichten geschrieben wird. Die Eltern holen ihn mit dem Auto ab. Wie mit Oberarzt Doktor Schafhirt vereinbart, wird Nina die Umstellung auf das neue Medikament daheim fortsetzen. Die ambulante Nachbetreuung werde von der Klinik organisiert. Die könnte noch zur Herausforderung werden, denkt Nina. Wird Nick mitkommen? Wird er sprechen?

Die Austrittsdiagnose lautet: Akute polymorphe psychotische Störung ohne Symptome einer Schizophrenie. Der entsprechende ICD-10 Code (gerade gültige Version der internationalen Klassifikation psychischer Störungen) lautet F23.0. Nachvollziehbar, meint Nina. Eine schlauere Diagnose hätte sie im Moment auch nicht. Wie alle anderen Diagnosen aus dieser Klassifikation der WHO hat sie aber verschiedene Kriterien zu erfüllen. Hier muss z.B. die Diagnose geändert werden, wenn die Symptome länger als drei Monate andauern. Nick wird aber noch viel länger weiterleiden, ohne dass die behandelnden Klinikärzte an ihrer Diagnose oder ihrer therapeutischen Vorgehensweise etwas ändern. Nick wird also auch weiterhin für eine psychotische Störung behandelt werden, mit wenig Erfolg und entgegen Ninas wachsendem Widerstand.

 

Nina ist mit der ersten Hospitalisation insgesamt zufrieden. Erst im Verlauf wird sich ihre Meinung sukzessive ändern, wenn sie den mangelnden Fachkenntnissen und dem Eigensinn der Behandler gegenübersteht, wenn Mongha und ihr immer wieder fehlender Respekt entgegengebracht wird und wenn die Eltern sehen, wie ihrem leidenden Sohn keine Hilfe zuteilwird.

 

Jahre später, beim Lesen des Dossiers ihres Sohnes, erkennt Nina, dass es in dieser Klinik nicht bei logistischen Problemen und medizinischen Mängeln geblieben ist. Nein, sie erkennt auch bedenkliche administrative Fehlleistungen. Zum Beispiel wurde Nick von Notarzt Doktor C. Schollwälder eingewiesen, der am Wohnort Nicks praktiziert. Dieser erhielt von der universitären psychiatrischen Klinik einen Austrittsbericht als Nick zu den Kindern verlegt wurde. Ob dies richtig ist, wird immer wieder diskutiert, kann aber von Nina nachvollzogen werden. Sein Name taucht dann richtigerweise nicht mehr in den neuen Unterlagen auf. Aus unerfindlichen Gründen wird jedoch neu ein Doktor M. Schönwälder in den Dokumenten genannt, ein Kinder- und Jugendmediziner, der in einer ganz anderen Gegend des Mittellandes praktiziert. Bei Doktor Schönwälder soll es sich um Nicks Hausarzt handeln, der Nick auch eingewiesen haben soll. Als Hausarzt erhielt er immer wieder medizinische Berichte über Nick, also über einen Patienten, den er nie behandelt, geschweige denn eingewiesen hatte und nicht kannte. Nina erstaunt, dass sie im Dossier kein Schreiben dieses Arztes entdecken kann, welches die Klinik auf diesen gravierenden Fehler hinweist. Nach Nicks Kinderarzt wurden die Eltern nie gefragt.

Wo bleiben denn hier Datenschutz und Arztgeheimnis?  Gesundheitsfachpersonen sind verpflichtet, das Berufs- oder Arztgeheimnis zu wahren. Sie müssen alle erhaltenen Informationen vertraulich behandeln. Grundsätzlich dürfen sie ohne Einwilligung keine Informationen an Dritte weitergeben. Die Rechtsprechung zum Arztgeheimnis ist sicher komplex, aber sehr wichtig. Man bedenke, dass eine Verletzung des Arztgeheimnisses strafrechtlich verfolgt werden kann.


 

Spurensuche in der Vergangenheit - Ein neues Familienmitglied
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5.  Spurensuche in der Vergangenheit - Ein neues Familienmitglied
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Hauptakteure:

Mutter Nina

Sohn Eric

Vater Mongha

Sohn Nick

 

Sowie:

Gotte Jane

  

Nach der Geburt von Eric im Frühjahr 1982 hatte Nina lange gebraucht, um überhaupt an die Option einer zweiten Schwangerschaft zu denken. Die neun Monate waren beschwerlich gewesen. Da war insbesondere die Situation mit ihren Eltern. Diese hatten ihr das Leben nicht leicht gemacht, da sie vom Vater des Kindes plötzlich nichts wissen wollten. Dann hatte sich Eric in seiner stürmischen Art zu früh gemeldet und noch nichts war geplant. Mongha lebte und arbeitete noch in der Romandie, Nina arbeitete als Assistenzärztin im Fachgebiet der Radiotherapie in der Hauptstadt. Es war ihre erste Stelle nach dem abgeschlossenem Medizin-Studium. Sie hatte noch keine Vorstellung, in welchem Bereich sie sich fortbilden sollte und beabsichtigte zuerst da und dort zu schnuppern. Sie hatte ihre hübsche kleine Wohnung in einem Vorort einer grossen Stadt der Nordwestschweiz behalten und ein Zimmer im Personalhaus des Spitals der Hauptstadt gemietet.


Nach der Geburt von Eric im Frühjahr 1982 hatte Nina lange gebraucht, um überhaupt an die Option einer zweiten Schwangerschaft zu denken. Die neun Monate waren beschwerlich gewesen. Da war insbesondere die Situation mit ihren Eltern. Diese hatten ihr das Leben nicht leicht gemacht, da sie vom Vater des Kindes plötzlich nichts wissen wollten. Dann hatte sich Eric in seiner stürmischen Art zu früh gemeldet und noch nichts war geplant. Mongha lebte und arbeitete noch in der Romandie, Nina arbeitete als Assistenzärztin im Fachgebiet der Radiotherapie in der Hauptstadt. Es war ihre erste Stelle nach dem abgeschlossenem Medizin-Studium. Sie hatte noch keine Vorstellung, in welchem Bereich sie sich fortbilden sollte und beabsichtigte zuerst da und dort zu schnuppern. Sie hatte ihre hübsche kleine Wohnung in einem Vorort einer grossen Stadt der Nordwestschweiz behalten und ein Zimmer im Personalhaus des Spitals der Hauptstadt gemietet.

 

Da Nina schon bald nach der Geburt in einer der grössten Schweizer Städte ihre neue Stelle in der toxikologischen Beratung antreten sollte, hatte sie in aller Eile eine Lösung für Eric finden müssen, damit auch während ihrer Nacht- und Wochenenddienste für ihn gesorgt wurde. Mongha blieb vorerst in der Westschweiz. Eric verspätete sich schliesslich und die Gynäkologin beschloss, die Geburt einzuleiten, erfolglos. Auf dem Heimweg stürzte Nina beim Aussteigen aus dem Trolleybus und brach sich den linken Vorderarm. Sie sorgte sich um Eric. Nach Versorgung der Fraktur mit einem Gips kehrte sie daher in die Klinik zurück. Entwarnung! Einen gehörigen Schreck musste der Kleine aber doch gehabt haben, denn Nina empfand ihn als ruhiger als vorher. Wenige Tage später wurde Eric per Kaiserschnitt entbunden. Ein richtiger Brocken von 4380 Gramm. Wie sich herausstellte, hatte er die Nabelschnur um das Bein gewickelt. Am harten Gipsarm der Mutter hatte er wenig Freude. Wie er den Sturz erlebt hatte, konnte er natürlich nicht erzählen.

Nina hatte angesichts der Situation organisiert, dass sie Eric nach Klinikaustritt direkt zur Pflegefamilie in ein Dorf der Nordwestschweiz nahe der Grenze zu Frankreich bringen konnte. Seine Gotte, eine Jugendfreundin Ninas, half ihr beim Transport. Dass er an der Zugreise keinen Spass hatte, zeigte Eric durch andauerndes Schreien. Nina reiste anschliessend zu Mongha in die Westschweiz, wo sie eine regelmässige Physiotherapie beginnen und sich von den Strapazen etwas erholen konnte.

 

Nina konnte, dank des Entgegenkommens des neuen Arbeitgebers, den geplanten Stellenantritt angesichts der verspäteten Geburt und des Armbruchs um einen Monat verschieben. Einen eigentlichen Schwangerschaftsurlaub gab es erst ab 2005. Bis dahin sah das eidgenössische Arbeitsgesetz für Frauen, welche in einem Beschäftigungsverhältnis standen, ein sechs- bis achtwöchiges Arbeitsverbot nach einer Geburt vor. Die ersten solchen Massnahmen wurden im Rahmen der ersten Fabrikgesetze in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlassen. Fünf Wochen nach Erics Geburt nahm Nina ihre Tätigkeit im neuen Fachgebiet auf. Sie pendelte dazu täglich von ihrer kleinen Wohnung in die Grossstadt.


Später war es die Entwicklung von Eric, die sie davor abschreckte, ein zweites Kind zu haben. Der Bub brachte sicher Leben und zahlreiche lustige Momente in die Beziehung. Z.B. war die Nahrungsaufnahme für ihn schon fast eine Leidenschaft. So versuchte er immer wieder, dem Papa sein Essen zu stibitzen, auch wenn es für sein Alter nicht geeignet war. Wollten die Eltern essen, nachdem sie ihn zum Schlafen gelegt hatten, weckte ihn der Geruch des Essens und «tap, tap, tap» erschien plötzlich ein halbwacher Eric in der Küche und verlangte zu essen. Suchte man Eric in Ninas kleiner Wohnung, so kniete er meist vor dem Kühlschrank und versuchte ihn mit aller Kraft zu öffnen.

 

Der Bub war aber nicht einfach. Er wurde mit der Zeit sogar sehr schwierig. So machte er eine ausgesprochen heftige und lange Trotzphase durch. Entgegen der Hoffnung seiner Eltern, wurde es auch nachher nicht besser. Eric entwickelte sich zu einem Meister der Triangulation und spielte gekonnt die Eltern gegeneinander aus. Nina erkannte es jeweils rasch und sie machte Mongha darauf aufmerksam, doch dieser tappte immer wieder in die Falle, was zu Streitigkeiten zwischen den Eltern führte. Mit der Zeit führte das Verhalten des Sohnes zu Spannungen mit den Pflegeeltern und später mit den Lehrerinnen, da Nina immer wieder versuchte Eric zu verstehen und zu verteidigen. Jahre später beklagten sich auch der Lehrmeister und die Eltern der Freundin über das Verhalten Erics bei Nina. Dafür hatten seine Eltern weniger Verständnis, Eric war nun alt genug, um für sein Verhalten einzustehen.

 

Schliesslich fand die kleine Familie eine grössere Wohnung in einer neuen Überbauung eines anderen Vorortes der grossen Stadt der Nordwestschweiz und Mongha gab seine Wohnung in der Westschweiz auf. Eric weigerte sich allerdings zuerst in die neue Wohnung zu kommen. Er werde kommen, sobald das Licht installiert sei.

Auf Drängen von Eric, der unbedingt einen kleinen Bruder haben wollte, beschlossen Nina und Mongha später, es nochmals zu wagen. Doch Nick liess zunächst auf sich warten. Als Nina, angesichts einer in Bälde in einer grösseren Stadt der Ostschweiz anzutretenden 70% Teilzeit-Stelle erklärte, nun sei es zu spät, der Versuch müsse abgebrochen werden, meldete "es" sich. Vorgesehen war, dass Nina für die Arbeit im Spital in einem Personalhaus hausen würde um dann die verlängerten Wochenenden daheim mit Eric und Mongha zu verbringen. Dienste hatte Nina nicht. Am neuen Ort könnte sie nach einer Wohnung Ausschau halten. Später würden Eric und Mongha in die Ostschweiz nachziehen. Wieder einmal verlief jedoch alles ganz anders als geplant, was viele Paare noch heute erleben, wenn Kinder und Beruf der Partner kombiniert werden sollen. Zu gesellschaftlichen Besserungen kam es zögerlich. Im Wissen, dass es nicht einfach sein werde, trat Nina ihre neue Stelle an. Schon bald begannen jedoch auch diesmal die typischen, durch die Schwangerschaft verursachten Beschwerden.

Zusammen lebten "es" und Nina dreieinhalb Tage pro Woche in der nebligen Stadt. Es war Herbst, bald wurde es Winter. Mongha war mit Eric weit weg. Die Abende waren oft lang und einsam. Nina versuchte mit "ihm" Kontakt aufzunehmen, sprach zu ihm, liess eine Musikdose spielen, die sie gekauft hatte. Wer war das Wesen? Ein Mädchen? Ein Bub?

 

Dann geschah es wieder, wie mit Eric. Eines Abends spürte Nina plötzlich das warme Blut fliessen. Rasch begab sie sich ins nahe gelegene Frauenspital, wo ihr gleich absolute Bettruhe verordnet wurde. Auch diesmal musste sie länger liegen. Mongha kam sie mit Eric im Spital besuchen. Dieser schien sich auf das kleine Geschwister zu freuen. Er hatte Zeichnungen mit der erweiterten Familie angefertigt, die er der Mama brachte.

Nach einiger Zeit durfte Nina wieder heim. Inzwischen wusste Sie aber, wer sie begleitete. Es war ein Bübchen. Sie hatte es im Ultraschall gesehen. Da gebe es keinen Zweifel, war Nina informiert worden. Der Name war schon bestimmt. Es war Nick, der sich auf die grosse weite Welt vorbereitete. Ninas Freundin Jane holte sie mit Mongha mit dem Auto ab. Nina bot ihr an, Gotte des Kleinen zu werden, was sie freudig annahm.


Später konnte Nina die Arbeit wieder aufnehmen. Die Zeit bis zur Geburt war nicht mehr lang, Nina nutze sie aber voll aus, um Eric auf die Ankunft des kleinen Bruders vorzubereiten. Sie hatte sogar ein SJW-Heftchen zu diesem Thema gefunden, aus welchem sie Eric abends regelmässig vorlas. «Ein Besuch aus der Zukunft» war der Titel des feinfühlig von Otto Steiger geschriebenen Textes. Nina beantwortete dabei auftretende Fragen.

 

 

Nach einer längeren Hitzeperiode zu Beginn des Sommers 1992, Nina hatte inzwischen ihre Stelle gekündigt und war wieder daheim bei Eric und Mongha, meldete sich Nick, auch er mit Verspätung. Es war ein strahlender Sommertag, es war warm, der Himmel tiefblau. Jetzt wollte Nick die Welt entdecken. Wem gehörten wohl diese Stimmen, die er immer wieder vernommen hatte? Die letzten, heissen Tage waren für Nina beschwerlich gewesen. Jane, Nicks zukünftige Gotte, fuhr die beiden in die Klinik.

Alles war bereit, doch die Geburt wollte nicht so recht in Gang kommen. Als der Arzt Nicks Herz zwischendurch kontrollierte, erkannte er, dass die Geburt für den Kleinen zu belastend sein würde und entschied sich kurzfristig, ihn durch Kaiserschnitt zu entbinden. Später erklärte er, dass Nick seinen Kopf quer in den Geburtskanal eingeführt hatte und ohne Hilfe nicht weiterkommen wäre. Na, das hatte ja gut begonnen! Hauptsache aber, Nick war gesund. Er war mit seinen 4120 Gramm nur wenig leichter, aber länger und somit schlanker als sein Bruder. Nina verbrachte mit Nick einige ruhige gemeinsame Tage in der Klinik. Die beiden kamen sich sehr nahe. Immer wieder schauten sie sich tief in die Augen. Nina hatte den Eindruck, als wolle Nick ihr Bild verinnerlichen. Die Pflegerinnen waren begeistert, wenn Nick sie ernst und forschend anschaute. Sie waren sich dies von einem Neugeborenen nicht gewohnt.

 

Hier nannte Nina Nick erstmals ihren Sonnenschein, was er über Jahre bleiben sollte. Sie nahm ihn aber auch als zartes, feinfühliges Wesen wahr und versprach ihm, dass sie all ihr Möglichstes tun werde, um ihn zu beschützen und schwere belastende Lebensereignisse von ihm abzuwenden. Sie ahnte nicht, dass sie die lauernden Gefahren falsch einschätzen würde und ihr dies daher trotz grossem Einsatz nur ungenügend gelingen würde.


Das Versprechen war die Folge der Ereignisse um den Belgier Sexualstraftäter Marc Dutroux. Dieser war im Februar 1986 wegen Entführung und Missbrauch von fünf jugendlichen Mädchen verhaftet worden. Im April 1989 wurde er zu 13 Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt und 1992 begnadigt. Seine eigene Mutter hatte sich in einem Brief an den Zuchthausdirektor dagegen ausgesprochen.

Nina hatte die Ereignisse genau verfolgt. Als Dutroux 1992 frei wurde, war sie bestürzt. Sie realisierte, dass sie viel zu wenig auf Erics Sicherheit geachtet hatte und beschloss, diesen Fehler kein zweites Mal zu machen. Dutroux wurde bereits im Juni 1995 rückfällig. In der Folge entstand die Protestbewegung Marche Blanche oder Weißer Marsch, welche zum Kampf gegen die Pädophilie aufrief. Nina plante an einer solchen Kundgebung teilzunehmen, sollte sie in ihrer Stadt organisiert werden, was aber nicht geschah.

 

Obwohl Nina Eric eingehend auf die neue Familienkonstellation vorbereitet hatte, war der erste Kontakt zwischen den beiden Brüdern befremdend. Eric betrachtete das Baby, welches ihn forschend anschaute, als fragte er sich, ob es wirklich richtig gewesen war, sich einen kleinen Bruder zu wünschen. Würde er jemals mit diesem Wesen da auf seinem Schoss spielen können, wie er es sich so sehnlichst gewünscht hatte? Würde es nicht eher zur Konkurrenz werden? Nina erkannte, dass die Situation zur Herausforderung werden könnte und beschloss darauf zu achten.

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Ein allerliebstes Baby
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6.  Spurensuche in der Vergangenheit - Ein allerliebstes Baby
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Hauptakteure:

Sohn Eric

Sohn Nick

Mutter Nina

Vater Mongha

 

Sowie:

Nachbarin Andrea

Kinderarzt Doktor Würmli

Gotte Jane

Janes Tochter Bettina

 

Nina hatte nach Nicks Geburt gerade keine neue Stelle in Aussicht. Sie konnte sich daher um die beiden Söhne kümmern und neu mit der Stellensuche beginnen. Die wogende Gefühlswelt von Eric konnte sie sehr wohl verstehen und tat daher alles, um ihn nicht eifersüchtig werden zu lassen. Sie bezog ihn ein, schenkte ihm Vertrauen und achtete darauf, dass auch er die Mutter manchmal ganz für sich allein hatte. Trotzdem wurde es schwierig. Es wurde sogar immer schlimmer. Eric machte alles, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter vom kleinen Bruder weg und auf sich zu lenken. Nina entging es nicht, wie Eric jeweils die Situation beobachtete und dann gezielt und mit boshaftem Blick seine Unartigkeiten ausführte. Sie waren gegen den direkten Konkurrenten Nick, aber auch gegen die Mutter als Urheberin des erlebten Verlustes seiner Vorzugsstellung gerichtet. Vater Mongha blieb hingegen verschont. Er wurde höchstens als Rückhalt gegen die Mutter genutzt. Nach getaner Missetat wandte sich Eric mit Unschuldsmiene ab oder grinste hämisch.

Da stolperte Nina mit einer ofenheissen Glasplatte in den Händen über einen Fuss, der unvermittelt unter dem Esstisch hervorschoss, wobei sie ein böser, lauernder Blick traf. Sie schimpfte heftig, hatte sie doch nur knapp einen Sturz verhindert und die Glasplatte nicht fallengelassen.

Eric schaute seinen Vater mit unschuldiger Mine an: „Warum schimpft Mama jetzt?"

Mongha, der nichts gesehen hatte, wusste es auch nicht, und Eric nutzte die Gelegenheit: „Sie ist doch selber gestolpert, sie ist zu nahe am Tisch vorbeigekommen!"

Ja, das tönte überzeugend. Mongha glaubte dem Sohn und machte der Mutter Vorwürfe wegen der behaupteten falschen Anschuldigung. Nina war entmutigt, es war immer wieder das gleiche Szenario. Mongha wurde so geschickt manipuliert, dass er kaum je etwas bemerkte.

 

Kritisch wurde aber vor allem das Wickeln. Eric hatte bald herausgefunden, wie wichtig dieser Moment für Nick und Nina war. Nina hatte ihm erklärt, dass sein kleiner Bruder vom Wickeltisch stürzen könnte, wenn sie sich nicht auf ihn konzentrieren könne. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, schwärmte Eric um die beiden herum wie eine Wespe und versuchte mit allen Mitteln, Nina abzulenken. Dabei zögerte er nicht, der Mutter Dinge wegzunehmen, welche sie benötigte oder sie auf den Boden zu werfen. Manchmal stellte er in einer gewissen Entfernung etwas an, und zwar so, dass es Nina sehen konnte, wohl in der Hoffnung, dass sie Nick alleine auf dem Wickeltisch zurücklassen würde. Oder er kam mit hinterlistigem Lächeln auf den kleinen Bruder zu und ärgerte ihn, bis er zu weinen begann. Wenn er es allzu bunt trieb, schloss sich Nina mit Nick im Badezimmer ein, um ihn frisch zu wickeln. Doch auch das verschaffte den beiden nicht die notwendige Ruhe. Draussen ging der Terror weiter. Wenn Nina nach dem Wickeln aus dem Badezimmer trat, gab es oft böse Überraschungen. Da war z.B. ihre Handtasche ausgeleert worden und sie musste deren Inhalt in der ganzen Wohnung zusammensuchen. Oft versuchte Eric, Nina mit ganzer Kraft am Schliessen der Badezimmertür zu hindern. So wurde diese einmal sogar aus den Angeln gehoben. Nick wirkte in solchen Situationen jeweils sehr verunsichert. Er schien die Gefahr zu spüren und blieb ganz ruhig liegen. Ängstlich suchte er immer wieder den Blickkontakt zur Mutter, was ihm etwas Sicherheit gab. Er war und blieb aber ein Sonnenschein und hatte den älteren Bruder trotz allem lieb.

 

Als Baby schrie Nick immer, wenn Nina mit ihm ein grösseres Geschäft betrat. Insbesondere die kalten Lebensmittelgeschäfte mit ihrem grellen Licht lösten lautes Schreien aus. Nick war nicht zu beruhigen, oft bis sie wieder draussen waren. Das Einkaufen wurde zum Orientierungslauf, in welchem Nina versuchte in der Eile keinen Posten zu vergessen.

Als sie einmal mit dem schreienden Nick vor dem Gemüseangebot des kleinen Supermarktes im Quartier stand, näherte sich ihnen eine ältere Frau. Sie schaute missbilligend in den Kinderwagen und murrte:

„Unglaublich! Unmöglich so ein Geschrei. Das hört man ja im ganzen Laden."

Und Nina, die sich für solche Auftritte immer schämte, antwortete:

„Es ist so wie es ist. Haben Sie denn nie geschrien, als Sie ein Bébé waren?"

Die Frau schaute Nina und den Kinderwagen böse an, drehte sich um und verschwand schimpfend zwischen den Regalen.

 

Die frühkindliche Entwicklung von Nick verlief grösstenteils nach Lehrbuch. Auffällig war allerdings ein ausserordentlich frühes Erkennen seines engeren Umfelds. Als Nina an einem schönen Sommermorgen ihren inzwischen eineinhalb Monate alten Sohn sachte in den Kinderwagen legte und spazieren gehen wollte, begegnete sie vor dem Haus Andrea, einer guten Kollegin aus der Nachbarschaft. Wie gewohnt schaute diese in den Kinderwagen und begann, sich mit Nick zu beschäftigen. Ein lauter Schrei ertönte aus dem Kinderwagen. Andrea schreckte zurück, staunte Nina an. Da sich die Situation sofort wieder beruhigte, neigte sie sich nochmals zu Nick. Erneut ein lautes Schreien! Wieder schreckte Andrea zurück.

„Du, der fremdet ja schon", meinte sie zu der verdutzten Nina.

„Meinst du?", antwortete diese perplex, „Jetzt schon? Er hat bisher noch nie."

Andrea hatte keine Zweifel. Und in der Tat, solche Szenen häuften sich nun und lösten überall Überraschung aus. Andrea schaffte es aber, dass Nick sich mit der Zeit an sie gewöhnte. Ihr einladendes „Coucou" mit ihrer tiefen rauen Stimme erregte seine Neugier und nach und nach liess Nick sie immer näher heran. Er kannte sie nun, und schliesslich gab er ihr einen Namen: Coucou. Andrea strahlte, wenn Nick später schon von weitem rief: „Coucou! Coucou!"

 

Da Nick inzwischen bei jeder Unbekannten Person, die ihm zu nahe kam heftig reagierte, warnte Nina Kinderarzt Doktor Würmli, als sie mit Nick zur nächsten Kontrolle erschien. Dieser schaute sie belustigt an und erklärte ihr, dass Nick dazu noch deutlich zu jung sei. Er ging freundlich auf Nick zu … und wurde prompt angeschrien. Er wich zurück und schaute Nina etwas irritiert an. Diese reagierte mit einem Schulterzucken und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Pädiater wandte sich wieder Nick zu, begann mit ihm zu sprechen und näherte sich diesmal vorsichtiger. Nick beobachtete ihn genau. Kaum hatte der Arzt die kritische Distanz erreicht, gellte ein lauter Schrei durch den Raum.

Doktor Würmli richtete sich wieder auf, wandte sich Nina zu und meinte: „Unglaublich! Es gibt nichts, dass es nicht gibt."

Dieses Verhalten verschwand im üblichen Alter.

 

Auch in anderen Bereichen der kindlichen Entwicklung hatte Nick gegenüber Gleichaltrigen einen Entwicklungsvorsprung. So war er sehr frühzeitig in der Lage, seinen Kopf aus der Bauchlage zu heben und zu drehen. Etwas später übte er fleissig den Positionswechsel vom Bauch auf den Rücken und umgekehrt. Nina schaute nach und war verblüfft. Dieser Fortschritt gehörte noch länger nicht zu den erwarteten Leistungen.

 

Nach einiger Zeit versuchte Nina, wöchentlich mit ihrer Freundin Jane im örtlichen Verein turnen zu gehen. Angesichts der unregelmässigen Arbeitszeiten Monghas war deren Tochter Bettina bereit, gegen ein Taschengeld das Babysitting zu übernehmen. Schon bald musste Nina aber feststellen, dass das nicht lange möglich sein würde. Eric, der ihr vorher versichert hatte, dass er das Babysitting auch gratis übernehmen könne, setzte alles daran, ein Scheitern zu bewirken. Die arme Bettina wurde buchstäblich gemobbt. Sie beklagte sich schliesslich bei ihrer Mutter, welche dann auf Nina zukam. Die beiden Freundinnen kamen überein, den Versuch abzubrechen. Eric kam nun freudestrahlend auf seine Mutter zu: jetzt könne er ja das Babysitting übernehmen. Nina war enttäuscht. Sie konnte nur noch turnen gehen, wenn Mongha abends nicht arbeitete.

 

Das Umstellen des Essens verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Die meisten im Handel angebotenen Breie mochte Nick nicht. Da Nina daheim war, versuchte sie Breie und Frischkost zu kombinieren. Nick war allerdings wählerisch. Er mochte keine Bananen. Fleisch war schwierig einzuführen. Von Schokolade wollte er gar nichts wissen, ausser von der weissen.

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle I
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7.  Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle I
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Hauptakteure:

Sohn Eric

Sohn Nick

Mutter Nina

Vater Mongha

 

Nick war ein liebenswertes Kerlchen und entwickelte sich zur Freude seiner Eltern weiterhin sehr gut. Allerdings stellten die Eltern mit der Zeit auch einige Ungereimtheiten fest, für die sie keine Erklärung fanden.

So benötigte Nick mehr und mehr Zeit, um seinen Schoppen leer zu trinken. Er schien zwischendurch einzuschlafen. Aber war es wirklich Schlaf? Die Augen waren halb geschlossen und die Augäpfel offensichtlich nach oben gerollt. Nina sah nur einen weissen Streifen. Dabei hing Nick schlaff in ihrem Arm. Mongha beobachtete dasselbe und war ebenso ratlos. Mit wem hätte sich Nina darüber austauschen können? Die Eltern gingen davon aus, dass der Kinderarzt kaum weiterhelfen könnte. Und sonst?

Jahre später, nach dem dramatischen Ausbruch von Nicks psychischer Störung, macht sich Nina schwere Vorwürfe, dass sie damals etwas Wichtiges verpasst hatte. Beobachten die Eltern im Rahmen der dissoziativen Anfälle nicht immer wieder diese halb verschlossenen Augen, diesen weissen Streifen? Nina weiss aber, dass ihr damals, zumindest in der Schweiz, kaum jemand hätte helfen können, respektive sie jene wenigen Spezialisten, welche vielleicht Nicks Problem hätten erkennen und verstehen können, damals nie gefunden hätte.

Wenn Nina zu singen begann, bewegte sich Nick wieder etwas und nahm etwas Flüssigkeit auf. Die Augen blieben halb geschlossen. Hörte sie zu singen auf, trank Nick nicht mehr. Bis der Schoppen leer getrunken war, war Ninas Stimme heiser. Auch Mongha erging es ähnlich, wenn er sie ablösen wollte.

 

Später begann Nick auch zum Einschlafen immer mehr Zeit zu benötigen. Nina nutzte auch hier ihre Stimmbänder ab. Mongha versuchte es mit Erzählen von afrikanischen Geschichten. Uh, waren die spannend. Dieses freie Erzählen beherrschte Nina nicht. Sie begnügte sich mit Singen und Vorlesen. Versuchten die Eltern aufzustehen und den Raum zu verlassen, war Nick sofort wieder hellwach. Müde nickte Nina manchmal selber ein und erwachte, wenn sie vom Stuhl zu fallen drohte. Die Eltern dachten zunächst an Bauchkrämpfe, … weil Säuglinge eben Bauchschmerzen haben sollen. Doch war dies wirklich die Ursache? Nina verabreichte ihrem Sohn Fencheltee. Da es nicht bessern wollte, schlug Mongha schliesslich vor, Nicks Bettchen ins Elternzimmer zu verlegen, was Nina ganz und gar nicht begeisterte. Sie suchte nach allen erdenklichen Einwänden, doch für Mongha war die Sache klar. Nick könne nicht einschlafen, also müsse eine Lösung gefunden werden. Wenn Nina stundenlang neben Nicks Bettchen sitzen wolle, dann könne sie es ja tun. Sie war schliesslich bereit, einen Versuch zu wagen. Nicks Bettchen wurde ins Elternzimmer gerollt, … und siehe da, Nick lauschte, wenn Nina oder Mongha ein Lied sangen oder eine Geschichte erzählten und schlief bald tief und ruhig ein. Er erwachte auch nicht, wenn die Eltern das Zimmer vorübergehend verliessen. Sein Bettchen blieb länger im Elternzimmer. Bauchkrämpfe oder nicht? Sehr unwahrscheinlich, denkt Nina heute. Was aber sonst? Hatte Nick Angst? Aber wovor? Angst vor wem? Was geschah in seinem Zimmer, nachdem die Eltern es verlassen hatten? Im Nachbarzimmer spielte Eric oder machte seine Hausaufgaben. Könnte er wissen, weshalb Nick nicht schlafen konnte? Inzwischen sieht Nina hier den Schlüssel zu Nicks gesundheitlichen Problemen. Ihre Sichtweise wird durch zahlreiche spätere Beobachtungen aber auch wissenschaftliche Artikel gestützt.

 

Bald wurde Nick grösser und war über längere Perioden wach. Nina hatte sich eingerichtet. Sie hatte einen Babyliegestuhl erstanden und konnte Nick so immer wieder zu sich nehmen, wenn sie beschäftigt war. Nick schaute ihr interessiert zu, übte sich, verschiedene Laute auszustossen, lachte ihr zu. Sie hatten es schön zusammen. Später lernte Nick spielerisch Dinge und Farben zu benennen und schliesslich die ersten Buchstaben zu erkennen. Bereits mit dreieinhalb Jahren erkannte er alle Buchstaben des Alphabetes. Als versucht wurde, ihm ganze Silben vorzulegen brach er das Lernen sehr plötzlich dezidiert ab. Die Eltern insistierten nicht, das Lernen sollte ja ein mit Freude verbundenes Entdecken bleiben.

 

Seltsam mutete Nicks sehr frühes Interesse für Fotos von Frauen in Unterwäsche an, welches später wieder abklang.

«Schön, schön», meinte er strahlend und zeigte auf die Bilder.

Nina schüttelte den Kopf. Hatte etwa Eric mit ihm solche Bilder betrachtet. Sie verzichtete darauf, ihren älteren Sohn zu fragen, er gestand ohnehin nie etwas.


Wenn er mit den Aufgaben fertig war, holte Eric den kleinen Bruder öfters zum Spielen. Eric ging es dabei offensichtlich weniger um ein Spielen zusammen mit dem jüngeren Bruder, als um ein Spielen mit dem Spielzeug Nick, wobei die Situation immer wieder dazu missbraucht wurde, das Brüderchen zu plagen. Nina war es bewusst und sie war ständig auf der Hut. So hatte sie Eric verboten, die Türe seines Zimmers zu schliessen, wenn Nick bei ihm war. Sie wusste aber genau, dass er die Türe trotzdem immer wieder schloss. Nina lauschte nach jedem ungewohnten Geräusch und jedem Weinen. Zudem kontrollierte sie immer wieder, was die beiden machten, respektive was Eric mit seinem kleinen Bruder machte. Trotzdem kam es mehrfach zu gefährlichen Situationen.

 

Ein Ereignis wird Nina kaum je vergessen. Als sie die, natürlich verschlossene, Türe von Erics Zimmer öffnete, kniete Eric gerade auf seinem Bett und drückte mit aller Kraft auf sein Kissen. Nina verschlug es den Atem. Unten schauten zwei weisse Söckchen und die Rippenbündchen einer dunkelblauen Manchesterhose hervor, rechts und links zwei Händchen und die Rippenbündchen eines roten Pullovers. Nina reagierte rasch. Sie packte Eric mit der linken Hand am Nacken und schleuderte ihn weg. Mit der rechten Hand riss sie das Kissen hoch. Sie hörte Eric in den Schrank krachen, widmete sich aber sofort dem noch nicht einjährigen Nick, der reglos mit offenen Augen dalag. Er reagierte nicht, als das Kissen weg war, er weinte nicht einmal. Nina hob ihn sachte hoch. Jetzt begann Nick nach Luft zu ringen. Sein kleiner Körper war steif. Dann begann er alle vier Extremitäten wie ein Hampelmann zu bewegen. Dabei starrte er seine Mutter an. Nein, er starrte an ihr vorbei. Nina wusste nicht, ob er sie überhaupt wahrnahm. Eric, der sich inzwischen den beiden genähert hatte, schaute die Mutter wütend an.

Als diese ihn zur Rede stellte meinte er: „Wir spielen doch nur Ringkampf!"

 

Ob ein solches Verhalten eines knapp 11-jährigen Buben als erschreckende Bösartigkeit oder als grenzenlose Dummheit zu beurteilen ist, will Nina nicht beurteilen. Oder war es ein boshaftes Handeln, bei dem die Folgen nicht zu Ende gedacht wurden? Immerhin können Kinder in der Schweiz bereits ab dem 10. Geburtstag für eine Straftat bestraft werden. Rückblickend sieht Nina das Ereignis als Teil der Gesamtsituation, im Kontext verschiedenster, wiederholter Missetaten und deren entstandenen anhaltenden, schweren Folgeschäden. Ob ein Jurist Eric damals als schuldfähig betrachtet hätte? Weshalb hätte er es nicht sein sollen? Besass Eric genügend Einsichtsfähigkeit, also Fähigkeit, das Unrecht seiner Tat einzusehen? Eigentlich sprach nichts dagegen.

Nick brauchte länger, bis sich sein Körper lockerte und er endlich leise weinen konnte. Erst viele Jahre später, als Nick schon unter einer der schwersten Traumafolgestörungen litt, realisierte Nina, dass ihr jüngerer Sohn damals eine seiner frühen, schwersten Trauma-Erfahrungen mit Todesangst gemacht hatte, unter welcher er dissoziiert hatte.

 

Der Begriff der Dissoziation als „Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins“ wurde bereits durch eine 1889 erschienene Arbeit des französischen Psychiaters Pierre Janet (1859–1947) geprägt. In der von der WHO 1992 herausgegebenen internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) werden schwere dissoziative Störungen noch als selten bezeichnet. Frank Putnam beschrieb Dissoziation dann 1997 als einen komplexen psychischen Prozess, der in äußerster Not (existenzielle Angst) im Gehirn einsetzt und mit einer Störung in den normalen integrativen Funktionen der Identität, des Gedächtnisses und des Bewusstseins verbunden ist. Dissoziation ermöglicht es dem Betroffenen, extreme Belastungssituationen erträglich zu machen, indem er sich wie von aussen wahrnimmt, sich also aus der Dritte-Person-Perspektive beobachtet und erlebt, und damit eine Distanz zum Trauma schafft.

Die Störungen wurden In die neueste Klassifikation der WHO übernommen. Trotzdem werden sie allgemein und insbesondere ihre schwerste Form, die DIS (Dissoziative Identitätsstörung) bis heute von den Medien, von Juristen und selbst von Ärzten immer wieder kontrovers diskutiert. Im Übrigen sind bis heute viele Psychiater und erst recht viele Kinderpsychiater aufgrund mangelnder Ausbildung nicht in der Lage, eine DIS zu erkennen, geschweige denn zu behandeln.

Dies bestätigt die auf Diagnose und Behandlung komplexer Traumafolgestörungen und dissoziativer Störungen spezialisierte klinische Psychologin Suzette Boon in ihrem neuesten Buch (Die Diagnostik traumabedingter Dissoziation, Junfermann Verlag, 2025) einmal mehr.

„Die meisten klinischen Psychologen und Psychiater werden in ihrer praktischen Ausbildung nicht hinreichend darin geschult, dissoziative Phänomene und Störungen zu erkennen und zu behandeln", schreibt sie.

Die Chancen auf eine frühe Diagnose und damit auf eine frühe Behandlung sind damit bis heute limitiert und waren es in den frühen 90er Jahren erst recht.

 

Wie zahlreiche andere Kleinkinder hat Nick damals erhebliche Traumata still erlebt und mit deren Last überlebt. Er ist ein Survivor, ein Überlebender. Eine eigentliche Hilfe wurde diesen Opfern in der Schweiz noch lange nicht angeboten.

Erst 2024 zeigte zudem eine Studie von Snyder B.L. et al. die negativen Auswirkungen falscher Medienberichte auf die Behandlung von DIS-Betroffenen auf. Auch Snyder et al. erkannten, dass viele Behandler keine ausreichende Ausbildung in der Thematik der Dissoziation haben und sich auf Medienberichte stützen. Noch heute müssen Betroffene leiden, weil Behandler die Existenz von DIS und ihren Zusammenhang mit Kindheitsmisshandlungen und insbesondere mit sexuellem Missbrauch anzweifeln. Die durch die Medien verbreiteten Mythen und Stigmata lösen zudem tiefe Scham, Selbsthass und Angst bei den Betroffenen aus.

 

Nick tolerierte ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr, dass Nina ihn beim Wickeln reinigte. Er schrie nicht, zeigte aber ein deutliches Unbehagen und versuchte ihre Hände wegzustossen. Mit der Zeit kam es zu einer beginnenden Phimose. Angesichts der Verweigerung der Intimpflege wurde am 17.10.1995 eine Operation durchgeführt. Abends brachte ihn Nina wieder nach Hause. Erinnerungen an die postoperative Phase blieben lange erhalten. So entfernte eine Erzieherin im „Tagi" (Tagesstätte) die verklebten Windeln einmal ungeschickt, was sehr schmerzhaft war. Vom Zwischenfall erzählte Nick der Mutter noch jahrelang.

Die Betreuerin habe sich entschuldigt und gesagt: „Dumme Claudia!"

 

Zurück daheim
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8.  Zurück daheim
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Hauptakteure

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

 

An Silvester 2008 sind Nick und seine Eltern zunächst erleichtert, zusammen heimwärts zu fahren, wenn auch Nina etwas unsicher ist. Schliesslich weiss sie noch immer nicht, was mit Nick los ist und weshalb es zu dieser akuten Krise gekommen ist. Wird jetzt alles wieder gut werden? Wird Nick endlich sprechen?

Es schneit. Grosse, schwere Flocken fallen wie Wattebäusche vom Himmel. Eine Landschaft wie auf einer Weihnachtskarte. Daheim befreit Nick das Auto vom Schnee, bevor Nina es in die Garage fährt. Er hilft beim Ausladen. Abends isst er gut. Nach dem Essen spielt Nick noch mit den Eltern. Dann nimmt er seine Abend-Medikamente ein. Er klagt über Drehschwindel und einen „Flash". Da sie unsicher ist, wie stabil er ist, fragt Nina nicht nach Details. Nick schläft nach Mitternacht rasch ein. Die Eltern sind erleichtert, die Rückkehr nach Hause ist gut verlaufen.

 

Am ersten Tag des neuen Jahres erwacht Nick um ca. 09.30 Uhr. Er wirkt traurig und klagt über Energielosigkeit. Nach den Morgen-Tabletten berichtet er über einen leichten Drehschwindel. Sein Zustand bessert sich langsam. Gegen 14.00 Uhr scheint alles wieder gut. Nachmittags spielt er mit den Eltern Uno. Sie lachen alle. Nick ist vif und sehr präsent. Abends erscheint er jedoch wieder müde und isst nur wenig. Er nimmt noch ein Bad und geht ins Bett.

Da kommt es plötzlich zu einer deutlichen Verschlechterung. Nick klagt über Drehschwindel, Ängste und Schwerelosigkeit. Es sei wie nach dem Cannabis, welches er im Herbst einmalig geraucht hatte. Er verkennt Mutter Nina. Er beginnt rasch und schwer zu atmen. Dann wird sein Blick starr, die Augen rollen nach oben. Nick ist nicht mehr ansprechbar. Nina möchte ihrem Sohn helfen und gibt ihm eine Schmelztablette Temesta® (ein Benzodiazepin), welches in Reserve zur Verfügung steht. Sie hofft ihn dadurch rascher entspannen zu können. Nach etwa einer Viertelstunde wünscht Nick zu trinken. Nina bringt ihm etwas, dann legt sich Nick wieder hin. Er beginnt zu zittern, zuckt immer wieder zusammen. Nach etwa 10 Minuten dreht er sich zu den Eltern und fragt, was sie hier machen. Die Krise ist überstanden. Offensichtlich ist Nick in diesem Moment nicht bewusst, was geschehen ist. Er schläft innert weniger Minuten ein, die Eltern ziehen sich zurück.


Am nächsten Morgen erleben die Eltern Nick noch als verlangsamt. Erneut klagt er über Energielosigkeit und einen leichten Drehschwindel. Im Laufe des Tages bessert sich sein Zustand, Nick und seine Eltern verbringen am Nachmittag einige Zeit wieder mit Familienspielen. Nick freut sich über seinen Sieg. Nach dem Abendessen schaut er ein wenig fern und geht ohne Zwischenfall zu Bett.

 

Es ist der 03.01.2009. Nick erwacht gegen 09 Uhr. Man merkt ihm kaum etwas an. Er organisiert ein Treffen mit seinem albanischen Kollegen Valon. Zu Mittag isst er eine Kleinigkeit. Um 13.30 Uhr ist er in der Stadt mit Valon verabredet. Um 16.20 Uhr ist er wieder daheim. Er wirkt ruhig und unauffällig. Beim Abendessen hat Nick keinen Appetit. Er habe unterwegs etwas gegessen, erklärt er. Um 19.00 Uhr beginnt Nick zu klagen, dass alles um ihn herum wackelt, er fühle sich federleicht. Die Angst wächst. Nick hört sein Herz klopfen. Das hat wahrlich nichts mit einer Psychose zu tun, denkt Nina. Sie gibt Nick seine Abenddosis Medikamente und eine Temesta® Reserve. Trotzdem beginnt Nick zu zittern. Er fällt in einen stuporösen Zustand, zittert intermittierend am ganzen Körper. Nina gelingt es nicht mehr, den Kontakt zu ihrem Sohn aufrecht zu halten. Nach einiger Zeit kommt es zu einer langsamen Entspannung. Nick klagt über Durst. Der Ablauf ist jeweils ähnlich, beobachten Nina und Mongha. Als Nick auf die Toilette will, stellt er fest, dass er nicht mehr stehen kann. Lähmungserscheinungen, notiert sich Nina! Die sind neu. Schliesslich macht sich Nick auf allen Vieren auf den Weg. Dieser Zustand dauert nicht an. Nick kommt normal gehend zurück in die Stube und sieht fern.

Später klagt Nick über Übelkeit. Er geht ins Badezimmer, legt den Kopf auf den Rand des Lavabos und meint zu Mutter Nina, welche ihn begleitet hat: "Eine Frage: was macht das Leben lebenswert?"

Nina erschrickt. Der Bub ist 16-jährig. Sie findet keine Antwort.

Nach einer kurzen Pause fügt Nick noch hinzu: „Das Leben ist viel zu lang."

Es dauert doch erst seit 16 Jahren!

Gegen 22 Uhr geht Nick zu Bett. Er trauert der verpassten Weihnacht nach. Nina versucht. mit ihm kurzfristige Ziele festzulegen und versichert ihm, dass sie das Weihnachtsfest nachholen werden.


Der 04.01.2009 bricht an. Was steht der Familie wohl heute bevor? Nina weckt Nick um 09 Uhr. Er ist heute rasch munter, erzählt seinen Traum. Er sei in der Migros am Auffüllen von Gemüse in die Regale gewesen. Plötzlich sei alles auf ihn gefallen und er sei erwacht. Nick spielt einen Streich mit einem falschen Joint, den er mit Tee gefüllt hat. Ansonsten wirkt er depressiv.

Beim Frühstück erzählt Nick, wie er seinen Zustand vom Vorabend erlebt hat. Er sei in einer anderen Welt gewesen, es sei schlimm gewesen. Er habe sich auf einem Tisch sitzen sehen, in der Mitte eines grossen leeren Raums. Nick beschreibt sich also aus der Dritten-Person-Perspektive (siehe Kapitel 06, Ein Blick in die Vergangenheit – Merkwürdige Begebenheiten I).

Tagsüber empfindet Nina ihren Sohn als freudlos. Er habe den „Anschiss", erklärt ihr Nick. Er hat keine Ausdauer, kann aber trotzdem länger an einem Puzzle arbeiten.

Ohne Probleme nimmt Nick die Abend-Medikamente, wobei er kaum etwas isst. Dann versinkt er langsam in seine Gedanken. Wieder verschlechtert sich das psychische Zustandsbild. Nick ist immer schlechter ansprechbar, er bestätigt, dass er Angst hat. Merkwürdig, denkt Nina, diese bunte, wechselhafte Symptomatik tritt oft abends auf. Sie bietet ihm Temesta® aus der Reserve an. Vater Mongha, der ebenfalls realisiert, dass es abends oft zu einer Verschlechterung kommt, schlägt einen Fernsehstopp vor. Sofort reagiert Nick gereizt.

Auffällig, wie Nick in solchen Zuständen öfters alles realisiert, was sich um ihn herum abspielt, auch wenn er nicht mit der Umwelt kommunizieren kann. Erinnerungen an das Geschehene sind später manchmal vorhanden und manchmal nicht. Die Eltern finden nicht heraus, wann was der Fall ist. Nick wird nun wieder zunehmend munterer, aktiver. Als er später die Zähne putzen geht, wirkt er müde aber „abgehoben". Sein Verhalten ist theatralisch.

„Jetzt bin ich in einer anderen Welt", erklärt er den Eltern plötzlich. „Alles ist so klein."

Es kommt also zur Derealisation. Nick bückt sich, als er aus dem Badezimmer tritt. Nina erkundigt sich warum.

„Um den Kopf nicht am Türrahmen anzuschlagen", kommt die Antwort.

Nina schaut ihren Sohn an. Er ist zwar gross, aber Platz unter dem Türrahmen hat es noch reichlich.

Nick sieht nun nach unten, ohne seine Mutter wirklich anzuschauen, und bemerkt: „Du siehst so komisch aus!"

Er lacht. Er muss wohl immer noch in der anderen Welt sein. Schliesslich muss er ins Zimmer geführt werden. Er reagiert nicht mehr auf Ansprechen, zieht sich aber spontan richtig um. Angesichts der Symptomatik gibt ihm Nina aus der Reserve ein Neuroleptikum als Schmelztablette. Nick will trinken. Da er aber nicht schluckt, rinnt alles auf den Boden. Dann schläft er rasch ein.


Am nächsten Tag zeigt sich Nick mürrisch, reizbar. Er erträgt kaum eine Bemerkung. Am Nachmittag trifft er kurz einen Kollegen, der ihm eine CD gebrannt hat. Daheim schaut er immer wieder zum Fenster hinaus. Nach den Geschehnissen vom 23.12.2008 sind die Eltern beunruhigt. Was läuft jetzt wieder in seinem Kopf ab? Sie schauen, dass Nick entweder von Nina oder von Mongha eins zu eins begleitet wird. Abends hört Nick die Musik auf seiner neuen CD und erscheint wieder unauffällig.

Er versucht sogar einige Spässchen zu machen: „Gell, wenn es einem schlecht geht, muss man das machen," meint er zu seiner Mutter.

Ja, heute Abend hat er keine Krise, aber gut geht es ihrem Sohn trotzdem nicht, denkt Nina.

 

Der Dreikönigstag ist gesamthaft ein guter Tag. Nick ist etwas entspannter und arbeitet viel an seinem Puzzle. Nachmittags geht er mit dem Vater Getränke einkaufen. Den Rückweg schafft er alleine. Abends hört er Musik. Er wirkt dabei munter, beweglich, wenn er dem Rhythmus der Musik folgt.

 

Auch am nächsten Tag geht es Nick ordentlich und er hat mehr Energie. Er macht vieles im Haushalt. So räumt er in seinem Zimmer sowie in jenem des Bruders auf. Dort staubsaugt er sogar. Er giesst die Pflanzen im Wintergarten und in der Stube. Alles macht er unaufgefordert. Das begonnene 1000-er Puzzle vermag er konzentriert zu beenden und schliesslich deckt er abends den Tisch. Der Abend vergeht ohne Probleme.


Nina rätselt. Die Tage verlaufen so unterschiedlich. Die Symptome sind wechselhaft und schillernd, und trotzdem laufen die Zwischenfälle nach einem ähnlichen Muster ab. Nina hat nicht den Eindruck, dass die verordneten Neuroleptika überhaupt wirken. Inzwischen ist sie so weit, dass sie die, in der Klinik gestellte Diagnose ausschliesst. Was könnte es aber sonst sein? Nina verfasst seit Beginn regelmässig Notizen über die laufenden Ereignisse. Sie ist sicher, dass sie damit ein objektiveres Bild der Entwicklung erhalten wird und schliesslich eine fundierte Diagnose stellen können wird. Damit würde Nick hoffentlich eine wirksamere spezifische Behandlung erhalten können.

Unruhige Tage
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9.  Unruhige Tage
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Hauptakteure

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Sohn Eric

 

Die massiven Schwankungen des Zustandsbildes sind für Sohn und Eltern belastend. Nick nimmt zwar täglich ohne Widerrede seine Medikamente, eine eigentliche Besserung erkennt Nina aber auch zwei Wochen nach Behandlungsbeginn nicht. Einzig gelöst ist das Problem der Gewichtszunahme. Nick hat sein ursprüngliches Gewicht fast wieder erreicht.


Der 08.01.2009 bringt erneut eine deutliche Verschlechterung. Nick klagt schon nachmittags, dass alles um ihn herum schwankt und wackelt. Gegen Abend erzählt er seiner Mutter, dass er ziemliche Alpträume gehabt habe und zwar Sachen, die er früher auch schon geträumt habe. Da die Trauminhalte sichtlich grosse Angst auslösen, drängt Nina nicht auf Details. Nick nimmt aber das angebotene Temesta® an. Dies beruhigt ihn und er kann ohne Zwischenfall essen. Er sitzt aber noch am Tisch in der Stube, als sich die nächste Krise mit Müdigkeit ankündigt. Nick nimmt noch die Abendmedikation. Nach einer Weile berichtet er, dass wieder alles um ihn herum wackelt. Dinge bewegen sich. Nick wird zunehmend stuporös und verharrt schliesslich in der zuletzt innegehabten Stellung. Die Ellenbogen sind aufgestützt, die Hände hängen. Er gibt keine Antwort mehr auf Ansprechen. Ein Blickkontakt ist noch kurz möglich, dann gleitet Nick zu Boden. Er beginnt kurz zu weinen. Jetzt zittert der linke Arm dann der rechte, schliesslich zittern die Beine. Dann kommt es zu einem plötzlichen Wechsel, mit massivem Auftreten von Bildern und Szenen sowie Verkennungen. Nick fragt was das für ein Tier sei, das da klettert. Er pickt kleine Tiere auf, die sich am Boden bewegen sollen. Die Eltern sehen nichts. Plötzlich erblickt Nick den Porzellangeparden, der schon seit Jahren in der Stube steht. Er nimmt einen bedrohlichen Gesichtsausdruck an und kriecht auf den Knien auf ihn zu, wobei er sich katzenartig bewegt. Er faucht den Geparden an und hebt die rechte Hand wie eine Tatze. Er scheint nach ihm schlagen zu wollen und wirft dabei ein Papiertaschentuch nach ihm, das er in der Hand hat. Dann lässt sich Nick wieder ablenken, er setzt sich auf das Sofa. Dort sieht er aber einen Zwerg, der ihn narrt. Er will ihm nach, wird aber von den Eltern daran gehindert. Nun sieht Nick einen Affen.

„Dumme Tiere", meint er. „Die muss man vernichten".

Nick will sich erheben, wird aber daran gehindert. Er weint wieder kurz. Nina gibt ihm eine Schmelztablette Zyprexa® aus der Reserve. Nick sieht wieder den Zwerg. Ganz deutlich habe er gesehen, wie er durchgesprungen sei zum Weihnachtsbaum. Nina erkundigt sich. Er sei etwa so gross wie sein Fuss, meint Nick und betrachtet seinen Fuss wie etwas Fremdes. Er reagiert nicht mehr auf Ansprechen. Seine Aufmerksamkeit scheint nun von auftauchenden intensiven Bildern und Szenen in Anspruch genommen zu werden. Er folgt den gesehenen Dingen mit raschem Blick, erscheint dabei manchmal ängstlich, manchmal traurig oder lächelt freundlich. Nick bewegt sich wohl schon wieder in anderen Welten.

Dann deutet er plötzlich auf Nina und fragt unsicher: „Mama?"

Er habe Durst. Den angebotenen Eistee kann er diesmal schlucken. Um aufs WC zu gehen, muss er jedoch gestützt werden.

„Ich habe das Gefühl ich fliege", erklärt er auf dem Weg.

Anschliessend wird Nick von den Eltern ins Bett getragen, nachdem er seine Füsse nicht mehr vorwärtsbewegt und sich an seinen Vater hängt. Auf dem Bettrand sitzend steckt er noch seine Jogginghosen in die Socken. Im Bett liegt er noch lange wach. Er zittert zuerst am ganzen Körper. Wieder scheint er unter auftauchenden intensiven Bildern und Szenen zu leiden. Er fuchtelt in der Luft herum, wie wenn er etwas fangen wollte. Dabei spricht er, bleibt aber unverständlich. Auch ist er für die Eltern nicht erreichbar. Nach Gabe eines weiteren Temesta® schläft er schliesslich rasch ein. Nach einem solchen Tag sind die Eltern erschöpft und können nur hoffen, dass Nick nachts nicht aufsteht. Unvorstellbar, was da alles geschehen könnte.


Nach dem schlimmen gestrigen Tag erwacht Nick heute erst gegen 10 Uhr. Er ist noch müde, schlapp und fühlt sich nicht wohl. Er nimmt seine Seroquel®-Tabletten und frühstückt ausgiebig. Doch auch heute wird kein guter Tag. Nick wird schon gegen Ende des Frühstücks kurz stuporös. Er klagt anschliessend über deutliches Unwohlsein und Unruhe. Dann sucht er den Zwerg unter dem Tannenbaum. Nina ist überrascht. Diesmal sind also Erinnerungen an die Geschehnisse des Vorabends vorhanden. Nick legt sich schliesslich auf den Boden und hört Musik. Später will er an den PC. Da er sich zu müde fühlt, fordert er eine Fahrgelegenheit. Er wolle den Bürostuhl, erklärt er, so wie es die Ambulanzleute damals gemacht haben. Erinnert sich Nick tatsächlich auch an diese Vorkommnisse vom 23.12.2008, an jenen speziellen Moment, als niemand sich vorstellen konnte, dass er überhaupt etwas bewusst wahrnehmen konnte? Nina staunt und holt den Stuhl. Nick hat sichtlich Spass daran und will überall hingefahren werden. Gegen 11.30 Uhr schliesslich will er ins Zimmer des Bruders gefahren werden und dort in seinem eigenen Schlafsack weiterschlafen. Mongha und Nina tun ihm den Gefallen und helfen ihm, sich einzurichten. Nachdem ihm noch sein Boomblaster gebracht worden ist, schläft Nick bald ein. Gegen 16 Uhr steht er auf und frühstückt erneut. Abends versucht er sich an einem Computerspiel. Er ist etwas reizbar. Dann erzählt er Nina von seinem Albtraum aus voriger Nacht. Er habe von einer lieblich aussehenden Puppe geträumt, die Nina etwas zuleide tun wollte. Nick habe sie angegriffen, um seine Mutter zu verteidigen. Da sei die Puppe sehr hässlich geworden und habe sich gegen ihn gewandt und ihn verfolgt. Das Abendessen verläuft zunächst ohne Probleme. Gegen Ende reagiert Nick aber ungehalten auf Ansprechen, er hat wieder einen starren Blick und Nina fällt eine Bewegungsarmut auf. Schon wieder! Weshalb immer wieder gegen Ende des Nachtessens? Nina versucht zu verstehen. Sie ärgert sich, keine Antwort zu finden. Mit einem feuchten Lappen reinigt sie Nicks fette Finger, wie einem Kleinkind. Er reagiert kaum.

„Merde", zischt Nina leise.

„Was hast du gesagt?" reagiert Nick prompt.

Nina ist verblüfft: „Dass es nicht gut ist, wenn du schon wieder so bist."

„Nein, so hast du es nicht gesagt," antwortet Nick und schmunzelt verstohlen.

Nick wird nun rasch zum Fernseher begleitet. Die Eltern bleiben in regelmässigem Wortkontakt mit ihm. Zunächst geht es ihm wieder deutlich besser, bevor er innert kürzester Zeit nicht mehr ansprechbar ist. Erneut muss er gestützt werden um ins Bett zu gehen. Er geht ins Zimmer des Bruders und schläft rasch ein. Etwas später erwacht er plötzlich wegen eines Albtraums. Mit den Eltern habe er vom Balkon aus ein Feuerwerk betrachtet. Da habe er eine Sternschnuppe vorbeifliegen sehen. Nina habe ihm gesagt, er solle sich etwas wünschen, was er getan habe. In diesem Augenblick habe ein Komet auf dem Balkon eingeschlagen. Die Mutter habe sich in einen Kometen verwandelt und die ganze Wohnung auch. Er habe grosse Angst gehabt und nach der Mutter gerufen. Da sei er erwacht. Nick atmet schwer, hat angsterfüllte Augen.

Was er sich denn gewünscht habe, fragt Nina, um ihn abzulenken. Er möge doch in der Schule endlich alles verstehen. Ob ihn das denn so beschäftige?

Nick nickt: "Ja!"

Er braucht anschliessend lange um wieder einzuschlafen, schläft unruhig. Nachts steht er, ohne dass die Eltern es hören auf und isst in der Küche ein Joghurt. Glück gehabt. Nina wagt gar nicht daran zu denken, was alles hätte geschehen können.

 

Es ist Samstag der 10.01.2009. Heute Nachmittag wird Bruder Eric erwartet, damit die Familie endlich das verpasste Weihnachtsfest nachholen kann. Als Nina morgens aufsteht, liegt Nick wach im Bett. Er steht rasch auf und frühstückt. Anschliessend setzt er sich an den PC und spielt. Er ist etwas gereizt. Später holt er Eric am Bahnhof ab. Nina mahnt ihn aufzupassen. Er reagiert unwirsch: Jetzt komme wieder alles hoch! Nick kommt später mit Eric zurück. Die beiden Brüder spielen und scheinen sich gut zu unterhalten. Nina beginnt mit der Zubereitung des Fondue Chinoise, welches Eric in die Familie eingeführt hat und nicht mehr missen will.

Nick kommt und flüstert der Mutter ins Ohr: „Auf das Fondue Chinoise freue ich mich mega."

Nick kommt und flüstert der Mutter ins Ohr: „Auf das Fondue Chinoise freue ich mich mega."

Mongha und Nina haben sich inzwischen an dieses Weihnachtsessen, welches Eric in die Familie eingeführt hat, gewöhnt.  

Man isst mit Appetit, v.a. Eric. Nick ist präsent, beteiligt sich etwas am Gespräch, lacht aber nie. Gegen Schluss ist der Vater mit Eric im Gespräch. Er mahnt ihn, sich offiziell mit der Freundin zu verloben, zu heiraten. Er spricht vom Tod durch AIDS. Nick reagiert heftig. Es sei jetzt nicht der Moment vom Tod zu sprechen. Offensichtlich hat der Papa eine Wunde wieder aufgerissen. Nick atmet hastig, der Blick wird starr. Schon wieder beobachtet Nina diese Bewegungsarmut. Sie gibt Nick Temesta® aus der Reserve, worauf er sich etwas beruhigt. Nach einer Weile geht er auf die Toilette. Eric, der etwas beunruhigt ist, begleitet ihn. Er berichtet anschliessend, Nick sei zum Fenster gegangen und habe hinausgeschaut. Plötzlich habe er den Griff gepackt und öffnen wollen. Eric habe interveniert. Nick habe ihm dann erzählt, dass er es eigentlich nicht wolle, dass es aber einfach über ihn herkomme. Wenn er sich gegen diese Gedanken wehre, sei es noch schlimmer. Der Raum sei dann ganz leer, er sehe nur noch das Fenster mit dem Griff. Dieser komme auf ihn zu und werde immer grösser. Ähnlich sei es mit Messern und Scheren. Nick geht es noch nicht gut. Er wirkt müde. Nach dem Auspacken der Geschenke geht er gereizt zu Bett.

Nach dem Zähneputzen erzählt er Nina: „Seit ich in dieser Klinik dort gewesen bin, ist alles einfach ganz anders. Ich kenne nichts mehr. Ich entdecke ständig Neues."

Nick zeigt auf den Wasserhahn: „Auch das hier! Auch das Laufen muss ich neu lernen."

Heute werde er hoffentlich keine Albträume haben, meint Nick noch. Sein Bruder bleibt noch eine Weile bei ihm. Nick lässt aber Nina zu sich rufen. Er fühle sich nicht wohl. Er fliege. Er beginnt am ganzen Körper zu zittern, schläft dann ein. Er scheint zumindest einzuschlafen. Nina weiss es auch nicht sicher. Könnte Nick allenfalls nur in einem stuporösen, dissoziativen Zustand sein?

 

Am Sonntag erwacht Nick relativ früh, geht dann aber wieder schlafen. Als er wieder erwacht wirkt er depressiv. Nina ist erstaunt, wie anhänglich Nick heute ist. Anders als sonst, seit dem Zusammenbruch, duldet er Berührung, ja sucht sie sogar. Nina schlägt ihrem Sohn vor, am nächsten Morgen nochmals auf das KIZ zu gehen, weil der erste ambulante Termin erst am Freitag organisiert werden konnte. Ziel wäre der Beginn einer antidepressiven Therapie. Nick betont mehrmals, dass er nicht will. Er drehe durch, wenn er hingehen müsse. Er wolle daheimbleiben.

Nach dem Frühstück meint Nick entmutigt: „Ich bin nicht für diese Welt geschaffen."

Nina tun solche Äusserungen so weh.

Den ganzen Vormittag bleibt Nick mürrisch, reizbar. Den ganzen Tag schaut er DVDs. Eric ist inzwischen wieder nach Hause gefahren.

Gegen Abend erklärt Nick: „Morgen will ich wieder in die Schule gehen."

Im Übrigen sind seine Äusserungen für Nina verwirrend: „Ich will allein sein, wenn ich in die Schule gehe. Ich werde dann auch in der Pause allein sein. Ich will keinen Kontakt mehr zu Kollegen."

Und nach einer kurzen Pause: „Ich muss mich abhärten, allein kämpfen. Ich will keine Hilfe."

Gegen Schluss des Nachtessens wird Nick still, nachdenklich.

„Ja, ja, ich bin schon noch in dieser Welt", meint er provozierend auf den fragenden, besorgten Blick Ninas.

Beim zu Bett gehen erscheint Nick etwas auffällig. Kurze Zeit später steht er nochmals auf. Er müsse aufs WC. Er ist reizbar, seltsam. Nina kontrolliert vom Balkon aus. Nick bleibt sehr lange hinter dem grossen Badezimmerfenster stehen, öffnet es aber nicht. Sie sieht seinen Schatten hin und her wippen. Mongha kontrolliert durch den Türspalt. Nick, der es bemerkt hat, zeigt sich anschliessend verärgert, verbal aggressiv. Er schläft aber rasch ein.

 

 

Schulversuch
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10.  Schulversuch
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Am Montagmorgen steht Nick schon um 06.45 Uhr auf und zieht sich rasch an. Schon gestern Sonntag hatte er mehrmals seine Absicht betont, wieder in die Schule zu gehen. Nun meint er, er könne heute in die Schule. Plötzlich berichtet Nick, dass alles um ihn herum etwas wackelt. Im Laufe des Morgens klagt er über Übelkeit. Am Nachmittag ist er müde und geht schlafen. Anschliessend bleibt er im Bett und hört Musik. Nick wirkt heute entspannt, ernst aber weniger tief depressiv als die letzten Tage. Für morgen ist er zu keiner Verschiebung mehr bereit. Er will in die Schule gehen.

Nach dem Nachtessen kommt es zu anfallsweise Herzstechen, was bei Nick immer Todesängste auslöst. Phasen mit solchen Beschwerden kennen die Eltern aus der Zeit am früheren Wohnort in der Nordostschweiz. Aber auch hier kam es vor einigen Jahren, im Zusammenhang mit Schulproblemen dazu. Beide Male brachten Abklärungen bei einem Kardiologen keine konkreten pathologischen Befunde. Nick wird daher beruhigt. Er wünscht trotzdem nochmals eine Abklärung. Für den morgigen Tag in der Schule erhält er von Mongha und Nina noch Anweisungen, welche ihn sichtlich ärgern.


Am Dienstag, den 13.01.2009 ist Nick schon früh wach und angezogen, bereit in die Schule zu gehen. Es gehe gut. Er nimmt zwar ein leichtes Wackeln der Dinge um sich herum wahr, zeigt sich aber zuversichtlich. Es werde schon gehen. Nick frühstückt, dann hat er eine Weile Zeit, Musik zu hören. Plötzlich fragt er nach einer Tablette gegen die Angst. Nina gibt ihm Temesta® aus der Reserve. Nick spürt rasch Erleichterung aber auch eine grosse Müdigkeit. Er beschliesst, sich trotzdem auf den Weg zu machen. Nick wirkt ernst, leicht angespannt. Er konzentriert sich, atmet tief. Nina bleibt bei ihm. Schliesslich steht Nick auf und geht. Wie verabredet ruft er mittags an, es sei alles in Ordnung. Nachmittags meldet er, dass er den Zug verpasst hat, sonst scheint alles in Ordnung zu sein.

Abends erzählt Nick seiner Mutter, wie er Angst gehabt habe, als er zum Haus hinausging. Seine Beine hätten ihn kaum mehr getragen. Er wäre fast umgekehrt, habe einen Moment seine Kräfte sammeln müssen.

„Dann bin ich einfach losgestapft: Wam, wam, wam."

Er habe bei der Bushaltestelle das Gefühl gehabt, Leute starrten ihn an. Er habe dann finster geschaut und sei hin und her gegangen, bis der Bus gekommen sei. Am Bahnhof habe er die vielen Leute gesehen.

„Ich habe einen Moment gezögert, dann bin ich wieder losgestapft: Wam, wam, wam."

Von da ab sei es gut gegangen. Im Zug habe die extreme Müdigkeit nachgelassen. Nick wird für sein Verhalten sehr gelobt. Er ist sichtlich stolz. Der Abend vergeht ohne Zwischenfall.


Auch am Mittwoch hört Nick beim Frühstück seine Musik. Er konzentriert sich sehr, bevor er zur Schule geht. Heute schafft er es, ohne Temesta®. Wie verabredet telefoniert er später, alles ist ok. Er warte auf den Zug. Anschliessend kommt er direkt heim. Er verbringt den freien Nachmittag mit Nichtstun.

Abends vor und beim Nachtessen ist Nick noch unauffällig. Er geht anschliessend aufs WC und ruft seine Mutter, um ihr zu zeigen, wie stark es schneit. Auf den ersten Blick erkennt sie nichts Auffälliges. Sie bleibt aber angesichts der Situation (Abend, Fenster) bei ihm und lockt ihn wieder vom Fenster weg. Nick geht ins Zimmer des Bruders, wo er in letzter Zeit meist schläft. Er sitzt dort, und nichts deutet auf spezielle Probleme hin. Er fragt noch, ob er lesen soll. Später, meint Nina, die weiss, dass nun die kritische Zeit beginnt. Und prompt, Nick meldet plötzlich, dass es ihm etwas übel ist. Nina fragt nach einem Kloss im Hals (Globusgefühl). Nein, er habe keine Angst. Nina setzt sich zu ihm, spricht mit ihm. Nick legt sich hin.

Dann, … Nick gibt keine Antwort mehr. Es ist 19.00 Uhr! Die Stunde der Verwandlung. Der Blick wird starr. Nina holt die Temesta®-Reserve und informiert Mongha. Nick liegt da, es ist kein Blickkontakt mehr möglich. Die Augen rollen nach oben hinten. Einzelne Körperteile beginnen alternierend zu zittern (Gesäss, Bein, Hand, rechte Körperhälfte). Es kommt zu Verkennungen. Nick reagiert verängstigt als er Nina ansieht, zieht sich zurück, wendet sich ab. Was hat Nick wohl gesehen? Offensichtlich nimmt er die Umwelt verändert wahr (Derealisation). Er beginnt liegend mit Beinbewegungen, als ob er durch Schnee oder hohes Gras stapfen würde. Nach einer Weile sitzt er auf. Er staunt die weisse Wand mit offenem Mund an, verfolgt etwas mit dem Blick. Dann schaut er das Muster auf seinem Kissen an. Es ist ein Leopard. Sein Blick verfinstert sich, er ballt die Fäuste, ist zunehmend agitiert. Nick will aufstehen. Als die Eltern ihn zurückhalten, rutscht er auf den Boden. Er wehrt sich, ruft um Hilfe, weint kurz. Nina gibt ihm ein zweites Temesta®. Nick steht auf, die Eltern führen ihn zum Fernseher in die Stube. Dort liegt eine vergessene Schere auf dem Tisch. Sofort packt sie Nick. Mongha gelingt es, sie ihm aus der Hand zu nehmen. Nick wird zunehmend ablehnend, gereizt. Er bringt zunächst einzelne Töne, dann Worte hervor. Er informiert, welches Programm er schauen will. Nick hat Durst, wie fast immer nach einem solchen Anfall. Er bleibt weiter sehr gereizt. Nein es gehe gar nicht. Er will jedoch nichts Näheres sagen. Nach einer Weile, meldet er, dass er müde sei. Morgen wolle er aber wieder in die Schule gehen. Er lenkt schliesslich teilweise ein. Nina müsse ihn wecken, er werde dann entscheiden, ob er in der Lage sei, in die Schule zu gehen.

 

Trotz der Ereignisse vom Vortag steht Nick auch am 15.01.2009 mutig auf und schafft es, rechtzeitig in die Schule zu gehen. Nina ruft ihn mittags an. Seine Stimme ist etwas düster. Es gehe, er habe eine Pizza gegessen. Abends erblickt ihn Nina beim Bahnhof zufällig auf dem Heimweg. Er wirkt etwas verlangsamt aber entspannt. Auch daheim scheint alles in Ordnung zu sein, … noch. Das Abendessen nehmen Mongha, Nick und Nina am Küchentisch ein. Nick sitzt auf der Längsseite der dunklen, alten Holzeckbank und hört seine Musik. Es sind Hip-Hop-Rhythmen, wie immer, seit es ihm schlecht geht. Momentan wirkt er aber munter.

Nach einer Weile erkundigt sich Nick nach dem Termin von morgen in der Klinik. Nina hatte, angesichts des trotz der Medikamente nach wie vor schlechten Gesundheitszustandes ihres Sohnes, mit dem KIZ der Kinder- und Jugendpsychiatrie Kontakt aufgenommen, mit dem Ziel einer Rehospitalisation.

„Ich will dann nicht in der Klinik bleiben", hält Nick fest und hakt gleich nach: „Packe nicht eine Tasche mit meinen Kleidern. Ich will danach wieder heim."

Die Tasche mit den Kleidern befindet sich bereits im Kofferraum des Autos. Nina fühlt sich wie eine Verräterin. Sie kann gut nachvollziehen, dass Nick nicht wieder in die Klinik will. Sie sieht aber keine andere Lösung, denn daheim benötigt Nick eine fast durchgehende Überwachung, und sie muss arbeiten gehen. Derzeit ist sie zu 100% angestellt und pendelt täglich an den Genfersee.

Nick konzentriert sich nach innen. Leicht angespannt bleibt er beim Thema: „Sonst kann ich schnell zum Rambo werden."

Sogleich gibt er weitere Details zur angekündigten Verwandlung: „Ich werde die Scheibe einschlagen, hinausspringen und heim rennen. Hier in der Gegend werde ich mich verstecken. Ich kenne den Wald gut."

Nina ist unsicher. Kann sie dies alles ihrem Sohn zutrauen? Er ist 16-jährig, grossgewachsen und gertenschlank. Ein guter Geher und Renner ist er allemal. Auch Klettern und Springen gehören zu seinen Stärken. Den Wald hier in der Nähe kennt er wie seine Hosentasche. Sein GA hat er immer dabei. Wie soll er aber in diesem Zustand von der Klinik hierher in die Region gelangen? Wie soll er in dieser Jahreszeit im Wald überleben?

Nick wechselt nun das Thema und geht auf den geplanten Ersttermin der ambulanten Nachbehandlung über.

„Und was den andern Termin betrifft", stellt er klar, „Ich kann nicht einfach mit einem Fremden über meine Probleme sprechen."

Das war zu erwarten. Nina hatte seit dem Sommer mehrmals vergeblich versucht, ihren Sohn zu einer Therapie zu motivieren.

„Und überhaupt, ich will gar nicht über all das reden," fährt dieser entschieden fort. „Je besser es mir gelingt, alles zu verdrängen, umso besser geht es mir. Das ist die beste Taktik!"

Nina schweigt, denn sie weiss, dass eine Diskussion zu diesem Thema aussichtslos ist. Immerhin zeigt es ihr, dass Material vorhanden ist, welches eine Therapie notwendig machen würde.

Nach dem Essen bleibt Nick noch eine Weile am Tisch und hört weiter Musik. Um Punkt 19.00 Uhr wird sein Blick starr, der Mund steht offen, die Hände bleiben in einer bizarren Stellung wie eingefroren. Ist eben ein böser Zauberer vorbeigerauscht? Nina versucht Nick anzusprechen, doch er reagiert nicht mehr. Seit seiner Rückkehr aus der Klinik an Silvester kommt es fast täglich zu ähnlichen Situationen. Die Eltern stellen fest, dass diese Krisen fast immer ungefähr um 19.00 Uhr nach dem Nachtessen beginnen. Was soll denn das, fragt sich Nina. Weshalb 19.00 Uhr? Auch das spricht nicht für eine Schizophrenie.

Nina gibt ihrem Sohn eine Schmelztablette Temesta® in den offenen Mund, um ihn etwas zu entspannen und die Gefahr einer akuten Exacerbation wie am 23. Dezember zu reduzieren. Potentiell gefährliche Dinge werden von den Eltern rasch entfernt. Mongha setzt sich neben Nick auf die Bank. Ansonsten beschränken sich die Eltern auf Präsenz und Überwachung. Die Krise nimmt ihren Lauf. Nicks Augen beginnen nach hinten zu rollen. Nun fällt der Kopf nach hinten. Die eine, dann die andere Hand beginnt zu zittern. Plötzlich hebt Nick den Kopf wieder, sein Blick beginnt zu fixieren und bewegt sich. Aha, er sieht wieder Szenen, die wir Eltern nicht sehen, denkt Nina.

Da erblickt Nick seine Mutter, die ihm gegenübersitzt, verkennt sie aber und greift sie an. Zum Glück sitzt Nick immer noch hinter dem Tisch auf der Holzbank. Er versucht trotzdem Ninas Hand zu packen und sie zu kratzen, sie mit der Faust zu schlagen. Nina verlässt daher die Küche. Nick lacht hämisch und zeigt, dass sie hinter der Türe steckt. Angesichts der ungenügenden Wirkung der Neuroleptika versucht Nina nun, ihrem Sohn ein zweites Temesta® zu geben, doch er verweigert es. Nur ein Teil bleibt im Mund. Nick packt ein Tischset, betrachtet es und wirft es weg, wie ein trotziges Kleinkind.

Um Nick etwas abzulenken, schlägt ihm Mongha vor, sich vor den Fernseher zu setzen. Nina geht voraus, findet jedoch Nicks übliches Abendprogramm nicht auf Anhieb. Nick wiederholt die Nummer des Senders mehrmals laut. Ungeduldig will er schliesslich aufstehen. Da Mongha nicht rasch genug Platz macht, steigt er kurzerhand über den Tisch. Zum Glück hat Nina den Tisch bereits abgeräumt. Nick legt sich kurz auf den Tisch nieder, grinst und steigt dann herunter. Etwas staksig wechselt er in die Stube. Vor dem Sofa lässt er sich plötzlich steif wie ein Brett nach hinten fallen. Dem ihn begleitenden Mongha gelingt es gerade noch, ihn aufzufangen, doch fallen sie schliesslich beide seitwärts neben das Sofa auf den Boden. Während Mongha sich wieder aufrappelt und aufs Sofa setzt, sitzt Nick nur auf und bleibt am Boden. Er schaut nun in Richtung des Bildschirms. Unklar bleibt, was er sieht und ob er es versteht. Auf Ansprechen reagiert er jedenfalls immer noch nicht.

Nach einer Weile robbt Nick näher zum Fernseher. Dabei entdeckt er ein Loch in des Papas Finken. Er versucht den Finger hinein zu stecken und lacht kindlich. Dann will er den Papa durch das Loch hindurch kitzeln. Schliesslich scheint er eine Weile fernzusehen.

Punkt 20.00 Uhr rappelt sich Nick auf, setzt sich aufs Sofa und wendet sich an Nina: "Was ist passiert?"

Offensichtlich hat er in diesem Moment und im jetzigen Zustand keine Erinnerung an das Geschehene oder an die Sendung, die er anzuschauen schien.

„Ich habe Durst", erklärt er noch, wie nach jeder solchen Krise.

Er sei auch müde und gehe nun schlafen. Nina solle ihn morgen wecken. Ganz ausgestanden ist die Krise jedoch noch nicht. Nick wird plötzlich mürrisch.

Nach den vor Weihnachten gemachten Erfahrungen folgt ihm Nina als er auf die Toilette geht. Nicht zu Unrecht, denn dort öffnet Nick als erstes das Fenster. Nina ist sofort zur Stelle und schliesst es. Nick wird wütend und schimpft auf seine Mutter ein.

„Ich will sehen, ob es schneit," argumentiert er. „Ich bin schon in dieser Welt."

Nina öffnet kurz das Fenster. Sie zeigt ihm, dass es nicht schneit. Eben, er werde wohl noch schauen dürfen, meint Nick gereizt. Die Zähne will er nicht putzen. Er verlässt das Badezimmer und folgt dem Gang in Richtung des Zimmers seines Bruders, wo er in den letzten Tagen schläft. Dessen Couch hatte er mit Nina und Mongha gemütlich eingerichtet; mit seinem Kissen, seinem tannengrünen Schlafsack und seinem Deckbett.

Auf dem Weg dorthin wirft Nick alles auf den Boden. So landet auch ein Korb voller sauberer Wäsche, welche noch zu bügeln ist, umgekippt am Boden. Nina stutzt. Machte solches früher nicht Eric, wenn er seine Mutter ärgern wollte? Eine wichtige Beobachtung, doch das weiss Nina noch nicht.

„Ich will nichts mehr von dir wissen, ich hasse dich", wettert Nick jetzt.

Er weigert sich, sein Pyjama anzuziehen und steigt in seinen dicken weiten Hip-Hop Klamotten ins Bett, also mit Baggy Trainerhosen und Zip Kapuzen-Hoody, welches er über einem oversized T-Shirt trägt. Er gehe morgen nicht zur Schule.

Kaum im Bett fühlt sich Nick bedroht. Diesmal erzählt er aber, was er sieht und erlebt: „Zwei Männer kommen auf mich zu. Sie bedrohen mich. Jetzt schwebe ich. Ich habe Hallus."

Nach einer kurzen Pause geht es weiter: „Ich will nicht sterben, ich will in die Klinik."

Und wieder wird Nick bedroht: „Ich sehe den Tod mit seinem Hut und seiner Sense. Er kommt auf mich zu, immer näher."

Er berichtet der hilflos am Bettrand sitzenden Nina weiter: „Ich spüre mich nicht mehr. Meine Arme fallen ab, mein Kopf auch!"

Dann noch, halb ängstlich, halb erlöst: „Ich fliege!"

Nicks Beschreibung ist von regelmässigem Stöhnen begleitet. Immer wieder zuckt er zusammen. Immerhin darf Nina seine Hand halten. Sie versichert ihrem Sohn, dass sie in diesem schlimmen Moment bei ihm ist.

Völlig erschöpft meint Nick schliesslich: „Ich kann nicht mehr! Ich schaffe es doch nicht!"

Nick wird dann endlich vom Schlaf überwältigt und erlöst. Nina bleibt noch eine Weile neben ihrem Sohn sitzen und versucht zu verstehen, was eben geschehen ist. Ihre Kenntnisse reichen aber dazu nicht aus. Nur dass sie es hier nicht mit einer Psychose und erst recht nicht mit einer Schizophrenie zu tun hat, ist ihr definitiv klar. Sie wird ihre Kenntnisse rasch bedeutend erweitern müssen, sonst wird sie Nick nie weiterhelfen können. Inzwischen ist auch Mongha ins Zimmer gekommen. Sie sind beide erleichtert, dass Nick endlich einschlafen konnte. Sie erkennen aber auch welch unsägliches Leid auf ihm lastet, ein Leid, welches er mit niemandem zu teilen vermag. Was ist es? Warum will oder kann er nichts sagen?

Nina wird die genaueren Zusammenhänge erst viel später verstehen. Gerade dass Nick wiederholt erlebt, dass er schwebt oder fliegt, weist deutlich auf eine schwere dissoziative Störung hin. Der Geist trennt sich vom Körper und lässt diesen unten zurück. Wie die berühmte Psychotherapeutin Michaela Huber sagt: „Wenn man nicht äusserlich fliehen kann, dann fliegt man innerlich weg." Erschütternd die Todesangst, die Nick dabei beschreibt. Vorerst notiert Nina jedoch so viele Details wie möglich. 

 

 

Erneute Hospitalisation
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11.  Erneute Hospitalisation
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Hauptakteure

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie

Oberarzt Doktor Feldmann 

Oberarzt Doktor Stucki

 

Als Nick am 16.01.2009 in der Klinik beim Abklärungsgespräch mit Doktor Feldmann erkennt, dass er erneut hospitalisiert werden soll, geschieht etwas Unerwartetes, etwas Eigenartiges, Überwältigendes. Es kommt zu einer Verwandlung, oder vielmehr zu der am Vorabend angekündigten Verwandlung. Nick springt auf und wirkt plötzlich grösser und kräftiger, männlicher. Seine Stimme ist tiefer und vor allem laut, laut und polternd. So haben die Eltern ihren jüngeren Sohn noch nie gesehen. Er sieht sich bedrängt und versucht Dinge in der Nähe zu packen, um sich zu verteidigen, z.B. einen Bambusstab aus einem Blumentopf. Vater Mongha versucht ihn beruhigend anzusprechen, während Nina nur dasitzt und staunt. Nick ist in seiner neuen Rolle noch etwas unbeholfen, sodass er von den anwesenden Klinikangestellten nach einem kurzen Gerangel überwältigt werden kann. Er sinkt schliesslich in sich zusammen auf den Boden.

 

Nick bleibt im KIZ. Die Eltern fahren allein nach Hause. Auf der Rückfahrt weint Nina einmal mehr. Was ist jetzt eben geschehen? Was hat Nick? Nina versteht noch nicht, dass alles, was Nick seit dem 23.12.2008 erlebt hat, einem definierten, gleichen Störungsbild zugeordnet werden kann und dass dieses klare Ursachen hat, die in Nicks Vergangenheit liegen. Sie braucht noch etwas Zeit, muss zuerst ihr Wissen erweitern. Schon bald wird sie aber verstehen, dass in diesem Moment ein gewaltbereiter Persönlichkeitsanteil (PA) Nicks zum Vorschein gekommen ist, der sich entschieden gegen die Rehospitalisation zu wehren versuchte. Erstaunlich, wie Nick diese Verwandlung schon am Vortag daheim angekündigt hatte. Nina fragt sich einmal mehr, was Nick über sein Innenleben realisiert. Wenn er nur sprechen würde.

 

Daheim macht sich Nina gleich an die Arbeit. Sie weiss, dass Nick auf ihre Fachkenntnisse angewiesen ist. Sie kramt zuerst ihre Fachbücher hervor, sucht … und ist bitter enttäuscht. Nichts Brauchbares! Nina erweitert ihre Suche auf das Internet und stösst auf Spuren, Spuren welche sie weiterverfolgt. Nina beginnt die beschriebenen Störungen zu vergleichen mit dem, was sie und Mongha bisher bei Nick beobachten konnten. Sie evaluiert und ordnet ein. Schliesslich kann sie verschiedene Diagnosen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschliessen. Noch vor Ende Monat, also vor Ende Januar 2009 kommt sie zum Schluss, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zumindest eine komplexe dissoziative Störung vorliegt. Das gibt ihr Mut. Nun beginnt sie sich auch über die dissoziative Identitätsstörung oder DIS zu informieren, welche auch als Multiple Persönlichkeit bekannt ist. Könnte etwa diese Diagnose das Verhalten ihres Sohnes erklären?

 

In den ersten Tagen der neuen Hospitalisation zeigt sich eine Fortsetzung des bekannten Verlaufs daheim.

Bereits am ersten Tag beobachten die Behandler nach dem Abendessen um 18.30 Uhr eine plötzliche Apathie. Nick sackt krampfartig zusammen. Am gesamten Körper sind Zuckungen zu beobachten. Lange Atempausen beunruhigen die Behandler und die Sanitätspolizei wird gerufen. Nick ist nicht ansprechbar, die Augen sind nach oben gerollt, der Sauerstoffgehalt des Blutes ist deutlich reduziert, der Puls ist deutlich erhöht. Nach der notfallmässigen Stabilisierung der Situation alarmieren die Sanitäter den Notarzt, welcher eine Abklärung und Beobachtung im Notfall des Universitätsspitals anordnet. Dort bleibt Nick bis zum nächsten Tag. Nina wird um 19.45 Uhr informiert. Sie teilt mit, dass sie zwar bisher keine Atempausen beobachtet hat, dass es seit dem Austritt an Silvester jedoch auch daheim regelmässig abends zu solchen Anfällen gekommen ist. Dass sie diese Anfälle von Beginn weg als psychogen betrachtet hat und nie die Sanität gerufen hat, sagt sie allerdings nicht.

Im Spital kommt es, ohne dass eine Diagnose gestellt werden kann, zu einer raschen Besserung und Nick wird am frühen Nachmittag des nächsten Tages wieder auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie verlegt. Dort teilt Nick mit, dass er die Eltern vorerst nicht sehen will. Für Nina ist es nach ihrem unfairen Vorgehen ihrem Sohn gegenüber völlig nachvollziehbar. Nick tut ihr so leid, aber eine bessere Lösung hatte sie nicht.

 

Bei der anschliessenden kinderpsychiatrischen Untersuchung wird Nick als scheu, unsicher und wortkarg beschrieben. Er sei stark verlangsamt. Seine Aufmerksamkeit sei reduziert. Er antworte auf Fragen adäquat, leise, mit gesenktem Kopf. Er wirke traurig und bedrückt. Zu Zeit, Ort und Situation sei er nur partiell orientiert. Er habe mitgeteilt, er könne seinen Körper fast nicht spüren. Eine Amnesie vom Zeitpunkt der Aufnahme am 16.01.2009 bis zum Erwachen im Universitätsspital am 17.01.2009 wird festgestellt. Nick erklärt zudem, er grüble immer wieder darüber nach, warum er geboren wurde, und komme zu keiner Lösung.

Nina schmerzen solche Worte, denn sie sind aus ihrer Sicht berechtigt. Solche Fragen hat auch sie sich in ihrem Leben schon gestellt, auch ohne solches Leid erlebt zu haben. Sie denkt aber auch an andere, schönere Momente, z.B. als Nick ihr als kleiner Knirps erzählte, vor seiner Geburt habe er auf einer kleinen Wolke gelebt. Da er auf die Erde kommen wollte, habe er Ausschau gehalten nach der richtigen Mutter. Beim Suchen habe er plötzlich Nina entdeckt. Er habe sie einige Zeit beobachtet und dann gedacht, da wolle er hin. sie werde eine gute Mutter für ihn sein. Dann sei er zu ihr gekommen. Als Nick dies erzählte, strahlte er seine Mutter an mit seinen leuchtenden braunen Augen und seinem bezaubernden Lächeln. Nina kullern Tränen auf das vor ihr liegende Blatt Papier.

 

Bereits um 19.45 Uhr am Tag seiner Rückkehr aus dem Universitätsspital kommt es zum nächsten Anfall. Nick ist nicht mehr ansprechbar. Plötzlich packt er das Messer auf seinem Teller und scheint es sich in die Brust rammen zu wollen. Im letzten Moment wirft er es aber weg und sackt zusammen. Nach einer Weile ist Nick wieder in der Lage, auf Fragen zu antworten. Ja, er habe Bilder wie einen Film gesehen. Er habe gesehen, wie er sich am Esstisch sitzend mit seinem Messer, welches vor ihm auf dem Teller lag, ersticht. Es sei alles andere ringsum verschwunden gewesen. Stimmen habe er dabei nicht gehört. Nachdem er das Messer genommen hatte, seien die Bilder verschwunden. Derartige Bilder habe er schon häufiger gesehen. Einmal habe er eine Schere in ähnlicher Weise ergriffen. Hier wird es sich wohl um den in Kapitel 09. Schulversuch beschriebenen Zwischenfall handeln. Seinem Bruder erzählte er jüngst (Siehe Kapitel 08. Unruhige Tage) auch, dass es ihm mit Fenstergriffen ähnlich geht.  

Nick habe etwas Sirup getrunken, dann rauchen und etwas fernsehen wollen. Suizidgedanken habe er negiert. Er sei trotzdem, aus Ninas Sicht zu Recht, als suizidgefährdet eingeschätzt worden. Daher solle er für die Nacht ins Iso-Zimmer verlegt werden. Ein sehr relativer Schutz vor sich selber, denkt Nina. Wer schon in psychiatrischen Kliniken gearbeitet hat weiss, dass verzweifelte Patienten sich auch im Iso-Zimmer umbringen können. Schliesslich scheinen dies auch die Behandler zu realisieren, denn sie entscheiden sich gemeinsam, aufgrund der mangelnden engen Überwachungsmöglichkeit auf eine Isolation zu verzichten.

 

Am nächsten Tag wird bereits um 12.00 Uhr von den Pflegenden beobachtet, wie Nick auf dem Sofa sitzt, den Hals nach unten und links verdreht hat. Seine Augen sind geschlossen, er ist nicht ansprechbar. Nick öffnet ab und zu die Augen, die Augäpfel sind nach oben gerollt. Er bleibt etwa 10 Minuten in derselben Stellung, steht dann auf und geht in sein Zimmer, wo er die Jacke wechselt. Dann kommt es erneut zu einer Episode mit geschlossenen Augen und fehlender Ansprechbarkeit von ca. 10 Minuten Dauer. Im Anschluss geht Nick in die Küche, wo er normal das Mittagessen einnimmt.

 

Mongha und Nina erkennen rasch, dass das Behandlungsteam der Universitätsklinik der sich vor ihm abspielenden Psychopathologie mindestens so hilflos gegenübersteht wie die Eltern daheim, mit dem Unterschied, dass Nina versucht zu verstehen, was geschieht und sich nicht scheut, ihre Meinung, wenn nötig, in Frage zu stellen.

 

Auch am nächsten Tag, dem 19.01.2009, kommt es zu einem Anfall. Nick erklärt Doktor Feldmann anschliessend, dass sich der Tisch gerade bewegt, dass er ehemalige Lehrer sehe, die ihm Fragen stellen. Sobald er sie beantwortet, seien die Wahrnehmungen weg. Doktor Feldmann diagnostiziert weiter eine akute polymorph-psychotische Störungen, nun aber mit Symptomen einer Schizophrenie und begleitet von psychogenen Anfällen.

 

Zu einem schwereren Anfall kommt es bereits am folgenden Tag. Nick fällt im Aufenthaltsraum von der Couch und bleibt regungslos auf dem Boden liegen. Der Hals ist nach unten und links verdreht, er röchelt etwas, die Augen sind geschlossen. Nick reagiert nicht auf Ansprechen oder taktile Reize. Er atmet zu Beginn unregelmässig, röchelt und gurgelt teilweise, der Puls ist nur sehr schwach tastbar. Nick wird von den Behandlern auf der Couch stabil gelagert. Nach ca. 15 Minuten scheint er ruhig zu schlafen. Ca. 35 Minuten später berichtet er über Halluzinationen. Er habe Menschen gesehen, die er nicht kenne und die ein ihm eher unangenehmes Lied sangen, Er habe Schuhe gesehen, die herumlaufen und offenbar zu keinem Menschen gehören. Er habe eine Feldmesserklinge gesehen, die auf ihn zukommt. Nick wirkt erschöpft und scheint ruhig einzuschlafen, Später erinnert sich Nick nur noch an die Bilder. Er habe erstmalig gesehen wie er von jemand umgebracht werde. Die Problematik umgebracht zu werden, wird im Verlauf über Jahre hinweg immer wieder erlebt, besonders in Form von regelmässigen, sich wiederholenden Albträumen.

 

Anlässlich der Kontakte mit der Klinik bestätigt sich, dass Ninas Kollegen weiterhin von einer Psychose ausgehen. Zwangsläufig entsteht dadurch eine andere Sichtweise in Bezug auf die Therapieplanung, welche nicht mit jener Ninas kompatibel ist. Das führt zu wiederholten Spannungen.

 

In Anbetracht des Zusammenhangs der von Nina erkannten Störungskategorie mit Kindheitstraumata, versucht Nina zudem, die behandelnden Klinikärzte für eine stabilisierende Traumatherapie zu gewinnen, um die Symptomatik zu beruhigen. Ihre Bemühungen bleiben jedoch ohne Erfolg. So gewinnt sie immer mehr den Eindruck einer Fehlbehandlung ihres Sohnes. Immer wieder übt sie daher Kritik an den Behandlungsversuchen der Klinik aus. Eine Kooperation mit den Klinikärzten kann sie immer weniger verantworten, sieht aber keine Alternative. Die Situation wird für alle Beteiligten immer schwieriger.

Mongha ist lange verunsichert. Einerseits überzeugt ihn die Argumentation seiner Frau, anderseits wird er in der Klinik regelmässig mit einer diskrepanten Meinung konfrontiert. Wer hat nun recht?

„Ja, schön was du erzählst," sagt er seiner Frau manchmal, „aber in der Klinik haben sie mir heute wieder etwas ganz anderes erklärt. Die sind Spezialisten und sollten wissen, woran Nick leidet."

Oder: „Wie willst du wissen, dass du recht hast?"

Nina versteht Mongha, der als Laie nicht wissen kann, was er nun glauben soll und sie achtet darauf, dass es deswegen nicht zu Streitigkeiten mit ihm kommt. 

 

Von den behandelnden Ärzten wird Nina zunehmend als mühsame Querulantin betrachtet. Immer offener werden ihre Fachkenntnisse angezweifelt. In der Krankengeschichte findet sie später z.B. die Bemerkung:

«Die Mutter behauptet, Psychiaterin zu sein.»

War sie es denn plötzlich nicht mehr? Einige Monate später erzählt ihr Mongha eines Abends, nach einem Besuch bei Nick lachend, Oberarzt Doktor Stucki, habe ihn heute gefragt, ob seine Frau überhaupt je in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet habe. Die beiden schauen sich an und schütteln den Kopf. Es stehen heute doch genügend PCs in den Kliniken, als dass jeder nachschauen kann, ob Nina einen Facharzttitel erlangt hat, und einen solchen könnte sie nicht tragen, wenn sie nie in einer Klinik gearbeitet hätte.

Ein andermal wird Nina von Oberarzt Doktor Feldmann laut ausgelacht, als sie ihm vorsichtig zu erklären versucht, dass sich Nick zwischendurch innert Sekunden völlig verändert, als stehe plötzlich eine andere Person da, wie z.B. im Aufnahmegespräch neulich.

Doktor Feldmann schaut sie an und lacht schallend: „Hahaha! Liebe Frau, sie glauben doch nicht etwa, Nick habe eine multiple Persönlichkeit?! Hahaha! Das gibt es doch nur in Romanen! Hahaha!"

Und doch, das ist für Nina zunehmend eine Option.

 

In den folgenden Tagen ist die Verlegung Nicks auf die Aufnahmestation Sole geplant. Nina hat mehrfach mit Doktor Feldmann Kontakt und versucht nochmals auf die Medikation Einfluss zu nehmen. Insbesondere drängt sie auf eine antidepressive Therapie mit Floxyfral®, welches auch bei Kindern verwendet wird. Schliesslich wird es in minimaler Dosis eingeführt. Nina weist auch auf das verabreichte, wegen des Alkoholgehaltes doppelt ungünstige Psychopax® hin. Hier erreicht sie einen Wechsel auf Temesta®, einem anderen Benzodiazepin in Tablettenform. 

 

Als Nina die Krankengeschichte ihres Sohnes viel später lesen kann, fällt ihr auf, dass die Behandler zwar ihre Meinung zur vorliegenden Pathologie nicht teilen und weiter von einer Psychose ausgehen, sie anderseits aber wie sie selber von dissoziativen Zuständen oder Anfällen sprechen. Nina schmunzelt. Merkwürdig. Wie ist denn das zu erklären? Vermutlich kommen sie mit ihren eigenen Theorien nicht weiter, sagt sie sich.

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Nick entdeckt die Welt
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12.  Spurensuche in der Vergangenheit - Nick entdeckt die Welt
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

Bruder Eric

 

Der kleine Nick gedieh trotz allem prächtig und wollte die Welt bald selber erkunden. Er übte schon früh mit Ausdauer das Gehen … und benötigte nur, für den Notfall, eine helfende Hand in der Nähe. Längere Spaziergänge waren möglich, ohne dass er in seinen Wagen steigen musste.

Nick liebte es, mit Mutter Nina oder Vater Mongha zu spazieren. So fuhr Nina manchmal mit Nick mit dem Tram in die Hauptstadt des Nachbarkantons auf den Markt. Dort verbrachten sie zusammen schöne und ruhige Momente. Nick zog seine Mutter von Stand zu Stand. Er genoss die Farbenvielfalt und die vielen unterschiedlichen Düfte. Besonders die Blumen zogen ihn an. Meist steckten sie in Metalleimern. Nick führte seine Mama von Eimer zu Eimer und roch an den Blumen. Dazu hockte er vor die Kübel. Strahlend forderte er Nina auf, ebenfalls an den Blumen zu riechen und machte sie auf die schönen Farben aufmerksam. Später kehrten sie entspannt und beschwingt wieder nach Hause.

Auch im Quartier waren schöne Spaziergänge möglich und dies bei jedem Wetter. Bei strömendem Regen mit Pelerine und Gummistiefeln ausgerüstet erkundete Nick begeistert die Welt. Besonders auf den ungeteerten Wegen boten die kleinen Wunder der Natur ihr Schauspiel an. Da zeigte Nick fast traurig seiner Mama eine Glockenblume, die durch jeden Regentropfen durchgeschüttelt wurde. Auf der anderen Seite des Weges, schlichen eine dunkle und eine rötliche Nacktschnecke dahin. Weiter vorne begegneten sich zwei Schnecken mit Gehäuse. Nick und Nina mussten richtig aufpassen, nicht auf Regenwürmer zu treten, so viele hatte es damals noch. Plötzlich realisierte Nick, dass alle Gänseblümchen ihre Blütenkörbchen geschlossen hatten. Insekten versteckten sich unter den Blättern der Pflanzen. All das bot viel Gesprächsstoff, wenn die beiden wieder im Trockenen waren und die nassen Stiefel und Kleider ausgezogen hatten.

 

Während Eric daheim immer neue Gemeinheiten gegen seinen kleinen Bruder ausheckte und ausübte, passte er draussen ausserordentlich gut auf ihn auf. Ab und zu wurde den Eltern sogar gemeldet, was für ein toller grosser Bruder Eric sei. Die Eltern konnten diese Diskrepanz nicht verstehen. Freudestrahlend kamen die beiden Brüder jeweils nach Hause zurück. Voller Bewunderung schaute der Kleine zum Grossen hinauf. Den Erzählungen Erics entnahm Nina, dass dieser draussen wegen des Bruders an Ansehen gewonnen hatte. Alle Kinder wollten Nick sehen und mit ihm spielen und Eric schaute gewissenhaft, dass niemand seinem Bruder etwas zuleide tat. Die unstete Beziehung zum älteren Bruder mit schönen Erlebnissen und glücklichen Momenten draussen aber wiederholten Quälereien daheim überforderte den kleinen Nick jedoch massiv. Er konnte unmöglich verstehen, warum dieses grosse Kind, welches eine so wichtige Bezugsperson für ihn war, einmal ein so wundervoller Bruder sein konnte, ihn handkehrum aber so plagte. Nina und Mongha war der dadurch möglicherweise entstehende Schaden leider zu wenig bewusst.

„Vielleicht sollten wir mit Eric eine Beratungsstelle aufsuchen?", meinte Nina schliesslich.

„Dann würde er in den Mühlen der Bürokratie hangen», befürchtete Mongha.

Nina drängte nicht weiter. Die Eltern lobten Eric immer wieder dafür, dass er draussen so gut auf Nick achtete. Sie vertrauten ihm auch, indem sie die beiden immer wieder zusammen hinausgehen liessen.

 

Daheim wollte es nicht bessern. Nina bestand immer noch vergeblich darauf, dass Eric seine Zimmertüre offen liess, wenn Nick bei ihm war. Nina kontrollierte weiterhin regelmässig was dort vorging. So überraschte sie die beiden wieder einmal in einer gefährlichen Situation. Eric half seinem Bruder gerade, auf seine Schultern zu steigen. Als er oben war, packte er Nick und warf ihn zu Boden. Immerhin hatte er sein Duvet auf den Boden gelegt. Beide lachten schallend. Nick war so flink und beweglich, dass er wenige Augenblicke später wieder oben auf den Schultern des Bruders sass.

Nina erkannte die, besonders bei dem unberechenbaren Bruder, hohe Verletzungsgefahr und schimpfte mit Eric. Dieser meinte nur, er habe solches am Fernseher gesehen. In der Tat war kurz vorher auf einem französischen Sender eine miserable Sendung gelaufen, wo mit kleinwüchsigen Menschen ähnlich umgegangen wurde. Das hatte Eric natürlich auf diese Idee gebracht.

 

Eric brachte Nick daheim oft auch in richtige Loyalitätskonflikte. Dieser mochte und bewunderte den grossen Bruder, er mochte aber auch seine Mutter, seine wichtigste Bindungsperson. Nina bemerkte sehr wohl, dass Eric Nick immer wieder gegen sie aufzuwiegeln versuchte oder ihn zu Boshaftigkeiten gegen die Mutter verleiten wollte. So konnte er indirekt der Mutter etwas antun, und der kleine Bruder würde bestraft werden, alles ohne, dass er jemandem etwas zuleide getan hätte. Einmal war es nur das Ziehen an der Schürzen-Schlaufe. Dann wieder verleitete er Nick dazu, der Mutter Duplo-Bausteine anzuwerfen. Bei einer anderen Gelegenheit, als Nina am Bügeln war, drückte er seinem Brüderchen ein Lineal in die Hand und flüsterte ihm zu, er möge die Mutter damit schlagen. Als Nick unentschlossen hinter Nina verharrte, erklärte ihm Eric, die Reaktion der Mutter sei dann ganz lustig. Nick kam nun von Hinten auf die Mutter zu und schlug sie ganz sachte. Diese reagierte zunächst nicht, sie wollte schauen wie sich die Sache weiterentwickeln würde.

Eric war in Deckung gegangen und zischte: „Fester, fester. Du musst fester schlagen."

Nick versuchte es nochmals. Da drehte sich Nina um und sah das erwartungsvoll strahlende, arglose Gesicht ihres jüngeren Sohnes. Sie nahm ihm das Lineal aus der Hand und erklärte ihm ruhig, das sei nicht gut, er solle die Ratschläge des Bruders in Zukunft besser nicht befolgen. Nick fühlte sich ertappt. Er blickte hilfesuchend zum Bruder, doch der war inzwischen verschwunden. Nick war völlig verunsichert und dem Weinen nah.

 

Nina nahm im März 1994 die Arbeit in Teilzeit wieder auf. Sie konnte an einer Nationalfonds-Studie mitarbeiten. Der Arbeitsplatz war zwar weit weg in der Hauptstadt, jedoch war das Pensum tief und Nina konnte einen Teil der Arbeit auch daheim erledigen. Ein frühes Home Office also. Dazu durfte sie den tragbaren Computer nach Hause nehmen. Ein schwerer schwarzer Klotz mit einem winzigen Bildschirm. Sogar zwei Spiele waren darauf geladen. Das eine war eine Art Schlange, die immer länger wurde. Das andere war ein Pac-Man-Spiel. Eric war begeistert, wenn ihn Nina hin und wieder kurz spielen liess.

 

Wenn sie arbeiteten, brachten Nina oder Mongha Nick jeweils ins Tagi des Dorfes, wie die Kita dort hiess. Auch Eric konnte an diesen Tagen dort zu Mittag essen. Anfänglich weinte Nick morgens, wenn er von den Eltern Abschied nehmen musste. Sie erhielten jedoch die beruhigende Nachricht, dass er sich, kaum waren sie aus dem Blickfeld verschwunden, rasch den anderen Kindern zuwandte und mit ihnen spielte. Nach einiger Zeit gewöhnte er sich an den morgendlichen Abschied. Auch im Tagi fiel Nick als geschickt auf. So sei er auch das jüngste Kind gewesen, das mit Gabel und Messer essen konnte.

 

Nick besass einen beeindruckenden Sinn für Farben und Formen, aber auch für Ton und Rhythmus. Hörte er Musik, war er nicht mehr zu bändigen. Wenige Töne und er hatte den Rhythmus des Stücks erfasst und begann zu tanzen und zu tanzen. Zu Silvester 1994 reisten Mongha und Nina mit ihren Söhnen in die Hauptstadt und logierten in einem guten Hotel, wo sie auch am Festtagsprogramm teilnahmen. Mongha hatte darauf bestanden, die Söhne festlich einzukleiden. Also stand auch Nick bereit, mit schicker grauer Hose und passender bordeauxroter Jacke, mit weissem Hemd und mit Fliege. Eric hätte auf die festliche Bekleidung gerne verzichtet, er freute sich aber auf das mehrgängige Menu. Schliesslich spielte das Orchester zum Tanz. Nick lauschte kurz, schaute wie die Erwachsenen sich zu bewegen begannen … und legte los. Er tanzte und tanzte. Einige Gäste sahen Nick und blieben stehen, um ihm zuzuschauen. Sie wurden immer mehr, und klatschten immer wieder. Eric nervte sich sichtlich. Warum waren alle Blicke auf den kleinen Bruder gerichtet? Böse schaute er auf Nick und versuchte Nina zu überzeugen, dass sie diesem Spektakel Einhalt gebieten müsse, das sei ja voll peinlich. Da Nick sehr klein war und ihn die hinten stehenden Leute nicht gut sehen konnten, packte ihn ein Gast und stellte ihn auf einen Tisch, wo Nick auf dem weissen Tischtuch ohne Unterbruch weitertanzte. Noch mehr Leute näherten sich und schauten zu. Völlig unverständlich, dass weder Nina noch Mongha ihren Fotoapparat dabeihatten. Mongha ging doch sonst nie mit den Kindern fort, ohne seine Instant-Kamera mitzunehmen. Es blieben nur die Fotos in ihren Köpfen.

 

Ende April 1995 litt Nick plötzlich an einer heftigen Durchfallerkrankung. Er trank und ass kaum mehr etwas. Da Doktor Würmli abwesend war, suchte Nina mit ihrem Sohn eine Kinderärztin im Nachbardorf auf. Diese wies ihn wegen der sich zuspitzenden Dehydratation ins Kinderspital ein.

Die Ärztin dort stammte aus Indien. Als Erstes fiel ihr das Untergewicht Nicks auf und sie fragte bestürzt: „Ist er immer so mager?"

In der Tat hatten die wenigen Tage Durchfall dazu gereicht, dass man meinte, Nick bestehe nur noch aus Haut und Knochen. Die Ärztin ging sehr feinfühlig mit ihm um und auch die Pflegerinnen waren verständnisvoll. Trotzdem bereitete es Nick grosse Mühe, allein von zuhause weg zu sein, auch wenn das Spital-Pyjama mit dem bordeauxroten Hosenteil und dem gestreiften Oberteil fast identisch war zu jenem daheim. Wie Nina mitgeteilt wurde, sei er in der ersten Nacht aufgestanden und habe sich ein Plätzchen gesucht, wo er zusammengekauert bis zum Morgen verharrte. Es stellte sich dann heraus, dass Nick an einer Rotaviren-Gastroenteritis litt. Zwei Tage später ging es ihm zum Glück besser und Nina konnte ihren Nick nach Hause nehmen und dort wieder aufpäppeln.


Spurensuche in der Vergangenheit – Aus dem Baby wird ein Kleinkind
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13.  Spurensuche in der Vergangenheit – Aus dem Baby wird ein Kleinkind
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Hauptakteure

Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

Bruder Eric

 

Sowie

Schwester Theodora

 

Beim Spielen war Nick immer sehr kreativ und flink, aber auch sehr geschickt. Er hatte einen ausgeprägten Sinn für Farben, Symmetrie und Rhythmus. Mit Leichtigkeit gelangen ihm Dinge, die sein Bruder erst deutlich später schaffte. Schon früh fügte er Zusammensetzspiele sicher zusammen. Mit Duplo und später mit Lego baute er geschwind und einfallsreich allerlei zusammen. Er machte sich einen Spass daraus, seine Stücke perfekt symmetrisch in Form und Farbe zu kreieren. Die Eltern erinnerten sich, wie Eric im entsprechenden Alter nur mehr oder weniger lange U-Boote baute, auf die er mächtig stolz war. Natürlich achteten sie nun peinlich darauf, keine vergleichenden Bemerkungen zu äussern. Auch das Aufbauen von kleinen Überraschungsspielzeugen musste Nina Nick nur wenige Male vorzeigen. Schon bald nahm er ihr diese aus den Händen und baute sie mit seinen geschickten kleinen Händen selber präzise auf. Nina staunte, hatte sie doch Eric diesbezüglich über lange Zeit unterstützen müssen.

 

Nach Nicks Geburt machte sich bei Nina, wie nach Erics Geburt ein Heuschnupfen bemerkbar. Sie reagierte auch auf die gleichen Baumpollen allergisch wie damals. Angesichts des erfolgreichen Verlaufs beim ersten Mal, entschloss sie sich wieder zu einer Desensibilisierung. Diese wurde ambulant im Universitätsspital des Nachbarkantons durchgeführt. Meist nahm sie Nick dazu mit. Den langweilte das häufig längere Warten. Es fehlte eine Spielecke für die Kleinen, daher hüpfte und wirbelte Nick herum, zwischen Patienten und Personal, ohne dass sich jemand an ihm störte. Immer wieder versuchte Nina ihn in ihrer Nähe zu halten, ihn zum Sitzen zu animieren und zum Lesen in einem mitgebrachten Büchlein.

Da, nach einem kurzen Moment von Unachtsamkeit hörte Nina plötzlich Nicks Weinen. Sie schaute herum und erblickte ihn unweit am Boden liegend. Offensichtlich war er umgefallen. Hatte er sich weh getan? Sie stand auf und eilte zu ihm. Nick lachte bald wieder.

Eine Pflegerin näherte sich Nina lachend: „Ihr Sohn ist ein Schlaumeier. Er wollte ihre Aufmerksamkeit erregen. Er hat sich so fallen gelassen, dass Sie ihn sehen konnten, hat zu ihnen geschaut und gewartet. Erst dann hat er zu weinen begonnen."  

 

Wie früher hatte Nick auch als Kleinkind auffällige Essgewohnheiten mit wechselnden Phasen von Vorlieben (nur Gemüse, nur Fleisch oder nur Teigwaren), die jeweils einige Wochen dauerten. Zeitweise ass Nick nur das Eigelb, dann wieder nur das Eiweiss der Eier. Später ass er von den Fleischvögeln nur die Hülle, dann plötzlich nur noch die Füllung. Da Nick offensichtlich weiter gedieh, passte sich Nina schliesslich an und liess ihn gewähren.

 

Um Ihnen die französische Sprache näher zu bringen, hatten Nina und Mongha Eric und später auch Nick die Gelegenheit gegeben, den französischen Kindergarten in der Hauptstadt des Nachbarkantons, zu besuchen. Eine Bereicherung sicher, im Vergleich zu einem Aufenthalt im Tagi oder bei einer Tagesmutter. Ganz einfach war es für die Eltern jedoch nicht, da die Buben gebracht und abgeholt werden mussten und das Mittagessen und die Betreuung während der freien Nachmittage organisiert werden mussten. Glücklicherweise sprang beide Male eine Schwesterngemeinschaft des Ordens der Vinzentinerinnen ein, welche ein Kinderheim im gleichen Gebäude betreute. Schwester Theodora erinnerte sich noch bestens an Eric, als sie rund 10 Jahre später Nick kennenlernte.

 

Anfangs Februar 1996 verliess Nick den Pausenplatz des französischen Kindergartens und bewegte sich zielstrebig in Richtung des weit entfernten Heimes. Dabei überquerte er mehrere stark befahrene Strassen. Nina, die ihn abholen wollte, erblickte vom Tram aus einen kleinen Knirps mit petrolfarbener Winterjacke und bordeauxroter Mütze, der auf der anderen Strassenseite zügigen Schrittes in die Gegenrichtung marschierte. Sie erschrak heftig. Das konnte nur Nick gewesen sein. Was machte er denn da ganz allein? Weshalb war er nicht im Kindergarten mit den anderen Kindern? Sie musste ihn einholen. Allerdings musste sie vorher noch bis zur nächsten Station weiterfahren. Und die war weit. Sie schätzte ein, wie weit Nick in der Zwischenzeit schon vorangekommen war. Sie musste es aber versuchen. Zuerst galt es freilich, die stark befahrene Kreuzung zu überqueren. Ampeln waren zwar vorhanden, aber wie war Nick in der Lage gewesen, diese zu bedienen? Oder hatte er Glück gehabt und hatte sich jemandem angeschlossen, der die Strasse ebenfalls überquerte? Nun begann Nina zu rennen. Hoffentlich würden ihre Lungen den nötigen Sauerstoff aufnehmen. Sie war nach einer Lungenentzündung erst am Vortag aus dem Spital entlassen worden. Immer wieder musste sie anhalten und nach Atem ringen. Die kalte Winterluft schmerzte, wenn sie sich durch ihre noch entzündeten Luftwege zwängte. Nach kurzen Pausen rannte sie weiter. Nick hatte nun schon einen grossen Vorsprung gewonnen. Nach einer Weile konnte Nina weit vor ihr einen kleinen grünblauen Punkt erkennen, der mit der Zeit grösser wurde. Ja, das war er. Würde sie es schaffen? Ihre Pausen wurden immer länger, sie rang nach Luft. Nun verschwand der Punkt wieder. Nick hatte offenbar den Punkt erreicht, wo die Strasse zum nächsten Knotenpunkt mit der Tramstation hinunterführte. Nina musste sich noch mehr beeilen. Wenn Nick heil über die Kreuzung kommen sollte und in eines der Trams stieg, dann konnte sie nur noch die Polizei anrufen. Sie versuchte, nicht mehr anzuhalten und während der Rennpausen zu gehen. Endlich gelangte auch sie zur Stelle, wo die Strasse nach unten führte und erblickte den kleinen Knirps mit petrolfarbener Jacke wieder vor sich. Sie war erleichtert, hatte sie es doch geschafft, die Distanz zu ihrem Sohn deutlich zu reduzieren. Sie rannte nochmals und versuchte nun zu rufen. Doch ihr Ruf ging im allgemeinen Lärm der grossen Stadt unter. Nick konnte seine Mutter nicht hören. Sie eilte weiter, rang nach Luft, versuchte erneut zu rufen. Und endlich, endlich, als Nina rund zehn Meter hinter Nick gelangt war, blieb er auf ihr Rufen stehen. Sie rief nochmals nach ihm und er drehte sich um. Er war ganz ruhig und schien nicht zu verstehen, weshalb die Mutter so ausser Atem war.

„Was machst du hier? Wo gehst du hin?", fragte Nina.

„Ich gehe das Tram nehmen und fahre nach Hause," erklärte ihr Nick, als wäre es selbstverständlich. 

Nick erzählte dann, er habe die Pausenglocke verpasst und sei allein draussen zurückgeblieben. Ein alter Mann habe ihm dann gesagt, er solle nach Hause gehen und das habe er tun wollen. Nina erklärte ihrem Sohn nun, dass sie zuerst wieder zum Kindergarten zurückkehren müssten, da er dort sicher gesucht würde. Und in der Tat, als die beiden beim Kindergarten eintrafen, waren dort schon alle in hellem Aufruhr. Man erwog gerade, die Polizei zu verständigen.

 

Nick war ein sehr vifer und neugieriger kleiner Bub. In der Stadt durfte ihn Nina nicht aus den Augen lassen. Im Schuhgeschäft räumte er in Windeseile die Regale aus. Nina eilte hinterher und ordnete die Schuhe wieder ein. Dann war Nick plötzlich verschwunden. Schliesslich erblickte ihn Nina hinten im Lager des Geschäftes. In Modehäusern liebte es Nick unter den runden Kleiderständern zu verschwinden, insbesondere unter jenen, die sich drehen liessen. 

Im September, zu Beginn der Jagdsaison wurden in der Traiteur-Abteilung eines grossen Supermarktes der Stadt in grösseren Gastronomiebehältern aus Edelstahl Rehpfeffer und Hirschpfeffer angeboten. Während sich Nina nach einem anderen Gericht umschaute und sich mit der Elsässischen Verkäuferin austauschte, beobachtete Nick den für ihn auf Kopfhöhe ausgestellten Wildpfeffer.

Plötzlich tönte es neben Nina laut: „Maman regarde, caca!"

Nina schaute nach unten und sah Nick halb angewidert, halb belustigt auf die angebotenen Gerichte zeigen.

Auch die Verkäuferin hatte Nicks Worte gehört und lachte: „Oh Caca? Mais non, ce n’est pas du caca!"

Auch Nina, welche Pfeffer immer sehr unappetitlich fand, musste lachen und jeden Herbst zur Jagdsaison kamen Erinnerungen auf an diese Szene aus dem Supermarkt.

 

Nick war ein sehr geselliger kleiner Bub. Wohin er auch ging fand er rasch Freunde und konnte mühelos soziale Kontakte mit Kindern und Erwachsenen herstellen.

Ein beliebtes Übungsfeld fand Nick auf Zugreisen. Die Eisenbahnwagen waren für ihn ein richtiger Spielplatz, wo er fast grenzenlos herumturnen und -klettern konnte. Nina eilte hinterher, von einem Abteil zum andern. Sie holte ihn von den Gepäckträgern hinunter. Sie schaute, dass Nick nirgends hinunterfiel und niemanden zu Fall brachte. Erstaunlicherweise schaffte es Nick, die Verbote von Mama Nina zu befolgen: keine Schuhe auf den Sitzen, keine Socken am Boden. Manchmal übertrieb es der Wirbelwind aber und Nina begann zu schimpfen und hielt ihn kurz am Ohr fest, um ihren Worten Nachdruck zu verschaffen. Nick turnte, hüpfte, rutschte, kletterte und robbte aber mit so leuchtenden Augen und strahlendem Gesicht, dass meist jemand für ihn einschritt und beteuerte, es sei gar nicht so schlimm. In der Tat, Lärm machte Nick kaum, er schrie nicht herum, lachte nicht schallend, schubste niemanden. Zwischendurch erschien er bei Nina und umarmte sie. Hatte es unter den Passagieren Kinder, dann sah Nina ihren Sohn kaum mehr. Mussten Nick oder die anderen Kinder aussteigen, gab es lange fröhliche Abschiedsszenen.

Nina hat nie verstanden, wie andere Mütter seelenruhig ihre Zeitschrift lesen konnten oder später auf ihrem Handy töggelten. Sie hatte immer eine Auswahl Spiele, Bücher und Zeichenmaterial dabei, und natürlich auch zu trinken und zu essen. Damit wollte sie ihre Buben während der Fahrt beschäftigen.

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle II
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14.  Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle II
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Hauptakteure:

Sohn Eric

Sohn Nick

Mutter Nina

Vater Mongha

 

Auch in dieser Lebensphase kam es zu merkwürdigen Geschehnissen und Ungereimtheiten, welche die Eltern bemerkten, für die sie aber keine Erklärung fanden.

 

Ein Zimmer ganz für sich hatte Nick nicht. Ninas Schreibtisch und Bücherschrank besetzten eine Hälfte des Raums. Nick spielte meist im grossen Wohnzimmer, wo viel Platz für seine Spielsachen war. Nicks Bettchen stand aber immer noch im Schlafzimmer der Eltern und er schlief immer noch ruhig ein.

Die Quälereien durch den Bruder setzten sich fort und Nina wachte über ihren Nick so gut sie es konnte.

 

Ausser Mongha war daheim und schlief nicht, nahm Nina Nick immer mit in die Waschküche, wenn sie ihren Waschtag hatte. Das war nicht ein ganz einfaches Unterfangen, wohnte die Familie doch zuoberst im dritten Stock und hatte es keinen Lift. Die Waschküche befand sich ebenerdig zum Eingang, wie auch die Kellerräume. Nick half der Mutter manchmal, Wäsche in die Maschine zu stopfen oder reichte ihr die Wäscheklammern zum Aufhängen der Wäsche. Ansonsten wirbelte und hüpfte er überall herum. Nina liess ihn gewähren, erwartete sie doch tagsüber keine Gefahr, wenn sie ebenfalls unten war. 

Eines Tages blieb Nick länger weg. Nina schaute schliesslich in den Gang hinaus, sah aber nichts. Auf einmal vernahm sie seltsame Geräusche. Es tönte wie das mühsame Schleifen eines Gegenstandes über den Boden, dann ein Stöhnen, ein Röcheln.

Nina musste die Sache klären. Sie lauschte aus welcher Richtung die Geräusche kamen und folgte ihnen leise. Uh, da lag ja etwas auf dem Boden. Was war das? Nina schaute näher hin und erkannte einen Finken ihres Sohnes.

Was war denn los? Nina folgte den Geräuschen weiter. Dann wurde es still. Nina stiess auf Nicks Strickjacke. Im hintersten Teil des Kellers war das Licht nicht angezündet. Sie drückte den Schalter und erkannte, zusammengekauert in einer Ecke ihren Nick. Er strahlte, als er die Mutter sah. Nina wusste nicht, was sie von dieser Inszenierung halten sollte. Sie zeigte Nick einfach ihre Freude, ihn gefunden zu haben und sie umarmten sich. Nina sagte ihm auch, dass er ihr Angst gemacht habe, was er mit seinem hellen Lachen quittierte. Er war stolz, die Mama überlistet zu haben.

Bis heute fragt sich Nina jedoch, wie Nick in diesem Alter eine so realistische Szene spielen konnte. Er schaute nur wenige, altersangepasste TV-Sendungen. Hatte er etwas ähnliches erlebt? Etwa mit dem Bruder? Die Eltern liessen die beiden ja immer wieder zusammen hinausgehen. Begaben sie sich immer nach draussen oder nutzte Eric die Möglichkeit, den Bruder im Keller zu quälen?

 

Als die Eltern Nick im französischen Kindergarten anmeldeten, musste sein Eintritt um einige Zeit verschoben werden, da der Kleine noch nicht trocken war. Auch später noch gab es hin und wieder einen Unfall und Nick kam mit Ersatzkleidern aus dem Kindergarten zurück. Insbesondere nachts aber dauerte es lange, bis Nick keine Windeln mehr benötigte. Als Nina endlich auf die Ursachen von Nicks späteren psychischen Problemen schliessen konnte, fragte sie sich, ob hier allenfalls ein Zusammenhang bestehen könnte, insbesondere in der Zeit, als Nick noch nicht im Zimmer der Eltern schlief.

 

Das Umstellen des Essens verlief wie erwähnt nicht ohne Schwierigkeiten. Als Kleinkind kam es zu einer anhaltenden Verweigerung von insbesondere Bananen und rohen Tomaten. Auch Bratwürste ass Nick zeitweise nur mit grosser Überwindung, meist aber gar nicht. Nie hat er eine Erklärung gegeben, Nina hat sich oft Gedanken darüber gemacht.

 

Später entwickelte Nick eine generelle Abneigung gegen die Farbe Rot. Es ging so weit, dass Nina über Jahre keine uni roten Kleider mehr tragen konnte, wenn sie mit Nick unterwegs war, da er sich sichtlich unwohl fühlte. Herausgefunden, woran es lag, haben Nina und Mongha nie. Bemerkenswert ist demzufolge, dass Jahre später, nach dem akuten Ausbruch von Nicks psychischer Störung sich ein Persönlichkeitsanteil Red nannte und mit Vorliebe rot trug. Nina geht daher davon aus, dass die Farbe in der Trauma-Anamnese Nicks eine Rolle gespielt hat. Aber welche? Allenfalls im Zusammenhang mit Tomaten?

 

Bei Nagellack jeglicher Farbe weigerte sich Nick, seiner Mutter die Hand zu geben. Das hatte er allerdings von seinem Bruder übernommen. Beachtlich auch dies im Zusammenhang mit der entstandenen Störung. So ist die Existenz von täterloyalen und täterimitierenden Anteilen bei DIS bekannt und anerkannt.  

 

 


 

 

Erneute Krise
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15.  Erneute Krise
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie

Assistenzärztin Frau Doktor Klossmüller

Oberarzt Doktor Feldmann 

 

Nach seinem Wiedereintritt vom 16.01.2009 im KIZ verbleibt Nick bis zum 23.01.2009 dort. Anschliessend kommt er auf die Aufnahmestation Sole, wo er sich bis zur Rückverlegung ins KIZ am 16.02.2009 aufhält. Am 02.03.2009 tritt er dann auf die Langzeitstation Passage über, wo er über drei Monate verbleibt.

 

Beim Übertritt auf die Station Sole werden die Eltern informiert, dass eine weitere Abklärung des unklaren Zustandsbildes geplant sei. Also doch nicht so klar, denkt Nina und schüttelt den Kopf. Der KG entnimmt sie später, dass bei erneuten Episoden mit Bewusstseinsstörung und begleitender vegetativer Symptomatik (unregelmässiger Puls, instabiler Blutdruck oder Atempausen) wieder eine Verlegung in ein somatisches Spital vorzunehmen sei. Bei Selbst- oder Fremdgefährdung sei Nick durch Isolation zu schützen. Geplant werden auch eine neurologische Untersuchung sowie eine testpsychologische Abklärung. Die Klinik biete zudem einen strukturierten Tagesablauf an. Ein Schulversuch könne von der Klinik aus organisiert werden.

Endlich sollte es vorwärts gehen, denken die Eltern erleichtert.

 

Wie die neu zuständige Assistenzärztin Frau Doktor Klossmüller in ihrer Aktennotiz vom 26.01.2009 berichtet, ist der Übertritt auf die Station Sole gut verlaufen. Im KIZ sei noch eine Behandlung mit Floxyfral® begonnen worden. Auf Wunsch der Mutter, notiert sie verdrossen. Ihre Vorstellung wäre es gewesen, zuerst möglichst ohne antidepressive Medikation zu einer diagnostischen Einschätzung zu gelangen. Für Nina unvorstellbar. Wenn man so depressiven Patienten in der Erwachsenenpsychiatrie über Wochen eine spezifische medikamentöse Behandlung vorenthalten würde, könnte es in allen Zeitungen gelesen werden. Dies umso mehr, als bis zur vollen Wirksamkeit dieser Gruppe von Psychopharmaka meist mehrere Wochen vergehen.

 

Am 27.01.2009 gegen 11.00 Uhr klagt Nick über Übelkeit. Er geht in den Aufenthaltsraum und setzt sich aufs Sofa. Dort hört er undeutlich Männerstimmen, deren Inhalt er nicht verstehen kann, die ihn aber ängstigen. Er legt sich hin und kommt sich plötzlich vor, als ob er auf einem Krankenbett gefesselt sei und Experimente mit ihm gemacht würden. Er bekommt noch mit, dass er von einer Pflegerin am Arm angefasst wird. Dann ist er für die folgende Stunde nicht mehr ansprechbar und hat später auch keine Erinnerung daran. Von den Behandelnden der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird in dieser Zeit ein rhythmisches Zucken und Zittern der Extremitäten beobachtet. Die Atmung weist Atempausen von bis zu 10 Sekunden auf mit nachfolgend kurzfristig vertiefter Atmung. Schliesslich erwacht Nick wieder und hat Hunger. Er wird erneut in den Notfall des Universitätsspitals verlegt. Die Anfälle seien seit Weihnachten 2008 nahezu täglich vor allem abends aufgetreten.

Der Notfallanamnese ist zu entnehmen, dass Nick szenische Halluzinationen beschreibt, die ihm als solche bewusst sind, Derealisationserleben, Wahrnehmung von undeutlichen stimmähnlichen Geräuschen und optischen Halluzinationen in Form von Ameisen, Käfern und anderen. Die begonnene Medikation mit Neuroleptika habe keine Änderung gebracht.

Die Neurologen des Notfalls der Universitätsklinik schliessen nach einer ganzen Reihe von Untersuchungen die gleichen Schlüsse wie Nina. Aufgrund des bunten psychopathologischen Bildes, welches nicht der typischen Symptomatologie einer Epilepsie entspricht und der fehlenden Pathologien in der cerebralen Bildgebung, interpretieren sie die Zustände am ehesten als nicht-epileptische (dissoziative) Anfallsereignisse. Sehr kompetent werden die verschiedenen, affektiv wenig besetzten, Halluzinationen in unterschiedlicher Qualität als untypisch für psychotische Erkrankungen beurteilt, sodass auch nicht von einer Bewusstseinsstörung mit Stupor im Rahmen einer psychotischen Erkrankung ausgegangen wird.

Oh wie schön! Nina liest diese Zeilen rund 15 Jahre später in der Krankengeschichte ihres Sohnes und fühlt sich rehabilitiert. Weshalb nur haben die Kinderpsychiater diese Argumente der Neurologen nicht gelesen und entsprechend beachtet? Und dies umso mehr als sie doch andauernd der Kritik und der Opposition der Mutter, einer ausgebildeten Psychiaterin, ausgesetzt waren? Sie waren anscheinend so auf ihre Psychose-Theorie fixiert, dass sie alle anderen Diagnosen verwarfen. Und das in einem universitären Betrieb!

Neben der Feststellung der affektiv wenig besetzten Halluzinationen heben die Neurologen auch eine paradoxe Teilnahmslosigkeit gegenüber dem eigenen, schwer beeinträchtigten, Gesundheitszustand hervor, entsprechend einer «belle indifférence».

 

Am 31.01.2009 kommt es erstmals auf der neuen Station zu einem ernsteren Problem. Nick entweicht um 18.00 Uhr. Nach dem Zvieri wird er zunehmend abwesend und wird in sein Zimmer begleitet. Dort weint er und lässt sich die Tränen wegwischen. Dann wird Wut spürbar, Nick will alleine sein. Kurz darauf hört man ihn die Treppe hinuntergehen, … und weg ist Nick. In seinem Zimmer wird ein Brief gefunden.

 

Die Behandler suchen zunächst auf dem Areal. Dann werden die Eltern informiert und Nick wird polizeilich ausgeschrieben. Die Behandler gehen einmal mehr aus von einem psychotischen Zustandsbild, mit Selbst-/ und Fremdgefährdung. Schliesslich wird auch der Sicherheitsdienst der Klinik informiert

Nina ist schockiert. Er hat’s gemacht! Er ist weg! Er kennt das Gelände nicht. Auch sie schätzt ihren Sohn als suizidal ein. Sie denkt an einen spitzen Gegenstand. Noch wahrscheinlicher sieht sie ihn irgendwo hinunterspringen. Um ca. 17.30 Uhr hatte sie doch noch mit ihm telefoniert und den morgigen Besuch der Eltern bestätigt. Sie hatte nichts Aussergewöhnliches bemerkt.

Nina erinnert sich aber auch an die schlimmen Vorfälle, welche Nick vor gerade 5 Jahren in der Primarschule erleben musste. Sie macht sich daher grosse Sorgen.

 

Im siebten Stock des Wohnhauses aus der Mitte der 50er Jahre in der Stadt auf dem Röstigraben ist die Spannung maximal. Mongha und Nina machen warten angespannt auf weitere Nachrichten. Mehr können sie im Moment nicht tun. Wo ist ihr Nick wohl? Was hat ihn dazu getrieben, die Klinik zu verlassen? Einmal mehr stellt sich heraus, dass eine Klinik keine Garantie für Sicherheit ist, was Nina eigentlich wissen sollte.

Plötzlich, … es läutet an der Türe. Ninas Herz klopft bis in ihren Hals. Nachrichten? Gute? Schlechte? Die Eltern öffnen. Vor ihnen steht Nick. Er tritt ein und berichtet, dass er auf dem Heimweg starke Suizidgedanken gehabt habe. Nun gehe es besser. Gegen 20 Uhr ruft Nina in der Klinik an und gibt Entwarnung. Es wird vereinbart, dass die Eltern Nick am nächsten Tag im Laufe des Vormittags zurückbringen.

Nach der ersten Aufregung haben Nick und Nina ein wenig Zeit. Nick erzählt ihr, wie er heimgekommen ist. Er wirkt dabei unauffällig, vielleicht etwas jünger als er effektiv ist. Nina staunt immer noch. Er hat es geschafft. Insgeheim ist sie in Anbetracht der Situation doch auch etwas stolz auf ihren Sohn. Auf Google Maps rekonstruieren sie den Weg. Bei völliger Dunkelheit muss Nick von der Station Sole zu Fuss durch den Wald und weitergelaufen sein. Dabei habe er eine Brücke überquert, unten sei eine breite, stark befahrene Strasse gewesen. Der Druck, sich hinunterzustürzen sei extrem gewesen. Er habe schon ein Bein über der Brüstung gehabt, als er sich entscheiden konnte, es nicht zu tun. In einem grösseren Vorort der Hauptstadt habe er den Bus genommen. In der Hauptstadt sei er bei einem grösseren Platz ausgestiegen und zu einer der Brücken hinuntergelaufen, die zum Stadtzentrum führen. Beim Überqueren der Brücke hätten sich wieder Suizidgedanken eingestellt. Er habe aber nicht genügend Mut gehabt. Nick sei weiter zum Hauptbahnhof gelaufen. Dabei sei er den Polizisten ausgewichen, da er davon ausging, dass man ihn sucht. Am Bahnhof habe er sich entschieden zu seinen Eltern zu gehen und habe den Zug und dann den Trolleybus genommen. Sein GA hatte Nick, wie immer, dabei.

Nina lobt ihren Sohn, dass er die Kraft gehabt hat, sich trotz des Druckes nichts anzutun. Er ist müde von der abenteuerlichen Reise und geht zeitig schlafen.

 

Am nächsten Tag bringen die Eltern ihren Sohn wieder zurück auf die Station. Er reagiert verärgert auf das in der Psychiatrie in solchen Situationen übliche „Gespräch", welches eher einem Verhör als einem echten gemeinsamen Gespräch ähnelt und weigert sich, sich zu den Umständen seiner Flucht zu äussern.

Den Eltern wird der gefundene Abschiedsbrief gezeigt.


Brief Beginn

 

Brief Ende

 

Was für ein Brief, denkt Nina?! Was für ein Inhalt? Und diese vielen Fehler? Was für eine Schrift? Ja, … es sind sogar verschiedene Schriften. Nick schreibt nicht so. In der Primarschule in der Ostschweiz hatte er eine der schönsten Schriften seiner Klasse. In letzter Zeit hatte sie sich verändert, aber das?



Die Meinungen gehen auseinander
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16.  Die Meinungen gehen auseinander
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Zusammengefasst ist der weitere Verlauf auch auf der Station Sole wechselhaft. Die Eltern erkennen in den Meldungen der Behandler ein Hin und Her zwischen leichter Besserung und erheblichen Einbrüchen. Dabei werden die Phasen von leichter Besserung durchwegs als Erfolg der massiven Sedation durch Neuroleptika und Benzodiazepine sowie der Erziehungsversuche betrachtet. Erklärungen für eine Verschlechterung werden hingegen im direkten Umfeld Nicks gesucht, also bei den Eltern, die ungenügend kooperieren und das Vorgehen der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste nicht verstehen. Zudem ist da die Mutter, die alle verärgert, weil sie sich in alles einmischt.

 

Wenn die Behandler über Nicks Verhalten berichten, erwarten sie, dass die Eltern bei ihrem Sohn intervenieren, indem sie das Vorgehen der Klinik unterstützen. So einseitig stellen sich die Kinderpsychiater die Zusammenarbeit mit den Kindseltern vor. Nina und Mongha sind diesbezüglich jedoch zurückhaltend. Ihnen ist eine kritische Würdigung der Situation wichtig und sie beschränken sich aus motivationspsychologischer Sicht auf Anerkennung und Lob von gewissen Leistungen oder Verhaltensweisen ihres Sohnes. Ihnen ist wichtig, dem schwer beeinträchtigten Kind in erster Linie als stabile, zuverlässige Stütze zur Seite stehen zu können.

In diesem Sinne trennen sie auch klar die Verantwortungsbereiche der Klinikangestellten und der Eltern. Was Nick in der Klinik macht, müssen die Behandler regeln. Einerseits tragen sie die direkte Verantwortung dafür und anderseits wird die Meinung der Eltern ohnehin nicht berücksichtigt. Die Eltern mischen sich vordergründig nicht ein und reagieren, wenn nötig, erst im Anschluss. So versuchen sie z.B. die Reaktionen ihres Sohnes zu verstehen und den Behandlern zu erklären oder sie erklären Nick, was die Behandler anstreben.

Für die Eltern kommt es nicht in Frage, neben den Behandlern zu stehen und diese lautstark zu unterstützen. In der Tat sind die Meinungsverschiedenheiten dazu viel zu gross.

Daheim handeln die Eltern entsprechend ihren Möglichkeiten nach bestem Wissen und Gewissen. Eine Einigung zwischen den Parteien ist nicht in Sicht, da das Verhalten der Eltern dem Verständnis der Kinderpsychiater widerspricht.

 

Als Nina Jahre später die Krankengeschichte ihres Sohnes lesen kann, fällt ihr auf, dass die Behandler nicht nach Erklärungen für Nicks wechselhaftes Verhalten suchen, sondern es einfach zur Kenntnis nehmen. So drängt Nick immer mal wieder, möglichst bald die Schule wieder aufnehmen zu können. Dazwischen ist er aber ganz und gar nicht erpicht, jemals wieder in die Schule zu gehen. Er erklärt, wie schon im Sommer 2008 daheim, überzeugt, er wolle Söldner werden. Ist es aber tatsächlich Nick, der mal dies, mal jenes behauptet? Oder könnte es allenfalls auch ein anderer „Nick", ein anderer Anteil seiner Persönlichkeit resp. ein anderer Persönlichkeitszustand sein?

 

In der Klinik wird festgestellt, dass sich Nick den einzelnen Teampersonen gegenüber unterschiedlich verhält, was natürlich als berechnend be- und verurteilt wird. Nina hat solches bei Nick nie beobachtet und sie hat eher den Eindruck als spüre Nick, welche Betreuer ihm wohlgesinnt sind und welche nicht.

Solche Widersprüche und andere Verhaltensauffälligkeiten werden in der Klinik, sofern sie auffallen, als Verhalten betrachtet, das durch richtige Erziehung korrigiert werden muss. Nina fallen sie wohl auf. Sie erachtet sie aber als neu und kann sie noch nicht definitiv einordnen. Sie sieht nur, dass die in der Klinik durchgeführten Massnahmen einen gesamthaft negativen Einfluss haben und oft zur Eskalation führen.

Trotzdem bemühen sich Nina und Mongha weiter, die Klinik über die Beobachtungen der Eltern daheim an Wochenenden oder anlässlich von Besuchen in der Klinik zu informieren. Nina zögert dabei nicht mehr, hin und wieder auf einen möglichen anderen, schwierigeren Persönlichkeitsanteil hinzuweisen und erntet nur Kritik und Spott.

 

Die Eltern sehen und spüren das immense Leid ihres Kindes und versuchen das Verhältnis zum Sohn verlässlich und vertrauensvoll zu gestalten, um die Beziehung möglichst zu stärken und ihm so einen gewissen Halt zu vermitteln. Nina achtet darauf, nicht psychotherapeutisch einzugreifen, da dies Aufgabe der Klinik ist und zu Recht nicht geschätzt würde. Sobald sich Nina in ihrer Diagnose jedoch sicher wird, beginnt sie mit der Psychoedukation. Sie versucht also, Nick die vorliegenden komplexen medizinisch-wissenschaftlichen Fakten kompakt in verständlicher Sprache nahezubringen. Sie sieht dies als Vorbereitungsmassnahme zu einer spezifischen Behandlung. Sie vermittelt ihrem Sohn möglichst einfache Informationen über die aus ihrer Sicht vorliegende Störung und deren mögliche Entstehungsmechanismen. Dabei versucht sie zu spüren, ob Nick auf die eine oder andere Information emotional reagiert oder getriggert wird. Sie gibt ihm auch kurze Hinweise auf die Therapiemöglichkeiten und seine Ressourcen und versichert ihm einmal mehr, dass die Eltern ihn unterstützen.

Nick wirkt jeweils nachdenklich, in sich gekehrt … und schweigt weiter. Nina hat den Eindruck als sei ihr Verdacht berechtigt. Später informiert Nina die Ärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrie über ihr Vorgehen und löst damit keine Begeisterungsstürme aus. Betreten erklärt man ihr, das sei nicht gerade günstig, würde man doch von einer ganz unterschiedlichen Diagnose ausgehen. Nina zuckt die Schultern. Nick müsse verstehen können, was in ihm vorgehe und den Symptomen nicht mehr so ausgeliefert sein.

 

Nina legt auch viel Wert darauf, Nick korrekt darüber zu informieren, was ihn in dieser Institution erwartet. So teilt sie ihm anlässlich eines Besuchs auch mit, dass die Behandler immer mehr Druck ausüben und mit einem Obhutsentzug drohen. Sie erklärt ihm was es bedeutet und spürt neben sich in diesem Moment ein Häufchen Elend, welches sie zuerst wieder auf die Beine stellen muss, bevor sie wieder geht.

Nina informiert ihren Nick später auch, als die Behandler ihre Absicht äussern, Leponex® als neues Neuroleptikum einzusetzen. Sie erklärt ihm, dass man ihm das Medikament wahrscheinlich vorschlagen werde, als genau das, was er gerade braucht. Nina informiert ihren Sohn über die erheblichen Nebenwirkungen. Sie klärt ihn weiter darüber auf, dass er an einer anderen Störung leidet, die eine Behandlung mit dieser Substanz sicher nicht rechtfertigt. Schliesslich schärft sie ihm ein, die Behandlung mit diesem alten Neuroleptikum abzulehnen. Zu ihrer Erleichterung ist ihr Plan erfolgreich.

 


 

Von Krise zu Krise
Seite 17
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17.  Von Krise zu Krise
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Hauptakteure:

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie:

Assistenzärztin Frau Doktor Klossmüller

Oberarzt Doktor Speer 

Leitender Arzt Doktor Moratti 

 

Nach dem zweiten Aufenthalt im KIZ (ab dem 16.01.2009) kommt es am 23.01.2009 zur Verlegung Nicks auf die Station Sole und nach einigen Wochen, am 16.02.2009, wieder zurück ins KIZ. Dieser dritte Aufenthalt im KIZ dauert bis zum 02.03.2009. Anschliessend tritt Nick auf die Station Passage über, zur weiteren Beobachtung, Abklärung und Behandlung. Die Verlegungen werden einerseits mit dem sich verändernden Störungsbild, andererseits mit Kommunikationsproblemen zwischen Behandelnden und Kindseltern begründet.

 

Das immer wieder angekündigte Anamnesegespräch von Frau Doktor Klossmüller mit Nicks Eltern findet schliesslich am 04.02.2009 statt. Die Befragung dauert sehr lange. Die Behandlerin will jedes Detail wissen und kritisiert in ihrem KG-Eintrag anschliessend die Bemühungen Ninas, ihr genaue Antworten zu geben. Auch dass Nina ihr eine schriftliche Zusammenfassung über diverse traumatisierende Ereignisse in der 5. Primarklasse überreicht, scheint nicht nach ihrem Gusto zu sein.

Nina weist im Rahmen des Gesprächs einmal mehr hin auf die Notwendigkeit einer stabilisierenden Psychotherapie. Dadurch fällt sie noch negativer auf. Sie wird belehrt, dass zurzeit die Beobachtung von Nick zur Erlangung der diagnostischen Klarheit im Vordergrund steht. Immer noch? Wie lange soll diese denn noch dauern, fragt sich Nina und bringt ihr Staunen zum Ausdruck.

Nina weist weiter darauf hin, dass die aktuelle Dosis Floxyfral® bei der vorliegenden Depression ungenügend ist. Sie wird belehrt, dass die Einschätzung der Klinik diesbezüglich noch nicht klar ist. Es bestehe ein psychotisches Geschehen mit teils wahnhaftem Erleben. Es sei unklar, ob es auch zu Verkennungen kommt und ob eine Depression vorliegt. Die Kinderpsychiater erkennen weiter auch ein ausgeprägtes oppositionelles Verhalten.

Nina gibt zu verstehen, dass ihr das zu langsam geht und wertvolle Zeit verloren geht. In Bezug auf eine Traumatherapie versucht die, sich mehrmals als Trauma-Spezialistin anpreisende Frau Doktor Klossmüller, Nina zu erläutern, dass Nick angesichts der dissoziativen Anfälle zu instabil ist und eine solche daher kontraindiziert ist. Die Stabilisierung sei der erste Schritt. Eben, von einer stabilisierenden Psychotherapie spricht und schreibt Nina ja schon die ganze Zeit. Sie seufzt. Eine Verständigung erscheint hier definitiv unmöglich!

 

Nach dieser erschöpfenden und unfruchtbaren Diskussion kommen Nick und seine Bezugsperson hinzu. Dieser zweite Teil des Gesprächs dauert etwa ¼ Stunde und wird von Nick abrupt abgebrochen, knapp bevor er einen heftigen Wutanfall erleidet. Als Nina Jahre später den Eintrag von Frau Doktor Klossmüller in Nicks Krankengeschichte (KG) liest, wird sie mit einer schrecklichen Tatsache konfrontiert: der KG-Eintrag der Assistenzärztin stimmt weder mit den Erinnerungen der Eltern an jenen Abend noch mit Ninas Notizen über die damaligen Ereignisse überein. Wie ist das möglich?

Es sei um Zielvereinbarungen mit Klärung der Tagesstruktur gegangen. Nick würde teilweise den Besuch der klinikinternen Schule verweigern, was Nina bereits mitgeteilt worden war. Er gehe auch nicht auf alternative Angebote ein. Am Ende sei Nick aus dem Gespräch gegangen. Nachher habe er ein dysphorisches, also ein missmutig-gereiztes Verhalten gezeigt, solange die Eltern noch da waren. Daraufhin habe es keine Probleme gegeben, Nick habe am Gruppengeschehen teilgenommen.

 

Mongha und Nina haben an jenem Abend jedoch etwas ganz anderes erlebt und Nina versteht nicht, weshalb Frau Doktor Klossmüller einen eindeutig falschen Bericht in Nicks KG geschrieben hat. Beunruhigt durch den beobachteten Ablauf der Geschehnisse hatte sich Nina abends sogar telefonisch auf der Station über den weiteren Verlauf erkundigt. Die Situation sei eskaliert. Nick war also viel mehr als missmutig-gereizt. Die Polizei sei gerufen worden und Nick landete im Iso. Selbst der handschriftliche Eintrag der Bezugsperson weist auf eine heftige Reaktion hin.

 

Was die Eltern erlebt haben schildert Nina in einem Schreiben, welches sie angesichts weiterer Unzulänglichkeiten der genannten Assistenzärztin schliesslich am 16.02.2009 per E-Mail an den zuständigen Oberarzt Doktor Speer richtet. Zu den Ereignissen vom 04.02.2009 schreibt sie:

„Was wir Eltern da erlebt haben, hat uns schwer getroffen. Nick wurde einem grossen Druck bezüglich des Schulbesuchs ausgesetzt, obwohl ich eben erklärt hatte, dass dies vermutlich ein Schlüsselthema für seinen Zustand darstellt."

Die Eltern hätten miterleben müssen, wie es einem zweiten Persönlichkeitsanteil gelang, in Nick die Oberhand zu gewinnen. Weiter schreibt Nina:

„Wir konnten nur den Kopf schütteln. Frau Doktor Klossmüller schaute Nick bohrend und neugierig an, wie wenn es sich um ein Laborexperiment handeln würde. Die Bezugsperson machte gleichgültig weiter. Der weitere Verlauf war für Nick dramatisch und vor allem sehr traumatisierend. Er hatte einen schweren Anfall. Als wir das Haus verliessen, hörten wir ihn von draussen mit voller Wucht gegen die Wand schlagen."

Nina informiert Doktor Speer weiter, dass sie sowohl Frau Doktor Klossmüller als auch der Bezugsperson mitgeteilt habe, dass sie diese Art von Gesprächen nicht als professionell betrachte und dass dieses angesichts der beobachtbaren Entwicklung viel früher hätte beendet werden sollen. Sie habe zudem Frau Doktor Klossmüller erneut darauf aufmerksam gemacht, dass zur Stabilisierung endlich die psychotherapeutische Intervention einer Fachperson notwendig sei.

 

Als die Eltern von einem bevorstehenden Skilager hören, beschliessen sie, die Behandler darauf hinzuweisen, dass Nick besser nicht mitgehen sollte. Zu lebhaft sind ihnen die Ereignisse aus der Primarschulzeit während des Skilagers im Oberland in Erinnerung geblieben. Für Nick ist diese Zeit mit unverarbeiteten Traumata eng verbunden. Im aktuellen Zustand wäre die Gefahr einer massiven akuten Dekompensation sehr hoch.

Dieser Schritt erweist sich schliesslich als unnötig, denn offensichtlich beruhigt sich die Situation auf der Station Sole nicht so schnell, wie Frau Doktor Klossmüller es gerne möchte. In der Tat berichtet sie in ihrem KG-Eintrag vom 06.02.2009 über eine weitere Eskalation mit verbalen Bedrohungen und fremdgefährdendem Verhalten (mit Feuerzeug) durch Nick.

Der Pflegeleiter und der leitende Oberarzt Doktor Moratti halten mit ihr eine Krisensitzung. Eine Psychopathologie sei klar vorhanden. Als Arbeitshypothese werden zum Erstaunen Ninas neu eine dissoziative Störung und eine eventuelle PTBS mit depressiver Reaktion genannt. Wie kommt es zu dieser Kehrtwende? Leider wird sie nur von kurzer Dauer sein. Daneben erkennen die Behandler klar oppositionell-dissoziale Anteile. Und die gelte es anzugehen. Angaben zur bisher diagnostizierten Psychose fehlen.

 

Weitere Schwierigkeiten bahnen sich für Nick und seine Familie nach den neuen Zwischenfällen an. Zwecks Organisation eines sogenannten Time-Outs nimmt der Pflegeleiter Kontakt auf mit der berühmt-berüchtigten Artemis-Stiftung, einer auf Vollzugsmassnahmen in einem geschlossenen Rahmen spezialisierten Jugendeinrichtung im Südosten der Hauptstadt. Vorerst soll Nick aber im lso bleiben, denn die besagte Institution hat erst in etwa zwei Wochen wieder Platz.

 

Situation nicht im Griff
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18.  Situation nicht im Griff
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie

Assistenzärztin Frau Doktor Klossmüller

Pädagoge Herr Bohnenfeld

 

Mit Beginn der Skilagerwoche wird es ruhiger auf der Station Sole und Nick kann das lso wieder verlassen. Er beschäftigt sich mit Kochen und Backen. Regelmässig betätigt er sich in diesem schneereichen Winter mit Schneeschaufeln und nachmittags macht er oft Sport in der Turnhalle. Ein eigentlich unauffälliger Jugendlicher also. 

 

Am 11.02.2009 verhandelt Nick mit Frau Doktor Klossmüller einen Stopp seiner Abenddosis Temesta® gegen eine Erhöhung seiner Psychopax®-Dosis. Das Temesta mache ihn am Abend aggressiv. Offensichtlich ist Nick bereits auf den Geschmack der süssen, alkoholisierten rosa Flüssigkeit gekommen! Ninas Bemühungen, dieses Mittel wegen der gesteigerten Suchtgefahr zu eliminieren, wurden zunichte gemacht.

 

Am 13.02.2009 berichtet Nick laut KG gegenüber einer Betreuerin und Frau Doktor Klossmüller über seine Erfahrungen im Alter von 12 Jahren in einer Gang in L.A. und später in einer Gang seines aktuellen Wohnortes. Er habe Gewalttaten gegenüber anderen Menschen mitangesehen. Er berichtet weiter, dass vor seinem Spitaleintritt etwas passiert sei. Nick gerät für einige Minuten in einen dissoziativen Zustand.

Später beim Rauchen erzählt er weiter. Vor etwa drei Monaten habe er einen Spanier mit einem Messer niedergestochen als er bedroht wurde. Er habe jetzt Angst, dass ihn drei Spanier, die ihn beobachtet hätten, zur Strecke bringen würden. Er berichtet ausserdem, dass er früher eine Waffe (einen Revolver) besessen habe, der sich möglicherweise noch in seinem Zimmer unter seinem Bett befinde. Frau Doktor Klossmüller könne seine Mutter anrufen, damit diese nachschaue.

Die behandelnde Ärztin ruft auch gleich an. Nick habe sich möglicherweise, weil er sich am Wohnort bedroht fühlt, einen Revolver gekauft und diesen unter seinem Bett deponiert. Nick sei einverstanden, wenn die Mutter nachschaue. Nina kann es sich nicht vorstellen. Ist es denn so einfach, in der Schweiz eine Feuerwaffe zu erwerben? Nick ist jetzt, anfangs 2009, 17 Jahre alt. Trotzdem untersuchen die Eltern an diesem Abend Nicks Bett gründlich, sehr gründlich. Selbst die Matratze wird sorgfältig abgetastet. Nichts. Die Eltern sind erleichtert.

 

Die Ärztin informiert in ihrer Notiz weiter, die Sedierung bleibe bestehen, Seroquel® werde reduziert, da der Blutspiegel im toxischen Bereich liege.

Ein etwas kindlich wirkender Nick erzählt seiner Mutter beim nächsten Besuch selbstbewusst, man habe ihn mehrmals beschuldigt, das Medikament nicht einzunehmen und deswegen sei er aggressiv. Nun hätten sie herausgefunden, dass sie ihn damit fast vergiftet hätten! Schön wurde er wenigstens informiert.

Nina überlegt. Nick raucht und raucht, wie eine Lokomotive. Nina weiss, dass starke Raucher meist zu tiefe Spiegel dieses Medikamentes haben, da sie den Wirkstoff schneller abbauen. Tabletten mit retardierter Wirkstoffabgabe wurden nicht verordnet. Nina wird nie erfahren, weshalb es bei ihrem Sohn zu diesen überhöhten Werten gekommen ist. Ist es überhaupt abgeklärt worden? Nina fragt sich, ob die aktuell gesteigerte Aggressivität eher auf die überhöhten Spiegel zurückzuführen sein könnte als auf der, Nick unterstellten, Nichteinnahme. Bei anderen Neuroleptika hat sie solches jedenfalls schon beobachtet.

 

Eine unerfreuliche Geschichte mehr also. Nina beschliesst nun, das begonnene E-Mail fertigzustellen und dem zuständigen Oberarzt endlich zu schicken, denn die Ereignisse der letzten Tage waren eine einzige Folge von Déjà-vus. Sie fügt auch das kürzliche Telefonat der Assistenzärztin hinzu:

„Am 13.02.2009 teilte mir Frau Dr. Klossmüller fast stolz mit, dass sie mit Nick ein längeres Gespräch gehabt habe."

Er habe ihr viel erzählt und auf das Arztgeheimnis hingewiesen. Sie dürfe der Mutter aber sagen, dass er daheim unter seinem Bett eine Waffe (Revolver) versteckt habe.

„Sie drängte mich nachzusehen. Bei uns Eltern läuteten sämtliche Alarmglocken."

Die Parallelen zu Traumatisierungen in der Primarschule seien für die Eltern offensichtlich. Die behandelnde Ärztin sei in die Rolle der Heilpädagogin geschlüpft.

„Nick ist nach gleichem Muster retraumatisiert worden. Seither geht es ihm miserabel, er ist in einem permanenten Krisenzustand."

Schliesslich gibt Nina den Behandlern einmal mehr einen Tipp: die Eltern befürchteten, dass Nick, teilweise auch mehr oder weniger gezielt, eine zweite Persönlichkeit auf den Plan rufe, indem er sich bestimmte Stücke aus seiner Rapp Musikkollektion anhört!

Und sie mahnt weiter: „Wir möchten Sie daher bitten, dafür zu sorgen, dass Nick endlich die adäquate Behandlung erhält. Die aktuell eher chaotische Medikation sollte optimiert werden. Verhörartige Unterredungen mit Nick sind im aktuellen Zustand kontraindiziert. Gleiches gilt für lange, gezielt Druck aufsetzende Gespräche. Lange Isolationen wie die letzte sind alles andere als optimal. Sie erhöhen vor allem den Leidensdruck und die Gefahr, dass sich Nick die Hilfe der zweiten Persönlichkeit holt."

Sicher lasse sich in dieser grossen Klinik jemand mit Erfahrung in der Behandlung komplexer dissoziativer Störungsbilder resp. PTBS finden, damit Nick die notwendige Hilfe zur Stabilisierung erhalte.

Mit diesem Text macht sich Nina definitiv keine Freunde. Ihre wichtigste Aufgabe ist und bleibt es aber, weiterhin für ihren Sohn zu kämpfen.

 

Eine Krise nach der anderen, Nick ist mit Medikamenten vollgepumpt und es kommt zu keiner Besserung. Er leidet weiter und auch die Eltern leiden weiter. Verständnis wird weder Nick noch ihnen entgegengebracht. Sie machen einfach alles falsch, weil sie das Vorgehen der Behandler kritisch prüfen und würdigen, bevor sie darauf einzugehen bereit sind. Damit behindern sie die Behandlung.

 

Nick ist nach den wiederholten Krisen noch auf Sole. Den Eltern ist bewusst, dass der Patient Nick nicht einfach zu behandeln ist und sie erkennen ab und zu gute Ansätze in der Betreuung durch die Pfleger und Pädagogen. Trotzdem dominiert die Enttäuschung, dass knapp einen Monat nach dem Wiedereintritt noch nichts erreicht worden ist. Nick geht es eher noch schlechter als beim letzten Eintritt. Die neu aufgetretene Gewaltbereitschaft macht ihnen Sorgen.

 

Und es geht weiter. Am 14.02.2009 kommt es bereits zum nächsten schweren Zwischenfall. Gegen 19.30 Uhr gerät Nick in einen angespannten Zustand. Schon wieder wird der Verdacht geäussert, er habe seine Mittagsmedikation nicht genommen. Nick verlässt die Station mit der Drohung, wegzulaufen. Ein Betreuer folgt ihm, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Draussen beginnt Nick laut KG-Eintrag vorbeifahrenden Autos Beleidigungen zuzurufen, droht, sich vor ein Auto zu werfen und gestikuliert wild. Er steht dabei nahe am Strassenrand. Ein vorbeifahrendes Auto bremst. Nick tritt mehrfach gegen das Auto, boxt durch das Fenster und tritt die Beifahrerin. Schliesslich kann er vom Betreuer zurück auf Sole gebracht werden.

Dort äussert er heftige Drohungen gegen den Autofahrer, der ausgestiegen ist, um die Polizei zu rufen. Er kann zurückgehalten werden, nimmt die angebotenen Medikamente ein und stürzt zu Boden. Das Pflegepersonal schliesst auf einen dissoziativen Anfall, wie schon öfters beobachtet. Nick sei dann eingeschlafen, später aber wieder erwacht und habe sich bedrohlich gegenüber dem Pflegepersonal verhalten.

Der entstandene Schaden wird von der Polizei, den Betroffenen und dem anwesenden Pflegeleiter erhoben. Letzterer teilt den Betroffenen und der Polizei mit, dass die Klinik für den Schaden haften wird.

Die Eltern werden telefonisch durch das Pflegepersonal informiert.

 

Auch am Sonntag, den 15.02.2009 geht der Stress weiter. Die spezialisierte Institution scheint die Behandlung des ihr anvertrauten Patienten nicht im Griff zu haben.

Nachmittags wird Nick als zunehmend angespannt erkannt. Dem KG-Eintrag entnimmt Nina Jahre später, dass Nick in seiner Gang-Welt völlig gefangen erscheint. Eine spanische Gang, von der er vor drei Monaten einem Mitglied den Po aufgeschlitzt habe, einem mit einer 10cm Klinge ins Herz gestochen und einen erschossen habe, wolle sich an ihm rächen. Seine Gang (Schwarze, Mischlinge und Araber) hätte ihn informiert, dass in 12 Stunden die andere Gang das Haus, in dem er hospitalisiert sei, umstellen und mit scharfer Munition und Scharfschützen schiessen werde. Er denke, er müsse nun Waffen vom Team erhalten, um sich vom Dach des Hauses aus zu wehren. Nick trage „Gangkleidung", also seine Hiphop-Kleider, die Baseballkappe tief in die Stirn, Sonnenbrillen und ein Bandana, das den grössten Teil des Gesichts verbirgt. Nick trägt ein ca. 120 cm langes Metallstück, das er von draussen hereingeholt hat und das er schleifen will, um kämpfen zu können. Er schlingt einen Gurt mit Schnalle um seine Hände, mit dem er zuschlagen oder jemand erwürgen könne.

Schliesslich gelingt es Betreuern, mit einer tragenden Beziehung zu Nick, ihn zur Übergabe der Waffe und Einnahme von Neuroleptika und Temesta® zu überzeugen.

Anlässlich ihres nächsten Besuchs in der Klinik berichtet der Pädagoge Herr Bohnenfeld den Eltern über die Geschehnisse. Auch er scheint eine gute Beziehung zu Nick zu haben. Ein grösserer älterer Herr mit weissen Haaren. Er spricht wohlwollend und beruhigend zu und über Nick.

Von den Ärzten wird Nick in dieser Zeit mit Medikamenten zugedröhnt. Er erhält ganze Cocktails an Neuroleptika, ergänzt durch ansehnliche Dosen von Benzodiazepinen. Aus Ninas Sicht ändert sich aber kaum etwas. Das psychische Zustandsbild ist weiterhin bunt schillernd und wechselhaft.

 

Nina, Mongha und besonders Nick erleben in den ersten Monaten des Jahres 2009 also eine sehr schwierige Zeit. Nina hat sich nach und nach ein Bild gemacht über die Störung, an welcher ihr Sohn leidet, wenngleich sie bezüglich deren Ursachen bisher noch völlig im Dunkeln tappt. Vorläufig erkennt sie im Vorgehen der Klinik noch keinen nachvollziehbaren Behandlungsansatz. Nick stolpert von Krise zu Krise und die Behandler hetzen hinterher, versuchen mit verschiedenen Zwangsmassnahmen, die Kontrolle über die Situation zu erlangen und den fast unkontrollierbaren Buben zu überwältigen und niederzuringen. Dabei wird nicht gezögert, die Eltern an die Wand zu drücken.

Nina kämpft weiter für ihren Sohn und fühlt sich dabei sehr allein. Sie sucht kompetente Hilfe, findet aber keine. Viele Fragen stellen sich ihr. Wie kann sie die Lage ihres Sohnes verbessern? Welche Möglichkeiten hat sie, gegen die laufende Fehlbehandlung ihres Sohnes vorzugehen. Im Berufsleben bekleidet sie einen anspruchsvollen Posten in einer Begutachtungsstelle in der Romandie. Wie lange kann sie diesen angesichts ihrer privaten Situation noch halten?

 

Nina und Mongha ahnen nicht, dass es im Frühjahr 2010 zu einem grösseren Skandal kommen wird. In allen Medien wird plötzlich über jene Klinik berichtet werden, in welcher sich Nick über mehrere Monate aufgehalten hat.

Zwei 21-jährige Männer waren rund zehn Jahre früher in derselben Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie hospitalisiert wie Nick jetzt. Sie erheben 2010 in einer Schweizer Gesundheits-Zeitschrift schwere Vorwürfe gegen die Klinik und möchten die Öffentlichkeit über die Zustände in dieser Klinik aufklären. Siehe auch Kapitel 46.

 


 

Zurück im KIZ
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19.  Zurück im KIZ
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha                                                                          

Mutter Nina

 

Sowie

Assistenzärztin Doktor Klossmüller

Oberarzt Doktor Feldmann

Oberarzt Doktor Speer

Chefarzt Professor Doktor Acker

 

Nach der erneuten Krisensituation am Wochenende entscheiden die Behandler am folgenden Montag (16.02.2009) angesichts der zunehmenden Selbst- und Fremdgefährdung, dass Nick aufs KIZ zurückverlegt werden soll.

Frau Doktor Klossmüller informiert Nina telefonisch, sie oder Mongha würden heute Mittag zum Gespräch erwartet. Dies, wie sie in ihrem KG-Eintrag ironisch schreibt, zwecks Klärung der weiteren Behandlung, auf deren Mitwirken sie (nämlich Nina) sehr viel Wert lege (Medikation, Psychotherapie, Traumatherapie). In der Zwischenzeit wird Nick verlegt, wobei er erneut sediert wird. Nina sei ungehalten gewesen. Sie könne wegen ihrer Arbeit nicht ständig zu Gesprächen anreisen.

 

Nina und Mongha sind ernüchtert. Die Eltern sollen wieder einmal auf Abruf zur Verfügung stehen und sofort antraben, um das Vorgehen der Ärzteschaft der Klinik abzusegnen. Angesichts des chaotischen Verlaufs bei aus Ninas Sicht grösstenteils unhaltbarem therapeutischem Vorgehen, kann sie dies ohnehin nicht verantworten. Darüber hinaus kann sie ihren Arbeitsplatz in der Westschweiz unmöglich wiederholt auf Abruf für ein Gespräch verlassen. Sie würde gerne sehen, wie all diese Kritiker reagieren würden, wenn eines ihrer Team-Mitglieder, z.B. gerade diese Frau Doktor Klossmüller, wöchentlich ein- bis zweimalig ihren Arbeitsplatz plötzlich verlassen würde, nur um über das Behandlungsprocedere für einen Angehörigen informiert zu werden, wohlverstanden nicht, um darüber zu diskutieren. Im Übrigen dauert Ninas Anreise über zwei Stunden, und eigentlich sind Telefonsitzungen schon damals möglich.

 

Gleichentags verschlechtert sich Nicks Zustand weiter. Wegen zunehmend psychotischem Zustandsbild soll Nick ins Iso-Zimmer verlegt werden. Mongha wird von Doktor Feldmann telefonisch informiert. Nina sei, einmal mehr, nicht erreichbar gewesen. Zeitlich war sie wohl gerade auf dem Heimweg im überfüllten Zug und hat das Klingeln ihres Handys verpasst.

Derweil misslingt in der Klinik der Versuch mit Nick zu vereinbaren, ins lso-Zimmer zu gehen und zusätzliche Medikamente einzunehmen. Laut KG-Eintrag wird er ausfallend und schlägt drohend mit der Faust auf die Behandler ein. Dann nimmt er einen Stuhl und schlägt mit voller Wucht gegen eine Glastüre. Die Polizei wird aufgeboten. Vor vier Polizisten sei Nick fluchend aber selbständig ins Iso-Zimmer gegangen und habe die angebotenen Medikamente eingenommen. Nachdem er eine Zigarette rauchen konnte, habe er sich auch im Gurten-Bett fixieren lassen. War denn das wirklich noch nötig? Nina fragt sich, was in so einem Moment in Nicks Kopf vorgeht.

Es sei darauf hingewiesen, dass wenn Patienten mittels Androhung physischer Massnahmen genötigt werden, Medikamente einzunehmen und sie es dann auch ohne Zwangsapplikation tun, es nicht heisst, dass sie es freiwillig tun. Ihre Übermacht machen die Behandelnden den Patienten in solchen Momenten unheildrohend spürbar.

 

Nina meldet sich anschliessend telefonisch bei den Behandlern und wird ebenfalls über das Vorgehen informiert, welches sie laut KG-Eintrag nachvollziehen könne. Nachvollziehen ja, in einem gewissen Sinne zumindest. Nachvollziehen in dem Sinne als die Behandler aus Ninas Sicht alles verkorkt haben und schliesslich in einer Sackgasse gelandet sind. Nachvollziehen also in dem Sinne, dass diese erbärmlichen, erniedrigenden Massnahmen an einem schwer leidenden Jugendlichen schon wieder angewendet werden und sein Leid damit weiter erheblich verschlimmert wird. Nick, und dessen ist sich Nina inzwischen sicher, der in seinem noch jungen Leben offensichtlich mehrfach schwer traumatisiert worden ist, wird nun durch jene Personen, deren Aufgabe es eigentlich ist, ihm zu helfen, die Folgen der erlebten Traumatisierungen zu überwinden, wiederholt massiv retraumatisiert. Was wird noch aus ihm werden, fragt sich Nina. Wird Hilfe noch möglich sein, wenn das so weitergeht? Die Eltern fragen sich, ob es richtig war, ihren Sohn dorthin zu bringen. Nur hatten sie keine andere Möglichkeit. Nicht die Ignoranz und Inkompetenz der behandelnden Ärzte ist das Schlimmste, aber die Tatsache, dass sie nicht bereit sind zu erwägen, dass sie womöglich eine falsche Diagnose stellen, womöglich daher den Jugendlichen in ihrer Klinik falsch behandeln, womöglich die Mutter doch eine erfahrene Psychiaterin sein könnte, womöglich die Mutter vielleicht doch eine plausible Diagnose stellt und womöglich sie auch brauchbare Hinweise gibt.

Wie Marc Rufer 2007 unter dem Titel «Die dunkle Seite der Psychiatrie» in der roten Revue schrieb: Es gibt noch ein schlimmeres Schicksal, als ein Traumaopfer zu sein, nämlich jenes, nicht als Traumaopfer anerkannt zu werden.

 

Laut Nicks KG wird am nächsten Tag (17.02.2009), mit dem Ziel weitere Eskalationen zu verhindern, seine Medikation umgestellt und sein Tagesablauf eng reglementiert. Ab 15.45 Uhr komme es zum Gespräch mit der Mutter und die weitere Behandlung werde festgelegt. Ziel sei es, schrittweise in enger Absprache in ein Behandlungssetting zu kommen.

 

Gleichentags besprechen sich die Behandler mit ihrem Chefarzt, Professor Doktor Acker. Dieser wird informiert über die schwierige Zusammenarbeit mit den Eltern. Ninas Schreiben an Oberarzt Doktor Speer wird als entwertend und vorwurfsvoll beurteilt. Nina betrachtet ihre Zeilen nicht als entwertend. Es handelt sich um ihre Reaktion auf untragbare Zustände, im Rahmen derer sie Fakten dargelegt hat. Sie beurteilt die Institution als kritikunfähig. Beim bisherigen Verlauf kann sie mit dem besten Willen keine Lobeshymne auf die Klinik anstimmen.

Professor Acker erklärt seinen Mitarbeitern klar und deutlich, die Mutter müsse in Zukunft als Mutter und nicht als Konsiliar-Psychiaterin auftreten. Nina möchte gerne sehen, wie der Herr Professor auftritt, wenn sein jugendlicher Sohn Opfer einer Fehlbehandlung in seinem Fachgebiet wird. Wird er auch dann noch als Vater auftreten? Der Professor erwägt auch eine Verlegung in eine andere Klinik. Die Verlegung in eine andere Klinik überlegen sich die Eltern schon seit einiger Zeit. Angebote für dieses Alter hat es allerdings kaum. Zudem sollten die Behandler schon etwas von einer komplexen PTBS und einer schweren dissoziativen Störung gehört haben.

Ebenfalls an diesem Tag kommt es mit den Eltern zu einem längeren Gespräch zur Klärung der Rahmenbedingungen. Assistenzärztin Frau Doktor Klossmüller und die beiden Oberärzte Doktor Speer und Doktor Feldmann nehmen daran teil. Nur teilweise sei ein Konsens möglich gewesen, halten die Zuständigen anschliessend fest, was Nina durchaus bestätigen kann. Einmal mehr sagen die Eltern, dass sie nicht so oft zu Gesprächen in die Klinik kommen können, insbesondere Nina nicht, die zu 100% in der Romandie arbeitet. Aber auch Mongha benötigt mit dem ÖV über eine Stunde, bis er in der Klinik ist. Der letzte Teil des Weges ist in einem längeren, steileren Fussmarsch zurückzulegen und der aktuelle Winter ist schneereich.

Mongha und Nina erachten es zudem als kontradiktorisch, wenn die Behandler von ihnen so viel Präsenz fordern, nachdem sie ihnen anfänglich fast vorgeworfen haben, sie würden ihren Sohn zu oft besuchen. Er brauche Ruhe, um zu sich zu kommen, waren sie belehrt worden. Auch moniert Mongha, dass die Eltern jeweils auf Abruf erscheinen sollen, um die Entscheide der Behandler gutzuheissen. Nina bekräftigt, dass sie bei weitem nicht jeden Entscheid befürworten können.

Die Haltung der Eltern sei in sich widersprüchlich, finden dagegen die Kinderpsychiater. Einerseits wollten sie, dass die Behandlung weitergeht, andererseits bestehen viele Differenzen. Ja, das ist die Tragik der Situation. Die Eltern erkennen die hohe Behandlungsbedürftigkeit des Sohnes, aber auch die zahlreichen Mängel in der angebotenen Behandlung, welche sich negativ auf den Verlauf auswirken.

Die Aggressivität werde von den Eltern als neu dargestellt. Die Behandler behaupten, dass dies bereits seit langem ein Problem darstellt. Das können die Eltern nicht nachvollziehen. Wie wollen die Behandler so etwas wissen? Nie war Nick daheim oder im privaten Bereich bisher aggressiv. Selbst die Probleme in der Primarschule sehen die Eltern nicht als Folge von Aggressivität, sondern als unangepasste Reaktion auf die gemachten Erfahrungen. Die aktuellen Probleme in der Klinik sind tatsächlich neu, aber von Nick quasi angekündigt, daheim am 15.01.2009 (siehe Kapitel 09. Schulversuch). Er ist nun zum Rambo geworden. Zudem erkennen die Eltern einen Zusammenhang mit den in der Klinik erlebten Traumata. Die Traumatisierungen durch Isolation, durch Druck erzwungene Medikation und insbesondere durch Fixierung wirken aus Ninas Sicht als eine Art Booster auf eine störungsbedingt vorhandene, inliegende Aggressionsbereitschaft.

Den Eltern werden die weiteren Massnahmen dargelegt. Das Neuroleptikum Risperdal® werde als Antipsychotikum eingesetzt und solle gesteigert werden bis etwa 4mg/Tag. Einmal mehr geht es also nicht um eine gemeinsame Lösungsfindung. Nina hat keine Freude an der Anwendung dieses Medikamentes in einer solchen Dosierung bei einem Jugendlichen. Sie schweigt aber als Erwachsenen-Psychiaterin. Die Behandler beteuern, dass sie damit gute Erfahrungen bei Aggressivität machen. Um welchen Preis, fragt sich Nina. Sie kennt die Nebenwirkungen dieses Neuroleptikums. Sediert wird Nick weiterhin mit erheblichen Dosen Nozinan® (einem weiteren Neuroleptikum) und Temesta®, die langsam reduziert werden sollen. Seroquel® und dass Antidepressivum Floxyfral® werden ausgeschlichen. Auch das ärgerlich aus Ninas Sicht, doch sie schweigt.

Nick bleibe isoliert und fixiert bis zur Neubeurteilung am 18.02.2009.

Die Klinik werde entscheiden wie damit umzugehen sei, dass die Eltern wenig präsent sind. Einmal mehr niedergeschlagen machen sich Mongha und Nina auf den Heimweg.

 

Am 18.02.2009 wird Nick von den beiden Oberärzten Feldmann und Speer im Iso aufgesucht. Laut KG ist Nick somnolent, kann aber in Kontakt treten und wirkt klar. Er schildert, er habe Angst gehabt, jemanden zu verletzen. Hat sich in der Klinik jemand überlegt, was dies bedeuten könnte? Nina scheint es, als habe ein gewalttätiger Persönlichkeitsanteil Nick die Kontrolle entrissen. Nick war machtlos und konnte nur noch hoffen, dass niemand verletzt wird. Siehe auch Kapitel 30 Eltern und Sohn unter Druck.

Es wird vereinbart, die Fixation zu lösen. Nick soll aber weiter im Isolierzimmer bleiben. Er bedankt sich.

Anschliessend wird Professor Doktor Acker nochmals über den Verlauf und insbesondere über die schwierige Situation mit den Eltern informiert. Einsicht und Verständnis scheinen in diesem Haus Fremdwörter zu sein. Wenn die Behandlung hier stattfinden soll, müssten die Eltern präsenter sein, entscheidet der Anstalt-Chef. Ansonsten müsse die Vormundschaftsbehörde zugezogen werden. Die Absicht ist, dass den Eltern im Rahmen des Sorgerechtes die elterliche Obhut entzogen wird, … damit Nick in einer, den Behandlern passenden Institution platziert werden kann, wo er ausserhalb des Einflussbereiches der Eltern und besonders der Mutter ist.

 

Am 19.02.2009 ist Nick immer noch im Iso, ist aber nicht mehr angegurtet. Er sei verlangsamt und habe eine klossige Sprache. Wenn erstaunt es, bei der laufenden Medikation. Nick gibt Doktor Feldmann kostbare Hinweise, was er während der «Anfälle» erlebt, insbesondere auch, dass er sich manchmal daran erinnert und manchmal nicht. Eine Beobachtung, die Nina immer wieder macht. Einerseits seien es Trancezustände, an die sich Nick nachträglich kaum erinnern könne, andererseits Zustände, in denen er Bilder sehe die ihm Angst machen. Im Isolierzimmer habe er auch rosarote Affen gesehen oder auch Spinnen an der Türe. Er könne sich dann teilweise sagen, dass dies nicht sein könne. Trotzdem erzeuge es Angst. Nina fragt sich, welches denn die Wirkung der verabreichten hohen Dosen verschiedener Neuroleptika ist.

 

Dann zeigt Nick dem Arzt das Buch, welches er gerade liest. Es sei von seinem Lieblingsschriftsteller Werner Egli, einem Schweizer. Es seien Dramen, am Ende sterbe meistens jemand, werde umgebracht. Das letzte Buch sei „Getthokids" gewesen. Auf die Frage, ob auch er in einer Gang sei, meint er ja. Ihre Gang umfasse 5000 Mitglieder. Dann erwähnt Nick, dass jetzt durch das Gespräch vieles hochkomme. Das Gespräch wird beendet. Nick wird informiert, dass er auch das Wochenende noch im Isolierzimmer verbleiben wird.

Interessant dieser Abschnitt aus Nicks KG. In der Tat hatte Nick das Buch «Ghetto Kidz» (so der Titel richtig!) daheim gelesen und Nina gebeten es ihm ins KIZ zu bringen, wo er es mehrmals gelesen oder eher verschlungen hat und daraufhin ganz verändert auf Nina wirkte, was sie nicht nachvollziehen konnte. Um Nick zum Lesen zu animieren, kaufte ihm Nina immer wieder ausgesuchte Jugendbücher. Dieser Roman erschien im Januar 2008. Geschrieben wurde er von Morton Rhue und beschreibt die Jugend eines afroamerikanischen Jugendlichen in einem Ghetto und seinen Abstieg in Gewalt und Kriminalität. Niemals hätte Nina gedacht, dass dieses Buch eine besondere Rolle in Nicks Entwicklung spielen würde und seine Störung so stark mitprägen würde (siehe auch Kapitel 44 Die Rasselbande).

 

Im Verlauf (Februar 2009) tritt ein Jugendlicher ins KIZ ein, der sich als homosexuell outet. Nick reagiert völlig verstört und ängstlich. Es geht sogar so weit, dass er freiwillig im Iso schlafen will. Nina ist besorgt (Siehe auch Kapitel 20, Ninas diagnostische Auslegeordnung). Was bedeutet denn das? Sieht sich Nick in Gefahr? Weshalb?

Nick war in der Sekundarschule schon völlig aufgewühlt gewesen bei der Klassenlektüre „Brüder“ von Ted van Lieshout. Im Buch stirbt der kleinere Bruder an einer Stoffwechselerkrankung. Die Brüder hatten sich ihre homosexuelle Neigung zu Lebzeiten von Marius nicht anzuvertrauen gewagt.

Die Erklärung findet Nina erst Jahre später, nachdem sich Nick ihr gegenüber in einer dramatischen Situation geöffnet hat.

 

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Umzug in die Nordostschweiz
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20.  Spurensuche in der Vergangenheit - Umzug in die Nordostschweiz
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Sohn Eric

 

Nick war inzwischen über drei-jährig und Nina hatte zwar ein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen, jedoch noch keine Facharztausbildung begonnen. Sie musste sich dringend entscheiden, da ihre beruflichen Perspektiven ohne Facharztausbildung deutlich schlechter sein würden als mit.

Mongha konnte in der Schweiz mit seinem ausländischen Diplom keine passende Stelle finden. Schliesslich hatte er in der Spedition der Tageszeitung des Nachbarkantons eine feste Stelle mit Schichtarbeit gefunden. Harte körperliche Arbeit, die ihm schliesslich den Rücken kaputtmachte.

Die Nationalfond-Studie an der Nina mitgearbeitet hatte war abgeschlossen. Inzwischen begannen die verschiedenen Fachrichtungen, für die sich Nina interessierte, die Weiterbildung straff zu organisieren. Nun war eine grundsätzliche Überlegung notwendig. Ihre Idee, in mehreren Fachgebieten zu Schnuppern, konnte sie nicht mehr realisieren. Was interessierte sie am meisten? In welcher Richtung konnte sie sich am ehesten vorstellen, über Jahre tätig zu sein? Welche Tätigkeit war für Frauen mit Kindern geeignet? Viele Fragen stellten sich ihr, jene des Verdienstes war dabei nicht vorrangig. So kam es, dass sich Nina schliesslich dafür entschied, eine psychiatrische Weiterbildung zu beginnen. Für dieses Fachgebiet hatte sie sich schon während ihrer Gymnasialzeit interessiert. Da könnte sie auch ihre emotionalen und sozialen Fähigkeiten nutzen, dachte sie. An ihrer ersten Stelle nach dem Studium, der Radiotherapie, war das kaum möglich gewesen. Sie hatte es sehr bedauert, erkannte sie doch täglich, wie wichtig es gewesen wäre.

 

Nun begann Nina eine Stelle als Assistenzärztin in Psychiatrie zu suchen. Die Suche dauerte etwas länger als erwartet. Sie hatte zu viel Zeit verloren mit nicht klinischen (Teilzeit-)Stellen. Fündig wurde sie schliesslich in einer grösseren Klinik der Nordostschweiz. Mongha und Nina besprachen die Situation. Ohne Umzug der ganzen Familie war dies nicht zu bewältigen. Allerdings, Mongha würde seine Stelle verlieren. Würde er am neuen Ort eine neue finden? Nina hingegen würde eine Chance erhalten, endlich einen Facharzttitel zu erlangen. Würde es ihr neben der Familie gelingen? Was war mit den Kindern? Eric hatte eine bisher wenig erfolgreiche Schulzeit hinter sich. Er war in der Realschule und der Umzug könnte ihm einen Neubeginn im Hinblick auf die Lehre erlauben. Nick war noch klein. Er besuchte den französischen Kindergarten. Würde er im nächsten Sommer auf den ordentlichen Kindergarten wechseln können? Zu Beginn könnte Mongha zu den Kindern schauen. Vorrangig war aber das rasche Finden einer passenden Wohnung. Nina fand schliesslich eine zwar etwas teure, aber grosse und schöne Wohnung in einem Aussenquartier der grössten Stadt der Gegend. Nun musste der Umzug organisiert werden. Diese Aufgabe blieb zum grossen Teil auf Ninas Schultern. Sie vermutete, dass Mongha auf diese Weise seinen passiven Widerstand zum Ausdruck brachte. Die lebendige grenznahe Region, die täglich Tausende Grenzgänger anlockte, gefiel ihm. Nun sollte er in die tiefe Deutschschweiz zügeln? Er leistete es sich sogar, noch im Bett zu sein, als die Zügelmänner eintrafen. Immerhin half Eric seiner Mutter zwischendurch beim Packen. Er hatte Spass daran.

 

Schliesslich wagte man den Schritt ins Ungewisse. Der Umzug endete im wilden Schneegestöber. Nina konnte ab Dezember 1996 die neue Tätigkeit in der Gerontopsychiatrie beginnen. Die neue Wohnung war noch voller Kartons. Die Stelle beinhaltete natürlich regelmässige Nacht- und Wochenenddienste. Nina war dies nicht mehr gewohnt. Mongha war dann mit den Kindern allein. Nina war auch die damals noch sehr hierarchisch strukturierte Organisation einer Klinik nicht mehr gewohnt. Im Verlauf konnte Nina auf die Erwachsenenpsychiatrie wechseln und blieb bis Ende März 1998 in dieser Klinik.

 

Unerfreulich war, dass Nick im Sommer nicht mit dem Kindergarten beginnen konnte. Er sei zu jung, war das ausschlaggebende Argument. Dass es um ein bis zwei Monate ging und er am früheren Wohnort bereits den Kindergarten besuchte, hatte keinen Einfluss. Nick langweilte sich daheim sehr, auch wenn der Vater sich bemühte, ab und zu mit ihm etwas zu unternehmen. So fand er in der Nähe einen zum Schlitteln geeigneten Hang. Nick war abends jeweils überglücklich, wenn er seiner Mutter darüber erzählte.

 

Auch der Übertritt Erics gelang nicht auf Anhieb, trotz mehrmaligem Kontakt mit den lokalen Schulbehörden. Ganz nach Schweizer Gepflogenheit war das Schulsystem im Kanton ganz anders organisiert als am früheren Wohnort. Eric wurde aufgeboten. Sehr rasch hatte Nina den Eindruck, dass es sich nicht um eine Realschule handelte und Eric ziemlich überfordert war. Dass Eric am falschen Ort war, realisierten auch die Lehrer ziemlich schnell und versetzten ihn eines morgens ohne vorherige Ankündigung in eine passende Klasse in einem anderen Schulhaus. Unnötiger Stress für alle fand Nina. Die Schulbehörde hätte die erhaltenen Informationen nur richtig zur Kenntnis nehmen sollen. Eric schien dadurch glücklicherweise nicht allzu belastet. In der neuen Klasse lebte er sich rasch ein und fand einige Kumpel mit ähnlicher Lebenseinstellung.

 

Da er noch keine Arbeit hatte, sollte Mongha daheim nach dem Rechten schauen. Er erledigte einen guten Teil der Hausarbeiten, des Kochens und der Einkäufe. Nina blieb auch so noch genug.

Als Nina am 28. Februar 1997 abends heimkehrte, klagte Mongha über zunehmende Schmerzen im rechten Unterbauch. Nachdem sich Nina ein Bild der Situation gemacht hatte, tippte sie auf eine Blinddarmentzündung. Da sie kein Auto hatten, liess Nina den Notfallarzt kommen. Für diesen war es eine klare Sache. Er bestätigte Ninas Verdacht, meldete Mongha im Kantonsspital an und verschwand. Sie sollten ein Taxi nehmen, empfahl er noch. Nina begleitete ihren Mann. Die beiden Brüder blieben allein daheim. Die Untersuchungen zeigten eine bereits starke Entzündung und Mongha wurde direkt auf die Operation vorbereitet, während Nina schnellstmöglich wieder heimkehrte.

Dann begann der grosse Stress. Die Familie hatte nicht nur kein Auto. In den 1990er Jahren hatte auch nicht jeder Haushalt einen PC. Selbst das erste Natel war noch nicht angeschafft worden. Nun war Freitagabend und Nina musste für Nick raschestmöglich eine Lösung finden. Eric konnte sich für einige Tage durchschlagen. Am Montag früh erklärte Nina ihr Problem ihrem Arbeitgeber.

„Beeilen Sie sich, eine Lösung zu finden und erscheinen sie morgen wieder am Arbeitsplatz", kam man ihr schroff entgegen.

Hilfe fand Nina beim Sozialdienst des Kantonsspitals, wo Mongha hospitalisiert war. Ihr wurde empfohlen, mit dem Chindehuus Seerose Kontakt aufzunehmen, einem privaten Hort welcher auch schon ausgeholfen habe. Dort wurden Nick und Nina, als sie sich noch gleichentags vorstellen konnten, sehr freundlich empfangen. Nick konnte gleich einsteigen. Nina machte sich nicht allzu grosse Sorgen, hatte Nick doch bereits Horterfahrung. Allerdings, der Hort befand sich recht weit weg von daheim. Zudem versuchte Nina zwischendurch noch Mongha im Spital zu besuchen. Ihre Tage wurden dadurch sehr lange. Die Zeit im Chindehuus ist Nick bis heute als sehr angenehm in Erinnerung geblieben.

In diese Zeit fiel auch der Begrüssungsanlass der Stadt für neu Zugezogene. Nina und Mongha fanden dies eine so tolle Idee, dass Nina an jenem Samstag mit den Kindern daran teilnahm, während Mongha noch im Spital weilte. Eric genoss das Apéro in vollen Zügen und füllte sich den Bauch mit all den feinen Häppchen.

 

In der Wohnung westlich neben Nina und ihrer Familie wohnte eine grössere Familie. Der Vater war Arzt. Eine der Töchter war erheblich behindert. Ihr Verhalten beeindruckte Nick sosehr, dass er dieses über einige Zeit immer wieder nachahmte. So auch an jenem Sommertag, als Nina mit ihren beiden Söhnen einen Ausflug unternahm. Die drei sassen frühmorgens im mit Pendlern gefüllten Zug, als es losging. Nick begann Laute wie die behinderte Nachbarstochter auszustossen und den Kopf wie sie zu halten. Dann stand er auf und begann herumzugehen und sich zu bewegen wie die Nachbarstochter. Während Nina versuchte, Nick abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, schimpfte Eric mit dem kleinen Bruder. Dieser erkannte rasch, dass diesmal er am längeren Hebel sass und war kaum mehr zu bändigen.

 

Eric lag viel daheim in seinem Zimmer. An Hausaufgaben machte er nur das Minimum. Es sah nicht nach einem Neuanfang aus. Der Klassenlehrer nahm sogar mit Nina Kontakt auf. Dabei informierte er sie, dass Erics beide engsten Kumpel kifften und er auch Eric schon gesehen habe. Auch das noch! Nina informierte Mongha und sprach Eric darauf an. Natürlich hatte dieser aber nichts getan und der Lehrer war ein Spinner. Er hatte nur gemeint, er habe etwas gesehen. Nina hatte nichts anderes erwartet und klärte Eric nochmals auf über die Risiken von Cannabis und anderen Drogen.

Das Zimmer von Eric sah meist erbärmlich aus und der Geruch darin war entsprechend. Nina war unter diesen Umständen jedoch nicht mehr bereit, dort zu putzen. Eric war ohnehin nicht motiviert, nur das Kleinste zu einer funktionsfähigen familiären Beziehung beizutragen und stellte sich quer wo er nur konnte.

 

Das Verhältnis zwischen Eric und Nick blieb auch mit ihrem Älterwerden zwiespältig. Nick hing noch sehr an seinem älteren Bruder. Vor seinen Eltern verhielt sich dieser dem kleinen Bruder gegenüber unverbindlich wohlwollend bis leicht überheblich. Doch die Quälereien gingen weiter und Nicks physische und psychische Integrität wurde immer wieder verletzt. Nina sah diese abwesenheitsbedingt seltener. Sie machte jedoch nach wie vor plötzliche Kontrollen in Erics Zimmer und erwischte ihn immer wieder.

So fand sie Nick z.B. eingeklemmt unter einer gewagten Darda Bahnkonstruktion. Die Wagen waren aus Metall und schwer, einzelne hatten scharfe Kanten und Spitzen. Eine Kurve befand sich direkt über Nicks Gesicht. Dieser war völlig verunsichert und getraute sich nicht, sich zu bewegen. Daneben lag Eric grinsend am Boden und liess seine Wagen über das kurvenreiche Trassee sausen, von welchem ab und zu ein Wagen auf Nick hinunterfiel. Nina stoppte das Treiben augenblicklich und schimpfte mit Eric. Ob er noch bei Sinnen sei? Da könne jederzeit ein Wagen Nick in ein Auge fallen und ihn verletzen. Sie fotografierte die Situation und befreite Nick aus seiner misslichen Lage.



 

 

Als Nina beiläufig hörte, dass Mongha Nick öfters nicht zum Einkaufen mitnahm und ihn stattdessen Eric anvertraute, war sie beunruhigt.

Doch nach Monghas afrikanischer Erziehung musste das so sein: „Eric ist der grosse Bruder und muss zu seinem kleinen Geschwister schauen, wenn die Eltern nicht da sind. Er macht es ja auch ganz gut."

Dessen war sich Nina nicht so sicher. Sie versuchte Mongha zu überzeugen, Nick zumindest nicht für längere Zeit mit Eric allein zu lassen. Viel später, nach Ausbruch der psychischen Probleme Nicks, teilte ihr dieser mit, dass er immer wieder, auch über Stunden mit Eric allein daheim war, wenn Mongha in die Stadt einkaufen ging. Teilweise wartete Mongha sogar ab, bis Eric aus der Schule kam, um dann allein einkaufen zu gehen. 

Später fand Mongha eine temporäre Arbeit in der Stadtbibliothek. Nick konnte tagsüber wieder ins Chindehuus Seerose gehen, was ihn sehr freute. Abends wurde er jeweils von Nina oder Mongha abgeholt.

 

Nick ging inzwischen zur Schule, es war Sommer, als Nina eine ihrer Kontrollen in Erics Zimmer machte. Was war denn das? Aus dem engen Zwischenraum zwischen Erics Bett und einem Gestell ragten die nackten, langen, schlanken Beine Nicks hervor. Nick lag offensichtlich auf dem Rücken, und … Nina fühlte sich um mehrere Jahre zurückgeworfen. Über Nick kniete Eric, er war nach vorne geneigt. Das gleiche Szenario wie vor Jahren. Eric drückte sein Kissen mit voller Kraft auf den Bruder. Allerdings war er diesmal flinker. Kaum öffnete Nina die Türe, liess er von seinem Opfer ab, begann unverbindlich zu lachen und munterte den jüngeren Bruder auf, sich zu erheben. Es sei nichts, sie würden nur ein Kämpfli spielen. Nick benötigte aber Zeit, um sich zu erholen. Nina schimpfte mit Eric und half Nick beim Aufstehen. Er trug kurze bunte Shorts mit gelbem Hintergrund. Er war in letzter Zeit ziemlich gewachsen und wirkte schmächtig.

Jahre später erklärte Nick seiner Mutter: „Du hast mir damals das Leben gerettet. Eric wollte mich diesmal wirklich ersticken und umbringen."

 

Im April 1998 konnte Nina nahtlos an einer anderen Klinik, ganz im Norden des Kantons ihre Fortbildung in Gerontopsychiatrie fortsetzen. Eine Klinik in einem alten Kloster. Ein sehr spezieller Arbeitsort bei einer guten Chefin. Leider waren sie dort nur wenige Assistenzärztinnen und -ärzte. Das hatte zur Folge, dass Nina oft mehrere Dienste pro Woche leisten musste und abends und an Wochenenden daheim fehlte. Im Verlauf wechselte sie in den ambulanten Bereich der Gerontopsychiatrie dieser Klinik, welcher sich an ihrem Wohnort befand und dem auch eine Tagesklinik angegliedert war. Doch auch von da aus musste Nina regelmässig abends für den Dienst in die Klinik fahren.

Wie sie viel später Nicks Worten entnahm, verschlimmerte ihre häufige Abwesenheit Nicks Leid erheblich.

  


 

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Kindergarten und Schulbeginn
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21.  Spurensuche in der Vergangenheit - Kindergarten und Schulbeginn
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Bruder Eric

 

Sowie

Kindergarten-Lehrerin Frau Rüebli

 

Im August 1998 konnte Nick endlich in den Kindergarten. Der Schulweg konnte kürzer nicht sein, befand sich der Kindergarten doch im Erdgeschoss des Wohnhauses der Familie. Wie im französischen Kindergarten wurden zwei Klassen (hier Grosse und Kleine) parallel geführt. Lehrerin Frau Riebli war mit ihren Schützlingen sehr verständnisvoll. Nick war eher zurückhaltend und liess sich durch zwei ältere, grossgewachsene Buben der Parallelklasse beeindrucken, welche ihn immer wieder zu quälen versuchten. Ansonsten war er sehr gesellig, zeigte anderen aber auch, wo seine Grenzen lagen. So kehrte er z.B. selbständig nach Hause zurück, als ein Kollege ihn auf einem Schulausflug ins Theater beleidigte.

 

Nick hatte weiterhin grosse Freude an den Schönheiten der Natur. Auch in seiner Grundstruktur war Nick allerdings sehr sensibel. Nina nannte ihn manchmal, wenn er es hin und wieder zu weit trieb eine Mimose. In seiner Haltung war er immer sehr kategorisch und setzte seinem Umfeld klare Grenzen. Nie hätte Nina gedacht, dass er es gerade im wichtigsten Bereich nicht schaffen würde, diese Grenzen durchzusetzen.

 

Die Gewohnheiten in den Geschäften der Nordwestschweiz gingen nicht sofort verloren und wurden zunächst auch am neuen Ort ausgelebt. Als die Familie einmal vollzählig das grosse Einkaufszentrum in der Nähe besuchte und Eric seine Mutter mit seinen Kaufwünschen belagerte, war Nick plötzlich weg. Mongha, Eric und Nina fragten sich, wo sie ihn zuletzt gesehen hatten. Eric empfahl, zuerst bei den Spielzeugen nachzusehen. Da, … plötzlich wurde ein verlorenes Kind vom Kundendienst ausgerufen. Das war ja Nick! Wie war er dorthin gelangt? Eric ging freiwillig den kleinen Bruder (Kindergärtler) holen. Halb lachend, halb schimpfend kam er mit ihm zurück und hielt ihn nun fest an der Hand, auch als der Kleine zu zwängen begann und seine Hand aus der Umklammerung winden wollte.

 

Beruflich wollte Nina schliesslich auch Erfahrungen in anderen Bereichen der Psychiatrie sammeln und suchte daher eine neue Stelle. Im Februar 1999 konnte sie in eine grosse Klinik des Nachbarkantons wechseln. Trotz gegenteiliger Versprechen landete sie erneut in der Gerontopsychiatrie. Die Klinik lag aber günstig und war mit einer kurzen Zugsfahrt zu erreichen. Auch waren sie mehr Assistenzärzte und -ärztinnen, die sich die Dienste teilten. Letztere waren allerdings bedeutend strenger als in der vorigen Klinik und der nächste Tag war eine Herausforderung, wenn man die Nacht kaum hatte schlafen können. Im Verlauf konnte Nina ins Ambulatorium der Erwachsenenpsychiatrie wechseln. Dieses befand sich in der Kantonshauptstadt, was ihren Arbeitsweg verdoppelte. Von den Diensten war Nina nun jedoch befreit.

Die Arbeit in der ambulanten Erwachsenenpsychiatrie war sehr interessant und Nina war zufrieden mit der getroffenen Wahl, auch wenn sie gerne noch andere Bereiche der Medizin näher kennengelernt hätte. In der ambulanten Psychiatrie erkannte sie, dass die Psychiatrie ein sehr vielfältiges, reiches Fachgebiet ist und dass die verschiedenen Störungen und Krankheitsbilder sehr differenziert untersucht und behandelt werden müssen um unnötiges Leid durch Falschdiagnosen zu vermeiden. Neben der klinischen Arbeit konnten die Assistenzärztinnen und -ärzte während des Semesters, sofern sie nicht gerade Dienst hatten, am Mittwochnachmittag die obligatorischen Vorlesungen an der Uni besuchen. Weiter konnten sie von einer regelmässigen Supervision profitieren. Nina hatte eine systemische und eine psychoanalytische Supervision gewählt. Letztere fand bei Doktor Milo Suess in der Praxis statt.

 

Im Winter 1998 / 1999 ging Nick mit seinem Vater In die Stadt. Im Bus bedeutete ihm ein kleiner Junge aus dem Balkan grundlos durch klare Gestik, dass er ihm die Kehle durchschneiden werde. Mongha war schockiert. Nick verarbeitete den Zwischenfall auf seine Art. Nach einiger Zeit kamen Klagen aus dem Kindergarten, weil Nick seinem besten Freund klar gemacht hatte, er werde ihn umbringen.

 

An einem sonnigen aber kalten Sonntagmorgen im Frühjahr 1999 schlug Eric Alarm. Nick war nicht mehr im Haus, die Wohnungstüre nicht mehr verschlossen. Während Eltern und Bruder berieten was zu machen sei, klingelte es. Nick stand vor der Tür und strahlte. Er trug ein Unterhemd, hatte aber eine warme Jacke und einige Kleinigkeiten in seinen Kindergarten-Rucksack gepackt. Am Vorabend war es zwischen den beiden Brüdern zu einer Auseinandersetzung gekommen. Eric hatte Nick dann gesagt, er solle nach Spanien reisen. Das habe dieser nun machen wollen. Angesichts des unbekannten Weges habe er sich aber entschlossen, zu seinem Freund zu gehen, und sei schliesslich zurückgekehrt, weil dort noch alle schliefen.

 

Die kinderreiche Nachbarsfamilie zügelte nach einiger Zeit in ein eigenes Haus. Viele Jahre später erzählte Nick von weiteren Begebenheiten aus dieser Zeit, an die sich Nina kaum mehr erinnert. Sie hält die Erzählung ihres Sohnes jedoch für nachvollziehbar und glaubhaft. In der Tat war die Familie zwar freundlich und hilfsbereit, aber auch sehr auffällig. Zudem hat Nick das Ereignis mehrmals stimmig, detailreich und immer gleich erzählt.

Da Mongha nicht daheim war, nahm Nina Nick mit, als sie wieder einmal im Keller etwas holen musste. Sie wollte ihn nicht allein mit dem Bruder lassen. Die beiden nahmen den Lift hinunter. Die Untergeschosse waren etwas unübersichtlich angeordnet. Zu ihrem Keller mussten die beiden noch eine kurze Treppe hinuntersteigen und etwas weiter gehen, an den Waschküchen vorbei. Ihr Keller war dann der erste rechts im Kellerbereich, ein länglicher Keller, leicht abgerundet, der Hausmauer entsprechend. Weiter hinten befand sich die offene dicke Türe zum Luftschutzkeller und im dahinter liegenden Gang waren weitere Türen zu erkennen. Als Nick und Nina ihren Keller betreten wollten, sahen sie, wie sich hinter der Bunkertüre auf einer Seite eine Türe öffnete und die Kinder der Nachbarn mit farbigen Umhängen heraustraten. Gleich öffnete sich vis-à-vis eine andere Türe, wo sie eintraten. Dann folgte ihnen der Vater, gross und schlank, fast königlich mit seinem langen blauen Gewand. Würdevoll trug er eine Krone und auf den Armen hielt er ein rosa Kissen auf welchem ein Gegenstand lag. Nick beschreibt die Situation als seltsam, nicht aber als Angst einflössend. Es habe wie ein religiöses Ritual gewirkt. In der Tat gehörten die Nachbarn einer Sekte an. Nina habe erschrocken reagiert. Sie wollte offensichtlich nicht gesehen werden.

„Nick, weg, schnell weg, bevor sie uns sehen," habe sie Nick zugeflüstert. „Geh hinauf, geh hinauf."

Erschrocken sei Nick über die Treppe hinaufgehetzt, so schnell, dass er oben auf die, mit dem Lift folgende Mutter warten musste. Er stieg daher wieder etwas nach unten, um Nina abzuholen. Der Lift reichte nicht bis ganz oben. Als Mutter und Sohn dann zusammen in den obersten Stock stiegen, hörten sie unten eine Türe und sahen die Mannschaft die Treppe emporsteigen, der Vater diesmal vorne.

 

Als Nick den Kindergarten besuchte, berichtete er beim Essen eines Tages, dass er von einem älteren Buben bedroht und an einen Baum gefesselt worden sei. Dieser habe von ihm die Abgabe eines Taschenmessers verlangt und gedroht, ihn umzubringen, wenn er keines besorge. Spontan zeigte sich Eric bereit, das Problem zu lösen. Es gelang ihm, den Jungen ausfindig zu machen. Es handelte sich um den Sohn der neuen Nachbarn. Der Vater war Swissair Pilot. Als Eric ihn allein draussen sah, ging er auf ihn zu. Wie genau er intervenierte, blieb unbekannt. Jedenfalls liess der Nachbarsbub Nick fortan in Ruhe. Die Familie zügelte bald darauf wieder weg, nach Singapur, wohin der Vater mutiert worden war.

 

Später wurde Nick neben der Schule zwischendurch von Tagesmüttern und schliesslich in den Schulhorten der Stadt betreut. Die erste Tagesmutter hatte einen hochblonden Sohn. Benjamin war ungefähr gleich alt wie Nick. Die beiden verstanden sich gut. Die Tagesmutter war ursprünglich Lehrerin, ihr Mann war Sozialarbeiter. Nick erzählte später, dass sie Fotos von den badenden Kindern machten und auf den PC luden. Genaueres ist Nina nicht bekannt. Bilder haben sie nie erhalten.

 

Nick absolvierte die 1. und einen Teil der 2. Primarklasse in der Nordostschweiz, wo er rasch viele Freunde gewann. Besonders auffallend war damals seine schöne Schrift.


 

Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle III
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22.  Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle III
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Mutter Nina

Vater Mongha

Bruder Eric

 

Sowie:

Kinderarzt Doktor Schwarzenburg

 

Nick war in den letzten Monaten vor dem Umzug in die Nordostschweiz bedeutend gewachsen und passte kaum mehr in sein Kinderbettchen. Die Eltern kauften ihm daher neue Möbel und insbesondere ein normal grosses Bett für in die neue Wohnung.

Am neuen Ort hatte Nick sein Zimmer erneut neben jenem des älteren Bruders. Sein neues Bett, konnte nicht mehr ins Elternzimmer gezügelt werden.

Nick freute sich auf sein neues Zimmer, sodass die Eltern hofften, der Übergang in das eigene Zimmer würde klappen. Doch dem war nicht so. Bald entwickelte Nick abendliche Angstzustände, die ihn daran hinderten, ins Bett zu gehen und einzuschlafen. Jeden Abend legte sich Nick auf den Boden und kontrollierte, ob sich jemand unter seinem Bett versteckte. Ein Kinderbilderbuch, welches er mit Nina anschaute verstärkte die Angst, anstatt sie zu lindern. La grosse dame qui louche könnte ja unter seinem Bett sein, befürchtete Nick. Ja, er erahnte zuhinterst manchmal gar die grossen schielenden Augen, die ihn beobachteten. War er unsicher, musste Nina nachkontrollieren. Erst wenn die Mama Entwarnung gab, stieg er ins Bett.

Vom 04. bis 25.03.1999 besuchte Nina daher den, von der Stadt organisierten Elternkurs «Wenn Ängste stark machen». Sie erhielt dort Tipps, wie mit den Ängsten der Kinder umgehen. Sie konnte auch dies und das anwenden. Ein voller Erfolg wurde es aber nicht. Mit der Zeit besserte es sich dennoch. Auch war die Stube offen und nicht weit entfernt von den beiden Kinderzimmern, sodass die Eltern eine gewisse Kontrolle hatten. Allerdings waren die Kinderzimmer auch hier weit weg vom Elternzimmer und wie erwähnt war Nina abends und nachts immer wieder abwesend.

 

Nick hatte schon länger gebraucht, um tagsüber trocken zu sein, weswegen sein Eintritt in den französischen Kindergarten verschoben worden war (siehe Kapitel 14, Merkwürdige Vorfälle II). Nachts aber benötigte er über lange Zeit noch Windeln. Da es sich auch nach dem Umzug in die Nordostschweiz nicht bessern wollte, suchte Nina mit Nick schliesslich Kinderarzt Doktor Schwarzenburg wegen primärem Bettnässen auf.

Dieser gab Nina eine Tabelle, auf welcher die trockenen Nächte mit einer Sonne, die nassen Nächte mit einem Wölklein gekennzeichnet wurden. Daraus liess sich zur Motivation ein Belohnungssystem mit dem Kind vereinbaren. Daneben verschrieb Doktor Schwarzenburg Nick einen Spray, der abends anzuwenden war. Dieser führte zu einer zügigen Besserung. Längere Zeit kam es jedoch noch zum gelegentlichen nächtlichen Einnässen, weshalb Nick noch länger mit Windelhöschen schlafen ging, ganz gerne übrigens. Mit der Zeit konnte schliesslich darauf verzichtet werden. Als Nina später nach den Ursachen der psychischen Probleme ihres Sohnes suchte, erinnerte sie sich wieder an diese Phase und fragte sich oft, ob das Tragen der Windelhöschen damals nicht auch ein Schutz war, ein Schutz gegen einen übergriffigen Nachbarn.

 

Nick begann etwas später an anfallsweise auftretenden Herzrhythmusstörungen zu leiden, teilweise mit Herzrasen. Nie waren die Beschwerden mit körperlicher Anstrengung verbunden. Oft traten sie unterwegs beim Einkaufen auf, seltener daheim, meist aber in Situationen, die Nick als langweilig empfand. Dabei drückte er massive Schmerzen aus und äusserte Angst zu sterben. Nina suchte erneut Doktor Schwarzenburg auf, der auch Kinderkardiologe war. Trotz verschiedener Untersuchungen konnte er jedoch keine konkrete Störung nachweisen. Nina erhielt einen β-Blocker, den sie Nick bei Auftreten eines Anfalls verabreichen konnte. Damit konnten diese erfolgreich kupiert werden.

Mit der Zeit nahmen die Beschwerden spontan ab. Sie traten allerdings anfangs 2004, nach belastenden Ereignissen in der Schule des neuen Wohnortes, wieder vermehrt auf. Die eingeleiteten, eingehenden Untersuchungen durch einen Kardiologen brachten auch diesmal keinen pathologischen Befund zu Tage. Mittlerweile sind die Beschwerden ganz verschwunden.

 

Im zweiten Kindergartenjahr hatte Nick eine erste Freundin. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, als er sie auf den Mund küsste. Die Mütter reagierten zur Erleichterung Ninas belustigt. Flüchtig durchlief ein dunkler Gedanke Ninas Gehirn: Ist das bei einem Kindergärtner mit deutlich älterem Bruder jetzt als sexualisiertes Verhalten zu interpretieren? Sie beschloss schliesslich, mit Mongha darüber zu reden und etwas genauer auf Nicks Verhalten zu achten, kam aber zu keinem konkreten Resultat. Viel später, als Nina den Zusammenhang zwischen Nicks schwerer psychischer Störung und einem stattgefundenen sexuellen Missbrauch erkannte, dachte sie wieder an das damalige Ereignis und fragte sich, ob es sich wohl um ein yellow oder schon um ein orange flag oder Warnsignal handelte, welches bereits auf den stattfindenden sexuellen Missbrauch hinwies.

 

Obwohl Nick einen ultrakurzen Schulweg hatte, dauerte es manchmal etwas länger, bis er den Weg nach Hause fand. Sein Zuhause konnte er über zwei verschiedene Treppenhäuser erreichen. Er konnte sowohl im Kellergeschoss als auch in der Garage vom einen ins andere wechseln. Ganz toll war es aber auch, den Lift zu nehmen und einen Halt in jedem Stockwerk zu programmieren. Dabei konnte man mitfahren, aussteigen und den Lift leer das Programm absolvieren lassen oder an einem weiteren Halt wieder einsteigen. Manchmal hörte man jemanden fluchen, wenn der Lift einfach nicht kommen wollte, weil er in jedem Stockwerk einen Halt machte. So kam Nick jeweils etwas verspätet nach Hause.

Etwas eigentümliches passierte in dieser Zeit. Der Kindergarten war schon länger um und Nick noch nicht zurück. Eric war in der Schule und sollte jeden Moment zurückkehren. Nina stand in der Küche am Kochen. Da trudelte Eric heim. Nina schickte ihn nachschauen, wo Nick stecken geblieben war. Nach einer Weile ging die Türe auf und Eric klingelte gleichzeitig. Die beiden Buben standen draussen.

Nick grinste verlegen. Eric, der seinen kleinen Bruder fest an der Hand hielt, lachte und grölte: „Mama, der Nick hat im Treppenhaus auf den Boden gepieselt!"

Entsetzt schaute Nina vom Grossen zum Kleinen und vom Kleinen zum Grossen: „Was ist los? Was ist passiert?"

„Der Nick hat im Treppenhaus auf den Boden gepieselt!", wiederholte Eric nochmals lachend.

Nina konnte es nicht glauben.

„Doch, doch, Der Nick hat im Treppenhaus auf den Boden gepieselt. Wenn du es nicht glaubst, zeige ich es dir. Du musst es ja ohnehin wegputzen."

Eric konnte sich kaum beherrschen, Nick nickte nur.

Nachdem sie den Herd ausgeschaltet und sich mit den nötigen Putzutensilien ausgerüstet hatte, folgte Nina ihren Söhnen. Eric liess Nick nicht los. Und tatsächlich, auf einer Zwischenplattform fanden sie die Lache. Nick konnte keine Erklärung geben, Ninas Fragen nicht beantworten. Es sei „einfach so" passiert.

Nina grübelte noch lange nach, wie es zu diesem Zwischenfall gekommen sein konnte. Weshalb hatte Nick so etwas getan? Welche Rolle hatte Eric dabei gespielt? Wie konnte dies „einfach so" passieren? Die Frage wurde brennender, als sich die Ursache von Nicks psychischer Störung herauskristallisierte. Drückte sich da Nicks Störung schon aus oder hatte Eric die Hände im Spiel? Eine Antwort fand Nina nicht.

 

Nick absolvierte die 1. und einen Teil der 2. Primarklasse in der Nordostschweiz. Plötzlich klagte er, dass sein bester Freund Elias ihn immer im Intimbereich berühren wollte. Nina hörte sich die Klagen an und riet ihrem Sohn als erstes, dem Freund klipp und klar zu sagen, dass er aufhören solle. Sollte es weitergehen, würde sie mit seinen Eltern Kontakt aufnehmen. Da Nick die Sache nicht mehr erwähnte, fragte Nina nach einiger Zeit nach.

„Ach", meinte Nick, „es ist nichts. Der Elias macht das bei allen Buben."

 

Als Nick schon zur Schule ging, fand Nina die Kellertüre aufgebrochen. Nina untersuchte den Keller. Auf den Tablaren, wo Nina Duvets deponiert hatte, herrschte Unordnung. Sie waren teilweise aus den Schutzhüllen gerissen worden. Nina besprach die Sache mit Mongha. Rasch fiel ihr Verdacht auf Eric, der keinen Kellerschlüssel hatte. Eine harmlose Frage brachte nichts. Eric hatte den Keller selbstverständlich nicht aufgebrochen. Warum hätte er auch? Nina ging davon aus, dass Eric mit seiner Freundin Melina dort übernachtet hatte. Diese war zwar oft daheim, durfte aber nicht hier übernachten, so lange sie minderjährig war, hatte Nina entschieden. So gut so schön. Viele Jahre später allerdings erwähnte Nick, dass im damaligen Keller zwischen Eric und ihm etwas passiert sei. Nick konnte oder wolle aber keine Details preisgeben.

 

Traumatisierung in der Psychiatrie
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23.  Traumatisierung in der Psychiatrie
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Ein in der Psychiatrie rekurrentes Problem ist die Durchführung, respektive das Erleiden von Zwangsmassnahmen. Nina war es nicht bewusst, dass sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie so intensiv damit konfrontiert werden könnte.

Bei den Zwangsmassnahmen handelt es sich um einen massiven Eingriff in die grundrechtlich verankerte persönliche Freiheit, das heisst in die physische und psychische Integrität der Betroffenen. Sie sind heute, nach den rechtlichen Vorgaben des am 01.01.2013 in Kraft getretenen Kindes- und Erwachsenenschutzrechtes (KESR) geregelt, deutlich straffer als zu jener Zeit, als Nick ihnen damals ausgesetzt war.

Zu den Zwangsmassnahmen in einer psychiatrischen Klinik gehören medizinische Massnahmen wie die Verabreichung von Spritzen und Massnahmen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit wie Einschluss in ein Isolationszimmer oder Fixierung mit Gurten.

Laut Medien erlebten im Jahr 2021 in der Schweiz 310 Kinder und Jugendliche in spezialisierten psychiatrischen Einrichtungen mindestens einmal eine Zwangsmassnahme. Das seien im Schnitt sieben Prozent aller behandelten Kinder. Nick gehört zu den Kindern und Jugendlichen, die solche Massnahmen 2009 und 2010 erlitten haben und zwar wiederholt. Später, in der Erwachsenenpsychiatrie, wurden die Zwangsmassnahmen respektloser und brutaler, … ja richtiggehend demütigend und erniedrigend.


Nina hat als Psychiaterin immer wieder mit Zwangsmassnahmen gearbeitet. Trotzdem steht sie solchen kritisch gegenüber. Umso mehr weiss sie die Bemühungen verschiedener Institutionen zu schätzen, denen es gelingt, Zwangsmassnahmen teilweise oder sogar ganz abzuschaffen, natürlich unter grösserem Personalaufwand.


Ende 1996 hat Nina ihre erste Stelle in einer psychiatrischen Klinik im Nordosten der Schweiz angetreten. Schon bald musste sie im Rahmen des Dienstes ihre erste Zwangsmassnahme anordnen. Sie erinnert sich noch an den jungen Mann mit dem halblangen wirren braunen Haar. Er litt an einer bipolaren Störung. Er war per FFE (fürsorglicher Freiheitsentzug) eingewiesen worden und befand sich schon im Iso. Als Dienstärztin musste sie dabei sein, wenn ihm Medikamente gegen seinen Willen verabreicht wurden. Zuerst näherte sich ihm eine Pflegerin mit einem weissen Tablett. Darauf war ein Becherchen mit einer Flüssigkeit. Dreimalig wurde dem Patienten das Trinken des Medikamentes mit Nachdruck angeboten. Doch dieser wollte nichts davon wissen und leerte den Becher schliesslich schimpfend auf den Boden. Nun gab es Bewegung in der gut eingespielten Gruppe. Die Pfleger und Pflegerinnen packten den Mann. Alle wussten, wo zugreifen. Ehe Nina es sich versah, lag der Mann am Boden und konnte sich nicht mehr bewegen. Ein Pfleger kam mit einem weissen Tablett in den Raum, auf welchem eine Spritze bereitlag.

Im Stationszimmer wurde die Massnahme im Anschluss dokumentiert, und es folgte die obligate gemeinsame Besprechung. Nina erfuhr dabei, dass in anderen Kliniken die Patienten auch fixiert wurden, hier sei diese Methode jedoch abgeschafft worden. Erleichtert atmete Nina auf.

Als Nina später ihre Tätigkeit in einer Ostschweizer Klinik fortsetzte, erlebte sie auch Fixierungen, wenn auch eher selten. Sie empfand die Massnahme als extrem erniedrigend und traumatisierend für die Betroffenen. Sie hätte sich nie vorstellen können, dass solche Methoden bei Kindern und Jugendlichen angewendet werden.

 

Nick verbringt seit anfangs Jahr viel Zeit eingeschlossen im Iso, einem engen, karg eingerichteten geschlossenen Raum. Er soll möglichst reizarm gestaltet sein, und das Verletzungspotenzial soll möglichst gering sein.


 

 

 

 

Die Eltern wissen, dass ihr Sohn nicht der einfachste Patient ist, den diese Abteilung behandelt hat. Trotzdem haben sie Zweifel, ob wiederholte Isolationen von bis zu fast zwei Wochen etwas bringen können, selbst wenn der Patient hin und wieder unter Kontrolle kurz den Raum verlassen darf. Was denkt ein Adoleszenter, der den ganzen Tag, die ganze Nacht allein in dieser Zelle liegt und sitzt? An Flucht? An Suizid? An Rache?

 

Nick wird aber nicht nur im Iso eingesperrt. Zur Isolierung gehört immer eine erhebliche Sedation. Nick kann oftmals kaum mehr verständlich sprechen.

Aber das ist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Hauptstadt nicht alles. Für Nick wird bei fast jeder Isolierung eine zusätzliche 5-Punkt-Fixierung angeordnet! Er ist also am Rumpf und an allen vier Extremitäten an seine Matratze fixiert, stundenlang über teilweise mehrere Tage. Was denkt ein Adoleszenter, der den ganzen Tag, die ganze Nacht, fixiert auf einer unbequemen Matratze, allein in dieser Zelle liegt? An Suizid? An Rache? An Flucht?

 

Nina kann Isolation nachvollziehen, wenn gute Gründe vorliegen, was bei Nick sicher mehrmals der Fall war. Sie kann auch eine medikamentöse Sedation nachvollziehen, sofern sie angemessen ist. Wichtig ist auch, die Dauer der Massnahmen den Umständen anzupassen.

Für eine Fixation aber, sieht Nina in der Psychiatrie keine Indikation, wenn das Prinzip der Verhältnismässigkeit beachtet werden soll. Dies bedeutet, dass die Massnahme notwendig ist, sie der Schwere der Gefährdung entspricht und nicht durch weniger einschneidende Massnahmen ersetzt werden kann.

 

Wenn Mongha und Nina ihren Nick im Iso besuchen, sehen sie einen depressiven Jugendlichen ohne Zukunftsvisionen, welcher nicht zu verstehen scheint, was er hier macht und wie er in diese Situation geraten ist. Nick gibt gesamthaft wenig Einblick in seine innere Welt. Nie erkennt Nina jedenfalls Hinweise auf ein psychotisches Geschehen. Nina fragt sich oft, ob die mit Zwang und Gewalt einhergehenden Massnahmen Nick wie geboten immer angemessen angekündigt und erläutert werden oder sie wenigstens, wenn nicht anders machbar, mit ihm im Nachhinein besprochen werden. In seiner KG findet Nina später jedenfalls keine konsistenten Hinweise darauf, obwohl eine Dokumentation auch dieser Schritte eigentlich zur Massnahme gehört.

 

Nina macht Mongha immer wieder darauf aufmerksam, wie gefährlich dieses tagelange Liegen auch physisch sein kann und weist auf das erhöhte thromboembolisches Risiko hin.

Anlässlich der Besuche das richtige Gesprächsthema zu finden ist für die Eltern eine Herausforderung und Mongha ist jeweils aufgewühlt, wenn er von Nick Abschied genommen hat. Dass sein Sohn dieser Situation so hilflos ausgeliefert ist, schmerzt ihn. Nina ihrerseits ist angestrengt auf der Suche nach Möglichkeiten, Nicks Lage zu verbessern.  

 

Die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie greifen aus Ninas Sicht zu schnell auf Zwangsmassnahmen zurück. Erstaunt ist sie allerdings nicht, denn sie sehen die günstigen Effekte von Isolierung und Fixierung. So kriegen sie das unangepasste Verhalten Nicks zumindest vorübergehend scheinbar wieder in den Griff, seine Affekte und Impulse werden kanalisiert, das therapeutische Milieu und die Ressourcen des Betreuungspersonals werden geschont, die Sicherheit auf der Abteilung garantiert. Mit anderen Worten: der Störenfried ist für eine Weile aus dem Weg, man kann aufatmen.

Auf der anderen Seite steht, beziehungsweise liegt das Opfer. Welches Verbrechen hat es begangen? Was hat dieser Mensch bisher erlebt? Besondere Vorsicht ist bei einem vortraumatisierten Menschen anzuwenden. Sind ihm Zwangsmassnahmen ohne psychischen Schaden überhaupt zumutbar? Was ist zu unternehmen, damit der Nutzen der Massnahme den Schaden eindeutig überwiegt? Gemäss den medizin-ethischen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) zu Zwangsmassnahmen in der Medizin sind psychische Traumatisierungen bei Zwangsmassnahmen umso eher zu erwarten, je mehr der Eingriff als ungerechtfertigt, beschämend oder gar als Vergeltung oder Strafe erlebt wird. Die Patienten erleben solche Massnahmen dann ähnlich einer Vergewaltigung oder körperlichen Misshandlung. Nach Ninas Erfahrungen ist es nur eine Minderheit der Patienten, die den angewendeten bzw. erlebten Zwangsmassnahmen einen nachhaltigen, positiven Effekt abgewinnen können.

 

Nina und Mongha stellen auch andere unhaltbare Zustände in der universitären Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie fest. Zum Beispiel erhalten isolierte Patienten im KIZ zum Rauchen einen mit Wasser gefüllten Plastikbecher, in welchem sie ihre Zigarettenstummel entsorgen können.

Solange der Becher jedes Mal mit frischem Wasser gefüllt wird, ist nichts dagegen einzuwenden. Wenn aber bis zu fünf und mehr Zigarettenstummel über Stunden darin schwimmen, entsteht eine hochtoxische Brühe.


 

 

 

Für den Menschen geht man für das Nikotin von einer LD50 (mittlere tödliche Dosis) von 0,5 bis 1 mg/kg Körpergewicht aus. Wenn wir davon ausgehen, dass isolierte Patienten auch Suizidgedanken haben oder entwickeln können, dann ist diese Methode unverantwortlich. Nina hütet sich jedenfalls davor, Nick darauf hinzuweisen, dass er eine starke Giftbrühe neben sich hat. Im Übrigen ist auch die Verwechslungsgefahr nicht zu unterschätzen, wenn gleiche oder ähnliche Becher für dunkle Getränke (Tee, Kaffee) und als „Aschenbecher“ verwendet werden. Die Eltern machen die Betreuer immer wieder darauf aufmerksam, werden aber nur milde belächelt.

Ninas diagnostische Auslegeordnung
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24.  Ninas diagnostische Auslegeordnung
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Hauptakteure

Sohn Nick

Mutter Nina

 

Sowie:

Oberarzt Doktor Speer

 

Eine Krise nach der anderen, Nick ist mit Medikamenten vollgepumpt und es kommt zu keiner nachhaltigen Besserung. Der Leidensdruck ist unvorstellbar. Doch was hat er?

 

Da ihr die Ärzte und Psychologen nach wie vor keine überzeugende Erklärung liefern können, woran Nick nun wirklich leidet, forscht Nina nach wie vor selber intensiv weiter, nach der vorliegenden Pathologie und später nach ihren Ursachen. Nachdem ihr auch ihre Psychiatrie-Lehrbücher keine Antwort gegeben haben, ist sie enttäuscht. Nicht annähernd wird in einem der Bücher beschrieben, was Mongha und sie mit Nick in den letzten Monaten erlebt haben und täglich weiter erleben. Auch die Ärzte der Klinik, welche sich zwar an der Diagnose einer Psychose oder Schizophrenie klammern, wirken rat- und orientierungslos.

Seit Beginn dokumentiert Nina die schillernden, wechselhaften Symptome und setzt sie in Beziehung zueinander. Mongha, der Nick öfters besuchen kann als sie, berichtet ergänzend, was er wahrgenommen hat und was ihm gesagt wurde.

Schliesslich erweitert Nina ihre Suche auf das Internet und vergleicht mit bekannten, aber auch selteneren Störungen. Rasch wird ihr klar, dass Nick nicht einfach an einer psychiatrischen Störung leidet. Nein, wie so oft in der Psychiatrie, müssen neben einer Grundstörung gleichzeitig eine oder mehrere weitere Störungen als Begleiterkrankungen oder komorbide Störungen vorliegen. Die komplexe Pathologie verändert sich andauernd. Wie soll Nina so die Grundstörung erkennen, die sich hinter der wechselhaften, bunten Symptomatik verbirgt? Ein wahres Chamäleon. Sie weiss, dass sie diese möglichst rasch identifizieren muss. Erst dann wird sie die in der Klinik begonnene Behandlung objektiv beurteilen können. Im Anschluss wird sie sich den Begleiterkrankungen zuwenden können, da auch diese behandelt gehören. Nina ist zuversichtlich, dass sie sich schliesslich fundiert gegen die mutmassliche Fehlbehandlung ihres Sohnes wird wehren können.

 

Wie Suzette Boon in ihrem Buch (Die Diagnostik traumabedingter Dissoziation, Junfermann Verlag, 2025) berichtet, war das Ausmaß der Komorbidität auch in ihrer Studie hoch. Viele Symptome wie Ängste, suizidale und selbstschädigende Handlungen, Schlafstörungen und Essstörungen, negative Gedanken, Zwangshandlungen oder medizinisch ungeklärte Beschwerden hängen mit den ursprünglichen Traumatisierungserfahrungen zusammen. Die Patientinnen in oben genannter Studie standen im Durchschnitt mehr als acht Jahre wegen anderer diagnostizierter Störungen in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung, ehe eine DIS festgestellt wurde.

 

Vordergründig fällt Nina im Kontakt mit Nick ein bedeutendes depressives Zustandsbild auf, welches bereits anfangs des letzten Sommers zu erkennen war. Besonders erschreckt sie, dass ihr Sohn immer wieder an den Tod denkt, Suizidabsichten äussert und ein suizidales Verhalten zeigt. Sie sieht für Nick die Kriterien einer Depression schon seit einiger Zeit als erfüllt und fragt sich, was sie von Oberarzt Doktor Speer halten soll, der ihr zu sagen wagte, dass er nicht wisse, ob Nick überhaupt eine Depression hat. Daraufhin strich er Nick das von seinem Kollegen Doktor Feldmann nach längeren Diskussionen mit Nina endlich verordnete Antidepressivum ersatzlos und liess ihn diesbezüglich wieder unbehandelt vegetieren, bei nach wie vor vorhandener erheblicher Suizidalität.

 

Im Pubertäts- und Jugendalter nähert sich die psychiatrische Symptomatologie derjenigen des Erwachsenenalters an. Nina traut sich als Fachärztin für Erwachsenenpsychiatrie, welche zwischendurch auch jüngere Patienten behandelt, daher durchaus zu, Nicks Zustandsbild zu beurteilen und erachtet ihre Kompetenz zur Evaluation der vorliegenden komplexen psychischen Störung als gegeben,

 

Aus Erfahrung weiss Nina, dass eine Depression oft als Begleitstörung anderer spezifischer psychiatrischer Störungen auftritt. Dazu gehören sicher Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenien aber auch Traumafolgestörungen wie die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder dissoziative Störungen.

 

Neben den depressiven Symptomen erkennt Nina bei Nick ausgeprägte kognitive Einbussen wie z.B. Wortfindungsstörungen. Nick kennt Worte nicht mehr, die er vorher anwendete. Nina überlegt sich einen Zusammenhang mit der Depression. Nick ist aber schon länger depressiv und hatte bisher weniger Einbussen. Diese verschlechterten sich ungefähr zu der Zeit, als die Klinik-Ärzte Psychopax® einzusetzen begannen. Die Einbussen nahmen weiter zu, als das Seroquel® durch Risperdal®, ein anderes Neuroleptikum, ersetzt wurde. Nina erkennt zudem grobe Einbussen des Erinnerungsvermögens, welche über das normale Mass von Vergesslichkeit hinausgehen. Was ist wohl deren Ursache? Sie stellt fest, dass Nick zu konzentrierter Aufmerksamkeit meist nicht in der Lage ist. Auch das Zeiterleben ist zeitweise beeinträchtigt.

 

Das Beschwerdebild bleibt nach wie vor beunruhigend. Immer wieder berichtet Nick über verschiedene dissoziative Symptome, welche, wie Nina den behandelnden Ärzten gegenüber jeweils betont, nur unbefriedigend auf Neuroleptika reagieren. Nick erkennt zwar eine gewisse Beruhigung durch diese Medikamente, die von den Behandlern als psychotisch bezeichneten Symptome werden dadurch hingegen kaum beeinflusst. Zudem sind die auftretenden Nebenwirkungen erheblich.

 

Nina stellt die seit Dezember 2008 beobachteten Symptome nun genauer zusammen und erschrickt. So weitgefächert ist das Beschwerdebild ihres Sohnes. Wie gross muss sein Leid sein!

Da sind ausgeprägte dissoziative Symptome vorhanden wie stuporöse und Trance-Zustände, an Epilepsie erinnernde Krampfanfälle, plötzliche Bewegungs- und Empfindungsstörungen sowie scheinbare Wechsel der Identität. Es handelt sich um positive und negative psychoforme und somatoforme Dissoziationssymptome, lernt Nina später unterscheiden. Daneben berichtet Nick über Entfremdungserlebnisse. Er nimmt sich selber oder seinen Körper als verändert, als fremd wahr (Depersonalisation). So betrachtet Nick einmal seinen Fuss wie etwas Fremdes (siehe Kapitel 8, Unruhige Tage). Oft erlebt Nick die Umwelt als unwirklich und verändert (Derealisation). Manchmal berichtet er sogar, dass er sich in einer anderen Welt befindet und betrachtet staunend die sich vor ihm abspielenden Szenen aus einer Kifferwelt, einer Höhlenbewohnerwelt und verschiedenen anderen Welten.

Da sind seit letztem Sommer die mehrmals erwähnten, immer ausgeprägteren depressiven Symptome wie depressive Verstimmung, deutlich verminderte Freude an fast allen Aktivitäten, erhebliche Energielosigkeit, Schlafstörungen, ein Gefühl von Wertlosigkeit, ein Verlust von Selbstvertrauen mit unbegründeten Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen, eine verminderte Konzentration, Gedankenkreisen und Grübeln, eine deutliche Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sowie wiederkehrende Gedanken an den Tod und suizidales Verhalten.

Daneben leidet Nick vermehrt unter z.T. massiven Ängsten. Neu fallen Nina auch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen auf, während somatoforme Symptome schon länger vorhanden sind.

Nicht einfach zu interpretieren sind jene Symptome, welche von den Behandlern der Klinik als psychotische Symptome betrachtet werden. Sie erkennen Halluzinationen, Nina Pseudo-Halluzinationen, Flash-backs, Derealisationserlebnisse und später Idées fixes im Sinne von Pierre Janet. Die Kinderpsychiater gehen von einem Wahn aus, Nina von Verkennungen, Depersonalisation, Derealisation und Idées fixes.

Sie lassen Nick auf fokale epileptische-Anfälle bzw. Absenzen abklären, Nina geht hingegen von dissoziativen oder pseudoepileptischen Anfällen aus, was auch die Neurologen des Universitätsspitals so erklären.

Bei den Intrusionen handelt es sich um ein plötzliches, unerwünschtes Aufdrängen von Gedanken, Bildern oder Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis. Sie gehören zu den positiven psychoformen Symptomen. Der Inhalt der visuellen Phänomene ist vielfältig. Es tauchen darin vertraute oder fremde Menschen auf, einzeln oder in Gruppen, bisweilen auch in Miniatur-Form oder als Zwerge. Nick schildert auch bizarre ganze Szenen (Kifferwelt, Höhlenbewohnerwelt, Gangsterwelt), welche er betrachtet oder in denen er sich bewegt. Seltener berichtet Nick auch von Tieren und verschiedenen Objekten. Selbst personifizierte schwer fassbare Zustände wie der Tod kommen vor (siehe auch Kapitel 9, Schulversuch). Thematisch kann der Inhalt der visuellen Phänomene ernst, traurig oder lustig sein. Aus der Vergangenheit sind Nina auch gespensterartige, durchscheinende oder leuchtende, schwebende Figuren bekannt (siehe auch Kapitel 33 Spuren in der Vergangenheit – Merkwürdige Vorfälle IV).

 

Bei der weiteren Untersuchung realisiert Nina weitere schwere Symptome, welche sie nach genauer Erwägung als Ausdruck einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) wertet. So leidet ihr Sohn an sich aufdrängenden Gedanken, wiederholten Albträumen, Flash-backs (insbesondere Wiedererleben von optischen Phänomenen). Er gerät in innere Bedrängnis in Momenten, die an Belastungssituationen erinnern. Entsprechend vermeidet er Traumareize konsequent, weil diese ihn an das Geschehene erinnern und damit triggern. Nick spricht nicht darüber, versucht aktiv seine Erinnerungen zu bekämpfen.

„Ich muss vergessen,“ äussert er immer wieder.

Die Störung der Affekt- und Impulsregulation ist beträchtlich, mit dysphorischer Verstimmung und Reizbarkeit, chronischer Beschäftigung mit Suizidideen, explosiver oder extrem unterdrückter Wut (im Wechsel). Wie erwähnt zeigt Nick eine ausgeprägte Tendenz zu dissoziieren, bis hin zu einem beeinträchtigten Identitätsgefühl. Auch die bereits erkannte depressive Verstimmung kann Nina gut in diese Kategorie einreihen. Gut bekannt ist bei der kPTBS auch ein Substanzmissbrauch. Nick hat zwar nach eigenen Aussagen nur einmalig Cannabis konsumiert, er ist aber innert kurzer Zeit zum Kettenraucher geworden und konsumiert im Verlauf zeitweise viel Alkohol. Charakteristisch ist auch seine gestörte Beziehung zu anderen Menschen.

 

Seltsam, Nina hat das Gefühl, dass sie mit Mongha gut zu ihrem Nick geschaut haben. Wie sollte da eine Traumafolgestörung entstanden sein? Nina sucht nach einer genauen Definition des Psychotraumas. Fischer und Riedesser haben es 1996 wie folgt definiert:

„Ein psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanz-Erlebnis zwischen den bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilf- und Schutzlosigkeit einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

Leuchtet ein, findet Nina. Aber wann und wo ergab sich eine solche Situation in Nicks Leben? Sie berichtet Mongha über ihre wahrscheinlich erfolgreiche Nachforschung und sie versuchen gemeinsam mögliche Ursachen für den psychischen Zusammenbruch ihres Sohnes zu finden. Schwierig. Jeder Mensch erlebt traumatisierende Situationen im Laufe seines Lebens. Wann soll es aber bei Nick zu einem vitalen Diskrepanz-Erlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und seinen individuellen Bewältigungsmöglichkeiten gekommen sein? Schliesslich haben die Eltern eine Idee. Was, wenn die Ereignisse, damals 2003/2004 in der Primarschule die Ursache der aktuellen Dekompensation wären? Die Eltern wollen weiter nachdenken und Nina will weiterforschen, um herausfinden zu können, ob die Serie der damals erlebten Traumata als adäquate Ursache einer schweren Traumafolgestörung betrachtet werden kann oder nicht. An eine frühkindliche Ursache denken die Eltern nicht. Weshalb denn auch. Da war Nick ja wohlbehütet daheim.

Nick wurde in der Tat durch die Ereignisse von 2003/2004 erschüttert. Er war nachher in seinem Wesen verändert. Seine Aussagen waren nicht mehr so zuverlässig wie vorher. Die Eltern wussten es nicht zu erklären. War das Phantasie? Hatte Nick zu lügen begonnen wie sein älterer Bruder? Später wird Nina rückblickend auch erkennen, dass diese Ereignisse womöglich nur der Tropfen waren, der das Fass zum Überlaufen brachte und dass Nick schon viel früher vitale Diskrepanz-Erlebnisse überlebt hatte, die seine individuellen Bewältigungsmöglichkeiten deutlich überstiegen hatten.

Neben den klaren Kriterien fallen Nina verschiedene Punkte auf, die sie als Hinweise auf Traumata deutet. So hatte sie bemerkt, dass Nick im Internet und Fernsehen immer häufiger Filme gewalttätigen Inhaltes schaute. Nina suchte das Gespräch mit ihrem Sohn. Er müsse sich unbedingt abhärten, war die Antwort. Zu mehr Informationen kam Nina nicht. Mit Mongha werweisste sie, was das bedeuten sollte. Sollte sie mit der vermuteten Traumafolgestörung tatsächlich richtig liegen? Bereits im Frühjahr 2008 konnte sich Nick nicht mehr vorstellen, den nächsten Geburtstag zu erleben. Seit einiger Zeit plante er, später bei der Müllabfuhr zu arbeiten. Schliesslich hatte er Nina, als sie ihn im Juni 2008 auf die anstehende Berufswahl ansprach, sehr ernst geantwortet, er wolle Söldner werden. Nina war alarmiert. Sie hatte länger mit Nick gesprochen. Den Berufswunsch konnte sie nicht nachvollziehen doch Nick blieb dabei. Etwas anderes kam für ihn nicht in Frage. Er wusste von den Gefahren und hatte sich gut über das Berufsbild informiert.

Im Sommer vor dem akuten Zusammenbruch wollte Nick plötzlich die Schule wechseln, er halte es nicht mehr aus. Als er später von seiner Mutter gefragt wurde, ob er in letzter Zeit etwas Schlimmes erlebt habe, erzählte Nick, wie er auf einem Schulplatz einer grösseren Schlägerei zwischen Jugendlichen zugeschaut hatte. Da sei einer mit einem Messer verletzt worden. Nun ja, dass eine Traumatisierung durch eine solche Situation möglich ist, weiss Nina schon, aber gleich eine solche Dekompensation?

 

Nina geht mittlerweile von einer sehr schweren Traumafolgestörung aus und die Eltern sehen, was Nick in der universitären Kinder- und Jugendpsychiatrie erlebt. Weitere erhebliche Traumata folgen Schlag auf Schlag. Da steckt Nick immer wieder auch über eine Woche im Isolationszimmer, davon mehrere Tage auf einer Matratze fixiert. Nick versteht das alles nicht und leidet immer mehr. Sein Vertrauen in die Behandler schwindet.

 

Nina sucht weitere Hinweise um zu mehr Klarheit zu kommen. Nick klagt seit mehreren Monaten über unklare Schmerzen beim Stuhlgang und vermehrt Bauchschmerzen jeweils morgens. Seit dem Zusammenbruch will er oft im Zimmer des Bruders im Schlafsack schlafen. In seinem Bett zieht er das Deckbett so hoch, dass nur noch die Haare zu sehen sind. Im Internet vermag er den von Nina installierten Filter zu umgehen und beginnt Pornoseiten zu besuchen. Nick will plötzlich oversized Kleider tragen und identifiziert sich auf diese Weise immer mehr mit der Hip-Hop-Szene.

Nick reagiert auf gewisse Männertypen auffällig, insbesondere auf Homosexuelle. So geht er freiwillig ins Iso, als sich ein Mitpatient im KIZ outet (siehe auch Kapitel 18, Zurück im KIZ). Nina erinnert sich gut, wie aufgewühlt Nick in der Sekundarschule auf die Klassenlektüre „Brüder“ von Ted van Lieshout reagierte. Da ging es um das Thema Homosexualität und Inzest zwischen zwei Brüdern. Nina hatte auch hier erfolglos das Gespräch mit Nick gesucht.

Des Weiteren fällt den Eltern auch ein ausgeprägter Mangel an Hygiene auf. Ein wichtiger Punkt. Erfahrungsgemäss halten sich sexuell missbrauchte Menschen oft an eine extreme Hygiene, um die Verunreinigung durch den Missbrauch zu entfernen oder fallen durch eine ausgesprochen mangelhafte Hygiene auf, damit nicht noch jemand auf die Idee kommt, sie zu missbrauchen. Bei Nick dominiert letzteres immer mehr.

 

Nina denkt nach. Könnte es sich wirklich um einen sexuellen Missbrauch handeln? Sie weiss zwar, dass keine Beweise vorliegen, von Hinweisen kann sie aber trotzdem ausgehen. Sie teilt ihre Beobachtungen Mongha mit. Die Eltern sind betroffen, sie versuchen, diese Möglichkeit zu verwerfen. Die Idee, dass Nick so etwas erlebt haben könnte ist für die Eltern unerträglich und kaum vorstellbar, auch wenn rund 10% der Kinder solches erleben!

 

Nina klärt weiter ab. Sie bezieht nun auch die Möglichkeit einer Dissoziativen Identitätsstörung oder DIS in ihre Überlegungen ein. Die DIS ist ein psychiatrisches Störungsbild, das über die Dramatik einer posttraumatischen Belastungsstörung noch weit hinausgeht, und sich vor allem dann entwickeln kann, wenn ein Trauma früh genug, schwerwiegend genug und oft genug auf einen Menschen einwirkt. In der damals gültigen Nomenklatur der WHO, dem ICD-10 wird noch von der multiplen Persönlichkeit (ICD-10 F 44.81) gesprochen. Die Störung wird dort als selten betrachtet. Inzwischen geht man davon aus, dass etwa 1% (mehr Frauen als Männer) der Bevölkerung betroffen ist, also etwa gleich viele Menschen wie bei der Schizophrenie.

Betroffen stellt Nina fest, dass das Thema in Ihrer Ausbildung nicht behandelt worden ist. Sie notiert sich, dass es bei der DIS zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums gibt, von denen zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur eine in Erscheinung tritt. Jede Persönlichkeit hat ihr eigenes Gedächtnis, ihre eigenen Vorlieben und Verhaltensweisen und übernimmt zu einer bestimmten Zeit, auch wiederholt, die volle Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen. Betroffene sind unfähig, wichtige persönliche Informationen zu erinnern, was für eine einfache Vergesslichkeit zu ausgeprägt ist. Weiter ist die Störung nicht durch eine organische psychische Störung oder durch psychotrope Substanzen bedingt. Könnte Nicks Leiden allenfalls diese Kriterien erfüllen? Nina spürt, dass sie kurz vor dem Ziel steht.

Und Nina erinnert sich wieder an eine ihrer Patientinnen im Ambulatorium der Ostschweizer Klinik in welcher sie 2000 bis 2001 gearbeitet hat. Die Patientin, die Nina am stärksten beschäftigt hatte. Ein Rätsel, das Nina aufgrund ihrer mangelnden Kenntnisse nicht hatte lösen können. Doch gibt es nicht Ähnlichkeiten mit dem Störungsbild ihres Sohnes? Nina ist verwirrt. Könnte es sein, dass Nick an der gleichen Störung leidet wie diese junge Brasilianerin, der sie so gerne geholfen hätte? Nina hatte damals die leitende Ärztin Frau Doktor Pedretti um Rat gefragt. Sie hatte ihr ihre Beobachtungen genau mitgeteilt.

Die Einschätzung der Chefin war klar: „Die leidet an einer Schizophrenie. Gib ihr ein Neuroleptikum."

Nina hatte zwar erhebliche Zweifel, versuchte es aber dennoch. Nach einiger Zeit erschien sie wieder bei Frau Doktor Pedretti.

„Das Neuroleptikum zeigt kaum Wirkung," erklärte sie.

„Gib ihr ein anderes, ein neueres," lautete der Rat.

Nina begann Zyprexa® einzuführen. Hm. Das konnte man nicht Wirkung nennen. Auch den Rat, die Dosis weiter zu steigern befolgte Nina, doch auch das ohne nennenswerten Erfolg. Ohnehin lag da aus ihrer Sicht keine Schizophrenie vor. Welchem Störungsbild war dann aber diese schillernde wechselhafte Symptomatik zuzuordnen? Nina wandte sich nun an ihren psychoanalytischen Supervisor. Doktor Milo Suess teilte zwar Ninas Zweifel am Vorliegen einer psychotischen Erkrankung, weiterhelfen konnte auch er aber nicht überzeugend. Die Supervisionsgruppe einigte sich schliesslich auf eine Borderline Persönlichkeitsstörung. Mehrmals wurde der Fall besprochen, immer wenn Nina neue Beobachtungen meldete. Auch die neue Diagnose überzeugte Nina nicht, sie schien ihr aber nicht so abwegig wie die vorige.

Nun kümmert sich Nina um Nick und erinnert sich immer wieder an ihre brasilianische Patientin. Immer neue Ähnlichkeiten erkennt sie. An was leidet ihr Nick? An was litt ihre Patientin?

 

Nina bereitet sich jeweils auf die Gespräche mit den Behandlern vor. Nachdem sie sich diagnostisch Klarheit geschaffen hat, will sie insbesondere zu den verabreichten Medikamenten Stellung nehmen, denn sie ist damit nicht mehr einverstanden.

Für sie geht kostbare Zeit verloren, wenn sich die Behandler nur auf eine psychotische Symptomatik konzentrieren. Da sie davon ausgeht, dass es sich nicht um die Symptome einer eigenständigen Psychose oder Schizophrenie handelt, erwartet Nina ohnehin nicht ihre nachhaltige Unterdrückung durch die Substanzklasse der Neuroleptika, was der bisherige Verlauf inzwischen bestätigt.

Einen grösseren Nutzen erwartet Nina von einer parallel verlaufenden psychotherapeutischen Stabilisierung. In der Tat hat aus ihrer Sicht die Linderung der Traumafolgesymptome, unter welchen Nick leidet und denen er sich hilflos ausgeliefert fühlt, oberste Priorität. Sie will daher auch verschiedene Behandlungstechniken erwähnen, über die sie sich inzwischen informiert hat.

Ein weiteres Ziel ist es für Nina, bestehende innere Ressourcen zu stärken, anstatt ihren Sohn im Isolationszimmer zu fixieren. Rhythmus, Zeichnen/Malen, Sport und Wald könnten helfen, nicht nur technischer Dienst und Schneeschaufeln oder Gartenarbeit.

Erneut will Nina auch auf die eminent wichtige Behandlung der Depression aufmerksam machen. Die Argumente der Behandler, dass Antidepressiva zu Beginn der Behandlung zu einer erhöhten Suizidalität führen durch Steigerung der Aktivität bei anhaltender depressiver Stimmung lässt sie nicht gelten. Nick ist seit seinem Zusammenbruch kontinuierlich suizidgefährdet. Unter dem Schutz der verordneten medikamentösen Sedierung wäre es ohne weiteres zu verantworten gewesen, eine antidepressive Therapie einzuleiten.

Die von den Behandlern beklagte Impulsivität und Aggressivität sowie sein oppositionelles Verhalten könnten gut auch mittels Antiepileptika angegangen werden, anstatt mit Neuroleptika und Benzodiazepinen. Nina ist entrüstet, wie Nick zeitweise mittels hoher Dosen Psychopax® lahmgelegt wird. Dieses mit Alkohol kombinierte flüssige Benzodiazepin, welches auch Saccharin und Aromastoffe enthält, in einem Alter einzusetzen, in welchem die Weichen in Richtung Sucht eingestellt werden, erachtet Nina als fahrlässig. Das Mittel hat eine rosa Farbe, ist süss und geschmacklich angenehm. Nick mag es und schöpft die Reserven aus. Eigentlich nachvollziehbar, bei allem, was er gerade ertragen muss. Die Eltern können zeitweise kaum mehr vernünftig mit ihm sprechen, er lallt nur noch.

 

Ziemlich rasch kommt Nina also auf den Verdacht einer schwersten Traumafolgestörung und schon bald auf den Verdacht einer komplexen dissoziativen Störung, wenn nicht gar einer Dissoziativen Identitätsstörung. Sie konfrontiert die Behandler mit ihrer Sichtweise, doch hat sie damit keinen Erfolg. Im Gegenteil, die Situation wird dadurch nur schwieriger. Nina nimmt auch Stellung zur eingeleiteten Behandlung und übt offen Kritik an der verordneten Medikation und an den laufenden bzw. fehlenden therapeutischen Massnahmen, insbesondere eine stabilisierende Traumatherapie. Es läuft ein reger Mail-Verkehr zwischen Nina und der Klinik. Die Eltern werden als unkooperativ betrachtet. Sie werden angeschuldigt, die Behandlung des Sohnes zu behindern. Dieser leidet weiter unter einer fast wirkungslosen Behandlung. Es kommt zu mehrfachen Krisen, welche zu wiederholten iatrogenen Traumatisierungen führen. Man droht den Eltern, ihnen die elterliche Sorge und Obhut zu entziehen, den Sohn zu platzieren, um ihn nach Gutdünken behandeln zu können.

Nina ist entmutigt. Weshalb all dieses Leid? Trotzdem ist sie voll motiviert, weiter für das Wohl ihres Sohnes zu kämpfen.

 

 

Wenig einvernehmliche Behandlungsplanung
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25.  Wenig einvernehmliche Behandlungsplanung
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Hauptakteure

Sohn Nick,

Vater Mongha                                                                          

Mutter Nina

 

Sowie

Oberarzt Doktor Feldmann 

Oberarzt Doktor Speer 

Leitender Oberarzt Doktor Moratti 

Pädagoge Herr Bohnenfeld

 

Am 23.02.2009 ist Nick immer noch im KIZ. Doktor Feldmann informiert die Eltern per E-Mail, dass Nick das Iso eben verlassen konnte. Er könne sich aber bei Spannungszuständen jederzeit dorthin zurückziehen. Eine weitere Eskalation müsse unbedingt verhindert werden.

Doktor Feldmann erklärt weiter die bekannten medikamentösen Umstellungen. Nina erfährt dabei, dass Nick unter dem neu verabreichten Risperdal® bereits unter Nebenwirkungen im Sinne von extrapyramidal-motorischen Symptomen (EPS) leidet, welche einer medikamentösen Behandlung mit Akineton® bedürfen. Es handelt sich um Nackensteifigkeit und sehr störende Schlundkrämpfe, erfährt sie später. Trotzdem wird weiter aufdosiert.

Nick verbleibe noch eine Woche im KIZ, dann werde weiter entschieden. Geplant seien Aktivitäten beim technischen Dienst und Einbezug in Spielaktivitäten, um Nick von seinen Gedanken abzulenken.

Der Arzt möchte noch ein Gespräch organisieren mit Herrn Bohnenfeld, Frau Doktor Klotsche und Mongha, wenn er Nick am nächsten Tag besucht.

Das Gespräch mit Mongha findet am 24.02.2009 wie geplant statt. Der Verlauf ist positiv, wird er informiert. Es werden keine Impulsdurchbrüche mehr beobachtet. Es bestehen keine Hinweise auf Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Doktor Feldmann ist zufrieden. Er will die Eltern für eine systemische Zusammenarbeit gewinnen. Das ist nicht einfach, da der Vater seines Patienten als Laie die Sachverhalte aus systemischer Sicht nicht nachvollziehen kann.

 

Ob das mit der Mutter einfacher wird? Nina hat zwar durchaus Kenntnisse der systemischen Herangehensweise und hatte einige Zeit einen sehr überzeugenden systemischen Supervisor. Im konkreten Fall bedeutet der systemische Ansatz für sie aber nur Zeitverlust, man beginnt quasi von hinten. Um diesen Ansatz verfolgen zu können, müsste man aus ihrer Sicht bereits einleuchtende Vorstellungen über die Diagnose und die Ursachen der Störung haben. Nach der Stabilisierungsarbeit plädiert sie für eine flexible Integrative Psychotherapie, welche den Menschen und seine Lebenssituation berücksichtigt und einen individuellen, massgeschneiderten Therapieansatz erlaubt, der im Verlauf an den Therapiefortschritt angepasst und verändert werden kann, z.B. indem bei Bedarf traumatherapeutische Elemente eingefügt werden.

 

Doktor Feldmann will noch diese Woche ein Standortgespräch organisieren mit Nina und dem leitenden Oberarzt Doktor Moratti. Nina scheint nach näheren Angaben zu Inhalt und Zweck des Standortgesprächs gefragt zu haben, denn nachdem Doktor Feldmann in seinem E-Mail vom 25.02.2009 den guten Verlauf bestätigt hat und über den begonnenen Abbau der Sedation wegen vermehrter Müdigkeit informiert hat, gibt er in Bezug auf das gewünschte Standortgespräch eine längere Erklärung ab.

Es gehe um die familientherapeutische und systemische Zusammenarbeit mit den Eltern. Die von Nina erwähnten Traumata in Nicks Vorgeschichte müssten zwingend immer im Zusammenhang mit den Auswirkungen auf die Familie und den Reaktionen der Familienmitglieder darauf betrachtet werden, sonst verpasse man die Hälfte. Na ja, den Eltern scheint, dass sich die Behandler bisher noch nie, auch nur ansatzweise mit den Auswirkungen von Nicks Störung auf die Familie befasst haben.

Wichtiger als der Blick zurück sei im Moment in Anbetracht des massiven Gewaltpotentials, das sich bei Nick gezeigt habe, eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern, um Krisen auffangen zu können. Das bedeute mitunter auch rasche Präsenz vor Ort, wenn es eskaliert, damit Nick spüre, dass die Eltern hinter der Behandlung hier stehen. Die Frage bleibt für die Eltern trotz der schön klingenden Worte die gleiche: Wie können sie Nick spüren lassen, dass sie hinter einer Behandlung stehen, welche sie missbilligen? Das kann nicht gut kommen, denkt Nina.

Doktor Feldmann schlägt nebenbei konkret die Errichtung einer Beistandschaft für Nick vor, wenn es den Eltern nicht möglich sein sollte, die geforderte Präsenz zu leisten. Eine solche würde die Eltern entlasten, meint er nett. Zudem hätte die Klinik einen zusätzlichen Ansprechpartner auf Erwachsenenebene, was mitunter auch zu einer rascheren Handlungsfähigkeit führen würde, wenn Krisen zu bewältigen sind. Mit anderen Worten würde also ein Obhutsentzug eingeleitet und mit Nick könnte die Klinik dann machen was sie will. Nina hat jedenfalls nie erlebt, dass ein Beistand oder Vormund nicht mit dem Vorgehen der Klinik einverstanden gewesen wäre. Wie sollten sie auch. Sie wissen, dass ihr Fachwissen dazu nicht ausreicht. Eine kleine Rückfrage zwischendurch ist das Höchste, das sie wagen. Ansonsten nicken sie nur verständnisvoll.

 

Nina sieht nach wie vor keine Hinweise auf eine Suche nach einer gemeinsamen Behandlungsbasis. Doktor Feldmann versichert, es sei keine Drohung. Nick solle raschestmöglich die Behandlung bekommen, welche die Eltern befürworten und entsprechend Fortschritte machen können! Wie sollen die Eltern das glauben? Nina ist konsterniert.

 

Ob das Standortgespräch mit Doktor Moratti schliesslich stattgefunden hat, weiss Nina nicht mehr. Jedenfalls hat sie keine Erinnerung daran, Doktor Moratti jemals begegnet zu sein und sie findet weder in Nicks KG noch in ihren eigenen Notizen Hinweise darauf.

 

Am 02.03.2009 wird Nick auf die Langzeitstation Passage verlegt und Doktor Feldmann schreibt seinen Übergabebericht.

Er schildert den Verlauf im KIZ. Er berichtet auch, Nick habe erklärt, wenn er in psychotische Zustände gerate, müsse er eine Rückzugsmöglichkeit haben und man solle ihn in Ruhe lassen. Zu Eskalationen komme es bei Konfrontation. Das dürfte stimmen, denkt Nina. Ob die Behandler das aber zu mentalisieren in der Lage sind?

Im Übrigen gab es während der ganzen Zeit keine Hinweise auf einen Drogenkonsum, die Drogenscreenings seien alle negativ ausgefallen.-

In der Gesamtschau scheinen die Eltern verschiedenes falsch gemacht zu haben. Unter anderem erkennt der Oberarzt bei Nick eine eingeschränkte Selbstwertentwicklung. Dass nicht zwingend die Eltern ursächlich dafür verantwortlich sind, ahnen weder Nina und Mongha noch der behandelnde Kinderpsychiater zu diesem Zeitpunkt. Inzwischen kann Nick eindeutig erklären, dass Eric bei der Entstehung dieser Problematik die Hauptrolle gespielt hat. Siehe auch Kapitel 29 Eltern und Sohn unter Druck – Blick in die Zukunft.

Nina bezweifelt zudem, dass die eingeschränkte Selbstwertentwicklung mit den bisher eingeleiteten Massnahmen, insbesondere den durchgeführten Zwangsmassnahmen, fachgerecht angegangen wird. Viel später erklärt Nick seiner Mutter in diesem Zusammenhang: „Die haben mich dort noch ganz fertig gemacht."

 

 

Nina stellt klar
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26.  Nina stellt klar
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Hauptakteure:

Mutter Nina

Sohn Nick

Vater Mongha

 

Sowie:

Oberarzt Doktor Feldmann

 

Nina ist über den Ablauf von Nicks Hospitalisation weiter sehr unzufrieden. Sie kämpft vehement für das Wohl ihres Sohnes und dafür, dass die Behandler Mongha und ihr mehr Respekt entgegenbringen. Gegenwärtig ist gerade das Mass voll. Nina ist mit ihrer Geduld am Ende und sie beschliesst Oberarzt Doktor Feldmann zu schreiben.

 

Am 27.02.2009 schickt sie ihm einen geharnischten Text per E-Mail:

Nick habe seinen Vater über seine bevorstehende Verlegung informiert. Die Eltern möchten in Zukunft vor Nick über solche Entscheide informiert werden, wenn es darum gehe, das Vorgehen der Klinik zu stützen. Dies auch wenn die Verlegung Sinn mache. Sie weist die Behandler darauf hin, dass Mongha bei der Verlegung gerne vor Ort sein würde, dazu aber frühzeitig informiert werden muss.

 

Dann äussert sich Nina zur geplanten Psychotherapie. Die Familiendynamik sei sicher wichtig. Nichtsdestotrotz bleibe für sie nach wie vor unverständlich, dass eine Klinik, die zudem als aufnahmepflichtige Institution eine klare sozialpsychiatrische Aufgabe wahrzunehmen hat, heute nicht nach einem integrativen Behandlungsansatz arbeitet. In Bezug auf das aktuelle Störungsbild von Nick, sehe sie den alleinigen systemischen Ansatz nicht als Methode der Wahl.

Was den Behandlungsauftrag betreffe müssten sich die Eltern demnach auf eine Stabilisierung beschränken. Nick müssten in der Klinik die Fertigkeiten (‚Skills’) zur Veränderung unangemessener Erlebens-, Gefühls- und Verhaltensweisen vermittelt werden, die immer wieder zu Schwierigkeiten und psychischen Belastungen führen. Die neuen, iatrogenen Traumata (Isolierung, Fixierung, Polizeieingriffe) müssten professionell angegangen werden. Weiter sollte Nick lernen, seine Störung zu verstehen und mit ihr zu leben.

 

Schliesslich äussert Nina den Wunsch der Eltern, dass man ihnen mehr Respekt und Verständnis entgegenbringt, ihre Meinung nicht ohne stichhaltige Argumente ablehnt um ihnen starre Meinungen aufzudrängen und sie nicht mit Aussagen konfrontiert, die als Einschüchterungen verstanden werden können. Wollten die Behandler, dass die Eltern mit Ihnen kooperieren, müssten die Behandler bereit sein, auch ihre Sichtweise ernst zu nehmen und gebührend zu berücksichtigen.

 

Unmissverständlich schreibt sie weiter:

«Ich bin nicht bereit, weiter an Standortgespräche zu kommen an denen Sie uns Ihre Entscheide mitteilen. Wie soll es uns gelingen eine gemeinsame Behandlungsbasis zu finden, wenn Sie alles, was von einem systemischen Ansatz abweicht global verwerfen. Sie schreiben von Behandlungsvoraussetzungen, von denen sie erwarten, dass wir sie übernehmen. Soll das etwa das Finden einer gemeinsamen Behandlungsbasis sein? Geht es hier um die Ansätze, die Sie zusammen mit uns finden wollen?»

 

Das Gewaltpotential von Nick sei erstmals in der Klinik aufgetreten, und zwar eindeutig im Rahmen der dissoziativen Identitätsstörung. Die Gewaltentwicklung in diesem Rahmen sei gut verständlich.

 

Und schliesslich geht Nina einmal mehr auf die Forderung der Behandler ein, dass die Eltern bei Eskalationen vor Ort präsent sein müssen:

«Mehr als wir aktuell bieten ist nicht möglich. Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch Sie bitten, endgültig mit dem Vorschlag der Errichtung einer Beistandschaft aufzuhören. Glauben Sie etwa, dass diese Person bei Eskalationen jederzeit schnurstracks in die Klinik eilen wird? Wäre sie vor Ort, dann höchstens um Ihre Beschlüsse zur Kenntnis zu nehmen, und nicht um sie kritisch zu würdigen. Bezüglich Behandlung sehen wir, der Fall ist schwierig und gute Ansätze sind durchaus auch vorhanden. Als Eltern können wir aber sicher nicht voll und ganz hinter dieser Behandlung stehen. Ich denke da unter anderem an eine Isolierung, die eine Woche dauert oder an eine Fixierung, die mehrere Tage dauert, was in anderen Kliniken selbst in der Erwachsenenpsychiatrie abgeschafft wurde. Wohlverstanden, ich sehe die Notwendigkeit einer Isolierung durchaus ein und manchmal ist auch eine Zwangsmedikation nicht zu vermeiden. Vielleicht wissen Sie nicht, dass Nick in seiner misslichen Lage tagelang nur noch daran dachte, wie er sich umbringen könnte. Ich hoffe, dass die Entwicklung der Suizidalität weiterhin sorgfältig verfolgt wird.»

 

Wie das Institut für Psychotraumatologie des Kindes- und Jugendalters – IPKJ in Hamburg festhält, ist die Diagnose von Traumafolgestörungen bei Kindern und Jugendlichen auch heute, über 15 Jahre nach den beschriebenen Auseinandersetzungen zwischen Nina und den Ärzten der universitären Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste der Hauptstadt eine Herausforderung. Fehldiagnosen sind häufig. Es mangelt immer noch bei vielen Therapeutinnen/-ten an vertiefter klinischer Erfahrung im diagnostischen Prozess.

 


 

 

 

Nick und die Hip-Hop-Kultur
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27.  Nick und die Hip-Hop-Kultur
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Kapitel 26

Nick und die Hip-Hop-Kultur

Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha                                                                          

Mutter Nina

 

Sowie:

Oberarzt Doktor Feldmann

 

In seinem Übergabebericht an die Langzeitstation Passage versucht Oberarzt Doktor Feldmann Erklärungen für Nicks Entwicklung und sein Abgleiten in die psychische Erkrankung zu finden.  

Nick scheine sich fatalerweise in der Gemeinschaft mit Jugendlichen mit ähnlichem Hintergrund und zunehmend in der „Gangster-Rap" / Gang - Szene aufgehoben gefühlt zu haben.

 

Na ja, Nick und die Hip-Hop Szene. Das ist eine alte Geschichte, welche Doktor Feldmann nicht kennen kann. Nick hat jedenfalls nie konkrete Kontakte zur Szene gehabt. Er fühlte sich aber bereits lange vor dem akuten Ausbruch seiner Störung magisch von diesem Musik-Genre und von dieser Subkultur angezogen.

Die Familie wohnte bereits auf dem Röstigraben. Es war Sommer. Nick wartete an einem sonnigen Sonntagvormittag mit seinen Eltern auf den Zug. Es war noch frisch. Reisende waren nur wenige unterwegs. Die Eltern sassen auf einer Bank und Nick hüpfte und wirbelte wie üblich herum. Plötzlich erschienen zwei junge dunkelhäutige Männer auf dem Perron. Ihre Kleidung? Unverwechselbar Street Fashion mit den markanten Basics der Hip-Hop-Mode wie die weitgeschnittenen, tiefsitzenden Baggy-Pants, die Shirts mit Grafikprints, die lässig unter den offen getragenen Hoodies hervorschauten. Auch die Hip-Hop-Caps als Blickfang mit markantem Logo fehlten nicht. Die beiden wirkten übermüdet. Ihr Gang? Leicht nach vorne geneigt, in grossen langsamen Schritten gingen sie an den Wartenden vorbei, knickten bei jedem Schritt leicht ein. Den laufenden Ghetto Blaster trugen sie auf der Schulter. Nick war elektrisiert! Er blieb mit offenem Munde stehen, rührte sich nicht mehr vom Fleck. In den nächsten Minuten kamen ein paar weitere dunkelhäutige übermüdete junge Männer die Treppe herauf auf den Perron. Da löste sich Nick plötzlich. Er lachte übers ganze Gesicht und begann hin und her zu gehen, leicht nach vorne geneigt, mit langen langsamen Schritten unter leichtem Einknicken, den einen Arm auf Kopfhöhe gehalten, als würde er einen Ghetto Blaster halten. Auch Wochen später, mimte er daheim manchmal noch den übermüdeten Hip-Hopper. Nach und nach besorgte er sich eine Sammlung an Musikstücken verschiedener Rapper. Später wünschte Nick entsprechende Kleider. Er wirkte glücklich. Nick vertiefte sich in die Geschichte der Hip-Hop-Kultur, kreierte Power-Point-Präsentationen für die Schule. Nina erkannte zwar eine gewisse Identifikation mit der Bewegung, sah aber keine besondere Gefahr aufsteigen.

Seit 2004 fand in einem Vorort des Wohnortes der Familie im Sommer jeweils ein Hip-Hop Festival statt. Auch grosse Namen der Szene reisten aus dem fernen Ausland in das Dorf. Dieses lag auf der anderen Seite der Stadt, weit weg. Von ihrer Wohnung oben im siebten Stock konnten Nick und seine Eltern an den beiden Abenden trotzdem die besondere Stimmung fühlen. Dort hinten wurde ein Feuerwerk gezündet. Der Himmel glühte rosa, Rauch breitete sich über dem Fleck aus. Die wummernden Bässe gaben den Rhythmus und liessen die Körper vibrieren. Die einfahrenden Rhythmen dröhnten laut durch die Nacht und waren in der Wohnung selbst bei geschlossenen Fenstern zu hören.

Als es ihm bereits schlecht ging, begann Nick zur Musik zu tanzen und brachte so sein tiefes Gefühl für Rhythmus ein. Es beruhigte ihn. Später stellte sich Onyx den Eltern vor. Nick triggerte ihn 2009/2010 über längere Zeit mittels Rap Musik insbesondere der Gruppe Onyx unbewusst, … aber auch bewusst (Siehe Kapitel 33, die Rasselbande).

Nick hört dieses Musikgenre inzwischen nicht mehr. Rap ist für Nina aber immer noch eng verbunden mit der Störung Nicks und damit ein wirksamer Trigger. Tönt Hip-Hop-Musik irgendwo in Ninas Ohren, erschaudert sie kurz. In ihrer Brust spürt sie einen Druck, in ihrer Kehle ein Ziehen, ihre Augen werden feucht. Manchmal kommt es zu kurzen visuellen Flashbacks, die sie inzwischen problemlos stoppen kann. Dann erst realisiert Nina wieder die ganz eigene Soundästhetik und sie lässt sich vom Gehörten erfüllen, wie damals.

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Umzug nach Westen
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28.  Spurensuche in der Vergangenheit - Umzug nach Westen
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Bruder Eric

 

Sowie:

Lehrer Hebel

Lehrerin Fuhr

 

Nina hatte nun die notwendige Fortbildung für einen Facharzttitel absolviert. Sie begann daher eine Stelle als Oberärztin zu suchen. Das gelang ihr schneller als erwartet, und erst noch in einem Ambulatorium. Als Oberärztin hatte sie nur noch Pikettdienste zu leisten. Der zukünftige Arbeitsort lag allerdings in der Westschweiz. Das bedeutete: wieder zügeln, wieder den Alltag neu organisieren.

Diesmal plante Nina aber eine einmonatige Pause für den Umzug ein. Vorher musste allerdings noch eine geeignete Wohnung gefunden werden. Aber wo?

Eric hatte nach Abschluss der Realschule eine Lehre als Koch begonnen.

Mongha hatte da und dort etwas gearbeitet, hatte einen Deutschkurs besucht. Eine feste Stelle hatte er nicht gefunden. Ein Wegzug in Richtung Welschland konnte für ihn nur von Vorteil sein.

Nick war in der zweiten Primarklasse. Da er schon die Schule wechseln musste, sollte er sich nicht auf eine andere Sprache umstellen müssen.

Ein Ort auf dem Röstigraben bot sich an. So wäre auch Ninas Arbeitsweg nicht zu lang. Zudem würde es Mongha im Alltag leichter haben.

Die Suche nach der neuen Wohnung und die Organisation des Umzugs lastete allerdings auch diesmal fast gänzlich auf Ninas Schultern, wie damals beim Umzug in die Nordostschweiz. Nina war enttäuscht. Eigentlich konnte Mongha vom Wechsel in Richtung Romandie nur profitieren.

 

Schliesslich zogen Nick und seine Eltern Ende Februar 2001 in eine mittelgrosse Stadt auf dem Röstigraben. Eric blieb wegen der begonnenen Lehre und Freundin Melina in der Nordostschweiz zurück (siehe auch Kapitel 1).

Eric, der beim ersten Mal die Mutter noch tatkräftig unterstützt hatte, interessierte sich nicht für den Umzug der Eltern und des Bruders. Er war selber auf Unterstützung angewiesen. Erst wenige Monate vorher hatte er seine Lehrstelle verloren, da der Betrieb, wohl aufgrund der Alkoholabhängigkeit des Wirtes, geschlossen worden war. Mit Ninas Hilfe gelang es Eric, eine gute Anschlusslösung zu finden. Nun musste er aber auch eine neue Wohnmöglichkeit finden. Nina unterstützte ihn auch jetzt. Schliesslich konnte Eric beim neuen Arbeitgeber, einem Altersheim, ein Zimmer im Personalhaus beziehen.

Nick konnte als Zweitklässler nicht viel helfen, machte sich aber wo er konnte nützlich.

 

Nina konnte schliesslich ihre neue Tätigkeit als Oberärztin pünktlich anfangs April 2001 beginnen. In der neuen Funktion hatte sie zwar keine eigentlichen Dienste mehr, wohl aber Pikettdienste. Dies bedeutete, dass sie dann telefonisch die diensthabenden Assistenzärztinnen und -ärzte unterstützen musste und sich notfalls vor Ort begeben musste.

Obwohl sie zweisprachig aufgewachsen war und daheim mit Mongha Französisch sprach, war die Umstellung auf ihren ersten Arbeitsplatz in der Romandie anspruchsvoll. So fehlten ihr profunde Kenntnisse der medizinischen Fachsprache und besonders die Abkürzungen waren oft echte Rätsel. Es gab aber auch Fachausdrücke, die eine völlig andere Bedeutung hatten. So kannte Nina das Delir als Zustand akuter Verwirrtheit z.B. bei Infekten oder beim Alkoholentzug. Jetzt bedeutete «délir» plötzlich Wahn, was einer inhaltlichen Denkstörung entspricht. Der Kontakt mit den Patienten und Patientinnen und mit den Kolleginnen und Kollegen fiel Nina jedoch leicht. Sie blieb schliesslich bis Ende Mai 2003 dort. Angesichts der familiären Belastung beschloss sie anschliessend, sich für einige Zeit von der klinischen Arbeit zurückzuziehen. Sie wählte eine Stelle im regionalen ärztlichen Dienst der Invalidenversicherung, allerdings im östlichen Mittelland, was täglich eine über einstündige Zugfahrt hin plus zurück bedeutete. Auch war die Versicherungsmedizin wieder eine ganz andere Materie, in die sich Nina einarbeiten musste. Schliesslich blieb sie von Juni 2003 bis Ende April 2005 dort.

 

War das nun wirklich ein Gewinn für Nick? Immerhin war Nina für ihn telefonisch besser erreichbar und abends und an Wochenenden immer daheim. Wichtig war für sie aber insbesondere, dass Mongha Nick seit dem Wegzug aus der Nordostschweiz nicht mehr Eric anvertrauen konnte. Überhaupt betrachtete Nina die neue Distanz zum älteren Sohn als klare Erleichterung.

 

Die 2. Primarklasse beendete Nick am neuen Wohnort. Für ihn bedeutete es einen ersten Lehrerinnenwechsel. Einige Zeit trauerte er seinen früheren Freunden nach. Er musste sich nun in einen bestehenden Klassenverband einfügen, was nicht einfach ist. Nina war aber hoffnungsvoll, war doch Nick immer sehr kontaktfreudig.

 

Beim Übertritt in die dritte Klasse erhielt Nick neu einen Klassenlehrer. Er bewunderte Lehrer Hebel, der wunderbar zeichnen und malen konnte. Nick liebte nun das Zeichnen und Malen, begann aber gehäuft Rechtschreibefehler zu machen. Angesichts der bei Eric nachgewiesenen Legasthenie fragte sich Nina, ob bei Nick möglicherweise eine ähnliche Störung vorliegen könnte. Auf Nachfrage meinte Lehrer Hebel, eine Legasthenie würde sich anders äussern. Nina nahm dies zur Kenntnis. In der Tat zeigten die Fehler Erics ganz andere Charakteristika. Was war es aber dann? Erst viel später und nachdem ein Lehrer einer Privatschule erklärt hatte, hier liege keine Legasthenie sondern eine LRS anderer Genese vor, konnte sich Nina aufgrund des ganzen Kontextes einen Reim daraus machen.

Leider wurde Nicks Lehrer vor den Festtagen pensioniert und konnte nicht einmal das Schuljahr mit der Klasse beenden.

Die vierte Lehrkraft in kurzer Zeit war Frau Fuhr, eine kleine Ostschweizerin. Sie sollte die Klasse für den Rest des dritten Schuljahres und im vierten Schuljahr führen. Nick reagierte, als sei sie verantwortlich für den Weggang von Lehrer Hebel und mochte sie nicht.

Er begann langsam seine Grenzen auszuloten. Sehr bald wurde die neue Lehrerin schwanger. Nick wünschte sich, Frau Fuhr müsste wegen der Schwangerschaft einige Zeit ihre Tätigkeit aussetzen müssen. Und siehe da, es geschah. Doch so gab es noch mehr Wechsel durch Vertretungen.

In der 4. Primarklasse wurde Nick im Schulunterricht zunehmend rebellisch. Er begann Gummibänder herum zu spicken, den Unterricht zu stören, vergass vermehrt die Hausaufgaben zu machen und warf zu guter Letzt auf dem Heimweg seine Strafaufgaben in den Bach. Schliesslich wünschte er, Frau Fuhr möge erneut schwanger werden. Und siehe da, es geschah. Vielleicht würde die Lehrerin wieder ausfallen, mutmasste Nick dann. Und siehe da, es geschah.

 

Auch sonst konnte sich Nick widerspenstig zeigen und sehr dezidiert seine Grenzen durchsetzen. Bei Ankunft in der Stadt auf dem Röstigraben wurde Nick einem Schularzt und einem Schulzahnarzt zugeteilt. Da Nina auswärts zu 100% arbeitete, begleitete ihn jeweils Mongha zu den Terminen. Wieder einmal hatte Nick einen Termin bei Zahnarzt Dr. med. dent. Grisoni erhalten, den er nicht sonderlich mochte. Am Abend berichtete Mongha über die Geschehnisse in der Praxis. Der ältere, etwas raubeinige Zahnarzt zeigte sich kindlichem Verhalten gegenüber nicht unbedingt verständnisvoll. Die beiden gerieten zunehmend aneinander.

Schliesslich sagte Dr. Grisoni Nick entnervt: „Weisst du, ich bin ein Bündner, ich habe einen harten Schädel."  

Schlagfertig gab Nick ihm seine Antwort: „Ich bin auch ein Bündner, und ich habe auch einen harten Schädel!"

Hu! Nina sah die zwei Steinböcke auf einem Felsvorsprung hoch oben in den Bündner Bergen und hörte den Klang der Hörner die aufeinanderprallten. Nick kann sich wehren dachte sie zufrieden und konnte kaum aufhören zu lachen.

Wie Mongha berichtete war Zahnarzt Grisoni so verdutzt ob der Antwort des Knirpses vor ihm, dass er einlenkte und seine Arbeit fortführen konnte.

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Immersion
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29.  Spurensuche in der Vergangenheit - Immersion
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Sohn Eric

 

Sowie

Zahnarzt Grisoni

 

Auf dem Röstigraben lebt man den Bilinguismus, auch heute noch. Täglich wird man beim Einkauf, auf der Bank oder Post oder im ÖV damit konfrontiert. Nina, welche schon zweisprachig aufgewachsen war, machte es Spass.

Nick war zwar auf Französisch nicht sattelfest, doch er konnte sich einigermassen verständigen.

Auch Mongha fand sich in der zweisprachigen Stadt bald zurecht, zumal er hier viele Landsleute antraf. Allerdings konnte er weiterhin keine Stelle finden. Schliesslich gab er seine Bemühungen entmutigt auf. Einmal war er zu alt, einmal überqualifiziert, einmal hatte er zu wenig Erfahrung. Es stimmte jedenfalls nie.

Mongha kümmerte sich nun um einen Grossteil des Haushaltes und des Kochens und erledigte die Alltagseinkäufe. Er schaute, dass Nick mittags etwas Warmes zu essen hatte. Nick liebte es, allein im Wintergarten zu essen. Da war er etwas ausserhalb der väterlichen Aufsicht und nutzte die resultierenden Freiheiten. Als Nina später eine Decke, welche sich in ihrer Bündner Holztruhe im Wintergarten befand, nutzen wollte, stiess sie auf hellbraune einige Zentimeter lange, flache Dinge. Sie ergriff eines der Dinge und staunte. Das waren ja ausgetrocknete Chicken Nuggets, welche Mongha seinem Sohn mittags oft zubereitete. Er füllte Nicks Teller immer reichlich und Nick war nie ein grosser Esser. So entstand ein Ungleichgewicht, welches Nick auf seine Art ausglich. Wie immer, wenn er ertappt wurde, lachte Nick schelmisch und strahlte seine Mama an, als sie ihn zur Rede stellte. Der Papa habe ihm zu grosse Portionen zubereitet. Das Schimpfen war kurz und Nina und Mongha mussten schliesslich auch lachen. Essensreste fand Nina später auch in verschiedenen Topfpflanzen des Wintergartens, als sie diese umtopfen wollte.

Mongha funktionierte also als Hausmann, Ausdruck an den er sich zuerst gewöhnen musste. Da die Behörden ihre Dienstleistungen durchwegs bilingue anboten, konnte Mongha auch einen Teil der Behördengänge erledigen, was Nina bedeutend entlastete.

 

Die Behörden fördern den Bilinguismus auch gezielt. Nicht nur, dass die Strassenschilder und Busstationen zweisprachig angeschrieben sind. Es beginnt schon in der Schule in Form von Immersionsunterricht. In gewissen Schulfächern (z.B. Zeichnen, Turnen) förderte man den Austausch zwischen deutsch- und französischsprachigen Schülern indem ein Teil der Klasse in eine anderssprachige Klasse ging und der andere Teil, die anderssprachigen Schüler empfing. Die an sich schöne Idee führte leider immer wieder zu Zwischenfällen, respektive zu Schlägereien. Auch Nick wurde von den «Franzosen» wiederholt geplagt und einmal sogar vom Velo geworfen. Die armen deutschsprachigen Schüler rannten oder fuhren bei Schulschluss sofort los und hetzten in ihr Schulhaus zurück oder nach Hause. Sie beklagten sich bei der Lehrerschaft. Nach Nicks Aussagen war es auf der anderen Seite der Sprachbarriere nicht gleich, die Franzosen mussten nicht aus dem fremden Schulhaus fliehen. Nicks Klasse wehrte sich so lange, bis die Massnahme abgebrochen wurde. Eigentlich schade.

Das Problem war erheblich. Als Nick einmal mit Nina mit dem Bus aus der Stadt heimkehrte, sassen und blödelten drei oder vier welsche Schüler im Bus. Auf einmal erblickten sie Nick, der ruhig vor Nina sass. Sie berieten sich. Nick sah die Gefahr und verständigte diskret seine Mutter. Nina rührte sich nicht und beobachtete die andern intensiv. Sie waren unschlüssig, irgendwie störte Nina. Gehörte sie zu Nick oder nicht. Erleichtert stieg Nick an diesem Tag mit Nina aus dem Bus.

 

Nina bewunderte immer wieder Nicks Fingerfertigkeit und Kreativität. Hörte er Musik, erfasste er rasch den Rhythmus des Stücks und begann zu tanzen (Siehe Kapitel 12). Das Tanzen stand mit der Zeit nicht mehr im Vordergrund. Erst als Nick sich der Hip-Hop-Kultur zuwandte, beschäftigte er sich wieder vertieft mit Ton und Rhythmus und interpretierte er diese mit passenden Bewegungsmuster.

Nick blieb lange ein Bewegungstalent. Er war ein sehr guter Renner. Nina wollte ihn in die Leichtathletik lotsen. In der Nordostschweiz gelang es halbwegs. Doch dann kam der Umzug nach Westen und Nick hatte weniger Interesse. Nina schleppte ihn an einen Informationsabend des Leichtathletik-Clubs der Stadt. Aber oh Schreck! Da waren ja fast nur Mädchen anwesend! Da sollte er mitmachen? Was stellte sich denn die Mama vor? Auf keinen Fall! Nick war kategorisch und liess sich nicht umstimmen.

Lieber rannte Nick mit seinen Kollegen, insbesondere mit Valon, durch den Wald und trainierte seine Sprungkraft. Er sprang über Stock und Stein, balancierte über Baumstämme und auf Mauern, kletterte an Beton- und Steinwänden herum, überwand Stangen, Geländer und Zäune mit präzisen Sprüngen oder überquerte den Bach indem er von Stein zu Stein hüpfte.

„Mama, das nennt man Yamakasi," wurde Nina eines Tages belehrt.

„Ich mache das jetzt. Es geht auch in der Stadt gut. Überall gibt es geeignete Orte," erklärte Nick seiner verdutzten Mutter begeistert.

Von da an fürchtete Nina bei jeder Verspätung des Sohnes, informiert zu werden, dass dieser mit einer Gehirnerschütterung im Spital liege. Aber nichts geschah. Nick war so geschickt, dass es kaum je eine kleine Schramme gab.

Später kam der Ausdruck Parkour für Nicks Hobby. 

Laut Wikipedia ist Yamakasi die erste Parkour-Gruppe. Neun Jugendliche aus den Vororten von Paris hatten um David Belle 1997 die Gruppe gebildet. Im Februar 1998 löste sich die Gruppe Yamakasi praktisch auf. Trotzdem entstand im Jahr 2001 der Film Yamakasi - Die Samurai der Moderne, welcher die Sportart Parkour und mit ihr die Gruppe Yamakasi bekannt machte.

Das Wort Yamakasi stammt aus dem Lingala, welches in der Republik Kongo und der Demokratischen Republik Kongo, der Heimat von Nicks Vater, gesprochen wird und hat mit Kraft, Vitalität und Energie zu tun,

 

Über alles liebte es Nick, mit seinen Inline-Skates flink durch die halbe Stadt zu kurven, dies mit Kollege Valon oder allein. Auch das gelang, abgesehen von einem zerrissenen Jackenärmel, sozusagen ohne Schaden. Er liess sich von der entwickelten Geschwindigkeit berauschen und kehrte ungefähr zur vereinbarten Zeit glücklich nach Hause zurück.

 

 

Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle IV
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30.  Spurensuche in der Vergangenheit - Merkwürdige Vorfälle IV
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Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Sohn Eric

 

Sowie

Frau Lemming (Lehrerin(

 

In der dritten Klasse machte Nick eine ca. 3 Monate dauernde Phase von Somnambulismus durch. Jeweils im ersten Drittel der Nacht stand er auf und wollte in eine Ecke urinieren. Er liess sich wieder ins Bett begleiten, war aber nicht ansprechbar. Am nächsten Tag wies er jeweils eine vollständige Amnesie für den nächtlichen Zwischenfall auf.

 

In der dritten Klasse kam es auch zu einer Episode, bei der Nick berichtete plötzlich fliegende gespensterartige Wesen zu sehen, die ihn sehr verängstigten (siehe auch Kapitel 20, Ninas diagnostische Auslegeordnung). Sie traten besonders beim Erledigen der Hausaufgaben auf. Nina gelang es mit Nicks Hilfe schliesslich, diese Wesen einzufangen und in eine Metallbüchse einzusperren. Damit war vorerst Ruhe. Nick liess sie aber aus Neugierde bald wieder frei und wurde prompt wieder von ihnen belästigt, bis es gelang, sie erneut einzufangen. Diesmal wurde die Büchse mit Klebstreifen gesichert und Nick angewiesen, die Büchse nur in Ninas Anwesenheit zu öffnen. Er hielt sich diesmal daran und wurde nicht mehr geplagt.

 

 

 

 

Zaghafte erste Erfolge
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31.  Zaghafte erste Erfolge
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Hauptakteure:

Sohn Nick,

Vater Mongha

Mutter Nina

Bruder Eric

 

Sowie:

Psychologe Löwe

Oberarzt Doktor Stucki 

Oberarzt Doktor Feldmann 

Doktor Szabo 

Doktor Muratti 

 

Nach dem erneuten Aufenthalt im KIZ ab dem 16.02.2009, tritt Nick am 02.03.2009 auf die Langzeitstation Passage über, wo er zur weiteren Beobachtung, Abklärung und Behandlung über zwei Monate verbleibt.

 

Nick wird bei Übertritt als auffallend grosser, altersentsprechend gekleideter, gepflegter Jugendlicher beschrieben. Er ist jedenfalls der einzige Patient auf der Station, der bunt leuchtende Street Fashion mit den markanten Basics der Hip-Hop-Mode trägt.

Er sei verlangsamt, wirke müde. Die Mimik sei wenig lebendig. Er sitze während des Gesprächs fast bewegungslos und schaue sein Gegenüber nicht an. Fragen beantworte er in wenigen Worten, von sich aus initiiere er keinen Dialog. Ein affektiver Rapport sei kaum herstellbar. Aufgrund des Verhaltens sei er schwer beurteilbar. Es bestünden jedoch keine Anhaltspunkte für Suizidalität, Störung des Bewusstseins, der Orientierung, der Aufmerksamkeit oder des Gedächtnisses, für formale Denkstörungen, Befürchtungen, Zwänge, Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Da kann man sich schon fragen, was er noch in einer psychiatrischen Klinik macht, resp. was übersehen wurde, denkt Nina beim späteren Lesen der KG-Eintrags.

 

Auf der Station Passage wird Nick der Psychologe Bär als Fallführer zugeteilt, der das Zustandsbild teilweise etwas nuancierter zu beurteilen in der Lage ist als die bisherigen Behandelnden. Nina hofft, über ihn die Lage ihres Sohnes verbessern zu können, doch dies bleibt Wunschdenken. Gebessert erscheint allerdings die Kommunikation zwischen den Behandlern und den Eltern. Man gibt sich beidseitig Mühe und geht nicht sofort auf Konfrontationskurs.

 

Am 05.03.2009 erklärt Nick dem Psychologen Bär, es scheisse ihn an, dass er von der Station Sole nach Passage wechseln musste. Auch mache er sich Sorgen, weil er seit Weihnachten nicht mehr in der Schule war. Er befürchtet, den Anschluss zu verpassen. Etwas ungehalten ist Nick, dass er nach dem Wechsel anfangs am Wochenende in der Klinik bleiben muss und nicht nach Hause in den Urlaub fahren kann.

 

Abgesehen von kurzen dissoziativen Zustandsveränderungen ist der Verlauf auf der Station Passage ziemlich unauffällig.

Es wird vermerkt, dass Nick seit der Umstellung der neuroleptischen Medikation von Seroquel® auf Risperdal® vor einigen Wochen viel ruhiger erscheint. Nina führt dies viel eher auf den günstigen Einfluss des ruhigeren Milieus, das mit der Hektik auf Sole und erst recht im KIZ kontrastiert. Zudem steht aus ihrer Sicht die mögliche positive Wirkung der Medikamente in keinem vernünftigen Verhältnis zu den ausgelösten Nebenwirkungen.

 

Um eine therapeutische Beziehung zu Nick aufzubauen, führt Psychologe Bär regelmässige kurze Gespräche mit ihm.

Am 10.03.2009 stellt Nick fest, dass er keine Anfälle mehr gehabt hat. Er möchte bald wieder in die Schule gehen. Psychologe Bär hofft schon, dass Nick beginnt, sich an ihn zu gewöhnen und mit ihm in eine Beziehung zu treten.

Zu einer ähnlichen Fehleinschätzung kommt es später, als Nick seinem Psychotherapeuten anvertraut, dass er gerne im Wald spaziert. Es tue ihm gut. Spontan bietet ihm Psychologe Bär Waldspaziergänge mit therapeutischen Gesprächen an, was Nick sehr verängstigt. Völlig verunsichert kommt er auf seine Mutter zu, doch diese versteht die Ängste ihres Sohnes nicht. In Unkenntnis von Nicks Geschichte rät sie ihm aber, seinem Therapeuten zu erklären, dass er sich bei dieser Idee nicht wohl fühlt. Die gemeinsamen Waldspaziergänge finden schliesslich nicht statt.

 

Am 13.03.2009 fragt Herr Bär Nick nach seinem Berufswunsch. Nick, der auf sein Gegenüber unverändert wirkt, nennt den Nina schon bekannten Söldner als Wunschberuf. Was ihn jedoch daran störe sei, dass man töten müsse, und zwar nicht für eine Regierung, sondern für Geld. Auch der Psychologe kann diese Wahl nicht nachvollziehen. Nick erklärt das Gespräch für beendet und geht. Wieder einmal setzt er also im Gespräch klare Grenzen.

 

Am 17.03.2009 äussert Nick dem Psychologen gegenüber, den Wunsch, die Klinik zu verlassen und wieder nach Hause zurückzukehren. Er wird von diesem aufgeklärt, weshalb dies noch Wochen bis Monate dauern könne.

 

Auf den 20.03.2009 hat Psychologe Bär ein erstes Gespräch mit den Eltern angesetzt. Daran nehmen auch Oberarzt Doktor Stucki und die Bezugsperson teil. Am Schluss kommt Nick hinzu. Das Gespräch habe in gutem Einvernehmen und in kooperativer Atmosphäre stattgefunden, findet Herr Bär anschliessend.

Die Eltern erkennen die Notwendigkeit einer weiteren stationären Behandlung Nicks und erklären sich bereit, eine solche zumindest für eine Zeitdauer von 6-8 Wochen weiter zu unterstützen.

 

Am 26.03.2009 stellt Psychologe Bär fest, dass Nick im Gespräch offener ist und flüssig spricht. Er erkennt inhaltlich allerdings wahnhafte Züge. Phantasiertes und Erfundenes scheine sich mit Erinnerungen an tatsächlich Erlebtem zu vermischen. Es gehe um gewalttätige Auseinandersetzungen mit gleichaltrigen Männern.

 

Mit einem Dolmetscher führt Herr Bär dann ein Anamnesegespräch mit Mongha, wobei sich dieser ärgert, dass ihm die gleichen Fragen gestellt werden wie auf der Station Sole. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass ein bereits erstellter Anamnesebericht der vorbehandelnden Ärztin Frau Doktor Klossmüller tatsächlich nicht weitergeleitet worden war.

Mongha äussert den Verdacht, dass Nicks Erkrankung mit den Gewalt-Games zusammenhängt, die Nick daheim spielt. Nina hat eigentlich eher den Eindruck, Nick spiele sie, weil es ihm schlecht geht und interpretiert es als eine Art Abreagieren.

In Nicks Schulbiographie werden der häufige Lehrerwechsel und der geringe Erfolg angesprochen. Mongha berichtet über die seit Jahren bestehenden Probleme mit den Hausaufgaben. Nick sei sehr ungern zur Schule gegangen, sei nur noch hingegangen, um seine Kollegen zu treffen. An den Wochenenden sei es jeweils gut gegangen, doch Anfangs Woche habe Nick oft dieses oder jenes Problem präsentiert, z.B. Bauchweh, um nicht zur Schule gehen zu müssen. In der Regel habe er sich schliesslich doch zum Schulbesuch motivieren lassen. Nina erschrickt beim Lesen des Berichtes. Ihr war das Ausmass des Problems durch ihre berufliche Tätigkeit weniger bewusst geworden.

 

Wenige Tage später, am 30.03.2009 findet das Anamnesegespräch mit Nina statt. Es sei in entspannter und konstruktiver Atmosphäre verlaufen, stellt Psychologe Bär in seinem Bericht fest. Nina erwähnt erneut die Zwischenfälle in der Primarschule. Ebenfalls weist sie einmal mehr darauf hin, dass Nick die Kriterien für eine Depression erfüllt und sie nicht versteht, weshalb er diesbezüglich nicht behandelt wird.

 

Am 02.04.2009 stellt der Psychotherapeut fest, dass sich Nick für seine Umwelt zu interessieren beginne, z.B. für die Funktionsweise der Stehlampe im Büro.

Den Eltern gegenüber hatte Nick bereits am 10.01.2009 geäussert: „Seit ich in dieser Klinik dort gewesen bin, ist alles einfach ganz anders. Ich kenne nichts mehr. Ich entdecke ständig Neues."

Indem er auf den Wasserhahn zeigte, fügte er hinzu: „Auch das hier! Auch das Laufen muss ich neu lernen."

 

Am nächsten Tag führt Herr Bär wieder ein flüssiges Gespräch mit Nick, welches er erneut im Grenzbereich zwischen Realität (Erinnerungen an die Dekompensation an Weihnachten 2008, gewalttätiges Computer-Spiel Counter-Strike) und Phantasie (Gang-Krieg am Wohnort) situiert. Nick bringt die Gang-Kriege mit seinen Anfällen in Zusammenhang, hält aber daran fest, erstere seien real. Seine Gang habe er inzwischen aufgelöst und wolle sich, wenn er wieder nach Hause kehrt, nicht mehr damit beschäftigen. Er hofft, dass dies möglich sein wird.

Der Psychologe versucht psychotherapeutisch zu intervenieren, indem er den Realitätsgehalt der Schilderungen über den Gang-Krieg in Frage stellt. Nick wehrt schroff ab und empfiehlt, über etwas anderes zu reden. Er habe, seit er in der Klinik ist, gelernt, die Gedanken an die Gangs zu kontrollieren und habe seit Wochen keinen Anfall mehr gehabt. Wenn weiter darüber gesprochen werde, könnte es sein, dass es wieder hochkomme. Einmal mehr kann Nick also Grenzen setzen und verfolgt die aus seiner Sicht bewährte Methode der Vermeidung weiter, wie schon von Beginn weg.

 

Weiterhin informiert Nina das Betreuer-Team und die Ärzte über die Beobachtungen der Eltern daheim am Wochenende oder anlässlich von Besuchen in der Klinik. So meldet sie Oberarzt Doktor Stucki am 06.04.2009 telefonisch, Nick habe sich oft in sein Zimmer zurückgezogen, zeige wenig Antrieb und wirke traurig. Sie nutzt die Gelegenheit, um einmal mehr ihren Wunsch nach einer antidepressiven medikamentösen Behandlung zu äussern, in der Hoffnung, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Zudem macht Nina auf die erheblichen Nebenwirkungen von Risperdal® (z.B. Brustschmerzen und -schwellung, Abnahme des Bartwuchses, Gewichtszunahme) aufmerksam. Immerhin waren diese auch in der Klinik beobachtet worden. Doktor Stucki bestätigt Nina gegenüber endlich, das Risperdal® müsse durch ein anderes Neuroleptikum ersetzt werden, evtl. durch Seroquel®. Er will Risperdal® allerdings weiter in einer niederen Dosis geben und den antidepressiven Effekt dieser Behandlung abwarten. Eine antidepressive medikamentöse Behandlung werde noch diskutiert werden. Nina hat bei ihren erwachsenen Patienten noch nie eine relevante antidepressive Wirkung unter Risperdal® beobachtet und kann sich nicht vorstellen, dass es hier zu einer solchen kommen wird.  

 

Während eines Wochenend-Urlaubs findet Nina ihren Sohn in einem stuporösen Zustand auf seinem Bett liegend. Plötzlich berichtet er, Polizeiautos und Stimmen zu hören und fragt, ob das normal sei. Die Szene verflüchtigt sich nach einigen Minuten. Nick wünscht ein Glas Wasser zu trinken und ist dann müde aber ansprechbar. Ein bekannter Ausgang solcher Szenen. Nick erinnert sich anschliessend nicht an das Erlebte. Nina geht von einem dissoziativen Zustand aus, bei dem sie später positive psychoforme Symptome in Form akustischer Intrusionen erkennt.

 

Die Osterfeiertage verbringt Nick daheim. Am Karfreitag (10.04.2009) kommt es abends zu einem dissoziativen Zustandsbild. Nick ist nicht mehr ansprechbar. Nina gibt ihm Temesta®, das aus ihrer Sicht die Situation am ehesten beruhigt. Später sagt Nick, er habe sich plötzlich an die Vorfälle vom 23.12.2008 erinnert und danach wieder ähnliches erlebt wie damals. Es handelt sich also einmal mehr um Intrusionen.

 

Von den behandelnden Ärzten wird das Risperdal® wegen der erheblichen hormonellen Nebenwirkungen durch Erhöhung des Prolaktin-Spiegels endlich stark reduziert. Dafür wird Seroquel® wieder eingeführt und später wieder abgesetzt, da Nick berichtet, er sei wieder aggressiver und habe suizidale Vorstellungen (sich vom Balkon zu stürzen).

 

Am Freitag, den 24.04.2009 findet nachmittags ein Gespräch mit den Eltern statt. Nina entnimmt der Zusammenfassung in der KG später, dass sie einmal mehr weder mit der Diagnose noch mit der vorgeschlagenen Medikation einverstanden war. Schön, wie dies immer wieder zur Kenntnis genommen und dokumentiert wird, doch leider fruchtet es nichts. Nina sieht weiterhin Nicks Symptomatik als Ausdruck einer PTBS und einer schweren dissoziativen Störung. Den erneut geplanten Einsatz von Leponex® lehnt sie aufgrund der möglichen schweren Nebenwirkungen nochmals grundsätzlich ab. Ein anderes Neuroleptikum könnte sie akzeptieren, z.B. Abilify®. Sie schlägt aber weiter einen Versuch mit einer phasenprophylaktischen und/oder antidepressiven Medikation vor. Oberarzt Doktor Stucki will dies mit dem leitenden Oberarzt besprechen. Abgesehen von Diagnose und Medikation betont Nina, dass sie mit der Behandlung und den übrigen Beschlüssen einverstanden ist.

Im zweiten Teil des Gesprächs ist Nick dabei. Als er erfährt, dass er noch mehrere Wochen in der Klinik wird bleiben müssen, gerät er in einen dissoziativen Anfall mit Stupor, der etwa 5 Minuten dauert. Als er wieder zu sich kommt, verlässt er mit sehr aggressivem Ausdruck das Besprechungszimmer und das Haus. Nach ca. einer halben Stunde kehrt er wieder zurück.

 

Gesamthaft hat sich die Situation Im Verlauf von Nicks Aufenthalt auf der Station Passage langsam etwas beruhigt. Die aktuellen Anfälle sind, sei es daheim oder in der Klinik, kürzer und deutlich weniger schwer als damals im KIZ. 

Erste zaghafte Behandlungserfolge also. Das sieht auch Nina ein. Es ändert aber nichts an ihrer Einstellung. Zum einen muss sie immer weiterkämpfen, dass die Behandler aufgrund ihrer Fehldiagnose nicht eine noch üblere Fehlbehandlung einleiten, zum andern ist die Relation zwischen den eingeleiteten milieutherapeutischen Behandlungsschritten und der Dauer bis zu deren ersten Erfolgen aus Sicht der Eltern unerträglich lang.

 


 


 

Unterschiedliche Sichtweise über den Verlauf
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32.  Unterschiedliche Sichtweise über den Verlauf
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Kapitel 28

Unterschiedliche Sichtweise über den Verlauf

Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie:

Psychologe Bär

Oberarzt Doktor Stucki

 

Nick ist bereits seit über drei Monaten wieder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, als er anlässlich der 1. Gemeinsamen Sitzung vom 22.04.2009 von den Behandlern der Station Passage zusammenfassend beurteilt wird.
Man bezieht sich auf den Verlauf im KOZ und auf der Station Sole. Gemäss Verlaufsnotizen und schriftlicher Dokumentation der Kindsmutter hätten sich dort häufige Episoden mit polymorph psychotischen Symptomen gezeigt (optische und akustische Halluzinationen, Verkennungen, Derealisationserleben, paranoider Wahn) die oft mit dissoziativem Stupor oder dissoziativen Krampfanfällen einhergingen.  Man erkennt eine Beruhigung der Psychopathologie, ansonsten unterscheidet sich die Einschätzung nicht erheblich von den früheren auf den anderen Stationen.

 

Nick kleide sich gerne im Hip-Hop Stil und sein Gang wirke etwas behäbig. Durch seine Grösse wirke Nick älter und auf gewisse Menschen respekteinflössend.

Die vorbestehenden Probleme auf der Station Sole, bzw. im KIZ bezüglich Gewaltausbrüchen und psychotisch-paranoiden Anfällen zeigen sich auf Passage nicht mehr. In gewissen Situationen wird Nick aber als unterschwellig aggressiv erlebt, oder er wird direkt verbal ausfällig. Diese latente Aggressivität, respektive wohl eher eine Wahrnehmung durch andere als bedrohlich, ist auch im Rahmen späterer Klinikaufenthalte mehrmals ein Thema. Nina empfindet ihren Nick, zumindest wenn als Alltagsperson auftretend, nicht als bedrohlich. Später denkt sie, das Problem könnte mit dem Konzept von Übertragung und Gegenübertragung erklärt werden. Aus Sicht der Verantwortlichen von Passage testet Nick im Alltag zudem immer wieder aus, wie verschiedene Mitarbeiter auf kleinere Regelverstösse reagieren. So versuche er klar abgemachte Regeln zu umgehen. Ja, das begann schon in der 3. Primarklasse bei Frau Fuhr (siehe Kapitel 31, Spurensuche in der Vergangenheit – Umzug nach Westen), erinnert sich Nina. Daheim war das nicht ein wirkliches Problem. Nina erfasste rasch den schelmischen Blick ihres Sohnes und die Sache konnte meist lachend erledigt werden.

 

Wiederholt werden auf der Station Absenzen beobachtet bei denen Nick auf dem Bett liegt und für unterschiedlich lange nicht ansprechbar ist. Nach diesen Episoden ist Nick sehr müde und muss zunächst ausschlafen, was seit Beginn auch die Eltern daheim beobachten.

 

Die Freizeit verbringe Nick immer häufiger mit anderen Gruppenmitgliedern. Er scheine viel Zeit zu benötigen, um Vertrauen aufzubauen. Hier wird von den Behandlern ein eminent wichtiger Punkt erkannt. Daran hat sich auch Jahre später nichts geändert, was klar für eine traumatische Genese der Störung spricht.

Bei physischen Tätigkeiten und im Sport wirke Nick meistens interessiert und motiviert. Er werde jedoch schnell müde und breche seine Teilnahme am Tagesprogramm meist frühzeitig ab.

Beim Kochen zeige sich Nick strukturiert und geschickt. Ämtli erledige er ordentlich, müsse aber manchmal daran erinnert werden.

 

Nick nehme sich selber als ruhigen, coolen Typen wahr. Früher habe er nicht gemerkt, wann sich ein Anfall anbahnte. Nun könne er recht gut die vorangehenden Zeichen wie Sehveränderung (Räume/ Objekte verändern ihre Form und Farbe) deuten und sich dann in sein Zimmer zurückziehen. Hier handelt es sich am ehesten um ein Derealisationserleben, also um ein Gefühl der Unwirklichkeit, bei dem die Umwelt als fremd, entfernt oder künstlich wahrgenommen wird.

 

Die Wirkung der Medikamente empfindet Nick unterschiedlich, aktuell findet er, dass sie ihm nicht wirklich helfen und nur unangenehm müde machen. Er möchte sie reduziert haben. Einzeltherapie bringe ihm nichts, da er nicht bereit sei, von seinem Privatleben zu erzählen; auch seien die Sitzungen langweilig.

 

Nach dem Klinikaufenthalt möchte Nick zurück zu seinen Eltern und weiter die Schule besuchen. Sein Ziel ist, vor seinem nächsten Geburtstag auszutreten. Sein Traum ist, wieder richtig Sport zu treiben und mit seinen Kollegen unbeschwert die Freizeit geniessen zu können.

Im Moment pflegt Nick vor allem Kontakte zu seinen Eltern, mit welchen er oft telefoniert, die ihn oft besuchen und die er an den Wochenenden sieht. Immerhin wird den Eltern diesmal nicht vorgeworfen, zu selten zur Verfügung zu stehen.

Nick sei auch der Kontakt zu seinem Bruder sehr wichtig. Vor allem am Wohnort an den Wochenenden treffe er seine Freunde, mit denen er um die Häuser zieht oder Basketball spielt. Sie wissen nicht wo er hospitalisiert ist. Für sie sei er einfach in einem Spital und nicht in der Psychi. Nick befürchtet, als psychisch krank abgestempelt zu werden und will deshalb nicht, dass seine Freunde ihn auf der Station besuchen.

 

Den Behandlern ist die Situation bezüglich Schule und Ausbildung noch unklar. Bei Eintritt hatte Nick gewünscht, nicht zu oft in die Schule gehen zu müssen, er wolle lieber körperlich etwas arbeiten. Nun arbeitet er zwei Halbtage pro Woche im technischen Dienst.

Die Schule hat Nick nur wenige Male besucht. Er hat jeweils Mühe, länger an einer Arbeit zu bleiben und zeigt kaum Motivation. Oft wirkt er abwesend. Er wird schnell müde und benötigt viele Pausen. Es ist den Verantwortlichen unklar, wie weit sein Verhalten seiner psychiatrischen Erkrankung, einer Verweigerung, einer Überforderung oder einem Motivationsmangel zuzuschreiben ist (siehe auch Kapitel 20, Ninas diagnostische Auslegeordnung). Jedenfalls begleitet diese invalidisierende Müdigkeit Nick bis heute.

Der aktuelle Stand bezüglich Ausbildung ist, dass Nick so schnell wie möglich das Schulpensum im Tagesprogramm steigern möchte, um möglichst rasch die Schule wieder besuchen zu können. Nach der Schule möchte Nick gerne eine Ausbildung zum Chemielaboranten absolvieren oder die Matura anstreben. Er teilt mit, dass er keine Aversion gegen die Schule hat. Die Behandler stellen aber fest, dass in Nicks Zimmer ein Spruch mit negativer Einstellung gegenüber Lehrern an der Wand hängt. In der Tat hatte Nina diesen Spruch zufällig gefunden und ihn ihrem Sohn, angesichts seiner negativen Erfahrungen mit Lehrpersonen, spasseshalber geschenkt. Nick hatte den Wink verstanden und den Spruch lachend gleich in seinem Zimmer aufgehängt, obwohl Mongha Bedenken äusserte.

 

Den Werkunterricht besucht Nick anfangs wenig motiviert. Bei der Arbeit an einer kleinen Vase lässt er sich gut anleiten, doch die anfangs gezeigte Sorgfalt lässt nach einiger Zeit nach. Nach Abschluss der Arbeit kommt Nick eine Weile nicht mehr ins Werken, angeblich wegen Müdigkeit. Im technischen Dienst arbeitet er während dieser Zeit jedoch relativ gut. Plötzlich erscheint Nick wieder im Werken und will ein CD-Regal bauen. Bei dieser Arbeit wirkt er motiviert und zeigt sich als geschickter Handwerker. Erklärungen zu verstehen und umzusetzen bereitet ihm keine Mühe.

 

Der Ablauf der Einzeltherapie gestaltet sich schwierig. Nick verhält sich meistens abweisend, verschlossen, manchmal etwas gereizt und spricht wenig.

Um Distanz zu wahren, scheint Nick zuweilen die Rolle eines coolen Gangsters zu übernehmen. Was er hinter dieser Fassade verbirgt, bleibt den Behandlern weitgehend unklar. Nina schmunzelt beim Lesen des Textes. Dem coolen Gangster begegnet sie in Gesprächen mit Ärzten und Psychologen seit Ausbruch der Störung immer wieder. Hin und wieder sind auch Hinweise auf einen Switch zu erkennen. Hier treten also eindeutig andere Persönlichkeitsanteile in den Vordergrund und übernehmen die Kontrolle über Nicks Handeln. Kaum je wird ein solcher Wechsel des Gesprächspartners von den behandelnden / untersuchenden Personen allerdings beobachtet, geschweige denn verstanden. Nina selber erkennt solche Wechsel schon bald und erzählt Mongha dann, es sei gewesen, wie wenn sich Nick plötzlich verwandelt hätte und jemand anderes an seiner Stelle auf dem Stuhl gesessen hätte. Um den Durchblick zu erlangen benötigt sie aber noch mehr Zeit.

 

Im bereits genannten Buch «Die Diagnostik traumabedingter Dissoziation» beschreibt Suzette Boon das Problem und geht davon aus, dass solche Wechsel während des diagnostischen Prozesses oft vorkommen, ohne dass sie bemerkt werden. Sie bedauert, dass die DIS in Filmen und Fernsehserien, im Internet und in den sozialen Medien so dargestellt wird, als sei sie stets mit auffälligen oder dramatischen Persönlichkeitswechseln verbunden. In den meisten Fällen ist ein Persönlichkeits-Switch jedoch kaum zu erkennen, vor allem wenn man dem Patienten im diagnostischen Interview zum ersten Mal begegnet. Nina lebt seit Jahren mit einem DIS-Betroffenen. Sie hat gelernt relativ oft zu erkennen, dass ihr Gesprächspartner plötzlich von einem anderen abgelöst wird. Sie kann aber bestätigen, dass sie die oft genannten Hinweise auf einen Switch, wie Blinzeln oder Wischbewegung über die Augen, resp. bei Nick eher ein Rollen der Augen nach oben hinten nur selten beobachten kann. Einerseits schaut sie im betreffenden Moment oft nicht gerade hin und anderseits wird der Switch von Nick manchmal auch diskret vertuscht, z.B. durch abwenden des Kopfes. Öfters kommt es auch bereits vor der Kontaktaufnahme zum Switch und Nina wird direkt von einem anderen Anteil angesprochen.

 

Psychopathologisch vermutet der Fallführer weiterhin ein latent psychotisches, gleichzeitig vielleicht(?!) auch depressives Geschehen. Wenige Male kommt es zu einem flüssigen Gespräch. Dabei erkennt Herr Bär ein Gemisch aus höchstwahrscheinlich wahnhaften Inhalten und (zu einem kleineren Teil) eventuell Erinnerungen an tatsächliche Erlebnisse. Er tippt auf eine psychotische Verarbeitung von Gewalttätigkeiten, in welche Nick direkt oder indirekt involviert war. Für weitere psychotische Symptome sieht er keine Anhaltspunkte. Im Vergleich zu den vorbehandelnden Ärzten ein echter Fortschritt, der jedoch leider keinen Einfluss auf die Behandlung hat. Da Nick die Wahninhalte mit Ernsthaftigkeit, detailreich und nicht ohne innere Konsistenz als feststehende Tatsachen äussert, erkennt Psychologe Bär einen systematisierten Wahn. Nick zeige aber auch wiederholt Realitätsbezug. So stellt er fest, dass die Anfälle abgenommen haben, und dass er gelernt hat, die Gedanken an die sich bekämpfenden Gangs teilweise zu kontrollieren.

 

In Bezug auf die Familientherapie erkennt Psychologe Bär den Widerwillen Ninas daran, dass sie auf dem Fragebogen zur Familiengeschichte viele Fragen nicht beantwortet hat. Nina erinnert sich, dass sie diese Aufgabe nicht mit besonderem Enthusiasmus erledigt hat. Die Fragen waren sehr detailreich und sie konnte etliche davon schlicht nicht genau beantworten. Im Übrigen wurden detaillierte Antworten von den Behandelnden bisher ohnehin nur mit Kritik und Ironie quittiert, weshalb sie nicht mehr bereit war, viel Zeit zum Recherchieren zu opfern.

Besonders scheint Herrn Bär schockiert zu sein, dass Nina die Frage: "Welche Erwartungen haben Sie an die Familiensitzungen?" mit "Keine!" beantwortet hat. Diese Einschätzung ist das Resultat der bisherigen Erfahrungen Ninas mit der Klinik und Ausdruck ihrer Ernüchterung.

Herr Bär interpretiert aus den bisherigen Kontakten mit den Eltern eine vordergründige Kooperationsbereitschaft bei gleichzeitig deutlicher Skepsis betreffend Kompetenz der Institution und deren Mitarbeiter. Da wird er wohl richtig liegen.

 

Wie Oberarzt Doktor Feldmann, versucht auch Psychologe Bär das komplexe Störungsbild nach seinem Wissensstand zu erklären.

Aufgrund einer präpsychotischen Vulnerabilität unklarer Genese, nach einer rückblickend erkennbaren Prodromalphase von mehr als einjähriger Dauer und wahrscheinlich mitbedingt durch angeblich einmaligen Cannabis-Konsum zeigt Nick seit Ende Dezember 2008 ein polymorph psychotisches Syndrom in Verbindung mit häufigen dissoziativen Zuständen. Jetzt, Ende April 2009, sollten sich die Behandler doch langsam bewusst werden, dass die ICD-10-Definition als maximale Dauer für diese Diagnose einen Zeitraum von 3 Monaten festlegt. Besteht die Störung weiter, ist die Diagnose zu ändern, was hier nicht gemacht wird.

Nick scheine, insbesondere wenn er unter Druck kommt und sich in seinem Selbstwert bedroht fühlt, anfallsartig zu dekompensieren. Unter neuroleptischer Medikation habe sich der Krankheitsverlauf ab Mitte Februar 2009 beruhigt.

Die Behandler sehen das Krankheitsbild vor dem Hintergrund eines starken Autonomie- / Abhängigkeitskonflikts und einer Störung der Identitätsentwicklung. Nina hat eher den Eindruck, die seit langem im Untergrund voranschreitende psychische Störung wurde bisher kaum erkannt und ist nun mit Druck von Innen aufgebrochen, wobei sie die anstehende Entwicklung in die Unabhängigkeit und die Gestaltung der Identität brutal unterbrochen hat.

Wie seine ärztlichen Kollegen ist Psychologe Bär überzeugt, dass die Einbettung von Krankheitsverständnis und Behandlung in ein systemisches Konzept mit entsprechenden familientherapeutischen Ansätzen von den Eltern abgelehnt wird. Etwas vorsichtiger als sie denkt er, dass noch nicht beurteilt werden kann, inwiefern Nicks Probleme mit der Familiendynamik zusammenhängen.

Herr Bär denkt auch an den latenten Rassismus in der Gesellschaft, der es Nick erschwert, sich mit seinem afrikanischen Vater zu identifizieren. Er bezieht auch die Probleme in der Schule mit ein.

 

Die immer wieder betonte gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Eltern ist auch hier kein Thema. Es wird von der Klinik wie folgt entschieden:

  • Eine weitere Stabilisierung in stationärer Behandlung ist angezeigt. Dabei stehen die Balance zwischen Reizschutz und vorsichtiger Belastungssteigerung, sowie das Finden der optimalen Medikation im Fokus.
  • Im milieutherapeutischen Rahmen sollen Verbesserungen des Funktionsniveaus im Alltag angestrebt werden. Mit Nick und seinen Eltern sollen regelmässig Ziele formuliert und deren Erreichung ausgewertet werden.
  • Die diagnostizierte psychotische Störung ist durch eine neuroleptische Medikation zu behandeln, welche auch für den depressiven Anteil der Psychose Besserung verspricht. Risperdal® soll aufgrund von Nebenwirkungen teilweise durch Leponex® ersetzt werden. Als Schutz gegen Impulsdurchbrüche wird Risperdal® in geringerer Dosis beibehalten.

 

Unglaublich, was sich da wieder anbahnt. Hat sich Nina nicht klar genug gegen das Leponex® geäussert? Offensichtlich wird auch weiterhin ihr voller Einsatz notwendig sein!

 

Eltern und Sohn unter Druck - Blick in die Zukunft
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33.  Eltern und Sohn unter Druck - Blick in die Zukunft
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Kapitel 29

Eltern und Sohn unter Druck - Blick in die Zukunft  

 

Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie:

Psychologe Bär

Oberarzt Doktor Stucki

 

In den Tagen nach der ersten gemeinsamen Sitzung macht Nick den Behandlern einen instabilen, aggressiven Eindruck. Man fragt sich schon, ob es eventuell wegen der reduzierten neuroleptischen Medikation sein könnte. Einzelgespräche können nicht durchgeführt werden, da Nick das Angebot ablehnt.

Nicks Psychotherapeut vermerkt in der Krankengeschichte, dass er von Nina per E-Mail eine seitenlange Begründung ihrer Einschätzung, Nicks Symptomatik sei im Rahmen einer PTBS zu verstehen und zu behandeln, erhalten hat. Er habe das Schreiben Oberarzt Doktor Stucki weitergeleitet. Offensichtlich kann er mit Ninas Einschätzung ebenso wenig anfangen wie die behandelnden Ärzte. Nina hat sich einmal mehr viel Mühe gegeben, vergeblich.

 

Am 05.05.2009 klagt Nick im Einzelgespräch, er habe an nichts mehr Freude, er könne nicht mehr lachen, empfinde grossen Widerwillen gegen die meisten Aktivitäten, fühle sich deprimiert. Auf Nachfragen gibt er an, schlecht zu schlafen und sich auch am Essen nicht freuen zu können. Auch das gilt bei den Kinderpsychiatern aber nicht als Symptomatik einer behandlungsbedürftigen Depression.

Während des Gespräches kommt es zu einem kurzen leichten dissoziativen Anfall. Im Anschluss nach einer Erklärung gefragt, antwortet Nick, er habe an etwas gedacht, dass er nicht mitteilen könne / wolle. Was ist das wohl? Was hindert Nick immer wieder daran, zu sprechen, fragt sich NIna?

 

Zwei Tage später äussert Nick, er wolle hier nicht mehr zur Schule gehen, er sei zu dumm, er könne das nicht. Hier kommt offensichtlich ein altes Problem aus der Schulzeit wieder hervor, welches Nina nie einordnen konnte.

Erst 16½ Jahre später als Nick und Nina zusammen ihren Mittags-Snack einnehmen während Mongha in der Küche frühstückt und Radio hört, hilft Nick seiner Mutter weiter. Die Beiden hören auf RTS-Première die laufende Sendung über die Ursachen eines tiefen Selbstwertgefühls mit.

Nick wird nachdenklich, sieht seine Mutter an und meint: „Hörst du?"

„Ja, sehr genau sogar", antwortet Nina, „und ich denke dabei an dich."

Und nach einer kurzen Denkpause fügt sie hinzu: „Ich habe mich dir gegenüber doch nie so verhalten?!"

„Nein, nein, du nicht, aber der E schon!"

Der E, also der Eric, ein Name, den Nick seit Jahren nur ausspricht, wenn er es nicht vermeiden kann. Aus Rücksicht auf Nick verwendet auch Nina, Nick gegenüber, diese Bezeichnung für den älteren Bruder. Mongha hat sich Nina gegenüber für «der Andere» entschieden, während er Nick kaum je auf den Bruder anspricht, dann aber ein verlegenes «ton frère» stammelt.

„Der E?"

„Ja, erinnerst du dich nicht?"

Nina kommt in Verlegenheit, nuschelt etwas.

Nick hilft weiter: „Er sagte doch immer ich gehe in die Dubelischuel und andere solche Sachen. Weisst du nicht mehr?"

Nina ist betroffen, weiss nicht recht, was sie sagen soll. Im Moment ist ihr die Geschichte nicht mehr präsent. Im Laufe des Nachmittags kommen Ihr allerdings einige frühere Gesprächsfetzen zwischen ihren Söhnen in den Sinn, insbesondere die wiederholten, meist abwertenden Sticheleien des älteren Bruders, immer mit Nachdruck und von einem zweideutigen Lachen sowie einem Kitzeln oder Zwicken begleitet.

Abends beim Geschirrwaschen entschuldigt sich Nina über ihre zeitweise Vergesslichkeit und dass sie wegen häufiger berufsbedingter Abwesenheit wohl nicht alles mitbekommen hat.

„Ja, weisst du, das ging auch in deiner Abwesenheit weiter," berichtet Nick.

„Natürlich, und das hat dir immer sehr weh getan!"

Nick nickt: „Ja, sehr!"

 

Auf Passage kommt es wieder zu einem Wechsel. Im Mai 2009 teilt Nick mit, er würde lieber öfter das Werken besuchen als die Schule. Auch äussert er einmal mehr den Wunsch, wieder in sein gewohntes Leben zurückkehren.

Im Laufe der Woche wird festgestellt, dass sich Nick des Öfteren nicht an Regeln hält, in der Schule herumlümmelt, sich den Betreuern und Lehrerinnen gegenüber z.T. unhöflich und arrogant verhält. Diese Themen werden fortlaufend von den Behandelnden bearbeitet, natürlich ohne dass jemand auf die Idee kommt, dass vielleicht nicht immer Nick die Kontrolle über sein Handeln hat. Mit der Zeit bessert sich Nicks Verhalten wieder.

 

Am 12.05.2009 sackt Nick im Verlauf des Tages zusammen und stürzt auf den Kopf. Kein Bewusstseinsverlust, keine Schmerzen, keine Übelkeit oder Erbrechen. Anschliessend wird er von Doktor Stucki gesehen.

Abends um 21.00 Uhr kontaktiert die Station Passage die Dienstärztin. Nick klagt über Zungenverkrampfung und Schluckschwierigkeiten. Nick hat bereits 2 mg Akineton® erhalten. Dabei handelt es sich um ein Medikament, welches verabreicht wird zur Behandlung verschiedener starken Nebenwirkungen, die viele Antipsychotika verursachen. Hier wird in der Untersuchung festgestellt, dass die Aussprache erschwert ist, die Zunge rhythmisch nach rechts zuckt. Die Dienstärztin rät, bei fehlendem Rückgang der Symptome weitere 2 mg Akineton® zu geben.

 

Es wird weiter an der Medikation geschraubt. Das Leponex® scheint nun endlich endgültig vom Tisch. Abilify®, ein anderes Neuroleptikum wird im Einverständnis mit der Mutter eingeführt, das sedierende Nozinan® wird reduziert. Nina ist erleichtert. Es bleiben noch Temesta® und eine kleinere Dosis Risperdal®.

 

Nick wird in dieser Woche in deutlich besserer Stimmung und wacher, dynamischer erlebt. Seltsam, wie der Grad der Depressivität sich rasch erheblich verändern kann. Viel später, als sie das Störungsbild ihres Sohnes endlich sicherer einordnen kann, fragt sich Nina, ob allenfalls nur einzelne der auftretenden Persönlichkeitsanteile an einer Depression litten, was die raschen Schwankungen erklären könnte.

 

Der wechselhafte Verlauf setzt sich fort. So stellt der Fallführer erfreut fest, dass erstmals flüssige, kooperative Gespräche ohne Wahninhalt mit Nick möglich waren. Von der Station ist zu hören, dass Nick in allen Bereichen gut mitarbeitet. Er selbst sagt, er habe sich entschlossen, besser mitzumachen, und er realisiere, dass es ihm so besser geht.

 

Am 19.05.2009 findet ein Familiengespräch mit den Eltern, der Bezugsperson, dem Fallführer und zeitweise mit Nick. Die Fortschritte werden gelobt. Selbst in der Schule gibt sich Nick Mühe. Er wird aber immer noch schnell müde. An einen baldigen Übertritt in die normale Schule ist aus Sicht der Behandler noch nicht zu denken, was Nina schweigend bedauert aber nachvollziehen kann. Eigentlich wünschten sich Nina und Nick einen baldigen, tageweisen Wiedereinstieg in die Schule.

Nicks berufliche Perspektiven werden diskutiert. Mongha ist eher der Meinung, Nick solle etwas lernen, das ihm Spass macht. Nina, die sich in erster Linie an Nicks Intelligenz und Begabungen erinnert, hat noch Mühe, die überwiegend wahrscheinlich ruinierten beruflichen Perspektiven zu akzeptieren. Sie versucht sich noch an den Strohhalm einer guten Basisausbildung zu klammern, an welche später, mit Hilfe der IV, eine anspruchsvollere Weiterbildung angehängt werden kann (z.B. Chemielaborant, Werklehrer). Nick möchte bald wieder zurück an seine Schule.

Der Fallführer teilt den Eltern schliesslich die nachvollziehbare Einschätzung mit: „Nick benötigt dringend Erfolgs- und Selbstwirksamkeits-Erlebnisse, da sein Selbstvertrauen sehr tief ist. Ein Beharren darauf, dass er die Schule erfolgreich abschliesst, könnte für ihn zu verhängnisvollen Rückschlägen führen."

 

Leider wird es ganz anders kommen und Nick wird nie die geringste Chance haben, auch nur einen Versuch zu unternehmen, die obligatorische Schule abzuschliessen, geschweige denn eine bescheidene Ausbildung zu absolvieren. Nick ist sich seiner Grenzen bewusst … und lebt mit dieser Bürde, ohne zu murren oder zu lamentieren, aber mit einem erheblichen Schamgefühl.

 

Angesichts der Fragilität Nicks und der im Hintergrund weiterhin drohenden Suizidalität ist Nina unwohl bei der Idee, dass Nick an den Wochenenden selbständig zwischen Klinik und Wohnort pendelt. Das können die Behandelnden nicht wirklich nachvollziehen und sie werden die Mutter wohl wieder einmal als widersprüchlich betrachten. Diese wechselnden Zustände aber und die Nähe zu vorbeifahrenden Zügen …. Schliesslich wird mit der Klinik vereinbart, dass Nina als Vorbereitung in nächster Zeit mit Nick den Weg zwischen Klinik und Bahnhof erkunden wird.

 

Schliesslich wird den Eltern angekündigt, dass an der nächsten gemeinsamen Sitzung eine Verlängerung der Behandlung um weitere 6-8 Wochen empfohlen werden wird. Nina ist nicht begeistert. Einerseits erkennt sie durchaus eine weitere Behandlungsbedürftigkeit. Anderseits erklärt Nick, dass er höchstens bis Ende Juni hier zu bleiben bereit ist. Im Juni wird er 17 Jahre alt. Die Schulferien stehen bevor und Nina arbeitet weiterhin zu 100%. Wie kann für Nick eine Tagesstruktur gefunden und organisiert werden?

 

Die Klinik empfiehlt den Verbleib Nicks in stationärer Behandlung, damit ihm unter enger pädagogischer und therapeutischer Begleitung ein schützender und verlässlicher Entwicklungsraum zur Verfügung steht.

Hinsichtlich Nicks beruflicher Zukunft soll baldmöglichst mit der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz in einem geeigneten handwerklichen oder kunsthandwerklichen Betrieb begonnen werden. Zudem sollen IV-Massnahmen für die berufliche Eingliederung beantragt werden.

Per August 2009 soll der Übertritt Nicks in eine der Aussenstationen der Klinik ins Auge gefasst werden, von wo aus er eine externe Arbeitsstelle aufsuchen könnte. Dabei handelt es sich um Ricordati, eine im Oberland liegende, kleine Spezialstation für Jugendliche mit psychotischen Erkrankungen. Nina und Mongha sind bestürzt. So soll Nick also aus dem Einflussbereich der Eltern gezogen werden, um gezielt eine nicht existierende Psychose behandeln zu können und die Kontakte zwischen Nick und seinen Eltern auf ein Minimum zu reduzieren.

 

Sollten Nick und seine Eltern nicht mit den Empfehlungen der Kinder- und Jugendpsychiater einverstanden sein, werde die Behandlung in der Klinik bis spätestens Ende Juni 2009 abgeschlossen, wobei die Verantwortung für die Anschlusslösung bei den Eltern liege.

 

 

Synthese - Vorbereitungen - Austritt
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34.  Synthese - Vorbereitungen - Austritt
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Kapitel 30

Synthese - Vorbereitungen - Austritt

Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

 

Sowie:

Psychologe Löwe

Oberarzt Doktor Stucki

 

Am 27.05.2009 stellt Herr Bär fest, dass es im Verlauf der letzten Wochen schliesslich doch noch zu einer langsamen, aber anhaltenden Besserung der Orientierung an der Realität, der Kooperationsfähigkeit und der Stimmung gekommen ist.

 

Nina sieht, dass sie nun mit den Austrittsvorbereitungen beginnen (evtl. Suche nach einem Ferienjob oder Schnupperlehrstelle) muss. Sie fühlt sich nicht in der Lage, Nick zu einem längeren Verbleib in der Klinik zu motivieren. Ohnehin werden ihre Zweifel am Nutzen der angebotenen Behandlung (Medikation, Psychotherapie) nicht geringer.

 

Der Fallführer und die Bezugsperson führen mit Nick noch ein Standortgespräch. Nick erhält grundsätzlich positive Rückmeldungen über sein Verhalten. Als problematisch wird thematisiert, dass er sich vor Kurzem nach einer Frustration in der Schule in sein Zimmer verzog, sich dort vermummte und so auf der Station umherging.

Nick verbalisiert darauf erstmals seine Gefühle in solchen Momenten: „Ich bin dann sehr wütend und würde am liebsten alles zusammenschlagen. Dass ich mich vermumme geschieht wie automatisch. Ich überlege nicht viel dabei."

Der Psychotherapeut versucht nochmals, Nick zu überzeugen, sich hier noch etwas mehr Zeit zu lassen und nicht schon im Juni auszutreten. So könnte er lernen, mit solch schwierigen Gefühlszuständen anders umzugehen.

Psychologe Bär hat eindeutig keine Ahnung, was in solchen Momenten in Nick wirklich vorgeht und Nina beginnt es erst zu verstehen. Ja, es geschieht wie automatisch und Nick überlegt sich nicht viel dabei. Also auch hier wieder deutliche Hinweise darauf, dass jemand aus dem Untergrund, ein anderer Persönlichkeitsanteil oder Persönlichkeitszustand, der Alltagsperson (Nick) die Kontrolle über ihr Handeln entreisst und sie nach hinten drängt. Siehe auch Kapitel 18 (Zurück im KIZ) und 28 (Unterschiedliche Sichtweise über den Verlauf). Der neu aufgetretene Anteil geht in Nicks Zimmer und vermummt sich.

Schon vor der akuten Dekompensation, daheim, hatte sich Nick eines Tages zu vermummen begonnen. Das Ganze hatte aber noch eine spielerische Seite und Nina liess ihn gewähren, denn sie ahnte, einmal mehr, nichts Böses.

 

 

 

 Im Rahmen der Austrittsvorbereitungen stösst Nina auf die Sanatio. Dabei handelt es sich um eine alternative stationäre Behandlung für Menschen in psychotischen Krisen. Während die Medikamentendosis möglichst gering bleibt, kommen die Patienten in den Genuss von mehr menschlicher Begleitung. 

Nina vereinbart dort einen Gesprächstermin und beantragt dazu ordnungsgemäss einen Urlaub in der Klinik. Am 28.05.2009 besucht sie mit Nick in der Hauptstadt die Institution.

Jahre später liest Nina in Nicks KG, sie habe ohne vorherige Absprache mit der Klinik am 28.05.2009 mit Nick die Sanatio besucht, um die Möglichkeit eines Übertritts in die dortige Tagesklinik zu besprechen. Was wurde denn von den Behandlern erwartet?

Ein altes Haus mit einem grossen, wilden Garten, mitten in der grossen Stadt. Nina will abklären, ob das Tagesklinik-Angebot der Sanatio Nick nach all den schlechten Erfahrungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie etwas bringen könnte.

  

 

 

Sicher, es handelt sich um eine Institution für Patienten mit Schizophrenie und Nick, dessen ist sich Nina inzwischen sicher, leidet nicht unter einer solchen Erkrankung. Ihr imponieren aber die wenig medikamentenlastige Behandlung und die gewaltfreie Patientenversorgung. Statt über ein Iso verfügt die Einrichtung über ein weiches Zimmer. Das Konzept funktioniert schon seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich.

 

 

 

Nick müsste jeweils mit dem ÖV in die Hauptstadt pendeln und nachmittags wieder zurück nach Hause. Das hatte ihn vor dem Zusammenbruch überfordert. Die Sanatio erscheint aber deutlich niederschwelliger als die Sekundarschule.

Nina ihrerseits muss noch eine ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung für Nick organisieren. Sie meldet ihn schliesslich für eine Abklärung und anschliessende ambulante Behandlung bei Herrn lic. phil. Klingler an, einem Psychotherapeuten, der ihr von einer Arbeitskollegin empfohlen wurde und auch Traumafolgestörungen behandelt. Er hat seine Praxis hinter dem Bahnhof der Hauptstadt, womit eine Kombination mit der Sanatio möglich wäre.

Die Verantwortlichen der Sanatio können sich eine Aufnahme Nicks vorstellen. Nick ist nach dem Gespräch zunächst eher ablehnend. Nina fordert ihn auf, er solle sich bis Dienstag nächster Woche überlegen, ob er in die Sanatio eintreten möchte.

 

Am 29.05.2009 Sprechen Oberarzt Stucki und Psychologe Bär mit Nick. Er will die Klinik baldmöglichst verlassen, spätestens Ende Juni. Er weiss aber nicht, was er in Zukunft tun soll / kann und wie man im helfen könnte, seinen Weg zu finden. Angesprochen auf den Besuch der Sanatio am Vortag sagt er, es habe ihm nicht schlecht gefallen.

Schliesslich berichtet Nick, dass er manchmal die Stimme eines unbekannten Mannes in seinem Kopf hört, welche ihn auffordert, dies oder jenes zu tun. Er sieht sich jedoch in der Lage, diese Anweisungen zu befolgen oder auch nicht. Er befolge die guten Anweisungen und missachte die schlechten, gibt aber keine weiteren Hinweise über den Inhalt der Anweisungen.

Interessant, wie Nick spontan von einer Stimme in seinem Kopf berichtet. Viele Patienten lokalisieren die Stimmen nicht, wenn man sie nicht danach fragt. Dabei handelt es sich um ein eminent wichtiges Detail. In der Tat berichten die allermeisten Patienten/-innen mit DIS von Stimmen, die sie in ihrem Kopf hören. Nur manchmal scheinen diese von aussen zu kommen, während es z.B. bei der Schizophrenie umgekehrt ist.

 

Die Situation bleibt auch in den nächsten Tagen relativ stabil. Nick wird als recht selbständig erlebt, notfalls zieht er sich eine Weile zurück.

In der Einzeltherapie erkennt der Therapeut keine Entwicklung. Nick gebe ihm sein Desinteresse und seine Ablehnung zu spüren, in Übereinstimmung mit den skeptischen bis ablehnenden Botschaften, welche die Behandelnden von seiner Mutter immer wieder erhalten. Nun, Nina schliesst einen möglichen Einfluss auf Nicks Meinung und Haltung nicht aus, nimmt ihn aber in Kauf. Die Eltern erkennen auch keine Entwicklung. Sie stehen weiter den ablehnenden, respektlosen Botschaften der Behandler gegenüber.

 

Am 04.06.2009 teilt Nina den Behandlern mit, Nick habe sich dafür entschieden, von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Tagesklink der Sonatio übertreten zu wollen. Weiter äussert sie erneut grundsätzliche Zweifel an der gestellten Diagnose und der entsprechenden Medikation. Der stete Tropfen höhlt den Stein hier leider nicht.

 

Am 10.06.2009 findet die zweite Gemeinsame Sitzung auf der Station Passage statt. Nick ist nun seit über drei Monaten auf dieser Therapiestation und seit fast fünf Monaten in der Klinik. Es wird der Verlauf seit der ersten Gemeinsamen Sitzung am 22.04.2009 beurteilt. Nina erhält später beim Lesen dieses Berichtes ein Bild ihres Sohnes, wie er sich in einem anderen Milieu verhält und staunt.

Die Änderungen sind wenig überwältigend. Nick hält sich bezüglich persönlicher Themen sehr bedeckt, finden die Betreuer. Bei Misserfolgen, Stress und Versagen kommt es zur Vermummung und zum Rückzug.

Die Zusammenarbeit mit der Familie sei weiterhin schwierig. Es bestehe eine mangelnde Vertrauensbasis sowohl zwischen Nick und den Betreuenden als auch zwischen den Eltern und den Betreuenden.

Nick erscheint gesamthaft etwas offener und kritikfähiger. Seine nonverbale Körperhaltung wird als auffallend beschrieben. So zeigt er sich in einer sitzenden Gruppe öfters cool und desinteressiert, hängt richtiggehend im Sofa oder Stuhl. In diesem Verhalten erkennen die Behandelnden eine subtile Beeinflussung und Führung der Patientengruppe durch Nick, was an die Beobachtungen der Lehrerinnen in der Primarschule erinnert und Nina überrascht. Nick wirke wie eine graue Eminenz, die im Hintergrund die Fäden zieht. Selber sehe er sich auch als eine Leader-Person. Nick findet, er sorge auf der Station für ein gutes Klima, da er gerne Aktivitäten vorschlägt.

 

In der Therapie versucht er unangenehme oder zu persönliche Dinge zu vermeiden. Er wisse auch nicht, was er da sagen solle. Die Wirkung der Medikamente beschreibt er nun wieder als hilfreich, da er wacher und präsenter sei. Dies ist natürlich erst seit Reduktion der sedierenden Medikamente der Fall. Nick fühlt sich manchmal nicht ernst genommen und versteht nicht, wieso er nichts gegen die Depression bekommt. Die Musiktherapie sagt ihm sehr zu, da er dort eigene Interessen einfliessen lassen kann. Ziele hat er hier keine mehr. Er möchte gerne in eine eigene Wohnung ziehen und Chemielaborant werden oder das Gymnasium besuchen und Chemie studieren, was nicht mehr sehr realistisch erscheint.

 

Nick kann sich für Sport motivieren lassen und auch andere motivieren (Ping Pong, Basketball, Fussball etc.). Er geht nicht selten mit anderen Jugendlichen hinaus für einen Spaziergang. Am Abend schaut er gerne DVDs, alleine oder in der Gruppe. Körperliche Arbeit im Technischen Dienst erledigt Nick, seit er Taschengeld dafür erhält, mit Engagement. Er wird als handwerklich geschickt, zuverlässig, intelligent/berechnend eingeschätzt.

 

Nick hat weiterhin Mühe in der Schule. Er nimmt inzwischen regelmässig an 2-3 Halbtagen pro Woche am Unterricht teil. Das Durchhaltevermögen ist allerdings gering. Wie er erklärt, hat er oft Gedanken, die ihn während des Unterrichts ablenken. Nirgends finden sich weitere Angaben zu diesen Gedanken. In der Algebra hat Nick manchmal starkes Herzklopfen, wahrscheinlich Panik meint Herr Bär, was stimmen dürfte. Wenn er etwas nicht kann, wird Nick unzugänglich und kann sich nicht helfen lassen. Wenn er sich überfordert fühlt, verlässt er den Unterricht abrupt. Meist kehrt er nach einiger Zeit selbständig zurück.

Nick befasst sich vor allem mit den Fächern Deutsch und Französisch (wobei enge Betreuung notwendig ist), sowie mit einer individuellen Arbeit über den Kongo, der Heimat seines Vaters. Diese ist ihm sehr wichtig, er spricht auch mit seinem Vater darüber.

Die Hauptschwierigkeit Nicks scheine seine grosse Versagensangst zu sein, die zu inneren Blockaden und zu Verweigerungshaltung führt. Dadurch nehmen seine Erfolgsaussichten ab. Durch neue Misserfolgserlebnisse droht sich seine Versagensangst weiter zu verstärken - ein Teufelskreis, der bisher nicht durchbrochen werden konnte. Diese Folgerungen erscheinen Nina durchaus nachvollziehbar. Allerdings handelt es sich hier nur um komorbide Probleme und die zugrundeliegende schwere dissoziative Störung wird nicht berücksichtigt, nicht behandelt.

 

Eine sehr gute Entwicklung wird im Werken festgestellt. Nick baut aus Holz ein zweites Regal. Danach entdeckt er sein Material, den Speckstein. Aus diesem hat er inzwischen mehrere spezielle Gebrauchsgegenstände kreiert, die sehr schön geformt sind. Er lässt sich dabei vom Stein leiten und zeigt eine sehr kreative und künstlerische Seite. Ja, das ist Nick, denkt Nina. Inzwischen scheint Nick auch diese Fähigkeit, wie das Tanzen / Musizieren und das Rennen unterdrückt zu haben. Weshalb wohl? Wird da etwas getriggert?

Nick fehlt im Werken nie mehr und bricht die Arbeit auch nie vorzeitig ab. Er kommt und macht sich sofort an die Arbeit. Dabei ist er sehr selbständig, lässt sich aber auch gut anleiten und arbeitet sehr sauber. Einzig in den Pausen wirkt er oft müde und nimmt sich eine Auszeit im Zimmer.

Der Werklehrer denkt, Nick sei bereit und fähig, eine Ausbildung zu beginnen. Nick sollte sofort damit beginnen, einen Ausbildungsplatz zu suchen, damit er ihn nächstes Jahr, nach dem 10. Schuljahr, auch wirklich hat. Leider konnte dieses Ziel nie erreicht werden.

 

Eine noch eindrucksvollere Entwicklung macht Nick in der Musik-Therapie. In der ersten Sitzung vom 04.05.2009 wirkt er zu Beginn abwartend und vorsichtig. Im Verlauf der Begegnung vermag er sich zunehmend einzulassen, wobei das gemeinsam geteilte Interesse an seiner Lieblingsmusik (er hat eine CD mitgebracht) wesentlich dazu beiträgt. Nach dem Anhören eines seiner Lieblingsstücke gelingt es Nick, sein Expertenwissen über die Rap-Musik einzubringen, worauf er stolz ist. Dies trägt vermutlich auch dazu bei, eine erste Beziehungsbrücke zu schaffen. An Angeboten zum aktiven Improvisieren zeigt er sich grundsätzlich interessiert, wünscht sich aber zuerst ein Probehandeln an den Trommeln. Man befindet sich hier am Schnittpunkt zwischen afrikanischer Musik und Rap mit der Möglichkeit einer Identitätsentwicklung im interkulturellen Bereich.

In den nachfolgenden Sitzungen gelingt Nick der Schritt vom Musikhören und verbalem Austausch zum aktiven, gemeinsamen musikalischen Ausdruck. Nach dem Einstieg mit dem Anhören eines Stückes wird beim darauffolgenden Stück ab CD mitgespielt, in einem dritten Schritt wird versucht, auf Trommeln einen gemeinsamen Grundrhythmus zu entwickeln. Hier zeigt sich, dass Nick nur gerade in einer Sitzung Musik ab CD als Halt und Unterstützung benötigt. Er bevorzugt bereits in der dritten Sitzung nebst dem Anhören eines ausgewählten Stückes immer den direkten musikalischen Kontakt mit dem Therapeuten. Hier sucht er nach einer kurzen Phase des Einschwingens auf einen gemeinsamen Grundrhythmus rasch (s)einen Gegenrhythmus, den er trotz Unsicherheiten zu halten vermag. Das Zusammenspiel beschreibt er als gelungen. Eine wichtige Erweiterung seines Spiels gelingt ihm in den beiden letzten Sitzungen, als ihm ein stimmiges Spiel auf dem afrikanischen Balafon gelingt und er selbst sein Spiel als gelungen bewertet. Hier blüht sein afrikanisches Erbe bzw. Potenzial auf! Mit der Begleitung des Musiktherapeuten an der Trommel ist er zufrieden, da es genau passt.

Insgesamt äussert Nick, dass sich in seiner Musik etwas entwickelt hat und noch mehr drin liegt. Am meisten schätzt er, dass es gelungen ist, einerseits passend zu seiner CD-Musik auf Trommeln zu spielen, und dass andererseits auch eigene neue Beats entstanden sind, was eigentlich noch wichtiger ist. Diese Einschätzung weist auf weitere Entwicklungsmöglichkeiten hin.

 

Rückblickend fühlt Nina beim Lesen des Berichtes des Musiktherapeuten eine grosse Traurigkeit aufsteigen. Sie denkt an Klein-Nick. Ein Knirps mit blühender Fantasie und hoher Intelligenz, der seine Eltern immer wieder durch seinen Sinn für Farben und Formen aber auch für Ton und Rhythmus beeindruckte. Nina denkt an den Silvesterabend 1994 (Siehe Kapitel 12, Spurensuche in der Vergangenheit – Nick entdeckt die Welt). Was ist davon übriggeblieben?

Das Tanzen stand mit der Zeit nicht mehr im Vordergrund. Nick blieb aber lange ein Bewegungstalent. Er war ein sehr guter Renner. Nina wollte ihn in die Leichtathletik lotsen, scheiterte jedoch.

Nick rannte lieber durch den Wald und trainierte seine Sprungkraft an Steinen, Baumstämmen oder Mauern (Siehe Kapitel 32, Spurensuche in der Vergangenheit – Immersion).

Über alles liebte es Nick, mit seinen Inline-Skates flink durch die halbe Stadt zu kurven und sich von der entwickelten Geschwindigkeit berauschen zu lassen.

Als Nick in Kontakt mit der Rap-Musik kam, blühte sein Sinn für Rhythmus und Tanz wieder auf. Siehe Kapitel 26, Nick und die Hip-Hop-Kultur. Selbst als es ihm psychisch immer schlechter ging und in seinem Kopf nur noch Chaos herrschte, war er dazu fähig, sich auf ein Musikstück zu konzentrieren und einen rhythmisch-harmonischen Bewegungsablauf hervorzuzaubern. 

Zusammenfassend meint der Musiktherapeut schliesslich, dass sich Nick in einem ersten Schritt einlassen konnte, über die Container- und Haltefunktion der Musik, in Beziehung zu treten und damit vermutlich in einem zweiten Schritt musikalische Selbstexploration wagen konnte. Das Thema Stabilisierung habe momentan aber noch Vorrang.

Mit einem längeren Aufenthalt in der Klinik würde Nick wahrscheinlich einen Zuwachs an Stabilität einerseits gewinnen, andererseits aber auch hinsichtlich seiner Selbstentwicklung profitieren können.

Nina ist hoffnungsvoll. Sie erhält Tipps für die Suche nach einem ambulanten Musiktherapeuten. Kaum ist er aus der Klinik ausgetreten, weigert sich Nick jedoch, weiter auf dieser Schiene zu experimentieren. Für Nina eine verpasste Chance mehr.

Daheim hört Nick allerdings weiter seine Rap-CDs und schaut im Internet Videos dazu. Später versucht er zur laufenden Musik selber zu tanzen. Nicks Situation verschlechtert sich weiter und weiter. Nick beginnt die Rap-Musik weniger zu hören und später gar nicht mehr. Er hört jetzt französiche Chansons, zwischendurch dann klassische und schliesslich eher martialische Musik. Die Genres wechseln bis zu jenem Moment, als Nick überhaupt keine Musik mehr hört. Jahre später erklärt er seiner Mutter, dass er Musik plötzlich nicht mehr ertragen konnte.

Nina versucht schon lange zu verstehen. Weshalb wollte Nick nicht mit der Musik-Therapie weitermachen? Was löste es in ihm aus? Wie muss Nina die gehörten Musik-Genres im Zusammenhang zu Nicks Innenleben einordnen? Wird es ihr jemals gelingen?

 

In der Familientherapie komme es nicht zu Fortschritten, klagen die Behandler. Und daran ist natürlich Nina schuld. Sie versuche immer wieder, als Psychiaterin auf die Behandlung einzuwirken, indem sie mit Nachdruck zu verstehen gibt, dass sie mit der Diagnosestellung, der medikamentösen sowie der psychotherapeutischen Behandlung nicht einverstanden ist. Um den Vater mehr am Behandlungsprozess zu beteiligen, wird er in die wöchentlich stattfindenden Standortgespräche mit Nick einbezogen.

 

Ende April, Anfang Mai waren während Gesprächen einige Male (im Vergleich zum vorherigen Verlauf milde) dissoziative Tendenzen zu beobachten, wenn etwas Nicks Widerwillen auslöste. Später reagierte er auf Konflikte oder Frustration nicht mehr mit Dissoziation, sondern mit physischer Entfernung aus der Situation (davonlaufen).

 

Die Beurteilung der vorliegenden Psychopathologie ändert sich, zum Leidwesen von Nina, nach wie vor nicht. Die Behandler sehen die vorliegende Symptomatik als Ausdruck einer psychogenen Psychose, welche in den dissoziativen Anfällen auch psychosomatisch verarbeitet wird.

Während der inzwischen sechsmonatigen Behandlung, bei welcher die Behandler die neuroleptische Medikation und eine gut strukturierte milieutherapeutische Begleitung als hauptsächliche Wirkfaktoren sehen, hat sich der anfänglich dramatische Krankheitsverlauf schliesslich beruhigt. Positivsymptomatik und dissoziative Anfälle treten kaum mehr auf. Persistieren sollen die psychotische Negativsymptomatik und eine tendenziell depressive Stimmungslage. Eine psychotische Negativsymptomatik kann Nina allerdings nicht erkennen. Der Begriff der Negativ- oder Minussymptomatik fasst verschiedene Symptome zusammen, die im Rahmen einer Schizophrenie auftreten können. Sie sind gekennzeichnet durch Herabsetzung, Minderung und Verarmung psychischer Merkmale eines Menschen. Negativsymptome betreffen Affekt, Antrieb, Psychomotorik und Denken. Bei Nick erkennt Nina viel eher eine emotionale Taubheit, auch als Numbness bekannt, sowie die mehrmals beschriebene Müdigkeit.

Nick erreicht im stationären Rahmen ein relativ gutes Funktionsniveau. Insbesondere beginnt er, ein selbstreflexives und selbstregulierendes Verhältnis zu mutmasslich eng mit dem psychotischen Geschehen in Zusammenhang stehenden emotionalen Prozessen zu entwickeln.

Die Behandler vermuten eine systemisch mitbedingte Vulnerabilität zur psychotischen Dekompensation.

 

Ein letztes Familiengespräch findet am 15.06.2009 mit Oberarzt Doktor Stucki, Psycholog Bär und der Bezugsperson statt. Den Eltern werden Beobachtungen, Befunde, Beurteilungen und Empfehlungen übermittelt.

Nina nutzt die Gelegenheit einmal mehr um, wie von den Behandlern dokumentiert, sehr deutlich zu machen, dass sie mit der Beurteilung, der gestellten Diagnose, der Medikation und dem psychotherapeutischen Vorgehen nicht einverstanden ist. Daraus folgt für die Klinik, dass sie von den Eltern keinen Auftrag mehr hat. Die Behandlung wird somit beendet. Nina soll den geplanten Übertritt in die Sonatio organisieren.

 

Am 16.06.2009 zeigt sich Nick auf einem Spaziergang mit seinem Therapeuten überraschend gesprächig, obwohl er zu Beginn deklariert, er wolle nicht reden. Er führt Herrn Bär zu speziellen Plätzen im nahen Wald, die er zuweilen allein oder mit einem Mitpatienten aufsuchte, z.T. offenbar nach Einbruch der Dunkelheit, um das Gruseln zu lernen.

 

Am 18.06. hat Nick Geburtstag. Den Heimweg am Mittwochabend (17.06.) und die Rückreise in die Klinik am Freitagmorgen (19.06.) bewältigt er selbständig.

 

Am 23.06.2009 findet das Austrittsgespräch statt. Es nehmen die Eltern, Psychologe Bär und Oberarzt Doktor Stucki daran teil, Nick kommt später hinzu. Die Behandelnden fassen den gesamten Verlauf seit Nicks Eintritt in die Klinik kurz reflektierend zusammen. Sie halten fest, dass der Übertritt Nicks in die Sanatio nicht ihren Empfehlungen entspricht, sie aber unter den gegebenen Umständen den Übertritt befürworten und durch die Übergabe der notwendigen Informationen an die Sanatio unterstützen. Es werden den Eltern noch Empfehlungen betreffend Medikation, Musiktherapie, Haltung gegenüber gewalttätigen Computerspielen gegeben.

 

Nick geht es in der letzten Woche gut. Er freut sich sichtlich darauf, die Klinik zu verlassen und ab Montag die Tagesklinik der Sanatio besuchen zu können. Der Austritt erfolgt am 27.06.2009, der Eintritt in die Tagesklinik am 29.06.2009.

Heute Abend findet noch ein Austrittsgespräch mit Nick, OA K. Stuker und ET E. Leu statt.

 

 

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Hauptakteure:

Sohn Nick

Vater Mongha

Mutter Nina

Bruder Eric

 

Sowie:

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