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Von Peter Wespi-Althaus – Bewegte Perlen, Schätze der Tiefe
Peter Wespi-Althaus
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Verzeichnis

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Vorwort
1.
Erste Erinnerungen und Kindheit
2.
Meine Eltern
2.1.
Meine Mutter: Anna Wespi-Vetter
2.1.
2.2.
Mein Vater: Gustav Wespi-Vetter
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
3.
Meine Grosseltern
3.1.
Mein Grossvater väterlicherseits: Jakob Wespi-Wolfer
3.2.
Meine Grossmutter väterlicherseits: Berta Wespi-Wolfer
3.3.
Mein Grossvater mütterlicherseits: Albert Vetter-Furrer
3.4.
Meine Grossmutter mütterlicherseits: Anna Vetter-Furrer
4.
Das Haus meiner Kindheit
5.
Mein Zuhause damals und heute
6.
Kindliche Abenteuer und Entdeckungen
7.
Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof
8.
Familiäre Rituale – vom Frühjahrsputz bis Weihnachten
9.
Freizeit und Familienmomente
10.
Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost
11.
Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit
12.
Feste, Bräuche und Dorfleben
13.
Ossingen 1960 – wo das Dorf zur Bühne wurde
14.
Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)
15.
Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)
16.
Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)
17.
Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)
18.
Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen
19.
Beziehungen und Liebe
20.
Meine besten Freunde und Freundinnen
21.
Lehrjahre (1971–1975)
22.
Militärdienst (1975–1997)
23.
Der Beginn einer neuen Lebensgeschichte
24.
Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)
25.
Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)
26.
Sprachaufenthalt in England (1981)
27.
Robert Aebi AG (1981–1983)
28.
Gemeinde Hirzel (1983–2001)
29.
Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)
30.
Beruf und Berufung (1971–2016)
31.
Berufs- und Stellenwechsel
32.
Berufliche Höhen und Tiefen
33.
Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)
34.
Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)
35.
Eheleben
36.
Kinder
37.
Lebensfreude
38.
Worauf ich stolz sein kann
39.
Von Dummheiten und Gelassenheit
40.
Ein gutes Leben im Alter
41.
Ausblick
42.
Glaube und Religiosität
43.
Jugend heute
44.
Nachgedanken
Für alle, die mir auf meinem Weg einen Tritt verpasst oder mir die Hand gereicht haben – ihr habt mich geformt. Und für die Spurensucher von morgen: Hier liegt ein Stück Vergangenheit von mir, Peter Wespi-Althaus – aus einer Zeit, als der Tintenlappen noch Pflicht war, die ersten Computertasten klackten und das Leben ganz eigen klang, roch und manches auch tüchtig schiefging. Zum Nachlesen, Staunen und Schmunzeln. Ein Hinweis zu den Bildern in diesem Erinnerungsmuseum: Die Fotos bewahren die Gesichter meiner Geschichte für die Spurensucher von morgen. Respekt und Vertrauenswürdigkeit sind mir wichtig. Sollten Sie sich durch eine der hier veröffentlichten Fotografien in Ihrer Privatsphäre beeinträchtigt fühlen, melden Sie sich bitte bei mir, damit ich entsprechend handeln kann.
Vorwort
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  Vorwort
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Diese Autobiografie nimmt dich mit – teils im lebendigen Wechselspiel von Fragen und Antworten – auf eine Reise durch mein Leben: von meiner Geburt am Pfingstsonntag 1955 bis zu meinem siebzigsten Geburtstag. Ich erzähle von meiner Kindheit auf einem Bauernhof in ländlicher Umgebung, von prägenden Erlebnissen mit meiner Familie, spannenden Abenteuern mit meinen Geschwistern und besonderen Momenten mit meinen Paten.

Im weiteren Verlauf reflektiere ich über Wohnverhältnisse, gesellschaftlichen Wandel und die Bedeutung von Gemeinschaft. Meine Jugend, voller Erlebnisse, Begegnungen und Freizeitabenteuer, zeichnet ein lebendiges Bild jener Zeit.

Ein grosser Abschnitt widmet sich meinem Berufsleben: von der Lehre als Automechaniker über eine bewegte Zeit als Chauffeur bis hin zu Stationen als Mechaniker und später als Materialwart. Besonders prägend war mein Engagement bei der Feuerwehr – zuerst im Hirzel, später in Horgen.

Auch mein Privatleben kommt nicht zu kurz: die Ehe mit Barbara, die Gründung einer Familie, Höhen und Tiefen – bis hin zu grossen persönlichen Verlusten, die wir gemeinsam zu tragen hatten.

In diesem Erinnerungsmuseum werdet ihr viel zum Schmunzeln finden. Doch ich möchte ehrlich sein: Mein Blick zurück ist auch eine stille Betrachtung. Es gab Tage, da war die Sauce der Zufriedenheit, von der ich schrieb, bitter und ungeniessbar. Wenn ich heute von «bewegten Perlen» spreche, dann meine ich auch jene Tränen, die mich gelehrt haben, den Wert der Stille neu zu begreifen.

Neben vielen Anekdoten blicke ich auch auf die grossen Fragen des Lebens: Was bedeutet Sinn? Was gibt Halt? Was zählt am Ende wirklich?

Diese Autobiografie ist für mich mehr als nur ein Rückblick – sie ist der Versuch, mein Leben zu verstehen und es mit anderen zu teilen. Vielleicht findest du dich in der einen oder anderen Episode wieder.

Viel Freude beim Lesen!

 

Erste Erinnerungen und Kindheit
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit
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29. Mai 1955, Ossingen – meine Geburtsanzeige
 
Voller Vorfreude verkünden meine Eltern meine Ankunft.

 

 

 

Was weisst du über deine Geburt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was weisst du über deine Geburt?
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Lass uns in die Vergangenheit reisen – zurück zum herrlichen Pfingstsonntag im Jahr 1955. In der Luft lag ein sanftes Summen und für meine Mutter gab es an diesem Tag etwas ganz Besonderes: die Geburt ihres vierten Kindes – nämlich mich!

Die Glocken der Stadtkirche läuteten fröhlich, als ich um 5 Uhr morgens im Kantonsspital Winterthur zur Welt kam. Was für eine wunderbare Art der Begrüssung!

Müeti, wie wir unsere Mutter nannten, erzählte diese Geschichte immer wieder gern. In meiner Vorstellung sehe ich sie vor mir, wie sie mich zum ersten Mal im Arm hält – voller Freude und Erleichterung.

Und ich? Ich kam, sah und brüllte. Ein Auftritt, der kaum zu überhören war.

Wie sind die Eltern auf deinen Vornamen gekommen? Haben sie gut gewählt?
Seite 3
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie sind die Eltern auf deinen Vornamen gekommen? Haben sie gut gewählt?
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Wäre ich als Mädchen zur Welt gekommen, hätten meine Eltern mich «Gertrud» genannt. Ein Name, der heutzutage nicht mehr allzu verbreitet ist und vielleicht sogar etwas altmodisch anmutet. Als Knabenname war «Peter» damals sehr beliebt und ein üblicher Name.

Es ist auch interessant, zu überlegen, warum meine Eltern sich gegen einen Namen eines Vorfahren oder nahen Verwandten entschieden haben. Vielleicht wollten sie sich von der Tradition lösen und etwas Neues schaffen. Vielleicht wollten sie auch nur sicherstellen, dass es keine Verwechslungen gab.

Ich denke, dass sie eine kluge Entscheidung trafen. Weshalb sollte ich die Namensgebung hinterfragen? Mein Name hat mich nie gestört. Er ist eben einfach da – und fühlt sich gut an – wie ein perfekt sitzendes Paar Schuhe.

Er kommt in ganz verschiedenen Sprachen vor und ich finde, er ist kurz und unkompliziert.

In der vierten Klasse erklärte der Lehrer die Bedeutung unserer Vornamen. Damals gab es noch kein Google – und von künstlicher Intelligenz sprach niemand. Ein altes, schlaues Buch lieferte die Antworten. Die Namen in unserer Klasse waren durchwegs einheimisch – das machte es nicht allzu kompliziert.

Hattest du auch Übernamen?
Seite 4
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Hattest du auch Übernamen?
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Meine Brüder hatten ihre eigenen Spitznamen. Meiner war «Dungxli». Unklar bleiben mir bis heute die genaue Schreibweise und der Ursprung dieses mysteriösen Namens. Hier muss ich allerdings betonen, dass meine Eltern mich nie mit diesem Namen gerufen haben.

Für Vatti (so nannten wir in unserer Familie unseren Vater) war ich einfach «der Kleine», auf Schweizerdeutsch: «de Chlii». Lange Zeit war ich genau das – klein.

Doch irgendwann überragte ich meinen alten Herrn. Als er mich eines Tages wieder «Kleiner» nannte, stellte ich mich selbstbewusst neben ihn, hob den Kopf und fragte schelmisch: «Wer von uns beiden ist hier eigentlich der Kleine?» Wir mussten beide lachen. Ab diesem Tag nannte mich Vatti nie wieder so.

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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Ich wurde in der «guten alten Zeit» geboren – zumindest aus Sicht meiner Eltern und Grosseltern. Es waren die Jahre des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Das Leben auf dem Land war einfach und von körperlicher Arbeit geprägt. Vieles entstand in Eigenarbeit, Anschaffungen wurden sorgfältig abgewogen, denn Geld war knapp.

Waschmaschinen, Trockner, Geschirrspüler, Ladewagen oder Mähdrescher – all das war damals noch Zukunftsmusik. Wer im Dorf das Wort «Computer» hörte, schüttelte ungläubig den Kopf. Mobiltelefone, um eine Pizza zu bestellen, gehörten ins Reich der Fantasie – wobei Pizza damals ohnehin kaum jemand kannte.

Ich wurde also in eine Ära des technischen Aufbruchs hineingeboren. Neue Geräte und Maschinen hielten in rascher Folge Einzug in den Alltag.

Was hat man dir von deiner Taufe erzählt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was hat man dir von deiner Taufe erzählt?
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An jenem Sonntag bekamen gleich zwei Knaben den Namen «Peter», indem der Pfarrer mit seinen Fingern Wasser auf die Stirn des Täuflings strich und ihn im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufte.

Die Familie Weber – die Eltern meines Namensvetters – konnte einen Bauernhof ausserhalb des Weilers Gisenhard bei Ossingen übernehmen. Soweit ich gehört habe, wohnten sie zuvor in Frankreich und wollten die Taufe nachholen. Ihr Sohn Peter war ein Jahr älter als ich – und unsere Wege kreuzten sich später noch auf verschiedene Weise.


24. Juli 1955, Ossingen – an meiner Taufe
 
Links: Mein Götti und meine
Gotte stehen Seite an Seite,
während ich geborgen in den
Armen meiner Gotte liege.
Rechts: Die Taufgesellschaft mit
meinen Grosseltern vom Werdhof.
 
Welche Rolle spielte deine Patin in deinem Leben?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielte deine Patin in deinem Leben?
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Meine Gotte

In einem grossen Krankenhaus, dem Kantonsspital Winterthur, gab es viele Gänge und überall liefen Menschen in weissen Kitteln hin und her. Die Flure schienen niemals leer zu sein.

Mitten in diesem Gewusel gab es jemanden Besonderen: meine Gotte, Hermine Kübler. Sie strahlte eine warme Herzlichkeit aus, dass man sich sofort wohlfühlte, wenn man sie sah. Auf ihrem Hinterkopf trug sie eine traditionelle weisse Haube, wie jene, die man früher oft bei Krankenschwestern sah. Das war wie ein Symbol dafür, wie sehr sie ihre Arbeit liebte und wie wichtig es für sie war, anderen zu helfen.

Schwester Hermine war nicht nur freundlich, sondern auch sehr einfühlsam. Sie konnte sich gut in andere Menschen hineinversetzen und ihnen beistehen. Viele Leute mochten sie sehr, weil sie immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen hatte.

Für die Leute im Spital war Schwester Hermine wie ein Schutzengel. Sie kümmerte sich nicht nur um medizinische Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten, sondern gab ihnen auch das Gefühl, dass alles wieder gut werden würde.

Schoko-Esel-Rettung

Eines Tages zu Ostern besuchten Müeti und ich meine Gotte in ihrem Zimmer im Schwesternhaus neben dem Spital. Nachdem wir uns bei einer gemütlichen Teerunde unterhalten hatten, musste ich dringend auf die Toilette. Diese befand sich ausserhalb ihres Zimmers.

Meine Gotte begleitete mich gütig zum «stillen Örtchen» und ging dann zurück in ihr Zimmer. Nach meiner Verrichtung verliess ich das WC, um zu ihr zurückzukehren – und stand plötzlich in einem langen Korridor mit vielen Türen, von denen eine der anderen glich.

Damals war ich noch nicht in der Schule und konnte keine Buchstaben lesen, um den Namen meiner Gotte zu finden. Ich fühlte mich unsäglich verloren und grosse Tränen kullerten über meine Wangen. Müeti und meine Gotte unterhielten sich im Zimmer, aber ich konnte sie nicht hören. Die Zeit schien komplett stillzustehen. Mich überkam ein schreckliches Gefühl – als fände ich niemals zurück.

Plötzlich öffnete sich eine Tür und wer stand da? Meine geliebte Gotte. Welch herrliche Erleichterung!

Sie verbarg ein geheimnisvolles Lächeln, als sie flugs ein Geschenk aus ihrem Schrank holte. Ich freute mich riesig, die Schachtel zu öffnen. Mein Herz schlug schneller, und meine Augen leuchteten vor Spannung. Endlich war es so weit! Der Bändel wurde vorsichtig gelöst und der Schachteldeckel geöffnet.

Ein süsser Duft von Schokolade umhüllte meine Nase, als ich den Inhalt sah. Ein Esel, gegossen aus brauner und weisser Schokolade! Toll! Dieses einzigartige Geschenk begeisterte mich vollkommen.

Meine Gotte wusste schon immer, wie sie mich überraschen konnte. Bei jedem Besuch hatte sie etwas Aussergewöhnliches dabei – mal kleine Spielsachen, lustige Malbücher, etwas zum Basteln oder ein besonderes Leckerli. Aber dieses Mal war es etwas ganz Unglaubliches: ein Schokoladenesel – wirklich originell! Ich fieberte dem Moment entgegen, ihn zu probieren.

Kreative Dankespost

Für Geschenke sollte man sich nicht nur bedanken, sondern auch etwas Kreatives und Persönliches zurückgeben – dachte ich mir.

Doch das Schreiben bereitete mir damals grosse Mühe. Ich war noch ein Kind und ahnungslos, wie man einen ordentlichen Dankesbrief verfasst. Da meine Gotte kein Telefon hatte, war ein Brief die einzige Möglichkeit, mich für das Weihnachtsgeschenk zu bedanken. Das war frustrierend – wie sollte ich das bloss angehen?

Zum Glück hatte Müeti eine rettende Idee. Mit ihrer Herzensgüte schrieb sie mir einen Text vor, den ich abschreiben durfte. Auf diese Weise konnte ich meiner Gotte meine Dankbarkeit ausdrücken – und fügte sogar eine bunte Zeichnung hinzu.

Gotte Besuche – besondere Festtage

Ich freute mich jedes Mal unheimlich auf die Besuche meiner Gotte. Wir sahen uns nicht oft – gelegentlich an Sonntagen. Wenn sie dann aber kam, war ich ein überglückliches Kind.

Hingabe einer engagierten Krankenschwester

Jahre später, als sie in Rente ging und ich die obligatorische Schulzeit abgeschlossen hatte, verspürte sie immer noch den tiefen Wunsch, hilfsbedürftige Menschen mit grosser Hingabe zu unterstützen. Sie lebte eine Berufung – und ging nicht einfach einem Beruf nach. Zu hören, wie sie sich anderen Menschen widmete, war für mich sehr beeindruckend. Ich bin ein wenig stolz, sie gekannt zu haben.

Unerwartete Botschaften

Als ich mit 23 Jahren die Nachricht vom Tod meiner Gotte Hermine Kübler erhielt, war ich sprachlos.

Ich konnte es nicht fassen, dass sie nicht mehr unter uns war. Sie hatte viel Gutes getan und war immer für andere da – und nun war sie einfach weg. Ohne Vorwarnung, ohne ein Wort des Abschieds. Diesen ausserordentlich schmerzhaften Verlust konnte ich lange Zeit nicht verarbeiten.

Viele Monate später erhielt ich einen seltsamen Brief, der mich völlig überraschte. In ihrem Testament hatte meine Gotte mich als Patenkind berücksichtigt und mir eine Erbschaft von 10'000 Franken hinterlassen. Ich konnte es kaum fassen. Es fühlte sich an, als ob sie noch einmal von sich reden gemacht hätte – und mir zeigen wollte, dass sie immer noch auf mich achtete, auch wenn sie nicht mehr physisch da war. Ich war dankbar für die Erbschaft, aber viel mehr noch für die Zeit, die ich mit meiner Gotte verbringen durfte. Sie hatte mein Leben bereichert – und ich werde sie nie vergessen.
Welche Rolle spielte dein Pate in deinem Leben?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielte dein Pate in deinem Leben?
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Tanklastwagen-König Götti

Mein Götti, Rudolf Brunner, war eine echte Persönlichkeit. Er hatte immer eine Menge Energie und war ein tatkräftiger Unternehmer. Verheiratet mit Ruth Vetter, der Schwester meiner Mutter, wohnte er in der Nachbargemeinde Kleinandelfingen, einem malerischen Dorf im Zürcher Weinland.

Zu Beginn meines Lebens war er im Holzhandel tätig, und ich erinnere mich noch gut daran, wie er Vatti beim Täfern unseres Schlafzimmers half.

Später gründete er ein Transportunternehmen und wurde zum «König der Tanklastwagen». Mit seinem Tanklastwagen samt Anhänger transportierte er Traubensaft und Wein von Frankreich und dem Südtirol in Schweizer Kellereien. Im Herbst, nach der Traubenlese, tätigte er auch Fuhren im Inland.

Sein Tanklastwagen war sein treuer Gefährte, den er hegte und pflegte wie ein Baby.

Spezielle Verbindung

Mein Götti und ich hatten eine ganz besondere Verbindung. Jedes Mal, wenn Müeti mich auf ihrem Velo zu Brunners brachte, sprudelte ich vor Vorfreude. Und wenn Tante Ruth ihre neueste Errungenschaft herauskramte – die «Ritsch-Ratsch-Strickmaschine» –, war die Begeisterung kaum zu bremsen. Das Wohnzimmer erfüllte sich mit einem rhythmischen Hin-und-her-Ratschen, wenn Müeti und Tante Ruth damit loslegten.

Währenddessen spielte ich mit meinen Cousinen Maya und Rosmarie und entdeckte die Freuden des Mädchenseins – für mich völliges Neuland, statt mit meinen Brüdern zu toben.

Und dann kam Weihnachten, und plötzlich waren da diese frisch gestrickten Pullover aus blau melierter Wolle – die perfekte Rüstung gegen die Kälte für meine Brüder und mich. Warm und praktisch, aber vor allem: mit ganz viel Liebe gestrickt.

Neubau bei Götti

Als Göttis Familie ihr neues Haus an der Rebbergstrasse in Kleinandelfingen errichtete, war ich voller Erwartung, den Baufortschritt zu sehen.

Meine Eltern radelten mit dem Velo dorthin, mit mir im Kindersitz auf Vattis Gepäckträger.

Der Geruch von frischem Beton hing in der Luft, als wir uns der Baustelle näherten.

Mein Herz pochte bis zum Hals vor Aufregung, als wir endlich das Haus betraten und Götti uns durch die Zimmer führte. Das Beeindruckendste war für mich der bombensichere Schutzraum im Keller mit seiner schweren Panzertür. Etwas Unbehagen spürte ich allerdings schon, als ich das kalte, schwere Metall berührte.

Auf dem Heimweg, bergauf durch den Wald, trat Vatti kräftig in die Pedale und ich liess das Erlebnis in mir nachhallen.

Göttis glänzendes Auto

Mein Götti war ein Mann von Welt. Im Gegensatz zu unserer einfachen Familie besass er, seit ich denken kann, ein glänzendes Auto, das er sichtlich mit Stolz fuhr.

Ich verehrte meinen Götti sehr und war jedes Mal aufgeregt, wenn ich wusste, dass er zu Besuch kam. Vor dem Scheunentor wartete ich ungeduldig und spähte die Strasse hinunter. Mein Herz schlug freudig, sobald ich sein Auto in der Ferne erkennen konnte.

Kaum war er aus seinem Auto gestiegen, gab mir sein unverwechselbares, herzhaftes Lachen ein Gefühl von wohliger Geborgenheit. Für mich war er die Verkörperung von Abenteuer und Freiheit. Zeit mit ihm zu verbringen, genoss ich leidenschaftlich.

Götti als Präsident

In meiner aktiven Zeit in der Jugendmusik Andelfingen wählte die Vereinsversammlung meinen Götti zum Präsidenten. Sein Charisma und seine Führungsqualitäten beeindruckten mich zutiefst und ich spürte, dass ich mir von ihm noch viel abschauen konnte.

Göttis fesselnde Geschichten

Als ich älter wurde, durfte ich in den Schulferien ab und zu mit ihm in seinem Lastwagen mitfahren. Schon beim Losfahren kribbelte es vor Aufregung in mir – so viel gab es unterwegs zu entdecken.

Mal gab es schöne Landschaften, mal spannende Städte, mal kuriose Menschen, die wir am Strassenrand sahen. Es war ein himmlisches Gefühl, hoch über der Strasse zu sitzen und auf die vorbeiziehenden Autos hinunterzuschauen.

Götti war immer voller Geschichten und Anekdoten, und ich sass gebannt da und hörte ihm zu.

Göttis Berufsorientierung

Mein Götti war ein Mann mit einem grossen Herzen, stets bereit, anderen zu helfen. Er spielte auch eine wichtige Rolle bei meiner Berufswahl.

«Du, ich bin hin- und hergerissen, welchen Weg ich einschlagen soll», gestand ich ihm. Seine Augen leuchteten warm, als er mir zuhörte und jede Nuance meiner Unsicherheit einfing. Dann, mit einem Augenzwinkern und einem Hauch von Überzeugung in seiner Stimme, sprach er Worte, die wie ein Funke waren – ein Funke, der den Motor meiner Entschlossenheit entzündete.

Dank seinem Ratschlag entschied ich mich, den Werkstattweg der Fahrzeugträume einzuschlagen. Und damit begann mein Weg, mit einem Lächeln im Gesicht und einem Gaspedal voller Träume.

Ich bin ihm bis heute unendlich dankbar für seine Unterstützung und seine Inspiration. Ohne ihn hätte ich meinen Weg in dieser Form wohl nie eingeschlagen und hätte nicht die wunderbaren Erfahrungen gemacht, die ich in meinem Beruf sammeln durfte.
Wie haben dich deine Geschwister aufgenommen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie haben dich deine Geschwister aufgenommen?
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Meine Brüder

Als ich auf die Welt kam, war mein ältester Bruder Hansruedi bereits stolze sieben Jahre alt. Zusammen mit Werner, der fünf Jahre älter war, und Ernst, der nur zwei Jahre älter war als ich, bildeten sie eine dynamische Gruppe, die ich bewunderte – und gleichzeitig respektierte.

Als Kind kam mir der Altersunterschied zu meinen beiden ältesten Brüdern sehr gross vor.

Hansruedi

Hansruedi brachte mir das Treppensteigen bei. Mit Engelsgeduld führte er meinen zittrigen Fuss auf eine Stufe, dann den anderen – immer abwechselnd –, bis ich schliesslich oben ankam. Er dirigierte eine unsichtbare Musik, die nur wir beide hören konnten.

In seinen Worten spürte ich manchmal auch eine gewisse Bekümmernis, wenn er uns von den Unterschieden zwischen seiner und unserer Kindheit erzählte. Er betonte immer wieder, wie hart er bei den Eltern um seine Freiheiten hatte kämpfen müssen, und dass wir es als jüngere Geschwister einfacher hätten.

Ob das stimmte oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

Werner

Werner war ein ruhiger und achtsamer Typ. Auch wenn er nicht immer im Rampenlicht stand wie Hansruedi, beeindruckte er mich auf seine eigene Art und Weise.

Während der neuen Täferung unseres Schlafzimmers, durfte ich mit Werner in seinem Bett schlafen – ein Ort, an dem man sich wohl und geborgen fühlte, als hätte man ein kleines Paradies betreten.

Unter uns Vieren war Werner wohl der, den man am einfachsten «handhaben» konnte. Seine natürliche Ruhe und Gelassenheit waren beeindruckend. Es schien, als wäre er mit einer eingebauten Entspannungsfunktion ausgestattet. Wenn wir uns stritten, blieb Werner meistens ruhig und sachlich. Er konnte die Situation von aussen betrachten und gab dann einen besänftigenden Spruch ab.

Das machte ihn zu einem wichtigen Anker in unserer Familie.

Gleichzeitig hatte Werner einen ganz eigenen, trockenen Humor. Einer seiner Lieblingswitze ging so:
Zwei sassen am Tisch, und der Eine meinte: «So.» Darauf sagte der Zweite: «Soso.» Worauf der Erste trocken erwiderte: «Du bist ein Schwätzer.»
Genau diese stille, feine Art von Humor passte wunderbar zu ihm.

Werner ging einen Weg, den ihm niemand in unserer Familie vorgezeichnet hatte. Die Lehrer erkannten seine Fähigkeiten und ermunterten ihn, das Gymnasium zu besuchen. Mit 19 Jahren erwarb er die Matura an der Oberrealschule in Winterthur. An der ETH Zürich studierte er Kulturingenieur. Seine erste Stelle trat er Mitte der 70er-Jahre in einem Ingenieurbüro in Stäfa am Zürichsee an, wo er an Wald- und Güterzusammenlegungen mitwirkte und bei Landvermessungen viel in der freien Natur unterwegs war. Doch die Büroarbeit behagte ihm nicht, und immer mehr hatte er das Gefühl, dass die Ingenieur-Tätigkeit nicht wirklich seine Passion war.

So geschah es, dass seine Eltern eines Tages eine Grusskarte aus seinen Ferien erhielten – Bild und Poststempel: St. Antoni FR. Die Heirat mit Hanni Moser im August 1980 läutete sein neues Leben auf dem Bauernhof «Zumholz» seiner Schwiegereltern ein. Der ETH-Ingenieur wurde Bauer – eine Wendung, die uns alle überraschte und zugleich zu ihm passte. Erholung und Ausgleich hatte er schon immer im Stall, auf den Feldern und beim Holzen gefunden.

Werner starb am 22. Januar 2023 – an seinem 73. Geburtstag. Sein stiller Humor und seine Gelassenheit fehlen mir.

Ernst

Mein Bruder Ernst – zwei Jahre älter und gefühlt fünf Jahre klüger. Er war sowohl mein Spielkamerad als auch mein Gegenspieler. Unsere Streitereien waren legendär, und konstant endete ich als Unterlegener.

Wenn ich dann weinend zu Müeti lief, bekam ich bloss den Ratschlag: «Du musst dich halt wehren.» Jahrelang hatte ich keine Chance – körperlich war ich schwächer, und Ernst siegte stets mit Leichtigkeit.

Doch eines Tages änderte sich alles: Ich war schon fast am Verzweifeln, als ich im Streit erzürnt ein kantiges Lineal ergriff und es Richtung Ernst warf. Ich traf ihn am Kopf – zum Glück nicht ernsthaft –, doch für mich war das der Wendepunkt: Endlich hatte ich gezeigt, dass ich mich wehren konnte.

Zu meiner Überraschung gab es keine Gegenwehr von Ernst. Von da an war ich nicht mehr nur der unterlegene Bruder.

Trotz all unserer Streitigkeiten half mir Ernst immer bei den Hausaufgaben. Besonders in der Sekundarschule, als ich mich sehr anstrengen musste, um gute Noten zu bekommen, war seine Hilfe unschätzbar.

Ernst besuchte zu dieser Zeit die Mittelschule in Winterthur und war stark gefordert. Müeti sprach mit seinem Lehrer und es wurde beschlossen, dass Ernst zur dritten Sekundarschule in Ossingen zurückkehren konnte.

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
Seite 10
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
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Als Kind war ich noch naiv und unschuldig, ohne Vorurteile oder Urteile. Alles nahm ich für selbstverständlich hin – sowohl das Gute als auch das Schlechte.

Am grossen Esstisch in der Küche sass ich noch im Kindersitz. Meine stark zerbeulte Blechtasse vor mir stehend, fragte ich Müeti, weshalb alle anderen Personen eine richtige, schöne Tasse erhielten, während ich nur diese unschöne Blechtasse bekam. Ihre Antwort war schlicht und logisch zugleich: Wenn ich meine Tasse leergetrunken hatte, warf ich sie zu Boden. Eine normale Tasse wäre dann zerbrochen – die Blechtasse bekäme lediglich eine Beule mehr.

Das Herunterwerfen der Tasse ist mir nicht mehr in Erinnerung geblieben – doch die unzähligen Dellen zeigten deutlich, dass sie schon viele Abenteuer mitgemacht hatte.

Sommer 1956, Ossingen –  Ich höckle auf der Gartenbank

Da sitze ich also, ein Jahr alt, mitten auf dieser riesigen Holzbank. Der Sommerwind streicht durchs Gras, Vatti kniet mit der Kamera vor mir – bereit, den Moment festzuhalten.

«Schau gut hin, Peter – gleich kommt das Vögelein aus der Kamera!», sagte man mir. Tapfer starrte ich in die Linse – erwartungsvoll, vielleicht ein bisschen skeptisch.

Ich sah kein Vögelein. Kein Flattern, kein Zwitschern – nur diese grosse, schwarze Kamera und das ungewohnte Gefühl, da ganz allein und wackelig zu sitzen. Vielmehr war ich mit der Frage beschäftigt, ob ich gleich rückwärts kippen würde.

Welche anderen frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche anderen frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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Müetis Veloabenteuer

Im Kindersitz auf Müetis Velo fühlte ich mich wie der Kapitän eines kleinen Segelschiffs, das durch das grüne Meer der Ossinger Landschaft segelte. Die Sonne strahlte vom Himmel herab und der Fahrtwind liess meine Haare tanzen wie beschwingte Schilfbüschel am Husemersee.

Wir waren auf dem Weg zum «Heidi» – nicht dem Heidi und Geissenpeter beim Alpöhi aus Johanna Spyris Kindergeschichte. Nein – so hiess das Stück Land, das meine Familie bewirtschaftete.

Der Duft von frischem Heugras kitzelte meine Nase, als Müeti es mit einer Gabel behände über die Wiese zettelte, während ich einem ganzen Konzert von Vögeln hoch am Himmel lauschte.

Punkt elf Uhr erklang das Geläute der Kirchenglocken bis zu unserem Feld. Das hiess für Müeti: nach Hause radeln und das Mittagessen vorbereiten. Ich genoss die Fahrt zurück, als könnte ich für immer auf Müetis Velo durch die Welt reiten.

Schramme gerettet

Unser prächtiger Leiterwagen aus Holz mit eisenbereiften Speichenrädern transportierte täglich morgens und abends die vollen Milchkannen zur «Hütte», unserer Milchsammelstelle in Ossingen.

Mein grosser Bruder Hansruedi hatte mal wieder eine geniale Idee: Er wollte mich mit dem Leiterwagen spazieren fahren! Schwuppdiwupp hob er mich hoch, setzte mich ins Gefährt – und schon war ich Passagier einer aufregenden Kutschenfahrt.

Hansruedi zog den Wagen geschickt über den kiesigen Hofplatz. Plötzlich nahmen wir eine scharfe Kurve und – krach! Der Wagen kippte um und ich wurde schonungslos herausgeworfen. Mein Kopf prallte auf den Boden. Über meinem linken Auge bildete sich eine blutende Schramme. Ich schrie entsetzlich – vor Schmerz und noch viel mehr vor Schreck. Für mich war dies das Ende der Welt.

Zum Glück war «Schwester Hanni» gerade bei den Nachbarn zu Besuch, als unser Missgeschick passierte. Sie war eine Schulfreundin meiner Eltern und eine erfahrene Krankenschwester, die in einem Spital in Angola gearbeitet hatte. Deshalb wusste sie sehr viel über medizinische Notfälle. Als Müeti nun sah, wie stark ich blutete, brachte sie mich schnell zu Schwester Hanni. Diese erkannte sofort, dass ein Arzt helfen musste.

Glücklicherweise konnte der nächste Arzt im Nachbardorf telefonisch erreicht werden und er war bereit, mich zu behandeln. Dank Schwester Hanni und einem netten Nachbarn, der uns in seinem alten VW Käfer zum Arzt fuhr, konnte meine Wunde gut genäht werden. Obwohl die Verletzung schlimm aussah, blieb später keine sichtbare Narbe zurück.
Meine Eltern
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2.  Meine Eltern
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22. April 1972, Ossingen – meine Eltern

 
 
 
Meine Mutter: Anna Wespi-Vetter
Seite 13
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter: Anna Wespi-Vetter.
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1976 Müeti

Wir vier Buben nannten unsere Mutter alle «Müeti» – ein Name, der für uns nach Wärme und Geborgenheit klang. Auch andere Kinder in der Umgebung verwendeten diesen Ausdruck, doch für mich war er einzigartig mit meiner Mutter verbunden.

Müeti war das ruhende Zentrum unseres Familienlebens: fürsorglich, pflichtbewusst, vorausschauend und friedliebend. Sie sorgte für das Wohlergehen der ganzen Familie, plante unseren Kinderalltag und trug die Hauptverantwortung für viele Bereiche auf dem Bauernhof.

Die Mahlzeiten bereitete sie mit Hingabe zu, kümmerte sich um den grossen Gemüsegarten, pflegte den Hühnerhof und war auch für die Schlachtung und Verwertung von Suppenhühnern zuständig. Ihr ganzes Wesen war auf Beständigkeit und Fürsorge ausgerichtet.

Sie achtete auf einen sparsamen Umgang mit Geld und war eine wahre Meisterin der Resteverwertung: Was vom Mittagessen übrigblieb, fand entweder eine neue kreative Verwendung oder landete im Katzenteller.

Ihre Arbeitskleidung war schlicht und funktional: robuste Stoffe in Braun, Grün oder Blau, feste Schuhe und ein sorgfältig gebundenes Kopftuch – «Stuche», wie sie es nannte –, um ihre Haare vor Staub zu schützen. Doch an Sonntagen, wenn die Kirchenglocken zum Gottesdienst läuteten, erschien sie verwandelt: in festlicher Tracht, mit silberner Brosche, einem schlichten Rock, einer bunten Bluse und ihrer stolzen Halskette.


 

ohne Datum, Ossingen – Werdhof 2

Müeti stammte vom Werdhof an der Thur bei Ossingen, wo sie zusammen mit ihrer Schwester Ruth aufwuchs. Ihre Eltern, die «Werdhöfler», lebten zurückhaltend und genügsam.

Der Schulweg war mehr als 2,5 Kilometer lang – täglich zu Fuss.

Nach ihrer obligatorischen Schulzeit arbeitete sie in wohlhabenden Haushalten, unter anderem in Kilchberg ZH. Diese Phase prägte sie – auch emotional, denn obwohl sie mit meinem Vater bereits seit Kindertagen vertraut war, betrachtete sie diese Zeit als eine Prüfung ihrer beidseitigen Zuneigung.

Während des Zweiten Weltkriegs, als der Grossvater im Aktivdienst war, mussten sie, ihre Schwester und meine Grossmutter den Hof alleine bewirtschaften. Müeti sprach nicht viel über diese Jahre – vielleicht, um uns Kinder damals zu schonen, vielleicht auch, weil sie gelernt hatte, nach vorn zu schauen.

Eine formale Berufsausbildung war ihr nicht vergönnt. Ihr Leben bestand von Anfang an aus Arbeit auf dem Bauernhof – zuerst auf dem ihrer Eltern, später auf dem unseres Vaters. Dabei war sie nicht nur Arbeitskraft, sondern auch Partnerin in Liebe und Verantwortung.

Müeti war musikalisch. Ihre Leidenschaft galt dem gemischten Chor. Kaum eine Probe liess sie aus. Für ihren Fleiss und ihre regelmässige Teilnahme wurde sie jedes Jahr mit einem kleinen silbernen Löffel geehrt.

1970, Ossingen – Silberlöffeli
 

Auch das Gärtnern lag ihr im Blut: Jeden Sonntag stellte sie einen prächtigen Strauss aus frischen Gartenblumen in die Stube – ein Zeichen ihrer Liebe zum Detail und zur Schönheit im Alltag.

Bei allen Belangen des Tagesgeschehens war Müeti meine erste Anlaufstelle. Ob Sorgen, Bitten oder einfach das Zeugnis am Semesterende – ich brachte es zuerst zu ihr. Sie war es, die kurz innehielt, um einen Blick darauf zu werfen, bevor sie mir sagte, ich solle es auf Vattis Pult legen. Eine kleine Zeremonie, aber für mich voller Bedeutung.

Wenn ich heute an Müeti denke, sehe ich nicht ein einzelnes Bild. Es ist vielmehr ein tiefes Gefühl von Geborgenheit, ein inneres Leuchten, das ich «Heimat» nenne.
Mein Vater: Gustav Wespi-Vetter
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater: Gustav Wespi-Vetter.
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 1976, Ossingen – mein Vater, Gustav Wespi-Vetter

Wenn ich als Kind an meinen Vater denke, kommt mir als Erstes sein intensiver Stallgeruch in den Sinn – nicht gerade angenehm, aber unverkennbar «Vatti», wie ihn alle in der Familie nannten. Er war ein Mann von kräftiger Statur, mit breiten Schultern und starken Händen, geformt durch ein Leben voller Arbeit auf dem Bauernhof.

Vatti wurde in jenem alten, traditionsreichen Bauernhaus geboren, das später auch meine Kindheit prägte. Dort lebte er mit seinen beiden jüngeren Schwestern Rosa und Elsa. Er war ein Bauernbub, der das Handwerk von Grund auf erlernte – nicht etwa durch eine Lehre, sondern durch das tägliche Tun unter den Augen seines Vaters. Die landwirtschaftliche Schule in Wülflingen vermittelte ihm das nötige theoretische Rüstzeug, aber sein wahres Können entwickelte sich beim Pflügen, Säen, Ernten – stets mit Herz, Verstand und Muskelkraft.

  um 1942, Ossingen – Vatti auf dem Traktor mit Holzvergaser

Während des Zweiten Weltkriegs fuhr er einen Traktor mit Holzvergaser – ein Gefährt, das so eigenartig war, dass es heute in jedes Technikmuseum passen würde. Damit half er nicht nur auf den eigenen Feldern, sondern auch bei Nachbarsleuten aus. Noch höre ich Tante Rosa stöhnen über die unermüdliche Mühe, stets genug Holz aufzubereiten – ein nie endender Kampf gegen das Verheizen.

Vatti war nicht nur Bauer, sondern auch Gemeindeschreiber im Nebenamt. Sonntags, wenn andere vielleicht ruhten, sass er im Büro und tippte akribisch Protokolle. Er war ein kluger, gewissenhafter Mann, der sich mit Gesetzestexten ebenso gut auskannte wie mit Traktoren. Später, als mein Bruder Hansruedi den Hof übernahm, widmete sich Vatti ganz der Verwaltung – mit derselben Hingabe, die er dem Feld entgegenbrachte.

Trotz seiner vielen Aufgaben war Vatti kein abwesender Vater. Er war vielleicht nicht ausdrücklich in seiner Zuneigung, aber er war da. Immer. Wenn ich als kleines Kind auf seinen Knien sass und er mich zum Vers «Hoppe, hoppe Reiter …» wippte und dann sanft zwischen seine Beine plumpsen liess – ohne je meine Hände loszulassen –, dann war das für mich pures Glück. Ich wollte, dass er es wiederholte. Und nochmals. Und nochmals.

Manchmal hob er mich auf seine Schultern, wenn ich auf einem Spaziergang nicht mehr weiterkonnte – ein Gefühl, als flöge ich über die Baumwipfel.

Gemeinsam mit Müeti spielten sie das lustige «Eins – Zwei – Hoppla!», bei dem ich zwischen ihren Händen durch die Luft sauste. Mein Bauch kitzelte, mein Herz hüpfte.

Besonders spannend war es, wenn die ganze Familie mit dem Traktor und auf der Ladefläche eines Brückenwagens sitzend auf die Felder fuhr. Ein lebhafter Moment, wenn der Wind mir ins Gesicht blies, durchdrungen vom Geruch der Dieselabgase, die meine Nase kitzelten.

Als ich etwa zwölf Jahre alt war, kaufte sich Vatti sein erstes Auto. Ab dann war das Autofahren eine weitere Leidenschaft von ihm. Die Beschreibung aus Erich Kästners Gedicht «Im Auto über Land» könnte direkt aus seinem Mund stammen. Dieses Gefühl von Freiheit, von Weite, von Technik – das entsprach ganz seinem Wesen. Ebenso sein handwerkliches Geschick: Er installierte für mich sogar eine kleine Wetterstation im Garten – mit Thermometer und Regenmesser. Und in seiner Pensionierung widmete er sich detailverliebt dem Bau von Agrarmodellen.

anfangs 2000, Ossingen – Agrarmodell «Güllewagen»

Diesen Güllewagen baute Vatti mit viel Liebe zum Detail nach. Die davor gespannten Pferde liess er von einem anderen Handwerker anfertigen.

 

Vatti war ein Mann mit klaren Überzeugungen. Als Mitglied der Bauernpartei vertrat er seine politischen Standpunkte deutlich – manchmal lautstark, manchmal fluchend, doch immer engagiert. Er konnte streng sein – ein Klaps auf den Hintern war durchaus möglich –, aber ebenso gerecht.

Wenn ich ihn etwas fragen wollte, etwa ob ich zu einem Fest, dem Feez in der Sek, gehen durfte, lautete seine knappe Antwort: «Frag Müeti.» Er vertraute ihrer Entscheidung – und ich wartete mit klopfendem Herzen auf ihr Urteil.

Sein Kleidungsstil spiegelte seinen Charakter wider: praktisch, funktional, schlicht. Bundhosen mit angeknöpften Hosenträgern, Hemden in Grau oder Blau, Gummistiefel im Stall, Lederschuhe für die Feldarbeit. Nur an Feiertagen zeigte sich Vatti von einer anderen Seite – im dunklen Anzug, mit Krawatte und blank geputzten Lederschuhen.

Er war ein Mann, der Verantwortung lebte: für seine Familie, für seinen Betrieb, für die Gemeinde. Ein Mann, der wusste, wohin es gehen musste, und stets nach vorne blickte. Vatti war kein Mann grosser Worte – aber seine Taten sprachen für sich.
Die Ehe meiner Eltern
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.
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1946, beim Fotografen in Winterthur – Hochzeit meiner Eltern
 
 
1946, beim Fotografen in Winterthur – Hochzeitsgesellschaft meiner Eltern
 

Wenn ich an meine Eltern als Ehepaar denke, sehe ich zwei Menschen vor mir, die wie zwei Puzzleteile ineinandergreifen. Ihr Zusammenspiel war eingespielt, ihr Verhältnis geprägt von gegenseitigem Respekt, Arbeitsteilung und stiller Verbundenheit. Nie habe ich erlebt, dass sie sich lautstark gestritten hätten. Ihre Ehe wirkte nach aussen ruhig, fast selbstverständlich.

Unser Zuhause war ein Bauernbetrieb und darin waren Müeti und Vatti die treibenden Kräfte. Sie führten den Hof mit einer Art natürlicher Aufgabenteilung, die unausgesprochen klar war: Müeti besorgte den inneren Dienst, also Haushalt, Kindererziehung, Küche. Vatti dagegen war für den äusseren Dienst zuständig – Felder, Stall, Geräte. Jeder hatte sein Reich, aber beide gemeinsam sorgten dafür, dass das Ganze funktionierte. Manchmal hatte Vattis Reich nicht nur vier Beine, sondern auch vier Räder – Traktoren, Anhänger, Maschinen –, während Müeti mit ihren Händen Teig knetete, Wäsche aufhängte und Wunden versorgte.

In unserem Familienbetrieb waren wir Kinder die Hauptdarsteller – aber unter der strengen Regie unserer Eltern. «Vorhang auf für die landwirtschaftliche und häusliche Arbeit!» – in diesem Sinn hätte es heissen können, wenn unser Alltag ein Theaterstück gewesen wäre. Früh lernten wir, wie man Kartoffeln pflanzt, Kühe melkt, Eier sammelt – und sogar, wie man einen richtig guten Kuchen backt. Alles unter den wachsamen Augen von Müeti oder Vatti, je nach Disziplin. Es gab kaum Tage ohne Pflichten, aber auch kaum Tage ohne Sinn.

Wenn wichtige Entscheidungen anstanden, sprachen die beiden sich immer ab. Sie berieten gemeinsam, was für den Hof und für uns Kinder das Beste sei – sachlich, ruhig, mit Blick auf das grosse Ganze. In diesem Alltag lag eine stille Form von Harmonie, die nie laut sein musste, um echt zu sein.

Ihr Umgang miteinander war geprägt von gegenseitigem Respekt und stiller Zuneigung. Sie lebten uns Kindern Werte vor, die man nicht erklären musste: Treue, Ehrlichkeit, Verantwortungsgefühl. Es war ein unsichtbarer Lehrplan des Lebens, in dem das tägliche Miteinander mehr Wirkung hatte als jede Predigt.

Ich habe spezifischere Erinnerungen an Müeti – wohl, weil sie präsenter war in meinem Kinderalltag. Wenn ich von der Schule heimkam, war sie da. Sie half mir mit den Hausaufgaben, bereitete meine Kleider vor und – wie ich später erfuhr – reinigte sogar heimlich meine Brille, während ich schlief. Bis etwa zur zweiten Klasse lebte ich in dem naiven Glauben, sie sei einfach immer sauber.

Abends brachte sie mich ins Bett und betete mit mir. Gleichzeitig wusste sie genau, wann Grenzen nötig waren – und wie man diese konsequent setzte. Wenn ich ungehorsam war, konnte sie streng werden. Ihre Bestrafungen hatten eine eigene Logik, eine Mischung aus Härte und pädagogischem Ernst, die mich zugleich ängstigte und prägte.

Leider gehörte körperliche Züchtigung damals zum Erziehungsalltag. Der Teppichklopfer war ein Werkzeug, das Angst auslöste. Nicht selten wurde auch dessen harter Stiel oder ein Holzrührscheit zur Strafe eingesetzt. Ohrfeigen waren kein Tabu, sondern Realität – schallende, brennende Schläge, die nicht nur die Haut, sondern auch die Seele trafen.

Einmal schlug mir Müeti aus Wut mit der flachen Hand auf den Mund – doch ich hob instinktiv die Hand, um mich zu schützen. Die Folge war: Die Brille zerbrach auf meiner Nase. Es dauerte gefühlt ewig, bis wir nach Winterthur zum Optiker kamen. Dadurch lebte ich mehrere Tage mit verschwommenem Blick – nicht nur physisch, sondern auch innerlich.

Zur Strafe wurde ich manchmal in den dunklen Keller geschickt – «zum Nachdenken». Einmal aber entdeckte ich dort einen geheimnisvollen Lichtstrahl, der durch die offene Aussentür fiel. Unten stand mein Bruder Hansruedi im Lichtschein. Als Müeti mich holen wollte und sah, wie der düstere Ort plötzlich in warmes Licht getaucht war, musste sie heimlich lachen. Dieses Lächeln – halb belustigt, halb beschämt – veränderte für einen Moment alles.

Meine Brüder wurden zuweilen sogar im Schweinestall eingesperrt. In diesen «Genuss» kam ich selbst nie – entweder war ich noch zu jung oder der Stall wurde rechtzeitig abgerissen.

Ein anderes Mal knallte ich wütend die Türe zu. Müeti wurde zornig, forderte mich auf, zurückzugehen und sie anständig zu schliessen. Diese kleine Demütigung – der Weg zurück, das leise Schliessen mit zittrigen Fingern – hat sich tief eingebrannt. Seither schliesse ich Türen anders – meistens.

Taschengeld gab es keines. Wir hatten, was wir brauchten – das war die Haltung. Nur für Schulanlässe, wie den Freibadbesuch in Stammheim, erhielten wir einen Batzen. Damit durften wir eine Glace kaufen – ein kleines, süsses Glück im kontrollierten Rahmen. Im Gegenzug mussten wir in Schullagern eine Postkarte an unsere Gotte oder unseren Götti schicken.

Religiös gesehen war unsere Familie in der evangelisch-reformierten Tradition verankert. Meine Eltern gingen nicht oft zur Kirche, aber sie bestanden darauf, dass wir Kinder die Sonntagsschule und den Konfirmandenunterricht besuchten. Der Glaube war kein dominantes Thema, aber ein ständiger, ruhiger Hintergrundton.

Politisch war Vatti aktives Mitglied der damaligen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei. Besonders vor Wahlen hörte man leidenschaftliche Monologe am Esstisch. Müeti war anfangs skeptisch gegenüber dem Frauenstimmrecht – sie meinte, das sei nicht nötig. Doch nach dessen Einführung stimmte sie regelmässig ab – immer wie Vatti.

Vatti war stark in die Gemeinde eingebunden – als Gemeindeschreiber führte er Protokoll an Ratssitzungen, empfing den Bezirksstatthalter zur Amtskontrolle und hatte Kontakt zum Gemeindepräsidenten, der bei uns im Haus Zigarren rauchte. Das Haus roch dann stundenlang nach Rauch und ich wusste: Jetzt wird wieder Wichtiges besprochen.

Von all dem, was meine Eltern mir hinterliessen, sind es nicht nur Möbel oder Fotos, sondern Erinnerungen, die weiterleben.

1982, Ossingen – restaurierte Pendeluhr

 

Die restaurierte Uhr an der Wand, der massive Holzschrank mit seinen Keilen, die alte Vorratskommode im Keller, der braune Stuhl zum Schuhe anziehen – sie alle sind Zeugen einer Zeit, die nie ganz vergeht. Ein Mehlsack aus den 60ern mit der Aufschrift von Vattis Hand trägt die Spuren der Mühen auf dem Feld und in der Mühle – ein Denkmal bäuerlicher Geduld und schweigender Liebe.

 
1964, Ossingen – Mehlsack

Mein Vater beschriftete die Mehlsäcke mit einer Schablone und tupfte die schwarze Farbe sorgfältig mit einem Pinsel auf.

 

Auch unser heutiges Zuhause, das wir uns mit Mühe leisten konnten, ist ein Teil dieses Erbes – nicht nur materiell, sondern emotional. Es ist ein Ort, an dem die Geschichten meiner Eltern weiterleben, auch wenn ihre Stimmen längst verklungen sind.

Wenn ich heute an meine Eltern denke, sehe ich zwei grundverschiedene Charaktere vor mir, die doch in einer merkwürdigen Weise zueinanderpassten. Während Vatti mit seinem pragmatischen Witz und einem gewissen Hang zur rustikalen Direktheit die Familie prägte, war Müeti das ruhige, verlässliche Zentrum unseres kleinen Universums. Sie stand weniger auf der Bühne des Familienlebens, aber ihr Einfluss war tief und still.

Müeti hatte einen krummen Rücken – etwas, das mir später vererbt wurde. Aber nicht nur unsere Körperhaltung verband uns. In vielem war ich ihr ähnlich: bescheiden, praktisch veranlagt, mit einer gewissen Sturheit, wenn es um das Durchhalten ging.

Während meine Eltern selbstständig das Land bewirtschafteten, fand ich meinen Platz in der Welt als angestellter Handwerker. Auch politisch trennten uns Welten: Ich sympathisierte mit sozialdemokratischen Ideen, während Vatti zur SVP neigte. Müeti war weniger offen politisch – sie sprach selten darüber –, doch ich habe immer gespürt, dass ihre Loyalität mehr dem Alltag galt als einem Parteiprogramm.

Was sie mir mitgab, waren keine grossen Reden, sondern Lebensweisheiten, wie sie nur entstehen, wenn man frühmorgens mit müden Knochen aus dem Bett steigt und weiss, dass die Arbeit auf dem Feld nicht wartet.

«Geduld bringt Rosen – aber zuerst Dornen», sagte sie oft, wenn ich als Bub mit etwas nicht klarkam. Oder: «Man muss dem Wetter nicht trotzen, sondern lernen, damit zu leben.»

Diese Art von Bauernschläue prägte mich tief. Von ihr lernte ich: Harte Arbeit zahlt sich aus. Und: Die Natur ist keine Maschine, sondern ein Partner, den man achten muss.

Unser Haus war kein Ort der grossen Emotionen, aber es gab Momente, in denen sich ein leiser Humor wie Sonnenstrahlen durch die Wolken schob. Während Vatti der geborene Erzähler war, sprengte Müeti lieber mit trockenen Sprüchen die Schwere des Alltags. Ihre Spezialität waren Bauernregeln:

«Kräht der Gockel auf dem Mist, ändert das Wetter – oder es bleibt, wie es ist.»

Solche Sätze sagte sie mit einer derartigen Gelassenheit, dass man kaum wusste, ob sie scherzte oder einfach nur die Welt kommentierte, wie sie war.

Sexualität? Darüber sprach man nicht – Punkt. Als ich im Kindergartenalter Müeti beim Wickeln meiner kleinen Cousine neugierig fragte, warum sie kein «Zipfeli» hatte, erklärte sie nüchtern: «Mädchen haben ein Schlitzli – das ist der Unterschied.» Kein Drama, keine Scham – nur eine sachliche Feststellung.

Die erste kindliche Aufklärung in unserem Haus war ein stilles Aha-Erlebnis – keine Offenbarung.

Erst im Konfirmandenlager sprach man erstmals offen und gründlich mit uns Buben und Mädchen darüber. Für uns war das spannend – und auch ein wenig peinlich. Doch auch das gehörte zum Weg des Erwachsenwerdens.

Müeti erkrankte noch vor ihrem fünfzigsten Lebensjahr an chronischer Polyarthritis. Es war ein schleichendes, gnadenloses Leiden. Ihre Beweglichkeit nahm ab, ihre Lebensqualität litt. Nach einer Knieoperation besuchte ich sie in Zurzach bei ihrem Aufenthalt zur Reha. Dort sass sie im Rollstuhl, das Gesicht voller Freude. «Das Schönste ist: Ich habe keine Schmerzen mehr», sagte sie – ein Satz, so leuchtend in seiner Schlichtheit, dass mir warm ums Herz wurde. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass ein kleiner Sieg über das Leiden gelungen war. Sie war stolz, voller Hoffnung – und ich war es auch.

Doch schon eine Woche später kam der nächste Schlag. Das Spital Winterthur rief an. Es ging um eine plötzliche, notwendige Operation. Sofort machte ich mich auf den Weg. Müeti lag im Bett, aber sie sprach klar, sogar mit einem kleinen Lächeln: «Es war ein grosser Eiterbollen am Rücken», erzählte sie, fast ein wenig amüsiert. Ihre Augen – sie leuchteten noch immer.

Wenige Tage später kam der Anruf meiner Schwägerin Ruth. Ihre Stimme war dumpf, belegt: «Müeti ist gestorben –» Dann eine Pause, ein tiefer Atemzug. Vermutlich war es eine Embolie. Am selben Tag wollten Werner und seine Frau Hanni sie noch besuchen, doch sie kamen zu spät.

Es war der 6. August 1989.

Ein tiefer Seufzer entwich mir – gemischt aus Schmerz, Schock und einer seltsamen Form von Erleichterung. Nicht weil sie fort war, sondern weil das Leid nun von ihr abgefallen war. Als wäre sie endlich frei.

Müeti war die Hüterin der Geschichten. Sie wusste, wer in Ossingen gestorben war, wer geheiratet hatte und bei wem es sonst Neuigkeiten gab. Ihre Stimme verband uns, hielt uns zusammen – sie war unser mündliches Familienarchiv. Und plötzlich war es still. Der Ort, über den sie uns von früher erzählte, wurde leer, als hätte jemand das letzte Buch aus der Familienbibliothek genommen und einfach nicht zurückgebracht.

Nach ihrem Tod lernte ich ein neues Gefühl kennen: eine tiefe, seltsame Sehnsucht. Nicht direkt Trauer, sondern Heimweh – obwohl ich das früher nie gekannt hatte. Heimweh nach Ossingen, nach der Kindheit, nach dem Klang ihrer Stimme.

Ich spürte, wie sich etwas in mir nach Hause zog – zu den Riegelhäusern, den vertrauten Gesichtern. Gleichzeitig wusste ich: Ein Teil von Müeti ist immer bei mir – in meinen Erinnerungen, in ihren Geschichten und kleinen, alltäglichen Gesten.

Vatti lebte noch 17 Jahre länger. Doch als er schliesslich von der Bühne des Lebens abtrat, geschah es leise, als hätte er sich selbst langsam zurückgezogen. Er fühlte sich schwach, etwas unbeholfen, als ihn Hansruedi zum Hausarzt brachte. «Chaibe Saich!» – mehr gab er nicht von sich, als er ins Spital eingeliefert wurde. Es schien, als hätte er gespürt, dass das Kapitel zu Ende ging.

Ich besuchte ihn im Spital. Vor dem Zimmer traf ich auf einen alten Freund, der nur meinte: «Gusti schläft. Man kriegt ihn nicht wach. Ich geh jetzt wieder.» Auch ich kriegte ihn nicht wach. Eine Pflegerin fragte mich, ob ich über Nacht bleiben wolle. «Nein, danke», sagte ich. «Mein Vater war immer ein Stehaufmännchen – das wird schon.»

Doch diesmal nicht. Am 13. Mai 2006 starb er. Ruhig. Im Schlaf.

Mit dem Tod meiner Eltern begann ein neues Kapitel – nicht nur emotional, sondern auch organisatorisch: die Erbschaft. Ein Thema, das keiner liebt, aber alle kennen. Um möglichen Unfrieden zu vermeiden, überliessen wir alles der Hausbank. Mein Bruder Ernst übernahm die Rolle des Koordinators, des Vermittlers – fast wie ein Regisseur eines merkwürdigen Familiendramas, das keiner bestellt hatte.

Es war nicht leicht, aber wir meisterten es.

Und dann war da plötzlich diese Summe – meine Erbschaft. Und mit ihr die Frage: Was nun? Ich entschied mich für einen Neuanfang. Eine Eigentumswohnung, nicht weit vom Arbeitsplatz, gut angebunden, zukunftstauglich. Kein Palast, aber ein Zuhause. Etwas Eigenes. Ein stilles Danke an Müeti und Vatti.

Das Grab besuchte ich selten. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern weil ich glaube, dass Trauer keinen Ort braucht. Ich trage sie in mir, und so ist es richtig. Die Pflege des Grabes überliessen wir einem Friedhofsgärtner mit grünem Daumen – jemand, der Blumen sprechen lässt, wo Worte fehlen.

Ob meine Eltern je selbst etwas geerbt haben, weiss ich nicht. Und ehrlich gesagt: Es hat mich nie besonders interessiert. Erbschaften sind wie alte Briefe – man weiss nie genau, was drinsteht, bis man sie öffnet. Oft genug merkt man, dass der wahre Wert nicht auf dem Papier steht, sondern in dem, was bleibt – in Erinnerungen, Haltungen, Geschichten.

Und die Geschichte meiner Eltern – sie bleibt. Wie ein Lied, das in einem nachhallt, auch wenn der letzte Ton längst verklungen ist.

Meine Grosseltern
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3.  Meine Grosseltern
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Meine Grosseltern mit Familien


anfangs 1930er-Jahre, Ossingen – Familie Wespi

 

Jakob und Bertha Wespi-Wolfer, meine Grosseltern väterlicherseits, mit Gustav, meinem Vater und Rosa. Elsa war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren.

 

 

Mitte der 1930er-Jahre, Werdhof bei Ossingen – Familie Vetter

 

Anna und Albert Vetter-Furrer, meine Grosseltern mütterlicherseits, mit Ruth (links) und Anna, meiner Mutter.



Mein Grossvater väterlicherseits: Jakob Wespi-Wolfer
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3.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits: Jakob Wespi-Wolfer.
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22. April 1972, Ossingen – mein Grossvater väterlicherseits, Jakob Wespi-Wolfer

 

Mein Grossvater gehörte irgendwie zum Inventar – und ich meine das im liebevollsten Sinne. Er war einfach da. Ein Teil des Hauses, ein Teil der Gespräche, ein Teil der Familie. Obwohl sein Gehör ihn mit den Jahren immer mehr im Stich liess, versuchte er mitzuhalten – soweit es eben ging. Manchmal verfehlte er das Thema, manchmal verstand er nur die Hälfte, aber niemand war ihm deswegen böse. Seine stille Präsenz allein schon war ein Beitrag zur Gemeinschaft.

Sein Leben hatte früh eine dramatische Wendung genommen. Gerade einmal zwanzig Jahre alt, geriet er in einen schweren Unfall mit einem Ochsengespann, das er lenkte. Dabei erlitt er einen Schädelbruch, verlor das Gehör auf einem Ohr und war von da an als militärdienstuntauglich eingestuft. Fortan trug er stets einen kleinen, weissen Wattepfropfen im Ohr, den er regelmässig wechseln musste. Auch sein Gebiss hatte er eingebüsst – die obere Zahnreihe war vollständig ersetzt worden.

Trotz seiner Verletzungen war er ein zäher Kämpfer mit einem erstaunlich modernen Geist. Besonders faszinierte ihn die Technik. Während andere Bauern noch mit Pferden arbeiteten, übersprang er diese Phase kurzerhand und schaffte sich einen Traktor an. Das war für ihn wie ein Sprung in die Zukunft. Er war begeistert von der Idee, mit mehr Kraft und Geschwindigkeit die Felder zu bestellen – mit einem Traktor konnte man wesentlich mehr schaffen, das war ihm sofort klar.

ohne Datum, Ossingen – Grossvater Jakob Wespi auf seinem Traktor

 

Er widmete sich voll und ganz der Landwirtschaft. Ein Vollblutbauer war er, mit Leib und Seele, bis ins hohe Alter. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, dass er je auf einem anderen Hof gearbeitet oder je Ferien gemacht hätte. Seine Welt war der Bauernhof – und alles, was er an einem Tag mit dem klobigen schwarzen Velo mit Rücktrittbremse erreichen konnte.

Mit 75 Jahren übergab er den Hof meinem Vater. Das war wohl die grösste Veränderung seines Lebens. Müeti meinte damals: «Wenn Hansruedi auch so lange warten müsse, läuft er uns davon und macht etwas anderes.» Ganz unrecht hatte sie nicht. Die Zeiten änderten sich, und mit ihnen die Vorstellungen der jungen Generation.

Besonders gerne machte ich mit ihm Sonntagsspaziergänge. Oft gingen wir zusammen ein Stück Land anschauen, das der Familie gehörte. Der Weg führte über eine Bahnlinie Richtung Stein am Rhein. Sobald sich ein Zug näherte, trat die Bahnwärterin aus ihrem Häuschen und kurbelte mit kräftigen Armen die rot-weisse Schranke herunter. «Ting – ting – ting …» machte die Glocke dabei, ein vertrautes Geräusch, das sich in meine Kindheit eingebrannt hat. Für mich war das jedes Mal ein kleines Abenteuer, beinahe genauso spannend wie der Spaziergang selbst.

Das Alter hatte ihn körperlich gezeichnet: Er humpelte sichtbar, der Rücken war gekrümmt von Jahren harter Arbeit und zuletzt begleitete ihn ein Stock bei jedem Schritt, die Füsse über den Boden schlurfend. Grossvater war ein Gewohnheitstier. Bis ins hohe Alter sammelte er abends gewissenhaft die Eier im Hühnerstall ein. Müeti sprach ihn eines Tages darauf an. Er schleppte nämlich nicht nur die Eier, sondern auch eine beachtliche Portion Hühnerdreck mit in die Küche – seine Füsse wollten einfach nicht mehr recht mitmachen. Müeti sagte sanft, aber bestimmt: «Lieber Vater, das ist jetzt leider nicht länger möglich.» Es fiel ihm sichtlich schwer, diese Aufgabe aufzugeben. Es war nicht bloss ein Handgriff, sondern ein Ritual, ein Rest Selbstständigkeit.

Danach sass er oft am Stubenfenster auf einem Stuhl mit dicker Polsterung, den Blick hinaus auf den kleinen Abschnitt Strasse, der zwischen den Häusern durchführte. Er beobachtete das Kommen und Gehen, sah Kinder zur Schule laufen, Nachbarn tratschen, Autos vorbeifahren. Von dort aus betrachtete er einen letzten Zipfel Welt, die draussen weiterzog, während seine langsam zur Ruhe kam.

Der Pöstler war im Leben meines Grossvaters weit mehr als ein Überbringer von Briefen. Mit der AHV brachte er nicht bloss Geld, sondern auch das Gefühl, nicht vergessen zu sein – eine Verbindung zur Aussenwelt, die Grossvater nur noch selten betrat.

Und wie oft stieg uns dabei der intensive Geruch von Tigerbalsam in die Nase – dieser beissende, durchdringende Duft nach Menthol, Kampfer und Eukalyptus. Es schien, als explodierte ein ganzes Gewürzregal. Der Duft kündete vom Alter, von Schmerzen, von einem Körper, der nicht mehr wollte wie einst.

Er hinterliess uns wenig Materielles, aber ein besonderes Erinnerungsstück habe ich noch immer: den «Hundertjährigen Hauskalender». Mein Grossvater war überzeugt, damit das Wetter vorhersagen zu können. Traf die Prognose zu, sagte er zufrieden: «Der Hundertjährige hatte halt doch recht.» Und wenn nicht, schwieg er einfach.

Im «Hundertjährigen Hauskalender» meines Grossvaters fand sich unter anderem der berühmte «Hundertjährige Wetterkalender» – ein Schatz an bäuerlicher Wetterweisheit.

 

Die letzten Tage seines Lebens waren schwer. Er bekam Fieber, entwickelte eine Lungenentzündung. Die Gemeindeschwester kam täglich, wusch ihn, überprüfte seinen Zustand. Er wollte noch aufstehen, drohte aus dem Bett zu fallen, und daraufhin brachte man eine Bettumrandung an. In der Nacht zum 26. November 1973 verstarb er, still und ohne Aufsehen. Müeti sagte es mir am Morgen mit leiser Stimme. Seinen leblosen Körper wollte ich nicht sehen – es war mir zu unheimlich, zu fremd. Und doch spürte ich eine tiefe, fremde Traurigkeit, wie ein grosser Schatten, der mich plötzlich einhüllte.

Ein schwarzer, von einem Pferd gezogener Leichenwagen hielt vor dem Haus. Der Stoffüberzug der Kutsche wehte im Wind. Der Leichenzug war dann wie aus einem alten Heimatfilm. Mein Bruder Ernst und ich gingen hinter dem Wagen, gefolgt von unseren Eltern und den anderen Trauergästen. Der Fuhrmann ging ruhig neben dem Pferd her. Alles war still, nur die klackenden Hufe hallten über die Strasse, während der Leichenzug in Richtung des Friedhofs bei der Kirche in Hausen bei Ossingen zog.

Es war ein Abschied mit Würde. Ich glaube, Grossvater war ein glücklicher Mensch. Kein Mann der grossen Worte, aber einer mit Tiefe. Einer, der das Leben nahm, wie es kam – und es mit einer Mischung aus Stolz, Sturheit und Schalk durchschritt.

Meine Grossmutter väterlicherseits: Berta Wespi-Wolfer
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3.2.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter väterlicherseits: Berta Wespi-Wolfer.
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ohne Datum, Ossingen – meine Grossmutter väterlicherseits: Bertha Wespi-Wolfer

 

Meine väterliche Grossmutter habe ich nie kennengelernt, weil sie starb, bevor ich auf die Welt kam. Von meinen Tanten erfuhr ich nur wenige Dinge über sie.

Zum Beispiel war Eile für sie ein Fremdwort. Sie lebte nach dem Motto: «Nur die Ruhe kann es bringen.» Daher beherrschte sie die Kunst der Entspannung und Gelassenheit.

Eine Geschichte über sie ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ihre Beerdigung war offenbar von grosser Hast geprägt. Die Hitze war unerträglich, und gekühlte Räume gab es damals noch nicht. Man musste sie so schnell wie möglich bestatten, um den Zersetzungsprozess in der Hitze zu verhindern. Es schien, als ob sie selbst im Tod noch Ruhe ausstrahlte, während alles um sie herum hektisch wurde.

Ich frage mich, welche wundervollen Erlebnisse und Geschichten sie wohl noch hatte, von denen ich leider nichts erfahren konnte.

Mein Grossvater mütterlicherseits: Albert Vetter-Furrer
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3.3.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater mütterlicherseits: Albert Vetter-Furrer.
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1976, Ossingen – mein Grossvater mütterlicherseits, Albert Vetter-Furrer

 

Wenn ich an meinen Grossvater mütterlicherseits denke, erscheint mir noch heute dasselbe Bild: im Sommer, Strohhut auf der Glatze, draussen auf dem Feld bei der Arbeit. Grossvater war ein Mann, der trotz seiner zitternden Hände und seines zitternden Kiefers nie stillstand. Er arbeitete mit Leidenschaft – ob auf dem Feld oder im Wald – und das Zittern minderte seine Tatkraft nicht.

Der Werdhöfler-Grossvater wuchs in Hausen bei Ossingen in der Familie Vetter auf. Als junger Mann verliebte er sich in seine spätere Frau, die auf dem Werdhof lebte. Gemeinsam bauten sie sich dort ihr Leben auf. Der Hof blieb während Jahrzehnte ihr Zuhause und Lebensmittelpunkt. Grossvaters Liebe zur Natur und zum bäuerlichen Leben war unverkennbar. Er kannte jeden Weg und jeden Winkel rund um den Hof wie seine eigene Westentasche. Mit Leib und Seele war er ein Werdhöfler.

Seine berufliche Laufbahn war eng mit der Landwirtschaft verbunden. Er war Bauer aus Überzeugung, doch daneben arbeitete er auch als Kutscher für die angesehene Familie Huber, Besitzer des Schlosses Wyden bei Ossingen. Herr Huber war Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Grossvater brachte die Hubers in der Pferdekutsche vom Bahnhof Ossingen zum Schloss und zurück. Die prächtige Kutsche gehörte zwar dem Schloss, die Pferde aber waren Grossvaters ganzer Stolz und sein Eigentum.

Was den Werdhöfler-Grossvater von Grossvater Jakob Wespi unterschied, war die Tatsache, dass er nie einen Traktor besass. Stattdessen bewirtschaftete er sein Land ausschliesslich mit Pferden als Zugtiere.

An den Sonntagnachmittagen, wenn wir zu Besuch waren, wurde oft gejasst. Um mitzuspielen war ich zwar noch zu klein, aber ich liebte es, dabei zu sein. Die gespannte, aber fröhliche Stimmung, das laute Lachen, das lebendige Miteinander – das alles prägte sich mir ein. Grossvater war nicht nur ein leidenschaftlicher Jassspieler, sondern auch ein geschickter Helfer auf unserem eigenen Hof. Besonders während dem Wümmet im Herbst war seine Unterstützung unverzichtbar. Sorgfältig pflückte er die Trauben – jede einzelne begutachtend, da er nur die besten in den Kübel legen wollte.

Nach der Aufgabe seines Betriebs war Grossvater zunächst rastlos. Ihm fehlte der Stall, das Vieh, der tägliche Sinn. Um ihn zu beschäftigen, schlugen meine Eltern vor, dass er zwei Rinder halten sollte – Tiere, die nicht gemolken werden mussten und daher weniger Aufwand bedeuteten. Täglich brachte mein Vater oder mein Bruder frisches Gras in seine Scheune. Und tatsächlich: Grossvater blühte auf. Die Pflege der Rinder, das Füttern, selbst der Mist – all das gab ihm Struktur und Freude.

In Grossvaters Leben spielte meine Grossmutter eine zentrale Rolle. Sie war sein Gegenstück, sein Rückhalt. Gemeinsam führten sie den Hof, trugen die Freuden wie die Mühen, standen einander in allen Lebenslagen bei. Auch die beiden Töchter, darunter meine Mutter, bedeuteten ihm alles – er war ein stolzer Vater. Und auf dem abgelegenen Werdhof waren auch die Nachbarn wichtig – es gab nur drei Bauernhöfe, man war aufeinander angewiesen, half sich gegenseitig. Die Gemeinschaft war klein, aber stark.

Als Grossvater im hohen Alter seine Kräfte schwinden fühlte, mussten er und meine Grossmutter den Werdhof verlassen. Sie zogen gemeinsam ins Altersheim «Schloss» in Andelfingen. Dort wurde für sie gekocht, gewaschen – ein ganz neues Leben ohne die Last der täglichen Hofarbeit.

Doch mit dem Wechsel kam auch der Abschied: Beide Grosseltern verstarben wenige Monate nacheinander. Der Verlust traf uns alle hart. Die Erinnerungen an den Werdhof, an die Geschichten und an die Tage, die wir zusammen verbracht hatten, wurden dadurch noch wertvoller.

Obwohl ich leider keine Gegenstände von meiner Zeit im Werdhof und mit meinem Grossvater habe, sind die kostbaren Erinnerungen immer noch da. Ich schätze die Zeiten, die wir zusammen hatten.

Meine Grossmutter mütterlicherseits: Anna Vetter-Furrer
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3.4.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter mütterlicherseits: Anna Vetter-Furrer.
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1976, Ossingen – meine Grossmutter mütterlicherseits, Anna Vetter-Furrer

 

Meine Grossmutter mütterlicherseits, Anna Vetter-Furrer, war eine Frau von ungewöhnlicher Tatkraft – und für mich eine Art lebendige Legende. In unserer Familie war sie bekannt für ihr mutiges Wesen und ihre stille Entschlossenheit. Besonders deutlich sehe ich noch ihr grünliches Kleinmotorrad mit dem gelben Kontrollschild vor mir – ein Anblick, der damals alles andere als gewöhnlich war. Sie war die Einzige weit und breit, die sich auf solch einem Zweirad fortbewegte, sei es, um frische Milch in einer Tanse auf dem Rücken zur Molkerei zu bringen, oder einfach, um Besorgungen im Dorf zu erledigen. Damit wurde sie zu einer Pionierin, zu einer Frau, die sich nicht scheute, Wege zu gehen, die für andere Frauen ihrer Generation unüblich waren.

Mit festem Blick und den langen Haaren, stets zu einem Dutt – einem «Bürzi», wie wir es nannten – auf dem Hinterkopf zusammengebunden, ging sie das Leben an. Während der Kriegsjahre führte sie mit ihren beiden Töchtern den Bauernhof allein, denn mein Grossvater war im Militärdienst. Als Bäuerin auf dem abgelegenen Werdhof war sie für fast alles zuständig – Getreideanbau, Gemüse- und Obsternten, die Pflege von Kühen, Schweinen und Hühnern, die Zubereitung der Mahlzeiten, das Waschen der Kleidung, die Kinderbetreuung. Ihre Tage begannen früh, endeten spät – ohne zu klagen.

Meine eigenen Erinnerungen an meine Grossmutter sind voller Wärme. Mit uns Kindern spielte sie «Eile mit Weile» und das berühmte «Leiterlispiel». Ihre Ruhe und Geduld waren ansteckend – sie freute sich über jeden Würfelwurf und erklärte die Regeln mit Engelsgeduld. Während sie mit uns spielte, hörte man nebenan meinen Grossvater und die Eltern Jass klopfen. Das fröhliche Schlappern der Karten und das Lachen der Erwachsenen erfüllten den Raum mit einer heiteren, lebendigen Stimmung.

Bei uns lüftete meine Grossmutter im Frühling gemeinsam mit Müeti die Betten und trug diese in die Sonne, um sie zu erfrischen. Beim Frühjahrsputz scheute sie nicht davor zurück, mit Salmiak die Stubenwände und die Decke feucht abzuwischen. Auch bei der grossen Wäsche half sie tatkräftig, die Kleider zu waschen und im Baumgarten auf die Leinen zu hängen. Meine Grossmutter sehe ich noch vor mir, wie sie zusammen mit Müeti die flatternden Leintücher befestigte – für mich als kleines Kind ein magisches Schauspiel.

Aber auch auf dem Feld war meine Grossmutter eine rege Unterstützung. Sie half dabei, Weizengarben zu «Puppen» zusammenzustellen, damit die Ähren optimal trocknen konnten. Ferner packte sie bei der Trauben-, Kartoffel- und Futterrübenernte tatkräftig mit an.

Es gab auch andere Aufgaben, die meine Grossmutter mit derselben Entschlossenheit erledigte. Dabei half sie Müeti beim Schlachten der Suppenhühner, einer Arbeit, die ich mir nicht stundenlang mitansehen konnte. Ich zog es vor, mich währenddessen spielerisch zu beschäftigen.

Später im Leben, als der Alltag auf dem Hof zu beschwerlich wurde, zogen meine Grosseltern ins Altersheim «Schloss» im nahen Andelfingen. Dort konnten sie zur Ruhe kommen. Sie mussten nicht mehr für alles selbst sorgen. Doch die Veränderung war gross und das Loslassen fiel ihnen nicht leicht. Nur wenige Monate nach dem Tod meines Grossvaters verstarb auch meine Grossmutter – ein doppelter Verlust, der uns alle tief traf. Und doch bin ich dankbar, dass sie ihren letzten Lebensabschnitt an einem Ort verbrachten, wo man ihnen mit Fürsorge und Respekt begegnete.

Auch wenn keine materiellen Dinge mehr von ihr erhalten sind, tragen meine Sinne noch ihre Spuren: den Duft der leicht violetten Anisguetzli mit einem Schuss Rotwein, die sie zu Weihnachten buk – ihr ganz eigenes Rezept. Oder der feurig blühende Weihnachtskaktus, der von der Stubendecke an Ketten hing. Es sind diese kleinen, sinnlichen Erinnerungen, die sie mir unvergesslich machen.

Das Haus meiner Kindheit
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4.  Das Haus meiner Kindheit
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1960, Ossingen, Steinerstrasse 7.– mein Elternhaus

Hier verbrachte ich meine Kinder- und Jugendzeit. Der Vorgarten hatte noch einen umzäunten Blumengarten.

 

Wie gross war dein erstes Zuhause?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Wie gross war dein erstes Zuhause?
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Unser Zuhause in Ossingen – ein Ort, der derart viele Geschichten zu erzählen hatte, dass selbst die Wände zu flüstern schienen. Es war kein gewöhnliches Haus; nein, es war eine eigenartige Mischung aus Wohnraum und Bauernhof, ein althergebrachtes Dreisässenhaus in Riegelbauweise.

An der Steinerstrasse 7 thronte es stolz, gekrönt von einem himmelblauen Blechschild über der Wohnungstüre, welches die Nummer 91 in einer ehrfürchtigen Pose trug – nicht nur eine Nummer, sondern eine Art Gütesiegel für das Gebäude: «Hier wohnt ein Unikat!»

Vor der massiven Eingangstür mit den glänzenden Messingbeschlägen und dem Briefkastenschlitz lag eine kleine Plattform, gesichert von einem stabilen eisernen Geländer. Es machte den Anschein, als wollte das Haus damit sagen: «Komm nur herein, aber pass auf, ich habe Charakter!»

Erinnerst du dich an die einzelnen Räume im Wohnhaus?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Erinnerst du dich an die einzelnen Räume im Wohnhaus?
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Hochparterre

Die sonnengeküsste, hölzerne Haustüre öffnete den Weg in den Hausgang. Wenige Schritte weiter prangte linkerhand an der Tür ein weisses Blechschild mit schwarzer Schrift, auf dem in kräftigen Buchstaben «Bureau» stand. Es war das Büro des Gemeindeschreibers, nämlich von meinem Vatti. Gegenüber lag die gemütliche Wohnstube. Links von dort, vorbei am wärmespendenden Kachelofen, führte eine weitere Türe in das Schlafgemach von Grossvater.

In unserem Haus gab es so viele Türen und Gänge, dass es etwas verschlungen wirkte. Ein paar Schritte weiter den Gang entlang führten zur Küche, von der aus man wiederum auf der rechten Seite zu Grossvaters Zimmer gelangen konnte. Vor der Küchentür mit mattem Glasfenster bog der Gang nach links ab, zur Kellertreppe, die einen durch eine Holztür in die Tiefen des Hauses führte. Nach einem Rechtsknick gelangte man am Ende des Gangs zur hinteren Haustür und zur Treppe ins obere Stockwerk.

«Brüggli»

Beim Verlassen der hinteren Haustür stand man auf einem charmanten hölzernen Podest, das wir schlicht «Brüggli» nannten. Eine kurze Treppe hinunter führte zum gegenüberliegenden Hühnerstall. Links von dieser Treppe führte ein weiterer Aufgang zum Holzschopf über der Garage.

Plumpsklo

In meiner Kindheit war das Plumpsklo, das links vom Brüggli stand, ein fester Bestandteil meines Alltags – oder besser gesagt, meiner Allnacht. Es war ein bescheidenes Holzhäuschen ausserhalb des Wohnhauses, in der Ecke neben dem Schweinestall, über der berüchtigten Güllegrube. Mein Grossvater mütterlicherseits nannte es stolz «Thron» – ein Name, der vielleicht etwas Königliches suggerierte, aber von Glanz und Gloria war das stille Örtchen meilenweit entfernt.

Der Duft, der dort herrschte, war, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Besonders im Sommer, wenn der Holzdeckel über dem Loch gelüftet wurde und die Fliegen herausschwirrten, als planten sie einen Aufruhr.

Das Toilettenpapier, ein armseliges Geschöpf aus zerrissenen Zeitungen, kratzte hartnäckig an der Haut und wusste nichts von der Kunst der Saugfähigkeit. Einmal hatte jemand die grandiose Idee, ein altes Telefonbuch kurzerhand mit der Bandsäge zu zerschneiden, nur um die halbierten Seiten dann als Toilettenpapier zu benutzen. Das Ergebnis war noch schlimmer.

Dann waren da noch die Momente, in denen die Güllegrube beinahe bis zum Rand gefüllt war und ein besonders kräftiges «Plumps» eine fontänenartige Reaktion auslöste, die bis zu den unvorbereiteten Gesässbacken reichte. Es war ein Spiel mit dem Schicksal, bei dem man nie wusste, ob man trocken davonkommen würde.

Doch inmitten all dieser Abenteuer gab es einen kleinen Segen: den Nachthafen im Schlafzimmer, der einem die nächtlichen Gänge zum Plumpsklo im Winter ersparte.

Obergeschoss, das wir liebevoll «Überobe» nannten

Oben angekommen offenbarte sich ein Labyrinth aus verschiedenen Zimmern und Gängen. Geradeaus befand sich das Schlafzimmer von Hansruedi und Werner. Linkerhand verlief der Gang zu den weiteren Kammern. Auf halber Strecke lag rechterhand die Gangkammer direkt über dem Hausgang. Auf der gegenüberliegenden Seite die Küchenkammer über der Küche. Am Ende des Ganges ging es nach rechts ins elterliche Schlafzimmer über der Stube. Geradeaus führte die Türe in unser Zimmer, das Reich von Ernst und mir, über Grossvaters Schlafgemach.

Treppen, die Stockwerke verbanden

Parallel zur Treppe im ersten Stock lenkte ein Gang zur Estrichtreppe hinter einer einfachen Holztür. Es gab also insgesamt drei längere, übereinanderliegende Holztreppen in diesem Wohnhaus, die uns wie magische Pfade durch die Stockwerke verbanden – vom dunklen Keller zum Hochparterre, dann zum ersten Stock und schliesslich zum luftigen Estrich hoch oben unter dem Dach.

Der Klang, der beim Begehen dieser Treppen ertönte, ja das Knarren und Knacken jeder einzelnen Stufe war einmalig. Es klang geradezu, als erzählten die Treppen ihre eigenen Intermezzi, während sie uns von einem Stockwerk zum nächsten trugen.

Wie hat die Küche ausgesehen?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Wie hat die Küche ausgesehen?
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Küchentisch

In der Mitte der Küche stand ein grosser Tisch mit zwei Schubladen voller Besteck und allerlei Küchenutensilien – von Raffeln und Rüstmessern bis zu Kellen.

Sieben Stühle luden zum Sitzen ein und rundeten das Ensemble harmonisch ab. Über dem Tisch hing eine kugelrunde Lampe, die ihr warmes Licht über den gesamten Raum warf und ihn in ein behagliches, einladendes Ambiente tauchte.

Schäfte und Spültrog

Betrat man vom Gang her die Küche mit Plattenboden, fielen sofort die imposanten Küchenschränke an der linken Wand ins Auge. Direkt am Fenster stand der massive Spültrog aus Stein, ein zentraler Ort des täglichen Lebens. Vor dem Fenster waren eiserne Gitterstäbe im Mauerwerk verankert, die sich stehend und liegend kreuzten und dem Raum eine fast burgartige Atmosphäre verliehen.

Elektrogeräte

An der rechten Wand, gleich neben der Tür, die in Grossvaters Kammer führte, stand ein kleines Tischchen, auf dem eine robuste Kenwood-Küchenmaschine ihren festen Platz einnahm. Unter dem Tischchen warteten zwei flache, blecherne Schüsseln für das Katzenfutter – eine für Milch und eine für feste Nahrung. Weiter rechts stand ein fortschrittlicher Elektro-Kombiherd mit vier Kochplatten und einem geräumigen Backofen darunter.

Holzherd

Die wahren Meisterwerke der Küche entstanden auf dem alten, rustikalen Kochherd, dessen knisterndes Feuer der Küche eine behagliche Atmosphäre verlieh. Über der Ablagefläche zwischen dem elektrischen und dem Holzherd warteten gläserne Schubbehälter, die in die Wand eingelassen waren, auf die geschickten Hände der Köchin. Hier gab es Zucker, Mehl, Salz und Gewürze wie Lorbeerblätter oder Gewürznelken. Über der Ablagefläche strahlte eine gläserne Kugellampe, wie sie auch über dem Esstisch hing. Unter der Ablagefläche befand sich eine kippbare Kiste, beladen mit duftendem Holz für den Holzherd.

Über dem Holzherd, an der Wand in der darüber liegenden Küchenkammer, hing ein Warmwasser-Boiler, der durch einen indirekten Wasserkreislauf (Wärmetauscher) vom Holzherd beheizt wurde. Eine kluge Konstruktion, die die Energie des Feuers auf clevere Weise nutzte.

Durch eine Klappe im Kamin konnte die wohltuende Abwärme des Holzherds zur Ofenbank, dem gemütlichen «Chüstli» in der Stube, umgeleitet werden – ein luxuriöses Vergnügen zum Entspannen und Träumen.

Im Sommer verzichtete man auf diesen Luxus. Bei schwülem Wetter erforderte es ein wahres Meisterwerk der Technik, den Holzkochherd anzufeuern. Rauchentwicklung war in der Küche unerwünscht, daher war es entscheidend, einen kräftigen Luftzug im Kamin zu erzeugen. Dazu zündete man ein Zeitungspapierknäuel an und gab es direkt in den Kamin hinter der Wartungsöffnung in der Wand. Auf diese Weise wurde die Luft in Bewegung gesetzt, und das Feuer konnte seine volle Kraft entfalten.

Holzofen, Backofen

Die Küche war der Mittelpunkt des Hauses. Hier wurde nicht nur gekocht und gegessen, sondern auch das gesamte Heizsystem gesteuert. Der Kachelofen in der gemütlichen Stube wurde von der Küche aus befeuert und war nicht nur Wärmequelle, sondern das Herzstück der Heizung. Die Rohre des Wasserkreislaufs, die den unteren Brennraum des Ofens umgaben, führten zu den Gussheizkörpern in allen Zimmern ausserhalb der Küche. Unter den Fenstern verbreiteten sie im Winter angenehme, wohlige Wärme.

Allein der Ofen hatte noch mehr zu bieten: Im oberen Brennraum befand sich ein Holz-Backofen. Hier entstanden die besten Holzofenbrote, Birnenbrote und Weggen der Umgebung.

Im Boden der beiden Brennräume befand sich eine Klappe, die bei Bedarf geöffnet werden konnte, um die Asche bequem in den unteren Brennraum oder von dort in den Aschensammler im Keller zu befördern. Ein nützliches Detail, das die Arbeit in der Küche erleichterte.

Als ich noch ein Kleinkind war, wurde die Holzheizung auf altmodische Weise entfacht – mit Bündeln aus Ästen, den sogenannten «Burdenen». Im Laufe der Zeit hielt die Mechanisierung Einzug und die Astbündel wurden durch gehäckseltes Holz, das Hackholz, ersetzt. Sobald genügend Glut vorhanden war, schob man Klafterholzscheite in den Brennraum, um die Wärme zu halten.

Das Unterhalten des Feuers war ein tägliches Ritual. Immer wieder musste Holz nachgelegt werden, bis es am Abend Zeit war, die Flammen erlöschen zu lassen und sich zur Ruhe zu begeben.

Selbstversorger mit Steckdosenanschluss

Unsere Familie lebte weitgehend von dem, was wir selbst erzeugten. Nahrung und Kleidung stammten zu einem grossen Teil aus eigener Produktion. Nur Strom und Treibstoff liessen sich – leider – nicht im eigenen Garten anbauen.

Arbeiten vor dem Morgenessen

Die Essenszeiten richteten sich nach den Arbeiten im Stall und der Versorgung der Tiere. Dieser feste Rhythmus prägte unseren Alltag und gab dem Tag eine klare Struktur.

Vor dem Frühstück herrschte bereits reger Betrieb. Die Tiere mussten gefüttert, die Kühe gemolken und die frische Milch zur Milchsammelstelle gefahren werden. Auch der Kuhmist wurde auf den Misthaufen gebracht. Jeder von uns hatte seine Aufgaben, und erst wenn alles erledigt war, setzten wir uns zum Morgenessen an den Tisch.
Welche Erinnerungen hast du an eure Mahlzeiten?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

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6.45 Uhr Morgenessen

Nachdem die Arbeiten im Stall erledigt waren, versammelte sich die Familie um den gemütlichen Küchentisch. Die Wärme des Holzherdes hatte den Raum angenehm durchwärmt, und das einfache, aber nahrhafte Frühstück wartete bereits auf uns.

Bevor wir jedoch die Mahlzeit geniessen durften, galt eine unumstössliche Regel: Händewaschen! Diese Weisung galt für alle Familienmitglieder. Das war auch nötig, denn in unserer Wohnung gab es nur einen einzigen Wasserhahn – beim Abwaschbecken in der Küche.

Die Erwachsenen tranken ihren Filterkaffee, mit heisser Milch gemischt, während wir Kinder unsere Milch mit dem geheimnisvollen Dawamalt-Pulver versetzten – angeblich ein Zaubertrank für zusätzliche Energie.

Das Bauernbrot, das wöchentlich frisch aus Müetis Holzbackofen kam, bestrichen wir grosszügig mit goldgelber Butter und selbstgemachter Beerenkonfitüre aus dem Garten. An manchen Sonntagen wurden wir sogar mit duftendem Bienenhonig verwöhnt. Auf der Blechdose stand ein Werbespruch: «Mutter, gib deinem Kinde Honig, denn er ist gesund» – oder zumindest so ähnlich. Der Honig schmeckte so süss, dass wir uns für einen Moment wie Könige fühlten.

Sonntagszopf

Manchmal, wenn Müeti in Backlaune war, backte sie am Samstagabend Butterzöpfe. Oh, wie ich diese feinen Zöpfe liebte! Sie waren so köstlich, dass ich kaum aufhören konnte, ein Stück nach dem anderen zu essen. Ein goldbrauner Butterzopf, mit Bienenhonig bestrichen, war für mich das schönste Sonntagsfrühstück.

«mhmmm»

 

Frühstück in der frostigen Jahreszeit

In den Wintermonaten verwöhnten wir uns zum Frühstück gerne mit einer deftigen Mahlzeit – Kartoffelrösti, goldbraun gebraten. Auf dem Küchentisch standen zwei grosse Schüsseln mit der knusprigen Rösti, aus denen wir uns mit dem Esslöffel eine Portion nahmen und sie genüsslich assen.

Bei aller Gemütlichkeit des gemeinsamen Frühstücks gab es eine kleine Herausforderung: die Nase unseres Grossvaters. Trotz seiner feinen Manieren konnte es vorkommen, dass ein Tropfen daraus in den dampfenden Milchkaffee fiel – ein Anblick, der uns Kinder schaudern liess.

Noch heute kann ich dieses unangenehme Gefühl nicht ganz abschütteln. Interessanterweise fällt mir inzwischen selbst auf, dass ältere Menschen ihre tropfende Nase oft gar nicht bemerken. Zu meinem leisen Entsetzen muss ich gestehen: Ganz immun bin auch ich nicht.

Vorbereitung der Kartoffelrösti

Am Vorabend war es ein festes Ritual, die Kartoffeln für unsere begehrte Rösti vorzubereiten. Sorgfältig schälten wir die gekochten Knollen und entfernten alle grünen Stellen und Wurmlöcher. Dann kam der aufwendige Teil: das Raspeln der Kartoffeln, bis sich ein stolzer Berg von rund 1,7 Kilogramm Röstimasse auftürmte. Zum Schluss streute Müeti etwas Salz darüber, um den Geschmack zu verfeinern.

Spiegeleier à discrétion

Hie und da gönnten wir uns am Samstagmorgen eine besondere Leckerei: Spiegeleier, so viele wir wollten. Brucheier gab es immer genug, frisch gelegt von unseren eigenen Hühnern. Mit Brotstängeln tunkte ich genussvoll in das flüssige Eigelb und liess den Bissen langsam im Mund zergehen. Übrigens funktioniert das genauso gut mit weich gekochten Eiern. Bis heute halte ich an dieser lieb gewonnenen Gewohnheit fest.

Müetis Mittagstisch

Wenn unser Müeti das Mittagessen zubereitete, bedeutete dies stets ein wahres Meisterwerk der Organisation. Eine dampfende Suppe zu Beginn hatte eine stille, fast unbemerkte Wirkung. Sie eignete sich vorzüglich, den Gaumen auf die Mahlzeit vorzubereiten. Heisse Suppe konnte nicht schnell hinuntergeschlungen werden, nein! Es erforderte Geduld, um sich nicht die Zunge zu verbrennen. Doch dieses kleine Unbehagen war es wert. Während des langsamen Nippens konnte man den Geist beruhigen und sich auf das Essen einstimmen.

Suppen waren nicht nur vielseitig, sondern hatten noch andere Vorteile. Zum grössten Teil bestanden sie aus Wasser, dem Durstlöscher Nummer 1, und zudem boten sie eine wahre Gaumenfreude mit einer Vielfalt aus Gemüsen und Gewürzen. Sie waren auch wirksame Appetitzügler und Sättigungshilfen. Und als Krönung der Vielfalt konnten Suppen sogar Reste in kulinarische Wunder verwandeln – von schlicht zu spektakulär in einem Topf!

Zu trinken gab es meistens hauseigenen Apfelsaft. Aber manchmal, oh Schreck, hatte der Saft einen leicht muffigen Nebengeschmack – wohl vom Holzfass im Keller, das schon längere Zeit in Gebrauch war. Dort konnte sich mit der Zeit etwas Schimmel ansetzen. Doch keine Sorge, das passierte nur selten. Dann mengte ich dem Saft mehr Wasser bei, um den Miefgeschmack zu reduzieren.

In einer Zeit, in der es noch keine Kühlschränke gab, war es nicht leicht, Lebensmittel lange frisch zu halten. Trotzdem hatte der Süssmost etwas Einzigartiges, das man in den heutigen Supermarktregalen vergeblich sucht – einen Hauch von Nostalgie und Erinnerungen an eine einfachere Zeit.

Eier und kreative Gerichte

Unser Hühnerhof war ein wahrer Reichtum für unsere Familie. Täglich legten Dutzende glücklicher Hennen frische Eier. Nur war nicht jedes Ei perfekt für den Verkauf. Manchmal gab es Risse in der Schale, manchmal waren sie zu gross oder zu klein.

Gott sei Dank hatten wir ein Müeti, das auch aus Eiern, die es nicht auf den Markt schafften, noch kleine Meisterwerke zaubern konnte. Ihre Omeletten waren legendär – mit einer Füllung, die jedem das Wasser im Mund zusammenlaufen liess.

Eine unserer Lieblingsvarianten waren die Omeletten mit zarten Cervelatscheibchen, im Teig eingebacken. Der Geschmack war ein Zusammenspiel aus würzigem und herzhaftem Geschmack.

Noch eine weitere eindrucksvolle Kreation hatte Müeti auf Lager: Omeletten, die wie eine Torte aufgetürmt wurden, mit einer süssen Füllung aus Haselnüssen und Weinbeeren zwischen jeder Schicht.

Sämtliche Gerichte aufzuzählen, die Müeti zubereitete, würde den Rahmen sprengen. Einige möchte ich trotzdem erwähnen, denn sie blieben mir in lebendiger Erinnerung.

Als Kind war ich absolut kein Fan von Spinat. Auch wenn auf einem Bett aus saftig grünem Spinat Spiegeleier serviert wurden, konnte das meine Abneigung gegen dieses Gemüse nicht ändern. Lieber mochte ich gebratene Spinatküchlein oder Spinat auf einer knusprigen Wähe mit Speck. Wenn der Spinat gut gebacken und mit einer verführerischen Kruste bedeckt war, konnte ich ihn gerade noch ertragen. Auch Krautstiel und Kefen gehörten zu den Gemüsesorten, die ich lieber den Hühnern vorwarf, als sie selbst zu essen.

Wenn es hingegen um etwas Süsses ging, war mein Widerstand dahin – besonders bei herrlich duftenden Apfelküchlein mit Zimtzucker. Allein das Bukett aus dem Ofen versetzte mich in kulinarische Verzückung, und ich konnte gar nicht genug davon bekommen.

Der erste Schluck Most

In einem Holzfass im Keller lagerte Apfelmost – vergorener Apfelsaft. Grossvater bekam davon jeweils eine Glaskaraffe voll. Selbstverständlich wollte ich auch mal von diesem schönen, goldgelben Trunk probieren. Grossvater streckte mir sein Glas hin und meinte verschmitzt: «Da, probiere.» Ich nahm einen zügigen Schluck. «Pfui Teufel!» Ausruf und Ausspucken kamen gleichzeitig. Der eben noch begehrte Trunk landete zurück auf dem Tisch. Alle andern am Tisch brachen in Gelächter aus. Ich fand es überhaupt nicht köstlich, nein, abscheulich! Grossvater schmunzelte zufrieden – die Lektion hatte gewirkt.

Hühnersuppe

Hühnersuppe gab es jeweils, nachdem der Hühner-Ausmerzer auf dem Hof vorbeigekommen war und durch Abtasten festgestellt hatte, welche Hennen keine Eier mehr legten. Diese landeten schliesslich im Suppentopf. Da einige von ihnen recht fett waren, schwamm auf der Gerstensuppe, in der ein Suppenhuhn kochte, eine dicke, gelb schimmernde Fettschicht. Wir fanden es alle widerlich – das schlabberige Fleisch mit der Haut liess uns die Nase rümpfen.

Um diese Hühner schmackhafter zuzubereiten, versuchte Müeti, sie in der Bratpfanne anzubraten. Es brutzelte und das Fett spritzte so heftig, dass Müeti Zeitungspapier um den Kochherd auslegen musste, damit sie die Küche danach in vertretbarer Zeit wieder sauber bekam. Solche gebratenen Hühnerstücke mundeten allerdings um einiges besser. So lernte Müeti mit der Zeit, das Beste aus dem Unvermeidlichen zu machen.

Wursträdchen und Kindheitslogik

Gelegentlich verwöhnte mich mein liebes Müeti mit einem leckeren Wursträdchen aus eigener Herstellung. Ich war ein grosser Fan von Würsten und wollte am liebsten noch viel mehr davon. Da kam mir eine Idee: Die Enden mussten doch die besten Teile sein! Wenn ich von jedem am Tisch das Anfangs- und Endstück bekäme, hätte ich eine stattliche Portion. Doch mein Plan scheiterte kläglich – die anderen hingen selbst viel zu sehr an ihren Wurstenden.

Spinattrauma

In der Welt meiner Kindheit herrschte ein ungeschriebenes Gesetz: Man durfte den Tisch erst verlassen, wenn alles Geschöpfte aufgegessen war. Diese Regel fühlte sich an wie Ketten, die mich an den Tisch fesselten, bis zum letzten Bissen. Eine Mahlzeit jedoch trieb mich fast in den Wahnsinn. Ein Berg von Spinat ruhte auf meinem Teller – ein grünes Monster, das ich mehr fürchtete als die Schule am Montagmorgen. Letztendlich beugte ich mich dem grünen Tyrannen und schob mir die Masse widerwillig in den Mund. Heimlich schlich ich zur Toilette und befreite mich von dem verfluchten Spinat. Jedoch waren die Konsequenzen schlimmer als gedacht. Der widerliche Geschmack hielt sich hartnäckig in meinem Mund und liess sich nicht einmal mit Kartoffeln vertreiben. Mein Teller war leer, doch mein Gaumen blieb gefangen in dieser grünen Misere. Diese Tortur prägte mein Verhältnis zu Spinat für immer – und erklärt wohl auch, warum ich ihn später nur gut versteckt in einer Wähe ertragen konnte.

Vattis Essensphilosophie

Vatti hatte eine köstlich-komische Philosophie, wenn es ums Würdigen – oder besser gesagt: ums Retten – von Essen ging. Wenn noch Reste auf dem Tisch lagen, erklang oft sein Mantra: «Das muss man essen, sonst verfault es.» Er beherrschte die Kunst, mehr zu essen, als ihm guttat. Während er die Überbleibsel verzehrte, schwelgte er sichtlich im Genuss. Einerseits fand ich das rührend, andererseits fragte ich mich manchmal, ob man wirklich alles aufessen muss – nur, weil es noch da ist. Vatti hätte darauf wohl geantwortet: «Ja, sonst verfault es.»

12 Uhr – Zeit für das Mittagessen

Eine Viertelstunde vor zwölf Uhr kündigte die Schulhausglocke die Mittagspause an, und hungrig und durstig machte ich mich auf den Heimweg. Pünktlich um zwölf versammelte sich die Familie am Mittagstisch. Aus der Küche stiegen verlockende Düfte auf, die uns das Wasser im Mund zusammenlaufen liessen.

Wie immer kam zuerst die dampfende Suppe auf den Tisch. Danach folgten Salate oder Gemüse, dazu Kartoffeln, Teigwaren oder Reis. Ein ordentliches Stück Fleisch durfte ebenfalls nicht fehlen. Fröhliches Geplauder und manches Lachen machten das gemeinsame Essen zu einem geselligen Ereignis.

Um halb eins erklangen die piepsenden Töne des Zeitzeichens im Radio. Dann hielten alle einen Moment inne, denn gleich begannen die Mittagsnachrichten. Sogar die Mäuse in den Wänden und Decken verstummten für diesen Augenblick. Die vertraute Stimme des Radiosprechers ertönte, und Vatti spitzte die Ohren. Kein Detail durfte verloren gehen – zumindest nach seiner Ansicht.

Zum Schluss folgte die Wettervorhersage. Gute Aussichten lösten bei den Erwachsenen oft ein hörbares Aufatmen aus. Für sie waren die Wetterprognosen nicht bloss Nachrichten, sondern Hoffnung und eine wichtige Grundlage für die Planung der Arbeit.

17.30 Uhr Kinderstunde am Radio

Nach einem langen Tag auf dem Hof standen zwar noch die abendlichen Stallarbeiten bevor, doch zuvor gab es eine einfache Abendmahlzeit. Während beim Mittagessen die Nachrichten im Radio den Ton angaben, freute ich mich am Abend auf die Kinderstunde von 17.30 bis 18.00 Uhr.

Manchmal überliess mir Müeti die Stube ganz allein, nur in Gesellschaft des alten Radioapparats. Während ich mein Abendessen ass, lauschte ich den Märchen und Kasperliabenteuern. Die wunderbaren Geschichten fesselten mich und liessen mich für eine halbe Stunde den Alltag vergessen. In meiner Fantasie wurden sie lebendig und entführten mich in ihre eigene Welt.

Das Abendessen

Abends erwartete uns oft eine bunte Auswahl an kalten Speisen: würziger Emmentaler- und Tilsiter-Käse, Wurst und Speck, manchmal auch gekochte Eier und natürlich Holzofenbrot. Wenn das «Ziger-Fraueli» aus dem Glarnerland mit seinem Leiterwagen vorbeikam, gab es etwas Besonderes: frisch geschabten Glarner Ziger aufs Butterbrot. Für die einen eine Delikatesse, für die anderen schlicht ungeniessbar. Ich gehörte zur ersten Sorte.

Getrunken wurde wie schon beim Frühstück: Die Erwachsenen tranken Milchkaffee, wir Kinder warme Milch mit eingerührtem Dawamalt-Pulver.

Im Winter sorgte Müeti mit Käseschnitten, feiner Apfelrösti oder süssem Haferbrei für Abwechslung. Mein persönlicher Favorit war allerdings Milchreis, der leider viel zu selten auf den Tisch kam. Müeti mochte diese süsse Speise nämlich selbst nicht.

Kultur auf dem Teller

Essen und Trinken dienten bei uns nicht nur dazu, satt zu werden. Die Mahlzeiten gehörten zu unserem Alltag und waren Teil der Lebensweise, mit der wir aufgewachsen waren. Vieles kam aus dem eigenen Garten, aus dem Stall oder aus Müetis Küche. Frisches Brot, selbstgemachte Konfitüre und die Produkte unserer Tiere waren für uns selbstverständlich.

Erst viel später wurde mir bewusst, wie eng unsere Essgewohnheiten mit unseren Wurzeln und den Traditionen früherer Generationen verbunden waren. Was damals selbstverständlich war, erscheint mir heute als ein wertvolles Stück gelebter Kultur.

Was fand in der Küche sonst noch statt?
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Was fand in der Küche sonst noch statt?
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Müetis Küchenmaschine

In unserer Küche stand ein wahres Ungetüm von einer elektrischen Küchenmaschine. Mit ihrem verlässlichen Schwirren schlug sie Rahm zu luftigem Schlagrahm und verwandelte ihn in goldgelbe Butter, die sowohl aufs Brot als auch in vielen Gerichten ausgezeichnet schmeckte.

Dieses zwar etwas geräuschvolle, aber beeindruckende Gerät erwies sich als äusserst vielseitig. Es knetete den Teig für unsere geliebten Kuchen und Tortenböden und besass einen Mixaufsatz, mit dem Früchte und Gemüse zu feinen Pürees verarbeitet werden konnten.

Die Geschichte dieses kraftvollen Helfers ist rasch erzählt: Müeti erhielt die Maschine von ihrem vorausschauenden Schwiegervater zu meiner Geburt geschenkt. Sie begleitete unsere Familie über viele Jahre – vom ersten Müesli für den kleinen Hunger bis zu den Torten für besondere Anlässe, die auch mein Grossvater besonders schätzte.

Der Holzbackofen

Alle zehn bis zwölf Tage war Backtag. Dann knetete Müeti den Teig in einer alten Teigmulde, einem hölzernen Trog, den sie auf den Küchentisch stellte. Für die grosse Menge eignete sich die Küchenmaschine nicht, sodass alles von Hand gemacht werden musste. Daraus entstanden zwölf fein duftende Bauernbrote.

Ein Thermometer besass Müeti nicht. Ob der Ofen die richtige Temperatur hatte, prüfte sie auf ihre eigene Weise. Vor dem Einschieben der Brote streute sie etwas Mehl in den Ofen. Glühte es sofort auf, war der Ofen noch zu heiss und sie wartete geduldig, bis die richtige Temperatur erreicht war. Mit viel Erfahrung gelang ihr das jedes Mal. Das Ergebnis waren Brote mit knuspriger Kruste und weichem Inneren.

Nach dem Brotbacken nutzte Müeti die verbleibende Wärme des Ofens und backte zwei Wähen für das Mittagessen. Je nach Jahreszeit belegte sie sie mit Äpfeln, Kirschen, Johannisbeeren oder Zwetschgen. Im Winter gab es herzhafte «Chäs- und Bölletünne».

An Backtagen gehörte auch der dampfende Kakao zum Mittagessen. Und sobald die Brote genügend abgekühlt waren, brachten wir sie in ein gemietetes Tiefkühlfach der Landwirtschaftlichen Genossenschaft. So konnten wir uns noch lange an frischem Brot erfreuen.

Zur Erntezeit diente der Backofen auch zum Dörren von Früchten und Bohnen. Zwetschgen, Äpfel und Birnen wurden auf Metallgittern ausgebreitet und langsam getrocknet. Auf diese Weise liessen sich die Früchte über längere Zeit haltbar machen.

Neujahrsweggen und Birnenbrote

Gegen Ende des Jahres kam die ganze Familie zusammen, um Neujahrsweggen und Birnenbrote zu backen. Dann war Vatti an der Reihe: Er knetete den Teig, formte die Weggen, schnitt das typische Zickzackmuster ein und bestrich sie grosszügig mit Eigelb.

Die Füllung für die Birnenbrote wurde nach einem alten Familienrezept zubereitet. Sie bestand aus gedörrten Birnen, Äpfeln und Zwetschgen, die mit verschiedenen Gewürzen verfeinert wurden. Ich durfte die Füllung auf die ausgewallten Teigfladen streichen, sie aufrollen und die Enden sorgfältig verschliessen. Anschliessend stach ich mit einer Gabel Muster in die Birnenbrote. Zum Schluss wurden sie mit Eigelb bestrichen, damit sie nach dem Backen ihre schön glänzende braune Kruste erhielten.

Der elektrische Backofen und seine Werke

Müeti flocht mit beeindruckender Geschicklichkeit die Butterzöpfe und schob sie in den elektrischen Backofen. Jedes Mal war die Vorfreude gross, wenn sich der Duft von frischem Gebäck in der Küche ausbreitete.

Fast jeden Samstag backte sie aus den vorhandenen Zutaten einen Kuchen oder manchmal sogar eine Torte für das Abendessen am Sonntag. Ob Eier, Butter oder Milch verwertet werden mussten – Müeti verstand es, aus einfachen Zutaten etwas Feines zu machen.

Im elektrischen Backofen entstanden Kuchen in den verschiedensten Formen. Meine besondere Begabung bestand allerdings darin, die leeren Teigschüsseln gründlich auszulecken. Wenn der Duft aus dem Ofen strömte, konnte ich es kaum erwarten, endlich ein Stück des Kuchens zu kosten.

In der Adventszeit wurde unsere Küche zur Backstube. Gemeinsam stellten wir bis zu zwölf Sorten Weihnachtsguetzli her, kneteten Teig, stachen Figuren aus, naschten davon und verzierten sie mit Eigelb oder Zuckerguss. Der Duft der frisch gebackenen Guetzli erfüllte das ganze Haus und sorgte für eine festliche Stimmung. Oft tauschten wir unsere Guetzli oder verpackten sie als Geschenke für Familie und Freunde. Dieses Ritual bereitete uns Kindern jedes Jahr grosse Freude.

Konfitüren und Gelees

Die Küche war Müetis kreative Werkstatt. Hier entstanden selbstgemachte Konfitüren und Gelees. Sorgfältig wurden sie in Gläser gefüllt, mit Zellophanpapier bedeckt und von einem zarten Gummiring gehalten.

Doch selbst in diesem Paradies der hausgemachten Genüsse gab es ab und zu einen kleinen Makel. Manchmal weigerte sich das Zellophanpapier hartnäckig, seine Rolle als Wächter der Frische zu erfüllen, und die Konfitüre begann graue Schatten zu bilden. Das konnte Müeti nicht schrecken! Mit einem entschlossenen Löffelschwung wurde der Eindringling verbannt, und die Konfi durfte dennoch triumphierend auf dem Frühstückstisch erscheinen.

Zur Geleeherstellung filterte Müeti gekochte Früchte oder Beeren durch eine Gaze, die locker über die Füsse eines umgekehrten Stuhls gespannt war. An jedem Stuhlbein mit Schnur befestigt, hielt sie straff, während der Saft langsam in eine darunter gestellte Schüssel tropfte – befreit von jeglichen Unreinheiten.

Jedes Glas wurde mit einer Etikette versehen, auf der Inhalt und Jahrgang in filigraner Handschrift vermerkt waren – kleine Chroniken der Herstellung.

Ob saftige Erdbeeren, feurige Himbeeren, dunkelrote Johannisbeeren, schwarze Brombeeren oder Holunder – Müeti verstand es wie keine andere, die saisonalen Früchte in köstliche Konfitüren und Gelees zu verwandeln. Auch Zwetschgen, Trauben und Quitten fanden ihren Weg in ihre Küche und wurden zu süssen Schätzen, die unsere Herzen und Bäuche gleichermassen erfreuten.

Oh je, diese Quitten!

Wir hatten nie eigene Quitten, doch es schien, als würden wir von dieser Frucht regelrecht umgeben sein. Quitten hier, Quitten da – sie waren allgegenwärtig. Mit ihnen anfreunden konnte ich mich nie so recht; ihr intensives Aroma war mir lange Zeit zu stark.

Jahre später, ich hatte die Quitte eigentlich schon fast vergessen, stand ich plötzlich vor einem kleinen Fläschchen mit goldenem Elixier gefüllt. Der Duft erinnerte mich sofort an vergangene Herbsttage. Auf dem Etikett stand schlicht: «Quittenbrand».

Ich probierte einen kleinen Schluck. Und zu meiner Überraschung schmeckte er fein und fruchtig, ganz anders als erwartet. Eine angenehme Wärme breitete sich aus. Dieser Quittenbrand gehörte für mich zu den besten Begegnungen mit dieser Frucht!

Die Hühnereier

Auf unserem Bauernhof lebten viele Legehennen, die täglich Eier legten. Die Eier lagen auf Spelzen in einer Schublade des Küchenbuffets. Auf dieser weichen Unterlage konnten sie beim Öffnen und Schliessen der Schublade nicht herumrollen.

Eier mit gerissener oder unförmiger Schale sowie sehr kleine oder sehr grosse Exemplare verwendeten wir selbst im Haushalt. Die übrigen Eier prüften wir mit einem sogenannten Lochmass, einer Aluplatte mit zwei unterschiedlich grossen Öffnungen. Wöchentlich brachten wir die für den Verkauf geeigneten Eier zur Eiersammelstelle im Dorf. Auch Nachbarn kauften gelegentlich Eier direkt bei uns.

Manchmal kamen auch Brunners, die Familie meines Göttis, nach Feierabend oder am Samstag mit dem Auto vorbei, um Eier zu holen.

Milch entrahmen

Die frische Kuhmilch ruhte mehrere Stunden in einem Aluminiumbecken, abgedeckt zum Schutz vor Insekten. In dieser Zeit setzte sich der Rahm als Schicht an der Oberfläche ab.

Mit einem Blechschieber lösten wir den Rahm vorsichtig vom Beckenrand. Danach befestigten wir den Schieber an der Innenseite des Beckens beim Schnabel. Die Milch wurde langsam und gleichmässig in eine Pfanne gegossen und dabei getrennt, sodass der Rahm zurückblieb.

Den Rahm gossen wir anschliessend in das Rahmbecken. Im kühlen Keller ruhte er, bis Müeti ihn zum Kochen, Backen oder Buttern wieder in die Küche holte und mit der Küchenmaschine weiterverarbeitete.

Milch ohne Haut

Gewöhnlich tranken wir täglich frische Milch von unseren Kühen. Wenn sie erhitzt wurde und danach abkühlte, bildete sich oben eine Haut, die ich nicht besonders mochte.

Um dieses Problem zu vermeiden, erhielten wir von ausserhalb der Familie einen Tipp: Schaum. Das wollten wir gleich ausprobieren. Mit dem Schwingbesen schlugen wir die heisse Milch, bis sich eine feine Schaumhaube bildete. Es funktionierte – die Haut bildete sich nicht mehr, und ich konnte die Milch besser geniessen.

Das Schaum schlagen bedeutete jedoch zusätzlichen Aufwand, denn der Schwingbesen musste jedes Mal von Hand gereinigt werden. Deshalb begann ich, die heisse Milch aus einer gewissen Höhe in den Milchkrug zu giessen. Dabei entstand ebenfalls Schaum. So liess sich das Problem lösen, ohne den Schwingbesen zu verwenden.

«Wirtschäftlis»

Ernst war der Gastwirt und empfing mich freundlich. Auf der Speisekarte stand Haferflocken mit Süssmost ohne Kohlensäure, serviert im Trinkbecher. Als Besteck diente ein kleiner Löffel.

Als Bezahlung musste ich dafür zum Beispiel Holzscheite aus dem Schuppen in die Küche tragen – eine Arbeit, die mich ordentlich ins Schwitzen brachte.

Danach wechselten wir die Rollen: Ich wurde zum Gastwirt, und Ernst bekam seine Haferflocken. Am Ende waren unsere Bäuche voll, die Holzkiste in der Küche ebenso, und der Nachmittag war vergnüglich zu Ende gegangen.

Die verschwundene Kochschokolade

Für die Kuchen, die Müeti jeweils backte, lag Kochschokolade in einem Küchenkasten. Diese dunkle Schokolade verschwand jedoch immer wieder auf unerklärliche Weise.

Bald wurde das Rätsel gelöst: Vatti konnte der Schokolade nicht widerstehen und nahm sich gelegentlich ein Stück davon. Müeti begann daraufhin, sie an einem anderen Ort zu verstecken, in der Hoffnung, dass sie dort sicher wäre. Doch Vatti fand sie jedes Mal wieder.

So entwickelte sich zwischen den beiden ein stilles Versteckspiel, während Müeti darauf achtete, dass am Ende noch genug Schokolade für den nächsten Kuchen übrigblieb.

Chemische Experimente

Mit meinem Chemie-Experimentierkasten, den ich mir zu Weihnachten sehnlichst gewünscht hatte, entdeckte ich eine Welt voller blubbernder, schäumender und farbiger Reaktionen. Die Küche wurde dabei zeitweise zu einem kleinen Labor.

Mit dem Experimentierkasten verbrachte ich viele Nachmittage. Ich mischte verschiedene Stoffe und beobachtete, wie sich Farben veränderten oder Reaktionen einsetzten. Besonders eindrücklich war es, als ich Backpulver in Zitronenwasser gab und es kräftig zu sprudeln begann. Bei zu schneller Zugabe schäumte es sogar über.

Auch Karamellbonbons stellte ich selbst her. Das Ergebnis war zwar wichtig, doch im Vordergrund stand das Ausprobieren und Entdecken.

Verschiedene Reinigungen

In unserer Wohnung war die Küche das Zentrum des fliessenden Warmwassers. Ob vor dem Essen oder nach einem WC-Besuch – das Händewaschen gehörte selbstverständlich dazu.

Pfannen, Essgeschirr und Besteck wurden im selben Trog gereinigt, ebenso die Milchkannen und Milchkessel. Alles wurde nacheinander dort abgewaschen.

Auch das abendliche Ritual gehörte dazu: Zähneputzen, Waschen mit dem Waschlappen und Seife, bevor wir ins Bett gingen.
Was spielte sich in der Stube ab?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Was spielte sich in der Stube ab?
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Teddybär

Wenn mein Teddy einen Bärenhunger hatte, fütterte ich ihn mit Papierschnitzeln. Es machte mir grossen Spass, ihm dabei zuzuschauen, wie er sich durch die bunten Papierfetzen «frass».

Stellte ich meinen Teddybär auf den Kopf und richtete ihn anschliessend wieder auf, antwortete er mit einem fröhlichen «Möööh». Darüber musste ich jedes Mal lachen.

Dieser besondere Bär, ein Geschenk meiner Gotte, wurde bald zu meinem ständigen Begleiter. Tagsüber war er mein Spielkamerad, und nachts schlief er bei mir im Bett.

Ganz ohne Blessuren blieb mein Teddy allerdings nicht. Eines Tages verlor er ein Ohr, das Müeti mit Nadel und Faden wieder annähte. Später war auch eine Fusssohle durchgescheuert, sodass die Holzwolle zum Vorschein kam. Wieder wusste sich Müeti zu helfen. Sie verwendete ein altes Taschentuch von Vatti, das zufällig die gleiche bräunliche Farbe wie Teddys Pfote hatte. Nach der Reparatur war kaum mehr zu erkennen, dass mein Teddy überhaupt je beschädigt gewesen war.

«Chüstli»

In unserer Stube gab es eine ganz besondere Ecke – die Ofenbank. Sie wurde von der Wärme des Holzkochherdes beheizt und war für mich ein gemütlicher Rückzugsort. Dort, auf dem warmen «Chüstli», konnte ich mich wunderbar mit illustrierten Heften beschäftigen.

Abends wurde die Stube nur von der einzigen Lampe erhellt. Wenn mein Grossvater oder Vatti mich dabei erwischten, wie ich im Halbdunkel auf der Ofenbank sass und las, kam unweigerlich ihre Ermahnung: «Dort siehst du ja nichts, du machst dir damit die Augen kaputt!» Lieber sollte ich am Stubentisch lesen.

Doch für mich war die Ofenbank mehr als nur eine Leseecke – sie war mein Wärmeplatz. Als «Gfrörli», der schnell fror, zog es mich magnetisch dorthin. Trotz aller gut gemeinten Ratschläge kehrte ich immer wieder auf mein geliebtes «Chüstli» zurück.

Kirschstein-Sack, «Chriesisack»

Im Winter wurden unsere Betten vor dem Zubettgehen mit ofenwarmen Stoffsäcken aufgewärmt, die mit Kirschsteinen gefüllt waren. Sie dienten uns als Wärmespender und sorgten an kalten Abenden für ein angenehm vorgewärmtes Bett. Es war herrlich, in diese wohlige Wärme zu schlüpfen.

Am Brotbacktag mussten die «Chriesisäck» jedoch bis zum Abend ausserhalb des Ofens bleiben. Wurden sie zu stark erhitzt, konnten die Stoffhüllen spröde werden und leicht reissen. Das kam tatsächlich mehr als einmal vor. Dann lagen die Kirschsteine überall im Bett, und man hatte am nächsten Morgen zusätzliche Arbeit.

«Chügelibahn»

Unsere Murmelbahn war einfach der Hit! Ein Feuerwerk für die Augen, wenn die Murmeln mit ihren eingegossenen, flammartigen Mustern durch die Bahnen rollten. Wie ein Formel-1-Rennen in Miniatur, wenn sie auf jeder Stufe von null auf hundert beschleunigten, nur um bei der nächsten Kurve jäh abgebremst zu werden – ein echtes Drama auf kleinstem Raum.

Doch wenn zu viele Murmeln gleichzeitig unterwegs waren, gab es garantiert Ärger. Sie verkeilten sich im Falltunnel in einem wilden Tumult und weigerten sich hartnäckig, weiterzurollen. In solchen Momenten brauchte ich dringend die Unterstützung eines meiner Brüder – als kleiner Junge war ich einfach nicht in der Lage, diese «Chügeli-Staus» alleine zu bewältigen.

Stubenschränke

In den eingebauten Stubenschränken verbarg sich ein wahres Sammelsurium an Schätzen. Besonders faszinierend waren die vielen Spielsachen, die dort ihr Zuhause gefunden hatten: eine bunte Mischung aus Würfelspielen wie dem «Leiterlispiel», Eile mit Weile, Autorennen oder Hütchenspiel sowie Brettspielen wie Mühle und Schach – stundenlanger Spielspass war garantiert.

Doch nicht nur Spiele waren dort verstaut, auch Schnapsflaschen fanden ihren Platz. Ich erfuhr, dass sogar die Kühe nach dem Kalben etwas davon als besondere Stärkung erhielten. Das war für mich völlig neu und überraschend!

Beim Stöbern durch die Kästen stiess ich eines Tages auf eine Schachtel Zigaretten – obwohl in unserer Familie niemand rauchte. Diese Glimmstängel wurden zu besonderen Anlässen hervorgeholt. Es gehörte zum guten Ton, den Dreschern nach dem Mittagessen eine Zigarette anzubieten.

Ein weiteres Juwel entdeckte ich in Form einer alten Schreibmappe, komplett mit Stift, Papier und Umschlägen – eigens für Flugpost gefertigt, aus hauchdünnem, besonders leichtem Papier, wie es damals für Luftpost üblich war. Es war wie ein verborgenes Refugium, in das man sich zurückziehen konnte, um Briefe zu verfassen oder Gedanken festzuhalten.

Bücher

Auf den bunten Verpackungen unserer Haushaltsprodukte – ob Waschmittel oder Schokolade – prangten stolz die SILVA-Punkte, die mit ihren zackigen Rändern an wertvolle Briefmarken erinnerten. Wie Schatzsucher gingen wir als Familie auf die Jagd nach diesen Punkten, wohl wissend, dass sie uns den Weg zu vergünstigten Büchern ebneten.

Das Besondere an diesen Büchern war ihre Unvollständigkeit: Wir mussten die farbenfrohen Bilder selbst an ihre vorbestimmten Stellen kleben. Dies war jedes Mal eine sonntägliche Aufgabe voller Spannung und Kreativität, bei der wir uns schon im Vorfeld auf das Ergebnis freuten.

In den eingebauten Stubenschränken fand sich ein bunter Mix von Gegenständen, und mittendrin thronten die Bücher. Da war der detaillierte Weltatlas, der uns die Welt in all ihren Farben und Formen näherbrachte. Das Kursbuch, das uns durch die verschlungenen Wege der öffentlichen Verkehrsmittel lotste. Und nicht zu vergessen der Eulenspiegel-Kalender, der mit seinen Schelmereien unsere Mundwinkel stets nach oben trieb.

Besonders herausragend war jedoch der Hundertjährige Kalender, den mein Grossvater wie ein kostbares Wertstück hütete. Er sorgte stets für angeregte Diskussionen – vor allem dann, wenn das Wetter sich tatsächlich so zeigte, wie der Kalender es vorhergesagt hatte. Was allerdings nicht gerade häufig der Fall war.

Obwohl es auch andere Literatur in den Schränken gab, interessierten mich Bücher damals kaum, und ich kann mich nicht erinnern, welche Titel genau vorhanden waren. Gelesen wurde im Haus dennoch: Die Erwachsenen griffen täglich zu den abonnierten Zeitungen und Zeitschriften und hielten sich so über die aktuellen Geschehnisse auf dem Laufenden. Dass meine Eltern je in einem Buch gelesen hätten, habe ich hingegen nie beobachtet.

Bauklötze

Werner hatte einst eine Kiste voller Holzbauklötze geschenkt bekommen, die ordentlich verpackt im Stubenschrank verstaut war. Doch das Spielen damit war ein kollektives Vergnügen. Als winziger Knirps schaffte ich es einfach nicht, alle Klötze wieder so in die Kiste zu bugsieren, dass der Schiebedeckel sich ordentlich schliessen liess.

Werner, mein «Retter in der Holzkiste», kam mir zur Hilfe. Mit einer Mischung aus Geduld und List erklärte er mir, wie man es richtig macht: «Fang mit den langen Teilen an, dann die mittellangen, und so weiter bis zu den kleinsten Klötzchen.» Um die Grössenordnung jedes Teils zu erkennen, mussten wir zuerst eine Art Bauplan auf dem Stubenboden auslegen. Da stand ich nun vor einem kniffligen Problem aus Holz – und hatte plötzlich eine Strategie. Als ich Werners Plan befolgte, passten die Klötze tatsächlich alle in ihre angestammte Kiste zurück. Ich war stolz und bewahrte den Baukasten fortan wie einen Schatz im Schrank auf.

Mein kostbarer Traktor

Mein hölzerner Traktor mit den knallroten Rädern, die beim Überqueren des Fussbodens ein echtes Rattern erzeugten, war mein ganzer Stolz. Komplett mit Anhänger, bereit, beladen zu werden mit allem, was meine kindliche Fantasie hergab: Bauklötze, mein treuer Teddybär, im Herbst gesammelte, glänzende Rosskastanien …

Eines jedoch untersagte Müeti strengstens: die hölzernen Spielzeuge aus dem Haus nach draussen zu verfrachten. Nicht nur, um die Wohnung sauber zu halten, sondern auch, um die Spielsachen vor Wind und Wetter zu schützen. Denn Holzspielzeuge, erklärte man mir, waren kostbar und sollten mit Sorgfalt behandelt werden – eine Regel, die ich mit kindlicher Einsicht beherzigte. Wer wollte schon, dass sein Traktor im Regen die Räder verliert?

Kegelspiel

In unserer Familie gab es ein Spiel, das die Grenzen zwischen Spielzeug und Kunstwerk verwischte – kunstvoll gedrechselte Holzkegel. Diese Kegel glichen kleinen Meisterwerken, in lebendigen Rottönen und strahlendem Gelb bemalt, als hätten sie einen Farbenrausch erlebt.

Das Kegelspiel selbst war eine Miniaturausgabe des Originals für Erwachsene, in seiner kleinen Pracht jedoch genauso faszinierend. Eine Holzkugel, nicht grösser als ein frisch gepflückter Apfel, ging auf Angriffskurs, um die kunterbunten Zwerge zum Taumeln zu bringen und einen nach dem anderen umzuhauen.

LEGO

Göttis Geschenke waren eine schier endlose Quelle der Freude. Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich zu Weihnachten eine Dose voller LEGO-Bausteine – und meine Welt wurde farbenfroh und greifbar. In der Dose befanden sich rote und weisse Bausteine, eine graue Grundplatte und rote Fenster, doch für mich waren sie der Beginn eines Abenteuers, das kein Ende nahm.

Mit diesen kleinen Kunststoffklötzen konnte ich mich stundenlang beschäftigen, und binnen Kürze kannte ich die wenigen Vorlagen auswendig. Bald entstanden eigene Modelle, und mein Wunschzettel für die nächsten Weihnachten bestand nur noch aus einer einzigen Bitte: mehr LEGO-Bausteine. Und noch mehr. Und noch mehr …

Als ich älter wurde, tauchten die revolutionären Räder mit Gummibereifung auf. Ich konnte sie abziehen und so die Räder mit einem Gummiband verbinden – «Gümeli», wie ich sie nannte. Meine LEGO-Kreationen waren nicht mehr nur simple Türme und Häuser – nein, sie waren jetzt komplexe Maschinen. Und während ich spielte, lernte ich ganz nebenbei die Gesetze der Physik kennen: was funktionierte und was manchmal grandios scheiterte.

Gleich von Beginn an setzte Müeti die klare Regel, dass LEGO nichts auf dem Boden zu suchen hatte. Also war ich gezwungen, auf dem Stubentisch zu spielen. Stundenlang sass ich dort, vertieft in meine roten und weissen Bausteine. Es war das perfekte Spielzeug für einen jungen Träumer wie mich.

Nähmaschine

Zwischen den beiden Stubenfenstern stand ein hölzernes Ungetüm, das aussah, als hätte es schon die Napoleonischen Kriege miterlebt. Darin verborgen lag eine versenkbare Nähmaschine mit Tretantrieb. Müeti holte dieses Relikt hervor, wann immer sie sich anschickte, Kleider nach Schnittmustern zu fabrizieren. Diese winterlichen Nähprojekte dauerten eine Ewigkeit.

Während Müeti in der Küche das Mittagessen zubereitete, blieb die Nähmaschine ganz allein zurück. Förmlich spürte ich, wie sie mich mit ihrem glänzenden Metall verlockte – eine glitzernde Perle in einem Ozean aus Langeweile. Ich hörte sie geradezu flüstern : «Komm schon, bring mich zum Leben!» Und was soll ich sagen? Ich konnte einfach nicht widerstehen.

Wie ein Dieb in der Nacht wagte ich es, die Maschine in Bewegung zu setzen. Auf dem Tretmechanismus freudig wippend, mit einem Grinsen, das breiter war als die Thur, setzte ich das mechanische Wunderwerk in Gang. Doch wie ich schnell feststellen sollte, war mein liebenswertes Müeti nicht so leicht zu überrumpeln. Sie hatte Vorkehrungen getroffen – als hätte sie eine Glaskugel in ihrer Küchenschürze gehabt und darin mein kleines Wagnis vorhergesehen.

Mit einem simplen Trick hatte sie den Leerlauf aktiviert, sodass die Nadel regungslos verharrte, wie in einen Dornröschenschlaf gefallen. Müeti kannte die Neugier von Kindern nur zu gut – und hatte sich gewappnet.

Stubentisch

Inmitten der Stube stand ein imposanter, langer Tisch, umringt von Stühlen. Sein dunkelbraunes Holz war von Wurmlöchern durchzogen, was ihm einen rustikalen Charme verlieh. An diesem Tisch fanden regelmässig Festessen statt – dann wurde er mit einem weissen Tischtuch und dem grossartigen Sonntagsgeschirr gedeckt.

Es waren besondere Anlässe, die solch einen Aufwand verlangten: Familienbesuche, die Konfirmationen von uns Brüdern oder das Mittagessen mit den Dreschern, die uns bei der herbstlichen Drescharbeit halfen.

Hausaufgaben

Unsere Stube war nicht nur ein Ort des Trubels und fröhlicher Feiern, sondern auch eine kleine Schule für uns Schlingel. Sobald die Schulglocke verstummte, hiess es: Ab an den Tisch und ran an die Hausaufgaben!

Unter Müetis wachsamen Augen wurde die Stube zum Ort des eifrigen Lernens und der Konzentration. Die «Stöcklirechnungen» gingen mir leicht von der Hand – Zahlen waren meine Verbündeten. Doch das Schreiben? Das war ein zäher Kampf, bei dem jeder Buchstabe sich anfühlte, als müsste er einzeln bezwungen werden.

Trotz des strengen Regimes fanden wir aber immer wieder Momente, um unserer kindlichen Kreativität und unserem Spieltrieb freien Lauf zu lassen.

Dessert

An behaglichen Sonntagen gab es nach dem Mittagessen gelegentlich ein besonderes Ereignis, das unseren Stubentisch in ein kleines Schlaraffenland verwandelte: eine Tafel Schokolade, flankiert von ein paar köstlichen Guetzli, von Müeti liebevoll vorbereitet und gerecht in sieben Portionen aufgeteilt – eine für jedes Familienmitglied.

Müeti, mit ihrer grenzenlosen Selbstlosigkeit, beeindruckte mich immer wieder aufs Neue. Obwohl sie eine ganze Tafel Schokolade in Händen hielt, verzichtete sie stets darauf, auch nur eine einzige Portion für sich zu beanspruchen. Schliesslich waren wir zu siebt, und eine Schokoladentafel hatte nur sechs Reihen – ein mathematisches Dilemma, das selbst dem kühnsten Rechenkünstler den Schweiss auf die Stirn getrieben hätte.

«Stubete»

Wir nannten es «Stubete», wenn Müeti und ihre Freundinnen sich zu einem gemütlichen Beisammensein in unserer Stube verabredeten. Die Frauen wechselten sich ab und trafen sich im Winter regelmässig bei jemandem zu Hause, strickten an ihren Projekten und tauschten die neuesten Gerüchte und Geschichten aus, als machten sie dem Dorfchronisten Konkurrenz.

Bei diesen Treffen durften Tee oder Kaffee und Kuchen nicht fehlen, und die Stimmung war stets heiter und entspannt.

Ich liebte es, wenn ich an einem anstrengenden Schultag nach Hause kam und noch einige Überreste auf dem Tisch vorfand – eine wahre Seltenheit unter der Woche. Die «Stubete» bedeutete für mich nicht nur Geselligkeit, sondern auch eine Spur unerwarteter Freuden im grauen Alltag.

Kanapee

Unsere Katzen, Meisterinnen der Faulheit, hatten tagsüber das Privileg, sich auf dem Kanapee zusammenzurollen. Sonntags jedoch, nach einem herzhaften Mittagessen, gehörte es Müeti – Zeit für eine kleine Siesta.

Lediglich Grossvater vermied es beharrlich, sich auf dem weichen Polster niederzulassen. Er wusste, dass das Aufstehen ihm mehr Ächzen entlocken würde als einer alten Kirchentür im Wind. Er zog es vor, sich auf einem stabilen Stuhl mit üppigem Kissen auszuruhen, direkt neben dem Stubenfenster. Von dort aus beobachtete er das heitere Treiben draussen.

Wanduhr

Die Stubenuhr, die majestätisch in der Wandecke über dem alten Röhrenradio thronte, war ein echtes Meisterwerk der Uhrmacherkunst. Mit ihrem weissen Zifferblatt, geziert von schwarzen Zahlen und eleganten Zeigern, und den beiden Federuhrwerken, die mit dem Uhrenschlüssel behutsam aufgezogen wurden, war sie das Herzstück der Stube.

Ein Uhrwerk trieb das sanfte Ticken des Laufwerks voran, das andere sorgte für den gleichmässigen Klang des Schlagwerks. Das rhythmische Wippen des Pendels mit seinem glänzenden Spiegel und das zarte Ticken füllten den Raum mit einer wohltuenden Ruhe.

Doch an jenem Nachmittag, als ich über meinen Schulaufgaben am Stubentisch sass, wurde diese Stille schlagartig unterbrochen. Unregelmässige Schläge erklangen aus der Wanduhr, das Pendel geriet ins Taumeln, und die Weingläser im Stubenbuffet stimmten einen dissonanten Chor aus Klirren an. Ein seltsames, beunruhigendes Rumpeln erschütterte die Stube.

Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Wie versteinert sass ich auf meinem Stuhl, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Tatsächlich erlebte ich ein Erdbeben – nicht nur äusserlich, sondern auch in meinem Innersten, das vom Schrecken erfasst wurde.

Geranien

Die geräumigen Fenstersimse zum Vorhof waren im Sommer ein wahres Blütenparadies aus kräftig leuchtenden roten Geranien. Müeti kümmerte sich fürsorglich um ihre floralen Lieblinge, entfernte regelmässig verwelkte Blüten und schuf so Platz für neue Knospen.

Mit einer zierlichen Giesskanne bewässerte sie behutsam jede einzelne Pflanze – und man hätte meinen können, die Geranien bedankten sich mit noch kräftigerem Leuchten.

Was fand im Büro statt?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Was fand im Büro statt?
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In Vattis Büro, das sich in unserem Wohnhaus befand, spielte sich das administrative Leben unserer Gemeinde ab. Als Gemeindeschreiber protokollierte Vatti die Sitzungen des Gemeinderats und die Gemeindeversammlungen – dabei notierte er kluge Beiträge und die Witze der Wichtigtuer gleichermassen.

Er stellte wichtige Dokumente aus und führte den Schriftverkehr mit anderen Behörden, alles mit seiner alten, mechanischen Hermes-Schreibmaschine, die unter seinen geschickten Fingern rhythmisch hämmerte.

Das Büro war jedoch nicht nur ein Ort der Verwaltung, sondern auch ein Raum voller Geschichten: Menschen kamen mit Träumen, Hoffnungen, mitunter auch Sorgen, und so wurde es zum lebendigen Zentrum unserer kleinen Dorfgemeinschaft.

Wo schlief Grossvater?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Wo schlief Grossvater?
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Grossvaters Schlafzimmer war ein Glücksfall – das einzige Schlafgemach im Hochparterre des Hauses. So blieb ihm erspart, mit seinen Altersgebrechen beschwerlich die Treppe zum Obergeschoss hinaufzusteigen. Alle Räume, die er benötigte, befanden sich auf demselben Stockwerk – ein wahrer Segen für seine alternden Glieder. Hier hatte er seinen kleinen Rückzugsort, der ihm Intimität und Privatsphäre bot.

Wie war dein Elternzimmer eingerichtet?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Wie war dein Elternzimmer eingerichtet?
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Die Kammer im hinteren Teil des Ganges, direkt über der Wohnstube gelegen, war das prächtigste Schlafzimmer im ganzen Haus. Zwei Fenster liessen helles Tageslicht herein und füllten den Raum mit sanfter Wärme, während frische Luft hereinströmte.

Der grosszügige Raum bot Platz für zwei bequeme Betten mit flauschigen Decken, zwei geräumige Kleiderschränke, zwei Nachttische mit Lampen, die sanftes Licht spendeten, sowie je ein gerahmtes Schwarz-Weiss-Foto des Partners in jungen Jahren – als bewahrten sie den romantischen Zauber früherer Zeiten. Ein gemütliches Sofa, zwei Stühle und eine Kommode vervollständigten die Einrichtung. Zwei schlichte Bilder mit Sprüchen zur Konfirmation meiner Eltern schmückten die Wand über den Betten. Weiche Teppiche umgaben die Betten und sorgten für warme Füsse.

Der prächtige Spiegel zwischen den Fenstern war – abgesehen von Grossvaters kleinem Rasierspiegel – der einzige im ganzen Haus. Erst mit dem Anbau von Badezimmer und Dusche, als ich zehnjährig war, änderte sich das. Bis dahin war dies der einzige Ort, an dem ich mich von allen Seiten betrachten konnte – eine Seltenheit, die diesen Spiegel fast magisch machte.

In einem der Kleiderschränke lagerte mein «Kässeli» – ein verziertes Holzschächteli, in dem Göttibatzen und Weihnachtsgeld gesammelt wurden. Anfassen durfte ich es nur im Beisein von Müeti. Hin und wieder, vielleicht einmal im Jahr, brachte Vatti den Inhalt zur Bank, wo er auf mein Sparheft gutgeschrieben wurde. Es war einer der wenigen Gründe, dieses Zimmer überhaupt zu betreten.

Denn das Elternschlafzimmer blieb für mich ein beinahe fremder Ort: Wenn ich wach war, befand sich niemand darin, und wenn meine Eltern sich dort aufhielten, schlief ich längst.

Dass jemand oben den Raum betrat, verriet das typische Knarren des Holzbodens – es drang bis hinunter in die Stube und gehörte zum vertrauten Klangteppich unseres Hauses.

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?
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Ganz hinten im Hauptgang lag unser gemeinsames Schlafzimmer, das Ernst und ich uns teilten – eine Mischung aus Rückzugsort und Kriegsgebiet, in dem wir Schlachten um die Decken austrugen und unsere Hoheitsgrenzen mit Kleidern absteckten. Unsere Betten standen wie zwei Schiffe entlang der Wände, mit dem Kopfteil samt weichen Kissen zum Fenster hin. Sie waren mit Molton, weissen Unter- und Oberleintüchern bezogen. Dicke Daunendecken mit rot-weiss-karierten Überzügen sowie zusätzliche Wolldecken im Winter bewahrten uns vor der Kälte.

In der kalten Jahreszeit durften wir uns vor dem Zubettgehen einen Steinsack aus dem warmen Kachelofen holen, der unser Bett vorwärmte. Wir trugen lange Nachthemden und wollene Socken und kuschelten uns an den Steinsack und unsere Teddybären.

Müeti kam an unsere Betten, und wir sprachen das Abendgebet: «Engelein, komm, mach mich fromm, dass ich zu dir in den Himmel komm.» Später wurde es dann das «Unser Vater» – obwohl Vatti zu dieser Zeit noch nicht im Himmel war.

Die Bettdecke war für mich mehr als ein Schlafutensil. Seit dem Tag, an dem ich mit starken Ohrenschmerzen erwachte, zog ich sie stets über meinen Kopf; nur die Nase schaute noch hervor. Auch bei Gewittern erwies sich dieses Ritual als hilfreich: Die grellen Blitze und das ohrenbetäubende Donnern wurden durch das dicke Material gedämpft, und ich fühlte mich sicher und geborgen. Bis heute ziehe ich das Duvet über meinen Kopf, um mich zu beruhigen.

Weitere Möbelstücke füllten unsere heimelige Kammer: zwei Stühle, eine Kommode sowie ein kleiner und ein grosser Holzschrank. Die Nachttische, in denen wir unsere wichtigen Habseligkeiten verstauten, standen nahe beim Fenster. Über dem Fenster hingen zwei tiefschwarze Vorhänge, die stumm von vergangenen Kriegen zeugten. Wenn sie nicht ausreichten, hatten wir immer noch die schwenkbaren Holzläden zur Hand, die aussen an den Flügelfenstern hingen und das Tageslicht vollständig aussperrten.

Ein Teppich aus bunten Stoffresten bewahrte unsere nackten Füsse vor der Bodenkälte und verlieh dem Raum eine fröhliche Note. Ein zierlicher Glasschirm in Form einer Enzianblüte hing von der Deckenmitte herab und tauchte den Raum in warmes, sanftes Licht.

Unsere Kinderkleidung, ordentlich zusammengefaltet, fand in den vier Schubladen der Kommode ihren Platz. Im grossen Holzschrank, dessen Schwingtüren sich gebieterisch öffneten, stapelten sich Bettwäsche und Wolldecken für jedes Familienmitglied. Der kleine Schrank hingegen beherbergte Jacken für alle Jahreszeiten, aus denen wir heraus- und wieder hineinwuchsen. Denn Kinder wachsen schnell, und so durften – oder mussten – wir die Kleidung unserer älteren Brüder tragen, bis sie buchstäblich auseinanderfiel. Knickerbockerhosen, deren Beine sich wie Schlingen um meine Knöchel legten, nannte ich «Kegelfänger». Die Taschentücher aus Stoff hingegen, die wir benutzten, waren wenigstens weich.

Durch das Schlafzimmerfenster ergoss sich eine Szenerie aus Farben und Leben: unser Beeren- und Gemüsegarten sowie die üppigen Gärten der Nachbarn. Wenn ausnahmsweise ein Dampfzug vorbeizog, erfüllte das gleichmässige Tsch–tsch–tsch–tsch der Lokomotive die Luft, und wir starrten gebannt aus dem Fenster, um das Spektakel zu verfolgen. Jeden Morgen hingegen begrüsste uns die Kakophonie des Hühnerhofs – immerhin lebten vierzig bis sechzig dieser gefiederten Geschöpfe dort draussen.

Von einer fernen Telefonstange aus spannten sich zwei Drähte wie straffe Seile bis zu unserem Haus. An Regentagen glitzerten Wassertropfen, die sich wie Perlen an ihnen sammelten. Gebannt beobachtete ich vom Fenster aus, wie sie schaukelnd gegen das Haus schwangen, sich zu grösseren Tropfen vereinten und schliesslich herabfielen.

Manchmal fühlte ich mich zu munter für ein Mittagsschläfchen. Dann spähte ich heimlich durch den Spalt der beiden Vorhänge und beobachtete die Nachbarn beim Gärtnern – in meiner Fantasie wie Schauspieler in einem Theaterstück, die sich in einer Kulisse aus Blumen und Sträuchern bewegten.

Ein wiederkehrender Traum

In meinen nächtlichen Träumen tauchte immer wieder ein Wohnwagen auf, der von einem schnaufenden Traktor gezogen wurde und direkt vor unserem Fenster parkte. Ein Bild, das meinen Schlaf mit einem Schuss absurder Komik würzte. Dass dieser merkwürdige Traum zwanzig Jahre später auf eigenartige Weise Wirklichkeit werden würde, ahnte ich nicht.

Was spielte sich in der Küchenkammer ab?
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4.  Das Haus meiner Kindheit

Was spielte sich in der Küchenkammer ab?
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Die Küchenkammer war unser Spielzimmer, und wir hatten es uns darin richtig gemütlich gemacht. Auf einer grossen Holztafel, die als Tisch diente, konnte Hansruedi seine ganze Modelleisenbahnanlage aufbauen, und wir anderen staunten über die fahrenden Züge. Werner hingegen war ein wahrer Meister im Umgang mit seinem Meccano-Metallbaukasten und baute komplizierte Maschinen und Getriebe. Ernst widmete sich mit Begeisterung dem Matador und erschuf allerhand faszinierende Fahrzeuge.

Und ich? In einer Welt, in der die Fantasie ihre Flügel ausbreitete und mein heiss geliebter Teddy namens Bär einen unersättlichen Bärenhunger zu haben schien, lag der Dreh- und Angelpunkt. Mit einer Sammlung von Rosskastanien und Papierschnitzeln aus Zeitungen bewirtete ich meinen flauschigen Gefährten, der sich nach immer neuen kulinarischen Erlebnissen sehnte. Es war ein abenteuerliches Festmahl, das nur einem Teddy schmecken konnte!

Unsere Spielstunden waren wie ein wilder Tanz des Geistes, voller Einfälle und kreativer Funken, die durch die Luft wirbelten wie Konfetti an der Fasnacht.

Auf den Ablagen eines alten Buffets, das bescheiden in einer Ecke unserer Spielkammer ruhte, standen bunte Gläser, gefüllt mit Konfitüren und Gelees aus Müetis Küche. Ein Vorrat, der wohl über Jahre gereicht hätte.

Was hat der Estrich geheim gehalten?
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Was hat der Estrich geheim gehalten?
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Der Estrich erstreckte sich ausladend über den gesamten Wohntrakt und reichte sogar über das Brennholzlager oberhalb der Garage bis hin zu den Heuwalmen. Er bot Platz für allerlei Vorräte und diente zugleich als Aufbewahrungsort verschiedenster Utensilien. Die kleine Lukarne und einzelne Glasziegel brachten etwas Tageslicht in diesen weiten, geheimnisvollen Raum.

Im Estrich befand sich auch der Kamin, und daran angeschlossen über eine Klappe eine sogenannte Rauchkammer. Sie hatte zwar nicht die Grösse eines Schlafzimmers, bot jedoch genügend Raum, um nach einer Hofschlachtung Fleisch darin zu räuchern – Schinken, Speck oder Würste. Der mit Sägemehl erzeugte Rauch verlieh den Fleischwaren ihr typisches Aroma.

Ein kleiner, separater Holzverschlag mit sanft gleitender Schiebetür und Lüftungsöffnungen hinter feinem Insektengitter war der Ort für gedörrte Früchte: Apfelringe, Birnenschnitze und Zwetschgen. Auch Dörrbohnen und getrocknete Kräuter für heilsame Tees – Pfefferminze, Salbei, Lindenblüten – lagerten hier. Müeti reihte all diese Schätze in sorgfältig gefüllten Leinensäckchen auf Regalen auf. Daneben warteten leere Kartonschachteln still auf ihre nächste Verwendung.

In den 1960er-Jahren zimmerten Grossvater und Vatti auf der einen Hälfte des Estrichs einen zusätzlichen Bretterboden in luftiger zweieinhalb Meter Höhe. Diese Konstruktion war ideal, um Zwiebeln in grosser Menge zu trocknen und zu lagern.

Zwiebeln rüsten für den Verkauf

Im kühlen November hiess es, sich den Speisezwiebeln zu widmen, die oben im Estrich ihr trockenes Versteck gefunden hatten. Mit flinken Händen nahmen wir uns der Aufgabe an: Wie Zauberer lösten wir die äusseren Hüllen der Zwiebeln und liessen sie zu Boden schweben. Mit einer Schere schnitten wir behutsam Wurzeln und Stiele ab, als würden wir die Frisur eines Filmschauspielers zurechtmachen.

Mit einer Sortierhilfe teilten wir die Zwiebeln systematisch in verschiedene Kategorien ein: klein, mittel und gross – jedes Exemplar fand seinen würdigen Platz. Selbst der Ausschuss fand Verwendung – wenn auch nur für unseren eigenen Verzehr. Sorgfältig wie ein Juwelier mit seinen Edelsteinen legten wir die Zwiebeln nebeneinander, bereit für ihre nächste kulinarische Reise.

Im Estrich hing ein intensiver, würziger Duft, als hätten die gelagerten Zwiebeln den Raum in ihr eigenes kleines Universum verwandelt.

Vorfenster

Die alten Vorfenster und Fensterläden erforderten im Frühling wie im Herbst einen aufwendigen Austausch. Das war Männersache – also Vattis Arbeit. Von innen streckte er die Arme mit den schweren Holzrahmen durch die Fensteröffnung nach aussen, um sie vorsichtig in die Haken einzuhängen. Eine kräfteraubende Angelegenheit, bei der erstaunlicherweise nie etwas zu Bruch ging.

Die Reinigung hingegen war Frauen- oder Kindersache. Ich half beim Einölen der Fensterläden mit – eine Aufgabe, die ich wegen des Duftes beinahe gerne erledigte. Dieses Öl hatte einen ganz eigenen Geruch, unverwechselbar, an nichts anderes erinnernd.

Später wurde das ganze Ritual durch den Einbau neuer, doppelt verglaster Fenster überflüssig. Sie waren effizienter in Wärme- und Schalldämmung und verliehen dem Haus ein zeitgemässes Aussehen. Auch die grünen Fensterläden wichen langlebigen Aluminiumläden – das Einölen war Geschichte.

Welche Ereignisse oder Tätigkeiten fanden in der Waschküche statt?
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Welche Ereignisse oder Tätigkeiten fanden in der Waschküche statt?
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Das Samstagsbad in der Waschküche folgte einem festen Ritual: Am Nachmittag füllte Müeti den Waschhafen mit einem Schlauch direkt vom Wasserhahn. Die Holzfeuerung im unteren Hafenteil erhitzte allmählich das Wasser.

Bevor ich ins Bett musste, schöpfte Müeti mit einem «Schüeffi» – einer grossen Schöpfkelle mit langem Stiel – heisses Wasser aus dem Hafen in den hölzernen Badezuber und mischte es mit kaltem, bis die richtige Temperatur erreicht war. Ein fein duftender Zusatz kam hinzu, dann durfte ich einsteigen.

Nun begann das eigentliche Waschen. Müeti liess keinen Zentimeter aus und schrubbte mich mit einem Waschlappen von Kopf bis Fuss – einschliesslich der Ohren und Zehenzwischenräume. Zwei Personen badeten nacheinander im selben Wasser – damals völlig üblich.

Doch die Waschküche diente nicht nur der körperlichen Reinigung. Hier wurden Vorfenster und Fensterläden geputzt, die gesamte Bett- und Kleiderwäsche besorgt, in einem grossen elektrischen Kochkessel Kartoffeln und Futtermittel für die Schweine zubereitet – und einmal im Jahr verwandelte sich der Raum in den Schauplatz der «Hofmetzgete». Erst mit dem Anbau von 1965 veränderten sich viele dieser Arbeitsabläufe grundlegend.

Vom Plumpsklo zum Badezimmer

Im Jahr 1965 erlebte unser Hof eine bemerkenswerte Veränderung. Der triste Schweinestall und das urtümliche Plumpsklo wurden abgerissen und durch einen hellen, geräumigen Anbau ersetzt, der unserem Zuhause spürbar mehr Komfort verlieh.

Im neuen Anbau gab es nun eine Dusche mit warmem Wasser – ein wahrer Luxus. Das Klo war keine miefende Bretterbude mehr mit einem unheilvollen Loch in der Mitte, sondern ein sauberes, modernes WC mit Wasserspülung.

Angrenzend befand sich ein vielseitiger Nassraum. Hier lagen unsere Stallkleider bereit, ein geräumiger Waschtrog diente der Handreinigung, und eine moderne Waschmaschine hielt Einzug. Alles Notwendige direkt an Ort und Stelle.

Im Nachbarraum wurde ein Bereich zur Reinigung des Milchgeschirrs eingerichtet – ein funktionaler Raum mit direktem Zugang zur Scheune und zum Kuhstall.

Im oberen Stockwerk des Anbaus entstand ein geräumiges, modern ausgestattetes Badezimmer. Wir waren begeistert – das ungewohnt luxuriöse Gefühl, sich in den eigenen vier Wänden richtig baden zu können, war für uns Kinder eine kleine Sensation.

Was verbarg sich im Keller?
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Was verbarg sich im Keller?
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Das Fundament des Kamins bildete das Zentrum des Kellers. Die Metalltür verbarg eine Welt voller Asche und Erinnerungen an vergangene Feuer. Doch der kühle Keller war weit mehr als ein Hort für die Überreste verbrannter Holzscheite – er diente vor allem als Lagerraum für Lebensmittel aller Art, die hier, vor Sonnenlicht geschützt, optimal aufbewahrt werden konnten.

Eine Besonderheit war der Lebensmittelkasten, hoch oben an der Kellerdecke befestigt und von der Kellertreppe aus erreichbar. Feinmaschiges Drahtgitter schützte seinen Inhalt vor hungrigen Mäusen und Insekten. Hier ruhten die verderblichen Schätze, denn einen Kühlschrank gab es noch nicht: verschiedene Käsesorten, frischer Rahm, Milch von unseren Kühen und geräucherte Fleischwaren.

Im Keller standen auch Eichenfässer voller Apfelsaft, gepresst aus Äpfeln unseres Baumgartens. Jahre später füllten wir den Saft in 5-Liter-Glasflaschen ab und sterilisierten ihn, was ihn lange haltbar machte. Für ein erfrischendes Getränk mischten wir ihn gerne mit kohlensäurehaltigem Eptinger Mineralwasser, das uns ein Lieferant in Harassen mit Glasflaschen brachte.

Im Herbst wurde die Sauerkrautstande mit fein gehobeltem Kohl, Lorbeer und Salz gefüllt, das Gemisch mit einem Holzdeckel abgedeckt und mit Steinen beschwert. Nach der Fermentation verwandelte sich das Kraut – von Werner einst treffend als «Silofutter» verspottet, weil die Herstellung tatsächlich der von Silage glich – in eine köstliche Beilage zu deftigen Fleischgerichten und dampfenden Kartoffeln.

Äpfel lagerten in Harassen – für den rohen Genuss, zu Kompott oder zu feinen Apfelkuchen verarbeitet. Die Kartoffeln ruhten in der Hurde, einem hölzernen Gestell, und eigneten sich als herzhafte Beilage oder für feine Suppen.

Schliesslich gab es noch die Runkelrüben – den Kühen vorbehalten als Ergänzungsfutter zum Heu im Winter.

Welche Ökonomiegebäude gehörten zu eurem Hof?
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Welche Ökonomiegebäude gehörten zu eurem Hof?
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Die Eingänge zum Stall, zur Scheune und zum Wohnhaus führten in ganz unterschiedliche Bereiche unseres Hofes. Jeder dieser Orte hatte seine eigene Aufgabe und prägte unseren Alltag auf seine Weise.

Kuhstall

Der Kuhstall war ein einfaches Backsteingebäude, das unseren Tieren Schutz vor Wind und Wetter bot. Die Innenwände waren oft mit Kuhdung bespritzt und entsprechend dunkel und fleckig. Von Zeit zu Zeit wurden sie mit gebranntem Kalk gestrichen, wodurch der Stall wieder heller und freundlicher wirkte.

An kalten Wintertagen zeugten Eisblumen an den Fensterscheiben von der mangelnden Isolation. Im Sommer hingegen schwirrten Schwalben geschäftig durch den Stall. Mit grosser Neugier beobachtete ich ihre Nester unter der Decke und sah zu, wie sie ihre Jungen versorgten, bis diese ihre ersten Flugversuche wagten.

Unsere Kühe erhielten hauptsächlich frisch gemähtes Gras sowie grob geschrotete Gerste. Im Winter standen Heu und zerkleinerte Runkelrüben auf dem Speiseplan. Frisches Wasser stand ihnen jederzeit in den Tränkebecken zur Verfügung. Das im Sommer eingebrachte Heu lagerte im Heustock über dem Stall.

Ab den späten 1960er-Jahren wurden die Runkelrüben durch Gras- und Maissilage ersetzt. Die dafür benötigten Silos befanden sich im Heuwalmen.

Gemolken wurde noch von Hand. Vor jeder Milchablieferung fragten wir Müeti, wie viel Milch sie für den Haushalt benötigte, und brachten ihr die gewünschte Menge in die Küche. Der grösste Teil wurde anschliessend an die örtliche Milchsammelstelle geliefert.

Auch die Kälber erhielten Milch. Die jüngsten mussten allerdings erst lernen, aus dem hölzernen Tränkekübel zu trinken. Dazu hielten wir ihnen Finger ins Maul, an denen sie instinktiv zu saugen begannen. Langsam führten wir ihre Schnauze zur kuhwarmen Milch im Kübel. Das Gefühl ihrer weichen Zunge und der feuchten Nase in der Hand ist mir bis heute geblieben.

Schon bald brauchten die Kälber diese Hilfe nicht mehr und tranken selbstständig. Auch unsere Katzen profitierten gelegentlich – sie durften etwas Milchschaum auflecken.

Die Milchwirtschaft war damals mit viel Handarbeit verbunden. Futter beschaffen, füttern, melken, ausmisten – das erforderte Zeit und körperlichen Einsatz. Rückblickend staune ich, wie selbstverständlich diese Arbeiten für uns waren und wie sehr sie unseren Alltag bestimmten.

Futterscheune

Der Scheunenboden war mehr als ein gewöhnlicher Futtergang – hier wurde das Futter für die Tiere sorgsam in die Krippe gelegt. Über dem Kuhstall befand sich der stattliche Heuboden, direkt über dem Futtergang der Strohboden.

Durch eine Öffnung in der Mitte des Strohbodens kam der Heuaufzug zum Vorschein – eine kleine Meisterleistung der Mechanik, betrieben mit Seilen und einer Seilwinde. Eine eindrucksvolle Heuzange schwebte in der Luft, um das duftende Heu von den Feldern hochzuziehen. Durch dieselbe Öffnung glitt im Winter das abgestochene Trockengut hinunter zum Futtergang.

Wenn der Heuaufzug in Aktion war, verwandelte sich die Scheune. Das rhythmische Surren der Seilwinde, begleitet vom Rascheln des Heus – das war eine Atmosphäre von Kraft und Geschäftigkeit.

«Heuwalmen», später Silos

Zwischen der Stallscheune und der Garage lag ein Raum, zu dem man vom Futtergang aus gelangte. «Heuwalmen», nannten wir ihn. Bis in die 1960er-Jahre diente er der Lagerung von duftendem Emd. Später entstanden dort zwei Holzsilos, die mit Mais- und Grassilage befüllt wurden. Ein neuer, säuerlicher Duft legte sich über das alte Gemäuer – der Geruch einer sich wandelnden Landwirtschaft.

Garagen

Direkt neben der Treppe zum vorderen Hauseingang stand der Hürlimann-Traktor in der Garage. Später gesellte sich ein zweiter dazu – ein Fendt-Geräteträger. Dahinter reihten sich die Fahrräder der ganzen Familie. Eine Tankstelle mit Fass und Handpumpe sowie eine Werkbank vervollständigten den Raum – das Reich der Wespis für ihre Reparaturen.

Die Wespis hatten öfter etwas an ihren Geräten und Maschinen zu werkeln. Mit geschickten Händen und einem Hauch von Bauernschläue wurden die meisten Probleme im Handumdrehen gelöst.

Die zweite Garage, ein ehemaliger Stall, befand sich neben der unteren Scheune, die wir Kartoffelscheune nannten. Da wir damals noch kein eigenes Auto besassen, diente der vordere Teil als Unterschlupf für das Fahrzeug unseres Dorf-Coiffeurs.

Der hintere Teil wurde im Frühling zur Heimat der Saatkartoffeln. In flachen Harassen lagen sie dort zum Vorkeimen – still wartend auf ihren Auftritt im Feld.

Über dieser Garage erstreckte sich ein weiterer Raum, zugänglich über die Kartoffelscheune – ein Heuboden für das überschüssige Heu aus ertragreichen Erntejahren.

Kartoffelscheune

ohne Datum, Ossingen – unter Grossvaters wachsamen Augen hebt Vatti einen vollen Kartoffelsack vom Brückenwagen, den Werner an die Kante geschoben hat.

 

Im Herbst füllte eine meterhohe Kartoffelflut unsere untere Scheune – die gesamte Ernte wurde zu einem einzigen gewaltigen Haufen zusammengeschüttet. Im Oktober und November begann dann das grosse Verlesen, das uns buchstäblich bis über beide Ohren in Kartoffeln versinken liess.

Eine Person lud die Kartoffeln mit einer Art Schottergabel in die Sortiermaschine – einen Koloss aus Metall und Mechanik –, die die Knollen über ein Rüttelsieb in grosse und kleine teilte. Danach rollten sie über zahlreiche rotierende Walzen. Jede einzelne wurde von drei Personen geprüft, stets auf der Suche nach Makeln.

Sobald eine Kartoffel Risse, Löcher oder einen Anflug von Grünstich zeigte, wurde sie aussortiert. Nur die besten Exemplare schafften es in die robusten Jutesäcke à 50 Kilogramm, die anschliessend mit Sorte, Name und Adresse des Produzenten etikettiert wurden – bereit für den Verkauf an die Landwirtschaftliche Genossenschaft.

Die übrigen Kartoffeln verwendeten wir selbst oder verfütterten sie an unsere Tiere. Manchmal landeten sie in der Kartoffelflockenfabrik, manchmal kochten wir den verwertbaren Teil im grossen Kessel in der Waschküche – als nahrhafte Mahlzeit für die Schweine.

Holzwerkstatt

Hinter dem Kuhstall und der Stallscheune, gleich neben der Waschküche, lag die Holzwerkstatt – ursprünglich das Reich meines Grossvaters. Dort befanden sich eine robuste Werkbank, eine Bandsäge und ein reichhaltiges Arsenal an Handwerkzeugen: Bohrer, Zangen, Hämmer. Bindedraht, Nägel und Schrauben waren in Hülle und Fülle vorhanden.

In einer Ecke stand ein Dengelstock, auf dem Grossvater die Sensen schärfte. Oft beobachtete ich ihn voller Staunen, wie er mit gekonnten Schlägen die Klinge bearbeitete. Der klangvolle Ton – «täng täng täng täng» – ist mir bis heute im Ohr geblieben.

Holz als Werkstoff übte eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. Ein Material, das sich mit schlichten Werkzeugen auf mannigfache Weise bearbeiten lässt. Bereits als kleiner Junge versuchte ich mich im Einschlagen von Nägeln. Wenn Grossvater mich dabei erwischte, tadelte er mich – ich würde wertvolle Nägel verschwenden. Also bemühte ich mich, die eingeschlagenen Nägel wieder herauszuziehen. Nun waren sie aber verbogen, und verbogene Nägel lassen sich kaum einschlagen. Im Schraubstock versuchte ich sie wieder geradezubiegen, was halbwegs gelang. So konnte ich denselben Nagel mehrmals verwenden – Grossvaters Sparsamkeit war gerettet.

Auch im Sägen, Bohren und Hobeln erprobte ich mich. Es entstanden Wasserräder, die ich am fliessenden Dorfbrunnen aufstellte und Passanten damit erfreute. Das Bauen von Windrädern mit geschnitzten Propellern stellte mich vor Herausforderungen, doch mit der Zeit wurde ich geschickter. Die leichtgängigen Achsen fertigte ich aus Radnaben alter Fahrräder, die ich auf der Müllhalde fand – solche Müllhalden gab es damals tatsächlich noch. Mit diesen kugelgelagerten Achsen drehten sich die Windräder schon bei der geringsten Brise. Auf diese Leichtgängigkeit war ich ungemein stolz.

Als ich älter wurde, baute ich mir eine eigene Wetterstation für meine meteorologischen Geräte und ersetzte damit den alten, verwitterten Behälter meines Vaters.

 
1971, Ossingen – meine selbstgebaute Wetterstation

Schweinestall (bis 1964)

Der Schweinestall war solide gebaut – eine Festung gegen die Launen des Wetters. Die Stallung war mit einer dicken Schicht Stroh ausgelegt, das regelmässig ausgetauscht wurde.

Jeden Morgen und Abend, wenn Müeti die Stalltür öffnete, brach ein Spektakel los. Die Schweine grunzten und quietschten aufgeregt, drängten sich gegen die Tür und schoben ihre feuchten Rüssel ungeduldig vor. Sie bekamen abwechslungsreiche Futtermischungen: Gerste, Kartoffelreste, Früchte und andere pflanzliche Zutaten.

Ich selbst hatte als kleines Kind hohen Respekt vor den Sauen. Ihre Grösse, ihre Kraft, ihr ungestümes Drängen – das alles flösste mir gehörig Ehrfurcht ein. Den Stall betrat ich ungern.

Holzlagerschuppen und Kleintierställe

Die Holzscheune war in zwei Bereiche unterteilt: Auf der einen Seite stapelte sich Brennholz, ein Vorrat für die kalten Wintertage. Auf der anderen Seite befand sich ein gedeckter Hühnerhof mit Kaninchenställen auf Tischhöhe. Der Bereich war von feinmaschigem Drahtgitter eingegrenzt.

Im Inneren lag der Schlafstall der Hühner, in dem sie nachts sicher waren und ihre Eier legten. Daneben standen Wassertränke und Futtertröge. Im oberen Stock der Scheune wurden ringsum Holzscheite gelagert – Nachschub für den Kochherd und den Waschhafen. Mittendrin spannten sich in luftiger Höhe Seile, an denen Müeti die frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen aufhängte.

Hinter und neben dem Holzlagerschuppen lag ein grosser Hühnerhof, unterteilt in verschiedene Abschnitte und von einem hohen Gitterzaun umgeben. Hier wuchsen ein prächtiger Birnbaum sowie Holunder- und Haselnusssträucher, die den Hennen Schatten und Unterschlupf boten. Müeti betreute eine beachtliche Schar – bis zu sechzig Hühner.

Im Winter liess die Eierproduktion nach. Der Futtermittelhändler kannte dieses Phänomen und hatte gleich eine Lösung parat: eine Zeitschaltuhr, die den Stall um fünf Uhr morgens mit hellem Licht erfüllte. Mehr Licht, mehr Fresszeit, mehr Eier – so das Kalkül. Tatsächlich legten die Hühner danach etwas mehr. Und der Futtermittelhändler konnte sich über mehr Umsatz freuen. Ein geschickter Geschäftsmann.

Im gedeckten Hof standen die Kaninchenställe. Die Luken der Türen waren mit Drahtgitter versehen, das Licht und frische Luft hereinliess. Je nach Grösse der Hasenfamilien konnten wir die Inneneinteilung anpassen, indem wir die Zwischenwände versetzten. Das Stroh bot den Kaninchen einen gemütlichen Rückzugsort. Gefüttert wurden sie mit Heu und Gras, das in die Drahtkrippen an den Seitenwänden gestopft wurde, dazu Getreide und manchmal frisches Gemüse.

Uns Kindern brachte die Kaninchenhaltung Pflichtbewusstsein bei: Wir waren verantwortlich für die tägliche Fütterung, die Sauberkeit und das Ausmisten der Ställe.

Wilde Tiere auf dem Bauernhof

In unserem Zuhause lebte auch ein wildes Tierreich – allerdings ohne unsere Zustimmung. In den Hohlräumen der Wände tummelten sich Mäuse, und hin und wieder liess sich eine Ratte im Schweinestall blicken. Auf dem Estrich trieben sich Marder herum, die wir nie zu Gesicht bekamen – ihre Anwesenheit verrieten nur die Kotspuren.

Die Mäuse versuchten wir mit Fallen zu fangen, was nicht immer auf Anhieb gelang und Geduld erforderte.

Im Sommer wurden Stall und Wohnung von einer wahren Fliegenplage heimgesucht. Müeti hängte gelbbraune Kleberbänder auf, an denen die Fliegen haften blieben. Nach und nach füllten sich die Bänder, aber ganz Ruhe hatten wir nie von den lästigen Tieren.

So versuchten wir auch, Fliegen mit der Hand zu fangen. Konnte ich mit Glück eine erhaschen, hielt ich sie einer unserer Hauskatzen vor die Nase – und die Katze schnappte sie gierig mit dem Maul. Die Katzen versuchten auch selbst, mit ihren Tatzen Fliegen zu erhaschen. Dies sah ich eher als Spiel, denn es gelang ihnen fast nie.

Tiefkühlfach

Nur 150 Meter von unserem Zuhause entfernt lag ein Ort von grosser Bedeutung: das Tiefkühlfach der Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft. Dort lagerten Gemüse und Beeren aus unserem Garten, Brot, Fleisch und – das Beste – selbstgemachte Rahmglace.

Der Raum beherbergte vielleicht hundert Fächer, jedes mit einem Vorhängeschloss gesichert. Den Schlüssel musste man von zu Hause mitnehmen – vergass man ihn, stand man vor verschlossener Tür und durfte den Weg nochmals machen. Das Gefrorene legten wir in einen Weidenkorb, damit die Finger beim Heimtransport vom Gefriergut verschont blieben.

Feldscheune

Die Feldscheune war ein mächtiger Bau aus Holz. Ihre Aussenwände hatte die gnadenlose Sonne über die Jahre dunkelbraun gebrannt, das Dach trug schwere, rustikale Ziegel. Wurden die grossen Torflügel aufgestossen, öffnete sich ein gewaltiges Lichtrechteck, durch das die prall beladenen Erntewagen hereinrollten. Unter dem grosszügigen Vordach lagerten die Heinzen – jene hölzernen Gestelle, auf denen wir das Heugras zum Trocknen aufhängten, damit es seinen Duft behielt, bevor es im Heustock verschwand.

Eine Heubelüftung mit Gebläsen gab es damals noch nicht. Wurde das Heu zu feucht eingelagert, konnte es sich erhitzen – im schlimmsten Fall drohte ein Heustockbrand. Das hätte für uns wirklich brenzlig werden können, im wahrsten Sinne des Wortes.

In der Wagenremise standen die Brückenwagen zwischen einer Fülle von Handwerkzeugen: Heugabeln, Rechen, Hauen und Karsten. Ohne sie wären wir aufgeschmissen gewesen – sie waren unsere Waffen im täglichen Ringen mit dem Land. Für die wohlverdienten Pausen während der Feldarbeit fanden wir am Rand der Scheune schattige Plätze, wo wir uns hinsetzten, den Durst stillten und durchatmeten – dankbar für jeden Moment fern der erbarmungslosen Sonne.

Die Scheune diente einst auch als Lager für die Weizengarben, bevor diese im Herbst gedroschen wurden. Wenn ich daran denke, steigt ein fröhlicher Kanon aus Schulzeiten in mir auf: «Hejo, spann den Wagen an. Denn der Wind treibt Regen übers Land. Hol die gold’nen Garben, hol die gold’nen Garben.» Es war, als hätten die Garben, die wir sorgsam von Hand einsammelten, ihr eigenes Lied. Eine Zeit voller Bilder und Gerüche, die ich erleben durfte.
 
ohne Datum, Ossingen – beladen des Erntewagens

Ein Moment aus der intensiven Erntezeit, in der jede helfende Hand gebraucht wurde.

 

Das Dreschen fand ebenfalls in dieser Scheune statt. Für mich als Kind war die Dreschmaschine ein riesiges Ungetüm. Oben auf dem lautstark ratternden Koloss gähnte ein Schlund, in den die Garben geworfen wurden. Es war ein Schauspiel: Wie die Maschine das Korn von den Halmen trennte, vorne das Stroh ausspuckte und hinten die reinen Körner in wuchtige Zentnersäcke rieseln liess. Hundert Kilogramm wog so ein voller Sack! Mit einer robusten Sackkarre liessen sie sich über den Boden rollen, und um sie auf Schulterhöhe zu hieven, gab es an der Maschine sogar einen kleinen Aufzug.

Da die Dreschmaschine keine Strohballen formte, stellte man kurzerhand eine Hartballenpresse neben den Strohauswurf. Angetrieben wurde sie von einem Traktor.

Kaugummi

Besonders faszinierte mich eine amüsante Kunst, die mir meine älteren Brüder beibrachten: Kaugummi aus Weizenkörnern herzustellen. Wir legten eine Ähre zwischen die Handflächen und rollten sie hin und her, bis sich die Körner lösten. Dann steckten wir die Körner zweier Ähren in den Mund und kauten kräftig darauf herum.

Langsam zerrieben sich die Körner; durch das Kauen und den Speichel entstand eine zähe, gummiartige Masse. Die Schalenreste lösten sich nach und nach und liessen sich schlucken. Mit Geduld blieb am Ende ein beinahe reiner Kaugummi übrig – essbar und erstaunlich befriedigend. Es war unsere eigene kleine Entdeckung, ein Wunder aus dem Weizenfeld, das wir immer wieder neu erleben wollten.

Rebhäuschen

Inmitten der Reben stand das bescheidene Rebhäuschen – eher ein morscher Schuppen als ein Gebäude. Hier lagerten die «Siebensachen» geduldig auf ihren Einsatz im Weinberg. Ein winziger Tisch, schmale Bänke – mehr brauchte es nicht. Dieser Ort lud zu erholsamen Pausen ein, und wir nahmen die Einladung nach den Strapazen des Weinbaus nur zu gerne an.

Wie war es draussen – gab es bei euch eine Hofstatt?
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Wie war es draussen – gab es bei euch eine Hofstatt?
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Vorplatz

Vor dem Kuhstall thronte der Misthaufen. Tag für Tag wurde Stallmist aufgeschichtet, bis er zur rechten Zeit auf die Felder geführt wurde, wo er mit der Erde verschmolz und neues Wachstum nährte. In der Nase war er kein Vergnügen – aber er gehörte dazu wie das Muhen der Kühe und der Geruch von frischem Heu. Er war Teil des ewigen Kreislaufs, der unseren Hof am Leben hielt.

Der Vorplatz selbst war ein Ort ständigen Kommens und Gehens. Hier kreuzten sich die Wege unserer Familie mit denen der Besucher, die Vatti als Gemeindeschreiber aufsuchten, mit Nachbarn auf dem Weg zu ihren Gärten und mit allerlei Fahrzeugen.

Mittendrin fand ich meine Freude. Ich spielte mit anderen Kindern oder verbrachte allein Zeit an einem kleinen Sandhaufen in einer Ecke des Vorplatzes, baute Tunnel oder formte Sandkuchen. Besonders im Winter konnte ich es kaum erwarten, bis die ersten Schneeflocken fielen. Dann durfte ich mit einem einfachen Brett an einem Stiel Schnee schieben – eine simple Aufgabe, die mich mit riesigem Stolz erfüllte.

Die Maul- und Klauenseuche

Der Winter 1965/66 brachte neben Kälte auch Angst: Die Maul- und Klauenseuche zog wie ein Schatten über die Schweizer Landschaft. Diese hochansteckende Viruserkrankung befiel vor allem Klauentiere – Rinder, Schweine – und bedeutete für die betroffenen Bauern eine Katastrophe.

Um die Ausbreitung zu verhindern, legten wir auf der Zufahrt zum Hof einen breiten Streifen mit Lauge getränkten Sägemehls an. Jeder, der den Hof betrat oder verliess, musste über diesen Teppich gehen, um seine Schuhsohlen zu desinfizieren. Ob das bei Frost noch wirkte, war allerdings fraglich – die Lauge fror ja ein. Wir taten es trotzdem. Und zum Glück blieben unsere Tiere verschont.

Blumengarten vor dem Haus

Vor dem Haus lag ein Garten, der mir als Kind wie eine eigene Welt vorkam. Eingebettet zwischen sorgfältig geschnittenen Buchsbaumhecken blühte es dort in verschwenderischer Fülle.

Primeln, Tulpen und Osterglocken leuchteten um die Wette, als wollten sie den Winter endgültig vertreiben. Im Frühling öffnete der dunkelviolette Fliederstrauch seine Dolden und legte einen betörenden Duft über den ganzen Vorplatz.

Im Sommer dann eine Explosion der Farben: Bürsten-Nelken, Dahlien in ihrer ganzen Pracht und Rosen in allen erdenklichen Schattierungen. Dieser Garten war Müetis Reich – hier pflegte sie, hier blühte etwas auf, das nichts mit der schweren Feldarbeit zu tun hatte.

ohne Datum, Ossingen – Vorplatz mit Garten. Mein Grossvater präsentiert stolz eines seiner Rinder.

 

Das Ende des Vorgartens

Mit dem Einzug der Maschinen begann ein schleichender Wandel. Was einst ein blühendes Idyll war, verwandelte sich Stück für Stück in eine Abstellfläche. Mistkran, Mistzetter, Druckfass, Ladewagen, Förderband, Ladeanhänger – der Maschinenpark wuchs in kurzer Zeit beträchtlich und frass sich in den Vorgarten hinein. Schliesslich wurde er sogar zum Wendeplatz für den Mähdrescher.

Das grüne Herz unseres Anwesens hörte auf zu schlagen. Die Blumen wichen dem Fortschritt – leise, aber unwiderruflich.

Hinterhof

Der Hinterhof war unser ganz eigenes Reich. Hier wurden die bunten, staubigen Teppiche geklopft, dass es nur so wölkte. Im Frühling lagen die Bettwaren zum Lüften in der Sonne, und die frisch gewaschenen Fensterläden wurden mit duftendem Öl eingerieben. Es war auch der Ort, auf den ich besonders stolz war: Dort stand meine erste kleine Wetterstation – ein handgefertigtes Weihnachtsgeschenk von Vatti.

Eine Beobachtung faszinierte mich im Winter besonders: Vor der Küche gab es einen kreisrunden Fleck, auf dem sich der Schnee viel später niederliess als anderswo. Mein Grossvater wusste warum – dort hatte einst ein Ziehbrunnen gestanden. Als das fliessende Wasser ins Haus kam, wurde der Brunnen überflüssig, zugeschüttet und mit einer massiven Steinplatte abgedeckt. Doch die Wärme aus der Tiefe verriet ihn noch immer.

Vom Hinterhof aus führten Wege in alle Richtungen: in die Waschküche, in die Holzwerkstatt, zur Holzscheune für das Brennholz. Ein anderer Weg brachte uns zum Hühnerhof mit dem Hühnerstall und den Kaninchenställen. Und schliesslich gelangte man von hier in den Gemüse- und Beerengarten und weiter in den Baumgarten.

Gemüse- und Beerengarten hinter dem Haus

In Müetis Garten gedieh fast alles: Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Kohlrabi, Karotten, Spinat, Krautstiel, Wirz, Randen, Sellerie, Salat, Tomaten, Gurken und Zwiebeln. Es war ihr stilles Meisterstück – Reihe um Reihe, alles an seinem Platz.

Ernst und ich bekamen ein kleines Fleckchen Erde zugewiesen, ganz für uns allein. Für mich war es der Beginn eines grossen Abenteuers. Mit strahlenden Augen säten und pflanzten wir: Erdbeeren natürlich, dazu Radieschen, die mit ihren roten Köpfen frech aus der Erde lugten, und Karotten, die sich unsichtbar unter der Oberfläche versteckten, bis wir sie endlich herausziehen durften. Die grösste Spannung aber lieferte der Wettstreit um die höchste Sonnenblume. Den ganzen Sommer über massen wir fieberhaft nach – wessen grüner Daumen würde siegen? Der Herbst brachte die Antwort, und der Verlierer musste es sportlich nehmen.

Beeren

Unser Garten war ein Paradies der süssen Versuchungen. Jede Beere hatte ihren eigenen Geschmack, ihren eigenen Moment im Sommer:

  • Erdbeeren: süss, saftig, intensiv fruchtig. Die ersten waren immer die besten.
  • Himbeeren: süss mit leichter Säure, erfrischend an heissen Tagen.
  • Brombeeren: süss und leicht herb, mit einem vollen, fruchtigen Bouquet.
  • Rote Johannisbeeren: säuerlich-würzig, nichts für Zartbesaitete.
  • Weisse Johannisbeeren: mild und leicht süsslich, die Sanften unter den Beeren.
  • Stachelbeeren: erfrischend mit einem Hauch von Säure, und wehe, man griff zu hastig in den Strauch.

Blumengarten

Als der Blumengarten vor dem Haus dem wachsenden Hofplatz weichen musste, zogen die Dahlien und Pfingstrosen kurzerhand um – zwischen die Gemüsebeete. Dort blühten sie unbeirrt weiter, als ginge sie der Umzug nichts an. Ihre bunten Köpfe reckten sie stolz zwischen Kohlrabi und Karotten in die Höhe und verwandelten Müetis Nutzgarten in etwas, das mehr war als bloss nützlich.

Widrigkeiten

In der Auseinandersetzung mit den unersättlichen Schädlingen wie Schnecken, Engerlingen und Drahtwürmern führte Müeti einen unermüdlichen Kampf. Nicht nur diese Plagegeister stellten eine Herausforderung dar, sondern auch Pilzkrankheiten, Hagelschlag sowie Trockenheit beeinträchtigten das Gedeihen der Pflanzen. Ein wechselvolles Bild bot sich Müeti, welche immer wieder mit den Launen der Natur zu kämpfen hatte. Von einer prächtigen Ernte konnte nicht immer die Rede sein, vielmehr galt es, mit Demut zu geniessen, was trotz aller Widrigkeiten gedeihen konnte.

Baumgarten, «Pungerte»

Unsere Hochstamm-Apfelbäume wurden kaum noch gepflegt und selten beschnitten. Dafür waren die Äpfel völlig naturbelassen – im Guten wie im Schlechten. Beim Ernten mussten wir uns mit Schorf, Würmern und angefaulten Stellen herumschlagen. Krank wurden wir davon nie. Und das Aroma? Mindestens so gut wie bei den heutigen Sorten – vielleicht sogar charaktervoller. Es waren Äpfel mit Ecken und Kanten, genau wie das Leben, das wir führten.


Ostern, 14. April 1963, Ossingen – unsere Familie im Baumgarten

Im Hintergrund ist der Rohbau unseres neuen Schulhauses Orenberg zu sehen.

 

Mein Zuhause damals und heute
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5.  Mein Zuhause damals und heute
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Vom Riegelhaus mit Plumpsklo zur Eigentumswohnung mit Seeblick – mein Weg führte durch Bauernhöfe, Dienstwohnungen und Mietverhältnisse. Jedes Zuhause erzählt seine eigene Geschichte, und jedes hat Spuren in mir hinterlassen.
Wohnte noch jemand bei euch?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Wohnte noch jemand bei euch?
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Els

Als ich gerade vier Monate alt war, heiratete Tante Elsa – liebevoll «Els» genannt – Konrad Vetter, den alle nur «Koni» nannten. Die beiden zogen in ein kleines Haus in der Nähe des Bahnhofs, an der Adresse «Zur Station 3».

Ich habe keinerlei Vorstellung davon, dass Tante Els je bei uns gelebt hat. Vier Monate – das reicht offenbar nicht für bleibende Eindrücke.

Ros

An Tante Rosa – oder einfach Ros, Vattis andere Schwester – habe ich dagegen einzelne, sehr lebendige Bilder.

Eines davon ist wenig glamourös, dafür umso eindrücklicher: Mein erster bewusster Durchfall. Ros war meine Rettung. Mit ruhigen Händen setzte sie mich auf das Plumpsklo, half mir danach die Hosen hochzuziehen – und kaum war alles gerichtet, meldete sich die Not schon wieder. Geduldig wiederholte sie das Ganze, ohne ein Wort der Klage.

Ein anderes Bild: der Besuch von Walter Rohner in seiner imposanten Militäruniform. Er kam wohl vor allem ihretwegen.

Die Hochzeit von Ros und Walter im Jahre 1960 in Flawil ist wie ein bunter Film in meinem Gedächtnis. Besonders lebendig geblieben ist mir das Dessert nach dem Nachtessen – oder genauer: das, was danach kam. Mein Bauch war längst voll, aber ich konnte nicht widerstehen. Ein Bissen zu viel, und mein Magen rebellierte. Später schlief ich auf dem Boden neben Ernst, bis uns der Reisebus spät in der Nacht nach Hause brachte.


5. November 1960, Flawil – Hochzeit von Tante Rosa und Walter Rohner-Wespi

Da stehe ich im Vordergrund – der Junge mit dem abgeklebten Brillenglas. Etwas scheu, etwas überfordert. Zusammen mit meinem Bruder Ernst halte ich den blumengeschmückten Korb vor der strahlenden Braut. Ich weiss nicht genau, was hier eigentlich passiert, aber ich folge tapfer den Anweisungen meines grossen Bruders. Alles ist feierlich, die Erwachsenen sind elegant – und ich bin mittendrin, kleiner Helfer in einem grossen Familienmoment.

Wie entwickelten sich die Raum- und Schlafverhältnisse seit deiner Jugend?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Wie entwickelten sich die Raum- und Schlafverhältnisse seit deiner Jugend?
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Als ich in die Oberstufe wechselte, wurde mir ein eigener Abschnitt in der langgezogenen Gangkammer zugewiesen – mein erstes kleines Reich. Ein bescheidener Tisch stand am Fenster, an dem ich meine Schulaufgaben erledigte. Es war nicht viel, aber es war meins.

Später, 1974, an der Andelfingerstrasse – im einstigen Wohnbereich von Tante Seline – befanden sich drei Schlafzimmer im oberen Stock: das Elternzimmer, das Zimmer von Ernst und schliesslich meines. Ein eigenes Zimmer mit geschlossener Tür – das war Freiheit.

Erinnerst du dich an besonders schöne und für dich wertvolle Rückzugsorte?
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Erinnerst du dich an besonders schöne und für dich wertvolle Rückzugsorte?
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Wenn mich grosse Probleme bedrückten, wollte ich nicht in meinem Zimmer sitzen und grübeln. Ich musste raus, aktiv werden.

Manchmal ging ich in die Werkstatt und arbeitete mit den Händen. Oder ich schwang mich aufs Velo und radelte einfach los – hinauf auf eine Anhöhe mit weiter Aussicht oder durch den dichten Wald, wo mich die Bäume wie stille Verbündete umgaben. Dort, in der Natur, legte sich die Schwere. Nicht sofort, aber verlässlich.

Hast du deine Kindheit und Jugend im selben Haus verbracht oder musstest du mehrmals umziehen?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Hast du deine Kindheit und Jugend im selben Haus verbracht oder musstest du mehrmals umziehen?
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In unserem Haus an der Steinerstrasse 7 verbrachte ich meine prägenden Jahre bis etwa 1974. Das grosszügige Dreisässenhaus war mehr als ein Zuhause – es war eine ganze Welt. Hier spielte sich alles ab: Arbeit und Spiel, Geborgenheit und Entdeckung.

Etwa 1974 zogen wir in das Haus unserer Tante Seline an der Andelfingerstrasse 1 – ein älteres, kleineres Bauernhaus mit knarzenden Dielen und niedrigeren Decken. Es war anders als die Steinerstrasse, aber auf seine Art vertraut.

Tante Seline hatte sich zu dieser Zeit entschieden, ins Altersheim «Schloss» in Andelfingen zu ziehen. Eingebettet in gepflegte Gärten mit geschwungenen Wegen fand sie dort ein behagliches neues Zuhause. Das geregelte Essen, die Pflege und die Gesellschaft taten ihr sichtlich gut. Meine Eltern besuchten sie wöchentlich – und manchmal durfte auch ich mit.

So wurde die Andelfingerstrasse 1 unser neues Zuhause. Tante Selines Spuren waren noch überall – in den Wänden, den Räumen, den Gewohnheiten des Hauses. Vergangenheit und Gegenwart lagen hier dicht beieinander.

9. Juli 1983, Ossingen, Andelfingerstrasse 1 – mein Zuhause in meiner späten Jugend

 

Was waren die Gründe für den Umzug? Wie wurde darüber entschieden?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Was waren die Gründe für den Umzug? Wie wurde darüber entschieden?
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Nach der Hochzeit zogen meine Eltern in den Haushalt von Vattis Familie an der Steinerstrasse. Doch Müeti wusste aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn zu viele unter einem Dach leben. Sie wollte Ruth, ihrer Schwiegertochter, und Hansruedi nicht zumuten, was sie selbst erlebt hatte.

Die Überlegung war klar: Hansruedi, mein ältester Bruder, sollte den Bauernhof übernehmen – und dafür brauchte er mit seiner Familie Platz. Also mussten wir uns nach einer Lösung umsehen.

Das Glück kam uns entgegen: Tante Seline entschied sich für den Umzug ins Altersheim, und ihr Haus an der Andelfingerstrasse stand leer. Bevor wir einziehen konnten, waren allerdings Umbauten nötig. Das Haus bot in seiner ursprünglichen Form lediglich eine bescheidene Toilette – von einem Badezimmer oder einer Waschmaschine konnte man nur träumen. Also rückten die Handwerker an, und aus Tante Selines bescheidenem Heim wurde ein Zuhause mit modernen sanitären Anlagen und genug Platz für meine Eltern, Ernst und mich. Werner blieb in seinem Zimmer an der Steinerstrasse wohnen.

Es war eine Veränderung von grosser Tragweite – für uns alle. Aber wir gewöhnten uns ein, und bald war die Andelfingerstrasse unser Zuhause. Hansruedi übernahm den elterlichen Hof, und ein neues Kapitel unserer Familiengeschichte begann.

Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse von den heutigen Ansprüchen?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse von den heutigen Ansprüchen?
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In den Bauernhäusern meiner Kindheit war Platz vorhanden – aber er gehörte selten einem allein. Die Räume waren grosszügig, die Wände aus Holz, die Atmosphäre vertraut. Doch Privatsphäre war ein Luxus, den es kaum gab. Mehrere Generationen teilten sich das Haus, und eine geschlossene Tür bedeutete noch lange nicht, dass man ungestört war.

Heute schätze ich genau das: Rückzugsorte, die wirklich mir gehören. In meiner Wohnung finden sich Annehmlichkeiten, von denen wir damals nur träumen konnten – ein Geschirrspüler, ein Wäschetrockner, eine stabile Internetverbindung. Klimaanlagen oder Smart-Home-Technologien brauche ich nicht; so weit geht mein Modernisierungsbedürfnis dann doch nicht.

Verändert hat sich auch mein Bewusstsein für Energie. Effiziente Geräte und gut isolierte Räume gehören heute zu dem, was ich unter Wohnkomfort verstehe – nicht nur Bequemlichkeit, sondern auch Verantwortung.

Manche zieht es zurück aufs Land, in die Stille. Ich habe mich anders entschieden: für einen grösseren Ort, in dem Einkaufsmöglichkeiten nah und die öffentlichen Verkehrsmittel gut erschlossen sind. Am Zürichsee habe ich meine Heimat gefunden – mit Blick auf das Wasser und dem Gefühl, dass Stadt und Natur hier keine Gegensätze sind.

Seit wann hattest du Vorstellungen davon, wie du später einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Seit wann hattest du Vorstellungen davon, wie du später einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?
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Meine erste Welt war der elterliche Bauernhof – vertraut, geborgen, selbstverständlich. Ich kannte nichts anderes und brauchte auch nichts anderes.

Dann, gut zwanzigjährig, brach ich zu meinen Wanderjahren auf. Verschiedene Orte, verschiedene Zimmer, nichts Festes. In dieser Zeit wäre es kaum sinnvoll gewesen, an ein eigenes Haus zu denken. Erst als sich die Dinge ordneten – eine Familie, ein fester Arbeitsplatz in der Nähe – fühlte ich mich bereit für etwas Eigenes.

Der Traum vom Häuschen mit Garten begleitete mich lange. Doch das Leben führte mich von Mietvertrag zu Mietvertrag. Verwirklicht habe ich ihn nie – aber losgelassen auch nicht ganz.

Welche Stationen und Wohnsituationen führten zu deiner heutigen Wohnsituation? Wie sieht diese heute aus?
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Welche Stationen und Wohnsituationen führten zu deiner heutigen Wohnsituation? Wie sieht diese heute aus?
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Im Jahr 2007, nach dem Tod meiner Eltern, gelangte unverhofft eine beachtliche Summe in unseren Besitz. Ich schaute Barbara an und sagte: «Dieses Geld lassen wir nicht auf der Bank liegen.» Sie nickte – wir waren uns sofort einig.

Mit dem Erbe und unseren Ersparnissen konnten wir uns endlich nach einer eigenen Wohnung umsehen. Barbara war in der Stadt aufgewachsen und wünschte sich, wieder in eine grössere Ortschaft zu ziehen. Wichtig war uns beiden eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, denn Barbara fuhr kein Auto.

Ich hatte einen eigenen Wunsch: Wenn schon Zürichsee, dann mit Blick aufs Wasser. Über das Internet – damals für uns noch ein ziemlich neues Werkzeug – machten wir uns auf die Suche.

Nach mehreren Besichtigungen fanden wir die Wohnung, in der wir heute leben. Sie erfüllt alles, was wir uns vorgestellt hatten: den See vor Augen, die Stadt in Reichweite, den Alltag gut organisiert. Dass wir sie bekamen, war ein Glücksfall.

Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?
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Wir fühlen uns wohl hier, in unserem kleinen Stockwerkeigentum. Es ist unser Zuhause, und wir sind dankbar dafür.

Einen Wermutstropfen gibt es: Mir fehlt eine Werkstatt. Für einen, der gerne mit den Händen arbeitet, ist das kein kleiner Verzicht. Aber ich habe mich arrangiert – und neue Leidenschaften gefunden.

Da sind die Berge. Seit ich mehr Zeit habe, bin ich regelmässig zu Fuss unterwegs – mit Wanderrucksack und dem Gefühl, dass die Gipfel nicht weniger werden, solange ich noch gehen kann.


5. Oktober 2022, Sulsalp BE – Blick auf Eiger, Mönch, Jungfrau

 

Und wenn ich nicht wandere, nehme ich das Elektrovelo. Durch die Landschaft rollen, den Fahrtwind spüren, bergauf ohne Qual – das ist eine Freiheit, die ich nicht mehr missen möchte.

Seit meiner Pensionierung besitze ich ein Generalabonnement. Züge, Busse, Schiffe – alles offen, jederzeit. Damit reise ich durch die Schweiz, spontan und ohne Plan, und entdecke Orte, für die früher nie Zeit war.


17. Oktober 2022, Preda GR – Lai da Palpuegna


Und dann ist da noch dieses Projekt: meine Autobiografie. Die Idee kam nach der Pensionierung wieder auf – all die Erinnerungen, die Geschichten, die Orte festzuhalten, bevor sie verblassen.

Denkst du bereits ans Wohnen im Alter? Hast du dafür schon Vorkehrungen getroffen?
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5.  Mein Zuhause damals und heute

Denkst du bereits ans Wohnen im Alter? Hast du dafür schon Vorkehrungen getroffen?
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Bei der Wahl unserer Wohnung haben wir nicht nur an den Seeblick und die gute Verkehrsanbindung gedacht – sondern auch ans Älterwerden. Die Wohnung ist weitgehend altersgerecht: keine Schwellen, ein Lift neben dem Treppenhaus, alle Eingänge stufenlos erreichbar. Auf Teppiche haben wir bewusst verzichtet, weil sie Stolperfallen sein können. Kleine Entscheidungen, die irgendwann einen grossen Unterschied machen werden.

Unsere Gemeinde organisiert zudem Veranstaltungen zum Thema Wohnen im Alter, an denen Barbara und ich teilgenommen haben. Dort erfuhren wir, welche Möglichkeiten und Anlaufstellen es vor Ort gibt. Es beruhigt, zu wissen, dass man nicht allein ist mit diesen Fragen – und dass man sich rechtzeitig damit beschäftigt hat.

Kindliche Abenteuer und Entdeckungen
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen
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Ein Stück Kindheit – geschnitzt aus Haselholz und Einfallsreichtum. Als Fantasie das Spielzeug war und der Alltag zum Abenteuer wurde. Hightech der 50er: Staubsauger, Wählscheibe und ein Funken Träumerei.
Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du besonders gern im Haus oder im Freien?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du besonders gern im Haus oder im Freien?
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Luftkanone

Für den Bau meiner Luftkanone brauchte ich ein perfektes Stück Holunderholz: kerzengerade, astfrei, etwa dreissig Zentimeter lang und drei Zentimeter dick. Mit einem Eisenstab trieb ich das weiche Mark aus dem Inneren, bis ein glattes Rohr vor mir lag.

An beiden Enden stopfte ich sorgfältig geformte Zapfen aus nassem Zeitungspapier hinein, die das Rohr dicht verschlossen. Dazu kam ein Holzstössel – genau um eine Zapfenlänge kürzer als das Rohr, mit einem Griff am Ende.

Und dann das Beste: Mit einem kräftigen Stoss presste ich den hinteren Zapfen gegen den vorderen. Die Luft dazwischen wurde komprimiert, bis der Druck zu gross wurde – dann löste sich der vordere Zapfen mit einem satten Knall und schoss davon. Dieser Knall! Er war das Herzstück der ganzen Sache. Sofort stopfte ich einen neuen Zapfen hinein. Wieder und wieder.

Pfeil und Bogen

Unter dem Haselstrauch begann mein nächstes Projekt. Ich suchte mir eine biegsame Rute, band eine straff gespannte Schnur um beide Enden – fertig war der Bogen. Die Schnur summte bei jeder Berührung, und allein dieses Geräusch versprach etwas.

Die Pfeile machte ich aus Schilfrohren. An der Spitze steckte ein Korkzapfen – Überbleibsel aus Weinflaschen. Mit einem kräftigen Zug am Bogen liess ich sie fliegen. Über fünfzig Meter segelten sie durch die Luft, und ich blickte ihnen jedes Mal staunend nach. Fünfzig Meter! Für mich war das eine Sensation.

Bleigiessen

In den Kugelfängen des 300-Meter-Scheibenstands, wo die Geschosse der Schützen im Sand versanken, stiessen Ernst und ich auf unzählige Projektile. Wir sammelten sie ein und trugen sie zu unserer improvisierten Giesserei im Freien.

Über einem Holzfeuer erhitzten wir eine grosse Konservendose von der Müllhalde. Langsam begann das Blei der Geschosse darin zu schmelzen. Mit einer Zange aus der Werkstatt hielten wir die glühende Dose und gossen das flüssige Metall vorsichtig in eine Form. Als es abkühlte, hatten wir einen schweren, runden Klumpen.

Ernst, der Sportliche von uns beiden, nahm ihn sofort in die Hand und begann Kugelstossen zu üben. Perfekt geformt war der Brocken nicht – aber das störte ihn wenig. Aus alten Geschossen hatten wir etwas Neues gemacht, und das allein genügte uns.

Seilbahn

In der vierten Klasse lernte ich in der Schule, mit dem Laubsägebogen umzugehen. Aus Sperrholz sägte ich sorgfältig jedes Teil für eine kleine Seilbahnkabine aus. Der Zusammenbau war das eigentliche Wunder: Alle Teile passten. Sogar die Schiebetür liess sich bewegen. Zum Schluss strich ich die Kabine in tiefem Blau an – fertig war mein Meisterstück.

Zu Hause wartete die eigentliche Herausforderung: die Seilbahn zum Fahren bringen. Vom hoch gelegenen Estrichfenster spannte ich ein Tragseil hinunter zum gegenüberliegenden Holzlagerschopf, wo ich es ums Treppengeländer schlang.

Dann die erste Probefahrt. Ich stand oben am Estrichfenster und bediente das Zugseil. Unten wartete Hansruedi, ebenso gespannt wie ich. Langsam setzte sich die Kabine in Bewegung, folgte dem Gefälle – und rollte tatsächlich mühelos bis hinunter zum Schopf.

Da rief Hansruedi: «Warte einen Moment!» Er öffnete die Schiebetür, füllte etwas hinein – ich konnte von oben nicht sehen, was. Dann sein Kommando: hochziehen. Behutsam zog ich an der Schnur, die Hände zittrig vor Aufregung. Bloss nicht entgleisen lassen. Als die Kabine oben ankam, öffnete ich die Tür: Johannisbeeren. Die erste Schweizer Cargo-Seilbahn mit Beerenlieferung. Wir lachten beide laut.

«Giereiti», eine Schaukel über dem Hühnerstall – Sicherheitszertifikat: keines

Über eine Treppe gelangte man zum Holzlager hoch über dem Hühnerstall. An einem massiven Querbalken, über den seitlich aufgeschichteten Scheiterbeigen, waren fest montierte Drahtseile gespannt – eigentlich Wäscheleinen. Aber an diesem Balken hing auch unsere Schaukel.

Ein einfacher Holzsitz an zwei Seilen, sonst nichts. Aber von dort oben, über dem Hühnerstall schwebend, mit dem Blick ins Freie bei jedem Schwung – das war Freiheit. Wir schaukelten, so hoch wir uns trauten, und unser Lachen hallte über den Hof. Niemand fragte nach Sicherheit. Es war eine andere Zeit.
Welche Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Welche Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
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Ich pflege bis heute keine besondere Beziehung zu Büchern. Das überrascht mich selbst nicht – denn lesen war bei uns zu Hause schlicht kein Thema. Meine Eltern und mein Grossvater waren keine Leser. Müeti holte gelegentlich ihr abgenutztes Kochbuch hervor, voller Flecken und Eselsohren, um eine Backzeit oder Mengenangabe nachzuschlagen. Und Vatti las Paragrafen und Gesetzestexte – aber das hatte mit seiner Funktion als Gemeindeschreiber zu tun, nicht mit Vergnügen.

Wo in anderen Familien vielleicht über Bücher gesprochen wurde, drehten sich unsere Gespräche um die Schlagzeilen der lokalen Zeitung oder die Bilder in Zeitschriften. Literatur kam bei uns nicht vor.

Dennoch sind mir wenige Bücher im Gedächtnis geblieben.

Da waren die bunten SILVA-Bücher mit ihren charakteristischen Sammelbildern. Sie faszinierten mich als Kind – die Geschichten entfalteten sich durch Text und Bild zugleich.

Tiefer ins Gedächtnis gebrannt hat sich ein Buch mit dem Titel «Werken für Jungen». Jede Seite war eine Anleitung, jedes Bild ein Versprechen: Das könntest du bauen. Immer wieder blätterte ich darin, verlor mich in den Projekten aus Holz und Metall und stellte mir vor, wie ich eines nach dem anderen verwirklichen würde.

Die abonnierten Zeitungen und Zeitschriften blätterte ich ebenfalls durch – wurden die Texte zu schwierig, schaute ich mir nur die Bilder an und blätterte weiter.

An einem Weihnachtsabend schenkte mir meine Gotte ein Malbuch. Auf jeder Doppelseite leuchtete links eine fertige, farbige Landschaft – und rechts waren nur die feinen Umrisslinien zu sehen. Den Rest durfte ich selbst gestalten. Mit meinen Farbstiften sass ich da und malte Seite um Seite aus. Es war kein Buch zum Lesen – sondern eines zum Eintauchen.

Erinnerst du dich an Märchen oder Gutenachtgeschichten, die man dir erzählte? Oder an Kinderlieder, die man dir vorsang?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Erinnerst du dich an Märchen oder Gutenachtgeschichten, die man dir erzählte? Oder an Kinderlieder, die man dir vorsang?
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Mit kribbeliger Vorfreude setzte ich mich vor das alte Radio meines Grossvaters und lauschte gebannt den Märchensendungen. Die Stimme der Sprecherin liess «Rotkäppchen» oder «Hänsel und Gretel» lebendig werden – und ich war mittendrin, in einer Welt aus Hexen, Zwergen und Prinzessinnen. Ich konnte nicht genug davon bekommen.

Auch im Kindergarten wurden uns Märchen erzählt. Unsere Kindergärtnerin – Tante Lina, wie wir sie nennen durften – hatte eine besondere Gabe dafür. Wenn sie von Schneewittchen berichtete, sah ich die prächtigen Kleider und den weissen Apfel mit der roten Backe förmlich vor mir. Ich vergass, auf einem kleinen Stuhl zu sitzen.

Kinderlieder lernten wir dort ebenfalls: «Ringel, Ringel, Reihe», «Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp», «Alli mini Äntli» oder «Weisst du, wieviel Sternlein stehen». Lieder, die ich bis heute mitsingen könnte.

Zu Hause war das anders. Meine Eltern erzählten keine Geschichten und sangen keine Lieder – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil schlicht die Zeit fehlte. Es fehlte mir trotzdem nicht. Ich hatte ja das Radio und Tante Lina.

Erinnerst du dich daran, wie du die Jahreszeiten erlebt hast?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Erinnerst du dich daran, wie du die Jahreszeiten erlebt hast?
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Frühlingserwachen

Der Frühling kam mit den ersten Blüten: weisse Maiglöckchen, bunte Primeln, rote Tulpen, gelbe Narzissen. Müeti pflückte sonntags Sträusse aus ihrem Garten und stellte sie auf den langen Tisch in der Stube. Dann wusste ich: Es ist so weit.

Es war die Zeit, in der die Abende wieder hell wurden – ich aber trotzdem um sieben ins Bett musste. Draussen noch Licht, und ich lag da. Der Frühling lockte, selbst durch geschlossene Vorhänge.

Der Schuljahresbeginn fiel in diese Jahreszeit. Meine Brüder traten in die Schule ein oder rückten eine Klasse höher. Und eines Frühlings war ich selbst an der Reihe: Mein erster Tag im Kindergarten. Stolz und neugierig zugleich.

Sommersonne

Für mich war Sommer, wenn Müeti sich im Schatten des Fliederstrauchs in den Liegestuhl zurückzog, eine Illustrierte in der Hand. Die sonntägliche Stille und das Rascheln der Seiten wiegten sie bald in den Schlaf. Auch mich trieb die Hitze an schattige Plätze, wo ich meine Spiele weiterspielte.

Ein echtes Sommervergnügen war die hausgemachte Erdbeer-Rahm-Glace. Sonnengereifte Erdbeeren mit cremigem Rahm – jeder Löffel eine kühle Erlösung an heissen Tagen.

Nicht immer war der Sommer sanft. Manchmal brachen Gewitter herein, mit Blitz und Donner, die mich zusammenzucken liessen. Ich fürchtete mich – und war zugleich fasziniert von dieser ungezügelten Kraft am Himmel.

Herbstfrüchte und mehr

Ein untrügliches Zeichen des Herbstes: die Schwalben, die sich auf den Telefonleitungen sammelten. Ihr Zwitschern klang wie ein Abschied – bald würden sie in den Süden aufbrechen.

Im Hühnerhof schüttelte ich die Äste des Haselnussstrauchs und lauschte dem Trommeln der herabfallenden Nüsse. Ich sammelte sie ein, füllte meine Taschen und knackte sie später in der warmen Küche.

Unter den Kastanienbäumen suchte ich im Laub nach Rosskastanien – braun glänzend, manche noch in ihren stacheligen Hüllen. Jede einzelne wanderte in meine Tasche. Wofür genau, wusste ich oft selbst nicht. Aber sie gehörten zum Herbst wie der Nebel am Morgen.

Winterpracht

Wenn genug Schnee lag, formte ich im Hinterhof einen Schneemann. Rübennase, ein schiefes Lächeln – mit eisigen Händen gebaut, stand er dann still in der Wintersonne.

Am Schlossbuck wurde Schlitten gefahren. Bäuchlings auf dem Schlitten, den Wind im Gesicht, die Strecke hinunter – die billigste Achterbahn meines Lebens.

Der Husemersee fror im Winter zu, und das klirrende Eis zog uns magisch an. Mit roten Wangen und warm eingepackt wagten wir uns auf die blanke Fläche, die unter unseren Kufen knirschte.

Und an den Stallfenstern malte die Kälte kunstvolle Eisblumen. Ich stand davor und staunte über diese filigranen Gebilde, die am nächsten Morgen schon wieder anders aussahen.
Wovor hattest du am meisten Angst?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Wovor hattest du am meisten Angst?
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Vor Gewittern. Wenn nachts die Blitze kamen, kroch die Angst in mich hinein. Grelle Lichtfetzen rissen die Dunkelheit auf, und der Donner folgte so laut, dass der Boden unter meinem Bett zu zittern schien. Winzig und hilflos lag ich da und wartete, bis es vorbeiging.

Dann war da die jährliche Hofmetzgete. Der Knall des Bolzenapparats, mit dem das Schwein betäubt wurde – dieser eine Moment liess mich jedes Mal erstarren. Ich wusste, was kam, und fürchtete mich trotzdem.

Und eine dritte Angst: Wenn meine Eltern abends gemeinsam das Haus verliessen, um eine Unterhaltung zu besuchen. Was, wenn sie nicht rechtzeitig zurückkamen? Wer würde dann die Tiere im Stall füttern? In meiner kindlichen Vorstellung sah ich hungrige Augen und spürte eine Verantwortung, die viel zu gross war für mich. Erst wenn ich spät in der Nacht ihre vertrauten Schritte im Haus hörte, konnte ich einschlafen.

Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern verhindert waren? Gab es Kinderkrippen, Horte oder Ähnliches?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern verhindert waren? Gab es Kinderkrippen, Horte oder Ähnliches?
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Kinderkrippen oder Horte gab es für mich nicht. Meine Kinderkrippe war der Bauernhof. Wo meine Eltern arbeiteten, war auch ich – ich lief mit, schaute zu, half, wo ich konnte. Einen anderen Alltag kannte ich nicht. Sie waren Eltern und Lehrmeister zugleich, und was ich von ihnen lernte, lernte ich nicht durch Worte, sondern durchs Dabeisein.

Welche Medien standen dir damals zur Verfügung?
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Welche Medien standen dir damals zur Verfügung?
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Radio

Das Röhrenradio meines Grossvaters war mein Fenster zur Welt. Ein Dreh am Knopf, kurzes Warten, dann füllten Stimmen die Stube – Nachrichten, Geschichten, Musik. Ich sass davor und hörte zu, wie andere Kinder vor dem Fernseher sassen.

Telefon

Das schwarze Telefon mit Wählscheibe stand auf Vattis Pult. Es war nicht für mich bestimmt – die Anrufe galten dem Gemeindeschreiber. Anfassen durfte ich es nicht, aber ausgiebig betrachten. Dieses schwere, geheimnisvolle Ding mit der surrenden Scheibe.

Fernseher

Einen Fernseher besassen wir nicht.

Computer

Das Wort «Computer» kannte ich erst aus der Sekundarschule. Unser Lehrer versuchte uns zu erklären, wie diese Maschinen funktionierten: mit Strom und keinem Strom, mit Einsen und Nullen – dem Binärsystem. Am Schluss sagte er: «Computer sind das Ding der Zukunft.» Wie recht er hatte.

Comics

Ruedi, ein Schulfreund, besass Micky-Maus-Hefte und lieh sie mir aus. Diese farbigen Bildergeschichten mit ihren Sprechblasen – ich konnte nicht genug davon bekommen.

Müeti und vor allem unser Lehrer hielten Comics für Schund, keine richtige Lektüre. Das machte mich unsicher – und gleichzeitig trotzig. Bei schlechtem Licht verschlang ich Ruedis Hefte heimlich im Bett. Es fühlte sich verboten an, und genau deshalb auch ein bisschen nach Freiheit.

Erinnerst du dich an Filme oder TV-Serien?
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Erinnerst du dich an Filme oder TV-Serien?
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Einmal wollte unser Lehrer mit der Klasse über Fernsehsendungen diskutieren. Er fragte in die Runde, wer was schaue. Keine einzige Antwort. Stille. Niemand von uns hatte einen Fernseher zu Hause. Der Lehrer liess das Thema fallen – es gab schlicht nichts zu besprechen.

Was für Haushaltsgeräte hattet ihr? Was bedeuteten sie?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Was für Haushaltsgeräte hattet ihr? Was bedeuteten sie?
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Bügeleisen

Das Bügeleisen war ein einfaches, schweres Gerät – ohne Dampf. Bevor Müeti bügeln konnte, beträufelte sie den Stoff von Hand mit Wasser. Erst dann liessen sich die Falten glätten. Es war eine geduldige Arbeit, Stück für Stück.

Staubsauger

Unser Stielstaubsauger war laut und klobig – aber eine Erleichterung. Kein Fegen mehr von Hand, kein mühsames Kehren. Er dröhnte durchs Haus, und danach waren die Böden sauber. Mehr brauchte es nicht.

Mit Wohnorten sind stets auch Menschen verbunden. Welche Erinnerungen hast du an Nachbarn und Kameraden?
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Mit Wohnorten sind stets auch Menschen verbunden. Welche Erinnerungen hast du an Nachbarn und Kameraden?
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Da waren die Kinder aus der Nachbarschaft. Wir tobten im Grünen, veranstalteten wilde Velorennen durch die Gassen und spielten stundenlang Verstecken. Wir lachten uns kaputt und stritten uns gelegentlich – wie Kinder es tun. Es war ein Miteinander, das sich nie geplant anfühlte. Man war einfach draussen, und die anderen waren auch da.

Zu wem hast du heute noch Kontakt – oder hättest gerne welchen?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Zu wem hast du heute noch Kontakt – oder hättest gerne welchen?
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Den nachfolgenden Text entnahm ich der Einladung für den Ossinger-Treff:

«Der Ossinger-Treff ist ein grosses Klassentreffen und wird seit bald 50 Jahren durchgeführt. Der jährliche Treff musste nur in den Jahren 2020 und 2021 infolge der Pandemie abgesagt werden. Die Einladung zum Ossinger-Treff erhalten alle ehemaligen Schüler, welche 65-jährig werden oder älter sind, in Ossingen die Schule besucht und zugleich auch in Ossingen gewohnt haben. Früher fanden die Klassentreffs immer in den Ossinger Gastrobetrieben statt, aber nach deren Schliessung musste der Anlass zweimal nach Stammheim ausgelagert werden. Seit 2015 findet der Ossinger-Treff nun wieder in Ossingen in der Aula im Schulhaus Gunti statt.»

Wenn immer ich kann, bin ich dabei. Diese Treffen beginnen alle gleich: «Weisst du noch …?» Und dann kommen die Geschichten – Streiche, Erlebnisse, Momente, die man längst vergessen glaubte. Die Gesichter tragen mehr Falten als früher, aber das Lachen ist dasselbe. Man geht jedes Mal mit dem Gefühl nach Hause, dass die Verbindung hält, auch wenn man sich nur einmal im Jahr sieht.

Bist du an frühere Wohnorte zurückgekehrt?
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6.  Kindliche Abenteuer und Entdeckungen

Bist du an frühere Wohnorte zurückgekehrt?
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In den 1980er-Jahren, frisch verliebt in meine spätere Frau, besuchte ich mit ihr die Steinerstrasse 7 – das Haus meiner Kindheit. Inzwischen war es verkauft und umgebaut worden. Hansruedi und seine Familie hatten sich im Lochacker, gleich neben der alten Feldscheune, eine neue Bauernhofsiedlung errichtet.

Das Haus von Tante Seline an der Andelfingerstrasse hingegen besuche ich bis heute. Dort wohnen nun Hansruedi und Ruth, nachdem sie den Hof im Lochacker an ihren ältesten Sohn Daniel übergeben haben. Es freut mich, dass dieser Ort in der Familie geblieben ist.

Zu den anderen Orten, an denen ich später lebte, bin ich nie zurückgekehrt. Es fühlt sich richtig an, wie es ist. Das Verbliebene trage ich in mir – zurückgehen muss ich dafür nicht.

Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof
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7.  Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof
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1980, Ossingen, Steinerstrasse 7 – hier verbrachte ich meine Kinder- und Jugendjahre

 

Wie war es, auf dem Bauernhof deiner Eltern mitzuarbeiten?
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7.  Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof

Wie war es, auf dem Bauernhof deiner Eltern mitzuarbeiten?
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Auf einem Bauernhof mitzuhelfen war keine Frage – es war selbstverständlich. Ohne grosse Diskussion tat ich, was mir aufgetragen wurde. Nicht immer freiwillig, nicht immer gerne. Manchmal war ich aufmüpfig, und wenn Worte nicht reichten, wurde ich bestraft.

Ich leistete viele Stunden Arbeit, im Stall, auf dem Feld, im Haus. Immer wieder sehnte ich mich nach Freiheit, nach Zeit für mich. Und wenn ich sie dann hatte – war mir oft langweilig. Ein seltsamer Widerspruch, den ich damals nicht verstand.

Meine Eltern behielten mich im Auge. Sie wollten sichergehen, dass ich nicht auf die schiefe Bahn geriet. Das ist nie geschehen – und dafür bin ich ihnen bis heute dankbar.

Wie waren die Arbeiten im Haushalt je nach Altersstufe verteilt?
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7.  Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof

Wie waren die Arbeiten im Haushalt je nach Altersstufe verteilt?
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Je älter wir wurden, desto mehr konnten und mussten wir mithelfen. Ab etwa sieben Jahren gehörte das Schuheputzen zu unseren festen Aufgaben – jeden Samstag. In der kalten Jahreszeit stellte Müeti die Schuhe in die Küche, sonst aufs Brüggli beim Hintereingang. Bis zu vierzehn Paar warteten auf uns.

Zuerst banden wir eine Schürze um. Dann ging es los: Schmutz abbürsten, Steinchen und Erdkrumen mit einem stumpfen Rüstmesser aus den Sohlen kratzen. Danach die hohen Schuhe einfetten, die Halbschuhe mit farblich passender Wachspolitur einreiben und mit Polierbürsten auf Hochglanz bringen. Zum Schluss alles ordentlich an seinen Platz stellen. Zwei Stunden konnte das dauern.

Es war eine Pflicht, die wir nicht immer mit Freude, aber mit einem gewissen Stolz erfüllten. Rückblickend hat sie uns zu Disziplin erzogen – auch wenn wir das damals nicht so sahen.

Etwa im gleichen Alter kamen weitere Aufgaben dazu: Geschirr abtrocknen, die Kipptruhe in der Küche mit Holzscheiten nachfüllen, die Kaninchen füttern und tränken, ihre Ställe am Samstag ausmisten und mit frischem Stroh auslegen.

Müeti hatte den wöchentlichen Arbeitsplan im Kopf – mündlich vereinbart, nie aufgeschrieben. Eigentlich kannten wir ihn auch. Trotzdem brauchte sie oft Nerven wie Drahtseile, um ihn durchzusetzen.

Wenn einer von uns morgens um sechs im Stall half, machte sich ein anderer im Haus nützlich: Frühstück vorbereiten. Das hiess: Holzherd anfeuern, Milch entrahmen und aufwärmen, Wasser für den Filterkaffee erhitzen. Kaffeepulver in den Filter, heisses Wasser vorsichtig darübergiessen.

Den Tisch abwischen, Butter, Konfitüre und Brot bereitstellen. Zwischendurch nachsehen, ob noch genug Holz im Herd war. Und die Milch rechtzeitig vom Herd nehmen – bevor sie überkochte.

Diesen Moment verpasste ich gelegentlich. Der Geruch von angebrannter Milch füllte sofort die ganze Küche. Verheimlichen liess sich das nicht. Tür zu, Fenster auf, Herd mit der Stahlbürste schrubben, Pfanne reinigen. Dann hoffen, dass der Gestank sich verzog, bevor die anderen kamen.

Nach dem Frühstück: Tisch abräumen, Geschirr abwaschen, abtrocknen, versorgen. Fertig.

Müeti kochte das Mittagessen. Ab der Mittelstufe bereiteten wir Kinder das Abendessen selbst zu. Milch und Kaffeewasser wärmen, dazu Müetis selbstgebackenes Bauernbrot mit Käse, Wurst und Rauchspeck. Manchmal hart gekochte Eier oder Radieschen aus dem Garten. Hin und wieder ein Birchermüesli mit frischen Beeren oder eine Crème zum Dessert. Im Winter gab es auch Haferbrei, Apfelrösti aus altem Brot oder Käseschnitten.

Ab welchem Alter kamen Stallarbeiten für euch Kinder infrage?
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7.  Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof

Ab welchem Alter kamen Stallarbeiten für euch Kinder infrage?
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Mit zehn lernten meine Brüder und ich, die Milchkühe von Hand zu melken. Eine Melkmaschine lohnte sich bei nur sieben Kühen nicht. Bald darauf füllten wir auch die Futterkrippen mit Gras oder Heu. Und wir mussten den schweren Mist auf den Miststock schaffen – eine Arbeit, die mir im wahrsten Sinne des Wortes stank. An den Stallgeruch habe ich mich nie gewöhnt.

Wie gestalteten sich eure Arbeiten auf dem Feld, im Rebberg und im Wald?
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7.  Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof

Wie gestalteten sich eure Arbeiten auf dem Feld, im Rebberg und im Wald?
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Frühling:

Futtergras

Als Dreikäsehoch wollte ich unbedingt wissen, wie das Futtergras geschnitten und in die Scheune gebracht wurde. Das geschah jeden Morgen vor dem Melken, um fünf Uhr früh. Also bat ich Vatti, mich mitzunehmen – und abgemacht ist abgemacht. Er weckte mich zur vereinbarten Zeit. Es war ungewohnt früh, ich war noch müde, aber ich hatte es so gewollt.

Warm eingepackt setzte mich Vatti auf den leeren Brückenwagen. Dann schwang er sich auf den Traktor, und wir fuhren los – begleitet vom schweren Abgasgeruch des Dieselmotors. Ich schaute zu, wie er das Gras mit dem Messerbalken mähte, den Wagen wieder anspannte und das Gras von Hand mit der Gabel auflud.

Wurde dabei eine Feldmaus aufgeschreckt, überlebte sie nicht lange. Erschlagen und im Werkzeugkasten verstaut, ging sie zu Hause an die erste Hofkatze, die mit erhobenem Schwanz angerannt kam.

Später, nach der Anschaffung eines Ladewagens, liess sich das Aufladen maschinell erledigen – eine grosse körperliche Entlastung.

Kartoffeln setzen

In den 1960er-Jahren besassen wir bereits eine Kartoffelsetzmaschine. Sie wurde vom Traktor angetrieben und von zwei Personen bedient. Beide mussten im Rhythmus je eine Kartoffel in einen unterteilten Ring legen, der ruckartig rotierte. Die Kartoffeln fielen durch ein Rohr in den Boden, und Häufelscharen deckten sie sofort mit Erde zu.

Doch an einem Tag lief es anders. Die Saatkartoffeln, die wir Wochen zuvor vorgekeimt hatten, trugen zarte, zentimetergrosse Keime. Und während ich eine dieser Knollen in den Ring legte, klemmte sie – zu sperrig für das Segment. Ich drückte nach, wollte nicht aufgeben. Im selben Moment bewegte sich der Ring und erwischte meinen Zeigefinger.

Ein Schrei. Hansruedi stoppte sofort die Maschine. Stille. Gerade noch konnte ich ihm sagen, was passiert war, dann wurde mir schwindlig. Er half mir herunter und legte mich auf den Boden. Ich war kreidebleich, Blut lief aus der Wunde, der Schmerz war heftig.

«Komm, wir müssen zur Gemeindeschwester», sagte Hansruedi. Zum Glück war sie zu Hause. Am Lavabo wusch ich mir die erdverschmierten Hände, dann untersuchte sie meinen Finger. «Nichts gebrochen», stellte sie fest. Ich atmete auf. Sie desinfizierte die Wunde und verband sie sorgfältig.

Zuckerrüben

Eines Jahres entschlossen sich die Wespis, Zuckerrüben anzubauen. Gesät wurde mit einer Einzelkorn-Sämaschine, die alle fünf Zentimeter einen Samen in die Erde setzte. Waren die Pflanzen einige Zentimeter gross, mussten wir den Abstand auf etwa zwanzig Zentimeter bringen – mit der Hacke, Pflanze für Pflanze. Dabei wurde zugleich die Erde gelockert und Unkraut gejätet. Tagelang ging das so, Reihe um Reihe, bis das ganze Feld bearbeitet war. Eine Arbeit, bei der man den Rücken am Abend spürte.

Im Rebberg

Zwischen den jungen, noch fruchtlosen Reben setzten wir mehrere Jahre lang Speisezwiebeln – damit wenigstens ein Einkommen aus dem Rebberg kam.

Sommer:

Heuernte

Im Winter war Heu die Hauptmahlzeit unserer Tiere. Die Herstellung war aufwendig, körperlich anstrengend, und die ganze Familie musste mithelfen.

Die Heuernte begann im Frühsommer, sobald das Gras hoch genug stand. Zuerst wurde von Hand gemäht – mit der Sense, überall dort, wo der Traktor nicht hinkam: unter Bäumen, an Rändern, an Böschungen. Den Rest erledigte das Messerbalken-Mähwerk am Traktor. Danach breitete man das Gras zum Trocknen auf dem Feld aus.

Da es noch keine Heubelüftung gab, musste man bei unsicherem Wetter improvisieren: Das frische Gras wurde auf Heinzen gehängt – rund zwei Meter hohe Gestelle mit Querstreben –, damit es gleichmässig trocknete. War es soweit, breitete man das Heu nochmals auf dem Feld aus, um es richtig «rösch» zu machen – knusprig und lagerfähig. Dann formte die vom Traktor gezogene Madenmaschine das Heu zu handlichen Maden. Mit Heugabeln luden wir sie auf den Wagen und fuhren in die Scheune. Dort beförderte der Heuaufzug das Heu – Zange um Zange – auf den Heuboden, wo es mit der Streugabel verteilt wurde.

Unsere Aufgabe als Buben: das Heu stampfen, vor allem den Wänden entlang. Und das unter dem heiss aufgeheizten Ziegeldach. Ob wir mit unserem Fliegengewicht tatsächlich etwas bewirkten, sei dahingestellt – immerhin waren wir unter Aufsicht. Den eigentlichen Spass machten wir uns daraus, zuoberst auf die Leiter zu steigen und jauchzend ins weiche Heu hinunterzuspringen.

Ernte der Speisezwiebeln

In der Julisonne zogen wir die Speisezwiebeln zwischen den Rebenreihen aus dem Boden und legten sie zum Trocknen auf die Erde. Waren sie trocken, kamen sie in niedrige Harassen, die Halme über den Rand ragend. So ruhten sie auf dem Estrich unseres Wohnhauses, unterm schützenden Ziegeldach, bis zur grossen Reinigung im Spätherbst. Der Zwiebelduft im Estrich – das vergisst man nicht.

Weizenernte

ohne Datum, Ossingen – Weizenschnitt mit Bindemäher


Die Weizenernte fiel in die heissen Sommerschulferien. Ein Bindemäher, gezogen vom Traktor, arbeitete sich durch die Felder: Er schnitt den Weizen und band ihn zu Garben – das machte die Arbeit handlicher und den Transport einfacher.

Zum Trocknen stellten wir die Garben zu sogenannten «Puppen» zusammen: Eine Garbe stand in der Mitte, vier wurden an sie gelehnt, und obendrauf formte Vatti eine Garbe zu einem spitzen Runddach. So konnten sie gut trocknen, selbst bei einem Regenschauer.

Nach der Ernte kam Tante Seline aufs Stoppelfeld und sammelte die herabgefallenen Ähren in ihrer Schürze. Die durften später ihre Hühner picken.

Mähdrescher

Jahre später kam der Mähdrescher. Mit dieser einen Maschine fielen all die schweisstreibenden Handarbeiten der Ernte weg – das Binden, das Aufstellen, das Einfahren. Und auch die schmerzhaften Ritzspuren der Stoppelfelder, die uns jeweils die Beine blutig schrammten, gehörten damit der Vergangenheit an.

Ende des Znünis

Irgendwann beschlossen meine Eltern, die Tradition des Znünis abzuschaffen. Der Grund war schlicht: Vattis Appetit und sein stetig wachsendes Gewicht. Die Neun-Uhr-Pause mit Käsebrot und Wurst – gestrichen. Schweren Herzens, aber nötig.

Herbst:

Traubenlese, «Wümmet»

Der «Wümmet» war jedes Mal ein Fest für alle Sinne. Die ganze Verwandtschaft fand sich ein – von den Grosseltern bis zu Tanten und Onkeln. Gemeinsam schnitten wir die reifen Trauben von den Reben und sortierten mit geübtem Blick die schlechten Beeren aus, sodass nur die makellosen in den Kisten landeten. Waren diese gefüllt, kippten wir sie in die «Bücki». Der Bückiträger – stets ein kräftiger Mensch – schleppte die schwere Last zum Brückenwagen am Rand des Rebbergs und leerte sie in die grossen Holzstanden.

Ein unverzichtbares Utensil war das Wundpflaster. Wer je mit einer Rebschere hantiert hat, kennt die bittersüsse Begegnung mit dem eigenen Finger nur zu gut.

Gegen Mittag versammelten wir uns – eine bunte, müde, aber fröhliche Schar – beim Rebhäuschen. Dort erwartete uns ein köstliches Mahl, das neue Kräfte in die beanspruchten Glieder strömen liess. Meistens dampften herzhafte Schüblige vom Metzger neben frischem, duftendem Brot. Die Erwachsenen stiessen mit einem Glas Rotwein an, während wir Kinder uns an einem goldgelben Apfelsaft labten. Damit die Würste beim Transport warm blieben, bewahrte man sie in einer mit heissem Wasser gefüllten Milchkanne auf – eine Erfindung der puren Notwendigkeit.

Wie aus dem Nichts überraschte uns jeweils unsere gütige Tante Seline mit den ersten Haselnüssen von den Sträuchern in ihrem Hühnerhof. Wir knackten sie auf einer Steinplatte, einen Stein fest in der kleinen Hand, bis die harte Schale aufsprang und den saftigen Kern preisgab. Mmmh! Wie herrlich diese frischen Nusskerne schmeckten – noch warm von der Herbstsonne!

Zum «Wümmet» gehörte unweigerlich auch das Naschen. Als kleiner Junge konnte ich den prallen, süssen Trauben unmöglich widerstehen – was nicht ohne Folgen blieb. Plötzlich wurde das Bedürfnis übermächtig, doch weit und breit gab es keine Toilette. Meine Not klagte ich Müeti, und sie handelte mit der Entschlossenheit einer Feldherrin. Kurzerhand ergriff sie eine Hacke beim Rebhäuschen und grub ein Loch in die Erde. So entstand ein improvisiertes Plumpsklo – ohne Sitzfläche, aber zweckdienlich. Zum Glück boten die Reben genügend grosse Blätter als Ersatz für Toilettenpapier. Zuletzt deckte Müeti das Erdloch wieder zu, als wäre rein gar nichts geschehen.

Kartoffelernte

Die Kartoffelernte war ein Knochenjob, der unsere Rücken durch stundenlanges Bücken krümmte und die Hände rau werden liess. Eine spezielle Maschine hob die Knollen lediglich an die Erdoberfläche – das Aufsammeln blieb Menschenarbeit. Behutsam legten wir die Kartoffeln in Weidenkörbe und entleerten diese in schwere Jutesäcke. Am Abend hievte Vatti die prallen Säcke auf den alten Brückenwagen. Zu Hause schüttete er sie in die Kartoffelscheune, wo sich ein stattlicher Haufen bildete.

Der abgeerntete Acker verwandelte sich nun in eine karge Landschaft, durchzogen von den vertrockneten Überresten einst stolzer Pflanzen. Die verdorrten Stauden rechten wir zusammen und schichteten sie unter leisem Knistern zu Haufen.

Bald darauf stieg Rauch in sanften Spiralen gen Himmel, sobald wir die Staudenhaufen entzündet hatten. Die Glut diente uns als improvisierter Grill – heute würde man wohl «Erlebnisgastronomie» dazu sagen. Ohne Alufolie betteten wir die einzelnen, noch auffindbaren Kartoffeln in die heisse Asche und warteten geduldig, bis sie langsam gar wurden.

Mit schmutzigen, aber geschickten Händen – und zuweilen sogar mit den Füssen – fischten wir die Kartoffeln aus der glutheissen Asche und lösten vorsichtig ihre dicken, schwarzen Krusten. Unter der rauen Schale verbarg sich zartes, dampfendes Fleisch, verlockend und duftend. Der Geschmack, durchdrungen von der Wärme der Glut und dem Russ unserer Hände, war eine unvergleichliche Kunst des einfachen Genusses – ein Geschmack, den kein Sternerestaurant je nachahmen könnte.

«Runkeln» (Futterrüben)

Die Futterrübenernte war eine Prüfung für den ganzen Körper. Es brauchte ordentlich Muskelkraft, um die langen Runkelrüben aus der widerspenstigen Erde zu ziehen. Mit der stumpfen Rückseite eines alten Tafelmessers kratzten wir die anhaftende Erde ab, schnitten das Kraut weg und entfernten die welken Blätter am Ansatz – eine eintönige, aber notwendige Arbeit.

Nach den abendlichen Stallarbeiten legten wir Buben die Runkelrüben vom Brückenwagen in Weidenkörbe. Die Erwachsenen trugen sie anschliessend in den kühlen Keller. Für uns Buben war es aufregend, länger aufbleiben zu dürfen als sonst. Die Nacht hatte ihren eigenen Lohn: Der Sternenhimmel funkelte über uns wie ein endloses Versprechen, und Werner zeigte uns die Sternbilder – den Grossen Bären, den mächtigen Orion –, die wir immer wieder aufs Neue zu entdecken suchten. So wurde aus harter Arbeit ein kleines Abenteuer unter dem weiten Firmament.

Zuckerrüben

Die Zuckerrüben hingegen wurden bereits in den 1970er-Jahren ausschliesslich maschinell geerntet, auf Wagen verladen und abtransportiert – ein Fortschritt, der unseren Rücken erheblich entlastete und uns ahnen liess, dass die Zeiten der reinen Handarbeit langsam ihrem Ende entgegengingen.

Winter:

Waldarbeiten

Mitten in der winterlichen Wildnis, wo der Frost die Erde in seinem eisigen Griff hielt, wurde ich zum Waldarbeiter auserkoren. Meine Aufgabe: die abgesägten Äste akribisch in gleicher Richtung stapeln, alle brav mit der Schnittseite zu mir – damit sie später ordentlich weiterverarbeitet werden konnten. Die kalte Winterluft strich unerbittlich um mich herum und versuchte hartnäckig, meine Füsse und Hände in Eisklumpen zu verwandeln – ziemlich frech, fand ich! Doch der Wald kümmerte sich nicht um mein Frösteln. Er stand da, still und erhaben, und wartete geduldig, bis wir unsere Arbeit getan hatten.

Rebberg

Im winterlichen Rebberg wartete eine andere Aufgabe: Die geschnittenen Rebschosse lagen wirr zwischen den kahlen Stöcken verteilt wie die Überreste einer kleinen Schlacht. Ich war der emsige Sammler, der sie aufspürte. Jeder Schritt durch den steilen Hang führte mich zu weiteren Stücken, die ich nach und nach in meine Arme lud, bis sich ein stattliches Bündel bildete. Es war stille, einsame Arbeit – nur das Knirschen meiner Schritte auf dem gefrorenen Boden leistete mir Gesellschaft.

Brennholz

Das Sägen und Spalten des Brennholzes blieb den Erwachsenen vorbehalten – doch wir Kinder hatten unseren eigenen Auftrag. Die gespaltenen Scheite wollten gestapelt werden, und ich nahm diese Aufgabe ernst wie ein Baumeister sein Werk. Akkurat schichtete ich Reihe um Reihe im alten Holzschopf auf, stets darauf bedacht, dass keine «Scheiterbeige kalbt» – denn einen eingestürzten Stapel wieder aufrichten zu müssen, war eine Strafe, die ich mir ersparen wollte. Jede fertige Beige war ein kleines Kunstwerk für sich, ein stummer Beweis von Sorgfalt und Ausdauer. Und vielleicht auch ein früher Hinweis darauf, dass in mir ein Mensch heranwuchs, der Ordnung und Handwerk zu schätzen wusste.
Standen für euch auch Arbeiten im Garten und Obstgarten an?
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7.  Alltag und Arbeiten auf dem elterlichen Bauernhof

Standen für euch auch Arbeiten im Garten und Obstgarten an?
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«Rüebli»

Mit vorsichtigen Händen dünnten wir die zarten Karottensprösslinge aus – kleine Gärtnerchirurgen, die jeder Pflanze den nötigen Raum verschaffen wollten. Nur so erhielten sie genügend Platz, um zu kräftigen, stattlichen «Rüebli» heranzuwachsen, statt als kümmerliche Miniaturen in der Erde zu darben.

Radieschen

Die Radieschen säten wir in exakt gezogenen Reihen entlang der gespannten Gartenschnur – als hätten die winzigen Samen den Drang zur Symmetrie bereits in sich getragen. Fast schien es, als marschierten sie später in einer kleinen Parade und schwenkten ihr Laub wie grüne Fahnen im Sommerwind.

Schnittlauch

Kurz vor dem Mittagessen schnitten wir rasch einen Büschel Schnittlauch, hackten ihn fein und streuten ihn über Suppe oder Salat. Ein Handgriff nur – und doch duftete sofort der ganze Teller nach Sommer.

Gemüsegarten und Beeren

Erbsen, Bohnen, Tomaten, Gurken und vieles mehr – es war eine Freude, all das wachsen zu sehen, zu ernten und zu geniessen. Doch die eigentlichen Stars unseres Gartens waren die Beeren.

Mit Geduld und Ausdauer pflückten wir die Johannisbeeren von den Zweigen, Traube für Traube. Die Arbeit schien endlos – doch der Gedanke an Müetis köstlichen Sirup und ihren feinen Gelee machte jede einzelne Beere lohnenswert.

Johannisbeeren-Pflücktechnik

Im Sommer war es stets ein besonderes Ereignis, wenn Tante Ruth mit ihren beiden Töchtern auf den Fahrrädern zu uns auf den Hof fuhr. Sie kamen, um in unserem Garten reife Johannisbeeren zu pflücken.

Es war erstaunlich, die drei bei der Arbeit zu beobachten. Während wir die Beeren ungeduldig direkt von den Stielen rupften, pflückten sie behutsam ganze Trauben samt Stiel. Ihre Methode hatte einen guten Grund: So kamen die Beeren zu Hause nicht als Mus an, sondern noch genauso ansehnlich wie frisch vom Strauch. Eine Lektion in Geduld, die wir uns stillschweigend merkten.

Bodenbearbeitung

Das Unkrautjäten und Hacken war so etwas wie eine Wellnessbehandlung für unseren Garten. Wir lockerten den verdichteten Boden, befreiten ihn von allem, was ihm die Luft nahm, und gönnten ihm eine wohltuende Erholung. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte er wohl tief durchgeatmet und gesagt: «Das habe ich gebraucht!»

Das Giessen gehörte zum abendlichen Ritual – besonders in trockenen Sommern. Für jede einzelne Pflanze fühlten wir uns verantwortlich und trugen Kanne um Kanne heran, damit sie kräftig wachsen und uns später mit einer reichen Ernte danken konnten.

Nacktschnecken

Das Einsammeln der Nacktschnecken gehörte zu unseren abenteuerlicheren Gartenaufgaben. Mit spitzen Fingern hoben wir die schleimigen Gesellen auf, warfen sie über den Zaun des benachbarten Hühnerhofs und hofften inständig, dass die Hühner sie schneller aufpickten, als sie zurückkriechen konnten.

Winterschlafvorbereitungen

Im Spätherbst war es Zeit, den Garten für seinen langen Winterschlaf herzurichten. Die abgestorbenen Pflanzen räumten wir weg, zogen die Bohnenstickel aus der Erde, säuberten die Werkzeuge und verräumten alles ordentlich. Stück für Stück verstummte das sommerliche Treiben.

Am Ende lag der Garten still und aufgeräumt vor uns – bereit, unter einer Decke aus Frost und vielleicht bald auch Schnee zur Ruhe zu kommen.

Obsternte

Im Obstgarten war das Aufsammeln der Äpfel fester Bestandteil unserer herbstlichen Arbeit. Die Ernte lagerte danach in Harassen oder auf der Apfelhurde – einem urigen Holzgestell im Keller, auf dem die Früchte in Reih und Glied darauf warteten, vernascht zu werden. Was nicht zum Lagern taugte, wurde zu süss-säuerlichem Apfelsaft gepresst, der unseren Durst stillte.

Familiäre Rituale – vom Frühjahrsputz bis Weihnachten
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8.  Familiäre Rituale – vom Frühjahrsputz bis Weihnachten
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Wenn der Alltag feierlich wurde. Familiäre Rituale im Wandel der Jahreszeiten.

 

Gab es Zeremonien, die zu Hause regelmässig stattfanden?
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8.  Familiäre Rituale – vom Frühjahrsputz bis Weihnachten

Gab es Zeremonien, die zu Hause regelmässig stattfanden?
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Oh ja – und sie prägten den Rhythmus unserer Jahre so verlässlich wie die Jahreszeiten selbst.

Vorfenster und Fensterläden im Wechsel der Jahreszeiten

Auf der Westseite, zum Vorhof hin, schmückten im Sommer grün gestrichene Jalousieläden unser Haus. Sie verliehen der Fassade etwas Heiteres, beinahe Südländisches. Die Läden wurden gereinigt, getrocknet und geölt, bis sie wieder glänzten wie frisch aus der Werkstatt.

Im Winter wichen sie den schweren Vorfenstern, die sich wie schützende Hände vor die eigentlichen Scheiben legten und Kälte und Wind draussen hielten.

Zweimal im Jahr – wenn der Frühling zaghaft anklopfte und wenn der Herbst die ersten kühlen Nächte brachte – vollzog sich der feierliche Wechsel.

Frühjahrsputz

Mit dem Einzug des Frühlings wurde der alljährliche Frühjahrsputz der Wohnung zur Pflicht.

An einem strahlenden Tag wurden die Bodenteppiche und die Matratzen aus unseren Betten in den Hinterhof getragen und kräftig mit dem Teppichklopfer geschlagen, bis kein Staub mehr aufflog.

Auf Holzböcke gelegte Holzleitern dienten als Gestelle, auf denen die Bettdecken und Kissen in der Sonne auslüften und neue Frische tanken konnten.

Die Stubenwände und die Decke, in zartem Hellblau gehalten, wusch Müeti zusammen mit ihrer Mutter gründlich mit Javelwasser ab.

Der dabei entstandene chlorartige Geruch war mir persönlich sehr unangenehm. Wie die beiden fleissigen Putzfrauen diesen Dunst aushielten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, blieb mir ein Rätsel.

Stimmzettel einpacken

Eine ganz besondere Zeremonie erforderte unsere volle Aufmerksamkeit: das Verpacken der Stimmzettel.

Mein Vatti übte nebenberuflich das Amt des Gemeindeschreibers aus. Unter seinen vielen Aufgaben lag es in seiner Verantwortung, die Stimm- und Wahlzettel in die wiederverwendbaren Abstimmungscouverts zu legen. Dies geschah jeweils einige Wochen vor Abstimmungen oder Wahlen – sei es auf eidgenössischer, kantonaler, kommunaler oder kirchlicher Ebene.

Zunächst musste genauestens überprüft werden, ob alle Stimmberechtigten ihre Stimmausweise zurückgegeben hatten.

Die ganze Aktion beanspruchte viel Platz und fand jeweils an Sonntagen statt – wenn die Stube zur Amtsstube wurde. Die verschiedenen, farbenfrohen Stapel von Stimmzetteln lagen nebeneinander auf dem Stubentisch. Von jedem Stapel durfte ich genau ein Blatt nehmen – nicht mehr. Müeti überwachte diese Aktion mit Argusaugen.

Anschliessend legte sie die Papierbündel in die Couverts. Vatti nahm die verschlossenen Couverts und platzierte sie sorgsam in einem Karteikasten. Die Anordnung der Karteiregister entsprach genau dem Ablauf des Pöstlers auf seiner Runde, der diese Briefe später auslieferte.

Nach Abstimmungen verpackte Vatti manchmal die ausgezählten Stimm- oder Wahlzettel in Packpapier und verschnürte das Paket mit dicker Schnur. Dann kam der Moment, der mich am meisten faszinierte: In der Küche liess er mit einer Kerze Tropfen roten Siegellacks auf den Knoten träufeln und presste das weiche, glänzende Wachs mit einem Metallsiegel. Es war, als besiegelte er ein Staatsgeheimnis.

Die Resultate der Abstimmungen und der Wahlen veröffentlichte er gleichentags am Anschlagbrett für amtliche Anzeigen beim Gemeindehaus.

«Hofmetzgete»

Jeden Herbst kam der Störmetzger auf unseren Hof, um eines der gemästeten Schweine zu schlachten. Es war ein Tag, der das ganze Haus in Aufruhr versetzte.

Am Schlachttag erhitzte jemand frühmorgens viel Wasser im Waschhafen.

Kaum war der Metzger eingetroffen und arbeitsbereit, musste das korpulente Tier, an einem Vorderbein mit einem Hanfstrick geführt, ihm vom Stall in die Waschküche folgen. Dort angekommen, betäubte der Metzger das Schwein sofort mit einem Bolzenschussgerät – ein dumpfer Knall, dann Stille.

Durch einen Schnitt in den Hals wurde das ausfliessende Blut in einem Becken aufgefangen, dann in einen Kessel geleert und unter ständigem Rühren – es durfte nicht gerinnen – mit Milch, gehackten Zwiebeln und allerlei Gewürzen vermengt. Daraus entstanden später schmackhafte Blutwürste.

Anschliessend überbrühte der Metzger das Tier mit heissem Wasser und schabte die Borsten ab. Flink arbeitete der im weissen Schurz gekleidete Fachmann. An das Ausnehmen und Zerlegen des Tieres sind mir nur bruchstückhafte Bilder geblieben.

Gegen Abend durften wir Blut- und Leberwürste in der Nachbarschaft verteilen. Die Eltern verschickten welche an Verwandte per Eilpost. Blutwürste liessen sich nicht lange aufbewahren und mussten rasch gegessen werden.

Die Fleischstücke des Schweines wurden portionsweise verpackt und im Gefrierfach bei der Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft eingefroren.

Tage später kam der Störmetzger nochmals ins Haus, um Würste herzustellen. Und nun schlug meine Stunde: An der Handkurbel seiner mächtigen Wurstmaschine durfte ich langsam drehen und war stolz, mithelfen zu dürfen. Das Brät wurde in den auf ein Rohr gestülpten Darm gepresst – und unser Metzger formte mit musterhaftem Geschick und unglaublicher Fingerfertigkeit eine Wurst nach der anderen.

Zum Trocknen hängten meine Eltern die Würste neben Schinken und Speck in die Rauchkammer im Estrich. Dort baumelten sie in Reih und Glied wie eine stille Versammlung. Später wurden die getrockneten Stücke geräuchert – ein kunstvolles Verfahren mit Sägemehl, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Schwartenmagen

Auch den Schwartenmagen stellte unsere Familie selbst her. Die Mischung wurde in wiederverwendbare Konservendosen abgefüllt und stundenlang im Wasserbad erhitzt.

Grossvater ritzte mit einer Ahle auf die neuen Deckel das Wort «neu» – eine pfiffige Idee, damit man frische von alten Deckeln unterscheiden konnte. Doch nach wenigen Jahren stand auf beiden Seiten jeder Dose «neu», und niemand wusste mehr, welche Deckel tatsächlich die neueren waren. Gute Idee, schlecht gealtert.

Schwartenmagen gab es ausschliesslich zum Nachtessen. Ihn mochte ich nicht – fad und schlabberig. Senf zum Würzen war den Erwachsenen vorbehalten.

Bis Müeti eines Tages Schwartenmagenwürfel unter den Blattsalat mischte. Das schmeckte mir plötzlich. Als es wieder einmal Schwartenmagen mit Brot gab, fragte ich sie, ob ich mir eine Salatsauce dazu machen dürfe. Sie hatte nichts dagegen.

Also mixte ich Öl, Essig und reichlich Senf – viel mehr, als Müeti je genommen hätte. Zusammen mit gewürfeltem Emmentaler wurde der verhasste Schwartenmagen zu meinem Lieblingsnachtessen.

Mir läuft heute noch das Wasser im Mund zusammen, wenn ich daran denke.

Schweineschmalz und Grüben

Schweinefett wurde in einer Pfanne langsam erhitzt, bis es sich in flüssiges Schmalz und feste, knusprige Stücke trennte – die Grüben. Mit der Schaumkelle fischte man sie heraus.

Das Schmalz mischten wir mit Pflanzenöl und verwendeten es zum Braten: Rösti, Spiegeleier, was immer in die Pfanne kam. Die Grüben assen wir auf Brot – ein feiner, gehaltvoller Snack, von dem wir wegen des hohen Kaloriengehalts nur kleine Portionen bekamen.

Den grösseren Rest verfütterte Müeti über längere Zeit in kleinen Mengen an die Hühner, die dadurch Fett ansetzten.

Welche Rolle spielten Sonntage und Feste in deinem Kinderleben?
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8.  Familiäre Rituale – vom Frühjahrsputz bis Weihnachten

Welche Rolle spielten Sonntage und Feste in deinem Kinderleben?
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Berchtoldstag

Am 2. Januar verbrachten wir abwechselnd bei uns oder beim Nachbarn Herbert einen Spielabend. Es war die perfekte Gelegenheit, all die Spiele auszuprobieren, die wir zu Weihnachten bekommen hatten.

Vor allem Monopoly fesselte uns über Stunden. Zur Stärkung gab es heissen Punsch, Birnenbrot und übriggebliebene Weihnachtsguetzli. An solchen Abenden durfte ich länger aufbleiben als sonst – eine seltene Ausnahme, die den Abend noch besonderer machte.

Ostern

Die Schokoladenhasen von Gotte und Götti versteckten meine Eltern heimlich. Bei trockenem Wetter rund ums Haus, bei Regen im Estrich oder im Holzschopf. Dann durften wir suchen.

Besonders spannend war es, das eigene Osternest zu finden. Müeti lotste mich jeweils in die Nähe meines Verstecks. Einmal fand sich darin ein mit Pralinen bestücktes Schokoladenei – damit hatte ich nicht gerechnet.

Sankt Nikolaus

Der Samichlaus-Tag war in unserer Familie keine grosse Sache. Im Kindergarten und in den ersten Schuljahren lernte ich einen Vers auswendig – das war mein Auftrag.

Meine älteren Brüder wussten längst, dass sich unter der Kutte eine bekannte Person aus dem Umfeld der Lehrerin verbarg. Als kleiner Knirps erfuhr ich es von ihnen. Von da an wartete ich nicht mehr auf den geheimnisvollen Besucher – ich wusste ja, wer es war. Ein Stück Kindheit, das früher endete als nötig.

Weihnachten

In der Stube roch es nach frisch gebackenen Guetzli. Der Tannenbaum stand geschmückt mit Engelshaar, farbigen Kugeln und einer gläsernen Spitze, die fast die Decke berührte. Tropfende Kerzen und funkensprühende Wunderkerzen tauchten alles in ein warmes Licht.

Dann die Bescherung. Erwartungsvolles Auspacken – die Spannung, ob sich der Wunsch erfüllte.

Beim Geschenk unseres Grossvaters wussten wir aus den Vorjahren, was drin war: eine 400-Gramm-Tafel Schokolade und ein Geldschein. Einfach, aber immer ein Hit.

Geburtstage

Geburtstage wurden bei uns ohne grosses Aufheben gefeiert. Keine Einladungen, keine Überraschungen. Nur Müeti fragte mich ein paar Tage vorher, was ich mir zum Mittagessen wünschte. Darauf freute ich mich dann – ich wusste, sie würde es genau so kochen, wie ich es mir vorstellte.

Fiel der Geburtstag auf einen Sonntag, durfte ich mir einen Kuchen oder eine Torte wünschen, die erst beim Nachtessen feierlich aufgetragen wurde. Diese kleinen Gesten bedeuteten mir mehr als jede grosse Feier.
Freizeit und Familienmomente
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9.  Freizeit und Familienmomente
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Steine, die das Fliegen lernten – für einen Augenblick. Unser Spiel an der Thur.


 
 
Wie verbrachtest du als Kind heisse Sommertage?
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9.  Freizeit und Familienmomente

Wie verbrachtest du als Kind heisse Sommertage?
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Müeti war im Werdhof an der Thur bei Ossingen aufgewachsen und kannte zahlreiche Badestellen entlang des Flusses. An manchen Sonntagnachmittagen im Sommer führte sie uns Kinder dorthin.

Barfuss über die rundgeschliffenen Kieselsteine zu laufen war eine Herausforderung, wenn man es nicht gewohnt war. Wir versuchten, flache Steine übers Wasser hüpfen zu lassen. Zu weit in die Strömung hinaus durften wir nicht – schwimmen konnte keiner von uns. Müeti hingegen liess sich manchmal ein Stück flussabwärts treiben, während uns am Ufer die Brämen mit ihren Stichen plagten.

Besonders sauber wirkte das Wasser nicht. Mit eigenen Augen sah ich, wie WC-Papier und Fäkalien vorbeitrieben. In den 1960er-Jahren wurde das Baden im Unterlauf der Thur dann verboten – wegen der Verschmutzung durch Abwässer und industrielle Einleitungen. Kläranlagen gab es damals noch keine. Erst in den folgenden Jahren wurden sie gebaut und die Wasserqualität verbesserte sich. Heute ist das Baden wieder erlaubt.

In der fünften und sechsten Klasse besuchte ich mit der Schule an heissen Sommernachmittagen das Schwimmbad in Stammheim. Für mich als Brillenträger war das kein Vergnügen – ohne Brille sah ich kaum etwas, und ins tiefe Wasser traute ich mich nie. So blieb das Schwimmbad für mich eher ein «Bad» als ein «Schwimm». Schwimmen lernte ich dort nicht.
Erinnerst du dich an weitere Erlebnisse im Zusammenhang mit Wasser?
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9.  Freizeit und Familienmomente

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Einmal schlug Müeti vor, dass Ernst und ich allein zum Werdhof gingen, um die Grosseltern zu besuchen. Sie musste noch etwas erledigen und wollte später nachkommen. Ernst kannte den Weg, also schien alles klar.

Unterwegs spannte sich plötzlich ein Regenbogen über die Felder. Wir blieben stehen und fragten uns: Kann man den wohl anfassen? Die Idee war verrückt – aber wir rannten los. Über Wiesen und Äcker, dem Regenbogen entgegen.

Je näher wir ihm zu kommen glaubten, desto weiter schien er sich zu entfernen. Wir gaben nicht auf, bis er schliesslich verblasste und sich auflöste. Und dann standen wir da – mitten auf einem Acker, Erdklumpen an den Schuhen, ohne Ahnung, wo der Weg zum Werdhof war.

Da hörten wir eine Stimme. Grossvater kam auf dem Feldweg daher. Als wir im Werdhof nicht auftauchten, hatte er sich auf die Suche gemacht. Wir stolperten auf ihn zu, erleichtert.

Als Müeti später eintraf und von unserer Irrfahrt hörte, kratzte sie schmunzelnd den Dreck von unseren Schuhen.

Erinnerst du dich an weitere Episoden aus deiner Freizeit?
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9.  Freizeit und Familienmomente

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In den 1950er- und 60er-Jahren war ein Fernseher im Dorf noch eine Rarität. An manchen Sonntagnachmittagen, wenn Ernst, unser Nachbar Herbert und ich nicht wussten, was wir mit uns anfangen sollten, klopften wir bei Tante Luise an der Gütighuserstrasse an. Sie war die Mutter von Koni Vetter, einem Onkel von uns – und sagte nie nein.

Oft lief eine volkstümliche Sendung oder Skispringen. Wenn aber jemand auf dem Bildschirm Hochdeutsch sprach, verstand ich kein Wort. Damals ging ich noch nicht zur Schule und hatte keine Ahnung von dieser Sprache. Ich sass da und dachte nur: Was reden die da?

Da es noch kein Farbfernsehen gab, fand ich die flimmernde Kiste ohnehin nicht besonders aufregend. Draussen spielen war besser.

Trotzdem war es etwas Besonderes, bei Tante Luise auf der Stubenbank zu sitzen und in diesen Kasten zu schauen. Eine andere Welt schimmerte da durch – auch wenn ich sie nur halb verstand. Dass sie uns jedes Mal einliess, ohne zu zögern, habe ich nicht vergessen.

Hast du schon damals Velofahren gelernt?
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9.  Freizeit und Familienmomente

Hast du schon damals Velofahren gelernt?
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Meine ersten Versuche machte ich auf dem Hofplatz vor dem Bauernhaus. Hansruedi stand geduldig daneben, hielt das Kindervelo am Sattel oder Gepäckträger und gab mir die nötige Stabilität, bis ich das Gleichgewicht allein fand. Geübt habe ich auch auf dem ebenen Weg bei der Feldscheune – geradeaus fahren, bremsen, wieder fahren.

Mit sieben durfte ich endlich auf die Strasse – mit Nummernschild am Velo. Anfangs begleitete mich ein Erwachsener, der mir die Verkehrsregeln beibrachte. Ich lernte, einhändig zu fahren, um beim Abbiegen Handzeichen zu geben. Das war aufregend und machte mir anfangs Angst.

Das Velonummernschild war ein rechteckiges Aluminiumplättchen mit dem Kantonskürzel «ZH» und den Endziffern des Jahres – bei mir «62». Darunter eine eingestanzte Seriennummer. Jedes Jahr musste man es erneuern; es war der Nachweis der Haftpflichtversicherung. Und wenn ein Velo gestohlen oder verloren wurde, konnte die Polizei über die Nummer den Besitzer ermitteln.

Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost
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Vom blauen Zeh bis zur grauen Linse oder: Mit Pflaster, Brille und Glück durchs Leben.

 

An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost

An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?
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Der blaue Zehennagel

Auf dem Weg zum Kindergarten fiel mir etwas durch den eisernen Schuhrost vor der Zugangstreppe. Ich versuchte, den Rost mit einer Hand seitlich anzuheben und mit der anderen danach zu greifen. Da rutschte er mir aus den Fingern und krachte auf die grosse Zehe meines linken Fusses.

Ich schrie so laut, dass meine Kindergärtnerin im Haus aufhorchte und die Treppe heruntereilte. Vor Schmerz und Schock konnte ich ihr kaum erklären, was passiert war.

Sie strich mir beruhigend über den Kopf und sagte: «Ich verstehe deinen Schmerz – er wird nach einer Weile vergehen. Komm mit, ich habe etwas für dich.»

An ihrer Hand humpelte ich die Treppe hinauf und in ihre Küche. Dort streckte sie mir ein Schokolädchen entgegen. Ich war völlig überrascht. Ich schob es in den Mund, kaute darauf herum, und bald lief mir die geschmolzene Schokolade aus den Mundwinkeln. Die Zehe tat immer noch weh – aber für einen Moment war das egal.

Starke Kopfschmerzen bei Föhn

Zeitweise plagten mich heftige Kopfschmerzen, ohne dass ich wusste warum. Einmal, als wir im Rebberg arbeiteten, setzte es wieder ein. Ich wandte mich an Müeti.

Sie zeigte zu den Bergen am Horizont und sagte: «Siehst du den Säntis? Wenn die Sicht so klar ist, herrscht Föhn. Vielleicht kommen deine Kopfschmerzen davon. Manche Menschen reagieren empfindlich darauf.»

Ich hatte nie zuvor davon gehört. Die Schmerzen kamen und gingen unregelmässig – manchmal nur Stunden, manchmal Tage.

Wochen später, als die Kopfschmerzen wieder einsetzten, wollte ich Gewissheit. Ich nahm mein Velo und radelte zum Rebberg. Und da stand er: der Säntis, klar und nah, in voller Pracht. Es war wieder Föhn. Müeti hatte recht gehabt.

Von da an wusste ich, woher meine Schmerzen kamen. Leichter machte es sie nicht – aber erträglicher, wenn man den Grund kennt.

Nasenbluten

Als Kind hatte ich immer wieder Nasenbluten, scheinbar ohne Ursache. Es ängstigte mich, besonders wenn es lange dauerte, bis es aufhörte. Ich war nicht der Einzige in der Schule – anderen ging es genauso.

Blinddarmbeschwerden

Schon in meiner frühen Jugend litt ich wiederholt unter heftigen Bauchschmerzen, die stundenlang anhalten konnten. Der Arzt vermutete Reizungen des Blinddarms – doch helfen konnte er mir damit nicht.

In der vierten Klasse wurde ich eines Tages in der Pause von Schmerzen überfallen. Nach Unterrichtsende schleppte ich mich nach Hause, mit jedem Schritt wurde es schlimmer. Zu Hause angekommen, berichtete ich Müeti davon.

Dann wurde mir übel, ich musste mich übergeben. Müeti machte Tee, aber er half kaum. In der Stube legte ich mich aufs Kanapee, zog die Knie an den Bauch und versuchte, die Schmerzen auszuhalten. Es wurde schlimmer, nicht besser.

Müeti rief den Hausarzt an. Er war an diesem Nachmittag im Dorf und kündigte an vorbeizukommen. Immer wieder fragte ich, wann er endlich da sei. Es schien ewig zu dauern.

Dann kam er. Er drückte in meinen rechten Unterbauch und zog die Hand ruckartig zurück. Der Schmerz war so heftig, dass ich unter Tränen aufschrie. Seine Diagnose: akute Blinddarmentzündung. Sofortige Operation nötig.

Müeti und ich fuhren mit dem Taxi nach Winterthur ins Spital. Dort wurde der Befund bestätigt. Unter Tränen verabschiedete sich Müeti von mir. Mir kam in den Sinn, wie ich fünf Jahre zuvor bei meiner Augenoperation genauso weinend von ihr Abschied genommen hatte. Dieses Mal weinte ich nicht – ich wollte nur, dass der Schmerz endlich aufhörte.

Hattest du schwierige Phasen mit Krankheiten oder Unfällen?
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost

Hattest du schwierige Phasen mit Krankheiten oder Unfällen?
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Als kleiner Knirps schielte ich stark. Schon früh bemerkte ich, dass ich die Welt anders sah als meine Brüder. Wenn ich mich auf etwas konzentrierte, überlappten sich die Bilder.

Eines Tages erzählte ich meiner Familie, dass ich alles doppelt sehe. Meine Brüder lachten – es sähe aus, als wäre ich betrunken. Für mich war es verwirrend: zwei Bilder, die sich überlagerten, keines ganz scharf.

Müeti begleitete mich zum Augenarzt nach Winterthur. Schon die Zugfahrt war ein Erlebnis. In der Stadt kam ich aus dem Staunen nicht heraus – die Häuser, die belebten Strassen, die eiligen Menschen. Alles war anders als in meinem Dorf.

Symbolbild

 

Besonders die roten Trolleybusse faszinierten mich: lange Fahrzeuge mit Bügeln, die sich an Stromleitungen klammerten. Sie sahen aus wie Eisenbahnen, fuhren aber auf der Strasse. Seltsam und beeindruckend zugleich.

In den folgenden Monaten besuchte ich mehrmals die Sehschule. Wie ein kleiner Forscher schaute ich durch komplizierte Geräte und beobachtete seltsame Formen, die darin auftauchten.

Mit sechs wurde ich an beiden Augen operiert, um das Schielen zu korrigieren. Die Sehschärfe und das räumliche Sehen liessen sich dadurch nicht verbessern. Sehen kann ich mit beiden Augen, aber mein Gehirn fügt die Bilder nicht zu einem räumlichen Ganzen zusammen. Die Augenärztin nennt es «inneres Schielen». Mein Gehirn funktioniert in dieser Hinsicht einfach anders – das habe ich irgendwann akzeptiert.

Im Dorf war ich der einzige Brillenträger meines Alters. Dank meiner Eltern und der guten augenärztlichen Betreuung konnte ich Schule und Ausbildung ohne grössere Schwierigkeiten bewältigen.
War es angenehm, krank im Bett zu liegen?
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost

War es angenehm, krank im Bett zu liegen?
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Bei Fieber lag ich im Bett mit einer Tasse Tee und Zwieback. Beides tat gut – bis auf die Krümel, die im Bett piksten und sich nicht vertreiben liessen.

Sobald die Schwäche nachliess, hielt ich es kaum mehr aus. Einfach daliegen, untätig – das war fast schlimmer als das Kranksein selbst.

Welche Hilfsmittel halfen dir im Alltag?
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost

Welche Hilfsmittel halfen dir im Alltag?
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Dass ich nach Krankheiten und Unfällen stets wieder gesund wurde, war nicht selbstverständlich – ich hatte Glück.

Seit meiner Kindheit begleitet mich die Brille, seit 2023 zusätzlich zwei Hörgeräte. Beides hilft mir, mit der Welt in Verbindung zu bleiben.

Leidest du aktuell an Krankheiten oder Unfallfolgen?
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost

Leidest du aktuell an Krankheiten oder Unfallfolgen?
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Rückblickend muss ich zugeben, dass ich meinem Gehör zu wenig Beachtung geschenkt habe. Zu lange habe ich Lärm ungeschützt ertragen – und trage heute Hörgeräte. Das Ergebnis meiner Nachlässigkeit.

Arbeitssicherheit ist heute selbstverständlich: Gehörschutz, Schutzkleidung, Sicherheitsvorrichtungen. Zu meiner Zeit war das anders. Man hat es einfach ausgehalten – und die Quittung kommt später.

Gab es in deiner Familie Krankheiten, die dich geprägt haben?
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10.  Krankheiten und Unfälle – zwischen Schmerz und Trost

Gab es in deiner Familie Krankheiten, die dich geprägt haben?
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Müetis chronische Polyarthritis

Müeti war noch keine fünfzig, als die chronische Polyarthritis begann. Ihr eigenes Immunsystem wandte sich gegen sie – schmerzhafte Entzündungen, geschwollene Gelenke, die sich zunehmend verformten. Das Gehen fiel ihr schwer, das Greifen noch mehr. Es wurde langsam schlimmer, schleichend und unaufhaltsam.

Ein stiller Traum zerrann: ihre Enkel auf dem Schoss, mit ihnen spielen, sie begleiten. Die Krankheit liess das nicht zu.

Unser kleiner Martin kochte in seiner Spielküche «Pillen» für die Grossmutter – LEGO-Steine, die er in einer Pfanne rührte. Er sah, wie Müeti bei jeder Mahlzeit Tabletten schluckte, und machte daraus sein eigenes Ritual. Eine kindliche Geste, die mich bis heute rührt.

Eigene Krankheitsgeschichte

Schwere Krankheiten blieben mir bis heute erspart. Als Kind erhielt ich – unter manchem Angstgeschrei – meine Impfungen, glücklicherweise mit Erfolg.

Im Pensionsalter wurde eine Schilddrüsenüberfunktion früh entdeckt und erfolgreich behandelt.

Da Zecken offenbar grosses Interesse an meinem Blut hatten, liess ich mich 2021 dagegen impfen – und gegen Corona gleich mit. Die vierte Dosis verpasste ich; das Virus hatte mich vorher erwischt, glücklicherweise nur leicht.

Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit
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«Versteckis»

 

Erinnerst du dich an die Sitten und Bräuche aus deiner Jugendzeit?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Erinnerst du dich an die Sitten und Bräuche aus deiner Jugendzeit?
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Grüssen

Man lehrte mich, die Leute auf der Strasse zu grüssen. Auf dem Weg zum Augenarzt in Winterthur tat ich das brav – bis Müeti sagte: «In der Stadt grüsst man die Leute nicht. Es sind zu viele.» Das war mir dann ohnehin recht.

Zu Bett gehen

Um sieben Uhr abends musste ich ins Bett. Im Sommer war das eine Qual – draussen noch hell, die Spielkameraden noch draussen, und ich musste rein, sobald Müeti rief.

Mittagsschlaf

Kleinen Kindern wurde bei uns ein Mittagsschlaf verordnet. Nur: Ich war nie müde. Also stand ich am Fenster, hinter dem schwarzen Vorhang, und schaute hinaus. Hühner scharrten im Hof, Spatzen piepsten auf den Dächern, manchmal arbeitete ein Nachbar im Garten.

Bald tappte ich wieder zu Müeti in die Stube. «Du hast bestimmt nicht geschlafen. Geh nochmals ins Bett.» Also zurück. Ohne Uhr wartete ich gefühlte Stunden, bevor ich mich wieder zu ihr wagte.

Manchmal hielten wir den Mittagsschlaf in der Feldscheune – auf strohgefüllten Jutesäcken. Dicke Fliegen summten, ab und zu huschte eine Maus vorbei. Ernst schlief neben mir und schnarchte leise. Er brauchte viel mehr Schlaf als ich. Nachmittags durfte ich ohne Mittagsschlaf in den Kindergarten – er konnte darauf nicht verzichten.

Essenszeiten unserer Familie

Dreimal am Tag versammelte sich die Familie am Tisch: Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Das war fester Bestandteil unseres Alltags – kein Ritual, sondern Selbstverständlichkeit.

«Zahnhexe»

In der Primarschule kam mehrmals im Jahr eine zahnmedizinische Fachperson zu Besuch – wir nannten sie «Zahnhexe». Sie brachte uns bei, wie man die Zähne richtig putzt, und erklärte, welche Lebensmittel gut für sie sind. Als wir etwas älter waren, bekamen wir regelmässig Fluortabletten gegen Karies.

Welche waren deine Lieblingsspeisen?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Welche waren deine Lieblingsspeisen?
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Der Sonntagszopf – goldbraun, duftend, frisch aus dem Ofen. Darauf freute ich mich die ganze Woche.

Kartoffelstock war meine liebste Beilage. Müeti schälte die Kartoffeln und drückte sie durch das Passevite, bis ein feines, cremiges Püree entstand.

Und dann die Biskuittorte. Zartes Biskuit, dazwischen Ananasstücke – für mich war das der Höchste aller Desserts.

Was für Kleider hast du getragen?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Was für Kleider hast du getragen?
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Mein Kleiderschrank war das Erbe meiner älteren Brüder. Was sie herauswuchsen, trug ich aus – das war das Schicksal des Jüngsten. Hemden in gedämpften Tönen: Grau, Blau, Beige, Braun. Hosen mit angeknöpften elastischen Hosenträgern.

Im Winter trug ich Strickpullover, Strickjacken und gestrickte Kniesocken. Darunter lange Unterhosen aus Wolle gegen die Kälte. An den Füssen Lederschuhe mit Schuhbändeln.

Jeans? Kannten wir nicht. Die gab es in unserer Welt schlicht noch nicht.

Wer waren deine Spielkameraden, und wie waren sie?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Wer waren deine Spielkameraden, und wie waren sie?
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Schulkollegen

Ruedi und Urs waren Klassenkameraden und wohnten im Dorf. Ruedis Mutter war meist in der Wohnung, wenn ich ihn zum Spielen besuchte.

Urs’ Eltern führten eine Blumengärtnerei und waren dort ständig eingespannt. Auch Urs musste oft mithelfen – zum Spielen blieb wenig Zeit.

Sein Vater war ein leidenschaftlicher Raucher, und das weckte unsere Neugier. Im Treibhaus lagen Zeitungen und Moos, die zum Verpacken der Blumen dienten. Eines Tages wickelten wir etwas Moos in Zeitungspapier, zündeten das eine Ende an und inhalierten am anderen – wie bei einer Zigarre. Beim ersten tiefen Zug hustete und keuchte ich, als bekäme ich keine Luft mehr. Das Experiment war sofort beendet.

Wir spielten, als seine Mutter «Urs!» rief. Er reagierte nicht, sondern grinste und sagte: «Warte. Zuerst ruft sie normal. Dann zieht sie das U lang. Und dann kommt ‹Ürsel›.» Wir warteten – und es traf genau so ein. Wir lachten uns kaputt.

Kinder aus der Nachbarschaft

Am liebsten spielte ich mit den Kindern aus der Nachbarschaft: Herbert, Ueli, Christine, Bruno, Käthi und Barbara – manchmal auch Kinder, die zu Besuch kamen. Gemeinsam spielten wir, was man allein oder zu zweit nicht spielen konnte.

Versteckis: Eines zählte mit bedeckten Augen, die anderen versteckten sich. Dann wurde gesucht.

Fangis: Einer fing, wer berührt wurde, übernahm.

Hochfangis: Wie Fangis, aber wer sich auf einen erhöhten Gegenstand rettete, war vorübergehend sicher.

Telefonspiel: Wir sassen im Kreis. Das erste Kind flüsterte einen Satz ins Ohr des nächsten, und so wanderte die Botschaft von Kind zu Kind. Was am Ende herauskam, hatte mit dem Original meist nichts mehr zu tun. Grosses Gelächter, jedes Mal.

Schnurtelefon: Zwei Konservendosen, verbunden mit einer straff gespannten Schnur. Einer sprach hinein, der andere hielt sich die Dose ans Ohr. Es funktionierte tatsächlich – unser eigenes Telefon, ganz ohne Strom.

Fussball im Quartier war unerwünscht – die Gefahr zerbrochener Fensterscheiben zu gross.

Meine Eltern kannten alle Familien im Dorf und achteten darauf, mit wem wir Umgang hatten. Bei Kindern wie Willi oder Martin, die kaum beaufsichtigt wurden, waren sie besonders vorsichtig.

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Wer waren die Nachbarn?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Wer waren die Nachbarn?
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Von der Schreinerei Girsberger nebenan drangen die Geräusche der Arbeit zu uns herüber: Sägen, Fräsen, Hobeln, Schleifen – und der Duft von Holzspänen. Die Familie wohnte gegenüber der Schreinerei, ihr Garten lag nahe bei unserem Kuhstall. Ueli, der Sohn, hatte ältere Schwestern, die aber deutlich älter waren als er.

Gleich gegenüber unserem Haus, hinter dem Vorgarten, wohnte die Familie Bösch. Herr Bösch arbeitete beim Bahnhof Ossingen und stieg später zum Stationsvorstand auf – oft sah man ihn in seiner schwarzen Bähnleruniform. Die Böschs hatten einen Sohn namens Hansli. Wir waren im gleichen Jahr geboren, doch er litt am Down-Syndrom, konnte nur wenige Worte sprechen, hatte Mühe beim Gehen und starb bereits mit rund drei Jahren. Mit Christine, der Tochter, spielte ich gelegentlich draussen. 1964 kam noch Markus zur Welt, ihr jüngerer Bruder.

An der Zufahrt zu unserer Scheune wohnte die Familie Sigg. Herr Sigg war Förster und fuhr täglich mit seinem VW Käfer in den Gemeindewald. Mit Herbert, dem Sohn, spielte ich am meisten. Wir bauten Zelte und Hütten, unternahmen Velotouren, erlebten Abenteuer im Wald. Herbert war eine Art Lehrmeister für mich – älter, erfahrener, voller Ideen. Seine ältere Schwester hiess Ruth, und Jahre später kam noch Gerhard als Nachzügler dazu.

Unterhalb der Siggs stand ein stattliches Riegelhaus, in dem Frau Eymann mit ihrer Mutter wohnte. Sie hatte drei Töchter: Regula, Käthi und Barbara. Mit den beiden jüngeren spielte ich ab und zu – sie waren etwa in meinem Alter.

Im VOLG-Laden an der Steinerstrasse wechselten die Betreiber häufig. Als ich noch klein war, befand sich sogar eine Bäckerei im Haus. Der Duft frisch gebackener Brote zog bis zu uns herüber. Ab und zu öffnete der Bäcker das Backstubenfenster und reichte uns ein Stück Gebäck – einfach so. Später übernahm die Familie Peter den Laden. Bruno, ihr Sohn, wurde ein weiterer Spielkamerad im Quartier.

An der Steinerstrasse hatte auch Fritz Schneider seinen Coiffeursalon – der Dorfcoiffeur. Er schnitt mir schon als kleinem Buben die Haare. Hinter unserem Kuhstall lag sein Gemüsegarten, und daneben züchtete er preisgekrönte Kaninchen, mit denen er an Wettbewerben teilnahm.

Wer war für dich die einflussreichste Person?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Wer war für dich die einflussreichste Person?
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Müeti. Sie war einfach am nächsten. In einer Bauernfamilie lebt, arbeitet und isst man zusammen – da war sie immer da. Wenn ich etwas brauchte, wandte ich mich zuerst an sie.

Welche Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten?
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11.  Sitten, Gewohnheiten und Alltag meiner Kindheit

Welche Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten?
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Seline Wolfer-Peter

22. April 1972, Ossingen – Tante Seline

 

Seline Wolfer war die Schwägerin meines Grossvaters. Kinderlos und schon lange verwitwet, als ich geboren wurde. Wir nannten sie Tante Seline, obwohl sie eigentlich die Tante meines Vaters war.

Klein war sie, mit runzligem Gesicht und einem watschelnden Gang, der an eine Ente erinnerte. Aber übersehen konnte man sie nicht. Sie hatte ihre eigene Art, Dinge zu tun – zum Beispiel kochte sie die Eier und nutzte dasselbe heisse Wasser gleich für den Filterkaffee. Praktisch gedacht.

Sie hielt eigene Hühner mit einem Federbusch auf dem Kopf – «Tschüppeli» nannte sie die. Diese Hühner waren ihr grosser Stolz.

Ebenso liebte sie ihre Katzen. Meist hatte sie eine oder zwei bei sich. Einige fanden auf der nahegelegenen, stark befahrenen Strasse ein tragisches Ende. Tante Seline bewahrte die Erinnerung auf ihre eigene Weise: Sie gerbte die Katzenfelle und legte sie auf ihr Sofa. Für uns Kinder war das befremdlich – für sie war es Zuneigung.

Alljährlich kam sie zu unserer Weihnachtsfeier. Sie brachte immer selbstgestrickte Wollsocken für Vatti und Grossvater mit – warm, praktisch und mit viel Geduld gefertigt.

In ihrer Stube stand neben der Nähmaschine eine Schneiderbüste. Tante Seline nähte sich ihre Kleider selbst – vom Entwurf bis zum fertigen Stück.

Sie war eigenwillig, praktisch veranlagt und voller stiller Talente. Grossvaters Leben hat sie auf ihre Art bereichert – und sie bleibt mir bis heute gegenwärtig.

Ein Blick in unsere Familiengeschichte

Stammbaum meiner engsten Verwandtschaft. Die blauen Linien zeigen die Nachnamen unserer Familie.

 

Unsere Verwandtschaft war überschaubar. Grossvater Jakob Wespi-Wolfer war der Einzige seiner Generation, der Kinder hatte: meinen Vater Gustav sowie Els und Ros.

Els heiratete Koni Vetter und lebte im Haus «Zur Station 3» in Ossingen. Sie bekam Robert – meinen einzigen Cousin – und Isabella. Ros heiratete Walter Rohner, und die beiden wohnten im st. gallischen Flawil, wo Tochter Margrith zur Welt kam. Immer wenn Margrith und ich uns trafen, verging die Zeit wie im Flug – wir verstanden uns auf Anhieb.

Die Grosseltern mütterlicherseits, die Werdhöfler, hatten zwei Töchter: meine Mutter Anna und meine Tante Ruth. Ruth war mit Ruedi Brunner aus Kleinandelfingen verheiratet; sie hatten zwei Töchter, Maja und Rosmarie. Den engsten Kontakt pflegten wir mit den Brunners – auch weil sie ein Auto besassen und uns deshalb öfter besuchen konnten. Mit den Familien von Ros und Els hielten wir ebenfalls regelmässigen Kontakt.

7. Juli 1963, Ossingen – Rohners, Vetters, Wespis


Vorne in der ersten Reihe: links Ernst, wie immer mit aufmerksamem Blick. Daneben die noch kleine Margrith, deren Händchen ich – mit Brille auf der Nase – behutsam halte. Isabella und Robert stehen nebeneinander; ganz rechts steht Ros, elegant und aufrecht wie eh und je.

In der zweiten Reihe: Werner, leicht hervorgehoben im blauen Hemd, steht links neben Müeti, die sich ganz selbstverständlich neben Vatti einreiht. Dann Els, die sich schüchtern vor unseren Grossvater stellt, der wiederum neben Koni Platz genommen hat.

Einer fehlt: Hansruedi. Er war an diesem Tag nicht dabei. Und Walter Rohner fehlt ebenfalls – er stand hinter der Kamera.

Das Besondere an diesem Bild: Walter hatte einen Farbfilm eingelegt. Es ist eines der ersten Farbfotos unserer Familie – aufgenommen beim Treppenaufgang zu unserer Wohnung. Ein seltenes Dokument.

Feste, Bräuche und Dorfleben
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12.  Feste, Bräuche und Dorfleben
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Wenn Glocken läuten, Fahnen wehen und das halbe Dorf auf den Beinen ist, pulsiert das Herz des Dorfes – laut, herzlich und immer ein wenig improvisiert.

 

Welche Traditionen gab es in Ossingen?
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12.  Feste, Bräuche und Dorfleben

Welche Traditionen gab es in Ossingen?
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1. August

Wenn der Bundesfeiertag näher rückte, beschlossen einige Jungs aus dem Dorf, ein 1.-August-Feuer vorzubereiten. Mit einem Brückenwagen zogen wir von Haus zu Haus und baten um Holzspenden. Da viele Leute noch mit Holz heizten, kam eine beachtliche Menge zusammen.

Auf einer kleinen Anhöhe ausserhalb des Dorfes errichteten wir einen stattlichen Haufen. Je höher er wuchs, desto grösser die Vorfreude.

Nach der Feier auf dem Dorfplatz zog die Menge mit Lampions zum Feuer hinauf. Dort stiegen Raketen in die Nacht, Feuerräder drehten sich an hölzernen Telefonmasten. Kinder schwangen Bengalzündhölzer durch die Luft, Vulkane sprühten, es knallte und zischte. Ein Spektakel aus Licht und Lärm.

An diesem Abend durfte ich ausnahmsweise spät ins Bett – es waren ja Schulferien.

Festzelt

In den Sommermonaten errichteten die Dorfvereine bei grösseren Anlässen ein weisses Festzelt. Gerne beobachtete ich, wie kräftige Männer das Zelt aufstellten: Planen über den Giebel spannten, Seile verschnürten, drinnen lange Festtische und massive Bänke aufreihten.

Neben dem Zelt standen manchmal eine hölzerne Kegelbahn und ein «Hau den Lukas». Dort konnten Jung und Alt ihre Kräfte messen – und lautes Lachen erfüllte die Luft, wenn der Kolben nach oben schnellte.

Theater

Die Hauptproben für die Vereins-Abendunterhaltungen fanden samstagnachmittags im Löwen-Saal statt. Ernst und ich durften zuschauen.

Obwohl die dreiteiligen Dramen für Erwachsene geschrieben waren, amüsierten auch wir uns. Auf der Bühne spielten Laiendarsteller in Kostümen vor gemalten Kulissen – Intrigen, Verwechslungen, Übertreibungen. Wir verstanden nicht alles, aber wir lachten mit, zappelten auf unseren Stühlen und klatschten begeistert. Die Grenze zwischen Bühne und Wirklichkeit verschwamm für uns völlig.

Jahrmarkt

Der Jahrmarkt fand jeweils am dritten Donnerstag im November statt. Nachmittags hatten wir schulfrei – die Vorfreude war riesig.

Tage zuvor beobachtete ich den Aufbau des Karussells. Auf dem leicht abschüssigen Gelände musste zuerst ein Fundament aus Holzbalken errichtet werden. Darauf montierten sie das Gerüst, den Antrieb und die Orgel. Zuletzt holten die Leute die Karussellpferde aus dem Materialwagen und schraubten sie auf die drehbare Plattform.

Dann kam der Tag. Von meinen Eltern erhielt ich einen Markt-Batzen – ein kleines Vermögen, das ich mir selber einteilen musste. An den Ständen fragte ich nach Preisen und überlegte genau. Stolz kaufte ich mein erstes Taschenmesser: silberglänzende Kette, mehrere Klingen und ein integrierter Glasschneider. Wozu der gut war, wusste ich nicht – aber ein Messer, das Glas schneiden konnte, das hatte nicht jeder.

Neben Spielwaren gab es Köstlichkeiten: heisse Marroni, Magenbrot, gebrannte Mandeln. Andere Händler priesen bunte Hüte, Socken, elastische Hosenträger oder sogar Landmaschinen an. Auch Stände für wohltätige Zwecke fehlten nicht.

Ausrufer

Musste ein Rind notgeschlachtet werden, hatten sich alle Viehbesitzer des Dorfes an der Verwertung des Fleisches zu beteiligen – man nannte es «Fallfleisch». Der Verteilschlüssel richtete sich nach der Anzahl Tiere pro Betrieb. Es wurde sorgfältig Buch geführt; entziehen konnte sich niemand.

Entscheidend war die Mitteilung, wann und wo das Fleisch abzuholen war. Das übernahm der Ausrufer. Er stellte sich an verschiedenen Orten im Dorf auf, liess seine Glocke laut erklingen und verkündete dann mit langsamer, eindringlicher Stimme die Bekanntmachung. Eine Szene wie aus einer anderen Zeit – und doch erlebte ich sie selbst.

Hausierer

Die Hausierer zogen von Haus zu Haus und boten ihre Waren an: Hemden, Hosenträger, Bindestricke in verschiedenen Längen. Ein älteres Fraueli verkaufte duftenden Glarner Schabziger – Käse, der nicht nur schmeckte, sondern auch roch.

Sie waren geübte Verkäufer. Mit geschickten Worten versuchten sie, den Leuten Dinge anzudrehen, die niemand bestellt hatte. Einer zog eine Mappe voller Hefte und Zeitschriften hervor und wollte meinen Eltern ein Abonnement aufschwatzen – mit grosser Begeisterung und noch grösseren Versprechen. Ihrer Überredungskunst konnte man sich kaum entziehen.

Haustürverkäufe in der Schule

Gelegentlich organisierten unsere Lehrer Haustürverkäufe: Briefmarken, Schoggitaler, 1.-August-Abzeichen. Das hiess für uns: nach der Schule von Tür zu Tür ziehen, Waren vorzeigen und den Zweck des Erlöses erklären.

Es war eine Lektion, die in keinem Lehrplan stand: sich trauen, an fremden Türen zu klingeln, mit Erwachsenen zu sprechen, etwas zu verkaufen. Nicht jeder von uns war ein geborener Verkäufer – aber wir lernten es, ob wir wollten oder nicht.

Feez

Bei der Verabschiedung ermahnte mich Müeti: «Benimm dich anständig!» Und sie nannte mir die Uhrzeit, zu der ich wieder daheim sein musste.

Es war eine besondere Nacht kurz vor Silvester. Eine Mitschülerin aus der ersten Sekundarschule hatte zu einem «Feez» eingeladen – so nannten wir das. Den Abend verbrachten wir in den Wohnräumen ihrer Familie: feine Häppchen, Musik, Gespräche, Tanzspiele. Die Eltern hatten alles vorbereitet.

Wir vergassen völlig die Zeit. Um Mitternacht nahte der Abschied – und ich musste die Abmachung mit Müeti einhalten. Wehmütig verabschiedeten wir uns.

Hochzeiten

In Ossingen gab es eine alte Tradition: Böllerschiessen bei Hochzeiten. Die Schüsse sollten alles vertreiben, was dem Brautpaar Unglück bringen könnte.

Erfahrene Mitglieder des Schützenvereins feuerten die Böller mit speziellen Mörsern ab, geladen mit Schwarzpulver und Zeitungspapier. Der Knall war so laut, dass die ganze Gemeinde wusste: Hier wird Hochzeit gefeiert.

Nach der Trauung verliessen Brautpaar und Hochzeitsgesellschaft im Klang der Kirchenglocken die Kirche. Draussen warteten die Dorfbewohner. Die Gäste hatten Säcke voller «Feuersteine» dabei – Bonbons in buntem Papier, jedes mit einem lustigen Spruch – und Sugus. Auf ein Zeichen warfen sie die Süssigkeiten in die Luft.

Wir Kinder stürzten uns ins Getümmel, bückten uns, schnappten, sammelten – so viel wie möglich, so schnell wie möglich. Die Taschen füllten sich, und wer am meisten ergattert hatte, war der König des Tages.

Ossingen 1960 – wo das Dorf zur Bühne wurde
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13.  Ossingen 1960 – wo das Dorf zur Bühne wurde
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Ossingen – das kleine Welttheater mit Einkaufskorb und Wirtshausklatsch.
Bühnenbild: Das Dorf selbst.

 

Welche Beziehung hattest du als Kind zu den Läden und Betrieben?
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13.  Ossingen 1960 – wo das Dorf zur Bühne wurde

Welche Beziehung hattest du als Kind zu den Läden und Betrieben?
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Einkaufsläden

Wenn es ans Einkaufen ging, stellte Müeti eine genaue Liste zusammen, damit nichts vergessen wurde.

Im Milchladen an der Mitteldorfstrasse 22 gab es Käse und andere Milchprodukte. Für Bauern galt die Regel, dass ein bestimmter Prozentsatz ihres Milchgeldes in Milchprodukte investiert werden musste. Darüber wurde genau Buch geführt. In Zeiten der Milchüberproduktion hiess das für uns: kiloweise Schmelzkäse kaufen.

Besonders beliebt war der Volg am Dorfplatz an der Steinerstrasse 1. Der Duft von frisch gebackenem Brot lockte schon von weitem.

Ein weiterer Volg an der Mitteldorfstrasse 25 führte neben Lebensmitteln auch Nähzubehör, Strickwolle und eine kleine Auswahl an Schuhen.

Die Bäckerei Oertli an der Steinerstrasse 8 war für uns vor allem wegen ihres Usego-Ladens interessant. Dort konnte man Backhefe kaufen, aber auch Bananen und Orangen – Früchte, die für uns etwas Besonderes waren.

Dann der Kolonialwarenladen von Frau Stiefel an der Gütighuserstrasse 4. Er bot frisch gemahlene Kaffeebohnen für den Filterkaffee und allerlei Zutaten. Besonders beliebt war die Guetzlimischung, die Müeti für die Dreschhelfer kaufte.

Ein weiterer Kolonialwarenladen an der Andelfingerstrasse 12, geführt von Frau Schneiter, war meine geheime Welt. Meine Eltern verkehrten dort nicht. Dort kaufte ich später Zigaretten für den Schulsilvester.

An der Mitteldorfstrasse 18 betrieben die EKZ einen Verkaufsladen, in dem wir Glühbirnen und elektrische Sicherungen holten.

Handwerk

Rund vierzig Bauernhöfe gab es im Dorf und den umliegenden Gehöften – beachtlich bei kaum tausend Einwohnern. Daneben prägten zahlreiche Handwerksbetriebe das Dorfbild.

Fritz Schneider, der Dorfcoiffeur an der Steinerstrasse 17, schnitt mir schon als kleinem Buben die Haare. Nebenbei verkaufte er auch Raucherwaren.

Die Gärtnereien Brandenberger (Gütighuserstrasse 1) und Wäspi (Gütighuserstrasse 12) versorgten das Dorf mit Blumen und Pflanzen. In ihren grossen Treibhäusern wuchsen Setzlinge von Tomaten, Gurken, Salat und Kohl heran.

Für die Reparatur unserer Schuhe war Schuhmacher Bächi an der Guntibachstrasse 2 zuständig. Mit der Schule besuchten wir ihn einmal, um das Handwerk kennenzulernen.

Auch die Schmiede Roggensinger an der Steinerstrasse 6 lernten wir bei einem Schulbesuch kennen. Funken sprühten, Hammerschläge hallten, und beissender Rauch stieg auf, wenn die glühenden Hufeisen an die Hufe angepasst wurden. Der Geruch war scharf und unvergesslich.

Die Wagnerei und Schreinerei Girsberger an der Steinerstrasse 19.1 war eine Werkstatt, in der Wagen, Möbel, Fenster nach Mass und auch Särge angefertigt wurden.

Die Schreinerei Hartmann befand sich bei der Station 1, unter dem damaligen Restaurant Bahnhof.

Die Sägerei an der Truttikerstrasse 15 war für uns Kinder vor allem wegen der kleinen Transportwagen interessant, die auf schmalen Geleisen liefen. Eigentlich waren sie für Baumstämme gedacht – aber wir fuhren damit herum, wann immer sich die Gelegenheit bot. Erlaubt war das nicht.

Die Zimmerei Meier in der Gütighuserstrasse 18 war ein weiteres Beispiel für traditionelles Handwerk: Hier wurden Zimmerarbeiten ausgeführt und Dachstöcke errichtet.

In der Honiggasse 9 befand sich die Wagnerei Sigg. Herr Sigg war bereits pensioniert, arbeitete aber weiter. Mit Herbert, seinem Enkel und meinem Nachbarn, besuchte ich ihn manchmal.

Die Baugeschäfte Oertli (Zur Station 9) und Bachmann (Heldweg 6) erledigten ihre Projekte im Dorf.

Maler Guyer an der Mitteldorfstrasse 2 brachte Farbe ins Dorf. Der Geruch frischer Farbe gehörte nach seinem Besuch jeweils eine Weile zur ganzen Nachbarschaft.

Der Kaminfeger Widmer an der Steinerstrasse war in seiner schwarzen Kleidung und mit russbedecktem Gesicht eine bekannte Erscheinung. Kaminfeger galten als Glücksbringer – und wer ihm auf der Strasse begegnete, grüsste besonders freundlich.

Der Mühlenmacher Sigg an der Steinerstrasse 59 sorgte dafür, dass die Mühlen funktionierten.

Die Weingüter Wiesendanger (Berg 3), Oertli (Gütighuserstrasse 11), Jucker (Burghof 10) und Keller (Hausen 14) standen für die lange Weinbautradition Ossingens im Zürcher Weinland.

Handel und Transport

Die Landwirtschaftliche Konsumgenossenschaft an der Mitteldorfstrasse 25 nahm die Produkte der Bauern entgegen. Man konnte dort auch Dünger kaufen, und es gab einen kleinen Maschinenpark mit Walzen, einer Ringelwalze und einem Wiesenstriegel zur Bodenpflege. Der Verwalter betreute zudem eine Bankablage der Zürcher Kantonalbank – ein kleiner Schalter für finanzielle Angelegenheiten.

Das Dorftaxi Lüscher an der Truttikerstrasse 1 fuhr auf Bestellung und war für die Bevölkerung unverzichtbar.

Am Guntiweg 1 befand sich das Transportgeschäft Bührer. Nach seiner Pensionierung widmete sich Herr Bührer dem Drechseln. Meine Eltern liessen ihn die Verzierungen am Kasten unseres Stubenuhr-Regulators anfertigen und restaurieren. Später schenkten sie uns dieses Stück zur Hochzeit – es bereitet mir noch heute Freude.

Die Bahnstation mit ihrem Güterumschlag verband unser Dorf mit der Aussenwelt. Auch die Post – Briefe wie Pakete – wurde per Bahn transportiert.

Das Postgebäude an der Truttikerstrasse 22 war Anlaufstelle für Briefe, Pakete und Bareinzahlungen. Der Briefträger brachte meinem Grossvater monatlich die AHV – und ein paar Geschichten gleich dazu.

Gastronomie

Das Restaurant Sonne in Gisenhard 8, das Restaurant Bahnhof an der Station 1, das Restaurant Thalacker an der Stationsstrasse 1 und der Gasthof Hirschen an der Steinerstrasse 2 – sie alle hatten ihren festen Platz im Dorfleben.

Der Gasthof Löwen an der Steinerstrasse 21 verfügte über einen grossen Saal für die Vereinsanlässe und beherbergte auch eine Metzgerei. Als Kinder bekamen wir dort manchmal ein Stück Cervelat, während sich Müeti mit Aufschnitt und Fleischkäse eindeckte.

Auch der Gasthof Rössli an der Steinerstrasse 25 besass neben dem Restaurant eine Metzgerei – dort holten wir Gehacktes und Siedfleisch.

Das Schlachthaus an der Mitteldorfstrasse 24 diente bei Notschlachtungen als Verarbeitungsstätte. Der Raum wurde gelegentlich auch als Küche fürs Militär genutzt.

Vereine und Organisationen

Neben Gewerbe, Schule und Familie waren es die Vereine, die das Dorfleben prägten: der Schützenverein, die Armbrustschützen, der Turnverein, der Gemischte Chor. Es wurde gesungen, trainiert, geschossen – und nach den Proben traf man sich im Restaurant zu einem Höck. Bei Bier und Wein wurden Geschichten erzählt und Freundschaften gepflegt.

Und dann war da die Feuerwehr – kein Verein im eigentlichen Sinne, aber immer bereit. Man wusste: Wenn etwas passierte, waren sie da.

Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)
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Januar 1961, Ossingen – Porträt aus meiner Kindergartenzeit

Ohne Brille – damit das Foto schöner wird. Mein Schielen ist deutlich zu erkennen, doch ich lächle tapfer in die Kamera.

 

Was sind deine frühesten Erinnerungen an den Kindergarten?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Was sind deine frühesten Erinnerungen an den Kindergarten?
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Das Schuljahr begann im Frühling, und mit gerade einmal vier Jahren durfte ich in den Kindergarten. Ich war aufgeregt und neugierig.

Wir waren in drei Stufen eingeteilt: kleine, mittlere und grosse Kindergärtner – alle zusammen in einem grossen Raum. Vom ersten Tag an fühlte ich mich wohl.

Die Mittleren zeigten stolz ihre Zeichnungen und Türme aus Bauklötzen. Ebenso die Kräne und Maschinen, die sie mit dem Baufix-Baukasten gebaut hatten. Die Grossen traten selbstbewusst auf und lösten – aus meiner Sicht – erstaunlich schwierige Aufgaben. Sie waren unsere Vorbilder.

Wie war dein Weg in den Kindergarten?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Wie war dein Weg in den Kindergarten?
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Ernst, bereits ein erfahrener Kindergärtner, kannte den kurzen Weg und begleitete mich in den ersten Tagen. Er gehörte zu den Grossen, ich zu den Kleinen.

Fussgängerstreifen gab es in Ossingen damals noch keine. Zu Beginn des Schuljahres besuchte uns ein Schulpolizist. Er brachte uns den Vers bei: «Luege, lose, laufe.» Dann übten wir draussen vor dem Kindergarten, wie man eine Strasse sicher überquert.

Wie hast du diese Zeit ganz allgemein erlebt?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Wie hast du diese Zeit ganz allgemein erlebt?
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Die 1. Klasse im Zug

Mit Müeti fuhr ich regelmässig zum Augenarzt nach Winterthur. Diesmal war ich bereits in der Gruppe der Mittleren, und Ernst war in die 1. Klasse eingetreten.

Im Zug fiel mir auf, dass es dort ebenfalls eine 1. Klasse gab. Verwirrt fragte ich Müeti, ob Ernst nun in der 1. Klasse im Zug fahren müsste, weil er doch die 1. Klasse besuche. Müeti hatte alle Mühe, mir zu erklären, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun habe – die 1. Klasse im Zug sei für «bessere Leute», wie sie es ausdrückte.

Ich war baff. Dass Wörter je nach Zusammenhang etwas völlig anderes bedeuten konnten – das begriff ich erst allmählich.

Gibt es besondere Ereignisse – schöne oder schlimme –, an die du dich erinnerst?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Gibt es besondere Ereignisse – schöne oder schlimme –, an die du dich erinnerst?
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Beatrice und ihre Waffen

Den Grund unserer Auseinandersetzung weiss ich nicht mehr. Aber an das, was folgte: Beatrice zerkratzte mir mit ihren Fingernägeln den Arm. Weisse Kratzspuren auf der Haut, ein stechender Schmerz. Unglaublich, wie scharf Fingernägel sein konnten.

Von da an war ich vorsichtig in ihrer Nähe.

Kindergartenreise nach Steckborn

Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir mit dem Zug nach Stein am Rhein. Aufgeregt schauten wir aus dem Fenster und bestaunten die vorbeiziehende Landschaft. In Stein am Rhein wanderten wir zum Schiff und fuhren nach Steckborn. Dort durften wir in einem schattigen Gartenrestaurant ein Orangina trinken – spritzig und erfrischend.

Der Rückweg führte mit dem Schiff wieder nach Stein am Rhein, dann mit dem Zug nach Hause. Erschöpft und zufrieden.

Was fällt dir ein, wenn du an deine Kindergärtnerin denkst?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Was fällt dir ein, wenn du an deine Kindergärtnerin denkst?
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Ihre Person

Fräulein Hess – das war ihr eigentlicher Name – war bereits eine ältere Dame. Schon Vatti hatte sie im Kindergarten betreut. Wir durften sie «Tante Lina» nennen und duzen. Ihr Raum war ein Ort, in den ich jeden Morgen gerne kam. Oft sprang ich als Erster durch die Tür.

um 1957, Ossingen – Tante Lina, unsere Kindergärtnerin

Übrigens nannte Vatti den Kindergarten liebevoll «Gfätterlischuel».

Geschichten und Kasperlitheater

Jeden Tag versammelten wir uns um Tante Lina, um eine Geschichte, eine Sage oder ein Märchen zu hören. Ihre Erzählungen waren lebendig – man sah die Bilder vor sich.

Besonders aufregend war das Kasperlitheater: ein dreiteiliger Holzrahmen, umhüllt von Stoff, mit einem Bühnenfenster in der Mitte. Wir sassen in Reihen davor und warteten ungeduldig, bis sich der Vorhang öffnete.

Tante Lina spielte alle Figuren selbst:

Kasper – der schelmische Held, der stets das Unmögliche möglich machte.

Die Prinzessin – schön und mutig.

Der König – würdevoll, mit tiefer Stimme.

Der Räuber – listig, mit falschem Grinsen.

Der Wolf – furchteinflössend, mit hungrigem Knurren.

Der Polizist – in Uniform, der für Ordnung sorgte.

Jede Figur hatte ihre eigene Stimme, ihre eigene Art. Wir waren gefesselt.

Tante Linas Strafen

Wenn wir etwas anstellten, mussten wir vor Tante Lina treten und die Handflächen nach oben halten. Mit einem Lineal schlug sie darauf – das brannte.

Die zweite Strafe: vor die Tür geschickt werden. Dort stand man dann und schämte sich.

Es war eine andere Zeit. Und Tante Lina war trotz allem eine Frau, die wir mochten.

Welche Spiele und Lieder hast du damals gespielt und gesungen?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Welche Spiele und Lieder hast du damals gespielt und gesungen?
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Spielzeuge

Mit den grossen hölzernen Bauklötzen spielte ich am liebsten. Wir bauten Türme, die grösser waren als wir – oder Lokomotiven und Autos, in die wir uns hineinsetzen konnten.

Beliebt waren auch die Zusa: farbige Kunststoffrondellen, gross wie Zweifrankenstücke, mit acht radialen Schlitzen. Dutzende davon liessen sich zu Tieren, Bäumen oder Blumen zusammenstecken.

Und Puzzles – einfache Motive, wenige Teile, genau richtig für uns Kleinen.


Januar 1960, Ossingen – im Kindergarten

Singen

Wir lernten Lieder wie «Deet äne-n-am Bergli», «Es schneyelet, es beyelet» und «Für Spys und Trank». Die meisten Kinder sangen gerne mit. Ich nicht.

Einmal versprach mir Tante Lina eine Mandarine, wenn ich mitsinge. Die Mandarine hätte ich sehr gerne gehabt. Aber singen wollte ich trotzdem nicht. Also gab ich keinen Mucks von mir – und bekam keine Mandarine. Meine Prinzipien waren stärker als mein Appetit.

Erinnerst du dich an die anderen Kinder?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Erinnerst du dich an die anderen Kinder?
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In Ossingen liess sich die Kinderschar leicht überblicken. Jeder kannte jeden. Pro Jahrgang waren wir etwa zehn bis fünfzehn Kinder, und später sassen wir gemeinsam im Dorfschulhaus.

Hast du damals schon Dinge gesammelt?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Hast du damals schon Dinge gesammelt?
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Ja – meine Milchzähne. Immer wenn ein Zahn wackelte und ich ihn selbst herausziehen konnte, war ich stolz. Ich zeigte ihn meinen Eltern und verwahrte ihn sorgfältig in einem Kästchen in der Nachttischschublade. Jeder Zahn war für mich ein Zeichen, dass ich grösser wurde.

Hattest du ein Haustier?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Hattest du ein Haustier?
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Drei Hofkatzen hatten wir: den schwarz-weissen Kater «Bär», die schwarze «Züsi» mit ihrer weissen Brust und die dreifarbige «Gret».

Als Gret trächtig wurde, richteten wir eine Zaine mit Heu und einem weichen Tuch für sie ein. Bei der Geburt der Kätzchen durften wir dabei sein – ein Erlebnis, das mich mit Staunen erfüllte.

Ich beobachtete gerne, wie die Katzen mit einer kleinen Alufolienkugel spielten: blitzschnell hin und her, manchmal stolz im Maul davongetragen, manchmal durch die Luft geschleudert. Einfach zuschauen – das genügte.

Die Kätzchen konnten wir nicht behalten. Eines Tages, als ich in der Schule war, wurde der schmerzliche Abschied vollzogen. Für mich war das ein schwerer Abschied.

Welche waren deine Lieblingssendungen?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Welche waren deine Lieblingssendungen?
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Zwei- bis dreimal pro Woche, pünktlich um 17.30 Uhr, hiess es «Kinderstunde» im Radio. Spannende Berichte aus dem Basler Zolli – und Trudi Gerster, die legendäre Märchenerzählerin.

Trudi Gerster verzauberte mit ihrer Stimmenvielfalt: hoch und singend für die Prinzessin, tief und brummend für den König, rau und ächzend für die Hexe. Ihr Erzählstil zog mich sofort hinein. Ich sass vor dem Radio und war weg.

Durftest du ins Kino?
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14.  Kindergartenjahre, «Gfätterlischuel» (1959–1962)

Durftest du ins Kino?
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Kino kannte ich nur vom Hörensagen. Solche Vergnügungsstätten gab es in Städten – unsere Familie ging nie hin. Auf dem Bauernhof war immer etwas zu tun, und für Kino war weder Zeit noch Geld da. Es blieb ein ferner Traum.

Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)
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Wo Lernen begann und die Linde über uns wachte. Altes Schulhaus an der Andelfingerstrasse 2 in Ossingen.

 

Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag?
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Üblicherweise begleiteten Eltern ihre Kinder am ersten Schultag und sassen hinten im Schulzimmer. Bei mir war das anders. Müeti meinte, sie kenne das Prozedere bereits von meinen Brüdern, die Lehrerin sei dieselbe und über ihr Fernbleiben informiert. Ich war enttäuscht – und fürchtete, dadurch aufzufallen.

Den Schulweg kannte ich gut. In Ossingen gab es nur ein Schulhaus, mit der grossen Linde gleich daneben, direkt gegenüber Tante Selines Haus.

Schon in der ersten Stunde wurden wir gefordert. Fräulein Jent hob in jeder Hand ein Blatt Papier hoch – auf beiden stand die Zahl 1. «Wie viel ergeben diese beiden Zahlen zusammen?»

Nach dieser Stunde war ich erleichtert. Die Eltern der anderen gingen nach Hause, und wir Schulanfänger waren alle gleich.
Welche Erwartungen hattest du an die Schule?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Welche Erwartungen hattest du an die Schule?
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Ich wusste aus den Geschichten meiner Brüder, dass man in der Schule lesen, schreiben und rechnen lernt. Und ich war neugierig – das war ich eigentlich immer.

Was weisst du noch über deinen Schulweg?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Was weisst du noch über deinen Schulweg?
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Mein Schulweg war kurz. Ich überquerte die Hauptstrasse, folgte dem Trottoir westwärts bis zum Dorfende – dort stand das alte Schulhaus neben der grossen Linde.

Nur wenige Klassenkameraden nahmen denselben Weg. Die üblichen Rangeleien auf der Hauptstrasse blieben mir so erspart.

Im alten Schulhaus an der Andelfingerstrasse 2 wurden die 1. und 3. Klasse im gleichen Raum unterrichtet, die 2. und 4. Klasse im anderen Zimmer. 1964 zogen wir ins neue Schulhaus Orenberg um. Mein Schulweg blieb gleich kurz – ich konnte durch den Gemüsegarten direkt dorthin gehen.

Bei der Einweihung des neuen Schulhauses gab es einen Sketch, der mir bis heute präsent ist: «Joggeli will ein Schulhaus bauen für eine Million Franken. Joggeli hat ein Schulhaus gebaut für zwei Millionen Franken.» Die Budgetplanung war etwas aus dem Ruder gelaufen – aber das Schulhaus stand.

Wie hast du lesen gelernt?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Wie hast du lesen gelernt?
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Zuerst lernten wir einzelne Buchstaben – Aussprache und Schreibweise. Dann Silben, dann Wörter. Mit einem einfachen Lesebuch, das kurze Sätze aus bekannten Wörtern enthielt, übten wir täglich. Fräulein Jent las uns kleine Geschichten vor und wir lasen ihr nach – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort.

Wie hast du schreiben gelernt?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Wie hast du schreiben gelernt?
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Mit einem Schreibheft, dessen Seiten mit vorbereiteten Buchstabenfeldern versehen waren, fingen wir an, Buchstaben nachzuzeichnen. Erst einzeln, dann zu Silben, dann zu Wörtern. Dazu lernten wir die Grundregeln der Rechtschreibung: Gross- und Kleinschreibung, Umlaute, Silbentrennung.

Schreiben mit Tinte

In der zweiten Klasse durften wir mit Tinte schreiben. In der Schulbank war ein kleines Tintenfass eingebaut, das mit einem Metallschieber verschlossen werden konnte. Mit dem Federhalter tauchte ich vorsichtig ein – aber wehe, man tunkte zu tief. Dann entstanden Tropfen und Kleckse.

Die Feder kratzte über das Heft. Manchmal entstanden schöne Buchstaben – manchmal Tintenspuren wie Regenwürmer. Das Löschblatt war mein Retter. Und am Ende der Lektion: Feder reinigen, Finger ebenfalls – meist vergeblich.

An welche Schulkameraden erinnerst du dich?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

An welche Schulkameraden erinnerst du dich?
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Wir waren elf Kinder in der ersten Klasse. Ernst und Esther kamen aus dem Gisenhard-Weiler, Marlis vom Hof Riethalde, Käthi (Katharina) aus Hausen – alle mit dem Velo. Ursula – kurz Ursi –, Elsbeth, Margrit, Urs, Ruedi und ich wohnten im Dorf. Dann gab es noch einen Kameraden aus dem Kinderheim in Hausen – seinen Namen habe ich vergessen, aber seine tiefe, brummende Stimme habe ich noch im Ohr. Wir nannten ihn «Brummbär».

Und dann war da Thomi – eigentlich Thomas. Seine Mutter brachte ihn anfangs täglich mit dem Auto aus Winterthur – seine Eltern bauten gerade einen Bungalow in Ossingen. Das Wort «Bungalow» kannte ich nicht. Thomi erklärte: ein einstöckiges Haus, alles auf einer Ebene. Ein paar Wochen später zog die Familie ein, und Thomi war einer von uns.

Hast du noch ein Klassenfoto? Kannst du darauf deine Mitschüler charakterisieren?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Hast du noch ein Klassenfoto? Kannst du darauf deine Mitschüler charakterisieren?
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1962/63, Ossingen – 1. Klasse (Thomi fehlt auf dem Bild) 


Thomi
war ein Jahr jünger als wir – er startete als Sechsjähriger. Und er konnte bereits lesen. Ich staunte. Er war schlau, das fiel uns allen rasch auf.

Ursi war die Königin des Schönschreibens. In unserem Schreibheft gab die Lehrerin für besonders sorgfältige Arbeiten ein «gut» – nach zehn solchen Einträgen gab es ein Schokoladenbärchen. Ursi sammelte diese Bärchen regelmässig. Ich bekam selten ein «gut» – geschweige denn Schokolade.

Ernst war der Meister der Zahlen. Egal wie schwierig die Aufgabe – er hatte die Lösung, bevor andere noch angefangen hatten zu rechnen.

Ruedi war der Sportliche. Er kletterte die Stange hoch wie kein anderer, sprang am weitesten, traf den Ball am sichersten.

Urs und ich hatten unsere eigenen Kämpfe beim Vorlesen. Wir stolperten über die Wörter, verhaspelten uns. Das nagte am Selbstvertrauen.

Die anderen Mitschüler sind verblasst – aber wir waren alle dabei und gaben unser Bestes.

Sitzordnung

Die Sitzordnung blieb das ganze Schuljahr unverändert. Wir sassen in Zweierbänken mit Schrägpulten und versenkten Tintenfässern. Mädchen neben Mädchen, Jungen neben Jungen – so war das damals.

Wie war deine Lehrerin?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Wie war deine Lehrerin?
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Der Unterricht war Frontalunterricht. Die Lehrerin sprach, wir hörten zu. Auf individuelle Lernbedürfnisse wurde kaum Rücksicht genommen. Wir waren alle gleich – ob wir mitkamen oder nicht.

Wie wurdet ihr unterrichtet?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Wie wurdet ihr unterrichtet?
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Die Schule war autoritär. Die Lehrpersonen bestimmten, wir gehorchten. Mucksmäuschenstill mussten wir sein. Wissen kam von oben, wir hatten es aufzunehmen.

Erinnerst du dich an Bestrafungsmethoden?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Erinnerst du dich an Bestrafungsmethoden?
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Verstösse wurden bestraft: Nachsitzen, Strafarbeiten – bei denen wir das Vergehen schriftlich festhalten mussten – oder wir wurden vor die Tür geschickt. Dort stand man dann und schämte sich.

Trotz Drill und strenger Regeln habe ich diese Zeit überstanden. Ich bin daran gewachsen und habe gelernt, mit Autoritäten umzugehen.

An welche Höhepunkte des Unterrichts erinnerst du dich?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

An welche Höhepunkte des Unterrichts erinnerst du dich?
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Die Pausen. Kaum klingelte es, stürmten wir auf den Pausenplatz. Fangen, Verstecken, Herumrennen – in diesen kurzen Minuten war die Welt in Ordnung.

Die Pausenglocke im alten Schulhaus lief noch nicht automatisch. Ein Lehrer musste den Knopf drücken. Manchmal kam es uns vor, als hätte er es vergessen – und manchmal drückte er gefühlt zu früh.

Welche Fächer wurden unterrichtet?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Welche Fächer wurden unterrichtet?
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1963, Ossingen – mein Schulzeugnis der 1. Klasse


Meinen Schulzeugnissen entnahm ich, dass damals die Fächer mündlicher Ausdruck, Lesen, Rechnen, Schreiben und sogar der Setzkasten benotet wurden. Dieser Setzkasten enthielt Buchstabenkärtchen aus Karton, die wir zu Wörtern und Sätzen zusammenlegten – eine Art Puzzle der Sprache.

1. Klasse: 15–20 Stunden pro Woche
2. Klasse: 18–22 Stunden pro Woche
3. Klasse: 20–24 Stunden pro Woche

Mündlicher Ausdruck: Nicht meine Stärke. Eher war ich still und tat mich schwer, vor der Klasse zu sprechen.

Lesen: Ebenfalls schwach. Hier war eindeutig Luft nach oben.

Schriftliche Arbeit: Durchschnitt – weder gut noch schlecht.

Rechnen: Hier blühte ich auf. Zahlen lagen mir, mit ihnen konnte ich etwas anfangen.

Schönschreiben: Eine Qual. Meine Buchstaben wollten sich einfach nicht in eine ordentliche Reihe fügen, so sehr ich auch übte.

Welches war dein Lieblingsfach?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Welches war dein Lieblingsfach?
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Rechnen. Zahlen gefielen mir immer besser als Buchstabenkombinationen. Das ganze Sprechen, Schreiben und Lesen konnte meine Begeisterung nicht entfachen.

Noch lieber aber waren mir die Besuche bei den Handwerkern im Dorf. Beim Schuhmacher Bächi roch es nach Leder, Gummi und Leim, und seine Nähmaschine ratterte lauter als Müetis. Am liebsten hätte ich seine Poliermaschine mitgenommen.

Beim alten Schmied Roggensinger sahen wir, wie einem Pferd die Hufeisen angepasst wurden. Funken sprühten, Hammerschläge hallten, und wenn das heisse Eisen an den Huf kam, stieg beissender Rauch auf.

Ein weiterer Besuch führte uns zur Mühle bei der Familie Stricker unterhalb des Schlosses Wyden. Das Wasserrad hatte keine Funktion mehr, aber seine Grösse beeindruckte mich.

Etwa dreissig Jahre später kaufte ich Wein bei Oertlis, die inzwischen im Maschinenraum neben dem Wasserrad ein Weinlager eingerichtet hatten. Ich erzählte Frau Oertli von unserem Schulbesuch. «Dieses Wasserrad steht immer noch», sagte sie, holte eine Taschenlampe und öffnete die eiserne Tür. «Es wäre zu aufwendig, es auszubauen.» Da stand es – ein stiller Zeuge vergangener Zeiten.

Hat dich die Schule zum Lesen angeregt?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Hat dich die Schule zum Lesen angeregt?
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Nein. Lesen war und blieb nicht meine Sache. Ich bevorzugte Bildergeschichten – und die Kinderstunde im Radio, wo ich die meisten Märchen kennenlernte. Dort musste ich nicht lesen, sondern konnte zuhören.

Welche Erinnerungen hast du an Schulferien, Ferienlager und Schulreisen?
Seite 122
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Welche Erinnerungen hast du an Schulferien, Ferienlager und Schulreisen?
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Gemmipass

Die erste grosse Wanderung meines Lebens: Mein Götti hatte beschlossen, mit seiner Familie den Gemmipass zu überqueren, und fragte Müeti, ob wir mitkommen wollten. Also brachen wir auf – Göttis Familie, Müeti, Ernst und ich.

Götti fuhr seinen Opel Rekord. So weit weg von zu Hause war ich noch nie gewesen. In Kandersteg nahmen wir die Luftseilbahn nach Sunnbüel – allein das war ein Erlebnis. Dann begann die Wanderung.

Alles lag in dichtem Nebel. Götti versicherte, das Wetter werde besser. Also gingen wir – durch Grau, über Stock und Stein. Beim Hotel Schwarenbach dachte ich, wir seien am Ziel. «Noch nicht», sagte Götti. Wie weit es noch war, verriet er uns nicht.

Am Daubensee machten wir Rast. Götti fotografierte uns auf Felsbrocken – im Hintergrund war der See kaum zu erkennen.

Dann, plötzlich: Es wurde heller. Ein Sonnenstrahl durchbrach den Nebel, eine Felswand wurde sichtbar. Je näher wir dem Pass kamen, desto mehr Berge enthüllten sich. Die Alpenwelt öffnete sich vor uns – und in der Ferne war sogar die Spitze des Matterhorns zu erkennen.

Abends übernachteten wir im Massenlager. Lange hörte ich noch Geräusche – dann schlief ich ein.

Am nächsten Morgen: stahlblauer Himmel, keine einzige Wolke. Der Abstieg nach Leukerbad war steil, meine Knie schlotterten. In Leukerbad nahmen wir den Zug nach Leuk, dann über Brig zurück nach Kandersteg. Auf der Heimfahrt schlief ich fast ununterbrochen.

Seegfrörni am Zürichsee

Im Februar 1963 brach die gesamte Schule Ossingen zur Seegfrörni auf. In Richterswil betraten wir das gefrorene Eis des Zürichsees – zu Fuss über den See, das war unglaublich.

Wir wanderten an den Inseln Ufenau und Lützelau vorbei und erreichten schliesslich Rapperswil. Die Gesichter gerötet, die Nasen kalt, aber alle stolz.

Schulreisen fanden in der Regel alle zwei Jahre statt.

Schulreise aufs Rosinli

Die Eltern erhielten vorab ein Informationsblatt: keine neuen Hosen mitgeben, denn am Ziel warte eine Riesenrutschbahn. Picknick und Getränke einpacken.

Am Morgen trafen wir uns am Bahnhof. Mit dem Zug fuhren wir los, dann wanderten wir hinauf zum Rosinli. Dort stand sie: die Riesenrutschbahn. Man konnte kleine Teppiche benutzen, um die Hosen zu schonen. Aber wo bliebe da der Spass? Also ohne Teppich – mit heissen Hosenböden und klopfendem Herzen am Ende der Bahn. Immer wieder hinauf, immer wieder hinunter.

Im neuen Schulhaus Orenberg

Von der 2. zur 3. Klasse zogen wir ins neue Schulhaus – nur 600 Meter entfernt, aber für uns ein Ereignis. Jede Klasse transportierte ihre Sachen auf Leiterwagen und Handkarren. Ein reges Gewusel, Bücher, Hefte, Material – alles wackelte über die Strasse.

Im neuen Schulhaus erwarteten uns verstellbare Stühle statt der alten Holzbänke. Das war für uns ein ungewohnter Luxus.

Besitzt du heute noch Unterrichtsmedien aus dieser Zeit?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Besitzt du heute noch Unterrichtsmedien aus dieser Zeit?
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Nein. Nichts davon habe ich aufbewahrt.

Wie waren deine Schulleistungen?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Wie waren deine Schulleistungen?
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Mittelmässig – Noten zwischen 4 und 5, wobei 6 die Bestnote war. Rechnen lag mir, Lesen war meine Schwäche.

Der Lehrer schlug vor, ich solle Müeti mehrmals pro Woche eine Seite aus dem Lesebuch vorlesen und den Inhalt wiedergeben. Anfangs klappte das. Doch bald legte sich Müeti dafür aufs Sofa – und schlief ein. Offenbar las ich so eintönig, dass es einschläfernd wirkte. Als ich das bemerkte, mogelte ich: Ich wartete ein paar Minuten, weckte sie und tat, als wäre ich fertig. Gebracht hat mir das natürlich nichts.

Hausaufgaben mussten immer gleich nach der Schule erledigt werden – so war die Regel. Bei Fragen wandte ich mich an Müeti. Ab der 5. Klasse wurde es ihr zu schwierig, und ich fragte stattdessen Ernst.

Wie reagierten deine Eltern auf Zeugnisse?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Wie reagierten deine Eltern auf Zeugnisse?
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Sie schauten sich die Noten an und nickten. Keine Belohnung, keine Strafe. Es war, wie es war. Veränderten sich die Noten nach unten, kam von Müeti ein nüchterner Kommentar. Aber Konsequenzen gab es keine – nur die gemeinsame Feststellung, dass es besser sein könnte.

Was hast du nach der Schule getan?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Was hast du nach der Schule getan?
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Zuerst Hausaufgaben – immer. Dann schauen, ob auf dem Feld oder im Garten Arbeit wartete. Wenn ja: schnell umziehen und mithelfen.

Gab es nichts zu tun, bastelte ich, spielte mit LEGO oder übte mein Instrument. Gelegentlich kam Urs vorbei. Dann verkrochen wir uns im alten Holzschuppen, bauten Hütten aus Holzlatten und Jutesäcken und verlegten sogar eine «Sprachrohrleitung» aus alten Dachwasserrohren zwischen zwei Hütten. Oder wir rührten geheimnisvolle Mischungen aus Lehm, Sägemehl und Wasser zusammen.

Unser Geheimtipp: getrocknete Kartoffelflocken. Eigentlich Schweinefutter – aber wir mochten sie auch. Die Säcke standen einfach in der Waschküche und warteten auf hungrige Mäuler.

Welche Freunde hattest du aus der Schulklasse?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Welche Freunde hattest du aus der Schulklasse?
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Ruedi – der Sportliche. Thomi – der Schlaue. Urs – der Freundliche. Das waren meine besten Freunde in der Primarschule.

Warst du schon bei einem Klassentreffen?
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15.  Primarschule, Unterstufe, 1.–3. Klasse (1962–1965)

Warst du schon bei einem Klassentreffen?
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Unsere Klassentreffen fassen drei Jahrgänge zusammen – in einem Dorf, in dem pro Jahrgang nur zehn bis zwanzig Kinder geboren wurden, ist das sinnvoll. Da in der Oberstufe auch Schüler aus Truttikon, Oberneunforn und Niederneunforn dazukamen, werden rund siebzig Einladungen verschickt. Etwa die Hälfte kommt jeweils.

Spannend ist jedes Mal: Erkenne ich die Gesichter noch? Manche sind sofort vertraut, bei anderen muss ich zweimal hinschauen. Wir tauschen Lebensgeschichten aus – Beruf, Familie, Erinnerungen. Was damals nicht immer zum Lachen war, bringt uns heute ein Schmunzeln.

Leider erreichen uns auch Todesnachrichten. Mehrmals habe ich an Abschiedsfeiern teilgenommen. Das gehört dazu – und wird mit jedem Jahr häufiger.

Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)
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Neue Fächer, ein neues Schulhaus und die ersten Fragen nach der Zukunft. Die Mittelstufe war eine Zeit des Aufbruchs – zwischen Laubsäge und Lieblingsfach, zwischen Pubertät und Pfadfinder-Träumen.
Wie waren diese Jahre für dich ganz allgemein?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Wie waren diese Jahre für dich ganz allgemein?
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Ich begann zum ersten Mal darüber nachzudenken, welchen Beruf ich erlernen wollte. Was interessierte mich eigentlich?

Auf der Suche nach einem Hobby, bei dem ich mich in einer Gruppe austoben konnte, hätte mich die Pfadfindertruppe im Nachbardorf gereizt – aber sie blieb mir verwehrt.

Dann kam die Pubertät. Die Stimme machte seltsame Sprünge, der Körper veränderte sich, Pickel sprossen im Gesicht. Dazu neue, verwirrende Gefühle. Ein Auf und Ab, ein Durcheinander. Ich war nicht allein damit – Ernst hatte zwei Jahre Vorsprung und die Veränderungen an ihm waren unübersehbar. Aber das machte es nicht einfacher.

Welche Erinnerungen hast du an den Wechsel in die Mittelstufe?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Welche Erinnerungen hast du an den Wechsel in die Mittelstufe?
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Schon zwischen der 2. und 3. Klasse hatten wir das alte Schulhaus verlassen und waren in den Neubau gezogen. Gleichzeitig wurde unsere Lehrerin durch einen Lehrer ersetzt. Das machte mir Sorgen: Würde er streng sein?

Zum Glück blieb die Klasse von der 1. bis zur 6. Klasse dieselbe. Das gab Halt.

Wie gestaltete sich euer Schulalltag?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Wie gestaltete sich euer Schulalltag?
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Im neuen Schulhaus gab es drei Primarschulzimmer. In jedem wurden gleichzeitig zwei Klassen von einer einzigen Lehrperson unterrichtet. Die sechsteiligen Wandtafeln wurden mit Kreide beschrieben. Unsere Schultische waren höhenverstellbar und wurden von je zwei Kindern genutzt.

Auf dem Stundenplan standen Deutsch, Rechnen, Heimatkunde, Zeichnen, Singen und Turnen. Die Mädchen hatten Handarbeit mit Nadel und Faden, für die Knaben gab es Werken – allerdings ohne Benotung.

Gedichte mussten auswendig gelernt, Diktate geschrieben werden. Gruppenarbeit gab es kaum. Disziplin und Gehorsam waren oberstes Gebot. Hausaufgaben gab es täglich.

Wie gestalteten sich die Pausen und das Leben auf dem Pausenplatz?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Wie gestalteten sich die Pausen und das Leben auf dem Pausenplatz?
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Die Pausen waren zum Austoben da: frische Luft, Herumrennen, Reden, Lachen. Kurze Minuten, in denen man wieder Kind sein durfte.

Welches war dein Lieblingsfach? Und welche Fächer mochtest du gar nicht?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Welches war dein Lieblingsfach? Und welche Fächer mochtest du gar nicht?
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Zum Glück hatte ich nicht nur ein Lieblingsfach. Heimatkunde interessierte mich – dort lernte ich etwas über meine Umgebung. Turnen machte Spass, Rechnen lag mir, und im Zeichnen konnte ich meiner Fantasie freien Lauf lassen.

Sprachen hingegen – damit stand ich auf Kriegsfuss. Ich hatte grosse Mühe.

Hast du gerne Bücher gelesen? Hast du dir Bücher in der Schulbibliothek ausgeliehen?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Hast du gerne Bücher gelesen? Hast du dir Bücher in der Schulbibliothek ausgeliehen?
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Nein. Im neuen Schulhaus gab es eine Bibliothek, und wir mussten jeden Monat ein Buch ausleihen. Ich brachte sie brav zurück – meist ungelesen. Bücher interessierten mich einfach nicht.

Wie war der Lehrer?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Wie war der Lehrer?
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Aus meiner Sicht waren meine Lehrpersonen gerecht und engagiert. Nicht alle Mitschüler haben das so erlebt – wir sprachen einmal an einem Klassentreffen darüber. Für mich aber boten sie allen die gleichen Chancen, unabhängig von Herkunft oder Charakter. Ihre Beurteilungen empfand ich als fair.

Hast du Lehrer später noch einmal gesehen?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Hast du Lehrer später noch einmal gesehen?
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Herr Frei, unser Lehrer in der 5. und 6. Klasse, hatte eine angenehme Art. Nach meiner Schulzeit wurde er zum Gemeindepräsidenten von Ossingen gewählt. Die anderen Lehrpersonen sind mir kaum noch präsent.

Wie waren deine Schulleistungen? Wie war dein Verhältnis zu Hausaufgaben? Half dir jemand dabei?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Wie waren deine Schulleistungen? Wie war dein Verhältnis zu Hausaufgaben? Half dir jemand dabei?
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Meine Leistungen blieben wie in der Unterstufe: mal mittelmässig, mal passabel. Mit den Jahren wurden die Hausaufgaben komplexer. Müeti konnte mir immer weniger helfen. Also fragte ich Ernst – der hatte Geduld und konnte gut erklären.

Erinnerst du dich an Bestrafungsmethoden in dieser Schulstufe? Wie beeinflussten diese deine schulischen Leistungen?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Erinnerst du dich an Bestrafungsmethoden in dieser Schulstufe? Wie beeinflussten diese deine schulischen Leistungen?
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Textwiederholungen – zwanzig- bis hundertmal – wurden als Strafe für Vergehen auferlegt. Mir blieb das erspart.

Körperliche Züchtigungen waren selten, aber sie kamen vor. An einem Klassentreffen sprach ich Thomi auf eine Ohrfeige an, die er damals erhalten hatte. Er erinnerte sich genau: Der Lehrer hatte ihn aufgefordert, neben einem Mädchen Platz zu nehmen. Thomi sagte, er wolle nicht neben dieser «dummen Kuh» sitzen – im nächsten Moment hatte es getätscht.

Manche Lehrer zogen auch an Ohren oder Haaren. Mich traf es kaum – offenbar war ich zu unauffällig dafür.

War der Weg ins Gymnasium oder zu einem Studium ein Thema?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

War der Weg ins Gymnasium oder zu einem Studium ein Thema?
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Nein. Die Schulbank war nicht mein Ort. Mit den Händen wollte ich  arbeiten, nicht nur mit dem Kopf. Ein Studium kam für mich nie infrage.

Ab wann war die spätere Berufswahl ein Thema? Mit wem sprachst du darüber?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Ab wann war die spätere Berufswahl ein Thema? Mit wem sprachst du darüber?
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Die Frage nach dem späteren Beruf beschäftigte mich, ohne dass ich eine Antwort fand. Erst in der Oberstufe half mir die Berufsberatungsstelle weiter.

Was tatest du in deiner Freizeit und in den Ferien? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Was tatest du in deiner Freizeit und in den Ferien? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?
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Ferien im Familienbetrieb

Ferien, wie andere Familien sie kannten – verreisen, an den Strand – gab es bei uns nicht. Der Betrieb mit den Tieren konnte nicht einfach verlassen werden. Ferien bedeuteten: zu Hause bleiben und mitarbeiten.

Mithilfe auf dem Bauernhof

Schon früh wurde ich in jede erdenkliche Arbeit eingespannt. Um ab und zu Zeit für mich zu haben, verschwand ich manchmal still. Wurde ich vermisst, gab es Ärger. «Melde dich ab, bevor du gehst!» – diesen Satz hörte ich oft genug.

Lehm

Herbert, der Nachbarsjunge, zeigte mir eines Tages, was man mit Lehm und Wasser machen konnte: kneten, formen, trocknen lassen. Das weckte meine Neugier.

Er führte mich an den Ort, wo der Lehm zu finden war: am Rand des Bachtobelwegs, bei der Abzweigung nach Hausen. Wir schaufelten die schwere Masse in Eimer und schleppten sie nach Hause.

Daraus modellierten wir einen kleinen Berg, schnitzten Strässchen hinein und bauten einen Tunnel. Dann liessen wir unsere kleinen Schuco-Autos die Wege entlangfahren. Einfach – aber es machte uns grossen Spass.

Rätselhafter Streifzug zum Schloss Wyden

ohne Datum, Ossingen – Schloss Wyden


Durch das Bachtobel führte ein schmaler Pfad über eine Brücke. Auf einem Schild stand: «Privat». Ich konnte nicht widerstehen und ging weiter.

Der Weg führte durch den Wald bergauf. Als ich den Waldrand erreichte, lag vor mir eine weite Wiese – und dahinter das Schloss Wyden. Gepflegte Blumenbeete säumten den Rand.

Dann fiel mein Blick auf kleine Grabsteine auf einer Rasenfläche. Nur Vornamen standen darauf und Sprüche wie «Danke für deine Treue». Ein Hundefriedhof. Der Anblick war seltsam und ein wenig beklemmend. Ich machte kehrt – aber ich hatte etwas Besonderes gesehen.

Müllhalde

Eine Kehrichtabfuhr gab es bei uns noch nicht. Der Müll wurde in der alten Sandgrube im Schenkacker entsorgt. Plastikabfälle gab es damals kaum.

Ich durchstöberte diese Halde regelmässig – und fand erstaunliche Dinge. Alte Fahrräder, deren Radnaben ich für selbst gebaute Windräder verwendete. Regulatoren – mechanische Pendeluhren –, die ich zu Hause auseinandernahm und deren Innenleben ich erforschte. Eine davon liessen meine Eltern später restaurieren und schenkten sie mir zur Hochzeit. Dieser Regulator schmückt seit über vierzig Jahren unser Wohnzimmer.

Und Spiegel fand ich dort. Daraus baute ich mir ein Periskop, mit dem ich um Ecken spähen konnte.

Mit meinem Periskop spähte ich neugierig über die Wand auf die Baustelle oder unter die Kleiderschränke, suchend nach verlorenen Gegenständen.

Vogelnistkästen

Im Oberholz, dem ausgedehnten Wald, hingen zahlreiche nummerierte Vogelnistkästen. Jeden Winter mussten sie kontrolliert und gereinigt werden. Herbert, der Nachbarsjunge, war dafür zuständig – mit Leiter und Werkzeug.

Manchmal durfte ich mitgehen. Wir öffneten jeden Kasten und protokollierten den Inhalt: Moos, Haare, Laub, Eierschalenreste. Mit einem kleinen Bestimmungsbuch konnten wir manchmal erkennen, welcher Vogel hier gebrütet hatte. Ab und zu fanden wir statt Vögeln Mäuse, die sich im warmen Nest einquartiert hatten.

Eislaufen auf dem Husemersee

Der Husemersee ist ein Flachmoorsee. Daneben liegen die Towagweiher – Nachbarseen, die während der Weltkriege durch Torfstechen entstanden waren.

Wenn die Temperaturen drei Nächte hintereinander unter minus zehn Grad fielen und tagsüber kein Tauwetter einsetzte, bestand die Chance auf tragfähiges Eis. Vom Ufer aus schlugen wir mit Gertel oder Axt ein Loch und massen die Dicke. Ab fünf Zentimetern wagten wir uns hinaus und prüften an verschiedenen Stellen. Der Towagweiher war immer der erste See, den wir betraten. Dann begann das Schlittschuhlaufen.

Bruderbesuch in Elgg

Hansruedi, mein ältester Bruder, machte seine Bauernlehre bei der Familie Mietlich in Elgg. Frau Mietlich war eine ehemalige Schulkameradin von Müeti.

An Sonntagen fuhren wir mit dem Velo nach Elgg, um Hansruedi zu besuchen. Die Strecke war lang und ein gutes Training. Auf dem Bauernhof wurden wir herzlich empfangen. Es waren Abenteuer für uns Brüder – und gleichzeitig Vorbereitung auf längere Velotouren.

Velotour nach Flawil

Eine weitere Tour führte uns nach Flawil, wo Tante Ros mit ihrer Familie lebte. Unterwegs durchquerten wir Wil und kamen an der Hürlimann-Traktorenfabrik vorbei. Da wir in den Schulferien unterwegs waren und es ein Werktag war, durften wir hineinschauen – die Werkstätten, die Maschinen, die roten Traktoren. Für uns war das ein Erlebnis.

Auf dem Weg sahen wir auch die riesige Baustelle der zukünftigen Autobahn Winterthur–St. Gallen. Berge wurden abgetragen und neu modelliert.

In Flawil empfingen uns Onkel Walter, Ros und Cousine Margrith. Mit Margrith konnte ich immer lachen und Unfug treiben. Ros verwöhnte uns mit einem reichhaltigen Mittagessen und Dessert – Energie für die Rückfahrt.

Dass uns der Hintern schmerzte, behielten wir für uns. Abends fielen wir todmüde ins Bett.

Expo 64 in Lausanne

Die Landesausstellung 1964 in Lausanne – als Schweizer Familie fühlte man sich fast verpflichtet, hinzufahren. Also nahmen meine Eltern Werner, Ernst und mich mit.

Schon die lange Zugfahrt war beeindruckend: die wechselnde Landschaft, die unterschiedlichen Baustile der Häuser von Region zu Region, Brücken, Tunnel, Wälder, Felder und Rebberge.

Die Ausstellung selbst empfing uns mit einem weitläufigen Gelände voller imposanter Bauten. Vieles prägte sich mir ein: die Skulptur «Rütlischwur» mit drei erhobenen Händen. Das pyramidenförmige Bauwerk mit sämtlichen Gemeindewappen der Schweiz. Die kinetische Maschinerie «Heureka» von Jean Tinguely, die mich völlig faszinierte. Und die Schwebebahn, die über unsere Köpfe hinwegglitt.

Abends fiel ich erschöpft ins Bett.

Velotour: Luzern, Gersau, Klausenpass, Braunwald

Herbert, der Nachbarsjunge, organisierte grössere Velotouren – und ich hatte das Glück, bei einigen dabei zu sein.

Vier Tage dauerte diese Tour. Erste Etappe: Jugendherberge am Rotsee bei Luzern. Herbert hatte immer alles organisiert – Übernachtungen, Strecke, Verpflegung.

Am zweiten Tag besuchten wir das Verkehrshaus in Luzern. Abends fuhren wir dem Vierwaldstättersee entlang bis nach Gersau – ein traumhafter Abschnitt.

Der dritte Tag hatte es in sich: über die Axenstrasse nach Altdorf, dann Richtung Linthal – der Klausenpass. Bei den Steigungen war meine Kraft am Ende. Mit meinem alten Velo ohne Gangschaltung musste ich schieben. Erst gegen acht Uhr abends erreichten wir die Jugendherberge in Braunwald. Die Herbergseltern hatten Mitleid und machten uns nochmals Hörnli mit Apfelmus. Ohne knurrenden Magen fielen wir ins Bett.

Am vierten Tag: zurück nach Ossingen. Keine Jugendherberge mehr – aber unser eigenes Bett.

Skiferien in Davos

Ab der 5. Klasse gab es Schul-Skilager. Doch schon in der 4. Klasse hatte ich Glück: Mein Götti bezog mit seiner Familie eine grosse Ferienwohnung in Davos und hatte ein Zimmer frei. Müeti und ich durften mit.

Skiausrüstung besass ich keine – also mieteten wir Schuhe, Ski und Stöcke. Vom Optiker bekam ich eine Aufsteck-Sonnenbrille für meine Brille.

Am Anfängerhügel versuchte ich meine ersten Schwünge. Es war nicht einfach – weder das Gleichgewicht zu halten noch nach einem Sturz aufzustehen. Meine Cousinen gaben mir Tipps, sie konnten bereits fahren. Täglich übte ich und machte Fortschritte.

Müeti fuhr nicht Ski. Sie sass in der Sonne, las eine Illustrierte oder strickte.

Am letzten Tag plante Götti eine längere Abfahrt. Stolz auf mein neues Können fuhr ich als Erster los – schnell, immer schneller. Herrliches Gefühl.

Dann der Gedanke: Wo sind die anderen?

Ich hielt an. Stille. Keine Stimmen, niemand in Sichtweite. Die Panik kam. Ich stand da, allein, und weinte.

Andere Skifahrer fuhren an mir vorbei – ich war also auf einer Piste. Aber mein Götti, Tante Ruth, die Cousinen – niemand kam. Was sollte ich tun?

Endlich sah ich Maja von oben herfahren. Ganz gelassen meinte sie, die anderen kämen gemütlich nach – wir hätten ja keine Eile.

Ich schwor mir: Nie wieder als Erster losfahren.

Windräder

Eines Tages fand ich eine Anleitung zum Schnitzen von Windradpropellern. Also nahm ich eine Dachlatte und schnitzte mit einem alten Ziehmesser drauflos. Als Drehpunkt verwendete ich eine kugelgelagerte Veloachse. Das Ergebnis drehte sich – aber ich wollte mehr.

Mit der Zeit wagte ich mich an grössere Propeller aus robustem Kantholz. Mein bestes Windrad war so gut ausbalanciert, dass es sich schon bei der sanftesten Brise drehte. Ich platzierte es auf einer hohen Stange am Hühnerhofzaun – dort konnte ich es vom Küchenfenster aus beobachten. Auch die Nachbarn schauten hin.

Niederschlagsmessung

Mit etwa zehn Jahren fragte ich Ernst, wie viel Niederschlag pro Jahr falle. Er hatte keine Ahnung und meinte: «Warum misst du es nicht einfach selbst?»

Also stellte ich eine alte Konservendose in den Hinterhof. Jeden Morgen, an dem es in den letzten 24 Stunden geregnet hatte, tauchte ich mein Metermass hinein und notierte den Wert in meinem Kalender.

Vatti bemerkte mein Interesse. Zu Weihnachten überraschte er mich mit einem selbst gebauten Geschenk: einer Wetterstation. Von da an dokumentierte ich täglich Minimal- und Maximaltemperatur, Niederschlag und den Charakter des Wetters – von 1966 bis Ende 1972.

Aha-Erlebnis

In unserem Dorf lebte Herr Schär, ein pensionierter Lehrer mit eigener Wetterstation. Wenn er verreist war, bat er mich, seine Daten zu notieren: Temperatur, Niederschlag, Barometerstand – und ob die Wiese morgens nass war.

Ich dachte anfangs, Wiesen seien morgens immer nass vom Tau. Doch dann fiel mir auf: Wenn die Wiese morgens trocken war, regnete es fast sicher bis zum Abend. Mindestens einmal am Tag wurde das Gras nass – das war meine Beobachtung.

Vatti und Hansruedi bestätigten das: Wenn sie abends mit dem Mähdrescher noch unterwegs waren und das Stroh trocken durch die Maschine lief, machten sie weiter. Denn am nächsten Tag – da regnete es bestimmt.

Eine anspruchsvolle Velotour

Herbert organisierte erneut eine Tour – auch vier Tage. Erste Etappe: Herzogenbuchsee. Zweiter Tag: Meiringen, mit Abstecher zur Aareschlucht. Dritter Tag: über den Sustenpass nach Wassen.

Am vierten Tag ging es durch die Schöllenen und über den Oberalppass bis nach Filzbach am Kerenzerberg. Von Andermatt bis zum Oberalppass mussten wir die Velos allerdings auf die Bahn verladen – mit meinem alten Kindervelo ohne Gangschaltung war der Anstieg nicht zu schaffen. Wir waren völlig aus dem Zeitplan.

Die Steigungen nach Ilanz und auf den Kerenzerberg hatten es nochmals in sich. Erst spätabends erreichten wir die Jugendherberge in Filzbach – die Herbergseltern machten sich bereits Sorgen.

Im Massenlager war die Stimmung trotzdem ausgelassen. Die letzte Nacht vor der Heimfahrt verbrachten wir mit Witzen und Geschichten.

Südfrankreich

Mein Götti betrieb ein Transportunternehmen namens «Internationale Weintransporte». In den Schulferien durfte ich ihn auf Fahrten begleiten.

Eine besonders eindrückliche Reise führte uns nach Perpignan in Südfrankreich – über Besançon, Lyon und Avignon. In Avignon lenkte Götti den Lastwagen extra an der Pont Saint-Bénézet vorbei. Ich traute meinen Augen kaum: Die Brücke reichte nur halb über den Fluss.

Dann, später auf der Fahrt, sah ich zum ersten Mal das Meer. Götti hatte einen Umweg eingeplant, nur für mich. Umgeben von Muschelschalen stand ich im Sand und blickte auf das unendliche Wasser. Faszinierend.

Auf dem Rückweg – der Tank des Lastwagens war randvoll mit Rotwein – gaben die hinteren rechten Zwillingsreifen nach. Götti fuhr bis zum nächsten Rastplatz weiter. Als der Kotflügel entfernt wurde, waren die Reifen so heiss, dass sie sich entzündeten. Ich erschrak – was, wenn der Wein zu kochen beginnt? Götti lachte: «So schnell geht das nicht.»

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite stand ein Wohnhaus. Götti rannte hinüber und bat um Wasser. Ein Eimer reichte nicht. Also legte der Hausbesitzer seinen Gartenschlauch über die Strasse. Mit Geduld gelang es, das Feuer zu löschen.

Nur ein Ersatzreifen war dabei, zwei waren zerstört. Es war bereits Abend, keine Werkstatt offen. Wir übernachteten in der Schlafkabine des Lastwagens – direkt am Strassenrand. Die ganze Nacht donnerten Lastwagen vorbei und schüttelten unser Fahrzeug durch.

Am nächsten Morgen fanden wir eine Werkstatt, die Reifen wurden ersetzt, und die Weinlieferung erreichte unbeschadet die Schweizer Kellerei.

Klassenlager auf dem Buchserberg

In der 6. Klasse verbrachten wir zusammen mit den Fünftklässlern ein Lager auf der Alp Malbun am Buchserberg im Kanton St. Gallen.


1967, Buchserberg SG – Klassenlager der 5. und 6. Klasse Ossingen 


Neben Wanderungen gab es auch Schulunterricht – Rechnen und Sprache wurden uns nicht erlassen.

Ein Ausflug führte uns nach Werdenberg. Die Riegelbauten mit den Sprüchen an den Fassaden machten Eindruck. Auf dem Heimweg tobten wir im Wald herum.

Was mir besonders im Gedächtnis blieb: Wir mussten eine Postkarte nach Hause schreiben. Meine Mitschüler brachten mühelos ihre Gedanken aufs Papier. Ich rang mit jedem Satz. Eine kleine Sache – aber sie zeigte mir, wo meine Schwächen lagen.

Auf dem Heimweg machten wir einen Abstecher in die Taminaschlucht und besuchten die Wasserfassung des Heilbads von Bad Ragaz. Wir durften vom schwefelhaltigen Warmwasser kosten. Es war abscheulich – aber die Erfahrung wert.

Um die Lagerkosten zu senken, hatten wir im Vorjahr Waldmeister, Lindenblüten und Pfefferminze gesammelt und auf dem Dachboden über dem Schulzimmer getrocknet. In Cellophan-Säckchen verpackt, verkauften wir die Teekräuter am Jahrmarkt. Ein erster Einblick ins Verkaufen – und ein Beitrag zur Lagerkasse.

Augusta Raurica

In der 6. Klasse führte unsere Schulreise nach Augusta Raurica. Im Geschichtsunterricht hatte uns die Römerzeit begeistert – nun sahen wir die Überreste mit eigenen Augen.

Im Amphitheater demonstrierte unser Lehrer die Akustik: Er liess in der Arena eine Münze fallen. Der Aufprall war so deutlich zu hören, als stünde man direkt daneben.


 1967, Augusta Raurica – Schulreise der 6. Klasse Ossingen


Danach fuhren wir mit dem Schiff auf dem Rhein. Der Höhepunkt: Wir sahen, wie das Schiff eine Schleuse passierte – wie es gehoben und gesenkt wurde. So etwas hatten wir noch nie erlebt.

Auf dem Rückweg fuhren wir mit dem «Roten Pfeil», der damals noch im regulären Betrieb war. Wir hielten die Köpfe aus dem Fenster und riefen uns lautstark zu. Am nächsten Tag war ich heiser – keinen Ton brachte ich mehr heraus.

Auf den Spuren der Römer

Die Römer faszinierten uns – Ruedi, Thomi und mich. Ausserhalb des Dorfes gab es einen Ort namens Kastelhof. Wir spekulierten: Hatten die Römer dort ein Kastell errichtet? Einen Wachtturm vielleicht?

Vom Dorf aus sahen wir im «Kastelholz» eine Baumgruppe, die niedriger war als der restliche Wald. Das musste ein Hinweis sein!

An einem freien Mittwochnachmittag machten wir uns mit Hacke und Schaufel auf den Weg. Mit aller Kraft gruben wir – und fanden Baumwurzeln und Bollensteine. Die Arbeit war viel anstrengender als erwartet, und irgendwann mussten wir den Heimweg antreten.

Am nächsten Tag berichtete Thomi: Sein Vater habe gelächelt und erklärt, die Römer seien schon lange nicht mehr hier gewesen. Die niedrige Baumgruppe stamme wohl von einer späteren Aufforstung, und die Steine seien vom Acker zusammengetragen und am Waldrand abgelegt worden.

Wir beendeten unser Forschungsprojekt. Das Kastell blieb unentdeckt – und wir ebenfalls.

Skilager

Ab der 5. Klasse gab es jährliche Skilager. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisten wir zu einer Berghütte. Wer keine Ski besass – wie ich –, bekam die Ausrüstung von der Schule gestellt. Die Kosten hielten wir tief, indem Familien Lebensmittel spendeten: Kartoffeln, Äpfel, Konfitüre.

Wir wurden nach Können in Gruppen eingeteilt. Neben den Lehrern halfen junge Skifahrer mit, uns den richtigen Schwung beizubringen. Meine Fähigkeiten blieben bescheiden – jedes Jahr begann ich fast von vorne, weil mir zwischen den Lagern die Übung fehlte. Aber das war nebensächlich. Für mich zählte, dabei zu sein.

Abends gab es Spiele, Geschichten, Gelächter. Für mich war das Skilager eine willkommene Flucht aus dem bäuerlichen Alltag – ein paar Tage ohne Arbeit, dafür mit Gleichaltrigen in den Bergen. Dafür bin ich meinen Eltern dankbar.

Gab es Gruppen, zu denen du gehört hast? Wie hast du das empfunden?
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Gab es Gruppen, zu denen du gehört hast? Wie hast du das empfunden?
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Knabenmusik Andelfingen

Bei einem Schützenfest in Ossingen sah ich meine Cousinen Maja und Rosmarie auf der Bühne – sie spielten in der Knabenmusik Andelfingen. In diesem Moment wusste ich: Da will ich auch hin.

Ich hatte bereits drei Jahre Flötenunterricht in der Schule. Also fragte ich meine Eltern. Sie erkundigten sich, wie man Mitglied werden konnte.

Im darauffolgenden Frühling schrieb die Knabenmusik einen Jungbläserkurs aus. In den ersten Monaten lernten wir die Grundlagen der Notenlehre. Dann bekam jeder ein Blechblasinstrument. Die ersten Töne zu erzeugen war nicht einfach – noch schwieriger war die Koordination der drei Ventile. Mit «Hänschen klein» und «Alle meine Entchen» übten wir unsere ersten Stücke.

Nach einem Jahr wurden wir ins Korps aufgenommen. Zehn Jahre lang spielte ich Tenorhorn.


1968, Andelfingen, Treppe zur Kirche – Knabenmusik Andelfingen 


Die Jugendmusik Andelfingen hiess damals noch Knabenmusik Andelfingen.

Die ersten Instrumente waren unlackiert und verfärbten sich mit der Zeit. Vor jedem Auftritt polierten wir sie mit Sigolin auf Hochglanz. Später erhielt das Korps neue Instrumente mit der Gravur «JMA» – denn inzwischen hiess der Verein «Jugendmusik Andelfingen». Mädchen spielten längst mit, und der alte Name passte nicht mehr.

Im Sommer spielten wir Ständchen in den umliegenden Dörfern und in Altersheimen. Die jährliche Chlausfeier und das Jahreskonzert im Löwensaal Andelfingen waren feste Höhepunkte.

Einmal führte eine Musikreise auf die Gemmi. Beim steilen Abstieg nach Leukerbad spielten meine Knie verrückt. Schon zehn Jahre zuvor, bei der Wanderung mit Göttis Familie, hatte ich auf dieser Strecke gelitten. Ich schwor mir: Nie wieder.

Die Bahnfahrt über die Furka war dafür grossartig. Es gab damals nur die Bergstrecke, und wir sahen die Gletscherzunge des Rhonegletschers über die Felskante ragen.

Die Knabenmusik war für mich mehr als Musik. Es war Kameradschaft und die Möglichkeit, dem Alltag zu Hause gelegentlich zu entfliehen. Mein Eintritt 1965 war ein Wendepunkt.

Hattest du zu dieser Zeit schon einen Schulschatz oder eine erste Liebe?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Hattest du zu dieser Zeit schon einen Schulschatz oder eine erste Liebe?
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Ich war fasziniert vom anderen Geschlecht – neugierig, unsicher, tastend. Aber den Mut, einem Mädchen Zuneigung zu zeigen, hatte ich nicht. Ich blieb stumm.

Wie war dein Temperament in dieser Zeit? Machte dich etwas wütend oder traurig?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Wie war dein Temperament in dieser Zeit? Machte dich etwas wütend oder traurig?
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Ich war schüchtern. Das ist geblieben. Konflikte mit Gleichaltrigen gab es kaum, keine grossen Stürme. Was mich aber bedrückte: die fehlende Freiheit. Die Pflichten auf dem Feld bestimmten meine Zeit, und ich sehnte mich nach mehr Eigenständigkeit.

Die Knabenmusik war der Gegenpol – dort fühlte ich mich frei, dort machte ich etwas aus eigenem Antrieb. Das gemeinsame Musizieren gab mir, was mir im Alltag fehlte.

Gibt es Erlebnisse, die du lieber nicht gemacht hättest? Hast du auch düstere oder schlimme Erinnerungen an die Schulzeit?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Gibt es Erlebnisse, die du lieber nicht gemacht hättest? Hast du auch düstere oder schlimme Erinnerungen an die Schulzeit?
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Nein. Die Primarschulzeit war unbeschwert. Auch als Brillenträger wurde ich nicht verspottet. Ich hatte Glück.

Hast du jemals ein Tagebuch geführt?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Hast du jemals ein Tagebuch geführt?
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Schreiben war nie meine Sache. Mundart in Hochdeutsch übersetzen – das allein war schon eine Herausforderung. Ein Tagebuch im eigentlichen Sinne habe ich nie geführt.

Aber mein Wettertagebuch – das zählt. Sieben Jahre lang dokumentierte ich täglich das Wetter und verglich meine Daten mit dem «Hundertjährigen Kalender» meines Grossvaters. Daraus entstand eine Arbeit, mit der ich am Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht» in den frühen 1970er-Jahren einen Preis gewann.


Juni 1966, Ossingen – mein Wettertagebuch dem «Hundertjährigen Wetter-Kalender» gegenübergestellt
 

Die Grafik zeigt meine Wetteraufzeichnungen für Juni 1966: tägliche Minimal- und Maximaltemperaturen, Wettercharakter und Niederschlagsmengen. Darunter zum Vergleich die Voraussagen des «Hundertjährigen Kalenders». Die dunklen Felder markieren Übereinstimmungen. So wurde sichtbar, wie stark die traditionellen Prognosen mit der Realität übereinstimmten.
Warst du ein guter Schüler? Gab es Rivalitäten unter den besten Schülern?
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16.  Primarschule Mittelstufe, 4.–6. Klasse (1965–1968)

Warst du ein guter Schüler? Gab es Rivalitäten unter den besten Schülern?
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Ich war Mittelfeld – nicht herausragend, nicht schlecht. Rivalitäten unter den Besten? Davon habe ich nichts mitbekommen.

Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)
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Einzugsgebiet

Die Oberstufen-Schulgemeinde umfasste neben Ossingen auch Truttikon sowie Oberneunforn und Niederneunforn im Kanton Thurgau. In der Oberstufe wurden die Schüler aufgeteilt: ein Teil ging in die Realschule, der andere in die Sekundarschule.

 
Erinnerst du dich an die Entscheidung zwischen Sekundarschule und Gymnasium?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Erinnerst du dich an die Entscheidung zwischen Sekundarschule und Gymnasium?
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Bei mir ging es nicht ums Gymnasium – sondern um die Frage: Realschule oder Sekundarschule? Meine Noten waren knapp, und die Entscheidung war lange offen.

Als ich das Zwischenzeugnis der 6. Klasse erhielt, stand fest: Es reichte für die Sekundarschule. Die Erleichterung war gross.

 
Januar 1968, Ossingen – Zwischenzeugnis

 

 
War das die richtige Wahl?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

War das die richtige Wahl?
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Zu Beginn war das Tempo ein Schock. Ich kam kaum mit. Französisch war neu, alles ging schneller als in der Primarschule. Doch nach einigen Wochen fand ich meinen Rhythmus.

Die dreimonatige Probezeit überstand ich – knapp, aber ich überstand sie.

Wie hast du diese Schulzeit erlebt?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie hast du diese Schulzeit erlebt?
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Zwei Lehrer unterrichteten alle Fächer – Spezialisten gab es noch nicht. Computer oder technische Hilfsmittel lagen in weiter Ferne. Unterrichtet wurde mit Schulbüchern, Wandtafel und Kreide.

Auf dem Lehrplan standen Mathematik, Deutsch, Französisch, etwas Englisch, Naturwissenschaften, Geschichte, Geografie, dazu Nähen oder Handwerk. Der Unterricht war lehrerzentriert: Wir hörten zu, schrieben mit, lernten auswendig. Gruppenarbeit gab es kaum. Gehorsam und Disziplin galten als selbstverständlich.

Wie war der Schulweg?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie war der Schulweg?
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Den Schulweg legten wir zu Fuss oder mit dem Velo zurück. Die Schüler aus Neunforn und Truttikon kamen mit dem Velo – Busse verkehrten zwischen den Dörfern nicht. Ab 14 Jahren durfte man nach bestandener Prüfung mit dem Mofa zur Schule fahren. Velohelme gab es nicht.

Erinnerst du dich an deine Schulkameraden? Hast du heute noch Kontakt zu einigen? Besitzt du noch Klassenfotos?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Erinnerst du dich an deine Schulkameraden? Hast du heute noch Kontakt zu einigen? Besitzt du noch Klassenfotos?
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Beim Anblick des Klassenfotos werden Bilder von damals wieder lebendig.

1970, Ossingen – 1.–3. Sekundarschule


An den Klassentreffen sieht man die Gesichter von damals – älter geworden, manche fehlen. Einige ehemalige Mitschüler sind bereits verstorben. Das wiegt schwer bei jedem Wiedersehen.

Erinnerst du dich an Gewalt an der Schule? Gab es so etwas wie Gangs?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Erinnerst du dich an Gewalt an der Schule? Gab es so etwas wie Gangs?
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An gewalttätige Zwischenfälle erinnere ich mich nicht. Auf dem Bauernhof war ich mit Arbeit beschäftigt, und Müeti war überzeugt, dass diese Lebensweise mich von Dummheiten fernhielt. Ob sie recht hatte – jedenfalls blieb ich verschont.

Wie war dein Verhältnis zu den Lehrpersonen? Inwiefern haben sie dich geprägt?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie war dein Verhältnis zu den Lehrpersonen? Inwiefern haben sie dich geprägt?
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Manche Lehrer prägten mich durch ihren Humor und ihre Klarheit. Sie waren Vorbilder, die mir zeigten, wie man mit Anstand durchs Leben geht. Andere entfachten meine Neugier und begeisterten mich für Themen, die mich sonst nie interessiert hätten. Wieder andere konnten sich in mich hineinversetzen, gaben mir Geduld und Selbstvertrauen.

Nicht alle waren gleich gut – aber insgesamt hatte ich Glück mit meinen Lehrpersonen.

Wie wurde die Disziplin in der Schule bzw. in der Klasse hergestellt? Gab es bestimmte Vorschriften?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie wurde die Disziplin in der Schule bzw. in der Klasse hergestellt? Gab es bestimmte Vorschriften?
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Es gab mündliche Ermahnungen und schriftliche Strafarbeiten. Ein bestimmter Lehrer pflegte zu sagen: «Bleibst um vier Uhr da!» Einmal verweilte ich brav nach dem Unterricht. Als der Lehrer mich im Zimmer sah, fragte er überrascht, warum ich noch da sei. Ich wies ihn darauf hin, dass er mich zum Nachsitzen verdonnert hatte. Er überlegte kurz und sagte: «Kannst noch die Wandtafel putzen.» Er hatte es schlicht vergessen.

Hattest du Auseinandersetzungen mit Lehrpersonen oder der Schulleitung?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Hattest du Auseinandersetzungen mit Lehrpersonen oder der Schulleitung?
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Ein turbulentes Schuljahr mit zwölf Lehrkräften

Das zweite Sekundarschuljahr war chaotisch. Die Lehrerstelle war vakant. Zuerst kamen Lehramtsstudenten – jeweils für kurze Zeit.

Dann ein Lehrer, der uns wie ein Militärkommandant begegnete. In einer Turnstunde mussten wir barfuss zum Husemersee und zurück rennen – über steinige Strassen, mehr als fünf Kilometer. Eine sinnlose Tortur.

Seine Prüfungen korrigierte er mit einer Lochschablone über schachbrettartigen Arbeitsblättern. Richtige Kreuze minus Fehler – sogar Minusnoten waren möglich. Einmal erhielt ich eine «−2».

Die Hausaufgaben waren unmenschlich: eine halbe Seite Französisch innerhalb von zwei Tagen auswendig lernen. Ich war völlig überfordert. In Momenten der Verzweiflung flüchtete ich mit dem Velo in den Wald. Als ich Müeti gestand, dass ich nicht mehr zur Schule gehen wollte, war ich nicht der Einzige.

Dann verschwand er – er hatte eine Stelle in Amerika gefunden. Die Erleichterung war enorm. Es folgten wieder Studenten, bis ein neuer Lehrer kam, den wir mochten und als gerecht empfanden. Doch in den Weihnachtsferien erkrankte er schwer an einer Hirnhautentzündung und kehrte nicht zurück. Wieder Studenten. Insgesamt hatten wir in jenem Jahr zwölf verschiedene Lehrpersonen.

Wie waren deine Schulleistungen? Half dir jemand?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie waren deine Schulleistungen? Half dir jemand?
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Meine Leistungen blieben im Mittelfeld. Bei den Hausaufgaben half mir Ernst, wenn ich nicht weiterkam – er konnte gut erklären und hatte Geduld.

Ab wann war die spätere Berufswahl ein Thema? Wie standen deine Eltern dazu oder beeinflussten dich?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Ab wann war die spätere Berufswahl ein Thema? Wie standen deine Eltern dazu oder beeinflussten dich?
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Die Berufsberaterin stellte fest, dass Maschinenzeichner – wie mein Bruder Ernst – nicht zu mir passte. Mein räumliches Vorstellungsvermögen sei dafür zu schwach. Sie empfahl Vermessungszeichner.

Meinen Traum, Chauffeur wie mein Götti zu werden, wischte sie beiseite: Den Führerschein könne ich später immer noch machen – zuerst brauche ich eine handwerkliche Grundlage.

Ich machte Schnupperlehren in Vermessungsbüros in Seuzach und Winterthur. Doch das präzise Zeichnen im Zehntelmillimeterbereich war für meine Augen eine Qual. Das konnte ich mir nicht auf Dauer vorstellen.

Mein Götti schlug vor: Automechaniker bei Meier in Flaach. Da könne ich dann seinen Lastwagen reparieren. Da die Schulferien vorbei waren und die Arbeitswoche noch sechs Tage hatte, organisierte ich eine Schnupperlehre am Mittwoch- und Samstagnachmittag.

Dann war es soweit: Vatti und ich unterzeichneten den Lehrvertrag. Garage Meier in Flaach – Personenwagen, Lastwagen, Reisebusse, Baumaschinen und Traktoren. Endlich hatte ich meinen Weg gefunden.

Wie hätten sie reagiert, wenn du einen ausgefallenen Berufswunsch geäussert hättest? Oder ist das sogar geschehen?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie hätten sie reagiert, wenn du einen ausgefallenen Berufswunsch geäussert hättest? Oder ist das sogar geschehen?
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Müeti sagte einmal, sie könne sich vorstellen, wie ich als Realschullehrer wirken würde. Ich musste innerlich lachen. Lehrer – ich? Mit meiner Abneigung gegen Bücher und Schreiben?

Wie meine Eltern reagiert hätten, wenn ich tatsächlich einen ausgefallenen Beruf gewählt hätte, weiss ich nicht. Sie liessen mir letztlich die Freiheit zu wählen – und das war viel wert.

Wie würdest du dein Beziehungsnetz in dieser Zeit beschreiben?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie würdest du dein Beziehungsnetz in dieser Zeit beschreiben?
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Jungschütze im Armbrustschiessen (1969–1970)

Mein Bruder Hansruedi war im Armbrustschützenverein. Mit 14 Jahren durfte auch ich am Jungschützenkurs teilnehmen.

Wir legten die schwere Armbrust auf ein Böckli, ein erfahrener Helfer spannte sie. Gar nicht einfach war es, die Waffe mit der kleinen Wasserwaage im Blei zu halten und den Pfeil ins Zentrum zu lenken. Wir halfen einander beim Zielen, lachten über Fehlschüsse und jubelten über Treffer.

Dem Verein bin ich danach nicht beigetreten – ich war bereits in der Jugendmusik, und die Termine überschnitten sich.

Skilager 1.–3. Sek. in Braunwald (1969–1971)

Unser Lehrer organisierte jedes Jahr ein Skilager im Berghaus Hanenbühl in Braunwald. In der Nähe fuhr der legendäre Funi vorbei – eine Mischung aus Standseilbahn und Schlitten. Offene Kabinen wie grosse Wannen, an einem Seil über den Schnee gezogen. In einem Winter lag zu wenig Schnee dafür, und wir mussten den Aufstieg von der Bergstation zu Fuss bewältigen.

Köchinnen aus dem Dorf begleiteten uns und verwandelten die von Eltern gespendeten Lebensmittel in gute Mahlzeiten. Wer keine Ski besass, konnte welche mieten.

Diese Lager trugen viel zu unserem Zusammenhalt bei. Auf der Piste half man einander, abends sass man beisammen. Es war das Gefühl, dazuzugehören.

Was tatest du in deiner Freizeit und in den Ferien? Mit wem verbrachtest du diese hauptsächlich?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Was tatest du in deiner Freizeit und in den Ferien? Mit wem verbrachtest du diese hauptsächlich?
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Zeichnungswettbewerb

Beim Durchblättern der «Schweizerischen Feuerwehrzeitung» entdeckte ich einen Zeichnungswettbewerb. Kurz zuvor hatte ich Wasserfarben geschenkt bekommen – das passte.

Ich malte ein Aquarell: die Alarmierung der Feuerwehr in unserem Dorf. Im Vordergrund eine Kirchenglocke und ein Feuerwehrhorn, im Hintergrund ein brennendes Haus, Feuerwehrleute in historischen Uniformen mit Schlauchwagen.

Eines Tages rief mich der Lehrer während der Zeichenstunde nach vorne. Ich hatte keine Ahnung, warum. Er verkündete, dass ich am Wettbewerb teilgenommen und einen Preis gewonnen hatte. Die Klasse applaudierte. Ich erhielt eine Wappenscheibe.

Jahre später erschien mein Bild auf der Titelseite der Zeitschrift. Eine unerwartete Nachricht – und eine grosse Freude.

Sonntägliche Ausfahrten mit unserem ersten Auto

1968 kaufte Vatti sein erstes Auto. Damit begann eine wöchentliche Tradition: die sonntägliche Ausfahrt mit Müeti – und oft auch mit mir.

Wir besuchten Bekannte, etwa die Familie in Seewis, die unsere Rinder im Sommer auf der Alp sömmerte. Vattis Leidenschaft galten die Passstrassen. Er fuhr entschlossen, manchmal etwas forsch – Müeti und ich hielten uns fest.

Die Fahrt ins Baselbiet zur Kirschblüte wurde zur Tradition. Später gehörte auch der wöchentliche Besuch bei Tante Seline im Altersheim Schloss in Andelfingen fest zum Programm.

Für Vatti war das Auto mehr als ein Fahrzeug – es war Freiheit nach einem Leben, das an den Hof gebunden war.
Gingst du regelmässig ins Kino? Waren das spezielle Momente?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Gingst du regelmässig ins Kino? Waren das spezielle Momente?
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Ins Kino kam ich selten – vielleicht einmal im Jahr. Auf dem Land gab es keine Kinos, und meine Eltern hatten kein Interesse daran. Wenn ich dann doch einmal hineinkam, war es etwas Besonderes.

Wie war damals dein Gefühlsleben?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Wie war damals dein Gefühlsleben?
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Pubertät. Ich wollte unabhängig sein, wusste aber nicht wie. Ich fühlte mich unsicher – in meinem Körper, in meinen Gefühlen, in meiner Rolle. Es war eine Zeit der Verwandlung, in der vieles gleichzeitig passierte und wenig zusammenpasste.

Hast du dich politisch engagiert?
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17.  Sekundarschule oder Gymnasium? (1968–1971)

Hast du dich politisch engagiert?
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Politik interessierte mich in der Jugend nicht. Sie erschien mir trocken und unverständlich. Erst später – nach und nach – begann ich, politische Zusammenhänge zu verfolgen und mir eine eigene Meinung zu bilden.

Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen
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Vom Götti im Tanklastwagen bis zum eigenen Gartenparadies – meine Freizeitwege durch Klang, Natur und Handwerk.

 

Womit hast du in deiner Jugend deine Freizeit verbracht?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Womit hast du in deiner Jugend deine Freizeit verbracht?
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Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht»

Mein Grossvater war bereits verstorben, als ich seine Wetterdaten aus dem «Hundertjährigen Wetterkalender» mit meinen eigenen Messungen verglich – sieben Jahre hatte ich gesammelt. Mit dieser Vergleichsarbeit nahm ich am Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht» teil.

Das Ergebnis war ernüchternd: Der Kalender sagte das Wetter nur zu 42 Prozent einigermassen zutreffend voraus. Ein Experte der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich, den ich konsultierte, bestätigte mir das – er verfügte über wesentlich mehr Daten.

Grossvater hatte sich oft geirrt. Aber die Erfahrung lehrte mich etwas Wichtiges: Man sollte sich nicht blind auf alte Überlieferungen verlassen, sondern die Fakten selbst überprüfen.

«Junge Kirche» (1971–1972)

Die Jugendgruppe «Junge Kirche» traf sich in einem kleinen Lokal gegenüber der Dorfkirche. Alle ab 16 konnten kommen. Woche für Woche spielten wir, diskutierten, lachten.

Doch mit der Zeit fehlten Leute, die die Gruppe leiteten. Ohne Struktur fiel sie auseinander – und löste sich schliesslich auf.

Mit Götti im Lastwagen unterwegs (1974)

Wieder eine Lastwagenfahrt mit meinem Götti – diesmal nach Südtirol, Rotwein importieren. Es war Winter, bitterkalt.

Am Reschenpass stellten wir fest, dass der Zoll nicht besetzt war. Götti vermutete grinsend, es laufe ein wichtiges Fussballspiel im Fernsehen. Irgendwann kam ein Zöllner heraus – in jeder Hand eine leere Flasche, angeblich für «Weinproben». Götti kommentierte trocken: «Die kommen wohl nicht oft an so günstigen Rotwein.»

Feuerwehr Ossingen (1974–1976)

Mit 18 wurde ich von der Feuerwehr rekrutiert und landete im Motorspritzencorps. Meine Ausrüstung: schwarzer Stahlhelm, dicker Kittel, wuchtiger Bauchgurt und eine Taschenlampe, die kaum leuchtete.

Die wenigen Übungen fanden samstagnachmittags statt. Damals ahnte ich nicht, welchen Weg mein Feuerwehrdasein noch nehmen würde.

Welchen Stellenwert hatte Musik im Laufe deines Lebens?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Welchen Stellenwert hatte Musik im Laufe deines Lebens?
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Schon in meinem ersten Lehrjahr sparte ich auf ein Kofferradio und ein Tonbandgerät. Jeden Rappen drehte ich zweimal um.

Mein Götti brachte meine Leidenschaft richtig zum Klingen. Er besass Schallplatten der «Original Egerländer Musikanten». Bei ihm durfte ich die Platten auf Tonband aufnehmen – so entstand meine erste Sammlung. Zu Hause hörte ich sie in Endlosschleife. Besonders die Blasmusiksendungen aus Österreich und Deutschland hatten es mir angetan. Kaum ein Kapellmeister blieb mir unbekannt. Ich sass da, das Tonband bereit, und nahm auf, was mir gefiel.

In der Jugendmusik Andelfingen stand es mit der Übedisziplin anfangs schlecht. Der Dirigent – und gelegentlich Müeti – mussten nachhelfen. Irgendwann sprang der Funke. Ich nahm sogar die zweite Stimme auf Band auf, um zweistimmig mit mir selbst zu üben. Ein kleiner Trick, der mir half dranzubleiben.

Blasmusik hatte mich in ihren Bann gezogen – besonders die böhmisch-mährischen Klänge: feurige Polkas und gefühlvolle Walzer. Über allem stand Ernst Mosch. Seine Egerländer-Musik war für mich Erzählung, Emotion, Heiterkeit. Er verstand es, mit Noten Geschichten zu erzählen.

Von einem Komponisten habe ich geträumt – aber Noten lesen und ich, das wurde nie eine gute Beziehung. Es blieb beim Träumen und beim Zuhören.

Die Musik war nie laut, nie aufdringlich – aber immer da.

Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder hast du dich zumindest dafür interessiert?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder hast du dich zumindest dafür interessiert?
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Vorunterricht

Der militärische Vorunterricht war eine Mischung aus Sport und Militär-Vorbereitung für uns ab 16. Neben Fussmärschen spielten wir auch Fussball. An einem Grümpelturnier stand ich im Tor. Ballspiele lagen mir nie – meine Sehschwäche liess den Ball als verschwommenen Fleck erscheinen. Zum Glück waren meine Mitspieler so stark, dass ich keinen einzigen Ball abwehren musste.

Jungschützenkurs (1973)

Werner, mein Bruder, war im Schützenverein. Also absolvierte ich mit 18 einen Jungschützenkurs im 300-Meter-Schiessen mit dem Sturmgewehr. Meine Zielsicherheit war mässig, und der Lärm war mir zuwider. Aber die Kameradschaft machte es lohnenswert.

Wandern – der Leiterkurs

Ein Inserat weckte meine Neugier: ein Leiterkurs für Wandern und Geländesport. Ich meldete mich an und erhielt einen Platz. Der Kurs fand im Herbst in St-Cergue oberhalb von Nyon statt. Es waren meine ersten selbst organisierten Ferien.

Schon die Anreise war ein Erlebnis: In Nyon drängten alle Teilnehmer gleichzeitig mit Gepäck in den winzigen Zug nach St-Cergue. Es reichte nicht. Das Bahnpersonal stellte einen Gepäckwagen bereit – wir sassen auf dem Boden, aber wir kamen alle mit.

Mammuttreffen und Wandergruppe

Solche Leiterkurse fanden zweimal im Jahr statt. Um den Austausch zu fördern, organisierte der Veranstalter «Mammuttreffen» in Jugendherbergen. Daraus entstanden regionale Gruppen – auch eine Zürcher Gruppe. Robert, Fritz, Iris und Bea gehörten zu den Stammgästen. Zusammen wanderten wir regelmässig.

Braunwald – Beas Chalet

Bea plante einmal ein Treffen in Braunwald. Iris sollte uns zur Unterkunft führen. Ich bot an, den Weg zur Jugendherberge zu zeigen – Braunwald kannte ich von den Schullagern. Doch Iris bestand auf dem mittleren Höhenweg. Unterwegs begegneten wir Bea. Sie bog vom Weg ab und führte uns zu einem Holzchalet. «Das gehört meinen Eltern», sagte sie. «Ihr seid willkommen.» Ich war sprachlos.

Nachtschlitteln

Ein andermal lud Bea uns zum Nachtschlitteln in Braunwald ein. In der Dunkelheit stapften wir mit den Schlitten bergauf, nur wenige Laternen am Weg. Oben angekommen, fragte Bea:

«Hört ihr es?»

«Was denn? – Nichts.»

«Genau das!»

Die Stille lag über dem autofreien Braunwald. Ungewohnt, fast beängstigend – und wunderbar.

Wanderungen im Tessin

Einige Pfingstwochenenden verbrachten wir im Tessin – wir nannten uns «Pfingstwanderer». Einmal regnete es so heftig, dass wir uns Schwimmflossen wünschten. Ein andermal wollten wir vom Verzascatal zum Lago d’Efra aufsteigen, mussten aber wegen Schnee im oberen Teil umkehren.

Zinngiessen (Silvester 1981)

An Silvester 1981 lud Bea uns nach Braunwald ein. Iris brachte ein Zinngiess-Set mit.

 
31. Dezember 1981, Braunwald – Zinngiessen
Meine gegossene Figur deutete auf Liebe und Beziehung hin. Ich errötete – zum Glück war es dunkel. «Das wäre zu schön», dachte ich.

Und tatsächlich: Im darauffolgenden Jahr nahm es Gestalt an.

 

Was bedeutete/bedeutet der Computer und das Internet in deinem Leben?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Was bedeutete/bedeutet der Computer und das Internet in deinem Leben?
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Der Computer kam über den Beruf in mein Leben. Digitale Fähigkeiten wurden wichtig, E-Mails ersetzten Briefe, Sofortnachrichten ersetzten Telefonate. Es war eine grosse Umstellung – aber eine, die mein Arbeitsleben erleichterte.

Heute nutze ich das Internet täglich: Nachrichten lesen, mit Familie und Freunden in Kontakt bleiben, Bankgeschäfte erledigen, Einkäufe bestellen, Blasmusik auf YouTube hören. Während der Pandemie wurde das Internet erst recht unverzichtbar.

Besonders schätze ich Plattformen wie meet-my-life.net, auf denen Menschen ihre Lebensgeschichten teilen. In ihre Erlebnisse einzutauchen, ihre Kämpfe und Freuden mitzuerleben – das bereichert.

Warst du schon früh in einer politischen Gruppierung aktiv oder zumindest daran interessiert?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Warst du schon früh in einer politischen Gruppierung aktiv oder zumindest daran interessiert?
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Als mein Bruder Ernst einen deutlich längeren Arbeitsweg hätte auf sich nehmen müssen, weil sein Arbeitsplatz verlegt wurde, empfand ich das als ungerecht. Ich fragte mich, ob es Organisationen gab, die in solchen Situationen helfen – und trat der Gewerkschaft bei.

Über Jahre war sie ein Begleiter im Arbeitsleben. Mit der Zeit aber empfand ich die Positionen als zu starr und dogmatisch. Irgendwann trat ich aus – eine Entscheidung, die mir nicht leichtfiel, aber richtig war.

Welche Rolle spielte das Lesen in deinem Leben?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Welche Rolle spielte das Lesen in deinem Leben?
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Lesen war nie meine Leidenschaft. Ich hatte keine Lieblingsautoren, keine literarischen Vorbilder. Micky-Maus-Hefte waren mein Einstieg – heimlich gelesen, von Müeti missbilligt. Ob diese frühe Zensur mein Verhältnis zu Büchern dauerhaft gehemmt hat? Möglich.

Was mich interessierte, waren Bastelanleitungen, Wanderführer und technische Beschreibungen. Meine Regale füllten sich nicht mit Romanen, sondern mit Faltlinien und Höhenprofilen. Ein Duden steht bis heute griffbereit – ein stiller Helfer.

Zeitungen, Zeitschriften und Fachzeitschriften las ich regelmässig. Sie hielten mich auf dem Laufenden und bildeten mich weiter. Heute lese ich online – Nachrichten, Lebensgeschichten, Hintergrundberichte. Lesen ist für mich geistige Gymnastik geworden: kein Genuss wie für Bücherfreunde, aber eine tägliche Übung.

Lesungen oder Lesekreise? Nie. Stets war ich der stille Einzelgänger. Und wenn man mich fragt, welchen Autor ich am meisten gelesen habe – dann wohl mich selbst, beim Schreiben dieser Autobiografie.

Hast du damals oder später auch Ferien verbracht? Wo?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Hast du damals oder später auch Ferien verbracht? Wo?
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Island (1980)

Im Sommer 1980 reiste ich mit einer Gruppe junger Leute nach Island. Mit einem Bus fuhren wir durch Stein- und Sandwüsten, durchwateten brückenlose Flüsse, besuchten Wasserfälle und heisse Springquellen, badeten in schwefeligem Wasser. Wir übernachteten in kleinen Zelten und waren mit wenig zufrieden.


August 1980, Island – Ferien-Impressionen


August 1980, Island – Ferien-Gruppenbild
 

Wer sich mit einfacher Unterkunft zufriedengab und es akzeptierte, vom Regen überrascht zu werden oder nachts an den Zehen zu frieren – der kam hier auf seine Kosten.

Griechenland (1982)

Im Frühling 1982 wanderte ich mit einer kleinen Gruppe durch Griechenland. Wir besuchten die Akropolis in Athen und standen sogar am Start einer Kurzstrecke in Olympia.

April 1982, Griechenland – Wanderferien

Norwegen (1982)

Im Sommer 1982: zwei Wochen Wanderferien in Norwegen. Was ich dort erlebte, erzähle ich in einem späteren Kapitel.


Juli 1982, Norwegen – Wanderferien, ich ganz vorn mit Militärrucksack


Juli 1982, Norwegen – Wanderferien

 

Hattest du in bestimmten Lebensphasen wichtige Freizeitbeschäftigungen?
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18.  Meine Freizeit in verschiedenen Lebensphasen

Hattest du in bestimmten Lebensphasen wichtige Freizeitbeschäftigungen?
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Garten

Als Barbara und ich im Hirzel lebten, erhielten wir von der Gemeinde ein Stück Land. Unser Garten: Blumen, Gemüse, Beeren. Wir planten, säten, pflegten und ernteten – gemeinsam. Die Stunden vergingen dabei wie im Flug. Dieser Garten war mehr als Erde und Pflanzen. Er war ein Ort, an dem wir als Paar zusammenwuchsen.

Holzarbeiten

Im Hirzel nutzte ich die Werkstatt im Werkhof – praktischerweise im selben Gebäude wie unsere Wohnung. Dort baute ich allerlei: ein Gewürzregal für die Küche. Einen Holzrost über der Badewanne, als unser Kind geboren wurde. Eine Wohnwand aus Modulen, die ich nach genauer Planung selbst zusammensetzte. Einen Aufbau für den Schreibtisch – PC, Drucker, Ordner, alles an seinem Platz. Robuste Kellerregale aus Schaltafeln und Doppellatten, die bis heute ihre Lasten tragen.

Nach dem Umzug fehlte mir die Werkstatt. Statt Holz wurde der Computer mein Werkzeug: Diabilder digitalisieren, fotografieren, am Bildschirm gestalten. Andere Beschäftigungen, aber derselbe Antrieb – etwas mit eigenen Händen schaffen. Oder zumindest mit eigenen Fingern.

Beziehungen und Liebe
Seite 176
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19.  Beziehungen und Liebe
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Von leisen Herzen und stillen Blicken
Eine zarte Darstellung von Schüchternheit, stillen Sehnsüchten und der ersten wahren Begegnung!
 

Ich war schüchtern – das zog sich durch mein ganzes Jugendleben. Nicht der Lauteste, nicht der Mutigste. Aber ich fand meinen Platz: in Vereinen, in kleinen Gruppen, durch stilles Dabeisein. Meine Freundschaften entstanden nicht durch Auftreten, sondern durch Verlässlichkeit.

Rebellion war nicht mein Weg. Weder gegen meine Eltern noch gegen die Gesellschaft habe ich mich aufgelehnt. Meine Loslösung war ein innerer Prozess – leise, schrittweise, ohne Knall.

Sexualität war in meiner Jugend ein rätselhaftes Feld. Ohne Internet, ohne offene Gespräche – nur Neugier und Herzklopfen. Meine Annäherungen an das andere Geschlecht waren so unbeholfen, dass sie rückblickend fast rührend wirken. Aber vielleicht legte gerade diese Mischung aus Unsicherheit und Echtheit den Grundstein für eine respektvolle Art der Zuneigung.

Feste Beziehungen? Nein. Ich war ein Träumer, zu zaghaft für den entscheidenden Schritt. Es gab Frauen, die mich faszinierten – ihre Erscheinung, ihre Worte. Meist blieben es stille Schwärmereien, unausgesprochene Gedanken. Kein gebrochenes Herz prägte mich – eher das nie ganz gefundene.

Und dann kam Barbara.

Ihre Augen sahen mich an, als wäre ich sichtbar. Ihre Wärme, ihre Offenheit rührten etwas in mir an, das bis dahin unberührt geblieben war. Jemand, der nicht nur meine Sprache verstand, sondern auch meine Stille. Als Müeti mich fragte: «Möchtest du sie behalten?», zögerte ich nicht. Ich sagte: «Ja.»

Alles Weitere erzähle ich im Kapitel «Eheleben».

Meine besten Freunde und Freundinnen
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20.  Meine besten Freunde und Freundinnen
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Wenn ich an meine Freunde denke – nicht an jene, die kamen und gingen, sondern an die wenigen, die blieben –, sehe ich kein grosses Netzwerk, sondern ein Geflecht einzelner Geschichten. Manche begleiteten mich nur ein Stück weit, andere ganze Etappen. Sie waren mir lieb – nicht, weil sie laut waren, sondern weil sie beständig blieben.

Nicht zu vergessen die Velotouren mit Herbert, meinem Nachbarn. Unsere Gespräche im Schlafsaal der Jugendherbergen machten das Einschlafen zur schönsten Episode des Tages.

Lehrjahre (1971–1975)
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21.  Lehrjahre (1971–1975)
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Der letzte Schultag in Ossingen – Erleichterung, Neugier und ein wenig Wehmut. Lange Zeit zum Nachsinnen blieb nicht. Drei Tage später, am 1. April 1971, stand ich als Automechaniker-Lehrling in der Garage Meier in Flaach. Zehn Kilometer entfernt, jeden Morgen mit dem Velo, bei Wind und Wetter.

Die Umstellung war gewaltig. Lange Stunden im Stehen, Ölgeruch, Lehrlingspflichten. Ich zählte die Minuten bis halb sechs. Der Arbeitstag begann um halb acht – das erschien mir endlos. Aber ich lernte das Wichtigste: durchhalten und zupacken.

Im zweiten Lehrjahr durfte ich die Berufsmittelschule besuchen. Mein Lehrmeister unterstützte mich – vor mir hatte das noch kein Lehrling im Betrieb gemacht. Doch es war zu viel. Die anderen in der Klasse erledigten Aufgaben im Büro während der Arbeitszeit – ich schraubte in der Werkstatt und hatte abends noch Hausaufgaben. Im Sommer wollte ich aufgeben. Der Schulleiter riet mir, das Semester zu Ende zu bringen. Ich hielt durch – und war danach dankbar, mich wieder auf das Handwerk konzentrieren zu können.

In dieser Zeit begegnete mir Urs wieder, ein Freund aus Kindertagen. Auch er wurde Automechaniker – ausgerechnet bei Meier. Er fuhr Moped, ich Velo. Auf dem Heimweg zog er mich gelegentlich mit einem Seil hinter sich her – nachdem die Polizei uns ermahnt hatte, dass das Festhalten an seiner Schulter nicht erlaubt sei.

Eines Abends fanden wir auf der Strasse ein totes Tier – noch warm, schwer zu erkennen. Wir nahmen es mit. Vatti klärte auf: ein Marder, mit weisser Krawatte am Hals. Ich liess ihn präparieren. Jahrelang stand er in unserem Wohnzimmer – ein stiller Zeitzeuge meiner Lehrjahre.

Ich lebte weiterhin zu Hause. Als Gegenleistung half ich auf dem Hof – Stallarbeit und Mistgabel inbegriffen.

Meine Lehrfirma war eine Schule fürs Leben. Der Chef – ein stiller, geduldiger Mann – und meine Kollegen prägten mich über das Handwerkliche hinaus. Ich lernte, dass Ordnung und Sauberkeit kein Selbstzweck sind, sondern Ausdruck von Respekt für die Arbeit.


1973, Flaach – Garage Meier, mein Lehrbetrieb

Einziges erhaltenes Bild aus meiner Lehrzeit.


Arbeit war für mich von Anfang an selbstverständlich. Wenn ich einen Defekt behoben hatte und das Fahrzeug wieder lief – das war Erfüllung. Mehr als jeder Applaus.

Der erste Lohn

Am Ende jedes Monats erschien der Vater meines Lehrmeisters in der Werkstatt, mit orange-gelben Lohntüten. Bargeld, feierlich überreicht. Den ersten richtigen Lohn in den Händen zu halten – das vergesse ich nicht. Ich beschloss, auf ein eigenes Velo zu sparen. Werners altes Rad hatte ausgedient. Nach langem Sparen konnte ich es mir leisten.

Als wir in der Berufsschule die Löhne verglichen, lag meiner im oberen Mittelfeld. Ich hatte kaum Ausgaben – Kost und Logis waren gedeckt. Aber das Gefühl, eigenes Geld zu verdienen, war unbezahlbar.

Lehrabschluss

Die Abschlussprüfung kam schneller als gedacht. Die Nacht davor schlief ich kaum. Aber während der Prüfung ordneten sich die Gedanken – als hätten sich alle Informationen in ein präzises Zahnradsystem gefügt. Ich bestand. Als ich den Fähigkeitsausweis in den Händen hielt, war ich stolz.

Nach dem Abschluss blieb ich im Betrieb, bis die Rekrutenschule kam. Vorher musste aber noch ein medizinisches Kapitel abgeschlossen werden: meine vereiterten Mandeln. Den 20. Geburtstag verbrachte ich im Spitalbett statt mit Torte. Danach war ich bereit für den nächsten Abschnitt.

Militärdienst (1975–1997)
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22.  Militärdienst (1975–1997)
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Als junger Mensch in der geborgenen Schweiz erschien mir die «Verteidigung von Freiheit und Sicherheit» abstrakt. Vom Zweiten Weltkrieg vernahm ich Geschichten und den Appell, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Zugleich erschien es mir paradox, dass Armeen, die dem Frieden dienen sollten, einander bekämpften.

In unserer Familie war der Militärdienst Tradition. Vatti und meine drei Brüder hatten gedient. Ich schloss mich an – nicht aus Überzeugung, sondern weil es selbstverständlich war.

Aushebung

Bei der Aushebung 1974 wollte mich der Offizier als Panzermechaniker einteilen. Ich wandte ein, dass Panzer Benzinmotoren hatten, ich aber in Dieselmotoren ausgebildet war. Das überzeugte ihn: «Also gut, Motormechaniker!» Stempel drauf, erledigt.

Rekrutenschule

Mit Beginn der RS wich meine Motivation. Drei Ausbildungen liefen parallel: Grundausbildung als Füsilier, Fachausbildung als Motormechaniker und Fahrausbildung auf sämtlichen Radfahrzeugen. Dazu kam für mich eine zusätzliche Prüfung für Personentransport, da ich bereits den Lastwagenführerschein besass.

Die Tage begannen früh, das Mittagessen kam mit Verspätung, die Nachtruhe spät. Nachtübungen raubten den Schlaf. Es war intensiv und erschöpfend.

Die Dusch-Episode

Nach einer anstrengenden Übung – ich hatte zusätzlich Personen transportiert und den Parkdienst erledigt – wollte ich endlich duschen. Vor der Tür wartete der Gruppenführer: «In fünf Minuten seid ihr wieder hier!»

Die Dusche war in einem anderen Gebäude. Zum Duschen reichte das nicht. Aber Befehl ist Befehl. Nach genau fünf Minuten stand ich wieder da – ungeduscht.

Der Korporal war überrascht: «Haben Sie geduscht?» Ich verneinte: «Sie haben nicht gesagt, dass ich geduscht sein muss – nur, dass ich in fünf Minuten hier sein soll.» Ein Seufzer, ein Kopfschütteln. Absurde Befehle vertrage ich schlecht.

Die Kartenkunde

In einer Theoriestunde fragte der Leutnant nach den verschiedenen Arten von Karten. Mein Arm schnellte hoch. «Ja!»

«Es gibt Speisekarten, Weinkarten, Dessertkarten …»

Grosses Gelächter. Selbst der Leutnant grinste. Er hatte topografische Karten gemeint. Aber die Art, wie er die Frage stellte, verlangte geradezu nach dieser Antwort.


Oktober 1975, Glaubenberg – Abkochen am letzten Tag der dreitägigen Durchhalteübung in meiner Rekrutenschule

Wiederholungskurse

Nach der Grundausbildung folgten jährlich drei Wochen Wiederholungskurs. Ich tat meine Pflicht, ohne mich mit der Sache zu identifizieren. Das Sturmgewehr blieb mir fremd – zwischen Motoren fühlte ich mich lebendig, mit einer Waffe nicht.

Freundschaften entstanden im Militär keine dauerhaften. Man teilte lustige Momente und anstrengende Tage, aber die Verbindungen waren vergänglich.

Rückblick

Eine Offizierslaufbahn strebte ich nie an. Nützlich wollte ich sein – aber keine Rangabzeichen sammeln.

Im Rückblick sehe ich die Zeit differenzierter. Als junger Mann ohne Besitz erschien mir der Dienst sinnlos. Heute verstehe ich den Wert von Sicherheit und Freiheit besser. Meine Abneigung gegen Krieg bleibt ungebrochen – aber ich anerkenne, dass Sicherheit Struktur braucht.

Am Tag der Entlassung erschien die zuständige Regierungsrätin nicht – sie verabschiedete lieber einen hohen Offizier anderswo. Wir standen auf der Liste – irgendwo ganz unten. Macht nichts. Die beste Dienstzeit liegt ohnehin vor mir: zivil, ohne Marschbefehl.


 Auszug aus meinem Militär-Dienstbüchlein

 

Der Beginn einer neuen Lebensgeschichte
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23.  Der Beginn einer neuen Lebensgeschichte
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Nach Lehrabschluss und Rekrutenschule arbeitete ich weiterhin bei Meier – allerdings ohne schriftlichen Vertrag.

Dann kam die Rezession. Die Aufträge wurden spärlicher, die Stimmung schlechter. Ich beschloss, mein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, und begann, Stellenanzeigen zu durchforsten.

Und dann fand ich sie – die passende Stelle. Ob ich sie bekam? Das erzähle ich im nächsten Kapitel.

Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)
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Drei Jahre auf Achse – vom Güterbahnhof zur Manege und zurück. Eine Zeit, in der ich lernte, dass Heimat nicht an einen Ort gebunden ist, sondern an Menschen und Erlebnisse.
Wie kam es dazu?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Wie kam es dazu?
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Ich sah ein Inserat: Der Circus Knie suchte einen Chauffeur. Ich bewarb mich und wurde nach Rapperswil zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Der Personalchef fragte mich mehrmals, ob mir die Stelle zusagen würde. Beim dritten Mal fragte ich zurück, warum er die Frage wiederhole. Seine Antwort überraschte mich: Er hätte mich gerne nicht nur als Chauffeur, sondern auch als Mechaniker eingestellt – da ich zusätzlich den Lastwagenführerausweis besass. Sein einziges Problem war, dass er damit einen Chauffeur zu viel gehabt hätte.

Ich nahm die Stelle als Chauffeur und Mechaniker für die Saison 1977 an. Meine Aufgabe: Am Morgen jedes Aufbautags die per Bahn transportierten Zirkuswagen mit einem roten Hürlimann-Traktor vom Bahnhof zum Zirkusplatz ziehen. Während der rund 60 Spielorte kümmerte ich mich um die Wartung der Fahrzeuge. Nach dem Abbau brachte ich die Wagen zurück zum Bahnhof.

Diese drei Jahre waren unvergesslich. Mir wurde bewusst, wie sehr das Reisen zur Leidenschaft werden kann. Es ist nachvollziehbar, warum Fahrende am Nomadenleben festhalten. Dieses Gefühl hat sich tief eingeprägt.

1. September 1978, Lausanne – Chauffeuren-Crew vom Circus Knie. Einzig Georges fehlt auf diesem Bild.

 

Drei Jahre beim Circus Knie: Welche grossen Themen prägten diese Zeit und was hast du dabei erlebt?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Drei Jahre beim Circus Knie: Welche grossen Themen prägten diese Zeit und was hast du dabei erlebt?
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KNIEMIL 1977

Die Saison 1977 stand unter dem Titel «KNIEMIL» – Emil Steinberger trat regelmässig in der Manege auf. Ein Publikumsmagnet.

Ich wurde mit dem grossen Tiertransporter auf Werbetour geschickt – die Seitenwände trugen farbenfrohe Bilder der aktuellen Nummern und zogen alle Blicke auf sich. Begleitet wurde ich von einem kleingewachsenen Clown. Für den untersten Aufstiegstritt zum Führerhaus brauchte er einen leeren Getränkeharass als Stufe.

Doch die Werbetour wurde bald eingestellt. Der Grund: Die Vorstellungen waren restlos ausverkauft – bei 2300 Plätzen im Chapiteau. Werbung war schlicht überflüssig. Wir Angestellten witzelten, der Circus Knie habe ein neues exotisches Tier – eine «Riesenschlange» aus wartenden Zuschauern vor der Kasse.

1977, Bern – Knies Tiertransporter für 9 Pferde

 

Jubiläum 1978

1978: 175 Jahre Dynastie Knie und 60 Jahre National-Circus. In den grösseren Städten zog der Zirkus in einer Parade durch die Strassen – Familie Knie, Artisten, Angestellte und Tiere. Ein Spektakel, das überall strahlende Gesichter hinterliess.

 
August 1978, Bern – Circus Knie Jubiläumsessen in Bern.
Links: Chefchauffeur Sepp. Rechts: die Chauffeur-Crew am Tisch.

 

Dimitri 1979

Vor einer Fahrzeugkontrolle der Kombination von Zugfahrzeug und Campinganhänger durch das Strassenverkehrsamt in St. Gallen kam Dimitri auf mich zu – grinsend. Er bat mich, ein selbst gemaltes Schild mit den Buchstaben «CD» neben seinem Kontrollschild anzubringen. «CD steht für Clown Dimitri», erklärte er verschmitzt. Er wollte sehen, wie der Prüfer reagiert.

Der Experte kontrollierte das Fahrzeug gründlich. Sein Blick streifte das Schild. Keine Regung, kein Zucken. Hat er es übersehen? Oder hat er sich innerlich amüsiert? Wir werden es nie erfahren. Dimitri jedenfalls war zufrieden.

 
 «CD» – Clown Dimitri, mit diplomatischem Humor

 

Wie habt ihr eure freie Zeit während der Zirkussaison beispielsweise in Luzern verbracht?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Wie habt ihr eure freie Zeit während der Zirkussaison beispielsweise in Luzern verbracht?
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Wenn der Circus Knie jeweils um den 1. August in Luzern Station machte, nutzten wir die freien Stunden: Wir bestiegen die Stadtmauer, fuhren auf den Pilatus und machten eine Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee.

Wie wurde bei euch Geselligkeit gefeiert?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Wie wurde bei euch Geselligkeit gefeiert?
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Einmal im Monat trafen wir uns im Campinganhänger von Chefchauffeur Sepp zum Raclette. Einer der Chauffeure besorgte die Zutaten: Kartoffeln, Käse, Cornichons, Silberzwiebeln – und Fendant. Sepp kochte die Kartoffeln.

Nach dem Essen öffnete er seine versteckte Bar und servierte einen Schnaps. Wir sassen zusammen, lachten, redeten – bis im Radio die Landeshymne ertönte und wir wussten: Mitternacht. Zeit fürs Bett.

Gab es auch gesellige Abende ausserhalb des Zirkusalltags?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es auch gesellige Abende ausserhalb des Zirkusalltags?
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In den Wintermonaten trafen wir Chauffeure uns mit Sepp zum Kegeln in einem Restaurant in Jona. Anfangs war es schwierig, die Kugel präzise auf die neun Kegel zu lenken – aber bald machte es grossen Spass. Sepp führte auf einer Wandtafel akribisch Buch über unsere Ergebnisse. Die Verlierer jeder Runde zahlten in die Gemeinschaftskasse – ebenso, wer ein «Babeli» (alle neun) oder einen Kranz (nur der mittlere steht) erzielte. Von diesem Geld finanzierten wir die Bahnmiete und ein Festessen in der nächsten Saison.

Gab es auch mal einen über den Durst?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es auch mal einen über den Durst?
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Nach einem gemütlichen Abend lud uns Walti noch in seinen Campinganhänger ein. Ich hatte bereits genug getrunken, doch Waltis Überredungskunst war stärker. Ein Schnaps, dann noch einer. Ein Kamerad warnte mich: «Das Zeug hat Wumms.» Ich hörte nicht hin.

Später, in meinem Lager, drehte sich alles. Mir wurde übel. Ich wollte zur Toilette – und lag auf dem Boden. Der Abfalleimer wurde mein Retter.

Seitdem habe ich mir geschworen: nie wieder. Manchmal muss man Grenzen ausloten, um sie zu kennen.

Gab es beim Circus Knie auch mal brenzlige Momente – im wahrsten Sinne des Wortes?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es beim Circus Knie auch mal brenzlige Momente – im wahrsten Sinne des Wortes?
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Feuerlöschübung

In der Olma-Arena in St. Gallen organisierte die Feuerwehr eine Löschübung für alle Zirkusangehörigen. Wir sahen, wie man mit Gartenschlauch, Eimerspritze, Löschdecke und Handfeuerlöscher Brände bekämpft. Bei rund 200 Angestellten konnten wir nicht alle aktiv üben – aber Grundkenntnisse in der Brandbekämpfung schaden nie, wenn man mit Zelten aus Stoff lebt und arbeitet.

Hattest du auch mal einen ganz besonderen Transportauftrag?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Hattest du auch mal einen ganz besonderen Transportauftrag?
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Ein besonderer Auftrag: Mit dem Tiertransporter fuhr ich zum Flughafen Kloten, um einen jungen Tiger abzuholen. Auf der Tierstation wartete er in einem Käfig auf die tierärztliche Freigabe. Nachdem der Veterinär grünes Licht gegeben hatte, wurde der Container auf meinen Lastwagen verladen, und ich brachte den neuen Bewohner sicher zum Zirkus.

Ein weiterer besonderer Transport: Drei Lastwagen des Circus Knie warteten mit den überlangen Wohnanhängern der Junior-Direktoren auf die Abfahrt von Bern nach Genf. Ich fuhr einen der Lastwagen und begleitete den eindrucksvollen Konvoi.

August 1978, Bern, Allmend – die Anhängerzüge sind startklar für die Fahrt nach Genf.

 

Gab es noch andere besondere Tiere oder Frachten, die du beim Zirkus transportieren durftest?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es noch andere besondere Tiere oder Frachten, die du beim Zirkus transportieren durftest?
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In Genf holte ich am Flughafen einen jungen Eisbären ab – bestimmt für René Strickler, den Raubtierdompteur. Weiss, flauschig, und doch schon mit beeindruckender Präsenz. Auch er kam sicher beim Zirkus an.

Hast du beim Circus Knie auch mal deine Ängste überwunden?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Hast du beim Circus Knie auch mal deine Ängste überwunden?
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An einem freien Nachmittag besuchte ich mit Kollegen ein Schwimmbad. Ich war Nichtschwimmer – mit einer gesunden Portion Angst vor tiefem Wasser. Meine Kollegen waren entschlossen, mir das Schwimmen beizubringen.

Nach zahllosen missglückten Versuchen geschah es: Ich schwamm tatsächlich. Nicht elegant, nicht sicher – aber ich durchquerte das Becken. Meine Kameraden jubelten. Bis heute habe ich grossen Respekt vor tiefem Wasser – aber die Angst ist kleiner geworden.

Erlebtest du besondere Situationen bei den Fahrten oder Verlegungen während der Zirkustournee?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Erlebtest du besondere Situationen bei den Fahrten oder Verlegungen während der Zirkustournee?
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Als der Zirkus von Altdorf nach Locarno verlegte – den Gotthardtunnel gab es noch nicht –, fuhr ich mit meinem Lastwagen über den San Bernardino. Es war spät in der Nacht. Gegen zwei Uhr morgens stellten wir die Fahrzeuge auf dem Zirkusplatz ab.

Ein Polizeiauto hielt neben uns. Die Beamten fragten, was unser Anliegen sei. Mein Kollege erklärte, wir suchten eine Unterkunft – kein Zelt, kein Lastwagen, ein richtiges Bett. Der Beamte funkte die Zentrale an. Tatsächlich: Es gab noch ein offenes Hotel – im November keine Selbstverständlichkeit. Aber der Weg dorthin war verschlungen.

Kurzerhand nahmen uns die Polizisten in ihrem Auto mit und fuhren uns hin. An der Hotelrezeption bekamen wir ein Zimmer. Die Polizisten verabschiedeten sich, dann genehmigten sie sich noch einen Kaffee. Die Polizei – dein Freund und Helfer. In diesem Fall wörtlich.

Was war das verrückteste Abenteuer, das du je mitgemacht hast?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Was war das verrückteste Abenteuer, das du je mitgemacht hast?
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Ein Kollege hatte die Idee: Wir chartern ein Kleinflugzeug und fliegen über die Alpen. Auf dem Flugplatz in Sion wartete der Pilot auf uns.

Wir hoben ab. Die Landschaft schrumpfte zu einem Miniatur-Wunderland. Täler, Seen, Berggipfel – und in der Ferne das Matterhorn. Eine Stunde lang schwebten wir über allem. Die Landung verlief sanft. Auf festem Boden zurück, war mir klar: Mut bringt manchmal Belohnungen, die man sich nicht hätte vorstellen können. Mein erster Flug – unvergesslich.

Erlebtest du auch Kurioses während der Zirkusreise?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Erlebtest du auch Kurioses während der Zirkusreise?
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Oh là là! Wie soll ich dieses erstaunliche Schauspiel beschreiben, das sich mir bot, als wir mit dem Zirkus auf der Berner Allmend gastierten? Nacht für Nacht spielte sich dort eine Szenerie ab, die beinahe unwirklich erschien.

Immer wieder tauchten Autos auf, die langsam über das Gelände glitten. Ihre Lichter wechselten zwischen Rot und Grün, als würden sie einem geheimen Schauspiel folgen. Hinter den Lenkrädern sassen spärlich bekleidete Frauen, die mit einem freundlichen Lächeln auf vorbeiziehende Männer warteten.

Bald wurde mir klar, was sich dort abspielte. Die Frauen lockten ihre Kundschaft an, fuhren mit ihnen in die Dunkelheit hinaus und kehrten kurze Zeit später wieder zurück, bereit für den nächsten Gast. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, fast wie ein nächtlicher Tanz.

Für mich, der bis dahin kaum etwas von dieser Welt gesehen hatte, war dieses Treiben ebenso rätselhaft wie faszinierend. Mit kindlicher Neugier beobachtete ich das Geschehen und konnte den Blick kaum davon lösen.
Welcher Moment war dein kulinarischer Höhepunkt während der Zeit mit dem Zirkus?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Welcher Moment war dein kulinarischer Höhepunkt während der Zeit mit dem Zirkus?
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An einem sonnigen Sonntag in Genf fuhr uns Sepp mit dem Auto auf den Mont Salève. Die Aussicht auf die Stadt und den See war atemberaubend.

In einem gemütlichen Landgasthof erlebten wir ein richtiges französisches Mehrgangmenü. Sepp kannte sich aus und führte uns durch die Gänge: Apéritif, Entrées, Plat principal, Fromage, Dessert, Café – und zum Schluss ein Digestif. Cognac oder Kräuterlikör, zur Wahl.

Für mich war es wie eine Aufführung in sieben Akten – nur dass das Publikum am Ende satt statt heiser war.

Das feinste Essen meiner Zirkuszeit.

Gab es unter euch Zirkusleuten so etwas wie Geheimtipps – kulinarisch oder sonst?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es unter euch Zirkusleuten so etwas wie Geheimtipps – kulinarisch oder sonst?
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Ein Zirkusveteran gab mir einen Tipp: In der Nähe unseres Platzes in Genf gebe es ein Restaurant, das selbst im Sommer Käsefondue serviere – auch für Einzelpersonen. Als Fondueliebhaber musste ich hin.

Im Garten wurde mir tatsächlich ein Fondue im Caquelon serviert. Käsefondue, im Sommer, allein – und es schmeckte himmlisch.

Eine Woche später sass ich wieder dort.
Bist du unterwegs auch skurrilen Geschichten begegnet?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Bist du unterwegs auch skurrilen Geschichten begegnet?
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In einem Restaurant am Doubs, unweit von La Chaux-de-Fonds, bestellten wir Forellen blau. Vor dem Eingang stolperten wir über ein Huhn – mit einem Verband aus Holz und Isolierband am Bein.

Wir fragten die Wirtin. Tatsächlich: Das Huhn hatte sich das Bein gebrochen. Sie hatte ihm eine selbstgemachte Schiene gebastelt. Es funktionierte – das Huhn lief wieder. Sogar zu gut: Es war nun so flink, dass sie es nicht mehr einfangen konnte, um die Schiene zu entfernen. Also lief es weiterhin damit herum – quicklebendig und mit Accessoire.

Hast du je eine besonders magische Nacht auf Tour erlebt?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Hast du je eine besonders magische Nacht auf Tour erlebt?
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Ein Kollege hatte mir erzählt: Wenn man nachts in Willisau ankommt, ist es so still, dass man nur das leise Geläut weidender Tiere hört. Sonst nichts.

Um zwei Uhr morgens kam ich dort an. Ich schärfte meine Sinne – und tatsächlich: Nur Glockengebimmel in der Ferne. Kein Verkehr, kein Lärm, nichts. Nach einem langen Tag voller Trubel in diese Stille einzutauchen – das war Erholung pur. Sofort schlief ich ein.

Gab es Rituale oder Wege, wie du trotz der Distanz die Nähe zu deinen Liebsten bewahrt hast?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es Rituale oder Wege, wie du trotz der Distanz die Nähe zu deinen Liebsten bewahrt hast?
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Unter der Woche arbeitete ich beim Zirkus. Am freien Wochenende fuhr ich mit dem Zug nach Ossingen – mit einem Beutel schmutziger Wäsche. Müeti wusch alles und gab mir den Beutel sauber zurück.

War ich nicht zu Hause, schickte ich die Wäsche per Post – im Militärsäckchen, das ich schon aus der Dienstzeit kannte. Wenn es zurückkam, war nicht nur Wäsche drin, sondern auch ein Päckchen Guetzli. Die teilte ich bei gemütlichen Zusammenkünften mit meinen Kameraden.

Wie habt ihr das jährliche «Obligatorische» während der Zirkusreise gemeistert?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Wie habt ihr das jährliche «Obligatorische» während der Zirkusreise gemeistert?
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Als militärpflichtige Schützen mussten wir das jährliche Pflichtschiessen absolvieren. In Luzern bot sich die Gelegenheit – dank dem grosszügigen Schützenverein Luzern, der uns seine Waffen zur Verfügung stellte. Unsere eigenen Armeewaffen auf Tournee mitzunehmen war undenkbar.

Wie kamst du auf Tournee sprachlich zurecht?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Wie kamst du auf Tournee sprachlich zurecht?
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Auf der Tournee durch die Romandie und das Tessin wurde mir schmerzlich bewusst, wie wenig mein Schulfranzösisch taugte. Schon Hochdeutsch war für mich eine Herausforderung gewesen – kein Wunder, dass Fremdsprachen nie meine Leidenschaft waren. Jetzt stand ich vor Menschen, die mich nicht verstanden, und ich sie nicht. Man kommt durch – mit Händen, Füssen und gutem Willen. Aber ich hätte mir gewünscht, in der Schule aufmerksamer gewesen zu sein.

Gab es auf der Zirkustournee Orte, die dir besonders ans Herz gewachsen sind?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es auf der Zirkustournee Orte, die dir besonders ans Herz gewachsen sind?
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Unter allen Spielorten blieb mir Vevey besonders in Erinnerung. Die Seepromenade, die gepflegten Blumenrabatten – selbst ein Blumenmuffel wie ich kam ins Staunen. Charlie Chaplin muss hier Ähnliches empfunden haben.

Oktober 1978, Vevey – Uferpromenade

 

Apropos Charlie Chaplin: Bist du ihm begegnet?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Apropos Charlie Chaplin: Bist du ihm begegnet?
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Ich sah ihn 1977 beim Zirkus Knie im Rollstuhl. Die Verbindung zwischen der Familie Knie und Chaplin war enger als seine legendären Schuhe je geschnürt waren – fast eine Liebesgeschichte zwischen Artistik und Humor.

Gibt es noch andere besondere Erinnerungen, die du mit Vevey verbindest?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gibt es noch andere besondere Erinnerungen, die du mit Vevey verbindest?
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Ein Abstecher von Vevey aus ins Schloss Chillon liess meine Gedanken in die Klassenzimmer meiner Primarschulzeit zurückfliegen. Damals bastelte ich mir aus Papier und Kleber genau dieses Schlossmodell nach, mit den drei schelmischen halbrunden Türmen und dem stolzen Burgfried. Die gesamte Festungsanlage wirkte, als wäre sie einem Märchenbuch entsprungen.

Doch während ich in der Schule fröhlich dieses Modell zusammenfügte, hörte ich zugleich Geschichten von schauerlichen Folterwerkzeugen aus längst vergangenen Tagen – denn in den finsteren Ecken des Schlosses waren sie ausgestellt. Grauenhaft, sich vorzustellen, wie diese gnadenlosen Folterinstrumente einst genutzt wurden, um Menschen zu quälen und ihnen unsägliches Leid zuzufügen. Es ist beinahe unglaublich, wie schaurig die Zeiten damals gewesen sein müssen – die Vorstellung läuft einem eiskalt den Rücken hinunter.

Ich habe mich gefragt, wie es wohl gewesen sein mochte, hier in diesem Steinklotz den ganzen eisigen Winter hindurch zu leben. Ich kann mir vorstellen, wie sich die Bewohner in ihren dicken Mänteln und Pelzmützen zusammenrollten wie Zimtschnecken, um sich vor der klirrenden Kälte zu schützen.

Da war ich ziemlich erleichtert, nach meinem Besuch im Schloss Chillon die alten Mauern hinter mir zu lassen und zur einladenden Seepromenade in Vevey zurückzukehren. Warm eingepackt in moderner Kleidung, versteht sich.

Hast du auch weitere kulturelle Schätze entdeckt?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Hast du auch weitere kulturelle Schätze entdeckt?
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In Nyon besuchte ich mit Mike, dem Raubtierkutscher, das Schloss-Museum. Im Ausstellungsraum entdeckte ich eine hölzerne Kommode – genau wie jene, die meine Eltern besassen. Mike wollte ich zeigen, wie die Schubladen funktionierten, und zog kräftig an den Griffen. Statt die Schublade zu öffnen, hielt ich plötzlich nur die beiden Griffe in den Händen. Die kleinen Nägel hatten nachgegeben.

Mein Gesicht wurde rot. Zum Glück war kein Wärter in der Nähe. Hastig steckte ich die Griffe zurück, drückte die Nägel fest – und Mike lachte so laut, dass ich fürchtete, nun doch noch jemand auf uns aufmerksam würde.
Gab es ausserhalb der Zirkusmanege Dinge für dich zum Staunen?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es ausserhalb der Zirkusmanege Dinge für dich zum Staunen?
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Auf dem Sechseläutenplatz in Zürich sah ich Rolf Knie jun. im Zoo des Zirkus sitzen – mit Pinseln und Farben. Er malte. Schon damals dachte ich: Der hat Talent. Später erfuhr ich, dass er seine Bilder auf ausgediente Zeltplanen malte – eine kreative Wiederverwendung des Zirkusmaterials.

Gab es kuriose Zufälle oder Eigenheiten, die du mit jemandem vom Circus Knie geteilt hast?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Gab es kuriose Zufälle oder Eigenheiten, die du mit jemandem vom Circus Knie geteilt hast?
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Eine kuriose Verbindung zu Fredi Knie senior: Wir teilen denselben Geburtstag.

Was hat dich dazu bewegt, dem fahrenden Leben Lebewohl zu sagen?
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24.  Schweizer National-Circus Knie (1977–1979)

Was hat dich dazu bewegt, dem fahrenden Leben Lebewohl zu sagen?
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Ende 1979 ging meine Zeit beim Circus Knie zu Ende. Drei Jahre unterwegs, drei Jahre voller Erlebnisse. Ich beschloss, sesshaft zu werden – ein Leben mit festen Wurzeln.

Wer lange im Zirkus arbeitet, entwickelt eine Bindung ans Reisen, die nicht einfach verschwindet. Auch heute noch, wenn ich einen Knie-Lastwagen auf der Strasse sehe, spüre ich einen Hauch davon. Man kann den Zirkus verlassen – aber der Zirkus lässt einen nie ganz los.

Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)
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Vom Zirkuszelt zum Kipper-Lastwagen – ein kurzes Kapitel mit einem langen Bremsweg. Buchstäblich.
Wie hast du den Übergang vom Zirkusleben zur neuen Arbeit und Wohnung erlebt?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Wie hast du den Übergang vom Zirkusleben zur neuen Arbeit und Wohnung erlebt?
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Vom Zirkus zum Transportgeschäft

Nach meiner unvergesslichen Zeit beim Circus Knie traf ich die Entscheidung zu einem eleganten Kurswechsel. Ich tauschte meinen Job im Zirkus gegen eine neue Aufgabe in der Werkstatt von Heinrich Gresch Transporte.

Der neue Arbeitsplatz in Pfäffikon SZ war nur einen Katzensprung von Rapperswil SG entfernt. Ein Studioapartment im selben Gebäude wie das Transportgeschäft wurde mein neues Zuhause – als ob das Schicksal eine Pausentaste für mich gedrückt hätte.

Der Patron und seine Frau wohnten eine Etage darüber – eine Art himmlische Nachbarschaft, könnte man sagen.

Wie kam es, dass du ausgerechnet bei Gresch gelandet bist?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Wie kam es, dass du ausgerechnet bei Gresch gelandet bist?
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Die HINO-Lastwagen von Heiri Gresch waren so reparaturanfällig, dass er per Inserat einen Mechaniker suchte. Ich meldete mich und bekam die Stelle.

Doch bald wurden die HINOs durch neue Fahrzeuge ersetzt – und meine Hände hatten weniger zu tun. Stattdessen sass ich immer öfter am Steuer eines Kipper-Lastwagens. Ein Job, zäh wie Kaugummi im Hochsommer.

Das Steuer war nicht meins.

Fühltest du dich bei Gresch wertgeschätzt?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Fühltest du dich bei Gresch wertgeschätzt?
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Heiri Gresch und seine Frau behandelten mich ausserordentlich gut. Ich wurde zu Abendessen eingeladen, mein Bett wurde gemacht – eine Wertschätzung, die ich nicht erwartet hatte.

Dezember 1980, Pfäffikon SZ, Heinrich Gresch Transporte – Patron mit Belegschaft

 

Gab es nach dem Circus Knie Erlebnisse, die dich an deine Grenzen brachten?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Gab es nach dem Circus Knie Erlebnisse, die dich an deine Grenzen brachten?
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Der Lkw-Unfall am oberen Zürichsee

An einem kalten Februarmorgen fuhr ich den beladenen Kipper zum Hurdnerwäldli am oberen Zürichsee. Dort, wo früher Kies abgebaut worden war, sollte Aushubmaterial deponiert werden. Schon in den frühen Morgenstunden hatte ich mehrere Ladungen entleert. Die Räder hatten zwei tiefe Rinnen ins Ufer gefurcht. Ich versuchte, eine leicht versetzte Route zu nehmen.

Ein Fehler. Das Fahrzeug geriet in eine Schräglage. Ich erkannte es zu spät. Der Lastwagen kippte und glitt in den See. Die Kabine füllte sich mit trübem, eisigem Wasser. Mein Fuss klemmte in den Pedalen. Ich kam nicht frei.

In diesem Moment dachte ich an Müeti – dass sie ihren jüngsten Sohn verlieren könnte. Und absurderweise schoss mir ein Lied durch den Kopf: «Schön ist es auf der Welt zu sein» von Roy Black. Die Kälte drang bis in die Knochen.

Dann – ein Auftrieb. Mein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche. Nur wenige Zentimeter Luft. Wasser schoss aus meiner Nase, ich rang nach Atem. Durch ein geborstenes Eckfenster der Kabine zwängte ich mich hinaus und fand mich auf dem Seitenladen der Ladebrücke wieder – knapp über dem Wasser.

Aber wie an Land kommen? Ich konnte nicht schwimmen. Die nassen Kleider zogen schwer an mir. Meine Brille war weg. Panik. Dann sah ich hinter dem gekenterten Lastwagen einen Steg. Mit letzter Kraft schwang ich mich darauf – und erreichte festen Boden.

Erschöpft und verwirrt schleppte ich mich zum nahegelegenen Betonwerk, das ich von früheren Fahrten kannte. Ich stieg die Treppe zum Büro hinauf und versuchte, einem Mitarbeiter zu erklären, was passiert war. Dann rief ich meinen Chef an – nur der Anrufbeantworter. Ich hinterliess eine Nachricht.

Ein Kollege vom Betonwerk gab mir trockene Kleidung und fuhr mich zur Firma. Zitternd legte ich mich ins Bett. Irgendwann kam mein Chef ins Zimmer – erleichtert und aufgewühlt zugleich. Er war zur Unfallstelle gefahren und hatte mich nirgends gefunden. Mit Tränen in den Augen erzählte ich ihm alles. Ein Arzt wurde gerufen. Beruhigungstabletten. Schlaf.

Wie ging die Geschichte juristisch weiter – wurdest du verurteilt oder freigesprochen?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Wie ging die Geschichte juristisch weiter – wurdest du verurteilt oder freigesprochen?
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Wochen später: eine Vorladung. Anklage: Gewässerverschmutzung. Strafe: 300 Franken. Der Unfall hatte sich nicht auf einer öffentlichen Strasse ereignet – ich kam glimpflich davon.

Was hast du in den Ferien erlebt?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Was hast du in den Ferien erlebt?
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Die Sommerferien verbrachte ich in Island. Eine Gruppenreise: Geysire, Wasserfälle, Sandwüsten. Eindrücklich – aber sprachlich eine Katastrophe. Mein Englisch reichte kaum über «Hello» und «Goodbye» hinaus.

Dort, im Herzen von Island, fasste ich den Entschluss: Ich will Englisch lernen. Richtig. Und danach vielleicht Australien oder Neuseeland sehen.

Hast du deinen Job bei Gresch also gekündigt?
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25.  Heinrich Gresch Transporte (1980–1981)

Hast du deinen Job bei Gresch also gekündigt?
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Ich kündigte bei Gresch und organisierte über eine Sprachschule einen dreimonatigen Aufenthalt in Canterbury, England. Doch vorher sicherte ich mich ab: Ich vereinbarte eine Stelle als Mechaniker bei der Firma Robert Aebi AG in Regensdorf – für nach meiner Rückkehr.

Sprachaufenthalt in England (1981)
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26.  Sprachaufenthalt in England (1981)
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Härtetest

Für jemanden wie mich, der sich mit Sprachen nie leichtgetan hatte, war dieser Aufenthalt ein echter Härtetest. Plötzlich war alles auf Englisch – die Sprachschule, die Unterkunft, der Busfahrplan. Anfangs verstand ich herzlich wenig. Aber den anderen ging es ähnlich. Das verband.

Gastfamilie

Untergebracht war ich bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern. Die Mutter – meine Landlady – sprach langsam und deutlich mit mir. Freundlich, geduldig, fast mütterlich. Die Kinder waren zu jung für Gespräche. Und der Vater blieb mir ein Rätsel – ich verstand ihn selten.

Eine Szene hat sich eingebrannt: Eines Morgens herrschte Aufregung im Haus. Die Erwachsenen diskutierten lebhaft. Später erklärte mir Su, die Gastgeberin: Ihr Mann war am Vorabend auf einem «Pub Crawl» gewesen – von Pub zu Pub, und irgendwie nach Hause. Am Morgen konnte er sich weder an den Heimweg noch an das Auto erinnern, das vor dem Haus stand. Und das Beste, meinte Su mit schadenfrohem Lächeln: «Er hatte nicht einmal Kopfschmerzen. Das hätte er verdient gehabt.»

Englische Küche

Die Küche war Neuland. Salzkartoffeln hart wie Kiesel, verkochte Erbsen, zähes Entenfleisch. England war nicht nur ein Sprachkurs, sondern auch eine gastronomische Herausforderung.

Sprachschule

Unser Vokabular wuchs täglich. Besonders beeindruckte mich eine japanische Teilnehmerin, die von einer Tradition erzählte: Bei schwerer Krankheit falte man tausend Papierkraniche – eine Geste der Hoffnung und Geduld. Mich faszinierte diese Verbindung von Fingerfertigkeit, Konzentration und innerer Ruhe.


Mai 1981, England – Sprachschule in Canterbury
 

April 1981, England – Juxbild

 

Abschied und Rückreise

Nach einigen Wochen neigte sich mein Aufenthalt dem Ende zu. Meine Eltern holten mich mit dem Auto ab, und wir nutzten die Gelegenheit, noch ein paar gemeinsame Tage im sonnigen Süden Englands zu verbringen. Ich durfte meine neu gewonnenen Sprachkenntnisse gleich praktisch anwenden – etwa beim Besuch bei der Familie eines Götti-Kindes von Vatti.

Die Rückreise über den Ärmelkanal mit dem Luftkissenboot war weniger angenehm. Ich war seekrank – oder besser gesagt: Luftkissenboot-krank – und heilfroh, als wir endlich in Calais wieder festen Boden unter den Füssen hatten.

Von dort fuhren wir fast ohne Unterbrechung zurück nach Ossingen. Vatti war kein Freund von ausgedehnten Pausen. Als wir spätabends endlich zu Hause ankamen, fielen wir in unsere Betten – erschöpft, aber um viele Erfahrungen reicher.

Robert Aebi AG (1981–1983)
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)
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Baumaschinenmechaniker in Regensdorf – eine Station zwischen Zirkuswelt und Zukunftsträumen. Hier lernte ich, dass manchmal ein Zeitungsinserat das ganze Leben verändern kann.
Was hast du bei der Firma Robert Aebi AG gemacht?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Was hast du bei der Firma Robert Aebi AG gemacht?
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Nach dem Sprachaufenthalt trat ich meine Stelle als Baumaschinenmechaniker bei der Firma Robert Aebi AG in Regensdorf an. Zuerst arbeitete ich an Laderaupen und Radladern, danach an Hubstaplern.

Wo hast du während deiner Zeit bei Aebi in Regensdorf gewohnt, und wie hast du diese Zeit erlebt?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Wo hast du während deiner Zeit bei Aebi in Regensdorf gewohnt, und wie hast du diese Zeit erlebt?
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Das Personalbüro hatte mir ein Zimmer organisiert – leider direkt an einer stark befahrenen Strasse. Der Lärm war unerträglich. Man fand mir ein anderes Zimmer: im Gebäude des Restaurants Altburg, hinter der Gefängnisanlage Regensdorf.

Das Gefängnis kannte ich bereits – noch vom Circus Knie.

Beim Circus Knie hinter Gittern – was hattest du verbrochen?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Beim Circus Knie hinter Gittern – was hattest du verbrochen?
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Damals hatte ich Requisiten für eine Sondervorstellung dorthin transportiert. Die Artisten traten in der Aula auf, die Insassen sassen auf den Rängen. Als die leicht bekleideten Artistinnen die Bühne betraten, waren die Rufe enthusiastisch und unüberhörbar.

Wie sah dein täglicher Weg zur Arbeit aus?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Wie sah dein täglicher Weg zur Arbeit aus?
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Seit meiner Lehre war ich es gewohnt, mit dem Velo zur Arbeit zu fahren, und ich nutzte es nun auch in Regensdorf. Ich fühlte mich wie ein moderner Ritter auf einem stählernen Ross, bereit, die mechanischen Drachen der Baustelle zu bezwingen.

Ist dir auf dem Arbeitsweg jemals etwas Unheimliches oder Unerwartetes widerfahren?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Ist dir auf dem Arbeitsweg jemals etwas Unheimliches oder Unerwartetes widerfahren?
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An einem kalten Dezemberabend wurde meine Velotour zur Altburg jäh unterbrochen. Hundegebell und Schreie aus dem Wald. Ein Polizist hielt mich an: «Können Sie sich ausweisen?» Ich griff nach meinem Portemonnaie in der hinteren Hosentasche. In diesem Moment trat ein zweiter Polizist aus dem Dunkel – mit gezogener Waffe.

Der Wald sei gesperrt, ich müsse umfahren. Kein Durchkommen. Ich gehorchte, erreichte die Altburg von der anderen Seite.

Am nächsten Tag erzählte mir mein Chef, was geschehen war: Ein Gefängniswärter – ein Freund von ihm – war bei einem Vorfall erschossen worden.

Hattest du bei Aebi die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Hattest du bei Aebi die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen?
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Bei Aebi gab es ein Vorschlagswesen für Mitarbeiterideen. Eines Tages wurden fabrikneue Elektrohubstapler geliefert – ohne Akkumulatoren. Ohne Strom konnten weder die Gabeln gehoben noch die Lenkung betätigt werden. Die Stapler vom Lager in die Werkstatt zu bringen war jedes Mal mühsam.

Meine Idee: ein spezielles Elektrokabel, mit dem man die Stapler an einen aufgerüsteten Gabelstapler anschliessen und so in Bewegung setzen konnte. Ich reichte den Vorschlag ein. Er wurde geprüft und angenommen. Der Fahrzeugelektriker fertigte das Kabel. Es funktionierte. Ich erhielt eine finanzielle Belohnung.

Wann hast du begonnen, über den Sinn deiner Arbeit nachzudenken – und was hat das in dir ausgelöst?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Wann hast du begonnen, über den Sinn deiner Arbeit nachzudenken – und was hat das in dir ausgelöst?
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Mit der Zeit spürte ich, dass ich mehr wollte. Eine Arbeit, die nicht nur meinen Geldbeutel, sondern auch mein Bedürfnis nach Sinn füllte. Gleichzeitig wünschte ich mir, Barbara näher zu sein. Deshalb träumte ich von einer Stelle in der Postauto-Werkstatt in Bern. Doch der Postbetrieb hatte einen Einstellungsstopp.

Gab es jemanden, der dir geholfen hat, deinen Weg in der Welt der Mechanik und der Träume zu finden?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Gab es jemanden, der dir geholfen hat, deinen Weg in der Welt der Mechanik und der Träume zu finden?
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An einem Abend im Restaurant zog mein Kollege Toni eine Zeitung hervor und zeigte mir ein Inserat: Materialwart bei der Feuerwehr und beim Zivilschutz im Hirzel, einer kleinen Gemeinde südlich von Zürich. Mithilfe im Strassenwesen, weitere kommunale Aufgaben. Dazu eine 4½-Zimmer-Wohnung.

Ich kannte Hirzel nur als Passstrasse. Aber das Inserat weckte meine Neugier. Ob ich die Zeitung mitnehmen dürfe, fragte ich Toni. Er reichte sie mir mit einem Lächeln.

Am nächsten Tag rief ich an. Ein Herr Zollinger war als Kontakt angegeben. Am Telefon meldete sich eine Frau Zollinger: «Walter ist gerade im Stall. Ich rufe ihn.» Ich wartete.

Wann hast du Barbara über dein berufliches Vorhaben informiert und wie reagierte sie darauf?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Wann hast du Barbara über dein berufliches Vorhaben informiert und wie reagierte sie darauf?
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Unsere ersten gemeinsamen Ferien: Südengland. Im Flugzeug eröffnete ich Barbara, dass ich mich in Hirzel beworben hatte.

«Wo liegt Hirzel?», fragte sie mit gerunzelter Stirn. Für Bernerinnen ist die Schweiz östlich des Aargaus oft unbekanntes Terrain. «In der Nähe von Zürich», erklärte ich. Sie wollte den Ort sehen.

Nach der Rückkehr fuhren wir hin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln war der Hirzel eine Odyssee: unregelmässige Postautos, nur ab Horgen. Dazu Regen und Nebel, die jede Sicht raubten. Trotzdem – Barbara war dem Ganzen nicht abgeneigt.

Kam es dann zum Vorstellungsgespräch im Hirzel?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Kam es dann zum Vorstellungsgespräch im Hirzel?
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Ich sollte mich montags um acht Uhr bei der Gemeindeverwaltung vorstellen. Das Problem: Um acht Uhr mit dem ÖV auf dem Hirzel zu sein war unmöglich. Also lieh ich mir Vattis Auto.

Punkt acht stand ich am Schalter. Die Angestellte, Frau Huber, wusste von nichts. Ein Kollege telefonierte herum. Dann die Auskunft: Der Termin war für 20 Uhr angesetzt – zur Gemeinderatssitzung.

Also zurück nach Ossingen, neuer Fahrplan, abends erneut hin. Die Begrüssung war herzlich. Der Gemeindepräsident, Herr Schnyder, bemerkte anerkennend, dass ich morgens schon da gewesen sei.

Die Frage nach dem Auto kam auf den Tisch. «Nein, keines.» Schnyder meinte nachdenklich: «Im Hirzel ist ein Auto praktisch unverzichtbar.» Da um 21 Uhr kein Postauto mehr fuhr, bot Gemeinderat Leuthold an, mich nach Horgen zum Bahnhof zu fahren.

Ich bekam die Stelle.

Wie bist du im Hirzel untergekommen – oder war die Wohnungssuche auch wieder ein Abenteuer für sich?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Wie bist du im Hirzel untergekommen – oder war die Wohnungssuche auch wieder ein Abenteuer für sich?
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Ich fragte, ob es statt der grossen 4½-Zimmer-Wohnung eine kleinere Unterkunft gäbe – für mich allein sei sie zu gross. Herr Zollinger fand ein Studio. Die grosse Wohnung ging an den Strassenmeister mit Familie.

Was ist dir vom Vorstellungsgespräch noch speziell in Erinnerung geblieben?
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27.  Robert Aebi AG (1981–1983)

Was ist dir vom Vorstellungsgespräch noch speziell in Erinnerung geblieben?
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Im Besprechungsraum stand ein Modell des geplanten Mehrzweckgebäudes – mein zukünftiger Arbeitsort. Feuerwehrdepot, Fahrzeuge und Geräte des Strassenwesens, dazu Wohnungen und ein Kindergarten. Alles unter einem Dach.

Gemeinde Hirzel (1983–2001)
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)
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Aufgaben und Zuständigkeiten gemäss Anstellungsvertrag

«Für diese Stelle als Gemeindearbeiter sind Sie Materialwart bei der Feuerwehr und beim Zivilschutz. Sodann haben Sie den Unterhalt der Gewässer/Bachsperren und der kommunalen Naturschutzgebiete zu besorgen. Bei der Wasserversorgung gehören die Wartung und Reinigung der Reservoire, die Hydranten- und Schieberkontrolle, eventuell der Pumpenwart und weitere Unterhaltsarbeiten zu Ihrem Aufgabenkreis. Sodann sind die Stellvertretungen und Ferienablösungen auf der Kläranlage und im Strassenwesen zu regeln. Auch haben Sie beim Winterdienst mitzuwirken.»

Dieser Vertrag zeigte mir die Richtung – aber ein detailliertes Pflichtenheft gab es nicht. Vieles lernte ich erst im Tun.

 

Wie erlebtest du den Wandel der Zeit als Materialwart der Feuerwehr und des Zivilschutzes?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Wie erlebtest du den Wandel der Zeit als Materialwart der Feuerwehr und des Zivilschutzes?
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Als ich anfing, bestand die Ausrüstung der Ortsfeuerwehr aus Leiterwagen, Schlauchwagen und einer Motorspritze. Die Bauern zogen die Wagen mit ihren Traktoren zum Einsatzort. Alarmiert wurde per Telefon – weder Pager noch Sirenen.

Im Laufe meiner Jahre veränderte sich alles: Die Gebäude wurden grösser, die Ausrüstung vielseitiger, der Fahrzeugpark wuchs. Der Druck kam von den Versicherungen – wir mussten schneller vor Ort sein, um Schäden einzudämmen. Auch der Zivilschutz wurde laufend modernisiert.

Wie hast du die vier Jahreszeiten im Strassenunterhalt erlebt?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Wie hast du die vier Jahreszeiten im Strassenunterhalt erlebt?
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Der Strassenunterhalt war ein ständiger Kampf – mit wenig Geld und viel Improvisation.

Sommer: Staubige Kieswege wurden mit Bitumen behandelt und mit Rollsplitt bestreut. Wochen später musste der lose Splitt wieder entfernt werden – anfangs von Hand, später maschinell. An heissen Tagen wurde der frische Asphalt weich. Langsam fahrende Fahrzeuge wickelten ihn an ihre Räder. An kritischen Stellen mussten wir Splitt aufstreuen, um das emporquellende Bitumen zu binden. Eine Reserve lag immer bereit. Dazu Warnschilder: «Achtung, Rollsplitt.»

Herbst: Schlammsammler leeren, Schneewände aufstellen, später Schneenetze montieren. Schneepfähle setzen, damit die Pflugfahrer im Winter die Strassenränder finden.

Frühling: Alles wieder einsammeln – Schneewände, Netze, Pfähle. Defektes ersetzen.

Wie war das Leben als stiller Held im Dienst der Dorfreinheit?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Wie war das Leben als stiller Held im Dienst der Dorfreinheit?
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Irgendwann wurde der Hundekot zum Thema. Behälter mit Plastiksäckchen wurden aufgestellt. Die Hundehalter sollten die Hinterlassenschaften einsammeln und in die Behälter werfen. Das Leeren dieser Behälter – zusammen mit den Abfallkörben in der Gemeinde – wurde Teil meiner regelmässigen Tour. Auf derselben Runde reinigte ich auch die Querschläge auf den Kieswegen – Wasserablaufrinnen, die ohne Pflege verstopften.

Welche Herausforderungen gab es auf der Kläranlage?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Welche Herausforderungen gab es auf der Kläranlage?
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Als Stellvertreter des Klärmeisters übernahm ich die Anlage während seiner Ferien und an manchen Wochenenden. Morgens: Ablesungen und Messungen. Dann Reinigungsarbeiten – Ablagerungen mit dem Wasserschlauch entfernen.

Eine besondere Herausforderung war das Milchabwasser der HIRZ-Joghurtfabrik, die damals noch im Hirzel produzierte. Es verursachte Schaumbildung und brachte die Anlage regelmässig an ihre Grenzen. Dagegen kämpften wir an – und am Ende floss sauberes Wasser in den Bach.

Wenn Leute je wieder behaupten, dass Klärwärter-Arbeit nicht aufregend ist, werde ich ihnen sagen: «Nichts für schwache Nerven, meine Freunde, nichts für schwache Nerven!»

Welche Abenteuer hast du im geheimen Reich der Wasserversorgung erlebt?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Welche Abenteuer hast du im geheimen Reich der Wasserversorgung erlebt?
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Als stellvertretender Pumpenmeister war ich mitverantwortlich für die Trinkwasserqualität. Das hiess: Chlorgas dosieren – die richtige Menge war entscheidend.

Im Herbst stand die Hydrantenkontrolle an. Mit einem Spezialschlüssel prüfte ich alle Wasserentnahmestellen. Am Schluss mussten sich die Hydranten vollständig entleeren, damit sie im Winter nicht einfroren. Dazu kamen die Hydrantenpfähle – Markierungen, damit die Feuerwehr die Hydranten unter dem Schnee findet. Im Frühling sammelte ich sie wieder ein.

Ein Höhepunkt war die Suche nach Wasserleitungslecks: Eine auswärtige Firma leitete die Operation, ich unterstützte sie. Eine Art Schatzsuche im Untergrund.

Welche Arbeiten ergaben sich an den öffentlichen Gewässern?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Welche Arbeiten ergaben sich an den öffentlichen Gewässern?
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Meine Aufgabe: Bachbetten von Ästen und Ablagerungen befreien. Dazu errichtete ich Bachsperren – übereinandergelegte Baumstämme, wie Treppenstufen im Bachbett angeordnet. Die Stämme wurden seitlich im Bachbord verankert und mit Erdreich hinterfüllt. Das Wasser musste die Stufen überwinden und wurde dadurch abgebremst.

Eines Tages, als ich einen Ast aus dem Bachbett wuchtete, tauchte er auf: ein Feuersalamander. Strahlend gelbe Flecken auf tiefschwarzer Haut. Er sass auf einem glitschigen Stein, schaute mich an – und verschwand im Wasser. Für einen Moment vergass ich schmutzige Stiefel und raue Hände. Solche Begegnungen machten die Arbeit an den Gewässern zu etwas Besonderem.

War auch Landschaftspflege ein Thema?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

War auch Landschaftspflege ein Thema?
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Zum Aufgabenbereich gehörte auch die Pflege der gemeindeeigenen Grünflächen: Rasen mähen, Sträucher und Bäume schneiden. Dazu kam eine spezielle Aufgabe: die Rosenbeete vor der Gemeindeverwaltung. Dort wurden Hochzeitsfotos gemacht – also mussten Unkraut gejätet und verblühte Blüten entfernt werden, damit alles fotogen aussah.

War die Anerkennung eher Schokoguss oder doch nur Streusel im Sparmodus?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

War die Anerkennung eher Schokoguss oder doch nur Streusel im Sparmodus?
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Im Grossen und Ganzen hatte ich das Gefühl, dass meine Leistungen nicht wirklich gewürdigt wurden. In einer kleinen Gemeinde waren Veränderungen schwer umzusetzen, und Zeit und personelle Ressourcen reichten nie aus. Meine Handlungsmöglichkeiten waren begrenzt.

Die Kommandanten der Feuerwehr und des Zivilschutzes allerdings behandelten mich gut. Ihre Unterstützung machte vieles leichter.

Gab es einen Moment, in dem du für dich selbst entschieden hast, dass du den Job wechseln möchtest, oder war es eher ein Schicksalsschlag?
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28.  Gemeinde Hirzel (1983–2001)

Gab es einen Moment, in dem du für dich selbst entschieden hast, dass du den Job wechseln möchtest, oder war es eher ein Schicksalsschlag?
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In Horgen kannte ich den Materialwart der dortigen Feuerwehr – Hans. Er zeigte mir viel über Feuerwehrausrüstung und Materialpflege. Als er pensioniert wurde, hoffte ich auf seine Nachfolge. Doch die Stelle wurde intern besetzt.

Jahre später stiess ich in der Zeitung auf ein Inserat: Die Feuerwehr Horgen suchte erneut einen Materialwart. Die Anforderungen passten genau zu mir. Ich kontaktierte einen Feuerwehr-Instruktor, den ich aus dem Hirzel kannte. Er ermutigte mich zur Bewerbung und bot an, ein gutes Wort einzulegen.

Eine zusätzliche Motivation: Mein damaliger Vorgesetzter hatte mir einmal gesagt: «Du kannst ja gehen, wenn es dir nicht passt.» Das klang zunächst wie eine Frechheit. Im Nachhinein hatte er recht.

Ich bewarb mich, wurde eingeladen, überzeugte – und unterschrieb den Vertrag bei der Feuerwehr Horgen.

Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)
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29.  Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)
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18. Januar 2001, Horgen – Stellenanzeige

 

Wie fühltest du dich im neuen Job?
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29.  Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)

Wie fühltest du dich im neuen Job?
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Die Probezeit war anstrengend. Danach brachen Selbstzweifel über mich herein: «Ich habe mich übernommen.» «Das wird nichts.» «Ich schaffe das nicht.» Die Gedanken drehten sich im Kreis.

Dann ein Gedanke, der alles veränderte: «Wenn es mein Vorgänger geschafft hat, dann kann ich das auch.» Von diesem Moment an ging es aufwärts. Die grösste Hürde lag in meinem eigenen Kopf.

Wie bist du deine Aufgaben als Materialwart angegangen?
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29.  Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)

Wie bist du deine Aufgaben als Materialwart angegangen?
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Mein erster Schritt: ein detailliertes Inventar des gesamten Feuerwehrmaterials erstellen. In Hirzel hatte ich mit Karteikarten gearbeitet – in Horgen stand mir ein Computer zur Verfügung. Eine enorme Erleichterung.

Die Stützpunktfeuerwehr Horgen war um ein Vielfaches grösser als die Ortsfeuerwehr Hirzel: mehr Fahrzeuge, mehr Ausrüstung, mehr Mitglieder, intensivere Übungen. Meine Aufgabe: alles betriebsbereit halten. Regelmässige Wartung, Kontrollen, Ersatzbeschaffungen.

Überraschend war, dass mir meine Chefin die Teilnahme an den Abendübungen untersagte. Der Grund: Meine Vorgänger hatten dort offenbar für Verwirrung gesorgt. Also konzentrierte ich mich auf meine Rolle im Hintergrund – als unsichtbarer Helfer, der dafür sorgt, dass im Ernstfall alles funktioniert.

Blieb dein Team im Laufe der Jahre unverändert, oder gab es personelle Veränderungen?
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29.  Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)

Blieb dein Team im Laufe der Jahre unverändert, oder gab es personelle Veränderungen?
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In meinen Jahren bei der Feuerwehr Horgen gingen nacheinander mehrere Schlüsselpersonen in Pension: mein Mitarbeiter und Stellvertreter, der Stabsoffizier, meine Chefin vom Polizei- und Wehramt. Alle erreichten 62 – die Grenze der gemeindeeigenen Pensionskasse. Jedes Mal bedeutete das: neue Gesichter, neue Abläufe, Einarbeitung.

Und ich stand sieben Jahre vor meiner eigenen Pensionierung und fragte mich, wie mein Abschied einmal aussehen würde.

Gab es auch strukturelle Veränderungen?
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29.  Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)

Gab es auch strukturelle Veränderungen?
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2014 fusionierten die Feuerwehren Horgen und Hirzel zur Stützpunktfeuerwehr Horgen-Hirzel.

Wenige Jahre später schloss sich die politische Gemeinde Hirzel an Horgen an – und die Feuerwehr kehrte zu ihrem alten Namen zurück: Stützpunktfeuerwehr Horgen. Das geschah nach meiner Pensionierung. Ich konnte es aus der Ferne beobachten.

Wie kam es zu deiner Pensionierung?
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29.  Stützpunkt-Feuerwehr Horgen (2001–2016)

Wie kam es zu deiner Pensionierung?
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Mit den Jahren wuchs die Verantwortung. Mehr Fahrzeuge, mehr Ausrüstung, strengere Vorschriften. Die Dokumentationsanforderungen stiegen: Alles musste schriftlich festgehalten werden – Zustand, Standort, letzte Prüfung. Ich schrieb mehr Listen und Protokolle als je zuvor.

Ein eigentliches Programm für die Materialverwaltung gab es nicht. Also baute ich mir eigene Excel-Tabellen – komplex, aber funktional. Die Effizienz liess sich trotzdem nicht endlos steigern. Mit 60 spürte ich die Grenzen.

Stand 2013, Horgen – Fahrzeugpark der Stützpunkt-Feuerwehr


Mit der Fusion kamen weitere Fahrzeuge aus dem Depot Hirzel dazu: Tanklöschfahrzeug, Pionierfahrzeug, Personentransportfahrzeug, Verkehrsgruppenfahrzeug, Motorspritze und Transportschlauch-Auslegeanhänger.

Vielleicht war es der Perfektionismus – der Anspruch, jedes Utensil in makellosem Zustand zu halten –, der mich in einen Belastungsstrudel zog. Ein Hörsturz war ein Warnsignal. Die Rückenschmerzen von früher meldeten sich zurück.

Ich musste mir eingestehen: Es war Zeit. Die Abklärungen ergaben, dass mein Einkommen nach der Pensionierung gesichert war. Barbara und ich besprachen es gemeinsam und entschieden: Ich gebe den Job in jüngere Hände.

Mit 61 hängte ich meine Tätigkeit als Materialwart an den Nagel. Zufrieden – und ein wenig wehmütig.

Beruf und Berufung (1971–2016)
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)
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45 Jahre Arbeitsleben – vom Lehrling zum Materialwart, vom Schraubenschlüssel zum Computer. Ein Rückblick auf das, was mich antrieb, was mich forderte und was mir Sinn gab.
Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
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Vom Automechaniker zum Materialwart – ein ungewöhnlicher Weg, aber ein logischer. Mein Grundberuf erwies sich als vielseitig einsetzbar: Wer Motoren versteht, versteht auch andere Maschinen. Und wer auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, den schreckt kein Gerät.

Bei der Feuerwehr und im Strassenwesen brauchte es nicht nur technisches Können, sondern auch Aufmerksamkeit, Sorgfalt und die Bereitschaft, sich in unbekannte Geräte einzuarbeiten. Mein Ziel war immer dasselbe: alles zuverlässig am Laufen halten.

 

Welcher war dein Lieblingsberuf – und weshalb?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Welcher war dein Lieblingsberuf – und weshalb?
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Schwer zu sagen. Eines weiss ich sicher: Der Winter-Pikettdienst im Strassenunterhalt war es nicht. Frühmorgens in der Dunkelheit, unter Zeitdruck die Strassen sichern, gleichzeitig sparsam mit dem Streusalz umgehen – ein ständiger Balanceakt. Dem blicke ich ohne Bedauern zurück.

Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht?
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Wenn meine Geräte und Maschinen zuverlässig funktionierten. Kein Ausfall, kein Versagen. Das Gefühl, ihre Eigenheiten zu kennen und sie richtig zu pflegen – das war befriedigend. Und die Gewissheit, dass meine Arbeit im Hintergrund dazu beitrug, dass im Ernstfall alles bereit war.

Gibt es etwas, das du viel lieber gemacht hättest? Weshalb hast du es nicht gemacht oder machst es nicht jetzt noch?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Gibt es etwas, das du viel lieber gemacht hättest? Weshalb hast du es nicht gemacht oder machst es nicht jetzt noch?
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Ich habe meine Grenzen erkannt – und das ist in Ordnung. Ich bin kein Akademiker, kein Theoretiker. Aber ich kann mit meinen Händen arbeiten, Probleme lösen und Dinge in Ordnung halten. Damit bin ich zufrieden.

Welche Überlegungen oder Umstände haben zur Wahl deines Hauptberufs geführt?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Welche Überlegungen oder Umstände haben zur Wahl deines Hauptberufs geführt?
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Ich wollte etwas Nützliches tun. Der Gesellschaft dienen, mit handwerklichem Geschick. Der Automechaniker-Beruf war das Fundament – darauf liess sich bauen. Es war die richtige Entscheidung.

Welchen Beruf ergriffen deine Jugendfreunde?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Welchen Beruf ergriffen deine Jugendfreunde?
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Lass dich überraschen, denn in ihren fesselnden Autobiografien liest du all die aufregenden Details – vorausgesetzt, sie haben den Mut, diese zu Papier zu bringen.

Ernst, unser Klassenbester im Rechnen, wurde Buchhalter. Nach der Pensionierung engagierte er sich bei Pro Senectute und half Rentnern mit der Steuererklärung.

Urs blieb seinem Betrieb bis zur Rente treu – derselben Garage Meier, in der ich meine Lehre gemacht hatte.

Herbert, der sportliche Nachbar und Velotour-Organisator, wurde Sportlehrer. Als ich ihn zuletzt sah, war er trotz eines Schlaganfalls noch auf dem E-Bike unterwegs.

Wie hat sich die Arbeitswelt damals gestaltet?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Wie hat sich die Arbeitswelt damals gestaltet?
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In 45 Berufsjahren veränderte sich fast alles. Die Vorschriften wurden strenger – Arbeitssicherheit, Umweltschutz, Qualitätsanforderungen. Neue Materialien und Methoden kamen auf. Weiterbildung wurde zur Pflicht. Die Digitalisierung fegte durch alle Bereiche: Computer, Software, Internet veränderten Verwaltung, Planung und Kommunikation grundlegend.

In manchen Handwerksberufen entstand Fachkräftemangel – die Jugend zog es eher zu Bildschirmen als zu Schraubenschlüsseln. Die alten Hasen gingen in Rente, junge Leute brachten frischen Wind.

Gegen Ende meiner Karriere wurde es zur Herausforderung, Schritt zu halten. Man musste flexibel bleiben – und das war nicht immer einfach.

Trotz aller Veränderungen blieb etwas gleich: die Gier nach Profit – sie wird wohl auch in Zukunft bleiben.

Hattest du das Gefühl, dass deine Arbeit geschätzt wurde und du gefördert wurdest?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Hattest du das Gefühl, dass deine Arbeit geschätzt wurde und du gefördert wurdest?
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Über weite Strecken: ja. Besonders in Horgen wurde meine Arbeit anerkannt. Es gab grosszügige Weiterbildungsmöglichkeiten – dafür bin ich meinen Vorgesetzten dankbar.

Anerkennung kam oft nicht als grosses Schulterklopfen, sondern als stilles Weitergeben von Vertrauen und Verantwortung. Das genügte mir.

Was die Digitalisierung betrifft: Ich habe mich früh selbst darum gekümmert. Bevor meine Kinder mir zeigen mussten, wie ein Computer funktioniert, hatte ich mir das Nötige bereits beigebracht. E-Mails senden, Dokumente bearbeiten und sogar das Internet nutzen – alles, ohne dabei versehentlich die halbe Welt zu löschen.

Was trauten dir deine damaligen Freunde, Arbeitskollegen und deine Familie zu? Und was trautest du dir selbst zu?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Was trauten dir deine damaligen Freunde, Arbeitskollegen und deine Familie zu? Und was trautest du dir selbst zu?
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An meinem Pflichtbewusstsein zweifelte niemand. Ich hatte das Glück, von engagierten Kolleginnen und Kollegen umgeben zu sein.

Was ich mir selbst zutraute:

  • Mit eigener Kraft und Ausdauer konnte ich vieles erreichen, auch wenn der Weg dorthin nicht immer gerade verlief.
  • Oft fand ich kreative, handwerkliche und gestalterische Lösungen, sei es im Garten, in der Werkstatt oder bei technischen Herausforderungen.
  • Verantwortung übernahm ich – für die Familie, im Beruf und auch für mich selbst.
  • Aus Fehlern lernte ich – auch wenn es manchmal schmerzhaft war.
  • Nicht im Rampenlicht, sondern im Hintergrund – dort fühlte ich mich als verlässlicher Macher wohl.

Vor allem schätzte ich es, aus kleinen Momenten und einfachen Dingen etwas Bleibendes zu schaffen – zum Beispiel einen Garten, ein Möbelstück oder eine gemeinsame Erinnerung.

Wie lange dauerte es, bis du beruflich richtig Fuss fassen konntest?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Wie lange dauerte es, bis du beruflich richtig Fuss fassen konntest?
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Der Wechsel vom Hirzel nach Horgen brauchte gut zwei Jahre, bis ich alle Aufgabenbereiche sicher beherrschte. Das mag lang klingen – aber die Stelle brachte grosse Verantwortung mit sich und verlangte Genauigkeit in vielen Bereichen.

In welcher Form und in welchen Altersabschnitten musstest oder durftest du berufliche Verantwortung übernehmen?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

In welcher Form und in welchen Altersabschnitten musstest oder durftest du berufliche Verantwortung übernehmen?
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In Hirzel: Material-Betriebsleiter für Feuerwehr und Zivilschutz, stellvertretender Klärmeister, Winterdienst-Pikett.

In Horgen: Materialwart der Stützpunktfeuerwehr, inklusive Budgetverantwortung im Materialbereich. Dazu die Pflicht, dass die finanziellen Mittel im Rahmen blieben.

Musstest du je Entscheidungen von grosser Tragweite fällen? Worum ging es?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Musstest du je Entscheidungen von grosser Tragweite fällen? Worum ging es?
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Ich war nie der Typ für laute, grosse Entscheide. Und doch gab es Momente, in denen ein einfaches «Ja» oder «Nein» mehr bedeutete, als es schien.

Der Leiterkurs für Wandern – was wie ein paar freie Tage aussah, wurde zum Wendepunkt: neue Freundschaften, neues Selbstvertrauen.

Die Idee beim Vorschlagswesen einreichen – das erste Mal, dass ich aktiv und sichtbar etwas mitgestaltete.

Barbara. Als Müeti fragte: «Möchtest du sie behalten?» – einer der einfachsten und schwerwiegendsten Entscheide meines Lebens.

Und schliesslich die Frühpensionierung. Zwei Hörstürze als Warnsignal. Der Druck, den ich mir selbst auferlegte. Die Erkenntnis, dass es Zeit war. Barbara und ich besprachen es gemeinsam. Ich ging mit 61 – zufrieden, erleichtert, ein wenig wehmütig.

Rückblickend waren es oft nicht die lauten Momente, sondern die stillen Schritte, die alles veränderten.

Hast du je gesetzeswidrige Handlungen begangen und kannst du darüber erzählen?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Hast du je gesetzeswidrige Handlungen begangen und kannst du darüber erzählen?
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Geschwindigkeitsübertretungen – ja, ein paar. Sonst nichts. Ich bin ein rechtschaffener Bürger geblieben.

Gab es auch lustige Episoden in deinem Arbeitsleben?
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30.  Beruf und Berufung (1971–2016)

Gab es auch lustige Episoden in deinem Arbeitsleben?
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Mittagessen vergessen

Der Strassenmeister und ich wurden vom Bitumen-Vertreter zu einem üppigen Znüni eingeladen. Danach arbeiteten wir weiter – und merkten nicht, dass die Mittagszeit längst vorbei war. Erst als eine Horde Schulkinder vorbeizog, schaute ich auf die Uhr: halb zwei.

Barbara hatte inzwischen meinen Vorgesetzten angerufen. Der meinte beruhigend: «Die beiden tauchen schon auf, wenn sie hungrig sind.» Als auch das nicht half, rief sie die Frau des Strassenmeisters an, dann die Polizei. Niemand wusste etwas.

Ich kam schliesslich nach Hause – ohne Hunger, aber mit einer besorgten Ehefrau und einem kalten Mittagessen.

Pfiffiger Mechaniker

Bei der Wartung unserer Löschwasserpumpe arbeitete ein externer Mechaniker unter dem Aggregat. Plötzlich hörte ich ihn sagen: «So, du bist angezogen.»

Ich fragte: «Mit wem redest du?»

«Mit dem Ölablass-Stopfen», antwortete er grinsend. «Wenn ich später das Öl einfülle und mich frage, ob er auch festsitzt – erinnere ich mich daran, dass ich mit ihm gesprochen habe. Spart mir den Kontrollgang.»

Eine simple Methode – aber genial. Seither denke ich manchmal an diesen Mechaniker, wenn ich etwas nicht vergessen will.

Mein Name ist Wespi

Das Telefon klingelte. «Feuerwehrdepot Horgen, Wespi.»

Die aufgeregte Stimme am anderen Ende: «Genau deswegen rufe ich an! Wir haben ein Wespennest im Rollladenkasten!»

Ich erklärte ihr, dass ich zwar Wespi heisse, aber weder ich noch die Feuerwehr Wespennester entfernen. Dafür brauche es einen Spezialisten. Ich gab ihr die Nummer. Sie bedankte sich.

Wenn man Wespi heisst, muss man damit rechnen.

Bitumen, Kaninchen und ein Geheimnis

Georges, unser Strassenmeister und Kaninchenzüchter, fragte Louis, den Bitumenverkäufer: «Was steckt in eurem schwarzen Zeug?»

Louis zwinkerte: «Bitumen, Wasser und eine Prise Geheimnis.»

Louis: «Was fütterst du deinen Kaninchen? Das letzte war vorzüglich.»

Georges grinste: «Heu, Wasser und ein Hauch von Geheimnis.»

Zwei Männer, zwei Berufe, dasselbe Rezept: Nicht alles verraten.

Berufs- und Stellenwechsel
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31.  Berufs- und Stellenwechsel
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Stillstand war nie mein Ding. Jeder Wechsel brachte Neues – neue Orte, neue Aufgaben, neue Gesichter. Und jedes Mal die Frage: War es die richtige Entscheidung?
Wann und wie hast du dich das erste Mal beruflich verändert?
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31.  Berufs- und Stellenwechsel

Wann und wie hast du dich das erste Mal beruflich verändert?
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Beim Circus Knie steuerte ich einen roten Hürlimann-Traktor – ich zog die Zirkuswagen vom Güterbahnhof zum Platz und nach der Vorstellung zurück. Im Winterquartier in Jona war ich Mechaniker: Die Fahrzeuge und Campinganhänger des Zirkus brauchten Wartung für die nächste Saison.

Ein Beispiel für die Realität hinter dem Glamour: Der Sechseläutenplatz in Zürich war damals noch eine Wiese. Bei Regen am Abbautag versanken die tonnenschweren Wagen im Schlamm. Manchmal mussten mehrere Fahrzeuge gleichzeitig ziehen. Auf der Strasse spritzten Feuerwehrleute den Dreck aus den Rädern, damit die Strecke zur Verladerampe nicht verschlammt wurde.

Dann der Wechsel zum Hirzel. Kein Rampenlicht mehr, keine jubelnden Zuschauer – aber eine Arbeit mit Wert. Meine Fachkenntnisse als Mechaniker konnte ich weiterhin einsetzen, ergänzt durch Schaufel, Schubkarre und Bachverbauungen. 18 Jahre lang war ich Gemeindearbeiter – eine vielfältige Aufgabe, die mich forderte und prägte.
Bei welcher Arbeit oder bei welchem Arbeitgeber hast du dich am wohlsten gefühlt?
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31.  Berufs- und Stellenwechsel

Bei welcher Arbeit oder bei welchem Arbeitgeber hast du dich am wohlsten gefühlt?
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Im Hirzel hatte ich die grösste Aufgabenvielfalt: Strassenunterhalt, Feuerwehr-Material, Wasserversorgung, Kläranlage, Gewässerpflege, Winterdienst. Kein Tag war wie der andere. Wenn man eine Familie versorgt, sind Stellenwechsel nicht leicht – jeder Wechsel bedeutet Umzug, Neuanfang.

18 Jahre am selben Ort – das klingt nach Komfortzone. War es aber nicht. Ständig neue Vorgesetzte, neue Aufgaben, neue Vorschriften. Die eigentliche Herausforderung lag darin, sich immer wieder anzupassen.

Berufliche Höhen und Tiefen
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen
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Das Berufsleben ist kein gerader Weg – es gleicht eher einer Bergwanderung mit unerwarteten Steigungen, nebligen Abschnitten und gelegentlichen Aussichtspunkten, die alles wieder lohnenswert machen.
Wie haben sich deine Aufgaben und die Arbeitswelt im Laufe deiner Karriere verändert?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Wie haben sich deine Aufgaben und die Arbeitswelt im Laufe deiner Karriere verändert?
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Ich hatte das Glück, nie arbeitslos zu sein. Das verdanke ich einem Gespür für sichere Arbeitsplätze – und der Bereitschaft, zuzupacken, wo es nötig war.

Was über die Jahre stetig wuchs: die Dokumentation. Jeder Handgriff musste festgehalten werden. Der Computer – ich nannte ihn manchmal «Konfuser» – wurde mein wichtigstes Werkzeug. Nicht immer freiwillig, aber unverzichtbar.

Die 45 Jahre waren durchaus mitreissend. Vorschriften änderten sich laufend, die Sicherheitsanforderungen stiegen, immer modernere Geräte kamen auf den Markt. Gegen Ende wurde es zur echten Herausforderung, Schritt zu halten.

Vielleicht musstest du auch einmal wieder von vorne anfangen? Wie war das genau?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Vielleicht musstest du auch einmal wieder von vorne anfangen? Wie war das genau?
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Eines Tages rief Frau Meier an – aus meinem früheren Lehrbetrieb in Flaach. Ob ich nicht zurückkommen wolle? Ein verlockendes Angebot. Aber mein Herz hing am Hirzel, meine Familie hatte sich eingelebt. Dankend lehnte ich ab.

Wie reagierte dein Umfeld auf solche Aufs und Abs? Insbesondere deine Lebenspartnerin?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Wie reagierte dein Umfeld auf solche Aufs und Abs? Insbesondere deine Lebenspartnerin?
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In schwierigen Phasen war Barbara mein sicherer Halt. Sie las zwischen den Zeilen meiner Worte, und ihre Ruhe wirkte wie Balsam. Auch die Vorfreude auf gemeinsame Ferien wurde zum Lichtblick in dunklen Zeiten.

Warst du einmal wirklich verzweifelt? Wie bist du damit umgegangen und hast es überwunden?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Warst du einmal wirklich verzweifelt? Wie bist du damit umgegangen und hast es überwunden?
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Ja, ich war in verschiedenen Lebensphasen wirklich verzweifelt – in der Jugend, in persönlichen Krisen, im Beruf. Ich überwand solche Zeiten durch Handeln: Natur, Bewegung, Humor und Selbstreflexion.

Im Hirzel fühlte ich mich irgendwann ausgebrannt. Das Pensum war gestiegen, die Verantwortung gewachsen – der Lohn blieb gleich. Das Gleichgewicht stimmte nicht mehr.
Dann die Stellenausschreibung für einen Materialwart bei der Feuerwehr Horgen. Ich bewarb mich, wurde genommen. In Horgen fand ich Anerkennung, faire Bezahlung und einen Ort, an dem meine Arbeit geschätzt wurde. Der Wechsel war ein Befreiungsschlag.

In den letzten Berufsjahren in Horgen wuchs der Druck weiter. Der Schreibtisch wurde zum Berg unerledigter Aufgaben, dringender Anrufe, unzähliger E-Mails. Es wurde zu viel.
Und die Frühpensionierung war letztlich die richtige Entscheidung – der Druck hörte auf, als ich ging.

Hast du deine Berufsziele erreicht? Welche? Welche nicht?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Hast du deine Berufsziele erreicht? Welche? Welche nicht?
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Mein Ziel: die Stelle bei der Feuerwehr Horgen bis zur Pensionierung behalten. Das habe ich erreicht. Kein politischer Ehrgeiz, keine Karriere im klassischen Sinn – aber Zufriedenheit in dem, was ich tat.

Wo stand dir das Glück zur Seite? Oder war es etwas anderes?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Wo stand dir das Glück zur Seite? Oder war es etwas anderes?
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Es war eine Mischung: Vorbereitung, Offenheit für Chancen, Ausdauer – und ja, auch Glück. Die Zeitungsanzeige für den Hirzel. Die Stelle in Horgen. Das Informatik-Zertifikat. Der Wanderleiterkurs, der neue Freundschaften brachte. Barbara.

Gab es rückblickend entscheidende Weichenstellungen?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Gab es rückblickend entscheidende Weichenstellungen?
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Rückblickend waren die entscheidenden Weichenstellungen:

  • Die Berufswahl als Automechaniker – das Fundament für alles Weitere.
  • Die Wechsel der Arbeitsorte – jeder brachte Erfahrung und Erkenntnis.
  • Barbara und die Familiengründung.
  • Der Wechsel nach Horgen.
  • Die Frühpensionierung – rechtzeitig, bevor die Gesundheit dauerhaft litt.
Hattest du Pech – oder hat dir jemand übel mitgespielt?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Hattest du Pech – oder hat dir jemand übel mitgespielt?
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Viel Pech kann ich nicht geltend machen. Der Kipper-Unfall am oberen Zürichsee hätte böse enden können – und endete glimpflich.

Bei der Robert Aebi AG gab es einen Mitarbeiter, der sich redlich bemühte, mich kleinzuhalten. Warum, habe ich nie verstanden. Ich verliess den Arbeitsort ohne Drama – ein stiller Abschied und der richtige Schritt.

Im Grossen und Ganzen überwiegt das Glück. Das Pech sass vielleicht ab und zu auf meiner Schulter, stellte aber rasch fest, dass ich ein schlechter Gastgeber für Trübsal war.

In welchen Schritten ging es lohnmässig aufwärts?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

In welchen Schritten ging es lohnmässig aufwärts?
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In Horgen erreichte ich die höchste Lohnstufe. Meine Chefin, zufrieden mit meiner Arbeit, änderte meinen Titel von «Materialwart» in «Sachbearbeiter» – ohne dass sich meine Aufgaben änderten. Aber durch diese Umstufung konnte ich eine Lohnstufe höher eingereiht werden. Eine fürsorgliche Geste, die ich ihr hoch anrechne.

Wie stark hat dich Geld in deinen beruflichen Entscheidungen beeinflusst?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Wie stark hat dich Geld in deinen beruflichen Entscheidungen beeinflusst?
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Geld war wichtig – aber nie der Hauptgrund für berufliche Entscheidungen. Was zählte: sinnvolle Arbeit, Sicherheit und die Möglichkeit, meine Familie zu versorgen. Heute lebe ich schuldenfrei.

Was vermisst du am meisten nach deiner Pensionierung? Kannst du deine Kenntnisse noch nutzen?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Was vermisst du am meisten nach deiner Pensionierung? Kannst du deine Kenntnisse noch nutzen?
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Anfangs fehlten mir die Kontakte am Arbeitsplatz. Doch bald fand ich neue Wege:

ZÄMEGOLAUFE – eine Wandergruppe für Seniorinnen und Senioren ab 60. Gemeinsam erkunden wir die Natur und tauschen Erlebnisse aus. Auf einer Wanderung streiften wir das Tüfenmoos bei Horgen – ein Stück davon heisst «Hexentäli». Woher der Name stammt, weiss niemand. Aber als wir durch das stille, neblige Gelände gingen, konnte man ihn fast erahnen.

Stammtisch mit Alterskollegen – Geschichten, Erinnerungen, manchmal ein gutes Bier.

Dampfbahn Furka Bergstrecke – hier kann ich meine Erfahrungen aus der Feuerwehr einbringen. Ob bei der Wagenreinigung oder als Löschzugbegleiter – ich fühle mich, als hätte ich meine Feuerwehruniform nie ganz abgelegt.

28. August 2024, Realp – Wagenreinigungsgruppe der Dampfbahn Furka Bergstrecke. Ich bin ganz rechts in der Hocke.


Zwar sind die Pausen am Arbeitsplatz vorbei, doch das Leben ist immer noch voller spannender Möglichkeiten, interessanter Menschen und unerwarteter Abenteuer. Ich freue mich auf alles, was noch kommt, und geniesse dabei jeden Moment.

Was hat dir die Arbeit alles in allem gegeben?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Was hat dir die Arbeit alles in allem gegeben?
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Arbeit war für mich mehr als Pflicht. Sie gab mir Struktur, Sinn, soziale Kontakte und die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. Sie finanzierte unser Familienleben und ermöglichte einen Lebensstandard, für den ich dankbar bin.

Von wem oder was bist du am meisten enttäuscht worden?
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32.  Berufliche Höhen und Tiefen

Von wem oder was bist du am meisten enttäuscht worden?
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Am Ende meiner Laufbahn – nicht von einer Person, sondern vom Ablauf. Neun Monate vorher kündigte ich schriftlich meinen Rücktritt an. Doch mein Arbeitgeber fand erst in letzter Minute einen Nachfolger. Drei Tage blieben für die Übergabe – für Jahrzehnte an Wissen und Verantwortung.

Die Anspannung dieser letzten Tage äusserte sich in einem weiteren Hörsturz. Alles hatte ich gegeben – und fühlte mich am Ende nicht angemessen gewürdigt.

Dieser Abschied endete nicht in der erhofften Ruhe. In stillen Stunden kamen die Tränen. Es brauchte Zeit, bis ich Frieden damit fand.

Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)
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33.  Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)
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Drei Welten unter einen Hut bringen – das war die eigentliche Kunst meines Erwachsenenlebens. Nicht immer gelang die Balance, aber der Versuch zählte.
Hast du bewusst versucht, Arbeit und Zeit für Familie und Freizeit zu trennen? Wie hast du das geschafft – oder eben nicht?
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33.  Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)

Hast du bewusst versucht, Arbeit und Zeit für Familie und Freizeit zu trennen? Wie hast du das geschafft – oder eben nicht?
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Im Hirzel war das schwierig. Meine Familie und ich lebten im selben Gebäude wie mein Arbeitsplatz – dem Depot für Strassenwesen und Feuerwehr. Praktisch, aber die Grenzen verschwammen. Leute aus dem Dorf riefen jederzeit an: in der Mittagspause, am Wochenende, in den Ferien. Um Abstand zu gewinnen, verbrachten Barbara und ich unsere Ferien bewusst weit weg vom Hirzel.

In meiner Freizeit arbeitete ich an Excel-Tabellen, die meine beruflichen Aufgaben erleichterten – aber ich tat es bewusst ausserhalb der Arbeitszeit, um wenigstens diese Grenze aufrechtzuerhalten.

Kam dein privates Umfeld wegen deiner Arbeit zu kurz?
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33.  Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)

Kam dein privates Umfeld wegen deiner Arbeit zu kurz?
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Es gelang mir meistens, Arbeit und Familie zu verbinden. Die gemeinsamen Mittag- und Abendessen waren wertvolle Momente. Aber es gab Einschränkungen: Feuerwehrübungen und Kommissionssitzungen am Abend, Winterdienst-Pikett an Wochenenden und in der Nacht. Der Schnee richtete sich nicht nach meinen Plänen – Mutter Natur war meine Einsatzleiterin.

Wie und wofür hast du deine Freiräume und Freizeit genutzt?
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33.  Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)

Wie und wofür hast du deine Freiräume und Freizeit genutzt?
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Arbeitszeit und Ferien

Zu Beginn meiner Laufbahn arbeiteten wir 45 Stunden pro Woche bei vier Wochen Ferien. Über die Jahrzehnte wurde beides angepasst: 2016 waren es 42 Stunden und sechs Wochen Ferien. Nach zehn Dienstjahren gab es Dienstaltersgeschenke – die Wahl zwischen einem zusätzlichen Monatslohn oder zusätzlichen Ferientagen.

Erholung

Nach einem Tag körperlicher Arbeit als Gemeindearbeiter brauchte ich abends vor allem eines: Ruhe. Essen, Zeitung, Schlaf – die Knochen und Muskeln verlangten nach Erholung.

Feuerwehr als Freizeitdienst

Im Hirzel gehörte ich selbst zur Feuerwehr und nahm an Übungen teil – eine Art freiwillige Freizeitbeschäftigung, bezahlt mit 6 Franken pro Abendübung in den 80er-Jahren.

In Horgen war meine Rolle anders: Ich war der Materialwart im Hintergrund. Während andere im Einsatz die Flammen löschten, füllte ich Pressluftflaschen, schob Treibstoff nach und bereitete Atemschutzgeräte für den nächsten Einsatz vor.

Kulturelle Veranstaltungen

Wir besuchten Vereinsanlässe mit Theateraufführungen und Tombolas, Musikveranstaltungen, Feste. Die kulturelle Vielfalt in der Schweiz bot reichlich Gelegenheit.

Geselligkeit

Gemeinsam mit Freunden und Familie genossen wir Mahlzeiten, Gespräche, Lachen. Schlichte Momente, die den Alltag mit Sinn füllten.

Velo

Täglich radelte ich von Hirzel nach Horgen zur Arbeit. Frische Luft, Bewegung, kein Stau – Balsam für Körper und Kopf.

Garten

Auf dem Hirzel pflegten Barbara und ich unseren Garten: Gemüse, Beeren, Blumen. Ein Ort der Ruhe, weit weg vom Arbeitsalltag.


Juli 1994, Hirzel – Erntevielfalt aus unserem Garten

 

Wandern und Ausflüge

An Wochenenden gingen wir wandern – durch Wälder, über Bergpfade. Jeder Ausflug war eine befreiende Pause vom Alltag.

Ferien

Barbara organisierte unsere Reisen: Zugtickets, Hotels, Routen. Sie machte das mit einer Präzision und Leichtigkeit, die ich bewunderte. Auch Treffen mit Freunden und Bekannten plante sie. So konnte ich in den Ferien wirklich abschalten.

Computer und Informatik

In den späten 1990er-Jahren absolvierte ich Computerkurse und erwarb das Schweizer Informatik-Zertifikat (SIZ). Der Computer wurde mein Werkzeug – auch für diese Autobiografie. Handschriftlich oder mit Schreibmaschine wäre dieses Projekt undenkbar gewesen.

Was haben dir deine Freizeitbeschäftigungen in beruflicher Hinsicht gebracht?
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33.  Arbeit, Familie und Freizeit (1982–2016)

Was haben dir deine Freizeitbeschäftigungen in beruflicher Hinsicht gebracht?
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Erholung und neue Fähigkeiten. Bewegung in der Natur half mir, den Kopf frei zu bekommen. Soziale und kulturelle Aktivitäten stärkten meine Kommunikationsfähigkeiten. Die Informatikkurse erleichterten meine berufliche Arbeit direkt. Organisation, Planungsfähigkeit und der Umgang mit digitalen Werkzeugen liessen sich auf den Job übertragen.

9. Mai 2021, Sils Maria – Krokus-Teppich

Wenn sich hunderte lilafarbene und weisse Krokusse über die Wiesen ausbreiten, scheint es, als würde die Natur selbst ein leises Versprechen abgeben: dass nach jeder Ruhezeit neues Leben erwacht – still, kraftvoll und voller Schönheit.

 

Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)
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Menschen, die mich prägten – durch ihr Vorbild, ihren Humor oder schlicht durch ihr Dasein. Manche blieben ein Leben lang, andere nur eine Saison. Alle hinterliessen Spuren.
An welche Arbeitskollegen und Vorgesetzte erinnerst du dich am liebsten?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

An welche Arbeitskollegen und Vorgesetzte erinnerst du dich am liebsten?
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 In der Garage Meier, meiner Lehrstätte: der Hüter des Ersatzteillagers – ein wandelndes Autolexikon, das jedes Fahrzeuggeheimnis kannte. Er nahm mich mit auf eine Lernreise. Und die Lernenden untereinander – der Zusammenhalt war stark.

Beim Circus Knie: Chefchauffeur Sepp und seine Crew. Eine verschworene Gemeinschaft auf Rädern.

Bei Gresch Transporte: ein Chauffeur, dessen Freundlichkeit und Hingabe bleibende Spuren hinterliessen.

Bei Robert Aebi: Kollegen, die mit mir nicht nur Maschinen, sondern auch den Alltag am Laufen hielten.

In der Gemeinde Hirzel: Kumpel mit Herz – auch wenn sie manchmal zu grosszügig mit Alkohol und Zigaretten umgingen.

In der Gemeinde Horgen: Mitarbeitende und Vorgesetzte, die Zusammenarbeit lebten. Sie halfen mir, wenn ich nicht weiterwusste, und gaben mir das Gefühl, dazuzugehören. Sie stellten sich Problemen nicht nur, sondern packten sie kreativ an. Und jene, die Empathie zeigten, waren für mich die Wertvollsten.



Welche Freundschaften sind dir besonders wichtig und warum?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Welche Freundschaften sind dir besonders wichtig und warum?
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Freunde fürs Leben

Nicht alle ehemaligen Kollegen sind geblieben. Viele sind verstreut. Aber wenn wir uns treffen, ist es wie früher – tiefgründige Gespräche, Lachanfälle, gemeinsame Werte.

Reisen, die bleiben

Die Wanderung, auf der ich Barbara begegnete – eine Reise, aus der weit mehr erwuchs. Und unsere Frühlingsreise mit Ernst und unseren Frauen nach Venedig und Florenz – geteiltes Staunen über Kunst und Leben.

Wanderfreunde

Meine Wandergruppe – unverwüstliche Begleiter mit wetterfestem Humor. Einmal im Tessin: Dauerregen, der Weg ein Bach. Albi verkündete trocken, wir sollten Schwimmflossen statt Wanderschuhe tragen. Jahre später, an seiner Hochzeit, überreichten wir ihm genau diese Schwimmflossen.

Und Bea, die sich mit mir im Alter erneut auf die steilen Pfade zum Lago d’Efra wagte. Der See, den wir endlich erreichten – nicht nur ein geografischer Höhepunkt, sondern ein Beweis, was möglich ist, wenn man gemeinsam durchhält.

Der Blick über das Wasser, ihr Lachen, die Sonne, unser Stolz – wer wollte da sagen, was wirklich das Wichtigere war?

12. September 2022, Frasco TI – Lago d'Efra

 

Freundschaft und Brüche

Familie

Meine Brüder und Barbaras Geschwister – jeder bringt eine eigene Note ein. Geburtstagsfeiern der Schwiegereltern wurden zu festen Ritualen mit Ausflügen: Verkehrshaus Luzern, Europa-Park, Mystery Park. Gemeinsame Erlebnisse, die unser Familienband stärkten.

Nähe und Distanz

Nicht alle Freunde sind geblieben. Manche zogen weiter. Richtig verkracht habe ich mich mit niemandem. Mein Rezept: Menschen, die mir nicht guttun, gehe ich aus dem Weg. Meine Zeit schenke ich jenen, die mich inspirieren.

Wiedersehen

Jubiläumsfeste bei Meier – alte Kameraden, aufblühende Geschichten, etwas Wehmut. Heinrich Gresch, von Krankheit gezeichnet, der uns Chauffeure noch einmal zum Essen einlud – ein Akt stiller Grösse.

21. November 2019, Jahrmarkt Ossingen – ein Moment am Karussell
 
 

21. November 2019, Jahrmarkt Ossingen: – Ein Blick auf die Verkaufsstände

Schlussgedanke

Doch in all dem, zwischen Berggipfeln und Geburtstagsfeiern, Jahrmärkten und Jugendherbergen, ist mir klar geworden: Die besten Freunde sind jene, die dich nicht verändern wollen, sondern mit dir wachsen – ob still wie Moos oder lodernd wie Feuer.

Gibt es auch welche, die du lieber vergessen möchtest?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Gibt es auch welche, die du lieber vergessen möchtest?
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Es gab Kollegen und Vorgesetzte, an die ich ungern zurückdenke. Manche Situationen liefen schlecht – sei es durch Kommunikation, Konflikte oder schlicht menschliche Unverträglichkeit. Das gehört zum Berufsleben. Was zählt: Ich bin daran gewachsen.

Kein Groll – aber auch kein Grund, alte Geschichten aufzuwärmen. Sie gehören ins Archiv.
Welche Fehler hast du im Leben gemacht – und wen möchtest du dafür um Verzeihung bitten?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Welche Fehler hast du im Leben gemacht – und wen möchtest du dafür um Verzeihung bitten?
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Falls ich jemandem Unrecht getan habe – unwissentlich oder unbedacht –, tut es mir leid. Niemand ist fehlerfrei. Auch ich nicht.

Wenn sich jemand von mir ungerecht behandelt fühlte, hoffe ich, dass wir darüber sprechen konnten – oder noch könnten.

Wie nahm man dich als Arbeitskollegen wahr?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Wie nahm man dich als Arbeitskollegen wahr?
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Als ruhig, besonnen, ordnungsliebend. Mit Durchhaltewillen. Man schätzte mich als verlässlichen Materialwart – jemand, der immer wusste, wo die Dinge lagen, und sie pflegte, als gehörten sie ihm persönlich.

Was hast du von hervorragenden Vorgesetzten übernommen?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Was hast du von hervorragenden Vorgesetzten übernommen?
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Aktives Zuhören – nicht nur «mhmm» murmeln, sondern verstehen, was gemeint ist. Klare Zielsetzung – Prioritäten setzen, Ressourcen klug nutzen. Einfühlsamkeit und Respekt – man muss kein harter Hund sein, um erfolgreich zu führen. Vertrauen aufbauen durch moralisches Handeln.

Hattest du auch abschreckende Beispiele unter deinen Vorgesetzten?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Hattest du auch abschreckende Beispiele unter deinen Vorgesetzten?
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Es gab auch die «Helikopter-Chefs»: Vorgesetzte, die kurz auftauchten, Unruhe stifteten und wieder verschwanden. Solche, die respektlos waren. Und jene, die Werte einforderten, die sie selbst nicht vorlebten. Von ihnen lernte ich ebenfalls – wie man es nicht machen sollte.

Mentoren deines Lebens – wer hat dich geprägt?
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34.  Kollegen, Vorgesetzte und Vorbilder (1971–2016)

Mentoren deines Lebens – wer hat dich geprägt?
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Ich hatte viele: Lehrpersonen mit Geduld. Vorgesetzte, die mich auf Kurs hielten. Familienmitglieder, die Rat gaben, den ich nicht immer hören wollte – der sich aber als richtig erwies. Freunde, die mich inspirierten. Ohne sie wäre mein Leben ärmer gewesen.

Eheleben
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35.  Eheleben
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Von der ersten Begegnung auf einem norwegischen Bergpfad bis zum gemeinsamen Älterwerden am Zürichsee – unsere Ehe ist eine Geschichte aus Liebe, Durchhaltevermögen und dem stillen Einverständnis, auch in stürmischen Zeiten zusammenzubleiben.
Wie hast du deine Frau kennengelernt?
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35.  Eheleben

Wie hast du deine Frau kennengelernt?
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Im Sommer 1982, in Norwegen. Wir hatten uns für dieselben Wanderferien angemeldet – ohne voneinander zu wissen. Das Schicksal, der Zufall oder beides führte uns zusammen. Schritt für Schritt näherten wir uns an, wie man es auf einem Bergpfad tut: langsam, stetig, mit wachsendem Vertrauen.

Das war der Beginn – nicht nur einer Wanderung durch norwegische Berge, sondern einer gemeinsamen Reise.


Juli 1982, Wanderferien in Norwegen – Wandergruppe mit Barbara (roter Pullover) und mir (Islandpullover, vorne in der Mitte)

Mit dem Selbstauslöser eingefangen.

 

Musstet ihr euch zwischen mehreren Partnerinnen oder Partnern entscheiden?
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35.  Eheleben

Musstet ihr euch zwischen mehreren Partnerinnen oder Partnern entscheiden?
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Wir waren beide alleinstehend. Die Entscheidung, zusammenzukommen, war so einfach wie eins plus eins. Unserer gemeinsamen Zukunft blickten wir also mit einem Lächeln entgegen.

Wie wurde euch klar, dass ihr zusammenleben wolltet?
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35.  Eheleben

Wie wurde euch klar, dass ihr zusammenleben wolltet?
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Barbara lebte in Ostermundigen bei Bern, ich in Regensdorf bei Zürich. Wer zieht wohin? Für Barbara war klar: nicht in die Flugschneise von Kloten. Also suchte ich eine Stelle in Bern – ohne Erfolg (Einstellungsstopp bei der Postauto-Werkstatt). Dann kam das Inserat aus dem Hirzel, und alles fügte sich anders als geplant.

Seid ihr zusammen in eine neue Wohnung gezogen?
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35.  Eheleben

Seid ihr zusammen in eine neue Wohnung gezogen?
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Zuerst bezog ich ein kleines Studio am Kirchrain 14. Als Barbara und ich uns verlobten, suchten wir eine grössere Wohnung. Wir fanden sie im Hirzel – mit Ausblick.

10. April 1984, Hirzel, Vorderi Siten 19 – Ausblick von unserem Balkon
 

Barbara packte ihre Koffer in Bern und zog zu mir auf den Hirzel. Wir verlobten uns.

  
22. April 1984, Rüderswil BE, Heimatort meiner Zukünftigen Barbara Althaus – unsere Verlobung

 

Im November 1986 bezogen wir eine gemeindeeigene 4½-Zimmer-Wohnung im frisch fertiggestellten Mehrzweckgebäude am Sitenrain 1. Dort lebten wir bis 2007.

Wie habt ihr eure Möbelwelten miteinander vereint?
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35.  Eheleben

Wie habt ihr eure Möbelwelten miteinander vereint?
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Wir hatten einen erstaunlich ähnlichen Geschmack – fast alles passte zusammen. Nur fürs Schlafzimmer kauften wir neu: Massives Eichenholz, robust und schön. Diese Möbel stehen noch heute bei uns.

Welche Geschichte steckt hinter eurem Hochzeitstermin?
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35.  Eheleben

Welche Geschichte steckt hinter eurem Hochzeitstermin?
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Mein Bruder Ernst hatte seine Hochzeit bereits für September 1984 angesetzt. Danach plante er sechs Wochen Amerika. Also konnten wir frühestens Ende Oktober heiraten. Wir machten das Beste daraus: Herbstlaub statt Sommerblumen.

Wie war eure Hochzeit?
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35.  Eheleben

Wie war eure Hochzeit?
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Die standesamtliche Trauung fand nach dem damaligen Eherecht statt – jenem von vor 1988, als die Rollen noch gesetzlich festgeschrieben waren. Der Standesbeamte zitierte Formulierungen aus einer anderen Zeit.

Am Samstag, 27. Oktober 1984, die kirchliche Trauung. Was der Pfarrer genau sagte, habe ich vergessen. Aber er wünschte uns alles Gute und überreichte uns eine Bibel.

Nach der kirchlichen Feier folgte der unvermeidliche «Fototermin».

27. Oktober 1984, Hirzel – unser Hochzeitsbild mit beiden Elternpaaren
 
 
Dann der Höhepunkt: Zwölf Pferdekutschen, prächtig geschmückt, brachten uns und die Gäste zum Restaurant auf dem Horgenberg.

27. Oktober 1984, Hirzel – unsere Hochzeitskutschen-Parade

Ein kühler Herbsttag – und wir hatten vergessen, in der Einladung zu erwähnen, dass ein Grossteil der Feier im Freien stattfand. Die Gäste froren, rückten zusammen. Mit den Kutschen kehrten wir zum Hirzel zurück und feierten bis tief in die Nacht in der Scheune des Restaurants Morgental.

 

Was ist dir vom ersten Ehejahr in Erinnerung geblieben?
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35.  Eheleben

Was ist dir vom ersten Ehejahr in Erinnerung geblieben?
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Wir erwarteten unser erstes Kind und hatten noch einiges vorzubereiten. Mitten in dieser aufregenden Zeit verletzte ich mir das Fussgelenk und humpelte auf Gehstöcken. Barbara – schwanger – wurde zur Fahrerin wider Willen, um uns zum Geburtsvorbereitungskurs ins Spital Horgen zu bringen.

Dann kam Martin, unser erster Sohn. Beide holte ich aus dem Spital ab. Barbara wünschte sich, dass ich ein paar Tage freinehme. Doch in der Joghurtfabrik HIRZ brach ein Grossbrand aus, und ich wurde als Materialwart der Feuerwehr gebraucht. Ich sass zwischen Windeln und Feuerwehrschläuchen.

Die ersten sechs Wochen plagten Martin starke Bauchkrämpfe – regelmässige Schreikonzerte. Oft waren wir am Limit. Aber die Entwicklungsschritte eines kleinen Kindes mitzuerleben – das war grossartig. Eine Zeit voller Trubel, Liebe und Erschöpfung.

Wie sah euer finanzielles Miteinander aus?
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35.  Eheleben

Wie sah euer finanzielles Miteinander aus?
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Ich arbeitete Vollzeit und verdiente unser Einkommen. Barbara führte den Haushalt und kümmerte sich um die Kinder. Sie verwaltete das Geld mit einer Umsicht, die uns nicht nur über die Runden brachte, sondern auch kleine Extras ermöglichte.

Schulden hatten wir nie. Das war uns beiden von Anfang an wichtig.

Was habt ihr früher gemeinsam gemacht und was macht ihr heute?
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35.  Eheleben

Was habt ihr früher gemeinsam gemacht und was macht ihr heute?
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Wir gründeten eine Familie. Wir gärtnerten – Gemüse, Beeren, Blumen. Wir reisten – Barbara organisierte alles: Zugtickets, Hotels, Routen. Unsere Ferien waren Auszeiten, in denen wir wirklich abschalten konnten.

Unsere Hobbys unterschieden sich: Barbara tanzte – Volkstanz und meditative Kreistänze. Ich war bei der Feuerwehr und am Computer. Heute wandere ich mehr, und gemeinsam erkunden wir neue Orte, besuchen Freunde, planen, diskutieren und lachen viel.

Welche Momente waren eure Hochs, welche eure Tiefs?
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35.  Eheleben

Welche Momente waren eure Hochs, welche eure Tiefs?
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Hochs

Verliebtheit: Am Anfang war da ein Feuer. Jede Berührung, jedes Gespräch hatte Gewicht.

Kommunikation: Wir sprachen offen und ehrlich miteinander. Das war die Grundlage für alles.

Gemeinsame Interessen: Berge, Wandern, Radfahren, Garten – in der Natur fanden wir unseren gemeinsamen Raum.

Eigentumswohnung: Der Erwerb unserer Wohnung war ein Meilenstein – ein Projekt, das wir gemeinsam gestemmt haben.

Vertrauen: Eifersucht hatte bei uns keinen Platz. Wir vertrauten einander – bedingungslos.

Tiefs

Barbaras Erkrankung

Es kam ohne Vorwarnung. Ich war im Militär-Wiederholungskurs, als mich mein Kommandant zu sich rief. Unser Hausarzt hatte angerufen: Barbara befinde sich in einem kritischen Zustand. Sofortige Heimkehr nötig.

Ich eilte nach Hause. Barbara war blass, verwirrt, ihre Worte unklar – die Medikamente des Arztes. Unser jüngerer Sohn Stefan war bereits bei seinem Götti untergebracht. Martin hatte im Zug eingreifen müssen, weil Barbara die Station verpasst hätte.

Sie nannte es einen «Nervenzusammenbruch». Für mehrere Wochen kam sie in eine psychiatrische Klinik. Die Behandlung war intensiv. Ich wartete, machte mir Sorgen, hielt den Alltag aufrecht.

Später die bittere Erkenntnis: eine vererbte Krankheit, die bereits ihr Vater und Grossvater getragen hatten.

Der Unfall

Die psychiatrische Behandlung half nur bedingt. Barbara weigerte sich, erneut in eine Klinik zu gehen. Die Medikamente empfand sie als Bürde.

Ich war im Feuerwehrmagazin, als der Dorfpolizist erschien. Er bat mich, Platz zu nehmen. Dann die Nachricht: Barbara sei von einem Lastwagen erfasst und schwer verletzt worden. Der Rettungshubschrauber brachte sie nach Zürich. Ihr Leben hing an einem Faden.

Die Aussage des Chauffeurs über Barbaras plötzlichen Sprung auf die Strasse traf mich wie ein Schlag. Ihre Psychiaterin wusste von solchen Gedanken. Auch ich wusste es. Und konnte es nicht verhindern.

Die Wochen auf der Intensivstation waren ein Albtraum. Barbara lag regungslos da, das Gesicht gezeichnet von Schädelbrüchen. Die Ärzte warnten vor einer möglichen Hirnverletzung. Irgendwann entschied ich mich, nicht mehr hinzugehen. Es war unerträglich.

Frauen aus der Gemeinde halfen im Haushalt. Mein Vorgesetzter ermutigte mich, zur Arbeit zurückzukehren. Aber meine Gedanken waren bei Barbara.

Das Wunder

Dann die Nachricht unserer Haushaltshilfe, kurz vor dem Mittagessen: «Ruf im Spital an. Barbara hat ihre Finger bewegt.»

Skeptisch wählte ich die Nummer. Man bat mich, vorbeizukommen – das könnte ihr Erwachen fördern. Am Nachmittag war ich dort. Barbara bewegte nicht nur die Finger, sondern die ganze Hand. Ihre Augen blinzelten.

Von da an ging es bergauf. Eines Tages erkannte sie mich und flüsterte: «Ist es wahr, dass ich einen Unfall hatte?» Ich bestätigte. Ihre Antwort: «So etwas Blödes.»

Die Rehabilitation dauerte Monate. Aber Barbara kam nach Hause. Die Medikamente, die sie vorher abgelehnt hatte, erwiesen sich nun als tragfähige Begleiter. Die Freude, sie wieder bei uns zu haben, lässt sich kaum in Worte fassen.

Tod unseres Sohnes Stefan – 12. September 2018

Stefan trug dieselbe vererbte Last. Eine Krankheit, die sich von innen her ausbreitete – unsichtbar, unerbittlich. Seine Gedanken fanden keine Ruhe. Der Schmerz trieb ihn in die Enge, bis er zu einer Tat griff, die sein Leben beendete.

Ich, der für jedes technische Problem eine Lösung fand, stand vor einer Leere, die sich nicht kitten liess. Meine Hände, die gewohnt waren anzupacken, griffen ins Nichts.

12. September 2018, Wädenswil – Todesanzeige von Stefan Wespi


Da waren die Tränen kein Zeichen von Schwäche, sondern die einzige Sprache, die mir blieb, als die Worte für Stefans Abschied fehlten.

Am selben Tag starb der Ehemann meiner Cousine. Ein doppelter Verlust.

Wut auf Stefan empfand ich nicht. Er war Träger einer Krankheit, die er sich nicht ausgesucht hatte. Was mich mit Zorn erfüllte, war die Krankheit selbst – diese Laune der Natur, die einem jungen Leben den Boden entzieht.

Barbara und ich beschlossen, Weihnachten nicht mehr zu Hause zu feiern. Die Veränderungen hatten auch die Traditionen verschlungen. Die Feiertage verbrachten wir im verschneiten Engadin – die Berge trösteten, aber die Leere blieb.

3. Mai 2021, Carona TI – Parco botanico San Grato

 

Die Farbenpracht und die warme Tessiner Landschaft lassen spüren, dass selbst nach schweren Stunden wieder Licht ins Leben zurückkehrt – leise, sanft und unaufhaltsam wie der Wechsel der Jahreszeiten. 

Stärkende Beziehung durch Herausforderungen

Es vergingen Monate, bis wir wieder einen gemeinsamen Rhythmus fanden. Nicht alles heilte – aber manches wuchs nach. Wir haben schwierige Zeiten durchgemacht – und sie haben uns enger zusammengeschweisst. Durch offene Gespräche, durch Respekt, durch das stille Aushalten, wenn Worte nicht reichten. Wir haben erfahren, wie stark eine Partnerschaft sein kann, wenn beide bereit sind, auch in der Dunkelheit beieinanderzubleiben.

Hat sich mit der Zeit eine Eheroutine ergeben?
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35.  Eheleben

Hat sich mit der Zeit eine Eheroutine ergeben?
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Und doch – das Leben geht weiter. Es muss weitergehen. Irgendwann kehrt der Alltag zurück, erst zaghaft, dann selbstverständlicher. Barbara bringt Farbe in unsere Beziehung – sie erzählt, teilt, plant. Ich bin eher still. Das ergänzt sich. Gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge, Konzertbesuche, Hausarbeit. Seit meiner Pensionierung trage ich mehr zum Haushalt bei – Wäsche, Einkaufen, einfache Mahlzeiten. Nicht perfekt, aber mit gutem Willen.

Wir feiern Hochzeitstag und Geburtstage – schlicht, aber bewusst. Und wenn der Wind rauer bläst, stehen wir Schulter an Schulter. Respekt ist der Klebstoff, der hält.

Wie stand es um Vertrauen, Treue und Eifersucht zwischen euch?
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35.  Eheleben

Wie stand es um Vertrauen, Treue und Eifersucht zwischen euch?
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Vertrauen war die Grundlage. Offene Kommunikation, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit. Eifersucht spielte bei uns keine Rolle. Wenn man mich fragt, ob ich etwas anders machen würde: Nein.

Gab es eine Arbeitsteilung zwischen euch?
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35.  Eheleben

Gab es eine Arbeitsteilung zwischen euch?
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In unserer klassischen Ehe waren die Rollen klar verteilt: Ich verdiente, Barbara führte den Haushalt und erzog die Kinder. Nach meiner Pensionierung begann ich, mich stärker einzubringen – Staubsaugen, Wäsche, Einkaufen, einfaches Kochen. In einer guten Ehe geht es nicht darum, wer was tut – sondern darum, dass man sich versteht.

Kinder
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36.  Kinder
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Dieses Kapitel führt zurück in die Zeit, als unsere Familie noch im Werden war – als alles noch offen, alles noch möglich schien.
War es für euch ein gemeinsamer Wunsch, Kinder zu haben?
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36.  Kinder

War es für euch ein gemeinsamer Wunsch, Kinder zu haben?
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Ja, wir wollten beide Kinder. Was uns erwartete, wussten wir nicht wirklich – schlaflose Nächte, stinkende Windeln, kein freier Moment. Aber wir würden es nicht eintauschen.
Welche Erinnerungen hast du an die Schwangerschaften und die Geburten?
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36.  Kinder

Welche Erinnerungen hast du an die Schwangerschaften und die Geburten?
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Plötzlich sahen wir überall schwangere Frauen. Im Zug, im Laden, auf der Strasse – als hätten sie sich verabredet. Natürlich waren sie schon vorher da. Aber jetzt, wo Barbara selbst schwanger war, nahmen wir sie erst richtig wahr.

Ich war bei beiden Geburten dabei – das war mir wichtig, und Barbara wollte es so. Als ich unsere Kinder zum ersten Mal in den Armen hielt, verstand ich, was Verantwortung wirklich bedeutet. Diese Tage gehören zu den prägendsten meines Lebens.

Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
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36.  Kinder

Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
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Klassisch: Ich arbeitete Vollzeit, Barbara kümmerte sich um die Kinder. Krippen- oder Tagesstättenplätze gab es kaum. Also war Barbara zu Hause – und das war ihre Hauptaufgabe.

«Susi Füchsli»

Barbara war eine begnadete Geschichtenerzählerin. Jeden Abend erfand sie neue Abenteuer von «Susi Füchsli», einem schlauen Füchslein, das regelmässig mit Egon, einem eifersüchtigen Eichhörnchen mit ausgeprägter Tannzapfen-Wurftechnik, in Konflikt geriet. Die Kinder hingen an ihren Lippen.

Oktober 1992, Hirzel – Gutenachtgeschichten

 

Gab es weitere praktische Unterstützungen in eurer Familie?
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36.  Kinder

Gab es weitere praktische Unterstützungen in eurer Familie?
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Wenig. Barbaras Eltern lebten in Gümligen bei Bern, ihr Vater brauchte selbst Unterstützung. Müeti litt unter Gelenkentzündungen und konnte kaum greifen. Wir waren auf uns gestellt.

Inwiefern hat das Elternwerden deine Ehe beeinflusst?
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36.  Kinder

Inwiefern hat das Elternwerden deine Ehe beeinflusst?
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Die Kinder veränderten unsere Ehe – Windeln und Babybrei verdrängten manches Gespräch. In den ersten Jahren waren wir oft erschöpft, und die Betreuung führte zu Spannungen. Unsere Prioritäten verschoben sich. Aber wir kommunizierten offen und arbeiteten gemeinsam an Lösungen – das hielt uns zusammen.

Wie veränderte sich durch die Kinder eure Beziehung zu euren Eltern bzw. Schwiegereltern?
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36.  Kinder

Wie veränderte sich durch die Kinder eure Beziehung zu euren Eltern bzw. Schwiegereltern?
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Erst als wir selbst Eltern wurden – mit schlaflosen Nächten, Windelbergen und einem Alltag, der sich nicht mehr planen liess –, begriffen wir, was unsere eigenen Eltern geleistet hatten. Ihre Geduld und Liebe, die wir als Kinder für selbstverständlich hielten, erschien uns plötzlich in einem ganz anderen Licht.

An welche unvergesslichen Momente mit den Kindern magst du dich erinnern?
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36.  Kinder

An welche unvergesslichen Momente mit den Kindern magst du dich erinnern?
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Ihr erstes Lächeln, ihre neugierigen Entdeckungen und ihre fantasievollen Erklärungen der Welt.

Ihre ersten verständlichen Worte. Ein Aquarium war für sie ein «Fernseher mit Fischen», und Brennnesseln bezeichneten sie als die «blödesten Freunde.

Stefan, der auf einem Acker ein Hufeisen fand. Mit leuchtenden Augen trug er seinen Fund nach Hause, als hätte er einen kostbaren Schatz entdeckt. Seine Begeisterung für rostige Nägel, Schrauben und Muttern war ebenso gross – kein Metallstück schien vor seinem Entdeckerblick sicher zu sein.

Auch Martins Begeisterung für den Motorsport begann früh. Schon mit zehn Jahren faszinierte ihn die Formel 1. Später erfüllte sich sein Traum: Zehn Jahre lang arbeitete er als Mechaniker beim Schweizer Formel-1-Team in Hinwil und reiste zu Rennen rund um die Welt.

Wie waren eure gemeinsamen Ferien?
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36.  Kinder

Wie waren eure gemeinsamen Ferien?
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Barbara plante alles: Routen, Unterkünfte, Aktivitäten. Wanderungen, Rodelbahnen, Bäche, Museen.

Wanderungen, die uns in die Wildnis trieben.
 
 
Rodelbahnen, die uns die Schwerkraft herausforderten.
 
 
Unsere Buben, wie sie Bachverbauungen errichteten, Wasser stauten und umleiteten
 
 
19. April 2008, Verkehrshaus Luzern

 

Besonders unvergesslich: die Frühlingsferien im Tessin, wenn Stefans Geburtstag am 1. Mai gefeiert wurde. Die ersten Erdbeeren des Jahres als Dessert.

1. Mai 1991, Caslano – Erdbeerschmaus

 

Wie hast du deine Kinder in den verschiedenen Lebensphasen erlebt?
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36.  Kinder

Wie hast du deine Kinder in den verschiedenen Lebensphasen erlebt?
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Als Babys suchten sie unsere Nähe. Dann das Krabbeln, das Laufen, das Zahnen. Martin entwickelte früh seine eigene Sprache: «Äng!» bedeutete Mittagsschlaf, «äng-didl-diau!» bedeutete sehr müde.

Stefan kam jeden Abend zu mir: «Können wir noch ein Spiel spielen?» Diesem Charmeur konnte ich nicht widerstehen.

In der Schule wurden sie selbstständiger. Die Pubertät kam wie ein Sturm – Gesichtsbehaarung, Pickel, Selbstbewusstsein. Die Geschwisterrivalität war manchmal so stark, dass wir eine kleine Nebenwohnung mieteten, damit sie getrennt fernsehen konnten.

Wie würdest du euer Familienleben beschreiben?
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36.  Kinder

Wie würdest du euer Familienleben beschreiben?
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Turbulent, lebendig, manchmal chaotisch. Die Buben hatten viel Energie. Sie konkurrierten ständig – beim Essen sassen sie so weit auseinander wie möglich. Barbara jonglierte mit Stundenplänen, Hausaufgaben und Nerven.

Der Winterdienst mit unregelmässigen Zeiten war nicht familienfreundlich. Aber zu Mittag und am Abend sassen wir immer zusammen. Das war uns wichtig.

Barbara war nicht nur Mutter, sondern auch Köchin, Organisatorin und Fels. Ihre Mahlzeiten hielten uns zusammen.

Verfolgtet ihr klare Erziehungsprinzipien? Warst du damit erfolgreich?
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36.  Kinder

Verfolgtet ihr klare Erziehungsprinzipien? Warst du damit erfolgreich?
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Wir folgten der Mütterberatung, hörten auf unser Bauchgefühl, versuchten, gute Vorbilder zu sein. Geduld war nicht immer meine Stärke – das gebe ich zu. Wir hofften, unseren Kindern Vertrauen in sich selbst mitzugeben.

Warst du ein strenger Vater?
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36.  Kinder

Warst du ein strenger Vater?
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Manchmal ja. Ich wollte, dass sie verantwortungsvoll und diszipliniert aufwachsen. Aber es gab auch die liebevolle Seite – aufmunternde Blicke, gemeinsame Spiele, Zuhören. Ein Balanceakt, der nicht immer gelang.

Warst du deinen Kindern ein Vorbild in Sachen Arbeit – oder eher nicht?
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36.  Kinder

Warst du deinen Kindern ein Vorbild in Sachen Arbeit – oder eher nicht?
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Was ich von meinen Eltern auf dem Bauernhof gelernt hatte, versuchte ich weiterzugeben: Pflichtbewusstsein, Ausdauer, die richtige Einstellung zur Arbeit. Nicht durch Reden, sondern durch Tun. Ob es immer gelang? Schwer zu sagen. Unsere Kinder hatten viele Einflüsse – Schule, Freunde, Medien. Und mindestens ebenso viel wie von mir lernten sie von Barbara. Sie war eine grossartige Mutter.

Hattest du das Gefühl, dass dir deine Kinder alles anvertraut haben?
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36.  Kinder

Hattest du das Gefühl, dass dir deine Kinder alles anvertraut haben?
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Als kleine Kinder teilten sie alles mit uns. Als Teenager wurden sie verschlossener – das ist normal. Ihre Privatsphäre respektierten wir und begleiteten sie, ohne zu drängen.

Wie wurden bei euch Spielen, Fernsehen und Computerspielen geregelt?
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36.  Kinder

Wie wurden bei euch Spielen, Fernsehen und Computerspielen geregelt?
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Anfangs hatten wir keinen Fernseher. Barbara erzählte Geschichten, baute Burgen aus Kissen. Als die Kinder älter wurden, kam ein Gerät ins Haus. Wir führten klare Regeln ein – mit einem Programmheft als Leitfaden. Die Streitereien um die Fernbedienung waren fast so unterhaltsam wie die Sendungen selbst.

Hast du die Hausaufgaben deiner Kinder kontrolliert? Hast du ihnen geholfen?
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36.  Kinder

Hast du die Hausaufgaben deiner Kinder kontrolliert? Hast du ihnen geholfen?
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Nein, das war Barbaras Aufgabe. Martin erledigte sie selbstständig. Stefan brauchte mehr Hilfe – besonders mit Lesen, Rechtschreibung und Grammatik. Barbara war geduldig und einfallsreich. Sie war sein Leuchtturm in schwierigen Schulzeiten.

Welche Vorschriften gab es für den Ausgang?
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36.  Kinder

Welche Vorschriften gab es für den Ausgang?
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Stefan engagierte sich im CVJM – Veranstaltungen am Samstagnachmittag, Lager. Kein Nachtleben. Martin war ein Frühaufsteher; die Vorstellung, die halbe Nacht durch die Stadt zu ziehen, war ihm fremd.

Was wusstest du über die Freundinnen und Freunde deiner Kinder?
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36.  Kinder

Was wusstest du über die Freundinnen und Freunde deiner Kinder?
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Früher, ohne Smartphones, erfuhren wir über Freunde nur, was die Kinder uns erzählten – oder was Lehrpersonen und andere Eltern berichteten. Manchmal waren die Neuigkeiten spannend. Oft war «spannend» für einen Teenager: jemand hatte Chips mitgebracht.

Wie stark seid ihr auf Wünsche eurer Kinder eingegangen?
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36.  Kinder

Wie stark seid ihr auf Wünsche eurer Kinder eingegangen?
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Barbara kochte, was jeder mochte. Martin liebte Kartoffeln in jeder Form. Stefan hasste Zwiebeln, Knoblauch und Pilze – und Hasensalat ohne Sauce war sein Paradies.

Für grössere Wünsche gab es eine Möglichkeit, das Taschengeld aufzustocken: Im Winter Schnee schaufeln. Mit jedem Haufen klingelte das Geld lauter. So finanzierten sie sich Playstation oder Moped.

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Enkelkindern?
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36.  Kinder

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Enkelkindern?
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Unsere Situation ist traurig. Stefan ist gestorben, Martin möchte keine Kinder. Wir werden keine Grosseltern. Das schmerzt.

Welches Verhältnis hast du heute zu deinen Kindern?
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36.  Kinder

Welches Verhältnis hast du heute zu deinen Kindern?
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Stefan fehlt uns – jeden Tag.

Martin lebt seit 2019 wieder im Hirzel – in der Nachbargemeinde, nicht weit von uns. Wir sind dankbar, dass er nah ist.

Lebensfreude
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37.  Lebensfreude
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Was macht ein Leben reich? Nicht das Grosse, Laute – sondern die kleinen Freuden: ein Gipfel im Morgenlicht, ein gutes Essen, das Lachen eines vertrauten Menschen. Hier erzähle ich davon.
Was hat dir in deinem Leben am meisten Freude bereitet?
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37.  Lebensfreude

Was hat dir in deinem Leben am meisten Freude bereitet?
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Die Familie. Die Freundschaften. Die Arbeit, die zu mir passte. Die Gesundheit, die mir erlaubte, aktiv zu bleiben. Die eigene Wohnung. Und nach der Pensionierung: die Freiheit, den Tag selbst zu gestalten.

Wie erlebst du dein aktuelles Leben im Vergleich zu früher, zum Beispiel in deiner aktiven Berufszeit?
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37.  Lebensfreude

Wie erlebst du dein aktuelles Leben im Vergleich zu früher, zum Beispiel in deiner aktiven Berufszeit?
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Ich schätze die Ruhe. Keine Brandalarme auf dem Pager, keine dringenden E-Mails. Ich kann meinen Leidenschaften nachgehen – Wandern, Fotografieren, Dampfbahn, Schreiben. Das Leben ist ruhiger und in vielem reicher als in der Berufszeit.

Wie hat sich deine Einstellung zu dir selber mit dem Älterwerden verändert?
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37.  Lebensfreude

Wie hat sich deine Einstellung zu dir selber mit dem Älterwerden verändert?
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Mit den Jahren bin ich gelassener geworden. Was mich früher aufgewühlt hat, lässt mich heute kälter. Meine Prioritäten haben sich verschoben: soziale Beziehungen – nur die wertvollen. Persönliches Glück – das steht jetzt im Mittelpunkt.

Ich bin etwas weiser geworden. Oder zumindest erkenne ich die Stolpersteine des Lebens heute meist rechtzeitig. Meine Altersflecken und Falten trage ich mit Gleichmut – sie sind das Zeugnis eines gelebten Lebens.

Inwiefern ist deine Ehe heute Quelle deiner Lebensfreude?
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37.  Lebensfreude

Inwiefern ist deine Ehe heute Quelle deiner Lebensfreude?
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Barbara ist mein Gegenüber, mein Sicherheitsnetz. Wir sind nicht allein. Gemeinsam meistern wir die Herausforderungen des Älterwerdens – von kleinen Wehwehchen bis zu den ewigen Diskussionen über den Computer.

Gibt es Dinge, die du dir bzw. die ihr euch im Gegensatz zu früher leistet oder mehr geniesst?
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37.  Lebensfreude

Gibt es Dinge, die du dir bzw. die ihr euch im Gegensatz zu früher leistet oder mehr geniesst?
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Balkon-Windschutz

Mein Nachbar und ich planten gemeinsam einen Glaswindschutz und setzten ihn um. Seitdem geniessen wir unseren Balkon mit Blick auf den Zürichsee – auch wenn der Biswind noch immer weht.

Veloferien in Istrien

Mein Abschiedsgeschenk vom Feuerwehrteam. Mit dem Reisecar nach Kroatien, Velos im Anhänger. Hügelige Landschaft, pittoreske Dörfer, E-Bike als Rückenwind. Eine unvergessliche Tour.

4. Oktober 2016, Istrien KR – Veloferien

 

 Adventsfenster

Statt Lichterketten ein grosses Bild eines roten Weihnachtssterns, von hinten sanft beleuchtet. Unser kleiner Protest gegen die grellen Dekorationen draussen. 2022, als die Behörden zum Energiesparen aufriefen, blieb es dunkel.

2021, unser Adventsfenster

So hatte es im Jahr zuvor noch gestrahlt.

 

Schwiegereltern im Altersheim

Barbaras Eltern konnten nicht mehr allein leben. Wir besuchten sie regelmässig im Alterszentrum Alenia in Gümligen. Barbaras Mutter starb mit 93 Jahren – leise, dankbar, umgeben von Liebe. Ihr Vater Kurt hat einen ruhigen Ort für seinen müden Körper und seine Seele gefunden. Er verstarb mit 96 Jahren am 22. Februar 2025.

23. Juli 2020, Gümligen im Alterszentrum Alenia – Leni und Kurt Althaus, meine Schwiegereltern

 

«Mir isch glich»

Beim Circus Knie führten Rolf Knie und Gaston eine Clownnummer auf. Gastons Refrain war immer: «Mir isch glich.» Jahre später brachte mein Bruder Hansruedi einen eigenen Riesling-Silvaner auf den Markt – er nannte ihn «Mir isch glich», weil seine Gäste genau das sagten, wenn er fragte, was sie trinken wollten.

Im November 2016 eröffnete Rolf Knie seine Galerie in Rapperswil-Jona. Ich sprach ihn kurz an, erzählte von meiner Zeit beim Zirkus und überreichte ihm eine Flasche dieses Weins. Er strahlte: «So herzig!» Eine schöne Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. 

GA

Wir haben ein Generalabonnement. Es befreit uns vom Billettkauf und lädt zum Umherstreifen ein. Der Nachteil: Wir essen öfter auswärts. Aber das ist ein Nachteil, mit dem wir gut leben können.

Unternimmst du oder unternehmt ihr Reisen? Was bedeutet euch das?
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37.  Lebensfreude

Unternimmst du oder unternehmt ihr Reisen? Was bedeutet euch das?
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Azoren 2017

Zwei Wochen, mehrere Inseln, jeweils ein paar Tage im selben Hotel. Wanderungen durch beeindruckende Landschaften, einheimisches Essen, entspannte Reisegruppe. Eine Reise, die nachwirkt.

Juli 2017, Azoren – Hortensien in Variationen

 

Schweiz

«Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.» Ich brauche keine langen Flugreisen mehr. Die Schweiz – Jura, Mittelland, Alpen, Tessin – bietet mehr, als ein Leben erkunden kann.

18. Mai 2020, Lally VD – Narzissen «Maischnee» 

 

Was vermisst du?
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37.  Lebensfreude

Was vermisst du?
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Während ich diese Zeilen schreibe, erschüttern Kriege und Konflikte unsere Welt. Menschen verlieren ihre Heimat, ihre Angehörigen und ihr Leben. Frieden bleibt ein kostbares Gut, nach dem sich die Menschheit seit Generationen sehnt.

Meine Gedanken über den Weltfrieden gleichen einem Buch, dessen letzter Satz bis heute ungeschrieben ist.

Wie geht es dir oder euch finanziell?
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37.  Lebensfreude

Wie geht es dir oder euch finanziell?
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Solide. Keine Schulden, keine grossen Sorgen. Rechnungen bezahlt, ab und zu etwas gegönnt. Mehr braucht es nicht.

Was ist für dich Luxus?
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37.  Lebensfreude

Was ist für dich Luxus?
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Zeit. Gesundheit. Eine Wohnung mit Aussicht. Ein Generalabonnement. Ein Balkon ohne Biswind. Das sind meine Luxusgüter.

Was schätzt du heute mehr?
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37.  Lebensfreude

Was schätzt du heute mehr?
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Saubere Luft. Das Rauchverbot in Restaurants und öffentlichen Verkehrsmitteln hat mein Leben als Velofahrer und Nichtraucher spürbar verbessert. Abgaswartung, Katalysator – all das macht das Atmen leichter. Dafür bin ich dankbar.

Und die Freiheit des Ruhestands: keine Eile, keine Pflichten, keine Alarme. Einfach leben.

Wie haben sich deine Ess- und Trinkgewohnheiten verändert?
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37.  Lebensfreude

Wie haben sich deine Ess- und Trinkgewohnheiten verändert?
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Mit etwa 50 begann mein Körper, eigenmächtig Gewicht anzulegen. Mit 60 entschied ich: So nicht. Weniger essen, weniger Zucker, mehr Wasser. Ein Glas Wein zum Essen, im Sommer gelegentlich ein Bier – das ist mein Gleichgewicht. Fondue und Raclette nur noch tagsüber.

Welche Hobbys pflegst du aktuell und was gibt dir das?
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37.  Lebensfreude

Welche Hobbys pflegst du aktuell und was gibt dir das?
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Wandern in den Bergen

Es erfüllt mich, einen Gipfel zu erreichen und die Aussicht zu geniessen.

In der Natur finde ich Ruhe. Die frische Luft, das Zwitschern der Vögel und die majestätischen Berge lassen mich den Alltag vergessen. Da geht mir das Herz auf – zumindest bis die Knie zu schlottern beginnen.

10. November 2022, Monte Boglia TI – Aussicht

 

Fotografieren

Die Handykamera ist mein ständiger Begleiter. Gute Momente, gutes Licht, Klick.

26. Dezember 2019, Sils Maria GR – Sonnenuntergang am Silsersee, Panoramabild

 

Velofahren

Mit dem E-Bike erkunde ich die Gegend – ohne ausser Atem zu kommen.

Dampfbahn Furka Bergstrecke

Wagenreinigung, Löschzugbegleitung. Alte Züge, Berglandschaft, ein gutes Team.


22. September 2022, Oberwald VS – auf dem Löschzugwagen der Dampfbahn Furka Bergstrecke

 

Diese Autobiografie

Das grösste Projekt meiner Pensionierung. Ich reise durch mein eigenes Leben – und staune manchmal, was sich angesammelt hat.

Gleichgewichtsübung

Zähneputzen auf einem Bein, Augen geschlossen. Klingt seltsam – hilft aber.

Habt ihr ein Haustier?
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37.  Lebensfreude

Habt ihr ein Haustier?
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Nein – zumindest kein klassisches. Dafür leben bei uns die Staubmäuse, die sich zuverlässig vermehren und unter dem Bett ihre eigenen Expeditionen starten.

Unser wichtigster «tierische» Mitbewohner ist der Staubsauger. Er ist zwar wenig gesellig, aber sehr pflichtbewusst und verschluckt alles, was ihm begegnet. Ein echtes Arbeitstier – unser inoffizielles Haustier.

Und dann wäre da noch eine kleine Tonkuh auf dem Salontisch: handgemacht, stubenrein, frisst nichts, muht nie – aber sie schaut uns immer freundlich an. Zählt das?

Unser Haustier

 

Worauf ich stolz sein kann
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38.  Worauf ich stolz sein kann
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Stolz ist kein lautes Wort in meinem Vokabular. Aber wenn ich zurückblicke, gibt es Momente und Leistungen, die mir ein stilles Lächeln ins Gesicht zaubern.
Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?
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38.  Worauf ich stolz sein kann

Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?
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Auf meine Ehe und die Verbindungen zu meiner Familie. Wir haben gelernt, miteinander zu leben – in guten und in schwierigen Zeiten.

Auf 45 Berufsjahre – von 1971 bis 2016. Ich habe meinen Beitrag geleistet, wurde gebraucht und habe Spuren hinterlassen.

Auf das Informatik-Zertifikat, das ich mit 45 Jahren erwarb. Für jemanden, dem Sprachen und Buchstaben nie leichtfielen, war das kein kleiner Schritt.

Auf das stille Tragen von Verlusten und schwierigen Zeiten – und darauf, den Lebensmut dabei nicht verloren zu haben.

Und auf unser kleines Auto: kompakt, aber erstaunlich nützlich. Es transportierte zwei Personen, drei Koffer, zwei Rucksäcke und zwei E-Bikes auf einem Veloträger. Mehr braucht es nicht.

6. Oktober 2012, Region Furka – unser Kleinwagen

 

Bist du jemals für etwas Wichtiges eingetreten oder hat sich nie die Gelegenheit ergeben?
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38.  Worauf ich stolz sein kann

Bist du jemals für etwas Wichtiges eingetreten oder hat sich nie die Gelegenheit ergeben?
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«Autoteilet» mit dem Nachbarn

Im Hirzel stand unser Kombi die meiste Zeit in der Garage. Als der Nachbar –Lehrer, ebenfalls selten unterwegs – dasselbe Auto kaufen wollte, schlug ich vor: Warum nicht teilen? Wir erarbeiteten einen Vertrag, legten eine Agenda auf dem Fenstersims ab – und teilten das Auto über ein Jahrzehnt lang. Als die Nachbarn wegzogen, endete das Experiment. Aber es hatte funktioniert.

Im Beruf

Für grosse öffentliche Anliegen bin ich nie auf die Barrikaden gestiegen – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil mein Alltag als Materialwart voll war. Wenn es um Sicherheit und Einsatzbereitschaft der Feuerwehr ging, war ich standhaft. Für politische Kämpfe fehlte die Zeit.

Von Dummheiten und Gelassenheit
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39.  Von Dummheiten und Gelassenheit
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Wer behauptet, nie eine Dummheit begangen zu haben, lügt – oder hat nicht genug gelebt. Hier gestehe ich das eine oder andere ein und erkläre, warum Gelassenheit die beste Antwort auf die meisten Fehler ist.
Gibt es in deinem Leben Dinge, die du heute bereust?
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39.  Von Dummheiten und Gelassenheit

Gibt es in deinem Leben Dinge, die du heute bereust?
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Nein. Aus Fehlern zu lernen ist wichtiger als sie zu bereuen. Ich bin zufrieden mit mir.
Gibt es etwas, das du gerne gekonnt oder gemacht hättest?
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39.  Von Dummheiten und Gelassenheit

Gibt es etwas, das du gerne gekonnt oder gemacht hättest?
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Das Tenorhornspielen. In meiner Zeit bei der Jugendmusik Andelfingen war das Tenorhorn meine Begleiterin. Das Erwachsenenleben kam dazwischen. Aber die Blasmusik hat mich nie ganz losgelassen.

September 1977, Kleinandelfingen – kleine Besetzung der Jugendmusik Andelfingen an einer Feierlichkeit

 

Was war deine grösste Dummheit?
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39.  Von Dummheiten und Gelassenheit

Was war deine grösste Dummheit?
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Vielleicht war meine absolut dümmste Idee, auf einem leeren Blatt Papier meine Autobiografie zu beginnen – und zu glauben, ich hätte nicht genug Stoff.

Gibt es Dinge, über die du in dieser Autobiografie nicht reden willst oder kannst?
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39.  Von Dummheiten und Gelassenheit

Gibt es Dinge, über die du in dieser Autobiografie nicht reden willst oder kannst?
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Ja. Manche Geschichten bleiben in der Schublade – aus Rücksicht auf andere, aus Diskretion, oder weil sie niemanden etwas angehen. Das ist kein Versagen, sondern eine Entscheidung.

Ein gutes Leben im Alter
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40.  Ein gutes Leben im Alter
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Das Älterwerden kam nicht über Nacht – es schlich sich an, erst leise, dann mit Nachdruck. Wie ich damit umgehe, was mir hilft und was ich mir für die kommenden Jahre wünsche.
Ab wann hat dich das Älterwerden beschäftigt?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Ab wann hat dich das Älterwerden beschäftigt?
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Beim Kauf unserer Eigentumswohnung. Plötzlich dachten wir nicht nur über Grundrisse nach, sondern auch über Lift, Schwellenfreiheit, Nähe zu öffentlichem Verkehr und Einkaufsmöglichkeiten. Und über Testament und Ehevertrag. Das Älterwerden war auf einmal kein abstraktes Konzept mehr, sondern ein Mitbewohner.



Welche konkreten Vorstellungen oder Erwartungen hast oder hattest du in Bezug auf das Älterwerden?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Welche konkreten Vorstellungen oder Erwartungen hast oder hattest du in Bezug auf das Älterwerden?
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Ich erwartete Gesundheit, Freiheit und Zeit. Bisher hat das Älterwerden diese Erwartungen weitgehend erfüllt. Was ich auch wusste: Der Kreis der Freunde wird kleiner. Einige sind gestorben, andere weit weg. Aber neue Verbindungen entstehen – das tröstet.

Wie reagiert dein Umfeld generell auf dein Älterwerden?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Wie reagiert dein Umfeld generell auf dein Älterwerden?
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Positiv und unterstützend. Mein Sohn hilft mir im Alltag, wenn nötig. Das gibt mir Sicherheit. Auch meine Freundschaften haben sich verändert – einige sind wichtiger geworden, neue sind entstanden.

Gibt es Veränderungen im Aussehen, in der Sexualität oder in weiteren Bereichen?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Gibt es Veränderungen im Aussehen, in der Sexualität oder in weiteren Bereichen?
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Die Haut hängt etwas, Falten haben sich eingegraben, Haare fallen aus – dafür wachsen sie an unerwarteten Stellen. Der Stoffwechsel ist langsamer. Die Gelenke melden sich öfter. Das Gedächtnis braucht manchmal Unterstützung – Notizen, Erinnerungsstützen.

Das alles gehört dazu. Jede Falte ist Zeugnis eines gelebten Lebens.

Was tust du für deine geistige und körperliche Fitness? Welche Veränderungen stellst du fest?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Was tust du für deine geistige und körperliche Fitness? Welche Veränderungen stellst du fest?
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Wandern, Bergtouren, Velofahren. Zähneputzen auf einem Bein. Rätsel lösen. Gutes Essen, ausreichend Schlaf, wenig Zucker.

August 2024, Region Albigna GR – Bergwanderung

 

Brauchst oder erhältst du Hilfe? Welcher Art? Wo besteht Bedarf?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Brauchst oder erhältst du Hilfe? Welcher Art? Wo besteht Bedarf?
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Mit siebzig bin ich noch selbstständig. Das schätze ich sehr.

Wie findest du die richtige Balance zwischen Eigenständigkeit und der Hilfe von anderen?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Wie findest du die richtige Balance zwischen Eigenständigkeit und der Hilfe von anderen?
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Selbstständigkeit ist die Grundlage. Aber Realismus gehört dazu: Es gibt Dinge, die man nicht allein lösen kann. Hilfe anzunehmen ist kein Versagen – es ist Klugheit.

Corona-Pandemie (2020-2022)

Von einem Tag auf den anderen veränderte sich alles: Abstand halten, Masken, zu Hause bleiben. Die Regeln änderten sich ständig. Klopapier wurde zur Währung. Händewaschen zum Gesprächsthema. Ein globaler Ausnahmezustand – für meine Generation etwas völlig Neues. Wir haben es überstanden – mit Geduld, Solidarität und Humor.

 

Welche Bedeutung haben deine Erinnerungen im Älterwerden?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

Welche Bedeutung haben deine Erinnerungen im Älterwerden?
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Mit dem Ruhestand begann ich, in meinen Erinnerungen zu stöbern. Sie sind Bausteine meines Lebens – aus Fehlern und Erfolgen, aus Momenten des Lachens und der Stille. Sie zu teilen mit Jüngeren ist eine Verbindung zwischen den Generationen. Und sie festzuhalten in dieser Autobiografie – das ist ihr wertvollster Zweck.

In welcher Form hast du – oder ist – dein Leben dokumentiert?
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40.  Ein gutes Leben im Alter

In welcher Form hast du – oder ist – dein Leben dokumentiert?
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Ich bin registriert: im Zivilstandsamt, im Taufregister, im Steuerregister, beim Hausarzt, bei AHV und Pensionskasse. Aber das Wichtigste ist dieses Buch hier. Es ist mein Vermächtnis – nicht aus Gold, sondern aus Geschichten.

Ausblick
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41.  Ausblick
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Der Blick nach vorn – nicht mit Angst, sondern mit Neugier. Was noch kommt, weiss ich nicht. Aber ich bin bereit, es anzunehmen.
Inwiefern beschäftigt dich der Gedanke an deine Endlichkeit und seit wann?
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41.  Ausblick

Inwiefern beschäftigt dich der Gedanke an deine Endlichkeit und seit wann?
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Beim Wohnungskauf wurde mir klar: Das Leben hat ein Ende. Ich schrieb ein Testament, verfasste eine Patientenverfügung. Im Herbst 2024 erlitt ich eine Lungenembolie – ein Warnzeichen, das ich ernst nehme. Das Älterwerden bringt Verluste: Freunde, Altersgenossen, Familienmitglieder. Die Zeit macht uns bewusst, wie kostbar sie ist.
Was sind deine konkreten Erwartungen und Vorkehrungen mit Blick auf deine letzten Jahre und dein Lebensende?
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41.  Ausblick

Was sind deine konkreten Erwartungen und Vorkehrungen mit Blick auf deine letzten Jahre und dein Lebensende?
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Regelmässige Gesundheitschecks, Blutlabor, Arztgespräche. Eine Patientenverfügung, in der meine medizinischen Wünsche festgehalten sind. Barbara und ich haben beide ein Testament verfasst. Wir möchten kremiert und in einem Gemeinschaftsgrab bestattet werden.

Hat das konkrete Auswirkungen auf deine aktuelle Lebensgestaltung und deine Einstellung zum täglichen Leben?
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41.  Ausblick

Hat das konkrete Auswirkungen auf deine aktuelle Lebensgestaltung und deine Einstellung zum täglichen Leben?
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Die Berge sind mein Ausgleich. Jede Wanderung ist eine Therapie – frische Luft, weite Aussicht, stille Kraft. Gipfel will ich erklimmen, solange meine Knie mitspielen.

23. Mai 2025, Riale di Pincascia TI – erholsames Fussbad


Hier, zwischen Gipfeln und Tälern, vergesse ich die Hektik des Alltags.

27. Juli 2022, Val Mulix GR – Wanderung zum Bergsee Lai Negr

 

Wie würdest du oder deine Frau mit dem Ableben des anderen umgehen? Ist das ein Thema, über das ihr sprecht?
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41.  Ausblick

Wie würdest du oder deine Frau mit dem Ableben des anderen umgehen? Ist das ein Thema, über das ihr sprecht?
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Der Gedanke daran ist schwer. Nach dem Tod unseres Sohnes weiss ich, wie lange Trauer braucht. Auch der Verlust von Barbara wäre eine tiefe Wunde. Wir sprechen darüber – offen und ohne Ausweichen. Wahrscheinlich würde der Überlebende in eine kleinere Wohnung ziehen. Das ist keine Angst, sondern Vorbereitung.

Hat sich deine Einstellung zu Zeit mit dem Älterwerden verändert?
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41.  Ausblick

Hat sich deine Einstellung zu Zeit mit dem Älterwerden verändert?
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Früher war das Leben ein Sprint. Heute ist es ein ruhiger Marathon – mit Pausen, Aussichten und dem Bewusstsein, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Die Freiheit des Ruhestands schmeckt gut.

Wie stehst du zu einem Leben im Altersheim?
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41.  Ausblick

Wie stehst du zu einem Leben im Altersheim?
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Wenn es nötig wird, ist ein Altersheim keine Niederlage, sondern eine kluge Entscheidung. Gut versorgt sein, Gemeinschaft haben, Unterstützung erhalten – das ist keine Aufgabe, sondern eine neue Phase.

Hattest du Kontakt mit Organisationen wie Exit – oder wie stehst du persönlich dazu?
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41.  Ausblick

Hattest du Kontakt mit Organisationen wie Exit – oder wie stehst du persönlich dazu?
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Während meines Lebens habe ich nie darüber nachgedacht, einen solchen Weg für mich in Betracht zu ziehen. Deshalb hatte ich auch keinen persönlichen Kontakt zu Organisationen wie Exit.

Dennoch empfinde ich grossen Respekt vor Menschen, die Schwerkranke und ihre Angehörigen in schwierigen Lebenssituationen begleiten. Allein der Gedanke, dass Betroffene in belastenden Momenten nicht allein gelassen werden, berührt mich. Für mich ist Mitgefühl, menschliche Nähe und ein respektvoller Umgang miteinander von unschätzbarem Wert.

Hast du eine Art Rangliste von Wünschen, die du dir noch erfüllen möchtest?
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41.  Ausblick

Hast du eine Art Rangliste von Wünschen, die du dir noch erfüllen möchtest?
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Velotouren, Wanderungen, Ausflüge mit Bahn und Schiff. Ein gutes Essen in netter Gesellschaft. Barbara an meiner Seite. Gesundheit, um das alles geniessen zu können. Keine grossen Träume – aber viele kleine Freuden.

Welche Wünsche werden wohl unerfüllt bleiben? Weshalb?
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41.  Ausblick

Welche Wünsche werden wohl unerfüllt bleiben? Weshalb?
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Ich habe keine unrealistischen Wünsche – deshalb bleibt auch nichts unerfüllt.

Was ist dein grösster Wunsch für die nächsten Jahre?
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41.  Ausblick

Was ist dein grösster Wunsch für die nächsten Jahre?
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Gesund bleiben. Den Alltag mit Freude und Neugier erleben. Und diese Autobiografie zu einem guten Ende bringen.

Was möchtest du nie mehr missen?
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41.  Ausblick

Was möchtest du nie mehr missen?
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Das Gelebte. Das Wissen, einen Beitrag geleistet zu haben. Barbaras Gesellschaft. Die Berge. Und die Fähigkeit, über das eigene Leben lachen zu können.

Wie stellst du dir deine letzten Jahre auf Erden vor?
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41.  Ausblick

Wie stellst du dir deine letzten Jahre auf Erden vor?
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Da müsste ich wohl zuerst meine Kristallkugel aus dem Keller holen. Aber ich glaube, sie hat den Ruhestand schon vor mir angetreten.

Deshalb stelle ich mir meine letzten Jahre ganz pragmatisch vor: gemütlich, mit Zeit für Spaziergänge, gute Gespräche und hin und wieder ein Stück Schwarzwäldertorte – eben alles, was das Leben lebenswert macht.

Glaube und Religiosität
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42.  Glaube und Religiosität
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Aufgewachsen zwischen Kirchenglocken und Sonntagsschule – und doch habe ich meinen eigenen Weg gefunden, mit den grossen Fragen des Lebens umzugehen. Kein Dogma, aber auch keine Gleichgültigkeit.
Praktizierst du eine Religion und wie? Falls nicht, weshalb nicht?
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42.  Glaube und Religiosität

Praktizierst du eine Religion und wie? Falls nicht, weshalb nicht?
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Ich bin evangelisch-reformiert aufgewachsen. In Ossingen war das selbstverständlich: Taufe, Sonntagsschule, Religionsunterricht, Konfirmation. Mit der Konfirmation übernahm man Verantwortung für den eigenen Glauben.

Heute praktiziere ich keine Religion im klassischen Sinne. An der historischen Existenz von Jesus Christus zweifle ich nicht. Aber mein Alltag ist nicht durch Gottesdienste geprägt. Was bleibt, sind die Werte: Verantwortung, Mitgefühl, ein gutes Miteinander.

Stellst du bei dir mit dem Älterwerden eine veränderte Einstellung zu religiösen Fragen fest?
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42.  Glaube und Religiosität

Stellst du bei dir mit dem Älterwerden eine veränderte Einstellung zu religiösen Fragen fest?
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Die Vorstellung vom «lieben Gott» finde ich nach wie vor schwer nachvollziehbar. Ich bewundere Menschen, die daraus Kraft schöpfen. Für mich wirkt es wie ein Schutzsystem für die Seele – das ich selbst nicht besitze.

Was sich verändert hat: Ich erkenne zunehmend, dass Menschen Regeln und Orientierung brauchen, um zusammenzuleben. Verständnis und Toleranz sind dabei wichtiger als Angst und Drohung.

Hast du dich mit anderen Religionen beschäftigt? Mit welchem Ergebnis?
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42.  Glaube und Religiosität

Hast du dich mit anderen Religionen beschäftigt? Mit welchem Ergebnis?
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Ich habe mich nicht systematisch damit beschäftigt. Beim Circus Knie begegnete ich Kollegen aus Marokko – mein erster direkter Einblick in den Islam. Was mir auffiel: In allen Religionen suchen Menschen dasselbe – innere Ruhe, Orientierung, Gemeinschaft. Das verbindet.

Keine Religion allein kann den Weltfrieden herbeiführen. Aber gelebte Menschlichkeit kann es – in kleinen Schritten.

Wen oder was unterstützt du konkret mit Zuwendungen? Weshalb machst du das – oder allenfalls nicht?
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42.  Glaube und Religiosität

Wen oder was unterstützt du konkret mit Zuwendungen? Weshalb machst du das – oder allenfalls nicht?
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Ich unterstütze Umweltprojekte, soziale Stiftungen und Patenschaften. Nicht aus Pflicht, sondern weil ich überzeugt bin, dass jeder Beitrag etwas bewirkt.

Hast du Vorstellungen oder Erwartungen an ein Jenseits?
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42.  Glaube und Religiosität

Hast du Vorstellungen oder Erwartungen an ein Jenseits?
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Ich habe keine festen Vorstellungen. Das Jenseits bleibt für mich offen – ein Ort der Spekulation, nicht der Gewissheit.

Glaubst du an Gott?
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42.  Glaube und Religiosität

Glaubst du an Gott?
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Nein. Für mich ist Gott ein menschliches Konstrukt – entstanden aus dem Bedürfnis nach Orientierung und Trost. Ich respektiere jeden, der anders denkt, und möchte niemanden in seinem Glauben behindern. Kirchen und Glaubensgemeinschaften leisten Wertvolles für den Zusammenhalt. Deshalb zahle ich Kirchensteuern – nicht aus religiöser Pflicht, sondern weil ich die sozialen Angebote schätze.

Wie gut kennst du die Bibel oder den Grundlagentext einer anderen Religion?
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42.  Glaube und Religiosität

Wie gut kennst du die Bibel oder den Grundlagentext einer anderen Religion?
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Die Bibel ist mir vertraut in Grundzügen – Adam und Eva, die bekannten Geschichten. Tiefer bin ich nie eingetaucht. Dafür fehlt mir die Zeit – und, ehrlich gesagt, auch die Motivation.

Sprichst du mit jemandem darüber?
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42.  Glaube und Religiosität

Sprichst du mit jemandem darüber?
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Wenn das Thema aufkommt, äussere ich meine Meinung ehrlich, aber behutsam. Ich möchte niemanden verletzen. Und ich höre gerne zu, wie andere darüber denken.

Jugend heute
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43.  Jugend heute
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Was würde ich tun, wenn ich nochmals zwanzig wäre? Was möchte ich jungen Menschen mitgeben? Ein paar Gedanken eines Siebzigjährigen, der die Welt von damals mit der von heute vergleicht.
Würdest du es geniessen, in der heutigen Zeit nochmals 20 zu sein?
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43.  Jugend heute

Würdest du es geniessen, in der heutigen Zeit nochmals 20 zu sein?
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Die Vorstellung hat ihren Reiz – jung sein, die Welt vor sich haben. Aber die heutige Zeit bringt andere Herausforderungen mit sich: Smartphones, soziale Medien, ständige Erreichbarkeit, Informationsflut. Ich hätte wohl einige Zeit gebraucht, um damit umzugehen.

Vielleicht ist es gar nicht schlecht, in meiner Zeit geblieben zu sein.

Gibt es Ratschläge, die du gerne an junge Menschen weitergeben würdest?
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43.  Jugend heute

Gibt es Ratschläge, die du gerne an junge Menschen weitergeben würdest?
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  • Zeit ist kostbar. Sie vergeht schneller als man denkt. Nutze sie für das, was dir wirklich wichtig ist.
  • Beziehungen pflegen. Menschen, die dir nahestehen, brauchen Aufmerksamkeit – auch wenn es manchmal unbequem ist.
  • Fehler sind Lernmaterial. Wer nie hinfällt, hat nie wirklich etwas gewagt.
  • Den Körper ernst nehmen. Schlaf, Bewegung, gesunde Ernährung – das ist keine Theorie, sondern Praxis.
  • Schutz ist keine Schwäche. Helm, Schutzbrille, gesunder Menschenverstand. Ich habe Unfälle gesehen, die vermeidbar gewesen wären.
  • Im Moment leben. Zukunftsangst und Vergangenheitskummer rauben Energie, die du jetzt brauchst.
  • Leidenschaft finden. Arbeit, die begeistert, ist mehr wert als ein hoher Lohn ohne Freude.
  • Geduld haben. Wenn es bergab geht, hält es nicht ewig an. Wenn es gut läuft, freue dich laut.
  • Dankbarkeit üben. Wer dankbar ist, sieht mehr von dem, was er hat.
  • Risiken eingehen. Die besten Geschichten beginnen oft mit einer Entscheidung, die nicht ganz sicher war.
  • Neugierig bleiben. Wissen wartet nicht – man muss es suchen.
  • Innerhalb der Möglichkeiten leben. Schulden machen das Leben schwerer, nicht leichter.
  • Vielfalt respektieren. Man muss nicht alles mögen – aber man sollte es respektieren.
  • Sich engagieren. Gutes tun macht glücklich – das ist keine Floskel.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du junge Leute betrachtest, die ihr Leben noch vor sich haben?
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Seite 387 wird geladen
43.  Jugend heute

Was geht dir durch den Kopf, wenn du junge Leute betrachtest, die ihr Leben noch vor sich haben?
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Hoffnung. Sie haben das Leben noch vor sich – mit all seinen Möglichkeiten und Unsicherheiten. Ich denke: Ihr schafft das. Nicht weil alles einfach ist, sondern weil jede Generation ihren eigenen Weg findet.


Inwiefern haben es junge Menschen heute besser oder schlechter?
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43.  Jugend heute

Inwiefern haben es junge Menschen heute besser oder schlechter?
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Beides. Der Zugang zu Bildung, Medizin und Technologie ist grösser als je zuvor. Gleichzeitig sind der Leistungsdruck, die Informationsflut und die Sorgen um Klima und Zukunft real. Soziale Medien bieten Vernetzung und kreative Möglichkeiten – aber auch einen Spiegel, der das Selbstwertgefühl unter Druck setzen kann.

Klare Antwort gibt es nicht. Jede Zeit hat ihre eigenen Lasten und Geschenke.

Nachgedanken
Seite 389
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44.  Nachgedanken
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Am Ende einer langen Reise durch die eigenen Erinnerungen bleibt die Frage: Was bleibt? Hier schliesse ich den Kreis – mit Dankbarkeit, einem Augenzwinkern und dem Wissen, dass jedes Leben es wert ist, erzählt zu werden.
Warum hast du für deine autobiografischen Aufzeichnungen diesen Titel gewählt?
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44.  Nachgedanken

Warum hast du für deine autobiografischen Aufzeichnungen diesen Titel gewählt?
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«Bewegte Perlen, Schätze der Tiefe» – der Titel entstand beim Beschreiben meiner Windräder. Perlen, die sich bewegen, die glänzen, die aus Reibung entstehen.

Mein Leben hat viele glänzende Momente – aber auch solche, die im Dunkeln geformt wurden. Die schwersten Perlen entstanden aus Tränen, besonders beim Abschied von Stefan. Erst heute verstehe ich ihren Wert.

Freuden und Tränen zusammen haben die bewegten Perlen meines Lebens geformt – Schätze der Tiefe, die ich dankbar in mir trage.

Wie hast du das Aufzeichnen deiner Erinnerungen erlebt?
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44.  Nachgedanken

Wie hast du das Aufzeichnen deiner Erinnerungen erlebt?
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Es war beides: Pflicht und Freude. Anfangs fühlte es sich an wie ein Berg, den ich besteigen musste. Mit der Zeit wurde es ein Ort, an dem ich mich gerne aufhielt.

Ich durchtauchte Wellen grosser Freude – und tauchte auch in Tiefen der Traurigkeit. Manche Erinnerungen überraschten mich, manche schmerzten mehr als erwartet. Am Ende blieb Dankbarkeit – für Menschen, Erlebnisse und glückliche Zufälle, die mein Leben bereichert haben.

Du konntest mit dem Schreiben dein Leben ein zweites Mal erleben. Bist du rückblickend mit deinem Leben zufrieden?
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44.  Nachgedanken

Du konntest mit dem Schreiben dein Leben ein zweites Mal erleben. Bist du rückblickend mit deinem Leben zufrieden?
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Ja. Ohne Einschränkung.

Weshalb – beziehungsweise für wen – willst du über dein Leben oder wenigstens Teile davon schreiben?
Seite 393
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44.  Nachgedanken

Weshalb – beziehungsweise für wen – willst du über dein Leben oder wenigstens Teile davon schreiben?
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Ich wollte ein persönliches Ballenberg schaffen – nicht aus Holz und Stein, sondern aus Erinnerungen. Wie im Freilichtmuseum erzählt jeder Raum von früherem Leben; auch meine Episoden – von der Blechtasse bis zum Feuerwehrdienst – tragen Spuren einer Zeit, die nicht verloren gehen soll.

Wenn meine Worte die Herzen anderer berühren, habe ich mehr geschaffen als Geschichten – ich habe Brücken gebaut. Zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, zwischen meiner Welt und jener der Lesenden.

Gibt es Dinge, die du nicht erzählen konntest oder wolltest?
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44.  Nachgedanken

Gibt es Dinge, die du nicht erzählen konntest oder wolltest?
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Ja. Manche Geschichten bleiben in der Schublade – aus Rücksicht auf andere, aus Diskretion. In jungen Jahren trieb mich Neugier manchmal weiter, als vernünftig gewesen wäre. Heute erscheint mir Zurückhaltung klüger als jedes sensationelle Detail.

War das Schreiben eher Freude und Vergnügen – oder ein selbst auferlegtes Muss?
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44.  Nachgedanken

War das Schreiben eher Freude und Vergnügen – oder ein selbst auferlegtes Muss?
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Beides – und das ist ehrlich. Es begann als Aufgabe und wurde zum Spielplatz. Manchmal sprudelten die Worte, manchmal starrte ich auf einen leeren Bildschirm.

Von den ersten Notizen im Juni 2006 bis zu den letzten Zeilen im November 2025 – eine lange, verschlungene Reise.

Falls du es schon früher versucht hast: Was hast du diesmal anders gemacht, sodass es geklappt hat?
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44.  Nachgedanken

Falls du es schon früher versucht hast: Was hast du diesmal anders gemacht, sodass es geklappt hat?
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Die Plattform meet-my-life.net gab mir eine Struktur. Die Fragen waren wie ein Gerüst, das mir half, den roten Faden zu finden. Dazu der Computer mit Textverarbeitungsprogramm – ohne ihn wäre dieses Projekt undenkbar gewesen.

Hast du konkrete Tipps für jemanden, der sein Leben aufschreiben möchte?
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44.  Nachgedanken

Hast du konkrete Tipps für jemanden, der sein Leben aufschreiben möchte?
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  • Fang einfach an – auch wenn es nicht perfekt ist.
  • Schreib regelmässig, halte Fakten und Details fest.
  • Nutze Fotos, Briefe, Gespräche mit Familie als Inspiration.
  • Wenn du feststeckst: Pause machen, frisch draufschauen.

Am Ende wirst du sagen: «Es war vielleicht eine wilde Fahrt – aber es war meine.»

Inwiefern befriedigt dich das, was nun von dir schriftlich zurückbleibt?
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44.  Nachgedanken

Inwiefern befriedigt dich das, was nun von dir schriftlich zurückbleibt?
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Wie ein Bäcker, der sein Brot aus dem Ofen holt. Wie ein Bergsteiger, der den Gipfel erreicht. Beides trifft es: die Bodenhaftung des Alltäglichen und der Stolz auf das Erreichte.

Was soll von deinem Leben und von der Zeit, in der du gelebt hast, nicht vergessen werden?
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44.  Nachgedanken

Was soll von deinem Leben und von der Zeit, in der du gelebt hast, nicht vergessen werden?
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Ich bin kein grosser Name. Ein einfacher Mensch, der ein einfaches Leben gelebt hat – mit Arbeit, Familie, Freunden, Natur.

Aber dieses Leben war eingebettet in eine Zeit des grossen Wandels: Technologie, Medizin, Gesellschaft, Umwelt. In wenigen Jahrzehnten hat sich mehr verändert als in Jahrhunderten davor. Wer das vergisst, verliert den Massstab.

Der Klimawandel ist real. Die Ressourcen der Erde sind endlich. Wir haben gefrevelt – und die Natur antwortet. Das soll nicht vergessen werden.

Was glaubst du, können andere aus deiner Lebensgeschichte lernen?
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44.  Nachgedanken

Was glaubst du, können andere aus deiner Lebensgeschichte lernen?
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Dass auch unauffällige Leben ihre eigenen Abenteuer haben. Dass Veränderungen zum Leben gehören und nicht als Last, sondern als Teil des Weges zu verstehen sind. Und dass jede Geschichte – auch eine bescheidene – es wert ist, erzählt zu werden.

Wie stellst du dir die Leser deiner Lebensgeschichte in hundert oder zweihundert Jahren vor?
Seite 401
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44.  Nachgedanken

Wie stellst du dir die Leser deiner Lebensgeschichte in hundert oder zweihundert Jahren vor?
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Ich weiss es nicht. Aber ich hoffe, dass jemand diese Seiten liest und denkt: So hat damals jemand gelebt. So hat die Welt ausgesehen. So hat sich ein Mensch gefühlt.

Das wäre genug.

Wie glaubst du, wird man sich an dich erinnern?
Seite 402
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44.  Nachgedanken

Wie glaubst du, wird man sich an dich erinnern?
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Als jemanden, der verlässlich war. Der im Hintergrund arbeitete, damit andere im Ernstfall auf ihn zählen konnten. Der die Berge liebte. Der über sich selbst lachen konnte. Und der versucht hat, ein gutes Leben zu führen – ohne grosse Gesten, aber mit Beständigkeit.

Was waren die wichtigsten Veränderungen in deinem Leben?
Seite 403
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Was waren die wichtigsten Veränderungen in deinem Leben?
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Technologie, Medizin, Gesellschaft – alles hat sich verändert. Die Schweiz ist nicht mehr das Land, in das ich 1955 hineingeboren wurde. Sie ist bunter, vernetzter, schneller. Gleichstellung ist Realität geworden, nicht nur ein Wort. Die Digitalisierung hat alles durchdrungen.

Was gleich geblieben ist: die Berge. Die Jahreszeiten. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Sinn, nach einem guten Gespräch.

Hat sich deine Erinnerung während des Schreibens verändert?
Seite 404
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44.  Nachgedanken

Hat sich deine Erinnerung während des Schreibens verändert?
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Ja. Manche Geschichten haben sich im Laufe der Zeit verändert – wie alle Erinnerungen. Ich habe versucht, ehrlich zu sein, aber ich bin kein neutraler Zeuge meines eigenen Lebens. Manche Details habe ich ausgeschmückt, um die Geschichte stimmig zu machen. Das ist keine Verfälschung – das ist Erzählen.

Inwiefern waren deine Freunde und Bekannten, die du zur Mitarbeit eingeladen hast, für deine Arbeit wertvoll?
Seite 405
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44.  Nachgedanken

Inwiefern waren deine Freunde und Bekannten, die du zur Mitarbeit eingeladen hast, für deine Arbeit wertvoll?
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Sie holten Dinge wieder hervor, die mir entfallen waren. Sie brachten andere Perspektiven. Ohne sie wäre dieses Buch ärmer.

Planst du weitere Selbstzeugnisse?
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Planst du weitere Selbstzeugnisse?
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Nein. Einmal reicht. Jetzt ist es Zeit, die Wanderschuhe anzuziehen und weiterzugehen.


8. Oktober 2020, Monte Boglia TI – ein klarer Herbsttag

 

Gibt es Texte, Fragmente früherer Versuche, dein Leben zu dokumentieren?
Seite 407
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44.  Nachgedanken

Gibt es Texte, Fragmente früherer Versuche, dein Leben zu dokumentieren?
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Keine. Das hier ist das Einzige.

Wie soll mit deinem literarischen Nachlass verfahren werden?
Seite 408
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44.  Nachgedanken

Wie soll mit deinem literarischen Nachlass verfahren werden?
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Diese Autobiografie ist auf meet-my-life.net gespeichert und öffentlich zugänglich. Das ist mein literarischer Nachlass.

Welche war die schönste Zeit deines Lebens?
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44.  Nachgedanken

Welche war die schönste Zeit deines Lebens?
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Ich kann sie nicht wählen – wie das schönste Detail in einem Gemälde. Die Kindheit in Ossingen. Die Jahre beim Circus Knie. Die Begegnung mit Barbara. Die Pensionierung. Jede Zeit hatte ihre eigene Farbe.

Mein Leben bleibt eine lebendige Collage – ständig im Wandel und doch ein Ganzes.

Wem schuldest du besonderen Dank – für die Höhepunkte in deinem Leben und für dieses Buch?
Seite 410
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44.  Nachgedanken

Wem schuldest du besonderen Dank – für die Höhepunkte in deinem Leben und für dieses Buch?
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Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Tag – bis ich im Internet über eine kleine, feine Perle stolperte: meet-my-life.net. Was für ein Glücksgriff! Die Fragen dieser Seite waren wie kleine Sprengsätze im Gedächtnis – sie halfen mir, längst verschollene Erinnerungen freizulegen und meine Lebensgeschichte wieder in Schwung zu bringen. Mein aufrichtiger Dank gilt den kreativen Köpfen hinter diesem Projekt!

Ich möchte auch meinen persönlichen Fanclub erwähnen, die grossartigen Menschen, die meinen Weg gekreuzt haben. Ohne sie wäre mein Leben spannend wie ein leeres Tagebuch. Ein riesiges Dankeschön an euch alle, dass ihr mein Dasein mit euren verrückten Anekdoten und lustigen Begegnungen bereichert habt. Ihr seid die wahren Helden meiner persönlichen Abenteuergeschichte – ohne euch wäre mein Leben aufregend wie ein Stummfilm ohne Musik. Danke, danke, danke!

meet-my-life.net – die Struktur, die mir half, den Faden zu finden.

Allen Menschen auf meinem Weg – Freunden, Kollegen, Nachbarn, Fremde, die mein Leben bereichert haben.

Barbara – meine Begleiterin, Zuhörerin, Kritikerin und grösster Rückhalt. Ohne sie wäre dieses Buch – und mein Leben – nicht das, was es heute ist.

Danke, Barbara, von Herzen.

Unsere Förderer
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