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Von Edwin Felder – Flower & Power - Milchemet & Jom Kippur 5437
Edwin Felder
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Esch Havsaka - Waffenstillstand
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Shalom - Rafatqatuk al Salama
Meiner Patentochter Lena Bodos, Reading USA
Flower Power
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1.  Flower Power
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Ein Kibbuz ist eine genossenschaftliche Siedlung mit gleichberechtigten Mitgliedern, die kein Privateigentum mehr besitzen und in der viele Einrichtungen des täglichen Lebens kollektiv organisiert sind. Der Begriff des ursprünglichen Sozialismus wird oft im Zusammenhang mit der Institution der Kibbuzim genannt. Nicht zu Vergleichen mit dem Kommunismus oder einem Realsozialismus der damaligen UdSSR. Das Ziel der Gründer war eine klassenlose Arbeiter-Gesellschaft, weit weg von Antisemitismus und den Pogromen in den Diaspora Länder (Gastaufenthaltsländer). Weit weg genauso vom osteuropäischen Schtetl und dessen patriarchalischer Gesellschaft. Eine grundsätzliche Veränderung der Gemeinschaft sollte entstehen und gelebt werden. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sowie auch die allgemeine Kindererziehung wurden neu angegangen, beziehungsweise neu definiert. Das eigentliche «Hausmütterchen» verschwand, denn die meisten hauswirtschaftlichen Aufgaben wurden von der Gemeinschaft als Dienstleistungen angeboten. Entscheidungen wurden basisdemokratisch getroffen und jeder brachte, mit seiner unentgeltlichen Arbeitsleistung, einen Beitrag zum Kollektiv bei. Für alles, so wie Kleidung, Gesundheit, Verpflegung, auch Schulen und Studium etc. kam die Allgemeinheit der Kibbuze auf.

Ein erster Kibbuz wurde von einer zionistischen Gruppe aus Weissrussland am 28. Oktober 1910, mit dem Namen Deganja am Südende des See Genezareth, gegründet. Bis zum Jahre 1970 waren es über 230 Kibbuzim mit mehr als hundertzwanzigtausend Mitgliedern. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet jedoch die basisdemokratische Ämterrotation ins Abseits und erwies sich als wenig praktikabel. Eine zunehmende Desintegration machte sich breit und wurde nur dadurch aufgefangen, dass vor allem ankommende Mitglieder aus der Diaspora aufgenommen wurden. Ab 1955 pilgerten sehr viele «Mitnadvim» (Volontäre/Touristen) in die Kibbuzim, um unentgeltlich vor Ort am Aufbau Israels mitzuhelfen, und um für einige Monate mit den Kibbuzniks zusammen zu Leben.

In den jungen Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zog es auch mich in den Mittleren Osten. Ich, ein zweiundzwanzigjähriger junger Mann, mit einer abgeschlossenen Lehre und wenigen Jahren Berufserfahrung sowie einem sehr großen Wissensdrang, war auf der Suche nach Antworten. Auf die Fragen des Holocaust und aus der Zeit zwischen 1933 und 1972. Als einer der «(Zu)spätgeborenen», hatte ich als junger Mensch viele Fragen an die Ereignisse der letzten Jahrzehnte.

Aufgewachsen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in behüteter und beschützter und neutraler Umgebung, kannte ich weder körperliche noch seelische Not. Mein gesunder Menschenverstand stellte immer mehr kritische Fragen zur mittelbaren Vergangenheit, an meine unmittelbare Umgebung. Diese jedoch wollte und konnte meine immer dringender werdenden Fragen nicht beantworten. Dazu kamen die ganz grossen Veränderungen in der Gesellschaft der 60er Jahre, welche natürlich auch mich zusätzlich beschäftigten und veränderten. Ein Jeder und eine Jede, egal aus welchem Level der Gesellschaft, versuchte sich in dieser Zeit neu zu finden. Ich für mich suchte Halt und Wahrheit. Dies tat ich aus der komfortablen Warte des «Wohlseins» ohne wirklich zu wissen, wie schrecklich die ganze Wahrheit der vergangenen «eintausend Jahre Nationalsozialismus» gewesen waren. Ich wusste nur eines, es gab Menschen, die dies alles am eigenen Leib erfahren hatten, und diese Menschen lebten heute zum grossen Teil in Israel und denen wollte ich begegnen. Das war mein eigentlicher Beweggrund, warum ich mich als unbezahlter Volontär einer Kibbuz-Gemeinschaft vorerst einmal für drei Monate anschloss. Ich war einer von X-Tausenden, meistens jüdischen Jugendlichen, die nach dem Sechstage Krieg nach Israel strömten, um dem Land mit einem Volontariat zu helfen».

Am 12. Dezember 1972 war es so weit. Elf Uhr Treffpunkt am Flughafen Zürich. Eine kleine Gruppe freiwilliger «Tayarims» mit den unterschiedlichsten Motivationen, warteten auf den Weitertransport nach dem Flughafen Lod, Tel Aviv in Israel. Keiner von der Gruppe hatte bisher eine Ahnung, wohin die Reise wirklich ging. Der Zielort war Givat Hayim Ihud. Der Name war mir zwar auf der Landkarte bekannt, in welcher Umgebung der Ort wirklich liegen würde interessierte mich eigentlich nicht sonderlich. Der Kibbuz lag nur zehn Kilometer entfernt von der besetzten arabischen Grenzstadt Tulkarem, das jedoch war für mein unbeschwert jugendliches Empfinden gar nicht so wichtig. Givat Hayim Ihud befindet sich zwar in der Mitte des Stammlandes Israel, in der Nähe von Chadera nicht weit weg von den Stachims, den von Israel 1967 besetzten Gebiete im Westjordanland.

Man bedenke auch, es waren gerade hundert sechsundzwanzig Tage vergangen seit dem Anschlag des schwarzen Septembers auf die israelische Olympiamannschaft in München, als wir dort eintrafen. Eigentlich verwunderlich, dass uns unsere Eltern nicht zurückgehalten haben. Wir, ihr eigen Fleisch und Blut, ziehen für drei Monate in ein unmittelbares Krisengebiet, und das mit völlig unbekanntem Ausgang. Mutig von unseren Eltern und voller Selbstüberschätzung durch uns selbst. Wir wähnten uns in vermeintlicher Sicherheit, denn es lockte das Ungewisse, von dem wir alle schon so viel gehört hatten. Das Kibbuz leben, der gelebte «Sozialismus», die Gemeinschaft im Kibbuz interessierte uns alle brennend.

Um 19.30 Uhr landeten wir in Tel Aviv. Wörtlich übersetzt Hügel des Frühlings, auf dem Airport Lod. Kaum aus dem Flugzeug entstiegen, empfängt uns eine «Hitzewelle» von fast 25° Celsius. Abgeflogen in Zürich bei winterlichen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, traf uns die Wärme wie ein Schock.

Empfangen wurden wir von einem älteren Herrn, der sich mit dem Namen Uri vorstellte Uri und seinem jugendlichen Chauffeur. «Schalom Uvracha» (Gesegnetes willkommen), das waren die ersten hebräischen Worte, die an mein Ohr gelangten. Etwas abseits vom Flughafen in einer Seitenstrasse war unser Transportmittel abgestellt. Es war ein uralter Lastwagen, ein Berliet GAK50 mit zerrissenem Plan verdeck mit doppelseitigen Holzbänken. Also ein Vorkriegsmodell, holprig und doch fahrtüchtig. Keiner muckste oder beklagte sich betreffend des etwas «Antik» anmutenden Transportmittels. Erschlagen von der ungewohnten Hitze und dem allgemeinen Chaos, welches damals am Flughafen Lod üblich war, waren wir froh, dass unsere Reise fortgesetzt wurde. Von Lod über Petach Tikwa, nach Kfar Saba erreichten wir Kfar HaRoe. Von dieser Kreuzung war es nur noch ein Katzensprung bis nach Givat Hayim Ihud. Müde, ausgelaugt und durchgerüttelt erreichten wir Givat Hayim. Es war nach 21.00 Uhr und wir wurden in den «Chadar Ochel» geführt.

Chadar Ochel, wörtlich übersetzt Zimmer des Essens, oder besser der Versammlungs- und Gemeinschaftsraum des Kibbuz. Hier traf man sich zu allen Hauptmahlzeiten und der Ort diente als der allgemeine Treffpunkt für alle Mitglieder. Der grosse Saal mit annähernd 400 Sitzgelegenheiten machte uns Ankömmlinge Eindruck. «Hier bedient euch, das Essen steht da vorne. Es ist Selbstbedienung. »Ein etwas ungewöhnliches Abendmahl nahm seinen Lauf. Auf den Tischen wahren Schüsseln mit frischen Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Paprikas und Lattich. Eine grosse Schale mit herrlich duftendem frischem Weissbrot stand daneben. Vorne am Buffet verpflegte man sich mit verschiedenen Milchprodukten wie Joghurt, Quark oder Käse. Daneben stand in einem Bain-Marie warmer Milchreis und ein etwas undefinierbaren Griessbrei mit Zimtzucker. Etwas abseits auf einem separaten Tisch eine einsame Platte mit rötlicher Pastrami Wurst und kaltem Huhn. Ich bediente mich von allem aus reiner Neugier, nicht wissend, dass dies ab heute mein tägliches Nachtmahl an sechs von sieben Tagen der Woche sein würde

«%u05D4%u05E7%u05D9%u05D1%u05D5%u05E5 %u05D0%u05D9%u05E0%u05D4 %u05DB%u05E9%u05E8%u05D4»! Dieser Kibbuz ist nicht koscher,

…resümierte eine Mitvolontärin, die sich scheinbar im jüdischen Speisegesetz besser auskannte als ich. Ich selbst hatte zwar über die jüdische Küche vieles gehört, kannte mich in den Koscher-Regeln gar nicht aus. Diese waren für mich wie ein Buch mit sieben Siegeln. Was heisst das, fragte ich meinen Tischnachbarn. Der Kibbuz ist nicht religiös, sondern säkular geführt bekam ich als Antwort. Das heisst, dass die jüdisch religiösen Traditionen nicht mehr als verbindlich betrachtet werden. Trotzdem werden viele jüdische Feste und Gepflogenheiten hier immer noch durchgeführt. So zum Beispiel spricht man auch den Segensspruch am «%u05E2%u05E8%u05D1 %u05E9%u05D1%u05EA», sprich Eref Schabbat, Freitagabend gemeinschaftlich für alle Kibbuz-Familien. Jedoch zurück zu unserem ersten Nachtessen. Gott sei Dank waren Uri und sein junger Begleiter an unserem Tisch und wir verfolgten gespannt das weitere zelebrieren dieses für uns doch sehr und-gewöhnlichem Abendbrot. Milch- und Griessprodukte sowie das Fleisch wurden zur Seite gestellt und man bediente sich am Tisch mit dem vor Ort aufliegenden Gemüse. Die Tomaten und die Gurken wurden fast rituell, penibel genau und akkurat in kleinste Würfel geschnitten und ein Salat daraus gemacht. Auf die duftenden Brotscheiben wurde Quark oder Joghurt aufgetragen, mit den «Satlatims» befüllt und so, je nach Lust und Laune, als Einfach-, Doppeldecker- oder Klubsandwich aus garniert. Wie gesagt, das Ganze hatte etwas Rituelles und wurde von allen Kibbuzniks und Volontären allabendlich regelrecht zelebriert. Dazu gab es immer kalten oder warmen Tee als Getränk.

Danach ging es an die Zimmerverteilung oder besser gesagt an die Unterkunft Verteilung in den die Baracken. Die Baracke, genannt Zrif oder in der Mehrzahl Zrifim, war ein Relikt aus den späten Dreissigern und es waren die übrig gebliebenen Unterkünfte der ersten Siedler des Kibbuz. Ein Zimmer mit acht Quadratmetern Fläche für eine Person, oder im Zimmer mit elf Quadratmetern für Doppelbeleger, standen für uns bereit. Der Eingangsbereich war überdacht und die Holzwände keine zwei Zentimeter dick. Meine Nachbarn schliefen somit gewollt oder ungewollt jede Nacht fast unmittelbar «Wange an Wange, nur getrennt durch diese dünne Sperrholzwand. Als Inventar stand uns ein Bettgestell mit einer Sperrholzplatte und darauf eine zehn Zentimeter dicke Schaumstoff Matratze zur Verfügung. Als Lichtquelle diente eine simple Fassung für eine Glühbirne und das einzige Fenster war zwar verglast und konnte nicht geöffnet werden. Der Wind pfiff durch alle Ritzen. Beheizt wurde das Ganze mit einem sogenannten «Neftofen» auf Petroleum-basis. Auf der kleinen Veranda vor der Hütte gab es zwei Klappstühle und daneben einen Tisch, gebastelt aus einer alten Kabelrolle. Das war die ganze Infrastruktur die uns hier erwartete. Waschräume und Toiletten waren zentral in der Mitte der Zrifs gelegen und wollte man sich einen Tee im Kum-Kum so ging man zum Wasserholen vor die Tür. Todmüde verkrochen sich alle in ihre neue Behausungen zurück und suchten den wohlverdienten Schlaf nach diesem so ereignisreichen Tag.

Nicht so ich. Diese Ruhe im Kibbuz machte mich neugierig. Ich hatte ein Einzelzimmer bekommen und musste somit auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Ich entschloss mich zu einem späten Erkundungsspaziergang durch den Kibbuz. Den Weg zurück zum Chadar Ochel kannte ich ja und dieser Ort war mein Ausgangspunkt, zu dem ich immer wieder zurückfinden würde. Davor lag ein imposantes Gebäude, bekannt als «Bait Viena» oder das Wiener Kulturhaus, wie es zusätzlich auf Deutsch angeschrieben war. Dies deutete darauf hin, dass ich in einem Kibbuz gelandet war, wo deutsch keine Fremdsprache sein konnte. Gleich neben der Kulturhalle gab es ein kleines Café, das «Bait Theresienstadt» (Haus Theresienstadt) das an verschiedenen Wochentagen geöffnet hatte.

Ich war auf einem Wohnhügel angekommen und schaute hinab auf das kleine, zentral gelegene Post- und Telefonhaus und war umgeben von kleinen, modernen Zweizimmerhäuschen. Eins wie das andere, so an die dreissig Stück, alle gleich gebaut und ausgestattet. Ein kleiner Eingangsbereich, daneben eine Mini-Küche und dazu zwei Zimmer. Das Kleinere Zimmer war das Schlafzimmer der Eltern, wobei das Größere meistens als Wohnstube und Gästezimmer und als Notschlafstelle für die Kinder diente. Die Einrichtungen der Häuser waren durchwegs individuell. Beim Durchblich durch meist Gardienen losen Fenster fiel mir auf, dass Kunst und skulpturale Gegenstände in einer jeder der Wohnungen Platz gefunden haben. Mein Spaziergang führte mich die Hügel auf- und abwärts an vielen Wohnhäusern vorbei, immer meiner Nase entlang. Vorbei an einem Gebäude, das unschwer als Krankenstation zu erkennen war. Die Wäscherei und die Großküche ließ ich links liegen und folgte dem Weg zu den Kinderhäusern, um auf den angrenzenden, kleinen Zoo, sowie die Grundschule zu stoßen. Ich beendete meinen abendlichen Rundgang auf dem Friedhof, der etwas außerhalb des Kibbuz in einem kleinen Pinienwald gelegen war. Die ganze Zeit über begleitete mich eine tiefe, beseelte Ruhe sowie auch eine Zufriedenheit hier angekommen zu sein. Ich war voller Vorfreude auf alles, was mich hier erwartete und was sonst noch so auf mich zukommen sollte.

 

Bogar Tov
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1.1.  Flower Power – Bogar Tov.
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Mitten im Winter, um fünf Uhr aufzustehen, das macht niemandem so richtig Spass. Trotzdem versammelten wir uns, die Volontäre und einige ältere sowie ein oder zwei jüngere Kibbuzniks, allmorgendlich um fünf Uhr dreissig zum Frühstück im Chadar Ochel. Für mich ein Kaffee mit einem Butterbrot und Marmelade, das war alles, was ich um diese Uhrzeit brauchte. Viele Nationen an einem Tisch, heisst auch viele verschiedene Essensgewohnheiten, genauso auch unter uns Orangenpflückern. Die einen bevorzugten das englische und die anderen das kontinentale Frühstück. Mit oder ohne Porridge, Würstchen, Pastrami, Müesli, Brot, Toast und diversen Eiern, war das Frühstück mehr als reichhaltig. Ich als Spartaner-Frühstücksmensch konnte mich nur sehr schwer an diese «Völlerei» am frühen Morgen gewöhnen. Froh einigermassen wach zu sein, kroch ich danach mehr schlecht als recht auf den klapprigen Lastwagen, um in den Orangenhain zur Pflückarbeit hinauszufahren.

Eine kurze Instruktion, wie wir die Zitrusfrüchte zu pflücken hatten, und wir wurden in kleinen Gruppen in den Pardes (Paradies) entlassen. Zwei bis vier Leute, alles Volontäre dazu ein älterer Kibbuznik arbeiteten immer zusammen als eine Gruppe. Der Pardesleiter war immer ein junger «Sabbre», also ein in Israel geborener Israeli mit von der Partie. Wir Volontäre hatten die Aufgabe, die oberen Stockwerke der circa drei bis fünf Meter hohen Orangen- und Zitrusbäume, mittels einer sehr unhandlichen, jedoch fahrbaren Leitertreppe zu bearbeiten. Bewaffnet mit einem Pflücksack und einer kleinen Zirkusschere legten wir los. Die Pflücksaison zog sich normalerweise von Anfang September bis circa Ende April hin. Den ganzen Herbst und Winter bis hinein in den Frühling. Geerntet wurden je nach Saison, Mandarinen, Clementinen, Zitronen, Orangen oder Pampelmusen gepflückt. Die Baumreihen waren kilometerlang und wir mussten erkennen, dass es auch im Mittleren Osten so etwas wie einen Winter gibt, denn der Morgen im Pardes war saukalt und immer tropfnass. Das änderte sich unmittelbar nach dem Sonnenaufgang. Die nassen Temperaturen von 4-8 °C am Morgen waren gewöhnungsbedürftig. Der danach folgende Sonnenschein trieb das Thermometer bis gegen Mittag rasch hinauf bis gegen 25° Celsius hoch. Unsere Arbeitszeit war von 06.30 Uhr bis gegen 13.00 Uhr. Danach ging es zurück in den Chadar Ochel, wo uns ein üppiges Mittagsmahl erwartete.

Es folgte die ortsübliche Siesta, welche von 1500h bis gegen 17.00h andauerte. In dieser Zeit war es absolut tabu, jemanden in dessen Haus aufzusuchen oder gar seinen wohlverdienten Schlaf zu stören. Während der täglichen Siesta war der Kibbuz wie ausgestorben, jeder hielt sich an dieses ungeschriebene Gesetz. Selbst die eigenen Kinder, die alleine und selbstständig in den Kinderhäusern wohnten, hielten sich an diese Regel.

Das allgemeine Leben im Kibbuz war in allen Bereichen gut durchorganisiert. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe, welche er nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen hatte. Leitende Management-Aufgaben wurden durch den von der Allgemeinheit gewählten Vertretern im Rotationsverfahren bewerkstelligt. Es war üblich, dass der Kibbuz Manager für 2-3 Jahre gewählt wurde und er diese Aufgabe nach Ablauf seiner Amtszeit seinem Nachfolger übertrug. Es gab die verschiedensten Abteilungen, welche professionell und ganz nach europäischem Standard geführt wurden. So ein Kibbuz war diversifiziert und hatte verschiedenste Betriebe, die zum allgemeinen Einkommen beitrugen. So zum Beispiel Zitrus-, Avocados, Birnen-, Apfel- oder Plantagen von Bananen. Dazu eine Jus Fabrikationsanlage, welche zusammen mit dem Nachbarkibbuz Givat Hayim Meuhad betrieben wurde. Einige Hundert Kühe mit einem dazugehörenden Milchbetrieb, in dem wie üblich an 365 Tagen gearbeitet wurde. Eine grosse Truthahnmästerei mit riesigen Ställen und dazu eine Kückenbrüterei in der zweimal täglich der Nachschub eingesammelt werden musste. Dazu kamen die vielen Spezialbetriebe, wie eine Schule für verhaltensgestörte Kinder, in der nach der Summerhill-Methode von Alexander Shuterland Neill unterrichtet wurden. Selbstverständlich waren auch die vielen eigenen Dienstleistungsbetriebe, wie Wäscherei, Näherei, Schulen, Kulturzentrum, Kindergarten, Krankenstation, Elektrowerkstatt, Schlosserei, Schreinerei und Malerei vorhanden. Jede dieser Abteilung brauchte eine operationelle Führung und entsprechend qualifizierte Mitarbeiter.

All das funktionierte einigermassen gut, wenn auch nicht immer reibungslos. In Givat Hayim Ihud lebten damals 974 Menschen. Davon waren circa 600 wählbare Kibbuz Mitglieder. Der Rest waren Kinder sowie Jugendliche. Dazu lebten auch fünfzig bis sechzig Volontäre aus den verschiedensten Ländern mit im Kibbuz. Das waren diese freiwilligen Helfer die für drei bis zwölf Monate in der Gemeinschaft der Zionisten leben wollten. Es gab auch einen Ulpan, eine Sprachschule an welchem neben praxisnahes Hebräisch auch das eigentliche Leben und Wirken im «Gelobten Land», als Neu-Einwanderern beigebracht wurde. Das kulturelle Leben wurde ganz und gar nicht vergessen und kam nicht zu kurz. Jede Woche fand eine der sehr beliebten Veranstaltungen aus Film, Theater, Tanz oder eine Kunstausstellung statt. Jugendliche aus dem eigenen oder einem anderen Kibbuz zeigten Laienvorstellungen auf sehr hohem Niveau zelebriert.

Die Woche hatte fünf Arbeitstage und die meisten arbeiteten von Sonntag bis Donnerstag respektive bis Freitagmittag. Freitagabend und den ganzen Samstag wurde offiziell nicht gearbeitet. Für die allgemeinen Dienstbarkeiten am Schabbat, wie Essen, Landwirtschaft, Krankenstation und die vielen anderen Notwendigkeiten dieses Tages, hatte man ganz besondere Dienste installiert. Ein jeder Kibbuznik hatte periodisch dazu seinen freiwilligen Beitrag zu leisten. Egal ob Alt- oder Jungkibbuznik jeder half mit. So kam es, dass es am Schabbat vorkam, dass ein Professor zusammen mit einem Kuhhirten und einer fünfzehnjährigen Schülerin, das vorbereitete Abendbrot für alle Kibbuzniks zubereiteten. Gleichzeitig besorgten dieselben Personen den ganzen Abwasch von Küche und Speisesaal. Das alles ohne zu murren oder sich je zu beklagen. Wir Volontäre waren dazu nicht verpflichtet, machten aus Solidarität bereitwillig mit.

Pardes / Paradies
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1.2.  Flower Power – Pardes / Paradies.
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Wie jeden Morgen stieg ich auch an diesem Tag auf meine fahrbare Leiter, um die Orangen im Hain zu pflücken. Begleitet wurden wir heute von einem älteren, leicht untersetzt und gebrochen wirkenden Mann, der uns sein schwaches «Bogar Tov» auf unser «Good morning» entgegenhielt. Nebst Hebräisch sprach er ein ausgezeichnetes Englisch und wie es sich später herausstellen sollte, dazu auch noch ein ausgezeichnetes Deutsch. Aber soweit waren wir noch lange nicht. Im Laufe des Morgens stellte es sich heraus, dass Jehuda, wie er mit Namen hiess, ganz umgänglich war. Er fragte uns vorsichtig aus, woher wir kamen und was wir bis anhin in unserem Leben schon durchlebt hätten. Als er erfuhr, dass ich aus der Schweiz kam, änderte sich sein Verhalten mir gegenüber merklich, aber wir kommunizierten weiterhin in Englisch miteinander. Er gab zu erkennen, dass er eigentlich aus Deutschland stamme und im Jahre siebenundvierzig über Zypern nach Israel gekommen sei. Erst jetzt beachtete ich an seinem rechten innen Arm eine Tätowierung mit den unheilvollen Zahlen. Ein unglaublicher Schauer durchlief meinen ganzen Körper. Ich hatte mir nie vorgestellt, wie es wirklich sein könnte, sollte ich je mit einem Opfer des Nazi-Regim in Deutschland zusam­mentreffen. Nun war es geschehen und das in der Mitte des Pardes (Paradies). Umgeben von einem wundervoll duftenden Orangenhain mit viel Sonnenschein traf mich diese Tätowierung wie ein Schlag ins Gesicht.

Ich war schockiert und erstarrte auf meiner Leiter. Dies bemerkte auch Jehuda, der ehemalige Häftling aus dem KZ-Auschwitz-Birkenau, der unbemerkt, trotz seines hohen Alters und seinen Gebrechen, zu mir auf die unhandliche Leiter gestiegen war. Er ersuchte, mich dazu zu bewegen von der Leiter hinunterzusteigen da es sonst zu gefährlich für mich sei und ich könnte ja herunterfallen. Welch eine Nachsicht, Ruhe und Einfachheit gingen von diesem Mann aus. Er, ein ehemaliger Professor des Technion in Haifa im Ruhestand, pflückte mit uns, kaum mehr als zwanzigjährigen Volontären, mitten im Pardeshain Orangen.

Es war ja immer mein sehnlichster Wunsch gewesen, mit Menschen aus der Shoah (Endlösung der Judenfrage) in Kontakt zu treten. Und mit einem von den Überlebenden sprechen zu dürfen. Nun stand ich da, wie der «Götz am Ölberg» und konnte es nicht fassen, wie mir geschah. Jehuda sprach, entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten, mit mir deutsch, was ich im ersten Moment gar nicht bemerkte. Es fiel mir erst auf, als der Professor ein wenig aus seinem Leben zu erzählen begann. Er stamme aus einer gutbürgerlichen Familie aus Frankfurt, die einen gut florierenden Pelzhandel betrieben hatten. Ansässig waren die Goldsteins in Frankfurt seit über 150 Jahren mit ihrem Geschäft. Erst nach 1933 habe sich die Situation in Deutschland komplett verändert und es sei für alle Juden schwierig geworden, zu überleben. Sein Vater, ein ehemaliger Feldluftschiffer-Unteroffizier des Wetterdienstes aus dem Ersten Welt­krieg, habe die kommende Katastrophe nie wahrhaben wollen. «Uns wird nichts passieren. Wir sind rechtschaffene, deutsche Bürger und diese momentanen Unruhen werden vorbeigehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der deutsche Staat auf die jüdische Gemeinschaft, als ein gewichtiges Mitglied der deutschen Wirtschaft und der Finanzwirtschaft, werde verzichten können. Die brauchen uns genauso, wie wir sie brauchen», waren immer wieder die Worte seines Vaters. Er sollte sich gewaltig täuschen. Das war zu diesem Zeitpunkt nur sehr wenigen, egal ob weltlichen oder religiösen Juden bewusst, was noch auf sie zukommen sollte. So auch nicht Paul Goldstein und seinen Geschwistern aus Frankfurt am Main. Paul Goldstein, alias Jehuda Goldstein, wie er sich nach seiner Emigration nach Israel nannte, eröffnete mir, dass er der einzige Überlebende des Holocaust seiner ganzen Familie sei. «Alle meine Familienmitglieder wurden in Auschwitz oder Theresienstadt von den Deutschen umgebracht. Damals habe ich mir geschworen, niemals mehr mit einem Deutschen ein Wort in Deutsch zu wechseln. Ich spreche normalerweise nur englisch mit unseren Gästen, die als Volontäre zu uns kommen. Es ist zwar verrückt, denn ich liebe, ja ich vergöttere die deutsche Sprache, deren Musik und die ganze Kunstszene, aber ich bringe es nicht fertig, mit der Nachfolgegeneration der Nazis in Kontakt zu treten ».

Ich nickte und glaubte zu verstehen, was ich in Wirklichkeit gar nicht konnte. «Du bist Schweizer, wenigstens mit dir kann ich unbelastet (!?) auf Deutsch kommunizieren», war sein Argument aber auch Entschuldigung, warum er ausgerechnet mit mir sich der deutschen Sprache bedienen wollte. «Weisst du, ich bin ein Jecke», wie es ganz viele in unserem Kibbuz hier in Givat Haim gibt.  Ein «Jecke», jiddische Bezeichnung für deutschsprachige Juden, welche nach Palästina ausgewandert sind. Ein Jecke wird mit folgenden Attributen in Verbindung gebracht. Intelligent, arbeitswillig und strebsam, hausbacken und korrekt, penibel und manchmal gar ein wenig lässig. Also das pure Gegenteil eines im Land Israel geborenen Bürgers, den «Sabbras». Sabbrafrüchte, das sind kleine Kakteen die mit ganz feinen und heimtückischen Stacheln an der Schale ausgestattet ist. Die zweite Seite der Frucht ist das honigsüsse und erfrischende «Fleisch» welches einmal genossen, offensichtlich süchtig machte. Eine bessere Beschreibung für die junge im Lande geborene Generation von Israelis konnte ich mir nicht vorstellen. Daneben standen wir Volontäre aus der ganzen Welt mit den verschiedensten kulturellen Hintergründen, vereint mit den Vatikims (den Alten) und den Sabbras pflückten wir allmorgendlich im Pardes duftende Orangen. Das alles verlangten mir wirklich Achtung und Respekt ab. Es geht also doch!

Café ve Ugot
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1.3.  Flower Power – Café ve Ugot.
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Einzelne Mitglieder des Kibbuz hatten die schöne Angewohnheit dich bei Sympathie auf einen Tee oder Café mit selbst gemachtem Kuchen einzuladen.

«Kommst du zu mir heute Abend zum Tee?»

Das war die begehrteste Form einer Einladung für uns Volontäre. Frisch geduscht und mit einem sauberen Hemd bewaffnet, fand man sich pünktlich zwischen 16:45h und 17.00h bei den Gastgebern ein. Alle Türen im ganzen Kibbuz waren nie verschlossen. Man trat mit einem weit hörbaren «Eref Tov» (guten Abend) geradewegs mitten in die kleine Wohnstube des sehr kleinen Bungalows einer Familie im Kibbuz ein. Die Wohnschlafstube und dazu ein zusätzliches Zimmer, Toilette mit Dusche und eine winzig kleine Miniküche gehörten zur allgemeinen Grundausstattung. Dazu kam der Eingangsbereich mit einem kleinen Vorgarten und sehr viel Grün rund um das ganze Haus, rundeten die Wohnsituation eines Kibbuz Mitgliedes mit Familie ab. Hausrat und Möbel waren individuell und waren je nach Geschmack lokal eingekauft. In jedem Haus fanden sich einige seltene Bilder und Kunstgegenstände, als auch gerettete «Familien-Erbstücke» aus der guten alten Welt vor dreiunddreissig, wie man uns immer wieder erzählte. Die Herkunft dieser Kunstgegenstände wurde uns von unseren Gastgebern immer wieder eingehend erklärt und erläutert.

Diese offene Gastfreundschaft war nicht ganz uneigennützig von unseren Gastgebern, welche meistens aus einem den deutschsprachigen Ländern ursprünglich stammten. Wir, die Mitnavedims (Volontäre), kamen aus einer ihnen abhanden gekommenen und doch vertrauten Welt, nach der sie sich wehmütig zurücksehnten.

Das war der eigentliche Grund warum wir deutschsprachigen Volontäre Gäste einer Kibbuz Familie sein durften. Nur unseren in Deutschland geborenen Freunden begegnete man mit verständlicher Skepsis. Jedoch auch hier gab es Ausnahmen und Leute die auch die der unmittelbaren Nachfolgegeneration der Nazis eine Chance gaben. Allgemeine Umgangssprache war meistens englisch und nur in den seltensten Fällen deutsch. Konnte man Jiddisch, so war dies die unverfänglichste Sprache, die man verwenden konnte. Das war die Sprache der Aschkenasen, so werden die Juden aus dem deutschsprachigen und Osten Europas genannt. Jiddisch war somit die Sprache der Ostjuden und somit über alle Grenzen hinweg in Gebrauch. Ein fast jeder konnte einige Worte auf Jiddisch und für das nicht Verstandene bediente man sich aller möglichen und unmöglichen Sprachfetzen, deren man mächtig war.

Leute wie ich, also ein Goi, Schimpfwort für ein christlich Geborenen, wurden eher von Modernen als von ehemaligen Schtetel-Familien einladen. Allen Aschkenasen Kibbuz Mitglieder war damit eines gemeinsam, sie alle waren begierig auf News aus «ihrer alten Heimat». Das war der eigentliche Grund für die liebevollen Einladungen zum nachmittäglichen Tee und viel zu zuckersüssem Kuchen. Je nachdem aus welchem Land ein Volontär hergekommen war, war das Interesse grösser oder kleiner, einen Mitnadev oder eine Mitnadevet einzuladen. Auffallend war auch, dass nur sehr individuell und fast immer nur Einzelpersonen eingeladen wurden. Das hatte den Hintergrund, dass die einladende Familie, so an ungefilterte Informationen aus der Alten und der so schwer vermissten Heimat kam. Jedes Detail war wichtig und es wurde beherzt nachgefragt.

«Das kleine Café am Franziskanerplatz in Wien, existiert das noch? ».

Eine unverfänglich neutrale Frage und daraus entwickelte sich ein jedes Mal ein Teegespräch mit Informationen aus aller Welt. Genauso erzählten auch sie Geschichten aus ihrer Welt von damals vor 1933, der Zeit von ihrem Jungsein und ihre Abenteuer. Die Kibbuzniks und ganz speziell die Österreicher, waren absolut süchtig auf Informationen aus ihrer alten Heimat. Da kam es schon mal vor, dass ein eingefleischter nicht mehr Deutsch sprechender «Wiener Bub» plötzlich einen «Schmäh» (Gehörte Erzählung) in lupenreinem Wiener Dialekt lachend von sich gab. Diese nachmittäglichen Einladungen zu Tee, Café und Kuchen beschränkten sich immer auf knapp fünf viertel Stunden. So gegen 18.15 Uhr wurde man von den Gastgebern mit einem letzten Nachschlag bedient und die Gespräche begannen merklich abzuflachen. Spätestens, wenn die eigenen Kinder nach achtzehn Uhr dreissig ihren Eltern den täglichen Besuch abstatteten, war es höchste Zeit, sich zu verabschieden. Das Abendessen genoss die ganze Familie gemeinsam im Chadar Ochel oder in seltenen Fällen organisierte man etwas in den eigenen Räumen.

Den Habitus des nachmittäglichen Tee- und Kaffeetrinkens und Parlier Stunde hatte sich sehr schnell auch in unserer gesamten Volontär Siedlung etabliert. Willst du «Bots» oder «Nes» war hier die Standardfrage. Nes stand für Nescafé Spezial und Botts wörtlich übersetzt für «Dreck-Café» oder vornehmer ausgedrückt einem aufgebrühten, türkischen Café. Nescafé galt unter uns Volontären als ein Luxusartikel, was bei unserem täglichen Verdienst von ca. fünf Lirot (Zwei Franken fünfzig) nicht weiter verwunderlich war. Die Herstellung eines Nescafés «Volontär style» wurde folgendermassen zelebriert. Man nehme ein Einheitstee und Café Glas und gebe zwei Kaffeelöffel des Luxusgutes Nes in das Glas. Dazu kommt, je nach Wunsch, Zucker und ein bis zwei Tropfen heisses Wasser. Man beginne die Masse wie wild mit dem Kaffeelöffel zu verrühren, um eine schaumige Crema herzustellen. Je länger man rührt, um so eine schönere Crema wurde als Resultat erreicht. Kurz heisses Wasser aus dem «Kum-Kum» (Heisswasserkessel) dazu gegossen und der «Café Mitnadevet» war fertig. Geschmacklich war es ein stinkgewöhnlicher «Nescafé». Die Crema jedoch hat aus diesem Pulverkaffee etwas Exklusives daraus gemacht. Echter Kuchen hatten wir nicht, da gab es die schlecht mundenden Biskuits aus dem Kibbuz Store als Ersatz. Dieser wurde jedoch von uns Volontären mit Heisshunger im Café oder Tee getunkt gegessen. Nicht jeden Abend hatte man eine der Komfort-Einladung bei einem Jecke (Jiddisch: deutscher Jude) der älteren Generation.

Die Jüngeren, vor allem die noch unverheirateten Kibbuzniks, hielten nicht sehr viel von solchen Einladungen in ihren eigenen Räumen. Sie liessen sich lieber selber durch uns in unsere Zrif Behausungen einladen, wo es oft ganz schön hoch herging. Schuld daran waren natürlich unsere heissen Midnadevets (weibliche Volontärinnen), die aus der ganzen Welt nach Israel kamen. Ein freies Kommen und Gehen war in dieser Flowerpower behafteten Zeit üblich. Über die allfälligen Folgen glaubte man sich gefeit, was natürlich ganz und gar nicht stimmte. Häufiger Partnerwechsel unter uns jungen Leuten war an der Tagesordnung. Es kam vor, dass eine gute Freundin dich zum «Café» am späten Nachmittag in ihre Zrif einlud. Am späteren Abend du selbst nochmals weiblichen Besuch für die anstehende Nacht empfangen hast. Dazu hatte man noch eine oder zwei Sabbra-Liebschaften nebenher so beiläufig am Laufen. Die eine war eine Studentin, die die ganze Woche hindurch zum Studium in Jerusalem war. Die andere absolvierte gerade ihren obligaten Militärdienst am Toten Meer, wohin du gelegentlich auf Besuch hingefahren bist. Niemand war schockiert oder regte sich auf, sofern man sich an die ungeschriebenen Gesetzte der Kibbuze hielt. Es galt eine gewisse Diskretion zu wahren und solche Aktivitäten auf die Zrif oder die Junggesellen Wohnungen der Kibbuzniks zu beschränken. Tabu waren für uns die noch nicht Armeereifen jungen wilden Sabbrinen, die sich bei den Ältesten der Jugendlichen Kibbuzniks als Aufsicht verdingten. Obwohl gerade diese jungen Sabbrinen mit einem unwiderstehlichen Tausend und einer Nacht Flair ausgestattet waren, warst du gut beraten, sie in Ruhe zu lassen. Diese kleinen Biester wussten ihr Flair sehr wirkungsvoll einzusetzen. In solchen Fällen war in jedem Fall eine konsequente «Hände-weg-Politik» löblich angesagt. Folgte man diesem weisen Rat nicht, so war der Aufenthalt im Kibbuz logischerweise nur noch eine Frage von wenigen Stunden oder Tagen.

Taiar, bedenke du bist Gast...
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1.4.  Flower Power – Taiar, bedenke du bist Gast....
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Ansonsten durchlebten wir Taiarim (Touristen) in den Zrif eine Art «Flower-Power-Luxus-Time». Eine verrückte Zeit mit guten und auch schlechten Seiten, wie den Alkohol und den beginnenden Drogenkonsum. Haschisch, Marihuana und sonstige Narkotika waren leicht in der Altstadt von Jerusalem zu besorgen und es wurde rege davon Gebrauch gemacht. Auch die jungen Israelis, die meisten im wehrfähigen Alter versuchten, das in ihrem Armeealltag «Gesehene» und «Erlebte» vielmals durch die Drogen zu verdrängen oder zu vergessen. Bei ihren seltenen Besuchen Zuhause im Kibbuz oder bei ihren Familien am Freitagabend, verhielten sie sich auffällig zwiespältig.

Den Eref Schabbat verbrachten die Chaialim (Soldaten) meistens bei ihrer Familie. Zum Kiddusch und Seder traf man sich zusammen mit der Gemeinschaft im Chadar Ochel des Kibbuz. Ein weisses Tischtuch mit angezündeten Schabbat Kerzen, dazu zwei Challa Laibe Brot und Salz sowie der süsse Wein wurden aufgetischt. Der darüber von einem wöchentlich wechselnden männlichen und weiblichen Hausverstand gesprochenen Ha Mozie Segen gaben den würdigen Rahmen für diese  Zeremonie. Nach diesem wiederkehrenden Familienanlass, auf den jede jüdische «Mamale» (Jiddisch: Mama) besonders viel Wert legte, folgte ein kürzeres oder längeres Familien Anstands-Sitin im elterlichen Zuhause. War dann die Zeit reif für die gemeinsame «Volontärs Party» nach Mitternacht, so blieben die Kinder der Kibbuze auch nicht lange fern und kamen zum Party machen zu uns in die Zrif.

Die jungen Kibbuzniks, die einen jahrelang andauernden Grund-, Ausbildungs- oder Reservistenwehrdienst zu absolvieren hatten, hatten ein Wohnrecht im Kibbuz während ihrer Armeezeit. Somit wohnten die jungen Soldaten und Soldatinnen unmittelbar zusammen mit uns in der Nähe der Zrifim. Die Jagd auf Männlein und Weiblein auf den heissbegehrten Partys war somit eröffnet. Wer war neu unter den weiblichen Volontären. Auf welchen heissen Typen aus Übersee konnte eine junge Sabbra ihr Auge werfen. Sechziger und siebziger Jahre Hits und Rhythmen bildeten die Basis dieser unglaublich dynamisch tollen Partys, die bis in den frühen Samstagmorgen andauerten. Dazu gab es den billigsten lokalen Alkohol, auf den die Bezeichnung «Fusel» wohl am ehesten passte. Dieser war verantwortlich, vielmehr er war der Garant für einen schrecklichen «Hang Over» am nächsten Tag.

Jeder und eine jede von uns, ob Volontär, Soldat oder Kibbuznik war auf der Suche nach seinem eigenen Abenteuer. Wir, naiven befreiten «Hippies» waren alle auf der Suche nach den besseren Kirschen aus Nachbars Garten. Diese schmeckten bekanntlich immer süsser als die Hauseigenen. Dieser Heisshunger nach Leben führte zu einer Bereitschaft, sich auf allerlei ungewöhnliche Erlebnisse und Aktivitäten einzulassen. Hinter den Baracken im Gebüsch wurden Hanfgärten kultiviert, um daraus Brownies oder sonstige «Gluschtige Süssigkeiten» zu backen, oder einfach nur, um den Stoff zu rauchen. Geraucht wurde täglich, dies jedoch nur in der Umgebung der Zrif. An den öffentlichen Orten wie dem Chadar Ochel, der Kulturhalle, im Café und bei der Arbeit war es ein absolutes Tabu und wurde meistens respektiert. Ansonsten waren wir quasi vogelfrei und handelten auch danach. Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich liessen wir die Zügel laufen, egal ob von männlicher oder weiblicher Seite her.

Schwierig wurde es nur, wenn die/der Partner/in nicht dem mosaischen Glauben angehörte und ein grösseres «Malheur» passiert war. Dann wurde es Ernst, sofern der/die Partner/in nicht mit einem medizinischen Eingriff einverstanden war. Das hiess im Klartext, sich für oder gegen eine Heirat und somit auch für den Übertritt zum mosaischen Glauben zu entscheiden. War zusätzlich noch der Wunsch da, sich im Lande selbst niederzulassen und eine Existenz aufzubauen zu wollen, so waren die Hürden weit höher gesetzt. Es galt nach der Residenzzeit sich als Bürger voll für Land und Leute einzubringen. Das konnte unmittelbar sehr hart werden und auch unter Umständen, das eigene Leben kosten. Die allgemeine Militärpflicht und eine sehr lange Reservisten Zeit standen für jeden jungen Israeli an, und sie wurde von Allen konsequent eingefordert. Die «Zewa ha Haganah Israel», also die israelischen Streitkräfte, waren bekannt für ihre Topausbildung und auch für ihre Härte im Gefecht. Du musstest dich also grundsätzlich entscheiden.

Ich als Nichtjude und dazu noch als Goi, fühlte mich zwar sehr sauwohl im ganzen Land und war immer und überall willkommen geheissen worden. Eine Ausnahme war, wenn es in den Gesprächen um die «Zahal» (Armee)ging. Da hatte ich als Fremder absolut keinen Zugang. Auf Nachfrage erhielt man zu diesem Thema von allen Bürgern des Landes, nur sehr allgemein gehaltene und immer nur oberflächliche bis nichtssagende Auskünfte. Als ausländischer und dazu nichtjüdischer Freund warst du auch auf Besuch in gewissen Armee Camps durchaus auch willkommen. Jedoch Insider-Informationen, und sei es nur das in Erfahrung bringen der regulären Essenszeiten eines Nahal-Camps, war für einen Fremden wie mich absolut unmöglich. Die Mitglieder der Zahal, das waren alle Bürger dieses Landes, mutierten zu einer verschworen und sich selbst geschlossenen Gesellschaft, zu welcher du als Goi keinen Zutritt hattest. Es entstand dabei kein Unmut oder gar Zwietracht. Nein, wir alle akzeptierten diesen Ausschluss unwidersprochen.

Flower & Power Euro Goi

 Begegnungen mit Armeeangehörigen fanden täglich, die ganzen vierundzwanzig Stunden überall auf den Strassen im ganzen Land statt. Die Armee war omnipräsent und die 250’000 Permanent-Soldaten, 800 Panzer und 400 Flugzeuge waren nicht zu übersehen und schon gar nicht zu überhören. Was mich damals im Lande am meisten beeindruckte war, dass trotz dieser für mich persönlich absolut belastenden Präsenz der Armee im ganzen Lande, eine friedfertige Stimmung herrschte. Die von uns allen so viel Bewunderte «Sabbre-Lässigkeit» der einzelnen Soldaten, täuschte über manches hinweg und erklärt aus heutiger Sicht vieles.

Knapp fünf Jahre nach dem «Milchemet Schechet ha Jamin» (Sechstagekrieg) mit den ägyptischen, jordanischen und syrischen Konfliktparteien, waren fast nur noch die Mütter der gefallenen Soldaten in tiefer Trauer übriggeblieben. Sie alle übten Nachsicht gegenüber ihren «überlebenden» Soldatinnen und Soldaten. Der Unabhängigkeitskrieg von 1948. Die Sueskrise von 1956 und letztlich der Sechstagekrieg hatten viele Opfer auf allen Seiten gefordert. Vor allem die allein gebliebenen Mütter jüdische wie moslemische waren aufs Äusserste beansprucht worden und litten enorm unter den mannigfaltigen Verlusten ihrer Söhne und Töchter. Dazu kamen auch noch die 700’000 Flüchtlinge und Vertriebene aus der jordanischen Westbank, dem Gazastreifen. Viele fanden Zuflucht im Libanon, ausserhalb von Beirut im Bekaa Tal, als auch in Syrien und den elenden Flüchtlingslagern im  Ostjordanland wohin  sie Zuflucht gesucht hatten. Die Saat für die weiteren Konflikte in Nahost war von allen Seiten gesät worden, und die Saat keimte langsam vor sich hin. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis zu einem neuerlichen Konflikt.

Reisen bildet...
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1.5.  Flower Power – Reisen bildet....
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Was ging uns die große Politik an, wir die kleinen orangenpflückende Volontäre auf unserer wohlbehüteten «Kibbuz-Insel»? Das Weltgeschehen wurde äußerst effektvoll vor uns durch den Kibbuz ferngehalten. Das Radio sendete zwar halbstündlich Nachrichten auf Hebräisch. Diese wurden zwar lautstark ins ganze Pardes übertragen, jedoch es nütze uns nichts da wir sie nicht verstehen konnten. Die allabendlichen fünfundvierzigminütigen Nachrichtensendungen in hebräischer Sprache, am einzigen für uns zugänglichen Fernseher im Chadar Ochel, verpasste zwar fast niemand von uns. Wir, die meisten der hebräischen Sprache unkundigen Touristen mussten uns durch Interpretation der Bilder eine Meinung bilden und diese versuchen auch noch richtig zu Interpretieren. Dies führte gezwungenermaßen zu massiv falschem Wissen, welches niemand korrigierte, oder besser gesagt niemand korrigieren wollte. Einzig der 1973 von Aebie Natan gegründete Piratensender «Voice of Peace» verbreitete unter dem Slogan «From somewehre in the Mediterranean» englische Nachrichten, denen wir auch vertrauen konnten. Jeden Freitagabend, zum Ende des muslimischen Freitaggebetes und zu Beginn des jüdischen Schabbats, sprach Abie Natan, der Friedensaktivist eine halbe Stunde auf Englisch, von seiner Vision eines künftigen arabisch-jüdischen Friedens. Wir alle hörten ungläubig zu und hofften auf deren Verwirklichung.

Schabbat Tage, das waren für uns Volontäre auch Ausflugstage. Der Kibbuz organisierte für die Volontäre zusammen mit Uri, unserem aus Berlin stammenden Vertrauten, eine Art Schulreise durch die Weltgeschichte. Uri, war von Beruf studierter Archäologe und er unterrichtete als Dozent an der Hebrew Universität in Jerusalem. Er ein eingefleischter Zionist und wandelndes Lexikon, der alten und neueren Geschichte des gesamten Mittleren Ostens begleitete uns. Seine Ausflüge zu den römisch, christlich, arabisch oder jüdisch historischen Stätten waren von uns begehrt und immer voll ausgebucht. Zudem kannte sich Uri auch in der neueren Geschichte des Staates Israel aus. Er, ein gewichtiges Mitglied der ehemaligen Haganah, Universitätsdozent und Manager des Kibbuz a.D., sass mit uns Volontären immer hinten auf den Holzpritschen des alten Berliet GAK 50 Lastwagens. Ja genau, derjenige vom ersten Tag mit den verschlissenen Planen. Uris Bekleidung war markant blau zionistisch und er trug immerzu die gleichen Kibbuz Klamotten. Sommer wie Winter, immer nur seine einfachen «Heiland Sandalen», dazu kurze blaue knielange Hosen und ein undefinierbares kariert verwaschenes Hemd. Im Winter geruhte er sich, eine alte blaue Mechaniker Jacke über das Hemd anzuziehen. Nie fehlte sein markantes Kibbuz Dreieckshütchen in Blau-weiß mit der Aufschrift «Schalom». Mit dem Hütchen dirigierte er große Gruppen durch alle Sehenswürdigkeiten, und genauso sicher durch den Basar Dschungel von Jerusalem.

Ein typischer Kibbuznik und Zionist der alten Schule eben und obendrein auch noch ein «Jecke», also ein deutschstämmiger Jude. Im Turnus fuhren wir auf die Golanhöhen, zum See Genezareth, nach Nazareth, Haifa, Akko oder nach Caesare zu den antiken Ausgrabungen. Hier wurde man von Uri über das Geschehene unterhaltsam belehrt und humorvoll informiert. Diese Trips, wie wir sie nannten, dauerten meistens zwei bis drei Tage und wir über-nachteten immer in einem befreundeten Kibbuz in deren Jugendherberge. En Ghedi und vor allem Masada am Toten Meer waren solch magische Orte der Geschichte, die durch die bildhaft kompetenten Erklärungen und lebhaften Schilderungen unseres Begleiters, beinahe wie von selbst wieder zu leben begannen.

«Mezadà» (Masada) eine ehemalig römische Festung auf einem Tafelberg mitten im judäischen Gebirge am Südwestende des Toten Meer gelegen, wurde von Herodes, einem römischer «Klientelkönig» (73-4 vChr.), mit allem damals erdenklichen Luxus als Rückzugsfestung ausgebaut. Für sich selbst und seine eigene Sicherheit, baute er den Nordpalast auf drei Ebenen, und dieser galt für die damalige Zeit als uneinnehmbar. Der Luxus kannte keine Grenzen und das mitten in der Wüste. Auf dem 300 mal 600 Meter großen Tafelberg, wurden nebst einer großartigen Vorratsbewirtschaftung, auch zwölf Zisternen mit einem Vorrat von mehreren Zehntausend Kubikmeter Wasser, in den Felsen gehauen. Genug Wasser aus der Wüste zu sammeln, das war das eigentliche Problem, das sich den Festungserbauer damals stellte. Bei einer durchschnittlichen Niederschlagsmenge von 368 mm pro Jahr, waren innovative Lösungen angesagt. Zwei Aquädukte rund um den Berg, sowie die riesigen Zisternen lösten das Problem, um das goldene Nass während der kurzen Regenzeit im Winter für das ganze Jahr sammeln zu können. Nebst einer grossen Wachmannschaft zur Verteidigung der 40 Wehrtürme und einer Kasemattenmauer auf dem Felsen, wurden sehr grosse Lagerhäuser, Pferdeställe, Unterkünfte und mehrere Paläste mit komfortablen Bädern erbaut. Für sich selbst baute Herodes als erstes das königliche, mit großen Mosaiken ausgestattetes Bad in drei Stufen. Dieses wurde von Josephus Flavius, ein jüdisch-römischer Historiker, wie folgt beschrieben:

«Herodes leistete sich mitten in der Wüste ein Bassin mit kaltem Wasser, ein Bad mit lauwarmem Wasser und dazu einen Warmraum, um sein Bad würdig vollenden zu können».

Soweit bekannt ist, besuchte Herodes nur ein einziges Mal seine Rückzugsfestung Mezadà.

Ab dem Jahre 66 n.Chr. und dem Fall des zweiten Tempels in Jerusalem, unter Statthalter Titus, kam es zum jüdischen Krieg gegen die römischen Besatzer. Die damals römisch besetzte Festung Masada wurde von einer Gruppe Sikariern (Sika Lateinisch /Dolchstecher) überraschend erobert und viele nachfolgende jüdische Rebellen siedelten sich danach in Masada an. Man übernahm die Festung und richtete sich häuslich ein. Eine Synagoge, eine Bäckerei, eine Mikwe (Rituelles Bad) und vieles mehr, was im täglichen Gebrauch des jüdischen Lebens nötig war, wurde zusätzlich erbaut. Natürlich ließen sich die Römer als Besatzer der Region das nicht gefallen und schlugen zurück. Traurige Berühmtheit erhielt der Ort in den Jahren 73/74 n.Chr. als die Festung von der 10. Legion der Römer mit 4000 Mann, unter Führung von Flavius Silva, belagert wurde. Es waren keine Kampf- sondern nur «Auxilartruppen», also Hilfstruppen die eine Rampe an der niedrigen Westseite bauten. Diese Rampe diente dazu, die monatelang durchgeführte Belagerung durch den Einsatz von Rammböcken für die Römer siegreich zu beenden.

Josephus Flavius, der jüdisch-römische Berichterstatter aus der Zeit berichtete weiter, dass die verbliebenen 960 jüdischen Einwohner der Festung sich gegenseitig selbst umgebracht hatten, um nicht als Sklaven den Römern in die Hände zu fallen. Vor ihrem Tod öffneten sie alle ihre, zum Bersten vollgestopften Vorratskammern und alle vollgefüllten Wasserspeicher. Sie wollten den Belagerern zeigen, dass sie freiwillig, und nicht aus Hunger Durst oder sonstiger Not, diesen Weg in den Tod gewählt haben.

«EIN RUMVOLLER TOD IST BESSER ALS EIN LEBEN IM ELEND»

…soll das Motiv ihres Anführers Eleazar Ben Yair gewesen sein. Überlebt haben nur zwei Frauen und fünf Kinder, die sich in einem Wasserkanal versteckt gehalten hatten und so der Nachwelt Bericht erstatten konnten.

Weiter berichtet Josephus Flavius: «Als die Römer die Festung stürmten, erwartete sie eine Totenstille. 960 Männer, Frauen und Kinder hatten den Tod in Freiheit gewählt. Diese Tat macht Masada bis heute zum Symbol des jüdischen Freiheitswillens».

Es war die Faszination dieser Ausflüge, die uns auf den harten Holzbänken des bejahrten Lastwagens jedes zweite Wochenende ausharren ließ. Uri brachte uns, unsere Eigene und die Geschichte des Mittleren Ostens zum Begreifen nahe. Insbesondere beeindruckte mich damals mein erster Besuch der Stadt Jerusalem. Die historische Altstadt mit vier Vierteln. Dem Armenischen-, Christlichen-, Jüdischen- und Moslemischen-Viertel und als Mittelpunkt stand da der «Har ha Bait» oder Berg unseres Zuhause auch Tempelberg genannt und auf Arabisch heisst er «Al haram ash sharif», das edle Heiligtum

Der Hügel, oberhalb des Kidrontales gelegen, ist angrenzend an das Jüdische- und Muslemische Viertel gelegen. Ursprünglich stand auf dem Plateau der salomonischen Tempel mit der Bundeslade der Juden. Herodes der Große ersetzte diesen, ab dem Jahre 21 v.Chr., durch den nach ihm benannten Herodianischen Tempel. Nach der islamischen Eroberung «Palästinas» im Jahre nach 636 n.Chr. erbauten die Islamisten den Felsendom sowie die Al Aqsa Moschee unter Umaer Iben al-Chattàb. Diese gilt als drittwichtigste Stätte des Islams. Am Fuße des zweiten Jerusalemer Tempels liegt das größte Heiligtum der Juden, die Kotel.

 «Ha-kotel ha-ma’arawi»

…auf Deutsch die Klagemauer oder auch Westmauer genannt. Keine dreihundert Meter Luftlinie davon entfernt befindet sich das höchste Heiligtum der christlichen Welt, die Grabeskirche. Die mitunter größten Heiligtümer der drei Weltreligionen auf kleinstem Raum «verneint», das heißt, alle zusammen auf kaum einem Quadratkilometer Fläche beheimatet.

Langsam, sehr langsam erkannten wir, an welch weltgeschichtlich relevanten Ort wir uns da befanden, und wie bedeutungsvoll dieser Ort für einen großen Teil der Menschheit ist und bleibt. Außerhalb der Altstadt, am Fuße des Tempelberges liegt der älteste Teil Jerusalems, die Davidstadt mit der Ghionsquelle. Sie war lange Zeit die einzige Jahresquelle Jerusalems, welche das lebensspendende Nass für einen großen Teil der Bevölkerung in die Stadt brachte. Durch den antiken Hiskia-Tunnel, Knie- bis Hüfttief im Wasser watend, unterquerten wir Volontäre, unter Führung von Uri exklusiv das Kidrontal. Über uns mehr als 1200 Ellen reiner Felsen und nur jeder vierte von uns hatte eine Kerze als Lichtquelle erhalten. Diese «Leuchter» waren bemüht uns nachfolgenden Mitstreiter heimzuleuchten, was nicht immer gelang und wir uns unfreiwillig im Dunkeln durchtasten mussten. Ein unglaubliches Erlebnis wurde uns da geboten, denn schon zu König Davids’ Zeiten (1000 v.Chr.) war diese Quelle bekannt und bewirtschaftet worden. Unsere Hände tasteten sich vorsichtig durch den keilförmigen Tunnel im spärlichen Kerzenlicht. Wir fühlten und spürten die Spuren der Steinmetze, die diesen Tunnel gegraben hatten, mit unseren eigenen Fingerkuppen. Näher konnte man Geschichte nicht erleben oder versuchen sie zu begreifen.

Acht Tore begrenzen den Zugang zu der Altstadt Jerusalems. Eines davon ist verschlossen. Das goldene Tor oder «Scha’ar harachamim» (Tor des Erbarmens), wo nach jüdischem Glauben die Herrlichkeit Gottes einst durch das östliche Tor in den Tempel kam und bis zur neuerlichen Ankunft des Messias verschlossen bleiben soll. Die sieben anderen Tore, Damaskus-, Neues-, Herodes-, Löwen-, Mist-, Zions- und das Jaffator, sind für die Allgemeinheit offen und leiten die Einwohner und Besucher in die einzelnen Quartiere und Suks. Hier ist alles erhältlich, was das Volontärs Herz begehrt, auch das «Verbotene». Die Altstadt, eng begrenzt durch ihre Mauern, bildet eine in sich geschlossenen Einheit von maximal zweieinhalb Quadratkilometer Grundfläche. Verlässt man die Altstadt in Richtung Neustadt, so gelangt man in eine andere Welt. Die Welt des politischen und geschäftlichen Israels, genauso wie in die Welt der Utra orthodoxen Juden aus Ostenpolen, die im Viertel Me’a Scharim den heutigen Staat Israel ablehnen. Die Feiertags- und Schabbat-Ruhe ist in diesem Viertel absolut strikte einzuhalten und wehe dem, der sich anders verhält. Es könnte sein, dass an solchen Tagen die Steine plötzlich fliegen lernten.Nur einen Strassenblock weiter, lebt das Moderne, das säkulare Israel zusammen mit den palästinensischen «Gastarbeiter», die tagsüber die Neustadt «gezwungenermaßen» als billige Arbeitskräfte überschwemmten.

Stätten von weltgeschichtlicher Bedeutung auf kleinstem Raum vereint, die findet man in und rund um Jerusalem. Eine verrückte und in sich voller Sprengkraft behaftete Welt, bot sich uns jungen Menschen in dieser «Hauptstadt der abrahamitischen Religionen» dar. Mich faszinierte und erschütterte diese Stadt mit ihrem geschichtsträchtigen Gemäuer und ich nahm mir vor, die Stadt von Grund auf Stein für Stein in allen Variationen immer wieder erleben zu wollen.

Balljunge der Tennis Junkies
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1.6.  Flower Power – Balljunge der Tennis Junkies.
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Es war schwierig nach solch hochkarätigen Ausflügen, sich im Alltag des Pardes beim Orangenpflücken wieder zurechtzufinden. Es war die Zeit das Erlebte zu verarbeiten und die neu geschlossenen Freundschaften durch intensive Gespräche über Gott und die Welt zu hinterfragen oder zu festigen. Die Gespräche im Pardes, von Leiter zu Leiter waren international, und wurden in allen Sprachen von Jung und Alt aufs heftigste geführt. Wir Jungen wollten von den Alten wissen wie das, was in ihrer Jugend Geschehen war, Geschehen konnte. Die «Alten» wollten von uns Jungen wissen, wer, wie oder was aus ihrer Zeit übriggeblieben war oder ist, und wie wir über all das Geschehene dachten. Dazu hatten wir in unseren Pardes Talk Runden reichlich Gelegenheit dazu. Unterbrochen wurden diese Gespräche nur durch die von uns allen so heiss geliebte und geheiligte Frühstückspause im duftenden Orangenfeld.

Unser Gastkibbuz, Givat Hayim Ihud, war ein moderner offener und säkular bestimmter Kibbuz. Gegründet am 23. Mai 1953 als Folge einer ideologischen Abtrennung vom gemeinsamen Gründer Kibbuz Givat Hayim Meuhad (gegründet 1932) und der damaligen politischen Bewegung. Die austretenden Familien gründeten in dieser Zeit rundherum neue Kibbuzim, so wie Givat Hayim Ihud oder Emek Hefer etwas östlich von den beiden Kibbuzim Ihud und Meuchad gelegen. Die meisten der Kibbuz Mitglieder waren mit der Alija Beth, der zweiten grossen Einwanderungswelle zwischen 1931 und 1939 nach Palästina gekommen und waren weltoffen noch nationalistisch eingestellt. Damals kamen sie als junge gut ausgebildete Erwachsene, welche die Zeichen der Zeit zu Wissen gedeutet hatten. Sie verliessen ihre Länder, Deutschland, Österreich, Polen, Rumänien, Ungarn oder die Tschechoslowakei, um einen Neuanfang in Palästina zu wagen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Palästina noch unter britischem Mandat stand und in ganz Europa 250tausend Displaced Persons aus den Konzentrationslagern auf eine neue Heimstätte hofften, begannen diverse jüdische Organisationen diese DP’s auch nach Palästina zu verbringen. Unter abenteuerlichen Umständen und vielmals in mehreren Anläufen, erreichten 136tausend von ihnen, die meisten per Boot die Küste des damaligen noch britischen Mandat-Gebietes Palästina. Viele fanden zuerst eine erste Aufnahme in den küstennahen Kibbuzim, wo sie sich langsam und begleitet in ihre neue Lebenssituation einleben konnten. So kamen damals auch sehr viele «Ole Chadaschim» (Neueinwanderer) in die beiden Kibbuzim Givat Ihud und Meuchad. Die Ankömmlinge waren verständlicherweise in einer körperlichen, wie geistig desolaten Verfassung, und sie brauchten Hilfe, um ihr tägliches Leben meistern zu können. In einer Art Patenschaft übernahmen, die vor ihnen in den frühen Dreissigern eingewanderten «Chaverim» (Freunde) diese Auf-Gabe.

Alle diese Leute waren vielmals unsere «Pflückpartner» aus dem Pardes, die ihre Aufgabe mit voller Hingabe erfüllten. Für mich als Volontär war es anfänglich äusserst schwierig, mit einem der direkt betroffenen Holocaustüberlebenden ins Gespräch zu kommen. Mit dem Makel eines in Deutschland geborenen jungen Erwachsenen, war es trotz aller Bemühungen fast ein Ding der Unmöglichkeit mit einem der Shoah-Opfer Deutsch zu sprechen. Die meisten verweigerten sich nicht nur der deutschen Sprache, sondern auch der physischen Begegnung mit der Nachfolgegeneration der Nazis, was mehr als nur verständlich war.

Wie schon beschrieben, wurden wir des Öfteren von Kibbuzniks zum Café eingeladen. Im Rahmen solcher «Teegespräche» entstand immer mehr Vertrauen zu uns freiwilligen Helfern. Eine Basis zu einem vorsichtigen Gespräch über das Vergangene mit unseren Gastgebern wurde so manchmal möglich. Sie erzählten uns ihre gefilterten Geschichten, waren jedoch immer ein wenig besorgt uns mit der ganzen Wahrheit zu konfrontieren. Sie dachten, man könne uns dies Alles (noch) nicht zumuten. Sie als die authentischen Personen erlaubten uns bei anderer Gelegenheit, dass zumindest ein weiteres vorsichtiges Nachfragen bei späterer Gelegenheit möglich wurde. Ich selbst war froh um jede Information, die ich so über das so unfassbar Geschehene erhalten konnte. Ich war begierig nach authentischen Berichten, da es gerade diese waren welche mich dazu bewogen hatten, für drei Monate in Israel Volontär Arbeit zu verrichten.

Meine Begegnung mit Jehuda, dem Orangen pflückenden Professor aus dem Pardes, öffnete mir eine ungewöhnliche Tür zu einigen Überlebenden der Schoah. Jehuda, Eliezer, Aliza, Baruch und Schlomo sowie auch Nurit, waren zu Anfang für mich nur diejenigen, die mir als Tennislaien, das Spiel der Engländer auf dem Betoncourt besser beibrachten. Jeden zweiten Nachmittag nach siebzehn Uhr trafen sich die «sportlichen «Tennis Junkies» auf dem Court beim Schwimmbad und ich war ihr einziger begeisterter Zuschauer. Sie spielten immer im Doppel auf den zwei Plätzen. Fehlte mal ein Partner, was öfters vorkam, so wurde ich höflich dazu gebeten. Anfänglich wie ein Balljunge, da klar balltechnisch kläglich versagend, steigerte ich mich mit der Zeit und wurde ein ganz passabler Mitspieler. Die Truppe, alles Aschkenasen aus Europa, die meisten aus dem Raum Frankfurt, Berlin oder aus Wien, respektive aus den östlich davon gelegenen Ländern stammend. Es wurde auf Hessisch, böhmisch wienerisch und berlinerisch geflucht, gekeucht und kein Ball wurde je als verloren aufgegeben. Die «alten» Damen und Herren spielten mit vollem Einsatz. Trotz ihrer Gebrechen, als ob sie nochmals neu geboren worden wären. Das ging natürlich auf Kosten der Kondition, mit der ich dann meinerseits wieder punkten konnte. Mein Aufstieg innerhalb der Truppe gestaltete sich rasant, vom halbwegs unfähigen Balljungen zum passablen Mitspieler vergingen nur wenige Wochen. Nach Beendigung des Spieles entschwand ein jeder seiner Wege und mitunter kam es vor, dass wir nur noch zu zweit, Eliezer und ich selbst auf der alten Spielerbank Platz nahmen und anfingen bis spät in die Nacht hinein Gespräche (Monologe) zu führen.

Im Jahre 1867, mit der sogenannten Dezemberverfassung, wurde im Zuge des österreichisch-ungarischen Ausgleiches allen in der Monarchie ansässigen Juden den ungehinderten Aufenthalt und die Religionsausübung im ganzen Kaiserreich erlaubt. So auch dem Grossvater von Eliezer mit dem Namen Schmulik Goldstein. Er hatte sich als ehemaliger Viehhändler, aus Lwiw (Lemberg) kommend, in Wien im 2ten Bezirk als Pferdehändler am Karmeliterplatz, niedergelassen.

Zu dieser Zeit lebten in Wien insgesamt 2617 Bürger des mosaischen Glaubens. Das waren insgesamt ein Komma drei Prozent der damaligen Wiener Bevölkerung. Nach dem kaiserlichen Erlass im Jahre 1867 sprang die jüdische Bevölkerung auf über 40Tds oder sechs Komma sechs Prozent der damaligen Wiener Bevölkerung an. Um das Jahr 1923, also bei der Geburt meines Tennispartner Eliezer, waren es 201’513 oder zehn Komma acht Prozent jüdische Bürger, die innerhalb der Stadt Wien ihren Wohnsitz hatten. Das war schon erheblich. Zurückzuführen war diese grosse Zahl auch auf die Folgen des Ersten Weltkrieges und den Niederlagen Österreichs. Danach strebten fünfzig oder siebzigtausend «arme Ostjuden als verarmte Kriegsflüchtlinge durch den Wiener Nordbahnhof und nahmen mehrheitlich Wohnsitz in der angrenzenden Leopoldstadt. Das führte zu allgemeinen und teilweise gravierenden Spannungen unter der jüdischen, als auch vermehrt unter der restlichen Bevölkerung Wiens. Der fast schon verschwunden geglaubte Antisemitismus von vor neunzehnhundert, blühte wieder von Neuem auf. Die siebzigtausend in Österreich lebenden «Neuen», armen jüdischen «Kriegswirtschaftsflüchtlinge aus dem ganzen Kaiserreich, waren per Dekret arbeitslos und durften somit nicht arbeiten. Das verschärfte das sogenannte «Juden Problem» in der jüdischen Gemeinde und unter der Bevölkerung enorm. Auf der einen Seite standen die assimilierten und gutsituierten, seit 1867 ansässigen gebildeten «Wiener Juden», die von ihren eigenen neuen Glaubensbrüdern und Schwestern wegen ihres inzwischen erlangten Reichtums und Arbeit angefeindet wurden. Auf der anderen Seite waren die armen «Ostjuden», die welche wegen ihrer Armut und vielen Vorurteilen von vielen Gruppen aus der Bevölkerung angeklagt und gejagt und diskreditiert wurden.

Eliezer Goldstein
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1.7.  Flower Power – Eliezer Goldstein.
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Im Jahre 1867, mit der sogenannten Dezemberverfassung, wurde im Zuge des österreichisch-ungarischen Ausgleiches, allen in der Monarchie ansässigen Juden, den ungehinderten Aufenthalt und die Religionsausübung im ganzen Kaiserreich erlaubt. So auch dem Grossvater von Eliezer mit dem Namen Schmulik Goldstein. Er hatte sich als ehemaliger Viehhändler, aus Lwiw (Lemberg) kommend, in Wien im 2ten Bezirk an der Leopoldstadt, als Pferdehändler am Karmeliterplatz niedergelassen. Zu der Zeit lebten in Wien insgesamt 2617 Bürger des mosaischen Glaubens. Das waren insgesamt ein Komma drei Prozent der gesam­ten Bevölkerung. Nach dem kaiserlichen Erlass im Jahre 1867 sprang die jüdische Bevölkerung auf über 40tausend oder sechs Komma sechs Prozent der damaligen Wiener Bevölkerung an. Um das Jahr 1923, also bei der Geburt meines Tennispartner Eliezer, waren es 201’513 oder zehn Komma acht Prozent jüdische Bürger, die innerhalb der Stadt Wien ihren Wohnsitz hatten. Zurückzuführen war diese grosse Zahl auch auf die Folgen des Ersten Weltkrieges und dessen österreichischen Niederlagen. Danach strebten fünfzig oder siebzigtausend «arme Ostjuden» als verarmte Kriegsflüchtlinge durch den Wiener Nordbahnhof und nahmen mehrheitlich Wohnsitz in der angrenzenden Leopoldstadt. Das führte zu allgemeinen und teilweise gravierenden Spannungen unter der jüdischen, sowie auch vermehrt unter der restlichen Bevölkerung Wiens. Der fast schon verschwunden geglaubte Antisemitismus blühte wieder von Neuem auf. Die 70tausend in Österreich lebenden «Neuen» aber armen jüdischen «Kriegswirtschaftsflüchtlinge aus dem ganzen Kaiserreich waren per Dekret arbeitslos und durften somit nicht arbeiten. Das verschärfte das sogenannte «Juden-Problem» in der jüdischen Gemeinde selbst, aber auch in der Bevölkerung enorm auf. Auf der einen Seite standen die assimilierten und gut-situierten, seit 1867 ansässigen gebildeten «Wiener Juden», die von ihren eigenen neuen Glaubensbrüdern und Schwestern wegen ihres inzwischen erlangten Reichtums und Arbeit angefeindet wurden. Auf der anderen Seite waren die armen «Ostjuden», die welche wegen ihrer Armut und vielen Vorurteilen von vielen Gruppen aus der Bevölkerung angeklagt und diskreditiert wurden.

Ende der Zwanziger des zwanzigsten Jahrhunderts waren vermehrt antisemitische Schlägertrupps in der Leopoldstadt unterwegs und richteten Unheilvolles an. So wurden 1929 in der «Produktenbörse», und 1932 im Gebetsraum des «Sperlhof», Anschläge auf die am Shabbat betenden Juden verübt. Angst, ja sehr grosse Angst, machte sich in dieser Zeit der Missgunst und der ankommenden Wirtschaftskrise breit. Das zeigte sich auch an der Tatsache, dass 1923 bei der Volkszählung noch 2’434 Personen Angaben machten, Jiddisch als Umgangssprache täglich zu benutzen. 1934 waren es gerade noch 510 Personen, die sich getrauten, dies öffentlich zu bekennen. Nach der Annexion Österreichs, oder wie Adolf es nannte, «den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich», also ab März 1938, begannen in Wien den täglichen Schikanen. Strassenputzaktionen, respektive täglich neue «Reibe Partien» waren an der Tagesordnung und kein Jude konnte sich dem Entziehen. Wurde er von den umherziehenden Schlägertruppen als Jude identifiziert, so war es um ihn Geschehen. Die Nürnberger Gesetze galten ab sofort auch in Österreich und führten zur vollständigen Beraubung der in den letzten einundsiebzig Jahren hart erworbenen Freiheitsrechte. Nach der Reichs Pogromnacht vom neunten auf den zehnten November 1938, als alle 130 Wiener Synagogen und Bethäuser, mit Ausnahme der Hauptsynagoge niedergebrannt worden sind, wurden über sechstausend «Wiener-Volljuden» vorerst nach dem KZ Dachau gebracht, um danach auf diverse Konzentrationslager verteilt zu werden. Die Ausübung des Berufes, sei es nun handwerklich oder akademisch, wurde sukzessiv geschmälert und somit untersagt. Der gelbe Stern folgte auf dem Fuss nur kurze Zeit danach. An eine Aus- oder eine Weiterbildung eines Jugendlichen war schlicht und einfach nicht mehr zu denken. Das traf natürlich auch meinen so wunderbaren Tennispartner Eliezer, unseren immer fröhlich wirkenden Schuster aus dem Kibbuz.

Im Jahre fünfunddreissig feierte Elizer am dritten März seinen fünfzehnten Geburtstag. Damals besuchte er noch sporadisch das Gymnasium an der Sperl Gasse 2c in der Leopoldstadt. Vater Menachem, Grosstuchhändler mit Geschäft an der Dresdener Strasse, sowie seine beiden mit ihm arbeitenden Brüder Chaim und Jossi, kamen am Tage nach der «Kristallnacht» nicht zurück von ihrer Arbeit aus dem Familiengeschäft. Sie wurden von den Nazis abgefangen und abkommandiert zu einer «Reibe Partie» auf den Gehsteigen Wiens. Danach wurden sie in «Schutzhaft» genommen. Über Dachau und dem KZ Mauthausen gelangten sie alle drei nach Gusen I, zwecks «Arbeitseinsatz». Ihnen wurde die Aufgabe zum Teil, im Vorauskommando «Barackenbau», für die Unterbringung der zukünftig zu erwartenden Häftlingen aus Polen, Spanien, der Sowjetunion, Frankreich, Belgien und Luxemburg zu sorgen. Man erwartete tausende von polnischen Intellektuellen, die im Zuge des Überfalles auf Polen in die Hände der Nazis fallen würden. Täglich wurde der Bautrupp von Mauthausen aus dem Stammlager nach Gusen I geführt, um in den Steinbrüchen der DEST (Deutsche Erd- und Steinbrüche GmbH), Steine für die Baracken und Strassen von Mauthausen und die nachfolgenden Lager Gusen II und Gusen III zu klopfen. Um das erklärte Ziel, die «Vernichtung durch Arbeit», in Gusen I auch wirklich sicherzustellen, wurden anfänglich als Aufsichtskräfte hauptsächlich Berufsverbrecher aus deutschen und österreichischen Gefängnissen, sogenannte Grüne herangezogen. Die Arbeit im Steinbruch wurde mit primitivsten Mitteln bewerkstelligt und die unsägliche Brutalität, welche die «Grünen Aufseher» an den Tag legten, verhalf Gusen I zu dem Ruf, ein Lager ohne Wiederkehr zu sein. «Rückkehr unerwünscht» war bei Einlieferung der zweifelhafte Schatten der SS Nazischergen, der sich einerseits in der Häftlingsnummer niederschlug und andererseits bei Todesfall auch noch durch einen «geschönten Totenschein» bestätigt wurde. Vater Menachem, und Eliezers um einige Jahre älteren Brüder, Chaim und Jossi überlebten das Lager nicht. «Innerhalb von neun Monaten bekam Mutter dreimal den gleichen Brief mit dem Vermerk, "Verstorben an Herzversagen", berichtete Eliezer mit leerem Blick, im Gleissenden Lichtkegel des Tenniscourts neben mir auf der Spielerbank sitzend. Ich selbst durfte schon lange nicht mehr zur Schule gehen und die Wohnung verliess ich nur noch nachts, um in der Dunkelheit ein bisschen nach frischer Luft zu schnuppern.

"Oh du mein Mamele"
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1.8.  Flower Power – "Oh du mein Mamele".
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Meine Mutter war sehr darum bemüht, mich als ihr jüngster Sohn auf irgendeine Art fortschicken zu können, begann Eliezer einmal unverhofft das Gespräch. Sie kontaktierte dazu einen vertrauenswürdigen, arischen Wiener Tuchhändler, zu welchem unser Vater über Jahrzehnte gute und freundschaftliche Geschäftsbeziehungen gepflegt hatte. Eines Abends, Ende Frühling neununddreissig, wurde ich «spontan» abgeholt und fuhr mit der Familie unseres Schicksal Freundes unverhofft in den Urlaub, nach Gries am Brenner. Er, der Tuchhändler selbst sowie seine Vorfahren stammten aus diesem Dorf und er besass mit seiner Familie seit vielen Jahren ein Feriendomizil in dieser Grenzgegend zu Italien.

Der Geschäftsfreund meines Vaters war Lieferant für viele der bekanntesten internationalen Modehäuser in Mailand und ganz Italien. Es war daher nicht weiter ungewöhnlich, dass er des Öfteren von Gries aus geschäftlich über den Brenner nach Mailand gefahren ist. Ab und zu nahm er auch einen seiner Söhne als einen seiner Assistenten mit.

Seine beiden Söhne waren begeisterte Berggänger und verbrachten jede Minute in der Alpengrenzregion, um zu klettern oder die Region zu erwandern. Sie waren hier fast wie zu Hause und galten im weitesten Sinne auch als Einheimische. Ich wurde als Cousin der beiden Brüder im Dorf vorgestellt der einige wenige Wochen im Ort zum Training für eine gemeinsame Expedition kommenden Herbst nach Zentralasien verbleiben würde. So zog ich Tag für Tag mit den beiden durch Berggrenzgebiet am Brenner und überquerte dabei auch schon mal probeweise zu Fuss die Grenze zu Italien.

Auf die geplante Reichsflucht meinerseits, hatte man mich mittlerweile vollends aufgeklärt. Die ganze Familie bemühte sich mich auf mein bevorstehendes Abenteuer so gut wie möglich vorzubereiten. Den mir bevorstehenden definitiven Grenzübertritt übten wir theoretisch immer und immer wieder. Die ganze Familie schärfte mir dabei ein, mich unbedingt an ihre Anweisungen zu halten. In den ersten Wochen meines «Urlaubes» machten sie mich in einem Schnellkurs vollends «Berg gängig». Das hiess, wir erklommen die verschiedensten Berge, diesseits und jenseits der Grenze zu Italien. Wir achteten darauf, dass wir immer auf einem anderen Weg zurückkamen, als auf dem, den wir hergegangen waren. Hie und da begegnete uns auch die Zollaufsicht. Meine beiden Begleiter schienen als Expeditionsbergsteiger diesseits und jenseits der Grenze wohlbekannt zu sein, denn immer wurden wir alle von den Zöllnern mit Handschlag begrüsst. Die beiden Brüder erklärten ihnen immer wieder unermüdlich unser gemeinsames Vorhaben der österreichisch-deutsch-italienischen Expedition in den Hindukusch in ein paar Monaten. Das entsprach teilweise der Wahrheit, denn die Beiden waren unter anderen auserwählt worden diese Expedition zu begleiten. Wir bemühten uns daher täglich so viele Höhenkilometer wie nur immer möglich schaffen sollten. Das erklärte unser häufiges Auf- und Absteigen auf die einzelnen Gipfel. Zwar wurde mein jugendliches Aussehen mehrfach angesprochen. Gekonnt machten mich die beiden Brüder glaubhaft um fast drei Jahre älter, in dem sie dem Fragenden meinen gefälschten Expeditionsausweis unter die Nase hielten. Das klappte immer. Und so wurde ich verschont und fühlte mich sicher in Ihrer Obhut.

Der Tag meiner effektiven Flucht kam immer näher. Ganz unspektakulär erklärten mir meine beiden Freunde den Ablauf des Tages. Tagwache um 03.30 Uhr. Aufstieg von Gries hoch zum 2113 m hohen Sattelberg, direkt über dem Brennerpass, wo wir gegen 05.30 Uhr ankamen. Vom Sattelberg ging es hinüber zum Steinjoch (2117 m) quasi immer am Grat entlang im Laufschritt. Dann hinunter über die steilsten Bergwiesen und durch die Waldgebiete bis zum Flüsschen Eissack hinter der «Pontigel-Haarnadelkurve» an der Brennerstrasse. Keine hundert Meter bergwärts davon entfernt stand ein kleiner Schopf an einer Strassenbucht. Dort würde der Vater meiner beiden Helfer eine Reifenpanne vortäuschen und von ca. 09.00 Uhr – 09.20 Uhr auf uns warten. Wir drei sollten genau zum verabredeten Zeitpunkt aus dem hinteren Teil des steilen Bergwaldes heraustreten und der Eissack entlang als Wandergruppe auf das Auto des Vaters zuwandern. Dort sollte ich unbemerkt in den Fond seines luxuriösen Autos, einem 12er von Steyr Jahrgang 1932, einsteigen als sei es das normalste von der Welt. Sollte irgendetwas nicht in Ordnung sein, so war als Erkennungszeichen vereinbart, dass der Vater die linke Seite der Motorhaube, also die auf der Mitfahrerseite offenstehen lassen würde. In diesem Fall sollten wir einfach nur grüssend vorbeigehen und uns wandernd, wie jeden andern Tag über die Berge zurück nach Gris am Brenner begeben.

Das war der naive und simple Fluchtplan, welcher bis Italien zur Ausführung kam und zu meiner absoluten Verwunderung klappte dieser auch einwandfrei. Im Fond des Wagens zog ich die mitgebrachte Stadtkleidung an und erst jetzt fragte ich meinen Retter danach, wie es denn mit mir weitergehen sollte. Wir fahren über Vipiteno (Sterzing) und Causa (Klausen) nach Bolzano (Bozen). Weiter ging es danach Meran zu, einer mit meiner Mutter sehr weit aussen verwandten Familie, die in der Nähe des Spitals wohnten. Dort verliess mich unser väterlicher Freund und ich wurde in die Obhut der «neuen Familie» überlassen.

Von all diesen Vorbereitungen zu Hause in Wien hatte ich absolut nichts geahnt», berichtete Eliezer weiter. «Meine Mutter hatte all das ohne mein Wissen, hinter meinem Rücken mit den beiden mutigen Familien in Wien und in Italien arrangiert. Wie sie das machte, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Ihre drei «grossen Männer» waren in Schutzhaft und konnten ihr nicht helfen. Für sie gab es daher nur eine Lösung, ich sollte das Land sofort verlassen, sei es legal oder illegal.

Sie selbst konnte (wollte) sich nicht zu den Glücklichen zählen, die eventuell noch an eine Ausreise hätten denken können. Nach dem grossen 38er-Anschluss Österreichs, war es immerhin eine Zeit lang noch möglich gewesen, unter dem Motto «Der Jud geht, sein Geld bleibt», sich irgendwie ins Ausland freikaufen zu können. Hundertdreissig tausend Wiener Juden nahmen bis zum Jahr 1941 diese letzte Gelegenheit zur Flucht war. Sie bezahlten eine sogenannte «Reichsfluchtsteuer» und durften danach emigrieren». Diese «Chance» konnte meine Mutter für sich selbst und den Rest unsere Familie nicht mehr wahrnehmen. Seit der Verhaftung der drei ihrer vier Männer, gab es keine Möglichkeit mehr, weiterhin das grosse Geld zu verdienen. Vielmehr wurde das Geschäft sofort nach dem Tode des Vaters «arisiert» und das gesamte Vermögen beschlagnahmt.

«Einer von uns muss überleben» waren die letzten Worte, die mir meine Mutter mit auf den Weg gab. Es war das letzte Mal, dass ich sie lebend sah und mit ihr gesprochen habe.

Dies flüsterte Eliezer, mit Tränen in den Augen und in sich eingesunken, neben mir auf der Spielerbank. Meine Mutter musste sich später, nämlich am 15. Februar 1941 auf dem Wiener Aspang Bahnhof an der Landstrasse im 3 ten Bezirk, mit anderen 996 Leidensgenossen zur Verladung nach Opole im Distrikt Lublin (Generalgouvernement) melden. Man verfrachtete sie in das kleine Judenghetto in der Altstadt, wo bis März 1942 noch weitere Zehntausende «Auswanderer» einquartiert wurden. Aus Mangel an Hygiene brachen innert wenigen Monaten verschiedene Seuchen aus, die mehr als zweitausend Menschen dahinrafften. Das Lager wurde danach liquidiert und im Mai 1942 kam meine Mutter auf einen Transport ins Vernichtungslager Sobibòr, wo sie selektioniert und dem Gastod zugeführt wurde. Dies habe ich vor Jahren durch den «Magan David Adom» (Rotes Kreuz) in Erfahrung bringen können.

Der klein gewachsene drahtige Eliezer verstummte und sackte noch mehr in sich zusammen als sonst schon. Ich selbst konnte in diesem Moment nur für ihn da sein und zuhören. Ein jedes Wort oder eine jede Geste von mir wäre falsch gewesen. Vor mir sass ein in sich gebrochener «Alter» Mann. Allein und mit sich selbst hadernd öffnete er sich mir gegenüber. Einem Fremden und dazu auch noch einem «Ungläubigen» offenbarte er sein Innerstes, welches er im täglichen Leben durch seine gespielte Fröhlichkeit zu überspielen versuchte. Eliezer, der gerade erst seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, sass als ein alter und gebrochener Mann vor mir. Keine Spur des sportlich und humorvollen «Tennis-Bajazzos» war erhalten geblieben

Ich sass da und war überfordert. Dass Eliezer mich, als einen erst Zweiundzwanzigjährigen dazu auserkoren hatte ihm zuzuhören, beruhte zwar auf einer gewissen gegenseitigen Sympathie, war jedoch nicht bewusst gewählt worden. Dessen war ich mir sicher. Ich verstand, dass Eliezer im Kibbuz mit seiner eigenen Familie und mit seinen Freunden nicht über das Erlebte sprechen konnte. Jeder Zweite von ihnen, wenn nicht alle, hatten viel Schlimmeres durchgemacht und konnten sich selbst nicht helfen. Viel später gestand mir Eliezer: «von Zeit zu Zeit muss ich immer wieder mit Unbeteiligten reden die mir Zuhören. Wenn die Chemie stimmt und ein gewisses Grundvertrauen da ist, so kann ich das auch», sich fast selbst entschuldigend. Ich bin es leid täglich den fröhlichen Bajazzo und Tröster zu spielen, um meine eigenen Leute bei Laune zu halten. Das «Unfassbar Geschehene ist Geschehen". Jedoch sollte die Vergangenheit die hart betroffenen Menschen nicht auch noch in ihrer frisch zurückgewonnenen Freiheit auffressen.

Hier im Kibbuz ist das Alleinsein vor allem während der Nacht für die «Übriggebliebenen» der Schoah das Schlimmste. Ich selbst wandle oft des Nachts schlaflos durch den Kibbuz. Ich kann nicht schlafen, denn es plagen mich Schuldgefühle und die Sorge um das Wohlsein meiner Chaverims. Bei meinen nächtlichen Wandelgängen durch den Kibbuz höre ich aus den Häusern der Freunde ihr stummes Wehklagen und Weinen. Ihre lautlosen Aufschreie und ihre Ängste der Nacht quälen mich aufs äusserste. Ich fühle mich an ihrem Schicksal mitschuldig.

Auschwitz, Birkenau, Theresienstadt, Majdanek, Sobibor, Belzec, und Treblinka verfolgen die Geschundenen in ihren Albträumen auf meinem Weg durch die Nacht. Ich höre still von aussen zu, und schäme mich meiner kleinen Probleme und deren Wichtigkeit, die ich ihnen beimesse. Sicherlich war meine gut organisierte Flucht über den Triester Hafen ein «Kinderspiel», verglichen mit dem was all die Zurückgebliebenen auf ihrem Weg des beginnenden Holocaust noch vor sich hatten. Er schlug seine Hände vor das Gesicht und schrie es leise auf den hell erleuchteten Tennisplatz hinaus:

«DEPORTATION, TRANSPORT, SELEKTION, GAS»

Warum hatte gerade ich, ein Junge mit von knapp siebzehn Jahren das Glück hatte, davongekommen zu sein? Mit dem letzten Schiff der Jewish Agency, unter dem Kommando von Kapitän Umberto Steindler verließ ich zusammen mit 600 anderen «Glücklichen» das Tor Zion am Triester Hafen und erreichte legal den Hafen von Haifa genau am Tage des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges».

Einmal Tod durch im Gas oder der Tod auf Raten im Lager bei den Arbeitskommandos. Etwas anderes gab es nicht in den neubefohlenen «Emigrationsheimstätten» für die jüdische Gemeinschaft Europas. Es wütete die Unmenschlichkeit mit all den Lager-, Block- und Stubenältesten. Die Oberkapos zusammen mit den Kapos, sowie auch die unteren Chargen der jüdischen Funktionshäftlinge hatten das Sagen über hunderttausende ihrer Leidensgenossen. Das Ganze hatte System und war perfide von den Nazi Schergen und SS-Oberen durchdacht worden. Vom großen «Herrn der Menschenvernichtung», Heinrich Himmler, wurde die Funktion eines Kapos wie folgt beschrieben:

„Ein Kapo muss seine Männer immer antreiben. In dem Moment, in dem wir mit ihm unzufrieden sind, so ist er nicht mehr der Kapo. Ab da schläft er wieder bei seinen Männern und hat all seine Privilegien verloren. Dass er dann, von den eigenen Leuten in der ersten Nacht totgeschlagen wird, das weiß er“.

Soweit die „Weisheit“ Himmlers und nach diesem Prinzip wurde in allen Vernichtungslagern einheitlich verfahren. Als Musterbetrieb und Prototyp Konzentrationslager galt „Dachau“, das von März 1933 bis im April 1945 betrieben wurde. Nur wenige SS-Leute bildeten hierarchisch gesehen die Lagerleitung, zusammen mit dem Kommandanten eines KZ Lagers. Darunter stand eine Anzahl, es waren circa fünf Prozent aller Insassen, als willkürlich austauschbare Funktionshäftlinge die strikt nach der Amboss-Methode arbeiteten. Bezahlt wurden die Funktionshäftlinge von ihren „Chefs“ mit gewissen Privilegien, wie Kleidung-, Essen-, Medikamente- und Wohnvorteile. Für besondere Leistungen gab es manchmal einen “Prämienschein“, der zum Besuch eines KZ-Bordells für Soldaten berechtigte.

Neben den Kriminellen, den Grünen, die gewollt eine Überfunktion innehatten und besonders brutal wüteten, wurden die in den unteren Chargen tätigen Stuben- und Kapo Funktionen durch ausgewählte Leute aus den eigenen Häftlingsreihen bestimmt. Sie alle hatten nur ein Ziel, möglichst lange am Leben bleiben zu können. Es war das perfekte System, das Lager ohne viel Aufwand und durch sich selbst kontrollieren zu lassen, um gleichzeitig eine konstant gewünschte interne Spannung aufrechthalten zu können. Dazu half maßgeblich ein drastischer Strafenkatalog aus der KZ-Lagerverordnung von 1933, der in allen Nazi KZ Lagern seine Gültigkeit hatte. Nur neunzehn Paragrafen mit Strafkatalog genügten um fast sechs Millionen Leben auszulöschen.

Diese neun-zehn Paragrafen waren das allgegenwärtige Instrument der Willkür für die „Oberen“. Das kleinste Vergehen, so z. B. eine zweckentfremdende Benutzung eines Bekleidungsknopfes (Staatseigentum), wurde aufs Schärfste geahndet. In diesem Fall kam der folgende Paragraf zur Anwendung:

Paragraf 9

Mit 21 Tagen strengem Arrest wird bestraft:

Wer staatseigene Gegenstände, gleich welcher Art, vom vorgeschriebenen Ort nach einem anderen verschleppt, vorsätzlich beschädigt, zerstört, verschleudert, umarbeitet oder zu einem anderen als vorgeschriebenen Zweck verwendet. Abgesehen von der Strafe haftet nach Umständen der Einzelne oder die gesamte Gefangenenkompanie für den entstandenen Schaden.

Stundenlanges Strafe Stehen oder Strafe Hocken auf Zehenspitzen mit ausgestreckten Händen, gehörten dabei noch zu den leichtesten Konsequenzen, für ein solches Vergehen. Wehe demjenigen, der den SS-Schergen direkt in die Hände fiel. Prügelstrafe, Bastonade, die Schaukel oder gar der berüchtigte „Bock“ oder der „Bunker“ drohten. Willkürliches Erschlagen und systematisches Erschießen sowie die Selektion ins Gas waren die alltägliche Norm.

Ein Weg des Grauens und der Unmenschlichkeit. Jeder wollte nur Überleben und eine Jeder war sich selbst der Nächste, egal welcher Nationalität oder Religion er angehörte. Jude, Roma, Moslem, Christ, kirchengläubig oder Atheist, jede Chance wurde wahrgenommen, um ein paar Tage länger am Leben zu bleiben zu können. Unvorstellbar war der Weg „Danach“, zurück ins normale Leben, solltest du zu den wenigen „Glücklichen“ zählen die ein Lager überlebt hatten.

Eliezer erzählte mir von einem seiner Freunde hier in Givat Hayim, welcher durch einen vermeintlichen Kameradendiebstahl in eine tiefe persönliche und seelische Lebensnot geriet. Nacht für Nacht holte diesen Freund seine Geschichte ein und hinderte ihn daran seinen Schlaf zu finden.

„Todkrank ist mein Pritschenkamerad gestern Abend eingeschlafen. Den Rauft-Brot den er für sich aufgehoben hatte, versteckte er in den viel zu großen Holzbotinen, damit es nicht geklaut werden konnte. Am Morgen danach war der Freund gestorben und von uns gegangen. Wir beide lagen wie gewohnt Kopf-Fuß und Fuß-Kopf auf der schmalen Pritsche. Nach dem morgendlichen Weckruf spürte ich sofort, dass mein Kamerad Tod war. Als erstes klaute ich ihm sein letztes Brot und die für ihn viel zu großen noch guten Holzbotinen. Ich schleppte den Toten mit einem Kameraden auf seinen baren Füssen zum Appell, damit wir beide wenigsten auch noch seine Frühstücksration abbekommen konnten. Erst nach dem danach meldete ich dem Kapo, dass unser Kamerad das Zeitliche gesegnet hatte“.

Was für eine Tragödie mit einer solcher «Schuld» nach dem Überleben eines solchen Lagers weiterleben zu müssen. Noch viel schwieriger muss es sein für all jene die in „Funktion“ oder gar in einem der Krematorien in „Funktion“ gestanden hatten und überlebten. Ich konnte mir all das gar nicht vorstellen.



 

Mein Leid ist nicht dein Leid!
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1.9.  Flower Power – Mein Leid ist nicht dein Leid!.
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Über die Schoah wird in meiner Familie nicht gesprochen, meinte Eliezer. Meine Kinder wissen nicht, was wir als junge Menschen wirklich während des Zweiten Weltkrieges durchlebt halben. Alles, was sie wissen ist, dass kein einziger Verwandter aus unserer Familien überlebt hat“, berichtete mir Eliezer im Zuge eines unserer vielen nachfolgenden „After Tennisgespräche“. Auf meine Frage, warum er seinen Kindern nichts davon erzähle, gab er mir die folgende Antwort:

Meine Geschichte hier in Israel ist schnell erzählt und eigentlich wenig dramatisch. Ich kam zusammen mit dem Krieg hier in Israel an und fand Aufnahme in meinem Kibbuz Givat Hayim. Sofort danach meldete ich mich bei der Haganah, wo ich wegen meiner Jugend vorerst nur zu Hilfsdiensten herangezogen wurde. Das war mir zu wenig und daher wechselte ich die Fronten und ging zusammen mit einigen anderen in den Untergrund. Der Kampf gegen das Nazi-Regime war das eine, das andere war, dass wir von allem Anfang an, hier auch gegen die Engländer als Mandatsträger für Palästina kämpften. So kam ich nicht immer als ein Unbescholtener durch die Wirren des Krieges

Anfang siebenundvierzig lernte ich meine Frau, das „Channele“, kennen. Sie und ich waren froh, endlich einen Ort gefunden zu haben, wo wir beide unser Haupt niederlegen konnten und dies unser Zuhause nennen durften. Channele brachte eine aus der Zeit in Ravensbrück stammende seelisch und körperliche Last, mit in unsere Ehe. Diese sollte sich mir erst in ihrer ganzen Dimension und Tragweite, nach unserer von uns beiden so sehr gewünschten Eheschliessung ganz erschliessen.

Meine Frau, das Channele war als Opfer medizinischer Versuche, aus dem KZ Ravensbrück im April 1945 durch das schwedische Rote Kreuz befreit worden. Ich selbst, wusste sehr lange nichts von den medizinischen Wund-Experimenten, die an ihr vollzogen worden sind. Nach der Befreiung von Ravensbrück brachte man sie in die Schweiz, wo sie über ein Jahr zur Erholung in Davos verblieb. Danach emigrierte sie über Zypern nach Palästina und wir lernten uns am Abend ihrer Ankunft im Kibbuz kennen. Was ich auch sehr lange nicht wusste, und sie mir nie hatte erzählen mögen, war ihre erzwungene Funktion als eine der vielen rekrutierten Gehilfinnen des „Blonden Biest“, der Herrin der Prügelstrafe Dorothea Binz, in Ravensbrück. Channele hatte eine lange Zeit, beim Vollzug der Prügelstrafe an ihren Mitgefangenen aktiv assistieren müssen. Sie war es die danach die Opfer in den Zellenbau zur „Versorgung“ schleppen hat müssen.

Das war für sie ihre „Schuld“, die sie Tag und Nacht mit sich herumträgt und nicht ablegen kann. Warum habe ich, gerade ich das Alles überlebt? Diese Frage belastet unsere Beziehung und uns als Familie seit vielen Jahre ganz enorm. Meine Frau und meine ganze Familie dabei zu begleiten und zu beschützen war und ist zu meiner wahren Lebensaufgabe geworden, an der ich fast zerbreche.

Unser erhofftes gemeinsames Familienglück nach unserer Heirat war nur von kurzer Dauer. Mein Weg führte mich zurück in den Untergrund. Denn nach der Annahme des UN-Teilungsplans vom dreissigsten November 1947 waren wir Jungen gefordert. Ich trat in die Haganah ein und wurde Guerilla-Soldat. Also wieder Krieg und wieder viele Gefallene Freunde, die ich erst habe kennenlernen dürfen. Unsere Bewaffnung war haarsträubend primitiv und die Konvois nach Jerusalem, die ich oftmals zu begleiten hatte, wurden immer wieder angegriffen. Nur mit Glück habe ich ein weiteres Mal überlebt. Am vierzehnten Mai 1948 endete das Mandat der Briten und der israelische Staat wurde durch Ben Gurion ausgerufen. Der Krieg ging jedoch unvermindert weiter und endete erst mit den Waffenstillstandsabkommen vom Frühling, respektive Sommer 1949 mit Ägypten, Libanon, Jordanien und Syrien. Ein Jahr später wurde ich aus der mittlerweile gegründeten israelischen Armee nach Hause entlassen.

Endlich daheim, kümmerte ich mich zuerst einmal um meine Frau und meine Kibbuz-Gemeinschaft. Eine eigene Verwandtschaft hatten wir beide keine mehr, denn diese waren in den Fängen der Schoah hängen geblieben. An eigene Kinder war damals noch nicht zu denken, denn mein Channele war krank und körperlich sowie psychisch ein Wrack. Channele brauchte danach noch mehrere Jahre, bis sie sich wieder physisch und psychisch erholt hatte. 1956 im März war es dann so weit und unsere Freude war riesengross. Unser Sohn Menachem kam am achten März hier im Kibbuz auf die Welt. Wir hatten einige wenige glückliche Familienmonate. Im Oktober 1956 wurde ich wiederum vom Militär einberufen und erneut in den Krieg geschickt. Gamal Abdel Nasser, der Präsident Ägyptens, verstaatlichte den Suezkanal, was zu einer internationalen Krise und zum Suez-Krieg führte. Im Zuge des Konfliktes besetzte Israel die Sinaihalbinsel und den Gazastreifen. Mitten im Kalten Krieg war der Nahostkonflikt neu aufgeflammt. Einerseits Frankreich und England, die als „rechtmässige“ frühere Eigentümer des Suez-Kanals, auf ihre vermeintlich verbrieften Rechte pochten. Andrerseits Israel als deren „Mitspieler“ wollte sich aus der Umklammerung der Palästinenser und der arabischen Welt befreien. Als weiterer Mitspieler trat da die Sowjetunion mit auf den Plan. Die damalige UdSSR paktierten zu diesem Zeitpunkt mit Ägypten und war mit dem Land am Nil durch eine „Selbstlose“ Finanzierung des Staudamms von Assuan militärisch und wirtschaftlich aufs engste verbunden. Als fünfter Mitspieler in diesem internationalen Spiel war Amerika mit von der Partie. Amerika hatte dem ägyptischen Präsidenten die Mitfinanzierung des neuen Staudammes schon vor 1955 in Aussicht gestellt, sich danach jedoch kurzfristig aus politischen Gründen, aus der fest zugesagten Verpflichtung wieder zurückgezogen. Somit waren die Voraussetzungen für den Suez Krieg Tatsache geworden, und wieder verloren auf beiden Seiten Mütter und Familien ihre Söhne und Töchter in einem Stellvertreterkrieg.

Im Mai 1957 war ich wieder zu Hause und mein Sohn gerade ein Jahr alt geworden. Ich hoffte, nun zu Hause bleiben zu können. Ich war mittlerweile siebenunddreissig, hatte viel Kriegserfahrung ansonsten nichts, ausser meine kleine Familie vorzuweisen. Beruflich konnte ich bisher keine Ausbildung nachweisen. Mit sechzehn musste ich das Gymnasium in Wien verlassen und seither habe ich keine Schule je wieder von innen als Student besucht. Da stand ich nun mit meiner ganzen „Lebensschule“, jedoch ohne einen erlernten Beruf um mich und die Meinen zu ernähren. Wie sollte das weitergehen.

Der Zufall wollte es, dass in unserem Kibbuz ein alter jüdischer Schuster, ein Meister seines Fachs aus der römischen Diaspora, mit uns zusammenarbeitete. Er bot mir an, mich auszubilden, und so ging ich mit meinen fast vierzig Lenzen bei ihm in die Lehre. Als der Meister ein Jahrzehnt später verstarb, übernahm ich seine Werkstatt und wurde zum Kibbuz-Schuster, berichtete Eliezer.

Zehn wunderbare Jahre konnten wir so als einfache Kibbuz Familie unser Leben geniessen. Unser zweites Glück, unsere Tochter Debora wurde in diese Zeit hinein geboren und wir durften eine glückliche Periode gemeinsam als Familie erleben. Bis zum Juni 1967 dem Beginn des Sechstagekrieges konnten wir unsere „Freiheit“ einigermassen geniessen. Mittlerweile siebenundvierzig wurde ich diesmal als Reservist von meinem Land auserkoren, nochmals in den Krieg zu ziehen. Zum ersten Mal starben dabei nicht nur unsere Freunde, sondern auch unsere eigenen in Israel geborenen Kinder. Channele und ich haben damals beschlossen das Leid welches unser Leben bisher begleitete nicht an unsere Nachkommen weiterzugeben und somit zu Schweigen

„UNSER LEID SOLL NICHT DAS LEID UNSERER KINDER WERDEN“

Der blau - graue Faden am Horizont
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1.10.  Flower Power – Der blau - graue Faden am Horizont.
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Was ich doch alles nicht wusste, bevor ich es nicht selbst erleben durfte. So zum Beispiel die Gepflogenheiten rund um den Schabbat. Erev Schabbat gilt als Einstimmung und Rüsttag auf den eigentlichen Schabbat, nach jüdischem Glauben von Gott gesegneten und geheiligten Ruhetag. Bestimmte Dinge sind zu tun. Die Wohnung und alle Gerätschaften werden fein säuberlich geputzt. Die Tafel für das Festmahl wird feierlich weiss eingedeckt sowie Brot und süsser Wein werden für den Kiddusch bereitgestellt. Persönlich heisst das für einen Juden, man badet und kleidet sich von Kopf bis Fuss in ein frisches Gewand ein und entfernt alles Geld und Münzen und sonstiges überflüssiges aus seinen Hosentaschen. Alle täglichen Sorgen und Nöte sollten hinter sich gelassen werden. Erev-Sabbath ist die Vorbereitung zum eigentlichen Sabbat, an dem nicht gearbeitet und keine Geschäfte gemacht werden dürfen. Den Erev-Sabbat verbringt man im Schosse der Familie. Er beginnt am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang.

„Wenn der blaue von einem grauen Faden nicht mehr zu unterscheiden ist, dann ist Schabbat“.

Der vierundzwanzigstündige Schabbat endet am Samstagabend nach genau festgelegter Zeit. Erev-Sabbat in der Stadt und Erev-Sabbat im Kibbuz, das sind zwei Welten. In der Stadt leeren sich zu Beginn des Abends vor dem dunkel werden die Strassen komplett und sind danach menschenleer. Kein Bus oder sonst irgendein anderes öffentliches Fahrzeug fährt mehr. All meine Stadtfreunde sind zu diesem Zeitpunkt auf Besuch bei ihrer eigenen, oder einer befreundeten Familie zum Seder. Die Stadt bleibt gespenstisch leer für die nächsten drei bis vier Stunden. Danach, ab circa zehn Uhr nachts fangen die Boulevards in der Grosstadt wieder an zu pulsieren. Die Jungen suchen das Party Erlebnis der Stadt, die moderne ältere Generation begibt sich zum Flanieren auf den hell erleuchteten Boulevards der Städte hin.

Nicht ganz so im Kibbuz:

So gegen achtzehn Uhr dreissig treffen sich die meisten der Kibbuzniks vor dem „Chadar Ochel“ (Speisesaal) zur anstehen-den kurzen Feier. Zuerst kommen die Jugendlichen und die jungen Familien von ihrem Zuhause her geschlendert. Die stolzen jungen Frauen, fein herausgeputzt je nach der vermeintlich neuesten „Kibbuz-Mode“ an vorderster Front. Man zeigt sich als Sabbrafrau, und natürlich auch was man hat war in diesem Moment die Devise. Die jungen Männer, alle in Jeans und mit ihrem einzigen Top-Style, gross kariertem Hemd bekleidet, welches lässig über die Hose getragen wird. Eine regelrechte Modenschau fand vor dem eigentlichen Beginn der Feier statt. Nach und nach treffen die Eltern sowie die alten Kibbuzniks vor dem Chadar Ochel ein. Ein jeder festlich gekleidet bis auf einige ganz resistente Zionisten der ersten Stunde aus der vierten „Ali-ja“ (Einwanderungswelle), welche ihre „Blau Männer“ (Arbeitskleidung) auch am Schabbat nicht ablegen wollten. Volontärs Betreuer Uri allen voran an erster Stelle. Kurz vor sieben nehmen die Familien und ihre eingeladenen Freunde im Speisesaal Platz, und zwar an „Ihren“, nicht reservierten, Familien-Tisch. War man nicht bei einer Familie zum Kiddusch eingeladen, also die meisten von uns Volontären, so hatte man zumindest der ersten Essenssitzung fernzubleiben. Setzte man sich wie an den restlichen Wochentagen einfach so an einen Familien-Tisch, so wurde diesem Abend nicht toleriert. Höflich bestimmt wurde man gebeten an einem anderen Tisch einen Platz zu nehmen. Wir „Volontäre“ reagierten darauf sehr unterschiedlich. Einige von uns massen diesem Umstand keine Bedeutung zu. Andere fühlten sich eher diskriminiert, ja sogar zurückgestossen. Wie wenig wir doch verstanden hatten, so jung wie wir noch waren. Nach längerer Verweildauer im Kibbuz und sich näher kennenlernen, kam es öfters vor, dass Einzelne von uns zu der Schabbat Feier zu einer der Familien eingeladen wurden.

613 Lebensregeln (Mitzwots) beinhaltet das tägliche jüdische und ihr religiöses Leben. Davon sind 248 Gebote und 365 Verbote, die zu beachten sind. Der jüdische Glaube basiert auf der Tora, die Mose in der Gänze von Gott am Berg Sinai erhalten hat. Die Tora (Weisung) besteht aus einer mündlichen und einer schriftlichen Lehre. Schriftlich basierend auf den fünf Büchern Mose, Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium. Der mündliche Teil der Tora gilt als deren Auslegung, die welche die schriftliche Auslegung jeweils aktualisiert. Also mit einfachen Worten, jüdische Sitten und Gebräuche und vor allem deren Interpretation sind für Juden, wie auch für uns christlich Geborene ein Buch mit mindestens sieben Siegeln. Im täglichen Leben ist neben den Verboten und Geboten, die jeweilige mündliche Auslegung der Tora eines Gelehrten das Mass aller Dinge. Wer soll da noch zurechtkommen?

Trotzdem ist es ein unbeschreibliches Erlebnis und eine Ehre den Eref-Sabbat bei einer Kibbuz oder einer Stadtfamilie miterleben zu dürfen . Nicht zuletzt auch wegen des guten Essens, welches nach dem Kiddusch serviert wird. Das Anzünden der Kerzen obliegt alleine der Verantwortung der Hausherrin, genauso wie das Ausbrechen eines kleinen Stückes der „Baraches“ (Challa oder Schabbes Brot). Dieses kleine Stück Brot wird als Opfergabe von der Hausherrin dem Feuer übergeben. Die Kerzen sind entzündet, die Challa wird nun vom Vater gebrochen, mit Salz bestreut, der süsse Wein gesegnet und die Mutter spricht den Schabbat Segensspruch:

«GELOBT SEIST DU EWIGER, UNSR *ADONAI, KÖNIG DER WELT, DER DU UNS GEHEILIGT DURCH DEINE GEBOTE UND UNS BEFOHLEN, DAS SCHABBAT-LICHT ANZUZÜNDEN» (* Das Wort Gott wird aus Respekt nicht ausgesprochen).

Der Hausherr lobt die Hausfrau und Mutter. Sie nimmt Platz auf ihrem geschmückten Stuhl. Der Vater wäscht sich rituell die Hände, füllt den Schabbat Becher mit süssem Wein, trinkt davon und reicht ihn weiter bis hin zum jüngsten Familienmitglied und Gast. Danach bricht er das Brot, tunkt es in Salz isst davon und gibt es an alle Anwesenden weiter. Erst danach wird das Schabbat-Essen aufgefahren. Suppe, Vorspeise, Fisch, Fleisch, Gemüse und Kartoffeln, und eine Süssspeise darf zu einem Schabbat Mahl nicht fehlen. Je nach ursprünglicher Herkunft der Familie werden Sephardische oder Aschkenasische Speisen aufgefahren. „Gefillter Fisch“, Schakschuschka, Kreplach oder ein Tschulent dürfen dabei nicht fehlen.

Eines jedoch ist klar, gekocht oder gar gearbeitet wird an einem Schabbat nicht. Die Speisen werden lediglich warmgehalten, denn es gilt der Grundsatz, dass alle zielgerichteten Arbeiten, nämlich alle neununddreissig werktäglichen anfallenden Hauptarbeiten, an diesem Tage verboten sind auszuführen. Der Tag gehört traditionell der Familie und der geistlichen Besinnung sowie der Ruhe und der Erholung.

Ausdrücklich erlaubt sind Samstag-nachmittägliche Spaziergänge mit der Familie, jedoch dies mit einer Einschränkung, die Weglänge ist dabei beschränkt! Das führte teilweise für den aussenstehenden Betrachter zu absurd anmutenden Situationen. So beobachtete ich die Schabbes Spaziergänger auf der sehr langen Strandpromenade von Tel Aviv. Hunderte von gut gekleideten jüdischen Familien spazieren am Schabbat Nachmittag einige Male bis hin zur Mitte der Strandpromenade. Hier wird eine abrupte Hundertachtzig-Grad-Wendung vorgenommen und die ganze Familie geht denselben Weg wieder zurück. Immer nur diese eine abgemessene Spazierstrecke, einen langen Nachmittag langsam hin und her. Freundlich werden bekannte und unbekannte Gesichter begrüsst und man bleibt hie und da stehen, um ein paar freundliche Worte mit anderen Familien zu wechseln. Geschäftliches kommt dabei nie zur Sprache, denn dies ist ja verboten. Familiäre Gespräche hingegen jedoch sind durchaus erlaubt. Hatte eine Familie Kinder im heiratsfähigen Alter, so wurde durchaus schon mal dieser oder jener mögliche Kandidat mit kritischem Blick aus den Augenwinkeln begutachtet.

Ganz per Zufall traf man auf den nachmittäglichen Spaziergängen auf der Promenade einer der immer vollzählig angetretene Vertreter der „Schadchan-Gilde“ (Match-Maker oder Ehevermittler) mit ihren Familien. Ein paar kurze Worte im Vorbeigehen über Gott und die Welt, ein beiläufiges Erwähnen eines möglichen zukünftigen Treffens. Das konnte der Startschuss für eine erfolgreiche Partner-Vermittlung sein. Das Ziel einer solchen Vermittlung war immer, eine Hochzeit mit einer für alle drei Seiten befriedigenden „Shidduch“ (Übereinkunft) aufzugleisen. Auf, dass die Kallah (Braut) und der Chetan (Bräutigam) das erste Gebot der Thora erfüllen können.

„SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH“

Goi aus dem Alpenland
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1.11.  Flower Power – Goi aus dem Alpenland.
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So gegen halb acht leerte sich an einem Freitagabend der Speisesaal im Kibbuz. Die zweite Schicht, meistens jüngere Single Kibbuz Gäste und das Gros der Volontäre, konnten jetzt das Festmahl erstürmen. Dazu kamen die nicht geringe Anzahl an Kibbuzniks, die einfach in Ruhe und ohne Zeremonie ihre Mahlzeit einnehmen wollten. Vor dem Chadar-Ochel kam es nach dem Auszug der Kibbuz-Familien zu einem regelmässigen Schabbat „Stau“ beim Haupteingang. Der Catwalk der jungen, bildhübschen Frauen und Mädchen sowie ihren „Möchtegern-Machos“, Volontäre meist miteingeschlossen war eröffnet. Alle Leute standen in Gruppen und Grüppchen beieinander. Scheinbar ins Gespräch vertieft, betrachtete man aus den Augenwinkeln die allerneuesten modischen Errungenschaften der „Rivalinnen“. Kokett zeigte eine jede, was sie an diesem Abend ausstrahlte und was sie zu bieten hatte. Je nach Temperament und ursprünglicher Herkunft wurde natürlich auch mit dezenten oder mitunter auch heissen Blicken um sich geworfen. Ein an sich harmloses Unterfangen, nicht jedoch für einen unbescholtenen „Goi“ (Schimpfwort für Nichtjude) aus dem Alpenland, der mit sehr wenig Ausland- und noch weniger Lebenserfahrung dieser „Gefahr“ gegenüberstand. Das Flair von „Eintausend und einer Nacht“ umgarnte den Jüngling und nahm ihn vollends in den Bann. Carmen, Judith, Amalia, Ilona und Rachel, alle im Lande geborene junge, feurige Sabras defilierten an uns vorbei. Egal ob von Aschkenasischer, Sephardischer, Jemenitischer oder Magreb Herkunft, die jungen Frauen verstanden ihr Handwerk, um unsere (meine) Aufmerksamkeit an diesen Abenden auf sich zu leiten. Einzig meine «angeborene» Schüchternheit hinderte mich daran loszustürmen. Eines war mir jedoch immer klar. Ich war diesem Flair verfallen, und mein Verhängnis würde seinen Lauf nehmen, wie wir noch sehen werden.

Langsam begab sich die ältere Generation auf einen Kaffee oder Tee mit „Ugot“ (Gebäck) ins Café Theresienstadt oder nach Hause, um sich jedoch um Punkt 21.30 Uhr wieder in der Veranstaltungshalle „Bait Vienna“ zum mitternächtlichen Filmvergnügen einzufinden. Keiner fehlte und natürlich auch wir Touristen liessen uns diese Abwechslung nicht ein einziges Mal entgehen. Die freitäglichen Kultur Veranstaltungen endeten meistens gegen Mitternacht oder gegen halb eine Uhr in der Früh. Für uns jungen Volontäre sowie für die „Junggellen und Junggesellinnen des Kibbuz war danach Party Time in den „Zrif“, also in unseren Baracken angesagt. Von irgendwo her brachte immer jemand eine mehr oder weniger gut funktionierende Hi-Fi-Anlage mit den entsprechend krachenden Boxen für den selbst ernannten Disc Jockey mit. Die Rolling Stones, Beatles, Joe Cocker, Wilson Pikett, Deep Purple, Cat Stevens und auch ein Michael Jackson waren die musikalischen Top Shots jener Zeit. Es wurde geschwoft, geflirtet, gesoffen, gestritten, angemacht und hie und da wurde auch mal in einer dunklen Ecke ein Joint à Diskretion geraucht. Das Partypublikum war international, alle Nationen, Männlein wie Weiblein zusammen mit den jungen Kibbuzniks waren anwesend. Selbstverständlich fanden sich auch Carmen, Judith, Amalia, Ilona und all die anderen Kibbuz Schönheiten, am späteren Abend oder frühen Morgen auf der Party ein. Flower-Power fand nicht nur in Kalifornien statt, nein auch mitten im Kibbuz waren langes Haar, Vollbart sowie lässige Schlaghosen voll angesagt. Diese Partyabende waren geschwängert von Testosteron und wir lebten diesen Traum bis zur bitteren Neige voll aus.

Süssgetränke und kleine trockene Biskuit Snacks wurden vom Kibbuz zur Verfügung gestellt. Alkoholika waren unter den weiblichen wie männlichen Ausländer Volontären ganz und gar nicht verpönt. Es war jedoch auffallend, dass die weiblichen wie männlichen junge Kibbuzniks, äusserst selten tranken oder sich hemmungslos dem Alkohol hingaben. Ausgeschenkt wurde gegen ein geringes Entgelt (Fusel) Bier, Wein, Wermut, Gin oder Wodka. Alles lokale Produkte und somit Kopfschmerz-Garanten für den nächsten Tag. Ein schreckliches Zeug, das wir alle aus der allgemeinen Geldknappheit heraus uns zu Gemüte führten. Die Vernünftigeren unter uns hielten sich an einen „Café-Bots“, einen sogenannten Dreckskaffee mit einem Schuss akzeptablen lokalen Brandy der für die nötige zu Dröhnung ohne Kopfschmerzen danach sorgte.

Als ehemaliger Sporttreibender beschränkte ich den Alkohol und Rauchdrogen interessierten mich nicht. Es gab jedoch eine Droge vor Ort, die in mir selbst brannte, und die mir immer wieder mächtig zu schaffen machte. Diese Droge hiess „Eintausend und eine Nacht“ und trat für mich nur in weiblicher Form auf. Dieser Droge, inklusiv aller bekannten und den vielen unbekannten Nebenwirkungen, war ich als „Alpen-Goi“ mehr als nur Verfallen.

Die jungen weiblichen Sabbras hatten es mir angetan. Gemeint sind damit nicht die grün gelborangen gleichnamigen Kakteenfrüchte, die aussen stachelig und innen honigsüss sind. Gemeint sind die jungen israelischen Frauen und ihre so warm versprühende Weiblichkeit. Es umgab sie zwar eine fast Unnahbare und manchmal etwas schroff herbe „Sabbre-Mentalität“. Unser Vorteil war jedoch, dass wir als „Goi-Volontäre“ für die jungen Sabbra Ladys genauso exotisch wirkten, wie sie auf uns jungen Knaller. Wir hatten daher durchaus gute Chancen als ihre „Versuchsobjekte“ für die Nacht auserwählt zu werden. In den seltensten Fällen waren wir als ein Wunschpartnerkandidat für eine spätere Heirat geeignet. Als „Heirats-Sparring-Partner“ waren wir jedoch als Eurogois höchst willkommen.

Israelische junge Frauen hatten die Pflicht, mit 17 oder 18 Jahren ihre zweijährige Militärzeit zu absolvieren. Verhindert werden konnte das im Normalfall nur durch eine Schwangerschaft, und das wollten die jungen Dinger auf keinem Fall und schon gar nicht von einem Goi. Zum ersten Male von zu Hause weg, kaserniert manchmal zusammen mit ihren gleichartigen Ex-Schulkameraden, in einer sehr reglementierten Umgebung. Die Woche hindurch war ihr Freiheitsdrang durch das Soldatenleben eher eingeschränkt, jedoch an den Wochenenden die sie im Kibbuz oder mit Freunden verbrachten brach dieser umso heftiger aus ihnen heraus. Jedermann war locker drauf und für vielerlei Abwechslungen und Abenteuer geradezu offen. So waren auch die vielen freitäglichen Kibbuz-Volontärs-Party eine willkommene Abwechslung, die die jungen „Chaialims“ (Soldatinnen) gern und rege nutzten.

So ein Partyabend endete meistens in der Morgendämmerung am Pool, wo sich die „Frischkennler“ in einer dunklen Ecke der Erforschung ihrer unterschiedlichen Körper hingaben. Hatte man als Taiar (Tourist) nicht das Glück, an dem einen oder anderen Abend von der holden Weiblichkeit beglückt zu werden, so amüsierte man sich im Pool mit allerlei «Nachtspielen» bis man müde genug war, sich in seine Zrif zurückzuziehen.

Nach und nach zogen sich alle in ihre Behausung zurück. Wir Volontäre wohnten meistens zu zweit. Hatte man eine israelische Soldatenfreundin so war man im Vorteil. Die Söhne und Töchter der Kibbuzim Familien, welche den Militärdienst verrichteten, hatten das Anrecht auf eine Solozrif, welche sie über ihre ganze Militärzeit frei nutzen durften. Eine gewisse, wenn auch limitierte Privatsphäre und Intimität war somit gewährleistet.

Das Exoten-Spiel «Goi-Sabra» unterlag gewissen Spielregeln, die es klar einzuhalten gab. Nächtigte man im Schosse seiner braun gebrannten orientalischen Angebeteten, war von einem langen Ausschlafen am nächsten Morgen keine Rede. Kurz vor halb zehn Uhr vormittags wurde man unsanft, jedoch bestimmt aus dem Liebesnest herauskomplimentiert.

Was war geschehen?

Eine halbe Stunde später sah man die jeweiligen Mütter der Beschlafenen auf die Zrif ihrer Tochter zugehen. Schon von Weitem wurde nach dem Kinde gerufen. «Meine Tochter bist du schon wach, «Chamuda“? Letzteres bedeutet „meine Süsse“ und es tönte immer sehr sorgenvoll! War die Antwort ein klares, «Imale (Mütterchen) ich bin wach», wurde der Weg fortgesetzt, und die Mutter trat ungeniert in das Zimmer ein. War die Antwort ein verschlafenes: „Ani rozze od lischon Ima. Bewadei at choseret be od chazi Schaah“ (Ich will noch eine hal-be Stunde schlafen Mutter. Komme bitte später wieder vorbei). Die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter klappte reibungslos, ohne dass jeweilige Bekenntnisse oder Erklärungen eingefordert wurden. Die Mutter trat in diesem Falle nicht in die Zrif ein, sondern deponierte das Mitbringsel auf einem Tisch auf der Veranda. Sie verliess die Stätte des Geschehens, um umso konsequenter innert den nächsten fünfzehn Minuten wieder vor Ort zu erscheinen. Diesmal trat sie, ohne anzuklopfen, in die Behausung ihrer Tochter ein. Als „Teilzeit-Geliebter“ sollte man in diesem Fall den Ort tunlichst verlassen haben. Das klappte auch meistens, denn man respektierte den frühen Sabbatvormittag als die Mutter-Tochter-Zeit. Da wurde alles Wichtige zwischen Mutter und Tochter besprochen, was ansonsten nicht für fremde Ohren bestimmt war. Mit einer Ausnahme, denn die „Teilzeit-Geliebten“ waren von der näheren Betrachtung durch die Mutter vollkommen ausgenommen.

Das Mutter-Tochter-Management beschränkte sich hierbei dezent nur auf eine mögliche Hilfestellung der Mutter, zB. bei der Beschaffung von Verhütungsmittel oder bei unvermeidlichen „Unfällen“ war man lösungsorientiert und sehr, sehr diskret. Wurde eine Goi-Beziehung mit der Zeit trotzdem konkret, so befand man sich als Goi-Mann in einem Dilemma. Man hatte Farbe zu bekennen, denn das ganz normale Hochzeit-Prozedere nahm unwillkürlich seinen Lauf. Herkunft, Beruf, Aussichten, Bankkonto und Stand der zu heiratenden Familie wurden einer eingehenden Prüfung unterzogen. Egal aus welcher Ecke der Welt der Bewerber auch kam, er und seine ganze Familie wurden mit Hilfe durch ortsansässigen Diaspora-Mitglieder mehr als nur eingehend durchleuchtet. Frisches Blut war in den jüdischen Familien immer willkommen, jedoch immer mit der Betonung auf jüdisch. Eine Goi-Verwandtschaft hatte es da sehr schwierig Fuss zu fassen oder gar Einfluss zu nehmen. Der erste und unabdingbarer Schritt des Bewerbers war die Konvertierung zum jüdischen Glauben. Das Matriarchat zeigte sich in Gestalt der zukünftigen Schwiegermutter und ihren Zähnen. Der Zipfel musste ab, koste es was es wolle. Das war die brutale (End-)Forderung. Die anfänglich als „Wunsch“ von der zukünftigen Schwiegermutter gewünschten Forderungen, nahm der meist liberal denkende Goi-Bewerber zu Beginn der Beziehung noch nicht allzu ernst. Wurden im näheren Familienumfeld die Sympathiewerte der „Mamale“ gegenüber dem Goibewerber stärker und sogar positiv, umso konkreter wurden die Forderungen. Ab diesem Zeitpunkt, intensiv unterstützt durch die sich langsam der matriarchalen Kraft bewusstwerdenden Braut, gab es kein für den Bewerber kein Entrinnen mehr. Der Goibewerber hatte keine andere Chance, er wurde zum Judentum hin komplimentiert. Das Spiel war aus und gegen das vereinte Schwiegermutter-Tochter Matriarchat aufzubegehren, war völlig aussichtslos. Grundsatz und Ziel waren von allem Anfang an klar definiert: „Seid fruchtbar und mehret Euch“, das jedoch immer bitte nur jüdisch!

Für mich selbst kam eine solche Verbindung in der Form nicht infrage. Zwar beschäftigte ich mich intensiv mit den Religionen, sei es nun die Jüdische, Christliche oder der Moslemische, folgte dennoch immer wieder meinem naturalistischen Weltbild. Aufgewachsen und geprägt worden bin ich zwar in einem christlichen Umfeld, konnte und wollte mich nie für eine einzelne Glaubensrichtung entscheiden. Schon früh als Jugendlicher fasste ich einen Entschluss und bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich war zwar gegenüber religiösen Dingen immer offen und wissbegierig, dazu immer auch hinterfragend kritisch und vor allem gegenüber den begleitenden kirchlichen Institutionen. Wo, wenn nicht in Israel konnte ich die wesentlichen Grundzüge der drei Weltreligionen kennenlernen.

Jeruschalajim schel Sahav
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1.12.  Flower Power – Jeruschalajim schel Sahav.
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Das goldene Jerusalem durfte ich, wie schon früher beschrieben, auf mehreren Volontärs Ausflügen unter kundiger Führung unseres Kibbuz Archäologen Uri, näher kennenlernen. Meine weiteren Besuche in dieser Stadt häuften sich, denn ich wurde durch sie magisch angezogen. Es war, als könnte ich in dieser kleinen historischen Altstadt mit ihren vier, respektive vormals fünf Quartieren, auf viele meiner offenen Fragen den Ansatz einer Antwort finden.

Das marokkanische Viertel existierte heute nicht mehr. Da wo es einst gestanden hatte, ist  jetzt der Vorplatz zur Kotel der Klagemauer, dem heiligsten Ort des Judentums. Nach der Eroberung der Jerusalemer Altstadt im Sechstage-Krieg von 1967, hatten die vormaligen Bewohner des kleinsten Quertieres von Jerusalem gar keine andere Wahl als zu gehen. Noch am 10. Juni, dem letzten Kriegskampftag spät abends, bekamen die 650 Bewohner des Viertels den Befehl ihr Quartier binnen Stunden zu verlassen. In derselben Nacht fuhren die Bulldozer von fünfzehn, privaten jüdischen Bauunternehmer auf, um das Quartier zu schleifen.

Die Sieger ergriffen die günstige Gelegenheit, um vollendete Tatsachen für die künftigen Besucher der Klagemauer zu schaffen. Heute besteht die Altstadt Ostjerusalem somit nur noch aus vier Quartieren, dem Tempelberg mit Felsendom und der Asqua Moschee. Aufgeteilt ist die Altstadt somit in ein Jüdisches, Moslemisches, einem Armenischen und einem christlichen Viertel. Einzig das Mughrabi-Tor hinauf zum Tempelberg erinnert noch an die ehemalige Existenz des marokkanischen Viertels von Jerusalem.

Diese und viele andere Geschichten erzählte uns unser treuer Volontärs Freund und Begleiter Uri, der alte Kibbuznik, Archäologe und „Gut Mensch». Er, ein Jecke und deutscher Jude, war äusserst belesen. Wir Jungen hingen förmlich an seinen Lippen, wenn wir seinen Ausführungen zuhören durften. Unumwunden räumte er Fehler seiner Landsleute im Umgang mit den arabischen Nachbarn ein. So auch im Fall des Mughrabi Viertels. Er führte er die letzte Vertreibung der Juden durch die Araber im Jahre 1948 ins Feld, meinte jedoch kritisch dies sei in seinen Augen keine Rechtfertigung, Gleiches mit Gleichem abzugelten. Die das Viertel bewohnenden „Marokkaner“ wurden an diesem Tag durch das Zions Tor am 10. Juni 1967  aus Jerusalem vertrieben.

Das armenische Viertel ist heute das kleinste Viertel von Jerusalem. Mit seinen knapp 0.126 Quadratkilometer und dreitausend Einwohnern ist es eher wenig touristisch erschlossen. Die Armenier in Jerusalem betrachten sich nicht als Teil des permanent schwellenden Nahostkonflikts, sondern als eine neutral-religiöse Gemeinschaft, die unter sich bleiben und so leben will. Zwar haben sich die Armenier der speziellen Situation in Jerusalem längstens angepasst. Es gelten jedoch glasklare strenge Regeln in ihren Reihen. So zum Beispiel werden jeden Abend um Punkt zweiundzwanzig Uhr alle Tore des Viertels geschlossen. Bist du zu diesem Zeitpunkt noch ausserhalb oder innerhalb des Viertels, so kommst du weder rein noch raus bis zum nächsten Morgengrauen. Die christlich-orthodox orientierten Armenier waren die ersten, die im Jahre 301 ihre religiöse Einstellung zur Staatsreligion erklärten. Armenier leben seit dem vierten Jahrhundert in Jerusalem, und sie betrachten sich als die Hüter der heiligen Stätten und des „Monophysitismus“ (Göttliche Vereinigung nach Inkarnation). Die Armenier sagen viel bedeutend über sich selbst:

«Bist du Armenier, so bist du automatisch ein orientalischer orthodoxer Christ. Wir sind wie das Chamäleon, das sich immer und überall anpasst, und nie vergisst wer und was man ist!»

Das Zentrum des Viertels, wie könnte es auch anders sein, ist das Kloster des Patriarchen und die im Mittelpunkt stehende Jakobus Kathedrale. Kirche und Kloster sind nicht nur Ort der geistlichen Begegnung, sondern auch das Lebenszentrum von über tausend armenischen Bewohnern zusammen mit dem Klerus. Das war nicht immer so. Bis zum Völkermord der Türken an den Armeniern von 1917, lebte der Klerus strikte unter sich. Als danach Tausende von armenischen Flüchtlingen nach Palästina und nach Jerusalem flohen, öffnete das Kloster seine Tore und hiess die Flüchtlinge in den eigentlich für Pilger gedachten Unterkünften willkommen. Sie sind geblieben und haben bis heute sie eine dörfliche Gemeinschaft geschaffen. Eine eigene Gesundheitsorganisation entstand, Vereine, Schulen sowie Kindergärten wurden gegründet und bereichern das heutige Gemeindeleben. Vor allem pflegte man als Armenier über all die Jahre hinweg einen guten Kontakt zu andersdenkendem Mitbewohner aller drei Weltreligionen Jerusalems. Den eisernen Grundsatz, „Armenier unter Armenier“, verloren die Bewohner des Viertels dabei nie aus den Augen. Die Gemeinschaft überstand, abgesehen vom türkischen Genozid von 1915 bis 17, all die Wirren des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts mit relativ wenigen Kollateralschaden.

Meine vielen Besuche in der Jerusalemer Altstadt begann ich meistens von der Neustadt herkommend. Vorbei am King David Hotel und vorbei an der Nuntiatur der katholischen Kirche geradewegs durch das ehemalige „Niemandsland erreichte ich so meinen Ausgangspunkt, das Jaffa Tor. Jedes Mal lief es mir heiss und kalt über den Rücken, wenn ich das „Niemandsland“ durchquerte. Wohl wissend welche Dramen sich noch bis vor weniger als sechs Jahren zwischen dem King David Hotel und dem Jaffa Tor vor und während des Sechstage-Krieg abgespielt haben. Nachdem ich das Tor durchschritten habe, trat ich in die Welt des Shuk, des Handels und der orientalischen Gerüche ein. Zu meiner Rechten das armenische und zu meiner Linken das christliche Viertel. Geradeaus gelangte ich direkt in den „Shuk al Basar“, der gleichzeitig die Grenze zwischen dem christlichen und dem moslemischen Viertel bildete. Auf dem Shuk ein buntes Touristenallerlei, gepaart mit echt orientalisch alltäglichem sowie echten und unechten Antiquitäten. Fehlen durften natürlich nicht die Dinge des alltäglichen Einkaufs, angefangen bei Fleisch, Fisch, Gewürze und Gemüse, bis hin zum Teppich oder einer neuen Badewanne für das traute Heim. Gold- oder Silberschmuck für die Angebetete waren an jeder Ecke zu haben, bis hin zu «Hablibabli» (Haschisch) und der dazugehörenden Wasserpfeife. Kurzum, einfach alles was das Herz begehrte war auf dem Jerusalemer Shuk zu haben.

Im Frühling 1973 spürte man förmlich die Anspannung, welche über den einzelnen Vierteln Ostjerusalems hing. Zwar war ein jeder Händler, egal ob jüdischer, christlicher, armenischer oder moslemischer Herkunft darauf bedacht, äusserst gelassen gegenüber der Masse der Touristen zu wirken. Jedoch waren sie nur mit ihrem halben Verkäuferherz bei der Sache. Beobachtete man das Geschehen jedoch ein bisschen genauer, so bemerkte man ihr waches Augenspiel. Die unmittelbare Umgebung seines Ladens, den Nachbar, sowie seine Gasse, ja das ganze Viertel, musste ein Ladenbesitzer zu allen Zeiten im Auge behalten können. Die eigene Wohn- und den eigenen Erwerbsplatz zu schützen, das war seine Aufgabe.

In allen Quartieren patrouillierten Tag und Nacht viele Patrouillen der israelischen Armee mit durchgeladenen Gewehren. Gab es Anzeichen einer Provokation von der einen, der anderen und manchmal auch von dritter Seite, so schlossen alle Händler die massiven Eisentore des Ladens innert Minuten. Die jugendlichen Palästinenser, von welchen viele der Provokationen ausgingen, waren immer wohl informiert und intern sehr gut organisiert. Einzelne jugendliche «Märtyrer» verübten schreckliche Selbstmordbombenattentate auf belebten Kreuzungen, Bussen und Plätzen im ganzen Land. Die Reaktionen vonseiten der Israelis blieb nach solchen Himmelfahrtskommando natürlich nicht aus. Sofort wurde ein Ausgehverbot für Palästinenser ausgesprochen oder eine der berüchtigten Grossrazzien in der Altstadt oder ganz Palästina ausgelöst. Generalstreiks wurden immer wieder für mehrere Tage ausgerufen und legten das öffentliche palästinensische Leben lahm.

Uns Touristen wurde nur ganz selten die Bewegungsfreiheit total eingeschränkt, es sei denn, dass eine örtliche Bedrohung den israelischen Behörden bekannt war. Die Touristen wurden zwar darauf hingewiesen, dass sie Besuche in der Altstadt von Jerusalem auf ihr eigenes Risiko machten, niemand liess sich jedoch davon abhalten. Kurioserweise waren alle Läden, auch während den stärksten Streiks von innen immer hell erleuchtet. Ein kaufwilliger Tourist brauchte daher nur an das Eisentor des Ladens zu klopfen und er wurde eingelassen. Weder die israelischen noch die arabischen Händler der Altstadt wollten auf das Geld der Touristen verzichten. Man fand immer wieder ein Weg sich durchzumogeln.

Übel und manchmal sehr rüpelhaft benahmen sich manche der jüdisch orthodoxen Gläubigen aus dem ausserhalb gelegenen ultraorthodoxen Viertel «Mea Shearim». In ihrem Bestreben Gott zu dienen und um alle ihre Pflichten zu Beginn des Schabbats erfüllen zu können, zeigten die orthodoxen Mitbürger gegenüber den anderen Mitbewohner der Jerusalemer Altstadt ein eher rüpelhaftes, ja sogar ein rücksichtsloses Benehmen. Moslems auf dem Heimweg vom Freitagsgebet von der al Aqsa Moschee, die ultra-orthodoxen Juden auf dem Weg zu ihrer Pflichterfüllung hin Synagoge oder Klagemauer, treffen am Freitagnachmittag unweigerlich auf der langen Al Wad Street im Souk aufeinander. Dazu kamen auch noch die vielen Touristen sowie die normalen Bewohner der Altstadt die gerade ihren Wochenendeinkauf erledigten. Ein Aufeinandertreffen aller Parteien war somit unvermeidbar und die Konflikte quasi wöchentlich vorprogrammiert. Das hiess wiederum, dass die von den Arabern so verhassten Militär und Polizei Kontrollpunkte an solchen Tagen massiv verstärkt wurden. In allen Vierteln der Altstadt patrouillierten schwer bewaffnete israelische dreier Polizei- oder Armeetrupps. Bei den geringsten Anzeichen von Unruhe wurde der Markt geschlossen und die Touristen wurden mit Nachdruck gebeten, sich in andere Viertel zu begeben. In einem Viertel jedoch herrschte meistens eine ungewöhnliche Ruhe.

Im jüdischen Viertel war es meistens sehr still und manchmal auch beängstigend ruhig. Der Unterschied zu den übrigen Viertel in Jerusalem war frappant. Es gab nur ins sich geschlossene Neubauten, Akkurat aneinandergereiht und konsequent integriert in das restliche Gesamtbild der Altstadt. War das jüdische Viertel in den Jahren 1948 bis 1967 praktisch inexistent, umso schöner wurde es in den Jahren von siebenundsechzig und zweiundsiebzig wiederaufgebaut.

Das vormalige Maghrebiner Viertel (Marokkanisches Viertel) und seine 137 historischen Wohnhäuser wurden in einer Nacht und Nebelaktion geopfert für einen freien jüdischen Zugang zur Kotel, umso authentischer wurde das jüdische Viertel danach wieder aufgebaut. Lebten zu Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu 20‘000 Juden zusammengepfercht in dem damaligen Viertel, so waren es um 1973 nur etwa zwei- bis dreitausend (privilegierte) jüdisch meistens religiös orthodoxe Mitbürger, die sich eine Wohnung in dem neuen Viertel leisten konnten. Achtundfünfzig Synagogen und Talmudschulen gab es einmal bis einmal im jüdischen Viertel. Alle wurden zwischen 1948 und 1967 zerstört. Im Jahre 1973 gab es wieder deren zwölf neu errichtete Synagogen und die dazugehörenden Talmudschulen. Das Gemurmel der Talmudschüler begleitet jeden Besucher durch die hellen Gassen. Mystisch sonorer Sound begleitete jeden Besucher des Viertels. Wiederaufgebaut wurde das Viertel mit Mitteln von sehr reichen und vermögenden jüdischen Organisationen und Mitbürgern aus der Diaspora. Ein jüdischer Gläubiger betrachtet es als Privileg, so nah an der westlichen Tempelmauer leben zu dürfen.

Über den Ölberg und durch das goldene Tor wird der Messias einst, gemäss dem Judentum, zu uns allen wiederkehren. Das endzeitliche Gericht wird im Kidrontal abgehalten werden. Diese Meinung teilen auch die Brüder und Schwestern des mosleminischen Glaubens. Suleiman der Prächtige, liess das goldene Tor daher im Jahr 1540 vollends schliessen. Auf dem Gelände davor errichtete er ein groß angelegtes muselmanisches Gräberfeld. Nach Vorstellung der Moslems wird am Tag des endzeitlichen Gericht ein Seil vom Öl- zum Tempelberg gespannt sein, und «die Gerechten werden darüber schreiten» (über das Kidrontal). Dies war und ist ein zusätzlicher Grund für die Bürger moslemischen Glaubens, sich auf der rechten Seite des Tales, also vor dem goldenen Tor, begraben zu lassen. Ein weiterer, nicht minder wichtigerer Grund zeigte sich in der Rechtfertigung des Handelns durch Suleiman dem Prächtigen:

„Der angekündigte Messias wird niemals über fremde Gräber hinwegschreiten, um durch das goldene Tor auf den Tempelberg einzutreten“.

Auf der rechten Seite des Kidrontales sind die ausgedehnten Gräberfelder der Muslime. Auf der linken, der Seite am Abhang des Ölberges, befinden sich die nicht minder grossen Gräberfelder des Judentums. Sie alle warten ungeduldig, als ob ein jeder sein ihm zustehender gerechten Spruch nicht erwarten könnte.

Der Islam, das Judentum und das Christentum, sind sich in einem, bezüglich des goldenen Tores grundlegend einig. Das «Tor der Barmherzigkeit» für die Juden, das «Tor des Erbarmens» für die Muselmanen und das «goldene Tor» für die Christen werden gemäss Prophezeiung eine fundamentale Bedeutung am Tag des «Jüngsten Gerichtes» erlangen.

Gott, respektive der Messias werden bei ihrer Wiederkehr vom Ölberg herkommend im Kidrontal dereinst das Jüngste Gericht abhalten. Nicht ganz so einig ist man sich über die Art und Weise, wie dieses Gericht vonstattengehen soll.

Zwei der drei Weltreligionen behaupten indes , dass in dieser Gegend ihr ultimatives „Himmelfahrtsereignis“ stattgefunden haben soll. Mohamed mit seiner nächtlichen Himmelsreise vom Felsendom aus und Jesus, der seine „Auffahrt in den Himmel“ vom Ölberg aus angetreten haben soll. Nur der Dritte im Bunde das Judentum, hat kein solches Auffahrtsereignis zu bieten. Das Judentum erwartet, dass der dritte Tempel dereinst in messianischer Zeit, auf den Mauern des zweiten Jerusalemer Tempels wiedererstehen soll.

Was für ein Ort mit Zündstoff und Symbolträchtigkeit haftet an diesem Tempelberg. „Har ha Bait“ auf Hebräisch (Berg und Zuhause), „Al-haram asch-scharif» auf Arabisch bedeutet «Das edle Heiligtum». Für die christliche Gemeinschaft hat der Tempelberg grosse Bedeutung als ein Ort des Wirkens Jesu. Ein künstliches Trapez von 150'000 Quadratmetern Fläche bildet den Platz. Zuerst war der «Salomonische Tempel», danach unter der Herrschaft der Römer, der Tempel des Herodes und seit dem Jahre 687 n.Chr. steht die Al Aqsa Moschee zusammen mit dem Felsendom auf dem Tempelberg. Dieser gilt als das dritthöchste Juwel der Moslems. Zu Füssen des Tempelberges heute das Heiligtum der Juden, die Kotel, respektive die Westmauer. Sie bildet die westliche Begrenzung des früheren zwei-ten Tempels. Nicht weit vom Felsendom und Kotel, und nur knapp 250 m Luftlinie entfernt davon steht, das grösste Heiligtum der Christenheit. Die Grabes- oder die Auferstehungskirche Jesu. Drei der fünf Weltreligionen beanspruchen für sich den Platz von etwas mehr als einem Quadratkilometer als Ereignisstätte von höchster religiöser Bedeutung für ihre Gemeinschaften. Das führt sowohl intern, als auch nach aussen zu extremen Reibungen und Konflikten, wie am Beispiel der Grabeskirche bestens abzulesen ist.

Die Kirche ist Sitz des griechischen orthodoxen Patriarchen und des katholischen Erzpriesters vom Heiligen Grabe Jesu zu Jerusalem. Nicht nur diese beiden christlichen Gemeinschaften meldeten ihre Ansprüche im Laufe der Zeit an. Nein, auch die armenisch apostolische Kirche und die syrisch orthodoxe Kirche, sowie die koptische Kirche meldeten ihre Besitzansprüche an. Als letzte war da die äthiopisch orthodoxe Kirche und diese beanspruchte zusätzlich ihren Platz in der Auferstehungskirche. Jedoch was hiess das, eine Glaubensgemeinschaft beansprucht einen Platz in der Auferstehungskirche, wenn sie am Ende der Schlange stand? Vorerst hiess das, dass den Löwenanteil des vorhandenen Platzes sich jene Religionsgemeinschaften nahmen, die zuerst da gewesenen waren. Punkt!

Die restlichen Gemeinden teilen sich mehr schlecht als recht, das was übrig geblieben war unter sich auf. Das Recht des Stärkeren schlägt dabei voll durch und so haust die äthiopische Gemeinschaft auf dem baufälligen Dach der Kirche. Streit, ja sogar Schlägereien gehören immer wieder zum profanen Alltag der „christlichen Männer und Frauen“ vom Heiligen Grab. Der Kampf und die Auseinandersetzungen um Platz, zugestandenen Gebets- und Präsenzminuten im Hause Gottes und der Auferstehung, wird unerbittlich und werden mit aller Härte geführt. Das Kuriose an dieser ganzen Geschichte um die Grabeskirche ist der Umstand, dass die Verwahrung und die Schliessgewalt seit Jahrhunderten von zwei mosleminischen Familien bewerkstelligt wird. Letztverantwortlich verwahrt und aufbewahrt werden die Schlüssel bei der moslemischen Familie Juodeh aus Jerusalem. Den morgendlichen Aufschluss, sowie den abendlichen Zuschluss des einzigen offenen Tores in die Grabeskirche wird durch die Familie Nusseibeh, ebenfalls Muselmanen gewärleistet. Bei den regelmässig aufkommenden Streitigkeiten unter den Gemeinschaften treten die Familien auch als Schlichter auf.

Das Prozedere des Zu- und Aufschlusses ist bemerkenswert. Jeden Morgen um vier Uhr waltet ein Mitglied der Familie Nusseibeh seines Amtes. Er schliesst das untere Schloss des linken Tores der Grabeskirche auf. Durch einen kleinen Durchlass im grossen Tor reicht ihm einer der in der Kirche verbliebenen nächtlichen Aufpasser eine Leiter durch. Herr Nusseibeh lehnt diese an die grosse Türe um das Obere, das eigentliche Schloss des Tores, aufschliessen zu können. Das Tor wird geöffnet und die Leiter wird bis zum Abend am Torflügel des zweiten Tores für alle gut sichtbar angelehnt. Es folgt die zweite Aufgabe der Familie, durch welche sie vom Kalifen Omar Ibn Katthab seit dem Jahre 677 per Dekret beauftragt worden sind. Der Vorplatz und die Tore der Kirche sind den ganzen Tag zu bewachen. Auch obliegt dieser Familie, eventuell allfällig ankommende Würdenträgern aus Nah und Fern zu begrüssen, und diese sicher in die Kirche zu geleiten. An der Schwelle der Kirche enden jedoch die Befugnisse der Familie Nusseibeh.

Abends kurz vor neunzehn Uhr wird der erste Flügel des Tores wiederum von der Familie Nusseibeh geschlossen. Punkt 19.00h erfolgt ein erstes lautes Klopfen mit dem Riesenschlüssel an das grosse Holztor. Zu vernehmen ist dieses Klopfen bis in den hintersten Winkel der Grabeskirche. Ein zweites und letztes Mal erfolgt um 19.15 Uhr. Danach ist es Zeit, die Kirche zu verlassen, denn um Punkt 19.30h beginnt ohne eine weitere Ankündigung das abendliche Schliessungsprozedere. Wiederum wird von aussen die Leiter an das nun komplett geschlossene Tor angelehnt. Das Hauptschloss wird verschlossen und die Leiter wird danach durch die noch offene kleine Klappe, dem in der Kirche wachenden und betenden Priester durchgereicht. erst danach erfolgt der komplette Zuschluss und das Tagwerk der Familie ist getan.

Die oberste Schlüsselgewalt des komplexen Gebäudes obliegt jedoch der Familie Juodeh. Nächtlich verwaltet werden die Schüssel von der zweiten moslemischen Familie. Diese wurde nach dem Rauswurf der Kreuzritter aus Jerusalem dazu auserkoren, und um 1187 von Sultan Saladin als Verwalter aller Gebäude der Grabeskirche eingesetzt. Die gesamte Schlüsselgewalt des grössten Heiligtums der Christenheit obliegt also seit über 800, respektive 1200 Jahren bei den zwei moslemischen Familien. Was für eine Absurdität und doch funktioniert das System seit Jahrhunderten tadellos!




 

Amalia Chamuda
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1.13.  Flower Power – Amalia Chamuda.
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Langsam neigte sich mein dreimonatiger erster Aufenthalt in Israel dem Ende zu. Mehr und mehr fühlte ich mich heimisch, ja sogar ein bisschen zu Hause in der Gemeinschaft des Kibbuz. Mittlerweile hatte ich eine «Sabbra» als Freundin, mit der ich mich gut verstand. Amalia, ein Kind jüdisch-jemenitischer Emigranten, die 1950 mit der Operation «Magic Carpet» aus dem spätmittelalterlichen Jemen nach Israel ausgeflogen worden waren.

Ihre Eltern, jüdische Kleinbauern aus dem Jemen, kamen aus der Nähe von Raydaha, 30 km östlich der Hauptstadt Sanaa. Dort bewirtschafteten sie ein Kleinstgehöft im Weiler Bet Harash. Ihr einstiger Besitz, beschränkte sich auf ein kleines Getreidefeld, dazu einige wenige Quadratmeter grosser Gemüsegarten, vier Ziegen sowie einige Hühner welche sie ihr Eigen nannten. Lesen und schreiben hatten die Eltern nie gelernt, denn sie hatten nicht die Möglichkeit gehabt zur Schule zu gehen. Nach den Vorkommnissen von 1948 in Aden, bei dem zwei moslemische Mädchen umgebracht wurden, entlud sich der ganze Hass der schiitischen Bevölkerung auf die grosse jüdische Gemeinde Jemens. Langjährige befreundete Nachbarn wurden zu erbitterten Feinden, die gewillt waren alle Judenfamilien zu töten. Die meisten der verbliebenen Menschen jüdischen Glaubens flohen in das rasch durch Spenden der Zionisten errichtete «Camp Hashid Gelua», wo sie eine erste Aufnahme fanden.

Lange, ja sehr lange, wurde geheim über eine eventuelle Ausreise der jüdischen Bewohner Jemens nach Israel mit den Behörden verhandelt. Erst als ein neu ernannter oberster Iman Jemens, Ahmed Ibn Yahyda sein Einverständnis zur Abreise aller Juden gab, war die Operation »On Wings of Eagals» (auf den Flügeln des Adlers) geboren. In 380 Flügen wurden insgesamt 49'000 Juden aus der gesamten Region durch amerikanische Flieger, mit allem was nur irgendwie Fliegen konnte in den kommenden Monaten ausgeflogen.

Darunter auch die Eltern von Amalia. Dies alles geschah in aller Heimlichkeit vor der Weltöffentlichkeit und wurde erst danach unter dem Namen «Operation Magic Carpet» in aller Welt bekannt und publiziert. Fünfzigtausend verarmte, meist ungebildete orientalische Juden wurden unwillkürlich und auf einen Schlag aus dem Mittelalter hinein ins zwanzigste Jahrhundert katapultiert. Soziale sowie ethnische Spannungen waren somit vorprogrammiert und liessen auch nicht lange auf sich warten.

Die Familie von Amalia hatte zu der Zeit insgesamt fünf Kinder, die alle mit auf die Reise gingen. Ihr sechstes und jüngstes Asagh, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren. Angekommen im gelobten Land Israel war der Schock überwältigend gross für die Familie. Das religiöse und gesellschaftliche Leben in einem modernen grösstenteils säkularen und aufstrebenden Land wie Israel, entsprach so gar nicht demjenigen Leben dem sie gerade entflohen waren. Die Familie fand sich nicht zurecht und zerbrach elendlich, wie viele andere der jemenitischen Familien. Die mittlerweile fünf Kinder der Familie, wurden den Eltern durch die Behörden, nach und nach weggenommen. Viele der jemenitischen Kinder wurden damals durch eine dubios agierende israelische Verwaltung sowie durch pseudo Adoptionsvereine einfach fremd platziert. Ihr sechstes Kind, das im Jahre 1955 geborene Mädchen Asagh, fand durch einen dieser Vereine Aufnahme bei einer der vielen kinderlos gebliebenen deutsch-jüdischen Pflegefamilie im Kibbuz Givat Hayim Ihud.

Aus Asagh, was in ihrer ursprünglichen Heimat, Liebe und Zuneigung bedeutet wurde Amalia, ein typisch altdeutscher Name. Die Bedeutung des nordischen Namens «Amal» verspricht, mühevolles Arbeiten, Vordrängen, Vorantreiben, und auch Tüchtigkeit in seiner ursprünglichen Bedeutung. Ein schwer auferlegtes Erbe von Adda und Moshe Schuhlohman, das ihr die neuen Kibbuz Pflegeeltern Adoptivtochter mit auf den Weg gaben.

Die Schuhlohmans, beides Akademiker, belesen, gebildet und kultiviert, hatten ihre Ausbildung in Deutschland absolviert. Die beiden heirateten jung und gründeten eine Familie im Norden Deutschlands. Das Glück war dem jungen Paar nicht hold gesinnt. Schon bald wurden sie von Hitlers Schergen getrennt und auf eine Odyssee zur Zwangsarbeit in die verschiedensten Arbeitslager über Jahre verschickt. Beginnend mit dem Arbeitslager Hamburg-Neu Game, ein Aussenlager des KZ Sachsenhausen, begann Schlomo der links jüdische Intellektuelle seine «Karriere» als Häftling. Adda seine Frau, auch sie Jüdin und linkspolitisch engagiert schickte man nach Sachsenhausen, von wo aus ihr Leidensweg der Torturen begann. Medizinisch gequält und körperlich missbraucht, seelisch verarmt und trotzdem immer noch hoffend, dass der «Andere» des lebenslang geschlossenen Bundes das Inferno doch irgendwie überlebt haben könnte, suchten und fanden sich die Beiden nach dem Krieg wieder.

Körperlich und geistig komplett am Ende machte sich nach Kriegsende jeder von Ihnen für sich auf den Weg, um mithilfe der Jewish Agency und einem Flüchtlingsschiff der Alijat Beth illegal nach Erez Israel zu gelangen.

Adda fuhr nach ihrer Genesungszeit von mehr als einem Jahr, zusammen mit 708 willigen anderen einwandernde Juden am 27. April 1947 von Genua mit dem Flüchtlingsschiff «Gian Paolo» Richtung palästinensischer Küste. Ihr Mann hingegen folgte ihr ohne zu wissen, dass seine Frau den gleichen Weg gegangen war, am 28. Juli 1947 aus dem Hafen Triest heraus auf dem Frachter «Bruna» Richtung Palästina. Beide Schiffe wurden vor der Küste Palästinas, durch die das Küstengewässer kontrollierenden Engländer aufgebracht, und zusammen mit allen 1454 Einwanderer in einem Flüchtlingslager nahe der Küste interniert.

Das war das grosse Glück im Unglück für die junge kinderlose Familie Schuhlohman, denn beide suchten und fanden sich in den Lagern unter Mithilfe des Roten Kreuzes. Wieder-vereint, und nach all dem grossen Leid, das sie beide durchgemacht hatten, beschlossen Adda und Moshe sich nie mehr zu trennen. Adda und Moshe zogen sich in den Kibbuz Givat Hayim Ihud zurück und hofften, dass ihr Glück durch die baldige Geburt eines Kindes vollendet würde. Leider war das für Adda anhand der durchlebten Eingriffe in Deutschland nicht mehr möglich und so waren die beiden fest entschlossen, wenigstens einem Kind jemenitischer Herkunft ein behütetes Zuhause zu bieten. Sie meldeten sich bei der Adoptionsstelle des neu gegründeten Staates Israel und nach einer Wartezeit von wenigen Wochen erhielten sie ein «jemenitisches Waisenkind» mit dem wundervollen arabischen Namen Asagh zugesprochen.

Unter welchen wirklichen Umständen Amalia (Asagh) ihrer leiblichen Mutter weggenommen und zu der Familie Schuhlohmann kam, war ein in der Familie nie besprochenes Geheimnis. Die wahren Umstände ihres Schicksals wurde in all den Jahren weder erörtert noch geklärt. Amalia war noch keine zwei Jahre alt, als sie 1956 von Adda und Moshe im Kibbuz aufgenommen wurde. Sie war das erste jemenitische, also dunkelhäutige Kind, welches in einem rein aschkenasischen Kibbuz aufgenommen wurde. Aufgewachsen im Kinderhaus, so wie alle Kinder der Gemeinschaft, entwickelte Amalia mit dem Kosenamen «Chamuda» sich zu einer jungen, bildhübschen und exotisch raffinierten Schönheit. Sie, eine mit allen nur erdenklichen weiblichen Waffen ausgestattet junge Frau, absolvierte im Winter zweiundsiebzig ihre zweijährige Militärausbildung bei der Nahal-Truppe in Kalia am Toten Meer.

Amalia die bildhübsche kaum neunzehnjährige Soldatin kam nur alle zwei bis drei Wochen für einen Kurzurlaub in den Kibbuz. Jedoch wenn Amalia auf einer unserer vielen Partys einschwebte, so ging ein Raunen durch die männliche Volontärs Welt. Auch ich war natürlich fasziniert von Ihrer Exotik und Ausstrahlung, verhielt mich stets vornehm im Hintergrund. Eines Nachts war ich der unverhofft Glückliche, der sie nach Hause begleiten durfte. Ich wusste eigentlich gar nicht, wie mich geschah. Auf der Höhe des Shops und der Wäscherei drehte sich Amalia plötzlich zu mir hin und fragte mich unverblümt: «Warum küsst du mich eigentlich nicht?» Perplex stand ich vor ihr jedoch nicht ganz unfähig zu reagieren. So korrigierte ich den «Fauxpas» unverzüglich. Ich spürte die Wärme ihrer dunklen Lippen auf meinem Mund, und suchte aus den Augenwinkeln einen geeigneten Platz auf dem Rasen wo wir uns unserer ungestümen Wollust hingeben konnten. Bedauerlicherweise gab es da in der Nähe der «Bait Vienna» ein kleines Kakteenfeld in dessen Schatten wir auf dem Rasen Zuflucht fanden. Ganz der Gentlemen, versuchte ich die Angebetete vor den Stacheln der Riesenkakteen zu schützen. Dies gelang mir auch leidlich gut bis auf die Tatsache, dass ich selbst dadurch meine entblösste Hinterseite den Stacheln schmerzlich feilbot. Nach der ersten «Rushhour» entschlossen wir uns, doch noch ihr Barackenzimmer in den Zrif aufzusuchen. Der Horizont schimmerte bereits im blau gräulichen Tönen und das allmorgendliche Vogelkonzert begleitete uns in unser Liebesnest. Einander vollkommen der Lust hingebend, trieben wir es in den Morgen hinein so weit, bis unser Nachbar zur Linken aufmunternd meinte, dass er bei Bedarf auch noch zu Verfügung stehen würde. Dies lehnten wir dankend ab und verfielen in ein seliges Schlummern.

«Chamuda» at po? (Liebling bist du da). Ein gequältes «Ani rozze od Lischon Ima» war die Antwort meines nächtlichen Bettgeflüsters. Adda, ihre Mutter wusste somit Bescheid und draussen auf der Veranda wurden die frisch gewaschenen Kleider möglichst geräuschvoll deponiert. Einen kurzen Moment der Stille folgte und danach wurde ich von Amalia kurzerhand aus dem noch Fleisch-warmen Bett heraus komplimentiert. »Los verschwinde, meine Mutter kommt in zehn Minuten zurück und darf dich hier nicht finden», war ihre kurze Erklärung für den routinierten Rausschmiss. Eine andere Wahl hatte ich sowieso nicht. Also ging ich geknickt von dannen nicht wissend, was ich denn eigentlich falsch gemacht haben konnte.

Gar nichts, denn schon am gleichen Abend, oder besser gesagt, sehr spät in der Nacht klopfte es sanft jedoch bestimmt an die Tür meiner Behausung. Eine schnurrende Stimme meinte, ich solle aufmachen. Sie würde mich missen und brauche nochmals eine kleine «Kuschelzeit». In voller Militärmontur stand sie vor mir und begehrte Einlass. Auf ein Neues dachte ich mir, dieses Mal bei mir jedoch zu meinen Konditionen.

Denkste!

Die junge Frau war berechnend und hatte ein genaues Zeitlimit mit einkalkuliert. Für Punkt 04.30 Uhr war die Abfahrt zurück zum Armeestützpunkt am Toten Meer angesagt. Diesen einen Programmpunkt konnte und durfte sie auf keinen Fall verpassen. Ich gab mein Bestes, auf dass der gute Eindruck den ich hinterlassen wollte, lange und nachhaltig anhalten möge. Dass dem nicht so war, habe ich erst sehr viel später erfahren. Ich für mich selbst musste eingestehen, dass auch ich nicht ganz auf meine Flower-Power Möglichkeiten in der Zeit verzichtet habe. Amalia und ich trafen uns danach regelmässig im Kibbuz oder bei ihrer Einheit am Toten Meer.

Mehr und mehr verbrachte ich Zeit mit jungen Sabres und begann nebst meinem damals noch eher dürftigen Englisch, mein Ohr vermehrt auch der hebräischen Sprache zu leihen. Die Sprache und deren gelebte Geschichte faszinierte mich brennend. Ich interessierte mich wirklich dafür und wollte sie erlernen, und zwar nicht auf der Basis eines Bettgeflüsters mit Amalia, sondern seriös als Schüler einer Ulpan-Schule. Als Nichtjude, ohne Absicht sich zum Judentum zu bekennen, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn der Ulpan war die unentgeltliche Sprachschule für Neueinwanderer. Bezahlt wurde der Unterricht von Staat und in Form von Arbeit, für welche die Bewerber täglich für vier Stunden Tätigkeiten im Kibbuz zu verrichten hatten. Mein Plan stand fest, ich wollte zurückkommen und lernen. Dank der Hilfe meines Jecke-Tennis-Teams, die sich alle voll für mich einsetzten, wurde einmalig eine Ausnahme gemacht. Damit wurde ich eingeladen, den nächsten Ulpan per Ende Mai 1973 mitzumachen. Mitte März kehrte ich somit in die Schweiz und ich machte mich daran das nötige Kleingeld für die Reise, als auch für einen weiteren Aufenthalt zu verdienen. Das erhoffte Wiedersehen mit Amalia spielte dabei eine eher untergeordnete Rolle. Sprache und die Aussicht noch mehr über die Geschichte des Landes, der Schoa und im wahrsten Sinne des Wortes über «Gott und der Welt» kennenlernen zu dürfen, reizten mich umso mehr.

 

Milchemet Jom ha Kippurim
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2.  Milchemet Jom ha Kippurim
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Mitte Mai 1973 war es so weit. Ich konnte zurückreisen und hatte mir das nötige Reisegeld als Aushilfs-Gastronom in einem guten Hause in Ascona dazuverdient. Meine abenteuerliche Reise nach Haifa konnte beginnen. Um Geld zu sparen, wählte ich den Land- und Seeweg. Zürich-Zagreb-Belgrad-Skopie-Thessaloniki-Athen. Ab Piräus weiter mit der wöchentlichen Fähre nach Chania und nach Heraklion, um danach nach Limassol anzusteuern, wohin ich eingeladen worden war. Türkischstämmige Freunde, die als Gastarbeiter in Israel gearbeitet haben, hatten mich eingeladen, sie auf meiner Rückreise zu besuchen. Eine Woche später wollte ich die Weiterfahrt nach Haifa antreten und hoffte, dort eventuell meine schöne jemenitische Exotin am Kai in die Arme schliessen zu dürfen. Soweit mein Plan und natürlich kam alles ein bisschen anders, als ich es geplant hatte.

Während der zweieinhalb Monate meines Aufenthaltes in der Schweiz hatte und ich aus reiner Bequemlichkeit als mein Domizil, das Zuhause einer meiner Ex-Freundin ausgewählt. Ich war bei ihr in ihrer Wohngemeinschaft als ein quasi heimkehrender hochwillkommen und es passte auch alles, da sie aktuell kein neuer Freund umwarb. Ein kleines neuerliches Techtelmechtel bahnte sich zwischen uns an und kam uns beiden gelegen. Wir beide wussten, dass es keine Angelegenheit von Dauer sein konnte, jedoch wir waren froh, dass wir gerade zu diesem Zeitpunkt für einander da waren. Natürlich informierte ich sie über meine künftigen Pläne und sie überraschte mich damit, sie mir vorschlug mich auf meiner Reise bis auf die griechischen Inseln zu begleiten.

«Ich habe sowieso geplant, meine diesjährigen Ferien auf Kreta in Malia zu verbringen», war ihre Erklärung dazu. Ich willigte ein und so begann unsere Reise per Eisenbahn nach Piräus zu zweit am 22. Mai 1973 um 20.40 Uhr ab dem Zürcher Hauptbahnhof. An die Möglichkeit einer Reservierung für Bahn und Schiff hatte keiner von uns beiden gedacht und auch nicht für nötig gehalten. Wir waren der Meinung, dass wir sicher die einzigen sind, die eine so lange Reise mit den gewählten Verkehrsmitteln machen würden. Weit gefehlt, wie sich schon bald herausstellen sollte.

Auf unserer fast achtundfünfzig stündigen, teilweise doch sehr unbequemen Reise, war die Strecke Zürich bis nach Innsbruck noch der reine Genuss. Ein Sechser-Abteil ganz für uns alleine purer Luxus erwartete uns. Wir hätten schlafen können, wären wir beide nicht so von unserem Reisefieber befallen gewesen. Später in der Nacht wurden wir unterwegs unsanft durch ein paar Bauernhaft wirkende Mitreisende geweckt und wir mussten unsere Kuschelplätze unwillig aufgeben. Vier jugoslawische Gastarbeiter hatten sich zusammengetan, um gemeinsam bis Belgrad als eine Gruppe in einem reservierten Abteil zu reisen. Grossherzig wurden wir von diesen mitreisenden Männern, die aus verschieden Gegenden Jugoslawiens stammten, willkommen geheissen. Der Zustieg erfolgte in Innsbruck und schon bald nach Abfahrt suchten sie das Gespräch mit uns. Es begann ein grosses «Fressen und Saufen»von regional-, heimatlichen Spezialitäten, welches die ganze Nacht andauern sollte. Natürlich waren wir herzlich eingeladen mitzumachen, was wir auch taten. Eine Flasche Sliwowitz, von bester Hausmacher Qualität, machte die Runde. Die bernsteinfarbene zeugte von einer Eichenreifung, also ein absolutes Spitzenprodukt, das man uns da anbot. Ein anderer zauberte Sauerteig Burek, gefüllt mit Hackfleisch, aus einer seiner vielen Reisetaschen an. Unverhofft zauberte der Andere ein kleines Blech Gibanica, Blätterteiggebäck mit Frischkäse und Sahne, aus dem immer noch vollen Proviant Sack hervor. Milo, der vierte im Bunde, hatte frische Tomaten und gekochte Eier sowie ein Einmachglas voller Gemüse dabei. Weiter ging der mitternächtliche «Grosse Schmaus». Zum krönenden Abschluss gab es noch die unbeschreiblichen Baklava, gefüllt mit Walnüssen und Pistazien alles triefend und voller Honigsirup. An Schlaf war danach nicht mehr zu denken, so vollgestopft wie wir waren. Jedoch das störte niemanden von uns Sechsen. Die angesäuselte Marlies an meiner Seite mit ihrem blonden, ja fast goldenen Haaren, hatte es offensichtlich den vier Heimkehrenden angetan. Sie genoss die Aufmerksamkeit aller Anwesenden und den subtilen Flirt der Männer, obwohl sehr grosse sprachliche Barrieren bestanden. Routiniert glich sie dies mit ihren weiblichen Reizen aus und wickelte den einen oder anderen von uns gekonnt um ihren Finger. Eine erfreulich prickelnde und lustvolle Stimmung herrschte die ganze Nacht hindurch in unserem gemeinsamen Abteil.

08.13 Uhr Ankunft in Ljubljana und um 08.25 Uhr waren wir schon wieder «on the Rail». Diesmal Richtung Belgrad wo wir gegen 17.37 Uhr ankommen sollten. Nur kurz mussten wir, um unsere beiden Sitzplätze gegenüber zugestiegenen und reservierenden Fahrgästen bangen. Dank unseren vier für uns sprechenden Mitreisenden durften wir die für uns nicht reservierten Plätze grosszügigerweise weiter behalten. Jeder von uns, begann von sich aus seine ganz persönlichen Geschichten zu erzählen. Arbeit, Haus, Hof, Familie und ganz besonders die Kinder, waren das Thema. Fotos aller Art machten die Runde und das bis in den frühen Nachmittag hinein, immer wieder begleitet von Speis und Trank. Ihr Vorrat wollte und wollte einfach nicht zur Neige gehen. Marlies und ich, wir beide konnten uns gegenüber unseren Gastgebern überhaupt nicht revanchieren, denn als fast Gepäcklose naive Touristen hatten wir nicht einmal an unseren eigenen Proviant gedacht. Es war uns schon fast peinlich, immer nur betroffen Danke sagen zu können, und nichts zu unserer gemeinsamen Verpflegung beigetragen zu haben. Ankunft in Belgrad Jugoslawien, pünktlich wie zu Hause. Im Klartext hiess das, exakt um 17.37 Uhr trafen wir am Bahnhof im Zentrum «Prokop» ein. Die Verabschiedung von unserer Reisebekanntschaft dauerte mindestens zehn, wenn nicht fünfzehn Minuten und somit etwas länger als vorgesehen. So viel Zeit musste sein. Wohl wissend, dass unser Nachtzug, der «Hellas Express» pünktlich um 18.35 Uhr auf Perron acht abfahren sollte.

Neues Land, neue Sprache. Verwirrt schauten wir auf die Anzeigetafeln in kyrillischer Schrift und übersahen, dass die Anzeigen sowohl in kyrillischer als auch etwas kleiner in lateinischer Schrift ausgeschildert waren. Wie ein Götz am Ölberg stand ich da und hatte ein «Black Out» der Orientierung. Mein blonder Engel zog mich vorwärts in einen Kiosk laden, um zumindest noch den bis jetzt noch nicht vorhandenen Proviant einzukaufen. Es war schon bestimmt viertel nach sechs Uhr und wir standen immer noch in dem kleinen Ladenkiosk. Es ging einmal mehr um die Bezahlung. Was Sie nehmen keine Schweizer Franken? Nur jugoslawische Dinar oder Deutsch Mark, war die Antwort. Natürlich hatten wir kein Geld gewechselt, wir stolzen Schweizer mit der vermeintlich helvetisch internationalen Währung. Der nicht minder stolze, serbische Ladenbesitzer erkannte unsere Notlage und erbarmte sich unser. Er nahm uns unsere «Fränkli», zu einem lächerlich niedrigen Kurs dennoch ab. Doppelt geprellt, jedoch reich bepackt mit Plastiktüten voller Proviant, hetzten wir vorbei an den Reservationsschalter zum Bahnsteig acht. Für eine Reservierung war es nun wirklich zu spät, denn da stand er schon, unser «Hellas Express» abfahrbereit Richtung Skopje in Mazedonien und weiter nach Thessaloniki in Griechenland. Ein Gewusel auf dem Bahnsteig, so wie ich es noch nie gesehen habe. Dagegen ist der Shuk von Jerusalem eine Sonntagsschule. Mit grosser Mühe stiegen wir in einen altertümlichen Wagen zweiter Klasse ein, um noch einen freien Platz ergattern zu können. Weit gefehlt, es gab einfach keine freien Sitzplätze mehr. Endlich ganz vorne im Gang ergatterten wir noch zwei frei Klappsitze im Gang. Wir verstauten unser weniges Gepäck und die vielen Fressalien auf dem Boden. Endlich waren wir angekommen und erwarteten eine pünktliche Abfahrt. Mit über fünfundsiebzig Minuten Verspätung ging es irgendwann später endlich los. Langsam fuhren wir aus Belgrad hinaus weiter in den Abend hinein. Wir wurden von unseren Mitreisenden als die einzigen exotisch anmutenden Touristen nicht schlecht bestaunt. Einer der Mitreisenden fragte uns in gebrochenem Englisch, wohin und wozu wir unsere Reise hingehen würde. Er staunte nicht schlecht er unsere finalen Ziele Kreta und Haifa erfuhr, die wir auf dem Land und Seeweg erreichen wollten. Die Gespräche verliefen harzend zwischen Gang und den halb offenen Türen der Abteile. Das unbequeme Sitzen auf nur wenigen Quadratzentimetern grossen Klappsitzen machte mich nervös und quengelig. Ich begann wieder einmal zu motzen und zu nörgeln, um auf meine Unzufriedenheit aufmerksam zu machen. Das hatte natürlich keinen Erfolg und so hatte ich mich mit dem Schicksal der fast sechs zehnstündigen, mehr als nur unbequemen Bahnfahrt, einfach abzufinden.

Lange nach Mitternacht, als der Durchgangsverkehr entlang des Ganges endlich abebbte, versuchten Marlies und ich es uns auf dem Waggonboden neben der Heizung gemütlich zu machen. Mangels eines Kopfkissens benutzten wir meine kleine Reisetasche als ein Solches. So lagen wir Kopf an Kopf und ein jeder von uns, versuchte unter dem Rhythmus der Schläge der Bahnschienen möglichst schnell einzuschlafen. Das gelang uns nicht, jedoch immerhin dösten wir in die Nacht hinein. Unverhofft streckte meine Gefährtin ihre Hand nach mir aus und begann mich in meinen Haaren zu kraulen. Es blieb nicht lange beim Kraulen des Haares. Als Nächstes waren meine äusserst sensiblen Ohrläppchen dran, die sie mit ihren Zähnen bearbeitete. Sie wusste ja aus alten Zeiten haargenau, wie ich auf eine solche Aktion reagieren würde. Mir wurde warm, und das nicht nur um die Herzgegend herum. So reckte auch ich meinen Arm über die «Kopfkissentasche» zu ihr hinüber. Da wir uns Kopf an Kopf gegenüberlagen, war meine Armreichweite eindeutig eingeschränkt. Sie reichte jedoch bis zum Ansatz ihrer wohlgeformten Brüste, die ich genüsslich zu bearbeiten versuchte. Ein leises unterdrücktes Stöhnen signalisierte mir, dass ich geradewegs auf dem Weg war, in eine vollendete Frustration hineinzusteuern. Marlies, mein «Golden Girl», ging es scheinbar genauso. Mit einem Male stand sie auf und forderte mich auf, mit ihr zu kommen. Sie nahm mich bei der Hand und wanderte direkt die Waggons entlang Richtung erster Klasse. In diesem Bereich war der Publikumsverkehr ein wenig gesitteter, denn es gab hier zumindest keine «Gangschläfer», so wie üblich in der zweiten Klasse. Routiniert checkte sie das Freizeichen der Toilette, öffnete und zog mich hinein. Als »Erstlingsbahntoiletten-Täter» wusste ich im ersten Moment nicht wie mir geschah. Nach kurzer örtlicher Eingewöhnung verliess mich alles Bangen, und es wurde ein ausgedehnter, sowie lustvoller Waschraumbesuch erster Klasse, der bis in den frühen Morgen andauerte.

04.02 Uhr Ankunft in Skopje. Sehr viele Passagiere verliessen den Zug und endlich fanden wir beide einen Sitzplatz für die restlichen sechs Stunden Fahrt nach Thessaloniki. In Geveglija stiegen auch noch die verbleibenden mazedonischen Fahrgäste aus und nur noch sehr wenige Touristen verblieben als Fahrgäste im Zuge. Kurz darauf erreichten wir die griechische Grenze, wo uns in Indomeni die griechischen Zoll-Funktionäre in Empfang genommen haben. Bärtig, langhaarige und hippiemässig gekleidete junge Europäer wie wir, waren im Mai 1973 nicht sehr gerne gesehen bei den «Saubermännern» im Staate Hellas.

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Langhaarige Hippis unerwünscht...
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2.1.  Milchemet Jom ha Kippurim – Langhaarige Hippis unerwünscht....
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Wir beide als Mitläufer der vergangenen 68er Bewegung, waren zwar politisch sensibilisiert, jedoch nicht weiter wirklich politisch wissend. Unsere allgemeinen Sympathien lagen zwar Links, doch hatten wir keinen Schimmer in welche chaotische Situation wir als einfache Individual-(Hippie)Touristen hineingeraten konnten. Thessaloniki war der einzig geplante Haltepunkt auf unserer gemeinsamen Reise nach Griechenland. Dank meiner Schwester, die einen türkisch geborenen Griechen, Michaelis Palandeous aus der zentral Makedonischen Hauptstadt geheiratet hatte, wurden wir auf dem Bahnhof Thessaloniki aufs herzlichste von meiner mir unbekannten Verwandtschaft willkommen geheissen. Total verschmutzt und sicherlich auch übelriechend, waren wir nicht gerade die idealsten Gäste die man sich in dieser Zeit der «Griechischen Junta» (67-74) bei sich zu Hause wissen wollte. Bunt gekleidet, langhaarig und ich mit einem Vollbart behaftet, wurden Begleitung wir aufgefordert, binnen zwei Stunden mit auf die Polizeiwache im Quartier zu gehen, um unseren Verbleib im Viertel für die Nacht anzumelden. Dies war nur eine der vielen Auflagen, die die griechische Bevölkerung, so auch unsere Gastgeberfamilie zu erfüllen hatte. Unser Erstaunen über ein solches Vorgehen war gross. Selbstverständlich kamen wir der Aufforderung unserer Gastgeber nach, um sie nicht noch mehr in die Bredouille zu reiten.

Beim abendlichen Essen auf der Dachterrasse im engsten Familienkreis wurden wir vorsichtig und sehr dezent über die aktuelle Situation in Griechenland aufgeklärt. Hippiemässige «Freizügigkeit» war verpönt und wurde unter der griechischen Junta grundsätzlich nicht geduldet. Die aufkommende Mini-Mode, Rockmusik, sowie die Band der Beatles, ja sogar das Nachahmen ihrer Frisuren, waren verboten. Genauso unerwünscht, waren moderne Kunst und die neue griechische Literatur, welche in keinster Weise mehr publiziert werden durfte. Ein komplett neues Schulsystem war für alle schulpflichtigen Schüler und Studenten etabliert worden. Das hiess für alle Schüler folgendes: In den ersten vier Schuljahren wurde der Unterricht in Neugriechisch, alias «Dimotiki» (Neugriechisch), abgehalten. Bei einem Übertritt der Schüler ins Gymnasium wechselte auch die Sprache und fortan wurde nur noch in «Katharevousa» unterrichtet, was der reinen altgriechischen Sprache entspricht, welche bisher nur im Parlament, vor Gericht und in der Medizin ihre Anwendung fand. „Es kommt noch besser“, meinte der älteste Sohn der Familie. Ab dem siebten gymnasial Schuljahr respektive nach dem Übertritt in die Oberstufe wird von uns verlangt, dass wir auch noch die französische respektive die englische Sprache dazu erlernen sollten. «Unsere viel gerühmte Redefreiheit ist tot und das, im Lande der Urdemokraten» kam es aus seinem Munde. Aus stillem Protest der Autoren wurden in den letzten zwei Jahren keine neuen Bücher oder Theaterstücke mehr publiziert. Die griechischen Intellektuellen schweigen seit zwei Jahren, um mit ihrem stillen Protest um ihren Unmut zu bekräftigen. An den Schulen und Universitäten sind nicht linientreue Lehrer und Professoren nicht mehr willkommen. Sie werden mit einem Berufsverbot belegt.

Im europäischen Umfeld war die Übernahme und die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens durch die Junta ab 1967 wohl registriert worden. Das eigene Hemd, sprich die griechischen Militäraufträge für die europäische Waffenlobby, waren den linientreuen Politikern auf beiden Seiten doch noch am nächsten. Alle europäischen Nationen bemängeln mehr oder weniger diplomatisch zaghaft die Vorkommnisse in Griechenland und doch vor Sanktionen scheut man sich aus besagten Gründen. Zudem war Griechenland, trotz innenpolitischer Lähmung, als Nato Grenzstaat von enormer Bedeutung für Europa und ganz besonders für Amerika. Auch die Tourismuseinnahmen und die namhaften Auslandsüberweisungen, der Griechenland solidarischen Gastarbeiter in ganz Europa, waren während der Junta Zeit enorm wichtig für das ganze Land. Dies war auch einer der Gründe  warum gegenüber uns jungen, bärtigen und Minirock bewaffneten Hippie-Touristen eine gewisse Toleranz walten liess, solange man sich in den Touristenzentren aufhielt und sich an gewisse Mindestregeln hielt.

All das ahnten wir, Marlies und ich nicht. Wir waren zwar politisch interessierte Menschen, konnten jedoch in unserer helvetisch naiven Vorstellung nicht glauben, so tyrannisiert und eingeschränkt und in einer zwei Klassengesellschaften leben zu müssen. Ein ereignisreicher und äusserst aufklärender Abend auf der lauschigen Dachterrasse, mit Ouzo, Wein und vielen griechisch kulinarischen Köstlichkeiten neigte sich dem Ende zu. Familiär, traditionelle Gastfreundschaft, gepaart mit jugendlicher fast unvorsichtiger spät nächtlicher Offenheit liess uns aufhorchen, nachdenklich und vorsichtig werden. Anderntags verabschiedeten wir uns artig bei unserer gastfreundlichen Familie.

Zwei für den Moment geläuterte Touristen machten sich auf den Weg zum Hauptbahnhof in Thessaloniki. Den Bart habe ich mir nicht abrasiert, zumindest jedoch die langen Haare zu einem Zopf zusammengeknotet. In unseren besten Kleidern verliessen wir das Haus unserer Gastgeber, damit wir diese nicht weiter in ihrem Wohnquartier desavouierten. Kein Hippie schaulaufen wie am Vortag war bei unserem Weggang angebracht. Artig gingen wir zum Hauptbahnhof und besorgten uns eine Bahnreservation für den Nachtzug nach Athen. Auf dem lebhaften Bahnhof angekommen, störte es uns nicht weiter, dass wir auf den einfahrenden Zug über zwei Stunden warten mussten. Um 17.19 Uhr fuhren wir endlich los, hatten anstandslos unsere Plätze eingenommen und fuhren entspannt durch die Nacht nach Athen. 07.01 Uhr Ankunft des Hellas Express in Athen Larissa. Ich war schon halb am Aussteigen da schaute mich nochmals um und beschloss wieder einzusteigen. Meine Reisegefährtin fragte mich, was los sei, warum steigen wir nicht aus? Ich antwortete, dass wir uns sicherlich noch auf einem der Vorortsbahnhof von Athen befänden und erst der nächste Bahnhof der richtige Ausstiegspunkt für uns sei. Das kann nicht der Hauptbahnhof von Athen sein, denn es hat nur zwei Geleise und einen einzigen Bahnsteig. Das kann nicht der Hauptbahnhof einer Millionenstadt und einer zukünftigen Olympiastadt Kandidatin sein, doppelte ich nach. Weit gefehlt, es war der Bahnhof Eνα-Larissa (Athen). Ernüchternd stellten wir fest, dass wir angekommen waren und der lokale Zug nach Piräus auf dem zweiten Geleis daneben bereitstand. Unsere zweiundfünfzig Stunden dauernde Bahnfahrt quer durch den Balkan nahm damit am Hafen von Piräus somit ein Ende.

Mister Fields is kindly requestet...!
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2.2.  Milchemet Jom ha Kippurim – Mister Fields is kindly requestet...!.
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Am Hafen in Piräus lagen fünfzehn, wenn nicht zwanzig grössere und kleinere Fähren Seelenverkäufer. Jeder von Ihnen bereit uns an Bord zu nehmen und waren allezeit bereit zum Auslaufen. Welches war der Unsrige? Noch hatten wir keine Passage gebucht und so machten wir uns auf die Suche nach einer Agentur, um dies nachzuholen.

«Stella Maria» hiess unser in die Jahre gekommener Kahn, der am gleichen Abend Richtung Kreta über China und Heraklion auslaufen sollte. In Heraklion wird mich meine Reisebegleiterin Marlies verlassen und an ihren Urlaubsort Malia reisen. Stella Maria war ein altes Schiff mit eigenem Charme. Die Ankunft auf der nächsten Insel war für 03.30 Uhr nachts geplant, was auch wirklich so war. Wir genossen den Abend mit einem Picknick auf Deck und suchten, wie alle anderen Passagiere der Deckklasse, eine windgeschützte Ecke, denn es wurde merklich kühler. In Heraklion verliessen viele Passagiere genauso auch meine nette Reisebegleitung das Schiff. Ich verkroch mich danach wieder in meine leicht windgeschützte Ecke und versuchte zu schlafen. Am nächsten Morgen stellte ich verwundert fest, dass ich der einzig übriggebliebene Passagier war, der an Deck sein ungemütliches Lager aufgeschlagen hatte. Wir hatten mittlerweile nach verschiedenen Zwischenhalten die griechischen Inseln verlassen und fuhren durch die offene See Richtung Zypern. Ich verpflegte mich mit dem übriggebliebenen Proviant des Vortages und hoffte, es würde für die restlichen zwanzig Stunden Fahrt auch noch reichen. Ich schlenderte über Deck an den Fenstern des Speisesaales vorbei, in dem die höher klassierten Passagiere gerade beim Frühstück sassen. Aus dem Bordlautsprecher krächzte eine Stimme, halb griechisch, halb englisch:

«Mister field`s is kindly requestet to report to the reception desk on deck four. I repeat, Mister …»!

Die Durchsage beachtete ich gar nicht, da sie sicherlich nicht für mich bestimmt sein konnte. Ich genoss die morgendlich warme Sonne und verkroch mich lesend in den von mir belegten kostenlosen Liegestuhl. Um 13.00 Uhr lief ein Steward mit einer Handglocke über das Sonnendeck und rief die an Deck verbliebenen Passagiere in den Speisesaal. Ach hätte ich doch nur eine höhere Klasse gebucht, ging es mir durch den Kopf und mein Magen begann zu rebellieren ob meiner Aussicht auf ein karges Essen an Deck.

«Are you Mr. Fields?», tönte es hinter mir in einem eigentümlich strengen Ton. No, I am Mr. Felder from Switzerland», kam es von mir zurück. Der Steward streckte mir eine Reservationsliste der Agentur aus Piräus unter die Nase. Ich begann zu lesen und mit einem Male begriff ich, denn der Name Felder war auf der Liste fein säuberlich durchgestrichen und daneben stand auf Englisch «Mr E.Fields». Ein komfortables Bett und alle bisherigen Mahlzeiten hatte ich verpasst. Auf dem windigen Deck verbrachte ich fast 30 Stunden und habe mir dabei nachts den Arsch halb abgefroren. Es war am frühen Nachmittag, als man mich endlich fand und so bezog ich für die restliche Reisezeit meine komfortable Kabine und genoss die Annehmlichkeit eines Linienschiffes auf See. Ankunft in Limassol so gegen 02.30 Uhr. Das hiess für mich, warten bis zum Morgen, um nach meinen Freunden im türkischen Viertel von Limassol zu suchen. Weit gefehlt, denn Afsar, Mahmud und Sahin standen mit einer Gruppe von Leuten am Nord Pier am Hafen von Limassol und warteten winkend auf mich. Welch eine Überraschung. Freudig wurde ich begrüsst und in das Elternhaus von Sahin geführt. Mir war nicht wohl in meiner Haut, ob der doch sehr generösen Gastfreundschaft seitens einer Familie, die offensichtlich selbst nicht sehr viel hatte, wie mir Sahin später bestätigte. Ich kannte meine drei Gastgeber aus dem Pardes im Kibbuz, wo sie als türkisch-zypriotische Gastarbeiter das einzige Einkommen für ihre Familie während einiger weniger Monate verdienten.

Im Zypern von damals gab es Zyprer (türkischstämmige Bürger) und Zyprioten (Griechischstämmige Bürger). Neunundneunzig Prozent der Zyprer waren Sunnitisch gläubige Islamisten. Seit dem Jahre 1955 verliessen immer wieder ganze Familien Zyprer aus politisch oder wirtschaftlichen Gründen die Insel, um irgendwo in der Diaspora eine neue Existenz aufzubauen. Meine Freunde berichteten mir über ihre Schwierigkeiten, die sie hätten, als Zyprer überhaupt eine Arbeit auf der Insel zu bekommen. Das ist der Grund, warum wir nach Israel gehen und uns als Plantagenarbeiter verdingen. Wir sind in der Minderheit hier und können aus religiösen und politischen Gründen am wirtschaftlichen Aufschwung nicht teilhaben. Das Verhältnis zwischen Insel Griechen und Insel Türken ist sieben zu Drei. Meine ganze Familie versucht seit drei Jahren ein Visum für Australien zu bekommen, bisher ohne Erfolg. In der Zwischenzeit schlage ich mich und meine Brüder mit Gelegenheitsarbeiten durch. Es kommt immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen hier auf der Insel. Ich habe Angst, dass dies alles in nächster Zeit noch zu einem Bürgerkrieg führen wird. Wie recht er doch behalten sollte bewiesen die Ereignisse im nachfolgenden Jahr vierundsiebzig.

Die Behausung meiner Gastfamilie war ärmlich, doch sauber und es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Mir wurde eine Gastfreundschaft zum Teil, wie ich sie noch nie in meinem Leben habe erfahren dürfen. Ich blieb zwei Nächte und verabschiedete mich danach mit der Aussage, dass ich für die restlichen Tage mich im Lande noch umzusehen gedenke. Schweren Herzens verliess ich diese Familie, an deren Nachname ich mich schändlicher Weise bis heute nicht einmal mehr erinnere. Nicht weit vom Passagierhafen bezog ich für die restlichen Tage ein Pensionszimmer in der alten Jugendherberge an der Hafenstrasse mit Meerblick. Am Mittwoch darauf kurz nach Mittag, holte mich mein Dampfer für die Überfahrt nach Haifa in Limassol ab. Für mich begann somit der letzte Teil meiner Reise mit Ankunft im Hafen von Haifa am nächsten Tag früh morgens. Ich stand voller Erwartung an der Reling bei der Einfahrt in den Hafen. Über zwei Monate lang hatte ich nichts mehr von «meiner» Amalia gehört. Ich hatte ihr jedoch in weiser Voraussicht, meine Ankunftszeit im Hafen von Haifa telegrafiert.

Amalia war nicht da, ja es war überhaupt niemand da, der mich erwartete. Von den Emigrations- und Zollbeamten wurde ich als Alleinreisender «Nichtjude», mit einem zwar gültigen Aufnahmeschreiben für den Ulpan in Givat Haiym, ganz besonders gründlich kontrolliert. Immer wieder wurde ich von den verschiedensten Autoritäten immer wieder gefragt warum, für wie lange und für was willst Du eigentlich hier in Israel. Ich war ihnen scheinbar Suspekt mit meinem Ansinnen, als Nichtjude die Sprache der Hebräer erlernen zu wollen. Endlich, nach fast zwei Stunden der polizeilichen und zolltechnischen Formalitäten und Befragungen durfte ich einreisen. Ich stand mit meiner kleinen Reisetasche am hohen Eingangstor zum Hafen und fragte den diensthabenden Wachmann, welcher Bus zum zentralen Busbahnhof fahren würde. Der Bus Nr. 8 war seine kompetent freundliche Antwort und zehn Minuten später stand ich zusammen mit hunderten Buspassagieren am «Tachana Merkazit» (Buszentralbahnhof) im Stadtzentrum von Haifa.

Das ganze Land sowie fast alle jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten waren mit dem öffentlichen Verkehr, sprich durch Busverbindungen untereinander vernetzt. Bahnverbindungen gab es zwar noch zwischen Tel Aviv–Haifa und Ashdod, jedoch wurde die Strecke nur selten und dazu mit veraltetem Wagenmaterial bedient. Weiterführende Strecken, wie die der vormaligen Hedschasbahn, Haifa -Tripolis-Bagdad und die von Jaffa nach Jerusalem, waren in einem sehr desolaten Zustand und somit nicht mehr in Betrieb. Konnte man einen etwas abgelegeneren Ort mit den öffentlichen Verkehrsmittel nicht erreichen, so wusste jedermann sich zu helfen? Man stand zu jeder Tages- und Nachtzeit einfach lässig am Strassenrand, streckte die Hand aus und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit in die gewünschte Richtung. Wichtig war dabei, dass der «Autostöppler» nicht wie in Europa den Daumen hochhielt, sondern du winkst deine Mitfahrgelegenheit durch ein eindeutiges Handzeichen zu dir heran und forderst es auf anzuhalten. Das ganze Land, Jung und Alt und vor allem alle Armeeangehörige waren sehr reisefreudig und somit andauernd unterwegs.

Der Bus Nr. 921 fuhr auf der alten Strasse von Haifa über Chadera nach Atlit zur Kreuzung von Kfar HaRoe, genau gegenüber des berüchtigten Palästinenser Gefängnis von Bait Lit. Da stand ich nun an der schmälsten Stelle des ganzen Landes Israel, zwischen Kfar HaRoe und Tulkarem am Strassenrand, und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit Richtung Givat Haiym Ihud, wo ich hoffte erwartet zu werden. Dem war nicht so, zumindest nicht von der Person von der ich gehofft hatte erwartet zu werden. Die erste Neuigkeit die ich bei meiner Ankunft im Kibbuz durch Freunde erfuhr war, dass meine Freundin Amalia sich in der Zwischenzeit mit einem russischen Einwanderer aus guter Familie verlobt haben soll. Hoppla!

Ulpan und Sima
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2.3.  Milchemet Jom ha Kippurim – Ulpan und Sima.
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Weder Amalia noch ich je hatten darüber gesprochen, ob evtl. aus unserer bis dato rein «freundschaftlich sexueller Beziehung» hätte je mehr werden können. Dies stand absolut nie zur Diskussion. Ich war wohl der berühmte Tropfen, der das Fass vollends zum Überlaufen gebracht hatte. Die Ziehmutter Adda meiner jemenitischen Schönheit reagierte als jüdische «Mamele» selbstredend und sie hatte den richtigen Zeitpunkt dafür ausgewählt, um das junge Ding in die Pflicht zu nehmen. Ihr wurde während meiner Abwesenheit über einen «Match Maker» (Heiratsvermittler) einen solventen Bräutigam angeraten. Auf Boris, ein russischer Neueinwanderer und Kosmetikfabrikantensohn, zehn Jahre älter als Amalia, fiel die markante Wahl. Er arbeitete in Vaters aufstrebender Kosmetikfabrik «Ravilion» als Junior Geschäftsführer und war als dessen Nachfolger bereits auserkoren. Ihm war offen-sichtlich die fast unlösbare Aufgabe zugefallen, diesen exotisch jemenitischen Wildfang bändigen zu müssen und Mutter und Schwiegereltern mit vielen Enkelkindern glücklich zu machen. Amalia tat mir, ob ihrem Schicksal leid, obwohl ich selbst insgeheim ganz froh war, dass dieser «Kelch» an mir vorbeigegangen war.

Erster Schultag im Ulpan. Auf was hatte ich mich da eingelassen? Es war schon einige Jahre her, seit ich das letzte Mal regelmässig intensiv die Schulbank gedrückt hatte. Unsere internatsmässige Schule lag in der Nähe des Schwimmbades und war brandneu. Da ich einige Wochen früher angekommen war, bezog ich für mich einen der alten Zrif, welcher mir die gewünschte Privatsphäre bot. Ich fühlte mich wohl in meiner Baracke und verzichtete gerne auf gewisse Annehmlichkeiten, die das neue Schul- und Wohngebäude bot. Wir waren in unserer Klasse achtzehn Schüler aus zwölf Ländern und acht verschiedenen Muttersprachen. Daraus sollte nun innert knapp von knapp hundertachtzig Schultagen eine hebräisch sprachlich Basis konforme Einheit geformt werden. Diese Aufgabe oblag unserer Lehrerin Sima, die uns exklusiv nach dem Prinzip Hebräisch lernen nur durch ausschliessliches Hebräisch unterrichten erreicht werden sollte. Das angestrebte Ziel war es, am Ende des Kurses die hebräische Sprache passabel zu sprechen und ansatzweise lesen und schreiben zu können. Ganz nebenbei sollte uns die israelische Kultur und die Geschichte des Landes nähergebracht werden. Wie hautnah wir diesem Ziel noch kommen sollten, konnten wir zu diesem Zeitpunkt gar nicht ahnen.

Zwölf Nationen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, davon die Mehrheit weibliche «Jewish Princesses», hatten vorerst nur das eine Ziel, die sechs Monate des Ulpan möglichst angenehm verbringen zu können. Uns erwartete eine aussergewöhnlich ambitiöse und engagierte Lehrerin, die nach einer eine äusserst ungewöhnliche Lernmethode unterrichtete. Fest in der Annahme, dass zumindest die erklärende Unterrichtssprache Englisch sein würde, hatte ich mich mit den entsprechenden Unterrichtshilfen eingedeckt. Für uns alle überraschend begann Sima, unsere Lehrerin, den Unterricht mit folgenden Worten:

Shalom Talmidim, ech atem margischim hajom be hatchala ha Ulpan elef tscha meot schivim ev schalosch. (Guten Tag liebe Schüler, wie fühlt ihr euch heute am Beginn des Ulpan neunzehnhundert dreiundsiebzig?) 

Die kommenden sechs Monate begeisterte sie mich mit ihrem Enthusiasmus, Wissen und Einfühlungsvermögen für uns als Studenten und vor allem um die Sprache der Hebräer. Es gab kein Entrinnen aus ihrem fesselnd gestalteten Unterricht. Da fast alle der Neueinwanderer jüdischen Glaubens waren, setzte sie voraus, dass gewisse Erfahrung aus Sprache, der rituellen Erziehung aus dem Elternhaus, vorhanden sein müssten. Bei vierundneunzig Komma vier Prozent der Schüler in meiner Klasse traf dies auch zu. Jedoch was war mit mir, ich als einziger «Exot»? Am Ende des ersten Unterrichtstage stand ich da, wie einer der zwar bestellt, jedoch nicht abgeholt worden war. Es war zum Verzweifeln. Hatte ich mich an eine zu grosse Aufgabe allzu naiv herangewagt? Der Rebell meldete sich in mir: Gib nicht auf, du wirst einen Weg finden mein Manko an jüdischer Erfahrung ins Positive umzukehren zu wissen! «Auch als Nichtschwimmer, werde ich Schwimmen lernen»!

Gesagt, getan. Fortan begleiteten mich die verschiedensten Übersetzungshilfen bei meinem Lernen, was nachhaltig zu meinem Erfolg beitrug. Zum täglichen Unterricht gehörte, dass Sima uns nicht nur das hebräische Alphabet beibrachte, sondern uns täglich Artikel aus der Tagespresse vorlas, die wir danach mit unserem bisher erlernten hebräischen Wortschatz erklären sollten. Wir wurden angehalten, uns immer und ausschliesslich, auch während der Freizeit der hebräischen Sprache zu bedienen. Kleine Sätze probeweise zu verwenden, das gelang uns schon innert weniger Tage. Diese auch wirklich zu verstehen, wurde für uns zu einem Spiel mit Worten, Gesten und Übersetzungshilfen. Die eigentlichen Schulstunden reichten dafür nicht aus, und so übten wir an manchen Tagen weit in die Abendstunden hinein, die Feinheiten der hebräischen Sprache zu verstehen. Wir machten Fortschritte und nach einer gewissen Zeit begannen wir auch, uns untereinander nur noch Hebräisch auszutauschen. Die private Basis Umgangssprache war zwar meistens englisch, da jedoch allein in unserer Klasse in acht verschiedenen Sprachen parliert wurde, hatte die hebräische Sprache ein leichtes Spiel, als einziger gemeinsamer Nenner voll zur Geltung zu kommen.

Diese Art von Unterricht löste Begeisterung unter uns Schülern aus. Wir fühlten uns komplett ernst genommen, trotz unserer Herkunft aus allen nur möglichen Kulturkreisen. Ich als nicht jüdischer Aussenseiter lernte dabei sehr viel über die verschiedensten Sitten und Gebräuche sowie Gepflogenheiten kennen. Studenten aus Polen und ganz Russland waren unter uns vertreten und andere Mitschüler kamen aus Australien, Europa, Kanada, Amerika, Iran, Irak und sogar junge Frauen aus Südamerika waren nebst einem Syrer und den Sepharden aus den Maghreb Staaten vertreten. Gemeinsames Lernen am Vormittag und teilweise gemeinsames Arbeiten am Nachmittag schweisste uns zusammen.

Durch das tägliche Vorlesen der News Artikel aus der Zeitung führte kein Weg an der realen, wenn auch teilweise zensierten, israelischen Tagespolitik vorbei. Es entging uns nicht, dass eine relativ hohe Anspannung im ganzen Lande vorherrschte, und dass längst nicht mehr so viele Soldaten auf Urlaub kamen. Grosse Sorgen machten wir uns dabei nicht, denn unter der gesamten Bevölkerung herrschte die Meinung vor, dass bei einem neuerlichen Angriff eines arabischen Staates gegenüber Israel, dem anlog 1956 und 1967 umgehend entsprechend geantwortet würde. Man fühlte sich grundlegend im Vorsommer dreiundsiebzig im ganzen Lande sicher, trotz des Massakers von Lod Airport (Tel Aviv Airport) vom 30. Mai 1972 mit achtundzwanzig Toten und über achtzig Verletzten. Auch gab es international und im Lande selbst immer wieder Anschläge von palästinensischen Terroristen, wie den Terroranschlag an der Olympiade 1972 in München. Ganz kuriose Dinge ereigneten sich im täglichen Leben rund um uns herum. Es kam vor, dass du in einem Stadtbus in Tel Aviv von einer zur anderen Station gefahren wurdest und urplötzlich waren der Bus  von einer Horde Polizisten umstellt. Was war der Anlass? Ein einsames Gepäckstück stand irgendwo unbewacht auf der Strasse oder ein auffällig agierender Passant oder Passagier erregte Aufmerksamkeit oder wurde am Strassenrand bemerkt. Solch scheinbar unbedeutende Anlässe alarmierten die Sicherheitsbehörden sofort, und die entsprechenden Einsatzkräfte wurden ausgesendet. Innert Minuten funktionierte das Notfall Szenario nach einem Anruf über die Zentrale, wie ich selbst an der Ben-Jehuda-Strasse in Tel Aviv miterlebte. Von allen Seiten fuhren in halsbrecherischem Tempo die verschiedensten Einsatzfahrzeuge zum Ort des vermeintlichen Geschehens vor. Alle Läden und Passanten im Umkreis wurden unmissverständlich angewiesen, sofort zu schliessen und sich selbst umgehend zu entfernen. In gebührendem Abstand blieben alle stehen und schauten dem, was da folgte seelenruhig zu. Bombenexperten in marzialischer Montur gingen auf das Objekt oder Subjekt zu, um es zu untersuchen oder zu befragen. War man unsicher ob der Gefährlichkeit eines einer Sache, wurde kurzen Prozess gemacht. Es wurde mitten auf der Strasse gesprengt. Bei Personenbefragungen auf offener Strasse hatte der zu Befragende auf Anweisung sofort zu reagieren, ansonsten griff man zu äusserst beeindruckenden Zugriffsmitteln, denn oft waren die meist jungen Palästinenser mit Sprengstoff Gürteln bewaffnet. Nach einem erfolgten Eingriff normalisierte sich das Geschehen meist innert Minuten. Die Menschenansammlungen lösten sich auf, als ob nichts geschehen sei und dies das Normalste der Welt gewesen sein sollte.

Weit weg vom im Kibbuz-Ulpan wurden wir als «Olim Chadaschim» (Neueinwanderer) relativ wenig mit solchen Situationen konfrontiert. Wir lernten und arbeiteten im gewohnten Rhythmus und wurden nicht daran gehindert, unsere Wochenenden im ganzen Land herumreisend zu verbringen. Auch in den «Stachims», also in den besetzten Gebieten, waren uns keine Reisebeschränkungen auferlegt. Beliebt waren Fahrten auf die Golanhöhen (Mont Hermon) oder nach Eilat, Dahab, Nuwaiba oder nach Sharm el Seikh. An der gesamten Ostküste des Sinai, wo bislang noch absolut keine touristische Infrastruktur vorhanden war, übernachteten wir ganz unbesorgt am Strand und in den Dünen. Das einzigartige Schauspiel unter und über dem Wasser brauchte keine anderen Ablenkungen. Täglich wiederkehrende spektakuläre Stimmungen wie die Sonnen Auf und Sonnenuntergänge wurden inklusive, also frei Haus geliefert. Als sogenannte «Weissfische» hatten wir auf unseren Wochenendreisen im Sinai ab acht Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang am Abend nur noch eine Sorge.

SCHATTEN SCHATTEN SCHATTEN SCHATTEN

…und es war keiner vorhanden. Die wenigen Palmen die es am Strand von Nuweiba gab, waren zwar hoch und spendeten somit so gut wie gar keinen Schatten. Es blieb also tagsüber nur das Meer und der entsprechend eingefangene Sonnenbrand für uns «Weissfische» übrig. Hatte man das Glück eine Beduinen Familie zu treffen die etwas Geld verdienen wollte, so konnte man bei Ihnen in einem sogenannten Gastzelt für wenig Geld übernachten. Da die Beduinen nicht sehr viel Sinn für das «obszön touristische Strandleben» übrighatten, verweilten sie meist nur morgens und abends für ein bis maximal zwei Stunden in der Nähe des Strandes, um mit uns Geschäfte zu manchen. Danach kehrten sie klugerweise an ihre wind- und sonnengeschützten Lagerplätze im Strandvorgebirge zurück. Sie überliessen uns besserwissenden «Hurra Touristen» der Sonne, dem kalten Küstennachtwind und all den sonstigen Gefahren der Nacht die wir Greenhorns nicht einzuschätzen wussten. Die Ostküste des Roten Meeres und das dahinterliegende kahle Gebirge des Sinai sind ein Eldorado für die Sinne. Wir stürzten uns in das Abenteuer Küstenwüste ohne Vorkenntnisse und mit viel Übermut als wirkliche «Globetrottel» ersten Ranges. Wir kannten weder Gefahren noch Risiken der Wüste, noch die des Meeres die uns täglich umgaben.

Zum guten Glück beschränkten sich solche Abenteuerreisen meist nur auf wenige Tage oder ein verlängertes Wochenende. Mit dem Egged Bus und per Autostopp ging es danach zurück in den Ulpan zum Unterricht. Ein zusammen gewürfelter Haufen, das waren wir in unserer Klasse. Da war einerseits die Gruppe der «Little Jewish Princesses». Junge Frauen aus wohlhabenden Familien, die reisend rund um die Welt geschickt wurden um (noch) etwas zu erleben, bevor sie als zukünftige Ehefrauen auf den jüdischen «Heirats-Markt» geworfen wurden. Bis anhin wohlbehütet aufgewachsen, verwöhnt und körperliches Arbeiten nicht gewohnt, kamen sie schnell an ihre Grenzen. Das zeigte sich insofern, als sich der Krankenstand in unserer Klasse fast ausschliesslich aus dieser Gruppe rekrutierte. Ausnahmen bestätigen die Regel. Da war diese kleine, zierliche, junge Kolumbianerin, Chawa mit Namen, aus Bogota. Kaum einen Meter fünfzig gross, drahtig gewachsen, war sie der perfekte Kumpel und wir verstanden uns als Kollegen aufs das Prächtigste. Zwar gehörte sie eindeutig zu der Gruppe der JLP’s und folgte, wenn immer möglich dem Weg des geringsten Widerstandes. Wurde es jedoch wirklich Ernst, so zeigte sie sich von einer ganz anderen Seite.

Die JLP’s waren versessen darauf, mit uns «Euro-Alpen-Hippies» die Wochenenden zu verbringen. Das hatte jedoch seinen Preis, denn sie stellten gewisse Ansprüche. Reisen per Autostopp oder gar mit dem öffentlichen Egged Bus war nicht ganz so ihre Sache. Ihre grösste Sorge war der allgemeine Komfort und der war an den meisten unserer Übernachtungsorte, gelinde gesagt einfach nicht gegeben. Generös zeigten sich die mitreisenden Ladys bei den gemieteten fahrbaren Untersätzen, auf welchen sie bestanden und somit auch selbst zu finanzieren hatten. Im Verhältnis zwei JLP’s zu drei bis vier «Hippie Jungspunde» ging es dann meistens mit Kleinbus auf Tour. Das Fahren im chaotischen Verkehr überliessen sie wiederum Ihren männlichen Begleitern. Alles andere wurde dann unterwegs in unserem «männlichen Sinne» geregelt.

Kallah und Kethuba
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2.4.  Milchemet Jom ha Kippurim – Kallah und Kethuba.
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Edwin, Edwin, Edwin... schrie es in den frühen Abend hinein. Komm bitte schnell. Ein aufgeregter Haufen junger Frauen stand vor meiner Zrif und sie baten mich, schnell zu kommen. Eine angeblich giftige Schlange bedrohe den Zugang zu ihren Unterkünften und ich solle ihr den Garaus machen. Ganz «Mannhaft» lief ich zusammen mit den zu einem Haufen angewachsenen Ulpanladys an den Ort des Geschehens. Da lag wirklich eine sehr grosse und giftige Palästina Viper von mehr als einem Meter fünfzig Länge vor der Tür und wärmte sich unter der starken Wegbeleuchtung ihren Körper auf. Scheinbar unverletzt war sie aus dem nahen Wald herausgekommen und suchte einen Unterschlupf oder Futter in der Nähe des Ulpan. Mir wurde eine Harke als Tatwaffe gereicht, um das Tier zu töten. Was niemand wusste, ich habe schreckliche Angst vor allen Amphibien, und ich war absolut nicht in der Lage zu reagieren. Von mir unbemerkt trat ein Mitschüler aus dem Iran, Mordechai neben mich und reagierte blitzschnell. Er fixierte die Schlange hinten am Kopf und griff zu. Ein langgezogenes Raunen ging durch den Haufen und Mordechai meinte wie ganz selbstverständlich, er werde die Schlange jetzt wieder in den Wald bringen, wo sie hingehöre.

Mordechai, ein bislang unauffälliger junger Neueinwanderer von knapp fünfundzwanzig Jahren, beeindruckte mich in seiner Schlichtheit und Effizienz. Ohne Eltern, die noch immer im Iran weilten, war er unter Mithilfe Evangelischer Christen über die Türkei und Griechenland alleine nach Israel «ausgewandert». Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man die damaligen Lebensumstände der wenigen verbliebenen Juden im ehemaligen Persien in Betracht zog. Bis Anfang 1972 existierten im Iran noch ca. achtzigtausend Personen jüdischen Glaubens, die dort unter einem extrem zunehmenden Druck leben mussten. Der Iran beherbergte vor 1948 die grösste, fast acht Hunderttausend Personen zählende jüdische Gemeinde, der mittelöstlichen Diaspora. Juden wohnten seit über 3000 Jahren Seite an Seite mit ihren moslemischen Brüdern und Schwestern bestens assimiliert im Iran.

Bis vor einem Jahr konnte ich noch jede Universität besuchen, für die ich mich qualifizierte. Jedoch in letzter Zeit tönte es nur noch «Marg bar Essrael» (Tod Israel) durch Teherans Gassen und so musste ich handeln. Ich wandte mich an eine ausländische Evangelisch-Christliche Organisation, die alles daransetzte, dass ich mit viel Glück und unter falschem Namen doch noch emigrieren konnte. Meine Eltern bestärkten mich in meinem Vorhaben und beharrten darauf, dass ich es alleine versuchen sollte. Sie selbst blieben zurück und ich weiss nicht, wann und wo ich sie je wiedersehen werde. All dies und noch viel mehr erzählte mir dieser unscheinbare einfache Mann in holprigem Hebräisch. Unsere Verständigung erfolgte mit dem wenigen sprachlichen Wissen, das wir uns bisher hatten aneignen können und nahm ganze Abende in Anspruch. Es blieb uns ja nichts anderes übrig, als auf diesem Weg zu kommunizieren, denn Mordechai spricht neben hebräisch nur noch «Pharsi», eine Sprache, in welcher ich mich nicht habe verständigen können. Es wimmelte nur so von schicksalhaften Figuren, welche sich an unserem Ulpan tummelten. Die einen planten, als Olim Chadaschim den Schritt als Neueinwanderer in die Zukunft zu vollziehen. Sie hatten dabei keine Ahnung was sie wirklich im Land wo «Milch und Honig» fliessen sollte, erwarten würde. Die anderen waren schon mittendrin in ihrer selbst gewählten Immigration und haderten so manches Mal mit sich selbst, ob sie denn wirklich auch die richtige Wahl getroffen hatten. Auffallend war, dass fast ausschliesslich alle Studenten des Ulpan aschkenasischer Abstammung waren und eine sehr gute Grundausbildung mitbrachten. Einzig einige junge Damen aus dem südamerikanischen Raum deckten das Segment der Sepharden, nebst den wenigen Schüler, die aus den Maghreb Staaten kamen ab. Alles in allem waren wir wie ein bunter Haufen unter der Leitung einer phänomenalen Lehrerin, welche es verstand uns die Richtung zu weisen. Sie brachte es fertig, uns in den sechs Monaten unseres Zusammenlebens, gegenseitig zu respektieren und nebst der Sprache auch noch Toleranz und Verständnis für den oder die Andersdenkende aufzubringen.

«Danke Sima»!

Es geht auf Mitte August zu und mein dreiundzwanzigster Geburtstag rückte näher. Ich hatte mich in letzter Zeit grundlegend verändert. Aus dem noch vor wenigen Monaten «Hippie Volontär Tourist» mit vielen offenen Fragen, war ein nachdenklicher junger Mann geworden, der im Lande lebte und versuchte das Land und Leute zu verstehen. Vieles hatte sich in den vergangenen Monaten verändert, jedoch meinen geliebten «Leidenschaft» konnte ich mich dabei nie ganz entziehen. Die legendären Mitternachtspartys bei den Volontären gab es nach wie vor jede Freitagnacht, und ich besuchte diese nach wie vor mit grosser «Jagdlust». Von meiner schönen Jemenitin hatte ich in den letzten Monaten nichts mehr gehört, obwohl ich mit ihrer Ziehmutter Adda des Öfteren alleine den Schabbat Küchendienst für die Gemeinschaft verrichtete hatte. Adda verstand es, mich mit ihrer gebührenden abweisenden Freundlichkeit unwissend zu lassen, warum und weshalb Amalia nicht mit mir sprach und mich nicht mehr besuchen durfte. Ich war einfach unbemerkt Schachmatt gesetzt worden und das hatte ich zumindest Adda gegenüber unkommentiert zu akzeptieren. Punkt!

Im Kibbuz gab es keine eigene Tageszeitung, die interne Gerüchte- und Nachrichtenbörse funktionierte dafür umso besser. «Amalia und Boris» heiraten am 27. August in der Bait Vienna im Kibbuz, war das neueste Gerücht. Ausgerechnet an meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag. War das ein Wink mit dem Zaunpfahl meines Schicksals? Ich glaubte zu wissen, dass es von meiner Seite her sicherlich klug und Weise wäre, an diesem Tag einfach unsichtbar zu bleiben, und so plante ich es auch. Es kam jedoch ein wenig anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich rechnete nicht damit, dass ich Amalia vor ihrem grossen Schritt unter die «Chuppa» noch einmal sehen, geschweige denn sprechen konnte.

Eines Abends, ich kam so gegen elf Uhr von einer Veranstaltung aus dem Café Theresienstadt zu meiner Zrif zurück. Ich wunderte mich, warum das Licht auf der Veranda nicht mehr brannte. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht das Veranda Licht brennen zu lassen, um nicht unliebsam von unliebsamen Kriechtieren überrascht zu werden.

ich trat auf die dunkle Veranda und wollte meine Zimmertüre öffnen, da wurde ich unverhofft von zwei tiefbraunen Armen von hinten umschlungen und mit einer Ladung von mehr als nur warmen Küssen bombardiert. Amalia stand hinter mir, schmiegte sich lustvoll an mich und drängte mich in mein Zimmer. Das Ziel war offensichtlich mein Bett mitten im Raum. Sie begann mich auszuziehen, ohne dabei auch nur ein Wort zu verlieren. Ich folgte ihrem Beispiel und entkleidete ihren Körper unter ihrem heftigen Stöhnen. Ein wildes Ringen und Rangeln folgten. Ausser Atem und mit fragendem Blick forderte ich sie auf, sich zu erklären. Anstatt einer Antwort wurde ich weiter mit feuchtwarmen Liebkosungen eingedeckt, sodass mein ganzer Körper bereit war sie zu empfangen. Es folgte eine wunderbare sanfte Vereinigung, die mit einem abgrundtiefen und wollüstigen Lustschrei von uns Beiden endete. Ermattet und müde lagen wir nackt und komplett verschwitzt auf der durch nächtigten Matratze. Wir hechelten uns gegenseitig Luft zu, um wieder einigermassen zu Atem zukommen. Ungewollt und doch empfangsbereit war ich gerne «Genötigt» worden. Das war mein Empfinden in diesem Moment, eingelullt von einer warmen und seligen inneren Zufriedenheit. Ich wollte Fragen stellen, sie jedoch legte mir nur den Finger auf meinen Mund und gebot mir zu Schweigen. «Nicht jetzt», das waren die einzigen Worte dieser Nacht, die ich von ihr zu hören bekam. Vielmehr begann sie mich erneut fordernd zu lieben, solange bis ich komplett erschöpft war und einschlief.

Der Morgen graute bereits und draussen regte sich Leben. Ich war alleine und Amalia war fort. Drei Tage später trat sie unter die Chuppa und nahm ihren «Ketuba», also den Ehevertrag von ihrem soeben angetrauten Boris entgegen. Vielsagend zertrat dieser am Ende der Hochzeitszeremonie ein Glas, um sie beide daran zu erinnern, dass das Leben nicht nur freudige Ereignisse für sie bereithalten würde.

«MASAL TOV»

HarabTisrin - Milchemet Jom Kippurim
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2.5.  Milchemet Jom ha Kippurim – HarabTisrin - Milchemet Jom Kippurim.
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Zurück in der Lernstube war es mir ein Anliegen, einer der eifrigsten Schüler zu sein. Es machte ja auch wirklich Spass, unter diesen Bedingungen lernen zu dürfen. Ich pflegte meine Kibbuz-Freundschaften und war des Öfteren bei meinen älteren Tennis-Junkies zum Kaffee und Smalltalk eingeladen. Ich fühlte mich wohl, jedoch bemerkten wir alle, dass anfangs September die allgemeine Lage im Land sehr angespannt war.

Am zwölften September 1973 fand in Kairo ein Gipfeltreffen zwischen den Präsidenten Sadat aus Ägypten und Assad aus Syrien, sowie dem jordanischen König statt. Das Gipfeltreffen ging zu Ende, ohne dass der kleine Juniorpartner Jordanien über die weittragenden Entscheidungen der beiden anderen arabischen Führer informiert wurde. Sadat und Assad hatten einfach schlicht «Vergessen» König Hussein darüber zu informieren, dass sie gleichzeitig am kommenden sechsten Oktober (Jom Kippur) Israel militärisch angreifen wollten. Die beiden arabischen Führer hatten dabei zwar völlig unterschiedliche Interessen, warum sie dies so machen wollten. Assad wollte unbedingt die 1967 verlorenen Golan Höhen zurückerobern und tief ins Landesinnere Israels, wenn immer möglich bis zum Mittelmeer vordringen. Sadat jedoch wollte ein Sieg auf dem Felde, der die Israelis zwang, in seinem Sinne an den verlassenen Verhandlungstisch zu bekommen. Er hatte den langjährigen im Land weilenden sowjetischen zwanzigtausend Militärberater Mitte 1972 den Laufpass gegeben. Er war überzeugt, dass unter seiner Führung Ägypten zusammen mit Syrien einen erfolgreichen Coup landen könnten, um Israel grösstmöglich zu schwächen. Schon im April dreiundsiebzig hatte er öffentlich versprochen, dass Ägypten bereit sei bis zu einer Million seiner Landsleute im Krieg gegen Israel zu «Opfern».

Der Dritte im Bunde, der haschemitische König Hussein schöpfte Verdacht, und er war nicht gewillt ein weiteres Mal gegen Israel in den Krieg zu ziehen. Er ging sogar so weit, dass er am 25. September 1973, also genau elf Tage bevor Kriegsbeginn, persönlich und «inkognito» nach Tel Aviv reiste, wo er die Spitzen des Amman (israelischer militärischer Abschirmdienst) diplomatisch über den kurz bevorstehenden Angriff vom 3. Oktober informierte. Sein Ziel war nicht Verrat an der Sache der Araber zu begehen, vielmehr verteidigte er das Interesse Jordaniens, nicht schon wieder in einen Krieg mit Israel hineingezogen zu werden. Er scheiterte an der Überheblichkeit der israelischen Führungsriege, die es nicht einmal für nötig befand, den genauen Zeitpunkt des eventuell zu erwartendem Angriff nachzufragen. Seit Sadat im April 1973 in den USA damit prahlte, gegen Israel Krieg führen zu wollen, waren immer wieder gross-flächige militärische Übungen in der Nähe des Suez Kanals und der Bar Lew Linie abgehalten worden. Die israelischen Streitkräfte wurden so dutzende Male quasi «unnötig» in Alarmbereitschaft versetzt worden und die allgemeine Zermürbung machte sich auch bei den heimkehrenden Urlaubern bemerkbar. Israel wurde von überall her gewarnt. So auch von der Sowjetunion, anlässlich des Treffens von Richard Nixon und Leonid Breschnew zu Beginn des gleichen Jahres. Israel nahm die Warnungen nicht ernst, denn sie interpretierten diese insofern, als dass sie die Russen seit dem Rausschmiss aus Ägypten ihren Einfluss nicht mehr haben geltend machen könnten. Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte.

All das wussten wir natürlich nicht in unserer kleinen Welt im Ulpan Klassenzimmer. Die grosse Politik war weit entfernt und wurde nur durch die zensierte Berichterstattung uns allen dosiert und Häppchenweise verabreicht. Ob wir zu dem Zeitpunkt die Tragweiten begriffen hätten, ist mehr als nur fraglich. Jedoch durch unsere intensiver werdenden Kontakte zu Freunden, Bekannten und den im Kibbuz lebenden Familien, bekamen wir ihre ungeschminkten Befürchtungen mehr und mehr mit. Es herrschte ein allgemeiner Zweckoptimismus mit dem Tenor «wir haben sie viermal besiegt, so auch ein fünftes Mal, wenn es unbedingt notwendig sein sollte». Jedermann war zwar besorgt, man gab sich jedoch nach aussen hin ganz gelassen. Zweckoptimismus?

«WELCH EIN IRRTUM»

Der Monat Tischiri, also der erste Monat des Jahres 5734 im jüdischen Kalender, stand kurz bevor. Am 27. und 28. September 1973 (nach gregorianischem Kalender), wurde das jüdische Neujahrsfest gefeiert. Die Festtage reihten sich danach aneinander und so folgte dem Neujahr zehn Tage später, das höchste Fest des Judentums, das Versöhnungsfest oder der Jom Kippur Tag. An diesem Tag steht in Israel wirklich alles still und wird von fast allen Israelis auch eingehalten. In diesem Jahr fiel das Fest auf den sechsten Oktober und wir ein paar Ulpanisten aus der Klasse hatten ausgemacht, dass wir für diese Zeit ein grosses Auto mieten wollten, um eine Tour d’Israel zu machen. Ein Amerikaner, eine Kolumbianerin, ein Russe, eine Deutsche, eine Australierin sowie ich selbst als Helvetier. Wir sechs begannen unsere Tour mit der Fahrt nach Zefad am Vortag des Jom Kippur. Zefad das Künstlerdorf im Norden von Israel empfing uns mit einem zauberhaften Sonnenuntergang, und stimmte uns so für die kommenden Feiertage so richtig ein. Die Jugendherberge, in der wir übernachteten, lag mitten in einer grünen Oase gleich angrenzend an die Altstadt. Was uns zu einem gelungenen Abend noch fehlte, war nur noch eine Portion Humus mit Tahina, gefolgt von einem Teller «Shawerma» oder einer guten «Falafel Charif» (scharf), dazu viel eingelegtes Gemüse. Wir fanden einen uns passenden Ort gleich um die Ecke und feierten den Beginn unserer gemeinsamen Reise bei einem palästinensisch christlichen Cafébesitzer, mit einer Runde gutem «Tschai im Nana» (Tee mit frischer Wasserminze) und den örtlichen Spezialitäten.

Der Morgen des sechsten Oktobers 1973 begann ganz undramatisch. Jom Kippur, der Tag an dem Gott den Juden die «Sünde am goldenen Kalb» vergeben hatte. Es ist der Tag der Vergebung, an dem die jüdische Gemeinschaft sich an ihre ganz spezielle Beziehung zu Gott erinnert. Ein Tag, an dem sich ein jeder Jude und eine jede Jüdin mit seinem eigenen inneren Wesen beschäftigt. Ungeachtet seines äusseren Tuns und Lassen das ganze Jahr hindurch, bittet er an diesem Tag «G(o)tt» um Vergebung und ist sich sicher, dass diese gewährt wird. Jeder verhält sich vorbildlich und kehrt reuig zur Wurzel seiner Seele zurück. Man besucht die Synagoge, enthält sich der ehelichen Pflichten und die Frauen schminken sich «freiwillig» nicht. Die Religiösen besuchen alle fünf Gottesdienste in der Synagoge, die Pflicht ist. Am Vorabend «Maariv» zu dem feierlichen Kol Nidrei Gesang. Danach das "Schacharit" das Morgengebet, "Mussaf" das Gebet folgt mit dem detaillierten beschrieb zum Jom Kippur im heiligen Tempel. Als Viertes folgt "Mincha»" die Lesung aus dem Buche Jonas und als krönender Abschluss das fünfte Gebet, das «Neila», sprich das Versieglungsgebet. Auf dem Höhepunkt des fünften Gottesdienstes ertönt widerhallend der Ruf:

«HÖRE ISRAEL, DER HERR IST UNSER G(O)TT, DER HERR IST EINZIG»

Befreit fangen alle anwesenden Gläubige an zu singen und zu tanzen. Ein einzelner langer «Schofar-Ton» ertönt, gefolgt von dem nachhallenden Ruf der gesamten Gemeinschaft:

«NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM»

Jerusalem! Genau dieses Ziel hatten wir uns für den anbrechenden Tag vorgenommen. Um 06.30 Uhr fuhren wir los aus Zefad Richtung See Genezareth und Tiberias. Wir folgten dabei nicht der Hauptastrasse, sondern fuhren über Land, der Ha Sumsum Road entlang bis hinunter kurz vor Rosch Pina, wo wir auf die Strasse ins nördliche Galil stiessen. Wir fuhren erst südwärts und hatten vor den See Genezareth linksseitig zu umrunden. Unser Ziel für den Morgen war es, einen Freund den sehr jungen Jossi aus unserem Kibbuz an seinem Einsatzstandort in der Nähe von En Gen am See Genezareth zu besuchen. Er hatte uns freundlicherweise eingeladen, ihn an seinem Kasernenstandort zu besuchen, da er über die Feiertage Bereitschaftsdienst hatte und somit nicht nach Hause fahren konnte. Im Korazim bogen wir Richtung Almagor ab, um nach wenigen hundert Metern auf eine Militär-Patrouille zu stossen. Absolut nichts Ungewöhnliches dachten wir, als die Soldaten uns freundlich darauf hinwiesen, dass diese Strasse heute am Jom Kippur geschlossen bleibe. Also zurück auf die rechtsufrige Strasse nach Tiberias denn es blieb uns ja noch der Weg über Deganya, den wir nehmen konnten. Erst mal zu einem reichhaltigen Frühstück nach Tiberias, das war unser nächster Stopl. Es wunderte uns nicht, dass wir fast die einzigen waren, die diese doch sehr wichtige Strasse befuhren an diesem hohen Feiertag. In einem Aussenquartier von Tiberias entdeckten wir einen kleinen Kiosk, der ungewöhnlicherweise schon offen war. Eine palästinensische Familie bewirtschaftete diesen und freute sich, dass sie uns als ihre einzigen Gäste verwöhnen konnten. Alle jüdischen Restaurants und Geschäfte waren geschossen an diesem zehnten Tschiri 5734.

Gegen zehn Uhr fuhren wir weiter Richtung Jordantal um in Deganya abzuzweigen. Wir wurden da jedoch erneut von einem dreier Militärposten aufgehalten. «Der Weg in den Golan ist über die Feiertage gesperrt», hiess es lapidar. Es nützte auch nichts, dass wir eine Einladung unseres jungen Rekruten aus dem Kibbuz vorweisen konnten. Etwas irritiert berieten wir uns am Strassenrand und fassten den Entschluss, durch das Jordantal nach Kalya zu fahren, um dort stationierte Freunde aus dem Nachbarkibbuz En ha Horesh aufzusuchen. Kalya war die erste paramilitärische Nahal Siedlung am Toten Meer. Wiederaufgebaut nach dem Sechstagekrieg auf den Mauern des ehemaligen Sommerpalastes des jordanischen Königs, war noch kein blühender Kibbuz wie wir ihn aus dem Norden von Israel her kannten. Vielmehr war Kalya damals noch ein Nahal Pionier Kibbuz mit vielen sehr jungen Menschen die ihre Militärzeit in ihrer Einheit absolvierten. Danach wollten wir weitersehen, wohin der Weg uns noch weiterführte.

Relativ unbesorgt fuhren wir so gegen Mittag auf der Landstrasse Nr. 90 los. Hinunter immer entlang des Jordan Grabens und somit auch entlang des grenzüberschreitenden Grossen afrikanischen Grabenbruchs. Beidseitig, auf jordanischer wie israelisch-palästinensischer Seite des Jordans, führen gut ausgebaute Strassen das Jordantal entlang zum Toten Meer. Eine dritte, weit wichtigere Strasse, ist die Flugstrasse von X-Millionen von Zugvögeln, die diese in luftiger Höhe über uns zweimal jährlich benutzen. Die Vögel scherten sich einen Dreck darum, ob sie gerade über dem syrischen, jordanischen, palästinenser oder israelischen Flug Raum hinwegflogen. Sie ziehen nach ihrer eigenen inneren Uhr den afrikanischen Graben entlang. Zurzeit, anfang Oktober waren nur noch wenige Gruppen verspäteter Störche unterwegs Richtung Afrika. Schon oben im Hula Tal und am See Genezareth begleiteten uns einige wenige Pelikan und die Rufe der Kraniche folgten unserer Tour auf unserer fast menschenleeren Strasse.

Ab und zu begegneten wir einem palästinensischen «Sherut Taxi» (Sammeltaxi) mit grüner Nummer. Kurz nach Mittag waren es dann komischerweise immer häufiger Militärpatrouillen. Diese fuhren in sehr hohem Tempo an uns vorbei, ohne uns zu beachten. Begegnungen mit israelischen Soldaten Patroullien in der palästinensischen Halbwüste waren im Normalfall eher von freundlicher Natur. Man grüsste sich im Vorbeifahren per Handzeichen oder mit lautem Gejohle, vor allem wenn die holde Weiblichkeit in Form von blonden JLP’s mit bei uns an Bord waren. Nicht so heute, keine Resonanz bemerkte Chawa aus Kolumbien erstaunt, schenkte ihrer Beobachtung noch keine grössere Bedeutung zu. Kurz nach dreizehn Uhr waren wir auf der Höhe von Mehola, kurz nach der palästinensischen Kleinsiedlung Bardala. Wir entschlossen uns eine kurze Rast an einem der Strassenkioske in Bardala zu machen um Getränke einzukaufen. Der Moshav Mehola ganz in der Nähe galt als sehr religiös, und somit hatten wir dort keine Chance am Jom Kippur etwas einkaufen zu können. Vor uns lag die Kreuzung der Strassen Nr. 90 Richtung Jericho und die der Landstrasse Nr. 578 quer durch «Palästina» Richtung Nablus. Ein Blick auf die Karte genügte und kurz entschlossen änderten wir unsere gesamte Reiseroute.

 Das Abenteuer «Stachim», durch die besetzten Gebiete lockte. Das Militär Nahalcamp in Kalya war out. Eine Fahrt durch die besetzten Gebiete, eventuell mit einem Abstecher nach Nablus, und hinauf zu unserm Tagesziel Jerusalem, das war es was wir wollten. Das Abenteuer kribbelte in uns und die einzige, die Bedenken anmahnte, war unsere kleine Prinzessin Rachel, eine etwas beleibtere Tochter eines wohlhabenden Hoteliers aus Berlin. «Ist das nicht gefährlich, alleine durch die besetzten Gebiete zu fahren?», fragte sie immer wieder. Wir beteuerten das Gegenteil und fuhren aus dem Jordantal hinauf in die Berge bei wunderbarem nachmittäglichem Sonnenschein. In der Nähe von Aqraba, kurz nach vierzehn Uhr, war ein immer wiederkehrendes tiefes Grollen aus dem nördlichen Golan zu vernehmen. Ein Gewitter mit Donner und Blitz und das etwa jetzt schon zu Anfang Oktober? Erstaunt diskutierten wir über die Launen der Natur. Uns war nicht bekannt, dass es schon Anfang Oktober die ersten Gewitter in dieser Gegend geben konnte. Immer wieder hörten wir das vermeintliche dunkle und langanhaltende Grollen aus jenseits des afrikanischen Grabens bis wir kurz vor Nablus in Awarta auf eine massive Militärsperre trafen. Argwöhnisch betrachteten uns die sehr jungen, äusserst nervös wirkenden jungen Soldaten und fragten wirsch nach unserem Weg. Nablus ist gesperrt und das ganze Palästinenser Gebiet ist ab sofort für Touristen gesperrt. Unsere Nachfrage nach dem Grund wurde erst gar nicht beantwortet, sondern wir wurden wirsch angewiesen, an der nächsten Kreuzung nach links abzubiegen, und auf der Landestrasse Nummer 60 nur noch in eine Richtung, nämlich Jerusalem zu fahren. Eingeschüchtert befolgten wir die Anweisung und wir machten uns auf den Weg. Unterwegs passierten wir noch einige Strassensperren und wunderten uns, dass niemand unsere immer drängender werden-den Fragen beantworten wollte.

Wir erreichten unser vorbestelltes Nachtquartier ausserhalb von Jerusalem erst nach Sonnenuntergang. Kibbuz Ramat Rahel, ein im Jahre 1926 gegründeter Kibbuz mit Jugendherberge kurz vor Bethlehem, auf einer Anhöhe südlich von Jerusalem gelegen. Ramat Rahel kannte ich von meinen früheren Besuchen her. Die Jugendherberge bot eine fantastische Aussicht auf das gesamte Altstadt Jerusalems. Die Aussicht war an diesem Tag nur zweitrangig. Wir erhofften uns eine klärende Informationenr und wollten von den Hostel-Betreibern wissen was los war, sowie wie wir uns zu verhalten hätten. Umständlich versicherte man uns, dass es den neuesten Nachrichten nach im ganzen Land ruhig sei. Zwar hätten am frühen Nachmittag gewisse Scharmützel im Norden auf dem Golan und am Suezkanal gegeben haben soll. Wir haben noch keine genauen Informationen ob dem wirklichen Aus-mass der Geschehnisse, wurde uns mitgeteilt. Man bemühte sich offensichtlich die ganze Sache herunterzuspielen und versicherte uns, dass die ZAHAL (Israel Defence Forces) die Sache sicher im Griff habe. «Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, unsere Armee hat alles unter Kontrolle», wurden wir informiert.

Dies versicherte uns der Manager der Jugendherberge, um sich gleichzeitig noch dafür zu entschuldigen, dass es heute Abend wegen eines Vorfalls keinen Strom auf dem ganzen Gelände gäbe. Damit konnten wir leben. Wir hatten noch zwei Flaschen guten Yarden Wein in unserem Gepäck und den wollten wir alle zusammen auf unserer Terrasse geniessen. So sassen wir bei Kerzenlicht Wein und schrecklich süssen Biskuits auf der Veranda beieinander und schauten auf die Lichter der Altstadt hinab. Die Lichter der Stadtmauer und die der Altstadt leuchteten grell gleissend in die Nacht an diesem sechsten auf den siebten Oktober 1973. Es war der dritte Tag eines zunehmen-den Mondes im Zyklus. Also eine Nacht die ver-sprach, stockdunkel zu bleiben. Klar umrissen funkelten die Lichter der Altstadt und leuchteten in die stockdunkle Nacht hinein. Irgendwann dämmerte es in uns und wir bemerkten, dass die Stadt Jerusalem heute Abend offensichtlich nur aus der Altstadt bestand. Die gesamte Neustadt, und das ist der grössere Teil Jerusalems, war stockdunkel. Kein einziges Licht war zu sehen, nicht einmal die Lichtkegel der fahrenden Autos. Es war gespenstisch und schemenhaft. Nachdenklich begannen wir zu diskutieren, was das wirklich zu bedeuten hatte. Da wir die einzigen Gäste der Herberge waren, konnten wir bei niemandem nachfragen. Erst beim Frühstück am nächsten Morgen empfahl man uns, in unseren Kibbuz zurückzukehren, um dort die näheren Umstände zu erfahren. Man habe unsere Anwesenheit hier in Ramat Rachel dem Management von Givat Haiym bereits schon gemeldet. Eiligst fuhren wir danach los auf der Hauptstrasse Jerusalem–Tel Aviv, Richtung Latrun am Ende der Wadi Ali Schlucht, um gegen zehn Uhr in Tel Aviv anzukommen.

Jesch Milchama?
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2.6.  Milchemet Jom ha Kippurim – Jesch Milchama?.
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Im Zentrum von Tel Aviv an der Kreuzung Frishman und Dizingoff Strasse gibt es ein Café, in dem vor langer Zeit berühmte jüdische Künstler ihre offenen Rechnungen mit ihren Original Bildern zu zahlen pflegten. Genau gegenüber diesem Café gerieten wir in einen Stau, das hiess unsere Weiterfahrt wurde komplett gestoppt. Die nervösen Diskussionen in unserem Auto zeigten an, wie angespannt unsere Stimmung war. Es war Sonntag, also der Beginn der Woche jedoch weder Café, noch Verkaufsläden waren wie üblich geöffnet. Alle Türen waren nur halb angelehnt, sodass es schien die Betreiber wollten gerade erst aufschliessen. Und das gegen 11.00 Uhr morgens am ersten Arbeitstag der Woche. Nun, das zu sehen war für uns definitiv beunruhigend und als unverhofft zwei junge Schulmädchen von zirka zwölf Jahren, beide bewaffnet mit einem unförmigen Farbtopf voll mit hellblauer wässriger Farbe und einem grossen Pinsel vor uns standen, waren wir komplett aus dem Häuschen. Die Mädchen fingen an, alle Lichter unseres Mietwagens mit blauer Farbe anzumalen. Als Fahrer eines angemieteten Autos, wollte ich aufbegehren, erntete jedoch nur strafende Blicke der jungen Sabrinen:

Was denkst du, es herrscht Krieg!

Murmelnd wiederholte ich den Satz auf Hebräisch, um danach das Wort "Milchama" (Krieg) auf Englisch halblaut auszusprechen. Augenblicklich verstummte das Gespräch im Auto und es war totenstill. Unser Prinzessenküken Rachel aus Berlin begann hysterisch und auf Deutsch anzuschreien: «Ich will eine deutsche Zeitung, ich will eine deutsche Zeitung, ich will meinen Papa in Berlin anrufen», schrie sie immer und immer wieder. Sie war absolut nicht zu beruhigen. Chawa, unsere taffe Reisebegleitung aus Kolumbien reagierte überraschend. Sie versuchte nicht, die junge Frau zu beruhigen, sondern die zierliche junge Frau ohrfeigte die hysterische Jungfräulichkeit gleich zweimal.

Den erstaunten Gesichtsausdruck den Rachel von sich gab, werde ich sicherlich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Ruhe herrschte im Schacht und nur noch ein leises Wimmern drang von den hinteren Sitzen nach vorne. Die Chawa Aktion war überzeugend und so konnten wir die Fahrt zurück in den Kibbuz nach längerem Zuwarten am Nachmittag doch noch fortsetzen. Die Küstenstrasse war für Privatfahrzeuge gesperrt und so mussten wir die alte Strasse über Ramat ha Scharon, Ewet Jehuda nach Kfar Haroe nehmen. Hunderte von Militärlastwagen hatten verständlicherweise das gleiche Ziel und somit auch Vorfahrt. Die Angst im Nacken trafen wir nach zwölf stündiger Fahrt gegen neunzehn Uhr in Givat Haiym ein. Der ganze Kibbuz war verdunkelt und im Speisesaal brannte auf jedem Tisch eine kleine Kerze, eingesteckt in einer noch nicht ganz reifen Mandarine. «Fast wie zu Hause an Weihnachten» ging es mir durch den Kopf. Man hatte uns schon vermisst und endlich wurden wir einigermassen mit aktuellen Informationen eingedeckt, sodass unsere Ungewissheit nun doch konkretere Formen annahm.

Ja es ist so, ganz Israel befindet sich seit neunundzwanzig Stunden im Krieg, mit seinen arabischen Nachbarländern. Ägypten und Syrien, nicht jedoch mit Jordanien. Die gesamte arabische Welt, mit Ausnahme von Jordanien, steht hinter diesem Angriff.

Eine Teil Generalmobilmachung wurde gestern um 10.00 Uhr morgens ausgelöst. Vorerst nur für hunderttausend Männer und Frauen im Alter von 18 bis 49 (34) Jahren. An diesem Jom Kippur hatte trotz konkreter Warnungen niemand damit gerechnet, dass Israel angegriffen würde. Die Grenzen auf dem Golan und entlang der Bar Lew Linie am Suez waren an diesem Feiertag fast ausschliesslich mit sehr jungen relativ unerfahrenen Soldaten und Rekruten schlecht gesichert. Insgesamt 1‘600 Geschütze eröffneten auf der Westseite des Suez-Kanals um 14.00 Uhr zusammen mit 240 Flugzeugen und 50 Helikoptern das Feuer. Die Bar Lew Verteidigungslinie auf der Ostseite wurde zum Infernal des Sterbens. Zeitgleich standen auf dem Golan, also dort wo unser Freund Jossi seinen Dienst zu verrichten hatte, 930 Panzer zum Angriff bereit. Dieser begann zeitgleich am Mont Hermon, einem israelischen Horchposten, welcher an diesem Tag von nur dreizehn Infanteristen und 41 Geheimdienst-Technikern bewacht wurde. Für Jossi und viele seiner Kameraden kam jede Hilfe zu spät, wie wir später erfahren sollten. Israel verfügte an diesem Tag auf dem ganzen Golan nur über 177 Panzer, die alle eingesetzt wurden. Am Vormittag des siebten Oktobers durchbrachen die Syrier die israelischen Verteidigungslinien auf dem Golan und strebten unvermittelt dem Hulatal zu. 100 Panzer der Israelis wurden vernichtet. Es verblieben deren 77 und die meisten davon ohne Munitions-Nachschub. Moshe Dajan, Israels Verteidigungsminister reagierte. Er beorderte die Luftwaffe mit folgenden Worten zum Angriff im Norden: «Der dritte Tempel ist in Gefahr» und weiter, «Auf dem Sinai verteidigen wir nur Sand. Hier auf dem Golan und im Jordantal leben unsere Menschen und stehen unsere Häuser. Die Luftwaffe soll die Syrer stoppen!»

Wie ernst die Lage im Lande wirklich war, konnte keiner von uns gewöhnlich Sterbenden wissen. Erst Jahre später habe ich die wirkliche Wahrheit des Geschehens erfahren. An diesem Abend des 7. Oktobers zurück im Kibbuz, wurden wir Ulpanisten zusammengerufen und es wurde uns mitgeteilt, wie wir uns bei einem allfälligen Alarm oder Angriff zu verhalten hätten. Es bestand Verdunklungspflicht und wir deckten unsere Zimmerfenster mit Wolldecken ab. Wir besuchten nacheinander alle vorbereiteten Bomben Unterstände die Kibbuz vorhanden waren und machten uns mit den Örtlichkeiten bekannt.. Langsam, und nur sehr langsam wurde uns bewusst in welchem wirklichen Schlamassel wir uns jetzt befanden. Das wichtigste für uns Ausländer war, dass ein jeder und eine jede eine Möglichkeit bekam seinen eigenen Angehörigen daheim Bescheid über seinem Wohlergehen geben zu können. Das hingegen erwies sich als schwieriger als gedacht. Nur sehr wenige Familien hatten damals einen Telefonapparat für nationale Gespräche im Kibbuz. Um ins Ausland zu telefonieren zu können, musste man sich so oder so zuerst bei der Post für eine Auslandsverbindung zum Voraus anmelden. An diesem zweiten Kriegstag war es für mich unmöglich eine Reservation für ein Telefonat nach Hause zu meiner Mutter in die Schweiz zu bekommen. Die internationalen Linien waren für die nächsten vierundzwanzig Stunden im Voraus voll ausgebucht. Keiner von uns hatte eine Chance durchzukommen.

Meine kleine Baracke am Rande des Ulpan wurde zum Treffpunkt von uns Ulpanisten. Die einen wollten, wenn immer möglich sogleich nach Hause reisen. Andere wollten einige Tage zuwarten bis sie sich entscheiden wollten. Genauso schwierig war es, einen der letzten Linienflüge ins Ausland zu buchen. Die wenigen Maschinen, die von Lod aus starteten, waren komplett ausgebucht. Es war fast ein Ding der Unmöglichkeit, ohne Hilfe der jeweiligen Botschaften einen Transfer zu bekommen. Einzig El Al flog noch fast regulär nach Europa oder nach Amerika. Alle anderen Fluggesellschaften fürchteten, ihre lukrativen Landerechte in den arabischen Ländern zu verlieren, sollten sie weiterhin Lod anfliegen. Die Araber drohten zusätzlich jeder Fluggesellschaft, die Israel unterstützen würde, den Ölhahn komplett zuzudrehen. Trotzdem fanden fast zweidrittel meiner Ulpanfreunde einen Weg, das Land innert Wochenfrist zu verlassen. Ich selbst hatte mich noch nicht entschlossen, was ich zu verhalten gedachte. Ich wollte vorerst abwarten und mit zu Hause telefonieren. Der nächste Tag, es war der 8. Oktober sollte die Entscheidung bringen. Ich hatte ein Gespräch in die Schweiz für 02.25 Uhr nachts angemeldet. Leidervwartete ich auch diese Nacht vergebens auf eine Verbindung nach Hause, da die Verbindung einmal mehr nicht zu Stande kam.

Wir die verbliebenen Studenten hatten uns entschlossen, den Kibbuz mit unserer vollen Arbeitskraft, also mindestens acht Stunden Arbeit zu unterstützen. Dies teilten wir unserer Ulpan Lehrerin mit und baten um Aussetzung der Unterrichtsstunden, von den wir annahmen, dass sie so oder so nicht stattfinden würden. Weit gefehlt. Sima insistierte, dass wir jeden Morgen wie bisher pünktlich um acht Uhr im Klassenraum zu erscheinen hätten. So begann für die einen der Arbeitstag um 04.00 Uhr im Kuhstall mit dem Melken der Kühe und endete so gegen 19.00 Uhr mit dem letzten Einsammeln der Eier in den Truthahnställen. Auch ich hatte zwei bis drei Jobs am Tag zu erledigen. Unter anderem war ich zusammen mit einer älteren deutsch/englischen Krankenschwester (Ina) verantwortlich für den Betrieb und die Sauberkeit der Veranstaltungshalle «Bait Vienna» (Wienerhaus). Der Kulturbetrieb sollte auch während des Krieges, wenn auch reduziert trotzdem aufrechterhalten werden. Darauf wurde bei aller Sorge um Leib und Leben nicht verzichtet. Ich sollte an diesem Nachmittag einen Nebenraum für eine kleine Veranstaltung der Kibbuz Frauen vorbereiten. Ich war auf dem Weg zur Halle, vorbei am Chadar Ochel und wollte gerade über die Wiese voller Würmer suchenden Wiedehopfe hinauf zur Beit Vienna gehen. Aus dem Versammlungsort ertönte plötzlich ein schauriger und abgrundtiefer Schmerzensschrei einer Mutter. Es folgte lautes Wehklagen das nicht enden wollte und mir durch Mark und Bein ging. Entsetzt blieb ich stehen und ich musste mich setzten, denn ich konnte nicht in die Halle zu den zwei Frauen und dem Manager des Kibbuzes eintreten. Hier war ich fehl am Platz, das spürte ich. Es war Eliza, die Mutter von Jossi, welche zusammengebrochen war. Man hatte ihr mitgeteilt, dass Jossi am Mont Hermon im Golan mit der ersten Angriffswelle gefallen war.

«Lama Jossi, ha Ben katan sche li, Lama?»

Warum auch noch Jossi, mein kleiner Sohn, warum?

Zu allem Unglück hatte Eliza schon während des Sechstagekrieges ihren Mann im Krieg gelassen und jetzt auch noch Jossi, den einzigen ihr verbliebener Sohn. Ich heulte mit ihr auf Distanz still vor mich hin, denn dieser junge Mann, ihr Sohn, war etwas ganz Besonderes und war ein jugendlicher Freund aus dem Kibbuz für mich geworden. Ich verkroch mich hinter einen Pfeiler und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Danach verschwand ich für einige Zeit an den für mich einzigen ruhigen Ort, den ich im Kibbuz kannte. Es war der kleine Friedhof am anderen Ende der Siedlung, der mich mit seiner Schönheit immer wieder anzog. Ein kleines Pinienwäldchen umrandete die wenigen Gräber und die Bank, auf der ich sass. Mein Blick schweifte hinaus auf den so herrlich duftenden und friedlichen Pardes.

Mein Entschluss zu bleiben, war gefasst. Ich konnte nicht einfach so verschwinden, ich wollte vorerst in Givat Hayim bleiben. Da war nur noch ein kleines Problem, wie sage ich das meiner Mutter. Dies war meine nächste Pflicht, der ich mich stellen musste. Um 03.45 Uhr in der selben Nacht stand ich vor dem Telefonhäuschen und wartete auf eine Verbindung in die Schweiz. Die Gesprächszeiten waren für jedermann auf fünf Minuten limitiert, ansonsten wurde das Gespräch vom «Operator» rigoros unterbrochen. Ich hatte also nicht viel Zeit, mein Ansinnen meiner Familie einigermassen plausibel zu vermitteln oder erklären zu wollen. Schlaftrunken kam meine Mutter ans Telefon und fragte mich unverblümt, wann ich gedenke nach Hause zu kommen. Gar nicht war meine Antwort, wir alle wären hier nicht in Gefahr und ich würde sehr wenig spüren von diesem Krieg. Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, doch es entsprach meiner Stimmung und ich war überzeugt, dass ich das Richtige machen würde. Warum ich wirklich diesen Ort nicht verlassen wollte, konnte ich ihr nicht sagen, denn ich wusste es ja selbst nicht genau. Ich spürte einfach nur, dass es meine Pflicht war zu bleiben. Meine Familie war bis anhin von jeher schon einiges gewohnt, jedoch meine ganz spezielle wunderbare Mutter zeigte viel Verständnis für meine Situation. Sie wusste, dass ich nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte, jedoch wusste sie auch, dass ich zum Bleiben entschlossen war.

Pass auf dich auf, mein Bub meinte meine besorgte Mutter nur noch kurz angebunden. Das waren die letzten Worte für eine längere Zeit, bevor wir abrupt vom internationalen Operator getrennt wurden.

Die ersten drei Tage des Krieges waren für beide Fronten absolut verheerend, vor allem jedoch für die junge israelische Armee. Es starben mehr als 2000, zumeist sehr junge Frontsoldaten in diesen ersten Kriegsstunden. Ein ägyptischer Offizier berichtete seinem Vorgesetzten: «Die Israelis rennen davon wie junge Mäuse». Das war nicht mehr der arabische Sauhaufen von 1967, das waren die zuerst von den Amerikanern, danach die von den Sowjets gut ausgebildeten und disziplinierten Soldaten, welche den Angriff an diesem 6. Oktober koordinierten und ausführten. Die Ignoranz und Überheblichkeit des israelischen Führungstabes rächte sich fatal. Zwar hatte man schweren Herzens in einem ersten Schritt hunderttausend Mann aufgeboten, jedoch das reichte bei weitem nicht. Mit den Codewörtern, «Seewolf», «Charmante Dame» und «Fleischtopf» wurden alle verbliebenen Reservisten zu ihren Sammelpunkten am Tag danach eiligst mobilisiert. Diese Generalmobilmachung beanspruchte jedoch Zeit und die Kampfsituation auf dem Golan und an der Bar Lew Front verschlimmerte sich dramatisch. Verteidigungsminister Moshe Dajan zeigte Nerven, als er auf der Rückfahrt aus dem Sinai nach Tel Aviv seiner obersten Dienstchefin anvertraute: «Ich habe Angst. Es kann sein, dass wir verlieren».

Golda Meir, die Premier Ministerin, wandte sich daraufhin mit Durchhalteparolen an ihr Volk:

«ES GIBT KEINEN ZWEIFEL AM AUSGANG DIESES KRIEGES-WIR WERDEN GEWINNEN»

Dazu bediente sie sich auch mit der Bereitschaft, die dreizehn Atom bestückten Jericho Raketen, die mit je fünfhundert Kilometer Reichweite startklar Abschussbereit zu halten. Gleichzeitig wandte sie sich mit einem Hilferuf an befreundete Nationen und bat dringlichst um Kriegs Material und Hilfe. Der amerikanische Präsident reagierte erst nach der ersten für Israel so verheeren-den Kriegswoche. Das Land Israel stand am Abgrund und brauchte dringend Hilfe. Eine Luftbrücke, genannt «Nickel Grass» wurde mit 537 Flügen und tausenden von Tonnen kriegswichtigem Material ab dem 12. Oktober vom Pentagon bewilligt und letztendlich installiert. Das leitete die Wende als auch die materielle Bereitschaft zum Gegenangriff auf alle arabischen Fronten ein.

Was wusste ich als Ausländer und Ulpanist von diesem Kriegsgeschehen?

«NICHTS, ABER AUCH ABSOLUT GAR NICHTS»!

Informationen über die aktuelle Kriegslage drangen nicht bis zu uns Studenten in den Ulpan durch. Gerüchte gab es zwar Zuhauf und aus jeder Ecke, entsprachen sie jedoch der Wahrheit?

Die Schulstunden wurden mit den verbliebenen Studenten fortgesetzt, als ob nichts Geschehen wäre. Sima unsere Lehrerin vermittelte uns weiter die Geheimnisse der hebräischen Sprache und brachte es fertig, dass eine besonders gute Atmosphäre in unserer verkleinerten Klasse herrschte. Die Berichte aus den Zeitungen und den Fernseh-News bildeten nach wie vor einen grossen Bestandteil unseres Unterrichts und sie machte uns tagtäglich Mut. Sima brachte es fertig, dass nicht das kriegerische Tagesgeschehen unseren Unterricht bestimmte, sondern weiterhin das hebräische Wort und die hebräisch moderne Lebensweise das Zentrum des Unterrichtes bildete. Wir lebten fast wie auf einer Insel, zumindest während des Unterrichts. Das änderte sich schlagartig, sobald wir unseren Kibbuz verliessen. Wir waren keinen Reisebeschränkungen unterworfen und konnten so in unserer Freizeit Tun und Lassen was wir wollten. Die Grenze zu den palästinensischen Gebieten lag genau 13.5 km Luftlinie von unserem Kibbuz entfernt. Zum Meer nach Netanya einem bekannten Badeort an der Mittelmeerküste waren es in etwa genau so weit. Sollten die arabischen Staaten ihr Versprechen wahrmachen und die Juden ins Meer zurückzustossen, so sassen wir wirklich an einer heissen Stelle? Die meisten ausländischen Volontäre und ein Grossteil der Ulpanisten hatte den Kibbuz bis zum 11. Oktober verlassen.

Wir waren nur noch sehr wenige, die übrig geblieben waren. Die Abende im Kibbuz waren daher für uns lang, wenig amüsant und boten nur sehr wenig Abwechslung. Die Einladungen aus unseren Kibbuz Gastfamilien nahmen verständlicherweise rapide ab, und so verbrachten wir die meisten Abende gemeinsam untereinander in unseren verdunkelten Zimmern. Eines Abends wurde der Druck für uns zu gross und wir entschlossen uns nach Netanya in die «grosse Stadt» zu fahren. Barry, Chanuch, Joel und ich machten uns nach getaner Arbeit per Autostopp auf den Weg, in das in Friedenszeiten so turbulente Seebad am Mittelmeer zu reisen. Dort angekommen realisierten wir ernüchtert, dass Netanya zum «Kibbuz» verkommen war, was das Amüsement für junge Männer anbetraf. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den üblichen Falafel mit möglichst viel «Charif» (Schärfe) zu bestellen, auf dass der heisse Teil des Gerichtes bei uns spürbar nachwirken möge. Eine wilde Tanznacht, in einer mondänen Disco wie zu Friedenszeiten und mit den vielen heissen Sabragirls hatten wir nicht erwartetet, jedoch gleich eine so «tote Hose», das war zu viel für uns. In einem der wenigen offenen Restaurants genehmigten wir uns einen lokalen Kaktus Feigenlikör. Ein Sabralikör» mit zirka dreissig Promille Alkoholgehalt sollte es sein, denn der war billig und nur den konnten wir uns wirklich leisten. Es folgte ein zweiter und ein dritter von diesem verdammt süssen, und brandgefährlichen Gesöff. Für den Abschluss sollte es danach doch etwas weniger süsses, jedoch ein härteres Getränk sein. Die Wahl fiel, nach Kontrolle unserer Geldbörsen, auf einen lokalen Brandy ohne Sterne, also auf einen der «Kopfschmerz» danach Garanten. Uns gegenüber sass ein Mann, elegant gekleidet im Anzug und musterte uns immer wieder eingehend. Er fing den von uns beorderten älteren «Melzar» (Kellner), den er sehr gut zu kennen schien vor seinem Tisch ab, und sprach ihn auf Hebräisch an. Der Kellner der auch schon besseren Tage gesehen hatte, drehte sich danach ab ohne uns weiter zu beachten und verschwand hinter seiner Theke. Nach geraumer Zeit kam er mit einem Tablett das mit fünf grossen klassischen Cognac Schwenkern bestückt war an den Tisch des Bestellers zurück. Dieser wies ihn an die Getränke an uns zu verteilen und prostete uns mit einem «Le Chaim» (Zum Wohl) und einem vielsagenden englischen «Enjoy it» zu.

Dieser «Kriegs» Cognac war gut, ja viel zu gut, um an irgendwelche fremden Zufallsbekanntschaften verschenkt zu werden. Es war, wie es sich herausstellte, ein «Albert de Montaubert XO Imperial Jahrgang 1967». Ich wurde misstrauisch gegenüber unserem edlen Spender und sah ihn mir etwas genauer an. Da sass ein Mann mittleren Alters, geschätzt so gegen vierzig, Maximum fünfundvierzig Jahre alt. Ich befürchtete, dass wir vier an diesem Abend hier in etwas hineingeraten könnten, was zumindest für mich nicht ganz «Koscher» war. Ich drängte meine Kumpane zum Aufbruch, erntete jedoch nur fragende Blicke. Unser Spender setzte sich zu unserer Runde und es stellte sich heraus, dass er ein holländischer Staatsbürger mit Namen Johann Magnus war. Er betreibe eine grössere Ferienanlage in Holland und versuche das Gleiche mit einem Partner zusammen hier in Netanya zu realisieren. Zurzeit sei er zum Nichtstun verdammt, da er durch den Krieg im Lande hängen geblieben sei. Unsere weiteren Gespräche über Gott und die Welt nahm angenehme Formen an. Auf das woher, warum und wohin folgte auf der Stelle eine zweite Runde dieses köstlichen 67er Montaubert. Kurz danach stand auch schon der Rest der ganzen Flasche unaufgefordert auf unserem Tisch. Sollten wir die Zeche selbst berappen müssen, so blieb uns nur der Weg der schnellen Beine. Dies versuchte ich Gestenreich meinen Mitstreitern klarzumachen. Es nützte nichts und schlussendlich genoss auch ich diesen aussergewöhnlichen Abend mit unserem neuen Freund.

Dreiundzwanzig Uhr war längst schon vorbei und wir sassen immer noch als einzige Gäste in dem abgedunkelten Restaurant. Keiner von uns machte Anstalten zu gehen. Weiter dem 67er Montaubert zuzusprechen wäre eine reine Verschwendung befand ich, zu einem leicht späteren Zeitpunkt. Die nächste Frage, die sich uns stellte war die, wie kommen wir vier mitten in der Nacht gemeinsam zurück in den Kibbuz? Eine berichtigte Frage in unserer Situation. Vier ausländische Männer, ein bisschen mehr als nur angetrunken am Strassenrand stehend, versuchen sich per Autostopp mitten in einer kriegsdunklen Nacht bemerkbar zu machen’ Das war mehr als Suspekt und konnte so nicht funktionieren. Wer würde uns mitnehmen wollen?

Falsch gedacht Edwin. Johann Magnus der holländische Gönner des edlen Saftes hatte schon alles organisiert und ein Taxi war für uns vier bestellt. Unseren blassen Einwand, dass wir dies nie und nimmer bezahlen könnten wies er von sich und meinte, das alles geregelt sei. Mit einer zusätzlichen Flasche Courvoisier als Wegzehrung stiegen wir verblüfft ins Taxi, und ohne uns wirklich zu bedanken fuhren wir zurück in unsere kleine Kibbuz Welt. Ein aussergewöhnlicher Abend ging zu Ende. Nur schade, dass ich Johann Magnus nie mehr auf all meinen Reisen danach wiedergetroffen habe. Gerne hätte ich nach-gefragt, was ihn zu dieser Grosszügigkeit an diesem Abend veranlasst hatte.

Dass es einmal mehr ein Stellvertreter Krieg zwischen Ost und West war, dämmerte uns als die massiven Unterstützungskampagnen der USA für Israel und der Sowjetunion für Syrien und Ägypten bekannt wurden. Was wir nicht wussten war die Tatsache, dass Israel eigentlich nach der ersten Kriegswoche ohne Hilfe der Luftwaffe und der anlaufenden Hilfe der Amerikaner, quasi besiegt war. Genauso interpretierten die Militärs auf der syrischen Seite, welche allein auf dem Golan am ersten Tag Sage und schreibe mit 930 gegen 177 Panzern angegriffen hatten, ihre Situation komplett falsch. Es war ein Spiel David gegen zwei Goliaths, aus welchem der kleine David augenscheinlich nie und nimmer hätte als Gewinner hervorgehen können. Syrien und Ägypten bombardierten ihr Gegenüber in den ersten fünfzig, respektive dreiundfünfzig Kriegsminuten mit Tausenden Granaten allen Kalibers. Die Führer dieser Nationen erwarteten schnelle territoriale Gewinne, was auch wirklich eintraf. Syrien stand in den ersten Tagen kurz vor dem Hauptquartier der Israelis in Nafakhim im Hulatal und Ägypten mehr als zwanzig Kilometer in die Sinai Wüste Richtung Tel Aviv. Vom ersten Erfolg beflügelt, stiessen die Truppen ungewöhnlich schnell in das von Israel besetzte Gebiet hinaus und verschossen dabei buchstäblich ihre letzten Granaten. Durch das schnelle Vorrücken der Syrier und Ägypter im Sinai und auf dem Golan wurde den Angreifern ihre Nachschubwege komplett unterbrochen. Dastanden sie nun, am dritten Tag des «Battles» mitten in Feindesland ohne genügend Nachschubmunition. Das gab den Israelis genügend Zeit, all die eiligst einberufenen Reservisten der der zweiten Mobilmachung an ihre Einsatzorte hin zu beordern

Der Kibbuz war wie leergefegt. Alle unsere Freunde befanden sich in diesen ersten Tagen des Konfliktes irgendwo im Lande im Einsatz oder an der Front. Die alten Chaverims und wir «Volontäre» versuchten den schwierigen Tagesbetrieb irgendwie aufrechterhalten. Alle, wirklich alle Mitglieder und sogar die sonst so verwöhnten Kinder des Kibbuzes wurden mit in das Tagesgeschehen eingebunden. In den Schulen wurde während den offiziellen Schulstunden wie immer Wissen vermittelt. Davor und danach den übernahmen diese verwöhnten Kibbuz Kinder selbstredend ihre schweren Aufgaben, die sie an ihre Grenzen brachten. Wurden wir Ulpanis bis anhin immer ein bisschen als Exoten betrachtet, so änderte sich dies komplett mit dem Tag des Kriegsausbruchs und unserem Verbleiben im Kibbuz.

Die Grundaussage der arabischen Nationen, «Wir werden die Juden zurück ins Meer werfen» stand weiter, ob Jude oder Nichtjude im Raum. Dieser elementare Satz der sieben kriegführenden arabischen Nationen, schwebte wie das Schwert des Damokles über uns allen. Vor diesem 6. Oktober wurden alle Drohungen von der israelischen Seite nicht ernst genommen. Man fühlte sich und seiner Stärke sicher, vertraute auf seine Armee und diese Meinung vertrat ein Jeder den du danach fragtest. «Wir haben sie immer besiegt und so wird es auch diesmal sein», verlautete es immer wieder. Am Abend des neunten Oktobers, am Scheitelpunkt der Sorge um Israel, bewilligte eine einsame alte Frau in Jerusalem, Premierministerin Golda Meir, das bestücken von dreizehn taktischen Jericho-Atom-Raketen mit 20 Kilotonnen Wirkungskraft. Ein atomarer Befreiungsschlag wurde ernsthaft in Betracht gezogen. Golda Meir informierte die Amerikaner und diese wiederum informierten Anwar as Sadat in Ägypten mittels der Diplomatie. Am Morgen des nächsten Tages, also eine Woche nach Kriegsausbruch, bewilligte der damalige amerikanische Präsident Richard Nixon die Operation «Nickel Grass». Es war die dringend gebrauchte überlebenswichtige Hilfe der Amerikaner für die Israelis. Das Gleiche taten die Russen bei den von ihnen bevorzugten arabischen Nationen. Der Krieg der Stellvertreter durfte weitergeführt werden.

In dieser Kriegszeit stand ich jeden Morgen um 03.00 Uhr auf, um zusammen mit einem älteren Kibbuznik die zweihundertfünfzig Kühe des Kibbuz zu melken. Politik war um diese Uhrzeit verständlicherweise noch kein Thema und schon gar nicht für meinem ansonsten so stillen Mitmelker. Jeder von uns verrichtete stumm seine Arbeit. Klassische Musik berieselte wie üblich die Orangenschalen fressenden Milchspender, in dem abgedunkelten halboffenen Melkstand. Avraham, ein ehemaliger über achtzigjährige «Menahel» (Geschäftsführer) von Givat Hayim, stand an diesem Morgen verloren in der Mitte des Melkstandes und hatte beide Hände vor sein Gesicht geschlagen. «Vier junge Männer aus unserer Gegend sind gestern Abend bei einem Rückeroberungsversuch Israels am Mont Hermon gefallen», fing er an zu er-zählen. Einer davon ist der neunzehnjährige Sohn meiner Nichte. Insgesamt haben wir gestern Abend 25 Kinder Israels verloren. Dazu kommen noch 51 Verwundete und der Rückeroberungsversuch ist dazu auch noch gescheitert. All diese Toten um diesen wertlosen «Hügel»! Warum?

Es steht nicht gut um uns, meinte er zu mir gewandt. Vielleicht solltest du besser daran denken das Land zu verlassen, das ist nicht dein Krieg. Ich sah ihn ganz verblüfft an und konnte ihm nicht antworten, da ich selbst nicht wusste, wie mir zumute war. Danach tat dieser sonst so scheue und geschundene Mann etwas für mich bis heute Unfassbares. Er, der Leidende umarmte mich und hielt mich fest in seinen Armen mitten im Melkstand. Eigentlich wäre es meine Aufgabe gewesen, diesem vom Leid geprüften Mann Trost und Kraft zu spenden. Ich war dazu leider nicht in der Lage dazu. Avi, wie er sich selbst immer nannte. Ein über achtzigjähriger Wagner liebender Deutscher Jude, der geschundene Adolf Hitlers, der Freiheitsliebende 48er, Suez-Konflikt Geschädigter, Sechstage Kriegsoffizier und Veteran, stand da als kraftspendender weiser alter Mann. Er zeigte mir auf, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, in dem ich an diesem Ort bisher verblieben war.

Das war am fünften Kriegstag und fünfzehn weitere sollten noch folgen. Die Situation auf dem Golan begann sich, nach den verlustreichen Kämpfen der ersten Tage und der Hilfe der Amerikaner, allmählich zugunsten Israels zu wenden. Es erwies sich von Vorteil, dass in dieser jungen israelischen Armee, eine ganz besonders flache Hierarchie vor-herrschte, was ganz den Sabres meiner Generation entsprach. Diese «Wilden» meist sehr jungen Führer von Kompanien und Brigaden wussten, dass sie um die Existenz ihres Landes kämpften. Sie waren bereit, grosse, ja unverhältnismässig grosse Risiken zu übernehmen und sie waren auch bereit dafür zu sterben.

Ein Beispiel dafür ist ein junger Mann aus dem Kibbuz Ha Gheta'ot, aus dem Norden Israels an der Grenze zum Libanon. Zvika Greengold, einundzwanzig Jahre jung, Panzerleutnant diente in der 188 Panzerbrigade, war über die Feiertage beurlaubt und nach Hause gefahren. Nach den Feiertagen sollte er in einem weiteren Lehrgang zum Kompanie Kommandanten ausgebildet werden. Ihn erreichte das «Donnern des Golans» genau zur gleichen Zeit wie uns Touristen am Ende des Jordantal. Im Gegensatz zu uns wusste er, das Donnern zu deuten und eilte an diesem Nachmittag per Autostopp zurück nach Nafakh, zu seinen alten Kameraden am Fusse des Golan. Ihm wurden zwei Panzer zugeteilt und er fuhr zusammen mit seinem Kollegen in Richtung syrische Front, wo mehr als 700 Panzereinheiten des Gegners auf die blutjungen Soldaten warteten. Zwei israelische Panzer standen zu diesem Zeitpunkt drei syrischen Divisionen gegenüber. Später berichtete er, dass er und seine Kollegen in Nafakh zuerst die Leichen ihrer zuvor gefallenen Kameraden aus dem zweiten Panzer hätten herausnehmen müssen, um ihn übernehmen zu können. Kurze Zeit später wurde dieser zweite Panzer von einer Hohlladung getroffen und musste wieder zurück zur Reparatur. Greengold kämpfte weiter, mal allein, mal zusammen mit Kameraden, die ihm zu Hilfe eilten. Sein Panzer wurde mehrmals getroffen, und er stieg mit seiner Mannschaft ein halbes Dutzend Mal um, in einem noch einsatzfähigen Panzer weiter kämpfen zu können. Er handelte ohne Befehlsvorgaben über 30 Stunden Non Stopp und war komplett auf sich allein gestellt. Ganz nebenbei schoss er und seine Mannschaft dabei mehr als zwanzig feindliche Panzer ab, dazu auch noch etliche gepanzerte Fahrzeuge. Er wurde nach dem Krieg mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet, die er nur auf Druck seiner Kameraden annahm. Dazu meinte er:

«ICH GLAUBE NICHT, DASS MAN OBJEKTIV BEURTEILEN KANN, WER EIN HELD IST UND AUCH NICHT WIEVIEL HELD EINER IST»

Genau diese Art zu denken und handeln bestimmte das Leben im ganzen Land. Es gab niemanden, der gross mit Befehlen und Verordnungen herumkommandierte, sondern ein jeder handelte den Umständen entsprechend verantwortungsvoll. Nicht das Persönliche des Einzelnen stand im Vordergrund, sondern jedermanns Beitrag in die Gemeinschaft. Obwohl niemand von uns wissen konnte, wie es wirklich um die Sicherheit des Landes stand, so nahm doch ein jeder von uns unbewusst wahr, dass die Möglichkeit ins Meer zurückgeworfen werden zu können, wirklich bestand. Es ging ums nackte Überleben in diesen Tagen.

«EIN WEITERES MAL SOLLTE DAS VOLK DER JUDEN NICHT NOCH EINMAL WIEDERSTANDSLOS AUF DIE SCHLACHTBANK GEFÜHRT WERDEN!»

Sima unsere goldene Klassenseele liess keine einzige Schulstunde während des gesamten Krieges ausfallen. Tag für Tag sassen wir da und lernten mehr über das Land und dessen Bewohner kennen. Es ging dabei nicht so sehr darum nur ein Jude zu sein, sondern um das Sabra Sein der Neuzeit, was natürlich das «Jud Sein» beinhaltete. In der Diaspora verteidigte der Jude sein Judentum, in Israel seit dem Jahr achtundvierzig ist dies überflüssig, denn hier verteidigt der Israeli seine jüdische Heimat. Die Schlagzeilen der Tageszeitungen Maariv und HaAretz, sowie die Nachrichten aus Radio und Fernsehen waren immer fester Bestandteil unseres morgendlichen Lernens. Ein Umstand verblüffte mich in diesem Land immer wieder. Mit den Zahlen der auf dem Schlachtfeld gefallenen Männer und Frauen wurde relativ offen umgegangen. Da heisst es zum Beispiel auf der Titelseite der Zeitung Maariv vom 15. Oktober, die Zahl der bis anhin gefallenen Soldaten ist mit 656 zu beziffern. Der Verteidigungsminister selbst hatte diese Zahl am Vortag offen veröffentlicht und sie stimmte zu diesem Zeitpunkt des Krieges. Zweitausend weitere junge wertvolle Leben sollten in den kommenden zehn Tagen noch bestätigt werden.

Auf der Gegenseite waren es bis zum Kriegsende offiziell mehr als achtausendfünfhundert junge Leben, die letztendlich den Götzen von «Öl, Industrie, Transport, Macht und vor allem der Gier» zum Frass hingeworfen wurden.

 
Esch Havsaka - Waffenstillstand
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2.7.  Milchemet Jom ha Kippurim – Esch Havsaka - Waffenstillstand.
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Zehn weitere unheilvolle lange Tage mussten wir noch warten, bis wir eines Morgens ins Klassenzimmer kamen und Sima, unsere Klassenlehrerin uns mit Handschlag begrüsste und jeden Einzelnen von uns küsste. Sie drückte einem Jedem von uns die aktuelle Tageszeitung in die Hand und forderte uns auf, die Schlagzeilen in unsere eigene Landessprache zu übersetzten.

SEASE FIRE – Waffenstillstand

Am 22. Oktober um 00.52 Uhr wurde es den beiden Schirmherren aus der USA und der Sowjetunion, Unterstützer aller Kriegs-Parteien, doch zu bunt und sie unterzeichneten erstmals die Resolution 338 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Dieser forderte einen Waffenstillstand aller Beteiligten innert zwölf Stunden, welcher um 12:52 gleichen Tages in die Tat umgesetzt werden sollte.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Israelis auf dem Kriegsschauplatz dank den Amerikanern mit ihren Territorialgewinnen noch eklatant im Vorteil. An der Golan-Front standen sie dreissig Kilometer vor der Hauptstadt Syriens und somit hatte Syrien seinen Krieg faktisch verloren. Im Süden an der Suez-Front hatten die Israelis den Kanal auf breiter Front überquert und sich auf dem Ostufer auf ägyptischem Territorium festgesetzt. Gleichzeitig schnitten sie damit einem grossen Teil der ägyptischen Armee komplett den Versorgungsweg ab. Die dritte ägyptische Armee hatte kein Wasser und keine Munition mehr und war damit faktisch handlungsunfähig.

Nach Bekanntwerden der Waffenstahlstandresolution 338 versuchte jedoch jede der Parteien sein «Personal» an der jeweiligen Front massiv zu verstärken. Im Nachhinein, also erst viele Jahre später, durften auch die Hauptlastträger dieses Krieges, nämlich die Bevölkerung, die Arabische als auch die Israelische, erfahren wie ihre Top-Regierungsvertreter solche UN Resolutionen im Regelfall zügig umzusetzen gedachten.

Dazu hier die verbrieften Aussagen dieser Nacht des Beschlusses von Henry Kissinger, als Strippenzieher und nationaler Sicherheitsberater der USA zu Golda Meir, der israelischen Ministerpräsidentin:

"Wenn die israelischen Truppen in der Nacht agieren, währendem ich im Flugzeug sitze, wird es keinen lauten Protest aus Washington geben…»

Dazu Breschnew, General Sekretär und Staatschef der UdSSR sowie Sponsor von Syrien und Ägypten:

“Kissinger hat uns zum Narren gehalten und einen Deal mit den Israelis ausgehandelt „.

So ging hin und her und während dieses Machtspieles an den roten Telefonen. Es wurde weiterhin gestorben und doch war den grossen Akteuren bewusst, wie heiss ihr Spiel werden könnte, dass sie da spielten. An der Nordfront kamen die Kontrahenten der Aufforderung der Vereinten Nationen nach, jedoch an der Südfront hatten vor allem die Israelis keine Eile diesen auch zu vollziehen. Endlich fordert die UNO alle Beteiligten ultimativ auf, sich an die Regeln zu halten und die UN-Beschlüsse per sofort einzuhalten und zu respektieren.

Eine neuerliche Resolution (Nr. 339) wurde lanciert, jedoch wurde diese sofort wieder gebrochen. Die Kriegsakteure dachten nicht daran sich daranzuhalten, denn sie wurden durch das Vetorecht ihrer «Sponsoren» an der langen Leine «Gassi» geführt. Dass die Welt wirklich am Abgrund der Vernichtung stand, realisierte die Grossmachtführer erst ganz allmählich.

Leonid Breschnew und Richard Nixon bewegten sich, um endlich aus den allzu spitzen Nägeln, Nägel mit Köpfen zu machen. Die Zeit des gegenseitigen Täuschens und Versprechens war vorbei. Es stand viel zu viel auf dem Spiel, nachdem die Sowjetunion zwölf Kriegsschiffe in Richtung Alexandria auslaufen hatte lassen, und dazu gleichzeitig drohte ihre siebte Luftlande Divisionen als Eingreiftruppe in Bewegung zu setzten.

Die USA reagierten prompt: «Defcom 3» ertönte es aus Washington. Erhöhte Alarmbereitschaft für den Einsatz für amerikanische Atomwaffen, wurde von Herrn Nixon ausgelöst. «Defcom 2» der Angriff steht unmittelbar bevor und Defcom 1 heisst nichts anderes als Weltkrieg, waren somit im Bereich des unmittelbar Möglichen. Gleichzeitig setzten die USA die 82. Luftlandedivision in Bereitschaft und beorderten diverse Flugzeugträger ins östliche Mittelmeer. Jetzt endlich, in Anbetracht der globalen Bedrohung, unterzeichneten die Grossmächte gemeinsam die UN-Resolution 340 um diese auch als letztverbindlich zu erklären.

Die Kriegsparteien gehorchten, wenn auch unwillig, denn diese hatten nur die eigene aktuelle Position im Fokus. Am 25. Oktober hörte das allgemeine Abschlachten auf den Schlachtfeldern der arabischen wie jüdischen Jugend endlich auf! Von der Resolution Nr. 338 bis zum eigentlichen Waffenstillstand mit der UN Resolution Nr. 340 vergingen Sage und schreibe über 84 Stunden, die den Anfang vom Ende der zivilisierten Welt hätten können.  

Was für ein Wahnsinn!

Alle Parteien waren bis zur letzten Minute bereit gewesen, ihre momentane Situation zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen und dazu noch auszubauen. Am 25. Oktober waren wir gerade noch sechs verbleibende Schüler in unserer Ulpanklasse. Wir waren alle heil froh, dass der Krieg vorüber war. Wir nahmen die Ankündigung einfach gelassen, jedoch ohne wirkliche Befriedigung entgegen. Sieger oder Besiegte, diese Frage stellte sich für uns nicht, denn eines war klar, besiegt waren Araber wie Juden und keiner konnte sich das eingestehen.

Kurze Zeit später wurde ein neues Weltmachtspiel von den Erdölfördernden arabischen Staaten gemeinsam inszeniert. Die arabischen Staaten verhängten ein Ölembargo gegenüber verschiedensten Staaten. Es wurde zwar nicht mehr unmittelbar geschossen, jedoch das Verhängnis nahm weiterhin seinen Lauf und die Gefahrensituation blieb weltweit angespannt. Es war nichts Gewonnen jedoch vieles Verloren.

Für uns Ulpanisten gestaltete sich das weitere Verbleiben im Kibbuz relativ einfach. Davonrennen war nicht so unsere Sache, das hatten wir eindeutig bewiesen. Wir fühlten uns der allgemeinen Gemeinschaft und vor allem unseren Freunden verpflichtet, also blieben wir trotz der immer wiederkehrenden Mahnworte unserer Eltern aus den fernen Kontinenten. Mitte November beendeten wir unseren Ulpan und unsere Wege, doch nicht unsere gewachsenen Freundschaften trennten sich. Es begann die Zeit des Trauerns, um die verlorenen Söhne, Töchter, Freunde und Bekannte. Langsam wurden wir die «Naiven» mit der Wirklichkeit des Weltgeschehens konfrontiert. Langsam, kehrten unsere Freunde aus der Armee und von der Front in den Kibbuz zurück und übernahmen wieder das Tagesgeschäft. Verständlicherweise wollten und konnten sie über das Erlebte noch nicht berichten, denn dies war alles noch so frisch und schmerzte unbeschreiblich. Eine depressive Stimmung machte sich unter den jungen Soldaten und Soldatinnen breit. Ihre Sabra-Leichtigkeit von vor dem Krieg war wie weggeblasen.

Die «Vatikims», also die alteingesessenen Bürger des Landes, die mit ihrer mannigfaltigen Erfahrung aus dem Leben, dem Sterben und dem Überleben waren es, die einmal mehr die als Lebensstütze, diesmal für ihre eigenen Kinder und Enkel, gefragt waren. Land und Leute hatten sich mit den Folgen dieses Krieges auseinanderzusetzen.

Dies zeigte sich auch an der beginnenden Inflation, welche von November 1972 bis November 1973, mit vorerst zaghaften sechsundzwanzig Prozent, Einzug erhielt. Es war auch der Beginn und das Ende der Währung des israelischen Pfundes, welches am 24. Februar 1980, im Verhältnis Eins zu Zehn, durch den Schekel (IS) abgelöst wurde. Siebzig Monate später war es nochmals so weit, der alte Schekel wurde durch den neuen Schekel im Verhältnis Eins zu Eintausend (!) am vierten September 1985 neu eingeführt.

Zurück zum November 1973 und den Kriegsheimkehrenden geschundenen Jugend Israels. Ein jeder dieser Heimkehrer hatte das Bedürfnis, das erlebte irgendwie zu verarbeiten und sei es nur davonzurennen, was sehr viele auch taten. Die heimkehrenden jungen Sabres wollten reisen, die Welt kennenlernen und das Erlebte vergessen. Es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihnen durch verwandtschaftliche Beziehungen zu einem Touristenvisum für möglichst viele, fremde und exotische Länder zu kommen. In den folgen-den Monaten und Jahren verliessen viele «Kriegs-geschädigte» junge Leute Israel, um für eine gewisse Zeit Abstand vom Geschehenen zu gewinnen. Auffallend war dabei, welche Reputation diese jungen Leute in der Backpacker- und Touristenszene rund um die Welt sich in kürzester Zeit erarbeiten konnten. Israelische Touristen galten als rüpelhaft, rücksichtslos, laut, frech, risikofreudig und sich selbst überschätzend. Die jungen Sabres hatten zwar schon immer ein gestärktes, teilweise ein auch sich selbst überschätzendes Bewusstsein an den Tag gelegt. Knapp fünfzig Tage Kriegsgeschehen haben genügt, die Jugend eines ganzen Landes, hoffentlich nicht für immer, zu verändern. Die Zukunft wird weisen ob Moslems zusammen mit Juden und Christen in diesem Lande eine gemeinsame Zukunft haben werden.

Shalom - Rafatqatuk al Salama
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2.8.  Milchemet Jom ha Kippurim – Shalom - Rafatqatuk al Salama.
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Die Anspannung der letzten Monate hatte auch mich nicht ganz unberührt gelassen und diese machte sich nun zunehmend bemerkbar. Auch ich musste raus, denn der Ausspruch im Melkstand von Avraham, dem ehemaligen Menahel des Kibbuz war richtig und hatte Gewicht:

«Edwin vielleicht solltest du darüber nachdenken das Land zu verlassen, denn das ist nicht dein Krieg».

Es war an der Zeit, dass ich mich wieder um meine weitere berufliche Karriere kümmern sollte, denn ich musste wirklich etwas tun, um weiterzukommen. Ich freundete mich mit dem Gedanken an, Israel zu verlassen und nördlich der USA ein Angebot im kalten Kanada anzunehmen. Den Monat Dezember wollte ich noch in Israel verbleiben um mit meinen Freunden an ihrem Leben teilzuhaben. Einer dieser Freunde war ganz bestimmt Uri, mein väterlicher weiser Mentor. Er war es auch, der mich einlud mit ihm den Weihnachtsabend in Jerusalem in ganz spezieller Weise zu verbringen.

Etwas komisch empfand ich seinen Vorschlag schon, dass ein jüdischer Gelehrter mit seinem Möchtegernschüler das christliche Fest von Jesu Geburt, verbringen wollte. Jedoch ich vertraute ihm und seinem Wissen und akzeptierte seinen Vorschlag uneingeschränkt. Am 24. Dezember gegen Abend trafen wir uns in Jerusalem in der Jugendherberge Ramat-Rachel ein. Diesen Ort kannte ich schon aus früheren Besuchen und meinte, dass es doch ein bisschen weit wäre vom Kibbuz zurück in die Altstadt zu Fuss zu laufen. Uri beruhigte mich und meinte unser Ziel sei heute nicht Jerusalem, sondern die Geburtsstadt Jesu im besetzten Bethlehem. Wie sollten wir da zu Fuss hinkommen? Wir befanden uns am südlichsten Ende von Jerusalem, direkt an der Grenze zum Niemandsland und rundherum nur Felder der palästinensischen Bauern. Trotz garantierter und massiver jüdischer Militär Präsenz in dieser Gegend, schlug Uri tatsächlich mir eine Nachtwanderung durch die Olivenhaine des Niemandslandes hin zur Geburtskirche in Bethlehem vor. Was für ein Unterfangen, ein jüdischer Gelehrter und Zionist, zusammen mit einem zwar geborenen, jedoch ganz und gar nicht überzeugten Christen. Gemeinsam auf einer Christnachtwanderung durch die wunderschönen Olivenhaine zwischen Jerusalem und Bethlehem.

 Was für ein Unterfangen und konnte so etwas gut gehen? Kurz nach dem Eindunkeln, gegen halb neun Uhr abends, machten wir uns bereit, die Nachtwanderung von knapp zehn Kilometer nach Bethlehem unter die Füsse zu nehmen. Den Rucksack gepackt und ein letzter Blick hinunter auf das Jerusalem marschierten wir los. Diesmal waren Altstadt als auch die Neustadt hell erleuchtet und beide strahlten miteinander um die Wette. Ramat Rahel, die kleine jüdische Halbinsel, die ins besetzte Palästinensergebiet hineinzuwachsen schien, lag hinter uns und wir wanderten an den Militärposten vorbei hinab in das kleine Tal. Den Hügel «Har Arba» zu unserer Linken lassend tauchten wir ein in die nächtliche Dunkelheit. Erst jetzt fiel mir auf, dass keiner von uns eine Lichtquelle bei sich hatte, um den Weg auszuleuchten. Ich machte Uri auf das vermeintlich vergessene Licht aufmerksam, worauf dieser mir bedeutete das sei Absicht und ich würde schon noch verstehen warum. Wir wanderten um den Hügel herum und trafen auf das griechisch-orthodoxe Kloster «Mar Elias». Der Legende nach sollen die drei Weisen aus dem Morgenland, von hier aus, den Stern von Bethlehem ein letztes Mal gesehen haben bevor, der über dem Stall von Bethlehem zum Stehen kam. Die Nacht war klar, und dennoch stockdunkel, bis auf die funkelnden Sterne, die aus dem tiefen Schwarz der Nacht uns den Weg leuchteten. Durch den Olivengarten am «Har Homa» vorbeiführte uns der Weg wortlos Richtung Bayt Jla und weiter zu dem weithin sichtbar bunt leuchtenden Bethlehem zu. Wir vermieden jeden Hof und jede Häuseransammlung und suchten unseren Weg durch die Olivenbäume der Nacht. Eine unglaubliche Zufriedenheit überfiel mich, als wir so wortlos vereint durch die Nacht zusammen wanderten.

Das Ziel Bethlehem war mit einem Male nicht mehr wichtig, sondern nur noch das «Erleben der Nacht» unter dem einzigartigen funkelnden Firmament. Es war nicht das Gefühl für diese eine Weihnachtsnacht, das mich in sehr grosser Zufriedenheit versinken liess. Es war diese begleitete wortlose Wanderung mit meinem jüdischen väterlichen Freund unter dem in das unbegreifliche Universum hinein, das mich mit Glück beseelte und mich fortan immer wieder durch mein Leben begleitet.

 

DANKE URI, ICH HABE VERSTANDEN. JETZT KANN ICH GEHEN!



 

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