Zurzeit sind 567 Biographien in Arbeit und davon 340 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 216

Ich fuhr voran, der Zügelwagen hinter mir her. Einer Zukunft entgegen für die ich noch keinen richtigen Plan hatte. Was käme jetzt? Ich, eine alleinerziehende Mutter, wieder Single. In der Stadt angekommen erwartete mich die Familie meiner Schwester bereits. Und Jeremy. Ich hatte ihn am Abend zuvor zu meiner Schwester gebracht. Empfangen wurde ich mit einem Lachen, doch in meinem Herzen war, neben dem riesengrossen Fragezeichen, auch eine ebenso grosse Traurigkeit und Enttäuschung. Nicht für mich als Frau, sondern als Mama. Wegen Jeremy. Und doch sagte mir eine leise Stimme, immer und immer wieder, dass die Entscheidung richtig gewesen war. Anmeldung beim Regionalen Arbeitsvermittlungsbüro, da sein für Jeremy, Bewerbungen schreiben…, das waren meine nächsten Schritte. Angetrieben zum einen von dem Willen, mit Jeremy wieder ein eigenes Leben haben zu wollen, zum anderen von dem Wunsch nach der eigenen Freiheit.
Der Anruf des Kindsvaters kam ein paar Tage später. Seine einzige Frage, wann er Jeremy wieder sehen könne. Das war alles. Wir vereinbarten, dass ich jeden Sonntag mit Jeremy zu ihm fahren würde denn ich wollte auf keinen Fall, dass man hinter meinem Rücken blöd reden würde, von wegen ich würde Jeremy dem Kindsvater «wegnehmen» und er dürfe ihn nicht mehr sehen. Doch blöd geredet wurde trotzdem und Jahre später erfuhr ich Einiges davon. Das tat weh. Auch dann noch.
Mein vorübergehendes Wohndomizil war von kurzer Dauer. Innerhalb drei Monate fand ich eine 40% Arbeitsstelle (zwei Tage in der Woche) bei einer Versicherung in der Stadt sowie eine kleine 3-Zimmer-Wohnung in Speicher im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Ich war sehr sehr froh und ebenso erleichtert. Dankbar war ich meiner Familie für deren Unterstützung, doch die Welten zwischen mir und vor allem meiner Mutter waren nach wie vor nicht dieselben, was immer wieder zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten geführt hatte, was auch Jeremy unbewusst mitbekam. Jana besuchte ich mit Jeremy weiterhin regelmässig und sie bekam hautnah mit, wie mich die «Belehrungen», vor allem von meiner Mutter, trafen. Sehr oft sass ich traurig und niedergeschlagen da, wenn ich bei ihr war. Und ebenso oft nahm sie mir Jeremy ab, wenn die Tränen seinen Tribut forderten. Tränen der Traurigkeit, Tränen der Enttäuschung über die ganze Situation. Auch Tränen der Wut über mich selbst: über eine «Fehlentscheidung» die ich als Frau traf und die ich schon lange vor Jeremys Geburt «gewusst» hatte. Der Preis dafür war hoch, sehr hoch gewesen. Als Mama für Jeremy und ein Stück weit auch für mich als Frau. Irgendwann, in ein paar Jahren würde mich Jeremy nach dem «warum» fragen: ich hoffe, er wird meine Antwort verstehen.
Am 1. Oktober 2014 trat ich meine neue Stelle an. Ungefähr zeitgleich startete ich mit Jeremy unseren «neuen» Lebensabschnitt in der eigenen kleinen Wohnung in Speicher. Das war geschafft! Und doch, als ich an jenem ersten Abend in der kleinen Küche am Tisch sass (Jana hatte uns an jenem Abend noch zum Abendessen in ein kleines Restaurant eingeladen. Als «Start» in eine neue, eigenständige Zukunft!), kamen mir die Tränen. Ich war irgendwie erschöpft und wusste keine Antwort auf all jene Fragen, die mich beschäftigten. War es das «Richtige» gewesen? Freiheit hin oder her, es war nicht jenes Freiheitsgefühl wie einst als ich tun und lassen konnte, gehen konnte, was und wann ich wollte. Dieses Gefühl hatte ich bei der Geburt von Jeremy verloren. Dies wurde mir nun hier am Küchentisch noch einmal schmerzlich bewusst. Diese «Freiheit» war jetzt eine Andere: «frei» in der Entscheidung bezüglich rund um das Thema Erziehung und der Begleitung als Mama von Jeremy für die nächsten Jahre. In all dem war ich jetzt frei. Und trug ebenso die Verantwortung für all das. Alleine. Tun und Lassen was, wann und wo ich, als Frau, wollte und konnte, diese Freiheit gab es (noch) nicht. Auch jetzt (noch) nicht. Ich sass immer noch im Schnellzug, die Landschaften zogen an mir vorbei. «Aussteigen» konnte ich nicht. Denn ich trug weiterhin die Verantwortung für die nächsten Jahre für einen (noch) kleinen Menschen, der seinen Platz in dieser Welt zuerst finden musste. Und meine wichtige Aufgabe darin bestand weiterhin, für ihn da zu sein. Als Fels in der Brandung. Stark, solide und beständig.
Und doch war sie wieder da, diese kleine Stimme in meinem Herzen, die mir sagte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Und, trotz der ganzen Zweifel und der Tränen, tief in meinem Herzen wusste ich das. Und hielt mich eisern daran fest! Jana hatte mich und Jeremy damals zu dieser Wohnungsbesichtigung begleitet gehabt. Mit Jeremy auf meinem Arm waren wir durch die Räume geschlendert. In der Stube dann hatte ich Jeremy kurz auf dem Boden abgesetzt. Wir hatten noch mit der Vermieterin über Formalitäten geredet, danach hatten wir uns zum gehen gewandt. Ich hatte Jeremy wieder auf meinen Arm nehmen wollen, doch hatte er nicht wirklich Freude daran gehabt. Vielmehr hatte er mir den Eindruck vermittelt als wolle er in dieser Wohnung «bleiben». Jana hatte mich lächelnd angesehen. «Ich glaube das ist euer zukünftiges Zuhause». So war es dann auch gekommen.
Als es damals um das gemeinsame Sorgerecht gegangen war (wogegen ich mich immer noch standhaft und erfolgreich weigerte), wurde auch ein Unterhaltsvertrag vereinbart in dem, sollte es zu einer Trennung kommen, ein allgemein gültiger Minimalbetrag festgelegt wurde, den der Kindsvater mir für Jeremy überweisen musste. Nur für ihn, denn ich war ja nicht verheiratet gewesen. Überwiesen wurde mir gar nichts, ich bekam den Betrag bar. Zu einer bestimmten Zeit? Von wegen. Ich musste immer wieder daran erinnern. Zwei Mal sogar noch mit dem Kindsvater zu einem Bancomaten fahren, da er es angeblich vergessen hatte.
Zu Frau Hoger vom Kinder,- und Psychiatrischen Dienst ging ich noch ein paar wenige Male, doch auf Empfehlung von ihr wurde schlussendlich eine Beistandschaft für Jeremy errichtet und sie musste mich «entlassen», da sie keine Klienten ausserhalb des Kantons haben durfte. Ebenso von Leandra (Jeremys Tagesmama). Auch sie war kantonal gebunden. Und so brach ich noch die letzten beiden Zelte von einem Kapitel ab, das seine Spuren hinterlassen hatte. Für mich, für Jeremy, für uns Beide!
Während ich arbeitete betreute meine Schwester Jeremy. Da ich am morgen beizeiten mit dem Zug in die Stadt fahren musste, brachte ich ihn jeweils abends zuvor zu meiner Schwester, wo er übernachtete. Seine Tränen, wenn wir uns voneinander verabschieden mussten, taten enorm weh und in diesen Momenten hasste ich oftmals mein, unser Leben. Ich gab mir die Schuld an diesem ganzen Desaster und ich gab mir die Schuld an einer längst vergangenen Fehlentscheidung, die zu all dem überhaupt nicht hätte führen müssen. Hätte ich auf jene «Antwort» gehört, die mir mein Herz damals gegeben hatte. Der «Preis», den ich und Jeremy dafür bezahlen hatten müssen, empfand ich, vor allem bei diesen Abschiedsszenen, immer als fast unerträglich.
Das Ziel meiner Schwester war wieder nach und nach in das Berufsleben einzusteigen nachdem sie ein paar Jahre zu Hause geblieben war, um bei ihrer Tochter zu sein. Deshalb wusste ich, dass diese Lösung nur ein Übergang sein würde. Auch musste ich mein neues eigenes Familienleben mit Jeremy finden, selbst gestalten und leben können und auch müssen. «Abhängig» zu sein war mir ein Gräuel, war es immer schon gewesen! Und das würde nicht mehr passieren! Nie mehr! Ich hörte mich um, redete mit Jana und versuchte auch meiner Familie dies zu erklären. Doch hatte ich nicht das Gefühl, dass meine Familie mich richtig verstand. Das tat weh. Trotzdem hielt ich mich weiterhin eisern an jenem durchsichtigen «Leitfaden» fest, der mir mein selbstständiges Leben als alleinerziehende Mutter wieder zurückgeben würde.
Meine Recherchen zahlten sich aus: im Januar 2015 begann die «Eingewöhnungsphase» für Jeremy im Kinderhort «Rapunzel» im Nachbarsdorf. Wieder ein Stück näher an meinem Ziel. Doch auch hier zerrissen mir Jeremys Tränen bei den Abschieden, nach der ganzen Eingewöhnung, wenn ich ihn früh am morgen mit dem Zug brachte, um danach in die Stadt zur Arbeit zu fahren, fast das Herz. Denn «Sinn» dahinter, oder wie man es auch immer nennen will, hatte ich vor Augen: es war für Jeremy gut, Kinder um sich zu haben. Gleichaltrige Kinder. Denn für mich war dieses Thema abgeschlossen. In jeglicher Art und Weise. Also sah ich es etwas als meine Pflicht und Aufgabe, Jeremy eine Art von «Geschwistern», auf einem etwas anderen Weg, zu schenken. Und auch dies ging auf: Jeremy fand ziemlich schnell eine kleine Freundin im Hort. Allgemein war er ein sehr scheuer, zurückgezogener und stiller Junge. Doch vielleicht war es genau das, was dieses kleine Mädchen an ihm so «besonders» fand. Und Jeremy fand in ihr einen ganz besonderen und wichtigen «Halt». Fazit: die Beiden wurden zu einem unzertrennlichen Paar. Wurden sie bei gemeinsamen Aktivitäten zwischendurch mal getrennt, war das jedes Mal eine Katastrophe. Wenn ich dann abends Jeremy abholte, bekam ich diesbezüglich sehr oft ein paar herzzerreissende Geschichten zu hören.
Von dem Kindsvater hätte ich am liebsten gar nichts mehr hören und wissen wollen. Umso mehr hatte ich Mühe, mit Jeremy jeden Sonntag zu ihm zu fahren. Doch nahm ich dies, trotz allem, als «kleineres Übel» in Kauf, als mit Jeremy und ihm im gleichen Haus wohnen zu müssen. Und nicht bloss das: sollte mich eines Tages Jeremy fragen, wie das denn danach gegangen wäre, könnte ich ihm eine ehrliche Antwort geben. Erhobenen Hauptes. Ich war bemüht um den Kontakt. Für Jeremy. Und ich tat es. Was ich dafür zurückbekam? Gleichgültigkeit, Arroganz. Nichts Neues. Auch traute ich dem Kindsvater weiterhin keine Sekunde über den Weg, was zur Folge hatte, dass ich die halben Tage bei Jeremy und ihm blieb. Ich legte mich mit Jeremy am Mittag hin, während der Kindsvater uns kaum bis gar nicht beachtete. Er hatte noch Anderes zu tun. Es schien mir auch, dass ihn der Mittagsschlaf von Jeremy enorm «störte»: Mann wäre lieber dort und dorthin, Kleinkind hin oder her. Mann hätte ihn einfach mitgenommen. Wie «geschafft» oder «überreizt» Jeremy unter Umständen von diversen Eindrücken dann am Abend gewesen wäre, wäre Mann egal gewesen. Hauptsache, Mann kommt auf seine Kosten! Dem steuerte ich mit aller Härte entgegen, indem ich mit Jeremy stur im Zimmer im 1. Stock einen Mittagsschlaf abhielt. Blöde Kommentare oder Bemerkungen hin oder her. Ich hatte Jeremy danach wieder und wir mussten «es» ausbaden! Mit der Zeit allerdings fing ich an, mich Stückchen um Stückchen immer etwas früher zu verabschieden. Schwer fiel es mir, sehr sogar, aber ich tat es. Und es war eines Sonntages, als ich durch einen Vorfall in dem Gefühl bestätigt wurde, dass Jeremy dem Kindsvater grundsätzlich «egal» war. Hauptsache, einmal mehr, Mann kommt auf seine Kosten.
Ich fuhr an jenem Sonntagmorgen, ganz normal (10.00 Uhr bei dem Kindsvater), mit Jeremy zu ihm. Doch niemand war da. Ich klingelte. Keine Antwort. Vor der Garage stand das Auto von Jeremys Patenonkel. Ich ging mit Jeremy auf die andere Strassenseite, zum Haus der Mutter des Kindsvaters. Wir waren noch nicht bei der Haustür angekommen, kam sie aus der Haustür und meinte, ihr Sohn und Jeremys Patenonkel wären noch nicht da. «Wo sind sie denn?» fragte ich etwas eisig. «Sie sind heute morgen zu einer Höhlenbesichtigung aufgebrochen. Ben hat aber gesagt, sie würden am Mittag wieder da sein.» In mir fing es an zu brodeln. «Und warum wurde ich nicht darüber informiert? Dann hätten wir nämlich auch später kommen können.» Ärgerlich sah ich sie an. Was sollte dieser ganze Mist? Sie konnte mir keine richtige Antwort geben, denn in diesem Moment fuhr das Auto von Melanie auf den Platz. Sie stieg aus und kam auf uns zu. «Was machst du denn hier?», fragte ich sie äusserst irritiert. «Ben hat mich gestern angerufen und gefragt, ob ich Jeremy hüten könne bis sie wieder, schätzungsweise am Mittag, von einer Höhlentour zurück sind», gab sie mir zur Antwort. Das haute mich nun definitiv aus den Schuhen. Melanie, sie, die ich schon seit gut 20 Jahren kannte, deren Freundschaft mir sehr viel bedeutete, deren Gesellschaft, Gespräche und Ausgänge ich immer sehr genossen hatte. Was hatte sie sich dabei bloss gedacht? Sie hatte selbst, mittlerweile erwachsene, Kinder (Jans Patenonkel war ihr Sohn) und stand jetzt da, in einer Seelenruhe. Wie wäre es gewesen, wenn sie mich gestern, nach dem Telefon mit dem Kindsvater, kurz angerufen und mich darüber informiert hätte? Sie kannte die Situation. In jenem Moment fühlte ich mich zutiefst hintergangen. Von allen. Auch von ihr. Ausgerechnet von ihr……
Ich sagte nicht mehr sehr viel. Doch eines war sicher: jetzt blieb ich hier! Jetzt wollte ich doch sehr genau wissen, wann sich die Herren dazu bequemen würden, von ihrem Ausflug zurückzukommen! Ich kümmerte mich um Jeremy, blieb mit ihm draussen und spielte und liess die anderen zwei wo sie waren. Der Mittag kam. Niemand kam. Es wurde 14.00 Uhr. Jeremy war noch am Mittagsschlaf. Niemand kam. Es wurde 15.00 Uhr. Immer noch niemand da. Kurz vor 17.00 Uhr fuhr der Kindsvater mit Jeremys Patenonkel im Auto daher. Ich war innerlich geladen, liess mir aber gegen aussen hin so wenig wie möglich anmerken. Melanie verabschiedete sich umgehend und sehr, sehr schnell, da die Stallarbeit rief und sie noch eine gute halbe Stunde Weg vor sich hatte. Meine Begrüssung verlief äusserst knapp und kalt. «Jetzt kannst du dich etwas sputen,» blaffte ich den Kindsvater an. «Wir werden um Punkt 17.45 Uhr wieder gehen. Das sind die Zeiten und die kennst du.» Kalt sah ich ihn an. Ich hätte ihm am liebsten einen kräftigen Tritt verpasst. So, dass er an die Wand geknallt wäre und dabei noch ein paar schöne Platzwunden und, wenn möglich, noch ein paar gebrochene Knochen davongetragen hätte. Diese Arroganz, diese Gleichgültigkeit Jeremy gegenüber. Uns beiden gegenüber.
Meine Begrüssung gegenüber Jans Patenonkel namens Patrick verlief ebenfalls äusserst knapp und kalt. Wir gingen wohl noch alle ins Haus der Mutter des Kindsvaters und unterhielten uns ein wenig in ihrem Wohnzimmer, doch mir löschte es fast ab. Schlussendlich kam es wie es kommen musste. Irgendwann fing die Schimpferei und Wetterei an. Ich wurde sowohl von dem Kindsvater als auch von dessen Mutter auf eine degradierende Art angefahren und beschimpft, die weh tat. Selbstverständlich liess ich das nicht auf mir sitzen und gab zurück. Patrick sass während dieser ganzen Zeit einfach nur da. Auf dem Stuhl. Sagte nichts. Seine einstigen Worte: «Nicole, wenn etwas ist oder wenn es Jeremy nicht mehr gut geht, helfe ich euch». Wo waren diese jetzt? Nirgends. Nichts. Nada. Im Endeffekt fing Jeremy an zu weinen, ich nahm ihn auf die Arme und verliess mit ihm fluchtartig das Haus. Setzte ihn in den Kindersitz. Nahm auf dem Fahrersitz Platz und fuhr los. So schnell wie es auf einer Quartiersstrasse eben ging. Weg. Nur noch weg. Jeremy in «Sicherheit». Ich in «Sicherheit». Wir beide in «Sicherheit».
Auf der Heimfahrt beruhigte sich Jeremy nach und nach wieder. Ich redete ihm gut zu. Hielt auf halbem Weg an, nahm ihn nochmals in den Arm und wartete bis seine Tränen noch ganz versiegt waren. Doch jener «Verrat», den ich empfand, war noch lange nicht vorbei. Und jene Tränen begleiteten mich an jenem Abend bis tief in die Nacht. Ich zog mich zurück. Von Patrick und von Melanie. Beide Freundschaften, die seit gut 20 Jahren Bestand hatten, veränderten sich für mich ebenfalls. Mein persönlicher Glaube an die Menschheit bekam erneut einen langen Riss.
Die allgemeine «Bedrängnis» mit Telefonanrufen von seiten des Kindsvaters störten mich sehr. Es gab Momente da nahm ich das Telefon nicht ab. Die Anrufe kamen trotzdem, immer und immer wieder. Einmal so penetrant, weil er irgendwo in der Nähe war und an einem Pouletstand ein Poulet gekauft hatte, das man jetzt zu dritt, gemäss seinen Worten, zum Abendessen essen könne. Ich traute ihm ganz und gar nicht über den Weg. Hin,- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Ruhe und dem Gedanken alles «richtig» zu machen, damit mir niemand etwas «anhängen» konnte, nahm ich sowohl Besuche von dem Kindsvater in Kauf als auch jene Gleichgültigkeit und Arroganz, die er mir gegenüber weiterhin zeigte. Es waren nicht viele Besuche und es gab einen, den ich in einer recht guten Erinnerung habe. Der Kindsvater baute mit Jeremy zusammen aus Bauklötzen und Eisenbahnschienen eine coole Eisenbahnlandschaft. Ich sass währenddessen auf dem Sofa und sah den Beiden zu. Das wäre das gewesen was ich Jeremy gewünscht hätte. Etwas, das «funktioniert». Eine Art von «Gemeinschaft».
Wenn der Kindsvater kam, gab es eine vorher von mir fix angekündigte und abgemachte «Besuchszeit». Doch dieses mehrmalige «extra Hinausschieben» und «extra langsam machen», wenn die Zeit vorbei war, nervte mich extrem. Den Kindsvater interessierte dies wenig. Ganz im Gegenteil, es kam mir immer so vor, als hätte er Freude daran. Hauptsache, ihm ging es gut und Hauptsache, er konnte danach wieder erneut hintenrum blöd über mich wettern. Ich war jedes Mal völlig kaputt, wenn ich nach seinen Besuchen wieder mit Jeremy alleine war.
Ein gemeinsames Sorgerecht gab es immer noch nicht, obwohl angefordert, und ich hielt auch weiterhin standhaft und erfolgreich dagegen. Ich bekam von einer Fachstelle Unterstützung diesbezüglich. Finanzielle Unterstützung von meinem Vater. Doch trotz allem, auf Empfehlungen von diversen Seiten hin, war der Gang in ein Anwaltsbüro schlussendlich unvermeidlich. Und dies war eine weitere sehr tiefe Krise. Ich sass in diesem Anwaltsbüro und fühlte mich irgendwo so «fehl» am Platz. In einem Albtraum. Es lief soweit alles glatt, alles wunderbar, nette Menschen. «Sie sehen etwas bleich aus», sagte mein Anwalt zu mir während des Gesprächs. Ach, wie TREFFEND bemerkt! Am Ende der einstündigen Besprechung sass ich im Treppenhaus des Gebäudes, das in den 1. Stock ins Anwaltsbüro führte. Der Glaube an das Gute, an das Gute im Menschen allgemein, war irgendwo weg. Eine Leere. Eine Starre. Und in all dem eine riesige Einsamkeit. Wohin sollte ich gehen? Ich wusste es nicht. Tränen traten mir in die Augen. Unverständnis für so Vieles. Und inmitten all dem der Wunsch nach Fairness, Gerechtigkeit und wenigstens irgendwo noch ein kleines «gemeinsames Ziel». Für Jeremy.
«Haben Sie niemanden zu dem Sie gehen können?», die Worte meines Anwaltes brachten mich jäh in die Realität zurück. Ich hob meinen Kopf, den ich in meine Ellbogen vergraben hatte. Ich hatte nicht gehört, wie er die Treppe hinunter gekommen war. In der Hand seine Aktentasche. «Doch, doch, ich bleibe einfach noch einen Moment hier sitzen.» Etwas verdattert sah ich ihn an. Tränen glitzerten auf meinen Backen. «Ich weiss, das sind keine schönen Angelegenheiten. Vieles müsste nicht sein.» Ich nickte wortlos. «Tun Sie sich noch etwas Gutes und gehen Sie danach zu ihrem Sohn. Er braucht Sie. Sie haben sich gegenseitig. Denken Sie daran. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Nachmittag und Abend!» Mit diesen Worten nickte er mir zu und verliess das Gebäude. Einen Moment sass ich noch da. Starrte vor mich ins Leere. Ich fühlte mich allein. Unendlich allein. Nicht hadernd mit meiner Entscheidung bezüglich einem selbstständigen Leben mit Jeremy führend. einfach nur unendlich allein und unverstanden. Unverstanden gegenüber meinen Idealen, meinen Zielen, meiner Art von Gerechtigkeit und meiner Arbeit und meinem Tun als Mama. Für Jeremy. In den vergangenen gut zwei Jahren. Und ein erneutes «Hintergangen worden sein» von dem Kindsvater. In jeglicher Art und Weise.
Jeremy in einem «Umfeld» lassen zu müssen, das, wie mir schien, von Verlogenheit und Verrat nur so strotzte, fiel mir unglaublich schwer. Und die Angst davor, dass er die gleichen, für mich miserablen, Charakterzüge wie die des Kindsvaters annehmen würde, sehr hoch. Das, was ich mir einst vorgestellt hatte bezüglich einer neutralen Akzeptanz und einem halbwegs fairen «Miteinander», auch in dieser neuen Situation, für Jeremy, krachte wie ein tosender Wasserfall in ein Nichts hinunter. Dies verletzte und machte mich ebenso wütend. Auch eine Art von Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht machte sich in mir breit.
Zu Rahel, der Schwester vom Kindsvater, zu der ich während meiner gemeinsamen Zeit mit dem Kindsvater nicht wirklich Kontakt hatte, entstand eine Freundschaft, die mich zuerst etwas überraschte. Wir beide hatten im Laufe der Zeit voneinander Charaktereigenschaften erzählt oder gehört bekommen, die doch einem sehr hohen Relativitätsfaktor unterworfen waren. Je nach Sichtweise kamen wir besser, in den meisten Fällen allerdings «schlecht» weg. Durch einen von Rahel geschriebenen, von dem Kindsvater diktieren, Brief an die Behörde fand unser erster richtiger Kontakt statt. Nämlich mit einem relativ aufgebrachten Telefon von mir an sie. Was folgte war ein erstes gemeinsames Gespräch. Vorsichtig, aber der Grundstein für eine sehr wertvolle vertrauenswürdige Freundschaft, die schnell zu wachsen begann und über all die Jahre Bestand hatte und immer noch hat.
Rahel war es, die mir sämtliche zusätzliche Unterlagen lieferte für die erste Gerichtsverhandlung, die im Endeffekt doch unvermeidlich wurde. Bepackt mit Ordnern und den nötigen Utensilien für eine Nacht kam sie eines Abends daher. Was ich zuerst als «Albtraum» empfand (Vertraulichkeiten, die vom Kindsvater schonungslos bis zur Unglaubwürdig,- und Unfähigkeit meinerseits in Worten zerrissen wurden), wurde, nach der ersten Runde, von einem Gefühl der Wut, Bitter-, und Trostlosigkeit, zu einer äusserst lustigen und amüsanten zweiten Runde. Mit zwei Gläsern Amaretto. Und sehr vielen gelösten Tränen des Lachens. Und Jeremy? Er schlief währenddessen ruhig und friedlich in seinem Bett. Ich war und bin Rahel für diesen Abend der Gesellschaft und der Unterstützung sehr, sehr dankbar. Und trotzdem konnte es dieser wertvolle Abend nicht verhindern, dass ich am Abend vor der ersten Gerichtsverhandlung über der Kloschüssel hing und erbrach was das Zeug hielt. Jeremy schlief, Gott sei Dank, selig in seinem Bett. Von Würgen geschüttelt, vermischt mit Tränen. Mein Magen drehte sich um, selbst als er schon längst leer war. Ich fühlte mich einsamer und verlassener denn je. Es war die Hölle…..und trotzdem: tief verborgen sagte mir immer noch eine leise Stimme: es ist der richtige Weg. Für dich. Für Jeremy. Für euch Beide.
Am Tag der ersten Gerichtsverhandlung fuhr ich am Morgen mit dem Zug ins Nachbardorf, wo diese stattfand. Ich fühlte mich leer und kreidebleich. Selbst dann noch als mir mein Anwalt aufmunternd zunickte. «Sie werden um die Besuchswochenenden und die Übernachtungen nicht herumkommen. Glauben Sie mir. Aber er wird Ihnen zahlen müssen. Und zwar Einiges mehr als bis jetzt. Schon alleine wegen des Vermögens.» Ich hatte das Gefühl, ich sässe in der Falle. Was war mit Fairplay, was war mit all meiner Erziehungsarbeit. Mit all den grundsätzlichen Werten von Ehrlichkeit, Anstand und Wertschätzung einem Menschen gegenüber? Kurzum: die als gemeinhin bezeichnete «Menschlichkeit»? Es ging mir nie ums Geld. War mir nie gegangen. In erster Linie ging es mir immer, und immer noch, um ein ehrliches, faires und irgendwo anständiges «Miteinander». Auch in dieser Situation. Für Jeremy. Gut drei Stunden: Fragen, Erklärungen, Kälte. Und das, wovor mir am meisten gegraut und ich nicht gewollt hatte: Wochenendbesuche, inkl. Übernachtung, gemeinsame Ferien. Das gemeinsame Sorgerecht hatte ich mittlerweile unterschreiben müssen. Keine vorhandenen Straftaten. Kein Strafverfahren. Also Unterschrift her. Menschlichkeit und Fairplay, nicht vorhanden. Ich fühlte mich von all meiner Erziehungsarbeit und überhaupt der ganzen Menschlichkeit beraubt, die mir stets am wichtigsten gewesen war und immer noch ist. Für Jeremy.
Es war der zweite Verhandlungstag. Ich stand am Morgen am Bahnhof und wartete auf den Zug. Plötzlich klingelte mein Natel. Mein Anwalt. «Guten Tag Frau Stacher, sind Sie schon im Zug?», fragte er. «Nein», antwortete ich, «aber er wird jeden Moment kommen. Warum?» «Sie müssen gar nicht erst einsteigen. Ich habe soeben eine Meldung bekommen: sowohl der Kindsvater als auch dessen Anwalt werden nicht beim Gericht erscheinen.» «Was????», schrie ich verdattert ins Telefon. «Es tut mir sehr leid und ich persönlich finde das kein sehr gutes Zeugnis. Für Beide nicht.» «Aber was wird jetzt? Was geschieht jetzt?» Eine leise Verzweiflung machte sich in mir breit. «Jetzt wird wohl alles über den Richter laufen. Ich kann Ihnen nicht sehr viel mehr sagen. Doch halte ich Sie auf dem Laufenden.» «Okay, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.» «Das wünsche ich Ihnen ebenfalls. Es tut mir wirklich leid.» Er hätte mir wohl noch etwas Tröstendes sagen wollen, doch wusste er nicht wie. «Danke», erwiderte ich stattdessen und hängte auf. Diese Arroganz. Diese Verlogen,- und Feigheit. Und niemand, so hatte ich das Gefühl, sah das was ich geleistet hatte…...und diese noch kleinen Geschwüre in meiner Gebärmutter wuchsen weiter……
Noch bevor das ganze Gerichtsverfahren durch war (Ende April 2018) hatte ich per Ende Juli 2016 meinen Job bei der Versicherungsgesellschaft verloren gehabt. Grund: Umstrukturierung. Teilverlegung nach Winterthur. Dies war ein harter und bitterer Schlag gewesen. Tun und Lassen, was ich als Frau wollte, konnte ich nicht mehr. Ich war eine alleinerziehende Mutter eines 4-jährigen Jungen, der mich brauchte. Und dessen Verantwortung ich trug. Mit all meinem Tun. Wohl war ich noch bis fast bis zum Ende des Jahres temporär beschäftigt gewesen, doch irgendwann kommt der letzte Tag. Und dieser war auch gekommen. Was jetzt?
Mein Vater war der erste gewesen, der von meiner Kündigung erfahren hatte. Jeremy war an jenem Tag im Kinderhort gewesen (ich hatte ihn nicht ganz vom Kinderhort abmelden wollen, hatte aber auf einen Tag «verzichtet». Alles in Hinblick auf eine zukünftige neue Arbeitsstelle). Es wäre für mich ein normaler Arbeitstag gewesen. Ich hatte meinen Vater angerufen und er hatte sehr schnell gemerkt, dass etwas nicht gestimmt hatte. Noch im Zug unterwegs, allerdings auf der Heimfahrt, hatten wir uns bei meinem Elternhaus verabredet. Ich würde mit dem Auto zu ihm fahren. Gesagt, getan. Eine Welt war zusammengebrochen. Tränen der Wut und einer bitteren Enttäuschung. Ich war «durchgestartet», innert kürzester Zeit hatte ich mein neues Leben mit Jeremy aufgebaut gehabt. Ich hatte einen neuen Weg, mit Jeremy. Gehabt. Worte waren im ersten Moment nicht nötig, das Hemd meines Vaters war am Ende nass gewesen. Von meinen Tränen. Und ich total erschöpft und niedergeschlagen. «Du musste es Mam sagen. Je schneller du das machst, umso schneller hast du es hinter dir.» Bedacht, nachdenklich und mitfühlend. Dabei verstohlen eine eigene Träne abwischend. «Und dann, was höre ich dann? Du hättest dich weiterbilden sollen, du hättest dies, du hättest das und jenes machen müssen. Was hast du dir dabei nur gedacht?» Verzweifelt und zugleich trotzig hatte ich meinen Vater angesehen. «Ich weiss.» Schwere hatte in der Luft gelegen. Eine erdrückende Schwere. «Sollen wir es gemeinsam machen?», fragend hatte er mich angesehen. «Nicht jetzt Paps, nicht heute…..» Er hatte sich geräuspert. «Nicole, im Moment geht es mir gesundheitlich gut. Du kannst es nicht ewig für dich behalten. Auch wenn deine Welt und die Welt von Mam nicht sehr gut miteinander übereinstimmen und in der Vergangenheit übereingestimmt haben: sie hat ihr Bestes getan. Und sie ist deine Mam. Sie wird es erfahren. Und es ist besser, sie erfährt es von dir. Ich begleite dich und wenn wir das jetzt gemeinsam machen dann haben wir es hinter uns.» Es war einleuchtend gewesen und ich hatte das gewusst. Ich hatte auch gewusst, was er gemeint hatte und ihm recht gegeben. «Also gut, dann fahren wir zu mir. Sie kommt noch kurz vorbei. Wenn ich mit Jeremy zu Hause bin und ihn vom Kinderhort abgeholt habe. Es wäre ja heute mein Arbeitstag gewesen und sie arbeitet ja auch noch.»
Und so hatten wir uns auf den Weg zu mir nach Hause gemacht. Auf der Fahrt hatten wir besprochen, wie wir vorgehen sollten. Mein Vater hatte gemeint, ich müsse überhaupt nichts sagen. Er würde meine Mutter «abfangen», mit ihr einen kleinen Spaziergang durch das Dorf machen und mit ihr reden. So bekäme zum einen Jeremy nichts von all dem mit, zum anderen könne ich mich ganz normal um ihn kümmern, mit ihm zu Abend essen und ihn zu Bett bringen.
Meine Mutter war sehr überrascht gewesen, als sie meinen Vater gesehen hatte. Und mir selbst war es fast etwas «komisch» vorgekommen. Meine Eltern, gemeinsam in meiner Küche. Seltenheitswert. Sie hatte ihren Ex-Mann begrüsst, ihren Enkel, dann mich. Ich hatte mich total erschöpft gefühlt. Mein Vater hatte das Ganze ziemlich schnell in die Hand genommen. Seine Worte waren kurz gewesen. «Ich muss etwas mit dir besprechen. Am Besten machen wir einen kleinen Spaziergang und lassen Nicole und Jeremy ihre Dinge erledigen. Was meinst du dazu?» Meine Mutter war etwas verdattert gewesen, was ich wiederum ebenso verstanden hatte. Sie hatte zuerst nicht so recht gewusst, was sie hätte sagen sollen. Mein Vater hatte sie abwartend angesehen. «Äh, nun ja, gut…..». Sie war argwöhnisch gewesen. Ein altvertrauter Blick, begleitet mit einer Spur Kälte in den Augen.
Ich weiss bis heute nicht, was genau die Beiden an jenem Abend auf ihrem Spaziergang miteinander besprochen haben. Das Einzige, was ich gefragt hatte, als sie nach einer guten Stunde wieder in meine Wohnung getreten waren, war gewesen: «Und?» «Nun, es ist so wie es ist.» Der trockene, sachliche Kommentar meiner Mutter. Danach eine Hand auf meine Schulter. Das war es gewesen. Anschliessend hatten sich Beide recht schnell von uns verabschiedet und jeder und jede war wieder seines Weges gegangen. Ich hörte nie mehr auch nur einen einzigen Kommentar dazu.
Erneute Anmeldung beim Regionalen Arbeitsvermittlungsbüro (RAV) und Bewerbungen schreiben. Das Ganze wieder von vorne. Mit Teilerfolg. Im Juli 2017 hatte ich angefangen Werbezeitschriften auszutragen. Stundenweise, aber immerhin etwas. So bekam ich wenigstens etwas länger Taggeld. Mitte März 2018 waren diese Taggelder aufgebraucht. Doch den Job als Zustellerin hatte ich weiterhin. Und ich hatte auch Zeit gehabt, mit Jeremy das Muki-Turnen zu besuchen. Einmal in der Woche, jeweils Donnerstag morgens. Mit dabei seine kleine Freundin vom Kinderhort Rapunzel und deren Mama, zu der ich immer noch Kontakt habe. Ihre Tochter und Jeremy hatten später zusammen die 1./2./3./4./5. Klasse besucht gehabt sowie jetzt noch die 6.
Mitte August 2017 trat Jeremy in den 1. Kindergarten, zu den «Tüpflis», ein. In der letzten Sommerferienwoche, Jeremy und ich waren im Dorf unterwegs und kamen an einem Haus mit Garten vorbei, sprang uns plötzlich eine Junge entgegen, blieb vor dem Gartenzaun stehen und meinte zu Jeremy: «gell, du heisst Jeremy und kommst auch in den Kindergarten.» Jeremy sah mich irritiert und hilfesuchend an und auch ich wusste nicht, was ich jetzt sagen sollte. Ich kannte diesen Jungen ja gar nicht. Plötzlich traten die Eltern des Jungen aus dem Haus und kamen an den Gartenzaun. Sie hatten die Worte ihres Sohnes gehört. «Wirklich? Kommt ihr zusammen in den Kindergarten?», fragend sah ich die Beiden an. «Ich weiss es nicht. Wir werden sehen», gab mir der Vater lächelnd zur Antwort. «Nun ja, also ich bin die Mutter von Jeremy und wie ihr Sohn schon treffend bemerkt hat, ist das Jeremy und er kommt nächste Woche in den Kindergarten.» Wir plauderten noch kurz über Belangloses, danach spazierten Jeremy und ich wieder nach Hause. Doch der Junge behielt recht: die beiden Jungs trafen sich am ersten Kindergartentag wieder und Jeremy und er wurden innert kürzester Zeit die besten Freunde. Liefen miteinander in den Kindergarten und lachten viel. Ich war sehr dankbar dafür und freute mich für Jeremy. Ein Freund für ihn.
Am Abend vor Beginn des ersten Kindergartentages, als Jeremy friedlich in seinem Bett schlief (ich musste ihn zwar zuerst noch etwas «beruhigen», da er, sehr typisch für ihn, über Bauchweh klagte. Etwas Neues, noch Unbekanntes. Das schlägt auf den Magen. Bis heute), sass ich gedankenverloren in der kleinen Küche am Küchentisch. Morgen würde es nun also losgehen. Eintritt ins Schulsystem. Vor meinem geistigen Auge ging ich nochmals kurz die Untersuche im Kinderspital durch, die wir, aufgrund von Jeremys Frühgeburt, in den vergangenen Jahren hatten machen müssen. Die regelmässigen Physiotherapiestunden aufgrund seiner plötzlichen Versteifung, dann die Ablösung von der Physiotherapie zu den regelmässigen Hausbesuchen der Frühförderung, einer Dame namens Anja Winter, die vor den Sommerferien zum letzten Mal bei uns gewesen war. Sie hatte Jeremy zur Förderung seiner motorischen Fähigkeiten unterstützt, und er hatte sich immer auf ihre Besuche gefreut. Auch hatte Jeremy das Wort «Velo» lange nicht richtig aussprechen können und hatte dieses Gerät als «Levo» bezeichnet. Nun war er fünf Jahre tagtäglich um mich gewesen (abgesehen von den Stunden im Kinderhort und die Stunden bei dem Kindsvater) und wir hatten doch schon sehr viel miteinander erlebt. Morgen nun würde er seine Füsse in die «Aussenwelt» setzen. Ein anderes, neues «Loslassen» würde für mich beginnen. Was würde wohl alles kommen? Wie «streng» würde dann die Schulzeit sein und werden? Ich schüttelte leicht den Kopf. Nun, wir werden sehen. Doch trotz den Fragen freute ich mich auch für Jeremy. Kinder. Ablenkung. Ein neues Kapitel. Auch für ihn. Langsam erhob ich mich vom Stuhl und schaute aus dem Küchenfenster. Es war still. Der Tag hatte sich verabschiedet. Draussen wurde es dunkel. Mit einem leichten Seufzer wandte ich mich vom Fenster ab. Geh schlafen meine Liebe…..
Der nächste Morgen kam. Meine Mutter kam ebenfalls. «Es ist nicht so leicht, wenn die Kinder gehen», hatte sie mir ein paar Tage zuvor am Telefon gesagt. «Ich komme zu dir. Falls du plötzlich Probleme bekommst, wenn du da alleine in der Wohnung stehst.»
Mit einem sanften Kuss auf die Backen weckte ich an jenem Morgen Jeremy. Er war bereits halb wach gewesen und schaute mich nun noch etwas aus leicht verschlafenen Augen an. «So, heute geht es nun los! Schauen wir mal, ob du den Jungen siehst, den wir letzte Woche am Gartenzaun getroffen haben!» Aufmunternd sah ich in seine noch leicht verschlafenen Augen. Er nickte. Danach stand er auf und ich half ihm beim Anziehen. Wir waren in der Küche beim Morgenessen (Jeremy hatte am Morgen nie grossen Hunger und Müesli schmeckte ihm nicht. Also schnitt ich die Früchte separat, dazu ein Glas Milch mit einem frisch gepressten Orangensaft), als es an der Haustür klingelte. Meine Mutter kam. Jeremy meinte erneut zu mir, er hätte wieder «Bauchweh». «Bist du nervös oder vielleicht etwas aufgeregt?» Lächelnd sah ich ihn an. Er nickte. «Glaub mir, das geht vorbei. Freue dich auf das, was jetzt kommen wird. Du wirst viele neue Kinder sehen. Doch das kennst du ja schon vom Kinderhort, oder nicht?» Wieder ein Nicken. Sanft legte ich ihm meine Hand auf seine Schultern. Danach drückte ich ihn kurz, aber fest, an mich. Es geht, mein Kleiner, es wird gehen, war die Botschaft dahinter. Anschliessend lächelte ich ihn erneut an. Zaghaft lächelte er zurück. Ein aufmunterndes Nicken meinerseits als Antwort. Ich ging zur Wohnungstür, drückte auf den Knopf der die Haustür öffnete, und wartete bis meine Mutter bei uns im 3. Stock stand. Nach der Begrüssung blieb nicht mehr sehr viel Zeit, denn um 8.00 Uhr ging der Kindergarten los. «Freust du dich auf die Kinder?», fragte meine Mutter Jeremy. Dieser nickte. Leicht verhalten.
Und so machten Jeremy und ich uns eine gute Viertelstunde später auf den Weg. «Bepackt» mit Znünitäschli, ein Geschenk von Jeremys Patentante Finia, mit dem obligaten Znüni drin (nichts Süsses!). Meine Mutter begleitete uns ein Stück, kehrte dann aber wieder um und wartete in der Wohnung auf mich. Natürlich musste dieser erste Kindergartentag fotografisch festgehalten werden und so gab es, bevor wir uns auf den Weg machten, zuerst noch ein ordentliches Fotoshooting. Auf dem Weg knipste ich ebenfalls noch ein paar Mal auf den Auslöser, später im Kindergarten noch ein paar wenige Male. Es war den Eltern gestattet, an diesem ersten Kindergartentag noch eine gewisse Zeit im Kindergarten zu bleiben. Danach wurden wir freundlich aber bestimmt «hinausgeworfen», was ich durchaus verstand. Es war der Anfang von Jeremys eigenem Weg.
Wieder zu Hause angekommen erwartete mich meine Mutter in der Küche. Schon der kurze Weg zurück zu meiner Wohnung kam mir komisch vor. Kein Kind mehr an deiner Seite, keine kleine Hand mehr in deiner. Nun, das ist der Lauf des Lebens….es war gut so. Ich freute mich auf meine vermehrt eigene Zeit für mich. Und doch: eine leise Wehmut erfüllte mein Herz. Wir waren nun in einem «System», das uns ein paar Jahre begleiten würde. Was käme wohl alles? Nicht bloss was die Schule anbelangte…..auch das Leben.
Wieder zurück in meiner Wohnung, noch bevor ich in die Küche trat wo meine Mutter wartend am Tisch sass, kam es mir einen Moment «leer» vor. Kein Kind, keine Kinderschritte, kein Lachen. Zumindest für ein paar Stunden. Langsam lief ich den kurzen Gang entlang, der in die Küche führte, und trat schliesslich ein. «Und, alles gut gegangen?», fragend sah mich meine Mutter an. Ich nickte. Es ging mir gut. «Wie geht es dir?», fragte sie weiter. «Gut soweit. Es kommt mir im Moment etwas leer vor.» «Ja, das kann einem schon etwas den Boden unter den Füssen wegziehen. Das ging mir bei Sarina und dir genau so. Es ist nicht leicht, loszulassen. Das ist der Anfang davon.» Loslassen musste ich schon viel früher, ging es mir durch den Kopf, doch sagte ich nichts, sondern nickte leicht. Auf eine solche Diskussion mit meiner Mutter hatte ich jetzt keine Lust. Wir redeten nicht mehr lange. Sie verabschiedete sich alsbald und fuhr wieder nach Hause. Ich sass noch etwas in der Küche. Schaute vor mich hin. Ja, das System hatte uns jetzt. Und der Beginn von Jeremys eigenem Weg. Mach es gut, mein Kleiner! Ich bin da und werde IMMER da sein…..
An diesem ersten Kindergartentag war ich auch dem Kindsvater begegnet. Ich hatte ihn kaum bis gar nicht ansehen gemocht. Dieses, für mich, scheinheilige Getue, dieses Gesülze, diese Grosskotzigkeit, nicht mir sondern den Lehrpersonen gegenüber, hatte mir abgelöscht. Ich hatte es wahrlich einfach nur zum kotzen gefunden. Ebenso hatte ich wenig später enorm Mühe damit, wenn er mit seiner Mutter Jeremy im Kindergarten besuchen ging. Mehrmals. MIT SEINER MUTTER! Was sollte dieser ganze verdammte «falsche» Mist?! Ich begleitete Jeremy wohl am Anfang immer ein kleines Stück weit, danach holte er seinen besten Freund Lukas ab. Auch besuchte ich ihn an den «speziellen» Kindergartentagen (z. B. Theatervorstellung) oder wenn ein Besuchstag stattfand. Auch meine Mutter hatte diese kleine Theatervorstellung besucht. Aber sie war NIE im Kindergarten während den normalen Unterrichtszeiten. Ich liess meinem Unmut darüber freien Lauf. Doch bekam ich sehr schnell das Gefühl, dass ich von seitens der Lehrpersonen leicht «schräg» angesehen wurde. Man sagte mir zwar, man würde schon einen Riegel schieben, wenn es zu viel vorkommen würde, es wäre doch aber auch irgendwie schön, wenn die Grossmutter käme, um ihren Enkel zu besuchen. Mein Gott, ihr habt wirklich KEINE Ahnung! Ich wusste nicht wie und was ich für einen «Beweis» liefern konnte, der dieses für mich so intrigante falsche Spiel «aufzudecken» vermochte. Dem Kindsvater ging es nicht um Jeremy. Ihm ging es darum, mich in aller Öffentlichkeit als «blöd» und «unfähig» hinzustellen. Und was für ein «Armer» er doch sei. Ich wäre einfach davongelaufen. Ich wäre «das Problem» gewesen. Und wäre es immer noch. In einem System, von dem ich selbst ein Teil war, versuchte ich mir Gehör für Werte zu verschaffen, die nichts mit Zahlen zu tun hatten. Doch je weniger ich das Gefühl hatte als Mensch gehört und verstanden zu werden, umso mehr fing ich innerlich an zu hassen.
Wenn ich im Verlaufe der Jahre von Jeremy erzählt bekam, was der Kindsvater vor ihm über mich sagte, wurde ich wütend. Es waren keine wertschätzenden Dinge und einmal schrieb ich dem Kindsvater daraufhin ein Mail mit den Worten, wenn er und seine Mutter schon über mich wettern und schimpfen würden, könnten sie das gefälligst dann tun, wenn Jeremy nicht dort wäre. Ich erhielt nie eine Antwort darauf. Und als ich irgendwann im Verlaufe der Jahre von Jeremy erfuhr, dass der Kindsvater ihn eine Zeitlang immer wieder darauf ansprach, ob er nicht bei ihm wohnen wolle, hasste ich noch mehr. Ich führte etliche Gespräche mit den Beiständen-/innen von Jeremy, die im Verlaufe der Jahre kamen und wieder gingen (mittlerweile sind wir bei der 6. Person!). Und es kam mir jedes Mal, ausser bei den letzten beiden, so vor, als trete ich an Ort und Stelle. Am Anfang hiess es es wäre nicht ihr Auftrag. Sie wären nur beratend. Als dann Ende April 2018 der Gerichtsentscheid kam, hiess es, sie hätten jetzt den Auftrag zu schauen, dass die Besuchsregelung eingehalten werde. Gesehen als Mensch, verantwortlich, für mich sehr wichtig erscheinende grundlegende Werte wie Respekt, Anstand, Fairplay und wenigstens irgendwo noch Wertschätzung, fehl am Platz. Ich kam mir von jeglicher behördlicher Seite einfach nur komplett «verarscht» vor. Ein «Niemand». Und während der Kindsvater seine grossen Reden schwang und damit auch «Erfolge» verzeichnen konnte, Jeremy versuchte mit jeglichem Materiellem «zu kaufen» und mich in der Öffentlichkeit weiter als «blöd» und «überfordert» hinstellte, stand ich mit meinen Werten da. Allein auf weiter Flur. So kam es mir vor. Niemand «kämpfte» mit mir. Ich kämpfte allein. Ich hasste allein. Und ich hätte Jeremy und mir, als seine Mama, so vieles Andere gewünscht.
Und doch gab es jemanden, der da war. Jana, die ich mit Jeremy weiterhin besucht hatte und besuchte. Sie litt mit mir mit. Sie war es, die mich immer wieder sowohl mit Fachwissen als aber auch mit Menschlichkeit aufbaute, damit ich meinen Weg mit Jeremy, von dem ich nach wie vor überzeugt war, fortsetzen konnte. Und ein weiterer Mann tauchte auf, der regelmässig mit Jeremy «arbeitete». Ihr Lebens- und Geschäftspartner Roman Felder. Beide gaben mir, trotz all jenen grauen, kalten und einsamen Stunden, einen Halt. Auch wenn ich es nicht immer sah, vor allem dann, wenn ich alleine war, und mich von einer Welt verlassen fühlte die nichts mehr mit Menschlichkeit zu tun hatte. Doch Jana und Roman, sie waren da, einfach nur da. Und genau so oft wie ich einst bei Janas Mutter geflucht, geschimpft und Worte in den Raum geschleudert hatte, die vor Kälte nur so strotzten, sassen beide da und warteten in einer Seelenruhe, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Ihre für mich sehr wertvolle Arbeit lag nicht darin, mich zu «belehren», in irgendeiner Weise. Es war ihr stiller Anteil an meiner und Jeremys Geschichte. Ihr Da-Sein. Ihr Mensch-Sein. Wie gerne hätte ich oftmals, im Verlaufe all meiner Jahre, mit und ohne Jeremy, das Schlechte, das Unschöne, begleitet von Gefühlen des Versagens, der Traurigkeit, der Mutlosigkeit, der Angst, der Wut, des Widerstandes und der Erschöpfung einfach «abgegeben». Doch ging und geht das nicht. Auch wenn es noch so schön gewesen wäre und ist. Nicht einmal mit dem Glauben und dem Hoffen, dass durch das Reden das Ganze einfach weg ist. Im Endeffekt triffst oder musst du eine Entscheidung treffen. Und du triffst sie jedes Mal für dich ALLEIN. Egal ob als Single oder in einer Beziehung. Abnehmen kann dir niemand etwas. Die Schlussentscheidung trifft und MUSS auch jeder und jede für sich selbst treffen. Und ebenso dafür gerade stehen. Mit der «Ernte», in der, wenn man genau hinschaut, immer eine Erkenntnis steckt. Das nennt man Leben.
«Bis bald», zwei Worte. Still. Vertraut. Nicht «regelbar». Sie waren mitgekommen und waren da. Immer noch. Es war an einem Sonntag, Jeremy war bei dem Kindsvater gewesen, als mir plötzlich der Gedanke gekommen war, ich könnte mal bei Mark vorbeischauen. Es waren mittlerweile ungefähr sechs Jahre vergangen seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Dieser Abend. Damals. «Bis bald». Mit einem mulmigen Gefühl war ich zu Mark gefahren. Je näher ich dem Haus gekommen war umso bedrückter war ich irgendwie geworden. Ein Lachen auf meine Lippen zu zaubern war mir enorm schwer gefallen. Wegen einst diesem «bis bald» war das geschehen, was geschehen war. Ich hatte nicht bloss Freude empfunden, Traurigkeit und Bitterkeit waren ebenso präsent gewesen. Neu, etwas das ich sonst all die Jahr nie mit Mark verbunden gehabt hatte. Ich war auf den Parkplatz gefahren. Hatte dabei das Auto von Mark dastehen sehen. Hatte den Motor abgestellt. Hatte den Zündschlüssel aus dem Schloss gezogen. War einen Moment im Auto sitzen geblieben. Nervös, trotz allem. Keine Frage. Langsam hatte ich die Autotür geöffnet. Langsam war ich ausgestiegen. Langsam hatte ich die Autotür wieder geschlossen. Ebenso langsam war ich zur Haustür gelaufen. Hatte die Treppenstufen gesehen. Einst, vor Jahren, hatten wir dort gesessen. Nebeneinander. Unsere Schultern hatten sich immer wieder leicht berührt. Vertraut. «Zusammen». Jetzt war ich Mama und das Leben hatte seinen Lauf genommen. Wie würde es jetzt sein?
Ich hatte meine Schultern gestrafft und den Klingelknopf, der mit Marks Name angeschrieben gewesen war, gedrückt. Sekunden waren vergangen. Was «da» war war immer noch «da». Trotz allem. Aber ohne wirkliches Lächeln. Plötzlich hatte ich im Treppenhaus Geräusche gehört. Schritte, die näher gekommen waren. Mein Magen hatte sich zusammengezogen. Ein paar Sekunden später hatte sich der Knopf der Eingangstür gedreht. Die Tür hatte sich geöffnet. Vor mir war Mark gestanden. «Hey, das ist aber eine freudige Überraschung! Was machst du hier? Wie geht es dir?» Strahlend hatte er mich angesehen. Eine Art von Erleichterung hatte mich erfasst. Doch ebenso war da auch eine gewisse Schwere gewesen. Kein Lachen wie einst einmal. Ein Lachen ja, nur anders. «Hallo, ich war gerade in der Gegend und dachte mir, ich schau mal bei dir vorbei.» «Das freut mich sehr. Wie geht es dir?» Es war schwer geworden. «Soweit gut, danke. Ich bin Mama.» «Oh, schön!» Leicht überrascht. «Ich bin eine alleinerziehende Mama.»
Ich hatte genau gemerkt wie sich der Kloss, der sich über all die Jahre in denen wir uns nicht gesehen hatten, angefangen hatte zu lösen. Und ebenso hatte ich gemerkt wie sich Tränen binnen Sekunden gebildet und mir leise die Backen hinuntergerollt waren. Ich weiss nicht mehr, wer wen zuerst mit einem festen Ruck an sich gedrückt hatte und wie viele weitere Tränen mir, unter Schluchzen und Würgen, die Backen hinuntergelaufen waren. «Wieso hast du dich nicht mehr gemeldet», war das, was ich noch herausgebracht hatte, während Marks T-Shirt an den Schultern von meinen Tränen nasser und nasser geworden war. Sein Lachen war verschwunden gewesen. Er hatte mich festgehalten. Richtig festgehalten. Und ich hatte dabei gemerkt, dass auch ein paar Tränen von ihm auf der Schulter meines Shirts gelandet waren. Das war ich gewesen, nicht als Mama, sondern als Frau. Als Nicole. Als ein Mensch, der dieses «Bis bald» so viele Jahre in sich getragen hatte. Eine Sehnsucht stets dabei, ein Vermissen nach diesem «Seelenband», das keine Worte brauchte und nie gebraucht hatte. Dieses ganze «Stark sein» und dieses «Kämpfen» all die Jahre war nun wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen. In den Armen von Mark.
Wie lange wir auch immer so dagestanden hatten, ich weiss es nicht mehr. Irgendwann hatten wir uns voneinander gelöst. «Dein T-Shirt ist ganz nass», hatte ich zu ihm gesagt und dabei auf den grossen nassen Fleck seiner Schulter geschaut. «Ist egal, das kann man alles waschen», war seine Antwort gewesen. Jetzt hatte ich ihm in die Augen gesehen, während er über seine feuchten Augen und seine Backen gestrichen war. «Wie heisst dein Kind?» hatte er mich gefragt und mich dabei angesehen. «Jeremy. Ein Junge. Doch lief alles nicht so wie es hätte sein müssen.» Er hatte genickt. Wir hatten uns nicht auf die Treppenstufen gesetzt und ich war auch nicht in seine Wohnung gegangen. Wir waren dagestanden und in kurzen Worten hatte ich über meine vergangenen Jahre erzählt. Er hatte schweigend zugehört. Seine Betroffenheit war ihm anzusehen gewesen. Und doch war das «da», was eben immer schon «dagewesen» war.
Nach einer guten halben Stunde hatten wir uns wieder voneinander verabschiedet. Ein «bis bald» hatte es jetzt nicht mehr gegeben. Leise. Still. Vertraut. Das war es jetzt. Und wieder vermehrten Kontakt. Auch Jeremy sah Mark ein paar Mal, da er uns auch besuchen kam. Die einstigen Gespräche kamen zurück, das für mich «vertraute» Gefühl ebenso. Und doch stand unsere Verbindung, so schien mir, jetzt unter einem etwas anderen Stern. Ich war nicht mehr «nur» Nicole. Ich war auch Mama. Und jene Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, hatten seine Lebensgeschichten geschrieben.
Eines Tages sagte Jana plötzlich sehr vorsichtig zu mir: «Du musst aufhören zu hassen. Ich weiss du hast mir erzählt, wenn du den Kindsvater blutend am Strassenrand sehen würdest, würdest du lachen. Vielleicht würdest du ihm sogar noch einen extra Schlag ins Gesicht verpassen. Das verstehe ich. Nur zu gut. Doch dieser Hass hält dich von deinem eigenen Weg mit Jeremy ab. Und ich weiss, du weisst das. Und ich weiss auch, dass du weisst, dass das für Jeremy nicht gut ist auf Dauer.» Ihre Worte gefielen mir ganz und gar nicht! Das wollte ich nicht hören…...und trotzdem wusste ich, dass sie recht hatte. Und das machte mich für den Moment wieder wütend. Doch anstelle erneut in einen Gefühlsstrudel der Wut zu geraten, sackte ich im Stuhl zusammen. Erschöpft und widerwillig nickend. Verdammt, das wusste ich selbst!!!! Die Lösung dieses «Problems» erfolgte sehr rasch. Und zwar beim nächsten Treffen. Ohne Jeremy. Ich wägte immer sehr genau ab, wann ich ihn mitnahm und wann nicht. Standen solche «Themen», wie gerade eben erwähnt, an, wurde er von meiner netten italienischen Nachbarin, die im gleichen Haus wie wir, wohnend im Parterre, betreut. Jeremy und sie verstanden sich blendend, wurde er von ihr doch immer sehr liebevoll „ihr Schatzili“ genannt.
Jana hatte Papier und Buntstifte dabei. «So,» entschlossen legte sie den Zeichenblock auf meine Knie. «Nimm dir irgendeine Farbe und erzähle mir was du fühlst. Male dabei. Fluche. Wettere. Lass alles raus. Und male. Schön muss es nicht sein. Aber raus damit! Mit Allem! Hau rein!» Verhalten sah ich sie an. Auf «Kommando», nun ja, das kam mir jetzt doch etwas komisch vor. Und mein äusserst scharfer Verstand meldete sich auch gleich, indem ich mir überlegte was ich malen sollte. Ich hatte den Freipass, alles rauszulassen doch wusste ich wahrlich zuerst nicht wirklich wie. Unschlüssig sass ich auf dem Stuhl, den Zeichenblock auf meinen Knien, mit einem schwarzen Buntstift in der Hand. Und jetzt? Jana gab mir ein paar vorsichtig formulierte Worte als Start. Und ich merkte wie es anfing, innerlich zu brodeln. Und jetzt lief es. Es war eine schwarze grässliche Zeichnung. Undefinierbar, aber mit so vielen Fluchwörtern und Fluchsätzen begleitet, die Jana doch recht sprachlos zurückliess. Aber am Ende war es draussen. Und ich kaputt. Ein «Seelenklumpen» weniger.
Doch das Geschwür in der Gebärmutter wuchs weiter …
Ab dem 1. September 2018 trat der Gerichtsentscheid in Kraft. Es gab keine weiteren Verhandlungen mehr, nachdem der Kindsvater und sein Anwalt an dem 2. Verhandlungstag nicht erschienen waren. Ich fühlte mich erneut hintergangen und betrogen. Auf eine miese Art und Weise. Und das, was ich ein paar Jahre erfolgreich «vermeiden» hatte können, kam jetzt doch: die Wochenendbesuche inkl. Übernachtung und gemeinsame Ferien mit dem Kindsvater. «Es hat auch seine Vorteile. Du musst nicht jeden Sonntag zu ihm. Du hast mit Jeremy jedes 2. Wochenende für euch zwei.» Rahel sah mich aufmunternd an. Ich sass mit ihr am Tisch bei ihr zu Hause. Ihre Worte überzeugten mich herzlich wenig. Ich traute dem Kindsvater in KEINSTER Weise über den Weg. Und ich hatte auch Angst davor, dass der Kindsvater Jeremy nicht bloss ein Gefühl der Gleichgültigkeit mir gegenüber vermitteln, so wie er es bei mir im Verlaufe unserer gemeinsamen Zeit getan hatte, sondern ihn auch mit Worten gegen mich «aufhetzen» würde. Auf eine Art und Weise, die er bereits schon getan hatte. Was die Aufsichtspflicht gegenüber Jeremy anbelangte, auch da vertraute ich dem Kindsvater in keinster Art und Weise. Eines von noch anderen Beispielen, die im Verlaufe der Jahre folgten: Roller fahren, Jeremy hinter ihm sitzend mit VELOHELM! Sie waren Gott sei Dank von der Polizei aufgehalten worden und der Kindsvater hatte umgehend mit Jeremy nach Hause fahren müssen. Wegen Fahrlässigkeit.
Die zweite «bittere Pille» von diesem ganzen Gerichtsentscheid waren diese «zusätzlichen Besuchszeiten». Erstens: jeden Mittwochnachmittag würde Jeremy zusätzlich in Zukunft bei dem Kindsvater sein, da er sein Arbeitspensum seit einer ganzen Weile reduziert gehabt hatte. Zweitens: nach einer gewissen «Eingewöhnungsphase» würde der Kindsvater Jeremy bereits am Freitagabend abholen. Nicht mehr erst am Samstag. Es war noch bei der ersten Gerichtsverhandlung gewesen, als ich mehrfach darauf aufmerksam gemacht hatte, dass das doch irgendwann gar nicht mehr «aufgehen» würde. Zum einen wegen der Schule (je höher die Klasse umso weniger freie Nachmittage, inkl. mehr Hausaufgaben und weniger Freizeit), zum anderen wegen den sozialen Kontakten. Abmachen mit Schulkameraden,-innen? Freizeitaktivitäten (Sportverein, Pfadi...)? Je älter umso wichtiger….. Nichts, gar nichts von dem wurde berücksichtigt.
Um mir keinen Unterhaltsbeitrag zahlen zu müssen, hätte der Kindsvater liebend gern gehabt, wenn Jeremy in seine Obhut gekommen wäre. Noch bei der ersten, und einzigen, Gerichtsverhandlung hatte sein Anwalt von den Vorzügen des Hauses, des Gartens, überhaupt des ganzen Platzes gesprochen. Mein Anwalt hatte mir zwar im Voraus versichert gehabt, dass ich mir deswegen keine Sorgen machen müsse. Ich wäre die erste Bezugsperson von Jeremy. Ich wäre seine Mutter. Ich hätte für ihn gesorgt, mich um ihn gekümmert. Gut gekümmert, bis jetzt und weiterhin. Doch auch hier traute ich dem Kindsvater keinen Millimeter über den Weg. Doch Jeremy blieb in meiner Obhut. Er würde bei mir leben. Weiterhin. Auch störte es den Kindsvater, bis heute, dass Jeremy meinen Nachnamen trägt. Doch daran würde sich ebenso wenig ändern. Jetzt und in Zukunft nicht. Zahlen musste der Kindsvater nun allerdings um Einiges mehr als vorher. Inklusive Nachzahlungen. Und zwar per Überweisung. Gemäss Gerichtsurteil bis zum Ende des Monates. Nun, ein kleiner «Erfolg». Mit der Überweisung klappte es zwar. Pünktlich? Nein, sehr, sehr selten! Doch um das Geld ging es mir weiterhin in erster Linie nie. Bis heute nicht und wird es auch in Zukunft nicht. Im Endeffekt hatten wir alle irgendwie «verloren». Es gab und gibt keine «Gewinner». Nicht in einer solchen Angelegenheit. Und trotzdem, ich fühlte mich, einmal mehr, hintergangen. Und um all das beraubt was ich getan hatte und für das, wofür ich eingestanden war, einstand und immer einstehen werde. Für Jeremy und für seinen Weg.
Und diese verdammten Geschwüre in der Gebärmutter wuchsen weiter ...
Das erste Wochenende (in der Eingewöhnungsphase) kam, als der Kindsvater Jeremy am Samstag abholte. Mir war es überhaupt nicht wohl. Klar und deutlich sagte ich zum Kindsvater, wenn irgendetwas sein sollte oder Jeremy Heimweh bekäme soll man sich bei mir melden. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mich der Kindsvater ernst nahm, geschweige denn überhaupt zuhörte. So schnell wie möglich weg mit Jeremy, das schien mir seine Devise zu sein. Ich war das ganze Wochenende wie auf Nadeln. Vermisste Jeremy. Schlief schlecht bis gar nicht in der Nacht. War angespannt. Das Telefon stets in unmittelbarer Griffnähe. Als am Sonntagabend Jeremy dann wieder gebracht wurde, ich nahm ihn vor dem Haus in Empfang, rannte er mir entgegen, fiel in meine Arme und weinte. Ich hielt ihn fest und drückte ihn ebenso fest an mich. Ich war mehr als erleichtert, war er wieder da und ihm war nichts «passiert». Doch war ich auch ebenso von seiner Reaktion etwas irritiert und stellte den Kindsvater zur Rede, indem ich ihn sehr scharf ansah und fragte, was geschehen wäre. Ob Jeremy am Abend zuvor geweint und Heimweh gehabt hätte. Ich bekam keine richtige Antwort, was mich dazu veranlasste, umgehend und ohne grosse Abschiedsworte, mit Jeremy ins Haus zu verschwinden. Jeremy hatte Heimweh bekommen und auch nach mehrmaligem Fragen und Bitten, inklusive Tränen, ob er mir anrufen könne, hatte der Kindsvater ihm das Telefon verweigert. Das erzählte mir Jeremy etwas später als er in meinem Bett lag. Kein guter «Start». Ganz und gar nicht. Und mein Misstrauen dem Kindsvater gegenüber steigerte sich nur noch mehr. Und von Vertrauen war schon erst gar nicht die Rede. Noch nie gewesen.
Obwohl Jeremy ein eigenes Zimmer mit eigenem Bett hatte, schlief er noch immer bei mir. Wir hatten noch mit dem Kindsvater unter einem Dach gewohnt als er plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nicht mehr in seinem Bettchen in seinem Zimmer hatte schlafen wollen. Es war zu dieser Zeit gewesen als ich gewusst hatte, dass die Beziehung zwischen dem Kindsvater und mir zu Ende war und ich mein eigenes Leben mit Jeremy neu aufbauen wollte und würde. Es hatte gar nichts geholfen: beruhigen, etwas mit ihm umherlaufen und danach wieder in sein Bettchen legen, auch etwas weinen lassen, was mir selbst jedoch jedes Mal enorm weh getan hatte, damit er sich selbst beruhigen würde. Schlussendlich hatte ich Jeremy in mein Bett gelegt gehabt und binnen Sekunden waren seine Tränen versiegt gewesen. Zufrieden hatte er dagelegen. Die Augen geschlossen. Selbst wenn ich mich nicht auch sofort schlafen gelegt hatte, war er ruhig geblieben. Nichts mehr mit Tränen. Er hatte wohl «gewusst», dass ich kommen und ebenso «geahnt», dass wir dieses Haus verlassen würden.
Was die Besuchsmittwoche anging war klar, genau wie bei den Wochenenden, dass der Kindsvater Jeremy holen und wieder bringen musste. So stand es im Gerichtsurteil. Sehr bald jedoch «klagte» der Kindsvater über dieses zusätzliche Hin- und Herfahren. Das würde ihn auch Geld kosten. Mir bestätigte dies nur einmal mehr, dass es ihm gar nicht wirklich um Jeremy ging. Wieso kommst du dann? Brauchst ja gar nicht aufzukreuzen? Es gab Diskussionen mit Jeremys Beistandschaft die mir so gegen den Strich gingen. Und diese, meiner Meinung nach, «Show», die der Kindsvater dabei immer wieder abzog, wie «arm» er doch wäre, kotzten mich einfach bloss an. Schlussendlich unterschrieben wir beide eine Vereinbarung, in der stand, dass der Kindsvater Jeremy bei uns abholen und ich Jeremy abends dann wieder bei ihm abholen würde. Damit der Fahrweg so quasi «aufgeteilt» würde.
Auch gingen mir diese Mittwochnachmittage noch aus einem anderen Grund gewaltig gegen den Strich. Wir waren jetzt eingebunden in das Schulsystem, das seine Strukturen hatte. Wohl hatte Jeremy nicht nur am Mittwochnachmittag frei. Noch. Doch würde sich das mit der Zeit auch ändern. Ich wollte, dass er seine neu geknüpften sozialen Kontakte pflegen konnte. Mit seinen Spielkameraden/-innen abmachen. Und zwar auch an den Mittwochnachmittagen. Es folgten weitere Diskussionen, in denen ich meinen Standpunkt sehr deutlich vertrat. Schliesslich boxte ich durch, dass die Mittwochnachmittage auf jeden 2. Mittwoch geändert wurden. Die «Fehlstunden» allerdings wurden durch zusätzliche Ferientage kompensiert. Das war der Deal. Inklusive einem «bitterer» Beigeschmack meinerseits. Ich fühlte mich ein weiteres Mal «verarscht». Und zwar deswegen, weil mich weiterhin das Gefühl nicht losliess, dass Jeremy für den Kindsvater im Grunde genommen nur ein «Werkzeug» dafür war, mir eins auswischen zu können. Ein «Krieg» auf den Schultern eines unschuldigen Kindes. Und dafür verachtete und verwünschte ich den Kindsvater oft. Das war alles andere als «gerecht». Und einmal mehr hatte ich das Gefühl, ich stünde alleine da. Gegen den Rest der Welt. Gegen sämtliche Behörden. Und niemand von all denen sah dieses «abgekarterte Macht,- und Manipulationsspiel», das der Kindsvater, vordergründig mit einem mitleiderregenden Blick und einer gut gespielten «Show», hintergründig allerdings mit einem hämischen und dreckigen Grinsen, führte.
Etliche Diskussionen und Mails mit der Beistandschaft von Jeremy gab es auch über allgemeine Strukturen und Rahmenbedingungen. Ich recherchierte über Schlafenszeiten, über Fernsehstunden, über gewisse Tagesstrukturen für Kinder in Jeremys Alter, fragte nach. Als «Absicherung» meiner Vorstellungen und gelebten «Regeln», die ich vertrat. Und, meiner Meinung nach, für ein Zusammenleben unerlässlich waren und sind, die nicht an den Pranger gestellt werden konnten. Wieder ging ich damit hart in Diskussionen. Es ging mir auch hier nicht um mich, sondern in allererster Linie um Jeremy. Für seine «gesunde» Entwicklung und für seinen Weg. Und um noch irgendein gewisses «Miteinander» mit dem Kindsvater. Auch in dieser Situation. Damit Jeremy nicht zwischen die Fronten geraten und einem Loyalitätskonflikt ausgesetzt werden würde. Doch auch das, so schien mir, sah niemand in meinem Tun. Einmal mehr «verarscht», so kam ich mir stattdessen vor. Das tat weh. Und zwar enorm. Auch wurde mir mehrmals, direkt oder hinter meinem Rücken, Kontrolle unterstellt. Es ging mir allerdings auch hier nicht um das. Ich trug eine sehr wichtige Verantwortung eines Menschen, den ich liebte und immer noch liebe. Diese Aufgabe war und ist für mich auch eine Art von «Versprechen». Ich wollte über gewisse Dinge informiert werden, damit ich wusste was da lief. Mit Kontrolle hatte das, meiner Meinung nach, nichts zu tun. Sondern mit einer gewissen Mitverantwortung. Denn im Endeffekt war ich es, die Jeremy danach umsorgte und in manchen Fällen, im Verlaufe der Jahre, auch wieder «aufpäppelte». Auf jegliche Art und Weise.
Es war auch oftmals so, dass, wenn ich Jeremy an den Mittwochabenden bei dem Kindsvater abholte, er ihm mit Absicht irgendein Spielzeug in die Hand drückte oder irgendetwas tat, sodass ich Mühe hatte, Jeremy ins Auto zu setzen, da er, verständlicherweise, nicht gehen wollte. Dieses Lachen, dieses hämische Lachen seitens des Kindsvaters mir gegenüber, liess mich hassen. Alles andere als Fairplay. Und Jeremy mittendrin. «Benutzt» als Werkzeug für miese intrigante Spielchen. Das ging mir absolut gegen den Strich. Auch gab es ein paar wenige Male, als ich Jeremy abholte, dass der Kindsvater Besuch hatte. Ich war anständig zu jedem und jeder. Grüsste freundlich und mit einem Lachen. Was ich zurückbekam: ein Blick, in fast jedem Gesicht, das von einer Art «Verachtung» gezeichnet war. Man grüsste mich teilweise kaum. Und wenn schon, in einer Art und Weise, die äusserst herablassend war. Was auch immer der Kindsvater zu diesen Menschen über mich gesagt hatte, sagte und immer noch sagt: wohlwollend, geschweige fair und ehrlich war es bei Weitem nicht. Ganz im Gegenteil. Ein weiterer bitterer Schlag in meine Magengegend. Und trotzdem war ich überzeugter denn je, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, mit Jeremy einen Neustart zu wagen.
Und dieses verdammte Geschwür in meiner Gebärmutter wuchs währenddessen weiterhin vor sich hin…
War es noch am Anfang gewesen als ich Jeremy ein Stück weit begleitet hatte, so lief er mit der Zeit selbstständig in den Kindergarten und holte vorher noch seinen besten Freund Lukas ab. Anschliessend waren die Beiden gemeinsam noch das restliche Stück zusammen gelaufen. Am Mittag dann waren die Beiden wieder miteinander zuerst zu Lukas gelaufen, danach war Jeremy das Reststück noch alleine nach Hause gekommen. Es hatte zudem einige Male gegeben, an denen die Beiden nachmittags miteinander abgemacht und einen gemütlichen Spielnachmittag verbracht hatten. Ich war dankbar hatten sich die beiden Jungs gefunden. So würde Jeremy wenigstens noch etwas «Normales» sehen können. Und wie ein «normaler» Junge mit anderen Jungs spielen und aufwachsen können. Einen richtig dicken Freund haben. Und nicht von dieser ganzen Falschheit, die der Kindsvater an den Tag legte, geblendet werden. Hoffte ich zumindest.
Es war eines Tages gewesen. Jeremy war am Mittag vom Kindergarten nach Hause gekommen. Etwas spät, wie mir schien. Ich fragte ihn, wo er denn gewesen wäre. «Ich war noch beim Apéro», meinte er in einer Seelenruhe, während er den Kindergartenstreifen abnahm. «Was für einen Apéro?», fragte ich ihn höchst erstaunt. «Miriam fragte mich, ob ich auch noch zum Apéro käme. Wir bekamen Salzstängeli bei ihr», antwortete er mir. «Aber Jeremy, du kannst doch nicht einfach mit Miriam zu ihr nach Hause gehen und Salzstängeli essen. Was hat dann ihre Mama dazu gesagt?» «Och, ihre Mama hat nichts dagegen. Sie war noch gar nicht da!» Was ging hier vor? Die ganze Sache kam mir doch etwas suspekt vor. «Jeremy, ich muss der Mama anrufen. Du kannst doch nicht einfach ohne fragen Salzstängeli essen gehen!» Irgendwie hatte ich die ganze Situation nicht so ganz verstanden. Und das, was mir Jeremy hier erzählt hatte, hatte für mich irgendwie keinen Sinn ergeben. Noch am gleichen Abend hatte ich bei Miriam zu Hause angerufen und nach ihrer Mutter gefragt. Sie war an den Apparat gekommen. «Hallo, ich bin die Mutter von Jeremy Stacher und irgendwie scheint er mit ihrer Tochter eine Apéro-Runde zu machen. Am Mittag. Aus den Erklärungen von Jeremy werde ich nicht richtig schlau und abgesehen davon habe ich ja auch für das Mittagessen gekocht und warte. Was geht hier genau vor?» Lachend wurde mir erklärt, dass diese «Apéro-Runde» zu Stande gekommen wäre weil sie ein paar Salzstängeli draussen für ihre Tochter bereit gestellt habe, da sie am morgen noch einen Termin im Dorf gehabt und nicht richtig gewusst hätte, wann sie zurückkommen würde. Damit ihre Tochter mal etwas zum knabbern hätte. Offensichtlich habe ihre Tochter da noch ein paar Gschpändlis mehr «eingeladen». «Ach so,» hatte ich erleichtert geantwortet, «dann ist ja alles in Ordnung. Ich war etwas irritiert als mir Jeremy von dieser Apéro-Runde erzählte und sagte zu ihm, er könne doch nicht einfach mitgehen und ohne zu fragen da mitessen. Ich würde ja auch mit dem Mittagessen auf ihn warten. Ich müsse da nachfragen.» Nein, es wäre alles in Ordnung, absolut kein Problem! Ich war beruhigt gewesen. Und so hatte es sich eingebürgert, dass Jeremy ab und zu auf dem Heimweg eine kurze Pause bei Miriam einlegte, um mit ein paar anderen Kindern beim, mittlerweile, kurzen fixen «Apéro» dabei zu sein. Im Stillen hatte ich jedes Mal schmunzeln müssen. Nun ja, Jeremy war zwar ein sehr ruhiger Junge doch eine gesellige Apéro-Runde schien ihm auch sehr grossen Spass zu machen. Auch dafür war ich sehr dankbar. Er gehörte dazu.
Seit längerer Zeit war immer wieder in der Gemeinde von einem Waldkindergarten gesprochen worden. Es war noch im 1. Semester des 1. Kindergartenjahres gewesen, als wir von der Schule Speicher ein Informationsschreiben diesbezüglich bekommen hatten. Darin stand, dass es die Möglichkeit geben würde, die Kinder des 1. Kindergartenjahres für das 2. Kindergartenjahr in den Waldkindergarten anzumelden, der ab dem neuen Schuljahr in Kraft treten würde. Und ebenso die Möglichkeit, zuvor in der Nachbargemeinde, wo es den Waldkindergarten schon gab, einen Tag «schnuppern» zu gehen. Diese Idee hatte mir sehr gut gefallen. Jeremy ging gerne nach draussen. Liebte es, Hütten zu bauen. Beim Wildpark Peter und Paul, am Rande der Stadt, gab es eine Feuerstelle, mitten im Wald. Hütten zu bauen dort liebte er. Und tat es mehrere Male. Mit mir und meiner Mutter. Und manchmal auch mit meiner Schwester und deren Familie. Also war ich mit Jeremy an diesen Schnuppermorgen gegangen und hatte ihn schliesslich Ende Januar 2018 für das 2. Kindergartenjahr im Waldkindergarten angemeldet. Den Kindsvater hatte ich schriftlich darüber informiert. Mit dem Hinweis, wenn er was wissen wolle, solle er sich bei mir melden. Ich hörte nichts von ihm. Mir war das mehr als recht gewesen. Auch Lukas war in den Waldkindergarten angemeldet worden und zwischen seinen Eltern und uns entwickelte sich eine immer herzlichere Verbindung. Sie waren auch so ziemlich die Einzigen, die Genaueres über unseren Weg wussten. Und über all die mühsamen und grossen «Steine», die Jeremy und mir durch den Kindsvater immer wieder in den Weg geworfen wurden und worden waren. Ich war froh blieben die beiden Jungs zusammen.
Das 2. Kindergartenjahr im Wald begann. Hatte Jeremy im Jahr zuvor noch an den Montagen frei gehabt, war dies jetzt nicht mehr der Fall. Und jeden Tag draussen. Mir graute vor den Besuchswochenenden. Hatte ich die Montage bis jetzt noch etwas «ausbügeln» können betreffs «Überreizungen», in was für einer Art und Weise auch immer, war das jetzt nicht mehr der Fall. Jeremy musste montags nun auch früher aufstehen und um 8.15 Uhr beim Kindergartentreffpunkt sein, von wo aus alle gemeinsam in den Wald liefen. Und war den ganzen morgen draussen. Dienstags auch über den Mittag, bis 13.30 Uhr.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass mich irgendjemand verstand. Und auch verstehen wollte. Einmal mehr das «schwarze Schaf». Einmal mehr ein Kampf gegen einen «Riesen», wie mir schien. Und ich stand weit und breit allein auf weiter Flur. Auch zu Patrick und Melanie hatte ich eine gewisse Distanz weiter bewahrt. Denn die Enttäuschung über jenen Sonntag damals nagte immer noch. Ich suchte einen Weg, um irgendwie da durchzukommen. Gehört und verstanden wurde ich allerdings, wie mir schien, von gar niemandem. Abgestempelt. Ein Nichts. Ausser Jana und Roman. Zwar «arbeitete» Roman nicht mehr mit Jeremy am Körperbewusstsein, doch bekam er am Rande doch mit was lief.
Jeremy, so schien mir, genoss den Waldkindergarten. Er war integriert. Er gehörte dazu, wie mir doch immer wieder bestätigt und gesagt wurde. Das freute mich für ihn. Und zwar sehr. Ein ruhiger Junge. Mit einem «wachen» Geist. Die Wochen gingen dahin, die Monate. Der finanzielle Teil, was die Unterhaltsbeiträge betraf, war über das Gericht ja geregelt worden. Der Kindsvater musste Nachzahlungen leisten. Schön und gut. Nur, dieses Geld, so schien mir, hatte nichts «Sauberes». Weil die ganze Situation mit allem Drum und Dran nicht sauber und ehrlich war. Am Allerwenigsten für Jeremy, wie mir schien.
Das Ende des Kindergartens nahte. Der Übertritt in die Schule wurde zum Thema. Und es gab die nächsten Diskussionen. War Jeremy wirklich schon bereit für die Schule? Man zweifelte. Abklärungen beim Schulpsychologischen Dienst fanden statt. Ich fuhr mit Jeremy ins Nachbarort Bühler, wo er diverse Tests machen musste. Ich wusste weder aus noch ein. Man gab mir Bedenkzeit, doch nützte sie mir nichts. Denn ich wusste nicht was tun. Ich war den Tränen nah. Stand alleine da und hatte das Gefühl als würde alles auf mich herein prasseln. Ich sass bei Jana und wusste weder aus noch ein. Der «sichere» Boden unter meinen Füssen schwankte extrem. Gespräche folgten mit mir, den Kindergärtnerinnen, dem Schulpsychologischen Dienst und dem Kindsvater. Meine Tendenz Jeremy noch ein Jahr zurück zu behalten war stärker. Der Schulpsychologische Dienst tendierte auf Schuleintritt mit Option Wiederholung der ersten Klasse. Auch wegen Jeremys Alter. Der Kindsvater wollte Jeremy unbedingt in die Schule schicken. Seine «falsche Show», die er vor allen Anwesenden abzog, löschte mir erneut fast ab. Grossspurig, laut, arrogant und besserwisserisch. Kurzum: ein verdammt schlechter «Witz». Und ich hatte das Gefühl, alle würden ihm vollumfänglich auf den Leim kriechen. Jeremy wollte in die Schule. Ich fragte mich im Stillen auch, ob es wegen Lukas war. Damit er ihn nicht «verlieren» würde.
Jeremy wurde für die 1. Klasse angemeldet.
Unsere Wohnung war sehr klein und ich wusste, auf Dauer wäre sie zu klein für uns. Jeremy brauchte ein grösseres Zimmer. Damit man einen Pult hinein stellen und er zukünftig seine Hausaufgaben dort lösen konnte. Ich fing an im Internet zu recherchieren. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, sah ich anfangs Jahr dann plötzlich eine Wohnungsanzeige im Internet. Gleich auf der anderen Strassenseite. Ebenfalls beim Bahnhof. Eine 3 ½ Zimmer-Wohnung. Ich rief an und konnte die Wohnung besichtigen gehen. Grösser war sie. Grössere Zimmer. Und einen kleinen Balkon dazu. Balkon Richtung Säntis gerichtet. Und in der Landwirtschaftszone. Das Bad war, im Gegensatz zu unserem jetzigem Zuhause, sehr klein und das Lavabo ausserhalb des Bades. Das «störte» mich etwas. Doch nahm ich das Anmeldeformular mit nach Hause. Ich redete mit meinem Vater über diese ganze Wohnungssache. «Ja, die Zimmer sind sehr klein und Jeremy wird mehr Platz brauchen. Auch für seine Hausaufgaben. Einen Pult kriegst du jetzt nicht in sein Zimmer. Und er wird auch grösser und älter.» Ich sah meinen Vater an und nickte. «Ich habe das Anmeldeformular für die Wohnung mitgenommen. Sie ist natürlich etwas teurer als die jetzige, was ja auch logisch ist. Dafür allerdings hätten wir wirklich mehr Platz und einen Balkon.» Mein Vater nickte. «Du musst es selber wissen, doch würde ich es versuchen. Eine solche Gelegenheit kommt wahrscheinlich nicht mehr so schnell.»
Ich füllte das Formular aus, legte alle benötigten Unterlagen dazu bei und schickte es an den Vermieter dieses Mehrfamilienhauses zurück. Eine ganze Weile hörte ich nichts und es wurde mir etwas unbehaglich. Ich hatte die Wohnung nochmals anschauen gehen können und hatte mein Interesse erneut bekundet. Schliesslich bekam ich den Bescheid, dass ich die Wohnung haben könne. Mir fiel doch ein kleiner Stein vom Herzen, denn wie sich ein gutes Jahr später herausstellte, hätten Jeremy und ich so oder so zügeln müssen. Das Haus wurde vier Jahre später komplett saniert. Und die Wohnungsmieten stiegen ebenfalls zünftig an. Wir hätten uns das nicht leisten können. Und so zügelten Jeremy und ich im Juli 2019, in den Sommerferien, in unser neues Domizil. Genau passend auf den Schulanfang.
Was die konfliktbehaftete Situation zwischen mir und dem Kindsvater anbelangte, so hatten wir für eine Weile eine «Begleitung» bekommen. Frau Elinger hatte diese Dame geheissen. Die Beistandschaft hatte dies organisiert. Sie war ein paar Mal bei den Übergaben dabei gewesen und auch bei uns sowie beim Kindsvater zu Hause. Ich hatte gehofft, sie könne uns irgendwie helfen. Hatte mehrfach in gemeinsamen Gesprächen mit ihr erklärt um was es mir ging, schon immer gegangen war und weiterhin gehen würde. Fairness, Gerechtigkeit. Für uns Alle. Und das Mann Jeremy hatte "kaufen wollen" für seine Zwecke. Nur für seine Zwecke. Mit irgendetwas Materiellem oder Lügen bezüglich mir. Ich hatte weiterhin nicht wirklich das Gefühl gehabt, dass es von Seiten des Kindsvaters hier wirklich um das Wohl von Jeremy gegangen war und ging. Absolut nicht. Auch Jeremy hatte sich ein paar wenige Male mit ihr unter vier Augen unterhalten, wenn sie bei uns gewesen war. Noch vor den Sommerferien, dann war Frau Elinger abgesetzt worden. Grund: Probleme mit der Finanzierung. Der Kindsvater hatte mehrfach mit Anwalt Rekurs dagegen eingelegt. Schlussendlich hatten weder er noch ich jemals eine Rechnung für diese «Begleitzeit» von Frau Elinger bezahlen müssen.
Es war in den Sommerferien als dann meine Schwester mit Jeremy einen Shopping-Tag einlegte und mit ihm den Schulranzen einkaufen ging. Sie anerbot sich dafür. Ich war sehr froh und dankbar darüber. Da sie etwas genauer «Bescheid» wusste, was es da so alles gibt, da sie dies ja mit Alina, ihrer Tochter, schon durchgemacht hatte, kam mir dies nochmals sehr entgegen. Und so machten sich die Beiden dann eines Tages auf den Weg um Jeremy für die 1. Klasse «auszurüsten». Die Sommerferien allgemein verbrachten wir viele Male beim Baden am See, manchmal mit bräteln, oder genossen auch einige Male den Pool meiner Schwester. Wasserschlachten mit den Spritzen durften dabei selbstverständlich nicht fehlen. Und Gesellschaftsspiele sowieso nicht. Jeremy genoss diese Zeit immer sehr. Und ich freute mich mit ihm.
Was sonstige Ferien im Allgemeinen betraf hatte ich die Möglichkeit bekommen, sehr günstig, ich konnte mir Ferien mit Jeremy sonst wirklich nicht leisten, mit ihm insgesamt drei Mal mit Hilfe des Blauen Kreuzes mit anderen alleinerziehenden Müttern und deren Kindern für ein paar Tage in die Ferien zu fahren. Während die Kinder morgens betreut wurden, hatte bei uns Müttern immer ein kleines «Entspannungsprogramm» auf dem Programm gestanden. Jeremy hatte diese Ferien immer sehr genossen. Und auch einen kleinen Spielkameraden gefunden. Am Nachmittag dann hatten wir alle mit den Kindern zusammen einen gemeinsamen Ausflug unternommen. Diese Ferien mit Jeremy hatte ich ebenfalls immer sehr, sehr genossen. Weg vom Alltag, weg von einem für mich nicht wirklich «funktionierendem Umfeld». Vor allem was die Art und Weise des Kindsvaters uns gegenüber betraf.
Es war einmal, als wir in diesen Ferien waren, als eines Tages plötzlich ein Anruf von Jeremys Beistandschaft kam. Um was es genau ging, weiss ich nicht mehr, doch war ich sehr, sehr wütend geworden. «Ich bin in den Ferien mit Jeremy, was ist los. Was soll das?», wütend hatte ich die Beiständin angeblufft. Mann, wieso konnte man uns nicht einfach in Ruhe lassen? Sie hatte sich für ihren Anruf sehr entschuldigt und gemeint, wir könnten dies auch besprechen wenn Jeremy und ich wieder aus den Ferien wären. Unser Gespräch hatten wir unverzüglich beendet. Leid hatte es mir danach allerdings trotzdem etwas getan, eben weil ich sie so angeblufft gehabt hatte. Ich hatte sie daraufhin etwas später nochmals angerufen und mich für meine Grobheit entschuldigt. Leider fanden diese Ferien später dann, infolge Corona-Pandemie, die ganz Europa lahm legte, nicht mehr statt. Und wurden später, nach der Pandemie, auch nie mehr ins Leben gerufen. Schade. Sehr schade. Jeremy fragte noch lange danach.
Die Sommerferien neigten sich dem Ende entgegen. Der Morgen des 1. Schultages kam. Am Abend zuvor wieder dasselbe. «Mama, ich habe Bauchschmerzen». «Bist du nervös auf morgen?» Ein Nicken. Alles klar. «Freue dich darauf! Jetzt lernst du lesen und schreiben. Und du bist nicht alleine. Lukas ist ja auch in der gleichen Klasse wie du. Alle Waldkinder bleiben zusammen.» Ein Nicken. Doch verstand ich es natürlich. Ein neuer, «grosser» Schritt, weiter in die Welt hinaus… Der nächste Morgen war verregnet. Schulranzen musste mit Pelerine eingepackt, Regenhosen, Regenjacke und Regenstiefel angezogen werden. Ich begleitete Jeremy an seinem ersten Tag. Und auch hier galt, wie beim Eintritt in den Kindergarten damals: Eltern durften eine gewisse Zeit bleiben, danach wurden sie «höflich» aus dem Schulzimmer verwiesen. Denn auch das war wieder Jeremys eigener Weg.
Noch bis zum Ende des 1. Kindergartens war Jeremy weiterhin am Dienstag über den Mittag im Kinderhort «Rapunzel» in Trogen gewesen. Mit dem Auto vom Kinderhort war er jeweils am Kindergartentreffpunkt mittags abgeholt worden. Auch noch im Waldkindergarten. Dann allerdings jeweils donnerstags. Gegen Ende des Waldkindergartens hatte sich allerdings herausgestellt, dass Jeremy nicht mehr so wahnsinnig viel Freude gehabt hatte, in den Kinderhort zu gehen. Dafür wäre er jetzt viel zu «gross», wie er gemeint hatte. Also hatte auch hier schlussendlich eine andere Lösung gefunden werden müssen. Und das war die Tagesstruktur. In die Schule Speicher integriert. Gemeinsames Mittagessen mit anderen Kindern und dann direkt von dort wieder in die Schule. Ich hatte mit Jeremy darüber gesprochen. Und auch wegen den Tagen. Jeremy hatte gemeint der Donnerstag wäre ihm lieber. Da käme nämlich noch ein anderer Junge, den er sehr mögen würde. Und so geschah es dann auch: 1. Klasse mit Tagesstruktur. Eine «Eingewöhnung» brauchte es allerdings auch hier. Es kam nämlich am Anfang durchaus ein paar wenige Male vor, dass Jeremy donnerstags Mittag plötzlich vor der Haustür stand. Ups, Tagi vergessen! Mama fuhr ihn schnell dorthin.
Es war auch einmal so, dass ich ihn wahrlich suchen musste. Damals war er jedoch am Mittag noch im Kinderhort gewesen. Dienstagmittag: ich hatte plötzlich einen Anruf von einer Mitarbeiterin des Kinderhortes bekommen. Sie stände vor dem Kindergarten, wäre etwas später dran gewesen, doch Jeremy wäre nicht dort. Ich hatte einen Riesenschreck bekommen. War zum Kindergarten gerannt. Hatte die Mitarbeiterin des Kinderhortes getroffen. War Jeremy «entführt» worden? Oder war am Ende der Kindsvater vielleicht plötzlich aufgetaucht und hatte ihn einfach mitgenommen? «Entführt», sozusagen? Das waren meine Gedanken gewesen. Denn getraut hatte ich diesem Typen nach wie vor ABSOLUT nicht. Während die Mitarbeiterin des Kinderhortes beim Kindergarten geblieben war und sie mir noch ihre Natelnummer gegeben hatte, falls Jeremy plötzlich auftauchen würde, war ich fast im ganzen Dorf umhergelaufen und hatte nach ihm gesucht. Doch nirgends war er. Ich war den Tränen nah gewesen. Verdammt, wo war er? Angst war in mir hochgekrochen. Musste ich der Polizei anrufen oder gar dem Kindsvater? Das widerstrebte mir zutiefst. Und plötzlich, ich war wieder im Kindergarten, brachte mich die Mitarbeiterin vom Kinderhort durch eine Frage auf die zündende Idee. «Hat er einen guten Freund, mit dem er allenfalls nach Hause gelaufen ist?», fragend hatte sie mich angesehen. Aber klar, Lukas! Ich lief zu Lukas nach Hause, klingelte und wartete. Wenige Sekunden später, die mir jedoch wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, hatte sich die Haustür geöffnet. Vor mir war eine ältere Dame gestanden. Lukas Oma hatte ich vermutet. Und so war es auch gewesen.
«Ich bin die Mutter von Jeremy Stacher. Ist Jeremy eventuell hier?», hatte ich sie begrüsst. Ich war nicht nur ziemlich aufgelöst gewesen sondern auch den Tränen nah. Plötzlich hatte ich ein Lachen gehört. Danach waren Jeremy und Lukas an der Haustür erschienen. Mir fiel eine ganze Lawine vom Herzen! Gott sei Dank! Jeremy war auf mich zugetreten, ich hatte ihn fest an mich gezogen und ihn ebenso fest umarmt. Dabei war ich leicht in Tränen ausgebrochen. «Jeremy, das darfst du nie mehr tun. Du darfst nicht einfach davonlaufen. Ich habe dich überall gesucht!!» Jeremy hatte kein Wort gesagt. Er war sich seiner Tat nicht ganz so richtig bewusst gewesen, wie ich gemerkt hatte. Doch meine Tränen hatten ihn aufhorchen lassen. Zwar hatte ich ihn auch noch dafür gelobt, dass er zu seinem besten Freund gelaufen wäre. Dort wo er sich auskenne. Doch hätte auch die Mitarbeiterin vom Kinderhort einen Riesenschreck bekommen, weil er eben nicht dort gewesen wäre, wo sie ihn abhole. Ein kurzes Gespräch mit der Oma war gefolgt, in dem auch sie nochmals beiden Jungs dasselbe erklärt hatte wie ich gerade eben. Danach hatten wir uns verabschiedet und Jeremy war in den Kinderhort gefahren worden. Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Schrecken ohne Ende! Und ich hatte mich nicht mit dem Kindsvater herumschlagen müssen! Dem Himmel sei Dank!
Sowohl der Kinderhort vorher als auch jetzt die Tagesstruktur wussten genau, wie ich zum Kindsvater stand. Ich hatte beide Stellen unverzüglich nach unseren «Eintritten» informiert. Dass ich mit Jeremy alleine hier in Speicher lebe, dass sich der Kindsvater absolut NICHT angemessen uns gegenüber verhalten würde und dass hier Machtspiele am laufen wären, die dreckiger nicht sein könnten. Man versuchte mich zu beruhigen. Ich hatte ebenso unverzüglich klargestellt, dass, wenn etwas wäre, ICH umgehend informiert werden müsse. Ich traute dem Kindsvater, diesem Typen, einfach nicht über den Weg. Nach wie vor und noch immer nicht.
Gemäss Auskunft des Kinderhortes war der Kindsvater zwei Mal im Kinderhort gewesen. Doch hätten sie ihn mit Jeremy nicht allein gelassen. War mir gesagt worden. Mir hatte sein Auftauchen trotzdem überhaupt nicht gefallen gehabt. Dieses verdammt «Dreckspiel»!
Der Start der 1. Klasse war soweit geglückt. Jeremy war integriert. Und sein bester Freund Lukas war auch hier. Das tat Jeremy sehr gut. Eine neue Welt, eine «neue» Tagesstruktur. Jeremy war nicht allein. Er konnte sich auf Lukas «verlassen». Seine wichtigste Stütze, wie mir oftmals schien. Allerdings war ich immer noch nicht so ganz sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, Jeremy für die Schule anzumelden. Ein gewisses «innere Unbehagen» begleitete mich immer noch. Nur konnte ich das «Warum» nicht richtig erklären. Ebenso hatte ich immer noch Mühe, wenn ich daran dachte, wie sich der Kindsvater aufgeführt hatte als es um den Eintritt in die Schule gegangen war. Er hatte «gewonnen», wie es mir an jenem Gespräch vorgekommen war. Dass die ganze Arbeit an mir hing war ihm scheissegal. Und dies störte mich extrem. Immer noch.
Zwei Wochen nach Schuleintritt bat ich um ein Gespräch mit Jeremys Lehrerinnen. Ich fragte nach Jeremys Wohlbefinden in der Klasse. Fragte, wie es ihm gehen und ob er im Unterricht mitkommen würde. Ich erläuterte auch noch einmal, dass ich gerne über Alles informiert werden würde. Auch was den Kindsvater betreffe. Ich würde ihm nämlich, nach wie vor, überhaupt nicht trauen. Man versicherte mir zwar, man würde sich umgehend bei mir melden, wenn etwas wäre, doch meine «innere Unruhe» blieb. Und noch immer konnte ich nicht genau sagen warum……
Das erste Elterngespräch folgte Ende September. Und ich mochte dabei den Kindsvater, der ebenfalls erschien, fast nicht ansehen. Seine wiederholte «Grossspurigkeit», sein Gesülze und sein Imponiergehabe ging mir mächtig auf den Zeiger. Sein «Aufspielen» mir gegenüber fand ich mehr als daneben. Ich war ein Nichts, er war Alles. So kam es mir vor. Und ich fragte mich: sahen das die Lehrerinnen auch? Sahen sie hinter dieser Fassade dieses «falsche Spiel»? Hatten sie verstanden, was ich am gemeinsamen Gespräch, damals, zwei Wochen nach Schulbeginn, gemeint hatte?
Bei diesem ersten Elterngespräch ging es überhaupt allgemein auch um Jeremys «Ankommen» in der Schule. Man unterbreitete uns den Vorschlag eines frisch lancierten Projektes namens «dusse dehei – Naturnachmittage mit Kindern». Jeremy könnte dies, unter Umständen, sehr gut tun. Für sein Selbstvertrauen, dass, wie es schien, noch etwas «Aufholbedarf» hätte. Das Gesülze und dieses «falsche Lachen» von Seiten des Kindsvaters ging mir auch hier mächtig auf den Zeiger. Und einmal mehr kam ich mir vor wie alleine gegen den Rest der Welt. Niemand, so schien mir, sah, was hier eigentlich wirklich lief. Ich stand alleine da.
Das Gespräch ging zu Ende, ich bekam die Kontaktdaten von diesem Naturprojekt mit den Kindern. Der Kindsvater, so kam es mir vor, bedrängte mich erneut mit dem Ausfüllen der Anmeldung dafür. Ich reagierte sehr gereizt. Ich musste und WOLLTE zuerst mit Jeremy darüber reden. Das waren Freitagnachmittage, an denen dies stattfinden würde. Und jeden zweiten Freitagabend musste Jeremy ja dann in das Besuchswochenende. Für ein siebenjähriges Kind war das sicher auch irgendwo «streng»! Doch schien mir nicht, dass dies der Kindsvater einsah, geschweige einsehen WOLLTE! Ich wünschte indessen, ich hätte einfach nur mit Jeremy meine Ruhe! Um unseren eigenen Weg fortsetzen zu können. Nur für uns. Ganz allein für uns. OHNE äussere und solch widerwärtige Umstände, die, wie mir vorkam, ständig um uns herumschwirrten.
Ich redete mit Jeremy, unterbreitete ihm diese Idee und die Möglichkeit, einmal einen Nachmittag bei diesem «dusse dehei» dabei zu sein. Ende Oktober war es dann soweit. Anfangs November 2019 dann nahm Jeremy regelmässig an diesen Stunden teil. Es schien mir allerdings mit der Zeit als würde es ihm irgendwie «zu viel» werden. Motivation meinerseits hin oder her, mit der Zeit wollte er nicht mehr wirklich aufstehen nach der Mittagspause, sich bereit machen und gehen. Ende Januar 2021 meldete ich Jeremy schliesslich wieder ab. Es war einfach zu viel. Mit der Schule, den Besuchswochenenden und zusätzlichen Mittwochnachmittage, die Jeremy auch noch beim Kindsvater verbringen musste. Apropos Mittwochnachmittage: es war einmal an einem Mittwochnachmittag, das Gerichtsurteil war noch nicht rechtskräftig gewesen. Der Kindsvater war gekommen und wollte Jeremy abholen. Jeremy wollte aber nicht und hatte angefangen zu weinen, als ich ihn ins Auto hatte setzen wollen. Immer mehr und mehr. Ich war dagestanden, meine Nerven waren blank gewesen. Der Kindsvater war im Auto gehockt. Teilnahmslos. Gleichgültig. Schliesslich hatte er beiläufig gemeint, ich könne ja mitkommen. Erst als ich auch ins Auto eingestiegen war, war Jeremy ruhiger geworden. Wir waren in ein Restaurant mit Spielplatz gefahren, ganz in der Nähe von unserem Zuhause. Ich hatte mich den ganzen Nachmittag alles andere als wirklich wohl gefühlt. Und den Kindsvater mit seiner Arroganz und Gleichgültigkeit Jeremy und mir gegenüber verwünscht…...
Jeremy brauchte Zeit zum lernen. Mehrmalige Wiederholungen. Konzentration. Es ging nicht einfach so flott und leicht dahin. Ich unterstützte ihn mit all meinem Tun. Vom Kindsvater kam auch diesbezüglich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Umso mehr löschte mir sein grosskotziges Getue, auch bei den späteren Elterngesprächen, als Jeremy dann auch mit dabei war, mehr und mehr ab. Es war am Elterngespräch in der vierten Klasse, als ich später von Jeremys Klassenlehrerin die Rückmeldung bekam, dass ich ihr richtig leid getan hätte, wie ich dagesessen wäre, während der Kindsvater mit Ferienbildern dahergekommen sei und sich damit gebrüstet hätte. Denn: an den Elterngesprächen nahm er teil. Mit dabei seine arrogante, besserwisserische, falsche und «verlogene» Art. An sonstigen Veranstaltungen, die von der Schule organisiert wurden, herzlich wenig. Elternabenden blieb er fern. Die ganzen Primarschuljahre über. Die Fahrerei wäre ihm zuwider, wie er einmal selbst zu Jeremy gesagt hatte. Ich sagte nichts dazu.
Um Jeremy in der Schule noch vermehrter unterstützen zu können, bekam ich eines Tages einen sehr hilfreichen Hinweis von Jana, als ich wieder bei ihr war und meinen Kratten leerte. Ich kam mir, einmal mehr, so alleine vor, fragte mich, ob denn wirklich niemand dieses «falsche und dreckige» Spiel von Seiten des Kindsvaters, auf Kosten von Jeremy, sehen und mir helfen würde. Jana kannte eine Frau namens Claudia Rechsteiner. Selber Lehrerin und ausgebildete Lerntherapeutin. Sie gab mir ihre Adresse. Ich meldete mich bei ihr. Wir vereinbarten einen Termin, wo sie zu uns nach Hause kommen würde. Anfangs Januar 2020 kam sie dann. Wir führten ein sehr gutes erstes Gespräch und ich hatte das Gefühl, sie verstand, was mir wichtig war. Für Jeremy, für seine Entwicklung und sein allgemeines Wohlbefinden. Ab Mitte Januar dann kam sie einmal wöchentlich zu uns und unterstützte und lernte mit Jeremy zusätzlich. Und ich konnte wie etwas «abgeben». Mit dem «beruhigenden» Gedanken, dass ich alles, was in meiner Macht stehen würde, für Jeremy tat.
Zuerst hörte man es überall in den Nachrichten. Weltweit. Ein Virus namens Corona, das Menschen lahmlegte. Scharenweise. Dann Anstieg der Todesopfer. Danach «schwappte» das Ganze plötzlich auch in die Schweiz über. Maskenpflicht wurde obligatorisch. Für die Impfpflicht gewisser Altersgruppen wurde propagiert, während Pharmakonzerne auf Hochtouren daran arbeiteten, einen Impfstoff herzustellen. Desinfektionsmittel waren plötzlich heissbegehrte Ware. Die Grenzen zu unseren Nachbarländern wurden geschlossen. Dienstleistungsunternehmen mussten, gemäss bundesrechtlicher Verordnung, geschlossen werden. Das ganze Leben der Schweizerinnen und Schweizer wurde «heruntergefahren». Schulen wurde für mehrere Wochen geschlossen.
Es war eine sehr schöne Zeit, wie ich rückblickend finde, diese sogenannte «Coronazeit». Zwar durfte auch Frau Rechsteiner vorübergehend nicht mehr zu uns kommen, doch brachte sie mir, ganz kurz bevor alle Schulen ab März 2020 geschlossen wurden, Übungsmaterial für das Lesen. Neben den «normalen» Schulaufgaben übte ich mit Jeremy nun zusätzlich noch jeden Tag lesen. Denn noch immer hörte er mir viel lieber zu wenn ich ihm etwas vorlas, als dass er es selber las. Auf Dauer konnte das nicht gehen. Er musste es selber auch können. Wir einigten uns später deshalb auf einen Kompromiss, der besagte: Abwechslungsweise lesen. Mal er, mal ich. Ungefähr die gleiche Menge.
Unser «privater Schultag» begann in dieser Zeit um 8.30 Uhr. Mit einem Triangel kündigte ich Jeremy den Beginn der «Schule» an. Zuerst machten wir immer eine kleine Morgenrunde und erzählten uns in Hochdeutsch was uns am Tag zuvor oder, wenn das Wochenende dazwischen lag, am Wochenende besonders gefallen und nicht gefallen hatte. Danach arbeiteten wir zuerst die «hirnlastenderen» Fächer, sprich Mathematik und Deutsch, durch. Am Nachmittag die gestalterischen Fächer, wie z. B. Zeichnen. Die Aufgaben und Lernziele bekamen wir täglich per Mail von der Klassenlehrerin. Einmal pro Woche folgte ein Videotelefon. Ich hatte das Gefühl, Jeremy genoss diese Zeit ebenso wie ich. Keine unnötigen «Ablenkungen», Eins-zu-Eins-Lernen. Strukturiert und Intensiv. In einer Ruhe. Über mehrere Wochen. Es war mir deshalb fast etwas zuwider, als es dann schliesslich hiess, die Schulen würden wieder geöffnet werden.
Es war nicht nur dieses «Schnelle», das alle für eine Weile zum Stopp zwang. Es war auch die allgemeine Ruhe, die diese «Zwangspause» vom sonst doch so «gehetzten Leben» mit sich brachte. Auf einmal musste man sich irgendwie wieder mit sich selber beschäftigen. Fantasie war gefragt, Eigeninitiative erforderlich. Ich fand diese Zeit wunderbar und Jeremy, so hatte ich das Gefühl, lernte um Einiges besser. Dies wurde mir ein paar wenige Wochen später, als die Schulen wieder geöffnet waren, auch von den Lehrpersonen bestätigt. Diese «Zwangspause» hätte Jeremy sehr gut getan. Er wäre allgemein etwas mehr «aufgetaut» und er hätte vom Home-Unterricht sehr, sehr viel profitieren können, wie man mir versicherte. Doch zog er sich danach, wie mir schien, je länger je mehr wieder etwas in sich selbst zurück. Und irgendwie wusste ich nicht so recht, wie ich ihm helfen konnte. Weil ich, nach wie vor, die ganze Situation und vor allem das ganze Umfeld, in dem wir steckten, als enorm belastend und fast untragbar empfand. Und trotzdem: ich musste weiter machen. Weiter für Jeremy stark sein. Ein Fels in der Brandung. Solide. Beständig. Und klar.
Das Ende der 1. Klasse rückte näher. Mein Unbehagen für den Übertritt in die 2. Klasse wuchs. War Jeremy wirklich bereit dazu? Ich zweifelte. Jeremys Lehrerinnen kamen mir zuvor. Gott sei Dank. Denn es gab wieder Gespräche. Auch mit dem Schulpsychologischen Dienst. Man nahm das wieder auf, wovon vor einem Jahr schon die Rede gewesen war, als es um den Eintritt in die 1. Klasse ging. Option auf Wiederholung der 1. Klasse. Ich bekam Rückendeckung. Von den Lehrpersonen und dem Schulpsychologischen Dienst. Und diesmal «gewann» der Kindsvater nicht. Bei einem gemeinsamen Gespräch mit sämtlichen Fachpersonen wurde entschieden, dass Jeremy die 1. Klasse nochmals wiederholen würde. Um ihn nicht in irgendeiner Form «zu verheizen». Argumente des Kindsvaters hin oder her, dieser Typ mit seinem «falschen Grinsen», seinen Machtspielen und seiner Arroganz hatte ÜBERHAUPT keine Ahnung um was es ging. Wie auch mit einem so gleichgültigen Charakterzug. Ich sass wie auf Nadeln bei diesem Gespräch. Und meine Worte waren ziemlich hart. Kurz aber hart. Dieser «Kampf» würde ich gewinnen. Jeremy würde die 1. Klasse wiederholen. Dafür würde ich durchs Feuer gehen! Und so war es dann auch. Der Kindsvater gab mehr oder weniger kleinlaut bei. Musste er, wie mir schien. Seine «falsche» Fassade musste er ja irgendwie aufrechterhalten. Passen tat es ihm nicht. Ganz und gar nicht. Das merkte ich. Doch war mir das mehr als scheissegal! Das Gesuch für die Wiederholung der 1. Klasse wurde gestellt und ohne irgendwelche Fragen oder Probleme bewilligt. Jeremy würde noch einmal ein Jahr in die 1. Klasse gehen.
Das war geschafft. Doch wie würde ich dies jetzt Jeremy am besten sagen? Denn Lukas, sein bester Freund, würde in die 2. Klasse kommen. Jeremy würde von seinen einstigen Waldkindergartengschpändlis getrennt werden. Ich drehte und wendete mehrere Tage meine Worte hin und her, um die Variante zu finden, die Jeremy nicht weh tun würde. Erinnerungsfetzen tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Wie ich einst im Elternschlafzimmer gestanden hatte, als mir «eröffnet» worden war, dass ich nach der 6. Klasse ein Jahr die Realschule besuchen würde um danach den Übertritt in die Sekundarschule sicher zu schaffen. Weil ich einfach noch nicht so weit war. Ich hatte mich damals selbst verwünscht. Ein niedergeschlagenes Gesicht, das mir damals im Spiegel erschienen war. Tränen, die leise und still meine Backen hinuntergelaufen waren. Nun stand ich da. Allein. Als Mutter. Und musste eine ähnliche Botschaft meinem Kind überbringen, die ich Jahre zuvor selbst, als Kind, gehört hatte. Mir wurde es schwer. Und war erneut den Tränen nah. Wie sollte ich das sagen….wie?
Es war am Mittag. Jeremy und ich sassen beim Mittagessen. Ich MUSSTE es tun. Jetzt. Denn ich wusste nicht, ob Jeremy plötzlich etwas in der Schule oder gar eine völlig deplatzierte Bemerkung vom Kindsvater selbst hören würde. Es war meine Pflicht, ihm dies zuerst mitzuteilen. Damit all jene Emotionen, die Jeremy eventuell übermannen würden, am richtigen Ort und bei der richtigen Person sein würden. Nämlich bei mir. Bei einem Menschen mit Mitgefühl und Empathie. «Jeremy, ich muss dir etwas sagen», begann ich schliesslich. «Schau, ich hatte ja vor wenigen Tagen ein Gespräch in der Schule wegen der 2. Klasse. Es ist, glaube ich, besser, wenn du die 1. Klasse nochmals wiederholst. Ich möchte nicht, dass du plötzlich nicht mehr mitkommst und dir alles zu viel wird. Ich glaube, dieses zusätzliche Jahr wird gut für dich sein. Alles, was du bis jetzt gehört und gelernt hast, hörst du nochmals. Du wirst weiter sein als die Anderen, denn du weisst Bescheid! Das ist doch grossartig! Findest du nicht?» Jeremy sah mich an. Fragend und leicht geknickt. «Und was ist mit Lukas?» Dieser Anblick zerriss mir fast das Herz. Genau davor hatte mir gegraut. Genau das hatte ich vermeiden wollen. Und hatte ebenso gewusst, dass sich es nicht vermeiden lassen würde. «Du wirst Lukas nicht verlieren. Ihr könnt nach wie vor zusammen in die Schule laufen, so wie ihr es immer getan habt. Daran wird sich nichts ändern. Ihr könnt auch weiterhin miteinander in der Freizeit abmachen. Und miteinander in der Pause spielen.» Jeremys Gesicht verzog sich. Und dann kullerten langsam ein paar Tränen seine Backen hinunter. Verdammt, verdammt, verdammt!
Ich nahm ihn in meine Arme, während er leise schluchzte. Ich war selbst den Tränen nah. Und hielt ihn ganz, ganz fest. Du bist nicht allein mein Kleiner, meine Botschaft in dieser Geste. Ich weiss, wie du dich fühlst, ich habe es selbst auch erlebt! «Ich verliere Lukas», flüsterte Jeremy schliesslich zwischen seinem leisen Schluchzen. «Nein, Schätzchen, ganz bestimmt nicht! Glaube mir! Ihr habt einander immer noch. Nicht mehr in den Schulstunden, das stimmt. In der Pause jedoch schon. Und auf dem Schulweg auch. Du kannst weiterhin mit Lukas in die Schule laufen. Und mit ihm abmachen. Daran wird sich nichts ändern. Oder doch?» Jeremy schüttelte wohl den Kopf, doch schien mir, er war von meinen Worten (noch) nicht ganz überzeugt. Wie auch. Was ich wiederum mehr als verstand. Ich hielt ihn weiter fest, während er sich in meinen Armen völlig hängen liess. «Ich habe keinen Hunger mehr», sagte er schliesslich und schob seinen Teller weg. Auch das konnte ich ihm nicht verübeln. Ganz und gar nicht. Der Rest des Essens verlief mehrheitlich schweigend.
Noch am Abend dann, als Jeremy im Bett lag, telefonierte ich mit Lukas Mutter und erklärte ihr die ganze Situation. «Bitte, sag zu Lukas, er solle nichts zu Jeremy sagen. Ich möchte dich einfach informieren. Für Jeremy ist es im Moment nicht einfach. Er hat das Gefühl, er verliere Lukas, was ja nicht stimmt. Nur verstehe ich Jeremy auch was sein Gefühl anbelangt.» «Ich verstehe das auch, ja», antwortete mir Lukas Mutter. «Ich informiere Lukas und sage ihm das so. Was macht er, wenn Jeremy etwas sagt?» «Dann kommt es von Jeremy selbst. Und dann ist es so. Ich will einfach nicht, dass Jeremy von aussen darauf angesprochen wird. Es ist im Moment einfach etwas viel für ihn. Verstehst du?» «Alles klar, ich verstehe das voll und ganz. Machen wir das so, wie du mir gesagt hast. Ich informiere Lukas, sage ihm, er solle nichts zu Jeremy sagen und wenn Jeremy von sich aus etwas zu Lukas sagt, dann soll er ihn doch etwas trösten.» Noch kurz plauderten wir, danach hängten wir auf. Das wäre mal soweit geregelt. Und ich war Lukas Mutter sehr dankbar für ihr Verständnis und ihr Mitgefühl.
Jeremy sagte etwas zu Lukas, wie ich später mitbekam. Und wie ich von Lukas Mutter ebenfalls später erfuhr, waren auch Lukas ein paar Tränen gekommen als er dies erfahren hatte. Doch, dass Jeremy Lukas nicht «verlieren» würde, in keinster Art und Weise, das merkte Jeremy sehr bald. Sie liefen miteinander in die Schule, spielten weiter miteinander in der Pause, mal mehr, mal weniger (Lukas interessierte sich mit der Zeit mehr und mehr für Fussball, Jeremy fand diese Sportart doof), bis Lukas die 6. Klasse abgeschlossen hatte und seine Primarschulära vorbei war. Auch Geburtstagsfeste, bei Jeremy über Jahre im Wald gefeiert, bei Lukas bei sich zu Hause, feierten beide immer zusammen mit den einstigen «Wäldlern», wie ich den ehemaligen Waldkindergartenkinder stets zu sagen pflegte. Und abgemacht wurde weiterhin. Solange es ging, denn mit der Zeit wurden die Nachmittage mehr und mehr «besetzt» von Schullektionen. Ebenso veränderte sich das Lernen allgemein. Der Stoff zum Lernen wurde mehr. Die Freizeit weniger. Und da waren ja auch immer noch diese zusätzlichen Mittwochnachmittage, neben den Wochenenden, die Jeremy beim Kindsvater verbringen musste…...was mich je länger je mehr nervte. Es ging mir nicht darum Jeremy etwas «wegnehmen» zu wollen. Ganz und gar nicht! Es ging um die Zeit, die uns fehlte zum Lernen. Denn der Kindsvater tat diesbezüglich weiterhin absolut nichts! Gar nichts! Und es interessierte ihn auch nicht, wie mir schien.
Noch eine ganze Weile, nachdem die Schulen in der ganzen Schweiz wieder geöffnet worden waren, mussten die Kinder regelmässig Corona-Tests, in Form von Speichelabgabe, machen. Auch wenn sich nach und nach das «normale Leben» wieder anfing zu öffnen.
Es war nach den Sommerferien, im Jahr 2020, als Jeremy dann nochmals in die 1. Klasse startete. Mit dabei seine einstige «Freundin» aus dem Kinderhort Rappunzel und den gemeinsamen Muki-Turnstunden mit ihr und ihrer Mutter, zu der wir den Kontakt immer noch aufrechterhalten hatten. Und wir auch stets zu ihren Geburtstagsfeiern eingeladen worden waren. Ich war froh, dass Jeremy sie hatte. Jemand «alt Vertrauten». Der Start glückte und mir schien auch Jeremy taute mit der Zeit wieder etwas mehr und mehr auf. Er merkte jetzt zudem selbst, dass Lukas nicht einfach «verschwand». Die gemeinsamen Schulwege blieben, die gemeinsamen Spielstunden ebenso. Und Jeremy war nun mit seinem Wissen gegenüber den anderen Schulkameraden/-innen im Vorteil. Er kannte es, hatte es schon mal gehört. Dies wiederum tat seinem allgemeinen Selbstvertrauen, wie mir schien, sehr, sehr gut.
Ende Januar 2021, kurz vor den Sportferien, die Kinder hatten wieder den Corona-Spuktest machen müssen, bekam ich per Mail die Meldung, dass Jeremy «positiv» wäre. Sprich im «positiven Tool», mit anderen zusammen. Die gemeinsamen Sportferien mit dem Kindsvater standen nun auf sehr wackeligen Füssen. Ich bekam einen grossen Schreck. Nein, jetzt musste ich mich wieder mit dem Kindsvater herumschlagen! Es reichte mir schon, dass ich Jeremy in seine Obhut geben MUSSTE. Und dies über mehrere Tage (noch war es so, gemäss Gerichtsurteil, dass gemeinsame Ferien mit dem Kindsvater NICHT länger als eine Woche dauern durften)! Ich setzte mich mit Jeremys Beistand in Verbindung. Schickte ihm per Mail das Testergebnis. Als Beweis und Absicherung. Dieser nahm mir etwas «Arbeit» ab. Telefonierte mit dem Kindsvater, redete mit ihm. Wir mussten nochmals das Resultat eines zweiten Schultestes abwarten. Wäre das wieder positiv ausgefallen, hätte Jeremy die nächste Zeit zu Hause in Quarantäne verbringen müssen. Der Kindsvater würde diese Ferien nicht sausen lassen, wie er am Telefon gesagt hatte. Er hätte dafür bezahlt und würde fahren. Ob mit oder ohne Jeremy. Ich anerbot mich noch, Jeremy allenfalls nach Arosa zu fahren, falls wir das zweite Testergebnis nicht vor dem Abreisetag erhalten würden. Mann nahm es zur Kenntnis. Ein Danke, fehl am Platz. Gleichgültigkeit und Arroganz war immer noch Standard. Das Ergebnis war negativ. Jeremy konnte mit in die Skiferien fahren.
Was Ferien im Allgemeinen betraf, so versuchte der Kindsvater, wie mir schien, Jeremy auch damit «zu kaufen». Insgesamt wurden, bis jetzt, drei Schiffsreisen gemacht. Ich musste «zusehen». Und meine Unterschrift dafür geben. Jeremy, logischerweise, freute sich auf all diese Ferien. Schiffe faszinierten ihn. Und der Kindsvater «nutzte» ihn dafür mit Hochgenuss aus. Ich konnte mir keine solchen Ferien leisten. Mit was? Unser Budget war schmal und ab Juli 2022 dann wurden die Unterhaltsbeiträge fast um die Hälfte gekürzt. Es war nicht so, dass ich Jeremy dies nicht gegönnt hätte. Doch, was hinter all dem steckte war «Missbrauch und Verlogenheit pur», wie mir schien. Der Kindsvater versuchte Jeremy, in jeglicher Art und Weise, für sich «zu kaufen». Plötzlich war die Rede von einem Pass für Jeremy. Damit sie noch etwas weiter wegfahren könnten. Ich hielt dagegen. Eisern und hart. Die Identitätskarte reichte! Damit kam Jeremy schon genug weit. Fast schon zu weit, für meine Begriffe. Und einmal mehr, so hatte ich das Gefühl, stand mir niemand zur Seite. Ausser Jana. Der ganze Rest allerdings, behördlich, so schien mir, ging dem Kindsvater vollumfänglich «auf den Leim». Mit seiner Show, die abgekarteter nicht hätte sein können. Das war einfach nur noch krank.
Als Jeremy alt genug war, fing ich an, ihm ein Notnatel mitzugeben. Zwei Knöpfe, damit verbunden zwei eingespeicherte Nummern. Meine und die meiner Schwester. Jeremy wusste wie er das Natel bedienen musste. Wir übten es immer nochmals kurz bevor er ging. Dieses Notnatel nahm er nur mit, wenn er beim Kindsvater war. Ansonsten blieb es versorgt in der Schachtel. Beweisen konnte ich nichts, doch nach eigenen Aussagen von Jeremy «machte» der Kindsvater mehrmals an seinem Natel herum. Was genau, konnte mir Jeremy, logischerweise, nicht sagen. Es gab ein paar Mal, dass, als Jeremy vom Besuchswochenende nach Hause kam, sein Natel abgeschaltet war. Und zwar nicht von ihm selbst, wie er mir sagte. Dies schürte mein Misstrauen nur noch mehr. Eine Art von «Sicherheitsgefühl», das ich mit diesem Notnatel zu Beginn noch verbunden gehabt hatte, verschwand für einen gewissen Teil wieder. Und erneut hatte ich das Gefühl, ich stände total alleine da. Es wurde weiter, von behördlicher Seite, nur einfach «zugesehen», wie mir schien. Ich musste «liefern», Mister Kindsvater konnte tun und lassen was er wollte. Scheissegal… und so was nannte/nennt sich «Kindes,- und Erwachsenenschutzbehörde» …
Apropos Natel: eines Tages war Jeremy plötzlich mit einem neuen Natel nach Hause gekommen. Er hätte es von Papa geschenkt bekommen und das wäre jetzt seines, hatte er mir eröffnet. Ich hatte das total daneben gefunden. Es hatte Diskussionen darüber gegeben. Mit Jeremy. Mit der Beistandschaft. Diese erneute Verlogenheit, wie mir schien, hatte mich gewaltig genervt. Wieso brauchte Jeremy ein eigenes Natel? Damit der Kindsvater weiter versuchen konnte, ihn in irgendeiner Form zu manipulieren, ohne dass ich es mitbekam? Von der Beistandschaft war mir dann noch gesagt worden, der Kindsvater hätte gesagt, ich hätte Jeremy ja auch einfach ein Natel gegeben. Hallo, das war etwas anderes gewesen!!! Ein NOTNATEL, das wieder versorgt wurde, sobald Jeremy von den Wochenenden oder den gemeinsamen Ferien mit dem Kindsvater nach Hause gekommen war. Dies hatte ich bei den Gesprächen mit der Beistandschaft, was dieses Thema anbelangte, immer wieder sehr betont. Und man hatte es, wie mir geschienen hatte, auch so verstanden. Zur Folge hatte das dann gehabt, dass Jeremy auch das geschenkte Natel vom Kindsvater hatte abgeben müssen, wenn er von den Besuchen und den Ferien bei und mit ihm nach Hause gekommen war. Und es ebenso versorgt wurde. Das Gemecker vom Kindsvater hinter meinem Rücken war mir mehr als egal gewesen. Auch teilweise Jeremys Unmut über meine Anordnung, das Natel mir aushändigen zu müssen, damit es versorgt werden konnte. Ob er vom Kindsvater dazu «aufgefordert» worden war, sich «zu wehren», weiss ich nicht. Denken konnte und kann ich es mir jedoch sehr wohl. Ich war allerdings trotzdem hart geblieben. Nicht mit mir! Und nicht auf diese miese Tour!
Seit Ende August 2020 war auch Frau Rechsteiner wieder regelmässig zu uns gekommen. Zuerst noch mit Maske und, als die Verordnungen weiter gelockert wurden, wieder ohne. Um Jeremy an Frau Rechsteiner zu «gewöhnen» und seine vertraute Umgebung um sich zu haben, hatte ich mit ihr ganz zu Beginn unserer Zusammenarbeit abgemacht gehabt, dass sie mit Jeremy bei uns zu Hause arbeiten würde. Mit der Zeit kam immer mehr die Frage auf, ob wir nicht zu ihrem Lernatelier in Gossau fahren könnten, da sie dort noch mehr Material zur Verfügung haben würde, um Jeremy noch besser begleiten und unterstützen zu können. Ab Ende August 2021, ein Jahr später, führte uns unser Weg schliesslich regelmässig nach Gossau in ihr Lernatelier.
Seit es die Ferien für alleinerziehende Mütter, organisiert vom Blauen Kreuz, nicht mehr gab, verbrachten Jeremy und ich unsere gemeinsamen Ferien zu Hause. Im Sommer suchten wir unsere Badewiese in der Badi Widehorn auf, direkt am See, die uns meine Mutter eines Tages zeigte. Stunden verbrachten Jeremy und ich dort. Eine Feuerstelle war ebenfalls vorhanden, und so gab es auch einige Male, die wir, bepackt mit Essen und Trinken für einen ganzen Tag, dort verbrachten. Inklusive grillen. Eine andere Variante war das Baden im Pool bei meiner Schwester und deren Familie, was Jeremy ebenfalls grosse Freude und grossen Spass bereitete. Kam dann plötzlich jemand mit einer Wasserpistole daher und fing an, jemand anderen anzuspritzen, waren innerhalb kürzester Zeit alle auf den Beinen. Ebenso bewaffnet mit einer Wasserpistole ging der Spass erst richtig los. Das Wasser schoss aus den Pistolen, es wurde gelacht, gerannt und fleissig «aufgeladen»! Auch war es so, dass Jeremy immer mal wieder zwischendurch zu meiner Schwester «in die Ferien» ging. Die Dauer war unterschiedlich. Gesellschafts,- und Kartenspiele gehörten immer dazu. Sowohl ich mit Jeremy als auch meine Schwester, ihr Mann, ihre Tochter und meine Mutter mit Jeremy. Je mehr Personen, umso unterhaltsamer! Jeremy genoss diese Stunden sehr. Seine Freude und sein Lachen taten mir jedes Mal sehr gut. Und auch ich konnte in diesen gemeinsamen Spielstunden die Sorgen, Ängste und Nöte über eine, wie mir schien, immer noch absolut nicht befriedigende und irgendwo «verfahrene» Situation für einen Moment vergessen. Und ab und an durfte bei Jeremys «Ferien» bei meiner Schwester, neben der Hilfe in der Küche, auch ein «Home-Kino-Abend» mit dem stets obligaten Popcorn nicht fehlen!
In unseren gemeinsamen Herbstferien war es dann vielfach die OLMA-Zeit, die uns an den Jahrmarkt lockte. Mit drei Bahnfahrten nach freier Wahl. In die Skiferien konnte ich mit Jeremy ebenfalls nicht. Mir fehlte das Geld dazu. Ich hätte Jeremy sehr, sehr gerne in eine Skischule geschickt. So, wie ich es selbst als Kind gehabt hatte, wenn ich mit meiner Familie über Jahre in die Skiferien gefahren war. Der Kindsvater wollte davon allerdings nichts wissen. Ich sagte nichts, konnte und durfte auch nicht. Wie mir gesagt wurde. Es wären seine Ferien mit Jeremy. Ich bedauerte dies. Bis heute. Denn so hätte Jeremy, davon bin ich überzeugt, noch besser Ski fahren gelernt. Und hätte vielleicht auch noch mehr Freude daran gefunden. Ganz zu Beginn nahm ich ihn jeweils zwischen meine Knie (genauso wie es meine Eltern dazumal mit mir gemacht hatten, als ich anfing zu fahren) als ich das erste Mal mit ihm an unserem «Haushang», der nicht weit von unserer Wohnung entfernt steht, üben ging. Ich hatte zwar nie wirklich das Gefühl, dass Jeremy SEHR GERNE Ski fuhr. Doch war es mir sehr wichtig, dass er zumindest eine Ahnung davon hatte, wenn er schon mit dem Kindsvater in die Skiferien fuhr. Und es auch etwas konnte. Fand ich die Skiausrüstung, ausser dem Skihelm, für Jeremy anfangs noch an der alljährlichen Skibörse hier bei uns im Dorf, mietete ich die Ausrüstung sehr bald. Jeremy konnte die Skischuhe sowieso praktisch nur einen Winter lang gebrauchen. Danach waren ihm die Schuhe schon wieder zu klein. Zudem war es mir auch ein sehr grosses Anliegen, dass die Skier fachmännisch und sauber BFU-geprüft waren. Jeremy nahm, wenn er mit dem Kindsvater in die Skiferien fuhr, IMMER «unsere» Skiausrüstung mit. Auch hier traute ich dem Kindsvater in keinster Art und Weise.
Es war eines Nachmittags, als ich mit Jeremy wieder an unserem «Hausberg» üben ging. Auch ein Skilift stand dort. Allgemein im Dorf bekannt als der «Blattenhügel mit Skilift». Es war nicht bloss üben angesagt, sondern auch das ganze Prozedere mit dem Bügellift. Auch hier hatte ich Jeremy zuerst zwischen meine Beine genommen, wenn wir mit dem Schlepplift den Hügel hinauf gefahren waren. Irgendwann jedoch war die Zeit da gewesen für einen «Solo-Versuch». Tja, es gab im Verlaufe der Zeit einige Fehlversuche und Jeremy flog aus dem Lift, weil er seine Skier nicht parallel zueinander halten konnte. Seine Motivation schwand. Und trotzdem liess ich nicht locker. Üben, üben und nochmals üben. Nicht immer im «sanftesten» Ton. Ob das wirklich immer so gut war? (Velo fahren lernte Jeremy bei meiner Schwester. Auch dabei wurde er nicht mit «Handschuhen» angefasst. Ob auch das wirklich immer so «förderlich» war? Ich bezweifelte es etwas, denn bis heute fährt Jeremy nicht wirklich sehr gerne Velo…..). Etliches Umfallen und wieder Aufstehen in der ersten Übungsphase. Pleiten, Pech und Pannen!
Und doch passierte uns bei einem Skinachmittag beim Blatten-Skilift auch einmal ein doch sehr lustiges Missgeschick. Jeremy hatte den Bügellift mittlerweile «im Griff». Es klappte mit dem Bügel fassen, «abschleppen» lassen und ohne aus dem Lift zu fallen, oben anzukommen. Jeremy fuhr vor mir. Ich, mit einem Abstand von drei Bügeln, hinter ihm. Kurz vor dem Loslassen des Bügels verfing sich mein Handschuh irgendwie in diesem Bügel. Ich musste zusehen wie dieser, gut «verankert» im Bügel, am Stahlseil über die Rondelle und wieder Richtung Bügellift-Start lief. Pleiten, Pech und Pannen, in einer neuen Version zurück! Ein Mädchen, stehend auf der Piste, beobachtete diese ganze Situation. Sie rief mir etwas zu, was ich jedoch nicht richtig verstand. Leise fluchend stand ich am Pistenstart, während mein Handschuh munter am Bügel hing und seine Fahrt Richtung Station fortsetzte. Jeremy stand neben mir und meinte trocken, «Mama, dein Handschuh hängt fest». Gut beobachtet, mein Sohn, nützt mir aber gerade gar nichts!! Die «Rettung» allerdings nahte ein paar Minuten später. Das Mädchen, das die ganze Situation beobachtet hatte, war mittlerweile die Piste hinuntergefahren, hatte sich bei ihrer nächsten Liftfahrt meinen Handschuh geschnappt und gab ihn mir jetzt wieder zurück. Ich bedankte mich herzlich bei ihr.
Es gab auch mit der Klasse von Jeremy sogenannte Skitage, an denen sie am Blattenlift Ski fuhren. Später, als sie älter waren, bei der Vögelinsegg, auch hier im Dorf. Ich war mehr als froh, hatte ich mit Jeremy zumindest so geübt, dass er nicht wie ein blutiger Anfänger auf den Skier stand. Denn, wenn wir beim Blattenlift die Piste hinunter fuhren, kamen nicht selten Schulkameraden/-innen von Jeremy, die auch auf den Skier standen. Und mit der Zeit wollte Jeremy, verständlicherweise, mit ihnen zusammen den Berg hinunterfahren. Ich «nabelte» mich mehr und mehr ab. War zwar dort, genoss bei der Stehbar jedoch mehr und mehr ein oder zwei Punsch, die von einem einheimischen Ehepaar ausgeschenkt wurden. Meine Mutter leistete uns manchmal etwas Gesellschaft, doch ihrer Mine nach konnte ich doch immer sehr genau feststellen, ob es ihr «passte» oder nicht. Selber fuhr sie schon seit mehreren Jahren nicht mehr Ski, doch kam sie ein paar wenige Male mit dem Schlitten. Neben der Skipiste konnte man mit dem Schlitten den Berg hinunterfahren, was sie auch tat. Doch ihr teilweise sehr gehässiger Blick, wenn ich nicht «mitkam», nervte und störte mich sehr. Ich war kein Kind mehr, dass sie beliebig «herumkommandieren» konnte wie es ihr passte, wie mir schien. Zudem kannte man mich und Jeremy hier im Dorf. Ihr gehässiger Blick ging mir deshalb gleich nochmals mehr als auf den Zeiger.
Genau so war es auch, wenn sie zeitweise in unserer Wohnung ziemlich lautstark verkündete, was für ein Gestank denn schon wieder von den Nachbarn unterhalb von mir hinaufzog, da diese Beiden sehr, sehr starke Raucher waren. Ich konnte und kann es immer noch nicht, zeitweise mein Balkon- und Küchenfenster öffnen, weil der Gestank der qualmenden Zigaretten einfach eklig war und ist. Ihr lautes Zuknallen von Balkontür und Küchenfenster, begleitet von den doch sehr lautstarken Worten, dass das doch dermassen ekelhaft stinken würde und eine verdammte Sauerei wäre, nervte mich ebenso. Ja, auch mich störte, und stört, das enorm doch lebten, und leben, Jeremy und ich hier. NICHT sie! Ich sah sämtliche Nachbarn vom Block um Einiges mehr als sie. Und musste mit ihnen klarkommen. Es gab ein paar wenige Male, wo ich meiner Mutter, nach dem Zuknallen der Tür, doch etwas genervt über den Mund fuhr. Doch wie mir schien interessierte sie das herzlich wenig. Die Motzerei blieb.
Es war auch einmal im Winter gewesen: jedes Jahr, kurz vor Weihnachten, spielten ein paar Mitglieder des Musikvereins Speicher am Bahnhof Weihnachtslieder. Jeremy und ich liefen immer, obwohl wir ja unmittelbar beim Bahnhof wohnten, nach draussen und hörten den Musikanten und Musikantinnen zu. Es war eines Tages gewesen, als ich mit Jeremy auch beim Bahnhof gewesen war, um den Weihnachtsliedern zu lauschen. Auf einem Schneehaufen hatte es sich Jeremy bequem gemacht, als plötzlich ein anderer Junge mit seinen Eltern dahergelaufen war. Die beiden Jungs hatten sich innerhalb kürzester Zeit in ein gemeinsames Spiel vertieft, während ich mit den Eltern ein paar Worte gewechselt hatte. Dabei hatte ich herausgefunden, dass diese Familie direkt neben unserem Block wohnte. Mit dem heiligen Versprechen, dass die beiden Jungs wieder miteinander draussen spielen können, waren wir, am Ende des kleinen «Weihnachtskonzertes», alle gemeinsam nach Hause gelaufen. Von diesem Tag an waren Jeremy und der Nachbarsjunge namens Elias fast jeden Tag draussen gewesen und hatten Stunden miteinander gespielt. Und sie luden einander immer zum Geburtstagsfest des Anderen ein. Für Jeremy hatte mich das sehr, sehr gefreut. Leider zog die Familie ein paar Jahre später ins Nachbardorf. Wohl hatten wir noch den Kontakt eine ganze Weile bewahren können. Und doch war er mit der Zeit mehr und mehr verblasst. Das hatte mir für Jeremy sehr leid getan.
Auch führte die Schule sogenannte Klassenlager durch. Im Jahr 2023, Jeremy war in der 4. Klasse, verreiste er zum ersten Mal mit seiner und der Parallelklasse Mitte September für drei Tage (Montag bis und mit Mittwoch) nach Mannenbach am Untersee. Übernachten taten sie im Lagerhaus Wartburg. Während diesen drei Tagen unternahmen sie sämtliche Ausflüge. Jeremy gefiel dieses Lager grundsätzlich, doch gab es auch «Heimwehkandidaten,- und kandidatinnen», die Jeremy etwas leid taten, wie er mir nach seiner Rückkehr erzählte. Und er dann leider auch etwas Mühe mit dem Heimweh bekam. Das zweite Klassenlager folgte zwei Jahr später, im Jahr 2025. Mitte August, mit der 6. Klasse und der Parallelklasse. Diesmal führte sie die Reise nach Tarasp. Übernachtet wurde im Ferienheim Rorschacherberg. Dieses Lager dauerte fünf Tage. Auch hier wurden sämtliche Ausflüge unternommen. Wanderung durch den Nationalpark, Besichtigung des Schlosses Tarasp, Kinder-Rafting-School und Badespass in der Badi. Was Jeremy am meisten Spass gemacht hatte, war das Rafting gewesen, wie er mir nach der Rückkehr von dieser Reise erzählt hatte.
Bis ins Jahr 2025 war es so, dass Jeremy in den Ferien auch noch jeden Mittwoch, von morgens 10.00 Uhr bis abends 18.00 Uhr, bei dem Kindsvater sein musste. Hatte ich nicht meine obligaten, mir zustehenden, Ferienwochen mit Jeremy eingegeben, «zerriss» es die noch verbleibenden Ferienwochen ebenso. Ein Hin und Her, wie mir schien, was mich gleich nochmals störte. Und ich hatte mit der Zeit das Gefühl, dass auch Jeremy mit diesem Hin und Her seine Mühe hatte, und nicht wirklich «zur Ruhe» kommen konnte. Ende Jahr 2024, nach mehrmaliger Besprechung mit der Beistandschaft über den Ferienplan 2025, einigten wir uns darauf, dass die Mittwoche in den Ferien zukünftig gestrichen, die Ferien allgemein einfach aufgeteilt werden würden. Hälfte Hälfte, ausser den Weihnachtsferien. Auch sonst wurden allgemeine Feiertage, bis auf Weihnachten, gestrichen und als «normale» Tage angesehen.
Das mit den allgemeinen Feiertagen störte mich nicht. Mühe hatte ich zuerst mit den Ferien allgemein. Diese «Hälfte Hälfte». Gerichtlich war es damals festgelegt worden, dass die gemeinsamen Ferien von Jeremy und dem Kindsvater nicht länger als eine Woche dauern würden. Was mir mehr als recht gewesen war. Auch hier jedoch hatte ich mit der Zeit feststellen müssen, dass der Kindsvater Jeremy «bearbeitete», damit Jeremy anfing von seinem Wunsch, also Jeremys Wunsch nach gemeinsamen Ferien mit dem Kindsvater, die länger als eine Woche dauern würden, zu reden. Ich war der ganzen Sache nachgegangen, indem ich nach dem Grund gefragt hatte. Eines Tages hatte mir dann Jeremy erzählt, dass ihm der Kindsvater gesagt hätte er solle das doch sagen. Gegen aussen hin hatte ich versucht, ruhig zu bleiben. Es war nicht Jeremys Schuld. Innerlich jedoch hatte es in mir gebrodelt. Wieder war Jeremy für ein, wie mir schien, immer noch mieses und intrigantes Spiel «missbraucht» worden. Nach Rückmeldung dieses Vorfalls an die Beistandschaft und einem Gespräch mit Jeremy hatte er schliesslich selbst der KESB Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Herisau angerufen und ihnen von diesem Vorfall erzählt, da auch sie davon Wind bekommen hatten. Ein erster «mutiger» Schritt meines Sohnes, eine grosse Erleichterung für mich. Hatte diese sogenannte Behörde JETZT endlich begriffen, was für ein mieses Spiel hier gespielt worden war? Wie Mann immer noch versuchte, mich als «stur und blöd» hinzustellen, indem er Jeremy erneut für seine Zwecke «missbraucht» hatte? Ich zweifelte…..
In den Frühlingsferien im Jahr 2022 dann nahm Jeremy, wirklich auf seinen eigenen Wunsch hin, zum ersten Mal am Frühlingslager hier im Dorf teil. Organisiert war es von der reformierten Kirche aus. Drei Tage lang, von morgens bis abends, Unternehmungen diverser Arten rund um das Dorf, gemeinsames Mittagessen im Buchensaal. Übernachtete wurde zu Hause. Ich wurde von der Pfarrerin angefragt, ob ich in der Küchencrew mithelfen wolle und sagte zu. Bis und mit diesem Jahr (nach der Primarschule kann man nicht mehr als Teilnehmer mit dabei sein) nahm Jeremy jedes Jahr an diesem Frühlingslager teil, während ich in der Küche mithalf, um gut 80 Kindern und rund 40 Betreuer/-innen und Leiter/-innen ein genussvolles Mittagessen auf den Tisch zu zaubern. Sowohl für mich als auch für Jeremy war unsere «gemeinsame Lagerzeit» über all die Jahre immer ein sehr schönes und abenteuerreiches Erlebnis gewesen.
Eine solche «gemeinsame Zeit» genossen und geniessen wir noch immer, Jeremy und ich. Im Winter, vor der Weihnachtszeit. Und zwar bei unserem über Jahre traditionellen Weihnachtsguezli backen. Um uns etwas auf diese besondere Zeit «einzustimmen», liessen wir stets Weihnachtslieder laufen und verwandelten unsere Küche in eine nach Guezli riechende Backstube. Bis heute ist dies eine in Stein gemeisselte Tradition, besonders für Jeremy, geblieben, die eingehalten werden MUSS! Ebenso unser obligates Weihnachtsessen: Nüsslisalat mit Ei, gebratenen Speckwürfeli, gebratenen Pilzen und Peperoni dazu, danach Filet im Teig mit Bratkartoffeln. Ein ebenfalls absolutes MUSS! Auch färbten wir über Jahre während den Ostertagen bei Sarina und ihrer Familie Ostereier. Eine weitere Tradition, die für Jeremy stets wichtig gewesen war. Doch im Gegensatz zum Weihnachtsbacken hat diese Tradition für Jeremy, wie mir scheint, in den vergangenen zwei Jahren etwas an Wert verloren. Wenn es die Terminkalender erlauben, dass wir alle zusammenkommen, freut er sich darüber. Wenn nicht, ist seine Enttäuschung nicht mehr gross.
Was seine, man könnte sagen, kleine «Leidenschaft» ist, ist das Kochen. Schon sehr früh half er mir sehr gerne in der Küche. Wenn es die Zeit erlaubte und erlaubt, und dies war und ist hauptsächlich an den Wochenenden, wo er zu Hause war und ist, der Fall, ergab und ergibt es sich doch des Öfteren, dass er mir beim Kochen half und hilft. Und wir, je länger und je älter er geworden ist, doch auch sehr gut über so Manches diskutieren und philosophieren können.
Die regelmässigen Besuche bei Claudia Rechsteiner in Gossau gingen weiter. Ende Jahr 2022 eröffnete sie mir eines Tages, dass sie in der Schule, in der sie angestellt wäre, gekündigt hätte und sich einer neuen beruflichen Herausforderung stellen würde. Jeremy könne sie somit auch nicht mehr weiter begleiten und unterstützen. Ich erschrak. Was nun? Wohin sollten wir jetzt gehen? Klar, auch Sarina, meine Schwester, war da, wenn wir schulisch nicht mehr weiterkamen oder es irgendwo «klemmte». Doch war sie auch berufstätig. Und ich wollte weiterhin auch etwas «Regelmässiges». «Ich habe mir das Ganze überlegt und bin ebenfalls Ihrer Meinung, dass es weitergehen muss. Ich kenne eine Frau namens Regula Rassle. Sie unterrichtet selbst auch und ist nebenbei Maltherapeutin. Ihr Malatelier hat sie in Bühler. Näher bei Ihnen. Ich glaube, sie wäre eine sehr geeignete Person. Wenn Sie wollen, frage ich sie einmal. Ich glaube, das wäre eine sehr gute Lösung. Auch für Jeremy.» Ich stimmte ihr zu. Sie nahm mit dieser Frau namens Regula Rassle Kontakt auf und gab mir bei unserem nächsten Treffen Bescheid. «Ich habe mit ihr geredet. Es ist in Ordnung. Sie würde es machen. Ich habe Ihnen hier die Adresse und Telefonnummer. Rufen Sie ihr an, vereinbaren Sie einen Termin mit ihr. Sie weiss schon ein paar Dinge über Sie und Jeremy von mir, doch lernen Sie einander selbst noch kennen.»
Dankend nahm ich das Blatt, das sie mir entgegenstreckte, entgegen. Ich rief dieser Frau Rassle ein paar Tage später an und vereinbarte mit ihr einen Termin. Ein schönes, erstes Gespräch folgte. Ich erklärte ihr, unter anderem, auch unsere allgemeine Situation, die doch auch für Jeremy, auf seine Weise, «belastend» wäre. Wir einigten uns auf eine Kombination von Lernen für die Schule und Malen. Eine «ganzheitliche» Begleitung. Für Jeremy und für mich. Denn würde sie etwas merken, was auch mich vermehrt «betreffen» würde, würde sie zuerst mit mir Kontakt aufnehmen und allenfalls auch noch mit mir arbeiten. Wenn ich dem zustimmen würde. Darüber musste ich nicht lange nachdenken. Klar! Sonnenklar! Ich redete auch mit Jeremy über diesen möglichen Wechsel und die damit verbundene vorgeschlagene Kombination. Und so kam es, dass uns, ab Mitte August 2023, auf das neue Schuljahr, unser Weg nicht mehr regelmässig nach Gossau, sondern nach Bühler zu Frau Rassle führte. Die Schule hatte über unsere auswärtige schulische Unterstützung immer Bescheid gewusst.
Jeremy war für ein halbes Jahr auch wieder regelmässig bei Roman gewesen. Von Juni 2021 bis November 2021, im Judo. Doch hatte ihm dieses «Kämpfen», wie er gesagt hatte, nicht so wirklich gefallen. Roman selbst hatte später dann seine eigene Judoschule etwas «umgestaltet» und unter einem neuen Ansatz wieder eröffnet. Ich war mit Jeremy eines Tages bei Jana gewesen, als sie uns das neue Konzept von Romans Schule erklärt hatte. Jeremy war daraufhin bei Roman schnuppern gegangen und ab März 2022 wieder regelmässig «eingestiegen». Neu unter dem Motto: Bewegungskunst. Bis heute.
Es war anfangs April 2022, als eines Abends mein Natel klingelte. Ich sah auf das Display und sah Patricks Nummer aufleuchten. Immer noch verhielt ich mich ihm gegenüber sehr distanziert. Sein Verhalten mir gegenüber damals, nach seinem gemeinsamen «Sonntags-Ausflug» mit dem Kindsvater, sass immer noch ziemlich tief.
Melanie war seit knapp drei Jahren im Altersheim. Die Jüngste von allen Bewohnern. Demenz. Sie hatte nicht mehr alleine in ihrer Wohnung leben können. Es war zu gefährlich geworden. Ich hatte in dieser Zeit wieder vermehrt zu den drei anderen Brüdern von Patrick Kontakt gehabt und ihnen auch gesagt, es solle sich doch bitte jemand von ihnen bei mir melden, wenn mit Melanie etwas wäre. Ich hatte einem von den Dreien die Geschichte von jenem Sonntag erzählt und meine Gründe erläutert, weshalb ich zu Patrick eine gewisse Distanz aufgebaut hatte. Er hatte mir schweigend zugehört und genickt. Ich war darum doch etwas erstaunt, dass ich Patricks Name nun auf meinem Natel-Display sah während es klingelte. Ich nahm ab und meldete mich. «Was ist los? Ist etwas mit Melanie?» Meine zwei weiteren Fragen, nachdem ich ihn zuerst einmal begrüsst hatte. Ein kurzes Räuspern. «Nicole, ich muss dir etwas sagen.» Ich wusste was kommen würde. «Unsere Mutter ist letzte Nacht verstorben.» Wieder ein kurzes Räuspern. «Oh», war das Einzige was ich sagen konnte. Ich hatte es gewusst.
Über mehrere vergangene Monate, ausser in der Corona-Zeit, wo man gar niemanden besuchen durfte, war ich sie regelmässig besuchen gegangen. Und immer waren wir draussen spazieren gewesen. Bis sie mir eines Nachmittages hingefallen war. Von jenem Tag an hatte ich dem Pflegepersonal gesagt, ich würde nur noch mit ihr im Rollstuhl nach draussen gehen. Und so war es auch geschehen. Stets ein Mensch, der die Natur liebte, war es mir zuwider gewesen, mit ihr drinnen an einem Tisch sitzen zu müssen. Sie war immer irgendwie «auf den Beinen gewesen», ihr ganzes Leben lang. Und so oft wie möglich draussen. Das hatte ich beibehalten wollen. Bis zum Schluss. Ich bekam hautnah mit, wie ihr Zerfall vorangeschritten war. Zuerst hatte sie mich noch erkannt, irgendwann nicht mehr. Auch ihre eigenen Kinder nicht mehr. Ebenso wenig ihre Enkelkinder. Aber ich war sie weiter besuchen gegangen, war weiter mit ihr draussen spazieren gewesen. Immer die gleiche Route, immer am kleinen See am Golfplatz vorbei. Und immer meine gleiche Frage: »Melanie, sollen wir eine Runde schwimmen gehen?» Zuerst war es noch ein Lachen mit den Worten, ja meinst du wir können das? Ich habe meine Badehosen aber nicht dabei. Später dann kam keine Antwort mehr. Immer der gleiche Halt unter einem schönen grossen Baum. Auf einer roten Bank. Ich auf der Bank sitzend. Sie neben mir im Rollstuhl. Und dem Lauschen der Blätter, die sich mit dem Wind bewegten. Zu Beginn hatten wir noch miteinander gesprochen, mit der Zeit waren unsere Gespräche erloschen. Aber das Lauschen blieb. Bis zum Schluss.
Es war mein letzter Spaziergang mit ihr gewesen. Unsere «obligate» Runde, meine «obligate» Frage beim See. Ihr «obligates» Schweigen. Ihre Füsse rutschten ihr mittlerweile regelmässig von den Trittbrettern am Rollstuhl und alle paar Meter musste ich ihr diese wieder richtig auf die Trittbretter stellen. Es war wieder soweit. Ich beugte mich vor ihr nieder, nahm ihre Füsse und stellte sie auf die Trittbretter. «So ist es etwas besser, gell!» Ich sah sie lächelnd an. Drei Sekunden, vielleicht vier. Sie sah mich an. RICHTIG AN. Sie lächelte. Und ich war mir GANZ SICHER, sie hatte mich RICHTIG erkannt! Im selben Moment schien die Sonne durch die Blätter des Baumes, direkt in unsere beiden Gesichter. Und ich wusste: es hatte sich «gelohnt», es hatte sich alles «gelohnt»! Sie hatte mich verstanden. Mein Dankeschön an sie, für 25 Jahre Freundschaft, war «angekommen».
Ich merkte, wie mir die Tränen näher und näher kamen. «Nicole, bist du noch da?» «Ja, bin ich». Ich räusperte mich. «Es ist ihr gut gegangen. Sie musste nicht lange leiden, wie man mir gesagt hat.» Jetzt kamen die Tränen. Und ich schluchzte leise vor mich hin. Patrick gab mir noch die genauen Daten der Beerdigung durch. Währenddessen rief plötzlich Jeremy nach mir. Obwohl ich Patrick bat, schnell am Telefon zu warten, hängte er auf. Das, was ich wissen musste wusste ich, und ich musste mich etwas «zusammennehmen», damit Jeremy meine Tränen nicht sah. Doch er merkte, dass etwas los war und fragte danach. «Ich habe gerade eben mit Patrick gesprochen. Deine Chälbli-Grossi ist letzte Nacht gestorben. Sie ist jetzt im Himmel, an einem schönen Ort, wo es ihr ganz gut geht. Im Moment bin ich noch etwas traurig darüber, aber es geht schon. Jetzt hat sie ganz bestimmt keine Schmerzen mehr.» Ich lächelte Jeremy an. Er nickte. Danach sprachen wir noch kurz miteinander. Schliesslich deckte ich ihn wieder schön zu, gab ihm nochmals einen Kuss auf die Backe und sagte leise zu ihm, er solle jetzt wieder schön weiter schlafen. Es wäre alles in Ordnung. Er nickte wieder und schloss die Augen. Ich schlich leise aus dem Zimmer, zog die Zimmertür etwas zu und lief in die Küche zurück. Das Natel, noch auf der Küchenkombination liegend, nahm ich zur Hand und merkte jetzt erst, dass Patrick aufgehängt hatte. Ich rief ihn zurück. Er meinte, es wäre ja soweit alles gesagt gewesen, weshalb er schliesslich aufgehängt hätte. Wir sprachen nur noch kurz miteinander. Ich dankte ihm, unter anderem, für seinen Bescheid und hängte auf. Ich fühlte mich müde und erschöpft.
Wenig später, nachdem ich noch die Küche aufgeräumt, die Geschirrspühlmaschine laufen gelassen und meine Abendtoilette beendet hatte, lag ich im Bett. Und dachte nochmals an die gemeinsame Zeit mit Melanie zurück. 25 Jahre. Oh ja, wir hatten viel zusammen erlebt. Wie viele Liter Tee hatten wir wohl getrunken in all diesen Jahren, wie viele Tränen gelacht und auch geweint. So viele Momente, die das Leben schreibt, gemeinsam erlebt. Auch die Enttäuschung meinerseits über ihre Reaktion und ihr Verhalten damals, an und nach diesem «Sonntagsausflug» von Patrick mit dem Kindsvater. Ja, ich hatte mich auch eine zeitlang von ihr etwas distanziert, weil ich mich nach jenem Vorfall auch von ihr irgendwo «verraten und verarscht» gefühlt hatte. Und nun war sie von dieser Welt gegangen. Kurz und schmerzlos. Sie hatte sich das mehr als «verdient». Und irgendwo in meinem Herzen «freute» ich mich für sie darüber.
Es war mir sehr wichtig, Melanie noch einmal zu sehen. Wie ich von Patrick am Telefon am Abend zuvor noch erfahren gehabt hatte, würde sie zwar noch etwas im Altersheim in ihrem Zimmer liegen, doch nicht mehr allzu lange. Es war an einem Freitagmorgen, als ich mich noch ein letztes Mal auf den Weg ins Altersheim machte, um sie zu sehen. Jeremy war in der Schule. Er wusste wohin ich gehen würde und was er am Mittag zu essen hatte, sollte es bei mir etwas länger dauern.
Einen Tag zuvor hatte ich mit dem Altersheim gesprochen und mich für den nächsten Tag «angemeldet». Ich hatte auch mit Rahel am Telefon gesprochen und ihr die Todesnachricht überbracht. Zwar hatte sie Melanie nicht näher gekannt, hatte aber gewusst, dass mich und Melanie eine 25-jährige herzliche Freundschaft verbunden gehabt hatte. Rahel hatte sich sogar anerboten mitzukommen, damit ich nicht alleine sein würde, was mich sehr gefreut hatte. «Das ist sehr, sehr lieb von dir. Doch glaube ich, ich schaffe das schon. Ich weiss, es war viel besser für sie, gehen zu können. Und sie ist jetzt sicher an einem guten und friedlichen Ort.» Rahel hatte noch gemeint, sollte ich meine Meinung doch noch ändern, wäre sie am Freitagmorgen zu Hause. Ich könne sie ungeniert anrufen. Wir hatten nicht mehr sehr lange gesprochen miteinander an diesem Abend.
Obwohl ich mich für Melanie irgendwie «freute», war ich doch auch etwas nachdenklich und traurig. «Verabschiedet» hatte ich mich zwar schon irgendwie von ihr. Noch im Verlaufe unserer letzten gemeinsamen Spaziergänge. Stück um Stück. Auf meine Weise. Und auch Tränen hatte ich vergossen, wenn ich bei Manuele, in der Garage oder mit ihm und seiner Frau, in der Stube ihres Hauses gesessen hatte. Ich hatte die Beiden über Jeremy kennengelernt. Ihr Sohn besuchte eine Zeitlang mit Jeremy die gleiche Klasse. Manuele arbeitete in der Kirche, seine Frau ebenso. Er hatte mir auch damals geholfen, als ich und Jeremy auf die andere Strassenseite gezügelt waren, mit den kleineren elektronischen Arbeiten (Lampen oder Spiegel aufhängen). Bis heute führen wir mehr oder weniger regelmässig, wie wir sie stets nannten und nennen, unsere «Garagengespräche» durch. Über Gott und die Welt. Über das Leben. Und rund um das Thema Kinder.
Als ich nun an diesem Freitagmorgen noch ein letztes Mal ins Altersheim fuhr, um Melanie zu sehen, bekam ich auf der Fahrt doch plötzlich Mühe. Ich parkierte mein Auto vor dem Altersheim auf einem Besucherparkplatz und merkte, wie der Klos in meinem Hals dicker und dicker wurde. Und schliesslich sass ich da, während mir die Tränen einen Moment lang unaufhaltsam die Backen hinunter liefen. Ich rief Rahel an. «Ich muss da rein und ich glaube ich kann das doch nicht», schniefte ich ins Telefon, während mir Rahel beruhigend zuredete. «Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn du nicht alleine gefahren wärst. Soll ich doch noch kommen?», fragte sie. «Ich muss da durch. Ich bleibe jetzt, glaube ich, noch etwas im Auto sitzen, sammle mich und gehe da rein», antwortete ich ihr. Ich wollte nicht, dass sie sich jetzt extra noch ins Auto setzen musste, nur weil ich das nicht «schaffte». Es würde gehen. «Es geht schon. Ich muss mich wohl einfach noch etwas sammeln.» Noch einmal wünschte sie mir alles Gute und viel Kraft. Ich solle sie doch nochmals anrufen, wenn ich wieder draussen wäre. «Alles klar, mache ich.» Danach hängten wir auf.
Ich sass im Auto und atmete ruhig. Wo immer Melanie auch sein würde: es würde ihr sicher gut gehen. Mit diesem gemeinten tröstenden Gedanken öffnete ich die Autotür und stieg aus. Schloss das Auto ab und schlenderte langsam zum Eingang des Altersheims. Gleich beim Empfang stand ein kleiner Tisch. Darauf ein Foto von Melanie, daneben eine brennende elektronische Kerze. Eine Pflegefachfrau kam auf mich zu. Und in diesem Moment brach ich erneut in Tränen aus. In abgehackten Worten erklärte ich ihr, dass ich zu Melanie gehen wolle, um mich von ihr zu verabschieden. Wohlwollend nickte sie mir zu, stellte keine Fragen, sondern nahm mich sanft beim Arm. «Uns hat eine 25-jährige Freundschaft miteinander verbunden», sagte ich leise. Die Pflegefachfrau nickte und strich mir weiter sanft über den Arm. «Kommen Sie, ich begleite Sie.» Gemeinsam stiegen wir die Treppe zum ersten Stock hinauf, wo Melanies Zimmer war. Ich wusste, dass ich, für den Moment zumindest, alleine im Zimmer sein würde. Ich empfand dies als sehr, sehr schön. «Sind Sie soweit?», fragend sah mich die Pflegefachfrau an. Ich nickte. Danach öffnete sie die Zimmertür.
Vorsichtig trat ich ein. Sah das Bett. In dem Bett Melanie liegend. Friedlich lag sie da und mir schien, ihre Seele hätte dieses Zimmer bereits schon eine ganze Weile durch das gekippte Fenster verlassen. «Wollen Sie mit ihr alleine sein oder soll ich noch etwas hier bleiben?», wieder sah mich die Pflegefachfrau fragend an. «Es geht schon», antwortete ich ihr leise. «Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie einfach. Wir sind da. In Ordnung?» Ich nickte langsam vor mich hin. Leise entfernte sich die Pflegefachfrau aus dem Zimmer und schloss ebenso leise die Zimmertür. Nun stand ich alleine im Zimmer. Vor mir das Bett mit Melanie drin. Behutsam trat ich an ihr Bett heran. «Hey», flüsterte ich und lauschte in die Stille. Tränen traten erneut in meine Augen. Ich setzte mich vorsichtig auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand. Und durchlief in meinen Gedanken noch einmal unsere gemeinsamen 25 Jahre. Plötzlich hörte ich eine Stimme draussen. Luka, der zweitjüngste Sohn von Melanie, schien draussen zu sein. Ich hörte ihn mit einer Pflegefachfrau sprechen. Alles verstand ich nicht. «Dann kommen wir später wieder», hörte ich ihn noch sagen. Danach entfernten sich die Schritte wieder. Ich war irgendwie erleichtert. Die Ruhe im Zimmer genoss ich sehr. Auf meine Weise. Mit so vielen Erinnerungen an 25 Jahre. Zusammen mit Melanie. Oder dem «Geist» von ihr.
Eine Weile später klopfte es vorsichtig an die Tür. Sie wurde geöffnet und herein trat eine Nachbarin vom Block, in dem Melanie noch gewohnt hatte, bevor sie ins Altersheim eingeliefert worden war, die ich ebenfalls kannte. Ich hatte sie immer mal wieder gesehen, zwischendurch, wenn ich bei Melanie zu Besuch gewesen war. Hatte ein paar Worte mit ihr im Treppenhaus gewechselt. Es gab auch ein paar wenige Male, dass ich sie direkt bei Melanie in der Wohnung angetroffen hatte. Sie war auch eine alleinerziehende Mutter und arbeitete als Übersetzerin für Ausländer bei der Gemeinde. Ihre Tochter war manchmal auch von Melanie gehütet worden, wenn sie arbeitsbedingt nicht zu Hause war. Oft war es nicht gewesen, doch Melanie war auch hier «eingesprungen», wenn Not an der Frau geherrscht hatte. Leise begrüsste ich sie. Wir umarmten uns und ich spürte ihre Tränen auf meiner Bluse. Leicht drückte ich sie an mich. Als Trost und Anteilnahme. Danach standen wir schweigend da. Redeten kaum. Jede hing ihren eigenen Gedanken nach. Einen Moment später setzte ich mich wieder auf meinen Stuhl. Melanies ehemalige Nachbarin blieb an ihrem Bett stehen. Lange blieb sie allerdings nicht. Mit einer tröstenden Umarmung verabschiedeten wir uns voneinander. Wir würden uns an der Beerdigung noch einmal sehen.
Eine Weile später, als sie schon gegangen war, erhob auch ich mich vom Stuhl. Es war Zeit wieder nach Hause zu fahren. «Jetzt trennen sich unsere Wege. Nach 25 Jahren. Solltest du Frau Sandmann sehen, sage ihr doch bitte einen lieben Gruß von mir. Und all jenen, von denen ich dir erzählt habe, ebenso. Ich danke dir für unsere gemeinsame Zeit, die ich mit dir erleben durfte. Mögest du jetzt einen friedlichen Ort und ein ruhiges Plätzchen haben.» Mit diesen leisen Worten drückte ich noch ein letztes Mal leicht ihren kalten Unterarm. Ich war mir sicher: ihre Seele hatte die letzte Reise schon längst «angetreten». Hoffentlich war ich mit der Bitte um meine «Grüsse» nicht zu spät gewesen. Ich erhob mich vom Stuhl, lief zur Zimmertür und öffnete sie. Noch einmal sah ich zurück. Auf das Bett, in dem Melanie lag. Am Ende bleibt der Frieden.
Ich lächelte still vor mich hin, trat aus der Tür und schloss sie hinter mir. Lief die Treppe hinunter und meldete mich bei der Pflegefachfrau, die mich zuvor begleitet hatte, ab. Noch kurz redeten wir miteinander. Danach lief ich zum Auto. Und rief nochmals Rahel an. «Ich bin wieder draussen. Es geht mir soweit gut, bin einfach etwas müde. Ich fahre jetzt nach Hause. Jeremy kommt auch gleich von der Schule.» «Mach das und wenn etwas ist, dann ruf an. Wir kennen uns mittlerweile auch schon ein paar Jahre und du weisst, dass du jederzeit anrufen kannst.» «Ich weiss.» Tränen traten verdächtig nah in meine Augen und ich war froh, sah mich Rahel nicht. Wir wünschten uns beide noch eine guten Tag, Rahel mir viel Kraft für das, was jetzt noch kommen würde. Danach hängten wir auf. Ich fuhr nach Hause. Jeremy wartete auf mich. Am Abend im Bett würde ich wieder Zeit für mich haben.
Über Melanies Tod informierte ich auch meinen Vater und meine Schwester. Beide nahmen es zur Kenntnis. Sarina hatte Melanie nie gesehen, mein Vater schon. Doch glaube ich wussten Beide, dass Melanie und ich uns sehr nahe gestanden hatten. Und gerade deshalb wollte ich an ihrer Beerdigung eine Rede für sie halten. Ich überlegte eine Weile hin und her. Telefonierte mit dem Pfarrer, der die Beerdigung abhalten würde. Er erklärte mir, dass ich dies mit der Familie klären und von ihnen die Erlaubnis dafür bekommen müsse. Ich setzte mich hin und schrieb die Rede. Zeigte sie auch Jana, als ich kurz darauf wieder bei ihr war. Noch ein paar Kleinigkeiten verbesserten wir, danach lächelte mich Jana warm an. «Ich werde bei dir sein. Bleibe ruhig. Spüre deine Füsse fest auf dem Boden. Stelle dir vor, ich würde hinter dir stehen. Du schaffst das.» Nickend sah sie mich an. Ich wusste, sie würde bei mir sein an diesem Tag. Ich gab ihr die genaue Zeit durch.
Ich las die Rede auch Patrick eines Abends vor, als er kurz darauf zu uns auf Besuch gekommen und Jeremy ins Bett verschwunden war, nachdem wir einen ganzen Nachmittag lang miteinander Gesellschafts,- und Kartenspiele gespielt hatten. Und bat ihn um «Erlaubnis», meine geschriebenen Worte vor der versammelten Trauergemeinde vorlesen zu dürfen. An einer Stelle kam ich ins Straucheln und Tränen traten mir in die Augen. Ich musste einen Moment lang aufhören mit vorlesen. Nachdem ich die Rede fertig vorgelesen hatte, sah ich Patrick an. Einen Moment sagte er gar nichts. Schliesslich, mit äusserst belegter Stimme: »Alles in Ordnung. Das kannst du von mir aus sehr gerne machen.» Er telefonierte noch mit einem seiner Brüder, erklärte kurz, um was es ging, danach war das Ganze abgemacht. Ich würde am Tag der Beerdigung vor der Trauergemeinde meine Worte vorlesen. Auch Finia, Jeremys Patentante, informierte ich kurz über Melanies Tod. Sie hatte sie zwei Mal gesehen, doch wusste auch sie, dass Melanie und ich uns nahe gestanden hatten. Und noch jemanden informierte ich über Melanies Tod. Jemand, der sie ebenfalls sehr gut gekannt und mehrere Male in den vergangenen Jahren gesehen gehabt hatte. Mark.
Zuerst wollte Jeremy auch mit an die Beerdigung kommen, doch entschied er sich kurzfristig dagegen. Sarina hatte mir schon wenige Tage zuvor am Telefon gesagt, sie wäre sofort bereit, Jeremy zu hüten, während ich an der Beerdigung sein würde. Vielleicht wäre es sogar besser so. Und so geschah es dann schliesslich auch. Am Tag der Beerdigung, auf der Fahrt dorthin, lud ich Jeremy bei ihr ab und fuhr danach weiter. «Ist alles in Ordnung? Geht es?», fragend und mitfühlend sah sie mich an, während Jeremy im Haus verschwand. Ich spürte wie mir die Tränen hochkamen. Ich winkte ab. «Sag nichts», antwortete ich nur. Sie verstand sofort und nickte. «Mach‘s gut. Du musst dich nicht beeilen. Ich bin da und schaue auf Jeremy. Lass dir Zeit.» Ich nickte. Mehr konnte ich in diesem Moment nicht sagen und tun. Ich drehte mich um, hob die Hand und lief schnell zum Auto. Ich musste da durch. Und musste allein sein, um mich zu sammeln.
Ich rechnete damit, dass ich ihn sehen würde. Den Kindsvater. Patrick hatte ja weiterhin Kontakt zu ihm gehabt und immer noch. So war es dann auch. Ich fuhr auf den Parkplatz. Sah sein Auto. Sah wie er gerade ausstieg. Zuerst machte er Anstalten, auf mich zu warten. Geh einfach, lass mich in Ruhe, betete ich leise vor mich hin. Mit Absicht liess ich mir Zeit, meine Schuhe im Auto zu wechseln. Und sah aus den Augenwinkeln, wie er schliesslich alleine Richtung Friedhof lief. Dem Himmel sei Dank! Ich wollte meine Ruhe!
Beim Friedhof angekommen begrüsste ich die gesamte Familie. Über all die Jahre war ich auch ein Teil von ihnen gewesen. Ich gehörte oder hatte dazugehört. Ich kannte Melanies Schwester, deren Mann, deren Kinder und Partner und Partnerinnen. Ich sah die ehemalige Nachbarin wieder und begrüsste auch sie erneut. Und ein weiteres «altbekanntes» Gesicht aus längst vergangenen Zeiten tauchte auf. Sarah, aus unserer einstigen Clique. Ich hatte sie vor Jahren einmal im Kinderspital gesehen gehabt, als ich mit Jeremy zu einem Untersuch musste. Sie war gleichzeitig mit einem von ihren beiden Jungs dort gewesen. Hörprobleme. Wir hatten miteinander geredet. Allerdings nicht sehr lange. Ich hatte sie auch noch einmal bei ihr zu Hause besucht gehabt, als Jeremy beim Kindsvater gewesen war. Ich hatte ihre Telefonnummer von Patrick bekommen und er hatte mir gesagt, dass sie mit ihrer Familie nicht weit vom Kindsvater entfernt wohnen würde. Es war ein netter Besuch gewesen. Und doch waren die Jahre vergangen. Und die Zeit hatte seine Spuren hinterlassen. Nun begrüsste ich sie und blieb schliesslich bei Melanies Familie, auch meiner «Familie», stehen. Neben Remo, dem jüngsten Sohn des ältesten Bruders von Patrick. Er lächelte mich an. Ich lächelte nickend zurück. Trost und Anteilnahme.
Während der Pfarrer vor der Kirche, neben der Urne, die mit Blumen geschmückt war, sprach, spürte ich, wie Remo flacher und flacher zu atmen begann. Er bekam Mühe. Ganz sanft legte ich ihm vorsichtig eine Hand auf seinen Arm. Er sah mich an und ich lächelte und nickte ihm tröstend zu. Ich glaube, er war dankbar über meine Geste. Es braucht nicht immer viele Worte. Ein noch so kleines Zeichen der Anteilnahme ist manchmal stärker als jedes einzelne Wort. Danach ging es in die Kirche, wo der Trauergottesdienst abgehalten wurde. Melanies Lebenslauf wurde von einer ihrer Enkelinnen vorgelesen. Danach kam ich an die Reihe. Ich hatte am Tag zuvor nochmals mit dem Pfarrer am Telefon gesprochen und ihm mitgeteilt, dass ich nun etwas sagen dürfe. Er hatte sich sehr gefreut darüber und mir den Ablauf des gesamten Gottesdienstes erklärt.
Ich erhob mich nun von der Bank. Meine Hände zitterten. Ich war neben Sarah gesessen und hatte ihr, ein paar Minuten zuvor, leise zugeflüstert, dass ich etwas sagen würde und mehr als nervös wäre. Ich wüsste nicht, ob ich das hinkriegen würde. Sie hatte mich angelächelt und genickt. Langsam nun schritt ich zum Rednerpult, der vor dem Altar stand. Fest trat ich auf dem Boden auf. Und wusste, ich war nicht allein. Jana war «an meiner Seite». Am Pult stehend, vor dem Altar, faltete ich in Ruhe das vorbereitete Blatt mit meinem Text auseinander und hielt vor rund 60 Menschen folgende Grabrede:- Teil (Einstimmung ) ab Blatt gelesen:
Sinkt hinab an eueren Ursprung, zur Quelle eueres Seins,
in die Tiefe eurer Fragen, den Wurzeln euerer Kraft,
hin zu eurem Lebenssaft,
dass ihr wachsen, euch entfalten möget,
verborgen im Schutz meiner Flügel.
Und seid gewiss, ich bin immer da
und lasse niemals von euch ab,
spricht der Engel.
(Gesprochen auf Mundart: Dieses Zitat steht am Geburtstag von Melanie im Buch «Blüten der Unendlichkeit» von Janine Spirig. Alle weiteren Zitate sind aus demselben Buch.)
- Teil (meine Rede) auf Mundart gesprochen:
Jesses isch das äs schüchs Ding! Deine ersten Worte, als wir uns das erste Mal vor 25 Jahren im Gang im Haus begegneten und du deinen Kopf aus dem Stüblitürrahmen strecktest. Ich war etwas verwirrt und überrascht damals. Aus dieser ersten Begegnung wurden Tausende im Laufe unserer gemeinsamen Zeit.
Jede Menge Tee, jede Menge Stunden des Lachens, manchmal auch Tränen und nicht immer gleicher Meinung. Gemeinsame Ausgänge ins Theater oder das eine oder andere Konzert. Tröstende Gespräche, manchmal ein «Ablosä», wenn meine Ideale ins Wanken gerieten oder meine Diplomatie mal wieder mit mir «durchgebrannt» war. Eine Seelen-Unterstützung, die von Herzen kam und die ich immer bewahren werde. Und immer eine herzliche Umarmung, ein Winken und Lachen dabei, wenn unsere Teekränzchen zu Ende waren. Mein «Queen-Gruss», als ich mit Patricks Auto um den Hof herumfuhr, da ich die Autoprüfung noch nicht hatte, quittiertest du mit Winken und einem breiten Lachen. Gemütlichkeit, das hatten wir, den Humor ebenso. Es war deine Art, aus Allem das Gute herauszuholen. Ganz egal, in welcher Lebenslage.
Ich erinnere mich sehr gerne auch an unsere gemeinsamen Spaziergänge in den letzten Monaten zurück. Du wolltest nie mit mir im kleinen See beim Golfplatz, unserer Spazierroute, baden gehen … warum nur? Der Humor und deine Herzlichkeit, sie blieben, bis zum Schluss.
Zitat: „In das Leben hineinsterben, mit jedem Atemzug“
Ich wünsche dir von ganzem Herzen ein Leben voller Ruhe und Frieden, wo dich auch immer deine jetzige Reise hinführen wird. Auf diesem Weg begleite ich dich nicht mehr. Doch wirst du immer in meinem Herzen bleiben.
Zitat: «Blüten der Unendlichkeit“
Wir hatten sehr, sehr viele «Blüten». Und all diese kostbaren «Blüten-Momente» bleiben bis in die Ewigkeit.
Liebe Melanie, es war mir eine Ehre und Freude, mit dir 25 Jahre zu teilen. Unsere Freundschaft bleibt in meinem Herzen. Ich danke dir dafür.
- Teil (Abschluss) ab Blatt gelesen:
Ein Tod ist nie eine Trennung.
Beziehung geht weiter,
wenn auch unsichtbar.
(letztes Zitat aus «Blüten der Unendlichkeit»)
Ich drehte mich leicht zu Melanies und «meiner» Familie, nickte ihnen zu und ging wieder an meinen Platz in der Bank, neben Sarah, zurück. Die Kirchenorgel erklang. Danach redete nochmals der Pfarrer.
Die ganze Trauerfeier dauerte ungefähr eine Stunde. Noch während die Kirchenorgel das Ende des Gottesdienstes anstimmte und die Trauergemeinde die Kirche verliess, bekam ich äusserst lobende Worte für meine Rede. Ich freute mich sehr darüber. Während meiner ganzen Rede hatte ich nicht bewusst in die Menschenmenge geschaut. Ich «avisierte» einen Punkt, auf einer Kirchenbank ganz hinten, und stellte mir dabei vor, wie Melanie dort sitzen und ich ihr meine Dankbarkeit vortragen würde. Dankbar für so viele Jahre. Dankbar für all das Herzliche, das sie mir im Verlaufe dieser 25 Jahre entgegen gebracht hatte. Eine letzte «Ehre» für eine, in meinen Augen, ganz besondere Freundin.
Dem Essen nach dem Gottesdienst hätte ich eigentlich zuerst nicht mehr folgen wollen. Denn der Kindsvater war ebenfalls eingeladen worden. «Wenn er kommt, komme ich nicht», sagte ich zu Patrick vor der Kirche. Remo stand nicht weit von mir entfernt, als ich diese Worte aussprach, und kam sofort zu uns. Überhaupt hielt er sich immer in unmittelbarer Nähe von mir auf. Seit wir aus der Kirche getreten waren. Er sagte sofort, ich solle doch auch kommen. Schliesslich würde ich auch dazugehören und meine Rede hätte er sehr, sehr berührend und herzlich gefunden. Ich war mir sehr unschlüssig. Ich hatte Mühe, wirklich Mühe, den Kindsvater ansehen zu müssen. Denn im Hintergrund lief mir irgendwie einfach immer noch dieser «falsche Film» ab. Und ich verstand Patrick nach wie vor nicht, weshalb er sich mit ihm abgab. «Halte dich einfach an mich. Ich bleibe an deiner Seite und wir sitzen miteinander am selben Tisch.» Mit einem aufmunternden Lächeln sah mich Remo an. «Okay, ich komme mit», sagte ich schliesslich, «doch bleibst du SICHER an meiner Seite!» Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich ihn an. Er nickte. Und hielt sein Versprechen.
Da ich nicht genau wusste, wo sich das Restaurant befand, fuhr ich hinter dem Auto hinterher in dem Remo sass. Angekommen beim Restaurant telefonierte ich noch schnell mit meinem Vater. Wir hatten zuvor, auch per Telefon, abgemacht gehabt, dass ich nach der Beerdigung noch zu ihm kommen würde. Er wusste, wie viel mir Melanie bedeutet hatte. Und er wollte nicht, dass ich damit allein sein würde. «Es ist vorbei. Alles gut gegangen. Ich bin jetzt noch im Restaurant zum Essen, was ich zuerst allerdings nicht wirklich gewollt hatte. Ich wurde etwas dazu überredet. Es sollte allerdings nicht allzu lange dauern. Bis ich bei dir bin, wird es jetzt einfach etwas später.» Das wäre kein Problem, meinte mein Vater. Ich müsse mich nicht beeilen. Ein kurzes «also dann, bis später!», danach hängten wir auf.
Es wurde eine lustige Runde, in der ich sass. Mit Remo, der stets an meiner Seite blieb, und mit dem ich mich ebenso wunderbar unterhalten konnte. Genau wie mit den Anderen auch. Melanie war natürlich das Hauptthema. In einem guten Sinn. Und mit Geschichten aus gemeinsam gegangenen Wegen.
Eine gute Stunde später verliess ich diese Runde und fuhr zu meinem Vater. Ich verabschiedete mich von «meiner» Familie. Wann ich Melanies Schwester und deren Mann jemals wiedersehen würde, stand in den Sternen. Und auch der Rest «meiner» Familie. Melanie war mein Bindeglied gewesen zu allen Anderen. Doch sie war nun nicht mehr auf dieser Welt.
Auf dem Weg zu meinem Vater liess ich die ganze Beerdigung nochmals etwas Revue passieren. Der Pfarrer hatte sehr schön gesprochen, der vorgelesene Lebenslauf von Melanie war mir etwas «trocken» rüber gekommen. Ich dachte auch nochmals an meine Rede zurück. Ich war nervös gewesen, auch noch am Pult selbst. Und doch hatte ich auch gemerkt, wie mich eine «innere Ruhe» erfasst hatte. Und ich war mir auch mehr als sicher gewesen, dass Jana «hinter mir» gestanden hatte. Auch Charlotte, Janas Mutter. Denn auch sie wusste von Melanies Tod. Auch ihr hatte ich im Verlaufe der Zeit, als ich zuerst regelmässig bei ihr gewesen war, einiges über Melanie und unsere gemeinsamen Stunden erzählt.
Bei meinem Vater angekommen, parkierte ich mein Auto auf dem grossen Platz vor dem Haus, stellte den Motor ab und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss. Ich öffnete die Fahrertür und trat hinaus. Autotür zu, abschliessen mit der Fernbedienung. Danach lief ich über den Platz und trat zur Haustür. Ich klingelte und wartete. Es dauerte nicht lange und mein Vater streckte den Kopf aus dem Stubenfenster. «Ich komme!», rief er und verschwand wieder hinter dem Fenster. Wenige Minuten später sah ich im verschwommenen Spiegel der Haustür seine Gestalt immer näher kommen. Das Türschloss wurde gedreht, die Tür wurde geöffnet und er stand vor mir. Wir umarmten uns, er bat mich doch einzutreten. Ich trat ein, er schloss die Tür wieder, und gemeinsam stiegen wir die Steintreppe in seine, bzw. unsere einstige, Wohnung hinauf. «Willst du noch etwas trinken?», fragte er. «Ja, gerne. Hast du noch Apfel-Shorley?» «Aber natürlich. Ich hole dir schnell ein Glas.» Mit diesen Worten verschwand er in der Küche und kam wenig später wieder mit einem vollen Glas Apfel-Shorley zurück. «Und, wie war es?», fragend sah er mich an. «Na ja, wie Beerdigungen eben so sind. Der Pfarrer sprach sehr schöne Worte. Den Lebenslauf, der von einer Enkelin von Melanie vorgelesen wurde, fand ich jedoch etwas «trocken». Nicht so viel Herz dabei.» «Nun ja, das ist vielleicht auch nicht gerade Jedermanns und Jederfraus Sache», meinte er dazu. Ich nickte. Danach redeten wir noch über Allgemeines.
Er wusste, dass Jeremy bei Sarina war. Er hatte mich gefragt gehabt, was ich mit Jeremy machen würde, während ich an der Beerdigung wäre. Ich hatte ihm erzählt, dass Jeremy zwar zuerst hätte mitkommen wollen, sich aber kurzfristig doch noch umentschieden hätte. Was sicher besser gewesen sei. Schliesslich räusperte sich mein Vater. «Hör mal. Wir haben doch einmal miteinander darüber gesprochen wegen einem Erbvorbezug. Ich weiss unter was für einem finanziellen belastenden Druck du stehst. Ich würde dir, als auch Sarina, sehr gerne einen gewissen Betrag überweisen. Als Erbvorbezug. Ich möchte nicht, dass du plötzlich beim Sozialamt landest. Du hast mir zwar gesagt, dass Sarina dir mehr als ein Mal gesagt hat, dass ich das Geld doch dir geben soll. Sie hätte genug. Doch will ich das nicht. Ich will nicht, dass da eines Tages plötzlich zwischen dir und deiner Schwester giftiges Blut auftaucht. Und ich will auch nicht, dass man mich als «unfair» hinstellen könnte. Meine Pflicht habe ich getan, mein Leben lang. Und tue dies auch bis zu meinem Ende.» Ich sass da und schwieg. Die Worte meines Vaters berührten mich. Mein Vater räusperte sich und fuhr fort. «Es geht mir momentan gut. Auch mit meinen Augen. Darum folgender Vorschlag: ich fahre mit dir jetzt zu Sarina und kläre das mit euch Beiden an einem Tisch. Wie du ja weisst, kann ich ihr ja nicht einfach ohne Erklärung Geld überweisen. Ich brauche ihre Kontonummer, die ich nicht habe und die mir auch die Bank nicht einfach so gibt. Das haben wir ja alles schon mal miteinander besprochen. Noch bin ich auch sonnenklar im Kopf und weiss, was ich tue. Was meinst du dazu?» Innerlich graute es mir.
Seit dem Abschluss der Scheidung meiner Eltern im Jahre 1997 und dem Auszug aus unserem Elternhaus, ich war damals 17 Jahre, Sarina 19 Jahre alt gewesen, hatte sie mit unserem Vater kein einziges Wort mehr gesprochen. Ein Telefon zwischen ihr und unserem Vater, ein gemeinsames Treffen mit mir und unserem Vater hatte noch stattgefunden. Das Telefon war haarsträubend verlaufen, das Treffen ohne jeglichen «Erfolg». Wie um alles in der Welt sollte das, nach 24 Jahren der totalen Funkstille, plötzlich anders sein? Ich sah meinen Vater sehr, sehr skeptisch an. «Hör mal, ich hatte einen sehr strengen emotionalen Nachmittag und ich habe absolut keine Lust, zwischen zwei Fronten geraten zu müssen, die von einer sehr grossen Härte geprägt sind. Ich habe keine Lust, dass zwischen euch beiden die Fetzen fliegen, während ich dazwischen stehe. Ich bin müde und total erledigt. Auf das habe ich wirklich absolut NULL BOCK.» Mein Vater schwieg und sah zu Boden. Irgendwie, so schien mir, sah er traurig aus. Das hatte ich nicht gewollt. Schliesslich räusperte er sich erneut. «Ich denke, wir sind beide älter und hoffentlich auch etwas schlauer geworden. Ich habe nicht alles richtig gemacht, das weiss ich. Doch geht es mir jetzt momentan wirklich gut. Und je schneller wir das machen, umso besser. Ich will, dass du das Geld bekommst, und zwar so schnell wie möglich. Damit du wieder ein bisschen entlastet bist.» Noch ein kleines Hin und Her folgte, schliesslich willigte ich ein. Wir würden gemeinsam zu Sarina fahren, ich würde Jeremy abholen, mein Vater würde ihn auch wieder sehen und mit Sarina und mir diese finanzielle Angelegenheit regeln.
Wenig später, als ich mein Apfel-Shorley ausgetrunken hatte, sassen wir im Auto und machten uns auf den Weg zu Sarina. Wohl war es mir nicht wirklich. Ich kann Sarina jetzt nicht mehr «vorwarnen», ging mir, unter anderem, durch den Kopf. «Vorwarnen» in dem Sinne, als dass ich ihr in etwa das Gleiche sagen würde wie ich meinem Vater vor einer Weile gesagt hatte. Wenn wir so überraschend vor der Tür ihres Hauses auftauchen würden, wäre der Teufel bereits wieder im Dach. Noch bevor überhaupt nur ein einziges Wort gesprochen werden würde. Und Jeremy würde das auch mitbekommen. Mein Vater spürte meine Unruhe. Es kamen keine tröstenden oder aufmunternden Worte von ihm, doch in der Art wie er mit mir sprach, oder versuchte zu sprechen, da ich mich sehr in mich zurückzog, verstand ich seine wohlwollende Geste mir gegenüber. Und irgendwie schien auch er, auf seine Art, mit einem gewissen Unbehagen zu kämpfen. Doch konnte auch ich ihm nichts wirklich Tröstendes oder Aufmunterndes sagen. Ich musste irgendwie selber schauen, wie ich damit klar kam. Genauso wie er auch. Die Fahrt verlief deshalb auch mehrheitlich schweigend. Wir Beide stellten uns wohl die gleiche Situation vor. Was würde geschehen, wenn die Tür aufgeht und Sarina und unser Vater sich, nach 24 Jahren, wieder gegenüberstehen würden?
Angekommen beim Haus von Sarina und ihrer Familie, stellte ich mein Auto neben das Haus, vor der Garage, ab. Mein Vater sah mich an. «Und, bist du soweit? Wollen wir?» Ich nickte. Wir stiegen aus. Ich schloss das Auto ab. Gemeinsam gingen wir zum Haus. Ich klingelte. Wir warteten. Sie sieht per Kamera, wer vor der Tür steht, schoss es mir durch den Kopf. Was wird jetzt dann gleich passieren? Es dauerte nicht lange, öffnete sich die Tür. Sarina stand da. Mein Vater ihr gegenüber. Nach 24 Jahren. Nervös lächelte ich. «Du hast da jemanden mitgebracht!», lachend sah sie mich, danach meinen Vater an. Ein doch sehr schwerer Stein fiel von mir ab. War das der Anfang einer neuen Beziehung zwischen ihr und unserem Vater? Noch blieb ich misstrauisch. Mein Vater wirkte sehr formell. Die Begrüssung von ihm Sarina gegenüber leicht distanziert. Mit einem Lachen bat sie uns herein. Fast schüchtern trat mein Vater ein. Und begann sogleich sehr formell sein Anliegen und das wieso er hier mit mir wäre zu erklären. Sarina bat uns ins Wohnzimmer und fragte, ob wir noch etwas trinken wollen. Mein Vater wirkte immer noch sehr distanziert, wie mir schien. Anständig, aber distanziert. Ja etwas zu trinken würde er noch nehmen, meinte er. Was wäre ihm egal, einfach was sie, also Sarina, da haben würde.
Während wir nun bei Wasser an einem Tisch sassen und Jeremy noch im ersten Stock im Spielzimmer beschäftigt war, erklärte mein Vater nochmals in kurzen Worten seine Angelegenheit. «Ja, ich weiss von Nicole von dieser Sache», antwortete sie ihm, nachdem er geendet hatte. «Wie ich ihr schon gesagt habe, musst du mir das Geld nicht geben. Gib es ihr, sie hat es viel nötiger als ich. Ich bin deswegen überhaupt nicht böse. Ganz und gar nicht!» Doch mein Vater wollte dies nicht, was er ihr auch erwiderte. Er wolle, dass wir BEIDE gleich viel bekämen. Eine gerechte Sache. Sarina nickte schliesslich. Gab ihm ihre Bankdaten durch. Er schrieb alles auf und die ganze Sache war erledigt. Wir würden das Geld bis spätestens Ende des Monates überwiesen bekommen, war seine Schlussbemerkung. Danach war diese Angelegenheit vom Tisch. Sarina erkundigte sich noch bei mir nach dem Verlauf der Beerdigung. Ich sagte, es wäre soweit alles gut gegangen und ich hätte sehr viel Lob für meine Rede bekommen.
Ich spürte, dass es meinem Vater immer noch nicht ganz so wohl war. Er würde nach der ganzen Besprechung unverzüglich zum Bahnhof laufen und wieder umgehend nach Hause fahren, hatte er mir noch auf der Fahrt gesagt. Nun lud ihn Sarina zu einer Besichtigungstour von Haus und Garten ein. Mein Vater sagte zu und ich merkte, wie seine Reserviertheit langsam Risse bekam. Schweigend lief ich, während Sarina ihm alles zeigte, wenige Schritte hinter ihnen her. Und obwohl mich die Sache zwischen ihnen Beiden über all die Jahre nichts angegangen war, war ich doch sehr erleichtert über diese Wendung. Denn jedes Mal, wenn ich in der Vergangenheit bei meinem Vater zu Besuch gewesen war, hatte ich seine tief verborgene Traurigkeit über diese Situation, die so verfahren war, gespürt. Er fragte immer in irgendeiner Form nach Sarina, fragte auch nach seiner Enkelin Alina. Sehr oft hatte ich nicht richtig gewusst, was ich darauf hätte antworten sollen. Ich wollte ihm nicht weh tun. Ich hatte mich immer wieder gefragt, warum nur gab es keine Art von «Versöhnung» zwischen den Beiden. Wollten sie das wirklich so zu Ende gehen lassen, bis mein Vater eines Tages nicht mehr auf dieser Welt sein würde? Dieser Hass, diese Diskrepanz, dieses Schweigen? Selbst wenn ich, über Jahre, mit Jeremy im Sommer oder Herbst immer auch ein paar Tage bei meinem Vater in den Ferien gewesen war, erfüllte es mich immer mit einer gewissen Traurigkeit, wenn ich sah, wie mein Vater mit Jeremy spielte, später mit ihm jasste. Oder wenn Jeremy ihm, zwei oder drei Mal, im Garten «half». Es war mir immer ein sehr grosses Anliegen gewesen, dass mein Vater seinen Enkel mehr oder weniger regelmässig sehen würde. Und auch zu Schulveranstaltungen kommen könnte. Was er über all die Jahre auch mehrmals getan hatte. Bis heute.
Zwar blieben wir schon nicht mehr allzu lange bei Sarina. Jeremy kam irgendwann die Treppe hinunter und begrüsste seinen Grosspapi. Kurz danach fuhren wir nach Hause. Ich war total erschöpft, müde und kaputt. Auf dem Weg luden wir meinen Vater noch beim Bahnhof ab. Später am Abend, als ich im Bett lag, lächelte ich leise vor mich hin. 24 Jahre, kein Wort, kein Wiedersehen! Nun war die Brücke zwischen zwei Menschen wieder entstanden. Und ich glaube, sowohl mein Vater als auch Sarina, waren dafür ebenso dankbar wie ich. Vielleicht war ich die, die es an diesem Tag gebraucht hatte, dass sie sich wieder, auf einer neutralen Ebene, finden konnten. Und insgeheim hatte mir Melanie dabei vielleicht auch etwas «geholfen». So oder so, ich war jenen, die dazu geführt hatten, dass es so gekommen war, mehr als von ganzem Herzen dankbar.
In der Corona-Zeit hatte es zwischen meiner Mutter und Sarina ordentlich gekracht. Der Grund: das Impfen. Im Nachhinein glaube ich jedoch, dass dies nur die Spitze eines «seelischen Eisberges» gewesen war, der über Jahre gewachsen und gewachsen war. Irgendwann «bricht» es. So auch bei den Beiden. Die Einstellung meiner Mutter zu einer möglichen Impfung gegen Corona verstand Sarina überhaupt nicht. Dies war schlussendlich der Knackpunkt, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sarina schob meiner Mutter den Riegel. Sie durfte nicht mehr in ihr Haus. Und Sarina distanzierte sich enorm von ihr. Traditionelle Weihnachtsessen oder Eier färben im Frühling fanden ohne meine Mutter bei Sarina statt. Anstelle davon wurde nun mein Vater eingeladen. Ich glaube Jeremy vermisste meine Mutter, seine Grogro, irgendwie und es gab ein paar Male, dass er zu mir sagte, dass er das blöd fände, dass Sarina und Grogro nicht mehr miteinander sprechen würden. Warum dies denn so wäre? Ich hatte ihm dann jedes Mal versucht zu erklären, dass es manchmal Situationen im Leben gäbe wo man einander einfach nicht so verstehen würde. Zwei unterschiedliche Meinungen, was aber nicht bedeuten würde, dass man einander nicht gerne hätte. Nur wäre manchmal eine «gewisse Pause» einfach nicht schlecht. Auch für sich selbst. Ich glaube Jeremy verstand, was ich meinte. «Ist das auch so zwischen Grosspapi und Sarina gewesen?» Ich hatte genickt. «Dann hoffe ich dauert das bei Grogro und Sarina nicht so lange», war sein doch sehr trockener Kommentar dazu gewesen. Ich hatte nichts mehr dazu gesagt.
Ungefähr zwei Jahre hatte diese «Funkstille», hauptsächlich von Sarina ausgehend, zwischen meiner Mutter und ihr geherrscht. Alina, die Tochter meiner Schwester, hatte noch den Kontakt zu meiner Mutter, ihrer Grogro, bewahrt. Gerhard, Sarinas Mann, hatte sich ebenfalls distanziert. Schliesslich war letztes Jahr dann, im 2025, zum ersten Mal, seit sich meine Eltern vor 39 Jahren hatten scheiden lassen, ein gemeinsames Weihnachtsessen mit unseren beiden Elternteilen bei Sarina durchgeführt worden. Sarina hatte mir eines Tages angerufen und mich gefragt, wie ich diesen Vorschlag einer gemeinsamen Feier bei ihr finden würde. «Es ist jetzt doch eine gewisse Zeit vergangen und ich denke, es sind Beide etwas schlauer geworden. Ausserdem haben wir nicht unbeschränkt Zeit zur Verfügung. Du wegen der Aufteilung mit dem Kindsvater wegen Jeremy und wir haben auch noch Anderes vor und sind ziemlich «ausgebucht». Entweder sie kommen oder sie kommen nicht. Basta. Findest du nicht?» Zwar hatte ich ihr zugestimmt, hatte ihre Worte auch mehr als verständlich und klar gefunden. Nur, würde das wirklich gehen? Es wäre, im wahrsten Sinne des Wortes, das erste Mal, nach 39 Jahren, seit wir damals als Familie an einem Tisch gesessen hatten und uns von unseren Eltern die Botschaft überbracht worden war, dass sie sich nun definitiv scheiden lassen würden, dass wir alle an EINEM Tisch sitzen würden! Inklusive beide Enkel und der «Schwiegersohn»!!
Ich war dann schon etwas nervös gewesen an diesem Weihnachtsabend. Würde das wirklich hinhauen? Zu meiner grossen Überraschung und auch Erleichterung war die ganze Sache im Endeffekt doch sehr gut über die Bühne gegangen. Gerhard «kümmerte» sich etwas vermehrt um meinen Vater und meine Mutter lobte Sarinas Taten bis zur Unendlichkeit. Ja, sie hatte sich enorm Mühe gegeben. Schöne Dekoration, sehr feines Essen. Nur, irgendwann waren und sind im allgemeinen die Lobeshymnen auch einmal gut, oder? Zu Jeremys grosser Freude wurden selbstverständlich auch an diesem Abend Kartenspiele gespielt bis fast zum Geht-nicht-Mehr und er genoss dies alles in den vollsten Zügen. Es war gelacht worden, ja, es war auch eine schöne Stimmung entstanden. Doch stellte ich für mich einmal mehr fest, dass sich meine Eltern nichts mehr zu sagen hatten. Fast wie zwei «Fremde». Man begrüsste einander. Das war es dann auch gewesen. Gross gesprochen wurde nicht. Ich akzeptierte dies, bis heute. Es war und ist ein Teil meiner Familiengeschichte.
Jeremy besuchte die Stunde bei Regula Rassle sehr gern. Das Malen gefiel ihm ganz besonders. Und das Lernen für kommende Prüfungen oder die allgemeine Hausaufgabenhilfe gehörten einfach mit dazu. Ich fand die Zusammenarbeit mit Frau Rassle sehr angenehm. Wir tauschten uns regelmässig aus, besprachen miteinander, wie ich Jeremy noch unterstützen könnte. Varianten wurden getestet. Und Jeremy, so hatte ich das Gefühl, wusste wie der Karren lief.
Nach wie vor störte mich die Art und Weise des Kindsvaters enorm. Regelmässiges Zuspätkommen, kein pünktliches Abliefern. Jeremy wurde weiter vorgeschoben und dafür «missbraucht», wenn Mann sich nicht korrekt verhalten hatte. Und all diese Lügen. Und diese Machtspielchen, die mir extrem auf den Zeiger gingen. Hinzu kam noch, dass er jetzt Jeremy direkt bei unserem Wohnblock abholte. Bis anhin war es über Jahre so gewesen, dass die Übergabe beim Bahnhof stattgefunden hatte. Ich hatte Jeremy anfangs noch bis zum Bahnhof begleitet und gewartet, bis der Kindsvater gekommen war. Danach hatte ich mich von Jeremy verabschiedet, den Kindsvater mit einem kurzen «Hoi» begrüsst und ebenso mit einem kurzen «Tschau» verabschiedet, hatte Jeremy noch nachgewunken, auf seinen Wunsch hin, wenn sie losgefahren waren, und war dann wieder zu unserem Wohnblock zurück gelaufen. Das «Gequengel» des Kindsvaters, er könne Jeremy ja wirklich auch bei unserem Wohnblock abholen, hatte ich erfolgreich ablehnen können. Mehrere Male. Bis schliesslich Jeremy zu mir meinte, es wäre doch nicht so schlimm, wenn Papa zum Haus fahren würde. Die Beistandschaft hatte davon Wind bekommen und so hatte ich mich dem beugen müssen.
Hatte ich am Anfang auch hier Jeremy noch bis zur Haustür begleitet, hatte ich das mit der Zeit nicht mehr getan und mich von ihm bei uns in der Wohnung verabschiedet. Ich schaute noch aus dem Küchenfenster und sah zu, wie er einstieg und sie davon fuhren. Manchmal mit einem Winken, manchmal ohne. Dies ist bis heute so geblieben. Doch wollte und will ich mit dem Kindsvater einfach so wenig wie möglich zu tun haben. Ich hasste und hasse ihn nicht, doch diese allgemeine Verlogenheit ging und geht mir mehr als absolut gegen den Strich. Wegen Jeremy und wegen mir. Je grösser der «Abstand» und je weniger Berührungspunkte ich deshalb mit dem Kindsvater hatte und habe, umso besser ging und geht es mir.
Es war auch einmal so gewesen, dass ich einen Termin gehabt hatte und Jeremy abgeholt wurde, nachdem ich schon gegangen war. Jeremy wusste ganz genau, dass, wenn ich nicht da war, er niemanden in unsere Wohnung lassen durfte. Ausser meine Familie. Und unsere Nachbarn vom Block, die er ja alle kannte. Kurzum: einfach keine Fremden. Auch wusste er, dass ich nicht wollte, dass der Kindsvater ohne meine ausdrückliche Erlaubnis in die Wohnung treten durfte. Ich platzte schliesslich auch nicht einfach in sein Haus, wenn ich Jeremy mittwochs bei ihm abholen ging. Also erwartete ich dasselbe auch von der anderen Seite. Der Kindsvater war gekommen, Jeremy hatte ihn auf den Parkplatz vor dem Haus parkieren sehen. Er war ausgestiegen und auf das Haus zugelaufen. Jeremy hatte ihm aus dem Küchenfenster gerufen, er käme gleich. Ich wäre nicht da. Der Kindsvater wollte, dass ihm Jeremy die Haustür aufmachen würde. Jeremy hatte sich zuerst geweigert. Der Kindsvater wurde daraufhin wütend und schliesslich hatte Jeremy nachgegeben und ihm die Tür geöffnet. Auch vor der Wohnungstür, die Jeremy zuerst auch nicht hatte aufmachen wollen, hatte der Kindsvater eine Aufruhr veranstaltet, sodass Jeremy schliesslich die Tür geöffnet hatte und der Kindsvater in unsere Wohnung gekommen war. Wohl waren sie nicht lange geblieben, Jeremy hatte ihm kurz sein Zimmer gezeigt, wie er mir später erzählt hatte, doch war ich innerlich trotzdem wütend geworden. Dieser Typ hatte NICHTS in unserer Wohnung zu suchen! Ich hatte dies danach sehr schnell der Beistandschaft gemeldet mit dem doch sehr scharfen Hinweis, sie könne ihm sagen, dass er nichts in unserer Wohnung zu suchen hätte. Kurz danach war dann sehr schnell abgemacht worden, dass er in Zukunft im Auto warten könne, wenn er Jeremy abholen käme. Denn es passte mir auch überhaupt nicht, wie meine Nachbarin, die unterhalb von uns wohnte, sich mit dem Kindsvater angefangen hatte zu unterhalten. Auch schon beim Bahnhof nicht, wenn sie von ihrem Loskauf nach Hause gelaufen war. Über was getuschelt wurde, wusste ich nicht, doch dieses Tratschweib ging es genau so wenig an, was wir taten wie den Kindsvater.
Je öfters der Kindsvater zu spät kam, je öfters war Jeremy mit der Zeit dann auch schon mal die Strasse hinunter zum Bahnhof gelaufen. Und es gab auch Zeiten, wenn ich Jeremy etwas «vorantreiben musste», wegen der Zeit, wo er trocken meinte: «Warum müssen wir uns beeilen, er kommt ja doch immer wieder zu spät». Ich sagte nicht immer etwas dazu. Mehrheitlich brummte ich dann im Stillen etwas vor mich hin, ohne dass es Jeremy verstand. Recht hatte er schon, doch wollte ich nicht, dass Mann sein Maul blöd zerreissen könnte. Ob er es trotzdem tat oder nicht, weiss ich nicht, doch ging es hier um meine ganz persönliche Fairness und Pünktlichkeit.
Ich redete auch mit Frau Rassle darüber. Mehrere Male. Und je höher Jeremy die Primarschulklassenleiter emporkletterte, umso mehr hatte ich das Gefühl, uns «renne» irgendwie die Zeit für das Lernen allgemein davon. Ich hatte das Gefühl, es würde immer knapper werden. Wir hatten ein paar Termine miteinander. Nur sie und ich. Und sie sagte mir eines Tages, ich solle immer Jeremy als «Hauptpunkt» im Kopf haben. Er wäre auch ein Teil vom Kindsvater. Wenn ich «ausrufen», was sie durchaus verstehen würde, würde ich indirekt auch über Jeremy «wütend sein». Das leuchtete mir ein. Wie fand ich für dieses Problem also eine passende und, für mich und Jeremy, «gewinnbringende» Lösung? Ich führte mit Frau Rassle mehrere sogenannte «Aufstellungen» durch. Und ich verstand. Bis heute braucht es immer wieder mal zwischendurch ein bewusstes Hinsehen diesbezüglich und auch eine kurze Reflexion. Dies fällt mir nicht immer gleich leicht. Nun ja, wir sind alle keine Maschinen. Doch ist es, meiner Meinung nach, sehr wichtig, sich dessen BEWUSST zu sein. Um sich immer wieder selbst «von Aussen» betrachten zu können. In meinem Fall finde ich dies noch wichtiger als sonst. Denn es geht hier um den Weg meines Kindes. Jeremy.
Jeremys Unterhaltszahlungen waren per 1. Juli 2022, gemäss damaligem Gerichtsurteil, auf die Hälfte gekürzt worden. Zwar gab mir der Erbvorbezug meines Vaters wieder eine gewisse «Spatzung», doch reichen würde dies nicht ewig. Das war mir schon klar gewesen. Und trotzdem war ich immer noch sehr froh, hatte ich überall die vergangenen Jahre immer Geld auf die Seite geschoben. War als junge Erwachsene und auch später, als ich älter war, nie in die Ferien gefahren oder geflogen, hatte all mein Geld irgendwie «zusammengekratzt». Was mich insoweit nach wie vor in eine, mehr oder weniger, gute «finanzielle Lage» versetzte. Doch reichen würde dies nicht bis in die Ewigkeit.
Meine Schwester brachte mich eines Tages bei einem abendlichen Telefon auf eine durchaus «erfolgsversprechende» Idee. «Ich war etwas im Internet und habe eine Werbeanzeige gesehen für eine Ausbildung als Pflegehelferin. Vom SRK (Schweizerisches Rotes Kreuz) St. Gallen aus. In der kaufmännischen Branche wirst du höchstwahrscheinlich keinen Fuss mehr fassen können. Da bist du zu lange weg. Ich denke, du musst die Branche komplett wechseln. Und im Gesundheitswesen werden Leute gesucht bis zum Geht-nicht-Mehr. Die Chance, in diesem Segment etwas zu finden, ist um Einiges grösser als sonst irgendwo. Überlege es dir, allerdings nicht zu lange. Ich schicke dir den Link dazu. Okay?» Ich stimmte ihr zu. Und überlegte mir das Ganze wirklich nicht sehr lange. Und doch: ich wäre lieber wieder im kaufmännischen Sektor arbeiten gegangen. Doch, wie ich Sarina irgendwie recht geben musste, würde ich jetzt wirklich wieder in dieser Branche einsteigen können? Noch vom März 2017 bis Juni 2017 hatte ich als Sekretärin in einem Betrieb gearbeitet, der darauf ausgerichtet gewesen war, Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Meine Zeit dort war beschränkt gewesen und ich hatte danach keine kaufmännische Tätigkeit gefunden. Ein Teilzeitjob als Zustellerin für Werbezeitungen, wenigstens etwas. Vom Oktober 2020 bis und mit Januar 2022 hatte ich von zu Hause aus, für eine Behindertenwerkstätte, als Büroangestellte gearbeitet. Doch die ganzen wirtschaftlichen «Nachfolgen» von Corona hatten diese Firma schliesslich in die Knie gezwungen. Ich hatte meine Arbeitsstelle per Ende Januar 2022 verloren. Bewerbungen hatte ich über Jahre geschrieben, immer. Absagen waren gekommen. Immer. Von dem RAV (Regionales Arbeitsvermittlungsbüro) Herisau bekam ich seit längerer Zeit kein Taggeld mehr. Dies war aufgebraucht. Zwar war ich immer noch als Zustellerin für Werbezeitungen angestellt, doch dieser Verdienst reichte nicht sehr weit.
Damals, als ich mit Jeremy schwanger gewesen war, hatte ich eine Zweitausbildung zur Klangtherapeutin gestartet. Ich war nie mit dem Kindsvater verheiratet gewesen, in diesem Fall Gott sei Dank, und wollte meine Eigenständigkeit irgendwie etwas bewahren. Jeremy einfach in einen Hort «abschieben» hatte zudem ganz und gar nicht in meinem Sinn gelegen. Durch die ganzen Komplikationen und die viel zu frühe Geburt hatte ich die Ausbildung damals jedoch leider nicht ganz beenden können. Und als Jeremy dann auf der Welt gewesen war hatte mir die Kraft dazu gefehlt, denn ich sass über Wochen tagtäglich bei meinem kleinen Sohn, um ihm die Wärme und Geborgenheit zu geben, die doch so wichtig sind in der ersten Zeit. Mit Hilfe einer sehr guten Kollegin, die ich über Umwege kennengelernt hatte, hatte ich diese sogenannte Klangtherapie in den vergangenen Monaten wieder in Schwung, bzw. an die Frau/den Mann bringen wollen. Ich besass eine eigene Klangliege, die mir einst gebaut worden war. Ich selbst lag schon im Laufe der Jahre mehrfach auf einer solchen Liege. Überhaupt kenne ich diverse Klanginstrumente, aus eigener Erfahrung, die für Tiefenentspannung sorgen und auch helfen können, gewisse «Blockaden» zu lösen. In Kombination mit einer noch anderen Therapieform (z. B. Physiotherapie, allgemeiner Massage oder Akkupunktur oder Akkupressur). Diese Kollegin namens Isabella Baumann hatte mich unterstützt dabei, hatte mir Tipps gegeben und mir gewisse Computertechniken nähergebracht. Wir hatten uns regelmässig über Zoom-Call unterhalten (auch heute noch). Eine sehr hilfreiche und praktische Sache! Ich hatte mehrere «Tag der offenen Tür» veranstaltet, hatte auch eine kleine Broschüre über meinen Weg mit der Klangliege und anderen Klanginstrumenten verfasst und Werbeinserate auf verschiedenen kostenfreien Plattformen aufgeschaltet. Hatte eine eigene Facebook,- und Instagram-Seite kreiert und regelmässig Beiträge hineingestellt. Roman, der Lebenspartner von Jana, hatte mir zudem meine eigene Website gestaltet und hochgeladen und ich selbst, mit einem speziellen Computerprogramm, auch Flyer, und versucht, sie an Mann/Frau zu bringen. Die ganze Sache war allerdings äusserst zäh gelaufen. Und irgendwie hatte ich mit der Zeit wie etwas den Mut und vielleicht auch etwas den Glauben daran verloren, dass ich damit die Menschen wirklich erreichen kann. Leider.
Von Januar bis Juni 2023 besuchte ich schliesslich einen Lehrgang zur Pflegehelferin, vom Schweizerischen Roten Kreuz aus, in St. Gallen, den ich dann auch abschloss. In dieser Zeit musste ich auch ein zweiwöchiges Praktikum in einem Alters- oder Pflegeheim oder in einem Krankenhaus absolvieren. Jeremy war in dieser Zeit meiner Ausbildung etwas vermehrter in der Tagesstruktur am Mittag und ging nachmittags wieder von dort aus in die Schule, weil ich ebenfalls in der Schule war. Hier in unserem Dorf steht ebenfalls ein Alters,- Pflege,- und Wohnheim. Mein erster Gedanke, als ich von diesem obligatorischen Praktikum hörte, war sofort dieses Pflegeheim. Unmittelbar im gleichen Dorf, gut zu Fuss erreichbar, und mit dem schulischen Alltag von Jeremy und der ganzen Unterstützungsarbeit mit den Hausaufgaben machbar.
Ich brachte meinen Lebenslauf auf den neusten Stand und lief eines Tages zum Altersheim. Meldete mich am Empfang, meine Bewerbungsunterlagen für eine Praktikumsstelle griffbereit unter meinem Arm geklemmt. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, kam gerade die Leiterin der gesamten Pflege an den Empfang, als ich mein Anliegen der Sekretärin erklärte. Kurzerhand übernahm sie die Gesprächsleitung und meinte, ich hätte eigentlich gar keine Bewerbung schreiben müssen. Für eine Praktikumsstelle. Doch würde sie sich die Unterlagen sehr gerne ansehen. Sie würde sich so schnell wie möglich wieder bei mir melden. Es dauerte gar nicht lange, bekam ich von ihr per Telefon Bescheid, ich solle doch zu einem Gesprächstermin kommen. Die Praktikumstage wurden abgemacht und wenig später bekam ich ein erneutes Telefon von ihr. Sie würden generell jemanden suchen. Und zwar in der Pflege in der geschlossenen Demenzabteilung. Ich hatte dieser Frau namens Ramona Hofer bei unserem Gesprächstermin vom Tod von Melanie erzählt und dass ich sie bis am Schluss begleitet hätte. Uns hätte eine Freundschaft von 25 Jahren verbunden. Ich hatte sehr wenige Praktikumstage hinter mir, in der Demenzabteilung, als ich das Angebot für eine Festanstellung von vorerst einmal 40% bekam. Erhöhung möglich. Und noch bevor ich überhaupt meine gesamte Praktikumszeit hinter mich gebracht hatte, bekam ich einen festen unbefristeten Arbeitsvertrag von 40%. Ich freute mich wirklich sehr darüber.
Da ich, im wahrsten Sinne des Wortes, eine totale «Quereinsteigerin» war, war ich zu Beginn doch sehr unsicher und traute mich nicht so recht. Das war totales Neuland für mich! Handgriffe mussten gezeigt und geübt werden. Man half mir und ganz besonders zu einer Arbeitskollegin entwickelte sich mit der Zeit eine wunderbare Freundschaft. Bis heute. Sie wohnt ebenfalls im Dorf. Ist verheiratet, hat zwei Kinder, die allerdings ihre Ausbildungen fertig und das Erwachsenenalter erreicht haben. Die Tochter wohnt seit Kurzem nicht mehr zu Hause. Der Sohn schon.
Meine Arbeitstage wurden, in gegenseitiger Absprache mit der Pflegeleitung, stets immer so organisiert, dass ich jeweils jeden Donnerstag und jedes 2. Wochenende arbeite. Dann, wenn Jeremy beim Kindsvater war und ist. An den Wochenenden zumindest. Donnerstags war und ist er in der Schule, über den Mittag in der Tagesstruktur und danach wieder in der Schule. Im Verlaufe meiner Zeit sprang ich jedoch auch immer mal wieder ein, wenn Not an der Frau war. Bis heute. Meine Probezeit war noch nicht ganz vorbei, verabschiedete sich meine Direkt-Vorgesetzte von unserem Team. Eine neue berufliche Herausforderung. Und zeitgleich verliess uns dann auch Ramona Hofer, die mich angestellt hatte und mit der ich den Arbeitsvertrag durchgegangen war.
Irgendwann wurde mir das Zeitungaustragen, neben meiner beruflichen Tätigkeit im Altersheim, zu viel und per Ende Februar letzten Jahres (2025) beendete ich diese Arbeit. Was noch blieb, bis heute, war und ist die Reinigung einer Naturheilpraxis einer Kollegin, die ich ebenfalls, diesmal über eine Klassenkameradin von Jeremy, kennen gelernt hatte. Ebenso, etwas später hinzukommend, die Reinigung ihres Hauses.
Obwohl ich mit Jeremy, auch mit meiner beruflichen Tätigkeit im Altersheim, weiterhin nicht einfach irgendwo in die Ferien fliegen konnte, waren unsere gemeinsamen Ferien doch immer sehr erlebnisreich. Es war im Sommer des Jahres 2024 gewesen, als wir für vier Wochen das Haus, den Pool und die Katze meiner Schwester und deren Familie «hüteten». Alina war für drei Monate nach Kanada geflogen, um auf einer Farm zu arbeiten, bevor sie ihr Naturwissenschaftsstudium an der Universität in Zürich beginnen würde. Sarina und Gerhard flogen ihr nach zwei Monaten hinterher und reisten danach, zuerst noch etwas ohne sie, danach mit ihr, dort herum, bevor sie wieder alle in die Schweiz zurückkehrten. Damit das Haus nicht so lange leer stehen würde, fragte mich eines Tages Sarina, ob wir Lust hätten, den grössten Teil unserer Sommerferien in ihrem Haus verbringen zu wollen. Jeremy war sofort begeistert darüber, machte er sich doch auch etwas Sorgen über den Kater «Tiggi» bezüglich der Fütterung in dieser langen Zeit. Ich brauchte ebenfalls nicht sehr lange zu überlegen. Die Sache war sehr schnell klar. Wir waren dabei! Und so zogen wir, kurz nachdem die Sommerferien begonnen hatten, für vier Wochen in das Haus meiner Schwester und deren Familie! Baden jeden Tag, ab und an ein Besuch bei meiner Mutter, die ja unweit von Sarina entfernt wohnt, ein regelmässiges Essen bei ihr. Wir genossen diese Zeit sehr. Und auch hier wurden wir nicht von kleineren «Pannen» verschont.
Da war mal diese ganze Sache mit der Geschirrspülmaschine und dem Salz. Ein paar Tage bevor Sarina mit Gerhard die Reise begonnen hatte, war ich mit Jeremy bei ihr gewesen, um uns ein paar Dinge zeigen zu lassen (wie bedient man die Poolputzmaschine richtig, wie geht der ganze Ablauf mit der Luftbefeuchtung des Flügel-Zimmers, das Einfüllen von Salz und Waschmittel in die Geschirrspülmaschine, Handhabung der Waschmaschine, usw.). Der Hausschlüssel wurde uns danach übergeben, eine herzliche Verabschiedung mit den besten Wünschen für eine gute Reise und eine ebenso spannende Zeit in Kanada folgte. Danach waren ich und Jeremy wieder nach Hause gefahren. Sarina hatte uns versichert gehabt, dass noch genügend Salz im Haus wäre, um die Geschirrspülmaschine, sollte das Zeichen für das Auffüllen zu leuchten beginnen, aufzufüllen. Wir lebten also im Haus, als der Tag kam, an dem dieses Zeichen tatsächlich aufleuchtete. Ich suchte dieses Salz. Jeremy half mir. Es musste eine blaue Verpackung sein. Wir fanden einen blauen Sack mit Pulver drin. Doch war das wirklich das Salz? Ich nahm über WhatsApp Kontakt mit Sarina auf. Fragte nach. Sie antwortete mir. Okay, blaue Verpackung. Das stimmte ja! Und doch war es mir nicht wirklich wohl dabei. Wir füllten auf. Das Zeichen hörte auf zu blinken. Vorübergehende Entwarnung. Sicher war ich mir allerdings immer noch nicht wirklich. Es vergingen zwei Tage, da fing das Zeichen erneut an zu blinken. Verdammt, was war denn jetzt schon wieder los? Ich hatte doch aufgefüllt? Ich traute der Sache überhaupt nicht! «Jeremy, ich glaube, da stimmt einfach etwas nicht. Wir lassen die Geschirrspülmaschine und waschen von Hand ab für die noch verbleibende Zeit. Ich werde Salz kaufen gehen. Mir gefällt das hier gar nicht.» Jeremy sah mich an und nickte. «Ja, irgendetwas ist hier komisch,» meinte er dazu. Wir liessen es. Versuchten anstelle davon, das mittlerweile klebrige Zeug aus dem Salzbehälter heraus zu putzen. Und wuschen und trockneten von Hand ab. Ich besorgte das Salz. Für Sarina. Und es stellte sich, als sie schliesslich wieder zurückkamen, heraus, dass es eben nicht Salz gewesen war, dass wir nachgefüllt hatten, sondern Geschirrspülmittel. Sarina liess die Maschine daraufhin mehrmals leerlaufen. Bis auch noch der letzte Rest des Spülmittels aus dem Salzbehälter draussen war. Und sie das «richtige» Salz nachfüllen konnte, dass ich gekauft hatte. Auch nach genauem Suchen ihrerseits, musste sie feststellen, dass sie gar kein Salz mehr im Schrank gehabt hatte.
Die zweite «Panne», wenn man dem so sagen kann, geschah mit dem elektronischen Rasenmäher. Machen mussten wir damit gar nichts, denn er lief automatisch. Fuhr wieder in die Aufladestation zurück, wenn der Akku zur Neige ging. Und begann seine Runden zu drehen, wenn der Akku wieder voll war. Eigentlich. Doch «soff» er uns eines Tages irgendwie plötzlich ein. Und kam nicht mehr richtig heraus. Ich und Jeremy sahen dem eine Weile zu, danach gaben wir ihm einen Stoss, damit er wieder weiterfahren konnte. Doch irgendwie schien dieses Teil jetzt völlig aus dem Konzept geraten zu sein. Sarina hatte uns von sämtlichen technischen Geräten eine äusserst präzise Gebrauchsanleitung, inklusive Bilder, geschrieben. Für eine technische Banause, wie ich es bin, sehr, sehr hilfreich! Also gut, dann mal diese Betriebsanleitung her! Gebeugt über Betriebsanleitung mit Bildern und dem Rasenmäher standen Jeremy und ich in der Wiese und versuchten, diesem Ding neues Leben «einzuhauchen». Nur schien dieses Teil dies nicht wirklich «verstehen» zu wollen. Kurzerhand zogen wir es zurück zur Ladestation und unternahmen gar nichts mehr. Gemäss erneuter Kontaktaufnahme mit Sarina war dies völlig in Ordnung, denn der Rasenmäher würde von selbst wieder mit der Arbeit beginnen. Nun, dies blieb bis zum Schluss eine Ilusion!
Es war sowohl Jeremy als auch mir stets schleierhaft, die gefahrenen Bahnen dieses Gerätes richtig zu interpretieren und zu verstehen. Wir sassen eines Nachmittages, wir waren zuvor im Wasser gewesen und waren uns nun etwas am Trocknen, auf einer der drei Terrassenstufen, und sahen zu, wie die Maschine ihre Bahnen fuhr. Irgendein «logisches» Prinzip fanden wir nicht hinter diesem Schauspiel. Und dann «verfuhr» sich dieses Ding auch noch. Über Steinplatten in eine Ecke des Gartens, von wo es fast nicht mehr herauskam. Jeremy und ich fingen an, darüber Witze zu reissen und zu lachen. Eine sehr, sehr lustige Runde. Zwischen Mama und Sohn. Überhaupt genossen Jeremy und ich diese Auszeit miteinander wieder sehr. Wir spielten auch sehr, sehr oft Kartenspiele miteinander, wenn wir, nach Stunden des Badespasses, wieder aus dem Wasser stiegen.
Die dritte und letzte «Panne» geschah gleich zu Beginn unserer Ferien dort. Und zwar mit dem Hausschlüssel. Das Schliesssystem der Tür folgte immer in automatischer Form. Ebenso befand sich bei der Türklingel ein Touchscreen. Man konnte den Finger auf diesen Touch Screen legen, danach öffnete sich die Haustür ebenfalls automatisch. Jeremy und ich hatten keinen «Fingercode», wir benutzten den Hausschlüssel, den uns Sarina gegeben hatte. Es war am zweiten Tag, als wir mit dem Auto fortfahren wollten. Ich hatte die Haustüre zugezogen, als mir plötzlich in den Sinn kam, dass wir ja auch noch den Hausschlüssel mitnehmen müssten. Dieser lag auf dem kleinen Tisch, gleich im Eingangsbereich. Es surrte, ich wollte die Haustür nochmals öffnen. Zu spät. Sie schloss sich automatisch. Und Jeremy und ich standen draussen ohne Hausschlüssel. Wir hatten uns selbst rausgesperrt. «Mama, was machen wir denn jetzt?», leicht panisch sah mich Jeremy an. Scheisse, dachte ich, was jetzt? Mam! Mam hat SICHER einen Ersatzhausschlüssel! «Wir laufen schnell zu Grogro und fragen, ob sie einen Ersatzhausschlüssel hat. Sie hat sicher einen!» «Und wenn nicht?» «Tja, dann haben wir ein kleines Problem...» Entsetzt sah mich Jeremy an. Was hätte ich sonst sagen sollen? Beruhigend und aufmunternd sah ich ihn an. «Doch mach dir keine Sorgen, Schätzchen, das kriegen wir schon hin. Grogro hat bestimmt einen.» Ich nickte ihm zu. Danach liefen wir zu meiner Mutter.
Auf dem kurzen Weg dorthin meinte Jeremy plötzlich. was wir denn tun würden, wenn sie nicht zu Hause wäre. Ja, daran hatte ich auch schon gedacht. Ja, was täten wir dann? Mein Plan: wieder zurück zu uns nach Hause und den Hausschlüssel der Wohnung meiner Mutter holen (ich hatte mal einen, für den Notfall, von ihr bekommen), wieder zurückfahren und vorerst in der Wohnung meiner Mutter warten. Allerdings erst nachdem wir von unserer Tour zurückkämen. Wir hatten Glück, meine Mutter war zu Hause! Und das Glück liess uns weiter nicht im Stich, denn sie besass einen Ersatzschlüssel! Als Jeremy ihr unsere Panne erzählt hatte, musste sie schallend lachen. Und ich war insgeheim nicht bloss sehr froh und dankbar, dass sie zu Hause war, sondern auch darüber, dass sie auch einen Schlüssel, für den Notfall, in ihrer Wohnung deponiert hatte. «Ihr müsst ihn mir aber gleich wieder bringen. Den will ich wieder. Damit für den Notfall wieder gesorgt wäre!», ermahnte sie uns mit erhobenem Zeigefinger. Logisch! Hallo, wie alt waren wir?! Wir blieben nicht lange bei ihr. Liefen zurück zum Haus, öffneten die Haustür mit ihrem Ersatzschlüssel, schnappten uns den vorübergehenden unsrigen und brachten ihr den ihrigen wieder zurück. Danach fuhren wir unsere Einkaufstour ab. Phu, nochmals Glück gehabt! Jeremy lebte nicht so lange im Haus, wie ich es tat, da er noch gemeinsame Ferien mit dem Kindsvater hatte. Auch ich musste zwischendurch im Altersheim arbeiten und hatte nicht die ganzen Sommerferien über frei. Je nach Arbeitstag war ich dann eben am pendeln.
Patricks Reaktion von damals an jenem Sonntag, als ich mit Jeremy noch jeden Sonntag zum Kindsvater gefahren war, nagte immer noch an mir. Sein Satz, ja, wenn es Jeremy und mir nicht gut gehen würde, würde er uns schon helfen, kam mir nach wie vor so falsch vor. Nun, was hatte er damals getan, als ich sowohl vom Kindsvater als auch von dessen Mutter vor Jeremy so beschimpft worden war? Gar nichts. Er war nur auf dem Stuhl gehockt. Ich hatte damals ja fluchtartig mit Jeremy das Haus verlassen, da er zu weinen begonnen hatte. Ein Telefon danach vielleicht? Nachfragen, wie es Jeremy ging? Wie es mir ging? Nichts dergleichen. Dies hatte mich damals sehr getroffen. Ich hatte mich zurückgezogen. Und ich hatte mich auch immer wieder gefragt, was Patrick unsere Freundschaft, die schon gut 20 Jahre bestand, wohl noch bedeuten würde. Anfang des Jahres 2023 hatte ich ihm deshalb einen Brief geschrieben und ihm darin diese damalige Situation nochmals aus meiner Sicht beschrieben. Es war nie eine Antwort darauf gekommen. Nannte man dies Freundschaft?
Ich traf Patrick während der Zeit in der wir in Sarinas Haus lebten. Jeremy war nicht dabei, was auch sehr gut gewesen war, da er zu dieser Zeit beim Kindsvater weilte. Wir sassen auf der Terrasse und ich merkte, wie mir dieser «Kloss» erneut anfing die Kehle zuzuschnüren. Ich musste ihn darauf ansprechen. Jetzt oder nie. Für meinen eigenen Seelenfrieden. Ich druckste zuerst etwas herum, fand den Anfang nicht richtig. Doch wusste ich, ich MUSSTE jetzt damit herausrücken. Patrick sass schweigend da und wartete. Schliesslich fand ich den «Faden» und erzählte ihm meine Version von damals. «Weisst du, einst hattest du zu mir gesagt, ja wenn es Jeremy oder auch mir nicht gut geht, dann wärst du für uns da. Du würdest uns helfen. Nun, ich kam mir einfach nur «verarscht» vor. Auch von dir. Du sassest einfach nur da, selbst dann noch, als Jeremy angefangen hatte zu weinen. Kein Ton kam aus deinem Mund. Gar nichts. Wo waren die Taten deiner einstigen Worte? War das wirklich Freundschaft?» Tränen traten mir in die Augen. «Du hättest zum Beispiel einfach sagen können: Hey Leute, das reicht jetzt! Jeremy weint. Lasst das jetzt! Abgesehen davon hatte ich damals schon gewusst, dass ich mit Jeremy unverzüglich das Haus verlasse, denn ich merkte selbst, dass das überhaupt nichts bringt. Und ich tat es ja dann auch.» Ich konnte nicht mehr anders und begann nun leise zu schluchzen. Dieses damalige Gefühl des «Verletztseins» kam jetzt mit voller Wucht zurück. «Und weisst du, was mich noch verletzt hat? Wie wäre es gewesen, wenn du uns damals, einen Tag danach vielleicht, angerufen und gefragt hättest wie es uns geht? Es kam gar nichts. Niente. Ich habe dir den Brief geschrieben. Und bekam nie eine Antwort. Bis heute.»
Mittlerweile war ich aufgestanden und stand nun angelehnt an der kleinen Säule der Terrasse. Mit dem Rücken zu Patrick. Er schwieg. Wie mir schien, betroffen. «Nicole, es tut mir leid. Ich habe deinen Brief zuerst gar nicht richtig verstanden. Ich wusste nicht was du meinst.» Leicht verächtlich schnaubte ich. «Wieso hast du dann nicht nachgefragt?» Ich drehte mich um und sah ihn an. Er senkte den Blick. Ich nickte. «Weisst du, es ist mir egal, wie viel Kontakt du zum Kindsvater hast und wie oft ihr euch seht. Das geht mich auch gar nichts an. Doch wie man mich, und indirekt auch Jeremy, in der Vergangenheit behandelt hat und immer noch tut,, entspricht in keinster Art und Weise jeglicher Fairness. Ich bin mit Jeremy meinen Weg gegangen. Und ich werde ihn auch weiter gehen. Und zwar mit folgenden Grundwerten, die ich auch ihm auf den Weg mitgeben möchte. Anstand, Respekt, Fairness, Gerechtigkeit, Wohlwollen und Verantwortung. Dafür einstehen, was man tut und auf sich und seine Fähigkeiten vertrauen und bauen.» Ich schaute in den Himmel und wischte mir die Tränen weg. «Weisst du, es gibt immer zwei Seiten. Und sich nur von einer «berieseln» zu lassen, kann so ziemlich in die Hosen gehen. Ich habe mich in den vergangenen Jahren wirklich oft gefragt, was dir unsere Freundschaft wohl noch bedeutet. Beantworten kann und will ich das gar nicht. Das ist deine Entscheidung. Doch habe ich mich, nach diesem Vorfall damals, bewusst von dir zurückgezogen. Weil für mich etwas zerbrach.» Patrick sass da und schwieg immer noch. Ich drehte mich um und kam wieder an den Tisch zurück. «Nun denn, jetzt ist es draussen. Und ich bin froh darüber. Möchtest du noch etwas trinken?», fragend und leicht verweint sah ich ihn an. «Nein danke, ich glaube, ich muss dann sowieso mal langsam gehen. Es ist schon sehr spät.» In der Tat, es war schon längst dunkel geworden. Einzelne Sterne leuchteten am Himmel. Eine sehr schöne Nacht. Die mich, trotz der ganzen Aussprache, auch etwas traurig stimmte. Wie würde es jetzt zwischen Patrick und mir weitergehen? Jeremy war der Hauptpunkt, Patrick war Jeremys Patenonkel und dies würde auch weiterhin so bleiben. Bis zum Schluss. Das war und ist mir sehr wichtig und völlig klar. Doch, so wie es einst zwischen Patrick und mir gewesen war, würde es nicht mehr sein. Es veränderte sich. Und ist bis heute so geblieben.
In der letzten Ferienwoche dann, Sarina war mit ihrer Familie wieder von Kanada zurückgekehrt, fuhren Jeremy und ich noch ein paar Mal an den See, um auch diesen zu geniessen, bevor es am Montag, 12. August 2024 wieder mit der Schule beginnen würde. Es war der Samstag, 10. August, als wir uns am Morgen beizeiten mit dem Auto auf den Weg machten, um den Tag am See zu verbringen. Als «Abschluss» der Sommerferien. Ich hatte am Abend zuvor Currysalat vorbereitet gehabt, um diesen mit Jeremy am See zu Mittag zu essen. Auch Würste hatten wir dabei, um diese bei der vorhandenen Feuerstelle bräteln zu können. Ebenso unser Stand-up-Paddel, das Jeremy ein Jahr zuvor von mir, Rahel und Jeremys Patentante Finia als Gemeinschaftsgeschenk zu seinem Geburtstag bekommen hatte. Bepackt mit all unseren sieben Sachen parkierten wir unser Auto auf dem Parkareal, stiegen aus, luden alles aus, schlossen ab, teilten unser mitgebrachtes «Gepäck» zum Tragen auf und liefen damit zum Kassenhäuschen der Badewiese. Ich bezahlte den Eintritt, danach liefen wir mit unseren Sachen zu unserem «Stammplätzchen» unter unserem «Stammbaum». Zuerst stellte ich den Korb mit dem Salat und der Grillade ab. Danach lehnte ich das Stand-up-Paddel, das zusammengefaltet in einem dazugehörenden Sack lag, an den Baum. Ich trat einen Schritt zurück und stolperte dabei über den Korb. Unmittelbar neben uns lag bereits schon ein aufgeblasenes Stand-up-Paddel. Ich knallte auf dieses Stand-up-Paddel. Dabei «verdrehte» es mir den linken Daumen. Ein rasender Schmerz durchzuckte mich.
Ich lag halbwegs auf diesem fremden Stand-up-Paddel und mein Daumen war nicht mehr dort, wo er normalerweise sein sollte. Mir traten Tränen in die Augen und ich begann nur noch stossweise zu atmen. Und war total erledigt. Ein Mann, der unweit neben uns stand, bekam diesen Sturz mit. «Geht es?», fragte er. Ich nickte. Mein Puls raste, Tränen rannen mir über das Gesicht, ich hatte Schmerzen und atmete stossweise. Da war etwas gar nicht mehr gut. Ganz und gar nicht mehr. «Ich glaube, ich hole den Bademeister», meinte er und sah mich erneut fragend an. Ich nickte nur, während mir die Tränen unaufhaltsam die Backen hinunter liefen. Jeremy sah mich angstvoll an. «Es ist alles gut, Jeremy, nur keine Angst. Das kommt schon wieder», presste ich unter Schmerzen hervor. Mit einer Stimme, so gut es eben ging. Mir war schlecht und beim Anblick meines Daumens wurde mir nur noch mehr übel. Es dauerte nicht lange und der Mann kam mit dem Bademeister zurück. Sehr schnell war klar, dass ich in den Notfall musste. «Ich rufe den Krankenwagen. Keine Angst, das kriegen wir schon hin. Ich bleibe bei dir, bis er kommt.» Ich nickte nur noch. Ich war völlig erledigt, hatte Schmerzen und wünschte mich gleichzeitig weit, weit weg. Es war mir im Moment einfach alles zu viel. Während wir auf den Krankenwagen warteten, wich der Bademeister nicht von meiner Seite und kümmerte sich auch rührend um Jeremy, der nun ebenfalls etwas mit den Tränen zu kämpfen hatte und schweigend neben mir sass. Obwohl von Schmerzen geplagt, musste ich doch ab und an etwas lächeln, wenn der Bademeister mit seiner lockeren und humorvollen Art von seinen «Unfällen» erzählte. Ich kannte ihn, denn eine Zeitlang war er im Mineralheilbad in St. Margrethen als Bademeister tätig gewesen. Und hatte auch in der Sauna immer wieder Aufgüsse zelebriert. Auch er erkannte mich wieder, denn wir waren uns ein paar Mal dort begegnet.
Plötzlich sahen wir das Krankenauto daher fahren. Mir kam es wie eine halbe Ewigkeit vor, bis zwei Sanitäter endlich über die Wiese gelaufen und bei uns angekommen waren. Sofort kniete einer von den Beiden in die Hocke und begann mich zu fragen, was denn geschehen wäre. Ich atmete wieder stossweise und die Tränen kamen erneut. «Atmen Sie ruhig. Ganz ruhig. Wir sind da und helfen Ihnen. Was ist geschehen?» Stossweise versuchte ich zu erzählen, doch gelang es mir nicht wirklich. «Haben Sie mitbekommen, was genau passiert ist?», fragte der zweite Sanitäter nun den Bademeister, der neben uns allen stand. «Leider nein, ein Badegast kam zu mir und sagte, ich solle doch bitte einmal mitkommen. Eine Frau wäre gestürzt. Ich folgte ihm und traf sie (dabei zeigte er auf mich) und ihren Sohn so an.» Der erste Sanitäter nickte. «Alles klar, kommen Sie, wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Ihr Sohn kommt selbstverständlich mit. Er darf vorne im Auto mitfahren. Können Sie laufen? Geht das?» Ich nickte. Zu zweit halfen sie mir auf die Beine. Mir wurde wieder übel. «Kommen Sie, ganz langsam. Was machen wir mit dem ganzen Gepäck?» «Wir haben einen Lagerraum. Ich stelle alles da rein. Dann kann es später geholt werden. Das ist kein Problem!» Die Sanitäter nickten. Der Bademeister nickte mir zu. «Keine Sorge, das wird schon wieder. Ganz gute Besserung!» Ich nickte. Zu viert liefen wir zum Krankenwagen. Während der erste Sanitäter mich beim Arm nahm, kümmerte sich der zweite Sanitäter rührend um Jeremy. Unterhielt sich mit ihm, während er sehr gefasst und umsichtig wirkte. Er war es auch gewesen, der an die Schlüssel und mein Portemonnaie gedacht hatte, kurz bevor wir losgelaufen waren. Wie mir später auf der Fahrt ins Krankenhaus der erste Sanitäter auch sagte, hätte Jeremy auf die ganze Situation super reagiert. Sehr gefasst.
Auf der Fahrt kümmerte sich der zweite Sanitäter weiterhin rührend um Jeremy und unterhielt sich weiterhin mit ihm, während ich hinten auf der Bahre lag. Mir wurde über eine Vene Schmerzmittel verabreicht und der Daumen gekühlt, während ich langsam versuchte, wieder normal zu atmen. Ich war irgendwie etwas erleichtert. Ich war «in Sicherheit», Jeremy ebenso. Man «kümmerte» sich auch um ihn. «Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich in einem Krankenwagen transportiert werde», sagte ich auf der Fahrt. «Das letzte Mal war vor 12 Jahren, als ich notfallmässig in die Stadt hatte gefahren werden müssen, weil Jeremy auf die Welt kam. Um Einiges zu früh.» Der Sanitäter, der neben mir auf einem Hocker sass, sah mich lächelnd an. «Dann kennen Sie das alles hier ja so ungefähr.» Ich nickte. «In der Tat, ja. Nur, verstehen sie mich jetzt ja nicht falsch, ich wäre lieber nicht hier. Es ist absolut notwendig, gibt es Menschen wie Sie, die einen sehr wichtigen Job machen. Es ist auch sehr, sehr gut gibt es Krankenhäuser. Nun ja, «gebrauchen» würde man sie trotzdem lieber nicht.» Nickend sah mich der Sanitäter an. «Ich verstehe sehr gut, was Sie meinen, glauben Sie mir. Wie ist es mit den Schmerzen. Geht es einigermassen? Ich kann Ihnen sonst schon noch etwas geben. Es darf einfach nicht zu viel sein.» Es wäre schon in Ordnung, so gab ich ihm zur Antwort. Sonst müsse ich mich unbedingt melden, entgegnete er. Ich nickte. Wir unterhielten uns weiter über Dies und Das, was mir doch seelisch auch sehr gut tat und mich weiter beruhigte. Die Bodenwellen trugen allerdings weniger zu meiner Beruhigung bei, denn jedes Mal, wenn es etwas holperte, wurden die Schmerzen stärker. Zwar versuchte der Sanitäter, der den Krankenwagen fuhr, schon möglichst ruhig zu fahren, doch leicht unebenen Strassenstücken konnte auch er nicht ausweichen.
Angekommen im Krankenhaus, öffneten sich Türen vor mir, wie vor 12 Jahren, als Jeremy seine Geburt angekündigt hatte. Schliesslich landete ich in einem Untersuchungszimmer. Ich stieg von der Bahre und legte mich in ein Krankenbett. Die beiden Sanitäter gaben ihren Rapport einem Arzt ab, danach verabschiedeten sie sich von mir und Jeremy. «Keine Sorge, deiner Mama geht es bald wieder besser», sagte der Sanitäter, der den Krankenwagen gefahren hatte, aufmunternd zu Jeremy. Dieser nickte. Noch einmal musste ich den ganzen Sturzvorgang schildern, danach sah man sich meinen «verdrehten» Daumen an. Ich konnte weiterhin nicht hinsehen, ohne dass es mir nicht übel wurde. «Wir werden Ihnen den Daumen wieder an den richtigen Platz versetzen müssen. Das wird weh tun. Wir werden zu Dritt sein. Innere Verletzungen können wir jetzt so nicht sehen. Das muss dann noch geröngt werden.» Diverse Untersuchungen folgten. Jeremy sass die ganze Zeit auf einem Stuhl an meinem Bett.
«Nun ja, so habe ich mir unseren Badeausflug nicht gerade vorgestellt. Ein kleiner Trost: wir können den See sehen.» Müde sah ich Jeremy an. Ich war irgendwie erledigt. Geröngt wurde noch und man sah, dass es im Daumen kleine Knöchelchen durch den Aufprall zersplittert hatte. Von einer Operation, die dazu dienen würde, diese Splitter herauszunehmen, sah man ab. Ich musste sowieso zu einem Handchirurgen. Kontrollen in den nächsten Wochen würden ja eh unerlässlich sein. Würde man dann etwas sehen, was nicht gut verheilen würde, müsste ich unter das Messer. Als es dann darum ging, mir den Daumen wieder «einzurenken», wurde Jeremy von einer Pflegefachfrau nach draussen begleitet. Das musste er nicht mit ansehen. Ich hätte das auch gar nicht gewollt.
Zwei machten sich an meinem Daumen zu schaffen. Dem Dritten, einem Assistenzarzt, drückte ich, auf meinen Wunsch hin, eine Hand, während wieder eingerenkt wurde. Lang dauerte dieses Einrenken nicht, doch schrie ich auf. Das tat höllisch weh. Und ich drückte die Hand des Assistenzarztes mit voller Kraft. Danach sank ich müde in das Kissen zurück. «So, das hätten wir geschafft. Jetzt bekommen Sie noch einen Gips und danach sind Sie dann so ziemlich bald entlassen. Haben Sie jemanden, der sie abholt oder so?» Ja, wir mussten wieder zurück und unsere ganzen Badesachen und unser Mittagessen war immer noch am See. Wohl gut eingelagert, aber immer noch dort. «Wir finden schon eine Lösung», sagte ich zum Arzt. Dieser nickte. Jeremy wurde wieder ins Zimmer geholt und bis die ganzen Formalitäten und das ganze Drumherum erledigt war, dauerte es noch eine ganze Weile.
Es wäre abgemacht gewesen, dass wir am Tag danach, also am Sonntag, nochmals baden gegangen wären. Zusammen mit Rahel, ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn. Nun, das konnten wir jetzt vergessen. Wir mussten ihnen absagen. «Wir müssen Rahel sowieso für morgen absagen. Das geht nicht. Willst du ihr schnell anrufen und ihr das sagen?», fragend sah ich Jeremy an. Seine «Begeisterung» hielt sich arg in Grenzen. Nicht wegen den Personen, sondern wegen dem «sich trauen». Wir hatten, während wir warten mussten, zwar noch Sarina versucht zu erreichen, doch waren sie und Gerhard nicht zu Hause. Alina hatte abgenommen und uns dies mitgeteilt. Schliesslich rief ich Rahel an. Es dauerte nicht lange und sie nahm ab. «Hallooo!» begrüsste ich sie. «Du, wir können nicht mit euch morgen baden kommen. Ich bin nämlich im Krankenhaus.» Ich hörte Rahels kurzen Schreck am anderen Ende der Leitung. «Was ist denn passiert?» «Jeremy und ich waren heute ja schon auf der Badewiese. Ich stolperte rückwärts über meinen Korb und knallte mit dem Daumen sehr unglücklich auf ein anderes Stand-up-Paddel, das unmittelbar neben mir lag. Mein Daumen war danach nicht mehr dort, wo er ursprünglich hätte sein müssen. Ich musste ins Krankenhaus gefahren werden. Tja, das war ein äusserst kurzer Badeausflug. Jeremy ist hier bei mir. Wir haben vom Zimmer aus einen wunderschönen Blick auf den See.» «Ach nein! Und wo sind denn jetzt eure ganzen Sachen?» «Die sind noch bei der Badewiese. Eingeschlossen in einem Lagerraum. Irgendwie müssen wir diese Sachen noch holen.» «Und das Auto?» «Nun, das steht auch noch auf dem Parkplatz vor der Badewiese.» Rahel fackelte nicht lange. «Wir kommen euch holen. Mit zwei Autos. Dann fahren wir zur Badewiese, holen Badesachen und Auto und fahren euch nach Hause. Dann habt ihr alles wieder zu Hause und müsst nicht noch weiss Gott wohin fahren. Okay?» Ich war ihr extrem dankbar für diesen Vorschlag und sagte ihr das auch. «Kein Problem. Wenn du fertig bist, geht doch ins Restaurant und wartet dort auf uns. Wir sind in ca. einer Stunde bei euch. Ist das okay?» «Aber klar, sicher! Wir müssen sowieso noch warten. Ich bekomme noch ein erstes Arztzeugnis, denn so kann ich nächste Woche, logischerweise, nicht arbeiten gehen. Für wie lange, keine Ahnung. Das wird sich mit der Zeit herausstellen.» Wir redeten nicht mehr lange, sondern hängten auf. Ich bekam mein erstes Arztzeugnis, ein weiterer Untersuch wurde abgemacht. Eine gute halbe Stunde später wurde ich entlassen und gemeinsam mit Jeremy schlenderte ich ins Restaurant, wo wir uns an ein grosses Fenster setzten, das gleich zum Parkplatz des Areals gerichtet war. So würden wir Rahel und ihre Familie, wenn sie kämen, sehr schnell sehen.
Es dauerte nicht sehr lange, sahen wir die Drei daherkommen. Durch die grosse Scheibe sahen auch sie uns sehr schnell. Während sie draussen warteten, erhoben wir uns von den Stühlen und traten aus dem Restaurant. Unsere beiden gekauften Sandwiches und unsere Getränke hatten wir noch in einer Ruhe, über den ganzen Schreck, geniessen können. Zuerst fuhren wir alle fünf zur Badewiese zurück und holten die Badesachen und den ganzen sonstigen Rest. Danach fuhr Rahels Mann mit meinem Auto, mir und dem ganzen Badegepäck zu uns nach Hause. Rahel folgte uns mit dem Auto ihres gemeinsamen Sohnes, ihrem Sohn und Jeremy. Gegen Abend waren wir dann wieder zu Hause. Froh, wieder zu Hause zu sein und froh, alles wieder zu Hause zu haben. Auto, Badesachen, den gefüllten Korb und das Stand-up-Paddel! Der Tag danach verlief äusserst ruhig. Sowohl ich als auch Jeremy musste sich von der ganzen Aufregung am Tag zuvor etwas erholen.
Da ich auf den linken Daumen geknallt war und ich eine Linkshänderin bin, konnte ich vorübergehend nicht mehr schreiben. Formulare ausfüllen für die Versicherung konnte ich nicht. Meine Mutter half mir und füllte aus. Auch den erneut auszufüllenden Notfallzettel von der Schule (Jeremy kam jetzt in die 5. Klasse, sprich Lehrerwechsel und neue Klassenzusammensetzung) konnte ich nicht ausfüllen. Meine Mutter tat dies ebenso. Und kochte für uns auch eine Zeitlang das Mittagessen, da ich den Daumen und somit auch die Hand nicht richtig bewegen konnte. Untersuche folgten beim Handchirurgen, Hand- und Ergotherapie ebenso. Bis Anfangs Oktober war ich schlussendlich krankgeschrieben. Und auch hier hatte ich Glück: die Knöchelchen, die es beim Aufprall auf den Boden zersplittert hatte, würden wieder zusammenwachsen und sich «neu» formieren. Nichts mit Hand aufschneiden! Dem Himmel sei Dank!
Für was ich jetzt jedoch vermehrt Zeit hatte, war mich um die Einreichung meiner Autobiographie an dem Schweizerischen Autorenwettbewerb zu kümmern. Der Grundtext stand ja schon. Seit 12 Jahren. Nur hatte ich ihn auf die Seite gelegt. Es war der Lebenspartner von Charlotte, der mich eines Tages plötzlich gefragt hatte, ob ich nicht Lust hätte, meinen Text an diesem Wettbewerb einzureichen. Ich hatte bis anhin noch nie von diesem Wettbewerb gehört. Und ich zweifelte insgeheim etwas an meinen diesbezüglichen Fähigkeiten. «Meinst du?», ich hatte ihn sehr skeptisch angesehen. «Ich schreibe gerne, ja. Und höre auch jedes Mal, dass meine Texte sehr gut geschrieben wären. Doch reicht das wirklich aus für das?» «Warum nicht? Du hast eine wundervolle Gabe, die richtigen Worte zu finden. Deine Texte sind lebendig. Und es ist jedes Mal spannend, etwas von dir zu lesen. Versuch es! Ich fände das eine sehr gute Sache. Überlege es dir. Ich würde dir dabei helfen. Ich habe auch schon Texte eingereicht.» Ich hatte mir das Ganze ein paar Tage durch den Kopf gehen lassen. Ja, mein Traum war es schon als Kind, gewesen, eines Tages ein Buch zu schreiben. Nur hatte ich damals nicht richtig gewusst über was. Sollte meine eigene Lebensgeschichte nun der Schlüssel dazu sein?
Ich überlegte intensiv. Nun, es gab rund 8 Millionen Lebensgeschichten auf dieser Welt. «Speziell» war meine ja nicht wirklich. Warum also diese nicht mit den Menschen teilen? Und, wer weiss, vielleicht auch damit der Einen oder dem Anderen manchmal ein Gefühl zu geben, mit dem Leben, selbst wenn es mal wieder seinen Tribut forderte, nicht ganz «alleine» dazustehen. Als «Trost». Als kleine «Stütze». Und so hatte ich dem Ganzen zugestimmt. Am 27. November 2024 war der Eingabeschluss auf der Autorenplattform «meet-my-life». Eine Internetplattform, wo Autoren und Autorinnen von überall her ihre Biografien veröffentlichen. Ganz viele Stunden kamen zusammen, wo ich und Charlottes Lebenspartner meinen Text nochmals überarbeiteten. Schliesslich, ein paar Tage vor Eingabeschluss, reichte ich meine Endfassung, laufend unter dem Titel „Ein bunter Strauss voller Leben“, elektronisch ein. Ohne Erwartungen. Locker und leicht. Mal schauen……» verlieren» konnte ich ja nichts. Ganz im Gegenteil.
Sonderbericht von Jeremys Beiständin an die KESB Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Herisau! Na wunderbar, ganz toll! Was käme jetzt? Ich wurde darüber informiert, dass sich eine sogenannte SPF (Sozialpädagogische Familienbegleitung) einschalten würde, wegen Gefährdung des Kindswohls. Und zwar ein Mann. Hervorragend, dann stehe ich sowieso alleine da! Dieser Typ wird sicher dem Kindsvater «unter die Arme greifen», indem er ihn verteidigt. Das waren meine Gedanken. Dieser Herr namens Noah Lendi trat seine Arbeit offiziell per 1. Oktober 2024 an. Für eine erste Periode bis 31. März 2025, gemäss subsidiärer Kostengutsprache der Sozialen Dienste Appenzeller Mittelland. Diesen Herrn Lendi sah ich Mitte September das erste Mal. Er rief mich an und wir verabredeten uns zu einem ersten Gespräch. Da ich an diesem Tag noch in der Stadt zu einem Kontrolluntersuch beim Handchirurgen war, verblieben wir so, dass er mich bei der Praxis des Handchirurgen abholen würde, da er sowieso in dieser Gegend war. Anschliessend würden wir zusammen nach Speicher fahren.
Der Tag kam, ich fuhr mit dem Zug in die Stadt zum Untersuch. Danach rief ich Herr Lendi an. «Ich bin da, stehe mit dem Auto in der Blauen Zone hinter der Praxis und warte auf Sie!», sagte er zu mir, als wir uns begrüsst hatten. «Alles klar, ich komme!» Wir hängten auf. Leicht nervös trat ich aus der Tür der Praxis auf die Strasse. Na dann mal los! Ich lief die Strasse runter und bog rechts ab. Sah die Blaue Zone. Sah ein Auto, das darauf stand. Mein Natel klingelte. Ich nahm ab. «Sind sie gerade über den Fussgängerstreifen gelaufen?» «Nein, ich glaube, ich komme Ihrem Auto gerade entgegen!» «Alles klar, bis gleich!» Wir hängten auf. Und ich lief langsam auf das Auto zu. Und sah diesen Herrn Lendi im Auto sitzen. Schwarze, leicht grau melierte kurze, gelockte Haare. Sehr leger gekleidet. Ich öffnete vorsichtig die Autotür. «Herr Lendi, sind Sie das?» «Ja, das bin ich! Steigen Sie ein! Oh, einen kleinen Moment, ich muss das schnell auf die Seite räumen.» Er nahm einen kleinen Stapel Papier vom Beifahrersitz und legte es auf die Rückbank. Ich stieg ein. Und was mir entgegen schien, war ein Arm voller TATOOS! Behördliche Verordnung und Tatoos! Das passte ja wie die Faust aufs Auge! Was zum Henker sollte das jetzt Alles? Wollten die mich etwa verarschen?
Wir gaben uns die Hand. Ich sah diesen Herrn Lendi sehr, sehr misstrauisch an. «Guten Tag, mein Name ist Noah Lendi. Wir können uns aber auch duzen, wenn Ihnen/Dir das recht ist. Ist vielleicht etwas einfacher. Was meinen Sie oder du?» «Stacher, ich meine Nicole. Kein Problem, wir können uns sicher duzen. Ist sicher einfacher, ja.» Er startete den Motor. Ich schnallte mich an. Er fuhr los. Immer wieder sah ich ihn misstrauisch von der Seite an und entdeckte auch auf seinem anderen Arm einige Tatoos. Irgendwie kam ich mir vor wie in einem falschen Film. Und ebenso verarscht. Ich erkundigte mich auf unserer gemeinsamen Fahrt Richtung Speicher, was sein Auftrag bei uns beinhalte. Zu meiner Verwunderung, und noch grösseren Skepsis, konnte er sich vom Geschriebenen der Beiständin keinen wirklichen Reim machen und verstand es auch nicht ganz. Und ich hockte in diesem Auto, hatte mich über seine Abholung zwar sehr gefreut, und fragte mich weiter nach dem ganzen Sinn. Bei den Abholungen müsse er dabei sein, meinte er auf eine meiner Fragen, doch das ergäbe irgendwie keinen Sinn. Er müsse in die ganze Struktur sehen können, sonst könne er nicht viel machen. Ich sagte nicht sehr viel, sondern nickte.
Bei uns zu Hause angekommen lud ich ihn nicht bloss noch zusätzlich zu einem Kaffee ein, sondern gab ihm noch sämtliche behördliche Unterlagen mit, um etwas «Licht» in seinen Auftrag zu bringen. Wir unterhielten uns gut miteinander, doch meine Skepsis und mein Misstrauen blieb. Wie er mir später dann einmal sagte, hätte er bei dieser ersten Begegnung zwischen uns doch sehr viel Wut meinerseits gespürt. Vielleicht schwang dies zusätzlich noch mit, neben dem ganzen sonstigen Misstrauen.
Jeremy sah er wenige Tage später zum ersten Mal, als er erneut auf Besuch kam. Ich hatte Jeremy zuvor informiert gehabt, dass uns in der nächsten Zeit immer wieder jemand besuchen käme, der uns auf unserem Weg etwas begleiten würde. An diesem Mittag nun begrüsste Noah Jeremy, als dieser von der Schule nach Hause kam, und verzog sich mit ihm in das Wohnzimmer. Oder besser gesagt, ich bugsierte sie dorthin. Ich fand es wichtig, dass die Beiden unter sich waren. Und dass Jeremy von Noah selbst hörte, was Sache war. Er würde sich wieder melden, meinte er, bevor er sich danach von uns verabschiedete. Ich hörte gar nichts mehr. Vier Wochen lang. Und ich fragte mich, was das jetzt wieder sollte. Was tat dieser Typ jetzt? Jeremy war noch bei dem Kindsvater in den Ferien und ich sass zu Hause und fragte mich erneut, was das Ganze soll. Warum tat dieser Typ nichts? Was für einen Auftrag hatte er denn eigentlich? Ratlosigkeit, Unverständnis und auch ein bisschen Wut begleitete mich in diesen vier Wochen. Und ich fühlte mich irgendwo weiter verarscht. Was ging hier vor? Sassen er und der Kindsvater zusammen und heckten irgendetwas aus, womit man mich wieder blöd hinstellen konnte? Vermutungen, die, wie ich später feststellen musste, sehr unbegründet gewesen waren. Doch gefiel mir diese ganze Sache nicht wirklich.
Noah meldete sich per Telefon wieder. Und wir vereinbarten einen Termin bei uns zu Hause. Meinen Unmut liess ich ihn spüren. Und ich liess auch meine Wut an ihm aus. Und erfuhr, dass er doch schon mit dem Kindsvater Kontakt aufgenommen hatte und er ihm Rede und Antwort hatte stehen müssen. Ebenso hatte Noah vom Kindsvater verlangt, dass er ihm Rapport abgeben müsse was er mit Jeremy unternehmen würde. Auch Fotos hatte er Noah liefern müssen. NICHTS Gekünsteltes oder irgendwelche Fakes! Reale, in jenen Momenten! Dieses Gespräch zwischen Noah und mir war eine hitzige Diskussion gewesen. Am Ende sagte ich nicht mehr viel. Doch hatte ich zum ersten Mal, seit der Geburt von Jeremy, das Gefühl, dass ich einen Menschen vor mir hatte, einen Mann, der wusste wovon er sprach. Das überraschte mich und ich war leicht überrumpelt.
Es war für mich auch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, gekoppelt mit der Sensibilität und einem wachsenden Vertrauen zu Noah. Ich erfuhr von seiner Lebensreise, von seinem Vater-Sein und seiner beruflichen Laufbahn. Tränen gab es, wir führten Aufstellungen durch und unsere Diskussionen waren stets lebendig. Manchmal auch hart und hitzig. Aber nie verletzend. Ich war nicht auf den Mund gefallen, er ebenso wenig. Wir «schenkten» uns nichts. Doch blieb der Anstand, der Respekt und die Wertschätzung IMMER. Egal, um was es ging. Und das berührte mich.
Es war wieder eines Tages, als ich meinen Unmut über die ganze Situation bei ihm rausliess. Ich war geladen und es kotzte mich, einmal mehr, alles an. Er sass am Küchentisch, vor sich eine Tasse Kaffee, sah mich an und sagte plötzlich in einer Seelenruhe zu mir:» Nicole, danke, dass du das tust.» Einen Moment sagte ich gar nichts mehr. Im wahrsten Sinne des Wortes, er hatte mir den Wind aus den Segeln genommen. Und ich war einen Moment lang mit der Situation völlig überfordert. Mit diesem einen Satz traf er nicht bloss meine Seele, sondern auch den Grundsatz meiner Überzeugung von Wertschätzung. Für all meine Arbeit, die ich 13 Jahre lang getan hatte und NIEMALS auch nur ein ansatzweises «Danke» gehört hatte. Von niemandem. Ganz im Gegenteil. Ein Kampf gegen den Rest der Welt. Trotzig sah ich ihn an. «Das ist nicht die Antwort, die ich hören wollte», erwiderte ich leicht genervt darauf. Er sah mich weiterhin seelenruhig an. «Danke, dass du das tust», wiederholte er. Und einen Moment lang hätte ich ihn am liebsten erwürgt. Verdammt, was wollte dieser Typ von mir? Ich murmelte irgendetwas Unverständliches vor mich hin. Und wurde ruhiger. Und wir redeten weiter. Wenige Tage später mailte er mir ein 3-seitiges Dokument namens «Meine Lebensweisheiten /Versprechen von D. Ruiz». Wir hatten darüber gesprochen. Ich druckte mir das Ganze aus und hängte es neben meinem Pult an die Wand. Und las es immer mal wieder zwischendurch durch. Bis heute.
Bei einem nächsten Mal sass er wieder am Küchentisch, vor sich wieder eine Tasse Kaffee, und meinte plötzlich: »Nicole, ich finde, du bist irgendwie weicher geworden. Nicht mehr so hart.» Das erschreckte mich. Nein, ich war immer noch dieselbe! Eine alleinerziehende Mutter, die alles im Griff haben musste! Ich war nicht «weich», wollte das auch gar nicht sein! Das hatte mit Herz zu tun und in meiner Situation leicht verfänglich. Man wusste ja nie, wann der nächste Hammer auf einen wartet. Erschrocken sah ich Noah an. «Nein, ich bin immer noch ich! Eine alleinerziehende Mutter! Nicole Stacher!», rief ich aus. «Doch, du bist anders. Aber das ist gut. Und es macht Freude, mit dir zu arbeiten, weil du dich immer wieder selbst reflektierst. Das macht Alles viel einfacher», wiederholte Noah. Das geht nicht, das geht ganz und gar nicht! Und doch musste ich Noah insgeheim recht geben. Es war irgendwie anders geworden, seit er bei uns war. Auf eine positive Art und Weise, die ich aber nicht wirklich in Worte fassen konnte. Das machte mir irgendwie etwas Angst. Eine «Unbekannte», etwas «Undefinierbares». «Gefährlich»? Ich wusste es nicht so richtig.
Jeremy fand Noah cool. Und immer, wenn Jeremy beim Kindsvater auf Wochenendbesuch war, wusste ich, dass Noah für eine gewisse Zeit auch dort war. Das beruhigte mich. Und gab mir das Gefühl, in der momentanen allgemeinen Situation, nicht allein zu sein. Auch wenn Jeremy das Notnatel bei sich hatte, und auch wenn ich darauf vertrauen konnte, dass er mir anrufen würde, wenn etwas wäre. Es war nicht ganz dasselbe. Noah war an Ort und Stelle. Er WAR dort, er SAH es! Auch wenn es nicht das ganze Wochenende über war.
Termine mit Noah waren immer mit ein bisschen Verspätung verbunden. Ich gewöhnte mich daran (gerne hatte ich es allerdings nicht). Doch gab es einen, der, infolge defektem Auto, ganz abgeblasen werden musste und Jeremy über Nacht beim Kindsvater blieb. Ich holte ihn am nächsten Tag vor dem Mittag ab, weil wir bei Finia, Jeremys Patentante, zum Mittagessen eingeladen waren. Ich musste arbeiten an jenem Vortag. Spätschicht, von 13.00 bis 22.00 Uhr. Noah war beim Kindsvater, und abgemacht wäre gewesen, dass Noah Jeremy nach Hause bringen und bei uns bleiben würde, bis ich von der Arbeit nach Hause käme. Ich hatte mich sehr auf diesen Abend gefreut. Auch um mich einfach mit Noah noch etwas unterhalten zu können. Von Mensch zu Mensch.
Ich war noch bei der Arbeit als ich eine Nachricht von Noah bekommen hatte und er mir darin schrieb, dass er Jeremy nicht nach Hause bringen könne, infolge eines elektronischen Defektes beim Auto. Er müsse damit in die Garage, weil er nicht mehr richtig fahren könne. Jeremy würde aber am nächsten Tag, am Mittag, nach Hause gebracht werden. Daraufhin hatten wir schnell miteinander telefoniert und ich schlug dann vor, dass ich Jeremy am nächsten Tag vor dem Mittag holen würde, weil wir ja sowieso mit Finia zum Mittagessen verabredet wären und dies auf dem Weg liegen würde. Nach diesem Telefon war ich bitter enttäuscht gewesen, denn ich hatte mich wirklich sehr auf den Austausch und die Gesellschaft mit und von Noah am Abend gefreut gehabt. Das war nun geplatzt. Ich war nach der Arbeit nach Hause gelaufen und hatte mit den Tränen zu kämpfen gehabt. Es war mir auch klar gewesen, dass Noah nichts dafür gekonnt hatte, doch mein Anschiss über diese Situation war enorm. Am nächsten Tag war ich dann Jeremy abholen gegangen und wir waren weitergefahren zu Finia, wo wir ein wunderbares Mittagessen serviert bekommen hatten.
Es war eines Tages als Noah den Vorschlag brachte, er könne ja zwischendurch auch mal für uns kochen. Er hätte da Einiges im Repertoire. Schliesslich hätte er ja auch, als alleinerziehender Vater, für seine Söhne kochen müssen. Und so bürgerte es sich ein, dass Noah zwischendurch zu uns kam und kochte, während ich ihm half und wir uns dabei rege unterhalten und miteinander «arbeiten» konnten. Jeremy freute sich über die kulinarischen Köstlichkeiten, die auf den Tisch kamen. Und ebenso, sich mit Noah zu unterhalten. Zum Beispiel über Computerspiele, von denen ich keinen blassen Schimmer hatte, über die mir aber, mit der Zeit, Jeremy und Noah einen Überblick verschafften. Bei einer Besprechung mit Noah und Jeremys Beiständin (der Kindsvater hätte auch anwesend sein müssen, erschien aber nicht. Das Telefon nahm er ebenfalls nicht ab) wurde unter anderem der Umgang mit Computerspielen nochmals thematisiert. Dies war die allerschönste, entspannendste und konstruktivste Gesprächsrunde, die ich in all den vergangenen 12 Jahren erlebt hatte.
Überhaupt war es so, dass mich Noah, auf meinen Wunsch hin, zu den Gesprächsterminen mit dem Kindsvater und Jeremys Beiständin begleitete. Er sass stets neben mir und brachte manchmal seine Erfahrungen als Vater mit ein, was ich jedes Mal sehr hilfreich fand und mir auch sehr gut tat. Nicht bloss seine Erfahrungsberichte, sondern auch das Da-Sein von ihm. Als «Blocker» zwischen mir und dem Kindsvater. Denn so hatte ich Abstand zum Kindsvater, den ich dringend brauchte. Ich war Noah sehr dankbar dafür, was ich ihm auch mehrmals sagte. Er lächelte mich jedes Mal an, winkte ab und meinte, ich solle einfach sagen, wann es wieder etwas gäbe, wo er dabei sein solle.
Nicht bloss Jeremy freute sich über die kulinarischen Köstlichkeiten, die uns Noah auf den Tisch zauberte. Noah zuzuschauen, wie er uns mit viel Energie, Enthusiasmus und Schwung die italienische Küche näher brachte, war immer eine grosse Freude. Wohl benutze er Rezepte, doch oftmals war es auch so, dass er mit Bauchgefühl kochte. Vor allem was die Gewürze anbelangte. Mal da noch etwas rein, mal hier noch etwas rein. Meine Küche sah danach oftmals wie ein kleines Schlachtfeld aus, doch schmecken tat es immer sehr, sehr gut. Und von der gekochten Menge hatten Jeremy und ich praktisch immer noch etwas für ein Mittagessen am Tag danach übrig. Ich freute mich immer sehr auf Noah, genauso wie Jeremy auch. Wir beide vertrauten ihm. Sein Engagement und Fachwissen, sowohl als Experte, aber auch als Mensch und Vater, gekoppelt mit seiner ruhigen, wohlwollenden und emphatischen Art, kurzum genannte Menschlichkeit, schaffte Vertrauen zwischen Jeremy und ihm sowie auch zwischen mir als Mutter und ihm. Er verstand uns auf seine einzigartige Art und Weise «abzuholen».
Ende Januar 2025, Jeremy war mit dem Kindsvater in den Skiferien, verreiste auch ich für ein paar Tage. Abgelegen, wo sich die Füchse und Hasen wahrlich „Gute Nacht“ sagen, in ein Häuschen ganz im Grünen. Es gehörte Noah und auf sein immer wieder Darauf-Aufmerksam-Machen, dass mir eine Auszeit von Allem sicher sehr gut täte, durfte ich für ein paar Tage in dieses Häuschen. Es wäre noch ein anderes zur Diskussion gestanden, infolge Wasserschaden mussten wir jedoch umdisponieren. Also trafen wir uns an jenem Tag in dieser ruhigen Gegend. Bis ich allerdings das Ganze fand, dauerte es. Mein Navi kannte offensichtlich diese Adresse nicht und während meiner Fahrt telefonierte ich mit Noah sicher zwei Mal. «Wo bist du?» «Verdammt, das weiss ich doch nicht so genau. Ich bin geographisch eine Niete und mein Navi hat diese Adresse nicht gefunden!» Ein Hin und Her, schlussendlich blieb Noah in der Leitung, bis ich diesen abgelegenen Ort gefunden hatte. Abgemacht war um 14.00 Uhr, mit fast einer Stunde Verspätung war ich schlussendlich an Ort und Stelle.
Nachdem mir Noah alles gezeigt, wir noch gemeinsam einen Tee in der Stube getrunken, und er mir noch etwas auf seiner Gitarre vorgespielt hatte, verabschiedete er sich von mir. Die Arbeit rief. Ob wir uns sehen würden, während ich im Häuschen, war liessen wir offen. Gedacht wäre es gewesen, doch die Arbeit hinderte ihn schlussendlich daran. Ich genoss indessen die Ruhe, feuerte mit Freude den Kachelofen täglich mehrmals ein und schrieb an meinem letzten Teil meiner Autobiographie weiter. Das Einfeuern erinnerte mich stets ein bisschen an die Zeit, wo ich mit meinem damaligen Freund in einem Vorort von Appenzell gewohnt hatte. Das war mit 23 Jahren gewesen. Und es freute mich, dass ich das Einfeuern, auch 22 Jahre danach, noch immer sehr gut und wieder sehr schnell im Griff hatte.
Die Ruhe und die Stille taten mir gut. Weg von dem Alltag, weg von Verpflichtung und einem, wie mir schien, immer noch fortlaufenden Kampf um Fairness, Gerechtigkeit und einem irgendwie halbwegs «Miteinander». FAST allein gegen den Rest der Welt, so kam ich mir jetzt vor. Denn GANZ alleine war ich nicht. Nicht mehr. Noah war da. Als Stütze, für einen «neuen Weg». Und irgendwie auch als guter Freund.
Am dritten Tag meiner Ferien in der Abgeschiedenheit bekam ich plötzlich ein Telefon. Von einem Herrn Böhli. Mein autobiographisches Werk über meinen bisherigen Lebensweg, laufend unter dem Titel „Ein bunter Strauss voller Leben“, hatte ich Ende November des letzten Jahres eingereicht und mich danach nicht mehr gross damit befasst gehabt. Völlig unbefangen und locker war ich in diesen Wettbewerb gestartet. Schauen wir mal, war meine Devise gewesen. Ich war darum umso erstaunter, als sich am anderen Ende der Leitung plötzlich dieser Herr namens Böhli meldete. Ja, im ersten Moment meinte ich noch, er wäre, unter Umständen, falsch verbunden! «Guten Tag, bin ich hier richtig bei Nicole Stacher?», erkundigte er sich, als er sich am Telefon mit seinem Namen kurz vorgestellt hatte. «Ja, das sind Sie. Um was geht es denn?», meine Skepsis und mein Argwohn war unüberhörbar da ich Nummern, die ich nicht kenne, im allgemeinen nicht abnehme. Wenn wichtig, dann Sprachnachricht! «Sie haben doch mit ihrem Werk „Ein bunter Strauss voller Leben“ am Schweizer Autobiographie Wettbewerb mitgemacht. Nun, ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zum 2. Platz! Sie sind am 17. Februar eingeladen in die Universität Zürich um Ihre Auszeichnung, Ihre Laudatio und ein Geschenk bei einer Feier in Empfang zu nehmen. Was sagen Sie dazu?»
Im ersten Moment konnte ich gar nichts sagen. Ich war platt. Völlig. «Hallo, sind Sie noch da oder hat es Ihnen jetzt gerade die Sprache verschlagen?» «Äh ja, ich bin noch da..., was haben Sie da gerade eben gesagt?» «Sie haben den 2. Platz geholt. Haben Sie einen Stuhl in der Nähe, auf den Sie sich setzen können? Sie klingen sehr überrascht und etwas verdattert.» Ich hörte ein leises Kichern am anderen Ende der Leitung. «Und wie ich das bin…, ich habe den zweiten Platz? Sind Sie sicher?» Ich konnte es immer noch nicht richtig glauben. Nachdem mir Herr Böhli nochmals versichert hatte, dass alles korrekt und richtig wäre, informierte er mich noch über den Verlauf der kommenden Feier und einiges an Organisatorischem. Danach hängten wir auf. Ich sass auf dem Stuhl, in der Wohnstube. Unfähig, irgendetwas zu denken. Ich hatte es geschafft! Ich hatte es tatsächlich geschafft! Langsam stand ich auf. Kniff mich in den Arm. Auahh! Es war also kein Traum. Es war alles echt. Ich fing an zu schmunzeln, danach zu lachen. Und in diesem Moment vermisste ich Noah. Ich hätte sehr gerne mit ihm diesen kleinen «Erfolg» gefeiert. Weil ich fand, auch er gehörte irgendwie dazu.
Drei Gläser Amaretto trank ich und lachte dabei vor mich hin. Drei oder vier Mal lief ich zwischen Küche und Wohnstube hin und her und war irgendwie völlig aus dem Häuschen. Schliesslich nahm ich mein Telefon zur Hand und rief Rahel an. «Ich habe den zweiten Platz am Schweizer Autobiographie Wettbewerb erreicht. Ich darf am 17. Februar in die Universität Zürich wo ich für diesen 2. Platz ausgezeichnet werde!» Fast schrie ich ins Telefon. Ich war immer noch irgendwie völlig aus dem Häuschen. «Wow, das ist ja grossartig! Hey, ich gratuliere dir ganz, ganz herzlich! Das hast du dir mehr als verdient! Super, grandios!» Die Begrüssung hatten wir fast ausgelassen. Sie hatte meine Nummer gespeichert und wusste, wer am Telefon war. «Ich glaub es immer noch nicht so ganz! Mann, den 2. Platz!!» Rahel lachte. «Du kannst es glauben! Super, wirklich super!» Eine gute halbe Stunde sprachen wir noch miteinander. Rund um diesen Award. «Oh Mann, ich bin mir jetzt nicht so sicher, dass ich heute Nacht richtig schlafen kann. Ich bin irgendwie viel zu aufgedreht», sagte ich zu ihr. «Das glaube ich dir. Hast du es Noah auch schon erzählt?» «Nein, noch nicht. Ich warte jetzt noch. Es kann ja sein, dass er in den nächsten Tagen noch auftaucht. Abgemacht wäre es, nur, ich habe dir ja gesagt, dass das immer etwas schwierig ist bei ihm. Der gute Mann ist fast rund um die Uhr jobbedingt auf Achse. Mit vielen «Spontaneinsätzen.» «Ja, stimmt. Das hast du gesagt.» Noch ein paar kurze Wortwechsel, danach hängten wir auf. Mit den besten Wünschen für eine gute und erholsame Nacht!
Von wegen ..., ich lag lange wach in dieser Nacht. Sehr lange. Den 2. Platz. Den 2. Platz. Schweizer Autobiographie-Award. Wie gerne hätte ich diese Freude mit Noah geteilt. Am nächsten Tag dann, als ich von ihm die Meldung bekam, dass er es auch an diesem Abend nicht schaffen würde zu kommen, schrieb ich ihm von meiner Auszeichnung. Die Gratulation kam postwendend. Und auch sein Bedauern darüber, dass er nicht mit mir darauf anstossen könne. Ja, schade fand auch ich es nach wie vor. Die restlichen Tage verliefen danach noch unspektakulär. Fleissiges Einfeuern und schreiben. Halbwegs zumindest, denn ich war immer noch irgendwie neben den Schuhen. Auf einen Schlag stand ich mit einem Bein plötzlich in der «Öffentlichkeit».
Der Tag meiner Heimfahrt kam, drei Tage später. Es ging mir gar nicht gut. Diesen Ort zu verlassen, zurück in den Alltag, mit all seinen Tücken und der wichtigen Verantwortung für Jeremy. Sehr gerne wäre ich noch etwas länger einfach nur Ich gewesen. Als ganz normale Frau. Als Nicole. Ich sass schluchzend am Tisch in der Wohnstube. Und vermisste irgendwie Noah. Gesehen hatten wir uns nun wirklich während der ganzen Woche nicht. Und doch war ich auch wieder froh, war er im Moment nicht hier. Mich so zu sehen, wie ich als Häufchen Elend am Tisch sass, das hätte ich auch nicht gewollt. Zudem würden wir uns am Abend sehen. Zusammen mit dem Kindsvater und Jeremy. Wir hatten nämlich eine Weile zuvor abgemacht, es war Jeremys Wunsch gewesen, dass wir alle miteinander in einem Restaurant in der Nähe von Appenzell zusammen zu Abend essen würden. Jeremy käme an diesem Abend sowieso von den Sportferien mit dem Kindsvater zurück. Wir würden uns alle zusammen beim Restaurant treffen. Das war an einem Freitag.
Es war ungefähr 13.00 Uhr, als ich an jenem Freitag dann wieder aus meinen Ferien in der Abgeschiedenheit zu Hause war. Froh war ich auch irgendwie, wieder zu Hause zu sein. Nur, da war eben auch das Andere. Ich war froh, allein sein zu können, denn sehen hätte ich niemanden wollen. Auch nicht mit jemandem reden. Ich brauchte Zeit, um mich zu sammeln und wieder «anzukommen». Als alleinerziehende Mutter. Und ich brauchte auch Zeit, mich auf den Abend «vorzubereiten». Mit dem Kindsvater an einem Tisch zu sitzen. Obwohl ich wusste, Noah würde ja auch dabei sein. Ich freute mich sehr darauf, ihn zu sehen. Und ich freute mich auch sehr darauf, Jeremy wieder in meine Arme schliessen zu können. Was Jeremys allgemeiner Wunsch nach gemeinsamem Essen mit mir und seinem Vater betraf, hatte ich ihm diesen doch auch schon mehr als einmal erfüllt gehabt. Noch bevor Noah ins Spiel gekommen war. Doch wohl hatte ich mich dabei nie gefühlt. Jetzt war Noah mit von der Partie, worüber wir uns zuvor ausgiebig unterhalten hatten. Und er hatte mich verstanden. «Schau, es ist Jeremys Wunsch. In allererster Linie geht es mir um Jeremy, aber auch um dich. Damit es für dich geht und du dich auch etwas entspannen kannst. Ich komme mit. Solange du mich brauchst. Solange bis es gut ist. Für alle.»
Ich räumte meine Tasche und mein sonstiges Gepäck (Laptop) aus, und genoss anschliessend eine schöne warme und ausgiebige Dusche. Danach schrieb ich noch einen Dankesbrief an Noah und klebte das Biberli, das ich noch schnell auf dem Heimweg für ihn gekauft hatte, auf das Couvert. Danach legte ich mich auf das Sofa und liess noch etwas Entspannungsmusik laufen. Und ging in Gedanken nochmals ins Häuschen zurück. Zu meiner Zeit dort, und auch zurück zu jenem Abend, als ich das Telefon von Herr Böhli bekommen hatte. Irgendwie konnte ich es immer noch nicht so richtig glauben. Der 2. Platz.
Es war 18.15 Uhr, als ich mich auf den Weg zum Restaurant machte. Ja nicht zu früh losfahren, damit ich nicht allzu lange mit dem Kindsvater alleine sein musste. Oder noch besser: gar nicht. Der Optimalfall wäre, wenn Noah und ich gleichzeitig beim Restaurant ankommen würden. Was nicht geschah. Noah kam mit einer knappen Viertelstunde Verspätung. Ich, Jeremy und der Kindsvater sassen bereits am Tisch. Getränke hatten wir bestellt gehabt (ich für Noah ebenso, denn er hatte angerufen und mich informiert, dass er Verspätung hätte. Er käme von Zürich). Ich war froh, als ich ihn sah. Sehr sogar. Ich hatte mich zwar schon wieder soweit «im Griff», dass mir keine Tränen mehr kommen würden. Wirklich gut ging es mir allerdings trotzdem noch nicht und weh tat es immer noch, das Häuschen verlassen haben zu müssen. Nicht als Mama, sondern als Frau. Nichtsdestotrotz war ich mehr als dankbar, ein «altes, verständnisvolles» Gesicht zu sehen.
Da der Kindsvater an diesem Tag Geburtstag hatte, schenkte ich ihm etwas Süsses. Ich fand es nicht mehr als anständig. Wenn wir uns ja schon sehen mussten. Auch Jeremy schenkte ihm etwas. Ein selbstgeflochtenes Armband und einen Geburtstagsbrief. Ich fand das sehr schön von ihm. Und gleichzeitig tat es auch weh. Nicht wegen mir. Sondern wegen Jeremy. Und zwar wegen dieser, wie mir schien, «falschen» Fassade des Kindsvaters. Dahinter gab es so viele Lügen, so viele Machtspiele und so viel Manipulation. Auch wenn Noah bei uns war. Diese Tatsache liess sich nicht einfach so «wegwischen». Es war deshalb auch so, dass ich, kurz nachdem Jeremy dem Kindsvater sein Geschenk überreicht hatte, mit dem Vorwand auf das WC gehen zu müssen, in der Toilette verschwand. Ich sass auf der Kloschüssel und die Tränen waren verdächtig nah. Tief atmete ich durch. Langsam. Gleichmässig. Würde ich das irgendwie «hinkriegen»?
Ich weiss nicht, wie lange ich mich in der Toilette eingeschlossen hatte. Nach einer Weile trat ich heraus und wusch mir das Gesicht gründlich mit Wasser. Und schaute danach in den Spiegel. Es schien mir, ein fahles Gesicht sehe mir entgegen. Ich lehnte mich an die Wand und schloss die Augen. Plötzlich ging die Tür auf. Ich erschrak und schreckte aus meiner angelehnten Position auf. Eine Frau trat herein und sah mich an. «Geht es Ihnen gut? Sie sehen etwas bleich aus.» Langsam trat sie näher. «Ja, geht schon. Ich brauche nur einen Moment.» Sie nickte. Als sie wieder aus der Toilette kam, stand ich immer noch an die Wand gelehnt. Die Tränen waren nah. «Hören Sie», sie trat näher und legte mir behutsam eine Hand auf meine Schulter, «wir kennen uns nicht, doch scheint mir, als hätten Sie da etwas zu tragen, was für den Moment etwas zu viel ist. Ich bin da und höre Ihnen sehr gerne zu.» «Es geht schon, glauben Sie mir, ich brauche einfach nur einen Moment.» «Sind Sie sicher? Wir werden uns danach nicht mehr sehen, Sie können völlig frei reden. Und ich höre Ihnen zu.» Sie kamen, diese verdammten Tränen. Langsam. Und wir begannen zu reden. Die Frau und ich. Ich erfuhr, dass auch sie eine «Gute Miene zum bösen Spiel» machen musste. Geburtstag ihres Ex-Mannes mit seiner Freundin. Und sie mittendrin. Es war tröstlich und es tat mir gut. «Kommen Sie, trinken wir zum Abschluss noch einen Schnaps zusammen. Ich bezahle!» Wir verliessen die Toilette, gingen zur Bar und bestellten uns einen Schnaps. Stiessen zusammen an und tranken ihn. Viel reden taten wir nicht mehr. Aber das Gefühl, nicht allein zu sein, tat uns beiden in dieser Situation sehr gut. Zwei Geschichten. Jede auf ihre Weise. Und im Endeffekt doch dasselbe.
Wir verabschiedeten uns nach dieser Runde. Wünschten uns Beiden mit einem leichten Sarkasmus in der Stimme noch einen schönen Abend. Mein Wegbleiben wurde nicht gross beachtet. Ich setzte mich wieder an unseren Tisch und klinkte mich in die Gespräche ein. Noah sah mich kurz mit wachsamen Augen an, als ich mich wieder gesetzt hatte. Ich lächelte. Wirklich echt war es allerdings nicht. Und ich glaube, Noah merkte dies. Ich senkte meinen Blick. Nein, nicht hier. Nicht jetzt.
Während unseres Essens hatte es einen doch, wie ich fand, kurzen amüsanten und sehr schönen Moment gegeben. Während ich still und in einer Ruhe die Currysauce mit dem Reis vermischt hatte, hatte ich Noahs Blick gespürt. Doch hatte ich mich weiter auf mein Essen konzentriert. Plötzlich meinte er lächelnd, «Da weiss man, von wem Jeremy das hat.» Ich hatte aufgeblickt und ihn angelächelt. «So ist es». Ein sehr schöner Moment. Überhaupt verlief im Grossen und Ganzen alles recht angenehm. Noah fungierte als wunderbarer «Gesprächsleiter» und ich glaube, auch Jeremy konnte sich auf seine Art «entspannen». Er hatte seine Mama, er hatte seinen Papa. Beide an einem Tisch. Mit ihm zusammen. Der Wunsch eines jeden Kindes. Ich war Noah, einmal mehr, dankbar. Für sein Da-Sein und seine mentale Unterstützung. Und, trotz allem, musste ich am Ende des Abends, unter dem Strich, eine mehrheitlich «positive Bilanz» ziehen. Dies war die Arbeit von Noah gewesen.
Der Kindsvater hatte bezahlt. Wir standen draussen vor dem Restaurant. Wie sollte ich jetzt meinen Dankesbrief und mein Biberli Noah überreichen können, ohne, dass der Kindsvater dies mitbekommen würde? Denn das ging ihn gar nichts an. Wir schlenderten Richtung Autos, während ich fieberhaft überlegte. Schliesslich raunte ich Noah leise zu, während Jeremy etwas zu dem Kindsvater sagte, dass ich ihm, also Noah, noch etwas geben müsse. Leicht überrascht schaute er mich an. «Du musst allerdings schnell mit zu meinem Auto kommen, denn es liegt noch dort drin.» Noah nickte kaum merklich. Nur wie? Bewusst oder unbewusst verhalf uns Jeremy zu diesem persönlichen Moment. Er würde mit zum Auto des Kindsvaters gehen und helfen, die Skiausrüstung ausladen und bringen, meinte er, und zog den Kindsvater von uns weg. Dies war nun der Moment. Noah folgte mir zu meinem Auto. Ich nahm den Brief und das Biberli aus dem Auto und übergab es ihm. «Danke, dass ich in deinem Häuschen sein durfte. Lies den Brief, wenn du für dich bist.» Lächelnd sah er mich an. «Danke». Wir umarmten uns.
Das Brummen eines Motores. Schweinwerfer die aufblitzten. Der Kindsvater fuhr mit dem Auto zu meinem. Noah verabschiedete sich von ihm, Jeremy und mir. Und während ich mit dem Kindsvater und Jeremy die Skiausrüstung und das sonstige Gepäck in mein Auto umlud, lief Noah zu seinem Auto, das unweit von meinem stand, stieg ein und fuhr langsam aus dem Parkplatz. Mit einem Winken an uns vorbei, zur Ausfahrt. Setzen des Blinkers, einbiegen in die Hauptstrasse. Und weg war er. Und mir schoss für einen kurzen Moment folgender Gedanke durch den Kopf. Was wird er tun, wenn er den Brief gelesen hat?
Der Abschied vom Kindsvater war kurz. Ich hatte keine Lust mehr, noch länger als unbedingt nötig, da herumstehen zu müssen. Es war, alles in Allem, gut gelaufen. Und jetzt war es vorbei. Zudem wollte ich auch mit meinen Gedanken, sobald als möglich, allein sein. Auf der Heimfahrt mit Jeremy erkundigte ich mich bei ihm nach den Erlebnissen in seinen Ferien. Ebenso wollte er wissen, wie es mir im Häuschen ergangen war. Wir erzählten, während mir ein weiterer Gedanke im Kopf herumschwirrte. Hoffentlich habe ich jetzt nichts «versaut»! So sehr ich versuchte, diese Nachdenklichkeit vor Jeremy zu verbergen, so wenig gelang es mir. «Mama, ist alles in Ordnung mit dir»? Fragend sah er mich an. «Ja, alles klar. Warum?» «Du siehst irgendwie etwas traurig aus.» Mist, was sollte ich jetzt darauf antworten? «Ach, es geht schon. Glaub mir, ich bin etwas müde und möchte sobald als möglich schlafen gehen. War ein langer Tag.» Daraufhin nickte Jeremy und sagte nichts mehr. Der Rest der Heimfahrt verlief ruhig.
Zu Hause angekommen luden wir alles aus und verstauten die Skier, Skischuhe und den Skihelm im Keller. Danach liefen wir mit dem Koffer in unsere Wohnung hinauf. In der Wohnung angekommen zog sich Jeremy aus und stand wenig später unter der warmen Dusche. Danach verzog er sich ins Bett. Während er eingekuschelt da lag, tauschten wir nochmals kurz ein paar Ferienerlebnisse aus. Und ich erzählte ihm noch in kurzen Worten von meinem Telefon mit Herrn Bohli und meinem gewonnenen 2. Platz. Auch wollte Jeremy noch wissen, ob mich Noah mal im Häuschen besucht hätte. Ich verneinte. Schliesslich folgte unser eigens kreiertes «Abendgebet», anschliessend das obligate kurze Knuddeln und dann der ebenso obligate «Gute-Nacht-Backen-Kuss». «Es ist schön, dich wieder zu Hause zu haben», sagte ich lächelnd zu ihm. «Es ist auch schön, wieder zu Hause zu sein», antwortete er mir. «Schlaf gut und träum etwas Schönes», mit diesen Worten lief ich zur Zimmertür. Noch ein letztes Mal drehte ich mich um und lächelte Jeremy an. Er lächelte zurück. Ein kurzes gegenseitiges Winken, dann schloss ich seine Zimmertür. So, Feierabend.
Ich zog mein Pyjama an und legte mich noch etwas auf das Sofa in der Stube. Dachte an die Woche im Häuschen, dachte an das Telefon mit Herrn Bölli, dachte an das, was ich vor einer Weile noch am Lesen war oder noch lesen würde. Ich war froh, war Jeremy wieder heil und ohne Blessuren oder Schrammen zu Hause. Ihn sicher in seinem Zimmer im Bett zu wissen, erfüllte mich mit einer gewissen «mütterlichen» Ruhe. Auch wenn ich mir gleichzeitig vorstellte, wie schön es wäre, wenn ich mich jetzt noch etwas mit Noah hätte unterhalten können. Über Gott und die Welt. Über das, was man Leben nennt.
Nach einer guten halben Stunde erhob ich mich langsam vom Sofa. Ich war müde. Irgendwie erledigt. Nachdem ich meine Abendtoilette beendet hatte, schlüpfte ich unter meine warme Decke. Und bald darauf übermannte mich der wohlverdiente Schlaf. Mein letzter Gedanke, bevor mich der Schlaf definitiv einholte, galt Noah. Wie würde er meine Zeilen finden?
In den noch zwei verbleibenden Ferientagen, bevor die Schule wieder losging, machten Jeremy und ich es uns gemütlich. Und lernten noch etwas in einer Ruhe für die Schule. Am darauffolgenden Montagmorgen dann klingelte der Wecker wieder zu einer anderen Zeit. Und vor allem viel früher. Die Ferien waren zu Ende. Der normale Schul,- und Arbeitsalltag rief. Und wie das so im Allgemeinen ist: wie schnell ist man doch wieder im Alltag! So war es auch bei uns.
Es war am Morgen des 17. Februars, als ich dann beizeiten mit dem Auto losfuhr Richtung Zürich. Ziel: die Universität. Ich war gespannt und nervös. Heute bekäme ich meine Auszeichnung. Mit dabei ein Pressevertreter, der Fotos machen würde, die anschliessend im Netz sein würden. Ein öffentlicher Anlass. Meine Frisur sass (am Tag zuvor war ich extra beim Coiffeur gewesen), mein Make-up ebenso. Und mein Outfit stimmte auch. Angekommen bei der Universität, parkierte ich mein Auto ganz in der Nähe. Nachdem ich meine Finken gegen elegante schwarze Schuhe mit Absätzen getauscht hatte (mit Absatzschuhen kann ich prinzipiell nicht Auto fahren!), ausgestiegen und das Auto per Knopfdruck geschlossen hatte, schlenderte ich zur Universität. Ich war zeitlich sehr gut dran. Ich trat ein und befand mich in einer, wie mir schien, riesigen grossen Eingangshalle. Vier grosse Marmorsäulen zierten die Wände. Halleluja, wo war ich hier gelandet! Etwas unschlüssig stand ich da. Wo war der Lift, um in diesen VIP-Bereich zu kommen? Suchend sah ich mich nach irgendetwas «Rezeptionsähnlichem» um. Ich wurde fündig. Man erklärte mir den Weg. Ich fand den Lift und fuhr damit ins oberste Stockwerk. Ins VIP-Restaurant, gekoppelt mit einem kleinen Saal.
Leute standen herum, ich trat leicht schüchtern ein. Ein älterer Herr sah mich und kam mit sicheren schnellen Schritten auf mich zu. «Frau Stacher, sind sie das?» Er gab mir die Hand. «Haben Sie es gefunden. Sehr schön. Ich bin Herr Bölli. Wir hatten miteinander telefoniert. Haben Sie sich wieder im Griff?» Lachend sah er mich an. Ich lachte zurück. «Ja, das habe ich! Guten Tag, ja ich bin Frau Stacher!» mit diesen Worten gab auch ich ihm die Hand. Ein kurzer Wortwechsel, danach wurden mir die anderen prämierten Autorinnen und ein prämierter Autor, der ebenfalls mit mir den 2. Platz belegte, vorgestellt. Schnell kam ich ins Gespräch und bei einem kleinen Eröffnungsapéro dann erfuhr ich doch schon mal etwas über ein paar Hintergründe der anderen Biographien.
Schliesslich kam der «offizielle Teil»: 1. Rede von Herrn Bölli, danach nochmals eine Rede von seinem Kollegen Herrn Messler. Beide waren Mitglieder der Jury gewesen, die die Biographien bewertet hatten. Danach die Übergabe der Auszeichnung mit Fotoshooting. Obwohl der Anlass öffentlich und auch ein Pressebeauftragter mit dabei war, wurde doch sehr darauf geachtet, wie ich feststellte, dass ein « privater familiärer» Touch zu spüren war. Was durchaus gelang. Nach dem Fotoshooting wurden wir ins kleine Restaurant geleitet, wo wir ein äusserst exquisites und sehr, sehr feines Mittagessen zu uns nahmen. Noch bevor das Essen begann, wurden unsere Laudatios von Herrn Messler vorgelesen und nochmals jedem Einzelnen für seine Arbeit gratuliert. Danach wurde das Mittagessen serviert. Und während gegessen wurde, wurde ebenso rege diskutiert, gelacht und philosophiert. Eine gemütliche, gelungene «familiäre» Stimmung, in einem speziellen Ambiente. Nach dem Essen gingen die Diskussionen weiter bis man uns fast aus dem Restaurant warf. Noch ein letzter Gang auf die kleine Terrasse, mit einem fantastischen Panoramablick rund um Zürich. Erinnerungsfotos durften auch hier nicht fehlen. Ein wunderschöner Tag, den ich genoss, feierte und der mir für immer in Erinnerung bleiben wird.
Jeremy war an diesem Tag, wie normal, den ganzen Tag in der Schule gewesen, hatte in der Tagesstruktur zu Mittag gegessen und war anschliessend von dort aus wieder in die Schule gelaufen. Kurz vor 17.00 Uhr fuhr ich auf meinen Parkplatz vor dem Haus. Stellte den Motor ab, nahm den Schlüssel aus dem Zündschloss, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Nahm meine Tasche mit meiner Auszeichnung und meinem Geschenk heraus und schloss per Knopfdruck mein Auto ab. Jeremy war schon zu Hause und noch bevor ich überhaupt richtig in unsere Wohnung trat, fing er an, mich über meinen Tag auszufragen. «Mein Lieber, lass mich zuerst mal richtig zu Hause ankommen», sagte ich lachend zu ihm, während ich die Tasche auf den Boden stellte. «Ich erzähle es dir gleich!» Wenige Minuten später sassen wir gemeinsam am Küchentisch und ich erzählte ihm von meinem Tag. Zeigte ihm die Auszeichnung und den Kugelschreiber, den ich als Geschenk bekommen hatte. Danach fragte auch ich ihn nach seinem Tag, wovon er mir ebenfalls erzählte. Anschliessend erledigten wir noch gemeinsam Aufgaben für die Schule. Meine Auszeichnung bekam einen «Ehrenplatz» auf meinem Schreibtisch, unmittelbar neben meinem Laptop. Als Erinnerung und Motivation, meiner Leidenschaft, dem Schreiben, weiter zu frönen.
Ein erster obligater Zwischenbericht von Noah an die KESB Herisau betreffs unserer Zusammenarbeit und deren Fortsetzung folgte Ende Februar. Ich wollte weitermachen. Er ebenso. Bei einem gemeinsamen Gespräch mit ihm, Jeremys Beiständin, dem Kindsvater und mir wurde über dies gesprochen. «Er bleibt! Er muss bleiben!» Entschieden sah ich die Beiständin und Noah an. «Alles andere macht gar keinen Sinn! Das wäre hirnverbrannt!» Kein Pardon. «Sie wissen ja gar nicht, ob er überhaupt kann und will», lachend sah mich die Beiständin an. «Er muss! Überlegen Sie mal, alles andere ist birnenweich!» Für mich war die ganze Sache sonnenklar. Noah musste bleiben! UNBEDINGT! Erwartungsvoll sah ich ihn an. Sag bitte ja! «Ich bleibe, wenn alle damit einverstanden sind.» Halleluja! Dem Himmel sei Dank! Der Kindsvater wurde noch um seine Meinung gebeten. Ich hörte nicht richtig zu. Sein, wie mir schien, Gesülze und seine immer noch «falsche Fassade» interessierten mich herzlich wenig. Hauptsache Noah blieb. Was er auch tat.
Die Zeit verging, die Wochen liefen. Arbeit, Schule, Unterstützung bei den Hausaufgaben, Treffen mit Noah, gelegentliches gemeinsames Kochen. Bis ich eines Tages, Mitte April, eines Morgens von Noah ein Telefon bekam. Was genau geschehen war, konnte er mir nicht sagen. Doch, dass er, zumindest vorläufig, nicht mehr zu uns kommen könne, das erfuhr ich von ihm. Ein Schlag in die Magengrube. Ein bitterer Schlag. Und etwas in mir brach zusammen. NEIN, NEIN, UND NOCHMALS NEIN! NICHT JETZT! Noah war Jeremy und mir eine sehr wichtige Stütze geworden. Die Arbeit mit ihm hatte mir enorm geholfen. Und er war es, der mitgeholfen hatte, die beste «Version» von mir selbst zum Vorschein zu bringen. Durch sein Engagement hatte ich seit Kurzem auch nicht mehr so das Gefühl, dass KOMPLETT ALLES an mir hing. Vor allem was die Unterstützung von Jeremy in der Schule anbelangte. Auch der Kindsvater musste, auf das wiederholte und ausdrückliche Hinweisen von Noah, mit Jeremy Hausaufgaben machen. Wenn es nötig wurde (Noah hatte dies auf meinen Wunsch hin bei einem Termin mit Jeremys Lerntherapeutin besprochen). Was allerdings nicht so funktionierte, wie es funktionieren hätte sollen. Wie ich von Jeremy zu erzählen bekam. Es dauerte deshalb auch nicht sehr lange, hing das Ganze wieder an mir. Denn, es war nicht so gemeint gewesen, dass, wenn Jeremy Aufgaben mit zum Kindsvater nahm, Andere diese mit ihm erledigten. Oder, in den wenigen Fällen, die es gab, ihn über etwas abfragten.
An die Elterngespräche kam der Kindsvater. Warum? Um seine, wie mir nach wie vor schien, «falsche Show» abzuziehen. Bei Elternabenden glänzte er durch Abwesenheit. Das schien mir alles so dermassen verlogen und stiess mir ebenso bitter auf! Doch hatte ich trotzdem jemanden an meiner Seite, nämlich Noah, der das sah. Und mir glaubte. Und jetzt? Wie lief es weiter? Wann würden wir Noah wieder sehen? Was sollte ich Jeremy sagen? Fragen, die mich beschäftigten und auf die ich keine Antwort wusste. Nur etwas wusste ich: Noah war uns von einem Tag auf den anderen «weggenommen» worden.
Ich bekam keine Auskunft. Von niemandem. Nicht von Jeremys Beiständin. Nicht von irgendwelcher behördlicher Seite. Gar nichts. Man «vertröstete», man wich aus. Kurzum: man liess mich und Jeremy und sicher noch ganz viele andere Familien, wahrlich «im Regen stehen». Mitte Mai erhielt ich ein Schreiben von der KESB Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Herisau. Die Organisation, in der Noah arbeitete, «wäre ab sofort vorübergehend nicht mehr im Einsatz», stand da. Was hiess das? Was lief hier? Wie lange? Einen nächsten Termin mit Noah hätten wir gehabt. Er wurde abgeblasen. Jeremy fragte nach dem warum. Ich stand da und wusste nicht was sagen. Die Tage gingen dahin und wir standen da. Mit einem gefühlten Nichts. Das tat weh.
Es war Ende Juni, ich war bei der Arbeit, als ich, gerade mal eine Viertelstunde im Pflegeheim, notfallmässig zum Arzt musste. Seit ein paar Tagen konnte ich nicht mehr richtig essen und auch der Toilettengang hatte sich mittlerweile als schmerzlich erwiesen. Ich war kaputt und erschöpft. Körperlich als auch mental. Die Frage nach dem wie weiter mit Noah und unserer Zusammenarbeit sass sehr tief. Jeremys Nachfragen und seine Traurigkeit über Noahs «Verschwinden» wiederkehrend. Und immer noch wusste ich nicht genau, was ich zu Jeremy zu all dem hätte sagen sollen. Per Krankenwagen wurde ich ins Spital Herisau gebracht. Noch beim Arzt informierte ich telefonisch meine Mutter mit der Bitte, Jeremy «abzufangen». Da sie seit knapp vier Jahren pensioniert war, fuhr sie umgehend von ihrem Wohnort in der Stadt nach Speicher. Holte Jeremy und kam mit ihm zum Arzt, um mich allenfalls noch sehen zu können. Ich lag gerade im Krankenwagen, als ich ihre Stimme hörte. Kurz darauf öffnete sich die Wagentür und herein kam Jeremy. «Mama, geht es dir gut?», fragend und leicht erschrocken sah er mich an. «Es ist alles in Ordnung. Nur keine Angst. Man wird jetzt einfach schauen müssen, was mir fehlt und danach bin ich wieder topfit.» Auch meine Mutter trat ein. «Wie geht es dir? Was passiert jetzt?» In kurzen Worten erzählte ich ihr die Situation. Wir verblieben so, dass sie Jeremy zu sich nehmen würde, weil wir nicht wussten, ob ich allenfalls eine Nacht im Krankenhaus verbringen musste. Schliesslich verabschiedete ich mich von ihr und Jeremy. Fest drückte ich ihn an mich und versicherte ihm nochmals, dass alles gut werden würde. Danach fuhren wir los Richtung Herisau.
Es stellte sich heraus, dass ich nicht bloss eine Magendarmentzündung hatte, sondern auch etwas in der Gebärmutter, was absolut nicht da hinein gehörte. Zufall oder Schicksal? Ich wurde noch am gleichen Tag, gegen Abend, aus dem Notfall entlassen (mit Medikamenten) und von meiner Mutter und Jeremy abgeholt. Doch ein nächster Termin bei der Gynäkologie hatte ich in der Tasche. Und nicht lange danach sass ich, wieder im Spital Herisau, beim Frauenarzt. Ultraschall wurde gemacht. Diagnose: Geschwür in der Gebärmutter. Total voll. Geschwüre in beiden Eileitern. Nicht gut. Gar nicht gut. Das musste raus. Alles. Und zwar relativ zügig. Knapp zwei Wochen später, am 16. Juli 2025, wurden mir dann am Morgen, in einer gut dreistündigen Operation, die gesamte Gebärmutter als auch beide Eileiter entfernt. Mit gut 850 Gramm Geschwür darin.
Zuvor hatte ich wenigsten noch vier Tage, mit der Erlaubnis des Arztes, mit Jeremy, Rahel (Jeremys Tante) und dessen Mann in Avenches Ferien verbringen können. In einem Hotel, mit hauseigenem Pool. Wir nahmen es gemütlich diese vier Tage. Erkundeten tagsüber die angrenzende Gegend, wanderten «Römerspuren» entlang und genossen das Baden im Murtensee. Das tat sowohl mir als auch Jeremy sehr gut. Weg vom ganzen Rest, weg von einer immer noch präsenten Ungewissheit, was mit Noah und seinen Besuchen bei uns passieren würde. Nach diesen vier Tagen dann waren Jeremy und ich wieder nach Hause gefahren. Rahel und ihr Mann waren noch zwei Tage länger geblieben.
Was diese Ferien anbelangte, war es überhaupt das erste Mal, dass wir mit Rahel und ihrem Mann in solchen «Hotel-Ferien» gewesen waren. Rahel hatte mir eines Tages, bei einem unserer abendlichen Telefonaten, diesen Vorschlag unterbreitet. «Wie wäre es, wenn wir zusammen für ein paar Tage in die Ferien fahren würden? Ich glaube, wir hätten es ganz gemütlich miteinander. Was meinst du?» Ich war nicht abgeneigt gewesen. Zudem waren die Beiden doch etwas «geübter» darin. Ich hatte Rahel dann noch erklärt, dass wir uns einfach nur ein paar Tage, keine ganze Woche, leisten können. Mehr liege, aus finanziellen Gründen, einfach nicht drin. Das hatte sie vollumfänglich verstanden. Ich hatte am Tag danach auch Jeremy diesen Vorschlag unterbreitet. Er war sofort Feuer und Flamme gewesen. Endlich mal wieder mit mir in die Ferien fahren! Rahel hatte sich dann, nachdem ich ihr sicher zugesagt hatte, auf die Suche nach einem schönen und «bezahlbaren» Hotel gemacht. Und war fündig geworden.
Während meiner Zeit im Krankenhaus bekam ich von meiner Mutter und Jeremy jeden Tag Besuch. Jeremys vorübergehendes Wohndomizil war in der Stadt. Schlafen tat er bei meiner Schwester, die ein paar Hundert Meter weiter weg von meiner Mutter wohnt. Während des Tages unternahm er entweder mit meiner Schwester etwas oder mit meiner Mutter. Je nach Lust und Laune. Es waren ja Sommerferien. Schüchtern trat Jeremy ins Zimmer, als er mich mit meiner Mutter, am Tag nach der Operation, das erste Mal besuchen kam. Ungewohnt, Mama in einem Krankenbett liegen zu sehen. «Mama, wie geht es dir?», fragte er leise und schüchtern, als er an mein Bett trat. Ich lächelte ihn aufmunternd an. «Es geht schon. Keine Angst. Das kommt schon wieder.» Jeremy nickte. Leicht verhalten. Ich drückte ihn fest an mich.
Drei Tage später, es war der 19. Juli, wurde ich entlassen. Jeremy war an diesem Morgen vom Kindsvater bei uns zu Hause abgeholt worden. Doch einen Tag davor hatte es nochmals einen Vorfall gegeben, der mich, für den Moment, zusammensacken hatte lassen. Zuerst hatte das Natel geklingelt. Der Kindsvater. Was wollte der! Ich hatte das Natel klingeln lassen. Wenn es wichtig wäre, könnte er ja auf die Mailbox sprechen. Das tat er. Mit dem «Hinweis», dass er in der Stadt wäre und Jeremy schon am Abend abholen würde. Jeremy wüsste davon. Ich hatte einen Schreck bekommen. Ich war noch im Krankenhaus, Jeremy bei meiner Schwester! Morgen würde meine Mutter mit ihm zu uns nach Hause fahren, damit er pünktlich um 10.00 Uhr vom Kindsvater abgeholt werden konnte. Was sollte das jetzt? Abgesehen davon wusste der Kindsvater von meinem Krankenhausaufenthalt auch gar nichts. Mit Absicht nicht, da es ihn absolut nichts anging!
Kurz darauf hatte ich eine Nachricht von ihm bekommen. Ungefähr dieselben Worte. Ich hatte leicht panisch meine Schwester angerufen. Hatte ihr kurz erklärt worum es gegangen war, sie aber Jeremy UNBEDINGT bei sich behalten müsse. Die gemeinsamen Ferien mit dem Kindsvater würden nämlich erst einen Tag später beginnen. Ich hatte auch noch kurz mit Jeremy geredet und die Sache geklärt. Danach hatte ich dem Kindsvater zurückgerufen. «Du kannst Jeremy nicht abholen kommen.» «Warum nicht?», hatte es mir entgegen geblafft. «Wir sind nicht zu Hause. Morgen ist abgemacht. So wie es auf dem Plan steht. Und dabei bleibt es auch!» «Dann muss ich jetzt wieder nach Hause fahren!?», ärgerlicher Unterton, der von Arroganz nur so gestrotzt hatte. «Ja musst du. Morgen 10.00 Uhr. Nicht vorher!» Ein knapper «Schöner Abend», danach hatten wir aufgehängt. Ich hatte Sarina schnell zurückgerufen und «Entwarnung» gegeben. Danach war ich total erledigt und erschöpft gewesen.
Auch meiner Mutter hatte ich Bescheid gegeben wobei es mir nicht sehr gut gegangen war. Ich hatte mich alleine, irgendwie «verloren» und, einmal mehr, total «verarscht» gefühlt. Von einem System, das nichts mit Gerechtigkeit zu tun hatte. Meine Mutter hatte gehört, wie niedergeschlagen ich geklungen hatte. Sie hatte sich anerboten, mich im Krankenhaus besuchen zu kommen. Doch die Besuchszeit war um gewesen. «Das ist egal. Ich käme da schon rein. Bist du sicher, dass ich nicht kommen soll?» «Es geht schon. Wir sehen uns morgen», hatte ich ihr zur Antwort gegeben. Danach hatten wir uns voneinander verabschiedet und aufgehängt. Ich glaube, es hatte ihr weh getan, mich so am Telefon gehört zu haben. Und ich denke, sie hatte auch gemerkt, dass meine Tränen sehr, sehr nah gewesen waren. Und trotzdem hatte ich für den Moment alleine sein wollen. Ich hatte nicht irgendetwas «erklären» wollen müssen, was zusätzlich Kraft gekostet hätte, die ich nicht gehabt hatte. Es war nicht böse gemeint gewesen, ganz und gar nicht. «Helfen» konnte mir niemand.
Langsam hatten die Tränen angefangen, meine Backen hinunter zu laufen. Ich war halbliegend im Bett gesessen und hatte mich, seit einer doch längeren Zeit, nach dem Sinn gefragt. Warum ich? Warum wir? Um meine beiden Zimmergenossinnen nicht zu stören, hatte ich niedergeschlagen und leise das Zimmer verlassen. War langsam im Gang etwas hin und her spaziert, während ich geweint hatte. Eine Pflegefachfrau war plötzlich auf mich zugetreten und hatte mir einen Arm um die Schultern gelegt. «Erzählen Sie. Ich kenne Sie nicht und stehe sowieso unter Schweigepflicht. Doch glaube ich, da muss was geleert werden. Warten Sie, ich hole einen Stuhl, dann können Sie sich setzen. Ich bleibe bei Ihnen und höre Ihnen zu.» Ich hatte keine Antwort mehr gegeben. Es war mir in dem Moment alles egal gewesen. Sekunden später war die Pflegefachfrau zurückgekommen. Einen Hocker mit Rollen an den Füssen vor sich herschiebend. «Können Sie sich setzen?», fragend hatte sie mich angesehen. Ich hatte nur genickt.
Auf dem Hocker sitzend, an der Wand des Ganges angelehnt, hatte ich ihr danach in kurzen Worten von Jeremys Geburt und von meinem Weg als alleinerziehende Mutter erzählt. Vom Verhalten des Kindsvaters uns gegenüber. Mit Pausen, die von Schluchzen geprägt waren. Ich weiss nicht, wie lange ich im Gang auf dem Hocker gesessen hatte, an die Wand gelehnt, sprechend und schluchzend, die Pflegefachfrau stehend neben mir. Nichts sagend. Einfach nur da. Mit einem Arm um meine Schulter, der mich immer wieder an sie gedrückt hatte. Ich war für den Moment am Ende gewesen. Doch ihre wohlwollende Geste hatte mir, trotz dem ganzen gefühlten Elend, sehr, sehr gut getan. Irgendwann hatten die Tränen und das Schluchzen etwas nachgelassen. Die Pflegefachfrau hatte mich ins Zimmer begleitet. Leise waren wir zu meinem Bett gelaufen. Ich hatte mich hineingelegt. «Versuchen Sie jetzt etwas zu schlafen. Glauben Sie mir, es wird alles gut. Sie sind eine sehr starke Frau. Sie schaffen das!» Sie hatte mir lächelnd und mitfühlend zugenickt, danach war sie leise aus dem Zimmer gegangen und hatte ebenso leise die Tür hinter sich geschlossen. Einen Vorhang, der mein Bett von den anderen trennte, hatte sie, für meine Privatsphäre, zugezogen. Es waren zwar nochmals ein paar Tränen in den darauffolgenden Stunden gekommen doch hatte ich, trotz allem, wenigstens noch etwas schlafen können.
Am darauffolgenden Morgen wurde ich dann entlassen. Wie mit Sarina und meiner Mutter abgemacht gewesen war, war meine Mutter mit Jeremy zu uns nach Hause gefahren und war mit ihm nochmals das Gepäck durchgegangen, sodass er pünktlich um 10.00 Uhr bereit gewesen war, um vom Kindsvater abgeholt zu werden. Doch gab es dabei noch eine ziemliche Debatte inklusive Tränen über ein Computerspiel, dass Jeremy vom Kindsvater bekommen hatte und wieder mitnehmen wollte (und auch tat), sodass mir meine Mutter am Morgen anrief, während ich mich langsam bereit machen wollte. Sie erklärte mir die ganze Situation, ich hörte Jeremy im Hintergrund schluchzen. Ich hörte ihr zu und verlangte danach Jeremy ans Telefon. Sie gab ihn mir. Er erzählte mir, zuerst unter leichtem Schluchzen, seine Sicht und brach schlussendlich nochmals in Tränen aus. Da meine Mutter den Zusammenhang, was dieses Computerspiel anbelangte, nicht gewusst hatte, musste ich zuerst einmal etwas «Aufklärungsarbeit» leisten. Auf beiden Seiten. Danach beruhigte ich Jeremy und ging mit ihm nochmals kurz die Regeln betreffs dieses Spiels durch. Anschliessend versprach ich ihm, dies auch Grogro so weiterzugeben. Und er solle sich jetzt freuen und schöne Ferien geniessen. Es wäre alles in Ordnung und ich würde mich darum kümmern. Was ich dann auch tat. Und Jeremy war, so schien mir, auch wieder beruhigt. Insgeheim fluchte ich zwar schon noch leise vor mich hin, allerdings erst nach dem Telefon. Verdammt, hatte das jetzt wirklich auch noch sein müssen?
Ich lag noch etwas im Bett, abgemacht war ungefähr um 11.00 Uhr in meinem Zimmer, als mein Natel plötzlich piepste. WhatsApp-Nachricht. Ich nahm es in die Hand, entsperrte es und öffnete mein WhatsApp. Eine Nachricht von Noah. Sehr kurz. «Bin im Notfall in Herisau. Irgendetwas mit dem Herzen.» Oh Scheisse! Was war passiert? Ich musste in den Notfall. UNBEDINGT! Noch bevor ich in die Stadt zu meiner Mutter gefahren werden würde, um mich, wie abgemacht, bei ihr von der ganzen Operation zu erholen. Ich schrieb zurück. «Ich bin noch da. Werde heute entlassen. Ich komme dich schnell besuchen.» Ich wartete. Keine Antwort. Egal. Ich MUSSTE einfach in diesen verdammten Notfall! Eine gute halbe Stunde später hörte ich die Stimme meiner Mutter im Gang. Kurz darauf klopfte es an die Zimmertür. Sie wurde geöffnet und herein trat sie. «Ist alles gut gegangen mit der Übergabe von Jeremy?», begrüsste ich sie. «Alles in Ordnung», sie nickte mir bekräftigend zu. «Hör mal, bevor wir zu dir fahren, muss ich unbedingt noch schnell in den Notfall. Ich muss dringend einen Besuch bei jemandem machen.» Ich rechnete es ihr hoch an, dass sie nicht viele Fragen danach stellte. Denn jetzt wurde ich langsam nervös. Was war mit Noah passiert?
Noah lag knapp zwei Etagen unter mir. Im Notfall. Gesehen hatten wir uns seit Anfangs April nicht mehr. Auch nicht gehört. Gegen aussen hin liess ich mir nichts von meiner Nervosität und Anspannung anmerken. In meinem Kopf allerdings drehten sich immer die gleichen Fragen. Was war passiert? Wie ging es ihm? Es kam mir so ähnlich vor wie vor 13 Jahren: die Zeit nach Jeremys Geburt. Ich war entlassen gewesen. Jeremy musste noch im Krankenhaus bleiben. Ich war erst richtig ruhig und entspannt, wenn ich bei Jeremy gewesen war. Ihn gesehen hatte. Ihn in meinen Armen halten konnte. Und sicher war, dass es ihm soweit gut ging. Jetzt kam es mir ähnlich vor. Es ging alles so langsam. Doch konnte ich nicht schneller. Ich war noch längst nicht richtig fit.
Während meine Mutter zum Parkplatz ging, um meinen Koffer in ihrem Auto zu verstauen, meldete ich mich beim Notfall an. Fragte nach Noah Lendi. Er müsse hier sein. Ob ich ihn kurz sehen könne. Man fragte mich, wer ich wäre und wie mein Verhältnis zu Herrn Lendi sei. Damit hatte ich gerechnet. Und mir eine kurze Antwort schon vorher zurechtgelegt gehabt. Ich wäre seine Freundin, antwortete ich. Und im Stillen hoffte und betete ich, sie mögen mir dies auch wirklich «abkaufen». Man bat mich, einen Moment im Wartezimmer Platz zu nehmen. Man würde ihn über mein Dasein informieren. Ich tat wie mir geheissen. Und rutschte unruhig auf meinem Sessel herum. Hoffentlich spielte er mit. Ich sass auf diesem Stuhl wie auf Eiern. Schliesslich stand ich auf, trat aus dem Wartezimmer. Eine Schwester kam. «Sie können gleich zu ihm. Noch einen kleinen Moment.» Ich nickte. Und ein grosser Stein fiel mir vom Herzen. Gott sei Dank! Es hatte geklappt!
Minuten vergingen, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkamen. Zwischendurch tauchte meine Mutter auf. «Und, darfst du rein?», fragte sie. «Ja, ich muss aber noch schnell warten.» «Okay, dann gehe ich zum Auto zurück, parkiere um und warte im Auto auf dich.» «Gut, alles klar. Ich komme gleich!» «Nur mit der Ruhe», mit diesen Worten verschwand sie wieder aus der Eingangstür. Langsam schlenderte ich den kurzen Gang hin und her und wartete. Eine weitere Ewigkeit, wie mir schien. Dann tauchte plötzlich wieder eine Schwester aus einem Zimmer mit abgetrenntem Vorhang heraus und kam schnell auf mich zu. «Alles klar. Sie können kommen. Bitte folgen sie mir.» Wir liefen den Gang entlang. Ich ziemlich langsam, sie, mindestens zwei Schritte und doch um Einiges schneller als ich, vor mir. Schliesslich blieb sie vor dem letzten Zimmer, das ebenfalls mit einem Vorhang abgetrennt war, stehen. «So, hier ist er.» Mit diesen Worten öffnete sie den Vorhang. Mittlerweile hatte ich sie aufgeholt. Und schaute zuerst einmal vorsichtig um die Ecke.
Da sass er und lächelte mich relativ matt an. Lächelnd trat ich ein. Hinter mir wurde der Vorhang zugezogen. Ich war froh, ihn zu sehen. Sehr sogar. «Was machst du denn für Sachen?», leicht tadelnd trat ich langsam an sein Bett. Wir umarmten uns fest. Tja, da sass er. Oder besser gesagt, sass halb liegend da. Und ich war einfach nur froh, bei ihm sein zu können. Und ihn zu sehen. Und sicher sein, dass es ihm soweit gut ging. Obwohl er mir etwas bleich und matt im Gesicht vorkam. «Hat es hier irgendwo einen Stuhl?», fragend sah ich mich im Zimmer um. Dann sah ich einen Hocker in einer Ecke stehen. «Ja, nimm doch den, dann kannst du dich setzen.» Er zeigte auf denselben. «Das habe ich auch vor, denn stehen ist im Moment gerade nicht so wahnsinnig bequem.» Ich zog den Hocker, Gott sei Dank stand er auf Rollen, ans Bett heran und setzte mich langsam und vorsichtig darauf. Es zog ein bisschen, weshalb ich leicht mein Gesicht verzog. «Wie geht es dir? Hast du starke Schmerzen?», fragend und mitfühlend sah er mich an. «Ach, es geht. Ich wurde heute morgen entlassen. Schade irgendwie, denn ich wäre noch gerne eine Nacht hier geblieben. Einfach zur Sicherheit. Aber die haben mich rausgeschmissen, sozusagen.» «Schade,» meinte er daraufhin ebenfalls, «sonst hätten wir einen Kaffee zusammen trinken können. In der Kantine.» Oh ja, das wäre wirklich ganz schön gewesen. Ja, das wäre es gewesen.
Wir plauderten zusammen, er erklärte mir die Apparate, an denen er angehängt war. «Ich nehme an, sie behalten mich sicher über das Wochenende. Ich habe, bevor du gekommen bist, noch schnell einem Arbeitskollegen telefoniert. Wegen Akten zum Vorbeibringen. Wenn ich über das Wochenende hier sein muss, kann ich wenigstens noch etwas in Ruhe arbeiten.» «Hast du meine Nachricht gesehen und gelesen?», fragte ich ihn. Er nickte. Wunderbar, und wieso hast du nicht zurückgeschrieben? Ich nickte ebenfalls und liess dabei ein leichtes «hmm» von mir hören. Danach redeten wir weiter. Und es schien mir, als wäre es wieder genauso wie es einst gewesen war. Bevor das alles passiert war, was passiert war. Wir genossen unser Wiedersehen. Beide. Und zwar sehr. Und ich hatte auch das Gefühl, dass Noah doch dabei auch etwas seinen «Kratten leeren» konnte. Ich hörte zu. Und verstand.
Es war das letzte Mal, dass wir uns sahen. Bis heute.
Ich wäre noch liebend gerne länger bei Noah gesessen. Doch sass uns beiden die Zeit im Nacken. Er erwartete seinen Arbeitskollegen wegen den Akten, ich hatte meine Mutter in der Nähe, die ebenfalls auf mich wartete. Nach einer knappen halben Stunde stand ich langsam auf. «So, ich glaube, ich muss langsam gehen. Meine Mutter wartet.» «Ja,» erwiderte er. «Mein Arbeitskollege kommt sicher auch bald wegen den Akten». Ich nickte. «Ich weiss ja nicht, ob das so schlau ist, wenn er uns zusammen sieht». Leicht bedrückt sah ich ihn an. Er nickte langsam. Wir umarmten uns fest. «Wann kommst du wieder? Komm wieder, aber komm einfach nur noch als Noah. Das macht Vieles einfacher», flüsterte ich leise, während wir uns voneinander lösten. Ebenso leise brummte Noah etwas vor sich hin. Wir küssten uns auf die Wange. Ich drehte mich zum gehen um. Bevor ich langsam aus dem Zimmer ging, legte ich eine Hand auf sein Knie und drückte es leicht. Die Botschaft darin: was sollen wir nur machen, … Noch einmal drehte ich mich um, bevor ich ganz aus dem Zimmer verschwand, und lächelte ihm bedrückt zu. Ich spürte seinen Blick in meinem Nacken. Die ganze Zeit. Wann würden wir uns wieder sehen? Danach zog ich den Vorhang und lief langsam dem Flur entlang, dem Ausgang entgegen.
Ich war wenige Schritte gelaufen, als meine Mutter um die Ecke bog. «Ich bin da, ich komme». Langsam lief ich auf sie zu. «Alles in Ordnung?», fragte sie mich. Ich nickte. Wirklich in Ordnung war etwas anderes, … und trotzdem war ich froh, hatte ich Noah gesehen. Um mich dabei «versichern» zu können, dass es ihm, den Umständen entsprechend, gut ging.
Die folgenden zwei Wochen lebte ich bei meiner Mutter «in Kur». Kontakt zu Noah hatte ich. Per Whats-App. Es war am dritten Tag, nach meiner Entlassung, als er mir eine Nachricht schrieb und mich um «Updates» bat. Wie es mir ginge. Ob ich starke Schmerzen hätte. Wir tauschten uns rege aus, was mich sehr freute. Wenigstens noch etwas, … Nach diesen beiden Wochen kam dann am Sonntagabend auch Jeremy wieder aus den Ferien mit dem Kindsvater nach Hause zurück. Noch eine Woche verbrachten wir ruhige und gemütliche Tage bevor dann, am 11. August 2025, die Schule wieder los ging und Jeremy ins letzte Primarschuljahr startete. Ich war noch weiterhin krankgeschrieben. Sicher bis Ende September.
Ende Juli hatte ich ein Schreiben von der KESB Herisau bekommen. Es war mir darin mitgeteilt worden, dass eine weitere SPF (Sozialpädagogische Familienbegleitung) von der Beistandschaft empfohlen werde, da in den letzten Monaten eine erfreuliche Entwicklung hätte stattfinden können. Gemäss Beistandschaft hätte man auch schon nach einem Ersatz für die Organisation, in der Noah tätig war, gesucht und gefunden. Spätestens jetzt war mir klar gewesen, dass Noah WIRKLICH weg war. Man hatte ihn «ausgetauscht». Oder «austauschen» wollen, denn, wie sich später herausstellte war diese neue SPF zeitlich nicht verfügbar. Doch Noah war trotzdem nicht zurückgekommen. Noch zwei Mal hatte ich mit der KESB Herisau telefoniert. Hatte erneut nach dem Grund von Noahs «Abzug» gefragt. Hatte argumentiert. Und hatte sie meinen Unmut über eine sogenannte Behörde, die sich in der Öffentlichkeit als eine «Schutzbehörde» ausgibt, mit ziemlich deutlichen Worten spüren lassen. Und war doch wieder «abgewiesen» und «vertröstet» worden. Verdammte Scheisse!!
Mitte August kam die nächste «unschöne Botschaft» ins Haus geflattert. Wieder Beistandschaftswechsel. Jeremys jetzige Beiständin würde per Ende August ihre Stelle verlassen. Infolge persönlicher Weiterbildung. Es schien mir, als krache alles erneut zusammen. Und Jeremy fragte weiter nach Noah. «Ich weiss nicht, wann wir ihn wieder sehen werden. Ich weiss nicht, ob wir ihn überhaupt noch sehen», traurig sah ich Jeremy an. Wir sassen am Küchentisch beim Abendessen. «Ich weiss es nicht Jeremy, ich weiss es wirklich nicht. Doch glaube ich, dass er nicht mehr kommen wird. Hoffe nicht zu fest. Vielleicht müssen wir uns von Noah in Gedanken verabschieden. Und ihm ebenso dafür danken, dass er uns eine Zeitlang begleitet hat.» Sanft legte ich Jeremy meinen Arm um die Schulter. Er nickte kaum merklich vor sich hin. «Wünschen wir ihm alles Gute, wo er auch immer ist und in Zukunft sein wird.» Jeremys Frage nach ihm wurde weniger. Doch der Verlust nagte an uns Beiden. Die Tage gingen dahin. Die Wochen ebenso. Mir schien, als wäre der ganze Karren irgendwie wieder «schwerer» geworden. Und alles, was sich doch in den letzten Monaten als «konstruktiver» erwiesen hatte, so schien mir, verlief im Sand. Mein Kampf für Jeremy begann aufs Neue.
Die neue Beistandschaft trat ihre Stelle an. Und das Thema rund um diese neue SPF (Sozialpädagogische Familienbegleitung) wurde wieder aktuell. Wir bekamen drei Vorschläge von Organisationen und den darin arbeitenden Menschen, die in Frage kämen. Mit Jeremy zusammen schaute ich das Ganze an. Klinkte uns in deren Homepages ein. Sahen uns die Personen an. Ich wollte einen Mann. Und zwar mit Absicht. Wegen Jeremy. Auch er wollte einen Mann. Wir wurden fündig. Und gaben unser Statement ab. Die von uns vorgeschlagene Organisation wurde im Endeffekt für weitere sechs Monate engagiert. Per subsidiärer Kostengutsprache. Der Mann, den wir allerdings gerne gehabt hätten, kam nicht. Ausgelastet. Das wurde uns nicht gesagt. Anstelle davon kam eine Frau namens Merini. Sowohl ich als auch Jeremy standen etwas perplex da, als wir dies erfuhren. Doch konnten wir nichts mehr tun. Es war so beschlossen worden.
Es hatte noch ein gemeinsames Gespräch mit mir, Jeremy und dem Kindsvater bei der neuen Beiständin gegeben, bevor die Sache mit der neue SPF überhaupt seinen Lauf genommen hatte. Es war unter der Rubrik «Kennenlernen» gelaufen. Ich war darüber überhaupt nicht begeistert und dieses Gespräch war eine Katastrophe gewesen. Vor Jeremy hatte mich der Kindsvater in ein nicht sehr gutes Licht gestellt, wie mir schien. Ebenso hatte er seinen Unmut über die SPF-Finanzierung kundgetan. Etwas, was Jeremy, neben dem Anderen, absolut NICHTS anging. Es war sowohl Jeremy als auch mir nach diesem Gespräch nicht sehr gut gegangen. Noch am gleichen Abend, wir waren danach bei Jana zum Abendessen eingeladen gewesen, nahm mich Roman, er war auch gekommen, in ein separates Zimmer und während sich Jana in ihrer Küche um Jeremy gekümmert hatte, sackte ich auf einem Stuhl zusammen. Von Schluchzen begleitet war ich auf diesem Stuhl gesessen. Das Alles hatte doch einfach nicht wahr sein können!
Einen Tag später hatte ich der Beiständin angerufen und mich sehr klar und deutlich ausgedrückt: Jeremy werde zukünftig keinen Termin mehr mit dem Kindsvater bei der Beiständin wahrnehmen. Ich ebenso wenig. Sowohl Jeremy als auch ich werden zukünftig alleine mit der Beiständin oder allenfalls gemeinsam reden. Termine zu dritt, bzw. zu viert, mit ihr, werde es nicht mehr geben. Es wurde ohne Weiteres zur Kenntnis genommen. Bis heute.
Der Ferienplan von diesem Jahr wurde über das Telefon mit der Beiständin und per Mail ausgearbeitet. Jeremy besprach ihn mehrmals persönlich und alleine mit ihr. Ich war beruhigt. Es schien mir, trotz allem, nach knapp 12 Jahren hätte man meine Entscheidung und überhaupt meine Erziehungsarbeit begriffen.
Um das freundschaftliche Band, oder wie man es auch immer nennen will, zu Noah irgendwie aufrecht zu erhalten, fuhr ich immer mal wieder zwischendurch zum Häuschen, wo ich einst meine Auszeit genossen hatte. Ich vermisste ihn. Nach wie vor. Auf meine Weise. Ich brauchte meine Zeit, um all meine Erinnerungen an eine sehr bereichernde, entlastende und, man kann durchaus sagen, «lockere» Zeit mit ihm richtig verarbeiten zu können. Mittlerweile war der Kontakt zu ihm sehr sporadisch geworden. Und manchmal hatte ich das Gefühl , wir wären vergessen. Jeremy und ich. Einer «verstaubten» Hoffnung hinterher zu jagen, das hatte keinen Sinn. Dieses «Loslassen» brauchte Zeit. Und tat weh. Doch war und bin ich ihm, trotz Allem, dankbar. Und werde es auch immer sein. Für seine Begleitung, sein Fachwissen als Experte und Vater, sein Mensch-Sein und sein Engagement für und mit uns.
Es war Ende Dezember letzten Jahres als ich mich eines Abends, Jeremy war beim Kindsvater, wieder auf den Weg zu seinem Häuschen machte. Es würde das letzte Mal sein. Ich musste auch dieser Zeit «Lebwohl» sagen. Immer, wenn ich in der Vergangenheit dort gewesen war, war ich entweder auf die Wiese, neben dem Häuschen, gesessen oder auf einen der beiden Gartenstühle, die vor dem Häuschen gestanden hatten. Ich hatte dabei in Gedanken und vor meinem geistigen Auge viele gemeinsame Momente mit ihm und auch mit ihm und Jeremy Revue passieren lassen. Und hatte ebenso oft dabei schmunzeln müssen. Dieser jetzige Gang war schwer. Und ich hatte mit den Tränen zu kämpfen. Auch wenn wir uns schon lange nicht mehr gesehen hatten, so war da irgendwo immer ein «beruhigendes Gefühl», wenn ich sein Häuschen sah. Denn irgendwie war er in diesen Momenten eben doch da. Auf seine Weise. Und dies war tröstlich. Ich hatte ihn, so schien mir, nicht ganz verloren.
Als ich in die Nähe des Häuschens kam, sah ich vier brennende Fackeln auf der Wiese stehen. Und Licht im Häuschen. War er etwa hier? Langsam trat ich auf das Haus zu. Im Innern hörte ich einen Hund bellen. Ah, Rosalia war wieder hier, ich hatte sie in der Vergangenheit einmal durch Zufall kennengelernt. Sie war über das Wochenende im Häuschen gewesen. Wir waren ins Gespräch gekommen und sie hatte mich zum Tee eingeladen. Es war ein unterhaltsames Gespräch gewesen und wir hatten daraufhin unsere Natelnummern ausgetauscht. Und den Kontakt bis heute zueinander gehalten. Sie war also hier.
Ich wusste von Noah, dass er das Häuschen manchmal vermietete und somit auch für Aussenstehende zugänglich war. Rosalia war schon mehrmals im Häuschen gewesen. Nun also wieder. Es ging nicht lange, da öffnete sich das Stubenfenster und Rosalia schaute hinaus. «Hey hallo, was machst du denn hier?», fragte sie mich. «Nun, ich komme nur, um mich zu verabschieden, …». Ich hatte erneut mit den Tränen zu kämpfen. «Hey, willst du eine Tasse Tee?», fragend und mitfühlend sah sie mich an. «Nein, ist schon gut. Ich gehe auch gleich wieder. Lass dich nicht stören. Ich bin gleich wieder weg.» Ich hatte Rosalia bei unserem ersten Aufeinandertreffen in kurzen Worten erzählt gehabt, woher ich Noah und das Häuschen kenne. Nicht bis ins Detail, allerdings genug, dass sie jetzt ungefähr verstand. «Lass dir Zeit. Du störst mich nicht», sagte sie. «Wenn etwas ist, bin ich da». Ich lächelte sie durch die Dunkelheit niedergeschlagen an. «Ist schon gut. Ich will dich wirklich nicht stören. Ich gehe gleich wieder.» «Hey, ist kein Problem. Ich wünsche dir einen ganz schönen Abend. Trotz allem.» «Danke. Ebenso.» Wir verabschiedeten uns. Sie schloss das Fenster wieder und verschwand im Inneren des Häuschens. Ich stand noch etwas da. In der Dunkelheit. Bei den Fackeln. Und die Tränen rannen mir langsam über die Backen. Ich fragte mich nach dem Sinn. Und irgendwo, ganz tief in meinem Herzen, wusste ich, dass es wohl oder übel einen gab.
Eine Viertelstunde später drehte ich mich um und entfernte mich vom Häuschen. Lief langsam über die Wiese zum Auto. Drehte mich auf dem Weg noch zwei Mal um. Es tat weh. Verdammt weh. Ich war froh, war Jeremy nicht da und würde mein leicht verweintes Gesicht nicht sehen.
Es war Mitte September letzten Jahres gewesen, als mich Sarina eines Abends plötzlich anrief. Nach der obligaten Begrüssung fragte sie mich, ob ich sitzen würde. «Wieso, was ist passiert?», hatte ich sie leicht überrascht gefragt. Doch hatte ich geahnt, um was es gegangen war. Es war zwei Tage vorher gewesen, als mir Silvia, die Ex-Freundin des Kindsvaters, zu der ich ein freundschaftliches Band pflege, ebenfalls angerufen und mir von einem Zeitungsartikel im Blick erzählt gehabt hatte, der vom Kindsvater in Auftrag gegeben worden war. Darin war es um seine über 90-jährige Mutter gegangen, die er unbedingt aus dem Altersheim hatte nach Hause holen wollen (und immer noch will!). Sonstige Verfahren, auch was Finanzielles anbelangt, hatte und hat er bereits schon am Hals.
Über den Artikel schüttelte ich insgeheim meinen Kopf. Was wollte dieser Typ nun wieder damit bezwecken? Was ging in seinem Kopf überhaupt vor, fragte ich mich. Doch legte ich diese Fragen schnell wieder zur Seite. Denn es gab etwas ganz Anderes, was mir an diesem Zeitungsartikel überhaupt nicht passte. Und zwar ein Bild dazu. Und auf diesem Bild war sehr klar und deutlich Jeremy zu erkennen! Ich hatte den Artikel und auch das Bild mit Jeremy bereits per Whats-App von Silvia erhalten, noch bevor mir nun Sarina telefonierte. Auch Rahel hatte mich, dank unserer wunderbaren freundschaftlichen Verbindung, schon per Telefon darüber informiert gehabt. Daher war ich nun vorbereitet. «Falls es um den Artikel in der Zeitung und das Bild von Jeremy geht, weiss ich schon Bescheid.» «Ganz genau», hörte ich meine Schwester sagen. «Ich bin per Zufall darüber gestolpert. Normalerweise lese ich sicher keine solchen Artikel! Das geht überhaupt nicht. Jeremy darf nicht für solche Zwecke instrumentalisiert werden. Geschehen ist es jetzt und viel machen kannst du wahrscheinlich nicht mehr. Doch würde ich es Jeremy sagen. Du weisst ja nicht, ob er/ihr darauf angesprochen werden könntet. Ich nehme ja nicht an, dass du die Einwilligung zu diesem Foto gegeben, geschweige denn davon überhaupt etwas gewusst hast.» «Sicher nicht», antwortete ich ihr, «und selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich SICHER NICHT zugestimmt! Diese ganze Sache geht weder mich noch Jeremy etwas an. Und Jeremy muss sicher nicht da «hineingezogen» werden. In jeglicher Art und Weise!» Sarina stimmte mir zu. Doch was hätte ich jetzt noch tun können? Draussen war es….
Es lag mir auf dem Magen. Seitdem ich es gewusst hatte. Und zwar sehr. Wir redeten nicht mehr lange miteinander. Danach wünschten wir uns einen schönen Abend und hängten auf. Ich musste Jeremy über den Artikel und das Foto informieren, das wusste ich. Doch wie am besten? Ich rief die Schulleitung an, redete mit dem Schulleiter und erklärte ihm die ganze Situation. Auch schickte ich ihm den Artikel sowie das Foto mit Jeremy darauf. Wir führten ein sehr angenehmes Gespräch und er versprach mir, dass er die Lehrerschaft darüber informieren würde. Als «Absicherung», falls plötzlich irgendwelche Fragen auftauchen könnten. Damit man sofort und angemessen darauf reagieren und auch Jeremy dabei schützen könne. Denn das war meine grösste Sorge. Man kannte Jeremy im Dorf und verband ihn automatisch mit mir. Und wir hatten mit dieser Sache nun wirklich GANZ UND GAR NICHTS zu tun! Der Schulleiter gab mir auch noch die Telefonnummer von der Schulsozialarbeit. Ich hatte am Telefon auch ihm gegenüber meine Bedenken erläutert, wie ich dies am besten Jeremy sagen solle. Denn ich wollte, dass er es wusste. Damit er, im Falle eines Falles, nicht dastehen und von nichts eine Ahnung haben würde. Ich rief die Schulsozialarbeit an und erklärte erneut den ganzen Sachverhalt. Ich führte ein ebenfalls sehr angenehmes Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin und war dankbar um ihre Tipps, die sie mir doch mit auf den Weg geben konnte.
Drei Tage verstrichen, danach konfrontierte ich Jeremy mit dem Foto. Wir sassen am Küchentisch. «Jeremy, hör mir mal zu. Dein Vater hat einen Zeitungsartikel im Blick in Auftrag gegeben, der vor drei Tagen erschienen ist. Mit dabei ein Foto von Grosi und dir. Ihr sitzt beide am Tisch. Du bist sehr gut erkennbar. Dieses Foto hätte er nicht publizieren lassen dürfen. Nicht ohne mein Einverständnis. Das geht hier um Datenschutz und ist strafbar.» Jeremy sah mich an. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er wurde wütend. «Ich habe ihm aber gesagt, dass ich das nicht will. Ich wollte überhaupt nicht, dass er mich fotografiert! Oh, Mann!» Ich sagte nichts und schwieg. Ja, oh Mann, mein Lieber, das kannst du laut sagen! «Hör zu», sprach ich weiter, «ich weiss nicht, wo das Ganze jetzt überall herumschwirrt. Und es ist kaum bis gar nicht nachverfolgbar. Sollte dich allerdings irgendjemand darauf ansprechen, dann kannst du getrost sagen, der/die oder sie sollen sich an mich wenden. Man kennt uns hier im Dorf. Ich weiss, was ich sagen würde. Das ist kein Problem. Doch will ich nicht, dass du da hineingezogen wirst. Ich habe ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung als du. Ich weiss, was ich tue. Okay?» Jeremy nickte finster. «Ich will das Foto sehen». «Natürlich, das kannst du. Ich zeige es dir.» Wenig später zeigte ich ihm das Foto. Er sagte nichts. Sein Gesichtsausdruck allerdings erzählte seine eigene Geschichte.
Diese ganze Sache lag mir weiterhin noch auf dem Magen, auch nach dem Gespräch mit Jeremy. Hatte ich wirklich schon alles getan? Konnte ich nichts mehr weiter dagegen unternehmen? Kurz nach unserem Gespräch begegnete ich unserer Hausabwartin Marlene im Treppenhaus. Offensichtlich sah ich nicht sehr glücklich aus, denn sie sprach mich darauf an. Seit Juni 2021 hatte sie den Hauswarts-Job übernommen und wohnte selbst auch im Block. Sie war ein sehr unkomplizierter Mensch, fand ich. Und hatte auch stets Zeit für ein paar freundliche und unterhaltsame Worte. Sie kannte meine und Jeremys Geschichte in ungefähren Zügen. Und hatte mir schon mehr als einmal gesagt, wenn alles plötzlich mal wieder «überborden» würde, könne ich mich jederzeit bei ihr melden. Was auch schon geschehen war. Ebenso meine Nachbarin oberhalb von mir. Auch sie war Alleinerziehende gewesen. Hatte zwei Töchter, die jedoch das Erwachsenenalter schon längst erreicht hatten und ihr eigenes Leben lebten. Zu Beiden hatte ich einen sehr guten Draht. Auch zum Nachbar, schräg oberhalb von mir. Ein Jahr jünger als ich, Single, und sehr sportbegeistert. Seine Musik, die, je nach Lautstärke, manchmal bis ins Treppenhaus zu hören war, sobald ich die Wohnungstür öffnete, liess jedoch, nach meinem Geschmack, arg zu wünschen übrig. Techno im Hochquadrat. Auch Jeremy fand diese Musik nicht sehr toll, was mich insgeheim doch sehr beruhigte und mich immer noch sehr beruhigt. Als ich 40 Jahr alt geworden war, hatte ich mit diesem Nachbar, namens Adrian, in meiner Wohnung eine Pyjama-Party gemacht. Es war genau in der Corona-Zeit gewesen, wo alles geschlossen gewesen war. Es war ein sehr lustiger Abend geworden und am nächsten Tag waren wir noch miteinander spazieren gegangen. Das war an einem Wochenende, wo Jeremy auf Besuch beim Kindsvater gewesen war.
Marlene sprach mich nun auf meinen offensichtlich doch sehr angespannten Gesichtsausdruck an, worauf ich merkte, wie der Klos in meinem Hals immer dicker und dicker wurde. Meine Augen wurden feucht. Marlene merkte dies, nahm mich beim Arm, zog mich in die Waschküche (Gott sei Dank war niemand drin) und schloss die Tür. «Nicole, ist etwas mit Jeremy? Ist etwas passiert?», fragend sah sie mich an. Das war zu viel. Tränen traten mir in die Augen. In kurzen Worten erzählte ich ihr von dem Artikel und dem Foto. «Weisst du, ich bin wirklich nicht die, die da die Leute «ausfragen» geht, wie eine gewisse andere Person in diesem Haus. Oder mich in fremde Angelegenheiten mische. Doch sah und sehe ich auch, dass es du nicht einfach hattest und hast. Es ist ja schön, wenn Jeremy in die Ferien kann, doch hatte und habe ich immer irgendwie das Gefühl, dass der Kindsvater immer in irgendeiner Form gegen dich «gearbeitet» hat und dies auch weiterhin tut. Das finde ich absolut daneben.» Behutsam legte sie mir einen Arm auf meine Schulter. «Abnehmen kann ich dir leider nichts. Ich kann dir allerdings zuhören. Ich bin heute Abend zu Hause. Hast du Lust zu mir zu kommen? Dann können wir uns, wenn du möchtest, in aller Ruhe nochmals darüber unterhalten.» Fragend und lächelnd sah sie mich an. Ich nickte. «Okay, sobald Jeremy im Bett ist komme ich schnell rüber. Das wird allerdings schon gegen 21.00 Uhr sein. Bist du dann noch wach?» «So früh gehe ich nicht schlafen. Schreib mir kurz, wenn Jeremy ins Bett geht. Dann weiss ich etwa wann du kommst.» Ich nickte erneut.
Und so sass ich dann an jenem Abend bei ihr auf dem Sofa, in ihrem Wohnzimmer, und erzählte ihr die ganze Geschichte. Sie schüttelte entsetzt den Kopf. «Das geht also wirklich zu weit. Echt jetzt. Was können wir dagegen tun? Na ja, draussen ist draussen und nicht jeder und jede schaut sich ja den Blick an. Wenigstens wird Jeremy nicht mit Namen erwähnt. Dies ein kleiner Trost. Trotzdem, dieses Bild müsste irgendwie raus!» Niedergeschlagen sass ich da. Und kam mir, ein weiteres Mal, so «verarscht» vor. Marlene hatte den Zeitungsartikel und das Foto gelesen und gesehen gehabt, bevor ich zu ihr gegangen war. Sie hatte mich noch in der Waschküche gefragt, in welcher Zeitung dies den abgedruckt worden wäre und war nach unserer Unterhaltung im Internet recherchieren gegangen. Und fündig geworden. «Weisst du was, ich rufe jetzt schnell Manuele an. Ihr Zwei versteht euch ja auch super miteinander und er hat ja auch etwas Erfahrung mit Datenschutz infolge seines Berufes. Vielleicht weiss er, was da am besten gemacht werden kann. Okay?» Ich nickte. Zwar wollte ich absolut kein Chaos damit veranstalten und alle «aufscheuchen», was ich auch sagte, doch Marlene winkte entschieden ab. «Nein, so geht das nicht. Da muss man doch etwas tun können!» Ich sagte nichts mehr und sass still da, während sie telefonierte. Nach dem dritten Anlauf klappte es und sie bekam Manuele an den Apparat. Sie fragte mich noch ob ich erzählen wolle, doch die Tränen waren mir erneut viel zu nah. Ich winkte ab. Daraufhin sprach sie mit ihm und erzählte ihm mein Gesagtes. Er wollte danach mich zwar schon noch ans Telefon haben, doch musste ich nicht nochmals alles von vorne erzählen. Marlene hatte mir schon Einiges abgenommen.
Am Tag danach rief Manuele der Blick-Redaktion an und, gemäss seiner Erzählung, hatte er doch einen interessanten Austausch. Unter anderem stellte er sehr deutlich klar, dass er die Mutter des Jungen, der auf diesem Bild zu sehen wäre, sehr gut kennen würde und er wisse, dass sie diesem Foto NIEMALS zugestimmt hätte. Er stellte sowohl den Datenschutz als auch die Recherche allgemein etwas in Frage. Die Folge von dieser Aktion war die, dass das Bild von der Plattform des Blicks gelöscht wurde. Wenigstens etwas. Ich war Manuele für seinen Einsatz und seine Hilfe sehr, sehr dankbar, was ich ihm sehr schnell danach, bei einem unserer legendären abendlichen Garagengespräche, offenbarte. Und ihm, wie jedes Mal, wenn er uns in der Vergangenheit in irgendeiner Form geholfen hatte, etwas Kleines von der Bäckerei beim Bahnhof brachte.
Auch bei Marlene bedankte ich mich nochmals für ihr offenes Ohr und erzählte ihr ein paar wenige Tage später, dass der Blick schlussendlich, aufgrund des Gesprächs mit Manuele, das Foto von der Plattform gelöscht hätte. Jetzt war ich wieder beruhigt, auch wenn dieses Bild vielleicht bis heute noch irgendwo «herumgeistert». Weder Jeremy noch ich wurden je, bis jetzt zumindest, darauf angesprochen. Doch war es mir trotzdem ein grosses Anliegen gewesen, dass gewisse Menschen davon Bescheid gewusst hatten. Auch der KESB Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Herisau hatte ich eine Mail geschrieben und im Anhang den Artikel und das Foto mitgeschickt. Ich bekam nie eine Antwort darauf.
Jana, immer noch ein «beruhigender» Fels in meinem und Jeremys Leben, und ebenso immer noch verbunden mit einer kostbaren Freundschaft, informierte ich selbstverständlich auch darüber. Viel sagte sie nicht dazu, doch verstanden wir uns auch ohne Worte. Und werden dies auch weiterhin. Auch Roman sagte, als ich mich, ein paar Tage später, wieder von ihm auf der Klangliege bespielen liess, nicht viel diesbezüglich. Musste er auch gar nicht. Wir verstanden und verstehen uns schon seit einer ganzen Weile ebenfalls ohne Worte.
Das neue Jahr, dieses Jahr startete. Unspektakulär. Das letzte halbe Jahr unserer gesamten Primarschulära. Im kommenden Sommer würde sie vorbei sein. Jeremy würde in die Oberstufe eintreten. Es war streng gewesen, die Zeit zwischen den vergangen Herbstferien des letzten Jahres und der Sportferien dieses Jahres. Tests hatte es, im Gegensatz zu vorher, noch mehr gegeben. Die Einteilung in den Hauptfächern, (Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik) für die Leistungsklassen in der Oberstufe, hatte gemacht werden müssen. Vom Französisch war Jeremy allerdings, weil es einfach zu viel geworden war, suspendiert worden. Ein letztes Elterngespräch hatte stattgefunden. Wieder zusammen mit Jeremy. Die Einteilung wurde besprochen. Es ging soweit alles glatt über die Bühne. Mit der üblichen «Falschheit» des Kindsvaters, wie mir schien. Ich hielt mich zurück. Denn ich hatte mein Statement, was dies anbelangt, auch hier wieder abgegeben. Noch bevor Jeremy in die 5. Klasse gekommen war und es sowohl eine neue Klassenzusammenstellung als auch neue Lehrerinnen und Lehrer gegeben hatte. Abgesehen davon hatte sich die Lehrerschaft sowieso über die Kinder und deren näheres Umfeld informiert. Hatten sie immer, …
Ende des letzten Jahres hatten ich auch schon ein Elterninfo-Abend in der Aula des zukünftigen Schulhauses, in das Jeremy nach den kommenden Sommerferien eintreten würde, gehabt. Dabei wurde uns, unter anderem, das System der Leistungsklassen erklärt. Auch wurden wir darüber in Kenntnis gesetzt, dass jeder zukünftige Schüler und jede zukünftige Schülerin ein eigenes Tablet bekommen und sehr viel Schulstoff über das Tablet laufen wird. Ebenso wurde das Thema «Handy» erläutert. Es wird ein absolutes Handyverbot geben. Darüber bin ich doch sehr erleichtert. Was das Tablet anbelangt habe ich ein bisschen meine Zweifel. Warum? KI: ein Thema, das brandaktueller nicht sein kann. Und uns noch lange weiter beschäftigen wird. Was bringt diese, mittlerweile auch nicht mehr ganz neueste, Technologie alles für «Möglichkeiten», jedoch auch für mögliche «Abhängigkeiten»? Oder kann es die Gefahr einer Super-Manipulation heraufbeschwören? Man weiss, dass wir unsere Gehirnkapazität niemals voll ausschöpfen. Liegt darin womöglich das Potenzial von KI, unser riesiges Reservoir an Gehirnzellen und Synapsen (Verbindungen zwischen Nerven- bzw. Gehirnzellen) anzuzapfen und zu nutzen, um unser Wissen zu vermehren oder zu eliminieren bzw. zu ersetzen? Was hinterlassen wir mit dieser «neuen» Technologie dabei unseren Kindern? Diese Fragen, so glaube ich, werden mich doch auch noch etwas weiter beschäftigen. Denn noch haben Jeremy und ich, auch nach den Sommerferien, ein Stück unseres gemeinsamen Weges vor uns, bevor er seine Erst-Ausbildung, was dies auch immer sein wird, beendet hat.
Auch führte mich mein Weg noch, nach doch einer langen Zeit, zu Marc. Es gibt Menschen, egal wie lange man sie nicht mehr sieht, zu denen eine Art von «Verbindung» bleibt. Immer. Und dies finde ich sowohl äusserst faszinierend als auch manchmal etwas erschreckend. Diese, man könnte auch sagen, «Chemie» stimmt einfach. Vom ersten Moment an. Ob dies einem sofort bewusst ist oder ob es einen Moment braucht spielt dabei keine Rolle. Das Gespräch, das ich an jenem Abend mit Marc auf dem Sitzplatz des Hauses führte, nachdem ich ihn zuerst etwas suchen hatte müssen (er war im Garten gewesen), berührte mich sehr. Wir sprachen über uns und unsere «Chemie». Sie war da, vom ersten Moment da gewesen. Und war es immer noch, auch 30 Jahre nach unserem ersten Treffen. Wenn auch jetzt in einer anderen Form. Und dies erfüllte mich mit Dankbarkeit, Stolz und Frieden. Alles in Ordnung. Alles okay.
Und so lief die Zeit. Für Jeremy noch ein letztes Mal in den Frühlingsferien am Frühlingslager teilnehmen. Ich noch ein letztes Mal mithelfen in der Küchencrew. Dann, im Juni, der 14. Geburtstag von Jeremy. Über mehrere Jahre hatten wir seinen Geburtstag im Wald, zusammen mit seinen Gschpändlis von der Schule und Elias, unserem Nachbarsjungen, gefeiert. Mit dabei selbstgebackener Kuchen und Getränke. Dies alles «eingepackt» in einem Leiterwagen, den wir von Manuele bekommen hatten. Die Kinder waren herumgerannt, hatten Verstecken gespielt, Räuber und Poli, Kuchen gegessen und Sirup getrunken. Die Zeit war immer sehr schnell vorbei gegangen und alle hatten ihren Spass gehabt. Irgendwann hatte das Jeremy nicht mehr so richtig gewollt, und diese «Ära» hatte geendet. Im Jahr 2024, an seinem 12. Geburtstag, waren wir dann mit drei Schulkameraden ins Kino Abtwil gefahren, um uns einen Film anzuschauen. Zuerst wäre noch eine andere Option im Vordergrund gestanden. Nämlich zu unserer Badewiese fahren, mit dabei das Standup-Paddel, und den Nachmittag am und im Wasser verbringen. Doch das Wetter hatte nicht mitgespielt. Und so hatten wir ziemlich kurzfristig unser Programm umgestalten müssen. Im Jahr darauf hatte ich ihm den Vorschlag gemacht, er könne ja jemanden zum Mittagessen einladen. Er hatte nicht so richtig gewollt und ich hatte nicht mehr weiter nachgefragt. Schlussendlich war das Ganze im Sand verlaufen. Was bis zu seinem diesjährigen 14. Geburtstag nie geendet hatte, war der «obligate» Geburtstagskuchen, bzw. die Geburtstagsmuffin, für seine ganze Klasse. Ob dies in der Oberstufe noch weitergehen wird liegt in den Sternen, … Wir werden sehen!
Ein grosser Moment war für mich meine erste Lesung meiner beiden autobiographischen Bände von „Ein bunter Strauss voller Leben“, die am 9. Mai dieses Jahres bei uns in der Bibliothek Speicher stattfand. Roman half mir meinen prämierten Text, mit Hilfe seines Computers, an einen deutschen Verlag zu schicken, der mir zwei Bücher daraus anfertigte. Es kamen nochmals einige Stunden zusammen, wo sämtliche Köpfe „rauchten“, bis das Endprodukt schliesslich, im wahrsten Sinn des Wortes, richtig im Kasten bzw. im Computer war und, via Plattform des Verlages, an diesen hatte geschickt werden können. Es ging auf, und an diesem 9. Mai dann stellte ich meine beiden Bücher, in einem wunderbar geschaffenen kleinen, herzlichen und familiären Umfeld, meinem Publikum vor. Ich war nervös, sehr sogar. Jetzt sass ich da, erzählte aus meinem Leben. Persönlich und nah. Eine doch nicht gerade alltägliche und „normale“ Situation. Von meiner Familie kam nur meine Mutter und drei ihrer Geschwister, teilweise mit Partner. Mein Vater, der sehr gerne gekommen wäre, war zu dieser Zeit noch in der Reha. Er hatte sich zwei Wochen zuvor einer Knieoperation unterziehen müssen. Doch hatte ich das gewusst, denn ich hatte sowohl ihn als auch meine Mutter und meine Schwester mit einer ganz persönlichen Einladung, die ich ihnen gut drei Wochen zuvor per Post zugeschickt hatte, zu meiner Veranstaltung eingeladen gehabt. Meine Schwester sagte mir, aus beruflichen Gründen, zwei Tage zuvor telefonisch ab. Ich nahm dies zur Kenntnis. Es war ja freiwillig, …
Meine Lesung verlief wunderbar und ich bekam danach, bei einem kleinen Apéro mit selbstgebackenem Kuchen meiner Mutter, Schinkengipfeli, Kaffee und Mineralwasser, sehr viel Lob. Ich war erleichtert. Sehr sogar. Und war meiner Mutter für ihre Mitorganisation sehr dankbar, was ich ihr auch sagte. Ebenfalls konnte ich all meine mitgebrachten Bücher unter den Mann/die Frau bringen. Am Ende des Nachmittages, als sich alle verabschiedet hatten und der kleine Saal wieder aufgeräumt war, hatte ich keine mehr. Meine ganze Veranstaltung war, für mich, ein sehr schöner „Erfolg“ gewesen.
Nach den Sommerferien wird es weitergehen. Mit dem dritten, und vorerst letzten Teil meiner autobiographischen Geschichte werde ich Mitte November in St. Gallen sein. Laufend unter dem Titel „Wenn das Herz den Frieden findet“ werde ich in der DenkBar und in der Lokremise diesen letzten Teil einem weiteren Publikum vorstellen. Ich bin sehr gespannt und freue mich ebenso sehr darauf!
Die Tage und noch letzten wenigen Wochen bis zu den langen Sommerferien gingen dahin und es wurde in der Schule doch etwas «lockerer». Drei Tests gab es noch, wofür wir auch lernten doch, schien mir, der «Gesamtdruck» war nicht mehr so gross. Das Ende der gesamten Primarschulzeit rückte in greifbare Nähe. Sieben Jahre, die sehr intensiv gewesen waren. Tränen der Wut, der Enttäuschung und der Verzweiflung. Aber auch immer wieder Lichtmomente, die mich, als Jeremys Mama, darin bestärkt hatten, das Richtige, in jenen Momenten, getan zu haben. Bleistifte waren geflogen, Stühle wurden heftig zurückgeschoben, Zimmertüren zugeknallt. Doch immer fanden Jeremy und ich uns wieder. Ein grosses Danke gilt auch Jeremy dafür. Und ist keine Selbstverständlichkeit. Ich hoffe, als Jeremys Mama, das wird immer so bleiben.
Und schliesslich war der Tag da, an dem es galt Abschied zu nehmen. Der allerletzte Schultag als Primarschüler. Die obligate Verabschiedung. Der Gang aller Schüler, einzeln aufgerufen, über den «roten Teppich». So wie sie einst über den «roten Teppich» empfangen worden waren, wurden sie an diesem Tag auch offiziell über diesen «roten Teppich» verabschiedet. In ein neues Kapitel ihres eigenen Weges. Ich stand da, während Jeremy «abklatschend» durch die Reihe der spalierstehenden Schüler der gesamten Primarschule lief. Mit einer Rose in der Hand. Jetzt war es soweit, die erste Teiletappe der Gesamtschulzeit war vorbei. Ein nächstes, sehr prägendes und vor allem zukunftsentscheidendes Kapitel würde auf uns warten. Die Oberstufe. Am Abend zuvor, als ich im Bett gelegen hatte, hatten mich doch einige Gedanken beschäftigt gehabt: Was würde nun auf uns zukommen, nach den Sommerferien? Wie lange würde ich Jeremy in den schulischen Fächern noch unterstützen können? Wie würde das mit dem Schnuppern laufen? Wie die Lehrstellensuche? Wie emotional würde der morgige Tag sein? Wie oft in den vergangen Primarschuljahren hatte ich gedacht, wann hat das alles ein Ende, wie lange MUSS ich noch? Und nun würden diese sieben Jahre am nächsten Tag um sein. Wie doch irgendwie die Zeit vergangen war……
Als ich Jeremy nun so sah, wie er da durch die Reihe lief, mit der Rose in der Hand, musste ich mir doch ein paar Tränen wegwischen. Manuele stand neben mir. «Ach, Scheisse, ich habe gehofft, ich kriege es ohne Tränen hin», murmelte ich halblaut vor mich hin. Manuele sah mich an und lächelte. «Ach, das ist doch nicht so schlimm», meinte er beruhigend. «Ich muss zum Ende der Reihe, damit ich noch ein paar schöne Fotos schiessen kann!» Mit diesen Worten nickte ich ihm zu und lief zum Ende der Reihe, wo ich Jeremy, mit ein paar gelungenen Fotos, in Empfang nahm. Wir hatten es geschafft!
Wie ich mit Manuele zuvor schon abgemacht hatte, als wir uns mit anderen Eltern vor dem Schulhaus getroffen hatten, schoss er auch noch ein paar Erinnerungsfotos mit mir und Jeremy. Unter einem grossen schönen Baum, gleich neben dem Sportplatz vor dem Schulgebäude. Auch ein gemeinsames Foto mit Jeremys Klassenlehrerin durfte nicht fehlen. Ich verabschiedete mich von den Lehrpersonen und dankte ihnen für ihr Verständnis und ihre Begleitung unseres Weges. Danach gönnten wir uns ein Mittagessen im Café Böhli, gleich beim Bahnhof. Die Sommerferien konnten beginnen! Und unser 4-tägiger Kurztripp nach Locarno, zusammen mit Rahel und ihrem Mann, konnten ebenfalls kommen. Wir waren startklar!
Noch am gleichen Abend ging Jeremy an die Abschlussfeier seiner Klasse, die im Schützenhaus hier in Speicher stattfand. Das Motto für diese Party: Ganz in weiss! Ziemlich kurzfristig hatten wir uns dafür noch etwas einkleiden müssen. Weisses T-Shirt und weisse Hose hatten wir noch schnell kaufen müssen. Nun stand er da, vor mir, in seinem Ausgangsoutfit. Ich lächelte leise vor mich hin. Ja, der Lauf der Zeit. Er war gross geworden. Mittlerweile grösser als ich. Ein Jugendlicher. Ein Teenager. Und auch hier musste er ein kleines Fotoshooting über sich ergehen lassen, was mit einem gewissen Unmut zur Kenntnis genommen wurde. Ein historischer Moment, der als Erinnerung festgehalten werden musste! Und dann war es 17.45 Uhr. Zeit, sich auf den Weg ins Schützenhaus zu machen, wo um 18.00 Uhr die Party steigen würde. Bis 22.00 Uhr. «Na, dann wünsche ich dir ganz viel Vergnügen und ich werde dich, wie besprochen, um 22.00 Uhr schnell abholen kommen. Und ich werde auch nicht bis vor das Schützenhaus fahren, weil ich ja nicht möchte, dass es dir peinlich ist. Okay?» Ich zwinkerte ihm lächelnd zu. Er nickte und verzog das Gesicht. Die Botschaft darin: Oh, Mama, du bist so peinlich!!! Mich amüsierte das.
Als er dann aus der Haustür trat und ich aus dem Küchenfenster sah, wie gewöhnlich, musste er mir nochmals kurz seine Aufmerksamkeit schenken. Auch dieser Moment, wie er davon lief, Richtung Schützenhaus, musste fotografisch festgehalten werden! Diesmal sprach sein Gesichtsausdruck Bände. Und wie ich ihm dann anschliessend so hinterher sah, wie er seines Weges ging, musste ich wieder leise vor mich hinschmunzeln. Was würde uns nach den Sommerferien erwarten?
Er war schon längst aus meinem Blickfeld verschwunden, lehnte ich immer noch aus dem Küchenfenster und dachte nach. Liess die vergangenen Jahre nochmals etwas in Gedanken an mir vorbeiziehen. Es freut mich immer mehr zu spüren, dass Jeremy in seiner persönlichen Entwicklung vorwärts schreitet. Seine Stimme wird lauter, die Diskussionen interessanter, intensiver und manchmal auch etwas heftiger. Und es scheint mir, dass Jeremy meine Grenzen doch auch immer etwas mehr versteht. Und sie in manchen Dingen allerdings auch auslotet. Und doch gibt es den «Grundrahmen». Das, wofür ich, seit Jeremy auf der Welt ist, eingestanden bin und einstehe. Und das, was ich ihm versuche vorzuleben. Fairness, Ehrlichkeit, Wertschätzung dem Gegenüber, was ist und den Mut, für seine Überzeugung einzustehen. Und seinen eigenen Weg zu gehen. In sich selbst sicher und ruhend.
Noch immer sind da allerdings auch diese versuchten Machtspiele von Seiten des Kindsvaters. Wie zum Beispiel das «Vorschieben» von Jeremy, wenn es um irgendwelche Zeiten geht, die schon lange abgemacht wurden. Oder Jeremy für seine «Zwecke» missbraucht, um mich danach wieder als «Böse» oder «Sture» hinstellen zu können. Ob es mit Lügen Jeremy gegenüber sind oder wie auch immer. In all den vergangenen Primarschuljahren erachtete er es sehr, sehr selten, bis gar nicht, als nötig, an irgendwelchen Schulveranstaltungen von Jeremys Klasse dabei zu sein (meine Mutter, mein Vater und auch meine Schwester hingegen schon). Einst erzählte mir Jeremy, er hätte einmal zu ihm gesagt, ob er wirklich kommen und dabei noch extra diesen langen Weg auf sich nehmen müsse. Jeremy hatte daraufhin nichts mehr gesagt, wie er mir später erzählt hatte. Wird dies jemals ändern? Wird ein solcher Mensch sich jemals ändern? Ich denke nicht. Als Mama, für Jeremy, tut mir das nach wie vor weh. Und wird es auch immer tun. Als Nicole finde ich es einfach nur daneben.
Im Moment steht eine neue Debatte diesbezüglich auf der Liste. Die Weiterführung der SPF. Genau wie einst bei Noah bin ich nie zusammen mit Frau Merini und dem Kindsvater zusammengesessen, um gemeinsame Gespräche bezüglich rund um Jeremys Erziehungsarbeit und Verantwortung zu führen. Denn sie würden (noch) nichts bringen. Dies ist nicht nur mein Statement. Es ist und war das Statement einst von Noah, jetzt von Frau Merini. Was kommt, weiss ich nicht. Was für «Tricks» der Kindsvater versuchen wird, um mich, einmal mehr, in der Öffentlichkeit und bei den Behörden als «die Sture» hinzustellen, weiss ich ebenfalls nicht. Ich denke, er wird es versuchen. Wie in all den Jahren zuvor. Doch habe ich mich diesbezüglich «abgesichert». Sowohl Frau Merini als auch Jeremys Beiständin wissen, was für eine Nachricht ich vom Kindsvater erhalten habe. Und sie wissen auch, was ich darauf geantwortet habe. Schriftlich. Die schriftliche Antwort habe ich zusammen mit Frau Merini verfasst. Und später abgeschickt. Und sowohl Frau Merini als auch Jeremys Beiständin eine Kopie vom gesamten Verlauf dieser Kommunikation zwischen dem Kindsvater und mir zukommen lassen.
Und nun sitze ich da, am Laptop, und schreibe meine letzten Zeilen dieser, meiner, unserer Geschichte. Immer wieder schaue ich zwischendurch aus dem Balkonfenster und sehe weisse Wolkentrauben vorbeiziehen. Es werden neue Herausforderungen kommen. Jeremy wird langsam zu einem jungen Mann. Mit allen äusseren Veränderungen, die diese Entwicklung mit sich bringt, und in seinem Inneren. Für mich ist es jetzt noch an der Zeit, das Letzte «loszulassen». Der letzte «Schleier» einer Vergangenheit, die ihre Geschichten schrieb. Und während mir still und leise ein paar wenige Tränen die Backen hinunterlaufen, wird das zu meiner ganz persönlichen Stärke. Für all jene Geschichten in meiner Vergangenheit, die wichtig waren, um an diese Stelle zu gelangen: Wenn das Herz den Frieden findet.
Ende

Ein ganz guter Freund sagte, noch nicht vor langer Zeit, wenn ich beim Ende wäre, würde er mir einen Schlussepilog wärmstens empfehlen. Da er selbst früher für die NZZ Artikel schrieb, schien mir das ein sehr wichtiger Hinweis zu sein. Wir diskutierten darüber. Mehrmals. Und ganz ehrlich: es machte mir doch etwas Kopfzerbrechen. Die Leidenschaft für das Schreiben habe ich schon seit meiner Kindheit und Jugend, und im Normalfall muss ich nicht nach Worten suchen. Sie finden mich. Zum richtigen Zeitpunkt. Ein Epilog, fand ich, ist allerdings schon etwas ganz anderes. Ein anderes «Kaliber». Und doch fand ich den Anstoss dazu sehr passend. Ein sogenanntes «Grande Finale» zum Abschluss. Nun denn, so stelle ich dieses allerletzte Kapitel unter den Stern meiner ganz «persönlichen Rückblende». Und schaue aus der Vogelperspektive auf meine vergangene Reise zurück. Aus zwei Blickwinkeln: als ich, Nicole Stacher, und als alleinerziehende Mama Nicole Stacher.
Wenn ich heute Kinder sehe, dann erfüllt es mich mit grossem Stolz, dass ich meine Fantasie einst als Kind in einem grossen Garten ausleben konnte und durfte. Mir scheint, dass das «Wesentliche» doch einst einmal, in meiner Kindheit, einen sehr grossen Stellenwert hatte. Im Gegensatz zu heute. Wir konnten wahrlich noch Kinder sein. Was heute, wie mir scheint, doch mehr und mehr verloren geht und gegangen ist. Von den vielen «Freizeitbeschäftigungen» und sonstigen Angeboten, die einen heute manchmal fast «erschlagen», so kommt es mir oftmals vor, hatten wir in unserer Kindheit und Jugend einen Bruchteil davon. Und wir waren «glücklich» damit. «Glücklicher», finde ich, als die Gesichter der Kinder und der Jugendlichen heute vermehrt erscheinen. Wenn ich in diese Gesichter schaue, begegnet mir oftmals, so habe ich das Gefühl, eine Art von «Leere». Diese Entwicklung finde ich sehr besorgniserregend. Die zwischenmenschlichen Beziehungen verblassen mehr und mehr, die digitalen Medien nehmen anstelle davon ihren Platz ein. Unter dem heutigen Blickwinkel als Mutter erfüllt es mich mit einer gewissen Unruhe. Über Jahre habe ich diesem «Trend» in meiner Erziehung doch immer wieder etwas entgegengewirkt. Mir ist klar und ebenso sehr bewusst, dass die digitalen Medien aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken sind. Doch wie weit sind wir mittlerweile schon von ihnen «abhängig»? Und KI ist nur ein Thema davon. Hand aufs Herz: auch ich habe KI benutzt beim Schreiben meines autobiographischen Werkes. Allerdings NUR bei den Titeln der einzelnen Kapitel. Und auch dabei habe ich teilweise, aus dem mir Vorgeschlagenen, einen eigenen Mix gemacht. Ich möchte ganz und gar nicht alles schlecht reden, was uns die digitalen Medien in den letzten Jahren gebracht haben. Nur steckt dahinter, meiner Meinung nach, auch die Gefahr in etwas «hineinzugeraten», was uns innerlich vereinsamen lässt und nicht mehr der Realität entspricht. Und diese Gefahr sehe ich allgemein bei den heutigen Kindern und Jugendlichen. Sie sind so Vielem «ausgeliefert», was meine Generation, als Gleichaltrige, nicht gekannt hat. Ich habe mit Jeremy über Jahre, und tue es immer noch, immer wieder Gesellschaftsspiele gespielt. Ebenso meine Schwester mit ihrer Familie, mein Vater, meine Mutter, ihr Nachbar, Jeremys Patenonkel oder Patentante mit Familie. Stunden sassen wir zu zweit, dritt, viert, fünft, sechst oder mehr am Tisch und liessen uns von «Uno Flip», «Biberbande», «Lobo77», «Skip.Bo» und einigen mehr in ein Spielfieber versetzen, das Generationen miteinander verband und verbindet. Das nennt man, aus meiner Sicht, als Mensch und als Mutter, Zusammengehörigkeit. Sozialkompetenz. Sozialer Dienst. Und auch den Boden, den jedes Kind braucht: «Urvertrauen» und Gemeinschaft. Auch wir standen damals unter einem gewissen schulischen Druck. Doch dieser Druck liess uns nicht in irgendeiner Form «zusammenbrechen». So wie, wie mir scheint, dies in der heutigen Zeit vermehrt der Fall ist und man auch immer wieder davon hört. Burnout, ein Beispiel. Nicht bloss in der Welt der Erwachsenen.
Obwohl, aus heutiger Sicht betrachtet, das Verhältnis zu meiner Familie mich doch sehr geprägt hat, hatte ich den «Halt» in meiner «überlebenswichtigen» und starken Fantasie. Das Verhältnis zu meiner Familie war gespalten. Gespalten von Vorstellungen, denen ich, im Gegensatz zu meiner Schwester, nicht entsprechen konnte und wollte. Diese Diskrepanz verschaffte mir viel Ärger, Wut, Traurigkeit und ein Gefühl des «Versagens». Heute, als erwachsene Frau, sehe ich dies als sehr gutes, wenn auch unschönes, Fundament für meinen doch sehr facettenreichen Lebensweg. Ich glaube nicht, dass sich die Vorstellungen meiner Familie und meine eigenen jemals decken werden. Doch im Gegensatz zu vielen Jahren, die mir diesbezüglich immer einen Stich versetzt hatten, tut mir dies jetzt nicht mehr weh. Für diese «Heilung» waren Jana und ihre Mutter Charlotte die Schlüsselfiguren. Der Ursprung meines autobiographischen Werkes war die Aufarbeitung vieler jahrelanger versteckter «seelischer» Wunden, die niemals an die Oberfläche gekommen waren. Es war ein «Therapieprojekt» (auch wenn ich dieses Wort nicht wirklich gerne höre). Ein «Befreiungsschlag» von ganz, ganz Vielem. Angefangen bei Charlotte, auf Papier gebracht durch den Anstoss von Jana. Dass dies zu einer Auszeichnung führen würde, elf Jahre danach (die erste «Rohfassung» schrieb ich in meinem 33. Lebensjahr), erfüllt mich heute mit grosser Dankbarkeit und Freude. Und ist wahrlich ein Meilenstein in meinem doch noch «jüngeren» Leben.
Ein wichtiger Punkt erscheint mir auch, gestützt auf meine «Rückblende», dieses Gefühl des «Versagens», das ich Jahre mit mir herumschleppte. Aus heutiger Sicht als Mutter war es mir, und wird es immer sein, ein sehr, sehr grosses Anliegen, dass Jeremy davon verschont bleibt und hoffentlich auch weiterhin bleiben wird. Ich sagte, und sage immer wieder mal zwischendurch zu Jeremy»: Was ich von dir erwarte ist, dass du dein Bestes und dir Mühe gibst. Dass du dich sauber, pflichtbewusst und gut darauf vorbereitest. Egal auf was. Die Note interessiert mich herzlich wenig. Doch hol das Beste aus dir raus! Und wenn es dann halt trotzdem in die Binsen geht, nun, das kann passieren. Es läuft nicht immer alles glatt, jetzt nicht, später nicht und auch nicht, wenn du das Erwachsenenalter erreicht hast. Natürlich freue ich mich über eine gute Note, doch noch mehr freue ich mich, wenn du für dich sagen kannst «ich habe das Beste aus mir herausgeholt». In allem, was du tust. Eine Note ist eine Momentaufnahme und sagt NICHTS über den Menschen aus, der sie geschrieben hat. Wie bist du als Mensch? Das ist eine ebenso wichtige Frage und ein ebenso wichtiger Aspekt, den es immer wieder zu reflektieren gilt! Denn im Endeffekt kommt es auf das Gesamtpaket an!» Heute würde ich behaupten, dass Jeremy dies in den vergangenen Jahren doch schon sehr gut verinnerlicht hat. Es erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit, dass wir uns, wenn es halt mal zwischendurch «nicht mehr ganz so geklappt hat», immer wieder gefunden haben, um gemeinsam den Weg weiterzugehen. Auf eine positive Art und Weise. Wir alle sind keine Maschinen, wir sind Menschen! Doch sich dessen richtig bewusst sein oder bewusst werden, was man tut, egal in welcher Lebenslage, ist für mich eine weitere und entscheidende wichtige Erkenntnis aus meinem Lebensweg. Als alleinerziehende Mutter und als Mensch.
Der zweite Punkt, auf den ich nun zurückblicke, hat mit Verlust zu tun. Mit nur gerade mal 11 Jahren einen Menschen loslassen und verlieren zu müssen, der für einen ein, neben der Fantasie, wahrlich fester «Fels in der Brandung» war, hinterlässt ein tiefes seelisches Trauma. Erst durch mein Schreiben lernte ich dieses Trauma loszulassen und richtig einordnen zu können. Aus heutiger Sicht sehe ich mein jahrelanges Verhalten Menschen gegenüber als eine Art von Schutzmechanismus, aus einer Art von Schock heraus, der mich viele, viele Jahre begleitete. Und den ich bei jedem Menschen anwendete, der mir begegnete und sich mir, auf eine ehrliche Art und Weise, nähern wollte.
Wir können unseren Kindern nicht alles «abnehmen». In manchen Dingen leider. Auch Jeremy musste, und muss mit einer Art von «Verlust» umgehen, auch wenn ich immer noch, auch nach mittlerweile zwölf Jahren, mehr als davon überzeugt bin, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Und zwar für unser beider Wohl. In jeglicher Art und Weise. Ich konnte Jeremy vor gewissen Situationen, aufgrund meines damaligen Entscheides, «bewahren». Doch irgendwo war und bleibt wohl in Jeremys Herzen eine Art von «Verlust». Und diesen «Verlust» kann ich ihm leider nicht abnehmen. Auch wenn ich es noch so gerne täte. Doch bin ich immer noch davon überzeugt, dass er die Gründe eines Tages verstehen wird. Aufgrund seiner eigenen zukünftigen Erfahrungen mit dem Kindsvater. Auch diese kann und will ich ihm nicht abnehmen. Rückblickend, als alleinerziehende Mama, war es in manchen Dingen eine «harte Lebensschule». Auch für Jeremy. Und das schon ziemlich früh. Und es wird weiterhin so bleiben. Als Mama von Jeremy tut mir das für mein Kind weh und ebenso enorm leid. Als Person Nicole Stacher finde ich es armselig, das sogenannte «eigene Kind» für ein «Spiel» zu missbrauchen, aus meiner heutigen Sicht, das nur darauf abzielt, sich selbst zu brüsten. In jeglicher Art und Weise. Was mir in der Vergangenheit blieb, momentan bleibt und in Zukunft bleiben wird, als Mama und als Mensch Nicole Stacher, wenn es seinen Tribut fordert, ist das, was ich schon seit Jahren tue: Da sein. Da bleiben. Ausharren. Und eine offene Schulter zeigen, an der Jeremy sich anlehnen kann. Wenn er dies möchte. Auch als angehender junger erwachsener Mann.
Der dritte Punkt, auf den ich zurückblicke, sind Beziehungen im Allgemeinen. Meine Freiheit und meine Eigenständigkeit, auch mit meinen bald 46 Jahren, ist und bleibt für mich, als Nicole Stacher, ein Privileg, das ich nicht mehr aufgebe. Und dies ist etwas, was ich mir für meine ganz persönliche Zukunft auch nicht mehr nehmen lasse. Als Mama eines 14-jährigen Teenagers erscheint es mir sehr wichtig, dies auch meinem Kind weiterzugeben. In jeder Art von Beziehung ist die Freiheit und Eigenständigkeit eines jeden enorm wichtig. Und ebenso die Zuneigung, die Wärme, das Wohlwollen und der Anstand und Respekt dem/der Anderen gegenüber. Wenn ich rückblickend auf die Beziehung mit dem Kindsvater schaue, ziehe ich keine sehr schöne Bilanz. All jene Facetten, die es für eine, wie mir scheint, lange glückliche Beziehung braucht, waren nicht wirklich vorhanden. Natürlich macht auch die glücklichste Beziehung nicht vor gewissen Meinungsverschiedenheiten und manchmal vielleicht nicht vor den gleichen Vorstellungen halt. Dazu sind Frauen und Männer schon rein evolutionsbedingt zu verschieden. Und seien wir doch mal ehrlich: wenn es zwischendurch nicht mal wieder etwas «kracht», stimmt auch was nicht (was jedoch nicht heisst, dass es einfach nur «krachen» muss, damit es mal wieder «gekracht» hat).
Jede Art von Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit, Ehrlichkeit und einem Grund-Miteinander. Und ich finde es enorm wichtig, diese Gegenseitigkeit, diese Ehrlichkeit und dieses Grund-Miteinander auch Jeremy aufzuzeigen und vorzuleben. Einst sagte mein Vater zu mir: «Erziehung ist Vorleben. Alles andere ist Dressur.» Ich habe das nie vergessen. Als Mama von Jeremy tut mir auch das für ihn sehr leid und weh, dass ich ihm mit dem Kindsvater kein anständiges Miteinander vorleben konnte und kann. Ich rutschte in eine Art von Abhängigkeit, die ich hasste und wofür ich, aus heutiger Sicht, nichts bekam. Diese Beziehung stand, rückblickend, unter keinem guten Stern. Von Anfang an. Zu gross waren, und sind immer noch, die Unterschiede der Weltanschauung und sonstigen Wertvorstellungen. Und diese Diskrepanz hat so manches Unschönes mit sich gebracht. Auch für Jeremy. Und ist, trotz allem, wie ich finde, auch eine Art von «Lebenslektion» für ihn, aus der er für seine eigene Zukunft etwas ziehen kann. Auf eine stärkende Art und Weise. Für ihn und in ihm. Ich hoffe und wünsche ihm das. Von ganzem Herzen.
Das «Ende» mit Noah, oder wie man es auch immer bezeichnen will, erfüllt mich, auch heute noch, mit sehr grossem Bedauern. Was geschehen war, hätte so nicht geschehen dürfen. Und damit stelle ich auch die KESB Herisau in Frage. Als Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde bekannt. Nur, wo bleibt da manchmal dieser sogenannte «Schutz»? Auch in dieser Organisation arbeiten Menschen, die manchmal vielleicht auch nicht wissen, wie weiter. Stellen sich Fragen nach dem Warum und Wieso. Sie halten sich, von Berufes wegen, an die ihnen vorgegebenen Richtlinien und Paragraphen. Nur, wie «wertvoll» ist der Mensch, der sogenannte «Kunde», dabei? Rückblickend wage ich immer noch zu bezweifeln, was dieser sogenannte «Schutz» in deren Augen bedeutet. Ich frage mich manchmal heute noch: was muss noch passieren, damit irgendetwas passiert? «Wunden» gibt es viele. Und sind nicht immer sofort sichtbar. Doch, so scheint mir, was bleibt, bis diese vielen Paragraphen abgearbeitet sind, ist nichts mehr. Es verläuft im Sand. Ein Schulterzucken. Oder ein «Verstecken» hinter einem weiteren Paragraphen, weil im Grunde genommen gar nicht gewusst wird, was man tun müsste. Wie wertvoll sind da doch, in so mancher heiklen Angelegenheit, eben wieder diese Paragraphen und gesetzlichen Leitlinien. Verantwortung kann auch damit herrlich «abgeschoben» werden.
Knapp die Hälfte meiner persönlichen Reise, in der Rolle als Nicole und der als alleinerziehende Mama, habe ich hinter mir. Unter dem Strich blicke ich auf eine erlebnisreiche, facettenreiche und sehr lehrreiche Zeit zurück. Jeder Mensch, der mir in meinen vergangenen bald 46 Jahren begegnet ist, hat seinen Teil dazu beigetragen, mein persönliches, inneres Wachstum zu fördern. Und mir selbst näher und näher zu kommen. Es sind die weniger schönen Momente, die einem die Chance dazu geben, aus sich heraus «wachsen» zu können und aus den Aufgaben, die manchmal so unsagbar «schwer» und «nicht lösbar» erscheinen, das Beste herauszuholen. Ich blicke mit Dankbarkeit und Stolz auf meinen Weg zurück. Auch wenn es nicht der Einfachste gewesen war und noch weitere Lebens-Challenges auf mich warten. Als Nicole und als alleinerziehende Mama. Ich blicke auf meinen Mut zurück, ich blicke auf meine Zähigkeit und meinen Durchhaltewillen zurück. Und ich blicke auch auf meinen tiefen Fall zurück, der mir die einmalige Chance gab, meinen Weg in eine etwas andere Richtung zu lenken. Ich habe diese Chance ergriffen und bin weiter gekommen, als ich geglaubt habe. Wenn das Herz den Frieden findet.
Und so schliesse ich nun diese Rückblende aus meiner Vogelperspektive ab. Und sage «Danke». «Danke» jenen Mächten, die uns, so glaube ich, doch immer wieder irgendwie den Weg weisen, auch wenn wir im grössten Sumpf stecken. Und nicht bloss an uns zweifeln, sondern auch an der ganzen Menschheit und der ganzen Welt. Mein einstiger Konfirmandenspruch war, bzw. ist: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!
In diesem Sinne: hören Sie niemals auf, an das Gute zu glauben. Und ebenso an die Gerechtigkeit. Sie ist da, und wenn (noch) nicht, gibt es da noch etwas, was getan werden muss! Hören Sie auf das, was in jedem von uns steckt. Unsere «innere» Stimme. Verbunden mit unserem Verstand. Ein ewiger Kreislauf, der, meiner Meinung nach, in Balance gehalten werden muss und niemals an Achtsamkeit verlieren darf.
Herzlich, Nicole Stacher





