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Was weisst du über deine Geburt?

Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?

Ich vermute, meine Eltern wollten mit dem Namen Regula ihre Verbundenheit mit der Stadt Zürich ausdrücken. Felix und Regula waren ja die Stadtheiligen, die sich zum Christentum bekannten. Ob ihnen bewusst war, dass ihr Altar im Grossmünster mit der Reformation (wir sind ja reformiert) seine Relevanz verloren hat, weiss ich nicht. Regula (lat.: das Mass, die kleine Königin) könnte auch auf Reginlinde Bezug nehmen. Sie war ab 929 Äbtissin des Fraumünsters Zürich, eine wesentliche Stifterin des Klosters Einsiedeln und lebte ab etwa 952 auf der Insel Ufenau, wo sie die St. Peter und Paul-Kapelle baute (mit einer Brücke zu ihrem Wohnhaus). Ihre Tochter Adelheid wurde 961 zur Kaiserin gekrönt, zusammen mit ihrem Gatten Otto I. Es geht mir dabei nicht um den sozialen Status von Reginlinde, sondern um das Wissen, dass die Frauen vor der Reformation durchaus Gestaltungsmöglichkeiten hatten, auch politische. Insbesondere wenn sie aus reichen Familien kamen. Inwiefern diese Gestaltungsmöglichkeit auch armen Frauen zur Verfügung stand, weiss ich nicht.
Auch mit unserem Nachnamen "Hug" (Germanisch: hugu) fühle ich mich wohl. Er kommt fast in der ganzen Schweiz vor und bedeutet Sinn, Verstand, Mut. Ich finde, auf diesen Namen können wir stolz sein und ihn als einen wichtigen Familienwert schätzen.
Als Kind hätte ich lieber meinen zweiten Namen Beatrice als Rufnamen gehabt. Diesen fand ich geschmeidiger. Ich verband ihn mit dem Glücklichsein. Dass diese eher "die Seligmachende" bedeutete, wusste ich damals noch nicht.
An meinem ersten Schultag war mein Sitzplatz mit Regula beschriftet. Worauf ich meiner Lehrerin (Ruth Mütsch) sagte, ich hiesse Rägeli. Bis dahin kannte ich meinen Namen nur so. später fand ich Regula angenehmer.
In was für eine Zeit wurdest du geboren?

Unser Vater war Maschinenbauingenieur und konstruierte die Motorantriebe für die Lifte und Luftseilbahnen, die nun die Berge erklimmten und das Skifahren und Bergsteigen erleichterten.
Auch wenn wir in dieser boomenden Zeit aufwuchsen, lebten unsere Eltern uns ein achtsam bescheidenes Leben vor. Wir lebten sparsam. Wenn etwas gekauft wurde, dann mit Qualität, Handarbeit, guten Materialien, reparierbar. Auf billigen Schrott verzichteten unsere Eltern bewusst.
Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?

Manchmal erwachte ich aus dem Schlaf und fühlte das Innere meiner Mundhöhle als Gebirge, einen Wechsel von harten Zähnen und weicher Zunge. Ein besonderes Gefühl von Dreidimensionalität, die ich nicht wirklich beschreiben kann.
Auch kann ich mich an farbige Zahlen erinnern. Sie waren wie bei einer Uhr im Kreis aufgereiht. Jede Zahl hatte eine andere Farbe. Die 4 war glaube ich violett, die 2 gelb und die 3 orange. Mit dem Eintritt in die Schule verschwanden diese Farben. Wenn ichs als Kleinkind aufgezeichnet hätte, wäre es heute gewiss spannend zu sehen, wie ich die Zahlen erlebt habe.
Doch das beglückende Gefühl, wenn ich Dreidimensionalität erlebte, blieb. Beim Häuserbauen mit Legosteinen (die ursprünglichen regen die Phantasie an, grossartig), beim Spielen mit Plastillin, auch später, als ich lernte, beim Zeichnen mit Schatten und Perspektiven eine Dreidimensionalität darzustellen.
Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?

Meine Eltern haben viel mit uns gesungen: Heile heile säge (ein vorchristliches rituelles Lied vermute ich) oder Chumm mir wie ga Chrieseli günne zum Beispiel, das ich immer mit viel Lust und Lebenssehnsucht gesungen habe. Oder Schneeglöggli lüüt, Ja oisi zwoi Chätzli, Inestäche Umeschlaa, Alli Vögel sind scho daa, Hinderem Huus vorem Huus, dZyt isch do, Alles neu macht de Mai, Meiechäfer flüg, Roti Rösli im Garte, Ich han e chlises Schiffli (ja, das habe ich, auf dem Bootsplatz im Kusen Küsnacht, auf dem ehemaligen Grundstück unserer Grossmutter), Mys Chindli chum weidli, Da höch uf denAlpa, Jungi Schwän und Äntli, SchnäggeSchnäggeHüüsli, Ja oisi zwoi Chätzli, Det äne am Bergli, Ringelringel Reihe, RägeRägetröpfli, Tirlitänzli Chatzschwänzli, Schuemächerli Schuemächerli, Ryte ryte Rössli (auf den Knien meiner Mutter, das war wunderschön), Chindli my, Still still still wils Chindli schlafe will, Schlaf Chindli schlaf, ich ghöre es Glöggli, der Mond ist aufgegangen, Weisst du wieviel Sternlein prangen (eines meiner Lieblingslieder), es scheielet es beielet, Saminigginäggi hinderem Ofe stäggi, Stille Nacht, Ihr Kinderlein kommet, O du fröhliche, O Tannenbaum, O Tösstalbahn, ....
Meine Mutter hat ein Liederbuch mit mehreren Durchschlägen getippt (während sie auf meine Geburt wartete?), darin sind viele Weihnachtslieder, die wir jeweils am Heilig Abend gesungen haben. Und: ganz wichtig - alle Lumpeliedli, die unser Vater so liebte und mit der Handorgel begleitete: Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum, Im schönsten Wiesengrunde, Quattro Cavai che trottano, S'isch mer alles ei Ding, Im Aargäu sind zwoi Liebi (eine wunderbare Verbundenheit mit unserer Heimat, der Schweizer Landschaft, vielleicht sind das Lieder der Reisläufer mit der Schweizer Krankheit, dem Heimweh), das Wandern ist des Müllers Lust (ja, Wandern, das liebte unser Vater, damit zeigte er uns die ganze Schweiz), La Haut sur la Montagne, auf der Schwäbschen Eisebahne, ...
Meine Eltern haben uns auch viele Geschichten erzählt und aus Büchern vorgelesen, das waren schöne warme Momente. Unsere Mutter las aus Sylvia Semperts Gschichte zum Vorläse in wunderbarem Zürcher Oberländer Dialekt vor, der Vater über die Rigi-Bergbahn oder Alois den Kondukteur.
Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?

Mein Götti blieb mir fremd. Meine Mutter litt darunter, dass ihre Eltern ihn so sehr bevorzugt hatten. Als ich zwanzig wurde sagte er, ich solle etwas kaufen, das ich mir wünschte, er würde es mir dann bezahlen. Ich kaufte mir Ohrstecker mit je einem blauen Saphir. Bezahlt hat er sie nie.
Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?

Wohnte noch jemand bei euch?

Es wohnte auch Frau Lehmann da, die bekam Zwillinge. Sie zeigte uns, wie sie die Babies versorgte und wir durften ihr auch helfen. Das war sehr schön und liebevoll.
Wir hatten zudem das Glück, mit dem reichsten Mann der Welt im Haus wohnen zu können. Herr Brauchli - er war Kioskbesitzer und verkaufte die tollsten Süssigkeiten. Wir waren sehr stolz auf ihn.
Später, als wir in die Zürichseegemeinde Küsnacht umzogen, wohnten wir mit Grosi, der Mutter unseres Vaters und seiner Schwester Brigitte. Wir durften immer zu ihnen gehen, wenn wir wollten. Grosi trug meistens ein Deux-Piece, das sie von ihrer Schneiderin nähen liess. Hierfür suchte sie im Seidengrieder einen schönen Stoff aus und das Futter dazu. Ich durfte ab und zu mitgehen und war beeindruckt über die schönen Stoffballen, die elegante Art und Weise, wie der Stoff geschnitten wurde. Vor allem hat mich das schöne Griedergebäude beeindruckt, dessen Treppenhaus heute noch zugänglich ist (hoffentlich noch lange). Das ganze krönte ein Stoffhut aus demselben Stoff. Sie war immer sehr elegant und sah stets wie Queen Elisabeth II aus. Manchmal frage ich mich, ob sie auch im Internat in Rolle war.
Da sie im Dorf aufgewachsen war, kannte sie viele Leute im Dorf. Wenn sie mit dem Posti-Wägeli aus Korbgeflecht im Dorf Kommissionen machte, gab es auf dem Weg immer wieder einen Schwatz.
In unserem Mehrfamilienhaus wohnte auch Familie Alder mit Sohn Robin. Gegenüber war eine schöne Wiese mit Turngeräten von Alder&Eisenhut. Michael Schollenberger hat kürzlich einen Vortrag gehalten über die Geschichte von Alder&Eisenhut, mit der er verwandt ist. Sie kann auf ihrer Webseite nachgelesen werden.
Es wohnte auch ein pensioniertes Paar aus Amerika da. Sie war Kettenraucherin und er las gerne. Es war sehr deutlich, wie sehr die beiden sich mochten. Und sie backten Brownies mit uns, die etwas salzig schmeckten. Sehr köstlich.
Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?

Erinnerst du dich an Filme und/oder TV-Serien?

Erinnerst du dich an deine Bilderbücher, Tonbandkassetten, CDs, usw. oder an solche, die deine Freunde oder Freundinnen besassen?

Erinnerst du dich an die Geburt von Geschwistern? Was hattest du dabei für Gefühle?

An die Geburt meiner Schwester erinnere ich mich gut. Am Tag davor, ein Sonntag, besuchten wir das Schloss Rapperswil. Am Montagmittag hatte meine Mutter die ersten Wehen. Sie sagte: "Was soll ich nur tun?" Ich sagte zur ihr: "Ruf Papi an der Arbeit an, nimm ein Taxi und geh ins Spital." Am Nachmittag, nach dem Kindergarten, durften mein Bruder und ich zu unserer Grossmutter gehen, die im selben Haus wohnte. Sie machte Dampfnudeln mit Zwetschgenkompott für uns - unsere Lieblingsspeise. Sie schlug den Hefeteig eine halbe Stunde lang, formte Kugeln, die sie in eine selber gemachte Caramelsauce legte und dann in den Ofen schob. Von der Caramelsauce durften wir immer das harte Caramel vom Holzlöffel abknabbern.
So gegen 17 kam unser Vater nach Hause und rief stolz: es ist eine Katharina Esther!
Ich war sehr glücklich mit zwei Geschwistern. Katrin zum Bäbele und Schöppele, Peter zum Legospielen und draussen auf Nachbarswiese auf Alder&Eisenhuts Turnstangen herumhängen.
Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?

Wovor hattest du am meisten Angst?

Auch vor den Schulkindern hatte ich Angst. Sie jagten mich auf dem Schulweg. Oft planten sie bereits während dem Unterricht, wen sie nachher abschlagen wollten. Oft weigerte ich mich, auf den Berg in die Schule zu gehen, wollte mit meinen Geschwistern ins Dorfschulhaus. Doch meine Mutter sagte nur: "Was soll ich nur tun?"
Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?

Oder wir gingen wandern. Ich liebte die Natur, hätte gerne mit Moos und Eicheln ein Nestli für die Zwerge im Wald gebaut. Doch mein Vater liebte achtstündige Wanderungen und alle mussten mit. Oft weinte ich aus Erschöpfung, vor dem Hungerast, wegen der grossen Blasen in den Wanderschuhen, die irgendwann aufplatzten und bluteten. Ich kann mir nicht erklären, wie meine Eltern das ausgehalten haben. Einmal habe ich mich durchgesetzt und blieb alleine zuhause. Das war ganz schrecklich so alleine. So bin ich dann die nächsten Male wieder mitgegangen.
An Weihnachten haben wir immer gesungen. Meine Mutter hatte - als Sekretärin - unsere Hauslieder in ein Büchlein abgetippt. Das begann mit O Tannenbaum und endete mit Oh Tösstalbahn, den Lieblingslumpeliedli meines Vaters. Mit der Zeit wurde mir das etwas peinlich. Meine Schwester führt diese Rituale fort - und ich bin ihr dankbar dafür.
Wie haben eure Mahlzeiten ausgesehen?

Über Mittag gab es einen Auflauf, den konnte meine Mutter in den Ofen mit Timer stellen und dann einkaufen gehen. Wenn wir dann von der Schule nach Hause kamen und sie noch nicht da war, assen wir das von ihr Vorbereitete.
Abends gab es Cafe Complet mit Milchmöcke. Altes Brot weichten wir in der warmen Milch auf. Dazu gab es Käse.
Dazu die Radionachrichten über Mittag oder das Echo der Zeit am Abend.
Was waren damals deine Lieblingsessen?

Wenn es Siedfleisch mit Markbein gab, war das ein Fest. Unser Vater verteilte das Mark gerecht und strich es auf ein Stück Brot. Den gekochten Sellerie und den Lauch mochten wir weniger.
Meine Grossmutter war ursprünglich Bauerntochter. Sie kochte gerne Rinds- oder Kalbszunge mit Dörrbohnen. Oder Hackbraten im Bauchnetz. Oder Basler Mehlsuppe mit gerösteten Brotwürfeln. Unsere Tante bereitete die Vorspeise zu: belegtes Partybrot mit "Fliegenpilzen" (Ei auf einer halben Tomate) und ganz fein geschnittenen Schnittlauchrollen.
Wer war für dich die einflussreichste Person?

Grosstante Nelly kümmerte sich sehr um unsere Familie, lud uns ein, zu ihr nach Hause oberhalb dem Schübelweiher oder nach Feldbach, wo wir die schönsten Sommerferien erleben durften, wie die Turnachkinder. Ich vermute, hier ist eine der Grundlagen, dass ich mich mit der Natur so verbunden fühle: die Haubentaucher, Schwäne, Entlein, Eglifische, Albeli. Die Fledermäuse im Dachstock der Scheune, die als Badehaus diente, der Gesang der Vögel, der Eisvogel.
Mir scheint, sie kümmerte sich auch um uns, wenn unsere Mutter so schwere Depressionen hatte. Schaute, dass unsere Mutter sich im Frauenverein wohl fühlte.
Dass ihr Mann, Dölf Walcher (Stoffwalker aus dem Glarnerland), all ihr Geld verzockte während er mit kriegerischen (wohl imaginären) Heldentaten prahlte, erfuhr ich erst viel später von Susette (Susanna) Lagardiér-Ryffel. Ihre Familie kaufte Nelly das Bootshaus in Feldbach ab. So konnte Nelly sich ein standesgemässes Leben leisten. Niemand wusste davon. Unser Vater war schockiert, als er durch ihr Testament davon erfuhr und sagte: "Wir hätten doch helfen können, warum hat sie uns nicht gefragt?"
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?

Meine Mutter fuhr gerne und gut Auto und rauchte ab und zu auf dem Liegestuhl auf dem Balkon, wenn sie eine Pause vom Haushalten machte. Sie führte auch das Haushaltsbuch mit doppelter Buchhaltung. Meinem Vater war es wichtig, dass sie die Familienfinanzen führte.
Sie arbeitete ehrenamtlich für den Frauenverein als Quästorin und besuchte vereinsamte Senior:innen im Alten- und Pflegeheim Tägerhalde. Ob ihr dies Freude bereitete, weiss ich nicht. Denn zusätzlich pflegte sie Onkel Eugen und Grossmutter Emy bis in den Tod.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?

Sie liebte den Garten. Ich denke sie wusste viel über die Gartenarbeit von ihrer Mutter in Uetikon. Der Umgang mit den verschiedenen Apfelsorten war ihr geläufig, auch welche man über Winter lagern kann. In ihrer Aupair-Zeit in London bei Familie Pigott(?) lernte sie den Englischen Garten kennen. Darum waren ihr die verschiedenen Rosen im Garten so wichtig.
Sie liebte das Schwimmen im See, hier sah ich sie lachen und den Tag geniessen.
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?

Obwohl sie gleich gegenüber der Schule wohnte, hat sie einmal den Schulsylvester verschlafen. Damals war es ein Ritual, dieses Kind im Nachthemd von zuhause abzuholen und auf dem Leiterwagen durchs Dorf zu fahren. Wie sie sich wohl dabei gefühlt hat?
Wie sie den Krieg erlebt hat, weiss ich nicht. Doch sie hatte eine schwere Kindheit. Aus einem mir unbekannten Grund war ihre Mutter (unsere Grossmutter vom Sternenberg) sehr hart mit ihr. Sie musste die Expressbriefe bereits als Kind den Berg hinauf tragen. Ihr jüngerer Bruder wurde sehr bevorzugt, erhielt das Herrenzimmer, während sie im Mansardenzimmer im Estrich schlafen musste, ohne fliessend Wasser nur mit Wasserkrug und Becken. Im Winter, sagte sie, sei ihr das Leintuch an den Lippen festgefroren. Während er eine Bank-Ausbildung machen durfte und nach Spanien reisen, wurde sie von ihrer Mutter aus der Handelsschule in Neuenburg nach Hause geholt, weil sie sich dort verliebt hatte. Ein schwerer Schock für sie. Ihr Freund wollte sie mit dem Velo besuchen kommen, doch sie durfte das Haus nicht verlassen, als er vor der Tür stand. Von diesen Traumata erzählte sie oft. Ob sie noch weitere Misshandlungen erleben musste, weiss ich nicht. Aufgrund ihrer schweren Depressionen vermute ich das.
Unsere Mutter weinte oft über (Erb-)Streitigkeiten mit ihrem Bruder Ruedi (mein Götti). Das war schwer, vor allem auch weil unser Vater sich hier stark einbrachte, sogar mal mit ihm schlegelte - sie schlugen sich gegenseitig am Esstisch.
Elsbeth Wyss war ihre Nachbarin und ging mit ihr zur Schule. Die Freundschaft hielt ein Leben lang. Ihre Töchter Theres und Fränzi sind sozusagen unsere "Cousinen".
Ihre erste Arbeitsstelle nach der Sek war beim Steueramt Uetikon. Später arbeitete sie bei der Rück (Schweizerische Rückversicherungsgesellschaft) als Sekretärin und lernte dort Martha Trindler kennen. Auch sie wurde eine gute Freundin über ihr ganzes Leben hinweg. Für mich war Martha eine sehr interessante Frau. Sie reiste viel und weit in der Welt herum, liess sich nach Konflikten mit ihrem Chef frühpensionieren und kaufte sich einen Heissluftballon, mit dem sie an internationalen Wettbewerben teilnahm und bis ins Alter von 80 Jahren mit Lust und Freude fuhr (herumflog). Unsere Eltern begleiteten sie oft als Bodentrupp für den Start und die Landung. Sie kaufte sich eine Eigentumswohnung in Zumikon. In Flims hatte sie eine Ferienwohnung. Dort, beim Skifahren, lernte sie mit 70 Jahren den 63-jährigen Felix Lötscher kennen, einen pensionierten Architekten, der mit Leidenschaft zeichnete und malte. Von ihm erhielt ich das Aquarellbild mit dem blühenden Kirschgarten.
Über Martha lernte sie unseren Vater Walter Hug kennen. Da unser Vater in Brugg wohnte und Martha in Baden zustieg, kannten sich die beiden recht gut. Mein Vater konnte sich jedoch keine Beziehung mit ihr vorstellen (zu selbstbewusst). Martha stellte hierauf unsere Eltern einander vor. Ich habe unsere Eltern als ein gutes, sich gegenseitig liebendes und tolerantes Paar erlebt.
Wie würdest du sie beschreiben?

Sie liebte Literatur und Musik. Der Schallplattenspieler lief oft, sei es mit Mozart oder Bruckner-Musik, oder Amerikanischem Sound wie z.b. "If I had a Hammer". Die regelmässigen Tonhallenbesuche zusammen mit ihrer Freundin Martha Trindler, die unsere Eltern zusammenbrachte, bedeuteten ihr viel. Sie war sehr belesen und wirkte in einem Literaturclub mit.
Ich denke, sie war sehr intelligent und hat darunter gelitten, dass sie keine Ausbildung machen durfte.
Trotz ihrer Depressionen hatte sie grosse Freude mit uns Kindern. Die Kasperlitheater waren legendär. Sie hat mit uns gekocht, Guezli gebacken, auf eine breite Bildung geachtet und uns ein schönes Mundartdeutsch beigebracht.
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?

Später, bei einem Date auf dem Bellevueplatz, fragte er unsere Mutter, ob sie kochen könne. Das war der Heiratsantrag, erzählte sie uns später.
Ich denke, die beiden haben sich gut ergänzt und geliebt. Beide hatten eine schwere Kindheit und damit verbundene Traumata. Diese konnten sie zusammen ausgleichten (und aushalten?). Wenn ich durchs Dorf Küsnacht spaziere werde ich immer wieder darauf angesprochen, wie sehr sich die beiden geliebt hätten.
Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?

Sie ging gerne in eine Boutique in Rapperswil. Ich denke, sie war einerseits froh, hat die Verkäuferin sie angerufen, wenn passende Kleidung ins Sortiment kam. Anderseits hat sie wahrscheinlich den Ausflug nach Rapperswil genossen.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?

Mein Vater war ein hochsensibler und hochbegabter Mann. Sehr intelligent mit einem riesigen Wissensschatz. Er kannte sozusagen alle Berge und Täler und Seen und Flüsse und Städte und Dörfer. Die Geologie, die Geografie, die Geschichte, die Tierarten, ... alles hatte er präsent.
Auf den langen Wanderungen zeigte er uns die Schweiz, ihre Landschaft, das bäuerliche Leben und die Frühindustrie an den Wochenenden und in den Schulferien ... wir erwanderten die Tremola, das Wallis, den Jura, das Gotthardmassiv, die Alpenpässe, ... Er sprach mit den Leuten, denen wir begegneten, dem Kondukteur im Zug, dem Bergbauern auf der Alp. Es war ihm wichtig, dass wir uns mit Sonnenschutz eincremten. Die heutigen Sonnencremes waren ihm zwar ein Graus, denn er erzählte, dass das mit Tierfett und Ocker (geriebener gebrannter Ton) besser und nachhaltiger sei.
Er konnte unzählige Lieder auswendig singen und sie mit seiner Handorgel begleiten. Hier wurde seine Lebensfreude, seine Geselligkeit deutlich spürbar. In der Kirche sang innig er mit klarem Tenor.
Er war ein begabter Zeichner. Mit Bleistift und Farbstiften, auf dem Reissbrett als Maschinenbauingenieur für Skilift-Getriebemotoren. Das Zeichnen brachte er uns bei - ich fand es etwas zu klar und schematisch, doch als Grundlage war seine Zeichentechnik wunderbar.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?

Er erzählte uns viel von der Landschaft, durch die wir gingen, zeigte uns Fossilien im Juragestein, den Ruf und Flug von Milan und Wey. Schilderte uns die Bergspitzen des Alpenpanoramas und die Geschichten dazu, wie Suworow die Alpen überquerte und vieles mehr.
Sonnencreme hasste er, doch meine Mutter bestand darauf, dass wir uns eincremten, wofür ich ihr heute sehr dankbar bin. Er schwor auf Schmalz (gesottenem Fett) und dem Staub von gebranntem Ton. Das ist eine uralte Technik, die - so beschreibt es eine neue Studie - bereits die Neandertaler benutzten und die in anderen Kontinenten noch heute sehr gebräuchlich ist. Wo er dieses Wissen wohl her hatte?
Auf der Rigi wurde deutlich, wie verbunden er mit dem Berg und den Menschen, die hier lebten, war. Im Hotel Desalpes verbrachte er mit seiner Mutter viele Ferien. So war er mit der Familie, die das Hotel führte, eng vertraut, auch dem etwa gleichaltrigen Sohn, der Trisomie 21 hatte.
Wenn wir müde waren, sang er mit uns:
Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundvierundfünfundsechsundzwanzig, siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreissig - trallalah, lalah, trallalallah, lalah. Vorwärts rückwärt seitwärts ... das war wohl ein Kriegslied, doch wir lernten so zählen und im gemeinsamen Takt gehen.
oder das Aargauer Lied: s'isch mer alles ei Ding, öbi lach oder sing, hanes Härzeli wienes Vögeli, darum liebeni so ring. Und mis Härzli isch zue, s cha mer s niemert uftue, nur es äinzigs schlaus Bürschteli (Mäiteli) hät es Schlüsseli derzue. Und du bruchsch mir nit z'trotze, ja sosch trotz i dir au; so-n-es Mäiteli (Bürschteli) wie du äis bisch, so-n-es Bürschteli (Mäiteli) bin-i-au. so-n-es Bürschteli (Mäiteli) wie du äis bisch, so-n-es Mäiteli (Bürschteli) bin-i-au. Drum isch mer alles ai Ding, ob i lach oder sing, han es Härzeli wie nes Vögeli, darum lieben i so ring.
Oder das Schwabenlied: Des Nachts weni heim soll gehn, tuet mir mei Chnode so weh, ...
Wenn wir rasteten, ein Feuer machten und Würste brateten, wollte ich mich meist zum Moos zwischen den Eichenwurzeln und den Eichel- und Tannenzapfenzwergli zurückziehen. Doch manchmal holte er Papier und Farbstifte heraus und zeigte uns, wie man die Landschaft zeichnet und die Farben schraffiert. Die Wälder je nach Beleuchtung blau oder violett.
Wenn ich das schreibe spüre ich, wie Vaters Verbundenheit mich geprägt hat.
Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?

Für den zweiten Weltkrieg musste er eine Frühmatura abschliessen und wurde dann als Soldat an die Grenze geschickt.
Wie es ihm wohl da ergangen ist? Er sprach nur über seine Kompaniefreunde, die er jährlich traf. Und er pflegte und hegte seine Uniform, den Tornister, die Nagelschuhe, die Pistole, die Soldatenlieder.
Er hatte zwei Schwestern: Elisabeth und Brigitte. Elisabeth die die Begabte gewesen. Alle bedauerten es sehr, als sie anfangs 1950er Jahre heiratete und in die USA nach Seattle auswanderte.
Brigitte hingegen war uns sehr vertraut. Sie war eine Frühgeburt, weil ihre Mutter Emy beim Baden in der Badewanne stürzte. Der Vater habe den wackeligen Fuss der Badewanne nicht repariert. So kam Brigittli mit 7 Monaten ins Spital Aarau. Emy hatte wenig Zeit und Gelegenheit ihre Tochter zu besuchen. Später bekam Brigittli auch noch Kinderlähmung, worauf sie mit leicht spastischen Bewegungen zu kämpfen hatte. Später kam heraus, dass sie einen Herzklappenfehler hat. Dh. Brigitte musste einige grosse Hürden in ihrem Leben bewältigen. Ihrer Mutter Emy war es wichtig, das beide Töchter eine gute Ausbildung machten. So kam Brigitte in eine Privatschule, damit sie an der Töchti Kindergärtnerin werden konnte. Sie liebte diesen Beruf und engagierte sich sehr. Zuhause flickte sie stets an den Bastelarbeiten ihrer Schüler:innen. In der Schulgemeinde Schlieren war sie sehr geschätzt. Sie wohnte (bis auf einen kurzen Versuch alleine zu wohnen) stets mit ihrer Mutter und war zufrieden so, scheint mir.
Dass ich Brigitte, meine Patin, ins Altersheim und in ihren Tod begleiten durfte, bedeutet mir viel. Über sie habe ich Wichtiges über das Leben und das Sterben gelernt (vgl. meine Semesterarbeit "Dinge im Altersheim").
Wie würdest du ihn beschreiben?

Unser Vater wurde rundum von der Erwachsenen sehr geschätzt. Seine Präsenz und Verlässlichkeit machten ihn zu einem verlässlichen Geschäftspartner, politisch engagierten FDP-Mitglied, Quästoren in der Holzkorporation Küsnacht und engagnierten Kirchgemeindepräsidenten.
Zugleich wirkte er steif und gestresst auf mich. Sein Schweiss war mir unangenehm. Er erzählte öfters, dass ihn schwere Alpträume plagen. Ich führe seine Anspannung auf mehrere belastende Kindheitserfahrungen zurück.
Die erste war der Verlust des Nachbarkindes: als 5-Jähriger wollte er dem Nachbarkind eine Höhle an der Uferböschung der Aare zeigen. Als er sich einmal umwandte, war das Kind veschwunden. Es wurde nie mehr gesehen. Es gab eine Gerichtsverhandlung und letztlich mussten er und seine Familie aus der Nachbarschaft wegziehen. Er ging nicht in den Kindergarten, sondern blieb bei seiner Mutter zuhause. Sie liess ihm Zeit, um wieder Sicherheit zu finden und zeigte ihm das Nähen mit der Nähmaschine, die mit einem verzierten Fusspedal angetrieben wurde.
Die zweite war sein jähzorniger Vater. Ob er sadistisch war oder eine Krankheit hatte, weiss ich nicht. Ich nehme an, er hat meinen Vater oft geschlagen. Er sagte einmal: man muss dem Aggressor einfach ins Gesicht lachen und seine Angst nicht zeigen. Er wurde auch im Keller eingesperrt in ein Kellerabteil mit Lattenabschrankung. Interessanterweise habe ich mal davon geträumt. Wahrscheinlich wusste ich bereits als Kind davon und habe das entsprechende Kellerabteil gekannt.
Eine weitere schreckliche Erfahrung war sein Handharmonika-Lehrer, der das Schnäbi meines Vaters berührte. Was genau passierte, weiss ich nicht. Unser Vater erzählte einmal davon beim Weihnachtsessen. Wahrscheinlich erinnerte er sich daran, während er uns mit der Harmonika beim Singen der Weihnachtslieder begleitete. Als ich nachfragen wollte, intervienierte meine Schwester, das sei kein weihnachtliches Thema, womit sie natürlich recht hatte. Doch der Moment des Erzählen- und Zuhörenkönnens war vorbei.
Insgesamt erlebte ich ihn sehr naturverbunden. Er wusch sich mit Wasser (ohne Seife) und bürstete seine Zähne ohne Zahpasta. Doch seine Haare kämmte er mit Brillantine, das war ihm sehr wichtig, lustigerweise. Meine Mutter kämpfte sehr mit ihm über seine Körperpflegegewohnheiten. So bin ich ihr sehr dankbar, dass sie täglich darauf achtete, dass wir unsere Zähne sorgfältig pflegten.
Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?

Wie würdest du dein Elternhaus und euer damaliges Familienleben beschreiben?

Für mich schwieriger war es, dass ich den Temposchalthebel an der Märklin Eisenbahn nicht bedienen durfte. Mein Job war einzig, beim Schienenaufbau zu helfen und die umgefallenen Wagen und Lokomotiven wieder aufstellen. Das hat mich sehr gekränkt.
Auch schwierig war die Erfahrung, dass mein Bruder von Onkel Eugen ein Rennrad erhält und ich - auch als ich nachfragte - kein Velo. Letztlich fragte ich meine Grossmutter, ob ich ihr altes haben dürfe. Ich liess es dann vom Velohändler am See unten reparieren und malte es orange-blau an. Der Schmerz der Minderwertigkeit hing trotzdem tief. Meine Schwester erhielt dann ein Klappvelo, das jedoch nicht belastbar war, worauf sie bei einer Schnellfahrt die Allmend hinunter einen schweren Sturz hatte. Bei Veloausflügen waren wir Schwestern deutlich langsamer als unser Bruder auf dem Rennvelo und galten daher als unsportlich.
Am Schlimmsten war für mich, dass ich das Gymnasium nicht besuchen durfte, obwohl mein Klassenlehrer und die Berufswahlberatung dies aufgrund der Tests empfahlen. Und als ich realisierte, dass mein Bruder ins Freigymi geht, hatte ich einen Zusammenbruch. Ich stürzte beim Turnen und verletzte meinen rechten Fussknöchel, den ich heute noch nur mit Physiotherapie beweglich erhalten kann. Ich denke, das war einer der Auslöser, der mich von der Familie distanzierte.
Ich habe mich in der Folge vor allem mit Frauenbewegungsliteratur und Psychologie auseinander gesetzt.
Hast du Erinnerungen an das damalige Verhältnis deiner Eltern zu Behörden und Obrigkeit? Zur Kirche?

Was für andere Objekte, wie Möbel Geschirr, usw. hast du von ihnen geerbt und behalten?

Der schwarze Klavierstuhl, auf dem ich am Schimmelklavier, das bei Katrin steht, das Klavierspielen erlernte.
Der grüne Ohren-Lesesessel, der nun im beigen Schildkrötenmuster bezogen ist.
Von Emma Hug-Abegg: Blaue Gartenbank aus Holz, Glaskaraffen, Dessertgeschirr aus Kristallglas, Silbertablett von ihrem Vater Hermann Abegg. Grosses gebundenes Buch mit Weltkarten aus den Jahren 1743, 1792, ...
Von Nelly Walcher-Keller: Rosentalgeschirr, Kristallglas-Dessertgeschirr, Zinnbecher 1924.
Von Eugen Hug: Alter Holzschrank zweitürig. Ein Gobelin-Kissen mit Blumen bestickt.
Von Brigitte Hug: Die Schreibmeisterblätter von 1773-75 aus Uzwil-Henau. Sie waren Vorlagen, damit die analphabetischen Bewohner die Schrift- und Darstellungsform für ihre Heiratsanzeigen etc. auswählen konnten. Jeweils zu Ostern, Auffahrt, Pfingsten oder den Schulexamen schrieb der Pfarrer, auch Frauen(!) ein Exemplar. Drei sind bei mir, die anderen bei Peter und Katrin (die Texte von Frauen).
Von Emma Keller-Wolfensberger: Rosental-Teegeschirr und ein Biedermeierbänkli mit zwei Stühlen.
Von Luisli und Annemarie Gubler: ein Biedermeiersofa, der Kirschholztisch und die Stühle dazu sind bei Katrin.
Falls ein Elternteil, oder beide, schon gestorben sind, welche Erinnerungen hast du an ihren Tod?

Mein Vater realisierte erst nach seiner Pensionierung mit 67 Jahren, dass sie krank war. Das war schwer für ihn. Er weinte oft und sagte: "ich habe nicht gewusst, wie anstrengend das Haushalten ist, ich habe ihr nie dafür gedankt!"
Auch ich hatte Mühe mit der Krankheit. Es fiel mir schwer, sie einen Abend zu hüten, wenn mein Vater z.B. an die Holzkorporationssitzung ging. Ich warf den Wohnungsschlüssel in den Abfalleimer und hätte sie am liebsten die Treppe runtergestossen, so verzweifelt und aufgelöst war ich. So schaute ich, dass mein Vater Unterstützung erhielt, dass er Heimat fand in einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe, dass sie in die Tagesklinik im Altersheim gehen konnte (wo sie sich erstaunlich wohl fühlte, wahrscheinlich weil sie da nicht das Dummerli war).
Einmal sagte Vater zu mir: "jetzt weiss sic nicht mehr wie Sex geht". Das hat mich insofern überrascht, also ich mir nicht bewusst war, dass meine Eltern bis ins hohe Alter miteinander eine erotische Beziehung pflegten. Dass sie immer gerne körperlichen Kontakt hatten, sah ich schon, auch dass immer "die Pille" herumlag. Wie schön!
Als er sie nicht mehr pflegen konnte bzw. Umbauten notwendig gewesen wären für die Pflege, kam sie ins Pflegeheim. Ein schwerer Schritt für unseren Vater. Er sagte, jeder Tag sei ein Abschied. Das Pflegeheimpersonal schätzte ihn sehr. Er kam jeden Tag und sang mit den Anwesenden (wahrscheinlich seine Lieblingslieder).
3 Wochen vor ihrem Tod träumte ich, dass sie auf einem Bett lag und eine Stimme sagte: "sie geht jetzt zu ihrem Vater". Sofort ging ich sie im Pflegeheim besuchen. Ich war erschüttert. Ein Auge war ausgelaufen, sie war nur noch körperlich anwesend. Und doch war ich überzeugt, dass sie spürt, dass ich da war.
Etwa 2 Monate nach ihrem Tod hatte ich einen weiteren Traum. Meine Mutter sagte zu mir: "ich werde immer zu dir schauen!". Das stärkt mich.
Unser Vater war nach ihrem Tod erschöpft. Er bat mich inständig, zu ihm zu ziehen. Er würde auch ins Mansardenzimmer gehen und ich könne die 5-Zimmerwohnung im Parterre bewohnen. Ich konnte nicht. Ich wäre untergegangen, denke ich. Und zugleich macht mich das heute noch tieftraurig, dass ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte.
In seinem letzten Lebensjahr besuchte ich ihn immer Freitags, manchmal auch öfter. Um Zahlungsn zu machen und seinen Alltag zu besprechen. Ins Altersheim wollte er nicht. Nach einem Hirnschlag kam er dann ins Spital Zollikerberg. Da er die Schläuche aus Nase, Mund und Armen zog, baten die Ärzte meine Geschwister und mich zu entscheiden, ob er sterben dürfe. Ein schweres, gutes Gespräch zu dritt. In den verbleibenden 3 Tagen konnten ihn alle ihm nahestehenden Menschen besuchen und Abschied nehmen. Brigitte legte seine Lieblingsgsingbücher auf, und so sangen wir alle. Auch der Pfarrer musste "Auf der Schwäbschen Eisebahne singen". In seiner letzten Nacht sagte ich zu ihm: "Es ist alles gut. Es geht Katrin und ihrer Familie gut. Es geht Peter und seinen Töchtern gut. Es geht mir gut." Ich hoffe, das gab ihm den Mut zu gehen. Ich bin sehr bewegt, wenn ich das schreibe.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?

Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deines Grossvaters? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?

Was war seine berufliche Tätigkeit?)

Er hat sich sehr für das Heimatwerk eingesetzt, damit die Bauernfrauen ein kleines Einkommen durch den Verkauf ihrer selbstgemachten Produkte haben. Wenn ein Bauer den Stall renovieren wollte und er sah, dass die Bauernfrau in der jämmerlichen Küche litt, liess er gleich auch die Küche renovieren.
Von seinen Kindern erwartete er Bescheidenheit, man dürfe sich nicht über die anderen Menschen stellen. Man müsse auch den Bauern auf Augenhöhe begegnen.
Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?

Wenn sie haushaltete, durfte ich vor der Kellertür im Sand spielen. Wenn sie "Kommissione" machte, durfte ich mit ihr und ihrem geflochtenen Postiwägeli durch Brugg gehen: zur Post, zum Metzger, zum Beck. Unterwegs trafen wir viele Bekannte, mit denen meine Grossmutter sich austauschte. Die Milch stand morgens im Kessi im Milchkasten. Manchmal war sie gefroren, manchmal schwamm eine Haut darauf, die ich etwas eklig fand.
Später, als wir von Wallisellen nach Küsnacht zogen und sie dort auch eine Wohnung bezog, durfte ich bei ihr Spiele machen, Fernseh-schauen oder Blutorangen in schön bedrucktem Papier von der Casa del Mas, die im schönen Haus mit dem gewölbten Dach beim Bahnhof war. In ihrem Wellenschrank waren Guezli, eine grosse Versuchung für mich. Und im Sekretär im Geheimfach versteckt, waren Goldvreneli, die ich manchmal anschauen durfte.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deiner Grossmutter? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?

Die Abeggs haben eine lange, vielfältige Geschichte. Einerseits waren sie stets Gemeindeammann (Landschreiber in der Obervogtei Küsnacht, Untervogt, Seckelmeister, Gesellenwirt, Gemeindepräsident, Notar, Zunftrichter, Geschworener) und Nationalrat. Sie besassen als Grossbauern, Lehensleute oder Amtsknecht im Kornhaus Zürich viel Land. Sie betrieben u.a. Rebbau und führten eine Leihkasse mit der sie Kredite vergaben (vgl. Elisabeth Joris und Martin Widmer: Mutters Museum. Das Oberhaus und die ländliche Oberschicht am Zürichsee). Sie waren Soldat in Belgien, Fähnrich, Feldschreiber oder quartierten während der französischen Invasion und der Helvetik Russen, Österreicher, Franzosen und helvetische Truppen bei sich ein.
So war die Familie hochgebildet (bei mir sind zwei sehr interessante Bücher: ein Französisch Dixionaire in Leder gebunden aus dem Jahr 1757 oder älter sowie ein Atlas mit einer Sammlung von alten Karten aus dem 18. Jahrhundert). Die Söhne konnten im Ausland Ausbildungen als Weber und Tuchhändler machen und wirkten in der Rohseidenhandel- und Seiden- und Finanzindustrie machen. Einer gründete mit Escher zusammen die Schweizerische Kreditanstalt für den Bau des Gotthardtunnels.
Dank ihres Tagebuchs, das bei meiner Schwester ist, wissen wir, dass sie bei Kriegsausbruch im Internat im Welschland war. Ihr Vater konnte sie erst gegen Weihnachten nach Hause holen, dh. sie verbrachte längere Zeit alleine mit der Internatsleiterin. Auf der Heimfahrt, schrieb sie, seien sie beim Umsteigen in den Bahnhöfen über die Tornister der Soldaten geklettert. In ihrem Tagebuch schreibt sie auch vom Glück des Wanderns in den Bergen, von den Narzissenfeldern (sie nahm ein paar Zwiebeln mit und pflanzte sie jeweils dort ein, wo sie wohnte, auch am Schiedhaldensteig in Küsnacht).
Da unsere Grossmutter starken Heupfnüsel hatte, wahrscheinlich war sie Asthmatikerin, verbrachte sie den Frühling auf der Rigi, bis die Pollen im Unterland verflogen waren. So war unser Vater mit der Familie des Hotels Desalpes eng vertraut. Ein Ausflug auf die Rigi gehörte zum Familienausflugsprogramm. Und es war naheliegend, dass ich mit 14 Jahren beim Bauern Camenzind im Rigi-Staffel den "Landdienst" machte. Dass ich mithelfen durfte beim Heuen der Bergwiesen war ein prägendes Erlebnis für mich - ich hätte gerne die Sense geschwungen, wie der Schelber-Heiri, der Nachbarbauer, der beim Heuen mithalf.
In ihrem Tagebuch schrieb sie auch, wie schön die Heuete in Küsnacht ist. Und wie sie das Segeln mit ihrem Cousin (Paul?) genoss, wie das Wasser spritzte.
Als der zweite Weltkrieg ausbrach, hatte sie grosse Angst, erzählten mein Vater und meine Tante. Ihr Mann, Paul Hug, war Oberst und ging zum Gotthard, um die Schweiz zu verteidigen, während sie mit Haus und Kindern in Brugg nahe der Grenze lebte. Es gab Lager mit Kriegsgefangenen. Unsere Grossmutter stellte für jedes Kind einen Koffer ins Hotel Desalpes auf der Rigi und sagte den Kindern: Wenn was ist, ihr wisst wie ihr ins Desalpes kommt.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?

Hier durften wir unsere Sommerferien geniessen - die Eisvögel, Haubentaucher, Schwäne, Entlein, Fledermäuse, ... die eindrücklichen Gewitter und Stürme. Als eine Pappel auf den Weg fiel, hat unser Vater sie mit uns zusammen mit der grossen Handsäge zersägt. Ein eindrückliches Erlebnis.
Balti, ihre eng vertraute Freundin, die Lehrerin werden durfte. Emma Baltensberger (8.11.1887-4.12.1979) blieb ledig und dadurch selbständig. Sie wohnte zuoberst im Pulverturm an der Alten Landstrasse, gegenüber vom Mehrfamilienhaus, das unser Vater nach Plänen seines Vaters Paul Hug auf das Reb-Grundstück unserer Grossmutter baute. Als sie 1965 mit uns zusammen dort einzog, konnte sie diese Freundschaft wieder intensivieren. Später wohnte Balti am Otto-Lang-Weg und noch später im Altersheim Wangensbach, wo meine Grossmutter und ich sie öfters besuchten. Von ihr besitze ich ein kleines Fotoalbum mit Fotos vom Küsnachter Tobel, leider undatiert, doch wahrscheinlich Anfang 20.Jh. aufgenommen.
Eugen Hug, der jüngere ledige Bruder unseres Grossvaters Paul Hug, blieb nach dessen Tod ein enger Vertrauter. Er war Agronom-Ingenieur, betrieb einen Kiosk beim Zürcherzoo, arbeitete für Migros (Milch und Yoghurt) und erzählte viel vom Dutti, dem Migrosgründer, war Kirchenpfleger beim Grossmünster. Am Fernseher lernte unsere Grossmutter russisch, damit sie mit ihm zusammen eine Reise nach Russland machen konnte. Auch nach Afrika reisten sie, und machten auch eine Safari. Wir liebten seine fröhliche lustige Persönlichkeit. Als er an Krebs erkrankte, nahm unsere Grossmutter ihn zu sich nach Hause. So erlebten wir, wie er zuhause sterben durfte.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?

Er kam aus Grüningen (11.7.1888-15.7.1957) und hatte einen Bruder, Fritz Keller, der in Schalchen bei Wila einen Bauernhof betrieb. Von diesem erhielten wir jährlich per Post verschiedene Würste von der eigenen Schlachtung: Blutwurst, Leberwurst, getrocknete Landjäger. Wenn er und seine Familie uns in den 1960er besuchten, wollten sie immer den Flughafen besuchen. Wenn wir sie besuchten, war ich beeindruckt von dem harten Leben mit Schweinen, Kühen, den Sorgen mit den von Hundekot verschmutzten Magerwiesen, auf denen die Kühe weideten. Seine Frau Marie Keller-Hoffmann war sehr erschöpft und klagte stets über gesundheitliche Probleme, Arztbesuche und Spitalaufenhtalte. Ihre drei Kinder, unsere Cousins, waren herzlich und sehr arbeitsgewohnt. Der Älteste Sohn Bruno, war sehr lustig und charmant. Er durfte keine Ausbildung machen, weil er den Hof übernehmen sollte. Sein jüngerer Bruder Fritz musste eine Metzgerausbildung machen und seine Schwester Nelly eine Metzgereiverkäuferinnen-Lehre. Bruno heiratete dann Christine Heiz und versuchten den Hof zu übernehmen. Doch seine Eltern wollten nicht ins Stöckli umziehen. So stellten sie ihr Ehebett im Treppenhaus auf. Sie bekamen 3 Kinder. Es muss eine sehr schwierige Situation mit den (Schwieger-)Eltern gewesen sein. Bruno begann zu trinken und erhängte sich mit 42 Jahren am 13. Mai 1994 im Tenn. Bei der Abdankung in der Kirche nahm der Pfarrer die ganze Bevölkerung in die Pflicht: sie hätten Bruno stets Bier und Wein nachgeschenkt, auch wenn er bereits betrunken gewesen sei.
Otto Keller heiratete zunächst Sophie Bader aus Langenbruck (Heiratin Liestal), die jedoch bereits 1921 mit 33 Jahren starb. Hierauf heiratete er mit 37 Jahren unsere 25-jährige Grossmutter Emma Wolfensberger vom Sternenberg am 2.7.1925
Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?

Sternenberg ist die höchste Gemeinde im Kanton Zürich, von dort wandert man auf den höchten Zürcher Berg, das Hörnli. Die Gemeinde führt mit einem direkten Pass in die Kantone Thurgau und St. Gallen. 1836 erlebte Sternenberg einen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Heimspinnerei. Das führte zu massiven Abwanderungen nach New York, Holland, ... Die verbleibende Bevölkerung hielt sich mit Viehwirtschaft, Korbflechten und Drechslerei über Wasser. Erst 1911 kam die Pferdepost nach Sternenberg. Ab 1929 kam die Post dann mit dem Postauto.
Emma erzählte uns, wenn wir bei ihr in den Ferien waren, viele Geschichten aus der Familie. Von einem Onkel zum Beispiel, der während der russischen Revolution nach Russland in eine Kolchose ausgewandert sei. Sie hätten nie mehr etwas von ihm gehört.
Emmas Eltern waren Elisa Keller aus Andelfingen (1872-1945) und Johann Jakob Wolfensberger (1865-1944), Wirt, Oberleutnant, Posthalter und Gemeindepräsident in Sternenberg. Sie heirateten 1894. Wolfensbergers führten in Sternenberg über Generationen hinweg das Hotel (das vor ein paar Jahren abgebrannt und nun wieder eröffnet ist).
1895 kam ihr Bruder Max Jakob Wolfensberger zur Welt. Er wurde ein sehr bekannter und wohlhabender Frauenarzt mit Praxis an der Rämistrasse 2 in Zürich. Auch unsere Mutter ging zu ihm für die gynäkologischen Belange. Wahrscheinlich sind wir unter seiner Obhut geboren worden. Für mich ist das seltsam unangenehm, dass sie ihren Onkel als Frauenarzt hatte.
Sie heiratete mit 25 Jahren den verwitweten Posthalter Otto Keller aus Grüningen. Als er die Posthalterstelle in Uetikon antrat, kauften sie eine schöne Jugendstilvilla mit einem wunderbaren Garten. Dort wuchs meine Mutter auf.
Heute weiss ich, dass das Dreifamilienhaus eine finanzielle Überforderung war. Es fehlte trotz gutem Posthaltereinkommen immer an Geld. Zum Glück hatten sie einen so grossen Garten, sodass sie als Selbstversorger leben konnten.
Als Kind erlebte ich das Haus und den Garten als Paradies - es war alles so schön. Es gab Himbeeren, viel Obst, das dann im Keller lagerte und täglich umgedreht wurde. Die "angesteckten" nahm sie dann in die Wohnung und machte eine Wähe oder Apfelmus daraus. Am schönsten war ein kleiner versteckter Sitzplatz, der mit Maierisli eingefasst und von duftendem Gebüsch, vielleicht Zimtröschen, überwachsen war.
Emma hatte immer einen Hund. Zuletzt war das Castor, ein Appenzeller Sennenhund mit coupiertem Schwanz.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deiner Grossmutter? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?

Was habt ihr zusammen unternommen?

Sie machte viele Ausflüge mit uns: Nach Oberägeri, wo die Blumenwiesen einmalig vielfältig blühten. So bunte lebendige Wiesen habe ich seither nie mehr gesehen. Sie zeigte mir die Flockenblume, das Zittergras, die Margrite, das Frauenmänteli, ...
In Braunwald mietete sie eine kleine Holzhütte. Der Keller war der Kühlschrank. Dort bewahrte sie die Milch und den Anken auf, in einem blauen Tontopf, in dem Wasser für die Kühlung war. Ich habe dieses einfache Leben in der freien Natur geliebt!
Erinnerst du dich an ihren Tod?

Meine Mutter weinte oft über ihren Tod. Ich konnte das nicht so gut verstehen, weil sie doch so sehr unter der harschen Erziehung ihrer Mutter litt. Ich vermutete als Kind, dass sie dennoch eine enge Bindung an sie hatte.
Wie hat sie im Alter gelebt?

Sie nahm mit 70 Jahren nochmals Klavierstunden und spielte mit einer Freundin vierhändig. Dass sie auch im Alter weiter lernen wollte, beeindruckte mich sehr.
Kam Besuch sassen wir im gemütlichen schattigen runden Plätzli neben den Maieriesli der duftenden Zimtröschenhecke. Gleich neben dem Hauseingang war eine Gireizi, eine Riitischaukel. Hier genoss ich den Blick auf die Rigi und spielte mit dem spanischen Mieterkind (Maria?) der Familie Gonzalez. Ihre Mutter kämmte ihr langes dunkles Haar ausgiebig und parfümierte es anschliessend. Ich hätte mir auch so langes Haar gewünscht, doch mein Vater liebte das Haare schneiden (er war sehr professionell und geschickt mit Umgang mit Kamm und Schere), die Fransen ganz kurz beim Haaransatz, was ich peinlich fand. Dass im Haus meiner Grossmutter eine spanische Familie lebte, fand ich schön und spannend. Sie hatten ganz andere Rituale. Castagnetten zum Beispiel oder der kühlende, mit Flamencotänzerinnen bunt bemalte Fächer.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?

Was tatst du in deiner Freizeit? In den Ferien? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?

Ich sag gerne. Mireille Matthieu auf pseudofranzösisch im WC, weil der Klang dort am schönsten hallte. Die Beatles liebte ich, wenn ich mit meinem Bruder auf dem Skilift Obladi-Oblada sang, genoss ich das sehr.
Ich malte gerne. Mein Vater brachte uns die Grundlagen bei. Ein Nachbarmädchen ermutigte mich, mir weitere Techniken beizubringen. Damit entdeckte ich eine Welt, die mir heute noch viel bedeutet.
Die Rigi
Ich war gerne in der Natur. Zum Glück haben unsere Eltern uns für den Landdienst gemeldet, als wir 14 Jahre alt wurden. Mein Bruder kam nach Appenzell (das war eine schwierige Situation dort, glaube ich) und ich auf die Rigi, unserem Familien-Haus-Berg, der meinem Vater und seiner Mutter so viel bedeutete.
Der Bauer hatte einen neu gebauten Bergbauernhof fast zuoberst bei der Zahnradbahnstation Sattel. Er wollte nicht mehr Bergbauer sein sondern nur einen Hof ganz oben haben. Das bedeutete, dass die Kinder mit dem Schlitten oder der Zahnradbahn zur Schule gingen. Sein Frau war 27 Jahre alt und sah abgehärmt aus wie fünfzig. Sie hatte bereits 6 Kinder und durfte weder verhüten noch sich unterbinden lassen. Die Kirche und der Hausarzt im Tal unten wollten das nicht. Den einzigen Moment, wo ich ihre Augen leuchten sah, war am Sonntagmorgen in der Kapelle auf dem Weg zum Rigi-Kulm, wo der Pfarrer eine Predigt hielt und alle zusammen sangen.
Die Schwingete war ein Ereignis! Die Alphornklänge. Die Feststimmung, das Polkatanzen.
Leider fiel er vom Silo auf die Egge und brach ein Bein mit üblen Schnittwunden. Ein Glück, dass er den Unfall überlebte. Seine Frau musste nun den ganzen Betrieb führen: die Kühe versorgen und melken, die Schweine füttern, das Heuen organisieren, das Essen, die Kinder, das Betten, das Nähen und Flicken, einfach alles. Mein Job war es, die Betten der Kinder zu machen, das Frühstück, den Znüni, den Zmittag, den Zvieri und den Znacht zu machen. Die Bäuerin zeigte mir, wie alles geht und arbeitete dennoch viel in der Küche, weil das alles nicht kannte. Dafür konnte ich die zerrisenen Hosen des Bauern mit den Nähmaschine wifeln - eine mühsame Arbeit.
Nach dem ins Bett gehen, schloss der Bauer mein Schlafzimmer ab, damit der Knecht sich nicht in mein Zimmer verirrte. Das fand ich eindrücklich.
Die Nachbarbauern kamen und halfen, wo immer sie konnten. Vor allem mit den Kühen und dem Heuen. Wenn ich mitdurfte auf die Bergwiese und das Heu zetten und zusammenrechen helfen, das war das Schönste für mich!





