Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212

Willkommen zum Meeting in meiner Autobiografie, liebe Leserin, lieber Leser. Als 73-Jähriger erzähle ich Ihnen mein Leben mit seinen verschiedenen Episoden und Meilensteinen. Warum? Mein Leben schriftlich abzufassen hat zuerst einmal bei mir selbst einige Klarheit geschaffen und mich in verschiedenen Punkten mit mir versöhnen lassen. Aber ich wollte meine Biografie auch verstehen, das heisst meinen Lebenslauf interpretieren und meine Schlussfolgerungen daraus ableiten. Möglicherweise kann das auch für Sie anregend sein. Und warum publizieren? Die Internet-Plattform Meet my life bietet die schöne Gelegenheit, dass Menschen ihre Biografie austauschen können. Das Meeting mit dem Leben anderer wird zu einem Geben und Nehmen.
Sie werden sehen: Im Zentrum meiner Biografie stand nicht eine Karriere. Ich war einer, der auszog, um Gott und die Welt näher kennenzulernen, dabei hart landete, nach dem Aufstehen auf dem harten Boden aber vorankam. Was steckte dahinter? Nach einem dreijährigen Rechtsstudium wechselte ich in die Theologie. Nach zwei Jahren brach ich jedoch das Theologiestudium ab und orientierte mich neu. Meine berufliche Entwicklung führte mich in die Personal-, Organisations- und Führungsarbeit mit einem letzten Schwerpunkt in einer Gemeinde im Kanton Zürich. Heute wohne ich mit meiner Frau Nelly in der Zentralschweiz und lebe im so genannten Ruhestand. Er ist öfters mit Musse, immer wieder aber auch mit Arbeit verbunden. Und er fordert mich heraus, die Frage zu beantworten, wozu ich denn gelebt habe (bzw. noch lebe) und was denn noch fehlt, um eine zufriedenstellende Antwort zu finden.
Wenn Sie mich fragen, mit welchem Slogan ich mein bisheriges Leben zusammenfassen könnte, würde ich Ihnen antworten: «Erkunde dich, aktiviere deine Talente!». Mich führte das zu einer langen, aber spannenden Reise. Je länger sie dauerte, desto deutlicher ahnte ich, dass es bei dieser Reise darum ging, einem verborgenen Schatz nachzuspüren. Stück für Stück offenbarte er sich mir in kreativen Momenten, sei es als Geistesblitze oder in Form von Bildern. Um dies hervorzuheben, verwende ich für den Titel meiner Biografie das Bild des verborgenen Schatzes.
Dass es einen verborgenen Schatz gibt, signalisierte mir meine Intuition. Um ihn aufzufinden, bedurfte es auch fester Anhaltspunkte, wo er sich befindet, wie tief etwa zu graben ist und mit welchen Werkzeugen sich dies bewerkstelligen lässt. Mit anderen Worten: ich benötigte Orientierung. In meiner Biografie spielen Orientierungsfragen eine wichtige Rolle. Da diese mit Religion zusammenhängen, ordne ich meine Lebensbeschreibung in der Plattform Meet my life dem Thema Religion zu.
Nun nehme ich Sie mit auf die Reise durch mein Leben. Sie führte in geplante und überraschende Streckenabschnitte, in Phasen mit flottem Vorwärtskommen, aber auch in solche mit lähmendem Stillstand und bedrohlichen Turbulenzen. In meinem Alter beginnt sich diese Lebensreise vollständig abzuzeichnen – die richtige Zeit, den Reisebericht zu verfassen.

Am 20. Juli 1952 kam ich zur Welt. Es war die Welt der geordneten, bisweilen auch engen 1950-er Jahre. Die Nachkriegsjahre waren vorbei und die Gesellschaft baute ihren Wohlstand auf. In den Wohnquartieren fand man nach und nach parkierte Autos, auch wenn die Quartierstrassen noch immer genügend Platz für das Fussballspielen und andere Kinderspiele boten. Während Jahren war unsere Familie glückliche Besitzerin eines grünen VW-Käfer, das Modell mit den zwei kleinen Heckscheiben und einem ratternden Heckmotor, bei dem uns Buben auf der hinteren Bank bei Bergfahrten allerdings regelmässig übel wurde. Gebannt beobachteten wir nach der Lieferung unserer ersten Waschmaschine den ersten Waschgang und staunten, wie selbst der grosse Haufen Frottiertücher des väterlichen Coiffeurgeschäfts im Nu und von allein sauber gewaschen und tüchtig geschwungen aus der Waschtrommel entnommen werden konnte. In der Freizeit spielten wir Kinder auf der Quartierstrasse oder in Gärten, die zu den Reihen-Einfamilienhäuser gehörten. Eine regelrechte Attraktion war, als eine Familie der Nachbarschaft einen Fernsehapparat anschaffte und wir vom kleinen Sohn immer wieder einmal zum nachmittäglichen Fernsehschauen eingeladen wurden. Fasziniert verfolgten wir die Jugendsendungen «Mit Schirm, Charme und Melone» oder «Sport, Spiel, Spannung». Und als die Abenteuerfilme mit «Lassie» oder «Fury» auf dem Programm standen, begann der Puls höher zu schlagen.
Trotzdem war es keine heile Welt. Moralische Prinzipien und Normen waren zwar geachtet und verbreitet, jedoch verbargen sich dahinter oft Scheinheiligkeit und Bigotterie. In den engen Familienstrukturen waren geschiedene Eheleute, alleinerziehende Mütter und uneheliche Kinder mit einem Stigma behaftet. Das Konkubinat war gesetzlich verboten. Wenn ein Paar zusammenleben wollte, musste es zuerst heiraten. Ansonsten war es schwierig, ein Wohnungsangebot zu erhalten.
In dieser Welt mit ihren moralischen Korsetts und gerne gezeigter bürgerlicher Rechtschaffenheit wuchs ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Daniel hingegen in einem Elternhaus mit selbstverständlichem Freiraum und ideeller Grosszügigkeit auf. Mein Vater wuchs in Ziegelbrücke auf und stammte aus Arbeiterverhältnissen der Glarner Baumwollindustrie. Seine Berufswahl war schmal vorgegeben. Nur schon die Chance, einen Beruf erlernen zu können, war eine Errungenschaft. Er konnte zwischen Coiffeur und Koch wählen. Da sein Cousin in Uetikon am See ein Coiffeurgeschäft führte, stand die Wahl rasch fest. Berufliche Wanderjahre führten ihn nach Basel.
Persönlich war er ein «un-patriarchalischer» Vater. Er war ein Mann des Zuhörens und Mitgehens. In der Erziehung war es eher die Mutter, die intervenierte oder Grenzen zog. Nach meiner Einschätzung war ich ein eher pflegeleichtes Kind. Wie ich mich erinnere, gab es nur einmal wegen eines speziellen Vorkommnisses «Fuditätsch», ein Job, den meine Mutter erledigte.
Ich erlebte das Zusammenarbeiten und Zusammensein meines Vaters und meiner Mutter als selbstverständliches Miteinander. Das elterliche Coiffeurgeschäft lag unter dem gleichen Dach wie unser Wohnhaus, was viele spontane familiäre Kontakte mit sich brachte und die Grenzen zwischen beruflichem und privatem Bereich verwischte. Meine Mutter bediente immer wieder ihre Kundschaft und mein Vater wusch ebenso regelmässig das Geschirr ab, das wir dann aber abzutrocknen hatten.
Die Wurzeln meiner Mutter reichten in die welsche Schweiz. Durch die berufliche Situation ihres Vaters wohnte die Familie in Basel. Ihr Vater verstarb, als sie sechs Jahre alt war. Unter ihren fünf älteren Geschwistern entwickelte sich ein enger Zusammenhalt. Die Solidarität in der Familie führte dazu, dass unsere Mutter ihre Jugendjahre teilweise in der Region von Genf verbrachte und ihre Lehre als Coiffeuse in Lausanne absolvierte. Mutter und Vater lernten einander in der Ausbildung zum Coiffeurmeister kennen. Das Paar heiratete in den Kriegsjahren und eröffnete in Basel ein Geschäft.
Auch meine Mutter praktizierte einen Erziehungsstil, der darauf ausgelegt war, die Talente der Kinder zu entwickeln. Sie war eine schöpferisch tätige Frau mit verschiedenen gestalterischen und musikalischen Fähigkeiten und Steckenpferden. Von ihr wurden wir in mannigfaltige handwerkliche Arbeiten eingeführt: Malen, Töpfern, Emaillieren, Batik. Besonders aber lag ihr das Musizieren am Herzen. Selbst spielte sie Geige, mein Bruder erlernte das Spielen der Querflöte und ich selbst nahm während längerer Zeit Klavierstunden. Auch mit gröberem Material konnte sie Hand anlegen. In unserem Garten bauten wir unter ihrer Anleitung zwischen zwei Tannen eine Holzhütte mit richtigen Fenstern und Läden. Dann und wann übernachteten wir Buben darin, um etwas Knabenromantik zu erleben.
Mein Vater starb 75-jährig an den Folgen eines Hirnschlags, nachdem er ein paar Monate in einem Pflegeheim bettlägrig war. Beschädigte Hirnfunktionen führten dazu, dass er zwar mit Augenkontakt, aber nicht mehr sprachlich kommunizieren konnte. Sein Körper musste ihm zum Gefängnis geworden sein. 13 Jahre später folgte ihm meine Mutter im Alter von 86 Jahren. Während Jahren litt sie an Demenz. Ohnmächtig mitzuverfolgen, wie eine empathische und schöpferische Mutter langsam geistig erlosch und in einem langen Prozess aus dem Leben schied, war elend.
Das Leben kennt Seiten, die sprachlos machen und keine schönen Sprüche vertragen.

Während meiner ganzen Kindheit wohnten wir in Basel im Hirzbrunnenquartier, ein Quartier am Rand von Kleinbasel, zwischen dem Badischen Bahnhof und der Stadtgrenze gegen Riehen. Ein grosser Teil der Quartierfläche ist mit Reiheneinfamilienhäusern bebaut, es gibt aber auch grössere Häuserblöcke mit mehrheitlich genossenschaftlichen Eigentumsverhältnissen. Meine Eltern konnten ein Eckeinfamilienhaus kaufen, in dem im Erdgeschoss bereits ein Coiffeurgeschäft bestand. Dieses haben sie schrittweise ausgebaut. Unsere Küche lag im Erdgeschoss neben dem Coiffeursalon, im ersten Stock waren die Stube und mein Schlafzimmer. In einer Mansarde war das Schlafzimmer meiner Eltern sowie dasjenige meines Bruders untergebracht.
Auf der Hinterseite des Hauses war ein kleiner Garten angelegt. Auf einer Fläche mit Klinkerboden konnten bei schönem Wetter Mahlzeiten eingenommen werden. Daran schloss sich eine Rasenfläche an, die zu vielerlei Spielen einlud. In späteren Jahren kam ein kleiner Weiher dazu, in welchem wir uns in der heissen Jahreszeit immer wieder abkühlen konnten. Verschiedene Bäume spendeten Schatten, vor allem zwei grosse Tannen, auf denen frühmorgens und abends zwitschernde Amseln mit ihren fernen Nachbarn ihre Gesänge austauschten.
In diesen Hintergärten konnten wir mit den Kindern des Quartiers nach Herzenslust spielen, mit grossen Tüchern Zelte aufbauen und auf der Quartierstrasse mit improvisierten Toren «schutten».

Ich wuchs mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Daniel auf. Er war ein begabter Tüftler, Bastler und Schiffsmodellbauer, meine Talente lagen dagegen eher in musischer Richtung. Trotz unterschiedlicher Naturelle haben wir viel miteinander unternommen, besonders in der Natur bei Wanderungen, beim «Füürle» und Hüttenbauen. Auch Bubenstreiche kamen nicht zu kurz. Fasziniert von selbst produziertem Schwarzpulver pröbelten wir im nahe liegenden Wald der «Langen Erlen» mit der Explosionskraft verschiedener kleiner «Bomben». Jedoch waren unsere Erforschungen nicht immer ungefährlich. In der Vorweihnachtszeit eines Jahres konnten wir unsere Neugier auf die kommenden Weihnachtsgeschenke nicht mehr beherrschen und durchsuchten den Estrich nach versteckten Überraschungen, während unsere Eltern einen abendlichen Anlass besuchten. In einer Truhe fanden wir sorgsam hinterlegte Zubehörteile für unsere elektrische Eisenbahn, darunter ein paar Miniatur-Strassenlampen für den Bahnhof. Natürlich wollten wir auch sehen, wie diese leuchten und steckten die beiden kleinen Niedervolt-Stecker eines Lämpchens in die 220-Volt-Buchse einer Steckdose. Glücklicherweise blieb es bei einem Kurzschluss, der das Lämpchen augenblicklich verbrannte. Uns blieb nichts anderes übrig, als den heimgekehrten Eltern unseren Streich zu beichten. Soweit ich mich erinnere, überwog bei diesen die Erleichterung, dass es ausser dem defekten Lämpli zu keinem weiteren Schaden kam.
Mein Bruder schloss zuerst in der damaligen Ciba AG eine Laborantenlehre ab, absolvierte anschliessend erfolgreich das AKAD-Fernstudium für den Erwerb der Matura, um danach Mathematik und Medizin zu studieren. Seit langen Jahren führt er in Basel eine Arztpraxis. Auch wenn mein Leben einen andersartigen Gang nahm, standen wir stets in einem verständnisvollen und hilfreichen Kontakt miteinander.

Während 17 Jahren gehörte auch unser Kater Felix zur Familie, eine grau getigerte Katze mit weisser Stirn. Als Jungtier im Tessin von einem Auto angefahren nahm sie die damalige Präsidentin des Basler Vereins der Katzenfreunde mit nach Hause. Sie hütete mehrere Findelkatzen bei sich, bis diese an guten Orten untergebracht werden konnten. Als unsere Mutter ihre Wohnung betrat, um ein Tier auszuwählen, strich ihr der Kater gleich um ihre Beine – womit die Entscheidung getroffen war. Zu St. Nikolaus läutete unsere Hausglocke und wir rannten gleich nach unten, um dem «Nigginäggi» die Tür zu öffnen. Aber es lag ein Korb am Boden, in welchem sich etwas bewegte. Freudig war unsere Überraschung, als sich schnuppernd und neugierig um sich schauend eine schön gezeichnete Katze zögernd aus dem Korb bewegte und langsam begann, ihre Umgebung zu beschnuppern.
Der Kater Felix war unser ständiger Begleiter. Wir fütterten ihn, reinigten sein Klo, bürsteten sein Fell und führten Flohbehandlungen durch. Mit ihm liess sich Verstecken spielen und vorzüglich schmusen. Besonders liebten wir es, wenn er uns mit seinem Kopf im Gesicht herumstrich, weniger jedoch, wenn er uns vor lauter Zuneigung mit seinen spitzen Zähnen ins Ohr zwackte. Erschrocken stiessen wir einen Schmerzschrei aus und er flüchtete mit einem Satz auf den Boden. Vergelstert starrte er in die Welt, als ob er nicht verstehen konnte, warum wir auf seine Sympathiebekundungen so abweisend reagierten.
Auch in unseren regelmässigen Ferien am Neuenburgersee war er immer mit dabei. Wenig erfreut war er allerdings während der damit verbundenen Fahrten in der Eisenbahn. Mit zeitweiligem lautem Miauen teilte er den Reisenden des Waggons regelmässig seinen Unmut mit.
Mit 17 Lebensjahren verliessen ihn langsam seine Lebenskräfte. Ich hatte die traurige Fahrt zum Tierarzt anzutreten, der ihn einschläferte.

Zwar waren wir eine katholische Familie, Religiosität wurde jedoch nur unaufdringlich und undogmatisch gelebt. Ich habe mehrheitlich positive Erinnerungen an Erfahrungen mit Religiosität und Kirche in meinen Kindheitsjahren. Vor dem Zubettgehen sangen wir mit meiner Mutter jeweils ein Liedchen oder sprachen ein Nachtgebet, welches wir mit dem Kreuzzeichen eröffneten und ich dabei aufsagte: «Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geissen.» Geissen lagen mir offensichtlich näher als ein abstraktes theologisches Gebilde über einen Heiligen Geist.
Die katholische Welt mit ihren Festen, Riten und Bräuchen waren für uns ein selbstverständliches Lebenselement, das Zugehörigkeit und Aufgehobensein vermittelte. Die festlichen Rituale mit Kerzenlicht und Weihrauch weckten Ehrfurcht. Der grosse leere Kirchenraum, in dem Stille herrschte und weit vorne nur ein flackerndes «ewiges Licht» sich bewegte, weckten die Erfahrung des Geheimnisvollen und die Ahnung des Unendlichen.
Den Religionsunterricht in der Primarschule führte die herzliche und gemütvolle Schwester Andrée durch, eine kirchliche Ordensschwester. Ihr schwarzes, wallendes Gewand flösste uns Kindern Respekt ein, was uns allerdings nicht daran hindern konnte, immer wieder mit unserem Schwatzen oder Grinsen ihre Nerven zu strapazieren. Aber wie sie mit ihren Zeichnungen auf grossen Plakaten die biblischen Geschichten erzählte, über Moses und die Flucht der Israeliten ins Gelobte Land, oder den Verkauf von Joseph durch seine Brüder in die Sklaverei in Ägypten und die dadurch ermöglichte Rettung seiner Familie vor der Hungersnot, war grossartig.
Mein Bruder und ich traten in die Ministrantengruppe der Pfarrei ein. Damit übernahmen wir, zusammen mit etlichen Kameraden, die Messdiener-Dienste der zahlreichen Gottesdienste und Andachten. Wir konnten an den kirchlichen Anlässen aktiv mitwirken, mussten aber bereit sein, die Pflichten zu erfüllen. Belohnt wurden wir mit einem jährlichen Ministrantenausflug zu Sehenswürdigkeiten in der Schweiz.
Zuerst hatten wir alle Messgebete in lateinischer Sprache auswendig zu lernen und den Ablauf der Rituale zu üben. Unsere zu leistenden Dienste entnahmen wir den Einsatzplänen, die der leitende Ministrant erstellte und in den Anschlagskasten neben der Tür zur Sakristei hineinstellte. Es gab Werktagsdienste, also Frühmessen um 7.00 Uhr morgens. Sie begeisterten uns zwar nicht, hatten aber den Vorteil, dass wir nach dem Dienst in die nahe gelegene Bäckerei gehen durften, um frisches, warmes Brot zu kaufen und uns zu Hause daran gütlich zu tun.
Die regulären Ministrantendienste fanden an den Sonntagsmessen in der Pfarrkirche St. Michael statt. Wir freuten uns jedoch besonders auf die Dienste im St. Claraspital. Dieses wurde damals von den Ingenbohler Ordensschwestern geführt, die auch einen grossen Teil der Patientenpflege übernahmen. Jeden Sonntag wurde um 9.00 Uhr in der Spitalkapelle eine Messe gelesen und am Nachmittag um 15.00 Uhr eine Andacht gefeiert. Wir Ministranten der nahen Pfarrkirche hatten dazu die Messdiener-Dienste zu übernehmen. Wir freuten uns darauf, da wir nach jeder Morgenmesse von den Schwestern zu einem feinen Frühstück eingeladen und fürsorglich bedient wurden. Nach der Nachmittags-Andacht gab es ein feines Zvieri mit Kuchen und Tee, bevor wir nach Hause entlassen wurden.
Während meiner ganzen Jugendzeit war ich Mitglied in der Jungwacht und bei den Pfadfindern. In unzähligen Anlässen bildete sich in uns ein immenses Reservoir an Erlebnissen und wir konnten unser Sozialverhalten einüben: in Sommer-, Zelt- und Skilagern, bei Postenläufen, Geländespielen, Olympiaden, Spachtel-Wettkämpfen, Fresshöcks, bei Wanderungen und Bergtouren im Hochgebirge, beim abendlichen Zuhören spannender Geschichten. Wir lernten und übten verschiedene handwerkliche Fertigkeiten und mussten mannigfaltige «technische» Probleme beim Bau von Hütten und Staumauern bewältigen. Mir prägten sich auch das Führungsverhalten verschiedener talentierter Gruppen- oder Scharführer ein. Ich konnte direkt mitbekommen, welche Verhaltensweisen motivierten, beeindruckten oder Kopfschütteln auslösten. Dann und wann gab es Dinge, die uns wurmten, aber auch das hat uns zusammengeschweisst. Nach den Jugendjahren haben sich alle Kameraden in die Welt hinaus verstreut, aber das gemeinsam Erlebte hat zu einem Boden beigetragen, auf dem wir während unseres ganzen Lebens stehen konnten.

Der Bau unseres kleinen Holzchalets am Neuenburgersee war ein Familienprojekt. Oberhalb des Dorfes Cheyres, das zwischen Yverdon und Estavayer-le-Lac liegt, kauften unsere Eltern ein Stück Land, um sich den Traum eines festen Ferienorts an einem See zu erfüllen. Wir konnten einen wunderschönen Blick auf die Bucht von Yvonand, in die Rebenlandschaft und auf die gegenüber liegende Jurakette geniessen. Anfänglich bestand nur die Idee einer kleinen Holzhütte, ähnlich eines Schopfs in einem Schrebergarten. Die Planungsgespräche mit dem Zimmermann führten jedoch schlussendlich zu einem kleinen Holzhaus mit zwei Zimmern, einem Bad/WC sowie einer Küche im Eingangsbereich. Meine Mutter betätigte sich als Architektin und mein Bruder erstellte ein Modell aus Holz mit einem aufklappbaren Dach.
Damit das Objekt auch finanziell tragbar war, entschieden sich die Eltern für einen schrittweisen Bau und Ausbau. In den ersten Ferien bestanden nur das Dach, die Aussenwände und der Boden. Die Ferien glichen eher denjenigen eines Campingaufenthalts. Licht stammte von Petrollampen, das Wasser holten wir in Kanistern beim 200 Meter entfernten Dorfbrunnen, und ein Kehrichtkübel mit Chemielösung diente als WC. Aber diese Ferien waren ein Fest. Alles wurde selbst zusammengebastelt und das Wetter spielte wunderbar mit. Mit einem Velowagen wurden alle Transporte und Einkäufe erledigt. Unsere Französischkenntnisse machten sprunghafte Fortschritte; Madame Pillonel, Inhaberin der Epicerie im Dorf, korrigierte uns stets liebevoll, wenn wir nicht das richtige französische Wort trafen oder dieses falsch aussprachen.
Sukzessive arbeiteten wir an diesem Projekt weiter. Schrittweise wurde das Chalet vollständig ausgebaut und die Aussenanlage mit verschiedenen Terrassen gebildet. Aber wir badeten auch viel im See, genossen es, im Ruderboot Ausfahrten zu machen und unternahmen Wanderungen auf die Jurakette. Ein besonderer Moment war an jenem Sommertag des Jahres 1969, als der Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. Gespannt verfolgten wir mit einem Transistorradio dieses sensationelle Ereignis.
Als mein Vater pensioniert wurde, hielten sich meine Eltern immer wieder am Neuenburgersee auf. Mit der Zeit wurden jedoch die Gartenarbeiten mühseliger und das Bedürfnis stärker, nur noch einen Lebensmittelpunkt, nämlich denjenigen in Basel zu haben. Sie verkauften das Chalet.

Im Schulhaus Hirzbrunnen war die Primarschule untergebracht. Es lag zusammen mit der Sportanlage als ein alleinstehendes Gebäude mitten in einer Ackerlandschaft zwischen Riehen und Basel. Unser Schulweg führte zuerst der viel befahrenen Bäumlihofstrasse entlang und mündete anschliessend in die schmale Strasse «Zu den drei Linden», auf der wir neben einem weiten Feld zum Schulhaus gelangten. Tief eingeprägt haben sich mir die Bilder mit den Naturerlebnissen der verschiedenen Jahreszeiten auf dem Weg zur Schule: die sommerliche sengende Hitze, der herbstliche Regen mit den frisch heruntergefallenen Blättern der grossen Lindenbäume an der Allee der Bäumlihofstrasse, der geheimnisvolle dichte Nebel, der jede Sicht in die Weite unterband, das Waten im Schnee der Winterlandschaft, die alle Geräusche nur noch dumpf hören liess.
Unsere Lehrerin, «Fräulein Hayoz», wie wir sie nannten, schätzten wir überaus. Sie war eine ruhig, sachlich und klar auftretende Person, ohne Allüren und mit viel natürlicher Autorität und Selbstsicherheit. Ich fühlte mich bei ihr immer gut aufgehoben und ihr Unterricht war lebendig und abwechslungsreich.
Ich war ein eher mittelmässiger Schüler. In meiner Erinnerung habe ich nur einmal «geglänzt»: Aufsätze zu schreiben war eigentlich nicht meine Stärke. Nach dem Besuch unserer Schulklasse in der Jowa-Grossbäckerei in Birsfelden mussten wir einen Aufsatz schreiben, der jedoch so gut war, dass ihn unsere Lehrerin vor der Klasse vorlas. Natürlich war ich stolz, genierte mich aber ein wenig. Die Führung durch die Grossbäckerei mit ihren riesigen Backöfen, Teigkesseln, dem Öl-Bad mit den schwimmenden Schenkelis, den Verpackungsmaschinen und dem abschliessenden Kakaogetränk mit Gutzis und Kuchenstücken beeindruckte mich so sehr, dass ich die Bilder und Stimmungen lebendig auf das Papier übertragen konnte.

Die Realschule besuchte ich in den Schulhäusern Sandgrube und Wettstein. Meine Erinnerungen daran sind eher blass. In der Handarbeit durften wir tolle Modellflugzeuge bauen. Weniger erfreulich war das Erlebnis, wo ich von Schulkameraden zusammengeschlagen wurde, weil ich Klassenbester war.
Aber eine Erfahrung behalte ich in sehr wacher und schmunzelnder Erinnerung: Im Physikunterricht behandelten wir die physikalischen Kräfte und speziell die Pendelbewegungen. Dabei ging es auch um das Thema, wieweit wir Vertrauen in die naturwissenschaftlichen Gesetze der Physik haben. Der Lehrer demonstrierte ein Experiment. Er befestigte an der Decke des Schulzimmers eine Schnur und verknotete am unteren Ende der Schnur, etwa auf der Höhe des Kinns einer Person, ein Metallgewicht. Nun fragte er die Klasse, wer sich als Versuchsperson zur Verfügung stellen wolle, um das eigene Vertrauen in die Physik zu beweisen. Die bereitwilligen Schüler stellte er auf die eine Seite des Pendelschlags, aber so weit an der Seite, dass das hin und her schwingende Pendelgewicht das Kinn des Schülers nicht mehr berühren konnte. Der Schüler konnte nun mit offenen Augen beobachten, wie sich das Gewicht zuerst von ihm weg- und anschliessend wieder zu ihm hinschwang. Die Aufgabe war, sich beim herannahenden Pendelgewicht nicht zu bewegen, eben um zu zeigen, dass man der Physik und den Gesetzen der Pendelbewegung vertraute. Natürlich gelang es keinem Schüler, sich bewegungslos zu halten. Der Reflex, vor dem herannahenden Pendelgewicht zurückzuweichen, war stärker als das Vertrauen in die Physik. Nun wollte ich zeigen, dass ich besonders vertrauensvoll war. Ich meldete mich als Versuchsperson und stellte mich genau in die richtige Position. Beim Herannahen des Pendels schloss ich die Augen – aber oh weh, das Pendelgewicht schlug an mein Kinn, unter schallendem Gelächter der Klasse! Was war passiert? Ohne es zu merken, bewegte sich mein Körper, während die Augen geschlossen waren, etwas nach vorne und geriet dadurch in die Pendelbahn. Und die Moral aus der Geschichte? Vertrauen ist gut, aber es darf niemals blind sein!
Offenbar habe ich in diesen Jahren etwas «den Knopf aufgetan». Ich konnte das vierte Jahr der Realschule in der so genannten Übergangsklasse 4U des Schulhauses an der Rittergasse absolvieren. Diese Spezialklasse diente als Abklärungsjahr für den Übertritt in die Kantonale Handelsschule. Insbesondere konnte geprüft werden, ob eher ein Eintritt in die Diplom- oder in die Maturitätsabteilung (heute Wirtschaftsgymnasium) der Handelsschule ratsam war. Ich traf in diesem Übergangsjahr auf ausgezeichnete Lehrer und konnte danach prüfungsfrei in die Maturitätsabteilung eintreten.

Der Besuch der Maturitätsabteilung der Kantonalen Handelsschule entsprach einem Vernunftsentscheid. Zu den Lehrern mit ihren unterschiedlichen Charakteren hatten wir ein gutes Verhältnis und den Schulbetrieb erlebte ich erträglich. Dass ich den Schulpflichten nur mit wenig Begeisterung nachkam, lag an meiner persönlichen Motivation. Sie war von der Frage überlagert, die mich zeitweise geradezu quälte: Was will ich werden? Die üblichen Bubenträume von Lokomotivführer und Pilot waren verblasst. Ich konnte keine Wissensbereiche ausloten, zu denen ich mich besonders hingezogen fühlte und deren entsprechende Schulfächer mich besonders interessiert hätten. Umgekehrt fehlten mir praktische, lebensnahe Herausforderungen. Das zeitweilige Vakuum ging sogar so weit, dass ich mich in einer Phase beinahe zu einer Lehre als Klavierbauer entschloss. Nur die schlechten Verdienstmöglichkeiten in diesem Beruf hielten mich am Ende davon ab. So bewegte ich mich mehr pflichtbewusst als überzeugt zum Schulabschluss. Die Noten des Maturitätszeugnisses belegen es: alles Vierer und Fünfer, keine Drei und keine Sechs.
In meine Mittelschulzeit fielen auch die Auf- und Umbrüche im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung. Die politischen Ideen und Impulse der Neuen Linken und Gegenkulturen drangen auch in unser Klassenzimmer ein und schufen eine aufmüpfige Atmosphäre mit neuen, veränderten Opportunitäten. Es war auch die Zeit, in welcher der bahnbrechende Bericht des Club of Rome erschien, der auf den Ressourcenverbrauch der Wohlstandsländer und die nur begrenzt verfügbaren Rohstoffe der Erde hinwies. Das Buch «Die Grenzen des Wachstums» wurde als Alarmzeichen aufgefasst, das breit einschlug. Ich erinnere mich noch gut, wie unser strenger Französischlehrer, in dessen Unterricht ausser Grammatik und Literatur sonst nichts anderes Platz hatte, eines Tages die Französisch-Stunde mit dem Hinweis eröffnete, dass es ausser der Französisch-Grammatik noch Wichtigeres gäbe und er in dieser Lektion darüber berichten wolle. Und er holte aus und unterrichtete über den Bericht des Club of Rome. Das fuhr bei uns allen ein.
Selbst war ich nicht politisch aktiv. Die neuen politischen, ökologischen und weltanschaulichen Strömungen beschäftigten mich jedoch stark und ich führte in mir intensive Auseinandersetzungen, um Orientierung und Bodenhaftung zu bekommen.

Es war die Sehnsucht nach der Schifffahrt und die damit verbundenen Erlebnisse, die mich durch die Teenager-Jahre begleiteten und mein Leben würziger machten. Der stille und unaufhörliche Wasserfluss des Rheins, der Blick vom Dreiländereck in die unbekannte Weite rheinabwärts, wie die Schiffe mit ihren brummenden Motoren kraftvoll den Strom durchpflügten, das alles übte eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Unzählige Male fuhr ich auf meinem Velo über die Brücke des Kraftwerks Birsfelden zur Schleusenanlage, der dumpf rumorenden Turbinenhalle entlang, und konnte mich kaum sattsehen, wie die Schiffe in das Schleusenbecken einfuhren, über mehrere Meter hochgehoben wurden und die Schleuse in Richtung Grenzacher Horn und Auhafen verliessen.
An Samstagnachmittagen fuhr ich per Velo oft zum Kleinhüninger Rheinhafen, überquerte auf der Autofähre den Fluss von Weil am Rhein nach dem französischen Huningue und radelte anschliessend am Flussrand rheinabwärts zu den Kembser Schleusen. Dort schmuggelte ich mich in den nicht zutrittsberechtigten Schleusenbereich hinein und fragte die Kapitäne auf den abfahrtsbereiten Schiffen, ob ich bis Basel mitfahren dürfe. Stets wurde ich bereitwillig auf das Schiff aufgenommen. Wenn ich Glück hatte, war das Ziel nicht nur der Kleinhüninger Rheinhafen, sondern der Birsfelder Auhafen, was mir zusätzlich die Fahrt durch Basel hindurch und die Schleusung in Birsfelden bescherte.
Doch ich wollte auch aktiv mit der Rheinschifffahrt in Berührung kommen. Die Schweizerische Reederei AG ermöglichte es Schülern, auf ihren Schiffen eine Schnupperlehre zu absolvieren, um eine mögliche Wahl des Matrosenberufs zu prüfen. Obwohl ich dies nicht beabsichtigte, war die Reederei bereit, mir als Mittelschüler eine Schnupperlehre zu ermöglichen. Durch die von der Reederei vorgegebene Mindestdauer konnte ich sogar mit Dispens die Schulsommerferien verlängern. Ich wurde dem Tankschiff «Artemisia» zugeteilt. Wir transportierten jeweils 1'200 Tonnen Dieselöl oder Rohbenzin rheinaufwärts, zu Beginn meist von Strassburg oder Kehl nach Basel. Gegen Ende meiner Schnupperlehre bekamen wir Order von Amsterdam nach Basel. Das war ein Höhepunkt. Ich lernte die ganze Rheinstrecke ein wenig kennen; es reichte sogar für einen zweistündigen Aufenthalt in der Stadt Amsterdam.
Wir hatten lange Arbeitstage. Der Schleusen- und Schiffsbetrieb lief in der Regel von 5 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Nach der ersten Schleusung ging es zuerst ans Deckwaschen. Anschliessend hatte ich das Frühstück zu richten. Es folgten verschiedene Deckarbeiten wie Rost klopfen, malen, putzen, und immer wieder kochen. Mit einem Gaskocher liessen sich dreierlei Gerichte kochen, also beispielsweise Braten, Kartoffelstock und Gemüse. Immer wieder mussten wir im Maschinenraum von Hand die Wasserpumpe für das Trinkwasser betätigen, um auf dem Schiff den Wasserdruck aufrechtzuerhalten. Bei voll laufenden Motoren und hochsommerlichen Temperaturen kamen wir neben den heissen Maschinen ganz schön ins Schwitzen. Die Krönung eines Tages war, als der Kapitän mich nach Feierabend bei nautisch anspruchslosen Streckenabschnitten an das Steuer liess. Es war ein erhebendes Gefühl, wie das schwere Schiff nach meinen Drehungen des grossen Steuerrads zwar träge, aber augenblicklich reagierte.
Damit war meine Schifffahrts-Sehnsucht noch nicht gestillt. Anlässlich eines Ausflugs zur Birsfelder Schleuse kam ich mit dem Maschinisten des Schubboots «Gefo Hamburg» ins Gespräch. Er berichtete, dass sie immer wieder einmal einen Studenten an Bord hätten, der während seiner Ferien an Bord arbeite und sich so sein gutes Taschengeld verdiene. Ich solle mich doch einmal beim Betriebsbüro in Duisburg melden. Gesagt, getan. Es klappte reibungslos. Zu Beginn der nächsten Herbstferien reiste ich im Nachtzug nach Duisburg und meldete mich beim Betriebsbüro. Mit dem Reedereidisponenten fuhren wir im Auto nach Rotterdam, wo das Schubschiff im Dock lag, da eine kurze Unterhaltsarbeit durchzuführen war. Anderntags wurde das Schiff zu Wasser gelassen und die Fahrt ging los.
Der Schubverband bestand aus vier motorlosen Schiffen, Schubleichter genannt, die vom Schubboot gestossen wurden. Pro Schubleichter konnten ca. 2'500 Tonnen Flüssigfracht transportiert werden, total also 10'000 Tonnen. Das Schubboot enthielt die Mannschaftsräume, die Küche und den Schiffsmotor. Die Mannschaft umfasste zwei Kapitäne, zwei Steuermänner, einen Koch, einen Maschinisten und Matrosen. Der Betrieb lief während 24 Stunden und war in Arbeitsschichten à sechs Stunden aufgeteilt. Nach zwei Wochen kam eine neue Mannschaft an Bord und die abgelöste ging für ebenfalls zwei Wochen in die arbeitsfreie Zeit.
Mit der Gefo Hamburg befuhren wir Wasserwege, die ich noch nicht kannte. Von Rotterdam aus ging es auf den belgischen Wasserstrassen nach Gent und Antwerpen. Dann transportierten wir die Ladung bis nach Koblenz, wo wir infolge des trockenen Herbsts mit den tiefen Wasserständen unsere Flüssigfracht auf kleinere Schiffe umpumpen mussten. Meine Schicht endete in Düsseldorf; die Bahn brachte mich wieder nach Basel zurück.
Mit meinen Unternehmungen in der Rheinschifffahrt konnte ich nicht nur meine Sehnsüchte ausleben, sondern möglicherweise auch ein Menschenleben retten. An einem trüben Nachmittag mit wenig Passantenverkehr fuhr ich wieder einmal über die Brücke beim Kraftwerk Birsfelden in Richtung Schleuse. Im leisen Rauschen des aus den Turbinen tretenden Wasserstroms meinte ich eine menschliche Stimme zu hören. Ich hielt an und schaute auf die tief unten liegenden Wasserwirbel. Darin schwamm ein Mann und rief um Hilfe. Ich eilte zum Verwaltungsgebäude des Kraftwerks. Mit dem Betriebsleiter liefen wir durch die unterirdischen Gänge unter der Turbinenhalle und öffneten eine Luke in unmittelbarer Nähe zum Wasser. Von dort konnten wir den Mann aus seiner gefährlichen Lage ins Trockene ziehen. Wie sich rasch herausstellte, hatte er einen Suizidversuch unternommen und sich von der Brücke aus in die Wasserwirbel gestürzt. Durch den Schock des Erlebten erwies sich sein Überlebenstrieb jedoch als die stärkere Kraft.

Meine ersten Berufsabsichten zielten auf einen sozialen Beruf. Dazu ergriff ich das Studium der Rechtswissenschaften in Basel. In den damaligen 1970-er Jahren prägten wirtschafts- und gesellschaftskritische Auseinandersetzungen die öffentliche Diskussion. Es boten sich verschiedene Themen an: Ölkrise, Umweltschutz, Vietnamkrieg und Feminismus.
In einem solchen gesellschaftspolitischen Umfeld waren bei uns Jungen geld- und karriereorientierte Berufsziele geradezu verpönt. Viele engagierten sich für soziale oder politische Anliegen. Wir bildeten mit Studentinnen und Studenten eine Besuchergruppe, die Spitalpatientinnen und -patienten mit nur wenigen sozialen Kontakten regelmässig besuchte. In den Ferien beteiligte ich mich an Freiwilligeneinsätzen des Service Civil International (SCI), so beim Kinderheim von Terre des hommes in Massongex (Wallis) und einem Heim für behinderte Kinder in der Nähe von Paris. In der Drittwelt-Problematik wirkte ich in der Ortsgruppe Basel der «Erklärung von Bern» mit, wo wir Podiumsgespräche und Öffentlichkeitsaktionen durchführten, die auf das Ungleichgewicht von Industrie- und Entwicklungsländern aufmerksam machten.
Die Jahre meines Alters von 20 bis 23 waren auch eine Zeit des religiösen Suchens und Vertiefens. Ich hatte kein spektakuläres Berufungserlebnis, sondern verstand Religiosität als naheliegenden Aspekt von Ganzheitlichkeit, ein Thema, das den Menschen übergreift und gleichzeitig seinen innersten Lebenskern bildet. Nach und nach reifte auch meine Absicht, ein Berufsbild mit religiösen Inhalten anzustreben. Ich beteiligte mich an den Aktivitäten der katholischen Studentengemeinde in Basel und stand in einem beratenden Kontakt mit den verantwortlichen Jesuitenpatres.
Mit einer entwicklungspolitischen und religiösen «Motivationsmixtur» entschied ich mich, mein Rechtsstudium nach sechs Semestern und abgeschlossenem Vordiplom abzubrechen und in Luzern das Theologiestudium zu beginnen. Die Missionsgesellschaft Bethlehem, Immensee, erwies sich mir als Organisation, die seelsorgerische und fachliche Einsätze in der Entwicklungszusammenarbeit in verschiedenen Ländern der Dritten Welt zeitgemäss und nachvollziehbar durchführte. Somit trat ich, gleichzeitig mit dem Theologiestudium, in das Abklärungsjahr der Missionsgesellschaft ein. Dieses fand im Missionsseminar Schöneck statt, das ebenfalls in Luzern lag.
Es war ein kühner Entscheid, getragen von Idealismus und Illusionen.

Anfänglich verlief das Theologiestudium sehr produktiv und ich war hoch motiviert. An der Theologischen Fakultät in Luzern lernte ich solide katholische Theologie kennen und die Ausbildungsverantwortlichen des Seminars engagierten sich redlich, uns Studenten spirituell zu begleiten. Gleichwohl geriet ich nach zwei Jahren nach dem absolvierten Vordiplom in ein Problem hinein, das ich subjektiv als «Stopfgans-Phänomen» bezeichnen würde. Die Überfütterung mit theoretischer Theologie wurde für mich unverdaulich und führte zu einer Art Burnout. Mithilfe einer kurzen psychologischen Beratung kam ich zum Entscheid, das Studium abzubrechen und meine berufliche Zukunft neu zu planen.
Den damaligen Entscheid halte ich auch heute für richtig. Damals war ich sehr verwirrt, heute sehe ich die Zusammenhänge klarer. Ich übersah oder unterschätzte, dass mit der Wahl eines klerikalen Berufs gleichzeitig der Eintritt in eine Welt mit ihren eigenen Sozialisierungsanforderungen verbunden ist. In dieser Welt wird eine eigene Sprache gesprochen und werden eigene Riten gepflegt. Dies gilt es nicht nur zu akzeptieren; mit dieser Welt muss man sich anfreunden können und in ihr heimisch werden. Je weiter das Theologiestudium voranrückte, desto mehr begann sich der Freigeist in mir zu regen und verwies mich in den Laienstand. Ich musste zum Schluss kommen, dass mir säkulare Freiräume und eine Arbeit in weltlichen Institutionen wichtig waren.
Aus den beiden Jahren des Theologiestudiums konnte ich eine Menge mitnehmen: theologisches und methodisches Wissen, Verständnis, wie kirchliche Institutionen «funktionieren», einen erweiterten Blickwinkel dafür, gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen mitzuverfolgen. Vom «Proviant» dieses Rucksacks konnte ich während meines ganzen weiteren Lebens zehren.

Nach dem Abbruch des Theologiestudiums musste ich mich beruflich neu orientieren und auf die damit verbundenen fundamentalen Fragen neue Antworten finden: Wie mache ich mich nützlich? Auf welchen Fähigkeiten baue ich auf? Wo finde ich Beschäftigungsmöglichkeiten? Was kommt in Frage, was nicht? Zunächst war mir klar, dass ich keine weiteren Universitätsstudien mehr verfolgen wollte. Fünf Jahre Hörsäle waren genug. Auch hatte ich kein konkretes Berufsziel vor Augen, das ein abgeschlossenes juristisches Studium voraussetzte. Mein Drang, praktische Arbeit anzupacken, war stärker als die Vorstellung weiterer theoretischer Ausbildung. Ich kann mich noch gut an jenen Morgen erinnern, an dem ich auf der Mittleren Rheinbrücke den Rhein von Kleinbasel nach Grossbasel überquerte und mir dabei klar wurde: Wie ich von einem Ufer zum anderen ging, hatte ich nun den Schritt von der Theorie in die Praxis zu vollziehen.
Doch was sollte der nächste Schritt sein? Nach ein paar Irrläufen nahm ich Kontakt mit der Stellenvermittlung der Kantonalen Handelsschule auf. An jener Schule hatte ich die Matura absolviert und aufgrund des damaligen Fächerkatalogs galt die Matura gleichzeitig als anerkannte kaufmännische Ausbildung. Der Handelslehrer, der die Stellenvermittlung führte, machte mich auf eine für zwei Jahre finanzierte Projektstelle in der Psychiatrischen Universitätsklinik aufmerksam. Der dortige Personalchef suchte einen Projektbearbeiter, der die Organisation der Personalabteilung überprüft, Verbesserungsvorschläge entwickelt und einführt, sowie bei einer Reihe von Anstellungsverhältnissen die Pensionskassenverhältnisse gemäss den Vorschriften anpasst. Das war genau das Richtige für mich. Dankbar nahm ich dieses Angebot mit dem Lohn einer Personalsekretärin an, übernahm als Erstes das Personalsekretariat während der Ferienabwesenheit der Personalsekretärin und lernte so den Betrieb von der Pike auf kennen. Nachdem ich die ersten Projekte bearbeitet hatte, wechselte der Personalchef die Stelle. Ich übernahm während einer Interimsphase seine Funktion und arbeitete den Nachfolger in seine Aufgaben ein. Vor Ablauf der befristeten Projektstelle fragte mich der Verwaltungsdirektor an, ob ich Lust hätte, meinen Einsatz in der Klinik noch etwas zu verlängern und ein paar Projektarbeiten in seinem Aufgabenbereich zu übernehmen. Ich willigte gerne ein.
Nach dem Abbruch des Theologiestudiums war diese befristete Projektstelle das Eingangstor in meine neue Berufsphase. Nicht nur konnte ich wertvolle Arbeitserfahrungen sammeln, sondern auch wichtige Kontakte gewinnen, die später weitere berufliche Wege eröffneten. So lernte ich an Arbeitssitzungen den Personalchef des Kantonsspitals Basel, heute Universitätsspital Basel kennen, der mich zu einem späteren Zeitpunkt anfragte, ob ich interessiert sei, die Stelle des Leiters Personelles Ärzte zu übernehmen. Die bisherige Stelleninhaberin, die gleichzeitig seine Stellvertreterin war, hatte gekündigt. So kam ich in das damalige Kantonsspital und führte während ein paar Jahren zuerst das Personelle der Berufsgruppe der Ärzte, und anschliessend dasjenige des Pflegedienstes. In einem anderen Kontakt und in einer anderen Phase bot mir der Verantwortliche für Organisationsprojekte des Kantonalen Personalamts an, bei verschiedenen Organisationsanalysen in diversen Departementen der Kantonsverwaltung mitzuwirken. Auch hier stieg ich ein und konnte meinen Erfahrungsschatz ausbauen.
In diesen Jahren waren mir auch berufliche und persönliche Weiterbildung sowie autodidaktisches Lernen wichtig. Zwischen Arbeitsstellen oder freiberuflichen Aufträgen gab es immer wieder nicht belegte Wochen oder Monate. Nebst arbeitsbezogenen fachlichen Weiterbildungskursen besuchte ich Seminare mit psychologischen und weltanschaulichen Themen. Ein wichtiger Schwerpunkt war die Themenzentrierte Interaktion (TZI), ein von Ruth Cohn in den 1950-er Jahren entwickeltes Konzept zur Arbeit in Gruppen und Teams. Es gründet auf der humanistischen Psychologie und fördert das Zusammenwirken von sozialem Lernen, persönlicher Entwicklung und dem Erreichen von Arbeitszielen. In den Seminaren wird nicht nur Theorie vermittelt. In Übungen wird erfahrbar gemacht, wie rasch in Teambeziehungen Konflikte entstehen können, die ans Eingemachte gehen. Unvergesslich ist mir die Sequenz in einem Seminar über «Corporate Culture» mit der Seminarleiterin Dr. Helga Hausmann, wo wir in Übungen zum Thema «Machtanspruch und Arbeitsleistung» experimentierten. Dabei zeigte sich, wie bei der Bearbeitung einer anspruchsvollen Aufgabe die Gruppe mit wenig machtambitionierten Mitgliedern viel effizienter vorankam, während sich die Personen in der Gruppe der Machtbewussten vorwiegend Wortgefechte lieferten und gegenseitig blockierten. Angesichts ihres mageren Arbeitsergebnisses schluckten die Machthungrigen leer.
Im Jahr 1988 lernte ich meine Frau Nelly kennen. Sie bekleidete damals in Zürich eine interessante und vielseitige Projektleiterinnen-Stelle. Ein Jahr später entschieden wir uns, zusammenzuziehen. Ich beendete meine Tätigkeiten in Basel, löste meine Wohnung auf und zog in ihre Wohnung in Zürich.
In Zürich betätigte ich mich im Bereich der Personalberatung und der instrumentengestützten Personalentwicklung. Zu den Aufträgen gelangte ich vornehmlich durch Kontakte im persönlichen Beziehungsnetz. Mit einem ehemaligen Arbeitskollegen, der sich als Informatiker selbständig gemacht hatte, entwickelten wir gemeinsam computergestützte Instrumente für die Erfassung von Persönlichkeitsprofilen. Sie basierten auf den Persönlichkeitstypen nach Fritz Riemann.
Die Jahre des Suchens und Experimentierens endeten in einer körperlichen Krise mit einer gravierenden Darmentzündung. Diese musste in einem mehrtägigen Spitalaufenthalt behandelt werden. Die Erkrankung war ein Warnzeichen, dass ich in meinem Leben etwas ändern, das heisst meine Berufsarbeit neu bestimmen musste.

Meine Konsequenz aus meiner Erkrankung war: zurück in die Organisation! Das richtige Umfeld, meine Stärken einbringen zu können, war nicht eine berufliche Selbstständigkeit, sondern eine bestehende Organisation.
Ich knüpfte an frühere Kontakte an und erhielt vom damaligen Geschäftsstellenleiter von Spitex Basel ein Angebot für eine auf zwei Jahre befristete Projektstelle. Trotz des langen Arbeitswegs von Zürich nach Basel ergriff ich diese Chance. Zum einen gab es verschiedene Projekte und Abklärungen der zentralen Geschäftsstelle zu bearbeiten, beispielsweise im Zusammenhang mit der Qualitätssicherung, der Entwicklung der Einsatzflexibiliät des Personals und der Schaffung eines Pflegeinterventionsteams. Zum anderen übernahm ich im Rahmen eines Management-auf Zeit-Auftrags interimistisch die Führung eines Spitex-Quartierzentrums. Die führungsbezogene Situation war in diesem Betrieb infolge verschiedener Konflikte schwierig geworden, sodass vor einer Neubesetzung der Leiterinnenstelle ein vorübergehendes Turnaround-Management nötig war. Dieser Einsatz war anspruchsvoll, aber gerade deswegen äusserst wertvoll für mich. Hier konnte ich bewirken, eine betrieblich zerfahrene Situation mit analytischem und integrativem Vorgehen zu entspannen und bei den Mitarbeitenden die Arbeitsmotivation zu verbessern.
Als sich der Ablauf der befristeten Anstellung näherte, suchte ich im Raum Zürich eine neue Aufgabe und kam so in die Stadtverwaltung Schlieren. Dort galt es, die neu geschaffene Stelle für das Personal- und Organisationswesen aufzubauen, die Führungskräfte in Fragen der Personalführung zu unterstützen und in Reorganisationsprojekten mitzuwirken.
Nach vier Jahren Arbeit in Schlieren folgte mein wichtigstes Engagement in einer Organisation, nämlich in der Gemeindeverwaltung Meilen. Es dauerte bis zu meiner Pensionierung ca. 15 Jahre. Wie kam es dazu?
Meine Frau und ich suchten eine neue Wohnung, da sich meine Frau selbständig machte und wir für ihre Arbeit ein zusätzliches Zimmer benötigten. In der Stadt Zürich eine bezahlbare grössere Wohnung zu finden war kaum möglich. Deshalb richteten wir uns auf die Agglomeration und den Markt für Wohneigentum aus. In Uetikon am See stiessen wir auf ein passendes Projekt und kauften ab Plan eine Wohnung. Zwei Jahre später konnten wir einziehen. Während des Umzugs fand ich auf der leeren Bank meiner S-Bahn, die mich von Schlieren nach Hause (noch) in Zürich fuhr, einen Stellenanzeiger des Zürcher Tagesanzeigers. Halb gelangweilt, halb neugierig blätterte ich durch die Seiten – und siehe da, die Gemeindeverwaltung Meilen, also die Nachbargemeinde von Uetikon am See, suchte einen Gemeindeschreiber-Stellvertreter mit fundierten Kenntnissen und Erfahrungen im Personalwesen. Als ich aus der Bahn ausstieg, war mir klar: da musste ich mich bewerben!
Die Dokumente für eine Bewerbung waren zwar bereits in den Zügelschachteln eingepackt, aber dank guter Zügelorganisation liess sich doch noch ein Dossier zusammenzustellen. Unmittelbar nach Posteingang meiner Bewerbung in der Gemeindeverwaltung versuchte der Personalverantwortliche, mich telefonisch zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen, aber unser Telefon war in der neuen Wohnung noch gar nicht angeschlossen. Nach mehreren Anläufen kam unsere Verbindung zustande, und in raschen Schritten auch die Anstellung.
In der Gemeindeverwaltung Meilen fand ich einen Ort, wo ich während verhältnismässig langer Zeit konstant erfreulich und ergiebig wirken konnte. In einem kompetenten und vertrauensvollen Führungsumfeld konnte ich meine Stärken einbringen und als Quereinsteiger mich in neuen Aufgabenfeldern kundig machen. Angestellt wurde ich als Gemeindeschreiber-Stellvertreter, Leiter der Präsidialabteilung und Personalleiter. Die Entwicklung in den verschiedenen Aufgabengebieten führten dazu, dass ich immer mehr für gesamtbetriebliche Projekte eingesetzt wurde, beispielsweise bei der Einführung einer elektronischen Geschäftsverwaltung, bei einer Serie von Umzügen der Gemeindeverwaltung anlässlich des Baus des neuen Gemeindehauses und einer damit verbundenen Provisoriumsphase, oder bei der Einführung der kommunalen Pflegefinanzierung im Zusammenhang mit einer neuen Gesetzgebung. So veränderte sich mein Aufgabenfeld dauernd, was ich sehr schätzte.
Im Jahr 2017 erreichte ich das Pensionierungsalter. Ich bearbeitete noch diverse Projekte und anspruchsvolle Sachgeschäfte, bei denen mein Erfahrungshintergrund besonders nützlich war. Schrittweise zog ich mich aus der Erwerbsarbeit zurück.

Mich interessierten immer Fragen rund um das Schreiben und über die methodische Entwicklung von Texten. Beeindruckt verfolgte ich die Ergebnisse der Hirnforschung, die aufzeigten, wie wichtig es ist, bei der Entwicklung von Texten die beiden Hirnhälften, das heisst das begriffliche und das bildliche Denken miteinander zu verbinden. Gelingt dies, können lebendige Texte entstehen und das Schreiben selbst gestaltet sich flüssig. Gelingt es nicht, werden Texte rasch kompliziert oder abstrakt, und das Formulieren wird mühsam erlebt. Der Weg zu lebendigen und aussagekräftigen Texten lässt sich mit methodischen Schritten unterstützen.
Um diesen Ansatz zu fördern, entwickelte ich für den Berufsverband VZGV (Verein Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute) einen halbtägigen Kurs, in welchem ich die Teilnehmenden in das methodische Verfassen komplexer Verwaltungstexte einführte, beispielsweise für Gemeinderatsbeschlüsse oder beleuchtende Berichte für Gemeindeversammlungen. Dabei galt es, zuerst die Inhalte zusammenzustellen und danach mit der Formulierungsarbeit zu beginnen. Erst im dritten Schritt wurde der Text in Stil und Orthografie perfektioniert. Für die Bildung der Inhalte vermittelte ich Methoden, die aus der Hirnforschung entstanden sind, insbesondere das Mindmapping und das Clustering.
Mit Beispielen übten wir die Grundsätze ein. Es war schön zu verfolgen, wie manchen Teilnehmenden ein Aha-Erlebnis widerfuhr. Die Kurse waren immer gefragt und gut belegt.
Übrigens: Schon die alten Römer erkannten, dass das Verfassen eines Textes eine geistig komplexe Angelegenheit ist, die man dank methodischen Schritten effizienter in den Griff bekommt. Von Cato dem Älteren, einem römischen Feldherrn und Schriftsteller (234-149 v. Chr.), stammt der Satz: «Beherrsche die Sache, dann folgen die Worte».

Auf Nelly traf ich vor 37 Jahren in einer Weiterbildungswoche in Boppard am Rhein (D) zu verschiedenen persönlichkeitsbezogenen Führungsthemen. Ihre eigenständige und offene Art beeindruckte mich sofort. Diese Frau wollte ich näher kennenlernen. In einer Gruppenarbeit zu zweit kamen wir – anstatt den Arbeitsauftrag zu erledigen – sofort in ein wunderbar fliessendes Gespräch. Da funkte es auch zwischen uns. Ein Jahr später zogen wir in ihrer Wohnung in Zürich zusammen und zwei Jahre später heirateten wir.
Nelly ist neun Jahre älter als ich und führt mit mir ihre zweite Ehe. Wir sind kinderlos. Abgesehen von unserem vorgerückten Alter zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens sind wir beide davon überzeugt, dass unsere Beziehung eine andere Aufgabe als die Gründung einer Familie hat. Wir beide haben Lebensläufe mit etlichen Kurven und Rissen, und es ist für beide ein Geschenk, in einer engen Partnerschaft einander stützen, unterstützen, ermutigen, hinterfragen, warnen und anregen zu können. In unzähligen Gesprächen haben wir den Boden dazu legen können. Unsere Beziehung ist zu einer «Entwicklungswerkstatt» für die Bearbeitung unserer Lebensthemen geworden.
Über meinen eigenen Weg habe ich vorstehend einiges erzählt. Nelly hat nach ihrer Lehre als damals genannte Apothekerhelferin bald geheiratet und nach ihrer Scheidung ihre berufliche Laufbahn aufgebaut. Nach einer Ausbildung zur Kosmetikerin EFZ führte sie ein Kosmetikinstitut und lehrte ihr Fach an einer renommierten Zürcher Kosmetikfachschule. Anschliessend unterrichtete sie Erwachsene in einer Abendschule und trat dann als Fachausbilderin und Kursleiterin für Mitarbeitende und Lernende in ein grosses Detailhandelsunternehmen ein. Sie absolvierte zahlreiche Weiterbildungskurse und Lehrgänge im Textilfach, in Erwachsenenbildung, in Systemischer Supervision und Organisationsentwicklung sowie in Coaching, Kommunikation und Konfliktbearbeitung. Zuletzt arbeitete sie während sechs Jahren als Abteilungsleiterin in einer Führungsfunktion mit direktunterstellten Mitarbeitenden. Ihr Aufgabengebiet umfasste verschiedene betriebsinterne Fach-, Führungs- und Personalentwicklungsprojekte.
Beide sind wir entwicklungsorientierte Menschen, was nicht unbedingt eine hierarchische Karriere bedeuten muss. Mit einer gemeinsamen Wertebasis waren wir uns in Entscheidungssituationen immer einig, welches die richtigen und welches die falschen Kompromisse waren bzw. gewesen wären. Beide haben wir auch Krisen und belastete Phasen durchlebt, die vom Partner oder der Partnerin immer auch mitgetragen wurden. Das «Timing» dieser Krisen war aber «passend»: Als ich am Ende meiner beruflichen Experimentierphase in gesundheitliche Probleme schlitterte, stand Nelly auf beruflich stabilem Boden, und als Nellys Abteilung unter widrigen Umständen aufgelöst wurde und sie sich beruflich neu orientieren musste, konnte ich ihr aus meiner konsolidierten Situation heraus Rückhalt und Hilfeleistung bieten.
Es ist für mich ein grosses Geschenk, mit Nelly durch das Leben gehen zu dürfen. In unserem Alltag haben wir viele unterschiedliche Betätigungen, Interessen, Rhythmen und Ansichten, beide brauchen ihre Freiräume. Aber immer gibt es wieder das Zusammenkommen, das Einanderfinden, Einanderfördern und Einanderhelfen.

Ich bin kein geborener Schauspieler und überhaupt nicht extravertiert. Umso mehr konnte ich dreimal von schauspielerischen Aktivitäten profitieren. Wie kam es dazu?
Als ich meine Frau Nelly kennenlernte, lebte sie in Zürich-Witikon und übte als Mitglied des Theaters Witikon ihre Hauptrolle als Agafja im Stück «Die Heirat» von Nikolaj Gogol ein. Ich wechselte meinen Wohnsitz von Basel nach Zürich und wir zogen in ihrer Wohnung zusammen. Etwas zögerlich liess ich mich vom Theaterfieber der Theatergruppe infizieren: die Regisseurin konnte mich zu einem ersten «Experiment» überzeugen. Daraus wurden drei Aufführungen.
Meinen ersten Auftritt hatte ich im Rahmen einer Theater-Collage zum Thema Fremdenfeindlichkeit. Eine Szene darin war «Der Spitzel» aus dem Theaterstück «Furcht und Elend des Dritten Reiches» von Bertolt Brecht. Ich spielte den Ehemann eines paranoiden Ehepaars, das befürchtet, ihr kleiner Sohn, der Mitglied der Hitlerjugend ist, könne sie anzeigen, da der Ehemann regimekritische Ansichten vertrat. Das Stück verdeutlicht, wie Misstrauen Familien spalten kann. In einer zweiten Rolle war ich im Theaterstück von Curt Goetz «Der Lügner und die Nonne» ein Kardinal, der sich am Ende als Vater eines Sohnes entpuppte. Und heiterer ging es in Carlo Goldonis «Mirandolina» zu und her, wo ich als verarmter Marchese zusammen mit anderen Nebenbuhlern eine ledige Gasthofpächterin umgarnte.
Unsere Regisseurin war die unerbittlich kritische Verena Grendelmeier, damals breit bekannt als Journalistin, Fernsehmoderatorin und Nationalrätin des Landesrings der Unabhängigen (LdU). So streng sie war, so wertschätzend und fördernd war ihr enormes Engagement in den zahlreichen Theaterproben, mit einem feinen Gespür für eine präzise Sprache und einem wachen Auge für jede unechte Darstellung einer Theaterrolle. Von ihr habe ich gelernt, was es heisst, vor einem Publikum von 200–300 Personen die dargestellte Person so hinüberzubringen, dass sie auch die Zuschauenden in der hintersten Reihe überzeugt. Eine Theaterrolle zu spielen ist mehr als eine fremde Figur nachahmen zu wollen. Ich muss zur Person werden, die ich darstelle, und doch gelingt mir dies nur, wenn ich dabei mich selbst bleibe und mir nichts Fremdartiges aufsetzen will. Dieses Paradox will eingeübt sein. Verena Grendelmeier hat aus uns Laienschauspielerinnen und -schauspielern Erstaunliches herausgearbeitet.
Ein Ereignis ist mir in wacher Erinnerung geblieben, als sei es gestern geschehen. Bei einem Auftritt hätte ich beinahe eine Szene auseinanderbrechen lassen. Das kam so:
Im genannten Theaterstück «Mirandolina» spielte ich den Marchese di Forlipopoli. In einer Szene hatte ich, allein auf der Bühne stehend, eine längere Sprechpassage vorzutragen. Bei einer bestimmten Stelle hätte ein Nebenbuhler auf die Bühne treten müssen, um mich in ein Gespräch zu verwickeln. Während meiner Sprechpassage übersprang ich genau diese Einstiegsstelle und führte meinen Text, inhaltlich durchaus nicht sinnwidrig, bei einer weiter vorne liegenden Textstelle weiter. Damit nahm ich meinem Bühnenpartner die Möglichkeit weg, zur richtigen Zeit auf die Bühne treten zu können. Noch während ich meinen «falschen» Text sprach, realisierte ich mein Missgeschick. In Sekundenschnelle musste ich eine Lösung finden, wie die Szene ohne Bruch weitergeführt werden konnte. Ich improvisierte einen kurzen Sprechtext, der die inhaltliche Verbindung zur Einstiegsstelle für meinen Bühnenpartner schuf. Die Regisseurin hinter den Kulissen erkannte sofort meinen «Trick» und gab meinem Bühnenpartner das Zeichen für den rechtzeitigen Gang auf die Bühne. Die Szene konnte regulär weitergeführt und abgeschlossen werden. Im Publikum nahm kaum jemand mein «Flickwerk» wahr, aber für mich schien die Welt in jenen Sekunden stillzustehen. Als ich hinter den Kulissen ankam, konnte ich tüchtig aufatmen.
Fazit: Ich habe gelernt und am eigenen Leib erfahren, dass Schauspielerei nicht nur mit «Spielen» zu tun hat, sondern auch mit Knochenarbeit und starken Nerven.

Vor dem Schritt in die Pensionierung hatte ich immer Respekt. Meinen Job schätzte ich und in allen Arbeiten legte ich mich voll ins Zeug. Viel Zeit zur Verfügung zu haben und diese frei gestalten zu können, betrachtete ich zwar als riesiges Privileg. Aber die Vorstellung, plötzlich ohne Wirkungskreis und Nützlichkeit dazustehen, löste in mir auch ein mulmiges Gefühl aus.
Die ersten Pensionierungsjahre waren mit allerlei Aktivitäten ausgefüllt. Bei meinem früheren Arbeitgeber bearbeitete ich im Teilzeitverhältnis noch verschiedene Projekte. Meine Frau und ich entschieden uns, mit der neuen Lebensphase auch unsere Wohnsituation neu zu arrangieren. Wir verkauften unsere schöne Wohnung in Uetikon am See und stiegen in ein Neubauprojekt in der Zentralschweiz ein. Unsere neuen vier Wände einzurichten, gab einiges zu tun.
Mit den Jahren nahm die freie Zeit zu und damit die Erfahrung aufkommender Leere. Ich empfand diese nicht immer als angenehm, aber sie verlagerte die psychischen Energien in die Innenwelt und förderte kreative und verarbeitende Prozesse. Erinnerungen wurden wach, biografische Fragezeichen tauchten auf und forderten mich heraus, mit mir selbst intensiver ins Gespräch zu kommen.
Auch entstand das Bedürfnis nach Aussenaktivität. Meine Frau engagierte sich bereits seit Jahren im Freiwilligenprojekt «Senioren im Klassenzimmer» von Pro Senectute. Seniorinnen und Senioren engagieren sich in Schulklassen am Unterricht und unterstützen so die Lehrkräfte. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Chance, mit Menschen ihrer Grosseltern-Generation Beziehungen aufzubauen und so in den Lernprozessen gefördert zu werden. Für ein solches sinnvolles Engagement war auch ich nun bereit. Die Luzerner Organisation von Pro Senectute vermittelte mich in eine Klasse der Primarschule Meggen. Inzwischen bin ich seit zwei Jahren zum erfahrenen «Schulsenior» geworden. Der Einsatz macht Spass und man bekommt von den Kindern eine Menge Lebensfreude und Schwung zurück.
Aber etwas lag noch brach. Im Keller und Estrich meines Gedächtnisses lagerten Schachteln und Kisten mit Erinnerungen, Verarbeitungen, Notizen, abgelegten Fragezeichen. Sie warteten darauf, hervorgenommen, gesichtet, sortiert, neu zusammengestellt oder allenfalls entsorgt zu werden. Bisher sah ich noch keinen Anlass, alles in eine Form zu bringen oder daraus irgendein Produkt zu machen. Dazu war offenbar auch die Zeit noch nicht reif.
An einem Tag im Juli dieses Jahres (2025) legte mir meine Frau einen Artikel der Coop-Zeitung auf den Tisch, das ein Interview mit Erich Bohli über die Internet-Plattform Meet my life enthielt. Ich las es durch, überlegte, las es nochmals durch, überlegte nochmals, und kam dann zum Schluss, dass dieses Setting passte: autobiografisches Schreiben im Hinblick auf eine Veröffentlichung auf dieser Plattform. So entstand diese Autobiografie.

Die Auseinandersetzungen mit der universitären Theologie und der kirchlichen Institution waren ein wichtiges Kapitel in meiner religiösen Entwicklung. Mit den Studienjahren wich der «Kinderglaube» endgültig. Ich verliess das Theologiestudium irritiert, nicht etwa, weil ich «den Glauben verloren» gehabt hätte oder weil die Theologie für mich «gefährlich» geworden wäre. Es kam mir vor, als müsste ich das Thema meiner Religiosität neu an die Hand nehmen und in einem eigenständigen Weg in der säkularen Arbeitswelt für mich persönlich neu aufbauen und gleichzeitig entstehen lassen. Das an der theologischen Fakultät erworbene Wissen und die wissenschaftlichen Bücher haben mir dabei in den späteren Jahren viele Dienste erwiesen.
Heute würde ich mich als liberalen Katholiken mit einem kritisch-distanzierten Verhältnis zur Institution bezeichnen. In einer säkularisierten Welt ist die Theologie immer mehr zur Fremdsprache geworden und mit dem Sündenkatalog des offiziellen Katechismus habe ich meine liebe Mühe. Es scheint, dass die Kirche immer mehr aus der Zeit fällt. Trotz etlicher Vorbehalte bin ich nicht ausgetreten und bezahle treu die Kirchensteuer. Der Grund, dass die Kirche wichtige soziale Aufgaben übernimmt, ist dabei nicht der wichtigste. Ich glaube, dass die Kirchenmitgliedschaft tiefer greift als eine institutionelle Zugehörigkeit. Ich befinde mich in einer geistigen Gemeinschaft mit anderen Menschen, auch mit solchen, die früher gelebt haben, welche ähnliche Suchprozesse durchliefen wie ich und in ihrem Leben eine überzeugende Wirksamkeit entwickelten, sei es im Stillen oder öffentlich. Und diese Gemeinschaft steht auf einem Boden, den ihr Gründer vor etwa 2000 Jahren geschaffen hat, ein Mann aus Nazareth, dem heutigen Nahen Osten.
Gelingt es den kirchlichen Institutionen, die Anliegen Jesu in unserer säkularen Welt plausibel zu machen und lebendig zu halten? Die «Fremdsprache Theologie» mit ihren Glaubensformeln und dogmatischen Konstrukten scheint je länger, desto weniger zu greifen. Hier gäbe es einiges zu vermitteln.
Aber was macht diesen Mann mit seiner «Message» so anziehend? Er griff menschliche Grundbedürfnisse nach Halt, Echtheit, Kraft, Lebensweite und Lebenstiefe auf. Mit seinem Wirken und seinen Erklärungen machte er vielen Menschen spürbar und verständlich, wie sie zu religiöser Einsicht und Nahrung gelangen konnten. Er verkündete geheimnisvoll ein Kommen des «Reiches Gottes». Was das sein sollte, hat er nicht definiert, sondern nur indirekt umschrieben: das Walten einer göttlichen Geistkraft, die Blinde sehend, Lahme gehend, Aussätzige rein und Arme froh machen würde. Er hat die Menschen eingeladen, sich in die Wirkkraft dieses göttlichen Geistes hineinzubewegen, in seinen Worten: zu Kindern Gottes zu werden, um über sich selbst zu wachsen und eine Lebensfülle zu erwerben, die sie sich noch gar nicht vorstellen können. «Neu geboren werden» hat er es genannt. Allerdings müsse sich jemand, der das möchte, auch bereit sein, sich von seinem «alten» Leben zu trennen, sozusagen dieses «wegwerfen». Das könne auch mit Unannehmlichkeiten verbunden sein. Das Reich Gottes sei auch nicht etwas, das sich ein für alle Mal erwerben liesse, sondern müsse während des ganzen Lebens «gesucht» werden. Der Mensch solle fest auf seinen Gott vertrauen, dann werde es kommen.
In dieser Botschaft weht die Luft von Freiheit, Schöpfertum, menschlicher Würde und grosser Vertraulichkeit. Der Blick auf diesen Mann und seine Anliegen legt mir nahe, dass eine christliche Religiosität eine sehr bescheidene sein müsste. Vollmundige und plakative Glaubensbekenntnisse bleiben mir rasch im Hals stecken. Was soll ich einem Menschen einen Gott vor Augen führen wollen, der mir selbst unbekannt und unverfügbar ist? Wozu die Welt «evangelisieren» wollen, wo doch Jesus selbst alle Wirkmacht seinem Vatergott zugeschrieben hat? Ich selbst kann nur meine Offenheit und Empfänglichkeit entwickeln sowie in meinem unspektakulären Alltag aufbauende Menschlichkeit einbringen, wo es möglich oder gefordert ist. Also kein Boden für religiöses Besitzstandsdenken oder Wahrheitsgehabe. Überzeugender ist mir die Grundhaltung von Benedikt von Nursia, Gründer des Benediktinerordens (480–547), die er mit den Worten beschrieben hat: «Höre und du wirst ankommen.». Seine Aussage ist subtil: Gelingendes Leben ist nicht eines, das eigensinnig bestimmt, was Wahrheit zu sein hat, sondern das der Wahrheit des eigenen Lebens nachspürt, diese entdeckt und nach aussen wirksam werden lässt. Mit einer solchen Religiosität kann ich etwas anfangen.

Liebe junge Leserin, lieber junger Leser
Wenn Sie sich bis hierher durch meine Autobiografie durchgearbeitet haben, werden Sie mich vielleicht fragen, was nun meine Folgerungen aus meinem Lebensweg sind, die ich Ihnen mitgeben würde.
Wie unterscheidet sich die Zeit, als wir die Jungen waren, von der heutigen? Spontan sehe ich die gewaltige Ausdehnung der digitalen Kommunikation und der sozialen Medien, den raschen Bedeutungsverlust der konfessionellen Volkskirchen verbunden mit den unüberblickbaren, aber mittels Algorithmen manipulierbaren Inhalten der sozialen Medien, und neuerdings die grossen weltpolitischen Veränderungen im Verhältnis von Ost und West sowie in der Entwicklung der Demokratien. Alle heute lebenden Generationen haben aber eines gemeinsam: Sie leben in der gleichen grossen Umbruchphase, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann, vorerst in die wohlstrukturierte Gesellschaft der 1950-er Jahre führte, um mit den Aufbrüchen der 1960-er Jahre in die nachfolgenden Veränderungsprozesse auf verschiedenen Ebenen einzumünden.
Wir alle sind von Umwälzungen betroffen und reagieren auf die eine oder andere Art. Gibt es ein «Handlungsmodell», das in Umbruchzeiten hilfreich sein könnte? Ich erläutere Ihnen das Bild, das mir im Rückblick auf meine Biografie mit ihren verschiedenen Phasen entstanden ist und aus welchem ich verschiedene Leitgedanken ableite, die mein Leben prägten. Vielleicht kann das Ihnen den einen oder anderen Denkanstoss geben.
Ich vergleiche mein Leben mit dem Manövrieren eines Segelboots über den Ozean. Dazu braucht es vier Dinge: ein robustes Boot, ein Navigationssystem, Wind und einen Zielhafen. Was bedeutet das für mein Leben?
Zunächst einmal: Führe dein Leben bewusst und lass dich nicht von Strömungen und Windverhältnissen treiben. Den Kurs für deine Reise bestimmst du nicht nur am Start. Um auf Kurs zu bleiben, musst du diesen immer wieder neu eruieren. Wer meint, er könne einfach immer nur geradeaus fahren, wird sein «Ziel» mit grosser Sicherheit verfehlen.
Doch nun zu den einzelnen Elementen der Ozean-Überfahrt.
- Was bedeutet das Boot für das Leben? Das Meer ist sehr tief, scheinbar endlos und mein Boot muss während der Fahrt einiges aushalten. Das robuste Boot steht symbolisch für Vertrauen. Die meisten Dinge im Leben funktionieren nur aufgrund blossen Vertrauens, ohne dass ich sie überprüfen kann, sei es in unseren persönlichen Beziehungen, an der Arbeit in unseren Teams, aber auch in vielen Selbstverständlichkeiten wie im Strassenverkehr oder auf einer Flugreise. Dies führt mich zu den folgenden Leitgedanken:
- Prüfe, was oder wem du vertraust.
- Prüfe deine Informationsquellen, aufgrund derer du dir deine Meinungen bildest und von denen du dich beeinflussen lässt. Fake News missbrauchen Vertrauen.
- Vertrauen kann auch heissen: sich auf einen hoch angewachsenen Ast eines Baums zu setzen. Säge nicht an ihm, aber steige herunter, wenn er morsch wird.
- Was bedeutet das Navigationssystem? Auf dem Meer gibt es keine Strassen und Wegweiser. Strömungen und Wetterbedingungen wechseln ständig und ich will an einen Ort gelangen, den ich nicht sehe, sondern von dem ich nur ein paar Anhaltspunkte habe. Ich benötige ein Navigationssystem, mit welchem ich den richtigen Kurs bestimme. Im realen Leben ist das die persönliche Orientierung, das heisst die geistige Ausrichtung auf das von mir gewählte Übergeordnete, beispielsweise die Natur, Vorbilder, Werte oder Transzendenz. Ich sehe die folgenden Leitgedanken:
- Justiere regelmässig deinen inneren Kompass. Frage dich regelmässig, ob die Vorgänge, von denen du betroffen bist und die du beeinflussen kannst, für dich richtig laufen.
- Sich orientieren bedeutet mehr als in die Sterne schauen. Es hat mit reflektierter Erfahrung und Entscheidungen zu tun. Entscheidungen zu treffen und diese später korrigieren bringt mehr als keine Entscheidungen zu treffen.
- Entwickle deine Innenwahrnehmung. Die Steuerung durch das Leben hindurch ist massgeblich auch Innensteuerung.
- Was bedeutet der Wind für mein Leben? Er führt dazu, dass das Segelboot vorwärtskommt, steht also für Kraft. Nun kann ich aber die Richtung nicht wählen, aus welcher der Wind kommen soll. Bei jedem Wind gilt es jedoch, die Segel so zu richten, dass er eine Vorwärtsfahrt bewirkt. Und mit jedem Wind sind Wetterbedingungen verbunden, die angenehm oder auch garstig sein können. Es können Sturmfronten aufziehen oder Nebelbänke entgegenkommen; die Fahrt wird auch in der dunklen Nacht fortgeführt. Dann gibt es die Phasen mit annehmlichem Sonnenschein, aber lähmender Windstille. Die Leitgedanken daraus:
- Ich erfahre Kraft bzw. Energien in den unterschiedlichsten Qualitäten. Oft kann ich beeinflussen oder bestimmen, was ich aufnehme und wovon ich mich distanziere. Kriterium ist ein Einschätzen, was mich aufbaut oder «abbaut».
- Ich kann mich einüben zu unterscheiden, was für mich die Energiespender, die Energieverhinderer oder Energiekiller sind.
- Auch Druck und Widerstände sind Formen von Kraft. Lerne zu unterscheiden, welcher Druck und welche Widerstände dich vorwärtsbringen können und welchen du besser ausweichst.
- Beim «Ziel» hinkt allerdings der Vergleich des Lebens mit einer Segelbootfahrt. Das Ziel einer Bootsfahrt oder einer anderen Aktivität lässt sich klar bestimmen. Aber was ist das Ziel meines Lebens als Ganzes? Christlich-dogmatisch betrachtet wäre es, das ewige Leben zu erlangen. Aber das riecht mir zu stark nach Jenseitsvertröstung. Mir ist es sympathischer, die «Zielsetzung» für mein Leben von einem fernen Zeitpunkt in das Hier und Jetzt und Heute zu verlagern. Dann wird das mit «Ziel» Gemeinte zum Bestreben, zu tun, was mir wichtig und wesentlich ist, eben auch hier und jetzt und heute. Hier geht es um meine Lebensprioritäten. Das kläre ich nicht ein für alle Mal, sondern diese Frage begleitet mich durch mein ganzes Leben hindurch. Heute, das heisst nach meinen 73 Jahren und mit einem Blick auf unsere aktuelle Welt hinein komme ich auf diese Antwort: jeden Tag ein bisschen «guten Geist» in die Welt hineinleiten.
Um die eigenen Lebensprioritäten zu erforschen, können die folgenden Leitfragen hilfreich sein:
- Worauf kommt es mir an, wenn ich an mein Leben als Ganzes denke? Welche Antwort will ich mir am Ende meines Lebens auf die Frage geben können: «Wozu habe ich gelebt?»
- Was beanspruche ich unbedingt? Worauf zu verzichten bin ich bereit?
- Welche Perspektiven und Horizonte sind mir wichtig?
Sie sehen: Auf einer Ozean-Überfahrt muss Verschiedenes zusammenspielen und Sie müssen gleichzeitig mehrere Dinge im Auge behalten. Das ist anspruchsvoll, aber lohnend.
Ahoi, gute Fahrt!

Meiner Autobiografie gebe ich den Titel des verborgenen Schatzes. Was meine ich damit?
Mein Leben enthält verschiedene Episoden und Ereignisse, teils geplante, teils unerwartete. In jeder Situation tauchten Leuchttürme auf, die mir den Weg wiesen. Nach mannigfaltigen Verarbeitungsprozessen sehe ich heute vieles mit anderen Augen; ich bin mir ein gutes Stück näher gekommen. Das lehrt mich: Wenn im Leben durch plötzlich auftretende Ereignisse oder Schicksalsschläge eigene Absichten durchbrochen werden, Wünsche zusammenbrechen, Lebenslinien reissen, Vorstellungen und Sicherheiten sich als Illusionen entlarven, oder wenn das Leben sonst wie durchgerüttelt wird, kann das innere Erneuerungsprozesse auslösen. Diese führen zu klärenden Einfällen, Geistesblitzen, auftauchenden Bildern, Intuitionen. Irgendwo in uns scheint ein Helfer oder eine Helferin für Problemlösungen versteckt zu sein, eben ein verborgener Schatz. Ich nenne das «Lebenskreativität» und denke, dass jeder Mensch dazu eine Anlage hat.

Unzähligen Menschen bin ich während meines bisherigen Lebens begegnet. Sie haben mir allein durch ihre Präsenz und mit ihren Tipps oder Handreichungen kleinere oder grössere Hilfen gegeben.
Viele Menschen haben sich bewusst und teilweise während längerer Zeit für mich und meine Entwicklung engagiert. Allen voran meine Frau Nelly. Während nun 37 Jahren durfte ich ihre Liebe empfangen und mein Leben mit ihr teilen. Ihr Mitgehen und unsere zahllosen Gespräche bedeuten mir einen unersetzlichen Beitrag, dass ich meine «Überfahrt über den Ozean» glücklich verwirklichen kann. Es gab auch schwierige Phasen, während denen sie mittrug, Anteil nahm, mich stützte und bestärkte.
Ich denke an meine zahlreichen Lehrerinnen und Lehrer der verschiedenen Ausbildungsstufen. Viele von ihnen werden inzwischen verstorben sein. Sie alle haben mit Fachwissen und Herzblut zu meiner Ausbildung beigetragen. Ich denke gerne an diese Jahre zurück.
Immer wieder hatte ich Vorgesetzte, die an mich glaubten, mir Chancen gaben und Vertrauen schenkten.
Mit einem Gefühl der Dankbarkeit wird mir bewusst, wie unser Gemeinwesen, unser Gesundheits-, Schul- und Sozialwesen, unsere Wirtschaft und unser Sicherheits- und Verkehrssystem von vielen Menschen betrieben und unterhalten wird. Alle leisten ihren Einsatz für funktionierende Institutionen, die mir ermöglichen, in Sicherheit und in den Spielregeln eines demokratischen Rechtsstaats zu leben.
Abschliessend danke ich den Verantwortlichen von Meet my life für ihre professionelle und gut durchdachte Plattform. Dass es im Internet einen Ort gibt, wo nicht nur oberflächliche «Kommunikation» betrieben wird, sondern wo Menschen ihr Leben erzählen, ist an sich schon ein Gewinn. Für mich war Meet my life ausserdem ein wertvoller Angelhaken: Die Website hat mich angestossen, in meinen Erinnerungen einem verborgenen Schatz nachzuspüren und ein paar nicht leicht zugängliche Goldstücke an das Tageslicht zu heben. Danke!





