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DIE SUCHE NACH DEM EIGENEN LEBEN
Geboren wurde ich, als 2. Kind, am 21. Oktober 1953.
Der Entschluss, mein Leben in Worte zu fassen, reifte jahrelang in mir heran und war immer ein Bestandteil meiner Gedanken.
Die Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit und somit mit meinen Erinnerungen, sollen mir helfen, mich und mein Leben besser zu verstehen.
Immer öfters dachte ich zurück, an meine Kindheit, an meine Jugend und daran, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn mein Umfeld ein anderes gewesen wäre, oder wenn ich das Glück gehabt hätte, behütet in einer Familie aufzuwachsen, oder warum musste gerade ich, solche Demütigungen und Qualen erleiden.
Meine Erinnerungen haben mich nie losgelassen und durch das Schreiben sollten alle, noch vorhandenen Gedanken, eine Struktur erhalten.
Das Wichtigste waren immer meine Kinder und ich möchte ihnen einen Einblick in mein Leben ermöglichen, da sie sehr wenig über meine Vergangenheit wissen und danach vielleicht besser verstehen können, warum in unserem Leben so vieles falsch lief.
Trotz aller Liebe zu ihnen und meine Versuche, mein Bestes zu geben, sind mir, geprägt durch mein eigenes Leben, so viele Fehler unterlaufen, die nicht mehr zu ändern und auch nicht mehr gutzumachen waren.
Durch das Chaos in meinem Leben, mussten sie auf vieles verzichten, was für ihr Leben wichtig gewesen wäre.
Heute noch, nach so vielen Jahren, schmerzt es mich, dass meine Kraft nicht ausreichte, ihnen die Werte eines stabilen Lebens zu vermitteln.
Die Geschichte meines Lebens soll ebenfalls aufzeigen, wie Behörden mit ihrem Handeln und Ärzte mit ihren Diagnosen dazu beitragen, dass Menschen für lebensunfähig klassifiziert werden und laut Diagnose, nicht in die sogenannte Gesellschaft passen. So viele Jahre in der zweiten Reihe verbracht, begann irgendwann mein Kampf, um meinen Platz in der ersten Reihe und auf dieser Welt zu finden, ohne daran zu verzweifeln.
Nur durch meinen starken Willen und meine Kraft schaffte ich es, mich nie aufzugeben und so versuchte ich, immer wieder einen neuen Weg zu finden, wobei vieles dadurch noch schlimmer wurde, aber immer mit dem Gedanken, dass ich irgendwann, irgendwo ankommen würde.
Der Titel für meine Lebensgeschichte war sehr schnell gefunden, da die Suche mich Jahrzehnte begleitet hat, ich aber voller Verzweiflung, nie irgendwo angekommen war um sie zu beenden.
Nach jedem Versuch, der in einem Fiasko endete, war ich am Boden zerstört, jedoch suchte und fand ich immer wieder einen Ausweg.
Erstaunliches habe ich beim Schreiben festgestellt.
Längst vergessen geglaubte Erlebnisse kamen nach und nach zum Vorschein und so fühlte ich mich jeweils zurückversetzt, in die Vergangenheit meines Lebens.
Selbst kleine unbedeutende Erlebnisse, schmerzliche und traurige, aber auch einige glückliche Momente, waren plötzlich wieder zum Greifen nah.
Sehr oft angsterfüllt und mit Herzklopfen, musste ich meine Erinnerungen freigeben, um sie nochmals zu durchleben, bevor ich sie endgültig in Worte und Sätze bündeln konnte.
Sehr oft musste ich eine Pause einlegen, mich mit etwas anderem beschäftigen, um meine innere Ruhe wieder zu finden.
Gleichzeitig wollte ich ebenfalls versuchen, selbstkritisch auf mein vergangenes Leben zu blicken, um Licht in meine Fehler und meine falschen Entscheidungen zu bringen.
Mir wurde bewusst, dass man vieles, nicht wirklich vergessen kann, sondern nur verdrängt, um anderem Platz zu machen.
Bei vielen Erinnerungen fragte ich mich, wie ich es schaffte, die Suche nach meinem Leben immer wieder fortzusetzen, ohne daran zu verzweifeln.

Die Spuren auf diesem Acker, gestalten sich wie meine Suche.
Ich wollte in meinem Leben geradeaus gehen, doch das Ziel war immer wieder der Anfang.

Meine Suche beginnt bei meinen Eltern, mit denen es nie eine Verbundenheit gab und die, zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, kein Interesse an uns Kindern hatten.
Noch heute frage ich mich, warum wir nicht geliebt wurden und wenn doch, warum sie ihre Liebe nicht zeigen konnten.
Eine Frage, auf die ich keine Antwort mehr bekommen werde.
Meine Mutter, in Deutschland am Bodensee aufgewachsen, war eine wunderschöne junge Frau, als sie meinen Vater kennenlernte, der 1947 mit einem Holzfällertrupp, in der Nähe von Hegne, gegen den Borkenkäfer kämpfte.
Sie war 19 Jahre alt und wurde von allen beneidet, weil ein Schweizer sich für sie interessierte, ihr Luxusartikel aus der Schweiz mitbrachte, die es, so kurz nach dem Krieg in Deutschland nicht, oder wenn überhaupt, nur zu überteuerten Preisen zu kaufen gab.
Seidenstrümpfe, Kosmetikartikel, oder einfach nur Schweizer Schokolade.
Aufgewachsen im Krieg, wollte sie mit Hilfe meines Vaters den Entbehrungen der Nachkriegszeit für immer entfliehen und so wurde die Schweiz für sie das Land, von dem sie hoffte, dass ihre Wünsche und Träume in Erfüllung gehen würden.
Mein Vater, als Verdingkind im Kanton Bern aufgewachsen, verliebte sich in die wunderschöne junge Frau und nahm sie mit in die Schweiz und in sein Leben. Er hatte die finanziellen Mittel, sie zu verwöhnen und ein Jahr später wurde geheiratet.
Seinen Erzählungen zufolge, wurde er von vielen beneidet, so dass er sie voller Stolz, so oft wie möglich in der Öffentlichkeit zeigte und meine Mutter, bereits von ihren Eltern verwöhnt, glaubte den richtigen Partner und ihre Zukunft gefunden zu haben.
Für meinen Vater war sie sein Besitz und ich bin mir sicher, dass er, verliebt in ihre Schönheit, sich nie mit ihrer Persönlichkeit beschäftigte.

Der Schweizer der viel Geld verdiente, die junge schöne Frau, die sich all ihre Wünsche erfüllen konnte und die Entbehrungen der letzten Jahre waren schnell vergessen.
Kurz nach der Heirat, die Baubranche boomte, entschied sich mein Vater, mit einer Eisenlegertruppe, auf selbstständiger Basis zu arbeiten, um sich die grössten Stücke vom Kuchen zu sichern.
Er hatte schnell gelernt, viel Geld zu verdienen und geglaubt, dass der Luxus, sich vieles leisten zu können, ausreicht um ein glückliches Leben zu führen.
Meine Mutter lernte die schönsten Seiten der Schweiz kennen, konnte unter der Woche im Hotel logieren und musste sich um nichts kümmern.
Sie musste einfach nur schön sein und mein Vater, 13 Jahre älter, war natürlich stolz, dass sie an seiner Seite war.
Sehr schnell hatte sie sich an den Luxus und das schönes Leben gewöhnt und konnte sich nicht vorstellen, dass es sich bald ändern würde,
1951 dann, meine Mutter war inzwischen 22 Jahre alt und mein Vater 35, entschlossen sie sich, eine Familie zu gründen.
So wie bei allen Paaren, sollte wohl auch für sie, dies die Erfüllung ihrer Beziehung werden.

Im November 1952 wurden ihre Wünsche erfüllt, meine Schwester erblickte das Licht der Welt und 11 Monate später, am 21. Oktober 1953, wäre ich gerne das zweite Geschenk gewesen, jedoch wurde das gemeinsame Leben, als Familie mit zwei Kindern, sehr schnell zu einer Last und beide waren nicht bereit diese zu tragen, oder zu teilen.
Mein Vater hatte kein Interesse, seine Baustellen so zu koordinieren, damit er mehr zu Hause sein konnte, somit blieb nur das Wochenende und es wurde ein Hausmädchen angestellt, um meine Mutter zu entlasten.
Für sie drehte sich nun alles nur noch um Haushalt und Kinder und somit war sie im wirklichen Leben angekommen. Beiden war nicht bewusst, dass sie nun zwei Kinder hatten, für die man mit der Geburt eine Verantwortung übernimmt und man wenigstens versuchen sollte, als Familie zusammenzuwachsen.
Mein Vater hatte bereits nach kurzer Zeit, das Interesse an seiner Familie verloren, was sich bis zu seinem Tod nicht änderte.
In den Akten der Vormundschaftsbehörde war zu lesen, dass er sich zwei bis drei Mal pro Jahr telefonisch erkundigte, wie es uns Kindern geht.
Auch seine Besuche waren rar und so kann ich mich leider an keine, gemeinsamen Erlebnisse erinnern.
Ein schwarzer Mercedes Sportwagen, sein ganzer Stolz, durfte die Garage nur am Wochenende verlassen, wurde stets gehegt und gepflegt, bis er zum Oldtimer wurde.
Jedes Jahr nahm er an einer Oldtimerausfahrt teil, die mehrere Tage dauerte und durch die ganze Schweiz führte.
Eines Tages war das Auto weg, er hatte es einem guten Freund geschenkt, der ihn nun jedes Jahr gratis auf die Schweizertour mitnehmen sollte.
Für uns Kinder hatte er weder Zeit noch Geld, aber ein halbes Vermögen verschenken und dann noch prahlen damit, das machte mich wütend und traurig zugleich.
Da unsere Beziehung immer flach und kühl war, fehlte mir der Mut meinem Ärger Luft zu verschaffen, so tat ich das, was ich am besten konnte und das war dreimal leer schlucken.
Auch auf Geschenke zum Geburtstag, oder an Weihnachten, wartete ich vergebens, ein Beweis, dass wir in seinen Gedanken in der hintersten Schublade abgelegt wurden und irgendwann gerieten wir in Vergessenheit.
Vielleicht lag es auch daran, dass er selber, nicht in einer Familie aufgewachsen, mit der Situation und der Verantwortung seiner eigenen überfordert war, somit kümmerte er sich nur noch um seine Arbeit und um sich selber.
Ebenso schnell vergessen, war seine junge schöne Frau, die er jetzt nicht mehr überall vorzeigen konnte, ohne zwei kleine Kinder im Schlepptau.
Er glaubte, mit der Anstellung eines Kindermädchens und einer monatlichen, grosszügigen Zahlung auf das Konto meiner Mutter, seinen Verpflichtungen nachzukommen.
Und meine Mutter, sie vermisste die Freiheit, den Luxus sich alle Wünsche erfüllen zu können und durch ihre Unzufriedenheit drohte die Familie zu zerbrechen. Sie wurde psychisch krank und bald reichte das Geld nicht mehr, da sie es für unnötige Dinge ausgab, so dass sie gezwungen waren, unser Kindermädchen zu entlassen.
Die Krankheit, wohl immer schon schlummernd in ihrem Körper, drohte sie zu verschlingen und durch die entstehenden Probleme und ihrer wachsenden Hilflosigkeit, würde sie es nicht ohne Hilfe schaffen, ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben.
Mutter zu sein, die Verantwortung für Kinder zu übernehmen, das war nicht das Leben, das sie sich vorgestellt hatte, zumal unser Vater inzwischen nur noch auftauchte um frische Wäsche zu holen, oder zur Abwechslung im eigenen Bett zu schlafen.
Die Träume meiner Mutter, von einem schönen Leben brachen Stück für Stück in sich zusammen und da waren wir nun, zwei kleine Mädchen, drei und zwei Jahre alt, die so gerne in einer glücklichen Familie aufgewachsen wären, aber das Leben sollte für uns beide nicht viel Erfreuliches bereithalten und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
Ein erneuter Umzug, dieses Mal nach Kreuzlingen, sollte eine Veränderung bringen. Meine Mutter erhoffte sich Hilfe von ihren Eltern, die nun in unterstützender Nähe waren, da mein Vater nach wie vor, nur selten zu Hause war und nicht bereit war, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, um eine Lösung zu finden.
Die erhoffte Hilfe gestaltete sich dann doch schwieriger, als meine Mutter sich dies vorgestellt hatte und das krankheitsbedingte Chaos, konnte nicht mehr aufgehalten werden.

Hier nun beginnt mein Leben.
In meinen ersten Erinnerungen, finde ich weder Mutter noch Vater, auch an meine Schwester kann ich mich nur schwach erinnern, aber das kleine Haus an der Bergstrasse in Kreuzlingen und die Raumaufteilung sind bis heute in meinen Erinnerungen fest verankert und so wage ich mich in meinen Gedanken, die Vergangenheit und somit den Schauplatz zu betreten.
Nur eine kleine Gartentüre, die quitschend den Weg frei gibt und schon stehe ich, mit wehmütigem Gefühl, vor einem kleinen Stück meiner Kindheit.
Ich öffne die dunkle Haustüre und betrete eine ebenso dunkle, düstere Wohnung, die mich kalt umschlingt und bei meiner Pirsch durch die Zimmer, empfinde ich weder Wärme, noch Geborgenheit. Hinter der ersten Türe, die ich öffne ist unser Kinderzimmer, jedoch ist mir nur der Kachelofen in Erinnerung geblieben, da ich meine Puppe auf dem Ofen wärmen wollte, sie dann leider anfing zu schmelzen und wie traurig ich war weil ich keine neue bekommen hatte.
Die zweite Türe, das Schlafzimmer meiner Eltern, werde ich nicht öffnen können, da wir dieses Zimmer nie betreten durften, also gehe ich geradeaus in die Küche. Ebenso dunkel und düster wie der Rest der Wohnung, war sie wohl der Mittelpunkt unseres Lebens.
Ein Herd, in dem das Holz knistert, dann ein heller Küchenschrank und in der Mitte des Raumes ein Tisch mit Stühlen. Unter dem Fenster, neben dem Kochherd, befand sich unsere Spielecke, bestehend aus einem kleinen Holztisch mit zwei passenden Stühlchen, aber keinerlei Spielsachen, was mich traurig macht, da ich immer glaubte, dass man das erste Lieblingsspielzeug nie vergisst. So verlasse ich die Küche, denn da gibt es noch eine Türe, dahinter unser Wohnzimmer und obschon diese Türe immer offen stand, durften wir uns nicht darin aufhalten.
Da stehe ich nun, vor drei geöffneten und einer geschlossenen Türe, grabe und suche in meinen Erinnerungen nach dem Gesicht, oder einer Berührung meiner Mutter, oder vielleicht die Anwesenheit meines Vaters, doch leider muss ich meine Suche ergebnislos aufgeben.
Nun stelle ich mir die Frage, wer hat mit mir gespielt und ich stelle erschreckend fest, dass nur diese schwache Erinnerung an meine Schwester übrig bleibt und wir wohl oft alleine waren.
Die nächste Erinnerung deutet sehr darauf hin, denn wir hatten wohl Hunger und versuchten auf einem Holzhocker den wir in den Garten stellten, Brot zu schneiden. Ob mit oder ohne Erfolg, entzieht sich leider meiner Erinnerung.
Dazu eine Tasse Ovomaltine, dickflüssig und klebrig, wie kleine hungrige Schleckermäuler dies wohl lieben. Dies eine Erinnerung meiner Schwester die mir erzählte, dass ich von ihr immer mit Ovo gefüttert wurde, wenn ich Hunger hatte.
Hiermit verlasse ich enttäuscht und traurig, den Ort meiner ersten Erinnerung und die Türe fällt hinter mir ins Schloss.
Heute noch, wenn mich mein Weg nach Kreuzlingen führt, fahre ich bewusst an diesem Haus vorbei, das immer noch, inzwischen mehrmals umgebaut und nach wie vor geschützt mit einem Gartenzaun meine Gedanken weckt und so bin ich, für einen kurzen Moment, wieder das kleine Mädchen, das hier vielleicht einmal glücklich war, aber keine Chance auf eine Familie bekam.
Aber das, was wäre wenn, ist längst vorbei und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, mir vorzustellen, wie sich mein Leben gestaltet hätte wenn,...
Dieses Foto entstand 1955 in diesem Häuschen, ist leider als einziges übrig geblieben da es von einem Fotograf aufgenommen wurde und unsere Eltern ansonsten wohl kein Interesse hatten unsere Entwicklung in Schnappschüssen festzuhalten.
Damals schon, nicht schwer zu erkennen, hatte ich ein paar Kilo Übergewicht, die mich viele Jahre begleiteten und mein Leben zusätzlich beeinflussten, weil ich mein Erscheinungbild verabscheute.


Dann wachte ich eines Tages auf und war bei meinen Grosseltern in Deutschland am Bodensee.
Was war passiert. Meine Mutter wurde im Sommer 1955, hochschwanger in die psychiatrische Klinik Münsterlingen eingewiesen, wo meine jüngere Schwester zur Welt kam.
Infolge Ihrer Krankheit war sie nicht mehr im Stande, sich um uns zu kümmern, denn auch wenn Sie anwesend war, lebte sie in ihrer eigenen Welt.
Ab sofort war die Vormundschaftsbehörde Kreuzlingen für uns Kinder verantwortlich und auch unsere Mutter erhielt einen Vormund.
Wo war unser Vater, wo die Liebe zu seinen Kindern, aber noch schlimmer, wie konnte er es zulassen, dass die Familie auseinander gerissen und planlos verteilt wurde.
Viel Fragen, auf die ich nie eine Antwort fand und ich habe mich leider viel zu spät damit befasst, etwas herauszufinden.
In den Akten der Vormundschaftsbehörde waren keine Notizen zu finden, die sein Verhalten auf irgendeine Weise rechtfertigen konnten.
In seinem Leben hatte es wohl keinen Platz für Probleme und noch weniger für Kinder, so befreite er sich, mit nur einer Unterschrift, von seiner Familie und von einem Abschnitt seines Lebens.
DIE SCHÖNSTE ZEIT IN MEINEM LEBEN
Da ich der Liebling von meinem Opa war, begannen für mich die vier schönsten Jahre meines Lebens, in denen ich behütet und geliebt wurde. Nach wie vor bewahre ich die schönsten Momente, die ich mit ihm erleben durfte, in meinem Herzen, wo ich sie für immer bewahren werde. Meine Eltern waren in weiter Ferne und es sollten viele Jahre vergehen, bis ich sie wieder sehen würde.
Und meine Oma? An sie habe ich nur eine schwache, bildliche Erinnerung, obschon sie ja die meiste Zeit mit mir verbracht hatte.
Sie hat mir später mal erzählt, dass sie nie mit mir schimpfen durfte, wenn mein Opa in der Nähe war, da er mich immer in Schutz nahm, auch wenn vielleicht ein lautes Wort zwingend gewesen wäre.
Schlimm kann es nicht gewesen sein, denn sonst würde ich mich sicher daran erinnern.
Laut meiner Patin war ich immer sein grösster Schatz, den er behüten musste, obschon er sich früher, für seine eigenen Kinder, nie so viel Zeit nahm und auch Mühe hatte, seine Liebe zu zeigen.
Zudem soll er meine Oma, hauptsächlich aus Eifersucht, sehr oft, ungerecht behandelt und sogar geschlagen haben.
Vielleicht wollte er unbewusst, begangene Fehler mit mir wieder gutmachen, aber wie auch immer, für mich war er der Grösste.

Auf diesem Foto, das während der Zeit bei meinen Grosseltern entstand, bin ich hinten neben Tante Olga, zusammen mit den Kindern meines Onkels. Sie war nicht unsere richtige Tante, aber wir nannten sie wohl immer so.
Leider kann ich mich weder an sie, noch an die Kinder erinnern.
Aber meinen Opa - Ihn sehe ich heute noch vor mir.
Dunkle Haare und einen Schnurrbart mit dem er mich kitzelte, starke Arme die mich die Treppe hoch trugen und sein Lachen, das ich nie vergessen möchte.
Er war bereits seit 1934 Bürgermeister in Hegne und jede freie Minute die er aufbringen konnte, war er für mich da.
Ein „riesengrosses“ Büro und neben seinem Schreibtisch ein Stuhl, auf dem ich, wenn er mich mitnahm, Mäuschenstill sitzen blieb, nur um in seiner Nähe zu sein.
Stolz war ich, weil dieser Stuhl nur für mich da stand und ein dickes Kissen darauf lag, damit ich auf den Bürotisch schauen konnte.
Ein Blatt Papier und Farbstifte lagen immer für mich bereit und so entstanden viele Zeichnungen, die alle einen Ehrenplatz in seinem Büro erhielten.
Wenn er Besuch bekam, wurde ein zweiter Stuhl auf die andere Seite vom Schreibtisch gestellt und ich fühlte mich gross und wichtig, genau so wie mein Opa es war.
Er brachte mich in den Kindergarten, holte mich, wenn es seine Zeit erlaubte auch wieder ab und ich war immer sehr enttäuscht, wenn er nicht beim Eingang auf mich wartete. Traurig musste ich mich alleine auf den Heimweg machen, jedoch hat er es sich nie nehmen lassen, sich am Fenster vom Rathaus zu zeigen, um mir zu winken.
Morgens ging er, nach einem kleinen Frühstück ins Büro und kam immer dann nach Hause, wenn es Zeit für mich war aufzustehen. Meiner Oma wäre es lieb gewesen, wenn ich früher aufgestanden wäre, aber bei jedem ihrer Blicke ins Zimmer stellte ich mich schlafend, da nur mein Opa mich "wecken" durfte.
Wenn ich zurück denke, bin ich mir nicht sicher ob sie wirklich nie gemerkt hatte, dass ich wach war und vielleicht mir zuliebe mitspielte.
Dann hörte ich seine Schritte auf der Treppe und sein erster Gang war in mein Zimmer, wo ich bereits im Bett stand, und ihn glücklich anstrahlte.
An seinem Rücken geklammert, trug er mich in die Küche, damit meine Oma mich waschen und anziehen konnte.
Nach dem gemeinsamen Frühstück gingen wir zusammen aus dem Haus, zuerst jedoch putzten wir noch unsere Zähne, denn dies war ein unglaublich wichtiges Ritual für ihn und seine Zahnbürste war ein Utensil das mehrmals täglich in Gebrauch war und so ist es bis zu seinem Tod geblieben.
Der Kindergarten war direkt neben dem Rathaus und bis wir da ankamen, klammerte ich mich an seine Hand und war mir sicher, so lange er da war konnte mir nichts passieren.
Im Kindergarten war ich die Erdbeere und alle persönlichen Dinge wurden damit gekennzeichnet. Unsere Betreuungspersonen waren Nonnen vom Kloster, wobei eine von ihnen sehr streng war und manchmal laut wurde wenn wir Streit hatten, oder wenn eines der Kinder nach dem Mittagessen auf den obligatorischen Mittagsschlaf verzichten wollte.
Für den Mittagsschlaf wurden kleine Matten auf dem Boden verteilt und jedes Kind hatte eine Wolldecke, die mit dem persönlichen Symbol gekennzeichnet war.
Zum Kindergartenareal gehörte eine Wiese mit Spielplatz und eine von Blumen geschmückte Statue der Muttergottes. Sie stand auf einem Erdhügel, umgeben von Steinen und für mich so schön wie ein Engel.
Eines Tages stand ich wieder einmal vor meinem Engel, als mich eine Nonne packte und mit mir in Richtung Haus rannte. Alle schrien durcheinander, rannten ebenfalls los und ich wusste nicht was los war, erst als ich mich nochmals zur Statue umdrehte, sah ich gerade noch wie das letzte Stück einer Schlange zwischen den Steinen verschwand.
Nun wusste ich, warum man uns immer wieder Bilder von Schlangen zeigte und uns eingeprägt wurde, vorsichtig zu sein und bei einer Begegnung laut zu schreien.
Am nächsten Tag kamen Arbeiter, stellten einen Zaun mit genügend Abstand zur Madonna, um die Gefahr einer weiteren Begegnung zu reduzieren.
Eine andere Gefahr stand vor dem Rathaus und das war ein Brunnen, von dem viele Kinder und natürlich auch ich magisch angezogen wurden, jedoch war es uns aus Sicherheitsgründen strengstens untersagt, auf den Brunnen zu klettern um Wasser zu trinken, was nicht immer befolgt wurde, auch nicht von mir.
Eines Tages bin ich beim Versuch, auf den Brunnenrand zu klettern, platsch, im Wasser gelandet und schaffte es nur mit Mühe und Todesangst mich selber zu retten. Zitternd und patschnass lag nun wohl oder übel der Heimweg vor mir und aus Angst vor meiner Oma, überlegte ich mir, wie ich mich ins Haus schleichen könnte, damit mein unfreiwilliges Bad mein Geheimnis blieb. Meine Schritte wurden noch kleiner als sie sonst schon waren, je näher ich meinem zuhause kam und mein Mut, der verließ mich kurz vor der Haustüre. Also kehrte ich wieder um und watschelte als nasse Ente ins Rathaus, denn ich war mir sicher, mein Opa würde mir helfen.
Vorsichtig und leise öffnete ich die Türe zu seinem Büro und blieb weinend stehen, wobei sich um mich herum bereits ein kleiner See bildete.
Er schaute mich wortlos an und ich glaubte, ein verstecktes Lächeln zu sehen. Na dann, bringen wir die nasse Maus mal nach Hause, das war alles was er zu meinem Badeabenteuer sagte. Somit war meine Angst verflogen, ich strahlte ihn an und fühlte mich geborgen.
Wortlos steckte mich meine Oma in trockene Kleider, mein Opa machte sich wieder auf den Weg ins Büro und ich wurde doch noch bestraft, denn ich durfte bis zum Abendessen mein Zimmer nicht verlassen.
Hegne liegt am Gnadensee, der früher in den Wintermonaten etliche Male bis zur Insel Reichenau zugefroren war und ein Magnet für viele, so auch für meinen Opa war. Er wagte sich mit mir aufs Eis, auf dem sich bereits viele Menschen tummelten.
Er setzte mich in einen aufgeblasenen Gummireifen, zog mich über das Eis und ich war stolz und glücklich, denn alle Kinder schauten neidisch auf den Reifen und natürlich auf mein Zugpferdchen. Viele der Kinder wurden zwar ebenfalls gezogen, jedoch mussten sie sich mit einem Schlitten begnügen, der natürlich nicht so viel Fahrt aufnehmen konnte.
Was war ich stolz – Mein Opa – Damals war ich das glücklichste Kind auf der Welt.
Die Frau rechts auf diesem Foto, ist meine Grossmutter.
Wir wohnten anfangs noch in diesem alten Haus, mit dem mich eine einzige Erinnerung verbindet und das ist der erste Stock mit meinem Zimmer, dem Schlafzimmer meiner Grosseltern und die Toilette, die sich zuhinterst im Gang, gleich neben der Estrichtreppe befand. Wenn ich nachts auf die Toilette musste, ich jedoch zu klein war den Lichtschalter zu drehen, versuchte ich diese schleichend und im Dunkeln zu erreichen, aber bereits nach ein paar Schritten klebte ich am Boden fest, denn auf der Treppe zum Estrich stand ein fürchterliches Monster mit einem knorrigen Stock, schaute mich furchterregend an und ich war mir sicher, noch einen Schritt und dann wird er sich auf mich stürzen.
Mein ganzer Mut, meine Entschlossenheit und mein innerer Kampf, einfach nicht hinzuschauen, nutzten nichts, denn an meinen Beinen klebten Felsbrocken die mich festhielten und meine Füsse waren nicht bereit, freiwillig Richtung Toilettentüre zu gehen. Es fehlten nur ein paar Schritte bis zum nächsten Lichtschalter, der für mich auf der richtigen Höhe gewesen wäre, aber meine Versuche endeten immer damit, dass ich zu meinem Opa ans Bett schlich und ihn weckte damit ich Begleitschutz hatte, denn immer wenn das Licht anging war der Bösewicht verschwunden und mein Opa wurde zu meinem Held und Retter. Danach brachte er mich ins Bett und deckte mich zu.
Ab und zu nahm er mich mit auf eine Baustelle und erklärte mir, dass wir bald umziehen würden und eines Tages war es dann soweit.
Ein neues Haus, für mich ein neues Zimmer das direkt neben der Küche lag und so konnte ich ab sofort glücklich und geborgen, mit vertrauten Geräuschen aus der Küche einschlafen.
Direkt hinter dem Haus begann der Wald und ich schleppte alle Tannenzapfen an, die ich finden konnte, die meine Oma dann im Ofen verbrannte.
Der nahe Wald wurde zu meinem Spielplatz, den ich zusammen mit meinem Opa stundenlang erkundete, wo wir Verstecken spielten, oder uns einfach auf einen Baumstamm setzten, um einem Konzert der Vögel zu lauschen. Auf einer kleinen Lichtung, konnten wir oft, Rehe mit ihren Jungen beobachten, auch Hasen hoppelten über die Wiese und ich musste sehr leise sein, um sie nicht zu erschrecken. Solche Momente waren wohl der Ursprung für meine Tierliebe und ich erinnere mich ebenfalls noch daran, dass ich jeden Regenwurm, der sich auf die Strasse verirrt hatte und jede Schnecke zurück ins Gras legte und dass mein Opa dann immer lachte.
An Ostern bastelten wir unzählige Nester aus Moos und versteckten sie an den unmöglichsten Orten, damit der Osterhase sie füllen konnte.
Enttäuscht war ich, weil immer nur ein Nest gefüllt war und ich nach langem Suchen feststellen musste, dass die anderen alle leer blieben.
Mein Opa erklärte mir dann, dass er die anderen sicher nicht gefunden hat.
Somit war ich beruhigt und nahm mir vor, im nächsten Jahr noch mehr Nester zu bauen, um meine Chancen zu erhöhen.
Auch die Ausflüge im Seitenwagen seines Motorrades, in dem ich mich wie eine Prinzessin fühlte, werde ich nie vergessen. Bei einem der Ausflüge hatte der Seitenwagen einen Platten und ich musste auf dem Motorrad mitfahren. Das Gesicht meiner Oma, als wir auf den Hausplatz fuhren, versprach nichts gutes und sie hat dann auch fürchterlich mit ihm geschimpft, obschon ich überhaupt nicht verstehen konnte warum sie so böse mit ihm war, denn es war mir ja nichts passiert und wir waren heil zuhause angekommen.
Ein weiteres Hobby waren seine Bienen und auch da wollte ich immer dabei sein, musste ihn jedoch immer anbetteln, damit er mich mitnahm.
Es war spannend für mich zu sehen, wo mein geliebter Honig herkam und wollte wieder einmal zu nahe am Geschehen sein, was den Bienen überhaupt nicht gefiel, so dass ich fürchterlich gestochen wurde. Zwei Tage musste ich im Spital verbringen, weil mein Gesicht so anschwoll, dass meine Augen nicht mehr zu sehen waren und ich fürchterliche Schmerzen hatte, was mich jedoch nicht davon abhalten konnte wieder mitzugehen. Tapfer habe ich meine Angst verdrängt, nur um in seiner Nähe zu sein, versuchte aber, den Bienen aus dem Weg zu gehen. Zudem durfte ich mich nur noch in angemessener Entfernung zu den Bienenstöcken aufhalten, was von meinem Opa strikte kontrolliert wurde. Er erklärte mir, sollte mich nochmals eine Biene stechen und ich ins Spital müsste, er mich nie wieder mitnehmen würde.
Er blieb für mich, solange er lebte und über den Tod hinaus, die wichtigste Vertrauensperson, denn er war meine Familie, hat mir zugehört, wenn ich meine Probleme loswerden musste, ohne dass er mir Vorwürfe machte und für all das liebte ich ihn.
Als er krank wurde und 1980 starb, war meine Welt nicht mehr die gleiche, da nun ein Stück meines Herzens fehlte und sich stattdessen ein Felsblock breit machte. Am Tag vor der Beerdigung wollten wir am offenen Sarg als Familie Abschied nehmen und bereits am Morgen dachte ich, dass ich diesen Tag nicht überstehen würde, da mein Herz so voller Schmerz war.
Am Ende dieses Tages, war ich froh, dass er vorbei war, denn noch nie hatte ich an einem einzigen Tag so viele Katastrophen erlebt.
Zuerst kam die Kinderbetreuung, infolge einer Autopanne eine Stunde zu spät, was eigentlich noch kein Problem gewesen wäre, da ich mit dem Auto nur etwas mehr als eine Stunde unterwegs sein würde.
Aufgewühlt und traurig startete ich, um nach zehn Kilometern festzustellen, dass meine Reisetasche es nicht alleine ins Auto geschafft hatte.
Genervt über meine Gedankenlosigkeit musste ich wenden, denn ich wollte ja bei meiner Oma übernachten und zudem waren meine Kleider für die Beerdigung in der Tasche.
Immer noch Zeit genug, aber bereits etwas genervt, startete ich ein zweites mal, um eine halbe Stunde später im Stau zu stehen und das erste mal in Tränen auszubrechen.
Endlich freie Fahrt und ich wurde ruhiger, war mir aber bewusst, dass mich nun kein Zwischenfall mehr aufhalten darf.
Da ich unbedingt pünktlich sein wollte, fuhr ich eine vermeintliche Abkürzung und plötzlich stand ich im Wald, in dem Wald, in dem ich so viele schöne Stunden mit meinem Opa verbracht hatte. Verzweifelt und weinend stellte ich fest, ich hatte mich verfahren und als ich dann, leider viel zu spät, bei der Aufbahrungskappelle ankam, war der Sarg bereits geschlossen.
Es war ein schlimmer Moment für mich, da ich ihn gerne noch einmal gesehen hätte.
Meine Patin konnte mich kaum beruhigen, denn eine Welt brach für mich zusammen.
Vertieft in meinen Gedanken und meinen Erinnerungen, konnte ich mich mit niemanden unterhalten, denn alles um mich herum, schien in weiter Ferne zu sein.
Nach einer unruhigen Nacht, in der ich versuchte die Szenarien des Tages zu verarbeiten, wusste ich nicht, wie ich so voller Schmerz, die Trauerfeier überstehen sollte. Nur mit viel Überredungskunst meiner Patin schaffte ich es, die Kirche zu betreten, denn dies war der endgültige Abschied, aber ich war nicht bereit ihm auf Wiedersehen zu sagen und wollte ihn nicht loslassen.
Zudem konnte ich mir nicht verzeihen, dass ich mich tags zuvor verfahren hatte.
Dies hat mich sehr lange beschäftigt, da ich glaubte ihn verraten zu haben und bei jedem Besuch auf dem Friedhof versuchte ich mich bei ihm entschuldigen. Heute bin ich jedoch davon überzeugt, dass alles so sein sollte, damit ich ihn lebend in Erinnerung behalten durfte und vielleicht war er ja dafür verantwortlich, dass ich mit dem Auto plötzlich in unserem Wald stand, in dem ich so viele glückliche Stunden mit ihm verbringen durfte.
Als letzte und mit schweren Schritten betrat ich die Kirche, die zum Bersten voll war.
Sehr feierlich und ehrenvoll, wurde er, von seiner Familie und von vielen Wegbegleitern, als Politiker und Altbürgermeister verabschiedet.
Die Beisetzung fand nach dem Mittagessen, im engsten Familienkreis statt, was mich nochmals viel Überwindung kostete.
Viele Jahre, bei jedem Besuch an seinem Grab, schüttete ich ihm mein Herz aus, erzählte ihm von der Suche nach meinem Leben und dass ich endlich irgendwo ankommen möchte.
Für meinen ersten Besuch auf dem Friedhof, fand ich erst drei Monate nach der Beerdigung die Kraft und es regnete an diesem Tag in Strömen. Ohne Schirm und ohne Regenjacke stand ich, vermutlich eine halbe Ewigkeit vor dem Grab, bis ein Friedhofsgärtner mich aus meinen Gedanken holte.
Mit einem Schirm stellte er sich wortlos neben mich und wartete bis ich meine Gefühle wieder etwas im Griff hatte, begleitete mich in einen Aufenthaltsraum der Kapelle, besorgte mir einen Kaffee sowie ein Handtuch und so war ich bald wieder in der Gegenwart. Ich bedankte mich für seine Hilfe, worauf er mir erzählte, dass er schon viele traurige Menschen getroffen habe und die Trauer sich mit der Zeit in Dankbarkeit verändern würde, in Dankbarkeit dafür, dass man mit dem verlorenen Menschen schöne Zeiten verbringen durfte.
Mein Leben musste nun ohne meinen geliebten Opa weiter gehen und mit der Gewissheit, dass er wusste wie wichtig er mir war, schwor ich mir, alle schönen Erinnerungen für den Rest meines Lebens, in meinem Herzen zu bewahren.
Als meine Oma starb, war ich auch traurig, aber der Abschied war nicht so schmerzerfüllt.
Meine Mutter war bei den Beerdigungen ihrer Eltern nicht anwesend, da der Bruch zu ihnen und zum ganzen Rest ihrer Familie, schon viele Jahre vorher stattgefunden hatte.
Dieses Foto von Hegne ist 50 Jahre alt, mit dem Kloster im Vordergrund und ganz oben in der Mitte, am Waldrand steht das neue Haus, in dem ich glücklich sein durfte.
Im Vordergrund stehen die Gebäude des Klosters der barmherzigen Schwestern, in dem damals noch ein Spital integriert war.
1895 gegründet, von einem Schweizer Pater und einer Schwester des Ordens Ingenbohl, ist das Angebot heute sehr vielfältig.
Das Kloster beinhaltet, ein Pflegeheim, ein Gymnasium, ein Tagungs und Urlaubshotel und noch einiges mehr.

In Münsterlingen geboren, eine Mutter die auf Grund ihrer psychischen Erkrankung, nicht im Stande war für sie zu sorgen und viele Monate in der Psychiatrie verbringen musste, wurde sie als drei Wochen altes Baby bei einer Pflegefamilie platziert und bekam so die Möglichkeit, in einer liebevollen Familie mit Geschwistern aufzuwachsen.
Von ihr persönlich habe ich erfahren, dass ihre Kindheit glücklich war und sie auch nie das Gefühl hatte, nicht zur Familie zu gehören.
Den ersten persönlichen Kontakt hatten wir 1974, jedoch kamen wir uns erst viele Jahre später etwas näher und versuchten, so viel wie möglich Zeit miteinander zu verbringen.
Stundenlange Telefonate, gegenseitige Besuche und viele persönliche Gespräche waren nötig, um eine familiäre Beziehung aufzubauen.
Leider ist sie 2010, mit 55 Jahren an Krebs gestorben.
Sie war auch die Patin meiner jüngsten Tochter, durch das der Kontakt zu ihr sehr herzlich und intensiv war.
Ein kleines Stück meiner Familie, gefunden und es auf tragische Weise wieder verloren, was mich unendlich traurig machte.
Leider habe ich zu ihren drei Kindern keinen Kontakt mehr, was sehr schade ist.
Schlimm für mich war der Umstand, dass keines der Kinder mich persönlich von ihrem Tod benachrichtigt hatte und ich nur mit der Post eine Todesanzeige erhielt.
Die Todesanzeige in den Händen, glaubte ich den Boden unter den Füssen zu verlieren und wollte nicht glauben was da stand.
Weder von meiner Schwester, noch von ihren Kindern, wurde ich über ihre schwere Krankheit orientiert.
Auch bei unseren Telefongesprächen, hatte ich nie das Gefühl, dass etwas nicht stimmen würde und so hatte ich Probleme, mich mit ihrem Tod zu beschäftigen.
Eine Nichte erklärte mir bei der Beerdigung, dass dies ihr persönlicher Wunsch gewesen wäre, da sie nicht wollte, dass ich sie in diesem Zustand sehe, was jedoch keine Entschuldigung dafür ist, dass ich nicht persönlich über ihren Tod orientiert wurde.
Ihre letzte Ruhe fand sie in den Wellen vom Bodensee, den sie so sehr liebte.
Nun sind seit ihrem Tod bereits viele Jahre vergangen und zu ihren Kindern hatte ich nie mehr Kontakt, was sich vermutlich auch nicht mehr ändern wird.
Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, obschon mich, wenn ich daran denke, immer noch eine gewisse Wehmut umgibt.
Anfang Dezember, fünf Wochen vor Ihrem Tod wollte ich sie, wie schon so oft, für ein paar Tage besuchen, jedoch erklärte sie mir, dass sie zur Zeit beruflich sehr angespannt sei und sie sich noch vor Weihnachten melden würde.
Ein kurzes Telefongespräch, liebe Wünsche zu Weihnachten und dass wir im Januar, wenn der Familienrummel vorbei ist, zusammen ein paar Tage verbringen könnten, das war leider der letzte Kontakt, denn zwei Wochen später schloss sie für immer die Augen.

Die Odyssee meiner älteren Schwester begann im Kinderheim Felsenburg in Kreuzlingen.
Es war für sie mit Sicherheit ein fürchterlicher, schmerzlicher Moment als wir auseinandergerissen wurden und es sollten Jahre vergehen, bis wir uns wieder berühren und in die Augen schauen konnten.
Auch sie erhielt nie die Chance in familiären Verhältnissen zu leben und wurde ebenfalls für ihr ganzes Leben geprägt, denn hin und her geschoben, sind die Möglichkeiten Wurzeln zu fassen gleich null und man läuft dem Leben hinterher, ohne dass man es zu fassen kriegt.
Damals in unserem Häuschen, musste sie mit Sicherheit die krankheitsbedingte Veränderung unserer Mutter miterleben, die ich, so klein wie ich war, noch nicht realisieren konnte und dann, abgeschoben ohne Liebe und Geborgenheit begann ihr Kampf ums Überleben, den sie auch im Mädchenerziehungsheim Burg in Rebstein weiter führen musste. Keine Familie, keine Liebe und von allen Seiten gequält und verstossen, musste auch sie sich ihr Leben selber suchen, ebenfalls mit wenig Erfolg.
Auch die Platzierung bei einer Pflegefamilie konnte nicht dazu beitragen, die Erlebnisse der vorangegangenen Jahre zu vergessen,
Vor bald 30 Jahren brach unser Kontakt ab und vermutlich wissen wir inzwischen beide nicht mehr, warum es so weit gekommen war.
Tatsache ist jedoch, dass unsere Mutter viel dazu beigetragen hat, da meine Schwester ihr Liebling war und durch diesen Umstand ein Kontakt nur in Begleitung von Problemen zustande kam.
Da ich für unsere Mutter nur die zweite Wahl war, wollte sie natürlich nicht, dass wir zu oft Kontakt hatten und getrieben von ihrer Eifersucht, versuchte sie immer Zwietracht zu säen, am Schluss leider mit Erfolg.
Da wir verständlicherweise auch keine innige Geschwisterliebe entwickeln konnten, hatten wir wohl beide die letzten Jahre nicht das Bedürfnis, den Kontakt wieder zu suchen und wenn einmal so viele Jahre vergangen sind, ohne sich auszusprechen, gibt es kaum mehr eine Chance der Annäherung.
Das letzte Mal sahen wir uns 1994, bei der Hochzeit meiner Tochter, ohne jedoch ein einziges Wort miteinander gesprochen zu haben, da wir uns den ganzen Tag bewusst aus dem Weg gingen und beide nicht den Mut aufbrachten miteinander zu sprechen, dabei hat uns einmal so viel verbunden.
Da habe ich so wenig Familie, aber ich schaffe es nicht, das kleine Bisschen festzuhalten, oder den ersten Schritt zu tun.

ABER KEHREN WIR ZURÜCK INS JAHR 1959
Es war Sommer, ich bekam ein neues Kleidchen, denn mein Opa wollte mit mir einen Ausflug in die Stadt unternehmen.
Aufgeregt und glücklich strahlte ich ihn an und über den kleinen Koffer den wir mitnahmen, machte ich mir als Kind natürlich keine Gedanken. So spazierten wir zum Bahnhof der am Rande von Hegne, direkt am Bodensee lag und meine Freude war kaum zu bändigen, denn ich liebte es mit dem Zug zu fahren, erst recht, wenn ich dies mit meinem Opa erleben durfte. Viel zu schnell kamen wir in Konstanz an und ich freute mich jetzt schon auf die Rückfahrt.
Wie schon viele Male zuvor spazierten wir zum See, fütterten mit dem alten Brot das wir dabei hatten die Enten und Möven. In einem Restaurant wartete immer ein Stück Kuchen und eine warme Schokolade auf mich, bevor es weiter ging.
Ewig hätte ich so weiter laufen können und ich redete wie ein Wasserfall, doch plötzlich standen wir vor einer riesigen Mauer und beim Blick durch ein gewaltiges Eisentor, entdeckte ich ein furchterregendes Haus, mit breiter Steintreppe und einem riesigen Vorplatz.
Erst jetzt fiel mir auf, dass mein Opa so still war und auf meinen Wunsch weiter zu gehen, reagierte er überhaupt nicht.
Eine ganze Weile standen wir vor diesem Tor, wortlos hielt er meine Hand um
ebenso wortlos das Tor zu öffnen. Er nahm mich auf den Arm und ging auf das Haus zu, jedoch auf halbem Weg stellte er mich auf den Boden, drückte mir den Koffer in die Hand und schickte mich Richtung Treppe.
Mit seinen Worten, ich würde in diesem Haus meine Schwester wiedersehen konnte ich nichts anfangen, da ich sie seit der Trennung vor vier Jahren nicht mehr gesehen hatte und somit auch nicht mehr wusste, dass es sie gab.
In meinen kindlichen Gedanken dachte ich, wir würden hier vielleicht jemanden besuchen, aber trotzdem schlich sich eine unbekannte Angst in mein Herz, doch ich war mir sicher, mir würde nichts passieren denn mein Opa war ja da und würde mich beschützen.
Tapfer, den Koffer hinter mir herziehend ging ich über den Platz der Treppe entgegen und eine Panik stieg in mir hoch verlassen zu werden. Das Haus machte mir Angst und ich war mir sicher, jetzt geht die Türe auf und heraus kommt eine Hexe die mich verzaubern würde.
In meiner Angst drehte ich mich um und wollte schauen wo mein Opa bleibt, aber er war bereits am Weggehen und ohne sich nochmals umzudrehen, verschwand er hinter der Mauer.
„Den Koffer loslassen und hinterherlaufen", noch bevor ich fertig gedacht hatte, nahm mich eine Frau an die Hand, schnappte sich meinen Koffer und ich verschwand mit ihr zusammen im Haus.
So laut ich konnte schrie ich nach meinem Opa, aber er kam nicht, er blieb verschwunden.
Da war ich nun, traurig, einsam und verlassen, im Kinderheim Felsenburg in Kreuzlingen.
Jahre später erfuhr ich, dass er es nicht fertig gebracht hatte, mich persönlich abzugeben und sich nochmals umdrehen konnte er nicht, weil er geweint hatte.
Hätte ich damals gewusst, mit welchem Schmerz und mit wieviel Tränen er mich abgeben musste, wären meine jahrelangen Gedanken an ihn noch liebevoller gewesen und vielleicht hätte ich meine Qualen dann besser ertragen können.
Meine Grosseltern hätten mich so gerne behalten, aber gegen die Behörden hatten sie keine Chance, somit wurde auch Ihnen etwas genommen, das sie liebten.
Natürlich wollte ich meine Erinnerung mit Bildern festigen, jedoch fand ich, auch nach stundenlanger Internetsuche, keine Bilder die meiner Erinnerung entsprechen.
So entstand die Mauer und das Eisentor vielleicht aus Panik und meiner Angst, oder es sind keine Bilder mehr zu finden.
Es wurde Abend, man zeigte mir ein Bett in dem ich schlafen sollte, aber ich wollte nach Hause, um in meinem eigenen Zimmer zu schlafen. Meine Schwester, bereits seit vier Jahren hier eingesperrt, lag im Bett neben mir und versuchte immer wieder mit mir zu sprechen, aber ich wollte nicht, was sollte ich auch erzählen, ich kannte sie ja nicht.
Weinend lag ich im Bett und glaubte fest daran, dass morgen alles wieder gut sein würde, aber es war nicht so.
Zum ersten Mal im meinem Leben war ich gefangen und wusste nicht, wohin mein Weg mich führt.

Was soll ich hier, warum bin ich hier, wo war mein Opa geblieben, viele Fragen die ich nicht beantworten konnte und von Weinkrämpfen geschüttelt, wollte ich nachts das Haus verlassen, wurde jedoch von einer Nonne zurück gehalten und für den Rest der Nacht, in einem Einzelzimmer eingeschlossen.
Alleine, mit meinem Schmerz, meiner Einsamkeit und meiner Angst vor der Dunkelheit, blieb mir nur die Sehnsucht, nach meinem Opa.
Wie konnte er mich einfach hier vergessen, ich war doch immer brav und ich liebte ihn doch so sehr. In meinen Gedanken war ich mir sicher, dass er jeden Moment kommen würde, um mich wieder abzuholen.
Die nächsten Tage verbrachte ich mit Warten, warten darauf, dass er mich wieder abholt, aber nichts geschah. Stundenlang klebte ich am Fenster und schaute auf das Tor, aber er kam nicht wieder und das Tor blieb geschlossen.
Immer wenn es klingelte, dachte ich, dass mein Opa nun kommt, oder jemand geschickt hat, um mich abzuholen, aber eine Enttäuschung reihte sich an die nächste.
Somit war ich zum unglücklichsten Kind auf der Welt geworden und ich glaubte, schlimmer könne es nicht mehr werden.
Wieder ein paar Tage später, begann jedoch der wirkliche Alptraum meiner Kindheit.
Man befahl mir, mich anziehen und mich von meiner Schwester zu verabschieden, da man mich bald abholen würde. Mein erster Gedanke war natürlich mein Opa, aber mir wurde unmissverständlich erklärt, dass nicht er es ist, der mich abholt.
Auf keinen Fall wollte ich weg, da ich hier sein musste, im Fall dass er doch noch kommt, um mich wieder abzuholen, aber alles betteln nützte nichts, mein Koffer wurde gepackt.
Auch mein Versuch, mich unter dem Bett zu verstecken, klappte nicht, da es zu hoch war und ich sofort gefunden wurde. Als zweiten Versuch, quetschte ich mich hinter die Badewanne, wo ich ungehalten und rabiat, von einer Nonne hervorgehoben wurde. Zurecht gewiesen setzte sie mich neben meinen Koffer auf ein Bett, befahl mir, sofort brav zu sein und ich, ein Häufchen Elend, weinte still vor mich hin.
Ein Mann, ( mein Vormund ) holte mich und meinen Koffer ab und fuhr mit uns, mit Zug und Bus in den Kanton St. Gallen, nach Kobelwald, wo eine Pflegefamilie auf mich wartete. Wieder stand ich vor einem riesigen Haus und wieder versuchte meine Angst mich zu verschlingen. Mein Vormund zwang mich zu lächeln und diesen zwei fremden Menschen die Hand zu geben, gleichzeitig versuchte versuchte er mir zu erklären, dass hier nun mein neues zuhause wäre, ich jedoch wollte nur noch sterben und konnte die Tränen nicht mehr aufhalten. So ein grosses Mädchen weint doch nicht, waren seine Worte, bevor er sich wieder auf den Weg zur Bushaltstelle machte.
Ich hasste diesen Mann und wäre trotzdem so glücklich gewesen, hätte er mich wieder mitgenommen, aber er verschwand hinter der nächsten Strassenbiegung, ohne sich nochmals umzudrehen.
In einem Bericht, den er für die Amtsvormundschaft verfasst hatte, musste ich lesen, dass er der Meinung war, dass ich mich bereits nach zwei Stunden sehr wohl fühlte und sehr fröhlich war, als er sich verabschiedete.
Mit diesen Worten wurde meine Platzierung abgesegnet und somit hatten die Behörden, aus ihrer Sicht, alles richtig gemacht.
Voller Angst und Verzweiflung setzte ich mich auf einen Stuhl und weigerte mich, die Fragen meiner Pflegeeltern zu beantworten, denn meine Gedanken waren in Hegne, in meinem Zimmer, bei meinem Stuhl mit dem Kissen, im Büro meines Grossvaters, nur nicht hier und ich verstand nicht, was ich hier sollte, denn ich hatte doch ein Zuhause und dahin wollte ich unbedingt wieder zurück.
Es wurde Abend und wieder musste ich in einem fremden Bett schlafen, obschon ich doch eigentlich nach Hause wollte „ zu meinem Opa „.
Wieder weinte ich mich in den Schlaf, hatte Angst im fremden Bett, in einem fremden Zimmer und in einem riesigen kalten Haus, von dem ich jetzt schon wusste, dass ich mich hier nie zu Hause fühlen würde.
Meine letzten Gedanken an diesem Abend, sollten bald Wirklichkeit werden.

Die Macht der Behörden
Die Vormundschaftsbehörde von Kreuzlingen war der Meinung, dass ich schweizerisch erzogen werden sollte. Diese kurze und bündig formulierte Rechtfertigung, war Grund genug, um meinem Opa die Vormundschaft über mich zu entziehen. Als weiterer Grund wurde meinen Grosseltern erklärt, dass ich als Schweizer Bürgerin keine deutsche Schule besuchen dürfe.
In den Akten der Vormundschaftsbehörde, fand ich eine dicke Lüge, denn darin war die Rede davon, dass meine Grosseltern sich nicht mehr jung genug gefühlt hätten, um für ein kleines Kind zu sorgen.
Wie war das noch mal? Mit zwei Jahren wurde ich meinen Grosseltern übergeben und nun, vier Jahre älter, bin ich plötzlich zu klein. Bei solchen Ideen ist es sinnlos, nach weiteren Erklärungen zu suchen.
Für mein weiteres Leben, war dies der verhängnisvollste Fehler, den die Behörden machen konnten und es sollten noch viele folgen.
Als meine Grosseltern das erste mal mit mir darüber sprachen, hatte ich bereits selber Kinder und suche heute noch den Unterschied zwischen „deutscher und schweizerischer Erziehung“.
Solche Behördenbeschlüsse sind absurd und einfach nur lächerlich. Beim lesen der Akten musste ich ebenfalls feststellen, dass jeder Vormund den ich hatte, frei und nach Lust und Laune über mich entscheiden konnte, da alle Berichte und Einschätzungen, ohne Einwände genehmigt, gutgeheissen und mit Stempel und Unterschrift abgesegnet wurden.
Für mich ein Beweis, dass keine ernsthaften Kontrollen durchgeführt wurden und ich als Mündel, wie ein Spielball, dem jeweils zuständigen Vormund ausgeliefert war.
1. September 1959 - Die Qualen beginnen.
Nun war ich, als einziges Kind Bestandteil einer Familie, die Wochen später, mit zwei kleineren Pflegekindern Zuwachs bekam, an die mir spezielle Erinnerungen fehlen, nur dass wir zu dritt im gleichen Zimmer schlafen mussten und dass es ein Mädchen und ein Bube war, wobei ich glaube mich zu erinnern, dass sie Geschwister waren.
Laut Vormundschaftsakten waren wir vier Pflegekinder, doch bei der Aufarbeitung meiner Erinnerungen, finde ich keinerlei Hinweise, so dass ich zur Schlussfolgerung gelange, dass dieses Pflegekind wohl viel älter war und vielleicht nach kurzer Zeit wieder weg war.
Enttäuscht von meiner Erinnerung, muss ich feststellen, dass ich mich nicht daran erinnern kann, mit diesen zwei Kindern gespielt zu haben, so sehr ich mir das gewünscht hätte.
War ich ein unausstehliches Kind, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, oder lag es daran, dass ich mich schämte, dick und unansehnlich zu sein. Irgendwo dazugehören und mich wohlfühlen, das ist das, was ich mir wünschte, aber es entwickelte sich immer in die falsche Richtung.
Im Laufe der Jahre musste ich feststellen, dass die wenigen Momente, in denen ich glaubte mich wohlzufühlen, nicht in meine Vorstellung vom Leben passten.
Normalerweise macht man Fehler um daraus zu lernen, was bei mir leider nicht funktionierte, da ich immer und immer wieder, enttäuscht über mich selber, die gleichen Hürden überwinden musste, um am Ende dann doch wieder, infolge meiner Fehler zu straucheln.
Um die Gründe dafür zu finden und um die letzten Jahrzehnte aufzuarbeiten, werde ich mich, mit allen noch vorhandenen Erinnerungen auseinandersetzen.
SERAPHISCHES LIEBESWERK SANKT GALLEN
Fürsorge für gefährdete Kinder
Über diese Organisation wurde eine Pflegefamilie gesucht und gefunden. Ebenfalls durch sie, wurde die Vereinbarung über das Pflegeverhältnis ausgearbeitet.
In der Vereinbarung wird unter anderem folgendes festgehalten:
Namentlich verpflichten sie sich, das Kind in der römisch-katholischen Religion zu erziehen, für eine genügende Ernährung und Bekleidung besorgt zu sein und diesem eine gute Erziehung angedeihen zu lassen.
Gebieten die Interessen des Kindes eine unverzügliche Wegnahme, so kann der Vormund das Pflegeverhältnis sofort lösen. Der Entscheid darüber, was wichtige Gründe sind, liegt im Ermessen des Vormundes.
Das Pflegegeld, das sie erhielten betrug 60.- Franken im Monat und hochgerechnet mit vier Pflegekindern, zur damaligen Zeit kein schlechter Verdienst.
Bis zur Unterbringung bei dieser Familie war ich ganz sicher kein gefährdetes Kind, denn ich war glücklich, wurde behütet, aber das Wichtigste jedoch, ich wurde über alles geliebt.
Das Negative in meinem Leben nahm hier seinen Anfang, denn ich sollte nicht nur schweizerisch, sondern auch streng katholisch erzogen werden, was ab sofort intensiv in die Tat umgesetzt wurde. Als erste Prozedur musste ich lernen den Rosenkranz zu beten und ich denke heute noch mit Grauen daran zurück.
Im Esszimmer, das nur gebraucht wurde wenn Besuch kam, stand ein Holztisch mit zwei Bänken und die einzige Dekoration war ein gekreuzigter Jesus, geschmückt mit einem Dornenkranz.
Mit dem Rosenkranz in den Händen, knieten wir zu dritt vor diesem Kreuz, versuchten die sich wiederholenden Verse abzuspulen, um nach jedem Fehler wieder von vorne zu beginnen. Schlimmer als das beten, war jedoch das knien auf der Kante eines Holzscheites, die tiefe Einschnitte und Schmerzen verursachte und durch mein Gewicht noch verstärkt wurden.
Unter taten die Knie weh und oben der Nacken, da wir während der ganzen Folter das Kreuz nicht aus den Augen lassen durften und er, er schaute mit seinem Dornenkranz auf uns herab und hat nichts unternommen, obschon ich in meinen Gedanken so oft darum gebettelt habe.
Es hat ihn nicht interessiert, dass wir so leiden mussten und irgendwann hörte ich auf, mir vorzustellen, er würde mit seiner Macht etwas unternehmen. Für mich ein Beweis, dass er sich auch nicht für mich interessierte und somit nicht besser war als alle anderen.
Meine Knie waren wund und entzündet, was aber niemanden interessierte und so musste ich abends ein Taschentuch um die Knie binden, damit die Leintücher nicht schmutzig wurden und wenn es trotzdem Flecken hatte, war es meine Aufgabe, diese noch vor der Schule auszuwaschen und dabei zu hoffen, dass bis am Abend alles trocknet, damit ich nicht in einem nasses Bett schlafen musste.
Alle Verletzungen wurden mit der Hausapotheke behandelt, auch die Blutvergiftung an einem meiner Finger, wurde tagelang von meiner Pflegemutter versorgt, indem sie mit einer Nadel in die Wunde stach, um den Finger auszudrücken, bis wir dann doch zum Arzt mussten, da er inzwischen vier mal so dick wie normal, zu platzen drohte.
Irgendwo dazwischen mein erster Schultag, den ich auch nie vergessen kann, da ich alleine das Schulhaus betreten sollte und gelähmt vor Angst entschloss ich mich, auf dem Schulhof stehen zu bleiben und wurde dann von der Lehrerin ins Schulzimmer geführt.
Keines der Kinder kannte mich, niemand wollte freiwillig neben mir sitzen, so blieb für mich nur die letzte Reihe, alleine an einem Pult, unter dem ich mich gerne versteckt hätte. Wenn ich der Lehrerin antworten musste, verstand niemand meinen deutschen Dialekt, das Gelächter war unerträglich und ich wusste schlagartig, dass ich auf den richtigen Stuhl gesetzt wurde. Einsam und alleine, schaute ich auf die Hinterköpfe meiner Mitschüler und fing an, die verschiedenen Haarfarben zu zählen, wurde jedoch im gleichen Moment von der Lehrerin, laut in die Realität zurück geholt.
Bereits der erste Schultag, war die Hölle, aber mir fehlten die Ideen, mit denen ich meine Situation verbessern könnte.
Zurück in meine alte Welt, um wieder glücklich zu sein, das war das einzige was ich wollte und so klammerte ich mich an den Gedanken, dass mein Opa mich wieder abholt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mich nicht mehr lieb hatte.
Eines wurde mir in meiner neuen Familie schon nach kurzer Zeit bewusst, ich war nicht hier um glücklich zu sein und bald schon würde ich verzweifelt nach glücklichen Momenten suchen und sie sogar ab und zu finden.
Die Küche war bald mein Reich, da es meine Aufgabe war, das Geschirr abzuwaschen, den Boden zu putzen, natürlich unter der Aufsicht meiner Pflegemutter, die immer etwas zu meckern hatte, alles einzeln kontrollierte und wehe, etwas war nicht ganz sauber.
Zudem musste ich mich beeilen, damit ich rechtzeitig in der Schule war und so kam es oft vor, dass ich den Wasserhahn nicht richtig zudrehte, was meine Pflegemutter veranlasste, die Tropfen mit einem Glas aufzufangen und wenn ich von der Schule nach Hause kam, kippte sie mir das Wasser über den Rücken. Was im Sommer noch zu ertragen war, wurde im Winter, bereits durchgefroren vom Schulweg und nach Wärme suchend, zu einer Qual.
In meinem Inneren entstanden drei Welten.
Die erste und somit die gewaltigste, wollte zurück in die Vergangenheit, in die ich mich jede freie Minute hinein träumte, um wieder glücklich zu sein.
Die zweite versuchte immer wieder, den Forderungen meiner Pflegeeltern gerecht zu werden, um meine ständige Angst ein wenig zu dämpfen und um vielleicht, sogar geliebt oder ein wenig beachtet zu werden.
Auf die dritte Welt in mir hatte ich keine Macht, denn die hatte angefangen zu rebellieren, um weiter leben zu können und alle Versuche mich zu unterwerfen, scheiterten.
Dann lag ich nachts wach im Bett und verstand nicht, warum ich es nicht schaffte mich zu fügen, um akzeptiert zu werden. Doch genau diesem Umstand verdankte ich es, dass ich weiter leben, kämpfen und die Suche nach meinem Leben fortsetzen und überstehen konnte.
Der Appell zum Tischdecken und somit zum Essen, hätte ich manchmal gerne übersprungen, denn das Mittagessen wurde oft zur Qual für mich. Wenn mein Teller nicht leer war, wurde mir der Rest abends nochmals vorgesetzt. Obschon ich schon dick war, wurde ich zum Essen gezwungen und das mit Gerichten, die abscheulich schmeckten.
Gedämpfter Weisskabis mit Kümmel, war wohl eines vom abscheulichsten, was ich essen musste und übrigens schaffe ich das heute noch nicht.
So kaute ich, gefühlte zwei Stunden darauf herum und unfähig zu schlucken, spuckte ich es, in einem unbeobachteten Moment, in mein Taschentuch, um es in der Toilette zu entsorgen. Immer mit der Hoffnung ja nicht erwischt zu werden, um einer Bestrafung aus dem Weg zu gehen.
Im Hausgarten wurde jede Menge Gemüse angepflanzt und ich musste stundenlang, in der brütenden Sonne, Unkraut zupfen und zuschauen, wie meine Pflegemutter die Ameisennester mit kochendem Wasser zerstörte.
Für ihre unzähligen Morde, hätte ich sie umbringen können, da ich das emsige Treiben dieser kleinen Tierchen faszinierend fand.
Zum Frühstück trockenes Brot ohne Butter, oder so hauchdünn, dass er fast nicht zu sehen war, durchtränkt mit Holundergelee, der die Konsistenz von Sirup hatte und unweigerlich klebrig durch die Finger lief.
Da das Hauses umzingelt war von Holundersträuchern, war die Chance für Abwechslung beim Frühstück gleich null. Eines jedoch liebte ich und das waren, im Teig gebackene Holunderblüten, mit Zucker und Zimt, oder einen heissen Servelat, in Kombination mit Birchermüesli, was ich heute noch liebe und immer ausgelacht werde, wenn ich davon erzähle.
Natürlich darf ich die Rheintaler Spezialität nicht vergessen und zwar "Ribeli".
Ein spezielles Maismehl, das für ein paar Stunden mit Wasser aufgeweicht wird, um es dann hellbraun anzubraten.
Wir Kinder bekamen eine Tasse Milch und mussten nun versuchen, das trockene Zeug runter zu kriegen ohne daran zu ersticken, da die Milch bald weg war und es keine andere Beilage dazu gab.
Wieder war das Taschentuch meine letzte Rettung, aber auch das gelang nicht immer, so dass ich mich mit der Gewissheit ins Bett legte, den nächsten Tag mit einem ''Ribeli'' Frühstück beginnen zu müssen.
Mit Beginn der kalten Jahreszeit startete eine Knoblauchkur, die darin bestand, dass wir zusammen mit dem Frühstück eine Knoblauchzehe essen mussten und mich dieser Geschmack für Stunden begleitete.
Trotzdem koche ich heute gerne damit, sogar ohne daran zu denken, wie ich mich täglich überreden musste, diese stinkenden Zehen zu schlucken.
DIE SONNTAGSAUSFLÜGE
Es ist Sonntagmorgen, blauer Himmel und beim ersten Blick aus dem Fenster, stand er bereits vor dem Haus. Ein VW Käfer, der die ganze Woche in der Garage stand und auf den Sonntag wartete. Bei schönem Wetter, quetschten sie uns, nach dem Mittagessen in dieses Auto, um den Bruder meiner Pflegemutter zu besuchen, der als Mönch in einem Kloster lebte.
Im Besuchszimmer mussten wir zwei lange Stunden, still auf einem Stuhl sitzen, um die Unterhaltung nicht zu stören.
Mir wurde schon schlecht beim Gedanken an das Auto und bei jedem Ausflug musste sicher zweimal angehalten werden, damit ich mich übergeben konnte. Sehr zum Ärger meines Pflegevaters, der dafür kein Verständnis hatte und oft einfach weiterfuhr, so dass ich alles, was nicht im Magen bleiben wollte, in mein Taschentuch spucken, oder wieder schlucken musste.
Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch an das und hielt bis zur Ankunft tapfer durch, nur um meinen Stiefvater nicht zu verärgern.
So hoffte ich jeden Sonntag auf Regen, oder darauf, dass das Auto seinen Geist aufgibt, damit kein Besuch auf dem Programm stand.

Alle Versuche, mich den Anforderungen meiner Pflegeeltern anzupassen scheiterten und mir wurde klar, dass sie, auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, immer einen Grund finden werden um mich zu quälen.
Die allererste Bestrafung fand im Badezimmer statt, wo ich mich aus Angst versteckt hatte und er so lange mit seinen Händen auf mich einschlug, bis ich in die Hose machte. Als Strafe, dass ich weder Stuhl noch Urin zurückhalten konnte, musste ich das ganze Badezimmer reinigen und meine verschmutzten Kleider in der Badewanne waschen.
Meine sehr lauten Schreie, waren dann vermutlich auch der Grund, dass die Bestrafungen in den Keller verlegt wurden.
Immer mit Schlägen verbunden, gehörten sie schon bald zur Tagesordnung und wurden, auf ganz spezielle Weise, mit einem Stock ausgeführt. Das erste mal, als ich den Befehl bekam im Keller auf ihn zu warten, lief ich in den Stall und versteckte mich im Stroh, mit dem Gedanken im Kopf, hier zu bleiben und hier zu sterben, damit meine Angst für immer verschwindet.
Leider wurde ich im raschelnden Stroh sehr schnell gefunden und so war mein Gedanke vom sterben, schon wieder vorbei. Vor sich her prügelnd, landete ich im Keller, wo ich alleine und weinend eingesperrt wurde, mit dem Verbot, den Lichtschalter zu betätigen. So wartete ich im Dunkeln, von Weinkrämpfen geschüttelt auf meine Strafe, verbunden mit der Gewissheit, dass ich nichts verbotenes getan hatte.
Durch ein kleines Fenster schlich ein wenig Tageslicht herein, doch die daraus entstandenen Schattenspiele waren beängstigend, da alle möglichen Monster bereit waren, sich auf mich zu stürzen.
Zitternd vor Angst, quetschte ich mich in die hinterste Ecke und der Gestank, die Feuchtigkeit und die Spinnweben, klebten nach kurzer Zeit in meinen Haaren und ich hoffte, leider immer vergebens, dass ich die Schläge ohne zu schreien überstehen würde, zudem kam es mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich seine Schritte auf der Treppe hören konnte.
Dann ging das Licht an und er stand vor mir, mit einem Holzprügel in der Hand und ich, in die Ecke gedrückt, bettelte ihn an mich nicht zu schlagen, denn ich wollte ab sofort ganz brav sein. Mit der Zeit hörte ich auf damit, denn es nutzte nichts und die Bestrafung wurde wortlos durchgezogen.
Nach den Schlägen blieb ich weinend auf dem Boden sitzen, da ich vor Schmerzen nicht aufstehen konnte und nicht wusste, was mehr weh tat, mein Rücken, oder mein kleines, bereits geschundenes Herz, das sich so sehr nach Liebe, Geborgenheit und nach seinem Opa sehnte.
Wortlos, mit dem Holzprügel in der Hand, löschte er das Licht, knallte die Türe hinter sich zu und stampfte wieder die Kellertreppe hoch.
Unter Schmerzen, versuchte ich so schnell wie möglich den Lichtschalter zu finden, um das Grauen hinter mir zu lassen, denn wenn ich zu lange brauchte, um mich zu ordnen, war er wieder da, packte mich an den Haaren und ich wurde die Treppe hoch, bis in die Wohnung gezogen.
Mit einem Büschel Haare weniger, legte ich mich aufs Bett, weinte still in mich hinein, um ja meinen Pflegevater nicht schon wieder zu verärgern.
Niemand im Dorf interessierte sich für meine blauen Flecken, die sicher für viele sichtbar waren, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals einen erschrockenen, oder mitleidenden Gesichtsausdruck erhascht zu haben.
Immer noch mit Schmerzen, liege ich nachts im Bett, drehe mich stundenlang von einer Seite auf die andere, um an meinem Körper eine schmerzfreie Stelle zu finden damit ich einschlafen konnte. Immer wieder nahm ich mir vor, ab sofort brav und lieb zu sein, obschon mir bewusst war, dass mein Hass, meine Wut und meine Traurigkeit mich daran hindern würden, mich fallen zu lassen und mich zu unterwerfen.
Wie konnten die Menschen, die doch auch Kinder hatten, einfach wegschauen und sich mit ruhigem Gewissen hinter ihren Türen verstecken. Obschon ich bei anderen Kindern keine Spuren von Bestrafungen sah, fing ich an zu glauben, dass es allen so geht und zum Leben gehört.
Vielleicht waren die wunderschönen Jahre bei meinen Grosseltern eine Ausnahmesituation, oder ein Traum, aus dem ich nun in der Realität aufgewacht war.
Die Schläge und Züchtigungen wurden durch die Vormundschaftsbehörde abgesegnet, somit hatten meine Pflegeeltern freie Hand.
Nun war ich sieben Jahre alt und in meinen Akten wurde bereits 1960 festgehalten, dass ich hinterlistig und schwer erziehbar sei, was sich jedoch anscheinend auch nicht mit Schlägen geändert hat, da beim Kontrollbesuch 1961, von der Pflegefamilie die gleichen Aussagen wieder in einem Bericht festgehalten wurden.
Der beste Beweis, dass man mit Schlägen keine Kinder erziehen kann. Sie werden nur gefügig gemacht, was bei mir jedoch nicht funktionieren sollte, da ich mich mit meinem Verstand und mit meiner ganzen Kraft wehren würde.
22. April 1960 Besuch in Kobelwald
Die Aussagen meiner Pflegeeltern
Mit Monika ging es anfänglich nicht sehr gut.
Sie war hinterlistig und versuchte ihre Vergehen auf andere Kinder abzuwälzen.
Da erhielt Monika einmal tüchtig Schläge und seither ist sie das liebe Kind, das man sich wünscht.
- Oktober 1961 – Kontrollbesuch
Die Grossmutter war da und berichtete, dass die Schwiegertochter sich sehr beklagte, dass Monika nicht ehrlich und aufrichtig sei.
Sie sei sehr schwer zu erziehen.
Auch sei sie hinterhälterisch und bestreite alles, was nicht bewiesen werden kann.

Hin und her gerissen von meinen Gedanken, wollte ich trotz allem leben.

Wie alle anderen Tage, verlief auch der Sonntag nach Plan. Früh aufstehen, das wöchentliche Bad, anschliessend Frühstück und Küche putzen, wobei ich nicht trödeln durfte, denn ich musste pünktlich um zehn Uhr an der heiligen Messe teilnehmen und wieder zu Hause, sollte ich die Predigt wiederholen.
Aus Angst sie zu vergessen, was mit einer Bestrafung verbunden war, konnte ich mich leider nur selten auf den Pfarrer und seine Worte konzentrieren, zudem ärgerte ich mich, wenn er wieder einmal keine Ende finden konnte und ich dadurch gezwungen wurde, noch mehr in meinem Gedächtnis zu speichern.
Zu Hause angekommen, schlich ich mich ins Wohnzimmer und wartete, wartete bis mein Pflegevater sich vor mir aufbaute und den Inhalt der Predigt hören wollte, was mir, wie schon gesagt, leider nur sehr selten gelang.
An den Versuchen, die Predigt durch meine Fantasie zu ersetzen, bin ich gnadenlos gescheitert, ebenso mit meiner Bitte an Gott, dass er mir helfen sollte.
So wurde für mich jeder Gang in die Kirche zur Qual, etwas ändern daran konnte ich nur in meiner Fantasie, also musste ich meine Hassliste ergänzen, mit Gott und alles was mit der Kirche zu tun hatte.
Auch heute noch, kann ich keine Kirche betreten, ohne dass meine Erinnerung in mir brennt, sich ein schwerer Felsblock auf meine Brust legt, verbunden mit dem Gefühl gleich zu ersticken.
Bei unumgänglichen Besuchen einer Kirche, kullern mir heute noch nach kurzer Zeit die Tränen übers Gesicht.
Vielfach verlasse ich dann die Kirche, um an der frischen Luft wieder frei atmen zu können und denke an die vielen gescheiterten Versuche, mich mit der Kirche, oder mit Gott zu versöhnen.

Die Zeit verging, inzwischen sollte ich arbeiten und mich benehmen, wie eine Erwachsene. Längst hatte ich mich an die unzähligen Bestrafungen gewöhnt, auch war ich mir inzwischen sicher, dass ich ganz alleine die Schuld trage, da es mir nicht möglich war mich zu beugen.
Mein Leben wäre viel einfacher gewesen, wenn ich es geschafft hätte, mich einfach fallen zu lassen, aber dann hätte ich zugelassen, dass auch meine Gedanken an ein anderes Leben gestorben wären.
Immer noch dachte ich jeden Tag an meinen Opa, den ich so sehr vermisste, aber der mich, wie ich inzwischen glaubte, nicht mehr wollte. Trotz allem träumte ich mich immer wieder in den Moment, wenn er vor mir steht, mich in die Arme nimmt und aus dieser Hölle befreit.
Nur mit diesen Träumen und der Hoffnung auf eine Veränderung, schaffte ich es, mein Schicksal zu ertragen.
Einmal pro Woche brachte der Metzger vom Nachbardorf, das von den Dorfbewohnern bestellte Fleisch und wurde bei uns in einem Kühlraum gelagert. Meine Aufgabe bestand nun darin, nach der Schule oder am freien Nachmittag, die Bestellungen auszuliefern und so schleppte ich die Pakete durch das ganze Dorf, ärgerte mich, dass ich die 5 oder 10 Rappen Trinkgeld nicht behalten durfte und nur in meiner Fantasie damit einkaufen konnte. Ein einziges mal hatte ich den Mut 5 Rappen für mich zu behalten, um mir im Laden einen Kaugummi zu kaufen, jedoch wurde meine Pflegemutter umgehend telefonisch informiert und als ich nach Hause kam, stand mein Pflegevater bereits mit dem Stock im Hauseingang, mit dem er wortlos auf die Kellertüre zeigte und ich, ebenfalls wortlos, drückte mich wieder einmal zitternd in eine dunkle Ecke.
Ab sofort war ich mir sicher, dass das ganze Dorf mich beobachtet und fühlte mich schrecklich bei dem Gedanken.
Dann sind da die Tage, an denen ich vergessen hatte, mein Trinkgeld in das dafür bereit stehende Glas zu legen und auf dem Weg zur Schule, fand ich es in meiner Schürzentasche.
Was tun, um nicht bestraft zu werden. Ganz einfach, ich musste es so schnell wie möglich loswerden. Da es nicht viele Möglichkeiten gab, warf ich mein so schwer verdientes Trinkgeld, ärgerlich und mit Wehmut, in die nächste Wiese. Angespannt, mit Herzklopfen und wie auf Nadeln, um ja von niemandem gesehen zu werden, war dies die einzige Möglichkeit, um einer weiteren Tracht Prügel zu entgehen.
Mein, bis heute unvergessliches Joghurterlebnis, bescherte mir die Familie einer Mitschülerin, die ich wöchentlich mit einem gewaltigen Fleischberg beliefern musste, mich dabei ärgerte, dass die nicht im Stande waren ihre Bestellung selber abzuholen, da das Gewicht der Lieferung mir Rückenschmerzen verursachten, die durch meinen Frust noch verstärkt wurden. Meine Mitschülerin war meistens alleine zu Hause und ich musste das Paket direkt im Kühlschrank verstauen. Bei meinem ersten Blick in den Kühlschrank erblasste ich vor Neid, denn hier gab es alles im Überfluss. Früchte, Käse, Wurst und verschiedene Joghurt und wie schon so oft fragte ich mich, wie die wohl schmecken und wie wenn sie es gespürt hätte, wurde ich gefragt ob ich probieren möchte. Noch so gerne nickte ich mit dem Kopf, worauf ich mit nur einem Löffel Joghurt im Himmel war. Den Geschmack und das kribbeln auf der Zunge, verfolgen mich nun schon mein ganzes Leben lang und obschon ich unzählige Joghurt probierte, musste ich die Suche danach erfolglos aufgeben, so bleibt mir nur die Erinnerung und eine kleine Hoffnung, eines Tages mein Joghurträtsel lösen zu können.
Bei einer anderen Familie erhielt ich ein rohes Ei als Trinkgeld und um es nicht zu Hause abgeben zu müssen, wurde es ausgetrunken, oder es ist hinter dem nächsten Baum verschwunden, da es den Heimweg vermutlich so oder so, nicht heil überstanden hätte.
Wenn ich daran zurück denke, kann ich mir nicht erklären, wie ich es fertig gebracht hatte, ein Ei auszutrinken, denn ich mag nur gekochte Eier, oder höchstens mal ein Spiegelei.
Eine Lieferadresse jedoch, die habe ich mir immer bis zum Schluss aufgehoben.
Ein kleines Holzhaus, inmitten von Bäumen und Sträuchern, etwas abseits vom Dorfzentrum und bewohnt von einer älteren Frau mit ihren drei Katzen, die sehr anhänglich und verspielt waren. Für sie war ich ein ganz normales Mädchen, auch wollte sie immer wissen wie es mir geht, oder was ich in der Schule gerade lerne und hier ging für mich die Sonne auf, denn es wartete immer ein Butterbrot mit Erdbeerkonfitüre auf mich und dazu ein Glas Sirup.
Danach spielte ich mit den Katzen und schaute ihr zu, wie sie mit einer sehr kleinen Schere und einer Lupe Stoffspitzen ausschnitt.
Es waren wohl St.Galler Spitzereien, die früher in Heimarbeit veredelt wurden.
Für diesen kleinen Glücksmoment, den ich hier erlebte, lohnte es sich, die übrigen Lieferungen im Schnelltempo loszuwerden und mich von niemandem aufhalten zu lassen.
An solchen Tagen bin ich glücklich und zufrieden nach hause gelaufen.
Nun, viele Jahre später und im Strudel meiner Erinnerung, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sie einsam und alleine war, vielleicht sogar wusste, oder ahnte, was ich tagtäglich erleiden musste.
Die gewaltige Versuchung
Mein Schulweg führte mich an der einzigen Bäckerei vom Dorf vorbei und ich liebte den Duft von frischem Brot, das es zu Hause nie gab, so wurden meine Schritte klein, kleiner, am kleinsten, je näher ich der Bäckerei kam, damit ich diesen Duft so lange wie möglich einsaugen konnte.
Manchmal stand ein Korb mit frischem Brot neben dem Eingang und monatelang, stellte ich mir vor, mir eines der Brote zu schnappen und ein Stück davon abzubeissen, bis ich eines Tages meine Gier nicht mehr unterdrücken konnte und eines der Brote verunstaltete.
Mit aller Kraft brach ich ein Stück davon ab und verschwand so schnell wie möglich vom Tatort.
Besser als jedes Dessert, erst recht, wenn es noch leicht warm war. Oh, wie ich das liebte und obschon mein Herz raste, war mein Verlangen nach diesem Brot so gewaltig, dass meine Angst sich der Gier unterwarf, jedoch entschloss ich mich, nicht zum Wiederholungstäter zu werden, denn das Glück, nicht erwischt zu werden, war ich mir sicher, würde mir kein zweites mal begegnen.
Mein Pflegevater hätte mich ganz sicher zu Tode geprügelt, wenn mich jemand gesehen hätte.

Nach wie vor war ich pummelig, um nicht zu sagen dick und zudem hatte ich angefangen zu stottern. Zwei Umstände, die mir im Wege standen, um Freunde zu finden und so blieb mir nur mein Schneckenhaus, in dem viel Platz war, um mich darin zu verstecken.
Wenn ich der Lehrerin antworten sollte, ging das Gelächter schon los bevor ich den Mund aufmachte, da ich für jedes dritte Wort zwei Anläufe brauchte und wenn ich etwas lesen musste, wäre ich am liebsten im Boden verschwunden.
Dann öffneten meine Augen die Schleusen und den Rest der Stunde verbrachte ich vor der Türe, mit der Gewissheit, dass ich wieder Überstunden aufgebrummt bekomme.
Warum nur, nahm mich meine Lehrerin nicht in Schutz, um mir zu helfen, meinen Platz in der Klasse zu finden.
Sie war ganz klar ein Bestandteil der Dorfgemeinschaft und ich, ich würde nie dazu gehören, denn ich war ein Eindringling und genau so fühlte ich mich auch.
Mein Interesse zu lernen war riesig, jedoch wurde mein Verlangen danach, in der Schule und zu Hause erstickt, da ich, sowie meine Bedürfnisse nicht wahrgenommen wurden.
Noch schlimmer waren die Turnstunden, während denen ich mir wünschte, ich könnte mich unsichtbar machen. Für Ballspiele wurden zwei Gruppen gebildet und die Lehrerin bestimmte dann den Mannschaftschef.
Diese wählten nun abwechselnd ihre Spieler aus und wer stand am Schluss noch da, wie sollte es auch anders sein, natürlich ich. Wie ein geschlagener Hund und mit gesenktem Blick mischte ich mich unter meine Mannschaft, mit der Gewissheit, sollten wir schon wieder verlieren, wäre dies ganz alleine meine Schuld, was auch in allen Gesichtern zu lesen war.
Mein Wunsch einmal nicht als letzte dazustehen, wurde nie erfüllt und wenn ich per Zufall den Ball zu fassen kriegte, blieb meine Beweglichkeit unter meinen überflüssigen Pfunden stecken.
Ebenso hasste ich die Kletterstange, da ich es nie schaffte, mein Gewicht nach oben zu bewegen, was der Lehrerin sicher bewusst war und ich bin mir sicher, auch meine Ängste blieben ihr nicht verborgen, aber trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, musste ich es immer und immer wieder versuchen, aber jeder Versuch endete beim zweiten Klimmzug.
Wie sollten auch die ganzen Kilos, mit nur zwei Armen da hoch kommen.
Wenn Turnen auf dem Stundenplan stand, lag ich abends zuvor im Bett und wünschte mir, am Morgen mit weniger Kilos zu erwachen, damit ich endlich diese Stange hochkommen würde, um vielleicht in einer kleinen Nische der Klassengemeinschaft einen Platz zu finden.
Der Tag erwachte, meine Wünsche erfüllten sich nicht und es wurde Zeit, dass ich mich endlich damit abfinde, dass niemand sich gerne in meiner Nähe aufhält.
Trotz allem betrachtete ich die Schulstunden als Freizeit, auch wenn ich oft die Mittagspause im Schulzimmer verbringen musste, weil die Hausaufgaben wieder mal nicht komplett waren, da sich niemand die Zeit genommen hatte, mir dabei zu helfen, oder sie zu kontrollieren.
Alleine in der Küche, überfordert mit Aufgaben, die ich nicht verstanden hatte, schaute ich viel lieber aus dem Fenster und träumte vor mich hin.
Dann war die Zeit für Hausaufgaben abgelaufen, ich musste ins Bett und schlief mit der Gewissheit ein, dass der nächste Tag mir über Mittag wieder zwei Freistunden im Schulzimmer bringen wird.
Bis auf Monika verlassen alle ruhig das Klassenzimmer. Dieser Satz hallt heute noch in meinen Ohren und ich sehe heute noch die Wandtafel, auf der die Wörter und Buchstaben standen, mit denen ich in Schönschrift ein Blatt füllen musste.
Obschon ich Hunger hatte, war die Strafe in der Schule zu sitzen sehr angenehm, denn ich musste nicht nach Hause, musste kein Geschirr abwaschen und hatte Zeit, mich in ein anderes Leben zu träumen.
Kurz vor meinem geglaubten Hungertod, ging dann sehr oft die Türe auf und der Abwart, der im Schulhaus wohnte, brachte mir wortlos und mit einem Zwinkern, einen Teller mit feiner Suppe, oder einen Apfel. Mit einer Träne, die mir den Blick verschleierte, bedankte ich mich und er lächelte zurück. Kurz vor Schulbeginn holte er den leeren Teller, so hat niemand etwas gesehen und ich bin bis heute überzeugt, dass er Mitleid mit mir hatte.
Damals fing ich an, beim Blick aus dem Fenster, viele kleine Details zu betrachten, sowie sich wiederholende Dinge, an Häusern und Bäumen zu zählen.
Heute noch, ertappe ich mich sehr oft dabei, dass ich beim betrachten eines Bildes oder irgend eines Objektes, immer zuerst die Details suche und sehe, bevor ich das Ganze in meinem Blick erfasse, wohl ein Vermächtnis meiner Kindheit das mir bleiben wird, aber heute kann ich mit einem Lächeln daran zurück denken.
Hätte ein Wettbewerb stattgefunden, wer ungesehen bis zur Schule gelangt, den hätte ich mit Sicherheit gewonnen, denn mein Weg dahin war ein tägliches Versteckspiel, da ich nicht zusammen mit anderen Kindern laufen wollte. Endlich angekommen, versteckte ich mich hinter einer Hausmauer und wartete bis die Lehrerin aus der Türe kam, um mit einem Gong den Beginn des Unterrichts anzukündigen. So wurde ich innert kurzer Zeit zur Einzelgängerin, aber es war beruhigend, dass ich mich nur mit mir selber auseinander setzen musste und ich den Pfeilen der Blicke ausweichen konnte.
Wie im Leben, blieb für mich auch im Schulzimmer nur die letzte Reihe, mit dem Vorteil, dass ich nicht in die Gesichter meiner Mitschüler blicken musste, um mir dabei vorzustellen, was sie wohl denken.
Zeigt mir bitte alle euer Taschentuch, dies ein Lieblingssatz unserer Lehrerin und beim Griff in meine Schürzentasche, stellte ich wieder einmal entsetzt fest, dass sie leer war. Das erfreuliche daran war, dass ich nicht als einzige sofort nach Hause musste, um eines zu holen und die benötigte Zeit, nach Schulschluss nachsitzen musste.
Wie ein geprügelter Hund machte ich mich, mit der Angst im Nacken und mit Herzklopfen, auf den Heimweg.
Auf Zehenspitzen schlich ich mich ins Haus, um ja nicht bemerkt zu werden, was jedoch sehr schwierig war, denn die Holztreppe knarrte fürchterlich und ich war überzeugt, wenn sie das Knarren der Treppe nicht hörten, dann ganz sicher mein Herzklopfen.
Kommt noch dazu, dass die Türe zum Büro meines Pflegevaters immer offen stand und ich somit der Gefahr ausgesetzt war, dass er mich hörte und ich einmal mehr für meine Vergesslichkeit bestraft wurde, oder meine Pflegemutter veranstaltete eine Treibjagd mit ihrem Fahrrad, die grausam und demütigend war, denn ich musste voraus rennen, sie mit dem Fahrrad hinterher und wenn ich nicht schnell genug war, spürte ich ihren Schuh im Rücken.
Oftmals bin ich gestürzt und zu meinen Wunden an den Knien, die ich bereits hatte, kamen wieder ein paar neue, blutende hinzu.
Der Schulweg war einige hundert Meter lang und mein Spiessrutenlauf wurde bestimmt von vielen Dorfbewohnern beobachtet, aber niemand versuchte mir zu helfen. Wer sollte sich schon für mich einsetzen, ich war doch nur ein Pflegekind und somit überhaupt nicht wichtig.
Die Suche im Internet nach meinem Pflegevater war erfolgreich und so fand ich heraus, dass er sein halbes Leben Messmer war und erst mit 85 Jahren zurückgetreten ist.
Wenn ich die Jahre zurück rechne, begann sein Kirchendienst etwa zu der Zeit, als ich in seiner "Obhut" war.
Zudem war er noch Bankverwalter, so dass meine Chance, dass sich jemand für mich wehren würde, verschwindend klein war und sich im Nichts auflöste.
Kirche und Geld, das hat schon immer zusammen gepasst und nehmen wir noch die Lehrer dazu, dann war die Dorfregierung zur damaligen Zeit komplett.
Nochmals zurück zu Gott und seiner Kirche, denn alles drehte sich nur um sie.
Jede heilige Messe und jede Maiandacht, bei der ich mich gegen den Schlaf wehren musste, sowie die Prozessionen wurden nicht ohne meine Anwesenheit durchgeführt.
In den schönsten Sonntagskleidern, versammelte sich das ganze Dorf vor der Kirche, von wo aus die Prozession startete und den ganzen Tag dauerte, denn alle paar hundert Meter, war ein Altar aufgebaut, an dem gebetet wurde und der Pfarrer seinen Weihrauchkessel schwenkte. Mit dabei eine Heiligenstatue, getragen von vier Männern, für die es eine Ehre war wenn sie ausgewählt wurden um der Kirche, oder vielmehr dem Pfarrer, auf diese Weise zu dienen. Meine Pflegemutter marschierte ein paar hundert Meter voraus, da sie die Altare, die tags zuvor aufgestellt wurden, kontrollieren musste und mein Pflegevater war damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass niemand den Pfarrer zu sehr bedrängte, so dass ich in der Menge untertauchen konnte.
Endlich, einige Kilometer weiter und am Ziel angekommen, entwickelte sich das Ganze zu einem Volksfest, mit Verkaufsständen, wie auf einem Jahrmarkt.
Meine fünfzig Rappen die ich erhielt, damit ich mir etwas zu Essen kaufen konnte, brannten in meiner Hand und ich musste mich entscheiden, was schlimmer war, mein Hunger, oder mein Verlangen nach einer Cola, die meinen inneren Kampf dann auch gewann.
Nur schon für diesen prickelnden Becher voll Cola, wäre ich die Strecke der Prozession, jeden Tag gelaufen.
Da habe ich stundenlang Wiesenblumen und Farne nach Hause geschleppt, damit meine Pflegemutter die Altare schmücken konnte und was bekam ich dafür, genau fünfzig Rappen, mehr war meine Arbeit nicht wert.
Auch im folgenden Erlebnis, stehen fünfzig Rappen im Mittelpunkt.
Eines Tages hatte ich mitbekommen, dass die Dorfkinder Schnecken sammelten, für die sie pro Kilo fünfzig Rappen erhielten.
Der Käufer kam alle paar Wochen ins Dorf um sie abzuholen, also entschloss ich mich, ebenfalls etwas Sackgeld zu verdienen.
In der Scheune fand ich zwei Holzkisten, die ich hinter einem Holzstapel versteckte und Bretter zum abdecken hatte ich ebenfalls schnell gefunden. Nun wurde sie noch mit frischem Gras ausgepolstert, somit war das neue Heim für meine Schnecken perfekt.
Jede freie Minute war ich auf der Jagd nach ihnen und nach etlichen Anfangsschwierigkeiten, konnte ich die Ausbrüche eindämmen, hatte bald alles im Griff und war Stolz auf meine Ausbeute.
Bald musste eine weitere Kiste her, die nun, ebenfalls ausgepolstert, als neues Heim der Schnecken diente.
Jeden Tag fütterte ich sie mit frischem Gras, Küchenabfälle vom Kompost und sie bekamen frisches Wasser, zudem schlich ich mich öfters in den Garten, um Salatblätter zu stehlen.
Es sollte ihnen gut gehen und so betrachtete ich sie bald als meine Haustiere.
Hätte ich damals gewusst, was mit ihnen passiert, wäre ich nie auf die Idee gekommen Tiere einzusammeln sie zu mästen, damit sie dann auf brutale Weise umgebracht werden.
Meine Gedanken kreisten ab sofort nur noch um mein Geld, das ich für sie bekommen würde und dann war der Tag X da, meine Schnecken wurden mit einem Ring gemessen und alle die durchfielen, waren zu klein und ich entschloss mich, sie bis zum nächsten Abholtermin weiter zu füttern.
Trotzdem war mein Verdienst gewaltig, denn meine Schnecken brachten zwei Kilo auf die Waage.
Auf dem Heimweg rechnete ich mir aus, was ich damit alles kaufen würde, denn endlich hatte ich Geld in der Hand, das ich ausgeben dürfte und vielleicht würde man mich sogar loben für meine Idee, oder für meine Arbeit die ich mit den Schnecken hatte.
Immer wieder schaute ich in meine Hand, die ich so fest zusammen drückte, dass es bereits weh tat, nur aus Angst, ich könnte mein Geld verlieren.
Voller Stolz kam ich zu Hause an erzählte von meinem Verkauf und von meinem selbstverdienten Geld, was ich jedoch lieber nicht getan hätte, denn es wurde mir sofort, auf nie mehr wiedersehen abgenommen.
Dreimal leer schlucken, die Tränen unterdrücken und meine Wut im Bauch besänftigen, war alles, was mir übrig blieb und natürlich die Abdrücke vom Geld auf meiner Handfläche.
Am nächsten Tag, brachte ich meine Schnecken in den nahen Wald und schenkte ihnen die Freiheit.
Wenn ich sie schon nicht verkaufen durfte, dann sollten sie auch sonst niemandem gehören.
Traurig und wieder einmal am Boden zerstört, setzte ich mich auf einen Baumstamm und schaute zu, wie "meine" Schnecken den Wald eroberten.

Eines Tages schickte man mich zum Pfarrer und aus Angst, nach dem Grund zu fragen, machte ich mich mit den unmöglichsten Vorstellungen auf den Weg.
Mit einem beklemmenden Gefühl betrat ich das düstere, dunkle Pfarrhaus und musste mich überwinden, nicht die Flucht zu ergreifen. Die schwere Holztüre fiel laut scheppernd hinter mir ins Schloss und dann stand er furchteinflössend vor mir, um mich zurechtzuweisen, dass eine Türe nicht mit einem Knall geschlossen wird. Nachdem ich mich entschuldigt hatte, führte er mich in sein Büro, wo ich auf einem Stuhl Platz nehmen musste. Er baute sich vor mir auf, legte mir eine Schärpe um den Hals und fing an in der Bibel zu lesen, wobei er mich segnete und mir mit Weihwasser, das mir bald über das ganze Gesicht lief, Kreuze auf die Stirn zeichnete, was so kitzelte, dass ich lachen musste.
Mit lauter Stimme verlangte er von mir, mit geschlossenen Augen zu beten, das Lachen zu unterlassen und erklärte mir, dass diese Segnung wichtig sei für mich, versäumte es jedoch mir die Gründe zu nennen und ich, voller Angstgefühle entschloss mich, alles über mich ergehen zu lassen.
Endlich war es vorbei und ich wollte dieses Haus so schnell wie möglich verlassen, aber noch bevor ich die Türe erreicht hatte, wurde ich zurückgerufen. Ich sollte noch in die Kirche gehen, um mich für mein Leben zu bedanken und meine Liebe zu Gott und meinem Schöpfer, mit fünf Vaterunser bekräftigen.
Mit einer unglaublicher Wut im Bauch, über den Pfarrer und über meine Pflegeeltern, betrat ich die kalte, menschenleere Kirche, setzte mich in eine Bank, aber beten kam überhaupt nicht in Frage, denn ich war mir ganz sicher, dass ich mich bei niemandem für mein Leben bedanken musste, schon gar nicht beim lieben Gott, denn dem war ich genau so egal, wie allen anderen.
Im festen Glauben, ihn bestrafen zu müssen und nach kurzer Überlegung, entschloss ich mich, dass er ab sofort gar keine Gebete mehr von mir hören wird.
Das stundenlange beten zu Hause, kombiniert mit Schlägen hatte anscheinend nicht gereicht, um mich nach ihren Wünschen zu biegen, also musste der Pfarrer es noch versuchen, und ausgerechnet Gott sollte ihm dabei helfen.
Auch diese Versuche blieben erfolglos, denn ich schwor mir, weiter für mich und mein Überleben zu kämpfen, egal, wie viele Schichten ich noch auf meinen Panzer packen musste.
Bereits seit vielen Jahren bin ich überzeugt davon, dass mein Besuch beim Pfarrer, seiner Bibel und die Segnung mit Weihwasser, einer Teufelsaustreibung sehr nahe kam. Das Böse sollte meinen Körper und meinen Geist verlassen, damit ich das beugsame Kind sein würde, das in ihre Familie und natürlich in ihre Vorstellung passt.
Wie sollte ich mit solchen Erlebnissen, überhaupt noch an etwas Gutes, oder gar an die Kirche glauben.
War ich mit 7 Jahren wirklich vom Teufel besessen, oder sollte es zur Vorbeugung dienen? Damals, wie heute, finde ich keine Erklärung dafür.

Eine Aufteilung meiner Erinnerungen, in positive und negative Momente, endete mit der Feststellung, dass ich die Jahre in dieser Pflegefamilie, bis auf wenige Ausnahmen, auf der negativen Seite einordnen muss.
Schöne Momente waren die, wenn ich mich im angebauten Stall in die Futterkrippe setzte, um mich mit Kühen und Schweinen zu unterhalten, mit der festen Überzeugung, dass sie mir zuhörten und sie meine positiven Gefühle spürten. Traurig war ich, wenn die Ferkel abgeholt wurden und ich versuchen musste, ihre Mama zu trösten.
Auch auf der Weide setzte ich mich zwischen die Kühe, erzählte ihnen von meinen Erlebnissen, von unerfüllten Wünschen und von den Steinen, die meine Brust und mein Herz zu erdrücken drohten. Diese Verbundenheit zu Tieren hat sich bis heute nicht geändert, denn ihr verdanke ich, nach wie vor, viele schöne Momente.
Bei der Suche nach Menschen, denen ich damals wichtig war, wurde mir bewusst, dass bis auf zwei Ausnahmen, abgesehen vom Abwart in der Schule, niemand da war, der Interesse für mich gezeigt hätte, oder mich gefragt hat, wie es mir geht.
Eine Ausnahme war meine wöchentliche Fleischlieferung und die andere, ein Korbflechter, der in der Nachbarschaft wohnte und auf Umwegen schlich ich mich in seine Werkstatt und schaute ihm fasziniert zu.
Wenn er einen Korb in Arbeit und Zeit hatte, durfte ich mithelfen, selber flechten, wurde gelobt wenn ich es schaffte ohne Fehler zu arbeiten und zudem hat er mich nie verdursten lassen.
Solche positiven Erlebnisse hatte ich leider nicht viele, denn das Negative war mein ständiger Begleiter.
Im Vordergrund meiner negativen Erinnerung stehen, die ständige Angst, das seelische Leiden, fantasievolle Tagträume und den unerfüllten Wunsch nach Geborgenheit.
Meine Angst und die Auswirkungen, zeigt am eindrücklichsten folgendes Erlebnis.
Am Heiligen Abend mussten wir sehr früh ins Bett, um auf das Christkind zu warten.
Brav und voller Vorfreude gingen wir nach oben in unser Zimmer und wie alle Kinder, freute ich mich auf das Christkind, den geschmückten Baum und natürlich auf die Geschenke, die unter dem Baum liegen würden, denn so hatte ich Weihnachten in Erinnerung und wünschte mir, mein Opa könnte hier sein.
Da es im Zimmer keine Heizung gab, hatten wir eine Wärmeflasche im Bett, die bei mir ausgelaufen war und aus Angst, ich könnte beschuldigt werden, legte ich mich ins nasse Bett, mit der Hoffnung, dass es trocknet bis ich wieder aufstehen durfte, was natürlich nicht der Fall war, da mein Pyjama innert kurzer Zeit patschnass war. Meine Angst wurde Wirklichkeit, denn ich musste den ganzen Abend in einer Ecke stehen und das im nassen Pyiama, da sie wirklich der Meinung waren, ich hätte mit dem Verschluss gespielt.
Warum sollte ich etwas zugeben, was ich nicht getan hatte und wie sollte ich mich aus dieser Situation befreien.
Neben mir leuchteten die Kerzen vom Christbaum, jedoch suchte ich vergebens nach Geschenken, die doch eigentlich unter dem Baum liegen sollten.
Die ersten Kerzen waren schon bald abgebrannt, immer noch stand ich in meiner Ecke und um endlich aus meiner misslichen Lage erlöst zu werden, erzählte ich ihnen, was sie hören wollten, in der Hoffnung, dass nun keine Bestrafung fällig war, aber ich hätte es besser wissen müssen, meine Hoffnung war vergebens.
Als Strafe musste ich ohne Nachtessen ins Bett, im gleichen Pyjama und was noch schlimmer war, ins gleiche nasse Bett, wo ich mich frierend in den Schlaf weinte, an meinen Opa dachte und zum ungezählten mal hoffte, dass mich jemand befreit.
Ich erwachte mit Husten, Halsweh und Fieber, konnte das Haus nicht verlassen und mich im Wohnzimmer mit Gebetbuch und Schulbüchern beschäftigen.
Glücklich war ich trotzdem, denn die Kirche musste heute auf mich verzichten und und für zwei Stunden gehörte das ganze Haus mir alleine.
Dieser Weihnachtsabend, brachte mich auf eine Idee, die ich positiv für mich einzusetzen wusste, durch das, dass ich eine Schuld zugegeben hatte, die keine war, ersparte ich mir eine Tracht Prügel. Das sollte doch auch in Zukunft möglich sein und siehe da, es funktionierte. Zwar nicht so oft, wie ich mir gewünscht hatte, aber ich merkte bald, was sie hören wollten und ersparte mir damit ein paar Stunden im Keller.
Nun hatte ich also gelernt zu lügen, was mir jedoch egal war, denn mein Überlebenskampf hatte bereits begonnen und wenn der Kampf mit ein paar Lügen einfacher wird, sollte mir das recht sein.
Dann 1962, meine Erstkommunion stand kurz bevor und ich sollte auch ein weisses Kleid tragen und so hing eines Tages, als ich von Schule kam, im Wohnzimmer ein Hochzeitskleid, das ich anprobieren sollte. Nach unzähligen Anproben, gelang die Anpassung an meinen Körper, jedoch kann ich mich nicht mehr erinnern, ob ich mich wohl fühlte darin. Beim Verlassen der Kirche stolperte ich so ungeschickt über den Saum meines Kleides, dass ich mich flach hinlegte und ich schon wieder der Mittelpunkt von Gelächter war. Im grössten Ärger über mich selbst, wollte meine Pflegemutter, dass ich einer etwas abseits stehenden Frau die Hand gebe, da sie meine Mutter sei und dies war meine erste, bewusste Begegnung mit ihr.
So stand ich einer Fremden gegenüber, aber ich wollte nichts mit ihr zu tun haben, denn meine Gefühle waren auf Abwehr eingestellt und ich war mir damals bereits sicher, dass ich für sie in Wirklichkeit nicht existierte, sonst hätte sie mich doch schon längst aus dieser Hölle befreit. Die Tatsache, dass ich ihre Tochter war, interessierte mich nicht, denn ich hatte keine Gefühle für sie und zudem war ich mir sicher, dass sie unmöglich meine Mutter sein konnte, denn bei ihrem Anblick empfand ich weder Wärme noch Geborgenheit.
Da sie vermutlich meine Abneigung spürte, versuchte sie gar nicht erst mit mir zu sprechen, was mir recht war, denn ich hatte ihr nichts zu erzählen.
Noch etwas ist mir von diesem Tag in Erinnerung geblieben.
Alle Erstkommunikanten hielten mehrere Geschenke in den Händen und ich, ich spürte wieder einmal, wie viel ich wert war, denn meine Hände waren leer.
Meine Mutter erzählte mir später, dass sie ein Geschenk für mich dabei hatte, es mir jedoch nicht überreichen durfte, da ich laut meinen Pflegeeltern, es nicht verdient hätte und im Übrigen, die Erstkommunion nicht dazu da sei, um Geschenke zu verteilen.
Somit nahm sie es wieder mit und ich ging leer aus.
Einen Rosenkranz und ein paar Heiligenbildchen, die ich von meinen Pflegeeltern erhalten hatte, betrachtete ich nicht als Geschenk, denn einen weissen Rosenkranz hätte ich sowieso gebraucht, und Heiligenbildchen, die hatte ich für meine Bedürfnisse bereits genug.
Viel lieber hätte ich eine Puppe gehabt, oder vielleicht eine Uhr, einfach irgendein Spielzeug, nur für mich, aber das war in dieser Familie nicht wichtig. Das einzige Spielzeug, an das ich mich erinnern kann, war ein Ball, der bei meiner Ankunft auf mich wartete und den ich wie ein Heiligtum behütete.
Not macht erfinderisch.
So habe ich mir aus alten Zeitschriften Puzzles geschnippelt und mich damit in mein Zimmer verzogen. Für meine Pflegemutter war dies keine sinnvolle Beschäftigung und so landeten sie im Abfall, oder besser gesagt, sie gingen im Ofen in Flammen auf.
Wie gerne hätte ich ein Velo, oder ein Trottinett gehabt, aber mir blieb nichts anderes übrig, als neidisch die anderen Kinder zu beobachten, wie sie vor meiner Nase, provokativ damit herumkurvten.
Ich klebte am Wohnzimmerfenster, oder setzte mich auf eine Gartenmauer, wusste genau, dass ich nicht dazu gehörte, auch hat keines der Kinder mich jemals aufgefordert mitzuspielen und zu fragen wäre sinnlos gewesen, da ich mir sicher war, dass ich keine Chance hatte.

Wieder war Weihnachten, jedoch mussten wir nicht mehr im Bett auf das Christkind warten, denn der Baum stand bereits am Mittag geschmückt im Wohnzimmer und wie das Jahr zuvor, lagen wieder keine Geschenke unter dem Baum.
An diesem Abend wurde im Wohnzimmer gegessen und bis zuletzt hoffte ich, dass das Christkind mir doch noch ein Geschenk bringt.
Obschon meine Mutter mir, laut ihren späteren Aussagen, immer ein Geschenk geschickt hatte, kann ich mich nicht daran erinnern es jemals erhalten zu haben.
Der Abend wurde bis zur Erschöpfung ausgefüllt mit Weihnachtsliedern, dazwischen Gebete und zum Schluss noch einen Rosenkranz, der kein Ende nehmen wollte. Meine Augenlider wurden immer schwerer und ich musste mich wehren, um nicht einzuschlafen.
Kurz vor einem Kollaps, kamen wir dann noch in den Genuss der Mitternachtsmesse und obschon ich mich lieber ins Bett gelegt hätte, musste ich durch die Kälte stapfen, um in der Kirche, den Rest des Tages durchzustehen. Todmüde schleppte ich mich nach hause, mit den Worten meiner Pflegeeltern im Kopf, dass wir nur mit beten, zu guten Christen werden.
Das Schönste an Heiligabend war der Christbaum, denn er war der Einzige, der ein wenig Wärme ausstrahlte und mir ein kleines Strahlen ins Gesicht zaubern konnte.
Wieder in der Schule hörte ich gespannt und neidisch den anderen Kindern zu, wenn sie sich gegenseitig erzählten, wie viele Geschenke unter dem Baum lagen und welche Wünsche, die sie ans Christkind hatten, erfüllt wurden.
Wenn ich über meine Geschenke ausgefragt wurde, blieb mir nichts anderes übrig als sie mir auszudenken, weil ich mich schämte und auch hoffte, dass ich mit meinen erfundenen Geschenken vielleicht wahrgenommen werde.
Leider blieb es bei einer Momentsituation, da eine Woche später niemand mehr über seine Weihnachtsgeschenke sprach und mein Leben wieder wie immer war.
Als meine Kinder noch klein waren, existierte der 24. Dezember für uns nicht, denn die Erinnerungen der Vergangenheit, hingen wie Kletten an mir und meine Kraft reichte nicht, um über meinen Schatten zu springen.
Um meine innere Ruhe zu bewahren entschloss ich mich, eigene Regeln aufzustellen.
Der 24. Dezember war für uns ein ganz normaler Tag und nachts, wenn die Kinder im Bett waren, schmückte ich den Baum, legte die Geschenke darunter und am Morgen waren sie dann die Ersten die feststellen durften, dass das Christkind da war.
Der Heiligabend war überstanden, für meine Kinder war Weihnachten und die Welt somit auch für mich in Ordnung, da keine Zeit blieb, über meine Erinnerungen nachzudenken.
Als sie älter wurden und ich sie nicht mehr überlisten konnte, brauchte ich meine ganze innere Kraft um den Abend zu bewältigen, damit ich mich mit ihnen über die Geschenke freuen konnte.
Es hätte nicht viel gebraucht, um vielleicht auch meine Kinderaugen zum leuchten zu bringen, aber stattdessen ging die Quälerei weiter.
Vier Jahre musste ich dies ertragen, längst hatte ich mich damit abgefunden, dass dieses Leben, vielleicht selber verschuldet, nun meine Wirklichkeit war.
An meinen Opa dachte ich nur noch vor dem Einschlafen, aber es tat immer noch weh und ich vermisste ihn nach wie vor, auch wenn ich daran denken musste, dass er mich vor diesem fürchterlichen Haus hat stehen lassen, nicht eingegriffen hat, als mich diese Hexe mit ins Haus zog und auch nicht, als man mich hier deponierte.
Immer wieder dachte ich zurück, an die schönste Zeit meines Lebens, suchte einen Grund der ihn veranlasst hatte mich loszuwerden, fand jedoch keinen und war einmal mehr, alleine mit meinem Kampf und meiner ganzen Traurigkeit.

1963 dann, für mich ein kleines Licht in dunkler Umgebung, eröffnete man mir, dass ich bald bei meiner Mutter wohnen sollte.
Es ist schwierig meine damaligen Gedanken einzuordnen, da meine Angst falsch zu reagieren, grösser war als mein stummer Freudenschrei.
Meine ersten Gedanken gingen zurück zu meiner Erstkommunion, an die Frau die meine Mutter war, aber mit der ich nichts zu tun haben wollte.
Obschon ich sie nicht kannte, nicht wusste was auf mich zukam, waren die letzten Tage bis zur Abreise eine Ewigkeit, denn schlimmer als hier konnte es nicht mehr werden.
Jede Minute stellte ich mir vor, wie es wohl sein würde, vielleicht doch geliebt zu werden, eine Mutter zu haben und an diesen Gedanken klammerte ich mich wie an einen Strohhalm, denn bald sollte ich frei sein.
Der Sommer war bereits vorbei, als ich abgeholt wurde und wieder war es der gleiche Koffer der neben mir stand und in dem mein ganzes, bisheriges Leben einen Platz fand.
Nur meine Kleider und meine Schuhe wurden gepackt, obschon ich auch gerne meinen Ball mitgenommen hätte, den ich bei der Ankunft geschenkt bekam, aber der musste zurück bleiben.
Diesen Ball betrachtete ich als mein Eigentum, liebte ihn, behütete ihn und all die Jahre hatte er seinen Platz unter meinem Bett und niemand durfte damit spielen.
Ein mir unbekannter Mann, später sollte ich erfahren, dass es mein neuer Vormund war, holte mich mit meinem Koffer ab.
Wie sehr ich mich auch anstrenge, aber ich kann mich nicht an einen persönlichen Abschied meiner Pflegeeltern erinnern.
Vielleicht habe ich es auch nur vergessen, denn meine Fantasie streifte, wie schon seit Wochen, durch unzählige Szenarien meiner Zukunft.
Mit Blick nach vorne und ohne noch einmal zurückzuschauen, marschierten wir zur Bushaltestelle, vorbei an "meiner" Bäckerei und dem Duft von frischem Brot, den ich gerne mitgenommen hätte, vorbei auch an der Wiese, in der ich mein Trinkgeld verschwinden lassen musste um nicht bestraft zu werden und nun stehen wir hier und warten auf den Bus, der uns nach Oberriet bringen wird.
Hinter uns die Kirche, in der ich so viele Stunden verbrachte und anfangs noch glaubte, dass Gott mir helfen würde. Gleich daneben das Pfarrhaus, wo man versuchte, mich mit der Bibel zu ändern und das Böse in mir vertreiben wollte.
Ebenfalls in unmittelbarer Nähe und zum greifen nah, mein Schulhaus, in dem ich als Aussenseiterin behandelt, nie willkommen, zur Einzelgängerin wurde und mich nur wohl fühlte, wenn ich nachsitzen und in meiner Fantasie von einem glücklichen Leben träumen konnte.
Dann war das Postauto da und schon bevor ich mich an einen Fensterplatz setzte war ich mir sicher, hier würde ich keine Gedanken oder Gefühle zurück lassen und egal, was auf mich zukommt, es konnte nur besser sein.
In den Akten der Vormundschaftsbehörde, wurde meine Umplatzierung mit der Begründung festgehalten, dass die Pflegemutter krank sei und sich nicht mehr um alle Kinder kümmern könne.
Um keine neue Pflegefamilie suchen zu müssen, wurde ich einfach meiner Mutter überlassen, obschon alle Kenntnis von ihrer Krankheit hatten und sicher auch allen klar war, dass dies nicht die richtige Lösung sein konnte.
Es war der einfachste Weg und man musste sich keine weiteren Gedanken machen.
Von Oberriet fuhren wir mit dem Zug nach Zürich und meine Vorstellungen, wie es bei meiner Mutter sein würde, purzelten von einer Ecke in die andere und bald hatte ich ein wirres Durcheinander in meinem Kopf und ich entschloss mich, nicht mehr darüber nachzudenken.
Vorbei an Wiesen, Wälder und Häusern, ratterte der Zug meiner Zukunft entgegen. Damit ich nicht gezwungen war, mich mit meinem Vormund zu unterhalten, schaute ich andauernd aus dem Fenster, zählte Häuser und Autos und versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Die Fahrt wollte kein Ende nehmen und endlich in Zürich angekommen, wurde ich in einen Zug gesetzt und man erklärte mir, dass meine Mutter mich in Bern abholen würde. Nun bekam ich doch noch ein beklemmendes Gefühl in meiner Magengegend, so alleine im Zug, wie sollte das gehen, aber ich wollte stark und mutig sein.
NUR NICHT MEHR ZURÜCK
Die Fahrt verlief ohne Probleme und meine Angst, mit dem Zug ins Nirgendwo zu fahren, war unbegründet. Endlich, in Bern angekommen, holte mich der Schaffner aus dem Zug, brachte mich ins Bahnhofgebäude, wo meine Mutter bereits auf mich wartete.
Es war bereits dunkel und ich war todmüde, als wir in meinem neuen Zuhause, einem alten Bauernhof, ankamen. Endlich im Bett, war ich glücklich hier zu sein, freute mich auf den nächsten Tag und darauf, die vielen Tiere kennenzulernen.
Plötzlich hatte ich also eine Mutter, einen Stiefvater und einen kleinen Bruder, der damals drei Jahre alt war.
Damals glaubte ich fest daran, dass sich nun, auch wenn alles neu war, mein Leben zum Positiven ändern würde. Den Glauben habe ich jedoch bald verloren, da sich auch hier alles nur um Arbeit und Bestrafung gedreht hat. Vergebens wartete ich darauf, dass sich bei mir ein Gefühl der Geborgenheit einstellt, aber nichts geschah.
Meine Mutter blieb für mich eine Fremde und heute ist mir bewusst, dass ich für sie nur irgendein Kind war, im richtigen Alter, um kräftig mitzuhelfen.
Vielleicht war der gute Wille, mich als ihr Kind kennenzulernen sogar da, aber sie brachte es nicht fertig, ihn umzusetzen und trotz intensiver Gedankenforschung, kann ich mich nicht erinnern, dass meine Mutter mich jemals in den Arm genommen hat.
Sie war nicht bereit mich zu lieben und was vermutlich noch schlimmer war, sie konnte mich nicht lieben und wieder waren da meine Gedanken, die sich um die Schuldfrage drehte und ob ich die vielleicht doch bei mir selber suchen musste.
Da mein Stiefvater den Bauernhof ohne Hilfskräfte betrieb, musste ich jede freie Minute mitarbeiten, was bereits morgens um sechs mit Stalldienst anfing und nachmittags nach der Schule, hatte ich weitere Pflichten zu erfüllen.
In der Schule musste ich zuhören wie sich meine Mitschüler verabredeten, um nach Schulschluss, oder an freien Tagen etwas zu unternehmen und ich stand immer abseits, da ich meine Freizeit zu Hause verbringen musste und sie mit Arbeit ausgefüllt wurde.
Schon wieder ausgegrenzt und alleine, musste ich mich auch hier, mit meiner Rolle als Einzelgängerin abfinden.
Ab und zu durfte ich die Einladung zu einer Geburtstagsfeier annehmen, jedoch nur, wenn nicht viel zu tun war und ich die Liste meiner Arbeiten erledigt hatte.
Alle Tiere auf dem Hof, waren bereits nach kurzer Zeit meine Tiere und immer noch war ich der Überzeugung, dass sie mir zuhörten wenn ich über mein trauriges Leben erzählte.
Auch der Hofhund und drei Katzen wollten ihre Streicheleinheiten, was oft zu einem Zeitproblem wurde, da ich meine Aufgaben für die Schule dann erst nach acht Uhr erledigen konnte, jedoch so müde war, dass ich am Tisch eingeschlafen bin und dann sofort ins Bett musste.
Wieder ein Grund für meinen Stiefvater handgreiflich zu werden, so dass ich versuchte, jedem Ärger aus dem Weg zu gehen, vielfach damit, dass ich meine Hausaufgaben nicht erledigte und nach dem Nachtessen sofort ins Bett ging. Zudem musste ich vor ihm auf der Hut sein, da er immer wieder versuchte, mir von hinten zwischen die Beine zu greifen, jedoch von meiner Mutter nie zurecht gewiesen wurde, für das ich kein Verständnis hatte.
Der Ekel vor ihm wurde unerträglich, auch stank er abscheulich nach Stall und so musste ich lernen, ihm geschickt aus dem Weg zu gehen.
Die Zeit verging, alles wurde zum Alltag, doch meine Hoffnung und meine Wünsche, auf ein schöneres Leben, gingen nicht in Erfüllung.
In der Schule hatte ich weniger Probleme und erhielt das Formular, um an der Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule teilzunehmen, das von den Eltern unterschrieben werden sollte, jedoch wurde mein Wunsch von meiner Mutter ins lächerliche gezogen, weil ich ihrer Meinung nach, zu dumm sei und ich zudem, für die Stallarbeit nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Das wars und es wurde nie mehr darüber gesprochen, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als mich enttäuscht und traurig, wieder mit meinen Aufgaben auf dem Hof zu beschäftigen.
Im Winter musste ich pünktlich um sechs Uhr im Stall sein, um alle Kälber zu tränken, was Stress pur bedeutete, denn um acht Uhr begann die Schule.
Während der Sommermonate war bereits um zwanzig nach sieben Schulbeginn, was mit noch mehr Stress verbunden war, da ich vielfach vorher noch mit dem Traktor Gras mähen musste, oder ich brachte mit Hund und Wagen, die Milch in die Käserei.
Mit diesem Gespann war ich jeweils unterwegs .
Mit Traktor und Ladewagen, war das Gras mähen zwar einfach, aber trotzdem bin ich oft zu spät gekommen und musste auch hier nachsitzen.
Es war ein ewiger Teufelskreis und immer war ich mitten drin.
Einen einzigen Lichtblick gab es doch und den hatte ich einer Mitschülerin zu verdanken.
Verena war wirklich eine Freundin und sie hatte nur für mich, zwei bis drei Mal pro Jahr Geburtstag, damit ich den Nachmittag mit ihr verbringen konnte.
Von allen war sie die einzige, die so etwas für mich getan hat und meine Mutter anzulügen, war in der Tat sehr einfach für mich.
Bei meinen Pflegeeltern hatte ich gelernt zu lügen und es klappte immer sehr gut, auch weil ich nie eine Schulfreundin nach Hause einladen durfte und meine Mutter somit keines der Mädchen persönlich kannte.
Diese Nachmittage waren für mich ein Ausbrechen aus meinem Gefängnis, ein Vergessen meiner Qualen und da ihre Eltern eine Käserei hatten, gab es zudem immer etwas zu essen und Glacé soviel ich wollte.
Ab und zu versuchte ich ein Joghurt, denn ich war nach wie vor auf der Suche nach einer Geschmacksexplosion, die mich zurück führen sollte, zu jenem Löffel voll Joghurt, den ich nie vergessen habe.
Doch leider wurde mein Wunsch nicht erfüllt.
Vor über 20 Jahren hatten wir die erste und bis jetzt einzige Klassenzusammenkunft und wir mussten beide, auch nach so langer Zeit, noch darüber lachen, wie einfach es war meine Mutter auszutricksen.

Ab hier nun halte ich mich zusätzlich an die Akten und Dokumente, die ich im Staatsarchiv Frauenfeld erhalten habe.
Bereits beim Lesen der ersten paar Seiten, war ich schockiert darüber, wie ich als Kind und Jugendliche beurteilt und diagnostiziert wurde.
Es wurde Winter und ich war nun schon ein paar Monate hier, als meine Mutter anfing, sich unkontrolliert zu benehmen. Sie sprach mit Menschen die nicht da waren, was ich anfangs noch lustig fand, aber dann wurde ich sehr oft, grundlos mit Schlägen traktiert. Holzlöffel, Skistöcke, alles was gerade da war, wurde dafür benutzt und ich musste versuchen, nun auch ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, was nicht einfach war, denn ich wusste nicht, wie ich mit dieser unkontrollierten Situation umgehen sollte.
Wortlos erledigte ich die mir befohlenen Arbeiten, um weder meinem Stiefvater, noch meiner Mutter einen Grund zu liefern, mich zu bestrafen.
Zudem versuchte ich so gut wie möglich, meinen Bruder aus der Schusslinie zu nehmen, da meine Mutter auch vor ihm nicht Halt machte.
Meinem Stiefvater war alles egal, wenn er nur seine Ruhe hatte und seine Befehle befolgt wurden.
Nachts lag ich wieder lange wach und konnte nicht verstehen, warum ich von einer Hölle, in die andere gesetzt wurde.
Nichts hatte sich geändert, obschon ich doch hoffte, dass mir mein neues Leben ein wenig Liebe und Geborgenheit bringen würde.
Es wurde Frühling und der Zustand meiner Mutter besserte sich nicht, sondern wurde noch schlimmer, was sich negativ auf meine Arbeiten auswirkte, da ich nun noch mehr zu erledigen hatte.
Die Tage verbrachte sie mehrheitlich im Bett, so dass ich nun auch noch die Hausarbeit erledigen musste und nebenbei meinen kleinen Bruder beaufsichtigen, der andauernd etwas von mir wollte.
Es war alles zu viel für mich, aber ich hatte keinen Zufluchtsort, so musste ich mich schon wieder mit einer aussichtslosen Situation abfinden.
Gefangen in meinem Schicksal, wurde mir bewusst, dass sich für mich gar nichts ändern wird, denn meine Vorstellungen und Erwartungen würden nie Wirklichkeit werden.
Ab sofort verbrachte ich jede freie Minute, wie schon bei meinen Pflegeeltern, im Stall bei den Tieren und träumte mich dabei wieder in ein anderes, in ein besseres Leben, aber wo war das und wann sollte ich das finden.
Diese Träume sollten mich mein ganzes Leben begleiten.
Eines Tages, der Sommer 1964 hatte bereits angefangen, wurde meine Mutter in eine Klinik eingewiesen, was für mich eine Befreiung war. Erleichtert schaute ich dem Krankenwagen nach, da die Angst vor unkontrollierten Schlägen, für ungewisse Zeit vorbei war und ich mich im Haus frei bewegen konnte.
Ein paar Tage später, kamen meine Grosseltern aus Deutschland, um uns Kinder zu versorgen. Seit jenem verhängnisvollen Tag im Sommer 1959, als mein Opa mich im Kinderheim abgeben musste, hatte ich ihn nicht mehr gesehen.
Da war er, mein Opa, den ich so sehr vermisst hatte und für ein paar Monate war meine kleine grosse Welt wieder in Ordnung, denn ich war unendlich glücklich. Alle Arbeiten, die ich bis jetzt erledigen musste, übernahm er und natürlich war ich immer an seiner Seite, um zu helfen, oder besser gesagt, um in seiner Nähe zu sein.
Wie eine Klette, verfolgte ich ihn auf Schritt und Tritt und in meinen Gedanken war ich wieder in Hegne, erinnerte mich an die schönste Zeit meines Lebens und hoffte, dass meine Mutter für lange Zeit nicht zurück kommt.
Er wurde von mir mit Fragen gelöchert, die er mir bis ins kleinste Detail beantwortete.
Wie geht es den Bienen, gibt es mein Zimmer noch, hast Du beim spazieren Rehe gesehen und hast Du mit Deinem Motorrad Ausflüge gemacht. In meinen Gedanken war ich wieder das kleine, geliebte und glückliche Mädchen und ich wünschte mir, ich hätte die Zeit anhalten können.
Meine Oma hat das ganze Haus geputzt, auch den Dreck den ich beim Putzen unter den Teppich gewischt hatte.
Es wurde fein gekocht und meine Arbeiten im Haus, reduzierten sich aufs Abtrocknen. Es war alles so, wie in meinen Träumen und für mich hätte es immer so weiter gehen können, aber da es sich hier um mein Leben dreht, konnte es unmöglich so friedlich weiter gehen.
Auf das nächste Drama musste ich nicht lange warten und sollte meinem Leben einen erneuten Dämpfer versetzen.
Im Oktober brannte infolge eines Kurzschlusses unser Hof, wodurch Stall und Wohnhaus sehr stark beschädigt wurden und das ganze Inventar war nicht mehr zu gebrauchen.
Wir standen alle unter unserem Nussbaum und schauten der Feuerwehr zu, wie sie die Flammen bekämpfte. Meine Oma stand einfach nur da und weinte, wobei sie eine Geldkassette festhielt, in der, wie sich später herausstellte, nur die unbezahlten Rechnungen aufbewahrt wurden. Unsere Schweine und unser Pferd erlitten so schwere Brandverletzungen, dass sie getötet werden mussten, was für mich fürchterlich war, denn sie waren meine Freunde und nun einfach nicht mehr da.
Meine Grosseltern wurden für ein paar Tage bei Nachbarn einquartiert und reisten dann wieder nach Hause.
Todunglücklich musste ich mich verabschieden und meine Tränen wollten nicht aufhören, über mein Gesicht zu kullern. Auch das Versprechen meines Opas, dass er bald wieder kommt, konnte an meiner Traurigkeit, die mich noch viele Tage quälte, nichts ändern.
Zusammen mit meinem Bruder wohnte ich bei Bekannten und das Wohnhaus wurde provisorisch wieder hergerichtet, damit wir vorübergehend noch darin wohnen konnten.
Mein Stiefvater quartierte sich während dieser Zeit, bei seinen Eltern ein.
ALLES WAS ICH ÜBER MEINEN BRUDER WEISS
Bei der Beerdigung meines Opas 1980, sah ich ihn das letzte mal und da wir über zehn Jahre keinen Kontakt hatten, wussten wie beide nicht, über was wir miteinander sprechen sollten.
Unter all den fremden Menschen, kam er mir sehr hilflos vor, also setzte ich mich zu ihm an den Tisch und er erzählte mir, dass er nach der Ausbildung zum Landschaftsgärtner für sechs Monate in Kanada war und nun dorthin auswandern möchte.
Die letzten Schuljahre und die Zeit während seiner Ausbildung, war er in einer liebevollen Pflegefamilie in Bern untergebracht, wo es ihm an nichts gefehlt hatte und er erklärte mir, dass unsere Mutter für ihn nicht mehr existiert. Grund für die Fremdplatzierung war die Scheidung und die Krankheit unserer Mutter, ebenso die Tatsache, dass sie sich nicht richtig um ihn kümmern konnte.
Trotz aller Mühe die ich mir gab, entstand keine richtige Unterhaltung und ich wurde das Gefühl nicht los, dass für ihn die ganze Familie nicht mehr existierte, denn er war auch nicht bereit, mir eine Adresse zu überlassen, wo ich mich hätte melden können.
Da ich seither nie mehr etwas von ihm hörte, nehme ich an, dass er sich seinen Traum von Kanada erfüllt hat und hoffentlich glücklich geworden ist.
Vielleicht sogar mit Familie und Kindern.
Trotz allem wünsche ich mir, dass er zwischendurch mit der Gewissheit lebt, dass überall, zwar verstreut, noch ein wenig Familie existiert und vielleicht zieht es ihn irgendwann wieder einmal in die Schweiz, dann würde ich mich freuen, wenn er auf die Suche nach mir gehen würde.
ERSTE BEURTEILUNG 1964
Aus den Akten konnte ich entnehmen, dass bereits kurz nach meiner Ankunft, die Betreuungspflicht von der Vormundschaftsbehörde Kreuzlingen, an das Jugendamt Bern übertragen wurde. Die zuständige Behörde blieb jedoch weiterhin Kreuzlingen. In einem Bericht vom Dezember 1964 des Jugendamtes, fand ich eine negative Beurteilung meiner Mutter.
Es wurde in Erwägung gezogen, für mich einen neuen Platz zu suchen, da die Situation, aufgrund ihrer Erkrankung und monatelanger Abwesenheit, nicht zu verantworten sei und sie somit nicht im Stande, für uns Kinder zu sorgen. Eine Tatsache, mit der von Anfang an zu rechnen war, über die sich aber vorher niemand Gedanken gemacht hatte, da ich ja nur ein Kind war, das man nach Belieben hin und her schieben konnte.
Im gleichen Bericht fand ich eine erste Beurteilung die mich betrifft, vom Juni 1964, mit folgender Feststellung:
Das Kind Monika ist zu selbstständig, altklug, bedrückt, ängstlich, auf Abwehr und Verteidigung eingestellt. Sehr still und erwachsener, als es dem Alter entsprach“
Es wird von seiner Mutter kaum beachtet und trotzdem versucht das Kind, zur Mutter eine Beziehung aufzubauen.
Warum hat mich diese Beurteilung nicht erstaunt.
Wurde ich doch bei meinen Pflegeeltern vier Jahre mit Schlägen getrimmt, mich wie eine Erwachsene zu benehmen, selbstständig zu sein und habe mich natürlich, auf Abwehr und Verteidigung eingestellt, um mich nicht brechen zu lassen und um weiterleben zu können.
Es wurde Dezember, meine Mutter war immer noch in der Klinik, meine Grosseltern schon längst wieder weg und wir waren alleine mit meinem Stiefvater. Die Verantwortung für meinen Bruder, lag auf meinen Schultern, immer in meiner Nähe und damals für mich unverständlich, wollte er nie alleine spielen.
Die Eltern meines Stiefvaters wohnten zwar in unmittelbarer Nähe, aber für die gehörte ich von Anfang an nicht zur Familie und mein Bruder durfte sich nur bei ihnen aufhalten, wenn ich in der Schule war.
Es wurde Weihnachten, zusammen mit meinem Bruder schmückte ich den Baum, das Nachtessen bestand aus Käse und Brot und auch wenn wir ohne Geschenke blieben, war alles friedlich und ruhig.
EIN NEUES JAHR BEGINNT
Irgendwann, Anfang 1965 war meine Mutter wieder zu Hause und ich hatte ein bisschen mehr Freizeit. Vielleicht war es ihr schlechtes Gewissen, auf Grund von all dem, was vor ihrem Klinikaufenthalt alles geschehen war, oder sie wollte einfach versuchen eine Mutter zu sein. Jedoch musste ich bald feststellen, dass es mit der Jahreszeit zu tun hatte, weil mit dem Frühling auch die Arbeit wieder mehr wurde.
Die Kühe waren seit dem Brand, in einem leerstehenden Stall in der Nachbarschaft untergebracht, wo sie auf ihr neues Zuhause warteten, so wie wir auf unser neues Wohnhaus. Meine Pflichten auf dem Hof hatte ich nun voll im Griff, erledigte sie inzwischen so gut, als wenn ich nie etwas anderes getan hätte. Manchmal war ich sogar stolz auf mich selber und wünschte mir einmal gelobt zu werden, leider vergebens. Meine geliebten Tiere wurden zum Mittelpunkt meines Lebens, denen ich nach wie vor alles erzählte, die mich verstanden und mir so viel zurückgaben.
Da war ich nun, bald 12 Jahre alt und die einzigen Freunde die ich hatte, waren meine Tiere.
Ende Jahr bezogen wir das neue Haus, die Tiere ihren neuen Stall und ich, ich fühlte mich sogar wohl in meinem neuen Zimmer, mit meinem neuen Bett und einem Bodenbelag in gelb, der bei mir in den ersten Monaten, durch seinen Gestank, Übelkeit und Kopfschmerzen auslöste. Meine Mutter erklärte mir, dass es sich um einen Kunststoffbelag handle und der Gestank von selber verschwinden würde.
Somit ging das Jahr ohne zusätzliche Probleme zu Ende, und mit neuem Mut und viel Hoffnung wartete ich auf das neue.

Das Jahr 1966 hatte kaum angefangen, da erhielt meine Mutter das Sorgerecht für meine ältere Schwester, die ab sofort auch bei uns wohnen sollte.
Hoffentlich hat sie meine Ablehnung, die ich ihr im Kinderheim in Kreuzlingen gezeigt hatte vergessen und ist nicht böse auf mich.
Dies waren meine ersten Gedanken, als meine Mutter mir diese Neuigkeit, strahlend und überglücklich mitteilte.
Meine Angst war dann Gott sei Dank unbegründet und bereits nach ein paar Tagen waren wir, ein Herz und eine Seele.
Aus Platzgründen musste sie in mein Zimmer einziehen und bis tief in die Nacht hatten wir uns viel zu erzählen.
Unser Reich bestand aus einem Einbauschrank und zwei Matratzen, die knapp Platz hatten, um die Türe noch öffnen zu können, aber wir brauchten nicht mehr und waren glücklich, uns zu haben.
Bereits nach drei Wochen war sie der Liebling unserer Mutter und ich blieb der unsichtbare Schatten, aber es war mir egal, denn wir hatten uns gefunden und wurden ein unzertrennlich Gespann.
Längst hatte ich mich daran gewöhnt, dass ich für meine Mutter nur ein Mädchen war, um einen Knecht, oder eine Magd zu ersetzen.
Meine Vorstellung, dass die Arbeit nun geteilt durch zwei einfacher würde, zerschlug sich bald, da meine Schwester zierlich und hübsch gebaut, keine schweren Arbeiten erledigen konnte.
Komischerweise war ich überhaupt nicht böse auf sie, denn ich war froh und glücklich, dass sie da war.
Aber wir sträubten uns, gegen unsere Mutter und die ganze Welt, denn sie blieb für uns beide eine Fremde und so reizten wir die Situation bis ins kleinste Detail aus.
Mit ihren Bemühungen, die Zuneigung meiner Schwester zu gewinnen, hatte sie keinen Erfolg und ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, stellte ich fest, dass mir das gefiel.
Wenn ich heute so darüber nachdenke, hatte es nichts mit Eifersucht zu tun, obschon es sich für mich so anfühlte.
Meine Schwester wurde ohne ihr Wissen zu meinem Racheengel, denn meine Mutter sollte leiden und bestraft werden, für alles was sie mir bis heute angetan hat.
Immer wieder bestärkte ich sie, sich nicht zu beugen und irgendwann hatte ich Erfolg damit, denn die Versuche unserer Mutter, ihre Nähe zu suchen wurden weniger. Jetzt hatte ich meine Schwester für mich alleine und dem Teufelchen in mir gefiel das sehr, denn nun wurde auch ihr bewusst wurde, dass wir beide Aussenseiter waren und uns dadurch doppelt wehren mussten.
Die Monate vergingen, unsere Situation war immer noch beschissen, hatte unsere Mutter plötzlich unglaubliche Ideen, da sie aus ihr eine Ärztin machen wollte.
So hübsch und intelligent wie sie war, sollte sie wohl die Lebensträume unserer Mutter verwirklichen und so drehte sich dann alles nur noch um ihre Zukunft und unsere Mutter blühte auf, in ihren Fantasien.
Ein paar Wochen später wurden drei Schuluniformen geliefert und nun wurde auch meiner Schwester bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit bald vorbei sein wird, da sie jedoch nicht weg wollte, versuchte sie, sich auf dem Hof zu verstecken und ich, die nicht alleine zurückbleiben wollte, versorgte sie mit Proviant.
Leider sind wir bereits nach der ersten Nacht aufgeflogen, so dass der Lauf der Dinge, durch nichts aufgehalten werden konnte. Die Zeit bis zu ihrer Abreise füllten wir mit viel Fantasie, mit der Gestaltung unserer Zukunft, wohl wissend, dass sich wohl nichts davon erfüllen wird.
Dann war sie weg, die Stimmung meiner Mutter auf einen Tiefstand und somit war alles wieder wie immer. Und ich, ich fühlte mich so wie ich war, dumm, dick und nur zum Arbeiten und sonst für nichts zu gebrauchen.
Die Tage vergingen, die Wochen vergingen und ich vermisste meine Schwester und unsere Rebellion, über die wir so viele Male lachen konnten. Dann, nach vier Monaten war sie wieder da, denn sie wollte und konnte sich dem Schulstress und der Hausordnung im Institut nicht unterordnen, was zu Problemen führte und so war sie glücklich, wieder zu Hause zu sein.
Die Fremdplatzierungen der letzten Jahre, hatten auch bei ihr Spuren hinterlassen und nun wollte man sie schon wieder, abschieben und einsperren, jedoch für einmal, ohne Erfolg.
Der Versuch unserer Mutter, die, vom eigenen Leben enttäuscht, ihre Fantasien und Wünsche auf meine Schwester übertragen wollte, war gescheitert.
Uns sollte es recht sein, denn somit waren wir wieder zusammen und sehr glücklich darüber und bewiesen Stärke im Doppelpack.

IMMER DIE GLEICHEN FRAGEN
In regelmässigen Abständen hatte meine Mutter, mit mir im Schlepptau, einen Termin beim Jugendamt in Bern, wo man mir immer die gleichen Fragen stellte, aber was sollte ich denn erzählen, ich musste doch neben meiner Mutter sitzen, zudem war ich mir sicher, dass mein Leben an einem anderen Ort, auch nicht viel besser gewesen wäre, so wiederholte ich die Worte meiner Mutter, dass alles in Ordnung sei und es mir gut gehe.
Wieder hatte ich nicht den Mut, über mein wahres Leben zu erzählen, obschon ich auf der Fahrt zum Jugendamt, in meinen Gedanken genau wusste, was ich sagen wollte, aber dann, hockte ich auf diesem Stuhl und meine Angst war stärker, als alles was ich mir vorgenommen hatte.
Noch viele Jahre später, dachte ich über diese Momente nach und überhäufte mich mit Vorwürfen meiner Feigheit wegen und stellte mir vor, was wohl passiert wäre, wenn ich wirklich den Mut aufgebracht hätte, über meine Situation zu sprechen.
UND SIE WISSEN JETZT SCHON, WER UND WIE ICH BIN
Im Juni 1964, wurde ich wieder psychologisch beurteilt, mit folgendem Resultat:
Das Kind ist intelligent, recht sensibel und gemütvoll.
Das Stottern hat sich etwas gelegt.
Die Mutter versucht ihr Bestes zu geben und es wird vorerst von einer erneuten Umplatzierung abgeraten.
Dann kam der erste Sommer mit meiner Schwester und wir freuten uns auf die Ferien, jedoch nur so lange, bis wir erfuhren, dass unsere Mutter einen Sommerjob für uns organisiert hatte. Drei Wochen lang, immer vormittags musste ich in der Migros Regale auffüllen, Gemüse einpacken und Poulet verkaufen. Für meine Schwester fand sie ebenfalls eine Beschäftigung, ich glaube, es war im Coop. Und das Geld ? Meine Mutter fand Verwendung dafür, denn sie brauchte es für sich selber und wir gingen leer aus, mit der Erklärung, dass wir alles hätten was wir bräuchten und wir sollten auch etwas zum Leben beisteuern. Die täglichen Arbeiten auf dem Hof, mussten zusätzlich noch erledigt werden, so dass wir abends beide, todmüde ins Bett fielen.
Etwas hatte sich geändert, denn meine Schwester musste nun ebenfalls auf dem Hof mithelfen, vermutlich die Strafe dafür, dass sie die Träume unserer Mutter nicht umsetzen konnte.
Ende Sommer veränderte sich das Verhalten unserer Mutter wieder, sie wurde ungerecht, bösartig und sprach mit Menschen die nicht da waren.
Wir zwei Mädels machten uns lustig über sie und obschon ich ja bereits vom letzten Mal wusste, dass sie infolge ihrer Krankheit, in einer anderen Welt lebte, konnten wir beide nicht damit umgehen. Sie ging nicht mehr aus dem Haus, spazierte im Bademantel durch die Wohnung, ohne uns Kinder zu beachten.
In ihrer kranken Welt kamen immer wieder Menschen zu Besuch, denen sie die Haustüre öffnete, sie herein bat und mit ihnen, am Küchentisch sitzend, eine Unterhaltung führte.
Mit der Zeit kugelten wir uns vor Lachen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis wir Wetten abschlossen, wann der nächste Besuch kommt.
Einmal lag sie, wie so oft, im Bett und wir sollten das Geschirr abwaschen, aber wir waren wieder einmal auf Provokation eingestellt, so legten wir einen Teller auf den Boden und schoben ihn auf dem Plattenboden solange hin und her, bis sie wütend aus dem Schlafzimmer kam, mich an meinen langen Haaren packte und durch die ganze Küche zog, dabei hat sie mich so lange getreten, bis ich schrie.
Meine Schwester kam mit einem blauen Auge davon, da die Schuldfrage für unsere Mutter schnell geklärt war, da nur ich auf solche Gedanken kommen würde.
Wieder einmal blieb mir nichts anderes übrig, als zu schweigen und dreimal leer zu schlucken, denn ich hatte mich schon längst an Schuldzuweisungen gewöhnt und mir war inzwischen alles egal.
Trotz alle dem fühlten wir uns als Schwestern, die nur zusammen stark waren und die Welt um uns herum, interessierte uns in solchen Momenten recht wenig. Unsere Mutter spürte natürlich, dass die Distanz grösser wurde und sie uns nicht besiegen konnte, so dass ab sofort die Arbeiten so verteilt wurden, damit wir unsere Köpfe nicht mehr so oft zusammen stecken konnten.
Wir erledigten unsere Arbeiten, ich auf dem Hof und sie im Haus, die freie Zeit jedoch, die uns blieb, träumten wir zusammen von einem besseren Leben.
Es wurde Dezember und trotz allen Problemen, überstanden wir Weihnachten und das Jahr 1967 konnte beginnen. Unter dem Christbaum lag für uns beide ein Instrument und die folgenden Tage wollten wir uns mit ihnen anfreunden, jedoch machten wir alle verrückt damit.
Meine Schwester erhielt eine Gitarre und ich eine Mandoline, jedoch ohne das nötige Interesse, uns ernsthaft damit zu beschäftigen.
Zudem fehlte uns die Möglichkeit irgendwo Stunden zu nehmen, somit war dieses Geschenk für gar nichts und nach ein paar Wochen verstauten wir die Instrumente in einem Schrank, wo sie auch blieben.
Das Jahr begann damit, dass unsere Mutter wieder in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde und obschon wir nun beide viel arbeiten mussten, fühlten wir uns wie im Paradies. Keine Mutter die ausrastet und Befehle erteilt, oder eifersüchtig auf unser Lachen war und es nicht schaffte, uns zu trennen.
Ohne fremde Hilfe, versuchten wir unseren Alltag zu bewältigen, der uns sehr oft zu verschlingen drohte, da wir auch noch unseren Bruder, inzwischen sieben Jahre alt, beaufsichtigen mussten.
Er war immer mit seinem Trottinett unterwegs und unzählige Male mussten wir ihn suchen, weil er nicht zum Essen nach Hause kam.
Das Mittagessen kam täglich von der Mutter unseres Stiefvaters und für die anderen Mahlzeiten, waren wir selber verantwortlich.
Es lief alles wie am Schnürchen. Das Geschirr wurde abgewaschen, die Böden wurden geputzt, so dass auf den ersten Blick alles sauber war, wir jedoch auf einen zweiten verzichteten, sonst hätten wir keine freie Minute mehr gehabt.
Wir kamen zur Überzeugung, dass Sauberkeit für jeden etwas anderes bedeutet und für uns reichte der erste Blick.
Die Monate vergingen, es wurde Sommer und unsere Mutter sollte wieder nach Hause kommen.
Wir dachten an unsere Putzsünden und fingen an, diese zu beseitigen, damit das Haus auch auf den zweiten Blick sauber war und wir hofften so sehr, dass unsere Mutter positiv verändert nach Hause kommt.
Angekommen war ein Putzteufel, der tagelang, nur mit Eimer und Lappen, durch das Haus rauschte und für einmal mussten wir nicht mithelfen.
Einige Wochen später, ich war mit ihr alleine in der Küche, erklärte sie mir, dass ich nun lange genug bei ihr gewesen sei und gehen müsse. Da sie aus gesundheitlichen Gründen nicht beide Mädchen verkraften würde, habe sie sich für meine Schwester entschieden.
Der Boden unter meinen Füssen drohte zu verschwinden und wie aus weiter Ferne, hörte ich die letzten Worte, die ich gar nicht mehr hören wollte. Ungläubig schaute ich sie an, nicht fähig etwas zu sagen, um dann schreiend aus dem Haus zu laufen.
Meine Flucht endete im Stall, denn ich musste mich erst einmal beruhigen, zudem war ich mir sicher, jetzt ist alles vorbei. Zwischen den Kühen setzte ich mich weinend auf den Futtertrog und wollte wieder einmal nicht weiterleben, denn nun gab es niemanden mehr, der mich wollte.
Ich überlegte mir, wie ich für immer verschwinden könnte, um meine Mutter zu bestrafen, jedoch wurde mir bald bewusst, dass ihr dies vermutlich noch gefallen würde, so entschloss ich mich, weiter für mein Leben zu kämpfen.

Inzwischen 89 Jahre alt, ist sie seit kurzem in einem Altersheim, was mir von der Stadt Bern schriftlich mitgeteilt wurde.
Eine Betreuungsperson der Spitex nahm mit mir Kontakt auf und musste mir von meiner Mutter ausrichten, dass sie mich gerne noch einmal sehen möchte.
Auch mit meinen Geschwistern sollte sie Kontakt aufnehmen, jedoch hatte sie keine Adressen und ich konnte ihr auch nicht weiter helfen, worüber sie sehr erstaunt war.
Es wurde ein langes Gespräch, in dem ich Ihr einen kleinen Einblick in unsere Familie gab, damit sie meine ablehnende Haltung verstehen konnte.
Verständnis klingt zwar anders, aber nach einer Stunde Telefonat, versuchte sie nicht mehr, mich zu überreden, meiner Mutter einen Besuch abzustatten.
Nennen wir es Selbstschutz vor meinen Erinnerungen, denen ich keine Oberhand über mich mehr geben wollte.
Es muss sicher schlimm sein für sie, dass auch meine Geschwister nie mehr den Kontakt suchten, aber sie hat zu viel Zeit verstreichen lassen, um an der Situation noch etwas zu ändern.
So verlassen und einsam, wie sie sich vermutlich heute fühlt, so fühlte ich mich jahrzehntelang, da meine Schreie nach Liebe und Geborgenheit, im Nichts verhallten und niemand sie hören wollte.
In meinem Innersten finde ich, weder Gefühle für sie, noch das Verlangen, sie wieder zu sehen.
Bin ich unfair, oder herzlos ? Dies meine Gedanken, wenn ich über meine Mutter und meine Kindheit nachdenke. Mein inneres Betteln, von ihr geliebt zu werden, wurde nie erfüllt und so lange meine Gefühle nicht nach Bern fahren wollen, bleibt in meinem Inneren der ewige Kampf.
Auch meine Vorstellung, es vielleicht einmal zu bereuen, bringen meine zwei Gefühlshälften nicht zusammen.
Natürlich ist es nicht richtig, nach so vielen Jahren, immer noch mit Schuldzuweisungen zu spielen, aber ich werde mich selber nicht zwingen, zu versuchen, den Kontakt wieder aufzubauen.
So fühle ich mich, ich stehe da und meine Gefühle wollen in beide Richtungen, aber sie können sich nicht bewegen.

Wie ist es nur möglich, dass eine Mutter es fertig bringt, sich zwischen zwei Kindern zu entscheiden. Gebündelt in zwei Sätze, drohte mein Leben schon wieder, in einem Abgrund zu versinken und die Schuld, die suchte ich bei mir selber. Vielleicht hätte ich mehr arbeiten, oder noch mehr Zeit im Stall verbringen sollen. Egal, wie ich es auch drehte, es gab kein Zurück mehr für mich, ich musste gehen.
Nun war ich 14 Jahre alt, mein Leben war bereits ein Dilemma und ich fing wieder an, mir Gedanken zu machen, was wohl noch alles passieren würde.
Für mich war der Zeitpunkt gekommen, das Thema Mutter endgültig zu beenden.
Ab sofort sollte sie für mich nicht mehr existieren.
Sie konnte mich nicht lieben und sie fand keine Nähe zu mir, also musste sie mich so rasch wie möglich loswerden.
Mit diesen Gedanken verbrachte ich den Rest des Tages, in der hintersten Ecke der Scheune. Auch das Kuscheln mit unseren drei Katzen half mir nicht, meine Traurigkeit zu lindern.
Schon wieder sollte ich etwas verlieren, aber nicht mein Zuhause, sondern meine Schwester und meine geliebten Tiere, ohne die ich die vielen schlimmen Momente, nicht überstanden hätte.
WOHIN FÜHRT MICH MEIN LEBEN
Im November, gut vier Jahre nach meiner Ankunft, stand ich wieder mit einem Koffer bereit, um mich abholen zu lassen. Die letzte Nacht verbrachte ich im Stall, bei meinen Tieren, die es jedoch nicht fertig brachten, mich zu trösten.
Am morgen noch paar Ohrfeigen von meiner Mutter, da ich fürchterlich nach Stall gestunken habe und somit noch ein Bad nehmen musste. Eigentlich begann der Tag wie alle anderen zuvor, mit nur einer Ausnahme, dass ich in zwei Stunden, für immer gehen musste.
Mein Vormund, inzwischen der dritte, holte mich mit dem Auto ab und brachte mich zu meiner Patin in die Innerschweiz, die eine Schwester meiner Mutter war und ich durfte ein paar Monate Familiengefühle erleben.
Sie und ihre Familie waren sofort bereit mich aufzunehmen, damit ich mich nicht schon wieder an eine fremde Familie gewöhnen musste. Da waren drei Jungs, etwa im gleichen Alter und bereits nach ein paar Tagen gehörte ich dazu. Leider nur für ein paar Monate, in denen ich das Stottern verlor und feststellen durfte, dass es auch ein anderes Leben gibt, nicht nur das, was ich bis jetzt kannte und hoffentlich für immer Vergangenheit bleiben wird.
Es gab auch hier Regeln und Arbeiten die erledigt werden mussten, aber ich hatte nie ein Problem damit, denn ich fühlte mich zu Hause und für einen kurzen Moment war ich irgendwo angekommen.
Die Schulpflicht im Kanton Bern betrug neun Jahre, im Kanton Schwyz endete sie jedoch bereits nach sieben Jahren, so dass ich plötzlich mit Schulstoff konfrontiert war, dem ich nur schlecht folgen konnte. In dem Moment war mir das egal, aber dadurch hatte ich mein ganzes Leben lang viele Bildungslücken, die mir oft Probleme bereiteten.
Im Laufe der Jahre schaffte ich es, mit dem Lesen vieler Bücher, einige der Versäumnisse auszugleichen, aber auch heute noch, Google sei Dank, lese ich mich durch Themen, die mich interessieren, oder von denen ich überzeugt bin, dass sie wissenswert sind.
Die Weihnachtszeit begann und es war die schönste, die ich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Zusammen Weihnachtsgutzi backen, das Haus und den Baum schmücken und rätseln was wohl in den Geschenken ist, die bereits unter dem Baum warteten. Am liebsten wäre ich für immer geblieben, aber der Frühling kam und meine Lebensreise musste weiter gehen.
Wie gleichgültig ich meiner Mutter war, bewies alleine schon der Inhalt meines Koffers, mit dem ich hier ankam. Meine Patin war geschockt und hat ihn samt Inhalt, auf der Wiese verbrannt. Sie hat mich dann von Kopf bis zu den Schuhen neu eingekleidet und ich hatte endlich ein paar schöne Kleider.
Leider raste die Zeit, bei ihr und ihrer Familie viel zu schnell und bald sollten die Familienabende, bei denen ich gelernt hatte Mühle zu spielen, oder Eile mit Weile, vorbei sein, was mich bei jedem Gedanken daran unendlich traurig machte.
Unweit von meinem neuen Zuhause stand ein Skilift und ich wollte versuchen, ob Skifahren vielleicht doch noch eine Freizeitbeschäftigung für mich werden könnte.
Jedoch ging mir alles viel zu schnell und ich war froh, dass ich nach gut zwei Stunden, wieder unten angekommen war.
Mein erstes, unvergessliches Rendezvous mit Skiern, hatte ich bereits zwei Jahre zuvor.
Die ganze Klasse musste an einem Lager teilnehmen und wir sollten mit einem Tellerlift nach oben fahren, wo ich mich drei Stunden abquälte, da ich bereits nach zehn Metern schon im Schnee lag und dies wiederholte sich unzählige Male. Die Woche ging vorbei und ich schaffte es leider kein einziges mal, die Aussicht von ganz oben zu geniessen.
Damals wurde mir schon bewusst, dass ich kein Talent hatte, um die weisse Pracht zu besiegen, da ich bei jedem Sturz, mit allen Muskeln kämpfen musste, um wieder auf die Beine zu kommen und das Gelächter meiner Mitschüler, war ebenfalls kaum zu ertragen.
Nun also der zweite Versuch, mit dem ich das Thema Skisport, mit ruhigem Gewissen, endgültig begraben konnte.
Abends lag ich jeweils noch lange wach im Bett und machte mir Gedanken über mein bisheriges Leben und mir wurde klar, dass das was hinter mir lag, wirklich nicht normal war.
Gerne hätte ich die Zeit angehalten, aber das Leben war bis jetzt so grausam zu mir, warum sollte sich so schnell etwas ändern.
Auch heute noch, 50 Jahre später, besuche ich meine Patin mehrmals im Jahr und nach wie vor fühle ich mich wohl und immer noch zu Hause.
Sie ist inzwischen 94 Jahre alt und ich bin mir bewusst, dass der Tag des endgültigen Abschiedes, nicht mehr all zu weit entfernt ist und es schmerzt heute schon, wenn ich daran denke.

Anfang April 1968 und schon wieder stehen ereignisreiche Tage vor mir, denn mein Vormund hatte beschlossen, dass ich im Lehrerinnenseminar in Menzingen, das zum Kloster gehörte, eine Lehre für Hauswirtschaft absolvieren sollte.
Der letzte Abend war da und obschon alle versuchten, mich aufzuheitern und mich beim Mühlespiel gewinnen liessen, lag ich weinend im Bett und wünschte mir, ich könnte die Zeit für ein paar Monate zurückdrehen.
Mein Koffer und ich, ein unzertrennliches Paar, wurden von meinem Vormund abgeholt, der für einmal nicht neu für mich war.
Neu war mein Koffer, der neben mir stand, ebenso die sich darin befundenen Kleider und auch ich hatte mich ein kleines bisschen verändert, denn die vergangenen Jahre und die damit verbundenen Qualen, standen nicht mehr an erster Stelle und ich wünschte mir, dass es lange so bleibt.
Es war Mittag, als wir in Menzingen ankamen und mein erstes Zusammentreffen mit den anderen Mädchen, fand beim gemeinsamen Mittagessen statt. Eines der Mädchen zeigte mir dann unsere Räumlichkeiten, in denen ich versuchen wollte, mich so rasch wie möglich einzuleben.
Wir wohnten alle zusammen, in einem Schlafsaal, in dem jedes Mädchen sein eigenes Abteil, mit Vorhang, Kleiderschrank und Waschbecken hatte. Zudem hatten wir eine Aufenthaltsecke, mit Tischen und Stühlen, mit einem ewigen Kampf, um die freien Stühle.
Abends um acht Uhr war "Zellenbezug" und um neun Uhr wurde der Radio abgestellt.
Immer am Montag hörten wir die Radiohitparade und normalerweise auch bis zum Schluss, dann jedoch kam " je t aime... moi non plus " gesungen von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, das sich wochenlang an der Spitze halten konnte und wie alle, liebten auch wir dieses Lied.
Leider wurde uns dieses Vergnügen dann jede Woche gestohlen, da der Radio in genau diesem Moment abgestellt wurde. Ja warum denn nur.
Dieses Lied passte nicht in ein Kloster und schon gar nicht zu jungen Mädchen.
Morgens, kurz nach sechs Uhr wurden wir geweckt, dann Frühstück und um acht Uhr mussten wir an unserem Arbeitsplatz sein. Unser Aufgabenbereich war im Hausdienst, wo wir im Wechsel, das Putzen, Waschen und bügeln, sowie das Kochen lernten, zusätzlich drückten wir ein paar Stunden pro Woche die Schulbank.
Zusammen gefasst, wir waren die guten Engel, die dafür sorgten, dass für die Studentinnen alles stimmte und die Räumlichkeiten immer sauber waren.
In den ersten zwei Wochen wurde eine Kleiderkontrolle durchgeführt, da die Röcke nicht kürzer als bis Mitte Knie sein durften, was zu etlichen Tränenausbrüchen führte.
Bald hatte ich mich an die Tagesabläufe und die Hausregeln gewöhnt und auch in der Gemeinschaft der Mädchen fühlte ich mich wohl.
Am Wochenende hatten wir frei und ich war jeweils froh, wenn nicht alle nach Hause fuhren, damit ich Gesellschaft hatte, da wir das Areal nicht verlassen durften.
Die Ferien und die Feiertage verbrachte ich bei meiner Patin und ihrer Familie, oder bei meinen Grosseltern in Hegne.
Nur mit einem schriftliche Gesuch an meinen Vormund, der dann das letzte Wort hatte und der Zustimmung der Schulverwaltung, durfte ich das Seminar verlassen.
Zuerst musste ich immer mit Briefen abklären, bei wem ich die Feiertage, oder die Ferien verbringen durfte.
Mein Grosseltern haben mir auf jeden Brief immer Antwort gegeben und eine davon habe ich noch gefunden.
Immer bemüht, den richtigen Ton zu finden, um ja keine Absage zu erhalten.
Bereits ein halbes Jahr vor Beendigung, hatte ich meinen Vormund gebeten, eine Lehrstelle für mich zu suchen. Leider ohne Erfolg.
Dann im Oktober 1969 war sie da, meine erste positive Erfahrung in meinem Leben.
Die Prüfungen waren bestanden und stolz erhielt ich meinen Lehrabschlussausweis.
Nun war ich 16 Jahre alt, wollte eine Lehre als Friseuse machen, was jedoch von meinem Vormund abgelehnt wurde, weil er der Meinung war, dass dies kein Beruf sei für mich und zudem hätte die Vormundschaftsbehörde für eine Lehre, keine finanziellen Mittel. Heute noch erinnere ich mich an seine Worte, dass ich jetzt erst einmal arbeiten müsse, um Geld zu verdienen, um dann vielleicht später die Chance auf eine Ausbildung zu bekommen.
Eine kleine Hoffnung hatte ich noch, denn ich sollte wieder einen neuen Vormund erhalten und ich klammerte mich an den Gedanken, dass der Neue vielleicht zuhört, wenn ich von meinen Wünschen erzähle.
Leider vergebens, denn auch er vertröstete mich auf später.
Noch wusste ich nicht, dass das „ Später „, für mich nie Wirklichkeit werden sollte.

In meinem Inneren fing es an zu brodeln, meine Rebellion, von der ich glaubte, dass sie sich im Tiefschlaf befindet erwachte wieder und mein Schutzpanzer, der sich etwas abgebaut hatte, wurde wieder dicker. Mein Vormund wollte für mich einen Arbeitsplatz mit Familienanschluss suchen und gerne hätte ich gewusst, was er sich darunter vorstellt, aber mir fehlte der Mut zu fragen, oder über meine Wünsche zu sprechen.
Der Familienanschluss wurde dann kurzerhand gestrichen, denn ich landete in einem Geschäftshaushalt mit zwei Kindern, bei denen ich den Haushalt führen sollte, aber ich war mit dieser Aufgabe von morgens bis abends überfordert. Überall sah ich nur Arbeit und mit den Kindern sollte ich mich auch noch beschäftigen, dann stand ich da und wusste nicht, wo ich anfangen sollte und zudem musste alles so erledigt werden, wie es die Chefin des Hauses mir erklärt hatte.
Und dann mein Zimmer, in dem ich mich einsam und alleine gelassen, nicht wohlfühlte. In einem Einfamilienhaus, das einem älteren Ehepaar gehörte und zu Fuss zehn Minuten entfernt, stand mir ein kleines Dachzimmer mit einem Lavabo zur Verfügung. Das Bad und die Toilette, befanden sich einen Stock tiefer und eine Küche gab es nicht. Meine Wäsche sollte ich von Hand waschen, was auch nicht wirklich funktionierte, obschon ich mir so sehr vorgenommen hatte, mich im Leben zurecht zu finden.
Die Wohnung, in der ich mich verwirklichen sollte, befand sich über dem Geschäft und mein Selbstwertgefühl sank auf einen weiteren Tiefpunkt, da ich meiner Chefin wirklich gar nichts recht machen konnte.
An allem hatte sie etwas auszusetzen, sei es die Bügelwäsche, die nicht sauber geputzten Fenster, oder die Kinderzimmer, in denen der Staubsauger nicht in jeder Ecke war.
Meine Verzweiflung wandelte sich in Frustration, aber ich wollte trotzdem alles richtig machen und jeden Abend hoffte ich, dass das am anderen Tag der Fall sein wird.
Gott sei Dank, war da Margot, die im gleichen Geschäft als Bürohilfe angestellt war und sich meiner annahm, damit ich unter Menschen kam. Sie wohnte an der gleichen Strasse wie ich, ebenfalls in einer kleinen Dachkammer, da sie jedoch vier Jahre älter war, konnte sie besser mit der Situation umgehen, zudem hatte sie Eltern und ein Zuhause, wo sie meistens das Wochenende verbrachte.
Sie bescherte mir meinen ersten Discobesuch, wobei meine Begeisterung sich in einem kleinen Rahmen bewegte. Für mich eine neue Welt, die ich bisher nicht gekannt hatte und obschon ich mich nicht wirklich wohl fühlte, jedes mal glücklich war, wenn sie mich als Begleitung aussuchte.
Natürlich merkte ich bald, dass es ihr nicht um mich ging, sondern nur darum, dass sie eine Begleitung hatte, aber das war mir so etwas von egal, denn ich wollte nur, egal wie und wo, dazu gehören.
Da ich nur 50.- Taschengeld pro Monat erhielt, musste sie sehr oft meine Cola bezahlen , denn das bisschen Geld sollte ja auch noch für Toilettenartikel, für mein Essen an freien Tagen und für Bekleidung reichen.
Meine Situation war frustrierend.
Arbeiten für Kost und Logis, 50.- Taschengeld und der Rest vom Lohn wurde an meinen Vormund überwiesen.
Dies habe ich erst bei der Durchsicht der amtlichen Akten erfahren und es macht mich heute noch wütend, wenn ich daran denke, wie wenig Geld ich hatte und trotz allem einteilen, es nie gereicht hat, da ich nicht jedes Wochenende in meinem Zimmer auf den Montag warten wollte..
Nun war ich 16 Jahre alt, musste bereits mein eigenes Leben führen, aber wie das funktionieren sollte, dafür hatte ich keine Gebrauchsanleitung.
Ein Hobby, oder die nötigen Mittel dafür, hatte ich ebenfalls nicht und so döste ich in meiner Freizeit vor mich hin, oder vertiefte mich in eines der Bücher, die sich seit einer Haushaltauflösung in der Nachbarschaft, in meinem Zimmer stapelten und darauf warteten, dass ich ihnen ihre Geschichten entlockte.
Es wurde Weihnachten, ich hatte vier Tage frei und so fuhr ich mit meinem letzten Geld zu meinen Grosseltern nach Hegne, die sich freuten mich zu sehen und ich war überglücklich, dass ich die Feiertage mit ihnen verbringen durfte. Oma hat uns mit einem feinen Essen verwöhnt und ich habe, wie schon lange nicht mehr, glücklich und zufrieden geschlafen. Unter dem Weihnachtsbaum warteten zwei Geschenke auf mich, in jedem, liebevoll verpackt, einen handgestrickten Pullover, und sie passten perfekt.
Es waren wunderschöne Tage und in meinen Gedanken wanderte ich zurück in die Zeit, in der ich hier zu Hause und glücklich war.
Ein letztes feines Mittagessen mit Dessert und der nächste traurige Abschied steht bevor, aber wie immer, hat mir mein Opa heimlich Geld zugesteckt. Meine Oma erzählte mir sehr viel später einmal, dass sie es immer gemerkt habe, da sie genau wusste, wieviel Schweizer Geld im Haus war, aber sie wollte meinem Opa die Freude nicht nehmen und sie wusste ja, dass ich es brauchen würde.
Am nächsten Morgen stand ich wieder, pflichtbewusst und von meinem Durchhaltewillen überzeugt, an meinem Arbeitsplatz, putzte für fremde Menschen den Weihnachtsdreck weg und schaute nebenbei den Kindern zu, wie sie mit ihren Geschenken spielten.
Den Silvester wollte ich mit Margot und ihren Bekannten verbringen, fühlte mich jedoch wie das fünfte Rad am Wagen, da sehr viel Alkohol getrunken wurde und ich mich, als „Cola Fan“, mit den verschwindenden Hemmungen der Gruppe, nicht identifizieren. Der Konsum von Alkohol ist nach wie vor tabu für mich und das wird auch immer so bleiben. konnte.
Kurz vor Mitternacht ging ich dann etwas traurig nach Hause, in meine kleine Dachkammer, legte mich aufs Bett und wartete bei offenem Fenster, auf den Mitternachtsschlag der Kirchenglocken. 
Dieses Bild ist wie ein Spiegel meiner Situation. Einsam, trostlos und bereits jetzt schon, mit jedem Schritt, in den Wirren des Lebens gefangen.

Das Jahr 1970 hat angefangen, aber was wird es für mich bereithalten und werden vielleicht ein paar meiner Wünsche in Erfüllung gehen.
Voller Tatendrang, mit gutem Willen und mit aller Kraft, stand ich zwei Tage später wieder an meinem Arbeitsplatz, versuchte meine Aufgaben und meine Pflichten zu erfüllen, aber es fiel mir unglaublich schwer.
Wie so oft, wünschte ich mir, ich wäre in ein anderes Leben hinein geboren worden, denn das was ich hier hatte, war alles andere, als meinen Vorstellungen entsprechend.
Ende März hatte ich dann wirklich genug und ging einfach nicht mehr zur Arbeit, mit dem Resultat, dass durch mein Fernbleiben, meine Stelle weg und mein Vormund sehr ungehalten und sauer war.
Meine Hoffnung, nun doch noch eine Lehre beginnen zu dürfen, zerschlug sich, da ich, laut meinem Vormund, zuerst einmal lernen musste zu arbeiten.
Meine Versuche, ihm zu erklären, dass ich bereits als kleines Kind gelernt hätte zu arbeiten, und ich nun etwas anderes machen möchte, wurden von ihm einfach überhört.
Eine Ausbildung, um wirklich einmal auf eigenen Beinen stehen zu können, nichts anderes wünschte ich mir, er aber fand meine Wünsche lächerlich und somit war dieses Kapitel für ihn abgeschlossen, da er der Meinung war, dass ich im Moment nur fähig sei, in einem Haushalt zu arbeiten und ich müsse zuerst einmal beweisen, dass ich irgendwo meine Füsse stillhalten könne.
Punkt, Schluss, dies waren seine letzten Worte zu diesem Thema.
Immer noch hatte ich viele Kilos Übergewicht, fühlte mich dumm, hässlich und wenn ich meinen Kleiderschrank öffnete, wurde mir bewusst, dass ich nicht ein einziges schönes Kleidungsstück hatte. Meine Garderobe war alt, verwaschen und die Farben, sowie die Schnitte, für Grösse 44 entworfen, passten nicht zu mir. Stundenlang schlenderte ich durch die Läden, bestaunte die schönen Kleider, stellte mir vor, wie ich darin aussehen würde und wusste, dass ich mir mit meinem Taschengeld, so etwas nie kaufen konnte. Schade nur, dass ich nie den Mut hatte, etwas anzuprobieren.
Wie gerne wäre ich hübsch und schlank, wie andere Mädchen in meinem Alter.
In einem Bericht meines Vormundes, an die Vormundschaftsbehörde, bezeichnete er mein Aussehen als Zumutung und schmutzig. Im Übrigen würde ich mich schminken, wie ein Strassenmädchen und er könne sich nicht vorstellen, dass irgend jemand, mir einen Ausbildungsplatz anbieten würde.
Vielleicht wollte ich mich damals provokativ schminken, leider erinnere ich mich nicht mehr, aber jetzt ist mir endlich klar, warum er strikte dagegen war, für mich einen Ausbildungsplatz zu suchen.
Das wäre wohl zu viel Arbeitsaufwand gewesen, zudem noch für ein Mündel, für das es sich nicht lohnen würde, da ich wohl schon wegen meinem Übergewicht nicht in seine Weltanschauung passte. Mit ein bisschen Einfühlungsvermögen jedoch, hätte er feststellen können, dass ich mich selber auch nicht ausstehen konnte und gerne ein paar Kilo weniger gehabt hätte.

Also die nächste Platzierung
Eine Arztfamilie, beide Psychiater, mit fünf Kindern und zu meinem Erstaunen, gefiel es mir sehr gut. Sie wohnten in einem wunderschönen Chalet, direkt am Bodensee und beide waren sehr nett zu mir.
Es gab jede Menge Spielsachen und das ganze Haus erschien mir wie ein einziger Spielplatz, auf dem die Kinder herum tollten und wirklich Kinder sein durften.
All das, was ich nie hatte, aber in meinen Träumen mir immer so sehr wünschte. Es gab sie also doch, die glückliche und unbeschwerte Kindheit.
Die Frau Doktor, wie ich sie nennen musste, erzählte mir von ihrer Ausbildung in Amerika und dass sie, um die Hektik und den Druck zu ertragen, Drogen konsumiert hätte, was ich erschrocken und kommentarlos zur Kenntnis nahm. Gleichzeitig war sie sehr interessiert an meinem Leben, stellte mir unglaublich viele Fragen, die ich nur ungern beantwortete, da alles Erlebte damit wieder aufflammte, ich jedoch vieles lieber vergessen wollte.
Die Tage vergingen, immer noch musste ich Fragen über meine Kindheit beantworten und auch das Thema Drogen stand bald ein zweites mal im Mittelpunkt, denn nun wollte sie wissen, ob ich mich schon einmal mit diesem Thema beschäftigt hätte.
Unmissverständlich und wohl auch aggressiv, musste ich ihr klar machen, dass ich betreffend Drogen, keine Ambitionen entwickeln würde, da ich Angst davor hätte und mich nicht mehr darüber unterhalten möchte.
Nach nur vier Wochen war der Aufenthalt leider beendet und man erklärte mir, dass im Kantonsspital für mich ein Bett reserviert wurde, um meine Gesundheit abzuklären.
Meine Gedanken gingen damals in eine ganz andere Richtung, da ich glaubte, dass ich mit meiner aggressiven Reaktion, auf die vielen, unnötigen Fragen, mir wieder selber ein Ei gelegt hätte.
Dank meinen Akten, stellte ich dann fest, dass dieser Aufenthalt eine erste psychiatrische Abklärung war, um eine eventuelle Vererbung festzustellen und wenn nötig, unausweichliche Therapien zu starten.
Heute bin ich mir ebenfalls sicher, dass sie mit ihrer Erzähltaktik herausfinden wollte, ob ich bereits mit Drogen in Kontakt gekommen war und sie selber sicher nie Drogen genommen hatte.
Ein intelligenter und zudem studierter Mensch hätte doch eigentlich wissen müssen, was man mit solchen Aussagen unter Umständen anrichten könnte, damals jedoch, so dumm und naiv wie ich war, glaubte ich natürlich ihre Geschichte und wusste noch nicht, dass ich mich bald wieder daran erinnern würde.
Anfang Februar 1970 - Kantonsspital Münsterlingen -
Man wollte meinem Übergewicht auf die Spur kommen und ich wurde für drei Wochen auf 500 Kalorien gesetzt und habe von 98 auf 92 Kilo abgenommen.
Unzählige Untersuchungen, mit dem Resultat, dass vermutlich nur mein falsches Essen dafür verantwortlich ist, dass ich ein Schandfleck für mein Spiegelbild und für meine Umgebung war.
Naja, dachte ich, dann muss ich eben so weiter leben.
Gleichzeitig wurde ich am 24. Februar psychiatrisch untersucht.
Für die Untersuchungen musste ich auf die Anlage der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen, die zu Fuss in fünf Minuten zu erreichen war.
Stundenlange Befragungen, Tintenkleckse die ich erklären sollte, Elektroden am Kopf, grelles Licht, das in allen Farben über meinen Kopf schwebte.
Es war mir gar nicht bewusst, was die hier von mir wollten, denn ich fühlte mich ja nicht krank, doch wurde mir bald klar, dass ich es hier mit einem Psychiater zu tun hatte, denn ich wusste aus den Erzählungen meiner Mutter, wie solche Untersuchungen ablaufen und ich versuchte mich zu erinnern, was für einen Grund ich für solche Untersuchungen geliefert hatte.
Nein, das darf doch alles nicht wahr sein, aber ohne mich zu wehren und relativ gelassen, fügte ich mich allen Untersuchungen, mit der Überzeugung, dass ich auf keinen Fall krank war und auch sonst keine Probleme hatte. Die Vormundschaftsbehörde erhielt einen Bericht über meinen Gesundheitszustand, der sich im Dossier vom Staatsarchiv befunden hat.
Beim Lesen des Gutachtens, das vier Seiten umfasst, wurde mir schlecht, vor so vielen Lügen und vor so viel Fantasie.
Heute noch kann ich nicht verstehen, wie die Ärzte es fertig brachten, Diagnosen zu verfassen, die so gar nichts mit der Realität zu tun hatten.

Bevor ich zum Bericht und zur Diagnose komme, möchte ich eine Tatsache festhalten.
Mit meinen 16 Jahren, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keine sexuellen Interessen, umso mehr war ich geschockt, von folgendem Abschnitt im Gutachten:
Soweit wir sehen können, handelt es sich bei der Patientin vorläufig um eine sexuelle Haltlosigkeit.
Es ist sicher wichtig, dass die Patientin an einem Ort platziert wird, wo eine gewisse Aufsicht über sie durchgeführt werden kann, denn sie muss als sexuell gefährdet gelten.
Klinische Diagnose: Debilität, psychopathische Haltlosigkeit, Adipositas, frühkindlicher Milieuschaden.
Heredität: Mutter schizophren
Diese Diagnose wurde von Prof. Roland Kuhn erstellt, der Jahrzehnte als Leiter in der Psychiatrie Münsterlingen tätig war.
Meine Mutter war immer wieder, viele Monate Patientin in dieser Klinik und ein Gedanke lässt mich bis heute nicht los.
Dieser Arzt wollte beweisen und war davon überzeugt, dass psychische Erkrankungen vererblich sind und hat eine fantasievolle Diagnose erstellt, nur um sein Ego zu stärken und weiterhin, im Glauben zu leben, eine Kapazität auf seinem Gebiet zu sein.
Es wurde kein Gedanke daran verschwendet, welche Konsequenzen die gestellten Diagnosen, für mich und mein weiteres Leben haben würden.
Nun die Diagnose im Detail:
Debilität – Oligophrenie ist die heutige Bezeichnung –
Eine leichte Form der geistigen Behinderung, bzw. leichter Schwachsinn.
Der IQ liegt zwischen 50 und 69.
Debile Menschen können ihr Leben nicht selbst organisieren, haben Schwierigkeiten beim Sprechen und Wahrnehmen der Umwelt.
Die Betroffenen haben Schwierigkeiten in der Schule und erreichen als Erwachsene ein Intelligenzalter von 9 bis unter 12 Jahren.
Psychopathische Haltlosigkeit : Allgemeine Persönlichkeitsstörungen.
Frühkindlicher Milieuschaden : Psychische Schädigung, die auf ungünstige Einflüsse durch das Milieu zurückzuführen ist.
Dies ist der einzige Teil der Diagnose, für den ich ein gewisses Verständnis aufbringen kann, denn diese Diagnose hätte jeder stellen können, der Einblick in meine Kindheit hatte, in die ich nicht freiwillig hineingestellt wurde.
16 Jahre wurde ich nun schon hin und her geschoben, musste mir einen Panzer zulegen um zu überleben und bekam nie die Möglichkeit, einen der Orte, mein Zuhause zu nennen, was mir, anhand des Erlebten auch schwer gefallen wäre.
Alle Gutachten und die Diagnosen in diesem Buch wurden wortwörtlich wiedergegeben und beweisen, welche Macht die Götter in ihren weissen Kitteln früher hatten und dass sich niemand dagegen wehren konnte.
Das Verhalten der Vormundschaftsbehörde wird, seit ich im Besitz dieser Diagnosen bin, für mich etwas verständlicher.
Laut diesem Gutachten, wäre ich gar nicht im Stande gewesen, eine Ausbildung zu beginnen, oder sogar zu beenden.
Mir wurde somit, als unfreiwilliger Patient, mit erfundenen Gutachten und Diagnosen, das Recht auf ein normales Leben gestohlen und zerstört.
Wie absurd die vorliegende Diagnose war, beweist ebenso nachfolgender Abschnitt, der nach einem ambulanten Termin, ebenfalls an meinen Vormund verschickt wurde.
Als die Patientin aus dem Kantonsspital entlassen wurde, hat man ihr die Antibabypille für 3 Monate verschrieben. Sie hat sie jedoch einer Freundin weitergegeben.
Die Patientin sagt: „ Ich weiss nicht, weshalb ich diese Antibabypillen hätte nehmen sollen, wenn ich nie mit jemandem sexuellen Kontakt hatte.“
Zwischen der Diagnose, „ sexuelle Haltlosigkeit „ und meiner Aussage , betreffend der Antibabypille, liegen zwei Wochen. Der Beste Beweis, dass bei allen Befragungen durch die Psychiater, keiner richtig zugehört hat und die Diagnosen, in den Köpfen der Ärzte entstanden sind.
So werden Leben vernichtet, man ist machtlos und erhält keine Chance, selber etwas daran zu ändern. Seit ich mich mit meinem Dossier, den ganzen Berichten und Diagnosen beschäftige, ist mir vieles klar geworden.
Die Behörden haben bewusst kein Interesse gezeigt, meine Lebenssituation zu verbessern, oder auf irgend eine Weise zu ändern.
Die Vormundschaftsbehörde ging den Weg des geringsten Wiederstandes, ohne sich mit den Gefühlen der einzelnen Mündel zu beschäftigen.
Jeder Vormund den ich hatte, konnte frei über mich bestimmen, ohne im einzelnen Rechenschaft ablegen zu müssen.

Wieder einen neuen Arbeitsplatz
Die 3 Wochen Spitalaufenthalt waren vorbei und man hatte für mich bereits die nächste Stelle gefunden.
Diesmal ein Kinderheim in Gossau, wo ich von morgens sieben Uhr, bis abends zwanzig Uhr arbeiten musste und das sechs Tage pro Woche. Zwei halbe Tage hatte ich frei, natürlich ohne Ferien, denn die Kinder mussten rund um die Uhr betreut werden.
Meine Wünsche standen wie immer nicht zur Diskussion, obschon man sie, mit etwas gutem Willen und etwas Verständnis, hätte verwirklichen können. Wieder einmal war ich nicht im Stande, mich mit meiner Situation abzufinden und zu versuchen, mich einmal zu fügen.
Mein Leben sollte doch für mich stimmen und nicht für meinen Vormund und auch nicht für die Behörden, also musste meine Rebellion weitergehen.
Zuerst jedoch musste ich mich der armen Geschöpfe annehmen, die in diesem Heim untergebracht und allem hilflos ausgesetzt waren.
Geschockt und wütend, musste ich zuschauen, wenn die Gründerin des Heimes, ( damals bereits über 80 Jahre alt, ) mit ihrem Gehstock über die Kinder herfiel, viele der Kinder nachts angebunden wurden und ich musste mich sehr oft beherrschen, um nicht laut zu schreien, aber ich konnte und ich durfte ihnen nicht helfen.
Es ist noch kein Jahr her, da bewirtete ich eine Wandergruppe und beim Gespräch stellte sich heraus, dass einer der Anwesenden, in Gossau aufgewachsen war.
Unsere Unterhaltung landete irgendwann beim Kinderheim und er erzählte mir, dass seine Mutter ihm immer wieder von den brutalen und fürchterlichen Zuständen dort erzählt hatte und dass alle wussten, dass die Kinder geschlagen wurden.
Den Spuren von Schwester Marie bin ich ebenfalls nachgegangen und habe herausgefunden, dass sie ursprünglich in den Orden von Menzingen eingetreten war, dann jedoch infolge eines Rückenleidens, das Kloster verlassen hat, um sich der verlassenen Kinder anzunehmen und 1929 mit 14 Kindern, dieses Heim in Gossau eröffnete.
Immer wieder wurde ich durch diese Kinder, an meine eigene Kindheit erinnert und ich wünschte mir, es würde in meiner Macht liegen, ihnen zu helfen. Stattdessen hatte ich wieder einmal einen Grund, um auf mein Leben und meine Umgebung wütend zu sein.
Ich identifizierte mich mit diesen Kindern, die ohne Liebe und ohne Geborgenheit, hier abgegeben wurden, um sie einfach zu vergessen. Vergessen, das ist ein gutes Stichwort, denn das ist das, was ich bis heute nicht konnte.
Mein Körper wurde gequält, meine Seele gedemütigt und trotzdem kann ich heute sagen, dass ich den Kampf und die Suche, nach einem anderen, nach meinem Leben, nie aufgegeben habe, aber es dauerte viele Jahre, bis ich angekommen war und meinen inneren Frieden finden konnte.
Beim Durchforsten der Akten stellte ich fest, dass alle gestellten Diagnosen lächerlich und vernichtend waren, aber eine davon hat mich schlussendlich hierher geführt. Vielleicht, um diesen Kindern die Sonne, die Wolken und die Blumen zu erklären, damit ab und zu ein Lächeln über ihr Gesicht huschen kann.
Wieder ein paar Wochen später, hatte ich einen fürchterlichen Streit mit der Oberin und die Stimmung wurde unerträglich, aber ich wollte trotzdem bleiben.
Aus innerer Überzeugung hatte ich angefangen, mich mehr um die Kinder, als um die Hausarbeiten zu kümmern, was leider nicht gut ankam.
Meine Idee, dass die Kinder wichtiger seien, als das Putzen, war Grund genug, mir mein Taschengeld von 50.- auf 40.- zu kürzen.
Es wurde noch ein Mädchen eingestellt, das jedoch mit den Zuständen, in denen die Kinder leben mussten, nicht umgehen konnte und bereits nach vier Wochen wieder weg war. 
Mein Vorsatz, alles richtig zu machen, war sinnlos, da sich auch mein neuer Vormund nicht für mich interessierte und meine Briefe einfach abgelegt wurden. 
Zwei Monate später, ein weiterer Versuch, bei meinem Vormund vielleicht doch noch auf offene Ohren zu stossen, jedoch hätte ich mir auch diesen Brief sparen können.
Seine versprochenen Besuche wurden immer abgesagt und so verstrichen wieder ein paar Monate, dann hatte ich genug, da ich leider schon wieder nicht ernst genommen wurde.
Es wurde Oktober und mein guter Vorsatz, es hier auszuhalten, verblasste und ich musste weg, aber wohin, denn bis jetzt hatte ich noch nicht herausgefunden, wo mein Platz im Leben war.
Vielleicht hätte ich mehr Ausdauer entwickelt, wenn ich meinen Lohn hätte behalten können, aber es war wie immer, ein kleines Taschengeld, plus Kost und Logis und der Rest wurde meinem Vormund überwiesen. Heimlich und ohne bemerkt zu werden, machte ich mich mit einem Rucksack, vollgestopft mit meinem Leben, auf den Weg ins Ungewisse.
Mitgenommen habe ich ebenfalls, die angestaute Wut über die lieblosen Zustände, in denen die Kinder leben mussten und auch hier, alle ihre Ohren und Augen geschlossen hielten.
Meine Zeit wäre, so oder so, bald abgelaufen, da ich mich gewagt hatte, einer Angestellten zu sagen, dass dies hier kein Kinderheim, sondern eine Kinderdeponie sei.

Ein Kinderschicksal das ich bis heute nicht vergessen konnte und mich damals unglaublich traurig und zugleich wütend machte, muss hier zwingend erzählt werden. Ein Mädchen, ihr Name war Carmela, etwa vier Jahre alt und geistig behindert, wurde immer noch mit Babynahrung gefüttert. Mehrmals täglich drückte man ihr lieblos eine Flasche in die Hand, die von ihr, ohne Pause ausgetrunken wurde. Als Mittagessen berechnet waren es zwei Portionen und wenn nach einer halben Stunde, die zweite Flasche nicht leer war, musste sie entfernt werden, auch wenn die kleine Carmela wütend wurde.
Sprachlos und auf Befehle getrimmt, musste ich mich strikte daran halten, in meinem Kopf jedoch suchte ich nach einem Weg, diesem Kind zu helfen.
Sie hockte, oder lag fast den ganzen Tag am Boden auf einer Matratze, klammerte sich an einer Windel und niemand nahm sich die Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen. Mit ihren schönen, aber traurigen Augen schaute sie mich an, traf mich damit mitten ins Herz, was mich veranlasste, sie mehrmals täglich an die Hand zu nehmen, um sie bei einem Spaziergang, die schönen Dinge der Natur fühlen zu lassen. Damals wie heute, bin ich mir sicher, sie hat gespürt, dass ich ihr helfen wollte und endlich jemand da war, von dem sie beachtet wurde.
Nach ein paar Wochen und unzähligen Diskussionen, erhielt ich die Erlaubnis, mein Glück zu versuchen, sie auf den Geschmack von fester Nahrung zu bringen. Somit war mein Ehrgeiz geweckt und wir zwei fingen an zu kämpfen.
In der ersten Woche, musste sie lernen, auf einem Stuhl zu sitzen, was noch relativ einfach war, da sie bald wusste, dass sie nur dann ihre Flasche bekam.
Immer wieder wurden meine Bemühungen, von der Heimleitung als unmöglich und sinnlos bezeichnet, wodurch mein Ehrgeiz noch bestärkt wurde und ich allen, aber vor allem mir beweisen wollte, dass es nicht unmöglich war.
Angefangen mit Babybrei, bis zu fester Nahrung, wurde ich immer wieder bespuckt, so dass ich manchmal fast am Ende meiner Geduld war, aber ich wollte und ich musste diesem Kind unbedingt ein bisschen Lebensqualität schenken. Als erstes stellte ich fest, dass sie die verschiedenen Aromen im Mund untersuchte, so merkte ich bald was sie gern hatte.
Endlich, nach vielen Wochen, war sie auf den Geschmack gekommen, zusammen hatten wir es geschafft und sie konnte selber essen. Zwar war sie mit dem Löffel noch etwas ungeschickt, aber ich war mir sicher, dass auch dies für sie bald kein Problem mehr sein würde. Am morgen ein Butterbrot mit Konfitüre, in kleine Stücke geschnitten, war ebenfalls bald kein Problem für sie.
Für mich war dies ein wunderschönes Gefühl und ich glaube, dass diesem kleinen Mädchen, mit meiner Geduld und ihrem Willen, ein kleines bisschen Leben geschenkt wurde.
Das Unglaubliche passierte ein paar Wochen später, denn sie hat mich angelächelt und wenn ich in der Nähe war, die Arme nach mir ausgestreckt. Ich nahm sie in den Arm, spürte wie glücklich sie war und konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Nie werde ich dich vergessen kleine Carmela.
Leider konnte sie nicht sprechen, aber ich bin mir sicher, mit einer entsprechenden Therapie und viel Geduld hätte sie auch das geschafft und das strahlen in ihren Augen wäre noch viel heller geworden.
Sie hatte eine geistige Behinderung, aber sie konnte mir ihre Gefühle zeigen, was mich wiederum glücklich machte.

Auf der Flucht vor mir selbst, meinen Problemen und vor der ganzen Welt, erinnerte ich mich an eine Freundin, die mit ihrem Freund in einem alten Bauernhaus am Bodensee wohnte und mir für zwei Wochen Asyl gewährten. Es war Anfang November, der Winter packte bereits seine kalten Flügel aus und ich brauchte dringend Arbeit. Da ich nichts anderes gelernt hatte, als im Haushalt zu arbeiten, suchte ich während dieser zwei Wochen eine Stelle und um weiteren Problemen zu entgehen, nahm ich Kontakt mit meinen Vormund auf, der mit meinen Plänen einverstanden war.
Für dieses Mal hatte ich ihm die Arbeit abgenommen, worüber er sichtlich froh war.
So verschlug es mich nach Einsiedeln, da ich unter Zeitdruck auf die erste Zusage eingegangen war, ohne mich weiter zu informieren, was im Detail auf mich zukommt. Da es sich um eine Bäckerei handelte, stellte ich mir vor, dass ich dort ganz sicher nicht der Gefahr des verhungern ausgesetzt wäre und mit den zwei Kindern würde ich sicher zurecht kommen. Das Wichtigste für mich jedoch, war die kurze Distanz zu meiner Patin, die in Vorderthal wohnte und per Autostopp über die Sattelegg, wäre ich im Nu bei ihr.
Mein Asyl wurde noch um eine Woche verlängert, dann war es soweit, ich musste meine Zelte abbrechen und mit geteilten Gefühlen setzte ich mich mit einem Billet, das mein Vormund mir geschickt hatte, in den Zug, um mein selbstgewähltes Ziel zu erreichen.
Von weitem schon war zu sehen, dass der Winter in Einsiedeln bereits Einzug gehalten hatte, aber es gab kein zurück mehr, also stieg ich aus dem Zug und stapfte durch den Schnee, einer, vielleicht besseren Zeit entgegen.
Mein Arbeitstag begann morgens 6.30 und endete um 8 Uhr abends, wobei ich die ersten Tage nur mit bügeln verbrachte, bald keine Wäsche mehr sehen und war froh, als die Berge endlich verschwunden waren. Abends, todmüde im Bett, freute ich mich auf den nächsten Tag, denn ich durfte in die Backstube.
Da Weihnachten vor der Türe stand, gab es sehr viel zu tun und ich liebte den Geruch der frischen Backwaren, in denen ich am liebsten gebadet hätte.
Geärgert hat mich, dass es mir verboten war, die Weihnachtsgutzi, die ich verpacken sollte, zu probieren, denn alle zerbrochenen fanden ihren Platz in einer Blechdose, als Zwischenverpflegung für die Kinder, jedoch unbeobachtet, verschwanden trotzdem einige in meinem Magen, aber der Genuss war nicht all zu prickelnd, da ich nicht richtig kauen und geniessen konnte, ohne erwischt zu werden. Meinen Lohn von 270.-, durfte ich für mich behalten, dadurch fühlte ich mich unendlich reich, aber trotzdem hatte ich nach vier Monaten die Nase voll. Warum nur, schaffe ich es nicht, einmal irgendwo zu bleiben, stark zu sein und zu versuchen, meinen Weg zu finden.
Stundenlang lag ich wach in meinem Bett und versuchte zu ergründen, was mit mir nicht stimmt und warum mein Leben nie in die von mir gewünschte Richtung verlief.
Heute ist mir natürlich klar, dass damals, meine Vorstellung vom Leben, sehr wenig mit der Realität zu tun hatte, jedoch niemand da war, der mich mit einem guten Rat hätte unterstützen können.
Natürlich stelle ich mir die Frage, ob ich damals, mit meiner inzwischen entstandenen Sturheit, einen solchen überhaupt angenommen hätte.
Wohl eher nicht.

Auch hier stimmte für mich gar nichts und so glaubte ich dann, schon wieder, dass sich mein Leben gegen mich verschworen hatte.
Die Familie war mir zu katholisch, dadurch spukte die Erinnerung, an die Zeit bei meiner Pflegefamilie wieder in meinen Gedanken, obschon sich diese in den letzten Jahren, vom Strom zum Rinnsal verwandelt hatten. Auch hier war der fanatische Glaube an Gott etwas vom Wichtigsten, nur konnte mich hier niemand zwingen, eine Kirche zu betreten.
Was kann man auch anderes erwarten, wenn man auf die Idee kommt, nach Einsiedeln zu gehen, aber bei der Stellensuche, hatte ich ausgeblendet, dass Einsiedeln ein Klosterdorf ist, so dass eine Begegnung mit gläubigen Kirchgängern, unausweichlich sein musste.
Hier musste ich nun endgültig feststellen, dass ich ein Mensch zweiter Klasse war und es wurde mir von meinen Arbeitgebern auch immer wieder gezeigt.
Ein Beispiel möchte ich zu Papier bringen, um aufzuzeigen, dass diese Idee nicht nur in meinem Kopf entstanden ist.
Für das Mittagessen wurde oft ein Poulet in den Ofen geschoben, das wunderbar duftend, bereits zerteilt, auf den Tisch gestellt wurde und für alle reichen musste. Da ich am unteren Ende des Tisches sitzen musste, war vom Poulet, bis es bei mir ankam, nur noch das Knochengerüst auf der Platte, auf das ich wenig Lust hatte.
Einmal jedoch, wurde die Platte von einem der Kinder direkt vor meine Nase gestellt, somit war ich dieses mal die Erste, die sich bedienen durfte.
Da stand diese Platte, das Poulet wieder fein säuberlich geteilt und wunderbar duftend, für mich fast wie Weihnachten, entschied sich meine Gabel unweigerlich für einen saftigen, dicken Schenkel. Kaum hatte er jedoch Sichtkontakt mit meinem Teller, wurde er von meiner Chefin aufgespiesst und landete bei einem der Kinder.
Im gleichen Moment war auch die Platte weg und bis sie wieder bei mir ankam, musste ich mich schon wieder mit den Knochen begnügen.
Stillschweigend und ohne Erklärung, wurde das Mittagessen beendet und ich machte mich an den Abwasch.
Wenn ich heute an dieses kleine Erlebnis zurück denke, muss ich schmunzeln, damals jedoch, fühlte ich mich wie den letzten Dreck und so wurde ich auch behandelt.
Am 24. Dezember gab es zum Nachtessen eine Aufschnittplatte und nach dem Abwasch musste ich mich in mein Zimmer zurück ziehen. Kein Familienanschluss, keine Wärme, aber ich wollte nicht aufgeben, also zog ich mich warm an und schlenderte durch ein sehr kaltes, aber wunderschön beleuchtetes Einsiedeln. Wieder zurück in meinem Zimmer, hörte ich, wie die ganze Familie sich aufmachte, um die Mitternachtsmesse zu besuchen und genau darauf hatte ich gewartet. Auf leisen Sohlen schlich ich mich in die Backstube und versorgte mich mit Proviant, den ich dann innert zwei Stunden genüsslich vernichtete. Schade war nur, dass ich nichts verpacktes mitnehmen konnte, weil dies aufgefallen wäre.
Die Weihnachtszeit ging vorbei, das neue Jahr rückte immer näher und wie so oft die letzten Jahre dachte ich, dieses Jahr muss einfach besser werden. Eines war jedoch sicher, wenn ich hier bleibe, kann es nicht besser werden, also musste ich einen neuen Weg für mich suchen.
Zwischendurch hatte ich zwei Tage frei, da Familienfeste stattfanden, an denen ich nichts verloren hatte und jeweils im Zimmer essen musste.
Viele Stunden verbrachte ich in einem Restaurant, in Gesellschaft von anderen Jugendlichen, von denen ich so akzeptiert wurde wie ich war.
Ende Februar teilte mir meine Chefin mit, dass es ein Versehen war, mir den ganzen Lohn auszubezahlen und ich ab sofort nur noch 70.- erhalten würde, da sie den Rest an die Vormundschaftsbehörde überweisen müsse.
Verärgert nahm ich meinen, nun reduzierten Lohn entgegen und schlagartig wurde mir bewusst, dass ich mein Taschengeld ab sofort wieder einteilen musste.
Immer in der Hoffnung, im Dschungel meines Lebens, den richtigen Weg zu finden.

Dies ist das kürzeste Kapitel in meinem Leben, da es nur einen Zeitraum von vier Wochen umschreibt.
Ich war 17, er war 23 und ich glaubte verliebt zu sein, aber auch das Erste Mal hatte ich mir anders vorgestellt, zumal ich dann noch erfahren musste, dass ich für ihn nur Zeitvertreib und somit nicht wichtig war.
Wieder mal musste ich feststellen, wie dumm und naiv ich doch eigentlich war und nach wie vor, vom Leben keine Ahnung hatte.
Eine persönliche Genugtuung war dann immerhin doch noch, dass ich mich getraut hatte, ihn in aller Öffentlichkeit, in einem Restaurant zu ohrfeigen und ich mich danach etwas besser fühlte.
Er schaute mich an und fand wohl keine Worte, da er in seiner Selbstverliebtheit, nicht mit meiner Reaktion gerechnet hatte.
Wortlos und verfolgt von vielen Augenpaaren, bezahlte ich mein Getränk, um an der frischen Luft wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Selber erstaunt über meinen Mut, setzte ich mich auf eine Mauer, um meine zittrigen Knie zu beruhigen.
Plötzlich stand sie neben mir, ein Mädchen, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich und bedankte sich dafür, dass ich ihrem Exfreund eine Ohrfeige verpasst habe. Erst beim zweiten Blick fiel mir auf, dass sie schwanger war und dass es bis zur Geburt sicher nicht mehr lange dauern würde.
Da es sehr kalt war, entschlossen wir uns, das Gespräch in einem Restaurant fortzusetzen und so erfuhr ich, dass sie zwei Jahre seine Freundin war und leider viel zu spät feststellen musste, dass sie wiederholt betrogen wurde.
Ein weiterer Versuch, die Beziehung zu retten scheiterte, da ein Kind für ihn nicht in Frage kam, denn er wollte sein Leben, nach seinen Wünschen gestalten, ohne die Verantwortung für eine Familie.
Sie tat mir leid, denn sie war doch noch so jung und sie erzählte mir dann, dass das Kind in knapp sechs Wochen zur Welt kommen würde.
Ein paar Tage später begegnete ich ihr nochmals. Sie war auf dem Weg zum Bahnhof, denn sie hatte ihren Eltern das Baby gebeichtet und war überglücklich, dass sie ohne Probleme, wieder nach Hause konnte, da sie auch mit Schwangerschaftsbauch, von ihren Eltern geliebt wurde.
Wir waren jung und unbekümmert und sind leider nicht auf die Idee gekommen, unsere Adressen auszutauschen, was ich schon etliche Male bereut habe, jedoch bin ich mir sicher, dass sie mit der Unterstützung ihrer Familie, ihren eigenen Weg und ebenfalls ihren Platz im Leben gefunden hat.
Dem Empfänger meiner Ohrfeige, ging ich ab sofort, wenn irgend möglich aus dem Weg, da wir jedoch viele gemeinsame Freunde hatten, konnte ich unser Restaurant nur noch betreten, wenn sein Auto nicht auf dem Parkplatz stand, so dass ich mich wieder mehr auf mich selber konzentrieren musste.

Voller Hass, auf mich und natürlich auf die ganze Welt, packte ich das nötigste zusammen, schlich mich aus dem Haus und marschierte los, Richtung Bahnhof. Mein Ziel bereits in Sichtweite, hielt neben mir ein Streifenwagen, in dem ich zum nächsten Polizeiposten gebracht wurde, wo bereits meine Chefin auf mich wartete. Ich sollte bei ihr einsteigen, was ich auch getan hätte, wenn sie bereit gewesen wäre, sich bei mir für die Ohrfeige zu entschuldigen. Einige laute Worte, sie knallte die Autotür zu und fuhr los. Da stand ich nun, ohne wirkliches Ziel und schon wieder auf der Flucht, denn zurück kam für mich nicht in Frage.
Befreit fuhr ich mit dem Zug nach Hegne zu meinen Grosseltern, um wieder ein paar Tage glücklich zu sein und mit schlechtem Gewissen musste ich sie anlügen, denn die Wahrheit wäre eine Enttäuschung für sie gewesen.
Somit glaubten sie mir, dass ich eine Woche Ferien hätte, die leider viel zu schnell vorbei war, da ich keinen Plan entwickeln konnte, wie mein Leben nun weiter gehen sollte.
Angekommen mit einer zerschlissenen und kleinen Reisetasche, vermachte mir mein Opa einen Rucksack, in dem, nebst meinen frisch gewaschenen Kleidern, auch der Proviant meiner Oma seinen Platz fand. Zudem nahm ich meinen alten Schlafsack mit und erklärte meinem Opa, dass ich mit einer Freundin, die nächsten Ferien auf einem Campingplatz verbringen möchte.
Beim Abschied drückte mir mein Opa ein paar Scheine in die Hand und ich wäre am liebsten im Boden versunken, denn ich schämte mich, dass ich die Menschen, die mir so viel bedeuteten, so schamlos belogen hatte.
Mit Tränen in den Augen marschierte ich los, denn es gab kein zurück und beim Blick in meine Hand, stockte mir der Atem, denn ich hatte vier Fünfzigfrankenscheine erhalten.
Mit Autostopp gelangte ich über Singen nach Schaffhausen und angezogen vom Munot, entschloss ich mich, erstmal hier zu bleiben. Unweit vom Munot setzte ich mich in einem Park auf eine Bank und hatte bald Gesellschaft von vier Leidensgenossinnen, ebenfalls ausgerüstet mit Schlafsack und Rucksack. Eine sternenklare, immer noch kühle Frühlingsnacht und die Beleuchtung des Munot, schafften es, dass wir wehmütig zurück auf unser bisheriges Leben schauten. Geteiltes Leid, ist halbes Leid und so erzählten wir uns gegenseitig unser bisheriges Leben, wobei ich feststellen musste, dass keine von uns die Chance bekommen hatte, in einer intakten Familie aufzuwachsen.
Zwei der Mädchen verbrachten viele Jahre, in einem von Gewalt bestimmtem Kinderheim und lebten, seit ihrer gemeinsamen Flucht vor einem Jahr, auf der Strasse, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen wird und täglich der Gefahr ausgesetzt, von der Polizei aufgegriffen zu werden.
Es war längst still um mich herum geworden, aber ich konnte nicht einschlafen, denn ich hatte Angst, Angst vor meinem Leben, das vor mir lag, ohne Plan und ohne einen Strohhalm, um mich daran fest zu halten.
Mit einem der Mädchen verstand ich mich besonders gut und wir wollten uns, am Morgen danach, aufgewärmt mit einer Ovomaltine, mit Autostopp nach Basel durchzuschlagen. Wir hatten Glück, denn wir konnten in einem Lieferwagen, bis nach Basel mitfahren, wo wir nach zwei Tagen bereits einige gleichgesinnte Freunde fanden und zusammen war alles viel erträglicher. Unser Schlafplatz war unter einer Brücke am Rhein, immer auf der Hut vor Polizeikontrollen und ich, polizeilich ausgeschrieben, in Gefahr war, erwischt zu werden. Ich lernte, nachts meinen Rucksack so zu platzieren, dass er verbunden mit meinem Körper, nicht gestohlen werden konnte, aber gleichzeitig auch als Kopfkissen diente.
Zweimal pro Woche durften wir in einem Pfarrhaus duschen, bekamen etwas zu essen und konnten unsere Kleider wieder in Ordnung bringen. Um nicht zu verhungern, erbettelten wir jeden Tag etwas Geld, wobei wir vielfach, auch direkt Lebensmittel erhielten.
Immer noch, gut versteckt in meinen Schuhen, hatte ich mein gespartes Geld, die Scheine von meinem Opa, und um nicht teilen zu müssen, hatte ich alles in kleine Scheine gewechselt.
Dann überredete mich eine Freundin, mit ihr nach Zürich zu trampen, weil sie glaubte, da würde man uns nicht so schnell finden und zudem habe sie einen Bekannten, bei dem wir wohnen könnten.
Mit der Vorstellung, wieder einmal in einem Bett zu schlafen und bei schlechtem Wetter aus dem Fenster schauen zu können, war ich bereit und so machten wir uns auf den Weg.
Das Bett war dann schlussendlich eine Matratze, in einem leerstehenden Haus und so blieb uns nichts anderes übrig, als irgendwie damit zurecht zu kommen. Ihr Bekannter hatte bereits vor Monaten die Wohnung verloren und lebte nun ebenfalls auf der Strasse, somit waren wir in guter Gesellschaft. Es wurde viel gefeiert, viel Bier getrunken und damit wurde meine Abneigung zum Alkohol, wieder zu einem Problem, denn schon wieder gehörte ich nicht dazu und fühlte mich als Aussenseiter, oder, was ich mehrmals hören musste, als Spielverderber.
Wem der Alkohol nicht reichte, der schluckte eine kleine Pille, um für einen kurzen Moment, die Realität zu verändern.
Eines Abends überredeten mich alle, ebenfalls eine Pille zu schlucken, um endlich etwas lockerer zu werden, was ich dann auch tat, jedoch änderte sich nichts an meiner Situation, denn ich fühlte mich nicht besser und auch meine Probleme änderten sich nicht, also habe ich mich entschlossen, mich nie wieder darauf einzulassen.
Es war ein herrlicher Sommer, aber ich konnte ihm nichts positives für mich abgewinnen.
Gelangweilt hielten wir uns stundenlang an der Limmat beim Bellevue auf, räkelten uns auf einer Steintreppe und beobachteten die anderen Jugendlichen, die betrunken, oder von Drogen gezeichnet, vermutlich ebenfalls auf ein anderes Leben warteten.
Von so viel Elend schockiert, wusste ich, dass ich niemals, so weit unten ankommen möchte, egal, was in meinem Leben noch auf mich wartet.
Ohne eine andere Perspektive vor Augen, versuchte ich das Beste daraus zu machen, jedoch war ich todunglücklich, träumte mich an die schönsten Orte der Welt und natürlich, wie schon unzählige Male, in ein anderes, ein besseres Leben.
Ein glückliches, ein ruhiges, aber vor allem ein Leben, von dem ich sagen könnte, dass es mir gehört, denn auch hier versuchten alle, mich zu ändern und mich zu zwingen, mich anzupassen.
Es war August geworden, mein Geld war aufgebraucht und mit vier anderen Jugendlichen setzten wir uns im Bahnhofbuffet an einem runden Tisch. Drei von uns hatten Geld und wollten ein Bier bestellen, jedoch wurden wir nicht bedient, weil alle etwas bestellen sollten.
Frustriert, wurden wir etwas laut und unser Verhalten war unangemessen, so dass die Polizei kam, und uns abführte. Nun war sie vorbei, „ Meine Freiheit und meine Flucht„ aber heute noch muss ich lachen, wenn ich zurück denke, wie clever die Polizei war.
Drei Polizisten, sechs Jugendliche und die Gefahr, dass der Eine oder Andere flüchten könnte.
Diese Chance bekamen wir jedoch nicht, denn jeder Polizist ergriff blitzschnell zwei Stuhllehnen und schwupp, hockten wir auf dem Boden, auf unseren vier Buchstaben.
Wie ein Schwerverbrecher wurde ich verhört, alle Aufenthaltsorte der letzten Monate musste ich offenlegen. Beim Thema Drogen gab ich zu, einmal konsumiert zu haben, jedoch hätte ich dies lieber für mich behalten sollen, denn mit dieser Aussage wurde ich abgestempelt und sie sollte mir noch zum Verhängnis werden.
Dann machte ich Bekanntschaft mit einer Arrestzelle, eine entsetzliche Erfahrung und ich versuchte mir vorzustellen, wie Menschen, dies Monate, oder gar Jahre aushalten, ohne durchzudrehen, wenn ich schon nach ein paar Stunden mit Platzangst zu kämpfen hatte.
Um mich abzulenken beschäftigte ich mich mit den Wänden der Zelle, die mit dummen Sprüchen, aber auch mit Gedichten übersät waren, dazwischen, unzählige Namen und Zeichnungen.
Da ich polizeilich ausgeschrieben war, wurde ich drei Tage später in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen abgeliefert.
Transportiert wie ein Schwerverbrecher, in einem Kastenwagen mit zwei Polizisten, aber das Schlimmste war, dass ich nicht darüber orientiert wurde, wohin die Fahrt gehen sollte. Keiner der Polizisten versuchte mit mir zu sprechen und ich hatte auch nicht den Mut, zu fragen, was jetzt mit mir passiert.
Also versank ich in meinen Sitz, wollte hundert verschiedene Tode sterben, aber im gleichen Moment wieder stark sein, um irgendwann mein Leben zu meistern und irgendwo anzukommen. Schon wieder war ich alleine, alleine mit meinen Ängsten und meinen Gedanken über mein bisheriges und weiteres Leben.
Ab und zu schaute ich aus dem Fenster, um mich zu orientieren und um vielleicht zu erahnen, wo ich landen würde. Dann sah ich ihn, den Bodensee und kannte ebenfalls die Ortschaften, durch die wir fuhren.
Beim Auftauchen der Ortstafel Münsterlingen fing mein Herz an zu rasen und noch bevor ich meine Gedanken ordnen konnte, waren wir auf dem Areal der Psychiatrie. Zusammen mit einem Dossier, wurde ich einer Krankenschwester übergeben, die mir die Räumlichkeiten zeigte und mir die wichtigsten Regeln erklärte.
Das Ende einer kleinen Freiheit

Voller Hass, auf mich und natürlich auf die ganze Welt, packte ich das nötigste zusammen, schlich mich aus dem Haus und marschierte los, Richtung Bahnhof. Mein Ziel bereits in Sichtweite, hielt neben mir ein Streifenwagen, in dem ich zum nächsten Polizeiposten gebracht wurde, wo bereits meine Chefin auf mich wartete. Ich sollte bei ihr einsteigen, was ich auch getan hätte, wenn sie bereit gewesen wäre, sich bei mir für die Ohrfeige zu entschuldigen. Einige laute Worte, sie knallte die Autotür zu und fuhr los. Da stand ich nun, ohne wirkliches Ziel und schon wieder auf der Flucht, denn zurück kam für mich nicht in Frage.
Befreit fuhr ich mit dem Zug nach Hegne zu meinen Grosseltern, um wieder ein paar Tage glücklich zu sein und mit schlechtem Gewissen musste ich sie anlügen, denn die Wahrheit wäre eine Enttäuschung für sie gewesen.
Somit glaubten sie mir, dass ich eine Woche Ferien hätte, die leider viel zu schnell vorbei war, da ich keinen Plan entwickeln konnte, wie mein Leben nun weiter gehen sollte.
Angekommen mit einer zerschlissenen und kleinen Reisetasche, vermachte mir mein Opa einen Rucksack, in dem, nebst meinen frisch gewaschenen Kleidern, auch der Proviant meiner Oma seinen Platz fand. Zudem nahm ich meinen alten Schlafsack mit und erklärte meinem Opa, dass ich mit einer Freundin, die nächsten Ferien auf einem Campingplatz verbringen möchte.
Beim Abschied drückte mir mein Opa ein paar Scheine in die Hand und ich wäre am liebsten im Boden versunken, denn ich schämte mich, dass ich die Menschen, die mir so viel bedeuteten, so schamlos belogen hatte.
Mit Tränen in den Augen marschierte ich los, denn es gab kein zurück und beim Blick in meine Hand, stockte mir der Atem, denn ich hatte vier Fünfzigfrankenscheine erhalten.
Mit Autostopp gelangte ich über Singen nach Schaffhausen und angezogen vom Munot, entschloss ich mich, erstmal hier zu bleiben. Unweit vom Munot setzte ich mich in einem Park auf eine Bank und hatte bald Gesellschaft von vier Leidensgenossinnen, ebenfalls ausgerüstet mit Schlafsack und Rucksack. Eine sternenklare, immer noch kühle Frühlingsnacht und die Beleuchtung des Munot, schafften es, dass wir wehmütig zurück auf unser bisheriges Leben schauten. Geteiltes Leid, ist halbes Leid und so erzählten wir uns gegenseitig unser bisheriges Leben, wobei ich feststellen musste, dass keine von uns die Chance bekommen hatte, in einer intakten Familie aufzuwachsen.
Zwei der Mädchen verbrachten viele Jahre, in einem von Gewalt bestimmtem Kinderheim und lebten, seit ihrer gemeinsamen Flucht vor einem Jahr, auf der Strasse, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen wird und täglich der Gefahr ausgesetzt, von der Polizei aufgegriffen zu werden.
Es war längst still um mich herum geworden, aber ich konnte nicht einschlafen, denn ich hatte Angst, Angst vor meinem Leben, das vor mir lag, ohne Plan und ohne einen Strohhalm, um mich daran fest zu halten.
Mit einem der Mädchen verstand ich mich besonders gut und wir wollten uns, am Morgen danach, aufgewärmt mit einer Ovomaltine, mit Autostopp nach Basel durchzuschlagen. Wir hatten Glück, denn wir konnten in einem Lieferwagen, bis nach Basel mitfahren, wo wir nach zwei Tagen bereits einige gleichgesinnte Freunde fanden und zusammen war alles viel erträglicher. Unser Schlafplatz war unter einer Brücke am Rhein, immer auf der Hut vor Polizeikontrollen und ich, polizeilich ausgeschrieben, in Gefahr war, erwischt zu werden. Ich lernte, nachts meinen Rucksack so zu platzieren, dass er verbunden mit meinem Körper, nicht gestohlen werden konnte, aber gleichzeitig auch als Kopfkissen diente.
Zweimal pro Woche durften wir in einem Pfarrhaus duschen, bekamen etwas zu essen und konnten unsere Kleider wieder in Ordnung bringen. Um nicht zu verhungern, erbettelten wir jeden Tag etwas Geld, wobei wir vielfach, auch direkt Lebensmittel erhielten.
Immer noch, gut versteckt in meinen Schuhen, hatte ich mein gespartes Geld, die Scheine von meinem Opa, und um nicht teilen zu müssen, hatte ich alles in kleine Scheine gewechselt.
Dann überredete mich eine Freundin, mit ihr nach Zürich zu trampen, weil sie glaubte, da würde man uns nicht so schnell finden und zudem habe sie einen Bekannten, bei dem wir wohnen könnten.
Mit der Vorstellung, wieder einmal in einem Bett zu schlafen und bei schlechtem Wetter aus dem Fenster schauen zu können, war ich bereit und so machten wir uns auf den Weg.
Das Bett war dann schlussendlich eine Matratze, in einem leerstehenden Haus und so blieb uns nichts anderes übrig, als irgendwie damit zurecht zu kommen. Ihr Bekannter hatte bereits vor Monaten die Wohnung verloren und lebte nun ebenfalls auf der Strasse, somit waren wir in guter Gesellschaft. Es wurde viel gefeiert, viel Bier getrunken und damit wurde meine Abneigung zum Alkohol, wieder zu einem Problem, denn schon wieder gehörte ich nicht dazu und fühlte mich als Aussenseiter, oder, was ich mehrmals hören musste, als Spielverderber.
Wem der Alkohol nicht reichte, der schluckte eine kleine Pille, um für einen kurzen Moment, die Realität zu verändern.
Eines Abends überredeten mich alle, ebenfalls eine Pille zu schlucken, um endlich etwas lockerer zu werden, was ich dann auch tat, jedoch änderte sich nichts an meiner Situation, denn ich fühlte mich nicht besser und auch meine Probleme änderten sich nicht, also habe ich mich entschlossen, mich nie wieder darauf einzulassen.
Es war ein herrlicher Sommer, aber ich konnte ihm nichts positives für mich abgewinnen.
Gelangweilt hielten wir uns stundenlang an der Limmat beim Bellevue auf, räkelten uns auf einer Steintreppe und beobachteten die anderen Jugendlichen, die betrunken, oder von Drogen gezeichnet, vermutlich ebenfalls auf ein anderes Leben warteten.
Von so viel Elend schockiert, wusste ich, dass ich niemals, so weit unten ankommen möchte, egal, was in meinem Leben noch auf mich wartet.
Ohne eine andere Perspektive vor Augen, versuchte ich das Beste daraus zu machen, jedoch war ich todunglücklich, träumte mich an die schönsten Orte der Welt und natürlich, wie schon unzählige Male, in ein anderes, ein besseres Leben.
Ein glückliches, ein ruhiges, aber vor allem ein Leben, von dem ich sagen könnte, dass es mir gehört, denn auch hier versuchten alle, mich zu ändern und mich zu zwingen, mich anzupassen.
Es war August geworden, mein Geld war aufgebraucht und mit vier anderen Jugendlichen setzten wir uns im Bahnhofbuffet an einem runden Tisch. Drei von uns hatten Geld und wollten ein Bier bestellen, jedoch wurden wir nicht bedient, weil alle etwas bestellen sollten.
Frustriert, wurden wir etwas laut und unser Verhalten war unangemessen, so dass die Polizei kam, und uns abführte. Nun war sie vorbei, „ Meine Freiheit und meine Flucht„ aber heute noch muss ich lachen, wenn ich zurück denke, wie clever die Polizei war.
Drei Polizisten, sechs Jugendliche und die Gefahr, dass der Eine oder Andere flüchten könnte.
Diese Chance bekamen wir jedoch nicht, denn jeder Polizist ergriff blitzschnell zwei Stuhllehnen und schwupp, hockten wir auf dem Boden, auf unseren vier Buchstaben.
Wie ein Schwerverbrecher wurde ich verhört, alle Aufenthaltsorte der letzten Monate musste ich offenlegen. Beim Thema Drogen gab ich zu, einmal konsumiert zu haben, jedoch hätte ich dies lieber für mich behalten sollen, denn mit dieser Aussage wurde ich abgestempelt und sie sollte mir noch zum Verhängnis werden.
Dann machte ich Bekanntschaft mit einer Arrestzelle, eine entsetzliche Erfahrung und ich versuchte mir vorzustellen, wie Menschen, dies Monate, oder gar Jahre aushalten, ohne durchzudrehen, wenn ich schon nach ein paar Stunden mit Platzangst zu kämpfen hatte.
Um mich abzulenken beschäftigte ich mich mit den Wänden der Zelle, die mit dummen Sprüchen, aber auch mit Gedichten übersät waren, dazwischen, unzählige Namen und Zeichnungen.
Da ich polizeilich ausgeschrieben war, wurde ich drei Tage später in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen abgeliefert.
Transportiert wie ein Schwerverbrecher, in einem Kastenwagen mit zwei Polizisten, aber das Schlimmste war, dass ich nicht darüber orientiert wurde, wohin die Fahrt gehen sollte. Keiner der Polizisten versuchte mit mir zu sprechen und ich hatte auch nicht den Mut, zu fragen, was jetzt mit mir passiert.
Also versank ich in meinen Sitz, wollte hundert verschiedene Tode sterben, aber im gleichen Moment wieder stark sein, um irgendwann mein Leben zu meistern und irgendwo anzukommen. Schon wieder war ich alleine, alleine mit meinen Ängsten und meinen Gedanken über mein bisheriges und weiteres Leben.
Ab und zu schaute ich aus dem Fenster, um mich zu orientieren und um vielleicht zu erahnen, wo ich landen würde. Dann sah ich ihn, den Bodensee und kannte ebenfalls die Ortschaften, durch die wir fuhren.
Beim Auftauchen der Ortstafel Münsterlingen fing mein Herz an zu rasen und noch bevor ich meine Gedanken ordnen konnte, waren wir auf dem Areal der Psychiatrie. Zusammen mit einem Dossier, wurde ich einer Krankenschwester übergeben, die mir die Räumlichkeiten zeigte und mir die wichtigsten Regeln erklärte.
Das Ende einer kleinen Freiheit

Es war der 17. August 1971 und ich befand mich in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, hinter Gittern und mit Seeblick.
Auf der Abteilung, in der ich untergebracht wurde, war ich kein Einzelfall, denn hier lebten weitere junge Mädchen, die vermutlich ebenfalls auf der Suche nach ihrem Leben gestoppt wurden.
Die Mädchen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen und ich war mir sicher, dass sie sich lustig machten, über mich und über mein Aussehen.
Alle waren schlank, hübsch anzusehen und wieder einmal schämte ich mich für mein Aussehen, denn nach wie vor, schleppte ich zu viele Kilos mit mir herum.
Mein Vormund hatte bereits eine Tasche mit meinen Kleidern abgegeben und ich musste zuerst ein Bad nehmen, das nach einer halben Stunde, auf Befehl einer Aufsichtsperson, beendet wurde. Inzwischen war es Abend geworden, das Nachtessen war im Anmarsch und ich musste mich mit allen Mädchen zusammen, an einen langen Tisch setzen. Ich wartete, bis nur noch ein Stuhl frei war, bevor ich mich setzte und mit Unbehagen, stocherte ich im Essen herum, wurde dann aber vom Hunger besiegt, so dass mein Teller schnell leer war. Auch die dazu servierte Tablette, schluckte ich ganz brav, nachdem mir eine Krankenschwester erklärt hatte, dass ich damit gut schlafen würde. Nach dem Abwasch, der abwechselnd nach Plan durchgeführt wurde, zeigte man mir mein Bett, das sich in einem Schlafsaal befand, wo sich Bett an Bett reihte, dazwischen, gerade mal so viel Platz für ein kleines Nachttischchen.
Mit leerem Kopf, der sich anfühlte wie wenn er nicht zu meinem Körper gehören würde, lag ich im Bett, was ich vermutlich der geheimnisvollen Tablette zu verdanken hatte. Trotzdem voller Verzweiflung, denn mein Körper, schwer wie Blei, weigerte sich aufzustehen und das erste Mal hatte ich Angst um mein Leben. Wo war ich nur gelandet und was wird hier mit mir geschehen.
Ich konnte meine Gedanken nicht mehr ordnen.

DIE MÜHSAME BESCHAFFUNG DER AKTEN
Bevor ich mich weiter in meine Erinnerungen vertiefe, möchte ich über die mühsame Beschaffung meiner Akten erzählen, die ich mir vom Staatsarchiv, der Psychiatrie Münsterlingen und der Vormundschaftsbehörde Kreuzlingen beschaffte.
Die Beschaffung der Akten war alles andere als einfach.
Meine erste Anfrage an Münsterlingen wurde ans Staatsarchiv nach Frauenfeld weitergeleitet, wo ich dann persönlich meine Akten abholte, aber von meinem stationären Aufenthalt, fehlten sämtliche Unterlagen.
Da ich mir Zeit mitgebracht hatte, fing ich noch im Staatsarchiv an, in meinen Akten zu stöbern, wobei mir als erstes auffiel, dass von meinem Aufenthalt in Münsterlingen nur eine ambulante Akte vorhanden war, somit fehlten wichtige Abschnitte meines Lebens.
Auf Nachfrage vor Ort, teilte man mir mit, dass ich kein Einzelfall sei, da viele stationäre Akten, vom Zeitraum 1960 bis 1980 nicht zur Archivierung weiter geleitet wurden.
Das erste mal zweifelte ich an der Umsetzung meiner Idee, die nötigen Unterlagen und Dokumente zu finden, um meine Erinnerungen zu vervollständigen und die vorhandenen zu festigen.
Diese Akten, waren ein Teil meines Lebens und sollten mir bei der Aufarbeitung der letzten Jahrzehnte helfen, denn meine Hoffnung war, mit ihnen, mich selber, sowie meine Handlungsweisen, besser zu verstehen.
Die Dokumente der Vormundschaftsbehörde waren ebenfalls nicht komplett, denn es fehlten viele Jahre meiner Kindheit, so dass ich enttäuscht, nur mit einem kleinen Bündel Papiere, das Gebäude verlassen musste.
Auf der Heimfahrt überlegte ich mir die nächsten nötigen Schritte, um an die fehlenden Dokumente zu gelangen, oder sollte womöglich alles schon vorbei sein, bevor es begonnen hatte. Nein, so schnell würde ich nicht aufgeben, meine Vergangenheit zu suchen.
Als erstes verlangte ich dann schriftlich, eine Kopie sämtlicher Akten, von Münsterlingen und der Vormundschaftsbehörde Kreuzlingen, aber es passierte gar nichts.
Dann entschloss ich mich, per Einschreiben die Klinik aufzufordern, mir Kopien sämtlicher Akten zu überlassen, erwähnte den Kontakt zu einem Anwalt und dass das Recht auf meiner Seite stehen würde. Meine Idee, dass ein bisschen Druck nicht schaden würde, wurde belohnt, denn die Psychiatrie Münsterlingen rief mich ein paar Tage später an und wollte einen Termin vereinbaren, um mein Dossier zusammen mit einem Arzt zu besprechen, worauf ich nicht einging und stattdessen auf meinem Recht beharrte. Siehe da, zwei Tage später hielt ich ein dickes Couvert und somit ein wichtiger Abschnitt meines Lebens, in meinen Händen.
Obschon ich so sehr darauf gewartet hatte, legte ich es erstmals zur Seite.
Für dieses Bündel Papiere sollte ich also nach Münsterlingen fahren, was mir nun Angst und Herzklopfen verursachte, denn bis jetzt war ich nur im Besitz meiner Erinnerung und auf die ist bekanntlich nicht immer Verlass.
In einem persönlichen Gespräch mit einem Arzt, sah ich keinen Sinn, zumal die Ärzte von damals nicht mehr praktizierten und ich somit keinen persönlichen, mir bekannten Ansprechspartner gehabt hätte.
Die nächsten zwei Tage versuchte ich mich, mit dem immer noch ungeöffneten Umschlag anzufreunden. Was wollten die Ärzte persönlich mit mir besprechen, was ist damals mit mir geschehen.
Nach weiteren zwei Tagen, war ich bereit, mich mit einem kleinen Abschnitt meines Lebens auseinanderzusetzen. Mit Herzklopfen öffnete ich den Umschlag und verschaffte mir einen ersten Überblick, musste jedoch leider feststellen, dass die Akten immer noch gewaltige Lücken aufweisen und dass vermutlich diverse Schriftstücke nicht kopiert wurden, oder gar nicht mehr vorhanden waren.
Immer wieder suchte ich im Dossier, vergebens nach einem Grund, der gerechtfertigt gewesen wäre, um meinen Aufenthalt im Vorfeld, mit einem Arzt zu besprechen.
Die Vermutung liegt für mich somit nahe, dass es mit den fehlenden Dokumenten zu tun hat. Zwar mit kleinen Lücken, ist es mir trotzdem gelungen, mein Gedankenpuzzle, das Jahrzehnte in meinem Kopf war, irgendwie zusammenzufügen.
Um an meine restlichen Unterlagen der Vormundschaftsbehörde zu gelangen, musste ich schlussendlich persönlich nach Kreuzlingen fahren, da man mir erklärte, dass keine persönlichen Kopien verschickt würden. Unter Druck, da ich nur 40 Minuten Zeit hatte, um in meinem Dossier zu stöbern, konnte ich mir einige Seiten kopieren lassen.
Viele Geschehnisse waren nicht dokumentiert und sehr viele Dokumente waren geschwärzt.
Für Kopien des ganzen Dossiers hätte ich zwei Wochen warten müssen und die hätte ich dann per Post erhalten.
Plötzlich wäre es nun doch möglich gewesen, mir die Kopien per Post zu senden und ich bin sicher, man hatte nicht damit gerechnet, dass ich mir die Zeit nehmen würde, persönlich nach Kreuzlingen zu fahren, um in meiner Vergangenheit zu schnuppern.
Mit der Überzeugung, dass hier ebenfalls, wie in Münsterlingen, viele Dokumente verschwunden waren, verzichtete ich auf weitere Kopien.
Alle, damals zuständigen Personen sind nicht mehr im Amt und trotzdem wird weiter versucht, unmenschliche Handlungsweisen zu vertuschen, oder unter den Teppich zu kehren.
Natürlich war die Zeit zu knapp, um alles durchzusehen, aber ein paar, für mich wichtige Details habe ich trotzdem gefunden. Nun frage ich mich natürlich, warum wurden nicht alle Unterlagen ans Staatsarchiv weitergeleitet, was logisch gewesen wäre und natürlich frage ich mich ebenfalls, welche Tatsachen, mit dieser Handlungsweise vertuscht wurden. Wäre ich nicht so hartnäckig geblieben, hätte ich von vielem, keine Kenntnis erhalten, die Bestätigung wichtiger Erinnerungen wäre ausgeblieben und so schaffte ich es halbwegs, mein Lebenspuzzle zu erstellen.
Zum Beispiel über die Medikamente, die ich einnehmen musste.
In einer der Diagnosen wurde erwähnt, dass mir keine Medikamente verabreicht wurden, obschon ich mich erinnere, dass ich immer wieder Pillen schlucken musste und mir Injektionen in meinen Oberschenkel verpasst wurden, die noch nach zwei Tage zu spüren waren.
Herausgefunden habe ich ebenfalls, dass für mich in Reserve, Largactil Ampullen bereit lagen, somit für mich der Beweis, dass ich als Versuchskaninchen, gegen Chizophrenie
behandelt wurde.
Professor Kuhn war wirklich überzeugt davon, dass ich erblich belastet und somit ebenfalls krank sein musste.
Daran, wie oft mir Largactil gespritzt wurde, fehlt mir leider die Erinnerung und in den Unterlagen war über die verordneten Medikamente, nichts mehr zu finden.
Den Beweis, dass dieses Medikament mit meinem Aufenthalt in Verbindung steht, fand ich in einer handschriftlichen Notiz, in einem Nachtrapportes, mit folgenden Worten:
In Reserve: Monika Gygli, 1 Ampulle Largactil.
Vermutlich wurde dieses Blatt aus Versehen beigelegt, da die Handnotiz übersehen wurde. Im Internet bin ich dann, auf der Suche nach diesem Medikament, auf die Aussage eines ehemaligen Pflegers der psychiatrischen Klinik Münsterlingen gestossen.
Seine Worte: Ganz so harmlos war Largactil nicht. Er erinnert sich, dass die Angestellten für die Medikamentenabgabe Handschuhe anziehen mussten. Etliche Angestellte hatten Ausschlag bekommen, weil sie die Pillen berührt hätten. Professor Kuhn wies die Pflegenden zudem an: Flaschen und Tabletten immer in möglichst weiter Distanz von Mund und Nase zu halten, damit kein Staub eingeatmet werden kann.
Da fühle ich doch gleich die Anwesenheit von Frankenstein.
Und das Pflegepersonal ? Nur keine Fragen stellen, denn die Ärzte wissen doch sicher was sie tun.
Die Gier nach Macht und Anerkennung muss wohl gewaltig gewesen sein und ohne Skrupel oder Mitgefühl, lässt es sich besser arbeiten und natürlich auch besser leben.

Hier nun beginnt mein Aufenthalt in Münsterlingen, wo ich 9 Monate „ therapiert „ wurde.
Die erste Nacht war überstanden und mir wurde bewusst, wo ich gelandet war, denn der Tag begann mit einem Knall, im wahrsten Sinne des Wortes, denn um uns zu wecken, wurde die Zimmertüre zweimal zugeknallt.
Es gab Frühstück und dann musste ich, wie alle anderen Mädchen, meinen Platz im Arbeitszimmer einnehmen. Ein kleiner Tisch mit Stuhl, wobei die Tische so weit auseinander standen, dass wir nicht miteinander sprechen konnten. Es war wie in der Schule, nur dass wir hier den Tag mit stricken verbrachten, mit dem ich eigentlich keine Probleme hatte, da das Stricken heute noch mein Hobby ist. Probleme hatte ich damit, dass wir uns hier in einer Klinik befanden und nach Stundenplan stricken mussten.
Wir sollten therapiert werden, aber gleichzeitig unseren Aufenthalt selber finanzieren.
Heute ist mir natürlich bewusst, dass sie uns beschäftigen mussten, aber damals war ich überzeugt, dass wir ausgenutzt werden sollten.
Zwei Aufsichtspersonen, vermutlich Handarbeitslehrerinnen, bewachten uns wie Geier und wir strickten wie Maschinen, alles auf Bestellung. Meine erste Arbeit war ein brauner Pullunder in XXXL, ohne Muster und mit sehr dünner brauner Wolle. Der Anschlag und das Bündchen war bereits gestrickt, so dass ich nur noch geradeaus stricken musste. Auf meine Bemerkung, dass ich mit so vielen Maschen nie fertig würde, wurde mir jedoch erklärt, dass ich lange genug hier sein würde, um ihn fertig zu stricken.
Bereits am ersten Tag, mit meiner frustrierten Stimmung angeeckt und einen Schlag mit dem Hammer erhalten, das waren ja schöne Aussichten.
Die ersten Tage gingen vorbei und ich redete mir ein, dass ich ganz alleine die Schuld trage, für meine aussichtslose Situation. Stunde um Stunde, Masche um Masche, hockte ich da und hing meinen Gedanken nach, über mein bisheriges Leben und weiter über meine Zukunft, ohne jedoch ein klares Ziel vor Augen zu haben.
Eines wusste ich jedoch, den Kampf, den ich bis heute geführt hatte und meine Rebellion werde ich nicht aufgeben und die hier werden mich nicht klein kriegen, denn ich hatte noch viel Kraft und eines war für mich sicher, hier hatte ich nichts verloren.
Mein erster Pullover, dessen neuer Besitzer wohl ein Riese sein musste, war fertig und ich hatte wohl zu schön gestrickt, so dass meine zweite Arbeit, ebenfalls mit sehr dünner Wolle, schon auf mich wartete.
Dann begannen die wiederholenden Sitzungen, die ich noch vom Februar 1970 kannte, und obschon ich mir sicher war, dass sich in meinem Kopf, in den letzten 18 Monaten nicht viel verändert hat, musste ich die unnötigen und nutzlosen Untersuchungen über mich ergehen lassen.
Die Räumlichkeiten waren immer noch die gleichen, nur dass ich jetzt Begleitschutz von zwei Krankenschwestern hatte, die mich auf dem ganzen Weg wie Bulldoggen bewachten.
Am 20. September 1971, vier Wochen nach meiner Einweisung, erhielt das Waisenamt Kreuzlingen von Professor Roland Kuhn einen Bericht, der ebenfalls eine Diagnose beinhaltet.
Bei den Therapien wurden mir unzählige Fragen gestellt, ehrliche Antworten wollte jedoch niemand hören, da versucht wurde, zwischen meinen Antworten zu lesen, so auch beim Thema Drogenkonsum, als ich zugab, ein einziges mal eine Aufputschpille geschluckt zu habe, aber kein Interesse hätte, dies noch einmal zu versuchen. Danach wurde ich bei jeder Sitzung darüber ausgefragt, bis ich auf viele der Fragen, nicht mehr korrekt antwortete, was in einem Bericht mit folgenden Worten festgehalten wird.
Sie neigt sehr dazu, die Umwelt, vor allem ihre Arbeitgeber und ihren Vormund zu beschuldigen, an ihren Schwierigkeiten beteiligt zu sein. Wenn man alles anders gemacht hätte, meint sie, wäre es anders herausgekommen.
Was auffällt ist ferner, dass sie immer wieder an Fragen vorbeiredet, weshalb es nicht möglich ist, mit ihr im Gespräch an ein eigentliches Ziel zu kommen.
Natürlich wollte ich mit keinem der Ärzte an ein Ziel kommen, denn ich wollte immer nur mein Ziel erreichen, denn hier ging es um mein Leben und ich musste alles daran setzen, dass niemand es schafft, sich an meine Gedanken zu klammern, um sie zu zerstören, oder zu manipulieren.
Mein Aufenthalt wäre vermutlich einfacher und erträglicher geworden, wenn ich mich gefügt hätte, aber ich habe in meinem bisherigen Leben gelernt, meinen eigenen Kampf zu führen und so vertiefte ich meine Sturheit, um niemandem die Macht über mich zu erteilen.
Leider habe ich mir damit viele, teils nicht zu bewältigende Steine in den Weg gelegt, aber ich musste um jeden Preis für mein Leben und in erster Linie für mich kämpfen.
Wenn ich heute zurück denke, möchte ich diese Befragungen als Gehirnwäsche bezeichnen, da sie mir nur "ihre" Antworten entlocken wollten. Eigene Meinungen und Vorstellungen sollten zerstört werden, um der Gesellschaft, zwar manipulierte, aber angepasste Menschen zurückzugeben.
Irgendwann und müde von der ewigen Fragerei, entschloss ich mich, ihnen die Antworten zu geben, die sie hören wollten, denn ab sofort betrachtete ich die Sitzungen, die sogenannten Therapien als Spiel, wodurch mein seelischer Druck kleiner wurde. Bei jeder Frage, die auch wie eine Antwort klang, fing ich an zu nicken, ohne mir über die Tragweite Gedanken zu machen.
In den Augen des Arztes konnte ich sehen, wie zufrieden er war, dass er mich anscheinend geknackt hatte.
Es war mir gelungen, auf meine Art, die Ärzte auszutricksen und ich glaubte, einen Sieg errungen zu haben, ohne zu wissen, welche Schlussfolgerungen und Diagnosen daraus entstehen würden.

Immer wieder musste ich mit dem Lesen der Diagnose von vorne beginnen, da ich glaubte, etwas falsch verstanden zu haben, zwischenzeitlich sogar im Glauben, nicht im Besitz der richtigen Akten zu sein, aber es war alles korrekt, da ich überall meinen Namen finden konnte.
Bei einem IQ-Test wurde erstaunliches festgestellt und zu Papier gebracht.
Unsere Untersuchung hat ergeben, dass die Patientin zur Zeit einen Intelligenzquotienten von Verbal 104, 121 Handlung und 113 im Ganzen hat.
Erinnern wir uns. Im Bericht vom Februar 1970, hatte ich, laut Diagnose, einen IQ der zwischen 50 und 69 liegt, da ich debil und somit leicht schwachsinnig war.
Woher kommt plötzlich diese veränderte Diagnose, beide erstellt von Prof. Roland Kuhn. Die Erklärung ist für mich ganz einfach.
Professor Kuhn nahm sich nicht die Zeit, sich in meine Krankengeschichte zu vertiefen und wusste darum nicht mehr, welche Diagnose er 18 Monate zuvor unterschrieben hatte.
Bei so vielen Patienten, wäre dies auch gar nicht möglich gewesen.
Gepriesen als Kapazität in der Psychiatrie, brauche ich nur zwei Sätze, um den Sockel von Professor Kuhn ins wanken zu bringen.
Von ihm manipulierte Ärzte erstellten eine Diagnose und er setzte seine Unterschrift darunter.
Durch viele erfundene Krankheitsbilder, konnten Medikamente verabreicht werden, mit denen viel Geld zu verdienen war.
Zwei total unterschiedliche Diagnosen und das im Zeitraum, von 18 Monaten, und in keinem Satz habe ich mich wiedergefunden, denn so war ich damals nicht und würde es auch nie sein. Nun zum Rest des Berichtes und zwar zur Diagnose vom 20. September.
Am ehesten dürfte es sich heute um eine haltlose, wahrscheinlich schizoide und arbeitsscheue Psychopathin handeln, die ausserordentlich suchtgefährdet ist und die in eine Drogenabhängigkeit von Amphetamin und Halluzinogen gekommen ist.
Bei dem ganzen Zustand und bei der erblichen Belastung wäre es aber nicht erstaunlich, wenn früher oder später ein schizophrener Prozess zum Vorschein käme.
Da war sie wieder, die Krankengeschichte meiner Mutter, die schon wieder eine Rolle gespielt hatte, um eine Diagnose für mich zu erstellen.
Aus der Tatsache, dass ich einmal eine Aufputschpille probierte und dies auch zugab, wurde mir eine ausserordentliche Suchtgefährdung und eine Drogenabhängigkeit diagnostiziert. Was war das nur für ein Wahnsinn.
Hier noch eine Bemerkung zwischendurch.
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen, oder auch von anderen Kliniken, waren für viele Menschen wohl das Schlimmste, was sie erleben mussten.
Es gibt noch eine Tatsache, mit der die Menschen, für den Rest ihres Lebens kämpfen müssen, das sind die falschen Diagnosen, festgehalten in vielseitigen Berichten, die vielfach nur dazu dienten, unmenschliche Handlungsweisen zu rechtfertigen.
Natürlich ist es mir nur möglich über mein Leben zu schreiben, wozu ich durch meine persönlichen Akten motiviert wurde, da ich bis anhin immer glaubte, für vieles in meinem Leben selber die Schuld zu tragen und dass ich gar keinen Grund hatte, die Schuld für mein Versagen auf andere abzuschieben.
Bei vielen Erinnerungen glaubte ich, dass Fantasie und Wirklichkeit sich vermischen würden, doch jetzt ist mir bewusst, dass ich mit meinen Schuldzuweisungen im Recht war, was mir hilft, mein Leben Schritt für Schritt aufzuarbeiten.
Meine jahrzehntelange Suche, meine vielen Fluchtversuche, waren das Resultat der Vernachlässigung von Behörden und Ämtern, die auch auf Grund von falschen Diagnosen, sich ihrer Pflicht nicht bewusst waren und den einfachsten Weg gewählt hatten.
Entsetzt über die Diagnosen musste ich feststellen, dass ich schon als kleines Kind in der zweiten Reihe Platz nehmen musste, ich nur in meinem Inneren für einen Sonnenplatz kämpfen konnte, ohne Hilfe und ohne Fürsprecher.
Mein Fazit: Auch ohne Medikamentenversuche, wurde Zwangseingewiesenen Menschen, durch falsche Diagnosen, ein normales Leben gestohlen, da sie alleine gelassen und laut Diagnose, nicht in unsere Gesellschaft passten.
Sie wurden nur geduldet und es lohnte sich nicht, sich intensiver mit ihnen zu beschäftigen, um sie auf den Weg in ein schönes und besseres Leben zu bringen.
So bin ich mir sicher, dass viele dieser Menschen, ohne Einmischung von Behörden und Ärzten, ihren persönlichen Lebensweg gefunden hätten, um zufrieden und glücklich leben zu können.

Ich konnte und ich wollte mich nicht fügen.
Nach nur fünf Wochen, hatten die Aufsichtspersonen im Arbeitszimmer die Nase voll von mir, da ich mich immer wieder negativ, über die Klinik und meinen Aufenthalt äusserte und man hatte Angst, ich könnte die anderen Mädchen mit meiner Sturheit anstecken.
Die Bombe platzte dann Ende September.
Eines der Mädchen hatte Geburtstag und zu dritt quetschten wir uns nach Mitternacht in eine Toilette, feierten mit einem Glas Tee und einer Zigarette, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde, eine der Aufsichtspersonen dastand und uns mit lauter Stimme in unsere Betten jagte.
Am Morgen danach, gleich nach dem Frühstück, erklärte man mir, dass ich untragbar für diese Abteilung wäre, mit meinem Verhalten alles durcheinander bringen würde und
obschon es nicht mein Geburtstag war, wurde ich als das ideale Opfer und die treibende Kraft, für die Missachtung der Hausregeln bestraft.
Unter Aufsicht kramte ich meine Habseligkeiten zusammenpacken und eine halbe Stunde später befand ich mich bereits in einer anderen Abteilung.
Nur einen Geburtstag feiern, das war alles, was wir in dieser Nacht wollten.
Neue Abteilung, somit auch ein anderes Gebäude, die alle Alphabetisch gekennzeichnet waren.
Bis auf ein Mädchen in meinem Alter, mit dem ich bereits nach ein paar Tagen Freundschaft geschlossen hatte, waren hier nur erwachsene Frauen untergebracht.
Freundschaft ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung, denn es war mehr eine Zweckgemeinschaft, um uns gegenseitig zu helfen, an unserer Situation nicht zu verzweifeln. In diesem Haus jedoch, musste ich Dinge sehen, auf die ich gerne verzichtet hätte und an die ich noch heute, sehr ungern und mit Widerwillen zurück denke.
Mit Ledergurten, ans Bett gefesselte, weinende und traurige Frauen. Wo war ihr Leben geblieben und welche Zukunft lag vor ihnen. Die ganze Traurigkeit färbte auf mich ab und es fiel mir schwer, mich mit diesem Elend abzufinden.
Wie die junge Frau, ungefähr 30 Jahre alt, die immer wieder angsterfüllte und jähzornige Anfälle hatte.
Sie warf mit Stühlen, verschob die Betten, kein Nachttisch stand mehr am gleichen Ort und alle anwesenden Patientinnen versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Dann wirbelte das Pflegepersonal hektisch umher, man fesselte sie mit Ledergurten ans Bett, es wurde nach einer Ampulle Moscop geschrien und dann brauchte es, trotz Ledergurten, immer noch vier Schwestern, damit ihr das Medikament injiziert werden konnte. Irgendwann hat sie sich dann beruhigt und ist eingeschlafen.
Bis heute habe ich den Namen dieses Medikaments nicht vergessen, nur für die richtige Schreibweise, musste ich im Internet nachschauen.
Erst nach Stunden erwachte sie aus ihrem Tiefschlaf und mit traurigen Augen, schlaffem Körper, bettelte sie weinend, dass sie aufstehen möchte, jedoch blieb sie bis am nächsten Tag am Bett fixiert. Sie konnte sich nicht waschen, nicht die Zähne putzen und um den Topf zu benützen, musste sie mehrmals nach der Schwester rufen. Da sie andauernd weinte, spritzte man ihr nochmals ein Medikament, mit dem sie ruhig wurde und einschlafen konnte. Am nächsten Morgen dann, kam der ganze Ärztetross und sie wurde mit Elektroschocks behandelt.
Vorher wurde ihr ausführlich erklärt, dass für ihre Krankheit, dies die einzige Heilungsmethode sei, damit sie eines Tages wieder nach Hause könne.
Unter Tränen hat sie alle Vorbereitungen über sich ergehen lassen, mir stockte der Atem und meine Kehle schnürte sich zu, denn sie wurde bespickt mit Elektroden und Kabeln. Ihre Schreie waren fast nicht auszuhalten und ich konnte nicht verstehen, dass diese Behandlung, in Anwesenheit so vieler Menschen, im Schlafsaal stattfinden musste. Wir waren doch keine Tiere, oder eben doch, denn hier wurden viele wie Tiere behandelt,
Menschen, mit denen nahezu alles erlaubt war.
Ich schloss meine Augen, hielt mir die Ohren zu, denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, dass es, mit so viel Schmerzen verbundene Behandlungsmethoden gibt. Die zwei, drei darauffolgenden Tage, war sie kaum ansprechbar, meistens im Bett liegend, döste sie vor sich hin, wie wenn sie sich in einem anderen Leben befinden würde.
Immer im Mittelpunkt des Geschehens, mussten wir miterleben, wenn sich wehrenden Frauen, unter Zwang und Handgreiflich, Tabletten und Spritzen verabreicht wurden, was viele veranlasste, verordnete Medikamente freiwillig einzunehmen.
Zwei junge Mädchen, ohne psychische Erkrankung, mit einem nicht zu bändigendem Freiheitsdrang, bildeten eine Einheit und entschlossen sich, vier Wochen später, einen Weg zu finden, diese Mauern hinter sich zu lassen.
Viele, leider unmögliche Szenarien spielten wir in Gedanken durch und übrig blieb, nur eine Flucht aus dem vergitterten Fenster, das sich neben meinem Bett befand.
Da wir uns im Parterre befanden, sollte dies möglich sein und mit einem gestohlenen Messer, machten wir uns daran, die in die Jahre gekommenen Schrauben des Gitters zu lockern und unser Glück war, dass die Fassade, ebenfalls marode, zusammen mit den Schrauben abfiel. Für uns war alles ein Abenteuer und wir haben viel gelacht, ohne uns Gedanken über eventuelle Konsequenzen zu machen, denn wir wollten einfach nur weg, da wir der Überzeugung waren, dass dies hier, ganz sicher nicht der richtige Ort für uns war.
EIN VIEL ZU KURZER AUSFLUG UND DER NÄCHSTE WECHSEL
Nach etlichen Tagen war es fast geschafft, wir mussten nur noch warten, bis die Dunkelheit uns helfen würde, das Areal ungesehen zu verlassen. Zeit genug, um uns um die letzten zwei Schrauben zu kümmern, dann das Gitter auf die Wiese fallen lassen und schwupp waren wir in Freiheit. Mein Herz schlug bis in die Fingerspitzen und bis zur letzten Haarwurzel, aber es gab kein Zurück mehr.
Als wir das Areal, das kein Ende nehmen wollte, hinter uns hatten, trennten sich unsere Wege, denn sie wollte unbedingt nach Hause und ich machte mich per Autostopp auf den Weg nach Zürich, um vielleicht, ein paar alte Bekannte wieder zu treffen.
Leider dauerte mein Ausflug nur drei Tage, bis die Polizei mich in Zürich aufgriff und wieder zurück brachte.
Mein Pech war, dass ich zusammen mit mehreren Jugendlichen, in einem leerstehenden Haus übernachten wollte, die Polizei eine Razzia durchführte und uns kurz nach Mitternacht sehr unsanft aus dem Schlaf gerissen, abführten.
Auf dem Weg nach Zürich, wollte ich bei meinem Vater um Hilfe bitten, der jedoch interessierte sich nicht für meine Probleme, drückte mir 70.- in die Hand und schickte mich weg.
Die Türschwelle zu überschreiten wurde mir von seiner Frau verboten, dabei hoffte ich so sehr, dass er mich zum Mittagessen einladen würde, leider vergebens. Sie wollte nichts mit seiner Vergangenheit zu tun haben und es tat mir weh, dass er überhaupt kein Interesse daran hatte, dass es seinen Kindern gut geht.
In meinem Innersten hat mich das in keiner Weise überrascht, trotzdem hoffte ich, in meiner misslichen Lage, in der ich mich befand, auf seine Hilfe, jedoch wurden meine stummen Schreie überhört.
Wieder wurde ich für drei Tage in einer Arrestzelle untergebracht, bevor ich zum zweiten mal ausgeliefert wurde.
Zurück in Münsterlingen, machte ich Bekanntschaft mit einer neuen Abteilung, aber es war mir so etwas von egal, denn ich war von mir selber enttäuscht, dass ich es nicht geschafft hatte, meine Freiheit etwas länger zu geniessen.
Auch über den Besuch bei meinem Vater, hatte ich noch nachzudenken, weil ich jetzt ganz sicher wusste, was ich ihm wert war und dass ich ihm, als sein Kind gar nichts bedeutete, doch damit war er in guter Gesellschaft, denn ich musste feststellen, dass er sich in keiner Weise von meiner Mutter unterscheidet, denn auch er konnte, oder wollte, keines seiner Kinder in sein Leben lassen.
Mit dem Polizeiwagen, wurde ich direkt vor mein neues Domizil chauffiert und an der Eingangstüre dem Pflegepersonal übergeben. Hier gab es nur ältere Patientinnen und Patienten, die Räumlichkeiten waren kalt, Renovationen längst überfällig und nur spärlich eingerichtet, mit Möbeln, deren Herstellungsjahr, wohl kaum mehr zu bestimmen war. Hier wurde ich von allen, auch vom Pflegepersonal, wie ein Mensch behandelt, so dass mein Dasein sich etwas beruhigte und ich mich in meiner aussichtslosen Situation besser einleben konnte.
Mein Bett stand in einem kleinen überschaubaren Zimmer, das ich mit einer etwa 80 jährigen Frau teilen musste, die kein Interesse zeigte, sich mit mir zu unterhalten und nur in ihrer eigenen Welt lebte.
Nicht eine Nacht konnte ich ruhig schlafen, da sie sicher fünfmal aufstand, im Zimmer auf und ab ging, um sich dann wieder ins quietschende Eisenbett zu legen.
Wir hatten beide einen Nachttisch, ein kleines Regal und für mehr hätte der Platz nicht gereicht. Das Zimmer befand sich unter dem Dach und durch ein kleines vergittertes Fenster, drang etwas Tageslicht in den Raum. Der Blick auf den See, war das Schönste an allem, wobei das Fenster so klein war, dass eine Vergitterung nicht nötig gewesen wäre.
Der Verputz fiel von den Wänden, die Holzdielen am Boden waren schmutzig und durchgelaufen und die Vermutung liegt nahe, dass dies hier, noch vor Jahren, eine ganz gewöhnliche Abstellkammer war, die aus Platzmangel, zum Zimmer umfunktioniert wurde.
Das Zimmer war nur über den Estrich zugänglich, hatte lediglich einen kleinen Heizkörper und da es inzwischen Spätherbst geworden war, natürlich sehr kalt.
Um nicht zu frieren, musste ich mehrheitlich mit den Kleidern schlafen, da die Bettdecke, altershalber sehr dünn war und eine Wolldecke nicht zur Verfügung stand.
Es roch nach Moder, da nebenan im Estrich nicht geheizt wurde und er vollgestopft war, mit ein paar hundert Kleiderbügeln und Kisten. Mit Kleidern, vermutlich der vergangenen zweihundert Jahre und Hüte, die sicher genau so alt waren.
Stundenlang stöberte ich in den alten Kleidern, wühlte in den Kisten und stellte mir in meiner Fantasie vor, was für Menschen diese Kleider einst trugen und wie sie ihr Leben meistern konnten.
Teils wunderschöne alte Kleider, mit Rüschen, Spitzeneinsätzen und Kordeln zum schnüren, von denen ich etliche, entstaubt, angezogen und mich damit in eine andere Welt träumen konnte. Immer den passenden Hut dazu, fühlte ich mich wie eine wichtige, reiche und schöne Dame, fehlte nur noch eine Zofe, der ich Befehle erteilen würde.
Zurück in meinen Kleidern, war ich dann doch wieder das alte Aschenputtel, auf der Suche nach dem eigenen Leben.

Im Aufenthaltsraum setzte ich mich oft stundenlang ans Fenster, betrachtete den See und die Vögel, die frei und graziös, über dem See schwebten und ihre Geschichten erzählten. Zwischendurch, in weiter Ferne, ein Boot, das ich mit meinem Blick so lange verfolgte, bis es am Horizont verschwand. Gleichzeitig, aber ohne eine Antwort darauf zu finden, versuchte ich mir vorzustellen, wie lange es wohl dauern würde, bis ich dies alles, ohne ein Gitter vor dem Fenster betrachten konnte.
Eine Krankenschwester besorgte mir Wolle und Stricknadeln, damit ich mich beschäftigen konnte. Einen Kinderpullover wollte ich stricken, nach einer Anleitung, die ich in einer alten Zeitschrift, in einem der Bücherregale fand, zudem hatte ich angefangen, mich in die unzähligen, verstaubten Bücher und Zeitschriften zu vertiefen.
Während meinem ganzen Aufenthalt, war ich die Einzige, die sich für das Bücherregal interessierte und ich fragte mich, für wen hier alles gestapelt wurde. Zeitschriften der vergangen dreissig Jahre, deren Inhalt längst überholt war und Berichte über Themen, die sich Jahre später, in eine ganz andere Richtung entwickelten.
Papier ist eben doch geduldig und so fand ich vieles sehr amüsant.
Ein wichtiger Bestandsteil im Aufenthaltsraum, war für mich der Fernseher, vor dem ich sehr viele Stunden verbrachte, um mich herum nur alte Menschen, die ich stundenlang beobachtete und beängstigend feststellte, wie still sie auf ihren Stühlen hockten, oder ohne Pause im Aufenthaltsraum und auf den Gängen, auf und ab spazierten, aber auch hier wurden alle, die noch fähig dazu waren, beschäftigt.
Kistenweise Duschhäubchen mussten eingepackt werden und wenn ich eine Abwechslung brauchte, zeigte ich mich solidarisch und setzte mich ebenfalls an einen Arbeitstisch.
Die längsten drei Monate meines Lebens bin ich nun schon hier, mein Vormund hat sich bis heute noch nicht gemeldet und auch sonst scheint niemand Interesse an mir zu haben, da anscheinend die ganze Welt vergessen hat, dass es mich gibt.
Meine Grosseltern und meine Patin, hatten keine Ahnung, dass ich hier eingesperrt war, da mir der Mut fehlte, mich bei ihnen zu melden, auch schämte ich mich, dass ich so tief gesunken war und immer noch kein richtiges Leben vorweisen konnte.
Wie hätte ich ihnen meine Situation erklären sollen, von der ich überfahren wurde und damit überfordert war.
Beim Rückblick auf diese drei Monate, stellte ich fest, dass ich durch meine rebellische Einstellung und meine Flucht, bereits in der dritten Abteilung angekommen war. Zuerst im Haus für junge Mädchen, wo man versuchte, mir das Arbeiten beizubringen, was jedoch auf diese Weise, sicher nur bei wenigen funktioniert hat. Sie wollten aus uns bessere Menschen machen, was auch immer sie sich darunter vorgestellt hatten und immer wieder musste ich mir sagen, dass niemand es verdient, so behandelt zu werden, schon gar nicht ich, denn ich war weder kriminell, noch arbeitsscheu und ganz sicher war ich auch nicht krank.
Auf der zweiten Station, waren die Kranken, die wirklich Hilfe brauchten und nun bin ich hier. Hier geht es den Menschen nur noch ums Warten, warten bis das Leben vorbei ist und tagtäglich wurde ich damit konfrontiert, denn viele waren sicher schon seit Jahren hier und hatten längst aufgehört, über ihr Leben, oder das Leben in Freiheit nachzudenken, denn es fand nur noch in diesen kalten und kahlen Räume statt.
Mit Tabletten vollgestopft, brav und ruhig, damit das Pflegepersonal, das nur spärlich eingesetzt wurde, nicht überfordert war. So war der ganze Tagesablauf aufs Minimum reduziert, was für mich von Vorteil war, denn ich wurde in Ruhe gelassen, konnte mich im ganzen Haus frei bewegen und niemand stellte mir Fragen.
Die alte Frau, mit der ich das Zimmer teilte, hatte ihre ganzen Habseligkeiten in einem Plastiksack verstaut, den sie den ganzen Tag mit sich herum trug, nachts unter ihrem Kopfkissen deponierte und zu gerne hätte ich gewusst, welche Schätze sie hütet, aber der Plastiksack war ein Bestandteil ihres Körpers.
Diese Menschen taten mir wirklich leid und für mich war eines Tatsache, sie wurden hier eingeliefert, viele sicher Zwangsweise, um sie einfach zu vergessen, denn die meisten erhielten, weder Besuch, noch Post von Familie oder Bekannten.
Meine Angst und meine Gedanken vermischten sich mit der Frage, ob man mich vielleicht auch vergessen würde, aber ich war mir sicher, ich werde weiter kämpfen und meinen Kampf eines Tages gewinnen.
Am 05. Oktober erhielten, mein Vormund und das Waisenamt Kreuzlingen wiederum ein Schreiben der Psychiatrischen Klinik, darin wurde ihnen meine Flucht mitgeteilt und ein Plan, mit empfohlenen Massnahmen.
Die Patientin hat gerade vor einigen Tagen noch, ihre Haltlosigkeit bewiesen, als sie sich von einer jugendlichen Mitpatientin verführen liess, aus der Klinik zu entweichen um sich in Zürich herumzutreiben, bis sie polizeilich aufgegriffen und zurückspediert wurde.
Wir sehen im Moment keine andere Möglichkeit, als folgendes Vorgehen:
Die Patientin sollte, schon aus Gründen der Disziplinierung und der Distanzierung von Rauschmitteln wenigstens drei Monate in der Klinik bleiben.
In dieser Zeit sollte sie durch das Waisenamt mit der Einweisung in Arbeitserziehung verwarnt werden, sofern sie weiterhin haltlos, liederlich und arbeitsscheu lebt.
Nach erfolgter Verwarnung sollte man sie nochmals in einer Familie platzieren und, falls sie wieder versagt, die Arbeitserziehung durchführen.
Weiter steht im Bericht:Wir sind uns aber, wie Sie darüber im Klaren, dass mit grösster Wahrscheinlichkeit auch die nächste Platzierung misslingen wird, weil man zunächst bei der Patientin auf lange Jahre hinaus noch eine schlechte Prognose stellen muss.
Mit solchen Berichten an die Vormundschaftsbehörde, hatte ich natürlich keine Chance, dass sich jemand ernsthafte Gedanken über meine Zukunft machen würde und die Zwangseinweisung durch die Behörden, wurde durch diese Prognose gestärkt und bestätigt.
Der Oktober ist zu Ende und auch mein Geburtstag ging vorbei, ohne dass irgend jemand an mich gedacht hatte. Einzelne Patienten und das Pflegepersonal, waren die einzigen, die mir gratulierten.
Mitte November teilte mir mein Arzt mit, dass ich entlassen würde, sobald ich einen Arbeitsplatz hätte, was ich am 20.11.1971 sofort meinem Vormund mitteilte.
Eine Woche später, endlich ein Lebenszeichen von meinem Vormund, der für mich eine Stelle in Laax gefunden hatte.
Wieder eine Familie mit zwei Kindern und obschon ich keine Haushaltsstelle mehr wollte, antwortete ich ihm umgehend, in der Hoffnung, hier bald entlassen zu werden. 
Zwei Wochen später.
Die Stelle war weg, weil mein Vormund sich nicht darum gekümmert hatte und in einem Brief an ihn, musste ich dann meinen Ärger loswerden.
Weihnachten stand vor der Türe, immer noch auf der gleichen Abteilung, war meine Stimmung genau so trostlos, wie das Wetter morgens über dem See.
Jeden Morgen beobachtete ich die Nebelschleier, wie sie über den See zogen und langsam verschwanden, meine Stimmung jedoch, war am tiefsten Punkt angekommen, denn man hatte mich nun doch vergessen, was natürlich für die Vormundschaftsbehörde das Einfachste war, so musste sich niemand mit mir auseinandersetzen, oder sich Gedanken über mein weiteres Leben machen.
Noch immer dachte ich an die verpasste Chance, hier entlassen zu werden und daran, dass ich dies ganz alleine meinem Vormund zu verdanken hatte, zudem ärgerte ich mich darüber, dass die Schuld dafür, auf meine Seite geschaufelt wurde, da mein Vormund sich keine Zeit nahm, sich seriös um mich zu kümmern.
Somit war für mich dieses Jahr bereits jetzt gelaufen und ich hatte auch keinen Grund, mich auf die bevorstehende Weihnachtszeit zu freuen.
Die Oberschwester bemerkte meine frustrierte Stimmung, organisierte Schachteln mit Weihnachtsdekorationen und bat mich, die Räumlichkeiten, so wie es mir gefiel, festlich zu schmücken. Für diesen kurzen Moment war meine Welt in Ordnung, denn mit Freude kam ich ihrer Bitte nach und beobachtet von vielen Bewohnern, brachte ich die Räume dazu, weihnachtlich zu strahlen.
Es wurde auch ein Christbaum organisiert, der sich, zwar etwas schief und sich sträubend, dann doch noch beugte um geschmückt zu werden.
Die Weihnachtstage waren wie alle Übrigen, leer, trostlos und nur ein paar Kerzen verbreiteten etwas Wärme, genau so wie damals bei meinen Pflegeeltern.
Weihnachtslieder im Radio, Weihnachtslieder im Fernseher und stille Nacht vor dem Christbaum, hatten es sehr schwer, meiner Stimmung etwas positives abzugewinnen, aber ich versuchte ruhig und nicht all zu traurig zu sein.
In meinen Gedanken wandere ich zwei Jahre zurück, als ich das letzte mal bei meinen Grosseltern die Weihnachtstage verbringen durfte, dachte an meinen Opa und daran, wie sehr ich ihn immer noch vermisse.
Traurig und einsam, im kalten Bett, weinte ich mich in den Schlaf.
Dann Silvester, schon wieder ein neues Jahr und schon wieder stellte ich mir in meinen Gedanken vor, dass sich im 1972 mein Leben ändern würde.
Seit nun mehr 18 Jahren wurde mein Leben durch Behörden und Ämter bestimmt und keine Ende war in Sicht, denn immer noch träumte ich von meiner Freiheit.
Freiheit, was für ein Wort, jedoch bedeutet es für jeden Menschen etwas anderes. Meine Freiheit, sind meine Gedanken und frei fühlte ich mich immer nur dann, wenn ich auf der Flucht war und meiner Suche nachging. Nun hatte ich hier schon so viel Zeit zum nachdenken, um immer wieder am gleichen Punkt anzukommen, an dem ich mir die Frage stelle, ob ich jemals am Ende meiner Suche ankommen würde.

Weitere zwei Monate gingen vorbei und von meinem Vormund, nach wie vor, kein Lebenszeichen. Nicht dass ich ihn vermisst hätte, aber ich möchte wieder leben, leben in Freiheit, um meinen Weg, meine Welt und mein Leben zu finden.
Der erste Monat im neuen Jahr war bereits vorbei und immer noch keine neue Stelle in Sicht, da mein Vormund sich überhaupt nicht darum kümmerte. Eingesperrt und somit, aus seiner Sicht, gut aufgehoben, musste er sich nicht über mich ärgern.
Der Winter hatte die ganze Natur im Griff und ich beobachtete die Vögel, die hungrig den Park bevölkerten und da kam mir die Idee, sie mit den Resten zu füttern, was mir auch erlaubt wurde. Das Pflegepersonal hatte inzwischen so viel Vertrauen zu mir, dass man mir die Türe aufschloss und ich durch den Park zum See gehen konnte, um die Möven zu füttern, die bereits nach ein paar Tagen, ganz ungeduldig auf mich warteten.
Ich setzte mich, warm eingepackt, auf eine Bank und war fasziniert, dass ich die Vögel, nach zwei Wochen, von Hand füttern konnte.
Auch der Blick auf den See, ohne Gitterstäbe dazwischen, vermittelte mir ein Gefühl der Freiheit, die ich mir so sehr wünschte.
Nach drei Wochen wurde mir dieser tägliche Ausflug, von der Klinikleitung verboten, da ich von anderen Abteilungen gesehen wurde und dadurch böses Blut entstand.
Nun durfte ich nur noch mit Begleitung in den Park, was bedeutete, dass ich für die Fütterung noch fünf Minuten Zeit hatte und somit die Vögel nicht mehr von Hand füttern konnte. Auch das Pflegepersonal konnte das Verbot der Klinikleitung nicht nachvollziehen, aber sie mussten sich natürlich daran halten.
Wieder einmal war das Mittagessen vorbei, ich wollte mich gerade über das Bücherregal hermachen, da wurde mir der Besuch meiner Schwester angekündigt.
Seit Jahren sind wir uns nicht mehr begegnet und ich war dementsprechend nervös, aber auch voller Vorfreude. Es stellte sich dann heraus, dass sie ebenfalls, schon seit ein paar Monaten hier in der Klinik war und mich nun endlich einmal besuchen durfte.
Bewacht von zwei Krankenschwestern, konnten wir uns zwei Stunden unterhalten und dann wurde sie wieder " abgeführt ".
Dies war der erste, der einzige Besuch und er war viel zu kurz, denn ich hätte noch so viel zu erzählen gehabt.
Wir unterhielten uns über die Zeit bei unserer Mutter und über den Stress, den wir anscheinend bei ihr ausgelöst hatten. Lachend erinnerten wir uns gegenseitig, an diverse provokative Handlungen, die wir nur veranstalteten, um unsere Mutter zu ärgern.
Auch Bestrafungen hinderten uns damals nicht daran, immer neuen Ärger zu suchen, um den Frust, vor unserem lieblosen Leben loszuwerden.
Ab Ende Februar durfte ich ohne Begleitung die Abteilung verlassen, um die Termine der Gesprächstherapien und Untersuchungen wahrzunehmen, die für mich nach wie vor, sinnlos, entwürdigend und lächerlich waren.
Ruhig und gelassen versprach ich der Oberschwester, dass ich nach der Therapiesitzung sofort zurück kommen werde, woran ich mich strikte hielt, schon weil ich nicht wollte, dass jemand auf Grund meines Verhaltens Probleme bekommt.
Zudem hoffte ich jeden Tag, auf eine positive Nachricht der Vormundschaftsbehörde und die wollte ich mir nicht verscherzen.
Auch konnte ich alleine, viele Spaziergänge am See unternehmen, bei denen mir bewusst wurde, dass ich versuchen musste, mein Leben auf irgendeine Weise zu drehen.
Gleichzeitig war mir jedoch klar, dass mein weiteres Schicksal, von den Behörden und Ärzten bestimmt wurde.
Kurz gesagt, ich fühlte mich wie in einem Karussell, das nicht anhalten wollte.
Meine Tage waren trotz allem trostlos und langweilig, da ich keine interessanten Beschäftigungsmöglichkeiten hatte, denn ich konnte nicht den ganzen Tag an der Fensterscheibe kleben, oder in den Fernseher schauen. Auch vom Stricken und von den Duschhäubchen hatte ich irgendwann genug.
Die ungelesenen Bücher im Aufenthaltsraum wurden immer weniger und von den übriggebliebenen, waren die meisten in alter deutscher Schrift, die ich jedoch bald beherrschte, so dass ich nun auch die Bücher von Ludwig Anzengruber und verschiedene Sachbücher über die Tierwelt verschlingen konnte.
Mit der Winterolympiade in Sapporo kam etwas Abwechslung in meinen Tagesablauf, da ich während dieser Zeit, jeden Morgen ab vier Uhr vor dem Fernseher, unseren Athleten die Daumen drückte und damit ich die Übertragungen nicht verschlafen konnte, organisierte mir meine Lieblingskrankenschwester einen Wecker.
So gingen die Wochen vorbei und es wurde März.
Längst hatte ich es aufgegeben, zu hoffen, dass mein Vormund sich melden würde, um mit mir eine Lösung zu finden, damit mein Leben in Freiheit weitergehen konnte.
Ende März wieder ein Schreiben der Klinikleitung an meinen Vormund, mit dem er aufgefordert wurde, für mich nun endlich eine Lösung zu finden, da mein Aufenthalt definitiv beendet werden sollte.
Inzwischen hatten auch die Ärzte kein Verständnis mehr für das Verhalten der Vormundschaftsbehörde, doch ich wartete vergebens, tagtäglich auf eine Nachricht.

Vier Wochen später teilte mir ein Arzt mit, dass von meinem Vormund nun endlich einen Ausbildungsplatz gefunden wurde und meiner Entlassung somit nichts mehr im Wege steht. Mein Leben und meine Freiheit, sie rufen.
Eine Stunde nach dem Gespräch mit meinem Arzt und zurück im Aufenthaltsraum, schoss ich mit Schrecken, wie von einer Nadel gestochen, vom Stuhl auf, denn ich hatte es versäumt, ihn zu fragen, um was für eine Ausbildung es sich handeln würde. Der Ärger über mich selber brachte in diesem Moment jedoch gar nichts, denn nun musste ich mich in Geduld üben und meiner Fantasie freien Lauf lassen.
Am 05. Mai nachmittags, wurde ich von meinem Vormund abgeholt und er fuhr mich zu meinem neuen Domizil. Erst auf der Fahrt erfuhr ich, dass er mir einen Ausbildungsplatz in einer Kinderkrippe besorgt hatte, wobei mir der Gedanke daran nicht unangenehm war, da ich Kinder liebte und ich freute mich darauf, mit ihnen zu arbeiten.
Endlich angekommen, konnte ich im Anbau der Krippe, eines von drei Zimmern beziehen, danach führte mich die Leiterin durch die Räumlichkeiten und erklärte mir den Tagesablauf.
Fest entschlossen beschwor ich mich selber, dieses Mal durchzuhalten, mein Bestes zu geben, damit alle zufrieden sind und ich vielleicht meinen Frieden mit meiner Vergangenheit finden würde.
Danach wurde über den Vertrag gesprochen, den mein Vormund bereits vorgängig für mich abgeschlossen hatte.
Pro Monat sollte ich 70.- erhalten, plus Logis und das Essen von Montag bis Freitag.
Da die Krippe am Wochenende geschlossen war und die anderen Angestellten nach Hause fuhren, wusste ich bereits nach fünf Minuten, dass dieser Betrag unmöglich reichen konnte, da ich die freien Tage schon wieder, auf mich gestellt, in einem Zimmer verbringen sollte. Zudem war keine Küche und auch kein Kühlschrank vorhanden, so dass ich mich mit kalter Küche anfreunden musste.
Mein sogenannter Lohn, sollte zudem noch für Schulmaterial, Toilettenartikel und Kleider reichen, sowie für das Bahnbillet, damit ich einmal pro Woche die Schule besuchen konnte.
Mein Magen fing an sich zu drehen und ich glaubte, an meinem entstehenden Ärger zu ersticken, aber ich musste unbedingt schweigen, mich unterordnen, denn ich war ja froh, dass ich nach über neun Monaten endlich aus der Psychiatrie entlassen worden war.
Auf keinen Fall wollte ich mir ein neues Ticket nach Münsterlingen einhandeln.
Wieder einmal wollte ich versuchen, das Beste, aus mir und meiner Situation herauszuholen.
Mein Vormund drückte mir 40.- in die Hand und verabschiedete sich.
Dieses Geld sollte für den ersten Monat reichen und ich musste davon noch Toilettenartikel kaufen und sein Versprechen, er würde mir noch Geld überweisen, wurde nicht eingehalten und ich war dann auch zu stolz, um mich bei ihm zu melden.
Die Arbeit mit den Kindern gefiel mir sehr gut, wäre da nicht mein Geldmangel gewesen, denn nach drei Wochen war alles aufgebraucht und ich konnte mir bereits am dritten Wochenende nichts mehr zu Essen kaufen. Beim ersten Schulbesuch musste ich für Lehrmaterial mehr als zehn Franken bezahlen und nun war ich blank. Meine Frustration begann bereits wieder zu keimen und um in meinem Zimmer nicht durchzudrehen, entschloss ich mich zu einem Spaziergang.
Per Autostopp fuhr ich bis zur nächsten Ortschaft und mit meinem letzten Geld wollte ich in einem Restaurant etwas trinken. Der Zufall lenkte mich ins richtige Restaurant, denn die Wirtin verwickelte mich in ein Gespräch und ab sofort hatte ich eine Nebenbeschäftigung im Service. Sie wollte am Wochenende etwas mehr Zeit für Mann und Kinder haben und somit war dies genau das Richtige für mich. Meine Welt war in Ordnung, denn nun hatte ich mein Trinkgeld, etwas zu Essen und konnte am Samstag auch da schlafen, wenn es mal später wurde.
Dann lernte ich den Vater meines ersten Kindes kennen und glaubte wieder einmal an die grosse Liebe und dass ich sie gefunden hätte.
Alleine, ohne Familie und ohne Freunde, fühlte ich mich wohl in seiner Nähe.
Es genügte mir, dass jemand da war, der mich beachtete, der mit mir ab und zu etwas unternahm und ich so unter Menschen kam.
Das Jahr ging langsam zu Ende und immer noch arbeitete ich von Montag bis Freitag in der Krippe und am Wochenende im Restaurant, wo ich auch Weihnachten verbringen durfte. Die freie Zeit, die noch blieb, verbrachte ich mit meinem Freund, fühlte mich glücklich und zufrieden.
Den Silvester wollten wir mit Bekannten, in einer zum Partyraum umgebauten Scheune feiern und ich freute mich darauf, in Gesellschaft auf das neue Jahr zu warten. Anfangs war alles sehr entspannt und auch lustig, denn alle mussten über ihren guten Vorsatz, für das neue Jahr sprechen und der Beste wurde mit einem Orden dekoriert. Gewonnen hat der Vorsatz, die Höhenangst, mit einem Fallschirmsprung zu besiegen. Meine erreichten Punkte reichten nur für den zehnten von vierzehn Plätzen, aber ich war schon glücklich, nicht letzte zu sein, denn ich wollte im neuen Jahr, mein Leben finden, was von den meisten nicht verstanden wurde. Es sollte ein schöner Abend werden, aber die Schnaps und Bierflaschen leerten sich so schnell, dass die Party bald eskalierte und einige bereits schon vor Mitternacht, wohl kaum mehr im Stande gewesen wären, ihren eigenen Namen zu buchstabieren.
Es wurde zunehmend lauter, da jeder den anderen übertönen wollte und belanglose Dinge zum Problem aufgebauscht wurden.
Trotz meinem Versuch, locker zu bleiben, fing ich innerlich an zu kochen, das konnte doch alles nicht wahr sein. Da ich immer noch keinen Alkohol trank, war ich schon wieder fehl am Platz und mit der unkontrollierbaren Situation überfordert, denn so hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Als mein Freund dann im Alkoholrausch noch ausfallend und beleidigend wurde, war für mich klar, dass ich diese Beziehung beenden musste.
Meiner Verliebtheit geschuldet und da wir zu wenig Zeit zusammen verbracht hatten, war mir nicht aufgefallen, oder wollte ich nicht sehen, dass er ein Alkoholproblem hatte.
Stillschweigend, ohne beachtet zu werden, kehrte ich der Party den Rücken und beendete wieder einmal ein Kapitel in meinem Leben.
Per Anhalter war ich eine Stunde später, traurig und erleichtert zugleich, in meinem einsamen Zimmer und als die Kirchenglocken das neue Jahr ankündigten, brach ich in Tränen aus, denn schon wieder sind mir die Strohhalme ausgegangen, an denen ich mich festhalten wollte.
In Gedanken rollte ich die letzten Stunden nochmals ab und kam zum Schluss, richtig gehandelt zu haben, zumal er nicht mal versucht hatte, mich aufzuhalten, denn er meinte lediglich, dass mein Verhalten, dumm, stur und lächerlich sei und ich müsste mich an solche Partys gewöhnen, wenn ich mit ihm eine Beziehung führen möchte.
War ich vielleicht doch zu stur, oder verfolgte ich die falschen Ziele, die mein Leben ändern sollten?
Wieder blieb ich ohne Antwort, eines wurde mir jedoch bewusst, ich konnte keine Beziehung führen, die vom Alkohol geprägt war und trotzdem bin ich im Laufe meines Lebens, immer wieder in solche hineingeraten, aber dazu später mehr.
Eine Woche später meldete er sich nochmals bei mir, jedoch machte ich ihm klar, dass für mich die Beziehung seit Silvester vorbei sei und es für uns keine gemeinsame Zukunft geben wird, da ich mir mein Leben nicht so vorstellen würde.
Nachträglich habe ich erfahren, dass der Alkohol in seinem Leben immer eine wichtige Rolle spielte und somit war ich mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ende Januar stellte ich mit Erschrecken fest, dass meine Tage ausblieben, jedoch glaubte ich anfangs noch an eine stressbedingte Verzögerung, aber drei Wochen später die Tatsache, ich war schwanger.
Es war Wochenende, ich war alleine und suchte verzweifelt, inmitten verweinter Papiertaschentüchern, nach einer Lösung.
Die beste Lösung wäre, mit meinem Exfreund klarzukommen, jedoch scheiterte ein ausführliches Gespräch kläglich, da der Alkohol für ihn weiterhin an erster Stelle stand und ich zudem nicht über meinen Schatten springen konnte, um die Beleidigungen der Silvesterparty zu vergessen.
Ende April und schon wieder rauben mir meine Gedanken den Schlaf, Gedanken an eine bald sichtbare Gewissheit, dieses Mal habe ich mein Leben selber an die Wand gefahren und musste alleine nach einem Ausweg suchen.
Ohne Lebenserfahrung, ohne Menschen in meinem Umfeld die mir helfen könnten, würde dies, das war mir bald bewusst, zu einer gewaltigen Herausforderung werden.
Meine Lehre konnte ich nun auch vergessen, denn wieder einmal werde ich einen Arbeitsplatz verlassen, ohne mich abzumelden. Mit einer Reisetasche und einem Plastiksack, in denen ich mein ganzes Leben verstaut hatte, machte ich mich, trotz allem wehmütig zurückblickend, auf einen Weg, den ich sehr gut kannte. Den Weg ins Ungewisse.
Durch meinen Exfreund hatte ich Beziehungen nach Romanshorn und fand trotz Schwangerschaft, eine Anstellung in einem Restaurant.
Das Wirtepaar wollte mir helfen und ich war ihnen unendlich dankbar.
Das erste Mal in meinem Leben hatte ich genug Geld, fühlte mich wohl und stellte fest, dass mich, beim Gedanken an das heranwachsende Geschöpf in meinem Bauch, ein Glücksgefühl durchströmte.
Wenn ich abends viel Trinkgeld hatte, musste ich meiner Chefin einen Teil abgeben und alle Beträge wurden in einem Kassenbuch notiert. Sie half mir damit, etwas Geld zu sparen, das ich in ein paar Monaten sicher sehr gut brauchen konnte.
Nachts, wenn ich aufgewühlt durch meine Zukunftsängste, nicht schlafen konnte, redete ich mit meinem Bauch, versprach meinem Baby, es immer zu lieben und immer da zu sein.
Nach ein paar Wochen brachte ich endlich den Mut auf, mich bei meinem Vormund zu melden, damit er wusste wo ich mich aufhielt. Für ihn war in erster Linie wichtig, dass ich eine Arbeitsstelle hatte und somit meinen Lebensunterhalt selber bestreiten konnte.
Mit wildem Herzklopfen, teilte ich ihm mit, dass ich ein Kind erwarte, jedoch mit dessen Vater die Beziehung beendet hätte.
Für einen Schwangerschaftsabbruch war es Gott sei Dank schon zu spät, so versuchte er mit allen Mitteln, mich zu überreden, mein Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben, was für mich jedoch nie in Frage gekommen wäre.
Mein Kind sollte nicht ungeliebt, die gleichen, oder ähnliche Erfahrungen machen, wie ich sie erleben musste und von diesem Gedanken getrieben, hatte mein Vormund nicht die geringste Chance, mit mir über dieses Thema weiter zu diskutieren.
Er musste sich damit abfinden.
In einem Vormundschaftsbericht wurde folgendes festgehalten:
Sie wollte von Anfang an ihr Kind nicht weggeben, das war ihr ureigenster Besitz.
Vielleicht hatte er sogar recht, mit seiner Behauptung, ich würde dieses Kind als meinen Besitz betrachten.
Für mich war dieses Kind auf jeden Fall wie ein Geschenk, mit dem ich versuchen wollte, alles anders, vor allem alles besser zu machen und gleichzeitig glaubte ich, dass ein Kind mir helfen würde, meinen Platz im Leben zu finden. Wie das jedoch geschehen sollte, fehlte mir der Plan, da ich nie die Gelegenheit erhalten hatte, zu lernen, mein Leben zu meistern.
Dies würde mir bald klar werden.
Bis Ende Juni arbeitete ich noch im Service, dann war ich bis zur Geburt im Maternite vom Triemlispital in Zürich, wo ich auf einer Abteilung für ledige Mütter, ein sehr gemütliches Einzelzimmer beziehen und mich bewusst auf mein Kind freuen konnte.
Es fehlte uns an gar nichts, denn wir konnten für unseren Aufenthalt im Hausdienst arbeiten, solange es gesundheitlich möglich war und die ärztliche Betreuung war rund um die Uhr gewährleistet.
Die Geburt und drei Wochen Erholung waren im Aufenthalt inbegriffen und wir wurden auf das Kommende vorbereitet.
Dann, am 21. Juli 1973 um 10.20, war ich der glücklichste Mensch auf der Welt.
Es war ein Junge und er bekam den Namen Michael.
Der Geburtsmarathon von fast einem Tag, waren beim ersten Blick in seine Augen vergessen.
Dieses Kind war wirklich ein Geschenk. 
Alles sollte anders werden. War ich vielleicht sogar am Ende meiner Suche angekommen?
Mein ganzes Leben hatte ich Nägel gekaut und eine Woche nach der Geburt stellte ich fest, dass ich unbewusst aufgehört hatte damit. Ich erinnere mich noch, wie stolz ich nach drei Wochen war, als ich sie das erste mal in meinem Leben, mit einer Feile bearbeiten konnte.
Dieses, mein Kind, sollte mir helfen, das Leben zu finden, nach dem ich auf der Suche war, denn damals glaubte ich, dass mir durch die Liebe zu meinem Kind, ein paar Stolpersteine weniger vor die Füsse fallen würden.
Bald sollte ich jedoch feststellen, dass Steine sehr schnell zu Felsbrocken werden können.

Wieder begann ein neuer Abschnitt in meinem Leben, in dem ich versuchen wollte, alles richtig zu machen.
In einem Mutter-Kind Heim fand ich einen Platz, konnte wieder ein sehr schönes Zimmer beziehen, in dem ich, nun alleine mit meinem Sonnenschein, unendlich glücklich war.
Stundenlang konnte ich an seinem Bettchen sitzen, ihn betrachten, wollte alles dafür tun, dass er glücklich wird, seinen Platz im Leben findet und er sollte nie mit negativen Kindheitserinnerungen zu kämpfen haben.
Nach drei Monaten fand ich eine Anstellung in einer Fabrik und verdiente endlich mein eigenes Geld. Die Unterkunft und das Essen musste ich nun selber bezahlen, jedoch blieb mir genug Taschengeld, um mir ab und zu einen kleinen Wunsch zu erfüllen.
Inzwischen war ich volljährig und wartete auf die Entlassung aus der Vormundschaft, aber ich musste unglaublich viel Geduld aufbringen, da mein Vormund, wie bereits in vergangener Zeit, kein Interesse zeigte, die nötigen Schritte zu unternehmen.
Der Frühling 1974 zeigte bereits seine ersten Blüten und immer noch wartete ich auf die nötigen Papiere, die mir mein eigenes Leben bestätigen würden. Ich entschloss mich, selber aktiv zu werden und meinen Vormund vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Wie sollte meine Zukunft aussehen und wie würde ich dahin kommen?
Da erinnerte ich mich, wie gerne ich im Service gearbeitet hatte, dass ich den Umgang mit vielen verschiedenen Menschen liebte und dies wohl auch das einzige Talent war, das ich hatte.
Also entschloss ich mich, eine Stelle im Service anzunehmen, wo ich gleichzeitig wohnen, mein Kind bei mir haben konnte und fand auf Anhieb das Richtige.
Da lernte ich dann meinen Mann kennen, der total vernarrt in den Kleinen war und ich brachte es fertig, alles, was sonst noch wichtig gewesen wäre, einfach auszublenden.
Erst viele Jahre später wurde mir dann klar, dass ich im Grunde nur einen Vater für mein Kind gesucht hatte, denn ich wollte unbedingt eine eigene Familie, irgendwo zu Hause sein und damals glaubte ich, es meinem Kind schuldig zu sein und dass ich nicht das Recht hätte, ihm diese Erfahrung vorzuenthalten.
Bereits nach kurzer Zeit sind wir bei ihm eingezogen, so konnte ich abends arbeiten, wenn er zu Hause war.
Er war ein sehr zuverlässiger Mensch und ich konnte mich voll und ganz auf ihn verlassen.
Immer noch fehlte mir die schriftliche Bestätigung der Vormundschaftsbehörde, die meinen Vormund veranlasste, den Versuch zu starten, mir mein Kind wegzunehmen, aber ich wehrte mich und dank meiner Hartnäckigkeit konnte ich diesen diesen Kampf gewinnen.
Nach drei unangemeldeten Besuchen von Behörden, die zu keinerlei Beanstandungen führten, erhielt ich endlich die langersehnten Unterlagen.
20 Jahre wurde über mein Leben, durch Behörden und Ärzte bestimmt, aber nun sollte mein neues Leben beginnen und in meinen Träumen war alles perfekt.
Bald darauf war ich schwanger, im Frühjahr 1975 wurde geheiratet und trotz einem beklemmenden Gefühl, war ich fest davon überzeugt, das Richtige zu tun.
Mit dem Umzug in eine schönere Wohnung und mit der Geburt unserer Tochter, die im Juni zur Welt kam wollten wir versuchen, als Familie zusammenzuwachsen, jedoch wussten wir beide nicht, wie wir unseren Alltag bewältigen sollten.
Die Schwierigkeiten waren vorprogrammiert, da wir mit ganz normalen Alltagsproblemen nicht umzugehen wussten, aber das Schlimmste war, wir hatten beide nie gelernt, Probleme zu diskutieren und so blieb vieles unausgesprochen, in der Luft hängen.
Mein Mann war bei einer Pflegemutter, im Kinderheim und als Verdingbub aufgewachsen, hatte dadurch eine schlechte Schulbildung und innert kurzer Zeit, hatte ich Probleme damit umzugehen.
Heute muss ich zugeben, dass mir dies bereits zu Beginn aufgefallen war, ich jedoch glaubte, dass es sich nicht so gravierend auf unser Leben auswirken würde.
Kommt noch dazu, dass ich überhaupt keine Beziehung zum Geld hatte, so dass sich die unbezahlten Rechnungen bald häuften. Es wurden Kredite aufgenommen, die nur mit Mühe zurückbezahlt werden konnten, somit war das Chaos bereits vorprogrammiert.
Eigentlich sollte ich doch glücklich sein, ich hatte zwei wunderbare Kinder, die ich über alles liebte, einen Mann, der sein Bestes versuchte und der wie ich, überhaupt keinen Alkohol trank, was für mich sehr wichtig war.
Was suchst du, was brauchst du, um zufrieden und glücklich leben zu können. Immer wieder stellte ich mir diese Fragen und meine Gefühle und Gedanken kämpften miteinander, um unserer Familie eine Chance zu geben.
Es funktionierte trotz allem nicht und nach vier Jahren war ich wieder alleine, aber nun mit zwei Kindern.
Schon wieder hatte ich nicht das Richtige gefunden und mein Leben war wieder zum Chaos geworden, obschon ich mir alles so schön ausgemalt hatte, konnte ich nichts davon festhalten.
Mein Leben wurde schon wieder geprägt durch meine Suche und ich war auf der Flucht, dieses mal jedoch vor mir selber.
Dann begann der jahrelange Kampf mit Behörden, um die Kinder behalten zu dürfen.
Auch die Scheidung, glich einer Schlammschlacht in der Arena, denn meine Vergangenheit versuchte immer wieder, mich einzuholen, aber ich gab ihr keine Chance und kämpfte wie eine Löwin. Immer wieder wollte man mir die Fähigkeit absprechen, für meine Kinder sorgen zu können, aber ich lernte, mich zu wehren und durchzusetzen, denn sie waren zum wichtigsten Teil in meinem Leben geworden und ich wollte alles dafür geben, dass es so bleibt. Beide Kinder wurden sogar kurzfristig, durch die Behörden, bei einer Pflegefamilie platziert, da mein Mann das Sorgerecht für seine Tochter einklagte.
Da es immer nur um seine Tochter ging und ich die Kinder nicht trennen wollte, willigte ich ein, dass ich meinen Sohn, bis zur endgültigen Entscheidung, beim Pflegeplatz belasse.
Bald merkte ich, dass ich diesen Fehler so rasch wie möglich korrigieren musste, also holte ich, ein paar Monate später, meinen Sohn wieder zu mir.
Behördenmühlen mahlen langsam und die Situation wurde zu einer Zerreissprobe, bei der zum Schluss niemand etwas zu gewinnen hatte.
Dann kam der Tag, an dem sich alles wieder ändern sollte. Ohne Anmeldung wollte ich meine Tochter besuchen und schon bevor ich richtig ausgestiegen war, klammerte sie sich an mich, wurde mir jedoch von der Pflegemutter vom Arm gerissen.
Sie wollte mir verbieten, ohne Anmeldung, mein Kind zu besuchen und in dem Moment wusste ich, dass ich etwas unternehmen musste.
Ohne die finanziellen Mittel für einen Anwalt, entschied ich mich, handschriftlich, ein Schreiben an das zuständige Bezirksgericht zu verfassen, obschon meine Hoffnung auf eine Antwort sehr klein war.
Für einmal im Leben hatte ich jedoch Glück und es kam ein Gerichtstermin zustande, bei dem festgestellt wurde, dass die Behörden ihre Pflicht nicht nach Gesetz, sondern nach eigenem Gutdünken ausgeführt hatten.
Das Gericht entschied, dass ich sehr wohl im Stande wäre, auch für meine Tochter die richtigen Entscheidungen zu treffen und für sie zu sorgen.
Um eine Chance zu haben, hätten die Behörden für beide Kinder einen Antrag stellen müssen, dies jedoch wurde versäumt.
Wie aus weiter Ferne hörte ich dem Richter zu und mein Herz klopfte wie wild, denn ich hatte gewonnen.
Erleichtert und unter Tränen, bedankte ich mich beim Gericht und war glücklich, dass sich nun doch noch alles zum Guten gewendet hatte.
Nach wie vor hasste ich mein Übergewicht und ich musste wieder einmal feststellen, dass Menschen hauptsächlich über ihr Erscheinungsbild eingestuft und beurteilt werden. Mit den Behörden hatte ich jeweils persönlichen Kontakt, heute jedoch kam ein Urteil zustande, das ich meinen schriftlichen Schilderungen zu verdanken hatte.
In meinem ganzen Leben, bis zum heutigen Tag, versuche ich immer, bei allen Menschen, ohne das Erscheinungsbild zu beurteilen, zuerst die positiven Seiten zu finden, bevor ich mir dann, vielleicht ein Urteil erlaube.
Geprägt durch mein Leben, bin ich mit Urteilen sehr sparsam, da ich nicht in die Vergangenheit des Einzelnen schauen kann und dies auch nicht möchte.

Nachdem ein wenig Ruhe eingekehrt war, entschloss ich mich mit meinen Kindern in einen anderen Kanton zu ziehen, um ein neues Leben zu beginnen.
Es war sehr schwierig für mich, Kinder und Arbeit unter einen Hut zu bringen und immer die Angst im Nacken, dass das Geld nicht bis zum Ende des Monats reichen wird.
Mein Stolz verhinderte jedoch einen Gang zum Sozialamt und oft fragte ich mich, warum ich es nicht schaffte, ihn auszublenden, um vielleicht etwas befreiter leben zu können.
Meine Angst vor Behörden und einer unausweichlichen Überwachung, lebte immer mit mir und hielt mich zusätzlich zurück.
Es folgten weitere, kurzfristige Beziehungen, jedoch ohne meine Überzeugung, dass ich mich wohl fühlen könnte, waren sie sehr schnell dem Untergang geweiht.
Zuerst kamen die Kinder und immer glaubte ich, dass sie darunter leiden würden, so war das Thema dann für mich schnell wieder vom Tisch.
Alleine mit zwei Kindern, immer die Suche nach der passenden Anstellung, zwangen mich wieder zu einem Umzug.
Da ich keine Hilfe hatte, musste die Distanz zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, so klein wie möglich sein und dies war auch für meine Kinder nicht einfach, da sie an jedem neuen Ort, wieder neue Freundschaften suchen und aufbauen mussten.
Erst viele Jahre später, wurde mir bewusst, was ich damals von meinen Kindern verlangt hatte.
Getrieben vom Wunsch, endlich irgendwo anzukommen, um meine ständige Existenzangst ausschalten zu können, musste ich weiter suchen, denn immer noch klammerte ich mich an den Gedanken, dass auch für mich dieser Ort irgendwo wartet.
Dann fand ich Anfang 1982 eine ideale Anstellung in einem Hotel, was jedoch bedeutete, dass wir wieder umziehen mussten. Sehr schnell fand ich eine Altbauwohnung im gleichen Dorf und somit war für eine kurze Zeit, unsere Welt wieder in Ordnung.
Eine kleine Küche, im Gang ein Ölofen, der die ganze Wohnung heizte und einen Mietzins, den ich bezahlen konnte.
Meine Arbeit gefiel mir sehr gut und ich war dankbar, dass meine Arbeitszeiten auf meine Kinder abgestimmt wurden.
Am Mittag konnten sie im Hotel essen, wofür ich eine Stunde länger arbeiten musste und um vier Uhr hatte ich Feierabend. Sehr oft durfte ich die Resten vom Mittag mit nach Hause nehmen und mit ein bisschen Fantasie, war unser Nachtessen perfekt.
In dieser Zeit stellte ich fest, auf wie viele Arten sich ein Servelat zubereiten lässt.
Am Wochenende war ich, mit wenigen Ausnahmen, für meine Kinder da und ich war mir sicher, jetzt ist unser Leben in Ordnung.
Meine Kinder waren nun sieben und neun Jahre alt und wir hatten uns ein schönes Leben aufgebaut, obschon wir nichts im Überfluss hatten.
Froh war ich, dass ich mir immer ein Auto leisten konnte, das unseren Alltag sehr erleichterte, weil ich dadurch mehr Zeit mit den Kindern verbringen konnte.
Dann kam der Sommer 1982, der meinem Leben, die wohl schlimmste Wendung geben sollte.
Es war Samstag und ich sollte am Abend noch arbeiten, da im Saal eine Hochzeitsfeier stattfand. Meine Kinder fuhren nach dem Mittagessen, mit dem Fahrrad ins Schwimmbad, wo sie sich mit ihren Schulfreunden treffen wollten. Es war klein und überschaubar, mit Bademeister und ich kam nie auf die Idee, dass etwas passieren könnte.
Sie sollten um fünf Uhr zu Hause sein, da ich um sieben Uhr zur Arbeit musste und ich noch mit ihnen zusammen etwas essen und Zeit verbringen wollte. Bis zu diesem Tag konnte ich mich immer darauf verlassen, dass sie pünktlich waren.
Dann überschlugen sich die Ereignisse, denn mein Sohn kam alleine nach Hause und erklärte mir, dass seine Schwester das Schwimmbad bereits um vier Uhr verlassen habe und nach Hause wollte.
Da sie viele Schulfreundinnen hatte, war ich in keiner Weise besorgt und glaubte, dass sie jeden Moment zu Hause sein wird.

WAS KANN EIN MENSCH ERTRAGEN
Die Zeit wurde knapp, denn ich sollte zur Arbeit und ich wollte nicht zu spät kommen, also stieg ich ins Auto, fuhr die Strecke bis zum Schwimmbad mehrmals ab und fragte bei Schulfreundinnen nach, aber niemand hatte sie gesehen.
Es erschien mir unmöglich, dass sie auf diesem kurzen Weg, einfach verschwinden konnte.
Auch von ihrem Fahrrad fehlte jede Spur und eine ungeheure Angst stieg in mir hoch, denn in dem Moment wusste ich, da sie bis zu jenem Tag immer zuverlässig war, dass etwas passiert sein musste.
In meinen Gedanken stellte ich mir vor, dass sie einen Unfall mit ihrem Velo hatte, nun irgendwo liegt und Hilfe braucht. Nach über einer Stunde und am verzweifeln, gab ich meine Suche auf, denn ich wollte und musste pünktlich im Geschäft sein, jedoch sollte mein Sohn mich sofort anrufen, wenn sie nach Hause kommt.
In meinen Gedanken durchlebte ich alle möglichen Szenarien und dann, eine Stunde später, das erlösende Telefon, aber sie wollte mir nicht erzählen wo sie war und erst nach langem Fragen erfuhr ich, dass sie mit zwei Männern im Wald war, aber sie niemandem davon erzählen dürfe, weil dies ein Geheimnis sei.
Jede Ader in meinem Körper erstarrte und ich hatte das Gefühl, dass jemand mir den Boden unter den Füssen wegzieht und mir wurde bewusst, dass etwas fürchterliches passiert sein musste.
Im gleichen Moment brach meine Tochter, am anderen Ende der Leitung, in Tränen aus, mein Chef schickte mich umgehend nach Hause und ich rief die Polizei. Die Fahrt nach Hause, nur ein paar hundert Meter, kamen mir wie eine Ewigkeit vor, was würde mich erwarten und würde ich es schaffen, stark zu sein.
In einem sauberen Pyjama, lag sie auf der Polstergruppe, die schmutzigen Kleider waren in der ganzen Wohnung verstreut und auf dem Tisch lag ihre Zahnbürste. Sie wollte sofort ins Bett gehen, da sie müde sei und Hunger habe sie auch keinen.
Bevor ich ihr erklären konnte, dass dies noch nicht möglich ist, war schon die Polizei da.
Ihnen musste sie dann erzählen, was mit ihr geschehen war und wie aus weiter Ferne, hörte ich ihren Schilderungen zu, die mir den Verstand raubten und schlagartig wurde mir bewusst:
Jetzt ist unser Leben vorbei.

In Tränen aufgelöst, war ich nicht fähig, ihr irgend eine Frage zu stellen, denn alles in mir war blockiert und mein Kopf weigerte sich, ihre Worte zu realisieren.
Mit allem hatte ich die letzten drei Stunden gerechnet, mir alles mögliche vorgestellt, aber ein so abscheuliches Verbrechen, kam in meinen Vorstellungen nicht vor.
Es waren zwei 20 jährige Männer, die meine Tochter missbraucht hatten und ihr Leben damit zerstörten, denn es wurde für immer geprägt. Sie hat es bis heute nicht geschafft, diesen Missbrauch zu verarbeiten und sie wird für den Rest ihres Lebens darunter leiden.
Sie musste Taten über sich ergehen lassen, die widerlich und abscheulich, nie mehr aus ihren Gedanken verschwinden werden.
Sie ist seit Jahren in ärztlicher Behandlung, leidet ebenfalls seit Jahren an immer wiederkehrenden Depressionen und psychosomatischen Schmerzen.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, organisierte dann die Polizei, eine notwendige Untersuchung beim Arzt, die noch am gleichen Abend stattfinden musste. Da ich unter Schock stand, war ich nicht in der Lage zu verlangen, dass die Untersuchung von einer Ärztin durchgeführt werden sollte.
Den unnötigen und geradezu primitiven Kommentar des Arztes, werde ich auch nie mehr vergessen, denn er meinte, man sollte das Ganze nicht zu fest aufbauschen, da Kinder in diesem Alter, gerne Doktorspiele veranstalten würden.
Und ich, ich stand wie gelähmt da und war unfähig, auf irgendeine Weise zu reagieren.
Alles hätte ich dafür gegeben, ihr diese Untersuchung zu ersparen, aber sie war wichtig für den Untersuchungsrichter.
Sie lag in meinen Armen, weinte fürchterlich, wollte sich nicht anfassen lassen und nur mit viel Ablenkung, konnte der Arzt sie untersuchen.
Danach eine Tatortbesichtigung, die ich ihr ebenfalls nicht ersparen konnte, da sie zurück in die Hölle, das Geschehene nochmals durchleben und schildern musste, damit der Tathergang schriftlich festgehalten werden konnte.
Es wurden alle Spuren gesichert, aufgenommen und teilweise fotografiert.
Spuren, bei denen ich mit Übelkeit zu kämpfen hatte und bis heute es nicht schaffte, diese Bilder aus meinem Gedächtnis zu löschen.
Der Tatort, in entgegengesetzter Richtung zum Dorf und nur zu Fuss erreichbar, wurde abgesperrt, denn die Dunkelheit schlich bereits heran und man wollte bei Tageseinbruch weitere Spuren sichern.
Eine Baumgruppe, auf einem kleinen Hügel und von keiner Seite einsehbar, wurde zum schrecklichsten Ort unseres Lebens.
Auf der Fahrt nach Hause ist sie dann eingeschlafen und ich war froh, dass sie von einem der Polizisten in die Wohnung getragen wurde, wo sie in meinem Bett weiter schlafen konnte.
Mein Sohn war ebenfalls verwirrt und auf seine Fragen erklärte ich ihm, dass jemand seiner Schwester sehr weh getan hätte und ich war froh, dass er mit dieser Antwort zufrieden war.
Da lagen wir nun, alle drei in meinem Bett und mir wurde bewusst, dass ab sofort nichts mehr so sein wird, wie bis jetzt. Mit diesen Worten im Kopf versuchte ich, zusammen mit meinen Kindern, die restliche Nacht und den Sonntag zu überstehen.
Die Polizei hatte auch eine Nachtschicht vor sich und setzte sofort alle Hebel in Bewegung, um die Täter zu finden.
Der Bademeister kannte alle, die sich an diesem Nachmittag im Wasser tummelten und ihm war aufgefallen, dass zwei jungen Männer, mit den Kindern im Wasser spielten und wohl geplant, sich eines der Mädchen aussuchten, um ihr Vertrauen zu gewinnen.
Als meine Tochter dann jedoch alleine das Areal verlassen hatte, machte er sich keine weiteren Gedanken.
Mit den Namen der zwei Täter, konnte die Polizei nun handeln und am Sonntag früh um sechs Uhr, wurden beide verhaftet.
Die Verhaftung wurde bewusst auf den frühen Sonntag morgen verlegt, damit sie sicher zu Hause waren und sich nicht absprechen konnten.
Die Kantonspolizei teilte mir die Festnahme persönlich mit, jedoch wollten sie mir über nähere Details keine Auskunft geben, da sie der Meinung waren, ich würde dies noch nicht verarbeiten können, da es auch für sie, als nicht betroffene, kaum zu begreifen wäre.
Nur so viel sei gesagt, ihnen seien die Haare zu Berge gestanden.

Irgendwie schaffte ich es, die ersten zwei Tage danach zu überstehen, aber es war niemand da, der uns Hilfe angeboten hätte und so waren wir alleine, mit der psychischen Belastung und mit allem, was sonst noch damit zusammen hing.
Dennoch sollte ich stark sein für meine Kinder, aber ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen und nicht mehr arbeiten.
Trotzdem musste ich versuchen weiter zu leben.
Der Arzt verschrieb mir Tabletten zur Beruhigung, die ich jedoch nach ein paar Tagen absetzte, da ich nun gar nicht mehr klar denken konnte, den ganzen Tag nur noch vor mich hin döste und mich fühlte, wie wenn ich in einer Nebelwand gefangen wäre.
Mein Leben war ein einziger Alptraum, drohte in dieser Katastrophe zu versinken, denn ich war nur noch im Stande aufzustehen, um meine Kinder zu versorgen und den Rest des Tages verbrachte ich vor dem Fernseher, mit dem ich versuchte, die Stille um mich herum zu vertreiben.
Nachdem ich dann doch noch von der Polizei über einige Details der Tat Kenntnis erhielt, spukten nun zu allem Elend, auch noch diese Bilder in meinem Kopf umher, was meine seelische Verfassung noch verschlechterte.
Nachts lag ich stundenlang wach und stellte mir vor, was mit meinem kleinen Mädchen, an jenem verhängnisvollen Tag alles passiert war, mit dem Resultat, dass ich die halbe Nacht durch die Wohnung tigerte, um dann doch noch todmüde ins Bett zu fallen.
Etwa drei Wochen später, die Kinder waren beide zu Hause, klingelte es an der Türe und da stand er, der Vater von einem der Täter.
Er war Italiener und am Boden zerstört, versuchte er weinend, sich für seinen Sohn zu entschuldigen und wollte mir erklären, dass er ein ganz normales Kind war und nie etwas darauf hin deutete, dass er sich in diese Richtung entwickeln würde. Schweigend hörte ich ihm zu, konnte jedoch kein Mitgefühl aufbringen und um in meine Ruhe zurückzukehren, habe ihn gebeten zu gehen und uns nicht mehr zu belästigen.
Erst viel später wurde mir bewusst, wieviel Mut er vermutlich aufbringen musste, um uns zu besuchen.
Trotz allem, ich musste versuchen, unser Leben wieder in eine normale Bahn zu lenken, aber das war sehr schwer, denn zuerst musste ich versuchen, mich in meinen Gedanken mit diesem Verbrechen auseinanderzusetzen.
Wie sollten wir es schaffen, in ein normales Leben zurückzukehren, ohne Hilfe und was noch schlimmer war, ohne Plan.
Jedes Mal wenn ich aus dem Haus musste, wollte jemand wissen, was genau passiert war und von denen, die nicht fragten, wurde ich mitleidig beobachtet.
Trotz allem stand ich nach zwei Wochen wieder an meinem Arbeitsplatz, den ich nicht aufgeben, oder vielleicht sogar verlieren wollte, da er mir die finanzielle Absicherung gab, die ich brauchte, um weiter leben zu können.
Auch die Kinder sollten wieder zur Schule, mit einer leisen Hoffnung, dass ein bisschen Normalität, uns vielleicht ein Stück Leben zurück bringen würde.
Zwei Monate später musste ich feststellen, dass ich mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren konnte, da ich mit meinen Gedanken immer bei meinen Kindern war und ich schon bei einer Verspätung von fünf Minuten, in Panik ausbrach.
Schweren Herzens musste ich kündigen, um mich mehr um die Kinder und um unsere Zukunft kümmern zu können.
Dieses Arbeitszeugnis ist das Einzige, das ich aufbewahrt habe, weil es für mich immer ein wichtiger Bestandteil ist und zum schlimmsten Abschnitt meines Lebens gehört.
Schweren Herzens, für uns jedoch Lebensnotwendig, meldete ich mich beim Sozialamt, um Unterstützung zu erhalten, die es mir ermöglichen sollte, nur noch stundenweise zu arbeiten, damit ich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen konnte.
Vielleicht würde die Zeit ein paar der Wunden heilen und ich war der Überzeugung, dass wir dies nur zusammen schaffen würden.
Der erste Gang zum Sozialamt war grässlich, denn ich schämte mich und hätte liebend gerne einen anderen Weg gewählt.
Knapp 2000.- sollte ich erhalten und die musste ich persönlich abholen.
Mit schlechtem Gewissen betrat ich das Büro und am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, aber ich brauchte das Geld um zu überleben, denn noch wusste ich nicht, wie es weiter gehen sollte.
Meine Kinder sollten nicht auch noch leiden, weil das Geld nicht mehr reichte.
Bevor der zuständige Sachbearbeiter mir das Geld in die Hand drückte, musste er noch seinen Frust loswerden, indem er mir erklärte, dass die Berechnung für diesen Betrag, seiner Meinung nach, an den Haaren herbeigezogen wurde.
Wieder stand ich da, konnte nichts erwidern, brach lediglich in Tränen aus und ging wortlos aus dem Büro. Dieser Mensch hatte keine Ahnung, wie schlecht es uns ging und dass ich gezwungen war, diesen Weg zu wählen.
Nach zwei Monaten meldete ich mich beim Sozialamt wieder ab, da ich solche Demütigungen nicht auch noch ertragen konnte und es auch gar nicht wollte.
Mit der letzten Kraft, die ich noch hatte, musste ich versuchen, unser Leben auf andere Weise, wieder annähernd in den Griff zu bekommen.
Nach kurzer Zeit hatte ich drei Aushilfsstellen im Service und war jede freie Minute für meine Kinder da, in der Hoffnung, dass ein bisschen Normalität zurückkehren würde.
Die Monate vergingen, aber es ging mir nicht wirklich besser und ich musste meinen Kindern Tag für Tag eine gewisse Normalität vorspielen, da ich sie nicht in den Strudel meiner Gedanken ziehen wollte.
Meine Tochter hatte inzwischen Schlafprobleme und Schreianfälle, war nur mit viel Geduld zu beruhigen, worauf der Arzt ihr Valium verschrieb, die ich jedoch nach einiger Zeit wieder absetzte, da ich Angst hatte, ihre Gedanken zu verlieren, zudem war sie sehr still geworden.
Um meine Kinder und auch mich etwas abzulenken und zu beschäftigen, holten wir im Tierheim einen Hund, mit dem wir lange Spaziergänge unternahmen, die auch für meine Gesundheit von Vorteil waren.

Knapp ein Jahr später wusste ich, meine nächste Flucht und meine weitere Suche, war in greifbarer Nähe und ich machte mir schon wieder Gedanken, wann und wohin mich meine Reise führen könnte.
Ein kleines Dorf, eine kleine Schule und ein kleines Mädchen, dem ich dies nicht mehr zumuten konnte und auch nicht durfte, da alle wussten was passiert war.
Vielleicht würde eine neue Umgebung meiner Tochter helfen, die grausamen Erlebnisse besser zu verarbeiten, aber mir war auch klar, dass unser Leben nie mehr das Gleiche sein würde, wie vor der grauenhaften Tat.
Über eine Anzeige lernte ich einen Mann kennen, der im Wallis zu Hause war und in mir reifte ein Gedanke. Sollte ich mich auf dieses Abenteuer einlassen, wäre dies die weiteste Flucht meines Lebens. Im Moment wusste ich nur eines, hier konnte ich nicht bleiben.
Nach wie vor war niemand da, der mich unterstützt hätte, oder den ich hätte um Rat fragen können.
Da ich zudem seit Jahren immer wieder schweres Asthma hatte, wäre ein Umzug vielleicht auch für meine Gesundheit von Vorteil.
Die nächsten Monate verbrachte ich mit den Kindern ab und zu ein paar Tage im Wallis, ich musste herausfinden, ob ich dort leben könnte und ob es für meine Kinder die richtige Entscheidung wäre.
Die Monate gingen vorbei und wir hatten ein wenig in den Alltag zurückgefunden, als ich von Bekannten erfuhr, dass sich einer der Täter das Leben genommen hatte und somit war alles wieder zurück und drohte uns erneut zu verschlingen.
Meine Kinder, mich und den Kampf, unser Leben in der Spur zu halten. Für meine Umgebung und das ganze Dorf, wurde das Verbrechen wieder zum Tagesgespräch.
Dann dachte ich daran, wie sein Vater bei mir im Wohnzimmer um Vergebung für die Tat seines Sohnes gebeten hatte, ich jedoch nicht in der Verfassung war, ihm zuzuhören.
Distanziert von der eigenen Familie, war auch der Täter, alleine mit der Erinnerung an seine abscheuliche Tat, mit der er nicht mehr fertig wurde und nun keinen anderen Ausweg mehr wusste, als sein Leben zu beenden.
Alle Menschen, die ich kannte, verfolgten mich wieder mit ihren Blicken und es fehlte noch ein kleiner Schritt und dann würde ich mich schuldig fühlen an seinem Selbstmord.
Heute ist mir natürlich klar, dass dies nicht so war, aber damals setzten sich die unmöglichsten Gedanken in meinem Kopf fest.
Überall gab es nur noch dieses Thema und für mich, wurde die weiteste Flucht meines Lebens zur Wirklichkeit.
Wieder musste ich meinen Kindern erklären, dass wir unsere Wohnung verlassen müssen und obschon ich ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, war ich mir sicher, das Richtige zu tun.
Sie taten mir leid, weil sie wieder gezwungen wurden, sich in einer neuen Schule einzugewöhnen und ebenfalls, schon wieder neue Freunde suchen mussten.
Im Herbst 1983 faltete ich meine Zelte zusammen und wir sind ins Wallis gezogen, in der Hoffnung und mit aller Zuversicht, dass es gutgehen würde, jedoch ohne meine innere Angst vor der Zukunft zurückzulassen.
Zusammen mit meinen Kindern, wollte ich ein unbelastetes Leben beginnen und niemand würde mich hier über das Verbrechen an meiner Tochter ansprechen.
Vielleicht würden, in neuer Umgebung, ihre Erinnerungen etwas verblassen, da es für sie nun viel Neues zu entdecken gab.

Eines habe ich nie verloren und zwar den Mut, immer wieder von vorne anzufangen.
Irgendwo und irgendwann, würde ich meinen Frieden finden und von diesem Gedanken wurde ich immer wieder getrieben, neue Versuche zu starten.
Mein neuer Lebenspartner hatte einen Gastronomiebetrieb, mit Motel und Campingplatz und genau das war meine Welt.
Die Küche war ab sofort mein Reich und ich liebte es, wenn die Gäste mit meinen Kochkünsten zufrieden waren.
Bei meinem letzten Chef hatte ich sehr viel dazu gelernt und dies hier war meine Chance, mich weiter zu entwickeln, um meine Ideen zu verwirklichen.
Glücklich machte mich ebenfalls. dass ich freie Hand hatte, da mein Lebenspartner von der Gastronomie nur sehr wenig Ahnung hatte.
Bald waren meine Tage zusätzlich ausgefüllt, mit Arbeitsplänen für Angestellte, Bestellungen und Reinigungskontrollen.
Ein paar Jahre war alles perfekt und wir hatten ein sehr gutes Leben, obschon ich viel arbeiten musste, um meinen Kindern etwas zu bieten.
Da ich so viele Jahre mit sehr wenig Geld auskommen musste, neigte ich sehr dazu, sie zu verwöhnen, was mir jedoch nicht bewusst war.
Alle meine guten Vorsätze rückten in den Hintergrund, denn ursprünglich wollte ich ihnen doch all das geben, was ich nie hatte, aber von dem ich immer träumte und zwar Familiengefühle und Geborgenheit.
Vor lauter Arbeit, ist es dann leider beim guten Willen geblieben und ich fing an, mein schlechtes Gewissen mit Geld zu überdecken.
Immer wieder dachte ich an meine Jugend und wie wichtig Geld damals für mich war, um zu überleben und auch heute noch, lebe ich immer in der Angst, es könnte nicht reichen.
Viele ihrer Wünsche, konnte ich ihnen erfülle, eines jedoch, trotz allen Versuchen, konnte ich ihnen nicht geben und zwar eine Familie.
Meine Kraft und meine Lebenseinstellung reichte nicht, um ihnen einen stabilen Lebensweg aufzuzeigen, was mir bis heute zu schaffen macht.
Jeden Tag hatte ich mein Versagen vor Augen und wie ich es auch drehte, meine Schuld stand und steht bis heute im Mittelpunkt.
Meine Tochter, geprägt von ihren Kindheitserlebnissen, war ein schwieriger Teenager, der mich viel Kraft kostete und mein Sohn rutschte, trotz gutem Lehrabschluss in die Drogenszene.
Alle verzweifelten Versuche ihm zu helfen, brachten nicht den erwünschten Erfolg und so musste ich nach vielen Jahren meinen Kampf aufgeben.
Geschützt mit Handschuhen, um mich nicht an einer herumliegenden Spritze zu verletzen, räumte ich Wohnungen die er verlassen hatte, um in Bern oder Zürich, seiner Sucht nachzujagen und im nirgendwo zu versinken. Dann wurde er zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt, die ich als Chance für sein weiteres Leben sah und bezahlte ihm alle ausstehenden Rechnungen, in der Hoffnung, dass er nach seiner Entlassung in ein besseres Leben zurückfindet.
Leider war die Sucht immer stärker als sein Wille und da ich seinen Zustand nicht mehr ertragen konnte, brach ich den Kontakt für viele Jahre ab, ohne jedoch die Hoffnung zu verlieren, dass er eines Tages wieder ein normales Leben führen wird.
Immer noch seiner Sucht verfallen, musste ich lernen, mit der Situation umzugehen, so dass wir heute wieder ein sehr gutes Verhältnis haben.
Bis zum heutigen Tag, nach wie vor in meinen Gedanken gefangen, bin ich mir bewusst, dass ich eine Mitschuld trage an den Problemen, mit denen meine Kinder in ihrem Leben kämpfen müssen und ich würde alles dafür geben, um einige Dinge rückgängig zu machen.
Jahrelang habe ich meine Bekannten belogen, wenn sie mich fragten, wie es meinen Kindern geht, da ich mich schämte, nie mit jemandem über die Probleme sprechen wollte und auch nicht konnte.
Es quälte mich, dass ich es nicht fertig gebracht hatte, aus ihnen Menschen zu machen, die glücklich und zufrieden leben konnten.
Nur nicht in Selbstverteidigung, oder Selbstmitleid verfallen, aber ich musste feststellen, dass ein Mensch nur das weiter geben kann, was er selber erlebt hat, oder erleben durfte.
Nein, mein Leben soll nicht die Entschuldigung sein, aber wie unter einem Zwang, war ich in vielen Situationen, nicht in der Lage, andere, vielleicht bessere Wege zu suchen, oder zu sehen.
Geprägt von meiner eigenen Kindheit, schaffte ich es zum Beispiel nie, Kritik an meinen Kindern, von Bekannten, oder von einem Partner zu ertragen, oder anzunehmen und reagierte immer sehr gereizt.

Wieder schaffte ich es nicht, eine Beziehung festzuhalten, die mir ein stabiles und sorgenfrei Leben ermöglicht hätte.
Nach sieben Jahren nahm ich mir eine eigene Wohnung, erlangte das Fähigkeitszeugnis für Restaurant und Hotel, wagte zudem den Schritt in die Selbststänigkeit und hoffte, dass meine Entscheidung richtig war.
In einem kleinen gemütlichen Dorfrestaurant, mit einer Wohnung im ersten Stock, hatte ich mich sehr schnell eingelebt, obschon ich nun die ganze Verantwortung selber tragen musste und ich anfangs Probleme hatte, die ganzen Berge an Bürokratie zu bewältigen.
Drei Jahre konzentrierte ich mich nur auf meine Kinder und mein Geschäft, denn genau das war mein Leben und alles war in bester Ordnung.
Ich hatte mir, im sehr konservativen Wallis und somit im Leben, einen Platz erarbeitet und wurde von meinen Gästen sehr geschätzt.
Dann lernte ich einen Mann kennen und ich schwor mir, den vorangegangenen Fehlern keinen Platz zu geben, denn ich wollte endlich ein kleines Stück Glück, nur für mich alleine, aber ich hatte immer noch nicht gelernt, wie eine Beziehung funktioniert.
Bei jeder Beziehung die ich hatte, dachte ich, es sei die Richtige, aber die Realität konnte meiner Vorstellung einer Beziehung, nie Stand halten.
Wie besessen, suchte ich nach einer perfekten, harmonischen Beziehung, in der Probleme, Auseinandersetzungen und Diskussionen, nicht zum Tagesablauf gehörten, aber immer wieder musste ich mich selber enttäuschen und einen Schlussstrich ziehen.
Da ich sämtliche Verhütungsmittel, ohne Verträglichkeit, ausprobiert hatte und die, die noch übrig blieben nicht zuverlässig waren, wurde ich schwanger.
Zuerst ein Schock, dann Ernüchterung, denn ich war inzwischen bereits 39 Jahre alt.
Was würden die Leute um mich herum von mir denken und was sollte ich tun.
Eines wusste ich jedoch von Anfang an. Dieses Kind hatte ein Recht zu leben und sollte die Möglichkeit bekommen, seine Eltern kennenzulernen.
Mein bisheriges Leben hatte mich stark gemacht und ich hatte gelernt, mit beiden Füssen im Leben zu stehen. Trotzdem stieg die Angst in mir hoch, dass ich es vielleicht nicht schaffen würde und da kam mir der Zufall zu Hilfe.
Im Sprechzimmer beim Frauenarzt blätterte ich in einer Zeitschrift und habe folgenden Text gefunden, den ich nie mehr vergessen habe.
Kein Kind zu bekommen, ist keine Leistung, aber einem Kind das Leben zu schenken und versuchen, sein Bestes zu geben, das ist eine Leistung.
Das waren genau die Worte, die ich als Bestätigung brauchte, um mich ohne Zweifel für mein Kind zu entschieden und ich war stark genug, allen Blicken standzuhalten.
Es war eine schwierige Schwangerschaft, da ich sechs Monate mit Übelkeit zu kämpfen hatte und es mir für zwei Stunden besser ging, wenn ich mich mit überflüssigen Kalorien verwöhnte, leider mit dem Resultat, dass ich am Ende der Schwangerschaft 33 Kilogramm mehr hatte, die zu meinem, bereits vorhandenen Übergewicht, noch dazu kamen.
Bereits zwei Monate vor Geburtstermin, war für mich in der Klinik provisorisch ein Bett reserviert, denn mein Arzt war sich sicher, dass mein Blutdruck mit diesem Gewicht explodieren würde. Doch ich hatte Glück und er war die ganze Schwangerschaft im normalen Bereich, worauf mein Arzt meinte, dass ich ein medizinisches Phänomen sei.
Die Fasnacht stand vor der Türe und und ich wollte, alles, so wie die Jahre zuvor durchziehen, denn seit vielen Jahren waren meine Themenbezogenen Dekorationen bekannt und sechs Wochen war immer die Hölle los.
Freitag und Samstag Livemusik, mit Öffnungszeiten bis vier Uhr morgens, spezielle Köstlichkeiten aus der Küche, die mir dann doch Mühe bereiteten, da ich mich inzwischen wie ein Walross durch Küche und Räume wälzen musste.
Für die Küche organisierte ich mir einen Barhocker, um die vielen Stunden zu überstehen und wäre manchmal für Hilfe froh gewesen, jedoch war die Küche so klein, dass mit einer zweiten Person, ein arbeiten unmöglich gewesen wäre.
Ich liebte diese sechs Wochen, trotzdem war ich froh als sie vorbei waren und das erste mal, in all den Jahren, musste ich die Räumlichkeiten von einem Putzinstitut reinigen lassen, da meine Kraft nicht mehr gereicht hätte.

WIEDER EIN STÜCK GLÜCK
Am 20. März 1994 wurde mir ein unglaubliches Geschenk, mit dem Namen Jennifer in die Arme gelegt und ich war überglücklich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Vergessen waren die ganzen Kilos, die ich zugenommen hatte, vergessen ebenfalls die Monate, in denen ich mit andauernder Übelkeit kämpfen musste.
Stundenlang betrachtete ich dieses kleine, süsse Geschöpf und ich wusste, auch sie würde mir die Kraft geben, meine Suche zu beenden, denn nach wie vor war mir klar, dass sie noch nicht vorbei war.
Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht, denn nach knapp zwei Jahren war unsere Beziehung bereits am Ende. Wir schafften es nicht, trotz einem kleinen Sonnenschein, unsere Probleme zu bewältigen, aber ich wusste, ich würde es auch alleine schaffen, wie schon so vieles in meinem Leben und hoffte, dass ich dem Ende meiner Suche und meiner Flucht, bald näher kommen würde.
Der Alkohol hatte wieder einmal alles zerstört und ich konnte mich manchmal nicht verstehen, denn selber vollbeladen mit vielen, unlösbaren Problemen, holte ich mir mit meinen Beziehungen, immer noch mehr dazu, mit denen ich dann nach kurzer Zeit nicht mehr umgehen konnte.
Ich musste endlich lernen, dass ich nicht die Kraft hatte, Menschen zu ändern und die erhofften, oder geglaubte Veränderungen, nur Momentaufnahmen waren.
Die Trennung war etwas unschön, denn er wollte mich bestrafen, in dem er an einem Kontakt zu seiner Tochter kein Interesse zeigte, ohne zu überlegen, dass sie ihn ebenso gebraucht hätte und dass man versäumte Momente nicht mehr zurück holen kann.
Zwei Versuche meinerseits, den Kontakt aufrecht zu halten, sind leider kläglich gescheitert. Leid tat mir meine Tochter, die nun ohne Vater aufwachsen musste.
Jedoch hatte ich mich in den letzten Jahren geändert und ich war inzwischen im Stande, so glaubte ich wenigstens, mit meiner Kraft, vergangene Fehler nicht mehr zu wiederholen.
Der erneute Kontakt zu ihrem Vater, kam erst wieder zustande, als sie bereits in ihrer Berufsausbildung steckte und inzwischen treffen sie sich zweimal im Jahr, immer in der Weihnachtszeit und an ihrem Geburtstag.
Vielfach frage ich mich selber, ob ich mich überhaupt geändert habe und stelle fest, dass es jeweils nur ganz kleine Schritte waren und sich nach wie vor, sehr viele Fehler wiederholen.
Die Arbeit an mir selber, würde noch viel Zeit in Anspruch nehmen.
Wie wenn die Trennung nicht schon genug gewesen wäre, erhielt ich auch noch die Kündigung wegen Eigenbedarf und so musste ich, mein Geschäft auflösen und eine passende Wohnung suchen.
Die Wohnung war das kleinere Problem, denn die hatte ich schnell gefunden.
Ebenfalls eine Tagesmutter, die sich auf Abruf um Jennifer kümmern würde.
Durch einen alten Kontakt fand ich dann auch sehr schnell eine Anstellung als Geschäftsführerin in einem Hotel.
Die Pächter gaben sich wirklich alle Mühe, jedoch kam nach zwei Jahren das Aus, da der Eigentümer Konkurs anmelden musste und der Betrieb versteigert wurde.
Wir hatten sechs Monate Zeit, den Betrieb aufzulösen und die Pächter hatten nicht den Mut und auch keine finanziellen Mittel mehr, um nochmals einen Betrieb zu übernehmen.
Sie taten mir wirklich leid, aber auch ich musste mir in Gedanken meine nächsten Schritte überlegen.
Dann erhielt ich von einer Bekannten einen Anruf, der meine Rettung war.
Ein mir bekanntes Hotel suchte einen neuen Mieter und mutig reagierte ich sofort und schickte mein Bewerbungsdossier.
Die Tage vergingen und meine Geduld wurde auf die Probe gestellt, dann ein Anruf der Eigentümerin, worauf eine Besichtigung erfolgte und da der vorherige Mieter Konkurs anmelden musste, konnte ich über die Mietkonditionen verhandeln.
Zwei Wochen später war der Mietvertrag unterschrieben und ich war stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte, meinen Mut erneut unter Beweis zu stellen.
Der Vertrag wurde auf fünf Jahre fest abgeschlossen, was mir eine gewisse Sicherheit geben würde.

Die vergangenen 20 Jahre, bis zu seinem Tod, hatten wir so gut wie keinen Kontakt, da sein Interesse nicht über sein eigenes Leben hinaus ging und in dem sich keines seiner Kinder, einen Platz ergattern konnte.
Alle paar Jahre raffte ich mich auf, ihn anzurufen, jedoch beschränkte sich das Gespräch nur auf seine Befindlichkeiten und seine Erlebnisse, so dass ich ihm nur ganz beiläufig, meine neue Adresse, oder meine Telefonnummer mitteilen konnte.
Dann der allererste Brief von ihm, wie ein Hilferuf aus dem Nichts, der jedoch keinerlei Gefühle in mir weckte und somit interessierte mich auch die erwähnte Krankheit nicht.
So viele Jahre wartete ich auf ein Zeichen von ihm und musste mich damit abfinden, dass in seinem Leben, nur die eigenen Probleme wichtig waren.
Nach so vielen Jahren wollte er sich entschuldigen und verpackte diese Entschuldigung in einen einzigen Satz, doch leider kam sie für mich zu spät und ich sah keinen Sinn darin, ihm zu antworten.
Heute, nachdem ich meinen Frieden gefunden und im Einklang mit meiner Vergangenheit bin, würde ich mich melden und mit ihm zusammen mein Leben aufrollen, damit er einen Einblick bekommt, wie wir, als seine Kinder erwachsen werden mussten. Ohne Fürsorge und ohne Hilfe, nur weil beide Elternteile es nicht schafften uns zu lieben, oder für uns da zu sein, wenn wir Hilfe gebraucht hätten.
Nach so vielen Jahren halte ich nun diesen Brief wieder in meinen Händen und bringt es fertig, mir eine Traurigkeit in mein Herz zu setzen, sogar mit dem Gedanken einer gewissen Reue, mich nicht gemeldet zu haben.
Die Beerdigung war sehr aufwühlend, was jedoch nichts mit dem Tod meines Vaters, sondern mit den Worten des Priesters zu tun hatte.
Es hatten sich etwa zehn Personen eingefunden, um von ihm Abschied zu nehmen, ebenfalls eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen und sie stand da, wie wenn sie schon immer dazu gehört hätte, aber niemand kannte sie.
Nun die Worte des Priesters. Er erzählte aus dem Leben meines Vaters und dann der Hammer - Gebt euch anschliessend alle die Hände, die, die sich kennen und die, die sich noch nicht kennen.
Was sollte ich mit diesen Worten anfangen?
Es war mir jedoch sofort klar, dass diese Worte nur mit dieser jungen Frau zu tun haben konnten und nach der Beisetzung hat sie sich dann vorgestellt.
Sie war eine Halbschwester und mein Vater hatte sie kurz vor seinem Tod noch adoptiert.
Was sich der Pfarrer mit seiner Wortwahl gedacht hatte, kann ich nicht nachvollziehen, jedoch hatte er überhaupt kein Fingerspitzengefühl, so wurden wir einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.
Um vielleicht ein Familienband zu knüpfen, lud ich sie dann zweimal ins Wallis ein und einmal war ich bei ihr zu Hause, aber es entstand keine Verbindung, denn uns fehlte eine gemeinsame Vergangenheit und somit hatten wir uns nichts zu erzählen, auch fehlte mir die Kraft, mich mit ihren Problemen zu beschäftigen, da ich selber genug davon zu bewältigen hatte.
Nach etwa drei Jahren erhielt ich einen Anruf ihrer Tochter, damals etwa 12 Jahre alt und sie fragte mich, ob es möglich wäre, dass ich ihnen 30.000 Franken ausleihen könnte.
Geschockt und zunächst sprachlos, musste ich erstmal leer schlucken, erklärte ich dann, dass ich soviel Geld, auch wenn ich es hätte, nicht ausleihen würde.
Somit war ich, in ihrem Leben, als Kapitel abgeschlossen.
Wieder ein Stück Familie, die nur auf dem Papier besteht.

Sie hatte bereits 1993 ihr erstes Kind bekommen und ein halbes Jahr später geheiratet.
Als sie ihren Mann kennenlernte, war sie bereits schwanger und ich bewunderte ihn, dass dies für ihn nie ein Problem darstellte.
Da sie erst 18 Jahre alt war, machte ich mir grosse Sorgen, aber fand nicht die passenden Argumente, um sie von einer Heirat abzuhalten.
Ihr Mann vergötterte sie und hat noch vor der Geburt des Kindes, die Vaterschaft anerkannt, was bei seiner Familie nicht so gut ankam.
Vom ersten Tag an, war er der Vater und ist es bis heute geblieben.
Meine Tochter wurde in seiner Familie nie richtig aufgenommen, was vielleicht auch noch dazu beigetragen hat, dass es nicht funktionierte.
Trotzdem hoffte und wünschte ich so sehr, dass sie ihr Leben meistern würde, aber durch die ganzen Umstände und ihre Kindheitserlebnisse, begann die Zweisamkeit und der Familienfrieden, bald an zu bröckeln.
Auch die Geburt des zweiten Kindes brachte keine Entspannung, ihre Familie zerbrach und so entwickelte sich auch ihr Leben zu einem ewigen Kampf.
So gerne hätte ich ihr dies erspart, aber es lag nicht mehr in meiner Macht und sie musste selber lernen, mit ihrer Situation zu leben und ihre Probleme zu bewältigen.
Meine Ratschläge wären vielleicht, aufgrund meines Lebens, nicht die richtigen gewesen, so habe ich versucht, mich so wenig wie möglich einzumischen, was mir leider nicht immer gelang.
Sie hat dann einen Mann kennengelernt und zusammen mit ihm noch ein Kind bekommen, aber auch diese Beziehung ging in die Brüche, so dass sie jetzt gezwungen wurde, mit drei Kinder alleine klar zu kommen.
Geprägt vom Missbrauch in ihrer Kindheit, kämpft sie bis heute immer wieder mit psychischen Problemen und die vielen alltäglichen Probleme, sind für sie manchmal fast nicht zu bewältigen.
Das Wichtigste für sie, das sind die Kinder und das ist gut so, denn nur sie geben ihr die Kraft zum Leben und zur Bewältigung vieler Probleme, jedoch macht auch sie viele Fehler, die nicht mehr gutzumachen sind und ich, die eine Mitschuld trägt, bin in der schlechtesten Position, sie darauf hinzuweisen.
Ihre Beziehungen der letzten Jahre, waren nie von langer Dauer, da sie es ebenfalls nicht schafft, mit Problemen, die in einer Partnerschaft entstehen, umzugehen.
Genau wie ich, stellt auch sie sich, vielleicht manchmal im falschen Moment vor ihre Kinder, im Glauben sie beschützen zu müssen.
Leider kann ich meine Fehler der Vergangenheit und ihre grausamen Erlebnisse nicht rückgängig machen, so gerne ich dies auch tun würde.
Im wichtigsten Moment ihres Lebens, hatte ich es nicht geschafft, sie zu beschützen und musste zusehen, wie sie leidet.
Könnte ich die Zeit zurückdrehen, müsste ich zurück bis zu meinem Grosseltern, in der Hoffnung, dass Behörden und Ärzte bessere, oder wenigstens andere Entscheidungen treffen würden, aber leider können wir das nicht und so müssen mit dem leben, was wir haben und kennen.

NUN ZURÜCK IN MEIN LEBEN
Mit dem Mietvertrag für mein erstes Hotel, voller Tatendrang und mit vielen Ideen, machte ich mich an die Umsetzung meiner Träume.
Die Zeit, bis zur Eröffnung war sehr arbeitsintensiv, da ich ja gleichzeitig noch für eine reibungslose Übergabe des verkauften Hotels verantwortlich war, aber es klappte dann alles wunderbar und mein Neustart war perfekt.
Jennifer war immer noch, wenn nötig, bei ihrer Tagesmutter und sie fühlte sich sichtlich wohl. Nach einem halben Jahr entschloss ich mich, meine Wohnung aufzugeben und im Hotel einzuziehen. Zwei Zimmer mit Verbindungstüre und ein eigenes Bad, somit war meine kleine Maus immer in meiner Nähe.
Die Tagesmutter erhielt einen Arbeitsvertrag und war ab sofort zuständig für die Zimmerreinigung und natürlich für Jennifer, da ich nicht wollte, dass sie zu oft, ihre Zeit im Restaurant verbringen musste.
Inzwischen war ich 43 Jahre alt, hatte ein kleines Kind und fühlte mich sehr wohl in meiner Rolle und zum ersten Mal hatte ich auch das Gefühl, dass hier nun wirklich das Ende meiner Suche beginnt.
Als nächstes entschloss ich mich, meine überflüssigen Kilos loszuwerden, jedoch würde ich dies nie aus eigener Kraft schaffen und so erhielt ich, nach vielen Untersuchungen und Abklärungen ein Magenband.
Der Kampf für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse, drohte mir meine letzten Nerven zu rauben, dann endlich, nach Monaten, erhielt ich den erlösenden Anruf von meinem Arzt.
Drei Tage nach der Operation war ich bereits wieder fit und bereit für einen neuen Abschnitt in meinem Leben.
Im Rekordtempo verlor ich mein Übergewicht und mit jedem Kilo das verschwand, kam ich einem anderen, einem neuen Lebensgefühl näher.
Dann war ich befreit von meinen Kilos, die mich mein ganzes Leben begleitet hatten und meine Krankenkasse bezahlte mir nun auch noch, die nötige kosmetische Operation.
Um dies zu erreichen, brauchte ich nochmals viel Geduld, denn es dauerte fast zwei Jahre, bis die Kostenzusage endlich auf dem Tisch lag.
Als ich den Operationstermin erhielt, konnte ich einige Tage nicht mehr schlafen, denn ich hatte so sehr darauf gewartet und konnte fast nicht glauben, dass mein neuer Körper nun bald perfekt sein würde.
Einen Tag vor der Operation und nach den Eintrittsuntersuchungen, hatte ich noch einen Termin beim Chirurg, der mich, mit einem wasserabweisenden Stift, in ein Schnittmuster verwandelte.
Trotz der Vorfreude, auf das bevorstehende Resultat, benötigte ich eine Beruhigungstablette, dann wurde ich in den Operationssaal geschoben.
Noch einmal schlafen und als neuer Mensch erwachen und ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
Alle überflüssige Haut wurde weggeschnippelt und ich bekam, einen neuen Bauchnabel und endlich eine schöne Brust.
Einen Tag später, die Stunde der Wahrheit, wechselte eine Krankenschwester die Verbände und zum ersten mal in meinem Leben, gefiel mir was ich sah und fühlte mich wie neu geboren.
Ein paar Wochen nach der Operation, alle Schwellungen waren verschwunden, betrachtete ich mich im Spiegel und ich wusste, ab sofort konnte ich Kleider nach meinem Kopf kaufen und musste nicht mehr überlegen, ob es dies, oder das, in meiner Grösse überhaupt gibt.
Den eigenen Körper lieben zu können, so viele Jahre hatte ich mir das gewünscht und nun endlich, war es Wirklichkeit geworden.
Mein Leben, meine Tochter und ein gut gehendes Restaurant und somit gab es im Moment nichts auszusetzen.
Genau so hätte es ewig weiter gehen können.

MEINE SUCHE WIRD NOCH EINMAL AUF DIE PROBE GESTELLT
Und dann konnte ich es wieder einmal nicht lassen und begann eine Fernbeziehung mit einem alleinerziehenden Vater, der mit seinen zwei Kindern, die Ferien im Wallis verbrachte und bei mir im Hotel wohnte.
Zu Hause im Kanton Aargau und die Distanz zum Wallis, war zu dieser Zeit, genau das Richtige für mich, da ich mich nicht schon wieder verpflichtet fühlen wollte.
Die Zeit mit meiner Tochter konnte ich mir, mit meiner Selbstständigkeit, selber einteilen und wir genossen das beide, jedoch sollten in unserem Leben noch einige Stolpersteine warten.
Die nächsten zwei Jahre vergingen viel zu schnell und meine Kleine musste in den Kindergarten.
Sie war sehr stolz, dass sie schon so gross war und sollte ein Jahr früher eingeschult werden, da es ihr im Kindergarten zu langweilig war und die Betreuungspersonen sie nicht gerecht beschäftigen konnten. Nach einem, von mir verlangtem schulpsychologischen Test, wurde sie eingeschult und sie freute sich riesig auf ihren ersten Schultag.
Sie liebte alles, was damit zusammen hing und im Nu war das erste Jahr vorbei.
Immer wenn ich sie suchte, war sie sicher auf dem Schulhausplatz zu finden, wo sie ihr Schulhaus anhimmelte und vom Schulunterricht träumte.
Auch die zweite Klasse hatte ohne Probleme angefangen, bis sie, nach etwa vier Monaten, vermehrt über Kopfschmerzen klagte. Zwei verschiedene Ärzte konnten die Ursache nicht finden und erst der dritte Arzt stellte dann fest, dass sie in der Schule unterfordert sei.
Nun wurde guter Rat teuer, denn er sprach von speziellen Schulen, aber für die hatte ich kein Geld und im Wallis waren meine Möglichkeiten beschränkt.
Und schon wieder wurde Geld, zu einem wichtigen Faktor in meinem Leben.
Wir hatten genug, um gut zu leben, aber nicht genug, um eine Privatschule zu bezahlen.
Natürlich war ich stolz, ein begabtes Kind zu haben, aber die kommenden Probleme wiegten dann doch einiges mehr.
Nachts lag ich wach im Bett, überlegte was ich tun sollte und wer mir vielleicht helfen könnte, aber wie schon so oft, fand ich keine neuen Antworten.
Mit dem Vorschlag der Schule, sie eine Klasse überspringen zu lassen, wollte ich mich gar nicht erst auseinander setzen, da sie ein Jahr jünger war als ihre Mitschüler und ich jetzt schon manchmal Angst hatte, dass sie in der Schule untergeht.
Also ging ich auf die Suche nach einer passenden Schule und fand die Rudolf-Steiner Schule. Die einzige, die ich mir hätte leisten können, nur leider hatte ich mich über die Philosophie dieser Schule, nicht richtig orientiert, aber dazu später etwas mehr.
Und es kam wieder alles auf einmal.
Meine Vermieterin hat mir meinen Vertrag nach fünf Jahren nicht mehr verlängert und mir gekündigt, da sie die Immobilie verkaufen wollte und der Käufer das Gebäude nur im Leerstand übernehmen wollte. Mit einer Klage vor Gericht, erhielt ich dann meine gewünschte Verlängerung von weiteren sechs Monaten, die ich brauchte, um abzuklären, wo meine Tochter in Zukunft zur Schule gehen sollte.
Um für sie die besten Bedingungen zu schaffen, musste ich leider das Wallis verlassen, was mir sehr schwer fiel.
Fast 20 Jahre sind nun seit dieser Kündigung vergangen und das Hotel ist bis heute nicht verkauft worden und konnte auch nie mehr vermietet werden.
Es steht einsam da und wartet wohl, bis es in sich zusammen bricht.


Da meine Fernbeziehung im Kanton Aargau wohnte, wäre ich also nicht ganz alleine und hoffte, dass er mir bei Problemen helfen würde.
Nach einigen Gesprächen waren wir uns einig, dass ich bei ihm einziehe.
Aus Platzgründen und um mich nicht ausgeliefert zu fühlen, mietete ich im gleichen Wohnhaus, nur einen Stock höher, eine Wohnung. Zwar verbrachten wir die meiste Zeit bei ihm und seinen Kindern, aber mein eigener Rückzugsort gab mir die Sicherheit, die ich brauchte.
Sicher ist sicher, dachte ich, ohne damals zu ahnen, dass ich sie bald brauchen würde.
Ein Platz in der Rudolf-Steiner Schule war schnell gefunden und so brach ich meine Zelte im Wallis, im Sommer 2001 endgültig ab.
Das Flair der Schule und das Konzept gefiel mir sehr gut, was ich leider von meiner Tochter nicht sagen kann, trotzdem hoffte ich, dass sie sich daran gewöhnen würde.
Die ersten zwei Monate fuhr ich noch viel ins Wallis, da ich vor meinem Umzug eine kurzfristige Anstellung als Geschäftsführerin eines Hotels angenommen hatte und nicht fristlos aufhören wollte.
Dann war es soweit, meine Tochter begann das dritte Schuljahr in der neuen Schule, ich musste nicht mehr ins Wallis fahren und war aber trotzdem schon wieder in meinem Element.
Bereits vor Monaten hatte ich einen Mietvertrag für ein Restaurant im Kanton Baselland unterschrieben und musste nun alles organisieren, damit die Eröffnung fristgerecht stattfinden konnte.
Von Anfang an fühlte ich mich wohl in Arisdorf, obschon der Start sehr schwierig war, da die Gäste nur sehr spärlich erschienen und ich mir somit alles schwer erarbeiten musste.
Es gab Tage, an denen ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte aufzuhören, aber schlussendlich hat sich dann meine Ausdauer und meine Geduld gelohnt.
Meiner Tochter hingegen ging es gar nicht gut, da meine Vorstellung, der Lernstoff würde mit dem Kind gehen, sich als falsch erwiesen hatte und bereits nach ein paar Monaten war ich erneut ratlos.
Mehrmals pro Woche musste ich sie in der Schule abholen, weil sie über Kopfweh, oder Bauchweh klagte. Dann erklärte sie mir, dass sie in dieser Schule nichts lernen würde und es sei ihr zu langweilig.
Also dann, ein erneuter Schulpsychologischer Test sollte mir Klarheit verschaffen und das Resultat gab meiner Tochter recht, die nun ab sofort wieder die Primarschule besuchte. In sehr kurzer Zeit hatte sie den verpassten Stoff der sechs Monate aufgeholt und ich war erleichtert, denn ich hatte Angst, dass sie vielleicht das Schuljahr wiederholen müsste.
Von Spezialschulen war ich geheilt und wütend auf mich selber, weil ich mich nicht genügend über diese Schule orientiert hatte und meiner Tochter schon wieder ein Schulwechsel aufgezwungen wurde.

MEINE WAAGE KLETTERT WIEDER NACH OBEN
Längst hatte ich mich an mein Magenband gewöhnt und daran, dass ich schlank war und mich schön fühlte, da bemerkte ich, dass mein Gewicht wieder anstieg.
Dazu kamen immer wieder Schmerzen im Brustbereich, die, wie sich dann herausstellte, von einer Speiseröhrenverkrümmung kamen, verursacht durch das Magenband.
Viele Jahre konnte ich glücklich und zufrieden damit leben, aber nun musste es entfernt werden und zusammen mit meinem Arzt entschied ich mich für einen Magenschlauch.
Bei dieser Methode wird der Magen verkleinert und mein inzwischen auf 15 Kilo angestiegenes Übergewicht, sollte wieder schmelzen.
Trotz meiner Angst vor einer Operation, war ich froh, als ich dann relativ schnell, einen Termin erhielt, doch leider hat dieser Magenschlauch bei mir nicht funktioniert, da ich andauernd Schmerzen hatte und bald nicht mehr ohne Medikamente funktionieren konnte.
In den ersten Monate waren die Schmerzen noch zu ertragen, doch dann hatte ich sogar Mühe Kaffee zu trinken, da meine Mundschleimhaut anfing zu schmerzen.
Alle Medikamente verfehlten mit den Monaten ihre Wirkung.
Das Gewicht regulierte sich zwar wieder, aber mein Körper wehrte sich weiterhin mit schmerzhaften Reaktionen.
Ein Jahr Quälerei und dann eine erneute Operation, bei der ich einen Magenbypass erhielt und nun ist, Gott sei Dank, alles in Ordnung.
Für mich wäre eine Welt zusammen gebrochen, wenn ich wieder mit Übergewicht hätte leben müssen.
Seit Jahren ist mein Gewicht nun ausgeglichen, obschon es lange gedauert hat, bis ich wusste, welche Nahrungsmittel mein Körper verträgt und es fiel mir anfangs schwer, mein täglicher Bedarf, auf sechs bis sieben Mahlzeiten zu verteilen.
Immer wieder erinnere ich mich an früher und daran, wie ich unter meinem Übergewicht gelitten hatte und auch viele Jahre versuchte, mich selbst zu belügen, mit der Vorstellung, dass es mir trotz meiner Fülle gut geht.
Wenn ich heute Menschen treffe, die das gleiche Problem haben und mir dann erklären, dass sie sich wohl fühlen, dann bin ich mir sicher, dass es bei vielen dieser Menschen, in ihrem Inneren ganz anders aussieht.

Zum Restaurant, das ich gemietet habe, gehört ebenfalls eine schöne Wohnung, in die meine Tochter im Februar 2002, mit ihren drei Kindern einzog und so Stundenweise im Restaurant arbeiten konnte.
Sie war wieder einmal alleine und hatte dem Wallis endgültig den Rücken gekehrt und versuchte, alleine und mit aller Kraft, mit ihren Kindern klarzukommen.
Vielleicht gab es ihr ein wenig Sicherheit, in meiner Nähe zu sein, obschon ich keine grosse Hilfe sein konnte, da ich mit dem Restaurant viel zu tun hatte und mich mit guten Ratschlägen, nach wie vor zurückhalten wollte.
Ich konnte ihr nur finanziell helfen, indem ich einen Teil vom Mietzins übernahm, ebenfalls den Strom und die Nebenkosten, somit konnte sie etwas befreiter leben, mit ihren Kindern ab und zu etwas unternehmen und was ebenfalls wichtig war, sie konnte sich weiter ein Auto leisten.
Viele Jahre war auch für mich die Gewissheit, mir ein Auto leisten zu können, ein kleines Stück Freiheit und Unabhängigkeit und so konnte ich sie sehr gut verstehen.
WIR SIND IMMER NOCH IM JAHR 2002
Zwanzig Jahre sind inzwischen seit dem furchtbaren Missbrauch an ihr vergangen und bereits vor Jahren, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass die Suche, nach dem zweiten, noch lebenden Täter, für sie zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden ist.
Als sie 14 Jahre alt war, fand sie in meinem Büro die Gerichtsakten und Kopien sämtlicher Aussagen, jedoch wusste sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass der zweite Täter Selbstmord begangen hatte, was ihre Gemütsverfassung durcheinander brachte und sie der Überzeugung war, dass er aufgrund ihrer Aussage den Tod gewählt hatte. Nach langen Gesprächen konnte ich ihr klarmachen, dass er mit seinem Verbrechen und der bevorstehenden Gefängnisstrafe nicht mehr leben konnte und den Freitod aus persönlichen Gründen gewählt hatte, jedoch war ich mir nicht sicher, ob meine Worte fruchtbaren Boden erreicht hatten.
Um sie zu schützen und weil ich sie nicht damit belasten wollte, wählte ich das Schweigen, im festen Glauben, dass es für uns das Beste wäre, nicht darüber zu sprechen und alles im Sand verlaufen zu lassen. Mit der Tatsache, dass diese Akten ihr irgendwann in die Hände fallen würden, hatte ich nicht gerechnet.
Heute ist mir jedoch klar, dass ich mit ihr darüber hätte sprechen müssen, da dieses Verbrechen uns stets begleitet hat und somit, auch unausgesprochen, unser Leben immer begleitete und der Ursprung für viel Negatives war.
Mit der Vernichtung sämtlicher Papiere, wollte ich erneut einen Schlussstrich ziehen, ohne mir bewusst zu sein, dass vieles, was sie gelesen hatte, bis heute einen Platz in ihrem Leben übernommen hat.
Ihre Probleme in Beziehungen und mit ihrem eigenen Leben, veranlassten sie, einen Termin im Gerichtsarchiv von Glarus zu vereinbaren, um eine Kopie der Akten abzuholen.
Nun hatte sie Namen, Geburtsdatum und die ehemalige Wohnadresse ihres Peinigers, damit war es leicht für sie, ihn zu finden.
Den ersten persönlichen Kontakt mit ihm, hatte sie bereits 1998 und der Zufall wollte es, dass ich sie an genau diesem Tag besuchte. Mein Versuch, ihr dieses Treffen auszureden, blieb leider erfolglos und so fuhr ich mit ihr zusammen in dieses Restaurant, in dem sie dem Alptraum ihrer Kindheit begegnen wollte.
Zwei Tische daneben, setzte ich mich auf einen Stuhl und war wie gelähmt, als er herein kam, gleichzeitig musste ich mich beherrschen, um nicht laut zu schreien.
Was war los mit meinem Mädchen, denn das konnte doch nicht gut gehen.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und er ging, genau so selbstsicher, wie er gekommen war.
Bis heute frage ich mich, woher er den Mut hatte, sich mit seinem Opfer zu treffen und ihm in die Augen zu schauen.
Meine Tochter wiederum, konnte mir nicht erklären, warum sie sich mit ihm treffen wollte, oder was sie erwartet hatte.
Ohne Skrupel und sehr selbstsicher, erzählte er aus seinem Leben, wie wenn es diese Tat nie gegeben hätte.
Er war verheiratet und hatte eine kleine Tochter, die im gleichen Alter war, wie meine Tochter damals, als er sich an ihr vergangen hatte.
Sie fragte ihn, was er machen würde, wenn seiner Tochter das selbe passiert, worauf er ihr antwortete, dass er den Täter umbringen würde.
Er jedoch, konnte unbelastet weiter leben.

Mittwoch und Donnerstag war geschlossen und diese zwei Tage gehörten nur meiner Tochter und unserer Wohnung.
Meine ältere Tochter war mir eine willkommene und wichtige Hilfe, da sie mir viel abnahm und sich um ihre kleine Schwester kümmerte, damit ich befreit arbeiten und mich um mein Geschäft kümmern konnte.
Was meine Beziehung anbelangt, hatte ich sehr bald das Gefühl, dass ich nicht die einzige Frau in seinem Leben war. Vielleicht lag es daran, dass ich zu wenig Zeit hatte, jedoch musste ich mir Klarheit verschaffen. Bald stellte ich fest, dass er die Zeit, die er angeblich beim Tennis verbracht hatte, vermutlich anderen Frauen widmete, da die Sportbekleidung mehrmals, unbenutzt in der Sporttasche lag.
Darauf angesprochen, wollte er mir weismachen, dass kein Platz frei war und er dann mit seinem Tennispartner noch etwas getrunken hätte. Auch drei Monate später, stand mein Verdacht immer noch im Raum und eines abends musste ich die Situation endlich klären.
Ich bat meine Serviertochter, die Stellung zu halten, fuhr nach Hause, um festzustellen, dass sein Auto nicht in der Tiefgarage stand. Traurig und wütend zugleich wählte ich seine Nummer, um mir anzuhören, dass er bereits im Bett sei und wünschte mir noch einen schönen Abend. Mit der Gewissheit seiner Lügen vor Augen, teilte ich ihm mit, dass er umgehend die Polizei anrufen sollte, da sein Parkplatz in der Tiefgarage leer sei und somit wohl feststeht, dass sein Auto gestohlen wurde. Die Stille am anderen Ende, war für mich Beweis genug und noch bevor er sich eine Ausrede zusammen basteln konnte, beendete ich das Gespräch, somit war diese Beziehung, bereits wieder Geschichte.
Soviel hatte ich erlebt bis jetzt, aber dies war das letzte, was ich mir würde gefallen lassen, somit ging wieder eine Beziehung mit bösen Worten in die Brüche.
Nebst meiner Kraft, gab es noch etwas, was ich mir nie habe nehmen lassen und das war mein Stolz, denn in all den Jahren hatte ich gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen, mich durch Äusserungen in meinen Umfeld nicht zu verbiegen und mich nicht einschüchtern zu lassen.
Für alle Probleme in meinem Leben, fand ich stets eine Lösung, manchmal vielleicht die falsche, aber trotzdem ging es immer weiter und die Trennung von einem Partner war für mich bereits zum Alltag geworden, so wurde mir wieder einmal bewusst, dass jeder sein Leben selber leben muss.
Also richtete ich mich einen Stock höher, in meiner Wohnung gemütlich ein und ein 15 jähriges Mädchen aus der Nachbarschaft, leistete meiner Tochter Gesellschaft und blieb jeweils bis 22.00 in der Wohnung.
Sehr schnell mietete ich mir dann am anderen Ende der Überbauung eine Wohnung um eine endgültige Distanz zu schaffen, da ich meinem Expartner immer wieder über den Weg lief.
Meine Tochter konnte nun im gleichen Haus, bei einer Schulfreundin, am Mittag essen und die Hausaufgaben erledigen.
Trotzdem musste ich eine andere Lösung finden, aber dies hatte noch Zeit und die nächsten zwei Jahre gingen sehr schnell vorbei.

Die Realität sah dann jedoch ganz anders aus, denn er wollte mehr Zeit mit mir verbringen und so musste ich mich entscheiden.
Mit dem Schulwechsel meiner Tochter in die Oberstufe, waren meine Zelte bereit, gepackt zu werden, um zu versuchen, in Arisdorf ein kleines Stück vom Glück zu finden und so sind wir in seiner Wohnung eingezogen.
Das Restaurant lief inzwischen so gut, was ich unbedingt ausnutzen wollte, also entschloss ich mich, nur noch zwei halbe Tage zu schließen, mir jedoch schon bald Gedanken machen musste, wie lange ich dies durchhalten würde.
Am Morgen die Erste, am Abend die Letzte und viele Male war ich erst um zwei Uhr nachts zu Hause, um dann nur noch todmüde ins Bett zu fallen.
Meine Rangliste sah nun folgendermassen aus, zuerst das Geschäft, dann meine Tochter, gleichzeitig aber hatte ich noch eine Beziehung, der ich auch gerecht werden sollte und bald merkte ich, dass für meine persönlichen Bedürfnisse, keine Zeit mehr übrig blieb.
Mir wurde bewusst, dass meine Kraft nicht für alles reichte, ich mich nicht teilen konnte und zudem hatte ich es schon wieder mit einem Partner zu tun, der mit Alkohol nicht umgehen konnte und ich, wie schon so oft in meinem Leben, glaubte immer noch, damit umgehen zu können.
Die Arbeitszeiten meines Partners wechselten zudem sehr oft, so dass wir bald nur noch aneinander vorbei lebten und uns tagelang nur noch bei mir im Restaurant begegneten, wo Gespräche nicht möglich waren.
Dann kam noch dazu, dass er mit Problemen eines Teenagers sehr schlecht umgehen konnte, für mich jedoch mein Kind wichtiger war als alles andere, wichtiger als eine Beziehung.
Es gab auch keine Möglichkeit, für irgend welche Kompromisse, weil ich damit nur mich selber belogen hätte, somit gab es für mich nur eine Lösung und ich glaubte, sie wäre für alle von Vorteil.
2007 suchte und fand ich, ebenfalls in Arisdorf eine Wohnung, ohne jedoch die Beziehung zu beenden.
Meine Idee von getrennten Wohnungen kam bei ihm leider nicht so gut an und da er sich alleine nicht wohl fühlte, hatte er bereits nach drei Monaten eine neue Freundin, die sehr schnell bei ihm einzog.
Endlich wurde mir bewusst, dass ich, rückblickend auf mein bisheriges Leben, beziehungsunfähig war.
Alles auf Anfang, nun beginnt mein Leben.
Da wollte ich, meiner Meinung nach, etwas richtig machen und es war schon wieder falsch.
Dieses letzte Mal jedoch, hatte ich klare Linien vor Augen und würde mich nicht mehr davon abbringen lassen.

Vor Jahren bereits, hatte sie mit reiten angefangen und ich schenkte ihr ein eigenes Pferd, das sehr pflichtbewusst, von ihr versorgt wurde.
Immer wieder waren wir nun am Wochenende unterwegs, da sie an vielen Dressurturnieren teilnahm.
Leider wurde ihre Stute nach acht Jahren so krank, dass sie eingeschläfert werden musste, aber das Fohlen, ein wunderschöner Hengst, den sie uns drei Jahre zuvor noch geschenkt hatte, wurde fast so schön, wie seine Mama, aber meiner Tochter fehlte die Zeit, sich intensiv um ihn zu kümmern, da er noch viel lernen musste, so suchten wir einen guten Platz für ihn und die neue Besitzerin ist sehr glücklich.
Und meine Tochter?
Sie entschloss sich für eine KV Lehre, mit sehr gutem Abschluss, hat inzwischen ihren Platz im Leben gefunden und mit ihrer Entwicklung zu einer starken Persönlichkeit, eröffnet sich mir die Gewissheit, dass dieses mal, nahezu alle meine Entscheidungen richtig waren und so darf ich, ohne vermessen zu klingen, auf uns beide stolz sein.
NOCH EIN WICHTIGER BESTANDTEIL MEINES LEBENS
Das sind die Tiere, die in meiner Kindheit, jahrelang die einzigen Freunde waren die ich hatte und bis heute, eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen.
Unzählige Vögel, die aus dem Nest gefallen waren, wurden von mir aufgezogen und mit viel Geduld, wieder in die Freiheit entlassen, wobei viele ihre Kinderstube gar nicht mehr verlassen wollten, aber nach etlichen Versuchen, wurde das Interesse an ihren Artgenossen doch geweckt, so dass ich ihnen nur noch viel Glück wünschen musste.
Meine besondere Beziehung zu Katzen und die speziellen Erlebnisse, möchte ich ebenfalls erzählen denn sie gehören zu meinem Leben.
Viele Jahre stand auf der Restaurantterrasse eine Voliere mit Zebrafinken, die inzwischen bei mir im Wohnzimmer glücklich sind.
Um die Vögel vor Kälte zu schützen, richtete ich ihnen einen isolierten Schutzraum ein, der im Winter beheizt wurde.
Vor zwei Jahren bemerkte ich, dass eine wildlebende Katze, vermutlich auf der Suche nach Wärme, sich nachts auf diesem Schutzraum aufhielt, um jedoch sofort die Flucht zu ergreifen, sobald jemand in die Nähe kam. Sie war in einem erbärmlichen Zustand und ich war mir sicher, dass sie ohne Hilfe nicht lange überleben würde, also fing ich an sie zu füttern. Fünf Monate Geduld und viele beruhigende Worte, bis ich sie das erste Mal berühren konnte. Immer noch vorsichtig und wenn möglich auf Distanz, kam sie nun mehrmals täglich um ihre Futterration abzuholen und schwupp, um gleich wieder zu verschwinden.
Wieder vier Wochen später stellte ich fest, dass sie irgendwo Junge haben musste und Anfang August dann, kam sie mit vier süssen Wollknäuel, etwa fünf Wochen alt und versteckte sie unter dem Schutzraum der Voliere.
Nun war wieder meine Geduld gefragt und so verbrachte ich jede freie Minute in ihrer Nähe, um sie an Menschen zu gewöhnen.
Für alle Kätzchen fand ich einen guten Platz und ihre Mama, die den Namen Maus erhielt, wurde sterilisiert.
Inzwischen gehört sie zum Restaurant, kommt jedoch nur ins Haus, wenn als Fluchtmöglichkeit eine Türe offen bleibt und diese ständige Angst, konnte ich ihr bis heute nicht nehmen.
Gerne würde ich wissen, woher sie kommt und welche negativen Erlebnisse schuld daran waren, dass sie ihr Vertrauen zu Menschen verlieren konnte.
Wenn der Tag da ist, an dem ich hier zum letzten Mal die Türe hinter mir schliesse, werde ich sie nach Hause mitnehmen und sie dann erst mal für ein paar Monate in der Wohnung lassen, um hoffentlich, ihr Vertrauen zu gewinnen.
NOCH EIN KATZENERLEBNIS
Zu Hause lebt ebenfalls eine Katze, die auf den Namen Bailys hört und bereits
15 Jahre alt ist.
Eine gemütliche alte Dame, die mit einer Katzenklappe und einer Leiter, in den Garten darf.
Vor knapp zwei Jahren stellten wir fest, dass ein ängstlicher Siamkater, sich in die Wohnung schlich, um zu fressen und da meine Tochter zwei kleine Hunde hat, die nicht reagierten, muss er wohl schon länger ein und ausgegangen sein.
Wir waren uns sicher, dass er von jemandem vermisst wird und einen Chip haben musste, jedoch war er viel zu scheu um dies zu kontrollieren. Jeden Morgen wenn ich aus dem Haus ging, lag er unweit der Haustüre, unter einem Gebüsch und auf Distanz, fing ich an mit ihm zu sprechen.
Nach etwa vier Wochen, stand er, als ich nachts nach Hause kam, vor der Haustüre und liess sich streicheln, also nahm ich ihn vorsichtig auf den Arm, trug ihn in die Wohnung, wo er ich sofort, wie mit einer Baggerschaufel, über das Fressen hermachte, um gleich wieder durch die Katzenklappe zu verschwinden. Dieses Ritual wiederholten wir nun eine Woche lang, bis er endlich für ein paar Stunden in der Wohnung blieb, jedoch mehr Interesse an den Hunden, als an mir hatte.
Dann besorgten wir uns einen Chipleser und unser Tierarzt, telefonierte mit dem Besitzer, der ihn erstens nicht mehr zurück wollte, da er anscheinend nicht Stubenrein war und zweitens so weit weg von Arisdorf wohnt, dass diese Katze den Weg nie aus eigener Kraft hätte bewältigen können und da Gedanken ja frei sind, braucht es nicht viel Fantasie, um zu ahnen wie er nach Arisdorf gekommen war. Den Namen des Vorbesitzers wollte ich nicht wissen, aus Angst, mich nicht beherrschen zu können, ihm mit ein paar bösartigen Zeilen zu erklären, was ich von ihm halte.
Nun gehört dieser wunderschöne Kater zu uns, hört inzwischen auf den Namen Mogli und wenn ich zu Hause bin, weicht er nicht von meiner Seite.
Nach jedem Ausflug, setzt er sich vor mich hin, meldet sich an und kurz über den Kopf gestreichelt, ist seine Welt wieder in Ordnung.
Ein liebenswürdiger und unglaublich verschmuster Kater, der absolut stubenrein, sich die richtige Adresse ausgesucht hat, um glücklich zu leben und um endlich geliebt zu werden.
Tiere mit Respekt behandelt, sind liebevolle, dankbare und treue Freunde.
Diese Überzeugung hat sich bei mir, seit meiner Kindheit nicht geändert.

Da infolge Rauchverbot, der 0.5 Begrenzung für Alkohol, die Gäste immer weniger wurden, erhielt ich von meiner Vermieterin die mündliche Erlaubnis, die Zimmer an Arbeiter weiter zu vermieten. Die Wohnung wurde von mir und auf meine Kosten renoviert und möbliert, in der Hoffnung, dass die Rechnung eines Tages aufgehen würde.
Die ersten drei Jahre musste ich sehr viel Lehrgeld bezahlen, da ich immer wieder Untermieter hatte, die nicht bezahlen konnten und wo nichts ist, kann man auch nichts holen.
Arbeiter aus Polen, Ungarn und Rumänien, kamen oft ohne finanzielle Mittel in der Schweiz an und ich war damit einverstanden, dass ich zwei Wochen auf die Miete warten würde, jedoch musste ich sehr oft erleben, dass bei Nacht und Nebel, das Zimmer geräumt wurde und ich das Nachsehen hatte.
Dann entschloss ich mich, nur noch Zimmer zu vermieten, die über ein Vermittlungsbüro reserviert wurden, damit die Sicherheit der Bezahlung gegeben war.
Ich erstellte ein Dossier mit Fotos und Zimmerpreise, das ich an verschiedene Büros verschickte und nach gut fünf Monaten, hatte ich mehr Anfragen als Zimmer. Alles lief perfekt, da ich nun viele Mieter hatte, die länger bleiben wollten und sich auf der Gemeinde anmeldeten.
Anfang 2014 begann dann ein jahrelanger Kampf, der mich unendlich viel Kraft kostete.
Meine Vermieterin wollte plötzlich mehr Miete, da sie glaubte, ich würde mir eine goldene Nase verdienen. Nach dem ersten Schreiben ihres Anwaltes, glaubte ich noch, dass ich die Angelegenheit selber regeln könnte, aber das Ganze nahm ein Ausmass an, das ich nicht mehr selber bewältigen konnte.
In weiser Voraussicht und auf Grund meiner Erfahrungen mit Vermietern, war ich bereits vor Jahren dem Mieterschutz beigetreten, bekam nun unbeschränkte Unterstützung und es wurde mir eine sehr kompetente Anwältin zur Seite gestellt.
Nach der Offenlegung meiner Buchhaltung, stellte sich heraus, dass die Vermietung kostendeckend war und ich ohne diese Einnahmen, die Miete nicht mehr hätte bezahlen können, doch nun wurde plötzlich behauptet, die Zimmer würden ohne Erlaubnis vermietet und sie hätten davon keine Kenntnis gehabt.
Dann die Kündigung, der noch drei weitere folgen sollten, unzählige Schlichtungsverhandlungen und Gerichtstermine, sollten mich zum aufgeben zwingen, aber mein Kampfgeist, den ich die letzten Jahrzehnte entwickelte, half mir, mich der Situation zu stellen.
Mit allen Behörden und Ämtern wurde ich konfrontiert, aber es war immer alles korrekt, somit hatte sie wieder nichts dagegenzuhalten.
Das Kantonslabor suchte Dreck und abgelaufene Lebensmittel, die Baupolizei kontrollierte die Wohnung, wegen fehlender Fluchtwege, um dann festzustellen, dass ich gar keine benötige, da ich nur Untermietverträge ausgestellt hatte.
Die Kühlanlage, die nicht im Gebäude untergebracht war und in einem Bretterverschlag für alle zugänglich, streikte immer öfters und gewöhnlich am Wochenende, so dass bis am Montag, viele Lebensmittel verdorben waren und entsorgt werden mussten.
Jedes Mal ein grosser finanzieller Verlust für mich, jedoch konnte ich nicht beweisen, dass man versuchen wollte mich auf diese Weise loszuwerden.
Auch der zweite Anwalt konnte die Gesetze nicht umgehen und versuchte mit allen Mitteln, meine Geschäftsaufgabe zu erzwingen.
Alle Kündigungen wurden per Gerichtsurteil für ungültig erklärt, was die Vermieterschaft jedoch nicht davon abhielt, den Fall ans Kantonsgericht weiter zu ziehen, das dann alle bereits bestehenden Urteile bestätigte.
Jahrelang verschleppte Mängel, mussten nun endlich beseitigt werden, ebenfalls bewiesen wurde, dass sie sehr wohl Kenntnis der Vermietung hatte, da sie selber und ihr Sohn mit Familie, in meiner nächsten Nachbarschaft wohnen.
Zudem wusste das ganze Dorf darüber Bescheid, da teilweise monatelang, die gleichen Autos mit ausländischen Kennzeichen, auf dem Parkplatz standen.
Mit allen Mitteln versuchten sie, mich loszuwerden, denn das Restaurant sollte geschlossen und in Wohnungen umgebaut werden und um vielleicht doch noch eine Chance zu haben, kam Anwalt Nummer drei ins Spiel.
Die nächste, bereits angesetzte Gerichtsverhandlung wurde dann sistiert und es wurde über eine gegenseitige Vereinbarung gesprochen.
Wir haben jetzt Ende August 2018 und seit zehn Tagen ist der jahrelange Krieg nun endgültig beendet. Die Vereinbarung wurde vom Gericht bestätigt, die Klägerin musste sämtliche Kosten übernehmen und ich erhielt zusätzlich noch eine finanzielle Entschädigung.
Nur mit der Hilfe meiner Anwältin, konnte ich die letzten vier Jahre überstehen und kann nun noch so lange weiter arbeiten, wie es von Anfang an immer mein Wunsch war.
Erstens fühle ich mich noch fit, dann kommt dazu, dass ich aus finanziellen Gründen nie Beiträge in eine Pensionskasse einzahlen konnte, so dass ich zur AHV Rente, noch auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein werde.
Meine Vergangenheit wird mir helfen, mit weniger Einkommen zu leben und ich bin überzeugt, dass mir das ohne Probleme gelingen wird.
Somit werde ich 2020 meine Berufstätigkeit beenden und mich frühzeitig mit dem Gedanken befassen, welchen Aktivitäten ich eine Chance geben könnte, um die geschenkte Zeit sinnvoll auszufüllen.
Es hat sich gelohnt zu kämpfen, obschon ich nie wusste, wie es zum Schluss wirklich ausgehen würde.
Schlaflose Nächte, Existenzängste und meine Versuche, die Probleme zu verdrängen, brachten mich nach drei Jahren so nahe an den Abgrund, dass ich mich entschloss, mit einer mehrmonatigen Psychotherapie, wieder zurück ins Leben zu steuern.
Während dieser Therapie, wurde der Entschluss, mein Leben zu erzählen gestärkt und ich brachte den Mut auf, mich nicht nur in meinen Gedanken mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
In den Gesprächen mit einer Therapeutin, wurde mein ganzes Leben, angefangen mit der ersten Erinnerung, aufgerollt und sie bestärkte mich darin, meine gefangenen Erinnerungen, aus dem Dunkeln zu befreien.
Das Schreiben selber, fiel mir oft sehr schwer, aber nach unzähligen Überarbeitungen, liegt mein Leben nun schwarz auf weiss vor mir und ich bin ein klein bisschen stolz, vor allem weil ich es schaffte, selbstkritisch und unverblümt, auch über die eigenen Fehler zu sprechen.
Bei jeder Überarbeitung wurde ich etwas mutiger und so fanden auch Erlebnisse den Weg aufs Papier, von denen ich anfangs noch glaubte, dass sie in meinen Gedanken am besten aufgehoben wären.
WIR SIND IMMER NOCH IM JAHR 2018
Wir haben bereits Oktober und die Tage werden etwas kürzer und schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu, damit ein neues beginnen kann.
Jahrzehnte lang hoffte ich, leider immer vergebens, dass mit dem Jahreswechsel alles besser wird und sich vielleicht ein paar meiner Wünsche erfüllen.
Heute jedoch wünsche ich mir, dass ich mein Leben, so wie es sich nun entwickelt hat, noch lange geniessen kann.
Noch einmal möchte ich über meine ältere Tochter sprechen,
Nun sind seit dem Verbrechen an ihr, bereits 36 Jahre vergangen und wieder war sie auf der Suche nach ihrem Peiniger, den sie per Zufall im Internet fand.
Er arbeitete in einem Boxclub in Basel, was in mir ein Unbehagen verursachte, da ich mir über seine krankhafte Veranlagung, kleine Mädchen zu missbrauchen, Gedanken machte.
Über verschiedene Umwege kam nach drei Monaten ein Kontakt zustande und wieder versuchte ich, sie mit allen Mitteln von einer erneuten Begegnung abzubringen, aber sie war nicht umzustimmen und so konnte ich nur hoffen, dass alles gut geht.
Sie benötigte ein Druckmittel, damit er sich bereiterklärte, sich nochmals mit ihr zu treffen und so drohte sie ihm, die Geschäftsleitung über seine Vergangenheit aufzuklären.
Er hatte anscheinend die letzten Jahre kein einfaches Leben und ich bin mir sicher, dass es genau das war, was meine Tochter erhofft hatte und auch hören wollte.
Sie hatte den Mut, ihm ihre Freude über sein, mit Problemen gespicktes Leben zu zeigen und erklärte ihm, dass sie keine Beziehung aufrecht erhalten konnte, weil er immer in ihrem Schatten lebt und sie daran hindert, ein glückliches Leben zu führen.
Nun ist mir auch klar, warum sie nach so vielen Jahren, wieder auf die Suche nach ihm ging.
Sie muss ihrem Schatten immer wieder ein Gesicht geben und je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr Verständnis kann ich heute für ihr Handeln aufbringen.
Für die Verarbeitung ihres Lebens, wird sie sicher noch viel Zeit und Geduld brauchen, aber ich bin sicher, oder besser gesagt, ich wünsche ihr, dass auch sie, eines Tages ihren Frieden finden wird.
DAS JAHR 2020 UND DIE FOLGEN
Die letzten zwei Jahre vergingen wie im Flug und beim Jahreswechsel wurde mir bewusst, dass nun die letzten Monate meiner Selbstständigkeit vor mir standen, was mich mit Wehmut erfüllte.
Seit der gerichtlichen Bestätigung der Vereinbarung, hat die Kühlanlage mich nie mehr im Stich gelassen, so dass meine Vermutung der Manipulation, wohl richtig war. Die Zimmer sind nach wie vor voll belegt und alle Untermieter sind zufrieden.
Bis anhin zählte ich jeweils die Jahre, nun die Monate und bald nur noch die Tage, die ich hier sein würde. Es waren sehr viele schöne Jahre dabei, die ich ganz sicher vermissen und nicht vergessen werde.
Mit einer inneren Traurigkeit nahm ich mir vor, bis zum letzten Arbeitstag mein Bestes zu geben, damit meine Gäste weiterhin zufrieden das Restaurant verlassen und ich in guter Erinnerung bleiben würde.
Es wurde Februar und der Covid 19 Virus kam immer näher und mein Unbehagen, dass einer meiner Gäste mich anstecken könnte, immer grösser.
Die fünfte Jahreszeit der Basler, sprich Fasnacht, wurde abgesagt und ich konnte hautnah erleben, dass dies für viele eine Weltuntergangsstimmung hervor rief.
Bereits jetzt gab es viele Coronaleugner, die, nicht an der Front des Geschehens, die Schilderungen der Spitäler und der Betroffenen ignorierten.
Die Pandemie hatte uns im Eiltempo erreicht, obschon auch ich hoffte und geglaubt hatte, dass sie nie in diesem Ausmass bei uns ankommen würde.
Dann der 16. März und die Verordnung vom Bundesrat, sämtliche, nicht lebensnotwendigen Geschäfte zu schliessen.
Mit Wehmut schloss ich an diesem Tag das Restaurant, mit der Gewissheit, dass dies für die nächsten Wochen so bleiben wird.
Die Arbeiter, die bei mir ein Zimmer gemietet hatten, kamen aus Polen und aus Rumänien, konnten nun für unbestimmte Zeit nicht mehr in ihr Heimatland reisen und ich durfte feststellen, dass sie sich gegenseitig, immer wieder Mut machten, um die Trennung von ihren Familien zu überstehen.
Obschon acht Männer in der Wohnung lebten, war es sehr still geworden, da jeder, um unnötigen Kontakt zu vermeiden, sich mehrheitlich im eigenen Zimmer aufhielt.
Die Angst vor diesem unbekannten Virus, der im Eiltempo über alle herein brach, war in ihren Gesichtern zu sehen, auch die Gewissheit, dass die eigene Familie bedroht war und sie nicht die Möglichkeit hatten, ihr beizustehen.
Bereits zwei Wochen vor der Schliessung begann eine Luzerner Firma, in unmittelbarer Nähe, mit dem Bau von zwei Mehrfamilienhäusern und da nun die Hotels ebenfalls geschlossen waren, mieteten sie kurzerhand eine Wohnung in Arisdorf.
Über mein Angebot, weiter für sie zu kochen, waren sie sehr erleichtert und so holten sie jeweils am Mittag und am Abend ihr Essen persönlich ab und ich war froh, dass ich noch etwas zu tun hatte.
Natürlich reichten diese Einnahmen nicht, um sämtliche Unkosten zu decken und so musste ich auf meine Rücklage, die aus dem Solidaritätsbeitrag für fürsorgerische Zwangsmassnahmen bestand, zurückgreifen.
Da ich vom Vermieter keine Mietzinsreduktion zu erwarten hatte, rechnete ich mir aus, wie lange ich durchhalten könnte.
Zusammen mit den Einnahmen der Zimmer, sollte ich über die Runden kommen, was für mich beruhigend war.
Ich pendelte nur noch von meiner Wohnung zum Restaurant und einmal pro Woche, mit sehr grossem Unbehagen, zum Einkaufen.
Auch hier musste ich feststellen, dass viele Menschen sich nicht an den vorgeschriebenen Abstand hielten und ihren Einkaufswagen nach wie vor, ohne Rücksicht durch den Laden schoben.
Es wurde Mai und der Bundesrat beschloss Lockerungen, die auch für das Gastgewerbe, jedoch verbunden mit strengen Auflagen, gelten sollten.
Anhand der Tatsache, dass ich auf Ende Oktober das Restaurant abgeben würde, machte es für mich keinen Sinn, noch zu investieren, um die Vorschriften erfüllen zu können.
Auch wollte ich mich nicht unnötigen Kontakten aussetzen, da ich altershalber zur Risikogruppe gehöre.
So entschloss ich mich, nur noch für vier Stunden, über den Mittagsservice zu öffnen, oder für Anmeldungen ab zehn Personen.
Die Gäste gewöhnten sich, mit viel Verständnis, sehr bald daran und mit diesem Konzept rückte der 16.September, mein festgesetzter Schliessungstag, immer näher.
Wieder einmal mit Wehmut, drehte ich den Schlüssel und musste mich nun mit der Auflösung beschäftigen.
Die Mieter konnten bis Ende September bleiben, aber auch für sie war es nicht einfach, da einige, viele Monate, oder sogar Jahre hier wohnten.
Was ich mir im Vorfeld als einfach vorgestellt hatte, wurde zunehmend schwieriger und zwar der Verkauf vom Inventar.
In normalen Zeiten wäre dies kein Problem gewesen, jetzt jedoch, mit einer ungewissen Zukunft vor Augen, gab es nur wenige, die Interesse zeigten und die finanziellen Mittel aufbringen wollten, um eine Anschaffung zu tätigen.
Viele kämpften ums Überleben, da sie, immer noch mit der ersten Welle im Nacken, sich bereits auf die zweite vorbereiten mussten und in dieser ungewissen Zeit, sich niemand mit der Übernahme eines Restaurants befasste.
Die Fallzahlen stiegen wieder und mir wurde schlagartig bewusst, dass es unmöglich war mein Inventar zu verkaufen und ich somit viel Geld verlieren werde.
Auch ein Flohmarkt, festgesetzt auf drei Tage, brachte nicht den erwünschten Erfolg.
Es wurde Mitte Oktober, noch immer war der grösste Teil des Inventars da und um endlich Luft zu schaffen, blieb nur noch die Möglichkeit, es gratis anzubieten und innerhalb einer Woche war alles weg.
Der einzige Trost war, dass nach einigen Telefonaten, vieles von gemeinnützigen Institutionen abgeholt wurde.
Die Bettwäsche konnten wir in einem Kinderheim abgegeben, die sehr glücklich darüber waren und somit war positives Denken angesagt. Trotz finanziellem Verlust, war ich froh, dass vieles gebraucht und noch geschätzt wurde.
Den Rest mussten wir dann, mit einem weinenden Auge, oder auch zwei, in der Kehrichtverwertung entsorgen.
Da stand ich nun, vor leeren Räumen, in denen ich 19 Jahre lang mehrheitlich zufrieden war, jedoch auch manchen Kampf durchstehen musste und all dies würde ab sofort der Vergangenheit angehören.
Am 31. Oktober 2020, mit der Schlüsselübergabe, musste ich endgültig ein neues Buch aufschlagen und obschon ich mir vorgenommen hatte, mich in Gedanken über das danach zu beschäftigen, sind die Seiten immer noch leer.
Zum letzten mal fällt die Türe hinter mir ins Schloss und da stehe ich nun, hinter mir die Vergangenheit und vor mir ein Fragezeichen, mit dem ich mich nun ausgiebig beschäftigen musste, damit das erste Kapitel geschrieben werden kann.

Immer noch lebe ich in Arisdorf und immer noch in der gleichen Wohnung, fühle mich wohl und möchte nichts mehr ändern.
Der Hauseigentümer hat, auf meinen Wunsch hin, das Untergeschoss in eine Zweizimmerwohnung umgebaut, in der nun seit August, meine Tochter und ihre Lebenspartnerin wohnen.
Als der Lockdown anfing, schaute ich mich in meiner Wohnung um und entschloss mich, einiges zu renovieren. Eine Altbauwohnung, die sich seit vielen Jahren keiner Erneuerung beugen musste, sollte zu meinem Beschäftigungsobjekt werden. Im Internet fand ich alle nötigen Videos, um vieles in die Tat umzusetzen. Anfangen wollte ich mit der Küche, die ich von dunkelbraun, in ein freundliches Grün umlackierte, aber nun nicht mehr zu den Fliesen passte, also habe ich sie kurzerhand weiss lackiert. Das Badezimmer, ebenfalls alt und in einem undefinierbarem grün gehalten, strahlt nun in perfektem weiss. Inzwischen gibt es keinen Zentimeter mehr in der Wohnung, den ich nicht bearbeitet habe. Im Wohnbereich wurden die alten Bodenbeläge entfernt und mein Sohn, handwerklich genial, hat das neue Laminat gelegt. Mit Stolz stelle ich fest, dass alles, auch nach anfänglichen Schwierigkeiten, perfekt aussieht.
Die heimatlose Katze, die die letzten Jahre im Restaurant ein und aus ging, durfte bereits Mitte Oktober bei mir einziehen und bis jetzt scheint alles gut zu gehen, denn sie hat ihren Lieblingsplatz gefunden und ihr Interesse für die anderen zwei Katzen, ist erstaunlich klein.
Bis jetzt halten sich die Rivalitäten in Grenzen, einzig unser Siamkater benimmt sich wie ein Wachhund, da er sich aus Eifersucht immer dazwischen drängt, um alle Streicheleinheiten für sich zu reklamieren.
Mein neues Leben kann beginnen und sicher werde ich es schaffen, meine Tage mit sinnvollen Aktivitäten auszufüllen.
Meine Vergangenheit werde ich nie vergessen können, aber ich habe endlich meinen Frieden gefunden und nach all den Beziehungen, von denen ich keine festhalten konnte, werde ich definitiv keine Versuche mehr starten und mir mein Leben nach meinen Wünschen einrichten, denn ich bin glücklich und zufrieden.
Ein paar Wünsche, hoffe ich, mir noch erfüllen zu können.
Auf den ersten habe ich keinen Einfluss, denn ich möchte noch viele Jahre, den Frieden mit meiner Familie geniessen und dazu gehört auch meine Urenkeltochter, mit dem wunderschönen Namen Eleonora, die bereits zwei Jahre alt ist.
Meine Enkeltochter liebt gestrickte Kinderkleider, somit sind die nächsten Wochen, oder Monate, schon mal ausgefüllt und alles weitere wird sich zeigen.
Dann träume ich von der Mailänder Skala, mit allem was dazu gehört und ich mitten drin, in einer wunderschönen Abendrobe, natürlich wissend, dass dies ein Traum bleiben wird, aber Träume, auch wenn sie nicht erfüllt werden können, bringen Farbe in unser Leben.
Mein dritter Wunsch, ist etwas bescheidener, aber gut für Körper und Seele, denn ich möchte einmal Ferien in einem Wellnesshotel verbringen und mich verwöhnen lassen.
Auch wenn meine Wünsche vielleicht nur Träume bleiben, werde ich trotzdem zufrieden weiter leben.
Die Beziehung zu meinem Sohn, wurde durch die Renovation meiner Wohnung, auf die Probe gestellt und ist noch besser geworden, was mir zu meinem inneren Frieden noch gefehlt hatte.
Inzwischen bezieht er eine IV Rente, jedoch sein Kampf mit den Drogen, ist leider immer noch ein ewiges auf und ab und inzwischen stelle ich ihm keine Fragen mehr, da ich unsere Mutter Sohn Beziehung nicht weiter belasten möchte.
Seine Hilfe nehme ich nur in Anspruch, wenn ich das Gefühl habe, dass er physisch und körperlich stabil ist, weil mich ansonsten die Gedanken über sein Leben und seine Zukunft, tagelang beschäftigen und nicht schlafen lassen.
HIER NUN ENDET DIE SUCHE NACH MEINEM LEBEN
Das Jahr 2020 ging im Strudel der Pandemie vorbei und auch das 2021 wird nach wie vor, von Corona beherrscht.
Unbegründet war meine Angst, dass die Tage, ohne mein Restaurant, trostlos und leer sein würden.
Endlich habe ich Zeit, meinen Garten und meine Hochbeete zu pflegen und mich daran zu freuen. Natürlich sind auch meine Tiere glücklich, dass ich nun mehr Zeit habe, mich mit ihnen zu beschäftigen.
Stolz bin ich, dass die Geschichte meines Lebens ein Ende, aber auch gleichzeitig einen Anfang gefunden hat, das ich mit jedem Wort und mit jedem Satz verarbeiten konnte.
Kurz gesagt, ich bin glücklich in meinem gefundenen Leben.

Im letzten Abschnitt möchte ich nun, nicht über die Suche nach meinem Leben sprechen, sondern all denen, die das gleiche, oder ein ähnliches Schicksal mit mir teilen und immer noch auf der Suche sind, ein paar Worte mitgeben.
Sich selber nie aufgeben, denn wenn das geschieht, bedeutet dies den Sieg, für alle Ärzte und Behörden, denn die vielfach falschen Diagnosen und Einschätzungen, werden plötzlich zur Wirklichkeit, verstricken sich mit dem eigenen Leben und der Weg zurück, ist verbunden mit vielen Schmerzen.
Sich die Innere Kraft, die Geduld und den Stolz, durch nichts nehmen lassen, denn sie geben unserem Körper den Halt zum Leben, auch wenn um uns herum alles in der Dunkelheit zusammen bricht. Nach jedem Rückschlag wieder aufstehen und von Vorne beginnen, auch wenn das Gefühl, dass es nicht mehr weiter gehen kann, die Oberhand zu ergreifen droht, schnell den nächsten Sonnenstrahl ergreifen und sich daran hochziehen, ins Licht.
Auch das Gefühl, dass sich Jahrzehnte nichts verändert, ist falsch, denn bei Menschen, die solche Erlebnisse verarbeiten müssen, geschieht die Veränderung im Hintergrund und eines Tages stellst Du fest, dass Du, durch eigene Kraft, zu einer starken Persönlichkeit geworden bist.
In dem Moment wird uns bewusst, dass wir nun endlich in die sogenannte Gesellschaft passen und wir müssen uns nicht mehr verstecken.
Wir können Erlebtes nicht vergessen, aber eines Tages wird der Friede einkehren und mit ihm wird uns bewusst, dass wir jetzt anfangen können, ohne Angst zu leben, da wir nun endlich wissen wie.
Alle künstlerisch bearbeiteten Fotos, wurden mir von www.fotopoesiewelten.com überlassen.
Die Künstlerin Margrit Bierter-Huggler, ist zugleich eine langjährige Bekannte von mir und ich möchte mich ganz herzlich bei ihr bedanken.

Wie doch die Zeit vergeht und auch ich frage mich, wo ist sie geblieben, denn wir sind im Oktober 2022 und die letzten zwei Jahre waren die ruhigsten in meinem ganzen Leben, da weder Stress, noch Hektik meine Begleiter waren.
Immer noch glücklich und zufrieden, geniesse und liebe ich meine Wohnung, sowie den Luxus, mir meine Tage frei gestalten zu können.
Aufstehen, wenn der Wunsch nach dem ersten Kaffee mich nicht mehr schlafen lässt und die Dusche auch mal bis am Nachmittag auf mich wartet.
Manchmal schaue ich etwas wehmütig zurück, da ich den Kontakt zu meinen Gästen vermisse, ich jedoch in der heutigen, unsicheren Zeit, kein Restaurant mehr betreiben möchte.
Da ich das Kochen sehr liebe, verwöhne ich nun jeden Donnerstag drei ehemalige Stammgäste mit einem feinen Mittagessen und erfahre nebenbei noch das Neuste vom Dorfleben.
Einmal pro Woche, wenn möglich am Samstag, treffe ich mich mit einer Freundin in einem Selbstbedienungsrestaurant, zum Mittagessen. Da sie gesundheitlich sehr zu leiden hat, geniesst auch sie diesen persönlichen Austausch, da wir über alles sprechen können.
Bereits seit Jahren verheiratet, lebt sie seit kurzem wieder in ihrer eigenen Wohnung, jedoch ist ihr Ehemann nach wie vor für sie da. Das nennt man dann wohl Liebe.
Mein Mittelpunkt im Leben, sind immer noch die Tiere, die mich dafür lieben, dass ich so viel Zeit mit ihnen verbringe.
Leider musste ich eine meiner Katzen, infolge Alter und Krankheit, vor einigen Monaten einschläfern lassen, was mir sehr weh getan hat, da sie fast neunzehn Jahre zur Familie gehörte und uns ihre uneingeschränkte Liebe schenkte. Das Loslassen fiel mir schwer, aber ich wollte sie nicht unnötig leiden lassen und so durfte sie friedlich, unter Tränen, in meinem Arm einschlafen.
Den beiden anderen Katzen geht es wunderbar. Mogli benimmt sich nach wie vor wie ein Wachhund und Maus durfte nach sieben Monaten das erste Mal an die frische Luft. Die ersten Tage war alles perfekt, doch dann war sie plötzlich weg, da ihr Instinkt sie zurück in ihr altes Revier zog.
Nach zwei Tagen holte ich sie zurück, was sich noch etliche Male wiederholte, denn es dauerte noch Monate, bis meine Wohnung ihr die gesuchte Sicherheit geben konnte.
Viel zu klein und ausgehungert, waren drei Igel, die meine Tochter letzten Herbst nach Hause brachte. Da die Pflegestationen überfüllt waren, entschloss ich mich, sie auf meinem Balkon zu überwintern und war froh, dass sie den Winter überlebten.
Im Garten bekamen sie dann die Möglichkeit, das verlorene Gewicht wieder anzufuttern und nach drei Wochen entfernte ich den mobilen Zaun, damit sie die Welt erobern konnten.
Für diesen Winter bin ich vorbereitet, da bereits im Sommer, mein Garten zum Igelparadies eingerichtet wurde, mit Häuschen und seit einer Woche auch mit Nistmaterial.
Einer der Igel ist seiner Kinderstube treu geblieben, hat sich bereits sein Winterquartier ausgesucht und verbringt schon jetzt viele Tage in seinem gepolsterten Nest.
Noch finde ich genügend Ideen, meine Tage auszufüllen, jedoch musste ich schon mehrmals feststellen, dass die wohl eines Tages erschöpft sein werden und ich mich vielleicht sehr bald, nach neuen Perspektiven umschauen muss.
Getrimmt auf die zweite Tageshälfte, findet mein Körper vor Mitternacht, immer noch keinen Schlaf, was mich jedoch in keiner Weise stört, da ich, begleitet vom Fernseher, meine Stricknadeln wetze, oder mich an die Nähmaschine setze.
Einzig meine Gelenke sind etwas eingerostet, zu wenig Bewegung, aber eine Änderung hat bereits begonnen, denn seit kurzem versuche ich, mich zweimal pro Woche im Fitnessstudio zu verwirklichen.
Strikte nach Plan, sollen meine Muskeln gestärkt werden, aber von Muskelkater und anschliessenden Schmerzen beim Treppensteigen, hat niemand gesprochen und so frage ich mich, ob ich bereit bin, dieses Programm für längere Zeit durchzuhalten.
Den Wunsch, Gemüse und Salat selbst anzubauen, erfüllte ich mir bereits letztes Jahr, denn nun stehen in meinem Garten, drei rückenschonende Hochbeete, die meine Bemühungen reichlich belohnen.
So bin ich immer beschäftigt und die Langeweile wird voraussichtlich ihren Einzug, noch etliche Male verschieben müssen.
Auch ohne Restaurant waren die letzten zwei Jahre ausgefüllt, mit kleinen und grossen Ereignissen, wie zum Beispiel meine zweite Krönung zur Urgrossmutter, ein sehr guter Grund, um wieder einmal meine Nähmaschine und die Stricknadeln vom Staub zu befreien.
Leider gab es auch traurige, sogar sehr traurige Momente, denn ich musste den endgültigen Abschied meiner Patin verarbeiten, die nach einem erfüllten Leben und innerem Frieden einschlafen durfte.
In meinen Gedanken drehe ich die Zeit zurück, denke mit Dankbarkeit an die Monate, die ich bei ihr und ihrer Familie verbringen durfte und daran, dass ich immer willkommen war, mit und ohne Probleme.
Der Jahreswechsel steht bevor und auch dieses mal werde ich glücklich, zufrieden und ohne etwas ändern zu wollen, das neue Jahr in Empfang nehmen.
Das Jahr 2023 und das erste mal in meinem Leben werde ich, mit Familie und Freunden, feierlich und ausgiebig meinen runden Geburtstag feiern.
Vorne eine Sieben, hinten eine Null, naja was solls, noch habe ich ein paar Monate Zeit, mich an diese Tatsache zu gewöhnen.
Die ersten Monate im neuen Jahr verliefen friedlich und ohne Turbulenzen.
Das Fitnessstudio war auf die Dauer nicht meine Welt und um nicht ganz einzurosten, fand ich mit Aquagymnastik die richtige Bewegungstherapie.
Einen Stock tiefer, in der Wohnung meiner Tochter ist zur Zeit Stress angesagt, da sie und ihre Lebenspartnerin, nach sechs Jahren Beziehung, im Juli heiraten möchten.
Bis ins kleinste Detail, wird nichts dem Zufall überlassen und vieles, mehrmals durchgespielt und abgeändert.
Samstag 1. Juli, wie gewohnt treffe ich mich mit Claudia zum Mittagessen, machte mir auch keine Gedanken, dass sie nicht viel zu erzählen hatte.
Beim Abschied kullerten ihr ein paar Tränen übers Gesicht, worauf ich sie in den Arm nahm, um sie zu beruhigen.
Auf meine Frage, ob ich mir Sorgen machen sollte, erklärte sie mir nur, dass sie froh sei, dass es mich gibt.
Es wurde Montag, immer noch dachte ich an Claudia und nahm mir vor, sie am späten Nachmittag anzurufen. Inmitten meiner Gedanken klingelte das Handy und als ich auf dem Display den Namen von Claudias Ehemann las, wusste ich, dass etwas passiert sein musste.
Traurig erzählte er mir, dass Claudia, mit der Hilfe von Exit, am Nachmittag friedlich eingeschlafen sei.
Obschon ich von ihr selber wusste, dass sie irgendwann diese Hilfe in Anspruch nehmen wird, konnte ich es kaum glauben, aber ihre Kraft, weiter mit Schmerzen zu leben, war aufgebraucht.
Ihre Tränen zwei Tage zuvor und unser gemeinsames Mittagessen, werden mir in Erinnerung bleiben und dass sie ein wunderbarer Mensch war, den ich vermisse.
Nur drei Wochen später, die Hochzeit von Jennifer und ihrer grossen Liebe. Es war ein wunderbarer Tag, anfangs kühl, bedeckt und windig, befreite sich die Sonne im richtigen Moment von allen Wolken und strahlte mit dem Brautpaar um die Wette.
Der Sommer ging langsam zu Ende, was für mich bedeutete, dass ich meinen Geburtstag planen musste, denn auch er sollte allen in Erinnerung bleiben.
Selbst gestaltete Einladungen, Menuplanung und Tischdeko, alles musste organisiert werden.
In einem Vereinslokal, mit kompletter Einrichtung und genügend Parkplatz,





