Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212

Jammer-jammer-jammer. Kleines, mach, wonach dir der Sinn steht, höhnte die Zickenstimme in ihr.
»Demzufolge einen Roman schreiben?«
Tu es! Innere Kommunikation? Wer braucht die? Spirituelle Arbeit? Überbewertet! Ergo, tritt das Tor ein, auf dem ›Fantasie‹ steht, und stürz dich ins Vergnügen!
Zwischen den Umzugskartons stehend, gestand Jill sich ein, dass es ausgesprochen verlockend war, ihre Biografie kurzerhand auf Eis zu legen.
Schätzchen, was heißt auf Eis legen? Reicht es dir nicht, den Sumpf einmal durchwatet zu haben?
»Aber …, den ersten Teil zu erarbeiten, hat mir gutgetan und er …«
Bla, bla, bla. Der alte Tattergreis schnattert zu gern. Ich geb dir einen kostenlosen Rat, und den musst du dir nicht erarbeiten wie bei ihm: Genieß das Leben, lass die Sau raus und deine Vergangenheit hinter dir, und meide es, über seine unergründlichen Wege zu stolpern. Das ganze Seelenfrieden-Gequatsche ist Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Vertrau mir, das Leben ist zu kurz. Kapiert?
»Sag, bist du der Teufel im Rock?«
Es gibt keinen Teufel, das hat er dich gelehrt. Und ob es IHN gibt, ist obendrein fraglich. Sagen wir es so; ich bin eine Freundin, die es gut mit dir meint.
Allmählich fingen bei Jill sämtliche Alarmglocken an zu bimmeln. »Eine Freundin, deren Äußerung einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.«
Werd jetzt nicht patzig!, fauchte die Zicke und verschwand aus Jills Kopf.
Fakt war, Jill hatte durchaus vorgehabt, ihre Biografie auf Eis zu legen. Bedauerlicherweise war ihre Drogenzeit vergleichbar mit einer kleinen, toten Spinne, welche in einer Ecke an der Decke hängt, und logischerweise hängt das Mistviech vorzugsweise dort, wo schwerlich ranzukommen ist. Doch weil du selten in die Ecke guckst, stört dich der Anblick anfangs kaum. Hast du jedoch erst Notiz von dem toten Ding genommen, kannst du lediglich sagen ›dumm gelaufen‹, denn fortan wirst du, noch bevor du die tote Spinne siehst, denken: ›Sie hängt beharrlich in der Ecke!‹.

Beim Zollhaus wunderte sich Jill, dass der Beamte – offenkundig verspürte er keinerlei Verlangen, aus seiner kleinen Hütte herauszukriechen – wild mit seinen Armen herumwedelte. Sie kam zum Schluss, dass ihr eine überschwänglichste Begrüßung zuteilwurde. Insofern gestikulierte sie in gleicher Manier zurück, und wurde umgehend hindurch gewunken. Auf dem Parkplatz, wo ihr Freund und sein Kollege sie mit ihrem PW und den Hunden empfingen, ertönte es begeistert: ›Das war genial! Willkommen in Italien‹. Daraufhin hob Jill die Zollpapiere hoch und erwiderte, dass sie zuerst ihre Waren verzollen müsse, worauf sie aufgeklärt wurde, dass sie soeben dort durch den Zoll gefahren sei, wo ausschließlich leere Camions durchfahren dürfen. Aha! Das Herumfuchteln des Beamten war demnach kein landesüblicher Willkommensgruß, der Mann wollte wissen, ob ihr Gefährt leer ist. Hätte er den Laster anstelle von Jill inspiziert, wäre ihm aufgefallen, dass der aus allen Nähten platzte und die Blache sich ausbeulte. Sie buchte den Vorfall als positives Omen ab – und lag absolut daneben.
Und so tingelte Jill Grey im November 2008 Richtung ligurische Küste, Italiens Blumenparadies. Auf sie wartete ein Haus an einem Berg, mit Sicht aufs Meer. Fazit: Das Leiden in den kalten Wintern würde für sie ein Ende haben! Ein weiterer Irrtum.
Nach zwei Stunden war der Laster leer und praktisch sämtliche Quadratmeter im Haus mit Schachteln zugepflastert. Bei der Aussicht auf ein Haus mit Meersicht, inklusive 3000 m2 eingezäuntem Land, einer Terrasse und zwei Sitzplätzen, drückt man bei den Quadratmetern beide Augen zu. Doch plötzlich waren ihre Augen weit offen und sie sah sich mit einem schier unlösbaren Problem konfrontiert.

In den kommenden Wochen fand Jill heraus, was ihr Schuhkarton zu bieten hatte, um sie, die unbesiegbare Kriegerin, in die Knie zu zwingen. Getrost konnte sie behaupten, dass ihr Haus mit der Wirtschaftslage des Landes zu vergleichen war: ein Fass mit durchgerostetem Boden.
In den zwei kleinen Zimmern und im Flur befanden sich Gasöfen. Der kleine Wohnraum hatte ein Cheminée. All das vermittelt ein Bild von ausreichend Heizungsmöglichkeiten. Alle Räume im Winter mit Gas warmzuhalten, überstieg jedoch schlichtweg ihr Budget, zumal der größte Teil der Wärme nach draußen entschwand. Der erste Winter war ausnehmend nass und kalt, wobei zu erwähnen ist, dass die Steinhäuser niemals, wie Holzhäuser, fähig sind, Wärme zu speichern. Nicht zu vergessen, dass Steinwände und -böden Kälte zusätzlich abstrahlen. Eine Kälte, die Jill in einer Intensität wahrnahm, dass ihre Gelenke über Monate ununterbrochen schmerzten. Tapste sie im Winter mit dicken Socken an den Füßen über den Boden, auf dem sie Teppiche ausgelegt hatte, übermannte sie unweigerlich die Vorstellung, über einen gefrorenen See zu wandern. Ihre Gasöfen, die eine stickige Wärme in den Raum röchelten, gaben ihr zwar eine Illusion von Wärme, doch schaltete sie sie nach vier Stunden ab, war jegliche Wärme innerhalb von Minuten bereits verpufft. Jill war umgezogen, um im Winter das milde Klima des Südens zu genießen, und verflucht, sie fror erbärmlicher als je zuvor in ihrem Leben!
»Ich sitze im kleinen Büro, wo seit drei Stunden der Gasofen auf vollen Touren rattert, und komme mir vor wie ein Eskimo im arktischen Eis; eingepackt in Schichten von Kleidern, einem Schal, Pulswärmern und Wollhandschuhen, bei denen ich die Fingerkuppen abgeschnitten hab, um die Tastatur zu bedienen. Beim Blick aufs Thermometer erschaudere ich: 9 Grad! Aber hey, du bist eine Kriegerin und stellst dich dem Kampf, zumindest, bis dein Kampfgeist der Kälte erliegt.
Sucht der Dauerregen das Land heim, habe ich mitunter den Eindruck, dass, wenn ich mich am Abend auf eine eisig feuchte Matratze lege. Jeder Gegenstand im Haus scheint feucht zu sein, sogar die Wäsche im Schrank. Dann wendete ich die Matratze, um sie auszulüften, und entdeckte an zwei Stellen Schimmel, und der breitet sich gemächlich an den Wänden aus. Super! Kommt der Regen von der Frontseite, an der sämtliche Fenster angebracht sind, läuft das Wasser an diversen Stellen innen an der Wand herunter und bildet Pfützen auf dem Boden. Na prima! Sonst noch was, dass es über den bekackten Schuhkarton zu erfahren gibt?«
Resigniert fuhr Jill den Computer runter. Nein, das entsprach nie und nimmer dem, was sie sich vorgestellt hatte! Just wollte sie draußen Holz für das Cheminée holen und fluchte über die Haustür. Sie war dermaßen verzogen, dass am unteren Teil der Finger durchpasste … und sie ließ sich partout nicht mehr öffnen. Nach fünf Minuten Rütteln und Fluchen gab sie auf. Und das an Feiertagen, logisch. Mit geballten Fäusten hämmerte sie an die Tür und wimmerte leidgeprüft: »Wieso immer ich …?«
Dies ist wahrlich eine unschöne Situation.
»Unschön?«, wiederholte sie schrill. »Das ist wohl eine Untertreibung schlechthin! Ich bin in einem elenden, kalten und schimmligen Schuhkarton eingeschlossen!«
Glück im Unglück. Sieh das Positive!
»Ich bin nicht in Stimmung für deine Weisheiten. Dieser Situation kann ich nichts Positives abgewinnen, darüber hinaus kann ich keinerlei ergründlichen, spirituellen Weg ausmachen, der mich ans Licht, beziehungsweise aus dem Haus führen könnte.«
Ich bezweifle, dass eine Hundeklappe viel mit Spiritualität zu schaffen hat, dennoch hast du eine.
»Natürlich hab ich eine …« Sie studierte die Maße, murmelte versonnen: »Könnte passen.«Tut es.
»’tschuldigung, das Fass ist übergelaufen.«
Nun hatte Jill über die Feiertage das unvergessliche Vergnügen, auf allen Vieren durch ihre Hundeklappe zu kriechen. Selbstredend schüttete es ununterbrochen. Ihren Körper durchzuquetschen und dabei dauernd nasse Hosen zu kriegen, ist unschön, indessen Unmengen von Holz hindurch zu bugsieren, setzte dem Ganzen die Krone auf. Konnte es schlimmer kommen? Das kann es jederzeit.
»Mit dem Cheminée hatte sich ein Traum erfüllt. Tragischerweise lebte das Holz intensiv. Ich bezog es anfangs von einem einheimischen Lieferanten aus Vasia. Eine Hälfte der Lieferung zu jung, hatte Mühe zu brennen und produzierte dementsprechend Rauch. Der Rest, der am Verrotten war, beherbergte Käfer und Ameisenkolonien; lagerte ich das Holz beim Cheminée, bevölkerte sie im Nu das Wohnzimmer. Zudem trocknete ich im Winter die Wäsche um das Cheminée, war sie trocken, durfte ich sie von den Krabbelviechern befreien. Eine weitere Nebenwirkung war keinesfalls angenehmer. Du sitzt am Abend dicht beim Feuer, da dessen Wärme unmöglich den gesamten Raum zu erwärmen vermag, und hoffst, dass der Wind nicht zu stark weht, denn dann kannst du den beißenden Rauch ertragen, der in den kleinen Raum gedrückt wird, oder du schließt die Klappe und frierst. Leider kommt es auch vor, dass der Rauch ins Haus gedrückt wird, egal ob der Kamin gereinigt wurde. Nach ein paar Wochen hast du dich daran gewöhnt, dass deine Kleider, einschließlich denjenigen, welche du frisch aus dem Schrank nimmst, irgendwie geräuchert riechen. Das gab den Anlass, mir den imaginären Rotstift zu schnappen und die ersten Punkte auf der Wunschliste bezüglich des Umzuges, durchzustreichen.
Annehmen, ein Lernprozess, der im Gebirgstal angefangen hat und sich hier auf morbide Weise fortsetzte. Was die mit Hingabe und Liebe gepflegte Pflanzenpracht betraf: Sie hatte den Umzug heil überstanden, dafür raffte der Winter allesamt dahin. Das tat echt weh. Du stehst einem unbesiegbaren Gegner gegenüber, gleichwohl handelst du, damit es dir in deinem Elend besser geht. Ich fing an, die Steinwände mit Tüchern und Decken zu behängen, was eine verzwickte Angelegenheit ist, möchte man Nägel in Steinwände schlagen. Vorzugsweise bröckelte der Verputz herunter und der Nagel krümmte sich wortwörtlich vor Lachen. Die Böden erinnern im Winter an eine Patchwork-Decke, mit Teppichen sowie Decken zugepflastert. Der Wärmekreuzzug war beendet und ich begutachtete das überaus dilettantische Werk; mir fiel lediglich eines ein: ›Hippiekommune‹. Aber hallo, lass dich getrost von der Illusion wärmen.
Am Morgen steht die Kriegerin wie ein geschlagener Hund auf, schlurft ins Bad und du siehst deinen Atem. Dann gehst du in den Wohnraum, wo dich sagenhafte 7 Grad frostig angrinsen, trottest zur Küche und machst Kaffee. Stellst du dich dann unter das Pseudorinnsal von einem Duschstrahl, kommt das Wasser knapp lauwarm; der Durchlauferhitzer taugt bei tiefen Temperaturen nix.
Was ist schlimmer: permanent zu frieren, täglich schmerzende Gelenke oder die Feuchtigkeit und der Schimmel? Alles zusammen ist ein Cocktail, der mir Woche für Woche körperlich und psychisch zusetzte. Ich geriet in einen äußerst desolaten Zustand. Mit einem Trotz kroch ich aus den Abgründen und schrie voller Inbrunst: ›Wirf mir einfach alles vor die Füße, du kriegst mich trotzdem nicht klein!‹ Ich war willens, zu kämpfen. Nun lag es an mir, zu lernen, über all das hinauszuwachsen und mir einen Boden zu erarbeiten, der mich dauerhaft zu tragen vermochte. Und letztendlich gelang es mir, indem ich anfing, kreativ zu arbeiten …«

»Der Verlust meiner Mutter hatte das Unvermeidliche zufolge; ich ersetzte meine Göttin durch Stefan, jegliche Aufmerksamkeit wanderte fortan zu ihm. Mein neues Zuhause war ein kleines Zimmer im Schwesternhaus, dessen Einrichtung ich mit »spartanisch« betiteln würde: ein Einzelbett, ein Tisch mit zwei Stühlen und ein kleines Bücherregal. WC, Dusche und Waschküche waren draußen auf dem Gang.
Ich war fünfzehn und hatte in einem Alters- und Pflegeheim ein Praktikum. Bei der Arbeit blieb ich stets nüchtern. Der Umgang mit den Heimbewohnern war für mich eine noch heile Welt. Nach der Arbeit ging ich oftmals bis spät in die Nacht mit Stefan auf die Gasse und half ihm, Heroin zu verkaufen, beziehungsweise aufzutreiben. Im Gegensatz zu Zürich, wo die Drogenszene ihren festen Platz am See hatte, waren Fixer/Dealer in Basel per se auf der Flucht. Die Polizei führte unermüdlich Razzien durch.
Stefan lehrte mich, Heroin zu strecken, abzupacken und an den Mann zu bringen. Gelegentlich kam es vor, dass nachts Polizisten an unsere Tür hämmerten und ihn suchten. Der war dann logischerweise weg, und ich war ahnungslos, wo er sich aufhielt. In Kürze hatte ich kapiert, dass es zwecklos war, ihn zu fragen. Im günstigsten Szenario sagte er, es sei gesünder für mich, unwissend zu sein, im schlimmsten wurde er wütend. War ich zu Beginn davon überzeugt, ich könne ihm helfen, sah ich bald ein, dass ich ebenso wenig mir helfen konnte.
Das Pflichtgefühl und die Furcht, die Brücke zur Normalität abzubrechen, drängten mich jeden Tag zur Arbeit, und in der Freizeit wich ich nicht von Stefans Seite. Außer er tauchte unter, dann wurde ich krank vor Sorge, blieb dafür clean; ohne ihn war kein Stoff vorhanden und mir kam der Gedanke gar nie, welchen zu besorgen. Ich hockte dann im kleinen Zimmer, hörte Platten, zeichnete und starrte stundenlang aus dem Fenster zur Tramstation. Hielt das letzte Tram vor dem Haus, kroch ich ins Bett und schlief ein paar Stunden, bevor ich zur Arbeit musste.«
Jills Finger verharrten auf den Tasten.
Du urteilst.
»Ja. Zudem schäme ich mich! Mir leuchtet ein, dass es erforderlich ist, gerade deshalb darüber zu reden.«
Ich bin da und ich urteile niemals.
Ich hätte doch den Roman schreiben sollen!, dachte Jill verdrossen, blies geräuschvoll den Atem aus und schrieb: »Ich hatte nur einen Schlüssel für die untere Haustür, daher konnte Stefan nicht herein, was mich so weit trieb, dass, hatte ich frei und er war unauffindbar, ich beharrlich zuhause blieb. Einmal ernährte ich mich drei Tage ausschließlich von vier kleinen Portionen Konfitüre, die wir im Heim mitnehmen durften. Ich hungerte, obwohl es zwei Minuten entfernt einen Coop gab. In mir schreit es: Das ist krank! Und dass mir nicht einfiel, ihm einen Zettel an die Haustür zu heften, erfüllt mich außerdem mit Scham.«
Trübselig schüttelte Jill den Kopf. Das Mädchen, das vernunftwidrige Verhalten, war ihr heute fremd. Für sie gab es keinerlei Alternativen. Sogleich wandelt sich ihre Scham in Trauer …
»Ich sollte demnächst herausfinden, dass das Tier in Stefan sogar vor mir nicht Halt machte.
In einer verlassenen Seitenstraße um die Mittagszeit wetterte ein alter Mann mit Stock über uns, weil wir zu zweit auf einem Mofa saßen. Der Streit artete aus und jedes Wort des Mannes stachelte meinen Freund zusätzlich an, bis er den Mann schubste, worauf der drohte, ihn anzuzeigen. Ich spürte intuitiv, dass Stefan die Kontrolle verlor, und dem wurde sich augenscheinlich auch der alte Mann gewahr, in dessen Angesicht plötzlich blanke Panik eingemeißelt war. Nichtsdestotrotz beging er den fatalen Fehler, ihn als verrückt zu bezeichnen. Befürchtest du, jemand hat sich nicht unter Kontrolle, beiß dir auf die Zunge. Mein Freund bebte am gesamten Körper und sagte schneidend: ›Wie nennst du mich?‹.
Die Würfel waren gefallen, er würde zuschlagen, dessen war ich mir gewiss, allem voran über allfällige Folgen, die es für den gebrechlichen Mann haben könnte. Ich handelte beherzt, packte Stefan an den Schultern und schrie dem Mann zu, rasch wegzulaufen! Stefan wollte sich losreißen, um ihm hinterherzulaufen. Diesmal sagte ich, dass er verrückt sei, und steckte ein, was er dem Mann hatte austeilen wollen. Ich war bereit, sämtliche Konsequenzen zu tragen. Er schlug mehrmals zu, zerrte mich vom Boden hoch, um mich anschließend gegen eine kniehohe Mauer zu schleudern. Danach sagte er ruhig, aber messerscharf: ›Misch dich niemals ein und nenn mich nie verrückt!‹. Dann verschwand er.
Ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass verschiedene Persönlichkeiten in ihm lebten sowie zu erkennen, wann das Tier in ihm erwachte; du bist allzeit achtsam, um nichts zu tun, zu sagen, dessen Folgen du nicht kontrollieren kannst. Ich lebte auch hierbei, was ich gelernt hatte.
Erwähnte Tatsache begriff ich, als wir auf dem Barfüsserplatz einem Kleindealer begegneten, der uns zuvor linken Stoff verkauft hatte. Stefan hatte ausreichend Alkohol im Blut, um auf wackligen Beinen zu stehen, dennoch stürzte er sich auf den Mann. Innerhalb von Minuten hatte sich ein Kreis von Schaulustigen um uns gebildet und alle ergötzten sich am Geschehen. Mein Freund hätte sich lieber zu Tode prügeln lassen, anstatt aufzugeben. Ich konnte nichts ausrichten. Sobald der Kleindealer begann, Stefans Kopf auf die Kante eines Absatzes zu schlagen, erfasste mich eine unbändige Wut. In einer Verzweiflung packte ich einen Mann an seinem Anzug und brüllte: ›Wollt ihr nur zusehen, wie er ihn umbringt?‹. Daraufhin fing sich in der Menge an, was zu bewegen, und wahrhaftig, drei Männer zogen den Kleindealer weg. Ich kniete derweil bei meinem Freund, der mich zuerst wütend von sich stieß, um sich dann, auf mich stützend, wegführen ließ.
»Abgründe«
Öl, Acryl, Goldpulver auf Leinwand


Stetig glitt Jill tiefer in Stefans Welt und Drogenszene ab. Sie hatte nur losen Kontakt zu ihrer Schwester Fiona, die jedes Mal geduldig mit ihr redete, kam ihre kleine Schwester vorbei und bettelte um Geld. Jill hörte ihr wohl zu, doch beide wussten, dass sie ihre Fähigkeit, zuzuhören, längst verloren hatte.
Es ist nicht bloß hart für jene, die in diesem Teufelskreis gefangen sind, weitaus härter ist es für diejenigen, welche gezwungen sind, hilflos zuzusehen, wenn ein geliebter Mensch sich zugrunde richtet. Fiona sagte einst, dass die allgegenwärtige Angst, ihre kleine Schwester könnte mit einer Überdosis aufgefunden werden, das Schlimmste war. Zeitweilig habe sie sich gewünscht, es wäre so. Heute versteht Jill: Lieber ein Ende mit Schrecken, statt ein Schrecken ohne Ende. Mögen diejenigen, die jahrelang in ihrer Angst gefangen waren, ihr vergeben.
Vage besinnt sie sich, dass ihre Tante Rose und Renate versucht hatten, mithilfe des Jugendamtes Schritte einzuleiten. Ebenfalls wollte ihr Vater ihr eine Ausbildung auf einem Gestüt in England vermitteln. Die Reaktion ihrer Mutter ist präsent: Sie drohte, falls sie da mitmache, würde sie nie mehr mit Jill reden. Ihre Drohung kam überdeutlich an.
»Das Drogenkarussell drehte sich unermüdlich. Ging der Stoff zuneige, konsumierten wir Alkohol und Tabletten. Des Weiteren hatte ich Erlebnisse mit LSD, und davon waren allesamt die Hölle. Ich schwor davon ab, dealte jedoch weiterhin damit. In einer kurzen Phase spritzte ich mit Tamara so viel Speed, dass ich schier umfiel, weil ich fast eine Woche weder schlief noch kaum Nahrung und Flüssigkeit zu mir nahm. Wenngleich ich auch von der Droge abschwor, verkaufte ich sie. Ich konnte problemlos Drogen verkaufen, bei denen ich mir ein Verbot auferlegt hatte. Meine Droge war das Heroin, welches ich täglich maßvoll konsumierte. Ich setzte mir einen Schuss, verkaufte anschließend den Stoff und bei der Arbeit blieb ich nüchtern. Vor dem Schlafen setzte ich mir den zweiten Schuss. Solange ich der Arbeit im Altersheim nachging, war es leicht, diese Disziplin aufrechtzuerhalten.
Wir sprachen vom Teufel. Damals war er für das Medikament Rohypnol. Ich habe es nie angerührt. Ärzte verabreichten es früher, einige noch heute, Süchtigen. Als ich erlebte, was besagte Tabletten bei Stefan anrichteten, lag ich auf einem Betonabsatz, darunter die Schnellstraße zum St.-Jakob-Stadion. Der Sturz aus dieser Höhe hätte ausgereicht, um mir sämtliche Knochen im Leib zu brechen, den Rest hätte der vorbeirasende Verkehr erledigt. Die Dire Straits spielten und ich hatte Karten organisiert. Stefan und ich waren nüchtern, das meinte ich jedenfalls, denn sobald sich das Stadion füllte, wurde er ohne ersichtlichen Grund wütend. Er keifte herum und marschierte davon. Ich hinterher. Oberhalb der Schnellstraße rastete er dann komplett aus, drosch auf mich ein und schmiss mich dann den Abhang hinunter. Wäre der kleine Betonabsatz nicht gewesen, wäre es unwahrscheinlich, dass ich heute am Computer sitze.
Am Abend trafen wir uns am Barfüsserplatz und Stefan wollte wissen, warum ich davongelaufen sei? Ich klärte ihn auf, worauf er mich aushorchte, wo und mit wem ich zusammen war und woher die blauen Flecken stammen. Was der Alkohol bei ihm auslöste, war mir bekannt, allerdings gab es bei Rohypnol weder ein Durchdringen, geschweige denn Anzeichen, wann er ausklinken und der Teufel das Ruder übernehmen würde. Zweifelte ich zuerst daran, dass er sich nicht erinnern konnte, sehe ich das heute differenzierter. Meine Freundin hatte ein Dauerrezept für Rohypnol, und auch sie hatte riesige schwarze Löcher bezüglich dessen, was sie auf ihrem Trip angestellt hatte.
Vor Stefan zu behaupten, dass es anders gewesen war, war dasselbe, wie ihn für verrückt zu erklären, und ist ein Rest gesunder Menschenverstand vorhanden, merkst du rasant, wann du ›Es tut mir leid‹ sagen oder gar schweigen solltest. Glich der normale Alltag einer kleinen Hölle, aus der ich außerstande war auszubrechen, assoziierte ich das Rohypnol mit dem Teufel, der darin herumtollte. Zu meinem Leidwesen war Stefan ein Meister darin, sich das Medikament von Ärzten zu besorgen. Mitunter mimte er in der Notaufnahme den ausgeflippten Junkie auf Entzug und bekam postwendend seine Tabletten.
Eine weitere Begegnung mit dem Teufel Rohypnol hatte ich an einem belebten Samstagabend. Wir trennten uns am Barfüsserplatz vor der Arche, um zu ›mischeln‹ – ein Synonym für Betteln. Ich lief die Steinenstraße rauf und auf der gegenüberliegenden Seite hinunter und hatte schlussendlich über neunzig Franken zusammen. Den Erfolg verdankte ich vorwiegend einem Schmerzmittel, das seinerzeit ohne Rezept erhältlich war. Ich war kommunikativ und kontaktfreudig.
Auf dem Rückweg zur Arche sprach mich ein ausländischer Mann mit düsteren Augen an, ob ich erstklassigen Stoff wolle. Trotz des Lebens mit Stefan war ich wie eh und je ein naives Kind, und wäre ich nüchtern gewesen, hätte mich der gesunde Instinkt davor gewarnt, mitzugehen.
In einem alten Haus führte uns eine Treppe zur Dachkammer, und darin befand sich einzig eine Glühbirne, die von der Decke baumelte. Ich begriff, dass was faul war. Bedauerlicherweise war es für solcherlei Erkenntnisse zu spät, der Mann packte mich an den Haaren und drückte mich auf die Knie. Er hielt ein Messer in seiner Hand, öffnete die Hose und holte seinen steifen Penis heraus. Er drückte mein Gesicht an seinen Penis und forderte mich auf, ihm einen zu blasen. Würde ich mich weigern oder ihn gar beißen, drohte er, mich abzustechen. Ich tat, was schon einmal funktioniert hatte: ich schrie. Das reichte aus, damit er zurückwich und mich losließ, und sein ängstliches: ›Schhh …‹ war der Startschuss zum rennen.
Ich hatte weder in einem Schock noch war ich traumatisiert. In solch einem Leben wird alles laufend verdrängt. Dennoch war ich traurig. Zudem hatte ich die Stunde, welche Stefan und ich vereinbart hatten, weit überschritten, dementsprechend sorgte er sich, schob nach, dass er Rohyps aufgetrieben hätte.
An der Tramhaltestelle auf dem Barfüsserplatz stehend, forderte Stefan Antworten, und ich gab sie ihm – ein kapitaler Fehler. Ich hatte das Bedürfnis, in den Arm genommen zu werden, stattdessen rastete er buchstäblich aus. Er bohrte weiter, was ich für das Geld tatsächlich getan hätte und mit wem ich zusammen gewesen sei. Ein verbaler Kampf folgte, bevor Stefan seine Wahrheit aus mir herausprügeln wollte. Natürlich gab es laute Stimmen, hingegen konnte ich die Unsicherheit der Menschen wahrnehmen. Letztlich fing ein Mann an, Stefan von mir wegzuzerren. Ich wurde panisch, denn das, was ich einsteckte, war bestenfalls ein kleines Überschwappen, und mein couragierter Retter war just dabei, den Käfig zu öffnen, ahnungslos, was er befreien würde. Stefans Körper straffte sich und sein Blick mutierte zu dem eines Tieres, das besessen ist, zu töten, und dieses Tier würde sich keinerlei Gedanken über allfällige Konsequenzen machen. Der Mann erkundigte sich, ob ich in Ordnung sei? Schlagartig fing Stefans Körper zu beben an. Er brüllte den Mann an, mich gefälligst in Ruhe zu lassen. Ich reagierte instinktiv und fuhr den Helfer an, dass ihn das einen feuchten Dreck anginge und ich seine Hilfe nicht wolle, was den Mann sichtlich verstörte. Im selben Atemzug entspannte sich Stefans Körper, er zog mich an sich und blaffte, dass er sich schleunigst verpissen solle. Der Mann schüttelte synchron mit den restlichen Leuten an der Tramstation verständnislos den Kopf.
Der Augenblick war für mich vergleichbar mit dem Abbruch der letzten Brücke zur Normalität. Einsamkeit und eine unaussprechliche Scham erfassten mich. Die Kluft zwischen beiden Welten wuchs an, und die Hoffnung, sie überwinden zu können, schwand zunehmend …«
Verlassen
Du glaubst, die Sterne sprechen nicht mehr zu dir
und die bunten Farben der Welt verblassen,
dann glaubst du vielleicht, die Menschen haben dich verlassen.
Doch wann gingst du?
J.G.

Und was die Sprache anging, hatte sie schließlich einen Körper und zwei Hände, notfalls konnte sie eine Zeichnung anfertigen. Kommunikation bestand nicht bloß aus Wörtern. Und gewiss sah es bizarr aus, wenn sie im Supermarkt vor dem überraschten Verkäufer herumtänzelte und ein Solo-Theaterstück inszenierte. Sie kannte ohnehin niemanden, darum war es ihr ziemlich schnuppe, was sich irgendwer dachte. Wenngleich zu sagen ist, dass sie in den Läden bald allgemein bekannt war. Sichtete ein Verkäufer sie, lächelte er ihr entgegen, gespannt, was sie heute zum Besten geben würde.

Der neue Alltag bestand fortan darin, Süchtigen Heroin zu verkaufen, anstatt alte und kranke Menschen zu betreuen. Ich absolvierte ihn so selbstverständlich, wie ich bei Stefan blieb. In diesem Metier herrschte ein endloser Krieg, so gesehen unterschied sich diese Welt nicht wesentlich von der normalen Welt. Es gibt Weltkriege, Länderkriege, Familienkriege, Nachbarschaftskriege, Beziehungskriege, offene, subtile Kriege und Schlachten, welche lediglich verbal ausgefochten werden. Krieg bleibt Krieg und Verletzungen sind unvermeidlich, egal auf welcher Ebene.
An jenem Tag breitete sich eine Melancholie in mir aus, die jegliche Wut, wie Wasser das Feuer, auslöschte. Davon abgesehen, dass auch ich vereinzelt schlechten Stoff erwischte, hatte ich beim Verkauf keinerlei Probleme. Zugegeben, mich hätte jemand mit Leichtigkeit ausnehmen können, ein böses ›Buhh!‹ von einem Mann hätte allemal ausgereicht. Heute wundere ich mich, dass es niemals geschah. Vielleicht wurde ich wegen der Fairness geachtet, wobei Achtung und Fairness mit erwähntem Gewerbe inkompatibel sind. Ein alter Fixer taucht auf. Auf der Gasse gibt es keine Freundschaften, obschon man sich das gerne einredet. Es wäre maßlos übertrieben zu sagen, dass wir vor und nach einem Geschäft Höflichkeiten austauschten, aber dieser Fixer unterhielt sich immer mit mir. Einst sagte er: ›Du gehörst nicht hierher. Nicht, dass überhaupt jemand hier sein dürfte, doch du wirst schneller daran zerbrechen‹. Ich war geneigt, ihm zuzustimmen. Aber da war Stefan, von dem ich weniger loskam als vom Stoff.«

Es war Jills eigener Krieg, den sie zu Papier gebracht hatte.
»Selbstporträt«
Bleistift auf Papier
»Selbstporträt«
Bleistift auf Papier
»Beginnst du an dir zu arbeiten, kommt es dir ab und zu vor, als würdest du keuchend über ein Gebirge stolpern. Allmählich wirst du sicherer, und wo sich vorher Bergketten auftürmten, siehst du schon bald eine Hügellandschaft. Eine weitere Nebenwirkung könnte sein, dass auf verschiedenen Ebenen Bewegung entsteht, deine Sinne geschärft werden und du befremdende neue Seiten an dir entdeckst. Beispielsweise gibst du Antworten, die bislang in deinem Vokabular zensiert waren. Und manchmal tust du, was du normalerweise tust, doch es fühlt sich plötzlich miserabel an.«
Der Prozess gestaltete Jills Leben anfänglich keineswegs angenehmer. Es war notwendig, Entscheidungen zu treffen, und sie fielen ihr schwer, allem voran in Beziehungen. Eine war, ihre Partnerschaft zu beenden, wenngleich »beenden« unzutreffend war, lebten sie seit Längerem vielmehr eine intensive Freundschaft. Für sie war es ein ›Auspacken der Liebe‹, so diffus dies klingen mag. Es gab ihr die Sicht frei, um zu spüren, was sie an ihrem Partner liebte.
»Ich bin in den acht Jahren unserer Beziehung durch Höhen und Tiefen gewandert, in die man unweigerlich in einem Beziehungspakt gerät. Inklusive der eigenen Geschichten, welche ich durchlebte, präziser gesagt, auf meinen Partner projizierte. Und ja, es ist scheinbar einfacher, sich im Streit zu trennen, ein ordentlicher Knall, und somit hat es sich. Das wollen wir uns bestenfalls weismachen. Jemanden zu verlassen, den du liebst, ist schwierig. Wollen wir einen Menschen lieben oder ihn zu dem transformieren, was uns vorschwebt, um dann festzustellen, dass das nicht mehr der Mensch ist, den wir geliebt haben?
Ich bin keine Meisterin in puncto Beziehung, fühle mich kaum dazu berufen, weise Ratschläge zu erteilen, zumal es zurzeit gesünder für mich ist, auf eine Partnerschaft zu verzichten. Möglicherweise impfe ich mir das auch bloß ein.
Heute sehe ich allfällige Versäumnisse, sozusagen übliche Verdächtige. Das Erkennen ist nicht das Problem, genau genommen existieren Probleme gar nicht. Ich möchte mein Leben so belassen, und genauso ist es bei meinem Partner, also wo liegt das Problem? Liebe ist … Liebe, hingegen passt das Gefäß, in das wir sie reinstecken, nicht, schnurzegal, wie lange wir daran herumbasteln.
Das Auflösen der Partnerschaft war befreiend, was mich anfangs erschreckte. Zudem überlegte ich mir: ›Bin ich bereit, mich wahrhaftig auf eine Partnerschaft einzulassen? Bin ich bereit, Vertrauen zu leben?‹.
Bin mir unschlüssig. Ich arbeite daran.
Nach der Trennung schien ich ›im leeren Raum zu schweben‹. Sobald ich vermehrt mich, statt meinen Partner hinterfragte, löste das Furcht aus. Dann ließ ich sie los, es war vergleichbar mit ›heimkehren‹. Dein Horizont erweitert sich sowie Fragen zum Leben, der Liebe, dem Göttlichen und unserer Bestimmung auf Erden. Alldem möchte ich nachgehen, falls ein Leben ausreicht, um Antworten zu finden.«
Im Mai 2009 begab sich Jill Grey mit ihrem Partner offiziell auf den Weg der Freundschaft, und plötzlich konnten sie das Beisammensein genießen, ohne Gespräche zu führen, die in der Regel zäher waren als Jills selbstgebackene Butterzöpfe …
Engel
Wäre ich ein Engel, ich würde meine Flügel ausbreiten
und mich vom Wind sanft forttragen lassen.
Hinweg über blühende Wiesen im Sommer, goldene Wälder im Herbst
und weiße Berge im Winter, der Frühlingssonne entgegen.
Wäre ich ein Engel, ich würde mich des Nachts niederlassen auf einem Berg,
ins weiche Gras mich legen, über mir tausend Sterne, jedoch nur einer, der zu mir spricht.
Wäre ich ein Engel, ich würde deine Hand nehmen und mit dir dahingleiten,
zu jenem Platz, den es nicht gibt, in einer Zeit, die nicht existiert.
Wäre ich ein Engel, ich würde die Zeit des Lebens anhalten, um mit dir von Sonnenaufgang
bis Sonnenaufgang zu sein, an jenem Ort, dem schönsten auf Erden.
Wäre ich ein Engel, ich würde diesen Traum dir schenken. Es gibt ihn, wann immer
du deine Flügel ausbreitest und dich forttragen lässt, wann immer du ihn träumst.
Für Roger in Liebe
Jill
»Ein weiterer Entschluss war, aufzuhören, im Turnus von zwei Wochen in die Schweiz zu fahren. Donnerstag packen und vorbereiten, Freitagmorgen um halb drei aufstehen, duschen, Koffein tanken und losfahren, um dem Grenz- und Gotthardstau zuvorzukommen. Montagmorgen um drei Uhr heimfahren. Danach war ich körperlich und psychisch fix und fertig, und in der darauffolgenden Woche begann es von vorne. Änderst du das, und bist im ersten Jahr auf dein Handy angewiesen, macht das die Telefonkosten unerschwinglich. Folglich kommt flink die nächste Prüfung angaloppiert, denn du lässt die Menschen im Stich und die Schuld klebt wiederum wie herrenlose Hunde an dir.«
Insbesondere mit ihrer Freundin prallte Jill massiv zusammen. Eine Aussage von ihr lautete: ›Du bist eine Dampfwalze, fährst alles platt, was dir im Weg steht!‹. Derlei Kost zu verdauen, kann einem gelinde gesagt Magenbeschwerden bescheren. Dieselbe Freundin sagte später: ›Hättest du das nicht getan, hätte ich nie gelernt, mir selbst zu helfen, und dafür bin ich dir dankbar‹. Manche Freundschaften wachsen an genau solchen Herausforderungen.
Eine Freundschaft fiel Jills Wandel zum Opfer. Schlägst du neue Wege ein, ändert sich automatisch das Umfeld. »Mein Büro und Atelier sind heute für mich geschützte Räume, in denen ich mir begegnen kann. Früher stand die Tür weit offen, indem das Handy griffbereit war. Ich wusste sehr wohl, was ich brauchte, doch nach dem Wissen schien kein Weg weiterzuführen.«
Und ist jemand enttäuscht, verletzt oder wütend, bist du unerreichbar, sind dies seine Empfindungen, höre auf, sie zu deinen zu machen.
»Leicht gesagt.«
Ich versichere dir, je mehr du zu dir und deinen Bedürfnissen stehst, umso weniger Schuld wird sich in deinem Leben manifestieren. Was du ausstrahlst, wird empfangen, und was wird empfangen, trägst du deine Schuld als Schild vor dir her?
»So wie ich meinem Hund vermitteln will, dass er aufhören soll zu bellen, und davon ausgehe, dass er mich ohnehin nicht versteht?«
Exakt. Obgleich wir niemanden mit Hund betiteln wollen. Bleibe dir treu und der Rest kommt von alleine …
»Und so war es. Es war nicht mehr erforderlich, Schlachten zu führen. Nachdem ich von Herzen Ja zu meiner Entscheidung sagen konnte, wurde sie, nach anfänglichem Aufbegehren, akzeptiert. Ich habe endlos auf melodramatische Weise gejammert, bis ich mir eines schönen Tages auf die Schliche kam. Mögen alle mir vergeben, welche ich zu Tätern gemacht habe …«

Heute weiß ich, dass dem keineswegs so war, man könnte sagen, ein Engel wachte über mir. Ich sehnte mich zwar nicht nach dem Tod, trotzdem war ich müde, weiterzuleben. Die Isolation, in der ich mich wiederfand, war unerträglich. Und ich frag mich gerade, ob ich hätte einschlafen können, wäre nicht diese alte Frau gewesen? Sie hatte im unteren Stock ein Zimmer und kam dreimal täglich hoch, um nach mir zu sehen, kontrollierte das Fieber und brachte mir Haferschleimsuppe, Zwieback und Tee. Damals erfasste mich eine unsagbare Scham darüber, dass sie sich um mich sorgte. Zuerst lehnte ich ihre Hilfe ab, sie erwiderte klar und gleichwohl behutsam: ›Du musst mir nichts erklären oder dich mit mir unterhalten. Gestatte mir, dir zu helfen, bis du über den Berg bist‹. Sie berührte mich tief im Herzen.
Weihnachten
Schnee liegt über den Wiesen, Wäldern und Bergketten,
ein Teppich so rein wie die Quelle des Lebens.
Eine Stille hat sich über das Tal ausgebreitet,
die dich zu deinen Wurzeln zurückführen kann.
Die Weihnachtszeit naht, eine Zeit der Magie.
Lass dich verzaubern vom Licht, welches auch in dir leuchtet
und dir in der dunkelsten Stunde den Weg zu zeigen vermag.
J.G

»Stefan schrie mich an, ich schrie zurück. Er fing an, mich ins Gesicht zu schlagen. Ich rappelte mich nach jedem Schlag hoch. Irgendwann schleuderte er mich aufs Bett, setzte sich auf mich und drückte mir die Kehle zu. Meine Lunge japste nach Luft, ich strampelte unter ihm und hämmerte mit den Fäusten gegen seine Brust, blickte in seine Augen und begriff, dass er weg war. Es war ein fataler Fehler gewesen, ihn aufzuhalten, allerdings fehlte mir die Luft, um ihm das zu sagen, und demnächst würde ich ohnehin sterben. Das wurde mir schlagartig bewusst. Die Welt um mich begann, sich aufzulösen, ich gab den Widerstand auf. Ich kann nicht sagen, wie lang zwischen dem Hier und Dort schwebte. Sobald das Zimmer allmählich Gestalt annahm, stand ich desorientiert und mit unsicheren Beinen auf und stolperte in Unterhosen und T-Shirt in den strömenden Regen hinaus. Ich flüsterte vorzu Stefans Namen, obwohl ich wusste, dass er mich längst nicht mehr hören konnte.«
Auch über Stefan haben Engel gewacht. Es grenzte an ein Wunder, dass er sich niemals eine Blutvergiftung einfing. Beim Einbruch in eine Apotheke, schnitt er sich am zerschmetterten Fenster einen Lappen Haut von circa 4 cm Durchmesser am Handgelenk praktisch ab. Nach zwei Tagen hatte ich ihn so weit, dass er die Wunde wenigstens reinigte. Selbstverständlich wuchs der Hautlappen nicht mehr an und ich drängte ihn, den Arzt aufzusuchen. Er griff sich ein Messer, fuchtelte damit vor mir herum, grinste fies und schnitt das Stück herunterhängende Haut kurzerhand ab, sagte, ich solle aufhören, ihn zu nerven.«
Jill dankte Gott und ihren Schutzengeln, dass sie sie vor diesem Mann und vor sich selbst beschützt haben. In der tiefen Dankbarkeit wuchs eine noch stärkere Sehnsucht in ihr heran, dieses Leben zu genießen, zu leben, ob mit einer Träne oder einem Lächeln …
Leben
Leben wir das Leben nicht,
welchen Sinn macht es dann, hier zu sein?
Nutzen wir die Zeit nicht, um dieses Sein zu verstehen,
wofür haben wir dann gelebt?
J.G

Am 3. Juni 2009 starb Jills Hündin. Beinahe achtzehn Jahre hatte die Kleine sie auf ihrem Weg begleitet. Um den Verlust zu verarbeiten, schrieb sie ihrer treuesten Gefährtin einen Brief:
»Das Schicksal hat uns in Italien, als ich mit dem LKW auf einer Raststätte anhielt, zusammengeführt. Ein kleines, schwarzes Häufchen Fell, das sich sogleich in meinen Armen verkroch. Du warst allzeit wachsam, während ich den Anhängerzug Richtung Süden steuerte. In Kürze fingst du an, den LKW zu verteidigen. Kam ihm jemand zu nahe, ertönte deine laute Drohung. Nicht, dass jemand beeindruckt gewesen wäre, sah man, was den Lärm fabrizierte.
Wenngleich ich früher weniger von kleinen Hunden angetan war, belehrtest du mich eines Besseren, nämlich, dass die Größe schnurzegal ist. Knapp sechs Kilo brachtest du ausgewachsen auf die Waage, aber es war für dich irrelevant, ob dich ein Pinscher oder siebzig Kilo Bernhardiner anmachten, du hast sie alle auf ihren Platz verwiesen.
Du lehrtest mich Verantwortung. Fing ich an, mich zu verlieren, legtest du mir eine Pfote auf den Arm, bis ich mich auf die Straße konzentrierte.
Zu Beginn der 90er-Jahre lebten wir in einem alten Haus oberhalb von Wald ZH. Dort wurde mir zweimal das Leben gerettet. Der damalige Freund, Simon, schlief oben, war ahnungslos, dass ich an der Nadel hing. Ich schloss die Schlafzimmertür hinter mir, wo du schliefst, und setzte mir aus Versehen in der Küche eine Überdosis. Auf dem Boden liegend bemerkte ich, dass ich auf dem Rücken lag und der Atem flacher wurde, dann erlosch alles.
Etliche Katzen tapsten damals bei mir ein und aus, mir gehörte nur eine. Aus der Ferne vernahm ich ein Geräusch, ein rhythmisches Vibrieren, das in jeder Körperzelle anschwoll. Als würden sich unzählige Instrumente auf eine einzige tiefe Frequenz einstimmen. Der energiegeladene, vibrierende Strom wiegte mich langsam aus der Dunkelheit zur Oberfläche, und der Druck veranlasste mich, die Augen zu öffnen: Fünf Katzen lagen auf mir, sie schnurrten enorm laut im selben Rhythmus. Alles in mir, bis in die kleinste Zelle, wurde von der schnurrenden Vibration durchströmt. Diese fünf Katzen haben mich zurückgeholt. Ich dankte es ihnen, indem ich nach einem Monat dieses Leben abermals fast wegwarf.«
Kummervoll wisperte Jill: »Ich kann da unmöglich weitergehen.«
Willst du es weiter mit dir herumtragen?
»Nein.« Zögerlich. »Was werden die Menschen von mir halten?«
Tust du es für sie oder für dich?
»Für mich. Ich weiß, du kannst mir vergeben, doch können es andere ebenfalls?«
Das wirst du nie erfahren, kriechst du unter deinen Stein. Was zählt, ist, dass du dir vergeben kannst.
Geräuschvoll atmete Jill aus. »Na dann. Ich hatte meinen Freund hinausgeworfen, lebte allein im Hausteil, rauchte im Bett und schlief mit der Zigarette ein. Was mich weckte, war nicht der beißende Rauch im Schlafzimmer und der Glutteppich im Duvet, der bereits einen Durchmesser von einem halben Meter hatte: Dein verzweifeltes Winseln weckte mich. Du hast mir das Gesicht abgeleckt und deine kleinen, spitzen Zähne kniffen mich gleichzeitig in die Wangen. Du hast mir das Leben gerettet …«
Für ein paar Sekunden glitt Jill in jene Nacht, dann schrieb sie weiter: »Mir fehlen die Worte für solch eine Verantwortungslosigkeit. Geh ich dorthin, bin ich einfach erschüttert. War es grenzenlose Arroganz zu glauben, ich hätte alles unter Kontrolle? War mir komplett entgangen, dass ich den Bezug zur Realität längst verloren hatte? Offenkundig.«
Jill gönnte sich eine Pause und fuhr dann fort: »Mein kleiner Engel, du hast Tag und Nacht über mich gewacht: Ich suchte in Zürich nach Stoff, am Boden Abfall und gebrauchte Spritzen, es roch nach Urin und Fäkalien. Du folgtest mir, achtsam, den Menschen und dem Dreck auszuweichen. Im Auto, wo ich den Schuss vorbereitete, sprangst du auf die Hutablage, legtest dich hin und fokussiertest den Rückspiegel; deine Augen glitten mir direkt ins Herz. Mitunter wurde ich wütend, fühlte mich schuldig und schnauzte dich an, was dir nie imponierte. Du suchtest unermüdlich den Weg in meine leidende Seele, was so manchen Damm einstürzen ließ. Nur du konntest diese Mauern niederreißen, und das hast du beharrlich getan. Genauso in jener Nacht, in der ich aus dem Leben scheiden wollte.
Es war der letzte Absturz. Ich war dermaßen müde vom Leben, müde, von jeglichen Empfindungen abgeschnitten zu sein. Auf dem Tisch lag genug Stoff, um endgültig Erlösung zu finden. Obschon ich überzeugt war, innerlich tot zu sein, suchte ich nach kleinen Lichtpunkten: Was würde aus dir werden? Du musst diese kurze Regung in mir wahrgenommen haben, bist aufgestanden und hast mir winselnd das Gesicht mit feuchten Küssen bedeckt. Dein Körper zitterte wie Espenlaub; im Bruchteil einer Sekunde war der Damm eingestürzt. Ich umarmte dich, all der Schmerz brach in diesem Moment aus mir heraus.
Du gabst mir das Vertrauen, mich fallen zu lassen. Ein Vertrauen, das mir kein Mensch zu geben vermochte. Eine Woche später stieg ich in das Methadonprogramm ein, entsagte zwar nicht der Sucht, hingegen dem Heroin und den Tabletten.
War ich krank, bat ich eine Nachbarin, dich auf ihren Spaziergängen mitzunehmen. Mit Müh und Not konnte sie dich an der Leine in den Garten zerren. Hattest du dein Geschäft verrichtet, ranntest du zurück und konntest ziemlich böse werden, versuchte sie, dich über den Garten hinaus mitzunehmen. Verirrte ich mich in Zuständen, gingst du zum Angriff über, bis ich explodierte, zuerst wütend, dann in Tränen, welche du danach ablecktest. Sämtliche Fehltritte stellten niemals deine bedingungslose Liebe infrage. Alsbald war es nicht mehr vonnöten, zu provozieren, und wiederum zeigtest du mir durch dein Verhalten, dass ich weitergekommen war. Du warst der Spiegel, der mir die Wahrheit offenbarte.
Meine Kleine, du lebtest den Kampf mit einer Klarheit, die deinen kleinen Körper bei Weitem überragte. Sah ich keinen Weg, triebst du mich an, in Bewegung zu bleiben. Konnte ich das Leben nicht spüren, konfrontiertest du mich in deiner Güte und Willensstärke. Du warst das Licht in der Dunkelheit und zeigtest mir den Weg, der mich ins Leben führte …«
Den vergangenen Abend verbrachte Jill mit der Kleenexbox auf dem Sofa. Nach einem Kaffee stieg sie um halbe sieben mit ihrem Rüden den Berg hinauf; danach erlaubte es die Sommerhitze kaum, rauszugehen. Am Nachmittag beendete sie den Abschiedsbrief:
»Mein kleiner Schatz, anfänglich fürchtete ich mich vor deinem Älterwerden, und dein Rückzug in vielen Dingen des Alltages, war unverkennbar. Diverse körperliche Beschwerden und Missgeschicke folgten. Schwächelnde Gelenke, nachlassendes Augenlicht und Gehör. Es waren die verbleibenden Monate deines Lebens, in denen du nur zur Ruhe kamst, war ich unmittelbar bei dir. Dennoch ging ich mit dem Rüden spazieren, um ihm gerecht zu werden. Deine trüben Augen schielten zu mir hoch, stieß ich dich an der Tür behutsam hinein. Kam ich heim, standest du verwirrt und mit gespitzten Ohren vor irgendeiner Wand. Es brach mir schier das Herz. Es war keineswegs bloß dein Körper, auch deine außergewöhnliche Persönlichkeit glitt stetig in die Ferne. In deinem Köpfchen war nichts mehr so, wie es war, aber du hattest damit keinerlei Probleme. Der Alltag drehte sich am Schluss größtenteils um dich, ähnlich einem behinderten Kind, man ist achtsam, um nichts zu versäumen, das Folgen haben könnte. Beispielsweise, dass du über eine kleine Steinmauer im Land fielst und dich in einem Busch verheddert hattest.
Trotz der Zerrissenheit kehrte des Öfteren Frieden ein. Ich lebte Stunde um Stunde, bemüht, mich in alldem wiederzufinden, fing an, intensiver mit dir zu sprechen und insofern mit mir; über die Furcht vor dem Abschied. Zugleich gab ich dir das Versprechen, weiterhin zu kämpfen, vermutete ich, dass du nicht friedlich einschlafen konntest, weil du dir unsicher warst, dass ich ohne dich stark bliebe. Heute denke ich, dass genau das dein Abschiedsgeschenk an mich war, mich durch die Angst hindurchzuführen und eine Entscheidung zu treffen.
Eine Woche vor deinem Tod beobachtete ich dich, wie du friedlich neben mir schliefst. Ich fragte unter Tränen: ›Werdet ihr meinen kleinen Engel empfangen, sie liebevoll aufnehmen?‹ Die Antwort war reine Liebe, in einer starken, präsenten Energie. Daraufhin weinte ich bitterlich.
In der folgenden Nacht wachte ich auf. Neben mir sitzend, ruhte dein Blick auf mir. Ich knipste das Licht an. Deine Augen, sie waren so klar und rein wie die Quelle eines Bergbaches. Ich sehe dich vor mir, aufrecht und mit deinem vollkommenen Wesen, das ich zutiefst vermisst hatte. Unsere Blicke glitten tiefer und dann wusste ich es – du warst bereit. Meinte ich bis anhin, dass ich auf deine Bereitschaft wartete, begriff ich, dass es umgekehrt war. Die Zeit war gekommen, dich auf deinem letzten Weg zu begleiten.
Ich fuhr in die Schweiz, wo dich der Tierarzt erlöste, während ich dich in meinen Armen hielt. Auf der Heimkehr nach Italien schielte ich kontinuierlich auf den leeren Beifahrersitz; der kleine Hundegurt hing verloren an seinem Platz, ein Anblick, der mein Herz aufschreien ließ. Zuhause begegnete ich dir überall; der Futternapf, dein Kissen, das auf der rechten Seite des Bettes lag. Es raubte mir den Atem.
Am dritten Abend lag ich im Bett und berührte die Stelle, auf der du geschlafen hast, um deine Wärme zu erhaschen. Anstelle der Wärme breitete sich ein Energiefeld aus. Du warst mir so nahe. Am Morgen rappelte ich mich auf, um weiter das Land zu roden. Es war vergleichbar mit ›aufwachen‹, ein Gefühl von Leben durchströmte mich. Es ging mir prima, denn jenes Energiefeld, das eine unbeschreibliche Liebe ausströmte, war erneut da, und wirbelte auf dem Land herum. Befreit von deinem alten, kranken Körper, bist du übermütig durch die Wiese gesprungen. Du warst in einer Intensität bei mir, welche mein Herz zum Strahlen brachte. Es klingt sonderbar, ich tingelte fröhlich durch den Alltag, begleitet von dir, diesem Energieball. Du, kleiner Engel, warst zurückgekommen.
Kann man eine Sache verbal verpacken, die mit dem Auge unmöglich zu sehen ist, jedoch präsenter ist als das, was unser Verstand zu ergründen vermag?
Eines Morgens wachte ich auf und wusste, dass du nun für immer gegangen warst. Ich schrieb dir den Brief, bei dem sich heilende Tränen ihren Weg ins Licht bahnten. Ich danke dir, meine Kleine, du hast mir gezeigt, dass ich diesen Weg zu gehen habe, du hast mich gelehrt, zu vertrauen …«
Ein Engel
Ein Engel ist heimgekehrt, vieles hat er mich gelehrt.
Du hast mich sehen lassen, konnte ich nicht mehr sehen.
Du triebst mich voran, blieb ich stehen in meiner Furcht.
Zweifelte ich an der Liebe, lebtest du bedingungslose Liebe.
Du warst mein Fels in der Brandung, bis ich lernte, selbst einer zu sein.
Du schenktest mir Licht in dunklen Tagen, ein Licht,
dessen Leuchten noch heute zu scheinen vermag,
lange nachdem du gegangen bist.
J.G

Manche sagen, wenn ein Tier gemächlich älter wird, kann man sich langsam von ihm lösen, kommt der Tod schließlich nicht unerwartet. Das traf nur zum Teil zu. Jill hatte sich mit dem Thema auseinandergesetzt, dessen ungeachtet wird das Tier bedürftiger, nimmt mehr Platz ein, was eine langsame Ablösung schwierig gestaltet. Was Jill half, war, sich unaufhörlich auf den Weg der Liebe zu führen, wodurch sie die Rückkehr ihrer kleinen Hündin miterleben konnte.
»Ich danke dir, du hast mich ermutigt, den Brief zu schreiben. Es war für mich ein Abschiedsritual, das mir Frieden geschenkt hat.«
Wir danken dir.
»Wir? Du meinst …«
Ja.
Jills Augen füllten sich mit Glückstränen. »Sie hat mein Leben erfüllt und mich etliches gelehrt. Sie war ein Engel.«
Das war sie. Und dein größter Schmerz war einzig die Schuld, welche du dir auferlegt hast; dein Entschluss, ihr körperliches Dasein zu beenden.
»Und die Zweifel, die folgten …«
Sprich weiter …
»Drei Tage hat ihre Seele mich begleitet. Ich konnte den Energieball psychisch und physisch fühlen, sie war mit ihrer ganzen Liebe gekommen. Sie begleitete mich, das ist doch so?«
Das hast du mir soeben mitgeteilt.
»Das ist kaum hilfreich«, raunzte sie verdrießlich.
Du erwartest von mir eine Bestätigung.
»Ja, dass du mir sagst: Sie hat dich über deine schwersten Stunden hinweg begleitet, dir gezeigt, dass es gut ist, wie es ist.«
Und hierfür möchtest du meinen Segen?
»Lass mich nicht leiden …«
Weshalb lässt du dich leiden? Weswegen zweifelst du an deinen Sinnen, die imstande sind, all das wahrzunehmen? Wofür das Geschenk dir nachtragen, stößt du es von dir?
»Es gibt Momente, in denen ich zweifle, mir einrede, alles lediglich einzubilden, um besser damit klarzukommen.«
Und du vertraust lieber deinem Verstand, der vorhat, dich ins Elend zu stürzen?
»Eigentlich nicht.«
Eigentlich?
Die Sonne brannte erbarmungslos auf Jills Körper. Sie öffnete den Sonnenschirm und erwiderte: »Ich weiß, dass sie mich begleitet hat. So wie meine Großmutter und mein Vater nach ihrem Tod gekommen sind. Ich nehme ihre Liebe wahr, vereinzelt Nähe, aber nicht mehr in Form der kraftvollen Energie.«
Seelen kommen in der kraftvollen Energie zu euch, wenn sie oder ihr außerstande seid, loszulassen, allfällige Verbindungen zu stark sind. Sie kommen, um euch zu retten, wie seinerzeit, als du in deinem Haus in den Bergen beinahe gestorben wärst. Und habt ihr euren Frieden geschlossen, könnt ihr immerwährende Liebe wahrnehmen. Und zuweilen schicken sie euch Botschaften, die ihr überseht, da ihr an der Schuld festhaltet.
»Und an alldem, was unausgesprochen blieb.«
Was wiederum Schuld auslöst. Du magst ihre Liebe anders wahrnehmen, gleichwohl ist sie, was du aus ihr machst. Gestatte deinem Verstand nicht, sie zu zensieren, weil er unfähig ist, das Ausmaß zu erfassen. Er wird die Seele nie entdecken und dich, wo er kann, daran hindern.
»Ich verstehe. Ich erlebte diesen ›Abschied‹ bei all jenen, die zurückgekommen sind. Es war eine finale Umarmung, mit einem Hauch von Wehmut.«
Und dieser Hauch von Wehmut sagt mir, dass es angebracht wäre, öfter mit deinen Ahnen zu sprechen, sehnst du dich nach einer Begegnung.
»Ja, das sollte ich.« Jill neigte den Kopf zur Seite. »Unterhalte ich mich mit dir, schließt das meine Ahnen ein. Und was gibt es Schöneres, als zu erkennen, dass der Tod bloß eine neue Form von Leben ist. Bedauerlicherweise verlieren sich solche Erfahrungen in unserem Alltag allzu schnell, ergo fangen wir an, dich zu bitten, dass du es für uns richtest.«
Wie könnte ich euch eurer Wahl berauben?
»Und trotzdem ist die Wahl, welche wir mitunter fällen, dämlich.«
Ersetze dämlich mit notwendig.
»Im Klartext: Wir haben zu lernen, et cetera et cetera …«
Das ist korrekt. Hättet ihr bereits daraus gelernt, würdet ihr eine andere Wahl fällen.
»Wohl wahr. Du bist oftmals ein Spiegel meiner Seele.«
Ich bin du und du bist ich. Blicke weiterhin in diesen Spiegel, und denke daran, meiden ist kontraproduktiv. Was ihr verdrängt, wird anwachsen.
»Demnach hab ich üppig Saat im Boden«, kicherte sie. »Da ist ein Stück Erde mit Samenkörnern, symbolisch für sämtliche Schatten, die ich meide, sie liegen unter der Erde und warten, dass sie bewässert werden.«
Sind es viele?
»Bombastisch viele!«, rief sie aus, und stellte sich vor, dass die Samen statt Schatten, Lichtpunkte waren, konnte sie spüren, dass sich dieses Licht ausdehnte. Diejenigen, die heimgekehrt sind, haben uns nie wirklich verlassen …

An einem Morgen, sie schlenderte mit ihrem Rüden auf den Berg, spukte in ihr ein Satz herum – es war der Anfang für einen Roman. Am selben Nachmittag setzte sie sich an den Computer und tippte den Satz ein, worauf weitere folgten. Nach zwei Monaten hatte sie über zweihundert Manuskriptseiten geschrieben. Der Roman »Die letzte Schlacht auf Erden«, hatte sie von Anbeginn gefesselt, eine Geschichte, die allmählich zu einem Ende kommen sollte. Und dort lag der Hund begraben: Würde die Menschheit überleben? Eine gewichtige Frage. In ihr entstanden zwei alternative Enden. Weil sie sich für keines entscheiden konnte, legte sie ihn vorläufig in die virtuelle Schublade und widmete sich mit wenig Enthusiasmus ihrer Vergangenheit und einem weiteren Kapitel.
»In meiner Welt wurde es zunehmend finsterer. Eine Stadt, darunter Kanäle und Ratten. Nicht, dass ich Menschen, die an der Nadel hängen, mit Ratten vergleiche, doch müsste ich ein Bild malen, käme es einer nach Dreck und Verderben riechenden dunklen Kanalisation nahe. Was mache ich heute, läuft ein Junkie auf mich zu? Ich schaue weg, ich tu, was die Menschen bei mir taten und mir somit vermittelten, was ich glaubte zu sein: Abschaum, den man mitnichten in einer Einkaufsstraße haben will. Hinsehen – Wegsehen, so ergeht es mir beim Schreiben. So gesehen bin ich ein Passant, für den es angenehmer wäre, die Straßenseite zu wechseln.«
Mit einem Stift klopfte Jill auf die Tischplatte. Wo könnte sie weiter schaufeln? Ihr fehlte ein Zeitraster. Entschlossen schnappte sie sich, was zuoberst auf Kloake herumschwamm:
»Stefan und ich lebten in den Tag. Hatten wir super Stoff, genauer gesagt einen Dealer, war es leicht verdientes Geld und der Eigenkonsum abgedeckt. Zu blöd, kannte mein Freund keinerlei Disziplin. Er tauchte andauernd mit seinem Teil des Stoffs unter, bis alles weg war.
Die Arbeit in der Klinik und das Zimmer hatte ich verloren, folglich nahm ich verschiedene Jobs an, mietete möblierte Wohnungen und verlor beides meist bald. Gerade frag ich mich, wie ich, minderjährig, eine Wohnung mieten konnte? Nun ja, es waren die 80er-Jahre.
Zwar fixte ich täglich, hingegen hatte ich niemals einen Entzug. Leute, mit denen wir zusammen waren, sagten, ich sei abnormal. Herrschte Ebbe und allesamt steuerten einen hässlichen Entzug an, ging es mir körperlich tadellos, ich versorgte die Leidenden mit Tee, klaute Lebensmittel und kochte. Es kam vor, dass ich mit zwei Papiertaschen einen Laden betrat, sie vollstopfte, mir ein Brötchen griff, zwanzig Rappen an der Kasse bezahlte und damit durchkam. Nein, ich war keinesfalls dreist oder gar mutig, ich hatte schlichtweg nichts zu verlieren.
Hatten wir einen Großdealer an der Hand, schoben wir eine ruhige Kugel, allerdings ist es ratsam, sie nicht zu linken, das kann gefährlich sein, jedenfalls hatte ich schon Schauermärchen diesbezüglich vernommen. Und exakt das tat Stefan. Es war ein französischer Geschäftsmann, der zuverlässige Kleindealer suchte. Nach zwei Treffen waren wir auf Probe eingestellt. Alsbald wurden die Mengen, die er uns überließ, größer, und unsere Gewinne. Der Stoff war erstklassig, was sich blitzartig herumsprach. Du kommst an einen der Plätze, ausgestattet mit Briefchen diverser Portionen. Das Gramm kostete damals Fr. 600.-, und innerhalb von zehn Minuten bist du ausverkauft. Leider war Stefan, inklusive seines Anteils, irgendwann auch weg, was das erste Mal knapp durchging. Er sagte, man hätte ihn ausgenommen. Fußnote: das sagte er ständig.
Als er auf ein Neues mit dem Stoff verschwunden war, begab ich mich an den Treffpunkt und konnte dem Franzosen lediglich sagen, dass ich keinerlei Kenntnis hätte, wo mein Freund sich aufhielt. Der Mann gab mir zwölf Stunden, um das Geld aufzutreiben. Am nächsten Morgen verließ ich das Haus, vor der Tür stand der Franzose, stieß mich grob hinein und sagte regungslos, dass wir jetzt warten würden. Hinter seiner gelassenen Fassade war er ausgesprochen wütend. Im Zimmer setzte er sich, legte ein Messer neben sich auf den Tisch und informierte, dass mein Freund es bereuen würde, ihn hintergangen zu haben. Dann merkte er an, dass ich keine Angst vor ihm zu haben brauche.
Anfangs schwiegen wir uns mehrheitlich an. Während ich nachts schlief, blieb er auf seinem Stuhl. Am zweiten Tag unterhielten wir uns vereinzelt. Er war allzeit anständig, sagte, dass er bereit wäre, weiterhin mit mir Geschäfte zu tätigen, falls ich mich von Stefan trennen würde. Das schien mir undenkbar. Am dritten Tag gegen Abend entschied er sich, zu gehen, und trug mir auf, meinem Freund auszurichten, dass es gesünder für ihn sei, ihm künftig aus dem Weg zu gehen.
Warum verbringt jemand drei Tage und zwei Nächte in einem Zimmer auf einem unbequemen Stuhl, um dann die Sache abzuhaken? Des Weiteren überlegte ich mir, was geschehen wäre, wäre Stefan tatsächlich gekommen, ohne Stoff und Geld? Der hatte den Franzosen vor dem Haus gesichtet, verschwand und meldete sich nach ein paar Tagen, um sicherzugehen, dass die Luft rein war. Und selbstverständlich wurde er sauer, konnte nicht wahrhaben, dass er mich nie angerührt hatte. Nach zwei Schlägen war es vorbei – einschließlich unseres sorgenfreien Daseins.
Waren wir obdachlos, schliefen wir bei dem Pärchen, bei dem ich nach dem Zusammenstoß mit Paul und Stefan Unterschlupf fand. Andy, dem die Wohnung gehörte, war der älteste Fixer in Binningen. Er spritzte und schluckte, was ihm in die Hände fiel. Andy war über zwei Meter, hatte strähniges, graues Haar und dieselbe Frisur wuchs ihm vom Kinn abwärts. Seine Hosen waren ausnahmslos zu kurz und wurden von breiten Hosenträgern festgehalten. War ich mit ihm unterwegs, machten Passanten einen Bogen um uns, waren ahnungslos, dass der Hüne von einem Mann lammfromm war. Man sagte, er habe sich das Hirn kaputtgefixt und wäre schwachsinnig. Ich mochte ihn und begleitete ihn regelmäßig, da es für ihn schwierig war, allein das Haus zu verlassen. Seine Freundin war jünger und weitaus durchgeknallter als Andy. Es kam vor, dass sie plötzlich aufsprang und mit dem, was sie auf dem Leib trug, nach Spanien wollte. Andy meinte dann, das dusselige Weib würde wiederkommen, ansonsten sperren sie sie für eine Weile in die Psychiatrie, was absolut okay wäre. So locker er sich gab, so rasant verfiel er in schwerste Depressionen und verkroch sich im Bett.
Es kam öfters vor, dass keines der drei Sofas frei war, um darauf zu schlafen. War auch Stefan unauffindbar, irrte ich verloren durch die Stadt und schlief in Hauseingängen. Es war unwahrscheinlich, dass ich noch tiefer fallen konnte, was keineswegs am Stoff lag. Hatte ich keinen, war das halt so. Es gab Medikamente und Alkohol, um den Kopf über Wasser zu halten, präziser gesagt, in den Sand zu stecken.
Einmal wollte ich mir das Leben nehmen. Ich stahl meiner Oma ein flüssiges Herzmittel (Nitroglycerin), sie hatte stets einen beachtlichen Vorrat an jeglichen Medikamenten im Küchenschrank. In der Nacht schluckte ich Tabletten und trank Alkohol, um den nötigen Mut aufzubringen. Beim Bahnhof, auf dessen Platz verschiedene Hotels stehen, setzte ich mich auf eine der Gartenterrassen. Ich kann schwerlich von mir behaupten, dass ich mich irgendwelchen bedeutsamen Gedanken hingab und mein junges Leben nochmals Revue passieren ließ. Ich zog eine Spritze auf und das Nitroglycerin floss in meine Vene. Augenblicklich begann das Herz zu rasen und mir wurde sturm, als pulsierten Millionen von Sandkörnern im Gehirn – und das war’s. Ich zog noch eine auf und drückte erneut den Kolben runter, alles wiederholte sich, und ich dachte resigniert: ›Nicht einmal dazu bist du imstande!‹
Geh ich zurück, sehe ich ein abgrundtiefes, schwarzes Loch, das sämtliche Emotionen erstickt, aus dem ein Entrinnen unmöglich erscheint.
In dieser düsteren Zeit bemühte ich mich verzweifelt, das Geld, ob von einem Gelegenheitsjob, Dealen, Stehlen und Hehlen, zusammenzuhalten, Rechnungen zu bezahlen und unsere Wohnungen zu sichern, was natürlich Ausgaben für den Stoff minderte.
War ich auch unfähig, eine Entscheidung in puncto weiterem Leben zu fällen, sorgte ich mich stetig um unbezahlte Rechnungen. Ich wollte vermeiden, dass meine Mutter haftbar gemacht wurde. Ein weiterer Grund war, dass Rechnungen für mich eine verbleibende Verbindung zur realen Welt darstellten, und ich ängstigte mich davor, dieses Bindeglied endgültig zu kappen …«
Annehmen
Finsternis. Ich sehe, und kann doch nichts erkennen.
Ich höre, doch die Laute dringen nicht in mein Herz.
Schwere, und eine Trauer, die mich meiner Existenz beraubt.
Das Leben erlosch, und ich habe sein Sterben nicht bemerkt.
J.G.

»Besinne ich mich, dass ich jedem x-Beliebigen den Arm hinstreckte, um mir einen Schuss setzen zu lassen, läuft es mir kalt den Rücken runter. Einer hatte die glorreiche Idee, er könnte es an der Innenseite des Handgelenkes probieren. In der Sekunde, in der er eine der dünnen Venen angestochen hatte, schwoll mein Handgelenk blau an, woraufhin ich lernte, es selbst zu tun. Wie achtlos ich mit meinem Körper umgegangen war. Es kam vor, dass wir in öffentlichen Toiletten, in denen das Wasser an den Wasserhähnen abgestellt wurde, um Fixer fernzuhalten, Wasser aus der Toilettenschüssel nahmen, um uns einen Schuss zu setzen, und hinterher sogar die Spritze auszuwaschen …«
Bestürzt hauchte Jill: »Oh Gott …«
Vergiss nicht zu atmen …
Gierig sog sie Luft ein, flüsterte fassungslos: »Mir wird speiübel …«
Dein Körper reagiert, er ist bestrebt, zu verarbeiten.
»Reagiert? Er ist drauf und dran, das Mittagessen auszuspucken! Ja, ich sollte lernen, mir zu vergeben, anstatt zu urteilen.«
So ist es, Vergebung findest du ausschließlich in dir.
»Weißt du was? Heute ekle ich mich schon davor, den Türgriff einer öffentlichen Toilette anzufassen, befürchte, dass sich tausende Keime auf mich stürzen.«
Sie schüttelte den Kopf, jene Person von früher war ihr so was von fremd. »Das war der Tiefpunkt. Ich bin unendlich dankbar, das überlebt zu haben. Manchmal kam uns zu Ohren, dass mit Strychnin versetzter Stoff im Umlauf war. Irgendjemand hatte vor, Fixer umzubringen, und das gelang ihm. Nichtsdestotrotz fixte ich weiter.«
Nach der Übelkeit erfasste Jill eisige Kälte, ihr Körper reagierte heftig. Eine unsagbare Müdigkeit bemächtigte sich ihrer.
Steig da aus.
»Wie …?«
Wer bist du?
»Jill Grey.«
Was ist heute dein Streben?
Zögerlich fing sie an zu reden, und mit jeder Definition, entspannte sie sich allmählich.
»Ich danke dir. Was mein Körper abzieht, bezeichnest du als Heilung?«
Blicke hinter die Symptome. Dein Körper drückt aus, was du damals nicht zugelassen hast. Du musst dich dem keineswegs hingeben, versuche einfach, wahrzunehmen und zu verstehen. Es ist wie bei dem Kind in dir, zeige ihm, dass dir heute bewusst ist, wie sehr es gelitten hat.
Sich ins Bewusstsein zu rufen, was sie heute für ihren Körper und Geist tat, hatte ihr wahrlich geholfen.
Sehen
und vielleicht wirst du erkennen, was offensichtlich ist.
»Ich möchte an der Stelle über die Polizei sprechen. Wenngleich ich ihnen aus dem Weg ging, hatten sie grundsätzlich meine Sympathien. Konfrontationen gab es unweigerlich; ich wurde aufgegriffen und verbrachte eine Nacht im Lohnhof in einer Zelle, um dann just vor die Tür gesetzt zu werden. Für gewöhnlich landete ich bei Prostituierten, welche ungemein viele Lebensratschläge zum Besten gaben, allem voran betreffend der Männerwelt.
Stefan konnten sie nie etwas anhängen, was für die Beamten überaus frustrierend war. Er rieb ihnen permanent unter die Nase, was sie wussten und ihm unmöglich nachweisen konnten. Er spielte mit ihnen, ebenfalls in der Nacht, als sie uns wegen eines Einbruchs, den Stefan begangen hatte, aufgriffen. Wir wurden getrennt vernommen und ich verhielt mich unwissend. Ich hatte keine Angst vor der Polizei und den Folgen, hätte ich ausgepackt, ich hatte Angst vor Stefan, denn der wäre, wie üblich, bald wieder draußen. Nach stundenlangem Verhör kam ein weiterer Beamter zu mir, legte ein unterschriebenes Geständnis auf den Tisch und sagte: ›Es ist gelaufen, dein Freund hat gestanden. Jetzt nehmen wir deine Aussage auf.‹ Auf dem Papier war reichlich Text und darunter Stefans Unterschrift, welche ich nicht kannte. Indessen kannte ich ihn. Ich schob das Blatt von mir und sagte, dass es eine Fälschung sei. Der Beamte schlug mit der Faust auf den Tisch und verschaffte sich gehörig Luft. Sein Ausbruch bestätigte mir, was ich vermutet hatte – es war ein Bluff. Wir durften gehen. Stefan grinste die drei frech an und zündete sich, trotz des Verbotes, eine Zigarette an. Das Fass schwappte über und sie verpassten ihm eine Abreibung. Sobald ich drohte, sie anzuzeigen, ließen sie von ihm ab und entgegneten höflich: ›Was können wir dafür, fällt dein Freund über einen Stuhl? Und das können wir bezeugen.‹ Diesmal war die Reihe an den Polizisten, breit zu grinsen. Ehrlich, rational gesehen war ihre Reaktion nachvollziehbar.
Ich war nur einmal schockiert über das Verhalten der Polizei. Ein alter Fixer, er war für mich wie ein Bruder, wurde tot aufgefunden. Geduldig hatte er mir unermüdlich vorgehalten: ›Es ist besser, du spritzt zweimal, denn reinspritzen kannst du jederzeit, aber rausnehmen nicht. Vergiss das niemals!‹ Er befolgte seine Regel eisern, schnurzegal, dass er deswegen mitleidig belächelt wurde. Für mich war er der Letzte, der sich eine Überdosis gesetzt hätte. Er hatte einen Dealer an der Hand und seine Briefchen markierte er mit seinem Zeichen. Als man seine Leiche fand, waren der Stoff und das Geld in seiner Wohnung weg. Ein ziemlich skrupelloses Pärchen verkaufte genau solche Briefchen auf der Gasse. Die Polizei hakte den Fall postwendend ab: Überdosis. Stefan und ich informierten sie auf dem Revier. Ein Beamter grölte dreckig und sagte wortwörtlich: ›Wo liegt das Problem? Ein Fixer weniger, das sind doch hervorragende Neuigkeiten!‹
Im selben Quartier starb auch ein Freund von uns, bei dem wir ab und zu wohnten, wiederum unter mysteriösen Umständen. Es mag hart klingen, zu sagen, dass ich jeweils sparsam getrauert habe, womöglich betäubte ich mich sogleich. Ich habe die wenigsten wirklich gekannt, obwohl man sie als ›Freunde‹ angesehen hat. Jene Menschen, mit denen mein Leben verknüpft war, sind mir heute fremd. Ungeachtet dessen kann ich mich vermehrt in den Schatten wiedererkennen, in denen ich mich sporadisch zu verlieren vermag …«

Jills Rüde ist äußerst heikel, was den Konsum von Wasser und Gefäßen, in denen es serviert wird, anbelangt. Ist sie irgendwo eingeladen, kann es sein, dass er anfängt, sämtliche Unterteller der Blumentöpfe auszuschlabbern, und zuweilen wird sie vorwurfsvoll gefragt: ›Hat dein Hund so Durst?‹
Auch er war vom reinen Bergquellwasser verwöhnt, und das Wasser, das hier aus dem Hahn kommt, nun ja, abgesehen davon, dass es eine Färbung hat, riecht es sonderbar. Noch bevor Jills Nachbarin ihr davon abriet, Wasser zum Kochen zu verwenden, geschweige denn aus dem Hahn zu trinken, schnupperte ihr Rüde am Wassernapf, linste kurz vorwurfsvoll zu ihr hoch und schlich geknickt aus der Küche. Dementsprechend folgte sie dem Beispiel der Italiener und füllt beim Einkauf ihr Auto mit Wasserflaschen.
»Die Härte des zweiten Winters traf mich brutal. Man sagte mir danach, es sei seit dreißig Jahren der kälteste und längste Winter an der Küste gewesen. Ende November arbeitete ich im langärmligen T-Shirt auf dem Land, war überzeugt, dass das Leid vom vergangenen Winter belohnt würde. Du siehst, ich glaube beharrlich, dass, leide ich genug, ich belohnt werde. Ich hatte knapp die Hälfte des Winters hinter mir und war längst an meine Grenzen gestoßen. Eines Morgens drehst du den Wasserhahn auf, aber außer einem geräuschvollen Blubbern geschieht gar nix. Genervt stapfst du zu deiner Nachbarin, in der Hoffnung, dass es bloß ein technisches Problem ist, was du jedoch anzweifelst, sobald du auf den gefrorenen Schnee blickst, der unter deinen Füßen knistert. Diese war jedoch zu ihrer Tochter nach Mailand gereist. Bewaffnet mit Kesseln scharrte ich auf dem Land das bisschen Schnee zusammen und platzierte sie neben dem Cheminée. Geduldig wartete ich, bis der Schnee zu Wasser wurde, was nebenbei nicht geschah. Plan B: Ich füllte den Schnee in Töpfe, um ihn auf dem Gasherd zu schmelzen. Unvorstellbar, welche Mengen es benötigt, um die Toilettenspülung zu betätigen. Am Abend hätte ich vor Verzweiflung diesen kalten, feuchten und schimmligen Schuhkarton in Trümmer schlagen können. Ein Schuhkarton, wo sogar der Schnee neben dem Kamin erhalten bleibt. Am zweiten wasserlosen Abend, hockte ich restlos deprimiert dicht am Kamin und hielt die kalten Hände an die Flammen. Konnte ich der Situation noch irgendwas Gutes abgewinnen? Man staune, ich gestand mir ein, dass es weitaus schlimmer hätte kommen können. Es hatte immerhin geschneit, damit hatte ich wenigstens Wasser, um nach der Toilette zu spülen, und ich hatte ausreichend Wasserflaschen gebunkert, um den Durst zu stillen, Geschirr zu spülen und mich notdürftig zu waschen. Ja, ich war dankbar, worauf eine Stimme in mir zischte: Schätzchen, solch ein Maß an Demut kannst auch du unmöglich an den Tag legen!
Zugegeben, das wunderte mich genauso.
Am vierten Morgen rief ich eine Bekannte in Vasia an und bat sie, jemanden aufzutreiben, der die Wasserleitungen inspizierte. Zwei Männer von der Gemeinde gruben im vereisten Boden nach Leitungen – einen ganzen Meter weit –, dann gaben sie auf, waren ahnungslos, wo und wie tief die unisolierten Leitungen zum Haus verliefen. Schlussendlich schafften sie es, dass beim Wasserzähler an der Straße das Wasser floss, und auf die sinnlose Frage, wann es wärmer und die Leitungen auftauen würden, zuckten sie hilflos mit den Schultern und erwiderten: ›Vielleicht heute, vielleicht morgen, übermorgen …?‹ Enorm beruhigend und dermaßen italienisch. Die Männer waren abgezottelt. Ich holte leere Wasserflaschen und eilte zur Straße, ich korrigiere, ich hüpfte zur Straße und jauchzte: ›Wir haben Wasser! Wir haben Wasser!‹ In diesem Augenblick durchströmte mich ein inniges Glücksgefühl! Der Moment, wo das Wasser in die Flaschen sprudelte, rührte mich so sehr, dass ich Tränen in den Augen hatte. Wasser ist beileibe das kostbarste Gut auf unserem Planeten!
Am vierten Abend fing es in den Leitungen an zu blubbern und rülpsen, und dann kam das Wasser, erst dunkelbraun, hellbraun, bis es normal trüb war. Ich vollführte einen wahren Freudentanz, rannte anschließend flugs ins Bad, zog mich aus und duschte. Der Strahl, der aus dem Duschkopf floss, war weitaus dürftiger als normalerweise, und der Durchlauferhitzer brachte höchstens einen winzigen Hauch von Lauwarm zustande, doch was beklagst du dich, du hast Wasser im Haus, kannst duschen und nach der Toilette die Spülung drücken! Für mich war das der ultimative Luxus!
Gelegentlich ereignen sich Dinge, die dich wahrhaftig Demut lehren und dankbar werden lassen, für etwas, das du ›eigentlich‹ schon hast. Auch ich wuchs in einer Generation auf, in der ich den Hahn aufdrehte und mir keinerlei Überlegungen machte, woher das Wasser kommt. Diejenigen, die nach uns kommen, werden voraussichtlich gezwungenermaßen lernen, dieses Gold unserer Erde zu achten.
Heute gerät mein Blut in Wallung, spritzt jemand seinen Vorplatz, einschließlich Trottoir, Zentimeter für Zentimeter mit einem Schlauch ab. Und fahre ich nach einer Stunde denselben Weg heim, ist dieser Idiot noch damit beschäftigt. Dieselbe Fläche mit einem Besen zu reinigen, ginge um etliches schneller, und irgendwann regnet es ohnehin. Es wäre angebracht, anzufangen, darüber nachzudenken, was das Wasser für uns Menschen und die Natur bedeutet und auf welche Weise wir damit umgehen.«
Beim Herd hantierend bemerkte Jill, dass ihr Atem kleine Wölkchen bildete. »Das Klima spielt total verrückt!«, raunte sie in der Kälte.
So ist es, nicht mehr viel ist so, wie ich es erschaffen habe.
»Dafür, was wir aus deinem Reich machen, schäme ich mich meiner Gattung.«
Ersetze Schämen mit Sorgen.
»Das tu ich, und ich bin außerdem Egoist und frag mich, ob ich den Winter überstehe?«
Bete.
»Das ist nicht mein Ding! Mit dir reden, okay.«
Nenne mir eine andere Bezeichnung für Beten.
»Glauben? Vertrauen? Aber bestimmt bitte ich dich um nichts.«
Tust du nicht?
»Beten heißt, um irgendetwas bitten?«
Wie würdest du das nennen, was du vor dem Einschlafen manchmal tust?
»…!«
Ich warte.
»Ist es nötig, mich bloßzustellen?«
Tue ich das?
»Unser Hin und her Tingeln ist unproduktiv.«
Dem stimme ich zu.
»Du möchtest von mir hören, dass ich bete.«
Und du schämst dich dessen.
»Nein, ich bete eben nicht!« Geräuschvoll schloss Jill einen Schrank. Sie war wütend auf den allwissenden Greis, der über ihren Groll hinwegsah und sie liebevoll aufforderte: Sag mir, was du unter Beten verstehst.
»Ähm … man faltet die Hände, neigt sein Haupt, nimmt eine demütige Haltung ein – vorzugsweise auf Knien – und fängt so an: Lieber Gott, ich bitte um …«
Und das tust du nicht?
»Nein. Ich verbinde mich mit den Ahnen und/oder dir und bitte um ›Unterstützung‹.«
Du betest.
Daraufhin schnaubte Jill: »Prima, dann bete ich halt! Hingegen bin ich niemals demütig. Und ich bitte ebenso wenig darum, dass du mir, in deiner grenzenlosen Gnade, etwas gibst. Ich bitte um Unterstützung, dass ich es selbst erreichen werde.«
Es gibt unzählige Formen des Gebetes, und allesamt erreichen sie mich, kommen sie reinen Herzens.
»Das ist bereits das Nächste. Es stört mich, sagt jemand: ›Ich bete für dich.‹«
Weshalb?
»Es … ich fühl mich dann klein. Und …«
Weil du es selbst kannst?
»Das ist unfair«, schmollte sie. »Sag ich Nein, steh ich blöd da, sag ich Ja, gesteh ich ein, dass ich bete.«
Was du selbstverständlich nicht tust.
»Ich befürchte, unsere Unterhaltung ist an einem toten Punkt angelangt.«
An wem das wohl liegen mag? Sag mir, betest du für andere?
Das Gespräch verlief keinesfalls nach Jills Geschmack. »Nein«, erwiderte sie kleinlaut. Dann, gefestigter: »Ich sage, dass ich nicht bei dir für andere bete. Und sicher wäre es wünschenswert, dass sie Heilung in sich und die Kraft des Glaubens in sich finden … du weißt schon.«
Du betest für sie.
»Du bist heute so was von kleinkariert! Natürlich wäre es schön, würdest du den Hungernden zu essen geben, den Kranken Medizin und zur Krönung packen wir den Weltfrieden obendrauf. Ich bete nicht für die Ärmsten und bin vermutlich ein schlechter Mensch.« Dann, zaghaft: »Bin ich das?«
Wie könntest du schlecht sein, wenn du, berührt vom Leid der Ärmsten, weinst?
»Und doch bete ich nicht für sie, wie es die meisten praktizieren.«
Du betest auf deine Art, und würdest du nicht noch eine Geschichte mit der Kirche in dir herumtragen, würden wir das Gespräch kaum führen; es wäre überflüssig, dich so vehement gegen ein simples Wort zu verteidigen.
»Brennt sonst nichts an, werde ich mich dem Thema widmen.«
Hast du das nicht gerade?
»Ja, dennoch scheint mir unser Dialog unfruchtbar, vergleichbar mit Tischtennis, und ich spekuliere, ich bin dabei, diese Partie zu verlieren.«
Dem pflichte ich bei. Trotzdem sehe ich dich keineswegs als Verliererin, du kannst dir eingestehen, dass auch du betest – auf deine Art.

Jill liebte den alten Mann, Gott, und seine Gegenwart. Nichtsdestotrotz glitten ihre Emotionen weiterhin ein paar Stockwerke tiefer, fuhr sie das Programm des Computers hoch, um einen Besuch in der Vergangenheit zu absolvieren. Und erneut stellte sich ihr die Frage: Wo weitermachen?
Ich könnte mir vorstellen, dass es die Menschen interessiert, wie du dir das Geld beschafft hast? Warst du ein Stricherbaby …?, erkundigte sich eine böse Stimme.
»Nein! Jedenfalls nicht damals.«
Nervös nagte sie auf ihrer Unterlippe herum, atmete geräuschvoll aus und schrieb:
»Geldbeschaffung. Bei drogensüchtigen Frauen ist der Strich naheliegend. Generell gibt es drei Möglichkeiten, sich die Sucht zu finanzieren, geht man keiner regulären Arbeit nach oder stammt aus reichem Haus. Kriminalität: ein umfangreiches und unerschöpfliches Gebiet. Seinen Körper verkaufen: üble Sache. Drogen verkaufen: die leichteste und lukrativste Methode. Ich hielt mich mit Dealen, Diebstählen, Hehlen und Gelegenheitsjobs über Wasser. Stefan verkaufte sich an Frauen und Männer, wohnte vereinzelt bei Homosexuellen und verdiente ganz anständig. Das waren jene Orte, wohin er verschwand. Ich erfuhr davon, als ein verliebter Dreitagesfreier völlig aufgelöst und verzweifelt bei mir aufkreuzte. Nachdem ich die Wahrheit kannte, klärte mich Stefan auch über ein Haus bei der Heuwaage auf, wo Frauen Zimmer mieteten und bezahlten, dass man sie befriedigte. Frauen, die keinen Mann abbekamen, meinte er, um mir dann ausführlich zu berichten, was besagte Frauen von ihm erwarteten. Im Anschluss befand er, dass es an der Zeit wäre, dass ich ebenfalls anschaffe, ich wisse ja jetzt, was er über sich ergehen ließ. Die üblicherweise willenlose Puppe Jill weigerte sich. Primär überraschte mich jedoch, dass unsere Diskussion für ihn somit vom Tisch war, er hakte das Thema ab.«
Jill fürchtete sich gleichermaßen davor, in ihrem Albtraum steckenzubleiben, wie in ein ›normales‹ Leben zurückzukehren, welches ihr fremd geworden war und unendlich weit weg schien. War allerdings ihr Freund weg, begab sie sich in ihre eigene Welt und zeichnete. Sie schrieb Gedichte und ihre Gedanken nieder, auch an einem Abend 1982:
Heute saß ich auf der Treppe vor einem Geschäft in der Steinenstraße. Ich liebe es, in einer belebten Einkaufsstraße zu sitzen. Geschützt und geborgen vom Heroin im Blut, kann ich ohne Furcht diese mir fremd gewordene Welt beobachten. Menschen laufen an mir vorbei, sie amüsieren sich, reden, manchmal schweigen sie zusammen oder streiten sich. Sie sind so verschieden und haben alle etwas gemein: sie haben ein Ziel, sie kommen von irgendwoher und gehen irgendwohin. Ihre Welt ist bunt und lebt, ein Leben, das in mir allmählich erlischt. Zwischen unseren Welten klafft ein tiefer Abgrund und es gibt kein Herüberkommen, von keiner Seite.
Ich sehe die Menschen und sie sehen mich. Blicken sie auf mich herab, trifft mich Mitleid, mitunter Betroffenheit. Sie wollen hinschauen und wiederum nicht …
»Damals lernte ich ein dreizehnjähriges Mädchen kennen, das mir nicht von der Seite wich. Sie war von zu Hause weggelaufen, setzte sich Schüsse und irrte verloren umher. Nach zwei Wochen schickte ich sie heim zu ihren Eltern, denn das, was ich ihr zu geben vermochte, würde sie bloß tiefer in den Sumpf ziehen. Sie weinte herzerweichend, flehte mich an, bei mir bleiben zu dürfen. Zwei Jahre später war sie tot.«
In sich versunken, rieb Jill ihre kalten Hände. Dann rief sie spontan ihre Vermieterin in Deutschland an. Nach dem Telefonat verschaffte sie sich Luft.
»Was hat die Frau für Vorstellungen! Du musst lediglich wissen, wie heizen«, äffte sie ihre Vermieterin nach. »Dann darf sie gerne einen Winter hier verbringen!!!«
Nach deiner Wut zu urteilen, war sie mit der Mietreduktion nicht einverstanden?
»Sie überlegt es sich«, brummelte sie. Brauste dann auf: »Ist es denn zu viel verlangt, ernst genommen zu werden, inklusive eines Quäntchens Gerechtigkeit?«
Ich denke …
»Denk nicht, ich hab Besseres verdient!«
Du …
»Ich bin geduldig, doch es gibt Grenzen! Es betrifft nicht allein das Geld, ich möchte, dass man mir genauso Achtung entgegenbringt! Kapiert?«
Ja, ich …
»Logisch, du kapierst immer …«, lamentierte sie und endete nach einer Minute: »Es ist alles so zum Kotzen!«
Ein Räuspern. »Was denn?«, ächzte Jill.
Weswegen bist du heute zu mir gekommen?
»Ist das nicht offensichtlich?«
Um mir über den Mund zu fahren?
»`tschuldigung, ich hab Dampf abgelassen«, nuschelte sie.
Geht es dir jetzt besser?
»Ein wenig.«
Warum hast du deine Vermieterin ausgerechnet heute angerufen?
»Ich … wegen … was soll die Frage?«
Was ist mit dem Mädchen?
Verdutzt blickte Jill auf und wisperte: »Wieso tust du das?«
Um dir Frieden zu schenken.
»Ich habe sie weggeschickt!«
Sie hatte ihren Weg und du deinen. Glaubst du, sie würde heute noch leben, wäre sie bei dir geblieben?
»Nein …«
Und du trauerst nicht nur um sie.
»Es ist so verdammt schwer, all das nochmals zu durchleben«, erwiderte sie matt.
Du erfährst es nicht nochmal, du erfährst, was du seinerzeit unterdrückt hast, bewusst und drogenfrei. Falls der Schmerz zu stark wird, sei ein Beobachter, gehe einen Schritt zurück, aber ignoriere ihn nicht, er ist der Weg der Heilung.
»Das weiß ich, im Kopf.«
Fange an, ihn in dein Herz zu lassen …
Jill trauerte um jenes Mädchen und um sich, die sie in der Dunkelheit herumgeirrt war. Sie besann sich, dass sie in England ein Gedicht für das Mädchen geschrieben hatte …
Kälte
Du warst so jung, als ich dich sah das erste Mal.
Dein ganzes Leben, es lag vor dir. Du lachtest, doch deine Augen weinten.
So standest du an der Ecke, unschuldig, fast ein Kind.
Du sagtest, das Leben sei hart, die Menschen kalt, geliebt werden, mehr wolltest du nicht.
Sie hören dich nicht. Gefühle, Zeit und Liebe gibt es nicht.
Kälte umhüllt dich.
Dreizehn Jahre jung und so enttäuscht vom Leben.
Du fragtest mich, welchen Sinn das Leben haben mag?
Es war das letzte Mal, dass ich dich sah. Du gingst fort, Tränen in den Augen,
Augen, die so vieles gesehen, so vieles nicht verstehen.
Sie hören dich nicht, Gefühle, Zeit und Liebe gibt es nicht.
Kälte umhüllt dich.
Du gabst den Kampf auf, nahmst dir dein Leben, deine Einsamkeit.
Sie fanden dich im Morgengrau, kalt und nass vom Tau der Nacht.
Die Einsicht, sie kam zu spät, verstehen konnten sie nicht.
Gefühle, Zeit und Liebe, kennen sie nicht, denn die Kälte umhüllt auch sie.
J.G.

An der ligurischen Küste breitete sich in Jill ein Frieden aus, der ihr Geborgenheit und Sicherheit vermittelte. Sie hatte gelernt, sich mit dem Herzen eines Kindes zu freuen. Sie nahm das Leben intensiver wahr, und kleine Dinge, welche für die meisten normal sind, brachten ihr Herz zum Strahlen. Die Natur vermochte sie unsagbar tief zu berühren – ihre Welt war – mit der Ausnahme von Winter – vollkommen.
Liebe, sie kann sich in allem widerspiegeln. Sie lebt in einem Baum, Strauch, einer Blume oder einem Insekt. In unserer Natur lebt eine Welt, so unscheinbar und doch unvorstellbar groß und vielfältig. Eine Welt, die kontinuierlich aufs Neue fasziniert. Sitzt sie draußen und lauscht den Geräuschen, wird sie berauscht. Ein stetiges Brummen und Summen in einer spürbaren Energie.
»Ich hab bereits in den Bergen gelernt, mit den kleinsten, sichtbaren Wesen zu leben, und trotzdem komme ich mir bisweilen als eingefleischter Stadtmensch vor. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Tieren begegne, die ich unmöglich einordnen kann und kaum mit ihrer Schönheit hervorstechen, mir kein verzücktes ›Ohh‹, eher ein ›Wääh‹ oder ›Igitt‹ entlocken. Tiere, bei denen ich mitnichten vorhabe, meinen Schuhkarton mit ihnen zu teilen. Früher wurde kurzerhand reagiert. Heute wird des Öfteren organisiert, um das ›Ding‹ lebend hinauszubefördern. Es widerstrebt mir, radikal zu handeln: 1. Hol eine Zeitung. 2. Schlag zu. 3. Mach sauber und entsorg den Kadaver. Bedauerlicherweise pflastern Fliegenleichen noch immer meinen Weg. Sie sind für mich schlichtweg dämliche und penetrante Schmarotzer, die sich vorzugsweise in Fäkalien setzen, um hinterher im Essen herumzutollen. Man sagt, Fliegen hassen Durchzug, also gibst du ihr eine Chance, sich vom Acker zu machen. Irgendwann bist du es überdrüssig, zuzusehen, dass sie, statt durch das offene Fenster zu verschwinden, fortlaufend ›Klack–Klack‹ daran prallt. Ergo folgen: Schritt 1, 2 und 3.
In Italien erlag ich der faszinierenden Insektenwelt. Du läufst irgendwo durch die Natur und befindest dich plötzlich inmitten einer Flugschneise. Von links und rechts schwirrt und zischt es an dir vorbei, und es sind keinesfalls die Insekten, die fehl am Platz sind, nein, du bist in eine Hauptverkehrsachse hineingeraten und bleibst wie der Esel am Berg stehen. Zu sagen ist, dass Hornissen, was ihre Reaktion angeht, vielmehr das Schlusslicht bilden. Eine klatschte mir ins Gesicht; mit ihrem unverkennbaren, friedlichen ›Brumm-Brumm‹ schwebt sie auf dich zu und du begreifst, dass sie nie und nimmer rechtzeitig ausweichen kann. Demnach kommt, was kommen muss; ›platsch‹, und aus dem gleichmäßigen Brummen wird ein ›Ssss-Brumm-Ssss‹, währenddessen ihre Beinchen über deine Wangen tasten, bis sie ihre Orientierung wiedererlangt. Und weiter geht’s, auf der unsichtbaren Straße. Neben meinem Haus ist ein Hornissennest, ihre Bewohner sind angenehme Nachbarn und ihr tiefes Brummen äußerst entspannend. Gestern hatte ich eine Auseinandersetzung mit einer Wespe. Sie überschritt weit meine Grenzen und ich versagte komplett bei dem Versuch, sie aus der Küche zu entfernen. Ich war restlos entnervt, vor allem da mein Rüde auf Wespenstiche allergisch ist. Dann vernahm ich das mir liebgewonnene Brummen einer Hornisse hinter mir, welche sonst das Haus meiden. Sie durchquerte zielstrebig die Küche, packte den unerwünschten Gast und flog mit ihm an mir vorbei nach draußen. Diese Welt fasziniert mich beständig aufs Neue.«
Gewöhnungsbedürftig hingegen sind Schlangen und Skorpione, wenngleich die Skorpione klein sind. Krabbelt ein Skorpion im Schlafzimmer herum, war’s das mit Schlaf, bis Jill ihn gefangen und aus dem Haus geschafft hat. Zudem ist es ratsam, am Morgen die Hausschuhe auszuschütteln, bevor man den Fuß reinsteckt; besagte Viecher verkriechen sich gern darin.
Im vergangenen Oktober schlenderte sie mit ihrem Rüden nach einem Spaziergang zum Haus hoch, befand sich zwischen der Hauswand und der Steinmauer, wo sich just eine stattliche, grün/gelb karierte Schlange aus den Steinen windete. Das Haupt der Schlange fixierte sogleich ihren Rüden, der hinter ihr her trottete; ihr Körper verharrte aufgerichtet in einer Starre. Jill befahl dem Rüden: ›Warte!‹, woraufhin sich die Schlange ihr zuwandte und sie bedrohlich anfauchte. Das Vieh war circa einen Meter von ihr entfernt. Ihr Hund verhielt sich wie Jill, regungslos, sie tat es mit heftig klopfendem Herzen und angehaltenem Atem, bis die Schlange sich vollständig aus den Steinen gewunden hatte, wendete und in ihr Loch zurückkroch. Dann lieber Echsen, Geckos und Skorpione im Haus, anstatt eine einzige Schlange vor dem Haus.
»Bleiben wir bei der Natur und dem Wetter, das zu schön sein kann, der Himmel so blau, dass er kitschig wirkt. Dieser Teil von Ligurien ist ein wunderschönes, aber im Sommer nahezu ausgezehrtes Stück Land, mit einem Klima, das den Gelenken wohltut. In der Juli- und Augusthitze reicht jedoch ein Funke aus, um das ausgedörrte Land in Asche zu verwandeln. Und egal, ob du dich luftig leicht bekleidest, so anfühlen tut es sich in den zwei Monaten keineswegs. Ich denke beim Aufstehen sporadisch: Ein weiterer Morgen mit kitschigem Postkartenhimmel! Hast du nichts anderes zu bieten? Beispielsweise riesige Wolkengebilde, welche sich am Himmel auftürmen? Ein Windstoß, der dir den Hut vom Kopf reißt, oder ein Platzregen, in dem du tanzen kannst.
Was im Sommer blüht, sind Moskitos. Du wunderst dich, wieso deine Fußknöchel mit Stichen übersät sind, entgeht dir, dass sie daran herumsaugen. Was tust du? Du deckst dich beim nächsten Besuch in der Schweiz mit Antibrumm Forte ein; hilft es in den Tropen, hilft es definitiv für Italien! Wiederum eine Illusion. Diesen kleinen, blutsaugenden Monstern flattert das Zeug wortwörtlich am Arsch vorbei.
Nach einem langen Tag und Temperaturen von über 42 Grad im Schatten, die dir am späten Nachmittag das Gefühl geben, ein Klumpen Teig zu sein, sehnst du dich nach einer kalten Dusche. Leider kannst du dir das »Kalt« abschminken. Das Wasser, welches in einem Betonbecken oben am Berg steht und vor sich her gärt, hat dementsprechende Temperaturen. Du wäschst all die Schichten ab von Fenistil Gel und Schwedenbitter, der dir den ärgsten Juckreiz der Stiche nimmt. Antibrumm, mit dem du dich tagsüber ausgiebig eingesprüht hast, dazwischen Sonnencreme und Schweiß, der dir schon im Schatten aus den Poren dringt. Konkret; du stinkst und bist verklebt. Aber untersteh dich, so jungfräulich und reingewaschen danach draußen im Liegestuhl herumzulümmeln und einen versonnenen Augenblick zu genießen, du würdest innerhalb von Minuten eine Moskitofamilie ernähren.
Nein, ich mochte weder den Winter, geschweige denn den Hochsommer. Blendete ich jedoch die Kälte und Hitze aus, war ich einfach dankbar. Nie zuvor hatte ich ein derartiges Empfinden von Erwachen …«
»Erwachen des Lebens«
Acryl, Silberpulver, Ölfarbe auf Papier

Der Zeitpunkt ist gekommen, eine weitere Epoche in Jills Leben abzuschließen: Das Leben mit Stefan. Obschon sie zu einem späteren Zeitpunkt ein letztes Mal mit ihm zusammentraf.
»Stefan und ich standen erneut davor, unsere möblierte Wohnung im Gundeli zu verlieren. An einem Nachmittag eröffnete er mir, dass wir eine Tankstelle überfallen würden. Die Waffe, einen Kaninchentöter, hatte er längst organisiert. Es sollte nicht so weit kommen, dass ich ihn begleite. Eines Abends kam er überraschenderweise mit einem alten Schulkameraden von mir nach Hause. Sobald Jens herausfand, dass ich mit von der Partie war, sagte er bestimmt: ›Du lässt die Finger von solchen Dingen!‹
Bevor die zwei loszogen, bat ich Stefan, mir sein Armband mit der persönlichen Gravur zu geben; der Verschluss öffnete sich manchmal. Er sagte, ich nerve, und marschierte davon.
Das Warten erstreckte sich ins Endlose. Dann wurde die Haustür geräuschvoll aufgestoßen und zwei überdrehte Männer stürmten jubelnd herein. Sie hatten die Kasse leergeräumt, eine Geldbombe mitgenommen und eine zusätzliche hatte im Tresor gelegen. Ihre Beute betrug rund zwanzigtausend Franken, damals ein kleines Vermögen. Jens hatte den Tankwart mit der Waffe in Schach gehalten, unterdessen packte Stefan das Geld zusammen. Der Tankwart, ein Bär von einem Mann, fing an, die Echtheit der Waffe anzuzweifeln, und nachdem Jens ihn mehrmals ermahnte, stehenzubleiben, drückte er ab. Gottlob hatte der Tankwart keine lebensbedrohlichen Verletzungen, was es keinesfalls besser machte.
Das Geld wurde aufgeteilt und wir trennten uns. Ich habe Jens nie wieder gesehen. Stefan hatte beim Kampf mit dem Tankwart – oder auf der Flucht – sein Armband verloren. Er schien sich keinerlei Sorgen zu machen, ebenso wenig, als das Armband in einer Zeitung abgedruckt wurde. Durch die Kugel konnte die Polizei den Besitzer der Waffe ermitteln, der wollte besagtes Delikt verständlicherweise nicht auf sich nehmen und packte aus. Doch bis es so weit war und alle Fakten auf dem Tisch lagen, verging eine Weile. Stefan informierte mich in der Nacht des Überfalls, dass wir tags darauf mit dem Zug nach Mailand fahren würden, um guten Stoff zu besorgen, mit dessen Verkauf wir ausgesorgt hätten.
Vor der Reise sortierte ich sämtliche Rechnungen und zahlte den Betrag mit dem Geld der Beute ein. Nach der Verhaftung gab ich bei zahlreichen Verhören an, wo wie viel Geld hingeflossen war. Die Beamten wirkten angemessen perplex; ich listete die Einzahlungen akribisch auf.
In Mailand angekommen, fanden wir einen Dealer, der uns eine größere Menge Heroin vermittelte. Stefan steckte mein Portemonnaie und den Pass ein, deponierte mich an irgendeiner Straßenecke und ging mit dem Dealer weg. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er, hatte den Stoff in der Tasche und reichlich davon im Blut. Auf einer Toilette packte er das Heroin in Kondome, band sie mit Schnüren zusammen und forderte mich auf, mir das Zeug dort reinzustopfen, wo der Tampon hinkommt. Sein Plan war, dass wir bis über die Grenze/Zoll in Chiasso getrennt fahren.
Der Zollbeamte an der Grenze war nett, er stellte mir Fragen und ich log das Blaue vom Himmel. Der Zug rollte an, Stefan kam ins Abteil, lobte mich, um anschließend seinen Kopf in meinen Schoß zu betten und zu schlafen. Ich stierte apathisch aus dem Fenster. Mein Leben und Dasein lösten sich auf.
Bei unserer Rückkehr erfuhren wir, dass die Polizei uns im Visier habe. Wir tauchten bei einem Freund unter, der weder bei der Polizei noch in der Drogenszene bekannt war. Alsbald wurde offiziell nach uns gefahndet. Infolgedessen hatten wir keine Möglichkeit, den Stoff zu verkaufen. Über jenen Freund, der bald selbst an der Nadel hing, verkauften wir vereinzelt kleine Mengen. Nach drei Monaten erlag er einer Überdosis. Wären wir nicht zu ihm geflüchtet, es wäre womöglich niemals so weit gekommen. Dummerweise besteht das Leben aus Wenn und Vielleicht, wichtig ist, welche Wahl wir treffen, werden wir an gewisse Dinge herangeführt.
Als ich vernahm, dass nach uns gefahndet wurde, ahnte ich, dass dies der finale Akt sein würde. Die Wochen, in denen wir bei jenem Freund wohnten, waren, obwohl wir haufenweise Stoff hatten, grauenvoll. Tagsüber saßen wir zu zweit, am Abend zu dritt in der kleinen Zweizimmerwohnung. Stefan knallte sich ununterbrochen die Birne voll und trank dazu Alkohol. Dann und wann benahm er sich wie ein wildes Tier im Käfig und fing an, wegen Lappalien auszurasten und dreinzuschlagen. Er verließ die Wohnung nicht mehr. Schliefen beide Männer oder dämmerten im Drogenrausch dahin, schlich ich mich nachts raus, lief die Quartierstraße herunter und beobachtete zwei zivile Beamte, welche ihrerseits unsere Wohnung observierten. Es parkte nicht jede Nacht dasselbe Auto an der Ecke, aber immer saßen zwei Männer darin. Sie waren ahnungslos, dass wir ein paar Häuser weiter aufzufinden waren. Ich versuchte, die Courage aufzubringen, an ihr Wagenfenster zu klopfen.
An einem Abend erlangte ich besagte Courage. Allenfalls half mir der gesunde Überlebensinstinkt dabei, zudem war ich ungemein müde, so weiterzuleben. Ich hatte Stefan verschwiegen, dass unsere Wohnung überwacht wurde. Ich bezweifle stark, dass er überhaupt noch über irgendwas nachdachte. Ich rüttelte ihn wach und sagte mit einer Klarheit: ›Komm, wir gehen heim!‹ Benommen vom Schlaf und Heroin packte er den restlichen Stoff ein, legte seinen Arm über meine Schultern und ließ sich nach Hause schleppen. In der Wohnung angekommen, fing er umständlich an, einen Schuss vorzubereiten. Ich meinerseits wartete auf das Unvermeidliche. Es dauerte etwa fünfzehn Minuten, dann wurde die Tür eingetreten und zwei Beamte forderten uns mit gezogener Waffe auf, uns an die Wand zu stellen. Wir wurden in Handschellen und getrennt in zwei Wagen weggeschafft. Ich hatte nur einen Gedanken: Endlich ist es vorbei.
In dieser Nacht gab ich alles zu Protokoll, was ich jemals verbrochen hatte; ich legte ein allumfassendes Geständnis ab. Fußnote: Erst mit achtzehn wurde ich wegen der Delikte angeklagt. Nach der Festnahme wurde ich zuerst in den Lohnhof verfrachtet und dann in ein kleineres Gefängnis mit zwei Zellen überführt.
Anfang der 80er-Jahre wusste man nicht, was mit straffälligen Jugendlichen anzufangen. Es entbehrte für mich jeglicher Logik, doch nach einer Woche warfen sie mich hochkant raus. Wiederum stand ich auf der Straße und war fassungslos. Was konnte ich noch beichten? War es nicht genug, um mich im Gefängnis zu behalten, mir ebenfalls den Schutz zu gewähren? Bei Gott, ich verstand die Welt nicht mehr. Als ich uns der Polizei auslieferte, war ich überzeugt, das Richtige getan zu haben, allerdings hatte die Entscheidung für mich absolut nichts geändert, außer, dass ich fortan allein war, von den Behörden im Stich gelassen …
Leben
Für fast alles bekommen wir eine Gebrauchsanweisung
und manchmal verstehen wir sie auch.
Für vieles bekommen wir überdies eine Garantie
und manchmal können wir sie sogar nutzen.
Das Leben ist nicht immer fair.
J.G

Jill Grey ist dankbar, dass sie für ihre Arbeit heute einen geschützten Raum hat. Sobald sie ihr Büro betritt, begibt sie sich in Sicherheit. Ein Vertrauen, jeden ausgelösten Schmerz, annehmen zu können. Jeder kann sich so einen Raum erschaffen, und es ist irrelevant, wem du Einlass gewährst – Gott, seinen Ahnen, dem Universum –, um auszusprechen, was noch gesagt werden sollte. Du spürst eine Verbundenheit, eine Gegenwart ist mit dir und du fühlst dich gehört und verstanden.
Ferner deine letzte Sucht zu besiegen?, erkundigte sich eine leise, undefinierbare Stimme.
Oh, ja … da steckte wirklich noch ein Dorn im Fleisch und damit hatte ihr Ego ein geringfügiges Problem. Kehren wir kurz zum Sommer 2009 zurück:
»Das Thema Schlaf begleitet mich, seit ich ein Kind bin. Fürchtete ich mich seinerzeit vor Albträumen, dem Nachtwandeln oder davor, dass Wände verschwinden, so hatte ich während der Drogenzeit keinerlei Schlafprobleme, was kaum verwunderlich ist. Lebte ich in einer cleanen Phase, waren es zwar keine Ängste, welche mir den Schlaf raubten, hingegen zogen Probleme unermüdlich ihre Kreise. Nach der Drogenzeit war ich für fünf Jahre dem König Methadon untertan. Damit schläft es sich hervorragend, und holst du dir zusätzlich den Prinzen Tolvon, ein leichtes Antidepressivum, ins Bett, sind derlei Angelegenheiten eingetütet. Habe ich mich auch von den Drogen losgesagt, häng ich dennoch am Prinzen, ohne den die Nächte endlos und wenig erholsam sind, schnurzegal, was ich an pflanzlichen Hilfsmitteln in mich schütte: Ich hab sämtliches ausprobiert.
Geraume Zeit mied ich es, über jene ›Sucht‹ zu sprechen, ebenso über die Scham, die damit einherging. Und sprach ich trotzdem darüber, merkte ich rasch, dass es lächerlich ist, fabrizierte ich solch ein Drama um ein Viertel einer kleinen, harmlosen Tablette. Was zugegebenermaßen stimmt. Ein Ego-Problem.
Heute sind es weniger Probleme, die sich früher gegenseitig auf die Füße traten und mir den Schlaf raubten. Ich lieg im Bett und arbeite im Geiste an einem Bild. Erfasse Konturen einer Skulptur, schreibe ein neues Kapitel von einem Roman und will dem Faden folgen, der mich durch die Geschichte führt. Ich habe schon um zwei Uhr nachts verdorrte Rosenstöcke geschnitten. Es war einfach zu viel Energie in mir.
Seit sechs Jahren bemühte ich mich, mit dem Tolvon zu stoppen, und scheiterte erbärmlich. Meine Lehrmeisterin sagte mir diesbezüglich: ›Es gibt Dinge, bei denen es ratsam ist, uns in Demut zu üben.‹ War der Moment gekommen, um zu sagen: ›Nobody is perfect?‹
Ja; lerne Demut und nimm an, was du momentan nicht ändern kannst. Der Stolperstein war das »momentan«. Ich schränkte mich von Anbeginn ein, was zur Folge hatte, dass ich die Dosis langsam reduzierte und nach schlaflosen Nächten erhöhte, um mich abermals in Demut zu üben. Dieses Hin und Her setzte sich über Monate fort. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll. Mein Ego wollte keinesfalls ruhen, bis auch diese Sucht bekämpft war. Ich sagte: Schluss, diesmal radikal!
Nach fünf Nächten befand ich mich in einem äußerst desolaten Zustand und wünschte mir sehnlichst, in einer Gruppe der anonymen Tolvoner zu sein: Ich würde mit aufgequollenen Augen und hauchdünnem Nervenkostüm im Kreise der Mitleidenden sitzen und eine Plakette überreicht bekommen, auf der ›Fünf Nächte trocken!‹ geschrieben steht, während mir allfällige Leidensgenossen anerkennend auf die Schultern klopften. Tragischerweise war da einzig mein Rüde und der litt mit mir, hielt mir jeglichen Gemütszustand vor – ein persönliches Spiegelbild.
Es ist übel, sich Stunde um Stunde in den Laken zu wälzen, und gleichzeitig ergießt sich dein Geist unaufhörlich in dir. Und schläfst du für ein, zwei Stunden oberflächlich ein, hoffst du, dass nichts dich aufweckt, denn dann fängt das Spiel von vorne an. Mit jeder Nacht fing der Körper stärker an zu reagieren. Morgens war mir speiübel, der Kopf war schwerer als Backsteine. Neben dem Nervenkostüm, das tiefere Risse bekam als der San-Andreas-Graben, breitete sich eine tiefe Melancholie aus. Ich konnte keinen Film ansehen, ohne loszuheulen. Nach zehn Nächten war ich körperlich und psychisch ein Wrack.
Bevor ich mich ins Abenteuer stürzte, mutmaßte ich: ›Drei, höchstens vier heftige Nächte und dann hast du das Schlimmste überstanden.‹ Zehn Nächte, und wo, bitteschön, ist das Licht am Horizont? Ich schleppte mich durch den Tag und die eigene Gesellschaft quälte mich. Geht es einem mies, kann man sagen: Ich geh früh schlafen, abtauchen. Dort, wo normale Leute abtauchten, fing bei mir der übelste Teil an.
Angesichts meines Zustandes warf ich am elften Tag das Handtuch und schämte mich abgrundtief. Ich sehnte mich danach, nur eine Nacht zu schlafen. Ich wollte, wie der Junkie seinen Schuss, mir den Prinzen ins Bett holen. Am Nachmittag telefonierte ich mit meiner Freundin. Wir sprachen über Resignation und unsere Verbissenheit, gewisse Dinge anzugehen. Dann sagte ich, warum ich, abgesehen von der Energie, immerzu Mühe hatte, einzuschlafen. Worauf sie prompt erwiderte: ›Schatz, das ist doch logisch; schlafen wir ein, verlieren wir die Kontrolle.‹ Ihre Aussage traf mich wie eine Faust. Konnte ich etwas, das derart offensichtlich war, übersehen? Ja, denn ich hockte mittendrin. Dieser Satz begleitete mich, rüttelte an meinen Grundmauern. Lag es an den Kindheitsnächten? Offenkundig war das Thema noch unverdaut. Und es war himmlisch, am Abend mit dem Prinzen in den Schlaf zu gleiten.
Nachfolgendes Bild entstand in den schlaflosen Nächten …«
»Schlaflos«Öl, Acrylfarbe und Silberpulver auf Papier-Karton

Möchtest du nicht auch den anderen Teil erzählen, betreffend deines Schlafprinzen?
»Den, wo ich ihm für knapp zwei Monate entsagte?«
Genau.
»Bin mir unsicher, ob ich das zusammenbringe«, erwiderte sie ausweichend.
Wir haben seinerzeit manchen Dialog geführt, sie werden dir helfen, es zusammenzubringen.
Pause.
Wofür schämst du dich?
»Ich schäme mich keineswegs«, platzte sie heraus, ruderte dann unbeholfen zurück. »Kann sein, dass ich mich ein klein wenig schäme. Zudem würde es verrückter klingen.«
Soll heißen, du hast vor, darüber hinwegzugehen?
»Du bist unerbittlich und gibst nie auf.«
Aufzugeben liegt mitnichten in meiner Natur.
»Dito. Okay, ich werde die Dialoge, die wir geführt haben, zusammensuchen. Aber jetzt ist mir entfallen, wo ich vorhatte, weiterzufahren …«
Du wolltest über einen außergewöhnlichen Menschen in deiner Vergangenheit sprechen.
»Oh, ja. Danke.«
Nachdem Jill aus dem Gefängnis geworfen wurde, trat zwei Wochen später ein Mann an sie heran. Sein Name war Dr. Rudolf Bass. Er eröffnete in Pratteln BL die Jugendanwaltschaft und war ein bemerkenswerter Mann. Kontinuierlich prallte sie mit ihm zusammen, verhielt sich wie ein trotziges, unkooperatives Kind.
»War ich es gewohnt, geschlagen zu werden, war es für mich neu, dass ein Mann mich mit solch einer verbalen Klarheit und Härte konfrontierte. Zuerst bekam ich eine Betreuerin zugewiesen, welche ich zweimal pro Woche privat aufsuchen sollte, um ein paar Stunden mit ihr zu verbringen, einschließlich der Kinder. Ich schaffte zwei Besuche, war verschlossen und hatte unter den mir fremden Menschen – und lärmenden Kindern – unentwegt den Drang zu flüchten. Dr. Bass suchte derweil unbeirrt nach einer Lösung für mich und schlug mir ein Durchgangsheim für Minderjährige in Zürich vor, das Riesbachheim. Ich willigte ein, wollte mein Bestes geben und unternahm keinerlei Anstalten, mit Stefan in Kontakt zu treten. Das Heim gefiel mir und alle Betreuer/innen waren nett. Bedauerlicherweise entging ihnen, was ihre Kinder trieben. Ich blieb dabei, die personifizierte Unscheinbarkeit zu mimen.
Am zweiten Tag nahmen mich zwei Jungen mit, um mir Zürich zu zeigen. Sie klauten Alkohol, wir tranken ihn und sie klärten mich auf, was im Heim zu bekommen war, von Tabletten über Marihuana bis hin zu Alkohol. Ich hatte mir zuletzt vor unserer Verhaftung einen Schuss gesetzt, aber hielt mir jemand eine Flasche hin, trank ich. Hätte mir jemand eine Spritze hingehalten, wäre es dasselbe gewesen. Dumm gelaufen, besorgt deine Mitbewohnerin im Zimmer dir den Stoff, brauchst nicht einmal das Geld zu beschaffen, all inclusive.
Das Mädchen schluckte täglich Tabletten und konsumierte vereinzelt Heroin. Ihr Alter gab sie mit siebzehn an – ich wurde in fünf Monaten sechzehn. Sie quatschte dauernd über Drogen und hatte mich bald so weit. Als hätte sie es geahnt, erläuterte sie mir, dass sie super Stoff besorgen könne, und der kostete mich – nada. Das war’s. Sie kam mit dem Stoff, zwei Spritzen und eröffnete mir, dass ich ihr den Schuss setzen müsse. Keinesfalls wollte ich das. Sie sagte, dass, würde ich mich weigern, ihr Freund ihr helfen würde, leider bliebe dann nichts für mich. An der Stelle wäre es vermutlich klug gewesen, auszusteigen: Ich tat, was ich niemals hätte tun dürfen. Nach dem achtzehnten Geburtstag erfuhr ich bei der Gerichtsverhandlung, dass dieses Mädchen damals vierzehn gewesen war. Ich wurde angeklagt, sie angefixt zu haben, so hatte sie es ihren Eltern und der Polizei geschildert. Wenngleich die Betreuer sonst kaum was mitbekamen, sprang ihnen bei mir das Wort Heroin förmlich entgegen. Ich wurde rausgeschmissen.
Am nächsten Morgen saß ich mit meinem Anwalt im Garten des Heims, wo er mich informierte, dass ich in derselben Stunde den Koffer zu packen hätte. Im Trotz erwähnte ich, dass im Heim einiges abging und die Betreuer diesbezüglich blind seien. Ohne darauf einzugehen, entgegnete Dr. Bass sachlich, dass es hier um mich und eine weitere Chance gehe, die ich mir versaut hätte. Mein Gegenüber hatte ein forsches und klares Auftreten, ich hatte unglaublichen Respekt vor ihm. Nie zuvor gebärdete sich jemand so vor mir, um mir begreiflich zu machen, wo ich stand und dass niemand mich da wegbringen konnte, außer ich mich selbst. Und ganz nebenbei sei es für ihn irrelevant, ob ich auf direktem Weg in den Tod renne, es sei mein Leben! Dieser Mann glich einem gewaltigen Gewitter, das über mir hereinbrach.
Ich war wütend, vor allem auf mich, dass ich mir diese Chance genommen hatte, und ging in die Opposition. Wir hatten die erste Runde im Ring hinter uns, und er sagte, dass es für mich bloß eines gäbe; die psychiatrische Klinik Hard in Embrach, wo es eine Entzugsstation für Fixer gebe, um anschließend einen Therapieplatz zu suchen. Ich wurde bislang keines Deliktes angeklagt, insofern konnte er mich nicht zwingen, irgendwo hinzugehen. Psychiatrische Entzugsklinik, diese Worte bescherten mir Magenkrämpfe, und ich sagte, was ich ständig absonderte – ich wollte heim und sei willens, alles dafür zu tun. Es war der Augenblick, in dem ich in Tränen ausbrach, und an dem Morgen war die Antwort von Dr. Bass nicht wie üblich: ›Das ist keine Option. Deine Mutter benötigt Zeit.‹ Er schrie mich unvermittelt an: ›Deine Mutter will dich nicht, kapier das endlich!‹ Die Härte und Klarheit in seiner Stimme trafen mich tief. Ich war beharrlich davon überzeugt, dass, würde ich mich bessern, sie mich aufnehmen und gegebenenfalls lieben könnte. Das Ende des Gespräches war ausgesprochen emotional. Was ich in der Verzweiflung von mir gab, ist mir entfallen. Was er mir abschließend entgegenschleuderte, ist präsent: ›Du kannst in die Klinik oder auf die Gasse gehen und dich zu Tode fixen, entscheide dich!‹ Ich plärrte trotzig: ›Dann geh ich halt auf die Gasse und fixe mich zu Tode!‹ und dann rannte ich davon.
Heute habe ich große Achtung vor dem Mann und schätze, dass es für ihn schwerer gewesen war als für mich. Seine Aussage betreffend meine Mutter, gab mir ein unsägliches Gefühl von Verlust, und bewirkte, dass ich noch verbissener daran festhielt. Natürlich hatte ich nicht vor, mich zu Tode zu fixen. Ich wollte, dass er mir hilft, mich rettet, wobei mir entgangen war, dass er genau das versuchte.
Es dauerte keine Woche, um jeglichen Stolz herunterzuschlucken, ihn anzurufen und darum zu bitten, mir den Platz in der Klinik zu reservieren. Ich konnte seine Erleichterung hören, als er sagte: ›Komm morgen um neun Uhr zu mir, ich organisiere es und fahre dich hin.‹
Auf der Fahrt lernte ich eine sanfte Seite von ihm kennen. Ich bin zutiefst dankbar, dass er in mein Leben trat. Unsere Konfrontationen haben mich letztlich weitergebracht. Er war ein Mann, der jederzeit mit der Frau in mir sprach und das Kind ignorierte, welches ihn beschimpfte. Er war unnachgiebig und sagte ausschließlich die Wahrheit, einerlei, wie sehr sie mich erschütterte. Er streckte mir seine Hand entgegen und signalisierte, dass es an mir lag, nach ihr zu greifen.

Auf einer Steinmauer vor ihrem Haus hockend, las Jill den Dialog, den sie verfasst hatte, als sie im Sommer 2010 ihrem Schlafprinzen beinahe zwei Monate entsagen konnte: »Es ist genial!«
Gestatte mir, an deiner Freude teilzuhaben.
»Dann muss ich etwas ausholen …«
Ich habe alle Zeit der Welt.
»Okay. Seit ich aufgehört habe, jede zweite Woche in die Schweiz zu fahren, hab ich vier Wochen am Stück für mich, Wochen, in denen ich mich ganz auf meine Arbeit einlassen kann. Wochen vollkommener Ruhe … es ist himmlisch, der Alltag ist um einiges intensiver und erfüllter!«
Und jetzt kommt es, ja?
»Richtig! Ich überlegte, ob ich auf das Tolvon verzichten kann? Und …«
Und …?
»Du weißt ja, dass mich das Thema Reinkarnation interessiert, ich hatte jedoch bisher keinerlei Verlangen, eine Sitzung zu nehmen.«
Weil du Zweifel hattest, dass es bei dir funktionieren könnte.
»Korrekt, ich bin ein Kontrollfreak. Wie dem auch sei, ich lag im Bett, konzentrierte mich auf den Atem, und forderte meine Seele auf, mich an einen Ort zu führen, wo eine Verbindung zum Problem mit dem Atmen besteht. Ich hatte bereits Sekundenwahrnehmungen, in denen ich spontan in ein anderes Leben hüpfte. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich begab mich in den Körper eines Babys und jemand drückte mir ein Kissen auf das Gesicht … dann sprang ich unverhofft ins nächste Leben …«
Sprich weiter …
»Ich stecke im Körper eines Mannes und stehe auf einer Pflastersteinstraße, sie führt um eine Festung nach oben. Wachmänner treiben eine Gruppe Männer hinunter in den Kerker, darunter meinen Freund. Die Leute sagen, ich hab den Verstand eines Kindes. Mein Freund ruft mir zu, er würde wiederkommen.
Dann lieg ich in einem Verlies auf dem Boden, oben links ist ein Fenster, durch das Licht dringt. (Das Fenster hatte ich in früheren Bildern gemalt.) Jeder Muskel ist zusammengezogen, verkrümmt. Ich bin gefangen in diesem Körper, möchte sterben, ausbrechen, mir den Atem nehmen, um mich zu befreien.«
Dein Freund kam nicht zurück und sie steckten dich in das Verlies, in welchem du gestorben bist. Du hast erfahren, dass du aufgehört hast, zu atmen. Auszubrechen, du kennst das Empfinden in deinem Leben, lieber sterben, statt Mauern zu durchbrechen.
»Oh Gott, sämtliche Zellen im Körper krampfen sich zusammen.«
Was du beschreibst, ist die Erinnerung an jenen Tod, deine Seele hat sie gespeichert. Der Körper lügt niemals, ebenso wenig die Seele.
»Es war ungemein real und im Grunde hab ich nichts gemacht.«
Du hast dich mit deiner Seele verbunden und Vergangenes in dein Bewusstsein geholt.
»Ich hatte am Abend spontan mit dem Tolvon gestoppt. Und sobald ich in jenem Leben gestorben war, schlief ich entspannt ein. Es ist seltsam, durch Raum und Zeit zu gleiten … es passierte einfach, wie das Stoppen des Tolvon.«
Das klingt fast wie ein Vorwurf?
»Naja, es erscheint mir unfassbar. Ich brauche länger zum Einschlafen, wache meist um fünf am Morgen auf. Aber mein Leben ist zurzeit so fantastisch und zugleich hab ich Angst.«
Wovor fürchtest du dich?
»Die Kontrolle zu verlieren.«
Allein deine Seele reist.
»Das ist für meinen Verstand irrelevant. Was, falls ich irgendwo dazwischen hängenbleibe?«
Dies wird mitnichten geschehen.
»Du hast leicht reden, du hängst ja konstant irgendwo dazwischen.«
Lebe Vertrauen und nimm das Geschenk an. Gib dich nicht deinen Ängsten hin. Du wirst weder deinen Verstand noch dein Leben verlieren.
»Mhm. Ich bin müde. Können wir ein andermal weitersprechen?«
Wann immer dir danach ist.
Versonnen blickte Jill zum Meer und flüsterte: »Ich liebe dich …«
Ich liebe dich auch, mein Kind …
Vertrauen leben, simple Worte, welche umzusetzen undenkbar sind, fürchtest du dich davor, die Kontrolle aus den Händen zu geben …
Farben der Nacht
Langsam geht der Tag, das Licht, es löst sich auf.
Die Farben, sie verblassen mehr und mehr.
Das Leben, es nimmt eine andere Gestalt an.
Ein Gefühl von Wehmut und doch ein schöner Moment.
Lass deine Seele wandern, in diese Welt von Ruhe und sanften Farben.
Die Farben der Nacht, wir können sie spüren.
J.G.

Auf welche Weise man sein Leben wegwerfen kann, wusste Jill Grey inzwischen, es hingegen zu leben, diese Kunst beherrschte sie nicht einmal ansatzweise. Um das zu lernen, begab sie sich vor ihrem sechzehnten Geburtstag in die psychiatrische Klinik Hard in Embrach, mit dem naiven Glauben, dass sich somit alles einrenken würde.
»Die Bezeichnung Irrenhaus ist zu hart gewählt, trotzdem kommt eine psychiatrische Klinik dem nahe, findet man sich auf der Entzugsstation wieder. Und bedenke ich, dass der Großteil der Leute vor dem Eintritt sich vorher ordentlich vollpumpt, während der Rest auf Entzug, beziehungsweise halbwegs davon runter ist, ist es nachvollziehbar, dass ein Aufenthalt äußerst angenehm werden kann; Konflikte sind vorprogrammiert.«
An einem Nachmittag wurde ein junger Mann eingewiesen, er war auf 240 mg Methadon und wollte ohne Hilfsmittel auf null. Allgemein wurde gesagt, dass dies der pure Irrsinn sei. Jill konnte dies nicht beurteilen, bis sie mitverfolgte, dass der Mann komplett durchdrehte, den Aufenthaltsraum kurz und klein schlug, um abschließend mit bloßen Händen das Lavabo aus der Wand zu reißen. Er wurde in eine Zwangsjacke gesteckt und weggebracht.
»Ich hatte keinen Entzug, als ich drohte, auf die Gasse zu gehen, war das ein Bluff, ich blieb clean. In der Klinik angekommen, wurde ich über die Regeln der Station aufgeklärt und hinterher einer Ganzkörperuntersuchung unterzogen, um Drogen aufzuspüren.
Die Station war rund, man hätte endlos im Kreis joggen können, was selbstverständlich niemand tat. Wir saßen vorwiegend im offenen Wohnbereich und rauchten. Es wurden Gassenstorys und großzügig ausgeschmückte Horrorgeschichten über Therapiestationen erzählt. Zudem gab es eine Bibliothek, kombiniert mit Aufenthaltsraum, wo Gruppengespräche stattfanden. Zu der Station gehörten des Weiteren ein Fernsehzimmer, Küche, Bad, Telefonzelle, Gummizelle und ein Raum mit einem Billardtisch.
Ich war mit Abstand die jüngste Insassin. Zu Beginn bereitete es mir Mühe, mit so vielen Menschen eingesperrt zu sein, dagegen hatte ich null Probleme, dass sich die Fenster lediglich eine Handbreit öffnen ließen und Türen, welche nach draußen führten, allesamt verschlossen waren. Es ist eine geschlossene Station, wäre sie offen, würden die wenigsten in den ersten Tagen bleiben. Nach zwei Wochen durfte man am Sonntag einen begleiteten Spaziergang unternehmen. Ich lebte mich rasch ein. Wiederum war ich an einem Ort, der mir Sicherheit schenkte. Obwohl ich hier ebenfalls schweigsam war, fand ich stets Freunde. Leute kamen und gingen und ich verhielt mich so, dass ich nirgends aneckte und keinerlei Reibungsfläche bot. Eine unbewusste Überlebensstrategie.
Erneut hatte ich weder das Bedürfnis abzuhauen, geschweige denn mich zu betäuben, ich war aufgehoben und das genügte mir vollends. Das Ziel solcher Institutionen ist jedoch keineswegs, Obdachlosen eine Unterkunft zu gewähren. Insofern wurde mir nahegelegt, mich schriftlich bei Therapiestationen zu bewerben, worauf mir sämtliche Schauermärchen von Therapieplätzen zu Ohren kamen, denn auch dort flüchteten etliche, um dann ihre ausgeschmückten Geschichten zum Besten zu geben. Geschichten über Gruppensitzungen, in denen man erbarmungslos verbal auseinandergepflückt und gedemütigt wird. In manch einer Therapiestation, so wurde gemunkelt, würde den Bewohnern sogar eine Gehirnwäsche verpasst.
Um es abzukürzen: Es kamen durchs Band Absagen. Die Begründung war vorzugsweise, dass ich zu jung für die jeweilige Gruppe sei. Ich war zu jung fürs Gefängnis und zu jung für eine Therapiestation. Shit happens, kann ich bloß sagen. Den sechzehnten Geburtstag feierte ich in der Psychiatrie, danach Weihnachten und Neujahr. Nach vier Monaten auf der geschlossenen Station überkam mich allmählich der Klinik-Koller. Kaum hatte ich mich mit jemandem angefreundet, verließ die Person uns, und fortan kamen Neuzugänge, sogenanntes Frischfleisch von der Gasse, vollgepumpt mit Heroin und dann auf kaltem Entzug. Das Team war betrübt über all die Absagen. Normalerweise blieben die Leute im Höchstfall ein, zwei Monate. Mir wurde bewusst, dass ich an diesem Ort keinen Schritt weiterkommen würde, und zu bleiben, bis ich alt genug war, um in einer Therapiestation aufgenommen zu werden, war definitiv keine Option.
Eine Zimmergenossin hatte die glorreiche Idee, Leintücher zusammenzuknüpfen und sich beim Küchendienst aus dem Fenster abzuseilen, welches nach dem Kochen am Abend – am Nachmittag wurde das Essen geliefert – eine halbe Stunde geöffnet war. Ich hockte auf der Fensterbank und starrte die zwei Stockwerke in die Tiefe – selbstredend schickte sie mich vor. Dann kam ein junger Mann herein, er war öfters dort, und meinte gleichmütig: ›Der Letzte, der es probierte, hat sich beide Beine gebrochen.‹
Ich nahm Abstand von dem Fluchtplan.
Nach zwei Wochen haute ich bei einem Kioskbesuch ab. Ich rief einen jungen Mann an, der in der Diskothek, wo ich seinerzeit ein und ausging, am Wochenende Platten auflegte, und er holte mich ab.
So endete der erste Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Hard im Frühling 1983. Ich wurde von Felix, der längst im Berufsleben stand, aufgenommen. Er hatte im Haus seiner Eltern eine Wohnung. Ich blieb bei ihm – wo hätte ich hingehen können – und fing an, mit ihm zu schlafen, wurde seine Freundin; was hätte ich ihm sonst geben können, um ihn zu entschädigen.
Abermals fing ich an, mich zu betäuben, um all das aufrechtzuerhalten, was ich lebte und vermeiden wollte. Ich war zwar weg von der Gasse, dennoch erschien mir die Welt, in der ich mich wiederfand, fremd. Es war anders als mit den Menschen in der psychiatrischen Klinik, vor denen ich nie Scham empfand und mich niemals fürchtete. Draußen war ich überzeugt, mich permanent schützen zu müssen und eine Außenseiterin zu sein. Eine vertraute Dunkelheit breitete sich in mir aus. Das Leben hätte mich genauso in China, in einer Großstadt, ausspucken können, ich wäre mir ebenso verloren vorgekommen. Egal, was Menschen hätten sagen oder tun können, es war ihnen unmöglich, mich zu erreichen; ich erreichte mich selbst nicht mehr …«

Ein weiterer Dialog, den Jill in der Tolvon-Abstinenz geführt hatte, ist folgender:
Sie war der Verzweiflung nahe. »Warum ich? Im Winter friere ich mir den Hintern ab und diesen Sommer könnte ich mir die Haut vom Leib reißen!«, zeterte sie vor sich her.
Mein Kind, ohne deine Haut wird dein Körper keinesfalls überleben.
Genervt rollte sie mit den Augen. »Das war eine Redewendung.«
Die allerhand aussagt. Beginne von vorne, statt mit der Tür ins Haus zu fallen und mich anzuschreien.
»Du hast eine Tür?«, gab sie schnippisch zurück. »Vergib mir. Ich dreh zurzeit am Rad.«
Ich höre dir zu …
»Da gibt es nicht viel zu sagen, außer, dass ich mit Ausschlägen übersät bin, kaum die Sonne und Wärme ertrage, und das im Hochsommer! Also; wofür werde ich bestraft?«
Du wirst mitnichten bestraft. Dein Körper möchte dir etwas mitteilen.
»Er sagt: ›Gleite ab in den Wahnsinn oder wandere nach Grönland aus.‹ Im Ernst, ich hab ihn gefragt, zumindest meine Seele, und sie gab mir keine plausible Erklärung.«
Welche unplausible Erklärung hast du denn erhalten?
Jill schilderte, wie sie am Abend im Bett auf Reisen ging.
»Ich war ein krankes Indianerbaby. Man brachte mich in ein Zelt, in welchem verschiedene Kräuter angezündet wurden. Der Rauch brannte in den Augen, und die Laute der Menschen ängstigten mich. Dann wurde ich älter und bat, ebenfalls die Kunst der Heilung erlernen zu dürfen, was mir verweigert wurde. Ich sei zu kränklich. Das ganze Leben war ich ein Außenseiter.«
Und diese Antwort ist nicht hilfreich?
»Ist das ernst gemeint? Was fange ich damit an?«, ereiferte sie sich.
Du gibst deinem Körper die Schuld an deinem Leid.
»Wem denn sonst?«
Dasselbe hast du in jenem Leben getan. Du hast deinen Körper verachtet, ihn von dir gestoßen; er hinderte dich daran, dem zu folgen, wozu du dich berufen fühltest.
»Exakt. Gleichermaßen nahm ich hin, dass über mich bestimmt wurde. Ich litt still vor mich hin.«
Hättest du an dich geglaubt, wäre es dir vielleicht möglich gewesen, über deinen Körper hinauszuwachsen, was auch sie erkannt hätten. Du hast deine Energie vergeudet, hast den Körper bekriegt, anstatt dich mit ihm auszusöhnen.
Eine Weile hüllte sich Jill in Schweigen, sagte dann leidgeprüft:
»Herrgott, all das kommt mir bekannt vor. Darüber bin ich doch hinweg?«
Dein Körper sagt anderes. Beginne, ihm zuzuhören. Jegliche Antwort ist in dir, du musst lediglich willens sein, sie zu empfangen.
»Gottes Wege sind verwirrend.«
Es sind eure Wege, ihr wählt sie, um den Weg zu mir zu finden.
»Ich hätte mir vor der Wiedergeburt eine Karte anfertigen sollen.«
Gewissermaßen hast du das. Lerne sie zu lesen. Der Ausdruck ›Ich könnte mir die Haut vom Leib reißen‹, was sagt er dir?
»Es ist selbstzerstörerisch.«
So ist es. Und das zeigt dir, wo du mit deinem Körper derzeit stehst – nämlich im Krieg. Solange du Krieg führst, wird er dich leiden lassen.
»Du schlägst vor, trotz allem, was er gerade produziert, ihn zu lieben?«
Sag mir, wie fühlt sich dein Körper an, seit du mir von dem früheren Leben berichtet hast?
Jill hatte das Jucken völlig vergessen. »Besser.«
Du hast dich ausgedrückt, statt dich zu bekriegen. Ein weiteres Thema war wiederum dein Glaube an dich. Der Körper war deine Prüfung und du hast sie von dir gestoßen. Die Menschen waren Teil der Prüfung und du hast dich von ihnen abgewandt.
»Sagst du mir, ich hätte mich gegen den Entscheid der Ältesten stellen sollen?«
Das tut man nicht.
»Was? Das dachte ich ja auch …?«
Und das denkst du noch heute.
»Ich hätte lernen dürfen, hätte ich mich und die Mitmenschen nicht bekriegt?«
Du hast dich damals geweigert, weshalb willst du es jetzt wissen?
Jill war keiner Antwort verlegen. »Sicherheit!«
Und dieses Bedürfnis hindert euch daran, zu erfahren. Was du niemals wirst, wartest du in deiner Furcht darauf, dass dir jemand die Sicherheit gibt, dass du den Kampf gewinnen wirst.
»Klingt logisch. Dann werde ich halt versuchen, meinen Körper zu lieben und ihm zuzuhören.«
Und das klingt keineswegs freudig.
»Na ja, ich hab mehr erwartet.«
Du hast dir eine Spontanheilung erhofft?
»Ich bevorzuge per se das volle Paket.«
Du beschwindelst dich. Würdest du dir das volle Paket wahrhaftig wünschen, hättest du es. Wo wir bei deiner Furcht sind, dass das geschehen könnte.
Jill befürchtete, es entspreche der Wahrheit, und gab ein »Mhm« von sich.
Ich nehme dein »Mhm« als Zustimmung. Sieh es als Teil deiner Heilung an. Und am Rande bemerkt; Befindest du dich im Krieg mit deinem Körper, wird es schwierig, mit ihm zu kommunizieren.
»War’s das?«
Im Augenblick, ja.
»Ich fühl mich wie ein Kind, das einen Berg Hausaufgaben bekommen hat.«
Du hast alle Zeit der Welt. Es ist auch in Ordnung, die Hausaufgaben einmal beiseitezuschieben.
»Wirklich?«
Gewiss, vor allem, wenn man eine ausgezeichnete Schülerin ist.
»Wow … Danke. Könnte ich davon einen Nachschlag haben?«
Tatsächlich geschah das Wunder, welches sich Jill erhofft hatte. Die Ausschläge verschwanden am nächsten Tag vollständig, und sie quälten sie, bis heute, nie wieder …
Dein Körper
Dein Körper schmerzt, du fühlst dich in Ketten gelegt.
Kannst du sie sprengen?
Du rennst gegen Wände. Sind überall Grenzen?
Energie, die in dir tobt. Kannst du sie leben?
Dein Körper schmerzt. Sei wütend auf ihn, hasse ihn,
und ihr werdet ewig Feinde sein.
J.G.

Jills Vergangenheitsreisen glichen zeitweilig einem nebelverhangenen Morgen, dennoch konnte sie darin vermehrt klarer sehen. Und wenngleich sie sich oft unsicher war, was ihr im Nebel begegnete, so wusste sie es diesmal haargenau …
»Fortan lebte ich bei Felix. Ich war arbeitslos und hatte reichlich Freizeit neben dem Haushalt. Obwohl ich mir vornahm, nicht dort weiterzumachen, wo ich aufgehört hatte, traf das ein. Zuerst konsumierte ich Tabletten und spülte sie mit Unmengen Alkohol herunter. Bald reichte mir der legale Cocktail nicht mehr, um gegen die Angst anzukommen: Ähnlich einem ungezähmten Tier, das eingefangen und in einen Käfig im Zoo eingesperrt wird, wo es allen Blicken ausgesetzt ist. Hatte ich ein bisschen Geld, kaufte ich Stoff oder half jemandem, ihn zu verkaufen.
Dann wurde ich von Stefan schwanger. Es war unsere letzte Begegnung. Felix leistete drei Wochen Militärdienst ab und ich ließ mich treiben. An einem Nachmittag kreuzte Stefan auf – weiß Gott, wie er mich gefunden hat –, er war bereits in einen halb offenen Vollzug verlegt worden und hatte Ausgang. Ich war vollends überfordert mit dieser Konfrontation. Stefan seinerseits beteuerte mir, dass er mich vermisse, liebe, und gleichzeitig erleichtert sei, dass in seiner Abwesenheit jemand für mich da sei.
Ich schlief selten mit Felix, hatte ein eigenes Zimmer und kroch nur in sein Bett, wenn ich glaubte, es sei angebracht, konkret gesagt, mich Schuldgefühle heimsuchten. Daher konnte ich mit Bestimmtheit sagen, dass das Kind von Stefan war. Obschon ich die Pille nahm, wurde ich schwanger. Wegen des Drogenkonsums war meine Blutung unregelmäßig und blieb länger aus. Demzufolge machte ich mir keinerlei Sorgen, dass die Regel seit drei Monaten überfällig war.
Nachdem ich von einer Frauenärztin die Gewissheit hatte, sagte ich es Felix, der sich sichtlich freute. Ich gestand ihm die Wahrheit ein, was ihn zutiefst traf. Er schluckte alles klaglos und meinte, das ändere nichts. Er war herzensgut, und ich habe ihm mehrfach einen Dolch ins Herz gestoßen. Sein Schweigen ertrug ich kaum. Es kam vor, dass ich diesen Mann, der mich um einen Kopf überragte, an den Schultern packte und schüttelte, ihn anschrie, endlich wütend zu werden, mich anzuschreien, von mir aus zu schlagen, Hauptsache, er würde irgendetwas tun! Er schwieg noch beharrlicher. So sehr er mir helfen wollte, er war dazu außerstande. Ich konnte seine Qualen miterleben. Höchstwahrscheinlich wurde ich deshalb wütend; Täter – Opfer, ich war beides. Nichtsdestotrotz hat er mir womöglich das Leben gerettet, indem er ausnahmsweise beharrlich blieb.
Es war kurz nach der Abtreibung, ich bettelte ihn um Geld an. Er wusste, dass es für Stoff war, und gab es mir unter der Bedingung, dass er mitkäme. Beim Kauf sagte der Dealer: ›Nimm ganz wenig, es ist erstklassiger, reiner Stoff.‹ Wir begaben uns auf eine öffentliche Toilette und ich wollte den gesamten Stoff auflösen; jeder Dealer schwört, sein Stoff sei rein. Felix drohte mir, das Briefchen wegzunehmen, befolge ich den Rat des Mannes nicht. Tatsache ist; die Hälfte des Stoffes haute mich dermaßen um, dass ich außerstande war, mir die Nadel aus dem Arm zu ziehen. Ich vermute, ich hab es versäumt, mich bei Felix zu bedanken. Und so tue ich es heute: Ich danke dir, dass du standhaft geblieben bist, und ich bitte dich um Vergebung für das, was ich dir angetan habe …
Nach der Bestätigung der Schwangerschaft teilte mir die Frauenärztin mit, dass ich, minderjährig, mit einer Psychiaterin und meiner Mutter sprechen müsse; verweigere sie mir ihre Unterstützung und Einwilligung, könne ich das Kind nicht behalten. Es vergingen vierzehn Wochen bis zum Eingriff. In jenen Wochen veränderten sich mein Körper, insbesondere die Brüste, ferner mein Bewusstsein. Ich stoppte problemlos jeglichen Konsum von Betäubungsmitteln und Alkohol, hatte ein Empfinden von Reinheit und konnte das heranwachsende Leben in mir wahrnehmen, war entschlossen, das Kind zu behalten. All das sind bloß Worte eines verlorenen Kindes, das ein Kind in sich trug.
Das Gespräch mit der Psychiaterin und meiner Mutter war grauenvoll. Beide sagten von Anbeginn unmissverständlich, dass ich unmöglich in der Lage sei, für ein Kind zu sorgen, und man war sich einig, dass einzig eine Abtreibung infrage kam. Ich weinte und bettelte vergebens, schlussendlich wurde ich zur Abtreibung gezwungen. Sie drohten damit, dass dieses Kind mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit behindert sei; ich hatte mit vierzehn eine Toxoplasmose. Heute weiß ich, dass dies keinesfalls so ist.
In der Frauenklinik lag ich in einem Mehrbettzimmer, in dem Frauen den überflüssigen Ballast loswerden wollten, wie sie es nannten. Eine sagte, dass das in ihrem Gewerbe Routine sei. Sie lackierten ihre Nägel und unterhielten sich profimäßig in puncto Abtreibung.
Gehe ich zu dem Morgen, an dem man mich in den OP rollte, besinne ich mich der Benommenheit von den Medikamenten; verschwommene Gesichter, Wände, welche an mir vorbeischwebten, und ein sich wiederholendes Wort, das ich formulierte: Nein …
Als ich wieder auf dem Zimmer war, kam meine Mutter vorbei – sie arbeitete dort – und blieb stumm an der Tür stehen. Danach kam die Psychiaterin für ein Nachgespräch. Ich konnte mich allerdings nicht erinnern, dass es ein beidseitiges Vorgespräch gegeben hatte. Sie fing an, mich zu befragen, zum Beispiel, ob ich beschreiben könne, welche Form der Fötus hatte. Das irritierte mich. Postwendend bohrte sie weiter: ›Kannst du mir sagen, was für eine Farbe der Fötus hatte?‹ Ich starrte sie entgeistert an und weinte. Unterdessen informierte sie fachkundig, dass es vonnöten sei, darüber zu reden. Ich entgegnete, ich hätte genug von ihren Gesprächen und rannte heulend davon, packte zusammen und verließ stillschweigend die Klinik.«
Der Schwangerschaftsabbruch war für Jill ein traumatisches Erlebnis. Heute quälte sie hauptsächlich, dass sie dazu gezwungen wurde.
»Seelenwanderung«Acrylfarbe und Goldpulver auf Papier-Karton

»Nach der überstürzten Flucht aus der Frauenklinik, wünschte ich mir, diese Welt verlassen zu können. Dann rief meine Mutter an, man hatte sie über meinen Abgang in Kenntnis gesetzt. Abgesehen davon, dass es gefährlich sei, gleich nach dem Eingriff davonzulaufen, war es für sie überaus unangenehm. Unter Heulkrämpfen sagte ich, was vorgefallen war, worauf sie erwiderte, dass ich mich zusammenreißen solle. Das Gespräch war kurz und ich weigerte mich, in die Klinik zurückzukehren. Am selben Tag setzte ich mir einen Schuss.«
Der nachfolgende Dialog verlief, wie meistens, anders, als Jill sich das vorgestellt hatte. Sie traf auf einen Teil von sich, den sie lieber ausgeblendet hätte.
»Was wurde aus dem Kind, lebte es schließlich vier Monate in mir?«
Möchtest du das wirklich wissen?
Jill überlegte, sagte dann: »Nein, ich kann es mir vorstellen.«
Diesem Kind wurde lediglich seine menschliche Hülle genommen und es konnte eine neue wählen.
»Auch so junge Seelen wählen einen neuen Körper?«
Natürlich, und die Seele ist keineswegs jung, sie ist unsterblich.
»Das klingt fast so, dass du Abtreibung befürwortest?«
Weder befürworte noch verurteile ich sie, ihr allein tut dies.
»Wiederum sind wir diejenigen, die uns das Leben schwer machen.«
Ihr macht aus allem das, was ihr eben daraus macht, und ich werfe euch deswegen mitnichten ins Fegefeuer, das ist genauso eine Erfindung von euch.
»Besagte Erfindung funktioniert bei einigen Menschen. Wenngleich ich dem Kind lediglich seine Hülle nahm, ist dieses Wissen … man könnte sagen: ›Werde ich halt schwanger und treibe ab, ich bring’ ja genau genommen niemanden um?‹«
Denkst du so?
»Nein. Trotzdem könnte sich eine Gleichgültigkeit einschleichen, da das wahre Leben, die Seele, ja nicht getötet wird.«
Ich kann deine Bedenken nachvollziehen, jedoch gestatte mir, eine Gegenfrage zu stellen: Kam dir jemals solch ein Gedanke?
»Nein. Ich achte das Leben sowie unsere Mutter Erde und dich, Gott.«
Danke, auch für Letzteres. Folglich haben wir uns auf Gott geeinigt?
»Ja. Ich kann dich ja schlecht mit Gustav oder Olga anreden.«
Können, kannst du. Und wieso Olga? Weiblich?
»Beides, Gott ist für mich geschlechtslos, konkret gesagt, die Vereinigung beider Geschlechter. Und von ›es‹ zu sprechen, ist keine Option.«
Ich verstehe. Um auf meine Frage zurückzukommen; du hast sie beantwortet.
»Schon, aber …«
Du befürchtest, dass manche Menschen dies als bequemen Pfad ansehen könnten.
»Exakt.«
Diese Menschen werden noch viele Wege zu gehen haben, um abermals Vollkommenheit zu erlangen. Ebenso erwähnt: Es gibt Wissen und das Erfahren dessen.
»Ich besinne mich gerade einer jungen, drogenabhängigen Frau. Sie war mit mir in der Therapie und hatte sehr gläubige Eltern. Ich sagte ihnen, ich würde an mich glauben und so den Weg aus den Drogen finden. Daraufhin beschimpften sie mich, ich sei arrogant. Sie vertraten den Standpunkt, dass, falls ich es schaffte, es Gottes Wille sei. Ich fragte, ob es denn sein Wille gewesen sei, dass ihre Tochter drogenabhängig sei? Sie sagte: selbstverständlich.«
Und an dem Punkt wirst du wütend.
»Und ob!«, polterte Jill, um dann fachkundig zu rapportieren: »Dieserart Glauben ist ignorant und bequem. Einerlei, was im Leben geschieht, es ist Gottes Wille. Alles paletti, legen wir jegliche Verantwortung ab.«
Man kann Worte verschieden auslegen. Euer Wille ist mein Wille. Die Menschen wollen geführt werden, suchen nach Sicherheit. Es kommt darauf an, wie man etwas interpretiert, und ich gebe zu, darin seid ihr bemerkenswert fantasievoll, macht es euch somit schwer. Den mächtigsten und kraftvollsten Glauben findet ihr in der Entfaltung eures Selbst. Etliche finden durch ihre Religion zu mir, indem sie wahrhaftig glauben.
Jill gab ein gedehntes »M-hmm« von sich.
Du bist unzufrieden mit der Antwort?
»Ich hätte mir gewünscht, von dir zu hören, dass einige Religionen, beziehungsweise deren Regeln, fehlerhaft sind. Ich wünsche mir Solidarität – und ganz nebenbei will ich wütend sein.«
Du bist doch wütend.
»Und du weigerst dich, mir den Rücken zu stärken.«
Aha …
»Was – Aha?«
Ich habe verstanden.
»Und das ist es, einfach: Ich habe verstanden?«
Es ist dein Krieg, in den du ziehen möchtest.
»Aber vieles ereignet sich in deinem Namen. Einschließlich der Glaubenskriege.«
Und du bist der Ansicht, ich sollte darüber wütend sein?
»Ja, Herrgott!«
Es sind eure Kriege. Mein Kind, soeben spielst du Gott, du verurteilst andere für ihren Glauben. Ich bin Gott und dieserart Verlangen ist mir fremd. Das unterscheidet uns.
Jill musterte verstohlen ihre Hände, murmelte: »Das hat wehgetan.«
Dass du Gott spielst oder dass ich Gott bin und über alldem stehe?
»Letzteres dürfte ich eigentlich besser wissen.«
Sag mir, was tust du, wenn du wütend und der Meinung bist, es wäre angebracht, gewisse Religionen abzuschaffen, weil sie, aus deiner Sicht, fehlerhaft sind?
Mit weit geöffnetem Mund gaffte sie perplex in die Welt. Die Aussage erschütterte sie bis ins Mark. »Oh Gott! Was sagst du da?«, flüsterte sie.
Ich habe dir eine Frage gestellt.
»Ich … ich …« Sie räusperte sich. »Ich tue im Wesentlichen das, was Religionen über Jahrhunderte getan haben. Ich tue, was ich verurteile …«
Ja, du fingst an, diese Richtung zu beschreiten. Du hast das Grundprinzip begriffen. Du sagst wohl nicht: ›Allesamt sollen an Gustav oder Olga glauben‹. Du sagst, dass das, an woran und wie sie glauben, nach deiner Vorstellung fehlerhaft ist. Mit deiner Aussage beraubst du die Menschen ihrer freien Wahl. So entstehen Kriege.
»Ich schäme mich und fühl mich überheblich. Ich bin … o Mann …«
Bist du fertig?
»Womit?«
Dich aufs Schafott zu führen.
»Mach nur weiter so, ich liege ja längst am Boden.«
Vom Täter zum Opfer, deine Sprunghaftigkeit ist erstaunlich.
»Du kannst mich nicht zum Lachen bringen. Du hast gesagt, dass ich …«
Ich habe gesagt, dass du anfingst, diese Richtung zu beschreiten, und auch das verurteile ich nicht. Du hast etwas Wichtiges herausgefunden, sieh es als Geschenk.
Dafür hatte Jill zurzeit kein Gehör, sie hatte in den Schmoll-Modus geschaltet und sagte zerknirscht: »Deine Geschenke waren auch schon willkommener.«
Ich finde es ein tolles Geschenk, und du wirst es ebenfalls so sehen, kommst du unter deinem Stein hervorgekrochen. Du weißt, dass ich auch ohne Religion in jedem existiere, doch du darfst das nicht zu einer machen wollen. Achte und respektiere den Willen eines jeden, das ist wahre Liebe. Und ja, ihr seid imstande, Kriege zu führen und zu töten, indessen ist es letztendlich keinesfalls Wut, welche euch dazu treibt, es ist Furcht. Stellt euch ihr, fangt an zu erkennen, aus welchem Grund ihr euch der Furcht, anstatt der Liebe hingebt.
»Werde mir Mühe geben.«
Gib dir keine Mühe, lebe im Hier und Jetzt.
»Für heute verdaue ich erst diese Lektion.«
Eine Lektion, die du dir erteilt hast.
»Jaja, es ist mein Wille, logisch. Und scheitere ich, kann ich es ja dir unterschieben«, schmunzelte sie.
Das praktizierst du bereits zuweilen und ich schiebe es zurück. Wohlgemerkt ein ausnehmend amüsantes Spiel.«
»Dem kann ich zustimmen. Schön, sind wir uns ausnahmsweise einig, in unserer Uneinigkeit.«
Nachfolgendes Gedicht schrieb Jill in einem sechstägigen Seminar mit dem Thema Mann/Frau, geleitet von Rita Wyser und Lorence Noise. Sie tauchte in diverse Themen ein und sie berührte zum ersten Mal bewusst das Thema ihrer Abtreibung. Als sie seinerzeit die Zeilen las, begriff sie, dass sie auch zu dem Kind in sich gesprochen hatte …
Mein Kind
Mein Kind, das du bist in mir, vergib mir.
So zart und verletzlich in deiner ganzen Unschuld.
So rein und vollkommen, möchte dich schützen und achten.
Dich lieben und deine Liebe annehmen.
Deine Tränen, deine Rufe, sie sollen nicht untergehen.
Mein Kind, das du bist in mir, vergib mir.
Kein Leid, keinen Schmerz werde ich dir zufügen.
Heilung und Liebe wirst du erfahren, durch mich, durch dich, durch uns.
J.G

Wiederum schloss sich ein Kapitel in Jills Leben.
An einem Dezembernachmittag setzte sie sich ins kalte Büro, um den finalen Eintrag des zweiten Bandes zu schreiben, erfreut darüber, dass sie nun die Hälfte der Strecke hatte.
»Nach der Abtreibung war es unerträglich, mir im Spiegel zu begegnen, ich fühlte mich schmutzig, verraten, und von der Welt und den Menschen abgeschnitten. Abermals fing ich an, in der Klinik, wo ich einen neuen Job hatte, zu stehlen – wurde prompt überführt und landete bei der Polizei. Man zog die Anzeige zurück und ich durfte weiterarbeiten. Leider wussten alle Angestellten davon und die Scham sowie Bemerkungen konnte ich nicht ertragen. Ich kündigte.
Ich lernte einen Albaner kennen und verkaufte für ihn Stoff. Seine Ware war astrein und ich streckte sie bloß so viel, dass sie weiterhin top war und die Konsumenten nicht davon umkippten. Mein Dealer verrechnete mir ausschließlich den reinen Stoff, folglich hatte ich ein stattliches Einkommen und der Eigenkonsum war vollumfänglich abgedeckt.
Eine Zeitlang verlief alles reibungslos, bis der Dealer mich in eine vornehme Wohngegend mitnahm. Wir betraten ein gepflegtes Altstadthaus, in dem eine ältere Dame ihm ihren Dachstock vermietet hatte. Dort standen antike Möbel. In einem Schrank befand sich ein doppelter Boden – darunter lagerten zahlreiche 1-Kilo-Pakete Heroin. Beim Anblick purzelte mir die Kinnlade runter; nie zuvor hatte ich solche Mengen Stoff auf einem Haufen gesehen. Ich gaffte den Albaner entgeistert an, der verkündete, dass er mich jetzt eigentlich umbringen müsste, da niemand davon wisse, und er zögere keine Sekunde, würde ich einen Ton über das Lager verlieren. Er hob den Finger, grinste diabolisch und sagte, dass jetzt, wo ich auch künftig für ihn arbeiten würde, wir sicherlich null Probleme miteinander haben werden.
Es war mir schleierhaft, wieso er mir sein Heroinlager offenbart hatte. Ich war ein fleißiges und zuverlässiges Arbeitsbienchen, welches, wenngleich es Stoff im Überfluss hatte, stets diszipliniert beim Eigenkonsum war und reichlich Honig heimbrachte. Falls er mich so an sich binden wollte, erreichte er damit das Gegenteil. Eines schönen Tages könnte ihm jemand folgen, sein Versteck entdecken und ausräumen. Dann wäre mein Leben nichts mehr wert. Manch ein Junkie hätte für den Job getötet, ich dagegen hatte keinerlei Zweifel, dass mein Arbeitgeber, beklaute jemand ihn, seinem fleißigen Bienchen die Flügel einzeln ausrupfen würde. Kurzum, ich wollte raus, aus allem.
Was Stefan betraf: Der rief mich nach dem Eingriff fast täglich an und bedrängte mich, ihn nicht aufzugeben. Ich sagte ihm, dass es endgültig vorbei wäre. Liebte ich ihn? Ja, er war immerhin meine erste Liebe. Irgendwann hörte er auf, anzurufen, und ich habe ihn niemals wiedergesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Denke ich an ihn? Mitunter frage ich mich, wo er am Ende gestrandet ist.
Woche für Woche verkaufte ich Stoff für den Albaner. Neben der omnipräsenten Furcht war pure Wut präsent, und die trieb mich vorwärts, präziser gesagt, letztendlich weg. Basel wurde unerträglich für mich, gleichermaßen der Mann, mit dem ich zusammenlebte, und der schweigsam vor sich hin litt. Heute kann ich erkennen, weswegen ich dermaßen wütend auf ihn war: Ich sah mich selbst, dass ich alles schweigend und demütig hinnahm. Und in der unsagbaren Wut entschied ich mich, einen allerletzten Anlauf zu wagen.
Ich meldete mich beim Anwalt und trat wieder in die psychiatrische Klinik Hard ein. Es schien mir der einzige sichere Platz zu sein. Es wäre außerdem okay für mich gewesen, hätten sie mich ins Gefängnis gesperrt, ich hätte mich fürstlich bedankt.
Der Eintritt war dieses Mal ein leichter Gang. Ich wusste, wie der Hase läuft, und es erschreckte mich kaum, dass Neueintritte zuallererst eine üble Phase durchlebten. Mir ging es wie immer bestens, kein Entzug, und mit dem Verlassen der Stadt verließ mich der Zwang, mich zu betäuben.
Und wie es so spielt, ist der Geist drogenfrei und breitet sich ohne Stoff keine Wärme im Körper aus, kam das Verlieben. Sperrt man Süchtige ein und nimmt ihnen sämtliche Drogen weg, fangen sie schnell an, sich zu verlieben; ein Ersatz muss her und das ist zum Scheitern verurteilt. Ein Mensch, der außerstande ist, Verantwortung für sein Leben zu tragen, möchte, dass einem jemand die sich ausbreitende Leere ausfüllt.
Marc war ein Rudelführer. In einer geschlossenen Klinik kann die Stimmung blitzartig geladen werden und es gibt Sprecher und Mitläufer. Marc war ein optimistischer Sprecher. Sackte die Stimmung ab, konnte er das Steuer rasch zum Besseren herumreißen. Wir wurden ein Paar, wenn man das so nennen kann; jegliche sexuelle Aktivität war verboten und hatte einen Rauswurf zufolge.
Ich liebte den Optimismus, mit dem Marc durch das Leben, präziser gesagt, durch die Station lief. Er konnte genauso den Clown spielen und Menschen zum Lachen bringen, einschließlich derjenigen, die es verlernt hatten. Dieser Mann schaffte es, eine gesunde Energie zu erzeugen und ein Quäntchen Hoffnung zu verbreiten. Und so, wie er die Gruppe führen konnte, so ließ ich mich von ihm führen, sog seinen Schutz, den er mir vermittelte, in mich auf.
Auch den siebzehnten Geburtstag, Weihnachten und Neujahr feierte ich in der Klinik. Dann kam der Frühling. Monate waren vergangen, in denen ich Bewerbungen für Therapieplätze schrieb und fortwährend Absagen bekam, ich war noch minderjährig und bei Weitem die jüngste Insassin.
Marc bekam einen Platz in einer beliebten Therapiestation, beliebt, weil man bereits nach zwölf Monaten zur Außenwohngruppe übersiedeln konnte, und nach sechs weiteren Monaten frei ist, sozusagen rehabilitiert. Der Abschied war schwer, erneut hatte ich einen Menschen zu meinem Lebensinhalt umfunktioniert. Allenfalls waren es die abgesteckten Grenzen betreffend Sexualität, welche mir eine vollumfängliche Sicherheit in unserer Beziehung gewährte: Auf Sex konnte ich verzichten wie auf einen Fußpilz. Er blühte in seiner Rolle des Beschützers auf und ich in der, der Beschützten, wir gaben einander, was wir benötigten. Dann verließ mich mein Beschützer und in mir entstand die nächste Leere. Schließlich bekam meine mütterliche Freundin, wir teilten eine Weile das Zimmer, ebenfalls einen Therapieplatz. Die Frage drängte sich auf, wie es mit mir weiterging?
Dann, nach zwei Wochen, kam eine Betreuerin, mit einem Brief wedelnd, strahlend auf mich zu. Logischerweise hatte ich mich für dieselbe Therapiegemeinschaft beworben wie Marc, und nachdem er abgehauen war, hatte man mir zugesagt. Anfänglich war ich überglücklich, dann kamen die Ängste. Diverse Gespräche mit jener Betreuerin halfen mir, und hey, auch ich würde die Kurve kriegen, und wenn nicht dort, wo dann?
Und so verließ ich im Frühling 1984 die Entzugsstation der psychiatrischen Klinik Hard und somit die vertraute Umgebung. Mein neues Zuhause wurde die therapeutische Gemeinschaft Neuthal in Bauma ZH, ein altes, wunderschönes Gut. Tragischerweise waren die Einwohner von Bauma dem Irrglauben erlegen, wir seien allesamt verrückt und zudem gefährlich. Konkret: Man wollte tunlichst nichts mit uns zu schaffen haben, wünschenswert wäre, uns überhaupt nicht zu sehen.
Ich malte mir das Leben in der Therapie ähnlich wie in der Entzugsstation aus. Mir würde gesagt werden, was zu tun ist, und ich würde es bereitwillig erledigen. Ich wechselte einfach die Insel, welche wiederum von der Außenwelt abgeschirmt war, was mir gelegen kam.«
Jill Grey hatte eine weitere Etappe auf ihrer Reise abgeschlossen. Für das junge, introvertierte Mädchen, das in sechs Monaten ihren achtzehnten Geburtstag feierte, begann ein neuer Lebensabschnitt. Sie war zuversichtlich, dass sich das Mädchen in der Therapiegemeinschaft endlich entfalten könnte. Sie war optimistisch, dass ihre Angst vor dem Leben, der Außenwelt und den Menschen, sich endgültig verlieren würde. Und sie war ahnungslos, dass all das im Neuthal zusätzlich anwachsen sollte …
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Ton – gebrannt

Band III folgt in Kürze.
Herzlichst
Jill Grey





