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Von Alexandre Egorov – Die Flucht aus der Realität in die Realität
Alexandre Egorov
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Vorwort
1.
Das Wichtigste
2.
Die Geschichte meiner Emigration
3.
Der Beginn eines neuen Lebens
4.
Die Geburt
5.
Kommunalka
6.
Die letzte Generation der Höfe
7.
Erwachsen werden
8.
Neue Schule
9.
Grossmutter Alexandra
10.
Detskoje Selo - Die Stadt Puschkin
11.
Leningrader Elektrotechnisches Institut
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LenNauchFilm
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Museum Anna Achmatova. Silbernes Zeitalter
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Ausrichtung nach Osten
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Abchasien und Staraja Russa
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Die Insel Walaam
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Begegnung mit Igor
19.
Familienleben
20.
Meditation
21.
Fata Morgana statt Schlussfolgerung
Gewidmet meinen Söhnen Artemi, Michael und Dimitri
Vorwort
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  Vorwort
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Die Flucht aus der Realität in die Realität
oder Homo Amens – der verrückte Mensch

Für meine Söhnen Artemi, Michael und Dimitri

Ein grosser Dank an meine Lebenspartnerin Iris für ihre Hilfe bei
der Übertragung des russischen Texts ins Deutsche

 

Ich wurde am Vorabend des Beginns eines neuen Jahres geboren, und jetzt, siebzig Jahre später, spüre ich ein leises Bedürfnis, zurückzublicken – in der Gewissheit, dass diese Reise mich nicht, wie Lots Frau, in eine Salzsäule verwandelt hat. Mein Leben ist kein geradliniger Weg, gepflastert mit Kalkulationen und klaren Plänen, sondern vielmehr ein zufällig gewebtes Geflecht voller unerwarteter Muster, die an die Zeilen eines Gedichts erinnern. Deshalb ist meine Autobiografie aus poetischen Fragmenten entstanden, die der Zeit entrissen wurden. Sie erzählen mehr über mich, als ich selbst es je könnte. 

Der einzige Faden, der all das zusammenhält, ist das Streben nach einer Antwort auf die Frage: Warum bin ich hier? Die Bedeutung habe ich dort gefunden, wo die Logik machtlos ist, nämlich an der Schwelle der Intuition, im stillen Chaos der Seele. Ich möchte sagen, dass ich sie im „Quantencomputer“ meines Körpers gefunden habe, aber vielleicht ist diese Metapher zu sperrig. Doch das ist nicht wichtig. Darum geht es nicht. 

Worum also geht es in dieser Erzählung? Darum, zu lernen, den Sinn im verwaschenen Flüstern des Lebens zu hören, während man allen Teilnehmenden dankbar bleibt. 


              

                                                                                                         Die Narren                                                   

 

 

 

Das Wichtigste
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1.  Das Wichtigste
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1998, Sankt Petersburg, Russland. Ich war 43 Jahre alt. Freunde luden mich ein, mit ihnen zu einem Retreat mit Namkhai Norbu, einem tibetischen Lehrer des Ati-Yoga, auch Dzogchen genannt, zu fahren. Das Retreat fand in einem kleinen Dorf in der Nähe von Moskau statt. Die Woche verging wie im Traum. Was ich dort erfuhr, war völlig ausserhalb der Logik. Ich konnte kaum glauben, dass ein solches Wissen überhaupt existiert. Es war unmöglich, meine Erfahrung zu beschreiben, aber sie liess sich in einem Satz ausdrücken:Es kann nicht sein, aber es war da.” Wie im gleichnamigen Film, basierend auf der Novelle von Michael Soschtschenko. 

Zurück in Sankt Petersburg trat ich der Dzogchen-Gemeinschaft bei und begann, Ati-Yoga zu praktizieren. Ich machte die Übungen zweimal täglich. Morgens und abends verbrachte ich viel Zeit mit diesen spirituellen Praktiken. Sie inspirierten mich in meiner künstlerischen Arbeit und gaben mir die Kraft, inneren Frieden zu bewahren und meinen Weg fortzusetzen. Allmählich kamen Erkenntnis und Sicherheit darüber, was ich in meinem Alltag tun sollte. 

Die Qualität meines Lebens messe ich an der Menge an Zeit, in der ich im Moment präsent bin! 

 Im Land herrschten Chaos und eine Hochphase des Banditentums, mit Explosionen und Schießereien an öffentlichen Orten. Meine Frau und ich hatten drei Söhne, Artemi, Michael und Dimitri.  Damals verdiente ich meinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf meiner Gemälde, dem Malen von Porträts - meist von Ehefrauen der sogenannten „neuen Russen“ -  und der Gestaltung von Innenräumen neuer Büros. Nichts deutete darauf hin, dass ich bereits drei Jahre später mit meinen Kindern ein Flüchtling in der Schweiz sein würde. 



Die Geschichte meiner Emigration
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2.  Die Geschichte meiner Emigration
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Die Geschichte meines Auszugs aus Russland begann 1988. Es war im Zug, der mich in den Süden der Sowjetunion ans Schwarze Meer brachte. Ich reiste zu dem bekannten Imker Tatarenko, um die Bienenhaltung zu erlernen. Mit mir reiste eine fröhliche Gruppe von Freundinnen, von denen eine, mit dem Namen Oksana, meine Aufmerksamkeit auf sich zog.  

Und wenn du dich ganz allein fühlst, packt dich der Zauber des Liebesinstinkts.  

Wir lernten uns kennen. „Leg die Haut deines rationalen Denkens ab“ - sagten ihre Augen, und bald erwarteten wir ein Kind.

Zu dieser Zeit hatte ich einen Designauftrag im Entbindungsheim namens
Snegirjew in Leningrad, wo mich die Betreuung von Neugeborenen und ihrer Mütter in einen Zustand leichten Schocks versetzte. Sie erschien mir unmenschlich. Ein so harter und mechanistischer Ansatz am Beginn des menschlichen Lebens weckte in mir den Wunsch, einen Ort zu finden, an dem eine natürlichere und harmonischere Atmosphäre herrschte. So kam es, dass ich in Schuwalowo am Ufer des Susdal-Sees landete. Am Ufer befand sich eine öffentliche Sauna, in die ich oft ging um mich zu erholen. Dort traf ich Freunde, die ebenso wie ich besessen waren von allen esoterischen Lehren gleichzeitig. Die örtlichen Saunatraditionen waren mir gut bekannt. Doch eine Nachricht erregte besonders meine Aufmerksamkeit. Man erzählte, dass in der Nähe eine Sauna direkt auf dem Wasser existiere. Dort führte Igor Tscharkowski  manchmal Wassergeburten durch, die ihn bis in die USA bekannt machten. In Florida übernahm sein amerikanischer Kollege David diese Methode und ergänzte sie durch die Anwesenheit von Delfinen. Genau dieser war zu meiner Überraschung in St. Petersburg und bald freundeten wir uns an.

In die Sauna kamen schwangere Frauen mit ihren Ehemännern und Hebammen, die Hausgeburten unterstützten. Das war für uns die richtige Gesellschaft. Wir lernten, wie man selbstständig im Wasser gebären kann. So kam unser erstes Kind
Artemi erfolgreich zu Hause in der Badewanne auf die Welt. Drei Tage lang verwandelte sich unsere Wohnung in ein unendliches Universum voller Liebe. Die Zeit stand still. 
 

Musik erklingt in den Pausen zwischen den Tönen.  

Artemi, meine Frau und ich, 1990

 
In dieser lebensgebenden Atmosphäre entstand bei mir die Idee, das erste Tarot Kartenspiel im traditionellen russischen Stil zu erschaffen. Später nannte es die Firma Piatnik „Egorov Tarot“. Alle 78 Karten malte ich in drei Monaten. Ich zeigte sie meinem neuen Freund David aus Amerika, der gerade wieder zu Besuch weilte. Er brachte die Muster nach New York zu seinem Bekannten Richard Kaplan, einem professionellen Tarot Experten und Autor von vier Bänden der Tarot-Enzyklopädie. Kaplan genehmigte die Karten und riet, sie an die Wiener Firma Piatnik zu verkaufen. 


 
Von dieser Firma hatten wir ein Einkommen in Form von Schecks. Am meisten freute sich darüber mein Vater, der nicht glaubte, dass meine esoterischen Interessen  gewinnbringend sein könnten. Mit der Geburt seines langersehnten Enkelkindes ermöglichte der kreative Prozess in mir diesen Erfolg.  

Die Welt jenseits der sozialen Konditionierung sendet Nachrichten in Form von Märchen. So entstanden die folgenden Kartendecks zum Thema russischer Volksmärchen, das „Fairy Tale Tarot“ und das “Tarot der Russischen Geschichte“. Letzteres begann ich während eines vierzigtägigen Retreats namens „Feuerblume“ mit Igor Kalinauskas und Eva Weselnytskaja in Kiew zu zeichnen. Die Großen Arkana dieses Kartendecks wurden von der heidnischen Kultur der Kiewer Rus inspiriert. Für beide Kartenspiele erhielt ich Geld, aber sie wurden nie gedruckt, da der Direktor der Kartenfirma verstarb. Sein Nachfolger verhinderte aus unbekannten Gründen die Produktion. 

In dieser Welt ständiger Illusionen und Fantasien ist nur ein Punkt real: der Punkt des Beginns der Welt. Es ist die Liebe.  

Und wie diese Liebe manchmal in der Zeit Gestalt annimmt, bleibt ein Geheimnis. 

Ich fuhr mit dem Zug in die Hauptstadt Litauens, Vilnius, um Virginija zu treffen. Sie ist eine Meisterin der Schule von Igor Kalinauskas, den ich am Geburtstag einer Freundin meiner Frau kennengelernt hatte. Laut seinen Aussagen war die Grundlage seiner Schule Sokrates selbst. Besonders für einen Liebhaber antiker Märchen und Mythen wie mich klang das sehr verlockend.

Im Zugabteil fuhren mit mir zwei fröhliche Litauer - Geschäftsleute, die von einem sehr erfolgreichen Geschäft nach Hause zurückkehrten. Sie
hatten riesige Vorräte an Alkohol Caption und Essen dabei. Ich musste mit ihnen meine Lieblingsweisheit bestätigen: „Der russische Yogi - ein trinkender Yogi“. Zum Glück wurde ich von Virginias Schülern empfangen. Ich danke ihnen dafür, dass sie mich nach Hause brachten, mir Tee gaben und mich zum Schlafen legten.
 

Neue litauische Freunde, Schüler von Virginia, schlugen mir vor, mein Geld gewinnbringend anzulegen, und ich, naiver Esoteriker, vertraute ihren Versprechungen. Zuerst erhielt ich tatsächlich jeden Monat gute Zinsen, aber das hielt nicht lange an. Bald verschwand das Geld und keiner von ihnen entschuldigte sich bei mir. 

Es gab eine Vorwarnung, dass das Geld verloren gehen würde. Das Unglück ereignete sich, als ich mit dem Geld und einer Flasche Wein ankam und durch Vilnius auf dem Weg zur Wohnung meiner Bekannten ging. Plötzlich holte mich eine Gruppe von Jungs ein, und einer von ihnen richtete eine Pistole auf mich. Sie drohten, mir alle Taschen umzudrehen. Ich antwortete ihnen ruhig, dass da nichts sei, und dass ich mich nur auf dem Weg zu meinen Freunden befände, um mit ihnen eine Flasche Wein zu trinken. Sie freuten sich, nahmen die Flasche und gingen weg. Die Warnung, die aus dem Universum zu kommen schien, verstand ich nicht.  

Und der Shakespeare'sche Hamlet sagte hinter mir:
„Die Zeit ist aus den Fugen“.  

Wieder zu Hause ging ich eines Abends zu Bett und schloss die Augen. In mir tobte ein heftiger Wind und bei gleichzeitiger Windstille hörte ich Flötenmusik. Der Zustand des Daseins in einer anderen Zeit überkam mich. Ich verliess einen Tempel mit einer Frau, die ich nicht erkennen konnte. Sie sagte zu mir lautlos: 

Alles, was erscheint, ist der wahre Sinn. Tritt in diesen Zustand ein, verstehe ihn und lass dich nicht ablenken.  

Daraus entstand das Gemälde "Andere Zeit", welches ich im Rahmen einer persönlichen Ausstellung in der Akademischen Glinka-Kapelle in St. Petersburg zeigen konnte. Umrahmt wurde diese Ausstellung mit der Musik des Duo Zikr, damals mit seiner rituellen und schamanischen Musik in der esoterischen Szene sehr bekannt. 

Andere Zeit und Gestohlenes Gemälde


Eine weitere Ausstellung folgte, diese im Büro einer Frau, die sich selbst als Magierin und Bodhisattva betrachtete. Ihren Namen möchte ich nicht nennen, da sie eines meiner Bilder gestohlen hat. Die Geschichte ist amüsant. Ich hätte ihr das Bild ohnehin gegeben, wenn sie mich darum gebeten hätte.
 

Das Gefühl, dass alle um einen herum den Verstand verlieren, war und bleibt real und verstärkt sich mit jedem Tag. 

Die Situation zu analysieren – egal wie sie ist – war und ist noch immer nicht mein Ding. Analyse ist für mich eine Falle, eine Methode, die eigene Sichtweise auf die Welt zu verstärken. Das interessiert mich nicht. Ich möchte die Welt mit dem Herzen hören oder zumindest versuchen, das zu tun. Die Praxis der Grünen Tara half mir wiederum sehr. Sie beruhigte den ständig plappernden Verstand und gab mir die Möglichkeit zu hören, was das Herz zu sagen hatte. 

Eines Nachts kam mir die Idee, ein Kartenspiel mit Abbildungen führender Politiker und neuer russischer Oligarchen zu malen. Eine seltsame Idee. Wo ist mein Leben und wo ist das Leben der Politiker? Ich nannte das Kartenspiel RussianNet und stellte 54 Politiker als Spinnen dar, die zu Macht und Geld gekommen sind. Einen Überblick darüber, wer in diesem Kartenspiel war, verschaffte mir ein bekannter Fernsehjournalist vom Fernsehsender STS Petersburg. Seine Einstellung war sehr kritisch gegenüber den sogenannten neuen Russen. 

Die belgische Spielkartenfirma Cartamundi zeigte Interesse an diesem Kartenspiel. Als einer ihrer Vertreter in Moskau war, übergab ich einer Bekannten all meine Skizzen, um sie zu ihm zu bringen. Vergeblich wartete ich auf eine Antwort, die auch nie kam. Meine Zeichnungen habe ich ebenfalls nie wieder gesehen. Stattdessen begannen Probleme, die das Leben meiner Familie bedrohten. Ich kann diese nicht beschreiben, weil die beteiligten Personen noch leben. 

Ich setzte meine tägliche Praxis der Grünen Tara fort, in der Hoffnung, so schnell wie möglich einen Ausweg aus dieser gefährlichen Situation zu finden. Das Veständnis kam, wie immer, in der Nacht vor dem Morgengrauen. Ich musste sofort meine Kinder packen und in ein anderes Land fliehen, ohne mich umzusehen und niemandem davon zu erzählen. Aber in welches Land? In der Zeitung fand ich eine Anzeige eines Anwalts, der Ausreisepapiere anbot. Nach Gesprächen mit ihm wurde klar - die Schweiz ist das Land, in dem wir willkommen sind, was sich als absolute Wahrheit herausstellte. 

Es war 2001. Die Wolken verdichteten sich. Meine Frau beschloss, eine neue Familie zu gründen und erwartete bereits ein Kind von einem anderen Mann. Wohl unbewusst trug sie dazu bei, dass ich mit unseren drei Kindern in ein anderes Land auswanderte. Heute verstehen wohl alle, dass es heutzutage in meinem Heimatland keinen Platz für Jungen gibt. Dort werden sie darauf vorbereitet zu töten oder selbst getötet zu werden. Meine frühere Frau vollbrachte rückblickend eine unglaubliche Heldentat. Zu einem hohen Preis, ohne es zu wissen, rettete sie ihre drei Söhne, indem sie uns in ein anderes Land ziehen liess. 

So schickte ich meine Bilder und Leinwände per Post in die Schweiz, kaufte für mich und meine Kinder ein Ticket für eine zehntägige Pauschalreise nach Genf. Mit meinem Malkasten im Gepäck flog ich los, ohne mich nach meinem geliebten Leningrad, heute St. Petersburg, umzusehen. 

Im Flugzeug dachte ich darüber nach, wie ich in einer Geisterstadt aufgewachsen war, in der sich die europäische Kultur widerspiegelte, so dass ich mich in jeder anderen Stadt der UdSSR wie ein Ausländer fühlte. Ich danke ihr, dass es ihr nicht gelungen ist, mich in den Sumpf des sowjetischen Imperialismus und Idiotismus zu ziehen. Das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber allen, die ich in diesem Land gekannt habe, existiert. Trotzdem habe ich keine Bindung mehr zu irgendjemandem außer zu meiner Mutter, die uns bei diesem Abschied segnete. Später besuchte sie uns jedes Jahr für drei Monate bis zu ihrem Tod 2022 und freute sich über das glückliche Aufwachsen ihrer Enkelkinder.
Der Beginn eines neuen Lebens
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3.  Der Beginn eines neuen Lebens
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Über die Schweiz wusste ich nur, dass es „Schweizer“ Käse gibt, und in der Schweiz entdeckte ich, dass er der „Schrödinger-Katze“ entspricht. Eine solche Käsesorte gibt es in der Schweiz nicht, aber in der UdSSR gab es sie. 
 
Am 10. August 2001 landeten wir in der Schweiz und beantragten am nächsten Tag politisches Asyl. Wir wurden ins Asylzentrum der Stadt Lyss gebracht. Dort wohnten wir  in einem Zimmer und - unglaublich - man gab mir ein Atelier, in dem ich frei Gemälde malen konnte. Während der fünf Monate, die wir dort verbrachten, hatten wir die Gelegenheit, die deutsche Sprache zu erlernen und einige Besonderheiten des Lebens in diesem Land zu entdecken. Nach der Zeit in Lyss bot man uns an, im Dorf Täuffelen in ein freistehendes Holzhaus mit herrlichem Blick auf die Alpen zu ziehen.Auf einem kleinen Grundstück hinter dem Haus stellten wir sofort einen Tischtennistisch auf. Fantastisch!  


Die Kinder und ich in Täuffelen, 2002


Und noch ein Wunder: Die Mitarbeiterinnen des Asylzentrums, zwei wunderbare Frauen - wie k
önnen Frauen überhaupt nicht wunderbar sein - organisierten für mich eine persönliche Ausstellung in einem literarischen Café in der Stadt Nidau. 

"Alphorn in Ligerz" und "Über dem Nebelmeer"


Das einzige Problem hatte ich in meinem Kopf. Ich war inmitten von Granit, Palästen und Parks im Zentrum von St. Petersburg aufgewachsen. Pl
ötzlich befand ich mich in einem schweizerischen Dorf und meine Kinder in einer Dorfschule. Den Vorteil darin verstand ich zuerst nicht und erkannte erst später, wie viel Glück wir hatten. In der Schule gab es mehrheitlich Schweizer Kinder und keine aus Ländern, deren Kultur nicht europäisch war. Meine Söhne wurden herzlich aufgenommen, fanden rasch Freunde und konnten sich sehr schnell in diesem neuen Land einleben. Fazit: Schweizer Dörfer und russische Dörfer befinden sich auf zwei völlig verschiedenen Planeten. 

Jeden Morgen bei Sonnenaufgang praktizierte ich Meditationen mit Dankbarkeit gegenüber den örtlichen Geistern und bereitete ihnen grünen Tee zu. Sie bedankten sich bei mir, indem sie mich zu meiner zukünftigen Frau hinführten. 

Mein mittlerer Sohn bekam plötzlich Zahnschmerzen - und das an einem Sonntag, wo im Land alles geschlossen war, was geschlossen sein kann. Wir fanden eine Polizeistation, und man erklärte uns, wie wir den Bereitschaftszahnarzt finden konnten. Es war ein schwieriger Weg, aber wir fanden den Arzt. Unser Schicksal begegnete uns in der Notfallzahnärztin Iris, die einen Traum von einem Künstler hegte, bevorzugterweise mit Kindern. Dies war ein einzigartiger Zufall. Nur einmal im Jahr war sie im Notfall eingeteilt. Wir meldeten uns bald darauf für die Heirat an. Fünf Jahre später wurden ich und meine Söhne echte Schweizer. Dank ihr lernten wir rasch die Schweizer Gepflogenheiten kennen, die uns bei der Integration behilflich waren. Ihre Begabung, mit den materiellen Dingen im Leben umzugehen, ermöglichte meinen Kindern, eine gute Ausbildung zu erlangen. 

Iris und Michael, 2.12.2002


Es ist ein Märchen mit einem glücklichen Ende, das nicht endet. Wie die Musik von Skrjabin, die sich nicht in den Fluss der Zeit einfügt.
  

„Der Augenblick erzeugt die Ewigkeit.“  -  Alexander Skrjabin

Die Kinder, Expo.02, 2002................Iris, Artemi, Dimitri, Michael und ich, Zürich, 2017

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Die Geburt
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4.  Die Geburt
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Meine Mutter Liudmila und Vater Nikolaj


Kehren wir zum Anfang
zurück, der nie begann.
 

Ich wurde am 31. Dezember 1954 in einem der Palast-Höfe von Leningrad geboren, zwischen dem Liteiny-Prospekt Nr. 51, dem Theater für Drama und Comedy, und dem Fontanka-Ufer Nr. 34, dem ehemaligen Palast des Grafen Sheremetew. Palast-Höfe sind ein Merkmal von St. Petersburg, das zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach westeuropäischem Vorbild in einem Zug nach den Plänen Peter des Grossen  entstand. Im Gegensatz zu anderen Palast-Höfen in Leningrad war unser Hof sehr hell. Unsere Wohnung im dritten Stock bot den Blick auf den Sheremetew-Palast. Hinter ihm konnte man die Anitschkov-Brücke mit der Figurengruppe „Die Zähmung des Pferdes“ von Peter Klodt sehen. Meine Mutter Liudmila hatte eine Ausbildung an einem kulinarischen Technikum als Buchhalterin abgeschlossen. Aufgrund des weit verbreiteten Diebstahls in der Gastronomie wollte sie nicht in dieser Atmosphäre arbeiten. Daher war sie froh, Hausfrau zu sein und bis zu meinem siebten Lebensjahr ein Kind wie mich großzuziehen. Als Einzelkind, sehr hübsch und ruhig, wurde ich von den Eltern, Großmüttern und Tanten bis zum Exzess verwöhnt. Wir gingen oft im Grafengarten gegenüber unserem Eingang oder in den Sommer- und Michailowski-Garten spazieren. So war meine Kindheit ungetrübt und glücklich bis zum Schulbeginn. 

Mutter vor dem Haus, in dem sie geboren wurde, 2015


Meine erste Lehrerin ähnelte einer Kämpferin der proletarischen Revolution, die den Winterpalast erobern wollte. Sie machte einen tiefen Eindruck auf mich. Am ersten Tag in der Pause brachten mir meine Mitschüler Schimpfw
örter bei, die ich bis dahin nicht kannte. Ich beleidigte damit ein Mädchen ohne zu wissen, dass ich es tat. Sie beklagte sich natürlich, und ich wurde bestraft, indem ich die ganze Stunde in der Ecke stand. 

Und währenddessen lief im Fernsehen ein Cartoon, in dem der Hauptcharakter ausruft:  

„Ich will für immer ein Mensch werden. 

Das war meine erste Frage: Was ist ein Mensch und wer bin ich? 
Im zweiten Schuljahr waren wir im Unterricht zu laut. Sie bestrafte die ganze Klasse, indem sie uns in Paradeposition stellte und den Raum verließ. Eine Minute später verließ auch ich den Raum und ging nach Hause. Abends kam sie zu uns in die Wohnung. Mit erhobener Stimme rügte sie mein Verhalten und tadelte meine Eltern. Zum Glück verstanden meine Eltern mich und schimpften nicht mit mir. 

Ich lernte sehr leicht, liebte Mathematik und Physik. In den Geisteswissenschaften spürte ich eine enorme Menge an Falschheit, versuchte jedoch, die Anforderungen an diese Fächer so minimal wie möglich zu erfüllen. Später, nach der Schule, stellte ich mir die Frage: Was habe ich in der Schule gelernt? Die Antwort war einfach, wie die Wahrheit Lenins -  zu lügen. 

Ich, fünf Jahre alt und vierzehn Jahre alt

 

 

Kommunalka
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5.  Kommunalka
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Wir lebten damals in einer Kommunalwohnung, die laut den Erzählungen meines Großvaters und meiner Großmutter bis zum Zweiten Weltkrieg ihrer Familie gehört hatte. Für die Sowjetunion begann der Krieg offiziell am 22. Juni 1941. Am 8. September desselben Jahres verhängte die Deutsche Wehrmacht die Blockade über Leningrad. Mein Großvater wurde zum Kämpfen geschickt. Meine Großmutter wurde mit drei Kindern, darunter meine neunjährige Mutter, nach Ufa, der Hauptstadt der autonomen Baschkirischen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR), evakuiert. Die 872 Tage dauernde Blockade endete am 27. Januar 1944. Meine Großmutter kehrte mit den Kindern nach Leningrad zurück. Ihre frühere Wohnung war jedoch von Leuten mit zweifelhaftem Ruf besetzt, und sie durften nur ein Zimmer behalten. 

Mein Großvater kam etwas später zurück. Während des gesamten Krieges hatte er als einfacher Matrose auf einem Schiff gedient und überlebte glücklicherweise unverwundet diese schlimme Zeit. In seinen Erzählungen war die Wohnung vor dem Krieg mit teuren Dingen und Gemälden voll. Diese gehörten nicht nur seiner Familie sondern auch der mit ihnen verwandten Gräfin Warwara Mjatlewa,  geborene Scheremetjewa. Darüber durfte man nicht sprechen. Alles war geraubt worden, sogar die große Kupferbadewanne, die in der Küche stand. 


Meine Grossmuter Vera und mein Grossvater Ivan

 


Mit der Heirat meiner Eltern und dem Wegzug meiner Grosseltern aus der Kommunalwohnung in eine eigene Wohnung in der Stadt Puschkin, bewohnten wir bis zu meinem 16. Lebensjahr ihr Zimmer. Dort gab es fünf weitere Zimmer, eine Küche, zwei Toiletten und kein warmes Wasser, nur kaltes aus zwei Leitungen in der Küche. Insgesamt lebten 13 Personen in dieser Kommunalwohnung. Damals interessierte mich die Geschichte der Kommunalka überhaupt nicht. Ich spielte mit meinen Freunden lieber Baseball und „Kosaken-Räuber”. Wir liefen ohne Angst über die Dächer zwischen dem Liteiny-Prospekt, der Belinskogo-Strasse und dem Fontanka-Ufer, woran ich mich heute erschrocken erinnere. Im Winter spielten wir natürlich Eishockey. 

Unsere Nachbarn in der Kommunalwohnung waren sehr unterschiedlich. Unsere nächste Nachbarin war eine ältere Dame, die bei uns nicht sehr angesehen war. Sie vernachlässigte sich, schlief auf einer Truhe, und Wanzen besiedelten ihren Raum. Diese krochen oft zu uns in den Raum hinüber, und mein Vater bekämpfte sie regelmässig mit chlorhaltigem Gift. Sie war die Schwester des bekannten Schauspielers Sergei Martinson, der oft Märchenfiguren spielte und von mir sehr geliebt wurde. 

Ein weiterer Nachbar war ein recht lustiger” Mensch. Er arbeitete als Elektriker, und ich habe ihn nie nüchtern gesehen. Besonders erinnere ich mich daran, wie er eines Tages von der Arbeit nach Hause kam und feststellte, dass in seinem Zimmer kein Licht brannte. Anstatt das Problem ordnungsgemäß zu beheben, schraubte er die durchgebrannte Sicherung heraus und ersetzte sie durch die Schlüssel der Haustür - und das mit bloßen Händen! Dies beeindruckte mich sehr, denn ich erinnerte mich noch an meine Kindheit, als ich eine Schere in die Steckdose steckte und einen Stromschlag bekam. So etwas vergisst man nicht. 

In unserem Teil des Gemeinschaftskorridors hatte mein Vater eine Werkbank aufgestellt, an der er gerne werkelte. Man nannte ihn einen Alleskönner, einen Meister mit goldenen Händen. Alle Nachbarn kamen zu ihm, um kaputte Dinge reparieren zu lassen. Ich schaute ihm gerne bei der Arbeit zu, und so brachte er mir viel bei. Gemeinsam bastelten wir Modellboote und kleine Gleitflugzeuge. Später gelang es uns sogar, eine Elektrogitarre mit eigenem Verstärker und eine Lichtorgel zu bauen. 

Mein Vater hatte die Möglichkeit, Werkzeuge, Radioteile und andere Materialien von der Arbeit mitzubringen. Er arbeitete als Mechaniker in einem geheimen Labor. Für mich schien es, als hätten er und seine Kollegen dort weniger für die Rüstungsindustrie als vielmehr für ihre Familien gearbeitet. Sie stellten dort Kühlschränke, Fernseher und sogar Tonbandgeräte her und brachten natürlich alles mit nach Hause. 
Die letzte Generation der Höfe
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6.  Die letzte Generation der Höfe
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Unsere Generation war die letzte, die auf den Höfen aufwuchs. Bis zum Ende meiner achtjährigen Schulzeit lebten wir am Liteiny-Prospekt. Viele Familien begannen, Genossenschaftswohnungen zu kaufen und in die neuen Stadtteile zu ziehen. Dies war nicht einfach, aber Meister Zufall half. Wie dies auch uns gelang, erzähle ich hier.  

Mit 16 Jahren erhielt ich den Pass eines Bürgers der UdSSR und somit das Recht, die Abgeordneten der Regierung zu wählen. Dem ersten Kandidaten, dem ich erfolgreich meine Stimme gab, war Kirill Lavrov, ein bekannter Schauspieler, der im Theater unseres Hofes arbeitete und auch viele Rollen in Spielfilmen innehatte. Seine Verkörperung von Lenin auf der Bühne sowie im Film qualifizierten ihn lustigerweise für dieses Amt. Mein Vater kannte ihn persönlich und hielt ihn für einen anständigen Menschen. Als Familie stimmten wir feierlich für ihn. Einmal gewählt half er uns, eine neue Wohnung, nur für uns, zu bekommen. Wir zogen in den Stadtteil Grosse Okhta in eine grosszügige Drei-Zimmer-Wohnung mit herrlichem Blick auf die Smolny-Kathedrale und den Fluss Newa. 

Grossmutter Vera mit Ihrem Bruder und Mutter Liudmila


Die Smolny-Kathedrale wurde vom italienischen Architekten Bartolomeo Rastrelli erbaut und besitzt für mich eine erstaunliche Eigenschaft: Sie atmet und verändert ihr Aussehen je nach Wetterlage und Jahreszeit. Ich war in sie verliebt und versuchte oft, ihren Charakter auf Leinwand zu bannen. Leider ohne Erfolg. Mir fehlte das Talent. 
 

Erwachsen werden
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7.  Erwachsen werden
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Das Reich Gottes. Was ist das? Wie findet man es und wo? Meine Großmutter hatte eine Bibel in Altkirchenslawisch, und ich begann, sie zu lesen.  In der Ära von Rock'n'Roll und Twist war dies eine sehr schwierige Aufgabe für einen jungen Menschen im Pubertätsalter. Leningrad war immer eine europäisch orientierte Stadt, die von europäischen Menschen gebaut wurde. Dank dieser gefühlsmässigen Nähe zu Europa durchbrach die neue Rockkultur leicht die Wände des „Eisernen Vorhangs“ und wurde von der Jugend als Musik des Himmels wahrgenommen. Gleichzeitig wurde die sowjetische Unterhaltungsmusik völlig geringgeschätzt. 

Ich nahm die Beatles als spirituelle Musik wahr. Die Texte der Lieder verstand ich kaum, aber der Rhythmus versprach eine Botschaft aus einer anderen Ebene jenseits des rationalen Denkens. Wie auch die Lieder anderer britischer und amerikanischer Bands öffneten diese unsere Herzen. Mir fehlte es in Russland so sehr an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit inmitten der „Bauern des glänzenden zukünftigen Reiches. Die soziale Welt um mich herum war ein universelles Lügengebäude. Ich wollte so gerne mit offenem Herz leben. 

1969 überquerten die Beatles die Abbey Road, und die Lichtstrahlen ihres Songs „Here Comes the Sun“ erreichten direkt unser Inneres. 

 Die Sonne wirft keinen Schatten. Sie weiß nichts vom Schatten. 

Wie auch beim Woodstock-Festival im Bundesstaat New York lag bei uns die Energie der Freiheit in der Luft, und wir lebten davon, wenn auch nicht alle. 

Mit 14 Jahren musste man in den Komsomol eintreten, um überhaupt Zugang zu höherer Bildung zu erhalten. Bei der Aufnahme in diese Organisation, die von oben bis unten von Lügen durchzogen war, musste ich schwören, nie an Gott zu glauben und ein treuer Kommunismus-Bauer zu sein. Natürlich – ich schwöre! Schaut euch heute diese Gesichter im Machtapparat der Russischen Föderation an. Auch sie schworen damals. Heute kann niemand mehr mit Lügen überraschen. 

In der Komsomol-Organisation meiner Schule wurde ich zum Sekretär gewählt. In allen Clubs, die ich im Palast der Pioniere besuchte, wählten sie mich komischerweise auch zum Chef. Ich habe diese Funktionen ehrlich ausgeführt, obwohl ich nie Ambitionen hatte,  ein Anführer zu sein. Nach einem Jahr trat ich in die zweijährige Physik-Mathematik-Schule ein, in der ich alle öffentlichen Aufgaben ablehnte und meine ganze Zeit der Physik, der Mathematik und der Sinnsuche widmete. Und dies in einer Atmosphäre des Unsinns. 

In dieser Zeit brachte mir eine Freundin meiner Mutter einen Zeitungsartikel über Yogis.  Diese in der Sowjetunion seltene Information weckte mein Interesse, mehr zu erfahren. Aber es dauerte noch einige Jahre, bis ich auf diesem Weg weitergehen konnte. 
Neue Schule
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8.  Neue Schule
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Ich trat in eine neue Schule ein. Es war eine physikalisch-mathematische Schule mit einer Spezialisierung auf Radioelektronik - die einzige ihrer Art. Elektronik liebte ich sehr. Drei Jahre zuvor hatte ich einen Elektronikclub im Palast der Pioniere besucht. Die neue Schule mochte ich genauso wenig wie die alte. Deshalb schwänzte ich oft, besonders bei schönem Wetter. Morgens trafen wir uns mit Freunden vor der Kazan-Kathedrale hinter unserer Schule und entschieden, wohin wir auf der Suche nach Abenteuern gehen würden. Normalerweise verbrachten wir unsere Zeit beim Bootfahren im Zentralpark für Kultur und Erholung auf der Krestowski-Insel. Manchmal bekamen wir Ärger deswegen, was uns nicht besonders kümmerte. Das unangenehmste Fach in der Schule war das Militärwesen. Vor der Stunde stellte uns der Lehrer, ein pensionierter Offizier, in eine Reihe und betrachtete unsere Nacken. Wer seiner Meinung nach zu lange Haare hatte, schickte er zum Friseur. Dies war ein guter Grund, in der Zeit der Pilzköpfe dieser Stunde fernzubleiben. 

Aus den geisteswissenschaftlichen Fächern blieb als Einziges das Zitat aus dem Roman von Ostrowski „Wie der Stahl gehärtet wurde“ für immer in meiner Erinnerung: 

„Das wertvollste im Leben eines Menschen ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so leben, dass es nicht schmerzlich wird, für die nutzlos verbrachte Zeit zu bereuen. 

Die letzten zwei Schuljahre vergingen, ohne Spuren zu hinterlassen, ausser guter Kenntnisse in Mathematik und Physik. Der Rest war kommunistische Propaganda und die Unmöglichkeit kritischen Denkens. Das System war nur auf das stumpfe Auswendiglernen dessen ausgerichtet, was im Lehrbuch stand. Analysieren durfte man nur im Rahmen der sowjetischen Propaganda. Damals gab es einen Slogan: Sowjetisch  bedeutet ausgezeichnet. Heute würde man in Neudeutsch sagen „it sucks. 
Grossmutter Alexandra
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9.  Grossmutter Alexandra
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Vor dem Krieg wohnte meine Grossmutter mit ihrem Ehemann Wassili, den Söhnen Igor und Nikolai sowie der Tochter Walentina in einem Dorf in der Region Nowgorod. Ihr Mann und Igor, der ältere ihrer Söhne, wurden am ersten Tag des Krieges, dem 22. Juni 1941, an die Front geschickt. Bereits eine Woche später erhielt sie für beide die Todesnachricht. Überlebende  berichteten später, dass sie ohne Waffen in den Angriff geschickt worden waren - eine Taktik der sowjetischen Armee. Zurück blieben nur ihre Tochter Walentina, die damals bereits in Leningrad lebte und im zweiten Studienjahr des Medizinstudiums war, sowie mein Vater, der zu dieser Zeit dreizehn Jahre alt war.
 
Kurz nach Kriegsbeginn wurden meine Großmutter und mein Vater nach Sibirien evakuiert. Dort arbeitete sie in einer Fabrik, während mein Vater in einer Goldmine beschäftigt war. Waltentina musste mit ihren medizinischen Vorkenntnissen während der gesamten Blockade in Leningrad bleiben. Trotz ihrer Jugend arbeitete sie als Krankenschwester und erlebte unaussprechliche Schrecken. Viele ihrer Kollegen nahmen in dieser Situation Heroin, welches zu Hauf vorhanden war. Sie erzählte, wie Menschen in ihrer Not Ratten fingen und zum Mittagessen kochten. Auch Kannibalismus war verbreitet - ein weiteres grausames Phänomen, das sie nur unter Tränen schildern konnte. Dennoch überlebte sie diese grausame Zeit sowohl körperlich als auch geistig gesund. 

Meine Grossmutter Alexandra Grigorjewna war eine Frau von beeindruckender Willensstärke. Trotz all der Schicksalsschläge, die sie im Leben erleiden musste, wurde sie 99 Jahre alt und behielt bis zuletzt einen klaren Verstand. 

Sie war meine erste Lehrerin, die mich dazu brachte, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Ich wurde nach ihr benannt. Sie lebte sowohl vor als auch nach dem Krieg in einem Holzhaus mit einem echten russischen Ofen in der Region Nowgorod. Vor der Revolution führte ihre Familie ein wohlhabendes Leben und war mit den Fürsten Wassiltschikow verwandt. Doch mit der Ankunft der Bolschewiken wurde ihnen fast alles genommen, abgesehen  von den Apfel- und Kirschgärten sowie den Bienenstöcken. 

Zum ersten Mal wurde ich zu ihr gebracht, als ich sechs Jahre alt war. Großmutter war eine lokale Heilerin, und ich habe ihre schamanistischen Rituale mit eigenen Augen gesehen. Sie heilte mit Zaubersprüchen und Kräutern, die sie in ihrem eigenen Honigtrunk ansetzte. Besonders eindrucksvoll war für mich, wie sie einen Schlangenbiss behandelte. Ein Nachbarsjunge war von einer Schlange in den großen Zeh gebissen worden. Der Zeh war geschwollen und blau. Meine Großmutter murmelte etwa zwanzig Minuten lang  über dem Zeh, und vor meinen Augen wurde er wieder normal. 

Ein weiteres Erlebnis aus dem Leben der Dorfbewohner prägte mich ebenfalls: Ein Nachbar schoss betrunken auf eine Elster, die laut schreiend zu Boden fiel. Ich verabscheute ihn und andere männlichen Wesen im Dorf und schwor mir, niemals erwachsen zu werden. Diesen Schwur habe ich, so glaube ich, bis heute gehalten. 

Als meine Eltern mich abholten, organisierten sie ein großes Fest im Garten, bei dem es Honigtrunk gab. „In Russland gibt es Freude am Trinken“, wie dies die Worte des Chronisten Nestor aus dem 12. Jahrhundert bestätigen. Bei diesem Fest war auch der örtliche Priester anwesend, der unbedingt mich und meine Mutter, die noch nie in einer Kirche gewesen war, taufen wollte. Eine Schüssel mit Wasser wurde gebracht, und der völlig betrunkene Priester begann, mit uns im Kreis um die Schüssel zu gehen, während er sang: „Mit Wein sind wir geboren, mit Wein werden wir sterben.“ So wurde ich orthodoxer Christ.  
 
An diesem Fest war auch meine geliebte Patentante Walentina, die damals als Ärztin im Uritski-Krankenhaus in Leningrad arbeitete. Zu Hause hatte sie eine gute Bibliothek klassischer Literatur. Wenn ich sie besuchte, liebte ich es, eine zufällig gewählte Seite aus einem Buch aufzuschlagen. Wenn der Text interessant war, stellte ich ihrem Ehemann, Onkel Michael, Fragen. Er liebte es, über grosse Themen zu philosophieren. Eines Tages öffnete ich ein Buch von Leo Tolstoi und las: 

Sucht das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzugefügt werden. 

Mit diesem Ende des Romans „Auferstehung“ begann auch für mich unwiderruflich meine Reise ins Reich Gottes”. 
Detskoje Selo - Die Stadt Puschkin
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10.  Detskoje Selo - Die Stadt Puschkin
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In dieser Stadt lebten mein Großvater und meine Großmutter mütterlicherseits. Sie wohnten zusammen mit ihrem Sohn Wladimir und ihrer Tochter Alla. Wladimir war vier Jahre älter als ich, und Alla war sechs Jahre älter. Solange ich mich erinnern kann, besassen sie immer eine Katze und einen Hund. 

Während meiner Schulzeit verbrachte ich viele Wochenenden bei ihnen und spazierte durch die drei großen Parks von Puschkin: den Katharinenpark, den Alexanderpark und den Babolowpark. Im Sommer gab es dort immer Attraktionen, und man konnte im Großen See baden. Die Mutigsten kletterten sogar auf die Tscheßmen-Säule und sprangen von dort ins Wasser. Im Winter liebten wir es, auf Skiern und finnischen Schlitten zu fahren. Der Katharinenpark bot dafür perfekte Bedingungen: kleine Hügel für Schlitten- und Skifahrten sowie festgefahrene Schneestraßen für finnische Schlitten. Manchmal gingen wir auf der Eisbahn, die direkt an die Mauern des Katharinenpalastes grenzte, schlittschuhlaufen. 

Wenn ich zurückblicke, wird mir bewusst, dass meine gesamte Kindheit von Palästen und königlichen Parks umgeben war. Damals fiel mir das nicht auf. Erst in der Schweiz, wo die Berge Parks und Paläste ersetzen, wurde mir diese Besonderheit bewusst. 

Im Alter von 14 Jahren wurde der anglo-italienische Film Romeo und Julia im Kino  gezeigt. Obwohl der Film für Kinder unter 16 Jahren verboten war, wollte ich ihn unbedingt sehen. Mein Onkel und Freund Wladimir, der bereits 18 Jahre alt war, begleitete mich. Wir kauften Tickets, gingen an der Kontrolle vorbei, und um älter zu wirken, schlurfte ich besonders. Die Kontrolleurin ließ mich durch und sagte zu ihrer Kollegin: „Na so was, noch so jung und schlurft schon mit den Füßen. 

Mein Onkel und Freund Wladimir


Meine Freundschaft mit Wladimir endete tragisch. Er starb pl
ötzlich an einem Hirntumor. Abgesehen von gelegentlichen Migräneschmerzen hatte er sich vorgängig kaum bemerkbar gemacht. Ich erinnere mich an den Abend, als ich von der Universität nach Hause ging. Meine Beine wollten einfach nicht weiterlaufen. Ich ahnte, dass zu Hause etwas Schreckliches passiert sein musste, ohne zu wissen, was. Als ich die Wohnung betrat, sagte meine Mutter leise: „Wladimir ist gestorben. Dies war ein fürchterlicher Schock für mich. Ich konnte nicht einmal weinen, so unwirklich schien alles. Es war der erste Tod, den ich in meinem Leben erlebte – und es war der Tod meines engsten Freundes. 

Leningrader Elektrotechnisches Institut
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11.  Leningrader Elektrotechnisches Institut
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Nach dem Abschluss der zehnjährigen Schule wollte ich an das Leningrader Elektrotechnische Institut, benannt nach Lenins ursprünglichem Nachnamen Uljanow. Da mir ein Punkt fehlte, wurde ich nur für das Abendstudium im Fach „Automatik und Telemechanik“ zugelassen - unter der Bedingung, tagsüber irgendwo zu arbeiten. Die sowjetische Armee lastete wie ein dunkler Wolkenberg auf mir.  Ab 18 Jahren musste jeder männliche Bürger der UdSSR  Militärdienst leisten. Die Studenten der Tagesabteilungen waren davon befreit. Hilfe kam von meinem Vater, der mir eine Stelle als Elektromonteur im Zentralen Konstruktionsbüro für Maschinenbau besorgte. Dieses Büro war sehr geheim. Wer dort arbeitete, wurde nicht in die Armee eingezogen. Bis heute weiss ich nicht, womit es sich beschäftigte und welche Geheimnisse es verbarg. Zu meinen Aufgaben gehörte das Installieren und Betreuen von Telefon- und Alarmanlagen. In einem neuen Gebäude, das bis heute auf dem Krasnogwardejskaja-Platz steht, war ich gerade daran, ein Telefon zu installieren. Hinter mir trat ein Mädchen in den Raum. Als ich mich umdrehte, sah ich einen lachenden Eros hinter ihr. Das Lied „She Came In Through the Bathroom Window“ von den Beatles erklang in meinem Kopf. Fasziniert von diesem Wesen, liess mich diese Begegnung bis zum Ende des Arbeitstages nicht los. Da dies ihr Büro war und ich als Installateur die Nummer kannte, rief ich sie über das lokale Netz an. Ich nannte sie bei ihrem Namen, obwohl ich ihn vorher nicht kannte. Zu meiner Ueberraschung stellte sich heraus, dass auch sie die Beatles liebte. Ein paar Jahre lang hatten wir ein Liebesaffäre. Zu dieser Zeit war „Amores“ von Publius Ovidius Naso meine Lieblingslektüre - und Eros würde weiter über mich lachen. 

Zwei Jahre später bot sich mir die Möglichkeit, in die Tagesabteilung des Instituts zu wechseln. So wurde ich Student mit einem Stipendium von 40 Rubel im Monat. Ein Jahr später ergatterte ich mir an der Fakultät einen Laborjob, für den ich nochmals 40 Rubel erhielt. Zu jener Zeit kosteten Platten der Beatles, Led Zeppelin und anderen Gruppen zwischen 30 und 50 Rubel. So blieb kaum Geld für anderes übrig. 

Das Studieren war nicht interessant. Ich lernte nur das Minimum, um das Diplom zu erhalten, das mir die Freiheit vom Militärdienst sicherte. Der militärische Unterricht  im Institut war darauf ausgerichtet, Offiziere für U-Boote auszubilden. Wir machten Notizen in geheime Hefte, die nicht aus dem Institut mitgenommen werden durften. Nach vier Jahren legten wir eine Staatsprüfung ab und uns wurde der Titel „Offizier der Reserve“ verliehen. In den Vorlesungen war ich fast nie, mein Heft blieb nahezu leer. Als die Zeit für die Prüfung kam, wusste ich nur eine Antwort aus den hundertzehn Fragen. Für die Prüfung bekam jeder drei Fragen aus diesem Katalog. Wie durch ein Wunder konnte ich alle drei Fragen beantworten, erhielt die Bewertung „sehr gut“ und wurde Offizier der Reserve. Ein U-Boot habe ich nur auf einem Bild gesehen -  und im Film „Yellow Submarine. Wie es im Innern aussah, war mir völlig unbekannt. 

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Matthäus 6:33) 

Anders kann ich diesen Fall nicht erklären. 

Umso erstaunlicher ist, dass sich dieser Fall bei der Prüfung in „Wissenschaftlichem Kommunismus“ wiederholte. Zur Hauptvorlesung ging ich überhaupt nicht, und den Dozenten habe ich nie gesehen. Einmal besuchte ich ein Seminar eines jungen Mannes namens Kramnik. Er kam mit einem blauen Auge, bat uns um drei Rubel und verschwand. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen, und es ist seltsam, dass ich mich bis heute an seinen Namen erinnere. Die Namen aller anderer Dozenten aus jener Zeit sind aus meinem Gedächtnis verschwunden. 

Für die Prüfung legte ich ein Buch über Kommunismus versteckt auf meinen Schoss und schrieb alle drei Antworten dreist ab. Zusätzliche Fragen stellte niemand. Bewertung: wieder „sehr gut. Eines war klar: Damals durfte man über solche Schummeleien nicht sprechen. Aber jetzt tue ich es. 

In dieser Zeit las ich das Neue Testament, und immer mehr Fragen tauchten auf. 
Im vierten Jahr begann ich, über mein weiteres berufliches Schicksal nachzudenken. Ingenieur in der UdSSR zu sein bedeutete, sein Leben in Armut zu verbringen. Das Gehalt eines jungen Spezialisten betrug 120 Rubel im Monat, und die einzige Möglichkeit für eine Karriere bestand darin, in die KPdSU einzutreten. Der Gedanke allein verursachte mir Übelkeit. 

„Das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Lukas 17:21) 

Sagte der, der dafür gekreuzigt wurde. Ich suchte nach einem Ausweg, um aus dieser Situation herauszukommen und dachte folgendermassen: Man kann in seinem Bewusstsein etwas finden, das Verständnis dafür gibt, wie man richtig handelt. Das Mittel dazu hat Jesus gegeben:  

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7:1). 

Ich verstand: Man muss einfach beobachten, was einem in den Sinn kommt, und nicht in rationales Denken verfallen, das nur für die Planung gedacht ist. Wie aus der Quantenphysik bekannt ist, spielt der Beobachter eine aktive Rolle und beeinflusst die Realität. Ich verstand: der Akt der Beobachtung öffnet den Geist und lässt neue Perspektiven zu. Ich wusste nun: Ich werde unabhängiger Künstler. 

Nicht weit von unserem Institut entfernt befand sich der Lensowjet-Kulturpalast, in dem sich ein Malatelier unter der Leitung von Lew Owtschinnikow befand. Wie ich später erfuhr, unterschieden sich seine Ideen zur Kunst stark von der offiziellen Linie - was mir sehr gut gefiel. Ich wurde sein Schüler. Um neben dem Malen auch gut zeichnen zu lernen, riet er mir, die Abendzeichenschule an der Akademie der Künste zu besuchen. Ich folgte seinem Rat und war sehr begeistert von diesem Unterricht. Tagsüber malte ich viel, sowohl drinnen wie draussen, auch bei schlechtem Wetter, und vernachlässigte das Studium am Institut fast vollständig. Ich erschien nur, um meine Prüfungen und Nachprüfungen abzulegen. Es war mir äusserst peinlich, nichts zu wissen - nicht einmal die Namen der Fächer. Aber die Zeit war so seltsam, dass das Gehalt der Dozenten von den Leistungen der Studenten abhing. Es war daher fast unmöglich, eine Prüfung nicht zu bestehen. Mein Freund Andrej zum Beispiel, der zuvor in der Armee gedient hatte und sich daher keine Sorgen über eine Einberufung machen musste, weigerte sich komplett, eine Diplomarbeit zu schreiben. Die Dozenten flehten ihn an, zur Präsentation seiner Arbeit zu erscheinen -  die sie selbst für ihn geschrieben hatten. Sie riefen sogar mich an und baten mich, ihn zu überreden. Wer würde das heute glauben? Wer versteht das? 

„Und um sie stehen die Toten mit Sicheln  und  - Stille“ (Szene aus dem sowjetischen Film „Die ungreifbaren Rächer) 
Postfach
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12.  Postfach
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Nach dem Erhalt meines Ingenieurdiploms war ich verpflichtet, zwei Jahre dort zu arbeiten, wohin man mich schickte. Ich wurde einem Leningrader Forschungsinstitut zugewiesen, das sich mit der Entwicklung von Funktechnik- und Radarsystemen beschäftigte. Sein Name hiess "Postfach" und war mit einer Nummer verbunden, an die ich mich nicht mehr erinnere. „Postfach“ bedeutete, dass sich das Institut mit geheimen Forschungs- und Verteidigungsprojekten befasste. Es befand sich an einem schönen Ort am Rastrelliplatz, direkt gegenüber der Smolny-Kathedrale. In der Nähe lag das Gebäude der politischen Aufklärung, das zur weiteren Gehirnwäsche der bolschewistischen Köpfe diente – ein Bau im schweren Stalin-Imperialstil. Im ausgezeichneten Café des Gebäudes konnten die Mitarbeiter spezielle Häppchen geniessen, die nur für sie bestimmt waren. 

Am ersten Arbeitstag stellte ich klar, dass ich auf keinen Fall als Ingenieur arbeiten würde. Im Institut gab es eine Stelle als künstlerischer Gestalter, die ich unbedingt übernehmen wollte. Diese Position würde ich für die vorgeschriebenen zwei Jahre ehrlich ausfüllen und danach wieder gehen. Jedes „Postfach“ hatte eine sogenannte „erste Abteilung, die zum KGB gehörte. Dort versuchte man, mich zu überreden, die Ingenieurstelle anzunehmen - ohne Erfolg. 

Die nächste Station war das Bildungsministerium in Moskau, das meiner Berufung zustimmen oder sie ablehnen musste. Freudig fuhr ich in die Hauptstadt. Die Reise ermöglichte mir den Besuch des Puschkin-Museums und der Tretjakow-Galerie, die ich beide sehr liebte. Besonders großes Glück hatte ich, denn im Museum fand gerade eine bedeutende Ausstellung mit Werken von El Greco statt. Bis heute gehört er zu meinen liebsten Künstlern. 

Mein Termin im Bildungsministerium war eine reine Formalität. Ich telefonierte mit einer Mitarbeiterin, die ohne Rückfrage und ohne mich zu sehen im „Postfach“ in Leningrad anrief und ihre Zustimmung gab. 

Nach meiner Rückkehr erhielt ich die Stelle als künstlerischer Gestalter, die nicht an eine bestimmte Anstellungsdauer gebunden war. Ich hatte das Recht, jederzeit zu kündigen. Vor meinem Schritt in die Selbständigkeit blieb ich noch ein Jahr und organisierte zum Abschied im Festsaal des Instituts meine persönliche Ausstellung. 

Was bedeutete das? Im Strafgesetzbuch war Selbständigkeit gleichbedeutend mit Müßiggang und konnte bestraft werden. Ein sowjetischer Mensch musste eine offizielle Arbeitsstelle haben - selbst als Dichter oder Künstler. 

„Oh, hüte dich, fliehe vor dem Leben der leichten Leere. Und nimm den irdischen Staub nicht für Orangenblüten.“ (Gedicht „Orangenblüten“ von Sinaida Hippius) 

Arbeit zu finden war zwar möglich, manchmal jedoch schwierig. Meist handelte es sich um kleinere Aufträge,  wie die Gestaltung von Bibliotheken, Polikliniken, Büros, Schildern in Geschäften oder sogar an Lastwagen.  %u0415inmal arbeitete ich in Restaurierungswerkstätten, die einen Ausweis ausstellten, mit dem ich das Recht hatte, alle Museen der Sowjetunion kostenlos zu besuchen. Es war ein wertvoller Ausweis, den ich voll ausnutzte. Es gab auch eine Zeit, in der ich meinen Lebensunterhalt mit dem Erstellen von Horoskopen verdiente. Ein paar Worte dazu: An einem Lehrstuhl des Leningrader Polytechnischen Instituts befand sich ein Labor, in dem Sergej Schestopalow wissenschaftlichen Forschungen zur Astrologie nach der Methode von Sergej Wronski betrieb. Wronski hatte früher in Deutschland  als Astrologe für den Militärnachrichtendienst gearbeitet. Während des Zweiten Weltkriegs geriet er in sowjetische Gefangenschaft und erklärte sich bereit, für die Sowjetunion zu arbeiten. Ich besuchte Kurse bei seinem Schüler Schestopalow und half ihm, Geburtshoroskope zu erstellen. Für ein Horoskop verlangten wir 25 Rubel, und für eine persönliche Beratung nochmals 25 Rubel. Einmal jedoch vertauschte ich versehentlich die Horoskope zweier Frauen und erzählte der einen vom Leben der anderen -  und umgekehrt. Beide waren zufrieden. Für mich war es eine wertvolle Lektion
.
 
Wir erfinden die Sterne und die Sterne erfinden uns. 

Nach diesem Vorfall hörte ich auf, Horoskope zu erstellen, malte Karten mit den Sternzeichen für Sergej und verabschiedete mich von ihm. Von meinem Fehler erzählte ich ihm nie. 

Die Zeit, in der ich nicht arbeitete, verbrachte ich in der Öffentlichen Bibliothek, gegründet von Katharina der Großen. Dort las ich antike griechische Literatur  -  von Hesiod und Homer bis Plutarch. Doch auf die Frage, wer ich sei, was ich hier tue und was das alles soll, fand ich darin keine Antwort. Deshalb wandte ich mich dann der östlichen Literatur zu. 

Draußen im Katharinenpark vollführten Krähen komplexe Pirouetten in der Luft. Es schien, als würden sie tanzen – unberührt von der Sorge ums tägliche Brot oder meinen dummen Fragen. Aus der Höhe ihres Fluges betrachteten sie das lächerliche Treiben der Menschen auf dem Newski-Prospekt. 

„Es gibt viele Menschen, aber einen echten Menschen zu finden, ist schwer, dachten sie, als wären sie Diogenes von Sinope. 
LenNauchFilm
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13.  LenNauchFilm
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Eine weitere Station in meiner beruflichen Laufbahn war die feste Anstellung bei der Produktionsfirma für wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Filme „LenNauchFilm, wo ich drei Jahre als Trickfilmzeichner arbeitete. Die Studios befanden sich in einem Gebäude, das früher ein Gefängnis war - der perfekte Ort für kreative Arbeit. Zu Beginn konnte ich am Allrussischen Staatlichen Institut für Kinematographie (WGIK) in Moskau an den höheren Regiekursen für die Spezialisierung in Animation teilnehmen. Diese Zeit war unglaublich spannend und unterhaltsam, da wir mit den bekanntesten Schöpfern sowjetischer Zeichentrickfilme zusammenarbeiteten. 

In den Studios von LenNauchFilm teilte ich meinen Arbeitsplatz mit zwei Frauen. Eine von ihnen war von Sri Aurobindos Yoga begeistert, und wir fanden schnell gemeinsame Interessen. Eines Tages lud ich sie zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter zu mir nach Hause ein. Spontan entstand die Idee, eine spiritistische Séance abzuhalten. Der Teller, den wir in die Mitte eines Buchstabenkreises gelegt hatten, schien zu „atmen“ und bewegte sich sehr schnell von einem Buchstaben zum nächsten. Ehrlich gesagt waren wir darauf nicht vorbereitet und fühlten uns etwas überfordert. Wir stellten deshalb ziemlich dumme Fragen. Es war ein seltsames Erlebnis, doch merkwürdigerweise hatte danach niemand mehr den Wunsch, es zu wiederholen. 

Zu dieser Zeit war es in sowjetischen Betrieben Tradition, junge Mitarbeiter im Sommer zur Arbeit auf eine Kolchose oder Sowchose zu schicken, um dort in der Landwirtschaft zu helfen. Auch mir wurde das vorgeschlagen, doch ich hatte andere Pläne für den Sommer -  und kündigte stattdessen. 

Die Worte des Engels aus einem Gedicht von Gumiljow erklangen: 

Er flüstert mir zu: Willensstarker, warum bist du so betrübt? 
Oder sehnst du dich heimlich nach dem früheren, freien Leben? 
Museum Anna Achmatova. Silbernes Zeitalter
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14.  Museum Anna Achmatova. Silbernes Zeitalter
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Als Silbernes Zeitalter wird eine Epoche im Russland von Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Stalinismus bezeichnet. Dieser Zeitraum ist durch einen kulturellen und intellektuellen Aufschwung gekennzeichnet, insbesondere in der Literatur, Musik und Philosophie. Anna Achmatowa (1898 – 1966)  gehört zu den herausragendsten Repräsentantinnen der Dichtkunst dieser  Zeit. Mit Beginn der sowjetischen Ära wurde sie jedoch verboten. Ein Freund lud mich ein, das halblegale Museum der Dichterin Anna Achmatowa zu besuchen, das auf Initiative der Literaturlehrerin Walentina Andrejewna Bilitschenko im Gebäude der Berufsschule Nr. 61 gegründet worden war. Dieses Museum war eine Offenbarung. Es war, als würde jeder Raum einen Schatz enthüllen, der den nächsten hervorbrachte. Die Seele der großen Dichterin, fühlbar in ihren Gedichten, fand an diesem einzigartigen Ort eine neue Verkörperung -  liebevoll neu erschaffen durch die Hände und das Herz von Walentina Andrejewna. Es war ein Wunder zu sehen, wie die jahrzehntelang vergessene und unterdrückte Poesie Achmatowas in diesen Wänden wieder zum Leben erwachte und Teil des kulturellen Erbes wurde. Zu einer Zeit, als ihr Werk praktisch verboten war, wurde das Museum zu einer Schatzkammer des Gedächtnisses. Bis heute strahlt es das Licht ihres Talents und ihrer Persönlichkeit aus. 

„Leben - so in Freiheit, sterben - so zu Hause, zitierte Walentina Andrejewna Bilitschenko aus Achmatowas Werk. 

Anna Achmatowa lebte einst in einem Palais an der Fontanka 34, in demselben Gebäude, in dem meine Mutter geboren wurde. Vielleicht legte sich deshalb ihre Poesie wie ein Lied in mein Herz. 

Im Museum bot sich mir die Gelegenheit, als Gestalter mit Walentina Andrejewna Bilitschenko zu arbeiten. Das war eine wahre Freude. Es schien, als sei sie wie eine Schwester der Poetin direkt aus dem Silbernen Zeitalter zu uns gekommen, um dessen Mystizismus, Ästhetik und spirituelle Tiefe zu vermitteln. Auch ich identifizierte mich mit dem Silbernen Zeitalter, mit seiner Suche nach dem Sinn des Lebens und seiner geistigen Orientierung. Doch auch das Gute hat ein Ende. Der Direktor der Berufsschule kam und sagte, dass ich hier überflüssig sei. 

Aber im Herzen leuchtet das, was nicht vergeht. 

Das Museum zog zweimal um, und jedes Mal kehrte ich für temporäre Gestaltungsarbeiten zurück. Für die abschliessende Einrichtung des Museums kaufte Walentina Andrejewna Bilitschenko zwei meiner Gemälde: “Der Ruf” und “Feuriges Sankt Petersburg”. Beide waren inspiriert vom Silbernen Zeitalter. 

"Der Ruf" und "Feuriges St. Petersburg"


Zum Abschied zitierte mir Walentina Andrejewna Zeilen aus „Poem ohne Held“ von Achmatowa: 

Nur der Spiegel träumt vom Spiegel, 
Die Stille bewacht die Stille. 

Der Schauplatz des Gedichts ist das Fontänenhaus am Fontanka-Ufer Nr. 34. Ich höre sie immer noch und bin erstaunt, wie sie den meditativen Zustand des Ati-Yoga vermitteln konnte. 
Ausrichtung nach Osten
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15.  Ausrichtung nach Osten
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Kehren wir zu den Raben zurück, die weiterhin atemberaubende Pirouetten über dem Kopf von Katharina der Großen drehten, was aus dem Fenster der Öffentlichen Bibliothek zu sehen war. Ich betrachtete sie und dachte: Warum leben sie in Harmonie mit der Natur, selbst mitten im städtischen Trubel, und ich - nicht? Warum finde ich weder mit der Natur noch mit den Menschen Harmonie? 

Warum bin ich hier geboren? Nur um nach einem Zeitplan zur Arbeit zu gehen, um für Essen, Kleidung und eine Wohnung Geld zu verdienen? Aber all das haben auch die Raben. Also warum?Warum wurde mir ein Verstand gegeben, der nur Fragen stellt, aber nicht in der Lage ist, Antworten zu finden? 
 
Die klassische westliche Literatur bot ebenfalls keine Antworten - sie half nur, diese Fragen schön zu formulieren. Die Chance, Antworten zu finden, kam, als ein Freund mich mit den Ideen von Gurdjieff vertraut machte, insbesondere mit seinem „vierten Weg. Von ihm erfuhr ich, dass wir alle gewisser massen Maschinen sind. Nun gut, ich stimme dem zu. Aber lass uns versuchen, „uns aus der Maschinerie zu befreien. In diesem Moment erinnerten mich die Worte von Fjodor Tjutschew: 
 
„Das irdische Leben ist ringsum vom Schlaf umgeben…“ 
 
Um zu erwachen, waren Methoden erforderlich. Ich las die Bhagavad-Gita und die Gespräche von Ramakrishna, und dann ging ich wieder in die Öffentliche Bibliothek, um die indische, chinesische und japanische Philosophie zu studieren. Diese Bücher konnte man nur in einem speziellen Raum lesen, der „Spezialarchiv“ genannt wurde. Später erzählte mir eine Mitarbeiterin dieser Abteilung, dass ich wegen meines Interesses an solchen Büchern vom KGB registriert worden war. Vom KGB? Wofür? 

„Der Buddha ist das, was du nicht verstehst, wenn du solche Fragen stellst, sagte ein Zen-Mönch. 
„Der Buddha ist ein Loch in einem Plumpsklo, meinte ein anderer Mönch.
 
Die Situation klärte sich: Man musste jenseits des rationalen Denkens forschen. 

Zu jener Zeit gab es in Leningrad nur drei Gruppen von sogenannten Yogis. Juri Sorin hielt Vorträge über das Integrale Yoga von Sri Aurobindo. Anatoli Iwanow leitete Kurse zum klassischen Yoga nach Patanjali und Alexej Iowlew unterrichtete Hatha-Yoga. In Alexejs Gruppe übersetzte jemand die Werke von Krishnamurti und Rajneesh (Osho), so dass wir dank ihm ihre Bücher, die er mit Schreibmaschine auf Russisch abgetippt hatte, lesen und ihre Ideen aus praktischer Sicht diskutieren konnten. 

Die Treffen fanden zweimal pro Woche in der Turnhalle einer Schule in der Tuchatschewski-Straße statt, bis sie plötzlich ein Ende nahmen. Eines Tages kamen drei Männer in klassischen schwarzen KGB-Lederjacken herein, setzten sich auf eine Bank und warteten, bis wir mit dem Unterricht fertig waren. Sie begannen unsere Namen aufzuschreiben, ohne sich vorzustellen oder uns etwas zu erklären. Dann wurden wir aufgefordert, uns mit unserer Unterschrift zu verpflichten, nicht länger Yoga zu praktizieren. 

Kurz darauf erschienen in der Leningrader Zeitung "Smena" drei Artikel unter der Überschrift Die Newa-Yogis. Wer sind sie? Kein einziges Wort darin entsprach der Wahrheit. Es war nur eine abstrakte Kritik an angeblich Verrückten, die im Widerspruch zu den Idealen der Sowjetgesellschaft lebten. Der Titel des Artikels war von einem Dokumentarfilm „Indische Yogis. Wer sind sie?aus den 70er-Jahren entlehnt und  verfälscht. Dieser Film wurde damals im offiziellen Fernsehen gezeigt. 
Zur gleichen Zeit wurde im Kino öffentlich der Dokumentarfilm des Schweizer Schriftstellers Erich von Däniken mit dem Titel  „Erinnerungen an die Zukunft gezeigt. Die Karten dafür waren sofort ausverkauft. In der Luft von Leningrad lag plötzlich ein Hauch von mystischer Propaganda. Wie groß war die Sehnsucht, die Wahrheit in diesem Ozean aus Lügen zu finden! Doch alles endete wie bei Dostojewski: 

„Die Wahrheit entpuppte sich als ein Stiefel“ -  aus dem Roman „Die Dämonen.
 
Aber Osho war schon in meinem Kopf: 

„Sei ein Zeuge. Lass die Gedanken vorbeiziehen wie Wolken am Himmel. Du bist der Himmel. Sie kommen und gehen. Aber du bleibst. 

Auch Eros war wieder zugegen, wie immer mit einem erstaunlichen Sinn für Humor. 
Eines Tages spazierte ich mit einer Freundin entlang des Primorski-Prospekts. Wie ich liebte auch sie Poesie und Märchen und war an der buddhistischen Philosophie interessiert. Sie zeigte mir einen buddhistischen Tempel, von dessen Existenz in Leningrad mir nichts bekannt war. Und sie wusste nur, dass er anfangs des 20. Jahrhunderts gebaut worden war. Als wir dort ankamen, war die Tür des Tempels verschlossen. Wir drückten auf die Klingel neben dem Eingang, worauf uns eine Frau in einem weissen Kittel öffnete. Auf unsere Frage, ob wir eintreten dürften, antwortete sie, dass der Zugang verboten sei. Im Innern befände sich ein Labor des zoologischen Instituts, in dem Experimente an Ratten durchgeführt würden. Von innen drang ein übler Geruch zu uns und bestätigte diese Auskunft. Von der zynischen Nutzung dieses heiligen Ortes waren meine Freundin und ich schockiert. Damals wussten wir noch wenig über die Geschichte unseres Landes. Wir hatten keine Ahnung, dass mit der Machtübernahme der Sowjets alle buddhistischen Mönche, denen es nicht gelang zu fliehen, erschossen wurden. 

Die Poesie von Dmitri Mereschkowski, einem der Exponenten des Silbernen Zeitalters, kannten wir damals auch nicht: 

„Wir verschlingen das Licht wie der Himmel, Wir begraben die Kultur im Grab.“  -  aus dem Gedicht „Verbotene Bücher“. 

Später, zu Beginn der Perestroika, kamen mehrere tibetische Mönche in die Staatliche Eremitage und erschufen dort ein Sandmandala. Es war Avalokiteshvara - der Verkörperung des Mitgefühls - gewidmet. Nach der Fertigstellung wurde der Sand des Mandalas in die Gewässer der Newa gegossen, damit sich die Harmonie über die ganze Welt verbreiten konnte. 
 
Dieses Ereignis hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Ich, der es gewohnt war, meine Arbeit zu schätzen und die geschaffenen Bilder zu bewahren, konnte mir das freiwillige Zerstören eines so mühsam geschaffenen Kunstwerks nicht vorstellen. Die Idee der Vergänglichkeit alles Seienden schlug tiefe Wurzeln in mir. Als ich das erkannte, wurde das Leben leichter und fröhlicher. 
Abchasien und Staraja Russa
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16.  Abchasien und Staraja Russa
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„Was ist Wahrheit? fragte Pilatus Christus auf dem Gemälde von Nikolai Ge in der Tretjakow-Galerie. Um das selbst herauszufinden, folgte ich der Einladung eines Freundes zu seiner Imkerei im Dorf Tchlou, unweit des Schwarzen Meeres. Mein Plan war es, in den Bergen im Lotussitz zu verweilen und darauf zu warten, dass das Wunder der Wahrheit durch mein Scheitelchakra eintritt. Dies nach der Methode von Yogananda oder der von Aurobindo, je nachdem, welche Erfolg hatte. Doch es klappte nicht. Wie Matsuo Basho sagte: 

„Du wanderst und wanderst – und plötzlich bist du kein Wanderer mehr, sondern der morgendliche Nebel. 

So blieb mir nichts anderes übrig, als nach Leningrad zurückzukehren - in den chronischen Nebel. 

Nach meiner Rückkehr musste ich Geld verdienen. Ein Bekannter bot mir an, ihn nach Staraja Russa zu begleiten, um dort ein Kaufhaus zu gestalten. Wir wohnten bei einem bekannten Mönch des Pskowo-Petscherski-Klosters, der auf den Namen Schenja hörte. Schenja hatte eine Vorliebe für Wodka und eine Geliebte, die als Leiterin eines Lebensmittellagers arbeitete. Deshalb hatten wir immer genug zu essen. Außerdem liebte Schenja Prügeleien und ging deshalb regelmäßig zum Karate-Training. Kurz gesagt: Es war eine unterhaltsame Zeit. 
Die Insel Walaam
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17.  Die Insel Walaam
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In der Zwischenzeit gründete ich eine Familie. Wir machten mit unserem ersten Kind Artemi eine Reise zur Insel Walaam im Ladogasee, wo wir den Sommer verbringen wollten. Neben dem Kloster gab es verschiedene Einsiedeleien. Zum Wohnen wurde uns ein Zimmer in der Roten Einsiedelei gegeben, da ich eine Stelle als Aufseher der Gelben Einsiedelei antreten konnte. Dort befand sich das Ikonenmuseum. Täglich kamen Touristengruppen auf die Insel. Meine Aufgabe bestand unter anderem darin, für sie das Museum zu öffnen. In der übrigen Zeit malte ich Landschaftsstudien dieser wunderschönen Insel und verkaufte sie an der Anlegestelle den Besuchern. 

Mit dem Ende der Tourismussaison kehrten wir nach Hause zurück und beschlossen, den Winter im Dorf „Solnetschny“ (Sonnig) auf der Karelischen Landenge in der Nähe des Finnischen Meerbusens zu verbringen. Bis 1940 war dieses Dorf Teil Finnlands und hieß Tyrisevä. Wir mieteten ein kleines Häuschen und lernten unsere Nachbarin und ihre zwei Kinder kennen. Sie war eine faszinierende Person und verfügte über die Gabe der Psychografie. Sie empfing Texte und schrieb diese nieder, ohne sich ihres Inhalts bewusst zu sein, so als kämen die Worte aus einer anderen Quelle. Diese Informationen bekam sie anscheinend vom griechischen Gott des Weines, Bacchus, obwohl sie weder mit uns noch mit ihm je Wein trank. Diese Texte dienten hauptsächlich der Entblockierung emotionaler Muster, die sie „Einstellungen“ nannte. Ihr Name war Walentina Bacchusowa. Sie war überzeugt, mentale Strukturen von Jesus Christus zu besitzen. Was dies bedeutete, erschloss sich mir nicht. 

Damals verschlangen wir alle Bücher von Carlos Castaneda. Walentina kommentierte bestimmte Passagen mithilfe ihres automatischen Schreibens. Allmählich bildete sich um uns eine Gruppe aus mehreren Familien mit kleinen Kindern. 

Als der Winter zu Ende ging, verbrachten wir wieder gemeinsam den Sommer auf der Insel Walaam. 

Hier möchte ich einen kleinen Exkurs in die Geschichte des Walaam-Archipels machen. Vor der Sowjetzeit befand sich dort ein Männerkloster. 1920 kamen die Bolschewiken, unterdrückten die Mönche und richteten ein Sanatorium für Kriegsversehrte ein. In den 1960er Jahren, mit dem Machtantritt von Chruschtschow und der beginnenden Tauwetterperiode, begann auch auf Walaam eine neue Ära. Ein Natur- und Geschichtsmuseum des Walaam-Archipels wurde gegründet, und organisierte Touristengruppen besuchten die Insel. 

Im Jahr 1992, als mein Sohn Artemi drei Jahre alt war, verbrachten wir erneut den Sommer auf Walaam. Wir malten, fertigten Tonflöten und kleine Glocken an und verkauften diese an Touristen. Eines Tages ging ich von der Roten Einsiedelei nach Süden an eine einsame Stelle, wo nie Touristen hinkamen. Dort wollte ich eine Landschaftsstudie mit Blick auf ein Schiff im Hafen und die vorgelagerte Insel Predtecheski malen. Beim Oeffnen meines Malkoffers merkte ich, dass ich das Lösungsmittel vergessen hatte. Ich rannte zurück, indem ich meine Malutensilien am Ufer stehen liess. Alles dauerte nicht mehr als zwanzig Minuten, in denen meine Gerätschaft auf mysteriöse Weise verschwunden war. Die Sonne schien und vom Schiff im Hafen war Musik zu hören. Ich suchte alles ab, aber es war keine Spur meiner Gegenstände zu finden. Obwohl es nur Waldboden und keinen Weg gab, hörte ich plötzlich laute, langsame Schritte. Ich drehte mich in Richtung des Geräuschs um und sah eine große, schwarze Gestalt in einem langen Mantel, in schweren Stiefeln und mit einem Hut auf dem Kopf. Sie ging langsam, trat durch die Bäume hindurch und machte bei jedem Schritt ein dumpfes Geräusch. Ohne mich zu beachten, ging die Gestalt einfach weiter. Ich war wie gelähmt vor Angst. Im Nachhinein denke ich, dass diese Begegnung dazu führte, dass mein Haar ergraute. 

Ich fuhr mit dem nächsten Schiff nach Hause, um ein neues Malset mit Farben und Pinsel zu kaufen. Damals war das keine leichte Aufgabe. Mein Lehrer Lew Owtschinnikow, Mitglied des Künstlerverbandes, half mir dabei. 

Mit dem Schiff „Koroljow“ und einer Gruppe Pilger kehrte ich auf die Insel zurück. Nachts kam ein schwerer Sturm auf. Unser Schiff wurde weit vom Ufer abgetrieben. Die Besatzung kämpfte fast einen ganzen Tag lang mit den Elementen, bis sie es schließlich schaffte, das Schiff ans Ziel zu bringen. 

Walaam ist eine Insel voller echter Mystik, sowohl in positiver als auch negativer Art. Wie Castaneda sagen würde, ein Ort der Kraft. Besonders spürbar war das auf einer der vorgelagerten Inseln, wo die Mönche nach den strengsten Klosterregeln lebten, ein Schweigegelübde hielten und sich von dem ernährten, was sie selbst anbauten oder im Wald fanden. 

Einmal ruderte ich mit der Tochter von Walentina Bacchusowa zu dieser Insel. Doch die Geister der Insel ließen uns nicht anlegen: Ein starker Wind kam auf, Wellen schlugen gegen das Boot, und wir hörten Stimmen, die auf unterschiedliche Weise riefen. Es war, als lebten dort die Raubvögel aus alten Legenden. Vielleicht waren es die Geister der Mönche, die sich durch Fasten und Gebete selbst quälten. Aber warum quälten sie sich? 

„Die Welt ist nicht nur das, was wir sehen und mit unseren Sinnen wahrnehmen. Sie ist auch eine geistige, unsichtbare Welt, die unserem Verstehen verborgen bleibt. 

Das ist ein Zitat von Pawel Florenski, der 1937 im sowjetischen Arbeitslager auf den Solowezki-Inseln starb. 

Sein Enkel, Pater Andronik, Philosoph, Theologe und Wissenschaftler, der nach der Wiedereröffnung des Klosters im Jahr 1989 dessen erster Vorsteher wurde, lud mich im Sommer 1992  zu einem  Spaziergang auf der Insel ein, bei dem wir ein Gespräch führten, da ich mehr über seinen Grossvater und dessen Interpretation des Christentum erfahren wollte. Wir kamen an der großen Kiefer vorbei, die vom berühmten Realisten Iwan Schischkin gemalt worden war. Da schlug er mir vor, die Einsiedeleien der Insel zu zeichnen. Ich fertigte Grafiken von drei Einsiedeleien an, jede in einer Auflage von 50 Exemplaren, die mir der Klosterverband abkaufte. Pater Andronik empfahl mir, eine Zeit lang auf einer anderen Insel  im Ladogasee, Konewez, zu verbringen, Dort war Pater Nazarius der Vorsteher. Im darauffolgenden Sommer folgten wir seinem Rat. 

"Rote Einsiedelei" und "Weiße Einsiedelei"


Der letzte Sommer auf
Walaam blieb mir auch dadurch in Erinnerung, dass wir eine wunderbare Familie aus Amerika kennenlernten. Sie kauften ein paar meiner Gemälde und erzählten von ihrem Leben in den USA. Bevor sie ihre Reise mit dem Dampfer fortsetzten, tauschten wir unsere Adressen aus. Einige Zeit später, wieder zurück in unserer Wohnung in Leningrad, klingelte es an der Tür. Ich
öffnete, und zwei große, junge Männer in eleganten Anzügen standen davor. Sie stellten sich auf holprigem Russisch vor. Die nette amerikanische Familie, mit der wir auf Walaam die Adressen ausgetauscht hatten, habe sie gebeten, uns zu besuchen. Als Geschenk brachten sie uns eine russische Ausgabe des Buches “Mormon” mit einer Widmung des 13. Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die jungen Männer waren sehr fröhlich und präsentierten uns mit Begeisterung die verschiedenen englischen Dialekte, indem sie uns das Lied Goosey Goosey Gander, Whither Shall I Wander? sangen. Das war unglaublich lustig. Ich dachte, dass ich mit solchen Leuten gut bekannt sein könnte. Doch eines überraschte mich. Warum trinken sie keinen Wein, keinen Tee und keinen Kaffee? Solche Einschränkungen waren nichts für mich. 

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. (Evangelium nach Matthäus 22:21) 
Begegnung mit Igor
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18.  Begegnung mit Igor
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Sankt Petersburg wurde von Peter dem Grossen auf einem Sumpf erbaut. Schriftsteller wie Andrej Belij, Dmitrij Mereschkowski und Anatolij Anziferow, ebenso wie Gogol und Dostojewski, sahen diese Stadt im metaphorischen Sinne als einen Sumpf. Die Stadt verschlingt ihre Bewohner in einem Nebel, einer Art Trance, und gibt ihnen zugleich die spirituelle Energie, aus diesem trüben Zustand herauszutreten. Ich spürte genau das und hoffte inständig, diesem Nebel zu entkommen, dem Symbol einer kollektiven Halluzination. 

Je mehr ich lese, je mehr ich erfahre, desto mehr bin ich sicher, dass ich nichts weiß. 

Eines Tages lud uns eine Freundin meiner Frau zu ihrem Geburtstag ein. Sie erwähnte, dass einer der Gäste ein Mensch mit außergewöhnlichen Fähigkeiten sei. Wir gingen hin. Es war eine kleine Wohnung mit etwa fünfzehn Menschen. Einer von ihnen spielte auf einer Trommel. Das war Igor Kalinauskas, den ich später in Kiew bei seinem Retreat treffen würde. Alle setzten sich an den Tisch. Es gab usbekischen Plow und zahlreiche Flaschen mit dem damals angesagten schwedischen Alkohol Royal, gemischt mit Kiwi-Limonade. Igor benahm sich wie ein georgischer Tamada, ein Tischmeister. Er schenkte ständig ein und sprach Trinksprüche. Zeit zum Essen blieb kaum. Er mischte den Alkohol und die Limonade in gleichen Teilen und nannte es Kiwivka ein Wortspiel aus Kiwi und Kiew, der Stadt, in der er damals lebte. Kein Wunder, dass alle sehr schnell betrunken wurden. Igor setzte sich auf den Boden und bat mich, mich neben ihn zu setzen. Er fragte mich: „Saschka, weißt du, dass ich ein Moksha bin?“ Warum auch immer, antwortete ich sofort: „Ja, ich weiß.“ Obwohl ich es eigentlich nicht wusste – ich hatte lediglich das Wort, das aus dem Sanskrit stammt, schon einmal gehört. Er erzählte mir ein wenig über seine spirituelle Schule. Auf meine Bitte, mich als Student aufzunehmen, antwortete er, dass er bereits genug Schüler habe und keine Kraft für weitere. Stattdessen empfahl er mir, nach Litauen zu reisen, um drei Meister seiner Schule zu treffen: Eva, Virginija oder Jonas. Die Geschichte meiner Reise dorthin, mein Treffen mit Virginija und was ich dort erlebte, wissen sie bereits. 

Zwischenzeitlich gab es in Littauen viele neue Treffen mit Virginija bei Theaterbesuchen,   Ausstellungen und Meditationen. Mit meiner Familie reiste ich nach Nida an der Ostseeküste. In einem ehemaligen Kloster in Vilnius meditierten wir über die großen Arkana der Tarotkarten. Nach meiner Rückkehr nach Hause malte ich 22 Bilder. Heute heißen sie „Virgin Tarot und befinden sich im Tarot-Museum von Richard Kaplan in Stamford, Connecticut, USA.
Familienleben
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19.  Familienleben
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Zwischen mir und meiner Frau bestand völlige Harmonie bezüglich der Lebensphilosophie. Wie wir aber unser soziales Leben organisierten, kann ich bis heute nicht beantworten. Wir konnten einander ein Buch bis zum Morgen laut vorlesen und zusammen lachen, besonders wenn es ein Buch von Castaneda oder Osho war. Wenn der Kühlschrank leer war, gingen wir mitten in der Nacht einkaufen. Oft machten wir von Osho empfohlene Übungen, wie zum Beispiel mit einem zerstreuten Blick entweder in den Spiegel zu blicken oder einander anzuschauen. Wenn die angeschaute Person verschwand und an ihrer Stelle nur Leere sichtbar wurde, löste dies großes Lachen aus. Nur der Humor schien real zu sein, während die Realität der restlichen Welt stark in Frage gestellt wurde. Einmal beschloss meine Frau, sich selbst Unterwäsche zu nähen, und sie nähte sie so, dass sie von oben wie das Zeichen der Unendlichkeit aussah.  Wir erkannten dies sofort: Es waren Möbius-Höschen. Wir lachten beide, und das sehr lange. Ich bin der Meinung, dass solche Höschen es verdienen, im Centre Pompidou in Paris ausgestellt zu werden. 

Gleichzeitig ereigneten sich wunderbare Dinge. Ein weiterer Sohn, Michael, wurde geboren, und eineinhalb Jahre später noch einer, Dimitri. Drei Söhne – das sind drei Segnungen des Himmels. Für den Lebensweg von jedem von ihnen habe ich aus tiefster Seele die Erfüllung der Zeilen aus Michael Lermontows Gedicht „Des lieben Kindes Geburt“ gewünscht: 

„... Und aus dem Schlamm der Welt wird er hervorgehen, 
Mit reiner Seele und unversehrtem Herzen! 

Kinder Dimitri, Michael und Artemi, Michael und Dimitri


1996 wurde unser ältester Sohn Artemi eingeschult. Gegenüber unserem Haus befand sich eine Schule mit Schwerpunkt auf Fremdsprachen (Hindi und Englisch). Um dort aufgenommen zu werden, musste ich die Wand der Aula im indischen Stil bemalen und Kunst unterrichten. Das tat ich mit Freude.
 

Die jüngeren Kinder wuchsen zu Hause auf und profitierten von ihren Großeltern. Im Sommer konnten sie mit ihnen aufs Land ziehen, mal waren sie im einen Dorf, mal in einem andern. Jedes Großelternpaar hatte eine eigene Datscha, meine Eltern eine in der Region Pskow, und die Schwiegereltern in der Region Kalinin. An den Wochenenden fuhren wir regelmässig in ein näher gelegenes Sommerhaus am Ufer der Newa in Pella. Gleichzeitig lag Freiheit in der Luft, es herrschte ein naiver Glaube und die Hoffnung, dass bald Ordnung und Demokratie im Land einkehren würden. 

"Was sich im schweigenden Herzen lange drängte, das brach mit einem Lied hervor.” - Afanassi Fet. 

Ich organisierte meine eigenen Ausstellungen in verschiedenen Galerien und bemalte die Wände eines Cafés in einer Fabrik namens ATI. Diese drei Buchstaben waren wie ein Omen. Ein Jahr später begann ich, mich mit der Lehre des Ati-Yogas zu befassen, welche später zum Sinn meines Lebens wurde. Es war eine Zeit, in der das Bedürfnis gross war, die religiöse und spirituelle Dimension wieder ans Licht zu bringen. Der Direktor dieser Fabrik baute auf deren Gelände eine Kirche, in der die Ikone der Gottesmutter „Die unerschöpfliche Schale“ verehrt wird. Der Kirchenvorsteher gab mir den Auftrag, diese Ikone zu malen, welche als Schutzpatronin derer gilt, die an Alkohol- und Drogensucht leiden. Bis heute hängt sie dort und ich hoffe, dass sie den Menschen hilft. 
Meditation
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20.  Meditation
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In der Imkerei meines Freundes sass ich auf einer Waldlichtung und beobachtete meine Gedanken. Meine Augen waren halb geöffnet und blickten entspannt in den Raum vor mir. Nach einer Weile, als die Gedanken zur Ruhe kamen, begann ich, erstaunliche Dinge zu sehen. Alles um mich herum atmete vor Leben und bewegte sich unbeschwert ohne jeglichen Zweck oder Grund. Die Luft war sichtbar, und sie spielte mit dem Nebel, der auf die Lichtung sank. Die Zeit blieb stehen, aber man konnte sehen, wie die Sonne hinter den Bäumen unterging. Alle Bäume, Gräser und Blumen verneigten sich und dankten ihr schweigend für den Tag.
 
Mit dem Sonnenuntergang wurde mir kühl. Ich musste aus dem Märchen heraustreten sehe das Erlebte aber bis heute deutlich vor mir. Ich glaube, dass wir alle in diesem Zustand leben könnten, doch rationale Sorgen hindern uns daran, das lebendige Leben um uns herum wahrzunehmen. 

Ich wollte diese Erfahrung weiter und tiefer entwickeln, wusste jedoch nicht wie. Das Wichtigste ist, dies aus tiefstem Herzen zu wollen. 

Dank der Eroberung Tibets durch China begann sich die Lehre des Ati-Yoga über den Planeten auszubreiten. Auch mein zukünftiger Lehrer, Chögyal Namkhai Norbu, floh aus Tibet nach Italien, wo er Professor für tibetische und mongolische Sprachen an der Universität für Orientalistik in Neapel wurde. In den 70er-Jahren begannen sich Menschen um ihn zu sammeln, die nach Wissen über sich selbst und die Welt suchten. So entstand allmählich die internationale Dzogchen-Gemeinschaft. Auf analytischer Ebene ist es nicht schwierig, dieses Wissen zu verstehen, doch in dieses Wissen einzutreten, halte ich für noch schwieriger, als die Quantenphysik zu begreifen. 

Seit 27 Jahren praktiziere ich Ati-Yoga mit dem Studium der alten Schriften und Meditationen und fühle mich ungefähr im gleichen Alter, in dem ich es kennengelernt habe. Obwohl die Zeit für mich jede Bedeutung verloren hat, lache ich mehr und öfter über mich selbst als früher. 

Die Sonne scheint weiterhin und spiegelt sich in allen Spiegeln der Welt auf die gleiche Weise. 
Fata Morgana statt Schlussfolgerung
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21.  Fata Morgana statt Schlussfolgerung
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Durch mein kürzlich erwachtes Interesse an der Quantenphysik ergründe ich die Möglichkeit, die Dzogchen-Lehre mit ihr zu verbinden. 

Alles, was im Universum existiert, einschließlich unseres Geistes, hat eine doppelte Natur - die der Welle und der Quanten. Der Geist verhält sich wie eine Gedanken-Welle und wie ein Intuition-Quant. Gedanken fließen mit der Zeit, wie eine Welle – sie kommen und gehen. Die Höhe der Welle wird durch das Gefühl bestimmt, das sie trägt. 

Ein Quant ist sofortiges Bewusstsein, das jenseits der Gedanken entsteht. Es ist reines Wissen im Moment, unabhängig von der Zeit. Dieser Zustand ähnelt der "Superposition" – dem gleichzeitigen Bestehen mehrerer möglicher Zustände. Wenn der Beobachter erscheint, der sich als Bewusstheit oder Präsenz manifestiert, kollabiert die Wellenfunktion, und die Gedankenwellen verstummen. 

Wenn der Lärm der Gedanken nicht mehr da ist, bleibt nur die Intuition. Sie ist sofort, ganzheitlich und erfordert keine Beweise. Dies ist vergleichbar mit einem quantenmechanischen Sprung, bei dem das System aufhört, sich in Unbestimmtheit zu befinden und in einen Zustand eines bestimmten Ergebnisses übergeht – reines Bewusstsein. 

Unser Geist wird zum Spiegel, der die Prozesse des einen Bewusstseins widerspiegelt, das allen Wesen gemeinsam ist. Alle individuellen Bewusstseine sind lediglich Manifestationen eines universellen Bewusstseins, das weder durch Raum noch Zeit begrenzt ist. In diesem Zustand reiner Aufmerksamkeit existiert der Beobachter weiter. 

Meine Gedanken-Welle kommt zum Schluss, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Beginn eines neuen Abenteuers innerhalb desselben Bewusstseins, mit dem selben Bewusstsein. Es ist eine Reise des Beobachters. 

Selbst wenn die Fata Morgana nicht zu echtem Wasser führt, kann sie den Wanderer stützen, indem sie ihm ein Ziel gibt, um weiterzugehen und die Hoffnung zu bewahren. 

Ich schließe mit den Worten meines Lehrers, die keine Fata Morgana sind, Chögyal Namkhai Norbu: 

„Die Verwirklichung unseres wahren Zustands und das Fortbestehen seiner Präsenz sind in Wirklichkeit die Essenz aller Wege, die Grundlage aller Meditationen, der Abschluss aller Praktiken, die Grundlage aller geheimen Methoden und der Schlüssel zu allen tiefgründigsten Lehren. 
Deshalb sollten wir uns bemühen, ununterbrochene Präsenz zu bewahren und uns von nichts ablenken zu lassen. 

Porträt meines Lehrers Namkhai Norbu Rinpoche

 

 

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