Autobiographien auswählen
Es werden nur Texte von über 10 Internet-Seiten publiziert.
Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212
Von Werner Kass – Autobiographisches
Werner Kass
Info Biographie
Info Autor
CV Autor
Abo
Letzte Aktivitätread-history-title
Zoom -
wysiwyg
Zoom +
nav read

Aktuelle Seite drucken
Aktuelles Kapitel drucken
Alles drucken
print
Print

Verzeichnis

<
rückwärts blättern
vorwärts blättern
>
1.
Heft 1
2.
Heft 2
3.
Heft 3
4.
Heft 4
5.
Heft 5
6.
Heft 6
7.
Heft 7
8.
Heft 8
9.
Heft 9
10.
Heft 10
11.
Heft 11
Hier kannst du eingeben, wem du die Aufzeichnung deiner Lebensgeschichte widmen willst.
Heft 1
Seite 1
Seite 1 wird geladen
1.  Heft 1
Kommentar schreiben

31. Januar 1942. Mein liebes Renatli, ich schreibe diese Zeilen in der Strafanstalt St. Gallen. Neben allen Schweren, was dieser Aufenthalt für mich bedeutet, empfinde ich am schmerzlichsten die Trennung von Dir. Nicht nur, weil ich nun auf so lange Zeit Dein liebes Kindergesicht nicht sehen, Deine zutraulichen Kinderhände nicht fühlen kann, sondern vor allem Deinetwegen. Ich weiß, dass ich durch das, was geschehen ist, Dir ein Leid zugefügt habe, das Du tragen musst, ohne es verstehen zu können – ein Leid, das einen dunklen Schatten über Deine bis dahin so sorglose Jugend geworfen hat. Auch schmerzt es mich sehr, Deine Entwicklung in diesen so wichtigen Jahren nicht mitzuerleben und nicht in der Lage zu sein, Dir durch meine Gegenwart und Einwirkung an Liebe, Wissen und Erfahrung zu geben, was ich vermag. Ich hätte auch bei Dir gern manches anders als es ist. Wir müssen das jetzt aufschieben, ich weiß, dass ich in Deinem Herzen aufgehoben bin (Mutti schrieb erst kürzlich: „Renate liebt Dich mit der ganzen Kraft ihrer kindlichen Liebe“) und dass, wann immer ich komme, ich mein liebes Kind wiederfinde. Aber auch jetzt beschäftige ich mich viel in Gedanken mit Dir, und daher bin ich auf die Idee gekommen, Dir Deine Jugend zu schildern, so wie ich sie in Erinnerung habe. Du wirst in einigen Jahren in das Alter kommen, wo Du anfangen wirst, über Dich, Deine Eltern, Geschwister, Deine Umgebung und überhaupt über das Leben nachzudenken. Ich weiß, wie wichtig es ist, die Erinnerung an seine eigene Kindheit wachzuhalten, und schon heute stellst Du oft Fragen, wie dies, wie jenes früher war. Ich will natürlich nicht nur von Dir erzählen, sondern dabei wird sich ergeben, dass ich von mir, von Mutti, von unseren Familien und vielen andern Personen berichte. Ich habe kein bestimmtes Programm, es soll weder ein Roman, noch eine Moralpredigt werden, sondern ich werde so schreiben, wie es mir in den Sinn kommt. Ich hoffe, dass Dir dadurch manches verständlich werden wird, was es heute nicht sein kann. Und dass diese Zeilen hier an diesem Orte geschrieben werden, das wird ihnen vielleicht eine besondere Bedeutung geben.

 

Man fängt die Lebensbeschreibung eines Menschen gewöhnlich mit seiner Geburt an. Bei Dir muss ich schon etwas früher beginnen. Ich weiß nicht, Renatli, ob Du, wenn Du einmal eine würdige alte Großmama sein wirst, auf Dein Leben mit einem frohen Gefühl der Zufriedenheit wirst zurückblicken können, oder ob auch in Deinem Leben Stunden kommen werden, wo Du denken wirst, es wäre besser, nie geboren zu sein. Das weiß niemand, aber eines weiß ich und kann ich Dir sagen: Du selbst hast Dich nicht gerade zum Leben gedrängt. Im Gegenteil wir hatten alle Mühe zu verhindern, dass Du Dich vorzeitig davon machtest. Das war im Januar 1930. Mutti und ich waren, wie meist um diese Jahreszeit in Arosa. Mein Vater stand kurz vor seinem 70. Geburtstag. Da er kein Freund von Feierlichkeiten war, so hatte er sich dem Gratulations-Trubel durch eine Reise nach Gastein entzogen, wo er mit seinem Vetter, meinem Onkel Max Kass, dem damaligen Offenbacher Lederfabrikanten, zusammentraf. Wenige Tage vor seinem Geburtstag sprachen Mutti und ich darüber, dass es doch eigentlich nicht recht sei, dass kein einziges seiner Kinder an seinem 70. Geburtstag zugegen wäre. Wir hatten zwar gerade erst eine lange Reise hinter uns (wir waren aus Gründen, die ich nicht mehr weiß, einige Tage in Berlin gewesen und gerade erst zurückgekehrt nach Arosa), aber Du weißt ja, wir sind unstete Leute, denen es nichts ausmacht, heute hier und morgen wo anders zu sein. Wir packten also ein, was wir eben ausgepackt hatten, setzten uns auf die Bahn und fuhren nach dem 12 oder 15 Stunden entfernten Gastein. Wir kamen unangemeldet an, stiegen in einem andern Hotel ab und erschienen am Geburtstag überraschend bei meinem Vater. Er freute sich sehr herzlich, dass wir gekommen waren und zur Feier des Tages bestellte er ein gutes Diner. Wir saßen in sehr gemütlicher Stimmung zusammen, nur einmal wurde mein Vater sehr böse, als der Kellner die Forellen zerteilt servierte, was nach den kulinarischen Gesetzen nicht comme il faut ist. Mein Vater war zwar weder ein Feinschmecker noch ein Genießer, im Gegenteil war er in seiner Lebensweise eher puritanisch und den von ihm oft zitierten Wahlspruch „In der Beschrenkung zeigt sich erst der Meister“ wandte er mit Vorliebe aufs Essen an. Aber mitunter durchbrach er seine Prinzipien und dann verschmähte er ein gutes Essen, bei dem auch eine gute Flasche Wein nicht fehlen durfte, nicht und widmete sich ihm mit einer gewissen zeremoniösen Feierlichkeit. Das war wohl auch an diesem Abend der Fall und der Grund seines Unwillens lag zum Teil in der Verletzung des ihm gewohnten Zeremoniells, zum Teil aber vielleicht auch in dem Wunsch, vor seinem sehr viel genusssüchtigeren und lebensgewandteren Vetter mit Ehren zu bestehen. Da mein Vater, wie Du weißt, stark schwerhörig war, so konnte er seine Stimmstärke nicht von Fall zu Fall der Geräuschstärken des Raumes anpassen und dämpfte seine Stimme nicht so, wie es gerade in der brütenden Stille eines Hotel-Speisesaals notwendig gewesen wäre. Dadurch entstand etwas Aufsehen und einige peinliche Minuten für uns. Die Störung ging aber schnell vorüber und im Ganzen herrschte in den drei Tagen, die wir dort waren, eine ungetrübte und herzliche Stimmung, und ich denke gern an diesen Aufenthalt zurück und war stets froh, dass wir die Reise gemacht hatten. Als wir wieder zurückfuhren, übernachteten wir in Innsbruck im Tiroler Hof, – und da geschah es. Wir waren abends in einem kleinen Kino gewesen und kamen erst gegen Mitternacht ins Hotel. Da sagte mir Mutti, sie möchte gern einen Arzt haben, es sei etwas nicht in Ordnung. Nur war Mutti im allgemeinen rasch bei der Hand, nachts einen Arzt aus dem Bett zu stöbern (in Avignon musste einmal ein Arzt nachts wegen eines Ausschlags kommen, der sich als Wanzenstiche herausstellte. Der Arzt revanchierte sich für die nächtliche Störung mit einer gesalzenen Rechnung, was man ihm nicht verdenken kann), aber diesmal war ich sehr dazu bereit, denn Mutti hatte bereits auf der Berliner Reise plötzlich einen Schwindelanfall, sodass wir in Augsburg den Zug verlassen mussten. Damals sagte ich zu Mutti: „Du wirst in Umständen sein!“, aber das sagte ich nur so im Scherz, denn wir waren bereits drei Jahre verheiratet und hatten uns schon fast mit dem Gedanken abgefunden, auf ein Kind verzichten zu müssen. Da wir in Innsbruck unbekannt waren, so überließen wir es dem Hotel-Portier, einen Arzt zu rufen. Es erschien Herr Dr. Pollak, ein junger jüdischer Arzt, der keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck auf mich machte. Aber das war ein falscher Eindruck, denn er stellte eine Diagnose, die sehr viel erfahrenere Ärzte in einem viel späteren Stadium noch bezweifelten. Als er untersucht hatte, sagte er Mutti, ob sie sich ein Kind wünsche. „Ja, brennend“, sagte Mutti. „Dann müssen Sie sehr still liegen, denn Sie sind im Begriff, eines zu verlieren“, erwiderte er. Zwar machte er noch gewisse Vorbehalte, man könne in einem so frühen Stadium nichts mit Sicherheit sagen, aber wahrscheinlich sei es so, wie er sagte. Es stellte sich heraus, dass er Assistenzarzt an der Innsbrucker Frauen-Universitätsklinik war, und der später hinzugezogene Chefarzt Prof. Eimer bestätigte seinen Befund. Wir konnten es kaum glauben, hatten wir doch schon so viele Enttäuschungen erlebt und schwankten zwischen Hoffnung und Misstrauen. Aber diesmal hatte der Arzt recht. Wahrscheinlich war in Augsburg schon etwas Ähnliches geschehen, und nur der Pferdenatur, die sich in Muttis scheinbar so schwächlichem Körper verbirgt, ist es zu verdanken, dass Du innerhalb einer Woche eine 18-stündige Fahrt nach Berlin, eine ebensolange nach Arosa zurück und eine 12 stündige Reise nach Gastein überstanden hast. Als aber Mutti in Gastein auch noch ein sehr angreifendes Thermalbad genommen hatte, da scheint es Dir doch zuviel geworden zu sein, sodass Du es vorziehen wolltest, den ungemütlichen Ort zu verlassen. Das ließ aber Dr. Pollak nicht zu. Der in Bewegung geratene Organismus wurde durch Morphiumspritzen ruhig gestellt und Mutti musste 14 Tage ganz still im Bett liegen bleiben, ohne sich rühren zu dürfen. Was dies für die impulsive und bewegliche Natur Deiner Mutti für eine Qual war, wirst Du Dir denken können. So freudig wir den Anlass dieser Wartezeit empfanden, so schwer war sie doch zu ertragen. Mutti wusste sich vor Ungeduld (nicht nur wegen des Liegens, sonderrn auch wegen der immer noch auftauchenden Zweifel an der Richtigkeit der Diagnose) kaum zu lassen, war mit allem unzufrieden, das Essen sei ungenießbar, das Brot war mit Anis gebacken, ein Gewürz gegen das sie einen Widerwillen hatte – und dann ist eine Frau in diesem Zustand besonders reizbar. Dazu kommt, dass ich der ungeeignetste Krankenpfleger bin (Mutti sagte, ich sei zu egoistisch), kurzum wir plagten uns weidlich gegenseitig und als 10 Tage um waren, setzten wir es durch, dass der Arzt uns reisen ließ. Wir nahmen aus Vorsicht den Bummelzug, die Reise dauerte nun noch länger, die Strapaze war für Mutti groß und abends kam sie stark erschöpft in Chur an, wo sie wieder einige Tage lag. Ein dort zugezogener Arzt äußerte sich über die Innsbrucker Diagnose sehr skeptisch und mit schweizerischem Phlegma schien er auch gar keine Notwendigkeit einzusehen, schon etwas Sicheres auszusagen, sondern meinte, man solle doch abwarten, wenn es etwas wäre, so würde man es schon mit der Zeit merken. Damit hatte er unzweifelhaft recht. Was aber für unsere angespannten Gemüter das Wort „abwarten“ für ein Stich war, das muss ich wohl nicht beschreiben. Schließlich langten wir wieder in Arosa an, wo wir noch einige Wochen blieben, damit sich Mutti wieder kräftigen und ihr Zustand festigen konnte, und dann kehrten wir nach Berlin zurück, nachdem uns auch ein Arzt in Arosa keine Sicherheit geben konnte.

 

1. Februar. Wenn Mutti lesen würde, was ich geschrieben habe, so würde sie sicher dagegen protestieren, dass ich sagte, Du habest Dich nicht zum Leben gedrängt. Vielleicht sollte man so etwas auch gar nicht sagen. Sie meinte vielmehr, dass Du trotz so vieler Strapazen, denen Du ausgesetzt gewesen bist, auf die Welt gekommen bist, sei ein Beweis für einen besonders starken Lebenswillen und eine gesunde Lebenskraft. Man kann es auch so auffassen. Es lässt sich nichts dagegen sagen. – Auf der Heimreise beratschlagten wir, welchem Arzt sich Mutti anvertrauen solle. Das war keine einfache Frage. Nicht etwa, dass ein Mangel an guten Ärzten in Berlin war. Im Gegenteil – und wenn wir frei hätten wählen können, so wäre uns die Wahl nicht schwer geworden. War doch Mutti seit Jahren bei dem ausgezeichneten und ihr befreundeten Dr. Grafenberg, damals dem ersten Frauenarzt von Berlin, in Behandlung. Aber es gab einen andern Haken. Wir hatten einen Frauenarzt in der Familie, mein Schwager Ernst Lang. Ärzte in der Familie sind ein besonderes Kreuz; man kennt sie zu gut, um ihnen zu vertrauen, aber man kann sie nicht umgehen. Zwar erklären sie ständig, dass sie in der Familie nicht behandelten, sind aber beleidigt, wenn man sie nicht zum Gegenteil drängt. Man kann sich ihnen nur entziehen, wenn man ihnen die Krankheit verheimlicht, oder außer ihnen noch den Vertrauensarzt konsultiert. Beides ist natürlich bei einer Geburt unmöglich. Wir hatten damals sogar zwei Ärzte in der Familie (mein Freund und Schwager Dr. Kadisch), was das Übel nicht notwendigerweise verdoppelt, denn die beiden hielten sich – wie hätte es auch anders sein können – gegenseitig für Ignoranten, was sie natürlich nicht offen aussprachen, aber ihre Fachsimpeleien, bei denen sie stets gegensätzlicher Meinung waren, durchsetzten sie reichlich mit versteckten Sticheleien. Verschrieb der eine Bettruhe, so konnte man sicher damit rechnen, dass de andere im Hintergrunde murmelte, er wolle sich ja nicht einmischen aber er könne nicht verstehen, weshalb man den Kranken nicht aufstehen lasse. Glücklicherweise hatten sie verschiedene Fachgebiete, sonst wären sie sich noch mehr ins Gehege gekommen. Manchmal aber einigten sie sich auch auf Kosten des Patienten. Dann lächelten die Auguren, wenn sie sich trafen. – Bei Ernst Lang lagen noch besonders unglückliche Momente vor. Zunächst hatte er nur sehr geringe Erfahrung. Wie seine Ausbildung war, weiß ich nicht, aber seine Praxis ist nie in Gang gekommen. Das war kein Wunder, denn er behandelte seine Patienten falsch, ob in ärztlicher Beziehung, kann ich nicht beurteilen, aber bestimmt in psychologischer Beziehung. Es gibt zwei Klassen von Ärzten. Die eine sieht in jedem Symptom das Anzeichen für eine gefährliche Erkrankung. Hierzu rechnen besonders junge Ärzte, u.a. auch mein anderer Schwager Kadisch, der einmal auf einer Gesellschaft seiner Tischdame, die ihn von einer Verletzung an einer Zehe erzählte, erklärte, da könne man nichts anderes machen als die Zehe abzunehmen, was er nicht aus Bosheit gegen die Unsitte des Gelegenheits- Konsultierens sagte, sondern was seiner wirklichen Meinung, die aber ganz unbegründet war, entsprach. Andere Ärzte wieder gehen von dem entgegengesetzten Standpunkt aus, dass dem Patienten gar nichts fehle. Hierzu gehören viele Klassen- und Familienärzte, die wenig oder nichts bezahlt bekommen, denn bei gut zahlenden Patienten würde dieser Standpunkt doch zu sehr dem eigenen Interesse zuwider laufen. Zu dieser Kategorie gehörte mein Schwager Lang. Er ließ sich nur widerwillig überzeugen, dass eine Erkrankung vorlag. Sein erstes Wort war immer: „Das ist nichts“. Nun ist aber gerade das die Meinung, die ein Patient am wenigsten hören möchte. Er will zwar, dass der Arzt ihn gesund mache, er will aber nicht hören, dass er gesund sei. Kluge Ärzte wissen das und verhalten sich entsprechend. Noch übler wird ein solches Wort natürlich dann, wenn es noch nicht einmal stimmt. Dann kam bei Ernst Lang noch eine große Unsicherheit in seinen ärztlichen Vorschriften dazu. Er pflegte sich so auszudrücken: „Nehmen Sie morgens und abends je eine Tablette! Oder wissen Sie, Sie könnten gerade so gut auch Umschläge machen. Oder nein – lieber doch die Tablette! Aber wenn Sie lieber Umschläge machen, ist es gerade so gut!“ Diese Unsicherheit übertrug sich natürlich auf den Patienten, der dadurch das Vertrauen verlor. Auch verstand er gar nicht, einen Patienten menschlich zu gewinnen. Wenn die eigentlichen Krankheitssymptome behoben waren, interessierte ihn der Fall nicht mehr. Den ärztlich vielleicht nicht erheblichen, aber persönlich lästigen kleinen Beschwerden der Rekonvaleszenz schenkte er keine Bedeutung, ironisierte sie vielmehr. Das war natürlich ein Verhalten, das gerade Frauen gegenüber das verkehrteste war. Wie anders war dagegen Dr. Gräfenberg! Auf solider Kenntnis basierend, sicher im Auftreten, liebenswürdig und voller Teilnahme für alle kleinen Beschwerden. Er verdankte einen großen Teil seiner Beliebtheit der Tatsache, dass er stets für seine Patienten zu sprechen war und sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auch wegen unbedeutender Beschwerden sprechen ließ. Bei Ernst Lang kam aber auch noch ein ernsthafterer Einwand hinzu. Er war selbst ein schwer kranker Mensch – Diabetiker, der ständig Insulin spritzen musste, aber aus übertriebener Ängstlichkeit häufig überdosierte, was krampfartige Anfälle mit ganz plötzlich einsetzender Bewusstseinsstörung zur Folge hatte. Nachdem ihm dies sogar einmal bei einem Krankenbesuch passiert war, stand ich naürlich unter der Angst, dass sich dies in einem Zeitpunkt wiederholen könne, wo es gefährlich hätte werden können. Es gab also Einwände genug gegen ihn. Aber andererseits hatte er sämtliche Kinder der Kass Töchter gesund und glücklich zur Welt gebracht oder dazu verholfen, und wenn Mutti eine Ausnahme gemacht hätte, so wäre das in der Familie recht übel aufgenommen worden. Schließlich wäre es auch ein offenes Misstrauensvotum gegenüber Lang gewesen, und schaden wollten wir ihm nicht. So entschlossen wir uns trotz aller Bedenken, Ernst Lang zu betrauen, mit dem heimlichen Trost, Dr. Gräfen­berg im Hintergrund zu haben. Wir kamen am Morgen um 7 Uhr in Berlin an, und da wir nicht abwarten wollten, fuhren wir direkt vom Bahnhof zu Ernst Lang, um ihm die große Neuigkeit zu verkünden. Als er untersucht hatte, legte er sein Gesicht in Falten und meinte, so sicher sei das nicht, er müsse uns vor falschen Hoffnungen warnen, es könnte ja sein, aber es könnte auch anders sein, z.B. eine Geschwulst, und vorläufig könne man überhaupt nichts sagen. Das war eine kalte Douche für unsere in der Zwischenzeit stärker aufgeblühte Hoffnung, besonders da Ernst Lang noch wochenlang an seiner Skepsis festhielt und noch im 3. Monat sagte, er wolle seinen Kopf nicht hergeben für einen positiven Befund. Das hat ihm Mutti, deren Vertrauen in ihren Körper erstarkt war, sehr übel genommen und noch heute behauptet sie voller Zorn, Ernst Lang habe seinen Kopf nicht hergeben wollen, als die Geschwulst schon schrie! – Die Schwangerschaft verlief ungestört. Wir hatten für die Sommermonate ein Gartenhäuschen im Grunewald von Freunden gemietet – ach Du weißt ja nicht, was der Grunewald ist. Das ist eine am Waldrand gelegene Villenkolonie im westlichen Außenbereich von Berlin, wo man schöne Spaziergänge machen konnte. Leider war es ein völlig verregneter Sommer, sodass wir wenig Genuss von dem Wohnen hatten. Während dieser Zeit starb Muttis Vater, von dem ich Dir später erzählen werde. Im August zogen wir wieder in unsere Stadtwohnung in der Bleibtreustr. 26 und dort bist Du am 11. September morgens gegen 8 Uhr zur Welt gekommen. Mutti war vorher in sehr gutem Gesundheitszustand und führte bis in die letzte Zeit hinein ein völlig normales Leben, aber die Geburt wurde sehr schwer. Sie dauerte fast volle 24 Stunden. Du hattest nicht die übliche Lage, sondern lagst quer. Ein geschickter Arzt hätte Dich wahrscheinliech gewendet und damit die Geburt erheblich abkürzen können. Aber Ernst Lang wollte nicht eingreifen. Wir verbrachten den Tag in großer Spannung zu. Die Hebamme war zur Stelle und versuchte mit unaufhörlichem Getratsch – wie es der Frau X ergangen, wie lange es bei der Frau Y gedauert, etc. – über die Zeit und die Schmerzen hinwegzuhelfen, wobei sie eine unendliche Menge Tassen Kaffee trank – denn bekanntlich ist eine Hebamme ohne Kaffee am laufenden Band nicht zu denken. Ernst Lang war anwesend und blieb die Nacht über bei uns und auch eine Schwester wartete, um Dich in Empfang zu nehmen. Es schlief wohl niemand in dieser Nacht. Mutti hatte viel auszuhalten, und ein Vater schwitzt in diesen Stunden seine Sünden ab. Als die Geburt einsetzte, war ich zugegen. Manche finden es geschmacklos oder gar gefühlsroh, wenn ein Vater der Geburt seines Kindes beiwohnt, aber es ist weder das eine noch das andere. Es gibt nur ein Erlebnis, das in seiner Art dem der Geburt gleich ist, das ist das Erlebnis des Sterbens eines Menschen. Geburt und Tod sind die beiden Pole, zwischen denen sich unser Leben hier auf Erden bewegt. Das Geheimnis von Geburt und Tod ist für uns unlösbar, aber dass wir durch beides hindurch müssen, wissen wir, und jede Berührung damit greift an der Wurzel unseres innersten Lebens. Ich habe wenig stärkere Erschütterungen erlebt als bei Deiner Geburt und beim Tode meiner Mutter; es ist ein großes Wunder, das Werden und Vergehen eines Lebens mit anzusehen und man wird bei dem einen wie dem andern in eigenartiger Weise ergriffen. Ich war so aufgeregt, dass ich kaum richtig hinschauen konnte. Zuerst erschien ein schwarzes Haarbüschel und Ernst Lang, für den das Wunder natürlich längst zur beruflichen Routine abgeblasst war, konnte noch scherzen: „Das ist Dein Kind!“. Mutti bekam eine leichte Betäubung, da ein Riss zu vernähen war. Plötzlich brach der Kopf durch – ich werde diesen Augenblick nie vergessen – und kurz danach war der ganze kleine Mensch auf dieser Welt. Ernst bemühte sich um Mutti, nachdem er mir zugerufen hatte „ein Mädchen“ und Dich der Schwester zur sachkundigen Behandlung übergeben hatte. Ein quäkender Ton – wie ein dünnes Fädchen – zeigte an, dass die Lungen sich entfaltet hatten und Du zum Leben erwacht warst. Wie soll ich Dir meine Gefühle beschreiben! Alles ging wirr durcheinander. Zunächst eine Erleichterung, dass es glücklich überstanden war, ich hatte doch große Angst gehabt, dann die Freude, und der Stolz, dass Du da warst (Väter sind ja bekanntlich bei derartigen Gelegenheiten aus nicht ganz ersichtlichen Gründen stolz), dann aber auch, ich will offen sein, eine leichte Enttäuschung. Nicht dass Du ein Mädchen warst, das war mir so lieb wie ein Junge, aber Du sahst nicht schön aus, wie Du zur Welt kamst. Ein kleines krebsrotes Geschöpfchen, mit einem schwarzen Haarbüschel auf dem sonst kahlen Kopf, der länglich verzogen war, ein kleines faltiges Greisengesicht mit einem offenbar verärgerten, geradezu verknautschten Gesichtsausdruck, in dem ich zu meinem Schrecken eine große Ähnlichkeit mit mir fand. Sichtlich hatte der lange leidensvolle Geburtsweg Dir auch gehörig zugesetzt und Du warst arg beleidigt, auf so rohe Weise aus Deinem warmen und geschützten Verlies verstoßen zu sein. Und nun sahst Du genau so aus wie ich aussehe, wenn ich verärgert bin. Das entsprach aber gar nicht der Vorstellung, die ich mir von Dir gemacht hatte. Ich hatte zwar keine bestimmte bildliche Vorstellung im Kopf, aber dass ein Mädchen wie die Mutti aussehen müsse, das war eine mir unbewusste Voraussetzung. Und so war ich wirklich im Augenblick etwas bestürzt, mich selbst wieder zu finden. Zu Deiner Beruhigung will ich gleich sagen, dass sich Dein Aussehen von Stunde zu Stunde veränderte und sich sehr bald ein reizendes kleines dickes Kindergesichtlein entwickelte, in das ich natürlich äußerst verliebt war. – Inzwischen war Mutti erwacht, ich wartete ihre Frage nicht ab und sagte ihr gleich „es ist ein Mädchen“. „Ein Mädchen“, sagte sie, „o wie schön!“ Ihre erste Frage war, ob alle Finger und Zehen in Ordnung seien und sonst keine körperlichen Entstellungen – das war ihre geheime Angst. Glücklicherweise konnten wir sie beruhigen. Dann verlangte sie, Dich zu halten und die Schwester legte Dich der Mutti in den Arm. Es ist vielleicht der schönste Augenblick, den es auf dieser Welt gibt, wenn eine Mutter, die ihr Kind gewünscht und mit Liebe erwartet hat, es zum erstenmal im Arm hält. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ein Vater dasselbe tut. Ein Vater hält sein Kind mit Scheu und Ängstlichkeit, etwa so wie ein Elefant eine Porzellantasse, es ist ihm ein höchst befremdlicher Gegenstand, zu dem er erst lernen muss, sich zu verhalten. Für die Mutter ist das Kind ein Teil ihres Körpers, das Kind liegt ihr im Arm wie angewachsen, das Kind fühlt sich dort geborgen, es hat dort seine Heimat. Mutti blickte Dich mit großer Zärtlichkeit an und hatte natürlich gar keine so kritischen Gefühle wie ich, sondern fand Dich so, wie Du gar nicht anders sein konntest. Auf ihrem Gesicht, auf dem noch die Spuren der schmerzensreichen Stunden und eine große Ermattung lagen, ging ein Lächeln auf, so voll Liebe und Zärtlichkeit, wie es nur in dieser geheiligten Stunde erglänzen kann. Dieses Lächeln ist ein Segen, der auf Dir ruht und Dich Dein ganzes Leben nicht verlassen wird. Halte ihn Dir im Bewusstsein als einen köstlichen, unersetzlichen und unverlierbaren Besitz. Goethes Mutter hat dieses Gefühl mit so schönen Worten ausgedrückt. Sie sagte zu Bettina, als sie von der Geburt ihres Sohnes sprach „Da erwachte mein mütterliches Herz und hörte nicht auf zu schlagen bis zu dieser Stunde!“ So war es auch bei Deiner Mutter; ihr mütterliches Herz war zwar schon früher erwacht, denn Du warst ja ihr fünftes Kind, aber nun schlug es auch für Dich so wie es noch heute für Dich schlägt und wie es weiter jeden Tag und jede Stunde für Dich schlagen wird! – Nun warst Du also auf der Welt. Die Schwester hatte Dich gewaschen und eingebunden und nun sahst Du schon manierlicher aus. Du lagst in einem mit hellgrünem Voile bespannten Körbchen, schliefst und bewegtest im Schlaf Deine Fingerchen. Du hattes eine winzig kleine, aber gut durchgebildete Hand mit rosigen, fast durchsichtigen Fingerchen. Mutti erholte sich rasch und ich befand mich in sehr gehobener Stimmung und tat etwas, was ich selten tue, ich machte den Versuch zu dichten. Es war darin die Rede von einem „Wanderer vieler Welten“, ein Ausdruck, der mir im Kopfe saß, ohne dass ich selbst wusste, was ich mir darunter vorstellte. Wahrscheinlich kamen auf diese Weise unterbewuste, in tiefen Schichten liegende Geburts- und Wiedergeburtsphantasien in verschwommener Weise an die Oberfläche.

 

8/2. Nachdem ich Dir nun erzählt habe, wie Du auf die Welt gekommen bist, sollte ich Dir schildern, wo Du herstammst, in welche Umgebung Du hineingeboren wurderst und unter welchen Menschen. Wir lassen Dich also vorläufig in Deinem hellgrünen Körbchen liegen, nehmen von Deinem Schnuppernäschen und Deinem schwarzen Haarschopf Abschied und machen einen Spaziergang in die Vergangeheit, der wie ich fürchte, recht lang ausfallen wird, denn ich merke schon, ich habe mir eine tüchtige Arbeit aufgeladen. Wie soll ich nun all der vielen Menschen und Schicksale, die es da zu erwähnen gibt, gerecht werden und wie soll ich das herausfinden, was für Dich noch Interesse und Wert hat? Das ist nicht ganz einfach, aber ich mache es nach Deinem Rezept. Wenn Du eine Geschichte von mir hören willst und ich sage, ich weiß nichts zu erzählen, so sagst Du: Ja, fange doch einfach mal an! Und so werde ich es auch machen. – Mein Vater stammt aus Felsberg, einem kleinen Örtchen in der Nähe von Cassel, der Landeshauptstadt von Hessen. Der Name Kass hängt sicherlich mit Cassel zusammen, man hat mir auch einmal erzählt, dass die Stämme Cass und Hess gleichbedeutend seien; ob das stimmt, weiß ich nicht. Felsberg ist noch heute ein kleines Dorf, es hat nicht einmal eine Bahnstation. Als die Eisenbahnen gebaut wurden, sollte die Linie über Felsberg geführt werden, aber die Felsberger meinten, das sei ein großer Nachteil für sie, weil dann niemand mehr bei ihnen übernachten würde, und so stemmten sie sich mit aller Macht gegen das Projekt. Die Folge war, dass die Bahnlinie über einen Nachbarort gelegt wurde, der sich zu einem netten Städchen entwickelte, während an Felsberg der Strom der Welt vorübergeht. Ich bin als Junge einmal mit meinem Vater dort gewesen, habe aber nicht sehr viel in Erinnerung. Ich weiß nur, dass wir sehr gut empfangen wurden (mein Vater war ja dort eine Art Berühmtheit), dass ich viel gefragt und bestaunt wurde, was mir unangenehm war, dass ich aber durch große Mengen Kuchen versöhnt wurde. Nach dem Essen stiegen wir auf den Schlossberg, von dem die Felsberger viel hermachten, wir mussten unbedingt die prächtigen neuen Anlagen besichtigen, auf die sie gewaltig stolz waren. Ich ging mit großer Erwartung hinauf, fand aber nichts als einen kleinen Hügel mit einer kümmerlichen Ruine, vor der ein Rasenplatz mit ein paar Ruhebänken angelegt war. Ich hatte schon so viel Haltung, meine Enttäuschung nicht merken zu lassen, aber die Felsberger waren damit in meiner Achtung gesunken. – Mein Vater stammt aus ganz ärmlichen Verhältnissen. Seine Eltern hatten, soviel ich weiß, einen kleinen Kramladen und trieben etwas Gartenbau. Vor Jahren schrieb einmal ein jüdischer Lehrer aus der dortigen Gegend, er wäre bereit, einen Familien-Stammbau nach den Gemeinde- und Synagogen-Büchern aufzustellen. Ich machte von dem Angebot Gebrauch und erhielt eine 5-6 Generationen zurückliegende Aufstellung mit einer Menge Namen, die ich nicht kannte und die mir nichts sagten. Die meisten waren dort oder in der Nähe ansässig, trieben Pferdehandel oder waren Kleinkrämer. Auch mein Onkel Max Kass stammt aus Felsberg. Seine Eltern, auch kleine Leute, galten als die „wohlhabenden“ gegenüber den Eltern meines Vaters. Man findet, oder ich muss wohl sagen, fand in Hessen verschiedentlich Judenansiedlungen in kleinen Dörfern, wie auch in andern Teilen Deutschlands. Ich bin selbst auf Wanderungen durch den Kaiserstuhl ganz plötzlich auf Dörfer gestossen, in denen zu meinem Erstaunen eine Synagoge stand. Heute wird das wohl anders geworden sein. – Meine Großeltern habe ich nicht gekannt, der Großvater lebte bei meiner Geburt nicht mehr, die Großmutter starb kurz danach. Ich kenne sie nur aus 2 großen Fotografien, die mein Vater über seinem Bett hängen hatte. Es waren Vergrößerungen von Portrait-Aufnahmen. Das Gesicht des Großvaters hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Vater, war aber eher weicher. Dagegen hatte die Großmutter ein außerordentlich herbes Gesicht. Es war ein unschönes aber charaktervolles Bauerngesicht, in das viel Leid gegraben war. Ihr Gesicht hat in mir eine Mischung von Scheu, Mitleid und Achtung erzeugt. Ich weiß nicht viel von ihr. Mein Vater erzählte nur, er hätte 8 Tage an ihrem Sterbebett gesessen, sie habe einen schweren Tod gehabt. Sie muss es auch im Leben nicht leicht gehabt haben. Mein Vater pflegte noch folgende kleine Geschichte von ihr zu erzählen: Als er schon ein gutsituierter Mann in Berlin war, habe er sie einmal zu Besuch eingeladen. Selbstverständlich habe er sich bemüht, der alten Frau, die wohl selten einmal aus ihrem Dörfchen herausgekommen war, den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen, habe ihr alles gezeigt, was es in Berlin nur zu sehen gab, sei von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit geeilt etc. Als er nun glaubte, nichts ausgelassen zu haben, sagte die Mutter, ja sie habe jetzt ja viel gesehen, aber bevor sie zurückkehre, möchte sie doch noch ins Cafe Flora. Dieses Cafe war meinem Vater ganz unbekannt. Wie sie denn darauf käme? Ja, der Hirschel Simon, der sei in Berlin gewesen und habe ihr gesagt, sie dürfe ja nicht versäumen, ins Cafe Flora zu gehen. Wenn sie das nicht gesehen habe, so habe sie überhaupt nichts von Berlin gesehen. Es war ja klar, dass die Mutter unter diesen Umständen nicht nach Felsberg zurückkehren konnte, ohne im Cafe Flora gewesen zu sein; wie hätte sie sonst vor dem Hirschel Simon bestehen können! – Mit Mühe fand mein Vater heraus, dass es tatsächlich ein solches Cafe gäbe. Es war ein trübseliges kleines Lokal in einer Seitenstraße, wie es sie zu Hunderten in Berlin gibt. Mein Vater führte seine Mutter dorthin und diese konnte nun beruhigt heimkehren. Bei uns in der Familie wurde aber das Cafe Flora sprichwörtlich. Es gibt ja viele Menschen, die glauben, nur dort wo sie der Zufall hingeführt habe, sei der Mittelpunkt der Welt. Das macht sie blind für alles andere und oft übersehen sie das sehr viel Schönere, das in ihrer unmittelbaren Nähe liegt. Wann immer jemand in übertreibender Weise von seinen Reiseerlebnissen erzählte, es gäbe nur diesen oder jenen Ort, wo man hingehen könne, das müsse man gesehen haben, alles andere sei nichts, so blinzelten wir uns zu und sagten: Cafe Flora. – Von meinem Großvater hatte mein Vater ein kleines Rechnungsbüchlein aufbewahrt, in dem sich eine Jahresrechnung befand mit der Eintragung: „In diesem Jahre habe ich 300 Taler verdient, den eisernen Ofen auf dem Estrich nicht mitgerechnet. Es hat mit Gott gut gegangen!“. Mein Vater sprach wenig von seinen Eltern. Es waren rechtschaffene Menschen, pflegte er zu sagen. Mein Vater muss eine schwere Jugend gehabt haben. Die Familie war groß, es waren 7 oder 8 Geschwister da und oft Not im Haus. Mein Vater erzählte mir, dass er als Junge oft mit schweren Kannen nach dem 2 Stunden entfernten Nachbarort laufen musste, weil das Öl dort 2 Pfennige billiger war. Die Geschwister sind alle lange vor ihm gestorben, die meisten schon in jungen Jahren, wie er mir sagte, wahrscheinlich infolge Unterernährung. Nur eine Schwester war in Rödelheim b. Frankfurt a/M verheiratet, mit einem gewissen Hammel, der seinen Namen verdiente. Auch sie starb früh an einer Blinddarm­entzündung und hinterließ 3 Kinder, für die mein Vater vielfach sorgte. –

 

10/2 Mein liebes Renatli, ich erhielt heute die Verfügung der dauernden Ausweisung aus der Schweiz. Das stimmt mich sehr traurig. Ich musste sie zwar erwarten, aber nun da sie gekommen ist, ist mir recht schwer ums Herz. Dieses Land, in dem ich seit meiner Jugend so oft gewesen bin, mit dem ich durch so viele Erinnerungen verknüpft bin, in dem ich wieder gesund geworden bin, dessen Berge ich so sehr liebe, das mir einmal eine Rettung wurde, in dem ich hoffte, uns allen eine Zukunft bauen zu können, in dem Du, Anne, Hans aufgewachsen seid – nun habe ich das alles verloren. Auch für Dich wird es Folgen haben, früher oder später. Und ich hätte sie Dir so gern erspart, weil ich weiß, dass Dein kleines Herz mit allen Fasern an dem Land hängt, dessen Sprache Du sprichst. Heute kann ich nicht weiter für Dich schreiben. –

Heft 2
Seite 2
Seite 2 wird geladen
2.  Heft 2
Kommentar schreiben

15.II.1942 Mein Vater besuchte die Volksschule in Cassel und kam mit 15 Jahren nach Frankfurt a/M in die Lehre. Aus dieser Zeit weiß ich nichts von ihm, als dass er in der Fremde war und sein Brot selbst verdienen musste und dass es kein leichtes Brot war. Später erhielt er eine Anstellung in Osnabrück, wo er längere Jahre lebte. Er muss auch zeitweise in Holland gewesen sein, denn holländisch war die einzige Fremdsprache, die er etwas konnte. Wann er nach Berlin kam, weiß ich nicht; ich glaube, der Anlass war, dass die Osnabrücker Firma nach Berlin übersiedelte. In dieser Firma, Gebr. R. & M. Simon, in der Branche kurz „F. & M.“ genannt zum Unterschied von der weltbekannten Stoff-Großhandels Firma Gebr. Simon in Berlin, deren Inhaber James Simon ein bekannter Bildersammler und persönlicher Freund des Kaisers war – in seinem Privatbüro standen jederzeit Lackschuhe und Cylinder bereit für den Fall, dass er zum Kaiser gerufen würde – also bei F. & M. nahm mein Vater eine sehr geachtete Stellung ein. Praktisch lag die Geschäftsführung in seinen Händen. Er pflegte zu erzählen, wenn der alte Herr Simon A sagte, er aber B, so wurde B ausgeführt. Er war Prokurist und sollte Teilhaber werden. Der Vertrag war bereits bis zur Unterschrift ausgearbeitet, scheiterte aber daran, dass meinem Vater Bilanzeinsicht verweigert werden sollte. Dieser kleinlichen Gesinnung wollte er sich nicht fügen, und er wagte den Schritt und machte sich selbständig, mit der Hilfe eines befreundeten Herrn Abt, der ihm einen Betrag von 30‘000 Mk lieh, welchen Dienst er diesem nie vergessen hat. Oft und oft hat er mir gesagt, dass er dieser Hilfe seinen Aufstieg zu verdanken habe. Das Geschäft wurde 1891, ca. 3 Jahre vor seiner Verheiratung gegründet. In den ersten 2 Jahren setzte er zu, im dritten arbeitete er ohne Gewinn, aber auch ohne Verlust, und in den folgenden Jahren setzte ein beispielloser Aufschwung ein, d.h. das Wort „beispiellos“ ist übertrieben. Es gibt gerade in dieser Zeit viele Beispiele. Aus diesem Grunde legte sich die Verstimmung, die zwischen meinem Vater und seinem früheren Chef eingetreten war, als sich zeigte, dass die Welt gross genug für beide war und in späteren Jahren waren sie miteinander befreundet, aller­dings mehr aus Erinnerung, Gewohnheit und Geschäftsinteresse als aus wirklicher persönlicher Zuneigung. Ich habe den alten Kommerzienrat Simon oft in unserem Haus gesehen und auch später den Zusammenbruch seiner Firma miterlebt. Mein Vater erwarb im Laufe der Jahre ein bedeutendes Vermögen und einen großen persönlichen Ruf, wenigstens innerhalb seiner Kreise. Wenn er nicht durch zunehmende Schwerhörigkeit gehandicapt gewesen wäre, so hätte er sicherlich in gewissen Grenzen auch eine öffentliche Laufbahn absolvieren können. Da ihm dies Gebiet jedoch verschlossen war, sah er mit leichter Geringschätzung auf Leute, die Ämtern und öffentlichen Ehren nachjagten, statt sich ihren Geschäften zu widmen. Im ersten Weltkrieg organisierte er ein Kleider-Hilfswerk und erhielt für seine Verdienste vom Kaiser den Preußischen Kommerzienrats-Titel, der sonst nur käuflich erworben werden konnte. Mein Vater nahm den Titel an, legte ihm aber wenig Wert bei und machte nur bei besonderen Gelegenheiten von ihm Gebrauch. So pflegte er, wenn er bei Ämtern oder offiziellen Stellen etwas erreichen wollte, zu sagen: „Ich darf nicht vergessen, mir den Kommerzienrat an den Hut zu stecken“. Meine Mutter dagegen fand, dass der Titel meinem Vater (und meinen tat sie: ihr selbst) recht gut stände und sie wärmte sich gerne an der Sonne des kleinen Ruhms. Auch erfüllte es sie mit großem Stolz, als sie bei einem Besuch der Kaiserin in unserem Geschäft dieser vorgestellt wurde. Wir neckten sie später noch oft damit, wie lange sie den vorgeschriebenen Hofknix eingeübt hätte und ob sie auch nicht dabei umgefallen wäre. Meine Mutter erlebte nur die Zeit des Aufstiegs. Mit ihrem Tode begann der Niedergang, der meinem Vater nicht erspart blieb. Ich will Dir aber nicht nur das äußere Leben meiner Eltern erzählen, sondern ich will sie Dir auch als Menschen schildern, in ihrer persönlichen Wirksamkeit und vor allem in ihrer Einwirkung auf mich. Ich beabsichtige dies mit großer Offenheit zu tun, was den eigenen Eltern gegenüber nicht ganz leicht ist, doch halte ich es nicht für pietätlos. Ich stehe durchaus auf dem Standpunkt, dass ein Kind Vater und Mutter ehren soll (soweit die Eltern diesen Ehrentitel nicht durch völlige Interessenlosigkeit und gröbliche Verletzung ihrer Pflichten verwirkt haben, wofür wir ja leider in allernächster Nähe ein Beispiel erleben), aber man ehrt seine Eltern nicht indem man sie zu Göttern macht, was sie nicht sind. Sondern man ehrt sie, indem man sie als kämpfende, strebende und leidende Menschen erkennt, ihre Fehler und Schwächen mit offenen Augen ansieht und lernt, sie zu vermeiden. Ich habe vielleicht ein besonderes Recht zur Kritik meiner Eltern in diesem Fall, da ich ja auch als Vater zu meinem Kinde spreche, von dem ich dereinst die gleiche rücksichtsvolle Kritik zu erwarten habe und erwarte. Und wenn ich mich sehr offen über meinen Vater äußern werde, der nun erst kurze Zeit unter der Erde liegt, so muss ich erwähnen, dass ich ihm sehr ähnlich bin (was nicht ausschließt, dass ich ihm auch in vielem sehr unähnlich bin) und Vieles, das ich in ihm bekämpft habe, bekämpfe ich auch in mir. Man sagt mir nach, dass ich meinem Vater nicht nur äußerlich sehr ähnlich sei, sondern viele seiner Bewegungen, seine Art zu sprechen, die Hände zu halten etc. angenommen habe. Ich habe das, speziell in den Zeiten des Kampfes mit meinem Vater, sehr ungern gehört; man hat mir nicht leicht etwas sagen können, was mich unangenehmer berührt hätte, und mancher, der vielleicht glaubte, mir damit zu schmeicheln, hat sich damit meine Sympathie verscherzt. Mein Vater und ich, wir haben uns sicher im tiefsten Herzen geliebt, und doch haben wir uns gegenseitig nicht viel Gutes getan. Ich habe ihn leidenschaftlich verehrt und so tief geliebt wie ich ihn später gehasst habe, wobei ich aber wahrscheinlich nie aufgehört habe, ihn zu lieben. Er aber hat in mir die Erfüllung seiner höchsten Hoffnungen gesehen und geliebt, bevor ich ihn am tiefsten enttäuschte, und mir doch seine Zuneigung durch alle Erbitterung hindurch bewahrt. – Aber bevor ich weiter von meinem Vater erzähle, will ich von meiner Mutter sprechen. Sie soll hier nicht ins Hintertreffen geraten, obwohl sie im Leben stets im Hintergrunde gestanden hat. Meine Mutter stammt aus einem kleinbürgerlichen Haus. Ihr Vater Moritz Elsner, aus Schlesien, wo nicht die beste Sorte Juden wächst, nach Berlin gezogen, war ein kleiner Privatbankier. Ich erinnere mich noch gut an das großelterliche Haus, auf altmodische Art eingerichtet, in der Lutherstr., mit den dunklen teppichbehangenen Wänden und Portieren, die mit Hellebarde und Morgenstern gehalten waren, den verstaubten Palmbäumen und den nicht minder verstaubten Terracottabüsten, die kitschige Mohren-Schönheiten darstellten. Unvergessen wird mir sein, dass auf dem Schreibtisch meines Großvaters ein (natürlich unechtes) goldenes Schwein stand, das ein (ebenfalls nachgemachtes) goldenes Zehnmarkstück in der Schnauze hielt, und auf dem Rücken Borsten hatte, in die der Federhalter gesteckt wurde. Das großelterliche Haus war Zentrum der Familie. Dort versammelten sich sonntäglich die 3 Elsnertöchter mit ihren Männern und der von Jahr zu Jahr anwachsenden Kinderschar. Ich erinnere mich gut an das ungemütliche Esszimmer mit seinem langen Tisch und der düsteren Gasbeleuchtung, die mehr als einmal nicht funktionierte. Am Kopf des Tisches saß mein Großvater, ein kleiner unschöner Mann mit großem, roten glatzköpfigen Kopf. Bei Tisch wurde politisiert, die Kinder schwiegen, und oft nahm das Gespräch heftige Formen an, wobei kräftig auf den Tisch geschlagen wurde, sodass ich Angst bekam, jedoch zu meiner Verwunderung löste sich stets alles in Wohlgefallen auf. Regelmäßig vor dem Nachtisch wurde der Existenz der Kinder gedacht, indem mein Großvater ankündigte, es sei ein schreckliches Unglück passiert, der Konditor habe die Tütchen mit Schlagsahne zu Boden fallen lassen und es gäbe keinen Nachtisch. Der Witz fand jedesmal das gleiche ungläubige Lächeln der Kinder, in dem doch eine gewisse Angst saß, es könne diesmal wahr sein. Mein Großvater war ein engherziger, kleinlicher Mensch, den nichts so in Erregung versetzen konnte, als wenn ein Bindfaden zerschnitten statt aufgeknüpft wurde und in dessen Gegenwart Kinder nicht laut sprechen durften. Eine Anekdote aus seiner Jugendzeit wurde lebendig gehalten. Als er noch Lehrling war, wurde er einstmals der Ehre gewürdigt, von seinem Chef zum Mittagessen eingeladen zu werden. Aus Verlegenheit hielt er sich ans Essen und packte seinen Teller so voll, dass das Söhnchen des Chefs ausrief: „Schau mal, Papa, der Moritz hat soviel Sauerkraut genommen, wie will denn der an seinen Fisch rankommen!“. Diese Episode wurde nebst andern zur Feier des 70. Geburtstages meines Großvaters durch Schattenbilder mit begleitenden Versen dargestellt, wobei ich zu meiner Freude den Sauerkraut fressenden Moritz mimen durfte, einer Aufgabe, der ich mich mit großer Begeisterung hingab. – In seinem Beruf muss er nicht sehr erfolgreich gewesen sein. Mein Vater sagte einmal etwas geringschätzig von ihm: „Reich gelebt und arm gestorben!“ Nach seinem Tod war wohl kein Vermögen vorhanden und meine Großmutter, die ihren Mann fast 20 Jahre überlebte, wurde von ihren 3 Schwiegersöhnen erhalten, denen das allerdings keine Belastung war. Mein Großvater stand im Ruf, geistreiche Gedichte zu verfassen, und zwar excellierte er im Genre der Gelegenheits- und Gesellschaftsgedichte, eine Begabung, die auf seine 3 Töchter überging und bei allen Familienfesten bestätigt wurde. Ich erinnere mich an eine Strophe, die meine Großmutter oft zitierte. Der Großvater hatte gedichtet: „Die Frauen sind mir alle Luft, doch ohne Luft kann ich nicht leben“. Die arme Großmutter, sie wird wohl gewusst haben, weshalb ihr gerade diese Worte haften geblieben waren. Der gute Großpapa brauchte viel Luft zum Leben und die Luft, die im Familienkreise wehte, reichte ihm nicht. Er atmete auch noch die Luft, die ihm Frau Nathan in die Lungen blies. Das hat das Leben meiner Großmutter verbittert. Mein Vater, der mit großer Liebe an „Muttchen“ hing, nannte sie einmal eine unfrohe Natur. Sie sei nie auf das eingegangen, was der Großvater gewollt habe. Wollte der Großvater mit ihr spazieren gehen und war er in Laune dazu, so musste sie unbedingt gerade jetzt Strümpfe stopfen, und die gute Laune des Großvaters verflüchtigte sich oder ging zu Frau Nathan Luft schöpfen. Aber ich habe die Großmutter in sehr lieber Erinnerung, in viel lieberer Erinnerung als den ledernen Großpapa, dessen welke Haut und mürrische Stimmung mir Abscheu erregte. Die Großmutter war in ihrer Art ein Original. Sie muss sehr hübsch gewesen sein, wie ich aus Bildern, die meine Schwester Lena hat, gesehen habe. Sie stammte aus Magdeburg und war eine geborene Heskel. Ihre Mutter oder Großmutter soll damals das hübscheste Mädchen von Magdeburg gewesen sein, und ihretwegen sei ihr Mann vom Christentum zum Judentum übergetreten, und habe sich noch im Mannesalter, wie die Familienchronik wissen will, beschneiden lassen, da dies als Bedingung zur Ehe gefordert wurde, ein für damalige Zeiten ganz ungewöhnlicher Vorgang. Aus dieser Zeit stammt der christliche Einschlag in der mütterlichen Familie, der sich in meiner Großmutter, meiner Mutter und noch in meiner Schwester Lena ausprägt. Ich sehe die alte Großmutter vor mir, wie sie wie eine besorgte Gluckhenne ihre zwölfköpfige Enkelschar, die sie zu jedem Geburtstag um sich versammelte, überwachte, eifrig bedacht auf das leibliche Wohl jedes Einzelnen, das sie nach der in langer Erfahrung bewährten Regel: „Die großen Kinder 3 Stück Kuchen, die kleinen 2 Stück!“ zu schützen suchte. Eifrig kontrollierend ging sie mit ihren kurzsichtigen Augen umher. „Wieviel hast du schon gegessen?“ fragte sie. „Zwei“, antworteten die großen beim 6. Stück, und „eins“ krähten die kleinen beim 3. Stück. „Dann dürft ihr jeder noch eins essen,“ sagte die arme betrogene Großmama, worauf das Spiel von Neuem losging.

 

 

19.II. Meine Mutter war das älteste von 4 Kindern, nämlich 3 Mädchen und einem Jungen. Der Junge, mein Onkel Hans Elsner, starb in jungen Jahren, mit etwa 25, ganz plötzlich an einer fast lächerlich zu nennenden Ursache, an einem Hühnerauge, an dem er wohl selbst herumlaboriert hatte. Dann begab er sich nicht gleich in ärztliche Behandlung, sondern zu einem sog. Pediceur, und als er zum Arzt kam, da war es zu spät: Blutvergiftung. Er wurde unzählige Male geschnitten, man sprach von Bein abnehmen, ob es geschehen ist, weiß ich nicht – kurzum, er war nicht mehr zu retten. Ich sehe meine Mutter noch vor mir, wie sie um ihren Bruder weinte. Ich habe ihn als einen lieben Onkel im Gedächtnis. – Von meiner Mutter hing bei meiner Großmutter ein großes Ölbild, das sie als Kind darstellte. Sie hatte langes blondes Haar, blaue Augen und trug einen komplizierten blauen Kinderanzug nach damaliger Mode, mit halblangen Hosen, die unten mit Spitzen garniert waren. In der Hand hielt sie eine Puppe, die wohl ihr Lieblingsspielzeug gewesen war. Meine Mutter wurde nach jenen veralteten Methoden erzogen, die im Hause ihrer Eltern geschätzt waren und die geeignet sind, einen Menschen im Keim zu ersticken, statt ihn zur Entfaltung zu bringen. Besonders unglücklich waren in jener Zeit ja die Mädchen dran, die nur auf den Mann resp. die Heirat dressiert wurden. Irgendwelche freie Meinungen und Wünsche waren ihnen nicht gestattet. Was für sie getan wurde, geschah einzig und allein nach dem Gesichtspunkt, ob es geeignet war, sie frühzeitig und möglichst günstig unter die Haube zu bringen. Wie es häufig ist in Familien, wo andere Kinder sind, so wurden auch hier die Erziehungsgrundsätze der Eltern am kompromisslosesten an dem ältesten Kind, meiner armen Mutter, vollzogen, während bei den jüngeren Kindern bereits eine Lockerung der Prinzipien eintrat. Gründe für diese Erscheinung gibt es ja genug. Beim ersten Kind ist die Erziehungsenergie der Eltern noch am frischesten, unverbraucht. Das Kind ist das große Erlebnis, von dem viel erwartet wird. Die Eltern streben danach, das Kind zu dem zu machen, was ihnen als Ideal vorschwebt. Bei den jüngeren Kindern sind die Eltern nachsichtiger, sie sind älter geworden, haben auch Enttäuschungen bei der Anwendung ihrer Grundsätze erlitten, die Zeit ist weiter fortgeschritten und der allgemeine Fortschritt tut seine Wirkung. Auch kommen den jüngeren Kindern mit größerer Leichtigkeit die Vergünstigungen zugute, die sich die älteren Geschwister erkämpfen mussten oder die ihnen mit der Länge der Zeit zufielen. Im Haus meiner Großmutter hatte ein junges Mädchen die Talente auszubilden, die dazu beitragen konnten, es anziehend zu machen. Einen größeren oder gar selbständigen Wert maß man den Talenten nicht bei. Meine Mutter, die von der Natur kleine Begabungen erhalten hatte, lernte ein wenig malen, ein wenig singen, ein wenig Klavier spielen, alles ganz nett, aber unbedeutend und ohne Lust betrieben. Zur Vervollständigung ihrer Bildung und zur Erlernung der französischen Sprache kam meine Mutter, der Mode der Zeit folgend, auf 1 Jahr ins Pensionat nach Lausanne, welche Zeit sie in harmlosen Versen festgehalten hat, deren Inhalt die üblichen Späße bildeten, die junge Mädchen mit Pensionserlebnissen treiben. Meine Mutter muss noch sehr naiv gewesen sein, von einer, offen gesagt, an Dummheit grenzenden Kindlichkeit, ein Zug, der sich in der Kindheit meiner Schwester Lena wiederholt hat. Meine Mutter erzählte selbst lachend, wie sie einmal, entzückt von der blauen Farbe des Genfersees, Wasser in eine Flasche geschöpft habe, um es zur Erinnerung mitzunehmen und wie sie erstaunt und enttäuscht war, nichts als eine trübe, schmutzige, aber farblose Flüssigkeit vorzufinden. Auf gleicher Stufe bewegte sich Lena, die als Kind am Strand von Heringsdorf mit einem Körbchen kleine kostbare Kügelchen sammelte, nämlich Ziegendreck. – Als meine Mutter aus Lausanne zurückkam, hatte sie an Bildung, hauptsächlich aber an Gewicht zugenommen – es platzten ihr alle Nähte. Sie erlangte aber sehr bald ihre schlanke Figur wieder. Diese Erfahrung verleitete meine Mutter zu der Annahme, das müsse so sein und schade gar nichts. Ein junges Mädchen zwischen 16–18 Jahren ging eben in die Breite und das verliere sich ganz von selbst. „Genau so ist es mir auch gegangen,“ sagte sie zu mir, als ich als eitler Bruder Protest gegen die wachsende Fülle meiner Schwester erhob. Leider aber blieb hier die Rückentwicklung aus. Noch kurze Zeit führte meine Mutter das harmlose Leben, das man als Vorstadium der Ehe betrachtete; aber die Großmutter ließ bereits ihren forschenden Blick über die Männerwelt schweifen. Dass ein junges Mädchen, wenn es die zwanzig überschritten hatte, heiraten würde, war ganz selbstverständlich. Darüber war auch nicht der mindeste Zweifel bei meiner Großmutter. Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen, war ihr Wahlspruch, der ja an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Sie war auch fest überzeugt, dass niemand eine bessere Partie erwählen könne als ihre Töchter und dass das älteste als erste an die Reihe kam, galt als selbstverständlich. Wie meine Mutter in die Familie Elsner kam, weiß ich nicht. Man hat mir einmal von fremder Seite erzählt, die Heirat meiner Eltern sei eine Konventionsehe gewesen, habe sich aber zu einer Liebesehe entwickelt. Das kann schon möglich sein, mindestens das erstere. Mein Vater war ein junger, aufstrebender Kaufmann, im Rufe besonderer Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit, der seit kurzem ein eigenes Geschäft gegründet hatte und dem man gute Chancen für die Zukunft gab. Er wollte sich nun auch ein Heim gründen, war er doch schon Mitte Dreißig, und so war ihm die in Berlin ansässige, bürgerliche Familie meiner Großeltern schon recht. Meine Mutter war 12 Jahre jünger als mein Vater, sie hatte vom Leben, und erst recht vom Heiraten, keine Vorstellung. Sie ging so ahnungslos in die Ehe wie ein Bierstudent ins Examen. So wenig sie von der Ehe, verstand sie auch vom Mann, seinem Leben und Wirken. Sie wusste nicht im geringsten, was sie im Zusammenleben mit meinem Vater zu erwarten hatte. Als meine Großeltern sie schonend vorbereiteten und sie fragten, wie sie sich wohl zu einem Antrag meines Vaters stellen würde, so wusste sie nichts zu erwidern als: er wäre ihr schon recht, nur hinter dem Ladentisch möchte sie nicht gerne stehen. Am 10. Mai 1894 fand die wohl vorbereitete Verlobung statt. Meine Großeltern, mein Vater, meine Mutter und wohl auch deren Geschwister machten einen gemeinsamen Ausflug zum Schwedischen Pavillon, einem am Wannsee gelegenen Sommer-Restaurant. Man saß an einem herrlichen Tag im Garten am Wasser, als mein Vater meine Mutter zu einer Kahnfahrt in einem der dort bereit liegenden Ruderboote aufforderte. Als er bis zur Mitte des Sees gerudert war, eröffnete er sich. Diese Szene haben meine Eltern unter gegenseitigen Neckereien oft und oft geschildert. Mein Vater pflegte zu sagen, er hätte noch nicht den Mund aufgemacht, da habe meine Mutter schon „ja“ gesagt, worauf sich meine Mutter damit revanchierte, mein Vater sei so aufgeregt gewesen, dass er das Boot fast zum Kentern gebracht habe. Kurzum – sie kamen als Brautpaar an Land, wo sie von den überraschten Schwiegereltern beglückwünscht wurden, die in weiser Voraussicht der kommenden Dinge bereits das Verlobungsdiner bestellt hatten.

 

 

22.II. In meinen Eltern verbanden sich zwei sehr entgegengesetzte Naturen, die sich aber auch in mancher Weise ergänzten. Mein Vater war ein starker und herrischer Charakter, dabei aber gutmütig, wenn auch nicht gütig, und oftmals sehr weich. Seine Lebensanschauungen hatten sich in hartem Lebenskampf, aber auch unter dem Eindruck seines erfolgreichen Handelns gebildet. Er durfte sich im wahren Sinne als Selfmade-Mann betrachten. An der Wiege war ihm nicht viel gegeben worden, alles musste er sich selbst erkämpfen. Aber dass ihm der Aufstieg gelang, das schränkte auch wieder seinen Gesichtskreis ein, indem er so fest von der Richtigkeit seines Denkens überzeugt wurde, dass er andern Meinungen keine Existenzberechtigung zubilligte. Der Erfolg auf seiner Seite gab seinen Schlüssen eine Beweiskraft, die zumindest für ihn unumstößlich war. Zwar predigte er den Grundsatz, man müsse auf die Meinung Anderer hören und mit Stolz berief er sich darauf, dass er in seinem Geschäft die Ansicht jedes Hausknechtes zu Rate zog, aber abgesehen, dass er fast nie die Maximen befolgte, die er für richtig hielt, sondern immer in impulsiver Weise von den Eingebungen des Augenblicks gelenkt wurde, war es doch so, dass er stets dann auf die Meinungen Anderer hörte, wenn er mit ihnen übereinstimmte, aber niemals dann, wenn sie den seinen entgegengesetzt waren. Mein Vater hat zwar keine gute Schulbildung genossen, aber er war nicht ungebildet. Er hatte viel gelesen, und wenn er auch nicht gründlich geschult war, so hatte er sich doch die Kenntnisse angeeignet, über die ein Mensch der besseren Gesellschaftsklasse zu verfügen pflegt. Er hatte eine gute Auffassungsgabe und die Fähigkeit zum selbständigen Denken, wusste seinen Gedanken auch eine originelle, kernige Form zu geben, sodass seine Ansichten von denen der in ausgetretenen Schuhen wandelnden Menschen angenehm sich abhoben. Er hatte auch einen guten äußeren Schliff angenommen, der nicht nur in seiner Person, seiner etwas vornehm-würdevollen Haltung, in der er sich niemals gehen ließ, seiner stets tadellosen Kleidung und seinen meist liebenswürdigen Umgangsformen zum Ausdruck kam, sondern der ganzen Hausführung den Stempel aufdrückte. Aber bei aller Weite der Entwicklung war er doch außerordentlich eng geblieben. Er hatte seine ganz bestimmten Grenzen, im Denken, im Handeln, in den Interessen, in den Gewohnheiten und Lebensformen, und wenn er an diese Grenzen gelangte, so war jedes Weiterschreiten ausgeschlossen. Es fehlte ihm jegliche Elastizität und mit zunehmendem Alter wurde er immer starrer. Wer diese Grenzen nicht kannte und sie ahnungslos überschritt, weil sie für ihn nicht bestanden, der konnte wohl mit Staunen den plötzlichen Stimmungsumschlag erleben, der meinen Vater ergriff. Trat dieser Zustand ein, so nahm sein Gesicht einen finsteren, drohenden Ausdruck an. Gewitterwolken lagen auf seiner Stirn, die buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, die Augen schleuderten wütende Blitze, von seiner ganzen Person ging etwas unheimlich Drückendes aus, jeder Frohsinn, jede gute Laune und jedes gute Gewissen erstarb. Dieses Gesicht war der Schrecken meiner Kinderjahre und auch meine Mutter zitterte vor Angst, wenn das „Gewittergesicht“, wie wir später diese Anfälle nannten, aufzog.

 

 

Und doch möchte ich meinen, dass sich am wenigsten dabei mein Vater wohlfühlte und, ohne dass er es selbst wusste, nur darauf wartete, aus dieser Stimmung auf eine anständige Weise wieder herausgenommen zu werden. Wer es nämlich verstand, das richtige Stichwort zu treffen, etwa einen passenden, aber nicht verletzenden Witz anzubringen, der konnte augenblicklich einen Umschlag nach der andern Seite herbeiführen, womit sich alles in befreiendes Gelächter auflöste. So stark und herrisch und mitunter rücksichtslos mein Vater auch war, so fehlte ihm doch die Kraft, in irgendeiner Brutalität durchzuhalten. Er gab fast immer nach, wenn auch gegen seinen Willen, und wer ihn kannte, ließ ihn austoben und fasste ihn in seiner weichen Stimmung. Aber auch diese Phase hielt nicht stand und so war ein rasches Wechseln der Stimmung bei ihm gang und gäbe. Dass es unter diesen Umständen für eine Frau nicht leicht war, mit ihm zu leben, lässt sich denken. Meine Mutter war in allem entgegengesetzt. Klein von Natur, zierlich in den Gliedern, fast zart, über das gewöhnliche Maß naiv und unausgelebt, dabei zimperlich und unselbständig. In den ersten Jahren verlief das Eheleben mitunter stürmisch. Mein Vater verlangte als eine Selbstverständlichkeit völlige Anpassung an seine Lebensgewohnheiten. Er stand gern früh auf, meine Mutter schlief aber gerne lange. Er liebte kaltes Wasser, ihr war laues angenehmer. Er war ein passionierter Spaziergänger, der im Sturmschritt mehrere Stunden hintereinander durch den Wald tobte, meine Mutter liebte einen gemächlichen kleinen Spaziergang, bei dem sie sich nicht überanstrengen musste. Auf seine Frau warten zu müssen, brachte meinen Vater außer Rand und Band. Wenn er fertig war – und das war er in 2 Minuten – so wollte er gehen. Wenn eine Frau aber fertig ist, so ist sie noch lange nicht fertig. Unerträglich empfand es mein Vater, dass meine Mutter sich nicht selbst frisieren konnte. Sie musste auf die Friseuse warten, die häufig unpünktlich kam, die man aber nicht verstimmen durfte, weil man von ihr abhängig war. Da stand nun der Vater auf Kohlen und war nicht zu bändigen und die Mutter saß und weinte hilflos, weil die Friseuse sich wieder einmal bei der Frau Hammerstein verplaudert hatte. Meinem Vater war oft zum Auf-und-davon-laufen. Und doch passten sie wieder gut zusammen. Welche Frau hätte sich dem Manne, seinen Launen und Ansichten so untergeordnet wie meine Mutter? Welche Frau hätte so darauf verzichtet, ihre eigenen Ansprüche und ihr eigenes Leben durchzusetzen? Meine Mutter lernte, früh aufzustehen, sie lernte, sich selbst zu frisieren, sie wurde auf die Minute pünktlich, wenn es sich darum handelte fortzugehen und sie rannte auf den Spaziergängen, bis sie rot und außer Atem war und war stolz, es ihm gleichzutun und sein Lob zu hören. Dabei lernte sie es mit der Zeit, ihren Mann zu nehmen und mit echt weiblichem Instinkt und kleinen Listen ihre allerdings sehr bescheidenen Wünsche durchzusetzen. Auf der andern Seite schaffte ihr mein Vater ein behagliches Leben. Sie nahm nach außen eine geachtete Stellung ein und blieb ihr ganzes Leben lang von materiellen Sorgen verschont. Mein Vater richtete ihr ein Bankkonto ein, das, wenn es erschöpft war, ohne Diskussion aufgefüllt wurde, denn bei dem ständig wachsenden Wohlstand spielte es keine Rolle, wieviel verbraucht wurde. Aber meine Mutter hatte sich so sehr die Ansichten meines Vaters zu eigen gemacht, dass sie ihren eigenen Wünschen gegenüber, die sie doch mit Leichtigkeit hätte befriedigen können, eine asketische Haltung einnahm. Ich sagte schon, dass mein Vater in seiner Lebensweise Reste puritanischer Gesinnung zum Ausdruck brachte. Ich meine damit jene eigentümliche Mischung von Luxus und Sparsamkeit, die sich nicht selten in kapitalistischen Kreisen findet. Mein Vater hielt sich in der Stadt eine 10 Zimmer- Wohnung, in Wannsee ein großes Haus mit Garten und Gewächshaus, 2 Automobile, einen Gärtner und Chauffeur und 3 Dienstboten, er hielt sich ein Reitpferd und einen Weinkeller etc. Wenn aber auf dem Abendtisch ein 1/4 ??? Wurst mehr als üblich gedeckt war, wenn die Grenze erreicht war, so konnte er über die Verschwendung außer sich geraten. Er hätte sich auch selbst niemals in irgendeiner Beziehung mehr gegönnt, als seine eigene Vorschrift ihm zuließ. Dabei war dieser zugelassene Bereich gar nicht eng gezogen, im Gegenteil, ehe sogar verschwenderisch, aber jede noch so kleine Überschreitung war untragbar. So konnte es kommen, dass Tausende hinausgeworfen wurden, aber um Pfennige gestritten wurde. Und meine Mutter, die ein unbegrenztes Bankkonto zur Verfügung hatte, gestattete sich nicht, am Nachmittag eine Tasse Kaffee in einer Konditorei zu trinken, sondern blickte verächtlich auf die Frauen, die dort herumsaßen, „als hätten sie nichts zu tun“. Dabei bin ich überzeugt, dass meine Mutter, die ja im Grunde auch nichts zu tun hatte, ganz gern dort gesessen hätte, wenn es ihr Über-Ich gestattet hätte. Aber „müßig zu sein“, durfte sie sich nicht gestatten. Ob meine Mutter glücklich gewesen ist? Ich wage es nicht zu beantworten. Eigentlich lebte sie gegen ihre Natur. Ihr wäre ein ruhiges, behagliches Leben angemessen gewesen an der Seite eines zartfühlenden Mannes, der sie mit Aufmerksamkeiten verwöhnt und ihr das gute Gewissen eines bescheidenen Lebensgenusses gegönnt hätte. Statt dessen lebte sie mit einem robusten Rauhbein, der sie zwar herzlich gern hatte auf seine Weise, aber sie doch nicht zu einem Leben auf ihre Weise kommen ließ, der ihr in 20 Jahren nicht einmal eine Blume brachte, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil das überhaupt nicht in seinem Kopf war, und der sie dauernd zwang, sich zu überspannen. Mitunter fühlte sie es wohl, und in den letzten Jahren ihres Lebens kam wohl auch einmal eine Klage über ihre Lippen, dass sie doch „eigentlich nichts vom Leben habe“, aber nie hätte sie es gewagt, sich das offen einzugestehen, was sie sicherlich gefühlt hat. Ihr Los wurde noch besonders schwer durch die zunehmende Schwerhörigkeit meines Vaters, die in steigendem Maße die feinen Zwischentöne jeder Intimität zerstörte und überdies meine Mutter fast völlig von jedem gesellschaftlichen Verkehr ausschloss, dem sie sich doch so gern hingegeben hätte. – Diese Charakteristik ist sicher nicht erschöpfend, aber für den Anfang soll sie genügen und das eine und andere wird später noch zu ergänzen sein. –

 

 

25/II Im Jahre 1897, 2 Jahre nach der Geburt meiner Schwester Ilse, kam ich in der Lessingstr. in Berlin zur Welt. Man sagt mir, dass mein Erscheinen mit Freude begrüßt wurde, war ich doch der erste Sohn, der ersehnte Stammhalter, an dem sich die Wünsche, die Hoffnungen und der Ehrgeiz der Eltern speziell des Vaters knüpften. Wie das damals in Familien war, und übrigens heute auch noch vielfach ist, werde ich sicherlich durch meine Existenz meine ältere Schwester in den Hintergrund gedrückt haben, obwohl meine Eltern das nie zugegeben hätten und auch mit Bewusstsein nie etwas getan hätten, um meine Schwester zurückzusetzen. Aber in einem Hause, in dem die Frauen ohnehin nicht viel galten und eine untergeordnete Rolle spielten, stelle ich mir vor, dass der Sohn von Anfang an eine stärkere Bedeutung gehabt haben wird als die Tochter, mindestens bei meinem Vater, der ja den Ton des Hauses angab. Du musst aber nicht denken, dass mein Vater ein besonders zärtlicher oder vernarrter Vater gewesen ist. Im Gegenteil, nichts war ihm verhasster als zur Schau getragene Affenliebe. Es war aber nicht nur die Frage des Nach-außen-zeigens. Er hatte auch innerlich keine Beziehung zu Kindern, zu seinen so wenig wie zu fremden. Wenn ich mir einbilde, von vornherein eine gewisse Bedeutung im Hause gehabt zu haben, so war es nicht auf Grund von dem, was ich damals war, sondern von dem, was in Zukunft von mir erwartet wurde. Ich wurde begrüßt als der zukünftige Träger einer Rolle. Mein Vater hatte eine sehr primitive Einstellung zu Kindern. Irgendwelche Charaktereigenschaften konnte er an ihnen nicht unterscheiden, seelische Entwicklung nahm er an ihnen nicht wahr. Alle kleinen Kinder waren für ihn gleich. Sie hatten die Aufgabe gesund zu sein, tüchtig zu trinken und zu essen, zuzunehmen – mehr wurde von ihnen nicht verlangt und nicht erwartet. Wenn nun so ein kleines Menschlein sein dickes Gesichtlein zu einem Lachen verzog, wenn mein Vater mit seinem Zeigefinger ihm unters Kinn fuhr und „Kieks“ sagte, so nannte er es ein „freundliches Kerlchen“ und das war das höchste Lob, das er für Kinder bereit hatte. Dass ein kleines Wesen in den ersten Monaten und Jahren eine für sein Leben sehr bedeutsame Entwicklung durchmacht, dass es eine gewaltige Arbeit leistet, indem es sehen, hören, laufen, erkennen, sprechen lernt, dass es eine allererste und vielleicht für immer entscheidende Stellungnahme zu Menschen und Dingen bezieht und dass es in dieser Tätigkeit Hilfe und Leitung benötigt – davon hatte er keine Ahnung. Seiner Anschauung gemäß war er auch davon überzeugt, dass seine Kinder, indem sie an Gewicht zunahmen, sich in Übereinstimmung mit allen andern Kindern, die sich erwartungsgemäß entwickelten, befanden und dass es darüber nichts weiter zu sagen gäbe. Er hat mir später einmal erzählt, wie abstoßend es für ihn gewesen wäre, als sein Freund Sussmann, der Kinder im gleichen Alter hatte, auf einer gemeinschaftlichen Reise jeden Tag irgendeine neue Begebenheit von seinem Sohne erzählte, die er für höchst interessant hielt, die aber nach Ansicht meines Vaters keinen Menschen interessierte. Sein zweites Wort sei „d’r Otto“ gewesen – jener Otto, der später übrigens in ein besonders unglückliches Verhältnis zu seinen Eltern kam. Wie nicht anders zu erwarten, mussten Väter, die verstohlen und scheinbar zufällig, ein Bild ihres Kindes aus der Tasche zogen, statt eines Lobes eine spöttische Bemerkung von meinem Vater einstecken. – Mein Vater hatte sich für den Umgang mit Kindern ein sehr einfaches System zurecht gemacht, das er vom ersten eigenen Kind bis zum letzten Enkelkind mit Erfolg anwendete. Solange das Kind noch nicht sitzen konnte, beugte er sich über das Körbchen, machte „Kieks“, schüttelte den Kopf hin und her und wenn das Kind lächelte und nach ihm griff, sagte er ein über das andere Mal: „ Jawohlja – jawohlja!“. Konnte das Kind sitzen, so nahm er es nach Schluss der Mahlzeit auf sein Knie und nun ging eine Prozedur vor sich, bei der er ein Lied pfiff – oder besser gesagt, „das“ Lied, denn es war die einzige Melodie, die er behalten konnte. Da nicht nur ich und meine Geschwister, sondern auch alle Enkelkinder, also auch Du dieser Melodie andächtig gelauscht hatten, so will ich sie hier aufzeichnen:

 

 

Dabei nahm er es mit der Tonreinheit nicht sehr genau, wohl aber mit dem Rhythmus, den er mit dem Fuß schlug und zwar mit dem Fuß desjenigen Beines, auf dem das Kind saß. Durch diese Bewegung hob und senkten sich Knie und Oberschenkel, sodass das Kind in rhythmischen Stößen auf- und niederflog. Er liebte es, bei dieser Gelegenheit die Kinder recht kräftig durchzuschütteln, wobei er ihnen einen Finger vor die Nase hielt, den er im Takte hin- und herbewegte. War das Lied zu Ende gepfiffen oder auf die Worte „Tü-tü-tü“ gesungen, so kam der Knalleffekt. Er klemmte die Füße des Kindes zwischen seine Beine, fasste das Kind bei den Händen und ließ den Körper des Kindes zur Erde herunter, sodass der Kopf nach unten hing; dazu rief er ein langgezogenes „bauz“. Nun musste das Kind sich von selbst wieder hoch­arbeiten, wobei er ihm nur eine schwache Unterstützung mit seiner Hand gab. Dieses Spiel wurde 3 oder 4 mal wiederholt. Jedesmal rief meine Mutter ängstlich: „Bernhard, dem Kind wird ja das ganze Essen wieder hochkommen!“ und tatsächlich – nichts anderes konnte erwartet werden. Und trotzdem habe ich gesehen, dass alle Kinder – und es waren im Laufe der Jahre fast ein Dutzend – diese Prozedur wieder und wieder unbeschadet überstanden. Im Gegenteil, sie erweckte stets erneutes Ver­gnü­gen. Auch Du, Renatli, hast auf seinen Knien gesessen, bist nach den unreinen Klängen des Liedes auf- und niedergeworfen worden, hast dabei vor Freude gekräht, nach dem Finger des Großvaters zu greifen versucht oder ihn an seinem Spitzbart gezogen, hast „bauz“ gemacht, mit dem Kopf nach unten gehangen und Dich unter mächtiger Anstrengung, mit zusammengepressten Lippen und puterrotem Kopf, nach oben geangelt. Und bei alledem blieb das eben eingenommene Essen dort, wo es hingehört – im Magen, was Mutti mit einem Seufzer der Erleichterung zur Kenntnis nahm. An Sonntagen kam noch ein anderes Spiel dazu. Das war die goldene Wunderuhr, deren Deckel aufsprang, wenn das Kind pustete. Viel erstaunte Kinder­augen, auch die Deinen, haben dieses Wunder angeschaut. – Von meinen ersten Kinderjahren weiß ich recht wenig. Meine Mutter nährte mich nicht selbst, sondern ich wurde mit „Soxlet“ aufgezogen; das war eine damals „ganz moderne“ Art der Ernährung, von der viel Gutes behauptet wurde. Sie bestand darin, die Milch viele Stunden kochen zu lassen, ehe man sie dem Kind zu trinken gab. Natürlich kochte alle Kraft heraus, und ich verdanke dieser Entdeckung schlechte Zähne und viele Qualen beim Zahnarzt. Eine meiner frühesten Erinnerungen wird Dir vielleicht Spaß machen: Ich sehe mich mit meiner Schwester Ilse an einem kleinen Kindertischchen sitzen, an dem wir unsere Mahlzeiten einnahmen. Morgens und nachmittags gab es Milch oder Kakao zu trinken. Wir hatten sehr hübsche, ziemlich große, farbige Becher aus dickem Porzellan oder Ton, mit hübscher Malerei verziert. Unser Hauptspaß bestand darin, meine Mutter zu erschrecken. Wenn wir ausgetrunken hatten, nahmen wir den leeren Becher, stürzten ihn um und riefen: „Mutti, ich hab noch nicht ausgetrunken!“ Meine Mutter ging täglich von Neuem wieder mit gutmütigem Schrecken auf dieses Spiel ein, das durch seine Wiederholung für uns nichts an Reiz einbüsste, und täglich bereitete es uns neue Freude, sie von ihrer Angst zu befreien, indem wir ihr den leeren Becher vorwiesen. Einmal nun – ja, da war mein Becher gar nicht leer, sondern war noch bis zum Rand voll mit Kakao. Da wurde aus dem Spiel Ernst und aus dem Schrecken Wirklichkeit. Am meisten erschrocken war aber wohl ich, über dem sich die ganze braune Flüssigkeit ergossen hatte. Sicherlich brüllte ich wie nicht gescheit und es wird viel Trost gebraucht haben, mich zu beruhigen. Neben dem Schrecken war etwas mir Unbegreifliches geschehen – ich erinnere mich deutlich an meine Fassungslosigkeit darüber – ich hatte etwas, das doch vor meinen Augen stand, nicht gesehen. Mich packte etwas von dem Schrecken, der den Menschen befällt, wenn durch ein ihm unverständliches Ereignis die Kausalkette durchbrochen scheint und er sich dem Griff einer unbekannten Macht ausgesetzt fühlt. Seit der Zeit war mir das Becherspiel verleidet. Aber an seine Stelle trat ein neues, Dir nicht unbekanntes, mit der Eierschale, die ich, wenn sie leergegessen war, mit der geöffneten Seite nach unten in den Eierbecher steckte, sodass oben nur die unversehrte Hälfte herausschaute. Dann tat ich, als ob ich das Ei nicht essen wollte – denn es ist doch zu schön, die Mutti anzuführen, besonders wenn sie darauf eingeht, das Kind bittet, doch ja alles aufzuessen, woraufhin die Weigerung strahlend wiederholt wird, bis die Mutter so recht ärgerlich wird. Und je toller sie es macht, umso schöner ist es. Genau so hast Du es mit Deiner Mutti getrieben.

 

 

28/II. Wenn ich Dir diese kleinen Kinderscherze erzähle, so tue ich es, weil ich mehr Deine jetzige Altersstufe im Kopf habe als die, in der Du vielleicht einmal diese Zeilen lesen wirst. Aber vielleicht hast Du dann auch noch Spaß daran. – Als ich etwa 3 Jahre alt war, wurden Ilse und ich gemalt. Es sollte eine Überraschung sein zum Geburtstag meiner Mutter. In dem Atelier des Malers war ein kleiner Hund, den ich auf dem Schoß halten durfte, um stille zu sitzen. Der beschäftigte meine Fantasie so sehr, dass ich, als ich zu Hause war und nochmals ausdrücklich ermahnt worden war, ja nichts von dem Bild zu erwähnen, zu meiner Mutter mit den Worten herausplatzte: „Das Hündchen von Onkel Maler… „. Schleunigst fiel mir die Großmutter, die gerade anwesend war, ins Wort. Ich erschrak, wurde ganz rot und lief hinaus. Wieder tat sich ein Abgrund auf, weil ich keine Kontrolle über meinen Willen hatte. Natürlich beutete Ilse den Vorfall aus und hänselte noch lange die Plaudertasche von Bruder, die den Mund nicht halten konnte. – Ein besonderes Ereignis war die Geburt von Lena, als ich 5 Jahre alt war. Kurz vorher, es war gerade an meinem Geburtstag, erhielten Ilse und ich jeder eine Ansichtskarte, unterzeichnet vom Klapperstorch. Dieses Märchen wurde also bei uns noch gepflegt. Auf der Karte war ein Teich abgebildet, in dem viele kleine Babies saßen und ein Storch umherlief, der gerade eines beim Steckkissen fassen wollte. Der Klapperstorch gratulierte mir zum Geburtstag und schrieb, er habe noch eine besondere Überraschung für mich. Ich würde sehr bald ein Geschwisterchen bekommen. „Ob es ein Junge oder ein Mädchen sein würde“, wollte er mir noch nicht verraten. Das war eine aufregende Nachricht, mit der wir zur Mutter liefen. Nachdem wir beraten hatten, schrieben wir eine Antwort an den Klapperstorch. Ilse musste sie schreiben, ich konnte es noch nicht. Das Brieflein hingen wir an einem Bindfaden an einen Nagel auf dem Balkon. Am nächsten Morgen war der Brief verschwunden. An dem Bindfaden war noch ein Eckchen des Briefumschlags hangen geblieben. Dieses Indiz verstärkte meinen Glauben in absoluter Weise, denn es war für mich der Beweis, dass hier der Storch mit seinem Schnabel tüchtig hatte zerren müssen, bis er den Brief losbekommen hatte. Die Aufregung stieg infolgedessen bis zum Eintritt des erwarteten Ereignisses. – Dann hat sich die Erinnerung an meinen ersten Schultag in meinem Gedächtnis erhalten. Meine Mutter brachte mich zur Schule, den ganzen Weg gute Belehrung predigend. Besonders wie ich mich auf dem Schulweg zu verhalten hätte, – ich musste den Kurfürstendamm, eine sehr belebte Straße entlang gehen –, an welchen Stellen ich den Damm kreuzen müsse, dass ich erst nach links, von der Mitte der Fahrbahn aber nach rechts schauen müsse, dass ich ja auf die Autos und Pferde achten müsse, es sei gar sehr gefährlich etc. –

 

 

1/III Renatli, heute ist der Todestag meiner Mutter. Sie war eine gute Frau. 17 Jahre ist das schon her. Und was hat sich alles seit dem verändert! Es ist fast nicht zu glauben! – Der Lehrer, der mich 3 Jahre durch die Vorschule begleiten und in die Geheimnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens einweihen sollte, war Herr Müller, ein kleiner Mann mit schwarzem, in der Mitte gescheiteltem Haar. Ich hatte großen Respekt vor ihm und seinen ersten Witz – er hatte zu dem Schüler Bickel gesagt: „Bickel, lies mal ein Stückel“ – brachte ich mit Begeisterung nach Hause. Als ich aber einmal einen Tadel bekam und ins Klassenbuch eingetragen wurde, wusste ich mich gar nicht zu fassen und ging heulend nach Hause, sodass mich unterwegs eine freundliche Dame anhielt und fragte: „Aber Kleiner, was hast du denn?“. „Ich hab einen Tadel bekommen“, brüllte ich. Sie versuchte mich zu trösten, was aber mein Heulen nur vestärkte. Tot unglücklich kam ich zuhause an und war recht überrascht, als die Hiobsbotschaft von Vater und Mutter mit einem nachsichtigen Lächeln aufgenommen wurde, gerade als sei es gar nicht so schlimm. Obwohl mich das erleichterte, fand ich es nicht ganz in Ordnung. In den ersten Schuljahren war ich ein ganz guter Schüler, in der Rangordnung stand ich an 5.–6. Stelle unter 40. Mein Vater legte großen Wert drauf, dass ich ehrgeizig sei. Ich sollte nicht damit zufrieden sein, „mit dem Strom zu schwimmen“, ich sollte nicht nur eine „Mittelleiche“ sein. Dass ich versetzt wurde, galt als selbstverständlich. „Wenn Du sitzen bleibst, musst Du ein Handwerk lernen!“ Das war die große Drohung, die über meiner Jugend stand. Wie wohl wäre mir heute, wenn ich eines gelernt hätte! So aber stellte ich mir unter einem Handwerk etwas Schreckliches und Verächtliches vor. „Wenn Du aber ein guter Schüler bist, so darfst Du ins Geschäft.“ Das wurde mir von klein auf als das erstrebenswerte Ziel vor Augen gehalten. Der Eindruck, den ich von meinem Vater als Kind hatte, war eine Mischung von Liebe, Respekt und Furcht. Ich sah ihn wenig, sodass er mir nicht ganz vertraut war. Vor allem aber war ich nie sicher vor seiner Strenge. Er strafte zwar nicht streng, es gab weder Schläge noch andere schwerwiegende Strafen, aber er sprach nicht, blickte finster und erreichte, dass man sich bedrückt und schuldig fühlte. Er war für mich eine zu starke Autorität. Ich lernte, die Dinge in erlaubte und unerlaubte einzuteilen, mich in die gezogene Ordnung zu fügen, aber ich lernte nicht, meinen eigenen Willen zu bilden und zur Richtschnur meines Handelns zu machen. Dabei ist das Paradox, dass mein Vater sich nichts so sehr wünschte als einen Sohn, der energisch, willensstark, ja draufgängerisch wäre, der wüsste, „was er wolle“. Aber um das zu werden, hätte ich entweder von Natur aus stärker sein müssen, was ich wohl durch den Einfluss der Mutter nicht war, oder aber ich hätte eine andere Erziehung, die stützend, helfend, wegweisend gewesen wäre haben müssen. Als mein Vater später Nietzsche las, dessen starke Lebensphilosophie ihm zusagte, gefiel ihm besonders das Wort, dass der Mensch „ein aus sich rollendes Rad“ sein solle, d.h. dass er keinen Antrieb von außen gebrauche, sondern seinen Motor in sich trage. Aber ich glaube, einen solchen Sohn hätte er gar nicht ertragen, er hat nie selbständige Menschen um sich haben können. Um aber einen selbständigen Charakter zu bilden, hätte es einer größeren Geistesfreiheit bedurft und eines größeren Abstandes zu sich selbst als mein Vater sich gegenüber hatte. In welchem Maße ich als Kind autoritätsgläubig gewesen sein muss, zeigt mir folgende Erinnerung: Einige Monate, ehe ich zur Schule kam, lehrte mich meine Mutter, einige Buchstaben zu schreiben. Ich sollte eine Zeile mit dem Buchstaben g schreiben. Ich malte mit Eifer und Sorgfalt immer schön ein g nach dem andern. Plötzlich sprang ich voll Schrecken auf, lief zu meiner Mutter, es sei mir etwas passiert. Auch die Mutter erschreckte, was denn geschehen sei. Ich hatte versehentlich 2 g miteinander verbunden, also gg geschrieben. So sehr war für mich die Vorschrift bindend und einen sol­chen Schrecken verspürte ich vor der selbständigen Handlung, die mir da unversehens in die Feder geflossen war. Das Wort „gehorchen“ spielte bei meinem Vater auch eine große Rolle. „ Ein Kind muss gehorchen“ war sein erzieherischer Glaubensgrundsatz. Nun musst Du nicht glauben, ich sei ständig gedrückt gewesen, auch nicht in Gegenwart meines Vaters. Es ging bei uns meist recht ungezwungen zu, z.B. an der Mittagstafel. Das war ja eigentlich der einzige Zeitpunkt am Tage, an dem wir mit dem Vater zusammen waren. Dann erzählten wir von der Schule. Für gute Noten bekam ich ja nach Leistung einen Groschen oder 50 Pfennige. Schlechte Noten unterdrückte ich nach Möglichkeit. Durch die Schwerhörigkeit meines Vaters ging es sehr laut bei Tisch zu. Wir brüllten, was die Lungen herhielten, und je mehr, umso lieber war es dem Vater, weil er gern verstand, was gesprochen wurde. Auch war er Scherzen gar nicht abgeneigt. So hatte sich aus Gewohnheit ein Spiel mit ihm herausgebildet, das in einem gewissen Alter von uns täglich wiederholt wurde. Mein Vater saß mit dem Rücken zur Tür, die zur Küche führte und durch die das Essen hereingetragen wurde. Das Mädchen brachte die Speise und Teller zusammen auf einem Tablett, stellte das Ganze auf einer ebenfalls im Rücken meines Vaters befindlichen Anrichte ab, deckte dann die Teller und danach erst reichte sie die Speise. Wir konnten also bereits früher als der Vater sehen, was es zu essen gab. Darum ließen wir ihn stets vor dem Nachtisch raten, was es gäbe. Kaum hatte sich die Tür aufgetan und das Mädchen war mit der Speise erschienen, so brüllten wir im Chor: „Rate mal, was es gibt!“, wobei wir das i möglichst in die Länge zogen. Der Vater legte nun sein Gesicht in angestrengte Falten und fragte: „Glasteller oder Porzellan­teller?“ Das gab ihm einen gewissen Anhalt, ob es sich um Kompott oder Speise handle. Und dann ging das Raten an: „Apfelmus?“– „Nein!“ “Pflaumen?“– „Nein!“ „Kirschen?“ „Ja-a-a!“. Aus unverständlichen Gründen war der Jubel und das Geschrei am größten, wenn es Flammeri (d.i. ein Grießpudding mit Himbeersauce) gab. Es konnte aber auch ein anderer Wind beim Essen wehen. Mein Vater hielt viel auf gute Manieren beim Essen. Einige entfernte Verwandte aus England, etwas ältere Kinder als wir, hatten es ihm mit ihrem guten Benehmen angetan und wurden uns als Vorbild vorgehalten. Ich besonders ließ in dieser Beziehung viel zu wünschen übrig. Selten waren meine Hände sauber. Gar oft wurde ich wegen meiner Trauerränder vom Tisch in mein Zimmer geschickt und musste auf den Nachtisch verzichten. Ich kehrte dann den Beleidigten heraus, verzog keine Miene und sagte „ich mache mir garnichts daraus“. Das Weinen übernahm in diesen Fällen Lena, der es naheging, dass ich auf die Speise verzichten musste. Auch war meine Art zu essen noch nicht gentlemanlike. Messer und Gabel fasste ich zu kurz, die Arme hielt ich nicht am Körper, sondern ließ die Ellenbogen in der Luft stehen. „Flügel runter!“, donnerte dann der Vater. Auch führte ich den Bissen mit der Gabel nicht, wie es sich gehört, langsam und interesselos zum Munde, sondern schnappte ihn schnell und gierig von der Gabel. Dies trug mir die Bezeichnung “Schnapphahn“ ein. Wenn ich auch zugebe, dass mein Vater mit Recht auf eine anständige Art zu essen hielt, wurde mir doch manches Mal der Genuss verekelt. – Bei uns im Hause trug der ganze Lebensstil den Zug an sich, in einem gewissen Zeremoniell zu erstarren. Besonders die Mahlzeiten nahmen ziemlich feste Formen an. Am Mittwoch gab es Leber, am Donnerstag, wenn Waschtag war, Kasseler Rippenspeer mit Erbenspurée und Sauerkraut, weil die Waschfrau etwas Währschaftes essen musste, am Freitag Fisch und am Sonntag Wild oder Geflügel. Zu Hammelfleisch gehörten Bohnen, zu Kartoffelklößen Pflaumensauce und zu Schweinefilet Bechamelkartoffeln. Das war so selbstverständlich, dass ich einmal, als meine Eltern verreist waren und Ilse das Menu machte, ganz beleidigt war, als es Schnitzel mit Blumenkohl gab. „Das sei keine Zusammenstellung!“. Denn zu Schnitzel hätte gemischtes Gemüse, sog. Leipziger Allerlei gehört. Einen eigenen Nimbus umgab den Salat. Seitdem mein Vater in Italien gewesen war und von einem italienischen Kellner das Rezept erhalten hatte, wie Salat mit Essig und Öl angemacht wird, musste der Salat unzubereitet auf den Tisch kommen und mein Vater unterzog sich mit einem Ernst, als gelte es eine heilige Handlung, der Aufgabe, die geheimnisvolle Mischung vorzunehmen. Familienfeste wurden feierlich begangen. Es war üblich, dass ich eine Tischrede hielt, auch waren Gedichte sehr beliebt. Das machte ich mit Leichtigkeit und auch mit Vergnügen. – Eine Neigung, die wirklich aus meiner Natur kam, war die Liebe zur Musik. Schon als Kind lauschte ich, wenn die Mutter Klavier spielte und ich kannte nichts Schöneres als ihr zuzuhören. Wenn sie den Walkürenritt von Wagner spielte, in dem es vor lauter Noten so gefährlich schwarz aussah, war ich von Ehrfurcht erfüllt und konnte nicht begreifen, wie es möglich sei, etwas so Schweres zu spielen. Einmal erhielt ich eine Kindergeige zum Geburtstag. Ich fidelte darauf herum und fand es so schön, dass ich mir garnicht vorstellen konnte, dass man noch schöner spielen könne. Ich stellte mich ans offene Fenster, das auf den Hof hinausging, damit nur ja alle Hausbewohner an dem Kunstgenuss teilhätten. Als ich dann später Geigenunterricht erhielt und zum ersten­mal eine richtige Geige in die Hand nahm, war ich tief enttäuscht, dass ich nichts als einen wimmernden, kratzenden Ton hervorbringen konnte, wo ich es doch in der Erinnerung hatte, so wunderschön geigen zu können. Ich erhielt mit 8 oder 9 Jahren Klavier-Unterrricht. Obwohl sehr schnell eine wirkliche Begabung erkenntlich wurde, die beachtet und gefördert zu werden verdient hätte, fehlte es gerade hier an Ernst. Die Kunst war im Hause meiner Eltern nichts Wichtiges. Mein Vater verstand garnichts von Musik und ließ sie nur als eine angenehme und schmückende Beigabe des Lebens gelten und meine Mutter erhob auch keinen Anspruch auf eine höhere Geltung. Den Unterricht erteilte ein altes trauriges Fräulein, die selbst nicht viel konnte und mich zu einer unmöglichen Fingerhaltung zwang. Von einer allgemeinen musikalischen Bildung oder gar einer Erklärung der melodischen und harmonischen Zusammenhänge war gar keine Rede. Ich lernte die Noten lesen und da ich ein gewisses Talent für die Technik hatte, lernte ich sogar trotz des Unterrichtes spielen. Meine Fortschritte wurden durchaus als genügend, ja überraschend empfunden. Daraus entstand eine große Gefahr. Da ich musikalisch war, wurde mein Bedürfnis nicht mit den Stücken, die man mir zu üben aufgab, befriedigt, sondern ich wollte auch die Sachen spielen, die ich von meiner Mutter oder von Ilse, die schon länger Unterricht hatte als ich, hörte. Ich weiß noch, wie ich einmal Ilse den Brautmarsch aus Lohengrin üben hörte, den sie recht talentlos hinunterleierte. Da dachte ich bei mir: „ach wenn ich doch das spielen könnte! Wieviel Ausdruck und Empfindung würde ich hineinlegen!“ Immer mehr griff ich zu schwierigeren Stücken, die ich musikalisch liebte, aber technisch nicht beherrschte. Da ich weder Geduld noch Anleitung zum üben hatte, wollte ich die Mauer der Technik überspringen und pfuschte über die schwierigen Passagen hinweg, weniger auf Genauigkeit bedacht als darauf, den mit vorschwebenden musikalischen Fluss ungefähr zum Ausdruck zu bringen. Davon hätte man mich natürlich abhalten und statt dessen in eine scharfe Zucht nehmen müssen. Leider geschah das nicht und obwohl ich später viel Mühe darauf verwandte, die Technik nachzuholen, falle ich noch immer in die Gewohnheit, die Genauigkeit zu opfern zugunsten eines musikalischen Schwunges, den aber nur ich selbst empfinde, während der Hörer mit Recht an der Ungenauigkeit Anstoß nimmt. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass ich zwar nach außen straff und streng gehalten wurde, innerlich aber schlaff und in mancher Beziehung trotz aller Pflege verwahrlost war. Sicherlich drückten sich hierin unbewusste Proteste gegen den Zwang des Elternhauses aus. So war ich bis zum 7. Jahr ein Bettnässer und meine schönen weißen Hosen zeigten stets ominöse Flecken. Das gab natürlich manchen Ärger und für mich viel Beschämung. Aber ich konnte meine Willenschlaffheit nicht über­winden. Ich stand auch sehr ungern morgens auf. Bis zur letzten Minute blieb ich im Bett, ja noch darüber hinaus, dann stürmte ich in Hast in die Kleider, legte die Seife ins Waschwasser, damit es so aussähe als hätte ich mich gewaschen, spülte kaum den Mund, hatte keine Zeit mehr zu frühstücken, nahm schnell noch eine Semmel zur Hand, raffte die Schulbücher zusammen, die ich am Abend vorher nicht zurecht gelegt hatte, brachte in der Eile oftmals alles durcheinander, stürzte davon, musste häufig für den kurzen Schulweg das Tram nehmen oder aber mehr rennen als gehen, und langte atemlos in der Schule an, gerade als die Glocke 8 Uhr schlug. Das verursachte eine ganz unnatürliche Nervenbeanspruchung, ich war mitunter auf dem Schulweg so aufgeregt, dass ich, der eine große Scheu vor unbekannten Menschen hatte, an Fremde, die aus der Richtung der Schule kamen, herantrat und die ganz sinnlose Frage an sie stellte, ob sie vielleicht wüssten, ob der Unterricht in der Kaiser-Friedrich-Schule schon begonnen habe, was sie natürlich lächelnd verneinten. Diese Hast, in der ich lebte, blieb nicht immer verborgen. Entweder fiel es auf, wenn ich nicht einmal Zeit hatte, an das Bett meiner Mutter zu gehen und ihr guten Morgen zu wünschen, oder ich hatte vergessen, die Seife aus dem Waschwasser herauszunehmen, womit offenbar wurde, dass ich mich nicht gewaschen hatte, denn die aufgelöste Seife ruhte auf dem Grunde des Beckens, während oben das klare Wasser schwamm. Dann gab es wohl ein Donnerwetter, aber es half nicht lange, und ich fiel in die Gewohnheiten zurück. Zeitweise konnte ich mich nicht entschließen, meine Schularbeiten zu machen. Ich sagte, ich hätte nichts auf oder ich sei schon fertig. Soweit sie unbedingt gemacht werden mussten, d.h. soweit ich sie nicht in den Schulpausen, manchmal sogar in gewissen Schulstunden, abschreiben konnte, besorgte ich sie nachts. In den frühen Morgenstunden zwischen 2–4 Uhr stand ich auf, setzte mich im Nachthemd ans Pult und erledigte das Notwendigste. Häufig fror ich dabei, zog mir aber nichts an, gleichsam als Selbstbestrafung. Das alles war natürlich ein ganz ungesunder Zustand für ein Kind und die Kehrseite einer Zwang ausübenden Erziehung. – Mit der Wahrheit nahm ich es nicht sehr genau. Da war z.B. die Frühstückssemmel, die ich häufig mit auf den Weg nehmen musste. Wenn ich aber den Schulweg rennen musste, so konnte ich natürlich im Rennen nicht essen, und steckte sie in die Manteltasche, wo ich sie mitunter vergaß. Dann wurde sie im Lauf des Tages, hart und vertrocknet, gefunden. Das führte zu Vorwürfen, und als es sich trotzdem wiederholte, machte mein Vater eine heftige Scene, welche Sünde es sei, Brot in dieser Weise umkommen zu lassen. Natürlich hatte er vollkommen recht damit, aber er begriff die Ursachen nicht. Ich gelobte Besserung, aber am nächsten Tag – der Teufel wollte es, ich konnte nicht aus dem Bett heraus, es gab die übliche Hetze, die Semmel versank in der Manteltasche und geriet trotz aller Vorsätze wieder in Vergessenheit. Sie wurde wieder entdeckt und nun zog sich ein drohendes Strafgericht zusammen. Ich bekam eine sinnlose Angst, ich sah ein, dass meine Situation unmöglich war – und ich leugnete. Gegen alle Vernunft, von Angst getrieben, leugnete ich. Ich behauptete, die Semmel am Morgen gegessen zu haben und diese hier müsse noch die vom Vortage sein. Man glaubte mir nicht, weil man sich erinnerte, die alte Semmel aus der Tasche herausgenommen zu haben, aber ich blieb hartnäckig und unter Tränen bei meiner Aussage. Da verlangte mein Vater von mir das Ehrenwort, dass es sich so verhielte wie ich sagte. Ich gab es, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Du siehst, noch heute, nach fast 40 Jahren, habe ich das nicht vergessen und oft habe ich mich gefragt, wer in diesem Falle mehr Unrecht hatte, mein Vater oder ich. Denn das war mir klar, wenn es auch ein Unrecht war, ein falsches Ehrenwort zu geben, so lag das Unrecht doch nicht allein auf meiner Seite. Wenn Kinder nicht lügen sollen, so muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, die Wahrheit zu sagen. Verängstigung treibt aber zur Lüge. Dazu kommt, dass der Begriff „Ehrenwort“ für ein Kind keinen vollen Sinn hat, und dass man ihn einem Kind gegenüber gar nicht anwenden sollte. Immerhin hatte ich doch soviel Ahnung davon, dass ich lange Zeit ein schlechtes Gewissen hatte. Mein Vater verlangte überhaupt zu hohe Ehrbegriffe von mir, oder vielmehr, er verlangte sie zu früh von mir, in einem Alter, wo ich noch zu wenig Verständnis dafür aufbringen konnte. So kamen wir ein­mal auf einer Reise vor ein Krieger Denkmal für die Gefallenen von 1870. Da verlang­te er plötzlich in heftigem Ton von mir, ich solle die Mütze abziehen. Alle Leute blicken auf mich – wenigstens bildete ich mir das ein – ich schämte mich, wurde knallrot und vollzog widerwillig eine für mich ganz sinnlose Handlung. Denn ein Gefühl der Ehrfurcht vor Toten, und das Bezeugen dieses Gefühls mit einer betonten Feierlichkeit durch ein Geste, die für mich eine einfache Grußformel war, das alles musste mir ganz fremd sein. Ich hatte aber das richtige Gefühl, dass, wenn schon eine solche Geste geschähe, sie aus innerer Empfindung kommen müsse, und nicht durch äußeren Befehl, und dass ich kleiner Junge durch sie lächerlich wurde. – In peinlicher Erinnerung ist mir auch noch ein gelegentlicher Zwang hinsichtlich der Kleidung. Meine Eltern brachten uns von einer Italienreise für jeden einen Florentinerhut mit. Die der Mädchen hatten nichts besonderes an sich, aber meiner war ein eigenartiges Monstrum. Er war aus einem Stück geflochten und der Kopf war in der Größe verstellbar, derart dass je größer der Kopf geformt wurde, umso kleiner und schmaler wurde die Krempe. Umgekehrt je kleiner der Kopf, umso größer wölbte sich der Rand nach oben. Da ich einen sehr kleinen Kopf hatte, so stand der Rand übertrieben in die Höhe, weit über den Kopf des Hutes hinaus. Dieser „Suppenteller“, wie er genannt wurde, trug mir viel Spott ein, besonders in Verbindung mit dem Lied „Du hast nen Flo-, du hast nen Flo- du hast nen Florentiner Hut.“ Zu anderer Zeit ließ mein Vater uns Matrosenkleider von einem englischen Schneider machen, der von Zeit zu Zeit aus London nach Berlin kam. Der Anzug war nicht auffallend, aber die Mütze – die Mütze. Sie hatte das lange Matrosenband an der Seite, es baumelte mir also am Ohr hinunter. Alle in Deutschland gearbeiteten Mützen hatten das Band aber hinten in der Mitte. Nun bedenke, was es für ein Kind bedeutet, mit einem langen Band vom Ohr herab herumzulaufen, wenn allen andern Kindern das Band vom Nacken flattert. Ich begreife heute nicht, warum man das Band nicht einfach abtrennte und hinten annähte – allein ich musste mit dem peinlichen Gefühl mich abfinden. Bei uns lag ein Widerspruch zwischen spartanischen Erziehungsgrundsätzen und luxuriösen Gewohnheiten. Z.B. im Essen. Wir durften als Kinder keinen Belag aufs Frühstücksbrot haben außer einem dünnen Butteraufstrich, um uns nicht zu verwöhnen. Aber auf der andern Seite gab es doch so viel, dass die Sparsamkeit keine Wirkung hatte. Ähnlich war es mit der Einstellung zum Geld. Mein Vater war bestrebt, uns Respekt vor dem Geld und der Mühe des Erwerbs beizubringen. Wir wurden knapp gehalten, mussten uns die Groschen verdienen durch gute Leistungen und sie dann in einer Sparbüchse aufheben. Erst spät erhielt ich ein regelmäßiges Taschengeld von 1 Mk in der Woche. Über dieses Geld sollte ich Rechenschaft ablegen, aber nie konnte ich mich zwingen, meine Auslagen aufzuschreiben, obwohl ich nicht eigentlich etwas zu verschweigen hatte, denn die Naschereien hielten sich in kleinem Umfange. So wurden dann die Abrechnungen zusammengestutzt. Violin Saiten waren ein willkommener, weil schwer kontrollier­barer Posten, und wo eine Lücke blieb, da war die Position „Armer Mann 5 Pfg“ zur Hand. Damit fiel eine gut gemeinte erzieherische Maßnahme ins Wasser. Einmal wurde in dem Futter meines Mantels ein Markstück gefunden, von dem ich garnichts wusste. Das gab einen gehörigen Krach über meine Liederlichkeit. Aber es war eben auch eine Diskrepanz zwischen der Rechenhaftigkeit mit Pfennigen und einer geldlichen Sorglosigkeit im Haushalt, die uns doch nicht ganz verborgen blieb.

 

 

3/III Verstehst Du, was ich meine? Nicht darum handelt es sich, dass wir an irgendeinem Punkt zu wenig gehabt hätten. Im Gegenteil, wir hatten ja alles im Überfluss, so sehr, dass wir für das Haben gar keine Empfindung erwerben konnten. Und eine Erziehung zum Sparen wäre uns nur gut gewesen, aber das Sparen und das Geldausgeben muss sinnvoll sein, und das war es nicht immer. Z.B. waren wir einst während der Sommer-Ferien an der See, ich glaube in Norderney. Es war der Sommer 1911, ein berühmt heißes Jahr. Da das Leitungswasser auf der Insel angeblich nicht gut gewesen sein soll, durften wir es nicht trinken und bekamen auch zu Tisch Mineralwasser. Da mussten wir zu dritt mit einer kleinen Flasche auskommen und wurden sehr von Durst gequält. Das finde ich nicht sinnvoll, wenn man an einer Table d’hôte sitzt, an der zu jeder Mahlzeit 4 Gänge serviert werden. – Du hast bei weitem nicht das, was wir als Kinder gehabt haben, aber selbst jetzt, wo wir kaum das Nötigste zum Leben haben, geben wir für Dich Geld aus für Dinge, bei denen meine Eltern gesagt hätten: das sei nicht nötig. Ich habe aber schon Dein Gesichtlein aufleuchten sehen über einen besonders schön geformten Buntstift oder einen rassigen Radiergummi, die zwar etwas mehr kosten als diejenigen, welche „es auch tun würden“, die aber eine Quelle nicht nur von Vergnügen, nicht nur von Besitzerstolz, sondern von Sicherheit und Haltung sind, weil sie Deinen kleinen Lebenskreis in einer Weise abrunden, wie Du sie in dieser Altersstufe gebrauchst. Natürlich habe ich mir damals keine Gedanken über diese Dinge gemacht. Ich war überhaupt kein Kind mit einer lebhaften Geistestätigkeit. In der Schule war ich schwankend: in Sprachen gut, in Rechnen und Mathematik wechselnd, aber eher schlecht, und sehr mittelmäßig in Deutsch. Einen Aufsatz zu schreiben, war für mich eine Qual. Bei den größeren Hausaufsätzen mussten zuerst die „Geflügelten Worte“ herhalten, dann aber nach der Reihe jedes Familienmitglied. Themen wie „Alpharts Tod“ nach einem altdeutschen Heldengedicht oder „Zerbrich den Kopf dir nicht zu sehr, zerbrich den Willen, das ist mehr“ etc. sind mir als Ursache qualvoller Stunden in lebendiger Erinnerung. Von der Schule könnte ich Dir natürlich manche ergötzliche Anekdote erzählen. Etwa wenn ich an den Turnlehrer Herrn Paarmann denke, einen Naturapostel, der geflochtene Schuhe trug und an uns antialkoholische Flugschriften mit dem Titel „Krieg dem Alkohol“ verteilte, die ich meinem Vater abends auf die Bierflasche klebte. Auch wetterte er (der Turnlehrer, nicht der Vater) gerne gegen die Gesundheitsschädlichkeit der Korsette, wofür wir Jungens ja das richtige Auditorium waren. Er zeigte uns Abbildungen der Venus von Milo und der Niobe und sagte mit beschwörender Stimme: „Seht Jungens, diese Frauen haben kein Korsett getragen und haben doch eine schöne Figur gehabt!“. Diesen Satz sang ich meiner Schwester Ilse in die Ohren, die noch lange so eine alte Rüstung trug. Dann war da der Chemielehrer, der uns alle mit „der Forscher“ titulierte. „Was weiß der Forscher Kass von der Schwefelsäure?“. Ach, der Forscher Kass wusste nicht allzuviel, denn Chemie war nicht seine Stärke. Oder ich denke an das alte Original Prof. Klette, ein kleiner dickbäuchiger, pathetisch auftretender, aber sehr energischer und gefürchteter Herr, der uns aber eine gute Grundlage im Französischen einpaukte. Er konnte einen Schüler, wenn er ihn auf dem Strich hatte, so aus der Fassung bringen, dass dieser gar nicht mehr wusste, was eigentlich los war. So ging es einmal einem Mitschüler, einem großen, dicken Jungen, der so den Kopf verlor, dass er sich auf die Stirne tippte, als ob er zum Lehrer sagen wollte: „Du hast wohl nen Vogel?“ Klette, der diese Bewegung gesehen und verstanden hatte, ging mit langen Schritten und zornfunkelnden Augen auf ihn los und schrie ihn an: „Du alter ausgewachsner Esel! Sitzt da in deinem Fett und tust nichts!“. Diese geflügelten Worte habe ich zuhause unzählige Male mit hochdramatischem Pathos zum Gaudium meiner Schwestern vordeklamiert. Dieser selbe Prof. Klette hat mir einmal unter eine französische Klausur, die ich, obwohl ich sonst gut in dem Fach war, total verhauen hatte, seine Lieblingsworte geschrieben: „Total verbummelt und verrottet!“. Diese Arbeit mit dieser kernigen Anmerkung musste ich von meinem Vater unterschreiben lassen, der mir die Schmach antat, außer seinem Namen noch die Bestätigung: „Sehr richtig!“ darunter zu setzen. – Gefährlicher in seiner Art war Prof. Wilke, auch ein Französisch-Lehrer und zugleich unser Klassenlehrer. In der Zeit, als er unterrichtete, war ich sehr schlecht in der Schule. Es war die Zeit der Tanz­stunde und meiner ersten Liebesleiden und -Freuden. Wann immer ich meine Aufgabe nicht konnte, und das geschah häufig, schüttelte er traurig den Kopf und sagte mit kraftloser, monotoner Stimme: „Kass, Sie verbummeln!“: Die ständige Wiederholung dieser Redensart verbunden mit der matten Eintönigkeit, in der sie gesprochen wurde, machte auf mich einen sich allmählich steigernden, völlig entnervenden Eindruck, der mir, wenn dies länger angedauert hätte, wirklich hätte gefährlich werden können, weil er in mit die Idee des Verkommenseins großzog. – Ich wollte eigentlich nicht so viel von den Lehrern sprechen, aber wo trifft man im Leben wieder solche Originale? Kann ich denn an meine Schulzeit denken, ohne dass der lange Dr. Weber vor mir aufsteigt, der sich so superklug dünkte, dass ihn niemand hereinlegen könnte und der mehr als irgendein anderer betrogen wurde! Ich sehe ihn noch neben meinem Freund Kadisch stehen, der auf Grund eines von ihm erdachten mit winzigen Zeichen operierenden Markierungssystem eine Lektion fehlerfrei übersetzte. Diese Fehlerlosigkeit kam Dr. Weber doch verdächtig vor. Er schaute Kadisch über die Schulter ins Buch, konnte aber nichts entdecken. Schließlich schüttelte er den Kopf und sagte melan­cholisch: „Tja, wie Sies jemacht haben, weiß ich nicht! Aber jeschummelt habn Se!“. Es war für uns alle ein großartiger Triumph. Und zum Schluss muss ich noch Prof. Schlesinger erwähnen, einen wirklich klugen Mann, der leider eine komische Stimme hatte. Er sprach als ob er einen Klos im Halse hätte. Und was gibt es Schöneres für Schüler, als einen solchen Tonfall nachzuäffen? Er brachte uns in den Mathematik- und Physikstunden auch die Anfangsgründe der Logik bei, denn nichts war ihm mehr zuwider, als eine unlogische Denk- und Ausdrucksweise. Sein Steckenpferd, speziell in der Mathematik, war die Denkregel, dass wenn ein Satz gilt, nicht ohne weiteres seine Umkehrung gilt, sondern dass die Gültigkeit der Umkehrung eines neuen Beweises bedürfe! Wehe dem, dem dieser logische Fehler passierte! „Wie können Sie annehmen“, schrie er unter Anwendung aller Gaumenlaute, „dass so mir nichts dir nichts die Umkehrung des Satzes gilt! Wenn ich sage: wenn es regnet, ist die Erde nass, darf ich dann etwa auch sagen: wenn die Erde nass ist, hat es geregnet?! Nein!“ fuhr er mit fürchterlicher Stimme fort, „es kann doch auch ein Sprengwagen gewesen sein!“ Wir platzten vor Lachen. Viele Fehler mache ich im Denken. Aber eins wird mir nicht passieren: ich werde einen Satz nicht ohne weiteres umkehren. Hätte ich das ebenso einprägsam behalten, wenn Prof. Schlesinger weniger komisch gewesen wäre?

 

 

11/3 Mein liebes Renatli, gestern hat mich Mutti besucht, zum ersten Mal seit über 4 Monaten, denn sie hat 10 Wochen krank gelegen. Sie sieht matt und sehr angestrengt aus und ich bin in großer Sorge um sie. Sie hat mir auch von Dir erzählt, dass Du von Seiten der Kinder manche Worte zu hören bekommst, die Dich treffen und dass neulich der große Hund von Tanners über Dich hergefallen ist, weil Kinder ihn, wohl halb im Scherz, aber vielleicht auch etwas mit Ernst, auf Dich gehetzt haben und dass er Dir den Mantel zerrissen und Dich übel zugerichtet hat. Mutti sagte, Du hättest ihm Deine Orange hinwerfen sollen, um ihn abzulenken, aber Du antwortetest: „Ach, die teure Orange! Die ist viel zu schade für ihn! Eine Nuss hätte auch genügt!“. Da kommt Deine handfeste praktische Natur zum Vorschein. Die hast Du von Deiner Mutter. Auch sie denkt stets an das Nächste. Als ich hierher kam und sehr niedergeschlagen war, fing der erste Brief, den ich von Mutti erhielt, mit den Worten an: “In wenigen Wochen ist Weihnachten, da schicke ich Dir ein großes Paket“. Siehst Du, kein Lamentieren, kein unnützer Trost, sondern das Nächste, das Fressen. Nur eine Frau kann so denken, und ich glaube, auch Dein Sinn ist auf das Nächste gerichtet. – Leider gab es noch eine traurige Nachricht. Meine Hoffnung, Anfang September freizu­kommen, wird sich nicht verwirklichen. Darin liegt eine große Ungerechtigkeit, aber ich kann nichts machen. Mein größter Kummer dabei ist, dass auch Deine Hoffnung und Erwartung wieder getäuscht wird und dass der Gedanke in Dir entstehen muss, wir sagen Dir nicht die Wahrheit. Aber später wirst Du verstehen, wie sehr mich selbst meine Hoffnungen betrogen haben. Ich werde nun fortfahren mit meiner Erzählung und muss mir kein Gewissen daraus machen, dass ich soviel von mir spreche, dass es fast mehr einer Lebensbeschreibung von mir als von Dir gleichkommt. Aber hab nur Geduld. Ich nehme den Faden wieder auf und werde Dir noch genug von Dir erzählen. – Einmal brachte ich ein Zeugnis nach Haus, auf dem ich in der Rubrik. Fleiß die Note „mangelhaft“, also eine 4 hatte, mit dem Zusatz: „Er kann weit mehr leisten!“ Das gab eine ordentliche Scene, „Ja, wenn Du nicht besser könntest, wenn Du zu dumm wärest, aber wenigstens fleißig, wenn Du Dir Mühe geben würdest – aber nein, Du bist einfach faul! Der Lehrer weiß ganz genau, dass Du mehr leisten kannst, wenn Du nur willst!“ Das war das große Zauberwort meines Vaters: man kann, was man will. Man muss nur wollen, dann geht es von selbst. Und dass man alles wollen könnte, wenn man – ja wenn man eben nur wollte, das war selbstverständlich, darüber gab es keine Diskussion. Etwas nicht zu wollen, gleichbedeutend mit etwas nicht zu können, – selbstverständlich etwas im Bereich des Möglichen Liegendes – ließ nur die Alternative zu: Faulheit oder Bösartigkeit. Da man das letztere bei mir nicht annahm, so blieb die Faulheit. Und ich muss zugeben, es war etwas Wahres daran. Nur wäre es gut gewesen, nach den Ursachen zu fragen. Denn ich war nicht faul aus Trägheit, sondern aus Willensschlaffheit. Zum Teil war wohl ein schlechter Schulunterricht schuld. Es galt mir z.B. als ausgemacht, dass für Nebenfächer nicht gearbeitet würde. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals zu Hause ein Buch für Geographie, Naturkunde, Geschichte oder Physik geöffnet zu haben. Sie waren schon als Nebenfächer deklassiert und im übrigen interessierten sie mich nicht. In Geographie hinderte mich mein mangelndes Vorstellungsvermögen, den Übergang von den Landkarten zur Wirklichkeit in der Phantasie zu vollziehen. Länder und Städte waren Namen, nicht mehr. Ich wurstelte mich mit einer gewissen Geschicklichkeit hindurch; wusste ich garnichts von einer Stadt auszusagen, so sagte ich, sie sei ein Eisenbahnknotenpunkt oder sie habe eine bedeutende Industrie. Lediglich auf das Nachzeichnen von Landkarten wandte ich etwas Liebe auf und entsinne mich, dass ich Vergnügen daran fand, das Meer recht schön blau, die Felder grün zu malen und die Gebirge mit fein geriebenem Kork aufzukleben. Zur Naturkunde fehlte mir jegliche Beziehung, weil sie mir zur Natur fehlte. Wir waren ja Stadtkinder, an den Asphalt gewohnt, an den Tiergarten, wo das Betreten der Wiesen und das Pflücken der Pflanzen verboten war, und an den „Zoo“, wo wir Tiere hinter den Gittern kaum mehr sahen. Zwar machten wir jedes Jahr eine schöne Reise und am Meer, am Gebirge hatte ich große Freude, aber was hatte das mit der Naturkunde zu tun? Das war der Reiz des Unbekannten, des Abenteuers, nicht aber die Liebe zu jedem Grashalm und zu jedem Baumblatt. Auch Geschichte konnte mich nicht begeistern. Wohl las ich immer wieder die Sagen des Altertums, aber die trockene Geschichte, wie sie uns gelehrt wurde! Und dann die Jahreszahlen! – Was verschloss mir die Physik? Sicherlich ein natürlicher Mangel am technischen Interesse. Ich denke noch mit Schrecken an den Müllerschen Reifenapparat und die Atwoadsche Fallmaschine zur Berechnung der Fallgesetze und Elektrizität ist mir noch heute ein Buch mit sieben Siegeln. Und trotzdem bin ich sicher, dass für alle diese Gebiete, denen ich feindlich und interessenlos gegenüberstand, mein Interesse hätte geweckt werden können. Denn wie hätte es sonst sein können, dass mich später alle diese Dinge so sehr angezogen haben. Es kann noch ein anderer Umstand beigetragen haben. Ich war sehr langsam in der Entwicklung. Das ist wohl gut, wenn eine kluge und verständnisvolle Führung vorhanden ist. Wo diese aber fehlt, kann die langsame Entwicklung zur Katastrophe werden. Alle Entscheidungen traten an mich heran zu einer Zeit, wo ich für sie nicht reif war. So war es sicherlich ein grundsätzlicher Fehler, dass ich auf die Realschule und nicht auf das Gymnasium geschickt wurde. Ich hätte unbedingt eine humanistische Ausbildung haben müssen. Wie sehr entbehre ich, nicht Latein und Griechisch gelernt zu haben! Wie oft habe ich Ansätze gemacht, dies nachzuholen, ohne über gewisse Anfangskenntnisse hinaus zu kommen, denn Grundlagen muss man sich in der Jugend aneignen. Später im Berufsleben ist es schwer, die Regelmäßigkeit durchzuhalten, die zur Überwindung des Anfangswiderstandes gehört. Ich gebe allerdings zu, dass es nicht leicht gewesen sein muss, meine Anlagen zu erkennen. Ich zeigte in keiner Weise eine besondere Intelligenz, auch kein spezielles Interesse, noch weniger ein Streben. Ich galt nicht gerade als dumm, aber auch nicht als klug. Die Literatur, ein Gebiet, das mich später doch sehr interessiert hat, war mir gänzlich verschlossen. Von de Qual der Aufsätze sprach ich schon. Aber auch am Lesen hatte ich keine Freude, d.h. am Lesen guter Bücher. Es war mir völlig unmöglich, ein Schauspiel oder Drama zu lesen, selbst Schillersche Dramen, die doch die Jugend so begeistern, empfand ich als langweilig. Ich hatte nicht die Fantasie, mir Menschen und Handlungen nur auf Grund eines gesprochenen Dialogs vorzustellen. Natürlich musste ich für die Schule das eine oder andere klassische Drama lesen. Aber ich tat es mit Widerwillen. Was war das aber auch für ein Unterricht! „Erzählen Sie den Inhalt des 2. Auftritts, die 7. Scene des 3. Akts von Götz!“. Natürlich hatte ich keine Ahnung. So ist es denn verständlich, dass mein Vater, dessen Wünschen für meinen späteren Beruf ich nichts Greifbares entgegenstellte, die Realschule wählte, besonders da die einzige sichtbare Begabung innerhalb der Schulfächer die modernen Sprachen waren. Mein Vater sagte sich, was soll ich mich mit den toten Sprachen plagen, die einem Kaufmann garnichts nutzen, während die Kenntnis der lebenden Sprachen von großer Wichtigkeit ist. – Wie kam es aber, dass sich meine Begabung nicht zeigte? Nun, ich nehme an, dass sie für einen feineren Blick schon erkennbar gewesen wäre. Hier und da nahm ich doch einmal ein Problem auf, begeisterte mich doch für ein Buch oder ein Theaterstück, das ich gesehen hatte, und wenn man mich nun in diesen Richtungen weiter gelenkt hätte, so hätte ich mich sicherlich in ganz anderer Weise erschlossen. Mein Unglück im Leben war, dass ich niemals reif war für die Entscheidungen, wenn sie an mich herantraten. So ließ ich mir die Realschule, so ließ ich mir den Beruf auferlegen und erkannte zu spät, dass ich die falsche Bahn beschritten hatte. Es hängt aber alles davon ab, die richtige Bahn einzuschlagen. Der Start ist das Wichtigste. Ob sich dann auf dem Weg mehr oder weniger Schwierigkeiten zeigen, ob es schneller oder langsamer vorwärts geht, das ist nicht von Belang, aber die Richtung, die ist wichtig, die muss dem innersten Lebensnerv entsprechen. Wenn Du Dir, Renatli, von allem, was ich schreibe, nur das eine zu Herzen nehmen wolltest, wenn Du nur eine einzige Erfahrung von mir annehmen willst, ohne selbst das Gegenteil ausprobieren zu müssen, so ist es dies: Bestehe auf einen richtigen Start!! Wenn Du einen Weg siehst, den Du nach Deiner innersten Überzeugung für den Dir entsprechenden hältst, so betrete ihn, gleichgültig wie die Hindernisse sind, ja selbst gegen bessere Vernunft! Denn auf diesem Wege wirst Du die Hindernisse besiegen, auf jedem andern aber scheitern, selbst wenn er Dir mit Zauberhänden geglättet würde! Dies schreibt Dir Dein Vater, der auf einem falschen Wege durch unerbittlichen Zwang bis ans Ende gegangen ist, bis an dieses traurige Ende! Nimm diese Erfahrung von mir an, es ist das Wertvollste, was ich Dir geben kann. Wenn man sie selbst machen muss, so wird man zwar klug, aber nicht glücklich, denn es gibt kein Zurück, kein „noch einmal“! – Es ist für mich ein so großes Unglück gewesen, dass in meinem Elternhause jede geistige Atmosphäre fehlte. So konnte auch meine Musikbegabung keinen festen Boden fassen, man ließ sie frei wuchern und sie verwilderte. Eine gewisse Technik flog mir zu, ohne dass ich mich viel anstrengen musste, aber getrieben von einer förmlichen Musikleidenschaft, wagte ich mich an immer schwierigere Aufgaben, wobei ich die Stufen übersprang, die ein sorgfältiger Lehrgang einzuhalten zwingt. Dadurch verpfuschte ich mein Spiel. Andererseits erwarb ich damit eine Fähigkeit, die mir später oft zu statten kam: das vom Blatt Lesen. Aber man hätte gut das eine mit dem andern verbinden können. Zu meinen schönsten Erinnerungen gehört das Vierhändig-Spielen, mit meiner Mutter und auch mit meinem Freunde Otto Sussmann. Fast die ganze klassische und ein guter Teil der romantischen Musikliteratur war mir im Alter von 12 – 13 Jahren bekannt, ja nicht nur bekannt. Ich liebte sie mit aller Leidenschaft. Wie ernst es mir damit war, zeigt mir eine Erinnerung. Eine Sonate, die es mir am meisten angetan hatte, war die Pathétique von Beethoven. Als wir in die Sommerferien fuhren, ging ich am letzten Tag vor der Abreise nochmals ans Klavier, um von der Pathétique Abschied zu nehmen, denn so sehr ich mich auch auf die Reise freute, so hieß es doch: 4 Wochen darauf verzichten, die Pathétique zu spielen – und dieser Verzicht bedeutete mir etwas. Wie sehr es aber trotz allem auch meinem musika­lischen Trieb an Lenkung fehlte, zeigt mit folgendes: Ich hatte die Gewohnheit angenommen, beim Lesen eines Buches mich ans Klavier zu setzen, mit einer Hand das Buch zu halten und mit der andern wahllos Harmonien anzuschlagen. Das war natürlich eine üble Angewohnheit. Man sagte dann wohl einmal: „Werner, klimpere nicht!“, aber im großen Ganzen ließ man es dabei bewenden. Ich halte das deshalb für so schädlich, weil es eine Kraftstauung, eine Energiesammlung verhinderte. Die Quelle floss, aber sie bildete keinen Strom, sie versickerte. Ich war wie ein Topf mit einem Loch im Boden, aus dem das Wasser langsam rinnt. Gerade bei einem Kind kommt es aber darauf an, Kraftknotenpunkte, an denen sich etwas ansetzen kann, zu bilden. Damals wusste ich all das natürlich nicht. Im Gegenteil, ich war noch solz auf meine Angewohnheit. So dumm ist der Mensch, dass er sich noch auf seine Dummheiten etwas einbildet! Dafür kann ich mich jetzt von Dir auslachen lassen, die es hoffentlich einmal besser machen wird. Trotzdem habe ich wohl so dunkel gefühlt, dass ich mich nicht im Gleichmaß befand. Ich war kein glückliches Kind. Ich war natürlich nicht dauernd unglücklich, sondern häufig vergnügt und ausgelassen, aber häufig befiel mich eine bedrückte und wahrscheinlich auch angstvolle Stimmung, und zwar immer gerade dann, wenn eigentlich kein unmittelbarer äußerer Anlass vorhanden war, z. B. an Sonntagen oder bei Festlichkeiten. Es kamen noch einige beson­dere Umstände dazu, die mich quälten. In meiner ersten Jugend war ich, und zwar bis zum 7. Jahr, also ungewöhnlich lange, ein Bettnässer. Meine schönen weißen Sonntagshosen waren selten ohne ominöse Flecken. Natürlich war dies ein äußerst beschämender Zustand, unter dem ich litt, ohne ihn bekämpfen zu können. Die peinlichen Malheure passierten meist bei vollem Bewusstsein von dem, was geschah und in voller Voraussicht der beschämenden Folgen, aber es war mir gänzlich unmöglich, die winzige Willensleistung zu vollziehen, um rechtzeitig den geeigneten Ort aufzusuchen. Meine Eltern waren in diesem Punkt sogar recht nachsichtig, ich wurde niemals dafür gestraft, aber sie ließen mich das Peinliche meiner Situation mit einer leisen Ironie fühlen. So sagte mir mein Vater einmal, als ich in Tränen ausbrach, ich solle doch nicht weinen, ich hätte ja ohnehin schon Wasser genug. Die heutige Psycho­logie steht auf dem Standpunkt, dass sich in dieser Handlungsweise ein unbewusster Protest gegen das Elternhaus oder die Umgebung ausdrückt. Wie dem auch sei, so war dieser Zustand von sehr schädlicher Wirkung auf mein Selbstgefühl. Die immer erneuten Willensanstrengungen zur Überwindung des Übels und die immer wiederkehrenden Niederlagen waren der schönste Nährboden für Minderwertigkeitsgefühle. Ich entsinne mich, dass ich im Alter von 8–9 Jahren einmal einen Traum hatte, dass ich mich auf dem Abort befände und Wasser ließe. Als ich erwachte, hatte ich einen See im Bett. Mich befiel eine fürchterliche Angst und Scham, ich versuchte mit einem Tuch und Wasser die verdächtigen Spuren zu beseitigen, aber umsonst. Es war mir nicht tragbar, die Wahrheit einzugestehen, ich griff zur Lüge und erfand eine unwahrscheinliche Geschichte, ich hätte die Waschschüssel im Bett umgeschüttet oder so etwas ähnliches. Meine Mutter muss wohl die Angst und Verwirrung in mir bemerkt haben, denn sie ging mit einem leisen Lächeln und ohne etwas zu sagen über meine Erklärung hinweg. Ich fühlte aber wohl, dass sie mich durchschaute, was meine Scham nur noch mehr erhöhte, obwohl ich mich in diesem Fall unschuldig fühlte, da das Versagen des Mechanismus während des Schlafs nicht meine Willensverantwortung traf. Nicht unbeeinflusst von diesen Ereignissen war ein zweiter Umstand, der mir Qualen verursachte: eine unnatürliche Neigung zum Erröten. Es gab fast nichts, worüber ich nicht errötete. Sowie meine Person auch nur im geringsten ins Spiel trat, wurde ich rot. Es genügte, dass mich jemand beim Namen rief oder mich unerwartet ansah, oder dass ein anderer in Verlegenheit geriet. Das gab eine Schreckreaktion, als deren Folge eine Blutwelle in mir aufstieg, die ich verzweifelt zu unterdrücken versuchte. Wurde nun die Aufmerksamkeit von mir abgelenkt, so kam es nur zu einem leichten Erröten, wurde sie aber verstärkt oder gar auf das Rotwerden hingewiesen, so ergoss sich eine Blutwelle nach der andern über mein Gesicht. Nach einem solchen Anfall fühlte ich eine wirkliche körperliche Ermattung und Personen, die mir diesen Zustand verursachten oder gar zu seiner Verstärkung beitrugen, hasste ich aus dem Grunde meiner Seele. Dass durch diese Begleiterscheinung natürlich an sich schon peinliche Situationen noch peinlicher für mich wurden, ist klar und ich beneidete alle jene, deren Gefäßwände so beschaffen waren, dass die Wallungen ihres Blutes nicht so leicht sichtbar wurden. – Noch ein weiterer körperlicher Mangel bedrückte mich zeitweise. Etwa vom 11. Jahr an wuchs ich nicht mehr. Ich blieb hinter meinen Altersgenossen an Größe zurück, war fast der Kleinste in der Klasse. Dadurch fühlte ich mich sehr zurückgesetzt. Ich konnte nicht neben einem Kameraden gehen, ohne mich im Stillen an seiner Schulter zu messen. An einem Spiegel in der Wohnung beobachtete ich meine Fortschritte im Wachsen und bemühte mich, auch nur die winzigsten Veränderungen festzustellen. Mit 13 Jahren bekam ich dann einen Schuss, der mich auf normale Größe brachte, was mir eine außerordentliche Erleichterung verschaffte.

 

 

14/3 Ich weiß nicht, Renatli, ob meine Schilderung ein richtiges Bild meiner Jugend gibt. Ich unterlag meinen Hemmungen nicht so weit, dass ich etwa dauernd gestört gewesen wäre. Ich habe auch viele frohe Erinnerungen und habe meinen Eltern auch viel zu verdanken. Wenn sie gewusst hätten, dass manches für mich besser gewesen wäre, so hätten sie es gewiss getan. Aber auch so habe ich viel Schönes gehabt. Ich habe jeden denkbaren Sport getrieben, habe gerudert, geschwommen, Tennis gespielt und geritten. Schon als kleiner Junge durfte ich auf dem Pferd meines Vaters, einem schönen starken Apfelschimmel aufsitzen. Mein Vater ritt nämlich jeden Morgen von 6–1/2 8 Uhr im Tiergarten. Wie er zu sagen pflegte, schloss er ihn vom Westen her auf, während dies vom Osten der damalige Reichskanzler Betthmann-Hollweg tat, dem mein Vater auf der Mitte des Weges regelmäßig begegnete. Mein Vater ritt bis zu unserer Wohnung, wo ihn der Stallknecht erwartete, um das Pferd in Empfang zu nehmen. Da ich gerade um diese Zeit in die Schule musste, die auf dem gleichen Wege lag wie der Reitstall, so durfte ich zur Schule reiten, wobei der Stallknecht das Pferd führte. Später lernte ich dann richtig reiten, mit und ohne Sattel und auch ohne Steigbügel und manchen Sonntag vormittag sind mein Vater und ich stundenlang im Grunewald geritten, wobei er mich gehörig in die Schule nahm, um mir eine gute und legere Haltung beizubringen. Auch machten wir wunderschöne Reisen, teils an die See, teils ins Gebirge. In besonderer Erinnerung ist mir eine Reise nach Klosters. Ich war 10 Jahre alt und durfte die erste Hochtour machen. Wir bestiegen den Piz Buin in der Silvretta Gruppe, und um ein Haar hätte ich mich zu Tode gefallen. Wir gingen über den Gletscher. Die Schneedecke war leicht gefroren. Mein Vater und der Führer brachen durch ihr Gewicht ein und sanken bei jedem Schritt knietief in den Schnee. Ich war leicht und wurde von der Schneedecke getragen, wodurch für mich das Gehen viel weniger mühselig war. Der Führer machte aber den unverantwortlichen Fehler, mich am Schluss gehen zu lassen und nicht anzuseilen. Der Weg war zwar gefahrlos, aber plötzlich glitt ich aus, fiel hin und konnte auf der glatten Schneedecke keinen Halt finden und sauste seitlich an einem schrägen Hang in die Tiefe. Glücklicherweise konnte ich mich nach etwa 50 Metern in den Schnee einkrallen und kam zum Halten. Da hing ich, bis der Führer heruntergestiegen war und mich am Seil wieder hinaufzog. Mein Bergstock war in der Tiefe versunken. Beim Fallen hatte ich durchaus das Gefühl der Todesnähe und ein leichtes Bedauern darüber, aber keinerlei Angst. Ich war vollständig ruhig, vielleicht weil alles so schnell ging. Erst als ich wieder oben war, fingen mir die Knie an zu zittern. Wir setzten aber trotzdem nach kurzer Zeit den Aufstieg fort, diesmal wohl gesichert am Seil. Nach diesem Erlebnis kam ich mir sehr wichtig vor. Übrigens war dieser Vorfall kein Anlass für meinen Vater, die Hoch­touren einzustellen. Ich habe 2 Jahre später in den Dolomiten den Rosengarten und die mittlere der berühmten, ja berüchtigten 3 Vajolettürme, den Stadler bestiegen, eine ziemlich schwere Felskletterei. Mein Vater hatte auf Reisen überhaupt Sinn für das Abenteuer. Er liebte es, Abkürzungen zu gehen, auf denen er sich meist hoffnungslos verirrte. So sind wir einmal bei Engelberg einen ganz verwilderten, von Steinen zerklüfteten Bergpfad in stundelanger Mühe hinabgestiegen und welche Freude hatten wir, als wir auf der Touristenkarte feststellten, dass er als „bachbettähnlicher Viehweg“ bezeichnet war. Einmal wäre meinen Eltern diese Abenteuerlust beinahe selbst zum Verhängnis geworden. Sie waren im Winter auf Kreuzeck bei Parten­kirchen. Beim Abstieg verfehlten sie den Weg, mein Vater schlug nach bewährter Methode vor, quer durch zu gehen, sie verirrten sich immer mehr, kamen in den Nebel, in die Dunkelheit, riefen stundenlang um Hilfe, konnten weder vor- noch rückwärts und wurden schließlich gehört und wieder auf den rechten Weg geleitet. Völlig erschöpft kamen sie heim. Damals war mein Vater schon über die Sechzig und meine Mutter auch nicht mehr die Jüngste. Mein Vater freute sich aber wie ein Kind über das Erlebnis. Übrigens habe ich die Sucht, auf eingene Faust Abkürzungswege zu suchen, von ihm geerbt. – Wenn mein Vater einmal eine Idee aufgriff, führte er sie mit großem Ernst und eiserner Konsequenz durch. So war er einmal auf dem Weißen Hirsch bei Dresden, einem bekannten vegetarischen Erholungsheim. Als er zurückkam, bekamen wir nichts als Grieskoteletts, Salate und Äpfel im Schlafrock zu essen. Es dauerte einige Monate, bis sich das vegetarische Regime lockerte. Aber bis im höchsten Alter hat er seit der Zeit das „Müllern“ (heute nennt man es schwedische Heilgymnastik) geübt. Die ganze Familie musste in Badeanzügen antreten und nach Kommando Übungen machen. Es wurde für meinen Vater das Allerheilmittel. Klagte einer über Schmerzen, gleich ob im Kopf oder im Magen, im Hals oder in den Beinen, so sagte er: „Mach Übungen! Jeden Morgen 5 Minuten!“ Es ersetzte ihm den Arzt. Wenn in meinem Elternhause geistige Interessen so sehr wenig gepflegt wurden, so lag das daran, dass der menschliche Verkehr, den meine Eltern pflegten, auf so niedrigem Niveau lag. Freunde im eigentlichen Sinne hat mein Vater nie gehabt. Wohl gab es einige Leute, die er so nannte und mit denen ihn die Gewohnheit verband, aber es ist schlechthin unverständlich, was er mit ihnen gemeinsam hatte. Da war Sussmann, dessen Witwe er später geheiratet hat, ein notorisch dummer, rechthaberischer und seine Frau und Kinder tyrannisierender Mensch. Ferner Sontheim, ein Mehl­händler, von dem ich nichts zu sagen weiß, als dass er so dick war, als ob er all sein Mehl selber fräße. Dann war da Danelius, der Hausarzt, der immer kam, wenn niemand krank war, aber in allen Krankheitsfällen, die über eine simple Erkältung oder Magenverstimmung hinausging, einen Spezialarzt hinzuzog. Er war der hässlichste Mensch, den ich kenne. Klein, dick, kahlköpfig, behaart wie ein Affe, aber gutmütig und von göttlichem Selbstdünkel. Er war eine glückliche Natur, stets mit sich selbst zufrieden und immer voller Begeisterung für irgendein Hobby. Anfänglich war es die Fotografie, später die Musik. Er kratzte zwar jämmerlich auf der Geige, wurde aber ein kompletter Musiknarr, speziell auf dem Gebiet der Kammermusik. Er kannte alles und alle, beherrschte den Jargon und sprach nichts anderes als Kammermusik. Dass er Arzt war, schien er meist zu vergessen. „Soso, Werner, Du hast Halsschmerzen? Mach mal den Mund auf! Ja etwas gerötet. Da muss ich Dir sagen, da hat letzten Sonntag der Busch das Katharinchen mit dem falschen Anfang hingelegt, das war zum Staunen. So kriegen selbst die Rosés das nicht fertig!“ Die Halsschmerzen waren inzwischen vergessen. Er brachte es fertig, wirkliche Künstler in sein Haus zu ziehen, u.a. das berühmte Klingler-Quartett, mit dem ich auch oft musizierte. Von den übrigen Freunden des Hauses will ich garnicht reden. Meine Mutter verkehrte mit den Frauen dieser Männer, über die erst recht nichts zu sagen ist. Das Gespräch bewegte sich bei den Frauen um Kinder, Dienstmädchen und Essen, bei den Männern um Wirtschaft und Politik. Obwohl mein Vater gar keinen Sinn für Geselligkeit hatte, legte er doch Wert darauf und ärgerte meine Mutter damit, dass er plötzlich behauptete, nur sie würden eingeladen, aber zu ihnen käme nie ein Mensch, sodass meine Mutter in gekränktem Ehrgeiz ein Buch anlegte mit 2 Rubriken: „wir bei ihnen“ und „sie bei uns“, in das sie alle Besuche und Einladungen eintrug, um jederzeit die Bilanz des gesellschaftlichen Kontos ziehen zu können. Ich entsinne mich an große Gesellschaften, die bei uns gegeben wurden. Dann wurden Tische und Stühle gemietet, extra Köche kamen an und Lohndiener mit schmutzigen Fräcken und weißen Handschuhen, die den Wein einschenkten und den Gästen diskret die Marke ins Ohr flüsterten. Die Tische wurden mit Aufwand gedeckt. Schöne Spitzen, prachtvolle Blumenarrangements, kristallene Schalen, buntgeschliffene Römer für Rheinwein und spitze Kelche für Sekt. Die Servietten wurden zu kunstvollen Fächern gefaltet und die Butterkugeln verwandelten sich in Rosen oder Figuren. Meine Mutter geriet schon Tage vorher in eifrige Aufregung und hatte alle Hände voll zu tun mit „disponieren“. Da mein Schlafzimmer neben dem Speisezimmer lag, so drang das Klappern der Teller, das Schwatzen und Lachen, das sich zu einem wogenden Geräusch verband, an mein Ohr. Einzelne vernehmbare Bruchstücke lösten sich heraus und ich nahm ein Stück Papier und notierte alles, was ich auffing. Da ich bald von diesem, bald von jenem Ende des Tisches einen Satz auffing, bald ein ernstes Wort über die Wirtschaft, bald einen Scherz, bald einen Klatsch, so kannst Du Dir denken, was für einen Blödsinn das Ganze ergab. Nach dem Essen begaben sich alle Gäste in den Salon und diesen Moment benutzte ich, noch bevor der Tisch abgeräumt war, im Nachthemd ins Esszimmer zu schlüpfen und mich über die Reste an Essen und Getränken herzumachen. Als kurz darauf meine Mutter in mein Zimmer kam, um mir einen Teller mit Speise und ein Glas Bowle zu bringen, fand sie ihren Sprössling bereits in leicht angeheitertem Zustand vor. – Traditionell einmal im Jahr fand bei uns ein Krebsessen statt, in einem der Monate mir R, in denen es bekanntlich allein Krebse gibt. Es war ein Essen nur für Herren. Meine Mutter disponierte für jeden 6 Krebse und für Herrn Sontheim 12. Mit leichtem Gruseln sah ich in der Küche die krabbeln­den Scherentiere, die lebendig in das kochende Wasser geworfen wurden. Die Tafel wurde zu dieser Gelegenheit ganz in rot gedeckt. Rote Blumen, rotes Kreppapier und rotes Tischzeug und Servietten. – Nicht häufig, aber doch mitunter fand bei uns eine Tanzgesellschaft statt. Bei einem der nettesten Anlässe, an die ich mich erinnere, weil es der erste war, bei dem ich mittun durfte, war ein Ball, bei dem das Speisezimmer in ein Café verwandelt war. Kleine Lorbeerbäume grenzten Nischen ab, in denen richtige Cafétische mit Marmortafeln standen. Am Ende des Zimmers war eine große Anrichte, hinter der meine Mutter thronte und immer neue Speisen, Torten und Getränke auffuhr. Ein vergnügter Onkel mit einer dicken Nase spielte den Kellner in einer weißen Jacke und schwenkte eifrig die Serviette unterm Arm. – Meine Mutter konnte überhaupt in einen wundervollen Eifer geraten, so besonders vor Weihnachten, wenn sie täglich mit Paketen beladen nach Hause kam und so geheimnisvoll tat, dass wir Kinder vor Erwartung glühten. Oder als Krankenwärterin. Wehe dem, der schwitzen musste! Dann schleppte meine Mutter Decken über Decken heran, wickelte ihn kunstgerecht ein, legte Wärmeflaschen rechts und links und oben und unten, goss ihm glühende Limonaden ein, setzte sich neben das Bett, duldete nicht, dass mehr als die Nasenspitze herausguckte, beobachtete mit wichtiger Miene die erste Schweißbildung, da von da ab die vorgeschriebene halbe Stunde erst zu zählen begann, von der sie unbarmherzig auch nicht eine Minute nachliess, und war erst so recht zufreiden, wenn der Schweiß in Strömen von der Stirne des armen Patienten floss. War die halbe Stunde endlich vorüber, so begann die Zeremonie des stufenweisen Auswickelns, das Waschen mit lauwarmem Wasser, das Abrubbeln mit wollenen Tüchern, das Nachschwitzen und nochmalige Waschen und Abreiben, sodass zum Schluss meine Mutter fast so in Schweiß geraten war wie der Patient. Aber schon grübelte sie wieder nach, was sie jetzt tun könne, um der Krankheit den Garaus zu machen. – Ich habe einmal zu meiner Mutter ein Wort gesagt, mit dem ich sie sehr verletzt hatte. Ich las in einer Zeitung von einer neuen Modefarbe, die man „Tango“ nannte und fragte meine Mutter, was dies für eine Farbe sei. Sie antwortete, es sei eine bestimmte Mischung von rot und gelb und versuchte, sie mir zu beschreiben. Da blickte ich sie an und wie ich ihr Gesicht sah, das etwas gerötet war und von dem gelblichen elektrischen Licht beschienen wurde, platzte ich heraus: „ Also so wie Dein Gesicht?“ Meine Mutter brach statt einer Antwort in Tränen aus und ich bereute augenblicklich das unzarte Wort, das mir entfahren war. Ich versuchte, es gut zu machen, aber meine Mutter weinte fort und schickte mich schlafen. Sichtlich hat sie mir bald darauf das Wort vergeben und den Vorfall vergessen, aber ich erinnere ihn noch heute und ich gäbe viel darum, dieses Wort ungeschehen zu machen. Zu meinen Geschwistern stand ich in verschiedener Beziehung. Mit Ilse zankte ich mich oft, sie war die ältere und versuchte mich zu erziehen, was ihr den Schimpftitel „Gouvernante“ eintrug. Sie war ein merkwürdig verschlossenes, engstirniges, auf manchen Gebieten zurückgebliebenes, auf andern wieder kluges Kind. Sie hatte nicht gerade eine Rückgratverkrümmung, aber eine schlechte Haltung, wurde in Apparate eingespannt und viel gequält, immerhin jedoch mit einigem Erfolg. Sie war jedem Luxus abgewendet und hatte viel von der Primitivität meines Vaters. Bekam sie ein Kleid, so trennte sie zunächst allen Putz ab, sie duldete keine Schleife, keine Spitze, kein farbiges Band, die Wäsche musste das allereinfachste sein – all das wahrscheinlich eine Reaktion gegen die Zeit, in der man ihr Locken drehte und Spitzenkleidchen anzog. Damals waren kurze Kleider modern, alle gingen bis an die Knie, meine Schwester Ilse aber trug Röcke bis zum Boden und wenn irgend möglich ließ sie noch einen Saum aus. Sie hat sich immer zu zurückgesetzten Naturen hingezogen gefühlt und sich später der sozialen Fürsorge gewidmet. Sie hat nie eine einfache Denkweise verloren. Als sie geheiratet hatte und von meinem Vater einen wertvollen Teppich geschenkt erhalten hatte, kam ein Verwandter zu ihr und fing an, den Teppich zu rühmen, was es für ein besonders schönes Stück sei. Sie erwiderte sehr kühl: „Nun, essen können wir doch nicht davon!“ Als Kehrseite dieser Denkweise fehlte es ihr aber auch an jedem Schönheitssinn und jeder Begeisterungsfähigkeit. Meine Eltern waren sehr um ihre Verhei­ratung besorgt. Sie war die älteste und nicht sehr anziehend für Männer, denen sie als junges Mädchen geradezu feindlich gegenüberstand. Mein Vater glaubte eingreifen zu müssen. In seiner kurzangebundenen, unpsychologischen Art wählte er die ungeeignetste Methode. Es erschienen am Sonntag Mittag zum Essen plötzlich junge Männer, die neben Ilse plaziert wurden und sich eifrig um ein Gespräch mit ihr bemühten. Meist gelang es ihnen jedoch nicht, ihr mehr als ein Ja oder Nein abzu­ringen. War nun ein junger Mann zweimal im Hause gewesen, so verlor mein Vater die Geduld und sagte, meine Schwester müsse sich entscheiden. Er könne es einem jungen Mann mit ernsten Absichten nicht zumuten, in sein Haus zu kommen, ohne ihm eine Antwort zu erteilen. Die Antwort meiner Schwester war dann meist ein Geheul und mein Vater blieb verärgert. Sie brachte es aber doch fertig, sich einige Jahre erfolgreich zu wehren, sogar gegen den begönnerten Sohn eines wohlhabenden Geschäftsfreundes, gegen den sie einzuwenden hatte, dass er nach der Hochzeit soviel Gänseleberpastete essen würde, dass er dick wie ein Fass werden würde, womit sie übrigens recht behielt, denn wir haben sein Anschwellen noch miterlebt. Nach den gemachten Erfahrungen galt es als direktes Wunder, als sich Ilse einmal auf einer Hochzeit einer Freundin mit ihrem Tischnachbarn ausnehmend intensiv unterhielt. Es war ihr jetziger Mann, den ich Dir schon eingangs geschildert habe und mit dem sie sich heute weidlich herumplagen muss. – In ganz anderer Beziehung stand ich zu Lena, meiner 5 Jahre jüngeren Schwester. Für sie war ich der große Bruder, der, wie man bei uns sagte, „mit Sand und kleinen Steinen wirft“. Ich habe sie oft und kräftig verhauen, was ihr sicherlich Vergnügen machte, denn wir waren ein Herz und eine Seele und liebten uns innig. Wenn sie nach einer Tracht Prügel ordentlich brüllte, reizte ich sie noch mehr, indem ich sagte: „Ist sie nicht schön in ihrem Zorn?“. Wir waren viel mit den Sussmann-Kindern zusammen, Otto war 2 Jahre älter als ich, Margot im gleichen Alter wie Lena. Otto schützte Lena gegen mich, ich Margot gegen Otto. Manchmal fielen wir auch gemeinsam über beide her. Frau Sussmann erzählt heute noch, wie sie einmal beide Mädchen heulend hoch oben auf einem Kleiderschrank fand, wo wir sie hinauf gesetzt hatten, dann aber fortgegangen waren. Zu Hanna, meiner um 10 Jahre jüngeren Schwester, habe ich am wenigsten Fühlung gehabt. Sie konnte wahrscheinlich nicht gegen Lena aufkommen, auch war sie erst 4 Jahre alt, als der erste Weltkrieg ausbrach und ich einige Jahre in englische Kriegsgefangenschaft geriet. – Auf der Schule hatte ich wenig Freunde außer Kadisch, mit dem die Freundschaft aber eigentlich erst nach der Schule begann. Der Freund meiner Jugend war Otto. Er war ein eigenartiger, charakterstarker Junge, der großen Einfluss auf mich hatte. Er hatte starke Proteste gegen seine Eltern, auch gegen seine von den Eltern sehr verzärtelte Schwester Margot. Zwischen ihm und dem Vater fanden Auseinandersetzungen statt, bei denen der Vater sagte, er, der Otto, bringe ihn ins Grab etc. Otto war kein guter Schüler, die Eltern verboten ihm daher Vergnügungen. Aus Protest setzte er sich hin und arbeitete die Nacht hindurch. Da er es aber nicht als genügende Energieleistung betrachtete, eine Nacht nicht zu Bett zu gehen, machte er auch noch die nächste durch. Überhaupt war er ein Mensch der Energieleistungen und wir erlegten uns manche Proben auf. Da war z.B. die Mutübung des Fechtens.

Heft 3
Seite 3
Seite 3 wird geladen
3.  Heft 3
Kommentar schreiben
18/3/1942 Wir bewaffneten uns mit alten Bergstöcken und schlugen aufeinander los. Wir hatten etwas von Terz und Quart gehört und übten diese Schläge. Zum Schutz zogen wir unsere Wintermäntel an. Bei den Schlägen prallten die Stöcke meist gegeneinander und glitten aneinander ab, sodass der Schlag auf der Hand landete. In dieser Zeit hatte ich stets blutunterlaufene Finger. Es galt aber als selbstverständlich, keinen Laut von sich zu geben, obwohl die Schläge manchmal sehr schmerzhaft waren. – Dann brachten uns meine alpinen Erfahrungen Anregungen. Da Otto niemals im Hochgebirge war, so hatte ich eine Überlegenheit, die er mir aber bald wieder abspenstig machte. Zuerst stiegen wir im Grunewald die Bäume hoch, das war noch harmlos. Dann dienten uns die schmalen Korridore der Wohnungen für Kaminkletterei, d.h. wir drückten den Rücken an die eine Wand, die Füße gegen die andere und stemmten uns so langsam in die Höhe; das schadete nur den Tapeten. Gefährlicher wurde die Sache, als wir zu Dachklettereien über­gingen. Die Dächer der Berliner Häuser haben nur einen ganz kleinen flachen Raum, im übrigen sind es Giebeldächer. Ungefähr auf der Mitte der Schrägfläche läuft ein schmales Brett entlang. Auf diesen, nicht einmal immer gut befestigten Brettern, die unmittelbar über dem Abgrund hingen, übten wir Schwindelfreiheit, d.h. wir setzten uns als Aufgabe, nicht etwa in Hockstellung oder gebückt, nicht etwa mit Unterstützung der Hände, sondern frei und aufrecht darüber zu laufen. Diese Kletterübungen dehnten wir über einen ganzen zusammenhängenden Häuserblock aus. Eines dieser Häuser grenzte an einer Seite an einen freien Bauplatz; dort fiel eine Brandmauer senkrecht ab. Da kam es darauf an, zentimeternah an den Abgrund heranzutreten und hinuterzuschauen. Natürlich hatte niemand von diesem Treiben eine Ahnung. Gott weiß, welcher Schutzengel uns damals vor einem Unglück behütet hat! Du siehst aber, welch eine unsinnige Über­spannung und Nervenbeanspruchung in diesem Spiel gelegen hat. Dabei hatte ich noch nicht einmal Freude daran, ich war weder so mutig wie ich mich gab noch so schwindelfrei wie ich behauptete. Ich hatte aber nicht die Kraft, gegen die übertriebenen, an die damaligen studentischen Manieren angelehnten Mut- und „Ehr“-Begriffe des älteren Kameraden eine natürliche und mir selbst entsprechende Haltung durchzusetzen. Ich beneidete den Freund um vieles, vor allem um seine Körpergröße, er überragte mich um Kopflänge, dann brachte er mir auch andere Dummheiten bei und schließlich war er auf dem Wege, seine ersten Erfahrungen bei Mädchen zu machen, was mit sehr imponierte. – Für mich trat mit etwa 15 Jahren ein Ereignis ein, das großen Einfluss auf mich hatte. Das war die Tanzstunde. Ich hatte schon ein Jahr vorher Tanzstunde gehabt zusammen mit Ilse und mich in diesem Kreise sehr unglücklich gefühlt. Alle Jungens und Mädchen waren etwa 2 Jahre älter als ich, was in dieser Altersstufe ein großer Unterschied ist. Ich war der Einzige mit kurzen Hosen, dazu der Kleinste, ja, welche Schande, kleiner als die meisten Mädchen. Ich galt daher nicht für voll und die Stunden waren eine Qual für mich. Zudem hatte ich gar kein gesellschaftliches Talent. Die Stunden bestanden nämlich nicht nur im Tanzunterricht, sondern es schloss sich ein gemeinsames Abendessen und danach ein geselliges Zusammensein an. Ich war aber stets in fürchterlicher Verlegenheit, da ich durchaus nicht wusste, was ich mit einem Mädchen reden sollte. Ich geriet in Beklemmung, grübelte beständig, ohne dass mir etwas einfiel, und wenn ich schließlich eine Frage vorbrachte, so kam sie so unvermittelt, dass kein Gespräch daraus entstand. Ich war also durchaus nicht entzückt, als meine Mutter mir mitteilte, sie habe mich für den Winter zu einer Tanzstunde angemeldet und nur mit Mühe konnte ich dazu gebracht werden teilzunehmen. Diesmal sorgte ich für vorschriftsmäßige Toilette. Es ging damals lächerlich steif zu. Obwohl wir doch alle halbwüchsige, unreife Lümmels waren, erschienen wir im Smoking und trugen obendrein weiße Glacé Handschuhe, die allerdings nicht lange diese unschuldsvolle Farbe behielten. Ich war inzwischen ganz hübsch gewachsen und das Gefühl, nicht aus der Menge zu fallen, gab mir eine neue Sicherheit. In diesem Kreise lernte ich, mich sehr wohl zu fühlen, denn hier erlebte ich meine erste und sehr tiefgehende Liebe, die mir viele kleine Freuden, aber auch Leiden brachte und mein Wesen in dieser Zeit vollständig ausfüllte. In dieser Zeit fing ich sogar an, mir den Hals zu waschen. Es war ein hübsches, sehr temperamentvolles Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen, das auf den schönen Namen Ilse Mecca hörte. Wir liebten uns innig, aber zu meinem großen Kummer hatte die gute Ilse ein großes Herz und durchaus nicht jene Begriffe von Treue, die ich mir gewünscht hätte. Ich litt große Eifersucht, besonders als auch noch mein Freund Otto als ernsthafter Rivale auftrat. So harmlos unsere ganzen Beziehungen waren, so bewegten sie mich doch außerordentlich. Ich habe mir in dieser Zeit vorgenommen, niemals über die Gefühle und Leiden von Kindern und Jugendlichen geringschätzig zu lächeln, da ich weiß, wie ernsthaft sie sind. Ich hatte für nichts anderes mehr Interesse, vernachläßigte die Schule und kam zu Otto in ein sehr zwiespältiges Verhältnis. Wer weiß, wo das alles noch geendet hätte, wenn uns nicht der Welt­krieg auseinandergerissen hätte. Otto fiel im ersten Kriegsjahr in Russland, ich war in England gefangen und Ilse heiratete nach dem Kriege einen dicken Spießbürger, ging selbst ansehnlich in die Breite, blieb aber, wenigstens in den ersten Jahren ihrer Ehe, trotz ihrer Fülle eine hübsche Frau. Ich verkehrte noch oft in ihrem Hause, bin aber später mit ihr auseinander gekommen. – Die Sommerferien 1914 sollte ich in England verbringen, teils um die Sprache zu lernen, teils um „manners“ zu lernen und teils um überhaupt meinen Gesichtskreis zu erweitern. Ich fuhr zusammen mit einem Schul­kameraden, der auch nach England ging, aber an einen andern Ort, und einer alten englischen Miss, die unsere Eltern irgendwo zu unserer Begleitung aufgegabelt hatten. Als ich mich von meinen Eltern auf dem Bahnhof verabschiedete, wusste ich nicht, dass dies ein Abschied auf 4 Jahre werden würde. Ich hatte eine Ferienverlängerung von 14 Tagen erhalten und sollte 6 Wochen in England bleiben. Der Lateinlehrer hatte missbilligend gesagt: „Kass, Sie sollten lieber nach dem alten Rom gehen und lateinisch lernen“, was er für einen Witz hielt. Ich kam frühmorgens um 7 Uhr in London an, nachdem ich vorher in dem schönen geräumigen Pulman Car gefrühstückt hatte. Unser Geschäftsvertreter, Mr. Myer, nahm mich am Bahnhof in Empfang, wo ich mich von meinen Reisebegleitern trennte. Mr. Myer ging sofort daran, mir London zu zeigen. Unermüdlich eilten wir von einer Sehenswürdigkeit zur andern, vom Tower zur Westminster Abbey, vom House of Parliament zum Buckingham Palace, von der Guild Hall nach St. Pauls etc. Wir stiegen von einem Bus auf den andern, und es machte mir großes Vergnügen, oben auf dem Verdeck zu sitzen, den selbst für Berliner Maßstäbe ungewohnten Verkehr zu sehen und die Geschicklichkeit mit einem leichten Angstgefühl zu bewundern, mit der die Bus-Fahrer durch den Knäuel von Fahrzeugen durchsteuerten. Am späten Nachmittag verließen wir London, und fuhren nach Maidenhead, meinem Bestimmungsort, einem an der Themse gelegenen, etwa 3/4 Stunden entfernten Vorort von London, wo mich Mr. Myer in sehr ermüdetem Zustand im Crauford College ablieferte. Dieses College war meinem Vater von dem Bruder seines Geschäftsvertreters, Major Myer, der in Maidenhead wohnte, empfohlen worden. Es war ein jüdisches College, d.h. es nahm vorzugsweise Juden auf, und gehörte einem Mr. Polack, einem kleinen, schon weißhaarigen, freundlichen und gebildeten Mann, der eine um sehr viel jüngere und recht hübsche Frau hatte. Das College lag in einem großen Garten, fast hätte ich Park gesagt, wenn das Wort nicht etwas zu anspruchsvoll wäre, denn das Crauford College war eins der kleineren Institute, wenngleich es etwa 50–60 Knaben beherbergte. Wie alle englischen Häuser, war es ein sehr altes, winkliges Gemäuer, das aber einen ganz eigenen Reiz hatte. Mrs. Polack begrüßte mich freundlich, ich nahm mein schönstes Englisch zusammen und sagte errötend: „I am Mister Kass“, welche Bemerkung natürlich ein Lächeln verursachte, das mich noch mehr in Verwirrung setzte. Das College nahm außer Engländern hauptsächlich Kinder aus den englischen Dominions auf, die zur Erziehung dorthin gegeben wurden. Es war, wie fast alle Schulen in England, ein Internat, d.h. alle Schüler wohnten dort, und die, deren Eltern in England wohnten, kehrten nur in den Ferien zurück. Dieses System hat sehr große Vorteile wie auch sehr große Nachteile, die beide aus dem engen Zusammenleben der Knaben er­wachsen. Die meisten Schüler waren um einige Jahre jünger als ich. In meinem Alter waren nur noch ein Syrier aus Beirut, ein Palästinenser aus Jerusalem und ein Engländer aus Gibraltar. Wir hatten jeder ein kleines eigenes Zimmer; ich galt als Feriengast und nahm nicht am Unterricht teil. Ich hatte daher viel freie Zeit, doch fehlte es mir gerade dadurch an der Möglichkeit, mit den anderen Knaben in Kontakt zu kommen, wozu noch die Schwierigkeit der Verständigung kam, denn mein Schul-Englisch erwies sich als ganz unzulänglich. Ich konnte mich daher im Anfang nur schwer eingewöhnen. Im Hause von Major Myer wurde ich freundlich aufgenommen und am wohlsten war mir, wenn ich mit ihm durch die wunderschöne englische Landschaft ritt, denn er fand Vergnügen daran, mit mir zu reiten und mir die Umgebung zu zeigen. Ich habe von dieser Zeit her eine besondere Vorliebe für das englische Land mit seinen Wiesen und Sträuchern und seinen von Hecken umsäumten Landstraßen behalten. Sonst aber fühlte ich mich einsam und nicht sehr glücklich und schrieb recht unbefriedigte Briefe nach Hause, in denen außer dem Wort „Langeweile“ nicht viel zu lesen war. Da erhielt ich eines Tages von meinem Vater einen Brief, der eine sehr aufrüttelnde Wirkung auf mich hatte. Er schrieb mir, dass ich doch nun in einem fremden Lande sei, wo es soviel Neues und Schönes zu sehen gäbe, wo ich Menschen aus aller Herren Länder und eine neue Sprache kennen lernte, und welche Schande es sei, dass ich von alledem nichts anderes zu berichten hätte, als dass es langweilig sei. Ich solle die Augen öffnen und die Ein­drücke, die ich empfange, auf mich wirken lassen. Auch solle ich versuchen, sie in angenehmer Form in meinen Briefen zu schildern. Er schrieb, man müsse zwar nicht immer, wie Bismark sagte, „den geistigen Bratenrock“ anziehen, aber ein Brief solle doch auch stilistisch etwas anspruchvoller sein. Kurz es war ein dringender Appell an mich, aufzuwachen und das Leben, das um mich herum pulsierte, aufzunehmen, der mit dem Goethe-Zitat schloss: „Greif nur hinein ins volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, ist es interessant!“ Es kam mir plötzlich die Leere zum Bewusstsein, die vielleicht weniger in mir als in meinen Äußerungen in Erscheinung trat und ich setzte nun einen Ehrgeiz darin, Beobachtungen zu machen und sie auch zum Ausdruck zu bringen. Auch half mir der Umstand, dass im College die Sommerferien begannen, und die ganze Schule, mit Ausnahme der Wenigen, die zu ihren Familien gingen, nach Bexhill-on-Sea, einem kleinen sehr hübschen Badeort an der Südküste, nicht weit von Eastbourne entfernt, übersiedelte, mich mehr an meine Kameraden anzuschließen und auch die Sprache zu erlernen, da wir jetzt gemeinsame Freizeit hatten. Um diese Zeit brach der Weltkrieg 1914 aus. Ich erinnere mich noch genau, wie die erste Nachricht von dem Einfall Deutschlands in Belgien kam. Ein Nachbar brachte sie, es war an einem Freitag, mit den Worten: „Don’t be anxious, it will be over on Tuesday next“. Es wollte noch niemand so recht an den Ernst der Situation glauben. Am Abend, als wir auf der Promenade spazierten, fanden die ersten antideutschen Kundgebungen statt und ich fühlte mich plötzlich einsam. Auch empfand ich zum erstenmal die Sinnlosigkeit des Nationalhasses, der Menschen gegeneinander treibt, die sich nicht kennen und sich nichts getan haben, und die vielleicht Freunde wären, wenn sie etwas voneinander wüssten. Meine Kameraden benahmen sich aber sehr taktvoll und verhielten sich unverändert zu mir, obwohl sie natürlich englische Patrioten waren, aber sie machten einen Unterschied zwischen mir und den Deutschen, von denen sie nichts wussten. „Was sind das auch für Politiker: Herr Bethmann-Hollweg! Nicht einmal ihre Namen kann man aussprechen!“ sagten sie, „da klingt es doch ganz anders: Sir Edward Grey, Mr. Arquith. Das sind doch Leute, die jeder kennt!“ Das ist die Wurzel des Nationalhasses, die sich bis in die kleinen Lokalfeindseligkeiten verästeln kann. Es fällt mir dabei eine Stelle aus Jeremias Gotthelfs „Leben eines Schulmeisters“ ein, wo der Schulmeister in ein 2 Stunden von seinem Heimatort entferntes kleines bernisches Dorf kommt, wo der Dialekt ein klein wenig anders ist. Als die Bauern sich äußern sollten, wie sie mit ihm zufrieden wären, sagten sie, er wäre schon recht, er solle doch aber so reden, wie es der Brauch sei. Es hätte keinen Wert, etwas Apartiges zu wollen. Sie konnten sich eben nicht vorstellen, dass es noch etwas anderes gäbe, als was bei ihnen „Brauch“ sei und vor allem nicht, dass das andere eine Daseinsberechtigung habe. – Wenige Tage später erklärte England den Krieg und nun schlugen die Wogen der Nationalbegeisterung hoch aus. Ich war sehr unglücklich, ich war überzeugt, dass Deutschland verlieren würde, denn ich las nun englische Zeitungen und glaubte alles, auch wurde ich von der englischen Siegesgewissheit angesteckt. Es wurde bald klar, dass ich nicht zurückkehren könne und in mir entstand das Angstgefühl, dass ich meine Eltern nie wiedersehen würde. Aber in diesem Alter nimmt man ja die äußeren Ereignisse nicht allzu schwer und bald gewöhnte ich mich an den neuen Zustand. Auch siedelte Fritz Löwenstein, der Junge, mit dem ich zusammen gereist war, und der ebenfalls nicht zurückkehren konnte, zu uns über. Nach Schluss der Ferien, als wir wieder in Maidenhead waren, nahm ich regulär am Schulunterricht teil und ich hatte das Glück, einen Lehrer zu haben, Mr. Killigs, der verständnisvoll war, vernünftigen Unterricht gab und mir sehr zugetan war, welches Gefühl ich in hohem Maße erwiderte. Es vollzog sich jetzt in mir eine sprunghafte Entwicklung. Ich nahm plötzlich Interesse am Lernen. Ich beherrschte die englische Sprache schon ganz gut und mein Sprachgefühl, das mir im deutschen Schulunterricht doch völlig gefehlt hatte, erwachte an der englichen Sprache. Ich suchte mich immer mehr zu vervollkommnen und benutzte dazu ein englisches Konversationslexikon, wo also die Erklärung eines Wortes in englischer Sprache gegeben wurde. Das Nachschlagen eines Wortes führte gewöhnlich immer weiter zu neuen Begriffen, sodass ich immer größere Kreise zog und ein neues Wort einen Rattenschwanz von weiteren neuen Wörtern nach sich zog. Dieses Buch liebte ich und habe es immer aufbewahrt. Als ich kürzlich dummerweise meine Bücher verkaufte in dem Glauben, bald auszuwandern, empfand ich den Verlust dieses Buches so stark, dass ich es als einziges wieder zurückgekauft habe. Aber nicht nur mein Gefühl für die Sprache war erwacht, sondern auch für die Literatur. Wir lasen den „Kaufmann von Venedig“ und ich war so begeistert, dass ich lange Partien daraus auswendig mit Pathos deklamierte und sogar meine Kameraden mitriss. „What news on the Rialto?“ wurde uns zur gewöhnlichen Frage: was gibt es Neues? Auch „Henry V“ und vieles andere von Shakespeare, wie auch zahlreiche englische Gedichte wuchsen mir ans Herz. Gleichzeitig erwachte auch ein psychologisches Verständnis für Charaktere und ich schrieb Aufssätze, die ein gewisses Aufsehen erregten, obwohl ich in meiner Wortesucht mich oft in überladenen Wendungen gefiel. So erinnere ich mich, dass ich in einem Aufsatz über Shylock diesen als „cotowing sycophant“ bezeichnete. Das Wort cotow, auch im Deutschen als Kotau gebräuchlich, stammt aus dem Indianischen und bedeutet soviel wie Speichellecken. Und Sycophant ist ja ungefähr das Gleiche. Meine Zusammenstellung ist also eigentlich ein Pleonasmus. Die Worte hatte ich natürlich beim Blättern im Lexikon gefunden und ich forcierte ihre Anwendung. Aber das waren nur kleine Übertreibungen. Im großen Ganzen sprach und schrieb ich wirklich gutes Englisch und – ein merkwürdiger Umstand – im selben Maße, wie mir die englische Sprache aufging, vergaß ich die deutsche. Man lächelt ja gewöhnlich über die Deutschen, die einige Monate in England weilten und nach ihrer Rükkehr ihre Reden mit englischen Ausdrücken spicken, als wüssten sie nicht mehr deutsch zu reden. Bei mir trat aber tatsächlich ein Vergessen der deutschen Sprache in dem Umfang ein, dass ich genötigt war, bei Briefen an meine Eltern ein deutsches Wörterbuch zu Hilfe zu ziehen und große Mühe bei der Satzkonstruktion hatte. Im Zusammenhang damit trat überhaupt eine starke Verdrängung der Erinnerung an meine deutsche Vergangenheit ein. Selbst die mir doch vorher so vertraut gewesenen Straßenzüge Berlins konnte ich nur mit Mühe und nicht mehr vollständig erinnern. Je mehr ich mich in die englische Atmosphäre einlebte – und das Einleben war eben nicht nur das Annehmen einer neuen Gewohnheit, sondern wahrscheinlich die Befreiung von einem entwicklungshemmenden Zwang und das Einströmen der frei werdenden Energien in eine neue Bahn – je mehr ich also die neue Atmosphäre in mich einsog, umso mehr liebte ich sie. Ich hatte bald nur einen Kummer: das Bedauern, kein Engländer zu sein. Um mein Leben gern hätte ich das Deutschtum von mir getan. – Zu meiner Lernfähigkeit trug auch viel die Art des englischen Schulunterrichtes bei. Ein Lehrer an einem College ist etwas ganz anderes als ein Lehrer an einer deutschen oder Schweizer Schule. Er wohnt im Hause und teilt nicht nur die Schulzeit, sondern auch die Freizeit mit den Schülern. Er isst mit ihnen, treibt mit ihnen Sport, spielt mit ihnen Schach, musiziert mit ihnen, lebt also in wirklichem Sinne mit ihnen. Dadurch bildet sich eine viel engere persönliche Beziehung und mitunter ein Vertrauensverhältnis, wie es dem reinen Schullehrer gegenüber gar nicht eintreten kann. Die Lehrer sind auch durchweg jüngere Leute, die den Neigungen der Schuljugend nicht so fern stehen. Außerdem gestattet aber der englische Lehrplan, zumindest in den höheren Klassen, ein individuelleres Eingehen auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler. Der englische Lehrplan ist nicht starr, sondern beweglich. Das heißt neben den Pflichtfächern ist eine gewisse Freizügigkeit in der Auswahl des Lernstoffes gestattet. So kann der Schüler wählen, welche Sprache er erlernen will. Er muss 2 Fremdsprachen erlernen, ob dies aber deutsch und französisch, oder spanisch und griechisch ist, das bleibt ihm überlassen. Auch ist die Wahl der Nebenfächer frei. Das gibt dem Schüler die Möglichkeit, sich von lästigen Lehrgebieten zu befreien. Aber auch innerhalb der einzelnen Lehrfächer ist kein so starrer Plan vorgeschrieben wie bei uns. Das liegt daran, dass die Abschlussprüfungen alle nicht an den Schulen stattfinden, sondern an den Universitäten, speziell Oxford oder Cambridge. Man wählt von vornherein, auf welche der beiden Universitäten man sich vorbereiten will. In unserm College wurde traditionsgemäß Cambridge gewählt. Die Universität schreibt vor, welche Stücke gelesen werden müssen und gibt die Examensfragen der früheren Jahre heraus, die dem Lehrer als Wegweiser vorliegen. Die Prüfungsfragen sind ganz lebendig. So wird z.B. im Englischen keine trockene Grammatik abgefragt, sondern es wird einem ein sehr langer Satz gegeben, in dem alle möglichen fehlerhaften Redewendungen, wie sie im Volksmund üblich sind, vorkommen und es gilt, dieses Satzungeheuer in gutes Englisch aufzulösen. Oder es werden sehr ähnlich lautende Worte angeführt und es sollen die Bedeutungsunterschiede angegeben werden. Oder es kam darauf an, zu zeigen, dass man Fremdwörter auseinanderzuhalten wusste, etwa euphemism, euphonism, euphorism. Das alles geschah nicht wegen der Gelehrsamkeit, sondern mit einer sportlichen Note, die der Sache einen lustvollen Ansporn gab. Von meinem Vater bekam ich Briefe, in denen er beklagte, dass ich die „große Zeit“ nicht in Deutschland miterleben könne und wie er bedaure, dass sein Sohn „nicht dabei“ sei. Später hat er oft das Schicksal gesegnet, das mich vor der Teilnahme am Kriege bewahrt hat. Aber es ist typisch für den Kriegsfanatismus der ersten Zeit, dass selbst ein Skeptiker und Kriegsverächter wie mein Vater von der Begeisterung der Massen mitgerissen wurde. Er hat auch den Versuch gemacht, mich zurückzuholen. Ich bekam plötzlich die Aufforderung, gemeinsam mit Fritz L. nach London zu fahren und dort einen Herrn in einem der vornehmsten Hotels aufzusuchen. Es war ein dicker unsympathischer Mann, der mir berichtete, mein Vater sei sehr erstaunt, dass ich nicht zurückkehre. Ich sagte, dass meines Wissens keine Möglichkeit sei, er aber meinte, das sei für unsere Altersstufe ganz einfach und er würde einen Antrag für uns ans Home Office richten. Wir verabschiedeten uns und gingen zum Bahnhof, wo soeben der letzte Zug nach Maidenhead abgefahren war. Jetzt waren wir in der Klemme, das Rückfahrtbillet war gelöst und darüber hatten wir kein Geld, da wir das wenige, das wir mitgenommen, ausgegeben hatten. Kurz entschlossen nahmen wir ein Zimmer in dem eleganten Hotel – es war das erstemal, dass ich allein in einem Hotel abstieg –, ließen die Rechnung auf den Namen des dicken Herrn schreiben und verdufteten am nächsten Morgen in aller Frühe. Das Home Office hatte Verstand genug, den Antrag abzulehnen, mit dem Hinweis, dass wir sehr bald das 17. Lebensjahr erreichen und damit militärpflichtig würden. – Kurz danach kam die Nachricht, dass mein Freund Otto gefallen sei. Merkwürdigerweise empfand ich wenig dabei, d.h. ich hatte das Bewusstsein, dass ich doch nun sehr traurig sein müsse, doch wollte sich das Gefühl der Trauer nicht einstellen und, da mein Gewissen doch dagegen opponierte, musste ich mich zu diesem Gefühl zwingen. Ob daran der inzwischen von allen deutschen Erlebnissen gewonnene Abstand oder der Nachklang meiner Eifersucht Schuld war, weiß ich nicht. Erst viel später kam die Empfindung nach, welcher Jammer es doch um diesen jungen Menschen gewesen ist. Übrigens war die Version sehr verbreitet, dass Otto wegen des Verhältnisses zu seinen Eltern so verbittert und lebensüberdrüssig gewesen sei, dass er den Tod gesucht habe. Ilse Mecca war auf Grund einer Äußerung von Otto fest davon überzeugt, und er war ein Charakter, dem man es zutrauen konnte. Mein Vater bestritt dies zwar entschieden und meinte, die Kugeln würden sich nicht aussuchen, wen sie treffen. Ich besitze von Otto eine Brieftasche mit seinem Bild als Ulan, die er auf sich getragen hat, als er fiel. Die Kugel ging mitten duch sein Bild, das von seinem Blute getränkt ist. Ich habe es mir als Andenken aufbewahrt; Otto ruht irgendwo in Russland, niemand weiß wo. – Noch einen andern Todesfall erlebte ich, Major Myer. Als er zum Heer aufgerufen wurde, war seine Frau untröstlich. Sie weinte unaufhörlich und benahm sich, als sei er unwiderruflich dem Tode geweiht. Die Möglichkeit, dass er den Krieg überleben könnte, existierte für sie gar nicht. Tatsächlich war er noch keine 24 Stunden an der Front, als er durch ein Shrapnell (?) getötet wurde. Ich habe nie das vielleicht unberechtigte Gefühl verloren, dass die Unglückserwartung und Todesgewissheit der Frau mit Schuld an dem Tode des Mannes getragen hat. Auch diesen Verlust habe ich schnell verwunden, obwohl ich Major Myer gern gehabt habe. – Ich fühlte mich so wohl in meiner Umgebung, dass äußere Ereignisse mich wenig tangierten. Neben dem Schulunterricht spielte der Sport eine große Rolle. Es ist ja selbst an englischen Universitäten so, dass überragendes sportliches Können Wissen ersetzt, obwohl heute die Ansprüche sehr gestiegen sind. Selbst bei ganz kurzen Angaben einer Lebensbeschreibung wird nie versäumt werden zu erwähnen, falls das Betreffende an einem der berühmten Ruderwettkämpfe zwischen Oxford und Cambridge teilgenommen hat. Wir spielten eifrig Fußball und Cricket, hatten ein Schwimm­bad in der Schule, eigenen Tennisplatz mit schöner Rasenfläche. Selbstverständlich hatte die Schule ihre College Farben. Wir trugen halb blaue, halb rote Hemden, die auf der blauen Seite einen roten auf der roten Seite einen blauen Ärmel hatten, was sehr lustig aussah. Auch war ein Croquetground vorhanden. Ich fühlte mich so heimisch, dass Du Dir mein Entsetzen vorstellen kannst, als eines Tages Mr. Polach mit leichenblassem Gesicht ins Schulzimmer trat und Fritz L. und mich herausholte. Es war ein Polizeibeamter da, der uns verhaftete und zur Internierung mitnahm. Kaum hatten wir Zeit, uns zu verabschieden und ein paar Sachen einzupacken. In der Aufregung vergaß ich einen Mantel. Wir wurden per Auto nach Newbury gebracht, einem Rennplatz in der Nähe von London. Dort waren Zelte aufgestellt, in denen die Internierten untergebracht waren. Bei der Ankunft wurde uns ein Bündel Stroh in die Hand gedrückt, wir passierten das Stacheldrahtgitter und uns wurde ein Platz in einem Zelt angewisen, in dem schon 8 Leute einquartiert waren. Die Bodenfläche des Zeltes hatte ungefähr einen Radius von Manneslänge und wenn wir 10 Mann sternförmig nebeneinander lagen, so war die Fläche vollständig ausgefüllt. Ich war todmüde, konnte aber nicht einschlafen, weil die Leute sich in einem Kauderwelsch von deutsch, polnisch und englisch bis tief in die Nacht unterhielten. Endlich schlief ich ein, erwachte aber nach wenigen Stunden, denn es hatte inzwischen zu regnen begonnen, das Zelt war nicht dicht und ich war völlig durchnässt. Wollte ich Dir alle Eindrücke schildern aus diesem Aufenthalt, so würde meine Erzählung noch länger werden. Ich will mich aber kurzfassen, damit ich nicht noch weiter von meinem eigentlichen Ziel abtreibe. Das Wichtigste war, dass ich zum erstenmal mit ganz anderen Volkskreisen in nahe Berührung kam, die mir alles andere als angenehm war. Nun war es auch nicht gerade die beste Sorte, die dort zusammenlag. England war vor dem ersten Krieg das Asyl aller aus ihrer Heimat vertriebenen Polacken. Obwohl ich es selbst in puncto Sauberkeit nicht allzu genau nahm, war ich doch sehr empfindlich in Bezug auf die Sauberkeit Anderer. Dass die Leute selbst von den geringen Waschmöglichkeiten keinen Gebrauch machten, dass sie ihr Essgeschirr nicht ausspülten und den Kaffee auf die Bouillon, die Bouillon auf den Kaffee gossen, verursachte mir Ekel. Überhaupt Essen! In dieser Beziehung war ich sehr verzärtelt. Ich war doch stets gewohnt, vom sauber gedeckten Tisch mit tadellos geputztem silbernem Besteck zu essen. War einmal an einer Gabel ein kleiner Speiserest hängen geblieben, so wurde dem Mädchen geklingelt und ihr die Gabel mit missbilligendem Blick zum Umtausch gegeben. Jetzt aber bekam ich verrostete Bestecke, die mich anwiderten, die aber die andern mit größtem Gleichmut benutzten. Das Essen war im Freien an einem Stand aus großen Blechkübeln ausgeschenkt. Ich musste mich wegwenden, wenn der Verteiler mit seinem Arm in die Suppe tauchte oder ein Stück Fleisch, das auf den Boden gefallen war, mit seinen Fingern aufhob und mir auf den Teller legte. Das alles bedeutete für mich einen großen Schock und ich konnte kaum etwas essen. Abgesehen davon, hatte das Ganze auch etwas Abenteuerliches. Ich erinnere mich als ich nach der ersten Nacht aus dem regentriefenden Zelt heraustrat. Es lag dicker Nebel, die Lagerlaternen brannten noch und spiegelten auf den feuchten Zeltflächen. Das Ganze machte den Eindruck eines Indianerlagers und regte meine noch nicht erloschene Knabenphantasie an, sodass ich anfing, mich zu gewöhnen. Der Aufenthalt dauerte aber nur eine Woche. Mr. Polach hatte für uns Garantie gestellt und Entlassung erwirkt. Wir durften nach Maidenhead zurückkehren, wo wir mit großer Freude empfangen wurden. Nach den gemachten Erfahrungen war mir sogar der five o’clock tea am Sonntag im Salon der Mrs. Polach eine Freude, der vorher mir viel Angst bereitet hatte. Es war nämlich üblich, den Tee nicht am Tisch einzunehmen, sondern wir saßen auf freistehenden Stühlen und hielten ein kleines Porzellantässchen, das auf gebrechlichen Beinchen auf einem Unterteller stand in der Hand, wobei noch ein Stück Kuchen zu balancieren war. Obendrein sollten wir noch an der Unterhaltung teilnehmen. Alle diese Aufgaben gleichzeitig zu vereinen, war für einen 16jährigen Jungen nicht leicht. Aber jetzt wusste ich das steife Tee-Zeremoniell doch zu schätzen. Leider dauerte meine Befreiung nicht lange, denn die Torpedierung der „Lusitania“ bildete nicht nur den Anlass für den Kriegseingriff der USA, sondern auch für die Internierung aller noch frei in England lebenden Deuschen.

 

 

23/3 Diese Gefangenschaft sollte über 3 1/2 Jahre dauern. Wollte ich alles schreiben, was ich in dieser Zeit erlebte, so würde dies ein Buch für sich geben. Ich will aber nicht meine vollständige Lebensgeschichte schreiben und werde mich daher auf einige Episoden beschränken. Es liegt mir vor allem daran, dass Du meine Entwicklung kennen und verstehen lernst, damit das Schicksal, das ich erlitten habe und das auch Dein Leben berührt, Dir nicht zur Lebenslast wird. Es heißt ja: tout comprendre c’est tout pardonner. Und dann – vielleicht hast Du es bemerkt – schreibe ich auch etwas zu meiner eigenen Erleichterung. – Es war also im Juli 1915, als Fritz L. und ich wieder verhaftet wurden. Diesmal wurden wir nach London geschafft, und zwar in eine leerstehende Fabrik in Whitechapel, dem Armenviertel von London, einem der hässlichsten und verkommensten Stadtteile dieser Großstadt. Wir fanden uns in einem großen Saal, in dem bereits einige Hundert Deutsche und Österreicher beisammen waren, alle erst in den letzten Tagen interniert und in begreiflicher Aufregung über ihr zukünftiges Schicksal. Wir waren vollständig von der Außenwelt abgeschlossen, es gab weder Besuch noch Correspondenz. Im Saal herrschte Lärm und Unruhe und es war eine stickige, unerträgliche Luft. Die sanitären Einrichtungen waren so primitiv wie nur möglich, die Strohsäcke schlecht gefüllt und faulig. Zum Spazierengehen stand uns ein kleiner Hof zur Verfügung, doch war die Luft dort kaum besser erträglich wegen des Rauchs und der Düfte einer benachbarten Seifenfabrik. Die Leute, mit denen ich zusammen war, entstammten allen Volkskreisen, sie waren bunt durcheinander gewürfelt und es hatte sich noch nicht jene soziale Ordnung und Ausscheidung vollzogen, die gewöhnlich nach kurzer Zeit sich von selbst rangiert. Es wurde natürlich deutsch gesprochen, und ich war überhaupt nicht fähig, mich auszudrücken. Mir fehlten die Worte, ich übersetzte aus dem Englischen und sprach schlechter deutsch als ich bei meiner Ankunft in England englisch gesprochen hatte. Natürlich dauerte es nur kurze Zeit, bis mir die Geläufigkeit wieder kam. Neu war für mich die politische Einstellung meiner Landsleute. Zum ersten Mal traf ich Menschen, die von dem Siege Deutschlands überzeugt waren. Alles Ungünstige schoben sie als unwahr beiseite und wussten Dinge zu berichten, die nicht in englischen Zeitungen zu lesen waren. Ich wurde von dieser Siegesgewissheit beeindruckt, wenn auch nicht völlig überzeugt. Die wildesten Gerüchte schwirrten umher, besonders über unsern weiteren Verbleib. Mal hieß es, man wolle uns nach Schottland transportieren, dann wieder nach den Bermudas, deren Klima – übrigens ganz zu unrecht – als verheerend geschildert wurde. Eines Morgens – wie üblich ertönten um 6 Uhr die Signaltrompeten – mussten wir unsere Sachen zusammenpacken, auf den Buckel nehmen und in langem Zuge wurden wir, von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett eskortiert, aus der Fabrik heraus­geführt, ohne zu wissen, wohin wir kommen würden. Auf den Straßen schaute uns das Volk finster und hasserfüllt an, einige Weiber ließen es sich nicht nehmen, uns anzuspucken. Der Weg ging zum Bahnhof und wir wurden in einen Zug verladen. Dicht gedrängt saßen wir und fuhren hintereinander 15 Stunden. Noch immer kannten wir nicht das Ziel. Der Magen fing an zu knurren, denn wir hatten nur ein kleines Stück Brot mitbekommen und unterwegs gab es kein Essen. Noch immer wurden eifrig alle Eventualitäten des Reiseziels diskutiert, aber mit Sicherheit konnten wir nur feststellen, dass die Reise nach Norden ging. Nach langer Fahrt kamen wir in Liverpool an, fuhren aber noch ein Stück weiter bis zu einer kleiner Hafenstadt, deren Namen ich vergessen habe. Hier mussten wir aussteigen. Nun glaubten wir endgültig an einen Transport nach Übersee. Als wir allerdings im Hafen auf das Schiff geführt wurden, sahen wir sofort, dass davon keine Rede sein könne, denn es war nur ein kleiner Dampfer, der für Über­seefahrten nicht in Frage kam. Auch erfuhren wir hier, dass das Ziel die in der irischen See gelegene Isle of Man sei, auf der sich bereits Interniertenlager befänden. Und nun begann eine der fürchterlichsten Fahrten meines Lebens. Das Schiff entpuppte sich als ein Viehdampfer, d.h. ein Schiff zum Transport von Vieh. Der ganze untere Schiffsraum bestand aus Ställen, in die wir eingepfercht wurden. Die Ventilation war ganz ungenügend, es führte nur ein mäßig großer Luftschacht nach oben, der in gar keinem Verhältnis zur Menge der Menschen stand. Nun ist die irische See ein sehr tückisches Gewässer. Ähnlich wie im Ärmelkanal zwischen England und dem Kontinent, treffen sich hier zwischen England und Irland verschiedene Meeresströmungen. Wir fuhren noch am selben Abend ab und kaum hatten wir das offene Meer erreicht, als unsere kleine Schaluppe zu tanzen und zu rollen begann. Wir wurden alle nach kurzer Zeit von der Seekrankheit ergriffen. Den Raum durften wir nicht verlassen, konnten nicht an die Luft und jedem blieb nichts anderes übrig als vor sich hinzuspeuzen. Den englischen Soldaten, die uns bewachten, ging es nicht anders, obwohl sie auf Deck waren. Sie umstanden den Luftschacht an der oberen Rampe, von wo sie uns beobachten konnten. Da sie ihren Platz nicht verlassen durften, so wurden wir auch noch von oben beschenkt. Es herrschte ein fürchterlicher Gestank. Eine einzige Toilette war für die vielen Menschen vorhanden; es spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Die Seekrankheit, an sich schon keine Annehmlichkeit, ist noch eher zu ertragen, solange man etwas im Magen hat. Für uns aber, die wir völlig ausgehungert waren, wurde sie zur entsetzlichen Qual. Man unterscheidet ohnehin 3 Stadien der Seekrankheit: im ersten wünscht man, das Schiff möge den Hafen möglichst bald erreichen; im zweiten wünscht man, das Schiff möge untergehen, um der Qual ein Ende zu machen; im dritten ist man so apathisch, dass es einem ganz gleich ist, ob das Schiff den Hafen erreicht oder untergeht. Ich durchlief die ersten beiden Stadien sehr rasch und befand mich bald im dritten, brach Galle und war mehr tot als lebendig. Schließlich nahm auch diese Fahrt ein Ende. Im Morgengrauen tauchte die Isle of Man auf und wir kamen in ruhigeres Fahrwasser. Als wir an Land kamen, kehrten die Lebensgeister zurück. Wir nahmen unser Päckchen auf den Rücken und marschierten dem Lager Knockaloe zu. Dort waren über 20000 Deutsche untergebracht. Das Lager war in Compounds von je 1000 Mann eingeteilt, jeder Compound war für sich mit Stachel­draht umzäunt und von den benachbarten durch eine breite Straße getrennt, auf der die Bewachungsmannschaft patrouillierte. Unser Compound war anscheinend in aller Eile errichtet, denn es fehlte am Notwendigsten. Du musst Dir darunter nichts anderes als einen großen Rasenplatz vorstellen, auf dem ein paar Holzhütten stehen. Die Holzhütte ist wieder nichts anderes als ein großer länglicher Raum für ca 200 Menschen, in dem bei unserer Ankunft weder Tische, noch Stühle, noch Betten vorhanden waren. In den ersten Tagen fehlte sogar der Strohsack, sodass wir auf den nackten Planken schliefen. Der Unterschied war übrigens nicht so groß, weil der Strohsack sehr dünn war. Zuerst wachte ich alle paar Stunden mit Gliederschmerzen auf, aber man gewöhnt sich. Später kam zu den Schlafhütten noch eine größere Baracke als gemeinschaftlicher Ess- und Aufenthaltsraum hinzu. Als wir ankamen, war sie aber noch im Bau. Das erwies sich als ein großer Vorteil, denn es lag viel Holz herum und wir hatten nichts Eiligeres zu tun als Bretter beiseite zu schaffen, um uns notdürftig damit einzurichten. Mit der Zeit gelang es den einen oder andern, einen Hammer und Säge aufzutreiben und nun begann die heimliche Herstellung aller möglichen kleinen Gebrauchsgegenstände. Am ersten Tage als ich ankam war ich glücklich, festen Boden unter mir zu haben. Ich war todmüde und warf mich ins Gras; kaum lag ich aber auf dem Boden, so war ich auch schon eingeschlafen. Mehrere Stunden schlief ich wie tot, versäumte das Essen, und hätte sicher noch länger gelegen, wenn Fritz L. mich nicht vermisst und gesucht hätte. Dieser Schlaf trug mir eine bösartige wochenlang mich peinigende Erkältung ein, denn das Gras war feucht, von Tau und Morgennebel benässt. Ich hatte mich hier an vieles Neue zu gewöhnen. Wieder war ich aus einer behüteten Umgebung mitten unter fremde und interesselose Menschen der verschiedensten Schichten geworfen. Ich schlief neben einem Mann, der aus dem Gefängnis eingeliefert worden war. Ein Zuchthäusler – das war für mich damals doch etwas Außerordentliches, Entsetzliches. Ich fühlte mich sehr beklommen neben ihm. Heute weiß ich, dass es Menschen sind wie andere, vielleicht nicht besser, häufig aber auch nicht schlechter als die mit dem unbefleckten Leumund, aber durchaus nicht immer mit der reinen Weste. Er war übrigens ganz nett zu mir, nur hat er mir später ein paar Stiefel geklaut – wenigstens glaubte ich, dass er es gewesen sei – so urteilt man eben – obwohl ich eigentlich nichts anderes sagen kann, als dass ich sie vermisste. Aber auch an die übrigen Mitbewohner der Baracke konnte ich mich nur schwer gewöhnen. Das viele und laute Sprechen, die ungenierten Reden, die derben Späße beim Essen – das war mir eine neue Welt, gegen die ich noch nicht abgehärtet war, und da man dies merkte, so trieb man besonders sein Spiel an mir. Doch lernte ich allmählich auch ein paar feiner gesittete Menschen kennen, an die ich mich anschloss. Mit der Zeit konnte ich auch Verbindung mit Maidenhead und später mit meinen Eltern herstellen. Mr. Polach und Mr. Killigs schrieben besorgte Briefe, konnten aber unsere Freilassung nicht erreichen. Auch ein anderer Lehrer schrieb mir; ich hatte vergessen, ihn zu erwähnen und will ein paar Worte über ihn nachtragen. Er unterschied sich von den übrigen Lehrern dadurch, dass er keine Sporttype war. Er war ein kleiner, schon etwas älterer, glatzköpfiger Herr mit sanften Umgangsformen und einer milden Sprache. Er betätigte sich schriftstellerisch und imponierte mir, weil er für Zeitungen schrieb. Gelegentlich gab er mir etwas zu lesen und ich erinnere mich an einen ganz feinen, mit leisem Witz im Stile der Essays of Elia von Charles Lamb geschriebenen Artikel über jenes Instrument, das man in Deutschlalnd einen Regenschirm, in Frankreich einen Sonnenschirm (parasol), in England, der Heimat des Regens, aber einen Schattenspender (umbrella) nennt. Diese dreifache Benennungs­weise diente als Ausgang des Feuilletons. Auch dichtete er und hat mir einmal ein Ge­dicht gewidmet, das ich, glaube ich, noch besitze. Es handelt von den „Germans twain“, die der Krieg „on our shore“ gespült hatte und die sie aufgenommen und liebgewonnen hatten. Obwohl sie wünschten „their names were less than Lowensteen and Kass“. Das Gedicht drückte dann freundschaftliche Gefühle für uns aus, denen die Feindseligkeiten des Krieges nichts anhaben konnten und schloss damit, dass eines Tages alle Schrecken und Taten des Krieges vergessen sein würden, „save that we sheltered Kass and Lowensteen“. Leider habe ich in späteren Jahren die Verbindung mit ihm wie auch mit Mr. Killigs völlig verloren. – Eine der ersten Erfahrungen, die ich machte, betraf das Rauchen. Ich hatte schon gelegentlich Zigaretten geraucht, weniger des Genusses wegen, als um mich großzutun. Hier aber waren Leute, denen das Rauchen Notwendigkeit war, Leute, die gewohnt waren, ihre 40–50 Zigaretten täglich zu rauchen und die nun zu zittern anfingen und die Beute ihrer Nerven wurden, weil ihnen das Kraut fehlte. Es war ein abstoßender Anblick und ich nahm mir vor, niemals in eine derartige Abhängigkeit vom Rauchen zu geraten, niemals ein Sklave der Zigarette zu werden. Ich habe diesen Vorsatz gehalten; ich habe stets gelegentlich, und mitunter ganz gern geraucht, aber es hat mich nie irgendwie Über­windung gekostet, wochen-, ja monatelang das Rauchen zu unterlassen. Nachdem ich einige Wochen in Knockaloe war, wurde bekannt gegeben, dass an einem andern Ort der Insel, in Douglas, ein Privilege Camp eröffnet wäre, wo man gegen Zahlung von 1 M- die Woche bessere Unterkunft und Verpflegung haben könnte. Fritz L. und ich meldeten uns dorthin nebst zahlreichen andern, und übersiedelten teils per Bahn, teils zu Fuß, unser jetzt schon gewohntes Päckchen auf dem Rücken. – Die Isle of Man ist eine sehr kleine Insel, etwa auf der Mitte zwischen Irland und Eng­land, und durch einige Eigentümlichkeiten bekannt. Sie ist nämlich, aus Gott weiß was für Gründen, ein eigener Staat. Großbritannien besteht, streng genommen, aus England, Schott­land, Irland und der Isle of Man. Die Bürger der Insel, die Manxmen, legen großen Wert auf diese Tatsache. Bekannt ist das eigentümliche Wahrzeichen der Insel, bestehend aus 3 Beinen, etwa so:           und berühmt sind die Manx-Katzen, weil sie nämlich keine Schwänze haben. Die       Isle of Man war vor dem Krieg ein beliebter Ausflugsort der Bewohner von Liverpool und Manchester, die dort ihr Weekend verbrachten und besonders beliebt war das holiday-Heim der Mr. Cunningham in Douglas. Es bestand aus einer Art Casino mit großen Sälen, die wohl zum gemeinschaftlichen Essen und für Unterhaltung dienten, während die Gäste in Zelten kampierten. Dieses Lager war für uns hergerichtet worden. Es war in 2 Teile geteilt, ein gewöhnliches Lager für ca. 2000 Leute und das Privilege Camp für ca. 500 Mann. Das Casino lag auf einer felsigen Höhe, die steil zum Meere abfiel. Etwa 50–60 m tiefer konnte man den Hafen von Douglas sehen und ein Stück der Kurpromenade, an der die Wellen an stürmischen Tagen haushoch aufspritzten. Es war ein schöner Blick aufs weite Meer hinaus, wo wir täglich am Horizont die Rauchfahne des Postdampfers auftauchen sahen und je nach dem Zeitpunkt berechnen lernten, wann Briefe und Zeitungen in unsern Händen sein würden. Die Zustände im Lager müssen anfänglich sehr schlecht gewesen sein, doch hatten sie sich bei unserer Ankunft bereits gebessert, was einem traurigen Ereignis zu verdanken war. Einige Monate vorher hatte eine Schießerei stattgefunden. Das Essen war so miserabel und unsauber, dass die Internierten eines Tages aus Protest die großen Blechgefäße auf ein Verabredetes Zeichen zu Boden warfen, um ihren vergeblichen Reklamationen mehr Nachdruck zu verschaffen. Es erhob sich ein großer Lärm und die englischen Soldaten, im Glauben, ein Aufruhr sei im Gange, schossen blindlings in den Saal. Es gab Tote und Verwundete, eine Panik brach aus, einige versuchten, sich durch die Fenster des Saales über ein Glasdach ins Freie zu retten, brachen durch die Scheiben, stürzten herab und verletzten sich oder wurden abgeschossen. Sechs Tote mussten begraben werden. – Wir wohnten zunächst in Zelten, jedoch nur bis zu 3 Mann pro Zelt. Ein Zelt ist, wenn es dicht ist und nicht über­füllt, kein unangenehmer Aufenthalt. Es wird schnell warm und hält die Wärme. Einzig die Ratten sind sehr lästig, die frech über die Betten tanzten. Einem Mann wurde ein Stück vom Ohr abgebissen. Wir streuten Kartoffelschalen auf den Boden, um sie vom Bett abzuhalten. Gelegentlich riss auch einmal der Sturm ein Zelt um, doch kam das selten vor. Später wurden Hütten gebaut und nur wenige Zelte blieben stehen, doch habe ich fast ein Jahr im Zelt gelebt. Die Hütten bestanden aus einem einfachen Holzgerüst, das mit Asbestplatten belegt wurde. Ein superkluger Architekt hatte sich eine recht unangenehme Konstruktion ausgedacht. Aus Ventilationsgründen stießen die schräg ansteigenden Gibeldach-Platten nicht ganz zusammen, sondern ließen einen Zwischenraum offen, der in kurzem Abstand überdeckt war, so:               . Auf diese Weise kam Luft hinein, aber auch alle Wärme hinaus und es war               fast unmöglich, den Raum zu heizen. Die Größe jedes Abteils war etwa 3–4 m im Quadrat und wir wohnten zu dritt darin. Die Asbestplatten erwiesen sich als höchst ungeeignet. Das Klima der Insel ist nämlich sehr feucht, es regnet etwa 8–9 Monate im Jahr. Die Feuchtigkeit schlägt sich an den Asbestwänden nieder, an denen ständig Wasser herunter läuft. Es war unmöglich, ein Buch an die Wand zu stellen. Schuhe, die 2–3 Tage standen, ohne geputzt zu werden, bezogen sich über und über mit Schimmel. Das war ein sehr ungesundes Wohnen. Mehrere Räume zusammen hatten einen Diener zugeteilt, der die Putzarbeiten besorgte, einen sogenannten Backschafter. Wir hatten einen Türken, einen flotten Burschen. Sehr angenehm war, dass das Casino ein großes Schwimmbad hatte, auch ein Billardzimmer; beides konnten wir benutzen. Mit der Zeit organisiert sich das Leben in einem Lager wie in einer kleinen Stadt. Die Fähigkeiten der einzelnen Leute treten in Aktion und es bilden sich Betriebe aller Art. So wurde allmählich eine Buchbinderei, eine Werkstatt für Lederarbeiten, eine Schnitzerei eingerichtet. Ein Schneider, ein Coiffeur „etablierten“ sich. Ein Männerchor, ein Orchester, ein Theater wurde gegründet und brachten es zu recht guten Leistungen. Eine Schule wurde eingerichtet und Vorträge aller Art gehalten, mitunter sehr interessant, denn es waren geschulte Leute da. Schließlich gab es auch noch wöchentlich einen Film. Eine Lagerzeitung wurde herausgegeben, in der die „gesellschaftlichen“ Ereignisse angezeigt und kritisiert wurden und in der mancher seine lyrischen Ergüsse unterbringen konnte. Die englischen Offiziere und der Kommandant, ein alter ausgedienter afrikanischer Colonel, die sich gründlich auf der jetzt von Kurgästen gemiedenen Insel langweilten, wussten oft nichts besseres zu tun, als an unsern Veranstaltungen teilzunehmen. Der Sport wurde unterstützt; wir spielten Fußball und bauten 6 schöne Tennisplätze. Das Essen war schwankend, teils ganz ordentlich, teils mussten wir den Riemen enger schnallen. Teilweise gab es statt Brot Schiffszwiebel, uralt und steinhart und nur mit einem erstklassigen Gebiss kleinzukriegen. Wir hatten aber mancherlei Möglichkeit, das Essen zu verbessern. Es gab eine kleine Kantine, in der das eine und andere zu kaufen war. Das Beste schleppten aber die englischen Soldaten illegal herein. Obwohl die Mannschaften sehr häufig gewechselt wurden, damit nicht eine zu große Intimität mit den Gefangenen entstünde, blühte der Schleichhandel. Du glaubst nicht, was ein englischer Soldatenmantel alles verbergen kann. Ganze geräucherte Schinken, Konserven aller Art etc. flogen des Nachts über den Stacheldraht, natürlich gegen entsprechende Bezahlung. Dabei durften wir eigentlich gar kein Geld haben; alles was uns geschickt wurde, blieb auf einem Konto und wir erhielten für Käufe in der Kantine nur Lagergeld, eine Art Bons. Es war aber die Spezialität einiger findiger Köpfe, Wege auszuknobeln, diese Bons in echtes Geld umzuwandeln. Später gab es sogar Alkohol zu kaufen, ich meine Bier und Wein. Er wurde zwar rationiert, da aber nicht alle ihre Ration ausnutzten, so konnte man praktisch soviel kaufen wie man wollte, denn der Kantinenwirt, der am Umsatz interessiert war, verteilte den Mehrbezug auf andere Namen. Von der Zeit an wurden zeitweise und in gewissen Kreisen große Saufgelage veranstaltet. Es gab auch einen englischen Offizier, der gern Whisky trank. Er brachte ihn flaschenweis ins Lager, allerdings unter der Bedingung, dass er selbst die halbe Flasche aussoff, während er sich die ganze bezahlen ließ. Auch die Soldaten waren nicht erste Klasse. Nachts erscholl von Stunde zu Stunde der Kontrollruf: Number …, all’s well!, der von Mann zu Mann ums Lager herumlief. Mitunter entstand eine Pause. Sagen wir, der Ruf war bis zu Nr. 6 gelangt. Nr. 7 ließ vergeblich auf sich warten. Dann plötzlich ging es weiter mit fester Stimme: Nr. 8, all’s well! Dann wussten wir Number 7 war besoffen, – So scheint es, dass wir ein ganz lustiges Leben hatten, aber das scheint nur so. Eine Gefangenschaft bleibt eine Gefangenschaft, selbst in einem goldenen Käfig und dieser war weit davon, einer zu sein. Es ist zweifellos, dass diese lange Internierung auch für mich ein großer Schaden war. Einmal gesundheitlich, denn dem ungesunden Klima verdanke ich meine späte TB. Dann aber auch psychisch. Meine in sehr guten Bahnen befindliche Entwicklung wurde plötzlich abgebrochen und ich kam in Verhältnisse, denen ich nicht gewachsen war. Anstelle einer vernünftigen und geregel­ten Tätigkeit trat ein zwangsweises Vagabundieren, denn wir waren zu keiner Arbeit verpflichtet und es wurde uns auch keine Gelegenheit geboten. Nun musst Du bedenken, dass die Länge der Gefangenschaft ja in keiner Weise von vornherein feststand. Wenn ich weiß, ich habe jetzt mehrere Jahre dort zu bleiben, so muss ich mich damit abfinden und stelle mich darauf ein, indem ich mein Leben möglichst zweckentsprechend einteile. Hier aber rechneten wir doch anfänglich wieder mit einer baldigen Befreiung, wie im ersten Fall, und wenn unsere Hoffnungen sich auch nicht erfüllten, so blieben sie doch in der ersten Zeit bestehen und schoben sich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat weiter, ohne uns zu verlassen. Natürlich blieb ich auch in dieser Zeit nicht ganz untätig. Sobald Bücher vorhanden waren, las ich. Auch lernte ich Sprachen. Es gab unter uns einen noch jüngeren Mann, ein ziemlich verkommenes Subjekt, aber eine Sprachbegabung. Er sprach außer Latein und Griechisch fast alle modernen europäischen Sprachen, auch russisch. Wenn aber jemand zu ihm gekommen wäre und chinesischen Unterricht verlangt hätte, so hätte er ohne Zögern gesagt, in 3 Tagen können wir anfangen. Dann hätte er eine Grammatik zur Hand genommen und wäre in 3 Tagen soweit gewesen, die ersten Stunden erteilen zu können, und ich bin überzeugt, noch nicht einmal schlecht. Bei ihm lernte ich spanisch. Aber all das war natürlich keine geregelte Arbeit, wie sie in den Energien eines jungen Menschen notwendig und zuträglich ist. Dann war ich plötzlich ohne jede Lebenserfahrung unter fremde Menschen geworfen, die mir in ganz anderer Weise entgegentraten als dies im freien Leben der Fall ist. Es ist ja verständlich, dass alle gereizt und nervös waren. Von ihrer Familie getrennt, ihrer gewohnten Tätigkeit entzogen, zu einem unnatürlichen Leben gezwungen und unfähig, etwas mit sich selbst anzufangen, wurden sie streitsüchtig und entwickelten ungehemmt ihre schlechten Instinkte. Ich habe Fälle gesehen, wo Menschen die jahrzehntelang intime Freunde gewesen waren, zu erbitterten Feinden wurden, nur aus dem Grunde, weil sie die allzugroße Nähe nicht ertragen konnten. Das nahm manchmal groteske Formen an. So wohnten 2 Leute in einem Raum, die sich dermaßen zuwider geworden waren, dass sie die kleine Fläche, auf der sie zu hausen gezwungen waren, durch Tücher abspannten und sich damit noch mehr einengten, als es ohnehin der Fall war, nur um sich ihrem Anblick zu entziehen. Prügeleien unter Busenfreunden waren nichts Seltenes. Die lange Dauer der Gefangenschaft und die allmählich uns erfüllende Hoffnungslosigkeit führte auch zu psychischen Erkrankungen. So wurde mein Kamerad Fritz L. von schweren Depressionen befallen. Er saß stundenlang und starrte vor sich hin, aß nicht mehr und magerte zusehends ab. Wenn er irgendwo stand, blieb er stehen und war nicht zu bewegen, sich von der Stelle zu rühren. Zureden half ihm nichts. Ich sehe noch einen mir befreundeten, sehr netten Herrn, namens Kallenbach, der eine Farm in Südafrika hatte und Tolstoianer war – das heißt, er lebte in jeder Beziehung enthaltsam und aß streng vegetarisch –, wie er mit beschwörender Stimme auf Fritz L. einredete: „Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Löwenstein, so gehen Sie doch! Kommen Sie doch mit mir!“. Fritzchen schaute ihn blöd an und blieb stehen. Nicht alle gingen so zart mit ihm um. Mein Freund Heinemann, ein derber Hamburger Maler, machte nicht viel Worte und gab ihm einen Knuff in den Rücken – und Fritzchen lief. Sein Zustand besserte sich aber nicht und schließlich machte er einen Selbstmordversuch, in dem er sich in die Pulsader stach. Das springende Blut brachte ihn wieder etwas zur Besinnung und ich konnte ihn zum Arzt schaffen. Von da ab blieb er im Spital und wurde bald nach Deutschland zurückgesandt, wo er in eine Heilanstalt kam und wieder gesund wurde. Er hat später geheiratet und eine gute Stellung bekleidet, schließlich aber doch durch Selbstmord geendet, da er den Umsturz in Deutschland nicht ertragen konnte. – Für mich war diese Zeit sehr deprimierend: über­haupt ist niemand von uns Zeiten entgangen, wo ihn eine dumpfe Verzweiflung packte und das Leben sinnlos und hoffnungslos erschien. Wir nannten diesen Zustand den „grauen Vogel“ und suchten ihn nach Möglichkeit zu bekämpfen. Ich fand eine Stütze in der Musik und im Verkehr mit gleilchgesinnten Musikfreunden. Da waren vor allem die Brüder Mollwo, 2 Hamburger, an die ich mit Anhänglichkeit und Dankbarkeit zurück­denke. Es waren liebe und feine Menschen, mit denen ich manche Stunde musiziert habe. Besonders nah stand ich dem jüngeren, der der größere von beiden war. Er war ziemlich groß, hielt sich aber sehr nachlässig. Überhaupt machte er meist den Eindruck, als ob er schliefe. Er sprach auch sehr langsam mit etwas quäkender Stimme, wir eine Oboe, die kurzsichtigen Augen hinter der Brille waren leicht verschleiert und zwischen den Lippen, die schnutenartig nach vorn geschoben waren, hing ein ewiger Zigarrenstummel. Er war, glaube ich, in irgendeinem Exportgeschäft, aber sein Herz gehörte der Musik. Im Lager leitete er den Chor, und dort konnte er temperamentvoll werden. Er war sehr beliebt. Ich erinnere mich an einen dicken Hamburger Seemann, so einen biederen ollen ehrlichen Kerl, wie er im Buche steht, mit lachenden Augen, einer dicken Nase und schwankendem Gang, der für ihn durchs Feuer gegangen wäre. Mollwo spielte Geige, Bratsche und Klavier und von ihm lernte ich bratschen. Auch arbeitete ich mit ihm Musiktheorie und lernte zum erstenmal die Bücher von Hugo Riemann kennen und schätzen. Vor allem aber öffnete er mir den Sinn für Kammermusik. Was haben wir nicht alles zusammen­gespielt, mit ihm und dem älteren Mollwo, der Cello spielte! Dieser war wie eine verkleinerte Ausgabe des jüngeren Bruders; er sah aus wie zusammengeschrumpelt, wie ein runzliger Apfel, sprach und bewegte sich wie der Bruder. Er war Direktor bei der Dresdner Bank in London und ein sehr kluger Mensch. Als die Gefangenschaft zu Ende ging, widmete mir der jüngere Mollwo einen kleinen 5-stimmigen Satz auf den Refrain “Lebe­wohl! Auf Wiedersehen!“, den ich noch aufbewahrt habe. Leider habe ich ihn nie wieder­gesehen; wir standen noch einige Zeit in Correspondenz, dann kamen wir aus­einander. Den älteren Mollwo habe ich einmal in Pontresina getroffen. – Wir spielten alle drei auch im Orchester, das sich aus sehr primitiven Anfängen entwickelt hatte. Wir waren fast 40 Mann. Den Kern bildeten die Bläser einer Schiffkapelle, die von den Eng­län­dern gekapert worden waren. Ich war zeitweise Konzertmeister, habe auch gelegent­lich dirigiert. Ich erwarb große Routine im Orchesterspiel und lernte viel kennen. Eine lustige Episode will ich Dir erzählen: Wir spielten einmal an einem Konzertabend die 3. Leonoren-Ouverture von Beethoven. Vielleicht wirst Du, wenn Du dies liest, schon wissen, dass Beethoven dieses Stück ursprünglich als Ouverture zu seiner Oper „Fidelio“ gedacht hatte. Es steht also inhaltlich in Beziehung zur Oper, bringt Motive daraus, u.a. auch das berühmte Fanfaren-Motiv. Damit hat es folgende Bewandtnis: Leonore, deren Mann Florestan von seinem Widersacher Pizzarro gefangen gehalten wird, hat sich als Mann verkleidet unter dem Namen Fidelio bei dem Kerkermeister als Gehilfe anstellen lassen, um Wege zur Befreiung ihres Mannes zu suchen. Auch hat sie sich an den Gouverneur um Hilfe gewandt. Der Höhepunkt der Oper ist die Scene, in der Fidelio zum ersten­mal in den Kerker Florestans geführt wird und im Dunkel des Gewölbes unerkannt, ein Grab schaufeln muss, da Pizzarro beschlossen hat, Florestan zu töten. Pizzarro betritt die Scene, um seine Absicht auszuführen. Da wirft sich ihm Fidelio mit dem Ruf: „Töt erst sein Weib!“ entgegen. In diesem dramatischen Augenblick, in dem sich Fidelio als Leo­nore zu erkennen gibt, hört man erst ganz aus der Ferne, dann nach kurzer Pause stärker wiederholt, die Fanfare, die das Herannahen des Gouverneurs anzeigt, der Pizza­r­ro der verdienten Strafe zuführt und Florestan die Freiheit wiedergibt. Dieses zweifache Fanfaren­signal bildet auch den dramatischen Höhepunkt der Ouverture. Es ist üblich, das Signal das erste Mal von einem Trompeter hinter der Bühne, resp. in einem Nebenraum des Konzertsaals blasen zu lassen, um den Eindruck der Ferne hervorzurufen. Auch wir hatten unsern Trompeter in einem Nebenraum installiert, wo er auch zur richtigen Zeit das Signal brachte. Diesem Raum benachbart war die Wachstube der englischen Solda­ten. Der diensttuende Sergeant, in der Meinung, es wolle jemand mutwillig durch Dazwi­schen­blasen das Konzert stören, geriet in Wut über diese vermeintliche Unverschämtheit und verhaftete kurzerhand den Trompeter. Zu unserm Schrecken fiel das zweite Signal aus, denn bis das Missverständnis aufgeklärt war, war der Einsatz verpasst. Als die Ursache bekannt wurde, gab es natürlich ein großes Gelächter. – Noch einem andern Mann, dem ich viel Anregung verdanke, habe ich die Erinnerung bewahrt. Es war ein merkwürdiger Mensch. Er hieß Dr. Dombrowski und war, wenn auch gänzlich arm, Privatgelehrter, der am Britischen Museum in London gearbeitet hatte. Er lebte völllig zurückgezogen, verkehrte mit gar keinem Menschen und war außerordentlich scheu. Wenn ich sein Gesicht beschreiben soll, so komme ich nicht davon los, dass es am ehesten als eine Mischung von Dostojewksi und Christus zu bezeichnen ist. Ich will ihm damit keine übertriebene Bedeutung zuschreiben, sondern nur den Eindruck seines Äußern wiedergeben. Er hatte ein wachsbleiches Gesicht mit dünnen blutlosen Lippen, das von einem dunklen, aber nicht schwarzen und etwas spärlichem Bart umrahmt war. Die Augen lagen tief und der Blick war eigenartig; er schien aus weiter Ferne zu kommen und in weite Ferne zu dringen. Er trug stets, auch im Zimmer, eine Mütze. Es dauerte lange, bis ich bemerkte, dass er kahlköpfig war. Er trug immer den gleichen schäbigen Anzug von undefinierbarer Farbe, mit den zu kurzen Ärmeln und engen Hosen. Man könnte ihn auch einfach als einen russischen intellektuellen Proletarier bezeichnen, aber dann fehlte das asketische, mystische Moment, das von ihm ausging. Man hatte bei ihm den Eindruck, als ob alle Berührung mit körperlichen Dingen ihm schmerzhaft wäre; er hatte eine Zartheit, die an Verletzlichkeit grenzte. Ein einziges Mal trat er aus der Zurückhaltung heraus, als er den Literaturunterricht an der Schule übernahm. Bei dieser Gelegenheit lernte ich ihn als sein Schüler kennen. Sein Unterricht war für mich ein großer Genuss. Er sprach anfänglich mit einer Stimme, die wie aus einem blechernen Topf kam und der man das Schweigen anmerkte. Sie war wie eine Geige, die jahrelang nicht gespielt worden war. Und doch ging ein ganz eigener Zauber davon aus, weil alles was er sagte, nicht Schablone, nicht angelernt war, sondern mit tiefer Eindringlichkeit aus einer innersten Überzeugtheit kam. Ich kann mich nicht entsinnen, schönere Vorträge gehört zu haben. Besonders sind mir die Stunden in Erinnerung über das Wesen der deutschen Sprache, das er an Nietzsche, Hugo von Hofmannstal und, in negativem Sinne, an Maximilian Harden erläuterte. Es mag sein, dass ich in diesen Jahren besonders aufgeschlossen war; die Entwicklung, die in Maidenhead eingesetzt hatte, mag hier eine Fortsetzung gefunden haben. Alles was ich zu hören bekam, war neu für mich, nicht nur dem Inhalt, sondern der Gesinnung nach und ich war für alle Eindrücke sehr empfänglich. Ich las viel und kam zum ersten Mal mit der Philosophie in Berührung, als ich in Wagners Schrift über Beethoven Andeutungen über Schopenhauers Ästhetik, besonders seine Auffassung der Musik, fand. Diese Verbindung von Musik und Philo-sophie war sehr entscheidend für mich. Ich verwendete die neuen Erkenntnisse in einem Vortrag, den ich über Musik hielt. Ich hatte eine Reihe von Liedern zusammengestellt, die vorgetragen wurden, an denen ich einige Ausdrucksgesetze der Musik zu erläutern versuchte. Mit Begeisterung trat ich für die absolute Musik ein und verwarf kompromisslos jede Programmatik. Ich hatte mir viel Mühe mit der Ausarbeitung gegeben, auch in stilistischer Hinsicht und erwarb mir mit diesem Vortrag die Zuneigung von Dr. Dombrowski. Er bezeichnete ihn als eine Tat wie die des jugendlichen Mendelssohn, als er die Sommernachts-Ouverture schrieb. Nun, der Vortrag war vielleicht in Anbetracht meines damaligen Alters bemerkenswert, verdiente aber in keiner Weise diesen Vergleich. Aber Dr. Dombrowski, sicherlich ohne jede Menschenkenntnis, neigte sehr zur Überschätzung seiner Schüler. Ich war wohl der Einzige im Lager, zu dem Dr. D. privat in Beziehung trat, ja es geschah das Ungewöhnliche, dass er mich in meiner Hütte aufsuchte. Öfters spielte ich ihm auch Klavier vor. Er war sehr musikalisch. Auf seine Bitte spielte ich auch einmal die Hammerklavier Sonate von Beethoven, worauf er mir erklärte, dass ich vorläufig noch keine Ahung von Musik hätte. Ich wurde rot, aber er sagte mir, ich hätte keinen Anlass, mich zu schämen und zeigte mir, wo ich versagt hätte und wo, selbst bei technischen Mängeln, eine richtige Auffassung zu spüren war. Als wir später auseinander gingen, äußerte er den Wunsch, von mir zu hören und gab mir eine Adresse, durch die er erreichbar wäre. Ich habe aber nie wieder von ihm gehört und trage selbst die Schuld daran. Ich konnte mich nicht entschließen, ihm zu schreiben. Ich fühlte, dass ich seine Erwartungen nicht erfüllt hatte. Lange Jahre empfand ich mein Stillschweigen als eine drückende Schuld. Einmal, schon nach geraumer Zeit, schrieb ich einen langen Brief, sandte ihn aber nicht ab. Ich hatte darin versucht, mein Leben zu rechtfertigen, empfand diesen Versuch aber mit Recht als krampfhaft und unwahr. Ich hatte das beschämende Gefühl, dass mein Leben eine Wendung genommen hatte, die mich nicht berechtigte, ihm zu schreiben, und ich glaube, ich habe Recht daran getan. Dass aber meine Situation so war, dass ich mich scheuen musste, ihm vors Gesicht zu treten, das war meine Schwäche, meine Schuld und zugleich mein drückender Kummer. Aber darauf komme ich noch zu sprechen. – Ich will Dir noch ein anderes Ereignis aus dieser Zeit erzählen, das für mich durchaus nicht rühmlich ist. Aber gerade deswegen will ich es nicht ver­schweigen. Es zeigt, wie wenig ich noch im Charakter gefestigt war und wie leicht ich Einflüssen und Versuchungen unterlag. Ich hatte schon erzählt, dass wir Tennisplätze gebaut hatten. In der kurzen Zeit, in der schönes Wetter herrschte, spielten wir eifrig. Ich gehörte zu den besseren, wenn auch nicht besten Spielern. Regelmäßig wurden Tourniere mit großer Beteiligung an Mitspielern und Zuschauern und unter genauer Wahrung aller sportlichen Regeln ausgetragen. Bei diesen Anlässen wurde auch stets gewettet, nicht nur von uns, sondern auch von den englischen Offi­zieren, die häufig zuschauten. Der Kommandant hat einmal £ 2 auf mich verloren, weil er gegen mich gesetzt hatte. Auch das Wetten geschah, wenigstens bei uns, in aller Form. In England ist ja der Buchmacher ein zugelassener Beruf. So nennt man Leute, die berufsmäßig Wetten annehmen. Das Handwerk ist gar nicht leicht und erfordert eine schnelle und komplizierte Rechnungskunst. Der Buchmacher muss nämlich die Wetten so aufnehmen, dass er auf jeden Fall gewinnt, d.h. im Durchschnitt aller von ihm angenommenen Wetten. Er kann das erreichen, indem er auf einen Spieler Wetten gleichzeitig für und gegen ihn annimmt und durch ein geschicktes Legen der Odds. Beim Buchmachen ist es nämlich nicht wie am Totalisator, wo die Gewinnquote erst nachträglich je nach dem Einsatz auf den Sieger errechnet wird, sondern der Buchmacher bietet von sich aus im voraus eine feste Gewinnquote an. D.h. er verspricht im Gewinnfall für den einen Spieler die 3-fache, für einen andern die 5- oder 10-fache Auszahlung des Einsatzes, je nach der Chance, vor allem aber auch je nach der Zahl der bei ihm abgeschlossenen Wetten und er verändert das Quotenangebot ständig nach seinem „Buch“. Seine Kunst besteht darin, einen für ihn vorteilhaften Ausgleich ständig zu halten und trotzdem seinen Kunden einen möglichst großen Anreiz zum Wetten durch Bieten einer recht hohen Gewinnquote zu geben. Wir hatten einige Fachleute auf diesem Gebiet, deren Geschäft blühte. Bei uns im Lager war ein Graf Czichy, ein Mitglied der bekannten alten ungarischen Adelsfamilie. Er war ein ziemlich minderwertiges Subjekt, ging sehr geckenhaft gekleidet, war unverschämt im Wesen und betrank sich fast alle Abende. Außer Schlafen, Saufen und Kartenspielen kannte er wenig Betätigungen. Nur am Tennisspiel nahm er, wenn auch nicht regelmäßig, teil, zählte aber zu den mittelmäßigen Spielern. Dieser Graf Czichy forderte mich eines Tages zu einem Wettspiel auf 5 Sätze heraus. Ich war der weitaus bessere Spieler, fühlte mich meiner Sache sicher und nahm die Herausforderung an. Das Spiel erweckte großes Interesse. Czichy galt als verrücktes Huhn, bei dem man nie wissen konnte, doch gab man mir die besseren Chancen. Zahlreiche Wetten wurden abgeschlossen, auch ich selbst wettete auf meinen Sieg. Wenn ich mich recht erinnere, war dies sogar eine Bedingung von Czichy gewesen, denn er wollte, dass ernsthaft gekämpft wird. Die Odds waren im Anfang in starkem Verhältnis für mich, ließen gegen Schluss etwas nach, blieben aber im allgemeinen zu meinen Gunsten. Ich erinnere mich noch gut an den Wettkampf. Es war ein strahlender Tag, eine große Zuschauermenge, die überwiegend auch finanziell interessiert war, strömte zum Tennisplatz. Ich war äußerlich ruhig, innerlich aber erregt, denn ich fühlte eine große Verantwortung auf mir. Viele meiner Bekannten sahen mich zugleich aufmunternd und besorgt an und ich konnte ihre Ge­danken von der Stirne lesen. Bei Beginn des Spiels ging ich forsch ins Zeug, schlug scharfe Bälle flach übers Netz. Der Graf schätzte die Absprungdistanzen falsch, sprang mit etwas steifen Beinen auf dem Platz umher, ohne meine Schläge parieren zu können. Ich gewann den ersten Satz leicht. Im zweiten Satz, war es, dass ich etwas sorglos geworden war oder war es unglücklicher Zufall, verschlug ich mehrere Bälle, sodass Czichy, mehr durch meine Fehler als durch sein Spiel, einige Spiele gewann. Ich beschloss, nun vorsichtiger zu spielen. Meine Schläge waren nicht mehr so wuchtig wie am Anfang. Das gab Czichy Gelegenheit, sich auf meine Art zu spielen einzustellen, er erwartete die Bälle in rechtem Abstand und schlug auf eine ganz eigenartige Weise zurück. Gewöhnlich schlägt man die Bälle mit ausgestrecktem Arm und legt den Körperschwung in den Schlag hinein. Er aber hielt das Racket mit gebeugtem Arm ähnlich wie man einen Regenschirm hält. Er fasste den Ball nach dem Aufprallen nicht an der höchsten Stelle der Absprungkurve oder im Beginn des Niedergehens, sondern gleich im Aufstieg, nachdem der Ball den Boden berührt hatte. Er schlug auch gar nicht fest auf den Ball, sondern hielt einfach seinen Schläger dagegen oder führte einen kurzen gehackten Schlag. Die Folge war, dass die Bälle nicht scharf und flach über das Netz zurückkamen, sondern meist hoch in die Luft stiegen. Da sie durch den Schlag, wie man sagt, „geschnitten“ waren, erhielten sie eine mehr oder weniger starke Drehung nach links oder rechts, sodass sie nicht in normaler Kurve, sondern in absonderlichen Bögen flogen und beim Aufprall nicht in natürlicher Fortsetzung ihrer Flugkurve absprangen, sondern schief je nach ihrer Drehung, mitunter, wenn der „Schnitt“ eine bremsende Wirkung hatte, auch auf der Stelle, wo sie aufschlugen, senkrecht in die Höhe oder gar zurück. Man wendet solche Schläge auch im normalen Spiel hier und da an, wenn es taktische Gründe erfordern. Niemals aber hatte ich sie mit solcher Ausschließlichkeit, auch nicht von Czichy selbst, anwenden sehen. Ich versuchte, diese „Korkenzieher“ wieder in scharfe Schläge umzuwandeln, doch fiel es mir schwer, mich darauf einzu­stellen. Ich wurde nämlich außerstande gesetzt, meinen normalen Schlag anzuwenden, da die Bälle, die auch nach dem Absprung immer noch Drehung hatten, vom Schläger abrutschten und ins Netz oder über die Platzlinien hinaus schossen. Ich musste „gegenschneiden“ und dadurch zwang er mich auf seine Spielweise einzugehen, in der er mir aber weit überlegen war. Mich machte diese Spielerei stark nervös, und wie es geht, wenn man sich unsicher fühlt, ich spielte immer schlechter. Ich merkte, dass ich ihm in seiner Spielweise nicht gewachsen war, versuchte mehrmals wieder mein altes forsches Spiel, aber ohne Erfolg, teils weil ich unsicher und schon bedenklich außer Form war, teils weil die Schärfe meiner Schläge nur die Wirkung hatte, die fatale Drehung der Bälle beim Rückschlag zu verstärken. Dazu kam, dass das Publikum, soweit es mir die Chancen gegeben hatte, in Unruhe geriet. Ich erhielt beruhigende Zurufe, die natürlich nur die Wirkung hatten, mich noch unruhiger zu machen, während bei Czichy wahrscheinlich gerade umgekehrt die Sicherheit immer mehr zu­nahm. Wie es geht, wenn man sich im Siegen und den Gegner im Verlieren sieht, es gelang ihm schlechthin alles, während mich die Nerven verließen und ich kaum imstande war, das Spiel zu Ende zu führen. Ich verlor und fühlte mich maßlos deprimiert. Nicht weil ich verloren hatte, das ist ja bei einem Wettspiel keine Schande. Auch nicht allein, weil mir die Verluste meiner Freunde unangenehm waren und ich mir manche Sympathie verscherzt hatte. Nein, das peinigende Gefühl bestand darin, dass ich nicht sportlich, sondern nervlich unterlegen war. Hätte ich einen Gegner gehabt, selbst einen als schwächer geltenden, der einen schönen Kampf geliefert und sich überlegen gezeigt hätte, so hätte ich die Niederlage wohl leicht verwunden. So aber fühlte ich, dass nicht meine sportlichen Fähigkeiten, sondern ich selbst, meine Person, eine Niederlage davon­getragen hatten, der ich mich nicht hätte aussetzen dürfen. Wahrscheinlich hatte Czichy, der kein Dummkopf war, seine Chancen genau berechnet, denn wie wäre er sonst darauf verfallen, gerade an mich, der sonst gar keine Berührung mit ihm hatte, eine Heraus­forderung zu richten. Er hatte es darauf abgesehen, meine Spielweise von vornherein zunichte zu machen und mich zu zwingen, eine in sportlichem Sinne unschönes Tennis zu spielen und sicherlich rechnete er auch mit einem Versagen meiner Nerven. Ich machte mir schwere Vorwürfe, das Spiel angenommen zu haben. Es war natürlich nicht leicht abzulehnen gewesen, ohne mich dem Vorwurf des „Kneifens“ auszusetzen, aber trotzdem hätte ich es tun müssen, schon wegen der damit verbundenen Wettgeschäfte. Denn wenn auch sonst bei den Tournieren viel gewettet wurde, so stand die Person des Spielers nicht so im Mittelpunkt. Die Wetten verteilten sich auf viele. Ich fühlte mich mehr als geschlagen, ich fühlte mich zerschlagen, und auch ein üppiges Essen, das Czichy als Schmerzenspflaster gab, konnte mich nicht ins Gleichgewicht bringen. Ich habe keine Revanche von ihm verlangt, was ich eigentlich hätte tun müssen, und habe ihn stets danach gemieden. Ich glaube, an beidem recht getan zu haben. Wenn ich aber klug gewesen wäre, so hätte ich mir dieses Erlebnis als Lehre fürs ganze Leben dienen lassen, mich nicht in Situationen zu begeben, in denen ich nicht bestehen kann und keine Lasten auf mich zu nehmen, die ich nicht tragen kann. In mir war eben der unglückliche Satz als Ziel aufgesteckt, dass man nur wollen müsse, um zu können und dass die Worte “ich kann nicht“ eine Schwäche und Schande bedeuten, der sich nur ein Feigling aussetzt. Wenn ich auch schon viele Male die Unrichtigkeit dieser Anschauung erkannt hatte und logisch imstande war, sie zu widerlegen, so habe ich doch instinktmäßig den Leistungen, die man mir zugemutet hat, niemals eine Schranke gesetzt und wenn es galt, eine Aufgabe oder Verantwortung zu übernehmen, so habe ich nie abgelehnt, auch wenn diese meine Kräfte überstiegen. Das Schlimme war aber, dass ich Aufgabe oder Verantwortung gar nicht mit klarem Bewusstsein übernahm. An jeden Menschen treten ja Forderungen heran, die er sich nicht auswählt, denen er aber sich nicht entziehen kann, und nicht immer entsprechen ihnen seine Kräfte. Wenn er aber die Notwendigkeit der Erfüllung aus innerem Bedürfnis bejaht und an die Aufgabe herantritt in klarer Erkenntnis von dem, was er übernimmt, so kann dies für ihn ein Anlass sein, seine ganzen Kräfte zusammenzunehmen und anzuspannen. Bei mir ging aber dieser Prozess der Selbstprüfung gar nicht voraus, für mich stand von vornherein die Übernahme der Aufgabe fest, ohne dass mir klar wurde, was ich eigentlich übernahm und wie weit meine Fähigkeiten den Anforderungen angemessen waren. So bin ich oft im Leben in Situationen hineingeschlittert, die ich nicht wollte und in denen ich versagen musste, die mich aber nicht mehr aus der Zange ließen, mir das Leben zur Hölle machten und mich immer mehr von meinem Selbst abtrieben, bis sie über mir zusammenbrachen und alles in den Abgrund rissen. Es ist so wichtig, dass der Mensch seine Grenzen erkennt und anerkennt. Nur so lernt er seine Kräfte, Anlagen und Fähigkeit richtig abzuschätzen und zu gebrauchen und nur so wird sein Leben in Einklang mit seinem Können sein und der ruhige Ausgleich, die wohltuende Harmonie zwischen seinem Wollen und seinem Tun eintreten. Du hast mir einmal vor mehreren Jahren, ohne es zu wissen, eine Lehre gegeben, die ich nicht vergessen habe. Es war in Arosa, etwa ein Jahr vor dem Zusammenbruch, als schon tiefe Schatten über meiner Existenz lagen. Wir kamen, wie so oft über Sonntag zu Dir und Du erzähltest Deine kleinen Erlebnisse, u.a. von 2 kleinen Kindern aus einem der Nachbarhäuser, mit denen Du spieltest. Sie hatten sich auch öfters zu Dir auf den Rodelschlitten gesetzt und wären mit Dir die Maranerstraße herabgefahren, „aber“, fuhrst Du fort, „ich mache es jetzt nicht mehr mit ihnen, ich habe für sie die Verantwortung, und soviel Verantwortung habe ich nicht gern.“ Liebes Renatli, wie glücklich war ich damals über Deine Worte, und wie schnitt es mir zugleich ins Herz, dass ein so kleines Persönli wie Du innerlich so sicher auf seinen Beinen stehen konnte, während ich alter Esel es noch nicht konnte! Mir war ganz klar, dass Du Dich durchaus nicht aus Angst vor Ver­ant­wortung zurückzogst, – es war Dir stets eine große Freude, kleinere Kinder zu beauf­sichtigen – aber hier auf dieser von einem großen Autobus und zahlreichen Pferde­schlitten befahreren Straße, auf der Du Dich wahrscheinlich selbst nicht sicher fühltest, hattest Du das richtige Gefühl, dass es Deiner Kraft nicht entsprechen würde, noch 2 andere kleine Kinder zu betreuen. Ob Du das Wort mit der „Verantwortung“ aufgeschnappt hattest (was wohl möglich ist) oder nicht, ist nicht wichtig. Du hattest die Sache erfasst und hattest die Kraft und Selbstsicherheit, das an Dich gestellte Verlangen abzulehnen. Gott erhalte Dir diese Gabe der richtigen Einschätzung Deiner Kräfte, so wirst Du im Leben zurechtkommen! – Ich könnte Dir nun noch viele Einzelheiten aus dem englischen Lagerleben erzählen und viele interessante Personen schildern – etwa den sinnlichen Mönch Dr. Siemer, der aus einem Kloster entflohen war und Vorträge über Erotik hielt, oder Menschen, die Abenteuerliches erlebt hatten, wie z.B. einen Mann, der auf deutscher Seite gegen Russland gekämpft hatte, in Gefangenschaft geraten und nach Sibirien verschickt worden war, dort entfloh, einen abenteuerlichen Ritt quer durch ganz Asien bis an die chinesische Küste machte, wobei er einen Fuß durch Frost verlor, von China über den Pazific nach USA fuhr, den amerikanischen Kontinent per Bahn durchquerte und sich von New York als Heizer auf einem neutralen Schiff durch die Meerenge von Gibraltar und die englische Kontrolle durchzuschmugggeln versuchte, wo er aber, wie so viele, die gleiches versuchten, gefasst und zu uns als Gefangener gebracht wurde. Aber das sind mehr äußerliche und fremde Schicksale, mit denen ich meine immer mehr anschwellende Erzählung nicht belasten will. Ich habe in dieser Zeit manche Erfahrung gemacht, aber ich glaube, dass die Vorteile in keinem Verhältnis zu den Nachteilen standen und wenn ich es recht betrachte, so habe ich 3 1/2 Jahre meiner Jugend, und viel­leicht die besten Jahre verloren. Ich bin mit vielen Gesellschaftsschichten in Berührung gekommen, mit Bankdirektoren und Gutsbesitzern, mit Industriellen und Künstlern, mit Coiffeuren und Kellnern, mit Seeleuten und Polacken. Ich habe anständige, gebildete und feinfühlige Menschen kennengelernt, nicht nur unter den Reichen, auch unter den Einfachen, aber es ist auch viel Rohheit und Schmutz an mich heran­gekommen, auch dieses aus allen Schichten. Ich sehe überhaupt den größten Schaden dieser Periode darin, dass ich meine erste Lebenserfahrung nicht dem wirklichen Leben entnehmen konnte, sondern dass sie aus den oft rohen und gemeinen Reden, die geführt wurden und an deren Ton ich mich gewöhnte, an mich herantraten. Durch die Abgeschlossenheit von der Außenwelt war ich gezwungen, sie phantasiemäßig zu verarbeiten, denn andere Möglichkeiten gab es ja nicht. Es ist ohne Frage ein großes Hemmnis der Entwicklung, wenn das Erleben in der Fantasie vor sich geht, vor allem wenn durch die lange Dauer eine Gewöhnung eintritt. Es erschwert den Weg zum Erleben in der Realität, der der einzig gesunde und befriedigende ist, und ich habe lange gebraucht und Mühe gehabt, den Anschluss an die Wirklichkeit wieder zu finden. – Nun will ich mich für diese Epoche meines Lebens auf das Nachspiel, die Rückreise beschränken. Eines Tages trat der Commandant des Lagers, wie üblich von seinem Stab begleitet, in den Speisesaal und sagte mit seiner bärbeißigen und etwas heulenden Stimme: „ The exchange is in the air“ – der Austausch liegt in der Luft. Und tatsächlich – einige Zeit darauf schlug uns die lang ersehnte Stunde – wir packten unser Zeug zusammen und marschierten in langem Zuge zum Hafen. Wieder hatten wir eine stürmische Überfahrt, bei der wir aber auf Deck in frischer Luft bleiben konnten, und über alle Leiden tröstete uns die Aussicht auf die Heimkehr. Mancher fragte sich auch mit bangem Herzen, wie er sich nun wieder in das Leben einfinden würde, denn wir waren alle mehr oder weniger überzeugt, durch die lange Gefangenschaft nicht mehr in normaler Geistesverfassung zu sein. Wir meinten, dass wir es selbst in unserer Abgeschlossenheit nicht merkten, dass es aber zutage treten würde, sobald wir wieder in dem Strom der Außenwelt schwömmen, denn draußen war das Leben vorwärts gegangen, Ereignisse, die wir nur aus den Zeitungen literarisch erlebten, hatten die Menschen verändert, alte Anschauungen, in denen wir groß geworden waren, waren gestürzt, eine neue Gesinnung im Entstehen – wir aber waren die alten geblieben Wie das wohl zusammengehen würde? Schließlich überwog doch die Freude der Rückkehr. Auf englischem Boden angekommen, nahmen wir einen Zug und wurden in Rippon, einem kleinen Ort in der Grafschaft Yorkshire in Mittelengland ausgeladen. Es hieß, dass wir dort einige Tage warten müssten, bis wir weiter transportiert würden. In diesem Lager ging es uns schlecht. Nichts war auf unsern Empfang vorbereitet. Uns wurden Holzhütten angewiesen, in denen Tische und Bänke standen und für jeden 2 Decken. Ein winziger Ofen war in der Mitte der Hütte vorhanden. Es war Januar und eiskalt, und kaum Feuerung vorhanden. Da wir mit der Weiterreise in wenigen Tagen rechneten, schlugen wir kurzerhand ein paar Stühle zusammen und verfeuerten sie. Als es gemerkt wurde und die Täter nicht gefasst werden konnten, räumten die Engländer sämtliche Stühle und Tische aus der Baracke heraus. Jetzt saßen wir auf dem Boden. Eine fürchterliche Unruhe ergriff uns, als die erwartete Weiterreise ausblieb. Da niemand orientiert wurde, kursierten viele Gerüchte, es hieß, der Gefangenen-Austausch habe einen „bitch“ bekommen, d.h. es sei eine Stockung eingetreten, der Zeitpunkt der Weiterreise sei völlig unbestimmt, möglicherweise würden wir nach der Isle of Man zurückgeschickt. Das waren bittere Aussichten. Dazu kam die Kälte. Es war kein Wasser vorhanden, denn die 2 Reservoirs, die im Freien aufgestellt waren und aus denen wir das Waschwasser schöpften, waren eingefroren. Wir mussten die Schläuche auseinanderschrauben, um etwas Eiswasser herauszuholen. Das Essen war miserabel und so knapp, dass wir schwer Kohldampf hatten. Es gab Pferdefleisch und Klappererbsen, sogenannt weil sie so hart waren, dass sie klapperten, wenn man sie gegen die Wand warf; ab und zu auch ein paar stinkige Heringe. Ich hatte zufällig kurz vor der Abfahrt von der Isle of Man ein Kästchen mit überdimensionalen Zigarren erhalten und das Rauchen musste mir das Essen ersetzen. Wie stets bei neuer Bewachungsmannschaft, dauerte es einige Zeit, bis Kontakt hergestellt war, und wenn auch nicht, wie manchmal auf der Isle of Man, ganze Mülleimer voll Beefsteaks hereingeschoben wurden, so gelang es uns doch hie und da, einen Sack voll Brot zu bekommen, wodurch die bedenklich gesunkene Stimmung etwas gehoben wurde. Wir mussten 4 Wochen dort bleiben und durchlebten in dieser Zeit, abgesehen von äußeren Entbehrungen, alle Qualen der Ungewissheit. Endlich also ging es weiter. Wie froh waren wir, als wir im Zug saßen! Aber zu unserm Schrecken mussten wir feststellen, dass der Zug statt nach Süden nach – Norden fuhr. Niemand gab uns Auskunft und wir glaubten nicht anders, als dass es zurück nach der Isle of Man ging. Grenzenlose Enttäuschung! Bald aber stellte sich diese Ansicht als irrig heraus, denn wir fuhren nicht an der West-, sondern an der Ostküste von England entlang. Auch hatten wir die Höhe von Liverpool schon überschritten und waren bereits auf schottischem Gebiet. Das gab wieder zu den wildesten Kombinationen und Mutmaßungen Anlass, denn wir konnten uns nicht vorstellen, warum wir nach Schottland hinauffuhren, wenn unser Reiseziel Deutschland wäre. Und doch war es so. In Leith, einer schottischen Hafenstadt, verließen wir den Zug und bestiegen ein dänisches Schiff, das uns heimbringen sollte. Das Gefühl, auf neutralem Boden zu sein, ging uns mächtig ans Herz. Zudem wurden wir in freundlicher Weise aufgenommen und bekamen, seit einem Monat zu[m] erstenmal, wieder gutes Essen, ja in so reichlichen Mengen, dass jeder soviel essen konnte wie er wollte. Nun spielten sich Szenen ab, in denen mancher Mensch zum Tier, nein schlimmer als ein Tier wurde. Denn ein Tier frisst nie mehr als bis es seinen Hunger befriedigt hat. Hier aber fraßen die Menschen um zu fressen, weit über jedes Maß hinaus. Es ist wahr, wir hatten gehungert und jeder griff zunächst einmal nach Herzenslust zu. Auch ich entsinne mich, als Vorspeise, bis das Essen aufgetragen wurde, 10 Stück Brot gegessen zu haben, ohne dass ich spürte, etwas im Magen zu haben. Wir waren eben noch nicht soweit verhungert, dass der Magen nicht mehr aufnahmefähig gewesen wäre. Dann aber kam ein Punkt, wo ich mich gesättigt fühlte. Ich habe aber Menschen fressen gesehen, bis ihnen das Essen oben und unten herauskam, und wenn sie sich entleert hatten, dann fingen sie wieder von vorn an zu fressen. Das war wirklich kein schöner Anblick. – Es stellte sich heraus, dass wir über Kopenhagen nach Warnemünde fahren würden und dass die Seefahrt 3 Tage dauern würde, da wegen der Minenfelder nicht direkte Route gefahren werden konnte. Die See war ziemlich ruhig und ich schlief die erste Nacht ganz gut, unten im Schiffsraum, wo eiserne Bettstellagen für je drei übereinander eingebaut waren. Am nächsten Morgen ging ich an Deck, um mich zu waschen. Als ich dann aber wieder in den Schlafraum herabkam, wurde mir von der stickigen Luft, die ich vorher gar nicht empfunden hatte, übel, ich packte schnell meine Kleider und flüchtete nach oben. Inzwischen hatten wir auch Wellengang bekommen, und dem Rat einiger erfahrener Seeleute folgend, setzte ich mich auf eine Kiste. Und wirklich, solange ich saß, kam wenigstens die Übelkeit nicht zum Ausbruch, sowie ich aber aufstand, wurde mir schlecht. Ich blieb also sitzen und war entschlossen, auf keinen Fall zur Nacht in den Schlafraum hinunterzugehen. Man brachte mir das Essen, und einige alte Seebären unterhielten mich von Schiffsreisen, wobei sie gewaltig aufschnitten. Aber die Zeit verging und das Meer war wunderschön und die Fahrt ging der Heimat zu. Nur selten begegnete uns ein Schiff, wobei Grüße ausgetauscht wurden. Einmal in der Nacht sahen wir am Horizont einen Feuerschein, wir vermuteten ein Schiff, das auf eine Mine gelaufen war. Wie groß war aber unser Erstaunen, als der Feuerschein ständig an Ausdehnung zunahm, und langsam und majestätisch der volle runde Mond in großer blutroter Scheibe aus dem Meer aufstieg! Es war ein wundervoller Anblick. – Ich habe 2 Tage und Nächte ununterbrochen auf der verdammten Kiste gesessen; ich fluche ihr, denn sie war mit Blech beschlagen, das ein scharfkantiges Waffelmuster hatte, dessen Spuren ich noch tagelang auf meinem Allerwertesten herumtrug. Als wir in Kopenhagen ankamen, durften wir zu unserm Leidwesen nicht an Land. Dagegen kamen 2 junge Damen vom Roten Kreuz und verteilten Zigaretten und Schokolade. Es waren die ersten weiblichen Wesen, die wir nach 3 1/2 Jahren zu sehen bekamen. So großspurig manche auch vorher getan hatten, jetzt traute sich keiner, etwas zu sagen, sondern alle waren scheu und starrten wortlos, als seien es Geschöpfe einer andern Welt. Vor allem verblüfften uns die hohen Stimmen, die wir gar nicht mehr gehört hatten, – hatten wir uns doch an die Illusionen unseres Theaters gewöhnt, wo die weiblichen Rollen von jungen Männern gespielt wurden und die tiefere Stimmlage für uns nichts Störendes mehr hatte. Am nächsten Tag ging die Fahrt weiter und endlich – in Warnemünde – betraten wir deutschen Boden. Bevor wir an Land gingen, wurden wir von Vertretern der Stadt, dem Soldaten- und dem Arbeitsrat (die beiden Neubildungen der Revolution) begrüßt. Sie hielten Reden auf die neue Republik, auf die sie ein Hoch anbrachten. Das wirkte auf uns außerordentlich fremdartig. Wir hatten zwar von der Umwälzung in Deutschland und der Flucht des Kaisers gelesen, aber wie uns da die junge Republik leibhaftig entgegentrat, waren wir frappiert. Die meisten von uns waren in ihrem Herzen kaisertreu geblieben und das Hoch auf die Republik fand bei uns keinen Widerhall. Wir blieben kühl und stumm, aber wir fühlten, dass Deutschland ein anderes Land geworden war, als das welches wir kannten und welches in unserer Vorstellung noch lebte, und manchen beschlich eine bange Ahnung über das, was er nun vorfinden würde. In Warnemünde, waren eine Reihe Formalitäten zu erledigen, was wir noch am Abend tun konnten, um den Morgenzug zur Weiterreise benutzen zu können. Die Fahrt dauerte endlos; für die kurze Strecke bis Berlin brauchten wir fast den ganzen Tag. Wir waren alle erregt, und unsere Erregung wurde noch vergrößert durch den Anblick eines Pärchens, das unser Coupé mit uns teilte. Es waren ganz harmlose Leute, aber für uns etwas ganz Außerordentliches. Meine Eltern hatte ich von Warnemünde aus telegrafiert und sie warteten stundenlang auf dem Stettiner Bahnhof auf unsere Ankunft. Sie durften den Perron nicht betreten, sondern mussten vor der Billetsperre warten. Meine Mutter drängelte sich resolut mit den Ellenbogen nach vorne, unbekümmert um das Murren ihrer Nachbarn. Als in der Ferne die erste Rauchfahne des herannahenden Zuges zu sehen war, zog sie ein großes weißes Taschentuch, das sie wild hin- und herschwenkte. „Wedeln Sie mir doch nicht mit Ihrem Lappen vor der Nase!“, fuhr sie ein Herr beleidigt an. „Wenn Sie vier Jahre auf Ihren Sohn hätten warten müssen, würden Sie auch mit dem Taschentuch winken“, erwiderte meine Mutter und fuhr fort, ihre Signale zu geben. Wenige Minuten später konnten sie und mein Vater mich in die Arme schließen. Heinrich, das alte Faktotum aus dem Geschäft, nahm die Koffer in Empfang und in einer Droschke fuhren wir heimwärts. Nun das war ein Lachen und Weinen, ein Fragen und Antworten! Das wirst Du Dir denken können. Ich konnte mich noch gar nicht fassen und war dem Ansturm nicht gewachsen; aber das war nicht wesentlich, denn die Hauptsache war ja nun, dass ich da war. Auf dem Balkon der Wohnung standen ebenfalls seit vielen Stunden meine Schwestern, die jedem Hufschlag erwartungsvoll gelauscht hatten. Ich fand meinen Vater wenig verändert, nur etwas weißer und etwas stärker schwerhörig. Meine Mutter fiel mir durch ihre Kleinheit auf, ich hatte sie größer im Gedächtnis; wahrscheinlich war ich in den Jahren gewachsen; vor allem verblüffte mich wieder die hohe Stimmlage, die ich gar nicht mehr gewöhnt war und ich musste über ihr hohes Piepsen lachen. Meine Schwestern dagegen waren alle drei sehr verändert. Ilse war 23 Jahre, Lena, die ich mit 12 Jahren verlassen hatte, war 16 und bei Hanna wirkte sich der Unterschied noch krasser aus, von 7 auf 11 Jahre. Wie mir nun zumute war, wie ich nach so langer Zeit wieder an einem sauber gedeckten, gepflegten Tisch saß, in der mir vertrauten, zwar etwas fremdartig gewordenen, aber mich doch wieder durch tausend Erinnerungen anheimelnden Umgebung – das muss ich nicht schildern. Fast 5 Jahre waren vergangen; am 3. Juli 1914 hatte ich Berlin verlassen, am 18. Februar 1919 war ich zurückgekehrt. Dieser Tag wurde bei uns noch jahrelang gefeiert. Am nächsten Morgen ging meine Mutter mit mir, um mich etwas einzukleiden, denn ich war recht verlumpt zurückgekehrt. Ein Bekannter erzählte später, er habe meine Mutter auf der Straße gesehen und sie habe so über das ganze Gesicht gestrahlt, dass er sofort gewusst habe, ich sei der zurückgekehrte Sohn. Mir ging es eigenartig. Ich hatte doch so viel vom Stadtbild vergessen, aber alle Erinnerung kam zurück, noch bevor ich die Orte aufgesucht hatte. Straßennamen, auf die ich mich in der Fremde vergeblich besonnen hatte, waren mir wieder gegenwärtig, ohne dass man sie mir sagen musste. Die bloße Anwesenheit in der Heimat riss das Tor der Vergessenheit auf. Am meisten erschütterte mich, so vieles unverändert wiederzufinden. So gingen wir z.B. in ein Brillengeschäft Dort stand derselbe kleine Optiker, der aussah wie ein Brillenglas und einen Lupenblick hatte, hinterm Ladentisch, ganz unverändert. Was gab mir das für ein seltsames Gefühl! Man konnte in die Welt hinausfahren, durch Krieg und Gefangenschaft gehen, 5 Jahre fortbleiben und wenn man zurückkam, so stand ein Mensch hinterm Ladentisch, gerade als ob er auf einen gewartet hätte und nur eigens dafür da war, eine Brille zu verkaufen, wenn immer man kommen würde. Wie ein Baum im Walde oder ein Berg in einer Landschaft. – Aber auch vieles fand ich verändert. So fühlte ich erst jetzt den Verlust meines Freundes Otto, als er mir in der gewohnten Umgebung nicht begegnete. Ich ging am nächsten Tag zu Sussmanns – es war gerade Margots Geburtstag – und es fand eine ausgelassene Geburtstagsfeier statt. Ich glaubte in ein Haus der Trauer zu kommen, und ich fand frohe Stimmung und Lustbarkeit. Wohl brachte meine Rückkehr einige wehmütige Erinnerungen und den Gedanken, dass doch auch Otto jetzt hätte heimkommen können, wenn das Geschick gütiger gewesen wäre. Aber das Gefühl ging rasch vorüber. Gewiss, ich vergaß – 5 Jahre! Und doch fand ich ihn etwas schnell vergessen. Margot hatte sich merkwürdig entwickelt. Sie war ein hübsches, aber etwas überspanntes Mädchen geworden. Sie war sehr frühreif, diskutierte gerne gewagte Themen, gab sich sehr selbstsicher und verachtete alle Älteren als altmodisch. Sie sagte mir gleich am ersten Tage, unsere Eltern hätten den Wunsch, aus uns ein Paar zu machen und sie schlug mir einen Pakt vor, dass wir uns niemals heiraten würden. Da ich keine Absichten auf sie hatte, ging ich gern darauf ein. Dagegen schlossen wir Freundschaft, und ich hatte sie auch später trotz vieler Eigenheiten, die sie in den Augen vieler Menschen lächerlich machten, recht gern. Sie hat kein sehr glückliches Leben geführt. Sie heiratete zuerst Fritz Mosse aus der bekannten Mosse-Familie, die sich nicht durch Schönheit auszeichnete (ein Witzbold sagte, als einige Familienmitglieder beisammen waren: „So’ne Masse mieße Mosse“). Er war Wäschefabrikant, klein und brutal. Sie heiratete, obwohl er ihr offen gesagt hatte, dass er andersartige Neigungen habe. In dieser Zeit sprachen die alten Sussmanns viel über Wirtschafts- und Zeitungsfragen. Die Ehe ging bald in die Brüche, und Margot ließ sich scheiden. Es folgte eine Freundschaft mit dem bekannten Dirigenten Kleiber, bei der ich in Lokalen oft den Anstandswauwau spielen musste, wofür ich mich diskret zur Verfügung stellte. In dieser Zeit waren die alten Sussmanns große Kenner in Musikfragen. Später heiratete sie dann einen bekannten Journalisten, der dem unter Hitler ermordeten General Schleicher nahestand. Die Ehe lag ihr sehr, sie gab diplomatische Empfänge und verkehrte mit Herrn Grafen Sowieso und Herrn Attaché X. In dieser Zeit entdeckten die alten Sussmanns ihre Begabung für Politik. Aber auch diese Ehe ging schlecht aus. Der Mann war Christ, und später erfolgte die Scheidung, Margot war vor dem Krieg ziemlich mittellos in England, und was jetzt aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Ich mag sie immer noch recht gern, wir hatten schließlich als Kinder miteinander gespielt, und das vergisst man nicht. – Meinen Freund Kadisch fand ich mit einem mehrfach gebrochenen Bein und einer schweren Brustfellentzündung; er war verschüttet gewesen. Mit ihm verkehrten einige junge Leute, meist Medizin-Studenten, denen ich mich anschloss. Auch lernte ich in dieser Zeit Herbert Marcuse kennen, der heute Dozent an einer Universität in USA ist und mit dem ich seit vielen Jahren befreundet bin. –

 

 

5/4/42 Am folgenden Tage nach meiner Ankunft fuhr ich zu meinem Vater ins Geschäft. Ich wurde von einem Kameraden aus dem Lager begleitet, der in Süddeutschland zu Hause war und den ich auf 2 Tage bei uns untergebracht hatte. Als das Taxi vor dem Geschäftshaus hielt, sah ich gerade meinen Vater zur Tür hereingehen. Ich eilte, um ihn einzuholen, stolperte über die Schwelle des Eingangs und fiel der Länge nach hin. Ich sage gewöhnlich von mir, dass ich nicht abergläubisch bin – aber wer ist es wirklich, wenn er sich genau prüft? Ich bin sicher nicht frei von Aberglauben, nur bin ich nicht so unbedingt von ihm abhängig. Damals fragte ich mich, was der Vorfall wohl bedeuten sollte? War es ein unglückliches Omen? Aber sagte man nicht auch: man stolpert ins Glück? Ich konnte mir nicht ganz einig werden, wie stets, wenn ich zwei Möglichkeiten gegenüberstehe, von denen die eine so viel für sich hat wie die andere und das Gefühl, dieses ganz unbestimmte und bei vielen Menschen doch so sichere Gefühl, das aus dem Blut, aus den tiefen Quellen der Seele kommt – bei mir versagt es. Es schwieg auch damals und ich machte mir wohl nicht zuviel Gedanken über die Deutung. Das Geschäft machte mir Eindruck, schon durch seine Größe. Der untere Ladenraum war ein weiter langgestreckter Schlauch von warenhausähnlicher Ausdehnung. Auf langen Tischen lagen die Waren sichtbar aufgehäuft. Mein Vater war stolz darauf, als erster das Warenhaus-Prinzip der offenen Ausstellung der Waren auf das Engros-Geschäft übertragen zu haben. Es gab keine dunklen Kästen, keine unübersichtlichen Schubladen, keine verhängten Regale. Alles lag offen und klar zur Auswahl. Die Tische waren allerdings nicht eben sehr voll. Das lag an der großen Warenknappheit. Mein Vater zeigte mir Knabenanzüge aus Papierstoff, der in Ermangelung von Wolle und Baumwolle gewebt worden war. Er erzählte mir von dem anfänglichen großen Misstrauen gegen diese papierenen Ersatzgewebe, das zwar nicht überwunden, aber beiseite geschoben worden war, aus dem einfachen Grunde, weil es keine andere Stoffe mehr gab. Jetzt war der Krieg zu Ende, die Grenzen geöffnet, und naturgemäß wollte niemand mehr Papier anstatt Stoff. Mein Vater führte mich durch die übrigen Stockwerke, wo ich überall neugierig angestaunt wurde. Einige langjährige Angestellte kannte ich. Wir waren als Kinder öfters im Geschäft gewesen. Unser Vergnügen bestand darin, uns in die großen Körbe zu setzen, in denen die Waren sortiert wurden. Die Körbe hatten unten Rollen und wir ließen uns in dem großen Lokal herumfahren, und was am schönsten war, in die Lastenfahrstühle verladen. Auch gab es eine große Attraktion, den Paternoster, wie man einen in ständiger langsamer Bewegung befindlicher Fahrstuhl mit vielen, in kurzen Abständen sich folgenden Kabinen nennt. Das Ein- und Aussteigen war ein oft wiederholtes, von leichtem Schauder begleitetes Vergnügen. Das gruseligste Gefühl überkam mich aber, wenn ich über das oberste Stockwerk hinausfuhr und nicht mehr wusste, ging es nun durch das Dach oder was wird geschehen, bis der Fahrkorb in ruhigem Gang sich auf die Abwärtsbahn hinüberhob und die Rückkehr in die bekannte Region der Stockwerke mir eine Erleichterung brachte. Dieselbe Sensation wiederholte sich dann bei der Umkehr im Keller. Nun, diese Zeiten waren natürlich vorüber, und ich musste mir das Geschäft mit andern Augen ansehen. Andere Gefahren, vielleicht auch andere Freuden, auf jeden Fall aber andere Aufgaben waren zu erwarten. Als wir den Rundgang durch die 5 Etagen gemacht und uns verabschiedet hatten, sagte mein Kamerad zu mir: „Du wirst doch wohl nicht so dumm sein und dort nicht hineingehen?!“ denn er wusste von meinen Zweifeln. Am Mittag machte mein Vater mit mir einen kurzen Spaziergang, auf dem er mir von den sozialen Wirkungen der revolutionären Umwälzung sprach und von dem neuen Verhältnis, das sich zwischen Arbeiter und Unternehmer zu entwickeln schien. Er sprach sehr ernst, nahm mich ganz als Erwachsenen und behandelte mich mit einer Wichtigkeit, die mir eine Rolle zuwies. Er kam dann auch auf die persönlichen Verhältnisse zu sprechen, erzählte von den großen Verlusten bei der plötzlichen Geschäftsstockung nach Kriegsausbruch, wie aber dann gute Jahre trotz des Krieges gekommen seien, und nun durch die bevorstehende Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft neue Verluste zu erwarten seien. Er fragte mich auch um meine Ansicht, ob er einen Umbau an dem Haus in Wannsee, den er plante und der mit 30000.– Mk veranschlagt war (es waren schon Inflationsmark), ausführen solle oder ob eine so hohe Ausgabe in der unsicheren Zeit lieber unterlassen würde. Ich hatte keine Ahnung von den Vermögensverhältnissen und konnte in einer solchen Frage natürlich kein Urteil, noch weniger eine Entscheidung abgeben. Er fragte wohl auch mehr in dem Vorgefühl, nun einen Sohn zu haben, der sein Mitarbeiter werden würde und mit dem er in Zukunft alles würde besprechen können. Am Nachmittag setzten wir uns zu einer ernsten Besprechung zusammen, die der Gestaltung meiner Zukunft galt. Mein Vater sprach davon, dass er in erster Linie das Bestreben habe, einen tüchtigen Kaufmann aus mir zu machen und dass ich dereinst einmal sein Nachfolger werden und das Geschäft übernehmen solle. Ich sagte, dass ich eigentlich die Absicht hätte, Musik zu studieren. Da legte mein Vater sein Gesicht in Falten und sagte, aber durchaus wohlwollend und in beratend-gutmeinendem Sinne, das wäre doch kein Beruf. Musik sei ja sehr schön, aber ich hätte doch gerade als Kaufmann die schönste Gelegenheit, mein Talent auszubilden und zu pflegen. Gerade der Kaufmannsberuf gäbe einem die Möglichkeit, allen Liebhabereien nachzugehen, die ganze Welt stünde dem Kaufmann offen, er könnte Reisen machen, ferne Länder und Menschen kennen lernen, er bekäme einen weiten Gesichtskreis, während einem Musiker doch die wirtschaftliche Existenzbasis vollständig fehle oder sie zumindest nur in engen Grenzen vorhanden wäre, die auch nur ein enges Leben gestatten würde. So oder ähnlich lauteten seine Argumente. Er ließ auch durchblicken, dass eine Ablehnung des Kaufmannsberufes seine ganze Lebensarbeit, seine Hoffnungen und Pläne zerstören würde, denn in mir hatte er von Jugend auf den Vollender seines Werkes gesehen. Die Unterredung schloss damit, dass ich zustimmte, in das Geschäft einzutreten. In dieser Minute habe ich mein Schicksal gegen mich entschieden. Ich habe mich in späteren Jahren so oft gefragt und noch heute frage ich mich, warum ich in dieser Unterredung nicht stark geblieben bin, warum ich mich nicht gegen die Ansprüche meines Vaters gewehrt habe. Es ging doch um mein eigenstes Sein, um mein Leben, meine Zukunft; es war doch etwas, um das es zu kämpfen lohnte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss ich sagen, dass mein Vater keinen übermäßigen Druck auf mich ausgeübt hat und auch nicht ausüben musste. Seine Argumente rührten aber an Punkte, die trafen; und dann saß er mir gegenüber mit der ganzen Massigkeit der väterlichen Autorität, Gott-Vater, der die Welt und die Geschicke, wenigstens mein Geschick, lenkte. Die Nachfolger-Idee war mir von Jugend auf eingeimpft worden. Mein Vater wurde seiner hervorragenden Stellung in der Branche von Fachkollegen mitunter der Schürzen-König genannt und mir legte man gelegentlich das scheußliche Beiwort „Schürzen-Kronprinz“ zu. Dadurch wurden natürlich Vorstellungen in mir erweckt, die die Form einer Verpflichtung annahmen. Einer Pflicht durfte man sich aber nicht entziehen; das war einer der heiligsten Grundsätze meines Vaters gewesen. Man musste ja nur wollen, dann konnte man auch. Und durfte man sich etwa dem Wollen entziehen? Das war ja die Sünde par Excellence. Dabei war meine gefühlsmäßige Einstellung als Kind zum Geschäft sehr zwiespältig gewesen. Einerseits sah ich das große Unternehmen, die materiellen Vorteile, die es brachte, am Wohlstand, das Wohlleben, dann auch das Ansehen, die Achtung, ja Ehre – auf der andern Seite aber schämte ich mich dieses Geschäftes unsagbar. Wenn ich nach dem Beruf meines Vaters gefragt wurde, so sagte ich Kaufmann. Häufig sollte ich aber eine nähere Bestimmung beifügen, mit welchen Artikeln mein Vater handle. Dann musste ich sagen: Schürzen und Jupons. So lautete die offizielle Bezeichnung, die auch auf den zahlreichen Fenstern des Geschäftshauses mit vergoldeten Lettern aufgeklebt war. Diese Worte brachte ich schwer heraus und nicht ohne zu erröten. Was waren das auch für lächerliche Gegenstände! Alles andere wäre besser gewesen, selbst Wäsche oder Kleider. Aber Schürzen, diese verächtlichsten Dinger! Welcher Mann durfte sich damit befassen? Sagte man nicht von Kindern, sie hingen am Schürzenzipfel? Und nun sollte ein erwachsener und ernsthafter Mann den Schürzenzipfel ergreifen, und gar als Beruf ergreifen? Und dann Jupons! Schon der Name! Von ihnen ging so etwas Zweideutiges aus, sie gehörten ja sozusagen der verbotenen Sphäre an. Und hier wurden sie offen ans Licht gezogen, gerade als ob ihr Ort nicht ein verborgener zu sein hätte! Es fehlte auch selten, dass meine Antwort bei den Mitschülern nicht ein Lächeln hervorgerufen hätte, und später rettete ich mich auf „Textilien“ oder “Konfektion“. Aber nicht ohne die Scham über diese Unaufrichtigkeit zu verlieren. Ich bin dieses Schamgefühl nie losgeworden, auch nicht als ich längst erkannt hatte, dass es im Grunde gleichgültig ist, was ein Kaufmann fabriziert und verkauft und dass Schürzen und Jupons das gleiche Recht auf sachliche Bearbeitung haben wie Möbel oder Maschinen, und es war mir eine gewisse Erleichterung, als wir zur Herstellung von Kinderbekleidung und später Herrenkleidung übergingen. Ich habe mich im Geschäft auch nie mit der Abteilung Schürzen & Jupons befasst. Mein Gefühl wird ja wohl auch von allen Menschen geteilt. Der Gegenstand, den man herstellt, färbt doch irgendwie ab, obwohl man nicht übertreiben soll. Ich entsinne mich, dass meiner Tante Toni in ihrer Jugendzeit ein Bewerber, der sanitäre Installationen machte, durch den von ihren Freundinnen angehängten Beinamen „Klosettfritze“ unmöglich gemacht wurde. Er soll ein sehr netter Mann gewesen sein, der vielleicht richtiger für sie gewesen wäre, als der kleinliche Onkel Eduard, den sie später geheiratet hat. – Es gab nun noch eine ganze Menge Gründe für den Eintritt ins Geschäft. Da war einmal die ungeklärte Lage Deutschlands nach einem verlorenen Krieg, die politische und soziale Umwälzung, die noch im Fluss begriffen war und von der kein Mensch wusste, wo sie hinführen würde, die scheinbar Aussichtslosigkeit der freien Berufe. Dann aber kam etwas Merkwürdiges hinzu. Ich hatte von dem Beruf eines Musikers gar keine richtige Vorstellung. Ich wusste wohl, es gab Dirigenten, aber das schien mir für mich nicht das Richtige. Es war zur damaligen Zeit, von wenigen Spitzenleistungen abgesehen, durchaus nicht ein so geachteter Beruf, auch fehlte mir wohl das zwingende Fluidum, das zur Leistung eines Orchesters gehört. Dann gab es Künstler, die konzertierten; dafür war ich kaum begabt genug. Auch hatte sich in mir eine Vorstellung festgesetzt, die mir ein sehr guter Pianist im Lager beigebracht hatte. Er sagte einmal zu mir: „Was wollen Sie! Wir sind doch alle Stümper und können nichts! Solange man nicht den göttlichen Funken in sich hat zu komponieren, solange gilt man nicht in der Musik!“ Aber meine Kompositionsversuche waren unzureichend. Ich brachte wohl einiges zustande, aber ich musste zu viel Mühe aufwenden, die Quelle floss nicht. Natürlich war das eine ganz dumme Meinung von mir. Ich will nicht sagen, dass ich ein Komponist hätte werden können, aber die Frage wäre erst zu entscheiden gewesen, nachdem ich etwas gelernt hätte. Und dass das Komponieren ohne Mühe vor sich gehen müsse, ist ein großer Irrtum.

Heft 4
Seite 4
Seite 4 wird geladen
4.  Heft 4
Kommentar schreiben
Es soll zwar mühelos scheinen, doch steckt hinter der einfachen Melodie, die vom Himmel gefallen zu sein scheint, oft eine große Arbeit. Selbstverständlich reicht Arbeit allein auch nicht aus, es muss auch der durch nichts zu erzwingende Einfall dazu kommen. Auf jeden Fall glaubte ich, für die Komposition nicht begabt genug zu sein, und ohne diese Gabe schien mir Musik als Beruf verschlossen. Dass es eine Musikwissenschaft gab, in der musikalische Menschen mit kritischem Verständnis eine Lebensarbeit finden konnten, war mir völlig unbekannt. Ich hatte eben auch in musikalischer Hinsicht eine sehr dilettantische Ausbildung erhalten. Meine Kenntnisse fingen bei Bach an und hörten bei Brahms ev. Reger auf. Von „alter Musik“, von Stilfragen, von Forschung, wusste ich gar nichts und gerade das wäre das Feld gewesen, auf dem ich wirklich etwas hätte lernen können. Gerade der finanzielle Rückhalt, den mein Vater mir bot, hätte mir umfassende, in viele Grenzgebiete hineinreichende Studien ermöglichen können und ich hätte wie kein Anderer die Voraussetzungen zu einem aussichtsreichen wissenschaftlichen Arbeiten in mir getragen. Aber das wusste ich nicht, und es war niemand da, der mich auf diesen Weg gewiesen hätte. – Dann aber war noch ein anderes Gefühl in mir: ich fühlte mich meinem Vater verpflichtet. Einmal weil ich der einzige Sohn war, anscheinend der vom Schicksal zur Nachfolge bestimmte Sohn; dann aber aus einem ganz dummen Grunde. Ich hatte während der Gefangenschaft, also fast während 5 Jahren, Geld von meinem Vater empfangen, in einem Alter, in dem andere schon anfangen, sich selbst zu erhalten. Das drückte mich, obwohl die Summen im Verhältnis zum Einkommen meines Vaters lächerlich gering waren. Aber so dachte ich nicht. Für mich, der ich nie größere Beträge in Händen gehabt hatte, waren sie bedeutend und ich glaubte, meinen Vater nicht noch einmal auf Jahre hinaus mit der Sorge für meinen Unterhalt belasten zu dürfen. Aber ich hatte noch dümmere Gefühle. Ich will sie nicht verschweigen. Ich hatte Mitleid mit meinem Vater. Ich hatte nicht die Kraft, meinem Vater die schwere Enttäuschung, die eine andere Berufswahl für ihn bedeutet hätte, zuzufügen. Ich empfand, dass ich ihm damit einen Strich durch die Lebensrechnung gemacht, die Krönung seines Werkes vernichtet hätte. Ich fühlte mich zu einem Opfer meiner Wünsche verpflichtet, und die Unbestimmtheit und Ziellosigkeit meiner Wünsche machten mir dieses Opfer möglich. Welche Torheit! Wie konnte ein junger Mensch überhaupt den Gedanken haben, sein Leben einem alten Menschen „opfern“ zu müssen! Hat denn nicht ein junger Mensch Anrecht auf Gestaltung seines eigenen Lebens? Liegt nicht die Pflicht gegen sich selbst gerade dort, wo es darauf ankommt, dass er seinen eigenen, nur für ihn richtigen Weg geht? Und wem nützt ein solches Opfer? Gewiss, es bringt im ersten Augenblick eine Befriedigung, aber später dafür eine umso größere Enttäuschung, nämlich dann wenn statt der Erfüllung der Hoffnungen ein Versagen eintritt. Und das Versagen tritt ein, mit Naturnotwendigkeit, wo immer man sich auf einem falschen Wege befindet. Da nützt keine Anstrengung, da nützt kein Wille, da nützen keine Fähigkeiten, denn nichts passt ineinander. Es ist wie im Handwerk. Die Werkzeuge mögen noch so gut sein, wenn sie nicht die der Arbeit angepassten und zweckdienlichen sind, so nutzen sie nichts und verrichten nichts Brauchbares. Mein Vater hat mir dieses Opfer nicht gedankt. Er konnte es auch nicht und ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Aber vielleicht hätte er es nicht soweit kommen lassen dürfen. Vielleicht hätte er als der Erfahrene den Sohn auf seinen eigenen Weg lenken müssen, aber ihm stand wieder meine Art und Begabung so fern, wie konnte er etwas davon verstehen! Man muss eben selbst wissen, was man will, und dieses Wissen muss man in frühester Kindheit üben und erwerben, es fällt einem nicht von selbst zu, wenigstens nicht einem Jeden! Und da hat es bei mir an Vorbereitung gefehlt. Wie konnte ich mich gegen einen Vater durchsetzen, der soviel stärker war als ich, weil er meine Kraft nicht aufkommen ließ, nicht zu rechter Zeit aufkommen ließ, sondern sie erstickte, bevor ich noch ihrer bewusst war! Ja, das ist eine traurige Rechenschaft, die ich ablegen muss, weil sich mein damaliger Entschluss (war es wirklich ein Entschluss? war es nicht vielmehr der Verzicht auf einen Entschluss?) so fürchterlich gerächt hat. Denn nie habe ich es verwinden können, den falschen Weg betre­ten zu haben. So oft ich auch versucht habe, meine Tätigkeit vor mir selbst zu rechtfertigen, so oft ich sie gegen andere verteidigt habe, das war Oberflächen-Weisheit, im Innern tönte es anders, im Unbewussten häufte sich, verborgen, aber mit peinlicher Genauigkeit, ein Schuldkonto, das zur Begleichung drängen sollte, wenn der Tag und die Stunde reif war. Dort lauerten die Verzichtteufel, böse, rachsüchtige Geister, voll Gift, voll Galle gesogen, sie brüteten Verderben und Zerstörung und trieben ihr Werk im Geheimen. Aus dem Hinterhalt schossen sie ihre Pfeile, im Dunkeln legten sie Steine in den Weg, sie ließen nichts blühen und nichts gedeihen und vereitelten all meine Mühe, all meinen guten Willen und all meinen Opfermut. Sie ruhten nicht, bis das ganze Gebäude, das ich mir errichtet hatte, zusammengestürzt war und in Trümmern lag, in Trümmern, die mich selbst und auch euch begruben! Aber dazu brauchte es 20 Jahre. 20 lange, mühevolle, entbehrungsreiche, aufreibende und kräfteverzehrende Jahre, deren Summe doch nur einen kleinen Betrag ausmacht!
 
 
7/4 Ich habe solange bei diesem Gegenstand verweilt, weil ich Dir verständlich machen wollte, wie ein falscher Schritt ein ganzes Leben unwiderruflich in eine falsche Bahn lenken kann. Du wirst vielleicht fragen, warum ich diesen Schritt später nicht wieder rückgängig machen konnte. Es gibt doch viele Menschen, die den Beruf wechseln, wenn sie sehen, sie haben falsch gewählt. In meinem Fall war das aber nicht so leicht. War es schon schwer, mich am Anfang gegen meinen Vater zu wehren, so wurde es später fast unmöglich. Denn es zeigte sich, dass er mich tatsächlich notwendig gebrauchte. Er war selbst nicht mehr der Jüngste, dazu stark schwerhörig und infolgedessen nicht mehr fähig, den vielfältigen Verhandlungen und Unterredungen zu folgen. Sein Socius, mein Onkel Paul Cahn, hatte nicht sein Vertrauen. Es bestand zwischen ihm und meinem Vater ein schweres Zerwürfnis, das zwar zeitweise geheilt wurde, aber nach kurzer Zeit immer wieder in verstärktem Maße ausbrach. Die Kämpfe zwischen meinem Vater und meinem Onkel, in die ich hineingezogen wurde, füllten einen großen Teil der späteren Jahre. Das Geschäft aber brauchte Leute, es war wirklicher Mangel an Mitarbeitern; der Nachwuchs fehlte vollständig. Es ist verständlich, dass mein Vater sich an mich klammerte. Er machte mich sofort zu seinem Teilhaber. Allerdings waren hierfür in erster Linie steuerliche Gesichtspunkte maßgebend, aber wer weiß, vielleicht dachte er auch daran, mich zu binden. Es war eine Situation, in der nicht ich Aufgaben zu ergreifen hatte, sondern in der ich von ihnen ergriffen wurde. Jeder Tag verwickelte mich mehr in das weitverzweigte Geschäftsnetz. Hätte ich jetzt die Sache hingeworfen, so wäre es offene Fahnenflucht gewesen und ein Im-Stich-lassen des alternden Vaters. Und trotzdem, auch dieser Schritt wäre, wenn auch ein schmerzhafter, heilsam gewesen. Er erfolgte aber nicht.
 
 
8/4 Renatli, ich werde jetzt – endlich – einen Sprung machen, einen Sprung über 5 Jahre hinweg. Nicht weil ich aus dieser Zeit nichts zu erzählen hätte – im Gegenteil, vieles geschah, was für meine Entwicklung wichtig war – , aber ich finde es ermüdend, immer nur von mir zu schreiben, und fürchte, dass es ebenso ermüdend zu lesen sein wird; dann aber denke ich, dass ich später Gelegenheit finden werde, die wichtigsten Ereignisse nachzuholen. – Ich beginne an einem Novembertage im Jahre 1924; genau genommen war es der 29., ein Tag vor Muttis Geburtstag. Wir, das waren meine Geschwister, meine Schwäger und ich, saßen in Abendtoilette zusammen in der Diele des Wannsee-Hauses und schimpften. Schimpften, dass wir gezwungen waren in eine Tanzgesellschaft zu gehen, zu der wir nicht die geringste Lust hatten und von der wir uns nichts als Langeweile versprachen. Wir waren nämlich zu meiner Tante Eva Cahn geladen. In den wellenartig wiederkehrenden Krachs zwischen meinem Vater und meinem Onkel war nämlich zufällig jene Phase eingetreten, in der Versöhnung herrschte. Obwohl meine Mutter und meine Tante, die ja Schwestern waren, sich bemühten, die geschäftlichen Zerwürfnisse nicht auf die persönlichen Beziehungen der übrigen Familienmitglieder abfärben zu lassen, so gelang das doch nicht vollkommen und die Versöhnungspausen wurden dann stets dazu benutzt, die persönliche Atmosphäre wieder herzustellen. Dies­mal war die Versöhnung, wie übrigens alle vorhergehenden und alle folgenden auch, eine „endgültige“, d.h. endgültig bis zum nächsten Krach. Unter diesen Umständen konnten wir aber die an uns ergangene Einladung nicht ablehnen. Wir saßen also und gähnten, solange wir es noch durften, und stöhnten über die schweren Opfer, die uns die Versöhnung auferlegte. Inzwischen will ich noch ein Wort über meine Tante und meinen Onkel sagen. Mein Onkel Paul war ursprünglich Reisender im Geschäft meines Vaters gewesen und man nannte ihn eine Verkaufskanone, d.h. er hatte auf der Reise gute Erfolge. Er war von ungewöhnlicher Dummheit und völlig ungebildet, verfügte aber über eine gehörige Portion Brutalität. Er war vulgär im Aussehen und vulgär im Benehmen, den irdischen Freuden des Lebens zugewandt, er aß gern gut, trank gern und stieg gern den Mädchen nach. Im übrigen war er von keinerlei Skrupeln belastet. Seine Erfolge verdankte er einmal einem an Strebertum grenzenden Fleiß, dann aber auch der Tatsache, dass seine Tätigkeit in eine allgemein aufsteigende Konjunktur fiel und dass er eine leistungsfähige Firma hinter sich hatte. Allein ich will seine Erfolge nicht schmälern, er muss es auch verstanden haben, sich bei seiner Kundschaft beliebt zu machen. Dass mein Vater ihn zum Teilhaber machte, ist trotzdem unbegreiflich, oder eben nur aus der genauen Kenntnis meines Vaters verständlich; denn Cahn besaß aber auch nicht eine einzige derjenigen Fähigkeiten, die zur Führung des damals schon recht bedeutenden Unternehmens erforderlich waren. Mein Vater ging aber noch weiter. Er hat auch die Ehe von Cahn mit meiner Tante auf dem Gewissen. Mein Vater hatte auf Grund seiner Geschäftserfolge ein gewichtiges Wort in der Elsener-Familie und er veranlasste meine Tante, einen in mittleren Verhältnissen lebenden Jugendfreund fallen zu lassen und Cahn zu heiraten. Wenn mein Vater auch entschuldigend zu sagen pflegte, man könne für die Entwicklung einer Ehe nicht einstehen, so fühlte er sich doch insgeheim für den unglücklichen Verlauf mitverantwortlich und bewahrte meiner Tante eine starke Anhänglichkeit, die sie übrigens erwiderte. Meine Tante war sehr musikalisch und als junges Mädchen eine gute Pianistin. Da ihr Mann unmusikalisch wie ein Stock war, hatte sie das Musizieren aufgegeben, nahm es aber später wieder auf. Sie war eine ehrgeizige Frau und da sie selbst von ihrem Wege abgetrieben war, übertrug sie ihren Ehrgeiz auf ihre Kinder, an denen sie aber Enttäuschungen erlebte, obwohl sie ihren Kindern gegenüber blind bis zur Lächerlichkeit war oder zumindest sich so stellte. Die älteste Tochter Ellen war ein hübsch gewachsenes Mädchen, aber strohdumm. Zudem hatte sie die vulgären Gesichtszüge des Vaters und die gleich dumme Art zu sprechen: die Worte kamen ihr aus dem Mund wie das Wasser aus einer schlecht funktionierenden Leitung, die zeitweise aus­setzt, um dann mit einem plötzlichen Schuss sich zu überstürzen. Ihr (d.h. Ellens) höchster Stolz war, „das schnittigste Boot am Wannsee“ zu besitzen. Dann war noch ein Sohn Richard vorhanden, ein frecher und brutaler Lümmel und ein kleiner, mädchenhaft verlogener Fritz. – Als es sich nicht länger vermeiden ließ, gingen wir in das nur wenige Minuten entfernte Cahn-Haus. Ich möchte übrigens noch sagen, dass ich meine Tante Eva trotz mancher Schwächen recht gern hatte; ich habe oft mit ihr musiziert und habe es nicht vergessen, dass sie bei meiner Rückkehr aus England geweint hat; ich hatte soviel Rührung gar nicht erwartet. Bei unserer Ankunft wurden wir sofort maskiert, indem wir in bunte Übergewänder gesteckt wurden, die auch über den Kopf geschlossen waren und nur Schlitze für die Augen hatten. Infolge dieser Vermummung herrschte eine fröhliche Stimmung und der Tanz war zugleich ein Mittel, die anwesenden Damen zu rekognoszieren. Ich geriet an ein ziemlich zugriffiges Mädchen, was mir verdächtig vorkam, denn ein hübsches Mädchen hat es nicht nötig, die Gelegenheit der Maskierung in so gieriger Weise auszunutzen. Ich erlaubte mir daher einen Gegengriff und schaute schnell unter die Maske, und was ich sah, veranlasste mich zu flüchten. Ich geriet dann an eine andere, von der ich nur die Hand sehen konnte. Es war eine kleine, fein gegliederte und geäderte Hand, der man „Nerven“ ansah. Ich dachte bei mir: eine verheiratete Frau! denn diese Hand war vom Leben berührt. Ich war aber, noch verstimmt durch meine letzte Erfahrung, nicht redelustig und sprach nur ein paar allgemeine Redensarten. Die Sensation des Maskenscherzes verbrauchte sich rasch, die Überkleider wurden abgelegt und wir traten als korrekte Gesellschaftsmenschen in Erscheinung. Wie es so üblich war, wurden den Herren Tischkarten überreicht, auf dessen verzeichnet war, wen sie zu Tische führen sollten. Ich sah, dass mir Frau Dr. Singer als Tischdame zugedacht war. „Oh weh,“ ging es mir durch den Sinn, „das gibt eine anstrengende Unterhaltung!“ denn Frau Dr. S. war als eine geistreiche und geistig anspruchsvolle Dame bekannt. Ich war aber gar nicht darauf eingestellt, mich anzustrengen, denn in meinem Missmut hatte ich mir vorgenommen, mich in erster Linie am Essen schadlos zu halten. Andererseits war ich doch auf die Bekanntschaft neugierig, denn ich hatte schon viel von ihr gehört. Frau Dr. S. ließ, wie üblich, auf sich warten, und ich war, um nicht länger hungern zu müssen, gerade im Begriff, die Garderobe zu stürmen, als sie erschien. Erschien, wie ich sie noch vor mir sehe, in einem eng anliegenden Abendkleid aus glänzender rosa Seide mit einem Silbersatz, mit leichtfüßigem Gang und strahlenden Augen. „Mein Neffe Werner Kass – Frau Dr. Singer“, machte uns meine Tante uns bekannt. Ich reichte ihr den Arm, und wohin das führte – nun, das weißt Du ja, denn sie ist Deine Mutti geworden. Wenn ich jetzt von ihr spreche, kann ich aber nicht mehr Mutti sagen, denn für mich ist sie ja noch etwas anderes als eine Mutti. Da sie „Trude“ nicht gern hat, so will ich sie mit ihrem richtigen Namen Gertrud nennen. An diesem Abend also verliebte ich mich Hals über Kopf, die Unterhaltung wurde nicht nur keine Anstrengung, sondern eine Freude, die ich gar keinem andern gönnen wollte. Wir tanzten fast ununterbrochen miteinander und nur ungern sah ich es, wenn Gertrud notgedrungen auch einmal mit einem andern tanzen musste. In einer solchen Pause bemerkte Rudi Löwenstein, ein Bruder meines England-Kameraden, zu mir: „Die einzige Frau, die hier richtig angezogen ist, ist Frau Dr. S.. Sie trägt kein Hemd unterm Abendkleid!“, entschieden ein Lob im Munde eines Routiniers. Dass auch Gertrud verliebt war, kannst Du daran erkennen, dass sie nicht einmal böse wurde, als ich ungeschickterweise ihr ein paar Wiener Würstchen über das Abendkleid schüttete. In den frühen Morgenstunden drückte ich ihr in einer stillen Ecke den ersten Kuss auf die Stirn. Wir sahen uns bald wieder, machten Spaziergänge, besuchten Konzerte und empfanden immer mehr, dass wir zusammengehörten. Ich verkehrte im Hause von Dr. S. mit dem Gertrud nur noch rein äußerlich eine Ehe führte, und lernte dort 3 ausgelassene tobende Rangen kennen, die – für mich etwas Ungewohntes an Kindern – vor nichts Scheu oder Verlegenheit zeigten. Im Januar fuhr ich zur Erholung nach Sils-Maria. Meine Mutter begleitete mich zum Bahnhof, und merkwürdig, ganz gegen ihre Gewohnheit wurde sie sentimental und begann zu weinen. Es war das letzte Mal, dass ich sie in Gesundheit sah. In Sils-Maria traf ich mich mit Gertrud und wir verlebten dort einige schöne Wochen. Das schreibt sich so kühl: einige schöne Wochen. Es war mehr als schön. Schon von meinem ersten Aufenthalt her liebte ich Sils-Maria wie keinen andern Ort. Ich muss noch kurz einiges ergänzen: Ein paar Jahre vorher war ich an Typhus erkrankt. Ich weiß nicht, ob ich früher erwähnt habe, dass ich als Kind während einer Depressions-Periode zu sterben gewünscht habe, und zwar an Typhus. Das war nicht nur der Ausdruck einer momentanen Stimmung gewesen, sondern ein Wunsch in fester und längerer Zeit bleibender Form. Wieso ich gerade auf Typhus kam, weiß ich nicht. Als ich nun wirklich diese seltene Krankheit bekam, berührte mich das eigenartig. Aber meine Reaktion war durchaus lebensbejahend. Ich spannte ganz bewusst meinen Lebenswillen aufs äußerste an und glaube, dass man durch eine derart positive Anstrengung zur Überwindung einer Krise beitragen kann. Auch dank der aufopfernden Pflege meiner Mutter, die trotz der nicht geringen Ansteckungsgefahr weder die Verbringung in ein Spital duldete, noch jemand anders an mich heranließ, überstand ich die Krankheit in einigen Monaten. Es blieb aber eine Müdigkeit und Schwäche zurück, die mich zu einem Kuraufenthalt in Garmisch-Partenkirchen veranlasste, wo eine leichte Lungenerkrankung festgestellt wurde. Ich musste mehrere Wochen dort bleiben und während dieser Zeit lernte ich ein junges Mädchen, Ilse Kempinski, kennen, mit der ich mich „fast“ verlobte. Auch eine andere mir sehr liebe Bekanntschaft machte ich dort, Herrn und Frau Dr. Sokolow. Er war der Sohn des bekannten Zionistenführers. Leider starben er und Ilse Kempinski schon nach wenigen Jahren, merkwürdigerweise am gleichen Tag. Mit Frau Dr. Sokolow bin ich über alle Jahre hinweg befreundet geblieben, und dieser Tage hat sie mich als Einzige außer der Familie, hier besucht und mich in rührender Weise ihrer unveränderter Freundschaft versichert. Die Lungenerkrankung wollte nicht ausheilen und die Ärzte empfahlen mir einen 3 monatigen Aufenthalt im Engadin. Ich fuhr nach St. Moritz, wo tote Saison war. Der Ort mit den riesigen Steinpalästen, die durchweg geschlossen waren und mit ihren verhängten Fenstern einen trübseligen Eindruck machten, lag wie ausgestorben. Ich beschloss sofort, weiterzureisen. Angelockt durch den zauberhaften Klang des Namens „Sils-Maria“, vielleicht auch in Wirkung der Erinnerung an die Bedeutung, den der Ort für Nietzsche hatte, fuhr ich dorthin. Damals gab es dorthin weder Autobus- noch sonst eine Verbindung außer einer ganz alten, herrlich gelb leuchtenden Postkutsche, als deren einziger Passagier ich fuhr. Auch in Sils-Maria waren die größeren Hotels geschlossen, aber da sie versteckter lagen, wirkten sie nicht so aufdringlich. Ein kleiner Gasthof, der Silser Hof, nahm mich als einzigen Gast auf. Ich lebte dort in wunderbarer Einsamkeit, machte weite Spaziergänge und Bergbesteigungen, teils allein, teils von dem 13jährigen Peter, dem naturliebenden Sohn des Gastwirts, begleitet. Ich lernte jeden Berg und jeden Hügel, jedes Tal und jede Matte kennen und wurde nicht müde, den herrlichen See in allen seinen wandelbaren Färbungen anzuschauen. Ich verkehrte nur mit Dorfbewohnern, die mich alle kannten, spielte Orgel in der Kirche, und lernte mit dem Dorfarzt zusammen italienisch. Abends las ich Schopenhauer, Nietzsche und Shakespeare. Erst gegen Schluss meines Aufenthalts begann die Saison und ich fand Anschluss an andere Kurgäste. Es war mir nun eine ganz besondere Freude, hier, an diesem Ort, der mir so ans Herz gewachsen war, mit Gertrud zusammenzutreffen. Wir durchwanderten das Fextal, streiften an den Seeufern entlang bis nach Maloja und stiegen auf die Hügel. Wir erlebten kalte und stürmische Tage, an denen der geballte Nebel wie aus einem Hexenkessel aus dem bei Maloja steil abfallenden Bergell aufstieg, um auf der Höhe von dem gefürchteten Maloja-Wind gefasst, zerfetzt und durch das Engadin-Tal geblasen zu werden, und wir erlebten auch die strahlend reinen Sonnentage – halkyonische Tage nennt sie Nietzsche –, an denen die ganze Natur wie in einen kostbaren Glanz getaucht zu sein scheint und diese eigenartige und erfrischende Mischung von Sonnenwärme und Schneekühle eintritt, die es nur auf 2000 m Höhe gibt. Wenn Du das Engadin kennen und lieben lernen willst, so gehe im Sommer nach Sils-Maria, wenn die Wiesen in Blüte stehen und die Luft duftgeschwängert ist und die ersten Alpenrosen kleine rote Tupfen ins Grün streuen. Es gibt auch Winterfreunde des Engadins und, wirklich, auch der Winter ist prachtvoll. Aber er ist nicht anders als sonst im Schweizer Hochgebirge, nicht anders als in Davos oder Arosa. Doch im Sommer, da öffnet der See sein Auge und in die Klarheit dieses Auges kannst nirgends in der Welt schauen als im Engadin. Nun genug geschwärmt. All das erlebten wir und erlebten es gemeinsam, eine im andern und neu von Grund auf. Leider fiel zum Schluss der Reise ein schwerer Schatten auf uns. Meine Mutter war erkrankt. Erst hieß es nur eine leichte Magenverstimmung, kaum der Erwähnung wert. Dann kam plötzlich ein Telegramm: „nach bangen Tagen entscheidende Besserung,“ dem ein Brief folgte, es sei eine plötzliche Verschlimmerung eingetreten, doch glücklicherweise sei die Krise überstanden. Es zeigte sich aber bald, dass die Besserung nicht anhielt. Sils-Maria war in diesen Tagen durch einen ungewöhnlich starken Schneefall eingeschneit und vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Mit Mühe gelang mir eine telefonische Verbindung mit Berlin, und die Auskunft war so zögernd, dass ich mich zur Abreise entschloss. Gertrud blieb noch etwas länger oben. In Berlin am Bahnhof empfingen mich meine Geschwister und der Hausarzt mit besorgten Mienen. In der Nacht vorher war eine schwere Herzattacke eingetreten und es wurde als Wunder bezeichnet, dass ich meine Mutter noch am Leben finden würde. Ich erfuhr, dass meine Mutter an einer Lungenentzündung erkrankt war und von einem der damals berühmtesten Ärzte Berlins behandelt wurde. Diese Kapazität hatte aber nicht erkannt, dass die Lungenentzündung eine Sekundärerscheinung war, nämlich Folge einer Koli-Infektion (Koli ist ein Darmbazillus). Daher behandelte er falsch und die Infektion hatte Zeit, sich auszubreiten und andere Organe zu erfassen. Als ich kam, waren bereits Leber, Blase und Galle infiziert. Meine Mutter schien selbst zu fühlen, dass die Behandlung eine falsche war und auf ihr Verlangen wurde der Arzt gewechselt, der nun die richtige Diagnose stellte, aber zu spät, um helfen zu können. Als ich ankam, fand ich meinen Vater in großer Erregung. Die Tränen strömten ihm übers Gesicht und er konnte nur immer wiederholen: „Es ist zuviel! Es ist zuviel!“ Ich wurde auch vorbereitet, dass ich nicht über den Anblick meiner Mutter erschrecken solle, die Krankheit habe sie sehr angegriffen. Ich war nun gleichfalls von der Erregung erfasst und musste mich erst fassen, bevor ich ins Krankenzimmer eintrat. Liebes Renatli, ich werde nie den Anblick vergessen, der sich mir damals bot. Als ich meine Mutter einige Wochen vorher verlassen hatte, war sie eine zwar nicht starke, aber doch kräftige und in den letzten Jahren etwas voll gewordene Frau. Nun fand ich sie so schmächtig, fast wie zusammengezogen. Sie war so wenig geworden, als ob ein Teil von ihr verschwunden war. Das Gesicht war nicht nur eingefallen, sondern spitz. Die Haare klebten spärlich an den Schläfen. Sie sah so armselig, so furchtbar armselig aus. Und wie sie mich sah, da ging über dieses kümmerliche, armselige Gesichtchen ein Leuchten, da trat ein Glanz in die matten Augen – das werde ich nie vergessen und ich kann nicht daran denken, ohne dass mir die Tränen in die Augen kommen. Es war, als ob die Liebe über den Tod siegen solle. Wir sprachen wenig. Ihre Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne und oft wurde sie von Hustenanfällen unterbrochen, bei denen sie mit Anstrengung einen schwarzen Schleim expektorieren musste. Sie fragte nach dem Grund meiner Rückkehr. Ich sagte, ich hätte genug von dem Aufenthalt gehabt, wollte auch jetzt lieber in ihrer Nähe sein. Zeitweise schaute sie mich mit großen Augen an. Ich wusste nicht, schwand ihr das Bewusstsein oder war es gerade dann besonders hell und wissend in ihrem Geist? Sie klagte nicht, sagte nur, dass sie nicht geglaubt habe, einmal soviel leiden zu müssen. Sie lebte nur noch eine Woche. Was menschenmöglich war, wurde für sie getan, aber die Infektion war zu weit fortgeschritten. Meine Geschwister und ich, wir wurden in diesen Tagen in die extremsten Stimmungen geworfen. Mitunter verzweifelten wir. Dann wieder schien es, als könne man auf eine Besserung hoffen, die wie ein Wunder schien; aber wir glaubten an dieses Wunder, und als Reaktion auf die vorgängige Hoffnungslosigkeit überkam uns zeitweise fast eine Ausgelassenheit. Mein Vater war ernst, manchmal ruhig, oft aber wie verwirrt. So antwortete er mitunter Leuten, die gar nichts wussten und etwas Belangloses gefragt hatten, mit einer verzweifelten Gebärde und Klage, die für diese völlig unverständlich war. Einmal sagte er zu mir, wenn meine Mutter ihm entrissen würde, so wäre sein ganzes Glück umsonst gewesen. Dabei machte er eine Trotzgebärde, stampfte mit dem Fuß und schüttelte die Faust, als wolle er sich gegen das dunkle Schicksal auflehnen. In diesem Augenblick – ich will es nicht verschweigen, obwohl ich es als eine Schande empfinde, es sagen zu müssen – überkam mich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, ein hässliches Gefühl. Ich empfand Schadenfreude. Ihm, dem alles im Leben gelang, der den Erfolg so hoch bewertete, ihm war eine Grenze gesetzt, die er mit allem Willen nicht übersteigen konnte. Ich sah ihn schwach. Ich erschrak sofort, als mir das Gefühl zum Bewusstsein kam. Gott, was tat ich! Es handelte sich doch um das Leben meiner Mutter! Beschämt drängte ich das Gefühl zurück und ersetzte es durch den noch innigeren Wunsch nach Genesung meiner Mutter. Am Todestag waren wir uns der kritischen Lage mehr oder weniger bewusst. Die Krankenschwester hatte Auftrag zu läuten, wenn es notwendig werden sollte. Ich konnte mich nicht entschließen, mich auszuziehen. Plötzlich ertönte die Glocke. Ich stürzte hinüber, da lag meine Mutter kalkweiß im Gesicht, richtete sich plötzlich auf und schlug die Augen weit auf; dann sank sie ins Kissen zurück. Ich eilte ins Nebenzimmer zu meinem Vater. Er hatte sich eben hingelegt, ich zog ihn aus dem Bett, zerrte ihn herüber, denn ich hatte nur den einen Gedanken, dass meine Mutter ihn vielleicht noch einmal sehen möchte. Ich glaube aber nicht, dass sie noch am Leben war. Wir standen jetzt vor dem unwiderruflichen Ereignis. Mit dem Eintritt des Todes hatte eine Entspannung der von den schweren Leiden gezeichneten Gesichtszüge stattgefunden und der Eindruck des Friedens breitete sich aus. Mein Vater war ganz gebrochen und wir Kinder wurden von Weinen geschüttelt. Mein Schwager tat, was noch zu tun war. Er drückte meiner Mutter die Augen zu, band ihr das Kinn ein und legte ihre Hände übereinander. Später schnitt er ihr die Pulsadern auf; das war ihr Wunsch gewesen und er hatte ihr versprochen, es zu tun. Ich blieb noch viele Stunden an ihrem Bett sitzen und betrachtete sie, tief versunken in das unergründliche Geheimnis des Sterbens. Die Fenster standen offen und ich begann zu frösteln. Eine große Ermüdung ergriff mich und ich legte mich zu einem kurzen, unruhigen Schlaf nieder. Am nächsten Morgen legten wir einige Blumen aufs Bett und mein Vater rief uns zusammen und ermahnte uns, hier angesichts unserer toten Mutter uns zu geloben, im Leben zusammenzustehen und uns zu helfen. Dieser Schwur wurde nicht gehalten. Das Leben hat uns weit auseinander getrieben, räumlich und menschlich. Zeitweise kamen wir in starke Differenzen, wenn auch im Kern vielleicht ein Rest von Zusammengehörigkeit, wie sie Geschwister empfinden, in jedem von uns fortlebte. Als ich mit Gertrud einmal über diese Szene am Bette meiner Mutter sprach, sagte sie „Das Totenbett konnte nicht binden, was das Leben nicht Kraft hatte, zu binden.“ Das ist richtig, denn die Ergriffenheit allein schafft keine dauernden Werte. Was mich an den folgenden beiden Tagen besonders aufwühlte, war der Anblick des beginnenden körperlichen Zerfalls, so gering er auch zunächst sichtbar wurde. Es erging mir eigenartig. Wenn ich früher an den Tod dachte, so war mir der Augenblick des Sterbens als etwas Grauenhaftes, vielleicht von höchster Schockhaftigkeit, erschienen, während der Zerfall des Körpers mir ein natürlicher zu sein schien. Nun hatte ich mit dem Tod Bekanntschaft geschlossen, er war mir durch die Nähe des Erlebnisses vertraut geworden. Der Übergang vom Leben zum Tode – ich meine natürlich nicht die Leidenszeit vorher, die als Kampf ja ganz dem Leben angehört – hatte seinen Schrecken für mich verloren. Diese Sekunde, die das Leben vom Tode trennte, erschien mir als ein Nichts. Ich konnte mit Ruhe ans Sterben denken. Dagegen eröffnete sich mir die Zersetzung des Fleisches als etwas unbegreiflich Furchtbares. Der Totengeruch, der sich vom zweiten Tage an erst schwach, dann intensiver verbreitete, verursachte mir Verklemmung. Am Rande traten Linien in Erscheinung, die die beginnende Verwesung andeuteten. Die Vorstellung, das die kurz vorher noch lebendige Hand, der zuckende Mund zu faulen begännen, erfüllte mich mit verständnislosem Grauen. Ich konnte meine Mutter nicht mehr berühren. Ich hatte auch Angst vor dem Gefühl der Kälte. Im Laufe des zweiten Tages wurde meine Mutter eingesargt. Der offene Sarg wurde auf die Veranda getragen. Diese Veranda, ein verdeckter, also halboffener Raum, war ein Lieblingswunsch meiner Mutter gewesen, die gern im Freien, aber von Windzug geschützt saß. Sie war an das Haus angebaut worden und eben fertiggestellt. Meine Mutter hat sie nicht mehr benützen können. Hier stellten wir den Sarg einen Augenblick nieder, bevor er geschlossen wurde, und nahmen zum letzten Mal Abschied von meiner Mutter. Sie ruht auf dem Jüd. Friedhof in Weißensee bei Berlin. Mein Vater ließ ein einfaches Grabmal anfertigen von dem Baumeister, der ihm sein Geschäftshaus gebaut hatte. Er ließ ihn kommen, obwohl er Differenzen mit ihm hatte und seit Jahren nicht mehr mit ihm verkehrte. Er hatte aber einmal zu ihm gesagt: „Sie haben mein erstes Haus gebaut; sie sollen auch mein letztes bauen!“ Dieses Wort wahr zu machen, gab er ihm den Auftrag für eine gemeinsame Grabstätte für sich und meine Mutter, wo er heute ebenfalls ruht.
 
 
12/4 Für Gertrud und für mich kam eine schöne, aber schwere Zeit. Wir konnten uns nur selten sehen. Unsere Freundschaft war Dr. S. nicht verborgen geblieben und er hätte, wenn er es gekonnt hätte, gern Gertrud die Kinder weggenommen, denn in der Folge, und besonders in der nun beginnenden Scheidungszeit wurde ein hartnäckiger Kampf um die Kinder geführt. Ich sollte Dir aber nun zuerst etwas mehr von Deiner Mutter erzählen. Wenn ich dabei nicht annähernd so ausführlich sein kann wir bei der Schilderung meines Lebens, so rechne das nicht meiner oft bemängelten Eigenliebe an, sondern bedenke, dass ich ja ihre Jugendzeit nicht miterlebte, ihr Elternhaus erst ganz zuletzt und nur flüchtig kennen lernte und vieles nur aus Getruds Erzählungen kenne. Du wirst Dir also viele Einzelheiten von ihr ergänzen lassen müssen, wenn DU ein richtiges Bild haben willst. Die Horwitz-Familie stammt aus dem östlichen Grenzland Deutschlands, ich glaube, der Ort heißt Koschmin. Vater Horwitz sprach in seiner Jugend polnisch und lernte erst mit 15 Jahren deutsch, was ihm aber nicht anzumerken war. Die Familie war seit mehreren Generationen wohlhabend und ihre Mitglieder besaßen zum Teil akademische Bildung. So soll Gertruds Großvater, von dem sie mit großer Verehrung spricht und dem sie auch ähnlich im Aussehen sein soll, ein sehr gebildeter und reicher Mann gewesen sein, der sein ganzes Vermögen in einer einzigen Nacht infolge Bürgschaft für einen Freund eingebüßt hat. Die Familie geriet in wirtschaftliche Bedrängnis und Gertruds Vater musste sich dem Kaufmannsberuf zuwenden, den er wohl ursprünglich nicht beabsichtigte und der in der anscheinend etwas bildungsstolzen Familie nicht sehr geschätzt war. Er heiratete seine Cousine, deren Mädchenname Auguste Horwitz war; es war also eine Verwandtenehe, und ich glaube, nicht die erste in dieser Familie, was eine bei einzelnen Mitglieder auftretende Überdifferenzierung der Nerven erklären könnte. Gertrud hat in ihren Kinderjahren verschiedentlich längere Zeit bei ihren Großeltern verbracht und von diesen Erinnerungen her stammt ihre tiefe Liebe und Verbundenheit mit dem Land, die auch ihre Mutter in hohem Grade besessen haben soll. In der Familie war auch christlicher Einschlag, doch weiß ich nichts Näheres über seine Herkunft, aber im Aussehen von Gertruds Vater und nicht zuletzt von ihr selbst, wie auch von ihren Kindern, sind die Spuren deutlich zu erkennen. Gertruds Mutter soll in ihrer Jugend eine stille Liebe zum benachbarten Gutsherrn, einem Herrn von Boyen, gehabt haben, und Gertrud erzählt, dass sie, obwohl es ihr selbst wohl nicht bewusst war und sie es auch nie eingestanden hätte, ihr ganzes Leben lang im tiefsten Innern nicht ihren Mann, sondern den Herrn von Boyen geliebt habe. Auf jeden Fall muss diese Persönlichkeit eine große Rolle in ihren Erinnerungen und ihrer Fantasie gespielt haben, denn auch Gertrud ist ganz von der geistigen Patenschaft dieses Mannes durchdrungen. Die Tatsache, dass einem ländlichen Brauch zufolge, der Herr von Boyen und nicht der Ehemann, die Mama Horwitz zum Traualtar geführt hat, wurde als von großer symbolischer Bedeutung empfunden. Jedenfalls muss in Gertruds Mutter ein Zug lebendig gewesen sein, der sich auch an Gertrud selbst immer wieder bewahrheitet, nämlich der Zug und die Neigung zum christlichen Menschentyp. Darüber werde ich später noch sprechen. Also Papa Horwitz wurde Kaufmann und trat irgendwann in das Herrenkonfektionsgeschäft seines Onkels M. Hannes ein, wo er zuerst Mitinhaber wurde, später aber seinen Teilhaber mit einer Riesensumme auszahlte und somit das Geschäft allein besaß. Die Fa. M. Hannes besaß als alte, eingeführte Firma einen sehr guten Ruf und war mir wohlbekannt als eine Konkurrenz, als ich schon längst mit Gertrud befreundet war, aber keine Ahnung hatte, dass sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Branche stand. Bei der Schilderung meiner Schwiegereltern muss ich einen Vorbehalt machen. Als ich sie kennenlernte, was ihre Lebenslinie im Niedergang und ihre Existenz im Sinken. Ich habe sie also nicht in ihrer guten Zeit gekannt und was ich erzähle, muss notwendig einseitig und unvollständig sein. Ich lernte Papa Horwitz unter merkwürdigen Umständen kennen. Es war kurz vor oder nach der Scheidung von Dr. S., als ich in die Differenzen zwischen Gertrud und Dr. S. hineingezogen wurde und aus irgendeinem Grunde Gertruds Anwalt aufsuchen musste. Er war ein sehr beschäftigter Herr, bei dem man stets lange warten musste. Ich saß also im Vorzimmer und langweilte mich, als ein kleiner älterer kugelrunder Herr eintrat und sich neben mich auf die Bank setzte. Da ich nichts anderes zu tun hatte, betrachtete ich ihn von der Seite. Er sah etwas spaßig aus, etwa so wie man sich einen kleinen Gutsbesitzer oder auch Gastwirt aus der Uckermark vorstellt. Er hatte ein Jägerhütchen mit ein paar Federn abgesetzt, so wie es die Herren von der „Grünen Woche“ tragen. Der Kopf, auf dem nicht mehr viele Haare saßen, sah aus wie eine gedrechselte Billardkugel, aus dem runden Gesicht ragte eine gerade, etwas vorwitzige Nase und zwei listige Schweinsäuglein zwinkerten, während die Hände mit den kurzen Fingern gemütlich über den runden Bauch gefaltet waren. Ich dachte bei mir: merkwürdige Leute kommen hier zu Dr. Selten, der ein bekannter Theateranwalt war und meist recht mondäne Klientschaft hatte. Da kam der Anwalt auf mich zu und sagte: „Sie kennen wohl Herrn Horwitz, den Vater von Frau Dr. Singer.“ „Ich hatte noch nicht das Vergnügen,“ stotterte ich betroffen. Nun musst Du wissen, dass Gertruds Vater ihre Scheidung von Dr. Singer durchaus nicht begünstigte und sehr ungern sah. Er wusste auch, dass ich die Ursache war, die die Dinge zur Entscheidung trieb und war mir gar nicht grün. Es lag daher eine gewisse Komik in diesem unfreiwilligen Zusammentreffen, wo niemand von dem sprach, was er dachte und wusste, sondern ein Verlegenheitsgespräch über allgemeine Geschäftsfragen geführt wurde. Gertrud erzählt, dass ihr Vater in seiner Jugend und auch noch in den Mannesjahren ein sehr lebenslustiger und unternehmungsfreudiger Herr gewesen sei, nicht nur im Geschäfts-, sondern auch im Privatleben, der gern in der Welt herumreiste und den es nicht lange an einem Ort hielt. Doch soll ihn seine Frau im Zaun gehalten und nicht zugelassen haben, dass er sich seiner Natur nach auslebte. Gertruds Mutter habe ich nur als eine schwer hysterische, und, ich muss es schon sagen, recht unerträgliche Frau kennen gelernt, was aber wohl einer Nervenerkrankung oder -überreizung zuzuschreiben ist. Sie war eine Frau, die unaufhörlich redete, leider auch telefonierte. Ich hatte es früher nie gekannt, dass Telefongespräche von halbstündiger Dauer geführt wurden, bei Gertruds Mutter waren sie aber alltäglich, und kaum hatte ich abgehängt, so läutete das Telefon schon wieder. Sie konnte einfach kein Ende finden und wiederholte unaufhörlich dasselbe. So war es auch in ihren Briefen, bei denen rund herum der Rand beschrieben war. Ich kann aber bestätigen, dass sie eine außerordentlich gutmütige Frau war und von besonderer Güte zu Kindern, ihre Enkelkinder hatte sie voll und ganz ins Herz geschlossen und ich glaube, diese fühlten sich auch wohl bei ihr. In jungen Jahren, als die Hysterie noch nicht so stark war, muss sie sehr fein empfindend gewesen sein. Sie hatte die Feinfühligkeit und Hellsichtigkeit, die Gertrud von ihr geerbt hat, muss auch eine kultivierte Lebensart gehabt haben, denn vieles wurde in Gertruds Kinderseele gepflanzt, auf das weniger feinsinnige Naturen keinen Wert legen. So hat wohl sie vor allem ein hochentwickeltes Qualitätsgefühl besessen, das sie in allen Lebensgebieten, im Kochen, wie in der Kleidung, im Sammeln von Schmuck wie von Geschirr zur Geltung brachte und bei Gertrud schon in frühen Jahren erweckte. Auch muss sie etwas besessen haben, was in unserer Familie so wenig entwickelt war, Menschenkenntnis. Sie soll diese Witterung für Menschen in fast noch höherem Grade gehabt haben als Gertrud. Es ist schade, dass all diese guten Anlagen schon so sehr durch Alterserscheinungen verdeckt waren, als ich sie kennen lernte. Allerdings muss sie auch früher keine gesunden Nerven gehabt haben und Gertrud hat mir manche Einzelheiten und Eigenheiten erzählt, wie permanente Schlaflosigkeit, der Zwang, nachts durch die Wohnung zu laufen etc., die auf einen schwer nervösen Charakter schließen lassen. Daneben war sie aber von großer Lebensklugheit, und manche Redensart von ihr, die Gertrud noch in Erinnerung hat, spricht dafür. War Gertrud das älteste Kind oder war es ihr Bruder Hugo? Ich weiß es nicht genau, jedenfalls war Hugo der ältere, Walter der jüngere Bruder. Hugo wurde, wahrscheinlich durch einen Fehler der Hebamme bei der Geburt, ein Krüppel. Das Hüftgelenk war ausgekugelt und er konnte nicht geheilt werden. Gertruds Jugend steht unter dem Eindruck dieses unglücklichen Jungen und den ständigen und fruchtlosen Heilungsversuchen, die sie oft auf Reisen führten, wo Gertrud noch als Kind für die praktischen Bedürfnisse sorgen musste und eine große Unabhängigkeit erwarb. Bei Hugo wurden, wohl als Äquivalent für die körperlichen Mängel, die geistigen Eigenschaften entwickelt, vielleicht auch übersteigert. Er studierte Philosophie, und lebte später als Privatgelehrter bei seinen Eltern, wo er, wie viele Krüppel, eine leise Tyrannei ausübte. Wesentliches hat er wohl nicht geleistet, doch war er sehr belesen. Später hat er ein kluges hässliches rothaariges Mädchen geheiratet. Als ich Gertrud kennen lernte, war sie gut mit Hugo befreundet, doch haben sie später jede Verbindung verloren. Wenn er noch am Leben und nicht deportiert ist, so wird er noch in Berlin sein. Über Walter ist nicht viel zu sagen. Er ist ein dummer, gutmütiger, interesseloser und nicht sehr gebildeter Mensch, wie es Tausende gibt, sehr von sich eingenommen. In seiner Jugend soll er ganz nett und flott gewesen sein, während des Krieges war er 4 Jahre im Feld. Leider heiratete er eine ordinäre und ungewöhnlich unsympat[h]ische Person, von der er völlig abhängig wurde, obwohl sie ihn unglaublich tyrannisierte. Unter ihrem Einfluss zeigte er sich sogar von einer Seite, die man seinem Charakter nicht zutrauen würde. Im Jahre 1938 kam er in Deutschland in ein Konzentrationslager. Obwohl ich damals selbst kein Geld mehr hatte, habe ich eine große Summe für ihn bezahlt, um ihm die Einreise in die Schweiz und die Weiterreise zu ermöglichen. Ich habe ihn dadurch aus dem Konzen­trationslager befreit und im Jahre 1939 kam er völlig mittellos mit Frau und Kindern (diese unerbeten) hier an. Wir haben die ganze Familie in unserer damals schon sehr beengten Wohnung aufgenommen und monatelang verpflegt. Dann wurden sie Zeugen meines geschäftlichen Zusammenbruchs und meiner Verhaftung. Anstatt Gertrud, die damals völlig verlassen war, mit Rat und Hilfe beizustehen, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als von ihr abzurücken, obwohl sie doch auf gar keinen Fall in diese Sache hätten verwickelt werden können. Sie zogen am gleichen Tage aus und überließen Gertrud ihrem Schicksal. Später wanderten sie nach Chile aus. Obwohl sie dort als freie Menschen arbeiten und obwohl sie unsere Not kennen, haben sie nicht eine einziges Mal Hilfe gesandt. Und doch habe ich an Walter einen wohlbegründeten Anspruch auf Rückerstattung des vorgestreckten Geldes (über 1000 fr.), ganz abgesehen von den schriftlichen Versicherungen auf „ewige Dankbarkeit“, mit denen sie so freigiebig waren, als sie in der Klemme saßen. Nicht einmal eine Tafel Schokolade für Dich haben sie geschickt. Wir haben jetzt keine Verbindung mehr mit ihnen. – Nach Familienbilder[n], die ich gesehen habe, war Gertrud ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Schlank und voll gewachsen, mit breiten runden Schultern, einem bezaubernden Gesicht mit strahlenden blauen Augen und schwarzen Haaren, auf denen ein Schimmer roter Glanz lag. Dabei war sie von scharfer Intelligenz, schlagfertig, wild und draufgängerisch, aber nicht frühreif, nicht überentwickelt, sondern im Gegenteil unreif, verschlossen, „in Kühle“. Sie wuchs mit Jungens auf und lebte wie ein Junge. Vermutlich waren es die Freunde von Walter, ein Vetter Hugo Gerechter spielte eine Rolle, der, wie es sich für einen Vetter gehört, in sie verliebt war. Doch war sie für dieses Spiel noch nicht wach, galt vielmehr bei ihrer sehr früh entwickelten und mit allen Wassern gewaschenen Schulfreundin Lilly Teichmüller in diesem Punkt für dumm. Sie hat mir einmal erzählt, wie sie für Anzüg­lichkeiten und Zweideutigkeiten gar kein Verständnis besaß, was ein großes Glück für einen jungen Menschen ist. Als einmal einer ihrer Spielgenossen ihr gestand, er wäre in der letzten Nacht „gefallen“, erwiderte sie, nun, dann solle er nur wieder aufstehen. Einen weiteren Sinn des Geständnisses hatte sie gar nicht verstanden. Wie dieses blühende, wirklich mit allen guten Gaben ausgestattete Mädchen sich an den viel älteren Dr. Herbst hat verheiraten lassen können, wird mir ewig ein Rätsel sein. Ich kann mir nur erklären, dass sie noch so wenig reif für diese Entscheidung war, dass sie einfach willenlos dem Rate ihrer Eltern folgte. Die Ehe muss recht merkwürdig gewesen sein. Dr. Herbst soll ein für seine Zeit hervorragender Arzt gewesen sein, er soll als einer der ersten Röntgenapparate und Radium in seiner Praxis verwendet haben. Er muss von großer Güte gewesen sein, denn er erfüllte Gertrud jeden Wunsch, obwohl sie sich schon bald nach der Ehe von ihm trennte. Er stellte ihr eine eigene Wohnung, wo sie völlig unabhängig lebte und ich glaube, sie sah ihn fast nie. Aus dieser Ehe entspross ein Sohn Wolfgang, der also ein Halbbruder von Dir ist. Mit diesem Sohn hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Gertrud hat sich ihm gegenüber nie als Mutter gefühlt. Es scheint, dass sie damals auch für das Mutter-Erlebnis noch nicht reif war, und sie, die ihren andern Kindern eine Mutter in echtem Sinne ist, wie man es selten findet und völlig in ihren Kindern aufgeht, sie konnte zu ihrem ersten Sohn kein Verhältnis finden. Es stellte sich keinerlei Bindung zu ihm her. Der Junge wurde fast ausschließlich von Gertruds Mutter, die ihre ganze Liebe auf ihn wendete, erzogen, die eigentliche Mutter kümmerte sich fast nicht um ihn. Ganz so schroff scheint das im Anfang noch nicht gewesen zu sein, denn ich habe in alten Blättern einmal Aufzeichnungen gefunden, aus denen hervorgeht, dass es zumindest nicht an einem Versuch gefehlt hat, ein mütterliches Gefühl für ihn zu entwickeln. Es muss aber nicht gelungen sein. Ich muss gestehen, dass ich Empörung fühlte, als Gertrud mir zum erstenmal sagte, Dr. Singer habe sich geweigert, Wolfgang in sein Haus aufzunehmen, und glaubte, Gertrud würde nach der Scheidung glücklich sein, ihren Sohn zu sich zu nehmen. Sie nahm ihn auch zu sich, trachtete aber sofort danach, ihn wieder loszuwerden, da sie seine Nähe nicht ertragen konnte. Der Junge lebte stets bei Fremden, doch nahmen sich seine Großeltern und später Hugo seiner an. Meine Empörung wandte sich damals gegen Gertrud, denn ich empfand ihr Verhalten als ein Unrecht gegen den Jungen, zumal dieser auch einen recht unglücklichen Eindruck machte. Ich habe lange gebraucht einzusehen, dass hier eine Art Naturnotwendigkeit, wenn man will, Naturgrausamkeit, vorlag, gegen die nichts zu machen war, und dass Gertrud nicht der Mensch sein konnte, sich zu Gefühlen zu zwingen, die sie nicht hatte und ihrer Natur und Entwicklung nach nicht haben konnte. Der Junge war leider die Frucht einer unnatürlichen Ehe. Er hatte auch gar nichts von Gertrud, was ihn ihr nahe bringen konnte. Er glich vollkommen dem Vater und scheint auch erblich von ihm belastet zu sein. Der Vater war nämlich etwas pathologisch in psychischer Hinsicht veranlagt und Wolfgang habe ich als großen Querkopf und Hypochonder kennen gelernt, der immer, wenn er etwas leisten sollte, verhindert war. Ich will aber nicht über ihn richten; ich kann nicht urteilen, was Anlage, was Schuld des von ihm doch unverschuldeten traurigen Verhältnisses zu seiner Mutter war. Er ist ein anständiger Junge, lebt als Geigenlehrer in Jerusalem und ich hoffe, dass es ihm recht geht. – Dass Gertrud sich von Dr. Herbst scheiden ließ, begreife ich trotz des guten Lebens, dass sie bei ihm führte, dass sie aber Dr. Singer heiratete, ist weniger verständlich. Trotzdem steht das eine mit dem andern in Zusammenhang. Wahrscheinlich wäre es auch nicht so gekommen, wenn nicht das Drängen der Eltern und die damaligen Kriegsverhältnisse die Heirat beschleunigt hätten. Von Dr. S. kann ich nicht viel Gutes erzählen, wenigstens soweit seine menschlichen Eigenschaften in Frage kommen. Er war der Sohn eines ziemlich früh verstorbenen Rabbiners, von dem viel Gutes berichtet wird. Dagegen war seine Mutter eine aus niedrigstem Stande emporgekommene ordinäre Person, die leider einen ausschlaggebenden Einfluss auf ihren Sohn hatte und alle schlechten Instinkte in ihm wach rief und unterstützte. Dr. S. hat sich zu seiner Mutter bis an ihr Lebensende (sie starb erst vor wenigen Jahren im Alter von über 80 Jahren) in einem Hörigkeitsverhältnis befunden. Er hatte Medizin studiert und war Nervenarzt. Seine Neigung ging jedoch zur Musik, und er war im Nebenamt Musikkritiker und Leiter des Ärztechors, mit dem er regelmäßig Konzerte veranstaltete. Gertrud verliebte sich in den zweifellos intelligenten und begabten und in der damaligen Zeit durch eine impulsive Lebensfrische wohl auch äußerlich anziehenden Menschen. Durch den Kriegsausbruch wurden sie aber bald getrennt, da er als Arzt zum Militär einberufen wurde, sodass wenig Gelegenheit bestand, die erste Bekanntschaft zu vertiefen und durch die glänzende Oberfläche auf den morastigen Grund zu sehen. Während eines Kriegsurlaubs wurde dann die überstürzte Ehe geschlossen. Im Kriege zeigte sich Dr. S. nicht als Held; durch ein paar Spritzen verursachte er sich einen leicht dosierten Herzkollaps, der ihm ein Leben in der Etappe sicherte. Von der Front hat er kaum etwas gesehen. Gertrud war zweifellos von der künstlerischen Atmosphäre, die um Dr. S. herrschte, angelockt worden. Er verstand es auch in erstaunlichem Grade, Menschen um sich zu sammeln und Verbindungen anzuknüpfen. Sie stammte ja aus bürgerlichem Hause und ihre eigene künstlerische Empfindungsfähigkeit suchte ein Betätigungsfeld. In dieser Beziehung wurde sie nicht enttäuscht. Dr. S. war zwar beruflich von fragwürdiger Qualität. Die Zersplitterung, der er sich hingab, ließ ihn trotz guter Begabung auf keinem Gebiet zu einer wirklichen Leistung kommen. Anfänglich als Nervenarzt geschätzt und sicherlich schon durch seine eigene dekadente Veranlagung mit einem Verständnis für nervöse Zustände begabt, vernachlässigte er seine Praxis immer mehr, und war später als Arzt kaum mehr ernst zu nehmen. Als Musikkritiker verfügte er über eine geschmeidige Dialektik, die er sowohl mit Gefühlstönen wie auch mit scharfer Sarkastik zu würzen verstand. Er war jederzeit in der Lage, über welchen Gegenstand auch immer einen Zeitungsartikel zu schreiben. Die notwendigen Grundlagen fanden sich in Lexika und Nachschlagewerken und das Durchkneten des Teiges bereitete ihm keine Schwierigkeit. Doch stand keine große Verantwortung dahinter, die gerade für diesen Beruf unerlässlich ist. So scheute er sich nicht, wenn es nicht anders ging, auch eine Kritik über ein Konzert zu schreiben, das zu besu­chen er aus irgendeinem Grunde verhindert war. Einmal passierte ihm das Missgeschick, eine solche Kritik zu veröffentlichen, während das Konzert in letzter Minute abgesagt worden war, also gar nicht stattgefunden hatte. Das hätte ihm bald die Stellung gekostet, wenn Gertrud nicht Beziehungen gehabt hätte, die den Mantel der Nächstenliebe über die peinliche Angelegenheit deckten. Und schließlich in seiner praktischen künstlerischen Tätigkeit als Chorleiter brachte er es kaum über ganz anständige Durchschnittleistungen hinaus. Schließlich wären noch einige Bücher von ihm zu erwähnen über Musik, die schwülstig und nichtssagend, bereits bei ihrem Erscheinen der Vergessenheit anheim fielen. Aber sein Haus wurde ein gesellschaftlicher künstlerischer Mittelpunkt. Er verstand es, dabei die Vorteile seiner Stellung auszunützen. Die künstlerischen Debutanten und speziell die Debutantinnen bewarben sich um seine Gunst, aber auch die Prominenten fanden es ratsam, sich mit dem Kritiker zu halten, der bei der Besetzung der städtischen Stellen ein Wort mitzureden hatte. Da er nämlich am „Vorwärts“, der damaligen sozialdemokratischen Zeitung, angestellt war, so hatte er auch Verbindung zu den politischen Führern, besonders aber zu den Stadtoberhäuptern, denn damals herrschte die Epoche des „roten“ Berlins. Dieser Beziehung verdankte er seine spätere Berufung als Intendant der Berliner Städtischen Oper, doch war seine Leitung nicht die Glanzperiode dieses Instituts. Es herrschte also im Hause ein sehr anregendes künstlerisches und gesellschaftliches Leben, und es gibt kaum einen der damals bekannten Musiker Berlins, mit dem Gertrud nicht bekannt wurde. Aus dieser Zeit stammt auch Gertruds Freundschaft zu Furtwängler, dem noch in mehr oder weniger verschwiegenen Ecken unserer Wohnung kleine Altäre errichtet wurden, wovon Du Dich sicher überzeugt haben wirst. Die persönlichen Beziehungen zwischen Gertrud und ihrem Mann gestalteten sich schon kurz nach der Heirat sehr unerquicklich, was nicht hinderte, dass dieser Ehe drei Kinder entsprossen. Gertruds psychische Lage war so, dass sie zwar als Mutter erwacht war und ein dringendes Bedürfnis nach Kindern hatte, dass sie aber noch nicht zur Frau erweckt war. Dem Mann gegenüber war sie völlig empfindungslos und abgesperrt. Er war die notwendige üble Beigabe zur Erzeugung von Kindern, dass er aber als Vater eine innerliche Teilnahme und ein persönliches Anrecht an diese Kinder geltend machen könne, dass er überhaupt etwas mit ihnen zu tun habe, das kam ihr weder in den Sinn, noch hätte sie es anerkannt, wenn man sie darauf hingewiesen hätte. Dr. S. führte ein immer ausschweifenderes Leben, das auch vor der Schwelle des Hauses nicht Halt machte, und es kam fortdauernd zu peinlichen und für Gertrud demütigenden Szenen, die sie aber ganz unberührt ließen, da sie jede innere Beziehung und jedes Interesse für ihn verloren hatte. Ich habe mich oft gefragt, warum sie sich nicht früher von ihm hat scheiden lassen, aber es gab mancherlei Hemmnisse. Da war zunächst die unverständliche Tatsache, dass Gertruds Eltern, die den Haushalt erhielten, denn das Geld, das Dr. S. verdiente, bekam der Haushalt niemals zu sehen, die sehr erheblichen monatlichen Beträge nicht an Gertrud sondern an Dr. S. gaben. In den Kämpfen zwischen den Ehegatten nahmen sie ständig Partei für Dr. S., denn sie waren auf ihren „berühmten“ Schwiegersohn, der in seiner glatten Art sie zu behandeln wusste, eitel und sahen über all seine Schwächen und Gemeinheiten hinweg, selbst dann, wenn diese sich gegen sie selbst richteten. Ich brauche kaum zu erwähnen, dass von den riesigen Summen, die sie an Dr. S. verschwendeten, nur der allergeringste Teil in den Haushalt floss, der Rest wurde im Spiel, mit Weibern vertan oder versickerte in dunklen Kanälen, denen man besser nicht nachspürte. So trat mitunter die groteske Situation ein, dass trotz der großen Beträge, die in die Hände von Dr. S. flossen, das Brot für die Kinder fehlte. Im allgemeinen litt Gertrud keine Not, denn besonders die Mutter gab ihr noch extra Geld für ihre eigenen Bedürfnisse. In der Frage einer nochmaligen Ehescheidung widersetzten sich die Eltern aber aufs Äußerste und übten durch ihre unvernünftige Geldpolitik einen finanziellen Druck auf Gertrud aus. Dazu kam aber, dass ich nicht einmal sicher bin, dass Gertrud in den ersten Jahren wirklich ernstlich die Scheidung wünschte. Ich sagte schon, dass sie innerlich so entfernt lebte, dass sie gar kein Gefühl für ihre entwürdigende Lage aufbrachte und dass sie für ihre menschlichen Bedürfnisse einen Ersatz in ihrer mystischen, vielleicht auch sehr realen Freundschaft zu Furtwängler gefunden hatte, die sie ganz ausfüllte. Dann aber verstand es Dr. S. ausgezeichnet, einen wahren Terror auszuüben, in dem er Gertrud in Angst versetzte durch die Drohung, er werde den Kindern etwas antun, sobald sie etwas gegen ihn unternehme. Als ich Gertrud kennen lernte, lebte sie unter der ständigen Furcht, dass die Kinder in Gefahr seien. Als sich dann schließlich die Auseinandersetzung nicht länger hinausschieben ließ, entbrannte tatsächlich ein erbitterter Kampf um die Kinder. Ob Dr. S. damals wirklich an den Kindern hing, ob er sich nur in seiner Eitelkeit verletzt fühlte, oder ob er Gertrud an ihrem empfindlichsten Punkt treffen wollte – das lasse ich dahingestellt. Aber wahrscheinlich gaben selbstsüchtige Motive den Ausschlag, denn später, als es darum ging, wirklich das Interesse der Kinder wahrzunehmen, ohne dass dabei seine Eitelkeit befriedigt werden konnte, da versagte er vollständig und ließ Kinder Kinder sein. Um die Scheidung einzuleiten, trennte sich Gertrud von Dr. S. und ging zunächst nach San Remo. Ich war damals in Davos im Sanatorium, da meine Lunge nicht in Ordnung war. Wir wagten nicht zusammenzutreffen, aus Furcht, es könne Dr. S. zur Kenntnis kommen und ihm eine Waffe in die Hand geben. Doch fuhr ich einmal einen ganzen Tag lang von Davos nach Mailand, nur um ein Telefongespräch mit Gertrud in San Remo führen zu können, da von Davos aus keine Verständigung zu erzielen war. Anschließend an San Remo hielt sich Gertrud mehrere Monate in Allerheiligen auf, wo wir uns ebenfalls nicht sehen konnten. Wir führten aber eine sehr intensive Correspondenz und hielten sehr innigen Kontakt. Im letzten Jahr, als die Gegenwart die Vergangenheit Lügen zu strafen schien, habe ich alle diese Briefe verbrannt. Es ist vielleicht schade drum. Der Aufenthalt in dem kleinen Schwarzwaldort, in dem nur wenige Menschen waren, hat Gertrud körperlich und auch sonst sehr gut getan; ich glaube, dass sie auch gern an ihre weiten Waldspaziergänge zurückdenkt. Als wir später einmal in der Gegend waren, haben wir das hübsch gelegene Gasthaus und die alte Klosterruine besucht. Ungefähr Mitte 1925 kehrte Gertrud nach Berlin zurück, wo inzwischen unter tausend Schwierigkeiten und Rückschlägen, die ich nicht alle anführen will, die Scheidung soweit vorbereitet war, dass der Termin stattfinden konnte. Die Scheidung wurde ausgesprochen, jedoch durch eine Ungeschicklichkeit des Anwalts oder mangelnde Vorsorge waren die Bedingungen nicht so günstig, wie sie hätten sein können, was sich später im Kampf um die Kinder nachteilig bemerkbar machte. Immerhin, ein lang umkämpftes Ziel war erreicht. Offen gestanden, haben wir beide zunächst noch nicht an eine Heirat gedacht. Wir freuten uns, dass ein unerträglicher Zustand sein Ende erreicht hatte, und dass wir als freie Menschen miteinander sein konnten, ohne dass jemand ein Recht hätte, uns drein zu reden. Aber so schön diese neu gewonnene Freiheit für uns war, so wurde mir immer mehr klar, dass eine volle Befriedigung für uns nur in einer endgültigen Vereinigung bestehen könne, und so schlug ich Gertrud die Heirat vor. Wir hatten nun die schwierige Aufgabe, unsern Entschluss unsern Familien mitzuteilen, schwierig nach beiden Seiten. Du musst bedenken, dass die Heirat zwischen einem jungen Mann aus wohlhabendem Hause, der als „gute Partie“ geschätzt war, mit einer um 12 Jahre älteren Frau, die 3 Kinder in die Ehe brachte und ein viertes ihr eigen nannte, etwas Außergewöhnliches und die Vorstellungen bürgerlicher Köpfe Frappierendes bedeutete. Aber auch von Seiten der Frau betrachtet lag in der Ehe mit einem soviel jüngeren Mann, der zwar anscheinend in gesicherten Verhältnissen sich befand, in Wirklichkeit aber in seiner beruflichen Ausbildung und Tätigkeit wie auch in seiner menschlichen Entwicklung keineswegs gefestigt war und überdies von schwacher Gesundheit, ein erhebliches Risiko. Meine Geschwister waren verhältnismäßig schnell, aber wie sich nachher zeigte, nur an der Oberfläche gewonnen. Am ablehnendsten vehielt sich Hanna, die sich um die gleiche Zeit mit meinem Freunde Kadisch verlobte und damit den dritten Schwiegersohn in die Familie brachte, der, einem Ausdruck meines Vaters zufolge, „kein Gepäck“ mit sich führte, d.h. nichts hatte. Mein Schwager Ernst Lang hielt mir in seiner umständlichen Art einen Vortrag, dass er sich verpflichtet fühle, wenngleich es ihm natürlich fern läge…., dass er doch als Arzt darauf hinweisen müsse…., wobei es mir selbstverständlich immer noch überlassen bliebe….., dass also, wie es sich schließlich aus dem Knäuel vorbeugender Einleitungsphrasen herauswand, die Frau normalerweise früher Alterserscheinungen aufwiese als der Mann, und dass bei dem erheblichen und gerade umgekehrten Altersunterschied…., und besonders unter der Berücksichtigung, dass der psychische Zustand einer Frau in den Wechseljahren einer physiologisch begründeten ganz bedeutenden Veränderung unterliege, die sich zur Zeit nicht überblicken ließe, mit der ich aber früher als sonst der Fall rechnen müsse. So ging es eine ganze Weile; als ich ihm aber klar gemacht hatte, dass mein Entschluss fest stehe, so gab er seinen gelehrsamen Widerstand auf und bot sich sogar als Befürworter bei meinem Vater an, bei dem allerhand Schwierigkeiten zu erwarten waren. Tatsächlich verursachte ihm die Nachricht einen erheblichen Schock. Er flehte, weissagte mir mein Unglück, äußerte sich nicht gerade liebenswürdig über Gertrud und beschwor mich, mich nicht unglücklich zu machen. Wie merkwürdig doch die Menschen sind, wenn sie etwas nicht begreifen können weil es nicht genau in den geltenden Normen verläuft! Zu den Verlobungen seiner Töchter hat er mehr oder weniger freudig seine Zustimmung gegeben. Soweit er Einwände hatte, bezogen sie sich lediglich auf die Vermögenslosigkeit der Schwiegersöhne. Hätten sie ein größeres Bankkonto nachweisen können, so wären sie samt und sonders mit offenen Armen aufgenommen worden. Und doch haben alle drei ihre Frauen unglücklich gemacht, weil sie menschlich keine Partner für sie waren. Wir aber, die wir wirklich durch eine tiefe Zuneigung zueinander gekommen sind, und sie durch alle Kämpfe, Schwierigkeiten und Missverständnisse, die auch uns nicht erspart blieben, bewahrt haben, wir fanden verschlossene Herzen und vermauerte Türen! Die einzige, die uns mit ehrrlicher Herzlichkeit aufnahm, war meine alte, damals 85 jährige Großmama. Diese alte Frau war allmählich, so gering ihre Bedeutung, ihre Worte und Taten waren, der unsichtbare Mittelpunkt der Familie geworden. Nachdem ihre Kinder alle in die westlichen Vororte gezogen waren, hatte auch sie ihre kleine Stadtwohnung aufgegeben und wohnte ganz in unserer Nähe. Fast jeden Sonntag kamen ihre Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder in ihr Haus, um dem ein hübscher kleiner Garten war, in dem sie in der Sonne saß. Sie lebte dort mit einem alten Drachen, der fast ebenso alt war wie sie. Dieses alte Faktotum hieß Hermine, und besorgte meiner Großmutter die Hausarbeiten. Es war eine richtige alte Hexe, in langen schleppenden schwarzen Kleidern undefinierbarer Formen, unter denen stets etwas lilafarbenes, wahrscheinlich von einem Unterrock, hervorguckte, mit dem sie den Boden wischte. Meine Großmutter schimpfte auf Hermine, und Hermine schimpfte auf meine Großmutter, sie zankten sich nach Herzenslust und warfen sich die gröbsten Worte um den Kopf, aber sie waren unzertrennlich und waren beide unentbehrlich. Als meine Großmutter starb, war Hermine untröstlich, denn sie war trotz allem eine treue Seele. Meine Großmutter war sozusagen die Zentralverwaltung der Familie. Was außerhalb ihrer Familie existierte, das existierte für sie nicht, oder höchstens nur insoweit, als es zu Mitgliedern ihrer Familie in Beziehung trat. So dehnte sie ihre Zuneigung ohne weiteres und ungeprüft auf die Freunde ihrer Kinder und Enkelkinder aus. Sie wusste von jedem Familienmitglied, was es tat und was es für Sorgen hatte, und sie lebte alles mit. Sie wusste, was Evchen zu Mittag kochte und dass Tonchen mit ihrem neuen Mädchen nicht zurecht kam, welches „Stück“ daher in ihren Augen ein verwerfliches Geschöpf war. Sie war wie ein General, der in seinem Stabsquartier verhasst, aber durch die Rapporte seiner Berichterstatter über die kleinsten Bewegungen auf dem Kriegschauplatz orientiert ist, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der in seinem Kopf alle Einzelheiten verzeichnet und zu einem Ganzen verarbeitet. Wann immer jemand sie besuchte, und wir alle gingen gern und häufig zu ihr, so nahm sie Bericht entgegen. Sie begnügte sich aber nicht mit dem, was ihr mitgeteilt wurde, sondern verstand zu fragen wie ein Untersuchungsrichter. Dabei benutzte sie alle Finessen der Strategie. Teils ging sie direkt im Sturmangriff aufs Ziel los und scheute vor keiner Indiskretion zurück, teils verstand sie es, mit versteckten Fragen, Anspielungen und auf raffinierten Umwegen die erwartete Antwort hervorzulocken. Da sie fand, dass für mich die Zeit der Verheiratung reif war, hatte sie die Gewohnheit angenommen, mich, wann immer sie mich sah, zu fragen: „Nun, Werner, hast Du mir nichts mitzuteilen?“ Ich stellte mich blöd und tat, als verstünde ich nicht. Dann fuhr sie wohl fort: „ Du weißt ja, was ich noch erleben möchte.“ Wenn ich dann sagte: „Aber Großmama, dazu habe ich doch noch lange Zeit,“ so erwiderte sie: „Aber ich nicht.“ Sie konnte aber auch von einer ganz andern Seite kommen. Sie wusste, dass ich mit Ilse Kempinski befreundet war und hätte es gern gesehen, wenn ich mich mit ihr verlobt hätte, denn Ilse K. hatte einen reichen Vater, der ein sehr bekanntes Weinrestaurant und Delikatessengeschäft in Berlin besaß. Eines Tages fragte mich die Großmutter: „Nun, Werner, wie geht denn das Geschäft?“ Das war auch eine der regelmäßigen Fragen. Ich antwortete, dass es momentan nicht besonders ginge, wir hätten stille Saison. Darauf warf sie trocken hin: „Lebensmittel gehen immer!“ Dabei saß sie steif und zurückgelehnt in ihrem Sessel und schaute mich mit ihren kurzsichtigen Äuglein erwartungsvoll an. An solchen Antworten hatten wir natürlich große Freude. Sie war überhaupt ein Original. Wenn man bei ihr war, klagte sie beständig. Ihre Augen seien so schlecht, sie könne überhaupt nichts mehr erkennen. Kurz darauf überraschte sie einen aber durch die Bemerkung, dass dort hinten auf dem Boden eine Stecknadel läge, man möchte sie doch aufheben. Wenn wir mit ihr gingen, sie begleitete uns gewöhnlich bis an die nächste Straßenecke, so stützte sie sich auf uns und wir mussten ganz langsam mit ihr gehen. „Kinder, Ihr wisst doch, meine Beine wollen gar nicht mehr, Ihr müsst schon auf mich Rücksicht nehmen.“ Hatten wir uns aber verabschiedet und schauten noch einmal zurück, so sahen wir Großmuttchen in doppeltem Tempo mit rüstigen Schritten dem Hause zueilen. Diese kleinen Eigenheiten sah man ihr natürlich gern nach. Sie bewahrte bis ins hohe Alter ihre Lebensklugheit und Menschenkenntnis, es konnte ihr niemand etwas vormachen, selbst über die von ihr über alles geliebte Familie wusste sie in ihrem Innern wohl Bescheid, was sie gelegentlich zu erkennen gab. Als sie einmal zu mir klagte, wie schwer es Evchen hätte, sagte ich: „ Aber Großmama, Tante Eva hat doch Onkel Paul.“ Ich meinte das natürlich ironisch, sagte es aber ganz ernst. Da erwiderte sie nur: „Paul?! Äh!!“ Dieses „äh!“ hatte aber etwas so Wegwerfendes, Abschätzendes, dass kein treffenderes Urteil über Paul gesprochen werden konnte. Sie war wirklich ein Mensch aus der guten alten Zeit und hatte noch etwas von den feinen Sitten, der Geschliffenheit und auch von den Vorurteilen dieser Zeit. Ihre kleinen Möbel, keine großen Wertgegenstände, hatte sie einem Neffen für seine Junggesellenwohnung gegeben, ohne zu wissen, dass dieser seit Jahren mit einer Frau zusammenlebte, mit der er 3 oder 4 Kinder hatte, ohne jedoch mit ihr verheiratet zu sein. Als sie dies durch einen Zufall erfuhr, war sie sehr schockiert und konnte sich nicht beruhigen, dass „das Stück jetzt auf ihren Möbeln sitze!“ Dabei drückte ihre Miene tiefste Sprachlosigkeit aus. Zu dieser Großmama also gingen Gertrud und ich eines Tages und ich sagte gerade heraus: „Großmama, ich möchte Dir meine Braut vorstellen.“ Sie stutzte, setzte sich in Positur und wollte es zunächst nicht glauben. Als sie aber merkte, dass es Ernst war, strömte sie von Herzlichkeit über, nahm Gertrud liebevoll auf und begann sofort ein eingehendes Verhör. Sie war auch die Einzige, die sich sehr freundlich nach Gertruds Kindern erkundigte, über die die Andern am liebsten ein etwas verlegenes Schweigen ausbreiteten. Auch meine Aufnahme bei der Horwitz-Familie war etwas zögernd. Bis dahin hatte ich außer der kurzen Begegnung mit meinem Schwiegervater noch niemand von der Familie kennen gelernt. Jetzt war ich zuerst zu meinem Schwiegervater ins Geschäft gegangen, um ihm meine Absicht zu eröffnen. Er legte mir nahe, meinen Schritt doch ja recht sorgfältig zu überlegen und wies auf die besonderen Umstände hinsichtlich der Kinder hin. Wir erörterten dann noch finanzielle Fragen, da der Unterhalt der Kinder von Seiten meines Schwiegervaters sichergestellt werden sollte. Darüber wurde später ein Vertrag geschlossen, der eine sehr reichliche Summe für die Kinder vorsah, die wir beabsichtigen, für spätere Zeiten für sie zu sparen. Leider konnte der Vertrag aber nicht eingehalten werden. Unsere erste Unterhaltung war recht nüchtern, da, ich nehme an auf beiden Seiten, keine große Zuneigung vorhanden war. Bald darauf machte ich den ersten privaten Besuch bei meinen Schwiegereltern, wo ich auch die übrigen näheren Familienmitglieder kennen lernte. Es ist eine recht leidige Folge der Verlobung, dass das bis dahin ganz persönliche, nur zwischen uns direkt bestehende Verhältnis nun plötzlich eine diskutierte Angelegenheit wird und hinter jedem von uns ein Familienkreis in Erscheinung tritt mit allen möglichen Ansichten und Ansprüchen. Keiner von uns fühlte sich in der Familie des Andern wohl. Ich erinnere mich, dass in die damalige Zeit das Geschäftsjubiläum meines Schwiegervaters fiel. Zu dieser Gelegenheit gab es ein Festessen in einem Saal, zu dem das ganze Geschäftspersonal und die ganze zahlreiche Verwandtschaft, zusammen etwa 100 Personen, geladen waren. Auch ich war dabei; es war sozusagen mein erstes offizielles Auftreten als Bräutigam, eine durchaus peinliche Affäre. Nicht weniger peinlich war für Gertrud der Aufenthalt in Wannsee. Zwar hatte mein Vater seinen Widerstand aufgegeben, aber schon die Tatsache, dass ein Widerstand zu überwinden war, ließ einen bitteren Geschmack zurück. Ich war in der damaligen Zeit noch sehr an meine Familie gebunden und es lag mir sehr an einem guten Einvernehmen mit Gertrud. Aber trotz anfänglicher Bemühungen blieb eine Fremdheit bestehen, die sich später zur Feindschaft auswuchs. Über die Gründe werde ich später noch sprechen. Nachdem mein Vater sich also gefügt hatte, wollte er die Hochzeit mit einigem Pomp begehen, wenn auch nur innerhalb des Hauses. Da Hanna mit Kadisch verlobt war, tauchte der Gedanke einer Doppelhochzeit auf. Hanna widersetzte sich mit Tränen, was für Gertrud und mich sehr beleidigend war. Schließlich wurde doch die Doppelhochzeit beschlossen, obwohl wir alle lieber ganz im Stillen und ohne Mitwirkung der beidseitigen Familien geheiratet hätten, aber wir wollten meinem Vater, der sich an den Gedanken der betonten Feier hielt, nicht entgegen sein. Während der Verlobungszeit flackerte meine Lungenerkrankung wieder stärker auf, ich war bettlägrig und die Ärzte stellten mir eine trübe Prognose. Es hieß, ich sei gefährlich krank, mein Zustand ansteckend und damit auch eine Gefahr für Gertrud und ich dürfte auf gar keinen Fall heiraten. Ein zweiter Arzt, angeblich eine Kapazität auf seinem Gebiet, wurde hinzugezogen und erklärte mir das Gleiche. Ich lachte ihm ins Gesicht und er zog sich beleidigt zurück. Während man mich aber sehr schonungsvoll behandelte und mit der Wahrheit zurückhielt, hatte Gertrud den ganzen Ansturm abzuwehren. Kadisch machte bedenkliche Miene, Ernst Lang schüttelte sein Expertenhaupt und die Ärzte taten das ihrige, um ihre Meinung wirkungsvoll zu begründen. Mein Vater war außer Fassung und bestürmte Gertrud, von der Heirat, die mich und sie gefährden würde, abzustehen. Gertrud hatte aber die sichere Empfindung, dass mein Zustand kein hoffnungsloser war und dass ich bei richtiger Kur wieder gesund werden würde, was ja nachher auch der Fall war. Von einer Ansteckung war schon gar nicht die Rede. – Inzwischen hatten sich auch die gegenseitigen Familien wenn auch nicht angefreundet, so doch bekannt gemacht. Schon kurz nach der Verlobung hatte ein Essen bei Horwitzens stattgefunden, zu dem die nächsten Verwandten eingeladen waren und die ersten Reden vom Stapel gelassen wurden. Ich fühlte mich bei diesem Essen sehr unbehaglich, weil der lange Tisch, an dem wir saßen, schief im Zimmer stand, was ich nicht vertragen kann. Es gibt mir ein Gefühl, das mich nicht zur Ruhe kommen lässt; aber sonst war alles sehr nett zugerichtet. – Wir heirateten am 27. Januar 1927. Frühmorgens gingen wir zum Standsamt. Da Dr. Singer sich in dieser Zeit sehr gehässig gegen uns verhielt, unsere Hochzeit zu verhindern suchte, und einen verleumderischen Brief an meinen Vater schrieb, so fürchteten wir eine Störung durch ihn und hatten zu unserm Schutze einen Detektiv als Wache bestellt, da wir auf jeden Fall eine Szene vermeiden wollten. Auf kirchliche Trauung verzichteten wir. Als wir einige Tage vorher unsere Papiere auf dem Standesamt abgaben, fragte der Standesbeamte, als er sah, dass es Gertruds dritte Heirat war, etwas skeptisch: „Nun, ists jetzt der Richtige?“ Die eigentliche Hochzeitsfeier – es war nun also doch eine Doppel­feier geworden – fand in Wannsee statt. Gertrud hatte ein wunderschönes silberbesticktes Kleid an und sah sehr gut aus; sie wurde von allen wegen ihrer Schönheit angestaunt. Die Feier verlief recht nett; die Tafel war festlich mit Blumen geschmückt, es gab gutes Essen und guten Wein und eine Rede löste die andere ab. Ich war sehr ausgelassen, nachdem ich mich nach Überwindung so vieler Schwierigkeiten am ersehnten Ziel sah, und benahm mich höchst unwürdig. Ich betrank mich, was sonst nie geschah und führte mich keineswegs so auf, wie der Ernst der Stunde es hätte erwarten lassen. Wie ich dann am späten Abend mit Gertrud in das Hotel gekommen bin, wo wir übernachteten, das wusste ich auch damals nicht mehr genau. Schon am nächsten Tag lag ich wieder krank, und wir mussten unsere Hochzeitsreise nach Arosa machen, wo ich die folgenden 8 Monate zur Kur bleiben musste. Gertrud war die meiste Zeit bei mir, doch traten inzwischen in Berlin Umstände ein, die ihre Anwesenheit doch dringend notwendig machten. Dr. Singer versuchte nämlich, aus meiner Krankheit Vorteile zu ziehen und Gertrud die Kinder wegzunehmen. Er strengte einen Prozess beim Vormundschaftsgericht an, bei dem er geltend machte, die Mutter der Kinder habe einen lungenkranken Mann geheiratet, der eine gesundheitliche Gefährdung der Kinder bedeute, und es könne ihm daher nicht zugemutet werden, die Kinder in mein Haus zu geben. Gleichzeitig aber wollte er die Kinder mit einer Bekannten ins Ausland schicken, damit sie sich an einem für uns unbekannten Ort aufhielten, bis das Gericht eine Entscheidung, wie er meinte, in seinem Sinne getroffen hätte. Gertrud aber hatte von diesen Plänen Wind bekommen und handelte mit der ihr eigenen Schnelligkeit. Unterstützt von ärztlichen Attesten, die meine Erkrankung als leicht und vorübergehender Natur, vor allem aber als ungefährlich für die Kinder bescheinigte, erwirkte sie eine einstweilige Verfügung, die ihr die Kinder zusprach. Mit Hilfe des schon öfters in Anspruch genommenen Detektivs und dessen Beziehungen zu einem Polizeibeamten wurde ein Polizei-Erlass ausgestellt, der Dr. Singer zur sofortigen Herausgabe der Kinder aufforderte. Mit diesem Erlass in Händen begaben sich Gertrud, der Detektiv und der Polizeibeamte in das Haus von Dr. Singer, der sich weigerte, die Kinder herzugeben und versuchte, sie über die Hintertreppe zu Bekannten in der oberen Wohnung zu bringen. Das wurde aber bemerkt, und schließlich musste Dr. Singer, der einen großen Lärm vollführte, der Polizeigewalt weichen. Gertrud nahm die Kinder, wie sie gerade standen und lagen, packte sie in ein Auto und fuhr, begleitet von dem Detektiv, davon. Sie hatte die Absicht, sofort mit den Kindern in die Schweiz zu fahren. Da sie aber befürchtete, Dr. S. würde sie am Bahnhof abzufangen versuchen, fuhr sie per Auto bis nach Wittenberg, erreichte dort den Schweizer Schnellzug und langte nach diesen dramatischen Begebenheiten in der Schweiz an, wo sie die Kinder in ein hübsch gelegenes Institut in Bevers im Engadin gab, nicht ohne den Detektiv zur ständigen Überwachung in einem gegenüber gelegenen Gasthof einzuquartieren. Dr. S. bekam später von Amts wegen eine Strafanzeige wegen Weigerung zur Herausgabe der Kinder. Der Prozess verlief ergebnislos, hatte aber die unangenehme Beigabe, dass die ganze Angelegenheit mit vollen Namensnennung unter der Überschrift: „Wildwest in Berlin W“ in allen Zeitungen breitgetreten wurde. Doch ist dann schnell Gras darüber gewachsen. Nachdem die Kinder nun in der Nähe in Sicherheit untergebracht waren, konnte Gertrud wieder längere Zeit in Arosa sein. Nun sollte man meinen, dass unser Glück vollständig war, denn zum erstenmal konnten wir uns dem ersehnten Zusammenleben hingeben. Dabei zeigten sich aber auch die Schwierigkeiten. Es ist nämlich gar nicht so leicht, eine Ehe – dieses Wort in gutem Sinne – zu führen. Ich habe hier vor mir den Schweiz. Familienkalender, in dem sich ein, natürlich von einer Frau geschriebenen Artikel befindet „Warum sehen wir die Männer falsch?“ Er beginnt mit den Worten: „Eins steht fest: wir sehen sie einfach falsch. Wir legen viel zu viel in sie hinein. Wir denken viel zu viel über sie nach – und vergessen vor allem immer wieder, dass sie Geschöpfe eines andern Sterns sind: so völlig anders als wir Frauen sind sie.“ Es geht dann ordentlich und ganz witzig über die Männer her unter dem Motto: „Ihr Gott heißt: Bequemlichkeit“. Aus dieser Wurzel wachsen ihre Feigheit, ihre Unnachdenklichkeit, ihr heiliger, durch nichts, durch gar nichts zu zerstörender Egoismus“. Und der Artikel endet damit, dass es gegen diese im Grunde schuldlosen Wesen eines andern Planeten nur eine Waffe gibt: sie sehr zu lieben – und sie zugleich nicht ganz ernst zu nehmen. Ich will nicht untersuchen, inwieweit das richtig ist, aber eines ist gewiss: Mann und Frau sind Wesen verschiedener Planeten und nichts ist schwerer, als sich gegenseitig zu verstehen. Das heißt, verstehen kann man sich schon, man kann ja auch sphärische Trigonometrie verstehen, aber wenn es an die Wurzeln des Mitlebens geht, so fragt es sich, ob das Blut im Takt des andern schlägt, ob die unbewussten Reflexe gleichlautend funktionieren. Von Natur aus tun sie das gewöhnlich nicht. Und was man vorher für tiefgehendes Einverständnis gehalten hat, das war vielleicht auch wirklich ein Einverständnis des Herzens und des Geistes, aber noch kein Einverständnis des praktischen Lebens, das, wie Gertrud mir erst kürzlich wieder geschrieben hat, sich in einem unteilbaren Gefühl im tagtäglichen, im nichtigsten und scheinbar unwichtigsten behaupten muss. Das wird wohl selten von Anfang an sein können, denn bevor man nicht wirklich im Täglichen zusammenlebt, kennt man sich gegenseitig noch nicht. Dieses intensive Sich-kennen-lernen geht meist nicht ohne Schock vor sich. Aber man lernt nicht nur den Andern kennen, sondern durch den Andern lernt man auch sich von einer ganz neuen Seite kennen. Man betrachtet sich gleichsam von außen, durch die Augen eines andern Wesens, und dabei erleidet das liebe Ich eine empfindliche Einbuße. Man hattte doch eine ganz gute Meinung von sich, nicht wahr? Man war zwar nicht blind gegen seine Fehler, aber nachsichtig, weil man glaubte, sie zu kennen. Plötzlich aber merkt man, dass das Bild im Spiegel des Nächsten, und doch eines liebenden, nicht eines übelwollenden Nächsten, ganz anders aussieht als man dachte. Wo man eine weiße Fläche glaubte, sieht der andere einen schwarzen Fleck. Wo sich eine kleine Eitelkeit eingenistet hatte, sieht der andere vielleicht gar eine Geschmacklosigkeit. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, so muss ich sagen, dass ich in keiner Weise auf eine Ehe vorbereitet war. Du wunderst Dich vielleicht, dass es dazu eine Vorbereitung braucht, denn was gehört schon zum Heiraten, wenn man sich liebt! Aber es fragt sich, ob man innerlich überhaupt frei und fähig zur Liebe ist. Ich hatte sicherlich ein starkes und mich ganz erfüllendes Liebesgefühl – und doch war ich nicht frei zur Liebe. Ich war nämlich noch in einer ganz übermäßigen Weise an meine Familie und ganz besonders an meine Schwester Lena gebunden, Ich hatte mich nach der Rückkehr aus England sehr stark an Lena angeschlossen und ein großer Teil meiner libidinösen Energie, wie man sich fachtechnisch ausdrückt, war durch sie gebunden. Für jeden nur etwas in psychologischen Dingen geschulten Menschen lag die Schädlichkeit eines solchen Verhältnisses für meine Entwicklung auf der Hand. Wie in manchen Dingen im Leben, war aber niemand ahnungsloser als wir selbst. Im Wannsee-Haus wurde geistige Innzucht in schlimmstem Maße getrieben. Es herrschte eine stille Übereinkunft der Sitten, der Gepflogenheiten, der Zu- und Abneigungen. Es war für Außenstehende nicht leicht in diesen Ring einzudringen. Wem es gelang und wer aufgenommen wurde, der gehörte zur Clique. Wer aber als ein „Fremder“, d.h. ein sich nicht Fügender, sondern eigenen Gesetzen und Launen Folgender eindrang, wurde wie der Angehörige eines fremden Bienenvolkes aus dem Stock herausgebissen. Gertrud war so eine fremde Biene. Sie war ein viel zu starker Charakter und viel zu viel von eigenem Leben erfüllt, um sich dem Wannsee-Ritus einzupassen. Mehr als das: sie lehnte es ausdrücklich und bewusst ab, in die laue Brutwärme des geschlossenen Kreises einzusinken. Ich habe später einmal zu Gertrud gesagt, sie sei in die Familie gefallen wie ein Stein in einen Teich. Sie hat mir den Vergleich sehr übel genommen, weil sie glaubte, ich wollte das Störende Element betonen. Ich hatte aber die Absicht, gerade das Aufwühlende, Aufrührerische ihres Erscheinens in der faulen Teichatmosphäre im Vergleich auszudrücken. Tatsächlich zerschlug sie die glatte Oberfläche, wühlte die Tiefen auf und brachte die stehenden Wasser in Bewegung. Tatsächlich hat ihr „störendes“ Eingreifen eine wohltätige Wirkung gehabt, obwohl ihr niemand dafür Dank sagte, am wenigsten ich der ich hin- & hergerissen wurde, mit Fasern, die ich selbst nicht kannte, an infantilen Liebesobjekten hing, mit meinem besseren Ich aber zu Gertrud strebte, und sie lieben wollte, ohne es so zu können, wie ein voll entwickelter und frei im Leben stehender Mann es sollte. Mit der Zeit löste ich mich von der Familie, was Gertrud unversöhnliche Feindschaft von Seiten meiner Geschwister eintrug, denn für sie, ich meine für meine Geschwister, war Gertrud nichts als das „störende Element“, für mich aber war sie die aufrüttelnde Kraft, die mich sehen lehrte und mich auf den verschütteten Weg zu meinem eigenen Selbst zurückwies. Es war für mich nicht leicht, diesen Weg zu finden, und niemand richtete größere Hindernisse auf, als ich selbst. Wenn man eine Entwicklung zur rechten Zeit versäumt hat und auf einem Fleck sitzen geblieben ist, auf den man entwicklungsmäßig nicht mehr gehörte, so ist nichts so schwer als sich davon wieder loszureißen. Denn in der Zeit, in der man dort verweilt hat, hat man, ohne es zu wissen, Wurzeln geschlagen, die sich ins Erdreich verkrallen und die einen mit der ganzen Kraft ihrer Schollenfestigkeit zurückhalten. Darum soll man jungen Menschen helfen, solche Fixierungspunkte zu überwinden und nicht erst so fest werden zu lassen, bis der Schnitt schmerzhaft wird. Es ist klar, dass die Aufgabe, die Gertrud vorfand, eine schwere und undankbare war und nicht die, welche sie erwartet hatte und die der Stellung einer Frau im Leben mit einem Manne zuzumuten ist. Ich kann nur sagen, dass dies Dinge waren, die in mir schlummerten, von deren Existenz ich aber nicht minder überrascht war als Gertrud, und wenn ich ihr etwas zu danken habe, so ist es, dass sie trotz aller Widerwertigkeiten und Widerstände einen Kampf gegen mich für mich geführt hat. Es ist kein Wunder, dass auch Gertrud in eine ganz außerordentliche Feindseligkeit gegen meine Familie getrieben wurde als Reaktion gegen das viele Unrecht, das ihr in Wort und Tat angetan wurde. Für mich aber, der sich gegen einen vollständigen Bruch mit meiner Familie sträubte und stets bemüht war, auszugleichen, wo es keinen Ausgleich geben konnte, bestand jahrelang eine Zwiespältigkeit, die das große ungeteilte Gefühl nicht aufkommen ließ. Aber nicht nur unsere Stellung in meiner Familie war schwierig, sondern auch die zur Horwitz-Familie, obwohl es dort mehr äußere Umstände waren, die uns zu einem Eingreifen zwangen. Einige Monate, nachdem wir in Arosa waren, erhielt ich einen Brief von meinem Schwiegervater, in dem er mir bei der Parallelität unserer Geschäftsinteressen ein Zusammengehen vorschlug oder aber eine Übernahme seiner Firma durch uns anbot. Ich teilte das meinem Vater mit, der den Gedanken in zustimmender Weise aufgriff und in Verhandlungen eintrat, aber nach einiger Zeit schrieb er mir, dass er die Verhandlungen abgebrochen habe. Er hätte der Idee anfänglich sehr sympathisch gegenüber gestanden, aber nachdem ihm die Situation der Fa. Hans zuerst ganz günstig geschildert worden war, seien bei einer Prüfung immer neue Tatsachen zum Vorschein gekommen, die das Bild allmählich verschlechterten und dieses Hinter-dem-Berg-Halten habe ihm missfallen; er wolle daher lieber Abstand nehmen. Gleichzeitig kam auch ein Brief meines Schwiegervaters, der den Wunsch ausdrückte, die gerissenen Fäden möchten durch mich wieder geknüpft werden. Gertrud war sehr unglücklich über die Wendung, besonders da sie mich entgegen meiner eigenen Meinung über die Fa. Hannes schon vor unserer Heirat stets gewarnt hatte, ich solle die Lage des Geschäftes nicht zu hoch einschätzen. Da wir um diese Zeit wegen des Singer-Prozesses ohnehin nach Berlin mussten, war der Zeitpunkt für mein Eingreifen gerade gelegen. Mein Vater empfing Gertrud und mich mit böser Miene, gerade als ob wir die Schuld an den geschäftlichen Zuständen trügen, und ließ erkennen, dass er unsere Rückreise missbillige, denn er glaubte, sie sei einzig und allein erfolgt, um ihn umzustimmen. Wir ließen ihn etwas brummen, bis er in eine menschliche Verfassung kam, die es gestattete, sich sachlich mit ihm zu unterhalten. Er schilderte noch einmal alle Stadien der Unterhandlungen, die hier nicht weiter interessieren. Aus den Zahlen, die er erhalten hatte, ging allerdings hervor, dass die Vermögenssubstanz teils durch große Privatbezüge, teils durch Verluste fast völlig zusammengeschmolzen war und die Firma ohne eine Kredithilfe kaum weiter sich würde halten können. Gertrud und ich gingen nun zunächst zu ihren Eltern, wo auch Walter und Edith und Hugo waren. Es zeigte sich, dass sie über ihre Lage noch gar nicht im Klaren waren oder es wenigstens nicht zeigen wollten. Ich hatte als neues Familienmitglied die sehr unangenehme Aufgabe, die Situation ins rechte Licht zu stellen und die Frage aufzuwerfen, was nun eigentlich werden solle. Es herrschte große Ratlosigkeit und großes Durcheinander. Während die Alten zwar recht unglücklich, aber gefasst und vernünftig waren, zeigten sich Walter, und hinter ihm stehend vor allem Edith der Situation in keiner Weise gewachsen. Ihre einzige Sorge war, unter keinen Umständen auch nur ein Jota von den Vorteilen ihres Wohllebens aufzugeben. Ich will nun nicht die stundenlangen Besprechungen nach beiden Seiten wiedergeben. Meinem Vater gegenüber hatte ich die geschäftlichen Vorteile, die in der Übernahme eines alteingeführten Geschäftes mit großem Umsatz und in der Vereinigung der Fabrikation lagen, ins Feld zu führen. Bei Horwitzens musste ich versuchen, Bedingungen zu erreichen, die der Geschäftslage angemessen waren. Dabei waren wir wirklich nicht kleinlich. Wir waren bereit, die noch ausgewiesene Substanz von Mk 100‘000.– in bar auszuzahlen und meinem Schwiegervater und Walter die Leitung des Geschäftes zu belassen. Mein Schwiegervater begnügte sich mit einem kleinen Gehalt und war überhaupt bereit, alles zur Verständigung beizutragen. Bei Walter aber, was in erster Linie wieder Edith heißt, erregte ein Gehaltsangebot von 24‘000.– Mk jährlich einen Sturm der Entrüstung, der sich merkwürdigerweise nicht gegen mich, sondern gegen Gertrud richtete. Man warf ihr vor, dass sie nun ein gutes Leben führe, aber es dulde, dass ihre Geschwister ins „Elend“ gerieten, resp. von ihrem Mann ins Elend gestoßen wurden. Es war höchst unerquicklich. Schließlich also konnte ich die Interessen nach beiden Seiten ausgleichen, aber wir ernteten, wie es ja immer in solchen Angelegenheiten kommt, nach beiden Seiten Undank. Noch kurz vor der Unterzeichnung der Verträge wäre die Sache bald noch geplatzt. Wir saßen bei uns im Kontor zusammen, der Notar hatte die Verträge verlesen und nun sollte die Unterzeichnung erfolgen. Mein Vater reichte meinem Schwiegervater die Feder und bat ihn um seine Unterschrift. Dieser wies sie jedoch zurück und sagte, es sein an meinem Vater, zuerst zu unterschreiben. Mein Vater fasste diese kleinliche Gesinnung als Misstrauen auf, erklärte die Verhandlungen als gescheitert und verließ den Raum und die sprachlose Versammlung. Ich eilte ihm nach und hatte Mühe, ihn zu überzeugen, dass es sich hier um eine Ungeschicklichkeit, vielleicht auch Kleinlichkeit gehandelt habe, nicht aber um den Ausdruck eines Misstrauens. Nach längerer Pause kehrte mein Vater zurück und die Unterzeichnung erfolgte in recht betretener Stimmung. Die Alten gaben sich die Hand und mein Schwiegervater sagte, um sein Prestige wiederherzustellen, wir würden erst später merken, welches gute Geschäft wir mit der Übernahme gemacht hätten. Es klang nicht sehr überzeugend. Wenn ich es heute bedenke, so weiß ich nicht, ob es nicht für alle Beteiligten besser gewesen wäre, der Vertrag wäre nicht zustande gekommen. Mein Vater hatte den Vertrag keineswegs aus verwandtschaftlicher Sentimentalität oder Hilfsbereitschaft abgeschlossen, sondern doch in der Hauptsache, weil er sich einen geschäftlichen Vorteil von der Übernahme des Geschäftes versprach. Nur war er bei den Bedingungen vielleicht etwas nachgiebiger gewesen. Er fand sich später in seinen Erwartungen enttäuscht, weil der Umsatz der Fa. Hannes nach der Übernahme sehr wesentlich zurückging. Horwitzens dagegen fühlten sich bei uns nicht wohl und gaben uns und unserem Eingreifen in ihre Geschäftsführung einen großen Teil der Schuld für den Geschäftsrückgang. Wenn es auch nicht ganz so war, wie sie meinten, so war doch etwas Wahres daran, und besonders Schottländer war es, der sowohl Walter wie Gertruds Vater in eine demütigende Situation brachte, soweit er es vermochte. Du wirst Dich vielleicht wundern, dass ich von ihm, der einen so unheilvollen Einfluss auf mich hatte und einen großen Teil der Schuld dafür trägt, dass ich mich hier und wir alle in diesen Verhältnissen uns befinden, – dass ich von ihm noch mit keinem Wort gesprochen habe. Aber ich habe mir vorgenommen, auf die geschäftliche Entwicklung am Schluss einzugehen und werde dann ausführlich von ihm sprechen. Hier will ich nur das erwähnen, was auf meine Beziehungen zu Gertrud Rückwirkung hatte. Für Gertrud war es schwer, ihre Eltern in Abhängigkeit und in eine teilweise demütigende Situation geraten zu sehen. Wir konnten in Anspruch nehmen, die Fa. Hannes und damit die Horwitz-Familie vor dem Ruin bewahrt zu haben, wenngleich man natürlich nicht wissen kann, ob sie nicht auch anderwärts noch Hilfe gefunden hätten. Immerhin unsere Hilfe war ein Faktum, das andere nur Möglichkeiten. Aber die Tatsache, dass sich besonders ihr alter Vater durch diese Hilfe unglücklich fühlte und Demütigungen von einem jungen Bürschlein ertragen musste, den er mit seiner geschäftlichen Erfahrung in die Tasche stecken konnte, war auch für sie demütigend. Da sie es aber ertragen musste, so bildete sich naturgemäß aus der Ohnmacht Hass, der sich, wenn auch abgeschwächt, ebenso gegen mich als Mitglied der Kass-Familie, wie gegen diese selbst richtete. All das stellte sich erst allmählich heraus. Zunächst kehrten wir nach Arosa zurück, in dem Gefühl, ein Unheil abgewendet und zu einer befriedigenden Lösung beigetragen zu haben. Während unseres Aufenthalts in Berlin hatten wir eine Wohnung in der Bleibtreustr. gemietet, was damals, zur Zeit der Wohnungsknappheit, eine schwierige Sache war und die Zahlung eines Abstandsgeldes kostete, von dem wir heute 2 Jahre leben würden. Es war eine Wohnung von 8 großen Zimmern. Da ich die Kur in Arosa nicht so häufig unterbrechen konnte, so übernahm Gertrud die Einrichtung. Das lag auch bei ihr in den richtigen Händen, denn für Innen-Architektur hat sie eine ganz ausgesprochene Begabung. Sie kniete sich mit großem Ernst in die neue Aufgabe, rannte ganz Berlin nach Tapeten und Vorhängen ab und probierte stundenlang mit den Malern die feinsten Farb- und Nuancierungen aus. Dabei standen wir ständig in Verbindung und die wichtige Frage, ob an der Wohnzimmertür Milchglas- oder Butzenscheiben eingesetzt werden sollten, führte zu einem Telegrammwechsel. Diese Art, Sinn und Bedeutung in die Raumgestaltung zu legen, war etwas ganz Neues für mich. Ich war recht unempfindlich gegen das Aussehen der Räume, in denen ich lebte. Ich war zwar in einer gepflegten und auch mit einiger Kultur ausgestatteten Wohnung aufgewachsen, aber diese Pflege und Kultur hatte man beim Architekten bestellt. Sie war gekauft worden und bildete nicht Bestand des Lebens. Gertrud aber war ungemein empfindlich gegenüber Raumverhältnissen, Aufteilungen und Farben. In einem Zimmer mit einer schlecht gewählten Tapete konnte sie nicht schlafen und falsch gestellte Möbel störten ihr Gleichgewicht. Trotzdem konnte sie in unserer Wohnung nicht alles einheitlich nach ihrem Sinn gestalten, denn wir schafften keine neuen Möbel an. Gertrud besaß eine Einrichtung und zahlreichen Hausrat und auch ich hatte wenige Sachen. Trotzdem gelang einiges recht hübsch. Als wir endlich aus Arosa zurückkehrten, wurde ich vor allem durch eine entzückend ausgestattete Diele überrascht. Sie war mit Holz bekleidet, das lichtgrün gestrichen war, und halbhoch an den Wänden hinauf reichte. Oberhalb des Holzes war ein sehr hübscher bunter Fries gemalt. Der Boden war mit schwarzem Velours ausgelegt. In einer Ecke stand ein niederiger runder Tisch mit ein paar kleinen leichten Sesseln mit geschweiften Seiten aus Makassar-Ebenholz und an der Wand war ein kleines Likörschränkchen mit Schiebeglas eingebaut. Alles im gleichen braun-schwarz gemaserten Holz. Die Sessel waren mit orange farbenem Samt überzogen, was einen hübschen Kontrast zu dem dunklen Holz und dem schwarzen Boden bildete. Sehr geschmackvoll war auch Gertruds Schlafzimmer. Es war ebenfalls schwarz ausgelegt, hatte eine helle, ganz leicht orange getönte Tapete. Es stand nur ein ganz niedriges, sehr breites Bett aus Nussbaumholz darin, frei weg von der Wand, ein Toilettespiegel und eine ungeheuer große, fast viereckige Couch, die mit dem gleichen orange Samt bespannt war wie die Sessel in der Diele. Das Glanzstück der Wohnung war aber das Wohnzimmer. Es war ein sehr großer, fast 10 m langer Raum mit abgerundeten Ecken, der mit Velours in mattem fraise ausgelegt war. Vor dem Fenster an der Schmalseite des Zimmers stand ein schwarzer Flügel, dessen glänzende Fläche sich wunderschön von dem hellen Boden abhob und sich besonders schön präsentierte, wenn am Abend das Fenster von der Decke bis zum Boden durch einen einfarbigen faltenreichen seidenen Vorhang, dessen schimmernder Glanz zwischen gelb und fraise spielte, verhängt war. Es standen nur wenige Möbel an den Seitenwänden, die Mitte des Zimmers war frei. Ein niedriger runder Tisch aus Nussbaum, dazu schwere Sessel mit kompakten Holz-Seiten, die mit Stoff bezogen waren. Von diesem Stoffbezug ging eine ganz besondere Wirkung aus. Gertrud hatte ihn nach langem Ausprobieren von einer Handweberin am Bauhaus in Dessau, der von Gropius geleiteten damals berühmtesten und modernsten Kunstgewerbeschule, weben lassen. Es war eine komplizierte Musterung in blau-grünen Tönen, die aber auch mit schwarz durchsetzt waren und trotz der Vielfalt der Kombination eine ruhige und einheitliche Wirkung in türkis-Farbe ergab. Es war eine pikante, wenn auch gewagte Farbstellung zu dem vorherrschenden fraise, gab aber durch die sparsame Verwendung und in Verbindung mit dem warmen Holzton einen guten Effekt. Leider habe ich selbst einen Misston in diese harmonische Anordnung gebracht. Ich hatte eine große Bücher- und Notensammlung, für die ich eine Bibliothek anfertigen ließ. Da mein Geschmack in Einrichtungsfragen noch nicht verfeinert war, ging ich davon aus, dass die Bibliothek groß genug sein müsse, um die Menge der Bände auf­nehmen zu können und ließ sie möglichst hoch und breit bauen. Ich entsinne mich noch an den gelinden Schrecken, der Gertrud erfasste, als das unförmige Ding gebracht wurde. Während alle übrigen Gegenstände im Raum niedrig gehalten waren, bedeckte dieses Regal fast die ganze eine Längswand und erdrückte alles übrige. Als es mit den dekorativ wirkenden Büchern angefüllt war, verlor sich zwar etwas von seiner Schwere, aber die Massigkeit kontrastierte doch beängstigend mit der Leichtheit und Luftigkeit des übrigen Raums. Diesen faux-pas hat Gertrud mir nie ganz verzeihen können. Die Zimmer, von denen ich bisher sprach, wie auch mein Schlafzimmer und das Speisezimmer, lagen rund herum um die vordere Diele. Von dort führte ein langer Gang, an dem Küche und Mädchenzimmer lagen in die Hinterwohnung, wo das Bereich der Kinder war. Sie hatten 2 Schlafzimmer, von denen das eine ein großer Raum war, in dem eine Turneinrichtung, Ringe, Schaukel und Kletterseil angebracht war. Ich glaube, die Kinder haben mehr Zeit auf den Turngeräten als auf dem Fußboden verbracht. Wann immer man zu ihnen ins Zimmer kam, hingen sie wie die Affen an den Ringen, auf der Stange oder am Seil. Es war für sie ein großes Vergnügen. Als wir aus Arosa zurückkehrten, war es aber noch nicht so weit, denn noch war der Prozess in Gang und die Kinder in Bevers. Der Prozess nahm immer erbittertere und widerwertige Formen an. Nachdem Dr. S. mit seinem Versuch, Vorteil aus meiner Erkrankung zu ziehen, gescheitert war, scheute er sich nicht, die Mutter seiner Kinder in lügenhafter Weise zu diskreditieren. Falsche Behauptungen, und falsche Zeugenaussagen sollten das Schicksal der Kinder entscheiden. Wir wurden gezwungen, auf alle diese Gemeinheiten einzugehen, sie zu widerlegen, und, um nicht nur in der Defensive zu bleiben, Material über Dr. S. zu sammeln, um seine Moral ins rechte Licht zu rücken. Die Angelegenheit nahm uns mehr als uns lieb war in Anspruch, doch blieb uns keine Wahl als zu kämpfen, da Gertrud die Kinder nicht auseinanderreißen und vor allen nicht dauernd auf eines der Kinder verzichten wollte. Da immer neues Material von Dr. S. konstruiert wurde, um eine für ihn wahrscheinlich ungünstige Entscheidung hinauszuschieben, so war ein Ende des Prozesses, der nun schon fast ein Jahr dauerte, nicht abzusehen. Andererseits ist der Kampf von Eltern um ihre Kinder und die gegenseitige Diffamierung nicht nur ein unerfreuliches Schauspiel, sondern eine unerfreuliche Tatsache, bei der die Kinder meist den Schaden zu tragen haben. Es ergab sich daher mit der Zeit immer mehr die Notwendigkeit, den Streit auf irgend eine Art beizulegen. Schließlich war die Vaterschaft des Dr. S. nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen, so dass doch immer, wie die Entscheidung auch ausfallen würde, mit seiner Einflussnahme gerechnet werden musste. Damals nahm sich Prof. Moll, ein bekannter Psychiater, der Dr. S. beruflich nahe stand und Gertrud seit langem persönlich kannte, der Angelegenheit an. Er war ein in seinem Ruf gefestigter, daher sehr selbstbewusster und eigenmächtiger Herr, schon in hohen Jahren und daher besonders starr und andern Ansichten unzugänglich, der eine Einigung zustande brachte, die allerdings mehr einem Diktat glich. Dabei spielte unser Anwalt eine dubiose Rolle, der, wie es häufig bei Anwälten ist, wenn sie einer Sache müde werden, d.h. wenn sie mehr Arbeit als Verdienst befürchten, nämlich dann, wenn sie schon den größeren Teil des Verdienstes vorweg eingeheimst haben – der also im Vergleich von einer fast verräterischen Nachgiebigkeit war. Er machte nämlich den Vergleich mit Moll ohne unser Beisein aus und uns blieb dann nur noch die Wahl, den Vergleich anzunehmen oder weiter zu prozessieren. Der Vergleich war – sehr zu Unrecht – auf absolute Gleichberechtigung aufgebaut, angeblich im Interesse des Friedens. Man weiß ja, wohin der Gleichberechtigungs-Fanatismus führt. Die praktischen Bedürfnisse der Kinder kamen schlecht dabei weg. Es war der groteske Zustand vorgesehen, dass sie alle halbe Jahr den Aufenthalt wechseln und also abwechselnd beim Vater und bei der Mutter sein sollten. Auch Besuche etc. war geregelt. Ebenso war die Verteilung der finanziellen Lasten zu gleichen Teilen, obwohl nach dem Gesetz ein Vater, so weit er es vermag, für seine Kinder zu sorgen hat. Für Streitigkeiten war ein Schiedsgericht vorgesehen, das mehrmals in Funktion zu treten hatte, mit dem hauptsächlichen Ergebnis, dass die Schiedsrichter alias Anwälte horrende Honorare für ihre nichts weniger als unparteiische Tätigkeit sich aussetzten. Liebes Renatli, ich warne Dich vor den Rechtsanwälten. Es gibt ja viele Situationen, in denen man sie braucht, aber traue ihnen nicht. Auch wenn sie noch so freundlich und persönlich auftreten und nur „aus Freundschaft“ handeln, oder zu handeln vorgeben. Glaube mir, der Zeitpunkt kommt, wo sie die Rechnung präsentieren, und zwar gesalzen. Ich habe Dutzende von Anwälten kennen gelernt und wüsste nicht einen, zu dem ich Vertrauen hätte. Ich habe gefunden, dass jeder von ihnen nur ein kleines Gebiet hat, auf dem er etwas leistet. Hast Du das Glück, dass Dir einer eine Sache gut erledigt, so verlasse Dich nur nicht darauf, dass auch eine zweite in gleicher Weise besorgt werde. Das Schlimmste aber sind die Advokaten-Rechnungen. Es ist unmöglich, feste Abreden im voraus mit ihnen zu treffen. Das geht auch schwer, weil es ja nicht zum voraus abzuschätzen ist, wieviel Arbeit eine Sache verursacht. Sie versichern Dir daher, wenn Du nach den Kosten fragst, mit lächelnder Miene, darüber würde man sich schon einigen, man solle sich über diesen Punkt nur keine Sorgen machen. Wenn aber dann die Rechnung kommt, so ist es ein Geschreibsel von mehreren Seiten. Jedes Telefongespräch ist eine Besprechung, jede kleine Anfrage, die in 2 Minuten zwischen Tür und Angel erledigt wurde, erscheint als „Beratung“, sodass du schließlich selbst zugeben musst, dass für diese „Menge“ von Konferenzen das Honorar doch spottbillig ist. Fragst Du Dich allerdings dann, was denn der Inhalt dieser Beratungen war, worin denn die Leistung des Herrn Anwalts besteht, so könntest Du den Extrakt wohl in wenigen Zeilen zusammenfassen, aber das macht sich nicht so gut und dahinter würde der Honorar-Betrag etwas peinlich wirken. Aber Anwälte haben kein zartes Gewissen und besonders nicht in Honorar-Fragen. Darum wenn Du es kannst, meide sie. Vor allem aber, vertraue ihnen nie, nie, nie Geld zur Verwahrung an. Glaube einem vom Feuer Verbrannten, sie geben es nicht heraus, sie kleben daran wie die Fliegen an der Leimtüte, sie werden unablässig bemüht sein, ihre Honorar-Forderungen Deinem Guthaben anzugleichen und betrachten das letztere nur als eine Sicherheit, als eine Anzahlung für das erstere und warten nur auf den Augenblick der Verrechnung. Führe sie nicht in Versuchung, denn ihr Fleisch ist schwach und ihre Frauen verbrauchen viel! Ich habe Dich gewarnt! –
 
 
26/4 Wie schlecht der Vergleich auch war, der Prozess war zu Ende, und das hatte sein Gutes! Die Kinder konnten aus Bevers zurückkommen und zogen bei uns ein. Das brachte für mich eine ganz eigentümliche Situation, wie auf einmal 3 kleine Steppkes da herumliefen! Ich hatte ja geheiratet, um mit Gertrud zusammenzuleben. Natürlich wusste ich von den 3 Kindern, ich kannte sie ja und es war zwischen uns ausgemachte Sache, dass sie bei uns sein würden. Schließlich hatte ich ja monatelang an dem Kampf um die Kinder teilgenommen; trotzdem war ihre Anwesenheit und Zugehörigkeit zum Haushalt für mich etwas Ungewohntes und Peinliches. So sehr man sich über Vorurteile hinwegsetzt, so ist ein plötzliches Anhängsel von 3 fremden Kindern doch etwas Ungewöhnliches, das man erst verdauen muss. Es fehlte auch nicht an spöttischen Stimmen „Werner hat sich in ein gemachtes Bett gelegt“, die ich zwar kühl überhörte, aber nicht, ohne dass es mir einen Stich gab. Natürlich war die Lage der Kinder gleich schwierig. Sie fühlten sich beim Vater zuhause und bei uns in der Fremde. Ich war ein unbekannter Onkel, zu dem sie plötzlich und ohne inneren Anlass Du sagen sollten. Anne redete mich noch monatelang per sie an, häufig vor Besuchern, was eine peinliche Wirkung hatte, da es schlaglichtartig das Gezwungene des Verhältnisses zu erkennen gab. Gertrud bemühte sich natürlich sehr, um einen Ausgleich. Einerseits schuf sie den Kindern in der hinteren Wohnung ihr eigenes Reich, damit wir uns gegenseitig nicht störten, andererseits suchte sie Fäden zu knüpfen. Aber all das war im Anfang sehr unnatürlich. Die Kinder waren vergnügt, wenn sie ungestört für sich waren, aber wenn sie nach vorn kamen, um sich für irgend etwas zu bedanken, oder ich zu ihnen hinter ging, um ihnen gute Nacht zu sagen, so waren sie stocksteif wie die Fische. Es hat Zeit gebraucht, bis wir uns gegenseitig an einander gewöhnten und anschlossen. Es konnte nicht ausbleiben, dass die Kinder Vergleiche zogen und allmählich fühlten sie, wo ihr wirkliches Zuhause war. Nicht allein die äußeren Umstände waren es. Nicht allein, dass sie jedesmal, wenn sie bei Dr. S. waren, verlumpten, dass sie ohne einen ganzen Strumpf und Schuh und unter Zurücklassung der Hälfte ihrer Sachen zu uns zurückkehrten, dass ihnen das Notwendigste versagt wurde, während sie als Schaustücke und Zeugen der Erfolge des Herrn Intendanten bis spät nachts in der Oper sitzen mussten, wo sie vor Müdigkeit und Verständnislosigkeit einschliefen – nein, sie fühlten, wo sie mit Liebe und Sorgfalt umgeben waren und wo ihre Interessen in Wahrheit aufgehoben waren. Margot, ihrem Wesen nach eine Singer, aber ohne die schlechten Eigenschaften, fand den Weg zu uns am spätesten, Anne am schnellsten (ihr Abschied von uns war stets sehr tränenreich) und Hanns verstand es längere Zeit, sich in beiden Lagern einzupassen, bis auch er seine trüben Erfahrungen machen musste und der Vater für ihn zur schweren Belastung wurde. Auch ich lernte die Kinder kennen und verstehen und gewann sie lieb und heute bilden wir schon seit langem eine einzige Familie, in der es keine Unterschiede gibt. In diesem Zusammenschweißen der Familie hat Dein Erscheinen nicht wenig beigetragen, denn zu Dir fanden die Kinder eine innige und natürliche Bindung. Davon noch später. Je mehr ich mich an das Zusammenleben mit den Kindern gewöhnte, umso mehr wünschte ich doch, ihre Zahl vermehrt zu sehen. Aber wir mussten uns lange gedulden, sodass unsere Geduld schon fast die Form eines Verzichtes annahm. Noch bevor Du auf die Welt kamst, starben die Großeltern Horwitz. Zuerst die Mutter, gerade an ihrem 70. Geburtstag. Alles war zur Feier vorbereitet, da erlitt sie einen Schlaganfall. Sie war nicht sofort tot, doch bestand keine Hoffnung für ihre Rettung, vielmehr musste ihr Ableben stündlich erwartet werden. Gertrud & ich, Walter & Edith und Hugo waren in der Wohnung und wagten nicht fortzugehen. Es ist eine fürchterliche Sache, auf das Sterben eines Menschen zu warten, dem man die baldige Erlösung gönnt, ohne seinen Tod wünschen zu wollen. Von Stunde zu Stunde hoffte und fürchtete man das Ende, und fast war es eine Enttäuschung, wenn es hieß: sie lebt noch immer. Es dauerte noch 1–2 Tage, bis sie starb. Ob und wieweit sie das Bewusstsein wieder erlangte, ist nicht sicher, da die Sprache gelähmt war. Der Großvater starb während Gertruds Schwangerschaft. Er hatte einen schönen Tod, wie man ihn jedem Menschen wünschen kann. Er saß im Geschäft und hatte sich gerade eine Fachzeitschrift zum Lesen genommen, als ihn ein Herzschlag ereilte. Er konnte ohne Krankheit, ohne Sterbensbewusstsein in das dunkle Reich hinübergehen. So war also mein Vater der einzige der 4 Großelternteile, die Dich noch erlebt hat. Und nun kehre ich an den Anfang meiner Erzählung nämlich zu Dir zurück. Das war ein langer Umweg, nicht wahr? Viel länger als ich ihn mir vorgestellt hatte. Aber nun weißt Du wenigstens die Vorgeschichte Deiner Eltern und Geschwister. Nun muss ich aber zuerst einmal nachschlagen, wo ich Dich verlassen habe. Also ich hatte Dich in dem mit hellgrünenen Voile bespannten Körbchen liegen gelassen, wo Du schliefest und nur gelegentliche Reflexbewegungen machtest, die mein eifriges Interesse erweckten. Ich hatte große Angst um Dich, denn Du schienst mir in höchstem Maße zerbrechlich zu sein und ich hatte kein großes Vertrauen in Deine Lebensfähigkeit. Du schnauftest so merkwürdig durch die Nase und gabst prustende Töne von Dir. „Das Kind bekommt keine Luft, es kann nicht atmen!“, rief ich voller Angst und ließ den Kinderarzt kommen, der mich beruhigte, dass sei ganz normal und bei allen Säuglingen so und im übrigen seist Du ein ganz besonders prächtiges Exemplar und so kräftig, wie man Dich nur wünschen könne. Kaum war er fort, kamen mir neue Zweifel. Alle Augenblicke kam ich an das Körbchen heran, um nachzusehen, was Du machtest. Du lagst unter Deinem Kissen, aus denen nur ein schwarzer Schopf auf dem kahlen Schädel herausragte. Plötzlich zogen sich Deine Gesichtszüge zu einer seltsamen Grimasse zusammen und Du niestest. Damit bekamst Du etwas so allgemein-Menschliches, was zu Deiner Puppenhaftigkeit gar nicht passen wollte, dass ich laut lachen musste und ganz darüber vergaß, dass Du Dich ja erkältet haben könntest. Gertrud hatte natürlich ein viel selbstverständlicheres Verhältnis zu Dir. Sie war frei von jeder Ängstlichkeit und es war für sie ganz klar, dass Du gar nicht anders sein konntest, als Du warst. Sie stand ja auch in einem mütterlichen Nährverhältnis zu Dir und um diese vegetative Verbindung ist es ein großes Geheimnis, von dem wir nichts wissen können, denn wir Männer haben kein Teil daran. Die Quelle des Lebens ruht im Schoße der Frau und sie kann tiefer daraus schöpfen als der Mann, dem die Natur dieses Wissen versagt hat. Nach 2–3 Tagen kamen die Kinder und nun hattest Du ein brennend interessiertes Publikum. Weißt Du noch, wie Du Dich nach jedem Baby, das Du auf der Straße gesehen hast, umgedreht hast und wie Du Dich gar nicht von im losreißen konntest? Ebenso umlagerten Dich Anne, Hans und Margot und registrierten jede Bewegung Deiner kleinen Finger und verfolgten jeden kleinsten Zug Deiner Entwicklung. Jeder wollte Dich im Arm halten und mehr als einmal wandertest Du von einem zum andern, natürlich unter großen Vorsichtsmaßregeln. In Deinen ersten Lebenstagen warst Du ein angestauntes Objekt, aber als Deine Augen einen sehenden Blick bekamen, als Deine großen blauen Augen sich mit Staunen füllten über die große rote Kugel, die da vor Deiner Nase hin- & herbewegt wurde, als Du versuchtest, ihren Bewegungen zu folgen, da warst Du aufgenommen in der Gemeinschaft. Als aber das erste Lächeln sich über Dein Gesicht breitete, da war es, als ob die Sonne aufging, als ob ein Licht entzündet wäre, dessen Glanz uns mit Wärme erfüllte, da hattest Du unser aller Liebe gewonnen. Und Du warst ein freund­liches Kind. Wann immer eines der Dir bekannten Gesichter sich über Deinen Wagen beugte, so ging das Licht in Deinen Augen auf und unermüdlich wiederholten wir das Spiel, um das Wunder des Kinderlächelns, das Erwachen der menschlichen Seele immer wieder von Neuem zu erleben.
Heft 5
Seite 5
Seite 5 wird geladen
5.  Heft 5
Kommentar schreiben
4/5/42 Du warst kein Schreikind – was nicht besagt, dass Du im Anfang nicht kräftig geschrien hast. Manche Nacht gingen Gertrud oder ich mit Dir im Arm auf und ab, bis das zappelnde Paketchen zur Ruhe kam. Wenn ich trotzdem sage, dass Du kein Schreikind warst, so ist das nicht nur, weil Du verhältnismäßig schnell zu brüllen aufhörtest, sondern weil Du nicht ohne Grund schriest. Viele Eltern stehen ja auf dem Standpunkt, man solle ein Kind schreien lassen, ja man müsse es schreien lassen, es sei ein schwerer Fehler, wenn man auf jeden Schrei des Kindes achten und herbeieilen würde, das Kind würde bald entdecken, dass es durch das Schreien Macht über die Großen hat und würde fortan diese Macht bei jeder Gelegenheit ausnützen, sei es um nicht allein zu liegen oder um nicht zu schlafen oder um zur Unzeit zu essen oder zu trinken. Sie legen es daher in frühester Jugend auf einen Energiekampf mit dem Kinde an, weil sie meinen, wenn er einmal zu ihren Gunsten entschieden ist – und dazu gehört ja nichts als eine Portion Roheit und Unempfindlichkeit, denn sie brauchen das Kind nur in eine Ecke zu schieben und solange schreien zu lassen, bis es aufhört –, dann hätten sie Ruhe. Ja allerdings – Ruhe bekommen sie, aber noch etwas weiteres, was sie nicht wissen: ein geschädigtes Kind. Die Schädigung kann sich nach 2 Seiten auswirken. Entweder wird das Kind in besonderem Maße störrisch und bockig werden. Die unterdrückten Reaktionen werden sich stauen und bei passenden Gelegenheiten (die den Eltern natürlich höchst unpassend sein werden), hervorbrechen, in einer Stärke, die unerwartet, auch unverständlich sein wird, da die Eltern den wahren Grund der kindlichen Erregung gar nicht kennen. Oder aber das Kind wird besonders folgsam werden und damit hätten die Eltern ja das erreicht, was sie wollten, denn ein folgsames Kind ist erheblich bequemer als ein Kind, dem man einräumt, Wünsche und Beschwerden zu haben. Aber die Bequemlichkeit der Eltern rächt sich. In dem Energiekampf ist dem Kinde der Wille gebrochen worden. Die erste Niederlage, die es erlitten hat, wird sein späteres Handeln bestimmen. Es muss natürlich nicht immer ganz so krass kommen, aber da dieser erste Fall meist auch für die Eltern typisch ist und die weitere Erziehung dem entsprechen wird, so sind die krassen Fälle tatsächlich die Norm. Wir haben dagegen auf dem Standpunkt gestanden, dass ein Kind nur schreit, wenn es einen Grund hat. Es hat ja keine andern Möglichkeiten, sein Unbe­hagen zu äußern. Für alle Erziehungsgrundsätze, speziell der ersten Jahre, aber vielfach auch später, muss ich Gertrud in den Vordergrund stellen. Dir kam nicht allein ihre prak­tische Erfahrung mit ihren eigenen Kindern zugute, sondern die ganz ausgesprochene Begabung für Psychologie überhaupt vor allem aber für Kinderpsychologie. Du wirst es später selbst beobachten können, in welchem ungewöhnlichen Ausmaß sie Verständnis für Kinder besitzt, und es war nur natürlich, dass sie auch bei Deiner Erzie­hung die Führung in die Hand nahm, was auch dadurch erleichtert wurde, dass ich mit ihren An­sichten übereinstimmte. „Schreien ist gesund,“ sagen viele Menschen. Glaube mir, dahinter steckt nur ihre eigene Bequemlichkeit. Ich habe nie gesehen, dass ein Kind schreit, wenn es sich wohl fühlt. Im Grunde genommen weiß natürlich niemand, wes­halb ein kleines Kind schreit. Die Geburt ist für das Kind ein unerhörter Schock. Aus dem geschützten Aufenthalt im Mutterleib wird es durch einen engen Kanal ausgestoßen in eine Welt hinein, die durch Licht, Geräusch und Temperatur den empfindlichen Orga­nismus des Kindes reizt. Wenn das Kind alle diese Vorgänge auch nicht mit Be­wusstsein begleitet, so reagiert es doch durch Abwehr. Nun ist ja diese zum Teil sicher­lich schmerzhafte Anpassung an die neue Umgebung ein notwendiger Prozess, der dem Kind nicht zu ersparen ist, sodass ein gewisses Maß an Schreien nicht zu verhindern ist. Als natürliche Reaktion ist dieses Maß auch nicht schädlich, und wie alle physiolo­gischen Vorgänge sehr weise eingerichtet sind, dient ja der erste Abwehrschrei einem lebensfördernden Akt, nämlich der Entfaltung der Lungen, und es ist durchaus möglich, dass in der ersten Zeit das Schreien ein von der Natur gewolltes und in Rechnung ge­stelltes Training der Atmungsorgane darstellt. Mit zunehmender Anpassung an die Um­gebung fällt aber der physiologische Zweck fort und was dann noch an Geschrei folgt, sollte möglichst auf das Mindestmaß eingeschränkt werden. Ein Kind schreit natürlich vor allem, wenn es Hunger hat. Der Organismus verlangt in regelmäßigen Abständen Nahrung. Unsere gesellschaftliche Organisation ist aber derart, dass das Schlafbedürfnis des Menschen in einem Schub, während der Nachtzeit, zu befriedigen ist und dass während dieser Zeit eine Nahrungsaufnahme nicht stattfindet. Wir Großen sind so daran gewöhnt, dass wir am Tage nicht Schlaf und in der Nacht nicht Hunger empfinden. Der Organismus des Kindes weiß aber von dieser für uns sehr zweckmäßigen und not­wendigen Einteilung noch nichts. Im Schlaf brauchen wir das Kind noch nicht zu beschränken, es braucht ja im Anfang erheblich mehr Schlaf als Erwachsene, aber der Magen des Kindes muss sich allmählich an die nächtliche Ruhepause gewöhnen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen und vernünftige Eltern werden ihrem Kind diese Gewöhnung erleichtern durch einen langsamen Übergang. Wir haben Dich nicht während der Nacht in ein Zimmer geschoben, wo Du nicht zu hören warst, um unsere Nachtruhe zu schützen, sondern hatten Dich stets in Hörweite und haben uns nicht gescheut, jedes Mal aufzustehen, wenn Du losgekräht hast. Besonders Gertrud war darin unermüdlich, während ich gestehe, manchmal nicht übel Lust gehabt zu haben, dem schreienden Bündel einen Pfropfen in den Mund zu stecken, um es zum Schweigen zu bringen. Solche rückständigen Gedanken drängte ich aber beschämt zurück und mar­schierte geduldig mit Dir im Zimmer auf und ab, bis Du wieder in Schlaf gefallen warst. Wenn ich gesehen habe, wie Dein kleiner Körper im Schreien sich zusammengekrampft hat, wie Du rot angelaufen bist, bis man glaubte, Du würdest zerspringen, wie jeder Nerv an Dir zitterte, da konnte ich mir nicht denken, dass eine solche Anstrengung im Übermaß, wie es durch Unachtsamkeit, Vernachlässigung und Lieblosigkeit entsteht, gesund sein soll. Du warst wie alle kleinen Kinder, die sich gesund entwickeln, sehr aufs Trinken erpicht und pünktlich wie eine Uhr. Wenn Deine Stunde da war, so wurdest Du unruhig, und wenn man Dich warten ließ, so gabst Du ein so zorniges Geschrei von Dir, das Deine Mutti eiligst auf die Beine brachte. Sie nährte Dich selbst, aber noch auf ihrem Arm brülltest Du weiter, bis Du die Brust im Mäulchen hattest. Dann brach urplötzlich das unwillige Gekrähe ab, Du gabst einen gierigen Gluckser von Dir, und dann trat tiefe Stille ein, nur unterbrochen von dem regelmäßigen Sauggeräusch. Wehe aber, wenn Du einmal die Milchquelle verlorst, dann brach automatisch Dein zorniger Unwille wieder los, bis sich dasselbe Spiel wiederholte. Beim Trinken nahm Deine Haltung allmählich immer mehr den Ausdruck behäbiger Zufriedenheit ein. Deine Züge glätteten sich, Deine Finger entspannten sich. Obwohl Du nicht durchsichtig warst, sah man förmlich, wie Du langsam voll liefest, bis Du schließlich satt, dick und selig in Schlaf fielst. Sehr wahrscheinlich spielt sich dieser Vorgang bei allen Säuglingen in gleicher Weise ab, aber bei Dir haben wir ihn miterlebt, und das macht ihn zu einem besonderen. Dein Gesicht blühte von Tag zu Tag mehr auf, die griesgrämigen Falten, die Du bei der Geburt hattest, waren schon längst aufgefüllt und verschwunden, die Ärmchen und Beinchen wurden täglich runder und bildeten Speckfalten an den Gelenken. Obwohl ein kleines Kind nichts zu tun scheint, ist seine Arbeitsleistung ungeheuer groß, muss es doch im ersten Jahr sehen, hören, sitzen und gehen, d.h. Gleichgewicht halten, lernen. Du warst ein lebendiger, kleiner Kerl. Deine Aufmerksamkeit erwachte sehr rasch und mit großen erstaunten Augen, die sich allmählich dunkler färbten, folgtest Du den glänzenden Gegenständen, die die Kinder und wir vor Deiner Nase tanzen ließen. Auch mit dem Körper warst Du lebhaft. Wenn Du ausgewickelt auf dem Rücken lagst, so waren Deine Beine in rastloser Bewegung. Du strampeltest so energisch, als wolltest Du für die Tour de Suisse trainieren, und wir nannten Dich daher den Radfahrer. In der Badewanne jauchztest Du vor Vergnügen und plantschtest in dem warmenWasser herum, dass es eine Freude war. Sobald Du Dein Köpfchen etwas halten konntest, machtest Du die ersten Sitzversuche. Wir hielten Dir einen Finger hin, an dem Du Dich hieltest, aber wir gaben Dir nur gerade soviel Hilfe, als an Deiner Anstrengung noch fehlte und ließen Dich ordentlich mühen. Wenn Du dann saßest und Dein großer Kopf wir eine für den Stempel zu große Blume auf Deinem kleinen Körperchen hin- & herschaukelte, so schautest Du Dich verwundert um über diesen neuen Zustand, in den Du Dich hineinmanövriert hattest. Du machtest uns also in dieser ersten Zeit viel Freude und keine be­sondere Mühe. Das Schreien ließ bald nach, Du nahmst Nahrung ohne Schwierigkeiten, schliefst Deine gemessene Zeit und gewöhntest Dir rasch Reinlichkeit an. Soweit Gertrud Dich damals nicht selbst besorgte, was meist der Fall war, pflegte Dich ein Mädchen, Erna, vom Lande stammend, die Dich sehr liebte und Dich mit ihren riesigen roten Pratzen behutsam pflegte. Als Du einige Monate alt warst, verreisten Gertrud und ich auf etwa sechs Wochen. Es war eine sehr schöne Reise, wenn auch mit Hindernissen. Nachdem wir ein paar Tage in Chamonix am Fuße des Mont-Blanc waren, fuhren wir mit einem Postauto über die savoyischen Alpen nach Nizza. Diese große und mondäne Stadt mit ihrer weichlichen Landschaft und ihrem weichlichen Klima sagte uns wenig zu. Ebensowenig gefiel uns Monte Carlo, dessen staubige Palmen und altmodische Eleganz einen Duft von Moder ausstrahlte. Wir statteten zwar dem Spielsaal einen Besuch ab, aber ohne uns am Spiel zu beteiligen. Dort wehte uns die gleiche Atmosphäre dernier siècle entgegen, die uns auch draußen nicht atmen ließ. Einige groß aufgemachte Damen am Spieltisch und entsprechende Kavaliere reizten uns nicht zu längerem Verweilen. Das Interessanteste an Monte Carlo war das Aquarium, in dem die seltsamsten Geschöpfe und Pflanzen vom mittelländischen Meeresboden zu sehen waren. Wann im­mer Du die Möglichkeit hast, ein Aquarium zu besuchen, tue es; es lohnt sich. Besonders eindrucksvoll war die Fütterung eines Polypen, der als eine gallertartige Masse an einem Stein klebte und den man für leblos gehalten hätte, wenn nicht ein leichtes Pulsieren seines Körpers zu sehen gewesen wäre. Bei genauerer Betrachtung entdeckte man ein paar böse, gierige Augen. Als der Wärter von oben ein Fischlein in das Wasserbecken fallen ließ, löste sich urplötzlich die träge Masse vom Felsen und breitete die vorher unsichtbar gewesenen langen Fangarme mit den zahlreichen Saugnäpfen im Wasser aus, – ein schauriger Anblick. Als wir das Aquarium verlassen hatten, machten wir eine Autofahrt nach dem sehr hübschen, weil einfachen und natürlichen Mentone und kehrten auf der berühmten Corniche, der schönen breiten, hoch überm Meer in vielen Windungen durch die Felsen führenden Autostraße nach Nizza zurück. Die Sonne lag auf dem glatten blauen Meeresspiegel, in dessen Schoße jene merkwürdige Tier- und Pflanzen­welt lebt, von der wir einige Proben gesehen hatten. Nizza blieb mir auch des­halb in schlechter Erinnerung, weil ich dort einen lästigen Magenkatarrh bekam, der mich hinderte, in Marseille die dortige Nationalsuppe, die bouillabaisse, auf die ich mich be­sonders gespitzt hatte, zu essen. Den Weg von Nizza nach Marseille nahmen wir wieder im offenen Postauto, das uns durch die bekannten großen Modeplätze der Riviera, aber auch durch zahlreiche weniger bekannte und mitunter umso reizvollere kleine Orte führ­te. Einer der malerischsten ist Cassis, eine Malerkolonie nicht weit von Marseille. Marseille ist eine wunderschöne Stadt, reich an Gegensätzen und Eindrücken. Die Haupt­straße, die Cannebière, ist eine der lebhaftesten Straßen, die ich gesehen habe; sie führt direkt zum Hafen, der, wie jeder größere Hafen, ein buntes und bewegtes Bild bietet. Seitlich des Hafens liegt jenes ebenso berühmte wie berüchtigte Viertel, in das man sich des Nachts nicht hineinwagen soll. In seinen winkligen Gässchen hält es die abenteuer­lichsten Existenzen versteckt. Von Marseille ging die Reise weiter nach Arles, Avignon und Tarascon, Orte, die ebensosehr durch ihre schönen historischen Bauten wie wegen ihrer provençalischen Landschaft berühmt sind. In Arles besuchten wir das, im 1. Stock einer Kneipe gelegene Zimmer, in dem Van Gogh jahrelang lebte und wo einige seiner schönsten Bilder entstanden. In seiner Anspruchslosigkeit und Einfachheit machte es einen tiefen Eindruck. Auf der Fahrt sahen wir stundenlang jene großen Olivenfelder mit ihren knorrigen Bäumen auf brauner Erde, die aus den Bildern Van Goghs bekannt sind. In Avignon, der mittelalterlichen Exil-Residenz der Päpste, leitete uns ein enthusias­mierter französischer Fremdenführer durch den großen Palast, der seine Führung mit schwungvollen Worten begleitete und, trunken von der Schwungkraft seiner Rede, auf einem der zahlreichen Türme in einen Hochruf auf die grande nation ausbrach. Die „grande nation“, die heute so am Boden liegt. Avignon war auch der Schauplatz jener nächtlichen Wanzen-Attacke, von der ich eingangs berichtete. Unsere Reise sollte uns quer durch Südfrankreich, den Pyrenäen entlang, bis nach Biarritz an der atlantischen Küste führen. Zunächst erreichten wir Carcassonne. Dies ist die vollkommenste mittelalterliche Stadt, die erhalten ist. Sie ist vollständig von der alten Ringmauer mit zahlreichen Türmen und Türmchen eingeschlossen, und so voller alter Bauten, dass man wirklich eine Vorstellung von dem Zauber einer mittelalterlichen Stadt erhält. Die Fahrt den Pyrenäen entlang ging teils im Flachland, das nicht sehr verschieden von einer mittel­alterlichen Landschaft, etwa Thüringen, ist, vor sich, teils in die Höhe über die Pässe. Von einem Gebirgsort, Luchon, aus, unternahmen wir einen Ritt auf Maultieren über die spanische Grenze, an der uns ein paar schmucke Hidalgos begrüßten. Auf der weiteren Fahrt bekam ich Fieber und langte mit 40° Fieber in Biarritz an, wo wir uns den Luxus leisteten, in dem schönsten Hotel, das wir je gesehen haben, dem Hotel Miramare, abzu­steigen, in der Meinung, nur 1–2 Tage dort zu bleiben. Ich hatte aber das Pech, eine Woche liegen zu müssen, wodurch ich weder viel von dem sehr schön gelegenen und in unaufdringlicher Weise eleganten Ort sah, noch den Stierkampf in San Sebastian besu­chen konnte, den wir uns anschauen wollten. Auch Gertrud verzichtete darauf, da ich nicht mitgehen konnte. Zum Schluss konnten wir aber doch noch einen kurzen Abstecher nach San Sebastian machen, den ersten spanischen Ort, den wir sahen, mit einem wun­derschönen malerischen, von Terebinthen umsäumten Hafen. Von Biarritz fuhren wir di­rekt mit dem Nachtzug nach Paris, wo wir einige Tage bleiben und dann nach Hause zu­rückkehren wollten. Es kam aber anders. Als wir in der Morgenfrühe in Paris ankamen, fanden wir ein Telegramm vor, dass in dem Institut in Bevers, wo die Kinder waren, Scharlach ausgebrochen war. Was konnten wir anders tun, als uns wieder auf die Bahn setzen und nach der Schweiz fahren, um die Kinder abzuholen. Sie waren glücklicher­weise gesund geblieben und wir kehrten etwas müde, aber voll von Eindrücken nach Berlin zurück. Was aber war inzwischen mit unserem Kind geschehen? Wir hatten Dich während unserer Abwesenheit nach Wannsee gegeben, in die Obhut einer Schwester, die Dich auch nach der Geburt gepflegt hatte. Sie war eine ganz gutmütige, aber etwas grobe dicke Person, die Dich sicherlich nicht schlecht behandelt hat, aber vielleicht nicht die Liebe und Sorgfalt auf Dich verwendet hat, die Du von uns gewohnt warst. Oder war es der plötzliche Wechsel der Umgebung und das Fehlen der vertrauten Gesichter? Kurz, wir fanden ein unfrohes, mürrisches Kind, das erst in der alten Umgebung seine frühere Fröhlichkeit wiedergewann. Wenn Du die Fotoalben mit Deinen Kinderbildern an­schaust, so wirst Du aus der ersten Zeit einige Aufnahmen finden von einem ganz auf­fällig böse dreinschauenden Kind mit einem verknautschten unglücklichen Gesichtchen. Die Bilder stammen aus jener Zeit unserer Reise. Wir sahen es nachher ein, dass diese Reise für Dich nicht gut war. Man soll ein kleines Kind, wenn man es an sich gewöhnt hat, im ersten Jahr nicht allein lassen oder in eine fremde Umgebung geben. Es versteht diesen plötzlichen Szenenwechsel nicht und entwickelt sehr wahrscheinlich Angst. Man nimmt ja diese Dinge bei Kindern sehr leicht und tut sie mit den Worten: „ das Kind ge­wöhnt sich“ ab, aber man weiß nie, was bleibt und bei anderer Gelegenheit zum Vor­schein kommt, und es kann wohl sein, dass die Schlafstörungen, die Du später hattest, in dem damaligen Schock ihren Ursprung hatten. Zunächst aber entwickeltest Du Dich ganz normal weiter. Du konntest nun schon sitzen, dann krochst Du auf allen Vieren in der Wohnung herum und man musste schon mächtig hinterher sein, dass Du nicht alles, was Du in die Finger bekamst, in den Mund stecktest. Wenn Du in Deinem Körbchen lagst und nicht gerade den großen Zeh im Mund hattest, so ertönte ein eifriges Gebrabbel, das kein Mensch verstehen kann, das aber unzweifelhaft eine Übung und Vorstufe des Sprechens ist. Auf diese Weise konntest Du Dich stundenlang stillvergnügt mit Dir selbst unterhalten und es dauerte nicht lange, bis wir aus diesem Kauderwelsch die Worte: „Mama“ und „Papa“ heraushören konnten, die jedes Elternherz mit stiller Wonne er­füllen. – Um diese Zeit führten wir den Entschluss aus, nach einem Vorort von Berlin zu übersiedeln und mieteten eine Wohnung in Schlachtensee im Kirchblick 5/7. Es war ein großes, aber in einfach-ländlichem Stil gehaltenes Haus, von einem großen Garten umgeben, das ein früher sehr reicher Rumäne in einer Zeit, von der er glaubte, die Bäume würden in den Himmel wachsen, für sich gebaut hatte. Er war dann später in Verlust geraten und bewohnte nun die kleine Chauffeurwohnung – ein Schicksal, das ich schon so manchen Villenbesitzer habe erleiden sehen, sodass ich allen Villen-Bauherren den Rat geben möchte, die Dienstbotenräume und besonders das Chauffeurhaus so komfortabel wie nur möglich auszustatten und an diesen Räumen nicht zu sparen, denn man kann nie wissen, wo das Schicksal einen hinwirft und mancher hat schon die dünnen, zügigen Wände, die ungenügende Heizung und die schlecht schließenden Fenster am eigenen Leibe spüren müssen, die er seinen Angestellten zugedacht hatte, während der Komfort, für den er all sein Geld hingegeben hatte, andern zugute kam. Nun, zunächst gehörten wir selber noch zu den Besitzenden, für die solche Erkenntnisse nur den Wert einer weltklugen Sentenz hatten, nicht aber den Anlass zu entsprechendem Handeln boten. Wir nahmen mit großer Freude die Gelegenheit zur Einrichtung einer neuen Wohnung wahr und da wir inzwischen, teils durch die eigene Erfahrung, teils durch das Interesse, das wir und besonders Gertrud für diese Dinge hatten, viel gelernt hatten, so gingen wir daran, mit Überlegung und Geschmack alles zusammenzubringen was der Wohnung Charakter und Behaglichkeit verschaffen konnte. Unser Interesse war besonders in Gang geraten, durch verschiedene Bekanntschaften, die wir duch Gertruds Verbindung mit dem Bauhaus in Dessau schlossen. Da war einmal Prof. Moholy-Nagy, ein gebürtiger Ungar, der der modernsten Richtung der Malerei, der abstrakten Kunst, über die sich streiten lässt, angehörte. Er war aber vor allem ein ausgezeichneter, neue Wege weisender Fotograf und in diesem Fach als Lehrer am Bauhaus. Später zog er nach Berlin, wo ich geschäftlich mit ihm in Verbindung trat (er machte für uns Inserate). Daraus entstand ein privates Freundschaftsverhältnis; er war einer unserer nettesten Bekannten. Vor allem lag uns aber daran, mit dem Führer des Bauhauses und Schöpfer der ganzen neuen Bewe­gung für modernes Bauen in persönliche Beziehung zu treten. Gertrud nahm ihn sozu­sagen aufs Korn, und die Einrichtung der Wohnung in Schlachtensee bot einen willkommenen Anlass, ihn aufzusuchen. Es war Prof. Gropius, dessen Name weithin bekannt ist und der in der Folge ebenfalls zu den Freunden unseres Hauses zählte. Zu diesem Kreise gehörte noch Marcel Breuer, ein sehr begabter junger Architekt, bekannt als der Konstrukteur des Stahlrohrstuhls, sehr ideenreich und angenehm im Verkehr. Schließlich muss ich noch den Architekten Korn erwähnen, einen sehr lieben Menschen, politisch der kommunistischen Partei angehörend, was ihn jedoch nicht hinderte, gut mit uns befreundet zu sein. Auch er hat einige schöne und großzügige neue Bauten ausge­führt. Diese 4 berühmten Architekten standen der Wohnung in Schlachtsee Pate. Der Lei­ter war Gropius. Er unterzog zunächst die Raumverteilung einer Revision und fand, dass die Proportionen nicht richtig seien. Infolgedessen wurden Wände eingerissen, neue auf­gerichtet, die Maurer regierten in der Wohnung. Wenn aber die Maurer anfangen, so heißt das, dass die Wohnung von Grund auf neu gemacht werden muss, denn in den Wänden liegen die Kabel, die elektrischen Leitungen, die natürlich neu gelegt werden müssen. Dass alles neu getüncht & tapeziert werden muss, versteht sich von selbst. Dieser Aufwand war vielleicht etwas verrückt, aber da das Geld uns sonst auch nichts genützt hätte, so wollen wir uns an die schöne Seite der Sache halten, denn wirklich, die Wohnung wurde etwas Besonderes und wir denken heute noch mit Freude daran zurück. Da Du das zweite Jahr Deines Lebens darin zugebracht hast, will ich sie dir schildern. Gertruds Schlafzimmer war als Wohnraum gehalten und die Hauptidee bestand darin, dieses Zimmer mit dem eigentlich großen Wohnraum, dem Musikzimmer einheitlich zu verbinden. Deshalb wurde die Trennungswand in Dreiviertelhöhe und etwa zwei Drittel der Breite herausgenommen und durch eine Schiebetür aus weißem Kunstleder, die sich harmonika-artig zusammenschieben ließ, ersetzt. Diese Tür, die oben durch eine ver­chromte Stahlschiene abgeschlossen war, wurde von den Kindern „Knautschtür“ getauft. Die Wände beider Zimmer wurden einheitlich behandelt und zwar weder gestrichen noch tapeziert, sondern gespachtelt, was ein sehr kompliziertes Verfahren ist, was den Effekt hat, die Wände ganz ebenmäßig glatt und damit annahmefähig für feine Farbtöne zu machen. Die Farbbestimmung war das Werk Moholys. Die Wände wurden grau getönt. Nun, grau – das klingt sehr einfach und dazu braucht man doch keinen Professor, wirst Du denken. Aber grau und grau ist ein Unterschied und wieviel Geschmack und Kunst­sinn dabei angewendet wurde, habe ich gesehen als Moholy aus einer Unmenge von Grautönen aus den Oswaldschen Farbenskalen die Nuancen heraussuchte. Es wurden vier verschiedene Graus gestrichen, teils etwas heller, teils etwas mit rosa gebrochen, teils etwas ins blau gehend. Aber diese Farbunterschiede waren so gering, dass sie gar nicht ins Bewusstsein traten. Alle vier Farben wirkten einheitlich. Die feinen Tönungen gaben nur etwas mehr Wärme und schienen mehr eine Wirkung des Lichtes zu sein als des Anstrichs. Der Fußboden wurde durchgehend ausgelegt, wofür wir unsern fraise-farbenen Velours aus der Bleibtreustr. dunkelgrau hatten färben lassen. Da er nicht ganz reichte, ergänzten wir ihn mit schwarz, was die Fläche angenehm unterbrach. Die zum Garten gehenden Fenster, die alle nach einer Front lagen, wurden durch eine lange Chromstahlschiene zusammengefasst, an der ein farbloser, faltenreicher seidener Vor­hang bis zur Erde herab hing. Wenn er vorgezogen war, so bedeckte er die Längs­front beider Zimmer, was eine warme und einheitliche Wirkung ergab. Ich sollte Dir ja nun auch die Möbel beschreiben, denn wir hatten die alten aus der Bleibtreustr. verkauft und neue anfertigen lassen, aber ich fürchte, Du wirst Dir doch kein Bild aus meiner Be­schreibung machen können. Wir haben noch ein paar Fotos von dieser Wohnung. Wenn sie Dich interessieren, so werde ich sie Dir später einmal genauer erklären. Du wirst viel­leicht schon jetzt aus meiner Beschreibung den Eindruck erhalten haben, was muss das für eine fade Wohnung sein, alles grau in grau. Aber das stimmt nicht. Die farblose Raumgestaltung gab gerade den besten Hintergrund für jede Farbwirkung. Wenn auf dem schwarzen Flügel eine schöne türkisfarbene Vase mit roten Blumen oder auf dem Tee­tisch mit der schwarzen Opalplatte ein orangenfarbener Teller stand, so wirkten diese Farben ungleich mehr als in einer farbigen Umgebung. So standen z.B. in dem Musik­zimmer ein länglicher Stahlrohrtisch mit einer roten Gummiplatte und eine Stuhlgarnitur mit einem schönen gelben Ripsstoff. Wenn wir Gäste hatten und die Schiebetür aufge­schoben war, sodass beide Zimmer in ihrer einheitlichen Gestaltung sich zu einem Raum zusammenschlossen, so lässt sich kein schöneres Bild denken. Gertrud hat einen beson­deren Schick, kleine Gesellschaften zu arrangieren, etwa einen Bockbierabend mit Münchner Hofbräukrügen, Holztellern und riesigen Würsten, oder auch in feinerer Art, wobei unser schönes gänzlich unverziertes Porzellan aus der Berliner Manufaktur und ganz feine ungeschliffene Kristallgläser auf dünnen Stielen serviert wurden. Man kann auch ohne diese Dinge leben, aber doch ist es etwas Schönes um schöne Gegenstände und ich hoffe, Du wirst auch einmal zu denen gehören, die schöne Formen und Farben lieben, wozu ja nicht nötig ist, alles zu besitzen. In der Schlachtensee-Wohnung war aber auch für Euch Kinder gesorgt. Du hattest ein helles freundliches Zimmer mit 2 aller­liebsten, aber etwas unpraktischen Spielbänken, die von Gropius entworfen waren. Zwi­schen Deinem und dem Schlafzimmer der Kinder war ein kleiner Raum für Euch zum Spielen. Dort waren die Wände mit schwarzem Linoleum bekleidet, sodass man mit Kreide direkt an die Wand zeichnen konnte, wovon die Kinder reichlich Gebrauch machten. Um den düsteren Eindruck der dunkeln Fläche auszugleichen, war die Decke hellrot gestrichen, was sehr lustig wirkte und im kleinen Raum erträglich war. Im Som­mer spieltet ihr natürlich im Garten, wo die Turngeräte aufgebaut waren und für Dich eine Kinderschaukel bereit hing. So manchen Tag hast Du in der Sandkiste gesessen und Kuchen gebacken, bis Du völlig mit Sand beschmiert warst. Du konntest nun schon laufen, wenn Du auf Deinen dicken und noch etwas krummen Beinchen auch noch nicht ganz sicher standest. Die Kinder hatten einen großen Trainingball, fast so groß wie Du selbst, den Du vor Dir hergetrieben hast. Es war nicht ganz leicht für Dich, ihn zu fassen. Immer wenn Du zugreifen wolltest, rollte er weiter, und so warst Du beschäftigt. Aus dieser Zeit findest Du viele Fotos. Gleichzeitig mit Deinen ersten Sprechversuchen zeig­ten sich auch Deine ersten Willenshandlungen. Du hattest entdeckt, dass in meinem Zimmer in einem Fenstererker eine Kiste mit Weintrauben stand. Du hattest auch schon herausgefunden, dass Weintrauben eine gute Sache sind und wolltest natürlich mehr davon essen, als Dir gut tat. Wann immer Du einen Augenblick unbeobachtet warst, so krochst Du leise und verstohlen in mein Zimmer an die Traubenkiste und wir hatten alle Mühe, Dich in Grenzen zu halten. Um diese Zeit packte Dich die Idee barfuß gehen zu wollen. Wir glauben, dass Du mich einmal ohne Schuhe gesehen hattest, und nun warst Du nicht mehr zu bewegen, Schuhe anzulegen. „Will die Nate bassfuß dehen!“, erklär­test Du kategorisch, und hier bedurfte es aller psychologischen Diplomatie, um Dir diese fixe Idee wieder auzutreiben. Ich glaube, Gertrud erreichte es dadurch, dass sie Dich auf das Vergnügen lenkte, in Vatis großen Spreekähnen herumzulaufen. In dieser Zeit zeig­test Du auch, dass Du ein kleiner Schlaumeier sein kannst. Du warst ein großer Freund von Fleisch, besonders Wurst, von der Du gelegentlich etwas bekamst, aber nicht soviel essen solltest. „Will di Nate Wurst ham, Wurst sund!“ Sicher hattest Du von andern Sachen einmal sagen hören, sie seien gesund, und wolltest uns nun mit diesem Argument ködern. Erwachsenen gegenüber zeigtest Du ausgesprochene Neigungen und Abnei­gungen. Einmal war Gertruds Jugendfreundin Lilly Teichmüller bei uns, eine große starke Frau, die Dir aus irgendeinem Grunde nicht gefiel. Sie saß im Sessel und lockte Dich mit den süßesten Tönen. Du standest in etwa 3 Schritt Entfernung von ihr und schautest sie misstrauisch mit Deinen großen schwarzen Guckern an. „Renatli, mein Süßes, komm doch einmal zur Tante Lilly“, flötete sie und streckte beide Arme nach Dir aus. Noch immer standest Du schweigend und unbeweglich. Schließlich kam ein ener­gisches „Nein“ aus Deinem Munde, so abweisend und endgültig, dass die gute Lilly jeden Versuch aufgab und ganz beeindruckt sagte: „Das war aber deutlich; da weiß man woran man ist!“ Wir respektierten solche Äußerungen und quälten Dich nicht, zu der Tante liebenswürdig zu sein, wenn Du es nicht von Dir aus wolltest. Wie wir überhaupt immer uns bestrebten, Dich ernst zu nehmen. Es ist leider der Fehler vieler Eltern, dass sie ihre Kinder nicht ernst nehmen. Wie oft sieht man hier in den Straßen Frauen, an deren nach hinten gezogenen Arm ein brüllendes, krebsrotes, hilflos revoltierendes Menschlein hängt, das sich vergeblich mit seinen Wutausbrüchen gegen die völlig acht­los weitergehende Mutter stemmt, die sich mit ihrem Mann oder Begleiter in liebenswürdigster Weise weiter unterhält, als gehörte jenes schreiende Anhängsel gar nicht zu ihr. Wenn sie überhaupt von ihm Notiz nimmt, was meistens gar nicht der Fall ist, so nur um es kurz anzuschreien oder ihm einen Katzenkopf zu geben, was das Geschrei natürlich verdoppelt, bis es endlich durch Ermüdung oder Aussichtslosigkeit verstummt. Wieviel Lebenswille, wieviel selbständige Kraft geht in diesen ungleichen Kämpfen zugrunde! Ich will uns hier nicht rühmen mit unserer Erziehungsmethode – für gebildete Menschen sollte das ja eine Selbstverständlichkeit sein –, aber man kann nicht früh genug beginnen, das Kind als einen vollwertigen Menschen zu nehmen. Wenn wir Dich auch nicht zu etwas, was Du nicht wolltest, gezwungen haben, so versuchten wir doch, Dich zu lenken. Und nichts ist ja leichter, wenn man etwas Fantasie hat. Und in diesem Punkt war Gertrud unübertrefflich. Wollte mein Renatli etwas nicht, was doch eben absolut notwendig war, so machte Gertrud ein Spiel daraus, und schon tatest Du das mit Freude, wozu Du vorher durch kein Bitten zu bewegen warst. Allerdings scheute sie auch keine Mühe, wenn es nicht mit so einfachen Mitteln zu erreichen war. Damals begannen plötzlich Deine Schlafstörungen. Während Du sonst regelmäßig bald nach dem Ins-Bett-Gehen einschliefest, warst Du eines Tages, als wir nachschauten, ob Du eingeschlafen warst, völlig munter und verlangtest, aufzustehen. Die üblichen Beruhigungsmittel verfingen nicht. Nun hätten wir ja einfach die Tür schließen und Dich Deinem Schicksal überlassen können, aber wir sahen, dass in Dir ein Angstzustand war, dessen Ursache wir nicht kannten. Wir nahmen Dich daher noch einmal auf, ließen Dich herumspringen und dachten, wenn Du Dich nach kurzer Zeit müde gelaufen hast, so wirst Du schon einschlafen. Aber Renatli sprang herum, dachte aber nicht daran, müde zu werden. Wir legten Dich noch einmal ins Bett und warteten ängstlich auf die gleichmäßigen tiefen Atemzüge des Schlafs – vergeblich. Ich setzte mich an Dein Bett und las Dir Geschichten vor. Du hörtest sie mit Vergnügen an, dachtest aber nicht an Schlaf. Von Zeit zu Zeit löste ich mich mit Heta ab. Du weißt doch noch, wer Heta war? Sie kam als Flicknäherin gelegentlich zu uns ins Haus. Zuerst mochte ich sie gar nicht leiden, sie war so ein grauer Staub von einem Menschen. Aber als ich sie näher kennen lernte, zeigte es sich, dass sie ganz helle war, wie der Berliner sagt. Sie war eine stille Beobachterin, die die Menschen kannte und mit ihrem drastischen Urteil oft den Nagel auf den Kopf traf. Dazu hatte sie einen wundervollen Berliner Humor und viele ihrer komischen Redensarten haben Anne und Hanns in Erinnerung behalten. Sie hat Dich sehr lieb gehabt, und wenn sie am Leben geblieben ist und Du die Möglichkeit hast, sie später einmal aufzusuchen oder ihr zu schreiben, so tue es. (Ihre Adresse ist: Hedwig Derwischowski, Berlin-Charl., Ausbacherstr. 20/21.) Sie hat es um Dich verdient und hat Dich sicher nicht vergessen. Damals also setzte sich auch Heta an Dein Bett. Sie hatte ein ruhiges Wesen und sprach mit Dir mit einer suggestiven einschläfernden Stimme oder schwieg. Alles umsonst. Wir gaben Dir ein leichtes Schlafmittel, es blieb ohne Wirkung. Es wurde 10 Uhr, 12 Uhr. Renatli war so munter, als wäre es Mittag. Wir riefen den Kinderarzt an und fragten um Rat. Er war ein vernünftiger Mann, beruhigte uns, da solche Zustände öfters bei sensiblen Kindern auftreten, wenn sie irgendeinen Schock, sei es durch einen Traum, sei es durch ein angstverursachendes Geräusch etc. erlitten hätten. Wir sollten Dich aufnehmen und tun lassen, was Du wolltest. Wir hätten uns sicherlich schon manche Nächte zum Vergnügen um die Ohren geschlagen, nun sollten wir es eben einmal für unser Kind tun. Wir handelten danach und ließen Dich im Zimmer herumspringen während Gertrud und ich immer müder und schläfriger wurden, wurdest Du immer ausgelassener und lustiger. Ich legte mich aufs Sofa, zeigte Dir durch Gähnen und Liegen, wie müde ich sei, aber es war nur das Signal für Dich, auf mir herumzuklettern und auf mir zu reiten. Wir wurden ganz verzweifelt, denn Deine Munterkeit nahm einen unnatürlichen Grad an. Du sprangest wild im Zimmer herum, warst gar nicht zu bändigen und fingst an, etwas un­sicher zu torkeln. Plötzlich geschah etwas, das uns einen furchtbaren Schrecken ver­setzte. In einer Ecke des Zimmers stand eine große stachelige Blattpflanze. Bei einer Deiner wilden Drehungen verlorst Du das Gleichgewicht und fielst direkt mit dem Gesicht in die Stacheln. Welcher Engel Dich damals bewahrt hat, weiß ich nicht, aber es war fast ein Wunder, dass Du nicht die geringste Verletzung davon trugst. Trotzdem musst wohl auch Du einen Schreck bekommen haben, denn plötzlich verändertest Du Dein Wesen, es schien eine Krisis einzutreten, wir legten Dich aufs Sofa und von einer Sekunde zur andern warst Du in Schlaf gefallen. Wir atmeten erleichtert auf – es war nach 2 Uhr nachts. Vorsichtig trug ich Dich ins Bett hinüber um ja den kostbaren Schlaf nicht zu gefährden. Wenn wir nun dachten, jetzt würdest Du an Schlaf nachholen, was Du versäumt hattest, und bis in den nächsten Mittag hineinschlafen, so irrten wir uns. Schon um 6 Uhr morgens warst Du wieder munter. An den folgenden Tagen wiederholte sich das Gleiche, wenn auch nicht in ganz so krasser Form. Wir versuchten alles Erdenk­liche. Wir verließen abends das Haus, um Dir keine Stütze für das Wachbleiben zu geben – umsonst. Da Du im Fahren gewöhnlich leicht einschliefest, packten wir Dich eines Nachts in eine Decke und fuhren zu mitternächtlicher Stunde mit Dir spazieren, beim ersten Mal mit gutem Erfolg, bei Wiederholungen jedoch mit Miss­erfolg. Auch war dies ja kein Mittel, das zur Dauerpraxis geeignet war. Auf den Rat des Arztes hin, der einen Wechsel der Umgebung empfahl, gaben wir Dich auf 14 Tage in ein in der Nähe gelegenes Heim, wo Du Dich sehr leicht der dort bestehenden Ordnung einfügtest, in dem Du dem Beispiel der andern Kinder – bekanntlich stets das beste Erziehungs­mittel – folgtest. Als Du wieder ins Haus zu uns zurückkehrtest, war die Erinnerung an die Zeit der Störungen verblasst und später traten nie mehr erhebliche Schwierigkeiten ein. – Nachdem wir gesehen hatten, welche gute Wirkung das Zusammensein mit andern Kindern auf Dich hatte, versuchten wir, Dir auch bei uns im Hause Gesellschaft zu ver­schaffen. Gertrud arbeitete um diese Zeit als Kindergärtnerin in einem im Arbeiterviertel Berlins gelegenen Städtischen Kindergarten. Teils von dort, teils aus unserer Gegend brachte sie Dir kleine Spielgefährten, die bei uns wohnten oder zu Mittag aßen. Sodass manchmal eine kleine Gesellschaft von 3–4 Krümeln beisammen saß und den Brei mehr oder weniger dick übers Gesicht geschmiert hatte. Gertrud hat besonders in jener Zeit Deine Entwicklung sehr gefördert. Ich betrachte es als großes Glück für Dich, dass Du eine Mutter hast, die in den entscheidenden ersten Jahren, statt sich auf eine bloße Affenliebe zu beschränken, aktiven Anteil an den Aufgaben genommen hat, die Du zu bewältigen hattest. Sie war mit den Theorien von Fröbel, Montessori u.a. vertraut und hatte Erfahrung in der praktischen Anwendung gesammelt. Sie wusste, dass ein Kind sich nicht von selbst, oder dann nur sehr schwer und durch glückliche Umstände, zum Menschen entwickelt, sondern dass man es in seiner Arbeit, die die meisten gar nicht sehen, unterstützen muss. So übte sie mit Dir den Gebrauch der Sinnesorgane. Sie gab Dir verschiedene Materialien in die Hand, Holz, Stein, Metall, Glas etc. und lehrte Dich die Unterschiede, bis Du mit geschlossenen Augen, nur durch Tasten der Oberfläche, den Stoff unterscheiden konntest. Sie zeigte Dir Farben nebeneinander und prüfte Dich, wie weit Du feine Unterschiede wahrnehmen konntest. Sie gab Dir Klötze verschiedener Größe in die Hand, die in entsprechende Löcher passten und übte mit Dir, bis Du auf ersten Anhieb das richtige Loch fandest. So lerntest Du im Spiel Größen abzuschätzen. Sie bildete Deine Fingergeschicklichkeit aus, indem sie Dich Knoten aller Art aus hüb­schen farbigen Bändern machen und aufknüpfen ließ. Sie brachte Dir einen sicheren Gang bei, indem sie Dir ein Gefühl für die Unterlage weckte, wobei gleichzeitig das Gehör mitarbeitete. So wurdest Du mit Bewusstsein auf das Knirschen des Schnees, das Knistern des Sandes und das Klappern der Steine gelenkt. Alles das geschah zwar mit Methode, aber nicht als Unterricht, sondern als Spiel, sodass Du gar nicht merktest, dass Du dabei etwas lerntest. Wenn ich heute höre, dass Du geschickt im Nähen bist, wenn ich mich erinnere, welche für ein Kind erstaunliche Bedeutung Farben für Dich haben, so bin ich überzeugt, dass die bewusste Pflege Deiner erwachenden Sinne einen großen Anteil an der Ausbildung dieser Fähigkeiten hat. Besonders auffällig war Farbensinn. Zuerst hattest Du eine ganz ausgesprochene Vor­liebe für rot. Andere Farben nahmst Du gar nicht auf. Aber rote Blumen, rotes Glas, rote Bänder, rote Farbstifte erregten Dein Entzücken. Später trat gelb in Konkurrenz zu rot und erst ganz ganz viel später erregten grün und blau Dein Interesse. Nie aber war die Farbe etwas Gleichgültiges für Dich. Wenn Du in einem Geschäft einen Bleistift oder sonst einen kleinen Gegenstand für Dich auswähltest, so war die Farbe ein Gegenstand schwerer Überlegungen und die Wahl zwischen einem goldglänzenden oder einem leuchtend roten Stift wurde Dir so schwer, dass wir sie Dir meist dadurch erleichterten, dass wir Dir beide kauften. Damit war aber die Beschäftigung mit diesen beiden Farben nicht erledigt, sondern der Gebrauch des einen oder andern erfolgte mit Bedacht je nach Zweck und Stimmung.

 

 

12/5.42 Während Du so in einer behüteten Umgebung aufwuchsest, zogen sich die Wolken am politischen Himmel zusammen und im April 1933, als Du also etwa 2 1/2 Jahre alt warst, erfolgte die große Umwälzung in Deutschland, in deren Folge sich die Welt unter Krämpfen und Kämpfen verändert und die für unser persönliches Schicksal so weittragende Bedeutung bekam. Niemand konnte schon damals voraussagen, wie die Dinge kommen würden und selbst die pessimistischsten Erwartungen in unsern Kreisen blieben hinter den folgenden Ereignissen zurück. Aber wir hatten ein dunkles Gefühl für das drohende Unheil, besonders Gertrud mit ihrer Witterung für Gefahren. Sie hatte nur einen Gedanken, Dich in Sicherheit zu bringen und möglichst auch die andern Kinder. Das letztere war nicht so leicht, da sie sich gerade bei Dr. S. befanden, aber mit großer diplomatischer Geschicklichkeit gelang es Gertrud, zunächst Anna frei zu bekommen, und so fuhr sie am 2. April 1933 mit Euch beiden nach der Schweiz, eine für Dein weiteres Leben bedeutungsvolle Reise, denn seither hast Du Deutschland nicht wiedergesehen, während Dein Denken und Fühlen und Deine Sprache in der Schweiz verankert ist, die Dir zur eigentlichen Heimat geworden ist. Ich sehe Dich noch vor mir, wie ich Dich an die Bahn brachte (denn ich konnte nicht mitfahren), in einem kleinen kurzen Mäntelchen und einem runden braunen Hütchen unter dessen Krempe Deine schwarzen Ponny-Haare hervorguckten. Die Fahrt mit Dir soll kein Vergnügen gewesen sein. Ihr fuhret in einem Schlafwagen und das war natürlich etwas ganz Neues und Ungewohntes für Dich, mit dem Du Dich nicht so leicht abfinden konntest. Da in einem Schlafwagen-Abteil nur 2 Betten sind, so musstest Du entweder bei Mutti oder bei Anna liegen. Aber liegen entsprach kaum der Situation, da Du andauernd wach wurdest, Dich aufsetzten wolltest, strampeltest, mit dem engen Raum und dem Gerassel der Bahn nicht zuecht­kamst und schließlich durch den mangelnden Schlaf weinerlich wurdest, und durch keinerlei Mittel stille zu bekommen warst. Alle Beteiligten waren wohl froh, als das Reiseziel wenigstens das vorläufige erreicht war, von dem nur noch eine einstündige Fahrt mit einem Postauto zu machen war, um an den zunächst gewählten Bestimmungsort, das schön gelegene Flims, zu gelangen. Im Postauto gewannst Du die Zuneigung einer dicken Frau, die wir später als Frl. Stirzel näher kennen lernten und die Dich unbedingt auf ihrem Schoß haben wollte. Es muss Dir dort nicht übel gefallen haben, denn kaum hatte sie Dich zu sich genommen, als Du an ihrem mächtigen Busen sanft und lieblich eingeschlafen warst und nicht eher aufwachstest, als bis Flims erreicht war. Dort brachte Euch Gertrud in einem hübsch gelegenen Kinderheim unter, nahm in aller Eile Abschied und kehrte noch in der gleichen Nacht nach Berlin zurück, wo inzwischen Boycott-Aktionen gegen jüdische Geschäfte stattgefunden hatten. Nach allem, was wir hörten, hast Du Dich schnell in die neue Umgebung eingewöhnt, was Dir durch die Gesellschaft anderer Kinder erleichtert wurde. Wir waren recht froh darüber, denn die plötzliche Trennung von Dir wurde uns doch recht schwer. Sehr ungehalten über Deine Abreise war Dein Großvati, der eine solche Vorkehr für ganz unnötig und nichts als Kosten verursachend hielt. „Einem Kind geschieht hier nichts, ich garantiere dafür!“ Der arme Großvati, er war im Leben immer schnell bei der Hand Garantien zu geben und nicht immer konnte er sie einhalten. Es gab noch jemand, der mit der Reise unzufrieden war und das war Anne. Erst nach vielen Jahren hat sie uns gestanden, wie schwer es sie verletzt hat, dass sie Knall und Fall Berlin verlassen musste in dem Glauben, nur für kurze Zeit zu verreisen, während es in Wirklichkeit eine Auswanderung für immer war: von keiner ihrer Freundinnen hatte sie Abschied genommen. Nun war es ja aber so, dass auch wir uns zunächst gar nicht darüber klar waren, was weiter geschehen sollte. Wir hatten spontan auf die Gefahr reagiert und Euch zunächst an einen sicheren Ort gebracht. Die Frage, ob ihr zurückkommen oder wir Euch nachfolgen würden, war noch ganz offen. Für das erstere musste die Entwicklung der Verhältnisse abgewartet werden und das letztere war durchaus nicht so einfach, denn was sollte mit den ganzen geschäftlichen Unternehmungen in Deutschland werden? Allerdings hatten wir damals den Wunsch und die Hoffnung, dauernd nach der Schweiz übersiedeln zu können, aber zunächst war ja noch unklar, wie sich Dr. S. verhalten würde, der zu einer dauernden Trennung von Anne und Hanns durchaus nicht bereit war. Hanns und Margot waren ja noch in Berlin, aber Hanns war mit der Trennung von Anne gar nicht einverstanden und führte ein solches Theater auf, dass Dr. S. sich nach kurzer Zeit entschließen musste, ihn nach Flims nachzusenden, auch noch zunächst in der Meinung, dass dies eine vorübergehende Maß­nahme sein würde. In der Folge kamen uns dann die politischen Zustände in Deutschland zu Hilfe, sodass mit der Zeit der transitorische Zustand Eures Schweizer Aufenthaltes sich in einen dauernden verfestigte. Gleichzeitig bemühte ich mich in Berlin, die geschäftlichen Verpflichtungen in einer Weise abzuwickeln, die uns die Ausreise nach der Schweiz erlaubte. Die äußerst verwickelten und zum Teil schmerzlichen Ereignisse werde ich Dir vielleicht noch am Schluss erzählen, Jetzt will ich weiter in Flims mit meiner Erzählung bleiben. Nachdem Du etwa 6 Wochen in Flims warst, besuchten wir Dich über die Ostertage. Lena und ihr Mann begleitete uns. Ich sehe uns an einem schö­nen sonnigen Tag auf einem Wiesenhügel zwischen Blumen und Gräsern herumspringen. „Sieh einmal, Renatli“, sagte Tante Lena, „ich habe hier ein Stück Papier, da wollen wir einen Stein hineintun. Bring mir mal einen recht schönen Stein.“ Dabei zog sie ein leeres Briefcouvert aus der Tasche und hielt es Dir hin. Du gingst auf die Suche nach einem Stein mit dem Ernst, den eine so wichtige Aufgabe erfordert, prüftest genau und konntest Dich durchaus nicht so schnell entschließen, welchen von den zahlreichen Steinen Du wählen solltest. Nachdem Du eine große Menge in Erwägung gezogen und wieder ver­worfen hattest, brachtest Du endlich ein Prachtexemplar von einem Stein, ein Monstrum, das nun ein Vielfaches größer war als das Couvert, etwa von dem Umfang Deines Kopfes. Deine große Mühe – denn Du hattest es nicht leicht, den schweren Brocken heranzuschleppen und keuchtest und pustetest beträchtlich – wurde nun mit einem großen Gelächter quittiert und es scheint, dass zur damaligen Zeit die Montessori-Übungen in Vergessenheit geraten waren. Wir verließen Flims in der Überzeugung, Dich an einem gesunden, schönen und ruhigen Ort wohl aufgehoben und geborgen zu wissen, wenngleich wir Dir eine andere Umgebung als die eines Kinderheims gewünscht hätten. In Berlin erwartete uns eine schwere Zeit und es dauerte 3 Monate, bis wir wieder zu Dir fahren konnten. Inzwischen hatte es für Dich einige Änderungen gegeben. Schon beim ersten Besuch haben wir Vorbereitungen getroffen, um Euch in einer kleinen Privatwohnung unterzubringen. Jenes dicke Frl. Stirzel, auf deren Schoß Du einge­schlafen warst, führte die Geschäfte und den Haushalt eines unglücklichen alten Fräuleins, das durch eine Krankheit sehr entstellt war. Das ganze Gesicht war durch Facialis-Lähmung verzerrt, der Kopf wackelte fortgesetzt, die Sprache war gelähmt und sie konnte sich nur durch heisere, unartikulierte Laute verständlich machen. Dieses Frl. Wüest war Besitzerin eines Ladens, in dem es alles – von Schreibwaren bis zu Kon­fektion – zu kaufen gab. Überdies aber hatte sie ein kleines Häuschen – außer einem größeren, in dem sie selbst wohnte – und in diesem mieteten wir 2 Zimmer für Euch. Ein junges Fräulein, eine Pfarrerstochter mit guten Empfehlungen wurde zu Euch geschickt und führte die Wirtschaft. Leider wirtschaftete sie hauptsächlich in ihre eigene Tasche und wir mussten sie bald entlassen. Aber bei unserem zweiten Besuch in Flims war sie noch dort. Wir stiegen nach unserer Ankunft im Hotel ab und gingen sofort zu dem ganz in der Nähe gelegenen Häuschen hinüber. Schon auf dem Weg sahen wir Dich von weitem, wie Du ein kleines Wägelchen, in dem Du wohl selbst gefahren wurdest, vor Dir herschobst. Als Du uns erblicktest, ließest Du Dich nicht im geringsten stören. Es gab keine Überraschung, keine Wiedersehensfreude, keine Begrüßung, sondern nur einen Ausruf „Ich fahr da Wagen!“ und ein vor Stolz geschwelltes und vor Eifer strahlendes Gesichtlein. Ich muss sagen, dass ich mir eine andere Begrüßung auch gar nicht gewünscht hätte. Sie zeigte, dass Du voll und ganz bei der Sache warst und Dich zu Hause fühltest und dass unsere Gegenwart ganz selbstverständlich in Deine Tätigkeit einbezogen wurde. Dieser Eindruck wurde im weiteren bestätigt. Hatten wir zuerst, als wir die Wohnung mieteten, Bedenken gehabt, der Anblick des armen Frl. Wüest, die mit ihrem Krückstock wirklich einer alten Hexe bedenklich ähnlich sah, könnte Dich er­schrecken, so zeigte sich, dass Du nicht die geringste Scheu vor ihr hattest, sondern freundlich zu ihr warst wie zu jedem andern Menschen. In dem Häuschen wohnte eine sehr arme Familie, Kimmeyer mit Namen, die 5 Kinder hatten in allen Altersstufen. Hannes und Du, Ihr fandet willkommene Spielgefährten an ihnen. Außerdem aber hiel­ten sie Schweine und eine Sau hatte gerade geworfen. Mit großer Freude zeigtest Du mir die quickenden kleinen Ferkel. Schon zu dieser Zeit zeigte sich bei Dir eine außer­ordentlich starke Liebe zu den Tieren. Da war ein kleiner Hund, der dem Hotel gehörte und ein junges schwarzes Kätzchen und ein größeres braunes und ein ganz großes weißes. Du konntest niemals eines dieser Tiere sehen, ohne es auf den Arm zu nehmen, an Dein Gesicht zu drücken und zu liebkosen. Dabei konntest Du noch nicht das Maß Deiner Zärtlichkeit der Gefühlskapazität der Tiere anpassen und wir mussten aufpassen, dass Deine Liebkosungen nicht in Tierquälerei ausarteten. So ein armes Busilein ver­suchte manchmal mit kläglichem Miauen, sich aus Deiner Liebesumklammerung zu be­freien, aber im großen Ganzen müssen die Tiere doch Deine Zuneigung gespürt haben, denn sie kamen immer wieder zu Dir gelaufen und nie wurdest Du müde, Dich mit ihnen zu beschäftigen. Zu Deinen Freunden gehörten auch die Ziegen, die jeden Nachmittag zur festgesetzten Stunde mit großem Gemeckere und vielem Geklingel ihrer Glöcklein die Dorfstraße entlang kamen. Einmal kurz vor unserer Abreise erkundigten wir uns im Hotel nach den Zügen. „Die Ziegen“ sagtest Du, kommen um 4 Uhr hier vorbei“. Du warst so bei Deinen Freunden, dass Du stolz warst, mit Deiner Kenntnis in das Gespräch eingreifen zu können. Auch die großen Kühe fanden Deine Bewunderung und Du konntest Dich nicht von ihnen trennen, wenn sie am Abend am Brunnen tranken. Mit Deinem Aufenthalt in Flims wurde unfreiwillig einer der größten Wünsche Deiner Mutter für Dich erfüllt. Gertrud hatte vom ersten Tag Deiner Geburt an gesagt: „Dieses Kind muss auf dem Land aufwachsen, ihr Gesicht muss mit dem Landstempel geprägt werden“. Und Du hast wirklich die Luft des Landes voll und ganz in Dich aufgenommen und aus Deinen Augen leuchtet die Stimmung der Berge und die Weite der Wiesen. Als Du das erste Mal nach St. Gallen kamst und mit Gertrud durch die Straßen gingst, sagtest Du: „Mutti, hier haben wir ja gar keinen Platz!“ Das sagtest Du, ein kleiner Dreikäsehoch, der kaum an Mutters Rockzipfel reichte, als Du auf dem großen und geräumigen St. Galler Marktplatz standest. Aber die Häuser versperrten Dir den Blick, der gewohnt war, in die Weite zu schweifen über ausgebreitete Täler und bis an schnee­bedeckte Berge, und Du fühltest Dich beengt. Wie wichtig war dies Gefühl, und was für ein echtes Landkind war aus dem kleinen Berliner Pflänzchen geworden. Als es zum Winter ging, mussten wir die Wohnung wechseln, da sie keine Heizung hatte. Wir fanden Unterkunft im Hause Konditorei Ruopp. Diese wurde von einem jungverhei­rateten Ehepaar geführt. Der Mann war ein fauler Schniegel und die Frau eine gedrückte unglückliche Person mit einer roten Nase, die der Mann wohl in Kauf genommen hatte, in Anbetracht der dem Schwiegervater gehörenden bekannten und sehr rentablen Condi­torei Usenbenz in Zürich. Die Frau wünschte sich sehnlichst ein Kind, das nicht kommen wollte und wandte zunächst Dir ihre ganze Zärtlichkeit zu. Das war nun keine schlechte Bekanntschaft für Dich, denn Du warst selten bei ihr, ohne ein Stück Kuchen, ein Gutzli, Schokolädli oder einen Schleck zu erhalten. Um diese Zeit wurdet ihr von Frau Pinthus betreut, eine jüdische Witwe, die einst bessere Tage gesehen hatte, in der Erinnerung an ihre „feine“ Zeit lebte und von dem Wunsch beseelt war, ihren Begriff von Freiheit in unser bäuerliches Heim zu übertragen. Dafür hatten wir aber gar kein Verständnis und niemand von uns konnte sie leiden, sodass eine baldige Trennung erfolgte. In dieser Not sprang Heta ein, die für längere Zeit nach Flims kam. Mit ihrer Anwesenheit waren wir alle glücklich, denn sie gehörte nun schon etwas zur Familie und wir wurden nicht müde, ihrem drolligen mit Berliner Humor und polnischem Mutterwitz gewürzten Schnurren zuzuhören. Damals zogen wir nochmals um, und zwar in das im Wiesengrund sehr hübsch gelegene Häuschen der Herrn Casanova. Dieser machte seinem berühmten Vor­gänger Ehre, indem er in seine Fußstapfen trat, wenn auch in bäuerischer Manier, und Heta, die sehr schnell die häuslichen Verhältnisse durchschaute, hielt uns auf unseren Besuchen über die diversen Abenteuer und Erlebnisse auf dem Laufenden. Heta unter­hielt selbstverständlich auch mit allen Nachbarn Kontakt und legte sogar einen Flirt mit der „Spekulation“ an. So hieß ein Bauer, resp. so wurde er von den Kindern genannt, denn dieser pfiffige Kopf hatte ein in der Nähe gelegenes Grundstück gekauft, das zwar wenig geeigneten Ackerboden, dafür aber eine felsige Erhebung hatte, von der er sich einen zukünftigen Anziehungspunkt für die Fremden versprach. Du warst in dieser Zeit von großer Unbefangenheit. Als Du einmal mit Heta spazieren gingst, begegnete Euch auf der Dorfstraße ein alter Mann mit langen Künstlerhaaren. So etwas hattest Du noch nicht gesehen. Du bliebst vor ihm stehen, schautest lange verwundert zu ihm auf, zeigtest mit dem Finger auf ihn und sagtest schließlich ganz laut, zum Gaudium der Umstehen­den und zum Schrecken von Heta: „Du, Mann, Du siehst ja aus wie eine Frau!“ Was der alte Herr dazu gesagt hat, weiß ich nicht. Deine Sprache war zu dieser Zeit eine Mi­schung von berlinerisch und graubündnerisch. Für die Wachhaltung des Berliner Akzen­tes sorgte Heta, die mit „mir“ und „mich“ auf dem Kriegsfuß stand, und Du setztest manches arglose Gemüt in Verwunderung, wenn Du, bevor Du mit Heta ausgingst, um Besorgungen zu machen, mit dem Brustton der Überzeugung sagtest, Du gingst jetzt „auf Tour“. Die grisonische Note stammte jedoch von Hugo, dem kleinen Söhnchen der „Spekulation“, der Dich sehr gern hatte und dessen dumpf rollendes „R“ einen so großen Eindruck auf Dich machte, dass Du dazu übergingst, ihn nachzuahmen. – Wir waren inzwischen ebenfalls nach der Schweiz übergesiedelt, hatten aber noch keine Aufenthaltserlaubnis, sodass wir unsere Möbel, die in St. Gallen im Zollfreilager lagen, nicht hereinnehmen und keine Wohnung mieten konnten. Bevor wir aber nicht sicher waren, in der Schweiz bleiben zu dürfen, wollten und konnten wir Euch nicht nach St. Gallen nehmen. Wir führten in dieser Zeit ein schweres und unruhiges Leben (wann taten wir das nicht, nachdem wir in die Schweiz gekommen waren), waren bald in Zürich, bald in Basel, bald in Lausanne und Genf und dazwischen wieder in St. Gallen, wohnten in Hotels und möblierten Zimmern, befanden uns aber mehr im Auto als im Ruhestand. Zu Dir fuhren wir so oft es irgend möglich war, fast jedes Wochenende. Kein Schnee, kein Regen, kein Frost hielt uns zurück. Sowie wir mit der Arbeit fertig waren, holten wir unsere damals schon recht baufällige, aber immer noch wacker laufende Karre aus der Garage, packten unsere Sachen und, was wichtiger war, einen großen Essvorrat zusammen, und fuhren los. Wir brachten nämlich nach Möglichkeit Esswaren für Euch mit und der Wagen war stets bis obenhin voll geladen mit Kisten und Körben und Schachteln, in denen Früchte, Kartoffeln, Gemüse, Konserven und der Sonntagsbraten waren. Im Winter wurden dann noch unsere Ski darauf gebunden, sodass die Fuhre manchmal ein abenteuerliches Aussehen hatte. Wie oft konnten wir erst abends um 8, 9 oder gar 10 Uhr aus St. Gallen wegfahren, sodass wir nach Mitternacht in Flims ankamen. Wie oft wurden wir durch Zwischenfälle aller Art aufgehalten, kamen in Nebel und gerieten vom Wege ab, hatten eine Reifenpanne und keinen Reservepneu, die Batterie ging aus und wir konnten den Wagen nicht ankurbeln, wir kamen in ein Schneegestöber und der Schnee fror an der Windschutzscheibe an, sodass nichts mehr zu sehen war und wir alle 5 Minuten anhalten und die Scheibe reinigen mussten. Welche Tücken bot im Winter die Steigung von 600 m von Chur bis nach Flims! Dann war die Straße vereist und der Wagen schleuderte, und es kam doch darauf an, die Geschwindigkeit zu behalten, da die Steigung auf der glatten Fahrbahn trotz Ketten nur im Schwung zu nehmen war. Wollte es das Unglück, dass gerade an einer schmalen Stelle uns das dicke Postauto begegnete, so mussten wir scharf auf die Seite ausweichen, und schon staken die Seitenräder im tiefen Schnee. Wie gut habe ich noch das Geräusch in den Ohren, wenn die Hinterräder im Schnee auf der Stelle schleiften und keinen Halt finden konnten. Dann hieß es aussteigen, Schnee schaufeln, Decken als Reibungsfläche unter die Räder legen, aber wenn nicht das Glück ein paar kräftige Männer über den Weg schickte, die die Karre aus dem Dreck zogen, so gingen manchmal Stunden vorbei, bis wir wieder vom Fleck kamen. Wenn wir dann endlich mit kochendem Motor die Höhe erreicht hatten und das friedliche Flims sich vor unseren Augen auftat, so fiel uns ein Stein vom Herzen. Tief in der Nacht klopfen wir dann ans Häuschen und die verschlafenen Gesichter kamen eins nach dem andern heraus. Meist hattet Ihr schon seit Stunden gewartet und schließlich die Hoffnung auf unser Kommen aufgegeben. Auch an Dein Bett traten wir, und aus den Kissen und Decken arbeitete sich ein schlaftrunkenes Gesichtchen mit roten Bäckchen heraus, flüsterte „Vati! Mutti!“, fiel auf die Seite und schlief weiter. Hannes war gewöhnlich durch keine Störung aus dem Schlaf zu wecken, während Anne im Pyjama herumhopste und unbedingt wissen wollte, was wir alles mitgebracht hatten. Inzwischen machten wir unsere Betten, d.h. Betten ist übertrieben, wir hatten nämlich keine, sondern legten Matratzen aus Euren Betten auf den Fußboden und schliefen herrlich, denn nirgends war uns so wohl wie dort droben. Aber meist kamen wir nicht so schnell zur Ruhe, denn es gab doch soviel zu erzählen von jedem Einzelnen und Hetas Mundwerk ruhte keinen Augenblick. Am Morgen aber warst Du die erste, die in unser Zimmer kam und Vati und Mutti aus dem Schlaf riss. Wenn Du auf warst, gab es für uns keine Ruhe mehr. Dann zogen wir uns schnell an und während Mutti und Heta Frühstück machten, wobei alle Wirtschaftsfragen durchdiskutiert und alle Vorräte geprüft und begutachtet wurden, gingen wir beide in den Garten oder lasen eine Geschichte, denn Geschichten hörtest Du doch gar zu gerne. Meine Fantasie reichte gar nicht aus für Deinen Bedarf. „Vati, eine recht schöne lange!“, sagtest Du, und wenn ich dann von Prinzen und Königen, Hexen und Feen erzählt hatte, riefts Du: „Und nun noch eine!“ „Nein, Renatli, jetzt habe ich so eine lange erzählt, jetzt weiß ich keine mehr.“ „Dann nur eine Wörtchen Geschichte!“ Wer konnte da widerstehen? So entstand die Wörtchen-Geschichte, eine Erzählung von nur ein paar Sätzen, die die ständige Zugabe bei allen Gelegenheiten und vor allem vor dem Gute-Nacht-Sagen bildete. Zeitweise warst Du nicht zu bewegen, zu schlafen, ehe Vati nicht eine Geschichte und eine Wörtchen-Geschichte erzählt hatte und der gute Vati wusste schon gar nicht mehr, woher alle Ideen nehmen. Schließlich half ich mir, mit der Erzählung Schillerschen Balladen und ähnlichem. Die „Bürgschaft“ gefiel Dir sehr gut, aber den „Ring des Polykrates“ mochtest Du gar nicht, weil der ägyptische König zum Polykrates sagt: „Dein Freund will ich nicht länger sein!“ Das konntest Du nicht verstehen und fandest Du gar nicht nett. Aber ich greife etwas vor, das war in etwas späterer Zeit. Damals erzählte ich noch primitivere Geschichten und der Struwelpeter war stets beliebt, wobei wir jedoch die schrecklichen Sachen wie Daumenabschneiden etc. wegließen, obwohl Du das ganz in der Ordnung fandest. In einem Punkt warst Du sehr empfindlich, oder vielmehr in 2 Punkten. Du konntest absolut nicht vertragen, wenn man Dich nicht verstand, und noch weniger vertragen, wenn in Deiner Gegenwart geflüstert wurde. In beiden Fällen fingst Du sofort zu weinen an. Du verlangtest überhaupt unbedingte Aufmerksamkeit. Wurde in Deiner Gegenwart über etwas gesprochen, was zu Dir nicht in Beziehung stand, so wurdest Du ungeduldig und verlangtest, dass man sich mit Dir beschäftigte. Aber da wir Dich so selten sahen und Du auch uns so viel entbehren musstest, fanden wir diesen Anspruch durchaus berechtigt. Du warst damals natürlich noch ein großes Dummerchen (heute wage ich ja das nicht mehr zu sagen!). So entsinne ich mich an das erste Osterfest in Flims. Als fleißiger Osterhase hatte ich im Garten allerlei Eier gelegt und erklärte Dir nun, dass Du suchen solltest. Um es Dir zu erleichtern, nahm ich Dich an die Hand, führte Dich in alle mögliche Ecken und Winkel, dabei redend: „Hier ist nichts“ und „da ist nichts“ und „nun wollen wir aber mal dort nachsehen“ und wahrhaftig – dort hatte der Hase ein Ei gelegt. Große Freude – und das Spiel begann von Neuem. Immer führte ich Dich an ein, zwei Orte, wo nichts war und dann dorthin, wo Du etwas fandest. Als nun alle Eier zum Vorschein gekommen waren, wolltest Du aber noch gar nicht auf dies schöne Spiel verzichten. Was machtest Du? Du nahmst eins von den gefundenen Eiern und legtest es hinter einen Baum. Dann nahmst Du mich an der Hand (oder gingst auch alleine), gingst an 2–3 andere Bäume, sagtest mit dem Ausdruck größten Erstaunens „hier ist nichts“, „dort ist nichts“, bis Du schließlich auf den Baum zugingst, hinter den Du selbst das Ei versteckt hattest. Das Vergnügen bestand für Dich noch gar nicht im Finden, sondern Dir genügte vollauf das Herumlaufen an Stellen, wo Du wusstest, dass nichts war, um schließlich Dein eigenes Versteck zu finden. Das wiederholtest Du un­zählige Male, indem Du fast immer die gleichen Verstecke wähltest und stets an den gleichen Stellen vergeblich nachschautest, bevor Du Dir gestattetest zu finden“. Dieses Spiel zeigt so recht, dass für kleine Kinder das Vergnügen an einem Spiel oft ganz wo anders liegt als dort, wo es der Erwachsene vermutet. Als die Zeit der Maikäfer gekommen war, warst Du ein eifriger Sammler dieser Tierchen, die Du in ein Glas tatest und mit Blättern füttertest. Auch die Grillen liebtest Du sehr. Manche Stunden habe ich mit Dir im Gras gelegen und mit Halme diese Käfer aus den Erdlöchern hervorgestöbert. Du hattest gar keine Scheu, sie anzufassen, während ich mich etwas überwinden musste. Für Dich war jedes Tier etwas Lebendiges, ob es ein Regenwurm, eine Schnecke oder ein Frosch war. Gegen Ende Mai lagen die toten Maikäfer in Haufen herum. Einmal fandest Du einen halbzerfressenen. „Er ist lieb, aber halb!“ sagtest Du mit halb mitleidiger, halb Furcht beschwörender Stimme. Mit Heta gingst Du auch öfters in die Kirche, die katholische. Es gefiel Dir dort sehr gut, am meisten die zelebrierenden Messknaben. Doch konnte man mit Dir Überraschungen erleben. Als Du einmal eine Heiligenfigur bemerk­test, riefst Du laut in die Stille hinein: „Sieh mal, Heta, da hängt ein Männeken!“ Heta verließ fluchtartig die Kirche mit Dir. Auch andere Zwischenfälle gab es. Einmal als wir ankamen, war Margot, die damals zu Besuch oben war, mit beiden Händen in eine Glasscheibe gefallen und hatte sich fürchterlich geschnitten. Sie musste vernäht werden und diese Episode gab uns reichlich Gelegenheit, Dich vor solchen Dummheiten zu warnen, bis Du schließlich selbst den Kopf darüber schütteltest, dass die große Margot solche Dummheiten machen könne. Auch Hannsens Dummheiten wurden Dir als abschreckendes Beispiel vor Augen gestellt. Er hatte ja einmal als kleiner Junge in der Bleibtreustr. ein brennendes Streichholz in den Papierkorb geworfen, der in Flammen aufging, die bis an die Decke schlugen. Gertrud alarmierte die Feuerwehr und in wenigen Minuten erschienen 10 helmbedeckte, uniformierte Feuerwehrleute mit Schlauch und Spritzen, fanden aber nichts weiter als ein Häuflein Asche und einen ausgebrannten Papierkorb. Zum Trost bot ich dem Hauptmann eine Zigarre an, er nahm mit seinen mächtigen Händen gleich die ganze Kiste, sagte „Danke schön“ und verschwand. Diese Geschichte wurde Dir, pädagogisch zurechtgestutzt und mit Auslassung der Zigarren, oft erzählt. Hanns revanchierte sich und neckte Dich mit Deinen Dummheiten, aber ihr liebtet Euch sehr und der gute Junge ließ sich weidlich von Dir plagen. Aber auch der große Vati war nicht frei von Dummheiten, von denen Dir eine bald übel gekommen wäre. Es war im ersten Flimser Winter. Natürlich wolltest Du mit dem Rodel fahren. Wir setzten uns zusammen auf den Schlitten und fuhren eine leicht abschüssige breite Straße mit gemächlichem Auslauf hinab. Es war wirklich ein harmloses Terrain. Darum sagte ich Dir, nun solltest Du einmal allein fahren, wozu Du natürlich mit Freuden bereit warst. Ich stieß Dich ab und ging langsam hinterher, da der Schlitten von selbst nach kurzer Fahrt zum Stillstand kommen musste. Plötzlich aber – weiß der Teufel, aus welchen Gründen – machte der Schlitten eine scharfe Wendung nach links und fuhr auf ein seitliches Eisengitter zu, hinter dem es 2–3 Meter senkrecht hinabging. Die Eisenstangen waren quer gezogen und in so weitem Abstand, dass Du unter der untersten Stange hindurchfahren und in den Abgrund stürzen musstest. Ich rannte, was ich konnte, um Dich einzuholen und erwischte Dich eben noch an der Achsel Deines glücklicherweise sehr weiten Skianzuges, der mir durch seine Fülle einen guten Griff bot, als Du gerade im Abkippen warst. Der Schlitten sauste hinab, aber Dich hatte ich fest am Wickel. „Himmeldonnerwetter, das war dichte bei!“ sagte ich aufatmend und mit leichtem Gruseln, wenn ich denke, was hätte passieren können. Ich wollte aber in Dir keine Angst aufkommen lassen, sondern lachte mit Dir darüber, was denn das für ein Schlitten sei, wo der denn hinwolle usw., holte den Rodel wieder herauf und sagte: „Und nun versuchst Du es gleich noch einmal!“ Damit half ich Dir über den Schrecken hinweg. Vorsichts­halber lief ich jetzt natürlich sofort nebem dem Schlitten her, aber er war auch zur Vernunft gekommen und machte nicht ein einziges Mal den Versuch, aus der breiten Bahn abzuweichen. Mitunter brachten wir auch Besucher mit, einmal hat Dich der Großvati dort besucht. Ein ander Mal kamen Frau Schiff und ihre Tochter, die sich leider sehr unbeliebt machten. Sie ist eine Frau mit unnatürlich geweiteten und starren Augen und zeitweilig plinkerte sie mit den Augenwimpern. Sie nahm Dich auf den Schoß und sprach so das übliche, was man mit kleinen Kindern spricht. Du aber hörtest gar nicht hin, sondern beobachtetest immer nur ihre merkwürdigen Augen und plötzlich, was musste ich zu meinem Schrecken sehen? Du schautest sie an, rissest Deine Augen weit auf und fingst krampfhaft zu plinkern an, wie Du es an ihr bemerkt hattest. Ich weiß nicht, ob sie sehr von dieser Art Unterhaltung erbaut war. Nun muss ich noch an ein Ereignis aus dieser Zeiterinnern, an das ich nicht zurückdenken kann, ohne dem Himmel zu danken für den Ausgang, den es genommen hat. Wir hatten bemerkt, dass Du auffallend über Durst klagtest und übermäßig zu trinken verlangtest. Gesteigerter Durst ist ein Anzeichen der Zuckerkrankheit. Ohne im Ernst an eine solche Gefahr zu denken, ließ Gertrud, die mir zunächst nichts gesagt hatte, eine Untersuchung machen, die zu unserem namenlosen Schrecken positiv ausfiel. Du wirst vielleicht wissen, dass die Zuckerkrankheit oder Diabetes eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse ist. Die Leber sammelt bekanntlich die von der Nahrung überschüssigen Stoffe und speichert sie in Form von Zucker auf, den sie in dem Maße, wie ihn der Körper braucht, wieder abgibt. Bei Zuckerkranken funktioniert dieser Mechanismus nicht, die Leber gibt fortgesetzt Zucker ab und da ihn der Körper nicht braucht, wird er im Urin ausgeglichen. Das bedeutet einen konstanten Verlust wertvoller Kräfte, weil im Bedarfsfall die Reserven verloren sind. Früher war diese Krankheit nach Kurvenverlauf stets tötlich, seit etwa 30 Jahren hat man einen Stoff, das Insulin, gefunden, der das fehlende Sekret der Bauchspeicheldrüse, das nämlich diesen wundervollen Kraftstoff-Ausgleich bewerkstelligt, er­setzt. Aber noch immer ist die Zuckerkrankheit eine ganz schreckliche Krankheit. Sie ist nicht nur ein organisches Leiden, das ständige Pflege erfordert, sondern sie greift ent­scheidend in die ganze Lebensführung ein. Zuckerkranke müssen täglich ihr ganzes Leben lang mehrere Spritzen Insulin erhalten, die genau dosiert sein müssen. Sind sie zu gering, so wird Zucker ausgeschieden, sind sie zu stark, so stellen sich Bewusstseins­störungen und krampfartige Anfälle ein. Diabetiker müssen eine ganz genaue Diät einhalten, nicht nur hinsichtlich der Auswahl, sondern der Menge. Das Brot muss genau abgewogen wer­den, Teigwaren nur in geringen Mengen, Zucker und Süßigkeiten dürfen überhaupt nicht genossen werden etc. Da für sie extra gekocht werden muss und die Mahlzeiten auf die Minute genau eingenommen werden müssen, so sind die armen Menschen von fast jeder Geselligkeit, von Ausflügen, Reisen etc. ausgeschlossen oder aber können nur nach ge­nauen Vorbereitungen, die sich ja nicht immer treffen lassen, daran teilnehmen. Nun denke Dir ein kleines Kind, das zusehen muss, wie andere Kinder Schokolade und Süßigkeiten essen, das vielleicht gerne Nudeln oder Eier isst, und dem man stets „nein“ sagen und die Bissen in den Mund zählen muss! Man darf es keiner besonderen An­strengung aussetzen, in der Schule darf es nicht turnen, im Winter nicht Skilaufen, zu Ostern keine Ostereier essen und wenn die Schule einen Ausflug macht, so muss es zuhause bleiben. Das ist doch ein schreckliches Los für ein armes kleines Kind, das doch noch nicht den Verstand hat einzusehen, warum es von all den kleinen Freuden und Genüssen seiner Jugend ausgeschlossen ist. Jetzt wirst Du vielleicht verstehen, wie uns damals zumute war, als wir fast mit Sicherheit annehmen mussten, dass Dir ein solches trauriges Lebensschicksal bevorstände, denn die Analyse hatte zweifelsfrei die Ausschei­dung beträchtlicher Mengen Zucker festgestellt. Wir fuhren mit Dir nach Zürich zu einem uns empfohlenen Kinderarzt, der eine trübe Prognose stellte. Um verschiedene Untersuchungen durchführen zu lassen, riet er uns, Dich ins Kinderspital in Zürich zur Beobachtung zu geben, was wir auch taten. Der Leiter dieses Spitals, Prof. Fanconi, ein sehr langer, feiner Herr, nahm uns freundlich auf und ließ uns noch eine kleine Hoff­nung. Er sagte uns, es gäbe auch Fälle, speziell bei Kindern, wo Zucker­ausscheidungen aus anderen harmlosen Ursachen vorkämen und er arbeite speziell auf diesem Gebiet. Ohne uns schon sichere Hoffnung zu machen, meinte er, dass er Dich Deinem ganzen Aussehen und Befinden nach nicht für zuckerkrank hielte. Du warst absolut nicht ein­verstanden, eine Woche in der Klinik bleiben zu müssen, obwohl es ein ganz modernes wunderschön eingerichtetes Gebäude war, was Dir aber, und sehr mit Recht, höchst gleichgültig war. Du schimpftest über die „Dökters“, die immer piks machten und warst sehr ungehalten, als man Dich auf knappe Diät setzte, so dass Heta alle Mühe hatte, Dich abzulenken. Für uns waren diese 8 Tage qualvoll, Du wusstest ja Gott sei Dank nicht, was von dem Resultat der Untersuchung abhing. Nach 8 Tagen nahmen wir den Bescheid entgegen, dass es „wahrscheinlich“ nichts sei, dh. kein Diabetes, sondern eine recht seltene, aber harmlose Überempfindlichkeit des Stoffwechselsystems. Etwas Endgül­tiges ließe sich erst nach weiterer Beobachtung sagen. Wenn also auch das Schlimmste nicht bestätigt war, so war es doch auch noch nicht mit Sicherheit ausgemacht. Du kehrtest nach Flims zurück und bliebst einige Zeit zuckerfrei, sodass sich unsere Hoffnung verstärkte. Aber jedes Mal, wenn Du in gehäuftem Maße über Durst klagtest, lebte unsere Angst wieder auf. „Mutti, ich hab Durst“, sagtest Du strahlend und ahnungs­los. Du weißt nicht, wie uns das ins Herz schnitt, obwohl wir uns bemühten, es Dich nicht merken zu lassen. Allmählich aber glaubten wir doch, dass sich die Sache zum Guten wende. Da bekamen wir einen neuen Schock. Ich glaube, ich habe eingangs schon erwähnt, dass unser Schwager Ernst Lang Diabetiker war. Als Arzt und durch eigenes Schicksal erfahren, hatten wir ihm von dem Ergebnis der Untersuchung und unserer Hoffnung auf Deine Gesundheit Mitteilung gemacht. Gerade als wir anfingen, wieder etwas ruhiger zu werden, kam ein Brief von Ernst Lang, der uns sehr eindringlich vor verfrühten Hoffnungen warnte. Er war selbst bei einem der berühmtesten Spezialisten auf dem Gebiet der Zuckerkrankheit in Behandlug und hatte Deinen Fall mit diesem Arzt besprochen. Dieser Professor ließ uns durch ihn sagen, wir sollten uns keinesfalls auf die Diagnose von Prof. Fanconi verlassen. Gerade bei Kindern würde diese Krankheit sehr häufig auf kurze Zeit aufflackern, dann völlig verschwinden, um nach 2-3 Jahren wieder auszubrechen. Solche „Strohfeuer-Diabetes“, wie er sie nannte, sei sogar das Übliche, und alle Anzeichen, die wir berichtet hätten, sprächen dafür, dass eine echte Diabetes vorläge. Dieser Brief versetzte uns naturgemäß in helle Aufregung, besonders da um diese Zeit auch wieder eine positive Reaktion auftrat. Prof. Fanconi suchte uns zu be­ruhigen, konnte aber nicht umhin zuzugeben, dass seine Diagnose eine Wahrschein­lichkeit bedeute, aber keine Sicherheit. Es gab neue Untersuchungen, neue Hoffnungen, und neue Ängste. Nun heute wissen wir, dass Du ein gesunder Mensch bist und wir danken Gott dafür und wollen nicht über die Jahre klagen, in denen wir zwischen Furcht und Hoffnung lebten. Wahrscheinlich liegt bei Dir eine gewisse Labilität der Stoff­wechselnerven vor und es könnte schon sein, dass Du in späteren Jahren finden wirst, dass sich seelische Erregungen leicht in nervliche oder körperliche Beschwerden bei Dir verwandeln. Vielleicht aber hat der jahrelange Auftenthalt in Höhenorten, den wir Dir in bewusster Absicht gegeben haben, Deinen Organismus so gekräfitgt, dass die Veranlagung dadurch kompensiert worden ist. Du glaubst nicht, welche Last uns von der Seele wich, als wir sahen, dass Du so leben konntest wir andere Kinder, dass Du froh und fröhlich spielen und springen und lachen und tanzen und essen und trinken konntest.

 

 

25/5/42 Renatli, auf meinem Tisch, an dem ich schreibe, steht Dein Bildchen, und immer wenn ich ein paar Tage nicht für Dich geschrieben habe und Dich anschaue, habe ich das Gefühl, dass Du mich vorwurfsvoll schmollend ansiehst, so wie Du es tatest, als ich Dir einmal sagte, ich habe die Gewohnheit, so schnell zu essen und Du solltest auf­passen, dass ich immer schön langsam kaue. Da warst Du eine strenge Aufpasserin und immer, wenn ich die Bissen zu schnell zum Mund schob, hobst Du Deinen Finger, sperr­test Deine Augen weit auf und sagtest mit Nachdruck: „Vati! Langsam!“ So schaust Du mich jetzt an und sagst: „Vati! Schreiben!“ Manchmal antworte ich Dir dann: „Renatli, heute geht es nicht, da musst Du schön warten, bis Du wieder dran kommst, denn ich vergesse Dich nicht.“ Dann bleibt Dein Blick so, dass ich nicht recht weiß, traust Du mir oder traust Du mir nicht! Aber wenn ich die Feder nehme und das Heft vor mir habe, dann lächelst Du mich freundlich an. Und heute ist Pfingstmontag und die Glocken läuten und die Sonne steht noch hinter dem Nebel, aber man spürt schon, dass sie da ist und bald durchbrechen wird, denn der Nebel ist schon ganz hell, als ob er sich in Licht auf­lösen wollte, und Dein Bildchen blickt mich ganz freundlich mit Deinen großen schwarzen Augen an. Aber ich denke noch immer an die Zeit in Flims, wo Du an den blauen Cauma-See gingst und im Wasser plantschtest oder über die grünen Wiesen und Blumen sammeltest und die Haselnüsse von den Sträuchern pflügtest oder hinüber zu dem Flimser Stein, der so groß und drohend dasteht, von dem aber doch niemand dachte, dass er einmal so tükisch losschlagen und so viele arme Kinder verschütten würde. Oder ich sehe Dich in Deinem kleinen Heim, wie Du es eingerichtet hattest und in dem Du pedantische Ordnung hieltest. Da saßest Du inmitten Deiner Puppen, denen Du eine gute und verantwortungsvolle kleine Mutter warst. Da gab es eine Lieselotte mit roten Zöpfen und ein Margritli, der die Wolle aus dem Kopf kam und Helga, die nur noch ein Bein hatte und noch viele andere, denn Du hattest eine große Familie und keines Deiner Kinder ging verloren. Wie schmutzig und unansehnlich es auch wurde, es gehörte Dir und blieb bei Dir und keine noch so neue und schön angezogene Puppe konnte es aus seinem Platz und Deinem Herzen verdrängen. Und unaufhörlich hast Du sie gebettet und gefüttert und angekleidet. Kam ein kalter Tag, so mussten sie Jacken an­ziehen und Mützen aufsetzen und die Kleinen wurden unter die Decke gesetzt und schien die Sonne, so zogst Du ihnen dünne Kleider an und setztest sie ins Freie, aber auf eine Decke, damit sie sich nicht erkälten. Und bevor Du Deine Kinder nicht besorgt hattest, warst Du für nichts anderes fertig. Du hattest aber auch Kummer mit Deinen Kindern. „Vati, Helga will nicht essen!“ „Du musst ihr halt gut zureden, dann wird sie es schon tun.“ „Sie will und will aber nicht essen!“ „Nein, so etwas, was machen wir denn mit einem so ungezogenen Kind?“ Dann sagtest Du ganz ernst, aber mit Augen, aus denen das Vergnügen unversteckt zwinkerte: „Ja,man muss sie verhauen.“ „Aber dann tust Du ihr doch weh?“ Aber Du warst unnachsichtig: “Man muss halt!“ O, und noch viele ande­re Unarten hatten die Kinder, es gab Tage, da war es ganz schrecklich, aber je unartiger sie waren und je mehr sie schrien, umso schöner war es. Und schließlich wurde es so herrlich, dass Du Deine Mutterrolle aufgabst und selbst Baby spieltest, das nicht folgen wollte und schrie und auf kein Zureden hörte und unbedingt verhauen werden wollte. „Aber tüchtig, Vati, das spüre ich ja gar nicht!“ und die vielen Geschichten, die ich las und erzählte, die Wörtchen-Geschichten ungerechnet. Alle Könige und Prinzen und Zau­berer und Hexen mussten antreten, aber am schönsten war doch die Prinzessin auf der Erbse, von der Du nicht oft genug hören konntest. Und die Mutti! Was wusste sie nicht alles für Spiele. Da brachte sie Plastilin mit und Du machtest einen Kuchen und Brot und Äpfel und einen Esel, der wie eine Schildköte aussah und einen Vati mit einem Gesicht wie eine böse Kartoffel. Und dann brachte sie einmal einen Baukasten, den sie selbst entworfen hatte, der aus großen Holzklötzen und aus glänzenden gebogenen Metallröhren bestand, und mit dem man wunderschöne Sachen machen konnte, auf denen Kugeln rollten. Und da war da das Bilderbuch vom Bimbo, eine Geschichte, die sich die Mutti ausgedacht hatte und zu der Anne Bilder entworfen, die ein Maler ausgeführt hatte. Erinnerst Du Dich noch an Bimbo, der auf einem großen grünen Baum saß, an dem riesige rote Paradiesvögel hingen? Und an Bimbo auf dem Jahrmarkt in der großen russischen Luftschaukel? Und Bimbo im Bäckerladen, wo man sehen konnte, wie das Brot aus dem Backofen kam und wo so viele Gutzli und Zuckerkringel lagen, dass der kleine Bimbo gar nicht wusste, wofür er seinen Zehner ausgeben sollte? Und Bimbo in der Eisenbahn, in der die großen Leute fahren, von denen einer eine Zeitung mit richtigen Buchstaben las, die große Eisenbahn, die stillstehen musste, wenn der wichtige Stationsvorsteher mit der bedeutenden roten Mütze „Halt!“ rief? Und weißt Du noch, wie Du in der kleinen Küche gesessen bist und beim Kochen geholfen hast, mit einem Topf voll Teig, den Du rühren musstest, wobei es doch gar nicht zu verhindern war, dass der Finger einmal in den Teig und vom Teig in den Mund rutschte? Und die Schüssel wurde immer leerer und das Renatli immer voller und ihr Gesicht immer verschmierter? Ja, das war eine schöne Zeit dort oben und ich bin dem Land dankbar, dass es einen gesunden Menschen aus Dir gemacht hat und dass Luft und Erde und Wiesen und Wald und Berge und Bäche Dir Kraft und Nahrung gegeben haben. Und nun nehmen wir Abschied von Flims, denn es kam der Tag, da wir eine Wohnung in St. Gallen mieten konnten und nun wollten wir nicht länger von Euch getrennt leben. Eines Tages fuhr ein mit Menschen und Sachen hochbeladenes Auto durch das Rheintal bis zum Café Dreilinden und an einem andern Tag kam ein noch viel größeres Lastauto und lud alle die vielen Möbel und Kisten ab, die fast 1 1/2 Jahre auf dem Speicher gestanden hatten. Du kennst sie noch, diese Wohnung, für unsere heutigenVerhältnisse groß, für unsere damaligen klein, in der wir es aber recht gemütlich und hübsch hatten. Um diese Zeit kam auch Frau Fuchs zu uns ins Haus. Von ihr muss ich Dir nicht viel sagen, denn Du lebst heute bei ihr, aber damals ging es ihr schlecht. Die Familienverhältnisse waren zerrüttet, Geld fehlte und Frau Fuchs war froh, eine Stelle zu haben und in ein Haus zu kommen, wo sie versorgt war. Und als Du Dich dann so an sie angeschlossen hattest, dass sie sich auch menschlich mit Dir eins fühlte, da war es ihr wirklich, dass sie dem Elend entrissen war. Und wenn ich an das viele Gute denke, dass Du heute in ihrem Hause hast, so denke ich auch an das Gute, dass Du ihr in dieser und der folgenden Zeit getan hast, in der Du eine arme und unglückliche Frau, die mit dem Leben fast abge­schlossen hatte, zu einem frohen und lebendigen Menschen wiedererweckt hast. Dafür hat sie Dir auch eine Liebe entgegen gebracht, die vielleicht stärker war als die zu ihren eigenen Kindern. Und da heute Pfingsten ist, so denke ich zurück an den ersten Pfingst­sonntag in dieser Wohnung, der ein schlimmer und ein guter Tag für Dich und uns gewesen ist. Es war ein strahlender warmer Sonnentag. Kein Wölkchen am Himmel und eine Luft, voller Wärme und Wiesenduft. Du warst mit Frau Fuchs auf die Weiherwiese gegangen, wo Du in einem dünnen Spielhöschen herumliefst, mitten unter den vielen Kindern, die an diesem schönen Tag sich dort vergnügten. Gertrud und ich hatten be­schlossen, an diesem schönen Tag ins Freie zu fahren und eine längere Wanderung zu machen. Wir packten unsern Rucksack und waren eben im Begriff fortzugehen, als Frau Fuchs schreckensbleich mit Dir auf dem Arm hereinkam, unfähig ein Wort hervorzu­bringen. In Deiner Backe klaffte ein Loch, aus dem Blut floss. Es stellte sich heraus, dass Du in die Schwungbahn einer Schaukel getreten warst, die Dich mit voller Wucht direkt unterhalb der Schläfe getroffen hatte. Gertrud stürzte wortlos ans Telefon, um einen Arzt zu rufen. Es war gar nicht leicht, einen zu finden, da an dem schönen Feiertag die meisten ausgeflogen waren. Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen gelang es ihr, einen uns unbekannten Arzt zu erreichen. Ich hatte Dich inzwischen auf Dein Bett gelegt. Du weintest und hattest Schmerzen und ich erzählte Dir Geschichten, um dich abzulenken und Du wurdest ruhig dabei. Außerdem tat ich etwas sehr Dummes, ich legte Dir in Wasser getränkte Gaze auf die Wunde, was man nicht tun soll, da die Feuchtigkeit eventuell vorhandene Bakterien nach innen treibt. Glücklicherweise kam der Arzt bald. Er war weder sehr freundlich, noch schien er sehr geschickt und behandelte Dich recht roh, was uns so weh tat wie Dir. Er wusch die Wunde und brannte sie mit einer ätzenden Flüssigkeit aus, dann klammerte er sie. Ich saß bei Dir und hielt Deine Hände fest, denn Du wolltest natürlich nicht stillliegen. Es tat Dir sicher sehr weh, und Du wolltest Deine Hände freimachen, und als ich sie mit Gewalt hielt, warfst Du mir einen bitteren Blick zwischen Deinen Tränen zu. Sicher konntest Du nicht begreifen, dass Dir der Vati so etwas antat! „Drücke meine Hände, Renatli, so fest Du kannst! So, noch fester! Kneife mich richtig!“ sagte ich und ich fühlte, wie Deine kleinen Fingerchen sich zusammen­krampften. Es waren für uns alle schwere Minuten. Endlich war die Quälerei zu Ende, die Wunde war geschlossen und mit einem dicken Verband überpflastert. Jetzt lagst Du ganz still und teilnahmslos. Wir kamen erst jetzt zur Besinnung und fragten den Arzt, ob es eine Narbe gäbe, denn das war doch unsere zweite Angst, dass Du im Gesicht entstellt sein könntest. „Ja, das könne schon sein!“ meinte der Arzt lakonisch. In unserer Aufregung telefonierten wir nach Berlin an unsern Freund Dr. Bloch, ein Spezialist für kosme­tische Wundbehandlung. Wie bedauerten wir, nicht in seiner Nähe zu sein! Er sagte, dass man vorerst mit der Wunde nichts machen könne, dass die Narbe, wenn sie nicht groß sei, sich wahrscheinlich fast völlig verwachsen würde und dass im schlimmsten Fall es später eine Kleinigkeit sein würde, die Narbe ganz zum Verschwinden zu bringen. Dage­gen sei es unbedingt notwendig, Dich sofort gegen Starrkrampf spritzen zu lassen, da eine Gefahr immer bestünde, wenn eine Wunde von einem Gegenstand herrühre, an dem sich Erde befände. Ich rief den Arzt sofort noch einmal an, sagte natürlich nichts von dem andern Arzt, sondern nur, es sei mir eben eingefallen etc., was er dazu meine. „Jawohl, das müsse man tun,“ sagte er. „Du Esel,“ dachte ich, „warum hast Du nicht selbst daran gedacht?“ Wir fuhren ganz vorsichtig in die Stadt hinunter und waren doch froh, wenigstens diese Vorsichtsmaßregel nicht versäumt zu haben. Inzwischen war Dein Gesicht ganz aufgequollen, das eine Auge fast geschlossen, Du hattest Schmerzen und wurdest weinerlich. Und wir dachten, Du würdest es doch viel schwerer im Zimmer ertragen. Darum nahmen wir das Auto und fuhren mit Dir nach Gais, wo uns Frau Fuchs an einen schönen stillen Ort am Waldrand führte, wo wir Dich in den Schatten legten. Und von aller Anstrengung und Aufregung warst Du so müde, dass Du einschliefest. An dem gleichen Tag hatten Anne und Hannes mit Helen einen Ausflug auf den Hohen Kasten gemacht und ihr Weg musste an unserm Lagerplatz vorbeiführen. Tatsächlich trafen wir sie auch und Du sahst so bös zugerichtet aus, dass Anne auf die Seite ging und weinte. Aber die Verletzung war nicht gefährlich, Du sahst zwar eine Zeitlang nicht schön aus, denn als der Verband entfernt war, machte die Wunde erst noch die ganze Farbskala, von gelb über grün zu blau und rot durch, aber bald war es ganz verheilt und man sah nichts als einen dünnen roten Strich, der im Laufe der Jahre immer mehr verblasste. Aber wenn wir denken, was hätte geschehen können, wenn der Stoß Dich nur ein paar Millimeter höher, an der Schläfe, getroffen hätte – nein, das können wir nicht denken! Aber immer wenn Gertrud in späterer Zeit Deine Narbe betrachtete, sagte sie, sie könne sie nicht anschauen, ohne dem gütigen Geschick zu danken. Es hat Dir wirklich ein Schutzengel zur Seite gestanden.

 

 

26/5 Renatli, ich muss Dir zwischenhinein etwas von hier erzählen. Wir haben hier im Hause eine Kapelle, wo der Gottesdienst stattfindet. Es ist dies ein ziemlich großer 8-eckiger Raum, der in einer turmartigen Erhöhung gelegen ist. An der einen Wand ist eine Kanzel, die mit geschnitzten Tafeln aus der Passionsgeschichte, mit Blumen und Bemalung geschmückt ist. Vor der Kanzel befinden sich im Halbkreis kleine amphitheatralisch aufsteigende Kabinen, in denen wir sitzen. Sie sehen fast aus wie kleine Theaterlogen, in denen aber gerade nur eine Person Platz hat. Die Reihen sind jeweils so erhöht, dass man immer gerade über die davorliegende hinwegschauen kann. Hinter der letzten und höch­sten Reihe, also gegenüber der Kanzel, befindet sich ein Podium, auf dem das Harmo­nium steht. Da ich zum Gottesdienst den Choral spiele, so ist mein Platz dort oben. Das Podium befindet sich seitlich, und in der Mitte ist ein großes Kreuz mit einer geschnitz­ten und bemalten Christusfigur und daneben noch 2 andere Figuren, die wahr­scheinlich die Jünger Johannes und Petrus darstellen. Zwischen den Figuren stehen ein paar Vasen mit Blumen. Zur Seite der Figuren befinden sich noch je eine dünne Stütze bis zur Decke, und dahinter ist nur noch ein schmaler Raum bis zur Wand. Als wir gestern zum Gottesdienst kamen, flog ein Vogel im Raum herum. „Ach.“ dachte ich, „eine Pfingsttaube!“ Es war eine Schwalbe, die durch ein Fenster hereingekommen war und nun den Ausgang nicht mehr finden konnte. Sie flog in großen Kreisen rund um den Raum herum, da ich hoch oben und ziemlich nah der Decke saß, flog sie immer dicht an mir vorbei und ich konnte sie beobachten. Ich war zuerst erfreut, dass uns gerade am Pfingst­tag ein Vögelchen besuchte und erwartete, dass es sich irgendwo niederlassen und dann durch eines der sechs offen stehenden Fenster davonfliegen würde. Aber das geschah nicht. Die Schwalbe zog unermüdlich und mit großer Schnelligkeit Kreis um Kreis. Ich konnte sie gut sehen, wie sie mit ihren gespannten Flügeln schlug und sich dann im Gleitflug tragen ließ, bis sie durch neuen Flügelschlag sich wieder neuen Antrieb gab. Der Gottesdienst begann und ich spielte ein Choralvorspiel und in regelmäßigen Abständen fühlte ich den Körper der kleinen Schwalbe an mir vorbeigleiten. Der Pfarrer sprach ein Gebet und wir sangen ein Kirchenlied und noch immer zog die Schwalbe in schön geschwungener Linie ihre Kreise. Es war klar, dass das arme Tier keinen Rat wusste, als rund herum um den Raum zu fliegen, und da niemand sie greifen konnte oder ihr den Ausgang weisen, so sah man voraus, dass sie bis zur Ermattung so weiter fliegen müsste. Und was am Anfang als ein schönes Spiel erschienen war, wurde jetzt zu einer Qual und zu einem traurigen Schicksal. Niemand konnte den Blick von der Schwalbe lassen und unwillkürlich machten die Augen die Kreisbewegung der Flugbahn mit. Selbst dem Pfarrer war anzumerken, wie er abgelenkt wurde und wie er sich bei der Predigt mit Mühe konzentrieren musste. Wer weiß, wieviel Stunden das Tierchen schon so herumgeflogen war, bevor wir kamen! Gelegentlich machte es einen Versuch, den Raum zu durchstoßen. Dann prallte es klatschend gegen die Decke und man musste sich wundern, dass das zarte Geschöpf den mit großer Schnelligkeit erfolgte Aufprall aus­halten konnte. Oft streifte es auch die Christusfigur oder flog gegen einen der dünnen Pfeiler und einmal schlug es so stark gegen ein Gesims, dass es liegen blieb und man glaubte, es habe sich zu Tode gestoßen. Aber schon im nächsten Augenblick war es wieder zu sich gekommen und nahm den unermüdlichen Rundflug wieder auf. Das arme Tierchen war von Angst gepeitscht und gönnte sich keine Ruhe. Gelegentlich änderte es die Kreisrichtung, aber sonst kam es dem rettenden Ausgang in keiner Weise näher. Es war merkwürdig, dass es sich nicht zum Licht gezogen fühlte, denn die Sonne schien helle durchs Fenster und der blaue Himmel und das frische Maigrün der Bäume grüßte von draußen. Ob es den schmalen Durchgang fürchtete? Ich glaube nicht, dass es dies war, denn es schlängelte sich mehrfach hinter den Stützen durch, wo es verhältnismäßig dunkel war. Nun war es ein Jammer mitanzusehen, wie das geängstigte Tier allmählich immer müder wurde. Immer öfter schlug es gegen die Decke, gegen das Gesims an der Wand, gegen die Stützen und gegen die Figuren. Einmal brachte es sogar eine große Blumenvase zum Umstürzen. Es wirkte wirklich traurig, wie die Schwalbe, die doch in der freien Natur sich so wunderbar erhält und den Weg bis in die fernsten Länder findet, hier in der ungewohnten Umgebung jede Orientierung verlor und sich in einer ganz sinn­loser Kraftvergeudung zu Tode hetzte. Da war das offene Fenster, nein 6 offene Fenster, auf jeder Seite frei, sie brauchte nur hindurch zu fliegen, so war sie gerettet. Aber es gab keine Möglichkeit, es ihr zuzurufen, oder sie zu lenken. Sie war in einen Lebensraum geraten, in dem ihr Instinkt nicht funktionierte, nicht funktionieren konnte, weil er nicht darauf eingerichtet war. Und ich musste so denken, machen wir Menschen, die wir doch so viel klüger sind als so ein armer kleiner Vogel, dass wir sogar uns leisten konnten, den tierischen Instinkt zu verlieren, weil wir ja den Verstand, den großen unfehlbaren Verstand haben – machen wir Menschen es nicht ganz genau so? Wenn ich so an die Jahre denke, die ich hier in der Schweiz zugebracht habe, so komme ich mir nicht anders vor als diese kleine Schwalbe. Auch ich war eingeschlossen in einen fremden Lebens­raum mit dicken, undurchdringlichen Wänden, die aus Lasten, Pflichten, Verträgen und Schulden bestanden. Auch ich suchte einen Ausweg und konnte ihn nicht finden. Aber ich glaubte auf dem rechten Wege zu sein und verdoppelte meine Anstrengungen und ich merkte nicht, dass ich mich doch immer nur im Kreise bewegte, dass ich nicht von der Stelle kam, mich der freien Welt, in der ich atmen und leben hätte können, nicht um einen Finger breit näherte und nichts anders mit meinen Bemühungen erreichte, als meine Kräfte aufzuzehren und zu vergeuden bis zur Ermattung, wie es dieser Vogel tat. Und von der Ferne, von außerhalb betrachtet, war meine ganze Betriebsamkeit, auf die ich mir doch etwas zugute tat, – sinnlos und der wahre Motor war die Angst, die Angst auf einer Bahn zu sein, auf der es keine Umkehr und keinen Ausweg gab, sondern nur ein Vorwärts, ein Weiter um jeden Preis, ohne Ruhe und ohne Rast. Und niemand konnte mir ein Halt zurufen, denn ich verstand die Sprache nicht und wurde erst hellhörig, als ich abgekämpft und ermattet am Boden lag. – Aber kehren wir zu unserer kleinen Schwalbe zurück. Ihr Flug, der anfänglich so schön zu betrachten war, wurde immer unsichtbarer, Sie schnitt nicht mehr so schwungvolle Linien durch die Luft, sondern bekam etwas Torkelndes, Schwankendes und flatterte hilflos mit den müden Flügeln. Man merkte, nun würde sie bald den Kampf aufgeben müssen. Und so kam es auch, aber es geschah dabei etwas sehr Hübsches. Weißt Du, wo sich die kleine Schwalbe niederließ? Sie setzte sich Jesus auf die Schulter und schmiegte ihr Köpfchen vertrauensvoll an ihn. Es sah gerade so aus, wie der kleine Vogel auf der Schulter des Glücklichen Prinzen, dessen Geschichte Du doch kennst. Hier aber kam noch etwas anderes hinzu. Es sah wirklich so aus, als hätte das Tierchen in seiner Todesangst Schutz und Hilfe bei Jesus gesucht und gefunden. Auch der Herr Pfarrer war so davon beeindruckt, dass er den Vor­gang in seiner Predigt aufgriff und ein anderes Gleichnis zog. Er sagte nämlich, wir Menschen seien in dieser Welt, die von so schrecklichem Kriegsgeschrei und den Qualen der Leidenden dröhnt, so eingeschlossen wie die Schwalbe in diesem Raum. Aber wir wüssten, es gäbe ein Fenster, das hinausführt, in die wahre Welt, die Welt Gottes. Und so wie dieser kleine Vogel in seiner Angst und sinnlosen Anstrengungen schließlich bei Jesus zur Ruhe gekommen sei, so könnten auch wir Menschen die Ruhe unseres Herzens mitten in dem Tun und Treiben der Welt beim Heiland finden. Das war sehr hübsch gesagt. Wirklich saß nun die kleine Schwalbe ganz still und ruhig und als der Gottes­dienst beendet war, ließ sie sich ganz ruhig greifen und in den Garten setzen, wo sie sich bald erholte. Und ich bin sicher, sie hat ihr merkwürdiges Erlebnis all den andern kleinen Schwälblein am Nachmittag erzählt, denn es war ein Gezwitscher wie noch nie und eine ganz große Schwalben-Aufregung.

 

30/5 Nun warst Du schon ein richtiges kleines Persönchen. Es war ganz erstaunlich, in wie frühem Alter Du bereits einen ganz ausgesprochenen Charakter hattest. Du wusstest ganz genau, was Du wolltest und hattest ganz bestimmte Neigungen und Abneigungen. Ich kann nicht sagen, dass irgendeine Begabung bei Dir besonders hervortrat. Es war nicht wie z. B. bei Anne, die schon als Kind alle Erlebnisse und alle Erregung in Zeichnen und Basteln umsetzte und aus jedem Stück Draht und Papier etwas zu machen ver­stand, sodass man deutlich eine bestimmt gerichtete Begabung im Entstehen sah. Bei Dir fiel dagegen eine schöne Harmonie Deines Wesens auf. Alles was Du tatest, tatest Du mit Maß. Niemals überspanntest Du Deine Kräfte, niemals gingen Deine Wünsche über Deine Kräfte, selbst im Essen nicht. Man konnte Dir soviel Schokolade und Süßigkeiten schenken, wie man wollte, und brauchte Dich nicht zu beschränken. Fast schien es, als habest Du mehr Freude am Haben und Ansehen als am Essen. Und doch hast Du mit kindlicher Lust und Genuss gegessen, aber niemals mehr als Du vertragen konntest. Du hast überhaupt gern viel um Dich gesammelt, aber nicht der Menge wegen. Es war nichts in Deiner kleinen Welt, was Du nicht beherrschtest und ein Gegenstand, der in Deinen Besitz kam, der ging nicht verloren. Selbst wenn Du lange abwesend warst, so wusstest Du alles genau und vergaßest nichts, was Du zurückgelassen hattest. Und wenn Du zu­rückkamst, so war Dein erster Blick eine Übersicht über Deinen kleinen Besitz. Immer war Ordnung in Deinen Spielsachen und wenn Du abends ins Bett gingst, so wärest Du nicht eingeschlafen, wenn nicht Deine Kleider in pendantisch genauer Ordnung abgelegt worden wären. Aber nicht die Einzelheit ist wichtig, sondern das Zusammenstimmen von dem, was Du tatest und hattest. Es war eine Ausgeglichenheit in Dir bei aller kindlicher Spiellust und allem Übermut, den auch Fremde spürten, wenn sie Dich sahen und man­che alte Dame ist stehen geblieben und hat sich nach Dir näher erkundigt. Ich schreibe das nicht, um Dich zu loben, damit Du Dir etwas einbildest, sondern weil ich meine, dass eine so schöne Anlage eine Verpflichtung für Dich bedeutet, die Du kennen sollst. Es ist nämlich nicht mit der guten Anlage getan – wie viele Menschen haben sie! –, sondern darum, sie zu entwickeln und auszubilden, sie von der kleinen Kinderwelt herüberzuretten in die große und schwierigere Welt und sie auch im späten Leben zu betätigen. Du hast viele Züge von Deiner Mutter gehabt. Du bist wie sie eine expansive Natur, Du hast nichts Kärgliches in Deinem Wesen, aber Du hast auch die Fähigkeit, das oder das Viele zu beherrschen, und dort Halt zu machen, wo das Übermaß beginnt. Wenn Du vor einem Kinder-Schaufenster standest, so wolltest Du alle Puppen und alle Tiere und alle Spiele haben. Aber dieser Wunsch war ohne Gier nach Besitz, es genügte vollkommen zu wün­schen, niemals hattest Du um die Erfüllung eines Wunsches gebettelt. Aber in Deinen Wachträumen phantasiertest Du von 100 Kindern, die Du einmal haben wolltest und 100 Betten und 1000 Kleidern. Du hattest eine gesunde Mischung von Anspruchslosigkeit und Ansprüchen. Man kann nicht sagen, dass Du bescheiden warst, aber auch nicht un­bescheiden. Du hattest eine gute Art, das Deine zu fordern. Man hätte Dich nicht in die Ecke drücken können, Du warst kein Aschenbrödel, das mit allem zufrieden war und sich alles wegnehmen lässt. Du wusstest, was Du verlangen konntest und das fordertest Du ohne Scheu und Scham, aber auch ohne Aufdringlichkeit. Die leiseste Andeutung, dass ein Wunsch nicht erfüllbar war, genügte für Deinen Verzicht. Niemals war es Dir schwer, auf etwas zu verzichten, was Andere hatten und immer warst Du bereit, von dem Deinigen abzugeben. Du warst sehr gütig und freundlich zu allen Menschen und außer­ordentlich zutraulich. Als wir aus Flims nach St. Gallen kamen, mussten wir einige Tage im Hotel bleiben, da die Wohnung noch nicht bereit war, und wohnten im Hotel Post. Einmal warst Du plötzlich verschwunden. Wir suchten Dich überall und wer beschreibt unser Erstaunen, als wir Dich in der Gaststube auf dem Schoß eines fröhlichen Soldaten mitten in einer lärmenden Gesellschaft fanden! Um diese Zeit lebtest Du Dich in die Schweizer Mundart ein. Vorher hattest Du auch schon hie und da einige Brocken Schweizerdeutsch gesprochen, aber mit uns sprachst Du stets hochdeutsch. Das war auch damals noch so, aber dass Dir das Schweizerdeutsch näher war, merkte ich, als Du einmal zu weinen anfingst. Ich nahm Dich auf den Arm und redete Dir gut zu, Du solltest mir doch sagen, was Du hättest. Zuerst wolltest Du nichts sagen und schluchztest immer weiter, aber plötzlich brach es in echtem St. Gallerisch los: „I bin nöd z’fri-e-de!“ Da sah ich, dass das Hochdeutsch an die zweite Stelle getreten war, weil Du in der Erregung zum Dialekt gegriffen hattest. Eine kleine Szene ist mir in Erinnerung geblieben. Du hattest Zuckerkügelchen bekommen und schenktest mir einige davon. „Danke schön, Renatli“, sagte ich und nahm sie. Da antwortetest Du: „Vati, gar kein bitzli musst Du mir danken für so ein kleines Kügelchen, gar kein bitzli“. Ich weiß selbst nicht, warum ich etwas so Unbedeutendes erwähne, aber der Ton, in dem Du die Worte sagtest, hatte so etwas unendlich Rührendes, es lag so die ganze Selbstverständlichkeit Deines Tuns darin und fast war es, als ob Du selbst damit Dank und Liebe ausdrücktest. Mit Deiner Ge­sundheit hatten wir noch manche Sorge, obwohl Du nicht eigentlich krank warst. Aber Du neigtest zu Erkältungen und bei einer Untersuchung ergab sich, dass die Bronchien angegriffen waren. Nichts Ernstes, aber Grund zum Vorbeugen, besonders auch wegen der Möglichkeit einer von mir vererbten Anlage. Wir wollten besonders die Jahre vor der Schulzeit ausnützen, um Deine Gesundheit zu kräftigen, denn in dieser Zeit ließ sich ein längerer Aufenthalt in Höhenorten noch leichter durchführen als später, wenn die Schule ihre Rechte geltend macht. So ungern wir uns schon so bald wieder von Dir trennten, so mussten wir uns doch entschließen und brachten Dich mit Frau Fuchs nach Montana, wo Du in einem einfachen, aber sehr hübsch am See gelegenen Häuschen wohntest. Du wolltest zuerst gar nicht fort von St. Gallen, aber dann gefiel es Dir dort so gut, dass Dir der Abschied von Montana schwerfiel. Trotz der großen Entfernung von St. Gallen haben wir Dich doch jeden Monat in Montana besucht und verbrachten auch unsere Ferien bei Dir. Auch Anne und Hans kamen mit und ich erinnere mich noch gut an die schönen Fahrten über die Furka und den Grimsel-Pass.

Heft 6
Seite 6
Seite 6 wird geladen
6.  Heft 6
Kommentar schreiben
31/5/42 Es war das erste Mal, dass Du in einem Modeort warst und elegant angezogene Leute sahst. Das gefiel Dir gar nicht und Du drücktest Deinen Unwillen aus über die „verspannten Damen“, die sich die Lippen rot anmalten und in Hosen herumliefen, als ob sie Männer wären. Du warst sehr streng in dieser Zeit und selbst die Mutti musste ihren Lippenstift vor Dir verstecken. An dem See lag ein Ruderboot und es machte Dir viel Freude, mit uns zu rudern, ja am schönsten war es, wenn Du allein mit den großen Rudern hantieren konntest und es Dir gelang, das Boot vorwärts zu bewegen. Natürlich schnapptest Du dort oben auch einige französische Brocken auf und begrüßtest uns mit „Pongschur“ und verlangtest im Bäckerladen ein p’ti Päng. Die Ferienzeit in Montana war recht glücklich, denn damals glaubte ich aus allen geschäftlichen Sorgen heraus zu sein, weil Verhandlungen über eine Fusion mit einer sehr kapitalkräftigen Firma zu einer vorläufigen Einigung geführt hatten, die ich damals als definitiv betrachtete, was leider später sich als Irrtum erwies. Aber wenigstens befanden wir uns damals in einer glück­lichen Illusion. An die Montana-Reise schloss sich ein Aufenthalt in Arosa an. Von Arosa muss ich ja nicht so ausführlich sprechen, denn Du wirst Dich ja sicher noch gut erinnern können, weil Du auch in späteren Jahren noch oft dorthin zurückkehrtest und eigentlich dort mehr zu Hause warst als in St. Gallen. Im ersten Jahr wohntest Du in Inner-Arosa, mitten in dem schönen Wiesenland, das sich nach Carmena hinaufstreckt. Damals hattest Du häufige Erkältungen und wurdest von Dr. Trenkel behandelt, einem Arzt, den ich schon von meinen früheren Aufenthalten her kannte. Er hat sich gern und lange mit Dir unterhalten. „Wovon spricht er denn mit Dir?“ fragten wir Dich. „Ach, er erzählt mir alles von sein ganzes Leben“ antwortetest Du. Es war sogar etwas Richtiges daran, denn der sonst sehr verschlossene Mann war bei Dir ganz zutraulich, aber es klang doch sehr komisch, wie Du das sagtest. Durch die Vermittlung von der Schwester von Frau Fuchs wohntest Du im nächsten Jahr auf Maran bei Herrn Ardüser, der später Dein Götti wurde. Wenn auch leider durch die ganzen traurigen Ereignisse die Verbindung mit ihm in einem Missklang endete und er sich in der Not nicht als treuer Freund von Dir bewährt hat, so denke ich doch gern an die Jahre zurück, die Du und wir dort oben in dem kleinen, so schön gelegenen Holzhäuschen verbracht haben. Zuerst warst Du noch so klein, dass Du Mühe hattest, die steile Holztreppe heraufzuklettern, aber bald sprangst Du schneller als wir alle miteinander. Wie oft haben wir in dem gemütlichen halboffenen Vorraum zwischen Stall und Wohnhaus gesessen und uns von der Sonne braten lassen! Zu unseren Füßen Roland, Dein Freund, der schwarze Appenzeller Bless, auf dem Schoß die Katze, die sich wohlig in der Wärme streckte und neben uns der Hühnerstall, auf den Du gut aufpassen musstest, damit die Katze sich nicht eins von den Kücklein holte. Weißt Du noch, wie Du den Roland als ganz junges Tierchen in einem Netz vom Bahnhof heraufgetragen hast? Und wie Du mit ihm im Schnee herumgetobt bist? Wenn er Dich von weitem kommen sah, so sprang er auf und Dir entgegen, denn Du liebtest ihn sehr und er war sehr anhänglich. Jeden Morgen kam die Katze zu Dir herauf, miaute vor der Tür und wartete auf einen Teller Milch. Auch der Roland strich gern um die Küche herum, wo es meist einen Knochen oder Wurtszipfel oder sonst etwas Gutes für ihn zu holen gab. Aber als er einmal in einem unbewachten Augenblick in der Küche auf den Tisch sprang und den ganzen schönen Sonntagsbraten auffraß, da kamst Du doch in einen Gefühlszwiespalt und schimpftest ihn gehörig aus. Dort oben lerntest Du richtig wirtschaften und haushalten und hast alles mit Frau Fuchs überlegt und besprochen. Aber wenn wir, Mutti, Vati, Anne und Hans nach oben kamen, dann kam Leben in die Bude. Dann wurde die Vorratskammer wieder aufgefüllt und die zerrissenen Sachen ausgewechselt und Pläne für die nächsten Einkäufe gemacht. Dann brachte Mutti ein neues Spiel und Farbstifte und Knete und einen neuen Kopf für Margritli und Vati musste Geschichten erzählen und lesen und erfinden, bis er so leer war wie ein hohler Topf. Und Hans musste springen und turnen mit Dir und Anne zeichnen und basteln. Und was Du alles wissen wolltest! Alles, wovon die Großen sprachen, wolltest Du erklärt haben, und das war doch gar nicht so leicht. So wolltest Du einmal schwierige Rechenaufgaben, von denen sich Hans oder Anne unterhielten, erklärt haben. Da suchte ich mich aus der Affaire zu ziehen und sagte: „Weißt Du, Renatli, das ist so schwierig, das weiß ich selber nicht.“ Da schautest Du mich sehr vorwurfsvoll an und sagtest ganz beleidigt: „Söttest halt schon wissen, so ne große Vati!“ Da war ich natürlich geschlagen und musste ganz beschämt still sein. Mit Herrn Ardüser warst Du sehr befreundet und er nahm Dich gern zu sich und unterhielt sich mit Dir. So hörtest Du alles, was im Haus vorging und nahmst an allen Ereignissen Anteil. Du erlebtest es mit, wenn ein Kälblein geboren wurde und schautest es an, wenn es noch kaum auf seinen vier Beinen stehen konnte. Und wenn es ein Stierli war, so warst Du ganz betrübt, weil es doch weniger Wert ist als ein Kälblein. Du kanntest jede Kuh mit Namen, wusstest wieviel Milch sie gab und der Toni, der Melcher und Knecht, war Dein großer Freund. So fasste die Liebe zum Land, die schon früh in Dir geweckt war, immer festeren Boden. Schon damals war Dein Zukunftswunsch, ein Häuschen zu haben mit einem Pferd, einem Hund, Kühen, Hühnern und einen großen Garten. Und ich glaube, das ist noch heute Dein liebster Wunsch. Erst kürzlich erzählte mir Gertrud, Du habest, als Du ein Zeugnis aus der Schule heimbrachtest, das nicht ganz so gut war wie es eigentlich sein sollte, gesagt, es sei doch eigentlich gar nicht notwendig, dass Du noch zur Schule gingest. Du möchtest doch lieber auf dem Land arbeiten und dafür wüsstest Du doch nun genug. Dass Du in Arosa schlitteln und skilaufen und schlittschuhfahren lerntest, ist selbstverständlich und Hans war Dir ein guter Lehrer. Und in den Zeiten, da er nicht oben war, hieltest Du Dich in der Nähe der Skikurse, die oberhalb vom Hotel Maran stattfanden, und „spicktest“ von den Skilehrern. So konnten wir schon bald mit Dir auf den Tschuggen gehen und auch vom Weißhorn bist Du heruntergefahren. Zum Schlittschuhlaufen gingst Du auf die Eisbahn, die zum Hotel Maran gehört. Eigentlich kostete es dort Eintritt, aber Du schlüpftest so hindurch. Da Du aber eine ehrliche kleine Seele warst, gingst Du zum Aufseher und fragtest ihn ob er Dich jetzt von der Eisbahn fortweisen würde, denn Du habest nichts bezahlt. Ich glaube wohl, er lachte und ließ Dich weiterlaufen. Auch wenn Du zuhause warst und auf dem Balkon lagst, gab es immer etwas Interessantes zu sehen. Vor Dir lag die Maraner Straße, auf der die vielen schönen Chaisli mit den weißen und braunen Pferden und den lustigen Glöcklein vorbeifuhren und einige davon waren beson­ders groß und schön, das waren die 5-Fränkler-Chaisli, die Dich mit Respekt und Be­wunderung erfüllten und mit denen Du zu gern einmal gefahren wärest. Und dann kam da auch der große dicke Autobus entlang, vor dem man etwas Angst haben und auf die Seite flüchten musste. Man hörte sein Signal schon von weitem. Kaum ertönte es, so schoss Dein Kopf vom Liegestuhl in die Höhe, denn nun wusstest Du, dass er gleich um die Kurve biegen müsse. Sicher hast Du auch noch Deine eigenen Erinnerungen an diese Zeit, die für Deine Entwicklung körperlich und geistig so wichtig gewesen ist, und wenn Du die Möglichkeit hast, wirst Du diese Stätte Deiner glücklichen und unbeschwerten Ju­gend sicher wieder aufsuchen. Du standest damals in jeder Beziehung sehr fest und sicher auf Deinen dicken runden Beinen und es hatte sich in Dir ein gesundes Gefühl für Ordnung und Maß entwickelt. Du warst sehr korrekt, dabei praktisch und überlegt bis in alle Einzelheiten. Einmal ging Gertrud mit Dir in einen Laden, um Dir ein paar Gama­schen zu kaufen. Es gab da ein paar weiße, die Dir durch ihre Schönheit sehr in die Augen stachen und da sie Dir so gut gefielen, wollte Gertrud sie Dir kaufen. Aber Du sagtest: „Mutti, sie sind ja sehr schön, aber sie sind mir zu heikel, kaufe mir lieber die blauen.“ Wenn etwas in Deinen Sachen nicht richtig war, so konntest Du es gar nicht leiden. Selbst Deine Puppen waren immer tadellos sauber angezogen und wenn etwas an ihren Kleidern kaputt ging, so musste die arme Frau Fuchs flicken, als wenn es Deine eigenen Sachen gewesen wären. Aber wir unterstützten diesen Ordnungssinn, denn man kann nicht verlangen, dass ein Kind seine eigenen Sachen reinlich und ordentlich hält, wenn man ihm verwehrt, seine Puppen zu pflegen und die damit verbundene Mühe scheut. Einmal schickte ich Dir einen neuen Skianszug, der in unserer Fabrik angefertigt war und zu groß ausgefallen war und überhaupt schlecht passte. Da empfingst Du mich schon am Bahnhof sehr vorwurfsvoll. Und auf dem Weg sagtest Du immer wieder kopf­schüttelnd und verständnislos: „Ihr sind Leute!“ Noch aus einem andern Grund wird Dir Arosa in Erinnerung bleiben. Dort hast Du die Taufe empfangen. Es war schon lange ein Herzenswunsch Deiner Mutti, die selbst sehr zum Christentum neigt, Dich taufen zu lassen. Ich selbst habe lange gezögert. Obwohl ich nicht jüdisch-fromm bin, so habe ich doch mehr von jüdischer Eigenart als Gertrud, die dem jüdischen Typus sehr ablehnend gegenübersteht und ihn nur in Ausnahme-Exemplaren gelten lässt, und so konnte ich mich schwerer zu diesem Schritt entschließen. Auch war ich lange in Zweifel, ob ich Dich gläubig erziehen lassen solle oder nicht. Aber schließlich sagte ich mir, dass es sich an Dir selbst zeigen würde, ob Du Glauben haben und bewahren kannst. Und so gingen Gertrud und ich eines Tages zum Pfarrer in Arosa und brachten unser Anliegen vor. Es war ein sehr netter Herr, ein jüngerer Mann, dessen Name ich im Augenblick nicht mehr weiß. Er machte die Bedingung, dass es sich nicht nur um eine äußere Formalität handeln dürfe und dass Deine Erziehung in christlichem Sinne erfolgen müsse. Das versprachen wir und haben es auch gehalten. Die Feier fand in dem kleinen Kirchli in Inner-Arosa statt, das so alt und baufällig und doch so stimmungsvoll in der schönen Landschaft liegt, an dem kleinen Friedhof, auf dem Freunde von uns ruhen. Es war uns ganz besonders lieb, dass die Feier in diesem Kirchli, das uns durch viele Erinnerungen lieb und vertraut war, stattfand. Der kleine einfache, mit Arvenholz bekleidete Raum war von Kerzen erleuchtet. Es war niemand anwesend außer uns und den Taufzeugen Helen und Herr Ardüser. Auch Margot, die damals bei uns war, war dabei. Der Pfarrer sprach schlicht und herzlich, Du standest in einem weißen Kleidchen vor ihm und als er Dir die Hand aufs Haupt legte, fiel ein Sonnenstrahl auf Dein Haar. Gertrud war sehr bewegt und dachte wohl an ihre eigene Kindheit zurück, und auch Margot, die kurz vor der Auswanderung nach Palestina stand, und die wir seitdem nicht wiedergesehen haben, vergoss viele Tränen. Nach der Taufe waren wir noch in der Stube von Herrn Ardüser zu einem Essen vereinbart. Man hat uns vorgeworfen, dass wir Dich aus Berechnung haben taufen lassen, teils wegen allgemeiner Vorteile, teils um Dich noch kurz vor dem Zusammenbruch unter die Obhut eines Götti zu bringen. Besonders Herr Ardüser hat das wohl später so aufgefasst. Ich kann Dir versichern, dass wir von derartigen Berechnungen völlig frei gewesen sind. Allgemeine Vorteile sind für Dich nicht entstanden, im Gegenteil eher materielle Nachteile, denn die Jüdische Gemeinde hat uns den Taufakt sehr verübelt und die Unterstützung, die Du heute von der Evangelischen Organisation erhältst, ist geringer als die, welche die Jüd. Flüchtlingshilfe gewährt. Und einen Zusammenbruch des Geschäfts haben wir damals noch gar nicht geahnt; diese Vorstellung war überhaupt nicht in unsern Köpfen. Du kannst also in dieser Beziehung ein freies Gewissen haben, und ich hoffe, dass Dir die Erziehung im christlichen Glauben zum Segen gereichen wird.

 

7/6 Du bliebst nun nicht ununterbrochen in Arosa, sondern kamst nach einigen Monaten immer wieder nach St. Gallen, besonders als Du das schulpflichtige Alter erreicht hattest. Damals waren wir nach Rotmonten umgezogen und ich denke, Du wirst Dich noch an die Wohnung in der Wienerbergstr. erinnern, die einen so hübschen Ausblick auf den Säntis und auf der andern Seite über grüne Wiesen hatte. Sicherlich erinnerst Du Dich auch noch an Lotti, die kleine Schildkröte, die wir Dir einmal von einer Reise mitbrachten. Du setztest sie jeden Tag ins Gras und legtest ihr die saftigsten Blätter und Blumen vors Maul. Sie war so lebhaft, dass wir sie anbinden mussten, damit sie nicht davonlief. Dann kam der Tag an dem Du zum ersten Mal zur Schule gingst. Wohl ausgerüstet mit Ranzen, Schiefertafel und Griffel und voller Ehrfurcht vor Herrn Rysi, dem Lehrer. Du lerntest die viel umstrittene Hulligerschrift und wir alle bekamen von Dir Unterricht im Schreiben, da Du andere Ziffern und Buchstaben, als die welche Du lerntest, nicht anerkanntest. Dabei warst Du peinlich genau und die geringste Abweichung oder Unregelmäßigkeit wurde von Dir beanstandet, was für ein gutes Auge für Formen und Linien spricht. Du selbst quältest Dich sehr, das Maximum an Genauigkeit zu erreichen, was Dir nicht immer gelang und ich sehe Dich noch in einem Sessel sitzen, und Dich auf der Schiefertafel mit der schwierigen Form einer 8 abmühen, bei der ihr zuerst ein X machen musstet, dann wurden oben und unten Bögen aufgesetzt, was vielleicht nicht leichter ist als die geschwungene 8-Linie. Ich habe aber die Hulligerschrift ganz gern, sie ist eine saubere, anständige und gradlinige Schrift, etwas eckig und ungelenk, aber frei von falschen Floskeln. Natürlich wurden auch die ersten Rechenkünste zuhause wiederholt, aber während Du zuerst ein sehr gutes Rechengedächtnis zeigtest, hielt es nicht Schritt und heute ist Rechnen Deine schwache Seite. Der Ton, der in der Schule herrschte, war nicht so, wie man ihn wünscht. Arm und reich waren beachtete Unterschiede, und obwohl wir doch damals in sehr guten Verhältnissen lebten, gab es dort oben Kinder aus wohlhabenderen Familien, die sich absonderten und eine fühlbare Bevorzugung besaßen. Ich entsinne mich an das erste Schulexamen. Es ist ja eine sehr hübsche Einrichtung, dass die Eltern am Schlusse eines Schuljahres eingeladen werden, um sich von den Fortschritten und Kenntnissen ihrer Sprösslinge ein Bild zu machen. Der Lehrer ist in aufgekratzter, gehobener, aber wohlwollendster Stimmung und zeigt sich von seiner flottesten Seite. Herr Rysi machte die Sache sehr temperamentsvoll und hatte euch unleugbar im Zug. Fragen und Antworten folgten sich Schlag auf Schlag. Dabei sprang Herr Rysi mit langen, fast tanzenden Schritten vor der Schulklasse auf und ab, legte eine geheim­nisvolle Miene an, wie einer, der ein unlösbares Rätsel aufgibt, ließ seine forschenden Blicke über eure Köpfe schweifen, als könne er in sie hineinschauen, stach dann mit dem Finger in eine bestimmte Richtung und auf schoss ein kleiner Krauskopf oder Zopf, der mit monotoner Stärke die Antwort herauskrähte, was Herr Rysi mit der Selbstgefälligkeit eines Zauberers nach einem gelungenen Trick quittierte. Selten blieb eine Antwort aus und dann half der Lehrer gutmütig nach. Geschichten ließ er in durchbrochenem Stil er­zählen. So nennt man in der Musik, wenn eine Melodie nicht von einem Instrument vorgetragen wird, sondern von mehreren nacheinander, so dass sie stückweise von einem zum andern übergeht. So hatte jeder von euch nur ein Bruchstück des Märchens zu erzählen und der nächste setzte fort, wobei sich manchmal possierliche logische Sprünge ergaben, die Herr Rysi mit viel Geschick überbrückte. Während er anfänglich euch meist der Reihe nach aufrief oder mindestens euch ziemlich gleichmäßig befragte, rief er im weiteren Verlauf immer mehr nur einige bevorzugte Lieblinge auf. Da war besonders ein Mädchen, hager und hochgeschossen, mit schmalen Lippen und wässerigen Augen, die vor allen andern den Finger aufstreckte und sich durch große Schnelligkeit der geistigen Reaktion hervortat. Sie war sicher ein kluges, für ihr Alter vielleicht zu kluges Kind, von der etwas nicht Angenehmes ausging. Auch die andern Kinder hielten mit ihrem Wissen nicht zurück und streckten auf, so wie sie etwas wussten, aber sie taten es mit naiver Lust, und ohne den andern damit zu bedrängen. Dieses Mädchen aber war so sichtlich bemüht, sich hervorzutun und die andern nicht aufkommen zu lassen, dass man den Ein­druck eines verzehrenden Ehrgeizes, verbunden mit Herrschsucht, die auf keine Gutartig­keit deutete, erhielt. Dieses Kind war die Tochter von Prof. Brunner, dem Leiter des St. Galler Kantonsspitals, einem Chirurgen von europäischem Rang, der großes Ansehen genoss. Er war bei dem Examen anwesend und Herr Rysi war sichtlich bemüht, die sicherlich überspannte Intelligenz des altklugen Kindes vor dem berühmten Vater leuch­ten zu lassen. Das allgemeine Klassen-Examen ging in seinem Verlauf immer mehr zu einer Exhibition der Leistungen des kleinen Brunner-Mädchens und zu einer Huldigung vor dem großen Namen und der Anwesenheit seines Trägers über. Das machte auf mich einen peinlichen Eindruck. Auch im Verkehr der Kinder untereinander galt der Maßstab des Vermögens. Wie leider vielfach in der Schweiz üblich, verkehrten schon die Kinder nach Steuerklassen miteinander. Du selbst fühltest Dich nicht sehr glücklich dort und wir waren nicht allzu betrübt, als Du mit Hilfe eines ärztlichen Attestes wieder nach Arosa gehen konntest. Noch während der Zeit, als Du in St. Gallen warst, erlebten wir eine Überraschung. Eines Tages ging die Tür auf und vor uns stand ganz unerwartet – Margot! Sie war gegen den Widerstand ihres Vaters und ohne sein Wissen plötzlich von Berlin abgereist und war nun bei uns, ohne recht zu wissen, was mit ihr werden sollte. Wir hatten sie schon lange gedrängt, aus Deutschland auszuwandern, aber der eigen­süchtige Vater wollte es nicht zulassen, und Margot, die stets an ihm hing, konnte sich nicht von ihm freimachen. Schließlich hatte sie aber wohl selbst erfahren, dass das enge Zusammenleben mit dem moralisch defekten Mann unerträglich war, und so ist ihre plötzliche Tat zustande gekommen. Der Alte reagierte mit tiefgekränktem Vater­schmerz. Margot wurde weich und bekam Angst vor ihrer eigenen Courage und wenn Gertrud sie nicht mit fester Hand gehalten und Margot sich nicht vor uns geschämt hätte, ich glaube, sie wäre nach kurzer Zeit reumütig wieder zurückgekehrt. Wir ließen es aber nicht dahin kommen, bereiteten vielmehr alles für eine Auswanderung vor und nachdem sie ein halbes Jahr bei uns war, gelang es uns wirklich, ihr die Möglichkeit zu ver­schaffen, nach Palestina zu fahren. Es war sehr schwierig. Als endlich das Visum erteilt war, gab es keine Schiffskarten. Da das Visum zeitlich kurz begrenzt und nicht ver­längerbar war, so mussten wir alles Erdenkliche aufbieten, einen Schiffsplatz zu be­schaffen. Als dies schließlich gelungen war, drohte der Krieg auszubrechen, in welchem Fall eine Ausreise unmöglich gewesen wäre. Glücklicherweise ging auch diese Gefahr noch einmal vorüber, so dass Margot ihr Ziel erreichte. Durch die Ausbildung, die sie von uns erhalten hatte, gelang es ihr, sich selbst zu erhalten und sie hat sich als sehr selb­ständig, tüchtig und lebensfähig erwiesen. Dich hat sie sehr gern gehabt und auch Du hast sehr an ihr gehangen und ich hoffe, dass ihr euch noch oft im Leben sehen werdet. Ich habe, als wir das letzte Mal mit Margot zusammen waren, ihr gesagt, dass ich, obwohl es mir finanziell schon sehr schlecht ging, alles hergegeben habe, was zu ihrer Hilfe notwendig war. Es könnten aber Zeiten kommen, wo es mir nicht mehr so gut ginge und wo ich dann für Dich nicht mehr das tun könnte, was ich für sie und die andern Kinder getan habe. Für diesen Fall habe ich ihr das Versprechen abgenommen, dass sie für Dich, soweit sie es vermag, sorgen wird und ich bin sicher, dass Margot dieses Versprechen halten wird, und wann immer Du eine Hilfe im Leben gebrauchst, so wirst Du sie bei ihr wie bei allen Deinen Geschwistern finden. – In den letzten Jahren machten wir noch ein paar schöne Reisen, von denen ich Dir erzählen will, um Deine Lust anzuregen, Deinen heute noch recht eng begrenzten geographischen Horizont später einmal zu erweitern. Einmal fuhren wir, d.h. Gertrud, Anne, Hanns und ich, mit dem Auto nach Paris, wo wir die Weltausstellung besichtigten. Was gab es dort alles zu sehen und welches Leben war in dieser Stadt! Es gibt nichts Schöneres, als wenn man sich, einmal ganz frei von Pflichten und Sorgen, dem Genuss einer fremden Atmosphäre hingeben kann! Alles was man sieht, ist ohne ernsthafte Beziehung und zeigt sich von seiner angenehmsten Seite. Es mag ja sein, dass dieser Eindruck nicht der richtige ist und dass hinter der angenehmen und farbigen Außenseite eine graue und keineswegs ange­nehme Wirklichkeit steht, aber es ist so schön, einmal nichts von ihr zu wissen. Man be­schaut die Geschäfte und freut sich an den schönen Auslagen und denkt nicht daran, dass hinten im Büro Chefs sitzen, die sich den Kopf zerbrechen, wie sie ihre Rechnungen be­zahlen sollen oder Angestellte, die um eine geringen Lohn in einem schlecht gelüfteten Raum leben. Man sitzt in den Cafés, draußen auf der Straße und lässt das bewegte Leben an sich vorbeifluten. Und das alles ist nur ein Schauspiel für uns, alles nur ein Bild, nicht Sorge, Mühe, Hoffnung und Enttäuschung! Und man schlendert vom Mont­martre zum Montparnasse und schaut in winklige Gässchen und freut sich über einen freundlichen Durchblick oder ein liebliches Kindergesicht und kommt auf einen Markt, der sich straßenweit hinzieht, wo ein Stand neben dem andern steht, mit unwahrschein­lich großen Gurken und Kürbissen, der in allen Farben schillert und auf dem ein lustiges Gewimmel, Gedränge, Geschiebe herrscht. Hübsche junge Mädchen, flotte Bur­schen, feilschende alte Weiber und Männer, alles in bewusstem Durcheinander, schwatzhaft und klatschhaft in der liebenswürdigen Sprache, die hier zwar nicht mehr ganz so fein und geschliffen gesprochen wird, aber ihren urwüchsigen Charme nicht verleugnen kann. Und man kauft hier ein paar Tomaten und dort etwas Käse, als seien das ganz neue und ungekannte Herrlichkeiten und isst sie mit Vergnügen und es schmeckt einem ganz herrlich, obwohl es eigentlich gar nicht schmeckt, aber es ist ein Fressen und ein Fest nicht nur für den Magen, sondern für die Augen, die Ohren und das Herz. Aber von dem Lebenskampf und der Lebensnot, die auch hinter diesem Treiben steht, spürt man nichts. Man glaubt, es müsste für die Menschen das höchste Glück sein, in diesem bunten Bilde einen farbigen Effekt, eine kompositorische Spitze, einen leuchtenden Kontrast darzu­stellen. Und man fühlt sich von dem Gewoge getragen und umspült wie von einem lauen Bade. Und dann kommt man auf die großen Plätze, die weiten Avenuen mit den histori­schen Gebäuden und man spürt die Großzügigkeit und das Wehen eines großen und freien Geistes, und der geschichtliche Hintergrund dämmert auf und man denkt an das Losbrechen der dunklen Kräfte, die in der menschlichen Seele schlummern, jener Kräfte, die sich mit revolutionärer Gewalt über diese Straßen und Plätze ergossen, zum Segen und Verderben Europas. Und wenn die Dunkelheit hereinbricht, dann verschwinden diese Gesichte, und es lebt das Paris auf, das wie keine andere Stadt eine Stadt in der Nacht ist, mit kleinen und lasterhaften Freuden und der Intimität der Dämmerung. Das ist Paris, oder – das war Paris, denn was wird nach dem fürchterlichen Krieg noch davon bleiben? Aber das Leben vergeht nicht, soviel die Menschen auch dazu tun, es zu vernichten. Es wuchert aus dem Schutt hervor und saugt mit seinen Wurzeln die Kraft und den Geist der Vergangenheit und baut eine neue Zukunft, die so vielgestaltig und abwechselnd ist wie die Vergangenheit. Wir fuhren von Paris nach Chartres und besich­tigten die wundervolle Kathedrale, deren kunstvolle farbige Fenster das Licht in einen mystischen Dämmer verwandelt. Wenn Du einen Begriff von diesen herrlichen Monu­menten erhalten willst, so lies das Buch von Rodin “Die Kathedralen Frankreichs“. Er hat sie wie kein Anderer geliebt, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. – Und dann fuhren wir der Loire entlang quer durch Frankreich hindurch, auf den breiten, kilo­meterweis gradlinigen Chausseen zwischen den reifenden Kornfeldern, auf denen große Kornpyramiden aufgebaut wurden, bis an die atlantische Küste. In der Nähe von La Baule nahmen wir Aufenthalt. La Baule ist ein großes, schönes und modisches Seebad von internationaler Eleganz. Aber ganz in der Nähe liegt Le Croisic, ein kleines bretonis­ches Fischerdorf von echt französischer Eigenart. Dort tragen die Fischer blaue Hemden und orangefarbene Hosen und die Mädchen Trachten mit den entzückenden bretonischen Spitzenhäubchen, die sie kokett auf ihren Köpfen vibrieren lassen und die Boote sind bunt gestrichen und haben rot und braune Segel und es riecht nach Tang und Muscheln und es gibt herrliches Fischzeug, Hummer und Langusten zu ganz billigen Preisen. Und die Küste ist felsig und zerklüftet und in allen Spalten plätschert und gurgelt es und wimmelt von Krebsen und Quallen, die in der Ebbezeit als große Gallerthaufen auf dem Sande liegen und vom Meere braust in regelmäßigen Akkorden die eintönige und nie ermüdende ewige Melodie. –

 

Im Herbst 38 machten wir eine Reise durch Italien, die einen geschäftlichen Nebenzweck hatte. Ach, Renatli, ich habe eben eine so ungünstige Nachricht erhalten. Ich hoffte auf Freilassung im September, aber es scheint ausgeschlossen. Bürokratismus und Paragra­phen gehen vor Recht. Ich werde bis Januar warten müssen, aber ob dann nicht Internie­rung statt Freilassung erfolgen wird, ist auch noch fraglich. Es ist so schwer zu tragen, weil ich keinen Endpunkt sehe. Und bei allem denke ich immer zuerst an Dich, weil Du doch alles noch nicht verstehen kannst. Auch für Gertrud ist es schwer, aber sie kennt die Ursachen und ihre seelische Spannkraft ist die eines Erwachsenen, obwohl auch sie über das Maß ihrer Kräfte zu leiden hat. Aber Dich sehe ich immer vor mir, wie Du Dich an der Treppe noch einmal umwendetest und mit tränenschweren Augen mir zuwinktest. Ach, damals wussten wir beide nicht, wie lange die Trennung dauern würde! Ich höre, dass Du vergnügt bist und bete zu Gott, dass er Dich über die Zeit hinwegdämmern lässt und Dir die Dauer leicht werden lässt. Nun hatte ich schon, weil ich so niedergeschlagen bin, das Heft beiseite gelegt, aber lass mich noch ein bisschen von der Italienfahrt plau­dern. Ich denke so gern daran zurück, und vielleicht kommt dabei etwas von der Wärme, dem Duft und der Farbigkeit des schönen Landes in meine öde, graue Zelle. Unser Ziel war Capri, aber wir hatten nur 14 Tage für die Hin- und Rückfahrt; so gab es schon etwas Hetze, aber wir versuchten durch genaue Einteilung sie zu mildern und Genuss zu haben, ohne uns zu übermüden. Zuerst kamen wir nach Mailand, der „nördli­chen“ Stadt, wo man das Südliche aber schon schnuppert. Ich finde den Dom gar nicht lächerlich, wie ihn Hermann Hesse nennt wegen seiner unzähligen, im Einzeln mögli­cherweise anfecht­baren Figuren, die sich, wie er meint, gegenseitig vom Platze drängen wollen, um jedes auf die höchste Spitze zu gelangen. Ich finde vielmehr, dass es wenige Gebäude gibt, an denen die Masse so in Leichtigkeit aufgelöst ist. Und wenn ich davor stehe und ihn gegen den blauen Himmel betrachte, so erscheint er mir immer wie ein kostbares Spitzentuch, das fromme Nonnen in einem Kloster geknüpft haben. Und in wie merkwürdigem Ge­gensatz zu dieser äußeren Durchsichtigkeit und Helle steht die dunkle Schwere und Kühle des mächtigen Innenraums! – Wir fuhren ziemlich direkt weiter bis Florenz und in der toskanischen Landschaft beginnt das echte Italien. Für Gertrud fing es allerdings schon früher an, unmittelbar hinter der Grenze, nämlich dort, wo der erste Verkäufer mit rohen Feigen an unsern Wagen trat. Obwohl sie mit großem Raffinement kochen kann, ist sie in Essensdingen ein Naturmensch und vor rohen Feigen wird sie schwach. Florenz! Kann man Florenz beschreiben? Es ist eine eigene Sache mit den italienischen Städten. Man hat hundert Beschreibungen gelesen, man hat 100 vortreffliche Abbil­dungen gesehen, und wenn dann der spitze Turm des Palazzo Vecchio zum ersten Mal auftaucht in seiner Leibhaftigkeit, so springt eine Tür im Herzen auf und man fühlt: es ist alles anders und neu! Die Wirklichkeit steht mit der ganzen Fülle eines Akkordes ein, von dem die Reproduktionen nur einzelne Töne wiedergeben. Ich weiß nicht, ob ich dauernd in einer historisch so geladenen Atmosphäre leben möchte, ich kann verstehen, dass sie einen Menschen vollständig ergreift und ihn der Gegenwart entfremdet, wogegen sich manches in mir wehrt, aber zeitweise sich von dem Geist der Vergangenheit packen zu lassen, ist etwas Wundervolles und wo wird man stärker davon berührt, als in Florenz, wo jeder Stein den Ruhm der Vergangenheit kundet und jede Stätte mit ehrwürdigen Erinnerungen geweiht ist; wo der Geist Michelangelos und der Medici noch heute lebendig ist und wo ein wesentlicher Zweig der Musik seinen Ausgang genommen hat. Das ist nicht „literarisches“ Interesse, nein man erlebt das Wunder der Kontinuität des Lebens, denn diese großen Künstler haben uns ja sehen und hören gelehrt und so gering wir auch ihnen gegenüber sind, so sind es doch Menschen von unserm Fleisch und Blut und ein Funken von dem Feuer, das in ihrer Seele loderte, glüht auch in uns. Und wenn wir nun in die Nähe ihres gewaltigen Atems kommen, so wird dieser Funke mächtig angefacht und wir spüren ein Leuchten, das von uns ausgeht, wie der Glanz des Mondes von dem Schein der Sonne. Und um dieses Leuchtens willen, Renatli, ist es ein Unterschied, ob ich von Florenz eine schöne Beschreibung lese oder ob ich seine Luft atme. Und dann ist da Fiesole mit seinen von grauen Mauern umgebenen blühenden Gärten, in denen die Farben ein Fest der Intensität feiern. Und Gertrud wird nie vergessen zu erzählen, wie sie einmal auf einem Eselskarren mit einem betrunkenen Bauern in der Nacht einen Landweg gefahren ist und was sie dabei erlebte. Wie soll ich Dir nur den eigentümlichen Zauber dieses Landes erklären! Alles ist in so wunderbarer Übereinstimmung und alles wirkt – dekorativ? Das ist ein falsches Wort, denn es ist eben nicht wie Dekoration, sondern lebendige Bildhaftigkeit. Etwas davon hat ja jedes Land, aber nicht immer mit gleicher Kraft. Vor allem nehmen die Menschen nicht überall den bildhaften Charakter der Land­schaft an. Wenn Du in die Schweizer Berge gehst, dort wo sie noch nicht Hotel-Dekora­tion sind, sondern mit urtümlicher Kraft dastehen und Du siehst eine Almhütte und einen Sennen mit den gleichen Furchen im Gesicht, die in die Felswände geschnitten sind, und eine Viehherde, die hier ihr Leben fristet, so wirst Du auch das Gefühl einer echten gewachsenen Lebendigkeit haben. Aber wenn Du eine Stadt wie St. Gallen und die Men­schen darin betrachtest, so hört das Bild auf, lebendig zu sein, soviel Leben es auch ent­halten mag. Es sind noch Formen und Farben, aber das Bild ist kein Kunstwerk mehr und alles ist zusammenhanglos. Das ist dort unten anders. Dort sind die Menschen kein Miss­klang. Sie sind nicht besser und nicht klüger und nicht arbeitsamer und bestimmt nicht tüchtiger, aber sie sind nicht so ausdestilliert, nicht so verledert, nicht so nüchtern und nicht so abgestorben. Sie leben in einer participation mystique mit der Natur. Und darum ist jede menschliche Gestalt, die Dir dort begegnet, mag sie auch dumm, roh oder ver­ächtlich sein, ein lebendiges Kunstwerk. Und darum sind Deine Augen in einem ununter­brochenen Schwelgen und werden nicht müde zu schauen! Siehst Du, Renatli, nun ist mir wieder etwas leichter zu Mute. Manchmal muss man aus der Gegenwart und dem Ort, an dem man ist, flüchten und wenn man es nicht wirklich kann, so hilft es schon, wenn man es im Geiste tut. Das Leben ist so eigenartig und mitunter so widersinnig, dass man es wie ein Fremder und Unbeteiligter mit einem merkwürdigen Staunen, aber ohne große Anteilnahme betrachten muss und alle Schmerzempfindlichkeit mit einer leisen Neugier übertäuben muss, als wollte man sagen: wollen doch einmal sehen, wie die Sache weiter­geht! Ich habe einmal einer Verzweif­lungsstimmung nachgegeben und habe mir gelobt, es nicht wieder zu tun, weil ich es für ein großes Unrecht halte. Die Natur hat unsere Seele mit Kräften ausgestattet, die es uns möglich machen auch dort auszuhalten, wo wir in unserer Kurzsichtigkeit keinen Aus­weg sehen. Aber die Welt hört nicht an unserer Nasenspitze auf! – Von Florenz ging es weiter nach Pisa, das ich nie anders als in strahlendster Sonne unter leuchtendem Himmel gesehen habe. Pisa ist mir immer als ein Schmuckkästlein erschienen. Es ist so zierlich, wie aus Elfenbein geschnitten und es hat etwas so Freundlich-Unwirkliches. Florenz hat bei aller Heiterkeit etwas Ernstes, man denkt dort an die Schrecken, die durch Krieg, Belagerung, Hungersnot, Pest und die Intoleranz der Menschen über die Stadt gekommen sind. Das bleiche Antlitz Savonarolas schwebt anklagend über den Herrlichkeiten. In Pisa spürt man nichts davon. Der schiefe Turm steht so blitzblank und mit reiner Seele da, dass man ihm nichts Böses zutrauen möchte. Natürlich sind wir auch die steinerne Wendeltreppe in seinem Innern, auf der man so merkwürdige Gleichgewichtsstörungen erlebt, hinaufgestiegen, haben im Dom vor der Lampe mit dem langen Pendel gestanden, an dessen Schwingungen Galilei (angeblich) die Drehung der Erde festgestellt hat. Und schließlich haben wir im Baptisterium das Wunder der Akustik vernommen, denn jeder nur leise vorgebrachte Ton klingt dort voll und mächtig und tönt lange nach, so dass wenn man kurz hintereinander die Töne eines Dreiklangs singt, der volle Akkord in schöner Resonanz nachklingt. Dann kamen wir nach Rom, der heiligen Stadt, besuchten die Peterskirche, für die wir kein rechtes Verständnis aufbringen konnten. Umsomehr waren wir von dem Deckenge­mälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ergriffen. Auch kletterten wir auf dem Forum Romanum zwischen den alten Ruinen herum, doch war ich für diesen Sprung von 1 1/2 Jahrtausenden nicht ganz aufnahmefähig. Anne dagegen erprobte ihre noch frischen Latein-Kenntnisse an den in Stein gehauenen Nekrologen und knüpfte Gespräche mit antiken Senatoren, Konsulen und Cäsaren an.

 

13/6 Von Rom gings weiter nach Neapel, von dem wir nur einen flüchtigen Eindruck mitnehmen konnten, da wir direkt nach Capri weiterfuhren. Auch den Vesuv ließen wir in der Ferne rauchen. Wenn es in Europa irgendeinen Flecken gibt, auf dem man sich in das Paradies versetzt fühlt, so ist es Capri. Diese kleine Insel ist wirklich ein Märchen. Man landet in einem kleinen malerischen Hafen und fährt mit einer Zahnradbahn durch üppige Weingärten auf einen zwischen zwei Höhenzügen gelegenen Sattel, auf dem der eigentliche Ort liegt. Die Häuser liegen terrassenförmig in blühenden Gärten mit Aussicht aufs blaue Meer; eine prächtige Vegetation leuchtet in herrlichen Farben. Capri hat vielleicht nur den einen Fehler, dass es zu schön ist. Der Eindruck der Insel erinnert etwas an Bilder, die so schön gemalt sind, dass sie unwirklich wirken. Auch Capri ist unwirklich, es ist ein Paradies, das es nicht gibt und in dem man nicht leben möchte. „Man“ ist vielleicht zuviel gesagt, es gibt sogar eine ganze Gemeinde von Menschen, die dort leben, die aber alle mehr oder weniger den Zusammenhang mit der wirklichen Welt verlieren. Es sind durchaus nicht nur reiche Leute, die sich den Luxus eines Paradieses-Leben gestatten, sondern gerade Leute mit ganz kleinen Renten, die dort anspruchslos und zurückgezogen und in ihre Schrullen versponnen leben. Neun Monate im Jahr im war­men Meer baden, keinen Regen und keine Kälte kennen, keine Unruhe und keine Hast, und einen kleinen Vorschuss auf die Seligkeit genießen. Dort lernten wir Paule kennen, eines der vielen Capreser-Originale. Wir saßen in einer kleinen Kneipe und quälten uns mit der Entzifferung der italienischen Speisekarte. Ein neben uns sitzender Mann, der mit seinem ungeordneten Haar und ungepflegten Bart etwas verwildert aussah, was auf Capri aber nichts Besonderes ist, kam uns zu Hilfe und verpflichtete uns auf Titenfisch-Ragout (natürlich nicht in Tinte!). Wir kamen ins Gespräch und er setzte sich an unsern Tisch. Es war ein deutscher Maler, der schon seit 30 Jahren dort lebte und ein vergnügliches Bummelleben führte. Er war sorglos, schwatzhaft und amüsant und ein großer Freund des vino tinto. Er empfahl uns seine Spezialsorte und nachdem wir ihm bestätigt hatten, dass er gut schmeckte, erzählte er uns, dass dieser Wein der beste in ganz Capri sei, weil die Reben, aus deren Trauben er gewonnen wurde, auf dem Kirchhof wüchsen. „Dies ist der Saft meiner Freunde, die dort liegen“, sagte er und verbreitete sich gern und ausführlich über die lebensspendende Kraft dieses Getränkes. Jedermann auf Capri kannte ihn und er sagte, falls wir ihm schreiben wollten, würde als Adresse „Paule, Capri“ genügen. Wir besuchten natürlich auch die berühmte blaue Grotte, eine Höhle in einem Felsen, die nur einen ganz kleinen Eingang vom Meer aus hat. Man muss sich bei der Einfahrt flach auf den Boden des Ruderbootes legen. Durch den geringen Einfall des Lichtes erfolgt eine Brechung der Lichtstrahlen, wodurch das Wasser in der Grotte eine wundervolle blaue Farbe erhält. Schlägt man mit einem Ruder auf das Wasser, so glit­zern die spritzenden Tropfen ganz silbern. Das Ganze passt zu dem märchenhaften, aber auch hier nahe an den schönen Kitsch grenzenden Charakter der Insel. Der Besuch der Grotte war keine rechte Freude, weil gerade ein Kraft-durch-Freude-Dampfer in der Nähe hielt und einen Schwarm von lärmenden Touristen in zahlreiche kleine Boote spie, die den Zugang zur Grotte belagerten und die Ruhe störten. Nachdem wir uns einige Tage in Capri erholt hatten, traten wir die Rückfahrt an. Ich will Dir nicht alle Einzelheiten erzählen, aber dass wir in Assisi, in Perugia, in Siena waren, muss ich doch erwähnen. Besonders Assisi, die Stadt des Santo, jener rührendsten Gestalt unter den Heiligen, der den Vögeln predigte und den Sang an die Sonne dichtete, Assisi mit seinen schönen Kirchen und Plätzen und der herrlichen Pietà und Siena mit dem wundervollen geschlossenen Marktplatz und dem roten Rathaus mit einem unwahrscheinlich spitzen Turm. Wie gerne möchte ich Dir das alles einmal zeigen! Ob Du es wohl sehen wirst? Diese Reise war die letzte, die wir machten und ich denke so oft an sie zurück. – In St. Gallen hatte sich inzwischen auch manches geändert. Anne hatte die Matura auf der Kantonsschule gemacht und siedelte nach Zürich über, wo sie die Kunstgewerbeschule besuchen sollte. Hanns war schon vorher nach Zürich gegangen, weil er dort eine Schule besuchen konnte, die ihn in 2 Jahren auf die Matura vorbereitete, während er in St. Gallen noch 4 Jahre gebraucht hätte. Du warst in Arosa und solltest vorerst dort bleiben, so dass wir nun ganz allein in St. Gallen waren. Da sich die geschäftlichen Verhältnisse ständig verschlechterten und die Dezentralisierung unseres Haushaltes viel Kosten machte, gaben wir die Wohnung in Rotmonten auf und mieteten eine billige aber leider ungemütliche Wohnung in der Linsebühlstraße, in der wir uns gar nicht wohlfühlten. Weihnachten 1938 kamen wir zum letzten Mal zu Dir nach Arosa und dies waren die letzten Tage, die wir in sorglosem Zusammensein gemeinsam mit Dir verbringen konnten. Anfang 1939 erfolgte der Krach und bald darauf meine Verhaftung, durch die unser aller Schicksal aufs tiefste erschüttert wurde. Zunächst trat die schwierigste Lage für Gertrud ein, die von aller Hilfe verlassen von einem Tag zum andern ohne Geldmittel dastand. Sie zeigte aber eine bewundernswürdige Standhaftigkeit und es gelang ihr unter tausend Schwierigkeiten, sich und euch über Wasser zu halten. Es ist für mich ein großer Schmerz gewesen, dass meine Geschwister in dieser Lage nicht helfend eingegriffen haben und es bedurfte langer Anstrengungen von meiner Seite, bis ich eine Änderung ihres Standpunktes erreichen konnte. Auch Gertruds Geschwister rückten von ihr ab, was ich wohl schon erzählt habe. Es waren wirklich Freunde oder sagen wir ferner stehende Freunde, die die erste und notwendigste Hilfe leisteten, die Pflicht der Nächsten gewesen wäre. Meine Schwester Hanna, die mir jetzt mitunter sympathisierende Briefe schreibt, war kurz darauf in St. Gallen, hat es aber nicht für notwendig gefunden, mich zu besuchen, angeblich weil sie nicht wusste, dass es möglich war. Wieder waren es ferner stehende Freunde, die den Weg zu mir gefunden haben. Vor allem zeigte sich Herr Homburger hilfreich, obwohl wir ihn kaum kannten und die einzige Verbindung zu ihm darin bestand, dass Anne mit seinem Sohn auf der Schule und befreundet war. Er ist uns allen auch heute ein treuer Helfer. Ihm war es zunächst zu danken, dass Hanns die Schule in Zürich bis zum Abschluss weiter besuchen konnte und heute zahlt Herr Homburger für ihn das Studiengeld. Seine Hilfe geht aber viel weiter, da es kaum eine Frage gibt, in der er uns nicht hilfreich zur Seite steht. Anne musste den Besuch der Kunstgewerbeschule in Zürich abbrechen und kehrte nach St. Gallen zurück. Auch Du musstest Hals über Kopf Arosa verlassen. Leider mussten wir einige kleine Schulden dort unbeglichen lassen, was Herrn Ardüser in recht unschöner Weise veranlasste, sich an den paar Habseligkeiten, die noch oben waren, schadlos zu halten. Er hätte gut und gern auf die paar Franken verzichten können, denn in den guten Jahren waren wir ihm gegenüber stets zu jedem Gefallen bereit. Wie weit Du über das, was geschehen war, eine Vorstellung bilden konntest, weiß ich nicht, aber so unklar sie auch gewesen sein mag, so fühltest Du doch, dass etwas Bedeutendes passiert war und empfandest einen starken Schock. Du hast mir später einmal erklärt, als Du nach St. Gallen gekommen warst und der Vati war nicht da, glaubtest Du, Dein Herz stünde still. Diese starke Ausdrucksweise eines 10-jährigen Kindes spricht für die Stärke der seelischen Erschütterung. Es konnte Dir natürlich auch nicht entgehen, dass sich sonst vieles oder vielmehr alles geändert hatte. Die elterliche Wohnung, die allerdings schon seit dem letzten Umzug alle Behaglichkeit und Vertrautheit eingebüßt hatte, war aufgelöst und Du wurdest im Hause der Familie Fuchs aufgenommen, was zunächst von allen als vorübergehende Maßnahme aufgefasst wurde, denn niemand hätte ja gedacht, dass sich die Auswirkung über so viele Jahre erstrecken könnte. Dieser Wechsel der Umgebung war für Dich nicht so schlimm, im Gegenteil, es war ein großes Glück, dass Du diese Heimstätte fandest, denn die Familie Fuchs war Dir schon seit langem bekannt und vertraut. „Wir haben einen Großvati und einen Almo“, hattest Du mir schon früher einmal erzählt. Almo war der Hund, Beide hatten gleichen Wert in Deiner Vorstellung. Du hast immer die Gabe gehabt, eine menschliche Atmosphäre um Dich zu schaffen und festzuhalten. So hast Du auch, als Du Dich an Frau Fuchs anschlossest, ihre Familie an Dich gezogen. Vor allem warst Du mit Helen befreundet, die ja auch heute Deine große Freundin ist. Als sie bei ihrer Tante in Horgen arbeitete, wo sie schwer ausgenutzt wurde, verbrachtest Du einige Zeit in deren Hause, denn besonders der Mann liebte Dich sehr, während die Frau zu vertrocknet und geizig war, um viel Gefühle zu haben; aber auch sie war freundlich zu Dir. Der Mann litt sehr unter der Kinderlosigkeit der Ehe, die ihm wohl erst so recht durch Deinen Anblick zum Bewusstsein gebracht wurde. Als Du nun wieder nach St. Gallen zurückkehren solltest, verschwand er am letzten Tage Deines Aufenthaltes aus dem Haus, ging nach Zürich, betrank sich sinnlos und kehrte nicht mehr zurück. Er ließ sich später scheiden, heiratete wieder und, ich glaube bekam Kinder. Es verbanden Dich also viele Fäden mit Mitgliedern der Familie Fuchs und der Zusammenhalt wurde noch größer, als die Großeltern und Schwester Berta gemeinschaftlich in dem Haus wohnten, in dem Du Dich auch heute befindest. Ich weiß, dass Du Dich dort wohl fühlst, dass man Dich lieb hat und wie ein eigenes Kind behandelt. Und wenn wir auch dafür gesorgt haben, dass finanziell keine zu große Last für Frau Fuchs entsteht, so bleibt doch manches an Kosten und vor allem Arbeit, das wir dankbar anerkennen. So sehr wir es Dir gönnen, dass Du Dich dort völlig eingelebt hast, so ist es für uns doch nicht leicht gewesen, Dich wegzugeben. Aber wir hätten Dir in dieser Zeit nichts als Unruhe, Nervosität, Sorgen und Probleme bieten können und so mussten wir auf Deine Nähe verzichten, um Deine Entwicklung nicht über das für ein Kind tragbare Maß zu belasten und zu behindern. Die Beziehung von uns zur Familie Fuchs (und d.h. für diese Zeit natürlich in der Hauptsache von Gertrud) war nicht einfach. Gertrud hatte die schwere Aufgabe, Frau Fuchs zu lenken, ohne dass sie er merkte. So gut Frau Fuchs zu Dir war, so haftete doch an ihr manche Eigenart, die für Deine Entwicklung wenn auch nicht gerade hinderlich, so doch nicht förderlich war. Das ist ja ganz erklärlich, denn Frau Fuchs lebte ihr ganzes Lebenlang in einem kleinen Milieu und ihr Gesichtskreis deckte sich nicht immer ganz mit unserm. Es gab Erziehungsfragen, für die sie kein Verständnis hatte, es gab Gesundheitsfragen, die sie nicht anerkannte etc. Hier musste Gertrud viel Takt und Geschicklichkeit entfalten und manchen Temperamentsausbruch abbremsen, auch manches Wort überhören, das sich auf unsere Lage bezog. Ich fürchte, dass manches Wort gegen Gertrud und mich vor Deinen Ohren gesprochen wurde und es bedurfte wohl auch einer gewissen diplomatischen Geschicklichkeit Deiner kleinen charakterfesten Person, um Dich in beiden Lagern zu halten. Es gelang Dir erstaunlich gut. In der Familie Fuchs warst Du eine kleine Prinzessin, die von jedem verwöhnt wurde. Herr Fuchs rechnete mit Dir und trieb gutmütige Scherze, der alte Großvater nahm Dich an die Hand und ging mit Dir spazieren und gab Dir von seiner Buchbinderarbeit viele schöne Kinderbücher zu lesen, Frl. Berta war gut zu Dir und mit Frau Fuchs standest Du auf völlig gleichem Fuße. Ich glaube nicht, dass die Familie auf ihre eignenen Kinder, als sie klein waren, soviel Arbeit verwendet hat als auf Dich. Ich sage nicht zuviel, dass sich das ganze Haus um Dich drehte und alle mehr oder weniger von Dir beherrscht wurden. Du warst, ohne es zu wissen, der Mittelpunkt, aber Du warst es auch, die, gleichfalls ohne es zu wissen, die reichlich brüchigen Familienbande zusammenhielt. Du hast dort oben so viel gegeben wie Du empfangen hast und nicht umsonst ist Dir von allen Seiten Liebe zugefallen. In dieser Zeit erhielt Anne die Erlaubnis, eine Haushaltstelle anzunehmen und von ihrem Verdienst konntest Du erhalten werden. Es war eine schwere Leidenszeit für Anne, deren Leben in Waschen, Putzen, Flicken bestand. Sie ist auf immer von jedem Streben nach häuslicher Schaustellung geheilt, falls sie es je besessen haben sollte. Von meinem Schicksal in dieser Zeit kann ich hier nicht sprechen. Vielleicht kann ich das später einmal mündlich oder schriftlich nachholen. Zunächst fiel die ganze Last der Existenz auf Gertrud. Um das Notwendigste zu verdienen, ging sie nach Zürich, wo sie als Vertreterin eines Kosmetik-Geschäftes ungeahnte Fähigkeiten entfaltete. Mit einem Köfferchen voll „Gütterli“ zog sie von morgens bis abends umher und überzeugte ihre Geschlechts­genossinnen von der Notwendigkeit und den Vorteilen einer mit ihren Präparaten be­handelten Haut. Sie hatte wirklich schöne Verkaufserfolge und sie hätte sich sicherlich eine anständige Existenz aufgebaut, wenn nicht der Ausbruch des Krieges jede Verkaufs­möglichkeit für die nächste Zeit unterbunden hätte. Auf der andern Seite war der Nach­teil der Zürcher Tätigkeit, dass Gertrud von Dir und Anne, ihr beiden verlorenen Schäf­chen, getrennt war und da es dringend notwendig war, dass sie sich um Euch kümmerte, so siedelte sie wieder nach St. Gallen über. Wenn also noch nicht alle Schweizer Frauen dank Doris-Gesichtsmaske über einen tadellosen Teint verfügen, so ist auch dies eine unglückliche Nebenfolge der welthistorischen Ereignisse. In St. Gallen nahm auch Gertrud eine Haushaltstelle an, in der es ihr sehr schlecht ging. Unwürdige Behandlung, schwere Arbeit, schlechtes Essen und wenig Verdienst. Es war wohl die schlimmste Zeit. Schließlich, als sie gesundheitlich diese Strapazen nicht mehr durchmachen konnte, gelang es ihr, eine kleine Unterstützung von der Jüdischen Gemeinde zu erhalten, was ihr die Möglichkeit gab, den schweren Dienst aufzugeben. Auch Anne lebte unfroh und überanstrengt. Nach langen Bemühungen gelang es ihr, eine Stelle bei einer Rechts­anwalts-Familie in Davos zu beschaffen. Aber es zeigte sich bald, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war. Hochgekommene Leute, nach außen Sozialisten, aber in ihren vier Wänden von anspruchsvollem Luxus. Anne konnte sich in diese Verhältnisse gar nicht hineinfinden und gab die Stelle auf, als sie eine neue in einem Hotel in Davos gefunden hatte. Hier musste sie die untergeordnetste Arbeit machen und verrannte sich völlig in eine Sackgasse. Gertrud wollte sie wieder nach St. Gallen haben und drängte, da sie richtig vermutete, dass die Aufnahmemöglichkeit von Anne in die Jüd. Gemeinde nur noch kurze Zeit bestehen würde. Sie brauchte dazu einen ärztlichen Attest, aber Anne, in verbohrtem Starrsinn, schob es in die Länge und es brauchte Gertruds ganze Energie und Stoßkraft, um Annes Schwerfälligkeit zu überwinden. Schließlich kam zu Hilfe, dass sich Anne durch die dauernde Wascherei einen schweren Ausschlag an Händen und Armen geholt hatte, der sie zur Aufgabe der Arbeit zwang, sodass sie nach St. Gallen zurückkehrte. Hier besuchte sie die Gewerbeschule, und wenn sie dort auch nicht alles lernen konnte, was sie gern gewollt hätte, so war sie doch froh, wenigstens etwas auf ihrem Tätigkeitsfeld arbeiten zu können und die lästige Putzarbeit los zu sein. Hanns hatte in der Zwischenzeit die eidgenössische Matura mit Glanz bestanden und es erhob sich nun die Frage, was mit ihm werden sollte. Da machte Gertrud durch einen Zufall eine Bekanntschaft, die für Hanns zum Segen werden sollte. Auf dem Weg zu Bekannten begegnete sie auf der Treppe einem alten Manne von merkwürdigem Aussehen. Er trug einen einfachen langen Bauernkittel und einen runden Hut, hatte einen sehr sauber geschnittenen weißen Bart und ein von kleinen Falten durchfurchtes Gesicht mit hellen freundlichen Augen. Er hatte etwas von der Einfalt und Ehrlichkeit eines Apostels. Gertrud war dieser Mann auf den ersten Blick sehr sympathisch und sie versuchte, seine Bekanntschaft zu machen. Sie kam ins Gespräch und der Mann stellte sich als Diakon einer evangelischen Bruderschaft heraus, der im Toggenburg auf dem Lande wohnte. Dieser Bruder Johannes nahm zu den Erntearbeiten 1 oder 2 junge Leute nach oben und erklärte sich bereit, Hanns aufzunehmen. Hanns blieb einige Monate dort und es gefiel ihm außerordentlich gut. Er arbeitete tüchtig und die beiden ungleichen Menschen lebten sich so miteinander ein, dass Bruder Johannes Anteil an Hanns‘ weiterem Schicksal nahm. Als Hanns den Wunsch äußerte, Chemie zu studieren, setzte sich Bruder Johan­nes mit Herrn Homburger in Verbindung, und diesen beiden gütigen Menschen verdankt Hannes heute sein Studium indem Bruder Johannes aus seinen bescheidenen Mitteln ihm Kost und Logis, Herr Homburger das Studiengeld bezahlte. Allerdings hatte Hanns noch eine große Enttäuschung durchzumachen. Kaum hatte er das Sudium begonnen als er zum Arbeitsdienst ins Emigrantenlager einberufen wurde und es dauerte 10 Monate, bis es den gemeinsamen Anstrengungen gelang, ihm die Studienerlaubnis zu erwirken. – Für Dich war es auch nicht so leicht, das Gleichgewicht zu finden. Du hattest vorher, ohne dass es Dir bewusst war, einen sicheren Halt an Deinen Elterrn gehabt und der Glaube an Vati und Mutti lebte in Dir mit starker und echter Kindereinfalt. Etwas zu plötzlich für ein Kindergemüt stürtzte diese Welt zusammen. Den Vater umgab ein Geheimnis, das Du vielleicht ahntest, ohne es begreifen zu können. Er war Deinem Gesichtskreis entzogen, und seine Führung, die Dir eine selbstverständliche Stütze gewesen war, ging verloren. Die Mutter aus der gesellschaftlichen Stellung auf ein Niveau geworfen, das Dir fremd sein musste, Anne in eine dienende Stellung gedrängt. Das goldene Paradies der Kindheit hatte sich hinter Dir geschlossen und vor Dir lag eine Welt, in der es Fremdheit, Abhängigkeit, Sorge und Not gab. Das Gefühl der Sicherheit, das Dich unbewusst be­herrscht hatte, verließ Dich und eine Ahnung dunkler Abgründe tat sich auf. Du warst nun ein armes Kind und man ließ es Dich fühlen, auch dort, wo man barmherzig zu Dir war. Wenn Du auch nie anspruchsvoll oder unmäßig warst, so war es Dir doch eine Selbstverständlichkeit, Wünsche auszusprechen und erfüllt zu sehen. An fremden Mittagstischen gab es aber nichts zu wünschen, dort musste man still sein und danke sagen. Ich will nicht sagen, dass der Verzicht auf diese kleinen Wünsche gerade so schlimm war, aber schlimm war der Verzicht auf das gute Daseinsrecht, schlimm war das Fremdsein, das Geduldetsein, das Hinnehmen der Wohltätigkeit. Renatli, ich habe das nicht vergessen und ich bin stolz auf Dich, weil Du diese schwere Prüfung mit Takt und Haltung bestanden hast. Du hast nicht geweint und Du bist nicht in den Boden gesunken, Du hast Deinen kleinen Kopf hoch getragen und hast die Menschen durch Dein freies und natürliches Wesen für Dich gewonnen. Ja, es hat Dich nicht beugen können und Dir Deinen Glauben nicht geraubt, wenn Du schlechte Worte über mich mit anhören musstest und wenn Schulkinder mit der Grausamkeit, die weniger gewollt als angeboren ist, Dir Bemerkungen über Deinen Vati nachgerufen haben. Für mich war es immer eine große Freude, wenn Du mich besuchen durftest. Du warst nun schon ein richtiges Mädchen geworden und die dicken runden Kinderglieder hatten sich in die Länge gestreckt. Doch Du warst klein für Dein Alter, und das schmerzte Dich sehr, denn Du wärest gerne groß gewesen, so groß, wie Du später nicht mehr wünschen würdest zu sein. Aber fast die Kleinste in der Klasse zu sein, ist bitter für ein Kind und ich versuchte oft, Dich zu trösten, weil ich ja diese Qualen selbst als Kind erduldet hatte, bis die Natur mit einem plötzlichen Ruck das versäumte Wachstum nachholte. Und Mutti wusste es ganz genau, dass Du groß werden würdest, denn Dein Fuß war ja schon fast so, dass Du ihre Schuhe tragen konntest und zu einem großen Fuß gehört auch ein großer Mensch. Aber in Deinem Köpfchen saß der Zweifel. Dein Haar war nicht mehr kurz geschnitten, denn Du wolltest keine Ponnies haben. Seitdem Dein geliebter Hanns sein Herz an Wroni mit den langen Zöpfen gehängt hatte, wolltest Du ihr nacheifern und eifersüchtig beobachtetest Du das Wachsen Deiner schwarzen Haare. Du wolltest überhaupt so sein wie ein richti­ges Schweizerkind. Die Mutti hätte Dich gern etwas schicker angezogen, mit kurzem Röckchen und kleinen modischen Effekten. Aber Du wolltest Dich nicht von den andern abheben und hattest das richtige Gefühl, dass es einem Kind, das Gratis-Milch in Anspruch nehmen muss, nicht zukommt, sich hervorzutun. Wenn Du zu mir kamst, so brachtest Du mir Deine Schulhefte und erzähltest mir Deine kleinen Erlebnisse und Dein unschuldiges Geplauder war ein Sonnenstrahl in meiner Einöde. Wie bitter ist es, dass ich jetzt selbst auf das verzichten muss! In der Schule in St. Georgen gefiel es Dir viel besser als in der auf Rotmonten. Es herrschte dort kein blasierter Ton und kein Klassenregiment. Und dann war da Herr Wüest, der Klassenlehrer, der Achtung und Liebe und auch etwas Furcht auf seine rundliche forsche Person zog. Ich habe ihn später kennen gelernt als einen freundlichen und tüchtigen Schulmann, dem ihr nicht auf der Nase herum tanzen konntet. Deine Schulleistungen waren normal, nur im Rechnen, besonders Kopfrechnen warst Du etwas schwach und flüchtig. Aber in Sprache entwickeltest Du einen großen Ehrgeiz. Geübt durch unser Hochdeutsch, fiel es Dir leicht und Du zeigtest ein ausgeprägtes und sehr feines Sprachgefühl, dass Du Dir hoffentlich erhalten wirst. Um Euch einen etwas reichhaltigeren Sprachschatz anzugewöhnen, hatte Euch Herr Wüest in Aufsätzen den Gebrauch der einfachen Worte wie „tun, machen etc.“ verboten, was manchmal zu einer spaßig gewählten und geschraubten Ausdrucksweise führte, denn weil Du keinen Spaziergang „machen“ durftest, musstest Du Dich im Walde „ergehen“ und ähnliches. Aber sonst bliebst Du einfach und natürlich im Denken und, wie oft bei Kindern, sehr wirklichkeitsnah. So erzählte mir Gertrud einmal, Du hättest einen Aufsatz über das Thema „Mein Schulweg“ schreiben sollen. Als Dir so recht nichts zu schreiben einfiel, schlug sie vor, Du könntest doch z.B. schreiben, wenn Du zur Schule gingest, so singen die Vögel in den Bäumen. Aber Du anwortetest: „Mutti, wenn ich morgens zur Schule gehe, dann singen die Vögel noch nicht“, und nur des literarischen Effektes wegen etwas zu schreiben, was nicht wahr war, lehntest Du ab, wenn auch natürlich nicht mit dieser ästhetischen Begründung. Du fühltest einfach so als Kind wie primitive Völker fühlen, die nur soweit rechnen und denken können, wie ihre Anschauung reicht. Abstraktes Denken ist ihnen unmöglich. So erzählt Wertheimer in seinen Untersuchungen zur Gestalttheorie, dass es unmöglich sei, primitive Völker zu Rechenaufgaben zu bewegen, die inhaltlich sich nicht mehr mit der Wirklichkeit decken. Sie weigern sich, z.B. eine Aufgabe zu lösen von der Form: Ein Bauer pflügt in einer Stunde 2 Felder. Wieviel pflügt er in 12 Stunden?, weil ein Bauer nicht 12 Stunden pflügen kann. Mit der selben Folgerichtigkeit weigertest Du Dich zu schreiben, die Vögel singen, wenn es in Wirklichkeit nicht der Fall war. Mit den Schulkindern kamst Du im großen Ganzen gut aus. Die Buben waren wild und ungezogen, wie es sich für Buben gehört und blickten mit Verachtung auf die „Wiber“. Kein Mädchen war mit einem Buben befreundet, das war nicht der Brauch. Unter den Mädchen hattest Du einige Freundinnen aber ein Verkehr von Haus zu Haus war nicht üblich. Auch hattest Du Angst vor Fragen. Als ich mich einmal wunderte, dass Du gar nicht in andere Häuser gingst, sagtest Du mir: „Weißt Du, Vati, man fragt mich dann, wo mein Vater ist, und dann kann ich nicht antworten und da gehe ich erst lieber gar nicht hin.“ Wie schmerzlich solche Ant­worten für mich waren, konntest Du natürlich nicht empfinden. Bei Deiner Ausbildung habe ich vor allem zwei Sachen bedauert. Die eine war, dass Dir das Zeichnen verleidet worden ist. Du hast zwar keine besondere Begabung dafür gehabt, aber auf etwas kind­lich unbeholfene Art gekritzelt, die uns oft gefreut hat. Nun hattet ihr in der Klasse einige Kinder, die sehr korrekt und glatt in der Manier der Großen zeichnen konnten und es scheint, dass auch der Lehrer diese Art schätzte und als Vorbild hinstellte. Dann kam noch, dass Dir zuhause die Zeichnungen von Kurt Fuchs in Konditor-Manier, die auf Torten und Pfefferkuchenherzen ja wunderbar sind, aber sonst nicht gerade das sind, was ich liebe, sehr imponierten, so dass Du Deine eigenen Leistungen als gering achtetest. Wenn Deine Künste auch nicht groß waren, so waren sie doch urwüchsig und entsprachen Deinem kindlichen Alter viel besser als die angelernte Schablone. Aber leider verlorst Du die Lust am Zeichnen. Und die zweite Sache, in der ich Dich gern etwas mehr unterstützt hätte, ist die Musik. Wie weit es da mit Deinem Talent bestellt ist, will ich noch nicht beurteilen. Über den Durchschnitt scheint es nicht zu gehen, denn Du schwärmst in einem Alter für Handorgel und Kuhdreckler, in dem mir schon Beethovensche Sonaten im Kopf staken. Aber ich hatte auch ungleich mehr Anregung als Du. Wenigstens hast Du richtiges Gehör und Gefühl für Rhythmus und kannst zweite Stimme besser halten als ich es je gekonnt habe. Meine Schwester Lena gab Dir Flöten-Unterricht, aber da Du nicht übtest und unregelmäßig kamst, schlief der Unterricht wieder ein. Es fehlt eben daran, dass Du in einem Hause lebst, wo Musik nicht verstanden und nicht gepflegt wird, ja wo Musikstreben nicht einmal gern gesehen wird. Als Du die Flötenstunden erhieltst, musste ich einmal von Frau Fuchs den Vorwurf einstecken, ich wolle partout eine Künstlerin aus Dir machen. Abgesehen davon, dass man das gar nicht kann, bin ich auch ohne jeden Ehrgeiz in dieser Beziehung, ich bin aber allerdings der Ansicht, dass man in jedem Menschen durch Erziehung und Übung den Sinn für Musik wecken kann und ich hoffe, dass ich noch Gelegenheit haben werde, einiges bei Dir nachzuholen.

 

Wenigstens habe ich mich einmal gefreut, dass Du frei und unbefangen Dein Urteil sagst. Ich spielte einmal bei Bekannten, die in übertriebener Weise mein Spiel lobten und sich gar nicht genug tun konnten. Auf dem Heimweg sagtest Du zu mir: „Vati, sie haben Dich so sehr gelobt, aber ich fand gar nicht, dass Du so besonders gespielt hast“ und ich gab Deiner Kritik recht. Die Musik ist ein solches Wunder in der Welt, man kann wohl sagen, noch einmal eine Welt in der Welt, dass ich sehr wünschen würde, Du könntest einmal an dieser Herrlichkeit teilhaben. Wenn Du es in ausübender Weise kannst, so ist es bedeutend schöner, aber auch in genießender Weise, wenn es mit Gefühl und Verständnis geschieht, wird es Dir viele schöne Stunden und Trost in schwerer Zeit bringen. Wenn Du mich so besuchtest, auf meinem Schoß saßest und einen Arm um meinen Hals gelegt hattest, dann kam wohl der Moment, wo Du mir ins Ohr flüstertest: „Vati, wann kommst Du?“ und dann war es recht bitter für mich, Dir keine Antwort ge­ben zu können. Ein paar Male hatten wir Dir wahrscheinlich Termine genannt, aber da wir selbst immer wieder enttäuscht wurden, so mussten wir auch Dich enttäuschen, so dass Du allmählich immer mehr den Glauben an uns und an meine Rückkehr verlorst. Schließlich kam doch der Augenblick, wo ich nach 17-monatiger Haft entlassen wurde. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als sich plötzlich die Türen auftaten und ich wieder frei und unter Menschen war. Du befandest Dich damals in Zofingen in den Ferien, Hanns war im Arbeitslager, Anne noch in Davos. Gertrud wohnte im Casino, wo sie ein arm­seliges Zimmer bewohnte. Ich lernte erst jetzt alle Einzelheiten ihres Schicksals kennen, musste hören, was sie alles an Scherereien, Hausdurchsuchungen, Betreibungen, Be­schlagnahmen etc. durchgemacht hatte und sehen, wie schwer das Leben in den bedräng­ten Verhältnissen geworden war. Es ist eben immer noch ein anderes, von einer Sache hören und sie mitempfinden oder sie unmittelbar miterleben. So froh wir über unser Wiedersehen waren, so lag doch der Prozess noch vor mir und die Ungewissheit meines Schicksals legte sich wie eine dunkle Wolke über unsere Freude. – Als Du wenige Tage später aus den Ferien zurückkamst, holten wir Dich vom Bahnhof ab. Ich war voller Er­wartung und mein Herz schlug höher, als ein kleines Mädchen mit kurzem Röckchen, roter Haarschleife und einem dicken Rucksack auf dem Rücken aus dem Waggon kletterte. Vorn auf der Brust baumelte Dir ein großer blauer Zettel, auf dem Deine Per­sonalien und Adresse vermerkt waren, damit Du richtig spediert würdest und nicht ver­loren gingest. Du wusstest noch nichts von meiner Freilassung und als Du mich sahst, stürtztest Du, dann flogst Du mir um den Hals und flüstertest: „Ist es auch wirklich wahr?“ Du sahst prächtig aus mit Deinen dicken braungebrannten Backen, aber als wir uns darü­ber freuten, sagtest Du: „Das ist nur die Freude am Nachhausekommen!“ Und Du hattest folgenden Hintergrund: Du sträubtest Dich, sehr im Gegensatz zu andern Kindern, gegen jede Reise, vielleicht weil Frau Fuchs so sesshaft war, vielleicht weil wir es so wenig waren, hauptsächlich wohl aber, weil Frau Fuchs eifersüchtig darauf bedacht war, dass Du Dich nirgends wohler fühlen solltest als bei ihr, und Du standest in solchem Maße unter ihrem Einfluss, warst so fest in Deinen Wünschen und Gefühlen durch sie gebunden, dass Du es Dir selbst verbotest, irgendwo anders Vergnügen zu finden. So hatte Dir auch die rechte Freude zur Reise gefehlt und Du hattest unermüdlich beteuert, wieviel lieber Du zuhause geblieben wärst. Als Du dann in Zofingen bei der Familie Schweizer warst, die Dich so lieb gewannen, dass sie Dich gar nicht mehr weglassen wollten und allen Ernstes anboten, Dich bei sich zu behalten, hat es Dir, glaube ich, recht gut gefallen. Auf jeden Fall mussten wir lächeln, als Du uns auf dem Heimweg zwar immer wieder versichertest, es sei nicht so besonders gewesen und zuhause sei es doch am schönsten, gleich darauf aber durch Erzählen aller möglichen kleinen Erlebnisse, von denen Du noch ganz erfüllt warst, Dich selber Lügen straftest. Aber unserm Lächeln war doch Wehmut beigemischt. Ich sagte mir: was bist Du doch für ein armes Kind, dass Du Dich nicht mit gutem Gewissen freuen kannst. Es zeugte ja wohl von einem geradezu diplomatischen Geschick, dass Du die Freude der Ferienzeit in die Freude des Heim­kehrens umdeuten konntest, aber es sprach doch zuviel Angst daraus, als dass wir darüber froh werden konnten. Jede Andeutung, dass es Dir doch gar nicht so schlecht behagt haben könne, wurde von Dir energisch abgelehnt und in der Zukunft hast Du dann immer mehr die heitern und freundlichen Erinnerungen verdrängt und nur das Wenige, was Dir nicht gefallen hatte, im Gedächtnis behalten. Deine Stellung im Fuchs’schen Hause war eben eine sehr eigenartige. Du liebtest und wurdest wiedergeliebt, aber man wollte Dich mit Haut und Haaren besitzen und beherrschte Dich, wenn auch mir Sanft­mut, in unerhörter Weise. Du hattest schon vorher, als Du mit Frau Fuchs in Arosa warst, eine allzugroße Abhängigkeit von ihr gezeigt, so dass wir uns oft sagten, es wäre gut, Dich etwas zu lösen. Du warst entschieden in Gefahr, Deine eigene Entschlussfähigkeit zu verlieren. Und das wurde alles noch schlimmer, als sie durch Deine Aufnahme größe­re Rechte über Dich bekam. Ich verstehe Deine Lage nur zu gut. Du hattest ein Heim und Du wolltest dieses Heim nicht verlieren. Bei aller Liebe, die Dir zuteil wurde, fühltest Du, dass Du doch nicht die Rechte hattest, die Du vorher besaßest, und manches Wort, das über Geld und Teuerung gesprochen wurde, drang an Deine Ohren und tiefer ins Gemüt. Wenn wir Dich dort oben besuchten, so kam uns oft ein blasses, etwas verängstig­tes, in sich zurückgeschlagenes, kleines Mädchen entgegen, aus deren Augen die Sehnsucht der Einsamkeit sprang. Du mochtest wohl auch fühlen, dass unser Verhältnis zu Frau Fuchs kein ganz glückliches war, so dass auch zwischen uns und Dir nicht der freie frohe Ton aufkommen konnte, der herrschte, wenn Du bei uns warst. Dann warst Du fröhlich, wild, ausgelassen, manchmal auch rupppig und ungezogen, vor allem übermütig, befehlend, anspruchsvoll (dies aber immer in angenehmen Grenzen). Du warst nicht unbescheiden, aber Du fordertest, Du durftest fordern und wir haben diesen Überschwang gern gesehen als natürlichen Ausgleich gegen die Unterwürfigkeit, die Du, wenn auch unbewusst, oben zeigtest. Dann musste Anne für Dich zeichnen, Vati vorle­sen, Mutti kochen – und einen Appetit entwickeltest Du, der nicht von schlechten Eltern war. Und immer gab es kleine Wunder, die zu erfüllen waren und gern erfüllt wurden. Aber es wäre nun ganz falsch, anzunehmen, dass Du Dich bei uns wohler gefühlt hättest. Davon war keine Rede. Schon das etwas zigeunerhafte Vagabundentum in unserer primi­tiven Behausung, die Enge, der Mangel an „nobler“ Einrichtung, die Formlosigkeit im Essen, alles das hätte Dir auf die Dauer gar nicht gefallen. Oben hattest Du Deine strenge Ordnung, einen Familienkreis, ein gewisses Maß an Wohlhabenheit und bürgerlicher Ruhe, die Du keinesfalls verlieren wolltest. Gegenüber Frau Fuchs warst Du das, was man hörig nennt. Das leiseste Wort von ihr genügte, um Dich von jeder, auch der liebsten Beschäftigung, abzurufen; Du zeigtest eine übertriebene Folgsamkeit. Du sagtest „Mutti“ zu ihr, wenn auch etwas im Geheimen. Nie hat Dir jemand untersagt, es zu tun, aber Du fühltest wohl selbst, dass da irgendetwas nicht stimmte, denn der Mensch kann eben nicht zwei Mütter haben. Aber Gertrud hatte einen so selbstverständlichen Besitz an Mutterschaft, eine solche Sicherheit in ihrer Blutsverbindung zu Dir, dass sie Dir die Vertrautheit, die sich in Deiner Anrede an Frau Fuchs offenbarte, in keiner Weise ver­wehrte. Ich selbst habe viel mehr darunter gelitten, dass Du dort oben so fest einge­wachsen warst. Ich hätte Dich gern bei uns gehabt, weil ich glaube, dass der Lebensraum, in dem man sich bewegt, sehr großen Einfluss hat. So nah wir Dir blieben, so oft wir Dich sahen, wir waren immer die Außenstehenden und konnten Dir das nicht geben, was in einem ständigen Zusammensein von selbst gegeben wird. Aber Gertrud sah und sieht das anders. Erst kürzlich, als ich ihr wieder meine Sorge äußerte, schrieb sie mir: „Renate entfremdet sich nicht. Sie hat hier ihr Zuhause und oben hat sie auch ihr Zuhause. Im Ge­genteil, je mehr sie innerlich bei Fuchs ihr Zuhause hat mit Mutti, Köbi, Großvater, Großmutter u.s.f., je ruhiger und sicherer wird sie sein. Das Selbstver­ständliche des Geborgenseins ist wichtig für ein Kind, das soll sie in allen Grundtiefen erfassen. Sie muss oben zuhause sein, ich unterstütze das sogar, und sie ist hier zuhause, denn sie ist unser Kind, mit unsern Anlagen, unserem Gesicht, mit unseren Entwicklungsbedingungen. Dort ist Mutti und hier ist Mutti. Ich neide ihr das nicht. Renate ist unser Kind, das weiß auch Frau Fuchs, aber die Lebenswärme, die sie oben empfängt, kann ihr nur gut tun. Dich sieht sie sehr lebendig und unsere Gespräche über Dich halten ihr kindliches Gefühl wach.“ Du siehst, dass dieser Brief von einer selbst­losen Liebe zu Dir getragen ist. Auch ich neide Dir Dein Heim gewiss nicht, aber ich komme nicht ganz darüber hinweg, dass für Dich doch eine zwiespältige Lage besteht, die ihre fühlbaren Schwierigkeiten für Dich hat und dass wir Dir nicht soviel von unserm Wesen, unsern Anschauungen, unsern Gewohnheiten geben können als ich gern getan hätte. Es ist eben doch ein Unterschied, ob ein Kind an allem teilnimmt, was die Eltern im Guten und Schlechten bewegt und ob es unter den Augen der Eltern aufwächst. Schon dass ich auf Deine Arbeiten für die Schule nicht einwirken kann, dass ich die Liebe zur Musik nicht in Dich einpflanzen kann, dass ich Dich nicht mit Schönheit und lebendigem Eifer täglich umgeben kann, um in Dir selbst die Liebe zum Hohen und Schönen zu wecken, das bedrückt mit recht sehr. Aber Gertrud denkt eben viel realistischer. Sie sieht vielleicht, dass es unter den Umständen, in denen wir leben mussten, nicht so viel Hohes und Schönes gewesen wäre, was wir Dir hätten geben können, sondern Unruhe, Angst, Elend und oft auch Zank und Streit, und dass Du dagegen oben Sicherheit und einen wenn auch etwas engen und kleinen, so doch geschlossenen und gefestigten Lebenskreis hast, der einen besseren Boden für Deine Entwicklung abgab als meine Wünsche, die in der Wirklichkeit ihren schönen Glanz verloren hätten. Wenn Du diese Zeilen liest, so wirst Du älter sein und wer weiß, wo wir uns befinden. Du wirst dann jenes Zuviel an Bindung, das Du heute noch hast, abgestreift haben und damit frei für Deine eigene Ent­wicklung geworden sein. Du wirst dann auch wissen, dass Du nur eine echte Mutter hast, die durch nichts und niemand zu ersetzen ist, weil Du Fleisch von ihrem Fleisch bist und weil die Wurzeln Deines Wesens in ihrem Herzen eingepflanzt sind. Aber stets und ständig wirst Du auch mit Dankbarkeit und Liebe an Frau Fuchs denken und ich hoffe auch, dass Eure Verbindung recht lange in alter Freundschaft bestehen bleibt.

 

25/6/42 Ich muss jetzt einen recht trübseligen Akt schildern, den Verkauf von Annes Mobiliar. Wir hatten ihre Sachen schon früher ausgesondert und aus Angst von einer deutschen Invasion nach Lausanne auf einen Speicher gelegt. Ganz zu Unrecht waren diese Sachen beschlagnahmt worden und durch die lange Zeit der Verzögerung, während der Anne nicht über ihr Eigentum verfügen konnte, hatte sich eine Mietschuld von über 1000.– fr. angesammelt. Herr Homburger war wieder der Helfer, der den Betrag bezahlte, die Sachen auslöste und nach St. Gallen kommen ließ, wo sie im Casino versteigert wurden. Es war uns recht schmerzlich zumute, als wir all die schönen Gegenstände und Möbel, die mit soviel Liebe und Freude gesammelt worden waren und unter denen sich viele alte Erinnerungen befanden, auspackten und zur Besichtigung aufbauten. Nur die viele Arbeit, die uns in Atem hielt, half uns über den peinlichen Augenblick. Noch mehr als für mich war für Gertrud der Anblick des schönen Geschirrs, der kunstgewerblichen Gegenstände und der Möbel ein Jammer, denn sie war es ja vor allem gewesen, die in der geschmackvollen Ausgestaltung der Wohnung eine besondere Befriedigung und Freude gefunden hatte. Am Tage der Besichtigung, der dem Verkauf voranging, kamen viele Leute, denn so schöne Sachen gelangten in St. Gallen selten zum Verkauf. Auch Du kamst mit Frau Fuchs, was nicht ganz in unserm Sinne war. Ich hätte Dir den trübseligen Anblick gern erspart, denn Du hattest schon ein richtiges Gefühl für das Festhalten am Erworbenen, das einen Teil des Lebens in sich aufgenommen hat. Man konnte Dir anmerken, dass der Verkauf all der vielen Sachen gar nicht nach Deinem Herzen war, obwohl wir Deine Lieblingssachen wie auch sonst einiges Wenige hatten retten können. Da war vor allem eine kleine Porzellantasse, die Dein Entzücken erregte. Es war ein Alt-Meißner Tässchen mit Untersatz und Deckel, in einem wunderschönen mattgrünen Ton grundiert und mit verschiedenen Szenen aus Romeo und Julia bemalt. Ich hatte es vor vielen Jahren einmal in einem Antiquitätenladen aufgestöbert und Gertrud geschenkt. Du hättest es so gerne behalten. Aber da es ein wertvolles Stück war, dessen Wert Du jedoch noch nicht verstehen konntest, durften wir nicht auf den Erlös verzichten und trösteten Dich mit einem andern hübschen Gegenstand. Trotzdem tat es uns sehr weh, Dir diesen Wunsch nicht erfüllen zu können, und dieser Tatsache ist es zuzuschreiben, dass wir Dir in der kommenden Zeit des öftern kleine hübsche buntbemalte Mokkatässchen schenkten. Den ganzen kommenden Tag dauerte die Versteigerung. Es war ein großer Jammer, mit anzusehen, wie ein Stück nach dem andern ausgeboten wurde und in fremde Hände ging. Manches brachte ganz gute Preise, aber vieles und oft gerade das, woran das Herz hing, ging zu Schundpreisen weg. Für die besten Sachen fehlte das Verständnis und das schöne hauchdünne Kristall und das gänzlich unverzierte aber formschöne feine Porzellan ging zu Schundpreisen weg. Im großen Ganzen mussten wir aber mit dem Verkauf ganz zufrieden sein, da nicht nur die auf den Sachen ruhenden Kosten gedeckt wurden (was von vornherein noch gar nicht sicher war), sondern darüber hinaus auch noch ein Betrag für Anne verblieb. Einen kleinen Zwischenfall muss ich noch erwähnen: Be­sonders gute Preise erzielten Decken und Stoffe. Als ein kleiner handgewobener Teppich fast 100.– fr. brachte, gab Gertrud einen ebenfalls handgewobenen Kissenbezug, der eigentlich vom Verkauf ausgeschlossen war, in die Versteigerung, weil sie meinte, dass wir bei solchen Preisen uns nicht den Luxus des Besitzes gestatten konnten. Aber zu unserm Schrecken ging der Bezug für 9.– fr. weg. Nun wurde Gertrud von großer Reue gepackt, denn es war ein wirklich schönes kunstgewerbliches Stück, an dem auch Anne sehr gehangen hatte, und sie setzte es sich in den Kopf, das Kissen zurückzuerobern. Am nächsten Tag stellte sie die Adresse der Käuferin fest, es war eine Händlerin von außerhalb. Aber als sich Gertrud mit ihr in Verbindung setzte, musste sie finden, dass diese gar nicht geneigt war, das Kissen wieder herzugeben, da sie wohl wusste, einen guten Fang getan zu haben. Gertrud musste alle Register ziehen, um das nicht eben weiche Herz der Geschäftsfrau zu rühren und schließlich gelang es ihr, die Frau zu einem Besuch zu bewegen, bei dem sie das Kissen mitbrachte. Es entspann sich nun ein liebenswürdiger, aber unter der Oberfläche sehr hartnäckiger, halb persönlich, halb geschäftlich moti­vierter Kampf, als dessen Resultat das Kissen gegen ein paar Leintücher getauscht wurde. Wahrscheinlich hat die gerissene Händlerin dadurch ihr Geschäft noch verbessert, aber wir waren doch froh, das Kissen wieder zu haben, weil es eben nicht nur ein Kissen war, sondern ein Stück Freude und Erinnerung. Du hast es seither oft auf Annes Bett gesehen. Auch Frau Fuchs hatte einiges auf der Versteigerung erstanden, u.a. ein kleines Kindertischchen und Deine 3 kleinen Korbstühlchen. Sie waren zwar schon fast zu klein für Dich und von wenig praktischem Wert (weshalb wir sie auch in den Verkauf gegeben hatten), aber Frau Fuchs kaufte sie, damit Du Deine alte kleine Einrichtung haben solltest, und das war eine sehr liebe Handlung von ihr. – Im Casino lernte ich einen neuen Kreis von Menschen kennen, die aus Österreich und dem Osten eingewanderten jüdischen Emigranten. Es herrschte dort ein ganz besonderer und keineswegs an­genehmer Ton und wir fühlten uns recht fremd. Auch Du hast damals und auch später einige kennen gelernt und sie instinktiv abgelehnt. Es ist eine völlig andere Welt, aber wir haben keine Sehnsucht nach ihr. Es waren alles arme Menschen, illegal einge­wandert, nur vorübergehend geduldet, die auf der Jagd nach Visen und Auswanderungs­möglichkeiten waren. Die Gedanken schweiften durch die ganze Welt: Australien, China, U.S.A, San Domingo etc.. Jeder Ort und jedes Land war recht, nur fort, in ein Land, das das primitivste Menschenrecht: Aufenthalt und Arbeit gewährt. Wir selbst teilten ja nun ein ähnliches Schicksal. Es war klar, dass unser Bleiben in der Schweiz keine Möglich­keit war und vor allem schien es, dass eine Auswanderung mich vor dem Prozess be­wahren würde. Pläne, Correspondenzen, Telegramme, Orientierungen, Hoffnungen, Ent­täuschungen – das war eine nervenaufreibende Kette. Wir wohnten nun nicht mehr im Casino, sondern hatten eine kleine Wohnung in der Linsebühlstraße gemietet, die Du kennst. Mit meiner Schwester Ilse in New York war ich in ein besseres Verhältnis ge­kommen und sie schickte uns kleine monatliche Beträge zum Unterhalt. Manche bittere Erinnerung hängt daran, denn es war kein so herzliches Geben, wie ich es gewünscht hätte. Mein Schwager Ernst Lang hatte das Vermögen in seinem Besitz (obwohl jeder Pfennig davon von meinem Vater stammte) und weigerte sich, etwas davon herzugeben. Er schrieb mir Briefe, ich solle mich an die Hilfsorganisationen wenden. Dazu brauchte ich ja allerdings ihn nicht. Meine Schwester, die auch ihr Kreuz mit ihrem Mann und wenn ich nicht irre, auch mit ihren Söhnen hat und selbst mitverdienen muss, gab von ihrem eigenen Verdienst her und schickte uns die Beträge hinter dem Rücken ihres Mannes. Leider bestand zwischen ihr und Gertrud noch immer die alte Feindseligkeit oder, da ja seit Jahren gar kein Kontakt mehr bestand und auch vorher kaum eine Ver­bindung, sollte ich lieber sagen: Indifferenz und auch zu mir war kein rechtes Ver­trauensverhältnis. Die ganze Correspondenz und das Geld ging über Lena als einer Art neutrale Kontrollstation, und meine direkten Briefe und Bitten hatten nur dann eine Wirkung, wenn sie von Lena unterstützt wurden. Lenas Haltung war aber wieder sehr abhängig von ihrem jetzigen Mann, so dass es nicht leicht war, diese schwierigen Bezie­hungen auszupendeln. Trotz allem aber muss ich sagen, dass Ilse die einzige von meiner Familie war, die etwas für uns getan hat und auch jetzt sorgt sie in kleinem Rahmen mit für uns. Ungefähr Mitte 1941 tauchte ein Projekt der Auswanderung nach Cuba auf, sehr kostspielig und kompliziert, aber wir hofften doch realisierbar. Allerdings hätte man in Cuba nur vorübergehend bleiben dürfen, und das war der Haken, aber als wir anfingen, uns mit dem Plan zu beschäftigen, bestanden noch mehrere Möglichkeiten der Weiter­reise nach USA, Mexico und Südamerika. Die Kosten der Ausreise hätten für uns alle 3000.– fr. betragen. Du wirst Dich wundern, woher eine solche Summe hätte kommen sollen und es schien auch fast aussichtslos. Aber es sollte uns große finanzielle Unter­stützung zuteil werden. Der Bund und Kanton gab für jeden Emigranten, der die Schweiz verließ, einen Zuschuss, weitere Beträge sollten von jüdischen Organisationen, für Dich von evangelischen erfolgen, Herr Homberger stellte Hilfe in Aussicht und ein Teil hätte von meiner Schwester Ilse teils gegeben, teils aufgebracht werden sollen. Da eine Ent­scheidung getroffen werden musste, haben wir uns die Visen reservieren lassen und Gertrud hat für diesen Zweck ihr ganzes Frauengut hergegeben. Dann traten ungezählte Schwierigkeiten auf, die ich nur kurz andeuten will: es stellte sich heraus, dass wir falsch orientiert worden waren, die Landungsgelder waren höher als wir gerechnet, die Weiter­reise von Cuba erst problematisch, dann unmöglich, die Schiffskartenpreise stiegen aufs Doppelte, Plätze waren auf Monate ausverkauft, die Durchreise durch Spanien wurde er­schwert, Schiffe wurden unterwegs angehalten und die Reisenden irgendwo in Afrika ausgeladen und interniert, man hörte von unglaublichen Zuständen auf schlechten, ausge­dienten Schiffen, die ein Vielfaches an Passagieren mitnahmen als wofür sie eingerichtet waren, Wassernot, verdorbenes Essen etc. kurz Risiken und Kosten wuchsen von Tag zu Tag, aber ebenso die Notwendigkeit zu fahren, wenn man überhaupt noch fortkommen wollte, wofür teils die politischen Verhältnisse, teils unsere, vor allem meine Lage sprachen. Von meiner Schwester sollten 1000–1500 $ aufgebracht werden. Mein Herr Schwager bewilligte 200, mein Onkel Max Kass, inzwischen von England nach USA ausgewandert und in glänzenden Verhältnissen, gab nicht mehr als 300, der Rest fehlte. Ilse schrieb, sie liefe sich die Sohlen ab, aber vergeblich. Wir drängten mit Tele­grammen. Schließlich sagte Ilse von sich aus weitere 500 $ zu, die sie sich borgen und von ihrem Verdienst abarbeiten wollte. Sie hat später erklärt, dass sie sich mit diesem Versprechen sehr übernommen hätte und große Angst vor der Einlösung gehabt hat. Leider gab es bei diesem Hin und Her manches Unerquickliche. Ilse, die so lange wie möglich von der Verpflichtung zurückwich, drängte stets darauf, ich solle doch allein auswandern. Sie meinte, ich sei durch den Prozess gefährdet und da die Mittel für alle nicht reichten, so solle ich zuerst mich retten und dann müsste man weitersehen. Es gab da Telegramme, in denen die Worte standen: „Familie spätere Sorge“. Das war für Ger­trud und selbstverständlich auch für mich sehr kränkend, obwohl Ilse auf meine Vorhal­tungen versicherte, sie habe es nicht in diesem Sinne gemeint. Aber sie machte sich eben gar nicht klar, dass man in einer solchen Zeit wie der jetzigen eine Familie nicht trennen kann, ohne sie auf unabsehbare Zeit auseinander zu reißen. Und schließlich „man müsse weitersehen“ war doch nur eine Floskel, hinter der gar nichts steckte. Denn wie sollten wir denn jemals wieder zusammenkommen? Und wovon solltet ihr in der Zwischenzeit leben? Es entstand mancher Streit daraus, auch zwischen Gertrud und mir, die mich für die Beleidigung verantwortlich machte und behauptete, Ilse lege es darauf an, uns zu trennen, womit sie entschieden zu weit ging, aber ich konnte ihr nachfühlen, wie sie sich getroffen fühlte, traf es mich doch ebenso, aber meine Lage war sehr schwierig, denn schließlich konnte ich mir nichts vormachen. Trotz aller Begleitumstände war Ilse doch die einzige, die half und auf deren Hilfe wir auch weiter angewiesen waren. Es wäre leicht gewesen, mich mit ihr zu überwerfen, aber ich habe ihre Hilfe erhalten und doch unsern Standpunkt gewahrt. Nun trat eine sehr merkwürdige Sache hinzu: In dem Maße, wie unsere Anstrengungen wuchsen und sich dem Erfolg näherten, wuchs auch ein latenter Widerstand gegen die Auswanderung. Da war zunächst Hanns, der inzwischen die Studienerlaubnis erhalten hatte, was zur Zeit der Visenbeschaffung noch nicht der Fall war. Er war entschlossen, hier zu bleiben. Wie hätte er auch die Erfüllung seiner Existenzträume aufgeben sollen gegen die Möglichkeit einer Internierung in Cuba? Anne war gefühlsmäßig ganz gegen die Auswanderung, wenn sie sich auch nicht geweigert hätte mitzugehen. Aber sie hatte Angst vor dem Klima, vor der Fremde der Umgebung, vor der fremden Wesensart der Amerikaner. Du selbst konntest nicht von Auswanderung hören (obwohl wir nach Möglichkeit vermieden, davon zu sprechen), ohne in die heftigste Unruhe und Aufregung zu geraten. Dein Herz war fest an die Schweiz und St. Gallen gebunden und ging sogar schon eine kleine Reise innerhalb der Schweiz über Deinen Gefühlshorizont, so erst recht eine über das große Wasser, wenn Dir auch genaue Vorstellungen davon fehlten. Gertrud schließlich hing mit allen Fasern an Europa und wenn sie auch alles tat, um den Plan zu fördern, wozu wir ja schon als Emigranten den Behörden gegenüber verpflichtet waren, so tat sie es doch mit innerem Widerstreben, und umsomehr je größer das Risiko einer solchen Reise wurde, deren Gefahren sie sich und uns in den schwärzesten Bildern ausmalte. Und ich selbst? Auch ich war getrieben durch die Umstände, aber nicht mit dem Herzen dabei. Wenn ich auch nicht so im deutschen Boden verwurzelt bin wie Gertrud (ich könnte mir auch vorstellen, in England, Frankreich oder Italien zu leben), so lebte ich doch innerhalb der europäischen Kultur und der Gedanke, in einem Lande zu leben, ohne geschichtliche Vergangenheit, ohne all die Werte, die mir lieb sind, gab mir das Gefühl einer großen Leere. Auch konnte ich mich natürlich nicht den äußeren Gefahren verschließen. Ich wusste wohl, dass eine Auswanderung ohne jeden finanziellen Rückhalt, noch dazu ohne ein festes Ziel, in ein Land, das uns nicht für dauernd aufgenommen, dass uns keine Arbeitsbewilligung gegeben hätte, von dem ein Weiterkommen mehr als fraglich gewesen wäre, selbst wenn das Hinkommen sicher gestanden wäre – dazu das Klima, die Hitze, Seuchengefahr, Krankheitsgefahr etc. etc. – ich wusste wohl, dass dies ein Sprung ins Ungewisse war. Die Schwierigkeit war nur, dass auch das Hierbleiben seine Risiken hatte, und die Entscheidung schwer war, wo die größere Gefahr lag. Im Grunde verfolgten wir alle ein Ziel, das wir gar nicht wollten. Wir verfolgten mit Hartnäckigkeit, Mühe und Aufwand einen Plan, von dessen Gelingen wir ebenso zitterten wie vor seinem Misslingen. Bei dem Widerstreit der Gefühle konnte auch ein Widerstreit der Interessen nicht ausbleiben. Die Einstellung schwankte, je nach den Umständen, und nicht bei allen Familienmit­gliedern im gleichen Rhythmus, lagen ja doch auch die Interessen verschieden. Dazu kam noch, dass Dr. Singer, der inzwischen nach Amsterdam ausgewandert war, im Begriff stand, nach Cuba und von dort nach USA, wo er eine Anstellung in Aussicht hatte, zu fahren, in welchem Fall er Anne und Hanns zu sich geholt hätte, woraus eine Trennung unserer Familie entstanden wäre. Gertrud und Anne aber wollten unter gar keinen Umständen von einander gehen und so spielten die mannigfaltigsten und zwiespältigsten Hoffnungen und Befürchtungen gegen einander. Wir befanden uns monatelang im Stadium dauernder Erwägungen und Debatten, die nicht immer reibungslos verliefen. Für Gertrud und mich wurde die Zeit zur schlimmsten und unfruchtbarsten unseres Zusammenlebens, was auch von Dir nicht unbemerkt blieb. „Vati und Mutti gifteln miteinander“, sagtest Du. Ich will nicht verschweigen, dass ich bei der Unvereinbarkeit der Interessen und unter dem Druck des herannahenden Prozesses zeitweise den Gedanken erwogen habe, allein zu fahren. Ich sagte mir, dass nach einer Verurteilung ohnehin eine längere Trennung kommen würde, dass aber dann überhaupt keine Auswanderung mehr stattfinden könne, weil überall ein einwandfreies Leumundszeugnis die Voraussetzung für eine Einwanderung ist. Ich sagte mir, dass eine gerichtliche Strafe nicht nur für mich, sondern auch für Euch eine entsetzliche Belastung darstelle und ich strebte doch danach, wieder zu einer anständigen Existenz für uns alle zu kommen. Ich habe sogar einmal mit Dir über die Möglichkeit meines Fortgehens gesprochen, was mir Gertrud sehr verübelt hat, da sie meinte, ich hätte Dir, einem kleinen Kind, die Verantwortung zuschieben wollen. Ich wollte aber nur feststellen, wie Du überhaupt auf eine solche Zumutung reagierst. Es war allerdings sinnlos, denn natürlich reagiertest Du so, wie ich es Dir schilderte. Ich sagte Dir, wenn ich nicht auswanderte, so müsste ich ins Arbeitslager und dann würden wir uns kaum sehen können, worauf Du natürlich erwidertest, dass es ja dann ziemlich aufs Gleiche herauskäme. Ich konnte ja auch wirklich von Dir nicht erwarten, dass Du eine Vorstellung von dem Unterschied haben könnest. Aber ich habe diesen Plan bald wieder fallen gelassen. Er entsprach wirklich nicht meinem Wunsche, aber wenn man von lauter Unmöglichkeiten umstellt ist, so läuft man im Kreis und sucht einen Aus­weg und keine Idee ist abstrus genug, um sie nicht in Erwägung zu ziehen. Wer weiß, was nun bei dem Widerstreit unseres Wollens und Handelns herausgekommen wäre, wenn sich nicht schließlich, eine objektive Unmöglichkeit der Ausreise ergeben hätte. Ob es zu unserm Guten war oder nicht, das vermag ich nicht zu entscheiden. Ich glaube aber, dass zunächst jeder von uns eine Erleichterung empfand. Nur an mich trat nach der Verurteilung noch einmal eine Entscheidung heran, als mir mitgeteilt wurde, dass für mich die Chance der Freilassung bestünde, wenn ich auswandern würde. D.h. ich hätte allein auswandern müssen, eine Ausreise der Familie stand nicht mehr in Frage. Aber zu dieser Zeit gab es für mich keinen Zweifel mehr. Ich hatte längst den Gedanken aufgegeben, allein zu reisen und war entschlossen, zu Euch zu halten, was auch kommen würde. Zudem hatte ich Dir, als ich Dir einen Tag vor dem Prozess Lebewohl sagte und Dir mitteilte, dass wir uns nun eine Zeitlang nicht sehen würden, versprochen, hier in der Schweiz zu bleiben. Ich wollte keinesfalls, dass Du in der Angst leben solltest, ich könne von Dir fortgehen. Aber das war kein Opfer für Dich, ich hätte gar nicht anders handeln können und habe es nie bereut. Im übrigen aber hatte die Entscheidung gar keine praktischen Folgen, weil die Möglichkeit der Auswanderung nur in der Vorstellung bestand, in Wirklichkeit war sie unmöglich, da kurz danach USA in den Krieg trat. So sind wir also alle hier geblieben. Unsere Lage ist dadurch weder besser noch sicherer geworden, aber es scheint, dass für uns alle selbst diese Unsicherheit erträglicher ist als das brutale Losreißen vom Mutterboden.

 

Was die Zukunft bringen wird, darüber kann man heute weniger denn je spekulieren.

 

27/6 Kurze Zeit, nachdem ich freigelassen war, ging ich zu Herrn Wüest. Er empfing mich sehr nett und erzählte mir von Dir. Er war mit Deinen Leistungen im Durchschnitt ganz zufrieden, nur in Geografie seist Du schwach, doch wären das alle Mädchen, und dann das Rechnen! Aber dann sagte er mir, Du machtest oft einen etwas gedrückten Eindruck und gäbest Dich nicht so frei und ungezwungen wie andere Kinder. Du seist von übergroßer Ängstlichkeit, auch in Deinen Arbeiten. Während andere Kinder frisch da­rauf los schrieben oder rechneten, auf die Gefahr hin einen Fehler zu machen, würdest Du aus Furcht, etwas falsch zu machen, zögern und oft hintennach bleiben. Er sagte, er würde Dich gern etwas unbekümmerter, wagemutiger und draufgängerischer sehen und meinte, Du würdest zu Hause etwas überängstlich behütet, und es fehle Dir etwas an Selbständigkeit und gesunder Widerstandskraft. Ich setzte ihm die häusliche Lage auseinander und erklärte ihm die Ursachen, die eine besonders starke Abhängigkeit geschaffen hätten. Du siehst, dass das, was ich vorher geschrieben habe, auch Andern aufgefallen war und es wird Aufgabe Deiner Entwicklung sein, diese Bindung auf eine sanfte Weise zu lösen, um die Unabhängigkeit und Freiheit, die Du durchaus in Deiner Anlage besitzt, wieder ganz zu Deinem Eigentum zu machen. Einen gewaltsamen Eingriff hielten wir aber unter den Umständen für falsch und vertrauten ganz auf Deine Natur, die unter besseren Verhältnissen den richtigen Weg finden wird. – Auch in dieser Schule fand das übliche Examen statt, bei dem ich einmal anwesend war. Ich hatte dabei Gelegenheit, Herrn Wüest in seiner Lehrfähigkeit kennen zu lernen. Alles war viel sympathischer als auf Rotmonten. Auch Herr Wüest zeigte eine flotte Forschheit, aber mit Humor gemischt und ohne jeden Snobismus. Nachdem ihr einige Lieder gesungen und nicht allzu schwere Rechenaufgaben gelöst hattet, solltet ihr eure Kenntnisse in Heimatkunde zeigen. Herr Wüest schlug also vor, ihr sollet einen Prospekt für den Kanton St. Gallen zusammenstellen, wie es in Reisebüros zu Reklamezwecken üblich ist und einmal alles sagen, was es von St. Gallen zu rühmen gibt. Nun prasselten die Antworten: „wir haben schöne Wiesen“, „wir haben hohe Berge“ und so fort. Aber als sich ein Büblein zu der Behauptung verstieg, „wir haben ein schönes Alpenklima“, da sagte Herr Wüest lachend: „das dürfen wir nicht schreiben, sonst heißt es, wir prahlen.“ Dieser „Projekt“, wie ein Knabe sagte, war eine hübsche Form für ein trockenes Thema. Am Schluss des Examens gab es Zeugnisse, und da gab es eine kleine Enttäuschung, die Tränen hervorrief. Die Noten waren nicht so gut wie das letzte Mal und ich musste trösten. Wirklich, ich fand das Zeugnis gar nicht schlecht, aber Du hattest großen Ehrgeiz und fandest meinen Trost ganz unangebracht. Ich spornte Dich nun an für das nächste Halbjahr und es gelang Dir auch, ein wesentlich besseres Zeugnis zu erhalten. Inzwischen scheint aber wieder ein Rückfall eingetreten zu sein, denn vor wenigen Wochen wurde mir hier Dein letztes Schulzeugnis gezeigt, das wohl eher noch schlechter war als das damalige, aber ich hörte, Du habest es ziemlich leicht aufgenommen. Durch die Mobilisation und die häufige und wohl nicht immer glückliche Vertretung für Herrn Wüest scheint der Unterricht und damit auch die Leistungen gelitten zu haben. Wie mir Gertrud erzählte, legst Du im Augenblick überhaupt nicht so großen Wert auf die Schule und hast geäußert, es hätte doch eigentlich gar keinen Zweck, dass Du noch weiter zur Schule gingest. Du wüsstest doch nun schon alles, und da Du am liebsten ganz auf dem Lande bleiben wolltest, so brauchtest Du doch nichts weiter zu lernen. Aber auf die Erfüllung dieses Wunsches wirst Du wohl verzichten müssen. Zuhause hattest Du Spielkameraden an den beiden Ruppeiner-Buben, den Zwillingen, die obwohl etwas jünger als Du, dem Vater tüchtig bei der Arbeit helfen mussten und bei Wind und Wetter mit bloßen Füßen herumliefen. Sie waren Deine folgsamen Spielgefährten, die Du gern bewachtest und kommandiertest. Wernerli war ein blasses, etwas zurückgebliebenes Kind, während Konrädli rotbackig und aufgeweckt war. Als ich mich mit Dir einmal über die beiden unterhielt, zeigtest Du ein erstaunlich klares Urteil. Du sagtest mir, Wernerli begreife schwer, aber wenn er einmal etwas gefasst habe, dann säße es fest bei ihm. Er rede weniger als sein Bruder, er habe es in sich und könne es nicht so von sich geben, aber der Vater schätze ihn mehr bei der Arbeit als den kräftigeren. Bei Konrädli habe ich einmal eine nette Szene beobachtet. Du standest vor dem Haus und Konrädli kam leise von hinten und umfasste Dich. Du suchtest Dich zu befreien und es gab einen kleinen Kampf, bis er Dich losließ und davonlief. Während der Balgerei aber hatte er Dir ein paar Äpfel in die Schürzentasche praktiziert. Er hatte gehandelt wie ein kleiner Kavalier, noch dazu gegen das Verbot seines Vaters, der trotz überreicher Apfelernte keinem einen Fallapfel gönnte und den Kindern, die im Vorbeigehen ein paar aufgelesen hatten, nachlief und ihre Taschen leerte. – Jeden Mittwoch nachmittag gingst Du hefteln und oft begleitete ich Dich. Dann trugst Du eine Tasche mit illustrierten Familienblättern, die Du in verschiedenen Häusern abzuliefern hattest. Auch trugst Du Geld bei Dir, denn Du hattest auch die fälligen Abonnements-Gelder einzukassieren. Das war gar keine leichte Aufgabe, denn die Beträge waren bei allen verschieden, da mit dem Bezug der Hefte Lebensversicherungen in verschiedenen Abstufungen verbunden waren. Trotzdem beherrschtest Du diese praktischen Rechenaufgaben vortrefflich, und niemals irrtest Du Dich im Betrag noch im Herausgeben. Du machtest diese Runde recht gern und zeigtest viel Geschick. Frau Fuchs schickte Dich sogar mit Vorliebe zu säumigen Zahlern. Du sagtest ganz ungeniert, Großmutti brauche das Geld zum Kochen, und da schämten sich die Leute und zahlten. Auch fiel für Dich ab und zu ein kleiner Gewinn ab. Frau Manser, die freundliche Bauernfrau, ließ Dich nie ohne einen Zehner oder Zwanziger gehen und andere gaben mal ein paar Äpfel oder Birnen. Aber auch wo nichts gegeben wurde, erfülltest Du Deinen Dienst pünktlich und gewissenhaft. Du hättest keine Unregelmäßigkeit geduldet. Einmal war so wüstes Wetter, dass Frau Fuchs sagte, Du sollst doch nicht gehen, sie würde am nächsten Tag die Hefte abliefern. Damit warst Du aber gar nicht einverstanden und bestandest darauf zu gehen. Du sagtest zu mir: „Weißt Du, die Leute lesen die Geschichten und da freuen sie sich auf die Fortsetzung und wollen ihr Heftli am Abend haben.“ Diese Auffassung Deiner Tätigkeit hat mich sehr gefreut; wenn Du immer im Leben so denken wirst, wird es Dir nicht an Erfolg fehlen. Du hast nicht nur Hefte ins Haus getragen, sondern Du hast den Leuten Freude ins Heim gebracht, und darum hat Dich Deine kleine Mission mit Befriedigung erfüllt. Wie oft haben wir mit­einander den Rundgang gemacht und spekuliert, ob es wohl Birnen oder Pflaumen geben würde und zum Abschluss richteten wir es immer so ein, am Kloster Notkersegg vorbei­zugehen, wo wir den Nonnen, die unsichtbar und geheimnisvoll hinter den Drehschaltern saßen, die guten selbstgebackenen Chräpfli für einen Zehner das Stück abkauften. Wenn wir so durch die schönen duftenden Wiesen gingen, erzählten wir uns nach alter Ge­wohnheit manche Geschichte. Einmal, als ich die Stadt zu unsern Füßen in der Mulde liegen sah und die Klosterglocken an mein Ohr drangen, da fragte ich Dich, ob Du auch die Geschichte vom Heiligen Gallus kennest, der die Stadt gegründet habe. „Was, heiliger Gallus? Heiliger Gallus?“ fuhrst Du zornig auf, „kein heiliger Gallus. Wir haben Gott und Jesus Christus – und fertig!“ Das war allerdings eine bündige Antwort. Ich hatte vergessen, dass Du auf die Katholischen schlecht zu sprechen warst. Übrigens ein dummes Vorurteil, das Du bei wachsendem Verstand wohl von selbst aufgeben wirst. Ein andermal, auch die Mutti war dabei, als Du wieder eine Geschichte wolltest und ich keine wusste, sagtest Du, ich solle doch einfach mal anfangen. Da fragte ich Dich, wie Du das wohl machen würdest. Wir gingen gerade die große Treppe hinauf und Du erzähltest: „Es war einmal eine Menge Schuhe, die gingen eine Treppe hinauf.“ Nun wechselten wir uns ab im Fantasieren, wobei ich aber nach Möglichkeit zurückhielt und Dir die Initiative ließ, indem ich immer nur das von Dir Erzählte ein wenig ausschmückte. Es ergab sich eine recht hübsche Geschichte von den Schuhen, denen ein Bösewicht von Stiefel begegnete, der sie trat und beschmutzte, bis die …

Heft 7
Seite 7
Seite 7 wird geladen
7.  Heft 7
Kommentar schreiben
… die kleinen Schuhe sich zusammen taten und in einer blutrünstig ausgemalten Szene den bösen Stiefel ermordeten. Ich habe diese kleine Geschichte, da sie mir so gefiel, da­mals aufgeschrieben und muss sie noch irgendwo haben. Du fandest an dieser neuen Art Wechsel-Erzählung Gefallen, so dass wir uns noch an einer zweiten versuchten, bei der wieder Idee und Thema von Dir stammten. Es war die Geschichte von einem Haar auf einem Kopf, das sich von dort oben die Welt besah. Eines Tages wurde es vom Friseur abgeschnitten und kam mit vielen andern Haaren in einen Sack, der an eine Hutfabrik ge­liefert wurde, die die Haare zu Filz verarbeitete. Und wie es der Zufall wollte, kam das Haar, von dem Du erzähltest, gerade auf einen Hut, den derselbe Mann kaufte und trug, auf dessen Kopf das Haar gewachsen war. Nun hatte es es viel besser, denn während es früher vom Hut bedeckt war, saß es jetzt obenauf und hatte freie Aussicht. In dieser Art vergnügten wir uns und es trat bei Dir eine leichte, mühelose und bewegliche Fantasie zutage. Unzählige Male stiegen Gertrud und ich den kleinen Hügel hinauf zu Dir und nie kam die Mutti zu Dir, ohne Dir nicht einen kleinen Wunsch zu er­füllen. Sie brachte Dir die schönsten Orangen, die größten Äpfel, Feigen, Nüsse, Rosinen, Schokolade und Zuckerzeug. Ging sie in ein Café und aß ein Stück Kuchen, so teilte sie vorher die größte Hälfte ab, wickelte sie in ein Stück Papier, weil doch Renatli so gern Creme isst, und wenn sie von oben herunterging, so überlegte sie schon wieder, was sie Dir das nächste Mal mitbringen könnte, um Dir eine Freude zu machen. Und wenn Du bei uns zum Essen warst, so wurde schon tagelang vorher überlegt, was Du wohl am liebsten hättest. Manchmal hattest Du wohl etwas auszusetzen, weil nicht alles akkurat so zube­reitet war wie bei Frau Fuchs, die das Kochen ja erst bei Gertrud gelernt hatte, aber von Zitronen- und Schokoladencreme schwieg jede Kritik. Aber wieviel Mutti auch in den kleinen Fresser hineinstopfte, so trat doch nach kurzer Zeit traditionsgemäß Gutzli-Hunger auf, der einen willkommenen Anlass zum Spaziergang bot, auf dem auch noch andere Herrlichkeiten besichtigt und mitunter gekauft wurden. Auch sorgte die Mutti für Deine Garderobe, was in vieler Hinsicht keine leichte Aufgabe war, denn erstens war es schwer, das Geld hierfür herauszusparen, dann aber setztest Du anfänglich in geschmack­licher Beziehung manchen Widerstand entgegen, weil Du durch Deine Umgebung ein wenig verkaffert warst. Aber Du hast von Natur aus einen guten Geschmack, der sich bald wieder durchsetzte und ohne dass jemand etwas dazu tat, nahmst Du bald an modischen Dingen anteil und Du hast Deiner Mutti manche vergnügte Minute gemacht, wenn Du bei der Schneiderin Modeblätter studiert und Dich in sachverständige Debatten mir ihr einließest. Besonders auf Form warst Du erpicht und auf Farben, aber ich muss wirklich sagen, obwohl ich Dich nicht immerfort loben will, es war nicht aus Eitelkeit, sondern eine ganz natürliche Freude an der Gestaltung des Schönen, die wir gern unter­stützten. Du hieltest auch sehr aufs Praktische. Schon als kleines Kind verzichtetest Du auf ein paar weiße Gamaschen, weil sie Dir zu heikel waren. Du überlegtest Dir alles sehr genau, ehe Du wähltest und prüftest sorgfältig. Dass in den Modejournalen die Damen das Übergewicht hatten, gefiel Dir gar nicht, Du meintest, die Kinder hätten die gleiche Berücksichtigung zu erfahren. Durch Gertruds Fürsorge warst Du immer ge­schmackvoll und einfach gekleidet, und wenn auch unsere Lebensart im Verfall war, so waren an Dir keine Anzeichen davon zu bemerken. Und das war auch das wichtige Ziel, das Deine Mutti anstrebte und für das sie sich selbst jede Entbehrung auferlegte. Du nahmst diese Dienste mit dem selbstverständlichen Recht eines Kindes entgegen, das es nicht als eine Dankespflicht erachtet, wenn man es erhält. Das schreibe ich ohne die geringste Andeutung eines Vorwurfs, denn diese Einstellung entspricht durchaus dem gesunden und natürlichen Empfinden eines Kindes. Es wäre traurig, wenn ein junges Menschenkind sein Dasein als eine Dankesschuld empfinden sollte; es darf mit absoluter Selbstverständlichkeit erwarten, dass alles getan wird, um es zu erhalten und seine Ent­wicklung zu fördern. Das war auch Gertruds Ansicht. Nur lag durch meine Verdienst­losigkeit die ganze Last der Verantwortung bei Gertrud, weil sie die kleinen Beträge, die uns zur Verfügung standen und die über das bloße Wirtschaften hinaus keinen Über­schuss ließen, zu verwalten hatte. Wenn ich ihr auch in den Richtlinien raten konnte, so hatte sie die tägliche praktische Entscheidung im Kleinen doch selbst zu treffen und manchmal sagte sie scherzend-klagend zu mir: „Eine Mutti ist eben dazu da, dass sie essen und Kleidung bringt und für alles sorgt, aber ein Vati, das ist was Besonderes, für den werden Umstände gemacht.“ Es ist schon wahr, dass Du einen kleinen Unterschied machtest, der eine Stütze in den Anschauungen von Frau Fuchs hatte, die ihren Köbi zwar nicht mochte, aber ihn von vorn und hinten bediente und gehörig Männerkult trieb. Aber das macht nichts. Du bist ein Kind und brauchst Dich nicht mit Fragen zu belasten, die Deine Eltern angehen. Es wird auch für Dich die Zeit kommen, wo Du die Liebe und Fürsorge einer Mutter so schätzen wirst, wie sie es verdient und sie für den größten Schatz halten wirst, den das Leben Dir mitgegeben hat.

 

Renatli, ich bin jetzt am vorläufigen Ende Deiner Geschichte. Sicherlich könnte ich noch manche Einzelheit berichten, die sich in meiner Erinnerung findet, aber es kommt ja nicht so sehr darauf an, eine Häufung von einzelnen Tatsachen zu bringen, als ein mög­lichst anschauliches Bild zu entwerfen. Wie weit mir das gelungen ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall werden Dir diese Hefte zeigen, dass in einer Zeit, in der ich Dich nicht sehen konnte und nicht schreiben mochte, weil ich Dir keine Lügen mitteilen wollte und die Wahrheit verschweigen musste, weil Du nicht reif warst, sie zu verstehen – dass ich in dieser Zeit sehr innig an Dich gedacht und mich manche Stunde mit Dir beschäftigt habe. Ich habe versucht, Dich so zu schildern, wie ich Dich kenne, ohne im Lob oder im Tadel zu übertreiben. Du bist, ich glaube, das sagen zu können, innerlich und äußerlich eine glückliche Mischung der Eigenschaften Deiner Eltern, die Dich mit Liebe erwartet, gepflegt und großgezogen haben. Du zeigst eine gute Anlage, obwohl man noch nicht sieht, in welcher bestimmten Richtung sie wirken wird. Aber Du neigst zu einer harmoni­schen Ausbildung, die auf allen Gebieten, auf denen sie betätigt wird, zum Segen ge­reicht. Es wird an Dir sein, das, was Dir ein gütiges Schicksal in die Wiege gelegt hat, Dir zu Deinem Besitz zu machen und als ein gehorsames Instrument zu handhaben. Wir alle, die wir Dich lieben, Deine Eltern und Geschwister, wollen Dir helfen und zur Seite stehen, dass Du Klippen vermeidest, an denen wir gescheitert sind, und wir hoffen, dass unsere Kräfte nicht zu gering sind, Dir von Nutzen sein werden.

 

Mir liegt nun noch die Pflicht ob, Dir ein Bild meiner geschäftlichen Laufbahn zu geben, die in einer so schrecklichen Katastrophe geendet hat. Ich habe dieses Kapitel absichtlich an den Schluss gestellt, weil es sonst die an sich schon so lange Einleitung noch mehr ge­dehnt hätte und mir mehr daran lag, von Dir zu sprechen als von mir. Auch weiß ich nicht, wie weit Dich die geschäftlichen Zusammenhänge interessieren werden. Du wirst ja kaum eine Geschäftsfrau werden, aber eine geschäftliche Erfahrung kennen zu lernen, kann keinem Menschen schaden und dann weiß man ja auch nicht, wie weit Du mit Männer, die im Geschäftsleben stehen, zu tun haben wirst. Vor allem aber hast Du ein Anrecht, zu wissen, wie der Zusammenbruch kommen konnte, oder, wenn Du die Ursa­chen verstehst, kommen musste. Und nachdem ich nun von Dir zu sprechen geendet habe, kann ich mich diesem neuen Thema in Ruhe widmen, ohne durch das Gefühl, etwas Dringlicheres vor mir zu haben (denn Deine kleine Lebensgeschichte lag mir besonders am Herzen), gestört zu sein. Zu dem Anfang werde ich mich auf einen der kommenden Tage sammeln.

 

1/7/42 Ich muss noch einmal in die Vergangenheit steigen, und zwar ziemlich weit zurück. Ich überlege mir nämlich, ob es, da es nun einmal mit der Musik aus inneren und äußeren Gründen nicht sein sollte, nicht noch andere Möglichkeiten gegeben hätte. Ich bin doch ein ziemlich vielseitiger Mensch, habe manigfaltige Interessen, eher zu viel als zu wenig, da wären doch noch eine Menge andere Berufe in Frage gekommen. Z.B. wäre ich wahrscheinlich kein schlechter Jurist geworden, aber was das ist, davon hatte ich gar keine Vorstellung, oder höchstens eine sehr primitive und falsche. Aber zu diesem Beruf war mir auch der Weg abgeschnitten, da ich kein Vollgymnasium besuchte. Dann könnte ich mir auch denken, dass ein naturwissenschaftlicher Beruf, ein systematisches Forschen in Frage gekommen wäre. Meine Stärke liegt nämlich nicht in einer großen schöpferi­schen Fantasie, nicht in einem verschwenderischen Ideenreichtum, sondern viel mehr im Verarbeiten von Ideen, im Koordinieren, d.h. in Beziehung setzen, wobei ich recht erfin­derisch bin. Ich bin eine mitschwingende Saite, ich klinge, wenn andere den Ton angeben, aber nicht als bloßes Echo, sondern der Anstoß setzt bei mir einen ganzen Apparat von korrespondierenden Gedanken in Bewegung. Diese Denkweise hätte sich vielleicht mit Erfolg in einem naturwissenschaftlichen Beruf behaupten können. Aber ich muss zugeben, dass in meiner Jugend wenig Ansätze nach dieser Richtung zu finden waren. Das einzige, an das ich mich erinnere, ist, dass ich einmal einen Hasenkopf beim Metzger kaufte, ihn selbst häutete, kochte, abschabte und den Schädel fein säuberlich präparierte, aber das geschah mehr, um meine Schwestern mit dem Totenkopf zu er­schrecken, als aus Forschungstrieb und es schloss sich keine Entwicklung daran. An eini­ge technische Versuche entsinne ich mich. Als ich zur Schule ging, kamen die ersten Flugzeuge auf und die Fantasie aller Jungens war mit der Konstruktion von Modellen beschäftigt. Auch ich wollte nicht zurückstehen und sehe mich noch mit einem Kamera­den auf der Steintreppe der unserer Wohnung gegenüberliegenden Hochschule für Musik sitzen, wo wir oft spielten. Ich hatte eine kleine Dampfmaschine die aus einem Kessel bestand, unter dem eine Spiritusflamme brannte. War das Wasser erhitzt, so setzte der Dampfdruck ein Schwungrad in Drehung, das durch Transmission alle möglichen klei­nen Spielapparate in Bewegung brachte. Ich hatte nun die Idee, an dem Schwungrad einen Propeller zu befestigen, dann die Maschine in ein aus Brettern verfertigtes Flugzeug zu bauen und sah keinen Grund, warum das Ding dann nicht fliegen sollte. Wir nahmen dickes Kistenholz, nagelten eine plumpe Kiste mit 2 Flügeln, stellten den Dampfkessel mit dem Propeller hinein und harrten voller Erwartung, was geschehen würde, wenn das Wasser kochte. Nun, heutige Kinder sind technisch aufgeweckter, Du wirst erraten, was geschah. Der Kessel siedete, der Propeller drehte sich und die Kiste blieb seelenruhig stehen. Es war nämlich kein einziger Gedanke an die Frage nach dem Verhältnis von Kraft und Gewicht verwendet worden. Ein recht kümmerlicher und für die Zukunft nicht eben viel versprechender Versuch, dem auf diesem Gebiete keine weiteren gefolgt sind. Dagegen fällt mir ein anderes Experiment ein, von dem ich nicht weiß, gehört es in die Physik oder in die Chemie, wahrscheinlich in keins von beiden. Auf alle Fälle kann ich es niemandem zur Nachahmung empfehlen. Wir hatten in der Schule etwas von der Katalyse des Wassers durch den elektrischen Strom durchge­nommen, wobei sich Wasserstoff und Sauerstoff bildet. Das Experiment hatte mir gefallen und reizte mich zur Wiederholung. Ich sagte mir: wozu gibt es eine elektrische Nachttischlampe, wenn nicht zur Benutzung für einen solchen Versuch! Ich nahm eine Glühbirne, brach die Spitze ab (damals hatten Glühbirnen noch Spitzen) und füllte die Birne mit Wasser, was recht mühselig war. Dann schraubte ich sie in die Nachttisch­lampe, die ich vorsichtigerweise auf die offene Veranda unserer Wohnung genommen hatte, und schaltete den Kontakt ein. Tatsächlich bildete sich schon nach kurzer Zeit eine Luftblase an der winzigen Öffnung. Die Blase wurde größer, ein Zeichen, dass Strom durch Wasser ging. Nun wollte ich doch aber wissen, bildete sich hier Wasserstoff oder Sauerstoff. Das geeignete Mittel, dies festzustellen, schien mir ein brennendes Streich­holz, das ich vor die Öffnung der Birne hielt. Es gab einen mörderischen Knall, die Birne zerplatzte in tausend Splitter, meine Mutter, die ahnungslos über einer Handarbeit im Nebenzimmer gesessen hatte, kam voller Angst und Schrecken gelaufen und ich war nicht weniger erschrocken. Wahrscheinlich hatte ich Knallgas entwickelt und daher war die Geschichte in die Luft geflogen. Hiermit endete auch dieser Forschertrieb. Da war es mit der Musik schon anders. Von ihr wurde ich stets und ständig in Atem gehalten. Die Musik war auch das einzige Gebiet, wo ich instinktmäßig richtig reagierte. Wir wurden einmal in einer der unteren Klassen (ich war etwa 8–9 Jahre alt) vom Lehrer gefragt (was für dumme Fragen können doch Lehrer stellen!): wer der größte Komponist sei. Fast alle sagten Richard Wagner, nur ich sagte als Einziger: Beethoven. Ich hatte natürlich weder von Wagner noch von Beethoven viel Ahnung, aber ich war fest überzeugt, dass es nichts größeres als Beethoven in der Musik geben könne und es hat mir später immer Spaß gemacht, wenn ich daran dachte, wie ich gegen das Urteil der Andern aufgetreten war. Ich war auch schon damals überzeugt, recht zu haben, obwohl mich sonst die Meinung der Majorität in meiner eigenen leicht schwanken ließ. Etwas später, ich war wohl 11–12 Jahre alt – nun weiß ich nicht, habe ich es schon erzählt oder nicht? – also auf die Gefahr, mich zu wiederholen: ich war bei Verwandten in Hamburg während der Ferien. Als besonderer Genuss sollte mir ein Theaterbesuch geboten werden und ich durfte wählen zwischen Wallenstein, alle 3 Teile an einem Abend, oder der Oper Carmen. Jeder nahm an, ich würde mich für Wallenstein entscheiden, aber ich wählte unbedenklich Carmen, obwohl ich noch nie eine Oper gehört hatte außer Hänsel und Gretel, bei der mich die Musik so störte, weil ich ihretwegen die Worte nicht verstehen konnte; aber damals war ich noch sehr klein. Ich war hingerissen von der Oper. Als ich nach Hause zurückgekehrt war und nicht aufhörte, von Carmen zu schwärmen, fand ich eines Abends, als ich mich schlafen legte, in meinem Kopfkissen etwas Hartes, und als ich es hervorholte, war es ein Klavierauszug von Carmen. Ich war überglücklich, las die halbe Nacht darin und wäre am liebsten gleich ans Klavier gelaufen. Selten haben mir meine Eltern eine größere Freude gemacht. Aber so viel Liebe und Begeisterung in diesen kleinen Zügen zum Ausdruck kommt, so war dieser Strom doch nicht stark genug, den Damm an Widerständen zu brechen, der, mit oder ohne Absicht, aufgerichtet war, um ihn nicht über die Ufer der Konvention treten zu lassen. Das Haupthinderniss bestand darin, dass das Geschäft nun einmal da war, dass es ein sehr bedeutendes Geschäft war und ich als einziger Sohn der natürliche Nachfolger. Mit Neid blickte ich auf meinen Freund Otto, der zwar auch einziger Sohn war, dessen Vater ebenfalls ein Geschäft hatte, aber es war ein Geschäft, wie es hundert andere gab, es war nicht wichtig, ob es erhalten wurde, es hatte zu kämpfen und bot dem Sohn nicht die scheinbare Sicherheit, die man dem Ge­schäft meines Vaters zuschrieb. Otto konnte daher erklären, Zahnarzt werden zu wollen, obwohl mein Vater sich bemühte ihm das auszureden. Es wäre eine dumme Idee, sagte er zu mir. Ein Zahnarzt müsse den ganzen Tag in seinem Büro sitzen und auf Patienten warten. Keine Minute könne er sich wegrühren; aber ein Kaufmann – das wäre ein freier Mann, dem stünde die Welt offen! Das war wohl halb & halb auf mich gemünzt, dass ich nicht auf andere Gedanken kommen solle. Ich habe schon von der besonderen Situation nach dem Kriege gesprochen und von den Ursachen, die mich nicht die Kraft finden ließen, mich gegen meinen Vater durchzusetzen. So komisch es klingt, so hatte ich schon mit 18 Jahren auf Wünsche verzichtet, deren Erfüllung ich meinen noch ungeborenen Kindern gewähren zu können hoffte. Du siehst, wie albern solche Träume sind. Menschen sind keine Faktoren, mit denen man wie mit Zahlen rechnen kann! Als ich aus England zurückkam, lernte ich auch die Geschäftspartner meines Vaters kennen. Es waren gewichtige, meist wohlbeleibte Männer mit dröhnenden Stimmen, die von Zeit zu Zeit zu einem Kränzchen zusammen kamen. Dann saßen sie beieinander, rauchten dicke Zigarren, tranken Cognac und Likör, machten ein Spielchen, hauptsächlich aber diskutierten sie Politik und Wirtschaftsfragen. Es waren Männer, meist aus kleinen Ver­hältnissen stammend, die von der Woge der Konjunktur emporgetragen sich durch Fleiß und Tüchtigkeit zu behaupten gewusst hatten, und längst das gesättigte und selbstzufrie­dene Gehabe angenommen hatten, das Erfolg und Reichtum zur Folge hat. Waren sie bei uns versammelt, so nahm ich mitunter teil – aber nicht etwa an der Unterhaltung, sondern nur als Zuhörer, und ich muss gestehen, dass ich mir von ihren wichtigen Mienen und großen Worten imponieren ließ. Es dauerte einige Zeit, bis ich herausfand, dass es samt und sonders winterdicke Narren waren. Aber Du kennst vielleicht nicht den Unterschied zwischen einem winterdicken und einem sommerdicken Narren. Mein Freund Sokolow pflegte die Geschichte sehr nett zu erzählen: Der winterdicke Narr kommt ins Zimmer. Es ist ein großer, würdiger, sehr vornehm aussehender Herr, der einen dicken schweren Mantel und eine Pelzmütze trägt. Man empfängt ihn mit Hochachtung. Er legt den Mantel ab und die Pelzmütze, wickelt den Schal vom Hals und zieht die Handschuhe aus und – da sieht man, es isz ein Narr! Der sommerdicke Narr – kaum tritt er ins Zimmer, so sieht man auch schon gleich, dass es ein Narr ist! Diese also waren winterdicke Narren, und ich empfand Hochachtung vor ihnen. Wie wussten sie aber auch aufzutreten! Mit der Sicherheit und Rücksichtslosigkeit, die große Herren auszeichnen. „Nur der Erfolg entscheidet – alles andere zählt nicht!“ verkündete der Herr Kommerzienrat Simon. Und die anderen nickten beifällig. Ob er wohl noch an dieses Wort gedacht hat, als er die Zahlungen einstellen und sein Geschäft zusammenbrach? Es wäre unrecht, wenn ich nicht erwähnen würde, dass mein Vater diesen Leuten weit überlegen war. Bei allen Fehlern, die er hatte, war er nicht von dieser satten und philiströsen Selbstgefälligkeit. Er verkehrte mit diesen Menschen, weil sie aus seinem Kreise stammten, weil er an sie gewöhnt war und weil er keine andere hatte, aber im Grunde seines Herzens schätzte er sie und seine Zusammenkünfte wenig. So achtungsvoll er sie empfing und behandelte, so war er nicht blind gegen ihre Schwächen. Später äußerte er sich gelegentlich sehr offen zu mir. Von ihrer Unterhaltung sagte er, sie würden nur die Luft erschüttern. Wenn einer eine politische Meinung von sich gäbe, so wisse er stets sofort, welche Zeitung und welchen Leitartikel der Betreffende gelesen habe. Aber ein bisschen mag dabei auch mitgespielt haben, dass er seiner Schwerhörigkeit wegen ihrer Unterhaltung nicht so recht folgen konnte und schon deshalb immer mehr auf ihre Gesellschaft verzichten musste. Andererseits kann man sich aber auch vorstellen, dass ein Mensch, der nur mit Anstrengung hören kann, umso anspruchsvoller ist und mit Recht verstimmt ist, wenn er feststellen muss, wie wenig sich seine Mühe lohnt. Aber auch für die andern war die Unterhaltung mit meinem Vater bemühend, teils wegen der körperlichen Anspannung beim Lautsprechen, teils weil sie etwas von der größeren Verpflichtung gebenüber dem Inhalt ihrer Reden spüren mochten und überhaupt, weil sie sich nicht dem üblichen Tratsch und Klatsch überlassen konnten. Das Gespräch nahm notgedrungen die Form eines Dialogs mit meinem Vater an, da er einem allgemeinen Gespräch nicht folgen konnte, und die gewöhnlichen Albernheiten mussten unterbleiben, denn meist mussten die Sätze 1–2 mal wiederholt werden, bevor sie mein Vater verstand, und es ist eigenartig, wie eine Phrase, die leicht hingeworfen allenfalls noch erträglich ist, schal und abgeschmackt wird, wenn sie in lautem Ton mehrmals wiederholt werden muss. Aus diesem Grunde nahmen die Zusammenkünfte im Lauf der Jahre auch immer mehr an Häufigkeit ab. Mein Vater genoss ein großes Ansehen in diesem Kreis. „Wenn Ihr Herr Vater nicht sein Gehörleiden hätte, so wäre er heute Wirtschaftsminister, und wir könnten uns dazu gratulieren!“ war eine häufige Redensart, mit der man mich bei der ersten Bekanntschaft empfing. Wenn es mehr als ein Ausdruck der Wertschätzung sein sollte, so war es ein Blödsinn. Mein Vater besaß nicht im entferntesten den Weitblick, die Übersicht und die Kenntnisse, auch nicht die Allgemeinbildung, die zu einem solchen Amt befähigen. Trotzdem hatte es seine Gründe und war nicht bloße Schmeichelei, dass in dieser Weise von ihm gesprochen wurde, und ich denke, es wird im folgenden noch deutlicher werden, dass es einen Teil seines Talentes der Menschenbehandlung bildete, eine Meinung über seine Person zu erzeugen, die wenig mit seinem echten Wesen zu tun hatte. – Ich war am 18. Februar 1919 nach Deutschland zurückgekehrt und am 1. März machte ich meinen offiziellen Eintritt im Geschäft. Er vollzog sich sehr formlos. Ich wurde einem der älteren Angestellten übergeben, der mich in den verschiedenen Abtei­lungen herumführte und mit leitenden Personen bekannt­machte. Ich wurde von allen Seiten angegafft, was mir unangenehm war, alle legten mir die gleichen Fragen vor, allen gab ich die gleiche verlegene Antwort und ich war froh, als der Rundgang zu Ende war. Mein Vater hatte die richtige Idee, ich solle „von der Pike an dienen“, daher wurde ich den ersten Tag in die Registratur gestellt und sortierte Briefe in alphabetischer Reihen­folge. Von einem eigentlichen Lehrgang hatte mein Vater aber nur eine ganz vage Vorstellung und so sagte er mir bereits am folgenden Tag, ich solle nicht den ganzen Tag in der Registratur stehen, sondern mich im Geschäft „etwas umsehen“, vor allem soll ich morgens meim Öffnen der Post zugegen sein. Ich schaute also zu, wie ein ansehnlicher Haufen Briefe vom Corrsepondenten geöffnet wurde, aus denen zahlreiche bunte Zettel flatterten, von denen ich hörte, es seien Schecks. Warum diese alle so verwirrend aussahen, war mir gänzlich unklar, denn mir fehlten die primitivsten geschäftlichen Begriffe, war ich doch von der Schulbank in Kriegsgefangenschaft geraten, in der mir nicht die allgemeine Lebenserfahrung zugänglich war, die man sonst in diesen Jahren so nebenbei empfängt. Die geschäftliche Sprache war mir ein großes Kauderwelsch, ich verwechselte beständig Faktura und Retoure, Commission und Provision und von dem Inhalt der Briefe, die ich las, verstand ich wenig. Ich muss Dir nun zunächst einen Begriff von dem Umfang des Geschäfts geben. Das Geschäftshaus befand sich in der Kaiser Wilhelmstr. 52, am Neuen Markt, dort wo noch 1 oder 2 Jahrhunderte früher Juden öffentlich verbrannt worden waren und jetzt ein Luther Denkmal steht. Die Hauptfront war etwa 15–20 m breit, die Fassade mit Säulen im damaligen Warenhausstil, wie er von Messel, dem Erbauer des Wertheim-Gebäudes, begründet worden war. Ursprünglich standen dort kleine alte Berliner Häuser, die mein Vater gekauft und abge­rissen hatte. An diese schloss sich ein Eckhaus, das mein Vater gerne erworben hätte, um eine einheitliche große Front zu haben, aber da das Eckhaus sehr teuer war und wenig Bodenfläche hatte, so kaufte er kurz entschlossen die an das Eckhaus in der Nebenstraße anschließenden Häuser und baute um das Eckhaus herum, so dass er eine schmale Front zur Hauptstraße und eine lange Front in der Nebenstraße, der Rosenstraße, hatte. „Wenn Du einmal das Geschäft leiten wirst, kannst Du die Ecke dazu kaufen“, bekam ich

oft zu hören, und wirklich schien mir das ein Ziel zu sein, denn die fremde Ecke gab dem Ganzen nach außen nicht die große Wirkung und hatte etwas Störendes. Es war aber ein äußerlicher Umstand, die Übersichtlichkeit der Räume litt kaum darunter und das Haus war für die damalige Zeit gut, in großen klaren Linien und guten Licht­verhältnissen gebaut. Es hatte 5 Stockwerke, von denen damals eins vermietet war. Der Stolz meines Vaters war das Parterre-Lokal, ein etwa 1000–1200 m2 großer Raum in länglicher Rechteckform, von einem Lichthof teilweise überdeckt. Dies war der Ver­kaufsraum, in dem auf langen Tischen in mehreren Reihen die vorrätige Ware ausgelegt war, ein für ein Engrosgeschäft ganz neues Prinzip, das mein Vater von den Waren­häusern übernommen hatte. Früher war es nämlich üblich, die Ware in Schubladen und Regalen zu versorgen, wo der Käufer natürlich nicht die Überschau hatte wie bei der offenen Auslage. Das Prinzip hatte aber auch seine Risiken, denn der große Raum ver­pflichtete auch zu einer entsprechend großen Lagerhaltung (es lagen dort stets für 3–400‘000.– Mk Waren) und es kamen Zeiten, wo dies ein großes Risiko bedeutete und manchen Verlust mit sich brachte. Die oberen Stockwerke waren fast doppelt so groß und enthielten die Fabrikations-Abteilungen, d.h. fabriziert wurde im Hause ursprünglich gar nichts, sondern die Ware wurde in Heimarbeit vergeben, so dass im Hause, wo nicht einmal zugeschnitten wurde, nur die Posten zusammengestellt und die fertige Ware versandt wurde. Trotzdem wurden hierfür hunderte von Angestellten beschäftigt, denn die Firma setzte in ihrer Glanzzeit ca für 12 Millionen Mark Ware um. Wenn Du bedenkst, dass der Durchschnittspreis der geführten Artikel etwa zwischen 2–3 Mark lag, so kannst Du Dir vorstellen, welche Quantitäten da bewältigt werden mussten. Wir hatten etwa 30–35 Reisende in Deutschland und 10 Auslandsvertreter, hauptsächlich in europä­ischen Ländern, doch bestand auch eine allerdings nicht sehr starke Verbindung nach Übersee. In Deutschland gab es kaum ein Geschäft der Textilbranche, das nicht zu unseren Kunden zählte, vom größten Warenhaus herab bis zum kleinsten Trödlerladen in irgendeinem Dorf. Die Kartothek zählte ungefähr 5000 Kunden, von denen gut die Hälfte ständige Käufer waren. Wohlgemerkt 5000 Geschäfte, nicht Privatkunden. Bevor­zugt wurde das Geschäft mit den kleineren und mittleren Provinzkunden. Die großen Firmen in den Hauptstädten galten als Wetterwendisch und unzuverlässig. Für eine Differenz von 10 Pf. im Preis gingen sie zur Konkurrenz. Die Mittelkundschaft dagegen war treu, wenn sie gepflegt wurde. Wir hatten Reisende, die wie Kind im Hause bei ihren Kunden waren, von denen sie seit mehr als 20 Jahren regelmäßig im Frühjahr und Herbst ihre Aufträge bekamen. Natürlich bot die Menge der Kunden auch ein großes Risiko, da fast ausnahmslos 3 Monate Kredit gewährt wurde und die Überwachung jedes einzelnen Abnehmers kaum möglich war. Es entstanden auch viel Verluste, ich erinnere mich an 50–60‘000.– Mk jährlich, aber das machte auf den Umsatz nicht viel aus, später hatten wir dafür sogar eine Versicherung. Es herrschte ein wenig die Auffassung eines in der Branche bekannten Kaufmanns, der seine Reisenden gehörig abzukanzeln pflegte, wenn ein Geschäft zusammenbrach, an dessen Verlust er – nicht beteiligt war. Denn er sagte sich, wohl hätte er bei dem Zusammenbruch Geld verloren, wenn das Geschäft sein Kunde gewesen wäre, aber vielleicht hätte er 10 Jahre lang vorher mit dem Kunden umsetzen können, und Umsatz war zu jener Zeit noch gleichbedeutend mit Verdienst. Das Risiko verteilte sich auf viele Abnehmer und der Einzelverlust bedeutete wenig im Verhältnis zur Gesamtziffer. Vor dem ersten Weltkrieg wurden nur Schürzen und die so schön benamsten Jupons verkauft, später kamen noch Knaben-Waschanzüge und Kinder­kleidchen dazu, in allerletzter Zeit dann auch Knaben-Wollanzüge und schließlich Herrenkleidung. Als ich eintrat, gab es nur die vier ersten Abteilungen. Das gesamte Geschäftsleben befand sich in einer Krise. Niemand hatte mit dem plötzlichen Ende des Krieges gerechnet, die Kunden hatten sich allmählich an die damals noch sehr unvoll­kommenen Ersatzstoffe gewöhnt und nach anfänglichem und berechtigtem Misstrauen faute de mieux größere Bestellungen aufgegeben. Nun eröffnete der Friedensschluss wieder Aussicht auf reguläre Ware und es hagelte Annullationen. Jeder Kunde wollte sich von der Abnahme seiner Bestellungen drücken. Neue Aufträge gab es überhaupt nicht, da jeder abwartete, so dass wegen Mangel an ausreichender Beschäftigung das Ge­schäft bereits am Mittag geschlossen wurde. Die Arbeit meines Vaters bestand im wesentlichen darin, sich gegen die Flut der Annullationen zu stemmen. Jeden Morgen hatte der Correspondent zu den eingegangenen Briefen die Aufträge herauszusuchen, aus denen in mir damals unverständlichen Hieroglyphen zu ersehen war, wie viel schon geliefert und wie groß der Auftragsrückstand war. Ganze Berge dieser mit Blau- & Rot­tift bearbeiteten Formulare lagen auf dem Schreibtisch aufgeschichtet, vor dem mein Vater aufrecht stehend diktierte, mit dem grimmig entschlossenen Zug eines belagerten Feldherrn, der sich bis zum letzten Atemzug gegen den Ansturm der Feinde zu wehren entschlossen ist. Hinter ihm stand dienstfertig der Correspondent, neben ihm saß die Stenotypistin mit gespitztem Bleistift – und wehe, wenn nicht alles bereit war, wenn die Correspondenz unvollständig oder die Auskunft unvollkommen war. Dann entlud sich der über die Annullationen angehäufte Groll in einem Donnerwetter auf das Haupt des armen Correspondenten und mein Onkel P.C. mied das Contor aus Angst und schlechtem Gewissen. Brief auf Brief in unermüdlicher Folge wurde diktiert, bis der Haufe auf dem Schreibtisch weggearbeitet war. Der Ton der Briefe war verschieden. Der Durchschnitts­kunde bekam einen höflichen Brief, der mit Bedauern die Unmöglichkeit der Rücknahme der Ware ausdrückte, da, wie die Phrase lautete, „ein Verbandsbeschluss bei Verfall einer hohen Konventionalstrafe“ entgegenstände. Die Konkurrenten hatten tatsächlich, um dem Druck von seiten der Kundschaft besser widerstehen zu können, sich gegenseitig verpflichtet, alle Gesuche auf Annullation von fest bestellten Waren abzulehnen. Aber der Verband war ein eigenes Kapitel, über das ich noch sprechen werde. Als ich meinen Vater fragte, was es damit auf sich habe, sagte er mit schlauem Lächeln, es sei ein Schild, den man vorhalten könne, wenn es einem passe. Die größeren Firmen bekamen per­sönlicher gehaltene Briefe, besonders die, deren Inhaber meinem Vater bekannt waren. In diesen Briefen war dann die Rede vom „Rücken der Fabrikanten“, auf dem das ganze Risiko der Konjunktur abgetragen werden sollte und ähnlichen Wendungen. Ganz vortrefflich aber war er in ganz persönlich gefärbten Sentenzen mit humorvollem Anstrich, die ihre Wirkung selten verfehlten, so etwa, wenn er schrieb: Lieber Freund, wenn ich alle Ware zurückbekäme, die man mir auf den Hals schicken will, so müsste ich auf mein sehr großes Geschäftshaus noch ein zweites aufstocken, nur um sie aufzunehmen. In der Sache verhielt er sich unterschiedlich und launenhaft. Bei manchen Kunden sagte er: dem Mann muss man entgegenkommen, bei andern war er unnach­giebig bis zur Kleinlichkeit. Ich entsinne mich, dass er einem Kunden in einen zwei Seiten langen Brief hartnäckig die Annullation eines einzigen Kleidchens verweigerte. Ich glaubte, dieser Kunde sei nun für immer verloren, doch kam er bald wieder und ent­schuldigte sich persönlich für seine Kleinlichkeit. Ich verstand also noch wenig von der Psychologie der Kunden. Solange ich bei diesem morgendlichen Ringen anwesend war, war ich wenigstens beschäftigt. Was ich aber in der übrigen Zeit tun sollte, das wusste ich nicht. Ich lief etwas verloren in dem weitläufigen Haus herum, schaute dort ein wenig hin, hörte hier ein wenig zu, ohne viel von dem, was vorging zu begreifen. Einige Ange­stellte machten sich wichtig, der eine wollte diese Neuerung eingeführt, der andere jene Einrichtung getroffen, der dritte eine vorzügliche Organisation geschaffen haben, aber ich war kein dankbares Publikum, weil ich gar nicht verstand, um was es ging. Ich lang­weilte mich unaussprechlich und hatte nur einen Trost, dass bereits um Mittag geschlossen wurde. Ab und zu nahm sich einmal ein Reisender meiner an und zeigte mir das eine oder andere, aber alle setzten viel mehr geschäftliches Wissen bei mir voraus als ich hatte und ich hatte alle Mühe, meine Unkenntnis zu bemänteln, denn ich war eben nicht mehr so jung, um so dumm wie ein Lehrbub zu fragen, war aber um nichts schlauer. Auch glaubte ich meinem Prestige als Sohn des Chefs nicht zuviel durch Schaustellung meiner völligen Ahnungslosigkeit vergeben zu dürfen. Es ist sonst in kaufmännischen Kreisen vielfach Sitte, dass die ganze Familie, wenn sie nicht überhaupt mitarbeitet, doch zumin­dest an allen Erreignissen Anteil nimmt und weiß, was vorgeht. Bei uns wurde im Hause aber vom Geschäft geschwiegen, so dass mir das ein ganz fremder Boden war. Nur eine Ausnahme war gemacht worden: die Führung der Geheimbücher. Ursprünglich besorgte dies mein Vater selbst, dann meine Mutter und so im Alter von 12–14 Jahren wurde mir diese Aufgabe übertragen. Es handelte sich darum, die Monatssalden auf die Hauptbuch­konten zu übertragen. Es waren einfach gewisse Additionen und Subtraktionen vorzu­nehmen und wenn man richtig gebucht hatte, so musste die Addition der Kredit- & Debetseite das gleiche Resultat ergeben. Es stimmte aber nie, und die 5- & 6-stelligen Zahlen erfüllten mich mit Verzweiflung. Am liebsten waren mit das Skonto- & Decos-Konto, weil dort immer nur kleine Zahlen erschienen, aber was die Fremdwörter bedeuteten, habe ich nie begriffen. Unzählige Male versuchte mein Vater, mir die dahin­ter liegenden Vorgänge zu erklären. Kaum hatte ich es gehört, so hatte ich es auch schon wieder vergessen. Oft gab es dabei Tränen. „Was heißt Debet?“ „Haben, nein Soll“. „Also muss ich…?“ Ja, nun wusste ich wieder nicht zuzuzählen oder abzählen. Ich riet auf gut Glück und meist das falsche. Abgesehen von der Mühseligkeit des Fehlersuchens, und wie ärgerlich, wenn alles stimmte bis auf 20 Pfennige, langweilte mich die Arbeit, die ich ganz mechanisch und ohne jede Anteilnahme machte, unaussprechlich. Hatte ich sie glücklich beendet, so ließ mein Vater wohl aus Freude ein Markstück springen. Einmal als mich wieder die Langeweile bei der Arbeit packte, rettete ich mich damit, dass ich auf dem Bogen, auf dem ich die Rechnung im Unreinen machte, die Kontona­men mit riesigen und wunderlich verschnörkelten Buchstaben aufmalte. Gerade an dem Abend waren meine Großeltern zu Besuch und mein Vater wollte vor dem Großvater wohl etwas mit dem kaufmännischen Talent seines Sohnes prunken, denn er forderte mich auf, mein Rechenblatt dem Großvater zu zeigen. Statt eines Lobes gab es böse Gesichter. Ich war froh, als mir die Arbeit allmählich aus den Händen genommen wurde und vergaß augenblicklich das Wenige was ich begriffen hatte. Einen zweiten Versuch, das Rätsel der Buchhaltung zu bewältigen, machte ich in der englischen Gefangenschaft, als mir die Kasse des Konzertvereins übertragen wurde. Das war natürlich ganz einfache Arbeit, aber ich machte sie höchst widerwillig und nur um der guten Sache willen. Es ist eigenartig, dass gerade das Buchhaltungswesen mir später ganz von selbst und mit größter Selbstverständlichkeit aufging. Damals aber, als ich ins Geschäft eintrat, waren mir das alles böhmische Dörfer, und ich wusste einfach nicht, was ich anfangen sollte. Um mich herum war ein geschäftiges Treiben, aber ich fand keinen Punkt, wo ich angrei­fen konnte. Das größte Hindernis war, dass ich mich immer verpflichtet fühlte, mehr zu wissen als ich tatsächlich wusste. Ich war 22 Jahre, jeder setzte bei mir eine gewisse allgemeine Kenntnis des Geschäftsganges voraus und ich glaubte, diesen Eindruck bestärken zu müssen. So nahm ich mir selbst die Möglichkeit, etwas zu lernen und machte mir von dem, was ich sah, mitunter ganz falsche Begriffe. So begegnete mir sehr häufig eine Commission W.K. Ich dachte mir, da wäre eine vielleicht besonders wichtige Angelegenheit mit dem Anfangsbuchstaben meines Namens benannt worden und ich fand, dass dies ein hübscher Zug meines Vaters war, der mich anheimelnd berührte. Mein Vater hattte aber durchaus nicht so sentimentale Beweggründe, sondern die Commission betraf den Kunden Wilhelm Klöpper, einen Hamburger Grossisten, der in beträchtlichen Mengen kaufte und den mein Vater persönlich besuchte. Die Übereinstimmung der Initialen war also rein zufällig. Natürlich hatte ich nicht die geringste Ahnung von den Waren, die fabriziert und verkauft wurden. Man zeigte mir wohl dies und jenes, ich schaute es mir an, lobte es, aber ohne jedes Verständnis. Eines Tages lernte ich den ersten Kunden in Person kennen. Ich war zufällig im Parterre-Lokal, als ein kleiner, etwas vorwitzig aussehender Mann eintrat. Der Verkäufer ging auf ihn zu wie auf einen guten Bekannten und, froh über die Gelegenheit, sagte er: „Darf ich Ihnen den Sohn meines Chefs vorstellen?“. Wir begrüßten uns, ich hatte die üblichen Fragen wegen Kriegsgefangenschaft zu überstehen (denn die Tatsache war allgemein bekannt) und nun begann eines jener Gespräche, die ich später so oft führen musste, die mich aber stets wieder in die gleiche peinliche Verlegenheit stürzten wie jenes erste Mal und denen ich mich daher nach Möglichkeit entzog. Ich lernte eine ganz neue Klasse von Menschen kennen, mit denen ich gar keine Berührungspunkte hatte und absolut nicht warm werden konnte. Es trat mir eine Art Witz entgegen, von dem ich anfangs gar nicht merkte, dass es einer sein sollte, und als ich dies durch Gewohnheit gelernt, nicht anders reagierte als durch ein verlegenes und blödes Lachen. Mein Vater verstand es wunderbar, die Leute zu packen. Er hatte eine ganze Reihe von Redensarten bereit, deren Bedeutung ich nicht einmal immer verstand. Vielleicht verstand sie auch nicht einmal der Kunde, aber sie hatten die Wirkung, eine Vertrautheit zu schaffen, die Stimmung zum Kaufen schuf. War ein Kunde missgestimmt, bemäkelte die Preise, fand alles zu teuer, wollte nicht kaufen, so hörte ihn mein Vater erst ganz ernst an, dann stellte er sich breitbeinig vor ihn hin, schlug ihm vertraulich auf die Schulter und sagte: „Lieber Freund, Sie wissen doch, was los ist – Ihnen brauche ich doch nichts zu sagen! Der Knüppel liegt beim Hund!! Verstehen Sie mich!“ und dann lachte er laut heraus und der andere, der wahrscheinlich kein Wort verstanden hatte, fing auch an zu lachen und dann gab ein Wort das andere und schließlich hatte der Kunde gekauft, ohne es überhaupt zu merken. Er vestand es, sich mit Leuten, die z. T. weit unter ihm standen, auf eine Art gemein zu machen, durch die sich die Leute geehrt fühlten. Er dozierte Wirtschaftspolitik in kernigen Schlagworten, die jeder verstand und für Weisheit hielt obwohl sie nichts sagten; war einer vergnügt, so übertrumpfte er ihn mit Fröhlichkeit, fing einer an zu klagen, so jammerte und weinte er mit ihm, sparte nicht mit verzweifelten Gebärden, die völlige Hoffnungslosigkeit ausdrückte und legte eine Grabesmiene an, dass der andere anfing, sich an dem Kummer des alten Kass aufzurichten. Selten ging einer von ihm, ohne das Gefühl, der alte Kass sei doch ein Kerl. In der Zeit, als Ware sehr knapp war und es Brauch war, nur die alten Stammkunden zu beliefern, kam einmal der Inhaber eines großen Detailgeschäftes aus dem Rheinland und verlangte, meinen Vater zu sprechen. Als er im Privatkontor war, sagte er mit etwas schlechtem Gewissen und in entschuldi­gender Weise, er habe zwar seit einigen Jahren nicht von meinem Vater gekauft, ob er ihm gleichwohl Ware abgeben würde, denn er sei in Verlegenheit. Mein Vater erwiderte ohne Umstände: „Lieber Freund, wenn Sie seit einigen Jahren nicht von mir gekauft haben, dann sind Sie gestraft genug!“ Solche Bonmots zirkulierten in Menge in der Branche. Für mich wären zwei Wege in Frage gekommen, auf vernünftige Weise etwas zu lernen. Entweder ein praktisches Einarbeiten durch eine regelrechte Lehre in einem fremden Geschäft, am besten in einem Detailgeschäft. Denn wenn ein Betrieb die Aufgabe hat, den Detailhandel zu beliefern, dann sollte der Leiter auch einmal eine Zeit praktisch in einem Detailgeschäft gearbeitet haben, um den Standpunkt, die Interessen und Arbeitsweise seiner Abnehmer kennen zu lernen. Es mag sein, dass mein Vater mich durch den Ausfall der Kriegsjahre schon für etwas zu alt für diese Lehre hielt; auch drängte es ihn wohl, wegen der zunehmenden Differenzen mit seinem Sozius eine tätige Hilfe im eigenen Geschäft zu haben. Der zweite Weg, der mir sehr sympathisch gewesen wäre und den ich auch mehrfach vorschlug, wäre der Besuch einer Webschule gewesen, auf der ich in systematischer Weise das Rohmaterial unserer Fabrikation hätte kennen lernen können. Da in unserem Geschäft jährlich für einige Millionen Mark Ware ein­gekauft wurde, so hätte dem Betrieb ein Fachmann für Warenkunde wahrlich nichts geschadet. Aber davon hielt mein Vater ganz und gar nichts. Er hatte einmal einen Rei­senden, der die Webschule besucht hatte. Dem konnte er nichts recht machen. Wenn er ihm die Kollektion übergab, so fing der Reisende an zu prüfen und zu kritisieren. „Dieses Gewebe hat eine Fadenstellung von 14/14; ich kann nichts verkaufen unter 16/16“ oder „die Ware ist viel zu stark kalandert, das lässt sich nicht verkaufen“ und so weiter. Mein Vater pflegte das pantomimisch vorzumachen. Er nahm eine Schürze, hob sie vors Gesicht, hielt sie gegen das Licht oder er zog den Fadenzähler, stieß mit der Nase darauf, dann legte er das Gesicht in Falten, schüttelte den Kopf, warf die Schürze mit verächtlicher Gebärde in die Ecke und sagte: „So etwas kann ich nicht verkaufen!“ Hatte er diese Methode zur Genüge lächerlich gemacht, dann rühmte er die andern Reisenden, die hätten die Kollektion entgegen genommen, wie sie war, und im Vertrauen darauf, dass sie richtig wäre, hätten sie sich dafür eingesetzt und verkauft, unbekümmert um Fadenstellung und Ausrüstung, während jener die Hälfte der Muster als unbrauchbar zurückließ und mit dem Rest einen geringen Verkaufserfolg hatte. Hatte sich einmal bei meinem Vater eine Erfahrung in derart anekdotischer Form verdichtet, so saß sie eisen­fest in seinem Kopf und war durch nichts umzustoßen. Es mochte noch dazukommen, dass er selbst ein Mann der Praxis war, der nichts „wissenschaftlich“ gelernt hatte, und dessen Warenkenntnis in dem Gefühl lag, das er zwischen Daumen und Zeigefinger hatte, verbunden mit einem guten Blick. Ich muss es ihm lassen, dass er mit diesen Mitteln sehr weit gekommen war. Er war ein vorzüglicher Einkäufer, der selten in der Qualität fehlgriff, aber er hatte kein Gefühl, dass die Zeiten sich geändert hatten. Um Dir zu erklären inwiefern das der Fall war, muss ich Dir die Entwicklung des gesamten Geschätszweiges kurz schildern. Die Konfektion ist ein verhältnismäßig junges Gewer­be. Man muss sich vor Augen halten, dass es kaum 100 Jahre her ist, dass die erste Eisen­bahnlinie auf dem Kontinent eröffnet wurde. Damals war die Bevölkerungszahl noch viel niedriger, Bekleidung wurde meist noch im Hause selbst verfertigt und es gab wenige und kleine Geschäfte. Durch die Ausdehnung des Verkehrs, durch die Errichtung zahl­reicher Fabriken wuchsen die Städte und es entstand ein Proletariat, das unter ganz anderen Bedingungen lebte. Der Haushalt als eine Gemeinschaft zur Deckung des Eigen­bedarfs verkümmerte immer mehr und die Betriebe, die als erste sich durch Massen­einkauf, Massenherstellung und Massenverkauf die Grundlagen für eine billige Fabri­kation schufen, fanden einen großen Bedarf und eine aufnahmefähige Abnehmerschaft vor. Es gab eine jahrzehntelange aufsteigende Konjunktur, wenn es auch an vorüber­gehenden und manchmal sogar recht scharfen Rückschlägen nicht fehlte. Wer sie aber überstand, dem wurden die erlittenen Verluste schnell wieder wettgemacht im rasenden Zuge der Entwicklung. Alles wurde größer: Die Bevölkerung mehrte sich, die Städte wuchsen, die größere Menschenmenge schuf größeren Bedarf, die Geschäfte dehnten sich aus. Nicht nur die Fabrikanten, auch die Abnehmer. Aus kleinen Läden wurden große Häuser, aus großen Häusern Verkaufspaläste. Nun Geschäfte schossen wie Pilze aus der Erde und weitaus die meisten gediehen. Die großen Warenhäuser in Deutsch­land, die Wertheim, Tietz, Schocken etc. (in noch viel größerem Ausmaß das, was in der Schweiz Braun und Globus sind) waren vor 60–70 Jahren nichts als kleine Trödel­läden. Sie verstanden es, die Konjunktur zu ergreifen. Natürlich hatte nicht jeder Erfolg, es gehört unter allen Verhältnissen Initiative und Fleiß dazu, sich durchzusetzen. Aber schon ein mittleres Maß dieser Fähigkeiten genügte, da ein gut Teil der Arbeit von dem Strom der Konjunktur getragen wurde. Alles förderte sich gegenseitig. Die Geschäfte wuchsen nicht, indem sie ihren Konkurrenten den Absatz streitig machten, sondern sie wuchsen, weil der Bedarf im Ganzen stieg. Die Geschäfte gediehen gleichzeitig, nicht eines auf Kosten des andern. Die Ausdehnung der Abnehmer kam ohne weiteres den Fabrikanten zugute. Wenn man mit dem Strom schwimmt und Arme und Beine zu ge­brauchen versteht, kommt man rasch vorwärts; schwimmt man aber gegen den Strom, so erreicht man mit einer noch größeren Anstrengung höchstens, dass man am selben Fleck bleibt. Hinzu kam, dass der gewählte Artikel, die Schürze, einer der am leichtesten Her­zustellenden ist. Der einfachste Zuschnitt, die einfachste Näharbeit. Jeder, der eine Näh­maschine hatte, konnte sie anfertigen. Obendrein war es ein Artikel, der so gut wie kein Mode-Risiko hatte. Es gingen immer die gleichen Stoffe, hautptsächlich die sog. Sia­mosen, das sind gewebte Streifen in Haushalt-Muster. An bedruckten Stoffen konnte man damals kaum etwas anderes als den weißen Punkt auf dunkelblauem Grunde, das sog. Indigo-Muster. Andererseits war der Bedarf enorm. Alle weiblichen Wesen, vom kleinsten Mädchen bis zur alten Großmutter, trugen Schürzen. Schürzen für jedes Alter, Schürzen für jede Gelegenheit. Kinderschürzen, Haushaltschürzen, Fantasieschürzen, Zierschürzen, Stickereischürzen, Trauerschürzen etc. Ähnlich war es mit den Unter­röcken, von denen die Frauen auf dem Lande mehrere übereinander trugen und die es in Halbwolle, Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide gab, in allen Arten vom einfachsten, glatten bis zum Fantasierock, der mit Volants, Rüschen und Bisen überladen war. Manche, die Moiréröcke, waren so bocksteif, dass man sie fast aufrecht hinstellen konnte. Um Dir eine Vorstellung von dem riesenhaften Bedarf in diesen Artikeln zu machen, musst Du Dir denken, dass eine einzige Kollektion aus rund 1000 Mustern bestand. Ein Reisender ging mit 5–6 großen Musterkoffern auf die Reise. Da durch­schnittlich 36–40 Kollektionen angefertigt wurden, so war der Wert der Kollektionen nur in diesen beiden Artikeln schon etwa 100‘000.– Mk. Jeder einzelne dieser Reisenden konnte aber für ca. 2–3000‘000.– Mk und mehr verkaufen. Die Leichtigkeit der Her­stellung hatte den Nachteil, dass sehr viele gerade diesen Artikel zur Fabrikation wählten, aber mein Vater hatte es verstanden, sein Unternehmen an die erste Stelle zu bringen. Die Tüchtigkeit bestand damals in erster Linie im Einkauf, in zweiter Linie im Verkauf. Beides war weniger an Fachkenntnis als an persönliche Fühlungnahme gebunden. Die Einkaufspreise schwankten in minimalen Grenzen. Wenn ein Stoff einmal um 2 Pfennige per Meter stieg, so glaubte man schon, die Welt ginge unter. Gehandelt wurde um Viertel- & halbe Pfennige. Und doch hing viel davon ab, diese kleinen Vorteile, die sich bei den großen Quantitäten schnell summierten, auszunutzen. Mein Vater hatte darin eine sehr glückliche Hand. Er handelte nie nach Überlegung, sondern ganz nach Gefühl. Es konnte ganz gut sein, dass er am Morgen in Feldherrn-Manier die Parole „Gewehr bei Fuß“ ausgegeben hätte! – und bis zum Mittag hatte er vielleicht 1000 Stück Ware einge­kauft. Er war durchaus von momentanen Eingebungen geleitet und ein Verkäufer, der ihn zu nehmen verstand, hatte einen guten Käufer an ihm. War er in Laune, so verdoppelte, verdreifachte er das Quantum, aber er stieg fast immer in den richtigen Zeitpunkten ein. War er nicht in Stimmung, konnte ihn das günstigste Angebot nicht reizen. Es war natür­lich nicht leicht, mit einem solchen Mann, der sich an seine eigenenen Ansichten keine Minute hielt, zusammenzuarbeiten. Mein Onkel Cahn, oder wie wir ihn immer nannten, P.C., der Anleitung und Richtlinien brauchte, konnte gar nicht mit ihm zurechtkommen und oft machte er meinem Vater zum Vorwurf, dass er stets das Gegenteil von dem tue, was er vorher gesagt habe. Mein Vater gab das mit Stolz zu. Gerade darin sah er die (wie man heute sagt) Führerqualität. Die „gebundene Marschroute“ sei für Angestellte, er, der Leiter, müsse seine Anschauungen jeden Augenblick den veränderten Verhältnissen an­passen, und es sei das Vorrecht des handelnden Kaufmanns, das zu verwerfen, was man tags zuvor angebetet habe. Nur übersah er, dass der häufige Wechsel seiner Ansichten eigentlich keine Anpassung war, sondern durchaus unberechenbar und launenhaft. Da er aber praktisch meist Recht hatte mit dem, was er tat, so war schwer, ihm beizukommen, denn was nutzt das Rechthaben in der Theorie, wenn die Praxis den Erfolg auf ihrer Seite hat? Sein größtes Geschick lag aber darin, dass er seine Fehler zu Erfolgen umgestaltete. Er wusste das ganz gut und sagte mir einmal, er sei mindestens so sehr durch seine Fehler groß geworden als durch seine richtigen Handlungen. Andere Kaufleute setzten sich hin, ehe sie einkauften, berechneten vorsichtig ihren Bedarf und deckten sich dann etwa zu 70% ein. Niemals hat sich mein Vater ausgerechnet, wieviel er von einer Ware brauchen könne. Nein, er kaufte auf gut Glück, manchmal in einem direkten Rausch, allerdings immer, ohne den Kopf zu verlieren, aber manchmal überkaufte er sich be­trächtlich. Aber gerade der daraus resultierende Druck trieb ihn zu außergewöhnlichen Anstrengungen und Leistungen. Um sich von dem großen Warenlager zu befreien, ließ er neue Artikel, neue Muster anfertigen, brachte günstige Angebote, spornte die Verkäu­fer an, hetzte die Reisenden, setzte Prämien aus und steigerte seinen Umsatz auf eine Höhe, die er nie erreicht hätte, wenn er sich im vorsichtigen Rahmen der Berechnung gehalten hätte. So wirkten sich selbst die Fehler zu seinem Vorteil aus. Aber es ist klar, dass man mit solchen Methoden nur Erfolg haben kann in Zeiten, die verhältnismäßig stabil sind und aufnahmefähig für große Warenmengen. Nun hatte sich aber seit dem Kriege vieles verändert. Der Export ruhte fast völlig, denn die jahrelange durch den Krieg verursachte Pause der Belieferung hatte in den neutralen Ländern eine Konfek­tions-Industrie erstehen lassen, die es früher nicht gegeben hatte und die sich nun als starke Konkurrenz erwies, welche als einheimischer Betrieb bevorzugt und durch Zölle geschützt wurde. Darüber hinaus trat aber noch etwas Merkwürdiges ein. Die Stabilität, die das Geschäft jahrzehntelang ausgezeichnet hatte, ging in die Brüche; ein Vorgang, die sich zwar über mehrere Jahre erstreckte, aber damals seinen Anfang nahm. Es begann damit, dass die Schürze ein Mode-Artikel wurde. Die Leute waren der ewigen grauen Streifen müde, es kamen die in freundlichen Farben bedruckten Stoffe auf. In diesem Augenblick gab es ein Mode-Risiko. Ein Muster, das heute begehrt war, war morgen ver­altet. Kein Stoff konnte sich länger als eine Saison halten, und oft gab es noch innerhalb der Saison eine zweite. Das unvorstellbare trat ein: Das Indigo-Muster, das tägliche Brot des Schürzenfabrikanten, „ging“ eines Tages nicht mehr. Täglich kamen Neuheiten auf und der ganze Wareneinkauf musste vorsichtiger gehandhabt werden. Aber nicht nur die altbewährten Stoffe, auch die hergebrachten Formen gerieten ins Wanken. Früher gab es kaum eine Veränderung. Alle Fantasie wirkte sich darin aus, den Paspel etwas breiter oder schmaler, in dieser oder jener Linienführung anzulegen. Nun aber kamen ganz neue Formen auf, die, wenn sie Anklang fanden, die alten augenblicklich verdrängten. Der Detaillist hatte herausgefunden, dass dieser Zug zur Neuheit eine Belebung des Geschäftes mit sich brachte und war stets darauf aus, etwas Neues zu suchen. Diese Tendenz veränderte die Geschäftsführung in mannigfacher Richtung. Hatte der Fabrikant früher zweimal im Jahr Musterung, die zwischenhinein nur unwesentlich ergänzt wurde, so war er jetzt gezwungen, das ganze Jahr hindurch ununterbrochen zu mustern, um den Kunden immer neuen Anreiz zu bieten. Auch die Reisetätigkeit nahm eine andere Gestalt an. Früher hatte der Reisende zweimal im Jahr seine Haupttour gemacht, auf der er seine Stammaufträge erhielt. Bei dieser Gelegenheit teilten die Kunden ihren Hauptbedarf ein; trat während der Saison weiterer Bedarf ein, so gaben sie an Hand der gelieferten Waren Nachbestellungen. Allmählich aber gewöhnten sich die Kunden ab, überhaupt Stamm­aufträge zu geben. Es wurde für sie vorteilhafter, in kleinen Quantitäten, von der Hand in den Mund, zu bestellen, um jederzeit aufnahmefähig für Neuheiten zu sein. Auch fanden sie heraus, dass es besser war, bei vielen Fabrikanten als bei wenigen einzukaufen. Früher brachte jeder Fabrikant mehr oder weniger das gleiche an Geschmack und Preis. Der eine Fabrikant brachte eine reichhaltigere Ausmusterung oder war zuverlässiger in der Lieferung und durch diese Vorteile, zu denen Bekanntschaft, Freundschaft, alte An­hänglichkeiten etc. kam, band er die Kunden an sich. Nachdem aber die Fantasie eine große Rolle zu spielen begann, war es ja klar, dass jeder etwas anderes brachte, so dass der Kunde seine Aufgabe darin sah, sich überall das Schönste und Vorteilhafteste heraus­zusuchen. Wenn diese Einkaufmethode sich auch einigermaßen wieder ausglich, weil der Nachteil des einen der Vorteil des andern wurde, so wickelte sich das Geschäft viel schwieriger und kostspieliger ab. An Stelle der Haupttouren trat dauerndes Reisen; der Kunde, der früher zweimal im Jahr besucht wurde, musste nun möglichst alle 1–2 Monate besucht werden. Die großen geschlossenen Aufträge, die einen konzentrierten Einkauf und eine vorteilhafte Einteilung ermöglichten, zerläpperten sich in viele kleine Bestellungen, deren Bearbeitung in allen Positionen mehr Aufwand erforderte. Aber die Umwandlung ging noch weiter. Die Sucht nach Neuheiten führte allmählich zum Aus­sterben der Artikel. Es kam der Zeitpunkt, wo Schürzen „kein Artikel“ mehr war. Die Kunstseide revolutionierte die Wäsche. Anstelle der guten alten soliden Röcke traten die leichten seidenen Schlüpfer. Knabenanzüge in gestreiftem Kadett oder weißem und blauen Satin, die berühmten Kieler Anzüge gingen nicht mehr, die Buben liefen nur noch in Hemden und Hosen herum. Natürlich gab es immer etwas anderes, was an Stelle des Alten trat, und stets gingen wir auch zur Herstellung des Neuen über. Aber häufig war das Neue nicht mehr Monopol unserer Firma. Die Schürze wurde durch das Berufskleid verdrängt. Es gab aber eine spezialisierte Berufskleiderindustrie, die sich schon viel früher rationalisiert hatte, d.h. nicht in Heimarbeit, sondern in Teilarbeitsbetrieben herstellte. Da sie noch obendrein in Gegenden mit billigen Arbeitslöhnen lag, so waren wir nicht konkurrenzfähig. Ähnlich lag es mit den Kunstseidenartikeln, die zum großen Teil direkt von den Kunstseidenwebereien in Apolda hergestellt wurden, von denen wir das Rohmaterial kaufen mussten. Für die Knabenhemden bestand ebenfalls eine ausge­bildete Hemden-Industrie, die uns mit Erfahrungen voraus war. Ich bin der Entwicklung weit vorausgeeilt, denn dieser Prozess erstreckte sich über 10–15 Jahre, aber die ersten Anzeichen traten unmittelbar nach dem Kriege auf und die Methoden, mit denen man vorher erfolgreich sein konnte und es auch war, sollten sich später als völlig ungenügend erweisen. Die ganze Entwicklung der Branche war zu einer gewissen Sättigung ge­kommen. Wer jetzt vorwärts kommen wollte, konnte es nur auf Kosten seines Kon­kurrenten, ja nur um sich zu behaupten, brauchte es schon großer Anstrengungen, um sich der zahlreichen Neugründungen an Fabrikationsgeschäften zu erwehren. Der Kon­kurrenzkampf nahm immer schärfere Formen an und nur der mit wirklichen Kennt­nissen ausgestattete Fabrikant hatte noch eine Lebenschance. Wie (relativ) idyllisch die frühere Zeit war, kannst Du daran sehen, dass alle die Fabrikanten, die mit ihren Erzeug­nissen große Vermögen erwarben, keine Ahnung von der Herstellung ihrer Artikel hatten. Es gab unter ihnen keinen einzigen, der eine Ahnung von Zuschneiden oder Nähen hatte. Erst später machten sich Facharbeiter selbständig, denen aber meist die für jene Zeit ausschlaggebenden kaufmännischen Fähigkeiten fehlten, so dass sie trotz ihrer fachlichen Überlegenheit nicht aufkommen konnten. Mir selbst schien es zu jener Zeit ganz unbegreiflich, dass man sich ernsthaft mit jenen verachteten Gegenständen, die zu Tausenden herumlagen und zirkulierten, abgeben könne. Ich entsinne mich an mein Staunen, als eines Tages ein Kunde meinem Vater ein Muster einer nicht von uns herge­stellten Schürze vorlegte und wissen wollte, zu welchem Preis wir sie liefern könnten. Da rief mein Vater: „Paul, kalkuliere mal die Schürze!“ und Paul verschwand und kehrte nach einigen Minuten mit der Angabe des Preises zurück. Ich war bass erstaunt zu sehen, dass P.C. offensichtlich etwas von der Sache verstand, was mir nie als lernmöglich in den Sinn gekommen wäre und mich befiel eine bange Ahnung, dass es wohl doch unum­gänglich sein würde, mich näher mit diesen merkwürdigen Gegenständen einzulassen. Wenn aber nun so etwas wie Respekt gegenüber P.C. wegen seiner mysteriösen Kennt­nisse, die ich ihm zwar gar nicht neidete, in mir aufkam, so sah ich bald, dass dies Gefühl ganz unbegründet war. Denn Paul hatte im Grunde so wenig Ahnung wie ich oder mein Vater. Seine ganze Weisheit hatte darin bestanden, dass er das Modell der Direktrice übergeben hatte, die es ausgemessen und auf einer Karte notierte, wieviel Stoff und welche Zutaten gebraucht wurden. Von ihr wanderte die Karte zur Kalkulatorin, die alle Preise kannte, sie einsetzte, ausrechnete und in einer Summe zusammenzog und die ganze Leistung von P.C. bestand darin, dass er die allgemeinen Geschäftskosten mit 20, 25 oder 33 1/3% zuschlug. Wurde weniger als 20% zugeschlagen, so nannte man das eine ganz besondere Anstrengung. Es ist klar, dass unter diesen Umständen die Fabri­kation ganz ausschließlich in den Händen der Direktricen lag, die allein imstande waren, die Artikel fachlich zu beurteilen. Sie waren daher wichtige Persönlichkeiten und hatten einen großen Machtbereich, und auch die Möglichkeit, ihn zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. Da die Stoffe nicht im Hause zugeschnitten wurden und die Direktricen das ausgegebene Stoffmaß bestimmten, so hatten sie es in der Hand, die Freunde oder vor allem die stets vorhandenen Verwandten unter den Arbeitern im Stoffquantum wie auch im Lohn, den sie selbst festsetzten (denn außer ihnen konnte ja niemand diese Frage beurteilen), zu bevorzugen. Niemand konnte ihnen nachrechnen, ob sie für ein Modell 10 oder 15 cm Stoff und 10 oder 20 Pf. Lohn zuviel ansetzten. Da aber meist nicht einzelne Heimarbeiter, sondern Zwischenmeister, die selbst wieder Arbeiterinnen beschäftigten auch z.T. große Betriebe hatten, die wöchentlich 100–200 Dutzend lieferten, beschäftigt wurden, so spielten diese kleinen Differenzen eine große Rolle. Das war offenes Geheimnis und wenn es eine Direktrice nicht gar zu arg trieb, ließ man fünfe gerade sein. Mein Vater sagte stets: Wenn ein Zwischenmeister einen Posten Ware erhält, so legt er erst einmal 2 oder 3 Stück für sich beiseite, denn er versteht sich aufs rationelle Zuschneiden. Warum sollte man dagegen angehen? Die Direktricen waren tüchtig, sie kannten ihre Grenzen, man konnte ihnen nichts nachweisen, und wenn man es gekonnt hätte, so hätte die nächste es genau so gemacht. Überdies war das ausgegebene Stoffmaß kalkuliert, der Kunde zahlte es, was daneben abfiel, danach fragte man nicht; wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und – was die Hauptsache war – die Konkurrenz ver­stand es auch nicht besser, so dass also kein erheblicher Zwang zur Abstellung dieser Missstände bestand. Hätte man trotzdem das Übel beseitigen wollen, so hätte der Inhaber das Handwerk verstehen und auch die Zeit haben müssen, es selbst auszuüben oder wenigstens eine ständige Kontrolle der Direktricen. Aber auch das hätte kaum etwas genutzt, denn bei zu scharfer Überwachuung wanderten die Zwischenmeister zur Kon­kurrenz ab, da sie den Abfall als rechtmäßigen Tribut, als Teil ihres Lohnes zu be­trachten gewohnt waren. Radikal hätte man nur durchgreifen können, wenn man selbst zugeschnitten hätte. Aber kein Zwischenmeister hätte sich darauf eingelassen, zuge­schnittene Ware zur Verarbeitung anzunehmen. Man hätte dann also auch selbst im Hause nähen lassen müssen, aber dann hätte man ein relativ kleines, allgemeines und durch Gewohnheit sanktioniertes Übel gegen zahlreiche andere neue eingetauscht. So blieb alles, wie es war, bis auch hier die Not der Zeit, der schärfere Konkurrenzkampf, Zwang zu einem Wandel ausübte, und den Vorteil in die Hand desjenigen Fabrikanten gab, der mit seinen kaufmännischen Kenntnissen ein Wissen, ein fachliches Wissen verband, das ihm erlaubte, besser und rationeller herzustellen, als die im alten Schlendrian treibenden Fabrikanten. Ich selbst habe diese Notwendigkeiten, die ich Dir retrospektiv schildere, durchaus nicht erkannt, schon weil mir das ganze Gebiet dauernd fremd blieb und ich gar keinen Wunsch empfand, mit ihm in nähere Berührung zu kommen. Dass dies ein großer Fehler war und in dieser mangelnden Liebe zur Sache der Keim meines Misserfolges liegt, brauche ich wohl kaum auszusprechen. Ich muss aber wiederum in die Zeit meines Geschäfts-Eintrittes zurückkehren, und will Dir nun die Mitarbeiter meines Vaters schildern. Zunächst einmal tat sich mein Vater etwas darauf zugute, dass er keine habe, das heißt, keine eigentlichen Mitarbeiter, keine selbständig denkenden und handelnden Menschen. „Ich brauche Hände, aber keine Köpfe. Kopf muss ich selber haben!“ war seine Maxime. Während des Bestehens seines Geschäftes hatten sich viele seiner Angestellten selbständig gemacht, aber es erfüllte ihn mit Genug­tuung, dass es nicht einem seiner Leute gelungen war, sich zu behaupten. Ein recht egoistisches Gefühl, das seiner Herrennatur entsprach. Seine Angestellten waren Krea­turen, die funktionierten, wenn er sie leitete, die aber versagten, sowie sie glaubten, aus eigener Kraft handeln zu können. Menschen mit eigenen Ansichten konnten sich auch nicht neben ihm halten; es führte unvermeidlich zu Zusammenstößen und baldiger Trennung. Meinem Vater widerstrebte es auch, erfolgreiche Leute, die im Leben bereits etwas geleistet hatten und auf ihren Erfolg pochen konnten, zu engagieren. Er zog es vor, junge Leute aus seinem eigenen Betriebe zu bilden und empor zu heben. Da er dabei aber weniger auf wirkliche Ausbildung sah, als darauf, sie zu gefügigen Werkzeugen zu er­ziehen, so übertrug er häufig Aufgaben an Menschen, die ihnen in keiner Weise gewach­sen waren. Typisch ist die Art, wie er seinen Sozius wählte. Ich habe es schon erzählt. Trotzdem oder gerade deswegen harmonierten die beiden während vieler Jahre recht gut. Mein Vater pflegte es so darzustellen: Er sei gewohnt gewesen, das Geschäft zu leiten und mit treibenden Ideen zu versehen. Es sei ihm daher gar nicht aufgefallen, dass PC nur einfach seine Reisetätigkeit fortsetzte und sich an der Führung des Geschäftes gar nicht beteiligte. Erst später, als er sich während des Krieges auf mehrere Wochen in ein Bad zur Kur begeben musste, habe er nach seiner Rückkehr feststellen müssen, dass PC völlig inaktiv geblieben war und wichtige Chancen versäumt hatte. PC hätte „die Zügel am Boden schleifen lassen“, bis er sie wieder in die Hand genommen hätte und da sei es ihm zum Bewusstsein gekommen, dass er keinen Vertreter habe. Vor allem hätte sich PC allmählich immer mehr von jeder Tätigkeit zurückgezogen und ihm alle Arbeit über­lassen. Mit bissiger Ironie schüttete er seinen Hohn über seinen Sozius und Schwager aus, der das Glück hätte, sich auf ihn verlassen zu dürfen und ihn mit Vertrauen zu ehren, was umgekehrt nicht der Fall war. Obwohl ich gar nichts für PC, diesen stockdummen Proleten übrig habe, so muss ich doch aus dem Abstand der jahrelangen Entfernung sagen, dass diese Darstellung einseitig war. Erstens einmal liegt darin eine Unter­schätzung der Verdienste von PC als Verkäufer, der in seiner Zeit sicherlich auf diesem Gebiet Erhebliches leistete und sich durch besonderen Fleiß und Zähigkeit auszeichnete. Dann aber wollte mein Vater ihn ja gar nicht an der Leitung des Geschäftes beteiligen. Er war so gewohnt, allein zu herrschen und seinen Willen und seine Launen uneinge­schränkt durchzusetzen, dass es ihm gar nicht eingefallen wäre, seine Befehlsgewalt zu teilen und einen Nebenherrscher in Kauf zu nehmen. Wenn er PC zu seinem Teilhaber und sogar zu seinem Schwager gemacht hatte, so war das eine Handlung, die vor allem ein nützliches Werkzeug binden sollte. Er war selbst viel zu impulsiv, um sich darüber Rechenschaft zu geben, dass eine Teilhaberschaft eben auch ein Teilhaben, nicht nur am Gewinn, sondern auch an der Herrschaft bedeute. Wenn sich PC nicht nach der Wahrnehmung seiner Rechte drängte, so begegnete er darin lediglich den unbewussten Wünschen meines Vaters, dem PC’s Verhalten gerade recht war. Er durfte sich also nicht darüber wundern, dass PC einer Führung nicht gewachsen war, die er nie gewohnt war auszuüben. Und die klagen über PC’s Untätigkeit waren zwar nicht grundlos, aber ohne Verständnis der Ursache. Während des Krieges herrschte, genau wie in diesem, große Warenknappheit, so dass das Verkaufen keine Kunst war. In der danach folgenden Inflationszeit verkaufte sich die Ware aber von selbst, so dass der Verkäufer, einst die Seele des Geschäftes, immer mehr an Bedeutung verlor. Etwas anderes als verkaufen hatte PC aber nie gelernt und nie getan. Infolgedessen tat er überhaupt nichts. Er fühlte sich selbst dabei nicht wohl und pflegte oft mit einem gierigen Schmatzen zu sagen: „Ich möchte mal wieder so richtig in Ware wühlen können!“, aber die Zeit war gegen ihn und als das Verkaufen wieder eine geschätzte Notwendigkeit wurde, da hatte er sich so entwöhnt, dass er sich nicht mehr in die alte Gewohnheit hineinfinden konnte. Er neigte sehr zu Bequemlichkeit. Eigentlich sollte das Parterre-Lokal, der Verkaufsraum, seine Domäne sein; er hatte auch dort unten sein Privatbüro. Ich habe nie einen Arbeitsraum gesehen, in dem weniger gearbeitet wurde. Wann immer man dort hineinkam, nie sah man etwas, was den Verdacht auf Arbeit hätte erregen können. Im wesentlichen hat er dort telefoniert, gelesen und geschlafen. Sogar auf dem angrenzenden Cabinet ließ er sich einen Telefonapparat einbauen, was Anlass zu vielen Spötteleien gab. Er distanzierte sich allmählich auch immer mehr von den Kunden, woran allerdings auch die dauernden Differenzen mit meinem Vater Schuld waren, die ihn immer mehr in die Apathie trieben. Nur einen Kunden pflegte er, das war das große Textilhaus Cramer & Wermann in Essen, mit dessen Inhabern er befreundet war. Dort holte er sehr große Aufträge, wobei er allerdings auch oft Partieposten zu sehr billigen Durchschnittspreisen überließ. Mein Vater stürzte sich auf diese Aufträge und bekrittelte jeden zu billigen Preis. Der arme PC konnte dann viel zu hören bekommen. Mein Vater konnte sehr beißend sein. „Wenn ich so einen Esel hätte, wie Cramer & Wermann an PC, so wollte ich ihn mit goldenem Hafer füttern“, pflegte er zu sagen. Nicht ganz mit Recht, denn das Prinzip, einem guten Kunden etwas Billiges zu geben, das ja ohnehin verhauen werden würde, war sicherlich nicht falsch, und mein Vater machte es ebenso, wenn es ihm in die Laune passte. Nachdem nun meinem Vater, wie er sagte, „die Augen aufgegangen“ waren, entstand eine sehr schwierige Situation. Er suchte nun PC zum selbständigen Handeln anzu­stacheln. PC, dessen Ehrgeiz gereizt war, suchte nun seine Tüchtigkeit zu zeigen und fuhrwerkte darauf los, wobei er natürlich Fehler über Fehler machte. War mein Vater in den ersten Tagen über den Ausbruch an Tätigkeit erfreut und äußerte er sich zu­stimmend: „Paul gibt sich Mühe“, so kam sehr schnell der Punkt, wo die Fehler meinen Vater in Rage brachten. Da er nie eine andere Auffassung neben seiner eigenen gelten ließ, so war es für ihn eine ausgemachte Sache, dass alles, war nicht so gemacht wurde, wie er es getan hätte, Blödsinn sei. Darin hatte er eine ganz ursprüngliche und naive Überzeugung. Bei der Launenhaftigkeit und Sprunghaftigkeit seines eigenen Handeln wäre es aber einem klügeren als PC kaum möglich gewesen, immer die Intentionen meines Vaters zu treffen, wieviel weniger aber PC, der wirkliche Dummheiten beging. Dagegen aber rebellierte mein Vater und es kam zu Auseinandersetzungen, in denen mein Vater PC mit beißender Ironie oder auch mit einem gegenüber einem Lehrling angebrachten Donnerwetter abfertigte, während PC, mit hochrotem Kopf, eine Recht­fertigung herausblubberte, die ihm nartürlich nicht gelang, woraufhin er den Kopf verlor und Invektiven gegen meinen Vater schleuderte, der ihm nichts schuldig blieb, bis PC wie eine wütende Hummel aus dem Büro herauslief und die Tür krachend hinter sich zuwarf. Dann brach mein Vater in Lachen aus, womit er allerdings nur künstlich seine Erregung zu bemänteln suchte, denn auch er war bis in sein Innerstes beteiligt und aufgebracht. Oft pflegte er nach solchen Szenen an seinen Kassenschrank zu gehen und ein paar alte Briefe von PC hervorzuholen, in denen ihm dieser anlässlich seiner Promo­tion zum Partner „ewige Dankbarkeit“ in überschwenglichen Worten versichert hatte, welche Stellen mein Vater mit Rotstift unterstrichen hatte. Immer wieder gab er mir diese Briefe, die ich längst kannte, zu lesen und klagte sich in bewegten Worten an, dass er einen solchen Ochsen in die Futterkrippe gesetzt hatte. Natürlich war PC, der große Angst vor meinem Vater hatte, die Lust am selbständigen Handeln versalzen und er ver­sank allmählich immer mehr in sanftes Nichtstun. Zunächst war mein Vater ganz froh, die Zügel wieder selbst zu ergreifen, aber nach und nach stach es ihn doch, dass sein Partner von der Bildfläche der Tätigkeit verschwunden war. „Wo ist Paul? Ich habe ihn seit Tagen nicht gesehen,“ fragte er mit grollendem Unterton. „Ich weiß es auch nicht,“ sagte ich, „er sitzt unten im Kontor und wird wohl noch vom letzten Krach genug haben?“ Dann spottete mein Vater, so gut möchte er es auch haben, dass er sich nach jeder Unannehmlichkeit beleidigt aufs grüne Sofa setzen und dem dolce far niente erge­ben könnte. Er müsste schaffen, wie der Wind wehe, ob Krach wäre oder nicht. „Rufe Paul herauf,“ sagte er mit drohender Miene und Paul wagte es nicht, diesem Rufe nicht zu folgen. Mein Vater empfing ihn mit Grabesmiene, konnte sich aber nicht lange be­herrschen und die aufgestaute Erbitterung brach mit tobender Gewalt durch die Schleu­sen, bis der Krach auf gewöhnliche Weise endete. War es gar zu schlimm gegangen, so schlug er noch Wellen bis in die Privathäuser, wo meine Mutter den Zorn meines Vaters glättete und schließlich meine Tante Eva zur Anbahnung einer Versöh­nung erschien. Nun war mein Vater die Liebenswürdigkeit selbst, schäkerte mit meiner Tante, die er sehr gern hatte, gab zu, dass er ein Rauhbein sei, schloss sie in die Arme und sagte schließlich: „Schick mir Deinen Ollen rüber!“ Dann erschien Paul wie ein begossener Pudel, aber mein Vater ersparte ihm jede Demütigung, er gab ihm die Hand, sagte ihm eine gutes Wort und er war in seinen Gefühlssprüngen so kindlich, dass er nun auch wirklich überzeugt war, Paul sei ein ganz vorzüglicher Mensch, mit dem sich hervor­ragend zusammenarbeiten ließe, und gar nicht bemerkte, dass sich im Grunde nichts geändert habe. Nun wurde eine Flasche Wein heraufgeholt, sogar eine gute Sorte, was immer eine Schätzung der Gäste bedeutete, mein Vater sprach mit PC über Wirtschafts­fragen, als sei er ein Mann, auf dessen Urteil er etwas gäbe und es entwickelte sich eine richtig gemütliche Stimmung. Alle glaubten an eine vollkommene Versöhnung, die von einer dauernden Ära des Friedens gefolgt werden würde. Am nächsten Tage begann das Spiel von Neuem. Cahn, in angesporntem Ehrgeiz, entwickelte eine ungeahnte Betrieb­samkeit, sauste durch alle Etagen und entfaltete eine Geschäftigkeit, die mein Vater mit Wohlfegallen betrachtete, bis PC Fehler über Fehler … etc. (siehe oben). Die Beziehung der beiden war also ein Kreislauf: war PC verbiestert, so tat er nichts und es gab deswegen Krach; war er aber zur Tätigkeit angekurbelt, so war es noch schlimmer, denn nun kam es eben wegen dieser Tätigkeit zum Krach. Guter, alter Papa, ich habe Dich stark im Verdacht, dass Du ein wenig wie die Katze mit der Maus spieltest und dass Du bei aller echten Empörung, die Du zweifelsohne empfandest, auch Deine stille Freude an dem Kampfe hattest, denn in Dir steckte etwas von einem alten Raufbold, der seine Lust daran hatte, wenn ihm der Wind um die Ohren fuhr und er Hiebe nach rechts und nach links austeilen konnte. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. – Der eigentliche Mitarbeiter meines Vaters war Herr Herold, ein unge­wöhnlich kleiner Mann, der sich vom Expedienten, also Packer, bis zum Prokuristen und Geschäftsführer heraufgearbeitet hatte. Er pflegte mit Stolz zu erzählen, dass mein Vater ihn anfänglich nicht engagieren wollte, weil er so klein war. Wie alle sehr kleinen Leute hielt er sich sehr aufrecht, um größer zu erscheinen. Er war ein Bayer, von kurzangebundener, forscher Art, ohne jede Bildung und auch in kaufmännischer Beziehung nur in der Schule meines Vaters groß geworden. Er war die rechte Hand meines Vaters und ihm grenzenlos ergeben. Er war für einen Mann wie mein Vater wirklich der ideale Angestellte. Er tat bedingungslos, was mein Vater sagte, was mein Vater auch durchaus als die richtige Einstellung eines verantwortlichen Mitarbeiters schätzte. In späterer Zeit, als ich mit meinem Vater schon in Differenzen war, hielt er ihn mir als Beispiel entgegen mit den Worten: „Herold tut, was ich sage und hält es für richtig,“ und war sehr erstaunt, dass ich das eher als einen Tadel als ein Lob auffasste, da der Verzicht auf eine eigene Meinung mir durchaus nicht der Aufgabe eines Geschäftsführers zu entsprechen schien. Herold war in seiner Art sicher sehr schätzenswert, absolut vertrauenswürdig, der Erste und Letzte im Geschäft, von vollkommener Hingabe an alles, was zu BK gehörte (man erzählte sich, die ersten Worte, die sein Kind gesprochen habe, seien gewesen: „Kass macht die scheensten Schirzen“). Er war meinem Vater schon deshalb sehr sympathisch, weil er eine schmetternde Stimme hatte, die durch das ganze Haus dröhnte. Dabei war er aber sehr gutmütig, er bellte mehr als dass er biss. Nur besaß er aber auch nichts, was ihn befähigt hätte, Geschäftsführer eines bedeutenden Unternehmens zu sein und ein Gehalt von jährlich 36‘000.– Mk zu beziehen, das gleiche, das sich mein Vater selbst aussetzte (seine wirklichen Bezüge waren allerdings viel höher). Mein Vater war sich wohl auch selbst darüber klar, denn er sagte mir oft: Herold ist eine Hand, kein Kopf. Und gerade das behagte ihm. Die absolute Unterwürfigkeit war die Eigenschaft, die er schätzte, nicht als solche, sondern weil sie ihm die geeignete Grundlage für eine Zusammenarbeit schien. Herold war gewiss ein tüchtiger und zuverlässiger Mensch, jede Aufgabe, die ihm übertragen wurde, führte er zur Zufriedenheit aus. Sein ganzes Denken ging weniger auf die Sache, als darauf, es meinem Vater recht zu machen. Er hatte sich allmählich so in die Denkweise meines Vaters eingelebt, was durch eine gemeinsame und unbe­schwerte Primitivität des Denkens möglich war, dass er meist das traf, was mein Vater wollte und er ihn bis zu einem gewissen Grade vertreten konnte. Mein Vater liebte ihn wie einen Sohn, was nicht hinderte, dass er ihn unter Umständen grob anfahren konnte, aber das Recht gestattete er sich auch seinem echten Sohn gegenüber. Und Herolds Anhänglichkeit konnten solche Ausbrüche nichts anhaben. Nie vergaß er den Abstand gegenüber meinem Vater, auch als ihn mein Vater zum gleichberechtigten Geschäfts­führer machte, kam es ihm doch nie in den Sinn, sich wirklich gleichberechtigt zu fühlen und wenn es Abstimmungen gab, so war es für ihn selbstverständlich, seine Stimme meinem Vater zu geben, der immer für ihn der unfehlbare und unantastbare Chef blieb. So angenehm ein solches Verhältnis für meinen Vater auch war, so bedeutete es für das Geschäft einen Nachteil, als mein Vater sich allmählich mehr von der Geschäftsführung zurückzog und Herold die Leitung der Schürzen Abteilung, immer noch der wichtigsten Abteilung, in die Hände bekam. Er führte sie mit allem Fleiß, aber er blieb in der alten geheiligten Tradition – etwas anderes kannte er ja nicht – und infolge seiner innerlichen Abhängigkeit blieb er ohne Entwicklung, so dass er allmählich von jüngeren Kräften in Konkurrenzkreisen überflügelt wurde. – Eine besondere Kategorie waren die Rei­senden. Die erfolgreicheren unter ihnen waren große Herren und hatten ein schönes Einkommen. Sie waren gewohnt, groß aufzutreten und stiegen nur in den allerersten Hotels ab. Es gab solide, ernsthafte Leute unter ihnen, die ihre Kundschaft hegten und pflegten, sie gewissenhaft bedienten und wie ein rohes Ei behandelten, andere waren lockere Vögel, Draufgänger, denen es nur auf hohe Umsätze ankam, und die sich den Teufel drum scherten, was aus dem Geschäft des Kunden wurde. Unter der ersten Klasse war ein ganz kleines fragiles Männchen von sehr zarter und feiner Geistesart, der es nie unterließ, meiner Mutter Geschenke zu senden. Er lebte unter seiner Kundschaft wie in einer Familie. Wenn er zu ihr kam, war es wie ein Fest. Er ging nicht in das Geschäft, sondern zuerst ins Haus. Dort gab es Kaffee und Kuchen, und er hatte eine Überraschung für die Frau und für jedes Kind und erst nachdem alle Familienangelegenheiten be­quatscht, die Kinder bewundert, alle Krankheiten und Ereignisse genügend durchge­knetet waren, wurde der geschäftliche Teil in aller Ruhe und Selbstverständlichkeit erledigt. Nie gab es bei diesem Reisenden eine Preisdifferenz; er erwies sich in beson­derem Maße als krisenfest. Die Reisenden kamen im allgemeinen nur zweimal im Jahr nach Berlin ins Geschäft, um die Collektion zu übernehmen. Dann standen sie in Gruppen im Geschäft herum, rauchten dicke Zigarren, übertrumpften sich gegenseitig mit ihrer Tüchtigkeit, forderten höhere Reisespesen, hatten dies und jenes an der neuen Collektion auszusetzen und fanden, wie immer, die Preise zu hoch. Es war nicht ganz leicht, mit dieser hochfahrenden Gesellschaft fertig zu werden, aber mein Vater hatte sie ganz gut im Zug, denn schließlich war es eine Lebensrente, Reisender für BK zu sein. Glücklicherweise blieben sie nie lange, denn der richtige Reisende hat kein Sitzfleisch. Nach einigen Tagen fängt es ihnen an, im Blut zu kribbeln und wohl fühlen sie sich nur auf der Walze. Zum mindesten die Junggesellen, die das Abenteuer liebten und auch mancher Ehemann trieb es nicht besser. Schließlich galt das geschäftliche Interesse und mancher Auftrag hing von einem flotten Abend mit der Einkäuferin ab. Besonders einer der Reisenden war in jeder Beziehung hemmungslos. Er war einer der geschicktesten und gewissenlosesten Verkäufer. Als nach dem Kriege das zunächst gesperrte Saargebiet wieder dem Handel geöffnet wurde, gab es dort eine große Konjunktur. Dieser Reisende fuhr dorthin und tätigte Riesenverkäufe. Wie er sie zustande brachte, weiß ich nicht. Solange die Konjunktur anhielt, war jeder mit ihm zufrieden, als aber das Blatt sich wendete, kam eine Flut von Klagen. Die einen Kunden schrieben, sie hätten nie soviel bestellt, obwohl sie doch alles schwarz auf weiß hatten; er habe ihnen das doppelte Quantum in die Hände gespielt, andere schrieben, er habe sie hypnotisiert, sonst wäre es nicht möglich, dass sie ruinöse Quantitäten bestellt hätten. Das war natürlich übertrieben, sie waren einfach dem Rausch der Konjunktur erlegen, aber dieser Reisende durfte sich lange Zeit nicht im Saargebiet blicken lassen. Er war aber seiner großen Tüchtigkeit und Beredsamkeit wegen sehr geachtet bei der Kundschaft, und hier in der Schweiz, wo er früher reiste, ist sein Name heute noch bekannt. Persönlich war er ein glatter, geleckter Typ, der jedem zum Munde redete und mir besonders unsympathisch, weil er einem beim Sprechen so nahe kam, als wolle er einem die Worte einflößen. Er war ein beson­derer Schützling von PC, und in einer unverständlichen Anwandlung machte ihn mein Vater zum Prokuristen. Glücklicherweise schied er aber bald aus unserer Firma aus, weil er sich selbständig machte. Sein Geschäft ging aber schnell zugrunde, und später ist er ganz verkommen. – Mein Vater war trotz seiner Strenge und trotz seiner gefürchteten Temperaments-Ausbrüche sehr beliebt bei seinen Leuten und genoss uneingeschränkte Hochachtung. Er hatte ein patriarchales Wesen, in dem allerdings auch viel Berechnung steckte. Er wusste, dass mit einem freundlichen Wort, einem gutmütigen Witz vieles gut­zumachen war, und wenn er seiner Strenge gegen jemand vollen Lauf gelassen hatte, so versäumte er nicht, hinterher wieder einzulenken und „auf die Schulter zu klopfen“. Ich habe später einmal ein Theaterstück gesehen, in dem ein Großkaufmann zur Erfüllung einer an eine Erbschaft geknüpfte Bedingung einen unerfahrenen jungen Menschen in 3 Tagen in die Geheimnisse der Geschäftsführung einweihen sollte. Dieser Großkaufmann praktizierte das Austeilen von Freundlichkeiten und Aufmunterungen mit Bewusstsein und hielt es für die Quintessenz der Menschenbehandlung. „Ölen“ nannte er es. Fragte er den Buchhalter nach dem Befinden seiner kranken Frau, so flüsterte er dem jungen Manne zu: „Öl für den Buchhalter“. Patschte er einem jungen Mädchen auf die Backe, so war es, „Öl für die Sekretärin“. Das erinnerte mich etwas an meinen Vater, nur dass er es nicht ganz so systematisch und ganz so bewusst tat. In Gehaltsfragen war er großzügig. Leben und leben-lassen war seine Parole und kam jemand in der Not zu ihm, so ließ er nie ohne Hilfe. Wir hatten ein umfangreiches Vorschuss-Konto, das oft genug gestrichen wurde. Auch half er vielen Zwischenmeistern und Arbeitern bei der Anschaffung von Maschinen. Mit Urlaubsbewilligungen ging er stets über die tariflichen Mindestsätze und er war der erste, der in der Branche den Geschäftsschluss am Samstag Mittag einführte. Vor dem Kriege machte er jedes Jahr einen Ausflug mit dem ganzen Personal, wobei meine Mutter und wir Kinder regelmäßig teilnahmen. Einmal mietete er einen der großen Spree-Dampfer, auf dem wir an einen Ausflugsort fuhren, wo wir meinen Vater trafen, der dorthin geritten war. Als er hoch zu Ross, in strammer Haltung auf seinem kräftigen Apfelschimmel erschien, machte er einen pompösen Eindruck. Wenn es not tat, stand er auch für seine Angestellten ein. Ein besonders komischer Fall war die Kalku­latorin Frl. Hamann. Als ich eintrat, war sie schon fast 25 Jahre im Geschäft. Sie war die typische alte Jungfer, wachsblond mit wasserblauen Augen und einer zu langen Nase, die „wie ein stiller sanfter Zeiger“ aussah, wie sich Schiller einmal ausdrückte. Sie war über­haupt die Sanftmut in Person, sie hatte lange blonde Zöpfe, die zu einem riesigen Turban auf ihrem Kopf zusammengeringelt waren. Sie machte nie Fehler beim Rechnen und war stets von der gleichen ausdruckslosen Duldsamkeit. Mit stiller Ergebenheit fertigte sie jedes Jahr eine Abschrift der Inventur an, eine umfangreiche Arbeit, das Kopieren von hunderten von Bogen mit tausenden von Zahlen, uninteressant und stumpfsinnig bis zum Auswachsen. Aber auch in ihrem Leben hatte es einen Liebesfrühling gegeben, wenn auch wohl von kurzer Dauer, denn ihr Liebhaber hat sie bald verschmäht. Das aber brachte das stille Wesen in solche Erregung, dass sie sich zu einem Brief hinreißen ließ, in dem sie den Mann bedrohte. Dieser erstattete daraufhin Anzeige, dass man ihm nach dem Leben trachte und ein Strafprozess sollte gegen Frl. Hamann eingeleitet werden. In dieser Not wandte sich Frl. H. an meinen Vater, der einen Brief an den Gerichtspräsi­denten schrieb, dass Frl. Hamann nicht imstande sei, einer Fliege ein Haar zu krümmen, viel weniger aber eine Gefahr für einen handfesten Mann bedeute. Die Sache wurde dann auch niedergeschlagen. In späterer Zeit wurden auch in unserm Betrieb die Arbeiterräte gebildet, mit denen sich mein Vater mit Humor abzufinden suchte. Er nahm sie aber nie ganz ernst, und eigentlich betrachtete er ihre Existenz als einen Eingriff in seine Rechte. Als Diplomat suchte er sich aber mit ihnen zu stellen, aber seine Ansprachen, die auf einen versöhnlichen Ton gestellt waren, in denen er gern das Geschäft eine Kuh nannte, die für alle Milch gibt, solange man sie leben lässt, machten auf die mit sozialistischen Schlagworten von ihren Gewerkschaften versehenen Arbeiter nicht den rechten Eindruck und verfehlten ihre Wirkung.

 

15/7. Ich fühlte mich in der ersten Zeit recht unglücklich im Geschäft und wusste gar nichts mit mir anzufangen. Das war mir aber gar nicht recht und ich gab mir alle Mühe, hatte es aber sehr schwer, weil ich von außerordentlicher Vergesslichkeit war. Ich über­nahm allmählich die Bearbeitung eines Teils der Correspondenz. Da musste ich mir frühere Briefe und andere Unterlagen heraussuchen und das Material in den verschie­denen Abteilungen sammeln. An allen Orten, wo ich zu tun hatte, ließ ich aber irgend etwas liegen und ich hatte fast ebensolange daran, mir alles wieder zusammen zu suchen als die Arbeit an sich gedauert hätte. Ich kämpfte gegen diese Zerstreutheit an, aber es hat lange gedauert, ehe ich sie verlor. In den ersten Tagen war ich etwas später ins Geschäft gegangen und hatte diese Gewohnheit beibehalten, da ich ein schlechter Früh­aufsteher war. Mein Vater pflegte morgens von 7–8 Uhr zu reiten und erst gegen 9 Uhr ins Geschäft zu kommen. Eines Morgens gegen 8 Uhr traf er mich am Frühstückstisch und war sehr erbost, dass ich nicht pünktlich mit dem Glockenschlag acht im Geschäft war. Pünktlichkeit sei vorläufig das einzige, womit ich mir Achtung erwerben könne. Ich fügte mich sehr ungern. Mein Vater hielt mich damals auch zu morgendlichen Frei­übungen an, die er selbst regelmäßig betrieb und die er als Allheilmittel betrachtete, doch habe ich sie nie lange durchgehalten. Später gab mein Vater das Reiten auf, und ich machte ihm eine große Freude, als ich mich dazu verstand, morgens mit ihm durch den Tiergarten ins Geschäft zu laufen. Pünktlich um 7 Uhr verließen wir das Haus und 5 Mi­nuten nach 8 Uhr langten wir im Geschäft an. Man hätte die Uhr nach uns stellen können. Obwohl mein Vater wohl merkte, dass ich mich im Geschäft noch nicht zu­rechtfinden konnte, machte er mich zum Teilhaber mit einem Kapital von 200‘000.– Mk und einer Beteiligung von 10%. Ich sagte schon, dass die Gründe vorwiegend steuer­licher Natur waren und praktisch war weder das Kapital noch die Beteiligung von großer Bedeutung. Ich musste aber einen Societäts-Vertrag unterschreiben, der mir nicht viel Rechte gab, und unter anderm die Klausel enthielt, dass, falls ich ohne Einwilligung meines Vaters heiraten sollte, er zur Kündigung des Vertrages berechtigt wäre. Dies wollte ich nicht unterschreiben, da ich mich in der Wahl einer Lebensgefährtin nicht beschränken lassen wollte. Mein Vater, um Gründe nicht verlegen, erklärte mir, dass er gar nicht die Absicht habe, dies zu tun, er wolle lediglich für den Fall, dass ich ihm eine „Bierhebe“ ins Haus brächte, nicht gezwungen sein, dann auch noch täglich mein Gesicht im Geschäft sehen zu müssen. Er zog die Sache etwas ins Lächerliche, und da mir weder die Beteiligung noch die Heiratsfrage zu der Zeit viel bedeutete, unterschrieb ich. Später, als das Geschäft in eine GmbH umgewandelt wurde, kam diese Klausel in Fortfall. Praktisch hatte sich für mich nicht das geringste geändert, denn für das Personal gehörte ich als Sohn des Chefs ohnehin zu den Vorgesetzten und eine Ausübung meiner Befugnisse konnte auch der Vertrag nicht herbeiführen, da ich von keiner Sachkenntnis beschwert war. Wer weiß, wie das ganze Experiment für mich ausgegangen wäre, wenn nicht ein Ereignis eingetreten wäre, das von weittragender Bedeutung für das Geschäft war und durch das mir eine Rolle im Geschäft in die Hände gespielt wurde. Dies war die Inflation. Wer die damaligen Jahre nicht miterlebt hat, kann sie sich schwer vorstellen. Heutzutage gibt es ja auch Währungsschwankungen. Wir haben erst vor einigen Jahren eine Abwertung in der Schweiz miterlebt. Da wurde von einem Tag zum andern der Wert des schw. Franken um ein Drittel herabgesetzt. Als man aufwachte, war der Franken nur noch 66 2/3 Cts wert. Aber ganz so schlimm wie sich das anhört, war die Sache nicht, denn zunächst konnte man wie bisher zu alten Preisen kaufen und da man das, was vorher 1.– fr. kostete, jetzt auch mit 1.– fr. kaufen konnte, so war es nicht so wichtig, dass der Franken nur noch mit 2/3 notiert wurde. Natürlich konnte das auf die Dauer nicht so bleiben, denn alle importierte Ware musste ja 1/3 höher bezahlt werden. Man wusste also: wenn es auch noch nicht teurer war, so musste es teurer werden. Darum gab es etwa 14 Tage lang einen Sturm auf die Geschäfte. Jeder kaufte rasch, was er brauchte und viele auch, was sie nicht brauchten. Aber die Preissteigerung kam nicht so schlimm als man fürchtete. Die importierten Rohstoffe machen nur einen Teil der Kosten aus, vermehrte Anstrengungen in der Produktion, vielleicht auch hier und da eine Qualitäts­verminderung, schuf teilweise ein Gegengewicht gegen die Teuerung, so dass langsam die Preise etwa um 10–12 % stiegen, nicht aber um 1/3. Nach dem ersten Schock trat wieder ruhige Besinnung ein und die Wirkungen der Abwertung pendelten sich aus, so dass man bald nicht mehr allzuviel davon wusste. Ganz anders war es aber dazumal in Deutschland. Da fing es still und leise an, ohne dass jemand etwas merkte. Noch während des Krieges, etwa im Jahre 1917/18 wurde die Mark an den auswärtigen Börsen ein paar Punkte niedriger bewertet. Da Deutschland sowieso keinen Außenhandels­verkehr in dieser Zeit hatte, machte sich kein Mensch darüber Sorgen. Als ich noch in englischer Kriegsgefangenschaft war, gegen Ende 1918, saßen wir einmal zusammen und diskutierten darüber, was diese Entwertung der Mark (sie war inzwischen auf etwa 25–30 % gestiegen) wohl zu bedeuten habe. In unserm Kreise war auch Fritz Gutmann, der Mitinhaber der Dresdner Bank und Leiter der Londoner Filiale, eine bekannte Finanzgröße. „Ach“, sagte er, „praktisch hat das gar nichts zu bedeuten. Das sind so finanztechnische Manöver, die gleichen sich nachher wieder ganz von selbst aus.“ Sie dachten aber gar nicht daran. Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte, war auch das Vertrauen in die deutsche Mark verloren, und wenn zu einer Devise kein Vertrauen war, dann steigt das Angebot über die Nachfrage und der Preis des Geldes sinkt. Das drückte sich an der Berliner Börse in einem Steigen der übrigen Valuten aus, denn je ge­ringer die Mark bewertet wurde, um so mehr musste man hergeben, um z.B. 1 Dollar zu kaufen. Nun stieg der Dollarkurs von Tag zu Tag. Diese Tatsache war nicht mehr zu übersehen, aber es gab niemand, der die Ursache und die Wirkungen verstand. Am aller­wenigsten von allen der Reichsbankdirektor und der Finanzminister. Die Wirkungen stellten sich zwar von selbst ein, nämlich ein dauerndes Steigen der Preise, und, wie das immer ist, zuerst beim Importeur und zuletzt beim Detaillisten. Aber das Tempo, in dem der Dollar aufwärts kletterte (resp. die Mark fiel), wurde immer rapider und infolge­dessen stolperten auch die Preise immer mehr in die Höhe. Aber noch immer herrschte die Meinung, diese Bewegung müsse einmal zu einem Endpunkt kommen und dann, wenn der Höhepunkt erreicht wäre, würde eine rückläufige Bewegung einsetzen, bis die Mark wieder ihren alten, vollen Wert hätte. Dies war auch die offizielle Auffassung, die durch Wuchergesetze, Verbot der Preiserhöhung etc. gestützt wurde. Wenn ein Kauf­mann in jener Zeit versuchte, sich Rechenschaft über seine Vermögenslage zu machen, so konnte er zwei Feststellungen machen: die eine, dass er sehr viel reicher, die andere, dass er sehr viel ärmer geworden war. Zahlenmäßig war er reicher geworden; hatte jemand vorher z.B. 10‘000.­ Mk Vermögen, so konnte er jetzt vielleicht 50‘000.­ Mk ausweisen. Wenn er sich aber klar machte, dass seine früheren 10‘000.– Mk einen Warenbestand von sagen wir 100 Stück Stoff einer bestimmten Sorte repräsentierten, während seine jetzigen 50‘000.– Mk nur noch 60 Stck der gleichen Sorte darstellten, so war er unbedingt ärmer geworden, denn die Geldvermehrung entsprach nicht der Preis­steigerung. So zu rechnen, waren aber die wenigsten gewohnt; sie sahen nur die Ziffern-Steigerung und rechneten sich auf dem Papier reich, während sie in Wirklichkeit immer mehr Substanz verloren. Nun ist es ja klar, dass ein Geschäft mit einem bestimmten Produktions-Volumen und einer bestimmten Abnehmerschaft nicht nach den Zahlen auf dem Papier leben kann, sondern eine annährend konstante Warenmenge konsumieren und produzieren muss. Wer früher 100 Stck Ware gebraucht & gehabt hat, jetzt aber nur noch 60 Stck hatte, der konnte 40 % seiner Kundschaft nicht mehr beliefern. Die Menschern waren aber gewohnt in Geld zu rechnen und nicht in Ware, und hier war ein lebendiges Beispiel, wie schwer es ist, im Denken umzulernen, selbst da, wo es an die eingefleischtesten Interessen, den Geldbeutel, geht. Aber gerade da trog der Schein. Es zeigte sich aber auch die Grenze des Vorstellungsvermögens. Die Leute konnten einfach über gewisse Grenzen nicht hinausdenken. Als der Dollar auf 75 stand, d.h. man musste für 1 Dollar 75 Mark anstelle der paritätischen 4 Mark 30 Pf. zahlen, da sagte man: „Über 100 kann er ja nicht steigen!“, gerade als ob die so schön abgerundete Dezimale ein unübersteigbares Hindernis sei. Der Dollarkurs nahm aber noch ganz andere Hindernisse, aber das hatte nur die Folge, dass sich die Vorstellungsgrenze wieder ein Stückchen hinausschob. Als der Dollar etwa bei 6000 stand, sagte man wieder: „Nun, über 8000 hinaus kann es ja nicht gehen,“ und als jemand erwiderte: „Warum denn nicht? Er kann auch auf 10, 20 Tausend steigen“, da wurde der Betreffende mit Achsel­zucken als ein lächerlicher Fantast abgetan. Dieses Spiel wiederholte sich auf allen folgenden Stufen in entsprechender Weise. Die Wenigsten konnten sich vorstellen, dass die Bewegung eine fortgesetzte sei, dass die Mark tatsächlich ins Bodenlose absinken könnte, daher wollte jeder den Höhepunkt in der nächsten Nähe sehen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Bewegung nicht stetig in einer Richtung ging, sondern von dauernden, mitunter recht heftigen Rückschlägen, die der Hoffnung auf Rückkehr zum alten Wert wieder neue Nahrung gab, unterbrochen wurde. Aber schließlich fiel die Mark immer tiefer. Der Dollar stieg in die Hunderttausende, in die Millionen, endlich in die Milliarden. Die Preise konnten gar nicht so schnell nachkommen, wie der Dollar stieg. Das neue Geld war noch nicht fertig gedruckt, da musste es schon wieder durch höheres ersetzt werden. Eine Straßenbahnfahrt kostete 10 Milliarden, ein Brot 50 Milliarden etc. und trotz dieser astronomischen Ziffern waren diese Preise, am Kurswert der Mark gerechnet, Bruchteile von Pfennigen. Es ist klar, dass bei dieser Ausartung der Bewegung allmählich Jeder umlernen musste. Hatte man früher Pfennig um Pfennig und Mark um Mark auf die hohe Kante gelegt und gespart, so war inzwischen das Gesparte in Nichts zerronnen und es gab nur noch ein Prinzip: nur kein Geld behalten, denn behalten hieß entwerten. Es trat die Flucht in die Sachwerte ein. Da man aber nicht unbegrenzt Waren kaufen konnte, so kaufte man an der Börse Aktien, deren Kurse sich der Geldent­wertung anpassten, zwar nicht automatisch, aber gerade das gab den Antrieb zum Kaufen. Es wurde ein Spezialgebiet, die Nachzügler unter den Wertpapieren aufzuspüren und sie kaufen, bevor sie im Sprunge sich dem allgemeinen Kursniveau anpassten. Jeder Mensch spekulierte, jeder Mann, jede Frau, jeder Kaufmann, jeder Arzt, jeder Beamte, jeder Angestellte, jeder Lehrling. Es gehörte ja gar kein Geld dazu. Man kaufte heute Aktien auf Kredit, in 10 Tagen waren sie so gestiegen, dass, wenn man die Hälfte ver­kaufte, die übrige Hälfte mit dem Erlös bezahlt war. Es gab auch Reinfälle, aber das meiste glückte. Die Zeitungen brachten als Schlagzeile nicht die neuesten Tagesnach­richten, sondern den Dollarkurs oder den Stand von Rhein. Braunkohle oder J.S. Farben. Die Menschen waren im Taumel, die Zahlen berauschten sie. Sie rechneten sich reich an Gewinnen und merkten nicht, dass der Teufel noch schneller lief, d.h. dass die Gewinne gar keine Gewinne waren, sondern nur der Ausdruck der fortschreitenden Geldent­wertung, und noch nicht einmal ein vollwertiger. Natürlich wurde das leicht gewonnene Geld ebenso leicht ausgegeben, wozu hätte man es auch aufheben sollen? Und die Vergnügungstätten blühten. Im Hexenwirbel der Zahlen fanden alle schlechten Instinkte einen fruchtbaren Nährboden und Laster und Verbrechen breiteten sich aus. Die Regie­rung sah unschlüssig und ratlos zu. Schwächliche Versuche, sich der Lavine entgegenzu­stemmen, zerbrachen an der Wucht der Bewegung, alle Maßnahmen kamen zu spät und ließen allzuviele Lücken offen, die der Spürsinn der spekulationstollen Menschen rasch aufzufinden wusste. Aber ich kann Dir diesen allgemeinen Hintergrund der Inflationszeit nur andeuten, um Dir die Folgen zu zeigen, die für das Geschäft eintraten. Du wirst leicht verstehen, dass es keine einfache Sache ist, wenn einem Geschäft die stabile Basis der festen Währung entzogen wird und wenn es wie der Zirkuskünstler auf einem rollenden Band das Gleichgewicht halten soll. Ich sagte schon, dass mir durch diese Umstände eine Rolle im Geschäft zugespielt wurde, denn die Bewältigung und Durchdringung dieses Zahlenspiels war ein geistig-mathematisches Problem, dem ich mich vertraut fühlte. Zunächst galt es einmal, für die klare Erkenntnis des Wesens der Inflation zu kämpfen. Es hatte sich, gestützt durch behördliche Weisungen, in der Geschäftswelt die Meinung verbreitet, der „anständige Kaufmann“ passe seine Preise nicht den Tagespreisen an, sondern kalkuliere wie bisher auf Basis der Einkaufspreise, d.h. erst dann, wenn er selbst teurer eingekauft hatte, verkaufte er auch teurer, aber eben nur um soviel, als die Ein­kaufs-Differenz ausmachte, unbekümmert darum, wie hoch der Tagespreis inzwischen gestiegen war. Es galt zu erkennen, dass dies bei einer fortschreitenden Geldenwertung der Weg zum Ruin war, es galt zu erkennen, dass der gesetzlich geschützte und im Detailhandel sogar geforderte Unterschied von „alter“ und “neuer“ Ware ein Nonsens und wirtschaftlich ungerechtfertigt war; es galt zu erkennen, dass verkaufen nicht unbe­dingt ein Glück sein musste, sondern ein Unglück bedeuten konnte, da nämlich ver­kaufen die Umwandlung von Warenwerten in Geldwerte ist, jede Umwandlung in Geldwert aber eine Deckung zur Beseitigung der Entwertung erforderte; es galt in Waren zu denken statt in Geld zu denken, es galt – ungeheuerliche Umkehrung der ehrbaren Kaufmannsgrundsätze – mehr Schulden zu haben als Guthaben, damit der Überschuss an Schulden entwerte, nicht aber der Überschuss an Vermögen – also eine Umwertung aller Werte! Und es galt nicht nur, alles dies zu erkennen, sondern in der ganzen Branche zur Erkenntnis zu bringen, damit gemeinsame Gegenmaßnahmen ergriffen würden, da der Einzelne nicht immer stark genug war, auf diesen ungewöhnlichen Wegen allein zu gehen.

Heft 8
Seite 8
Seite 8 wird geladen
8.  Heft 8
Kommentar schreiben

23/7 1942 Das Instrument für allgemeine Aussprachen war der Fachverband, in dem sich die Geschäftsinhaber zusammengeschlossen hatten. Ich fing an, die Verbands­sitzungen zu besuchen. Zuerst fühlte ich mich dort sehr unsicher; ich merkte, dass gewisse Usancen und Spielregeln innegehalten wurden, die ich noch nicht beherrschte. Mit der Zeit lernte ich aber, mich dort freier zu fühlen und begann, an den Debatten teil­zu­nehmen. Die Leute, unsere Konkurrenten, die ich dort antraf, hatten kein besonderes Niveau. Es waren durch die Konjunktur groß gewordene Handelsleute, die meisten fern jeder Bildung, von einem Verständnis wirtschaftlicher Probleme unberührt, nur mit dem direkten Trieb begabt, zu erwerben und das Erworbene zu schützen. Die ungewöhnlichen Mittel aber, die die ungewöhnliche Lage erforderte, begriffen sie nicht; ihr Denken be­wegte sich in der alten Bahn, in der der Erfolg die Gewohnheit geheiligt hatte. Einer der ersten, der die Situation durchschaute und entschlossen war, sich zur Wehr zu setzen, war mein Vater und unsere Übereinstimmung schuf die Basis für eine Zusammenarbeit. Wir hielten beide im Verband aufklärende Reden. Anfangs hatten wir nur den Syndikus des Verbandes auf unserer Seite, der sich aber, da er abhängig war, nicht zu stark exponieren konnte. Allmählich aber, nachdem die Entwicklung der Lage uns recht gab und die Schäden für jeden fühlbar wurden, traten immer mehr auf unsere Seite und es gelang mir, Gehör und Anerkennung zu finden. Der Syndikus bemerkte schon bald zu meinem Vater, indem er auf mich deutete: „ Hier ist ein neuer Verbandspräsident im Werden“. In der Tat hätte mir damals, wenn mir jemand die Zukunft hätte prophezeien wollen, jeder eher das Amt eines Vorstandes der Handelskammer oder ähnliches vorhergesagt, als die Rolle die ich jetzt zu spielen gezwungen bin. Du siehst aber, das Schicksal geht eigene Wege, die wir nicht durchschauen und lenken können. Mit dem Verband war es eine eigene Sache. Wenn die Mitglieder beisammen waren, so wurden große und pompöse Reden geschwungen (viele hörten sich gern und lange reden), die Debatte wurde erregt geführt, als ob von ihrem Ausgang Entscheidendes abhinge. Schließlich kam, meist durch die diplo­matische Geschicklichkeit des Syndikus ein Kompromiss zustande, der zum Beschluss erhoben wurde, den innezuhalten alle Mitglieder sich feierlich verpflichteten. Sie fühlten sich am grünen Tisch sehr stark. Kaum aber waren sie auseinander gegangen, so fiel auch die Charakterstärke von ihnen ab. Man kann wohl sagen, dass sich schon auf dem Heimweg jedes Mitglied im Stillen überlegte, wie er am besten den allgemeinen Vorteil des Beschlusses ausnutzen und wie er ihn im Bedarfsfalle für sich persönlich umgehen könne. So kam es, dass alle Beschlüsse, kaum dass sie gefasst waren, auch schon durchlöchert wurden und, wie man es auch bei uns betrachtete, nicht mehr waren als ein Schild, den man vorhalten konnte, wo es einem passte. Der Grund hierzu liegt einmal in der menschlichen Qualität des Berufsstandes, der sich aber wiederum unter den besonderen Berufsverhältnissen gebildet hat, so dass man wohl in allererster Linie diese verantwortlich machen muss. Da sich hierin allgemeine Gesetze ausdrücken, ist es vielleicht ganz interessant, wenn ich die Gründe erwähne. Je mehr eine Ware verarbeitet ist, je näher sie ihrer eigentlichen Bestimmung kommt, umso weniger wertbeständig ist sie. Das Ungestaltete, in seinem Zustand praktisch Unbrauchbare, aber zu vielfältiger Verwendung Brauchbare, also das Rohmaterial ist frei von dem Risiko des Fertigen. Die Wolle oder Baumwolle, z.B. ist im Preis nur abhängig von der Menge, in der sie vorhanden und in der sie gefragt wird. Die Qualitätsunterschiede bilden eine feste Relation. Sie ist unabhängig von Geschmacks- und Modefragen. Wie immer Webart, Farbe und Form sich verändern, so werden diese beiden Rohstoffe gebraucht. Sie entwerten nicht durch die Zeit. Auch das Garn ist noch ziemlich wertbeständig, doch tritt hier bereits das Risiko der Farbe hinzu. Zwar gibt es Grundfarben wie schwarz oder weiß, die immer, in jeder Mode, gebraucht werden, aber daneben werden auch Mode-Nuancen verlangt, die mogen außer Kurs sein können. Ist aber aus dem Garn ein Stoff gewebt, so sind die Bestandteile schon in eine Konstellation getreten, die die Bestimmung des Materials auf einen Zweck einschränkt. Auch hier gibt es sog. klassische Stoffe mit relativ großer Wertbeständigkeit und Modestoffe mit großem Risiko. Am stabilsten sind die Stoffe aus ungefärbtem Garn, die sich noch in jede Weise bedrucken lassen. Ist aber der Stoff zugeschnitten und verarbeitet, so ist auch noch die Mode der Form in eindeutiger Weise beantwortet, und zwar umsomehr, je mehr das Kleidungsstück selbst im Brennpunkt der Mode steht. Jede gringste Schwankung des launischen modischen Geschmacks kann nun aus einem dernier cri eine unmoderne Sache, d.h. aus einem hochbewerteten Artikel einen unverkäuflichen Ladenhüter machen. Das führt zu Konsequenzen in der Geschäftsführung. Der Woll- und Baumwoll-Importeur sind Kaufleute, deren Preise von der Produktenbörse regiert werden. Sie kennen kein Kompromiss, keine Sondervorteile, kein Entgegenkommen, keine Extra-Konditionen. Der Eine wird nie versuchen den Andern zu übertrumpfen, warum? – Weil er es nicht nötig hat. Er kann seine Ware ja jederzeit an der Börse zum notierten Preise verkaufen. Es besteht also kein Anlass, sie billiger abzugeben. Der Spinner & Weber, meist in einer Person vereinigt ist im Grad seiner Unnachgiebigkeit abhängig von der Art der fabrizierten Ware. Der Rohweber z.B. steht dem Importeur an Härte seiner Bedingungen kaum nach. Je mehr der Stoff Modestoff ist, umso mehr muss auch der Weber mit der Tageskonjunktur gehen, umso mehr muss er auf den Druck der Kundschaft reagieren. Der Konfektionär endlich, der Verarbeiter von Stoffen muss in feinfühligster Weise den Schwankungen von Mode und Geschmack nachgeben, die Jahreszeit, selbst das Wetter sind Faktoren, die für ihn Gewinn oder Verlust bedeuten können. Infolgedessen muss er seine Preise ständig anpassen, er darf nicht starr, nicht festgelegt sein, er muss der geborene Improvisateur sein, mit einer Intuition, einer Nase für das kommende Wetter und die kommenden Ereignisse. Der Importeur und Rohweber werden nie ohne Gewinn verkaufen; es ist eine kleine, aber sichere Marge, der Buntweber wird stets einen Nutzen finden, weil er meist nur auf feste Bestellung arbeitet, der Konfektionär aber nutzt die Konjunktur aus, er verdient, so lang und so dick er kann, dreht der Wind, so handelt er am besten nach der Devise: der erste Verlust ist der kleinste. Nun kommt in dieser Branche noch hinzu, dass mit zunehmender Verarbeitung des Rohmaterials der Herstellungsprozess leichter und daher jedermann zugänglich wird. An Spinnern und Webern, Ausrüstern, Färbern, Druckern gibt es eine begrenzte Anzahl Betriebe. Selten kommt ein neuer hinzu. Es braucht Kapital, Maschinen, meist eigene Gebäulichkeiten, gründliche Fachkenntnis und langjährige Erfahrung. Was aber gehört zu einem Konfektionsbetrieb? Ein paar Nähmaschinen und eine Schere und ein Bügeleisen. So ein bisschen nähen kann jede Frau. Zuerst holt sie sich die Arbeit von größeren Betrieben. Ist sie eingeschafft, hat sie etwas verdient, vielleicht auch etwas Stoff auf die Seite gebracht, so nimmt der Mann ein paar Muster unter den Arm, bietet sie billig an, das kann er, denn er hat ja keine Unkosten, keine sozialen Lasten, meist auch keine Steuern. Geht die Sache, stellt er ein paar Hilfsnäherinnen ein, kauft Stoffe etc. und baut die Sache aus. So haben zahllose Betriebe angefangen. Das ergibt natürlich einen scharfen Konkurrenzkampf, in dem geboten und unterboten, gehandelt und gefeilscht wird. Du siehst jetzt, wie leicht es die eigentliche Industrie hat, sich zusammenzutun und Beschlüsse nicht nur zu fassen, sondern, auch durchzuhalten, und wie schwer das für unsere Branche war. Denn selbst wenn noch unsere Verbandsmitglieder gewillt gewesen wären, ihre Beschlüsse einzuhalten, so bestanden ja außerhalb des Verbandes zahllose kleinere & kleinste Betriebe, ganz zu schweigen von den gar nicht erfassbaren Heimwerkstätten, die sich einen Teufel um die Verbandsbeschlüsse scherten und in ihrer Menge doch nicht ohne Bedeutung waren. Man kann nun fragen: was hatte denn unter diesen Umständen der Verband denn überhaupt für einen Wert? Es wäre aber falsch, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Verbandsbeschlüsse steuerten die gröbsten Auswüchse des Konkurrenzkampfes. Wenn auch jedes Mitglied hier und da einmal durch die Finger sah, so gaben die Beschlüsse doch die Richtung für die Praxis, und vor allem, sie wirkten allmählich auch normativ für die Außenseiter, die es mitunter vorteilhaft fanden, sich den Richtlinien des Verbandes anzuschließen. Alle diese Umstände hatten aber die Wirkung, dass der Verband niemals auf der Höhe der Situation war, sondern immer nachhinkte. Das führte manchmal zu grotesken Situationen. So war z.B. eine der wichtigsten Aufgaben des Verbandes, Zahlungsbedingungen auszuarbeiten, die die Mitglieder vor Verlusten schützten. Auch hier galt die Hierarchie der Berufsstände. Der Importeur muss die Wolle oder Baumwolle in Dollar bezahlen, er kümmerte sich daher um keinen Kurs der Mark und um keine Regierung, die gegen jede wirtschaftliche Vernunft den Grundsatz: Mark ist Mark aufrechterhielt, sondern verlangte seinen Preis in Dollar. Der Weber war auch noch recht rigoros mit der Anerkennung des Mark-Kurses, eben mit dem Hinweis, dass er sein Rohmaterial in Dollars bezahlen müsse, musste aber doch schon Konzessionen an seine Abnehmer machen, da in seinen Preisen nicht nur Rohmaterial, sondern auch Unkosten & Löhne enthalten waren, die in Mark gezahlt wurden und nicht im gleichen Tempo wie der Dollarkurs stiegen. Die Konfektionäre mussten wieder weniger scharf in ihren Bedingungen sein und am schlimmsten waren die Detailgeschäfte dran, die behördlich gezwungen waren, auf Basis ihrer Einkaufspreise zu verkaufen, gleichgültig wie hoch der Tagespreis, zu dem sie wieder einkaufen mussten, inzwischen gestiegen war, denn dem Publikum gegenüber sollte die Illusion Mark = Mark aufrechterhalten bleiben. Praktisch mussten die Detaillisten natürlich doch ihre Preise angleichen, sonst wären sie unfehlbar zu Grunde gegangen, aber es standen hohe Strafen darauf und es war Tatsache, dass der ehrliche Kaufmann, der nichts anderes tat als um sein Recht zu kämpfen, mit einem Fuß im Zuchthaus stand. Als das Abrutschen des Markkurses ein solches Tempo angenommen hatte, dass es unmöglich war, noch Preise in Mark zu kalkulieren, waren wir dazu übergangen, Grundpreise, sog. Goldmarkpreise festzulegen, die je nach der Situation in Währungsmark umgerechnet wurden. Zuerst wurde die Umrechnung bei Auftragserteilung vorgenommen, doch als der Verlust von diesem Zeitpunkt bis zu Zahlung zu groß wurde, ging man dazu über, die Umrechnung erst bei Eingang des Geldes vorzunehmen. Für die Umrechnung war ein recht komplizierter Schlüssel ausgearbeitet, der den Anteil an Kosten in Inlandsmark berücksichtigte. Mit der Zeit waren diese Bedingungen allgemeine Verbandsbedingungen geworden. Die Sache hatte noch eine Schwierigkeit: das war die Festsetzung des genauen Zeitpunktes für die Umrechnung. Der Markkurs änderte sich täglich. Wenn ein Kunde also heute eine Rechnung zum heutigen Kurs bezahlte, so konnte es sein, dass am nächsten Tag, an dem der Fabrikant den Scheck erhielt, schon wieder ein anderer Kurs galt, so dass entweder der Fabrikant einen Verlust erleiden oder aber die Differenz nachfordern musste, was ebenso umständlich wie für den Kunden ärgerlich war. Der Verband beschloss also, dass der Kurs des Vortages vom Eingang der Zahlung für die Umrechnung gelten solle, damit der Kunde wenigstens im Zeitpunkt der Zahlung wisse, wie viel er zu zahlen habe. Man tröstete sich damit, dass die Kursdifferenz eines Tages nicht so erheblich sein würde und dass es Deckung dieses Risikos auf viele Arten gäbe. Das System arbeitete auch im großen Ganzen nicht schlecht. Es hatte nur einen schwachen Punkt: das war der Samstag. Am Samstag war nämlich die Börse geschlossen, d.h. es wurde kein Markkurs notiert. Wenn nun einer am Montag zahlte, so konnte es als Vortagskurs den Kurs vom vorhergehenden Freitag beanspruchen, und da war manchmal die Differenz ganz erheblich. Da hatten wir einen Kunden – ich werde es nie vergessen, es war die Fa. Hermann Günsche in Stendal –, der nutzte das systematisch aus. Jeden Montag stand der junge Günsche mit einem Waschkorb voll Geld (denn bei den Riesen-Kursziffern brauchte die Zahlung einer kleinen Rechnung einen Berg von Noten, so dass das Witzwort zirkulierte: „Sendet Ware per Post, Geld folgt per Bahn“) vor unserer Kasse und bezahlte seine Rechnungen zum Freitagskurs. Mein Vater sah in finsterem Grimmen zu, durfte aber nichts sagen, aber er hat es ihm nicht vergessen. Wann immer in späteren Zeiten die Firma irgendein besonderes Entgegenkommen verlangte, kochte der Ärger in ihm hoch. Es war auch recht ärgerlich Geld entgegennehmen zu müssen, das eine halbe Stunde später, wenn man es zur Bank gab, nur noch einen Teil wert war. Eine so verrückte Situation brachte natürlich Probleme und Aufgaben aller Art. Die eigentliche geschäftliche Seite, das Mustern, Verkaufen, Weben etc. trat völlig in den Hintergrund und das Finanzielle, die rechnungsmäßige Beherrschung wurde das allein Wichtige. Die Geschäftsführung war nicht mehr Sache des kaufmännischen Instinkts, der Warenkenntnis und des menschlichen Kontakts mit den Kunden, sondern eine Intelligenzfrage, die Kunst, das Gleichgewicht der Risiken auf der gleitenden Bahn der Kurse zu halten oder vielmehr zu seinen Gunsten zu verlegen. Der Reisende, früher der bedeutende Exponent der Firma, von dessen Erfolg die ganze Blutzirkulation des geschäftlichen Organismus abhing, wurde zur Nebensache. War es früher wichtig, die Reisenden zu immer neuen Leistungen anzuspornen, so galt es jetzt, sie zurückzuhalten, damit sie die Firma nicht „arm“ verkauften. Kaum waren sie 2—3 Tage auf der Reise, so flogen die Telegramme heraus: „Verkauf sofort einstellen“. Die Ware verkaufte sich von selbst, weil jeder Einkauf günstig war. Mag die Ware auch im Zeitpunkt des Einkaufs teuer gewesen sein, ja zu teuer, viel zu teuer – bis zur Zahlung war sie billig, fast geschenkt, denn immer hinkten die Bedingungen hinter der Wirklichkeit nach. Als die Bedingungen schärfer wurden, gab es eine Periode, da schickten die Kunden das Geld gleich mit den Aufträgen, um die Preise „fest“ zu machen, ja manche schickten nur das Geld, um damit die Preisliste des Tages festzulegen, und ich entsinne mich, dass uns an manchen Tagen Dutzenden von Schecks zuflogen ohne eine Bestellung. Bei dieser Lage wurde das Geschäft völlig entpersönlicht und bekam etwas neutral-Beamten–mäßiges. Es wurde zu einem verwickelten Rechenexempel. Es galt Tabellen auszuarbeiten, die Balance zwischen Einkauf & Verkauf zu halten, Deckung gegen Entwertung zu schaffen, auf einer kleinen Spitze stehend das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Das Geschäft hatte mehr Ähnlichkeit mit einer Bank als mit einem Warengeschäft. Für mich, der ich den Anschluss an das persönliche Element nicht hatte finden können und auch den hergestellten Artikeln so fern stand, war das sehr angenehm. Die intellektuelle Berechnung lag mir weit mehr und erlaubte mir, in das Geschäftsleben hineinzuwachsen, was ich sonst vielleicht gar nicht gekonnt hätte. Ich muss da noch eine unrühmliche Episode erwähnen. Als ich erst einige Monate im Geschäft war, wurde einer der Reisenden, der die Provinz Sachsen bearbeitete gerade mitten in der Saison krank. Mein Vater meinte, das wäre doch eine Gelegenheit für mich, einzuspringen und zu zeigen, was ich könne. Im meiner Ahnungslosigkeit stach mich der Ehrgeiz, und ohne recht zu wissen, wie das Ding anzupacken ist, fuhr ich los. Ich kam zuerst nach Leipzig, wo der Reisende zu Hause war. Er gab mir nun eine Liste von Kunden, die ich besuchen sollte und sagte mir, dass seine Collektion im Hotel X. stünde, wo ich sie übernehmen könne. Ich nahm dort Quartier und fand 3 oder 4 Musterkoffer vor. Da der Reisende mir gesagt hatte, ich solle zuerst ein Geschäft in Leipzig besuchen, das ein Angebot in Schürzen erbeten hatte, gab ich dem Hausdiener Auftrag, die Koffer am nächsten Morgen in das Geschäft zu bringen. Pünktlich um halb 9 Uhr erschien ich dort. Ich sehe den kleinen Laden noch vor mir – Goliger hieß der Mann – ein unbedeutendes Manufakturwarengeschäft mit 2 Schaufenstern. Mir war nicht ganz geheuer zumute, aber ich sammelte meine Kräfte, nahm meinen Mut zusammen und kühn trat ich ein. Eine Verkäuferin empfing mich mit einem Schwall von Vorwürfen, was das für eine Art wäre, einem frühmorgens um 8 Uhr die Koffer ins Haus zu schicken, ohne vorher anzufragen, ob es passe. Ich war sehr erschrocken, denn auf die Idee anzufragen, war ich gar nicht gekommen; ich meinte, der Mann würde glücklich sein, dass ich mich mit meinen schweren Koffern zu ihm aufgemacht hatte und mich mit offenen Armen empfangen. Ich merkte aber, dass ein schlechter Wind wehe. Ich entschuldigte mich unbeholfen. Missmutig sagte die Verkäuferin, Herr G. sei noch nicht da und ich solle um 10 Uhr wieder kommen. Ich hatte also 1 ½ Stunden Zeit und bummelte durch die Straßen von Leipzig, nicht ohne ein unbehagliches Gefühl, wie wohl die Sache ausgehen würde. Als ich um 10 Uhr wieder erschien, war Herr G. da, ließ mich aber noch einige Zeit warten. Endlich forderte er mich auf, meine Muster zu zeigen. Ich machte die Koffer auf. Vor der Reise hatte ich mich von Herrn Herold orientieren lassen, so dass ich wenigstens die Hauptarten und Façons unterscheiden konnte, aber von den Einzelheiten hatte ich keine Ahnung. Ein guter Reisender kennt natürlich jedes Muster. Er weiß genau, welches von jeder Art das billigste, welches das verkäuflichste etc. ist und wie man die Muster vorlegen muss, um den Kunden zu interessieren. Für mich waren das alles böhmische Dörfer, die meisten Muster sah ich zum ersten Mal. Wahllos zog ich aus den vielen Einsätzen einige hervor. Fragen nach Preisen und Qualitäten konnte ich nicht beantworten. „Sie sind wohl noch nicht lange auf der Reise?“ sagte Herr G. „Nein, ich reise zum ersten Mal“, sagte ich errötend. Ich fühlte mich immer unsicherer, ich fing an zu schwitzen, mühte mich ab, fand nicht, was ich suchte, suchte ohne zu wissen was. Schließlich wurde der Kunde nervös, griff selbst in die Koffer, verzichtete auf meine Vermittlung und holte sich heraus, war er brauchte. Gelegentlich frug er nach Preisen, die in Chiffre auf den Etiketten notiert waren. Es sei alles viel zu teuer, sagte er, die Konkurrenz liefere das viel billiger. Ich heuchelte Verwunderung, stammelte etwas von großen Aufträgen, die ich zu diesen Preisen aufgenommen hätte, aber der Kunde hörte gar nicht auf das, was ich sagte, sondern wühlte weiter in den Koffern und legte bald dies, bald jenes auf die Seite. Ich merkte, dass ich nicht gerade gute Figur machte, aber ich dachte, wenigstens wird es noch einen Auftrag geben, er hatte schon eine ganze Reihe von Artikeln beiseite gelegt und ich dachte nicht anders, als dass er diese alle bestellen würde. Nachdem er eine Stunde gekramt und die Koffer von oberst bis unterst gekehrt hatte und ich mein blaues Auftragsbuch zückte, steckte er sich eine Zigarette an und sagte, ich könne wieder einpacken, es sei alles zu teuer. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, verzichtete auf jede Debatte, gab den Kampf auf und in dumpfem Ingrimm stopfte ich die Muster, wie sie lagen alles durcheinander in die Koffer, um nur so schnell wie möglich von diesem abscheulichen Ort wegzukommen. Als die Koffer wieder im Hotel waren, musste ich daran gehen, die Muster wieder zu sortieren, denn der Reisende hatte mir auf die Seele gebunden, dass ja alles genau nach Arten und Preisen liege, sonst wäre es unmöglich zu verkaufen. Ich brauchte mehrere Stunden zu dieser Arbeit und war der Verzweiflung nahe. Ich wusste damals noch nicht, dass der routinierte Reisende diese Sortierarbeit im Geschäft des Kunden beim Einpacken vornimmt, meist mit Hilfe einer Angestellten, und die Zeit benutzt zum Schwätzen, um mit dem Chef und der Einkäuferin jenen gemütlichen Kontakt herzustellen, der seine Früchte beim nächsten Besuch in einer freundlichen Begrüßung „Ah, das sind Sie ja!“ findet. Ich will die Sache kurz machen. Ich fuhr nach Chemnitz, Plauen, Dresden und noch ein paar Orte, besuchte Kunden, und bei einigen, die den „Sohn des Chefs“ nicht ohne Auftrag fortschicken wollten, erhielt ich aus Gnade ein paar Brocken bestellt. Die meisten aber wusste ich nicht zu interessieren. Ich hatte auch so wenig Übung & Erfahrung im Umgang dieser mir ganz fremden und unverständlichen Menschenklasse, dass ich mehr Angst vor dem Verkaufsakt als vor einer völligen Ablehnung hatte. Am wohlsten war mir, wenn ein Geschäft erklärte: „Es tut mir leid, im Augenblick kann ich nichts brauchen“. Ich stimmte begeistert zu, und draußen war ich. Auf diese Weise kam ich rasch vorwärts, und nach einer Woche hatte ich die meisten Kunden besucht mit dem für mich erfreulichen Resultat, dass nirgends Bedarf vorhanden war. Ich meldete diese erstaunliche Tatsache nach Hause und mein Vater ließ mir sagen, ich solle zurückkommen. Sofort war ich bester Laune, ging ins Hotel, packte meine Sachen, bestellte mir ein großartiges Essen, trank eine Flasche Wein und nahm den nächsten Zug nach Berlin. Nie war ich glücklicher als in diesem Augenblick, als der Zug zur Bahnhofshalle herausfuhr. Mein Vater empfing mich ohne jeden Vorwurf, er betrachtete das ganze als einen Spaß, sagte, ich solle mich nicht entmutigen lassen, der Zeitpunkt wäre noch zu früh gewesen, mich auf die Reise zu schicken. Ich hatte aber doch gemerkt, dass es nicht nur an meiner Unerfahrenheit gelegen hatte. Ich hatte vor der Tätigkeit des Verkaufens und vor der seelischen Haltung, die dazu gehört, einen tiefen Abscheu und wusste, dass ich nie im Leben ein Verkäufer werden würde. Ich äußerte auch meinem Vater meine Bedenken, aber er lachte, und erzählte mir eine Begebenheit aus seiner Laufbahn. Als er noch nicht lange ausgelernt hatte, musste er vertretungsweise für einen erkrankten Reisenden auf Tour gehen. Wahrscheinlich hat die Erinnerung daran die Idee zu dem Experiment mit mir in ihm geweckt. Seine Reise verlief nicht anders als meine, auch er glaubte, dass die Erklärung eines Kunden, dass er nichts brauche, die Sache unumstößlich entschiede und man sich damit begnügen müsse, diesen Bescheid entgegenzunehmen. Er verkaufte nichts und nach 8 Tagen erhielt er von seinem Chef ein Karte, er möchte zurückkommen, „da uns Ihre Erfolge nicht genügen“. Mein Vater erzählte seit dieser Zeit habe er eine Hemmung gegen das Verkaufen gehabt und gemeint, er sei dazu nicht geeignet. Er habe dieses Gebiet auch während der nächsten 2 Jahre völlig gemieden, bis er durch einen äußeren Umstand widerwillig genötigt war, auf die Reise zu gehen. Jetzt aber habe sich seine Hemmung gelöst, er habe gesehen, wie grundlos seine Angst war, wie leicht die Geschichte ging und schließlich sei er der beste Reisende der Firma geworden. Er habe das Vertrauen seiner Kundschaft in solchem Grade besessen, dass viele ihm freie Hand ließen, die Aufträge nach seinem Gutdünken auszuschreiben und er war klug genug, den Vorteil des Kunden zu wahren, ohne seinen eigenen zu vernachlässigen. Ich sagte schon, dass, wenn eine Begebenheit bei meinem Vater sich in einem anekdotischen Erlebnis verdichtet hatte, eine unumstößliche Wahrheit von allgemeiner Gültigkeit daraus wurde. Infolgedessen war es für ihn ausgemachte Sache, das mein Misserfolg die selbe Ursache der Unerfahrenheit hatte wie bei ihm, dass daraus wie bei ihm eine erklärliche Angst oder Hemmung entstehen musste, die aber wie bei ihm beim 2. Versuch glorreich überwunden würde, wozu nur der kleine Willensanstoß notwendig wäre, den er sich zu geben gewusst hatte. Ich aber fühlte, dass bei mir noch andere, tiefere Gründe vorlagen und ich habe tatsächlich niemals in meinem Leben die Kunst des Verkaufens, zu der man, wie nicht mit Unrecht gesagt wird, geboren sein muss, erlernt. Damals aber, zur Zeit der Inflation, kam die allgemeine Entwicklung mir auch in diesem Punkt entgegen, indem das Verkaufen „von selbst“ ging und zum mindesten auf meine Vermittlerschaft verzichtet werden konnte. Ich widmete mich ganz den internen, vor allem buch- und verwaltungstechnischen Fragen. Einer der heiklen Probleme jener Zeit war die Aufstellung der Bilanzen und die Steuererklärung. Die Steuer stand auf dem gesetzlichen Boden, dass Mark gleich Mark ist, gleichgültig welchen Kurswert diese Markt hat. Durch die fortschreitende Preissteigerung und Geldentwertung schwollen natürlich alle Zahlenwerte an. Die 7-stelligen Kolumnen der Bücher reichten später bei weitem nicht mehr aus und die Vielstelligkeit der Ziffern allein bedeutete bereits eine Verdoppelung der Arbeit. Dieses Anschwellen der Bilanzsumme war nichts anderes als der Ausdruck der Geldentwertung, nicht aber ein wirklicher Gewinn. Die Steuer aber hielt den vorteilhaften Standpunkt fest, dass jeder in Zahlen sich ausdrückende Vermögenszuwachs ein Gewinn und steuerbar sei; sie nahm die Scheinrechnung für bare Münze. Diese Blindheit gegenüber der wirtschaftlichen Realität machte aber eine ehrliche Bilanzierung zur Unmöglichkeit, denn sie hätte geradewegs zum Ruin geführt. Das wurde ein sehr ernstes Problem, denn auf der einen Seite drohte die Scylla des Ruins, auf der andern die Charybdis des Zuchthauses. Wie in allen Zwangslagen nimmt der Mensch noch eher das Risiko des Zuchthauses als das des Ruins auf sich. Wir konnten uns damals nicht anders helfen, als dass wir das Warenlager sehr niedrig bewerteten. Eines Tages kam die Anmeldung einer Steuerkontrolle. Wir waren etwas beklommen, wie wir da bestehen würden. Am Morgen des fatalen Tages herrschte einige Nervosität. Wir hatten beschlossen, den Prüfer in unsern sehr geräumigen Privatkontor arbeiten zu lassen und hatten ihm einen kleinen Tisch mit Schreibzeug und allen Utensilien aufgebaut. Wir hatten ihn da besser unter dem Auge und konnten bei Gefahrenpunkten eingreifen. Besonders ich musste wachsam sein, da mein Vater seines Gehörs wegen nicht so folgen konnte. Wir hatten auf unsern großen Schreibtischen peinliche Ordnung gemacht und harrten der kommenden Dinge. Mein Vater schritt ernst und gemessen auf und ab, in einer Stimmung, in der es nicht gut war, ihm unter die Augen zu kommen. Es herrschte eine Art drohender Feierlichkeit und kampfbereiter Anspannung. Die Atmosphäre war geladen und die Nerven bis zum Zerspringen gespannt. Endlich wurde ein Herr vom Steueramt gemeldet. Es erschien ein kleiner, älterer Mann mit kahlem Kopf, der mit leicht sächsischem Akzent sprach. Bei seinem Eintritt straffte sich mein Vater und mit dem schauspielerischen Talent, über das er verfügte, setzte er seine liebenswürdigste Miene auf, öffnete die Arme und ging auf den Prüfer zu, als wolle er einen lieben Sohn, einen mit Sehnsucht erwarteten Freund begrüßen. „Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, bitte nehmen Sie doch Platz! Was wünschen Sie? Selbstverständlich, es steht alles zu Ihrer Verfügung! (mit gebietender Stimme:) Werner, die Hauptbücher sollen sofort hereingebracht werden! (wieder freundlich werbend:) Sie müssen mit mir etwas laut sprechen. Ich höre nämlich etwas schwer!“ Mein Vater benutzte gern seinen Hörapparat, um schwierige Unterhandlungen auf ein gefahrloses persönliches Nebengeleis zu schieben. Es gelang ihm auch, das Interesse des Revisors zu erwecken, der eine alte Tante hatte, die ebenfalls schwer hörte. (Wer hat das nicht!) Mein Vater war ganz Teilnahme, wollte unbedingt Einzelheiten wissen und empfahl schließlich seinen Apparat, ganz ärgerlich, dass die Tante noch nicht die Wohltat dieser Erfindung genoss. Kurz, er war in seinem Element. Die lauernde Spannung der Ungewissheit war gewichen, der Gegner war erschienen, das gab die Möglichkeit anzupacken, er sprang in den Strom und schwamm. „Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten, eine ganz leichte kleine Sorte?“ Das war der zweite Vorstoß. Würde der Revisor rauchen? Wenn er rauchte, dann war es nicht so schlimm, dann konnte man vielleicht menschlich mit ihm reden. Etwas zaghaft, aber wagemutig, bereit sofort zurückzugehen, falls er zu weit gegangen wäre, stellte mein Vater die Frage und bot seine verlockendsten Zigarren, die schon bereitgestellt waren, an. Der Revisor rauchte; mit sichtlicher Erleichterung nahmen wir von dieser Tatsache Kenntnis, aber noch immer war die Situation von Ernst und Angst beherrscht und durch die gespielte leichte Liebenswürdigkeit meines Vaters schimmerte für den Kenner die angespannte Wachsamkeit eines Hundes, der die Ohren spitzt und mit allen Sinnen wittert. Da geschah eine entzückende Scene, die mit einem Schlag die ganze Spannung löste. Der Prüfer hatte die Zigarre genommen, mein Vater nahm gleichzeitig eine. Umständlich und feierlich wurden die Spitzen beschnitten. Jetzt wollte mein Vater Feuer geben, aber der Prüfer zog ein kleines automatisches Feuerzeug aus der Westentasche und hielt es meinem Vater hin mit der Aufforderung, es zu benutzen. Mein Vater wollte erst ablehnen, da er ja Zündhölzer hatte, aber der Revisor wurde dringlicher, so dass mein Vater um ihn nicht zu beleidigen, das Feuerzeug nahm. Der Revisor drang auch darauf, dass mein Vater sich zuerst anzünden sollte, und nach einigem Hin & Her der Höflichkeit musste mein Vater ihm folgen. Er drückte auf den Knopf, das Feuerzeug sprang auf, aber anstelle der Flamme hüpfte meinem Vater ein – kleines Äffchen, das an einer Spiralfeder befestigt war, ins Gesicht. Es war ein Scherzfeuerzeug. Mein Vater, nicht im geringsten auf derartige Scherze gefasst, die er übrigens auch gar nicht liebte, war perplex und ließ vor Schreck einen Augenblick die Maske fallen. Der Revisor aber brach in lautes Lachen aus, dass sein Scherz so wohl gelungen war und erfreute sich an dem nicht gerade geistreichen Gesichtsausdruck meines Vaters. Als dieser nun sah, wie die Sache gemeint war, fasste er sich sofort und brach in große Heiterkeit aus. Das Eis war gebrochen, auf eine unerwartete und gnädige Art, der Revisor war ein Mensch, er rauchte, er trieb Scherze, er war keine steuerliche Nemesis, sondern er begann mit Lachen und mein Vater, von aller Sorge befreit, griff den Ton auf und der Raum erscholl von nicht endenvollendem Gelächter. Der Buchhalter, der die Hauptbücher brachte und der von dem vorherigen Ernst und der Nervosität schon eine Probe erhalten hatte, und voller Ahnung mit Zittern eintrat, mag wohl etwas verdutzt gewesen sein, als er zwei alte Herren fand, die sich auf die Schulter schlugen und wie dumme Jungen mit Lachen nicht aufhören konnten. Natürlich war der Revisor in prächtiger Laune über den durchschlagenden Erfolg seines wahrscheinlich schon häufig gebrauchten Tricks. Er rauchte nicht nur, nein es stellte sich heraus, dass er auch Kaffee trank und zu einem kleinen Imbiss sagte er auch nicht nein. In der Kantine kam der Kaffeekessel nicht vom Feuer und ein unaufhörlicher Strom dieses heißen Getränks wurde in den steuerlichen Kanal geleitet. Muss ich noch hinzufügen, dass die Prüfung sich in angenehmsten Formen vollzog und dass mit Ausnahme von ein paar Kleinigkeiten, die jeder Prüfer finden muss, um sich im Amt zu halten und seine Findigkeit unter Beweis zu stellen, alles zur Zufriedenheit vorgefunden wurde? In späteren Jahren kam eine ganz andere Klasse von Revisoren; sie rauchten nicht, tranken keinen Kaffee und hatten keine Scherz-Feuerzeuge, dagegen verfügten sie über gründliche Kenntnisse und ließen sich kein X für ein U vormachen. Aber in diesen späteren Zeiten konnte man auch wieder die wahren Verhältnisse ausweisen.

 

1/8 Es fehlte natürlich nicht an Plänen und Versuchen, das Gespenst der Inflation zu bannen, aber da die leitenden Stellen die tieferen Ursachen nicht erkannten, blieben alle Vorschläge in der Theorie stecken. Auch ich gehörte zu denen, die einen Heilsplan ausgearbeitet hatten und es macht mir heute noch Vergnügen, wenn ich daran denke, dass er sich in den wesentlichen Punkten mit dem deckte, was in späterer Zeit durchgeführt wurde. Ich ging davon aus, dass die Frage des Kurswertes erst an den Grenzen akut werde, für das Inland aber ganz bedeutungslos sei, da die Bewertung im Inland eine Sache der Konvention, ja der Willkür sei. Ein Land, dessen Währung vom Ausland nicht mehr geschätzt wurde, müsse sich daher in der Weise vom Ausland freimachen, dass es seinen Import mit seinem Export bezahle. Wenn dies gelänge, so brauchte die Inlandsmark nicht einmal im Ausland notiert zu werden, sie brauchte auch nicht internationales Zahlungsmittel sein, da sie weder zur Bezahlung des Imports noch zur Beschaffung der hierfür erforderlichen Devisen notwendig sei, da diese Devisen durch den Export aufgebracht würden. Um diesen Ausgleich herbeizuführen und praktisch wirksam werden zu lassen, sei es notwendig, alle Ausfuhr anzumelden und alle hierfür vereinnahmten ausländischen Valuten an ein Clearinginstitut abzuliefern, das dafür Mark auszahlt zu festem Kurs. Auf der andern Seite hätte dieses Institut aber auch zum gleichen festen Kurs Devisen für Importzwecke gegen Mark zur Verfügung zu stellen. Hierzu wäre es naturgemäß nur soweit in der Lage, als es Exportdevisen eingenommen hat. Infolgedessen müsse der Import nach Maßgabe des Exports geregelt und bewilligungspflichtig gemacht werden. Von dieser Bewegung bliebe aber der Inlandsmarkt ganz unberührt, da die Mark im Inland einen festen unveränderlichen, aber auch völlig imaginären Wert habe, da sie im Grunde nichts sei als eine – Spielmarke. Dieses Wort war der Schluss meines Exposés. Nun, heute sind diese von mir noch primitiv & schematisch geäußerten Gedanken in komplizierter Weise seit Jahren in die Praxis umgesetzt. In Deutschland müssen schon lange alle Exportdevisen an die Reichskasse abgeliefert werden, die den Export reguliert & Deutschland hat, abgesehen von seinen Eroberungszügen, keinen andern Weg gesehen, als tatsächlich seinen Import mit seinem Export zu bezahlen. Dabei ist die Mark fast völlig vom internationalen Zahlungsverkehr zurückgezogen worden und im Inland hat die Mark, die im Ausland sehr niedrig bewertet wird (sofern sie überhaupt noch bewertet wird, denn sie ist ja gar nicht mehr zu haben), einen stabilen, wenn auch imaginären Wert, was aber für den Inländer ganz bedeutungslos ist, denn er kann mit ihr kaufen & handeln, als hätte sie einen Wert, genau wie ich in einem Club mit einer Spielmarke Kartenspielgeschäfte machen kann, solange und soweit diese Spielmarken anerkannt werden. Als ich diesen Plan ausgearbeitet hatte, war mein Vater, vielleicht zum ersten und letzten Mal, sehr stolz auf seinen Sohn, denn er war von meiner Auffassung sehr überzeugt und lief zu allen möglichen prominenten Leuten, um meinen Plan zu diskutieren. Schließlich gelang es ihm, bei einem der damaligen Reichsbankdirektoren, Dr. Friedrich, eine Unterredung zu erwirken, in der wir uns beide, mit hoher Finanzweisheit gerüstet, begaben, nachdem ich vorher mein Exposé eingereicht hatte. Der Direktor empfing uns sehr freundlich, er habe die Aufzeichnungen mit großem Interesse gelesen, aber er möchte doch gewisse Bedenken geltend machen. Es fand eine längere Diskussion statt, in der wir auf ziemlich starre und verknöcherte Ansichten stießen, wie sie in der damaligen Regierung vertreten waren. Die Aussprache hatte keinerlei praktische Folgen. Mein Projekt wurde zu einigen hundert anderen gelegt und mein Vater erging sich in zynischen und temperamentvollen Äußerungen über die „Herren auf der Reichsbank“. – Anfang 1924, als das Fieber der Inflation seinen Höhepunkt erreicht hatte, wurde die Mark von einem Tage zum andern stabilisiert. Wie mit einem Zauberschlag war der tolle Spuk zu Ende, aber es dauerte noch lange, bis eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen stattfand; ja man muss wohl sagen, es sind überhaupt keine normalen Zeiten mehr gekommen. Bevor ich die weitere Entwicklung schildere, will ich noch ein Wort über die Inflationsjahre sprechen. Man ist heute gewohnt, diese Zeit als die Jahre der Verderbnis, des Sumpfes, kurz als den Inbegriff aller schlechten Eigenschaften zu bezeichnen. Es ist richtig, dass mit dem Verlust der festen Wertbasis des Geldes eine Lockerung und ein Verfall aller Sitten eingetreten war. Es galt nichts mehr als unerlaubt, ein Taumel hatte alle Menschen ergriffen, die Männer verweichlichten und die Frauen verkehrten sich nach der männlichen Seite mit Herrenfrisur, Smoking, Zigarre und flacher Brust. Perversitäten aller Art zeigten sich offen auf der Straße. Besonders die Jugend der Städte geriet früh auf Abwege. Aber neben diesen Verfallserscheinungen gab es auch manches Positive, das heute vergessen wird. Es war eine Zeit, die in künstlerischer Hinsicht jeder Neuerung unerhört aufgeschlossen war. Zwar war nicht alles Neue gut, auch da gab es Irrwege, aber es war viel ehrliches Suchen und eine in diesem Ausmaß sonst nicht betätigte Experimentierfreudigkeit. Es gab keine Normen, keine Gesetze, keine Schranken mehr, überall wurde Neuland entdeckt und beschritten und zu keiner Zeit wieder gab es im Konzertsaal, im Theater, in der Kunstausstellung, in Cirkeln und Ateliers soviel Anregung und soviel Vorstöße in unbekanntes Land wie damals. – Als nun die Mark stabilisiert war, verschwanden auch die Millionen- & Milliardenziffern aus den Büchern und Köpfen. Jeder musste wieder in simplen Mark rechnen und die Millionäre waren wieder arme Leute. Manch einer merkte nun zum ersten Mal den Schwindel der aufgeschwollenen Zahlen, die im Tiegel der Stabilisierung zu einem Nichts zusammenschmolzen. Es zeigte sich, dass nur wenige ihr Vermögen hatten retten können, die meisten hatten empfindliche Verluste erlitten trotz aller Seiltanzkunst und Salti mortali. Für die Arbeiter war die Situation eher besser geworden. Vermögen hatten sie weder vorher noch jetzt, aber für sie trat wieder eine feste Grundlage in Geltung. Am schwersten betroffen war der Mittelstand, der kleine Rentier, die Witwe mit dem ererbten Sparpfennig oder der schmalen Pension, überhaupt alle Sparer, die Jahr um Jahr kleine Beträge zurückgelegt hatten und nun im die Frucht ihres entbehrungsreichen Lebens betrogen waren. Vor dem Krieg hatte es eine große Schicht von Leuten mit kleinen Vermögen gegeben, wie es das heute noch in der Schweiz gibt, – sie alle waren verarmt und das bedeutete einen großen Schaden für die Wirtschaft. Wir hatten verhältnissmäßig gut abgeschnitten. Rückwirkend konnten wir feststellen, dass wir in einem Zeitpunkt fast die Hälfte des Vermögens eingebüßt hatten, doch konnten wir diesen Verlust wieder einholen, als wir das Wesen der Inflation erkannt hatten und ohne Rücksicht auf Konvention und Gewohnheit handelten. Am meisten hatte mein Vater seine Situation verbessert. Er hatte sein Geschäftshaus, das ihm privat gehörte, mit Hilfe einer erheblichen Hypothek gebaut, die er – getreu dem offiziellen Standpunkt: Mark = Mark – zurückzahlen konnte, als der Millionenbetrag in Wirklichkeit nicht mehr wert war als ein paar tausend Mark. Auf diese Weise besaß er in seinem Haus allein einen schuldenfreien Besitz im Werte von 2–2 ½ Millionen Mark. Ich muss nun noch eine geschäftliche Episode aus dieser Zeit nachtragen. Ebenso wie in künstlerischer Beziehung, so war auch in geschäftlicher Beziehung ein starker Zug zu neuen Ideen. Der Blick war nach Amerika gelenkt, von wo märchenhafte Berichte über die Entwicklung der Fabriken von Ford und andern nach Europa kamen. Ein Schlagwort der damaligen Zeit hieß: Interessengemeinschaft. Betriebe aller Art schlossen sich zusammen, um dadurch größere Vorteile herauszuwirtschaften. Auch wir schlossen eine Interessengemeinschaft, und zwar mit der Fa. J. Elsbach & Co. in Herford in Westfalen. Diese Firma hatte eine Wäschefabrikation in einer kleinen Provinzstadt unweit Hannover, und ein Vetter meines Vaters, Isidor Baruch, war Direktor und besaß auch eine kleinere Beteiligung. Da von den Herren Elsbach aber nur noch ein älterer Herr lebte, der keinen großen aktiven Anteil am Geschäft nahm, so konnte sich Baruch mit Recht als der eigentliche Leiter betrachten. Ein jüngerer Sohn eines verstorbenen Elsbach spielte erst später eine Rolle. Mein Vater und sein Vetter Baruch setzten sich also eines Tages zusammen, diskutierten die in der Luft liegenden Ideen über Gemeinschaftsführung von Geschäften und trafen sich in der Frage, ob nicht auch sie .....? Herford könne von der zentralen Berliner Lage, Berlin von den billigen Herforder Löhnen profitieren etc. Vorsichtig kam man sich Schritt für Schritt näher, denn trotz der nahen Verwandtschaft wusste doch keiner genau zahlenmäßig über den andern Bescheid. Schließlich kam der Moment, wo sich beide das Allerheiligste eröffneten. Ich sehe noch die Hand meines Vaters zittern, als er sein Geheimbuch öffnete und es Baruch zur Einsicht hinschob. Er stellte sich heraus, dass das Vermögen von Elsbach größer war, der dort das Geschäftshaus mit zum Geschäftsvermögen rechnete, was bei uns nicht der Fall war. Es trat eine Krisis ein. Baruch sprach von einem Verhältnis 3 : 5, mein Vater wollte aber nur als Gleichberechtigter mitgehen. Baruch verlangte, er solle das Geschäftshaus mit hineingeben, aber das wollte mein Vater nicht, ließ sich überhaupt nicht auf den Standpunkt drängen, dass das Kapitalverhältnis maßgebend sei, sondern pochte auf das, was man heute die dynamischen Kräfte nennen würde. Schließlich setzte er seinen Willen durch. Bei dem Abschluss des Vertrages gab es spaßige Szenen. Mein Vater und sein Vetter waren durchaus entgegengesetzte Typen. Baruch war ein kleiner untersetzter Mann mit einem gepflegten Bäuchlein, mit einer ungewöhnlich hässlichen Physiognomie. Er hatte eine nicht endenwollende Nase, die in sanftem Bogen bis an die gleichfalls herabhängende Unterlippe hing, er trug Brillengläser, die seinen Augen etwas Eulenhaftes gaben, – aber er war eine Seele von Mensch. Er war von zartestem Gemüt, besonders Frauen gegenüber und erschien nie bei meiner Mutter ohne eine Aufmerksamkeit. Überhaupt war meine Mutter ihm sehr zugetan, weil ein so zart besaiteter und aufmerksamer Mann so wohltuend gegen ihr Raubein von Ehegemahl abstach, und auch Baruch mochte sie gerne. Baruch hatte im Gegensatz zu meinem Vater, ein Privatleben, das er aufs innigste pflegte. Er hatte eine sehr feine und gebildete Frau, die leider früh starb und er spielte in seiner Familie die Rolle eines Paschas, in der er sich außerordentlich wohl fühlte. Er war von optimistischster Weltauffassung, von philisterhafter Behäbigkeit. Er aß und trank gern und gut, er überarbeitete sich nicht, obwohl er seine Pflichten nicht vernachlässigte, er hatte unausgesetzt private Telefongespräche zu führen, was mein Vater nicht ansehen konnte, ohne seine Laune zu verlieren, er sprach von allen Menschen nur Gutes, nie erwähnte er jemand, ohne den Beinamen „ein famoser Mensch“. Er hatte viele Eigenheiten, die ihn leicht lächerlich machten. Er litt etwas unter seinem Provinzlertum, das er durch ein Weltbürgertum, das ihm niemand glaubte, zu kompensieren suchte. „Gestern war ich in Amsterdam, heute bin ich in Berlin, morgen fahre ich nach Paris! Ja, ja, mein lieber Junge, wir leben nicht in Herford, wir leben in der Wö-elt!!“ Er war von triefender Gefühlsseligkeit, liebte erbauliche Reden, vertrat in Herford mitunter den Rabbiner und hatte schon Brautpaare getraut, und etwas von dieser Stimmung war ständig in seinem Wesen. Aber er war ein herzensguter Mensch, ein treuer hilfsbereiter Freund, auf den man sich felsenfest verlassen konnte. Wenn er noch lebte, so wären wir nicht ohne Hilfe. Es gab aber keine größeren Gegensätze als ihn und meinen Vater. Mein Vater war draufgängerisch, kurz angebunden, liebte nicht viele Worte, Baruch war vorsichtig, weitschweifig und fand kein Ende mit Reden. Seine Art zu sprechen wurde noch besonders retardierend dadurch, dass er nach jedem Satz die gemächlich gesprochenen Worte einfügte: „Versteh mich recht“, auch dort wo gar keine Gefahr und gar keine Möglichkeit eines Missverständnisses vorlag. Nun hatten wir bei den Verhandlungen einen vielbeschäftigten Anwalt, einen Syndicus der Osram-Werke, so eine richtige deutsche Reserveleutnant Figur, der seine Sätze mit virtuosenhafter Schnelligkeit herausstieß. Wenn er irgendeinen Paragraphen vorlas, so hörte es sich an, als ob eine Giftschlange zischte. Ebenso rasch wie im Sprechen, war er aber auch im Denken und Begreifen. Nun stelle Dir vor: den kleinen umständlichen Baruch, der mit öliger Stimme Phrase an Phrase reihte, ohne von der Stelle zu kommen und den hageren Anwalt, die personifizierte Ungeduld und Schlagfertigkeit. „Ich möchte hier doch zu bedenken geben, obwohl mein Vetter ein famoser Mensch ist, verstehen Sie mich recht, Herr Notar ...“ „Ich v’stehe, ich v’stehe, schnarrte der Rechtsanwalt. Es war wirklich komisch für einen, der Sinn für Humor hat. Schließlich kam der Vertrag zustande, aber in der Zusammenarbeit machten sich die Charaktergegensätze erst recht geltend. Baruch kam mit einem Stab von Leuten; da war der famose Buchhalter und der famose Einkäufer, alles so famose Menschen, dass wir ihnen nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen hatten. Die famosen Menschen hatten an allem etwas auszusetzen. Keine Frage, dass in Herford alles viel besser eingerichtet war und am liebsten hätten sie bei uns alles nach ihrem Rezept umgemodelt. Es ist merkwürdig, wie Angestellte die Art des Chefs annehmen, oder die Chefs wählen unbewusst die ihnen ähnlichen Charaktere. Herold hatte die kurz angebundene Art meines Vaters. Bei uns wurde laut geschrien, schon wegen der Schwerhörigkeit meines Vaters, es gab keine Geheimnisse, keine abgeschlossenen Kontore, alles war offen und ging öffentlich vor sich. Die famosen Menschen waren Leisetreter, mit empfindlichen und leicht gekränkten Gemütern, sie waren gewohnt, jeder sein eigenes Büro zu haben. Bei uns konnte jeder Angestellte jederzeit ohne anzuklopfen ins Privatbüro eintreten, die Herforder Herren liebten es nicht, gestört zu werden und pflegten ein umständliches Anmelde-Zeremoniell. Es sollte nun eine Verkaufs-Abteilung für Elsbach bei uns eingerichtet werden. Ja, aber so wie das bei uns aussah, konnte es natürlich nicht bleiben. Da fielen ja die Kunden direkt mit der Tür in den Laden, und die Ware, die lag ganz plebejisch offen auf den Tischen – so gewöhnlich sähe das aus. In Herford war das alles so famos. Wenn der Kunde in den Verkaufsraum kam, so sah er gar nichts. Alle Muster lagen fein säuberlich versteckt in Glaskästen, damit ja nicht ein Kunde etwas zu sehen bekäme, was der famose Verkaufsleiter ihm nicht zeigen wollte. Man war schon etwas resigniert und schraubte seine Ansprüche herunter, aber das mit der Tür konnte auf keinen Fall so bleiben, da müsste ein Empfangsraum abgetrennt werden als Übergang zum Laden. Da wurde es uns aber doch zu dumm, den schönen übersichtlichen Laden in Kabinette zu zerteilen. Wir weigerten uns entschieden, und verwiesen die Wäsche-Abteilung nach dem 1. Stock, wo Glaskästen standen, in denen die grobe Hemdentuch-Wäsche mit billigen Stickereien würdig untergebracht werden konnte. Grollend zogen sich die vor den Kopf gestoßenen Herren zurück, und nie trat ein freundschaftliches Verhältnis ein. Auch mein Vater konnte es nicht unterlassen zu sticheln. Wenn er einkaufte, so ging es eins, zwei, drei. Ein Blick auf ein Muster und es war gewählt oder verworfen. Lange daran herumdeuteln gab es nicht. Aber der famose Einkäufer von Elsbach, der setzte sich 3 Tage nach Plauen, um Stickereien einzukaufen. Und hatte das Muster des Fabrikanten einen Kreis, so sagte er ein Viereck wäre viel schöner und der Fabrikant musste ein neues Muster mit einem Viereck anfertigen. Hatte der Fabrikant aber Vierecke gemustert, so ließ er Kreise einsetzen. Dann sagte der Einkäufer, er entwerfe selber die Muster und schreibe sie dem Fabrikanten vor. So maliziös sah wenigstens mein Vater seine Tätigkeit an. Die Interessen-Gemeinschaft funktionierte nicht gut, denn die Interessen lagen nicht gemeinsam. Versuche, gemeinsame Reisende zu beschäftigen, misslangen. Die aus der Fa. Kass hervorgehenden konnten sich mit der Elsbach-Collektion nicht befreunden und die aus Elsbach stammenden hatten die schlechteste Meinung von Kass. Bei alledem blieb aber das persönliche Verhältnis zwischen uns und Baruch ein ungetrübtes und hielt auch weit über das Ende der I.G. hinaus. Dieses Ende sollte bald kommen, und zwar durch ein plötzliches Ereignis. Es wäre aber auch sonst gekommen. Es wurde nämlich plötzlich bekannt, dass die Majorität von Elsbach in die Hände eines Großindustriellen übergegangen war. Das war hinter dem Rücken von Baruch geschehen auf Betreiben des jungen Elsbach, den Baruch nicht schnell genug hatte hochkommen lassen und der Baruch nun auf diese Weise herausdrängeln wollte. Unser Interesse war ganz auf die Person von Baruch aufgebaut, so dass dieses Ereignis für uns ein dringender Anlass war, die Interessen-Gemeinschaft so schnell wie möglich aufzulösen. Das war aber gar nicht so einfach. Nun nahte die erste General-Versammlung, bei der die Bilanzen zusammengerechnet, d.h. die Gewinne oder Verluste geteilt werden sollten. Sie fand in Hannover statt. Mein Vater reiste dorthin und brachte das Kunststück fertig. Er wusste, wie er seine Pappenheimer zu nehmen hatte. Er sprach erst lange über die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit, über enttäuschte Hoffnungen, dann ließ er durchblicken, dass in seiner Firma ein größerer Verlust zu erwarten sei und wie peinlich es ihm sei, Elsbach zuzumuten, diesen Verlust mitzutragen und dass er daher das Anerbieten mache, den Vertrag zu lösen. Nachdem er so den Boden bereitet und die Gemüter in ihrem empfindlichsten Punkt geängstigt hatte, schlug er an die gefühlsmäßige Seite und ging, was er so gut verstand, vom Ernst zum Humor über. Er sagte, in einer Interessen-Gemeinschaft gäbe es, wie in einer Ehe, nur zwei glückliche Tage: der Tag, an dem sie geschlossen und der Tag, an dem sie gelöst würde. Da sie nun das Glück gehabt hätten, den ersten Tag zu feiern, sollten sie sich auch das Glück des zweiten Tages gönnen. Kurz und gut, der Vertrag wurde in aller Freundschaft gelöst und mein Vater telegrafierte, in Anlehnung an ein altes Hochzeitsgedicht: „endlich allein, mein süßes Lieb“. Baruch aber musste bald ausscheiden, hatte aber die Geschicklichkeit, noch vorher seinen Anteil vorteilhaft zu verkaufen und siedelte nach Berlin über, wo er sich der Pflege seiner Söhne und noch mehr seiner famosen Schwiegertöchter widmete. Einige Jahre später starb er an Beschwerden, mit deren ausführlicher Beschreibung er zahlreiche Mitmenschen geehrt und gelangweilt hat. Aber über alle zum Lächeln reizenden Eigenheiten hinweg werde ich ihm immer ein gutes Andenken bewahren, denn in seiner komischen Hülle steckte ein lauteres und menschliches Herz.

 

8/8 Ich kehre jetzt wieder an den Zeitpunkt zurück, an dem die Inflation durch Stabilisierung der Mark aufgehoben wurde. Ich weiß wohl, dass ich etwas sprunghaft schildere, aber ich kann mir, außer im Kopf, gar keine Notizen machen, da ich als Schreibmaterial nur diese Hefte habe, und darunter leidet ein geordneter Aufbau meiner Darstellung. Aber es ist wohl nicht so schlimm. – Wie die Geister mit dem Glockenschlage Eins, so verschwanden mit der Stabilisierung die 9- & 12-stelligen Ziffern und die Papiermark-Millionäre & Milliardäre waren wieder arme Leute. Manch einer wachte wie aus einem Traum auf und zupfte sich an der Nase. Aber viele waren auch reich geworden, andere hatten ihr Vermögen erhalten, und im Geschäftsleben trat eine ganz unerwartete Reaktion ein. Man konnte sich nur schwer an die kleinen Zahlen, an das Rechnen mit Pfennigen gewöhnen. All die großzügigen Handelsfürsten, die gewohnt waren, mit den Hunderttausendern nur so um sich zu werfen, sollten plötzlich wieder um lächerliche Groschen schachern. Das brachten sie schwer fertig. Alles erschien billig, Differenzen von 20, 30 Pfg spielten gar keine Rolle. In Wirklichkeit aber war das stabilisierte Preisniveau brandteuer. Aber die Freude, wieder in kleinen Werten denken zu können, vor allem in Werten, die sich nicht täglich verändern, sondern – man denke, welches Wunder! – stabil blieben, eine Grundlage, auf die man sich verlassen konnte – diese Freude ließ den Gedanken gar nicht aufkommen, dass diese kleinen bescheidenen Preise ganz tückische und in Wirklichkeit aufgeblasene Biester sein könnten, in denen die Quelle gewaltiger Verluste liegen könne. Jedermann kaufte ohne Sorge, und wie man sich früher an den großen Zahlen berauschte, so jetzt an den kleinen. Der Verkäufer rechnete nicht, d.h. er rechnete nicht scharf, und der Käufer rechnete auch nicht, d.h. er handelte nicht und zwang daher den Verkäufer nicht, scharf zu rechnen. Mit dem Eintritt der Geldstabilität nistete sich die Idee einer allgemeinen Stabilität ein. Da das schwankende Geld stabil geworden war, glaubte man, dass überhaupt die ganzen Verhältnisse wieder stabil und zuverlässig geworden seien. Aber eines Tages kam der Krach – und wer sein Geld nicht in der Inflation verloren hatte, der verlor es in der Deflation. So nannte man die Bewegung, die den Abbau der vermeintlich „kleinen“, in der Wirklichkeit aber weit über Weltmarkpreis liegenden neuen Goldmarkpreise in jahrelang andauernden Krise erzwang. Ehe ich aber davon erzähle, muss ich 2 wichtige Ereignisse berichten: den Austritt meines Onkels PC aus dem Geschäft und den Eintritt meines Schwagers Schottlaender in Geschäft und Familie. Ich beginne mit PC, weil dessen Geschichte zu einem vorläufigen Abschluss kommt, während die des Sch. erst beginnt und sich bis in diese Tage erstreckt. Über die Streitigkeiten zwischen meinem Vater & PC habe ich schon berichtet, dagegen habe ich, glaube ich, noch nicht erwähnt, welche Rolle ich darin spielte. PC behauptete nämlich stets, er sei um meinetwillen verdrängt worden und nur, weil mein Vater in mir seinen Nachfolger sähe, werde er jetzt zum alten Eisen geworfen. Früher sei er der gute Socius gewesen, der 10 Jahre lang mit meinem Vater in ungetrübter Harmonie gearbeitet habe, aber mit dem Moment, wo ich auf der Bildfläche erschienen sei, habe er zurückstehen müssen, seine früheren Verdienste seien vergessen gewesen und nichts, was er tat, sei mehr recht gewesen. Er schob mir gar keine Schuld an dieser Entwicklung zu, sondern stellte sie nur als eine Tatsache fest. Es lässt sich nicht leugnen, dass er mindestens zeitlich nicht ganz unrecht hatte. Mein Vater datierte zwar den Beginn der Zerwürfnisse schon vor dem Zeitpunkt meiner Rückkehr aus England, nämlich von dem Moment seiner Wildbader Kur an, aber den richtig bösartigen Charakter nahmen die Zänkereien tatsächlich erst nach meinem Eintritt an. Mein Vater war eben früher doch noch mehr darauf angewiesen, sich mit meinem Onkel zu vertragen, während er jetzt ganz unbewusst in mir einen Rückhalt fühlte, und mit dem Wachsen des jungen Zweiges den morschen alten Ast abhieb. Ich erinnere mich auch, dass schon wenige Monate nach meinem Eintritt PC in eifersüchtiger Wut schrie, er lasse sich nicht als fünftes Rad am Wagen behandeln. Ich muss zugeben, dass ich nicht viel getan habe, um das Auseinanderfallen der Beiden aufzuhalten. Es wäre vielleicht klüger von mir gewesen zu vermitteln, aber ich bewunderte meinen Vater, nahm uneingeschränkt Partei für ihn und PC war mir unsympathisch. Seine Dummheit, Aufgeblasenheit und Rohheit stießen mich ab und obwohl er sich nicht direkt feindselig gegen mich einstellte und ich ihn auch nicht direkt bekämpfte, kam ich mit der Zeit immer mehr zu ihm in Gegensatz und bildete eine kompakte Front mit meinem Vater gegen ihn. Einmal, als ich nach einem Streit einzuwirken suchte, äußerte sich PC beleidigend über meinen Vater, ich geriet in Wut, verlor den Kopf und es kam zwischen uns zu Tätlichkeiten. Wenn dieser Vorfall auch nicht gerade ausschlaggebend war (mein Vater freute sich übrigens diebisch, dass ich PC eine geklebt hatte), so waren die Verhältnisse doch unhaltbar geworden. Die Versöhnungen offenbarten immer mehr ihren sporadischen Charakter und die Friedenspausen wurden immer kürzer, der Kriegszustand immer mehr ein dauernder. Die Situation drängte nach einer radikalen Lösung. Es ist eigenartig, dass der Gedanke einer dauernden Trennung zum ersten Mal kurz nach dem Tode meiner Mutter nicht mehr als bloßer Wunsch, sondern als eine Möglichkeit, die verwirklicht werden könnte, in Erwägung gezogen wurde. Ich habe schon so oft feststellen können, dass Menschen durch ihr bloßes Dasein Bindungen stiften und halten, von denen sie gar nichts wissen. So hatte auch die stille und unscheinbare Frau, die im Leben so wenig auf eingreifende Wirkungen ausging, durch ihre bloße Existenz ein an sich schon lange unhaltbares Verhältnis noch gebunden, das sich sofort zersetzte, als sie nicht mehr auf der Erde weilte. Merkwürdig ist ferner, dass der äußere Anstoß zur Trennung nicht von meinem Vater, sondern von PC ausging. PC’s Reaktion war bisher stets ein wütendes Um-sich-schlagen mit anschließender Apathie gewesen. Seine Schläge trafen meinen Vater manchmal empfindlich, besonders wenn PC ihn als Fluch seines Lebens oder so ähnlich bezeichnete, während mein Vater sich doch trotz aller Feindschaft für den Wohltäter von PC hielt, der ihm zu Wohlstand, Ansehen, ja selbst zur Familie verholfen hatte. PC hielt das alles für den wohlverdienten Lohn seiner Tätigkeit, fühlte sich keineswegs mehr in Dankesschuld und schleuderte seine Steine mit der selbstverständlichen Überzeugung des im Recht Befindlichen. Mein Vater wiederum war so von der Ungeheuerlichkeit des schnöden Undanks von PC wie von dessen Selbstsicherheit überwältigt, dass er ihn mit einem Pferd verglich, das stumpf und unbeweglich dasteht, plötzlich aus Gründen, über die es selbst keine Rechenschaft geben kann, hinten ausschlägt, dabei dem Fuhrmann den Schädel zertrümmert oder sonst ein Unheil anrichtet, dann aber wieder ebenso stumpf & bewegungslos dasteht wie vorher, ohne zu wissen, was es für ein entsetzliches Unglück verursacht habe. Aber mit der Zeit bäumte sich PC’s Mannesehre doch auf und er verrannte sich in eine komische Idee. Er strengte nämlich plötzlich eine Klage gegen die Firma an. Und zwar klagte er auf Auflösung der Firma, weil er als Minoritätspartner in einer Weise vergewaltigt werde, die seine Interessen schwer schädige, sodass ihm die Fortsetzung des Societätsverhältnisses nicht länger zugemutet werden könne. Im Gesetz gibt es tatsächlich einen Paragraphen, der, obwohl im Allgemeinen die Majorität entscheidet, die Minorität gegen grobe Ausnutzung oder Schmähung ihrer Rechte schützt. So könnte z.B. die Majorität niemals beschließen, dass die Minorität vom Gewinn ausgeschlossen würde, oder ähnliches. Gegen solchen groben Missbrauch richtet sich der Minoritätsschutz des Gesetzes, natürlich aber nicht gegen den Zank zweier Partner, die sich nicht vertragen können. Um ein seit 30 Jahren bestehendes, nicht nur angesehenes, sondern als führend geltendes Geschäft auflösen zu wollen (wohl verstanden vonseiten der Minderheit), um nur den Versuch zu wagen, um eine selbst nur fadenscheinige Begründung zu konstruieren, musste natürlich einiges Gift und Galle speiendes Material aufgefahren werden. Und solches Material enthielt die Klage. Sie wirkte auf meinen Vater wie das rote Tuch auf den Stier. Was ihn zu allererst aufbrachte, war die Tatsache, dass PC sich ausgerechnet den Anwalt genommen hatte, der die Firma, und das hieß ja in allererster Linie meinen Vater, seit mehr als 20 Jahren vertreten hatte. Es war eine große Taktlosigkeit und Undankbarkeit, die meinen Vater mit Recht verletzte, aber der Notar war älter, aber nicht reicher geworden, denn die Anwälte konnten ihr Vermögen in der Inflation schlechter erhalten als die Kaufleute, auch war er in den letzten Jahren weniger beschäftigt worden, denn da die Geschäfte während der Inflation von selbst gingen, brauchte man auch keine Prozesse. Als daher PC sich an ihn wandte, wollte er sich den fetten Bissen nicht entgehen lassen und opferte dem Mammon die Freundschaft, indem er als Gegner seines bisherigen Brotgebers auftrat und sich in erdenklicher Weise bemühte, ihn zu beschimpfen und herabzusetzen. Nicht gerade schön von Herrn Justizrat, aber wenn’s ans Geld geht, ist der Mensch schwach! Es ist ja klar, dass die im Grunde doch recht inhaltslosen Zänkereien nur die Beigabe der Klage, sozusagen die Garnierung des Bratens, sein konnten, dass aber als Kernstück ein massiver Brocken gefunden werden musste. Nachdem also mein Vater als ein schwerhöriger, schwachsinniger, aber eigensinniger und tyrannischer Greis, ich als ein unfähiger, überheblicher Tunichtgut geschildert worden waren, kam der Trumpf, dass einer solchen Geschäftsführung die Verwaltung des PC’schen Vermögensanteils nicht länger anvertraut werden könne, weshalb zum Schutze seiner Interessen die Auflösung der Firma geboten sei. Du kannst Dir die Wirkung auf meinen Vater denken, er, dem PC jahrelang aus Faulheit, aus Bequemlichkeit die Führung überlassen habe, ohne selbst daran teilzunehmen, wozu er doch verpflichtet gewesen wäre, – er dem der Aufstieg der Firma zu verdanken war, der Jahr für Jahr PC die fetten Dividenden als Resultat seiner Führung ausgezahlt habe, – er nicht fähig! Er zergliederte die Klage Satz für Satz, und zog das Gift in sich ein, zerriss ihn mit Spott und ätzender Ironie, studierte Gesetzbücher und Kommentare, aber – die Klage war nun einmal da und irgendetwas musste daraus folgen. Eine Reparatur des Risses war nicht mehr möglich, also musste der Weg der Auseinandersetzung bis zu Ende gegangen werden. Es war ja auch durchsichtig, dass PC die Klage weniger eingeleitet hatte, um sie durchzuführen, als um eine Auseinandersetzung in endgültiger Form zu erzwingen, für die er sich einen möglichst günstigen Standpunkt bereiten wollte. Es ist übrigens nicht sicher, dass das sein eigentliches Ziel war, es ist auch möglich, dass er noch glaubte, unter dem Druck der Klage ein für allemal eine Verbesserung seiner Stellung im Geschäft durchzusetzen und seinen Demütigungen einen Riegel vorzuschieben. Wie dem auch war, die Entwicklung drängte wenigstens zur endgültigen Trennung. Dem war vor allem die Beurteilung der Konjunktur günstig. Auch wir unterlagen der Illusion, dass die stabilisierte Lage eine sichere und die Zukunft gewährleistende Grundlage biete. Auch wir waren zu sehr gewohnt, in Quantitäten, d.h. in Waren zu denken, als dass wir die mit dem Ende der Inflation notwendig gewordene, aber nicht als notwendig erkannte Schwenkung zum Denken in Geld ruckartig vollziehen konnten. Ohne an das Risiko der Zukunft zu denken, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die neuen Rechnungswerte noch keine endgültigen, noch übersetzt sein könnten, nahmen wir die Tatsachen des Augenblicks als etwas Feststehendes, als eine Basis für eine dauernde Auseinandersetzung. Gemeinsame Freunde beider Familien erboten sich, den Familienstreit zu schlichten resp. den Weg für eine endgültige Regelung zu bahnen. PC verlangte eine runde Million. Mein Vater legte es nicht darauf an, ihn bis aufs Letzte zu drücken. Er wollte sich, schon mit Rücksicht auf meine Tante, nicht dem Vorwurf aussetzen, die Lage ausgenutzt zu haben. Trotz aller Hassgefühle mag eine letzte Hemmung in ihm bestanden haben, den Schwager aus dem Geschäft zu stoßen, denn das Geschäft, das war doch der Lebensbaum, und wer davon abgetrennt war, der war außerhalb, ganz draußen, zählte eigentlich nicht mehr mit. Es traf nicht nur die Stellung, nicht nur die wirtschaftliche Existenz, es traf (in der Vorstellung meines Vaters) in das Zentrum der menschlichen, der menschenwürdigen Existenz. Selbst als Besitzer einer Million wäre PC in seinen Augen Nichts, eine Null gewesen, während er als Teilhaber von BK, wenn auch gedemütigt, geschunden und unglücklich, ein regelrechtes Hundeleben führend, immer noch ein geachteter, ein Achtung beanspruchen dürfender Mann war. Aber die Verhandlungen nahmen einen langsamen und doch fortschreitenden Lauf. Eine Zeitlang spielte mein Vater mit dem Gedanken, PC eine ¾ Million in bar auf einen Schlag auszuzahlen, die er durch eine Hypothek auf sein Haus aufnehmen wollte. Aber bald verwarf er den Gedanken. Die Vorstellung, PC eine solche Riesensumme in die Hände zu geben, war ihm unerträglich; er fürchtete, er würde zum Gespött der Leute werden. Er wurde von dem Fantasiebild des bequem einem Wohlleben frönenden Privatiers PC verfolgt, der sich ins Fäustchen lachte, weil er den alten Kass übers Ohr gehauen hatte. Er konnte damals nicht wissen, dass es unter den Umständen das Klügste gewesen wäre, gar keine Auszahlung zu machen. Wie mein Vater meist in Extremen dachte, so auch hier. Er stellte die damals sehr hart anmutende Bedingung, den Betrag von einer ¾ Million Mark in 15 Jahresraten auszuzahlen. Das ergab zwar immer noch einen Jahresbeitrag von 5000.– Mk und die Zinsen. Aber PC, der gewohnt war, diesen Betrag in seinem Privatleben jährlich zu verbrauchen, hätte dann bei Fortführung der gleichen Lebensweise kein Kapital gehabt, um etwas Neues anzufangen und außerdem sein Vermögen allmählich aufgezehrt. Er sträubte sich mit Händen und Füßen, musste schließlich nachgeben, nicht ohne auf den Zwangsvertrag wie ein Rohrspatz zu schimpfen. Der Vertrag wurde ausgearbeitet, wobei, wie es immer mit Verträgen geht, alle Diskussionen von neuem begannen. Schließlich wurde die Generalversammlung einberufen, zu der alle Anteilseigner (auch meine Tante, meine Schwestern gehörten dazu) erscheinen mussten, Anwälte, der Notar, die vermittelnden Freunde waren anwesend und schließlich mussten sich mein Vater & PC, die sich geraume Zeit nicht mehr gesehen hatten, begegnen. Im letzten Augenblick stellte PC noch eine neue Bedingung, wenn ich recht erinnere, verlangte er die persönliche Garantie meines Vaters – und die mit soviel Aufwand einberufene Versammlung platzte nach 2 Minuten auseinander. PC verschwand mit hochrotem Kopf, mein Vater „schnallte ab“, d.h. er nahm seinen Hörapparat vom Kopf, was bei ihm das Zeichen war, dass er das letzte Wort gesprochen habe und nichts weiter zu hören wünsche, meine Tante weinte und die übrigen machten betretene Gesichter. Am nächsten Morgen, noch vor 8 Uhr schrillte das Telefon, PC war umgefallen, wenige Stunden später war der Vertrag unterschrieben. Die Aera PC im Hause Bernhard Kass war geschlossen, doch sollte noch ein Nachspiel von nicht zu unterschätzender Bedeutung folgen, das ich später, wenn es an die Reihe kommen wird, erzählen werde. Zunächst war PC draußen und mein Vater fühlte sich als Sieger. PC blieb eine Zeitlang Privatier – damit ohnehin ein Gegenstand der Nichtachtung für meinen Vater – dann eröffnete er zusammen mit jenem Reisenden, der sein Schützling gewesen war, eine Fabrikation für Damenmäntel, die nach kurzer Zeit die Zahlungen einstellen musste, wovon nicht ohne Schadenfreude Notiz genommen wurde. PC machte als stiller Teilhaber die Quote auf seine Kapitaleinlage geltend, was einen Entrüstungssturm der Gläubiger hervorrief, so dass er seinen Anspruch zurückziehen musste. Später betätigte er sich als Einkäufer für seine Essener Geschäftsfreunde und beteiligte sich an einer Kiesgrube, wo er wohl ebenfalls Verluste erlitt. Im übrigen ging es ihm aber nicht schlecht, da er halbjährlich seine Kapital- und Zinsraten einkassieren konnte und hiermit nehmen wir vorläufig von ihm Abschied. – Ich habe Dir so ausführlich von diesem an sich doch gar nicht so würdigen Kapitel des Familienstreits erzählt, weil sich später sehr ähnliche Verhältnisse mit anderer Personenbesetzung wiederholen sollten, wodurch die Vorgänge den Anstrich des Schicksalhaften, des sich notwendig wiederholenden Schicksals erhielten. Vielleicht aber flüchtet man sich vergeblich in eine solche Vorstellung, vielleicht sind es nur die selben Mängel der menschlichen Natur, die, durch Schaden nicht klug geworden, und in ihren Ursachen nicht bis in die Wurzel erkannt, dieselben Situationen herbeiführen mussten, weil die wirkenden Kräfte noch immer in der alten Bahn zirkulierten. Was man Schicksal nennt und dessen Quelle man außerhalb, irgendwo, vermutet, ist oft nur die eigene Torheit, deren Quelle man in sich selbst suchen sollte. – Während der eine Socius, der Schwager meines Vaters, im Gehen war, war der nächste Socius, mein Schwager, schon im Kommen. Ganz kurze Zeit waren sie gemeinsam im Geschäft, aber Sch., der Neuling, nahm noch keinen Anteil an den Ereignissen. Er war auf folgende Weise in die Familie gekommen: Als ich aus England zurückgekehrt war, fand ich meine Schwester Lena zu einem hübschen, frischen Mädchen von 16 -17 Jahren herangewachsen. Infolge Lockerung der Sitten in der Nachkriegszeit bestand ein recht freies Verhältnis zwischen Jünglingen und Mädchen, das seine guten aber auch seine schlechten Seiten hatte. Lena war mit einem jungen Mann befreundet, kaum älter als sie selber, der auf mich einen denkbar schlechten Eindruck machte. Es war ein Junge, ohne jeden sittlichen Halt, der sich über alles lustig machte, ein ausschweifendes Leben führte und mich schon rein äußerlich durch ein schiefes verkniffenes und unaufrichtiges Gesicht abstieß. Mein Eindruck ist später durch das, was ich von ihm erfuhr, weitgehendst bestätigt worden. Aber Lena war von ihm wie besessen, während er sie auf alle erdenkliche Weise quälte, nur ein Spiel mit ihr trieb und sie schließlich fallen ließ. In dem Kreis dieses jungen Mannes befand sich Sch., der sich mit ihr befreundete und dem sie von dem andern quasi zugeschoben wurde. Wenn ich Dir nun von ihm erzähle, so muss ich mich sehr bemühen, objektiv zu bleiben, denn diesem Menschen habe ich, haben wir alle zu 99% unsere jetzige Lage zu verdanken. Ich will trotzdem versuchen, ihn so zu schildern, wie er war, wie ich ihn gesehen habe, wie er auf mich wirkte, besonders in jener Zeit, wo ich ihn noch nicht so sah, wie er war. Sch. stammte aus einer Familie, die einen angesehenen Namen hatte. Der Vater war der Begründer der sehr bekannten Textil-Zeitschrift „Der Konfektionär“ und des Verlages L!Schottlaender. Es muss ein ideenreicher und unternehmungslustiger Mann gewesen sein, der im Leben vom Erfolg begünstigt war. Er war zweimal verheiratet, nein falsch, er heiratete eine Frau, die schon einmal verheiratet war und die eine Tochter in die Ehe brachte, die von ihm adoptiert wurde. Aus der Ehe gingen 2 Söhne hervor, von denen der jüngste eben jener Sch. war. Der Vater war nierenkrank und starb schon mit 43 Jahren. Da er wusste, dass er nicht lange zu leben hatte, machte er sich Sorgen um die Zukunft seiner Familie. Die Söhne waren noch unmündig, die Stieftochter zwar verheiratet, aber den Schwiegersohn schätzte er mit Recht nicht sehr hoch ein und wollte ihm das Geschäft nicht anvertrauen. Die Leitung einer Zeitschrift ist sehr von der Person des Leiters abhängig, und um seine Söhne allen Eventualitäten zu entziehen, verkaufte er seinen Verlag für die runde Summe von 1 Million Mark, mit der Bedingung, dass das Geld für seine Söhne in mündelsicheren Staatspapieren angelegt würde. Zum Verwalter setzte er seinen Schwiegersohn ein, für den er auch noch gesorgt hatte, indem er ihn bei dem Verkauf den neuen Erwerbern als Direktor angehängt hatte. Bald darauf starb er und nicht lange danach kam Krieg – Inflation etc. Die Staatspapiere fielen, der Schwiegersohn sah in seiner Dummheit ruhig zu, wobei er sich formal auf die Bestimmungen des Testaments berufen konnte und am Schluss der Inflationszeit, da war die schöne Million in Schall und Rauch aufgegangen. Die Mutter hatte sich bereits während der Inflationszeit das Leben genommen. Sie muss eine schwer pathologische Frau gewesen sein, die unter Angstvorstellungen gelitten hat. Sch. hatte seinen Vater vergöttert und seine Mutter gehasst. Von einem Verwandten habe ich später einmal gehört, der Vater sei nicht ganz so gut und die Mutter nicht ganz so schlecht gewesen, wie Sch. behauptete. Auf jeden Fall muss der Tod der Mutter einen starken Eindruck gemacht und, neben anderen Einflüssen, seine Standfestigkeit im Leben untergraben haben. Der Bruder war ein recht eigenartiger Mensch, es lassen sich kaum größere Gegensätze denken. Der Bruder war von klein an ein Musterknabe, immer der erste in der Schule, eine Leuchte in Griechisch und Latein und der Stolz aller Lehrer. Wahrscheinlich ist er dem andern solange als Beispiel unter die Nase gehalten worden, bis er sich gegen alles, was Ordnung, Fleiß, Anstand & Betragen hieß, aufgelehnt & gesperrt hat. Der Bruder hat später seinen Doktor als Alt-Philologe und Philosoph gemacht und lebte als Privatgelehrter. Er war ein ganz unbeugsamer und, man kann wohl eher sagen, verbohrter Charakter. Er besaß an sich gute Eigenschaften, trieb sie aber zu einem solchen Extrem, dass sie alles Menschliche verloren und unsinnig & unsympathisch wurden. Ich will gar nicht davon reden, dass er nach seiner Verlobung sofort zu seinem Schwiegervater, einem bekannten Psychologen, hinrannte und ihm erklärte, er wolle seine Tochter heiraten, fühle sich aber genötigt, ihm zu erklären, dass seine Bücher nichts taugten – das ist noch ganz amüsant, aber er konnte von geradezu aufdringlicher Aufrichtigkeit und Wahrheitsbesessenheit sein. Er hatte ein ziemlich bedeutendes Wissen, dozierte aber unaufhörlich, wusste übrigens selbst darum, denn er erklärte mir einmal, die Leute beklagten sich, seine Gesellschaft sei zu anstrengend, und daran war etwas Wahres; er wirkte ermüdend. Er lebte sehr einfach, in sehr beschränkten Verhältnissen, denn er machte keinerlei Konzessionen in seinen Arbeiten, um vielleicht einmal etwas zu übernehmen, was einen Verdienst gebracht hätte und hatte ein in seinen Kreisen ganz unübliches Gottvertrauen nach der Maxime: „Sorget nicht für den kommenden Tag. Sehet die Vögel etc.“ Er war verheiratet und seine Frau bekam jedes Jahr ein Kind, wobei er sich nicht die geringsten Gedanken machte, wie er seine Familie ernähren sollte. Seine Frau lief ihm eines Tages davon, er heiratete bald wieder und auch diese Ehe war Jahr für Jahr mit Kindern gesegnet. Er war aber nicht begabt genug, um sich soviel Züge eines Originals mit Geschmack leisten zu können, und obwohl ich ihn schätzte und sogar eine Zeitlang Philosophie mit ihm getrieben habe, wurde ich bei ihm nicht recht warm. Immerhin kann man seine Art kaum anders schildern als durch eine große Anzahl lobender Adjektive. Wenn man nun für alle diese das Gegenteil einsetzt, so treffen sie alle auf den jüngeren Bruder, unserem Sch. zu, ohne dass damit schon sein Wesen gezeichnet wäre. Die Entwicklungszeit von Sch. fiel in die Inflationsjahre und an ihm wurde so recht der verheerende Einfluss jener haltlosen Zeit deutlich. Er war in ureigenstem Sinne das, was man eine Inflationsblüte nannte, d.h. ein Mensch von Intelligenz & Fähigkeiten, aber ohne Fond, ohne Boden. Auf der Schule führte er mit seinen Kameraden ein Lotterleben. Alles war ja damals unregelmäßig. Die Lehrer im Dienst, schlechte Vertreter, Ferien wegen Siegesfeiern, Ferien wegen Lehrermangel etc. In der Freizeit trieben sich die Jünglinge auf der Straße herum, machten schlechte Bekanntschaften, spekulierten an der Börse, gewannen heute und verloren morgen, hatten heute nichts zu essen und besuchten morgen Luxuslokale; sie sahen, dass Arbeit vergebens, Sparen umsonst ist, dass man den Augenblick genießen und das Glück beim Schopfe fassen müsse. Sie stürzten sich in den Taumel, sie sparten sich nichts auf, sie warteten auf keine Reife, sie wollten leben, erleben, mitmachen, das Leben auskosten. Bei alledem erreichten sie nichts, als dass sie frühe Greise wurden, betrogen um ihre Jugend, betrogen um den wahren Lebensgenuss, ausgelebt bevor sie angefangen hatten zu leben und als Gewinn nichts als ein bisschen Routine. Auf diese waren sie aber gewaltig stolz und taten, als seien sie allen übrigen Menschen weit überlegen. Sch. fühlte sich in dieser Zeit so wohl wie ein Fisch im Wasser, er war in seinem Element. Ehrliche Arbeit war außer Kurs, zielbewusste, stetige Arbeit eine Sinnlosigkeit; dagegen genügte eine lebendige Intelligenz, ein rasches Erfassen der Situation und ein ebenso rasches Zugreifen, um sich von einem Augenblick zum andern weiterzutreiben. Erfolge wurden leicht genossen, Rückschläge leicht überwunden, alles in der Laune eines Spielers, der heute gewinnt und morgen verliert, übermorgen aber seinen Verlust wieder einholt und im Wechselspiel des Zufalls im Durchschnitt doch im Gewinnen ist, denn er fühlt sich von einer Glückssträhne getragen, er hat es in den Fingerspitzen, dass die rollende Kugel ihm gewogen ist und daher lebt er sorglos in den Tag und kostet den Tiefpunkt des Spiels nicht weniger aus als die Höhepunkte. Sch. hat nie aufgehört, diese Zeit zu lieben und im Grunde hat er später immer so gehandelt, als ob sie noch bestände. Unermüdlich erzählte er Anekdoten aus diesen Jahren, die er von Mal zu Mal mehr ausschmückte, um den Effekt, auf den es ihm ankam, zu steigern. Nie hat er aufgehört, sich zu rühmen, dass er als Sekundaner die Kasse der Schulbibliothek, die ihm anvertraut war, unterschlug. Solche Entgleisungen kommen zwar bei jungen Menschen vor und bedeuten nicht unter allen Umständen ein Unglück, aber es dürfte selten sein, dass sich ein Mann in reifen Jahren nicht solcher Taten schämt. – Ich hatte Sch. vor seiner Verlobung mit meiner Schwester nur ein einziges Mal gesehen. Er war ein bleicher schlanker Mensch mit schwarzem Haar und einem müden, morbiden, verweichlichten Gesichtsausdruck und mir durchaus unsympathisch. Ich übertrug die Abneigung, die ich gegen seinen Vorgänger in der Zuneigung zu meiner Schwester hatte, ohne weiteres auf ihn und mied den ganzen Kreis ebenso wie dieser auch mich mied. Eines Abends nun eröffnete mir Lena, dass sie sich mit Sch. zu verheiraten gedenke. Ich war alles andere als erbaut von dieser Nachricht, hatte es aber schon lange aufgegeben, obwohl ich sonst sehr großen Einfluss auf sie hatte, sie aus dieser Gesellschaft herauszuziehen. Es war das Einzige, worin ich sie nicht lenken konnte. Ich stand zu gut zu ihr, um ihren Wünschen ernstlichen Widerstand entgegenzusetzen, schließlich sagte ich ihr auch, dass sie es ja sei, die ihn heirate und nicht ich, und dass sie wissen müsse, was sie täte. Wie jeder Mensch in ihrer Lage, behauptete sie natürlich mit großer Sicherheit, das zu wissen. Da Sch. noch sehr jung war, kaum älter als Lena, ganz vermögenslos, ohne Stellung und außerdem bei meinem Vater nicht beliebt war, so war ein großer Widerstand zu erwarten. Wir besprachen nun, was denn nun eigentlich werden solle und Lena erzählte mir, Sch. stünde mit einer Konfektionsfirma, einem sehr bekannten und großen Geschäft, in Verhandlung; er solle dort als Stütze des Chefs eintreten. Nachdem er nun sich mit ihr verloben wolle, habe er Bedenken, die Stelle anzutreten, ohne den Inhabern davon Mitteilung zu machen. Andererseits würde diese Mitteilung ihm aber sicherlich die Stelle kosten, da es kaum wahrscheinlich sei, dass die Inhaber sich den Schwiegersohn eines Konkurrenten als Laus in den Pelz setzen würden. Ein gütiges Geschick hat diese Firma bewahrt! Ich müsste Sch. nicht kennen gelernt haben, wenn die Geschichte, an der allerdings etwas daran war, nicht sehr geschickt aufgebauscht war, um die zutage liegende Konsequenz daraus springen zu lassen, dass aus dieser Situation ein Anspruch auf Eintritt in unser Geschäft entstünde! Denn was sagte diese Geschichte? 1) Um mich, Sch., bewirbt sich eine sehr angesehene Firma; also muss ich Fähigkeiten haben. 2) Ich soll die Stütze des Chefs werden, der kinderlose Inhaber hat mich zum Nachfolger ausersehen, also bin ich zu einer leitenden Stellung befähigt. 3) Wenn ich diese große Lebenschance durch die Verlobung verliere, so seid ihr verpflichtet, mir ein Äquivalent zu geben. 4) Wenn ihr das tut, so habt ihr noch obendrein einen großen Coup getan, denn ihr gewinnt nicht nur einen tüchtigen Mitarbeiter, sondern schnappt noch der Konkurrenz den Nachfolger in spe weg. – So war die in aller Bescheidenheit vorgetragene Geschichte „gedreht“. Es war durchaus nicht reiner Schwindel, er stand wirklich mit der Firma in Verhandlung, es war dort wirklich eine gewisse Neigung vorhanden, ihn aufzunehmen, aber mit allen Vorbehalten für die Zukunft. Hier zeigte sich zum erstenmal das biegsame Talent von Sch., wahre, aber meist geringfügige Umstände so auszuschlachten, dass sie von großer Tragweite schienen und sich ein Maximum von Nutzen für ihn daraus ergab. Ich fiel glatt auf den Schwindel rein und versprach Lena, ihr zu helfen. Da ich sie gern hatte, machte ich ihre Sache zu meiner eigenen und überwand meine Widerstände. Allerdings war mir nicht ganz wohl dabei und in prophetischer Voraussicht sagte ich zu ihr: „Na, Lena, hoffentlich werde ich nicht derjenige sein, der die Geschichte auszufressen hat.“ Ich hatte auch die undankbare Aufgabe übernommen, die Nachricht meinem Vater schonend beizubringen. Als Ort wählte ich das Geschäft, um ihm Zeit zu geben, sich in Ruhe zu fassen und um seinen ersten Zorn abzufangen. Als ich ihm die Mitteilung machte, wurde er leichenblass und war so starr, dass er gar nichts sagen konnte. Schließlich brachte er fast tonlos die Worte hervor: „Was! Diesen Idioten!?“ Dann schnallte er den Hörapparat ab, schlug sich vor den Kopf, stand auf und ging aus dem Zimmer. Er war tief erschüttert. Der Grund lag darin, dass Lena von allen Kindern der Liebling der Eltern war. Ilse? Nun ja, Ilse war geachtet, sogar sehr geachtet; mein Vater hat vor sehr vielen Jahren einmal gesagt, wenn er in Not käme, so glaube er, sich am meisten auf Ilse verlassen zu können, und er hat Recht damit behalten. Aber Ilse stand im Schatten, man war recht froh, sie unter die Haube gebracht zu haben. Hanna? Sie war wohl klein, zählte noch nicht so recht mit und zeigte schon etwas selbstsüchtige Züge. Meine Mutter sagte einmal im Unmut von ihr, sie sei nur freundlich, wenn es ums Portemonnaie ging. Das war zwar nicht die Grundeinstellung meiner Mutter, die wie jede Mutter alle ihre Kinder unter ihren Flügeln hielt. Aber Lena war sozusagen der Sonnenschein. Sie galt als hübsch, liebenswürdig, war überall beliebt und es galt als stillschweigend ausgemacht, dass sie einmal eine „große Partie“ machen würde. Wäre ein Prinz gekommen, so hätte meine Großmutter das nur in der Ordnung gefunden. Gertrud hat oft drauf aufmerksam gemacht, welche Schäden eine solche Vergötterung anrichtet. Lena hat stets etwas Primadonnenhaftes in ihrem Wesen behalten, Gertrud nennt sie eine Diva. Dies nur nebenbei. Natürlich war Sch. geradezu die Verkörperung der Kehrseite aller Wünsche und Träume. Abgesehen davon, dass er „nichts hatte und nichts war“, hatte er auf meinen Vater, der ihn nur flüchtig kannte, einen denkbar ungünstigen Eindruck gemacht. Er hielt ihn für weichlich und kraftlos und das war das Schlimmste, was man in seiner Ideologie von einem Mann sagen konnte. Sch. hatte sich dieses Charakter-Urteil meines Vaters durch eine kleine Eigenheit zugezogen. Wenn er die Hand gab, so tat er dies auf eine „waschlappige“ Art, d.h. er fasste die Hand des Andern nicht fest und drückte sie nicht auf normale Weise, sondern gab sie auf eine weiche, schlappe, saft- und kraftlose Weise, die mein Vater auf den Tod nicht ausstehen konnte. Ich muss auch sagen, dass diese Art, die Hand zu geben, die manche Menschen zur Gewohnheit haben, mir auch äußerst zuwider ist, man hat das Gefühl, als lege sich ein Stück faules, schwammiges Fleisch in seine Hand. Mein Vater schloss absolut von dieser Geste auf den ganzen Menschen. Du kannst Dir nun ungefähr die Wirkung meiner Mitteilung vorstellen. Wie schwer die Nachricht in ihm arbeitete, sah ich daran, dass er nicht in Wut losbrach. Er konnte es sonst nicht aushalten, eine Missstimmung bei sich zu tragen. Sie musste abreagiert werden, und meist war ein Objekt zur Hand, das als Blitzableiter dienen konnte. Diesmal war er aber zu tief getroffen und hüllte sich in Grabesschweigen. Nur aufgeregt lief er hin und her. Wir gingen zusammen aus dem Geschäft und fuhren mit der Straßenbahn nach Hause, nach Wannsee, ein Fahrt von fast einer Stunde. Noch immer schwieg er, was mir in der Stadtbahn ganz lieb war. Wenn auch das Geräusch des fahrenden Zuges seine Worte meist deckte, so konnte man doch nicht wissen, denn seine Schwerhörigkeit hinderte ihn, die Tonstärke seiner Stimme je nach dem Lärm der Umgebung zu heben oder zu senken, so dass er in öffentlicher Umgebung meist entweder zu leise oder zu laut sprach. Und richtig – der Zug hielt gerade auf einer Station, das Ein- und Aussteigen war schon beendet, das Coupé war voll besetzt, man wartete jede Sekunde auf die Weiterfahrt, und wie manchmal in solcher Situation, war zufällig das allgemeine Gemurmel verstummt und eine Totenstille eingetreten. Da arbeitete es gewaltig im Gesicht meines Vaters, mich überlief in trüber Vorahnung eine Gänsehaut, und mit Stentorstimme, für jedermann deutlich vernehmbar, brach es aus ihm heraus: „Hochzeit können sie ohne mich machen!“ Große Heiterkeit auf allen Gesichtern, ich wäre am liebsten in die Erde gesunken. Natürlich konnte ich nichts erwidern, was hätte ich auch sagen sollen, und war nur froh, als die peinliche Fahrt ohne weiteren Zwischenfall zu Ende war. Inzwischen hatte sich Lena zu Hause meiner Mutter eröffnet. Diese, obwohl selbst in ihren Erwartungen enttäuscht, hatte nur den einen Gedanken, was wird Vater sagen? In diesem Gedanken zitterte sie und ich glaube, sie hatte beinahe mehr Angst als Lena. Nun geschah noch etwas Komisches. Die Unterredung zwischen Lena und meiner Mutter hatte in der Frühe stattgefunden und anschließend fuhr meine Mutter in die Stadt, um Einkäufe zu machen, das Herz schwer mit Angst geladen. Nun war sie wohl schon einige hunderte Male in die Stadt gefahren und noch nie hatten ihre Wege die von Sch. gekreuzt. Ausgerechnet an diesem Morgen aber liefen sich die beiden in die Arme. Meine Mutter bekam einen Todesschreck, wie sie selbst erzählte. Sie wusste doch noch gar nicht, wie sie sich verhalten sollte, sie hatte doch meinen Vater noch nicht gesprochen. Sollte sie Sch. als Schwiegersohn begrüßen, was er doch war oder zu werden im Begriff stand? Aber vielleicht wäre mein Vater damit nicht einverstanden. Ignorieren konnte sie ihn doch auch nicht? Blutübergossen und voll Angst, als wäre sie und nicht jener der unerwünschte Schwiegersohn zog sie sich in großer Verlegenheit aus der Affäre, ganz aufgeregt über das Unglück, das ihr zugestoßen war. Als aber mein Vater kam, hatte sie sich schon einigermaßen gefasst und ich glaube wohl einen Pakt mit Lena geschlossen. Wenigstens hatte sie ihr Einverständnis gegeben, wenn nur mein Vater einverstanden wäre. Und nun fing sie auf eine weiblich ganz geschickte Art an, den armen Alten zu bearbeiten. Du kennst ihn doch noch gar nicht“, sagte sie, „wenn Lena ihn gern hat, dann ist er vielleicht ein ganz netter und tüchtiger junger Mann! Schau ihn Dir doch erst einmal an!“ Da bei meinem Vater das Wetter sehr schnell umschlug, so verging keine Viertelstunde und er sagte, man solle den jungen Mann kommen lassen, er wolle sich seinen „Herrn Schwiegersohn“ mal ansehen. Das war ein günstiges Omen und Lena rief ihn voller Freude herbei. Sie holte ihn von Bahnhof ab und gab ihm noch schnell Verhaltensmassregeln. Er solle fest die Hand geben und die Hand meines Vaters lieber zuviel als zu wenig drücken, es schade nichts, wenn er ihm weh täte, es würde ihm mehr helfen als alles, war er sagen würde. Dann solle er laut sprechen, schreien solle er, dass die Wände zitterten etc. Bei der Unterredung war mein Vater, Sch. und ich zugegen. Meine Mutter hatte zuviel Angst und horchte lieber im Nebenzimmer. Ich kann nicht sagen, dass die Stimmung gerade gemütlich war. Mein Vater gab deutlich zu erkennen, dass ihm die Sache widerwärtig war und wieviel Mühe ihm die Freundlichkeit kostete, zu der er sich zwang. Die Unterhaltung begann wie ein Verhör. Mein Vater fragte nach seiner bisherigen Tätigkeit, kühl, sachlich. Die Antworten von Sch. kamen kleinlaut, zögernd. Es war das einzige Mal, dass ich ihn, der die Frechheit in Person war, klein gesehen habe. Auch meinem Vater war nicht ganz behaglich zumute, er fragte zögernd, sichtlich nach Unterhaltungsstoff suchend. Etwas Fluss kam in die Sache, als Sch. die wohlpräparierte Geschichte seines bevorstehenden Engagements erzählte, sie wirkte nicht schlecht, das war ein Fahrwasser, das meinem Vater nicht fremd war, der Name der Firma hatte guten Klang, wer dort Eingang finden sollte, an dem konnte ev. doch etwas sein. „Mein lieber Freund, Sie kommen mit etwas leichtem Gepäck!“ sagte mein Vater anzüglich und nicht ganz taktvoll, aber in der Sache durchaus zutreffend. Natürlich wurde Sch. verlegen. Was sollte er auch darauf erwidern? Und doch lag in dieser Bemerkung die erste Andeutung, dass mein Vater auf dem Wege war, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden. Sein Widerstand ließ nach, ja er war bereits im Kern gebrochen. Gab er aber den kleinen Finger, so gab meine Mutter die ganze Hand. Mein Vater beendete die Unterredung; wenn ich nicht irre, blieb Sch. gleich zum Abendbrot. Er hatte gewonnen. Mein Vater gab nach, „der junge Mann habe ihm heute einen nicht so üblen Eindruck gemacht.“ Am nächsten Tag kam er ganz erfreut zu mir, er habe sich bei Greifenhagen (dem Schwager von Sch.) erkundigt und eine sehr gute Auskunft erhalten. Es solle ein sehr begabter junger Mann sein, ein besonderes Organisationstalent etc. Wer weiß, wir könnten doch junge Kräfte im Geschäft brauchen. Natürlich hatte der Herr Schwager Sch. über den grünen Klee gelobt. So dumm er auch war, so dumm war er wieder nicht, um nicht zu sehen, dass die Heirat für Sch. eine Versorgung wäre, an der er großes Interesse hatte, damit Sch. ihm nicht auf der Tasche läge. Nur ein so kindlicher Mann wie mein Vater konnte eine Auskunft aus diesem Munde für bare Münze nehmen. Nun, es dauerte nicht lange, da wurde die Verlobung Familienereignis. Man wunderte sich, staunte, lächelte und gratulierte. Nur die alte Großmama, die kein Blatt vor den Mund nahm, sagte zu Lena, als diese sie fragte wie ihr der Bräutigam gefalle, „sie sei sehr zufrieden, aber ihrem Lenchen habe sie noch etwas Besseres gewünscht.“ Es zeigte sich, dass Sch. völlig mittellos war. Sein recht wohlhabender Schwager tat nicht das mindeste für ihn, und mein Vater musste ihm erst einmal 3000 Mk in die Hand drücken, damit er sich anständig einkleiden könne. Es machte ihm keine Mühe, das Geld auszugeben, saß er doch jetzt an der Quelle und war entschlossen, sich nicht mit ein paar Tropfen abspeisen zu lassen, sondern in vollen Zügen zu trinken. Wenn ich nun die Wirkung seiner Aufnahme in Familie & Geschäft bezeichnen soll, so muss ich sagen dass er wie ein Bazillus einen Organismus anfiel und sich wie eine böse Krankheit ausbreitete. Um das zu verstehen, muss man begreifen, dass Sch. alle Eigenschaften eines virulenten Bazillus besaß und dass unsere Familie einen Kulturboden bot, in dem er sich nicht festsetzen, sondern in dem er wuchern, fett werden und den er schließlich zerstören konnte. Woran lag das wohl? Hier war doch eine mit Glücksgütern gesegnete Familie, auf solider, sicherer Grundlage stehend, ein hochangesehener Vater mit hervorragenden, keinesfalls seinen Mitmenschen nachstehenden Eigenschaften, eine liebevolle, sorgende und ihr häusliches Reich pflegende Mutter und Kinder, die an Nahrung, Bildung und Erziehung das Beste genossen hatten, was sich bieten ließ und die sich schließlich auch nicht schlechter entwickelt hatten als die Kinder anderer Leute. Wie konnte diese stabile und gesunde Gemeinschaft durch ein solches Nichts von einem Menschen in ihren Fundamenten angegriffen, unterhöhlt und endlich zu Fall gebracht werden? An dieser Frage habe ich lange studiert, aber es ist trotzdem nicht leicht, sie verständlich zu beantworten. Diese Zusammenfassung, die ich soeben gegeben habe, das war eben nur die leuchtende Außenseite, die sich dem Außenstehenden bot, die prunkvolle und bestechende Fassade, durch die aber auch wir alle, die Familienmitglieder, getäuscht wurden, denn wir lebten durchaus in dem Glauben, dass alles auch wirklich so war, wie es andern und uns selbst schien. Um nur eine Wirkung dieses Glaubens vorwegzunehmen, so wurde dadurch ein falsches und gefährliches Sicherheitsgefühl erzeugt, das alle wachsamen Schutzinstinkte einschläferte. Ich selbst habe, ohne dass ich genau angeben könnte weshalb, von Jugend auf das Gefühl gehabt, es könne mir nichts passieren, es gäbe keine ernstliche Gefahr für mich; infolgedessen ist mir alles passiert, was sich nur ausdenken lässt. Mein Vater, in seinen Erfolgsjahren von einem so bemerkenswerten Instinkt geleitet, versagte später vollkommen, vielleicht gerade infolge seines raketenhaften Aufstiegs. Er war aber nicht ohne Grundsätze, im Gegenteil, er unterwarf sich selbst strengen und nicht unvernünftigen Regeln, nie verlor er die Haltung, nie das Maß. Aber in der Luft seiner Umgebung konnten keine Menschen wachsen und sich kein Lebensgefühl entwickeln. Wir Kinder hatten alle Luftwurzeln, wir standen nicht fest in der Erde und zogen keine Kräfte aus dem Boden. Wir waren blind gegen Realitäten, wir drehten die Fahne nach dem Wind und wir hatten keine Abwehrkräfte gegen Schädlinge, gegen Eindringlinge. Eine Pflanze weiß, welche Stoffe sie assimilieren muss, um zu gedeihen; ein Tier weiß, was es zum Leben braucht und nimmt schädliche Stoffe nicht an, aber wir waren schutzlos, nervenlos, ohne Hülle und unsere Haut nahm giftige Bakterien auf. Ich muss allerdings sagen, dass auch mein Vater die letzte Standfestigkeit, die man von einem Manne seiner Position erwarten dürfte, nicht hatte, auch nicht einmal in seiner eigentlichen Domäne, im Geschäft. Darauf werde ich noch zu sprechen kommen. Nachdem Sch. die erste Fremdfühligkeit überwunden hatte, wurde er sehr rasch heimisch. Er verstand es außerordentlich gut, sich beliebt zu machen und gleichzeitig Macht an sich zu reißen. Seine Wirksamkeit begann damit, dass er den Ernst der Familie zerstörte. Wir waren vorher eine im wesentlichen ernst gestimmte Gemeinschaft. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht fröhlich gewesen wären. Es konnte bei uns sogar sehr lustig zugehen, aber der Scherz und die Lustigkeit hatten ihren Platz dort, wo er hingehörte und sie griffen nicht über in die Sphäre, wo der Lebensernst zu Hause war. Es mag sein, dass wir für Außenstehende auch unsere lächerlichen Seiten gehabt haben, z.B. in der etwas steifen zeremoniösen Feierlichkeit, die gewisse Handlungen im Laufe der Jahre angenommen hatten, aber im Ganzen herrschte, wenigstens in der guten Zeit, ein gewisser Stil und wir wussten zwischen Scherz und Ernst zu trennen. So war z.B. das Geschäft eine Sache von geradezu drohendem, angsterregendem Ernst, deren Thema im Hause fast stets gemieden oder aber nur mit heiliger Scheu behandelt wurde. Mit Sch. wurde das anders. Für ihn existierten alle Dinge überhaupt nur von ihrer lächerlichen Seite. Es gab nichts, dem er nicht eine komische Seite abgewinnen konnte; er ruhte nicht, bis er jeden Rest von Ernst, der in einer Sache steckte, in Witz und Schnurre aufgelöst hatte. Dadurch nahm er allen Dingen ihr Gewicht. Es war, als ob er sagen wollte: „Ihr glaubt, diese Sache steht auf der Erde? Da schaut her, ich schneide den Faden durch, und schon fliegt sie wie ein Luftballon in den Himmel!“ Er war eigentlich nicht das, was man einen Witzbold nennt, nicht ein Mensch, der bei jeder Gelegenheit einen Witz, eine lustige Geschichte zur Hand hat, sondern es war, als ob in seinem Munde die gewohnten Dinge gerade in ihrer Alltäglickeit ihren grauen, aber soliden Anstrich verlören und plötzlich ein farbiges Narrenkleid trügen, das sie wohl immer schon gehabt hatten, das man aber gar nicht bemerkt hatte. Ja man wunderte sich, dass man es früher übersehen konnte. Und bei alledem vergaß er nie, seine Person in den Vordergrund zu stellen. Es ging ihm ja in Wirklichkeit gar nicht um einen spaßhaften Aspekt der Welt, sondern um einen Hintergrund, auf dem er vorteilhaft stehen konnte, und da er selbst ohne jede Schwere, ohne jeden Ernst, ohne jede Verantwortung war und da er sich selbst auch niemals anders betrachtete als aus der Perspektive des Nihilismus, so musste er alles in diese leichte Champagnerluft hüllen, die prickelt, reizt, berauscht und jede Schwere aufhebt. Er machte das auf eine Art, die nicht ohne Charme war. Er brachte es fertig, auf den ernstesten und hausbackensten Gesichtern, die längst das Lachen verlernt hatten, den Versuch zu einem Lächeln hervorzurufen. Menschen, die Witz haben sind beliebt und er hatte die Lacher auf seiner Seite. Aber ich weiß, dass ich im Anfang mich nicht ganz wohl dabei fühlte. Ich führte gern einmal ein ernstes Gespräch, ich liebte es, von Zeit zu Zeit tiefer in die Sache einzudringen, aber solche Gespräche konnten nicht mehr aufkommen. Mit Sch. war „das Negative“ in unser Haus eingedrungen, es war plötzlich ein unsichtbares Zentrum da, ein Loch mit einer gewaltiger Saugkraft, und alles was morsch und angekränkelt war, wurde von ihm angesogen und verschlungen. Und es war keine gesammelte positive Gegenkraft da, die die zerstörende Wirkung aufgehoben hätte. Ein Mensch, der wie Sch. alle Dinge nur als Spielbälle, als Dekoration seines lieben Ich betrachtete, konnte natürlich auch keine ernsthafte und fundierte menschliche Beziehung knüpfen. Schon in der Verlobungszeit machten sich Gegensätze zwischen ihm & Lena bemerkbar, bei denen es mich blitzartig durchfuhr, dass die Sache nicht gut gehen würde. Schon rein äußerlich waren die beiden ein ungleiches Paar. Sie eine volle, etwas schwerfällige und langsame Frau, er übertrieben schlank, schnell, beweglich und leicht. Zwischen ihnen bestand in jeder Beziehung gewichtsmäßig ein Missverhältnis. Lena ist kein Mensch von großen geistigen Bedürfnissen, aber innerhalb ihres Rahmens will sie ernst genommen werden. Er nahm sie aber nicht ernst und war um keinen Preis zu bewegen, sie ernst zu nehmen. Es ist ganz interessant zu wissen, was die beiden zusammengeführt hat resp. was sie meinten, dass sie zusammengeführt habe. Dabei sehe ich im Augenblick davon ab, dass auf seiner Seite natürlich ein gut Teil Berechnung dabei war. Er wusste sehr wohl, dass er im Sumpf steckte und dass er ein Dreckfink war. In Lena sah er das Symbol der Reinheit, nach dem er Sehnsucht hatte. Nun war zwar Lena weit entfernt davon, dieses Symbol würdig zu vertreten (obwohl sie ebenso weit von seiner Verkommenheit entfernt war), aber die ihr zugeschobene Rolle lag ihr, kam ihren Wünschen entgegen. Sie hatte eine unglückliche Neigung zu angeknacksten Männern, sie glaubte, sie retten zu müssen. Kaum aber waren die beiden eine Verbindung eingegangen, so hatte er nichts Eiligeres zu tun, als alles darauf anzulegen, sein Symbol der Reinheit in den Dreck zu ziehen. Er wollte durchaus aus Lena eine Lebedame, eine Dirne, eine Komplizin machen. Aber es ging nicht. Trotz ihres Hanges zur Brüchigkeit ging es nicht, und ihre untauglichen Versuche gaben ihr eine sehr unglückliche Figur, denn sie wurde auf einen falschen Weg gelenkt, auf dem sie nicht bestehen konnte. Das war einer der Gründe, weshalb die Ehe später kaputt ging. Erfahrenere Menschen hätten vielleicht damals das Unheil verhütet. Bei mir war es ein momentanes Ahnen, das sich aber wieder beruhigte, da ich selbst immer mehr in den Bann von Sch. geriet. Meine anfängliche Antipathie gegen ihn verlor sich und ich schloss Freundschaft mit ihm. Er wusste mich auf eine sehr geschickte Art zu nehmen. Er betonte in mir den Musiker. Er schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Er stärkte mich da, wo es mir angenehm war und er schwächte mich da, wo es ihm angenehm war. Denn es war klar, je mehr er in mir den Musiker anerkannte, umsomehr setzte er den Kaufmann in mir herab, und das war zu seinem Vorteil, weil da, was von mir abfiel, ihm zufiel; was mich erniedrigte, das erhöhte ihn. Und nachdem ich Dir in einigen Zügen seine Wirkung in der Familie gezeigt habe, will ich Dir jetzt seine Wirkung im Geschäft schildern. Als Übergang muss ich noch erwähnen, dass er das Reservat des Geschäftes im Familienkreise aufhob; er trug das Geschäft in das Haus, und zwar, seiner leichtfertigen Art entsprechend, nur die lächerliche Seite. Zunächst kritisierte er alle Personen. Er war unermüdlich in der Imitation von PC, wie er einen Brief diktierte, sich selbst überschnappend, blubbernd, sich verhaspelnd, und hilflos dabei in der Luft herum gestikulierend. Herold, vorher ein Begriff im Hause, wurde zur lebendigen, ein mitleidiges Lächeln erregenden Figur in seiner ungebildeten, schnauzig-bärbeißigen Art. Aber nicht nur die Oberen kamen an die Reihe, nein, jeder Hausdiener und jedes Lehrmädchen waren ihm recht, wenn sich ihnen nur eine schauspielerische oder rednerische Pointe abgewinnen ließ, bei der er sich so recht ins Licht setzen konnte. Man muss es ihm lassen, er hatte helle Augen im Kopf und durchschaute Menschen und Verhältnisse überaus rasch. Aber wie viele dieser mephistophelisch-verneinenden Naturen war er nur stark in der Kritik und nach der positiven Seite nur stark in der Fantasie, in einer vagen Form von Idee, die keinerlei Tragkraft hatte und in der Wirklichkeit jämmerlich versagte. Dafür war sie, die Idee, aber von verlockendstem Glanze umgeben und schillerte in den betörendsten Farben. Er witterte sofort die Schwächen meines Vaters und des Geschäfts und wusste sie in einer überzeugenden Weise bloßzulegen. Er tat dies gar nicht bösartig; auf solche Art hätte er sicherlich meinen Widerspruch hervorgerufen, nein er tat es in gutartiger, scheinbar gutartiger Weise. Ich muss allerdings sagen, obwohl ein gut Stück kalter Berechnung und zynischer Gefühlslosigkeit in ihm steckte, so war er doch nicht nur ein kalter Rechner. Er gewann meinen Vater ehrlich gern, ebenso wir er auch gegen mich nicht ohne Freundschaftsgefühl war. Aber einen Mensch gern haben und ihn zugrunde richten, das widersprach sich bei ihm gar nicht. Er war so destruktiv veranlagt, dass er gar nicht anders konnte, als sich in seine Schwächen einzunisten und ihm das Blut auszusaugen. Ich hatte bis zu seinem Eintritt ins Geschäft im großen Ganzen in einem guten Verhältnis zu meinem Vater gestanden. Ich hatte ja erzählt, wie die Zeitverhältnisse meiner Veranlagung entgegenkamen, indem die eigentlich kaufmännischen Erfordernisse zurücktraten zugunsten rein rechnerischer, organisatorischer, unpersönlicher Faktoren, die ich erfolgreicher zu handhaben wusste. Außerdem hatte uns der Kampf gegen PC in eine Kampfgemeinschaft getrieben, in der wir wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Es ist leider so, dass nichts so zusammenkittet, aber in Blindheit zusammenkittet, wie gemeinsame Abwehr und Stellung gegen einen Dritten. Daraus folgt allerdings nicht, dass restloses Einverständnis zwischen uns herrschte. Ich fügte mich doch recht widerwillig dem strengen und ermüdenden Zwange, den mein Vater ausübte. Ich war z.B. ein schlechter Frühaufsteher. Wir wohnten in Wannsee, hatten eine Stunde Bahnfahrt (damals hatten wir kein Auto), sodass ich schon den 7-Uhr-Zug nehmen musste, um pünktlich um 8 Uhr im Geschäft zu sein. Ich kam aber oft erst spät in der Nacht nach Hause und dann verschlief ich nicht selten. Das ärgerte aber meinen Vater mehr als irgendein grober Fehler, während ich diesen Zwang als lästig und beschämend empfand. Ich finde nicht, dass ich im Recht war. Meiner heutigen Auffassung entspricht es, dass da, wo alle pünktlich sein müssen, auch der Geschäftsleiter pünktlich zu sein hat, aber diese Anschauung muss die selbstverständliche Folge eines echten Geschäftsinteresses und einer wirklichen Verbundenheit mit den Mitarbeitern sein, aber mein Vater wollte die Symptome zwingen statt die Ursachen zu beseitigen. Auch sonst kam es wohl einmal vor, dass wir aneinanderprallten. Aber das waren doch nur Ausnahmen, die der guten Freundschaft keinen Abbruch taten. Manchmal setzte ich mich durch, oft ordnete ich mich unter, aber eins war mir gewiss: in seinen geschäftlichen Fähigkeiten war mein Vater für mich unantastbar. Ich war überzeugt, dass er im Wesentlichen alles richtig machte, und wenn er, wie es seine Gewohnheit war, das Steuerruder mit einem plötzlichen, kräftigen und scheinbar unmotivierten Ruck herumwarf, so fand ich, ohne darüber nachzudenken, das ganz in Ordnung und machte die Schwenkung mit. Aber Sch. fand viel auszusetzen. Er hatte schon in größere Betriebe hineingerochen und fand, dass wir nicht mit der Zeit gegangen wären. Was war das für eine lächerliche Buchhaltung! Diese komischen hohen Pulte und die altmodischen dickleibigen Folianten! Wo gab es denn heute noch eine so vorsintflutliche Einrichtung! Es war wohl wahr. Ich hatte diese Einrichtung so kennen gelernt, sie war mir als vorbildlich gerühmt worden, ich hatte nicht den Ehrgeiz, die geschäftliche Welt umzustürzen, um sie zu verbessern, ich war froh, sie so wohlgeordnet vorzufinden wie man mir sie darstellte und ich sah gar keinen Grund, etwas zu ändern. Aber Sch. beherrschte die ganze Skala moderner Bürobegriffe wie am Schnürchen. Keine gebundenen Bücher, sondern lose Karteikarten, in leichten fahrbaren Trägern, Buchhaltungsmaschinen, Fakturiermaschinen, alles automatisch, schnell, zuverlässig, sauber, mit Fahnen und Reitern in Farben bespickt ­– Cardex, Bourrough, Smith Premier.

Heft 9
Seite 9
Seite 9 wird geladen
9.  Heft 9
Kommentar schreiben
15/8/ Der Organisator regte sich und wir beugten uns seiner Weisheit. Was er damals vorbrachte, war gar nicht so schlecht. Unsere Buchhaltung war wirklich etwas überaltert, und eine Umstellung auf moderne Prinzipien nicht zu verwerfen. Aber schon damals zeigte sich etwas, was sich später immer wieder wiederholen sollte. Er tat in allem zuviel und er blieb in den Ansätzen stecken. Er wusste den Rahmen nicht abzuschätzen und die Grenzen zu ziehen, die sich aus dem Umfang der Sache ergaben. Infolgedessen wurden zuviel Büromaschinen gekauft, die nicht ausgenutzt werden konnten und sich daher nicht rentiert machten. Viel schlimmer war aber das Steckenbleiben in den Ansätzen. Für die Umstellung sollte ein großer Plan ausgearbeitet werden, den er in großen und schwungvollen Zügen entwickelte. Es lag aber mehr Schwung wie Inhalt in dem Plan und daher ging der Schwung ins Leere. Nun zeigte es sich, dass ich hier am Platze war, denn gerade dort, wo Sch. versagte, konnte ich einsetzen. Mir waren die neuen Buchhaltungssysteme nicht bekannt gewesen, und da ich eben in einer ganz anderen Welt lebte und gar keinen Kontakt mit dem geschäftlichen Fluidum der Wirtschaftsentwicklung hatte, wäre sie mir wahrscheinlich auch gar nicht bekannt geworden. Aber nachdem ich darauf aufmerksam gemacht worden war, erfasste ich sie sofort und konnte sie in den Einzelheiten durchdenken. Ich war recht froh, auf diese Weise an dem Plan teilhaben zu können. Als aber die neue Sache eingerichtet war und funktionierte, da war Sch. der geniale Neuerer und meine Arbeit verschwand im Dunkeln. Ich hatte so wenig Ehrgeiz, dass ich das gar nicht bemerkte; ich bemerkte allerdings auch nicht, dass ich durch das Handlangertum, zu dem ich mich hergab, ins Hintertreffen kam und an Terrain verlor. Mein Vater stand diesen Erneuerungen zwiespältig gegenüber. Sein Herz hing an den alten vertrauten bewährten und gewohnten Büchern. Aber aus Grundsatz war er dem Neuen nicht abgeneigt, da er „stets mit der Zeit gegangen war“. Zudem wollte er dem Schwiegersohn eine Chance geben, war auch stolz auf sein gerühmtes organisatorisches Talent und hoffte, er würde sich nicht als die Niete erweisen, für die er ihn zuerst gehalten. Gegen das Lose-Blätter-System hatte er eine tiefe Abneigung, er liebte „fliegende Blätter“ nicht, aber er fand eine Stütze für seine Zustimmung in der Tatsache, dass auch er seit altersher seine Aufträge auf lose Zettel ausschreiben ließ, von denen noch nie einer verloren gegangen war. Aber in Zeiten des Grolls kochte später doch wieder die Abneigung gegen die „Pappdeckel-Wirtschaft“ hoch. Sch. hatte aber noch mehr zu kritisieren. Da war z.B. die Art, wie die Finanzen betrieben wurden. Eine Geldrechnung gab es überhaupt nicht. Das Geld war so reichlich, dass fast immer genug da war. Und war kein Geld da, so gab es Kredit. Mein Vater war durch Kredit groß geworden und er legte Wert darauf, Kredit zu beanspruchen, selbst wenn er ihn gar nicht brauchte. Es war eine Gewohnheit aus der Zeit, in der er mit dem Bankkapital sein Vermögen verdient hatte. Nur durch die großen Kredite hatte er sein Geschäft so ausdehnen können und nur durch die Ausdehnung hatte er soviel Kapital gewinnen können. Da war besonders die Bergisch-Märkische Bank in Elberfell-Barmen, deren Vertrauen er genoss. Er erzählte mir oft, wie der Direktor mehr als einmal gekommen sei und ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, dass er seinen Kredit um 100'000.– Mk überzogen habe. Dann habe er nichts erwidert als: „Ich weiß, Herr Direktor“. Gleichzeitig sei er aber an seinen Kassenschrank gegangen, habe das Geheimbuch herausgeholt und die letzte Bilanz vorgelegt. Dann sei der Direktor befriedigt davongegangen und das Verhältnis sei mit der Zeit sehr herzlich geworden, bei einem Kredit von einer ¾ Million. Er hat dieser Bank aber auch die Treue gehalten, als der auswärtige Verkehr für ihn schon recht umständlich war und erst während der Inflationszeit, als es zur Unmöglichkeit wurde, hat er sich von ihr gelöst. Natürlich fand er leicht Ersatz bei den Berliner Banken, die ihn mit Freude aufnahmen. Während der Inflationszeit konnte man ja kein Geld stehen lassen, aber auch sonst konnte mein Vater ungenutztes Geld nicht sehen. Konnte er keine Rechnungen damit zahlen oder keine Ware damit kaufen, so juckte es ihn, irgendeine andere Anlage zu machen. Vom Geld- und Kapitalmarkt verstand er aber nun rein gar nichts. Dafür hatte er Freunde, die glaubten, etwas zu verstehen und die ihm Tips gaben. Diesen Ratschlägen folgte er unbedingt und mit kindlicher Vertrauensseligkeit. Es kam ihm gar nicht darauf an, auf den Rat irgendeines Dummkopfes hin für 20, für 50000 Mk Aktien zu kaufen, ohne jede Überlegung, ohne jede Kenntnis. Und wie es so geht, hatte er mal Glück und mal Pech, im Durchschnitt aber mehr Pech. Aber dann lachte er und meinte, er hätte es in der Hand, die Börsenkurse zu stürzen, er brauche nur ein Papier zu kaufen, schon fiel es. Nie machte er seinen Ratgebern einen Vorwurf, und nie wurde er durch Schaden klug. Wenige Tage später kam er wieder von seinem morgendlichen Rundgang oder vom Gabelfrühstück bei Mitscher, Caspary und sagte: „Werner, Kiewe sagt, man soll Norddeutsche Lloyd kaufen, ruf mal bei der Bank an!“ Solange er bei den „großen Aktien“ blieb, konnte ja nie soviel passieren, manchmal aber ließ er sich ganz obskure Schwindelpapiere aufschwatzen, die nachher 3 ausgeblasene Eier wert waren. Er betrieb dies ganze Geldgeschäft ganz dilettantisch und eigentlich gegen seine Überzeugung. Im Grunde war er jeder Spekulation abhold. Er war darin ganz anders als sein Vetter Max aus Offenbach, der den Geist Rothschilds in sich hatte und eine Nase für Geld. Wenn er zu uns kam, dann klapperte und klingelte es von Gold und Geld. Aber mein Vater, so sehr er seinen Vetter schätzte, sagte dann manchmal nach seinem Weggang etwas abschätzig: “Mit Max kann man kein Wort mehr reden, er besteht nur noch aus Dollars und Gulden.“ Diese Art, Geldgeschäfte zu betreiben, erregte den Spott Sch.’s, vor allem auch die Sucht, alles Geld in irgendetwas hineinzustecken. Er entwickelte großzügige Ideen, wie er das machen würde, rechnete aus, dass in unserm Geschäft viel zu viel Geld investiert war, dass es sich nicht oft genug umschlug etc. und dies alles, weil das Geschäft in finanzieller Beziehung nicht systematisch, nicht überlegt, nicht vorbedacht geführt wurde. Ebenso beanstandete er die gefühlsmäßige Einkaufstaktik meines Vaters. Wie wurde denn bei uns eingekauft? Da kam plötzlich Herold ins Privatbüro und sagte: „Niehner & Dütting bieten Siamosen mit 1.23 Mk an, ich habe 1.15 geboten. Soll ich 500 Stück bestellen?“ Dann fragte mein Vater wohl, wenn er überhaupt fragte: „Wieviel ist denn noch am Lager?“ Dann erwiderte Herold so aus dem Handgelenk: „So ungefähr 150 Stückchen!“ Und mein Vater nickte: „Kaufen Sie 500 Stück!“ Dann schoss Herold zur Tür hinaus und wenn mein Vater in Laune war, so rief er ihm hinterher: „Nehmen Sie 1000 Stück!“, was immerhin einen Unterschied von ca. 2500 Mk ausmachte. Sch. machte sich über diese Methoden lustig, besonders darüber, dass bei Einkaufsstimmung von „Stückchen“, bei Einkaufsunlust aber von „Stücken“ gesprochen wurde. Er entwarf Budgetierungskarten, auf denen Lager, Bedarf, Verbrauch etc. ständig vermerkt sein sollten, so dass der Einkauf nach sachlichen, objektiven Gesichtspunkten zu erfolgen hätte. Alle diese Ideen waren gar nicht schlecht, aber in der Durchführung versagte er vollkommen, und sein Einkauf war trotz Budget-Unterlage viel schlechter als die gefühlsmäßigen Ausfälle meines Vaters. Auch im Innenbetrieb setzte seine Kritik ein. Z.B. die Zusammenstellung der Kollektion! Da musterten die Direktricen drauflos, wie es ihnen in den Sinn kam, ohne Rücksicht auf Preise, nur so nach Gefühl und Fantasie, ganz sich selbst überlassen. An einem bestimmten Tag hieß es dann, die Musterung in dem oder dem Artikel sei beendet. Dann wurden die Muster mit den Kalkulationspappen auf langen Tischen aufgelegt und die Spitzen der Geschäftsleitung nahmen unter Führung meines Vaters Parade ab. Nachdem eine erste allgemeine Überschau abgehalten war, wurde von vorn begonnen und nun ein Muster nach dem andern zur Aufnahme bestimmt oder verworfen. Das ging flott, eins, zwei, drei, immer eins nach dem andern, ohne Zögern, ohne Diskussion, allenfalls mit einem fragenden Blick zu den andern, dann aber raus und rein. Die Direktricen flatterten dabei wie aufgeregte Hennen, mit Besorgnis ihre Lieblinge schützend. Das war natürlich ein recht flüchtiges Gericht, ohne eigentliche Arbeit an der Kollektion, ohne liebevolles Versenken in Einzelheiten, ohne ein Ausbauen von Ansätzen und Möglichkeiten. Aber man muss bedenken, dass der Artikel relativ einfach war und dass die große Erfahrung der vielen Jahre eben doch eine Routine entwickelt hatte. Und mein Vater hatte eben wirklich ein sicheres Auge, in seiner guten Zeit, und konnte sich intuitive Methoden leisten, mit denen ein anderer zugrunde gegangen wäre und die man auch niemandem zur Nachahmung empfehlen kann. Ich erinnere mich, dass er mitunter aus der Menge der Muster ein bestimmtes heraushob, an dem ihm ein neuer Schnitt, eine neue Linienführung gefiel und nun alle übrigen Muster verwarf und verlangte, dass die ganze Kollektion nur in dieser neuen Form aufgebaut würde. Er ging immer aufs Ganze, mit Halbheiten gab er sich nicht ab. Manchmal griff er daneben, oft wurde er aber auch richtunggebend. Eine gewisse Korrektur und ein Ausgleich von Schroffheiten kam schließlich noch dadurch zustande, dass nachdem mein Vater die Musterung beendet hatte, PC hinging und aus den herausgeworfenen Mustern einige wieder herausfischte, das selbe machte nach ihm Herold, auch ich gab noch meinen Senf dazu und zum Schluss schmuggelten noch die Directricen die Muster in die Kollektion, an denen ihr Herz hing, was sie manchmal beichteten, wenn sich nachher eines davon als Verkaufsschlager herausstellte. Sch. vertrat demgegenüber die Auffassung, dass eine Musterung in ganz anderer Weise geschehen müsse. Man hätte von den Verkaufspreisen seiner Kunden, also der Detaillisten, auszugehen und zu prüfen, für welche Verkaufspreislagen der Detaillist einkauft. Daraus ergäben sich dann die Preislagen, die man anbieten müsse und die Kunst des Mustern bestünde darin, das Material, die Stoffmenge und den Arbeitslohn so auszubalancieren, dass man eine Preislage recht schlagkräftig gestalte. Was nütze das schönste Muster, wenn es nicht in die Einkaufspreislage des Detaillisten passe? Alles goldene Regeln, und wenn er der Mann gewesen wäre, sie durchzuführen, so wäre er eine große Akquisition für das Geschäft gewesen. Aber für ihn existierte das alles nur in der Idee. Nicht dass es ihm an Mut gefehlt hätte, sie in die Tat umzusetzen. Im Gegenteil, er versuchte es mit einer verantwortungslosen Verwegenheit, deshalb verantwortungslos, weil er schonungslos das Bestehende zerschlug, ohne in der Lage zu sein, das Neue als das Bessere an seine Stelle zu setzen. Er nahm zwar einen Anlauf, aber damit war es auch schon getan. Seine Kraft erlahmte schon im ersten Ansatz und dann ging alles drunter und drüber, oder ich hatte alle Hände voll zu tun, Ordnung zu schaffen. Seine Prinzipien, oft so richtig und stets in bestechender Weise vorgetragen, konnten im Leben nicht Fuß fassen, nicht weil die Prinzipien nicht lebensfähig waren, sondern weil der Mann, der sie vertrat, es nicht war. Ein solcher Mensch, an sich intelligent, ideenreich, rasch, hätte mit eisernem Griff gehalten werden müssen. Wer weiß, vielleicht hätten sich dann seine Anlagen zum Guten auswirken können. Hier geschah aber gerade das Gegenteil. Eine fast uneingeschränkte Befugnisgewalt wurde ihm eingeräumt. Das kam so: PC war ausgeschieden, ich wurde um diese Zeit lungenkrank und was monatelang, ja jahrelang in Davos und Arosa. Mein Vater wurde älter, durch sein mangelhaftes Gehör kam ihm auch nicht alles zu Ohren, er hatte niemand als Sch., auf den er sich hätte stützen können, und diese Zeit benutzte Sch., um sich einzunisten. Als ich das erste Mal aus Davos zurückkam, war aus dem kleinen Commis schon ein großer Herr geworden. Er disponierte fast uneingeschränkt, fuhrwerkte drauflos, alles aber mit dem Anschein größter Gründlichkeit und Überlegung, aber leider eben nur mit dem Anschein. Meinen Vater hatte er völlig überrumpelt, er war entzückt von seinem Schwiegersohn, der eine so sichtbare Betriebsamkeit entfaltete, eine Betriebsamkeit, die er doch so sehr liebte. Ich wurde sehr in den Schatten gestellt. Ich war gesundheitlich nicht vollwertig, durfte längere Zeit nur einen halben Tag lang arbeiten, und wenn mein Vater mich auch drängte, alles zu meiner Wiederherstellung zu tun und mich ja zu schonen, so war ich doch in seinen Augen eine „halbe Dampfkraft“, während das Geschäft ganze Kräfte brauchte. Ohne dass er es direkt wollte, trat ich an die zweite Stelle. Ich selbst merkte es anfänglich gar nicht. Mir waren die langen Ferien vom Geschäft äußerst angenehm und ich überließ gern Sch. eine Arbeit, mit der ich nicht so recht verwachsen war. Außerdem stand ich persönlich mehr als gut mit ihm. Wir waren dick befreundet und ich muss wohl sagen unzertrennlich. Er hatte persönlich etwas sehr Anziehendes. Er brachte etwas in das Geschäft hinein, einen Ton, eine Leichtigkeit der Luft, die es vorher nicht gegeben hatte. Es hatte für mich einen großen Anreiz, mit einem gleichaltrigen Menschen über geschäftliche Fragen sprechen zu können. Vorher war ich ganz auf meinen Vater angewiesen, der trotz manchmal großer Herzlichkeit doch viel Drückendes in seinem Wesen hatte und zu dem schon des Unterschieds der Jahre wegen eine richtige Kameradschaft nicht entstehen konnte. Aber mit Sch., da konnte ich offen sprechen, da konnte ich auch über meine zwiespältige Einstellung zum geschäftlichen Leben diskutieren, über meine Hemmungen im Verkaufen, über die Überwindung, die mich die Innehaltung der Regelmäßigkeit, das frühe Aufstehen etc., kosteten. In Vielem teilte er meine Meinung, besonders da, wo es um die Bequemlichkeit ging, ja er wusste meinen Standpunkt sogar mit ganz neuen und bestechenden Argumenten zu begründen, viel besser als ich selbst es tun konnte, bei dem viel mehr ein dumpfer Widerwille vorlag als eine klare Erkenntnis. Vor allem hatte ich vorher nur das Gefühl, nicht aber die Überzeugung auf meiner Seite gehabt, im Gegenteil innerlich gab ich sogar meinem Vater recht, nun aber, da Sch. mich mit so glänzenden Argumenten versah, erstarkten meine Proteste. So wie Sch. mich lehrte, das Geschäft von einer neuen Seite zu sehen, so öffnete er mir auch die Augen über meinen Vater. Er zeigte ihn mir in seinen Schwächen, tat das aber in ganz liebevoller Weise, denn es wäre falsch zu sagen, dass er meinen Vater nicht gern gehabt habe. Aber wie alles, was er anfasste, unter seinen Händen sich auflöste, gleichgültig ob er es mit Liebe oder Hass anfasste, so auch hier. Zunächst zerriss er alles, was in der Umgebung meines Vaters war. Ich muss zugeben, der Verkehr, den er hatte, war nicht eben sehr empfehlend. Es waren anständige Durchschnittsmenschen mit Durchschnittsansichten und kleinen Eigenheiten, wie sie sich an jedem Menschen finden lassen. An diesen setzte er ein und wusste durch Karikieren und Nachahmen sie so lächerlich zu machen, dass auch mein Vater unwillkürlich dadurch etwas an Ansehen verlor. Mein Vater galt als ein Mann, der klugen Rat nicht nur in geschäftlichen Dingen, sondern auch in Angelegenheiten des Lebens geben könne und er wurde oft als Ratgeber in Anspruch genommen. Ich persönlich glaube nicht, dass er ein guter Ratgeber war, weil er sich zu wenig in andere Menschen hineinversetzen konnte und weil seine Lebensweisheit wenig Tiefe hatte. Sie hatte sich in einige deftige Redensarten krystallisiert, und mit ihnen speiste er die um Rat Suchenden ab. Da kam einmal ein Mann zu ihm, wollte hören, ob er sich eine antike Wohnungseinrichtung, eine besondere Gelegenheit von großer Seltenheit, die aber etwas hoch für seinen Geldbeutel war, anschaffen sollte. Mein Vater erwiderte, er säße lieber auf Tannenholz-Stühle ohne Sorgen als auf einem Louis-seize-Sessel mit Sorgen. Sicher ganz vernünftig, aber welche Idee, meinen Vater in einer Kunstfrage um Rat zu bitten, der für solche Dinge gar kein Organ hatte. Auch war sein Rat nicht immer ganz selbstlos. Da war z.B. Silberstein, der ein Geschäft hatte, in dem mein Vater Aufsichtsrat war und der gleichzeitig Mieter in unserem Geschäftshaus war. Er pflegte bald jeden Tag zu meinem Vater zu kommen und sich mit ihm auszusprechen. Er schwor auf ihn, so dass die Leute sagten: „Wenn Kass aus dem Fenster springt, springt Silberstein hinterher!“ Dieser Silberstein befand sich einmal in bedrängter Lage und wusste nicht, sollte er sein Geschäft aufgeben oder weiterführen. Er legte die Frage meinem Vater vor. Ich weiß genau, dass es für meinen Vater, als er den Rat erteilte, das Geschäft aufrecht zu erhalten, entscheidend war, dass er sonst einen Mieter verlieren würde, und Räume waren schwer zu vermieten. Er war ein Fuchs, aber nicht etwa gewissenlos. Er hätte den Rat nicht gegeben, wenn er wirklich vom Gegenteil überzeugt gewesen wäre. Aber da er selbst auch immer mehr für Durchhalten als Aufgeben war, so fiel es ihm nicht schwer sein Interesse mit seinem Rat in Einklang zu bringen. Und als ein Mann, der viel Glück im Leben hatte, gab er mitunter auch etwas davon in seinem Rat mit, auf jeden Fall hatte es Silberstein nicht zu bereuen, dem Rat gefolgt zu haben. An derartigen Ereignissen hakte Sch. aber mit großem Scharfblick ein, wobei er gleichzeitig den vertrauensseligen Ratsuchenden wie den auch ein bisschen an sich denkenden Ratgeber ironisierte. Renatli, hüte Dich vor ironischen Menschen! Die Ironie ist die billigste Maske, die sich einer vorhängen kann. Um für etwas zu gelten, was er nicht ist. Sie ist immer negativ, und meist steckt nichts dahinter als eine fürchterliche Leere. Ich war leider gegenüber dem Feuerwerk des Geistes, das das Nichts überblendete, nicht unempfänglich. Du musst eben bedenken, was es für mich bedeutete, eine mitfühlende Seele um mich zu haben und in welcher völligen Einsamkeit ich vorher in dieser Geschäftswelt gelebt hatte. Es geschah nun ohne jeden Plan und ohne bewusste Absicht etwas, das sehr ähnlich dem war, was vorher geschehen war. Wie nämlich durch meine bloße Anwesenheit die latenten Differenzen zwischen meinem Vater und PC plötzlich losbrachen und sich ständig steigerten und wie mein Vater und ich schließlich gegen PC paktierten, so wurden jetzt die früher gelegentlichen Missstimmungen zwischen meinem Vater und mir zu Differenzen und es erfolgte eine von Sch. und mir gemeinsam betriebene Abwehr. Zuerst nahm ich die Sache gar nicht so ernst, es machte mir einfach Spaß, meine Proteste nicht mehr zurückdrängen zu müssen, sondern freiheraus gegen meinen Vater Stellung zu nehmen. Ich hatte es durchaus nicht auf einen tiefergehenden Streit abgesehen und mein Grundverhältnis zu meinem Vater blieb zunächst ganz unberührt. Aber eine solche Haltung ist sehr gefährlich, man weiß weder, wie weit die Missstimmung beim andern noch wie weit sie bei einem selbst geht und man hat es nicht in der Hand abzubremsen, wenn man möchte. Plötzlich merkt man, dass der Riss viel weiter gegangen ist als man wollte, aber man hat dann keine Möglichkeit mehr, ihn zu heilen. Was den Streit hier besonders zuspitzte, war, dass er die Form eines Generationenkampfes annahm. Auf der einen Seite stand mein Vater, mit dem großen Prestige ausgestattet, das der Erfolg gibt, und mit dem ganzen Gewicht seiner markanten Persönlichkeit; aber er war gleichzeitig auch der Alternde, der im Schatz seiner Erfahrung erstarrte, der sich zusehends dem Strom der Entwicklung entfremdete. Auf der andern Seite standen Sch. und ich als die junge Generation, die etwas Neues wollte, die gierig alle Ideen aufgriff und leichtfertig bereit war, das Alte, Bewährte dem nicht Erprobten, dem Experiment zu opfern. Aus gelegentlichen persönlichen Differenzen wurde allmählich ein Prinzipienstreit. Ich stützte Sch. nicht, weil er Recht hatte und nicht nur, wenn er Recht hatte, sondern immer und auf alle Fälle, weil es galt, die jungen Kräfte gegen die alten zu stützen. Mein Vater fühlte natürlich, wie sich allmählich eine Frontbildung gegen ihn vollzog und er stemmte sich dagegen. Leider hatte er nicht die Überlegenheit, das Gesunde in diesem Kampf anzuerkennen und seine Abwehr auf das Ungesunde zu beschränken. Ein wirklich kluger und lebenskluge Mann hätte hier vielleicht lenken und viel Unheil verhüten können. Aber mein Vater, stets gewohnt, alles was er dachte für richtig zu halten und keinen Widerstand gegen seinen Willen zu finden, konnte es nicht vertragen, gegen eine Mauer zu stoßen, die nicht auf seinen ersten Ansturm umfiel. Wie er früher PC mit beißenden Bemerkungen überschüttete, so wandte er jetzt seinen Spott gegen die „jungen Leute“, die das Geschäft „mit Pappdeckeln regieren wollten.“ Auch hier kam es zu Versöhnungen, und Perioden wirklicher Freundschaft und glühenden Kampfes wechselten ab. Aber leider nahmen die Kämpfe an Schärfe zu und das einst so gute Verhältnis trübte sich immer mehr. Aber bevor ich weiter hiervon spreche, sollte ich wohl erst über die Entwicklung des Geschäftes berichten. Kurz nachdem der Auszahlungsvertrag mit PC abgeschlossen war, musste ich zum ersten Mal auf längere Zeit nach Davos gehen. Gerade um diese Zeit erfolgte der Zusammenbruch des Preisniveaus. Ich hatte erzählt, wie nach der Stabilisierung der Mark alles sich an den scheinbar niedrigen Preisen berauschte und ein großes Geschäft einsetzte. Es war aber von kurzer Dauer, weil die „niedrigen“ Preise in Wirklichkeit noch weit über dem Weltmarktpreis lagen. Auf die Dauer konnte das nicht gut gehen, und eines Tages kam der Krach. Große Banken, bedeutende Konzerne , alt-renommierte Firmen stellten die Zahlungen ein, und eine Lähmung erfasste die ganze Wirtschaft. Damals setzte eine Bewegung ein, die man später als Deflation bezeichnete und die nicht weniger Existenzen ruinierte als die Inflation. In Wirklichkeit begann ein Jahrzehnt, in dem sich unausgesetzt Krise an Krise schloss, die Arbeitslosigkeit ein ungeheures Ausmaß annahm und politische Wirren aller Art das Land erschütterten. Auch in unserer Branche brach das Preisniveau zusammen. Wir hatten große Abschlüsse zu den hohen Preisen getätigt und steckten in einer bösen Situation. Es war das einzige Mal, das mein Vater die Nerven verlor. Er bekam es mit der Angst und sah sich ruiniert. So schlimm stand es gar nicht, aber der mit PC abgeschlossene Vertrag mit der großen Auszahlungssumme lag ihm wie ein Alp auf der Seele. Er fuhr damals zu mir nach Davos und ich beruhigte ihn einigermaßen. Aber nach kurzer Zeit brachen die Besorgnisse immer wieder durch. Er hat mir später gestanden, er hätte sich in einer solchen Nervenkrise befunden, dass er sich auf dem Bahnhof nicht getraut hätte, ein Brot zu bestellen, da er meinte, er könne sich das nicht mehr leisten. Die momentane Situation wurde verhältnismäßig leicht überwunden. Herold musste eine Rundreise zu den Fabrikanten machen und so viel wie möglich annullieren. Da wir überall als angesehene Kunden galten und sonst glatte Abnehmer waren, fand er bei den meisten Entgegenkommen und konnte unsere Abschlüsse wesentlich reduzieren. Der Vertrag war natürlich eine böse Sache, obwohl wir das noch gar nicht in seiner wirklichen Tragweite erkannten. Man hielt ja die damalige Krise für eine vorübergehende. Den Begriff „permanente Krise“ kannte man noch gar nicht, viel mehr lag es im Wesen der liberalistischen Weltanschauung, dass Krisen und Konjunkturen sich abwechselnd folgten. Um das Resultat vorwegzunehmen: es geschah folgendes: die Preise fielen, die Waren entwerteten sich, die Geschäftssubstanz nahm infolge dieser Entwertung und infolge von Verlusten ab, aber die Schuld an PC blieb, sie nahm nicht am Verlust und nicht am Geschäftsrisiko teil, so dass bei schwindendem Vermögen diese Schuld einen immer größeren Prozentsatz ausmachte. Hätte man das damals vorausgesehen, so hätte man am besten PC sofort ausbezahlt, was mit Hilfe einer Hypothek auf das Geschäftshaus möglich gewesen wäre. Damit wäre man die Schuld an PC los gewesen, der sein Geld wahrscheinlich schnell genug verloren hätte, und für die Hypothek hätte das Haus gehaftet. Aber ich schilderte schon die Hemmungen gegen die Auszahlung einer so großen Summe an PC. Leider fasste mein Vater den Gedanken, eine Hypothek aufzunehmen, ohne aber damit PC zu bezahlen. Ich erinnere mich, das ich ihm damals abriet und sagte, er solle doch froh sein, ein schuldenfreies Haus zu haben. Da antwortete er mir, die Leute müssten ihn ja für einen Narren halten, wenn er eine solche Chance in der Hand hielte, ohne sie auszunutzen. Er erhielt 1'200'000.– Mk auf das Haus, von denen sich die Hypotheken-Gesellschaft zuerst einmal 200’000.­– Mk einbehielt – als Damno. Das war eine Art vorweggenommener Zins. Um nämlich die Leute zu fangen, „verzichteten“ sie auf einen hohen Zinssatz. Dafür schnitten sie sich gleich zu Anfang eine Scheibe vom Kapital ab. Das merkte man weniger – zu Anfang! Nachher schon! Nun, dann blieb ja immer noch eine runde Million! Was geschah damit? Einen Teil gab mein Vater ins Geschäft, indem er alte Schulden, die er aus hohen Bezügen hatte, damit bezahlte. Vom Standpunkt der Hypothek war dieses Geld damit eigentlich verloren. Für den Rest kaufte er so nach und nach alle möglichen Papiere, gab auch noch mal etwas als Kredit ins Geschäft. An den Papieren hatte er große Verluste, da im Laufe der Deflation die Kurse ständig fielen und sich nie wieder erholten. Es dauerte nicht lange, da musste er das Hypotheken-Kapital angreifen, um die, trotz niedrigen Zinssatzes, recht erheblichen Hypotheken-Zinsen zu bezahlen, und nach einer Reihe von Jahren hatte sich das ganze schöne Geld verlaufen, ohne dass er etwas davon gehabt hatte als Sorgen, Angst und Verdruss. Und die Schuld an PC lastete immer noch, wenigstens zum größten Teil! Das führte eines Tages zur Krise, – aber soweit sind wir noch nicht. Zunächst also wurden die akuten Schwierigkeiten überwunden, mein Vater beruhigte sich wieder und das Geschäft lief im alten Rahmen weiter, wenn auch nicht mehr so glatt wie früher. Natürlich wurden alle erdenklichen Anstrengungen gemacht, um gegen die Krise anzukämpfen, aber so leicht war das nicht. In dieser Zeit machten sich auch die modischen Veränderungen, die ich früher geschildert hatte, stark fühlbar, und wir lagen damit recht unglücklich. Der Unterrock starb aus, die Schürze wurde verdrängt, die Knaben trugen keine Anzüge mehr. Ich leitete besonders die Kinderkleider-Abteilung, die schon immer notleidend gewesen war, denn in diesem Artikel lagen wir nicht richtig. Im Allgemeinen war es ein Nebenartikel der großen Konfektion, die mehr Chic, mehr Erfahrung, mehr Hilfskräfte und abwechslungsreicheres Material hatte. Außerdem wurde der Artikel in der Hauptsache am Lager des Fabrikanten und nicht beim Reisenden gekauft, aber die Konfektion war in einer andern Gegend konzentriert, zwar nur eine Viertelstunde von uns entfernt, aber dort lag Geschäft neben Geschäft und die Einkäufer waren meist zu bequem, um den kleinen Weg bis zu uns zu machen. Ich hatte mir große Mühe gegeben, die Abteilung zu fördern, zeitweise auch mit Erfolg, aber es standen viele ungünstige Momente gegen meine Arbeit, und offen gestanden reichte meine Erfahrung und mein modisches Fingerspitzengefühl auch nicht weit genug. Aussichtsreicher als alle diese Artikel erschien uns der Knabenstoff-Artikel, d.h. wollene & halbwollene Mäntel und Anzüge für Knaben, die wir seit kurzem fabrizierten, doch waren wir auf diesem Gebiet noch Neulinge. Als daher die Kombination mit M. Hannes an uns herantrat, sahen wir darin einen Weg, das Geschäft nach einer vorteilhaften Seite auszubauen. Die Zusammenarbeit gestaltete sich sehr schwierig, Wir hatten das Bestreben, das Hannes-Geschäft nur nach außenhin selbständig bestehen zu lassen, da der Name der Firma alten Klang hatte, nach innen jedoch, also organisatorisch, es soweit wie möglich aufzulösen und mit unserem zu verschmelzen, da hierin ja der wirtschaftliche Sinn der Vereinigung lag. Horwitz sträubten sich mit Händen und Füßen dagegen, teils mit Recht, teils mit Unrecht. Mit Recht, weil bei ihnen eine andere Art der Geschäftsführung üblich war, die sie sich nicht nehmen lassen wollten. Sie führten ihr Geschäft sehr persönlich, d.h. sie kannten jeden einzelnen Kunden ganz genau, hegten und pflegten ihn wie ein zartes Pflänzchen – ein durchaus gesundes Prinzip. Bei uns aber war der Kunde nicht geachtet. Wir führten das Geschäft nicht persönlich, sondern organisatorisch. Der Grund lag einmal in der bei uns sehr viel größeren Kundenzahl, die den persönlichen Kontakt bis zu einem bestimmten Grade unmöglich und die Organisation notwendig machte, dann aber darin, dass weder Sch. noch Herold noch ich Verkäufer waren und den Kontakt mit der Kundschaft eher mieden als suchten. Sie sträubten sich aber mit Unrecht, weil sie keine einzige ihrer kleinen Gewohnheiten & Eigenheiten opfern wollten, den ganzen Fusionsgedanken in der Durchführung sabotierten und bei jeder rationellen Zusammenlegung, die ihre Selbständigkeit berührte, zeterten. Dass Sch. sich dabei stark aufspielte, gab ihnen häufig Anlass zu berechtigten Klagen , die – etwas für mein Empfinden sehr Ungewöhnliches – nicht im Rahmen des Geschäftes blieben und nicht direkt von Mann zu Mann ausgetragen wurden, sondern den Weg über die Frauen nahmen und in endlosen privaten Telefongesprächen breitgetreten wurden. Leider wurden die an die Übernahme der Firma geknüpften Erwartungen teils durch die Ungunst der Konjunktur, teils durch den Mangel einer reibungslosen Zusammenarbeit nicht erfüllt, was die gegenseitige Unzufriedenheit weiter verstärkte und ich, der ich das persönliche Bindeglied beider Parteien war und nach beiden Seiten ausgleichend zu wirken hatte, befand mich in keiner angenehmen Situation. Trotzdem hatte die Angliederung von Hannes sehr bedeutungsvolle Folgen. Durch Hannes kamen wir nämlich zum ersten Mal in Kontakt mit Herrenanzügen, die sie, wenn auch nur nebenbei und nicht sehr vollkommen, in Heimarbeit herstellen ließen.

 

1/9 Ich hatte schon gesagt, dass wir auf der Ausschau nach neuen Artikeln waren, weil die alten allmählich aus der Mode kamen. Dabei tauchte immer wieder die Idee auf, zur Eigenfabrikation, d.h. zur Herstellung im Hause überzugehen. Bei den bisherigen Artikeln hatte es sich immer wieder als Nachteil herausgestellt, dass sie zu leicht zu fabrizieren waren, jeder konnte sie nachmachen, jeder konnte als Konkurrenz auftreten. Eine Fabrikation dieser Artikel im Hause hätte gegen die Heimarbeit gar nicht in Wettbewerb treten können, es lagen zu wenig Möglichkeiten darin, d.h. es konnte durch Organisation der Arbeit wenig erspart werden. Das war anders beim Herrenanzug. Der Herrenanzug ist ein kompliziertes Kleidungsstück, das zahlreiche Arbeitsvorgänge zur Herstellung erfordert. Es wurde üblicherweise in Einzelarbeit hergestellt, d.h. ein Arbeiter machte das ganze Stück fertig. Es gab zwar ein wenig Spezialisierung, indem es besondere Arbeiter für Saccos, Westen & Hosen gab, auch mag wohl der Arbeiter einige Nebenarbeiten von untergeordneten Kräften haben machen lassen, aber das war noch gar nichts gegen die Nachrichten, die aus England, Amerika kamen, wo die Herstellung von Anzügen in Teilarbeit am laufenden Band vorgenommen wurde. „Rationalisierung“ war in jener Zeit ein klangvolles Zauberwort. Die Bücher von Henry Ford, der den Preis von Automobilen in unwahrscheinlicher Weise durch Arbeitsorganisation verbilligt hatte, wurden überall gelesen und diskutiert und seine Ideen griffen auf alle Gebiete über. Der Engländer Carson, der „efficiency“ Mann, hielt viel beachtete Vorträge. In allen Branchen wurde der Arbeitsprozess einer Denkarbeit unterworfen, Handgriffe wurden studiert, wie es erstmals Taylor getan hatte, Maschinen wurden konstruiert, wissenschaftliche Zeitstudien gemacht, Pläne aufgestellt, Diagramme gezeichnet etc. In England und Amerika entstanden große Fabriken für Herrenanzüge, die, mit Spezialmaschinen aller Art ausgerüstet, auf einer Massenbasis in rationalisierter Weise zu sehr billigen Preisen herstellten. Diese Art Fabrikation schien uns die Zukunft für sich zu haben, und da es uns nicht an Kapital fehlte, die sehr kostspielige Einrichtung vorzunehmen, so beschäftigen wir uns weiter mit dem Plan. Um diese Zeit wandte sich aus London ein Herr Valerius an uns, ein Deutsch-Amerikaner, der in USA & in England Fabriken dieser Art eingerichtet hatte, und fragte an, ob wir für seine Tätigkeit Interesse hätten. Sein Vorschlag fiel auf aufnahmebereiten Boden und wir beschlossen, dass Sch. & ich nach London fahren sollten, um mit diesem Herrn zu reden und gleichzeitig die englischen Geschäfte zu studieren. Vor dieser Reise gab es noch eine kleine Palastrevolution. Unsere beiden Frauen hatten den verständlichen Wunsch, diese Reise mitzumachen, um sich London anzusehen. Da bei uns die Reisegelegenheiten sehr spärlich waren, unterstützten wir ihren Wunsch, aber mein Vater war empört, als er davon hörte und wollte die Reise, den ganzen Zukunftsplan, alles daran scheitern lassen. Nach seiner Anschauung hatten Frauen auf einer Geschäftsreise nichts zu suchen, er selbst hatte meine arme Mutter bei diesen Gelegenheiten immer zurückgestellt. Dass man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden könne, kam ihm nicht in den Sinn. Er verschanzte sich hinter die Kosten und grollte 3 Tage in Gewitterstimmung. Länger hielt er es nicht aus, am vierten Tage wurde er weich und gab nach. Wir fuhren gemeinschaftlich, sahen viel Interessantes und die Reise verlief recht vergnügt, wenn sich auch damals schon persönliche Spannungen bemerkbar machten. Herr Valerius gab uns viel Einzelheiten, hatte als echter Amerikaner nichts als Zahlen im Kopf und imponierte durch eine quadratische Ruhe. D.h. so ganz echt war sein Amerikanertum nicht, gelegentlich schaute etwas Polackentum durch, aber er hatte viel von den Allüren angenommen. Eines war klar geworden: eine rationelle Fabrikation hatte die regelmäßige Produktion einer großen Menge zur Voraussetzung und damit trat die Absatzfrage in Erscheinung.

 

3/9 Renatli, Gestern zu meinem Geburtstag kam Dein Brieflein, das erste Mal, dass ich direkte Nachricht von Dir hatte. Wenn Du wüsstest, wie ich mich gefreut habe! Immer wieder habe ich ihn gelesen und die schönen Herzchen und Hufeisen und Kleeblätter angeschaut! Soviele Glückszeichen sollten doch etwas Glück bringen? Wer weiß, Renatli, vielleicht kommt es schneller als wir denken. Es geschieht alles Erdenkliche. Mutti läuft von Pontius zu Pilatus. Herr Homburger hat sich mit beispielloser Hingabe meiner Sache angenommen und auch ich tue, was möglich ist. Bleiben wir mutig und hoffnungsfreudig und halten wir durch! Nun fahre ich mit meiner Erzählung fort: Die Absatzfrage war ein Problem, aber kein unwillkommenes. Im Gegenteil, es gestattete Anknüpfung an alte Wunschträume. Es war schon lange eine Lieblingsidee meines Vaters, eigene Detailgeschäfte zu besitzen und die selbst fabrizierten Waren auch selbst zu verkaufen. „Alle Leute, die Detailgeschäfte eröffnet haben, sind groß geworden“, pflegte er zu sagen und für seine Zeit stimmte es, allerdings in gleicher Weise wie es auch für die Fabrikanten stimmte. Sein oft zitiertes Beispiel war Wasservogel. Das war eine Firma, die über ganz Deutschland kleine Seifen- und Haushaltsgeschäfte besaß und dort ihre eigenen Erzeugnisse verkaufte. Mein Vater war, obwohl ein guter Verkäufer, der sich um eines Vorteils willen auch klein machen konnte, kein Mann, der gerne abhängig war, auch nicht von seiner altgewohnten Kundschaft. Es passte ihm eigentlich gar nicht, dass so ein Kunde heute verkaufen konnte, wenn er wollte, es aber auch bleiben lassen konnte, und ihm jeden Tag „die kalte Schulter“ zu zeigen in der Lage war. Eine eigene Absatzorganisation, die musste natürlich abnehmen, die konnte nicht der Konkurrenz den Vorzug geben. Das gab der ganzen Fabrikation eine sichere Basis. Und da eine Teilarbeitsfabrik jeden Tag ihr bestimmtes Quantum fabrizieren muss, so schien uns das Risiko dieses Produktionszwanges nur tragbar, wenn es durch eine eigene Absatzorganisation begrenzt würde. Nun hatten sich aber auch für Detailgeschäfte ganz neue Formen durchgesetzt, besonders in Amerika. Da waren die Kettenläden, eine Kette von Filialen, die auf irgendeinen Artikel spezialisiert waren und märchenhafte Erfolge erzielten. Da waren die Einheitsgeschäfte in allen möglichen Abwandlungen und oft war das Prinzip der Einheitspreise mit dem der Kettenläden kombiniert. Kurz & gut, wir beschlossen, um der Sache einen neuen und schlagkräftigen Anstrich zu geben, Einheitspreiskettenläden in Herrenkonfektion zu eröffnen, die die Produktion der modern organisierten Teilarbeits-Fabrik verkaufen sollten. Du siehst, es fehlte uns nicht an Mut & Unternehmungsgeist. Immerhin, so glatt wie ich das hier schreibe, ging die Sache nicht. Im Grunde verstanden wir doch alle nicht das Geringste. Der Herrenartikel war uns ganz fremd, wir kannten die Stoffe nicht, verstanden nichts von Schnitt & Form und erst recht nichts von Anfertigung. Ebenso wenig Ahnung hatten wir von einem Detailgeschäft. Und so fehlte es bei unsern Plänen auch nicht an retardierenden Überlegungen. Und wer weiß, ob wir den großen Sprung gewagt hätten, wenn nicht das Engrosgeschäft so gewaltig schlecht gegangen wäre, dass wir in einem Jahre ½ Million verloren. Dieser Verlust, entstanden durch Lagerverluste, durch Weiterschleppen alter Einrichtungen und Mangel an Initiative, schuf eine gereizte Stimmung, in der die neuen Projekte nicht recht vorwärts kamen. Niemand war ungeduldiger als mein Vater, der es nicht aushalten konnte, wenn nichts geschah. „In den Strom springen, dann schwimmen!“ war sein Prinzip. Ich erinnere mich noch an eine Besprechung in Wannsee, in der die schwebenden Pläne zur Entscheidung gebracht werden sollten. Wenn ich von Plänen spreche, so musst Du Dir darunter etwas ganz Vages vorstellen, nicht etwa ausgearbeitete Berechnungen, sondern eigentlich nichts weiter als den Wunsch, etwas zu schaffen, und dazu ganz unbestimmte Ideen. Die Stimmung bei der Besprechung war düster. Mein Vater wollte Tat, Entscheidung, Tempo, Anpacken und auf Seiten von Sch. & mir war, ich weiß selbst nicht mehr genau warum, Zögern, Unlust, passive Resistenz. Das fühlte mein Vater und er verfiel in grollende Laune. Mit Grabesmiene sagte er, es müsse jetzt also etwas geschehen, ob wir bereit wären. Wir antworteten mit einem matten Ja, aber die Diskussion kam nur langsam in Fluss. Ich erinnere mich noch an ein Wort meines Vaters: „es dürfe dann nur noch eine Liebe geben!“ Das ging gegen mich und meine privaten Interessen. Der eigentliche Grund, weshalb der Entschluss gefasst wurde, war die Erkenntnis, dass das alte Geschäft nicht mehr lebensfähig war. Es musste aufgegeben werden, wenn die Verluste nicht ruinös wirken sollten. Aber das hierdurch entstehende Vacuum musste aufgefüllt werden. Mein Vater war unglücklicherweise ein Mann der Tat, die Vorstellung nichts, d.h. nichts Geschäftliches zu unternehmen, war für ihn unausdenkbar, es hätte ihm die Existenz entzogen. Und so rannte er, reichlich blind und sträflich unvorbereitet, in ein riesenhaftes Wagnis. Und wir rannten mit. Widerwillig oder nicht, wir rannten mit. Sch. wurde wohl von den modernen Möglichkeiten gereizt und witterte, dass das Neue das Durchbrechen der etwas engen alten Ordnung bedeutete, und ich, ach ich wurde in Geschäftsentscheidungen nicht so ernst genommen. Ich war monatelang in Arosa, nur auf eine Zwischenzeit zurückgekommen und ich war nicht gewohnt, mich gegen Pläne zu stemmen. Es war mir klar, dass irgendetwas geschehen musste, und das war mir so recht wie irgendetwas anderes. Welch eine Unsumme von Arbeit, Last, Verantwortung in diesen Plänen lag, das war mir gar nicht klar. Ich sah mehr das Sensationelle des Neuen, und das zog mich eher an als es mich abstieß. Der Entschluss war also gefasst und nun ging es an die Ausführung. Zunächst wurde Herr Valerius engagiert auf 6 Monate. In dieser Zeit sollte die Fabrik eingerichtet sein und in Gang gebracht. Er verlangte die hübsche Summe von 1000 Dollar monatlich steuerfrei. Mein Vater drehte und wendete sich, ächzte und stöhnte, schoss mit seinen wirksamsten Pfeilen: „Die Kirche muss im Dorf bleiben“ und „Der Knüppel liegt beim Hunde, lieber Freund“, aber Herr Valerius fragte ganz verständnislos zurück: „Wo liegt der Gnübbel?“ und alle Argumente prallten an seiner Unbeweglichkeit ab. Er erhielt, was er verlangte. Nun wurde eine Fabrik gemietet, denn die Räume im Geschäftshaus waren besetzt und zu wertvoll für eine Fabrik. Aus Ersparnisgründen gingen wir nach Lichtenberg, einem Fabrikvorort von Berlin, etwa eine halbe Stunde mit dem Auto von unserm Geschäft entfernt. Herr V. bestellte Maschinen, elektrische Anlagen, ein laufendes Band, Tische, Einrichtungen etc. Die Sache kostete ca. 150'000.– Mk. Während der Lieferzeit machte er Schnitte. Von Zeit zu Zeit fragte mein Vater, wie es vorwärts ginge. Dann erwiderte er: „Es wächst mir zu viele Gras unter die Füß!“, womit er meinte, es ginge ihm zu langsam. Inzwischen wurden auch Vorbereitungen für die Detailgeschäfte getroffen. Die Sache war sehr heikel, denn wir wagten nicht offen hervorzutreten. Wenn es bekannt geworden wäre, dass wir zum Detailhandel übergehen wollten, so hätten wir mit einem Schlage einen großen Teil unserer Kundschaft verloren. Man soll aber unreines Wasser nicht ausschütten, bevor man sauberes hat. Nun hatten wir vorher schon ein kleines Experiment gemacht. Ich hatte aus der Zeit der englischen Gefangenschaft einen Bekannten, Schroeder mit Namen, der in Gelsenkirchen im Rheinland lebte und dem es sehr schlecht ging. Ihm stellten wir die Mittel zur Eröffnung eines Ladens in Gelsenkirchen zur Verfügung, in dem er unsere Waren, damals also noch die des Engrosgeschäftes verkaufen sollte. Er ging die Sache nicht gerade geschickt an. Er mietete einen Laden in einer Nebenstraße, da er größere Kosten scheute, verstand auch nichts von unserer Ware, da er aus einer andern Branche war, musste das annehmen, was wir ihm schickten, die auch nur eine blasse Ahnung hatten, was ein Detailgeschäft braucht. Die Sache war ein Reinfall und wir lernten daraus, dass man so keine Geschäfte aufmachen darf. Wir sahen, wir brauchten einen Fachmann. Aber die Person des K. Schroeder war uns gelegen als Strohmann zur Gründung einer Firma. Die Formalitäten wurden von einer Bank erledigt, so dass niemand wusste, wer dahinter steckte. Die Firma erhielt den Namen: Schroeder Spezial GmbH, woraus sich später die Abkürzung SS entwickelt hat. Nun gaben wir ein Chiffre-Inserat auf, in dem wir für die Eröffnung von Ketten-Läden für Herrenkonfektion eine geeignete Persönlichkeit suchten. Um dieses Inserat gab es einen kleinen Kampf. Mein Vater opponierte gegen das Wort Kettenläden, von der er zuviel Aufsehen befürchtete. Wir aber meinten, das Aufsehen sei nicht so gefährlich, und wenn man nicht klar sage, was man wolle, so würde sich auch nicht der richtige Mann melden. Beide Standpunkte hatten ihre Berechtigung, aber unserer drang durch. Es meldeten sich zahlreiche Herren und nun begann die Schwierigkeit. Denn wie sollte man den geeigneten Mann auswählen, ohne das Incognito zu verlieren? Nachdem wir anhand der Briefe diejenigen ausgesondert hatten, die nach unserer Meinung in Frage kamen, ließen wir die ersten Verhandlungen von einem Vertrauensmann der Bank führen, der den Kreis der Bewerber auf 3 oder 4 beschränkte. Jetzt erst nahmen wir im Büro der Bank an den Besprechungen teil, immer noch ohne unsern Namen zu nennen. Die Wahl fiel lauf einen Herrn Odebrecht. Dies war ein junger Mann von sehr pompösem Äußern. Er war außerordentlich groß und dick, aber seine Dicke stand zu seiner Größe in einem normalen Verhältnis, so dass seine Erscheinung etwas sehr Wuchtiges, Gewichtiges hatte. Er besaß die nötigen Vorkenntnisse, konnte gehobene Tätigkeit in Spezialhäusern nachweisen und machte den Eindruck eines Mannes, der wohl geeignet sein könnte, ein Unternehmen ins Leben zu rufen. Er sprach sehr gemessen und langsam, aber allmählich geriet er in Feuer und konnte dann sehr überzeugend werden. Es war, als ob eine schwere Masse nur langsam bewegt werden kann; wenn sie aber einmal in Gang geraten ist, wenn der tote Punkt überwunden ist, dann rollt sie durch die Wucht ihres Gewichtes mit umso größerer Kraft vorwärts. O. war Feuer & Flamme für die Idee der Kettenläden in Verbindung mit Eigenfabrikation und entwickelte einen großangelegten Propagandaplan für die Einführung. Er wurde engagiert. Der nächste Schritt war das Mieten von Läden. Wir wollten gleichzeitig 4 Läden in Berlin eröffnen. Es war nicht leicht, geeignete Objekte zu finden, und mancher Kampf entstand. Mein Vater legte nicht soviel Wert auf Gegend und meinte, die Leute gingen auch 3 Häuser weiter, wenn sie billig kaufen könnten. Wir aber – Odebrecht war in unsere Front, die Front der Jugend, eingereiht – sagten, dass in einer Gegend mit weniger Verkehr auch weniger Leute erfahren würden, dass sie vorteilhaft kaufen können. Es hat sich später gezeigt, dass unser Standpunkt für ein neues Geschäft von kleinerem Ausmaß richtig war. Tatsächlich ist die Güte eines Ladens weitgehend davon abhängig, wieviel Personen in der Stunde am Schaufenster vorübergehen. Da aber Läden in der guten Gegend nicht immer auf Kommando zu haben sind, so ging es nicht ohne Kompromisse ab, und alle 4 Läden waren zwar nicht ganz falsch gemietet, aber auch nicht so richtig, wie es bei einem auf Jahre angelegten Plan notwendig gewesen wäre. O. hatte eine Reklameserie vorbereitet, die sich an den „fortschrittlichen Herrn“ wandte. Was tut der fortschrittliche Herr? Natürlich trägt er SS-Kleidung. Und warum tut er das? Dafür gab es unzählige Argumente, die meisten mit einer Spitze gegen die „veraltete“ Schneiderei und ebenso gegen die verachtete übliche Konfektion. Das Wort „Konfektion“ existierte für uns nicht. Wir sprachen von „Fertigkleidung“, und betonten den modernen rationalisierten Herstellungsprozess nach neuzeitlichen Methoden mit raffinierten Maschinen. Natürlich sollte der ganzen modernen Idee entsprechend auch die Ladeneinrichtung modern sein. Alles wurde in Stahlrohr vorgesehen, Holz war verpönt. Keine Tische, keine Regale. Alles leicht, luftig, offen. Viel Wert wurde auf Schaufenster-Gestaltung gelegt. Alle Anzüge sollten auf Kopfbüsten aufgezogen werden. Nicht so ein guillotinierter Rumpf, ein Torso, sondern an einer lebensvollen Figur sollte sich der gute Anzug präsentieren. Damals waren anstelle der altmodischen Wachsfiguren mit ihren glatten, süßlich-lächelnden Gesichtern gut modellierte Charakterköpfe und ausgeformte Körper aufgekommen. Die beliebtesten Schauspieler, Filmhelden & Boxer waren lebensgetreu dargestellt, ja man ging so weit, den Köpfen echte Haare, selbst echte Augenbrauen einzupflanzen. Heute ist man ja von diesem Panoptikum wieder abgekommen, aber für die damalige Zeit war es etwas Neues und Epochemachendes. – Wir suchten uns aber noch nach einer andern Richtung zu sichern. Wir sagten uns, 4 Geschäfte genügen nicht zur Beschäftigung der Fabrik, der Hannes-Umsatz in diesem Artikel war gering und zählte nicht. Wenn man sich noch ein eingeführtes Engrosgeschäft angliedern würde, so wäre die Absatzbasis gesichert. Wir inserierten und kamen in Verbindung mit Herrn Fuhrmann. Es war eine Mesalliance. F. war der Typ des deutschen Reserveoffiziers, groß, schlank, mit blitzenden blauen Augen, steif als habe er einen Stock verschluckt, aber zielbewusst, redegewandt und sicher im Auftreten. Er sprach mit suggestiver Eindringlichkeit und stellte einen Umsatz von 300'000.– Mk in Aussicht. Als mein Vater ein zweifelndes Gesicht machte, hob er die Hand mit beschwörender Miene und sagte feierlich, jedes Wort wie eine Goldmünze wägend: „Herr Kass, so sicher wie das Evangelium!“ Damit hatte er das Evangelium verschworen, denn er machte später höchstens ein Drittel. Aber bei uns wirkte das Evangelium. Noch niemand hatte in diesen Räumen auf das Evangelium geschworen und diese ungewohnte Beteuerung überwand unsere Zweifel. Es kam zum Vertrag. Herr Fuhrmann tat einen Luftsprung (allerdings erst, als wir es nicht sahen), denn er war gerettet. Allein hätte er sich nicht mehr halten können. – Du siehst, der ganze Plan war groß und folgerichtig angelegt und entbehrte nicht einer gewissen Großzügigkeit & Kühnheit. Auf der einen Seite eine neuartige Fabrikation auf rationeller, der Konkurrenz überlegener Basis, auf der andern Seite der durch Engrosgeschäft und eigene Detailgeschäfte gesicherte Absatz für die Produktion. Wenn man nicht die Frage aufwerfen will, wozu ein Mensch, der es doch gar nicht nötig hat und weder von einem besonderen Ehrgeiz noch von übermäßiger Liebe zur Sache getrieben ist, sich überhaupt eine solche Last aufbürdet, so kann ich auch heute noch keinen Fehler in dem Plan sehen. Es griff alles logisch ineinander. Der Fehler lag in der Ausführung. Es war wohl ein Plan, aber nicht genügend Planung. Weder wurde der Plan nach der finanziellen Seite richtig durchgearbeitet, noch in allen seinen Einzelheiten ausreichend durchdacht. Es wurde zu sehr aus dem Vollen gewirtschaftet. Zwar wurden qualifizierte Leute mit hohen Gehältern engagiert, die auch nicht ohne Fähigkeiten waren, aber doch nicht immer befähigt, selbständig zu arbeiten. Wir verstanden aber selbst zu wenig, um ihre Leistungen kontrollieren zu können und versäumten es, ihre Bezahlung von ihrem Erfolg abhängig zu machen. Teilweise blendeten auch äußere Erfolge, die nicht konsolidiert werden konnten. Auch machte sich der Zwang zur Vertuschung bei den Detailgeschäften, besonders notwendig wegen des angegliederten Fuhrmann-Apparates, hindernd bemerkbar. Der erste Versager war Fuhrmann. Seine Verkaufserfolge waren minimal. Das einzige, womit er imponieren konnte, war ein Detailumsatz, den er innerhalb seines Engrosgeschäftes machte. Er hatte nämlich sehr gute Beziehungen zur früheren Admiralität, und alle ehemaligen Offiziere und höheren Chargen ließen bei ihm arbeiten. Fast täglich kam er und flüsterte feierlich und ehrfurchtsvoll: „Heute hat Herr Admiral Roeder einen Anzug bestellt!“ Dabei ließ er den Namen langsam auf der Zunge zergehen, damit wir die ganze Bedeutung des erlauchten Kunden inne würden. Für uns hatte dieser Umsatz aber höchstens das Interesse einer Kuriosität, die das Versagen auf der Hauptlinie nicht wettmachte. Als sich die Erfolge nicht besserten, trennten wir uns von ihm, indem wir ihm seinen Firmennamen überließen. Er hat dann wieder für sich gearbeitet, und nach der Um­­wälzung in Deutschland hat er als nationaler Mann erster Ordnung eine führende Rolle in der Branche gespielt. Er hat mich vor einigen Jahren hier in St. Gallen besucht, als er mit einer Expertenkommission in den Orient fuhr. Er erschien in einem pompösen Kamelhaarmantel mit den alten, etwas brutalen Gesichtszügen, leicht gerötet und mit blitzenden Augen. Seine Sprache war noch etwas schärfer und rasselnder geworden, aber von gewohnter Eindringlichkeit. Man spürte, er hatte Karriere gemacht. „Ja, Herr Kass,“ schnarrte er, „ so geht es im Leben, mal ist man unten, mal ist man oben. Damals war ich unten, jetzt bin ich oben. Ich habe es ja gewusst, dass ich etwas leiste!“ Er hatte ein Geschäft mit 4 Millionen Umsatz, besaß außerdem eine Plakatgesellschaft. „Ich habe meine Leute“, sagte er. Er war reicher, aber nicht erfreulicher geworden. – Der Erfolg, der dem Plan auf der Seite des Engrosgeschäftes versagt war, wurde ihm auf der Seite der Detailgeschäfte beschieden. Die Eröffnung der SS-Geschäfte war eine kleine Sensation. Die bestehenden Herrenkonfektionsgeschäfte wurden etwas steif & langweilig geführt. Die Reklame bewegte sich in den alten abgedroschenen Phrasen, die Schaufenster zeigten in öder Gleichförmigkeit eine Auswahl, die niemanden interessierte. Hier brachten wir neuen Wind in die Segel. Sowohl unsere Fenster wie auch unsere Reklame war etwas Ungewohntes. Sie waren zwar dilettantisch, etwas roh, vielleicht sogar anfangs unkultiviert, aber sie waren äußerst amüsant, sie interessierten, sie erregten Aufsehen. Wir waren die ersten, die in den Schaufenstern mit überlebensgroßen Fotografien arbeiteten. Wir wussten, dass ein Anzug, ein Stoff an sich noch nicht genügt, um den Passanten zum Stehenbleiben zu bewegen, es musste noch etwas anderes im Fenster sein, ein Blickfang, der ihn anzog, und von dem aus er auf die Ware gelenkt wurde. So gingen wir von allem aus, was geeignet war zu interessieren, ob das nun eine Szene aus einem Sensationsfilm, oder die Figur eines gerade im Mittelpunkt der Ereignisse stehenden Boxers war, und die Kunst bestand darin, von diesen Blickfängen den Übergang zum Verkaufsobjekt zu finden. Oder aber wir nahmen ganz einfach populäre Redensarten zum Ausgangspunkt, etwa: „Alle kochen mit Wasser – aber wie man kocht, darauf kommt es an!“ und zeigten, halbplastisch aus einer Kulisse heraustretend, einen Koch mit großer weißer Mütze und karierten Hosen und auf dem Herd stand ein elektrischer Kochtopf, in dem Wasser siedete. Der dampfende Topf im Schaufenster zog natürlich die Passanten an. Trotz der Aufmerksamkeit, die die Geschäfte erregten, waren die Verkaufserfolge anfänglich nicht übermäßig groß. Aber sie waren doch so ermutigend, dass wir den Ausbau weiter verfolgten. Nachdem der Plan des Engrosgeschäfts gescheitert war, durften wir ja mit der großen Fabrik im Hintergrund nicht bei 4 kleinen Läden stehen bleiben. Wir erkannten die Notwendigkeit einer wirklich guten Geschäftslage und suchten neue Objekte im Zentrum und Westen. Der Brennpunkt der Berliner City ist die Ecke Friedrich- & Leipzigerstraße. Dort unmittelbar neben der Ecke fanden wir einen freien Laden, der aber den großen Nachteil hatte, nur ein sehr kleines Schaufenster und eine minimale Ladenfläche zu haben. Dagegen gehörten große Räume im 1. Stock dazu. Dieser Laden, bei einer Miete von 6000.– Mk, war ein großes Wagnis. Mangels eines besseren Objektes griffen wir zu und hatten Erfolg. Es wurde unser bester Laden. Auch im Westen hatten wir Glück. Diese beiden Läden gaben dem Geschäft eine große Ausdehnung. Inzwischen hatten wir eine sehr wirksame Reklame eingeleitet, die den Namen SS schnell populär machte. Nach einigen Experimenten trat ich mit Prof. Moholy-Nagy in Verbindung, auf den mich Gertrud, die seine Arbeiten vom Dessauer Bauhaus her kannte, aufmerksam gemacht hatte. Er war Ungar, ein sehr liebenswürdiger Mensch & guter Freund, ausgezeichneter Fotograf und avantgardistischer Maler, Abstraktivist. Mit ihm fand eine Zusammenarbeit statt, die uns, d.h. Moholy, Sch., O. & mich lange Abende vereinigte. Wir arbeiteten nämlich die Inserate sehr genau aus. Die Ideen kamen mal von diesem, mal von jenem, die stilistische Formulierung nahm ich stets vor, da O. ein unmögliches Deutsch sprach & Sch. nicht in der Lage war, einem Gedanken eine ausgefeilte Gestalt zu geben. Moholy brachte dann ein passendes Foto und machte die typographischen Angaben. Uns lag besonders daran, die Warte interessant zu machen. So entstanden die Inserate: „Schaf & Kamel“ – nämlich als Lieferanten des Rohmaterials. Ein wunderbarer großer Kamelkopf, der die Hälfte des ½-seitigen Inserates bedeckte, zog den Blick an und seine Vergrößerung in allen Schaufenstern setzte die Inseratwirkungen in die Geschäfte fort. Ferner: „Wenn Sie Röntgen-Augen hätten“ – dann würden Sie nämlich die gute SS-Innenverarbeitung, das „Herz der SS-Kleidung“ sehen. Zwei suggestive Augen leuchteten aus der Zeitung. Eines der beiden Inserate pries einen Stoff „Aachen 500“ an, ein Aachner Kammgarn von 500 gr. Schwere. Ein schräg liegender Schornstein war gezeichnet, aus dem eine schwarze Rauchwolke quoll. Diese Rauchwolke war aber der in plastische Falten gelegte & fotografierte Stoff. Ein anderes Inserat: „Alle kommen nackt zur Welt“ mit einem entzückenden großen Babykopf. Mannigfaltig war die Auswertung der SS Marke. Auf dieses Zeichen war viel Mühe verwendet worden. Einer der Bekanntesten Graphiker, Willrab, hat es geschaffen. Ursprünglich sollte sehr viel Idee hineingearbeitet werden, aber es zeigte sich am eindrucksvollsten in voller Einfachheit. So kam das linienschöne SS auf schwarzem Grund mit 3 Punkten, die die 3 Einheitspreise andeuteten, zustande.

 

11/9 Renatli – heute ist Dein Geburtstag – und ich bin nicht bei Dir. Ich hatte so gehofft, aber es ging nicht. Und auch Du –­ wer weiß, ob Du nicht eine stille Hoffnung hattest, dass ich an diesem Tage zurückkehren würde? Wir müssen noch länger warten, aber ich hoffe, nicht allzu lange. Jeden Abend in der Zelle, wenn das Haus ruhig geworden ist und die Stimmen von außen deutlicher zu mir dringen, höre ich ein kleines Kind „Vati“ rufen. Dann ist mir immer, als ob Du mich rufst. Du bist nun 12 Jahre alt und an der Grenze zwischen Kindheit und Mädchentum. Sicher wirst Du Dir allerhand Gedanken machen, von denen vielleicht niemand etwas weiß oder es werden Fragen in Dir sein, die Du an niemand richtest. Ich entbehre es so sehr, keinen Anteil an Deiner inneren Entwicklung in dieser Zeit nehmen zu können. Und diese Hefte sind ein schwacher Ersatz, in denen Du vielleicht die eine oder andere Antwort finden wirst. Und doch, Renatli, wenn wir uns umschauen, wie es heute in der Welt aussieht, so kann man nicht genug danken, dass wir in Frieden leben. Man muss sich nur wundern, dass die Menschen all das Grauen, das um sie her geschieht, ertragen können, selbst in Gedanken nur ertragen können. Es zeigt, wie gering die Vorstellungskraft ist. Aber eines Tages wird das Erwachen kommen. Dann werden sich die Menschen an den Kopf fassen und nicht begreifen, wie dieser Wahnsinn, dem sie heute machtlos und leider auch sehr teilnahmslos gegenüberstehen, möglich war. Dann werden gewaltige soziale Umwälzungen kommen, aber ob im Grunde viel geändert werden wird? Die Menschen sind es, die sich ändern müssen! Erst dann ändern sich auch die Zustände. Ja Renatli, wenn ich an Dich denke, so denke ich auch an die Zukunft, an die allgemeine und an unsere besondere. Ich möchte gern, dass Du ein richtiger und gesunder Mensch wirst, d.h. dass die Fähigkeiten, die die Natur Dir mitgegeben hat, wachsen und stark werden und dass Du sie betätigen kannst. Das ist viel und wenig, vielleicht schon zuviel für diese Welt! Aber wir wollen nicht mutlos sein! Du bist jung und das Leben liegt noch vor Dir. Was schlecht in dieser Welt ist, kann noch besser werden. Werde Du nur, was Du bist! Das ist alles, was in der Macht eines Menschen liegt, und dass Dir dies gelinge, das ist, liebes Renatli, mein heutiger Geburtstagswunsch für Dich! Gott segne Dich! Amen.

 

12/9 Heute fahre ich wieder fort. Es ist merkwürdig, was für eine suggestive Kraft von einem Markenzeichen ausgeht. Zuerst wurden wir selbst davon erfasst, in unsern Gedanken, in unsern Reden. Wir sprachen von SS-Fabrik, von SS-Stoffen, SS-Fachleuten, einem SS-Geschmack etc. Aber wir wussten diese Wirkung auch weiter zu tragen. Von allen Litfasssäulen leuchtete das weiße SS auf schwarzem Grund, an den Geschäften war es weithin sichtbar in riesigen Leuchtbuchstaben und es wiederholte sich bis ins Kleinste, auf den Briefbogen, den Preisschildern, den Drucksachen etc. Natürlich entstand es in einer Zeit, in der die politische SS noch nicht populär war, sonst hätte man das Zeichen wohl kaum gewählt. So aber wurde der Reiz des Zeichens noch dadurch erhöht, dass niemand wusste, was es bedeuten solle und alle möglichen witzigen und ernsten Erklärungsversuche wurden unternommen. Mit der Ausdehnung der Geschäfte ließ sich die Anonymität nicht mehr aufrechterhalten und als wir das Engrosgeschäft ganz aufgaben, hatten wir auch kein Interesse mehr, sie zu wahren. Als es bekannt wurde, dass wir die Eigentümer von SS waren, lancierte die Konkurrenz ein böses Wort. „Was ist SS?“ – „Das Ende von Kass!“ Sie haben Recht behalten, aber damals sprach die Entwicklung dagegen. Aber trotz der äußern Popularität & Verbreitung war das Geschäft noch weit von einer Konsolidierung entfernt. Überhaupt ging die Sache nicht so glatt. Gleich nach der Eröffnung gab es organisatorische Schwierigkeiten. Man hatte mit geringeren Umsätzen gerechnet. Überall fehlte es an richtigen Leute, die neuen Leute waren nicht eingearbeitet, teilweise ungeeignet, täglich ergaben sich Fälle, auf die man nicht vorbereitet war, der Mangel an Erfahrung machte sich schwer bemerkbar – und O. war kein Organisator. Zuerst wurde ihm alles überlassen, aber nach 4 Wochen zeigte sich, dass allergrößtes Durcheinander herrschte. Nichts war richtig verbucht, keine Kontrollen, keine Abrechnung. Ich musste schleunigst eingreifen & mit vieler Mühe Ordnung herstellen. Aber noch viel größere Schwierigkeiten gab es in der Fabrik. Mit der Einrichtung des Herrn Valerius allein war es nicht getan. So ein Betrieb ist ja ein lebendiger Organismus, der täglich an die wirklichen Erfordernisse angepasst sein will. Nun war die Fabrikationsidee spezielles Gebiet von Sch. Ihm passte es aber nicht, sich nach Lichtenberg zu setzen, er glaubte die Fabrik von Weitem leiten zu können & beschränkte sich auf 2 - 3 Besuche oder kurze Aufenthalte in der Woche. Das führte zu Differenzen mit meinem Vater. Er wollte Sch. zwingen, ständig draußen zu sein. „Das Auge des Chefs“ müsse immer wachen. Wenn sich ein Stäubchen in die Maschine setze, müsse er parat sein, es wegzuwischen. Sch. aber verfocht den Standpunkt der Organisation. Leider stellte ich mich auch hier auf seine Seite, obwohl mein Vater in der Sache recht hatte. Ich wollte mich aber seiner diktatorischen Anordnung widersetzen. Ich rebellierte gegen seine Autorität, nicht gegen seine Gründe, aber um seine Autorität zu bekämpfen, bekämpfte ich auch seine Gründe. Du siehst, ich führte einen biologisch verspäteten Kampf gegen meinen Vater. Ich wollte etwas nachholen, was ich in früher Jugend versäumt hatte. Das machte den Kampf absurd, sogar lächerlich und damit setzte ich mich ins Unrecht. Dabei geriet ich immer mehr in eine Komplizenschaft mit Sch. Er hatte den Gedanken in mir erweckt, dass das Geschäft nicht lediglich dem strengen Gesetz der Pflicht zu folgen habe, sondern dass man ihm seinen Lebensstil, seine persönliche Note aufdrängen müsse, ja dass man nur dann Erfolg haben könne. Mein Vater vertrat im Prinzip (in der Praxis wich er manchmal davon ab) den Standpunkt, dass der Chef der erste Diener seines Geschäftes sein müsse und dass er die Disziplin, die er von andern verlange, in erster Linie auch von sich selbst fordern müsse. Dazu gehöre z.B. pünktliches Erscheinen & bis in sein höchstes Alters erschien er mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit, bei der er sich 10 Minuten regelmäßiger Verspätung konzedierte. Sch. aber meint, warum solle ein Geschäft davon abhängig sein, ob man eine halbe Stunde früher oder später erscheine. Er sei ein ganz anderer Mensch, wenn er sich nicht barbarisch aus dem Schlaf reißen müsse, sondern ausschlafen könne. Auch sonst verstand er sich auf angenehmes Leben. Schon längst hatte er sich ein Auto, selbstverständlich auf Geschäftskosten zugelegt, und wir fuhren oft gemeinsam nach Lichtenberg, arbeiteten dort ein Stunde, d.h. ordneten das Notwendigste an, ohne aber die innige Fühlung mit dem Betrieb zu bekommen, die man hätte haben müssen, dann fuhren wir zurück, nicht ohne auf dem Weg eine Limonade oder sonst einen kleinen Imbiss einzunehmen. Dabei philosophierten wir über die richtige Lebensweise und die richtige Geschäftsführung, ohne zu merken, dass wir bei vielen guten & richtigen Ideen doch sehr viel falsch machten. Die Eröffnung der Geschäfte hatte zu einer großen Auflockerung der streng geregelten Geschäftsweise geführt. Vorher spielte sich alle Arbeit im Hause ab, jeder war kontrollierbar. Jetzt gab es immer einen Vorwand, in ein Geschäft zu fahren, wo es amüsanter war zuzuschauen, als in der Zentrale solide Arbeit zu leisten. Und nicht immer war es ein Geschäft, wohin man fuhr. Auch ich ging manches Mal auf die Universität, einen Kolleg zu hören, unter dem Vorwand, die Detailgeschäfte zu kontrollieren. Damit will ich nun nicht sagen, dass nur gebummelt wurde. Es gab auch Perioden starker Arbeit, aber die Arbeit wurde vorzugsweise dorthin verlagert, wo sie interessant, oder amüsant war. Reklame, Dekoration, Verkäuferschulung, Kollektionsdurchsicht etc. Mein Vater spürte, dass es an einigen Punkten fehle, auch da er von uns keine offene Information erhielt, so spürte er auf eigene Faust. Und da er einen guten Blick hatte, so fand er bald Mängel heraus, besonders in der Disposition, indem er Verkäufer ausfragte, besonders solche, die von uns nicht protegiert waren. Hatte er etwas herausgefunden, so hieb er drauflos und schimpfte auf die „jungen Leute, die das Geschäft mit Pappdeckeln regieren wollten“, wodurch er unsern Widerstand natürlich verhärtete. Mit der Zeit aber wurde immer deutlicher, dass die Fabrik in Lichtenberg nicht so lief wie sie sollte, und wir verlegten sie in das Hauptgeschäft, wo durch Liquidation der Engros Abteilungen Räume frei geworden waren. Damit wurde in der Tat eine Besserung erreicht, denn was in der Nähe ist, das übersieht man besser. Aber so eine Teilarbeitsfabrik ist ein Kreuz eigener Art. So schön die Sache in der Idee aussieht, so schwierig ist sie in der Praxis. Man hat es nämlich außer mit Maschinen auch mit Menschen zu tun, und Kleidung ist, trotz weitgehender Standardisierung des Herrenanzugs, doch ein Modeartikel, der beständigen Wechsel verlangt. Die Fabrikation strebt aber nach Gleichartigkeit. Und diese 2 Prinzipien zu vereinigen, ist nicht immer leicht. Auch verlangt die Fabrik Gleichmäßigkeit in der Menge der Produktion, und das führt leicht zur Überproduktion. Diese Überproduktionktion. Diiichmässisg der Geschäfte nahe, zu der die guten ERfolge t leicht zur inigen, ist nicht immer leicht. Auh verlangt diÜ, bezw. ihre Beseitigung legte eine Ausdehnung der Geschäfte nahe, zu der die guten Erfolge im Detail verführten. Aber die meisten Fehler macht man, wenn man Erfolg hat, weil man dann glaubt, es müsse immer so weiter gehen. So zeigte sich bei den nächsten Eröffnungen von Filialen, dass der Erfolg der einen auf Kosten einer andern ging. Die Geschäfte lagen sich schon zu nahe und beeinträchtigten sich gegenseitig. Dadurch wurde das Ganze unrentabler. Denn wenn ich den gleichen Umsatz, den ich vorher in 6 Geschäften machte, jetzt in 8 Geschäften mache, so liegen natürlich erhöhte Spesen darauf. Nachdem Berlin mit SS gesättigt war, richteten wir unser Augenmerk auf die Provinz. Einer der wildesten in Bezug auf Ausdehnung war mein Vater. Keine Stadt, wo er nicht am liebsten eröffnet, kein noch so schlecht gelegener Laden, den er nicht gern gemietet hätte! Alle diese Provinzgeschäfte in Hamburg, Leipzig & Breslau waren Fehlschläge, weil die Läden ohne genügendes Studium der Orte & der dort herrschenden Verhältnisse aufgezogen waren. Ich war gegen diese starke Ausdehnung und widersetzte mich häufig den Plänen, was mir den Namen einer „Bremse“ eintrug. Hätte ich nur noch 10mal mehr gebremst! Es ist nämlich eine schlimme Sache, wenn ein Detailgeschäft nicht geht. Dann bleibt das Lager hängen und veraltet. Ein einzelnes Geschäft schützt sich dagegen, indem es weniger einkauft. Wenn aber eine Fabrik da ist, die unbekümmert um die Bedürfnisse der Geschäfte ihr tägliches Quantum Ware ausspuckt, so ist bald alles verstopft. Natürlich kann man das Produktionsquantum der Fabrik auch herabsetzen. Das geht aber nur auf 2 Weisen: entweder verkürzt man die Arbeitszeit, das wollen aber die Arbeiter nicht, die auf einen vollen Wochenlohn angewiesen sind und gerade die besten Kräfte laufen dann zuerst davon, oder aber man verkleinert die Fabrik. Das ist aber eine umständliche Umstellung, der ganze starre Einteilungsplan wird über den Haufen geworfen, und man entschließt sich nur schwer zu diesem Schritt und solange nicht, als man die Stockung für bloß vorübergehend hält. Denn es kann leicht passieren, dass gerade nachdem die Umstellung beendet ist, wieder Bedarf einsetzt, der dann nicht befriedigt werden kann. Solange die Expansion der Geschäfte weiter betrieben wurde, lag in ihr das einfachste Mittel zu Entlastung der Läger, denn bei der Einrichtung eines neuen Geschäftes konnte ein Teil der notwendigen Waren aus den übrigen Geschäften entzogen werden. Mit der Zeit machte sich aber doch die Veraltung der Läger, teils auch verursacht durch Dispositionsfehler, bemerkbar und die Geschäfte verloren Zugkraft. Der Umsatz betrug in der besten Zeit in den Detailgeschäften 4 Millionen Mark, und trotzdem wurde ohne Verdienst gearbeitet. Dies lag an einem verkehrten Kalkulationssystem. Auf diesem Gebiet wirtschafteten Sch. & O. leider selbständig. Ich konnte hier nicht eingreifen, da ich mich von der Beschäftigung mit Stoffen etc. fern gehalten hatte. Es war immer das Gleiche bei mir. Es fiel mir schwer, an die Sache heranzukommen. All das existierte als Idee, als Rechengrundlage, als Organisationsproblem, aber ich scheute vor dem direkten Kontakt. Ich war in der ersten Zeit, als auch Sch. Warenkenntnisse erst erlernen musste, abwesend und konnte dann den Anschluss nicht mehr finden. Stets gewohnt, eine Sache durch Denken zu bewältigen, gelang es mir nicht, in Fühlung mit dem Material zu kommen, in dem ich es einfach in die Hand nahm und mit den Sinnen erfasste. Ich hielt mich daher auch von der Durchsicht der Collektionen fern, und war daher, wie man sagt, nicht „im Markt“. Daher nahm ich an der Kalkulation nur rein rechnungsmäßig teil, konnte aber nicht beurteilen, ob ein Kleidungsstück 5 Mk mehr oder weniger wert war. Sch. war von der Idee besessen, in den Preisen immer mehr zu bieten als die Konkurrenz. Das ist bei einem Herrenanzug sehr schwierig. Im Grunde kann kein Kunde beurteilen, ob ein Anzug teuer oder billig, ob er 60 oder 100 Mk wert ist. Man kann noch lange billig sein, der Kunde merkt es nicht, oder erst später, wenn er den Anzug einige Jahre getragen hat & dann hat er meist den Preis vergessen. Daher wollte Sch. mit ganz auffälligen Beispielen den Beweis der Leistungsfähigkeit erbringen. Er stellte z.B. einen Smoking oder Frack für 50.­– Mk aus. Das war natürlich ein Sensationspreis, der die Aufmerksamkeit des Publikums erregte. Dabei wurde dieser Smoking nicht einmal viel gekauft, sondern das Angebot wirkte auf alle übrigen Angebote. Es erfüllte also seinen Zweck, aber doch war etwas nicht ganz Solides in der Idee & die völlige Solidität, die einem Geschäft den festen Grund gibt, der fehlte leider im ganzen Geschäftsgebaren. Es lag keine Stabilität in der Führung. Heute wurde alles billig verkauft, morgen war die Laune auf verdienen, da wurde alles hinaufgezeichnet, übermorgen wurde wieder reduziert. Die Sucht, immer etwas Neues zu bringen, gab dem Ganzen etwas Gejagtes, eine Aktion löste die andere ab, und mit der Zeit bekamen sie etwas Gequältes, Forciertes. Inzwischen kamen Konkurrenzgeschäfte auf, die unsere Methoden imitierten, aber aus unsern Fehlern gelernt hatten und sie vermieden. Sie machten uns viel zu schaffen, nahmen uns Kunden weg und alle unsere krampfhaften Anstrengungen halfen nicht, das verlorene Terrain zurück zu gewinnen. Es war uns im ersten Ansturm gelungen, viele Kunden zu gewinnen, aber es war uns nicht gelungen, uns diese Kundschaft zu erhalten. Warum? Weil es an der liebevollen Pflege im Kleinen fehlte. Wir erkannten nicht die Wichtigkeit, das Bestehende zu erhalten, sondern wandten uns immer wieder etwas Neuem zu, so dass uns der Erfolg durch die Finger glitt. Wir hatten zwar eine sehr gute, volltönende Reklame, aber sie hielt nicht alles, was sie versprach. Wir vermieden allerdings die verpönten Superlative, dafür hatten wir aber den Komparativ erfunden. Wir sagten nicht: SS Kleidung sei die beste, sondern SS ist besser. Dabei hatten wir das SS Zeichen in das Wort „besser“ hineingearbeitet, so dass es so aussah SS ist beSSer. Das war recht suggestiv, doch trug es uns schwere Angriffe ein. Der Verband der Detaillisten, dem wir als Emporkömmlinge nicht angehörten, machte es sich zur Aufgabe, unsere Inserate anzugreifen, und da wir nicht die gewohnten, ausgetretenen Bahnen innehielten, so fand sich leicht ein Vorwand, besonders da das Gesetz höchst unbestimmt war und der Auslegung Tür & Tor geöffnet war. Das geht daraus hervor, dass das ganze Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb 4 kurze Paragraphen umfasste, die Kommentare dazu aber mehrere Bände von einigen hundert Seiten. Einer der bekanntesten Kommentatoren war ein Rechtsanwalt Rosenthal, der zum Unterschied von Namensvettern den Spitznamen: der unlautere Rosenthal trug. Er war aber die Lauterkeit selber. Wir nahmen ihn als unsern Vertreter. Er war ein merkwürdiger Mann. Jude aber mit einer Frei-in von Soundso verheiratet. Er vermied sorgfältig alles, war auf seine Abstammung hindeutete, und bemühte sich, so distinguiert und vertrottelt zu erscheinen wie ein alter Adliger. Er bewohnte eine Villa im Westen und hatte sich an dem Zaun seines Gartens entlang eine Reitbahn anlegen lassen, wo er immer im Kreise herumritt. Es nahm nie ein Schriftstück in die Hand, dazu war er viel zu vornehm, sondern ließ sich alles vorlesen, wobei er mit geschlossenen Augen zuhörte, so dass es aussah, als ob er schlief. Er hörte aber genau zu. Auf seinem Schoß lag meist ein großer gelber Kater. Als ich das erste Mal mit ihm vor Gericht ging, erlebte ich eine große Enttäuschung. Er war ein ausgezeichneter juristischer Wissenschafter und Gutachter, aber forensisch, d,h, in der rhetorischen Vertretung ein Versager. Seine Rede war matt, langweilig, ohne Pointe und er verlor alle Prozesse für uns. Allerdings lag auch eine große Parteilichkeit des Gerichts gegen die fortschrittlichen Reklamemethoden vor. Wir lachten zwar über diese Prozesse und zahlten die Bussen, aber es blieb an unserm Geschäft doch ein Makel der Unsolidarität haften. Auch nahmen die Prozesse viel Zeit weg, die besser auf andere Dinge verwandt worden wäre. Inzwischen hatte sich unsere finanzielle Situation sehr verschlechtert. Die Liquidation des alten Engros-Geschäftes war nicht ohne Verluste von sich gegangen, die Auszahlung langjährigen Personals hatte Opfer gekostet, dann die gewaltigen Investitionen für die Fabrik und die Detailgeschäfte, die nicht wieder eingebracht worden waren, im Gegenteil sie erforderten noch immer weitere Kosten, die Ratenzahlungen an PC, der jährlich 50000.– Mk an Kapital und in den ersten Jahren ca. 25–30000 Mk an Zinsen erhielt – all das machte sich fühlbar. So war es kein Wunder, dass wir aufhorchten, als uns ein jüngerer, sehr forscher Rechtsanwalt, den wir kennen gelernt hatten, sagte, wir sollten ihm doch einmal den Vertrag zeigen, man könne doch nicht wissen, vielleicht gäbe es Formfehler und man könne versuchen, den lästigen Vertrag loszuwerden. Er studierte und fand, was er finden wollte. Zwar nicht mit 100%iger Sicherheit, aber doch so, dass man versuchen könne. Wir sagten uns, warum sollten wir nicht versuchen? Im schlimmsten Fall würden wir nicht schlechter stehen als vorher & wer weiß, vielleicht könnten wir doch etwas erreichen. Schließlich lag ja auch eine Ungerechtigkeit darin, dass PC an der ganzen nicht vorhersehbar gewesenen Entwicklung der Jahre keinen Anteil haben sollte. Es folgten lange Schriftsätze und viel juristische Weisheit wurde verzapft, aber wir verloren in erster Instanz. Wir legten Berufung ein. Ein Reichsgerichtsrat gab sich dazu her, für 1400.– Mk ein Gutachten zu unsern Gunsten anzufertigen. Trotzdem verloren wir wieder in 2. Instanz. Uns stand aber noch der Rekurs ans Reichsgericht offen, und wir waren entschlossen, unsere Chance durchzukämpfen. Die Behandlung dieser Angelegenheit führte mich meinem Vater wieder etwas näher. Es war wie eine Erinnerung an die alte Waffenbrüderschaft, bei der etwas von dem Gemeinschaftsgeist, der uns früher verbündete, wieder auflebte. Es ist ja traurig, dass nichts so sehr Einigkeit schafft wie die Frontbildung gegen einen gemeinsamen Feind. Das ist so im Leben der Völker (wie wäre England je im Frieden mit Russland zusammengekommen?) wie im Leben der einzelnen Menschen. Aber diese Einigkeit hält auch gewöhnlich nicht lange und im Grunde war auch das Verhältnis zu meinem Vater nicht mehr zu reparieren. Es kam zwar nie zu einem völligen Bruch, aber leider zu sehr vielen Brüchen, die immer schwerer zu flicken waren. Sehr hässliche Scenen fanden statt. Mein Vater warf Sch. & mir das Geld vor, das wir verdienten, als ob es ein Almosen wäre. Wir hatten zwar sehr hohe Gehälter, und es wäre gut, viel besser gewesen, wenn wir knapper gehalten worden wären, aber nachdem die Gehälter einmal so festgesetzt waren, durften sie uns nicht vorgehalten werden. Aber mein Vater war gewohnt, alles in seiner Abhängigkeit zu betrachten. Auch seinen Schwiegersöhnen gegenüber, die nicht im Geschäft arbeiteten, verfolgte er diese Taktik. Keine seiner Töchter erhielt eine Mitgift, außer allenfalls eine kleine Beteiligung ans Geschäft, die aber rein formell war, da niemals Gewinn ausgezahlt wurde. Dafür zahlte er ihnen aus dem Geschäft monatliche, durchaus nicht kleine Renten. So erhielt Ernst Lang jährlich 18000.– Mk, Kadisch 12000.– Mk. Dadurch konnte natürlich keiner seiner Schwiegersöhne eine Selbständigkeit erlangen, sondern er hielt sie immer am Bändel, wenn auch an einem sehr locker gehaltenen. Andererseits aber hörten auch die Ansprüche der Schwiegersöhne nie auf und die ganze Familie hing auf Gedeih & Verderb am Geschäft, was sich später sehr nachteilig auswirkte. Denn als das Geschäft zusammenbrach, hatten alle nichts, mit Ausnahme von Langs, die sparsamer als die andern gelebt hatten. In den Disputationen mit meinem Vater ging es aber nicht nur ums Geld, es kamen gegenseitig sehr bittere Worte zur Sprache. Mein Vater fühlte ganz richtig, dass das Geschäft dem Ruin entgegenging, und er maß den „jungen Leuten“ alle Schuld bei. Aber einerseits war er selbst der treibende Keil bei den unheilvollen Expansionen, andererseits setzte seine Kritik häufig gerade bei den fruchtbaren, aber seiner Art unverständlichen Bemühungen ein. Das machte uns wieder blind gegen seine Vorhaltungen, dort wo sie berechtigt waren. So wollte er einmal O. kündigen. O. erfüllte durchaus nicht die Ansprüche eines ersten Geschäftführers, er hatte zwar die Allüren eines Grandseigneurs, aber an detaillierter Kleinarbeit, an Gewissenhaftigkeit fehlte es ihm. Die Kündigung wäre sachlich berechtigt gewesen. Mein Vater wollte sie aber in einer Form durchsetzen, mit der wir uns getroffen fühlten. Daher widersetzten wir uns, mein Vater kündigte gegen unsern Willen, nahm aber später wieder zurück, da er ja meist, wenn er auf harten Widerstand traf, nachgab. Die Verschiedenartigkeit unserer Ansichten hatte dazu geführt, dass wir immer weniger unsere Maßnahmen mit meinem Vater besprachen. Solche gemeinsame Besprechungen sind schön & gut, wenn sie in gleichem Geiste, auf dem Boden einer grundsätzlichen Übereinstimmung geführt werden. Wo diese Voraussetzungen fehlen, kann aber nichts Positives zustande kommen. Darum mieden wir nach Möglichkeit solche Unterredungen, selbstverständlich nicht bei wichtigen Entschlüssen, sondern bei den täglichen laufenden Erfordernissen. Mein Vater fühlte sich hierdurch beiseite gesetzt, ausgeschaltet und warf uns das häufig vor. Dann versuchten wir es, aber gemeinsame Überlegungen zwischen einem 70-jährigen und jungen Menschen sind schwer durchzuführen, sie endeten meist mit einem Misserfolg und wir zogen uns wieder zurück. Ich muss leider gestehen, dass ich mich auch zu einem Verhalten hergab, dessen ich mich sehr schäme. Wir pflegten mittags im Geschäft gemeinsam zu essen, wo wir eine gut eingerichtete Kantine hatten. Abgesehen davon, dass Sch. & ich immer häufiger erst zum Essen gingen, nachdem mein Vater fertig gespeist hatte, gewöhnten wir es uns an, wenn wir mit ihm zusammen aßen, leise zu uns zu sprechen. Mein Vater konnte wegen seiner Schwerhörigkeit nicht an einem allgemeinen Tischgespräch teilnehmen. Mit Rücksicht auf ihn sprach man daher meist direkt zu ihm gewandt. Merkte er, dass belangloses Zeug geschwatzt wurde, so nahm er seinen Kopfhörer ab, womit er anzeigte, dass er an dem Gespräch nicht interessiert war. Doch erforderte die Höflichkeit, dass er immer wieder von Zeit zu Zeit ins Gespräch gezogen oder zumindest orientiert wurde, über welchen Gegenstand man sprach. Insbesondere griff er stets sofort zum Hörapparat, wenn gelacht wurde. Er war kein Freund von Albernheiten, aber umso mehr liebte er wirklichen Humor und wenn er herzliches Gelächter auf den Mienen sah, wollte er unbedingt den Grund wissen. Es war ein großes Unrecht von mir, dass ich immer mehr die Rücksicht auf ihn fallen ließ und ungeniert in seiner Gegenwart leise sprach, ja selbst wenn er zum Apparat griff und damit zu erkennen gab, dass er wissen wollte, wovon gesprochen wurde. Dann sagte er wohl unwirsch: „Etwas lauter bitte!“ und dann wurde ihm irgendeine Ausrede präsentiert, da der eigentliche Gesprächsgegenstand ihm eben gerade nicht zu Gehör kommen sollte. Dies blieb ihm nicht verborgen und später verzichtete er auf die Aufforderung, lauter zu sprechen und nahm seinen Apparat resigniert und schweigend, aber innerlich verbittert, wieder ab. Dieses Verhalten von mir war sehr herzlos und ich kann es nur als Folge jenes heftigen Grades von Zwistigkeiten erklären, der damals herrschte. Es ist trotzdem nicht leicht, ein solches Bekenntnis niederzuschreiben, wenn der Mensch, dem man Abbitte leisten möchte, nicht mehr lebt. Man soll sich eben auch in einem Kampf sehr hüten, mit welchen Mitteln man kämpft. Man soll nicht wahllos von den Schwächen der Andern profitieren, selbst wenn dies bequem und wirkungsvoll ist, es könnte leicht sein, dass es zu wirkungsvoll ist, besonders gegenüber Menschen, die wir ja eigentlich gar nicht bekämpfen sondern lieben wollen. Allerdings war eine Unterhaltung mit meinem Vater recht schwierig, schon dann wenn eine herzliche Atmosphäre herrschte, aber fast unmöglich, wenn er immer Proteste entgegensetzte. Ein harmloses Plaudern kannte er nicht, seine Gespräche mussten immer einen gewissen ernsten Gehalt haben, doch war er außerordentlich begrenzt in seinen Interessen und durch die zunehmende Alterserstarrung bewegte sich sein Denken immer mehr in ausgefahrenen Argumenten, die das Thema „erledigten“. So kam es, dass wir Kinder meist schon nach kurzem in die Verlegenheit kamen: was sollen wir mit Vater reden? Wenn aber durch Streitigkeiten eine gewisse Entfremdung und Förmlichkeit eingetreten war, so nahm die Frage der Unterhaltung leicht etwas Quälendes an. Herrschte aber bei meinem Vater eine Missstimmung, so ging etwas derart Abweisendes von ihm aus, dass es fast unmöglich war, diesen Wall von Unmut zu durchbrechen. Er saß dann mit verkrampfter Mine, schweigsam, bewegungslos, angespannt da und nur aus den Augen unter den buschigen, zusammengezogenen Brauen schossen böse zuckende Blicke. Es erforderte eine große Anstrengung und auch Überwindung, diesen Krampf aufzulösen, der sich meist erst in einem Donnerwetter entladen wollte, und da sich uns dieser Zustand bei den Mahlzeiten später sehr oft bot, wurden wir dieser Anstrengung müde und überließen ihn ganz einfach seiner Laune, ohne ihn zu beachten. Das aber reizte ihn gerade am meisten. Denn ich bin ganz sicher, so abweisend er sich auch gab und so zurückstoßend er jeden Annäherungsversuch auch zurückwies, so wartete er doch nur darauf, aus seinem Groll erlöst zu werden. Er konnte sich nicht selbst davon befreien, obwohl er darunter litt, und wenn er ihn auch am liebsten schnell losgeworden wäre, so konnte er sich doch nur langsam ergeben und bedurfte mehrerer Stöße, um sich zu entspannen. Ich schöpfe dieses Wissen aus mir selbst, der ich auch mitunter in einem drohenden und schweigsamen Groll verkrampfe, und dann nach der mitleidigen Seele lechze, die mich erlöst, wenngleich ich sie bei der geringsten Annäherung heftig zurückstoßen werde und um keinen Preis den ersten Schritt tun könnte. Aber auch mein Vater hat oft geäußert, wie schwer es ihm sei, eine Missstimmung mit sich herumzuschleppen und daher bestand sein Leben auch aus fortgesetzten Streitigkeiten & Versöhnungen, ja er neigte dazu, den „Krach“ geringzuschätzen, wenn nur die Versöhnung möglichst rasch darauf folgte. Er unterschätzte ihn dadurch, und unterließ es, sein Streben auf seine Vermeidung zu richten. Es war eine seiner beliebtesten Lehren, die er allen seinen Kindern bei der Hochzeit als Vermächtnis mit auf den Weg gab, dass sie keine Zwistigkeit über Nacht anstehen lassen sollten. Streitigkeiten könnten vorkommen, es sei auch nicht schlimm, wenn sie vorkämen (hier schloss er von sich aus), aber ja nicht bis zum nächsten Tag einfressen lassen, dann wurde nämlich aus der Streitigkeit ein Streit, und der war nicht mehr so einfach mit der patentierten Versöhnung zu erledigen. Ich muss allerdings sagen, dass auch die Sache mit der Versöhnung ihren Haken hat, denn sie nutzt sich sehr rasch ab, wenn sie nicht so tragfähig ist, den Streit für die Zukunft zu verhindern. Doch genug davon: mein Vater war ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, der oft, wenn er Gutes wollte, Schlechtes anrichtete, aber wer von uns könnte sagen, dass er in dieser Beziehung besser wäre? Ich trage ihm nichts nach und ich hoffe, er wird auch mir nichts nachtragen. Wir haben uns beide zu Worten & Taten hinreißen lassen, zu denen wir in ruhiger Stunde nicht stehen würden.

 

25/9 Ich muss jetzt zunächst nachtragen, dass der Prozess mit PC in ein Verhandlungsstadium trat. PC sah wohl ein, dass wir durch den Vertrag stark belastet waren und dass ein Entgegenkommen von seiner Seite nicht mehr als billig war, auch war er sich wohl des Enderfolges des Prozesses nicht ganz sicher. Die Verhandlungen zogen sich recht lange hin und die Standpunkte waren noch recht weit auseinander, so dass es fraglich ist, ob wir je zusammen gekommen wären, aber es traten andere Dinge dazwischen. Ich hatte früher erwähnt, dass besonders mein Vater von einem permanenten Expansionsdrang besessen war, über den manche erfahrene Leute den Kopf schüttelten. Zum Teil ergab sich dieser Drang aber auch zwangsweise aus dem dauernden Überschuss der Fabrik und dem Rückgang der bestehenden Geschäfte. Nachdem Berlin keine Möglichkeiten mehr bot und wir uns an den Fehlschlägen in der Provinz die Finger verbrannt hatten, schlug Sch. eine Gründung im Ausland vor und da die Schweiz in vieler Beziehung, schon wegen der Deutschsprachigkeit, geeignet schien, richteten wir unsere Blicke nach Zürich. Sch. als dem Initiator der Idee wurde die Durchführung übertragen. Ich muss zugeben, dass Sch. von vornherein nicht nur wirtschaftliche Motive, sondern auch politische & persönliche für seinen Vorschlag hatte. Er war, im Gegensatz zu mir, ein Nervenmensch und mit einer Witterung für Gefahren. Er traute der Situation in Deutschland nicht und hielt es für vorsichtig, einen Fuß ins Ausland zu setzen mit dem Hintergedanken, bei erster Gefahr den andern Fuß nachzuschieben. Wir waren uns klar, dass diesmal nicht wieder die selben Fehler gemacht werden durften wie bei den Provinzgründungen und ließen Sch. genügend Zeit zum Studium der Schweizer Verhältnisse. Das war Wasser auf seine Mühle. Er ließ uns also mit den Mühen und Sorgen in Berlin sitzen und installierte sich auf einige Monate in Zürich im Hotel Baur au Lac. Dort führte er auf Geschäftskosten ein sehr fideles Leben, ohne allerdings den geschäftlichen Zweck ganz zu vernachlässigen. Es erwies sich, dass es recht schwierig war, einen geeigneten Laden zu finden und es dauerte eine geraume Zeit, bis ein guter Laden auf der Bahnhofstraße angeboten wurde. Der Laden war außerordentlich teuer, aber schließlich entschlossen wir uns doch zu diesem Risiko, nicht zuletzt durch den Optimismus des in Aussicht genommenen Geschäftsführers Herrn Krügel. Es war erforderlich, eine gesonderte Schweizer Gesellschaft zu gründen, was wiederum die Erlaubnis der deutschen Devisenkontrolle erforderte, die erteilt wurde, doch wurde es nur erlaubt, einen Betrag von 40000.– frs zu transferieren, was für die Kapitalisierung eines solchen Geschäftes ganz ungenügend war. Nachdem all diese Formalitäten erfüllt waren, bereitete Sch. die Eröffnung vor. Er nahm sich vor, einen Knalleffekt zu erzielen (ich schildere das alles natürlich aus der Rückschau, damals wussten wir von alledem nicht viel) und hatte an Kr. in diesem Punkt eine gleichgesinnte Seele. Sch. sammelte alle Pointen & Schlager aus dem Berliner Geschäftsleben, um sie in einem mächtigen Einsatz zur Eröffnung abzufeuern. D.h. alle zugkräftigen Inserate, alle erfolgreichen Verkaufsaktionen sollten Schlag auf Schlag aufeinanderfolgen. Außerdem aber unterbot er auf der ganzen Linie das in Zürich herrschende Preisniveau, das noch nicht so heruntergewirtschaftet war wie das Berliner. Es ist daher kein Wunder, dass die Eröffnung, die Anfang November 1931 erfolgte, ein Sensationserfolg wurde. Am ersten Verkaufstag konnte Sch. mit geschwellter Brust nach Berlin telefonieren, dass für 12000 frs Ware verkauft worden war. Der erste Monat brachte den gewaltigen Verkauf von 180’000.– frs. Jetzt wurde Sch. größenwahnsinnig und auch Kr. schwoll der Kamm. Er telefonierte an seinen bisherigen Arbeitgeber, er solle seine Ware in die Limmat werfen, mit SS könne er doch nicht konkurrieren. Nach meiner Erfahrung im Geschäftsleben, und vielleicht auch sonst, ist es immer dasselbe: nichts verleitet so sehr zu Fehlern und falschen Einschätzungen als ein Erfolg. Man nimmt den Erfolg als Maßstab, baut auf ihm seine Berechnungen auf, handelt als ob es nun immer so weiter ginge – und schon sitzt man in der Tinte. Ich kann nicht leugnen, auch wir in Berlin wurden beeindruckt und angesteckt, besonders als uns Tag für Tag die schönen Verkaufsziffern nach Berlin gemeldet werden konnten. Natürlich brauchte das Geschäft auch große Lieferungen, um die Läger wieder zu ergänzen, und das war ja das, was uns in Berlin angenehm war, denn der Zweck der ganzen Gründung war ja, die Produktion der Berliner Fabrik aufzunehmen. Es ist später oft gesagt worden, die Schweizer Gründung sei lediglich erfolgt, um später das Geschäft & die Existenz nach der Schweiz zu verlegen. Das ist gar nicht wahr. Ursprünglich waren es hauptsächlich Motive der Berliner Fabrikation. Ganz im Hintergrund stand vielleicht der vage Gedanke, dass ein Stützpunkt im Ausland auch sonst nicht falsch wäre. Aber außer Sch. (und auch der nur ganz bei sich) dachte niemand im Jahre 31 im Ernst, dass jemals eine solche Notwendigkeit eintreten könnte. Wir waren also recht froh über die großen Bestellungen aus der Schweiz und setzten alles daran, sie auszuführen, besonders da von Zürich aus ständig um Lieferungen pressiert wurde. So floss zwar viel Ware nach der Schweiz, aber zunächst kam wenig Geld herein, denn das Schweizer Geschäft musste zuerst, da es wenig Eigenkapital hatte, seine Schulden (von der Einrichtung & dann die laufenden Geschäftskosten) aus den Einnahmen bezahlen. Aber da das Geschäft ja recht flott lief, so fanden mit der Zeit auch ganz namhafte Überweisungen statt, und die Meinung, wir hätten die Ware hierher geschickt, um das Geld dafür hier zu behalten, ist barer Unsinn. Vielmehr trat ein anderer Umstand ein, der uns zu einer forcierten Belieferung des Schweizer Geschäftes veranlasste. Die Schweiz hat eine ganze Anzahl Stoff-Fabriken, die aber aus vielen Gründen im Preise nicht so leistungsfähig sind wie die ausländische Konkurrenz. Diese Industrie ist durch Kontingente geschützt, d.h. die Einfuhr ausländischer Stoffe ist mengenmäßig beschränkt und außerdem durch Zölle belastet. Aber die Einfuhr fertiger Kleidung war damals mengenmäßig frei, allerdings auch mit Zöllen belegt. Trotzdem bestand für die heimische Konfektion eine starke Konkurrenz und nicht zuletzt der ganz auf Einfuhr gestützte Erfolg der SS in Zürich ließ den Anspruch der Schweizer Konfektionäre auf Kontingentierung von Fertigkleidung wieder laut werden. Es wurde bekannt, dass demnächst mit einer wesentlichen Beschränkung der Einfuhr zu rechnen sei und Sch. setzte allen Druck daran, noch vorher eine möglichst große Menge Waren einzuführen, da es noch unklar war, woher das Geschäft später Ware beziehen sollte. Denn als neues Geschäft war mit einer ziemlich niedrigen Kontingentierungsquote zu rechnen. Wir ließen also die Berliner Fabrik auf Hochtouren laufen und sandten täglich große Warenmengen nach der Schweiz. Tatsächlich wurde die Kontingentierung bald darauf in Kraft gesetzt, aber aus unerklärlichen Gründen, angeblich durch ein Irrtum eines Beamten, erhielt das SS Geschäft für das erste Jahr ein sehr großes Quantum bewilligt, das wir ebenfalls noch einführten. Trotzdem musste ja damit gerechnet werden, dass sich diese Ware einmal erschöpfte und es entstand das Problem der Warenbeschaffung für die Zukunft. Sch. kam nach Berlin & setzte auseinander, dass es nicht möglich sei, Ware in der Schweiz zu kaufen. Die Produktion sei nicht so leistungsfähig und das Geschäft würde mit einem Schlage den Vorsprung verlieren, auf dem seine Umsätze beruhten. Außerdem hätten die Schweizer Fabrikanten unter dem Druck ihrer bisherigen Abnehmer einen Boycottbeschluss gegen den neuen Eindringling gefasst. Es gäbe daher nur ein Mittel, um die Zukunft des Zürcher Geschäftes zu gewährleisten: eine Fabrikation in der Schweiz einzurichten, natürlich nicht so groß wie in Berlin. Das Geschäft in Zürich mit seinen großen Umsätzen sei eine genügende Basis, außerdem aber waren sowieso Eröffnungen in der Schweiz geplant. Ich muss leider sagen, dass wir im Rausch des Schweizer Erfolges, ohne allzuviel zu prüfen, unsere Zustimmung gaben. Ich bin der Meinung, dass Sch. außer den geschäftlichen noch sehr gewichtige private Gründe hatte, die vielleicht den Ausschlag für seine Darstellung der Lage gaben. Er verschwieg nämlich, dass eine Arbeitsbewilligung in der Schweiz mit großen Schwierigkeiten verbunden sei, dass sie auf Grund eines Detailgeschäftes nicht zu erhalten sei & dass er danach strebe, sie zu beschaffen. D.h. all das verschwieg er nicht vollständig, sondern erwähnte es so nebenbei, in der ihm gewohnten spielerischen Art, ohne dass die wirkliche Tragweite sichtbar wurde. Ich weiß heute, dass er bei dem Plan des Schweizer Geschäftes von vornherein eine Übersiedlung nach der Schweiz ins Auge gefasst hatte und die Fabrik sollte ihm die Unterlage geben für eine Arbeits- & Aufenthaltsbewilligung. Er stellte aber einzig & allein die geschäftliche Notwendigkeit in den Vordergrund und wusste alles so bestechend und überzeugend darzustellen, dass er mit uns keine große Schwierigkeiten hatte. Er mietete also bald darauf Fabrikräume in St. Gallen auf der Solitüde, wo ein Freund von ihm eine Reißverschluss-Fabrik hatte. St. Gallen war deshalb geeignet, weil es durch den Rückgang der Stickerei-Industrie freie Arbeitskräfte, freie Räume und entgegenkommende Behörden hatte. Nun mussten die Einrichtungen & Maschinen bestellt werden und wie alles, was Sch. in die Hände nahm, geschah das in zu großem Ausmaß und ohne Anpassung an die Verhältnisse. Es traten auch ungezählte Schwierigkeiten auf. Es zeigte sich, dass die Schweiz nicht Deutschland und St. Gallen nicht Berlin ist. Zwar gab es Arbeitskräfte, aber im Gegensatz zu Berlin, das ein Konfektions-Zentrum ist, keine gelernten Arbeiter. Auch ist die Auffassungsgabe und das Arbeitstempo des hiesigen Durchschnittsarbeiters weit zurück hinter dem eines Großstadt-Arbeiters. Methoden, die in Berlin reibungslos funktionierten, waren hier nicht anwendbar. Das Einarbeiten von Leuten war viel mühsamer, und ging einmal eine eingearbeitete Kraft aus irgendwelchen Gründen fort, so war es schwer, einen Ersatz zu finden; wenigstens begann das Einarbeiten von Neuem und man musste froh sein, wenn es überhaupt gelang. Vor allem zeigte sich ein Mangel an leitenden und unterweisenden und kontrollierenden Kräften, so dass wir eine ganze Reihe unserer Berliner Mitarbeiter auf kürzere oder längere Zeit nach St. Gallen senden mussten, was natürlich mit großen Unkosten verbunden war. Vor allem aber war nachteilig, dass Sch. viel zu wenig Zeit in St. Gallen war. Das Geschäft in Zürich brauchte ihn auch, und da es in Zürich amüsanter für ihn war als in St. Gallen, so stationierte er dort. Die wachsenden Schwierigkeiten in der St. Galler Fabrik machten es ihm aber leicht, uns eines Tages zu eröffnen, dass er die Arbeits- & Aufenthaltsbewilligung in St. Gallen erhalten habe und beabsichtige, seinen Wohnsitz dorthin zu verlegen. Letzteres bezeichnete er nur als eine Formalität, da er keineswegs beabsichtige, sich von dem Berliner Geschäft zu lösen. Er führte aber, mit sehr schlagenden Argumenten, die Notwendigkeit eines Schweizer Wohnsitzes aus, woraus sich die weitere Folge ergab, dass er die Aktien des Schweizer Geschäftes auf seinen Namen haben müsse, um in der Schweiz als Eigentümer legalisiert zu sein. Er lege dabei gar keinen Wert auf den wirklichen Besitz und sei bereit, durch einen Optionsvertrag die Aktien den bisherigen Eigentümern zur Verfügung zu halten. Um die Aktien des Schweizer Geschäftes hatte es schon vorher eine Auseinandersetzung gegeben. Mein Vater stand auf dem Standpunkt, alles was er besitze, gehöre seinen 4 Kindern zu gleichen Teilen. Es ist aber nicht gut, 4 Familien an ein Geschäft zu binden, denn notgedrungen müssen die nicht im Geschäft Mitarbeitenden und kein Arbeitseinkommen Beziehenden andere Interessen haben und allmählich zu den Geschäftsführenden in Gegensatz geraten. Jetzt rächte sich, dass mein Vater sich nie entschließen konnte, seine Töchter mit einer anständigen Mitgift abzufinden & auf eigene Füße zu stellen. Ich bot meinem Vater aber nicht viel Widerstand in dieser Frage, weil ich den Anschein vermeiden wollte, als habe ich Sondervorteile gegenüber meinen Geschwistern im Auge. Die Aktien wurden also formell an Sch. übertragen in Wirklichkeit aber waren & blieben sie Eigentum der 4 Geschwister. Sch. verschwand nun immer mehr von der Berliner Bildfläche, je schwieriger dort die Lage geschäftlich & politisch wurde. Als dann im Frühjahr 33 der politische Umsturz in Deutschland eintrat, blieb er gänzlich in der Schweiz. Für mich entstand nun eine schwierige Situation. Ich hatte die ganze Arbeitslast plötzlich allein zu übernehmen, und die Suppe auszulöffeln, die Sch. mir eingebrockt hatte. Allerdings muss ich mir selbst den Vorwurf machen, dass ich ihm so viel Vertrauen geschenkt habe, dass ich mich soweit in seinen Bann habe ziehen lassen und dass ich es zugelassen habe, dass er so frei schalten & walten durfte. Ich konnte mir aber nun keinen Hehl mehr daraus machen, dass die Karre in den Dreck gefahren war. Von allen Seiten stürmten Klagen auf mich ein. Die Filialleiter jammerten, sie hätten nicht die richtige Ware & könnten ihre Kunden nicht bedienen. Ein Teil ihres Lagers sei veraltet und die moderne Auswahl fehle. Diesem Übel war aber nicht so leicht abzuhelfen, da ich schon längst nicht mehr die freie finanzielle Beweglichkeit hatte wie vorher. Die riesigen Investitionen für die Fabrik, für die vielen Detailgeschäfte hatten sich alle nicht bezahlt gemacht und waren eingefrorenes Kapital. Von der Schweiz kam auch nicht soviel Geld wie es hätte sein sollen, denn auch dort mussten ja die großen Einrichtungskosten der Fabrik aus den laufenden Einnahmen, d.h. also auf Kosten der Berliner Lieferfirma bezahlt werden. Es kam der Tag, da ich die Rechnungen nicht mehr zur ersten Condition, d.h. mit Skonto bezahlen konnte. Man merkte in Geschäftskreisen auf, denn das war in den letzten 20 Jahren nicht vorgekommen. Eine ungünstige Bilanz brachte nur Schwierigkeiten mit den kreditgebenden Banken. Die Herren waren durchaus nicht mehr so freundlich wie früher und ich musste die Forderung an die Schweizer Gesellschaft zur Sicherung abtreten. Ich glaubte damals allerdings immer noch an eine Überwindung der Schwierigkeiten, denn der Kapitalmangel war ja nur durch die Absatzstockung eingetreten. Ich hoffte auf ein gutes Frühjahrsgeschäft, das das im Lager steckende Kapital flüssig machen und das finanzielle Gleichgewicht herstellen würde. Da trat ein Ereignis ein, das schwere Folgen haben sollte. Die von der nationalsozialistischen Regierung ausgelöste antisemitische Bewegung beschloss einen Boycott der jüdischen Geschäfte. Am 1. April wurden alle jüdischen Geschäfte gekennzeichnet, mit schmähenden Plakaten, Inschriften & Karikaturen bedeckt und das Publikum aufgefordert, diese Geschäfte zu meiden. Umherstreifende Posten sorgten für die Beachtung dieser Aufforderung. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Ich war am Morgen in der Fabrik, die die Arbeit aufgenommen hatte. Plötzlich drangen 2 Nazis in Uniform in das Geschäft ein & verlangten sofortige Schließung. Gleichzeitig fahndeten sie nach einem jüdischen Angestellten, nach dem sie das ganze Haus durchsuchten. Er hatte aber, anscheinend gewarnt, das Geschäft durch den Hinterausgang verlassen, wurde später aber doch aufgegriffen. Er hatte sich vor der Machtübernahme Hitlers journalistisch gegen die Nazis betätigt und sich damit missliebig gemacht. Ich habe ihn eine Woche später wiedergesehen, nachdem er aus dem Spital, in das er nach dem „Verhör“ durch die Nazis eingeliefert werden musste, entlassen war. Er war noch vollständig verquollen und so eingeschüchtert, dass er nicht zu bewegen war, ein Wort über seine Behandlung mitzuteilen. Ich schloss das Geschäft und ging nach Hause, vorbei an einigen SS-Geschäften, von deren Schaufenstern die gelben Sterne & Plakate leuchteten. Wie mir zu Mute war, wirst Du Dir denken können. Der 1. April fiel auf einen Samstag, der als Saison-Eröffnungstag eine besondere Bedeutung hatte. Ich hatte einen größeren Betrag für Inserate ausgegeben (der Boycott war mit der berühmten Schlagartigkeit erst am Vorabend bekanntgegeben worden) und hätte normalerweise eine Einnahme von 25 bis 30'000.– Mk erwarten dürfen, die ich dringend zur Bezahlung fälliger Rechnungen brauchte. Stattdessen stand ich auf der ganzen Linie vor leeren Kassen.

Heft 10
Seite 10
Seite 10 wird geladen
10.  Heft 10
Kommentar schreiben

29. Sept. 42 An diesem 1. April holte ich Gertrud am Abend vom Anhalter Bahnhof ab, als sie aus der Schweiz zurückkehrte, wohin sie Dich & Anne gebracht hatte. Ich hatte ihre Nähe als menschliche Stütze dringend nötig. Es war uns klar, dass unsere Sicherheit in Deutschland nicht mehr gewährleistet war, auch sah ich nicht, wie ein angeprangertes & boycottiertes Geschäft zu führen sei, das schon unter normalen Verhältnissen dringendst der Mithilfe günstiger Faktoren bedurft hätte. Unser Blick richtete sich naturgemäß jetzt nach der Schweiz. Da brachte mir Gertrud die alarmierende Nachricht, dass sie den Eindruck gewonnen habe, Sch. sei durchaus nicht von der Ansicht entzückt, uns dort erscheinen zu sehen. Sie warnte mich dringend, wachsam zu sein. Leider nahm ich diese Warnung nicht so ernst, wie sie es verdient hätte. Mein persönliches Verhältnis zu Sch. war doch noch sehr gut, ich nahm ihn immer noch in Schutz, machte mehr die Ungunst der Verhältnisse als ihn persönlich verantwortlich & konnte mir nicht denken, dass er mir gegenüber, dem er doch sehr viel verdankte, selbstsüchtig handeln würde. Nie hätte ich geglaubt, dass er eigene Interessen verfolge, in die ich nicht eingeschlossen wäre. Für mich trat nun die schwierige Frage auf, wie ich mich aus dem Gestrüpp von Bindungen & Verpflichtungen herauslösen könne, von dem ich geschäftlich eingefangen war. Ich versuchte einen Verkauf der Geschäfte, doch war das nicht so leicht zu bewerkstelligen in einer Zeit, in der so viele Geschäfte zum Verkauf angeboten wurden. Die Lage wurde immer schwieriger, das Geschäft war vom Boycott in seinem Lebensnerv getroffen, Geld von der Schweiz kam nur langsam & wann immer ich nach Zürich oder St. Gallen telefonierte, um Hilfe von Sch. zu erlangen, war der Herr abwesend. Wahrscheinlich amüsierte er sich in St. Moritz oder Arosa. Mehr als einmal trat die Versuchung an mich heran, ob ich nicht einfach auf & davon gehen solle wie es so viele taten, unbekümmert was aus dem Geschäft werden würde. Aber immer wieder sagte ich mir, dass ich die Verbindlichkeiten ordnungsgemäß abwickeln müsse. Ich wollte auf eine anständige Art Deutsch­land verlassen, auch widerstrebte es mir, meinen Vater ohne meine Hilfe in einem Wust von Schwierigkeiten sitzen zu lassen. Ich kann glücklicherweise sagen, dass unsere Beziehungen, als Sch. verschwand, sich wieder besserten. Mein Vater, der sich klar war, dass das Geschäft tief in Schwierigkeiten steckte und auf die Dauer nicht zu halten war, hätte ja nun leicht auf mich losschlagen können, aber das tat er nicht. Ich bin froh, dass er gerade da, als das von ihm faktisch mit Recht, sachlich häufig mit Unrecht vorausgesagte Scheitern eintrat, sich kameradschaftlich verhielt und den Verhältnissen ihren Anteil an der Schuld gab, den sie verdienten. Als ich sah, dass das Geschäft auf reguläre Art nicht zu verkaufen war, entschloss ich mich, es einem Angestellten zu überlassen, was man damals „Arisierung“ nannte. Ich wandte mich zuerst an meinen Freund aus der Kriegsgefangenschaft Schroeder, den ich aus dem Elend gezogen und später, als er seinen Namen zur Gründung der SS hergab, mit Familie nach Berlin genommen und zum Leiter einer Filiale gemacht hatte. Ich bot ihm die Übernahme des Geschäftes an, sagte ihm offen, welche Schwierigkeiten er damit auf sich zu nehmen habe, er würde sich mit den Gläubigern ev. einigen müssen, hätte dann aber eine gute Chance mit der Weiterführung auf bereinigter Basis. Er vergalt mir das, was ich für ihn getan hatte damit, dass er ablehnte. Nun hatte ich in der Fabrik einen Techniker, einen fantasiereichen, wenn auch etwas verwegenen jungen Mann, dem ich auseinandersetzte, dass die SS sich als nichtarisches Unternehmen nicht mehr halten könne und fragte, ob er sich zur Verfügung stellte. Er tat dies ohne Bedenken und nach 2 Tagen war die Firma SS in seine Hände übergegangen. Die Nachricht rief einen kleinen Sturm hervor. Der Betriebsrat, von A-Z nationalsozialistisch besetzt, witterte Unrat und verschloss die Ausgänge des Geschäftes, setzte mich also gefangen. Inzwischen ging ein Abgesandter zu einem Vorgesetzten, um Instruktionen einzuholen, doch muss er nicht viel erreicht haben, denn die „Belagerung“ wurde nach wenigen Stunden sang- & klanglos aufgehoben. Das erste, was der neue Besitzer der SS tat, war, Herrn O. herauszuwerfen, was in der Tat längst fällig war. Mit dem Verkauf der SS war ich mit einem Schlage eine fast unlösliche Bindung losgeworden. Was nun noch verblieb, waren einige wenige Reste des alten Engrosgeschäftes und die Fabrik, deren Betrieb verhältnismäßig leicht eingestellt werden konnte, da ich sie schon vorher mangels Geld stillgelegt hatte. Es blieben dann nur noch die Maschinen zu verkaufen. Das war eine Aufgabe, die für meinen Vater keine große Schwierigkeit bedeutete. Ich konnte nun also Berlin mit Gertrud, die in allen Leiden bei mir ausgeharrt hat, verlassen. Wir waren vorher verschiedentlich in der Schweiz gewesen, wo wir unsere Übersiedlung mit Sch., der, als er sah, dass es Ernst war, gute Miene machte und alle Hilfe anbot, besprochen hatten. Auch die Vorbereitungen einer Ablösung der Schweizer Gesellschaft von der deutschen Gesellschaft waren so weit gediehen, dass wir den Sprung nach der Schweiz wagen konnten. Als ich nun obendrein noch ganz unberechtigter Weise wegen der Beziehungen zur Schweiz denunziert wurde (unberechtigt weil alles mit Genehmigung der Devisenstelle geschah), so beschlossen wir abzureisen. Am Tage der Abfahrt war ich am Nachmittage mit meinem Vater zusammen. Er sah ein, dass meine Abreise notwenig war und als die Trennung nahte, waren wir beide in wehmütiger Stimmung, denn schließlich, Freund oder Feind, wir waren lange Jahre Seite an Seite gestanden und in allem Zwiste lag die alte kindliche und liebevolle Verbindung von Vater und Sohn zugrunde, die man nie, in seinem ganzen Leben nicht, völlig los wird. So tat uns beiden die Trennung weh. – Doch bevor ich mit Berlin abschließe, will ich Dir noch kurz von meinem privaten Leben erzählen.

 

8/10 Ich muss es schon sagen: das Leben war schön in Berlin. Eine große Stadt bietet Genüsse, die Du nicht kennst. Sie sind sicher nicht das einzige, was ein Leben lebenswert macht und auch abseits der großen Städte lässt sich leben, aber wenn man dieses Fluidum einmal durch seine Adern hat strömen fühlen, so bleibt immer eine geheime Sehnsucht danach. Es ist sicher nicht alles gut dort, es ist einfach anders. Nicht so eng, nicht so uniform, distanzierter, anregender. Aber auch aufreibender, angreifender. Solange ich unverheiratet war, wohnte ich in Wannsee, hatte ich ein großes Einkommen & fast keine Kosten. Aber ich kann nicht finden, dass ich einen vernünftigen Gebrauch von meinem Geld gemacht habe. Nicht dass ich es für sinnlose Dinge vergeudet hätte, nein, es floss mir durch die Finger, ohne dass ich viel hätte sagen können wofür. Ich konnte mir den Luxus leisten, nicht zu rechnen, und ich rechnete auch nicht. Ich kaufte Bücher, Noten, sammelte alte illustrierte Bücher, doch trieb ich das zu unsystematisch, mehr so per Gelegenheit, wobei ich mich schlecht beraten ließ, ohne es zu merken, da ich nicht genügend Arbeit daran wandte. Stets zahlte ich für andere. Wo immer wir zu mehreren Personen zusammen waren, zahlte ich für alle. Ich hatte das so in der Gewohnheit, und wem sind solche Gewohnheiten nicht angenehm? Auch gab ich viel Geld weg, aber nur wenn mich jemand darum bat. Einmal bat mich ein befreundeter Antiquar, eben jener bei dem ich die illustrierten Bücher zu viel zu hohen Preisen kaufte, um 2000 Mk. Ich gab sie ihm ohne weiteres, aber nach 2 Tagen musste er sich Bankrott erklären. Ich nahm es ihm kaum übel, nur fand ich es seltsam, dass er mich noch so kurz vor Torschluss in den Verlust hineinzog. Heute denke ich milder darüber, ich habe an mir selbst erfahren, wie man bis zum letzten Moment hofft. Wie heißt es bei Schiller? „Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf“. Wenn ich über meine Einstellung zum Geld nachdenke, so finde ich, dass man nicht so gedankenlos mit Geld umgehen soll, selbst wenn man es im Überfluss hat. Es gibt ja Menschen, die aus Mangel an Geld zugrundegehen oder sich abschinden müssen, um die notwendigen Groschen zu verdienen. Das sollte denen, die Geld haben, Verantwortung auferlegen. Zwar kommt alles Geld, ganz gleich wie man es ausgibt, wieder in den großen Kreislauf, solange man es nur überhaupt ausgibt, aber es ist doch ein Unterschied, welche Bezirke es durchströmt. Darum sollte man es sorgsam lenken. Sollte ich je wieder einmal in die Lage kommen, erheblich mehr Geld zu verdienen als ich brauche, so würde ich mir ungefähr folgende Einteilung machen: 1/3 für das Notwendige, 1/3 für das Schöne, 1/3 für das Gute. Nun kann man natürlich verschiedener Ansicht sein über das, was notwendig ist. Ich würde aber den Begriff ziemlich eng fassen. Ich würde mich von einem großaufgezogenen Apparat, der neben Kosten auch Lasten bedeutet, fernhalten und eine einfache Lebensweise als Grundlage nehmen. Unter dem Schönen verstehe ich den Genuss an der Freude. Dazu gehören Bücher, Gegenstände Bilder, Reisen, auch Wissen. Und unter dem Guten fasse ich das zusammen, was man nicht für sich, sondern für andere tut. Dafür würde ich aber nicht so planlos Geld hergeben wie ich es tat, sondern ich würde die Gelegenheiten aufsuchen. Vor allem würde ich Kindern und jungen Menschen helfen, ungedingt würde ich das tun. Aber siehst Du, ist es nicht traurig, dass die Einsicht immer zu spät kommt? Geht das nur mir so? Ich glaube nicht. Mein Blick ist jetzt geschärft. Ich sehe wohlhabende junge Leute, sehr nett mit den üblichen Ansichten und der üblichen, oft bis zu Hartherzigkeit ausartenden Gedankenlosigkeit. Wann werden sie einsichtig werden? Wahrscheinlich nicht, solange sie in den Verhältnissen bleiben, in denen sie sind. Ich habe vielen Menschen bei vielen Gelegenheiten geholfen, aber als ich selbst Hilfe brauchte, da hat es mir fast niemand gedankt. - Als ich nun heiratete, da fehlte es natürlich nicht an Kosten. Wir machten den großen Fehler, unsern Haushalt viel zu kostspielig aufzuziehen. Warum? Wir waren es gewohnt, so zu leben, es kam uns gar nicht in den Sinn, dass wir anders leben könnten. Und als ich mit dem Geld trotz des hohen Einkommens nicht auskam, da zog ich eben mehr aus dem Geschäft. Das tat mein Vater, das tat PC und so tat ich es auch. Aber während mein Vater noch Einkünfte aus dem Hause hatte, mit denen er die Überzüge ausgleichen konnte, bildeten sich auf meinem Conto Schulden, die sich von Jahr zu Jahr häuften, besonders als ich einmal auf die unglückliche Idee kam, durch Börsenspekulation das Defizit zu beseitigen. Du siehst, ich habe keine Dummheit ausgelassen. Vernünftigen Menschen brauchte man wohl kaum zu sagen: lass die Finger von der Börse! Aber wir waren das noch etwas von der Inflationszeit her gewohnt, und natürlich brachte mich Sch. auf den Gedanken. Das Unglück war, dass ich gewann. Auf den ersten Schlag 12'000.– Mk. Natürlich war es dem Makler ein Leichtes, mich nach diesem mühelosen Erfolg in weitere Engagements zu verwickeln. Aber bei diesen schlugen alle Berechnungen fehl. Die Kurse bewegten sich genau entgegengesetzt als erwartet. Nun zeigte die Spekulation den Pferdefuß. Nach dem ersten Verlust sagt man sich, warten wir ab, das Blättchen wird sich schon wieder wenden; alle Anzeichen sprechen dafür. Der Makler ist zuversichtlich und gießt Öl auf die Wagen. Aber aller Erwartung zum Trotz steigt der Verlust. Man wird nervös, jeden Morgen stürzt man sich auf die Zeitung, schlägt den Kurszettel auf: Weizen, Gummi, Zucker, Winnipeg – Chicago – wieder 3 Punkte Verlust. Und man rechnet, jetzt sind es schon 25'000.– Mk Verlust. Hätte man doch gleich – ja, man hat aber nicht, und nun heißt es ausharren, denn mal müssen die Kurse ja wieder steigen. Aber es ist wie verhext, immer weiter steigt der Verlust, man schläft nicht mehr, das Essen schmeckt nicht, kein ruhiger Gedanke kann aufkommen, der Seelenfrieden ist dahin. Und eines Tages – der Verlust hat sich weiter erhöht – da reißen die Nerven und man stürzt ans Telefon und schreit den Makler an: alle Engagements sofort lösen! Der Makler rauft sich die Haare, aber man ist unerbittlich, denn seine Prophezeiungen haben schon zu oft versagt. Später kann man dann manchmal feststellen, dass man alles und noch mehr zurückgewonnen hätte, wenn man noch einige Wochen durchgehalten hätte – manchmal aber auch nicht, und dann wäre einem der Verlust über den Kopf gewachsen. Ich habe seither nie wieder spekuliert. Man sagt nicht umsonst, es verdirbt den Charakter. Geht es gut, so ist es unverdientes Geld, an dem kein Segen hängt; geht es schlecht, so zieht es an Geld, Nerven & Gesundheit. Es ist kein Glück, wenn ein Mensch beim Erwachen mit dem ersten Gedanken an den Kurszettel denken muss! – Aber nicht nur hierdurch, sondern durch einen Verbrauch, der ständig über meinem Einkommen lag, wuchsen meine Schulden ans Geschäft, die gegen Ende über 100'000.– Mk betrugen. Mein Vater erledigte sie durch Verrechnung. Trotzdem war es ein großer Fehler, dass er diese Misswirtschaft nicht von Anfang an stoppte, denn diese schlechte Gewohnheit setzte ich auch in der Schweiz fort und hier sollten sie mir zum Verhängnis werden. – Wie ich schon früher schilderte, war meine Bindung ans Geschäft doch trotz aller Mühe, die ich mir gab, eine mehr äußerliche und ich suchte in meiner Freizeit nach Ersatz, der mich mehr befriedigte. Ich fand ihn vor allem in der Musik. Aber da meine Freizeit gar nicht so reichlich war und auf viele Dinge verwendet wurde, so konnte ich auf keinem Gebiete zu einer wirklichen Leistung gelangen. Zu meinen schönsten Erinnerungen gehören die Kammermusikabende, besonders das Streichquartett. Viel Freude & Genuss habe ich am Klavier gefunden, ohne jedoch die letzte technische Klippe zu überwinden. Auch hatten wir Abende, an denen wir Opern mit verteilten Rollen sangen. Diese Abende waren allerdings mehr für die Ausübenden als für Zuhörer berechnet, denn wir waren alle unausgebildete Dilettanten und der Wille war größer als das Können. Als Gertrud einmal Zuhörerin war, höhnte sie sehr über diesen Dilettantismus. Sie kam aus einem Hause, in dem gleiche Übungen mit Künstlern, die die Rollen beherrschten, stattfanden, aber ich hatte eben solche Verbindungen nicht, und wenn ich auch zugeben muss, dass unsere Versuche künstlerisch anfechtbar waren, so verdanke ich ihnen doch eine intime Kenntnis zahlreicher Opern, wie ich sie vom bloßen Hören nicht gewonnen hätte. Besonders Mühe hatte ich an die Einstudierung der „Entführung“ von Mozart gewandt, zu der ich Rezitative komponiert hatte, doch konnte die geplante Aufführung eines Todesfalls wegen nicht stattfinden. Dann gehörte ich in meinen Jugendjahren einer geistigen Arbeitsgemeinschaft an, der Maler, Schriftsteller etc. angehörten. Wenn ich an diese Diskussionsabende in Ateliers zurückdenke, fällt mir das Wort ein: geistiger Jugendstil. Es war kein Mangel an Ideen, aber Unreife und Verworrenheit. Es lag ein Zug in diesen nicht unbegabten Menschen, sozusagen an die Extremitäten der Wissenschaft anzuknüpfen; ich meine damit, sie griffen stets nach den Grenzgebieten, wo das Sichere verhüllt war. Entweder nach den neuesten noch ungesicherten Entdeckungen, oder auf absonderliche verkannte Genies und Arbeiter, aber das tägliche Brot der Wissenschaft, das verschmähten sie. Aus den meisten ist nichts Gescheites geworden, einige patschen noch heute in dem gleichen Fahrwasser. – Verschiedentlich machte ich Versuche, auf der Universität Fuß zu fassen, aber ich hatte nicht die Zeit zu regelmäßigem Besuch, auch fehlte es meinem Wissensdurst an Zielstrebigkeit. Ich war leider nicht einseitig genug begabt, alles zog mich an, überall hin streckte ich Fühler aus, aber nichts hielt mich fest. Als Gertrud in mein Leben trat, glaubte ich, durch sie in nähere Verbindung mit der Musik zu kommen. Sie verstand es auch ausgezeichnet, Menschen an sich und an unser Haus zu ziehen, aber unser Leben war zu unruhig, als dass sich etwas Dauerndes hätte kristallisieren können. Ich muss immer wieder auf den einen großen und kardinalen Fehler meines Lebens zurückkommen, dass ich einem Beruf und damit einer den größten Teil meiner Zeit ausfüllenden Tätigkeit nachging, an der ich innerlich keinen oder keinen genügenden Anteil nahm. Gertrud hat es mir oft gesagt, ich liebte das Geschäft nicht. Ein Geschäft gedeiht aber nicht, wenn es nicht geliebt und gepflegt wird. Man soll immer mit seinem ganzen Wesen bei der Sache sein. Die Dinge haben ihre eigenen Gesetze. Sie rächen sich furchtbar, wenn man diese Gesetze ihnen gegenüber außer acht lässt. Aber noch Schlimmeres tritt ein: man gewöhnt sich an die Oberflächlichkeit, man verlernt, sich voll & ganz einzusetzen, man gewöhnt sich daran, nur die Außenseite den Dingen und auch Menschen zuzuwenden, man ist niemals & nirgends mehr ganz bei sich selbst. Ein kleines Beispiel: Gertrud brachte in die Ehe ein Haus ein, das sie von ihrem Vater erhalten hatte. Weder sie noch ich nahmen uns je die Mühe, dieses Haus auch nur einmal anzuschauen, obwohl wir jährlich 3-4000 Mk Rente daraus bezogen. Ich erinnere mich da an einen Brief einer Mieterin, eines Frl. Trauernicht, die sich in bewegten Worten über das Nichtfunktionieren ihres WC beklagte. Für mich hatte dieser Brief nur das Komische, das im Namen „Trauernicht“, der wie eine Antwort auf die Klage anmutete, in Verbindung mit dem Objekt des Briefes lag, im übrigen übergab ich ihn dem Verwalter und kümmerte mich nicht weiter darum, was geschah. Siehst Du, das ist Mangel an Verantwortung. Wenn einem Gegenstände, und d.h. ja meistens auch die Sorge für Menschen anvertraut ist, so soll man sie eben auch ernst und nicht nur obenhin nehmen. ­– Renatli, ich schildere Dir hier in der Hauptsache meine Fehler & Schwächen, aus denen Du mehr lernen kannst als wenn ich Dir meine Tugenden rühmte, doch hoffe ich, dass Du annehmen wirst, das sie wenigstens nicht ganz gefehlt haben – ich meine natürlich die Tugenden!

 

10. Okt. 42. Ende Okt. 33 verließen wir auf immer Berlin. Meine Beziehungen zum Ausland waren – wenn auch zu Unrecht – verdächtigt worden und das war zur damaligen Zeit keine Kleinigkeit. Wir ersehnten also den Augenblick, wo wir die Schweiz betreten würden. Noch kurz vor der Grenze stand uns ein Schreck bevor. Wir fuhren von Friedrichshafen nach Rorschach, waren schon in Schweizer Gewässer, da trat ein deutscher Zollbeamter auf mich zu: „Zeigen Sie einmal Ihren Pass!“, den er vorher bereits kontrolliert hatte. Obwohl ich ein reines Gewissen hatte, durchfuhr mich doch ein Schreck, so nervös war ich schon von den dauernden Nachstellungen. Der Zollbeamte blätterte lange im Passbuch, dann gab er ihn mir wortlos zurück und ging davon. Wenige Minuten später betraten wir Schweizer Boden. Wir fühlten uns gerettet. Sch. und Lena nahmen uns freundlich auf, aber es standen mir einige unangenehme Überraschungen bevor. Als ich die Frage der Aufenthaltsbewilligung näher prüfte – denn ohne diese durften wir weder bleiben noch arbeiten – zeigte es sich, dass Sch. ein Jahr vorher für seine Aufenthaltsbewilligung sozusagen alles vorweggenommen hatte, so dass für mich nichts übrig blieb. Da ich von all diesen Formalitäten gar nichts wusste & er auch nichts gesagt hatte, wäre es doch nicht mehr als recht gewesen, wenn er mich von vornherein als Inhaber & Leiter des Geschäfts mitgenannt & in die Bewilligung mit eingeschlossen hätte. Das war nun nicht geschehen und verursachte enorm Widerstände, denn die Behörden sagten nicht mit Unrecht, wenn Sch. bisher für den Betrieb genügt hätte, so sei nicht einzusehen, warum es jetzt zwei sein müssten. Um es vorwegzunehmen: mein Gesuch wurde abgelehnt, ich musste Rekurs einreichen und schließlich erhielt ich nach unendlichen Schwierigkeiten, Mühen & Kosten ein Jahr nach unserer Übersiedlung die Bewilligung. Sogleich gab es eine neue Schwierigkeit. Um die Bewilligung in Kraft zu setzen, musste ich die Papiere einreichen. Die deutschen Behörden verweigerten aber den Heimatschein, bevor ich mich nicht zur Untersuchung der immer noch schwebenden Anschuldigungen gestellt hätte. Davon wurde mir aber dringend abgeraten. Ich verlangte Untersuchung auf Grund der Akten. Aber ein unterer Beamter bestand hartnäckig auf seiner Forderung. Schließlich konnte die Sache, da sich die Beamten wohl überzeugen mussten, dass die Anschuldigungen grundlos waren, beigelegt werden, was wieder Geld & ein weiteres Jahr kostete, so dass unsere Ankunftsbewilligung erst 2 Jahre nach unserer Ankunft in der Schweiz wirksam wurde. Vorher durften wir aber keine Wohnung nehmen, daher bliebt ihr in Flims und wir vagabundierten in Hotels, Pensionen, Mietzimmern & im Auto. Endlich nach 2 Jahren vereinigten wir uns alle in St. Gallen in der Wohnung auf Dreilinden, an die Du Dich wohl noch erinnerst. Auch unsere Möbel, viel umkämpft & oft gefährdet, konnten wir dann hereinnehmen. Hinter den wenigen Zeilen, mit denen ich Dir diese Vorgänge schildere, steht ein 2 Jahre langer, aufreibender Kampf um Existenz und Recht auf Arbeit, denn was hätte werden sollen, wenn uns die Bewilligung auch im Rekurs verweigert worden wäre. Wir hätten weiter ziehen müssen, in ein anderes Land, aber Geld hätten wir nicht aus dem Geschäft nehmen können. Wer weiß, vielleicht wäre es ein Segen gewesen, vielleicht hätte das Geschäft aufgelöst werden müssen und viel Sorge & Schande wäre uns erspart geblieben. Man weiß nie, wozu ein Unglück gut ist, das denke ich auch jetzt so oft. Aber damals hätten wir es für eine Katastrophe gehalten & als wir die Bewilligung endlich hatten, glaubten wir unsere Zukunft gesichert. Ich kehre zum Anfang zurück: Die Sache mit der Aufenthaltsbewilligung war nicht die einzige Schwierigkeit, die ich vorfand. Es galt ja jetzt, das Geschäft auf eigene Beine zu stellen & von dem deutschen Geschäft abzulösen. Wenn das Schweizer Geschäft auch eine eigene Gesellschaft war, so war es doch völlig an die deutsche Gesellschaft verschuldet, da es ja einen großen Teil seiner Einnahmen für Investitionen statt zur Bezahlung seiner Schulden verwendet hatte. Eigentlich war das Geschäft konkursreif, wenn man die Einrichtungen & das viel zu große Warenlager richtig abschrieb. Diesen Standpunkt vertrat auch der Verwaltungsrat & verlangte von der deutschen Gesellschaft einen bedeutenden Nachlass, um das Geschäft zu retten. Dazu mussten aber einige Vorbedingungen erfüllt werden: 1) war die Schweizer Forderung seitens der deutschen Gesellschaft, wie ich früher erwähnte, zur Sicherung eines Kredites an eine Bank abgetreten. Es konnte also ein Nachlass erst nach Bezahlung des Kredites erteilt werden, 2) bedurfte ein Nachlass an eine ausländische Gesellschaft einer Devisengenehmigung. Ich will das alles so kurz wie möglich schildern, weil ich nicht sicher bin, ob Du die komplizierten Zusammenhänge verstehen wirst, aber wenn ich gar nichts davon erwähne, verstehst Du auch das Nachfolgende nicht, und es genügt, wenn Du den allgemeinen Gang der Sache begreifst; auf Einzelheiten kommt es dabei nicht an. Sch. hatte Verbindung mit einem Herrn Schiff aus Frankfurt a/M angeknüpft, der in einer Schweizer Zeitung unter Chiffre inseriert hatte. Dieser wollte nach der Schweiz auswandern und machte das Anerbieten, den Kredit der deutschen Gesellschaft, der 150'000 Mk betrug, zu bezahlen, wenn wir ihm dafür eine Beteiligung an der Schweizer Gesellschaft geben würden. Er verfügte über gute Beziehungen, die er auch uns zur Verfügung stellte, so dass die Bewilligung für diese Transaktion sowie gleichzeitig für einen ganz bedeutenden Nachlass (rund 500'000 Mk) an die Schweizer Gesellschaft gegeben wurde. Dagegen war eine Rekonstruktion der Schweizer Gesellschaft in der Weise geplant, dass die Detailgeschäfte (zu dem in Zürich waren inzwischen noch Geschäfte in Basel & Genf hinzugekommen) selbständig gemacht werden sollten, während aus der St. Galler Fabrik eine gesonderte Gesellschaft entstehen sollte, an der Sch., Schiff & ich je zu einem Drittel beteiligt sein sollten & in die entsprechende Werte eingebracht werden sollten. Mitten in diese Verhandlungen platzte die Nachricht, dass die Berliner SS die Zahlungen eingestellt habe, was keinen sehr guten Eindruck machte und es brauchte der ganzen glatten Zungengeläufigkeit von Sch. um ein erwachendes Misstrauen von Schiff zu ersticken. Immerhin konnten wir nachweisen, dass wir seit einem halben Jahr nichts mehr mit dieser Gesellschaft zu tun hatten, daher auch nicht für ihr Schicksal verantwortlich waren und konnten die Gerüchte entkräften, dass der Zusammenbruch durch die Schweizer Transaktion verursacht war, denn das war tatsächlich nicht der Fall. Der Nachlass an die Schweizer Gesellschaft wurde von der Bernhard Kass GmbH getragen, die genügend Vermögen besaß, um ihn gewähren zu können und berührte die Berliner SS gar nicht. Die Partnerschaft mit Schiff kam also schließlich doch zustande und jetzt erst konnte die Bindung an das deutsche Geschäft endgültig aufgelöst und das Schweizer Geschäft auf eigene Füße gestellt werden, denn der Nachlass war so hoch, dass nicht nur die Schulden bezahlt waren, sondern darüber noch ein Eigenvermögen verblieb. Aber dieses Eigenvermögen bestand lediglich aus Waren & Maschinen & Einrichtungen, nicht aber aus Bargeld, und das bildete die zweite Überraschung, die ich nach der Ankunft in der Schweiz erlebte. Es war mir schon in Berlin aufgefallen, als ich des öfteren Zahlung reklamierte, dass Sch. erklärte, es sein kein Bargeld vorhanden & es schien mir merkwürdig, dass die großen Guthaben erschöpft sein sollten. Ich glaubte aber, es ginge mit rechten Dingen zu. Als ich mich aber in St. Gallen näher in die Geschäftsbücher vertiefte, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass Sch. gerade in dem Zeitpunkt, als ich Geld reklamiert hatte, einen Barbetrag von 70'000.– Fr. für sich abgehoben hatte. Das war auch gerade um die Zeit, als er erfuhr, dass ich nach der Schweiz kommen würde. Ich fragte ihn nach dem Grunde & er erklärte mir, das sei sein Gehalt, das sich in ca. 2 Jahren auf diesen Betrag aufgesammelt & das er nun als sein rechtmäßiges Eigentum abgehoben habe. Das klang nicht sehr glaubwürdig, denn wovon hatte er denn in den 2 Jahren gelebt, und zwar verschwenderisch gelebt? Er erklärte erst, mir darüber keine Rechenschaft schuldig zu sein, es genüge voll & ganz, dass er versichere, in den 2 Jahren kein Gehalt bezogen zu haben. Warum er das getan habe, ginge niemand etwas an. Ich prüfte die Bücher & konnte tatsächlich außer nicht sehr bedeutenden Spesen keine Entnahmen feststellen. Zwar waren die Bücher nicht gerade im besten Zustande, ein Gehaltskonto mit regelmäßigen Gehaltsgutschriften bestand überhaupt nicht. Trotzdem ist es mir heute noch rätselhaft, wie die Sache vor sich gegangen ist, da ich nicht ganz unbewandert bin in Buchhaltungsfragen & Sch. nicht soviel Kenntnisse zutraue, als dass er in der Lage gewesen wäre, dauernd Abhebungen so zu verbergen, dass weder ich noch ein Bücherrevisor, dem ich die Sache später zur Nachprüfung übergab, etwas feststellen konnte. Trotzdem muss er doch irgendwo Geld hergehabt haben. Er bequemte sich schließlich, nur ein recht phantastisches Märchen zu erzählen, dass er aus bestimmten Gründen von geborgtem Geld gelebt habe. Das wird sicher nicht zutreffen. Ich vermute, dass er Geld aus dem deutschen Geschäft zog und nach der Schweiz brachte, aber ganz erklärt es das immer noch nicht, da es höchst unwahrscheinlich ist, dass ein Mensch wie Sch. Geld in solch hohem Betrage unverbucht im Geschäft stehen lassen würde, wenn es ihm wirklich rechtmäßig gehört hätte. Er gab mir auf mein Verlangen eine Abrechnung, die ein Wisch mit ein paar aus der Luft gegriffenen Zahlen war, die die Sache auch nicht weiter förderte. Ich äußerte auch meine Zweifel, aber Sch. zuckte die Achseln & ließ alle Verdächtigungen wie Wasser an sich ablaufen. Gertrud riet mir, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen, aber ich war in einer sehr schwierigen Situation. Beweise hatte ich nicht in Händen, Rechte auch nicht. Dazu war ich und wir alle im höchsten Maße von der Unterstützung Sch’s abhängig. Ein Wort von ihm an die Behörden, dass ich unerwünscht sei, hätte genügt, um mich aus der Schweiz ausweisen zu lassen. Zudem war ich von dem Schuldgefühl beherrscht, es in Berlin nicht gerade genau mit den Bezügen genommen zu haben und es erschien mir ungerecht, jetzt Sch. gegenüber eine Abrechnung mit der Vergangenheit vornehmen zu wollen in einem Punkt, in dem ich selbst nicht fleckenlos war. So rächen sich die eigenen Fehler. Hätte ich selbst sauber dagestanden, so hätte ich auch in anderer Weise auftreten können. So aber sagte ich mir, ich will einen Strich unter die Vergangenheit ziehen. Schließlich war ich froh, der deutschen Gefahr entronnen zu sein; immerhin war uns noch ein ganz schöner Vermögenswert verblieben. Ich wollte lieber auf dem vorhandenen Fundament für eine neue Zukunft aufbauen, als nach alten Fehlern graben. Auch maß sich Sch. ein erhebliches Verdienst zu, dass seine „Weitsicht“ diese Zuflucht in die Schweiz möglich gemacht hatte, und wie hätte ich dagestanden, wenn ich dem „Retter“ (der er nicht war, aber als der er in den Augen der Leute erschien, weil er sich als solcher bezeichnete) meinen Dank damit abgestattet hätte, dass ich ihn zur Rechenschaft gezogen hätte. Ich sagte mir auch, dass ich auf alle Fälle mit ihm auskommen müsse und überdies gab mir der fehlende Beweis nicht genügend Stoßkraft zu einem Vorgehen, das ich nur durch einen Verdacht belegen konnte. Trotzdem wurde mein Verdacht weiter bestärkt. Kurze Zeit nach meiner Ankunft (ich hatte noch wenig Übersicht über das Geschäft) sagte mir Sch., dass ihm Geld fehle zur Bezahlung der Rechnungen zur 1. Condition, es sei ihm aber unangenehm, ein längeres Ziel zu beanspruchen, er könne sich von seinem Freund Rosenberg 35'000.– Fr. borgen, die er in wenigen Wochen, wenn Geld hereinkommen werde, zurückgeben würde. Er nahm diesen Kredit auf, ohne jede Formalität, ohne Schuldschein, ohne Zinsversprechen. Übrigens vergaß ich noch zu erwähnen, dass Sch. stets betonte, selbst keinerlei Geld zu haben, da er die 70'000.– Fr., die er kurz vorher bezogen hatte, zur Bezahlung des angeblich geliehenen Geldes habe verwenden müssen. Ich habe sofort den Verdacht gehabt, dass die 35'000.- Fr. ein Teil jener 70'000.- Fr. seien & dass der Freund R. nur eine vorgeschobene Person sei. Es schien mir klar, dass der Abzug der 70'000.–­ einen Geldmangel gezeitigt habe, so dass Sch. sich entschließen musste, einen Teil des Geldes wieder zurückzugeben. Um es aber doch für sich zu behalten, wählte er den Umweg eines Kredites, den er der besseren Cachierung halber über R. gehen ließ. Viele Jahre später, erst gegen Ende der Geschäftsperiode, erfuhr ich durch einen Zufall, dass Sch. um diese Zeit sich ein Haus in Capri gebaut habe. Wir sind auf unserer letzten Italienreise dieser Spur nachgegangen und haben das Haus besichtigt. Es war auf den Namen der geschiedenen Frau R. geschrieben, so dass Sch. auch hier nicht zu fassen war, aber aus den Umständen und auch durch das Zeugnis des Capreser Architekten ging der klare Beweis hervor, dass Sch. jene 70'000.– Fr. nicht, wie behauptet, zur Rückzahlung verwendete, sondern etwa die Hälfte zum Erwerb jenes umfangreichen Grundstückes und zum Bau des Hauses verwendete, so dass sich der Betrag des R. als die zweite Hälfte mit großer Logik in die Rechnung einfügt, obwohl R. noch heute behauptet, es sei sein Geld gewesen, aber vieles spricht dagegen, vor allem die Unwahrscheinlichkeit, dass R. jemals diesen Betrag in der Schweiz besessen hat. Auch die Rolle des R. ist recht sonderbar. Sch. soll in der Zeit, als er hier das Geschäft einrichtete, Beziehungen zu einer großen Mailänder Firma angeknüpft & einen Vertrag verhandelt haben, der ihn als Geschäftsführer vorsah, jedoch mit der Klausel, ev. einen Ersatzmann stellen zu können. Da es ihm nun in der Schweiz recht gut ging – ­er saß ja wie die Made im Speck – so hatte er R. ausersehen, ihn zu vertreten und R. veranlasst, nach der Schweiz zu kommen. Er habe dann aber den endgültigen Abschluss des Vertrages verbummelt, indem er die Reise nach Mailand immer wieder aufgeschoben habe, so dass die Mailänder Firma schließlich die Geduld verlor & jemand anders engagierte. All dies nach der Erzählung von R., die ich erst kürzlich erfuhr. Nun setzte sich R. dem Sch. wie eine Laus in den Pelz, indem er den Standpunkt vertrat, Sch. habe nun für ihn zu sorgen. Da er außerdem in naher Beziehung zu Sch’s Frau, meiner Schwester Lena stand, die er ja jetzt geheiratet hat, so stand ich dort einer undurchdringlichen Front gegenüber. Ich hatte damals für meine Vermutungen noch keinerlei Beweise, sprach aber Sch. mein Misstrauen in diese Manipulationen aus. In seiner glatten Art ließ er das aber an sich abfließen, indem er einfach erklärte, meine Kombinationen, so unerhört sie seien, interessierten ihn gar nicht, das Geld sei nicht das seine, er sei mir keine Rechenschaft schuldig und ich solle froh sein, dass dem Geschäft Hilfe gewährt worden sei. Es war schwer, dem etwas entgegenzusetzen. Gertrud riet mir, nicht nachzugeben, aber falls es darüber zum Bruch gekommen wäre, so hätte ich auf alle Fälle den Kürzeren gezogen. Sch. besaß ja formell alle Aktien. Ich hätte zwar das Optionsrecht ausüben können, was mir aber nur genützt hätte, wenn meine Geschwister das Gleiche getan und sich mir angeschlossen hätten, was zweifelhaft war. Aber selbst wenn sie sich mit mir solidarisch erklärt hätten, so hätte mir die Option praktisch gar nichts genützt, solange ich keine Arbeitsbewilligung gehabt hätte. Die war aber wieder von der Unterstützung Sch’s abhängig. Also ein circulus vitiosus. Sch. hatte sich eben alle Rechte in die Hände gespielt und sich nicht gescheut, sie auszunutzen. Als Schiff als Partner aufgenommen wurde, mussten alle Werte & Schulden neu aufgenommen werden. Bei dieser Aufstellung ließ Sch. die Schuld an R. weg. Ich entnahm daraus die stillschweigende Erklärung, dass die Angelegenheit von ihm ohne viel Aufsehen erledigt wäre, d.h. dass ein Anspruch auf dieses Geld nicht mehr erhoben werden würde. Tatsächlich hörte ich dann lange Zeit gar nichts mehr von dieser Affaire, nur einmal als die Geldabwertung 1936 kam und eine Welle unberechtigten Optimismus durch die Gemüter ging, forderte R. „sein“ Geld zurück. Aha, dachte ich, jetzt wittert er Morgenluft. Jeder erwartete nämlich große Gewinne infolge der Abwertung und so dachte ich, auch Sch. glaubte, das schon verloren gegebene Geld nun doch noch für sich retten zu können. Merkwürdigerweise war der Brief R’s an mich gerichtet, ich gab ihn Sch. zur Erledigung mit der Erklärung, dass ich nichts von der Angelegenheit wissen wolle, im übrigen sei der Weg von ihm zu R. näher als von mir zu R. Die Optimismus-Welle ging vorüber, als die Tatsachen ihr nicht entsprachen und so legte sich auch die Hoffnung auf die Rettung dieses Geldes. Wenigstens hörte ich wieder auf Jahre nichts von der Sache, obwohl doch das Geld nur auf „einige Wochen“ gegeben war, obwohl es trotzdem jahrelang stehen blieb, obwohl keinerlei schriftliche Abmachung darüber bestand, obwohl R. die ständige Verschlechterung der Geldlage des Geschäftes bekannt war, obwohl ihn das doch hätte veranlassen müssen, irgendeinen Schutz seines Hauptvermögenswertes vorzunehmen, wenn – ja wenn es eben seines gewesen wäre. Aber das geschah nicht, erst zum Schluss, als es bei Sch. feststand, das Weite zu suchen, da ging auf einmal R. gegen die Firma vor, und zwar auf rücksichtslose Weise, unter Berufung auf „juristische“ Rechte. Doch davon später. Kehren wir noch einmal an den Anfang zurück. Dies war nämlich nicht die einzige Überraschung, die ich erlebte. Als ich nämlich die geschäftliche Situation näher prüfte, stellte sich heraus, dass sie höchst schwierig war. Was war denn nach der Ablösung von der deutschen Gesellschaft vorhanden? Einrichtungen in Detailgeschäften, Maschinen in der Fabrik und Waren, hauptsächlich Fertigwaren. Die Detailgeschäfte hingen voll Waren, in der Fabrik waren zwei Stockwerke vollgestopft mit Waren, so zahlreich, dass sie kaum zu versorgen waren. Woher kam das Lager? Es war der Überschuss aus den großen Dispositionen, die Sch. teils im Hinblick auf die Anfangserfolge des Zürcher Geschäftes teils im Hinblick auf die bevorstehende Kontingentierung vorgenommen hatte. Die Erfolge des Zürcher Geschäftes hielten aber nicht stand. Die Schweiz ist eben nicht Deutschland und es tritt hier viel schneller eine Sättigung ein als wir es von dort gewohnt waren. Auch blieb die Konkurrenz nicht faul und wehrte sich. Kurz es zeigte sich jetzt, dass der Anfangserfolg eben eine mit Sensationsmitteln aufgepulverte Leuchtrakete war, nicht aber ein für die Dauer brennendes Feuer. Die ganze Taktik Sch’s bei der Eröffnung, so bestechend sie durch die ersten Erfolge war, zeigte jetzt ihre schweren Nachteile. Zunächst ist der Schweizer auch kein Amerikaner, er ist der Sensation durchaus abgeneigt. Die Methoden wurden als ausländerisch verschrien und heruntergerissen.

 

Statt sich in Ruhe den Verhältnissen anzupassen und in ehrlichem Wettkampf zu konkurrieren, war Sch. wie der Elefant in den Porzellanladen hineingetreten und glaubte, durch Bluff & Manöver den bestehenden Geschäften ihre Beute entreißen zu können. Die Folge war, dass er als Eindringling gebrandmarkt wurde, der die schweizerische Eigenart verletzt hatte. Die Behörden wurden zum Schutze der Industrie aufgerufen und die Ausweisung des unliebsamen Ausländers verlangt. Dieser Forderung kamen die Behörden zwar nicht nach, aber auch sie hätten es lieber gesehen, wenn die SS nicht so marktschreierisch aufgetreten und nicht alle Blicke auf sich gelenkt hätte. Ich habe bei meiner Arbeitsbewilligung außerordentlich gegen die bestehende Abneigung zu kämpfen gehabt und ihre Wirkungen haben sich bis in meinen Prozess hinein erstreckt. Aber über das nachteilige öffentliche Aufsehen hinaus rächte sich die Sensationsmethode eben dadurch, dass sie zu falschen Dispositionen verleitete, eben indem sie den Irrtum erzeugte, der Anfangserfolg werde ewig dauern. Die Wirkung dieses Irrtums trat mir nun in St. Gallen leibhaft vor Augen in Gestalt dieses beängstigend umfangreichen Fertigwarenlagers. Sch., wie immer gewohnt, eine verfahrene Situation nach dem günstigen Wind zu drehen, tat sich auf dieses Lager nicht wenig zugute, weil er meinte, nur durch diese großzügige Disposition Werte gerettet zu haben. Er hatte auch gleich einen Plan zur Hand, um den Karren wieder ins Geleise zu bringen. Denn stelle Dir einmal die Schwierigkeit vor: Eine Fabrik war vorhanden mit mühsam und kostspielig eingelernten Arbeitern, alle von andern Berufen umgestellt. Diese Fabrik hatte als einzigen Abnehmer die eigenen Detailgeschäfte. Diese Detailgeschäfte waren aber selbst überfüllt mit Ware, daher nicht aufnahmefähig. Überdies aber sollten sie, wenn sie wieder aufnahmebereit wurden, doch zuerst das umfangreiche in der Fabrik lagernde Fertigwarenlager abnehmen. Erst dann konnte sie neu fabrizierte Waren beziehen. Hätte man das aber in dieser Reihenfolge abgewickelt, so hätten die Detailgeschäfte vielleicht ein Jahr lang keine neu fabrizierte Ware erhalten dürfen. Das war praktisch natürlich unmöglich, sowohl vom Standpunkt der Fabrik, denn was hätte sie in dem Jahr fabrizieren sollen? wie auch vom Standpunkt der Detailgeschäfte, die um konkurrenzfähig zu sein, auf Neuheiten angewiesen sind. Hätte man nun einen Kompromiss geschlossen zwischen Fabrikation & Lagerverkauf, so wäre 1) die Fabrikation unrentabel gewesen (weil sie zu wenig hätte fabrizieren dürfen), 2) wäre das Warenlager veraltet, weil sich der Verkauf über zu lange Zeit hingezogen hätte. Ein Versuch, das Warenlager anderweitig zu verkaufen, schlug fehl, weil die übrigen Detailgeschäfte von der SS, der gefürchteten Konkurrenz, nicht kaufen wollten. Daher wurden 2 Wege in Aussicht genommen: 1) Die Eröffnung neuer Detailgeschäfte, um die Waren zu verteilen & schneller zu verkaufen 2) Der Verkauf an fremde Detailgeschäfte durch einen Zwischenhändler. Hierbei konnte es sich aber nur um neue Ware handeln, so dass dieser zweite Weg in der Hauptsache der Beschäftigung der Fabrik dienen sollte. Etwas musste ja unter allen Umständen geschehen, denn so war das Geschäft nicht lebensfähig. Noch ein anderer Umstand drängte zur Verbreiterung. Mit der Aufnahme von Schiff als Partner, die wegen der Ablösung von Deutschland notwendig war, war auch ein neuer Verdiener in die Firma gekommen. Das Geschäft, vorläufig noch unfähig, ein Gehalt zu tragen, sollte nun 3 Familien ernähren. Dabei drängte auch Schiff auf eine Geschäftserweiterung. Der Einzige, der dagegen war, war ich. Ich hatte in Berlin gesehen, wohin das bedenkenlose Eröffnen von Geschäften führte, und hatte mir geschworen, den gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen. Aber der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Ich trat energisch für eine vorherige Konsolidierung der Geschäfte ein, aber alle meine Bedenken prallten ab an der problematischen Lage des Geschäftes, für die es wirklich keinen andern Ausweg gab als den der Geschäftserweiterung. Wir hätten sonst die Fabrik auf ein Jahr schließen müssen, was weder aus fremdenpolitischen Gründen noch aus fabrikatorischen möglich war. Sch. tat alles, um meine Bedenken zu zerstreuen. Die Geschäftslage in der Schweiz sei günstiger als in Deutschland; hatten die Geschäfte auch die Anfangserwartungen nicht gehalten, so konnten sie immer noch ganz schöne Ziffern ausweisen. Als ich auf meinen Bedenken beharrte, rief Sch. aus: „Wenn Du es nicht willst, so mache ich es auf mein eigenes Risiko!“ Hätte ich ihn nur beim Wort genommen, aber ich ließ mich von seiner Überzeugungskraft beeinflussen, auch hätte meine Weigerung den lebensnotwendigen Vertrag mit Schiff gefährdet, und so gab ich, wenn auch widerwillig, meine Zustimmung und selbst Gertrud, meine getreue Kassandra, konnte gegenüber dem Zwang der Verhältnisse ihre Warnungen nicht aufrechterhalten. Aus einer falschen Anfangslage ergeben sich zwanghaft neue Fehler. Es wurden Läden in St. Gallen, Bern & Lausanne gemietet. In St. Gallen erhob sich ein Sturm der bestehenden Geschäfte, die die Fremdenpolizei mit Schutzforderungen bedrängten. Man legte uns nahe, den Laden nicht zu eröffnen. Um es mit den Behörden nicht zu verderben, mussten wir nachgeben. Der Laden wurde uns abgenommen und als Gegenleistung verpflichteten sich die hiesigen Detaillisten, der Fabrik Ware abzukaufen, eine Verpflichtung, der nur 2 Geschäfte nachgekommen sind. In Lausanne wurde die Eröffnung von mir vorbereitet, aber wenige Tage vorher – die Inserate waren bereits aufgegeben & bezahlt, das Personal engagiert etc. – erfolgte behördlicherseits ein Verbot unter Berufung auf ein Gesetz, das die Eröffnung von Filialen untersagte. Dieses Gesetz war zwar in unserm Fall nicht anwendbar, das Verbot daher widerrechtlich erfolgt. Es musste daher auch auf unsern Einspruch wieder aufgehoben werden, aber das dauerte Wochen. Am Eröffnungstermin standen die Kunden vor geschlossenen Fenstern, und als dann später die Eröffnung erfolgte, zeigte es sich, dass die Kraft des Geschäftes gebrochen, der Zweck der Konkurrenz also erreicht war. Das Geschäft kam trotz aller Anstrengungen nicht auf die Beine – woran vielleicht auch Schuld trug, dass die Gegend nicht ganz richtig gewählt war, ferner auch die Unkenntnis des westschweizerischen Geschmackes – und ging so schlecht, dass wir es nach einigen Monaten freiwillig schlossen, weil die Verluste höher waren als die Miete. Die Bemühung, den Laden zu vermieten, schlug fehl und wir blieben über 2 Jahre mit einem Mietsverlust von jährlich 25'000.- Fr. belastet. Alles in allem sind in dem Lausanner Experiment bald an die 100'000.- Fr. verloren worden. Nach diesem Misserfolg hatte ich nicht den Mut, den Laden in Bern zu eröffnen, da ich erkennen musste, dass auch er nicht in der richtigen Gegend lag, so dass ich jedes Vertrauen in den Erfolg verlor. Als sich daher eine Gelegenheit bot, den Laden mit einem kleinen Verlust zu vermieten, schloss ich den Vertrag ab. Leider ging der Mieter, der in dem Laden wohl den gleichen Misserfolg hatte, den ich voraussah, schon nach 2 Monaten in Konkurs, so dass auch aus diesem Laden ein erheblicher Verlust erwuchs. Aber noch von einem weiteren empfindlichen Verlust waren wir betroffen worden. Noch vor meiner Ankunft in der Schweiz hatte er in Basel eine Verbindung mit dem Geschäftsführer eines großen dortigen Herrenkonfektionsgeschäftes angeknüpft, der die Leitung des Basler SS-Geschäftes übernehmen und sich mit 25'000.- Fr. beteiligen wollte. Er machte eine Bedingung: das Geschäft sollte in einen andern Laden verlegt werden, von dem sich dieser Herr bessere Erfolge versprach. Der Vertrag kam zustande, nachdem der Herr auf Grund seiner langjährigen Basler Erfahrungen behauptete, es sei eine Kleinigkeit, den alten Laden zu vermieten. Der Herr erwies sich als eine Niete und der bodenlose Leichtsinn, einen neuen Laden zu mieten, solange man noch den alten zu bezahlen hat, rächte sich schwer. Der Laden blieb unvermietet und die Miete musste nun doppelt fast drei Jahre lang getragen werden. Dadurch verlor das Basler Geschäft seine Substanz und auch jener Herr sein ganzes Vermögen. Er ist später wieder ausgeschieden. Die ganze Idee der Expansion der Detailgeschäfte erwies sich also als ein völliges Fiasko. Jetzt war nicht nur der Zweck: der schnellere Verkauf des Warenlagers gescheitert, sondern obendrein hatten wir noch riesige Verluste in Kauf zu nehmen, die die an sich große Illiquidität weiter steigerte. Einen gewissen Ausgleich brachte uns der Verkauf an fremde Firmen, der eine ziemliche Ausdehnung annahm, obwohl nicht viel dabei zu verdienen war. Auch gelang es nicht, auf diesem Wege alte Ware zu verkaufen, doch konnte wenigstens die Fabrik in Gang gehalten werden. Die Stütze des Geschäftes bildete noch immer das Zürcher Detailgeschäft, aber auch hier gingen die Umsätze ständig zurück. Der Grund ist ja offensichtlich: das ganze große Warenlager, für dessen schnellen Absatz wir so große Risiken eingegangen waren, musste nun doch von den 2 Geschäften in Zürich & Basel (das Genfer zählte nicht sehr) konsumiert werden. Das ging natürlich langsam und die Ware veraltete immer mehr. Was sollten wir aber machen? Wegwerfen konnten wir sie doch nicht. So erhielten die Geschäfte Ware, die sie eigentlich nicht brauchten, und die, welche sie brauchten, fehlte ihnen. Natürlich versuchten wir diesen Gegensatz zu mildern, aber die Menge der alten Ware war zu groß, als dass wir eine nachteilige Wirkung verhüten konnten. Aber ich bin noch immer nicht am Ende der Schwierigkeiten. Auch die neue Partnerschaft entwickelte sich nicht glücklich. Schon gleich im Anfang nicht. Als nach vielen Komplikationen die Verträge geschlossen waren, mussten die vereinbarten Werte an Waren und Maschinen in die Gesellschaft eingebracht werden. Es wurde also eine neue Aufnahme gemacht und Sch. setzte die Preise für die Fertigwaren ein. Er war ja der Einzige, der die Schweizer Preisverhältnisse kannte. Er glaubte, nun, dass es eine Klugheit sei, die Preise recht hoch einzusetzen. Als Schiff die Preisansetzung kontrollierte, fand er sie teilweise recht hoch, doch Sch. erklärte, dass sie der Marktlage entsprächen & dass er zu diesen Preisen an die Detailgeschäfte liefere. Er konnte auch nachweisen, dass dies der Fall war und ich muss sagen, dass seine Preisfestsetzung nicht unerlaubt hoch war, nur fehlte die Berücksichtigung des Risikos des großen Lagers. Allerdings glaubte man damals noch an das Gelingen der neuen Detailgeschäfte & daher an eine schnelle Konsumierung des Lagers, aber immerhin war mir klar, dass ein so großes Lager seine Gefahren habe und Verluste in sich berge. Sch. war auch insofern in einer Zwangslage, als bei billigerer Bewertung das Lager trotz seiner Größe nicht gereicht hätte, um die vertraglichen Summen zu erfüllen. Um aber doch dem Risiko Rechnung zu tragen, setzte ich gegen den Willen der andern durch, dass die Waren, wenn sie auch zur vertraglichen Erfüllung so wie von Sch. bewertet bleiben sollten, in die Eröffnungsbilanz zu einem wesentlich niedrigeren Preise eingesetzt wurden, damit das Geschäft über eine innere Reserve verfüge und ev. Verluste aus dem Lager aus diesem Fonds tilgen könne, ohne dass diese Verluste in Erscheinung träten. Das war nichts anderes, als hätte man die Waren von vornherein abgeschrieben. Dieser Vorschlag war auch vernünftig, er hatte nur einen Fehler, nämlich dass er nicht noch viel stärker angewandt wurde, denn bald zeigte sich, dass wenn man die Detailgeschäfte nicht ruinieren wollte, man die alten Waren billiger liefern müsse. Der Grund lag einmal in dem Versagen der neuen Detailgeschäfte, dann in der Gesamtkonjunktur (die Schweiz, bisher krisensicher, rutschte immer mehr in die Krise hinein und das ganze Preisniveau sank erheblich) und schließlich in einer modischen Veraltung der Waren. Es war selbstverständlich, dass wir diese Faktoren berücksichtigen und die Preise der Marktlage anpassen mussten. Hiergegen protestierte aber Schiff. Er meinte, die Waren müssten zu den von Sch. angesetzten hohen Preisen an die Detailgeschäfte geliefert werden. Müsse man sie billiger verkaufen, so sollen die Detailgeschäfte den Verlust tragen, er habe aber nichts damit zu tun. Nun war in den Verträgen aber kein Sterbenswörtchen zu finden von einer Verpflichtung der Aufrechterhaltung der Preise. Im Gegenteil die Möglichkeit von Verlusten war ja Gegenstand der Diskussion gewesen bei meinem Vorschlag der Reservestellung. Trotzdem machte Schiff geltend, er sei übervorteilt worden, man habe seine Unkenntnis der Marktlage ausgenutzt etc. Obwohl er damit nichts ausrichten konnte, trübte sich doch die Freundschaft. Wie ich es heute ansehe, war er juristisch im Unrecht, aber die hohen Preise als Grundlage waren doch eine Dummheit, weil sie zu Verlusten führen mussten, und ein neuer Partner sieht lieber Gewinne als Verluste. Klüger wäre gewesen, die Preise recht niedrig anzusetzen & damit die Chance von Gewinnen zu erhöhen. Aber da nicht genügend Waren vorhanden waren, um dieses Prinzip anzuwenden, so hätte man Schiff von vornherein noch stärker erklären müssen, dass Verluste aus dem Lager unumgänglich seien. Vielleicht hätte er sich dann nicht beteiligt, aber es ist tausendmal besser, Schwierigkeiten, die bestehen, rückhaltlos aufzudecken, als sie zu bemänteln. Es rächt sich nachher um so schlimmer. Dass es allerdings so schlimm kommen würde, war damals nicht vorauszusehen, denn es ist schon ein großes Pech, wenn die Konjunktur, die Mode & die Geschäftsmaßnahmen sämtlichst sich zu Ungunsten auswirken. Aber noch ein anderer Grund machte das Verhältnis mit Schiff unerfreulich. Schiff kam gar nicht in die Schweiz. Es setzte nämlich in Deutschland, plötzlich & unerwartet, ein lebhaftes Geschäft ein, und das veranlasste Schiff, mit der geplanten Lösung seiner deutschen Geschäfte (er hatte eine Tuchfabrik) zu warten. Er wollte halt die Konjunktur & den Verdienst in Deutschland noch mitnehmen, und ließ uns daher mit den Schwierigkeiten allein. Als er nun genügend Rahm geschöpft hatte, kam er in die Schweiz. Inzwischen waren die Schwierigkeiten bei der Beschaffung meiner Arbeitsbewilligung aufgetreten und es schien aussichtslos, noch für einen Dritten Bewilligung anzufordern, wie es ursprünglich geplant war. Schiff musste also, wollte er in der Schweiz bleiben, andere Wege suchen und er fand sie, indem er in der Nähe von St. Gallen zusammen mit Schweizern eine Tuchfabrik eröffnete, für die er Arbeitsbewilligung erhielt. Natürlich brauchte er nun Geld für diese Tuchfabrik, aber statt Geld hatte er nun eine Beteiligung an einem Herrenkonfektionsgeschäft, an der er kein Interesse mehr hatte, nachdem er dort nicht mitarbeiten, also auch nicht mitverdienen konnte. Außerdem merkte er, dass es dort nicht zum Besten ginge, er hatte also Eile, seine Beteiligung loszuwerden. Deshalb durchforschte er die Verträge, um zu prüfen, ob sie nicht angreifbar waren, und bald hatte er etwas herausgefunden, denn wo gibt es Verträge, die hieb- & stichfest sind? Nachdem gütliche Verhandlungen an seinen hohen Forderungen scheiterten, strengte er einen Prozess an auf Rückzahlung seiner Beteiligung oder Auflösung der Firma. Du siehst, wie merkwürdig sich im Leben die Ereignisse wiederholen! Wie seinerzeit bei PC, so war auch bei Schiff Zweck des Prozesses eine Auseinandersetzung zu erzwingen. Es kamen auch Verhandlungen in Gang, die aber immer wieder scheiterten, hauptsächlich an meiner Abneigung, die Last einer Auszahlung bei der an sich geldlich bewegten Lage der Firma auf mich zu nehmen. Trotzdem war uns der Prozess peinlich & gefährlich. Er gefährdete unsern Kredit und unsere Stellung bei der Fremdenpolizei und wir hatten schon einiges Interesse, die Durchführung zu vermeiden, obwohl es ziemlich sicher war (so viel man überhaupt von Sicherheit bei Prozessen reden kann), dass Schiff abgewiesen werden würde. Aber selbst dann hätten wir noch keine Lösung gehabt, denn ein Partner, der heraus möchte, ist immer ein Dorn im Auge, es wird dann nie an Streit fehlen. Trotzdem wäre der Prozess kaum zu vermeiden gewesen, wenn nicht damals die Geldabwertung gekommen wäre. Ich sagte schon, dass alle sich in Optimismus wiegten. Ein Sturm auf die Waren setzte ein, die Preise stiegen und die flaue Geschäftszeit schien dauernd überwunden. Jeder „kluge“ Berater setzte mir zu, einen unzufriedenen Partner auszulösen, es wäre doch ein glänzendes Geschäft, einen nicht allzu hohen Betrag langfristig auszuzahlen, man hätte dann freie Bahn, das Geschäft sei lebensfähig etc. Nun war damals die so sehr verlustbringende alte Ware beinahe aufgezehrt, die großen Lasten aus den unfruchtbaren Mietverträgen waren annähernd abgetragen, so dass ich wirklich den Weg für eine aufsteigende Entwicklung offen sah und meine Bedenken überwand. Mit vielen, aber noch immer nicht genügend Vorsichtsklauseln ausgestattet, kam nach langen & bemühenden Verhandlungen ein Auszahlungsvertrag über 7000.– auf 5 Jahre zustande. Aber wieder wurden alle meine Erwartungen getäuscht. Wir hatten noch ziemlich viel Ware zu Vorabwertungspreisen gekauft. Diese Einkäufe galten halb als Geschenk, da ja mit Sicherheit ein Steigen der Preise zu erwarten war, denn die Rohstoffe mussten ja entsprechend der Abwertung 1/3 teurer eingeführt werden. Tatsächlich stiegen die Preise trotz aller Gegenmaßnahmen auch sprunghaft, aber doch nur auf kurze Zeit. Bald zeigte sich nämlich ein empfindlicher Rückschlag der Konjunktur. Das Publikum hatte sich besinnungslos eingedeckt, war aber jetzt gesättigt und der Absatz stockte so urplötzlich wie er eingesetzt hatte. Was geschieht, wenn der Absatz stockt, um ihn zu beleben? Man wechselt die Mode. So zwingt man den Abnehmer wieder zu kaufen, obwohl er mengenmäßig es nicht brauchte. So geschah es auch hier. Waren vorher in der Herrenmode einfarbige Stoffe in ruhigen Tönen allein verkäuflich, so traten jetzt grüne & blaue Farben in gestreiften & karierten Mustern auf. Die so billigen Stoffe aus der Zeit vor der Abwertung wollte niemand mehr sehen und so hatten wir, kaum dass wir das alte Lager los waren, schon wieder ein neues uncourantes. Dazu kam, dass Sch. in meiner Abwesenheit in Erwartung des „großen“ Geschäftes unklugerweise die Fabrikation vergrößert hatte, die sich nicht sofort wieder abbauen ließ und nun mangels Absatz Lager anhäufte. Wieder trat der Zirkel in Kraft: Verstopfung der Fabrikation, Zwang zur Belieferung der Detailgeschäfte mit uncouranter Ware, Rückgang der Umsätze im Detailgeschäft. Illiquidität. Eine Berechnung ergab, dass wir nicht mehr in der Lage waren, die Rechnungen pünktlich zu bezahlen. Was war in dieser Lage zu tun? Neue Kredite waren unmöglich, wir waren schon bis an die äußersten Grenzen gegangen. Da machte Sch. den Vorschlag, Wechsel auszustellen. Ein Wechsel ist ein Schuldversprechen auf einen bestimmten Tag und bei einer Frist bis zu 3 Monaten handelsfähig, d.h. Banken nehmen ihn wie Bargeld in Empfang. Sie tun das, weil die Nichteinlösung des Wechsels einen öffentlichen Protest, d.h. die Veröffentlichung des Wechselschuldners zur Folge hat, sodass sich eine Firma wohl hütet, Wechsel auszustellen ohne die Gewissheit, sie pünktlich einlösen zu können. Mit Hingabe von Wechseln kann man also die Bezahlung von Rechnungen um 3 Monate aufschieben. Natürlich nehmen die Banken nur Wechsel von Firmen, die sie für kreditwürdig halten. Wieder sträubte ich mich innerlich, etwas zu tun, was ich nicht wollte, und wieder musste ich mich dem Zwang der Verhältnisse fügen, denn ohne Ausgabe von Wechseln wäre ohne Zweifel eine Zahlungsstockung eingetreten. Es war mir aber klar, dass dies ein äußerstes Mittel war, das nur vorübergehenden Charakter haben durfte und zu meiner Beruhigung stellte ich einen Plan auf, nach dem die Wechsel innerhalb eines halben Jahres verschwinden mussten. Und wieder täuschte ich mich. Der Plan war nicht innezuhalten, weil gerade in dieser Zeit ein beispielloser Rückgang der Konjunktur erfolgte. Ich habe das große Unglück gehabt, dass alle meine Bemühungen, und daran hat es wahrhaftig nicht gefehlt, von der Konjunktur gehemmt statt gefördert wurden. Ich muss wieder das Beispiel vom Schwim­men mit oder gegen den Strom erwähnen. Die gleiche Kraft kann von der Strömung verdoppelt oder, wenn sie entgegengerichtet ist, aufgehoben werden. So kann der Schwimmer bei gleicher Anstrengung im Fluge vorwärts getragen, zum Stillstand gebracht oder gar zurückgeworfen werden. Es ist sicher, dass meine Arbeit mit Unterstützung der Konjunkturströmung erfolgreich gewesen wäre; sie war mir aber entgegen und so reichten meine Kräfte nicht. Ich sage das nicht zur Entschuldigung, auch andere haben sich in dieser Strömung zu halten gewusst, aber ich hatte eine ungewöhnlich schwierige & verwickelte Anfangssituation, einen gewissenlosen & arbeitsunfähigen Mitarbeiter und schließlich, ich will das gar nicht verdecken, reichten meine Fähigkeiten auch nicht um mich die Maßnahmen finden zu lassen, die notwendig gewesen wären. Trotzdem war meine Stellung zum Geschäft eine ganz andere geworden als in Berlin. Dort hatte ich unter meinem Kaufmannsberuf gelitten und die heimliche Sehnsucht nach Musik und Künstlertum genährt, hier aber hatte ich das Geschäft zu meiner Sache gemacht. Ich erkannte, dass die Organisation, die Sch. aufgebaut hatte, weit entfernt war zu funktionieren. Immer mehr Mängel enthüllten sich mir und immer mehr sah ich ein, wie notwendig es für mich sei, mich in alle Einzelheiten zu vertiefen & Kenntnisse zu sammeln. Das war besonders in der Führung der Fabrik schwierig. Eine Konfektionsfabrik verlangt von Rechtswegen Schneider- & Zuschneidekenntnisse. Diese lassen sich aber nicht so nebenbei erwerben, sondern erfordern einen richtigen Lehrgang und eine jahrelange Praxis. Wie sehr wäre mir jetzt das von meinem Vater so oft aufgedrohte Handwerk zustatten gekommen! Ich suchte mich nach Möglichkeit einzuarbeiten, aber diese Methode ist sehr kostspielig, weil man alle Erfahrung aus den Fehlern lernen muss, statt die Erfahrung zur Vermeidung von Fehlern anzuwenden. Fehler aber kosten Geld und in einer großen Fabrik können sie von großer Tragweite sein. Mein Verhältnis zu Sch. verschlechterte sich zusehends. Gertrud hatte schon lange jede Beziehung abgebrochen & der persönliche Verkehr von Haus zu Haus ruhte vollständig. Nur im Geschäft waren wir durch die unglückliche Verkettung der Interessen aufeinander angewiesen. Mein Urteil über die Fähigkeiten von Sch. hatte sich aber vollständig geändert. Ich sah, dass das Geschäft die großen & bestechenden Ideen, auf die sich Sch. soviel zugute tat & die ich früher bewunderte, weil ich ihm darin nachstand, gar nicht brauchte, ja dass sie schädlich waren. Was das Geschäft brauchte, war Sorgfalt, Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung und Kleinarbeit bis in alle Einzelheiten. Alle diese Eigenschaften fehlten aber Sch. Wie früher ging er eine Arbeit an, dann ließ er sie liegen; er traf eine Einrichtung, manchmal ganz sinnvoll, dann ließ er sie einschlafen, denn er war schon längst bei einer neuen. Mir aber passte es nicht mehr, sein Handlanger zu sein, ich bestand auf konsequenter Durchführung einer Arbeit, und daraus entstanden viele Reibereien. In Praxis hatte ich doch immer wieder fertig zu machen, was er begonnen hatte, da er es eben einfach nicht konnte. Als nun die Geldkalamitäten sich steigerten, steigerten sich naturgemäß auch die Differenzen. Der erste Plan für die Rückzahlung der Wechsel wurde durch einen zweiten und dann in der Folge durch zahlreiche andere ersetzt, die alle von den Verhältnissen widerlegt wurden. Die Wechsel wurden zwar alle eingelöst, aber stets wieder durch neue ersetzt, und statt sich zu vermindern erhöhte sich die Gesamtsumme. Diese Zeit muss ich als die traurigste und aufreibendste meines Geschäftslebens bezeichnen. Das Wechselgeben kommt gleich hinter dem Spekulieren. Es ruiniert einen Menschen vollständig. Die Einlösung wurde immer schwieriger und hing wie ein Albdruck über mir. Es war lebenswichtig, dass nie ein Termin verfiel. Was sollte aber geschehen, wenn das notwendige Geld fehlte? Fast jeden Tag wurden ein Wechsel, oft mehrere fällig, mal in größerem, mal in kleinerem Betrag. Ich hatte keine ruhige Minute mehr. Mein Kopf bestand nur noch aus Wechselzahlen. Ich war unfähig, etwas zu denken, in Gesprächen war ich abgelenkt, weil mir immer die Angst um die Einlösung der Wechsel durchs Gehirn fuhr. Nachts schreckte ich auf und rechnete, und wenn ich mich am Morgen erhob, so lastete auf mir der Druck jener schrecklichen Wechselsummen. Ein Mindererlös von ein paar hundert Franken konnte katastrophale Folgen haben – und wie oft enttäuschten mich die Verkaufsziffern, obwohl ich mich aufrieb in dem Bestreben, die Umsätze durch Reklame, zugkräftige Dekoration, schöne Ware etc. zu erhöhen. Immer mehr finanzielle Mittel musste ich anwenden, um Fehlbeträge zu decken, wobei ich immer ein Loch aufriss, um das andere zu stopfen. Neue Kredite wurden aufgenommen, die kurzfristig zurückzuzahlen waren. Um sie zu erhalten, musste ich Wechselzinsen zahlen. Es war eine verzweifelte Jagd nach dem Geld, die auch rein zeitlich die laufende Geschäftsarbeit beeinträchtigte. Selbst wenn ich zu Dir, Renatli, nach Arosa fuhr, um mich über Sonntag etwas zu erholen, war ich nicht frei von dem Druck. Ich entsinne mich, dass ich manchmal wenn ich bei Dir saß, mit meinen Gedanken weit abwanderte und in verzweifeltes Brüten geriet, so dass selbst Du es bemerktest und mir zuriefst: „Vati, was machst Du für eine böses Gesicht?“ Dann schreckte ich auf und schämte mich, dass meine Sorgen sich so hässlich auf meinem Gesicht abzeichneten, dass ein ahnungsloses Kind davon geängstigt wurde. Dann strich ich Dir über den Kopf und gab Dir einen Kuss und verscheuchte die Gedanken, um ganz bei Dir zu sein, aber leichter ums Herz wurde mir nicht. Die ganze Arbeitslast legte sich immer schwerer und ausschließlicher auf mich. Sch., der nierenkrank war, pflegte sich und zog sich immer mehr von der verantwortlichen Arbeit zurück, so dass ich sogar einmal an den Verwaltungsrat appellierte, um einzugreifen. Wir sprachen damals wochenlang nicht miteinander, wodurch das Geschäft, das vereinte Kräfte gebraucht hätte, auch nicht gefördert wurde. Ich führte ein aufreibendes Leben. Frühmorgens war ich im Geschäft, am Frühnachmittag fuhr ich nach Zürich, um dort das Notwendige anzuordnen, spät in der Nacht hetzte ich nach St. Gallen zurück und früh am nächsten Morgen war ich, unausgeruht & überanstrengt wieder in der Fabrik, denn für die Einlösung der Wechsel mussten ja die erforderlichen Dispositionen getroffen werden. Mein Herr Schwager kam gewöhnlich erst eine Stunde später, seine Nierenkrankheit gab ihm den willkommenen Vorwand, sich auszuschlafen, und so brauchte er nur noch festzustellen, dass ich wieder alles geregelt und für diesen Tage alle Klippen umschifft hatte. Es wurde immer klarer, dass eine Zusammenarbeit (von der faktisch kaum noch die Rede war) mit Sch. nicht fortdauern dürfe. Gegen Ende 38 sagte er mir eines Tages, er beabsichtige im kommenden Frühjahr nach Amerika zu fahren. Er halte die politische Lage in Europa nicht mehr für sicher und wolle sich einmal drüben orientieren. Es war mir sofort klar, dass er von dieser „Orientierungs“Reise nicht mehr zurückkehren würde und ich sagte es ihm ins Gesicht. Er leugnete. Ich sagte ihm, dass er bei der prekären Lage des Geschäftes mich nicht auf mehrere Wochen allein den Schwierigkeiten, für die er doch auch verantwortlich war, lassen könne. Er erwiderte, das sei ihm alles gleich, er fahre auf jeden Fall. Gut, sagte ich, dann solle er fahren, aber dann verlange ich, dass er aus dem Geschäft ausscheide. Ich überlegte mir, dass ich dann an seiner Stelle einen neuen Partner mit Kapital aufnehmen könne. Dazu hatte ich sogar schon Vorbereitungen getroffen. Wir verkehrten mit einem Versicherungsagenten – ich will seinen Namen nicht verschweigen – Birkenstein, der dafür, dass wir Versicherungen durch ihn abschlossen, Geld zu Wucherzinsen lieh und auch als Schlepper für Kreditbeschaffung diente. So hatte er uns mit einem Herrn Anderegg, einem sehr vermögenden Kaufmann in St. Gallen, zusammengebracht. Wir wollten bei ihm ein Darlehen von 10'000.- Fr. aufnehmen. Er – B. – überraschte uns mit der Nachricht, dass dieser Herr, der schon an vielen Unternehmungen beteiligt war, sich stärker für uns interessiere und, wenn ihm unser Betrieb konveniere, so wolle er einen Kredit von 60'000.- Fr. geben. Nach nur 2 Unterredungen kam dieser Kredit zustande. Als ich das Geld in der Hand hielt, da legte ich mir die Frage vor, ob ich es verantworten könne, es aufzunehmen und überlegte mir noch einmal die Lage der Firma. Hätte ich gewusst, dass ich damals mein und unser aller Schicksal in der Hand wog, ich wäre, wie ich es mir seither unzählige Male vorfantasiert habe, zu A. gegangen und hätte gesagt: „Herr A., ich habe mir die geschäftliche Situation noch einmal durchgerechnet, ich fürchte, ich werde das Geschäft nicht halten können. Hier bitte, nehmen Sie Ihr Geld zurück!“ Ich hätte anstelle eines späteren Feindes einen Freund gehabt, der mir zum Wiederaufbau einer Existenz geholfen hätte. Ich überlegte aber anders. Ich wollte es nicht glauben, dass das Geschäft aus sich heraus nicht lebensfähig sein sollte. Ich wusste, dass die Detailgeschäfte nur unter der alten Ware so gelitten hatten. Ich hatte aber im letzten Jahr die Liquidation der alten Ware forciert, allerdings zu Verlustpreisen, aber nun hatte ich freie Bahn. Das Zürcher Geschäft, das durch einen unfreiwilligen Ladenwechsel einen vorübergehenden Rückschlag erlitten hatte, erholte sich zusehends. Das Basler Geschäft hatte unter einer neuen Leitung die Umsätze bedeutend steigern können. Das Genfer Geschäft, stets ein Stiefkind, war aufgelöst. Die Fabrik hatte ich verkleinert, die Unkosten wesentlich vermindert – kurz ich glaubte den Tiefpunkt überwunden zu haben und einer besseren Zukunft entgegenzugehen. Mit dem Kredit von A., der auf längere Zeit gegeben war, wollte ich allmählich die ganze Wechselgeschichte aus der Welt schaffen. Die Ausschiffung Sch.’s schien mir ein weiterer Vorteil zu sein. Ich wusste ja, dass A. den Kredit nicht aus Menschenfreundlichkeit gegeben hatte. Später erfuhr ich, dass er weit besser über die Notlage der Firma orientiert war, als ich dachte. Während er selbst diesen doch nicht unbedeutenden Kredit gab, warnte er gleichzeitig den B. vor der Firma. Es ist also klar, dass er witterte, hier könne er einen gut eingerichteten Betrieb billig in die Hände bekommen. Schließlich bewog mich auch noch die Überlegung zur Annahme des Kredites, dass er durch Abtretung von Warenforderungen gesichert war. Ich drängte nun umso mehr auf Sch.’s Austritt aus dem Geschäft und brachte ihn auch tatsächlich dazu. Wahrscheinlich war er pessimistischer als ich in Bezug auf die Geschäftsentwicklung und sah, dass hier nichts mehr zu verlieren war. Er zog es daher vor, davon zu gehen und genau wie er es damals in Berlin gemacht hatte, mich den Schwierigkeiten zu überlassen. Nur konnte er sich diesmal darauf berufen, dass ich ihn dazu gedrängt habe. Ich bin aber überzeugt, dass mein Drängen seinen intimen Wünschen entgegen gekommen war. Mir gegenüber versicherte er zwar stets, wie schwer ihm das Ausscheiden fallen würde und wie günstig doch die Situation sei und dass nach Aufnahme des A.-Kredites doch nichts mehr zu fürchten sei. Ich muss Dir sagen, dass ich fast mit größerem Schrecken an die Zeit vor dem Zusammenbruch zurückdenke als an die gewiss nicht leichte Zeit nachher. Ich wurde zerrieben zwischen den vielseitigen Notwendigkeiten. Ich kam mir vor, wie ein Mensch, der ein fallendes Gebäude stützen will, und während er eine Wand hält, senkt sich die andere, so dass er dort eingreifen & stützen muss, und indem er dies tut, neigt sich schon wieder die nächste, so dass er von einem Punkt zum andern laufen muss, ohne eine Stabilität zustande zu bringen. In all dieser Zeit stand Gertrud bei mir, die mich meist auf den Fahrten nach Zürich begleitete und gab mir ihren Rat, natürlich mehr dem Gefühl nach als auf Grund von Tatsachen, denn sie war in keinerlei geschäftliche Einzelheiten eingeweiht. Aber auch sie hoffte und glaubte, dass ich der Schwierigkeiten Herr würde & dass wir besseren Zeiten entgegengingen. Als nun Sch. schon im Ausscheiden war, meldete sich auch R. wieder und verlangte sein Geld zurück. Um seiner Forderung mehr Nachdruck zu geben und sich persönlich aus der Affaire zu ziehen, hatte er den Betrag an Dritte, angeblich Gläubiger von ihm, abgetreten, die aber anonym blieben und durch einen Rechtsanwalt repräsentiert wurden. Der fuhr nun scharfes Geschütz auf und drohte mit Klage. Ich war mir klar, dass ich auf keinen Fall zahlen würde und es notfalls auf einen Prozess ankommen ließe. Da es mir aber gerade in dem damaligen Zeitpunkt unangenehm war, machte ich kleine à conto-Zahlungen, womit ich die Sache in der Schwebe hielt. Später, nach dem Zusammenbruch, meldete R. sogar den Betrag im Konkurs an, verzichtete aber später seine Rechte geltend zu machen, da er abgelehnt worden war. Die Cessionare resp. der Rechtsanwalt verschwand von der Bildfläche, er war offenbar nur vorgeschoben. Ich habe später mit R., der ja inzwischen meine Schwester geheiratet hat, unsere persönlichen Differenzen bereinigt und ihm noch einmal die Frage nach diesem Geld gestellt. Er hat aufrechterhalten, dass es tatsächlich sein eigenes Geld gewesen sei, was er restlos verloren habe. Ich habe aber noch nie einen Menschen gesehen, der den Verlust seines Vermögens (denn das wäre dann ja der Hauptbestandteil gewesen) so ruhig und gleichgültig hingenommen hätte und obendrein fast auf jede Handlung verzichtet, es zu retten. Nun, legen wir die Affaire zu den vielen andern ad acta. Sie ist würdig in den Schoß der Vergangenheit zu versinken. – Mit meinem Bericht bin ich nun bis etwa Mitte Februar 39 gekommen. Der Februar ist in der Herrenkonfektion der stillste Monat. Es ist ja verständlich, dass niemand mehr Winterkleidung kauft und dass es für Frühlingskleidung noch zu früh ist. Der Februar ist von jeher der gefährlichste Monat und in diesem Jahr wirkte er sich besonders schlimm aus. Ich kämpfte verzweifelt, das Geschäft über Wasser zu halten bis zum Beginn der Saison, von der ich (auch im Hinblick auf die Landesausstellung von der man sich eine große Geschäftsbelebung versprach) eine allmähliche Lösung der Schwierigkeiten erwartete. Es war mir aber nicht vergönnt. Das Geld von Anderegg hatte mich nicht retten können, ich musste einen erheblichen Teil verwenden zur Teilabdeckung einen Bankkredites, so dass dieser Betrag die Situation nicht erleichterte. Um die täglichen Geldbedürfnisse zu decken, musste ich zu einem Mittel greifen, das wir schon des Öfteren in letzter Zeit angewendet hatten. Wir zogen in Erwartung der Verkäufe im voraus Schecks auf Zürich, die die St. Galler Bank einlöste. Gewöhnlich dauerte es 1 – 2 Tage, bis die Schecks in Zürich präsentiert wurden und bis dahin war meist genügend Geld zur Deckung eingegangen. Fehlte jedoch die Deckung, so wurde ein neuer Scheck verwendet. Das waren allerdings schon verzweifelte Mittel, die ich nur deshalb anwendete, weil ich sie als vorübergehende Hilfsmittel ansah, die ich entschlossen war, so schnell wie irgend möglich fallen zu lassen. Es trat in der Zeit sogar noch ein weiterer Geldinteressent auf, der langfristigen Kredit geben wollte, so dass ich fest überzeugt war, mit Wechsel- & Scheckvorschüssen schnellstens aufräumen zu können. Wenn ich mich so verzweifelt gegen eine Zahlungseinstellung gewehrt habe, so musst Du verstehen, dass mit einem solchen Ereignis unsere ganze Existenz bedroht war. Über uns hing ja immer das Damoklesschwert der Fremdenpolizei. Nun hatten wir zwar kurz zuvor Niederlassung erhalten, aber gerade darum durfte ich doch nicht unmittelbar danach die Zahlungen einstellen. Man hat mir später vorgehalten, ich hätte das Geschäft nur aus persönlicher Profitgier weiter geführt, nur um meine Lebensführung recht lange aufrechtzuerhalten. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht meines Vorteils willen gearbeitet habe. Wohl war ich bestrebt, meine Existenz zu erhalten – welcher Mensch hätte nicht dieses Bestreben? –, aber ebenso lag mir auch an der Erhaltung des Geschäftes als solchem. Wenn ich auch früher dem Geschäft innerlich fern gestanden hatte, so hatte ich doch in langen Jahren meine Arbeitskraft, meine Gedanken, meine Zeit nur diesem Unternehmen gewidmet und war allmählich so verwachsen, dass es mir weit mehr war als eine Erwerbsquelle. Man hat mir auch sehr verübelt, dass ich zu große Privatentnahmen gemacht habe. Dieser Vorwurf ist in der Tat berechtigt, aber ich hatte eine große Familie, wir waren von Berlin her gewohnt, aus dem Vollen zu leben und kamen uns hier mit unserer Lebensweise schon sehr eingeschränkt vor. Wir lebten ja in unsern persönlichen Bedürfnissen ganz bescheiden. Euch Kindern wollten wir eine gute Ausbildung, eine vernünftige Ernährung & gute gesundheitliche Grundlagen geben. All das geschah, aber ohne übertriebenen Aufwand. Du weißt es selbst, dass Du jahrelang in Bauernhäusern gelebt hast. Aber eins kam zum andern, auch noch viele Extra-Ausgaben, für Margot, für Horwitz etc., so dass die Gesamtsumme zu hoch war. Nun sieht natürlich alles, was man gemacht hat, vom Standpunkt des Zusammenbruchs aus ganz anders aus als zu der Zeit, wo man gehandelt hat. Damals dachten wir doch nie ernsthaft an einen Zusammenbruch. Ich sah Schwierigkeiten – gewiss, sie waren ja das A und O meines Lebens. Aber Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden, und nie wäre es mir in den Sinn gekommen, die Situation für hoffnungslos zu halten. Das Unglück kam durch 2 Umstände ins Rollen. Ich konnte eines Tages die Deckung für einen Scheck nicht mehr beschaffen. Ein mir zugesagter Betrag war ausgeblieben, Ersatz war nicht vorhanden. Trotzdem hätte ich über diese Sache noch hinwegkommen können, weil jener 2. Geldinteressent, von dem ich sprach, bereit war Geld zu geben, allerdings unter Bedingungen, die mir nicht angenehm waren und für die man schon das Wort Wucher anwenden muss. Aber in diesen Tagen hatte ich die Bilanz fertiggestellt und musste zu meinem Schrecken sehen, dass das Resultat weit schlimmer war als ich erwartet hatte. Es war ein so großer Verlust eingetreten, dass Überschuldung vorlag, die nach dem Gesetz zur Konkursanmeldung verpflichtet. Ich ging zu einem befreundeten Rechtsanwalt, der seit Jahren die Angelegenheiten der Firma wahrgenommen hatte und dieser sagte mir, dass ich tatsächlich keine Wahl hätte und in den sauren Apfel beißen müsse. Ich benachrichtigte die Verwaltung und verzichtete auf die neue Kreditaufnahme, die ich nun nicht mehr verantworten konnte.

 

22/10 Die Zahlungseinstellung wirkte wie eine Bombe. Eine ungeheure Aufregung trat ein und ergoss sich über mich. Bis nachts um 3 Uhr ging das Telefon ununterbrochen in meiner Wohnung. Jeder wollte Sondervorteile, Sondersicherungen, private Extraleistungen, mitunter wurden diese Wünsche von handfesten Drohungen unterstützt. Ich musste ihnen allen dasselbe Nein Entgegensetzen, da alle Begünstigungen in einem solchen Falle gesetzlich untersagt sind. Du wirst Dir denken können, dass diese Tage nicht leicht waren, und trotzdem empfand ich sie fast als eine Erleichterung gegenüber dem Zustand, der vorher geherrscht hatte. War doch zum ersten Mal seit langem die täglich Qual der Geldsorgen von mir genommen. Wenn es auch auf eine gewiss unschöne & bedenkliche Art war, so stand ich der Katastrophe doch verhältnismäßig ruhig gegenüber, weil ich überzeugt war, dass es zu einer Einigung mit den Gläubigern und einer Weiterführung des Betriebes kommen würde. Für diesen Glauben hatte ich guten Grund. Die Banken stellten sich nicht feindselig zu mir, von den Warenlieferanten war nur ein einziger bedrohlich und gerade der, zu dem ich einige persönliche Beziehung unterhalten und dem ich so oft durch große Aufträge geholfen hatte, und das Wichtigste war, dass Herr A., jener Kreditgeber, mir Glauben schenkte, dass ich ihn nicht in böser Absicht geschädigt habe und daher nun offen mit dem Plan hervortrat, den Betrieb zunächst provisorisch weiterzuführen in der Absicht, ihn später endgültig zu übernehmen, wobei mir eine leitende Stellung zugefallen wäre. Das ging alles nicht so einfach & glatt, wie ich es hier hinschreibe, sondern ich musste von morgens bis abends nach allen Seiten die verschiedensten Verhandlungen führen. Sch. hatte inzwischen still & leise das Land verlassen und fuhr über Paris nach London. Er schrieb teilnahmsvolle Briefe und bezeichnete als Zweck seiner Reise, er wolle meinen Onkel Max Kass, den Lederhändler, in London aufsuchen und von ihm Hilfe für die Fortführung des Geschäftes erbitten. Ich habe ihn in London telefonisch erreicht und ihn zur Rückkehr aufgefordert, nachdem ich stark angegriffen worden war, denn schließlich war er, wenn auch soeben ausgeschieden, doch mitverantwortlich für die Vergangenheit. Er lehnte ab, er meinte, er könne ja an den Tatsachen doch nichts ändern. Das war das letzte Mal, das ich von ihm hörte. Als ich ihn auf Verlangen einer Bank noch einmal zu erreichen suchte, war er nach Amerika abgefahren. Über diese Nachricht war die Bank so erbost, dass sie ihn bei der Staatsanwaltschaft anzeigte. Leider hatte sie aber mit Erkundigungen soviel Zeit versäumt, dass Sch., der nach Canada gefahren war, bereits das Land erreicht hatte. Eine Auslieferung wurde von den dortigen Behörden von der Bereitstellung der Rückschaffungskosten abhängig gemacht, die niemand bezahlen wollte, so dass endgütig darauf verzichtet wurde, ihn, den Hauptschuldigen, der den ganzen Verfall auf dem Gewissen hat, zur Verantwortung zu ziehen. Inzwischen waren hier noch andere erschwerende Ereignisse eingetreten. Ich hatte früher erzählt, dass ich den Verkauf an fremde Detailgeschäfte durch einen Vermittler gemacht hatte. Dieser hatte in eigenem Namen, aber für unsere Rechnung verkauft. Die Kunden zahlten also an ihn und er war verpflichtet, diese einkassierten Gelder sofort an uns weiterzuleiten. Da ich einen Cessionskredit bei der Bank hatte, waren diese Forderungen abgetreten, auch A. hatte solche Cessionen. Vorsichtshalber hatte ich dafür gesorgt, dass auch der Vermittler, obwohl er nur einen formellen Anspruch an die Kunden hatte, diesen an die St. Galler abgetreten hatte. Er konnte also rechtmäßig nicht über dieses Geld verfügen. Nun war aber auch dieser Vermittler Kreditgeber, da er an der Finanzierung seines Umsatzes interessiert war. Als er von der Zahlungseinstellung hörte, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als schnell zu allen seinen Kunden zu fahren, das Geld einzukassieren und zu behalten. Ja, es stellte sich später heraus, dass er schon vorher Gelder nicht oder nicht rechtzeitig abgeliefert hatte, dass er seinerseits Kredite aufgenommen hatte für sich und dabei Forderungen, die ihm gar nicht gehörten, als Sicherung abgetreten. Kurzum, die Bank & A., die mit Sicherheit auf diese Gelder gerechnet hatten, mussten zu ihrem Erstaunen erleben, dass die Forderungen gar nicht mehr existierten. Zunächst glaubten sie, der Fehler läge bei mir, bald aber mussten sie sich überzeugen, dass eine glatte Unterschlagung jenes Vermittlers vorlag. War ich auch in diesem Punkte gerechtfertigt, so standen die Gläubiger doch vor der unangenehmen Aufgabe, gegen einen nicht zahlungsfähigen Schuldner prozessieren zu müssen und sahen, dass ihr Verlust höher werden würde als sie ursprünglich angenommen hatten. Ihre Verärgerung aber ließen mich entgelten. Ein zweites ebenso überflüssiges wie verhängnisvolles Ereignis habe ich meinem eigenen Verwaltungsrat zu verdanken. Dieser Herr, es ist Dr. Goldstein in Zürich, bekam es plötzlich mit der Angst. Verwaltungsräte tragen nämlich eine Verantwortung. Sie sind zu Kontrollen etc. verpflichtet und er hatte sich doch um nichts gekümmert. Nun war das bei ihm aber nicht so gefährlich, denn er hatte den Posten erst seit einem halben Jahr, hatte noch keine Generalversammlung, keine Bilanzvorlage miterlebt, so dass, wenn überhaupt eine Verantwortung des Verwaltungsrats vorlag, nur die seines Vorgängers in Frage kam. Trotzdem hatte ihn der Schreck erfasst und er fing an, alte Protokolle, Verträge etc. durchzustudieren, nicht in der Absicht, wie er der Firma helfen könne, wozu er doch verpflichtet war, sondern allein um zu sehen, wie er sich aus der Affäre ziehen könne. Und siehe da – er fand! Er fand, dass ich weder berechtigt gewesen sei, Kredite aufzunehmen noch Wechsel auszustellen. Nach dem Gesetz ist nämlich ein Geschäftsführer zu diesen Handlungen nur mit Sondervollmacht der Generalversammlung berechtigt, die in unserm Fall nicht vorlag. Nun war ich ja aber nicht nur Geschäftsführer, sondern gleichzeitig Inhaber, also Aktionär. Die Generalversammlung bestand aus Sch. & mir, sie war also bei uns identisch mit der Geschäftsführung. Der absurde Einwand lautete also: wir hätten es verabsäumt, uns selbst Vollmacht zu erteilen. Trotz der Widersinnigkeit dieser Konstruktion hatte Dr. G. nicht Eiligeres zu tun, als Einschreibebriefe an die Banken & Kreditgeber zu senden, worin er ihnen mitteilte, meine Wechsel- & Kreditaufnahmen seien ohne juristische Legitimation erfolgt, daher hinfällig, so dass er als Repräsentant der Firma die diesbezüglichen Forderungen nicht anerkenne. Mit dieser Vogel-Strauß-Politik glaubte er, sich von allen etwaigen Einwänden der Kreditgeber distanzieren zu können. Waren die Briefe auch nicht ernst zu nehmen, so bedeuteten sich doch eine neue Komplikation und bewirkten eine ungeheure Verärgerung. Herr A. glaubte, ich stecke hinter der Sache und wolle mich auf diese Weise der Verpflichtung ihm gegenüber entledigen. Obwohl ich mich beeilte, ihm das Gegenteil zu versichern und zu erklären, dass ich niemals den unhaltbaren Standpunkt von Dr. G. teilen würde, hatte der Brief zur Folge, dass A. die Lust verging, sich weiter mit der Firma zu befassen. Der schon formulierte und dem Konkursrichter mit der Bitte um Konkursaufschub zugesandte provisorische Vertrag zur Übernahme der Fabrik ging in die Brüche und die so aussichtsreichen Verhandlungen fanden ein jähes Ende. Inzwischen hatte die Bank eine Strafklage gegen Sch. eingeleitet. Als der Untersuchungsrichter, der die Sache zu führen bekam, sah, dass Sch. entwischt war, glaubte er es seiner Tüchtigkeit schuldig zu sein, mich sofort verhaften zu müssen, damit ich nicht, wie er meinte, ebenfalls verschwinde. Obwohl nun nicht die geringste Absicht auf meiner Seite bestand, mich den Konsequenzen zu entziehen – ich hatte, um jeden Schein zu vermeiden, sofort nach der Zahlungseinstellung meinen Pass deponiert –, half mir keine Einrede, und mit diesem Tage begann meine 17-monatige Untersuchungshaft. Damit war das Schicksal des Geschäftes und unser aller Schicksal besiegelt. All unsere Sachen wurden beschlagnahmt, unsere Wohnung von oben bis unten dreimal durchsucht, wir wurden vertrieben, geschmäht und verachtet und führen seither ein gehetztes und armseliges Leben. –

 

Ich bin nun eigentlich am Ende meiner Erzählung, wenn auch nicht am Ende der Ereignisse angelangt. Ich sehe ein, dass nun eigentlich die Schilderung der Haft, der Untersuchung, des Prozesses und der Gefängniszeit folgen müsste. Aber es ist hier nicht der Ort, darüber zu schreiben. Ich könnte es nicht mit der Offenheit, ohne die meine Mitteilungen keinen Wert hätten. Aber einer Frage will ich nicht ausweichen, die Du sicherlich einmal an mich richten wirst: Du wirst wissen wollen, ob und wieweit ich mich schuldig gemacht habe, und ob ich meine Verurteilung als zu Recht geschehen ansehe. Es ist eine Frage, die auch mich dauernd beschäftigt, und die durchaus nicht so einfach und sicher nicht mit einem glatten Ja oder Nein zu beantworten ist. Es ist zunächst etwas sehr Ungewöhnliches, dass in einem Konkursfall eine Strafklage erfolgt. Im allgemeinen nimmt man an, dass der Geschäftsmann sich ehrlich & rechtschaffen geplagt hat, dass er aber ein Opfer der Verhältnisse und seiner Fehler geworden ist. Man versagt ihm die bona fide nicht, und nimmt den Verlust in Kauf, der nun einmal Teil des allgemeinen Geschäftsrisikos bildet, wie ich es selbst in unzähligen Fällen tun musste & getan habe. Straffälle erfolgen gewöhnlich nur dann, wenn der Betreffende den Konkurs mutwillig oder absichtlich selbst herbeigeführt hat in der Absicht, sich zu bereichern. Das klingt paradox, dass man sich in einem Konkurs bereichern könne, aber tatsächlich gibt es das, natürlich mit gesetzwidrigen Mitteln. Ich habe selbst einmal den Fall erlebt, dass ein Geschäftsmann soviel Waren, wie er bekommen konnte, auf Kredit kaufte. Den Kredit verschaffte er sich, indem er zuerst gegen Kasse kaufte, dann kleineren Kredit beanspruchte, regelmäßig zahlte, um sich Vertrauen zu erwerben, seine bisherigen Lieferanten als Referenz aufgab, und sich so allmählich als kreditwürdig hinzustellte. Als er nun viel Ware gekauft hatte & schuldig war, verkaufte er sie, teilweise, damit es schnell ging, unter Tagespreis, ja sogar unter Einkaufspreis, aber gegen bar, und mit dem Geld verschwand er, wohin wusste niemand. Seine Lieferanten aber hatten das Nachsehen. So etwas nennt man betrügerischen Konkurs. Das Gesetz aber ist viel umfassender. Es nennt betrüg. Konkurs, sobald jemand in bewusster Voraussicht auf einen nahenden Konkurs Waren auf Kredit kauft oder Geld aufnimmt. Das ist natürlich sehr kautschukmäßig, denn wer will entscheiden, ob und wann jemand den Zusammenbruch seines Geschäftes vorausgesehen habe oder nicht. Das ist aber die Kardinalfrage, denn Waren auf Kredit kauft jeder Geschäftsmann, er mag noch so reich sein, in jedem Zeitpunkt und Kredite nimmt ein geldnotleidendes Geschäft (und um ein solches handelt es sich ja immer im Konkursfall) auch wohl stets auf, solange es noch Hoffnung auf Rettung hat. Das hat aber jeder Geschäftsmann bis kurz vor dem Zusammenbruch, denn wenn er die Hoffnung aufgeben muss, dann ist ja der Zeitpunkt da, wo das Geschäft zusammenbricht. Es hat also mit Naturnotwendigkeit jedes Geschäft kurz vor dem Zusammenbruch Waren auf Kredit gekauft & meist auch Kredite aufgenommen, so dass alles davon abhängt, ob dies nun im Bewusstsein des herannahenden Konkurses geschah oder ohne dieses Bewusstsein. Die Praxis des Gerichts geht aber noch viel weiter: da nämlich die Frage, deren Beantwortung das Gesetz zur Voraussetzung macht, im Einzelfall meist gar nicht beantwortbar ist, sagt das Gericht, es komme nicht darauf an, ob der Kaufmann subjektiv das Bewusstsein gehabt habe, sondern darauf, ob er es als vorsichtiger Kaufmann gehabt hätte haben müssen. Diese Frage ist aber fast noch schwerer zu beantworten, denn eigentlich könnte man jedem Geschäftsmann entgegenhalten, dass er die Grenzen des Risikos überschritten habe, dass er hätte wissen müssen, dass ein Zusammenbruch unvermeidbar sei. Da man bekanntlich klüger ist, wenn man vom Rathaus kommt, als wenn man hingeht, so ist es auch leichter ein Ereignis rückwirkend vorauszusagen, nachdem es bereits eingetroffen ist als vorher, wenn viele Möglichkeiten in der Luft liegen & man noch nicht weiß, welche davon Wirklichkeit werden wird. Das Gericht sieht zuerst & vor allem den Zusammenbruch, und beurteilt alle Handlungen als auf diesen Punkt gerichtet, und vergebens bemüht man sich, Verständnis zu schaffen dafür, dass im Zeitpunkt, als die Handlungen geschahen, ganz andere Gesichtspunkte & Überlegungen galten. In der Juristensprache nennt man diesen Gegensatz die Beurteilung ex nunc (also von jetzt aus) und ex tunc (von damals aus). Es ist wirklich nichts schwerer als zu bestimmen, wann ein Mensch noch Hoffnung, noch Zuversicht hatte oder gar haben durfte und wann nicht mehr. Gibt ihm der erste Zweifel, ob er die Lage wohl meistern werde, schon das Bewusstsein des bevorstehenden Zusammenbruchs? Hat nicht jeder, auch der ehrbarste Kaufmann, schon Lagen durchgemacht, in denen in seiner Seele Befürchtungen über den Ausgang seiner Unternehmungen aufstiegen? Und zeigt sich nicht gerade die Kraft eines Menschen darin, dass er in Bedrängnis, oft sogar in verzweifelten Situationen, den Kopf oben behält und den Mut nicht verliert? Natürlich nicht in blinder, nicht in verantwortungsloser Zuversicht, aber in ernstem Vertrauen in seine Tatkraft und ein gütiges Schicksal Und wenn er sich nun vergebens der rollenden Lawine entgegengestemmt hat, wenn sein guter Wille, seine angespannten Kräfte nicht ausreichen, ist er dann ein Betrüger, weil er dem ersten Zweifel nicht nachgegeben hat? Das Gericht sagt ja! Denn er hätte wissen müssen. Warum hätte er wissen müssen? Nun, das ist doch klar, jedes Kind hätte doch sehen können, dass die Sache schief gehen musste! So reden die klugen Herren. Sie kommen mir vor, wie jene Leute, die heute jeden einen Toren nennen, der den Krieg nicht hat kommen sehen, dabei gehörten sie vielleicht selbst zu jenen, die am eifrigsten an den Frieden geglaubt hatten. Die psychologische Situation eines Menschen, der in Schwierigkeiten gerät, ist außerordentlich kompliziert. Ich will es Dir an einem Vergleich erklären: Denke Dir ein Schulkind, das nicht so recht mitkommt. Es gibt sich Mühe, es arbeitet, aber es geht doch nicht, wie es soll. Da arbeitet das Kind noch eifriger, es möchte doch gerne versetzt werden und wirklich, hier und da hat es einen Erfolg, aber immer wieder treten Rückschläge und schlechte Noten ein, und am Schluss des Jahres war alle Mühe vergebens, das Kind wird nicht versetzt. Wie sieht es nun im Laufe des Jahres in der Seele dieses Kindes aus? Weiß das Kind, dass es nicht versetzt werden wird? Natürlich musste es das wissen, sagt der Lehrer, es hat doch eine 3 in Deutsch und eine 3 – 4 in der Rechenklausur. Da musste es sich doch sagen, dass es mit solchen Noten nicht versetzt werden kann! Aber hat das Kind sich das wirklich gesagt? Hat es nicht vielmehr zwischen Angst und Hoffnung gelebt und war nicht die Hoffnung das stärkere Gefühl, weil sie ja in der Richtung der Wünsche des Kindes geht? Wie hätte es denn ohne die Hoffnung, ohne den Glauben an das endgültige Gelingen die Kraft zum Weiterarbeiten aufbringen können, und es wollte doch das Ziel erreichen, nicht wahr? Aus jeder guten Klausur hat es neue Hoffnung geschöpft, und sich durch eine schlechte nicht unterkriegen lassen, wenn auch manchmal die Angst in ihm hochgestiegen ist. Und danach hat es die Entscheidung von Nicht-Versetzung auch wie ein Schlag getroffen! Es wollte doch die Angst nicht wahrhaben, es wollte sich doch der Angst nicht ausliefern, es klammerte sich doch an die Hoffnung! Und so unerwartet kam nun die bittere Nachricht, die es vernünftigerweise vielleicht wirklich hätte voraussehen müssen! Siehst Du, so ähnlich war meine Lage! Ein kühler Rechner, der sich hinsetzt und nachprüft, wie sich die Zahlen entwickelten, der wird rückwirkend feststellen, dass der Zusammenbruch mit Notwendigkeit eintreten musste, also auch vorherzusehen war. Aber der kämpfende, hoffende Mensch, der rechnet anders, der saugt Zuversicht aus jedem kleinen positiven Zeichen, der lässt sich durch Verluste nicht entmutigen, er sucht hinter jeder Wolke den Silberstreifen! Wir Menschen reden ja so leicht von Notwendigkeit, wenn etwas geschehen ist und sie denken nicht daran, wie wenig dazu gehört, das Geschehen von seinem Weg abzulenken, manchmal nur ein bisschen Glück! War der Krieg eine Notwendigkeit? Warum war er es 1939 und warum konnte er 1938 verhindert werden? Wäre er 1938 ausgebrochen – und das hing ja an einem Haar – so hätten die Besserwisser ohne Zweifel behauptet, dass es ja vorauszusehen war, dass der Krieg ausbrechen musste! Nimmt man aber erst einmal an, jemand habe im Bewusstsein eines unvermeidlichen Zusammenbruchs gelebt, so nehmen alle seine Handlungen einen ganz anderen Charakter an, als sie wirklich gehabt haben. Sie geraten in ein schiefes Licht und es werden ihnen Motive untergeschoben, die im damaligen Zeitpunkt noch gar nicht existierten. Eigentlich kann, dem Wortlaut des Gesetzes nach, jeder, der in Konkurs gerät, unter Anklage gestellt werden, denn ich kann mir kaum einen Fall denken, auf den die Voraussetzungen nicht zutreffen. Es ist zwar schon vorgekommen, dass sich jemand unter Konkurs gestellt hat, der doch alle sein Gläubiger voll befriedigen konnte, aber das sind Ausnahmen, die für die Regel keine Bedeutung haben. Im allgemeinen liegt es in der Natur des Menschen, einen Kampf um seine Existenz nicht vorzeitig aufzugeben, im Gegenteil ihn noch weiter zu führen, wenn die Wage des Sieges sich schon zu seinen Ungunsten gesenkt hat, Wenn nun trotzdem in den meisten Fällen kein Straffall eingeleitet wird, so nach dem Grundsatz: Wo kein Kläger ist, da ist kein Richter. Ich bin auch hier der Ansicht, dass nicht einmal die Anzeige des einen Lieferanten mit seiner relativ unbedeutenden Forderung genügt hätte, um einen Straffall aufzurollen. Maßgebend war allein die Tatsache, dass das fluchtartige Verschwinden Sch’s ein dunkles Licht auf die Angelegenheit warf. Wäre er hier geblieben, wie es seine Pflicht gewesen wäre, so hätten auch die Banken keine Anzeige erstattet. Sie standen mir durchaus wohlgesinnt gegenüber und haben meist auch gar kein Interesse an einer Strafuntersuchung. Nur durch die Flucht Sch’s traten die wildesten Gerüchte in Zirkulation, deren Opfer schließlich ich wurde. Nachdem aber die Sache einmal in die Hände des Gerichts gelegt wurde, trat auch eine ganz andere Art der Beurteilung ein, als sie im allgemeinen unter Kaufleuten üblich ist. Kaufleute wissen, häufig aus eigener Erfahrung, wie leicht ein Unternehmen in Schwierigkeiten geraten kann, und dass man, wenn man sich durcharbeiten will, auch leicht an die gezogenen Grenzen kommen kann, weil man instinktiv jedes Mittel ergreift, von dem man sich einen endgültigen Erfolg verspricht. Das gilt besonders für Kreditaufnahme und für die Darstellung der Geschäftslage. Es ist doch klar, dass man einen Kredit nicht bekommt, wenn man alles schwarz in schwarz schildert. Natürlich darf man nicht, nur um einen Kredit zu bekommen, unwahre Tatsachen angeben, aber man wird geneigt sein, seine Hoffnungen hervorzuheben und seine Befürchtungen zu unterdrücken, solange man selbst noch mit Zuversicht erfüllt ist. Nur wer selbst Vertrauen in sich hat, wird auch bei andern Vertrauen erwecken. Aber oft steht es eben auf des Messers Schneide, ob das Vertrauen berechtigt war. Letzten Endes wird diese Frage eben doch erst nachträglich, nämlich durch den Ausgang der Ereignisse entschieden, und das Fatale ist, dass der Ausgang rückläufig auch meist über den guten oder schlechten Glauben des Geschäftsmannes entscheidet. Eine Situation entwickelt sich sehr langsam, wie ein Krug, der sich Tropfen für Tropfen füllt. Man merkt gar nicht, dass der Wasserspiegel steigt, aber plötzlich läuft der Krug über. Man ist viel zu sehr mit der gerade akuten Einzelschwierigkeit beschäftigt, um sich immer Rechenschaft über die Lage des Ganzen zu geben, und das Streben nach der Lösung der Einzelfrage kann einen leicht zu weit führen. Ich habe kürzlich ein Buch gelesen, Vanity Fair von Thakeray, in der deutschen Fassung heißt es: „Der Jahrmarkt der Eitelkeiten“. Dort wird u.a. ein rechtschaffener Mann geschildert, der in Schwierigkeiten gerät und wegen seiner oft verzweifelten und die Grenze des Kriminellen streifenden Handlungen angegriffen wird. Es heißt da (ich übersetze frei): „Nach einer allgemeinen Regel, welche alle Gläubiger, die dazu neigen hart zu sein, in ihrem Gewissen beruhigen dürfte, verhalten sich Menschen in Verlegenheit mit großer Wahrscheinlichkeit niemals ganz ehrlich. Sie verbergen etwas, sie übertreiben die günstigen Chancen, sie vertuschen den wirklichen Zustand der Dinge, sagen dass die Lage blühend sei, wenn sie hoffnungslos ist, behalten am Rande des Bankrotts ein Lächeln auf dem Gesicht (aber was für ein wehes Lächeln!), sind bereit jeden Vorwand zu ergreifen, um Aufschub oder Geld zu bekommen, nur um den unvermeidlichen Zusammenbruch noch ein paar Tage länger hinauszuschieben. ‚Nieder mit solcher Unehrlichkeit’, sagt der Gläubiger triumphierend und schmäht seinen zu Boden sinkenden Gegner. ‚Du Narr, was hältst Du Dich an einen Strohhalm?’ sagt der gesunde Menschenverstand zu dem ertrinkenden Mann. ‚Du Schuft, warum sehnst Du Dich, Deinen Namen im Amtsblatt zu sehen?’ sagt die Wohlhabenheit zu dem armen Teufel, der im schwarzen Schlunde kämpft. Wer hat nicht die Bereitschaft bemerkt, mit der die nächsten Freunde und ehrlichsten Menschen sich gegenseitig des Betruges bezichtigen und sich verdächtigen und anklagen, wenn sie über Gelddinger auseinanderfallen? Jeder tut es. Jeder ist im Recht, vermute ich und die Welt ist ein Spitzbube.“ Hier hast Du mit den Worten des Dichters die Lage geschildert, in die man nur allzu leicht durch Bedrängnis gerät. Niemand anders als Herr Homburger, dieser vorbildlich ehrenhafte Kaufmann, hat einmal zu mir gesagt, dass nach seiner Überzeugung jeder Geschäftsmann, der in Schwierigkeiten gerät, in der Wahl der Mittel sich zu retten die zulässigen Grenzen überschreitet. Und wenn ich nun vom Allgemeinen auf meinen speziellen Fall komme, so muss ich bekennen, dass ich bis hart an die Grenzen gegangen bin und sie in einigen Fällen überschritten habe. Aber nie habe ich es im Bewusstsein eines unvermeidlichen Zusammenbruchs getan. Bei allen Ängsten und Zweifeln, von denen ich auch zeitweise befallen wurde, siegte immer wieder der unbedingte Glaube, dass ich über alle Schwierigkeiten triumphieren werde und nur in diesem Glauben lag für mich die Berechtigung der Anwendung jener Hilfsmittel. Vielleicht ist dies keine juristische Entschuldigung. Ich weiß wohl, dass ein Mensch, der z.B. in Bedrängnis gestohlen hat, sich nicht damit reinwaschen kann, er habe geglaubt, das Geld zurückgeben zu können. Aber solche offenkundigen Delikte habe ich nicht begangen. Alle meine Handlungen waren usance-mäßige, d.h. die üblichen kaufmännischen. Auch z.B. die Ausstellung von Finanzwechseln, die mir später als unerlaubt zur Last gelegt wurde, ist gang und gäbe. Wenn alle Kaufleute, die das tun, ins Gefängnis müssten, so wäre dort die Blüte der Kaufmannschaft versammelt. Oder z.B. das Ausstellen der Schecks (es soll in der Tat nicht zulässig sein, d.h. dann nicht, wenn jemand zuvor schon weiß, er könne den Scheck nicht einlösen), aber ein Geschäft, das tägliche Geldeingänge hat, kann ja normalerweise mit der Einlösung rechnen. Nun wird aber gesagt, Schecks dürfen erst ausgestellt werden, wenn die Deckung vorhanden ist. Das mag wohl zutreffen, aber schließlich geschah das alles mit Wissen und Duldung der Bank, so dass man wohl hätte annehmen müssen, dass es nicht gerade strafwürdig ist. Aber alle diese Einzelheiten wurden ja erst später aufgegriffen. Zunächst stand ja nichts weiter fest als ein geschäftlicher Zusammenbruch, der für die meisten unerwartet kam, und normalerweise greift hier das Gericht nicht ein, wenn dies nicht unter starker Begründung von den Gläubigern verlangt wird. Ich sagte schon, dass die Erbitterung der Banken sich eigentlich nur gegen die feige Flucht von Sch. richtete und zwar auch nur in der falschen Meinung, er habe das Geld der Firma mitgenommen. Ein übereifriger Untersuchungsrichter, der die Sache in die Finger bekam, glaubte beweisen zu müssen, dass er schnell zugreifen könne und da er den Übeltäter nicht erwischen konnte, griff er mich. Als Begründung wurde Fluchtverdacht angegeben. Nun kann ich vor Gott und den Menschen beschwören, dass ich niemals geplant habe, auf & davon zu gehen. Man hat später geglaubt, in meinen diversen Auswanderungsbemühungen einen Beweis für die Flucht-Behauptung gefunden zu haben, aber jene Bemühungen geschahen aus allgemeiner Vorsorge, wie sie unter dem Druck des drohenden Krieges und der judenfeindlichen Entwicklung in Europa von fast allen Juden zu jener Zeit getroffen wurden, wobei bei mir wie bei vielen durchaus keine klare Absicht vorhanden war, diese Bemühungen wirklich in die Tat umzusetzen. Vor allem hätte eine Auswanderung stets eine ordnungsmäßige Abwicklung der geschäftlichen Verpflichtungen (durch Verkauf oder ähnlich) zur Voraussetzung gehabt. Ich habe sofort nach dem Zusammenbruch, um jeden Verdacht die Spitze abzubrechen und das Geschwätz, das sich anknüpfend an die Flucht Sch’s mit mir beschäftigte, im Keime zu ersticken, meinen Reisepass, ohne den ich ja nicht hätte auswandern können, unwiderruflich bei einem Treuhänder deponiert. Aber Übereifer ist gefährlich, und macht blind. Statt zunächst einmal die Sache in Ruhe zu prüfen, glaubte man, mich dingfest machen zu müssen. Nachdem die Sache nun „offiziell“ geworden war, musste natürlich auch eine Anklage erhoben werden, und wo eine Anklage erhoben wird (besonders in Verbindung mit einer so langen Untersuchungshaft), da erfolgt auch eine Verurteilung. Immerhin brauchte die Behörde 2 ½ Jahre ...

Heft 11
Seite 11
Seite 11 wird geladen
11.  Heft 11
Kommentar schreiben
Immerhin brauchte die Behörde 2½ Jahre um die Anklage zu erheben. Wieso das so kam, muss ich Dir später einmal schildern. Es ist sehr wesentlich zum Verständnis des Urteils. Ich will Dir nur soviel sagen, dass das Gericht sich die Sache sehr bequem gemacht hat. Ich glaube kaum, dass die Herren, die glaubten so scharf ins Zeug gehen zu müssen, auch nur eine Ahnung von den wirklichen Vorgängen hatten. Nicht einer hat während der Gerichtsverhandlung auch nur den Mund aufgemacht. Sie stützten sich ganz einfach auf den Bericht des URA und mit diesem Bericht hat es eine besondere Bewandtnis, über die ich aber jetzt nicht spreche. Da das Gericht die Frage, ob der Zusammenbruch vorauszusehen war, nicht nur bejahte, sondern auch von der Annahme ausging, dass ich ihn tatsächlich vorausgesehen habe, so wurde die Schuldfrage bejaht und die Konsequenzen in Bausch und Bogen gezogen, indem einfach alle zur Zeit des Konkurses bestehenden Schulden als betrügerische Schulden erklärt wurden. Da der Geschäftsumsatz ein großer gewesen war, so waren auch die Verpflichtungen erheblich, und so stand ich da als ein Erzbetrüger. Die Buchhaltung wurde durchweg als falsch & irreführend gestempelt, ohne jede Berücksichtigung, dass ein tüchtiger & gewissenhafter Buchprüfer sie eingerichtet, regelmäßig kontrolliert und in seinen jährlichen Berichten für richtig und in Ordnung befunden hatte. Die Urteilsbegründung entbehrt, wie nicht anders zu erwarten, jeder eigenen Ansicht und wiederholt alle Fehler & Irrtümer, die der URA Bericht enthielt. Zum Teil stehen groteske Sachen darin. Wie falsch die ganze Beurteilung der Geschäftssituation war, will ich nur an einem einzigen, aber bezeichnenden Beispiel zeigen: Das Gericht sagt, dass das Geschäftsvermögen schon im Jahre 1936 effektiv nicht mehr als 35’000.- Fr. betragen habe. Nun habe ich ja, wie aktenkundig belegt ist, Ende 1936 Schiff seine Drittelbeteiligung am Geschäft um 70'000.– Fr. abgekauft. Will wirklich jemand im Ernst annehmen, ich hätte für ein Drittel 70'000.– Fr. bezahlt, wenn das Ganze nur 35'000.­– Fr. wert gewesen wäre? Trotzdem stehen diese Widersprüche ganz friedlich beieinander in der Urteilsbegründung, ja der Widerspruch wird nicht einmal bemerkt. Und doch würde schon dieser eine Widerspruch (von vielen andern gar nicht zu reden) genügen, um die ganze Begründung umzuwerfen. Man wird, wenn man einmal vor Gericht gestanden hat, sehr feinfühlig für Recht und Unrecht, und solche Fehler, solche Leichtfertigkeit verzeiht man nicht. Obwohl die Herren Richter sich nicht gerade durch Gründlichkeit auszeichneten, glaubten sie doch im Urteil noch eine halbes Jahr über den Antrag des Staatsanwalts hinausgehen zu müssen. Ich meine, wenn ein Gericht schon ganz und gar auf eigene Prüfung verzichtet (obwohl es dazu verpflichtet ist) und sich ganz auf die Ansicht der Unterbeamten verlässt, dann sollte es wenigstens auch darauf verzichten, den Antrag des Staatsanwalts, der ohnehin einseitig die Anklage vertritt, auch noch zu übertrumpfen. Nun, es geschah nicht. Die Herren glaubten, die Schärfe des Gesetzes sei geboten. Und so kommt es, dass ich nun für mein ganzes Leben mit diesem harten, und meiner tiefsten Überzeugung nach ungerechten Urteil belastet bin, das Kummer und Elend über uns alle gebracht hat. Ich glaube, ich habe mich mit Selbstkritik nicht geschont, aber dort, wo das Gericht die Schuld sah, dort liegt sie nicht. Meine Schuld liegt darin, dass ich meinen Weg, den die Natur und meine Veranlagung mir vorschrieb, nicht gegangen bin, dass ich mich auf Menschen verlassen habe, die es verstanden, mich scheinbar in meinen Schwächen zu stützen, während sie sie in Wirklichkeit ausgenutzt und mich in den Abgrund gezogen haben, nachdem sie sich selbst vorher in Sicherheit brachten. Dass ich einen solchen Mangel an Abwehrkraft, an Lebensinstinkt besessen habe, dass ich mich nicht mit allen Teufelskräften gegen die Bedrohung meines Wesens gewehrt habe, das muss ich leider zu einem guten Teil meiner Erziehung und vor allem dem drückenden Gewicht meines Vaters zuschreiben. Und als ich an jenem Schicksalstage als armer Sünder auf der Anklagebank vor meinen Richtern saß, da war es mir, ich kann es nicht leugnen, als sähe ich den Schatten meines Vaters hinter mir sitzen. Aber ich kann ihm nicht alle Schuld geben, ich kann ihm überhaupt keine Schuld geben. Er hat nichts Böses gewollt, im Gegenteil, er wollte das Beste. Er wusste nur nicht, dass das, was er für das Beste hielt, für mich Gift war. Einem andern wäre es vielleicht zum Segen gereicht. Es war ein unglückliches Zusammentreffen. Er war für mich nicht der richtige Vater und ich war für ihn nicht der richtige Sohn. Ich habe ihn nicht weniger leiden machen als er mich. Aber ich verstehe ihn und trage ihm nichts nach. Ich habe Frieden mit ihm geschlossen. Mag seine Schuld sein, wie sie will (schon das Wort „Schuld“ ist nicht am Platze), ich habe größere zu tragen als er, denn ich hätte an ihm nicht scheitern dürfen. Darum will ich meine Fehler in mir und nicht in ihm suchen. Er ist aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, er hat hart kämpfen müssen und Wind und Wetter standen ihm entgegen, da ist er hart und knorrig geworden wie eine trotzige Eiche. Mir aber waren die Wege geebnet, mir standen die Türen offen, aber ich fand die rechte nicht. Ich will Dir noch erzählen, wie ich die letzten Jahre mit meinem Vater stand. Als ich Berlin verlassen hatte, erfolgte einige Monate später die Zahlungseinstellung der Berliner SS. Obwohl sie uns nicht mehr gehörte und wir an sich nichts mehr damit zu tun hatten, wurde doch offenkundig, dass wir sie nicht im besten Zustande übergeben haben konnten, und der Glanz des Namens Kass erhielt etwas Staub auf die Flügel. Dazu kam, dass bei der Liquidation der Bernhard Kass GmbH auch nicht mehr viel herauskam, so dass mein Vater nur noch das Haus mit der drückenden Hypothek besaß. Wenn er es recht besah, so hatte er fast alles verloren. Es war eine schwere Zeit für ihn und er gestand mir später, es habe ihn Mühe gekostet, den Lebensmut zu bewahren, er habe schwere Stunden durchgemacht. Aber er hielt durch. Es gelang ihm, das Haus gegen Abnahme der Hypothek zu verkaufen und für sich selbst noch eine Zahlung zu erhalten, die er zur Einzahlung für eine Rente auf Lebenszeit von ein paar hundert Mark verwendete. Diese Rente sicherte ihn gegen die gröbste Not. Mit dem ihm eigenen Humor freute er sich mit jedem Tage, den er länger lebte, dass er damit der Versicherungsgesellschaft ein Schnippchen schlug. Das Haus in Wannsee vermietete er und zog als Privatier in eine kleine Pension, wo er als Kavalier von altem Schlage der Liebling der alten Damen wurde. An die zunächst ungewohnte Beschäftigungslosigkeit gewöhnte er sich rasch, ja mit der Zeit war er froh, den ganzen geschäftlichen Sorgenpack vom Hals zu haben. Auch hatte er anfangs noch genug zu tun mit Steuer- & Finanzämtern, die sich bekanntlich nur schwer damit abfinden können, dass von einem ehemals reichen Manne keine Gelder mehr einzutreiben sind. Auch mit PC, der ja nun den Restbetrag seines Vertrages verlor, rieb er sich noch lange in alter Weise und focht noch bis ins höchste Alter einen erbitterten Kampf um irgendeinen strittigen Betrag. Allen Ratgebern zum Trotz beharrte er auf einer für aussichtslos gehaltenen Forderung und hatte eine diebische Freude, als sein alter Feind sie ihm doch bewilligen musste. Er lebte nun in kleinen Verhältnissen, mit denen er sich in völliger Zufriedenheit abfand. Er war ja immer eine einfache, ja kärgliche Natur gewesen, der sich nicht viel gönnte und selbst im Luxus immer bescheiden blieb. Es machte ihm kaum etwas aus, seine Bedürfnisse einzuschränken, ja er sang das Loblied der „kleinen Armut“ und hatte er schon früher in seiner 14-Zimmerwohnung das Glück des kleinen Mannes ohne Lasten gepriesen, so zeigte er jetzt, dass das nicht bloße Redensart war. Hatte er nun kein Auto mehr, so lag es fern, über diesen Bequemlichkeitsmangel zu klagen, im Gegenteil, er sagte jedem, wie viel schöner die Welt zu Fuß aussehe und wie gut es dem Herrn Kommerzienrat täte, wieder laufen zu müssen. Und bei Regen und Schnee rannte er mit der Pünktlichkeit einer Normaluhr seine täglichen 3 Stunden durch Wald und Straßen. Jeder bewunderte die Art, mit der er den Zusammenbruch seines Reichtums hinnahm und die Haltung, die er bewahrte. Das Unglück hatte ihn nicht gebeugt, er trug seinen Kopf aufrecht und in seinem Herzen fühlte er sich nach wie vor als der regierende König, war er auch seines ganzen Reiches und aller seiner Untertanen verlustig gegangen. Nirgends versagte man ihm die Achtung und er genoss in seiner Armut nicht weniger Ansehen als in seiner besten Zeit. Ich glaube, es ist nicht falsch, wenn ich sage, dass mein Vater in seinen letzten Lebensjahren ein glücklicher Mann gewesen ist. Wenn das zutrifft, so war es ebenso eine Folge der Stärke seines Charakters wie seiner Schwäche. Es war eine Folge seiner Stärke, weil er sich nicht beugte und weil er sich unabhängig von der Menge der irdischen Glücksgüter und erhaben über die kleinen Eitelkeiten der Welt zeigte, weil er sich fähig zeigte, das Unabänderliche mit Heiterkeit zu tragen und noch selbst das an Taubheit grenzende Gehörleiden in Geduld hinzunehmen. Es war auch die Folge seiner Schwäche, weil ein enger Rahmen im Äußern wie im Gefühlsleben in seiner Natur lag und weil die stoische Zufriedenheit nicht aus dem Reichtum, sondern aus einer Verarmung seiner Seele floss. Er konnte schon lange nichts Neues mehr aufnehmen, seine Ansichten versteinerten immer mehr und seine menschlichen Kräfte betätigten sich in kleinem Umkreis. Aber wer von uns weiß, was das Alter aus ihm machen wird? Es ist jeder zu beneiden, der es versteht, soviel Gleichgewicht und Haltung zu bewahren. – In der ersten Zeit nach meinem Fortgang aus Deutschland begann eine große Hetze gegen mich. Mein Vater wurde bedrängt von Leuten, die sich empörten, ich habe den alten Mann sitzen lassen, ich sei davon gegangen und habe ihn in allen Schwierigkeiten stecken gelassen. Es gab eine Zeit, im Anfang, da mein Vater diesen Stimmen nachgab. Es war seine schwere Zeit. Später gab er zu, ich habe recht getan. Er überwand seine Missstimmung gegen mich sehr bald und in allen seinen Briefen schrieb er immer wieder, er habe nur den einen Wunsch, dass es uns allen gut gehe. Unsere Correspondenz war spärlich und eintönig. War es schon schwer, in der Unterhaltung ein Gesprächsthema mit ihm zu finden, so noch schwerer in der Correspondenz, besonders da durch die Entfernung immer weniger Berührungspunkte bestanden. So schrieb ich stets den gleichen neutralen Bericht über den Geschäftsgang mit der Hinzufügung einiger stereotypischer privater Bemerkungen und mein Vater antwortete auch stets mit den gleichen wohlgemeinten Ratschlägen und der ebenso stereotypen Schilderung seiner Spaziergänge und seiner Kämpfe mit dem Finanzamt. War mein Vater in Berlin für mein Leben von großer Bedeutung gewesen – musste ich mich doch täglich mit ihm auseinandersetzen –, so verlor er mit der Entfernung immer mehr an Gewicht. Und ihm mag es mit mir ebenso gegangen sein. Dieser Zustand trug viel dazu bei, unser Verhältnis zu verbessern und wir begegneten uns mit Liebe und Achtung. Nur zeigte es sich dabei, dass unsere Beziehung auch recht leer geworden war. Wir hatten uns kaum noch etwas zu sagen. Er kam noch 2 mal nach der Schweiz, wo wir in bester Freundschaft zusammen waren, aber wir hatten etwas Mühe, diese Freundschaft auszudrücken. Wir versuchten auf das Redlichste, diese Leere zu überwinden und konnten doch nicht recht warm werden aneinander. Mein Vater war plötzlich ein alter Mann für mich geworden. Einmal war er auch mit uns in Flims, wo er viel Freude an Dir hatte und auch Du warst stolz auf Deinen Großvati mit dem schönen kleinen Spitzbart. Ich erzählte ihm auch, dass ich im Geschäft sehr zu kämpfen habe, wenn ich auch manches verschwieg, und er gab mir wohlgemeinte Ratschläge, mit denen ich nichts anfangen konnte. Mir dem neuen Regime in Deutschland fand er sich mit Ruhe ab, ja seine Liebe für eine „starke Hand“ ließ ihn nicht ohne Sympathie eine Bewegung verfolgen, die seinen Blutgenossen den Untergang brachte. Glücklicherweise blieb er selbst unbehelligt. – Als das St. Galler Geschäft in Schwierigkeiten geriet, teilte ich es meinem Vater sofort mit und ich erhielt einige teilnehmende, aber freundliche Zeilen von ihm, mit denen er mir alles Gute für die Überwindung der Schwierigkeiten wünschte und die Hoffnung aussprach, dass die Ehre des Namens unverletzt geblieben sei. Diese Hoffnung habe ich ihm nicht erfüllen können. Aber ich habe ihm die Kenntnis der Vorgänge hier erspart. Er hat nie etwas von meiner Verhaftung erfahren. Durch die Haft wurde natürlich die Möglichkeit der Correspondenz weiter erschwert. Was sollte ich ihm schreiben? Ich erlebte ja nichts, was ich ihm hätte berichten können. Er wollte wissen, wovon ich lebe. So schrieb ich ihm, es ginge uns allen gut und ich mache Geschäfte. Meine dunklen Andeutungen genügten ihm natürlich nicht, aber mir widerstrebte es, ihm Einzelheiten vorzufabeln, die nicht stimmten. So musste ich auf nähere Erklärungen verzichten und seine Fragen verstummten, da er keine oder keine genügende Antwort erhielt. Es tat mit weh, aber es war das kleinere Übel, das ich wählen musste. Einen ganz auf Lüge aufgebauten Briefwechsel hätte ich nicht führen können. Auch bei Dir verzichte ich jetzt, so schwer es mir fällt, lieber ganz aufs Schreiben, als dass ich Dir etwas vorerzähle, was nicht wahr ist. Aber auf meinen Vater muss mein Verhalten wohl abkühlend, vielleicht gar verletzend gewirkt haben. Er hat vielleicht gemeint, ich habe ihn vergessen und mich als herzlos betrachtet, obwohl ich mich bemühte, durch Personen, die den wahren Sachverhalt kannten, aber ihm gegenüber schwiegen, solchen Betrachtungen entgegenzuwirken. In den letzten Jahren seines Lebens wohnte Frau Sussmann bei ihm, die für ihn sorgte. Als die Verhältnisse in Deutschland schlimmer wurden, beabsichtigte mein Vater, nach Amerika auszuwandern, sobald meine Geschwister dort die amerikanische Nationalität erworben haben würden, was zur Einreisebewilligung die Voraussetzung war. Das sollte in etwa einem Jahr sein. Um die Auswanderungsformalitäten zu erleichtern und Frau S. mitnehmen zu können, heiratete er sie im Alter von 80 Jahren. Allmählich drängte er sehr auf Auswanderung und schrieb mir, ich möchte ihm die Einreise in die Schweiz für ein paar Monate beschaffen, da er vor der Weiterreise nach Amerika noch eine Zeitlang bei uns sein wollte. Wäre ich noch in Amt und Würden und vor allem vermögend gewesen, so hätte ich ihm damals diese Einreise beschaffen können. So aber als Untersuchungsgefangener war es natürlich unmöglich und ich musste ihm schreiben, dass ich nicht in der Lage sei, die Bewilligung zu erhalten. Da er aber wusste, dass in andern Fällen Bewilligungen erteilt worden waren, so nahm er Mangel an Interesse an und dies trug zu weiterer Entfremdung bei. Noch ein weiteres Ereignis trug zur Vergrößerung seiner Missstimmung bei. Mein Vater wurde damals von der Steuer hart bedrängt. Er sollte von dem Wannsee-Haus als Vermögenswert 1/3 als Reichsfluchtsteuer zahlen. Das hätte er tun können, wenn er das Haus hätte verkaufen dürfen. Er hatte auch einen Käufer, aber man gab ihm die Bewilligung zum Verkauf nicht. Man verlangte also Geld von ihm und verweigerte gleichzeitig den Verkauf des Objektes, aus dessen Erlös er hätte bezahlen können. Dafür bedrohte man ihn mit der Pfändung seiner Einrichtung. Ich wurde durch diese Nachricht sehr bedrückt, weil ich schon recht darunter litt, dass ich meinem Vater nicht die Freude einer Einreise nach der Schweiz erfüllen konnte, ja nicht einmal hätte erfüllen dürfen, wenn ich es gekonnt hätte! In dieser Stimmung beschlossen Gertrud und ich, ihm einen Betrag von 2000.– Mk, den Gertrud in Deutschland auf Sparkonto liegen hatte, anzubieten. Kaum hatte ich den Brief mit diesem Angebot abgesandt, trat eine plötzliche Wendung der politischen Verhältnisse ein. Es erfolgte der Zusammenbruch Frankreichs, die Schweiz schien aufs äußerste bedroht und wir mussten ernsthaft damit rechnen, eines Tages wieder in deutsches Gebiet zu kommen, wo wir dieses letzte Geld dringend ge­brauchen würden. Dazu erfuhr ich noch, dass der Betrag, den die Steuer von meinem Vater verlangte, ein Mehrfaches betrug von dem, was wir anbieten konnten, so dass wir das Letzte hergegeben hätten, ohne ihm damit zu helfen. Ich kam in einen Gewissenszwiespalt: sollte ich mein Angebot an meinen Vater aufrecht erhalten oder sollte ich der Verantwortung gegenüber meiner ohnehin im Elend befindlichen Familie Folge leisten. Ich entschied, dass ich die Jugend in erster Linie zu schützen habe, besonders da die Hilfe für meinen Vater sowieso nicht ausgereicht hätte. Ich zog daher mein Angebot zurück, und versuchte, ihm die Gründe auseinanderzusetzen. Er war über meinen Entschluss sehr gekränkt, und schob alle Schuld auf Gertrud. Aber unser Briefwechsel wurde noch spärlicher und leerer. Als ich aus der Untersuchungshaft frei kam, konnte ich meine Briefe etwas lebhafter und abwechslungsreicher gestalten, obwohl ich um den Hauptpunkt, meine Beschäftigung, noch immer herumreden musste. Aber meine Mühe kam zu spät oder sie reichte nicht aus. Mein Vater reagierte wenig, obwohl er freundlich und wohlwollend schrieb. Im Sommer 1941 bekam er einen Gehirnschlag, er lebte noch kurze Zeit, teils mit Bewusstsein, teils im Dämmerzustand, litt aber keine großen Schmerzen, und am 13. Juli starb er. Als sein Testament geöffnet wurde, enthielt es einen einzigen Satz: „Ich vermache mein gesamtes Vermögen meiner Ehefrau.“ Ich muss gestehen, dass es mir einen Stich gab. Nicht etwa, dass ich erbhungrig gewesen wäre. Ich hatte weder etwas erwartet noch hätte ich es verwerten können. Aber dass das letzte Wort keinen Gruß, keinen Gedanken an die Kinder enthielt, enttäuschte mich. Gertrud hielt die Frau dafür verantwortlich, ich glaube aber, dass mein Vater den rein praktischen Gedanken hatte, dass das Erbe für uns keinen Wert haben, sondern dem Staate anheimfallen würde. So war sein Entschluss auch ganz verständlich, und gestört hat mich auch nicht das Materielle. Es ist ja wahr, eigentlich war mein Vater für mich schon lange vorher gestorben – ich hatte das wohl gefühlt – und umgekehrt war es vielleicht nicht viel anders, aber umso mehr war die Erinnerung in mir lebendig. Nun richtete sich das Testament in seiner Ignorierung ja nicht gegen mich allein, sondern gegen alle Kinder, auch z.B. gegen Lena, die sein Lieblingskind war und blieb, und so glaube ich, dass das Testament, das ein Jahr vor seinem Tode abgefasst war, als noch gar keine Abschiedsstimmung herrschte, gar nicht mit den Gefühlen belastet wurde, die ich daraus entnahm. Aber sieh, er war doch mein Vater, und er hat eine solche Rolle in meinem Leben gespielt, und so sehr ich ihn auch zeitweise gehasst und gegen ihn gekämpft haben mag, so habe ich doch keinen Mann so gern gehabt und geachtet wie ihn und da hat es mich eben geschmerzt, dass er sich so ganz ohne ein Wort des Abschieds aus dieser Welt davon gemacht hat. Aber ich trage ihm nichts nach, am wenigsten dies. Wenn er aus jener andern Welt auf uns herabsehen kann, so wird er mehr in unsern Herzen lesen als er früher in unsern Briefen lesen konnte und ich bin seiner Versöhnung gewiss. Möge er in ewigem Frieden ruhen! –

 

4/11 Renatli, wenn ich überschaue, was ich geschrieben habe, so liegen 10 gefüllte Hefte vor mir, weit mehr als ich zu Beginn geahnt habe. Wenn ich aber den Inhalt überdenke, so kommen mir Zweifel, ob ich denn nun in allen Dingen das Richtige geschrieben habe, ob meine Darstellung wahr ist, ob sie nicht zu einseitig ist und ob ich nicht doch noch zu wenig ausführlich geblieben bin. Aber Du musst es nun einmal nehmen wie es ist. Gertrud schrieb mir kürzlich, Du beginnest jetzt Fragen zu stellen, warum ich keinen Urlaub bekäme, was ich denn getan habe, – und Du fragtest mit traurigen Augen. Ich bin sicher, Du weißt mehr als wir annehmen. Deine Fragen werden mit der Zeit dringlicher werden. Du willst wissen und Du hast ein Recht zu wissen. Und wenn ich ursprünglich die Absicht hatte, Dir in der Hauptsache das Bild Deiner Kindheit lebendig zu halten, so sah ich doch bald, dass der Schatten, der über Deine Kindheit gefallen ist, für Dein zukünftiges Leben von stärkster Bedeutung sein wird und darum verschob sich das Schwergewicht meiner Erzählung immer mehr von Dir zu mir. Und wenn auch Mutti, Anne und Hanns etwas im Hintergrund der Schilderung stehen, so ist das nicht mein Egoismus, der mich treibt, nur von mir zu sprechen. Denn der Weg Deines Herzens zu Mutti, zu Anne, zu Hanns ist frei; zu mir aber türmen sich Hindernisse auf, die Du heute nicht verstehen kannst, die Du aber einmal verstehen musst, um sie zu bewältigen, nicht nur damit der Weg auch zu mir frei werde, sondern damit sie Dir selbst nicht zur Last werden. In dieser Voraussicht habe ich geschrieben, um Dir eine Antwort in einem tieferen Zusammenhang zu geben auf Fragen, die heute noch dumpf in Dir liegen, die aber immer stärker und lauter tönen werden. Ich konnte natürlich nicht für Dein heutiges Verständnis schreiben, sondern ich muss warten, bis Du so weit bist, bis Du meine Antwort verstehst. Ich hoffe, den fehlenden Teil noch ergänzen zu können.

 

24. Dezember 1942 Mein liebes Kind, heute ist Weihnachtsabend – Grund genug, um etwas wehmütig zu sein. Obendrein habe ich Grippe mit Erkältung & Gliederschmerzen (merkwürdigerweise genau wie letztes Jahr am Weihnachtsabend) und habe mich daher ins Bett gelegt. Um ½8 dreht man mir sowieso das Licht aus, denn für uns beginnt das spärliche Weihnachten erst morgen. Aber für Dich ist es anders. Du bist jetzt voller Erwartung, was wohl diesmal unter dem Weihnachtsbaum liegen wird, und wer weiß, vielleicht hast Du im Stillen gehofft, dass ich heute zu Dir zurückkehren werde. Ach, Renatli, es fällt mir heute noch schwerer als sonst, nicht bei Dir sein zu können. Wäre ich ein Schweizer, so könnte ich Dir wenigstens mit Sicherheit sagen, dass ich am 23. Januar bei Dir sein werde, aber Fremdnationalität ist heute, in dieser nationalen Zeit, eine schwere Last, die bestraft wird und so kann ich immer nur sagen: ich hoffe, ich hoffe! Und nun ist auch die Mutti nicht bei Dir. Ich weiß nicht einmal sicher, liegt sie noch im Spital oder ist sie wieder bei Pfarrer Hug. Wäre sie doch in Sennwald, so wüsste ich sie bei guten Menschen. Sie hat es so schwer gehabt im letzten Jahr und gibt sich soviel Mühe, unter den schweren Verhältnissen das Beste zu erreichen und stemmt sich mit ihrer ganzen kleinen Person gegen Tatsachen und Wirklichkeit und wahrhaftig, oft genug übertrumpft sie sie. Und ich denke heute auch an Familie Fuchs, die bei allen Grenzen ihres Wesens, doch gut zu Dir sind und Dir das Gefühl eines Heimes geben, das wir Dir heute nicht bieten können. Ich denke viel darüber nach, was wohl mit uns werden wird, aber alle Gedanken scheitern an der undurchdringlichen Mauer, die die Zukunft verdeckt. Wir haben so wenig Freiheit des Handels und hängen von dem großen Weltgeschehen ab, das sich mit grausiger Brutalität, die den ganzen tierisch-triebhaften Untergrund der menschlichen Seele zynisch aufdeckt, in unserer Zeit, glücklicherweise bisher nicht vor unsern Augen abrollt. Da versagt jede Voraussage. Ich kann nur eines sagen: ich habe einen unbändigen Willen, wieder in die Höhe zu kommen. Ich strebe nicht nach Reichtum, obwohl ich aus dem Zustand der äußersten Not herauskommen möchte. Ich möchte für Gertruds Gesundheit, für ihre Interessen und auch ihre kleinen Launen & Exzentritäten sorgen können, ich möchte für Deine Ausbildung das Notwendige tun, damit Du im Leben einmal den Platz einnehmen kannst, auf dem Du Dich behaupten kannst & schließlich möchte ich auch wieder in menschlicher Weise leben. Du musst nämlich wissen, dass ich sehr darunter leide, dass mein Leben bisher so unter dem Zeichen des Misserfolgs stand. Ich habe einen brennenden Ehrgeiz, ich möchte etwas leisten und ich weiß, ich kann etwas leisten, wenn ich nur an die richtige Stelle komme. Das Geschehen ist natürlich eine furchtbare Belastung. Ich versetze mich oft in Deine Seele. Ich denke mir, ein Kind will doch auch einmal stolz auf seinen Vater sein und vielleicht forderst Du einmal die Anerkennung der Menschen für mich heraus und forschst halb ängstlich, halb hoffend in ihren Augen nach einer Bestätigung. Aber im besten Falle wirst Du heute Mitleid für Dich dort finden, aber glaube mir, Renatli, ich denke heute über Menschen anders als früher. Die Einteilung in die Ehrenhaften, die mit weißer Weste, und die Verurteilten, die Abgestempelten, ist ein großes Unrecht. Ich sage Dir, es laufen viele draußen herum und dürfen den Kopf hoch tragen, die schlimmer sind als mancher, der hier ist. Es ist ein heikel Ding um die menschliche Gerechtigkeit und ein großes Rätsel um menschliche Schuld. Warum fallen Menschen in Schuld? Ich sehe mir hier so die Gesichter an. Gewiss es gibt auch den Typ des Verbrechers, obwohl Tracht und Umgebung sehr suggestiv wirkt, aber das sind die Ausnahmen. Ich sehe viele mit offenen, netten und freundlichen Gesichtern. Warum sind die Menschen hier? Ach, urteilen und verurteilen ist leicht, aber das menschliche Herz verstehen, das ist schwer. Renatli, bewahre Dir ein fühlendes Herz für die menschliche Kreatur und hüte Dich vor den schwarz-weißen Cliché-Urteilen, die die meisten Menschen so leicht zur Hand haben und die es ihnen ersparen nachzudenken. –Nun werde ich langsam müde. Jetzt wird bei Dir der Weihnachtsbaum brennen, unter dem ich Dich mit Deinen großen glänzenden Augen so gerne sehe! Aber ich will gar nicht traurig sein! Ich bin selbst hier imstande, dem Leben etwas Gutes und Schönes abzugewinnen, und wer lebt, der ist noch nicht am Ende seiner Weisheit. Auch für Dich Renatli gibt es viel Frohes im Leben. Du hast Menschen um Dich, die Dich lieb haben. Du hast eine Mutter, die mit jedem Blutstropfen von Dir verbunden ist, Du hast Geschwister, deren Liebling Du bist, und schließlich hast Du auch mich, der Dich in seine Arme schließt! –

 

Und nun will ich diese Aufzeichnungen vorläufig abschließen und zur Erinnerung das kleine Gedicht eintragen, das Dich trösten soll und das doch, wenn man es recht besieht, recht wehmütig und ein wenig traurig ist! Aber halten wir uns an das Frohe!

 

Wenn in diesem Jahre wieder

Hell die Weihnachtskerzen strahlen

Und auf glänzend-runden Kugeln

Sich in bunten Farben malen, –

Wenn der Glocken froh Geläute

Über Stadt und Land erschallen

Und die Stille Heilige Nacht

Einkehr hält bei uns und allen, –

Dann bin ich, mein liebes Kind,

Auch bei dir in deinem Herzen! –

Trag ichs auch mit großen Schmerzen,

Dass wir nicht beisammen sind,

Ei, so weiß ich für uns beide

Etwas Tröstliches zu sagen,

Dass wir unseres Herzens Kummer

Leichter miteinander tragen:

Sieh, uns glänzt derselbe Himmel

Uns scheint derselbe Mond

Und dieselbe goldne Sonne

Über unsern Häuptern thront.

Wenn wir unsere Blicke senden

Sehnsuchtsvoll in weite Fernen,

Werden sie gewiss sich finden

Auf des Himmels blanken Sternen.

Wenn sie dort zusammentreffen,

Funkelt hell das Himmelslicht.

Und es lacht die liebe Sonne

Und das dicke Mondgesicht.

Und so sagen wir uns beide, –

Sag wer hätte das gedacht? –

Auf der Sonne Guten Morgen,

Auf dem Monde Gute Nacht.

Oder darf ich mir nicht denken

– Ja, wer will es mir verwehren? –

Dass wir uns vielleicht begegnen

Auf dem Schnauz des Großen Bären,

Dessen Sterne leuchtend brennen,

Dass wir sie sogleich erkennen?

Sieh, so grüße ich den Himmel,

Grüße jedes Himmelslicht,

Grüße Sonne, Mond und Sterne

Zur Erinnerung an dich!

– Aber ach, welch weiten Umweg

Müssen wir doch jetzt noch machen!

Könnten wir erst miteinander

Wieder plaudern, spielen, lachen!

Uns erfreuen an Geschichten,

Die wir lesen oder dichten!

Ach, es wäre wunderschön,

Könnten wir den Himmel lassen

Und uns bei den Händen fassen,

Aug in Aug uns wieder sehn

Und dem dicken Großen Bären

Eine lange Nase drehn. –

Aber was nicht ist, wird werden!

Gehts auch langsam her auf Erden,

Gehts doch vorwärts mit der Zeit,

Und was wir uns heut ersehnen,

Wird bald schönste Wirklichkeit!

Darum wollen wir nicht zagen,

Und nicht grämen und beklagen,

Fest vertraun auf Gottes Walten,

Dass ers werde recht gestalten,

Und derweil in Lieb und Treue,

Täglich, stündlich, stets aufs Neue

Fest uns in Gedanken halten!


 

Unsere Förderer
75733#$vv#$vs#$vl#