Zurzeit sind 554 Biographien in Arbeit und davon 331 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 207

Wie wertvoll ein Leben ist . . . was für eine unglaubliche Möglichkeit es darstellt. Was wirst du wohl mit dem Rest der Dir verbleibenden Zeit anfangen?
Ich habe mich entschieden, jetzt Familienforschung zu machen und ein Buch darüber und über mein Leben und meine Erkenntnisse daraus zu schreiben. Viele dieser Lebensgeschichten sind schwere Kost, schwierige Schicksale, die auf meinen Schultern lasten, in meiner Funktion als Drehscheibe zwischen Vorfahren und Nachkommen.
Der Sinn, von dem, was wir heute tun, wird sich erst in der Zukunft weisen, geschieht jedoch oft auf Basis des Vergangenen, der Ahnen, ob bewusst oder unbewusst.
Stell dich dir vor, als daumengrossen Säugling im Mutterleib, und auch den daumengrossen Säugling im Mutterleib deines Urenkels . . . und irgendwann ist deine Mutter nie mehr physisch präsent, sie wird nie wieder da sein, nie wirst du sie wiedersehen . . . Generation auf Generation erlebt dieselben Geburten, Wunder, Glücksmomente, Schicksalsschläge, Verzweiflung und Sterben . . . im Moment, als du zum ersten Mal deiner Mutter in die Augen sahst, sahst du die Welt als ein Baby, als einen geheimnisvollen Ort, an dem alle Menschen gut sind und alles für dich möglich ist.
Das vor dir liegende Buch ist kreativ geschrieben, es soll anregend und intelligent sein, Gefühle in dir auslösen und Erkenntnisse. Lese langsam und bewusst, es gibt Perlen zu entdecken! Ich habe immens viel Herzblut in Forschung und Schreiben gelegt. Es ist sehr persönlich geschrieben, offen, ehrlich. Selten eine diplomatische Redewendung. Es geht um mein Leben, meine Geschichte, mein Leiden und Lieben. Du wirst sehr viel über mich und das Leben grundsätzlich erfahren können. Ich schreibe im Dienste meiner Ahnen und meiner Familie.
Das Buch beinhaltet erforschte Berichte aus dem Leben meiner Vorfahren sowie ein Romanfragment, zwischen 1890 und 1950, meiner Geburt. Dann meine eigene Geschichte, und Tagebuchaufzeichnungen, speziell aus Erlebnissen mit meinen Enkeln in den Corona- und Ukrainekriegsjahren 2020–2022. Das Buch will auch generationenübergreifende Information und Erlebnisse und stille Weisheiten liefern. Als philosophische Betrachtungen folgen eher künstlerisch abgefasste einseitige Texte aus meinem Leben. Dekoriert ist das Ganze mit Fotos. Ich gestehe ehrlich, ich legte nicht Wert auf Ausgewogenheit. Die grösste Ungerechtigkeit ist der Versuch es allen gerecht machen zu wollen. Je- dem seine eigene Gerechtigkeit sei passend. Manche Menschen erscheinen mehr oder auch weniger, beispielsweise bildlich festgehalten. Mit dieser Aussage und bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die mich im Leben unterstützt haben, speziell jetzt Erwin, welcher mit mir das Buch gestaltet, wie unseren Vorfahren, die nur ihr Bestes für uns Nachkommen taten, und auch bei allen um Verzeihung bitten, die ich in meinem Leben verletzt oder angegriffen habe.
Worte Kohelets, des Davidsohnes, der König in Jerusalem war:
„Windhauch, Windhauch“, sagte Kohelet, „Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde aber steht in Ewigkeit. Die Sonne, die auf- und wieder untergeht, atemlos jagt sie zurück, an den Ort, wo sie wieder aufgeht. Alle Flüsse fliessen ins Meer, das Meer wird nicht voller. Zu dem Ort, wo sie entspringen, kehren sie wieder zurück um wieder zu entspringen. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die noch kommen werden; auch an sie wird es keine Erinnerung geben, bei denen, die noch später kommen werden.“ Aus Buch Kohelet, Kapitel 1

Wo komm ich her, wo geh ich hin, oder die Verstossung aus dem Paradies und Auferstehung

1950–1960
Ich bin Reto Müller, am 11. Februar 1950 in Basel zur Welt gekommen. Ich spüre mich dabei ergriffen, spüre leichten Druck seitlich meines Kopfes, und nehme die Oberschenkel meiner Mutter wahr, die Hände der Säuglingsschwester. Ich empfinde Trauer, aus dem geschützten Raum hinausgepresst worden zu sein. Vor meiner Geburt fühlte ich mich im Weltenraum, von Flüssigkeit beschützt, leicht, froh, geborgen. Jetzt ein eisiger Luftzug, eine warme Decke, Gemurmel von Stimmen, wo bin ich?
Meine Wiege steht im Schlafzimmer meiner Eltern, in einem anthroposophischen Erker, mit, könnte ich aufstehen, Blick aufs Goetheanum, in einem Landhaus mit noblem Herrenzimmer neben Wohnzimmer. Und weil eher grosser Garten, mit Gärtnerhaus mit Familie Wyss.
Die Muse Kultur und Geist küsst mich aus Fern und Nah, und nachts vernehme ich Geräusche, die vom Beischlaf meiner Eltern herrühren könnten. Irgendwie beunruhigend. Die Harmonie war am Vergehen. Auf dem Wickeltisch liegend, wurde ich an meinem Geschlecht eingecremt. Ich fühlte mich unsicher. Mutti strahlte mich an, und gleichzeitig gab sie mir Klapse auf den Po. Und der Wackeltisch wickelte . . . ich hatte Angst.
Dann schaute mir Tante Ida ins Gesicht. Ida, du wirkst leicht aufgedunsen im Gesicht? Ida war etwas süchtig nach Saridon und Optalidon; mit den Medikamentendöschen sollte ich später, waren sie aufgebraucht, spielen. Tante Ida sang und betete mit mir. Mutters Stimme erregte mich. Ab und zu kam Grossvater an mein Bettchen. Er roch, nach heutigen Erkenntnissen, nach Alkohol und seine traurigen Augen blickten mich freundlich an. Er schien hingerissen zu sein von mir. Auch Jean Meierhofer kam öfters an mein Bett. Er war der Mann von Tante Ida. Er lächelte, er war alt, und er sprach Worte zu mir, die ich zwar nicht verstand, die aber mein Herz berührten. Vati verpasste schon damals, Kontakt mit mir aufzunehmen; er war am Arbeiten, hiess es. Was war das, arbeiten?
Das letzte Familienmitglied, das mich öfters besuchte, war Omama Maria, die Mutter von Grossvati und Ida. Sie hatte ein eher kleines, runzliges Gesicht, schaut mich an wie eine glückliche Zauberin und wies immer wieder mal die anderen Anwesenden zurecht, sie mögen nicht so viel reden oder mich laufend aufnehmen und wieder hinlegen. Das Baby brauche Ruhe um gut zu gedeihen. Also gingen sie dann alle bald wieder hinaus und liessen mich alleine. Ich fühlte mich einsam und weinte. Wem gehörte meine Liebe? Allen?
Ich fühle mich glücklich beim Niederschreiben, da war die Zeit noch in Ordnung, trotz des Alleinseins. Ich liebte die Stimmen meiner Liebsten. Und Vatis laute Stimme war ja nur selten zu hören. Vati ängstigte mich, er war so gegenteilig von Jean Meierhofer. Vati wirkte, kam er an mein Bettchen, aufgeregt, nervös, ganz und gar nicht liebevoll. Er gab sich zwar Mühe so zu wirken, was mich aber nicht beruhigte. Die Wahrheit spürst du tief in deinem Innern.
Ich fühlte mich sehr abhängig von den Erwachsenen. Du bist diesen auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Stell dir vor, jemand lässt dich auf den Boden fallen? Jemand lässt dich im Kinderwagen am Waldrand stehen? Lag ich beim Spazieren im Kinderwagen auf dem Rücken, fühlte ich mich hilfloser als auf dem Bauche liegend. Jedoch hatte ich die Übersicht und konnte sehen, wem ich gerade ausgeliefert war oder wem ich vertrauen durfte. Am liebsten ging ich mit Ida spazieren oder Omama. Da wurden Liedchen gesungen und die Stimmung war heiter. Mutti erlebte ich eher als manipulativ, sie tat ständig was, zupfte an mir herum, wollte alles noch besser machen als es schon war. Das macht mich jetzt traurig. Mutti konnte das Friedliche nicht geniessen, sie schien sich an Unruhe und Aktion gewöhnt zu haben, immer aufpassen, es könnte was passieren, das nicht gut ist; nicht, das nicht gut tut. Ein feiner Unterschied. Nicht gut tut, ist ein Gefühl, Empfinden, nicht gut ist, ist eine Bewertung.
Noch eine Bemerkung zu Omama. Sie wird in einem Schnitzelbangg so beschrieben: Meist am Sonntag sei sie nach Reinach zu ihrer Familie gekommen. Man habe dann Eile-mit-Weile gespielt. Habe Omama verloren, hätte sie die Würfel an die Wand geworfen. Sie konnte nicht verlieren. Das Eile-mit-Weile-Spiel, von meinem Grossvater hergestellt aus Holz, inkl. Spielfiguren, besitze ich heute noch in Ehre und spiele es mit meinen Enkeln.
Im grossen Garten, was heisst schon Garten, auf dem Grundstück meines Geburtshauses, war ich sehr gerne. Dieser Garten sieht so aus: Nördlich vom Haus der
Hauseingang und die Garage. Da war wenig Raum, wegen der Nähe zur Strasse durften wir uns da auch nicht viel aufhalten. Auf der Westseite vom Haus war ein kleiner Rasen, Blumenbeete umrahmten das Haus, es war ein kleiner geschützter Raum dort, aber nicht gross erwähnenswert. Die Südseite hatte es schon mehr in sich. Da stand ein Schuppen für das Gartenwerkzeug und ein Kaninchenstall. Neben Kaninchen hatten wir auch einen Truthahn, in einem Gehege und mit Häuschen; und Hühner. Es wucherten dem Stall entlang auf dessen Rückseite Brombeerstauden. Lecker im Sommer zum Naschen die süss-sauren Beeren. Die Pflege der Tiere oblag Onkel Jean. Und auch Omama hatte ihre grosse Freude daran. Weiter im Süden stand, laut meinem Vater, ein «Gemeinde-Haus». Dort, so erzählte er, wohnen Leute, die von der Gemeinde unterstützt würden, arme Leute; aber Freunde von mir. In Wirklichkeit handelte es sich um das Gärtnerhaus, worin keine unterstützungsbedürftigen Menschen lebten. Die Südseite des Gartens war als Grenze bewachsen mit Haselnussstauden, die sich sehr gut zum Klettern eigneten.
Dann der freie Osten. Hier war Garten zum Spielen, soweit ich wollte. Da standen Apfelbäume mit den alten Apfelsorten Berner Rose, Goldparmäne, Sauergrauech, Gravensteiner, Jonagold; ein riesiger Magnolienbaum, der jeweils in prachtvollem Erblühen den Frühling ankündigte. Dazu ein grösseres Treibhaus, mit verschiedenen Gemüsesorten. Gerochen habe ich hauptsächlich den Duft der Tomaten; und die Rasenfläche ging dann gute 400 Meter ostwärts bis zu einem Gatter, wovon links eine Birke, rechts eine Pappel standen. Meine Lieblingsbäume. Das war ein Kinderparadies. Alles gehörte mir, empfand ich. Direkt am Haus entlang wieder die Blumenbeete, welchen ich entlang kroch und an den verschiedenen Blumen die herrlichen Düfte roch und Farben der Blüten bestaunte. Und auf der Ostseite war auch eine Treppe zum Wintergarten hoch. Der Garten brauchte viel Pflege; wir hatten ja eine Familie im Gärtnerhaus, die sich um den Garten kümmern musste. Und an der Osthausseite war eine Hundehütte ins Haus gebaut. Da wurde ich von Vati manchmal hineingesperrt. Vergittert nach innen zum Keller, nach aussen eine abschliessbare Holztüre.
Es kam der Tag, wo ich laufen lernte. Ich fühlte mich unsicher, wurde angefeuert von den Alten, und dachte mir, lasst mir Zeit, zieht nicht am Gras, ich werde schon laufen lernen. Zu jener Zeit hatte ich auch einen Rückfall mit ins Bett machen nachts. Meine Mutti nahm dies sehr persönlich als ihr Versagen auf. Ich fand es herrlich, im feuchten und warmen Urin zu liegen. Ich habe mir immer wieder Stürze zugezogen und schürfte Haut auf, ich war eher ungeschickt im Laufen lernen. Zu jener Zeit kam grosse Trauer in mein Leben. Fast gleichzeitig, ich war so 15 Monate alt, starben Jean Meierhofer und Omama. Mutti, Ida und Grossvater waren sehr traurig und bedrückt, ich begriff nicht, worum es ging, spürte bloss diese Unruhe, Trauer, auch Verzweiflung, man hatte weniger Zeit für mich, und gleichzeitig kündigte sich weiteres Ungemach an in der Krebserkrankung von Tante Ida und der ganzen unheimlichen Erbgeschichte. Zudem war die ganze Zeit der schwere Alkoholkonsum meines Grossvaters Thema, was ich ja nicht wusste, aber alles sehr dumpf wahrnahm. Sinnbildlich dafür wohl ein Traum, nein, ein Einschlafgefühl: Ich liege im grossen Elternbett, vielleicht Mutti und Vati daneben, und über mir öffnet sich die Decke. Es zieht mich hinaus in den Weltraum in unendliche Weite und Leere, es gibt kein Zurück, ich bin völlig alleine. Ja, alleine, denn spätestens jetzt war sich wohl jeder selbst der Nächste. 1953 kam mein Bruder Thomas zur Welt. Ich erinnere mich, als er mit Mutti vom Spital heimkam. Ich sass mit Tante Ida in der Küche, auf einem Hochstuhl. Es gab Zvieri, Schiffchen-Gutzi mit rosa Glasur. Ich tobte wohl aus Eifersucht und um mich ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu bringen, so dass ich mit dem Hochstuhl zu Boden fiel. Dafür kassierte ich kein Mitgefühl sondern Schelte, das übliche «Du bist selbst schuld».
Die Stimmung im Haus war jetzt meist bedrückend. Sobald ich laufen konnte, und das Wetter es zuliess, möglichst immer hinaus in den Garten ich ging. Im Haus war ich nicht gerne, Tante Ida lag viel im Bett, weinte, jammerte, litt unter Schmerzen; es kamen fremde Leute ins Haus um ihr zu helfen; es wurde gesundgebetet im Auftrage meiner Eltern, um das Testament zu erfüllen. Ida musste Jean um 5 Jahre überleben, damit meine Eltern erben durften. Alle litten auf ihre Weise. Und Muttis Ängste übertrug sie auf mich, ihren Prinzen.
Schlimm empfand ich die Besuche bei Kinderärztin Dr. Uarda Frutiger am Neubadplatz in Basel. Ich schrie schon auf der Strasse, im Wartezimmer riss ich mich etwas zusammen, und dann ging es mit Schreien weiter im Arztzimmer. Ich hatte einfach Angst. Und weder die Ärztin noch meine Mutter hatten das Geschick mich zu beruhigen. Einmal zogen wir wieder unverrichteter Dinge davon, weil ich mich schlicht nicht behandeln liess. Da tat mir meine Mutter schon leid. Sieger und Besiegte.
Ein Lichtblick war das Erscheinen von Frau Seidler, der deutschen Putzfee. Sie war eine bescheidene Frau, brachte uns immer Deutsche Markenbutter mit, und hatte ein offenes Ohr für mich. Als später meine Mutti arbeiten ging, war Irma Seidler Muttiersatz. Vati brachte sie dann abends meistens mit dem VW Käfer nach Hause, manchmal durfte ich mit. Grossvater war jetzt die meiste Zeit bei uns in Reinach. Er hatte auf dem Dachboden ein kleines Zimmer. Es roch dort einfach nach Grossvati, was immer das hiess. Wohl der Alkohol und seine wieder mal zu waschende Kleidung, die aber immer vorzüglich war, chic, teuer, Hosen natürlich mit Bügelfalten, weisses Hemd, steifer Kragen, meist mit Krawatte, geglättete Haare mit Haarwasser eingenässt; Grossvati hatte Stil, das bemerkte nur ich, für die Andern war er teils die Hölle. Die andern hatten wohl verständlicherweise ihre Liebe zu ihm verloren, selbst seine Tochter, meine Mutti. Bevor ich zum Zimmer von Grossvati kam, war der Raum davor oft eine Kammer zum Trocknen, Dörren, von beispielsweise Bohnen. Das roch so fein wie im Treibhaus oder an den Blumenbeeten.
Zum Sterben bekam ich einen schlechten Zugang. Kämpfe dagegen aller Beteiligten, es war schrecklich, aber natürlich speziell. Tante Ida war strenggläubige Christin. Die Eltern wollten die Liegenschaft erben, Tante Ida ihnen dazu verhelfen, Grossvati hoffte wohl auch auf einen Anteil und ich verstand nichts. Ich konnte bloss mein Feingefühl fürs Erspüren von schwierigen Situationen laufend ausbauen, denn davon hing auch mein Überleben im seelischen Sinne ab.
Tante Ida begleitete mich immer zu Bette, wenn ihr dies möglich war. Sie erzählte mir eine biblische Geschichte, betete mit mir täglich, möge ich ein guter Mensch werden, und sang mit mir «Weisst du wieviel Sternlein stehen, an dem hohen Himmelszelt». Ich kann dieses mich zu Bette bringen noch heute nachempfinden als wäre es gestern. Tante Ida bestärkte mich im Vertrauen auf ein ewiges Leben, was immer dies auch heisst, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Tante Ida ging immer wieder ins Diakonissenspital in Riehen. Ida starb jedoch 1956 daheim, aber erst, nachdem sie ihren testamentarischen Vertrag erfüllt hatte, ihren Mann um fünf Jahre zu überleben. Sie tat dies um zwei Monate mehr. Ich weiss noch, was in Riehen für ein wunderschöner Garten war, mit diesen riesigen, exotischen Bäumen, die für mich in den Himmel wuchsen.
Leider erlöste uns Tante Ida vom Leiden mit ihrem Tode nicht. Denn jetzt kam auf meine Eltern ein neues Problem hinzu. Sie hatten gar nicht genug Bareinnahmen um Haus und Garten zu unterhalten, was die Situation bitter grotesk machte. Mutter musste arbeiten gehen. Ich verlor laufend meine Bezugspersonen in irgendeiner Weise und fluchte innerlich darüber; es macht mich heute noch wütend. Alle sahen immer nur sich selbst im Zentrum. Zum Glück kam zweimal wöchentlich Irma Seidler vorbei. Das bedeutete Stabilität und Bodenhaftung und Liebe. Ich habe übrigens vor etlichen Jahren Irma Seidler in Rheinfelden besucht und werde demnächst zwei ihrer Söhne treffen um über die damalige Zeit auszutauschen, sich zu erinnern. Diese mir als arm erscheinende Familie war irgendwie glücklich in ihrer Bescheidenheit.
Über Grossvater habe ich ja in separatem Kapitel ausführlich geschrieben. In meiner Erinnerung lebte kein Alkoholiker, für mich war Grossvater die Liebe und Güte in Person. Er hatte einfach unendlich Zeit für mich. Grossvater Karl war für mich der Wohltäter, der mich Deutsch lehrte, die alten deutschen Länder mir bekannt machte, speziell die Liebe zu Ostpreussen. Mir ist erst jetzt bewusst geworden, woher meine Deutschfreundlichkeit kommt. Grossvater hatte in Deutschland Schulen besucht, seine Ausbildung zum Färber gemacht, und war auch in Weil am Rhein zwanzig Jahre Vorgesetzter Färbermeister von 170 Mitarbeitern in der sehr Deutschen Zeit zwischen 1910 – 1940. Seine Liebe zu Deutschland hat Grossvater an mich weitergegeben.
Sonntags kam es oft zum Streit, denn Vati wollte mit der Familie in den Schwarzwald einen Ausflug machen und Grossvati und ich wollten zusammen daheimbleiben und am Radio Sport und Musik mit den Fussball-Live-Reportagen von Gody Suter uns anhören. Das war Leben. Ich durfte etliche Male mit Grossvater daheimbleiben, doch mehrheitlich setzten sich die Eltern durch und Grossvater wurde in irgendeiner Form bestraft, mich von der Kernfamilie wegbringen zu wollen. Ich glaube, die Eltern gingen überhaupt nicht gerne mit meinem Bruder alleine irgendwohin. Hätten sie ja tun und mich daheim lassen können .
Mit 6 Jahren sollte ich in den Kindergarten. Auch hier schrie und tobte ich, liess mich dann mal hinbegleiten, und wollte nicht in die Innenräume. Natürlich machte ich mich so lächerlich vor den anderen Schülern. Ein paar Mal kriegte ich Schokolade, wenn ich bliebe. Ich nahm die Schokolade und rannte dann der Mutter wieder hinterher. Vor nicht allzu langer Zeit überlegte ich mir, ob dies wohl ein paar eindrückliche Male vorkam und ich dann in den Kindergarten mich einfügte, oder ob ich mit meinem Verhalten den Kindergarten auslassen konnte. Meine Angst war, käme ich nach Hause, niemand mehr für mich da wäre. Sollte sich ja später mit dem Kinderheim bewahrheiten. Ich spürte schon, dass ich eigentlich am Sichersten daheim blieb und aufpasste. Oft hatte ich das Gefühl, niemand interessiere sich wirklich für mich; hingegen suchte ich Liebe in Allen, auch gegen meine Isoliertheit.
Den Weg zum Kindergarten oder ins Dorfschulhaus zur 1. Klasse nehme ich gefühlsmässig in mir wahr. Ich habe eher kalt, es war wohl Winter, und freue mich auf die warme Stube daheim. Oder aufs warme Klassenzimmer. Ich sehe auch noch das erste Lesebuch vor mir. Und weiss noch, wie ich beim Lesen die Buchstaben lernte. Wir lernten zu den Buchstaben Textverse auswendig. Das war schön. Man merke: Mit Fleiss war eigentlich alles möglich. Fleiss lernte ich von Mutti und auch allen Andern.
Dann war immer sonntags im Dorfschulhaus die sogenannte Sonntagsschule mit biblischen Geschichten. Zum Abschluss durften wir in ein Kässeli mit einem aus Dankbarkeit nickenden und sich verneigendem Negerlein etwas Münz spenden. Fehlten nur noch süsse Mohrenköpfe. Diese Sonntagsschule liebte ich. Da waren auch alle Kinder lieb zu mir. Und ich war so schön gekleidet und vorgängig am Samstagabend gebadet worden.
Eine weitere Erinnerung an die erste Klasse: Wir gehen schlitteln und später malen wir eine Zeichnung darüber. Viel Schnee. Ein weisses Bild mit schlittelnden Kindern. Dies Erleben hat sich tief in mir eingegraben, ich erlebe die Gefühle dazu immer wieder beim Erinnern. Es beinhaltet auf gesunde Weise Geborgenheit und Freude.
Ich habe drei kleine Ausflüge mit Grossvater in Erinnerung. In der Nähe unseres Hauses war ein Wald, wovon uns ein Stück gehörte. Diesem Wald entlang floss ein kleiner Bach. Im Frühling knieten Grossvater und ich nieder an diesem Bach und bestaunten und beschnupperten die gelben grossen Blumen, genannt Bachbummele oder Sumpfdotterblumen. Ich liebte diese Blumen und den Moment, mit Grossvater hier zu sein.
Dann durfte ich, vermutlich zum Leidwesen meiner Eltern, ab und an mit in seine Stammkneipe in Reinach, das Restaurant Brauerei. Er sass da eher alleine und war wohl hauptsächlich der Serviertochter wegen hier. Und er konnte ungestört Wein trinken. Daheim ist er dafür laufend kritisiert worden. Ich sehe Grossvater vor meinem geistigen Auge, wie er am Tische sitzt.
Zu guter Letzt ging es mit ihm zu seinem offiziellen Daheim, dem kleinen Häuschen am Rheinhafen, in Kleinhüningen. Ein kleines Gärtchen zwischen Gartentor und Häuschen. Hier war schon Mutti eine Zeitlang aufgewachsen, hier hatten Omama und Margrit, meine Grossmutter, eine gewisse Zeit ihres Lebens verbracht. Das Haus war überstellt mit Möbeln und Gerümpel, der erste Stock war kaum mehr zugänglich über die steile Treppe. Grossvater wohnte ja die meiste Zeit über bei uns in Reinach. Trotzdem zeigte er mir mit Stolz sein Häuschen. Ich liebe Kleinhüningen und pirsche heute öfters durch die kleinen Gassen.
Grossvaters Tod habe ich nicht in Erinnerung. Irgendwie ist mir einfach mitgeteilt worden, Grossvater sei verstorben, er sei ja krank gewesen. Muss aber für mich ein grosses Verlusterlebnis dargestellt haben, das ich nicht betrauern konnte. Kriegte ich eine Wut auf ihn, mich ohne adieu zu sagen verlassen zu haben? Ich begann zu hassen.
Den grössten Verlust habe ich kurz vor Grossvaters Tod erlebt. Meine Eltern überlegten, sich zu trennen. Und sie wollten „mein“ schönes grosses Haus und Grundstück verkaufen. Und Grossvater musste in ein Zimmer in der Stadt ziehen, zum Spital gehörend.
Um sich über all dies im Klaren zu werden, kamen meine Eltern auf die für mich schreckliche Idee, mich und meinen Bruder für ein paar Wochen in ein Kinderheim zu geben in Biel-Benken. Dies erlebte ich als die Verstossung aus dem Paradies. Ich erlebte diesen Übertritt ins Heim als völlige Ablehnung, Erniedrigung, Verlustangst pur. Ich sass täglich im kleinen Pförtnerhäuschen am Tor und wartete voller Verzweiflung auf meine Eltern. Niemand kam. Die Schwestern kamen mich wieder ins Haus holen und schalten mich. Zu essen gab es zum Frühstück jeweils grässlichen Porridge (Haferbrei) und schlafen mussten wir in Bettchen mit Eisengittern, damit wir nachts nicht raussteigen konnten. Das Schlimmste war das Gefühl, aus meinem Paradies verstossen worden zu sein. Kein Verlass auf Nichts.
Mit neun Jahren verlor ich dann auch real mein Wohnparadies sowie meinen Grossvater und ich gewann den Willen dafür, die Überzeugung, geboren zu sein um der Welt Gutes zurückzugeben. Es gelang mir, den erlebten Schrecken und Hass zu transformieren, besonders dank der buddhistischen Praxis von Thich Nhat Hanh.
Wir zogen dann vorerst in ein kleines Haus. Für ein paar Monate nur. Sinnbildlicherweise hatte es vor dem Fenster meines Kinderzimmers ein Gitter zum Schutze vor Einbrechern. Die Kinder sollten geschützt werden vor Einbrechern und vorm Ausbrechen, vor der Freiheit.

Die Zeit der damals Jungen war immer noch vom Aufbruch geprägt aus den 50er Jahren: Alles ist möglich, du schaffst es. Natürlich war da der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion immer im Fokus, doch da war auch John F. Kennedy als Hoffnungsträger und Nikita Chruschtschow mit Schuh in der Hand aufs Rednerpult klopfend an einer UNO Versammlung. Das passte nicht zu heissem Krieg.
Aufbruch in der Musik. Dieser Aufbruch rettete mir das Leben. Auf einer Schulreise 1965 im Jura kehrten wir zum Zvieri in einem Kafi ein. Es stand eine MUSIK-BOX dort. Und da wählte jemand von den Rolling Stones den Titel «The last Time». Ein zwei Jahre älteres Mädchen wollte mit mir tanzen. Ich war zu verlegen und man lachte über mich. Für mich zählte jedoch dieser Sound, und der Text «Es könnte das letzte Mal sein» eröffnete mir eine Phase des Existentialismus. Ich begann mir die Haare wachsen zu lassen, und tapezierte zum Leidwesen meiner Eltern meine Zimmerwände mit Bildern von meist langhaarigen BEATSTARS. Ich blühte auf. Ich entwickelte Selbstbewusstsein. Mein Vater drohte mir nachts die Haare zu schneiden. Meine Mutter gab mir TROCKEN-SHAMPOO, damit ich gepflegt aussehen würde. Jetzt war es in der Schule plötzlich anders. Ich wurde nicht mehr gemobbt als Streber, mir die Bleistifte zerbrochen, oder auf dem Pausenplatz die Schuhe ausgezogen und versteckt, wie bis vor kurzem geschehen. Wir waren auf dem ganzen Pausenplatz nur etwa zu viert mit langen Haaren. Meine neue Beliebtheit bei den Mädchen wurde jedoch immer noch eingeschränkt durch meine überaus grosse Schüchternheit und Unsicherheit.
Da ich nach Schulabschluss nicht wusste was tun, verdonnerte oder schenkte mir mein Vater eine kaufmännische Lehre bei seinem Kollegen auf der COOP Versicherung. Ich hatte nur eine kurze Bewerbung zu schreiben, ein Vorstellungsgespräch mit Vater zusammen beim Vizedirektor Herrn Obrist, und ich war angestellt.
Am 14. April 1967 stand ich mit Walter Schmid in Möhlin am Strassenrand. Wir machten Autostop nach Zürich. Dort angelangt gingen wir ins Niederdorf flanieren. Im Laufe des Nachmittags gings dann weiter nach Oerlikon zum Hallenstadion. People, we present the ROLLING STONES, hiess es da. Ein unglaublicher Augenblick. Und als dann alle GOOD BYE RUBY TUESDAY sangen war das Glück perfekt. Da standen wir noch auf den Stühlen, wenige Minuten später ging der Krawall los, vieles ist zertrümmert worden. Nach dem Konzert durften wir mit uns fremden Leuten in den Raum Baden fahren, auf einen grossen Bauernhof. Da wurde weiter gefestet und dann drei Hühner geschlachtet und gebraten. Ich war müde und bin bald auf einem Sofa eingeschlafen.
1982 habe ich die Stones ein zweites Mal gesehen, diesmal von der Tribüne im St. Jakob Stadion aus, zusammen mit meiner grossen Liebe Regula aus Olten. Wieder zurück.
Es kam die Zeit von 1968. Und ich war in der Lehre. In Basel waren wir etwas weniger politisiert als in Zürich. In der Schule schrieben wir einen Aufsatz mit dem Thema «Die Jugend von heute weiss, was sie nicht will, weiss aber nicht, was sie will. Stimmt das?». In 45 Minuten hatte ich zehn Seiten geschrieben mit Bestnote. Ich schrieb schon damals sehr gerne. Man sagte zu mir, würde ich professioneller Schreiber, gehörte ich zu Blick oder Bild Zeitung, das entspräche, ohne Wertung, meinem Stil.
In den 70igern begann ich mit Lesen der linksliberalen National-Zeitung. Die heutige Basler Zeitung war damals vermutlich die fortschrittlichste Zeitung der Schweiz. Äusserst interessante politische, soziale, psychologische Artikel erschienen zum Zeitund Gesellschaftsgeschehen, mit Autoren wie Jean Amery, August E. Hohler, Herbert Marcuse, Erich Fromm. Zusammen mit dem Existentialismus von Sartre und Hemingway, den ich sehr liebte, hier kam noch der Alkohol dazu, ergab dies eine brisante intellektuelle Mischung. Ich wurde ein klarer Linker, ich liebte die DDR, ich trat dem moskaunahen Friedensrat bei und man wollte mich schon an einen Kongress der kommunistischen Internationale schicken, ich kriegte Angst; und ich geriet auch zu einem Baader-Meinhof-Sympathisanten. Ich verstand all deren Motivationen aufgrund meiner Herkunft und Geschichte. Für mich musste die Welt radikal verändert werden.
Meine Eltern hatten für meine politischen Ansichten und Absichten, alles Bürgerliche inkl. Familie zu zerstören, gar nichts übrig. Ich verstehe sie heute, dass sie schockiert sein mussten. Ihre Haltung war klar bürgerlich, mit Rechtstrend bei meinem Vater.
Gegen Ende der Siebziger Jahre gings dann in den Kampf gegen die Atomkraftwerke. Dies war immer einerseits ein gefühlsmässiger Entscheid und andererseits war ich mit Gleichgesinnten zusammen, was Freundschaften ergab. Hier lernte ich Erwin kennen.
1978 feierte der Kanton Aargau sein 175-jähriges Jubiläum. Ich war hier beim rebellischen Aargau engagiert und wir schufen eine gut 200seitige Anti-Festschrift mit dem «Bürgerbuch». Ich trug dazu ein Gedicht bei, einen Artikel zu Erziehung und einen Bericht von der Geburt meiner Tochter Alexandra.
Nicht zu vergessen die Einführung vom Frauenstimmrecht in der Schweiz im Februar 1971, welche meine Mutter noch ein paar Monate vor ihrem Tode erleben und sich erfreuen durfte, wobei ich ehrlicherweise sage, ich kannte ihre politische Einstellung gar nicht.

Wir sind dann 1960 in den «Betonklotz» am Hinterlindenweg 11 in Reinach gezogen. Endlich ein modernes Haus und Grundstück. Was hätten hiezu Jean Meierhofer und Tante Ida gesagt? Alles von ihnen erarbeitete futsch!! In diesem Haus war es jetzt nämlich auch wieder eher kühl. Es wirkte protzig. Hübsch am Weg zum Hauseingang ein roter Pilz als Lampe. Zum Eindruck von protzig passte, dass meine Eltern hier Essen als Gastgeber für den Direktor von Danzas mit Geschäftsfreunden anboten, weil das Haus Eindruck machte. Wer kam schon auf so eine Idee? Zum Haushalt gehörten noch die zwei Wellensittiche Charlie, grünes Federkleid, und Vreneli, blaues Kleid. Wir Kinder mussten immer gut angezogen sein, selbst draussen im Sandkasten spielten wir beinahe im Sonntagskleid; man konnte ja von den Nachbarn gesehen werden. Wieso schreibe ich eigentlich so kritisch und fast böse? Meine Eltern hätten kaum Freude daran, nur, für mich, nicht für meinen Bruder, war dies alles nicht so ideal, oder vielleicht halt doch im Sinne, dass ich kritisch, wach wurde und halt sensibel war. Und intelligent auch noch. Zu jener Zeit, etwas älter, schnitt ich bei einem IQ-Test mit guten 130 ab. Das machte mich auch arrogant.
In diesem Haus durfte ich viel fernsehen. Meist ARD, später ZDF, Serien, Krimis wie solche von Francis Durbridge, Mehrteiler. Das regte meine Phantasie an und vermutlich auch den Wunsch, Kriminalkommissar zu werden. Was ich ja auch schon wollte, um meine Herkunftsfamilie zu verstehen, da ich oft nicht begriff, was in meinem Umfeld und warum passierte. Pfarrer wäre ich ja auch noch gerne geworden. Priester, Missionar, Heiliger und Biest. Schöne Erlebnisse waren die Samstagabende. Zuerst ein Bad, Nachtessen, und dann in der Familie gemeinsam vor den Fernseher sitzen und Unterhaltung oder Quiz schauen auf ARD. Das war echt schön und auch friedlich. Gemeinschaftserlebnis für die Familie.
Friedlich war es ja nicht so viel. Mein Bruder war eher störrisch, auflehnend, aber nicht in politischem Sinn sondern im sozialen, im Verhalten. Einmal schoss er mir Schrot in den Rücken, ich auf der Flucht im Keller vor ihm. Ich weiss auch noch, wie ich ein andermal Mutti verärgert haben muss, und sie nahm den Teppichklopfer um mir den Arsch zu versohlen, was für sie völlig atypisch war. Ich rannte davon und sie erwischte mich aber bei der Treppe. Ich lag auf dem Boden auf dem Rücken und schrie «Hilfe, ich sterbe». Ich war echt in Panik vor dieser Bedrohung.
Dieses Haus musste dann nach ein paar Jahren wieder verkauft werden und wir zogen in ein kleineres Reiheneinfamilienhaus. Hier ging leider die Disharmonie weiter für mich. Meine Mutter war inzwischen an Krebs erkrankt, musste sich eine Brust entfernen lassen, und Metastasen griffen um sich. Es war klar, ihr Leben würde nicht mehr lange dauern. Mutti zeigte sich jedoch meist überlegen und stark, und eilte von Arzt zu Arzt. Mir tut dies jetzt alles sehr weh, Mutti hatte ein unglückliches Leben, kurz, und ich hatte und habe immer mal wieder das Gefühl, ihr zu wenig Unterstützung gegeben zu haben. Vati war nicht lieb zu Mutti. Im Haus war auch eine düstere Atmosphäre, weil mein Bruder noch aufmüpfiger wurde und für ein paar Monate in ein Jugendheim fremd platziert werden musste. In meinem Bruder erzeugte dies Hass auf Eltern und mich. Er hat sich wohl auch sehr alleine gefühlt. Jeder war sich selbst am Nächsten, nur vielleicht Mutti nicht, sie opferte sich für Alle auf, und schaffte enorm, im Wissen des nahenden Todes.
Ein sogenannt richtiges und glückliches Daheim habe ich selten gefunden. Und ich tue mich auch als Erwachsener schwer mit dem Wohnen. Ich kann mich nicht aufs Wohnen einlassen, weil ich Angst davor habe, alles bald wieder aufgeben zu müssen. Ich kann mich nicht schön einrichten, weil das Vergängliche mich erschreckt. Ich bin zu einem Reisenden geworden. Im Laufe meines bisherigen Lebens hatte ich ungefähr 30 Wohnsitze. Das macht mich traurig, ich schäme mich vor meinen kleinen Enkelinnen. Ich habe auch nie wirklich alleine gelebt. Meine Wohnungen gefallen mir dafür zu wenig, ich richte mich ja instinktiv nur für kürzere Zeit ein, und mich überkommt Angst vor dem Alleinsein. Natürlich ist auch WG-Leben und in Partnerschaft leben schwierig, aber meine Erfahrungen aus Kindheit und Jugend zeigten mir, lass dich auch nicht auf Nähe ein, obwohl das Bedürfnis da wäre, und halte dir immer ein Hintertürchen offen für die Flucht. Sagte kürzlich eine Enkelin zu mir, „Opa, jetzt ist Oma nach Hause gegangen“. Dies berührte mich sehr, weil ich merkte, ich selbst gehe nie richtig nach Hause. Zu Hause ist für mich Kleiderwechsel, schlafen, aber nicht Wohnen. Ich wünsche meiner Enkelin, dass sie wie Oma zufrieden und glücklich mal «Daheim» leben darf. Zur Ruhe kommen kann.
Es kam dann die Zeit in Aarau an der Jurastrasse 6, wo ich nach meiner Heirat mit Elsbeth lebte und unsere Kinder zur Welt kamen. Ich habe übrigens zweimal kirchlich mich trauen lassen, mit Elsbeth und mit Yvonne. Und die Frauen trugen jedes Mal klassisch und königlich weiss. Also, diese Parterre-Wohnung mit den riesigen Fenstern bekamen wir gegen 70 andere Bewerber. Wohl weil ich auf der Lokalbank AAE arbeitete, bei welcher Metzgermeister Lauper Kunde war. Wir wohnten also neben der Metzgerei Lauper und gleich daneben war noch das stadtbekannte Wehrli-Haus mit der ebenso bekannten Wehrli-Konditorei, die leider kurz vor unserem Einzug schliessen musste.
Zu unserer Parterre-Wohnung gehörte ein kleiner Garten mit sehr schönem Sitzplatz. Das Leben hier machte mich anfangs sehr glücklich. Von der Küche ging ein zu öffnender Milchkasten nach draussen, und die Küche war klein aber sehr gemütlich. Es hatte sehr hohe Zimmer, dies machte die Wohnung noch grösser als sie schon war. Es war ein gutes Gefühl, dort mit der kleinen Familie zu leben. Es kamen jedoch bald Bedrohungen auf mich zu. Kinder aufzuziehen weckte Erinnerungen an meine Kindheit, wieder verbunden mit Verlustängsten. Das Arbeiten auf der Bank wurde anstrengend, und die Beziehung zu meiner Frau Elsbeth wurde auch je länger je unharmonischer. Wie ging ich damit um?
Abends einmal lag ich einschlafend im Bett neben Elsbeth, die schon schlief. Da war ich an der Decke und schaut auf uns hinunter und wollte aus Verängstigung Elsbeth wecken. Es war ein kurzer Moment eines Ich-Austrittes, wozu ich später noch mehr erleben sollte.
Es sollten dann nach der Trennung 1980 zehn Jahre mit vielen Wohnsitzen folgen, meist in Wohngemeinschaften im Aargau, in Zürich und in Schaffhausen.
In Bülach lebte ich einige Zeit im Heim. Am Wochenende waren alle zu Betreuenden weg und die Kinder kamen zu mir. Das war ziemlich eine improvisierte Sache. Im Haus gab es eine Wendeltreppe verbindend drei Stockwerke. Herr Fausch lässt da grüssen. Herr Fausch war gross und breit, nicht gut, sich mit ihm anzulegen, aber ich war sein Freund. Er meinte mal liebevoll, sei er dann gestorben, wünsche er sich, dass man ihn ausstopfe und zu mir ins Büro stelle. Ich glaube, meine Wohnwechsel waren für meine Kinder manchmal auch eine Zumutung. Aus jener Zeit habe ich gerade wieder Kontakt mit Marisa aufgenommen.

Ich habe meistens mein Leben gleiten lassen, wenig Geplantes, aus dem Moment und meist richtig entschieden. Hatte oder habe ich mein Leben im Griff? Hat mich das Leben im Griff? In wie weit lebe ich radikal aus dem Moment, dem Hier und Jetzt, heraus? Wann war ich haltlos?
Mein Leben als Film? Gelebt? Überwältigt mehr denn gelangweilt. Den IQ habe ich schon erwähnt, hier hat es nicht gemangelt. Vom Gefühl bin ich immer wieder mal überwältigt worden, jedoch ein Gefühlsmensch, mit Selbstgefühl, Mitgefühl, bin ich erst aufs Alter geworden, sage ich selbstkritisch. Dank Achtsamkeit. Früher habe ich viel verdrängt.
Ich habe mich öfters am Rande der Psychiatrie gespürt. Drehe ich durch? Als ich bellend durch die Strassen Solothurns zog und in der Drogerie als Hund sprach? Wachrütteln konnten mich weder Freunde noch Frau. Tief geprägt hat mich die Szene auf dem Spielplatz in Aarau. Ich war dort mit den Kindern und plötzlich verspürte ich Angst, Panik, lief zum nächst stehenden Mann und sagte, «helfen Sie mir, ich sterbe». Alles überforderte mich.
Das Sterben beschäftigte mich viel. Ich hatte grosse Angst davor, und meine Taten wurden dadurch auch angetrieben. 1960 war ein Weltuntergangsjahr. Die Welt ginge im Sommer unter wurde aus diversen Quellen vermeldet. Ich musste dann doch weg in ein Ferienlager in Lavin und meine Eltern verbrachten ihre Ferien zwei Fahrstunden entfernt in Pontresina. Ich litt fürchterlich allein mit den anderen Kindern im Lager zu sein beim Weltuntergang und meine Eltern verbrachten ihre Zeit ganz in der Nähe. Ich war damals 10 Jahre alt.
Ich erinnere mich, mein erstes Glas Sekt in Frankreich bei der 100-jährigen Tante Marie in Bourgoin-Jallieu getrunken zu haben, mit etwa 15 Jahren. Ich glaube, dass ich mit Biertrinken während der Lehre begonnen habe, mit Freunden im Ausgang, im Bierkeller. Die Stimmung und das Ambiente waren auch wichtig, und wir rauchten Zigaretten dazu. Auch sonst gabs Anlässe um mal einen Campari zu trinken. Ein Problem mit dem Alkohol diagnostizierte ich mir in London anlässlich meines Sprachaufenthaltes, als ich abends vor dem Zubettgehen oder schon im Bett liegend 1 oder 2 Gläser Whisky trank. Und ansonsten in den Pubs Bier.
Während meiner jungen Ehe war es wohl eher billiger Rotwein daheim. Die Absicht des Trinkens war meist, mit schwierigen Gefühlen wie mit freudigen Ereignissen klar zu kommen. Auch freudige Ereignisse vergehen bekanntlich bald und sollen so schon im voraus vergessen werden, der mögliche aufkommende Schmerz betäubt werden.
Ein Paket Zigaretten kauften uns Lorenz, Richard und ich so mit 15. Blue Ribbon war beliebt, oder die gelben Parisienne ohne Filter, wie sie mein Grossvater geraucht hatte. Mein Vater hatte übrigens Memphis Filter, das flache, grüne Paket, mit dem Bild der Pyramide, geraucht. Mit schwarzer Zigarettenspitze. Das wirkte vornehmer und sollte gesünder sein.
Lorenz, Richard und ich trafen uns meist im Geheimen zum Rauchen und Philosophieren. Oft taten wir dies in einem Stall mit Heuschober. Draussen rauchten wir, im Heu lagen wir und tauschten aus. Rauchen soll ja nicht ungefährlich sein, besonders im Heu.

Mit den Eltern ging es jeden Sommer nach Italien, darüber habe ich schon berichtet. Mit 16 im Sommer letztmals mit den Eltern nach Pesaro. Dort lernte ich italienische Freunde kennen. Ich nahm dann 1967 wieder mit diesen Kontakt auf und wir vereinbarten, ich käme in diesem Jahr mit meinen Freunden Walter und Günther zu ihnen. Anfangs Juli standen wir zu Dritt, jeder mit einem Seesack, an der Hauptstrasse ausgangs Pratteln, und machten Autostop. Dies sollte zu Dritt nicht klappen. Also entschieden wir, jeder für sich alleine und Treffpunkt abends im Wartesaal vom Bahnhof Lugano, erste Etappe. Ich kam abends als erster an, Günther folgte bald. Walter sollten wir erst zwei Tage später in Pesaro am Zielort treffen. Er war vorerst von niemandem mitgenommen worden und als endlich jemand anhielt, fuhr dieser in die Westschweiz nach Yverdon. In seiner Verzweiflung sagte sich Walter, lieber nach Yverdon, was nicht die Richtung nach Lugano war, als nur hier stehen und warten. Er ist dann aber von Yverdon rasch nach Italien gekommen.
In Pesaro trafen wir also ein, abends, mit unseren mit Kleidern prall gefüllten Seesäcken, schlenderten herum, und gingen in ein offenes, nicht mehr bedientes Hotel und bedienten uns an den Tischen, wo noch Essen stand. Stopften auch noch Essen in die Seesäcke. Wieder draussen auf der Strasse, kam eine Polizeikontrolle und ich setzte mich vor Angst auf meinen Seesack, was natürlich einige Lebensmittel unvorteilhaft in die Kleider rein drückte. Die Polizei kontrollierte unser Gepäck nicht. Wir gingen an den Strand und trafen zwei Mädchen, mit welchen wir einige Zeit auf einem Spielplatz verbrachten und schaukelten, und dann legten wir uns unter eine Bank am Strand zum Schlafen. Am andern Morgen gingen wir zu Mirta, und diese führte uns zum Pfarrer in die Kirche, wo in einem Nebenraum zur Kirche Pritschen, drei, für uns bereitstanden. Wir richteten uns ein und bekamen aber strenge Bedingungen vom Pfarrer diktiert; abends um 20 Uhr «daheim» zu sein. Wir dachten nicht daran dies zu erfüllen. Ich kam auf die ausgefallene Idee, in diesem Raum mit herumliegendem Holz ein kleines Feuer zu entfachen um uns zu erwärmen oder einfach aus Blödsinn. Der Pfarrer erwischte uns und wir standen auf der Strasse, unsere italienischen Freunde waren auch entsetzt und wir lernten Rocker kennen, die in Katakomben lebten. Sie nahmen uns auf und abends zogen wir mit diesen, mit schweren Ketten bewaffnet, durch die Stadt. Ich fand es witzig, in die Restaurants zu gehen und die Touristen zu erschrecken.
Wir lernten dann Patricia kennen und es entspann sich ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen Günther und mir. Ich entschloss mich, zur Entlastung mit Walter nach Rom zu stoppen und liess Günther daheim Patricia hüten. Auf der Rückfahrt von Rom nach Bologna, es war morgens früh, nahm uns ein frisch gekleideter Geschäftsmann mit, und Walter sass vorne, ich hinten. Walter war müde und schlief bald ein und legte seinen Kopf mit den fettigen Haaren, auf die Schultern des fahrenden Mannes. Dieser getraute sich nicht, Walter etwas wegzustossen. Eine tolle Anekdote, finde ich. Als wir nach Pesaro zurückkamen, hatte ich zuerst zu tun um Patricia zurückzuerobern. Wir waren mit ihr zu viert auf einem Boot und Günther und ich begannen miteinander zu kämpfen, wer den andern zuerst ins Wasser stossen würde. Ich habe gewonnen und durfte dann mit Patricia auf einem Treppchen am Hafen schmusen als Belohnung. Auf die Rückfahrt in die Schweiz ging es in den Zug, das Ziel war, „schwarz“ heimzufahren. Es ging darum, kam der Kondukteur, diesem auszuweichen, sei dies in die andere Richtung im Zug sich zu bewegen oder am Bahnhof auszusteigen und auf dem Bahnsteig an ihm vorbeizulaufen und wieder dort einzusteigen, wo er gerade kontrolliert hatte. Erst nach Olten wurden wir erwischt und mussten zur Bahnpolizei, die unsere Väter informierte, uns abholen zu kommen in Basel und Busse zu bezahlen. Mit solchen Geschichten lebte ich damals laufend; mein Leben war ein grosses Abenteuer.
1968 hatte ich in der Lehrfirma COOP einen Chef, der einen Türken kannte. Dieser Türke, Vedat, hatte mit seinen Brüdern in Istanbul einen sehr grossen Gemischtwarenladen. Wir wollten diese Familie in den Sommerferien in Kadiköy besuchen gehen. Da mein Vater bei Danzas arbeitete, organisierte er uns eine Mitfahrgelegenheit in einem persischen Lastwagen als Beifahrer. In sechs Tagen fuhren wir mit dem Chauffeur nach Istanbul. Eine eindrückliche Reise und ein unglaubliches Bild, auf Istanbul zuzufahren mit den Silhouetten vom Bosporus, der Hagia Sofia und der Blauen Moschee. Unglaublich für uns 18-jährige.
Wir lebten dann drei Wochen in einem Billig-Hotel bei einem Russen und verbrachten tags die Zeit mit unserer befreundeten Grossfamilie, sei dies beim Essen oder am Meer. Zum Essen gabs täglich Raki, den türkischen Absinth, oder Whisky. Wir fanden dies toll. Am 1. August wollte ich feiern abends im Hotel. Wir hatten ja zu unserer Sicherheit Schreckschusspistolen mitgenommen und ich feuerte zum Fenster raus. Kurz danach klopfte es an die Türe und der Russe stand mit zwei Kommissaren da. Sie kontrollierten uns und ein eher dümmlich wirkender Kommissar öffnete die kleine Schublade meines Nachttischchens. Da wir ja trotz allem harmlos erschienen, einfach blöde Lausebengel, durften wir noch die Nacht im Hotel verbringen, die Pistolen wurden uns abgenommen und wir mussten am kommenden Morgen das Hotel verlassen. Zurück sind wir dann mit dem legendären Orientexpress gefahren. Dieser Zug fuhr ja über grosse Strecken damals so mit 30 km/h und wir sassen mit Hippies im Postwagen, grosse Türe offen, und Beine heraushängen lassend, Slivovic trinkend. Hemingway hätte seine Freude an uns gehabt. Und nachts wurde mit dem Eisenbahnpersonal gefeiert.
Ein Jahr später wollten wir wieder die Sommerferien in Istanbul verbringen. Günther hatte einen beigen VW Käfer mit deutscher Zollnummer und wir fuhren mit diesem Käfer nach Istanbul. Wieder lebten wir einige Zeit bei unseren türkischen Freunden und dann gings nach Sile ans Schwarze Meer auf einen kleinen Zeltplatz. Dort trafen wir den Österreicher Epi, einen Vollalkoholiker, und lebten zwei Wochen am Meer. Wir hatten ein kleines Transistor-Radio dabei. Zuerst vernahmen wir die traurige Nachricht vom Tode von Brian Jones, dem Rolling Stones Gitarristen. Ein paar Tage später gings life abends beim Lagerfeuer «zu den ersten Schritten auf dem Mond» mit Neil Armstrong. Historisch, wie wir uns auch selbst empfanden.
Eigentlich wollten wir dann weiterfahren nach Baghdad. Wir lasen jedoch in der Herald Tribune ein Inserat, «earning a lot of money by travelling through all of Europe“; man solle sich melden in Wiesbaden. Anstatt ostwärts weiterzuziehen, fuhren wir zurück nach Deutschland. In Wiesbaden wurden wir in James-Bond-Manier empfangen und Günther fand im letzten Moment heraus, dass wir gleich bei der Fremdenlegion unterschrieben hätten. Also gingen wir vor lauter Freude die letzten Traveler Cheques im Puff in Frankfurt einlösen und danach gings wieder zurück in die Schweiz.
In jenem Jahr 1969 hatte ich die Lehre beendet, mit 5,4 und so war gleich noch Zeit für eine Reise nach Belgien, Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen. Per Anhalter und Zug, am Anfang bis Antwerpen mit einem Lastwagen mit Bally Schuhen und Emmentaler Käse beladen. Beim Ausladen verletzte ich mich und ich habe noch heute eine Narbe am rechten Mittelfinger.
Im Herbst 1972 gingen Elsbeth und ich nach London. Elsbeth in den Norden der Stadt zu einer Familie, ich in den Südosten an eine Sprachschule. Das waren eindrückliche drei Monate. Lernen, Ausflüge, Pub-Besuche, Besuche von Fussballspielen. Es wird mir immer warm ums Herz, denke ich an England zurück, obwohl es Herbst/Winter war. In meiner Gegend war der Fussballverein Crystal Palace daheim. Wir besuchten Spiele von Chelsea, West Ham, Tottenham und Crystal Palace.
Ebenso hoch im Kurs standen hier daheim Teilnahmen an Fussball-Grümpelturnieren. Besonders die Trainings empfand ich als „wertvoll“. Gleich nahe bei unserem Reiheneinfamilienhaus war ein grosser Sportplatz zum Trainieren. Danach gings zu mir nach Hause auf die Terrasse und es gab Bier mit Wurst und Brot und Essiggurke. An den Turnieren bezogen wir meistens Niederlagen. Einmal brach ich einem Gegner ein Bein. Ich spielte in jenen Jahren auch im Firmensport mit, Fussball und Tischtennis.
Das grösste Reiseabenteuer folgte 1973. Ich hatte natürlich meinen Wunsch, Baghdad und Arabien zu besuchen, nicht aufgegeben. Aufgrund eines Buches kam ich auf die Idee, mit Elsbeth zusammen im hellblauen VW Käfer Jahrgang 1958 drei Monate lang die Türkei, Irak, Kuwait, Jordanien, Syrien und Libanon zu bereisen. Tag für Tag ein unvergessliches Reiseerlebnis. Mehr dazu unter „Philosophische Betrachtungen“.
Und 1976, Alexandra war noch ganz klein, und ich empfinde mich heute als Rabenvater daran denkend, durfte Alexandra zu Omi in die Ferien, während Elsbeth und ich in mein sozialistisches Lieblingsland DDR Deutsche Demokratische Republik fuhren. Diese 10-tägige Reise hat sich mir auch sehr eingeprägt. Die Autobahn bestand noch aus Pflastersteinen. Die Ossies fuhren mit 80, die verhassten Wessies mit 120. In Dresden besuchten wir Bekannte. Im Spreewald kauften wir Gurken und fuhren Boot. Meistens übernachteten wir auf einem Zeltplatz, was in der DDR grosse Bescheidenheit abverlangte. Kaltes Wasser, kaum Heizung, und es war nicht Hochsommer. Mich erinnerten Ostreisen immer an unsere 50iger Jahre. Und alle waren immer sehr freundlich und uns gegenüber sozial gesinnt. Arztbesuche waren kostenfrei. Und alle Menschen empfand ich als sehr hilfsbereit, wie bei einer Autoreparatur geschehen. Die machten dies gegen ein Trinkgeld für uns Westler.

Ich bin bekanntlich zwei Jahre ins Progymnasium gegangen, dann entschieden die Eltern für mich wie weiter. Ich war nicht ungenügend, jedoch nur auf Probe befördert worden. Vater wollte, ich bliebe im Gymnasium. Hier halt nicht Spitze, aber mindestens dabei sein sei besser als in die Realschule (Kt. BL). Meine Mutter fand, lieber ein sehr guter Realschüler als ein eher schlechter Gymnasiast. So wechselte ich in die Realschule. Ich denke im Nachhinein, es war ein guter menschlicher Entscheid. Mit meiner Veranlagung wäre ich vielleicht durchgedreht und psychotisch geworden, mit dem Druck des Gymnasiums umzugehen, da ich ja psychisch nicht der Stabilste war.
Im Progymnasium verband mich übrigens eine Freundschaft mit Jörg. Seine Eltern fuhren den ersten Citroen DS im Quartier. Mit Jörg zusammen gab ich eine Schülerzeitung heraus. Der Inhalt bestand aus der vierzehntäglichen Hitparade, einem Fortsetzungskrimi und einem Kreuzworträtsel.
In der Realschule bin ich dann wieder reichlich gemobbt worden, weil ich als Streber angesehen wurde. Ich war auch pummelig, unansehnlich bis dick, schüchtern, das ideale Opfer. Machte dies meine Eltern traurig? Merkten sie es? Es wurde nicht darüber gesprochen, wie oft bei Mobbing.
Später in der kaufmännischen Lehre übernahm ich rasch eine Führungsrolle, den Mitschülern gegenüber wie an der Arbeit, wo ich schon bald Aufgaben bekam, die eigentlich noch nicht für Lehrlinge vorgesehen waren. So durfte ich schon Mitte Lehre Versicherungsfälle selbständig bearbeiten und die Briefe einer Sekretärin aufs Diktiergerät sprechen. Ich war jetzt zwar Spitze aber irgendwie immer noch unterfordert und so kam ich halt immer wieder auf blöde Ideen zum Zeitvertreib. Zum Beispiel einer Sekretärin zu sagen, sie möge ende Mittagspause doch unter das Pult vom Chef kriechen, und wenn dieser sie dann vermissen würde, langsam anfangen, ihn an den Hosen zu zupfen, was sie zu meinem Gaudi auch tat. Auch in der Schule, als zweites Beispiel, wurde dem Lehrer eine brennende Zigarette an den Pullover hinten angehängt und der Lehrer meinte dann, es rieche nach Rauch und es dauerte bis er bemerkte, was ihm geschah. Die ganze Klasse fand dies hoch lustig. Während meiner Lehrzeit musste ich eigentlich nicht viel lernen um top dabei zu sein. Als es dann auf die Abschlussprüfung zuging, tat ich mich mit Bernhard zusammen (später IKEA-Direktor) und wir büffelten die ganze Prüfung gemäss Vorlagen von Vorjahren an mehreren Tagen in allen Fächern durch. Natürlich hatten wir dann Bestnoten und mein Lebensmotto wurde für lange Zeit «grösst möglichen Erfolg mit möglichst minimalem Aufwand zu erreichen». Dies förderte auch eine gewisse Überheblichkeit in mir.
Noch etwas Historisches: Die ersten zwei Monate in der Lehrfirma verbrachte ich in der internen Druckereiabteilung. Damals wurden Briefe zum Kopieren auf Matrizen geschrieben. Musste ich etwas korrigieren, tat man dies mit einer Rasierklinge, heisst, den falschen Buchstaben «wegrasieren» und dann neu schreiben. Zum Drucken wurden dann die Matrizen auf Rollen aufgespannt und für jede Kopie drehte ich einmal die Rolle mit der darauf befestigten Matrize. Das war feinste Handwerkskunst für den Bürogummi.
Nach der Lehrzeit stand mir die Welt offen. Jede Stelle im kaufmännischen Bereich war zu haben. Da ich mich nicht festlegen wollte, ging ich zu einem Temporärbüro, Manpower, arbeiten. So kam ich ungefähr alle drei Monate in einen neuen Bereich zum Arbeiten und lernte viele Leute kennen. Ich hatte mich vom scheuen Aussenseiter zum Leader entwickelt. Wobei, innerlich war ich immer wieder unsicher und überspielte dies mit meinen Scheinerfolgen.
Ich arbeitete temporär auf einem Konsulat, bei einem Professor in der Chemie, im Spirituosenund Delikatessenhandel, Vanini-Produkte aus dem Tessin, und auch noch einmal in meiner Lehrfirma. Dort wurde ich dann rausgeschmissen, weil ich mich so überheblich und grenzüberschreitend aufgeführt habe. Für mich war so ein Rausschmiss eher eine Ehre denn ein Makel. Ich war etwas Besonderes.
Es ging dann nach England und als ich von dort 1973 zurückkam, suchte ich mir erstmals eine feste Stelle. Ich war an einem Bewerbungsgespräch in Basel, ohne vorher zu merken, dass dies wohl alles auf Französisch geschehen würde. Klar, ich fiel hochkant durch, das war mir nicht möglich so gut zu sprechen. Nach dieser Niederlage las ich die neuesten Stelleninserate und sah «Stellvertretender Leiter Zahlungsverkehr». Mit der Zeitung in der Hand lief ich zum Hochhaus der Firma Lonza AG und sagte dem Portier, ich möchte gerne den Chef sprechen wegen dieser ausgeschriebenen Stelle. 10 Minuten später sass ich dem Chef gegenüber und eine halbe Stunde später hatte ich die Stelle. Ich habe übrigens vor wenigen Monaten diesen heute bald 90-jährigen damaligen Chef spontan in seinem Haus in Allschwil besucht. Wir sassen dann gute drei Stunden zusammen und tauschten aus über die alten Zeiten.
Diese Arbeit in der Lonza forderte mich nicht lange heraus, die Akkreditivabwicklung war das Schwierigste, und die Sekretärinnen auszuhalten, die, hatten sie nichts zu tun Mitte des Monats, «blaue Heftchen» lassen oder das «Bravo». Ich betrachtete dies als unter meinem Niveau. Ich glaube, der Chef merkte gar nicht alles, wenn wir wenig zu tun hatten oder er sass in seinem Büro und studierte die Neue Zürcher Zeitung mit den Börsenkursen. Als mein Chef in den Ferien war und ich auf dem Chefsessel sass, kam das Telefon meiner Frau Elsbeth, sie sei schwanger. Ich jauchzte, zahlte eine Runde Törtchen, denn Alexandra war am Kommen.
Ein Höhepunkt in dieser Firma war, mit dem firmeninternen Fussballclub ins Wallis zu fahren um gegen das Stammhaus dort in Visp zu spielen. Das Spiel verloren wir klar, jedoch das anschliessende Feiern bei Fendant und Gnagi und Kartoffelsalat genossen wir und es gab eine sehr betrunkene Heimfahrt im Zug.
In der Lonza lernte ich auch den Chefbibliothekar Robert kennen. Er war ein Schöngeist, Anthroposoph und später Götti meines Sohnes.
Die Arbeit wurde mir dann zu langweilig und ich fand, bevor ich Vater werden würde, müsste eine neue Herausforderung her. Also bewarb ich mich als Abteilungsleiter Zahlungsverkehr bei der renommiertesten Lokalbank in Aarau, der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse an der Bahnhofstrasse. Zum Vorstellungsgespräch fuhr ich mit meinem 2CV4 über den Jura und als ich auf der Staffelegg war und ins Mittelland runter schaute, spürte ich, es wird klappen, da unten wird dein neues Daheim mit deiner Familie sein. Und dies sollte auch die Heimat meiner Nachkommen werden.
Der Personalchef und der Direktor, alles noch „Alte Schule“, im Jahre 1975, schenkten mir ihr Vertrauen und ich war angestellt. Rückblickend habe ich den Eindruck, vieles in meinem Leben war einfach ein Spiel. Trotz teils sehr schwieriger Kindheit habe ich wohl auch die Kindheit mit meiner Familie als Spiel umgedeutet, wo man lernt, mit der Psychiatrie umzugehen, und so geschehen dann auch später im Leben. Es gab einen Song «das Leben ist ein Spiel, und wer es recht zu spielen weiss, gelangt ans grosse Ziel». Als ich diesen Liedtext zum ersten Mal gehört habe, erschauderte mich und ich war ergriffen.
Das Lied heisst «Nehmt Abschied Brüder», Deutsch von Claus Ludwig Laue, 1946, im Original Schottisch, Auld Lang Syne. Es geht um den Schmerz des Abschieds und der Ungewissheit, die auf ihn folgt oder «Das ganze Leben ist ewiges Wiederanfangen».
Bei der Arbeit auf der Bank musste ich einerseits schauen, dass die Zahlungsaufträge pünktlich rausgingen, besonders am Monatsende gab dies zu tun, und ich zeichnete dafür verantwortlich als Handlungsbevollmächtigter und angehender Prokurist und Vizedirektor. Besonders interessant war auch, dafür besorgt zu sein, dass die Bank immer «flüssig» zum Zahlen war, aber auch nicht «überflüssig», denn dann musste das Geld in der Schweiz oder schon 1975 in Europa gut angelegt werden und es musste von mir berechnet sein, wann in den kommenden Wochen und Monaten wieviel Geld wieder abrufbar war für unsere Zahlungen. Diese Arbeit liebte ich. Damals wurde auch gesamteuropäisch das heute dominierende Zahlungssystem SWIFT eingeführt. Ich war der Verantwortliche unserer Bank und hatte in Schweizer Gremien wie auch in Bruxelles an Sitzungen teilzunehmen. In Bruxelles wurde dann locker mit den Spesen umgegangen, da lag bestes Essen und Bier und Wein drin.
Die Belastungen nahmen zu. Zur Bank tagsüber im Nadelstreifenanzug. Abends in den Jeans in die Bürgerinitiative gegen das Atomkraftwerk Gösgen. Bald drei Kinder. Wie gehe ich damit um?
Ich zog aus zu Erwin und Theres für ein paar Wochen, es ging mir schlecht, hatte bei der Arbeit unter dem Anzug noch das Pijama an, fuhr mit den Kindern angetrunken in der Ente rum, bekam einzelne Panikattacken.
Ich hatte erreicht, mit 25 Jahren Abteilungsleiter zu sein, war aber bald überfordert vom Leben, mir fehlte der Boden, nicht nur beruflich, auch menschlich.
Ich belasse es mit diesen Beschreibungen zu den beruflichen Erlebnissen zwischen 1975 und 1980. Ich hatte Angst durchzudrehen und entschied mich, den kaufmännischen Bereich zu verlassen und mich fortan den Berufen und Aufgaben der Sozialpädagogik, Psychologie und Psychiatrie zu widmen. Und nochmals eine berufsbegleitende Ausbildung zu machen. Diese Berufsfelder boten sich an, ohne Studium, und berufsbegleitend zu erlernen.
Und zuletzt doch noch eine meiner Anekdoten: Zum Abschluss meiner Bürotätigkeit arbeitete ich in einer Buchhaltung, hauptsächlich an einer Buchungsmaschine. Da musste ich zuerst die Buchung mir überlegen, und dann immer auch noch den technischen Aspekt der Maschine miteinbeziehen. Das stresste mich. Wir waren zu viert im Büro. Der Chef hatte ein separates Büro nebenan. Immer am Monatsende gabs viel zu Tun und der Chef stresste uns, vorwärts zu machen. Da stand ich einmal auf, stellte mich vor ihn hin, und sagte, ich empfände es als absolute Sauerei und menschenverachtend, wie er mit uns umginge und uns hetze. Er erbleichte und ging raus. Nach ein paar wenigen Minuten musste ich zu Herrn Thommen ins Büro. Ich sei entlassen. Das Schlimmste sei gewesen, dass ich ihm dies vor seinen Mitarbeitern gesagt habe. Naja, ich hatte ja in diesem Moment schon meine erste Stelle im Sozialbereich auf sicher.

Ich erinnere mich nicht stark an Muttis Krankheit. Wobei es mich stark belastet haben müsste. Mutti ist 1965 erkrankt und litt an ihrer Krebserkrankung sechs Jahre. Während dieser Zeit war ich bekanntlich auf dem „aufstrebenden Ast“, sprich Auflehnung, Musik, Tanzen, Reisen, meine Lehrzeit, Kennenlernen von Elsbeth. Wie hat sich da Mutti gefühlt? War sie glücklich mit meiner Entwicklung? Mit meinem Bruder hat sie es schwierig gehabt und noch mehr gelitten. Mutti hat aus meiner Erinnerung ihre Krankheit auch uns Kindern gegenüber kaum thematisiert. Sie hat einfach gekämpft mit Vater zusammen, war auf einem Weg, die letzten Jahre im weiteren Alleinsein, umgeben noch von drei Freundinnen, ihrer Schulfreundin Leni Autino und den Frauen Krug und Holt. Ich glaube, mit letzteren beiden war Mutti Zeit ihres Lebens per Sie. Wie auch mit Elsbeth in der kurzen Zeit, als sich diese kannten. Auch hier habe ich verpasst, Abschiednehmen, Trauer, Loslassen. Ich erinnere mich einfach noch der letzten Tage und Stunden im Claraspital in Basel. Mutti war in einem Einzelzimmer zum Sterben. Sie ging nur so kurz als Notwendig ins Spital, so lange wie möglich wollte sie daheimbleiben. Im Moment des Sterbens waren Vati, mein Bruder Thomas, Elsbeth und ich bei ihr.
Soll man den grössten Schrecken beschreiben, aussprechen? Irgendjemand hat mal an einem Sterbebett zum Sterbenden gesagt, «es ist Zeit, dass du verreckst». Das prägt sich ein für die Ewigkeit. Da hast du lebenslang Zeit, Abbitte zu tun für die schrecklichen Vergehen der Menschheit.
Mein Bruder wollte dann, dass mein Vater ihn nach Hause fahren würde. Die beiden Männer entfernten sich, ich fühlte mich in Mutti ein, ich, ihr die Hand haltend, und Elsbeth blieben bei ihr in ihrer letzten Stunde. Ihr Liebling war präsent.
Dies war ein weiteres Erlebnis mich darin bestärkend, die kleinen Mädchen zu unterstützen und die schrecklichen Buben hintanzustellen. Wie hätte ich es anders erlernen können?
Das Leben meiner seligen Mutter war ein grosses Leiden. Seit ihrer Kindheit. Mit ihrem alkoholkranken Vater. Mit ihrer an einem Herzleiden lebenden Mutter, die sie verlassen musste, als sie 12 Jahre alt war. Da schreit mein Herz. Da waren ihr 47 kurze Lebensjahre genug, obwohl sie nicht gehen wollte. Sie schrie gegen das Sterben an. Das Leben der Menschheit ist ein grosses Leiden. Meine Mutter war übrigens der tiefen Überzeugung, ich würde unglücklich, würde ich heiraten.
Meinen ersten Kuss gab es 1966 um Mitternacht vor dem Dom zu Arlesheim. Marlis, wo bist du heute? Wie sind deine Wege verlaufen? Beim Googeln sehe ich, es leben heute acht Frauen mit Namen Marlis in Arlesheim. Ich werde vielleicht mal diese Frauen anrufen. Ich möchte soviel Leben, verpasstes und zu wenig wertgeschätztes Leben zurückholen, neu leben, anders leben. Vielleicht lebt ja Marlis immer noch in Arlesheim. Das ist das Spannende an der Forschungsarbeit. Fug und Unfug, Aufgabe und Geschenk.
Meine erste Freundin war Iris aus Lörrach. Wir liebten uns mit Petting. Waren stundenlang in ihrem Zimmer beim Schmusen. Deutsche Partys mit Bowlen trinken und mit spielen. Schön war die Zeit. Sie will heute keinen Kontakt mehr zu mir. Ich habe sie vor 50 Jahren sitzengelassen.
Elsbeth lernte ich in Basel vor einem Tanzcafe kennen und Patrick, Thomas und ich luden sie und ihre Freundin Yvonne zum Ausgang mit Auto nach Mulhouse ein. Dort bandelte ich mit ihrer Freundin an. Ein paar Wochen später gingen wir alle zusammen nach Amsterdam, an Stelle von Patrick kam Walter mit. Dort wurde irgendwie «getauscht», und ich war mit Elsbeth zusammen. Elsbeth lernte noch meine Mutter kennen. Elsbeth hat später mal gesagt oder habe ich verstanden, ihr seien in unserer Beziehung immer die Kinder hauptsächlich wichtig gewesen.
Die Hochzeit fand in einer kleinen Kapelle in Burg hinter Mariastein in Weiss statt. Dorthin liessen wir uns chauffieren von einem Nachbarn in einem Cadillac. Anschliessend gings im Konvoi durch das Laufental und das Schwarzbubenland auf den Dornhof zwischen Olsberg und Magden. Sylvie Grosjean machte mit uns 40 Personen auf einer Wiese Kreistänze und wir sangen. Später beim Essen stellte mein Vater meinen Schwiegervater seinem Bruder als Prokurist von der Ciba Geigy vor. Tatsächlich war ja Röbi Rohrschlosser in der Ciba Geigy.
Die Hochzeitsreise ging auf einem Schiff von Marseille nach Barcelona. Sturm war und es wurde uns sehr übel. Wir wohnten dann in einem Bungalow in Torredembarra. Die Hochzeit muss 1974 im Sommer gewesen sein, Alexandra kam im Sommer 1975 zur Welt.
Die Beziehung zu Elsbeth war schwierig. Ich war wohl nur bedingt beziehungsfähig. Nähe und Distanz hatte ich selten im Griff. Die Sehnsucht nach Nähe, die Angst vor Nähe und wieder der Wunsch nach Davonlaufen und neuen Abenteuern. Ich war Elsbeth treu bis zur Trennung, mindestens körperlich treu. Nur, kann man eine Beziehung verlassen, wenn man sich gar nie richtig darauf eingelassen hat?
Freunde? Die ersten Freunde waren die Raucherkollegen Richard und Lorenz. Mit Lorenz verband mich eine tiefere Freundschaft. Ich war oft und gerne bei ihm in der elterlichen Gärtnerei. Lorenz sollte schon früh den Drogen verfallen und psychotisch und schizophren werden. Ich sollte ihn dann erst in den 80iger Jahren wieder treffen. Mit Heinz habe ich noch heute Kontakt. Er war mein Partner im Fussballbilder tauschen. Wir kauften diese mit unserem Taschengeld in der Konditorei Stefani. Es war immer ein Kaugummi und ein Bildchen in einem Briefchen. Manchmal klaute ich Mutti etwas Kleingeld aus dem Geldbeutel, mit schlechtem Gewissen, und wurde eigentlich immer erwischt. Mutti war grundsätzlich eine sehr strenge Frau. Und gleichzeitig liess sie sehr viel durchgehen. Mutti war irgendwie unberechenbar. Sie liebte mich sehr.
Eingeprägt hat sich mir tief eine Episode mit Martin. Das war wohl in der dritten Klasse. Wir fuhren per Fahrrad zur Schule, Martin verunglückte, zum Glück nur leicht und ich fuhr einfach davon. Die Standpauke der Lehrerin hat sich mir tief eingeprägt. Weniger als Schuldgefühl denn als Bestrafung für ein Versagen der Hilfestellung und des unterlassenen Erzählens. Ich verschwieg zuerst nämlich den Unfall. Vielleicht halt doch, weil ich mich schuldig fühlte, obwohl ich ja nichts verschuldet hatte.
Ich erwähne noch Rolf. Er kam im Zimmer neben mir zur Welt, damals lernten sich unsere Eltern kennen. Wir gingen immer zur selbigen Schule, pflegten jedoch eher eine lockere Beziehung. Mein Vater sagte mal, du umgibst dich immer mit Schwächeren, damit du, Reto, der «Siebesiech» bist. Lange Zeit über stimmte dies. Ich hatte Angst, viel zu viel Respekt vor den Gebildeten und Reichen, auch vor den Anthroposophen. Ich fühlte mich als Nichts und empfand diese Anderen als Unerreichbar. Dies macht natürlich einsam. Rolf starb vor kurzem.

1969. Erich hat die Lehre beendet und Arbeit in der TYPOPRESS gefunden. Im Atelier für Hand-, Maschinen- und Fotosatz bekommt er seinen Platz neben Ernst – einem erfahrenen, seriösen Setzer – der einen etwas verknorzten Eindruck macht. Dieser stützt sich gerne auf handfeste Tatsachen, wie: Gewerkschaft, Lesen, Wein, eine gestopfte Tabakspfeife. Erich hingegen neigt dem Anarchismus zu, «Love and Peace» heisst seine Devise. Eine friedvolle Weltrevolution scheint kurz vor dem Ausbruch zu stehen. Erich wirkt auf Ernst ziemlich suspekt. Doch der erste Eindruck täuscht: Ernst hat Humor und Kultur, Erich scheint ein netter junger Mann zu sein. Eine Griechenland-Reise zu viert ist 1972 der Auftakt zu einer langen Freundschaft. Ein paar Jahre später zieht Erich weg. Man verliert sich aus den Augen. Wieder Jahre später – die Kinder von Ernst sind schon bald erwachsen – belebt sich die Freundschaft wieder von Neuem.
1969 Erich hat Anschluss gefunden an eine unternehmungslustige Gruppierung um Werner Häberling, Maler surrealistischer Bilder und seine kleopatragleiche Mona, beide eben zurück von einer Indienreise per VW-Bus, was Erich gleich dreifach beeindruckt. Die aufsehenerregendste Tat der ansonsten unbescholtenen Bande ist der spontane Raub oder die Entführung einer kunstvollen Steinskulptur am Zürichseeufer, was prompt am übernächsten Tag einen Aufruf an die Diebe im Tages-Anzeiger, das Kunstwerk doch bitte im Atelier des Künstlers in Wollishofen zurückzugeben, zur Folge hat. Schuldbewusst, und weil sie sowieso nicht wissen, was mit dem Steinklotz anzufangen, fährt man gemeinsam im Hippie-VW-Bus bei Einbruch der Dunkelheit zum Atelier und entledigt sich klopfenden Herzens des belastenden Raubgutes. In diesen Kreisen lernt Erich in einem Partykeller die um einige Jahre ältere Sibi kennen, welche ihn noch in der gleichen Nacht zu seinem ersten echten Liebesabenteuer animiert.
1970. Die Probleme verdichten sich. Wünsche und Realität wollen nicht zueinanderfinden. Ihn drängt ein stetes Suchen, ohne Ziel in Sicht. Verklemmte Schüchternheit plus sehnsüchtige Träume kombiniert mit dem Konsum von Alkoholika und ähnlich wirkenden Stoffen führen zu prekären Situationen. Zeitweise macht sich eine akute Lebensmüdigkeit bemerkbar. Mindestens zwei Mal schwebt ein aufmerksamer Schutzengel über seinem Kopf.
1970. Erich reist per Autostopp und Eisenbahn nach Holland. Orientierungslos steht er vor dem Hauptbahnhof in Amsterdam. Nur eines ist ihm klar: Er will die Freiheit finden. Statt auf die Freiheit stösst Erich laufend an seine persönlichen Grenzen. Zweifel bleiben seine treuesten Kumpane. Seine Hoffnungen sterben schwindsuchtartig noch vor dem Aufblühen. Träume versinken in hopfenartigen Flüssigkeiten. Naivität und Mutlosigkeit gesellen sich dazu. Trotzdem unternimmt er zaghaft ein paar Ausbruchsversuche – welche aber mehr oder weniger harmlos bleiben.
Sommer. Nierenbiopsie im Waidspital. Befund: Glomerulonephritis, unheilbar. Prognose: früher oder später wird eine Dialysebehandlung oder Nierentransplantation nötig sein. Postnarkotische Unruhe und Ängste im Spitalbett. Bei geschlossenen Augen bestürmen ihn Tag und Nacht nervös-rasende Bilder. Der Patient wird für drei Wochen zur Erholung ins Tessin geschickt. Hat er wirklich mit Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, das Zimmer geteilt? So jedenfalls will es sein Gedächtnis wissen. Die ersten zwei Wochen hält der Lebensüberdruss an. Dann wird Erich von einer Betreuerin zu einer Wanderung eingeladen. Oben auf der Cimetta kommt man sich beim Naschen aus dem liebevoll bestückten Picknickkorb etwas näher. Erich befallen Bindungsängste, er bleibt reserviert. Trotzdem wirkt die «vorgeschriebene Kur»: Eine Türe öffnet sich, Licht erscheint am Horizont. Erich fühlt neues Leben mit voller Kraft in sich aufblühen. Die depressive Phase ist wie weggezaubert.
An einem unangenehm tiefen Punkt angelangt, entdeckt Erich etwas Neuartiges. In einem grossen schönen Haus in Zürich-Enge werden von einer Kapazität aus Indien Yogastunden angeboten. Bedrückt und voller Ehrfurcht betritt Erich das Haus und geht eine Stunde später voller Zuversicht wieder hinaus. Er hat eine Methode entdeckt, mit der er sich, falls nötig, selber wieder aufrichten kann.
An einem unangenehm tiefen Punkt angelangt, entdeckt Erich etwas Neuartiges. In einem grossen schönen Haus in der Enge werden von einer Kapazität aus Indien Yogastunden angeboten. Bedrückt und voller Ehrfurcht betritt Erich das Haus und geht eine Stunde später voller Zuversicht wieder hinaus. Er hat eine Methode entdeckt, mit der er sich, falls nötig, selber wieder aufrichten kann.
1971. Nach einigen kurzen Beziehungsepisoden und beunruhigenden Erfahrungen mit illegalen Raucherwaren will Erich Abstand von der gegenwärtigen Situation. In seiner Naivität glaubt er, andernorts sei die Welt noch in Ordnung. «Flucht» nach Israel mit herrlicher Fahrt über das Mittelmeer. Ankunft in Haifa, abendliche Fahrt in ein Kibbuz. Betörende Orangenblütendüfte, überquellende Freiheitsgefühle, Verliebtheit. Lebenslust pur. Zu seiner bösen Überraschung wird auch im Kibbuz gepafft. Was die einen als paradiesischen Zustand empfinden, wird für Erich eine kümmerliche Angelegenheit: Liebesschmerz, Wehrlosigkeit, Verunsicherungen drücken auf sein Gemüt.
Der Ausweg aus der „Aussichtslosigkeit“ zu Hause, ein freiwilliger Hilfseinsatz im Kibbuz, endet in einer Sackgasse. Er verlässt den Ort vorzeitig, trotzig, halb im Streit, zieht planlos in Israel umher. Er ist auf der Suche und weiss nicht, nach was. Möchte ankommen und bleibt nirgends länger als zwei Tage. Reist in den Süden nach Eilat. Leidet dort an Leib und Seele, übernachtet vor der Stadt im ausgetrockneten Wadi, dort wo die Abhandengekommenen und Abgefallenen hausen, verliert beinahe den Boden unter den Füssen. Denkt nur noch: ich stecke im Ende einer vermüllten Sackgasse fest. Wie in einem etwas billigen Film trifft Erich genau zum richtigen Zeitpunkt – in einer Phase, in der er sich in verschiedener Hinsicht auf einem Tiefpunkt befindet – am Strand einen Landsmann. Dieser fragt besorgt nach Erichs Zukunftsplänen, sagt, er selber sei Krankenpfleger. Erich ist beeindruckt: ein Krankenpfleger sitzt vor ihm, einer, der seinem Leben eine Sinn gegeben hat. Er ahnt noch nicht, was für Folgen diese Begegnung für ihn haben wird. Das kurze Gespräch weckt schlummernde Erinnerungen an seine ersten Helfereinsätze im Treppenhaus der Druckerei, an die bejahenden Gefühle dabei. Sofort wird ihm klar: diesen Beruf will er auch erlernen. Wendezeit, ein Aufbruch beginnt, der sein weiteres Leben stark bestimmt.
Am übernächsten Tag Busfahrt nach Haifa. Kontostand: Zehn Franken, das Retourticket für das Schiff im Rucksack. Bald darauf stille Fahrt übers Mittelmeer. Nach unruhiger Nacht frühauf sehnsüchtig an der Reling. Am Horizont regt sich ein silbriggoldenes Schimmern. Bei aufgehendem Sonnenlicht taucht eine unwirkliche Märchenkulisse aus dem Meer. Die zauberhafte Fatamorgana verwandelt sich zusehends in eine phantastische Architekturlandschaft: Die Serenissima, Venedig wächst und wächst, betört Erich mit ihrer eleganten Grandezza. Berauschende Paradiesdüfte, tiefe Glücksgefühle überschwemmen den heimkehrenden Erich. An Land schwankenden Ganges mit Gitarrengeklimper ein paar Lire bei den Touristen zusammenbetteln, in den Giardini Papadopoli im Schlafsack übernachten. Autostoppversuch mit schwangerer Amerikanerin, die ihren Freund in der Schweiz aufsuchen will. Sie erleidet am Strassenrand bei Mestre eine akute Blutung. Aufgeregt gestikulierende Italiener rufen sofort die Ambulanz, rasende Fahrt mit Blaulicht ins Spital, wo die beiden «Gammler» kostenlos gepflegt und aufgefüttert werden. Erich übernachtet heimlich in einem Ruderboot, drei Tage später Zugfahrt nach Zürich. Glückliche Heimkehr.
Nachtrag 1971/2023, Kibbuz Be’eri, 3 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Erich, der gerne Gutes tun will, pflückt als freiwilliger Helfer Orangen und Zitronen, arbeitet im grossen Hühnerstall, in der Gemeinschaftsküche. Jung, naiv, unkundig wie er ist, glaubt er ernsthaft an eine friedliche, freiheitliche Zukunft, ist vor allem mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Politik interessiert ihn nicht. Hellhörig wird er, als es heisst, man solle sich auf keinen Fall dem Gazastreifen nähern und als er sieht, dass viele Kibbuzim den ganzen Tag mit umgehängtem Gewehr herumlaufen. Der 3-Tage-Marsch, zu dem auch die Volontäre eingeladen sind, ist eine willkommene Abwechslung vom Kibbuzalltag. Von allen Landesteilen her fahren Lastwagen los, die Ladebrücken besetzt mit enthusiastischen Chawerim und Chawerot, singend, strahlend, sich umarmend, braungebrannt, optimistisch. Sieht so die erhoffte Freiheit, die grosse Solidarität, das richtige Leben aus? Erich ist verunsichert. Soll er sich mitreissen lassen, kann, muss, darf er mittun, oder will er seinem Argwohn gegenüber vereinnehmenden Gruppen und Bündnissen vertrauen, bei sich selber bleiben? Am Ziel angekommen – ein militärisch bewachtes, stacheldrahtumzäuntes Zeltlager für einige Tausend Menschen – merkt Erich erst, dass er sich in der Gegend der Golanhöhen befindet. Der 3-Tage-Marsch, an dem er nur die erste Etappe (30 Kilometer) mitmacht, führt durch kürzlich besetztes Gebiet, vorbei an stumm am Strassenrand stehenden Menschen. Bildet er sich nur ein, oder erblickt er in ihren Augen Trauer, Misstrauen, Ablehnung? Unangenehme Schamgefühle mischen sich in seine sonst schon gedämpfte Stimmung, die er damals aber noch nicht einordnen kann.
Nach 3 Tagen, auf der Rückfahrt ins Kibbuz, wird immer noch gesungen, Halstücher flattern im Fahrtwind. Teils verlockt Erich diese berauschende Energie, gleichzeitig stösst ihn das ab, er bringt keinen Ton heraus, ist nicht geschaffen für Gefühlsorgien, kollektive Begeisterungen, fühlt sich gehemmt, verklemmt, er schleicht sich innerlich davon, nach aussen tut er, wie wenn nichts sei. In Wirklichkeit kommt er sich als Versager vor, als Aussenseiter, der nirgendwo dazugehört, dazugehören will, als Schmarotzer auch, der die Gastfreundschaft der Kibbuzbewohner nicht zu schätzen weiss. Seine Euphorie ist verflogen, Ernüchterung macht sich breit, Erichs heile Welt hat einen Riss bekommen. 2023, zweiundfünfzig Jahre später, gleicher Ort: Terror, Horror, Trauerklagen . . . auf allen Seiten. Die Welt steht still. Erich kann und will nicht richten. Er fühlt sich nicht dazu berufen. Die Situation war, ist zu verworren. Am ehesten könnte er seine, sicher nicht alleinige, Meinung kundtun, der Mensch sei eine tragische Fehlkonstruktion – die keinem Gott, welcher Art auch immer, hätte unterlaufen dürfen – und der, bedingt durch seine fatalen Defekte niemals in der Lage sein wird, aus seiner Welt eine Stätte der Friedfertigkeit zu gestalten. An etwas anderes glaubt er nicht (mehr).
1972. Gewissenskonflikt in der Setzerei. Erich erledigt für guten Lohn unbefriedigende Arbeit. Setzt Drucksachen, zu denen er nicht stehen kann. Kündet. Reist, setzt, reist. Findet immer sofort wieder Arbeit. Dauernde Unrast im Kopf. Nach Schweden trampen im Herbst mit dem schönen Edi, der an jedem Ort, wie Erich neidvoll konstatieren muss, mit schnellen Eroberungen auftrumpft. Per Zug nach Amsterdam, dann hinunter in den Süden. Nach einer Woche Venedig wieder mit dem Schiff nach Israel, dort Paranoia nach Joint. Rückflug nach Rom. Beim Starten Rauchentwicklung am Flügel, Startabbruch in letzter Sekunde. Jetzt hat er endgültig die Nase voll, kehrt dem Setzerberuf den Rücken. Wendepunkt.
1973. Voller Tatendrang beginnt er den Vorkurs für Spitalberufe, zum ersten mal im Wissen darum, weshalb er sich Mühe beim Lernen geben soll. Die Anatomiedozentin kann ihn für das Fach begeistern, bei den Fremdsprachen werden keine grossen Fortschritte gemacht, da er diese Stunden meistens nicht im Schulzimmer verbringt. Erich macht einige aufregende Bekanntschaften, zieht in eine «rote» Wohngemeinschaft in Dietikon, erlebt dort ein überzeugendes Akupunkturwunder. Bekommt nach einer halbdurchzechten Nacht und unzähligen Irish Coffees bei einer Liebhaberin dermassen Herzklopfen, dass es ihm anderntags schon wieder nicht möglich ist, im Italienischunterricht zu erscheinen.
Der erste Tag des obligatorischen Praktikums am Triemlispital gerät beinahe zum Debakel. Erich kann in der Mittagspause dem verführerischen Blick und den Reizen einer ebenfalls frischen Praktikantin, welche sie im Personallift verteilt, nicht widerstehen: ein kurzer Blickwechel, ein diskretes Kopfnicken, und er drückt spontan, statt auf Etage 7, den U2-Knopf. Über seine Tollkühnheit verwundert und erschrocken zugleich, will er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, die ja auch nicht im Widerspruch zu seinem Leitspruch steht: make love, not war. Sie steigen, im gegenseitigen Einvernehmen, im halbdunklen Untergeschoss aus und verziehen sich sicherheitshalber hinter einen Vorhang, der einen fast blinden Nebenraum abtrennt. Zufällig lagern hier Liegen, Bahren, nackte Bettgestelle und warten auf ihren Einsatz. Als sich die beiden kurzentschlossen darauf niederlassen und sich näher kennenlernen wollen, ertönt plötzlich lautes Rufen, Stampfen, Schimpfen. Nervöse Taschenlampenlichter schrecken die beiden auf. "Sauhund", schreit einer, "Säuhünd" doppelt der andere lautstark nach, will wissen, was sie hier treiben und auf welcher Station Erich arbeitet. Zwei Angestellte, vermutlich vom technischen Dienst oder der internen Sicherheitsabteilung, bauen sich hämisch vor den Ertappten auf. Erich glaubt sein Herz steht still, aber es pocht wild wie nie, seine Begleiterin zupft schnell ihre Kleider zurecht. Die Situation ist oberpeinlich, äusserst unangenehm. Zusätzlich zu Demütigung, Scham, Frust und Aufregung befürchtet Erich unangenehme Konsequenzen: dass ihm sowas ausgerechnet am ersten Tag des ersten Praktikums passieren muss, bei welchem man ja nur den besten Eindruck hinterlassen will! Bedrückt steigt er in den Lift, seiner geschockten Mittäterin begegnet er nie mehr. Für oben, im Stationszimmer ahnt er Unangenehmes, schlimmer noch, einen Zwangsabbruch des Praktikums, Rausschmiss aus dem Vorkurs. Aus der Traum vom Krankenpflegeberuf. Doch ausser dass ihn jemand nebenbei darauf aufmerksam macht, die Mittagspause dauere im Fall nur so und so lang, wird er von den Krankenschwestern freundlich in die Kunst des Pflegens eingeführt (Ehre, wem Ehre gebührt: Schwester Liliane Juchli. Allgemeine und spezielle Krankenpflege, Ein Lehr- und Lernbuch). Das Praktikum beendet er mit grosser Genugtuung, der Praktikums-Bericht des Triemlispital an die Vorkurs-Leitung hätte nicht besser ausfallen können.
Nach dem Vorkursabschluss entscheidet Erich, nach kurzem Zögern, sich zum dipl. Krankenpfleger SRK ausbilden zu lassen. Sein Einfühlungsvermögen ermöglicht ihm einen direkten Zugang zu Kranken, Behinderten, Alkoholikern, Aussenseitern und Randständigen; seine helfenden Hände streckt er in den nächsten Jahren allen entgegen, die sie seiner Ansicht nach benötigen.
Erich zieht erstmals von den Eltern weg in ein Zimmer am Russenweg, wo ein vorläufig letzter Zug aus der Haschpfeife genommen wird. Als kurz darauf das Telefon klingelt, kommuniziert der desorientierte Erich dermassen konfus mit der Anruferin, dass er sich etwas später entschuldigen will. Nur: Er hat keine Ahnung mehr, mit wem er gesprochen hat.
Er lernt am Vorkurs nebst Anatomie auch seine erste grosse Liebe kennen. Besteht den Abschluss, obwohl er die halbe Zeit in der Bodega statt in der Schule sitzt. Nun kann er Krankenpfleger werden – eine edle Aufgabe zum Wohle der Menschheit. Dazu braucht er nur noch einen Ausbildungsplatz. Mit wildem Lammfellmantel – ein Mitbringsel aus Istanbul – und seinen schönen langen Haaren, stellt er sich in einem Spital vor. Erklärt stolz, er sei Pazifist und militärdienstuntauglich. Worauf prompt eine Absage kommt. Beim zweiten Vorstellungsgespräch, in Winterthur, erzählt er genau das, was man hören will und bekommt die Stelle. Tritt diese aber nicht an.
Erich und Theres ziehen zusammen an den Hegibachplatz, geraten im Hinterzimmer einer Beiz per Zufall in eine konspirative Sitzung, in welcher eine Häuserbesetzung vorbereitet wird. Man wird politisiert, engagiert sich aber auf eigene Art statt mit strammer Parteidisziplin. Er jobbt ein paar Monate als Chauffeur und Kulissenschieber für ein Theater und in der Setzerei Gloor im Seefeld. Dort herrscht Hochkonjunktur, der fortschrittliche Betrieb bezahlt Spitzenlöhne (elf Jahre später trifft Erich im Tessin, wo er in der Casa Solidarietà den Winter verbringt, zufällig den ehemaligen Besitzer der Setzerei Gloor. Man sitzt nebeneinander an der Bar und kommt ins Plaudern. Der jetzt arbeitslose Ernst Gloor arbeitet in einem Beschäftigungsprojekt, seine Firma ging vor Jahren in Konkurs. Er nimmt das gelassen, ist zufrieden mit seiner Einzimmerwohnung im Seefeldquartier). Theres macht ein Praktikum im Burghölzli. Man sitzt in der Bodega, versinkt im Philosophieren und Schwärmen. Reist nach Griechenland. Ist zeitlos glücklich.
1973. Erich spielt im Schüler-Musical «Ava und Edam» den Pan. Von Pans mythologischer Abstammung hat er keine Ahnung, der unauffällige Auftritt im dunklen Hintergrund dauert höchstens drei Minuten. In den kurzen Umbaupausen klettert er mit der Gitarre im Publikum herum und in einigen Massenszenen bewegt er sich wie vorgeschrieben in Slow-Motion oder rennt im richtigen Moment gebückt quer über die Bühne.Coaching Musik/Tanz: Yella Colombo, Gordon Coster, Remo Rau, Dodo Hug.
Im Wander-Theater «Feierabend» ist Erich zuständig für Transport, Auf- Abbau der Kulissen, für Requisiten, Licht und Reparaturen. Strenge Arbeit, wenig Lohn, zuletzt wird er auch noch um die AHV-Beiträge geprellt.
1974–1983: Aarau, Ausbildung, Hochzeit.
1974. Wiederum kommt ein nützlicher Tipp der vorausschauenden Mutter, die Erichs unregelmässiger Lebensführung nicht recht traut: An der Krankenpflegeschule Aarau werde während der Ausbildung ein guter Lohn bezahlt, während man andernorts noch mit einem «Gotteslohn» zufrieden sein müsse. Erich und Theres zögern nicht lange, melden sich sofort an und zügeln in den Kanton Aargau.
Zehn Jahre später trifft Erich im Tessin, wo er in der Casa Solidarietà den Winter verbringt, zufällig den ehemaligen Besitzer der Setzerei Gloor. Man sitzt zusammen an der Pensions-Bar und kommt ins Plaudern. Ernst Gloor arbeitet in einem Arbeitslosenprojekt, seine Firma ging vor Jahren in Konkurs. Er nimmt das gelassen, ist zufrieden mit seiner kleinen Einzimmerwohnung im Seefeldquartier.
1Im Frühling fahren also Theres und Erich Richtung Westen. Zweck: in Aarau eine Wohnung finden. In Buchs, gleich neben der Telefonkabine, von wo aus sie potenzielle Wohnungsvermieter anrufen wollen, steht ein schiefes Haus an der Bahnstrecke Aarau–Suhr–Zofingen. Dort wollen sie zuerst nachfragen, ob eventuell etwas frei wäre. An der ersten Tür öffnet ein knorziger Mann, der kaum Deutsch spricht. Kerimov, ein ukrainischer Flüchtling, ist nach kurzer Zeit bereit, ihnen ein Zimmer seiner Wohnung zu vermieten. Die beiden sind begeistert, das alte Haus entspricht genau ihren Vorstellungen.
Im schiefen Haus bewohnen Erich und Theres ein Zimmer, Kerimov das zweite. Die Stube dient als Lagerraum für Kerimovs Knoblauch-Nüsse-Früchte-Marktstand. Ende Monat schüttet Kerimov Berge von Münzen auf einen Tisch, Erich und Theres müssen seine Einkünfte zählen und dem fast tauben, analphabetischen Ukrainer auch sonst behilflich sein. In der etwas muffigen Küche steht immer eine grosse Pfanne Schaffleisch-Gemüse-Knoblauch-Suppe. Diese ernährt Kerimov jeweils eine Woche lang. Knoblauch liebt Kerimov besonders, Erich hingegen hat Mühe mit den intensiven Düften im ganzen Haus.
Bald beginnt die Ausbildung in der Krankenpflegeschule. Gleich nebenan steht das altehrwürdige Kantonsspital stolz in einem grossen Park. In einem Gebäude befinden sich Wäscherei und Küche. Das Essen wird in grossen Kübeln auf die Stationen geliefert. Gebrauchte elastische Binden werden gewaschen, auf der Station wieder zusammengerollt. Spritzen, Pinzetten, Skalpellhalter, alles wird gewaschen und dann in die Sterilisation gebracht. Noch existieren zwei gemütliche Chirurgiesäle mit je zwölf Betten. Kardex, Einsatzpläne, Bestellungen, Administration: Alles wird mit dem Kugelschreiber erledigt. Der Lohn wird persönlich im Lohnbüro abgeholt, der Betrag muss sofort kontrolliert werden. Doch ein radikaler Wandel kündigt sich an, dessen Konsequenzen sich der frische Krankenpflegeschüler nicht vorstellen kann. Abrissbagger sind am Werken, Baugespanne ragen in die Höhe.
1976 ist das neue Haus 1 bezugsbereit. In der modernen Küche werden nun die Mahlzeiten am Fliessband individuell für die Patienten portioniert. Die Spitalwäscherei wird jetzt kantonal organisiert, alle Wäsche in Brugg gewaschen. Die Schwestern-Haube, die eh fast niemand mehr trägt, und das obligatorische Internat für Schwesternschülerinnen werden abgeschafft. Neuartige Pflegesysteme werden eingeführt und alle Jahre umgekrempelt. Ein neues Patientenerfassungs-Abrollkarten-System spart auf den Stationen Zeit. Die ersten Vakuum-Spritzen rufen Erstaunen hervor. Wegwerfpflegeprodukte wie Moltex, Klistiere, Infusionsbeutel werden angeschafft. Alles scheint jetzt modern, schneller, besser zu werden. Erich ist skeptisch, ob er die Ausbildung zum Krankenpfleger schafft, als Aussenseiter akzeptiert wird. Doch richtet er es ein, in der Schule mithalten zu können. Hat in den diversen Praktika keinerlei Probleme mit den gestrengen Stationsschwestern.
Als in Gösgen eine grosse AKW-Demonstration angesagt ist, muss Erich zu einer Notlüge greifen: Er hat im Praktikum auf der medizinischen Intensivstation an diesen Tag nicht frei, will aber unbedingt an die Demo. Er meldet sich auf der Station als krank und ist an der tränengasreichen Auseinandersetzung in Gösgen als Sanitäter der Bürgerinitiative aktiv. Dummerweise platziert der «Tages-Anzeiger» am Montag auf der ersten Seite ein halbseitengrosses Foto. Ganz gross im Vordergrund: Erich der Sanitäter im Tränengasnebelmeer. Die Schummelei fliegt auf, er wird vor die schwer enttäuschte Stationsschwester zitiert, dann vor die Oberin. Es wird Meldung an die Schulleitung gemacht. Der Rausschmiss droht kurz vor dem Abschluss. Doch da Erich bei den massgebenden Stationsschwestern gut angesehen ist, kann er sich mit einem blauen Auge aus der Affäre «Anti-AKW-Demo Gösgen» ziehen – er wird an das Diplomverfahren zugelassen. Nach drei Jahren nimmt er nicht ohne Stolz an der Diplomfeier im Grossratsgebäudesaal das verdiente Papier und die Schwesternbrosche entgegen. Er hat es tatsächlich geschafft! Und ist jetzt richtig Stolz auf sich.
Erich und Theres heiraten ohne kirchliche Trauung. Das Fest findet auf dem Bauernhof statt, den der katholische Schwiegervater trotz Erichs atheistischer Gesinnung grosszügig zur Verfügung stellt. Drei viertel Jahre später der Umzug nach Aarau in eine Altstadtwohnung im dritten Stock. Den Vermieter, der im Parterre ein Tea-Room betreibt, sieht man häufig mit zwei Coupes Romanoff in den Händen, in Begleitung junger Gästinnen in seine Wohnung im zweiten Stock verschwinden. Den juchzenden Tönen nach munden die süssen Eisspeisen herrlich. Als sich der lebenslustige Vermieter verlobt, verbietet die frisch Verlobte den Mietern, den Dachgarten zu benutzen – sie möchte sich dort oben ungestört nahtlos bräunen lassen können.

1975. Erich bewegt sich in Kreisen, welche den «Alpenzeiger», ein alternativ-anarchistisch-libertäres Untergrundblatt, produzieren und auf einer A4-Offsetmaschine drucken. Inhaltlich begreift Erich nicht viel, hingegen fühlt er sich dort intuitiv am richtigen Platz. E. macht sich jeweils beim Zusammentragen der Blätter nützlich. Die halbklandestine Tätigkeit, mit welcher – meint er wenigstens – das autoritäre Patriarchat unterhöhlt werden kann, ist sein schmaler, aber nichtsdestotrotz wichtiger Beitrag zu einer besseren Welt.
Das Restaurant Sevilla ist zur zweiten Heimat geworden. Im schmalen Lokal mit den schlichten Holztischen breitet sich die Geselligkeit jeweils exponentiell im Verhältnis zur fortschreitenden Abendstunde aus, um, am Höhepunkt angelangt, also dann, wenn zur Polizeistunde die schrillen Neonröhren die Gäste brutal aus ihren verwinkelten Diskussionen reissen, beinahe ins Bodenlose zu stürzen. Anregende Gesichter verwandeln sich innert Sekunden in aschfahle Fratzen welche trüben Blickes auf dürren Beinchen dem Ausgang entgegentorkeln, um draussen auf dem Trottoir die unterbrochenen Monologe endgültig ins Absurde abstürzen zu lassen.1976. Umzug an die Pelzgasse. Die schöne alte Wohnung könnte noch verschönert werden. Ohne Bewilligung des Hausbesitzers malen Erich und Theres die Fensterrahmen gelb an. Der Vermieter, sonst schon misstrauisch geworden wegen der Anti-AKW-Kleber am Briefkasten, ist plötzlich nicht mehr freundlich, die stechenden Blicke seiner Frau motivieren zu erneuter Wohnungssuche. An der Oberholzstrasse hat ein befreundetes Paar ein kleines Zimmer zu vermieten. Das wird sofort bezogen. Wenn es regnet, regnets auch im Zimmer. An mehreren Stellen müssen Töpfe aufgestellt werden. Eigentlich wärs eine recht gemütliche Wohngelegenheit, aber das WG-mässige Zusammenleben behagt den beiden nicht. Halbherzig schmieden sie deshalb nach ihrem Diplomabschluss grosse Auswandererungspläne. Da erfahren sie von einem alten Bauernhaus, das zu mieten ist, und verschieben sich anstatt in die Toscana ins benachbarte Suhr. Am Rande des Dorfes, nahe bei Kühen und Wäldern, leben und hausen sie die nächsten sechs Jahre, praktizieren eine alternative Lebensweise, engagieren sich im Anti-AKW-Kampf, arbeiten mal da mal dort oder auch nicht. Weder Bhagwan, RML und POCH, auch nicht die LPG in Villeret, können die beiden in ihren Bann ziehen. Andere Kreise in und um Aarau senden dafür belebende Signale aus: Schreiber, Künstler, Anarchisten und Aussenseiter machen auf Erich grossen Eindruck: Max Matter, Heiner Kielholz und Hugo Suter, Klaus Merz, Hermann Burger, der geniale Zeichner Düdül, und ein paar Dutzend mehr. Oberarzt Dr. Emmanuel M. begeistert den jungen Chirurgiepraktikanten Erich, als er bei der Chefvisite, an welcher über AKW-Gegner gelästert wird, die versammelten Arzt-Kollegen mit den lauten und klaren Worten: «Ihr seid alles Arschlöcher» abkanzelt. Ab sofort fühlte sich Erich in Aarau zu Hause und findet Anschluss an die lokale alternative und anarchistische Szene.
Erich ist, wie gesagt, an der Anti-AKW-Bewegung mitbeteiligt. An den zeitweise wöchentlich stattfindenden Zusammenkünften der Aarauer-Aktiven in einem Hinterzimmer eines gutbürgerlichen Gasthauses werden Informationen ausgetauscht, das weitere Vorgehen gegen den Bau des AKW Gösgen besprochen, mögliche und unmögliche Aktivitäten ersonnen. Eine davon, eine nachmitternächtliche Plakatklebeaktion, bei der unter anderem das Denkmal "Der Aargau seinen Soldaten" mit dem Sinnspruch auf der Rückseite: "Den Schützt die Freiheit nur, der sie beschützt", und dessen Standbild so eindrücklich seinen Widerstand gegen Westen demonstriert, das, unserer Überzeugung nach, auf die Bedrohung des zukünftigen AKW Gösgen umgemünzt werden soll. Ein genialer Streich, der doch bestimmt die Mehrheit der Aarauer überzeugen wird, vielmehr, als der Das Plakat mit einem Text, extra für dieses Denkmal ersonnen: "Ich bleibe frei von nuklearer Bedrohung – ATOMKRAFT? NEIN DANKE." sollte auf die Brust des wehrhaften Bürgers geklebt werden. Zu dritt dann Unterwegs mit übermässig klopfenden Herzen, erklettert der Sportlichste des Trios das Denkmal-Podest, unten steht einer aufmerksam Wache, der andere trägt reichlich Fischkleister auf und will das Plakat in die Höhe reichen. In diesem Moment verliert der Obere sein Gleichgewicht, kann sich gerade noch mit einem Seitensprung vor schlimmeren retten, verstaucht- oder verzerrt aber bei der Landung sein rechtes Sprunggelenk. Behindert wegen dem stark humpelnden Pechvogel will man so schnell und unauffällig wie möglich verduften, was allerdings kaum nötig ist, da um diese Stunde in Aarau höchstens noch einige benebelte Spätheimkehrer unterwegs sind. Während den nächsten Wochen sieht man – heute muss das nicht mehr verschwiegen werden – den Geigenbaulehrling sich nur an zwei Stöcken in Suhr und Aarau herum bewegen.
1980. Bis in den Kanton Aargau dringt die Kunde vom "Opernhauskrawall" in Zürich auch ihm rasch in die Ohren. Die Jugendunruhen lassen Erich nicht kalt, er nimmt an verschiedene Aktionen und Anlässe teil, teils aus Neugier, teils aus Sympathie für die Anliegen der "Bewegung". Die abenteuerliche Flucht vor Tränengas und Gummigeschossen in das Haus der Christengemeinschaft Zürich, wohin er zusammen mit ein paar gehetzten Demonstrierenden atemlos mitten in eine religiöse Versammlung platzt, dort ohne Zögern herzlich aufgenommen wird, und sich dabei völlig deplatziert vorkommt, gehört bestimmt zu den kurioseren Erlebnissen in seinem Leben.
Nach einigen traumhaft harmonischen Jahren ziehen unerwartet düstere Wolken am Paradieshimmel auf. Eines Tages, auf der Landiwiese am Theaterspektakel, wo man zusammen einen schönen Abend verbringen will, gesteht Theres, sie könne nicht mehr mit Erich zusammen bleiben. Die Mitteilung trifft mitten ins Herz. Die nächsten Tage dann Zuhause werden zu einem auf- und ab der Gefühle. Mal scheint die Beziehung gerettet, mal herrscht Hoffnungslosigkeit vor. Dann kommt sie mal sehr spät nach Mitternacht vom Ausgang nach Hause und gesteht, eine "Affäre" mit einem unserer Kollegen gehabt zu haben. Päng. Knockout-Schlag. Doch die Hoffnung, die Krise könnte sich doch wieder zum Guten wenden, ist noch nicht ganz gestorben, als kurz später an einem sommerlichlauen Gartenfestabend aus dem Mund der kleinen sympathischen Schwester von Erichs Frau ein orakelhafter Satz ertönt . Erich fröstelts. Die symbiotische Seligkeit gerät ins Straucheln. Beinahe Unaussprechbares, da zu schmerzhaft, geschieht. Das Orakel ein, Erich macht einen gravierenden Fehler, Theres verlässt ihn am nächsten Tag.
Erich sitzt im kalten Haus, in ihm brennt eine ausgebombte Landschaft. Nichts ist mehr ganz, überall nur noch Ruinen und Trümmer.
Eine stürmische Zeit beginnt, Hektik entsteht. Er kennt sich kaum mehr, fürchtet, sich zu verlieren, muss sich neu erfinden. Nach einigen Wochen wird ein naher Blitzschlag zum Fanal: Leben! Er will dem Schmerz in die Augen schauen, will sich in die Trauer stürzen, für eine lebenswerte Zukunft kämpfen. Im Dezember räumt er das Haus, kippt alles in eine Abfallmulde, wirft den Hausschlüssel in den Briefkasten des Besitzers, geht, ohne sich abzumelden.
Am 24. Dezember 1983 zieht Erich bei einem flüchtig Bekannten ein. Die Wohnung gleicht einer Müllhalde, sein Zimmer und die Küche muss er erst komplett «freischaufeln» und neu streichen. Beginnt in seiner «Zelle», wie er das Zimmer nennt, schreibend nach Spuren seines Ichs zu suchen. Als der alkoholisierte Wohnungskollege eines Abends mit einer geladenen Armeepistole herumfuchtelt, flüchtet Erich aus dem Fenster, kommt für einige Nächte bei einer Kollegin unter, zieht dann in eine Wohngemeinschaft in Küttigen und kurz darauf in eine kleine Wohnung am Kirchplatz in Aarau.
Der Vater, von der beunruhigten Mutter geschickt, kommt nach Aarau, um Auskunft zu bekommen. Aussprache an der Aare. Erich weint an Vaters Seite – ein verwirrend emotionales Ereignis. Die ungewohnten Gefühle verstören. Abgründe tun sich auf, ungeahnte Kräfte erwachen. Er geht neue Wege, verhält sich ungewohnt. Besucht ein Tanzstudio für Modern Dance, produziert mit zwei Kolleginnen eine Ausdruckstanz-Performance, joggt der Aare entlang, trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr, fühlt sich nüchtern stark und präsent. Er verwickelt sich in eine Dreiecksbeziehung, merkt bald, hier kann er nicht mehr weiter leben, und überlegt: wo dann sonst? Als einzige Möglichkeit, sich von Aarau fortzureissen, bleibt: wandernd die Welt neu entdecken, das wenige Gepäck auf dem Rücken eines Maultieres. Er macht sich an die Vorbereitungen. Grosse Hindernisse, Hürden, Schwierigkeiten überwindet er nun mit Hartnäckigkeit – es gibt kein Zurück mehr.
1984. «Pilgerreise».
Im Frühling zieht er los. Hinterlässt alle und alles, sein Herz brennt. Brücken stürzen ein. Schritt für Schritt Wahnsinn, Leichtsinn, Überschwang. Nullpunkt. Auf Pilgerreise mit schwerer Bürde, ohne Ziel, durch weite Ebenen, über hohe Berge, immer dem Süden entgegen.
Auf dem Weg hinauf ins Aussteigerdorf Doro ist er wieder auf die Hilfe seiner Schutzengel angewiesen. Ohne diese wäre er abgestürzt. Bleibt dort oben einige Wochen, rennt den Geissen nach, hütet Hühner, Pferde, Esel, sein Maultier, baut am Gemeinschaftshaus mit, fühlt sich richtig gesund, stark und frei (siehe auch Seite 20). Wandert nach einigen Wochen mit leisem Abschiedsschmerz weiter, keine Ahnung, wohin. Er zieht im Tessin umher, arbeitet dies und jenes, lernt viel Neues, erlebt Wundersames. Kommt nie über die engen Landesgrenzen hinaus, reibt sich hart an seinen eigenen Beschränkungen.
Versteckt in den Wäldern oberhalb und abseits von Bellinzona haust er ein paar Tage bei einer seiner Meinung nach halb-verrückten Aussteigerin, deren zahllose Tiere frei auf ihrem Gelände und im ganzen Wohnhaus herumtollen- und kacken dürfen. Nebst Erich erhalten auch einige andere merkwürdige Gestalten Asyl, die träge versuchen, das riesige Chrüsimüsi in und um das Haus herum im Zaun zu halten oder aber auch zu vermehren. Man kann sich jetzt fragen, weshalb findet Erich unterwegs immer wieder solch originelle Orte und Menschen, bei denen er einige Zeit unterschlüpfen kann? Die Antwort lautet: der störrische Esel, also Erich, verlässt sich ganz auf sein Muli, das nicht nur Erichs Gepäck trägt, sondern mit hellhörigen Ohren und wachen Instinkten sie beide zielsicher zu seinen vierbeinigen Kollegen führt. Und wenn schon eine Fragestunde stattfindet, dann folgt gerade eine weitere: Wer ist bei einem Kreuzungsprodukt wie z.B. beim Maultier, Vater: A ein Eselhengst, B ein Pferdehengst. Und wie verhält es sich bei den Mauleseln, Eselstute x Pferdehengst oder Pferdestute x Eselhengst? Über diese Frage, die Erich an jeder zweiten Weggabelung gestellt wird, stolpert er regelmässig. Da aber sein Muli soo herzig ist, nimmt Erich seine Unwissenheit niemand übel, ja, er wird sozusagen nicht ganz ernst genommen. Überhaupt hat er die ganze Wanderzeit hindurch das Gefühl, sein Muli werde überdurchschnittlich mehr geachtet als der Maultierführer, es stehe sozusagen in der Rangfolge zuoberst und spiele gerne das Alphatier.
Vom verrückten Hügel hinab zieht es den geistig und körperlich halb vertrockneten, halb zerfliessenden Erich für ein paar Stunden in urbane Umgebung mit zivilisiert anzublickenden und nüchtern denkenden Menschen. Herumschweifend in Bellinzona steht er unvermittelt vor einen einst sicher prachtvollen, jetzt aber heruntergekommen misteriösen Bauwerk, halb Ruine, halb Umbauobjekt, angeschrieben an der Fassade mit verwelkenden Goldbuchstaben als "Teatro Sociale". Nun wird Erich von seiner architektonischen Neugierde gepackt, zwängt sich verbotenerweise durch eine angelehnte Blechtüre hinein in das düstere Gebäude. Rechts hinter modrigen Plastiktüchern windet sich eine geschwungene Treppe hinauf in ein schwarzes Loch, abweisend, unzugänglich. Links hinten im windignasskalten Durchgang züngelt eine dürre Kerze, weiter hinten nochmals eine. Er wagt sich trotz Bedenken einige Schritte tiefer ins abgeblätterte Ganggewirre. Hesses Steppenwolf mit dem "Magisches Theater" flattern schattenhaft in seinen Kopf herum, eine mulmige Befürchtung beschleicht ihn von hinten. Um eine weitere Ecke herum prahlt eine mit blutrotflackernden Kerzen flankierte Türe, hinter welcher dumpf so etwas wie Stimmengemurmel zu hören ist. Abhauen jetzt, oder doch vorsichtig einen Blick hinter die Türe werfen? Ein unheimlich an- und abschwellendes Pulsieren, vielleicht neben oder über ihm, stellt sich bald als sein eigenes Herzklopfen heraus. Sein darauf halblaut heiser abgehacktes Gelächter lässt ihn erschaudern. Vorsichtig, tapfer, öffnen er die Türe einen Spalt weit, erblickt inmitten einer brodelnden Nebelwand in eine Art Proberaum oder Hinterbühne, es könnte möglicherweise sogar eine Theatergarderobe sein. Jedenfalls sitzen Menschen oder Schauspieler an Tischen und tun so, als ob sie Essen würden und in private Gespräche vertieft seien. Irgendwie scheint alles unwirklich hier, geht Erich durch den Kopf, er fühlt sich plötzlich als Statist in einem surrealen Film, der die Regieanweisungen nicht begreift. Moment, da stimmt etwas nicht, kann doch so nicht sein, denkt Erich, die trinken und essen wirklich, also, aha, alles klar jetzt, er befindet sich sicher in einem raffiniert als altes marodes Theater dekorierten Restaurant und die Gäste sind alle echt. Oder findet vielleicht doch gerade eine avantgardistische Theaterproduktion unter Mitbeteiligung der Zuschauer statt? Nach einigen verdatternden Momenten ist sich Erich sicher, in einem echten Speiselokal zu stehen und setzt sich, unbemerkt, an einen einsamen Tisch in die Nähe des glühenden Holzofens. Die wohlige Wärme, schmackhafte Düfte, die vielschichtigen Sinneseindrücke sättigen und stärken Erichs ausgehungerte Innenleben, bevor er sich in frostiger Nacht wieder in die Hügel und Wälder zu der verlotterten Aussteigergemeinde hinaufquälen muss. Unterwegs lässt ihn ein Gedanke nicht mehr los: morgen früh wird sofort sein Maultier gepackt und neuen Abenteuern entgegen gewandert.
Schliesslich strandet er gegen den Spätherbst hin in Cavigliano und überwintert dort in der "Casa Solidarietà" des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerkes [SAH], früher ein Flüchtlingsheim, jetzt einfache Ferienpension. Da spielt er „Mädchen für alles“, vom Esel- und Hühnerstallerbauer, Gästezimmer herrichten über Hilfskoch, servieren, %u2028abwaschen bis zum Ersatz-Barmann und Gästechauffeur. Dort Bekanntschaft mit René E. Mueller, Buchautor und Weltenbummler (siehe Seite 187), dem leider allzufrüh verstorbene Mike van Audenhove, Illustrator und Vorbild. Den Aussteigern im Onsernonetal. Einer prinzessinnenhafte Reiterin, mit der er ein paar Tage wandernd in der Toscana verbringt. Einigen Absolventinnen der Dimitrischule und einer Schlangentänzerin, mehreren Eselhaltern, Schafzüchterinnen, Schlaumeiern, Faulpelzen, fleissigen Köchen und einigen tessinerdialektsprechenden Einheimischen. So vergeht ein ereignisreiches halbes Jahr, dazwischen auch mit einiger Aufregung, als in Tschernobyl das AKW explodiert, und es heisst, die radioaktive Wolke ziehe genau Richtung Tessin.


1985. Als er im Frühling mit seinem Maultier weiterzieht, steht er wieder an einem Scheideweg: hinten liegt eine gute Zeit in der Casa, vor ihm "unbekanntes Land". Der Abschied fällt nicht leicht, sein schweres Herz hängt wie ein Klotz an seinen Beinen.
Irgendwann erreicht er eine einnehmende Lichtung oben an einem Bergkamm, überrascht von der plötzlichen Weitsicht, fällt sein Blick hinunter nach Ascona und den See. Orte und Landschaften schönster Erinnerungen, schmerzhaft in diesem Moment. Er bleibt eine Zeitlang wie angewachsen stehen, möchte ewig hier stehen bleiben, versucht die Zeit zurückzudrehen, kann sich kaum losreissen und weitergehen. Eine sonderliche Vertrautheit überkommt ihn déjà-vu-artig. Könnte man auch sagen: das war ein sich-Auflösen-Auseinanderfallen-neu-wieder-Zusammensetzen-Erlebnis (siehe Seite 168)? Nach einer kleinen Ewigkeit steigt er wie verwandelt voller Zuversicht den Hügel hinunter, seinen neuen Abenteuern im Malcantone entgegen.
„Der Weg ist das Ziel“, eine wahrlich inflationär geäusserte Weisheit. Auch für Erich gilt dieser Satz, allerdings nicht freiwillig gewählt, sondern mehr seiner Ratlosigkeit wegen. Spontane „Abkürzungen“ wurden oft zu Umwegen, die in Sackgassen mündeten. Sie haben trotzdem an irgendwelche Ziele geführt. So musste er auch auf seiner "Pilgerreise" mehrmals umkehren, da kein Vorwärtskommen mehr möglich war, und neue Wege finden. Immer wieder mal eine belastende Herausforderung: wenn er nicht entscheiden kann, ob nach links, nach rechts oder wohin überhaupt zu gehen sei. Seine grosse Freiheit bedeutet auch, permanent auswählen, weglassen müssen. Zweifeln, ob der gewählte Entscheid auch der „richtige“ sei. Schlussendlich strandet er in Breno im Castello bei Stefan G., ehemaliger Bauführer in Bern, Aussteiger, ideenreicher Alleskönner, Konstrukteur. Bei ihm bleibt er bis zum Spätherbst 1985 und baut Trockenmauern, zerteilt Baumstämme zu Brettern auf Stefans grossen Gattersäge, verrichtet Arbeiten, die er sich niemals zuvor zugetraut hätte.
Stefan stöberte vor wenigen Jahren in den Ruinen der leerstehenden ehemaligen Lungenheilstätte für Tuberkulosepatienten in Agra herum, bargt manche Kostbarkeiten, entdeckte im Archiv der Röntgenabteilung Berge von Röntgenbilder, wer weiss: eventuell darunter auch einige der ehemaligen Kurgäste Erich Kästner und Berthold Brecht. Darauf suchte er in der ganzen Schweiz unzählige Arztpraxen auf, um „unentgeltlich“ ihre abgelaufenen Röntgenbilder zu entsorgen. Wegen des darin enthaltenen Silbers konnte er diese zu besten Preisen verkaufen und damit den Kauf des grossen Castellogrundstücks inklusive zwei Rustici ermöglichen.
Um zu seinem Gelände zu gelangen hat Stefan über ein tiefes Tobel hinweg zwei Drahtseile gespannt, daran eingehängt schaukelt ein umgebautes Velo, also, wie kann das erklärt werden, man setzt sich vorsichtig auf die Konstruktion, dreht dessen Pedalen, die oben vor der Nase liegen, mit den Händen, und kann so bequem die Schlucht überqueren.
Ennet des Tobels haust ein halbverwilderter Pferdehalter dessen Tiere des öfters ausreissen, und der, wenn man die Pferde wieder zurückbringt, grimmig dreinschauend mit einem Gewehr in der Hand herumfuchtelt. Wem die Drohgebärden gelten, vielleicht den Ausreissern, oder den Eindringlingen? ist nicht auszumachen.
Ein umgänglicherer Nachbar, Besitzer einiger schöner Esel, etwas abseits in einem ausgebauten Rustico lebend, ist K., gepflegt, seriös, belesen, kultiviert. Immer perfekt gekleidet. Ein paarmal ladet er zum Spaghettiessen ein, seine Freizeit verbringt er mit Cello spielen, was er sonst tut, keine Ahnung. Einmal ladet er die Castello-Bewohner zu einem Konzert ein. In einer grossen Kirche unten im Tal findet das feierliche Ereignis statt. Da zeigt sich: K. ist in vorzüglicher Solocellist, der mit seinen sanften Tönen alle Herzen zum Schmelzen bringt. Ab sofort ist für Erich das Cello Instrument Nummer 1. Interessanterweise wird K. nie in Begleitung gesichtet. Auch in und um sein Haus finden sich keine Anzeichen eventueller Besucher*innen. Das kann Erich feststellen, nicht weil er aus Neugier ums Cellisten-Rustico herumstreift, sondern weil dort sein Maultier bei den Eseln für einige Zeit Gastfreundschaft geniessen darf.
In Breno inspirieren ihn die beiden Künstlerinnen M., die ihm den Holzschnitt näher bringt, und I., mit der er einige ungewöhnliche Abenteuer erlebt. Interessant ist auch M., charmanter Erzähler und Mann der Tat, Erfinder des automatischen Frühbeetöffners (arbeitet selbsttätig mit Sonnenenergie), der damit, so hört man sagen, ein Vermögen gemacht hat und mit seiner sechsköpfigen Familie als Aussteiger in einem Rustico mit Trockenklo etwas ausserhalb des Dorfes lebt. Sein selbsterstelltes, mit farbigen Mosaiken verziertes Naturswimmingpool zieht junge Bewunderinnen aus nah und fern an, die sich im frischen Wasser abkühlen wollen und denen er sich ausgiebig widmet, derweil seine Frau im Haus nach dem Rechten sieht. Im Herbst wird es kühl und feucht in Erichs improvisierter Waldbehausung. Die Zeit der Entscheidung naht und damit auch wieder die Frage: Wie weiter? Versuchen, irgendwo Fuss zu fassen? Aber wo?
Herbst. Er entscheidet sich, den Winter in der Deutschschweiz zu verbringen, findet eine Stelle im Spital Uster. Das bedeutet: aus dem Tessinerwald direkt ins Spitalpersonalhaus zügeln und versuchen, deswegen nicht auseinander zu brechen. Er muss aktiv werden, darf sich nicht in an vergangene Zeiten verlieren. Neue Leute kennenlernen, lange Spaziergänge, lesen, Westernreiten lernen, in der Genossenschaftsbeiz verkehren, sich auch ein paarmal in einem Übungskeller musikalisch die Finger verbrennen. Doch, in Uster läuft es überraschend gut, fühlt er sich in kurzer Zeit wohl. Er ist beliebt bei den Krankenschwestern auf der Intensivstation, bekommt verantwortungsvolle Aufgaben zugeteilt, und einmal, bei der Überwachung einer EKG-Ableitung im Stationszimmer, merke er plötzlich, dass nicht nur der Puls des Patienten heftig ansteigt und sich die Extrasystolen bedrohlich vermehren, sondern auch, dass sein eigener Puls beim Anblick der neben ihm stehenden Krankenschwester in Unregelmässigkeiten gerät. Ein leichter Hauch von verliebt sein lupft seine Stimmung, er wird richtig mutig und denkt sich, eine Anfrage zu einem gemeinsamen Kafitassennachmittag wäre doch eine gute Gelegenheit, sich etwas besser kennenzulernen. Doch die in seinen Fokus Geratene teilt ihm in einem lieben, netten, verständnisvollen Brieflein mit, es sei leider derzeit für sie nicht möglich, sich Erich mehr anzunähern.
1986. Dann erblickt er die erste Frühlingsblumen, jetzt drängt es ihn weiter. Der Abschied fällt wieder schwer, doch Dableiben kann er nicht. Erste Station: Willisau, Jazz-Festival. Trotz der heissen Klänge taut er nicht auf. Was, gopferteli, hindert ihn, in Kontakt zu anderen Leuten treten? Ärgerlich, dass er sich unter Menschengruppen immer nur noch einsamer fühlt. Am übernächsten Tag reist er ins Wallis, lebt ein paar Wochen bei Freunden auf ihrem Biohof, im Wickert, oberhalb Brig. Zuerst müssen die Wasserfassungen der Leiten (Suonen) oben am Berg vom Schnee freigeschaufelt und instand gesetzt, der ganze Lauf der Leiten kontrolliert und herausgeputzt werden. Im Sommer wird das Weideland gewässert, später heisst es heuen: Gras mähen, zetten, zusammenrechen, aufladen, mit dem Gebläse in den Heustock befördern. Viel Staub, Durst, Schweiss. Ein Rhätisches Grauvieh kaufen, dem Wickert schenken für Kost, Logie und Gastfreundschaft, und den „eigenen“ Biokäse somit doppelt geniessen. Den Zmorgekaffee mit Geissenmilch verdünnen, gewöhnungsbedürftig. Zusammen mit Andy, Brigitt und Stefan, den drei ausgestiegenen Einsteigern vom Wickert aufgekratzt wilde Fahrt amab uff Gampel ans eerschti Rockfestival im Wallis. Am Steuer des grasgrünen Döschwos der dauerbekiffte Thöme. Ein Walliserrockfestival sozusagen vor der Haustüre. Ja aber Hallo! Da ist man selbstverständlich mit dabei.
Im Juni reist er an eine Anti-AKW-Demo in Gösgen. Im Tränengasnebel begegnen sich Erich und Marlis zum ersten Mal.

Unsere Kinder sind «einfach so» zur Welt gekommen. Soweit ich mich erinnere, waren unsere Kinder nicht geplant, es gehörte einfach dazu, zu einer Familie, und möglichst viele, hatte wohl wieder was mit dem irren Wahn nach Erfolg zu tun. Erfolgreich ist, wer viele Kinder hat, die Versager sind die Alleinstehenden und Kinderlosen. Junggesellen sind Helden, weil Männer.
Ich habe ja während der Schwangerschaft von Alexandra meine Frau sehr unterstützt, ja, in einer kritischen Situation geradezu bedrängt, das Kind zu behalten, als Blutungen aufgetreten waren. Ich wollte Alexandras Vater werden. Als Alexandra am 10. August 1975 zur Welt kam, fuhr ich nach der Geburt jauchzend und singend im offenen 2CV4 nach Basel zu meinen Schwiegereltern, um diesen das Ereignis mitzuteilen. Das waren noch handtelefonfreie Zeiten. Ich war unglaublich glücklich über die Geburt von Alexandra, das war ganz und gar zwecklos, also ohne Zweck, einfach so, zu empfangendes Glück. Alexandra wurde zuerst vom behandelnden Arzt ein lahmes Ärmchen diagnostiziert, dabei war bei der Geburt das Schlüsselbein gebrochen.
Natürlich hatte ich als Linksintellektueller meine Vorstellungen von Erziehung. Und geprägt von meinem Elternhaus, sollte die ganze Erziehung revolutionär sein, anarchistisch, zur Freiheit führend, das Kind selbst entscheiden lassend. Ich ging so weit in meinem gesellschaftlichen Fanatismus, zu sagen, alle herkömmlichen Familienstrukturen müssten zerstört werden. Irre war dies, Baader-Meinhof lassen grüssen. Es war, was war, und heute bin ich ja diesbezüglich eher auf Rechtskurs, auf Konservativ was Erziehung betrifft. Aber der Reihe nach.
Schon ein Jahr später kam Raphael zur Welt. Und ich hatte handfest mein Problem. Die kleinen Mädchen sind aufgrund meiner Geschichte liebenswerter als die Buben. Ich möchte mich hier bei Dir, Raphael, der du Bub warst wie ich, entschuldigen, um Verzeihung bitten, was ich unterlassen habe, Dir zu geben. Da ist grosse Trauer deswegen, oft auch Schuldgefühl. Es hat mal jemand gesagt, was ich voll unterstütze, bei Familienforschung und Biographiearbeit gebe es nur die absolute Ehrlichkeit.
Wir hatten ein Kätzchen, Graupelzchen. Es war Alexandras Kätzchen. Graupelzchen mochte mich und Raphael nicht. Wir waren auch nicht immer freundlich zu ihm. Das Kätzchen ist noch im jungen Alter verschwunden. Ich sehe jetzt noch wie Alexandra darunter gelitten hat. Ich habe zu jener Zeit zu wenig meinen Kindern gegeben, war nicht präsent. Alexandra sass mal traurig in der Stube und wollte mit mir spielen. Und ich sagte, ich müsse Plakate vorbereiten zum Verteilen für den AKW-Widerstand. Solche geschehenen Momente machen mich noch heute tief traurig; schwermütig ist das bessere Wort. Darum gibt es schon seit langem Kindern gegenüber kein «ich habe keine Zeit» mehr.
Aufgezogen habe ich die Kinder wenig. Ich meinte, ich müsste Elsbeth sagen, wie Erziehung geht. Ich wusste ja wie, meinte ich Theoretiker. Vielleicht stelle ich mich schlechter dar, als ich war. Ich denke und höre von Elsbeth, ich hätte auch viel für die Kinder getan. Ich bin halt so selbstkritisch, dass schlecht Geleistetes mir als grosses Übel erscheint. Von daher fällt mir vieles in meinem Leben schwer einzuschätzen. Ich frage mich auch immer, ob ich viel oder eher wenig gearbeitet, geleistet, habe. Ich kriege halt nicht so oft Rückmeldung, was mir aber sehr wichtig wäre, da dem auch völlig als Kind mir mangelte. Und wenn Rückmeldung, dann war es einfach Schelte in Form von Niedermachens, ohne einen direkten Zusammenhang zum Geschehenen zu erkennen. Schwarze Pädagogik. Gewollt oder ungewollt? Das Verzeihen ändert wenig am Resultat, jedoch an meinem zukünftigen Verhalten. Das ist wichtig und gut. Vater sein war mir noch wenig bewusst. Vater sein hat auch heute noch irgendwie etwas Abstraktes. Es gibt Gottvater, den Allmächtigen. Es gibt den gütigen Vater. Den reumütigen Vater. Den strafenden Vater. Ich möchte heute der liebende und gütige und weise Vater sein. Weise Mütter gibt es schon genug.
Mir erscheint wirklich sehr wichtig, unsere Rolle als Eltern oder Grosseltern auch auf dem Hintergrund unserer eigenen Erziehung und Geschichte zu reflektieren, zu verstehen, und Schwieriges zu transformieren. Dazu wird mir in späteren Jahren der Buddhismus viel aufzeigen.

Zu jener Zeit hatte Politik und Gesellschaftliches Engagement nicht mehr so einen Fixpunkt für mich. Ich muss gestehen, in jenen Jahren war ich sehr mit Beruf und meinem Privatleben beschäftigt. Natürlich war ich ein regelmässiger Zeitungsleser wie auch war mir Pflicht, immer abstimmen zu gehen. Ich war auf jeden Fall immer eher stramm links eingestellt, was sich dann später etwas ändern sollte.

Es kamen jetzt sehr unruhige Jahre. Wohnungswechsel lagen an der Tagesordnung, im Schnitt wohl so jährlich. Nach dem Auszug bei meiner Familie, was mich jetzt schmerzt beim Niederschreiben, ging ich in die WG neben der Bäckerei Furter zu Rolf Lutz. Wir waren dort einige Spinner, wobei auch ein späterer SP-Regierungsrat dort ein und aus ging. Rolf trug eine Löwenmähne, dunkel, mit einer grauen Haarsträhne vorne. Und auch Bart. Er war schweizerisch-pakistanischen Ursprungs und der Liebhaber einer Schulleiterin, die immer an unseren Sessions teilnahm. Jeden Samstagabend war so etwas wie eine Psychogruppe, wozu wir Algerierwein tranken. Die Leute, die dort wohnten, hatten auch Einzelstunden bei Rolf. Man ass natürlich zusammen. Dort lernte ich die Liebe zum Kochen. Einmal bereitete Rolf Couscous auf dem Ofenblech zu und wir konnten mehrere Tage davon essen. Das machte mir dermassen Eindruck, dass ich begann zu kochen und dies zu lieben. Später zog ich in ein kleines Häuschen in Dintikon. Dort kamen auch meine kleinen Kinder zu Besuch. Die Vermieter hatten auch Kinder. Sehr schön zu wohnen war es in Neuhausen bei Schaffhausen, im sogenannten Schlössli bei Ursula, Pesche und Cyrill. Das Schlössli hatte einen wunderschönen Park zum Spielen und Verweilen. Kamen meine Kinder zu mir, noch ohne Katharina, liefen wir meist vom Bahnhof Schaffhausen zu Fuss nach Neuhausen. Auf dem Weg hatte es einen kleinen Fussballplatz, wo wir dann Halt machten, und Fussball spielten, alleine oder mit anderen Kindern zusammen. Kürzere Zeit über wohnte ich in einer WG zu Dritt mit Barbara in Olten. Und ich lebte an mehreren Adressen in der Stadt Zürich. Am meisten zu Besuch kamen die Kinder zu Alfons, Brigitte, Lydia, Roger und Astrid an den Feldblumenweg. Die Wohnung lag direkt bei einer Freizeitanlage mit zwei Eseln. Jetzt kam auch Katharina zu Besuch. Drei Kinder waren manchmal etwas viel für die Wohnung, aber es war gemütlich, besonders mal an einer Silvesterfeier.
Ich war eine unruhige Seele, viel am Rumziehen, etwas Stabiler bei der Arbeit, auch nicht sehr stabil in Beziehungen zu Frauen, die ich suchte. Die Heimat war eher ausgelagert in die Ferienzeiten, sei es alleine oder mit den Kindern.

Reisen bedeutete seit meiner Kindheit Leben. Es war Bewegung im Hier und Jetzt. Es war auch Heimat, da war ich bei mir, mit wenig Habseligkeiten unterwegs, und meist mit meinen Liebsten, Frauen, Kindern, Enkeln.
Ich besuchte fast alle Länder Europas, zu Fuss, mit dem Auto, mit dem Zug. Weiter ging es nur einmal wegen meiner Flugangst, nach Marokko. Und Naher Osten per VW Käfer. Ich picke ein paar Rosinen heraus: Bergün, Wiesen, Spanien, Sizilien, Griechenland, Cinque Terre, Toscana, Ungarn, Ostdeutschland. Bergün: Dies war der Ort für Winterferien. Meistens mit der Familie Herrmann zusammen, den Schulfreunden von Alexandra und Katharina, Annelies und Moritz. Schlitteln stand im Zentrum. Auch Nachtabfahrten. Einmal gingen wir noch so spät mit dem letzten Zug hoch nach Preda und es schneite schon stark, dass eine Abfahrt nicht mehr möglich war des Neuschnees wegen, und wir liefen die ganze Schlittelpiste runter. Die Frauen machten sich grosse Sorge wegen unseres langen Fernbleibens. Wir gehen ja auch heute immer mal wieder nach Bergün oder Preda, tageweise, und alte Erinnerungen auffrischend. Wir wohnten in dem alten Kurhaus, gehörend der Familienherberge. Grosse, alte Zimmer, mit antikem Bad/WC. Ein langer Hausgang zum Spielen. Im ganzen Haus und Lift durften sich die Kinder und mitspielende Erwachsene wie ich vergnügen. Bei Räuber und Polizist spielen oder Verstecken spielen.
Wiesen: Auch hier gehörte das alte Hotel den Familienherbergen. Im Winter waren wir nur einmal hier, zusammen mit meiner Regula und Noldi vom Bülacher Heim. Hingegen waren wir im Sommer mehrmals in Wiesen, und zwar unten beim Bahnhof im alten Bahnhofgebäude. Das war ein tolles Haus. Da hatte es auch Sauna und immens viel Platz zum Verstecken spielen. Und spielten wir draussen, war da neben dem Bahnhofgebäude das historische Landwasserviadukt, worüber die Eisenbahn fuhr. Hier war übrigens zum ersten Mal Yvonne mit in den Ferien.
Spanien: Zuerst eine Anekdote aus früherer Zeit, als ich alleine, noch ledig, mit Elsbeth in Torredembarra Ferien verbrachte, in einem schönen Bungalow. Ich habe noch jetzt beim Niederschreiben einen Geruch in der Nase vom Haus, der Stimmung, dem Essen im Häuschen und davor. Also, wir waren dort mit unserem hellblauen VW-Käfer. Der Verwalter meinte bei unserer Ankunft, hier würde oft eingebrochen, es sei sinnvoll, die Wertsachen im Auto zu deponieren. Taten wir, und am nächsten Tag war das Schiebedach vom Käfer aufgeschlitzt und dann von innen die Türe geöffnet worden. Weg waren die Traveler Cheques. Sie waren versichert, und unsere Ausweise, die waren etwas schwieriger zu ersetzen. Wir mussten aufs Konsulat nach Barcelona, um ein sogenanntes Laisser-Passer erstellen zu lassen, als ID-Ersatz. Das dauerte ein paar Tage, und ich gab mit Freude Verlängerung der Ferien beim Schweizerischen Bankverein ein. Zu Hause wieder, nach etwa zwei Monaten, kam ein Check aus Spanien über Dreihundert Franken. Was war passiert? Die Diebe waren mit dem geklauten Führerschein einen Wagen mieten gegangen und dann bald verhaftet worden. Das anbezahlte Depot erhielt ich zurück, da ja der Führerschein auf meinen Namen lautete wie auch der Mietvertrag. So kann man auch bei einem Diebstahl profitieren und Geld verdienen.
Beim Niederschreiben jetzt empfinde ich Schwere. Es war viel, was ich alles erleben durfte. Vielleicht manchmal zu viel. Ich lebte immer sehr intensiv. Vielleicht empfinde ich auch Traurigkeit über das Verflossene. Und ich merke, alles war ja verbunden mit Menschen.
Heute fühle ich mich auch oft alleine. Oder alleine auf meinem Weg. Nicht so verstanden. Die Weggefährten haben sich auch verändert oder sind weggefallen, Neue dazugekommen, aber bedeutend weniger als früher. Zurück zu Spanien.
Der Vater einer Kollegin hatte ein Haus in Spanien, in Javea. Dort durften wir zweimal Sommerferien verbringen, vom Feinsten, in toller Villa, mit Swimmingpool und Garten. Yvonne und die Hündin Djerba und je einmal Yvonnes Mutter und Annelies, die Freundin von Alexandra, waren mit dabei. Zu dieser Zeit existiert übrigens ein wunderschönes Ferien-Tagebuch, geschrieben von uns allen, tageweise abwechselnd. Beeindruckend und liebevoll. Und die Kinder lernten schreiben und sich sprachlich gut ausdrücken.
Einmal fuhren wir im roten Opel, einmal im alten Peugeot hin. Da wir jeweils nicht alle im Auto Platz fanden, gab es auch eine Zuggruppe. Natürlich waren wir auf der Hinfahrt in Barcelona die berühmten Sehenswürdigkeiten anschauen wie die weltbekannten Werke von Antoni Gaudi, die Sagrada Familia und den Park Güell. Und übernachten taten wir öfters im Auto resp. einige schliefen neben dem Auto am Boden auf Schlafsäcken liegend, mit Blick zum unendlichen Sternenhimmel. Einmal fuhren Annelies, Alexandra, Katharina und ich eine Woche früher los und wir besuchten noch Andalusien, mit einem feinen Mittagessen auf Kreditkarte, was Katharina so lustig empfand damals. In Javea gab es eine kleine Eisenbahn, mit welcher man eine Stadt-Sightseeing-Tour machte; besonders für Josy ein Gaudi. Als wir mal abends im Nachbarort zu einem Stierkampf fuhren, zwängte sich Djerba zum geöffneten Fenster raus und haute ab. Wir mussten bis zum frühen Morgen dann in der Altstadt Djerba suchen gehen. Und dann war da der Zoo mit dem Äffchen und Katharina. Von wo auch ein Bild von Luca besteht mit dem Äffchen, in einem andern Jahr aufgenommen, da Lucas Verwandte in Javea ein Haus hatten, und er dort auch Ferien verbringen durfte.
Katharina hatte ja immer in den Sommerferien Geburtstag. Da gab es obligate Kuchen. Einmal gab es Cremeschnitten und den Kindern schmeckten sie nicht. Ich wurde sauer und ass demonstrativ noch zusätzlich von ihren Cremeschnitten, bis ich bemerkt habe, dass diese unter dem Gussdeckel grünschimmlig waren. Vertraue dem Gefühl deiner Kinder!
Italien: Dies war immer noch mein Lieblingsland, mein Lieblingsreiseziel. Alexandra und Raphael waren kaum zur Welt gekommen, befassten Elsbeth und ich uns mit dem Gedanken, nach Italien auszuwandern, in die Toskana. Zusammen mit Erwin und Ruedi und Vreni Wahl fuhren wir damals in die Gegend von Colle Val d`Elsa Häuser anschauen. Ruedi und Vreni haben sich dann sehr rasch für ein Haus und Grundstück entschieden. Für uns andere war es eine unvergessliche Erfahrung. Es war in meinem Leben nicht der einzige Versuch auszuwandern. Anfangs Zwanzig liebäugelte ich mit Israel und Australien. Irgendwie fehlte mir immer der Mut zu den grossen Taten. Wie wäre dann mein Leben verlaufen?
Zurück zu Italien. Italien war eher das Land, alleine Ferien zu verbringen, sei dies in der Cinque Terre oder in der Toskana. In die Cinque Terre ging ich viel alleine wandern, oder mit einer Freundin zusammen das Verliebtsein geniessen. Es gab damals noch direkte Zugverbindungen von Zürich nach Sestri Levante. Es war noch günstig und hatte wenig Touristen und es gab auch noch den Hippiestrand, wo man vom Weg 300 Höhenmeter runtersteigen musste, und blütteln durfte. Es waren teils sehr ausgefallene Ferien, woran sich die Beteiligten vielleicht gerne erinnern mögen. In der Toscana gab es das Universo Piccolo. Ein kleiner Gästebetrieb für etwa zehn Menschen, geführt von den Schweizern Gallo, Erika, Rodolfo und Verena. Dort war Individualismus möglich tagsüber, wie aber abends beim Essen und mit Abendaktivitäten das Gemeinsame zu geniessen, sei dies mit Singen, Spielen, Diskutieren. Zum Frühstück immer die Frage, mit oder ohne Ei? Das Haus lag in einem kleinen Weiler auf einer Anhöhe mit prächtigem Blick und hinter dem Weiler war der typische Toskanawald mit Wildschweinen und Kastanienbäumen. Das Universo gab sporadisch eine Zeitung heraus zum Nachlesen der neuesten Nachrichten. Kam man per Bahn in Firenze an fuhr man mit dem Bus nach Colle und wurde dort im Garibaldi beim Morgenkaffee abgeholt. Immer das selbige Ritual. Ich fuhr auch mal mit Monika im gelben VW hinunter und kurz vor dem Universo schlidderte ich rechts von der Strasse ab in den Graben. Gleich zwei Pneus platt, unüblich, gab zu tun zum Reparieren und auch liebevollen Spott von der Gemeinschaft. Ich habe im Universo auch den Verlust meiner Liebe von Regula verarbeitet, mit Ritualen in der kleinen Kirche. Mit gefüllten Präservativen und Blumen. Zweimal war ich dort mit Ferienlagern vom Heim in Bülach. Als Begleiter waren da auch Ursula, Marisa, Norbert, Adrian und Erwin mit dabei. Und Stargast Kurt Fausch. Eindrücklich, beglückend, manchmal auch schwierig. Viele Ausflüge, per Auto oder zu Fuss, Philosophieren, Trauern, Freude, vielleicht der wichtigste Ferienort in meinem Leben. Danke Gallo. Danke euch Allen.
Auch noch zu erwähnen die frühmorgendlichen Ausflüge ins nahe gelegene Bhagwan/Osho Zentrum zur Dynamischen Morgenmeditation. Ich habe gelebt.
Griechenland: Raphael und ich fuhren im roten Opel Richtung Peloponnes. Über Ungarn, Rumänien, an die Grenze an der Donau zu Bulgarien. Etwa 15 Kilometer vor der Grenze war Stau, durch die ganze Grenzstadt hindurch bis zur Schiffsstation an der Donau. Im Laufe des Nachmittags kamen wir an, es sollte bis kommenden Vormittag dauern, bis wir einschiffen konnten. Im Schritttempo gings durch die Nacht hindurch vorwärts. Zwischendurch etwas einnicken, Musikanten schlenderten der Autoschlange entlang, Trödler, Getränkehändler. Man sprach miteinander. Es war unterhaltsam. Irgendwann erblickten wir dann am frühen Morgen die Donau und Schiffe. Es fuhren mindestens zwei Fähren gleichzeitig an einem der Ufer los. Es war ein richtiges Durcheinander von ankommenden und auf das Schiff wartenden Autos. Als wir kurz vor dem Einschiffen waren, und ein Schiff zur Hälfte mit Autos beladen war, drehte der Kapitän durch und fuhr einfach los Richtung Bulgarien, ohne das Schiff mit Autos ganz zu füllen. Dies erklärte einiges, warum es so lange dauern sollte die Donau zu überqueren.
Dann fuhren wir durch Bulgarien, besuchten die Rilaklöster im Süden des Landes, und durchquerten noch ganz Griechenland bis Kalamata an der Südspitze des Peloponnes. Inzwischen waren Yvonne und Katharina mit der Fähre von Italien nach Korfu gefahren und von dort mit einem Bus nach Kalamata.
Katharina muss schrecklich gelitten und laufend erbrochen haben während der Busfahrt. Glücklich und erschöpft kamen wir alle von der weiten Reise an und genossen dann das Ferienhäuschen in der kleinen Altstadt, mit der alten Frau als Vermieterin und den Katzen und Hunden. Der Strand war nahe und wir genossen unsere Ferien, wieder am 26. Juli mit einem spektakulären Geburtstagskuchen für Katharina. Während dieser Ferien war es das erste Mal, dass ich in Ferien Konfitüre machte und einige Gläser heimnehmen durfte: Feigen-Konfitüre!
Ungarn: 1989 fuhren Alexandra, Raphael und ich im roten Opel Richtung Ungarn. Zuerst gingen wir Schloss Neuschwanstein besuchen, märchenhaft und beeindruckend. Danach gings der Donau entlang durch Österreich Richtung Ungarn, wo wir ein kleines Häuschen gemietet hatten, am Balatonsee. Einmal machten wir einen Ausflug in die einsame Puszta, wo wir im Freien übernachteten. Es sollte das letzte Jahr im real existierenden Sozialismus sein. Bei unserem Häuschen wimmelte es von Leuchtkäfern nachts, ein unglaubliches Spektakel. Und in jenen Tagen, es hatte auch viele Ostdeutsche am Balaton, öffnete Ungarn die Grenze zu Österreich, und die Fluchtbewegung besonders von Ostdeutschen begann. In wenigen Wochen sollte die Mauer fallen. Wir waren Zeitzeugen der Geschichte!
Ostdeutschland/DDR: Kurz nach der Wende machte ich mit Katharina eine Reise durch Deutschland. Zuerst ging es nach München. Dort ans Fussballspiel Bayern gegen 1860 München. Weiter Richtung Erfurt, Wartburg besichtigen, Weimar. Hier sehe ich uns immer noch Kuchen essen, die Parks besichtigen, die Kulturstätten von Goethe und Schiller besuchen. Ich habe mich immer sehr darum bemüht, meinen Kindern Kultur und Landschaften und Städte auf Reisen zu vermitteln, sie zu bilden. Dies durfte ich auch mit meinen Eltern geniessen. Es ging dann weiter nach Leipzig. Hier stand wieder Fussball auf dem Programm. Im alten Zentralstadion, noch Original von Olympia 1936, spielten Leipzig gegen Kaiserslautern, mit dem ehemaligen Aarau-Spieler Ratinho. Dieses Stadionoval, fassend gegen 100 000 Zuschauer, war immens beeindruckend. Eine riesige Flutlichtanlage aus vergangener Zeit, und wir sassen auf Steinplatten wie in einem alten Stadion der Römer, einer Arena.
Wir übernachteten teils auf Zeltplätzen, teils in Jugendherbergen. Zum Abschluss gings für uns begnadete Autofahrer noch westwärts bis Bochum, nochmals zu einem Fussballspiel, Bochum gegen Dortmund. So eine Reise brachte uns jeweils enger zusammen, war immer beziehungsfördernd. Weisch no, Katharina?

Im Frühjahr 1980 begann ich meine dreijährige Ausbildung in Olten im Wohnheim „Stiftung zugunsten geistig Behinderter und Cerebral Gelähmter“, heute Stiftung Arkadis. Von Anfang an fühlte ich mich erstmals wieder leicht beim Schaffen und als Hahn im Korb bei den vielen Frauen. Wir hatten noch geteilte Dienste. Nur jeweils eine Person arbeitete über die Mittagsstunden und am frühen Nachmittag. Meist bedeutete dies, Kleider nähen, flicken. Ich fuhr in der Regel mit dem 2CV4 zur Arbeit von Aarau. Die Mittagspause verbrachte ich meist lesend und schlafend in meinem WG-Zimmer bei Rolf im Haus neben der Bäckerei Furter. Ich entwickelte von Anfang an im Heim einen Draht zu den wenigen psychisch behinderten Menschen. Da waren Herr Weise, Rösli, Klaus, Herr Flury, an deren Namen ich mich erinnere. Der Heimleiter wie auch die meisten Kolleginnen arbeiteten lieber mit den «einfacheren» Mongoloiden zusammen oder den leicht geistig Behinderten. Auch der Körperbehinderte Bruno hatte sehr viel Kredit. Von Markus lernte ich die sogenannt zweite Stimme von I ghöre es Glöggli, welche Melodie ich heute noch meinen Enkeln singe. Eines Tages entdeckte ich auf der Präsenzliste des Heimleiters, dass Rösli fehlte. Der Heimleiter wusste nicht warum. Eine Woche später brachte sich Rösli um, mit etwa dreissig angesammelten Melleril-Tabletten. Vorahnung. Im Sommer 1980 gings nach Saas-Grund ins Ferienlager. Ich organisierte für dort einen Telefonanruf von Sylviane, die mir melden sollte, Katharina sei zur Welt gekommen, ich solle nach Aarau ins Spital kommen zu Besuch. Elsbeth wollte halt, da wir uns getrennt hatten, meinen Besuch nicht. Im April hatte auch die schulische Ausbildung auf dem Herzberg mit einer Kurswoche begonnen. Hier hatte ich mich sogleich in Sylviane verliebt. Traurige und freudvolle Zeiten.
Ich war während meiner Ausbildung ein frecher Kerl. Bei der Arbeit wie in der Schule. Mein Motto war, mit möglichst wenig Aufwand den maximalen Erfolg zu erreichen, was gut gelang. Meine Arroganz ging so weit, dass ich mit Eugen zusammen dem Lehrer sagte, wir kämen erst Mitte Woche in die Kurswoche nach Wildhaus, dies würde längst reichen um am Freitag die Prüfung als Klassenbeste abzuschliessen, was auch so passierte. Und eine Verwarnung der Schulleitung gab es. Auch bei der Arbeit gab es einmal eine Verwarnung mit Drohung auf Rausschmiss aufgrund meines extravaganten, hochnäsigen Verhaltens.
Im Fach Deutsch der Berufsschule bekamen wir die Aufgabe, ein Buch herauszugeben. Da ich zu jener Zeit Gedichte schrieb, entschied ich mich, einen Gedichtband herauszugeben.
Das violett eingebundene Büchlein trug den Titel «Erdrausch und Neuwuchs». Ich gebe hier zwei dieser Gedichte wieder:
in einem zürcher restaurant
hände halten
den kaffee fertig schlürfen
an der zigarette ziehen
rollmöpse zu 2.20/3.80
oder formaggini zu 6.oo
die postkarten an der wand erzählen andere geschichten
bier schlürfen
haare streicheln
das kassengeklimper
weinflecken auf `m holztisch
liebesbeweise
die gesichter an den tischen erzählen andere geschichten
begegnung
choatisch
denke ich
verstehe deine sprache nicht will ich sie verstehen? denke
ich
trottel
ich fühl doch
ich mag dich so
Die Abschlussprüfung bestand ich sehr gut, eigentlich war ich die meiste Zeit über eher unterfordert.
Es gab Leute, die meinten, nach einer Heimerzieherausbildung, wie dies damals noch hiess, sei man Heimleiter. Sicher nicht, jedoch bei mir passierte dies. Ich bewarb mich nach Ausbildungsende in Bülach zum Aufbau eines Kleinheimes als männlicher Gruppenleiter, gesucht wurde auch eine weibliche Gruppenleiterin. Diese ward nicht gefunden, und so erkor mich der Stiftungsausschuss zum Heimleiter, verantwortlich für den Aufbau und die Leitung des Kleinheimes. Ich begann mit drei Listen: Auf der ersten Liste standen Einrichtungsgegenstände, auf der zweiten Liste einige wenige Namen von behinderten Menschen, die ins Heim aufgenommen werden wollten, und auf der dritten Liste drei Namen von möglichen Mitarbeiterinnen. Die ersten beiden Teilzeitstellen waren bald besetzt, mit Barbara und Regula. Wir machten uns ans Einrichten der drei Wohnungen im Lindenhof in Bülach, intern mit einer Wendeltreppe verbunden. Und die ersten Gespräche mit Angehörigen und behinderten Menschen wurden geführt. Für mich war das Heim irgendwie auch ein Daheim. Fast Tag und Nacht war ich anwesend und im Einsatz. Ich knüpfte viele Kontakte am Ort und in der Region. Ich fühlte mich gefordert und glücklich. Schwierig wurde es, als eine behinderte Frau von einem sexuellen Übergriff seitens eines ehemaligen Mitarbeiters ihrer früheren Institution zu sprechen begann. Dies gab viel zu tun mit Feinfühligkeit und auch Konsequenz und Durchsetzungsvermögen. Zu jener Zeit nahm ich an verschiedenen Theaterworkshops teil, was mich faszinierte. Wir arbeiteten nach Strasberg und Stanislawski und Tibori. Dabei lernte ich eine Kollegin kennen aus Berlin, die hier Fuss fassen wollte. Also übernahmen wir noch eine therapeutische Wohngemeinschaft im Aargau, mit äusserst schwierigen Psychiatriepatienten. Wir wohnten auch dort. Und ich ging noch als Heimleiter nach Bülach schaffen. In jener Zeit ergaben sich auch die ersten Kontakte mit der Klinik Königsfelden. Die Situation wurde nach wenigen Wochen zu schwierig und wir suchten für die Therapeutische WG einen Nachfolger.
Wirken im Wohnheim Lindenhof in Bülach war 1983–1987. Zu jener Zeit initiierte ich schon Ferienlager mit den behinderten Bewohnern, und das war mutige Pionierarbeit damals, im Tessin, in der Casa Solidarieta in Cavigliano, in einem wunderschön umgebauten Bauernhaus im Napfgebiet und in der Toscana, im Universo Piccolo. Als freiwillige Helfer kamen auch Freunde mit, beispielsweise Erwin. Um mit einem heutigen Ausdruck es zu sagen, das waren eindrückliche Events für alle Beteiligten.
Noch eine Anekdote aus Bülach: Kurt, ein Bewohner, sehr breit und kräftig, wir mochten uns sehr. Er hatte etwas von einem Gorilla, jedoch äusserst liebenswürdig. Eines Tages, nach einem Streit, meinte er: Er wünsche sich, wenn er dann mal sterbe, dass wir ihn ausstopfen und zu mir ins Büro stellen würden.
Nach vier Jahren im schönen Zürcher Unterland kam eine Umstrukturierungsphase auf das Heim zu und ich beschloss weiterzuwandern. Ich ging zur Caritas nach Olten, und durfte nochmals ein Heim aufbauen und leiten. Einer meiner damaligen Mitarbeiter hiess Rolf Lappert, heute ein prominenter, angesehener und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannter Schriftsteller. Ebenfalls ein wichtiger Mitarbeiter, eigentlich meine rechte Hand, wurde der allzu früh verstorbene Heinz Lübberstedt. Zu ihm verband mich mit der Zeit eine tiefe Freundschaft. Unsere Gäste in der wunderschönen alten Arztvilla auf dem Grundstück des Kantonsspitals kamen hauptsächlich aus Kurdistan, Sri Lanka, Pakistan und Indien. Es war eine tolle Aufgabe. Ich war auch fast rund um die Uhr dort. Der nächtliche Pikettmitarbeiter war selten allein im Dienst. Meist waren etliche von uns Andern auch dort und wir erlaubten uns auch mal, gegenüber in die Pizzeria zu gehen. Die Arbeit bestand im Vermitteln von Arbeitsstellen in Restaurants und mit Fussballoder Tischtennisspielen mit den Asylbewerbern. Auch mein Sohn Raphael ist oft zu Besuch gekommen zum Tschutten und gelegentlichen Mitessen von köstlichen selbst zubereiteten Speisen der Bewohner. Unvergesslich auch ein Mitarbeiterausflug in die Cinque Terre, leider nur zu Dritt, mit den beiden Heinzen, doch wir hatten das Gaudi für zehn Leute. Die beste Anekdote von dieser Reise: Auf meinen Vorschlag gab mir die Zugsbegleiterin ihre Mütze, Jacke und Tasche der italienischen Staatsbahn und ich ging meine Freunde und die übrigen Passagiere kontrollieren zum Gaudi aller. Ich hatte gesagt, wir fahren ohne Tickets. Also musste eine originelle Idee her. Was wohl die SBB dazu gemeint hätte?
Meine Arbeit endete von einem Tag auf den andern an einem Karfreitag mit fristloser Kündigung unter grossem Protest meiner Kollegen. Ich hatte mich entschlossen, Selver zu heiraten, damit sie und ihre Tochter Hatice hierbleiben konnten, was natürlich ein absolutes Tabu war, und meine Vorgesetzten zum Handeln zwang. Trotzdem, rückblickend, mein «schönster» Job in meinem Leben. Heinz L. hat auf dem Sterbebett zu mir gesagt, er sei aus dem Appenzell, und wenn ich mal ein Glöckchen schellen höre, sei er dies aus dem Jenseits. Dreissig Jahre nach seinem Tode war ich bei einem Medium und auch Heinz L. erschien und erzählte völlig stimmige Sachen aus der damaligen Zeit in Olten. You do not believe it! Danke, Heinz! Und Selver und ihre Tochter mussten in die Türkei zurück.
Es folgte dann meine dritte Heimleiterstelle in Zollikon bei Zürich. Ich stellte mich vor in einer Runde von circa zwanzig Mitarbeitern. Mein Vorgänger war beim VPM gewesen, einem Rechts stehenden Verein. Geführt wurde das Heim in jenem Moment von einem Kollektiv und man machte mir seitens der Mitarbeiter klar, dass sie keinen Chef wünschten. Trotzdem akzeptierte ich des Vereins Wunsch und wurde angestellt. Gleich von Beginn weg entspann sich ein Machtkampf zwischen den restlichen VPM Sympathisanten und den linken Frauen. Nach kürzester Zeit wurde ich vom Supervisor gerufen, da die VPM Leute die Entlassung der Linken forderten und umgekehrt. Eigentlich wollte ich gleich allen kündigen, doch hielt mich Yvonne zurück. Das Resultat war dann ein vierjähriger Abnützungskampf mit Allen als Verlierern. Die Betreuung der Bewohner war leider immer etwas zweitrangig. Jede Handlung wurde politisch betrachtet. Stress pur. Gegen Ende meiner Amtszeit bezichtigte eine Bewohnerin einen unbeliebten Betreuer des Übergriffes und die Frauen gingen auch auf mich los, ich müsse sofort diesen Mann entlassen. Es kam der Moment nach vier Jahren, wo praktisch alle Hauptbeteiligten zur selbigen Zeit kündigten und das Heim verliessen.
Ich überlegte mir, wie weiter. Klar, beruflich mir wieder eine Stelle suchen.
Dazu wollte ich jedoch noch eine Zusatzausbildung machen. Entweder als Sozialarbeiter oder als Tanzund Bewegungstherapeut. Ich entschied mich fürs Zweite, schien mir kreativer, lebendiger. Also machte ich in Bern bei Katharina Uthman eine vierjährige Ausbildung. Einziger Mann mit etwa zehn Frauen. Es war nicht einfach, besonders die Massage widerte mich oft an. Sobald es richtig künstlerisch wurde war ich im Element. Wir machten auch Aufnahmen, filmisch, von getanzten Choreographien, zu Themen, wie bei der Abschlussarbeit „Licht und Schatten“, am Beispiel meines Lebenslaufes. Nach Abschluss versuchte ich mehrmals mich für eine Stelle in einer Klinik als Tanztherapeut zu bewerben. Ich machte jedoch immer nur Zweiter, manchmal auch, da ich ein Mann war. Einmal durfte ich ein paar Wochen arbeiten, als Zweitstelle, in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel, als Stellvertretung. Ich war gerne in der Alterspsychiatrie tätig, wurde aber in allen Abteilungen eingesetzt. Zweimal bot ich auch im Zürcher Unterland Gruppen an, was Freude bereitete.
Mit der Ausbildung, da ich ja auch Geld verdienen musste, begann ich auch wieder mit einer Festanstellung. Kurz bevor mein Vater 1995 verstarb, stellte ich mich bei Jakob Blickenstorfer in der Klinik Hard in Embrach vor, als Milieutherapeut auf einer Langzeitpsychiatriegruppe. Als ich meinem Vater von meiner Absicht erzählte, riet er mir davon ab mit der Begründung, ich sei viel zu empfindsam für so eine Aufgabe. Seine Aussage begleitete mich, doch nahm ich die Stelle gerne an und sollte dabei auch ein gutes Los gezogen haben. Allein schon die Rahmenbedingungen gefielen mir. Endlich mal in einem grossen Betrieb zu arbeiten, mit vielen Kontakten zu Menschen, Kollegen. Ein Personalrestaurant und Kafi, wo man sich ab und zu in den Pausen treffen konnte. Und die Arbeit war eine schöne Herausforderung. Ich hatte sehr nette Arbeitskollegen, und die Patienten waren zwar sehr schwierig, aber auch originell und liebenswürdig. Herr A. kotete im Zimmer ein und verschmierte damit die Wände. Herr K. hatte ganz wenige strukturierte Ausgänge, mit Belohnungssystem; er schlich sich an Kinder ran um mit diesen zu schmusen. Herr R. lebte in seiner Schizophrenie in einer anderen Welt. Unsere Hauptkommunikation mit ihm war, «das stimmt für Sie, Herr R.». Herr V. war Alkoholiker, tagsüber unterwegs mit seinen Bierflaschen im Rucksack. Auf der Station spielten wir immer Rommee (Rumikub). Und D. war ein völlig «abgefahrener» Künstler, ehemals Lehrer, den wir ab und zu in der Roten Fabrik in Zürich wieder auffinden konnten, am See schlafend. Das war eigentlich auch eine Theaterproduktion in dieser Zusammensetzung der Abteilung. Wir lebten in einem der üblichen Wohnpavillons, was mir gefiel, weil es nicht mehr so ein „auf sich bezogen in alten Villen Arbeiten war“. Ein jährlicher Höhepunkt war Üben und Aufführen des anthroposophischen Weihnachtsspieles mit Bewohner*innen und Mitarbeitenden (ich war jeweils der Hirte Stichel). Ich sollte etwa zehn Jahre dort arbeiten, wobei wir entwicklungsbedingt mehrmals umzogen. Zuerst wurde mit drei weiteren Abteilungen zusammen ein Wohnheim gegründet und wir zogen in Wohnungen im Personalhaus. Später gings nach Bülach in eine ehemalige Institution „Kochschule“. Ganz ernsthaft betrieb ich meine Arbeit selten, immer war da für mich Spielraum für auch Provokatives, Kreatives oder Auflehnendes und Spielerisches. Eigentlich sollte ich erst später als Selbständiger zu meinem wahren inneren Wesen und Gleichgewicht kommen.

Mit der Trennung 1980 von meiner jungen Familie blühte ich mehrheitlich auf (die Trauer, Schuldgefühle, sollten erst später kommen). Ich fühlte mich erleichtert und offen für das Leben. Ich begann mich zu öffnen für Freundschaften mit Männern. Und ich hatte ja im Prinzip bis Dreissig nur eine Frau geliebt, also zelebrierte ich meinen Nachholbedarf. Zelebrieren tönt gut, traf vielleicht auch den Nagel auf den Kopf. Mit Monika feierte ich eine einwöchige Balkantour mit dem Auto, 24 Stunden Präsenz, und litt davor und danach unter grösster Eifersucht. Himmel, ozeanische Gefühle, und Hölle, Verzweiflung, waren sich sehr nahe. Regula liess mich in eine tiefe Depression schlittern. Sie stellte mir die Frage, ob ich nun eigentlich eine Beziehung zu ihr wolle oder nicht. Nach längerem Überlegen sagte ich ja, worauf sie sagte, sie aber nicht mehr. Da fiel ich ins Loch. Bei der Arbeit in Bülach sass ich tagelang wie gelähmt im Büro. Ich trank keinen Alkohol. Ich tat nur das Notwendigste zum Überleben an der Arbeit wie Privat. Marlies tat ich grosses Unrecht an. Sie liebte mich, und ich spielte mit ihr, wie mit anderen Wesen. Noch ein Beispiel von der Eroberung einer schönen Unbekannten: Ich fuhr am HB Zürich die Rolltreppe runter. Auf der Gegenseite kam Claudia hoch, wir lachten uns an, und ich rief ihr zu, sie solle oben warten, ich käme gleich wieder hoch. Gesagt, getan, und wir verbrachten einen schönen Abend zusammen.
1990 lernte ich Yvonne kennen. Sechs Monate später heirateten wir. Die Hochzeitsfeier fand im Zürcher Weinland statt, ebenfalls die kirchliche Trauung. Die Hündin Djerba spielte eine wichtige Rolle; sie tanzte auch auf der Bühne herum und zupfte an den Hosen der Männer. Meine Kinder waren damals schon zwischen 10 und 15 Jahre alt. Sie waren Zeugen meiner Tat, ich meine, heiraten ist eine Tat, ein Entschluss, aus welchen Gründen auch immer. Yvonne und ich wohnten im Bauernhaus in Rüdlingen. Hier schuf ich ein Daheim, besonders auch für Katharina. Sie hatte ein Gärtchen. Die Kinder wurden viel eingeladen. Vielleicht waren die Kinder wichtiger als meine Frau. Ich verbrachte viel Zeit im Rebstock, Yvonne hatte dafür nicht viel übrig. Wozu diente der Alkoholkonsum in der Beiz und die vielen Begegnungen mit Menschen? Am intensivsten waren die Reisen, auch meist mit den Kindern, manchmal zu zweit, wenig. Auch über diese Ehe könnte ein extra Buch geschrieben werden. Unsere Beziehung war vielschichtig, extrem, kühl und warm. Ich bin während der zwanzigjährigen Ehe etwa fünfmal ausgezogen. Lebte bei Adrian, in Personalhäusern von Kliniken, und sonst wo. Yvonne holte mich immer wieder zurück und ich folgte ihr entsprechend. Wir waren ineinander verquickt, besser verstrickt.
Die Beziehung zu meinem Vater war irgendwie traurig. Wir konnten uns nicht finden. Jeder hatte Angst vor dem Andern. Vati wohnte seit etwa 1974 am Claraplatz. Das waren dann insgesamt etwa 20 Lebensjahre. Ich habe immer den Weg zu ihm gesucht. Ich bin teils von ihm dann wieder weggeschickt worden, aber ich habe mich auch selber immer wieder zurückgezogen. Gegen Ende seiner Lebenszeit bin ich aggressiver geworden, habe ihn mehr gefragt, ihm meine Meinung gesagt. Wahre Fragen zu stellen war kaum möglich. Ich stellte sie nicht einmal mehr, da ich davon ausging, er würde mir nicht die ganze Wahrheit sagen. Einfach immer wieder seine Belehrungen übers Geld machen mit reichen Frauen. Er erzählte wohl immer seine eigene Geschichte, wie er Geld machte mit der Heirat meiner Mutter. Die letzte Begegnung mit ihm war traurig. Clärli, Vati und ich fuhren nach Mariastein. Wir besichtigten die Kirche. Dann wollte ich noch die 59 Stufen zur Gnadenkappelle runter steigen mit Vati. Er wollte zuerst nicht, dies sei zu anstrengend. Ich drängte ihn und den Rückweg schaffte er nur sehr keuchend. Ein unschönes Bild. Danach gingen wir zum Heyer nach Biel-Benken essen. Wieder war ich sehr forsch im Gespräch, wollte ihn herausfordern, ihn spüren, von ihm Dinge erfahren, mir zu erzählen. Es sollte unsere letzte Begegnung sein. Etwa drei Wochen später rief am frühen Nachmittag Ruedi, Clärlis Sohn, an, Vati sei beim Mittagsschlaf für immer eingeschlafen. Er hatte den für ihn stimmungsvollsten Weg zum Sterben ausgesucht. Ich fuhr sogleich mit Yvonne nach Basel, ebenso Thomi mit Doris. Yvonne richtete das Sterbezimmer schön ein, zündete Kerzen an. Ich wollte alleine sein und lief stundenlang durch die Stadt in meiner Verlorenheit. Ich fühlte mich alleine.
Wieder ein paar Worte zu Bier, Wein und Schnaps. Ich finde es heute traurig, wieviel Geld ich für Alkoholika ausgegeben habe. Ich habe zwar nie teure Sachen konsumiert, es ging ja auch immer um die Prozente. Aber es war zu viel. Was habe ich dabei verpasst? Ich habe mir immer gesagt, ich würde den ganzen Tag arbeiten, so 10–12 Stunden, und dann Bier und Wein trinken, etwas essen. Und so lange ich morgens wieder fit „auf dem Teppich“ stehen würde, sei dies alles zu rechtfertigen. Heute denke ich oft, sehe ich Erwachsene Alkohol trinken, dass sie ihren Kindern ein Mineral gönnen und vielleicht eine Glace, sie selbst aber immens viel Geld für Wein und Bier ausgeben. Besonders die kleinen Kinder verstehen dies nicht, sie begreifen nicht, wie die Alten an ihnen sparen und selber das Geld zum Fenster rausschmeissen. Das schmerzt sehr.
Auch zum Thema Alkohol gäbe es viel zu schreiben. Ist es dies wert? Bei Thich Nhat Hanh ist Alkohol tabu. Das ist richtig. Alkohol zerstört die Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Du lebst nicht, obwohl Du meinst, gerade jetzt zu leben.
Zu meinen Kindern Alexandra, Raphael und Katharina. Alexandra ging zuerst drei Monate in die 1. Regelklasse. Dann entschied sich Elsbeth, ich war dankbar dafür, sie in die Waldorf Schule nach Schafisheim zu schicken. Wie war dies für Alexandra? Teils schwierig, sie fühlte sich wohl öfters ausgeschlossen von der Familie, ich war weg, die Schule war nicht am Ort. Leider hatte niemand von den Kindern in sich einen Willensoder Leistungsdruck, zu lernen. Oder sie konnten dies nicht zeigen. Lernen war immer ein Muss, so wirkte es. Natürlich auch Hausaufgaben machen. Insofern war die Waldorfschule immerhin eine gewisse Erleichterung, nur war halt auch ein gewisser Druck da, besser zu sein im Sinne einer geistigen Betrachtung seiner selbst und anderer Menschen. Wobei, dies kann ja auch mal als Geschenk gesehen werden. Das zusammen Lernen bildete oft den Türschlüssel zur Beziehung, nur, es war natürlich nicht nur beliebt bei den Kindern, kam ich zum Hausaufgabenmachen. Am Intensivsten erlebte ich die Zusammenarbeit mit Alexandra im Hinblick auf die Lehrabschlussprüfung. Da gab es neben Gesprächen mit Lehrern und Frau Bachofner natürlich hauptsächlich das Büffeln von lateinischen Blumennamen und sonstiger Theorie und Schulstoff. Ich tat dies immer sehr gerne, mein Grossvater lässt grüssen.
Noch die unangenehmste Erinnerung zu Alexandra: In Javea war ja Freundin Annelies mit dabei. Einmal gingen sie abends in den Ausgang. Ich verabredete mich mit ihnen auf Mitternacht in der Stadt, mit meinem Auto. Die beiden waren so gute 16 Jahre alt. Als ich sie traf um Mitternacht, meinte Alexandra, sie hätten sich noch mit einem Mann verabredet und kämen dann am Morgen alleine zu unserem Haus zurück. Jetzt muss ich gestehen, ich weiss nicht mehr, wie die Geschichte ausging. Ich glaube, ich erfuhr grundsätzlich viel weniger über Alexandras Jugendjahre als ihre Mutter aufgrund unserer Lebenssituation.
Raphael sollte auch zur Waldorfschule gehen, wurde aber vom Klassenlehrer abgelehnt. Eines Tages traf ich weinend Elsbeth an. Sie zeigte mir einen langen Absagebrief des Klassenlehrers. Raphael sei für ihn sozial schwierig, und zur Mutter hätte er auch keinen Draht gefunden. Ich meldete mich für ein Gespräch bei ihm. Wir tauschten uns aus. Am Ende des Gesprächs meinte er, hätte er mich früher gekannt, hätte er anders entschieden. Der Lehrer war nur kurze Zeit Lehrer an dieser Schule. Raphael ging dann ins Goldernschulhaus. Mit Raphael hatte ich wenig Verbindung schulmässig, obwohl er es ja auch nicht einfach packte. Irgendwie war ich präsent, irgendwie auch nicht. Wie wir ja wissen, war ich aufgrund meiner eigenen Geschichte immer ein «Mädchen-Vater». Langsam bessert sich dies heutzutage mit Enkel Enea. Gemeinsam hatten Sohn und ich den Fussball, den FC Aarau. Wir besuchten zusammen viele Spiele des FC Aarau. Auch Auswärtsspiele, in Yverdon zum Beispiel. Die Spiele gegen Servette, Cup-Halbfinale. Einsamer Höhepunkt war wohl der Cup-Final gegen Xamax in Bern am 27. Mai 1985 mit dem Traumtor von Iselin in der 86. Minute. Für den FC Aarau spielten damals: Böckli, Osterwalder, Zahner, Kaltaveridis, Küng, Iselin, Fregno, Herberth (Tschuppert), Schär, Meyer (Zwahlen), Seiler. Trainer Othmar Hitzfeld. Oder der Gewinn der Schweizer Meisterschaft am 5. Juni 1993. Mit dabei unter Trainer Rolf Fringer: Hilfiker, Bader, Pavlicevic, di Matteo, Kilian, Meier, Heldmann, Komornicki, Sutter, Wyss, Saibene, Rossi, Rupf, Aleksandrov, Romano, Wassmer. Da kriege ich Tränen in den Augen. Danke! Mathea gleicht Klein-Raphael sehr. Und dann das Tschutten und Tischtennisspielen in Olten mit den Asylbewerbern. Und sonst das Tschutten, in Buchs, in der Telli.
Wie ging es Katharina? Sie war noch im Bauch von Elsbeth, als wir uns schon getrennt hatten. Für mich heute schlimm. Elsbeth muss gestresst gewesen sein, und Katharina hat dies ja alles miterlebt. Mit diesen Schuldgefühlen muss ich leben. Elisa gleicht Katharina sehr, finde ich. Ich gebe Elisa viel. Katharina auch. Manchmal nerven wir uns. So ist das Leben. Als Katharina ganz klein war, war ich wohl oft abwesend. Wie es war, muss Katharina Elsbeth fragen. Katharina kam dann sicher viel zu mir auf Besuch. Besonders zu Yvonne. Wir hatten es schön und lustig zusammen. Katharina liebte mich. In der Schule gab es auch viel zu tun. Katharina liebte die Schule nicht. Oder doch, sie liebte die Schule, jedoch nicht das Lernen. Die Schule bestand ja auch aus den Klassenkameradinnen und viel schönen Sachen dazu. Ich war viel in der Schule, sei es als Koch, Lagerbegleiter, Nikolaus, Schulbesucher. Anfangs liebte Katharina dies, dann kam auch die Zeit der Scham. Manchmal war dies berechtigt, hatte ich lange Fingernägel oder einen Rossschwanz. Ich war aber immer präsent. Setzte mich für Katharina ein. Es ging um Nachhilfe, Schule vielleicht wechseln, was dann auch geschah. Katharina ging eine Zeitlang in Zürich zur Schule. Wir fuhren gemeinsam nach Zürich, sie Richtung Enge, ich ins Wohnheim Zollikon arbeiten. Über den Mittag trafen wir uns am Bahnhof an einer Imbissecke zum Zmittag. Und besonders gefiel Katharina, fuhr der Zug in Dietikon/Schlieren beim Sprüngli vorbei. Auch in Lenzburg durfte sie an eine Privatschule. Katharina ist sehr gefördert worden. Ich hatte wohl auch ein schlechtes Gewissen, zu wenig präsent zu sein in der Familie. Alle taten ihr Bestes. Sehr schön waren die Lager. Mit dem Zirkus Monti, in den Bündner Bergen, mit Michi und Giani gut Zähne putzen abends. Bleibende Erinnerungen. Auch durch die Lehrzeit begleitete ich Katharina eng. In Frick. Da gab es zu tun. Und dann, nachdem die Firma Konkurs ging, den Rest der Lehrzeit bei der Goldschmiede Zinsstag in Basel. Eigentlich schade, dass Katharina in ihrem angelernten Beruf nicht blieb. Vielleicht macht sie wieder mal Goldschmiedearbeiten?
1997 verbrachten wir Ostern im Tessin. Da zeugten Alexandra und Pascal ihr Kind Sophia. In diesem kleinen Dörfchen spielten wir „Räuber und Polizist“. Im ganzen Dorf. Das gefiel mir super. Irgend jemand verletzte sich auf der Flucht an einem Stacheldraht. Es waren übrigens die Nächte des Kometen Hale-Bopp, der die Erde ganz hell erleuchtete. Hale-Bopp hatte einen grossen Schweif. Neun Monate später kam Sophia zur Welt. Es war an einem Sonntag; ich hatte zu meinem Geburtstag, vorgezogen, ins China Restaurant an der Laurenzenvorstadt in Aarau eingeladen. Während des Essens, aus meiner Erinnerung, fuhren Pascal und Alexandra nach Olten ins Kantonsspital. Am Abend ging ich mit dem blonden Heinz die junge Familie besuchen. Glück war da. Die junge Familie wohnte jetzt die erste Zeit in Schönenwerd. Ich ging regelmässig hin. Spazieren im Wald und der Aare entlang. Dies war eine sehr schöne Zeit.

Es gibt immer wieder Orte, wo ich mich sehr daheim fühle. Zum Beispiel in Plum Village. Ich war etwa zehnmal dort im Summer Retreat, für jeweils eine Woche. Und ich entschloss mich dann einmal für das dreimonatige Winterretreat. Der Reihe nach. Schon lange wollte ich mal wieder fliegen. Seit meinem erlebten Horror auf einem Schwarzwaldrundflug von Sisseln aus in meinen Kinderjahren, wo ich die ganze Zeit geschrien habe, ich wolle wieder runter, bin ich nie mehr geflogen. Deshalb meldete ich mich bei Gabriel Looser, durch welchen ich mich zum Sterbebegleiter ausbilden liess, für eine Marokko-Wüstenreise an. Ich machte zuerst mit Yvonne einen Probeflug von Zürich nach Genf. Zurück mit dem Zug, ich Feigling. Dann gings also vom Flughafen Genf ein paar Wochen später nach Marokko. Ich war fürchterlich aufgeregt. Hatte Fensterplatz und schaute immer Richtung Erde und achtete auf jedes Geräusch. Immerhin, mit Gabriel fühlte ich noch eine Spur von Sicherheit. Schliesslich war er Pfarrer und ich hatte bei ihm eine Ausbildung in Sterbebegleitung gemacht. Der Flug gelang. Es sollte sich dann als sehr anstrengende Tour erweisen. Jeden Tag etwa acht Stunden zu Fuss oder auf dem Kamel unterwegs. Kein Handtelefon mehr. Selten mehr Sicht auf die Zivilisation. Hier vollbrachte ich einen meiner mutigsten Schritte in meinem Leben. Eines Nachts
unter dem Sternenhimmel wusste ich, ich werde nicht mit der Gruppe heimfliegen und ich werde von Marokko aus per SMS meine Arbeitsstelle in der Klinik Hard in Embrach fristlos kündigen. Ich wusste, dies war zu verantworten (später wurde ich sogar wieder für eine Fortbildung in MBSR von meinen alten Kollegen engagiert). Meine Familie hatte mehr Mühe, meinen Schritt nachzuvollziehen oder besser, zu akzeptieren. Der kleine David soll einmal gesagt haben, als ich solange fortblieb, „Grossvati geht es nicht gut, er ist in ein Loch gefallen und kann nicht mehr raus“. Fast am meisten Mühe hatten die beiden Reiseleiter. Sie wollten eingehend von mir meine Beweggründe wissen. Schlussendlich hätte ich bei ihnen auch die Rückreise gebucht und sie seien verantwortlich. Es blieb aber auch ihnen ja nichts anderes übrig als zu akzeptieren. Für mich war der Schritt eine grossartige Befreiung. Ich entschloss mich, per Schiff und Zug nach Santiago de Compostela zu fahren, ans übliche Ziel des Jakobsweges. Von dort wollte ich ein Stück weit den Jakobsweg zurücklaufen. Nicht immer einfach, da die Wegzeichen jeweils auf der anderen Seite des Steines oder Schildes angebracht waren. Schon anfangs meiner Wanderung war mir klar, Ziel sollte Plum Village sein fürs Winter-Retreat. Ich meldete mich dort für Mitte November an und erreichte glücklich und völlig frei mich fühlend diesen Meditationsort. Frei von der Schweiz, Familie und von Arbeit.
Etwa zehn Wochen in Plum Village zu sein war sehr beglückend, eben, ein Gefühl der Heimat. Die Winterzeit nahe Bordeaux auf dem Lande war wunderschön. Teils sehr kalt, morgens Raureif, Sonnenschein, eine Gruppe von Menschen, Gästen, zusammen mit den Mönchen und Nonnen, meditierend, arbeitend, austauschend, lebend. Heimat. Eindrücklich Weihnachten. Eine Feier mit christlichen und buddhistischen Elementen. Jede der anwesenden 40 Nationen konnte einen Beitrag für Heiligabend vorbereiten und aufführen. Ich sang mit Claudia Schweizer Lieder. Und am Weihnachtsmorgen ging es in die Dorfkirche, Weihnachtslieder singen. Beglückend.
Viele Jahre lebte ich mit Yvonne und der Hündin Djerba zusammen im kleinen Bauernhaus in Rüdlingen. Später dann noch in Buchberg und Wasterkingen, wo ich heute auch nach der Scheidung von Yvonne noch gern gesehener Gast bin. Auch dort war Heimat. Ein weiterer Ort von Heimat war Ins, wo ich im Schlössli arbeiten durfte, als Hausvater einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen, in einem alten, grossen Bauernhaus. Schlössli Ins war ein Schulheim anthroposophischer Ausrichtung, ganzheitlich der Alltag, und ohne zu knurren, von morgens früh bis spät abends, manchmal nachts noch im Pikett, im Einsatz. Mit den Jugendlichen gab es tolle Ausflüge in die Natur, in die Höhlen am Murtensee, Waldläufe, das Spiel eine Gruppe «aussetzen» irgendwo, und diese müssen dann aus dem tiefen Wald heraus den Heimweg wieder alleine finden. Es war oft harte Arbeit. Es gab Konflikte. Das Grundgefühl war immer gut. Bis mich wieder Unsicherheit und Unruhe packte, ich weiterziehen wollte. Eigentlich gibt es bezüglich Arbeiten ein soziales Grundgesetz: Ich bin schwierig. Die andern sind meist auch schwierig. Ich meine, heutzutage ist dies etwas anders geworden. Der Sozialbereich zieht nicht mehr nur Helfer oder Systemveränderer an. Vielleicht ein einziger Vorteil vom System Fachhochschulen.
Noch ein anderer Satz stört mich heute an gewissen Psychologiegläubigen: zuerst sich selbst verändern soll man? Bei Thich Nhat Hanh ist es klar: Nicht nur für sich selbst meditieren sondern in die Welt hinausgehen und praktisches Schaffen und Tun ist genauso wichtig. Sich selbst verändern sollte laufend geschehen. Nur schwer psychisch Gestörte müssen laufend an sich selber arbeiten und kommen nie zum praktischen Leben, meine ich etwas liebevoll.
Ich liess mich mit 64 pensionieren. Ich sah dann im A-Bulletin ein Inserat vom Lebensraum Belmont in Wilderswil bei Interlaken, wo diese Genossenschaft einen Mitarbeiter suchte in der Rolle als Hauszuständiger. Es handelte sich um ein ehemaliges Hotel, das in ein paar Jahren umgebaut werden sollte, renoviert, und dann für die Genossenschafter Wohnraum anbieten würde. Im Moment, in dieser Übergangsphase, würden dort noch etwa zwanzig Menschen leben, meist Osteuropäer, die im Gastgewerbe arbeiteten. Ich würde dann zuständig sein für diese Menschen wie für den Unterhalt des Hauses. So zog ich etwa für die halbe Woche für fünf Jahre ins Oberland. Den Job als solchen tat ich nur gegen ein Jahr; danach hatte ich einfach mein Zimmer, und unten war die grosse Stube, Küche. Die kleinen Enkel liebten es auf Besuch zu kommen. Andrea zog dann auch für etwa drei Jahre zu mir, zuerst ins Zimmer von mir, dann kam noch das Zimmer nebenan dazu. Für mich war zu jener Zeit wieder so etwas wie Heimat eingekehrt, besonders dann, waren die Enkelinnen zu Besuch, mit Andrea zusammen. Wir machten immer wieder Ausflüge im Oberland, Spaziergänge, Einkehr in der Pizzeria Luna, im Winter Schlitteln in Saxeten oder Sulwald/Isenfluh. Wunderschöne Gemeinschaftserlebnisse. Jetzt beim Schreiben habe ich grad wieder so gute Gefühle. Ich werde auch in den Sommerferien mit Elisa ein paar Tage ins Belmont gehen. Und vielleicht am kommenden Freitag im Kinderwagen der SBB mit Enea, Elisa und Franca nach Wilderswil fahren. Pizza essen gehen, Besuch im renovierten Belmont.
Nahe beim Belmont ist auch das Credo, wo wir auch schon zweimal ein paar Tage im Winter waren. Dieses grosse Haus, christliche Ferienkolonie, lieben die Enkel, wegen des Spielens in der grossen Stube, im Treppenhaus und im Lift. Mein Bruder unterbricht mich gerade mit SMS, «wir waren nie eine Familie, und werden nie eine sein». Dies, nachdem ich ihm von meinem Buch erzählt habe. Thomi hat drei Katzen. Im Belmont war es möglich, einen ganzen Tag ganzheitlich zu erleben. Es hatte genug Platz und entsprechend genug Freiraum. Apropos unserer Endlichkeit: In wie weit vertreiben wir uns die Lebenszeit einfach damit, möglichst lustvoll oder pflichtbewusst das Sterbebett zu erreichen?

Zweimal war ich längere Zeit in Rumänien. Einmal mit Andrea. Wir wohnten im LongoMai-Projekt nördlich Sibiu. Und wir entdeckten laufend die wilde Gegend, immer auf der Hut vor Hunden und vielleicht auch Wölfen. Später begleitete ich Andrea nach Bukarest zum Flughafen. Beim zweiten Mal war ich in der Waldorfschule in Rosia. Dort gehen Romakinder zur Schule. Einige wohnen in Nachbarsdörfern, die meisten in der Romasiedlung unterhalb der Schule. Es ist schwierig, da durchzublicken. Es wirkt alles sehr ärmlich, natürlich auch die Häuser und in den Häusern. Trotzdem scheint teils Geld vorhanden, von welchen Aktivitäten auch immer. Ich hatte mit der Schulleiterin vereinbart, ein paar Wochen Gewaltprävention mit Achtsamkeit zu unterrichten. Hauptmotiv für die Schulleitung war der Umstand, dass im Unterdorf, der Romasiedlung, sehr viel Gewalt vorkomme. Einige Kinder konnte ich mit meinen Belehrungen erreichen, der grössere Teil wie auch etliche Lehrer taten sich schwer damit. Ich wohnte wieder bei Jochen und Gabi im LongoMai-Zentrum.
Ebenfalls mitgekommen war eine Schulfreundin von Sophia, Delia. Für sie war es in einer Form eine Therapie, da sie schwer krank war aufgrund eines Hirntumors. Delia verbrachte viel Zeit in ihrem Zimmer mit Lesen und Musikhören während ich unterrichtete.
Zwei Reisen führten mich in die Ukraine. Das erste Mal fuhr ich mit der Bahn nach Lviv, wo ich in einer Airbnb-Wohnung lebte. Ich erkundete die Stadt wie auch das etwa 200 km entfernte Cernovic, ehemals Hauptstadt der Bukowina. Viele berühmte Menschen wuchsen dort auf, wie Paul Celan und Rose Ausländer. In Lviv wie in Cernovic verbrachte ich viel Zeit auf den historischen jüdischen Friedhöfen. Die zweite Reise in einer LongoMai-Reisegruppe führte uns zuerst nach Rumänien ins Projekt von Jochen und Gabi und dann nahe Ushgorod zu Jürgen. Wir lernten sehr viel über die Kultur der Gegend wie natürlich über die Projekte. Wir wurden unterrichtet in der Landwirtschaft, im Weinbau, in der Wiederanpflanzung von Apfelplantagen. Wir wurden mit Folklore beschenkt, einem Konzert der Hudaki Village Band, täglich feinem Essen und Trinken. Einmal liefen wir dann nach einem Anlass noch drei Stunden zu Fuss nach Hause, im Lichte des Vollmondes, 5 Männer; herrlich.
Dann war die Fussball Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Ein Grund, Kaliningrad und St. Petersburg zu besuchen. Kaliningrad, das frühere Königsberg, wollte ich schon lange besichtigen, überhaupt diese Gegend, das ehemalige Ostpreussen, wozu ich mein Leben lang das Gefühl hatte, von dort in irgendeiner Art abzustammen. In Kaliningrad stand ein Spiel an. Luca und Raphael kamen gerne mit. Wir fuhren zusammen im Auto los, durch Tschechien und Polen. Die russischen Zöllner waren ausserordentlich freundlich, überhaupt die Menschen in Russland. Wir schlossen einige Bekanntschaften. Wir wohnten recht eng in einer kleinen Wohnung, für Luca zu eng. Er zog in ein Hotel in Swetlogorsk, wo wir in diesem Badeort an der Ostsee wohnten. Nach dem Fussballspiel Schweiz-Serbien flogen Raphael und Luca per Flugzeug zurück. Ich blieb einige Tage, machte einen Ausflug an die Memel nach Tilsit zur Königin-Luise-Brücke. Historisch. Tilsit, wo der Tilsiter Käse herkommt. Und bei der Königin-Luise-Brücke auf einem grossen Floss auf der Memel unterzeichneten 1807 Napoleon und Zar Alexander I. in Anwesenheit vom König von Preussen einen Friedensvertrag. Mich beeindruckten im Osten immer eine gewisse Bescheidenheit, Natürlichkeit, meist die Abwesenheit von Konsumdenken, Freundlichkeit. Es ist traurig, dass bei uns seit Jahrzehnten die Russen völlig unerkannt sind, niemand hingeht, fast niemand Kontakte zu ihnen pflegt. Russland ist das Bruderland von Westeuropa. Wir gehören zusammen.
Unvergesslich der Jahreswechsel ins Jahre 2000. Ich besuchte mit Yvonne eine anthroposophische Tagung in Bayern. Wir philosophierten über Leben, Sinn und Tun unter anthroposophischem Gesichtspunkt. Am Sylvesterabend ging es in die alte, ungeheizte Klosterkirche, in Decken eingehüllt, zum Oratorium „Messias“ von Händel. Um Mitternacht war eine Pause zum Anstossen. Danach folgte nochmals etwa eine Stunde Musik. Dirigiert worden ist das Orchester vom bekannten Sufi-Dirigenten Khan.
Mit Andrea genoss ich Reisen mit dem Auto nach Irland, Griechenland, Dresden, Ostsee und St. Guilhelm le Desert. Die vielleicht emotional schönsten Ferien fanden in diesem kleinen Ort statt. Ich war dreimal dort. Das erste Mal mit Sophia und zwei ihrer Freundinnen. Und mit Sophias Vater Pascal. Das Haus zum Mieten fand ich in der Zeitschrift Goetheanum. Es gehörte damals noch einer Anthroposophin aus Hamburg. Ein grosses Haus, viel Garten, terrassenförmig angelegt mit kleinen Wegen, und am oberen Teil des Grundstückes ein kleines Häuschen, in welchem die Mädchen wohnten, damals etwa 13 Jahre alt. Abends gab es immer viel schöne Arbeit mit Wassergeben den Pflanzen. Hier lernte ich den Girls Französisch. Ich gab ihnen Aufgaben um diese im Städtchen in Interviews mit den Einwohnern zu lösen. Wir kochten abwechselnd. Ich weiss noch heute, wie wir auf dem Hinweg Anna in Zofingen abholten und dann auf die Autobahn Richtung Bern einbogen, ab in die Ferien. Die Altstadt am Ferienort war wunderschön, eine Gasse einfach, links und rechts kleine Läden, am Ende der Gasse, im oberen Teil des Städtchens, ein Platz, mit einer riesigen Platane. Ich empfinde heute noch ein Gefühl für Heimat. Andrea und ich überlegten uns auch, ein Haus in der Altstadt zu kaufen. In der Nähe war ein Fluss zum Schlauchbootfahren, leicht gefährlich und wunderschön. Beim zweiten Aufenthalt waren nur Sophia, Pascal und ich. Wir verkrachten uns und Pascal reiste mit Sophia ab in der Mitte der Ferien. Da litt ich fürchterlich. Die anderen zwei wohl auch. Es kamen dann noch Luca und Katharina zu Besuch und verbrachten ein paar Tage mit mir. Wir machten dann auch einen Ausflug zusammen an einen Etappenort der Tour de France in den Bergen. Und das dritte Mal war ich mit Andrea für ein paar Tage dort um ihr diesen wunderschönen Ort zu zeigen. Und mit den drei Girls schauten wir auf dem Dorfplatz den WM Final 2010. Ich für Holland, Pascal war für Spanien. Die Girls? Gewonnen hat Spanien mit 1 zu 0.
Nicht zu vergessen die Reise ins Baltikum. In Estland arbeitete ich zehn Tage auf einem anthroposophischen Bauernhof mit Time-Out-Plätzen für Jugendliche aus Deutschland. So geschafft wie dort habe ich sonst nie im Leben. Von früh bis spät, Hofarbeiten, Stallarbeiten, und in den Pausen Holzspalten.



Meine männlichen Freunde wechseln ab. Früher waren dies Uwe in Stuttgart, Roger in Zürich, Adrian, Erwin bekam ein grosses Pausenloch ab, mehrere Thomas ebenso. Über Frauen reden wir hier in dieser Zeitspanne nicht. Andrea war sehr wichtig. Leider wollte sie sich nicht erretten lassen, da sie selber schwimmen konnte, und mein Rettungsring am besten zu mir selber passte.
Je älter ich wurde, je mehr rückte die Gesundheit in einen realen Mittelpunkt. In meinen jungen Jahren war meine grösste Angst, früh zu sterben. Ich war schon damals ein regelmässiger Besucher in den verschiedenen Arztpraxen. Irgendwann mit 60 wurde es seltsam nachts: Ich träumte, meist Verfolgungsträume, und setzte diese Träume in die Realität um. Ich erinnere mich noch gut ans erste Mal: Ich träumte, ich spiele Fussball, hinterster Mann, und grätschte in den Ball des Angreifers rein. Ich setzte diese Bewegung in die Realität um und erwachte am Boden liegend. Diese Träume resp. Umsetzungen in die Realität setzen sich so vierteljährlich fort: Einmal in Wilderswil flankte ich ans Nachttischchen und erwachte mit stark blutendem Ohrlappen. Ich musste ins Spital nähen gehen. Oder ich erwachte, als ich an der Schranktüre mich wachschlug. Einmal schlug ich Andrea mit der Faust auf die Nase. Öfter spreche ich sehr laut nachts oder schreie jemanden an im Traum. Dies kann Mitschläfer nachts aufwecken oder auch mal die Nachbarn. Ich bin Patient beim Neurologen Dr. Elsas in der Klinik Arlesheim. So regelmässig zweimal jährlich. Ich nehme Exelon gegen den vorzeitigen Frontalhirnabbau. In den beschriebenen nächtlichen Phasen schaltet mein Frontalhirn nicht ab, was es tun sollte. Ich habe die Verdachtsdiagnose: Entwicklung einer Lewy-Body-Demenz. Ich kann im Moment gut damit leben.

Pascal und Alexandra trennten sich nach etwa zwei oder drei Jahren nach Sophias Geburt. Ich war damals sehr engagiert für die junge Familie. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Hier in Aarau, in Ferien, und speziell in Plum Village im Sommer jeweils im buddhistischen Kloster für eine Woche. Manchmal fuhren wir mit dem Auto durch ganz Frankreich nach Plum Village, manchmal mit dem Zug, TGV, über Paris. Einmal gab es Stress.
Wir mussten in Paris von einem Bahnhof in einen anderen Bahnhof wechseln, mit der U-Bahn. Sophia und ich und Yvonne stiegen in die U-Bahn ein, da sahen wir draussen noch einen unserer Koffer auf dem Perron stehen. Ich stürzte mich hinaus und Sophia schrie, weil sie Angst hatte, es würde mir nicht wieder in die U-Bahn reichen, was aber Gott sei Dank gelang. In Plum Village genossen wir jeweils diese ruhige und entspannte Atmosphäre. Es kamen auch abwechselnd mal Maria Clara, Alexandra, Raphael mit. Einmal freundete sich Sophia mit einer jungen Frau aus Korea an. Dies war wunderschön, ihnen zuzusehen, und beim Abschied waren beide so traurig. Etwas später kam dann mal die Frau aus Korea nach Aarau zu Besuch anlässlich einem „Bachfischet“. Und auch sehr berührend war, als für Kinder in Vietnam Geld gesammelt wurde, und Sophia ihr gesamtes weniges Taschengeld spendete. In der Schule war es in den ersten Jahren nicht einfach für Sophia. Es wurde sogar kritisch, ob es ihr in die Sekundarschule reichen würde. Ich organisierte dann eine Beratung in Zürich bei Frau Dr. Stedtnitz, über mehrere Male. Dies wollte ich ihr schenken, weil mir meine Enkelin sehr wichtig war. Alexandra war nicht nur überzeugt vom Ganzen, war aber vielleicht trotzdem froh. Es ergab sich dann der Besuch einer Privatschule, dem DRIVE in Aarau, welche Schule ich vier Jahre lang in meine Nachkommin investierte. Zusammen mit dem Engagement fürs Französisch, glaube ich und macht mich glücklich, einen sehr wichtigen Grundstein für ihre spätere erfolgreiche Karriere gelegt zu haben. Bevor Sophia dann durch ihre Familie von der Kirche abgemeldet wurde, feierten wir noch eine wunderschöne Kommunion, zu welcher ich jedem Gast eine CD schenkte, die ich selbst aufgenommen hatte, mit Bildern und Texten und Musik. Ich finde es sehr schade, dass Sophia nicht mehr Mitglied der Landeskirche ist. Sie hatte immer sehr Freude im Religionsunterricht und wollte sogar Ministrantin werden. Für mich hat dies etwas mit Kultur und Geschichte zu tun, und mit Spiritualität.
Als David zur Welt kam, war ich mit Yvonne in der Toscana. Ich weiss noch, wie wir uns auf einer Wanderung befanden, als das Telefon von Alexandra kam. Ich rief: „Judihui, s`Läbe isch schön“!
Mir wird gerade bewusst, wie rasch die Zeit vergeht. Vor 70 Jahren war ich ein kleiner Bub. Wieso kann ich nie von einem glücklichen Buben sprechen? Vor 45 Jahren waren Alexandra und Raphael ganz klein und Katharina noch nicht auf der Welt. Da überkommt mich unendliche Trauer über all das Verpasste, so rasch Vergangene. Und auch Dankbarkeit, für alles erlebte Schöne. Auch den kleinen Enkeln läuft die Zeit davon. Sie müssen lernen, ihre Zeit sinnstiftend zu verbringen, ansonsten das Leben vergeudet ist; das Leben, das wir ja geschenkt bekommen haben. Unsere Verantwortung uns, aber auch den Andern gegenüber, ist sehr gross. Der Welt gegenüber, Gutes zu tun für Mensch und Welt.
Dan Millman schreibt im Socrates „Der friedvolle Krieger“, vom alten Grossvater, der erstmals den 8-jährigen Enkel sehen wird, nur für kurze Zeit:
„Ich habe zwei Tage, dachte er, nur zwei kurze Tage, um den Geist eines achtjährigen Jungen mit den Erfahrungen meines Lebens zu füllen. Dann fiel ihm ein, was Rabbi Hillel einmal gesagt hatte: Kinder seien keine Gefässe, die gefüllt, sondern Kerzen, die angezündet werden müssen“.
In diesem Sinne verneige ich mich ehrfurchtsvoll vor dem Leben. Das Ziel jeder Erziehung sollten die höheren Werte wie Tugendhaftigkeit und Friedfertigkeit sein. „Doch bedenke“, sagte Hillel, „es gibt auf der Welt drei Mysterien: Die Luft ist ein Mysterium für die Vögel, das Wasser ein Mysterium für die Fische, und der Mensch ist sich selbst ein Mysterium. Gott ist das grösste Mysterium von allen und doch ist er uns so nahe wie unser Herzschlag oder unser nächster Atemzug. Er umgibt uns wie Luft, wie Wasser. Er ist immer da, aber der Verstand kann ihn nicht erkennen. Das kann nur das Herz und nur im Herzen wirst du deinen Glauben wiederfinden. Teile die Welt nicht länger ein in das, was sein soll, und das, was nicht sein soll. Der Intellekt ist zwar eine Leiter, die in den Himmel führt, aber nicht ganz bis zu Gott reicht. Nur die Weisheit des Herzens kann dir den Weg zeigen. Weisheit beginnt damit, dass man lernt zu staunen. Alle, die dir in deinem Leben begegnen, gleich ob sie dir helfen oder Schaden zufügen, wurden dir von Gott gesandt. Begegne allen mit einem friedvollen Herzen und dem Geist eines Kriegers. Akzeptiere, dass alles was geschieht, nur zu deinem Besten geschieht“.
Vergleichen ist der Untergang der Liebe. Vergleiche ich meine Liebsten mit anderen Menschen, welche ich dann, aus was für Gründen auch immer, höher bewerte in gewissen Bereichen, so werte ich meine Liebsten ab und habe sie automatisch weniger gerne. Ich werte dann auch mich ab dadurch, und ich kriege noch mehr schlechte Gefühle. Das Hauptübel sind meine Schuldgefühle, mit denen ich leben muss. Ich war in der Kindererziehung nicht präsent. Das sind nicht nur Schuldgefühle über das Verpasste meinen Kindern gegenüber sondern auch ihrer Mutter gegenüber, den nahen Verwandten gegenüber, die für mich unterstützen mussten, und den nachfolgenden Generationen gegenüber. Das alles muss auch ausgesprochen werden. Lesen wir den Kindern nicht nur Märchen vor, sondern lasst uns ihnen auch aus alten Weisheitsbüchern erzählen. Elektronische Medien ade!

Mit einigen Kindern habe ich ein Interview gemacht:
Was ist für dich das Schöne an der Kindheit?
Mathea: Mit Prinzessinen spielen und anschauen und Playmobil spielen bei der Mama. Alles ist schön. Und Malen. Und Beten finde ich auch toll. Und Videos anschauen . . .
Enea: Man kann Fussballspielen, Gamen, TV schauen, Ferien haben, im Wald spielen.
Lina: Ich kann noch viel lernen und erleben.
Franca: Dass ich zur Schule gehen darf. Spielen ist schön. Schön ein Kind zu sein und dann erwachsen zu werden. Ferien mit den Eltern gemeinsam, nicht alleine.
Elisa: Dass ich darf klein sein; dass ich leben darf; dass ich Cousinen habe;dass ich in einer schönen Familie leben darf.
Was wünschest du dir für dich als Erwachsener?
Mathea: Ich will etwas lernen. Ganz alleine Roller fahren.Ich wünsche mir einen neuen Opi Gerhard. Und Fussballerin sein.
Enea: Profifussballer beim FC Aarau. Und Zeichner. Oder Förster. Ganz viel Freude.
Lina: Ich möchte eine eigene Familie und Freude und Spass haben am Leben.
Franca: Immer noch viel Zeit bei Eltern verbringen. Glücklich sein. Ich kriege viel Licht und Liebe. Einen Freund und mal Kinder möchte ich dann haben.
Elisa: Kinder zu haben; ein schönes Leben; dass ich gross werde; hätte gerne einen Hund.
Wie möchtest du alt werden?
Mathea: 90 oder 79 Jahre alt. Wunschlos glücklich sein. Immer noch in Basel leben.Ich will nie umziehen. Ich möchte mit meiner Meike zusammenleben.
Lina: Ich möchte gesund sein.
Franca: Ich möchte dann immer noch mit meinem Freund zusammen sein. Immer noch Licht und Liebe haben. Dass ich mich noch gut bewegen kann und Sport mache.
Elisa: Wünsche mir Frieden auf Erden.
Enea: 80. Das Leben sollte nicht so viel kosten, billig sein. Glücklich sein. Gesund sein.
Sage etwas zu deinen möglichen eigenen Kindern
Mathea: Ich werde vier Kinder haben.
Elisa: Ich wünsche mir ein Kind. Ein Mädchen natürlich. Möge es gesund sein.
Enea: Sie mögen gesund sein. Und lieb. Gute Kinder. Und dass sie nicht streiten.
Lina: Ich wünsche mir gesunde Kinder. Meine Kinder mögen alt werden. Mögen meine Kinder glücklich sein.
Franca: Ich wünsche mir ein gesundes Kind. Ich möchte nur ein Kind.Ich möchte ein Kind adoptieren um einem Kind zu helfen, das vielleicht keine Eltern hat. Ich wünsch mir für mein Kind viele Freunde.
Ich habe heute in „DIE ZEIT“ gelesen, dass noch 10 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 15 und 25 Jahre alt sind, also die Jugend repräsentieren. Das ist kein gutes Omen und diese Jugend trägt eine grosse Bürde und Verantwortung, die sie auch wahrnimmt. Corona hat jedoch gezeigt, wir schützen die Alten und die Jugend zahlt ihren entsprechenden Preis, wie auch für unsere Altersvorsorge. Früher war es normal und selbstverständlich, die Alten sterben für das Überleben der Jungen, der nachfolgenden Generationen. Und wir hinterlassen der Jugend Müll. Im Wissen darum, fahren wir trotzdem Auto, leben bequem auf Kosten der nächsten Generationen, sind egoistisch und massiv umweltschädlich. Und der Atommüll? Alles auch mit der Begründung, die Kinder und Jungen sollen es guthaben, wobei wir sie bloss verwöhnen, verweichlichen, teils lebensuntauglich machen.
Ok, diese Gedanken und Zahlen sind auf unsere hiesige Welt bezogen. In der dritten Welt überwiegen die Jungen. Hiesse, auf die ganze Welt bezogen ist alles in Ordnung? Ausser dass wir im Westen die Umwelt ruinieren? Und unsere grosse Bildungskultur vor die Säue werfen, sprich den Götzen des Kapitalismus. In wie weit bildet ein afrikanisches Kind das Wissen und Hören um Beethoven, Kant oder Goethe? ENDE

Meine Vorfahren
Meine Urgrosseltern und Grosseltern:
Fragen nach Glück und Unglück und Erbschuld
Urgrosseltern und Ururgrosseltern mütterlicherseits meines Vaters
Der Urgrossvater hiess Matthäus Stäger-Dietrich (1851-1921). Er stammte aus einer der ersten Familien in Glarus. Sein Bruder Balz Stäger (1861-1937) war ein bekannter Kunstmaler.
Ein weiterer Bruder war Emanuel Stäger. Emanuel und Matthäus kamen zusammen nach Genf und dann Neuenburg in Internate, weil der 1833 geborene Vater, mit 18 erstmals Vater, mit 34 Jahren verstorben war. Dieser muss sehr wohlhabend gewesen sein. Er war Fabrikant und soll zudem trotz seines jugendlichen Alters eine Bank in Glarus besessen haben, alles vermutlich auch schon geerbt von seinem Vater. Dies ermöglichte die sorgfältige Ausbildung der beiden Söhne, die nach dem Welschlandaufenthalt, knapp 20 Jahre alt, in die Schweizerische Bankgesellschaft in Winterthur eintraten, wahrscheinlich dank Beziehungen des früh verstorbenen Vaters. Die Bank hatte eine Hauptaufgabe im Finanzieren von Eisenbahnprojekten. Die Mutter von Matthäus Stäger-Dietrich hiess ledig Maria Walcher und war die Tochter eines Pelzhändlers, der ein «gemachter» Mann gewesen sein soll.
In Winterthur lernte Matthäus seine Frau Johanna Maria Antoinette Dietrich (1853-1922) kennen. Sie war aus Kassel/Deutschland zu Besuch bei ihrer Schwester, die als Modistin in Winterthur lebte.
Das Paar war dreimal (!) zusammen verheiratet. Sich jeweilen immer wieder scheiden zu lassen, dürfte mit finanziellen Überlegungen zu tun gehabt haben.
Johanna Maria und ihre Schwester lachten sich in Winterthur reiche Männer an. Ihre Schwester war mit dem Vater eines Bundesrichters verheiratet und sie lebten in ihren, den Frauen, gehörenden Häusern in der Winterthurer Altstadt, Haus Silberpappel.
Auch dies wohl eher aus finanziellen denn aus emanzipatorischen Überlegungen heraus. Zweiter Hausbesitz war in Winterthur-Veltheim. Matthäus war ein Abenteurer. Matthäus wohnte auch einige Jahre in Ennetmoos, wo er einen Steinbruch mit Gipsmühle betrieb. Leider ging er dort in Konkurs und auf der Gemeinde hatte ich Einsicht in prall gefüllte Ordner über seine Tätigkeiten in Ennetmoos.
Die Mutter meiner Urgrossmutter Johanna Maria Antoinette aus Kassel war Mina Dorothea Henkel-Krupp und stammte ebenfalls aus erster Familie in Kassel. Die Henkels und Krupps waren damals Inbegriff von Reichtum und Ansehen.
Mein Ururgrossvater hiess Konrad Wilhelm Dietrich (1822-1895) und hatte einerseits eine Möbelfirma, andererseits anscheinend auch eine Bierbrauerei (eine von ungefähr 40 zu jener Zeit alleine in Kassel). Konrad Wilhelm war stark engagiert in der Gipsmühle in Ennetmoos und verbrachte seinen Lebensabend bei seinen Töchtern in Winterthur.
Grossmutter Marie Wilhelmine Johanna Müller-Stäger (1873-1925)
Meine Grossmutter wurde am 29.12.1873 in Kassel geboren. Getauft wurde sie am 18.1.1874 in der Luthergemeinde Kassel, wie den dortigen Kirchenbüchern, die zwei Weltkriege überstanden haben, zu entnehmen ist. Ich habe dies in Kassel erforscht. Als Taufpaten sind vermerkt ein Emanuel Stäger von Glarus und Frau Maria Schmied, geb. Dietrich, aus Winterthur.
Leider wissen wir sehr wenig aus Grossmutters Leben, weder wie sie aufgewachsen ist noch wie sie ihren Mann kennenlernte. Zum gemeinsamen Eheleben dann weniges bei meinem Grossvater. Auf einem Passfoto des Jahres 1922 schaut uns resolut eine sehr stämmige Frau, gemäss Personenbeschreibung «besetzt», entgegen, die nur 151 cm gross war. Im September 1925 starb sie in Schaffhausen, ihr jüngstes Kind war mein Vater Gottlieb.
Urgrosseltern und Ururgrosseltern väterlicherseits aus Muhen AG (Heimatort)
Urgrossvater war Daniel Müller (1841-1905). Er war Schreinermeister und hatte ein kleines Einfamilienhaus im Schwabistal, mit einer Kuh. Er war verheiratet mit Anna Matter. Sie war verwandt mit dem Räuber und Freiheitshelden Bernhard Matter, welcher als Letzter im Aargau gehenkt worden ist. Daniel Müller hatte fünf Kinder, eines war mein Grossvater.
Speziellerweise habe ich erstmals beim Nachforschen erfahren, dass Grossvater Geschwister hatte, die Nachfahren haben, und einige heute Lebende habe ich gefunden. Als Daniel Müller verstarb, war seine Frau bereits gebrechlich. Das Heimwesen musste verkauft werden. Mit dem Erlös wurden die Schulden bezahlt und die Witwe musste mit dem Rest noch einige Jahre auskommen, zuletzt unter Obhut einer Pflegeperson.
Die Vorfahren des Daniel Müller sind rasch abgehandelt. Sein Vater hiess Johann Müller, mein Ururgrossvater, und starb 1866. Dessen Vater ist unbekannt. Johann war das uneheliche Kind der Verena Müller. Als deren Vater wird angegeben ein Samuel Joachim Müller. Die Eltern der Anna Müller-Matter waren anfänglich begütert. Der Vater betrieb einen Steinbruch mit Zementmühle im Rotzloch am Vierwaldstättersee. Matter machte aber 1893 durch ein Unglück im Geschäftsbetrieb Konkurs, worauf das ganze Vermögen verloren ging. Diese Schicksalsschläge führten zu einer geistigen Erkrankung der Mutter von Anna; schliesslich musste sie noch «versorgt» werden. 1920 verstarb der Vater, ein Jahr später die Mutter von Anna.
Grossvater väterlicherseits, Gottlieb Müller-Stäger (1869-1929)
Geboren am 18.2.1869 in Muhen, als ältester Sohn des Zimmermannes Daniel Müller und der Anna Müller-Matter. Die Elementarschulen besuchte er in Muhen, wo er auch eine Notariatslehre absolvierte. Später arbeitete er auf Notariaten in Büren an der Aare, in Erlach und La Neuveville. Er bildete sich daneben weiter und erwarb 1891 ein Maturitätszeugnis in Bern. Im Jahre 1891 schrieb er sich an der Universität Bern als Student der Jurisprudenz ein. Bereits zwei Jahre später bewarb er sich beim Obergericht des Kantons Aargau für die Zulassung zur Notariatsprüfung. Möglicherweise war ein Misserfolg der Grund, dass Grossvater 1893 in den Dienst der Zollverwaltung eintrat und bis zu seinem Lebensende 36 Jahre lang dort als Beamter wirkte, wie aus einem Nachruf in der Schaffhauser Zeitung hervorgeht.
Bald finden wir ihn am Bodensee in Romanshorn. Die dortige Zollstation war eine der wichtigsten in der Ostschweiz, wurde doch damals noch ein grosser Teil des Handels mit Deutschland per Schiff über den See abgewickelt.
1925 hält Grossvater im Hinblick auf die Ordnung seiner Hinterlassenschaft für seine Ehefrau fest, dass bei Landesabwesenheit der älteren Söhne Bruno und Matthäus für den minderjährigen Nachzügler Gottlieb, meinen Vater, die Waisenbehörde einen Vormund bestellen solle. Zur «Aufklärung der Inventarisierungsbehörde» hat er darum genaue Angaben zur Familie und den Vermögensverhältnissen gemacht, ein wirklich korrekter Beamter.
Am 18.5.1897 wurde der gemeinsame Hausstand mit Marie Wilhelmina Johanna Stäger in Romanshorn begründet, mit Fr. 300.– erspartem Geld. Sein Monatsgehalt war damals Fr. 180.–. Nach genau neun Monaten war ein Kind da, Bruno, nach zwei Jahren das zweite, das dann aber nach drei Monaten gestorben ist. Nach drei Jahren kam das dritte Kind Matthäus zur Welt. Mit zwei lebenden Kindern und mit langsam steigendem Gehalt habe er die Familie durchgebracht und im Jahre 1908 ein Einfamilienhaus gekauft, an das man eine kleine Anzahlung gemacht habe. Dem noch erhaltenen Kaufbrief kann entnommen werden, dass es sich dabei um ein Wohnhaus am Schlossberg in Romanshorn im Wert von Fr. 15000.– gehandelt hat, die Höhe der Anzahlung war Fr. 5000.–.
Im Jahre 1911, am 17. April, kam das vierte Kind Gottlieb, mein Vater, zur Welt, und brachte halt wieder grössere Auslagen. Im Jahre 1912 wurde die Familie «durch einen Gewaltakt von Zolldirektor Rüetschi» aus ihrem Heim vertrieben, die Versetzung nach Schaffhausen erfolgte also trotz Beförderung gegen den Willen des Grossvaters. Das Haus konnte nicht ohne Verlust verkauft werden, also vermietete man es. Der Mieter war ein Deutscher, der bald ins deutsche Militär einrücken musste. Man bekam keinen Zins mehr. So musste das Haus 1915, als der Häuserpreis sehr niedrig war, gezwungenermassen wegen der hohen Unkosten doch verkauft werden. Erbittert beklagte sich Grossvater über die Steuerungerechtigkeit der Behörden. Er war durch die in seinen Augen unfaire Einschätzung wegen seines ausserkantonalen Wohnsitzes schliesslich gezwungen, die Liegenschaft zu veräussern, wobei seine ganze Anzahlung verloren ging. Ausführlich schildert er die Nöte der fixbesoldeten Beamten in diesen Krisenzeiten. Dienstalterszulagen wurden gestrichen und Teuerungszulagen nicht oder nur teilweise ausbezahlt.
Erst nach einer Beförderung 1921 kam es zu einer finanziellen Besserstellung. Sie ermöglichte es, der Teuerung standzuhalten, doch Ersparnisse anzulegen lag nicht drin. Die Ausbildung der älteren Söhne sei teuer gewesen und der erstgeborene Bruno sei schon mit 18 Jahren ins Militär gegangen und bis Ende 1918 dort gewesen. Zwischen den Zeilen liest man, dass Bruno damit nichts zum Familienunterhalt beigetragen hat, was wohl erwartet wurde. Einer exakten Aufstellung seiner Funktion und Saläre ist zu entnehmen, dass er bei den Zollbehörden 1893 (Gründungsjahr FC Basel) mit einem Jahresgehalt von Fr. 1500.– angefangen hat.
Bei seinem Tod auf dem Höhepunkt seiner Karriere verdiente er als Adjunkt der Zollkreisdirektion II im Jahre 1929 die Summe von Fr. 10880.–. Dass bei diesen Löhnen der Verlust der Anzahlung von Fr. 5000.– auf das Haus in Romanshorn sehr schmerzhaft war, kann man gut verstehen.
Dieser Jahreslohn von damals entspräche heute ca. Fr. 110000.–. Da die Wirtschaft sich stark am Goldpreis orientierte, hier noch ein Vergleich. Damals kostete das Kilogramm Gold etwa Fr. 3500.–, heute ca. Fr. 50000.–.
In Schaffhausen war Grossvater am Anfang Vorstand des Bahnhof-Zollamtes. 1926 rückte er als Adjunkt in die Zollkreisdirektion II Schaffhausen auf. Den Posten eines Zollkreisdirektors versah er am Ende seines Lebens während vieler Monate, weil sein Vorgesetzter im Amt verstorben war. Seine eigene Ernennung zum Direktor verpasste er aber, weil er selbst bald starb. In seinem Nachruf wird er als ruhig und still, liebenswürdig und freundlich geschildert. Betont wird auch seine peinlich gewissenhafte Pflichterfüllung.
Anhand seines Dienstbüchleins sei hier auch noch die militärische Karriere kurz nachgezeichnet. Als Zwanzigjähriger absolvierte er 1889 in Liestal eine 45-tägige Rekrutenschule, wurde 3 Jahre später zum Korporal und 1896 zum Fourier befördert. Im ersten Weltkrieg stand er kurz an der Grenze, die meiste Zeit verbrachte er mit Flüchtlingsbetreuung und Bahnbewachung.
Wie das Familienleben ausgesehen hat, wissen wir nicht. Darüber wurde nicht gesprochen. Ich weiss nur, dass es immer wieder am Sonntag eine Cremeschnitte zum Dessert gab.
Nach dem frühen Tod seiner Frau 1925 heiratete er schon am 26.11.1926 wieder, also im folgenden Jahr. Er ehelichte die Witwe Frieda Brütsch-Deuber, nach seinen Worten auf Wunsch seiner ersten Frau, damit er wieder eine Lebensgefährtin habe, die ihm treusorgend zur Seite stehen möge. Diese Beziehung währte indes nur kurz; am 29.12.1929 starb er in Schaffhausen, wahrscheinlich an einer Lungenembolie bei Beinthrombose.
Geschwister von Grossvater Müller Gottlieb senior
Zuerst noch eine Anmerkung zu den drei Buben Bruno, Matthäus und Gottlieb: wäre das zweite Kind nicht gestorben kurz nach der Geburt, wäre vielleicht nie ein viertes Kind, also mein Vater Gottlieb, zur Welt gekommen?
Ich habe erstmals beim Nachforschen bei der Gemeinde Muhen erfahren, dass mein Grossvater vier lebende Geschwister hatte. Diesen bin ich nachgegangen, und habe noch heute lebende Nachkommen gesucht. Da bin ich auch fündig geworden. Es ist ja erstaunlich, dass mein Vater ungefähr zehn Cousins hatte, und niemanden von diesen gekannt hat. Zu diesen Familienmitgliedern gehören Willy Hunziker, Ueli und Rita Burkhalter aus Rohr/Aarau, Yvonne Funk, Jürg Bruhin von der Kratzer-Linie. Was auffällt, auch untereinander haben diese Zweige kaum Kontakte mehr. Oft scheint Zwist wegen Geld da mitgespielt zu haben.
Ich habe jetzt auch im Schwabistal in Muhen Haus und Grundstück gefunden, worin unsere Urgrosseltern lebten resp. mein Grossvater aufwuchs. Urgrossvater Daniel hatte nur eine Schwester, welche kinderlos blieb.
Urgrosseltern und Ururgrosseltern mütterlicherseits meiner Mutter Lisbeth Müller-Bopp
Diese Vorfahren stammen aus Chur und Basel. Boser Wilhelm war Post und Fuhrhalter in Kleinhüningen/Basel (zufälligerweise stammen auch die Vorfahren väterlicherseits meiner Mutter aus Kleinhüningen, obwohl ursprünglich vom Zürichsee). Eine Boser Salome (1871-1949), meine Urgrossmutter, heiratete dann einen Schär Robert senior aus Chur, meinen Urgrossvater, Direktor der Publicitas Chur.
Grossmutter mütterlicherseits
Das Paar Salome Boser und Robert Schär senior hatte vier Kinder. Meine Grossmutter war Margarethe Schär (1899-1936). Sie soll meinen geliebten Grossvater Karl (einziger Grosselternteil, den ich noch erlebte) in Chur kennengelernt haben, als dieser im Militär war. Ihre Beziehung wird eher als kühl beschrieben. Schon als sie sich kennenlernten, muss mein Grossvater täglich Alkohol getrunken haben. Sie heirateten 1923 in Chur. 1924 gebar sie ihr einziges Kind, meine Mutter Lisbeth (19241971). Margarethe hatte ein Herzleiden, was ihr auch kein zweites Kind erlaubt haben soll. Sie muss unter meinem geliebten Grossvater sehr gelitten haben, ebenso ihre Mutter, zu welcher sie sich oft zur Erholung von Basel nach Chur zurückzog. Es existiert von 1933 ein Brief meines Grossvaters an seine Schwiegermutter, woraus hervorgeht, dass seine Frau immer wieder nach Chur sich zurückzog, auch mit der kleinen Lisbeth, da sie sich bei ihren Eltern sicherer fühlte als bei ihrem Manne in Basel. Margarethe, eine sehr attraktiv aussehende Frau, starb sehr früh mit 37 Jahren 1936, als meine Mutter gerade mal 12 Jahre alt war. Die letzten Lebensjahre verbrachte Margarethe immer wieder im Claraspital in Basel, wo sie auch verstarb.
Anmerkungen zur Familiengeschichte
Hier habe ich noch Kontakte zu Mutters Cousin Reto Lötscher aus Chur und Mutters Cousine Silvia Voigt aus Rüschlikon (Kunstmalerin). Diese Verwandten habe ich erst vor ungefähr 10 Jahren gefunden, da die Kontakte zu meiner Familie seit etwa meiner Geburt abgebrochen worden sind, aufgrund «seltsamen» Verhaltens meines Vaters. Meine Mutter muss darunter gelitten haben, da ihr ja Familie sehr wichtig war. Wie habe ich diesen Verwandtenzweig gefunden? Ich machte eine Wanderung ins Val Roseg. Auf dem Rückweg, in Pontresina, hatte ich genug Zeit, es fuhr gerade kein Zug. Mir kam wieder in Erinnerung, dass mein Vater oft erzählt hatte, in Pontresina sei ein Verwandter, ein Herr Schär, Direktor im Hotel Walther gewesen, so in den 60iger Jahren. Also lief ich zu diesem Hotel hoch und verlangte nach dem heutigen Direktor. Dieser lachte, als ich ihm mein Anliegen schilderte.
Mit Herrn Schär treffe er sich jede Woche zu einem Kaffee. Er mache mich mit diesem gerne bekannt. Etwa zwei Wochen später kam ich wieder nach Pontresina, um diesen Herrn Schär in einem Café zu treffen, wie bei einem Date. Nach einer einstündigen Unterhaltung meinte er, ich solle doch seine Cousine Silvia Voigt am Zürichsee kontaktieren. Diese sei Kunstmalerin und würde doch besser zu mir passen als er. Gesagt getan, kurz danach traf ich erstmals Silvia, eine Cousine meiner Mutter. Die beiden Mädchen waren viel zusammen in ihrer Kindheit.
Von der Familie Boser lebt die bekannte TV Moderatorin Patty Boser, die an Familienforschung jedoch nicht interessiert zu sein scheint.
Von grosser Bedeutung für die Familiengeschichte sind hier die jungen Alter, in welchen meine Grossmutter, mit 37 Jahren, und später meine Mutter, mit 47 Jahren, starben. Und natürlich das grosse Leiden dieser Frauen unter ihren Männern und körperlichen wie wohl auch seelischen Krankheiten. Zusammen mit dem später beschriebenen Leben meines geliebten Grossvaters kommt hier für mich der Begriff der Erbschuld zum Tragen. Ich komme darauf noch anderweitig zurück.
Urgrosseltern und Ururgrosseltern väterlicherseits meiner Mutter
Urgrossvater Jakob Bopp (1859-1911) hatte zwei Schwestern, Anna und Louisa Bopp. Den Nachkommen dieser Schwestern habe ich nachgeforscht und lebende Nachfahren gefunden. Es leben heute Kunstmalerin Anita Monsurate und Filmemacher Markus Erich Fischer und eine grosse Familie.
Urgrossvater heiratete zuerst Luisa Lina Kägi (1861-1888), welche im Wochenbett nach der Geburt der Tochter Aline verstarb. Aline war eine Halbschwester meines geliebten Grossvaters. Aline heiratete einen Karl Wettengl, SBB Bahnhofvorstand, und blieb kinderlos. Schon bald heiratete Urgrossvater wieder, Ida Maria Wöhr (1871-1951). Sie wird als die Güte selber beschrieben. Mehr zu den teils abenteuerlich lebenden Geschwistern Wöhr in einem separaten Absatz.
Aus der Ehe meiner Urgrosseltern entstammten die Kinder Jakob Bopp (1892), mein Grossvater Karl (1893-1961) und meine Tante Ida (1896-1956). Auch deren frühe Erkrankung und Tod muss meine Mutter sehr geängstigt haben. Ida war meiner Mutter Ersatzmutter.
Urgrossvater arbeitete bei der weltgrössten Textilfirma Schwarzenbach, Thalwil, als Ferger. 1892 zog er mit der jungen Familie nach Ruy/Bourgoin-Jallieu, Frankreich (nähe Lyon), wo Schwarzenbach ebenfalls eine Fabrik hatte. Mein Grossvater Karl ist dort in Frankreich zur Welt gekommen, ebenso Ida.
1897 zog die Familie zurück in die Schweiz an die Klybeckstrasse in Basel.
Im selbigen Jahr zog die Familie Bopp-Woehr weiter auf die Schusterinsel nach Weil, Deutschland. Urgrossvater arbeitete jetzt bei Färberei Schetty. Bis 1905 ging Grossvater Karl in Deutschland zur Schule. Seine Liebe zu Deutschland vermittelte er später an mich und ich übernahm die Liebe zu Deutschland. Warum es dann speziell noch Ostpreussen wurde, ist mir bis jetzt nicht klar.
Mein Urgrossvater erkrankte wohl immer wieder seelisch. 1911 starb er, weil er sich zu Tode hungerte an einer «fortschreitenden Angststörung». Die Familie wohnte jetzt in Kleinhüningen an der Schulgasse 11.
Meine Urgrossmutter Maria hatte in Kleinhüningen nach dem frühen Tode ihres Mannes einen Mercerie-Laden im Dorfkern. Sie muss aus Gründen, die ich nicht kenne, über Geld verfügt haben, denn sie konnte in Kleinhüningen ein Haus kaufen und mein Grossvater wird schon in den 20iger und 30iger Jahren als gut verdienend und auch vermögend beschrieben, der sich sehr viel leisten und seine Frau verwöhnen konnte.
Urgrossmutters Vater war Christian Woehr, eingewandert 1870 aus Eltingen, Baden-Württemberg. Er hat in Thalwil einen Hausteil besessen, hatte aber auch sieben Kinder, von wegen Weitervererben. Es lässt sich nicht herausfinden, wie das Vermögen erarbeitet oder vererbt worden ist. Mysteriös bleibt eine Aussage von Urgrossvater während eines Psychiatrieaufenthaltes, er heisse eigentlich Bopp Meyer und besitze je eine Villa in München und Zürich.
Grossvater mütterlicherseits, mein Liebling, Karl Bopp (1893-1961)
Grossvater hatte Zeit für mich, lehrte mich Deutsch und Deutsche Geographie und Fussball. Der Reihe nach. Grossvater kam 1893 in Bourgoin-Jallieu/Ruy, nahe Lyon, zur Welt. Er pflegte Zeit seines Lebens eine gute Beziehung zur Stiefschwester Aline, die fünf Jahre älter war als er. Zu seinem älteren Bruder Jacques schaute er auf, lebte aber seine Beziehungen auch in Konkurrenz zum Bruder. Seine Schwester Ida liebte er als kleine Schwester, die ihm gegenüber aber bald kritisch gestimmt sein würde, seines Lebenswandels wegen. Bald gings ans Abschiednehmen von Frankreich und die junge Familie zog nach Weil-Friedlingen, der Arbeit des Vaters wegen. Karl ging Kindergarten und Elementarschule in Deutschland besuchen. Ich merke jetzt beim Niederschreiben, dass ich sehr viel vom geliebten Grossvater übernommen habe, an Eigenschaften, Vorlieben und Verhaltensweisen. In diesem Moment empfinde ich mich als Duplikat von ihm? Bis zu seinem 12. Altersjahr hat er in drei Ländern gelebt mit etwa fünf Wohnsitzen. Karl war ein guter Schüler. Er soll intelligenter als sein Bruder gewesen sein. Karl machte eine Färberlehre in Deutschland, 1910-1913. Es sollte eine schwierige Zeit auf Karl zukommen. Das Heraufziehen des 1. Weltkrieges, Psychiatrieaufenthalt und Tod seines Vaters, Sensibilität als Veranlagung, dies öffnete dem Alkohol Tür und Tor.
Beruflich gings vorerst nur aufwärts. 1916 folgten Weiterbildungen in Zürich und Horgen bei der Firma Schwarzenbach. 1918 verliess er seine Lehrfirma und ging zur Konkurrenz, FAS Schusterinsel.
Originalton aus Brief zur Aufnahme zum Entzug: «Hier entwickelte ich mich bald zum selbständigen Färbermeister. 1921 wurde ich von meinem Arbeitgeber wiederum nach Deutschland versetzt. Hier hatte ich nun, was ich mir schon lange wünschte. Hier war ich ganz selbständiger Meister der Färberei. Wir hatten hier schwere Konkurrenz, doch laufend vergrösserte sich der Betrieb. 1921 hatte ich in meiner Abteilung 14 Arbeiter und Arbeiterinnen, 1928 waren mir schon 172 unterstellt. Hier war mein Tätigkeitsfeld, bis ich zum Entzug nach Ellikon kam 1937 (Todesjahr seiner Frau Margrit). Wie ich zum Trinken kam, ist eigentlich schnell erzählt. Ihnen ist vielleicht nicht oder zu wenig bekannt, dass Färber, 99% davon, gerne Trinken. Ich hatte einen Lehrmeister, der lernte mich das Färben aus dem ff, aber auch das Trinken. Ich vergesse nie, ich war etwa ein Jahr in der Lehre, traf ich an einem Sonntagmorgen meinen Lehrmeister in Basel und er lud mich ein zu einem Glas Wein, das war ich nicht gewöhnt, er bestellte mir und sich gleich jedem einen Muff Rotwein, dann bestellte er den Zweiten, was war die Folge, mittags 12 Uhr hatte ich einen sitzen. Mein Lehrmeister hatte die grösste Freude daran, meine Mutter allerdings nicht. Denn bei uns zu Hause wurde nie Alkohol getrunken, meinen Vater selig habe ich nie betrunken gesehen. Wenn wir Sonntags ausgingen, trank mein Vater 1-2 Becher Bier, mein älterer Bruder und ich bekamen vom 14. Altersjahr an 1 Becher Sonntags. Jetzt kommt wieder das harmlose Wörtchen «aber». Aber der Färbereiberuf wurde mir zum Verhängnis, am Anfang weniger, aber diese Sucht zum Alkohol kam immer mehr, trotz der Ermahnung meiner lieben Eltern und Geschwister. Jeden Abend ging ich mit Kollegen aus, verdienen tat ich auch reichlich. 1922 lernte ich meine verstorbene Frau kennen. Ich trank bis zur Heirat extra ein Jahr lang wenig. Um Geld zu sparen, denn meine Eltern waren nicht vermögend. Ich brachte es auch dank meinem Salär und Gratifikation auf Fr. 7000.– im Jahr. Zum Beispiel wurde aus einer kleinen Unvorsichtigkeit ein grosser Schaden und so wurde der Ärger abends hinuntergeschwemmt mit Alkohol. Zweitens war meine Frau nie recht gesund, was mich dann ab und zu auch verstimmte und wieder beim Alkohol Zuflucht nehmen liess».
Einschub: 1924 wurde meine Mutter Lisbeth geboren. Ihre Kindheit war geprägt von der Krankheit und dem frühen Tod ihrer Mutter und der Alkoholsucht ihres Vaters. Erholung brachte zwischendurch die Flucht von Mutter und Tochter zu den Grosseltern nach Chur.
Längere Zeit lebte meine Mutter als Kind im Häuschen in Kleinhüningen zusammen mit den Eltern, die Grossmutter Maria wohnte im Haus mit dem MercerieLaden in der Nachbarschaft. Gleich gegenüber lag auch das Dorfschulhaus, wo Grossvaters Bruder Jacques als Lehrer wirkte. Grossvaters Würde war soweit gesunken, dass er zwischenzeitlich in die Schulgarderoben ging und die Jackentaschen der Schüler nach Kleingeld durchsuchte Schluss des Aufnahmeschreibens zum Entzug: «In den Jahren 1934-1936 war die liebe Verstorbene viel im Spital. Im Geschäft war ich auch nicht mehr der erstklassige Färbermeister. Trank man nachts zuviel, konnte man keine Leistung mehr erbringen. Als meine Frau dann nach monatelangem Leiden gestorben war, kam das Trinken immer mehr und der Teufel Alkohol hatte mich bald ganz gefangen genommen. Und nun hoffe ich, dass es mit Gottes Hilfe und der Ihrigen, Herr Klinikdirektor, mit mir wieder aufwärts geht. Ich muss wieder aufstehen aus dem Sumpf, in den ich hineingeraten bin. Ich hoffe, dass dies meine liebe Mutter auch noch erlebt».
Aufgrund meiner Recherchen gehe ich davon aus, dass mein Grossvater als Privatpatient in Ellikon war, die Rechnung von seiner Schwester, meiner Tante Ida, bezahlt wurde, konkret wohl von ihrem Ehemann Jean Meierhofer, dem damaligen Besitzer meines Elternhauses.
Hier noch ein Auszug eines Briefes von Grossvater, adressiert an seine Schwiegermutter in Chur, vom 24. August 1933:
«Liebe Mama, vorerst muss ich mich entschuldigen, für Alles was ich dir Grobes geschrieben habe. Ich bitte dich, mir alles zu verzeihen, ich nehme alles zurück, was ich Dir Schweres angetan habe. Ich kenne dich gut und du kennst auch mich gut, aber ich bitte dich mir alles zu verzeihen. Du bist ja auch so krank geworden, durch meine Aufregungen, schau, ich gebe alles zu. Ich bin jetzt aus dem Geschäft gegangen und will dir schreiben. Ich will eine Stunde mich hinsetzen und dir liebe Mama meine Meinung sagen. Ich sage Dir noch einmal, ich habe meinem innigst geliebten Margrit viel Aufregung gemacht durch meine blödsinnige Trinkerei und nun gibt es nur einen Strich darunter zu machen. Ich gehe heute mit meinem lieben Bruder nach Basel und unterschreibe zur Temperenz (Abstinenz), etwas anderes gibt es für mich nicht mehr. Ich tue dies euch und in erster Linie meinem lieben guten Margrit zu Liebe. Ich werde es strikte durchführen. Es gibt nur diesen Weg für mich. Ich weiss es von Hedy, dass ihr Margrit nur aus diesem Grunde nicht nach Basel gehen lässt. Ich weiss es so gut wie ihr und der Arzt, und darum liebe Mama habt ihr auch recht gehabt so zu handeln und ich will dir sagen, komm dann nach Basel, wenn es dein Wille ist, und du wirst sehen, dass wir eine Familie sind, alle miteinander. Glaube mir endlich liebe Mama, es wird alles besser als ihr glaubt. Vergib mir nochmals meine Derbheiten gegenüber Dir, ich allein bin der Schuldige. Ich glaube, dass Ihr mich wieder gut empfangen werdet in Chur bei euch, wo ich es immer so gut gehabt habe, bitte verzeiht mir also alles, was ich bis anhin meinem lieben Margrit getan habe. Und nun liebe Mama sage bitte Röbi auch, da ich ihm auch in der Aufregung und ein bisschen Alkohol dazu, ich gebe es zu, viel zu grob geschrieben habe. Wir alle wollen uns wieder versöhnen und nur das Gute wollen für mein liebes Margrit, sage es bitte Röbi, er soll seine Worte auch zurücknehmen und wir wollen im Geiste der Güte miteinander verhandeln. Es ist mein innigster Wunsch mein liebes Margrit am Sonntag nach Basel zu holen, ich weiss, dass es gerne nach hier kommt, wenn alles gut ist. Ich weiss auch von der lieben Hedy, dass es und ihr all die Aufregungen nicht mehr ertragen darf. Ich bezahle aber alles, was zu bezahlen ist, bitte sag es dem Röbi. Auch in dieser Beziehung nimm ich alles zurück und ihr alle werdet in Chur einen lieben Karli finden, wie er früher war. Ich glaube nun dich liebe Mama befriedigt zu haben, aber ihr müsst mich doch begreifen, dass das gute Margrit zu mir gehört, besonders jetzt, wo der Transport möglich ist, und ich weiss jetzt bestimmt, auf das was ich euch geschrieben habe ihr mir auch helft. Tut es auch meinem lieben Lisbeth zuliebe und helft ihm ein bisschen aufzustehen dem lb. Margrit, sage ihm doch bitte, dass es am Sonntag zu einem guten, hilfreichen Manne darf. Wenn es dann geht, dass du von zu Hause fortkommst, komm bitte ein wenig zu uns ich werde Dir dann nur Gutes erweisen. Schau ich bin jetzt glücklich Dir in versöhnendem Tone geschrieben zu haben und weiss bestimmt, dass ihr nun gegen die Heimreise am Sonntag nichts mehr habt. Also gell du verzeihst mir alles und wir wollen am Sonntag recht lieb zueinander sein. Es grüsst dich sowie alle anderen recht herzlich Euer Karli».
Dieser Brief ist ein trauriges Beispiel eines typischen Alkoholikers, schulbuchmässig. Vielleicht noch konkret zum Alkoholkonsum. Der tägliche Alkoholkonsum soll in etwa aus ein paar Bier und 6-7 2er Roten bestanden haben, vorzugsweise Lagreiner oder Kalterer.
Seine Mutter sei eine strenge Erzieherin gewesen, das Kind sei überempfindlich gewesen. Grossvater habe bei jeder Ergriffenheit getrunken, sei dies aus Freude oder aus Schmerz gewesen. Sein Leben habe aus Kollegen und Frauen bestanden. Er habe oft der ganzen Beiz bezahlt. Seit 1952 geistiger Abbau. Meine Lieblingsbezugsperson während meiner Kindheit war ein geistig abgebauter Alkoholiker. Deswegen arbeitete ich sehr gerne mit psychisch kranken Menschen und bin sehr gerne mit Aussenseitern zusammen. Und dann habe ich wieder genug und muss weiterziehen, was verständlich ist.
Interessant, Tante Ida, die die Rechnung in Ellikon bezahlt haben muss, war wohl befreundet mit dem Direktor. Und der Alkoholfürsorger in Basel, Fritz Stauffer und seine Familie, waren Freunde meiner Familie.
Grossvater kannte mich noch 10 Jahre, von 1950 bis 1960. Ich war sein Ein und Alles, für mich lebte er zu jener Zeit noch. Ich selber mochte mich nicht an solche Schwierigkeiten erinnern mit Grossvater (ich komme zu dieser Zeit in meiner eigenen Lebensgeschichte später zurück). Das Häuschen in Kleinhüningen besass Grossvater bis kurz vor seinem Tode, er hatte jedoch bloss noch die Möbel dort eingestellt, da er ja die meiste Zeit über bei uns in Reinach lebte.
In seinem letzten Jahrzehnt ist er stark aufgefallen mit kleinen Diebstählen, sei es in Restaurants die Serviertöchter zu beklauen, was ihm einige bedingte Strafen einbrachte. Auch im Militär wurde er immer wieder erwischt, wobei anzumerken ist, dass er sich im 2. Weltkrieg freiwillig fürs Militär meldete. Er hatte es grundsätzlich schwer in den letzten Jahren seines Lebens. Er traute seiner Schwester nicht mehr, mit meinem Vater stand er auf Kriegsfuss und da meine Mutter ihm Antabus verabreichen und ihm drohen musste, ihm Hausverbot zu geben, hatte er auch an seiner Tochter keine Freude mehr. Wie geschrieben, ich war sein Leben, mir machte er Geschenke, Skikleid kaufen, Auto zum Spielen, und solche Geschenke durften etwas kosten, wie er auch für seine Kleidung viel Geld ausgab und teure Produkte sich leisten konnte.
Er hat sich wohl auch ständig in unser Familienleben eingemischt (ich schmunzle), bekam dafür Verwarnungen und musste dann in erniedrigender Weise im Wintergarten schlafen anstatt in seinem Mansardenzimmer, das ich liebte, weil es dort im Vorraum nach gedörrten Bohnen roch.
Auch ist bekannt, dass er uns Kinder gegen den Vater aufbrachte wie auch gegen unsere Putzfrau, Frau Seidler. Ich solle ihr Bauklötze nachschmeissen. Bedenkt man, dass er fast Geschäftsführer der FAS Schusterinsel geworden wäre, ist sein Absturz gross, wirklich entwürdigend, und ich denke, er hat dies schon realisiert. War er in Reinach bei uns, war dies zum Schlafen und Essen und Mittagsschlaf. Die übrige Zeit verbrachte er im Restaurant Brauerei mit der Serviertochter. Einmal soll er in Tränen ausgebrochen sein, er hänge so sehr an den Grosskindern, und wolle nicht weg von Reinach, verbunden mit Suizidandrohungen. Gottlieb, mein Vater, sei an allem schuld, und er gehe unter, falls er von der Tochter wegmüsse. Verzweiflung pur. Es wurde auch eine administrative Versorgung geprüft, weil die ganze Situation wohl auch zu meiner Kinderzeit völlig aus den Fugen zu laufen drohte. In den Akten steht auch, er habe sich bedroht gefühlt, man wolle ihn den Behörden ausliefern. Der Geisteszustand verschlimmere sich. Nach meinen Recherchen hat er dies aber alles «richtig» erlebt, ich denke, er ist in gewissem Sinne von der Familie und den Behörden gemobbt resp. auch noch zusätzlich krank gemacht worden (ich habe mich in der Psychiatrie immer für die Schwierigsten eingesetzt, das habe ich wohl damals bei Grossvater gelernt, im Sinne einer Gerechtigkeit). Seiner Schwester, sie lebte bis 1956, wurde immer wieder weise und liebevolle Betreuung attestiert, in christlichem Sinne.
Ich merke beim Niederschreiben, wie sich vieles vermischt und Fragen aufwirft, was die verschiedenen Personen inklusive meiner selbst betrifft.
Wir wissen, dass Grossvaters Grossvater ebenfalls Alkoholiker war. Nach dem Tode von Tante Ida, seiner Schwester, bekam Grossvater einen Beistand, seinen Bruder Jacques, da er Geld erbte von Tante Ida respektive Jean Meierhofer. Für meine Mutter muss es sehr schlimm gewesen sein, zu erleben, wie das Vermögen von ihrem Ersatzvater Jean und dann von Tante Ida schlussendlich sich langsam in nichts auflöste.
Als 1958 das grosse Haus und Grundstück in Reinach verkauft wurden, ist es für Grossvater eng geworden. Im Übergangshaus, klein, war kein Platz mehr für ihn. Er musste ein Zimmer beziehen, dem Bürgerspital angeschlossen. Dort durfte er noch Liftboy sein im Spital. Dies war sein letzter Stolz.
Ich mag mich nicht an einen Abschied erinnern (mehr dann im Kapitel Reto); Grossvater verstarb ziemlich einsam im Winter 1960/61. Seine Tochter war hoffentlich bei ihm. Ich, sein Liebling? Es muss ihm sein Herz zerrissen haben, zum Sterben abgeschoben worden zu sein in eine anonyme Institution fernab der Liebsten. Wo bist du beim Tode deiner Liebsten?
Meine Eltern
Vater Gottlieb Müller junior (17.4.1911–29.9.1995)
Mein Vater kam als jüngstes Kind in Romanshorn am Bodensee zur Welt. Mein Vater erlebte wohl sehr schwierige Zeiten in seiner Kindheit. Gleich während der ersten Lebensjahre der Kampf seiner Eltern um das Haus in Romanshorn, wohl verbunden mit Verlustängsten (sollte sich alles später auch bei mir wiederholen). Dann kamen sogleich der 1. Weltkrieg und die Spanische Grippe.
Wie war seine Beziehung zu seiner Mutter? Über die Mutter haben wir leider bis heute sehr wenig erfahren. Wo hat sie wohl ihren Mann kennengelernt?
Mit 14 Jahren verlor Gottlieb seine Mutter, was ihn sehr geschmerzt und wohl auch verletzt hat (seine zukünftige Frau Lisbeth sollte ihre Mutter mit 12 Jahren verlieren). Gottlieb fühlte sich alleine gelassen mit dem doch recht autoritären Vater. Und die grossen Brüder waren ausgezogen. Beide meiner Eltern waren fast noch als Kinder Halbwaisen geworden.
Gottlieb wuchs in Schaffhausen am Herrenacher auf, wohl in einer schönen grossen Wohnung. In der Knabenmusik spielte er Horn. Und er durfte immer wieder mit seinem Vater im schicken modernen Zollauto auf Inspektion der Zollämter an der Deutschen Grenze mitfahren.
Gottlieb wurde nach der obligatorischen Schulzeit ins Institut nach Payerne geschickt. Er fühlte sich wohl auch hier teils verletzt und alleine gelassen, abgeschoben von daheim (sollte in späteren Jahren seinem jüngeren Sohn Thomas so ergehen, nur lief dieser dann einfach im Institut davon). Er hat dann in Schaffhausen eine kaufmännische Lehre absolviert. Die kleine Lehrfirma lag direkt gegenüber seinem Wohnsitz. Gottlieb war ein sehr hübscher junger Mann mit femininen Gesichtszügen. Sein Vater starb gegen Ende seiner Lehrzeit, da war Gottlieb schon Vollwaise und er hatte jetzt noch eine Stiefmutter, zu welcher er nicht so einen guten Draht hatte. Gottlieb ging dann zum Militär. Die Rekrutenschule machte er in Aarau. Er war passend bei den Zerstörungstruppen, Bestandteil der Infanterie. Während des 2. Weltkrieges leistete er Aktivdienst im Kanton Aargau, teils in Biberstein. Schon bald nach seiner Lehrzeit ging er nach Chiasso zur Spedition Danzas. In Chiasso lebten und arbeiteten auch sein ältester Bruder Bruno und dessen deutsche Frau Trudi aus Singen. Sie kümmerten sich um den noch jungen Gottlieb. Was mir auffällt, ich habe nie von einer Beziehung meines Vaters zu einer Fraugehört, bevor er 1949 meine Mutter kennengelernt hat, mit doch schon 37 Jahren. Alles verschwiegen.
Was hat mein Vater 15 Jahre lang im Tessin gemacht ausser gearbeitet? Ich weiss fast nichts; er war Fan von Juventus Turin und ebenso von Diktator Mussolini. Gottlieb verbrachte dort an der italienisch-schweizerischen Grenze die ganze Zeit zwischen 1933 und 1945. Er war auf jeden Fall ein grosser Freund Italiens. Als wir Kinder und Jugendliche waren, wurde uns jede Weihnacht aus Mailand von Danzas ein Panettone geschenkt per Post. Panettone war damals noch etwas sehr Besonderes. Gab es weder bei COOP noch in der Migros.
Nach der Zeit in Chiasso kam Gottlieb nach Basel zur Speditionsfirma Danzas, Export Italien, und verdiente sich bald den Übernamen «Tschingge Müller». Er muss besonders mit den Lehrlingen sehr streng gewesen sein. Gewohnt hat Gottlieb an der Schweizergasse. Was ich noch interessant finde, er hat sehr rasch, wohl innert zwei Jahren, das Bürgerrecht der Stadt Basel erhalten. 1948 hat Gottlieb im Kafi Sattler am Bahnhof meine Mutter kennen gelernt. Im Mai 1949 heirateten sie im Schloss Bottmingen und gingen auf Hochzeitsreise nach Venedig. Neun Monate danach kam ich zur Welt. Ich vermute, dass meine Mutter, als vermögende Frau mit Haus und Grundstück sowie ihrer erotischen Ausstrahlung wegen, Gottliebs Interesse geweckt hat. Er hat auch mir immer gesagt, du musst Karriere machen und eine reiche Frau heiraten.
Ein Cousin meiner Mutter hat einmal abwertend gemeint, mein Vater sei mit einem leeren Bilderrahmen in die Ehe gekommen. Auch wenn dies nicht wörtlich zu nehmen ist, was bedeutet es? Seine Gier auf Besitz hat auch die Beziehungen meiner Mutter zu ihren Verwandten zerstört, da er ungeniert hinter deren Häusern her war. Mit der Zeit hat er uns alle abgewertet. Mutter gehöre in die Psychiatrie (aufgrund ihrer Lebensgeschichte), ich sei schwindsüchtig und mein Bruder ein Dummkopf. Selbstvertrauen ist nicht gefördert worden.
Ich kann nicht sagen, wie glücklich mein Vater in der Ehe war. Sicher hat er immer sehr gerne mit Frauen geflirtet. Unzufrieden muss er mit der Wohnsituation in meinem Geburtshaus gewesen sein. Er erbte dann zwar mit meiner Mutter ein sehr schönes Haus und riesiges Grundstück, doch das Zusammenleben während dieser Jahre, speziell mit meinem Grossvater und der kranken Tante Ida, erzeugten laut Augenzeugen eine unerträgliche Wohnatmosphäre. Wie sich dies auf die Kinder auswirkte? Irgendwie muss er die angeheiratete Familie Bopp als verrückt angesehen haben, was natürlich ein nicht ganz abwegiges Gefühl oder Eindruck war. Sicher hatte er immer wieder mal rücksichtslose Wesenszüge. Und Geld war sehr wichtig für ihn. Auf sein Lebensende hin waren aber Grund und Boden und Geld weg, verspekuliert an der Börse. Die Firma Danzas schrieb über ihn: „Mit grosser Beharrlichkeit und ungewöhnlichem Temperament.
Manche sagten, mit lauter Stimme“.
Mein Vater verbrachte sehr viel Zeit bei Danzas am Holbeinplatz in Basel. Morgens um sieben Uhr fuhr er mit dem VW Käfer zur Arbeit, über den Mittag kam er meist nach Hause, manchmal ging er in ein Restaurant essen. Abends kam er pünktlich aufs Nachtessen heim. Und samstags wurde damals auch noch mindestens halbtags gearbeitet. Sein Lohn war jedoch beschämend bescheiden. Er konnte wohl gutreden, aber sich nicht so gut für seine Anliegen einsetzen. Irgendwann, als er so um die 50 war, stellte sich mal die Frage nach Stellenwechsel und Umzug nach Luzern. Aus diversen Gründen fehlte der Mut dazu oder seine Frau bewog ihn, der Kinder willen in Basel zu bleiben.
Jedes Jahr ging es in den Sommerferien nach Italien, ans Meer, Forte dei Marmi, Jesolo, Pesaro, Rimini, Lido di Camaiore. Wir wohnten immer im Hotel. Mutter sollte oder wollte nicht eine Wohnung pflegen und kochen.
Das lange Kranksein meiner Mutter muss ihn hilflos gemacht haben. Das Zwischenmenschliche war überhaupt schwierig für ihn. Ich weiss noch, wie entsetzt oder besorgt er war, als ich ihm sagte, mit 45 Jahren, ich ginge in die Psychiatrie arbeiten. «Das ist nichts für dich, Reto, du bist viel zu sensibel für so was». Ich war überrascht und berührt, von seinen einfühlsamen Worten.
Das letzte, vierte Haus, in Reinach wurde 1972 verkauft. Gleichzeitig lernte er sehr bald nach dem Tode meiner Mutter per Inserat Clärli kennen und lieben, und zog zu ihr in die schöne und grossräumige Wohnung in der Nähe vom Claraplatz im Kleinbasel. Welche Ironie, er, der immer die Kleinbasler als Proleten und
Minderwertige betrachtet hatte, obwohl auch meine Mutter dort aufgewachsen war, ging für seine letzten 20 Lebensjahre in dieses Quartier leben und genoss das umtriebige Leben rund um den Claraplatz, das Nachtleben dort. Oder die Atmosphäre einfach.
An meinen Kindern, als er Grossvater wurde, hatte er Freude. Er kam zwar praktisch nie nach Aarau auf Besuch, wir besuchten ihn meistens, und beim Abschied hatte er dann feuchte Augen und lächelte verlegen. Ich glaube, was ich akzeptiere, er schämte sich auch teils wegen meiner Scheidung von meiner Frau Elsbeth und fühlte sich unsicher in dieser Situation. Ich besuchte ihn ja auch mehrmals mit meinen Freundinnen und diesen war
es allen irgendwie unwohl in seiner Nähe.
In vielem blieb mir mein Vater ein Rätsel. Wir verpassten es, einander näher zu kommen. Wir hätten wohl nochmals ein paar Jährchen Zeit dafür gebraucht. Ich habe ihn oft daheim abgeholt, er musste vorgängig immer Clärli fragen, und wir gingen spazieren und in eine Beiz der übleren Sorte, halt Arbeiterbeiz. Da versuchte ich ihn etwas aus der Reserve zu locken bei einem Glas Wein, was aber kaum gelang. Er blieb bei seinen Belehrungen, ich müsse Karriere machen und eine reiche Frau suchen. Ich getraute mich auch nicht gross, ihm Fragen zu stellen, da ich das Gefühl hatte, er weiche mir aus oder sage oft die Unwahrheit. Irgendwie fehlte es gegenseitig an Vertrauen.
Ich möchte nicht vergessen zu erwähnen, dass wir in jungen Jahren, als ich so 15 war, zweimal Reisen gemeinsam unternahmen. Einmal mit dem Käfer dem Rhein entlang bis Köln, ein andermal durchs Südtirol. Beide Male tauchte in irgendeiner Form immer das Gespenst des Faschismus auf. Sei das von der Gegend her oder im Gespräch mit alten Deutschen, sage ich mal.
Die letzte Begegnung mit ihm war nicht so schön. Ich lud ihn zu einer Fahrt ins Kloster Mariastein ein. Er war müde, ich drängte ihn aber dazu, in den Keller des Klosters mit mir zu steigen. Clärli war mit dabei. Anschliessend gings zum Essen nach Biel-Benken zum Restaurant Heyer. Hier provozierte ich ihn mit tieferen Fragen und Bemerkungen. Ich verspürte langsam den Drang nach Wahrheit. Wir assen gut und es ging wieder zurück nach Basel. Etwa zwei Wochen später kam von Clärlis Sohn Ruedi nach dem Mittag ein Telefon, mein Vater sei beim Mittagsschläfchen entschlafen. Irgendwie hat er sich für mich vom Erdenleben entfernt, es zog ihn weg oder er hat sich aus dem Staub gemacht.
Ich bin ja in den vergangenen Jahren dreimal bei meinem Medium gewesen, und jedes Mal hat sich mein Vater ziemlich in den Vordergrund gedrängt. Es scheint ihm einiges leid zu tun. Ich habe ihm vergeben, soweit das mir und nicht Gott zusteht. Ich selber habe mit seiner Todesursache etwas Mühe. Immer bevor ich mal gelegentlich ein Mittagsschläfchen mache, habe ich Angst, nicht mehr aufzuwachen.
An seiner Beerdigung waren wenige Menschen. Beliebt war mein Vater nicht. Er ist auch mal beschrieben als nervöser und selbstherrlicher Typ, mit hohem Blutdruck und zittrigen Händen, der sich nicht beherrschen könne.
Ich schreibe jetzt Vati spontan zum Schluss ein Gedicht:
Lieber Vati, du hast mir oft gefehlt, als ich dich wohl brauchte,
ich verstehe vieler deiner erregten Momente, du hast wohl oft sehr gelitten,
und konntest dich nicht anders ausdrücken.
Ich verzeihe dir dafür, dass du Menschen unterdrückt hast,
sie als minderwertig abgetan hast.
Ich merke auch jetzt, meine Augen umgibt eine leichte Trauer,
doch zu lieben warst du selten.
Welche Umstände haben dich so kaputt gemacht,
deine Seele gebrochen? Auch ihnen sei verziehen.
Oder ist es einfach Menschenschicksal, wir können nicht,
wie wir oft meinen, auf alles Einfluss nehmen.
In Demut annehmen, was war, was ist, auch wenn es manchmal unerträglich ist,
und völlig unverständlich, was Gott mit uns vorhat.
Trotz allem, ich bin Dir dankbar für auch Vieles, das ich von dir lernen durfte.
Ich danke Dir Vati, danke, dein Sohn Reto.
Mutter Lisbeth Müller-Bopp (9.9.1924–12.11.1971
Meine Mutter kam in Basel zur Welt. Sie lebte mit ihren Eltern zuerst am Claragraben 146. Zeitweise wohnte dann meine Mutter mit ihren Eltern zusammen im kleinen Fischer-Haus an der Schulgasse 25 in Kleinhüningen, welches ihrer Grossmutter Maria Bopp-Woehr gehörte. Meine Mutter verbrachte wohl eine sehr leidvolle Kindheit und Jugend. Als sie 12 Jahre alt war, starb ihre Mutter Margrit mit 37 Jahren. Dies zerreisst mir das Herz, denke ich auch an meine Enkel. Ihr Vater trank und war dann lange Zeit in der Trinkerheilanstalt Ellikon/ZH zum Entzug. Das Haus in Kleinhüningen wurde zeitweise von ihrer Grossmutter alleine bewohnt, da meine Mutter zu ihrer Tante Ida und ihrem Manne Jean Meierhofer durfte, einem sehr edlen Menschen. Diese wohnten in einer schicken Wohnung am Unteren Rheinweg 102 in Basel. Das Ehepaar Meierhofer wurde über mehrere Jahre zu ihren Pflegeeltern. Gerade heute hatte ich wieder Kontakt mit einer Enkelin von Herrn Meierhofer. Sie ist 89 Jahre alt und ich werde sie demnächst wieder am Zürichsee besuchen gehen.
Meine Mutter ging ins Dreirosen-Schulhaus am Rhein. Sie war eine überdurchschnittliche Schülerin und sehr fleissig und beliebt, da sie sozial eingestellt und sehr hilfreich den Andern gegenüber war. Ich habe von Mutti noch ein wunderschönes Poesie-Album und habe jetzt, wo die Schülerinnen 97 wären, noch versucht, mit eventuell noch Lebenden Kontakt aufzunehmen, was bis jetzt nicht mehr gelang. Jetzt habe ich aber gerade die Adresse von Margrit Märki gekriegt, vielleicht lebt sie noch, und mag mich sehen. Sowas macht mich glücklich, stellt noch eine Verbindung zu Mutti her, die jetzt seit 50 Jahren tot ist. Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte Mutti eine kaufmännische Lehre bei der damaligen National-Zeitung.
1948 zog Mutti zu ihren Pflegeeltern ins grosse Haus mit riesigem Grundstück nach Reinach, mein späteres Geburtshaus. Sie muss damals einen Verehrer laut einer Buchwidmung mit Namen Werner gehabt haben. Wie wäre Werner als mein Vater gewesen? Dann gäbe es mich ja eigentlich gar nicht.
Kurz darauf lernte Mutti im Kafi Sattler meinen Vater kennen. Ich möchte jetzt zusehen, wie sich die beiden getroffen, angesprochen haben.
Ich glaube, meiner Mutter gefielen an Vati das Klare, aber auch Manipulative, Glück versprechende bis leicht Sadistische. Meine Mutter war sich wohl eine eher devote Rolle gewöhnt, eine dienende Frau, jedoch innerlich brodelnd bis zum späteren „vom Feuer zerfressen werden“. Vati erschien ihr wohl im Gegensatz zu ihren Eltern als stark und beschützend, was sie nie gehabt hatte. Ich denke aber, sie hat bald realisiert, dass mein Vater neben ihr als Person auch sehr stark an ihrem zu erwartenden Vermögen interessiert war. Beide verband wohl der Wunsch, mehr zu scheinen als sie waren, besonders mein Vater. Ich denke, Jean Meierhofer und Ida hat das Ganze nicht gefallen. Warum Jean Ida heiratete, weiss ich auch nicht. An meinem Grossvater wie an Gottlieb hat Jean sicher keine Freude gehabt, meine Mutter muss er geliebt haben. Vielleicht ergibt das Gespräch mit der Enkelin von Jean Meierhofer noch mehr Klärung. Jean Meierhofer war wie viele meiner Familie bei der Textilfirma Schwarzenbach tätig, in leitender Stellung als Chef Kalkulation.
Ich bin dann ein richtiges Hochzeitskind geworden, meine Mutter gebar mich genau 9 Monate nach der Hochzeit im Schloss Bottmingen. Mein Vater und meine Mutter zogen dann gemeinsam nach Reinach an die Therwilerstrasse 41, wo sie zusammen mit Tante Ida und Jean Meierhofer lebten. Die Gegend war bewohnt von den Leuten mit Direktorenposten und viel Geld.
Für meine Mutter muss meine Geburt ein grossartiger Moment gewesen sein. Ich war ihr Ein und Alles. Sie neigte aber auch schon früh dazu, mich zu vereinnahmen, und gab mir wohl immer wieder Double Bind Botschaften, was meiner Seele nicht gut getan hat, mich verunsicherte. Es stimmte oft nicht überein was sie sagte mit dem, was sie fühlte, und ihre Gestik und Mimik zeigten. Ich wurde wohl auch zu einem Mannersatz, da die Beziehung zu meinem Vater nicht so glücklich war. Drei Jahre später gebar sie meinen Bruder Thomas. Sie nahm ihn wohl an, etablierte trotzdem eine Zweiklassengesellschaft zwischen mir und ihm. Das tut mir leid, Thomas. Schon bald erkrankte Tante Ida sehr schwer an Krebs. Und es existierte ein Testament vom 1951 verstorbenen Jean Meierhofer, dass Ida ihn um 5 Jahre überleben musste, damit meine Familie das ganze Grundstück erhielte und nicht nur die Hälfte. Die andere Hälfte wäre dann an seine Söhne aus erster Ehe gegangen.
Ich verstehe nicht, weswegen meine Eltern so um das Leben von Tante Ida wegen des Geldes kämpften, da es auch mit Haus und Teilgrundstück gut gegangen wäre. Wollte meine Mutter beispielsweise diese Gesundbeterei und alles Mögliche, um Tante Ida am Leben zu halten und diesen Vertrag zu erfüllen? Stand sie unter Druck meines Vaters? Wollte sie ihren Söhnen, vielleicht besonders mir, einen Gefallen erweisen und für Geld sorgen? Meine Mutter hatte Tante Ida sehr viel zu verdanken. Ida war ihre Pflegemutter. Jean ihr Pflegevater.
Zu jener Zeit, also den frühen Fünfziger Jahren, ich war so vier oder fünf Jahre alt, hatte meine Mutter ja auch ihre grosse Sorge mit ihrem Vater, meinem geliebten Grossvater. Meine Mutter schaute, dass Grossvater doch möglichst viel bei uns wohnen konnte, obwohl dies laufend Probleme mit ihrem Manne gab. Und das Trinken. Es kam der Moment, wo Mutti ihrem Vater Antabus verabreichen sollte und ein Hausverbot für ihn zur Diskussion stand. Antabus wollte weder der Grossvater, noch Mutti diesem verabreichen. Meine Mutter fühlte sich wohl zu jener Zeit, sie war etwa 30 Jahre alt, verantwortlich für die beiden Söhne, musste den Haushalt stemmen, die Tante Ida pflegen mit ihrem Krebsleiden, und zu ihrem Vater schauen. Und sich um den Erbauftrag kümmern. Das war doch eine riesige Überforderung, ich litt darunter und heute noch. Den kleinen Mädchen helfen, die Buben für ihre Schandtaten verurteilen. Tante Ida war 1956 kaum verstorben, mussten meine Eltern feststellen, dass Haus und Grundstück mit dem Verdienst meines Vaters nicht zu halten waren, und, gleich schlimm, ihre Beziehung, die Ehe, sehr schlecht geworden war. Meine Mutter erkannte, dass alles, was sie von ihrer Tante und Jean Meierhofer bekommen hatte, wohl bald verloren gehen würde und machte sich wohl dafür grosse Schuldgefühle. Ich habe viel von all dem Leid von Mutti übernommen, ich, Reto. Was also konnte oder sollte gerettet werden? Sie kamen auf die Idee, die Kinder für ein paar Wochen ins Kinderheim in Biel-Benken den Nonnen anzuvertrauen, um Zeit zu haben, das Grundstück zu verkaufen und der Frage nachzugehen, wollen wir zusammenbleiben?
Und Grossvater war auch noch da und brauchte Unterstützung.
Lichtblicke für Mutti waren wohl die jährlichen Winter und Sommerferien, in den Schweizer Bergen resp. am Meer in Italien - Immer unvergessen: Tee mit Zvieritörtli in der schicken Hotelhalle mit mir alleine - Wie schuldig fühlte sich Mutti für all dies, was sie aus verständlichen Gründen nicht tun konnte, zur Seite legen musste? In jener Zeit, also den späten 50er Jahren, sind wohl schon die Weichen für ihre spätere Krebserkrankung gestellt worden. Mir wird jetzt beim Niederschreiben bewusst, wieso ich immer zu den Mädchen und Frauen schauen musste.
Ich habe dieses grosse Leiden ja alles mitbekommen und wollte wohl helfen, wie konnte ich aber auch? Auch ich fühlte mich schuldig, ungenügend.
Das grosse Haus und wunderschöne Grundstück wurden dann 1958 verkauft, nur zwei Jahre nach Idas Tod, der wir ja das Ganze, das Vermögen, zu verdanken hatten. Im Guten wie im Bösen. Gott stehe uns allen bei.
Jetzt beim Niederschreiben kommt mir das Ganze «wie die Flucht aus Ostpreussen vor». Was das zu bedeuten hat? Du verlierst einfach alles und es bleibt Dir nichts mehr ausser Tränen, Trauer und Wut und Verzweiflung.
Meine Mutter schaute weniger zu ihrem Vater, vermutlich hatte sie auch eine grosse Wut auf ihn, obwohl sie als liebevolle Betreuerin gelobt wurde. Mein Grossvater verstarb einsam, ich wurde einsam und meine Mutter fiel wohl innerlich in sich zusammen. Ihr ganzer Lichtblick muss nach wie vor meine Person gewesen sein. Mutti zügelte nun mit ihrer Familie zuerst als Übergangslösung in ein kleines Einfamilienhaus, dann gings bald in den grossen Betonklotz am Hinterlindenweg 11 in Reinach. Sie lebte nochmals ihre ganze Würde und gleichzeitig Verzweiflung und einen sich protzig gebenden Lebensstil, obwohl das Geld ausging. Der Lebensstil bestand u.a. unter der Woche aus Cervelats daheim, und am Sonntag aus Cordon Bleue im Restaurant Ochsen, wo man gesehen wurde. Und sie musste nicht kochen. Der sonntägliche Kirchgang mit mir gab ihr Halt und sollte mir Halt geben. Das tat er auch. Mutti pflegte die Freundschaft zu ein paar Freundinnen, das hatte schon etwas Emanzipatorisches. Ich meine, meinen Vater begann sie zu hassen, und gleichzeitig hatte sie das Gefühl, sich um ihn kümmern zu müssen. Was hat mein Vater mit Frauen angestellt? Frauenund Männerschicksale. Sie sagte uns Kindern immer wieder, wir sollten nach ihrem Tode zu Gottlieb gut schauen. Diese Fürsorge. Dies war uns 18-jährigen gegenüber ja auch eine gewisse Zumutung. Die Krebskrankheit dominierte ihren und unseren Alltag. Wie Tante Ida kämpfte sie mit Verzweiflung, von Arzt zu Arzt eilend, um ihr Leben. Das kleine Mädchen, welches unter dem frühen Tod ihrer Mutter gelitten hatte, wusste, was dies für ihre Söhne bedeuten konnte. Ich bin auch heute noch verzweifelt über dieses Unglück. Ich habe einen unguten Umgang mit dem Tode gelernt.
Es sind noch Sachen vorgefallen, die Mutti verzweifelt machten, die ich jetzt nicht mehr aufschreiben möchte, weil schrecklich erlebt, einer sterbenden Frau gegenüber durch rücksichtslose Männer. Ich stelle mir die kleinen Mädchen vor, die im Alter solch Schreckliches erfahren müssen. Die letzten Lebensjahre und ihr Sterben muss sie als beängstigend und traurig und unglücklich erlebt haben. Jemand, um ein so schreckliches Beispiel trotzdem zu erwähnen, sagte am Sterbebett, «es ist Zeit, dass du verreckst». Das ist wie in den Gaskammern, für mich, als individuelles Schicksal. Das lässt mich vor jeder Seele, besonders Mädchen, verneigen, verstummen.
Mutti hatte für ihre Söhne gelebt und würde nie erleben, was aus ihren Söhnen werden würde. Sie hatte sich mit Schuld beladen, weil sie ihr Erbe verwirkt hatte und kein Geld weitergeben konnte. Und sie konnte wie ihre Eltern nicht ihr Leben verwirklichen. Wie lässt sich da Sterben und Frieden finden?
Ich tue mein Bestes, das grosse Leid zu transformieren, für meine Ahnen und meine Nachkommen.
Meine Mutter verstarb in einem Krankenbett im Claraspital Basel, wie ihre Mutter 35 Jahre davor. Vom Krebs zerfressen, und sich wohl sehr verlassen gefühlt. Ich konnte sie nicht stützen, jedoch war ich bei ihr. Es war am 12. November 1971, einem regnerischen Freitag. An der Beerdigung war kaum jemand. Trostloser geht es nicht. Dabei war Mutti so beliebt gewesen. Aber je länger je isolierter. Lisbeth schämte sich für Vieles, weswegen sie auch die Kontakte reduzierte. Sie wurde natürlich auch von ihrer Ursprungsfamilie vergessen, stark Gottliebs wegen. Warum lässt Gott es zu, dass so viele scheussliche Männer geboren werden, wie wir auch in der Politik sehen? Kleine Buben, später grosse Monster. Ich sage nicht gefühllos, denn sie haben Gefühle. Nur manipulieren sie ihre eigenen Gefühle, manchmal nach innen, manchmal nach aussen.
Niemand wollte meinem Vater Kondolenz erweisen. Dies überwog, anstatt meiner Mutter die letzte Ehre zu erweisen. An uns Nachkommen dachte da kaum mehr jemand.
Ich habe zum Beispiel Vorwürfe von der Familie meiner Patin erhalten, ich hätte mich nicht um meine Gotte gekümmert. Wer hat sich um mich gekümmert als junge Seele? Vieles im Leben wiederholt sich. Wer kümmert sich um wen und warum und warum nicht?

Spirituell esoterischer Lebenslauf
Ich weiss, dass ich Vorfahren habe, die sich mit Fragen des Übersinnlichen und Geistigen auseinandergesetzt haben.
Konkret ist – im Moment – „nur“ Tante Ida in meinem Bewusstsein, die einen stark religiös geprägten Hintergrund hatte. Lebensgeschichtlich, wie dieser entstanden ist, weiss ich noch zu wenig. Sie gab mir mit auf den Weg den Satz „Reto, ich bete und wünsche mir, dass du ein guter Mensch wirst“. Ihr Wunsch ward mir „Befehl“, auf der Welt mich als Suchender zu bewegen für das Gute.
1950, zur Zeit des Aufbruchs und der „Normalisierung“ nach dem Krieg, wurde ich im Zeichen von Wassermann/Zwilling geboren. Meine Wiege stand in einem anthroposophischen Erker, mit Blick aufs Goetheanum. Ich frage mich jetzt, wie das sehr grosse, geräumige Haus, mit riesigem Garten und Land dazu, zu diesem Erker kam. Wurde er für mich erstellt? Spässchen . . . wer wohnte früher in diesem Haus?
Dieses Zimmer mit Wiege und Erker war zugleich das Schlafzimmer meiner Eltern. Heisst, ich erlebte als Kleinstwesen die Verbundenheit von Geistigem mit Sexualität. Und vermutlich auch Spannung, Streit, nicht Liebe im Vordergrund.
Unheimlich empfand ich damals vielleicht im Alter zwischen eins und fünf (?), folgende Szene, Vorstellung, ob real? Ich liege im Elternbett, neben meiner Mutter, das Dach, der Himmel öffnet sich, und ich werde hinausgesogen in einem Lichtstrahl in die Ewigkeit, oder, was mehr Angst auslöste, Unendlichkeit, das Unbegreifbare. Vielleicht auch das Unbegreifbare repräsentierend in meiner damaligen Situation im Kreise meiner Familie plus Grossvater und Tante Ida, unter den Aspekten von Alkohol, Psychiatrie, Religion und Streit und mangelndem Vertrauen.
In jener Zeit zwischen drei und sieben, acht, war mein äusserst schwieriger Grossvater meine Lieblingsbezugsperson. Er hatte Zeit, den Lebensumständen gemäss, und konnte sich um mich kümmern. Teile davon waren Missbrauch auf emotionaler Ebene, dankbar bin ich ihm und der dort lebenden Familie für die Entwicklung meines Gespürs für schwierige Situationen, die dazu führten, dass ich im späteren Leben in der Psychiatrie arbeitete und immer sehr viel Einfühlung und Verstehen für die schwierigen Menschen hatte, diese sich auch zu mir hingezogen fühlten.
Irgendwann mit etwa zehn, jagte mich meine Mutter (wir liebten uns) durch den Hausgang und oberhalb der Treppe fiel ich zu Boden. In völliger Verzweiflung lag ich total „aufgelöst“ und hilflos auf dem Rücken auf dem Boden und schrie in Todesangst „Hilfe, ich sterbe“ . . . mir ist noch unklar, was in dieser Situation tatsächlich starb . . . ich hatte etwas „angestellt“ und den Ärger meiner Mutter ausgelöst. Sie, die mich immer völlig liebte, zwar double-bind-artig, Mannersatz auch, hat wohl zum ersten Mal aus meiner Erinnerung so reagiert, völlig mit Gewalt, und für mich brach wohl eine Welt, das Universum zusammen. Das war ein Moment des Totalverrats von Mutter/Frau an mir. Würde ich diese Enttäuschung überwinden?
Mit ungefähr 10–12 Jahren lag ich im Bett, auf dem Rücken, und webte mich ins Leintuch ein, d.h., ich nähte gedanklich dieses zu, im übertragenen Sinne fühlte ich mich zu lebenslangem Gefängnis eingesperrt, sinnbildlich so erlebt, für ein begangenes Verbrechen. Welches? Gerade vorgestern kam mir dieses Bild wieder hoch, beim Gedanken, mich zeitweilig in meine Wohnung in selbst ernannte Quarantäne zurückzuziehen, was zu lebenslangem Rückzug führen könnte.
Was in dieser Zeit auch geschah, war, dass ich ein paar wenige Male das Gefühl hatte, meine Finger seien nicht mehr meine Finger, sie bestünden aus Gummi, resp. die Gelenke. Es gab damals z.B. so kleine Giraffen, die Gelenke hatten, die sich bewegten, dazwischen Schnüre, die die Gelenke zusammenhielten. So fühlte ich mich. Dies war ziemlich beängstigend (Wahrnehmungsstörung?).
Mit 15 ging ich mit meiner Mutter zur Kirche und hatte dort ohne was dazu beizutragen einen Orgasmus (finde ich doch hoch spirituell). Sex und Mutter.
Mit 18 war ich mit Günther in Griechenland. Wir lagen abends am Golf von Korinth unter dem Sternenhimmel. Beim Einschlafen erwachte ich wieder völlig aufgeschreckt; es hatte wieder so einen „Sog“ zum Weltall gegeben, der mich davon ziehen wollte ins Unendliche.
Ich habe jetzt beim Schreiben den Eindruck, „diese Ereignisse“ treten eher in Ruhephasen auf. Dies halte ich ja schwer aus im Alltag . . .
Mit ungefähr 27 lag ich neben meiner Frau im Bett. Wieder eher Ruhe, Einschlafmomente . . . da erwache ich völlig erschreckt, weil ich gerade mich an der Decke erlebt habe und mich und Elsbeth im Bett schlafen gesehen habe.
Zu jener Zeit träumte ich auch mal nachts, dass die Todesanzeige meines Paten im Briefkasten sei. Am kommenden Tag lag die Todesanzeige meines Onkels im Briefkasten.
Auch etwa zu dieser Zeit ging ich mit meinen beiden kleinen Kindern auf den Spielplatz im Stadtzentrum Aarau. Plötzlich überfiel mich eine Panikattacke, Angst, und ich klammerte mich an den nächsten Menschen, der dort stand, und sagte: „Bitte helfen Sie mir, ich sterbe“. Ich ging dann zu einer Notfallkontrolle, alles in Ordnung.
Auch zwischen 27 und 30: Ich arbeitete in der Buchhaltung bei der Firma Rohner in Pratteln. Ziemlich stressig. Plötzlich überfällt mich wieder so eine Panikattacke, diesmal ohne Gedanken, einfach Angst, keine Luft mehr zu kriegen. Ich eile zum Fenster und reisse beide Fensterflügeltüren auf, zum Erstaunen meiner Bürokollegen. (Ein paar Tage danach wurde ich übrigens fristlos entlassen, weil ich meinen Chef vor den Kollegen als Stresser und Sadisten angegriffen hatte. Das ging nicht).
1980, zu Beginn meiner Ausbildung zum Sozialpädagogen, hatten wir eine Intensivwoche auf dem Herzberg ob Aarau. Wir machten einen Tag lang „ein grosses Spiel“, wo jeder in eine fremde Rolle reingeht. Am Abend, beim Abschminken, sitzt Eva etwas verstört auf einer Bank vor dem Haus. Ich spreche sie darauf an, wie sie auf mich wirke. Ja, sagt sie, sie sei während der ganzen Übung über mehrere Stunden an der Decke gewesen und habe alles von oben beobachtet, inklusive sich selbst. Ausgelöst worden sei es, als ein Kollege mit einer „Schizophrenie-Gesichtsmaske“ (geteiltes Gesicht, angemalt) ihr begegnet sei und er sie an ihren Vergewaltiger aus Jugendjahren erinnert habe.
Irgendwann träumte ich, ich träfe einen alten Schulkollegen, den ich letztmals vor 25 Jahren gesehen hatte. Am nächsten Tag traf ich ihn tatsächlich.
Aus diesen Begebenheiten ergab sich eher eine Angst, mich auf gewisse Dinge einzulassen, wie Rückführung, Medialität, Übersinnliches. Dies legte sich erst in den letzten Jahren.
Mit anfangs 30 erlebte ich mit Monika einen ozeanischen Orgasmus. Alles zerfloss, ich zerfloss, fühlte mich aufgelöst, als Teil des Ozeans, alles Flüssigen und Fliessenden.
Ach ja, seit ich ungefähr sieben bin, begleitet mich die „Geschichte“ um Ostpreussen. Es zieht mich dort hin, hat was Magisches (übrigens liebe ich immer mehr oder weniger, früher noch mehr, magisches Denken). Dazu gehört auch die Idee, ich dürfe nicht nach Ostpreussen fahren, da ich dort sterben würde. Ich begegne immer wieder Menschen, hauptsächlich Deutschen, die einen Bezug zu Ostpreussen hatten. Eine deutsche Frau meinte mal, dies sei kein Zufall. Sie selber kenne ganz viele Menschen, die keinen Bezug zu Ostpreussen haben. Das sei aussergewöhnlich, wenn ich immer wieder Deutschen mit so einem Hintergrund begegnen würde. Ostpreussen, als Kriegsodyssee für viele, mit Flucht, alles Aufgegeben, begleitet mich dann viel. Dies hat was stark Berührendes, Grosses für mich. Schwierig zu erklären. Manchmal ergreift mich beim Gedanken an jene Gegend ein Schaudern, ein Ergriffensein. Jemand sagte zu mir, meine Seele hätte dort geboren werden wollen? Ich war jetzt zweimal in dieser Gegend, bin lebend heimgekommen, wobei ich dort auch das Gefühl hatte, ich sei dort daheim. Es erinnert ja auch rein äusserlich viel dort an die hiesigen 50er Jahre, sehr gute Gefühle, von Einfachheit und Klarheit, Bescheidenheit, Wenig, auch Not, Zusammenhalt unter den Menschen. Auslöser für Ostpreussen war mein Grossvater, der mir von den alten deutschen Ländern erzählte und mich schreiben lehrte. Ich bin ja überhaupt ein grosser Freund von Deutschland und Russland, besonders vom Osten, den Westen mag ich nicht so sehr, war mir immer zu kapitalistisch. Ach ja, jetzt wartet ja noch im Bundesarchiv in Bern betr. meiner Familienforschung eine Akte Bopp/Königsberg auf mich, zum recherchieren. Bin ich dann in jener Gegend, habe ich an fast jeder Ecke das Gefühl, gleich als Kommissar dem Rätsel auf die Spur zu kommen.
Zu diesem Thema könnte ich mich noch tiefer hineindenken.
So mit ungefähr 40 gehen mir jetzt die Themen aus. Was schreiben?
Nun, mit 40 lernte ich meine zweite Ehefrau Yvonne kennen. Sie war sehr spirituell und esoterisch veranlagt. Sie lehrte mich meine Gedanken zu kontrollieren, da diese Realität schaffen würden. Ich verstand diese Aussage damals noch zu wenig, wirkte auf mich „abgehoben“, da weise. Sie machte auch Übungen, aus dem anthroposophischen Kreis, verband sich immer wieder mit dem Göttlichen. Da war ich nicht reif hiefür . . .
Ein paar Jahre später war ich dann so weit. Meine jüngere Tochter Katharina schrieb in der Schule eine Arbeit zum Thema Buddhismus. Da kam sie mit meiner Frau und einer Freundin auf die Idee im Sommer für eine Woche zu Thich Nhat Hanh nach PlumVillage, Südwestfrankreich, ins „Kloster“ zu fahren. Sommer-Retreat mit vielen hundert TeilnehmerInnen.
Ich konnte mir darunter im Vorfeld nichts vorstellen, war jedoch ziemlich sofort dabei.
Dort angekommen stand auf einem Holzschild am Eingang „You are arrived you are home“, und das passierte sogleich bei mir (im Gegensatz zu den andern, die Zeit brauchten). Ich fühlte mich sogleich daheim. Langsames, bewusstes Gehen, Essen, in Stille sitzen, Hausarbeiten machen, sozialbuddhistische Vorträge, die vielen bunt gekleideten Gäste, plus die braun gekleideten Nonnen und Mönche. Ernsthaftigkeit mit Tiefgang und Bewusst-Sein und auch viel Humor, Fussballspiel zwischen Nonnen und Jugendlichen.
Ab da begann ich mit meiner Meditationspraxis.
Ich arbeitete damals in der Psychiatrischen Klinik in Embrach/ZH. Und begab mich auf eine Saharareise. Dort hatte ich die Eingebung, zum Entsetzen der Reiseleitung und meiner Angehörigen, aus der Wüste per SMS dem Arbeitgeber zu kündigen, per sofort. Ich käme nicht mehr zurück. Das war insgesamt sehr befreiend. Ich lief ein Stück weit auf dem Jakobsweg dann in Spanien „retour“, und kam wieder nach Plum Village. Dort blieb ich fürs 3-Monate-Winter-Retreat. Ich lernte einen Arzt aus Genf kennen, der mich auf MBSR (Mindfulness Based Stressreduction) hinwies, und als ich dann in die Schweiz zurückkam, konnte ich sogleich mit der entsprechenden Lehrerausbildung beginnen.
Ich fühle mich jetzt bedrückt beim Niederschreiben wegen dem Coronavirus. Ich werde hier aufhören, mich meinen Ängsten und den Freuden des Frühlings „stellen“. Geschrieben im Sommer 2020.

Grossväter
Grossvater heisst für mich der Vater meiner Mutter. Coquin genannt, der Freche. Ein unschönes Kompliment seines Neffen und dessen Vaters. Verständlich zwar, er war ja wohl schon ein Schlingel, mein geliebter Grossvater.
Ich liebte ihn. Er gab mir das Gefühl, Zeit zu haben, erklärte mir Fussball, Geographie, deutsche Länderkunde. Mit mir spazieren gehen. Ich bleibe am Wort Frechdachs hängen. Ich könnte mir auch vorstellen, Coquin ist ein Begriff meines abwertenden Vaters. Die Französischkenntnisse traue ich ihm wenig zu. Naja.
Zu Grossvater Karl Bopp habe ich ja schon in einigen Texten geschrieben. Bei meinen Besuchen beim Medium und der Rückführung bei Irin trat wie neu mein Grossvater väterlicherseits in den Vordergrund. Wie heisst er schon wieder? Auch Gottlieb. Er lebte bei Vaters Geburt in Romanshorn mit seiner Frau, die in Kassel zur Welt gekommen war. Dann zog die Familie mit den drei Buben nach Schaffhausen. Dort verstarb bald Vaters Mutter und ihr Vater heiratete zum zweiten Mal, eine Coiffeuse, die ihr Geschäft am Herrenacker hatte. Dies wurde zu einer sehr schwierigen Zeit für meinen Vater.
Grossvater arbeitete bei der Oberzolldirektion als Inspektor, das heisst, er hatte die vornehme Aufgabe, in einem grossen Auto von Zoll zu Zoll zu fahren und zu kontrollieren.
Sein Vater, also mein Urgrossvater, kam aus dem Aargau, aus Muhen. Er soll in Aarau auf der Kantonalbank gearbeitet haben. Und laut Rückführung und Medium erlebte diese Familie damals in Muhen einen grossen Verlust. „Sie hätten alles verloren“, liess mein Grossvater mir übers Medium mitteilen.
Ich bin auch Grossvater. Grossvater sein ist Berufung und Ehre. Würde vermitteln. Vor-Bild in Weisheit. Und wie wir am Jahreskurs im Lassalle Haus für alte Menschen vermittelt kriegten: Zuständig für die religiöse und esoterische Erziehung. Mindestens unterstützend. Da fühle ich mich ja wohl dabei. In meinen Enkeln sehe ich die Fortsetzung meiner selbst. Und ich sehe auch meine Vorfahren in ihnen. Ich fühle mich sehr geliebt speziell von den Mädchen. Bei den Buben muss ich etwas achtsamer und hellhöriger und feinfühliger sein. Draussen zieht die Landschaft vorbei, Häuser, mit Familien, und auch Grosseltern. Kürzlich meinte Elisa, ich solle doch bei ihnen wohnen. Mein Grossvater lebte tageweise bei uns. Er hatte in der Mansarde ein Zimmer. Strafversetzt musste er in der Laube schlafen. Nur im Sommer. Jetzt hat gerade an einem Tisch weiter links der jüngere Mann dem älteren Mann kurz den Kopf gehalten und ihm einen Kuss auf den Scheitel gegeben. Sah speziell und zärtlich aus. Jetzt gibt der Jüngere dem Älteren Nachschank ins Glas. Im Zug vorhin meinte der Mann aus Eritrea, bei ihnen daheim gehöre noch mehr Respekt den Alten gegenüber zum Menschsein im Alltag. Manchmal mangelt es meinen geliebten Kleinen an Respekt. Ich spüre dann auch ihre Liebe und verstehe und verzeihe. Habe ich immer Respekt? Die zwei Männer sind (vielleicht) ein attraktives Paar. Wo ist meine Grossmutter?
In der Realität kannte ich nur diesen einen Grossvater. Grossmütter erlebte ich keine. Tante Ida war ein würdiger Ersatz. Die beiden Männer lachen mit dem Kellner. Und ruhen. Draussen auf dem Bahnsteig Olten ruhen die Handtelefone nicht. Auch die Blicke und Köpfe der meisten Menschen bewegen sich unruhig hin und her. Im Osten besonders sehe ich immer wieder alte Menschen, die einfach auf einer Bank vor dem Haus sitzen und ruhen. Das tun oft Grosseltern und kleine Kinder. Womit die beiden Männer wohl ihr Geld verdienen? Der Ältere erlebt den Orgasmus sicher sehr intensiv und lustbetont und schreiend. Kindergeschrei. Gleich werde ich Konstantin anrufen wegen dem Inserat für den Autoverkauf. Alles geht zu Ende, nur die Liebe nehmen wir mit in andere Welten, so wie gestern im wundervollen Film „Nachricht von Sam“. Danke.
Guter Mensch
Tante Ida, die Schwester meines Grossvaters, war bekanntlich für meine religiöse Erziehung verantwortlich. Oder war da einfach mit mir am Erfolgreichsten. Am Tiefsten und im Innersten mich erreichend in meiner frühen Kindheit.
Sie sagte sehr einprägsam zu mir, „Reto, ich wünsche mir und bete dafür, dass du ein guter Mensch wirst“.
Dies sagte ich ja mal vor nicht allzu langer Zeit meiner Enkelin Lina und sie antwortete sogleich, Grossvati, das bist du geworden. Ich danke euch allen, die ihr dazu beigetragen habt.
Guter Mensch oder Gut-Mensch? Gut-Mensch ist ja ein Neuwort von eher konservativen Menschen mit einer gewissen Aggressivität den Linken gegenüber. Hauptsächlich solche werden als Gut-Menschen betitelt, was zugleich etwas Abwertendes hat, oder auch sagen sollte, dieser Mensch ist gut aber etwas dumm, sonst würde er sich anders verhalten. Sind Retter von schiffbrüchigen Asylanten auch GutMenschen? In diesem Sinne JA und das Thema können wir jetzt aber ruhig ruhen lassen, es ist nicht wichtig. Reine Demagogie.
Also, was ist ein guter Mensch? Etwas Gutes tun ist ja klar, was damit gemeint ist. Vorbehaltlos. Da geht’s um alte Werte, biblischen Ursprungs im Christentum, und menschengeschichtlich betrachtet zählt da alles dazu, was nicht der Vernichtung von Andern, Menschen oder Tieren diente.
Gut sein bedeutet, nach ethischen und moralischen Vorstellungen zu handeln, hinter welchen ich stehen kann, auch als Nicht-Gläubiger. Es hat also grundsätzlich nichts mit Religion zu tun.
Im Prinzip erübrigt sich dazu mehr Text, da dies jedem verantwortlich handelnden Menschen und im Sinne des Gemeinwohls handelnd klar ist. Es ist ein Wert, eine Aussage aus dem tiefsten Innern und ich wage die Behauptung, wer darüber diskutieren will ist entweder tatsächlich kein klar guter Mensch oder ein kopflastig debattierender Zyniker, der oder die am Leben vorbeilebt.
PS: Doch noch 3 Beispiele:
1. Entferne ich liebevoll aus der Badewanne eine Spinne bevor ich dusche und tue ich diese Spinne möglichst ins Freie oder sonst an einen schönen Platz, handle ich gut.
2. Teile ich einem andern Wesen meine Gefühle mit, was ich empfinde, oder übe ich Mitgefühl jemandem gegenüber, oder nehme ich bewusst wahr, was ich erlebe und kund tue, ist dies das Verbreiten von Gutem und Liebe.
3. Ich verzichte auf ein drittes Beispiel und lade die Leserin dazu ein, für sich dieses Beispiel auf sich bezogen zu entwerfen.
Kinderheim Biel-Benken, Verlustangst pur
Verlorenheit pur. Kommt wohl in mehreren Textpassagen vor. Ein äusserst einschneidendes Kindheitserlebnis. Meine Eltern dachten über eine Trennung nach. Gleichzeit stand der Verkauf unseres Hauses und Grundstückes Therwilerstrasse 41 zur Debatte. Und mein Grossvater fühlte sich auch immer schlechter, mit Wasser in den Beinen, Einsamkeit, auch Verlorenheit. Da kam existentiell Bedrohendes zusammen. Und ich und mein Bruder sollten für ein paar Wochen ausgesiedelt werden, in ein Kinderheim. Da hast du die grösste Angst, du kannst nie mehr zu all diesem Geliebten zurück, auch die Mutter verlässt dich?
Da wurde ich abgeliefert und verstand die Welt nicht mehr. Mein Bruder hat daran keine Erinnerungen. Er empfindet mich ja auch immer wieder als ver-rückt. Bruders Ver-Rücktheit ist im Keime erstickt worden. Jede Ver-Rücktheit wird zwischenzeitlich zur Normalität. Anpassungsnot. Schutz vorm Ver-Rücktwerden.
Ich war ein verwöhntes Bubi. Und musste jetzt Brei essen, im Eisengitterbett schlafen, und mich in eine Gruppe einfügen. Da reitet John Wayne davon, oder steht oder sitzt lange weinend und völlig niedergeschlagen und verlassen am Eingangstor, auch eisern, schmiedeisern, und wartet auf die Eltern. Ich habe später in meinem Leben auch mal so auf eine geliebte Frau gewartet, die einfach mit einem Andern entschwunden war. Kennst du dieses verzweifelte Warten, im Nicht-Wissen, was kommen mag? Die betreuenden Schwestern waren auch keine Hilfe. Wohl selber eher in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, war das Bubi aus vornehmem Haus nicht ihr Liebkind. Ich sehe jetzt noch den Garten und mich sitzend im Pförtnerhäuschen und wartend. Wo war mein Bruder? Eine Hilfe wäre er auch nicht gewesen, war ja selber hilfsbedürftig.
So eine Leere zu beschreiben: Der Kopf wird leer, diffuse Gefühle überschwemmen dich, du fühlst dich ins Nichts gezogen. Inexistent. Natürlich könnte heute die Achtsamkeitspraxis helfen. So ein Gefühl annehmen, als bekanntlich vorübergehend, das Gefühl sogar umarmen als ein Teil von mir, hinschauen, hinhören, bei mir sein, atmen. Als Kind weißt du nichts davon und dem Kind fehlt in so einem Moment einfach alles. Nichts ist mehr. Leere. Wirklich bodenlose, traurigste, nicht enden wollende Leere. Pause.
Kinderheim, Heime generell, sollten doch Heimat, Schutz und Geborgenheit vermitteln.
Ok, unter den damaligen Umständen mir anzubieten? Anzunehmen? Schwierig . . .
Ich habe dann später über 30 Jahre in Institutionen mit Heimcharakter gearbeitet. Zweimal sogar ein Heim aufgebaut und geleitet. Mein guter verstorbener Arbeitskollege Heinz kam kurz vorbei kürzlich, bei meinem Medium, und liess mir ausrichten, ich hätte meine Spuren in sehr gutem Sinne hinterlassen. Ich denke bei Anvertrauten wie Mitarbeitern. Ich habe meistens Mitarbeiter angestellt, die so nochmals oder erstmals eine Chance erhielten, etwas Sinnvolles zu tun, mit meiner vollsten Unterstützung. Eine Aufgabe. Heinz war damals Nachtportier im Hotel Olten, ausgebildeter Sozialpädagoge und Journalist. Er durfte mit uns zusammen nochmals drei erfüllte Jahre mit den Asylbewerbern verbringen, die er achtsam und liebevoll aber auch streng, wenn angezeigt, begleitete, bevor er krank wurde. Und mir war es immer ein Herzensanliegen, auch mit Liebe Mitarbeiter zu führen und die Klienten gerne zu haben, seien dies nun Menschen auf der Flucht gewesen oder Menschen, Jugendliche, mit seelischen Leiden. Ich durfte viel dazu beitragen, diesen Menschen ein Daheim zu schenken. Wir haben uns alle gegenseitig sehr viel schenken dürfen.
Ich bin also dem Kinderheimaufenthalt in Biel-Benken auch mit Dankbarkeit verbunden, auch angenommen zu haben mein grosses Leiden und zu transformieren in Zufriedenheit und Glücklichsein. Auch Raphael kam öfters in Olten zu Besuch und wir spielten zusammen mit den Asylbewerbern Fussball oder durften mit ihnen kurdisch, tamilisch oder indisch essen. Ich danke dem Leben!
Mysteria Ida Meierhofer-Bopp, 1896–1956
Ich habe viel Familienforschung betrieben. Ab heute gehe ich grosszügig mit Daten und Fakten und Phantasie um. Alles was ist, könnte auch anders sein.
Bis vor ganz kurzem war Tante Ida wohl hauptsächlich in meinem Unterbewussten präsent. Zweifelsohne stark. Sie prägte mein religiöses, spirituelles, ethisches Bewusst-Sein: Reto, ich wünsche mir, du wirst ein guter Mensch.
Seit kurzem, eben, ist bei mir der Groschen gefallen. Tanti war vielleicht die wichtigste Bezugsperson in meinem Kleinkinder-Leben. Obwohl sie offensichtlich nicht so viel Präsenz hatte. Hatte?
Tanti war die Schwester meines geliebten Grossvaters. Dieser war in der Kindheit viel offensichtlicher präsent. Er lehrte mich das Schreiben, die Liebe zu den deutschen Ländern, auch Ostpreussens, die Liebe zum Fussball. Und: er missbrauchte mich, für seine einzige Möglichkeit, in unserem Haus erscheinen zu können. Uns zu besuchen. Mein Vater hasste den Vater meiner Mutter. Nicht nett von ihm. Und vielleicht verständlich.
Zurück zu Tante Ida. Sie betete mit mir jeden Abend. Ach ja, sie wohnte bei uns. Oder, anders ausgedrückt, wir wohnten in ihrem Haus. Sie hatte den vermögenden Herrn Meierhofer aus Zürich geheiratet. Diesem gehörte unser Haus. Kurz vor seinem Versterben 1951, verfasste er ein Testament. Im Wissen der Krebskrankheit seiner Frau. Und wohl weil er meinen Vater nicht mochte. Tanti musste ihren Mann um 5 Jahre überleben. Dann würde das Haus und das immens grosse Grundstück ganz an unsere Familie fallen. Andernfalls würde die Hälfte an seine Söhne aus erster Ehe gehen, die Zürcher Familie. Wieso hat er seine beiden Zürcher Söhne nicht automatisch berücksichtigt? Hätte ich doch. Basel gegen Zürich. Ohne Fussball.
Nun begann eine fragwürdige Zeit. Meine Eltern versuchten mit Unterstützung alles, damit das Überlebensziel von 5 Jahren erreicht werden konnte. Mit dem Pfarrer, mit Gesundbetern, mit Okkultismus. Die Angst kehrte endgültig im Haus ein. Neben der Angst vorm Sterben. Der Erfolg liess sich vordergründig sehen. Tanti überlebte ihren Mann um 5 Jahre und 2 Monate. Lehrte mich, wo ein Wille ist, ist ein Weg.
Nur, was zählte, neben der Angst, das Beten, mich annehmen, den Weg zu Gott aufzeigen, zu Vertrauen, die Liebe der Tante Ida. Wohl heute fehlen da mir teils die Worte oder Ideen, in welchen Formen dies alles geschah. Grundsätzlich war es gut. Und, ich wurde je länger je mehr zu einem guten Mensch.
Vor einigen Monaten begann Andrea in Riehen im Diakonissenhaus zu arbeiten. Die Pflege der ganz alten Schwestern. Ich wusste schon immer, dass Tanti dort in Riehen teils vor ihrem Sterben lebte, im Spital der Diakonissinen. Nun, bei meinen Besuchen, Begleitungen, zur Arbeit, von Andrea, vertiefte sich diese Erkenntnis. Erinnerungen kamen hoch. An die damaligen Besuche, im grossen Park, der Spaziergänge. Und ich spürte, wie dankbar ich Tanti sein durfte.
PS: Das millionenschwere Grundstück verspielte mein Vater in den kommenden Jahren.
Nicht im Casino. In dem er das Geld schlecht investierte. Vielleicht hätte er, der Gottlieb, lieber ein Kloster erbauen sollen?
Angst zur Schule zu gehen
Kommt Dir dies bekannt vor? Du kannst deine Angst auch vertuschen, in dem du in Rockermontur und mit Kette zur Schule gehst und der einzigen verbliebenen Pflanze im Klassenraum über die Blätter schlägst. Und dann einen Mitschüler terrorisierst, und bald die halbe Klasse diesen mobbt. So gewinn man Anhänger. Ich bin gemobbt worden.
Vielleicht schon im Kindergarten. Ich bin immer wieder weggelaufen oder gar nicht hingegangen. Meiner Mutti wieder hinterher gelaufen. Natürlich auch, weil ich Angst hatte, käme ich nach Hause, sei niemand mehr da. Also mich alleine gefühlt und weil ich mich alleine ohne Freunde in der Gruppe wähnte.
In der Primarschule wurde ich im Turnen völlig verlacht. Ich fand teils nicht mehr den Weg zur Turnhalle, um dem verhassten Unterricht auszuweichen. Beim Wählen kam ich am Schluss, und bei jedem Ballzuspiel wurde ich ausgelacht oder mir klar gemacht, ich könne nichts. Im Pro Gymnasium fühlte ich mich akzeptiert. Meine Eltern erkannten jedoch sonst ein Leiden in mir unbekannter Art, meiner Seele, und relegierten mich in die Realschule oder Sekundarschule. Da wurde ich nun aufs Grossartigste gemobbt. Auf dem Pausenplatz wurden mir die Schuhe ausgezogen und fortgeworfen. Im Klassenzimmer die Bleistifte zerbrochen, das Heft zerschrieben, als Streber und Nichtsnutz bezeichnet. Terror pur. Ich litt. In der Berufsschule drehte ich den Spiess um. Wurde zum Anführer und wir terrorisierten einige Lehrer aufs Übelste. Wo war da Liebe? Pure Angst. In einem meiner aufgeführten Theaterstücke von Bodo Kirchhoff sagt der Professor: „Jeder hat Angst vor dem Andern“.
Als Lehrer möchte ich erkennen, falls ein Schüler Angst hat zur Schule zu kommen. Es wäre meine vornehme Pflicht. Warst du auch so ein Schüler? Kennst du welche? Wie unterstützen wir sie? Angst ist das grösste Hindernis zum Glücklichsein. Und es könnte möglich sein ein glücklicher Schüler zu sein. Es gibt auch die Glücksschule.
Später in meinem Leben machte ich einige Ausbildungen und ging immer sehr gerne zur „Schule“. Ich war transformiert. Hauptvoraussetzungen dazu waren, gute „Noten“ zu haben, Beliebtheit, Selbstbewusstsein. Ich glaube oft, ich bin in meinem Leben durchs Höllentor in den Himmel gekommen.
Ich sehe einen Mann mit Ehering. (Ehe-)Ringe sind wie Ketten. Ausdruck eines Angebundenseins, ein Stigma, Unfreiheit, wie kann man so etwas freiwillig tragen? Ich liebe Ehe-Ringe. Das Anormale ist so gespalten wie das Normale. Alles ist gespalten. Das gespaltene Holz erzeugt Wärme. Leben spendende Wärme. Alles ist gespalten oder hat mindestens zwei Seiten. Kann auch ein Spalt gespalten sein?
Ich spüre jetzt eine Wut auf die Schule, auf dieses Schulsystem. Es kann so hilfreich sein, jedoch auch so verletzend und zerstörend.
So produktiv wie heute war ich noch nie im Zug. Drei Texte auf der Strecke von Basel nach Interlaken geschrieben. Ich wurde mit der Zeit auch ein sehr produktiver Schüler. In gewissen Fächern. Im Deutsch. Nicht in Mathematik, Chemie oder Physik. Dies war zähe. Ich wollte nicht begreifen. Es interessierte mich nicht. Ich bin ja auch nicht Chemiker geworden. Physik hat natürlich mehr mit meinem Leben zu tun. Bis zu Erkenntnissen in der Meditation, im Gehirn. Ich sehe eine hübsche Frau. Wäre ihre Vagina eher chemikalisch oder physikalisch in Bezug zur Literatur zu setzen?
War auf der Toilette und überlegte. Chemisch betrachtet könnte sich die Vagina zersetzen oder auflösen. Physikalisch sich ausweiten oder explodieren. Eine explodierende Vagina wie ein explodierendes Eingangstor zu deiner Schule, die völlig neue Möglichkeiten aufzeigen könnte. Wir geniessen oft feuchte und schleimige Lehrpersonen. Vaginale Tunten oder Eunuchen, besetzt vom terrorisierenden Wahnsinn des Besserwissens.
Nichtwissen wäre ganz im Buddhistischen Sinne zu üben.
Therwilerstrasse 41, Reinach BL, und Bratislava, Hlavnà Stanica
Bratislava
In nackter Verzweiflung
Erfahrung ohne Sinn
Sinnvolle Zeit
Verschwendung Leere Alleinsein Existenz geträumt
Die erneute Leere
Bringt die Brust innerlich zum Zwirbeln Wörter müssen nicht verstanden werden Wie das Leben
Verliebte Frauen
Vermehren sich langsamer
Als verliebte Männer
Deswegen nimmt die Leere zu
Und weist den Weg zum stillen Glück Samstag, 10. November 2018
An der Therwilerstrasse 41 stand mein Geburtshaus. Dort durfte ich die ersten neun Jahre meines Lebens verbringen. Das Haus von Herrn Meierhofer. Das Haus von seiner ihn um 5 Jahre und 2 Monate überlebenden Frau, meiner Tante Ida. Das Haus meines Vaters. Das Haus, wo meine Mutter schon vor ihrer Vermählung mit meinem Vater, bei der Schwester ihres Vaters lebte. Das Haus, welches mein Grossvater zwischendurch besuchen durfte. Oben in seinem Zimmer auf der Mansarde wohnte, oder übernachtete. Das Haus, welches auch Bestrafungen aussprechen durfte. Mein Grossvater durfte nur noch in der Laube übernachten. Ich wurde im Keller, im eingebauten Hundezwinger eingesperrt. Wir Buben sperrten die Nachbarsmädchen in grosse Mülltonnen. Der Garten war hingegen sehr weiträumig abgesperrt. Ein Riesengrundstück. Besonders aus der Sicht eines kleinen Buben. Speziell umgeben von Haselnusssträuchern. Welche wir erkletterten. Es waren ja kleine Bäumchen. Oder grosse starke Sträucher. Dann ziemlich weit entfernt die Absperrung durch das Gartentor am andern Ende des Grundstückes. Links vom schmiedeeisernen Gartentor eine grosse Birke, rechts vom schmiedeeisernen Gartentor eine äusserst grosse Pappel. Mindestens aus der Bodensicht eines kleinen Buben betrachtet. Ansonsten: Ein Treibhaus. Im üblichen Sinne. Auf dem gläsernen brüchigen Dach kletterten wir rum. Glas mit herbstlichen Blättern zugedeckt. Das Dach brach nie ein. Im Treibhaus der alles überragende Duft der Tomaten. Oder der Tomatensträucher. Es duftete schon nach Tomaten ohne die roten Früchte. Mitten im Paradies ein wunderschöner Magnolienbaum. Diese Blüten. Dieser Duft. Und rund ums Haus ganz viele Blumenbeete. Da kroch ich am Boden und roch an den Blumenarten. Ich bin heute noch ein riechender Mensch. Grundsätzlich, ein Mensch mit einem guten Riecher. Hätte ich doch Kriminalkommissar werden wollen? Wobei, es gibt ja ständig zum Forschen. Familienforschung kann unendlich ausufern, und eigentlich ist diese Art von Forschung nie am Ende. So wie das Leben. In irgendeiner Form geht immer alles weiter. Es gibt keine endgültigen Resultate. Ausser vielleicht für Mathematiker. Alle paar Jahre laufe ich um das grosse Grundstück rum und zeige jemandem, wie ich aufgewachsen bin. Heute könnten wir sehr vermögend sein, stehen doch sehr viele Terrassenhäuser auf dem nicht mehr existierenden Land, wo es auch ganz verschiedene Apfelsorten an Apfelbäumen gab. Berner Rosen, Goldparmänen, Jonathan, Sauergrauech. Dass ich vom Haus drinnen nichts schreibe bedeutet einfach, dass die guten Gefühle alle draussen stattfanden. Wie oft heute noch im Leben. Ach ja, immer dasselbige Namensschild jetzt: Sander.
Vor etwa zwei Jahren fragte ich Herrn Sander, ob ich ihn und das Haus besuchen dürfe. Ich durfte. Es sah jetzt innen ziemlich umgebaut aus, meist andere Zimmeraufteilung. Das Treppenhaus anders aufgebaut. Vom Naturkeller gar nichts mehr zu sehen, jetzt völlig modernisiert, mit Sauna. Auch der Dachstock nicht mehr erkennbar. Der Garten ist auch massiv umgestaltet worden, mit Swimmingpool, und kleiner geworden. Was noch steht, die angebaute Garage, zweistöckig, und das Häuschen, worin und darum herum die Tiere lebten. Ich kann auch nicht eruieren, welches die Kinderzimmer waren. Das Leben verändert.
PS: Das Erbe von Jean Meierhofer und Tante Ida und meiner Mutter ist unglücklich vergeudet worden. Diese Menschen haben dafür geschuftet, gelebt und geliebt und unsere Familie konnte dem nicht gerecht werden. Diese Erbschuld trage auch ich auf meinen Schultern, wohl als letzter lebender Nachkomme. Meine Nachkommen wissen nichts mehr davon oder tragen sie doch auch ein wenig dieses Erbe in sich! Vermutest du es?
Nähe und Distanz
Ich sitze im Regionalzug von Bern nach Luzern. Durchs Entlebuch. Zeitlose Strecke. Ich habe mich einer jungen Frau gegenüber gesetzt. Rasta-Frisur. Schaut streng . Hört Musik mit Kopfhörer. Sie signalisiert Distanz. Und Nähe. In so einem Abteil sitzt man sich nahe gegenüber. Da ist jeder um das Herausfinden seiner Nähe oder Distanz zum Gegenüber bemüht. Oder es ergibt sich einfach. Ihre Kleidung wirkt kindlich. Alternativ. Ich trinke einen Schluck Kaffee. Und will ja eigentlich die Fahrt in der Novembersonne geniessen.
Was bewegt uns in einem Zugabteil?
Aufgewachsen bin ich in ziemlicher Double-Bind-Beziehung zur Mutter. Da geht es einerseits um Nähe und Distanz. Und zusätzlich stimmen oft die gesprochenen Worte nicht mit dem körperlichen Ausdruck überein, den das Kind fühlt. Und den Gefühlen, die es anfänglich noch sehr gut wahrnimmt. Bei seiner Mutter. Wie sich selbst.
Nicht ideal. Kann zu Schizophrenie führen. Oder zu einem guten Leben.
Ich war im Leben meiner Mutter oft Vaterersatz. Dies führte zu Abhängigkeit, Grössenphantasien, Wut, Angst, immer wieder sehr grosser Verlustangst, da ich mich nicht selber finden konnte. Ich war immer eng verbunden mit Mutti. Heute noch zu Frauen. Und zugleich immer auch auf der Flucht. Nähe ist nicht gut aushaltbar. Auf der Suche.
Sitze jetzt im Speisewagen Bern-Basel. Oder YB-FCB. Auch zum Fussball kann man eine nahe oder eine distanzierte Verbindung haben. Ich glaube, wichtig ist eine möglichst nahe Beziehung zu sich selbst.
Und eine Distanzierung zum Bösen und Unguten, zu all dem, was mir nicht gut tut. Also Nähe zu dem, was mir gut tut. Betrifft dies eine erotische Beziehung, kann wohl demgemäss Nähe entstehen, wenn ich mich wohlfühle in der Beziehung. Wenn. Grundsätzlich habe ich ein Wohlfühlgefühl in mir. Damit kam ich zur Welt. Zur Partnerschaft: mich wohlfühlen, heisst, mich angenommen fühlen. Geborgenheit spüren. Die Hand, die mich beim Geschlechtsakt hält. Natürlich gegenseitig. Die Hand hat jede fünf Glieder.
Nähe tritt oft zu meinen Enkeln ein. Ich spüre sie. Ich fühle mich ihnen nahe. Ich verstehe sie. Ich fühle mich verstanden. Mit Erwachsenen ist dies schwieriger. Erwachsene sind oft deformiert. In ihren Gefühlen. In ihrer Ausdrucksweise. Traurig.
Zu Beginn meines Alten-Jahreskurses entstand Nähe zu Klaus. Während des Kurses fehlte oft diese Nähe. Hatte es zu viele Frauen? Am Ende des Kurses stellte ich die Nähe wieder spielerisch her. Und schon vor dem Spiel lud mich Klaus nach St. Gallen ein. Kreislauf der Gefühle. Wir haben uns aber nie mehr gesehen. Distanz gewann.
Distanz ist Flucht. Schon bei der Geburt kann ich dem Geburtskanal entfliehen. Oder mich aufs Licht freuen. Einmal geflüchtet, immer geflüchtet. Wir erleben wohl oft die Welt der Affen oder Saurier. Dabei sind wir so viel kleiner als Affen oft und Saurier. Vielleicht kommt von diesem abgespaltenen Gefühl her unser Grössenwahnsinn. Grösser als Affen und Saurier zu sein, geht ja noch. Grundsätzlich grösser als die Andern zu sein ist Überheblichkeit angesichs unserer Kleinheit gegenüber Krankheit und Tod. Nähe und Distanz ist weder ein psychologisches Thema noch ein soziales. Nähe und Distanz sind Themen, die du bewusst erlebst oder nicht.
Pesaro
Walti und ich gehen ins Atlantis in Basel. Schau Walti, den Blonden dort, den gehe ich fragen. Hallo, wir suchen einen dritten Mann, für eine Autostop-Reise in den Sommerferien nach Italien. Kommst du mit? Ja, tolle Idee, ich bin Günther.
Ein paar Wochen später stehen wir in Pratteln an der Tramendstation Nummer 14. Bald erkennen wir, zu Dritt nimmt uns niemand mit. Wir trennen uns. Treffpunkt Wartesaal Lugano, sonst direkt in Pesaro bei Mirta. Walti fährt über Yverdon nach Italien. Günther und ich eher direkt. Wir kommen fast gleichzeitig an.
Zuerst gehen wir spät abends in ein Hotel, wo noch die Essensresten auf den Tischen rumstehen. Packen diese ein. In unsere Seesäcke. Auf der Strasse treffen wir drei Mädchen. Wir gehen alle zusammen an den leeren, vollmondbeschienenen Strand. Setzen uns auf eine Schaukel oder in den Sand. Plaudern. Essen die Essensresten.
Nachdem die Mädchen heimgegangen sind, schlafen wir drei am Strand. Morgen früh geht’s zu meiner Freundin Mirta, die uns zeigen wird, wo wir die kommenden zwei Wochen schlafen dürfen.
Zum Pfarrer, in die Kirche. Wir sollen bitte anständige Kleidung fürs Vorstellen anziehen. Nicht oben ohne. Im Nebenraum zum Kirchraum hat man uns schon Matrazen und wieder mal eiserne Betten hingestellt. Da steht auch ein Flipperkasten und ein Töggelikasten. Abends um 22 Uhr müssen wir daheim sein.
Nachdem wir abends mal uns in der Kirche an einem Feuer, selbst gemacht, erwärmten, schmeisst uns der Pfarrer raus. Wir seien ja verrückt.
Als Verrückte gehen wir dann in die Katakomben runter zu den Rockern schlafen. Und treffen bald Patricia. Wir verlieben uns alle drei in sie. Kämpfe auf dem Boot um sie. Wie geht dies aus?
Walti und ich machen einen Autostop-Ausflug nach Roma. Und vertrauen Günther der äusserst erotischen Patricia an.
Nach unserer Rückkehr treffe ich Patricia an der Hafenmole auf einem Treppchen, das zum Wasser runterführt. Wir küssen uns. Ich bin begeistert. Günther nicht. Walti schaut zu. Patricia geht nach Hause und ward nie mehr gesehen. Ich weiss noch heute auch ihren Geschlechtsnamen. Denkste. Weiblich.
Dann klauen wir zum Abschied noch in einem Plattenladen eine Schallplatte der Nomadi. Aus Spass, um uns zu beweisen. Irgendwie läppisch, aber doch leicht abenteuerlich. Und dann fahren wir schwarz mit der Bahn, der italienischen Staatsbahn, und der SBB heim. Bis nach Olten. Dort werden wir erwischt. Und in Basel abgeführt. Eltern werden von der SBB informiert uns abholen zu kommen. Aber spannend wars alleweil.
PS: Auch von Mirta weiss ich noch den Geschlechtsnamen: Ein Schweizer Gewürzwunder.
The Rolling Stones
1963. Schulreise auf den Chasseral. Rückweg, Einkehr Beizli. Musikbox. Die älteren Mitschüler drücken ein paar Schallplatten. The RollingStones. The Last Time. Refrain: This could be the last time. Da entdeckte ich die Stones, den Beat, die Musik und den Existentialismus, das Hier und Jetzt. Und die Erotik. Gerda, zwei Jahre älter, vollbebust machte mich an. Grenzwertig wieder zum Mobben, mich auch lächerlich machend. Aber es war eine Geburtsstunde um mich aus den elterlichen Abhängigkeiten und Vorstellungen zu befreien.
Fortan kaufte ich wöchentlich das BRAVO, studierte die Hitparaden, und tapezierte meine Wände mit Posters meiner Stars. Und ich liess mir schon bald zum Entsetzen meiner Eltern die Haare wachsen. Ich gehörte zu den allerersten mit langen Haaren. Mittelscheitel. Vater drohte mir, die Haare nachts abzuschneiden. Mutter kaufte mir Trockenshampoo für ein gepflegteres Aussehen. Dieses Trockenshampoo machte die Haare zuerst gräulich und spröde. Ich wurde beliebt. So kriegte ich das Gemobbt werden los. Ich mutierte zum Traum-Guy, nur, ich war so immens schüchtern und unsicher. Mobbing-Spuren und Vaters Spuren mich niederzumachen.
Jetzt waren für lange Zeit lange Haare angesagt; ein Mädchen oder der ersehnte erste Kuss mussten jedoch noch lange warten. Es kam dann die Zeit, wo wir 2-3 Mal wöchentlich ins Brandis oberhalb 3 König am Rhein tanzen gingen. Mädchen kennenlernen. Das Ego stärken. Und zu Massachusetts von den Bee Gees schmachtend tanzten. Die Welt war schön, Aufbruchstimmung, 1968, alles war möglich, in jeder Hinsicht.
1967 stand ich ausserhalb Möhlin am Strassenrand und machte Autostop nach Zürich. Es ging ans legendäre Stones Konzert ins Hallenstadion. Ein Moment für die Ewigkeit. Brian Jones lebte noch. Das ganze Hallenstadion sang Ruby Tuesday. Und Satisfaction war schon Kult. Auf der Rückfahrt gings auf einen Bauernhof nahe Baden. Wir waren sicher so 15 uns meist noch fremde Jugendliche. Auf dem Hof hatten wir Hunger und jemand kam auf die Idee, ein oder zwei Hühner rupfen zu gehen. Ich war müde und schlief bald ein, vorvegetarische Zeiten, kein Huhn.
Die Rolling Stones öffneten mir den Weg zu Selbstsicherheit und Selbtbewusstsein. Und zu Extremen. Zu Leidenschaft. Zu Wagemut. Bis zur Unverschämtheit. Tat alles gut.
Ich habe dann später in meinem Leben Mick Jagger und Gruppe sicher noch viermal life erlebt. Tränen der Erinnerung waren immer dabei.
In den 60iger Jahren kannte ich praktisch jedes Musikstück von allen englischen und amerikanischen Gruppen und den deutschen Schnulzensängerinnen. Ich hörte ganzheitlich Musik. Ich sass schon als 12-jähriger vor meinem Radio und hörte meine Lieblingssender. Ich schrieb dann die Titel auf und führte Statistik über die meistgespielten Platten. Ich hatte noch ähnliche Hobbys. Ich hatte einen kleinen Töggelikasten. Da schrieb ich Meisterschaften, Spielpläne, auf und spielte alle Spiele im Penaltyschiessen durch. So war es mir möglich, immer beide Mannschaften zu sein. War trotzdem nie klar, wer gewinnen würde. Und beim Autofahren durfte ich vorne sitzen. Und schrieb in einem Heft alle Ortsnamen auf, wo wir durchfuhren. So wurde ich zu einem Geographie-Talent. Schon sinnvolleres Spiel als am Handtelefon schon als Jugendlicher oder noch früher seine Zeit zu verbringen. Machte alles sehr viel Freude.
Der für mich traurigste Moment fand am 3. Juli 1969 statt. Günther und ich waren in Sile am Schwarzen Meer in der Türkei, zusammen mit Ebbi, einem Österreicher. Da hörten wir, dass Brian Jones von den Rolling Stones gestorben war. Er war Mitbegründer der Rolling Stones 1962. Es ist bis heute unklar, ob Brian im Swimming Pool ertrunken oder umgebracht worden ist. Legenden leben länger.
Arabien, Kuwait
Mir ist ein Buch zugekommen. Von einem CH-Ingenieur. Er arbeitete in Kuwait und fuhr dann nach ein paar Jahren zurück in die Schweiz, heim, in einem Plymouth, auf dem Landweg. Diese Autofahrt imponierte mir.
Elsbeth, meine spätere Frau und Mutter meiner Kinder, und ich, waren nun schon drei Wochen unterwegs, als wir von Basra/Irak aus die Grenze nach Kuwait überqueren wollten. 100 km waren wir seit dem wunderschönen Basra gefahren. Basra, auch das Venedig des Orients genannt. Wir wohnten dort in einem * Stern Hotel, mit etlichen Männern zusammen in einem Raum, und einigen zusätzlichen Gästen namens „kleine Tierchen“, für Fr. 1.– die Nacht. Nachts war es etwas unheimlich. Und unruhig. Unterkunft SAC-Hütte mit arabischem Einschlag. Ein sehr grosser Stadtteil war gebaut auf dem Wasser auf Pfählen. Die Häuser aus Holz, reich verziert. Zauberhaft fremd.
Nun, vor uns ein paar Baracken und zwei Betonbauten. Die Zollgebäude. Die Verabschiedung durch die Irakis dauert kurz, im Gegensatz zur Einreise, wozu wir etwa die ganze Nacht brauchten, mit ausführlichsten Gepäckkontrollen und Kaffeegeplauder und Zigaretten und Ruhepausen der Zöllner. Also, kurz hier, und schon sind wir auf dem Staatsgebiet von Kuwait. Die Zollbeamten heissen uns willkommen. Alle, ausser einem, der Chef zu sein scheint, empfangen uns im Arabischen Kleid, weiss, Thawb (Kaftan), ganzteiliger Anzug, und mit Kofia (Turban), der Kopfbedeckung. Hoppla. Da schlottern schon mal kurz die Knie. Und manch einer trägt noch die Sonnenbrille.
Der Mann im westlichen Anzug, mit Krawatte, übernimmt die Gesprächsführung. Auf Englisch. Es käme fast nie vor, dass hier jemand per Auto aus Europa durchkomme. Exoten zu Besuch bei Exoten. Nach dem hier üblichen zweistündigen Zollprozedere, das auch Höflichkeitscharakter hat, verabschiedet sich der Beamte von uns. Er wünsche uns gute Fahrt durch die Wüste bis Kuwait-City. Eine andere Ortschaft gibt es gar nicht hier in Kuwait. Und, er gibt uns eine Karte, da er uns sehr gerne in der Stadt mal zu einem feinen arabischen Essen einladen möchte.
Grosser Parkplatz, wir sind angekommen. Gleich stehen zwei einheimische Männer um unser Auto herum. Übrigens, VW-Käfer, Jahrgang 1957, hellblau, Faltdach, kleine geteilte Heckscheibe, Winker-Blinker, luftgekühlter Vierzylinder Boxermotor mit Heckantrieb, grandios. Die Männer weisen auf unser Nummernschild hin und meinen: „Schweizer. Unsere Schwester lebt in Pratteln bei Basel. Ihr seid herzlich bei uns daheim zum Wohnen für die kommenden zwei Wochen eingeladen“. In einer Ein-Zimmer-Wohnung.
Freude herrscht. Die Männer vermitteln uns auch einen Auftritt im Kuwait TV in einem Quiz, wo ich „z`Basel am mym Rhy“ singen darf und sämtliche zu gewinnenden Goldstückli verpasse, durch manuelle Ungeschicklichkeit, einem metallenen Triangel nachzufahren mit einem weiteren Metallstück, ohne den Draht zu berühren, und, eben, dabei zu singen.
Vor dem Hilton-Hotel, wo wir später auf die Zollbeamten warten, treffen wir Yassir Arafat. Und über die Begegnung mit den Zollbeamten in einer abgelegenen und ummauerten Villa zu erzählen, schweigt des Sängers Höflichkeit. Das Essen war ok, der Whisky vorzüglich, und ihre Absichten schändlich. Wir konnten uns wieder aus der Affäre rausziehen, in dem ich auf die grandiose Idee kam, wir könnten uns wohl eher übermorgen wieder treffen, da sei mehr Zeit als heute, wir möchten jetzt nach Hause gehen. Ja, im richtigen Moment die richtige Idee kann manchmal weiterhelfen. Ziemlich.
PS: Der eine Mann wollte Elsbeth das Haus zeigen und mit ihr ins Bett. Der andere meinte, kürzlich hätte ein Engländer am Zoll vergessen, diese TravelerCheques zu unterschreiben, ob ich dies tun könne und die Cheques einlösen gehen auf einer Bank.
Auf der Rückfahrt besuchten wir wieder Baghdad. Baghdad liegt an den biblischen Flüssen Tigris und Euphrat. Da schreibst du antike Weltgeschichte mit. Scheiss Amerikaner. Ein Bier am Flussufer, Sonnenuntergang. Leben pur. Die Strecke nach Ammann in Jordanien beträgt etwa 1000 Kilometer, auf dem Baghdad International Highway. Alle 250 Kilometer wechselt die Landschaft. Zuerst noch grün, Landwirtschaft, dann Steppe, dann Sand, Grenzposten Rutba, ein paar wenige Häuser, ein Restaurant, eine Tankstelle zum von Hand Benzin pumpen und tanken. Und dann der grandioseste Teil, so weit dein Auge sieht, sehr grosse Basalt-Quader-Landschaft, alles ganz schwarz. Gegen Ammann zu besteht die Autobahn aus Piste, einfach breit, 200 Meter breit, soweit das Auge reicht glitzert in der Ferne die Strasse, Fata Morgana per Auto, ab und zu ein Lastwagen der auf uns zugeschossen kommt, ausweichen, der Laster ist stärker als unser Käfer.
Kommt nochmals jemand mit nach Syrien, Jordanien oder in den Irak? In Ammann getrauten wir uns an den Rand eines Palästinenserlagers. Hinein natürlich nicht. Und dann ging es wieder durch eine göttliche Landschaft Richtung Rotes Meer, Akaba. Berge, Sandebenen, und irgendwann geht’s einfach nur noch steil abwärts; hier hört auch die Eisenbahnlinie auf, bei Manaa. Und da liegt das Wadi Rum (google!).
Liebe
Die Sehnsucht nach Liebe treibt mich um. Und rum.
Ich versuche, mein Leben in Allem vollständig in Liebe zu leben. Und trotzdem krieg ich nie genug.
Robbert
Robbert war etwas älter als ich. Und ich erwählte ihn zum Paten meines Sohnes Raphael.
Vergangenen Sommer ging ich in Verscio im Tessin auf Spurensuche. Lebt er noch?
Ich traf beim Rumlaufen eine Frau und, schau mal, der Zufall, ihre beste Freundin arbeitete auf der Gemeindeverwaltung. Ein kurzes Telefon für mich. Und ich wusste, er lebt immer noch hier. Ich getraute mich nicht, ihn besuchen zu gehen. Nach 25 Jahren Beziehungsabstinenz. Aufgeschoben . . .
Robbert ist Holländer. Er hatte nur eine Schwester. Und 8 Patenkinder. Zu meinem stellte sich der Kontakt bald ein. Lag auch an mir.
Er arbeitete bei der Lonza AG Basel, als wir uns kennenlernten. Er war Leiter der internen Bibliothek. Ein grosser, schön und gediegen wirkender Mann, schlank, gut angezogen, immer frisch rasiert. Er pflegte über mich zu sagen, ich würde zu Sprunghaftigkeit im Denken und Sprechen neigen. Künstlerisch wertvoll, menschlich etwas anstrengend. Besonders für manche Gegenüber.
Ich hatte es in meiner Aufgabe streng über den Monatswechsel. Dazwischen war es eher ruhig. Und ich hatte Zeit, Robbert in der Bibliothek besuchen zu gehen. Unterhaltsame, befruchtende Gespräche.
Robbert hatte nichts für Fussball übrig. Er liebte die Kunst. Literatur und Malerei. Seine kleine Wohnung, ob damals in Basel oder später in Verscio, war voll behangen mit Bildern. Die Wände vollgestellt mit Büchern. Am Boden feine alte Teppiche. Und natürlich sehr alte Möbel.
Robbert war Anthroposoph und Eurythmie-Lehrer. Er litt am Herzen. Weswegen er sich schon mit gegen 50 berenten liess. Und ins wärmere Tessin gezogen ist. Er lebt.
Es gibt im MBSR eine Übung zum Thema Achtsamkeit und Freundlichkeit. Da heisst es u.a.: Stelle dir jemanden vor, der für dich Respekt, Wohlwollen, Freundlichkeit, Herzensgüte vorlebt? Deine Möglichkeit, dies zu spüren, zeigt dir, dass du diese Werte auch selber verkörperst.
Ich denke dabei jedes Mal an Robbert.
Saas-Grund oder Leid und Freude
Sommer 2018. Ich lasse mich vom Postauto-Chauffeur Richtung Saas-Grund chauffieren. Und wieder: Wo jetzt aussteigen? Hoch zum Mattmark-Staudamm und Richtung Moro-Pass laufen? Oder nach Saas-Fee? Erinnerungen an Vergangenes kommen hoch . . .
Im Hier und Jetzt sitzen eine Walliser-Männergruppe, wanderbereit. Wo geht ihr hin, frage ich? Zum Monte-Moro-Pass hoch.
Ich bin ich und fahre bis Saas-Fee. Viel Zeit ist heute nicht. Ich will auch nur etwas rumlaufen, 3-4 Stunden.
Rückblick Sommer 1962. Mein Vater hetzt mich auf dem Höhenweg von SaasFee Richtung Grächen. Da kommt eine für mich schrecklich beängstigende Passage, wo es Hunderte Meter ins Tal runtergeht. Ich und meine Ängste gewinnen, meine bis jetzt lebenslange Höhenangst bleibt, und wir kehrten damals um . . . hatte mein sadistisch veranlagter Vater mehr Angst als ich? Am kommenden Tag wollte er mit mir und einem Bergführer aufs 4000 m hohe Allalinhorn. Ich gewann mit Angst gegen den Vater und setzte mich zum zweiten Male durch. Mein Grössenwahn stieg ins Unermessliche.
Sommer 2018. Nach einem Reinschnuppern auf dem Höhenweg Richtung Grächen kehre ich um und laufe talwärts. Alleine. Wie oft. Ich geniesse die Ruhe. Nur für mich verantwortlich. Grüne Matten. Dichter, feenhafter Wald, märchenhaft, die angezogene Frau, die mir joggend entgegenkommt. Wir tauschen ein paar Worte aus, und ich wandle weiter talrunter. Saas-Grund. Was tun? Ausser atmen . . . .
Rückblick Sommer 1980.
Ich habe im Frühjahr mit meiner Ausbildung zum Heimerzieher begonnen. Mit dem Heim aus Olten sind wir in Saas-Grund im Sommerlager. Für 2 Wochen oder 3 Wochen. Lange genug. Wir haben auch unsere Freitage zu gute. Ich lasse mich von Sylviane anrufen. Sie soll meine Frau sein. Mich informieren, dass unser drittes Kind zur Welt komme. Und ich nach Aarau fahren kann. Zur Geburt. Ohne mein physisches Da-Sein. Elsbeth und ich haben uns vor 2 Monaten getrennt. Sylviane sei Dank. Ein naiver Ansatz. Jedoch wirksam. Damals. Also laufe ich winkend vom Lagerhaus weg. Wieder allein. Und fahre für 3 Tage nach Aarau. Zu Sylviane. Und Elsbeth bringt in dieser Zeit meine jüngste Tochter Katharina zur Welt. Freude, Schande und Trauer herrscht.
Sommer 2018. So laufe ich jetzt dorfauswärts. Gibt es das Lagerhaus noch? Da taucht es bald linkerhand auf. Grosses Haus. Spielplatz davor. Und übermächtiges Gotteskreuz.
Ins Haus rein getraue ich mich nicht. Wozu auch. Holländer scheinen hier zu nächtigen.
Damals: Rösly, Clärly, Anneli ohne „y“, Barbara, Judith, der wilde Heimleiter, Markus, Urs, er inspirierte mich zum Gedichte schreiben.
So stehe ich nun da, mit 68 Jahren, mit leichter Trauer, und rufe meinen Lieblings-Berg-Gruss: „Judihui. s`Läbe isch schön!“
Lonza
Immer wieder, früher öfter, heute seltener, träume ich vom 18-stöckigen Lonza-Hochhaus. Immer geht’s um die Fahrstühle nach oben, oder unten. Nach oben besteht die Gefahr des Durch-das-Dach-rasens, nach unten des Zerschellens, oder überall des Steckenbleibens. Noch nicht lange her träumte ich, ich stünde unten am Boden, vor dem Hochhaus, und sehe, dass von zuoberst jemand runterspringen will. Er springt und wendet sich und trägt ein Hemd mit grosser Schweizer-Fahne. Ein nächster folgt ihm, das selbige Bild, und noch etwa drei weitere.
Wie geht’s all meinen Kollegen von früher. Wo sind sie geblieben? Menschen lernen sich kennen und verlieren sich wieder aus den Augen. Es gibt auch Menschen, die pflegen Beziehungen über Jahrzehnte hinweg. Und haben sich vielleicht immer noch was mitzuteilen. Bei andern Menschen ist dies anders, sie entwickeln sich auseinander.
Eine immens grosse Zeitspanne liegt zwischen meiner Lonza-Arbeit und heute, dem Unterrichten von Achtsamkeit. Dieselbige immense Zeitspanne würde eine Ameise erleben, die jetzt die Strecke von der ErstKlass-Toilette zu meinem Platz hier in der 2. Klasse hinter sich gelegt hätte. Apropos: 1. Klass-Zugreisende sind in der Regel besser gekleidet und sauberer rasiert als 2. Klass-Reisende.
Nebenan erzählt der Mann von einem Fussballspiel in Gsteig und sie seien zum Mittagessen eingeladen worden. Wir spielten damals bekanntlich in Visp gegen Lonza-Wallis und sind auch zum Mittagessen eingeladen worden. Während die Gsteiger dort im Hotel übernachteten, fuhren wir ziemlich betrunken in der SBB wieder zurück nach Basel. Ein Mitspieler war der Tscheche Josef Eckert. Der Deutsche hiess Dieter Wohlfahrt. Ich google jetzt mal diese beiden Namen. Dieter Wohlfarth war ein Fluchthelfer und so wohl das erste Todesopfer an der Berliner Mauer ohne deutsche Staatsangehörigkeit, als auch mit Wohnort in West-Berlin. Fehlanzeige. Zwei einfache Typen nebenan. Hätten ja vielleicht in Gsteig Karriere gemacht. Aber in Basel oder Bern? Zurück zur Lonza. Die Zeit war geschichtsträchtig. Warum weiss ich nicht. Ist doch jede Zeit geschichtsträchtig.
Ansonsten die Menschheit keine Geschichte hätte. Wir nennen es Geschichte. Was ist es wirklich? Zeit, die wir meinen durch Festhaltens ordnen zu können. In Zahlen, Erlebnissen, meist Schrecklichen, von Männern geschrieben, zumindest von den Siegern. Hast Du, liebe LeserIn, Geschichte geschrieben? In deinem Leben? In welcher Form und auf welche Art bist du dich am verewigen? Überlege gut, schon morgen könnte es zu spät dafür sein. Bist du gestorben, endet deine Geschichte, Lebensgeschichte, in kleinerem oder grösseren Zusammenhange. Die Lonza existiert noch. Hat sich vergrössert und expandiert. Wikipedia: „Lonza zählt zu den weltweit führenden und renommiertesten Zulieferern für Pharma-, Biotechund Spezialchemie-Märkte. Wir verbinden Wissenschaft und Technologie und entwickeln so Produkte, die unser Leben sicherer und gesünder machen und unsere Lebensqualität verbessern.“ Das war mein Arbeitgeber vor gut 40 Jahren, siehe auch „Geburt meiner Tochter Alexandra“. Wäre ich noch 40 Jahre länger dort arbeiten geblieben, wo stünde ich heute? Ich wäre vielleicht schon seit Jahren Langzeit-Patient in der Psychiatrie oder Direktor. Maybe Mindfulness Teacher in Chemical Industry. Grossvater? Vielleicht schon lange chemisch abgetrieben oder ausgetrieben. Dieser Text ist ziemlich absurd. Nur, auch das Geschilderte ist irgendwie absurd. Gibt sich konform und sinnstiftend, ist jedoch für die oben schon zitierte Ameise völlig aus dem Ruder laufend. Oder versteht die Ameise mehr als wir Menschen? Ob die Menschen an einer Fussball WM der Ameisen jemanden fänden, der die TV-Rechte kaufen würde. Von wem? Zu welchem Preis? Absurd ist vieles. Kennst Du Absurdistan? Liegt hinter Kurdistan und wird entweder amerikanisiert oder russifiziert. Unterschied?
Alpstein oder Säntisgebirge Es grüssen auch Lorenz und Lord Byron Marlis und Rösli.
Mein Schulfreund Lorenz erwähnte immer mal schwärmend den Säntis. Lorenz` Vater hatte Gärtnerei in Reinach. Lorenz war sensibel. Blond. Wir rauchten die erste Zigarette zusammen. In einem Holzschopf. Mit Heu. Ein feines Versteck.
Später, zusammen ins Brandis. Tanzabende. Mit den Mädchen zusammen. Mein erster Kuss mit Marlis auf dem Domplatz in Arlesheim.
Lorenz und ich verloren uns etwas aus den Augen. Ich hörte dann, Lorenz würde mit einem Jojo in der Hand durch die Stadt Basel laufen. Ursache LSD.
Ein paar Jahre später traf ich ihn per Zufall anlässlich eines Besuches mit Rösli in der Klinik Rosegg in Solothurn. Rösli starb bald darauf. Sie sammelte unbemerkt von uns etwa 30 Melleril-Tabletten. Nun, Lorenz kam in der Cafeteria auf mich zu. Gross, kräftig, aufgedunsen. Er erkenne meine Stimme. Ich sei Reto. Er sei halt immer wieder in der Klinik, fast entschuldigend. Ich sehe die Begegnung immer noch vor mir.
Ich fühle mich bedrückt beim Niederschreiben.
Und vor wenigen Jahren, am Klassentreffen, er war an Krebs erkrankt, trugt er ein Gerät zum Verstärken seiner Stimme. Ich hätte ihn an seiner Stimme nicht erkannt. Immer noch gross, kräftig und aufgedunsenes Gesicht.
Er hat bei all diesen Begegnungen nie mehr vom Säntis geschwärmt.
Meine persönliche erste Begegnung mit dem Säntisgebiet war ein Sonntagsausflug mit einigen Mitgliedern der Familie von Elsbeth. Alles St. Galler. Wir fuhren von Waldkirch nach Wasserauen. Von dort mit der Luftseilbahn hoch auf die Ebenalp. Die kurze Wanderung hinunter durch die Bärenhöhlen zum inzwischen gewordenen Weltsensations-Gasthaus Wildkirchli oder Äscher. Dort kehrten wir ein. Wirklich etwas Einmaliges. Die Serviertochter. An sie kann ich mich nicht mehr erinnern. Ob Lorenz sie gemocht hätte?
Während all meiner glücklichen Bergtourenjahren, gings fast jedes Jahr einmal in den Alpstein. Diese spitz-gezackten Berge, für Kletterer. Und Bergbetrachter.
Diese schmalen Pfade. Mit hunderten von Metern Abgrund.
Vom Berg zum Meer. Lord Byron (1788-1824)
„He was a British nobleman, poet, peer, politician, and leading figure in the Romantic Movement. He is regarded as one of the greatest British poets. He travelled extensively across Europe, especially in Italy. Later in life Byron joined the Greek War of Independence“.
Er hat meines Wissens nie den Äscher besucht.
See „Byrons Grotto“ in Porte Venere, namend in his honour, becauce according to a local legend he meditated here and drew inspirations from this place for his literary works.
Ich besuchte mehrere Male diesen Ort, für mich an Cinque Terres Ende. Und ich werde sicher noch einmal dorthin fahren.
In Erinnerung an Lorenz und den geliebten Säntis.
Und weil sich dort besser sterben liesse. Genau, wo? Auf Säntis und in Porto Venere.
Geburt meiner Tochter Alexandra
Vergangene Nacht träumte ich von Rolf Schlachter. Er war jünger im Traum als er heute sein müsste. Er lebt noch. Laut „telsearch.ch“. Ich würde ihn sehr gerne treffen. Nach 44 Jahren. Ich läutete kürzlich spontan an seiner Haustüre. Es folgte ein dreistündiger Austausch über vergangene Zeiten.
Damals, 1973, betrat ich das Gebäude der Lonza AG mit einer National-Zeitung unter dem Arm, mit dem Bund Stellen-Inserate. „Herr Portier, ich bewerbe mich für diese Stelle hier“. „Moment bitte, nehmen Sie Platz“. Nach wenigen Minuten erschien ein Mann, mit längeren Haaren, und einer grüner Haarsträhne. „Ich bin Rolf Schlachter, Chef Zahlungsverkehr. Sie bewerben sich als mein Stellvertreter?“ Nach einem etwa 20-minütigen Gespräch in der Eingangshalle sagte er: „Sie sind angestellt“. Und ich hatte meinen ersten Kaderjob.
Als dann Herr Schlachter in den Ferien weilte und ich auf dem Chefsessel sass, mit meinen Schreibfrauen im Büro nebenan, klingelte das Telefon. Elsbeth rief an. „Ich bin schwanger“. Ob sie sagte, ein Mädchen, weiss ich nicht mehr. Ich jauchzte und rief es gleich meinen Frauen zu. Am nächsten Tag gabs ein Znüni.
Irgendwann kam dann die Zeit mit dem Einsetzen von Blutungen. Elsbeth musste ins Spital. Liegen. Ich glaube in der Erinnerung, ich ermunterte sie laufend, liegen zu bleiben. Was heisst ermuntern. Zwei, drei Wochen. Müsste ich mal mit Elsbeth klären. Die Erinnerung?
Unstet wie ich war, aber verlässlich, schaute ich mich nach einer neuen Stelle um. Zu viel Langeweile, meinte ich. Zu wenig Lohn für einen Familienvater. So bewarb ich mich in Aarau, bei der damaligen AAE, der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse. Natürlich jetzt als Chef Zahlungsverkehr. Mit einer Einarbeitungszeit bis zur Berentung des jetzigen Sesselinhabers. Eines immer sehr gediegen wirkenden älteren Herrn aus „Speuz“, zu gut Deutsch Erlinsbach. Erlinsbache gabs ja deren Drei. Ober-, Unterund Nieder-Erlinsbach. Einmal Aargau, zweimal Solothurn. Korrekt? Wir belassen es mal so.
Nun, ich durfte mich also beim Personalchef vorstellen und bekam die Stelle. Auf der Fahrt nach Aarau, über die Staffelegg, in meinem 2CV4, spürte ich auf dem Jura-Übergang: Es wird klappen, Alexandra wird in Aarau zur Welt kommen. So geschehen sehr bald nach dem Umzug. Wir bekamen die schöne Wohnung mit den grossen Fenstern an der Jurastrasse, in Konkurrenz zu 66 Mitbewerbern. Vermieter war der Metzgermeister von der Metzgerei gleich nebenan. Nach zwei Jahren wurde ein Sex-Etablissement aus der Metzgerei. Wehe dem, der an Fleisch denkt. Mit Rolf Schlachter fing ja der Text an. Original: Honi soit qui mal y pense. Ursprung im Englischen Hosenbandorden. Königlich wohnten wir.
Alexandra kam im Kantonsspital Aarau zur Welt. Wieder jauchzte ich und fuhr freudestrahlend, immer noch im 2CV4, nach Basel. Zu Elsbeths Eltern. Die Nachricht persönlich überbringen. Handtelefone gabs ja zum Glück noch keine. Im Text betreffend dem Bürgerbuch kann die Leserin nachlesen, was es noch so medizinisch zu vermelden gab. Alexandra machte den Anfang von heute 10 Nachkommen.
Gestern las ich, Peter Maffay, 69, wurde wieder Vater, von seiner 31-jährigen Frau Hendrijke. So was könnte auch meinem Sohn passieren. Wäre ja schön exklusiv.
Bürgerbuch
1978 feierte der Kanton Aargau sein 175-Jahr-Jubiläum. Ich mein 3Jahr-Jubiläum Stadt Aarau. Ich war bestens integriert.
Nachdem ich zuerst Anschluss beim Schachklub und Fussballclub Biberstein gesucht und auch für kurze Zeit gefunden hatte, landete ich folgerichtig in der Politikund Anarcho-Szene. Damals ging ich tagsüber im Nadelstreifenanzug zur Bank, und abends in den Jeans in die Bürgerinitiative gegen das AKW Gösgen. Und als es mir ganz schlecht, sprich stressig, ging, zog ich die Bankhose gleich übers Piyama an. Genug der Intimitäten.
In der Bürgerinitiative sassen zwei Fraktionen. Die einfachen, überzeugten AKW-Gegner und die RML, Revolutionäre Marxistische Liga. Ich zählte mich zur Zweiten zugehörig. Ohne Mitgliedschaft. Sympathisant hiess das. Konnte man auch von Bhagwan und Baader-Meinhoff sein. Konnte.
Wir diskutierten einiges. Doch viel spannender war das nächtliche Plakate kleben.
Beidseitig auf das Plakat den Leim und gleich das nächste Plakat drauflegen. Festkleben tat dies nicht, gerade deswegen eben. Bei uns zu Hause wurde geklebt. Dann gings auf die Strasse, an Plakatsäulen und Wände. Am kommenden Morgen der grosse Stolz von uns über die geleistete Arbeit.
Erwischt wurden wir nicht. Nur erwischt mit einer Abstimmungsniederlage. Leider. Dafür gewann Kaiseraugst.
Und, um die Bank und das Bürgerliche nicht zu vernachlässigen, kandidierte ich für den Aarauer Einwohnerrat beim LdU, Landesring der Unabängigen resp., eben, schrieben wir das Bürgerbuch.
Dieses Buch war der Gegen-Entwurf zu all den offiziellen Festschriften. Ein knapp 200-seitiges Buch, vorne mit dem Kantonswappen verziert, herausgegeben von der wohl eher intellektuellen Elite des Kantons. Kürzlich fand ich noch so ein Buch daheim. Wirklich schwere Kost zu lesen. Ausnahme natürlich meine Beiträge. Die Geschichten aus dem Spital anlässlich der Geburten von Alexandra und Raphael und einem Gedicht aus meinem 1982 publizierten Gedichtband.
Ich zögere. Soll ich die Texte wiedergeben? Eher politisch aggressive und aus heutiger Sicht fragwürdige Texte. Kurz zu Alexandra. Ihr wurde eine Lähmung diagnostiziert. Weswegen sie das Ärmchen nicht heben konnte. Es war dann ein Schlüsselbeinbruch.
Auch so richtig „ausgeschlachtet“ durch mich. Herr Schlachter lässt nicht grüssen. Fleischlose Knochen.
Aber das Bürgerbuch gab Halt in der Opposition. Man hielt zusammen. Natürlich auch die Frauen. Die Emanzipation hatte begonnen.
Geschichte wird geschrieben. Geschichte ist geschrieben. Ich merke, heute in Aarau kennt praktisch kein Mensch mehr dieses Buch. Und, die Zeit, in der es spielte. Spielte.
Vor wenigen Tagen traf ich auf der Strasse Ursula mit ihrem Fahrrad. Endlich Zeit sie anzusprechen auf unsere gemeinsame Zeit vor bald 40 Jahren. Geschichte. Damals, während der Zürcher Unruhen, verlor sie ein Auge. Heute muss ich links von ihr gehen, damit sie mich beim Laufen besser sehen, wahrnehmen kann. Sie hat übrigens auch einen MBSR-Kurs absolviert. Und auch sie war nicht zufrieden mit der Lehrerin. Nobody is perfect.
Rolltreppen-Begegnung HB Zürich (Damals, als die Treppen noch rollten)
Ich bin sicher, ich nehme die Rolltreppe abwärts.
Und nebenan, die Frau kommt die Rolltreppe aufwärts.
Ich lache sie an. Sie lacht mich an.
Ich käme gleich mit. Also rasch nach unten. Seite wechseln. Aufwärts. Und schon neben ihr.
Wir gehen zusammen zu ihr nach Hause. Nicht weit vom Bahnhof. Hinterhof. Alternativszene. Wohngemeinschaft. Zimmer. Sich aufs Bett legen. Noch ein Getränk holen. Und zusammen austauschen. In den Kleidern geschlafen. Am Morgen erwachend. Ein gemeinsamer Kaffee. Es war schön. Und etwas Besonderes. Rolltreppen-Liebe.
Die Rolltreppe gibt’s heute noch. Ob renoviert oder nicht. Weiss ich nicht.
Nachtrag
Rolltreppen-Begegnungen oder überhaupt Bahnhofs-Begegnungen, sind den altehrwürdigen Wartesälen enteilt. Wer wartet noch? Alle eilen. Lächeln wird zur Mangelware. Nicht zu kaufen. Nur geschenkt zu kriegen.
Noch besser: Schenke ein Lächeln. Den Andern. Dir selbst.
Zu üben
Lächle einfach vor dich hin. Denk an was Lustiges. Beginne damit, über dich zu lachen. Lachen steckt an. Die Lachmuskeln.
Fussball
Seit gestern ist klar, wer im kommenden Sommer am 4-NationsFinal-Turnier in Portugal teilnehmen wird: Gastgeber Portugal, Holland, England, Schweiz.
Ich habe England gerne. 1966 stand ich mit meinem Vater in der Hotelbar in Pesaro und schaute mir den ersten WM-Final meines Lebens an (mit 16, heute schon 4-jährige). England gewann ja dank umstrittenem Wembley-Tor das Finale gegen Deutschland. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Italiener klar die Engländer unterstützten.
Die Fussballbildli. Ich ging immer mit meinem Taschengeld in Reinach in die Bäckerei Stefani und kaufte die Kaugummis mit den Bildli. Jetzt beim Schreiben empfinde ich den Geschmack vom Kaugummi und den Geruch des Papierplastikbrieflis nach. 1961. Damals hiessen die Vereine, die im A und B spielten auch noch Chiasso, Bellinzona, Grenchen, Lengnau, Biel, La Chaux-de-Fonds, Cantonal Neuenburg, Brühl St.Gallen, Urania Genf, Young Fellows Zürich; das waren noch Zeiten.
Und dann der legendäre Landhof in Basel. Da fand vergangene Woche gerade die 125-Jahr-Feier FCB statt. Da stand ich so als 13-jähriger ab und zu Sonntags hinter dem Süd-Tor. Auch heute gehe ich immer mal wieder den Landhof besichtigen, spüren, jemandem zeigen. Und erzählen. Die alte gesperrte, da baufällige Tribüne, steht noch da.
Später dann im alten Joggeli die legendären Spiele gegen Lugano und GC mit über 60`000 Zuschauern. Und im Europa-Cup mit 5:4 gegen Brügge. Das war noch „etwas“, und unter freiem Himmel (heute noch so wunderschön in Sion zu erleben).
Angefangen hat meine Fussballbegeisterung mit meinem Grossvater. Er diktierte mir, mit sieben Jahren, neben Geographietexten auch Fussballtexte. Heisst, wir schrieben zusammen die Resultate vom Sonntag in ein Büchlein. Das war Liebe. Und dann war nicht Liebe, der Kampf zwischen Grossvater und Vater, meist Sonntags. Grossvater wollte mit mir am Radio Fussball-Reportage hören, mit Hans Sutter, und Vater wollte mit uns im VW-Käfer in den Schwarzwald fahren. Ich höre noch die Stimme vom Sportreporter. Durfte ich entscheiden, zog ich immer Fussball vor. Und Grossvater hatte es wieder geschafft, im Haus meiner Familie eine Zeit zu verbringen. Missbrauch oder Liebe?
Heute schaue ich mir nur noch ganz selten Fussball an. An einer Weltmeisterschaft. Europameisterschaft. Wenn ein Underdog einen Grossen schlagen kann. Das Umfeld vom Fussball stösst mich ab. Und ich bedaure die Abhängigkeit der Menschen, die vielleicht wöchentlich sogar mehrmals Fussball mit Bier konsumieren. Hirnlos. Naja, mich interessierte immer und heute noch die psychologische Dynamik. Das ist natürlich hoch interessant und völlig alltagsbezogen. Ganz normales Leben.
Cinque Terre und Toscana
Italien. Seit 10 Jahren verblasst. Früher mein geliebtes Land. Schon als Kind durfte ich mit den Eltern und meinem Bruder in die Sommerferien nach Italien fahren. Im Zug nach Riccione oder Pesaro oder Jesolo, einmal am Boden sitzend, leidend, völlig überfüllter Zug, oder im Auto, VW-Käfer, nach Lido di Camaiore oder Finale Ligure. An den Tankstellen gab es damals als Geschenk für jeden Benzineinkauf eine kleine Seife.
Vor Weihnachten wurde uns immer ein Panettone von Danzas Mailand zugesandt. Panettone war damals in den 50iger Jahren etwas absolut Exquisites in der Schweiz. Natürlich Fussball Fan von Italien. Die WM 1990 mit dem Titelsong von Gianna Nannini und Edoardo Bennato war ein erhabenes Gefühl mit Schauern durch den ganzen Körper. Deutschland wurde Weltmeister; mein zweites Lieblingsland.
Dann kamen meine eigenen Ferienreisen nach Italien, zum ersten Mal mit 17. „Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume, in den Himmel der Liebe“. Ich merke gerade, nebenbei Einfahrt Bahnhof Olten im ICE von Berlin, ich hatte und habe ein so reich erfülltes Leben. Oft schillernd, überbordend, vielseitig, bereichernd, inspirierend, phantasievoll, bedeutungsvoll, beglückend und begeisternd. Wie soll ich denn die vielen Erfahrungen aus all den Italienreisen zusammenfassen? Marvellous. Aus der Toscana möchte ich Pietralata erwähnen. Kult für Schweizer, Zürcher, manchmal Deutsche. Ein kleines Pensiönchen als WG geführt, mit in etwa 11 Gästen, in einem abgelegenen Weiler in der Toscana. Da war Freiheit, um alleine Tagesausflüge zu unternehmen, ein Wildschwein zu sehen, unangenehmen Hunden zu begegnen, die Schafe beschützten, romantische Kirchen, abgelegene menschenleere Pfade durch prächtige Wälder, auch Schnee am 1. Mai, und da war Gemeinsamkeit, abends das Nachtessen und der Abend, mit Spiel, Gesang, Gespräch, Humor und Ernsthaftigkeit; da waren wir auch zweimal mit einer Gruppe vom Heim in Bülach in den Ferien, da fuhr ich mit Monikas Auto in den Strassengraben und zwei Pneus gingen gleichzeitig kaputt, und ich trauerte dort tagelang um die verlorene Liebe von Regula. Und zelebrierte okkulte Zeremonien in der verlassenen Kirche, z.B. Sperma verbrennen. Die Cinque Terre war Ort für wunderschöne Wanderungen auf wilden Pfaden zu ursprünglichen Dörfern. Essen und Wein. Ausgelassenheit und Einsamkeit. Auf Geschäftsausflug mit den beiden Heinzen aus Olten vom Asylzentrum. Wehe dem, der Böses denkt.
Sehe ich „seriöse“ Menschen, alte Männer, die im Speisewagen eine heisse Schokolade trinken und mich an zufriedene Kinder erinnern, werde ich oft ganz traurig. Dann schäme ich mich kurz dafür, dass ich ein Glas Wein neben mir stehen habe. Hätte ich ja als Muttis Bub auf Ferienreise mit ihr auch nicht gehabt. Ich habe auch heute noch immer wieder Schwierigkeiten, mein Leben zu bündeln. Gefühle wechseln sich oft ab in rascher Abfolge, das irritiert mich oft, zeigt mir jedoch auch, ich lebe.
Manchmal meine ich, ich könnte der erste Mensch sein, der mit ewigem Leben umgehen kann. Als Wächter der Menschheit. Schutzengel. Und ich merke wieder, ich gebe mich doch lieber mit den alltäglichen Begebenheiten ab, Durchschnittsmensch.
Kann ich „Durchschnitt“ sein? Heisst dies nicht auch, ich wäre „durchschnitten“, also auch verletzt? Blutend, wie Jesus am Kreuz? Sind wir nicht alle Jesus am Kreuz? Ins Leben hineingezeugt und aufgespiesst am Leiden des Lebens?
Die vielleicht beste Anekdote aus meinem Leben: Ich arbeitete als Heimleiter bei der Caritas. Zu dritt machten wir einen mehrtägigen Geschäftsausflug, die beiden Heinzen und ich. In Genua gingen wir in eine Trattoria im Hafenviertel mittagessen, so richtig italienisch, mit viel Rotwein. Auf dem Bahnhof dann, auf den Zug wartend Richtung Cinque Terre, sagte ich: Wir werden 1. Klasse fahren, und ohne Fahrkarten. Gesagt getan. Bald kamen zwei Kontrolleure, ein Mann und eine Frau. Nix gut ohne Tickets, sagten diese. Ich ging zur Frau und flüsterte ihr ins Ohr, ich hätte eine super Idee. Sie geben mir ihre Uniform, Mütze, Kittel und Tasche reicht, und ich gehe meine Freunde kontrollieren und die übrigen Passagiere in der 1. Klasse. Gesagt, getan. Man stelle sich mich vor. Die beiden italienischen Kontrolleure hatten ein Riesengaudi an mir, die Heinzen auch, die übrigen Passagiere auch, ich selbst vielleicht am meisten. So genossen wir diese Crazy Fahrt mit der italienischen Staatsbahn etwa eine Stunde, dann war der Spass abrupt zu Ende. Bei einem Halt sah die Kondukteuse von draussen, dass ich ihre Tasche durchsuchte. Bei diesen Promillen. Sofort alles mir zurückgeben. Dies geschah.
Tampons habe ich übrigens keine gefunden.
Waldorfschule
Rudolf Steiner, Anthroposophie, Dornach
Ich sitze in der Wohnung in Wien, die Raphael und ich für 10 Tage „hüten“. Mit den beiden Katzen. Ich schreibe. Und ich fühle mich allein. Immerhin, ich bin ruhiger als daheim in der Schweiz. Weniger rumreisen. Weniger tun. Viel mehr in der Wohnung leben. Die Wohnung als Raum der Begegnung mit sich Selbst.
Es braucht schon Überwindung, mal rauszugehen. Was soll ich unter die Menschen. Ich bleibe allein. Und bin ich mit jemandem zusammen, bin ich nicht auch allein?
Hier in Wien lebte auch Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie. Meine Wiege, im grossen Haus der Tante Ida, stand in einem anthroposophischen Erker. Aha, wäre wieder Geschichtsforschung angesagt. Wieso hatte das Haus von Herrn Meierhofer diesen Erker? Die Gemeinde Reinach findet weder Herrn noch Frau Meierhofer in ihrer Datei. Eben, Geschichte relativiert sich mit der Zeit. Also, mein Erker hatte Blick auf Dornach, aufs Goetheanum.
In meinen Jugendjahren, traf ich auf Anthroposophen, schreckten mich diese Leute ab, machten mir Angst, bestärkten in mir das Gefühl von nichts sein. Diese Menschen wirkten so streng, erhaben, fast arrogant, sehr gut angezogen, auch abweisend.
Tanti und die Anthroposophie: viel Spiritualität für einen so jungen Menschen. Ich bin dankbar dafür.
So mit 25 Jahren lernte ich Robert kennen. Er war Anthroposoph. Eurythmie-Lehrer.
Aus der Not eine Tugend machend, schickten Elsbeth und ich Alexandra in die Rudolf-Steiner-Schule Schafisheim. Katharina folgte, Raphael, dazwischen, wurde abgelehnt (ich weiss, es stellen sich natürlich für die Leserin immer wieder Fragen zu dem Niedergeschriebenen. Doch das Leben ist so, es gibt immer mehr Fragen als Antworten. Und ich unterlasse auch bewusst Antworten, die ich weiss. Einfach der Kunst willen).
Der Besuch der Waldorf-Schule hätte eigentlich meine Mädchen glücklich und zufrieden machen sollen. Zweifelsohne wurde ich glücklich und zufrieden. Egal, ob ich kochen ging, Schullager-Begleitung machte, 7 Jahre den Heiligen Nikolaus verkörperte. Mehrere Stunden Vorbereitungszeit mit der Lehrerin. 35 Schüler. Für jeden etwa 3 Minuten Text. Beim Klassenzimmereintritt auf die hohe Mitra achtend, Kopf beugen.
Vielleicht kann manchmal ein Erwachsener besser mit der Anthroposophie umgehen als ein Kind. Vom Intellekt her. Von den Gefühlen her. Die Theorie hat mich wenig interessiert. War auch so bei Marx und Buddha. Bin ich zu bequem?
Ich fühle mich jeweils einfach „wohl“ in dieser Bewegung. Ich empfinde Heimat, Geborgenheit, Verstandensein von Gleichgesinnten. Heute hat für mich die Anthroposophie ihre Strenge verloren, an den Schulen klar, nur noch im Goetheanum an Anlässen, oder an der Weihnachtsfeier. Da ist die Strenge aber schon lange zu Ernsthaftigkeit mutiert. Gut so. Danke.
Oft, fahre ich ins geliebte Ost-Europa, kontaktiere ich vorgängig Waldorfschulen. Meist ergeben sich sehr befruchtende Kontakte. Im voraus. Und dann vor Ort. In Riga durfte ich einen Achtsamkeitstag unterrichten an der dortigen Waldorfschule. In Rosia in Rumänien unterrichtete ich über mehrere Wochen Gewaltprävention mit Achtsamkeit an einer Schule für Romakinder.
Und in Bulgarien, anlässlich eines Besuches von anthroposophischen heilpädagogischen Einrichtungen, durfte ich ebenfalls einen Achtsamkeitstag mit Interessierten leiten. Hier bereiste ich das Land mit einer Frau aus Solothurn, die in Sofia eine Heilpädagogische Ausbildung eröffnet hatte.
Ich bin Abonnent der „Info3“, einer sehr empfehlenswerten Zeitschrift. Auch kritische Anthroposophie. Und früher von „Novalis“.
Kritik und Liebe.
PS: Und irgendwann krieg ich trotzdem immer zum Spüren, ich bin kein richtiger Anthroposoph.
Den diesjährigen Heiligabend werde ich wieder im Goetheanum feiern. Eurythmieaufführungen, Singen, Punsch mit Christstollen, Gespräche. Und dann am 25. Dezember nach Verscio zu Pirros fahren.
Aarau
Bis 1974 war mir Aarau einfach ein Begriff von meinem Vater her. Er hatte dort die Rekrutenschule absolviert.
Ich habe mich ja dann bei der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse für eine Stelle als Stv. Chef Zahlungsverkehr, nach Einarbeitung Chef Zahlungsverkehr, beworben. Mutig mit 24 Jahren. Und ich bekam das Vertrauen für die Aufgabe. Um mich vorstellen zu gehen fuhr ich im 2CV4 über die Staffelegg und spürte dort oben, als ich aufs Mittelland hinunterschaute, ich werde hieher leben kommen mit meiner bald entstehenden jungen Familie. 1974. Ein altehrwürdiges Bankgebäude. Der ganze Stil war edel, konservativ.
Die Wohnung an der Jurastrasse durften wir auch bald beziehen.
Um anzukommen, mich einzuleben, ging ich in den Schachklub Blitzschach spielen, zum FC Biberstein Fussball spielen und in die Bürgerinitiative gegen das AKW Gösgen. Hier war ich am erfolgreichsten. Und kandidierte mit dem LdU (Landesring der Unabhängigen) für den Einwohnerrat mit dem wilden Bruno Nüsperli. Aarau war bald Heimat. Ich lernte viele neue Menschen kennen. Ich bewegte mich, obwohl auf der freisinnigen Bank arbeitend, im alternativ-revolutionären Umfeld. Ich wurde auch zum Mitherausgeber des Bürgerbuches zum Kantons Jubiläum. Elsbeth und ich liefen durch den Gönhardwald mit Alexandra im Kinderwagen zu Erwin und Therese, die in einem alten Bauernhaus lebten am Waldrand oberhalb der Suhrer Kirche. Hier stand auch der uralte Peugeot. Bei unserem ersten Besuch, es war Winter, durch den Wald gelaufen, gab es Sauerkraut, Speck, Wurst, Kartoffel. Wunderbare Atmosphäre im leicht baufälligen Bauernhaus. Zu Erwin entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich lebte dann in der Trennungsphase von Elsbeth auch einige Zeit bei ihm. Nach der Trennung von Elsbeth wohnte ich in der WG von Rolf Lutz, gleich neben der Bäckerei Furter, im 2. Stock. Auch unser Regierungsrat Urs Hofmann verkehrte dort.
Auch wenn ich später nicht mehr in Aarau wohnte, war ich immer auch hier zu Hause, da ja meine Kinder hier lebten. Und heute lebt ja die ganze Familie in Aarau. Alle Nachkommen ausser die kleine Mathea, die im Kleinbasel lebt, wo meine Mutter aufgewachsen ist. Wenn meine Mutter wüsste. Sie wäre heute erst 98 Jahre alt.
Sehr traurig, ist sie mit schon 47 Jahren verstorben. Mutti erlebt jetzt alles aus dem Jenseits, wie wir hier leben. Ich freue mich auf die medialen Kontakte.
Mich freut sehr, dass sich meine Kinder und auch die Enkelkinder in Aarau sehr beheimatet fühlen. In Reinach, wo ich aufwuchs, ist für mich keine Heimat entstanden oder ich habe sie beim Auszug aus der Therwilerstrasse 41 verloren. Zügeln kann das Leben von Kindern nachhaltig verändern!
Ich finde, ich habe heute noch Mühe, Heimat zu finden. Klar, in mir selbst. Jedoch äusserlich? Jetzt ist gerade wieder so eine Entscheidung angesagt. Abschiednehmen vom Belmont, und, nach Aarau oder Basel? Konkret gerade heute Küttigen oder Riehen? Ist Heimat dort wo meine Familie ist und sich freuen würde, mich nahe zu haben, oder dort, wo vielleicht mein Abenteuerherz hin möchte? Grosse Frage. Wer weiss oder spürt wann und wie die Antwort? Das ist doch auch Lebendigkeit pur. Heimat und Fremde, sich ergänzend, alternierend, konkurrenzierend, verunsichernd, bereichernd, . . . alles neue Geschichten, wie es doch in Dostojewskis „Schuld und Sühne“ am Buchende von Raskolnikov heisst: Diese Liebe zu Sonja, das ist eine andere, neue Geschichte . . .
Ferienreisen
Heute als erwachsener Mensch zu reisen, und älter, erfahrener und weiser, kommt für mich als Erstes der Umweltgedanke dazu. Abgesehen davon, wer reiste vor 5000 Jahren, wer macht Reisen aus dem Tierreich auf so unsinnige und egoistische Art und Weise wie wir? Reisen oft als Flucht vor dem Alltag, begründet mit benötigter Abwechslung und sonstigen Ausreden oder ganz einfach begleitet durch Dummheit.
Ok, ich fliege nicht, weil ich Angst habe. Schon ein gewichtiger Beitrag zu verantwortungsvollem Reisen. Natürlich kann man mal eine Ausnahme machen, Flug nach Patagonien. Trotzdem, ist dies notwendig? Wir haben auch Berge. Und Menschen aus Patagonien kommen auch kaum aufs Jungfraujoch.
Geldausgeben für Reisen? Äussere oder innere Reisen?
Das Thema weiter zu bearbeiten erscheint mir als Zeitverschwendung. Jeder bewusste Mensch weiss heute, was punkto Reisen noch drin liegt und Sinn macht.
Bergün
Bahnhof Spiez. Der Morgenzug fährt weiter. Next Stop Thun. Mir gegenüber musste sich eine junge Frau jetzt dazu bequemen, ihr Gepäck vom Nebensitz zu nehmen. Mutiger neuer Gast, Frau. Gepäckablage als Zumutung im Morgenzug. Die Meisten zahlen nur einen Sitz. Nach Bergün fuhren wir manchmal im Zug, auch im Morgenzug. Manchmal per Auto. Die neu zugestiegene Frau schräg gegenüber zog sich jetzt die Brille weg. Eine Frau mit schönem Gesicht. Gibt es unschöne Gesichter? Unschöne Intimbereiche?
In Bergün wohnten wir im grossen, alten Hotel. Kurhaus Bergün. Gehörend zu den Familienherbergen. Dieses Haus, mit ungefähr 40 Wohnungen, mit wunderschönen alten, fast schon antiken Badezimmern ausgestattet, war ein Spielplatz für Kinder und Gefühle. Und Gespräche. Und der Lift. Da durfte, von der Hausverwalterfamilie Dreier aus, auch schon der 3-Jährige rein und sich am grossen Versteckspiel beteiligen. Inklusive Keller. Weisch no?
Ich schäme mich, einige Male mit Arthur zu viel Zeit beim Rötelitrinken verbracht zu haben. Da habe ich die Kinder vernachlässigt. Mindestens meinen heutigen Ansprüchen gemäss. Mit der RhB hoch nach Preda, mit dem Schlitten runter nach Bergün. Und Gäste waren immer wieder auch zu Besuch. Das waren Familienferien mit Herrmanns pur. Auch ohne weitere Gäste. Und einmal fuhren wir noch nachts mit dem letzten Zug zur letzten Abfahrt, gegen 23 Uhr. Es schneite schon stark. Wir konnten nicht mehr schlitteln und mussten die ganze Schlittelpiste runterlaufen. Die daheimgebliebenen Mütter hatten grosse Angst um uns. Der liebende Vater hat die Kinder immer wieder mal beschämt. Unabhängig davon, wie der Vater hiess. Mensch ist Mensch. Namen sind austauschbar in der Geschichte der Menschheit.
Da kam mir auch meine Geburtstagsfeier in Preda in die Quere. Gruppenfoto und Sophia stellt sich quer. Why not . . . Warten . . . Mann wird sauer. Er will Foto ohne Sophia.
Bergün besuchten wir während der Winterferien wohl an die zehn mal. Und ein paar mal weniger gings nach Wiesen. Dorthin das erste Mal im Winter mit Regula und Noldi vom Heim in Bülach. Und dann die legendären Sommerferien in Wiesen. Unten am Bahnhof. Auch da Verstecken spielen im Haus. Inklusive Sauna. Gemütlichkeit und Abenteuer. Auf dem Viadukt spazieren gehen. Wir als Bahnhofwärter und Beizer. Eine gelungene Mischung. Erinnerungen der schönsten Art. Bewegend. Gefühlvoll. In diesen Sommerferien war Yvonne erstmals mit dabei. Ich bin dankbar für all das Schöne, das wir immer erleben durften.
In den vergangenen Jahren passierte ich immer wieder mal Bergün. Per Bahn. Hielt an. Spazierte durchs Dorf. Schaute mir die sonnigen Plätze an. In Erinnerung. Und manchmal lief ich nach Latsch hoch. Dort oben, das Kirchli, wo ich mit euch betete, Lieder sang und auch mal ein Unfug angestellt wurde. Harmlos. Liebenswert. Und wir im Beizli einkehrten. Einmal waren wir in den Sommerferien dort oben. Nur mit Raphael. Biken. Grünes Bike. Inklusive 1.-August-Feier. Bergün und Wiesen, hatten den Charme des Gestrigen, des Ewigen. Und der Vergänglichkeit im Film „Die Direktorin: Willkommen in Madruns“.
Und jetzt. Wieder Spiez. Bahnhof Spiez. Rückfahrt. Sitze neben mir sind alle leer. Es ist gegen 11 Uhr. Bahnhof Spiez. Vier Minuten Verspätung.
Erziehung
Erziehen, ziehen . . . zieht man an Gras oder Blumen oder Ästen, wachsen werden sie nicht. Oder rascher. Unser Ziel ist jedoch durch Erziehen der Kleinen diese zu wie von uns gewünschten Erwachsenen zu machen.
Erziehung ist ein streitbarer Begriff. Über dieses Thema eine Seite sinnvoll zu schreiben erscheint mir nicht möglich. Also werde ich konkret.
Wie bin ich erzogen worden?
Korrekt, streng, pedantisch, mit einer gewissen Gewalt, und alles mit liebevoller Absicht. Wir tun ja alle unser Bestes. Das ist NICHT ironisch gemeint.
Auf diese Erziehung reagierte ich völlig brav, angepasst, wohl verständnisvoll, dass alles richtig sei, was ich von den Eltern mitkriege. Und von Grossvater und von Tante Ida. Und von der Putzfrau aus Degerfelden, Frau Seidler. Nur, trotzdem, bei so vielen Bezugspersonen, wird über kurz oder lang sich einiges „aufweichen“, relativieren. Was es auch tat.
Trotzdem, ich war äusserlich völlig folgsam und angepasst. Innerlich erkannte ich natürlich gut, was wohl nicht so echt und lieb war, oder aus Hilflosigkeit oder manchmal aus einer gewissen Boshaftigkeit heraus geschah. Damals, in meiner Kindheit, lehnte ich mich ganz wenig auf. Ich wollte nicht in den Kindergarten gehen, was wohl mehrere Gründe hatte, ich verweigerte mich. Und, an einem Kindergeburtstag, als ich mich ungerechtfertigt bestraft fühlte und zuoberst im Haus in die Mansarde musste, vielleicht abgeschlossen, die Kindergäste waren im Garten, schmiss ich Bettzeugs von Grossvaters Gästebett oben in den Garten, zum Entsetzen und auch Gaudi der Kinder. Wie es weiterging, weiss ich nicht mehr.
Immerhin, strenge und klare Regeln gaben auch Halt und Schutz. Besonders meinem unruhigen und kreativen Geist. Ich sende jetzt dann Kopie dieses Textes an meinen Bruder und warte auf seinen Kommentar dazu.
Zur Gewalt: Mein Bruder führte sich einmal morgens schlecht auf und rannte dann dem Vater davon. Abendessen, mit Gästen. Mein Vater steht plötzlich während des Essens vom Tische auf, geht zum Bruder, und haut ihm „eine um die Ohren“ mit der Bemerkung, „das ist noch für heute morgen“. Gewalt der übelsten Sorte. Mir gegenüber weiss ich noch, wie er mir absichtlich mit dem Rasenmäher „fast über die Füsse fuhr“. Einfach so, weil ihn irgendwas gestört hatte. Gewalt lag auch oft in verbalen Äusserungen. Meiner Mutter gegenüber sagte er immer mal wieder, sie gehöre in eine psychiatrische Klinik, ich sähe aus wie ein Schwindsüchtiger (seit damals irritiert es mich immer, sagt jemand zu mir, ich sähe heute nicht gut aus) und meinen Bruder beschimpfte er als völligen Hohlkopf. Nichtsnutz. Heute weiss ich und nicht nur kopfmässig, auch mein Vater hat unter seinem Vater gelitten (mit ein Grund, weswegen ich eine Rückführung diesbezüglich machte).
Pedantisch: Nichts war gut genug. Alles musste perfekt sein, sonst war es unvollständig, wertlos, zu kritisieren. Dies war eine unglückliche Eigenschaft meiner Mutter. Es hatte auch Vorteile, genau zu arbeiten, ich wurde ja Bankkaufmann, korrekt zu sein, was ich heute wieder stark bemüht bin und mir wichtig ist. Und, auch meine Mutter hatte ihre eigene Geschichte und meinte es gut, das ist mir bewusst. Für unsere Erziehung dürfen wir schlussendlich in einer Art immer sehr dankbar sein, da das Meiste aus grosser Liebe geschieht, so wie wir es machen, und unsere Nachkommen. Manchmal wird’s natürlich auch schwierig, und das kriegen wir auf unseren Weg mit, um damit umgehen zu lernen und das Schwierige und das Leid zu transformieren.
Wie heisst es so schön in einem Gedicht von Rumi: Sei dankbar für alles, was Dir geschieht. Auch für das Schwierige. Vielleicht kommt es als Anleitung von weither und wird zu einer Aufgabe für dich, eben, Transformation.
Mathea Barbara
Über ihre Mutter und deren Vorfahren besteht ein Bezug nach OstPreussen.
Mathea ist unser achtes Enkelkind. Sie hat am selbigen Tag Geburtstag wie ich. 68 Jahre Differenz. Das ist ein grosser Unterschied vom Erlebten und Erfahrenen.
Wer weiss mehr? Wer spürt mehr? Oder, anstatt mehr, wie anders? Mehr oder weniger sind oft Fragen in unserer Gesellschaft. Geht es darum? Darf es ein wenig mehr oder ein weniger sein, die Frau im Laden? Anstatt immer Wachstum anzustreben, Reduktion und Bescheidenheit auf dem Weg zu einem zufriedeneren und glücklicheren Leben. Die Unterschiede zwischen Mathea und mir können sich verwischen. Sie baut sich auf, ich werde abbauen. Der Kreislauf des Lebens.
Mathea lebt mit ihrer Mutter beim Wettsteinplatz. Kleinbasel. Nahe Claraplatz, wo mein Vater mit seiner Lebenspartnerin Clärli seine späten Lebensjahre verbrachte. Und auch nicht so weit weg vom Geburtsort meiner Mutter. Dem Rhein entlang spazieren nach Kleinhüningen. Zum Hafen. Zum alten Dorfkern. Mutti wuchs dort in einem der alten Fischerhäuschen auf an der Schulgasse. Ein Original-Haus kann besichtigt werden, Bürgins Fischerhaus.
Ich gehe immer wieder mal nach Kleinhüningen, die Atmosphäre spüren. Noch etwas wahrnehmen, neben den Getreide-Silos, aus vergangenen Zeiten.
Meine Mutter lebte am Rhein vor 80 Jahren. Wie wird Matheas Welt in 80 Jahren aussehen? Im Kleinbasel, in der Welt? Siehst du in das Gesicht eines Kleinst-Kindes, was erblickst du? Was erblickt das Kind? Augen-Blicke. Eine kleine, tiefgründige, gefühlvolle Welt. Dankbarkeit ohne Worte jenseits von Vorstellungen und Vergleichen und Bewertungen. Unsere Eltern spiegeln uns das Universum. Ich erlebe das mütterliche Gefühl, und dieses ist auch geprägt von Gefühlen dem Vater gegenüber. Wechselwirkungen noch und noch.
Alles, was wir tun, findet seinen Widerhall. Ungefiltert und gefiltert – daran scheiden sich die Geister – Individualität pur, aufgehoben im Kollektiven. Grösse und Scheitern als Möglichkeiten sind schon im Kleinst-Kind angelegt. Seele aus vergangenen Leben, aus unbekannten, fernen Zeiten, jenseits von Verstand und Begriffen.
Mathea wird bald ein Jahr alt. Die Kopfbedeckung ist meist eine Mütze, oft auch Haut, mit kleinsten Haaransätzen. Lass Dir Zeit. Du bist kräftig und wach gebaut. Ein Entwurf deiner Mutter und Vater. Fortsetzung und Anfang von tausenden von Jahren und Generationen. Ich bin in dir, du bist in mir. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, welcher seine Erfüllung im Sterben erlebt. Wie immer du lebst. Geburt und Tod sind die Tore zur Welt. Wir treten ein und aus. Und dazwischen spielen wir unsere Rolle, leben unser Leben, folgen unserer Bestimmung und nehmen unsere Aufgaben wahr. Hausaufgaben? Pflichtbewusstsein? Der geistigen Führung vertrauend . . .
Ein Kind weint im Zug. Vater spricht für mich ohne Verständnis und Liebe. Oder: Das Kind hört und spürt nichts davon. Es fühlt sich eher unverstanden und runtergemacht an. Aufrechte Menschen weinen anders.
Weine, wie du weinen magst, denk nicht an die Andern, droht Dir doch kein Ungemach, Befreiung von schweren Banden, Tränen befrein dich und den Andern.
Mathea, Meike, Raphael, . . . von Herzen alles Liebe und Gute. Grossvati.
Älter und alt werden . . . weise . . .
Dies war zentrales Thema des Jahresseminares im Lassalle Haus. Nicht zu older people sondern elder people werden, wie im Amerikanischen ein feiner Unterschied gemacht wird. Soeben erhielt ich ein Foto von Mathea und Elisa, Klein Raphael und Little Katharina. Mir vorzustellen, ich war so klein oder so jung, hat etwas Beunruhigendes, Angst machendes. Diese Abhängigkeit von den Erwachsenen. Dieses Ausgeliefertsein, besonders als Baby. Du hast in diesem Alter keine Ahnung was alt werden heisst, und kannst es Dir nicht vorstellen. Ich kann mir heute mit 69 auch gar nicht richtig mehr vorstellen, wie es mit 4 Jahren war. Erinnerungen verblassen, Bruchstücke bleiben haften, im Unterbewusstsein bleibt mehr. Und dieses begleitet uns ein Leben lang. Ich weiss, mit 20 wollte ich nie 30 werden, uralt. Am 30. Geburtstag gab ich die Parole „sich maskieren“ raus, und schritt als uralter Mann auf und ab. Erkannte ich mich selbst? Gleichzeitig immer wieder die Angst, nicht alt zu werden, früh zu sterben. Heute ängstigt mich die Idee, ich würde sterben und meine Nachkommen bräuchten mich noch. An was erinnert sich ein 4-jähriger oder auch 9jähriger, der einen Verlust eines Menschen ertragen muss, später, sich an diesen Menschen erinnernd, wie es damals war? Heute können wir ganz intensive Momente und viele davon erleben, auch hier, haften bleiben wird vieles im Unterbewusstsein. Ich weiss am Einprägendsten den Ausspruch von Tante Ida: „Reto, ich wünsche mir und bete, dass du ein guter Mensch wirst“. Da sagte mal Lina dazu, Grossvati, das bist du geworden. Dankbarkeit.
Heute war ich beim Zahnart, meinem wundersamen schönen Dr. Gadzo in Interlaken.
Es fehlen mir nun viele Zähne, ein weiterer ist am Weihnachtsgebäck abgebrochen, heute ein Zahn angebrochen, Lachen fällt schwer, resp. ich unterdrücke es manchmal vor Leuten. Unter der Dusche heute morgen war ich bereit, alle mir verbliebenen Zähne ziehen zu lassen und ein Gebiss anfertigen zu lassen. Wir haben uns auf einen Mittelweg geeinigt. Oben eine Halterung, befestigt an zwei Stiften, etwas, das ich bis jetzt nicht wollte, heute morgen unter der Dusche sich aber seinen Weg gebahnt zu haben scheint. Ich fühle mich glücklich jetzt über den eingeschlagenen Weg und die Kosten sind mit so Fr. 9000.– auch human angesetzt. Die Haut altert schon länger. Ich habe sehr grosse Mühe mit der alternden Haut von Frauen. Und Männern. So geht’s wohl auch Andern.
Jetzt gehe ich zweimal jährlich zum Hautarzt. Mich abchecken lassen und Hautgewächse entfernen zu lassen, auch auf eigene Kosten. Soll ich mir etwas die Haare grau färben lassen? Weiss wäre schön.
Sich so alt zu sehen wie man sich fühlt, finde ich eine dumme Bemerkung. Laut meinem Neurologen ist mein Frontalhirn einige Jahre älter als meinem Alter entsprechend. Im Moment fühle ich mich auf meinem Schaffenshöhepunkt. Der tiefe Fall kann jederzeit einsetzen. Der Film, den ich realisieren möchte, hat etwas mit Eigenliebe zu tun und sich ein kleines Denkmal setzen. Hauptbeweggrund ist jedoch, dies weiterzugeben, was ich alles mit Dankbarkeit bis jetzt erfahren und erleben und erkennen durfte. In Bezug auf Themen wie Gesundheit, Krankheit, Meditation, Poesie und mehr, was sich ergeben wird. Wir wissen nicht, was im nächsten Moment ist. Halten wir den jetzigen Moment fest und lassen wieder los. Mit Bewusstheit, in wachem Bewusstsein. Wobei wohl auch ein dementer Mensch ein waches Bewusstsein hat, das wir nicht mehr erkennen. Wir wissen nicht, wie es sich als Ameise anfühlt und diese weiss wohl auch nicht, wie das Mensch-Sein ist. Wir sehen unsere Welt, unseren Kosmos. Mit Demut schaue ich auf all das Unbekannte. Und vergesse das Bekannte nicht. In Würde weitergehen, wohin? Von wo her kamen wir eigentlich auf diese Welt?
Familienforschung
Ich unterteile in Vorfahren väterlicherseits (Kassel und Winterthur/Glarnerland) und mütterlicherseits (Basel und Zürich). Deutschland, Kassel. 1999 reiste ich mit dem Opel und Fahrrad nach Kassel. Ziel Evangelisches Kirchliches Amt, Archiv. Der Beamte war höchst liebenswürdig und interessiert: Wieso war 1875 ein Glarner Kaufmann nach Kassel gekommen und traf hier die Tochter eines Bierbrauers? Es gab damals 50 Bierbrauereien in Kassel. Wir notierten, da gab es Krupps und Henkels, edle Geschlechter, und ein Bruder der Urgrossmutter war nach Berlin ausgewandert, keine Spur mehr von ihm. Seine Schwester, meine Urgrossmutter, sei in die Schweiz gegangen. 10 Jahre später in Winterthur: Der Glarner Kaufmann, Urgrossvater, war bei seinem Bruder, UBS Banker, in Winterthur. Dort lebte schon die Schwester meiner Urgrossmutter, als Modistin in die Schweiz gekommen, und meine Urgrossmutter kam zu Besuch und meine Urgrosseltern lernten sich kennen. Der Glarner Kaufmann ging dann nach Kassel nur um zu heiraten und sie lebten dann fortan in Winterthur. Welches Haus in der Altstadt war ebenfalls registriert und ich besichtigte es. Diese Urgrosseltern liessen sich in der damaligen Zeit zweimal scheiden und heirateten wieder jeweils, wohl aus rechtlichen Gründen, da mein Urgrossvater in Stans mit einem Kieswerk in Konkurs ging. Natürlich gabs dann mal ein Mädchen, meine Grossmutter, die einen Mann aus Muhen aus dem Aargau heiratete. Diese Familie zog dann nach Schaffhausen, wo der Grossvater bei der Oberzolldirektion Adjunkt war und mit dem Auto in den 20er Jahren die Grenzposten im Nordosten der Schweiz kontrollieren ging. Seine Frau starb früh, er heiratete ein zweites Mal, eine Coiffeuse aus Schaffhausen, und sie wohnten auf dem Herrenacker. Zwischenzeitlich waren sie kurz in Romanshorn, Grossvater noch mit der ersten Frau, wo mein Vater zur Welt kam. Später besuchte mein Vater die Schulen in Schaffhausen und machte dort auch die Kaufmännische Lehre bei der Firma Danzas. Ich habe meine Grosseltern väterlicherseits nicht mehr gekannt. Mein Vater zog dann nach Chiasso, wo er bei seinen Bruder und Schwägerin lebte, und 10 Jahre bei Danzas Chiasso arbeitete. Er war Juventus Turin und Mussolini-Fan, ein sadistisches Vorzeichen für seine spätere Ehe und Familie.
Die Mutter meiner Mutter war Zürcherin. Ihre Cousine lebt heute noch als 85-jährige Künstlerin am Zürichsee. Sie stammt aus einer grossen Familie aus Rapperswil. Mein Grossvater wuchs mit Bruder und Schwester, Tante Ida, in Basel-Kleinhüningen auf, wo auch meine Mutter zur Welt kam, in einem der Fischerhäuschen im Dorf, nahe bei den Silos. Meine Mutter verlor ihre Mutter, als sie erst 12 Jahre alt war. Grossvater lebte von da an allein. Er wurde noch zum Erfinder des chemischen Materials, welches an den Storen dafür sorgt, dass die Sonnenstrahlen „abgefangen“ werden. Er erhielt hiefür weder eine Beförderung noch Geld von seinem Arbeitgeber, und zusammen mit dem Verlust seiner Frau verfiel er grosser Traurigkeit und wurde zum Trinker. Meine Mutter wohnte dann bis
zu ihrer Verheiratung bei Tante Ida in Reinach, meinem Geburtshaus, und Grossvater kam oft zu Besuch (siehe Kapitel 6, Therwilerstrasse 41). Die Familie meines Grossvaters resp. deren Vorfahren waren ziemlich wild, Abenteurer, bauten u.a. Eisenbahnen in Südamerika oder lebten mit Französischem Offizier verheiratet in Algerien. Diese Frau durfte ich noch 1960 kennenlernen ennet der Grenze bei Genf, wo sie in einem Altenheim lebte und ich das erste Glas Champagner trinken musste.
Bergell raucht (das Tal heisst in Wahrheit anders)
Dem Glück am Nächsten. Die Freiheit. Verantwortlich sein, für was ich liebe. Der eigene Meister meines Glücks sein. Ein Geschenk. Dankbarkeit.
Ich besuche die Familie gerne an diesem Ort. Lade mich meistens selber ein, nur, was bedeutet dies schon? Das Haus und die Umgebung sind in den vergangenen Jahren laufend ausgebaut worden. Sehr schön ist alles geworden.
Warum trinke ich Alkohol? Während der Lehrzeit gingen wir immer wieder mal ins Bierlokal. Bier. Intensiver wurde es in London während meines dreimonatigen Englandaufenthaltes. Dort begann Whisky zum Gutenachtprozedere zu gehören. Und Bier am Abend. Einsamkeit leichter aushalten, oder das Alleinsein. Nicht wissen, wie mit dem Gefühl des Alleinseins umgehen. All-Eins-Sein. Ganzheitlich gesprochen. Diffuse Ängste abends vor dem Einschlafen. Und am Abend Bierkonsum, um die Freude am Leben zu dopen. Viele Beweggründe. Was ist wahr?
Natürlich gehörte meist auch Rauchen dazu. Essen. Mich füllen. Leere auffüllen. Was für eine Leere? Sucht? Ich konnte immer wieder stoppen. Der Körper zeigte keine Reaktion. Nur das Gehirn, verbunden mit einer Zwanghaftigkeit, doch Gewohnheit.
Zeiterscheinend, vermehrter Drogenkonsum irgendwelcher Art. TV, Handtelefon, Spielen, ständiges Reden, Joggen; Grenzen erkennen, warum überschreite ich welche? Aus Abenteuerlust, Lonely Cowboy, Heldentum, Ignoranz meinem Geist, Seele und Körper gegenüber. Hilft da Achtsamkeit?
Das Bergell ladet ein zu extremem Erleben. Klettern, Laufen, Einsamkeit aushalten, mich überschätzen, den jungfräulichen Geist nicht aushalten. Oder die Schönheit der Gegend. Kein Sand, Spirit, uferloses Gewässer. Tiefgang. Wer erlebt was hier über die Generationen?
Wunderschön der abendliche Lauf durch die Gegend, Heidelbeeren essend und einsammelnd, den weidenden Tieren gute Nacht wünschend, entdecken, schauen und staunen und lauschen, was sich da alles bemerkbar macht. Gehört werden möchte. Du?
Ein tolles Gemeinschaftserlebnis war die Wanderung zur Sciorahütte mit Übernachten. Ein Drei-Generationen-Projekt, abends im Massenlager in den Schlafsäcken liegend und sich Witze und Geschichten erzählend. Ich bin der weise AchtsamkeitsClown. Mehr für die Andern. Wie entstehen Bilder? Bilder können authentisch oder projiziert sein. Und werden noch öfter falsch interpretiert. Manchmal auch richtig. Beispiel. Ich war in einer Fortbildung in Berlin, 6 Uhr in der Frühe, auf der Terrasse Tee trinkend, vor der morgendlichen Sitzmeditation. Da sah ich in einem Nachbarhaus, dass ein Fernseher lief. Ich dachte, hoffentlich schauen meine Kinder oder Enkel nicht morgens früh schon TV, und ich nahm ein beklemmendes, trauriges Gefühl wahr. Später vormittags beim Austausch erzählte eine Kollegin, sie sei frühmorgens auf der Terrasse gesessen und hätte im Nachbarhaus einen Fernseher laufen sehen. Wieder jemand, der beim Fernsehschauen abends eingeschlafen sei. Ich sprach sie dann darauf an, wie sie zu ihrer Interpretation käme? Weil ihr dies selber passiere. Wir interpretieren auf unserem Hintergrund und je nach dem fallen wir auch noch in ein Gefühlsloch und das Grübeln beginnt.
Dies kann natürlich auch beim Rauch im Bergell passieren.
Verscio/Cavigliano/Locarno
Verantwortung übernehmen für das Projekt. Das Kind. Weder an Arbeiter noch Therapeuten delegieren. Ich habe mich in all den Jahren für mehrere Projekte interessiert.
Mich aber nie dafür entscheiden können. Was habe ich gescheut? Kaum den Lohn, der wäre gering. Angst vorm Scheitern? Gehört doch zum Leben, auch in der Erziehung. Wer will gescheiterte Existenzen aufgezogen haben? Ziehen, Rupfen . . . tut man am Gras nicht.
Kann Gras mit Menschen verwechselt werden? Vice versa?
Ein Grossonkel, Hans, meiner Mutter, verbrachte seinen Lebensabend in Minusio bei Locarno. Ich entdeckte das Tessin erst viel später nach Italien und speziell der Toscana. Vorgängig war das ein Transitkanton. Die Entdeckung und Liebe fürs Tessin ist eng verbunden mit der Casa Solidarieta in Cavigliano. Früher ein Ferienhaus des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH), ursprünglich ein Refugium für Flüchtlinge aus dem spanischen Bürgerkrieg, geführt von jungen Alternativen, lebte es für mich vom Charme und der Aura des Visionären und gleichzeitig Existentiellen der Nach-68er-Bewegung. Wir verbrachten dort zweimal Ferien mit den behinderten Menschen aus Bülach. Und dann lebte Erwin längere Zeit dort. Er war mit seinem Esel über die Berge ins Tessin gewandert. Dort unten baute er einen Eselund Hühnerstall. Und sonstiges . . . Raphael, 10-jährig, und ich, besuchten Erwin übers Jahresende. Unvergessen der Neujahrstag an der warmen Sonne in Ascona am See, mit Risotto aus grossen Töpfen. Tradition. Hatte auch die Casa. Ich war viele Male dort, auch alleine. Wir wohnten dort als Familie bei einem Familienanlass in Verscio in der Übergangsphase des Hauses dort, inzwischen ist es eine Herberge mit Zimmern für Festmieter.
In Locarno lebten Bruno und Ruth, die wir viel besuchten. Am Rande Locarnos mieteten wir ein Häuschen am Waldrand, für Yvonne, mich, Katharina und Moritz. Sommerferien.
Und gegenüber im Gambarogno verbrachten wir als junge Familie mit Omi und Opi die ersten Familienferien mit den beiden Kleinen, Alexandra und Raphael, in einem wunderschönen Haus am See der Familienherberge.
Da war immer etwas von Heimat. Jetzt ist Heimat in Verscio entstanden, bei Luca daheim, meinem Schwiegersohn. Diesen Sommer war keine Heimat. Heimat kann ich an verschiedenen Orten empfinden.
Heimat ist dort, wo ich gerne hingehe, weil ich mich wohlfühle, daheim, an Orten wie in mir selbst. Ich bin gerade im Moment beim Schreiben wieder mal mit mir selbst im Zug unterwegs. Nicht Speisewagen. Luca ist ja auch Chef der Speisewagen. Heimat im doppelten Sinne.
Das Haus in Verscio wird zur Zeit umgebaut. Heimat wandelt sich. Wohin? Heimat ist für mich ein schwieriges und leichtes Thema. Schwierig, weil ich damals nach dem Verlassen meines ersten Elternhauses viel an Heimat verlor, und weil ich in gewissem Sinne oft als Lonely Cowboy unterwegs bin. Wie vertragen sich Freiheit und Heimat? Kann die Freiheit auch Heimat sein? Frei und daheim unter freiem Himmel oder in der Bahn? Yes Sir, sagt John Wayne, und zückt das Generalabonnement aus dem Halfter. Freiheit und Heimat sind Spiegel meiner Seele im Aussen. Und manchmal suche ich Heimat in der Frau, der verlorengegangenen Mutter. Dies erweist sich eher selten als kluger Schachzug, da Heimat in einem andern Menschen den Aspekt von Missbrauch hat. Vielleicht weniger, ist der andere Mensch der Helfertyp. Auch John Wayne und sein Pferd unterstützten sich.
Sinn im Leben
Die Liebe. Gutes Tun. Zusammengefasst: Mit Liebe im Leben stehen und Gutes Tun. Ohne Absicht. Schneemenschen bauen und diese nachts im Sternenlicht im glitzernden Schnee betrachten und glücklich sein. Mich entwickeln. Meinen inneren Kern finden, diesem Nahrung geben, die neue Pflanze wachsen und reifen lassen. Bewusstsein verändern und Bewusstsein erweitern. In Klarheit und Wahrheit leben. Den Menschen, Kindern, alten Menschen, etwas mitgeben auf den weiteren Weg. An was erinnere ich mich? An was wirst du dich erinnern?
Alles was ich tue, tue ich für Alles. Da alles zusammenhängt. Das macht Sinn. Sinnerfüllt soll jeder Tag sein, manchmal gibt’s Ausrutscher, die zum Leben gehören und das Leben auch lebenswert machen.
Verantwortung übernehmen, für das was ich tue, aber auch für das, was ich sage. Und für das, was ich nicht tue. Und irgendwann entdecke ich, dass ich auch für meine Gedanken verantwortlich bin. Deswegen: „Mögen alle meine Gedanken, möge jedes Wort, das ich sprech, und auch alle meine Taten, zum Wohle des Grossen Ganzen sein“.
Verantwortung übernehmen für alle Zeiten: Vergangenheit, sorgsam mit Traditionen umgehen, Gegenwart, das Hier und Jetzt, und die Zukunft, unsere Nachkommen, denen wir unsere geschaffene Welt überlassen.
Meinen ökologischen Fussabdruck sanft halten. Thich Nhat Hanh sagt bei der Gehmeditation: „Gehe so sanft, wie wenn deine Füsse die Erde küssten. Wir tun der Welt sehr viel Ungutes“.
Selbstverständlich kommt auch reflektierte und spontane Freude vor. Die Genüsse sollen verantwortbar sein. Wir sind alle aufeinander angewiesen.
Ehre deine Ahnen, Vorfahren. So wie wir es in der Plum Village Tradition mit den Erdberührungen tun, wo wir unseren Vorfahren danken und sie würdigen, wir ihnen gegenüber auch Verstehen zeigen für Ihr Tun und Schaffen. Wir handeln schlussendlich alle so wie wir können aufgrund unseres aktuellen Bewusstseins oder unserer Bewusstheit, unserer Bewusstseinsseele. So kann auch Versöhnung und Verzeihen entstehen. Und wir werden demütig.
Das ist das bis jetzt am Schwierigsten zu Denkende und Schreibende Thema. Zu fühlen: Liebe geben und erhalten.
Angst gehört auch dazu. Paradox? Angst kann Antrieb und Auslöser zur Liebe werden. Ängste erkennen, zulassen, akzeptieren, transformieren. Und vielleicht endet alles auch in Zerstörung oder geistigem Zerfall. Der Kosmos dehnt sich aus, könnte auch explodieren oder implodieren. Und vielleicht werden wir den eigentlichen Sinn gar nie erfahren. Höhere Mächte lenken und dirigieren oder behüten und beschützen. Schutzengel-Sein.
Nachtrag: Macht Handtelefonbenutzung Sinn? Ich habe immer wieder die Idee, mit einer Gruppe von Gleichgesinnten durch die SBahn zu laufen und allen Leuten die Handtelefone wegzunehmen. In einen Sack tun und den Sack auf dem nächsten Bahnhof aufs Perron stellen. Oder stelle Dir mal ein Tier am Pfotentelefon vor? Schau mal im Zug, die Leute setzen sich hin und gleich wird das Handtelefon gezückt. Ist das Sucht, Zwang oder Dummheit?
Gruss an einige meiner EnkelInnen /Geistiges Vermächtnis
Heute feiere ich meinen 69. Geburtstag. Wir haben schon einige Tage vorgefeiert mit zusammen Schlittenfahren bei Wilderswil. Jetzt, heute früher Abend, im ICE nach Interlaken zu fahren, alleine, den Abend auch alleine zu verbringen, ist eher etwas aussergewöhnlich. Den Tag habe ich morgens mit Andrea in Maisprach verbracht. Zum Zmittag war ich bei euch, Lina und Franca, und David, Fabian, Mami und Papi. Den Nachmittag verbrachte ich mit euch, Elisa und Enea. Und Lina. Und Mami.
Im Moment fühlt es sich nicht nach Geburtstag an. Kann es auch nicht 24 Stunden lang.
Eigentlich passt der Tag, die jetzige Situation, zu meinem Leben. Reisezeit. Speisewagenzeit. Heute Abend im Belmont aufräumen, und morgen früh noch putzen. Nochmals die vergangenen Tage Revue passieren lassen. Etwas Znacht zu mir nehmen. Was ist noch übrig aus den vergangenen Tagen? Knoblauch schadet auch nicht. Vielleicht ein paar Begegnungen mit Belmont-Menschen. Traurigkeit dürfte auch aufkommen. Abschied nehmen nochmals von den hier gewesenen Gästen. Abschiednehmen vom Alter 68. Vorbei. 69 ist eine schöne Zahl. Wo werdet ihr euren 69. Geburtstag feiern? Ihr werdet euch dann so in etwa im Jahre 2081 befinden. Ungeheuerlich, dieser Gedanke an eine Jahreszahl. Dann dürfte vermutlich auch niemand mehr von meinen Kindern oder euren Eltern leben. Erinnern werdet ihr euch trotzdem an Wilderswil, ans Belmont, ans Schlittenfahren. 2081? Was wird dann sein? Was für eine Welt haben wir euch hinterlassen? Ich wäre dann 131 Jahre alt. Jetzt überkommt mich Sentimentalität und Traurigkeit. Alles ist vergänglich. 200 Jahre später, 2281, wird auch niemand von euch mehr leben. Da wir uns zu wenig in solche Zeitdimensionen einleben, nehmen wir auch zu wenig Rücksicht auf die Gefahren in unserer heutigen Welt. Was würde ein Atomkrieg bewirken? Wie sähe eine atomar verseuchte Welt aus? Gäbe es noch Nachkommen, vielleicht alle Menschen und Tiere mit mehreren Köpfen und keinen Beinen?
Wie werdet ihr mit 90 Jahren aussehen? Erinnert ihr euch meiner noch? An Andrea? Grenzenlose Traurigkeit kommt über mich, feuchte Augen. Ja, geniessen wir jeden Moment im Hier und Jetzt, jeden Tag, der so kostbar ist, fürs Alleinsein und Zusammensein.
Lina, dich kann ich mir sehr gut vorstellen. Du wirst eher ein sogenanntes alternatives Leben leben. Schön. Du wirst dich selber finden und sein. Du wirst die Familiengeschichte weiterschreiben und festhalten. In meinen Fussspuren sein.
Elisa, du wirst einige Kinder haben und sehr viel Familienglück geniessen dürfen. Du wirst eine sehr zufriedene und glückliche alte Frau werden.
Du Franca, wirst ziemlich berühmt werden. Du wirst im Kunstbereich neue Wege einschlagen in verschiedenen Gebieten und dich auch politisch engagieren und Mandate bekleiden.
Enea, dein Weg wird steinig sein, in jungen Jahren, bis in die Mitte deines Lebens hinein. Dann wirst du, wie ich, viel an dir arbeiten, und im spirituellen Bereich tätig sein, wie übrigens auch deine Cousine Lina. Ihr werdet einige Projekte gemeinsam angehen.
Ich sehe und erkenne im Moment nur euch vier. Meine vier weiteren EnkelInnen werden auch ihren ureigenen Weg gehen, doch seid ihr mir im Moment zu wenig nahe, um in die Zukunft zu schauen.
Ich habe euch ALLE sehr sehr gerne gehabt. Ich kriege wieder feuchte Augen. Es ist schon so, dass die Enkel mit der Zeit die eigenen Kinder etwas in den Hintergrund schieben, da hier engere Kontakte und oft einfachere entstehen.
Andrea wird euch übrigens noch allen sehr lange zur Seite stehen. Dies ist nicht nur ein Wunsch zu meinem heutigen Geburtstag sondern eine Vorhersage, ein Spüren. Andrea hat eine sehr tiefe Spiritualität, die immer noch zu stark zugeschüttet ist. Andrea wird länger leben als ich. Nach meinem Tode wird sie einen Quantensprung erleben zu Erkennen, Bedauern, Versöhnen und ihren ureigenen Weg gehen. Ich liebe euch! Grossvati.
Männer und Frauen
Das tönt nach Grossvati und Grossmutti und Ernest Hemingway. Ein Mann ist ein Mann und eine Frau ist eine Frau. Mit allen anhaftenden Klischees. Muskulöse Ärsche und glattrasierte Brüste. Zähne zwischen den Zehen. Potenz in Rein-Kultur. Flüssigkeiten zwischen den Beinen perlend. Nach dem Geschlechtsakt. Ob 18 oder 88. Ich hätte als Mädchen Claudia geheissen. Reto und Claudia. Ein TraumPaar. Spürst du die Erotik?
Ich sehnte mich lange Zeit, eine Frau zu sein. Ich hasste Männer. Ich fühlte mich weiblich, weich, anlehnungsbedürftig, verführerisch, sanft. In meinen Jahren so von 15 bis 30 war dem oft so. Ich liebte auch weibliche Sexualität. Zärtlichkeit, Geschehenlassen, mich als Frau zu sehen und fühlen, lesbisch. Bis mich meist die Frau an mein Status-Symbol erinnerte. Stativ raus, Status dahin. Ich spüre Aggression. Das ist unfair und manipulativ, einen Menschen als Mann oder Frau zu sehen. Mann und Frau wäre schön. Im spirituellen Sinne. Körperlich ausgelebt.
Heute kann ich gut akzeptieren ein Mann zu sein. Ich gebe mir mindestens Mühe. Das gehört zu Altern in Weisheit und Würde. Da kannst du dich nicht mehr über Geschlechter-Rollenbilder verzweifelt ärgern. Tu dein Bestes. Männer sollten wir uns öfters als kleine Buben vorstellen. Das wirkt versöhnlich. Donald Trump als Kleinkind. Männer sind bedauernswert. Von klein auf werden sie in Rollen gezwängt. Diese überfordern. Als klein und als erwachsen. Nicht als alt. Als Alter kannst du dir erlauben, wieder Kind zu werden. Ausser du warst dein ganzes Leben lang Kind. Kind einer Frau. Bin ich heute in einer Runde von Männern und Frauen, merke ich natürlich immer wieder, dass ich oft wie die Frau empfinde und fühle. Verlorengegangene Claudia? Claudia kann auch im Manne leben.
Mann und Frau können literarisch wie bei Hemingway oder im realen Leben wie bei mir betrachtet werden. Ist da ein Unterschied immer? Ich selber habe immer meine weiblichen Seiten gelebt. Sei es mit langen Haaren, auch schon langen Fingernägeln, sei es im Beruf oder beim Sex. Ich bin kein Weich-Ei. Sind Weich-Eier männlich oder weiblich?
Sächlich, neutral? Warum sagt Kim nicht zu Trump er sei ein Weich-Ei oder umgekehrt?
Politiker sind Weich-Eier oder Eier-Köpfe. Und produzieren über ihre Juristen 40-seitige Begleithefte zu Abstimmungen. Männer und Frauen zu unterscheiden ist etwas vom Absurdesten der Weltgeschichte, der Evolution. Wir unterscheiden wegen der Geschlechtsteile oder der Funktionen in Bezug auf Fortpflanzung. Das zeigt, das menschliche Gehirn ist noch nicht sehr entwickelt. Atomare Weich-Eier. Eigentlich ist es nicht möglich, einen vernünftigen oder auch literarisch angehauchten Text zu diesem Thema zu schreiben. Zu idiotisch, zu abgegriffen, neigend nur zu Stümperhaftigkeit.
In den vergangenen zwei Wochen war im Ziischtigs-Club Thema „Das Männer-Bild von heute, aus eigener Sicht des Mannes und aus Sicht der Frau“. Der Mann sei in einer Krise, jedoch sei dies Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise als Grösseres. Ich meine, die Welt ist immer komplexer geworden, also wird halt auch das Leben für uns Menschen generell komplexer. Wir möchten so vielen Bildern entsprechen, die uns vorgaukeln, so sollten wir sein und leben. Vielleicht würde sich für MancheN das Leben wieder vereinfachen, würden wir mehr uns selber sein. Nicht Rollenbildern und Ansprüchen von aussen nacheifern. Dies würde bedingen, mehr in uns zu spüren, was wir wollen und unsere Wünsche leben. Der Preis wäre vielleicht vermehrtes Alleinsein, nur könnte dies der Anfang von All-Eins-Sein bedeuten. Wir würden uns zu ganzheitlichem Mensch-Sein entwickeln. Eine fantastische, auch angstauslösende Utopie für die ganze Gesellschaft . . .
Spiritualität
Spiritualität ist für mich die erweiterte Seins-Form des Menschen. Also nicht nur Körper, Gefühle, Denken. Mein Geist, meine Seele kommen dazu, und mein Eingebettet-Sein in der Menschheit, im Leben grundsätzlich, im Kosmos. Deswegen hat ja auch alles Esoterische seinen zentralen Stellenwert und Berechtigung.
Meinen Lebensweg kann ich mehr unbewusst, intuitiv gehen, oder/und auch je länger je bewusster. Mit dem Bewusstsein entwickelt sich auch die Intuition, da wir ganzheitliche Wesen sind. Diese Ganzheitlichkeit zu entwickeln ist Grossteil von Spiritualität. Dies kann dir durch plötzliche Eingebungen geschenkt oder auch „hart“ erarbeitet werden, z.B. über Meditation.
Meine eigene Spiritualität war natürlich auch schon immer in mir angelegt. Meine Spiritualität kam mit mir zur Welt. Als Kind lebst du als spirituelles Wesen ohne dir dessen bewusst zu sein. Musst du ja auch nicht. Da du in der herkömmlichen Schule nichts von diesem Begriff hörst, wirst du ihn oder dich auch nicht näher kennenlernen. Und hörst du dann mal von diesem Wort, wird es dich nicht interessieren oder Angstmachen oder dir als wirklich völlig unwichtig erscheinen. Es wird in deinem Bewusstsein je nach Lebensart nie erscheinen oder langsam dämmern, dir ins Bewusstsein kommen. Du fragst dich also eines Tages, bin ich spirituell. Bist du noch „zu wenig“ spirituell wirst du diese Frage mit „ich bin nicht spirituell oder ich will gar nicht spirituell sein“ beantworten. Bist du in deinem ganzheitlichen Bewusstsein angekommen, wirst du erkennen, dass du ein spirituelles Wesen bist. Und ab jetzt wird diese Erkenntnis deinen weiteren Lebensweg steuern, du willst spirituell oder einfach menschlich wachsen. Jetzt kanns enorm spannend werden.
Du kannst fünf Jahre eine Psychoanalyse machen ohne Spiritualität zu erkennen. Du bleibst im Kopf, bei Glück lernst du etwas über deine Gefühle. Besuchst du einen MBSR-Kurs kommst du je nach deiner Konstitution der Spiritualität näher. Wohl vorausgesetzt, du lässt dich auf mehr als auf den Kurs ein, beispielsweise auf ergänzende Retreats. Du willst also mehr wissen, mehr spüren, mehr erleben, mehr erfahren, näher deinem Wesenskern kommen, mit dem Du in diese Welt gekommen bist. Dieser Kern strahlt dann je länger je mehr seine Wirkkraft aus, und diese Wirkkraft wird gleichzeitig wachsen, also auch deinen Kern befruchten. Verlässt du dann einmal diese Welt, nimmst du äusserlich und innerlich Weisheit und in gewissem Sinne Erleuchtet-Sein mit in andere Welten. Erleuchtet-Sein meint, erhellt, geklärt, erkenntnisgereift, gewachsen, dich reif gemacht für dereinst neue Bestimmungen und Aufgaben in weiteren Leben.
Im Zentrum von all diesem steht LIEBE. Du erlebst und wirst zur wahren Liebe. Diese Liebe, an welcher unsere Welt so oft mangelt, wirst du weitergeben. Dein Tun und Sein und Schaffen wird zu Liebe, zentraler Wert und Ausstrahlung. Entsprechendes Handeln wird zu deiner Maxime, Lebenssinn, zur Mission. Die Mission, ein Wort mit heute eher negativem Duktus, wird zu deiner Existenz.
In LIEBE.
Suchen und Finden
Ich habe oft gesucht. Die wertvollsten Geschenke fielen mir zu, ohne sie gesucht zu haben. Zudem, so ein Geschenk musst du auch noch erkennen, dass es dir zufällt. Manchmal sind wir achtlos und bemerken gar nicht, was uns zufallen will. Vielleicht verpassen wir die grosse Liebe, weil wir nicht sehen, dass uns jemand anlacht oder fasziniert anschaut. Wir hasten durchs Leben.
Stimmt nicht so einfach. Spontan fällt mir nichts ein, was mir Grosses zufiel. Ich suche viel. Ich stosse beim Lesen auf viel Interessantes. Ich bin ja eigentlich schon oft zwanghaft am Suchen, am Unterwegssein.
Aha, doch, was ich finde ohne zu suchen, das bin ich selbst. Immer wieder. Nur zu suchen wäre verdammt anstrengend. Mir fallen jedoch laufend Erkenntnisse über mich zu. Da bin ich wach, sehr wach. Und dankbar. Ist doch vielleicht die grosse Liebe, mich selbst zu finden! Also, könnte heissen, ich suche das Alltägliche, auch Besondere, und finde das Kostbarste, mich selbst. Mit mir selbst werde ich auch diese Welt, wie ich sie jetzt wahrnehmen kann, verlassen. Das ist mein kostbarstes Gut. Kann ich dafür etwas tun mich selbst zu finden? Klar. Der Wunsch nach innerem und äusserem Wachstum. Spiritueller Entwicklung. Wachsein. Die äusseren Werte und Erlebnisse je länger je mehr loslassen, nicht mehr fokussieren, anvisieren. Mich auf inneres Erleben konzentrieren. Mich der Wahrheit verschreiben. Wahre Wesenheit erleben und anstreben. Anstreben ohne anzuhaften, ohne Anstrengung. Je länger du dies übst, desto leichter fällt es. Es wird zu deinem inneren Kompass. Du stehst radikal für das Gute ein. Du lernst zu spüren, was dir gut tut, und dieses Gute kommt auch der Welt zugute.
Natürlich macht dies auf seine Art jedeR. Mehr oder weniger. Das ist eine Vereinbarung mit dir selber. Ist ja auch die Frage, wie willst du am Ende deines Lebens über die Schwelle treten?
Freude und Dankbarkeit
Freude herrscht, ein Ausspruch von alt Bundesrat Adolf Ogi. Oder, von mir, resp. Monika, „Judihui, s`Läbe isch schön“. Das rufen auch meine EnkelInnen. Und schon für diese „Wenigkeiten“ können wir doch dankbar sein.
Beim Gutenachtprozedere, Singen, Beten, mit den Enkeln, habe ich eingebaut, für was sind wir denn heute dankbar? Da kommen immer wunderschöne Antworten. Das macht mich auch schon wieder dankbar. Sind wir offen fürs Leben, sind wir sehr viel dankbar!
Wir Menschen hier zeigen wenig Freude. Unser Gesichtsausdruck ist oft sehr verkniffen. Kein Lächeln, kein entspanntes, zufriedenes Gesicht. Mein Gott, für was darf ich alles dankbar sein! Gesundheit, klar. Und da gibt es dann noch so viele „Dinge“. Auch „Dinge“, die ihre anstrengende Seite haben, z. B. die kleinen lebendig quirligen Enkel, die Perlen. Du ärgerst dich über sie, und bist ja trotzdem von Herzen dankbar, dass sie auf der Welt, in deiner Nähe sind. Und du spürst ihre Dankbarkeit, dass sie bemerken, dass du für sie da bist, gegenseitig Schutzengel sein.
Bis vor recht kurzer Zeit, war Dankbarkeit ein zu wenig ausgeprägter Begriff für mich. Irgendwie unbekannt. Alles ist selbstverständlich. Wir fordern ja viel, und da müssen wir für nichts dankbar sein. Oder wir wissen zu wenig zu schätzen, was ist, also dafür dankbar zu sein. Fängst du damit an, dankbar zu sein, kannst du nicht mehr damit aufhören. Es wird zu deinem Begleiter. Echt erstaunlich. Rückblickend auf mein Leben bin ich heute natürlich für so viel dankbar. Im Moment damals realisierte ich die Dankbarkeit nicht. Heute kann ich dies, sei dies am Abend im Tagesrückblick oder schon tags beim Geschehen.
Freude gehört zu den buddhistisch gesprochen angenehmen Erlebnissen. Sehr oft nehmen wir das Unangenehme wahr, beklagen uns, leiden. Das Unangenehme wollen wir von uns wegweisen. Es ist oft sehr dominant und bestimmend, z.B. Schmerzen.
Das Schöne und Freudige geht im Alltag oft unter, nehmen wir gar nicht mehr wahr. Dabei ist die Welt voll von Schönem und Freudigem. Ich finde da sehr eindrücklich eine Szene im Film „Der friedvolle Krieger“, nach Dan Millman. Der alte weise Mann Sokrates lehnt zusammen mit dem jungen Sportler Dan an einem Holzgeländer an einem Steg über einen kleinen Bach in einem Park. Der junge Mann meint, hier sei nichts los, alles so langweilig. Da nimmt der alte Mann sanft den Kopf von Dan, und es folgen verschiedene Blickeinstellungen: Man sieht einen Marienkäfer auf einem Grashalm sitzen, ein Liebespaar, das sich umarmend küsst, einen Schmetterling, ballspielende Kleinkinder, zwei miteinander plaudernde Frauen, Licht und Schatten auf der Wiese und so fort. Überall Leben, nichts von Langeweile. Vermehrt Angenehmes und Freude zu erleben können wir in der Meditation üben und praktizieren.
Zwei Beispiele zu Freude und Dankbarkeit: Ich arbeitete in der Klinik Königsfelden, ca. 2010, als eine neue Kollegin mit der Arbeit anfing. Tanja. Am Abend meinte sie, sie kenne mich doch von irgendwo her, speziell meine Stimme. Wir überlegten eingehend, es dauerte, und plötzlich hatten wir es heraus gefunden: Etwa 1990 ging Tanja in Schafisheim zur Waldorfschule. In der zweiten Klasse. Und ich war der Schul-Nikolaus.
Ich arbeitete 1984 in Bülach. Mit Marisa. Ich traf Marisa vor etwa 10 Jahren an einer Veranstaltung in Bern, kurz, für Augenblicke. Kürzlich, 2022, schrieb ich ihr eine Mail. Sie schrieb mir zurück. Und sagte unter anderem, vor etwa zwei Jahren hätte sie im A-Bulletin ein Inserat von mir gesehen, als ich nach Esther Landolt forschte, und meine Handschrift erkannt.
Freude und Dankbarkeit darüber, dass es dieses von Mutti als Mädchen, 1935, getrocknete Blümlein noch heute 2022 gibt.
Heimgruppenunterricht und Fiire mit de Chliine
Für mich war der Religionsunterricht ein Lieblingsfach. Noch früher war es die Sonntagsschule. Da war immer so eine Geborgenheit. Das Gefühl von Angenommensein.
Alexandra hat Mühe mit dem Religionsunterricht. Ihre älteste Tochter Sophia ist noch getauft worden. Katholisch. Mir als Protestant ist mit den Jahren der Katholizismus näher gekommen als der Protestantismus. Die Rituale. Und nicht nur fast ausschliesslich alte Menschen im Gottesdienst.
Zur Zeit, als es bei Sophia auf die Kommunion zuging, führte die Katholische Kirchgemeinde Aarau den Heimgruppenunterricht ein. Es wurden also Eltern gesucht, die diese Aufgabe für jeweils eine Gruppe Kinder übernehmen wollten. Und so kam ich als Grossvater dazu, etwa fünf Kinder unterrichten zu dürfen. Ein bis zwei Jahre lang, daheim, respektive in einem Raum der Kirchgemeinde. Vorgängig sind wir LeiterInnen geschult worden. Von den Katholiken. Wir waren drei Protestanten.
Im Unterricht wurde viel erzählt, gesungen, und gebastelt, auch als Herausforderung an mich. Es war schön. Bereichernd. Als Gruppe führte es dazu, dass wir dann zum Abschluss des Unterrichts im Frühjahr jeweils ein Schulreisli auf die Rigi machten. Das war auch sehr schön.
Ich finde, Religion ist ein Kulturgut. Nicht nur Glaubenssache. Religion = Rückbesinnung ist auch Wissensvermittlung. Und heutzutage ein grosses Thema. Religion ist Teil einer Spiritualität. Oder umgekehrt.
Zu sagen, ein ungetauftes Kind könne sich später immer noch taufen lassen? Wie soll es Religion erlernen? Per Eingebung? Für mich stand ein Kirchenaustritt nie zur Debatte. Kirche und Religion ist Teil meines Lebens, meiner Erziehung, meines Gefühles, meiner Persönlichkeit. Und, negative Aspekte gibt es bei Allem. Und der jetzige Papst ist ein Geschenk für die Menschheit. Und nicht zu vergessen: Die Kirchen hatten in den 60iger und 70iger Jahren besonders in Südamerika, Mittelamerika und Afrika auch einen sozialrevolutionären Auftrag.
Ich gehe möglichst jeden Monat mit Enea und Elisa am Samstagvormittag zur Stadtkirche ins „Fiire mit de Chliine“. Die Kinder lieben diese Stunden. Mit Geschichte, Singen, Beten, sich die Hände reichen, Basteln, und zum Abschluss gibt’s Sirup mit Butterzopf. Gemeinsamkeit. Manchmal kommt Franca mit. Lina betont, sie habe nichts mit Religion am Hut. Auch den Kindern, die nicht zum Religionsunterricht gehen, bedeuten Gott und Jesus viel. JedeR entwickelt seine/ihre eigene Bedeutung. Wir Menschen sind Glaubenswesen.
PS: Sophia ist zweimal auf nicht sehr schöne Art und Weise aus der Kirche abgemeldet worden. Einmal wurde sie nochmals angemeldet auf Intervention von Sophias Vater. Nach der zweiten Abmeldung meinte Sophia, sie habe Verständnis, dass ihre Familie nicht so viele Steuern zahlen könne.
Achtsamkeit
Oder Präsent sein, gegenwärtig sein. Wie der Bogenschütze: Wach, klar, bewusst, und gleichzeitig möglichst entspannt. Schön, dies oft im Alltag empfinden zu dürfen.
Achtsamkeit heisst nicht, achtsam, lieb sein, anständig, höflich . . . kann es ja sein, wird es auch je länger je mehr, Mitgefühl, Liebe, Freundlichkeit . . . nur, ich kann sogar unfreundlich sein, mal böse werden, mal egoistisch sein, bin ich mir dessen bewusst, gedanklich, gefühlsmässig, vielleicht sogar mit Körperempfindungen . . . wach, für das was ich tue: Essen, Vorhang ziehen, Duschen, mich rasieren, Geschirrspühler ausräumen, Schuhe binden, für jede Tätigkeit gilt dies, mich immer wieder tagsüber in den Moment, ins Hier und Jetzt holen . . . so nehme ich z.B. Stress früher wahr, kleine Körperempfindungen, schwierige Gefühle, eine leichte Verspannung, leichte Unruhe, die ich im Anfangsstadium wahrnehme, bevor ich mich völlig verspannt fühle oder wütend ausraste. Und nehme ich dies wahr, kann ich mich anders verhalten, beispielsweise bei einem Anflug von Migräne noch eine Tablette nehmen, die wirkt; und vielleicht dann auch nicht automatisch auf Impulse reagieren, die mir oder jemand anderem schaden könnten, setze ich sie um. Achtsamkeit führt mich ins Leben, indem ich den Atem wahrnehme, auch die kurze Stille zwischen Einund Ausatmen oder Ausund Einatmen. Achtsamkeit ist das Leben wahrnehmen. Stressvorbeugung, Stressbewältigung und Freude entdecken und geniessen. Dies etwa per definitionem. Oft wird noch angefügt, nicht vergleichend, nicht bewertend oder, sage ich, zu merken, wenn ich halt vergleiche oder bewerte.
Ungefähr 1996 schrieb meine jüngere Tochter in der Schule eine Arbeit zum Thema Buddhismus. Yvonne, Carine und Katharina fragten mich, ob ich mit ihnen eine Woche ans Sommer Retreat zu Thich Nhat Hanh nach Plum Village, nähe Bordeaux, mitfahren würde. Ok, noch ohne zu googeln, fuhren wir hin. In ein Kloster? Ich hatte schon in frühester Jugend den Wunsch, ins Kloster zu gehen, vielleicht auch im Alter für immer, also fahren wir hin. Am Eingangsbereich zu den klösterlichen Höfen stand YOU ARE ARRIVED YOU ARE HOME, was genau per sofort mit mir geschah. Langsames Gehen, bewusstes Essen, Arbeitsmeditation, sozialbuddhistische Vorträge, Schweigezeit, Stille, und gegen 1000 Menschen auf verschiedenen Höfen verteilt, was mich an Woodstock erinnerte. Farbenprächtig, Mönche und Nonnen in schlichtem Braun, viel Lachen, Fussballspiel zwischen Nonnen und Jugendlichen. Und ich erinnerte mich, schon anlässlich der Beerdigung meiner Mutter las ich einen buddhistischen Text, und mein Gedichtband mit 30 geschrieben, enthielt ja eigentlich alles Texte mit Bezug zum Hier und Jetzt. Ja, ich war angekommen.
Ich möchte zwei Aspekte aus der Lehre von Thai hervorheben, sehr wichtig für mich:
In uns sind alle unsere Vorfahren und Nachkommen enthalten. Was ich also für mich tue, transformiere, tue ich auch für meine Ahnen und meine Nachkommen.
Beginne erst eine sexuelle Beziehung, wenn dir klar ist, du willst mit deinem Partner einige Zeit zusammenleben, also eine feste Partnerschaft eingehen.
Mehrere Jahre fuhren dann Yvonne und ich im Sommer mit Enkelin Sophia hin, begleitet von Alexandra, oder Tamara, oder Katharina, oder Raphael, oder Maria Clara. Und als ich dann nach gut 10 Jahren fand, ich möchte mich weiterentwickeln, fuhr ich für 3 Monate ins Winter-Retreat. Weihnachten und Neujahr inbegriffen, unvergesslich, beeindruckend. Damals lernte ich einen Arzt aus Genf kennen dort, der mich auf MBSR aufmerksam machte. Ich begann ein paar Wochen danach mit der Ausbildung zum MBSRoder Achtsamkeitslehrer, und unterrichte nun MBSR und MBCT und Achtsamkeit seit gut 15 Jahren. Dafür bin ich all meinen Lehrern äusserst dankbar, die mir halfen, auf diesen Weg zu kommen. Und ich besuche seit Jahren jährlich mehrere Retreats und Veranstaltungen zum Thema Achtsamkeit. Ich gehöre da wohl zu den am Längsten praktizierenden Lehrern im deutschsprachigen Raum und konnte „mein Thema“ schon so vielen Menschen nahe bringen und diesen Menschen Achtsamkeit lehren, für ihre tägliche Praxis, wie auch im Umgang mit Krankheiten wie Burnout, Depression, Ängsten, Schmerzen. Ich verneige mich tief vor dem Leben und all dem Erlebten und wie ich mich heute in der Welt für mich, meine Vorfahren und meine Nachkommen bewegen, leben darf.
Wasterkingen – Buchberg – Rüdlingen
Am Rudolf-Steiner-Schule-Bazar Schafisheim war ich verantwortlich für den Konfitürenverkaufsstand. Weil ich damals viele Früchte aus dem eigenen Garten meist zu Konfi verarbeitete (so 1995).
Mh, lecker! Yvonne säte, pflanzte an und ich erntete und verarbeitete Früchte und Gemüse. Den Erlös teilten wir uns. In Wasterkingen fiel meine Aktivität zurück. Nicht nur, weil Esther die Urne ihrer Mutter im Garten der Erde vermachte. Vermutlich war früher auch starker Antrieb Vorbild sein. Für Sophia. Für die Menschen. Am meisten Freude bereitete dann wirklich der Verkauf, die Kontakte dabei.
Als ich Abschied nahm in Rüdlingen von Haus und Garten, und unten vom Rhein her Haus und Land etwas aus der Ferne betrachtete, überkamen mich Gefühle der Traurigkeit, wie wohl damals, als ich Abschied nehmen musste von der Therwilerstrasse, meinem Geburtshaus. Wieder auch ein Anflug von Verlorenheit, des sich wieder neu finden dürfens in der Welt. Zu Wasterkingen kommt mir Pfarrer Leu in den Sinn. Ich stand dabei auch mal zur Debatte zur Wahl in die Kirchenpflege. Wegziehen kam dem zuvor. Pfarrer Leu war ein Pfarrer, der Sonntags vor der meist überalterten Kirchgemeinde predigte, und leicht abgedroschene Revolutionsideen vertrat. Mein Empfinden. Es hat wohl weder geschadet noch genützt. Oder 5 % mehr genützt sicher. Erinnerte mich an mein Kirchenstuhl sitzen vor vielen Jahren mit meiner Mutter. Einmal erlebte ich dabei einen Orgasmus. Kirche und Sex oder einfach Geborgenheit pur. Zu Rüdlingen gehörte der Rebstock. Meine Stammkneipe. Bier, Rotwein, Käse und Wurst. Mehr gabs auch nicht. Die 80-jährige Margrit führte die Beiz und lebte auch da, das war ihre Stube. Sohn Hanspeter arbeitete tagsüber im Gartenbau und kam dann in die Beiz nach Hause. Schlafen ging er bei seiner Frau. Er verstarb in noch jüngeren Jahren. Die Gaststube war ein Bijou. Holz, sehr altes Deko, wie Spiegel, und Ofenbank. Einmal spielten wir Coiffeur in der Beiz. Samstagabend. Noch 5 Gäste aus Deutschland an einem Tisch, teils aussehend wie Thomas Gottschalk. Und wir wenige aus dem Dorf und der Wirt und die Wirtin. Meinte Hans zu mir, könntest wieder mal zum Friseur. Dann hole doch deine Frau, sie kann ja hier mir die Haare schneiden. Gesagt, getan. Samstagabend mich neu frisieren lassen in der Beiz. Wirt wischt die Haare vom Boden zusammen. Ich hänge den antiken Spiegel ab, was Margrit schier zum Ausflippen bringt. Ich trage heute noch dieselben Haare in meiner Kopfhaut. Sie spriessen und spriessen. In Buchberg konnte man beim Steuerverwalter aufs Jahresende hin ein kleines Vermögen einzahlen, als Vorschuss, und er verzinste es anstandslos. Dasselbige Vorgehen zwei Jahre später in Wasterkingen wurde von der bauernfesten Beamtin nicht akzeptiert. Sie sei keine Bank. Bänke standen vor dem Haus in Wasterkingen. Diese stellten wir dann etwas auf die Wiese hinaus unter den Walnussbaum. Und stellten den Tisch dazu. Mittagessen für die ganze Familie im vorderen Garten. Idylle pur. Vom Waldrand schauten uns Hasen und Rehe zu. Und die Mutter in der Urne erfreute sich auch an dieser idyllischen Ruhe.
Wir heizten ja in Rüdlingen mit Holz. Immer im Herbst organisierte ich ein Dutzend Freunde zum Holz reintragen in den Schopf, wo die bellende Djerba uns erwartete. Reintragen hiess, wir standen in einer Reihe, und reichten uns wie in einer Staffette die Holzstücke zu. Machte viel Freude, und danach gabs ein feines Essen. Essen . . . Umtrunk . . .
Wir machten jeweils beim Adventsfenster mit. Einmal sassen wir mit der lokalen SVP-Prominenz bis morgens 4 Uhr in der Stube. Auch wieder weinische Geborgenheit. Ja, im Zürcher Unterland war viel Leben und Umtrieb. Wir machten auch einmal in der Familie eine Schnitzeljagd. Da schellte ein Wecker in einer Scheune, weisch no Katharina? Und das Fussballplätzli unter der Heimstätte. Raphael? Pasci? Und dann gab es einmal im Jahr Unihockey spielen an einem Sonntag mit Kind und Kegel und Freunden in der Turnhalle zu Eglisau, dank Yvonne als Lehrerin.
Und da ich mich in Rüdlingen in der Gemeinde engagieren wollte, meldete ich mich auf die Ausschreibung als Ortsexperte, ohne zu wissen, um was es ging. Dann war ich also sieben Jahre der Lebensmittelinspektor für vier Restaurants, die Heimstätte, den Laden und den Bauernbetrieb mit Weinausschank. Machte ich gut, unterstützt von meinem Chef in Schaffhausen, und mit psychologischem Geschick den Wirten gegenüber, meinen Freunden.
Baltschiederklause
Diese Hütte des SAC liegt zuhinterst im Baltschiedertal auf 2783 m.ü.M. im „UNESCO Welterbegebiet Jungfrau-Aletsch“ in einer wildromantischen, hochalpinen Umgebung. Der Hüttenweg durch das Baltschiedertal ist äusserst abwechslungsreich. Die Hütte ist ein idealer Ausgangspunkt für Hochtouren und Klettertouren.
Hinweis: Hütte geschlossen – Winterraum offen – Snacks und Getränke vorhanden –Alustege auf 2400 m demontiert (man kommt übers Wasser) – Martischipfadund Jegisandbrücke ab ungefähr Mitte November demontiert.
Anzahl Schlafplätze 71. Als regelmässiger Berggänger in den Höhen von 3000 m, wollte ich schon lange eine Zeit im Sommer auf einer Hütte mithelfend verbringen. Mit etwa 50 Jahren war es soweit.
Von der Bahnstation Ausserberg 1008 m.ü.M., starte ich. Der Rucksack ist prallvoll. Einen Monat will ich oben bleiben. Dieser Aufstieg wird zu einer meiner anstrengendsten Touren. 1800 Höhenmeter rauf, gegen 25 kg am Rücken. Anfangs den Suonen entlang. Den künstlich angelegten Wasserleitungen. Noch wildromantisch. Dann langsam hoch in steileres Gebiet. Die letzten 1–2 Stunden laufe ich jeweils 10–20 Schritte, dann bleibe ich stehen. Rascher geht nicht mehr. Endlose 12 Stunden steige ich so hoch. Und man stelle sich vor: Am Wochenende kommen Jogger zur Hütte hoch. Die joggen in max. 3 Stunden hoch, nehmen ein warmes Getränk, einen kleinen Snack zur Stärkung, und sind aufs Mittagessen wieder im Tal unten. Drahtige Männer und Frauen. Muskulöse Frauen und Männer. Kinder sieht man kaum auf dieser Hütte. Dafür hatte es damals zwei Katzen. Die Hüttenkatzen. Die sind natürlich mehrheitlich raufgetragen worden. Zwischen 1 und 4 Uhr gingen die Gruppen in zeitlichen Abständen los Richtung Bietschhorn. 3934 mü.M. Einmal entwischten die Katzen, oder vielleicht nur eine Katze, heisst, sie lief der Gruppe hinterher. Zurückscheuchen half nichts, und umkehren gab es für die Bergsteiger nicht mehr. Spätestens nach ein paar Stunden, als die Bergsteiger über Schneefelder mussten, gab es nur noch eine Lösung.
Der Katze einen wärmenden und rutschfesten Platz im Rucksack anbieten. So kam eine Katze auf einen Viertausender. Der Rückweg resp. Abstieg führte ins Lötschental und dann mit dem Postauto ins Rhonetal runter. Dort wurde die Katze bei Freunden der Hüttenwartin untergebracht, und ein paar Tage später von der Hüttenwartin wieder raufgeholt. Oder blieb sie für den Rest des Sommers im Tal? Entscheide du als Leser. Eine Katze blieb auf jeden Fall sicher bis Ende der Hüttensaison oben. Da ich handwerklich nicht der Geschickteste bin, gabs für mich keine technischen Arbeiten. Innerhalb und ausserhalb des Hauses. Der Hüttenwart ist auch verantwortlich für den Weg zur Hütte. Also Markierungen anbringen. Wartungen am Weg, Brücken reparieren oder erstellen. Ich war im Haus tätig. Zimmer. Und in der Gaststube. Küche. Am Allerliebsten, eigentlich freiwillig, sass ich zwischen 1 und 4 Uhr im Essraum und betreute die aufbrechenden Gäste. Vielleicht einen Verband noch anlegen. Noch etwas aus der Küche nachreichen. Kaffee aufwärmen. Schauen, dass die Katze nicht zur Hütte raus geht. Übrigens, die erste Woche, immerhin anfangs Juli, war gar nichts los. Es regnete die ganze Zeit über, und es fiel auch noch ziemlich Schnee. Die Baltschiederklause liegt im Wallis. Das Bietschhorn ist an der Grenze zum Kanton Bern.
Zum Wallis noch ein Erlebnis. Als ich in der Lonza arbeitete, dazu gabs ja schon einen Text, spielte ich im Fussballteam, Firmensport-Meisterschaft. Einmal organisierten wir ein Fussballspiel gegen das Mutterhaus in Visp. Wir fuhren mit der Bahn ins Wallis. Auch heute ist von der Lötschbergroute her unten der Fussballplatz noch zu sehen. Wir kassierten eine vernichtende Niederlage. Dafür gabs nachher in der Lonza-Kantine fettige Gnagi und Fendant in Strömen. Es regnete damals nicht. Und Christian Constantin war auch noch nicht Präsident vom FC Sion.
Nachtrag zu Bergtouren: Meine schönsten Bergtouren aus meiner Erinnerung: Auf den Piz Languard, 3261 m, mit Übernachten dort oben auf der Georgyhütte, mit Herrmanns und Yvonne und meinen Kindern; Walliser Hochtouren; Alpstein/Säntis. Immer so auf etwa 3000 m Höhe, möglichst blauweisse Touren, ohne gross zu Klettern.
Belmont, Wilderswil, Berner Oberland
Ich wohne jetzt seit 3,5 Jahren hier. Heimat ist nicht gewachsen. Ich bin nie im Berner Oberland angekommen. Mit dem Herz. Angemeldet immer noch in Aarau.
Der Zeit mit Andrea hier oben trauere ich immer wieder mal nach. Da ging es um Beziehung. Sonst fehlt es an Beziehung zu Andrea wie zum Belmont. Alle für sich unterwegs. Mindestens ohne mich. So empfinde ich. Klar. Hat alles auch mit mir zu tun. Ich sitz jetzt im Zug dem Thunersee entlang. Ende November. Ein japanischer Herr, oder Chinese, fotografiert den See und die Berge. Schönster Sonnenschein. Im Aussen. Ins Innere sieht man kaum. Spüren. Wahrnehmen. Ich fühle mich grad neutral.
Im Belmont hatte ich anfänglich eine Aufgabe. Deswegen bin ich auch gekommen. Jetzt liegen meine meisten, vielen, Aufgaben, nicht hier oben im Oberland. Im Belmont wasche ich, wechsle die Kleidung, erledige Büroarbeiten, sitze vorne im Saal an meinem Tisch. Gläserne Rundsicht. Rundsicht durch Glas. Grossartige Rundsicht. Wie es wohl auf dem Schilthorn aussieht? Im Panoramarestaurant.
Ich werde älter. Das Belmont auch. Die Menschen hier oben auch. In einem Jahr wird es für das Belmont ein Facelifting absetzen. Dann wird das Belmont jünger. Äusserlich.
Innerlich? Es fehlt die Jugend. Und mir fehlt die Aufgabe um mehr anzukommen. Irgendwo kommt man doch an? Oder verlässt man nur? Kann ich verlassen ohne je angekommen zu sein?
Oh, die EnkelInnen! Diese sind jeweils das Highlight mit ihren Besuchen. Wären sie natürlich auch anderswo bei ihren Besuchen. Hier werden wir bald wieder Schlittenfahren gehen. Von Sulwald nach Isenfluh. Inklusive Nachtabfahrt. Fondue. Die Omas sollten auch dabei sein. Meine Idee. Die Kinder strahlen. Ich bin ein guter Mensch.
Kein Gut-Mensch. Manchmal mangelt es mir an Liebe hier. In verschiedener Hinsicht.
Klar. Die Frage zwischendurch, was ich in einem Jahr tun werde. Ausziehen erscheint natürlich. Unter den Bagger gehen wäre eine schlechte Alternative. Besonders für die EnkelInnen.
Andrea interessiert das Ganze nicht sehr. Sie irrt im Unterland rum und trägt ihre grossen Kinder im noch grösseren Herzen. Was hat eigentlich im Herzen alles Platz?
Ich lerne viel. Ich lerne laufend. Ich weiss, dass ich lerne. Ich spüre, dass ich lerne. Das ergibt Sonnenschein, manchmal Schmerz.
Im Belmont habe ich ein eigenes Zimmer. Voller Kinderzeichnungen. Ich will nicht zurück. Doch nochmals Kind zu sein bei Eltern, Menschen, die mich einfach so annehmen wie ich bin, wäre eine prima Alternative. Schnitt. Ich bin seit Jahrzehnten „dran“, anderen Menschen zu einem Daheim beizutragen. Da ist Motivation, Lebenssinn, und hauptsächlich Liebe. Wer gibt mir ein Daheim im Alter?
Sommer 2018
Der Sommer der Ent-Scheidung. Vielleicht der Höhepunkt meiner Präsenz. Einen Berg erreicht. Befürchtung angesagt, es geht bald abwärts.
Und der Sommer von Ostpreussen. Einfacher zu erklären. In Ostpreussen wäre meine Seele gerne geboren worden. Ich war nie dort. In vorherigen Leben. Meine erste Inkarnation war als weise alte Frau im Kampf mit bösen Männern in Atlantis.
Gleich in Olten. Keine grossen Erlebnisse hier. Das war einmal früher: Asylzentrum aufbauen und leiten, kurdisch und pakistanisch essen, Fussballspielen, Regula lieben, Rösli, Markus (i ghöre es Glöckli) und Bruno begleiten, . . .
2018 fand woanders statt. Wo? Im Zug? Vorüberfahren am Glück? In der Reiseflucht?
Flucht vor was und/oder wem? Olten. Stop. Hier literaren und literarten Lenz, Capus, Walter, Hohler . . . am Bahnhofbuffet vorbei und drin. Nostalgie und Gegenwart. Bier, Wein, Erdnüsse und Rauch. Und der Landesstreik 1918. Sommer 1918. Olten ist Kult.
Und Kultur. Zurück zu 2018.
Der Sommer war heiss. Äusserst heiss. Und dauerte lange. Äusserst lange. Auch an der Langstrasse genoss man/frau dies. Ich war vergangenen Sommer nie an der Langstrasse. Keine Bürli und Currywürste und geile Schwänze. Pferdeschwänze. Ich war in Olten. Auf der Durchfahrt. Den ganzen Sommer über.
Und mit Schwiegersohn Luca und Sohn Raphael mit dem Auto gefahren nach Kaliningrad ehemals Ostpreussen, heute Russland, an die Fussball-WM und sonstige Anlässe. Jetzt im Hauensteintunnel. Hier steckte ich für vier Stunden 1978 fest. Tunnelerlebnis.
Der Sommer findet wie die übrigen Jahreszeiten millionenfach statt. Fand statt. Kannst du dir die Ewigkeit rückwärts vorstellen. Wo warst Du vor 1 000 000 Jahren? Deine Seele?
Innehalten – Atmen – Enjoy this Moment . . .
Nachtrag
Wunderschön wars bei all meinen Besuchen im Tessin.
Als ich früh morgens ins Freie ging, so ein wunderschöner beglückender Moment, an den Bergspitzen die Sonneneinwirkung zu sehen, den sich langsam tiefblau färbenden Himmel, und . . . beim letzten nächtlichen Pinkelgang das Sternenmeer. Wieder der Aspekt von Millionen von Jahren und wie unglaublich viele Menschen den traumhaften Sternenhimmel auf dieser Welt schon glücklich bestaunten.
Was sehen wohl die Tiere und Pflanzen und Mineralien?
Und dann kriechen langsam die Perlen zum Bett raus. Und David. Die Perlen heissen Lina und Franca. Ihre Körper bestehen aus Mineralien. Deswegen Perlen.
Und weiter südwärts im Tessin, in Verscio. Da schlief ich im Schlafsack in Lucas Garten. Neben mir Enea. Enea war stolz auf seinen Mut. Elisa lutscht von Herzen gerne Eis. Glace auf Schweizerdeutsch. Was natürlich Französisch ist.
Wo findet Heimat statt?
Kaliningrad, Königsberg, Ostpreusen
Ich werde demnächst ein Medium konsultieren. Ostpreussen?
Mein Grossvater, genannt Coquin, besass einen alten Atlas, ein dickes, grosses Buch. Darin fanden wir die alten Deutschen Staaten. Vor dem verlorenen Grossen Krieg.
Schlesien, Böhmen, Pommern, Westund Ostpreussen. So lernte ich Schreiben. Und verstehen. Die Länder im Osten faszinierten mich. Insbesondere Ostpreussen. Seit damals, als Bub, gedieh Ostpreussen zur Passion.
Nicht zur Passions-Geschichte. Wie für die unzähligen im Leid ertrunkenen Flüchtlinge 1944, die westwärts auf ihren Karren oder zu Fuss ihre Heimat verlassen mussten.
Immer wieder in meinem Leben tauchte dieses ehemalige Deutsche Land auf. Mit der Hauptstadt damals, Königsberg. Stadt von Kant und Käthe Kollwitz. Das Land, das bis zum Memelstrand reichte, zur Brücke von Tilsit. Der Königin-Luise-Brücke. Schweizer und Russischer Käse. Tilsiter. Zurück zur Weltgeschichte.
Der Frieden von Tilsit. Geschehen im Juli 1807. Zwischen König Friedrich Wilhelm III., Preussen, zusammen mit dem Russischen Kaiserreich, dem Zaren, und dem Französischen Kaiserreich unter Napoleon. Auf der Memel. Auf einem Floss.
Im Sommer 2018 stand ich zum zweiten Mal an der Memel. Diesmal auf Russischer Seite. Drei Jahre davor stand ich auf der Litauischen Seite.
Da ist kein Unterschied. Ob EU oder Russland. Beidseits der Grenze schlagen die Herzen der Menschen im Takt der Liebe und der Trauer über das Verflossene.
Ich zitiere das Ännchen von Tharau, Melodie Friedrich Silcher, Text Simon Dach, im Original auf Samländisch:
Ännchen von Tharau ist, die mir gefällt,
sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
auf mich gerichtet, in Lieb und in Schmerz Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.
Im Sommer 2015 durfte ich das Denkmal besuchen in Klaipeda, ehemals Memel.
Ein Bild mit Ännchen.
Übrigens, hört mal:
Die Englische National-Hymne und die alte schweizerische,
„Rufst Du mein Vaterland“, basieren doch auf der alten Deutschen Kaiser Hymne . . .
Live: Jetzt hats mich wieder gepackt. Ich google und google, das Alte Deutsche . . .
Nachtrag: Ich sprach vor kurzem zu einer Deutschen Frau, es sei wohl schon so, dass die meisten Deutschen Vorfahren, Verwandte, in Ostpreussen gehabt hätten? Sie meinte, da ich immer wieder solchen Menschen begegnen würde, hätte dies wohl etwas mit meiner Geschichte zu tun.
Das Medium wartet.
Jesper und Grauper und Reto und Thomas oder: KatzenDaHeim oder KinderHeim
Herbst 2018
Ich, Jesper, sitze wieder vor dieser Türe. Miaue. Schreie. Ich bin voller Schmerz.
Grauper ruft: Hör auf. Ist doch schön hier. Wo willst du hin? Jesper: Zu Frauchen und Herrchen. Hinter die Türe. Dann machen diese fremden Männer die Türe auf, gehen raus, oder kommen rein. Ich darf nicht. Ich will zu Frauchen und Herrchen. Ich überlege, was hinter der Türe ist. Ein Zimmer? Eine andere Welt? Ein anderer Kosmos? Ich kenne nur diese Wohnung hier. Grauper: Überlege nicht ständig, du Denker. Mich interessiert nur, was hier und jetzt ist. Jesper: Meditativer Quatsch. Du meditierst zu viel. Grauper: Schau, die beiden fremden Männer sind ja nett zu uns, sie streicheln uns. Geben uns zu essen. Und ich beginne sie auch zu mögen. Und lasse mich streicheln. Jesper: Ich will raus. Ich bin traurig. Ich fühle mich leer und verlassen.
1959
Ich sitze vor dem grossen eisernen Gartentor im Pförtnerhäuschen. Da draussen ist die Welt. Meine Eltern sind fortgegangen. Ich bin traurig, wütend, leer, fühle mich so verlassen. Ich bleibe hier sitzen und warte. Bis sie mich abholen kommen. Meinen Bruder scheint dies nicht zu interessieren. Er spielt drinnen. Im Kinderheim. In Biel-Benken. Bei diesen schrecklichen Schwestern. Mit diesem fürchterlichen Essen. Brei. Milchbrei. Und abends wieder Gitter. Diesmal um das Bett rum. Die Verlassenheit pur. Keine Liebe. Was ist Liebe?
PS: Wissenschaftliche Anmerkung
Für die Katzen hört die Welt hinter der Türe auf. Sie haben keine Ahnung, dass da draussen Lift und Treppe runterführen, draussen eine Strasse wäre, eine Stadt, ein Land, da gibt es einen Flugplatz, von wo Frauchen und Herrchen in die USA geflogen sind. Purer Wahnsinn.
Wir Menschen erkennen den Kosmos, den Himmel, die Sterne, fliegen manchmal zum Mond. Jedoch sonst: Auch eine geschlossene Türe. Was ist dahinter? Gilt fürs Leben wie fürs Sterben. Amen.
Sehnsucht und Liebe
Ein sich ozeanisch anfühlender Orgasmus – im Alltag gelebt. All-Umfassendes Verstehen, Annehmen, einfach möglichst immer alles mit Liebe machen. Besonders wir in den sozialen-, gesundheitlichen-, lehrendenund führenden Berufen – die Menschen mögen, gern haben. An und für sich, auch Treppen reinigen oder Rasenmähen oder alles was wir tun, mit Wertschätzung und in Wachheit und Bewusstheit tun, im Wissen, alles auf dieser Welt hängt zusammen, wir sind alle ein Teil des Grossen Ganzen.
Dann gibt’s auch Liebe zwischen Mann und Frau. Schon fast was Kleines, das wir oft überbewerten, uns selbst viel zu wichtig nehmen, als den Nabel der Welt. Gerade dann entstehen grosse Konflikte.
Sehnsucht ist immer zukunftsgerichtet oder Sehnsucht nach etwas Vergangenem. In der Gegenwärtigkeit ankommen, atmen, könnte uns erden; abgesehen vom Sucht-Aspekt.
Natürlich kann immer wiederkehrende Sehnsucht auch uns einen Weg aufzeigen, Angst loszulassen, mutig auf Neues zuzugehen.
Meine erste grosse Liebe galt unserem Garten beim Haus, wo ich aufgewachsen bin. Dieser Garten war paradiesisch. Das Grundstück war immens gross, viel unbebautes Land, Bäume, Apfelbäume mit den edelsten Sorten, Ziersträucher, Haselnussbäume zum Erklettern, Treibhaus, Gartenbeete, Himbeerund Brombeersträucher, Hasen, und am Ende des Grundstückes am Tor eine Pappel und eine Birke; Wegweiser ostwärts.
Meine nächste Liebe galt dem Fussballbildli einkleben. Zuerst bei Bäckerei Stefani kaufen im Dorf, als Kaugummi getarnt. Später auch tauschen mit Heinz Zingg, den ich demnächst in Basel wieder treffen will. Irgendwie die nächste Liebe war Iris, meine erste Freundin, aus Lörrach. Irgendwie bedeutet, vielleicht war es zu früh für mehr Gefühle; zu ihr nach Lörrach ins Elternhaus zu fahren war stark auch mit Heimatgefühlen verbunden. Die Rolling Stones lasse ich aus. Die nächste Liebe galt der Cinque Terre. Da kommt meines Wissens noch ein eigenes Kapitel. Dann Rüdlingen, dem Haus und Garten. Schon beschrieben. Den Bergen, dem Säntis, auch schon beschrieben. Und dem Wallis. Und dem Osten Europas. Birke und Pappel wiesen schon einen Weg ostwärts. Schon 1973 circa entdeckte ich die Schönheit und Kargheit und Bescheidenheit von Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Ungarn. Und da ich auch grosse Liebe dem Kommunismus gegenüber empfand, zog es mich auch bald danach in die DDR und Tschechien. Das waren Gefühle von Heimat, Eingebundensein, Abenteuer, Bescheidenheit, Kreativität, Freundlichkeit der Menschen, und auch Misstrauen. Was ich schon aus frühester Kindheit kannte. Kann Liebe ohne Vertrauen gedeihen? Mir mangelte es wohl an Urvertrauen. So gelangte ich auch nie zu wirklicher Liebe in einer Partnerschaft. Solche waren meist beherrscht von Misstrauen, Eifersucht, Verlustangst, einer gewissen Verlässlichkeit, Unruhe.
Eine grosse Liebe entstand zur Meditation, zur Achtsamkeit, zum MBSR. Und zu Kindern. Speziell zu Mädchen. In ihnen sah ich oft meine Mutter als Kind, oder all die vielen Mädchen, die leiden mussten. Ich als kleines Mädchen Claudia. Dabei heisse ich Reto und fühlte mich wohl oft als „verschupftes Huhn“. Und Andrea wünscht sich Hühner. Bin ich vielleicht Andreas Hahn?
Das Wort Liebe weckt auch Wut und Verzweiflung. Neid. Hier hilft wieder das in den gegenwärtigen Moment kommen, das Annehmen, mich an all dem Schönen und Guten erfreuen, das mich umgibt und das ich selber kreieren kann. Dank meiner Kreativität.
Andrea
Mann oder Frau
Im Morgentau Tropfenweise Wenig Worte Gefühlserahnend Schweres schwanend Über Jahre Mangelware
Und da plötzlich stehst Du wieder vor der Türe lange Haare selber Blick Ich werfe kurz einen Blick zurück
Dreissig Jahre sind vergangen
Seit wir zusammen in Rheinfelden rumgehangen
Gehangen tate wohl nur ich
Du gegangen,
fast der Kosovo spricht
Heute hier und morgen dort
Schwant mir Böses am letzten Ort
Warum zum Engel dreht die Sonnenblume laufend ihren Kopf Dorthin woher kommt kein Wassertropf
Dorthin wo die Sonne scheint
Und der letzte Tropfen weint
Meist bin ich ganz unbelesen
Meist ist alles schon gewesen
Neues entsteht im Wandellicht
Oft bevor der Tag anbricht
Sitzt Du da auf Moos und Stein
Helle bricht der Tag dann ein
Was er bringen mag zu dieser frühen Stunde wer weiss dies schon Wundervoll das Feld mit blühendem Mohn
Wie und wann das Ende bricht Weiss ich nicht ich kleiner Wicht Wie und wann das Ende naht Sei einfach laufend dafür parat Leben, Sterben, was tut not
Du verdienst dein täglich Brot
Seiten füllst Du so mit Worten
Besser als das Gelde horten
Glück allein kommt nicht zustande und das Glück kommt selten allein Denn der Tautropfen am Morgen im Sonnenlicht empfiehlt dir zu wein.
Wien, Spätherbst 2018
Die wohl poetische Antwort von Andrea: ich kenne ja die meisten Geschichten schon und für mich ist das alles nicht neu.
Dein Schreibstil ist wie du erzählst – für mich nichts Überraschendes dabei . . .
Ich würde ganz gerne ganz still neben dir sitzen und zuschauen, wie deine Finger über die Tastatur gleiten . . . ich liebe das . . . wie ich es auch liebe zu schauen, wie du Auto fährst . . . mit Literatur kenne ich mich zu wenig aus . . . ANDREA

Schlusswort
Es folgen zwei Texte dazu. Wähle den dir passenden aus.
Schlusswort 1
Es dominiert Heimatlosigkeit und oft Traurigkeit. Zwei Befindlichkeiten, die ich schon in meiner Kindheit kannte.
Es gibt innere und äussere Heimat. Die innere Heimat sich zu finden, kann man erarbeiten, erschaffen über die Jahre und mit einem Auf und Ab kannst du diese innere Heimat erleben, zum Beispiel über Meditation. Äussere Heimat schaffe ich mir nie, weil ich Angst vor dem Wiederverlieren dieser Heimat habe. Weil ich aber auch das Gefühl von Geborgensein nicht aushalte. Dann werde ich zum Reisenden zwischen mehreren Wohnorten. Ich bin unterwegs.
Lonely Cowboy. Manchmal hilft, geliebte Personen um sich zu haben. Eine Partnerin, kleinere Kinder. Da ich diese für mein Loch nicht benutzen darf, heisst es immer aufpassen. Da ist Angst vor dem Verlieren und entstehende Nähe wieder zu zerstören. Vielleicht hätte da jemand mehr Unterstützung geben können, mit mehr Verständnis und weniger Bedürfnisse für seine eigene Entwicklung. Vielleicht.
Irgendwann kommt das Alter, wo du vor dir selber kotzt, siehst du dir deine schlabbrige Haut an oder den gerunzelten Körper. Es gibt nicht von ungefähr Kinder, die mit alten Körpern auch ihre Mühe haben. Früher starben die Menschen auch noch mit jüngerem Aussehen. Das Altwerden hat seinen Preis.
Der Preis, das Geld. Zum ersten Mal im Leben habe ich Angst um meine finanzielle Situation.
Mein Pensionsguthaben ist zu zwei Drittel aufgebraucht, da ich viel Geld meinen Nachkommen verschenkt habe. Immer das Verschenken, um Dankbarkeit und Liebe zurückzubekommen. Ich beginne mich jetzt natürlich einzuschränken mit auswärts essen oder Ferien. In ein paar Jahren, mit etwa 85 Jahren, werde ich aufs Sozialamt gehen müssen und Ergänzungsleistungen beantragen, in der Hoffnung, ich werde nicht für meinen finanziellen Verschleiss des Guthabens gemassregelt. Vielleicht weiss ich dann nicht mehr so viel, da mein Hirn weiter abgebaut sind wird.
Die Gesundheit lässt ziemlich nach. Und ich wurde sehr bequem. Das ist ein Aspekt von Dummheit. Vielleicht bräuchte ich jemandem, der mit mir Yoga oder Wanderungen macht. Die Beweglichkeit durch das Hüftgelenk ist beträchtlich eingeschränkt. Und ob sich eine dementielle Entwicklung stark bemerkbar machen wird, ist ungewiss. Der restliche Körper ist aber sehr gesund im Moment. Das lässt hoffen, auch noch mehrere Urenkel erleben zu dürfen.
Womit wir bei der Familie und der Familienforschung wären. Grundsätzlich haben die Beziehungen zu Freunden sehr stark abgenommen. Nach mir frägt kaum jemand. Auch ein Grund, mich mit dem Buch bemerkbar zu machen. Und dieses Alleinsein, diese Traurigkeit, überfallen mich ja auch beim Alleinsein selbst, beim Wohnen. Die Kernfamilie ist je länger je mehr ein schwacher Trost. Alle haben genug mit sich selbst zu tun und ich bin nicht so pflegeleicht, oft ein andere kritisierendes Ekel. Wie wir wissen, habe ich es einfacher mit Beziehungen zu weiblichen Wesen. Zum Glück hat mein Sohn Raphael Mathea und neu eine Firma, so können wir uns reiben. Meine beiden Töchter sind halt oft auch sich selbst am Nächsten und logo ihren Familien; ich selbst weiss ja bestens, wie es ist, seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen zu wollen. Ich habe es für mich mindestens immer mit selbsttherapeutischen Aspekten begründet, was, je älter ich wurde, nicht mehr sich vertreten liess.
Heute sage ich desillusioniert, die mehrjährige Familienforschung hat nichts an Wärme und neue Freunde gebracht. Auch nur vereinzelt Familiengeheimnisse offenbart. Und mir gezeigt, wie unbeliebt unsere Familie gewesen sein muss. Auch aufgezeigt, wie wenig einfühlsam die von mir Gefundenen mit mir umgehen; mich wohl eher als Störenfried erleben denn als Suchender nach Heimat und Wärme. Vielleicht bringen die festgehaltenen Nachforschungen später einmal Erkenntnisse für meine Nachkommen, wenn Sie lesen, wie ihre Vorfahren gelebt haben. Und vielleicht berührt auch jemanden meine Person. Ich habe sehr viel Herzblut und Begeisterung und Kraft in die Forschung investiert.
Ich fasse hier nochmals kurz zusammen, was mir gerade gefühlsmässig dazu einfällt: Grundsätzlich sagte ich oft in Bezug aufs Forschen, dass ich Heimat suchen würde. Im Idealfall, völlig absurd, würde ich meinen liebsten Vorfahren nochmals persönlich begegnen. Ich vermisse meine Eltern, meinen Grossvater, Tante Ida, und ich hätte gerne weitere Grosseltern kennen gelernt, und Vorfahren. Ich bin isoliert aufgewachsen. Auch die Forschung isoliert mich, heisst, die Resultate, und mein Alter. Meine Eltern, Grossvater, vielleicht weitere Ahnen, sind auch oft isoliert gewesen. Ich sehe mich als Drehscheibe zwischen den Generationen, und versuche, Unglück, Schlechtes zu transformieren um meine Nachkommen davon zu befreien. Dies gelingt eher schlecht denn recht. Es kann eigentlich nur gelingen, in dem ich Eigenschaften in mir transformiere und dann vorbildlich wirke. Schlecht gelingt dies, weil die Menschen halt auch mich sehen, wie ich war, und nur zaghaft, wenn überhaupt, dazu kommen zu sehen, wie ich mich geändert habe, wer ich bin. Das schmerzt und macht auch wieder Schuldgefühle, ich hätte meinen Job nicht gut genug gemacht.
Unter meinen Vorfahren gibt es die mutigen bis wagemutigen Auswanderer, Trinker, Direktoren, Kunstmaler, psychisch Leidende, sehr früh Gestorbene, ohne Elternteile Aufgewachsene, sicher auch mal einen Glücklichen. Meine Sichtweise.
Gesucht habe ich ja lebende Nachkommen von Geschwistern meiner Urgrosseltern und Grosseltern, was mir gut gelungen ist, da bin ich sehr stolz. Nur die Meisten dieser Menschen haben kein grosses Interesse an einer Beziehung zu mir, geschweige denn zu meinen Nachkommen, wie auch diese wenig Begeisterung, wie auch mein Bruder, dafür haben, neue entfernte Verwandte zu treffen. Alle sind übervoll mit den bestehenden Beziehungen beschäftigt oder dann gibt es ja noch das Handtelefon und Internet, was man dann gegenüber neu auftauchenden Menschen vorzieht. Den Ahnen tun wir dadurch Unrecht und Leid an, denn diese würden sich über unser Interesse an ihnen freuen.
Der für mich stärkste Faden, der sich durch unsere Familiengeschichte zieht, ist das geheime Verstecken und Verdrängen von Ereignissen und Menschen. Ich habe viele Leute gefunden, von denen ich nichts wusste. Und von Leuten, die bewusst verheimlicht wurden. Selbst mein geliebter Grossvater wurde mir noch mit 15 von meinem Vater «unterschlagen» als das, was er war, wie wir ja nachlesen können, was ich alles herausfinden musste. Solche Geheimnisse bestehen für mich immer noch viele. Doch irgendwann setzt sich der Kommissar zur Ruhe. Selbst in meiner Kindheit geschah so vieles mit der Alkoholabhängigkeit meines Grossvaters und der Krebserkrankung meiner Tante Ida, Lieblingsbezugspersonen, was ich gefühlsmässig wahrnahm, mir aber verheimlicht wurde, teils ja aus verständlichen Gründen einem Kind gegenüber. Ich wollte aber die Wahrheit wissen, was ich noch heute will. Da wurde der Kriminalkommissar geboren. Kürzlich fragte ich mich auch das erste Mal, wohin eigentlich der Erlös vom Verkauf des kleinen Hauses in Kleinhüningen ging? Nicht dass mich das was anginge, aber es lässt sich aus den vielen Unterlagen einfach keine logische, wahre Erkenntnis finden. Und ich weiss, dass in meiner Familie Schummler lebten.
Corona hat uns gebeutelt aber nicht untergekriegt. Wir hängen an unseren Leben und tun alles, wie Impfen, um dem Tode auszuweichen. Wir können dies. Kinder sollten wir davor verschonen.
Ich unterstütze die Flüchtlinge vom Ukraine-Krieg mit grossem Tun und Einsatz. Ich habe die ersten Menschen in Polen abgeholt und dann für Unterkünfte gesorgt. Ich begleite sie hier und möchte dann mit welchen nach Kriegsende in die Ukraine, um dort zu unterstützen, die Menschen, nicht das an Konsumentwicklung sich orientierende Land. Für die EU, die USA und die Nato habe ich nichts übrig. Das sind alles auch Kriegstreiber, zum Beispiel mit den Sanktionen.
Noch ein paar Wünsche an meine Nachkommen:
seid für eure Kinder da, persönlich, und klebt nicht am Handtelefon oder arbeitet eigennützig;
erzieht die Kinder zu Menschen, die dankbar sind und nicht laufend schreien «ich will»;
lernt den Kindern eine göttliche oder spirituelle Erziehung mit Tugendhaftigkeit;
vergesst das Staunen nicht, zu sehen das Wunder Leben und darüber auszutauschen;
sprecht über eure Ängste, fühlt euch ineinander ein und entwickelt Mitgefühl.
Für mich drei Hauptaspekte in der Erziehung von Menschen: Das Gemeinschaftsgefühl lernen – gegen den Egoismus angehen. Gemeinschaftsgefühl lernt man über das Vorbild der Eltern. Was tun diese zusammen? Gartenarbeiten, Hausarbeiten, Gespräche, Unternehmungen. Zu oft unternimmt ein Elternteil etwas alleine mit Kindern, das meine ich nicht. Auch homosexuelle Beziehungen sind oft auch ein Ausweichen von gegengeschlechtlichen Beziehungen und schlechten Kindheitserfahrungen. Aber grundsätzlich meine ich Vorbild sein von erwachsenen Paaren.
Dann die Präsenz, das Präsentsein. Gegenwärtig sein. Da sein. Für sich selbst jedoch auch für die andern, die Kinder. Handtelefone im Griff haben. Möglichst immer nur eines tun, nicht mehrere Sachen zusammen. Hier sein im Zuhören aber auch im Beobachten. Beobachten ist Lernen par excellence. In jeder Hinsicht. Ein Indianer oder ein Kosake oder ein friedlicher Krieger beobachten. Dann weisst du, was zu tun ist.
Und als Drittes, das Selbstwertgefühl fördern. In allem Tun. Auch positive Kritik kann das Selbstwertgefühl erhöhen. Ich selber hatte als Kind kein Selbstwertgefühl, fühlte mich völlig minderwertig. Ich musste mir dies hart erarbeiten. Das kann durch viele ganz verschiedene Tätigkeiten geschehen. Ich musste üben, lernen, und du brauchst wohlwollende und gutmeinende Menschen als Gegenüber. Menschen, die merken, wo es dir mangelt und dich entsprechend immer wieder herausfordern und liebevoll trainieren. Den Schwierigkeiten sich stellen. Ob als Erwachsener oder als Kind.
Und über Allem oder umrahmt für Alles steht Dankbarkeit. Du kannst jeden Abend im Bett danken, für was du alles erleben durftest an diesem Tag; das Gute und das Schwierige, um daran zu wachsen. Ich danke dem Leben. Ich danke Dir.
Schlusswort 2
2022 Die aktuelle Zeit,
Heute, Dank und der Beginn einer neuen Geschichte
Ein Abschluss zu finden? Warum nicht mit einem Neuanfang?
Wie geht es mir heute? Was beschäftigt mich? Ich fühle mich eher trostlos. Oft alleine. Grosser Trost meine Familie, meine Kinder, meine EnkelInnen. Ich schäme mich für vieles; mein Wohnen, meine Halbpartnerschaft. Und ängstigen tut mich meine zukünftige finanzielle Situation, da mein Geld sich nur abbaut.
Der Reihe nach. Beziehungsmässig bin ich der, welcher die Leute kontaktiert. Nach mir scheint wenig Interesse zu sein. Eklatant festzustellen anlässlich meiner Familienforschung. Ich habe unter immensen Anstrengungen, jedoch lustvoll, viele Verwandte getroffen. Die wenigsten haben Interesse an Kontakt; mich zu unterstützen im Aufdecken der vielen Geheimnisse tut schon niemand. Kein Interesse oder noch mehr, Stillschweigen. Das betrifft meine Person, meine Geschichte. Da fühle ich mich ausgestossen. Und ich weiss nicht, warum. Es kann sich nur um sehr alte Geschichten handeln, wozu ich wenig beigetragen habe. Den Menschen scheint nicht bewusst zu sein, was sie mir als Forscher und speziell Mensch antun respektive unterlassen. Dies schmerzt sehr.
Das Buch ist ja in grossem Masse Resultat dieser grossen Forschungsarbeit, diesen Aktivitäten und Entdeckungen von mir als Kommissar. Ich muss schauen, wie ich damit umgehen kann. Meine Geschichte, speziell diejenige meiner Familie, wirft immer noch sehr viele Fragen auf. Diese ungelösten Fragen treiben mich manchmal an den Rand des Wahnsinns und der Verzweiflung.
In der Gegenwart und Zukunft lebt natürlich meine Familie sehr. Meine Nachkommen können mich glücklich machen. Dies geschieht auch sehr oft. Dies geht sicher am besten aus den Texten des Tagebuches hervor und spricht für sich selbst, worin sich diese grosse Liebe ausdrückt. Was leidet ist mein hoher Anspruch an zu geschehender Transformation des früheren Leidens meiner Ahnen, was ja auch für meine Nachkommen geschehen sollte. Der zweite Punkt, ich bedaure zutiefst, in meinen jungen Familienjahren gemeint zu haben, man müsse aus politischen Gründen die Familienstrukturen zerstören, völlig neu definieren. Heisst, ich verfluche immer mal wieder das ganze 68er Gedankengut, diese Scheinfreiheiten, die eine linke Oligarchie meinte errichten zu müssen, in Form eines schon fast göttlichen Auftrages. Viele Linke werden darüber den Kopf schütteln, sind sich aber zu wenig bewusst, wie stark sich die Haltungen und Veränderungen an Marxismus bis BaaderMeinhof, psychischen Abartigkeiten gewisser Führungspersonen, Ideologien, orientiert haben und missionarische Verbreitung fanden. Zum Teil war dies berechtigt, aber grundsätzlich haben wir das Kinde mit dem Bade ausgeschüttet, resp. sind wir blindem Fanatismus erlegen. Dies bedaure ich ja jetzt besonders, da ich Auswirkungen bis zu meinen Enkeln und der Gesellschaft generell heute ersehe.
Die Liebe zu meinen Nachkommen, zu Kindern, speziell Mädchen, dürfte klar geworden sein. Frauenschicksale, ganz unpolitisch betrachtet, sieht man an dem individuellen grossen Leiden in meiner Familie am Beispiel meiner Mutter Lisbeth, meiner Grossmutter Margrit mütterlicherseits, und von Tante Ida, deren tiefer Glaube Fluch und Segen war. Ich bedanke mich bei ihr, weil für mich, in nächster Generation, war ihr tiefer Glaube Segen. Karma in meiner Familie bedeutet sicher der Hang zum Übermass, zum Verschwenden, über die eigenen Verhältnisse hinaus zu leben, was teils aus Liebe geschieht, Hochzeit im Schloss als Beispiel, jedoch falsche Schatten an die Umgebung abgibt.
Die im Buch abgehandelten Geschichten sind mehrheitlich schwere Kost, besonders für die Sensiblen und Empfindsamen, ohne nur Gutmensch zu sein. Meine persönlich schwierigste Aufgabe sehe ich unter dem Aspekt der Drehscheibe: der letzte der alten Garde zu sein, der noch das Wissen und die Erfahrung der Ahnen sehr bewusst in sich trägt und erfährt, und einige Schwierigkeiten für die Nachkommen auch zu transformieren. Wohl schon sehr bald werden Lina, Franca, Mathea und alle Nachkommen ihre gespeicherte Vergangenheit nicht mehr gross als Übel wahrnehmen, wie es für mich noch ist, was auch gut sein sollte.
Kleine Geister dürften das Ganze auch nicht verstehen. Dies ist liebevoll ausgedrückt.
Kleingeistigkeit ist auch der Untergang jeglichen Bildungsbürgertums, ob mit oder ohne marxistische oder anarchistische Ideen, was sich nämlich nicht ausschliessen muss.
Meine persönliche Wohnsituation ist ein Desaster, wie wohl auch mehrmals aus den Texten hervorgeht. Ich betrete meine Wohnung im Hochhaus, erledige etwas kurz, und nach einer Minute stürze ich wieder ohne die notwendige Eile hinaus. Ich halte nicht aus, dass ich irgendwohin gehören soll und dieser Ort meinen Ansprüchen nicht genügt, was ja auch klar ist, da gar nicht schön zum Wohnen eingerichtet. Und bei Andrea bin ich laufend etwas Störendes, zu Dominant beschrieben; mein Wunsch wäre im Leben noch eine tiefe Partnerschaft zu erleben, wo beide einander unterstützen in der Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit durchs Wachsen am
Gegenüber und Miteinander. Klar habe ich einen Hang zur Bequemlichkeit. Und mich mit wenig zu begnügen, obwohl ich innerlich zu mehr mich angetrieben fühle. Vielleicht ist das wie mit der Haltung meines Vaters mir gegenüber: Ich hätte Bundesrat werden können, und es wäre immer noch nicht gut genug gewesen. Volkstümlicher ausgedrückt mit «und was er het, das will er ned, und was er will, das het er ned». Da hilft nur bewusste Dankbarkeit für das momentane Geschenk des Lebens.
Meine finanzielle Situation ängstigt mich. Ich musste während meines ganzen Lebens mir nie finanzielle Sorgen machen. Doch habe ich Angst, die Geschichte wiederholt sich bei mir: mein Vermögen wird je länger je mehr aufgebraucht, so wies es bei meinen Eltern geschah. Vermögen, das meine Eltern zu wenig gut verwalten konnten, und vielleicht gehöre ich als ehemaliger Banker auch dazu? Natürlich bleibt mir noch etwas Zeit, bis mein Geld ausgehen wird, doch ab 85 wird es eng werden, da ich ja keine grosse fixe Rente habe. Und so ein Mensch wie ich würde ja auch am liebsten allen Enkeln ein kleines Vermögen vermachen. Mein zu vermachendes Vermögen ist wohl mein heutiges Präsentsein. Da bin ich im Gegensatz zu meinen Ahnen transformiert und darf mich glücklich schätzen. Ich wünsche mir, meine Nachkommen werden dies auch so sehen, wenn sie keinen Scheck an meiner Beerdigung vom Pfarrer überreicht bekommen werden. Ausser dem Check der Liebe.
Vielleicht ist es weise, mit all diesen persönlichen Bemerkungen das Buch abzuschliessen und nicht noch die heutigen gesellschaftlichen Themen wie Corona oder Ukrainekrieg zu thematisieren.
Was ich am Alter schätze, sind Fehler machen zu dürfen.
Manchmal geniesse ich dies richtig, ohne dement zu sein. Einfach mich selber sein, ungenügend gemäss meiner Erziehung oder gewissen gesellschaftlichen Werten oder auch mal dem Moralkodex gegenüber. Gerade in solchen Momenten, die mein nahes Umfeld auch gerne als peinlich sieht, können sich neue Wege öffnen. Und ganz grundsätzlich braucht unsere heutige Welt neue Wege, selbst, jetzt werde ich doch noch kurz politisch, einen Donald Trump braucht es für neue, andere Wege. Ob links oder rechts, manchmal erscheint es mir besser einen solchen Weg einzuschlagen als weise in der Mitte zu bleiben und nichts geschieht als toter Stillstand. Eigentlich ist meine Lebensgeschichte auch Leben, trotz des vielen Leides. Das ist Versöhnung mit dem Geschehenen und Erlebten, bewusstes Versöhnen. Ein männliches Wort für weibliche Eigenschaften.
Vergangene Woche traf ich beim Familienstellen auf meinen geliebten Grossvater. Er verkörperte die Liebe, Zeit haben, Gefühle; im negativen wie im positiven Sinne. Ich erzählte ihm, dass mich das Thema Alkohol beschäftigen würde. Obwohl ich nie soviel wie er trinke oder getrunken habe, möchte ich ganz ohne Alkohol leben, wie meine Mutter, Tante Ida und Omama Maria. Einmal «rein» über die Schwelle treten, aus spirituellen Beweggründen. Ich würde dies nicht schaffen bis heute. Und gab Grossvater die Hand und sagte: Übernächste Woche habe ich in «deiner» Forelklinik ein Aufnahmegespräch für einen ambulanten Entzug organisiert. Ich folge dir, dorthin, wo du vor 84 Jahren warst, und ich will aus Liebe unser aller gemeinsames Leid transformieren gehen. Und Grossvati strahlte mich an. Dies ist aber schon eine neue Geschichte. Ende.
Nachtrag Oktober–Dezember 2022
Heute frägt mich Elisa, „kriege ich auch ein Buch? Und Enea auch eines? Ich möchte selber ein Buch schreiben. Hilfst du mir?“
Ich bin jetzt seit sechs Wochen in der Tagesklinik der Forelklinik in Zürich. Anders als vor 90 Jahren zu Grossvaters Zeiten in Ellikon. Ich darf natürlich schon sagen, ich bin ein völlig «harmloser Fall». Aber halt gewohnt, seit 55 Jahren regelmässig Alkohol zu trinken. Und ich spüre es in den Füssen, Zehen, klassische Neuropathie. Die Weiterbildung, die Module, sind schlichtwegs genial. Viel Gruppenund Einzeltherapie, ein sich Auseinandersetzen mit Gefühlen, Umsetzung und Erleben von Gefühlen in Bewegung. Und vergangene Woche durfte ich in der Mediengruppe mein Buch vorstellen. Zentrale Aussagen der Klinik: Es gibt nie einen vernünftigen Grund, Alkohol zu trinken, für niemanden. Und: Alkohol zu trinken ist in irgendeiner Form Gefühlsregulierung, aber im Sinne von Verdrängung und nicht Wahrhabenwollens, was gerade ich erlebe – sei dies beispielsweise Angst, Unruhe, Ärger, Wut, Verzweiflung oder Langeweile über die Situation, in welcher ich mich gerade befinde oder die ich mir wünsche.
Mein Vater: Er kommt im Buch zu schlecht weg. Er war wohl speziell, manchmal eine Zumutung, oft ein emotionaler Tsunami, verletzend, hatte wohl auch wie wir fast alle eine nicht so einfache oder ideale Kindheit, und wusste manchmal sich nicht anders auszudrücken als er es tat. Nur, er spürte wohl richtig, die Woehr-Nachfolger waren schwieriger dran, die Alkoholiker, Klinikpatienten, Verzweifelten kamen aus dieser Familie, was keiner Wertung entsprechen soll. Diese Menschen waren mir sehr nahe, lernten mir auch sehr vieles, und ebneten mir mit Wissen und Erkennen vielfältiger Art meinen beruflichen und privaten Lebensweg. Ich mag Euch!!
Muttis Fürsorge war wie oft die meinige auch, übertrieben, sehr subjektiv erlebt. Sie gab uns Söhnen ja vor ihrem Tode die Bitte mit, zu Gottlieb zu schauen, was sehr liebevoll gemeint war, jedoch nicht notwendig war. Gottlieb schaute zu sich und lebte schon nach einem Jahr wieder mit einer Partnerin zusammen.
Zur Arbeit: Ich bin sehr dankbar, über viele Jahre in leitender Tätigkeit gewesen zu sein, weil, es ist ein sehr gutes Gefühl, morgens zur Arbeit zu gehen, und du weisst, du bist der Chef, kommst als erster und gehst als letzter, weil du halt die Verantwortung trägst.
Philosophischer Nachtrag. Was bewirken die jeweils gerade lebenden Generationen für die nachfolgenden Generationen? Was werden Menschen, oder unsere Urururururururenkel in ungefähr 500 Jahren schätzen und zu gebrauchen wissen, was wir heute erschaffen haben? Goethe, Schiller, Mozart prägten eine sogenannt erfolgreiche Epoche, was auch heute in Afrika gelehrt wird, bei den Gebildeten. Im Jahre 1000 wurde wohl wenig erschaffen, das wir heute zu schätzen wissen. Ausnahmen, die Griechen und Ägypter und Anverwandte. Die Hochkulturen sind jedoch eher selten, natürlich gibt es noch weitere davon. Aber im Grossen und Ganzen vollbringt die Menschheit wenig Sinnvolles, mehrheitlich. Können wir eigentlich solche Tatsachen schon unseren Enkeln gegenüber verantworten? Ist es nicht völlig unverantwortlich, Krieg, Leiden, Zerstörung der Natur und der Seelen zu hinterlassen? Zerstört Putin wirklich mehr als die sogenannt westliche Zivilisation, die sich moralisch überlegen gibt und in sogenanntem Scheinfrieden lebt? Wer wusste vor 500 Jahren oder 50000 von meinem Opa, von mir oder von meiner Enkelin? Wer in 500 oder 50000 Jahren wird sich unser erinnern? Wird man sich Mozart erinnern? Und dann, die heute Ungeborenen, die in 500 oder 50000 Jahren zur Welt kommen werden?
Buchtitel: Wichtig sind die Worte Bestimmung und Aufgabe. Unser Leben hat eine Bestimmung, die wir herausfinden müssen; und daraus resultiert eine Aufgabe fürs Leben. Eine Bestimmung von höheren Mächten und Aufgabe fürs Leben zu haben macht glücklich und dankbar.
Nachtrag vom Nachtrag: Das Geschenk, loslassen zu können.
Klassenzusammenkunft: War am Mittwochabend in Basel. Was mir auffiel, dass ich mich oft viel mieser wahrnehme als ich es bin. Ich hörte von den Besuchen von Freunden bei mir daheim, von Erlebnissen in den Pfadis, von der einwöchigen Velotour durch die Schweiz mit Andreas und Peter; Peter und ich auf dem Tandem beispielsweise über den Col du Pillon. Ich muss integrierter gewesen sein, als von mir oft dargestellt.
Krieg in der Ukraine: Im Mainstream der Zeitungen spekuliert alles über neue Kriegsstrategien; über Friedensaktivitäten wird nichts geschrieben, das wäre laut Mainstream eine Bestätigung für Russland. Sehr traurig im Bedenken, wie weit wir uns im Westen wähnten auf einem Zukunftsweg mit unseren vielen gehabten Möglichkeiten zu Erkenntnis und Reifung unserer Gesellschaft. Wir reden nur von Moral und Gerechtigkeit, das ist die Einbahnstrasse unserer westlichen Sichtweise, die wir der Welt aufpfropfen wollen. Wir massen uns an zu bestimmen, welches Land wir sanktionieren dürfen. Eine Ungeheuerlichkeit. Ich will wie die Russen eine multipolare Welt. Ich bin völlig gegen eine unipolare Weltordnung unter Führung der USA. Ich hoffe mit etwa 50 Prozent meiner nicht so geliebten Amerikaner auf eine Rückkehr von Donald Trump. Merke: Unter Donald Trump führten die USA keinen Krieg. An den Rand eines Atomkrieges brachten uns immer die sogenannten Demokraten.
Morgentraurigkeit im Aarauer Stadtbus: Einmal müssen wir alle Abschied von einander nehmen. Als Gesetz der Natur betrachtet geht dies leichter. Ein immer wiederkehrendes Thema des Lebens und Sterbens. Seien wir dankbar, dürfen wir im Hier und Jetzt da sein und leben!
Nachtrag vom Nachtrag des Nachtrages: Tönt wie Urururgrosseltern.
Heute Sonntag wollten wir ins Marionettentheater im Gönhardschulhaus, doch Elisa fühlte sich kränklich, also verbrachte ich den Sonntag bei Familie Katharina und Luca. Elisa winkt mich in ihrem Zimmer in eine Ecke und zeigt mir hinter einer Kiste ein Versteck, wo sie schon zwei Weihnachtsgeschenke hat. Und dann schreibt sie neben mir sitzend je eine Weihnachtskarte an Papi und Mami. Es gibt so viele Menschen, die Mühe mit Weihnachten haben. Welch ein Unglück für diese Leute. Nehmt euch ein Beispiel an einem 8-jährigen Kinde. Dieses Glück und Vorfreude. Ich liebe Weihnachten auch und dieses Fest ist mir sehr wichtig.
Heute ging ich ins Scheibenschachen-Schulhaus zu Herrn Kipp zu meiner Enkelin Franca, die sich sehr freute auf meinen Besuch. Herr Kipp lacht viel, die Schüler lachen viel, eine lockere Atmosphäre herrscht vor. In der grossen Pause zeigt mir Franca einen schönen Platz zum Sitzen. Sie hole mir jetzt einen Pausenapfel und bot mir dann dazu Bisquits an. Äusserst liebenswürdig und zuvorkommend. Franca und Emma würden sich auch sehr freuen, ich käme noch ins Turnen, was mir nicht mehr passt. Franca soll mich beim Turnlehrer anmelden, dann bald auf ein andermal.
Erwähnen möchte ich noch meine beiden Cousins, väterlicherseits, Peter und Rolf. Mein Vater benutzte die Beiden als vermeintlichen Antriebsmotor für mich. Rolf ist sechs Jahre älter, Peter zwölf Jahre älter als ich. War ich im Kindergarten, hiess es schon, Peter ist im Gymi. War ich in der Primarschule, war Peter schon Student. Begann ich meine Lehre, war Peter schon Arzt; dasselbige mit der militärischen Karriere. Dies förderte nicht die Liebe zu meinen Cousins. Während der 50er Jahre trafen wir uns immer wieder mal im den Zürchern gehörenden Häuschen am Rhein bei Rheinau. Dort war es abenteuerlich zu spielen, im kleinen Häuschen wie im Wald bei den Bunkern. Und dann gab es so ein jährliches Treffen Sonntags zwischen der Zürcher-, der Baslerund der Bernerfamilie. Irgendwo in der Mitte, beispielsweise auf dem Bözberg, erinnere ich mich. Ansonsten war keine grosse Beziehung zwischen uns. Erst aufs Alter hin treffe ich mich ab und zu mit Peter. Er freut sich auf mein Buch. Ich wünsche mir, ich enttäusche ihn nicht.
Weihnachten 2022: Ich verspüre wie immer an Weihnachten das Bedürfnis nach Stille, Besinnlichkeit, Einkehr, mich verbinden mit dem weihnächtlichen Geiste. Am Nachmittag vom Heiligabend mache ich einen Besuch bei Ukrainern beim Friedhof Hörnli. Es wird schon Nachtessen gekocht. Nach kurzer Zeit ziehe ich weiter, zu meinen Eltern auf den Friedhof am Hörnli in Basel. Ich bringe ihnen drei lila Nelken und einen Tannenzweig ans Grab, beten, mit ihnen austauschen. Ein Reh grüsst aus der Nähe. Ich spaziere dann nach vorne zum grossen Christbaum, wo bald die Weihnachtsfeier beginnen wird, mit einer Predigt, Singen und Musik von einer Kapelle gespielt. Viele Menschen halten eine brennende Kerze in der Hand. Nach Beendigung dieser Feier fahre ich nach Dornach zum Goetheanum. Ich bin etwas zu spät auf die Eurythmieaufführung und bekomme keinen Einlass mehr gewährt. Ich entscheide mich halt schon an ein Tischchen im Speisesaal zu sitzen und eine Stunde mit Lesen zu verbringen, was ja auch Ruhe gibt. Als dann die Teilnehmer vom Festsaal nach beendeter Aufführung kommen, setzt sich ein Mann an meinen Tisch, wofür ich dankbar bin. Es entsteht ein schönes tiefes Gespräch. Dazwischen wird gesungen, zugehört, Punsch mit Christstollen genossen. Die Stimmung ist tief weihnachtlich für mich, ich spüre den Christusimpuls, meine Verbindung tief bis ins Feinstoffliche. Glück breitet sich aus, und Erkennen des wahren Wesens in mir und in Verbundenheit mit dem Göttlichen. So etwas erlebe ich selten, ich bin angekommen in meiner Essenz, und denke, ich möchte hier in der Nähe von Dornach leben und mit den Menschen verbunden sein. Von wem habe ich diese Verbundenheit mit dem Geistigen vererbt gekriegt? Von welchem Menschen? Wie entsteht so etwas? Woher kommt diese Gnade? Auf der Heimfahrt lande ich unsanft und überheblich wieder in unserer materiellen Welt. Es blitzt blau, Radar, und dies an Heiligabend. Ein Zeichen wofür?
Ich leide am Menschsein, an vielen andern Menschen, die Weihnachten im Trubel und mit hauptsächlich Essen und Trinken verbringen. Das Leiden Jesu am Kreuze, am Unvollendet-Sein. Die Verzweiflung übers Scheitern der Menschen an sich selbst und sogar im Unwissen dessen. Nicht erkannte Tragik, da ohne Verbindung zum eigenen Kern und zum Kern des Göttlichen.
Am Weihnachtstag gehe ich mit Andrea nach Buus zur Kirche. Ich lerne Pfarrer Hanselmann endlich persönlich kennen. Und verspüre den Weihnachtswunsch, mit ihm anfangs Jahr ein Gespräch über Religion, Spiritualität und Esoterik, meinen Weg dahin, zu führen. Der Pfarrer freut sich auch. Dankbarkeit.
Übrigens: Es liegt an jeder Generation, die Traditionen weiterzugeben, sei dies Weihnachtslieder singen, den Kirchgang zu Weihnachten, die Weihnachtsgeschichte zu erzählen. Ansonsten geht dies alles langsam verloren, was nicht meine Absicht sein kann, und die meiner Ahnen. Sylvester 2022, Gespräch zwischen drei Generationen. Kind: Wo gehen wir hin, Opa? Opa: Auf den Friedhof, zu meinen Eltern, ein Blümlein und Tannenzweig bringen, und Hallo sagen. Kind: Haben Deine Eltern hier auf dem Friedhof gewohnt? Und wo sind sie jetzt? Urgrossmutter: Liebes Kind, ich bin im Himmel, ich bin verstorben, und ein Schutzengel von Dir. Kind: Siehst du mich? Ich sehe dich nicht. Opa: Wir können in der Regel die Verstorbenen nicht mehr sehen. Aber sie sehen uns. Kind: Das ist schön. Urgrossmutter: Ich bin glücklich euch zu sehen. Opa: Urgrossmutter war eine allseits sehr geschätzte Frau hier auf Erden. Die Leute liebten und respektierten sie, weil sie so aufrichtig war. Kind: Was heisst aufrichtig? Urgrossmutter: Für mich war immer klar, ich bin ehrlich, treu, freundlich, und tue Gutes, und fleissig war ich auch immer. Kind: Du warst nie faul? Opa: Weisst Du Kind, früher waren die Leute viel fleissiger als heute, pflichtbewusst, tatkräftig, sparsam, korrekt. Ich wünsche mir, Du verkörperst auch solche Eigenschaften. Urgrossmutter: Opa, denke daran, jeder Mensch muss seine eigene Bestimmung finden . . . Kind: . . . und das ist dann seine Lebensaufgabe, habe ich dies richtig verstanden? Der Engelchor singt ein Halleluja und Dona nobis pacem, die Kerzen auf den Gräbern fangen an zu brennen, Rehe springen übers nahe Feld, und der Autor ist seiner Bestimmung nachgekommen und hat seine Aufgabe erfüllt . . . mögen die Verstorbenen in Frieden und bester Erinnerung ruhen und ihren Geist über den Nachkommen wehen lassen . . .
Liebe Urgrossmutter, du bist als Kind herumgesprungen, als junge Frau hast du deinen Mann geliebt, als 47-jährige hast du dein Daheim verlassen um ins Spital sterben zu gehen, und konntest kaum noch laufen, dein Körper war voller Metastasen......das Leben ist nicht nur schön, und trotzdem rufen wir zum Ende: Judihui s`Läbe isch schön!

Romanfragment
1880-1950
Kapitel 1: Das Erwachen im Faschismus, 1936
Margrit liegt im Sterben
Das St. Claraspital liegt auf Kleinbaslerseite, im Hirzbrunnenquartier. Man könnte sagen, es ist das Spital der kleinen Leute. Jedoch ein erstklassiges Spital, bezogen auf die Verhältnisse vor dem 2. Weltkrieg. Wir schreiben den Herbst 1936. Auch in der Schweiz spürt man, dass Unheil auf das Land zukommen wird.
Margrit liegt seit einigen Wochen auf einer Pflegestation, von welcher man nur noch mit Riesenglück wieder nach Hause kommt. Margrit ist todkrank. Schwach. Geschwächt seit Jahren. Margrit leidet seit ihrer Kindheit an einem schwachen Herzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das physische Herz, das seelische Herzleiden. Margrit ist 36 Jahre alt, hat eine 12-jährige Tochter, Lisbeth, die sie über alles liebt, und einen schwer alkoholkranken Mann, Karl. Margrit sitzt, von zwei Kissen gestützt, auf ihrem Bett. Tränen kullern über ihre Wangen. Ihr Haar ist dunkel und voll, eine auch auf dem Sterbebett attraktive Frau. Sie unterhält sich mit leisen Sätzen mit ihrer Lieblingskrankenschwester Andrea, die sich immer viel Zeit für Margrit nimmt. „Warum muss ich schon so jung sterben?“ Margrits verzweifelter Gesichtsausdruck zeigt auch einen Ansatz von Wut neben Trauer. „Ich lasse ein 12-jähriges Mädchen zurück, alleine, mit einem alkoholkranken Vater. Ich zweifle an allem, jedoch glaube ich zum Glück an Gott, den Allmächtigen. Er weiss alleine, warum wir diesen Weg als Familie gehen müssen.“ Sie schweigt. Andrea schweigt auch und nimmt sanft Margrits linke Hand in die ihrige. In Margrit kommt ein fast heiliges Vertrauen auf. In Andrea, in das Grosse Ganze. Margrit spürt, es gibt noch etwas für sie sehr Wichtiges zu erzählen, etwas, worüber sie sich mit Andrea schon ausgiebig ausgetauscht hat, da diese alles versteht und teilen kann. Müsste sie nicht ihrer Tochter Lisbeth dies auch anvertrauen? Margrit sitzt schweigend auf dem Bett. Langsam sinkt sie etwas in sich zusammen, das Sitzen ist ihr anstrengend. Legen Sie sich doch wieder hin, Margrit, das Sitzen ist zu anstrengend für sie, spricht Andrea liebevoll zu ihr.
Margrit überlegt, wie lange sie wohl noch zu leben hat. Sie spürt jetzt immer wieder in letzter Zeit einen Schub von weiterer Schwächung ihrer Kräfte. Sie muss noch das Gespräch mit ihrer Tochter suchen, vielleicht in Anwesenheit von Ida, der Schwester ihres Mannes. Der Gedanke an dieses Gespräch beruhigt sie und scheint ihr wieder etwas Kraft zu geben. Sie freut sich darauf und schläft langsam ein.
Am kommenden Tag kommen ihre Tochter Lisbeth und Ida zu Besuch. Es ist ja eigentlich zu erwarten gewesen, die beiden kämen zusammen. Lisbeth lebt schon seit einigen Monaten bei Ida und ihrem Manne Jean Meierhofer am Unteren Rheinweg. Ida würde nach Margrits Ableben zu Lisbeth schauen, für diese verantwortlich sein. Das war an Margrits bevorstehendem Tod das einzig Gute. Eine Tante mit einem vermögenden Mann, in sehr guten Wohnverhältnissen, gebildet und sehr gläubig. Eine edle Dame, Ida. Ihr Bruder, Margrits Mann, hatte auch etwas Edles an sich, nur der Alkohol hatte seine ganze gute Ausstrahlung zerstört.
Ida tritt zuerst ins Zimmer, gleich dahinter das scheue Mädchen Lisbeth, mit Haarzöpfen. Verlegen schaut Lisbeth zu Boden. In Idas Blick hat es etwas leicht Freches, Draufgängerisches. Ida gibt Margrit einen laut schmatzenden und etwas feuchten Kuss auf die linke Wange. Lisbeth reicht ihrer geliebten Mutter scheu die Hand und küsst diese.
„Liebe Tochter, liebe Ida“, beginnt Margrit sanft zu sprechen. „Ich bedanke mich für euren Besuch. Jedes Wiedersehen kann das Letzte sein zwischen uns, ich fühle mich schwach. Mein Herz leidet schon seit meiner frühesten Kindheit, vielleicht schlägt es nur noch für euch, die ich beide so sehr liebe.
Ich möchte euch heute etwas anvertrauen, etwas, das ich bis jetzt zurückgehalten habe, weil du, Lisbeth, mir zu jung erschienst, und du, Ida, ich weiss, du wirst keine Freude daran haben, es widerspricht zutiefst deinem Glauben, was ich erfahren habe. Ich verfüge über mediale Fähigkeiten, das heisst, zu mir sprechen Verstorbene und ich sehe diese Menschen manchmal.
Ich habe darüber erst mit Andrea gesprochen, und sie kennt solche Phänomene, nennen wir sie mal so, auch. Manchmal kann ich auch in die Zukunft blicken. Hier erlebte ich schon mehrmals eine phantastische Vision, die mir sehr gut tut, und die ich mit euch teilen möchte, auch im Sinne von die Zukunft wird Gutes mit sich bringen. Bitte, Ida, unterbrich mich nicht, auch wenn du dies von mir Erlebte und Gesagte als tief gläubige Christin wohl ablehnen wirst. Meine geliebte Tochter, ich weiss, du wirst auch einmal in deinem Leben Mutter werden und die Nachkommen werden sich fortpflanzen, was mich sehr glücklich macht. Ich sehe immer wieder das Bild eines künftigen Ururenkels oder einer Ururenkelin vor mir, da bin ich mir nicht ganz sicher, ob Mann oder Frau, welche sich in zufriedener Heimatliebe in den Weiten von Australien bewegt und lebt. Diese Person wird eine glückliche Person sein, dort leben wohl in so geschätzten gut hundert Jahren. Das ist eine unglaubliche Zeitspanne aus der Sicht von mir, die ich auf dem Sterbebett liege. Ich weiss, das ist meine Fähigkeit, dass der Vorname dieses lieben Nachkommen mit dem Buchstaben „E“ anfangen wird. Und das Unglaublichste, und das werdet auch ihr jetzt nur glauben können, entschuldige Ida, da nie erleben: Diese Menschenseele wird mit einem Ururenkel von Karls grosser Jugendliebe Olga zusammentreffen, dieser auf eine glückliche Weise begegnen. Ich bin davon nicht nur überzeugt, denn diese beiden Menschen haben aus der Zukunft schon mit mir gesprochen, genauer gesagt, die Seelen dieser Menschen, die heute schon im Universum sind. Und was kein Wermutstropfen sein soll, sondern im Wesen des Universums liegt, heute vor ihrer Geburt wissen diese beiden Seelen voneinander, steuern aufeinander zu. Dannzumal werden ihre Seelen diese Tatsache vergessen haben, also nie erfahren, dass Vorfahren von beiden ein Liebespaar waren. Das ist grosses Schicksal. Ich bin glücklich“. Prophezeiung, „wahr“ oder „Phantasie“?
Grosse Stille tritt ein. Ida beginnt zu beten und wirkt verstört. Lisbeth umarmt ihre Mutter, in Tränen aufgelöst. Ida hat soviel Grösse, im Schweigen zu verbleiben, Margrit wirkt völlig erschöpft, und Lisbeth fühlt sich glücklich, was ihr bis jetzt nur wenige Male im jungen Leben passiert ist und ihr, leider, auch in Zukunft sehr selten widerfahren sollte.
In der folgenden Nacht verstirbt Margrit. Sie hat ihre Aufgabe auf Erden erfüllt und der Zukunft den Weg gewiesen. Leser: Beachte das Titelbild!
Margrits Mann Karl bekommt Urlaub
Karl ist vor einem halben Jahr zum erstmaligen Entzug in die Forel Klinik eingetreten. Die täglich getrunkenen 6 Flaschen Bier und 1,5 Liter Lagreiner aus dem Südtirol sind über die Jahre zu viel geworden. Karl liegt auf dem Bett in einem karg eingerichteten Zimmer und löst Kreuzworträtsel, seine Lieblingsbeschäftigung. Er wusste zwar schon mehr, aber gegen das Vergessen hilft ihm, sich eine Parisienne Gelb ohne Filter anzuzünden. Sein Ausdruck hat etwas Freudloses. Da klopft es an die Türe. Direktor Sütterlin schaut herein und sie begrüssen sich gegenseitig mit Respekt und Achtung. „Ihre Schwester Ida hat mir diesen Brief geschickt, mit der Bitte ihn zu öffnen und mit Ihnen zu besprechen“. Das war ungewöhnlich. „Ich habe eine traurige Nachricht für Sie.“ Kurzes Innehalten. Karl weiss sofort, worum es geht. Margrit ist tot. Sein Gesicht wird starr, die Augen flackern. „Ich werde nichts trinken und zur Beerdigung fahren. Ida soll mich bitte hier abholen und begleiten. Ich möchte dann mit einem Pfarrer sprechen. Ich fühle mich sehr schuldig, das wissen Sie, Herr Direktor. Meine Sauferei hat Margritli ins Grab gebracht, wie schon ihre Mutter, die auch krank wegen mir geworden ist. Ich will mich bessern, glauben Sie mir. Ich will jetzt beichten und dann an die Beerdigung nach Chur fahren. Die Beerdigung ist doch in Chur?“ Karl hatte ohne Unterbruch gesprochen. Eigentlich konnte ihm Direktor Sütterlin gar noch nicht bestätigen, dass Karls Frau gestorben war, aber es war natürlich beiden klar. Direktor Sütterlin persönlich organisiert alles für Karl. Karl ist so etwas wie sein Privatpatient, weil Dr. Sütterlin schon lange Ida persönlich aus beruflichen Verbindungen kennt und es sehr schätzt, was diese alles für ihren Bruder tut. Nicht nur das Finanzielle erledigen zusammen mit ihrem Mann Jean, sondern auch die ganz liebevolle, jedoch strenge Begleitung ihres Bruders durch die streng gläubige Christin. Konnten sie beide, Ida und Direktor Sütterlin, Karl genug unterstützen und helfen, zurück auf den richtigen Weg zu kommen?
Karl hatte vor über zwanzig Jahren, während seiner Lehrzeit, mit Trinken begonnen. Die Ursachen waren vielfältig: Einerseits das hautnahe Miterleben vom Ausbruch des ersten Weltkriegs in Weil am Rhein und Hüningen bei Basel. Andererseits Unterforderung während der Lehrzeit zum Färber, verbunden mit einem narzisstischen Hang zum Grössenwahn. Dazu kam die Nichtbewältigung des Todes seines Vaters, welcher an einer fortschreitenden Angststörung gelitten und sich in der Klinik Rheinau durch Nahrungsverweigerung umgebracht hatte, was bei Karl die Angst auslöste, selbst psychisch krank zu werden. Dann kam seine schwächelnde, herzkranke Frau dazu, was er als grosse Belastung empfand, ihr nie genügen zu können, und die Überforderung mit seiner Tochter und den grossen Schuldgefühlen wegen des Nichtgenügens seiner Familie gegenüber. Seiner Schwester Ida gegenüber hatte Karl keine Schuldgefühle. Ida handelte ja im Auftrage Gottes und musste dies alles für ihn tun.
Karl war bis zu seinem Klinikeintritt in seiner Lehrfirma tätig, der FAS Schusterinsel in Friedlingen bei Weil am Rhein. Zusammen mit Schetty AG und Schwarzenbach Thalwil die grossen Arbeitgeber an der Grenze.
Karl leitete bis zu seiner Entlassung vor einem halben Jahr eine Abteilung mit etwa 170 Mitarbeitern, hauptsächlich Färbern. Idas Mann Jean ist übrigens bei Schwarzenbach Textilien in leitender Position als Chef Kalkulation tätig. Karl ist ein äusserst guter und mit viel Fachwissen und Kompetenzen ausgestatteter Färbermeister. Er hat einfach seit Jahren die Tendenz sich einzubilden, wohl wieder wegen diesem narzisstischen Hang zum Grössenwahn, der Beste zu sein, und gleichzeitig verbunden mit einem Minderwertigkeitskomplex, also deswegen nicht nur nach Feierabend, sondern auch während der Arbeit Alkohol konsumieren zu dürfen. Dies stünde ihm zu als Menschenrecht.
Nun steht Ida vor ihm, um ihn zur Beerdigung von Margrit abzuholen, eine Reise vom Thurgau nach Chur. Ida wirkt schon bei der Begrüssung sehr aufgeregt. Also klaubt sie aus ihrer viel zu grossen braunen Handtasche ein weisses Aluminium-Döschen hervor, worauf in blauem Schriftzug Saridon steht. Karl lacht. Ich trank gerne, und du liebst Optalidon und Saridon. „Lass es Dir gut bekommen, Schwester.“ Sie liefen Richtung Bahnhof. Ida spricht leise und leicht tadelnd: „Dieses Ende von Margrit war abzusehen. Schrecklich, wie jung sie noch war. Gut, habt ihr nur eine Tochter, aber ein zweites Kind war ja mit ihrem Herzleiden auch nicht möglich.“ Karl nestelt an seiner schwarz-blauen Krawatte rum. „Ich werde mich bessern, ich werde ein guter und seriöser Mensch werden und zu meinem Kinde schauen“. Ida entgegnet: „Es ist einfach so, dass Lisbeth jetzt fest bei mir und Jean wohnen wird. Jean hat übrigens vor wenigen Tagen ein wunderschönes Haus mit sehr grossem Grundstück in Reinach am Rebberg gekauft. Wir werden dort wohnen und die Wohnung in Basel jedoch beibehalten, so lange Jean in Weil am Rhein arbeitet, bis zu seiner Pensionierung“. Jean ist fünfzehn Jahre älter als Ida und aus erster Ehe verwitwet mit zwei Söhnen, die jetzt von Kilchberg am Zürichsee nach Basel der Arbeit wegen gezogen sind.“ „Gut“, meint Karl, „planen wir die Zukunft, am bis jetzt Geschehenen und am Tode von Margrit können wir nichts mehr ändern“. In Chur werden sie am Bahnhof von den Eltern von Margrit abgeholt. Röbi würdigt Karl keines Blickes noch sonst einer Begrüssung. Ich habe meine geliebte Tochter Margrit verloren wegen dieses Lölis Karl, dachte er. Diesem eingebildeten Lackaffen. Und tatsächlich, Karl wirkt in seinem schicken Anzug, der ihm jedoch etwa zwei Nummern zu gross schien, und den lackierten Schuhen, wie ein herausgeputzter Stenz. Doch Karl ist intelligent. Und Karl ist sehr gefühlvoll. Es wird gut kommen, sagt er sich, und sie gehen Richtung Friedhof, wo Karl ganz spontan eine kurze Rede halten wird.
Olga hat Angst
In jener Nacht ist Olga sehr unruhig. Sie kann nicht schlafen. Moritz neben ihr schnarcht leise. Obwohl ihre Villa einen weitläufigen Garten auf die Strassenseite hinaus hat, hört sie immer wieder Lärm, den sie schwer einordnen kann. Olga will morgen Moritz sagen, dass sie jetzt weggehen müssen. Es ist Zeit, Dresden und Deutschland zu verlassen. Als Juden sind sie bis jetzt unangetastet geblieben, auch da Moritz ein anerkannter Chirurg ist mit eigener Praxis. Es ist schrecklich, was alles passiert und das Erfahren und Wissen um Freunde, die einfach spurlos verschwinden.
Hinzu, als Glücksfall, kam heute früh Post von Rosmarie, Olgas Tochter aus erster Ehe mit dem Kunstmaler August Gottfried Neumann. Dieser war 25 Jahre älter als ihre Mutter gewesen. Olga hatte ihn mit 18 Jahren geheiratet. Nachdem Rosmarie nach ihres Vaters Tod, der Liebe zu einem Engländer wegen, nach Australien ging, scheint es für Olga an der Zeit, der Tochter zu folgen. Das ist ja immerhin ein grosses Geschenk, in der Fremde Angehörige und Freunde zu haben. Olga ist ursprünglich Schweizerin bis zu ihren Heiraten mit deutschen Männern. Aufgewachsen ist sie mit acht Geschwistern im ländlichen Schönenwerd bei Aarau. Olga hat Geschwister, die schon vor gut 25 Jahren ausgewandert sind, natürlich aus anderen Gründen. Beispielsweise ihre Lieblingsschwester Sophie Müller mit Wilhelm Woehr, des Eisenbahnbaus wegen, nach Argentinien, oder die Murers nach Canada. Leicht ironisch denkt sie, zu Canada und Südamerika passt doch Australien. Die Welt ist gross, wir wollen aber sicher leben und Gutes tun können. Das ist unsere Lebensaufgabe, nicht vor Angst und Schrecken zu zittern, vor Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, ausser Rand und Band geraten sind, völlig ihren Weg verloren haben, den ihnen mal Gott bei ihrer Geburt in die Wiege gelegt hat.
Gegen fünf Uhr morgens findet Olga ihren Schlaf, kurz bevor Moritz erwacht. Moritz geht sich frisch machen im Bad und trinkt einen Kaffee. Heute werde ich mit Olga sprechen: Wir müssen weggehen. Wir alle sind in Gefahr. Wohin? Vielleicht nach England, und warum nicht nach Australien zu Rosmarie und Douglas. Ich habe noch Termine in meiner Praxis fast den ganzen Tag über. Ich merke trotzdem, es werden derer weniger, einige sogenannt gute Deutsche beginnen mich zu meiden. Gut haben wir keine gemeinsamen Kinder.
Am frühen Abend finden sie Zeit füreinander. Es ist ihnen schnell gemeinsam klar, wir schiffen uns nach Southhampton ein und dann so bald als möglich nach Melbourne. Aufgrund der Reisemöglichkeiten ging es dann von Marseille direkt nach Brisbane. Rosmarie und Douglas Wilkie freuten sich sehr. Douglas reist viel in der Welt herum als Journalist. Er ist der prominenteste Kriegsreporter im englischsprachigen Raum. Olga und Moritz würden sich nahe Melbourne, auf dem Lande, ein neues Leben einrichten. Anfangs 1937 ist es soweit. Sie hatten ihr Haus verkauft, so gut dies noch ging, und mit Tränen in den Augen verliessen sie das geliebte Heimatland Sachsen und Deutschland.
Nachtrag: An jenem Februartag, als sie Dresden verlassen, kommt ein Brief von Olgas älterer Schwester Sophie.
Diese hat zwei Töchter. Sie teilt Olga mit, die ganze Familie hätte den aktuellen Wohnort in Havanna verlassen. Eine Tochter sei mit ihrem Manne nach Kalifornien gereist, wo sie Autorennen fahren und Short Stories schreiben wird, die andere Tochter und Sophie seien nach Jamaica gegangen, wo ihre jüngere Tochter einen Engländer jüdischer Abstammung heiraten würde.
Auch in Cuba war man sich anscheinend damals mit jüdischen Wurzeln nicht mehr sicher. Olgas letzter Gedanke vor ihrer Abfahrt aus Dresden mit Moritz ist, ob sie wohl jemals in ihrem Leben ihre Lieblingsschwester Sophie wieder sehen würde?
Gottlieb: Die Faschisten an der italienisch-schweizerischen Grenze in Chiasso
Gottlieb war als dritter Bub der Familie eines aargauischen höheren Zolladjunkten in Romanshorn im Thurgau zur Welt gekommen. Noch in Gottliebs Babyjahren wurde sein Vater nach Schaffhausen versetzt, wo Gottlieb während des ersten Weltkrieges eine unruhige und belastete Kindheit verbringt. Seine Mutter ist eine Deutsche aus Kassel, deren Mutter in Winterthur ihren zukünftigen Schweizer Gatten kennenlernte. Die Grossmutter war als Modistin in die Schweiz gekommen. Gottliebs Vater pflegt aus der Ostschweiz keine Kontakte mehr zu seinen Eltern und Geschwistern in den Aargau. Er konzentrierte sich in Schaffhausen vollumfänglich auf seine Karriere beim Grenzschutz und seine junge Familie. Gottlieb machte nach seiner obligatorischen Schulzeit eine kaufmännische Ausbildung in einer internationalen Spedition und folgte nach Ausbildungsende seinem ältesten Bruder und dessen Gattin, ebenfalls eine Deutsche, aus Singen, nach Chiasso, wo die Brüder seit 1933, der faschistischen Machtübernahme in Deutschland, arbeiten und leben. Seit 1922 war in Italien schon der faschistische Diktator Mussolini an der Macht. In Gottlieb hat dieser einen grossen Bewunderer gefunden.
Gottliebs Hauptaufgabe in der Speditionsfirma ist das Verzollen und Abfertigen der Waren, die per Eisenbahnwaggons die Grenze passieren. Die freie Zeit verbringt er mit seiner Schwägerin Trudi und Bruder Bruno, oder er geht zusammen mit seinem Zimmervermieter in die faschistische Loge, die sich Unterstützungsverein Juventus Turin nennt.
Gottlieb ist damals 22 Jahre alt. Ein gutaussehender junger Mann, zwar mit bereits fast keinem Haar mehr, jedoch mit unsicherem, forschendem Blick. Die ältere Trudi hat grosse Freude an Gottlieb. Bruno scheint dies nicht unangenehm zu berühren. Bruno ist zu sehr beschäftigt mit seiner Arbeit auf der Zolldirektion, als dass er wissen konnte, wieviel gemeinsame Zeit seine Frau mit Gottlieb verbringt.
Gottliebs grosse Lust und Freude gilt jedoch der 16-jährigen Tochter des mit ihm eng befreundeten Wohnungsvermieters Fernando. Dieses wollüstige, noch minderjährige Weibchen erregte seine Phantasie und Avancen ihr gegenüber dermassen, dass es Fernando zu viel wurde und er Gottlieb zur Wohnung rausschmiss. Fortan lebte Gottlieb bei seinem Bruder und Trudi in deren geräumiger Wohnung, ohne dass jemand dem Andern je Fragen zu diesem Vorkommnis stellte. Es folgten bedeutungslose Jahre an der Grenze, da alles minutiös und hochkorrekt organisiert war.
Die faschistischen Aktivitäten nehmen an der Grenze jedoch in diverser Hinsicht zu. Eines Nachts schon im Jahre 1936 macht Gottlieb Nachtdienst, heisst, es wird auf Mitternacht ein Güterzug zum Verzollen von seinen Vorgesetzten angemeldet. Er habe nichts weiter zu tun, als die Waggons aussen als «Kontrolliert» zu markieren und durchzuwinken. Dann könne er sich wieder schlafen legen. Dies war etwas Neues, nachts einen Zug abzufertigen und durchzuwinken. Es war ein relativ kurzer Güterzug mit nur sieben Waggons. Der heranfahrende Zug, äusserst ungewohnt pünktlich, hatte eine deutsche Lokomotive. Dies war sehr ungewohnt. Ungewohnt war auch, dass der Zug einen Personenwagen in der Mitte der Waggons hatte, aus welchem je drei deutsche und italienische Offiziere kurz ausstiegen, um die Zollkontrolle von Gottlieb zu überwachen. Dies verstiess im Prinzip gegen Schweizerische Bestimmungen. Als die Offiziere Gottliebs erstaunte Blicke sehen, ziehen sie sich sogleich wieder in den Wagen zurück und der Chef von ihnen sagt, sie wären ja nur auf der Durchreise, Transit durch die Schweiz, also könnten sie ohne Kontrolle passieren. Was Gottlieb jedoch am meisten irritiert und schockiert, dass er zu seinem ihm ungewohnten Entsetzen meint, Stimmen aus den Waggons zu hören.
Diese Zugabfertigungen wiederholen sich dann jede Sonntagnacht und immer wird Gottlieb dieser Dienst zugeteilt. Gottlieb ist klar, dass es sich um Waggons mit jüdischen und sonstigen aus Italien auszuweisenden Personen handeln muss. Als korrekter Mensch empfindet er dies als zwar etwas ungewöhnlich, aber absolut ok, Ordnung musste sein, und besonders auch kommunistisches Gesindel musste aus dem schönen Urlaubsland Italien in deutsche Gefängnisse verlegt werden. Gottlieb ist mit sich zufrieden, schweigt jedoch über diese Nachtdienste auch seinem Bruder und Trudi gegenüber.
Kapitel 2: Ruy – zwischen Genf und Lyon gelegen
Viele meiner engsten oder bewunderten Bezugspersonen waren psychisch krank, Alkoholiker, Phantasten, Karrieremenschen, mutige Auswanderer, auffallende Menschen, das Wort normal galt nicht viel. Ich liebe diese Figuren, vielleicht ist Figuren ein gutes Wort für diese Menschen, Figuren auf dem Schachbrett des Lebens, im Kreislauf der Welten.
Ich bin dankbar und oft glücklich, in diesen familiären Kontext hineingeboren zu sein, obwohl es oft auch zutiefst beunruhigend war. Nur, alle Menschen sind daran gewachsen – Hass und Liebe haben sich ergänzt.
Ruy 1893
Ruy ist eine typisch französische Ortschaft, Kleinstadt wäre übertrieben, mit ungefähr 1500 Einwohnern. Ein Drittel davon sind Mitarbeiter der Firma Schwarzenbach, mit Hauptsitz in der Schweiz in Thalwil/ZH. Die meisten Mitarbeiter sind Franzosen, es gibt jedoch auch einige Schweizer. Warum sind diese hieher gekommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts?
Jakob ist ein erstklassig ausgebildeter und erfahrener Ferger. Seine Frau ist die kleine Ida Maria. Vom Aussehen her klein, aber sonst eine grossartige Frau. Ein Bruder von Maria ist Charles. Charles hat eine Frau aus der Gegend von Ruy kennengelernt und wollte nach Ruy ziehen. Diese Idee gefällt seiner Schwester Maria und sie überzeugt ihren Mann Jakob. Und, das Beste, in Ruy gibt es ja diese weltgrösste Textilfirma, bei welcher Jakob schon in Thalwil gearbeitet hatte. Maria und Jakob haben schon ein eigenes Kind, Jacques, als sie 1891 nach Ruy ziehen. Zur Familie gehört auch schon seit 1888 Aline, Jakobs Tochter aus erster Ehe. Seine erste Frau war gleich nach der Geburt verstorben. Das war sehr schwierig für Jakob. Er hatte das grosse Glück und war sehr dankbar dafür, bald Maria zu treffen und dann zu heiraten. Für Maria war dies kein Problem, dass gleich von Anfang an diese liebenswürdige kleine Tochter von Jakob auf Erden war. Für Jakob ist die Veränderung, ins Ausland zu ziehen, nicht leicht. Er ist eher ängstlich und vorsichtig und ein sehr sensibler Mensch. Scheu, zurückhaltend. Nichtsdestotrotz kamen sie in Ruy gut an, nicht nur örtlich, sondern auch in Bezug auf die Mitmenschen, die neuen Kollegen, seinen Schwager und dessen Frau. Schon bald kündigt sich der jungen Familie weiterer Nachwuchs an, zuerst Karl, ein Jahr danach Ida. Karl ist ein süsses Baby. Ida plärrt, schreit und rebelliert gegen alles. Die junge Mutter Maria hat sehr viel zu tun, aber sie tut dies mit grosser Umsicht und Liebe und dies alles besonders für ihren Mann Jakob. Aline ist Jakobs Liebling. Er verwöhnt sie. Überhaupt ist Jakob ein Mädchen-Vater. Jacques kann damit umgehen; Karl leidet darunter, sich zu wenig geliebt vom Vater zu fühlen. Mit der Zeit verändert sich Jakob jedoch, und nicht zum Guten. Er zieht sich zurück, macht grimmige Miene, fühlt sich überfordert mit Kindern und Arbeit. Und dann immer wieder diese aufkommenden Ängste. Ängste vor der Zukunft grundsätzlich, aber auch Angst am Morgen beim Aufwachen in Bezug auf den neuen Tag. Zuerst hilft ihm das Beten, das eine grosse Tradition in der Familie hat, man ist tief gläubig. Doch mit der Zeit nützen ihm die Gebete nichts mehr. Es gibt Tage, da getraut er sich nicht zum Hause raus, niemand versteht ihn, er wirkt etwas verrückt. Für Karl und Ida wird es schwer, sie leiden. Und kein Kind hat es gerne, im Gefühl aufzuwachsen, die Familie sei etwas komisch. Was sollten denn die andern denken? Nach einigen Jahren ging je länger je weniger, in Bezug auf die Arbeit von Jakob wie auf die teils immer noch fremde Umgebung. Genau gesprochen, die Gegend, selbst das Daheim, werden Jakob fremder. Er weiss nicht mehr, wer er ist, noch was ist. Es wird beängstigend.
Am meisten beschäftigt Jakob die Frage, warum lebe ich gerade heute? Warum nicht in eintausend Jahren, in dreihundert Jahren oder in hundert Jahren? Warum nicht vor tausend Jahren, vor dreihundert Jahren, vor hundert Jahren? Warum bin ich der, der ich bin? Seine Frau Maria empfindet seine Gedanken als Unfug und die Kinder verstehen Jakob nicht und wundern sich, dass Jakob so viel grübelnd herumsitzt.
Im Sommer 1905 veranstaltet die Familie ein kleines Fest. Maria will dies. Sie will auch ihren Bruder Wilhelm einladen. Dieser hat darauf bestanden, seine Verlobte Sophie mitzubringen wie auch deren Schwester Olga. Für Maria, die sich auf Abwechslung in ihrem Alltag freut, geht das in Ordnung. Jakob zeigt sich misstrauisch. Fremde Fötzel, wie er auf Zürichdeutsch sagt, aber er habe sich da zu fügen. Und Karl darf in jenem Sommer seinen zwölften Geburtstag feiern.
Die Vorbereitung des Festes gibt Maria ziemlich zu tun. Ihr Mann geht nicht mehr zur Arbeit. Er sitzt nur noch herum. Nimmt regelmässig die vom Arzt verordneten Medikamente. Und er beginnt eigenartige Geschichten zu erzählen, die nicht mehr mit der Realität übereinstimmen. Wilhelm kommt etwa eine Woche früher angereist mit den beiden jungen Frauen. Wobei Olga ja erst 11 Jahre alt ist, also ein Jahr jünger als Karl. Sie scheint aber bei der älteren Schwester Sophie sehr gut aufgehoben zu sein. Und nun geschieht etwas Eigenartiges.
Karl wirkt wie verzaubert von der jungen Olga. Die beiden verstehen sich ausgezeichnet, verbringen fast den ganzen Tag zusammen mit Baden am nahe gelegenen See oder mit Eile-mit-Weile-Spielen, dem Gesellschaftsspiel der damaligen Zeit. Oft spielen sie zusammen mit Wilhelm und Sophie, und manchmal, selten, spielt Maria mit, die jedoch nicht verlieren kann. Sie schmeisst dann den Würfel irgendwo in eine Ecke des Wohnzimmers. Dies entlockt jeweils beim Zusehen Jakob ein leichtes Schmunzeln. Unfug scheint ihn zu beleben.
Das Fest ist wunderschön, auch die Nachbarn sind dazugekommen, wie natürlich Charles und seine Frau und deren Familie. Es wird dann vereinbart, dass Olga den ganzen Sommer über, also einige Wochen, in Ruy bleiben darf, da es ihr hier so gut gefällt und sie sich mit Karl so gut versteht. Karl hellt dies auf und lässt ihn besonders die schwierige Situation seines Vaters vergessen. Ida ist eifersüchtig auf das Mädchen und zieht sich viel in ihr Zimmer zum Lesen zurück. Sie liest viel in den biblischen Schriften, Geschichten; sie ist völlig begeistert vom Leben Jesu.
Die Situation in Ruy hat sich in den vergangenen Wochen grundlegend verändert. Für Jakob würde man sich in der Schweiz eine bessere Behandlung versprechen und Karl macht sich langsam Gedanken über eine Ausbildung. Auch dies schien in der Schweiz vielleicht einfacher. Und so entwickelt sich anfangs Herbst die Idee zur Tatsache, in die Schweiz zurückzukehren. Nicht mehr wie früher in den Kanton Zürich, sondern ans Rheinknie nach Basel. Dort sind weitere Textilfabriken entstanden. Nach seiner Genesung könnte Jakob dort wieder arbeiten und vielleicht auch Karl eine Färberlehre machen. Jakob blühte bei diesen Plänen auf, die Kinder faszinierte es, in die viel gelobte Schweiz zu ziehen. Und Olga käme gleich mit. Da steht auch plötzlich die Frage im Raum, Olga zur Familie zu nehmen? Olga hat schon neun Geschwister und es könnte für die Familie von Olga eine Erleichterung sein. Und Olga liebte es, in der Nähe von Karl zu sein.
Olga hat übrigens in diesem Sommer angefangen zu schreiben. Sie fühlt sich sehr inspiriert von Gegend und Familie und hat eine grosse Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben. Sie entwickelt sich fast zum Wunderkind und wird im darauffolgenden Jahr ihr erstes Buch geschrieben haben.
Kapitel 3: 1910, beginnt im Dreiländereck eine neue Zukunft?
Wir schreiben das Jahr 1910. Die vergangenen fünf Jahre hat die Familie BoppWoehr in Friedlingen, Weil am Rhein (Deutschland), gelebt. Vater Jakob hatte sich nach Rückkehr in die Schweiz nach einem kürzeren Klinikaufenthalt soweit erholt, dass er wieder einer Arbeit nachgehen konnte, in Friedlingen bei der Firma Schetty. Karl hatte die obligatorische Schulzeit in Deutschland abgeschlossen. Und er würde jetzt im Frühjahr mit einer Färberlehre beginnen, ebenfalls bei der FAS auf der Schusterinsel. Olga kehrte dann nach der Rückkehr doch wieder heim nach Küsnacht an den Zürichsee, aufgewachsen war sie bekanntlich in Schönenwerd, und ihre Mutter, geb. Blattner, stammte aus Küttigen bei Aarau.
Die Familie Bopp-Woehr hatte sich entschlossen, in die Schweiz nach Kleinhüningen zu ziehen, wo sie ein kleines Fischerhaus im Dorfkern erstehen konnte. Und die Mutter Maria hatte ein Ladenlokal im Dorfkern Kleinhüningen gemietet, wo sie die kommenden zwanzig Jahre ein Mercerie-Geschäft betreiben sollte.
Vieles deutete auf eine glückliche Zeit hin, nur, Jakob kam wieder in eine depressive Phase. Diesmal ging es sehr rasch, und es kamen Wahnvorstellungen dazu, er wurde aggressiv, die Arbeit musste er wieder aufgeben und es kam ganz plötzlich grosses Leid über die Familie. Wahrlich ein schlechtes Omen für den Beginn des Lebens in Kleinhüningen. Dieses Dorf, ein Fischerdorf, war gerade in die Stadt Basel eingemeindet worden. Es war eine sehr naturnahe Gegend, Auen, Felder, Wiesen, Bauernhöfe, und das kleine Dorf am Rhein vor der Stadt Basel gelegen.
Gleich anfangs 1910 musste Jakob wieder in die Klinik in Basel. Zu seinem Gesundheitszustand bei Eintritt in die Klinik hiess es: „Er sagte aus, dass er zwei Villen besitze, die Villa Rosa in Zürich am See und eine Villa in München. Er sei bekannt mit Prof. Forel in Genf. Er heisse nicht Bopp, sondern Bopp Meyer und sei von München. Er sei auch 20 Jahre jünger als offiziell angegeben.“ Er erlitt dann offenbar einen Anfall und als ihn der Arzt zwei Wochen später wieder sah, wirkte er verändert. Er sagte dann aus, „er erwarte Erbschaften und müsse deswegen eine schönere Erscheinung werden. Dies durch Entfernen des Bartes“. Er erlitt dann noch eine Fraktur und magerte stark ab und sah blau aus. Er verweigerte bald jegliche Nahrungsaufnahme. Man versuchte, ihn mit einer Sonde zu ernähren, wogegen er sich stark sträubte. Er verstarb am 18. Januar 1911 in der Pflegeanstalt Rheinau/ZH, wohin er eine Woche vor seinem Tod verlegt worden war, da er Bürger vom Kanton Zürich war.
Für Karl ist diese Zeit des Krankseins seines Vaters schrecklich gewesen. Später sagte Karl einmal, sein Vater sei verrückt gewesen. Jakob soll übrigens wie seine Frau Maria nie Alkohol getrunken haben, hingegen sei Jakobs Vater Rudolf Alkoholiker gewesen.
Maria ist Witwe geworden und sollte noch vierzig Jahre alleine ohne Mann leben. Sie führte ihren Laden im Dorf und schaute liebevoll zu ihrem Häuschen. Karl hat seine Färberlehre begonnen. Karls Halbschwester Aline ist von daheim ausgezogen. Sie geht nach Belgien arbeiten, verbunden mit einem Sprachaufenthalt. Ida ist zu Verwandten an den Zürichsee gezogen. Sie wird in Zürich eine Ausbildung in Pflege machen. Und der ältere Bruder Jacques macht das Lehrerseminar im Kanton Zürich. Karl wohnt zusammen mit seiner Mutter Maria. Im Dreiländereck ziehen langsam dunkle Wolken auf. Die Spannungen zwischen den Mächten in Europa nehmen zu. Die wirtschaftliche Lage ist ungewiss. Karl versucht sich ganz auf seine Ausbildung zum Färber zu konzentrieren, ihn plagen jedoch immer wieder Einsamkeitsgefühle, verbunden mit Angst vor Nichtgenügen seiner hohen Ansprüche Beruf und Leben gegenüber, obwohl er ein ausgezeichneter junger Berufsmann ist. Und dann, wie in einer Gegenbewegung zu diesen eher tristen Gefühlen, überkommen ihn immer wieder Anflüge von Besserwisserei, dem Überzeugtsein, jemand Besonderes zu sein.
An einem Sonntagvormittag stolziert er, mit einer gewissen Niedergeschlagenheit, durchs Dörfchen Richtung Claraplatz. In der Gartenbeiz vom Restaurant Schiff sitzt sein Lehrmeister. Dieser ruft Karl zu, er solle sich doch zu ihm setzen. Zusammen den Sonntagvormittag geniessen. Endlich ein Freitag nach sechs harten Arbeitstagen, oft in Schweiss gebadet, und schlechte Luft einatmend von den Farbdämpfen. Kaum hat sich Karl gesetzt, bestellt der Chef für Karl ein Bier. Das tut dir gut, Junge, lass uns auf ein gutes Gelingen deiner Ausbildung anstossen. Karl nippt zuerst am Glas, er hat noch nie etwas Alkoholisches getrunken. Dann geniesst er das Bier, lacht mit seinem Chef, und kriegt noch ein zweites Bier spendiert. An diesem Tag sollte sein jahrzehntelanger Leidensweg als Alkoholiker beginnen.
Karl beendete seine Lehrzeit mit grossem Erfolg. Gleichzeitig war der erste Weltkrieg ausgebrochen und im Dreiländereck trafen die beiden grossen europäischen Widersacher Deutschland und Frankreich aufeinander. Karl plagten oft Ängste. Immer wieder auch die Angst, so zu werden, wie er seinen Vater erlebt hatte. Ab und an kommt seine Jugendliebe Olga auf Besuch nach Basel. Karl mag Olga immer noch sehr, jedoch hält ihn die Angst des Nichtgenügens davon ab, Olga näher zu kommen.
Olga empfindet er auch als „über ihm stehend“. Sie ist keine Arbeiterin, ihr Vater hatte zwar als Schmied in den Bally-Schuhwerken gearbeitet, Olga ist jedoch Schriftstellerin geworden. Und mit achtzehn Jahren erzählt Olga plötzlich, sie hätte sich in Küsnacht in den Lehrer und Kunstmaler Gottfried August Neumann verliebt und sie würden heiraten. Ihr Angebetener ist mehr als dreissig Jahre älter. Karl würde sicher verstehen, dass sie einen älteren Herrn heiraten würde, halt sehr gebildet, Künstler und recht vermögend. Und bald Professor. Dieser sei auch so angetan von ihren schriftstellerischen Tätigkeiten und unterstütze sie. Sie liebe ihn.
Karl beschliesst, jetzt Karriere zu machen. Färbermeister und vielleicht einmal Geschäftsleiter zu werden. Nur, Karl trinkt, wenn es ihm gut geht und wenn es ihm schlecht geht. Und in den Färbereistuben wird auch immer mal wieder während der Arbeit in den kleinen Pausen ein Bier getrunken. Man schwitzt, die Luft ist feucht, man muss seiner Gesundheit etwas Gutes tun und Flüssigkeit zu sich nehmen. Der Chef toleriert dies nicht nur, er empfiehlt zu trinken. Es gibt also täglich einen Grund zum Trinken. Maria, seine Mutter, leidet darunter sehr.
Olga und Gottfried bekommen bald nach ihrer Heirat ein Kind, Rosmarie. Eine glückliche Familie. Olga fühlt sich jedoch bald unterdrückt, das Paar ist in seiner männlichen und weiblichen Rolle gefangen. Olga leidet darunter. Und ihr Mann stirbt bald. Sie ist alleine mit ihrer kleinen Tochter. Aber gar nicht unglücklich. Olga träumt von Australien, und liebt aus teils unerklärlichen Gründen das Bauernleben in der Schweiz auf dem Lande.
Kapitel 4: Basel, 1924
Margrit und Lisbeth
Vor zwei Jahren hat Karl während eines militärischen Wiederholungskurses in Chur Margrit kennengelernt. Karl war begeistert, wie hübsch Margrit war, und er empfand ihre Familie als sehr fürsorglich und wohlwollend ihm gegenüber. Margrit schätzte an Karl seine Art, sich gut zu kleiden, immer ein Gilet zu tragen, so höflich zu sein. Natürlich bemerkte Margrit bald, dass Karl mit dem Alkohol Probleme hatte, und ihr Vater Röbi, Direktor bei der Publicitas in Chur, entwickelte gleich von Anfang an eine Abneigung Karl gegenüber. Er erlebte Karl als unseriös, angeberisch, obwohl dieser inzwischen in der Färberei als Färbermeister etliche Dutzend Arbeiter unter sich hatte. Röbi fand, es mangle Karl an Tugendhaftigkeit.
Nichtsdestotrotz heiratete das junge Paar bald und zog nach Basel an die Klybeckstrasse. Karl verdiente gut, und er hatte angeblich auch ein kleineres Vermögen geerbt. Also konnte sich das Paar eine sehr schöne und auch grosse Wohnung leisten in
einem Altbauhaus im Jugendstil. Karl gönnte sich mit seinem Lohn aber auch ein grosszügiges und manchmal ausschweifendes Leben, was so den Umgang besonders für Ausgaben für Getränke betraf. Beizenbesuche lagen an der Tagesordnung, manchmal soll er allen Gästen eine Runde Bier bezahlt haben. Karl brauchte es, dass ihn die Leute mochten, gerne hatten.
Margrit wurde schwanger, und im Herbst 1924 kam ein kleines Töchterchen, Lisbeth, zur Welt. Die Ehe war zu jener Zeit schon eher distanziert. Karl ging oft seine eigenen Wege, und Margrit war mit Lisbeth allein daheim. Margrit hatte oft Angst um das Kind. Sie erzog es sehr ängstlich. Margrit litt ja auch seit ihrer Geburt an einem Herzfehler. Müdigkeit und Streit und Sorgen taten ihr nicht gut. Doch gerade Müdigkeit, Streit und Sorgen nahmen zu. Karl wollte noch ein zweites Kind, was Margrit klar ablehnte, und auch ihr Arzt riet strengstens davon ab. Margrit war zu schwach für ein weiteres Kind.
In dieser Schwere wuchs Lisbeth auf. Selber war sie oft ein fröhliches Kind, auf jeden Fall hatte sie viele Freundinnen und war eine sehr fleissige und gute Schülerin. Lisbeth ging ins Dreirosenschulhaus zu Lehrer Börlin.
Dieser erkannte bald die schwierigen Lebensverhältnisse, in welchen Lisbeth aufwuchs, obwohl, wie gesagt, an Geld mangelte es nicht.
Olga
Olga lebt in Küsnacht am Zürichsee wieder bei ihren Eltern. Und mit ihrer Tochter Rosmarie. Olga malt und schreibt. Ihre zwei älteren Brüder haben die Schweiz verlassen. Sie sind nach Amerika ausgewandert. Der eine nach Mississippi, der andere nach Kalifornien. Ihre Schwester Sophie ist mit ihren beiden Mädchen von Argentinien zurück in die Schweiz gekommen. Einerseits um hier die Schulen zu besuchen, andererseits weil ihr Wilhelm Woehr ein zu abenteuerliches Leben lebt, unstet und angetrieben, Eisenbahnlinien bauend, und schon wieder einen nächsten Auftrage im Auge, vielleicht in Paraguay oder sogar in Kuba. Eine weitere Schwester von Olga, Martha, hat einen Chemiker geheiratet, in der welschen Schweiz, und die beiden tragen sich mit dem Gedanken, nach Italien auszuwandern. Olgas Familie lebt, und viel tut sich.
Kapitel 5: Basel, 1949
Lisbeth heiratet Gottlieb
Gottlieb war nach 15 Jahren Chiasso nach Basel gezogen. Er hat sich hier für eine Stelle bei der Danzas AG entschieden, Export Italien. Lisbeth hatte eine kaufmännische Lehre bei der National-Zeitung abgeschlossen und arbeitete jetzt als kaufmännische Mitarbeiterin bei der Roba AG.
An einem Samstag im Jahre 1948 gingen beide spazieren und wollten im Kafi Sattler am Bahnhof etwas trinken gehen. Da begegneten sie sich und es war Liebe auf den ersten Blick. Ehrlicherweise muss wohl angefügt werden, dass Gottlieb das soziale Umfeld von Lisbeth ansprach, sprich, er witterte Vermögen, oder wie man so sagt, «eine gute Partie». Zudem war Lisbeth auf ihn sexuell anziehend, ihre Brüste, ihr Po, ihr Lachen. Gottlieb spielte auch seine Entschlossenheit und Draufgängertum aus, was Lisbeth gefiel. Dieser Mann schien anders zu sein als ihr Vater Karl. Schon sehr bald feierten sie Verlobung. Und im Mai 1949 fand im Schloss Bottmingen die Hochzeit statt. Die kirchliche Trauung war in Aesch bei Reinach.
In der Hochzeitsnacht am 10. Mai wurde Reto gezeugt, der dann am 11. Februar im Jahr drauf zur Welt kommen sollte. Das junge Paar zog nach Reinach an die Therwilerstrasse 41, wo Lisbeth einige Jahre schon gewohnt hatte, zusammen mit Onkel Jean Meierhofer und Tante Ida. Auch viel zu Besuch dort kam Idas Mutter aus Basel, Maria Ida, und natürlich ihr Sohn, Idas Bruder und Lisbeths Vater, Karl.
Das Haus war zwar gross und geräumig, trotzdem wurde es mit den vielen Menschen und einem kleinen Buben oft eng, insbesondere, da Karl je länger je mehr sich dort einnistete. Aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit, physisch und psychisch, des Alkohols wegen.
Nachtrag zu Olga und Wilhelm
Wilhelm ist kürzlich in Quito, Ecuador, verstorben. Seine Frau Sophie war die letzten Jahre bei ihm. Ging dann aber nach Wilhelms Tod zu keiner der beiden Töchter in die USA oder auf Jamaika, sondern zurück nach Zürich in die Schweiz. Hier sollte sie noch 25 Jahre alleine leben, den Unterhalt an vielen Adressen in fremden Haushalten sich verdienend.
Olga war in Australien zur gefeierten Schriftstellerin gereift, u.a. ausgezeichnet mit dem Preis der Schweizerischen Schiller Stiftung 1939. Ihre Tochter Rosmarie bekam eine Tochter in ihrer Ehe mit Douglas Wilkie.
Leider erlag Olga kurz vor ihrem 50. Geburtstag einem plötzlichen Herzversagen.
Kapitel 6: Reinach, 1955
Therwilerstrasse 41, Familie Müller
Heute kommt Frau Seidler zum Putzen. Zweimal wöchentlich. Sie kommt früh morgens und bleibt bis abends, da Gottlieb sie dann heim nach Degerfelden über die Grenze fährt. Frau Seidler bringt für Reto Normalität ins Haus; sie ist ein liebenswürdiger, aufrichtiger, witziger Mensch und schätzt ganz besonders Lisbeth, die so arbeitsam ist, ob sie nun zu Hause ist oder in die Firma Roba AG nach Basel als Büroangestellte arbeiten geht. Reto ist dankbar dafür, dass es Frau Seidler gibt.
Tante Ida liegt im Bett in ihrem Zimmer. Sie atmet schwer und hat viele Ängste. Ida leidet unter Depressionen und an einer seltenen Art von Krebs. Sie hat wohl nicht mehr lange zu leben. Vor vier Jahren ist ihr Mann Jean verstorben. Dieser hat damals ein Testament verfasst, wonach Ida ihn, Jean, um fünf Jahre überleben müsse, damit Haus und Grundstück an Lisbeth und Gottlieb gingen, ansonsten an seine Kinder aus erster Ehe. Und dies im vollen Bewusstsein, dass Ida schon damals krank war. Jean wollte eigentlich nicht, dass Ida dieses Testament erfüllen konnte.
Gottlieb und Lisbeth wollen das Haus und Grundstück erben, Ida will ebenso, dass dem so sei. Also wurde Ida schon seit Jeans Tod «gesundgepflegt», mit wechselnden Arztbesuchen, Gebeten, Geistheilern, Therapeuten jeglicher Art sowie dem Glauben an Jesus Christus. Für den kleinen Reto eine gespenstische Welt nach dem Motto «der Tod muss besiegt werden, sterben ist schlimm». Reto kann das ganze Geschehen im Haus oft nicht einordnen. Noch schwieriger ist dies für seinen drei Jahre jüngeren Bruder Thomas.
Fortsetzung folgt, Roman in Vorbereitung.





