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Vollendete Autobiographien: 212
Einführungt

Hermann Merz
(alias Joel Dominique Sante)
1954

„Die Erinnerungen sind in unserem Leben ein Tagebuch, das weitergereicht wird.“
Die Familienwappen Merz & Salvisberg, die meineSchwester Sieglinde einmal nachgezeichnet hatte.
Ich widme diese Schrift nicht nur meinen lieben Vorfahren, sondern auch meinen Nachkommen. Vielleicht interessiert es insbesondere Letztere einmal, wo sich ihre Wurzeln befinden.
Sie erhalten mit meinen Erinnerungen Einblick in mein Leben und lernen in erzählerischer und manchmal auch in fotografischer Form nocheinige ihrer Vorfahren ein wenig kennen.

Aller Anfang ist schwer!

Mama und meine Geschwister Otti, Sieglinde und EviAnsonsten kann ich auch bei intensiver Nachforschung keine weite-ren bedeutenden Ereignisse für diesen Tag finden, die es lohnen würde, an dieser Stelle zu erwähnen. Aber zu diesem Zeitpunkt drehte sich ja ohnehin alles nur um mich und ich war der Mittelpunkt in meinem Um-feld! Ich gehe aber davon aus, dass mein Vater vermutlich doch froh darüber war, dass just an diesem Tag nicht gerade das Fussball-End-spiel in Bern stattfand, das damals in den meisten Haushalten vermutlich am Radio verfolgt wurde.
Mein Vater Hermann wurde im Jahre 1928 geboren. Er war der Sohn eines in Emmishofen sehr angesehenen Metzgermeisters, der den gleichen Vornamen trug wie er. Opas Frau hiess Bertha und wir nannten sie als Grossmutter immer „Moma“. Mein Vater hatte auch noch zwei ältere Schwestern: Margrit und Louise. Sein Bruder Helmut wurde vier Jahre später geboren und sollte dereinst einmal mein Patenonkel sein.
Von links nach rechts: Oma Bertha, Tante Margrit, Onkel Helmut, Tante Louise, Papa, Opa Hermann
Meine Grosseltern betrieben in Emmishofen eine Metzgerei und ein Wirtschaftslokal mit dem Namen „Speisewirtschaft zum Ochsen“.
Wie aus bereits eingangs erwähnter, schriftlicher Auf-zeichnungen meines Vaters hervorgeht, lernte er meine Mutter Sieglinda Emma, die wiederum drei Jahre älter war als er, anlässlich an einer Abendunter-haltung im damaligen Rebstocksaal in Emmishofen kennen. Dieses Lokal befand sich direkt gegenüber dem grosselterlichen Betrieb und noch heute wird die sich dort befindliche Strassenkreuzung, inzwi-schen mit einem Kreisel versehen, „Rebstock-kreuzung“ genannt. Meine Grosseltern mütter-licherseits hiessen Samuel und Emma Salvisberg und zufälligerweise war es so, dass auch Mamas Vater in Amriswil als Metzger tätig gewesen ist.
Als sich meine Eltern das erste Mal trafen, war meine Mutter ja verheiratet und hatte einen Sohn. Otti, geboren am 23.11.1945. Sein leiblicher Vater war in Kreuzlingen eine sehr bekannte Person und bekleidete im Militär den Grad eines Hauptmannes. Gerade letztere Eigenschaft war in den damaligen Zeiten ebenso wertvoll, als hätte man über ein grosses Vermögen verfügt. Man war dadurch angesehen und verkehrte auch in den entsprechenden und besten Kreisen. Aber bekanntlich sieht man bei vielen Leuten nur eine Fassade, die darüber hinwegtäuschen kann, nach welchen Massstäben und Eigenschaften sein privates Leben verläuft. Gemäss den Erzählungen meines Vaters war dieser Mann nämlich sehr herrschsüchtig, manchmal sogar rabiat und irgendwelche Widerreden gab es für den Mann nicht. Auch sein Familienleben wurde beinahe militärisch geführt. Dies bekam auch meine Mutter immer wieder zu spüren und sie litt offenbar immer mehr unter dieser Beziehung.
Es war ein Wink des Schicksals, als sie an einer Abendunterhaltung des Männerchors im „Rebstocksaal“ meinen Vater kennenlernte. Denn sie verliebten sich beide sofort ineinander. Aber bis sie zusammen glücklich, verheiratet sein und eigene Kinder haben konnten, würde noch viel Zeit vergehen und unglaubliche Hürden mussten überwunden werden. Denn Hass, Niederträchtigkeiten aber auch üble Nachrede schlugen ihnen in diesen Zeiten entgegen. Die Hinterlistigkeit von Ottis Vater führte sogar dazu, dass er den damaligen Untersuchungs-richter Raggenbass in Kreuzlingen dazu bringen konnte, meine Mutter einige Zeit lang in einer Zelle einzusperren. Damals waren Scheidun-gen äusserst verpönt und selten und wurden deshalb noch durch das Untersuchungsrichteramt geführt.
Erst nach vielen Gemeinheiten und Boshaftigkeiten durften meine Eltern dann schliesslich in den Hafen der Ehe einlaufen. Aber, nicht zu Hause! Sie mussten zu den damaligen Zeiten einen ganz besonderen und ausser-gewöhnlichen Weg gehen, der sie bis ins Ausland führte. Die Heirat erfolgte am 12. Januar 1951 in Frankreich.

Diese aussergewöhnliche und lesenswerte Liebesgeschichte habe ich aufgrund der Notizen meines Vaters (wie bereits erwähnt) in einem kleinen Büchlein mit dem Titel „Schneeflocken“ zusammengefasst und sogar veröffentlicht.
Wie auch weiter aus den persönlichen Notizen meines Vaters zu erfahren war, wollte er einst einen kaufmännischen Beruf erlernen. Da seine Eltern jedoch in Emmishofen eine Metzgerei und ein Lokal mit dem Namen „Speise-Wirtschaft zum Ochsen“ betrieben, sah es beson-ders mein Grossvater als naheliegend an, dass auch er den Metzger-beruf erlernen und den Betrieb eines Tages übernehmen sollte.

Ausserdem waren zu diesen Zeiten die Aussichten auf eine kaufmän-nische Lehrstelle sehr dünn gesät. So kam er dem Wunsch meines Opas Hermann nach und absolvierte eine dreijährige Metzgerlehre, die er an-geblich ohne Probleme mit Erfolg abschloss.
Gerne hätte mein Vater nach dem Lehrabschluss noch in der Fremde seine Sporen abverdienen wollen, doch liessen es die damaligen Ver-hältnisse nicht zu.
Zum Zeitpunkt meiner „Ankunft“ in Tägerwilen arbeitete mein Vater also bereits im elterlichen Betrieb und war dort eine grosse Stütze. Meine Mutter indessen versorgte im kleinen Heim an der Weiherstrasse den Haushalt und kümmerte sich um die Kinder.
Papa erzählte ebenso, dass er schliesslich sehr viel vom Wissen mei-nes Grossvaters profitiert hatte. Dieser sei ein angesehener Metzger-meister und was den Handel mit Schlachtvieh betraf, ein wahrer Fuchs gewesen. Ausserdem war er viele Jahre als Experte in die Abschluss-prüfungen der Metzgerlehrlinge im Kanton Thurgau involviert gewesen.

Im Jahre 1959 verstarb mein Grossvater während eines gemütlichen Spazierganges unerwartet an Herzversagen. Ich war zu diesem Zeit-punkt fünf Jahre alt und deshalb kann ich mich persönlich auch nicht mehr an ihn erinnern. Aber was war die Folge? Mein Vater, der damals etwa dreissig Jahre alt war, wurde gefordert, indem er sich schon früh gezwungen sah, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Er hatte zwar noch drei Geschwister, von denen sich jedoch niemand im Metzger- oder Wirtschaftsbetrieb auskannte. Sie waren alle in einem anderen Berufsumfeld tätig.
Die Übernahme des elterlichen Betriebes war jedoch für meine Eltern mit äusserst bedauerlichen Erfahrungen verknüpft. Trübe Erfahrungen, die man auch heute noch vielmals mit den Verwandten macht, geht es um eine Erbschaft eines Elternteils. Denn die Geschwis-ter meines Vaters pochten darauf, dass sie den Erbteil des Betriebes unter sich aufteilen mochten. Das hätte bedeutet, dass der „Ochsen“ mit allem Drum und Dran hätte verkauft werden sollen. Dies entfachte die berühmten Zwistigkeiten unter den Erben, die sich bis dahin doch immer alle so lieb hatten!
Meine Eltern wollten aber den „Ochsen“, das Lebenswerk meiner Grosseltern, nicht aufgeben. Ausserdem lebte ja Moma noch und auch für sie wäre vermutlich ein Verkauf der Liegenschaft eine sehr grosse Enttäuschung gewesen. Es blieb meinen Eltern dann nichts anderes übrig, als sich Schulden aufzuladen, um die Erbberechtigten gewisser-massen auszahlen zu können. Diese immensen Schulden haben meine Eltern noch lange Zeit begleitet und sie haben ihnen vermutlich auch noch viele schlaflose Nächte bereitet. Aber sie waren unerhört fleissig, hielten zusammen und gaben nie auf. Sie bewältigten gemeinsam die schweren Zeiten.
Selbstverständlich erfolgte dann auch gleich einmal der Umzug der jungen Familie Merz-Salvisberg von der Weiherstrasse in das Gebäude vom „Ochsen“ beim Rebstockplatz.
Zuvor jedoch ereignete sich etwas, das meinem damals noch so jungen Leben beinahe ein Ende bereitet hätte. Wie erwähnt, befindet sich in unmittelbarer Nähe unseres damaligen Wohnortes der Ziegelei-Weiher (oder auch Emmishofer-Weiher genannt), der damals wie auch heute noch vielerorts in keiner Weise abgesperrt und deshalb für uns Kinder jederzeit zugänglich war. Nachweislich befand sich an diesem Weiher früher ein Ziegeleibetrieb und das Gewässer erhielt deshalb seinen Namen.
In früheren Zeiten waren die Winter noch kalt, sehr kalt und das Schlagwort „Klimaerwärmung“ war noch nicht in aller Munde. So gefror der Weiher auch jedes Jahr zu und er wurde zu dieser Zeit natürlich auch von Schlittschuhläufern befahren oder ganz einfach von Fussgängern begangen. Auch wir Kinder hielten uns vielmals dort auf.
Nun weiss ich aus einer Erzählung meiner Schwestern, dass wir uns wieder einmal auf der Eisfläche aufgehalten hatten, als das gefrorene Wasser bereits wieder zu tauen begann. Ich, als kleiner Knirps, betrat die Eisfläche nichtsahnend, um gleich darauf an einer Stelle, einige Meter vom Ufer entfernt, einzubrechen. Angeblich gelang es meinen Schwestern im letzten Augenblick, mich festzuhalten und wieder aus dem eisigen Wasser zu ziehen. Wäre dies nicht gelungen, so wäre meine Lebensgeschichte wohl in diesem Moment zu Ende geschrieben.
Ich selbst kann mich an dieses Ereignis nicht mehr erinnern. Hinge-gen an ein weiteres, wobei ich mich ebenfalls beinahe verabschiedet hätte. Dazu aber später.
Zurück zum „Ochsen“. Die Beschriftung des Betriebes erfuhr später einmal noch eine Änderung. Aus dem einfachen „Ochsen“ wurde das Speiserestaurant „Zum Goldenen Ochsen“. Von diesem Zeitpunkt an war an der Gebäudeecke zur Untersee- und Konstanzerstrasse auch eine Leuchtreklame in Form eines goldenen Ochsen angebracht.

Ich weiss nicht mehr, ob meine Oma zunächst ebenfalls noch mit uns zusammenwohnte. Vermutlich schon. Aber irgendwann einmal bezog sie, zusammen mit Tante Paula (geborene Casagranda), welche Zeit ihres Lebens als sogenannte „Ladentochter“ in der Metzgerei tätig gewesen war, eine kleine Wohnung. Nur einen Kieselsteinwurf vom „Ochsen“ entfernt. Moma sass dann auch lange Zeit des Tages entweder auf dem Balkon oder hinter dem Fenster, von wo sie während ihrer Strickarbeiten direkt auf den Hofplatz ihres eigenen Lebenswerkes sehen konnte und so auch immer ein wenig auf dem Laufenden war. Dabei liess sie sich auch immer wieder ein Schlückchen Bier schmek-ken.
In dieser Zeit waren wir Kinder oftmals bei ihr und Tante Paula. Vielmals behüteten sie uns auch am Samstagabend und wir durften mit ihnen zusammen Unterhaltungssendungen am TV verfolgen. Ich weiss noch, dass Tante Paula besonders die Sendung von Heinz Conrads liebte, welche damals auf ORF übertragen worden war. Ich glaube sogar, meine Tante war in den österreichischen Moderator etwas ver-liebt. Jedenfalls erinnere ich mich heute noch an seine jeweiligen Begrüssungsworte zu Beginn der Sendung: „Einen Handkuss den Damen, einen schönen guten Abend den Herrn und der Jugend, grieß eich die Madln, servus die Buam!“
Meine Schwester Evi und ich hatten dabei einen ganz besonderen Sitz-, beziehungsweise Logenplatz. Wir sassen, besser gesagt wir lagen auf Kissen gebettet unter dem Stubentisch und konnten das Fernsehpro-gramm bequem von dort aus verfolgen. Moma hatte dann auch immer kleine Brotschnitten zubereitet, die sie auf dem Tisch deponierte. Und so konnten Evi und ich einfach und sozusagen blind nur nach oben greifen und uns verköstigen.

An den „Ochsen“ kann ich mich noch gut erinnern. Nicht nur des-halb, weil wir viele Jahre dort gelebt hatten. Insbesondere war der riesengrosse Estrich des Hauses für uns Kinder sehr interessant und manchmal sogar etwas unheimlich. Tageslicht war kaum vorhanden und die wenigen Glühbirnen vermochten ebenfalls nicht jeden Winkel aus-zuleuchten. Aber der Estrich beinhaltete für uns Kinder sehr viele Dinge, die wir manchmal durchstöberten.
Was mir heute noch präsent ist, sind die vielen dicken und grossen Bücher, die dort deponiert waren. Es handelte sich dabei um eingebun-dene Sammlungen der Schweizerischen Illustrierten, die unerhört viele Informationen und Bilder aufwiesen. Damals natürlich alles noch in schwarz/weiss. Aber richtig mit dickem Buchdeckel und Rücken. Lei-der war man sich vor etwa fünfzig Jahren dessen nicht bewusst, dass gerade so eine Sammlung heute einen beträchtlichen Wert darstellen würde. Ansonsten wären sie vermutlich später nicht einfach so entsorgt worden. Aber, so ist das nun mal. Früher gab es vermutlich nur selten irgendwelche Flohmärkte, geschweige denn Ebay oder Ricardo.
Der Estrich wies noch eine weitere Eigenart auf. Für die im Betrieb tätigen Metzgergesellen waren dort zwei Zimmer eingebaut worden. Zu damaligen Zeiten ganz einfach eingerichtet. Und aufgrund der einge-bauten Holzwände entstand zwischen diesen beiden Zimmern und der Aussenwand des Hauses ein kleiner Durchschlupf. Gerade so gross, dass der kleine Hermeli, so wurde ich als Kind genannt und meine Schwester Evi (das war ihr Rufname) hindurch robben konnten. So gelangte man zu den kleinen Lüftungsfenstern, die lediglich mit einem kleinen Holzladen versehen waren. Evi und ich hielten uns nicht selten in diesem Schlupf auf, wohin wir schon längst eine alte Matratze geschleppt hatten. Und was taten wir dort? Unter anderem ärgerten wir die auf dem Trottoir vorbeigehenden Fussgänger, indem wir zum Beispiel Wasser hinunterspritzten oder ähnliche spitzbübische Sachen machten. Natürlich konnten uns die Opfer nicht sehen und sie wunder-ten sich immer wieder, was da manchmal aus heiterem Himmel herun-terrieselte. Es war ein richtiges Versteck, immer abenteuerlich und wir hatten viel Spass. Wir heckten auch immer wieder neue Dinge aus, wie folgendes Beispiel erklärt:
Es gab einen Zeitraum, in dem man alleinstehenden, betagten oder hilflosen Leuten warme Essen aus der Küche vom „Ochsen“ überbrin-gen musste. Spitex und andere Hilfsorganisationen, die sich heutzutage um solche Leute kümmern, kamen ja erst in den 90er Jahren auf. Für den Transport der warmen Mahlzeiten stand ein fünfteiliges, blechernes Geschirr zur Verfügung, welches übereinandergestapelt wurde und das oben mit einem Traghenkel versehen war. So konnte das Geschirr gut getragen, beziehungsweise transportiert werden, ohne dass die Mahlzei-ten überschwappten oder sonst irgendwie verschüttet werden konnten. Im obersten Geschirr befand sich in der Regel die heisse Suppe. Dann folgte im zweiten Geschirr üblicherweise ein Salat. Im dritten und vierten Geschirr befand sich dann die Hauptspeise, während im letzten Geschirr allenfalls noch ein eine kleine Süssspeise vorhanden war.
Eine solche Bezügerin wohnte in unmittelbarer Nähe vom Schulhaus Emmishofen, unterhalb der katholischen Kirche und somit nur etwa fünf Gehminuten vom „Ochsen“ entfernt. Eine damals etwa 80-jährige, alleinstehende Frau, die sich ihren Lebensunterhalt vormals als Näherin verdient hatte. Ich kann nicht erklären wieso, aber sie erweckte im kindlichen Gedankengut unter den Schülerinnen und Schülern im nahe-liegenden Schulhaus immer den Eindruck, als wäre sie eine Hexe. Sie war spindeldürr und trug immer dunkle, wenn nicht sogar schwarze Kleidung. Regelmässig brachte ich ihr aber das Mittagessen nach Hause, obwohl es mir am Anfang in ihrer Gegenwart auch nicht so wohl war. Aber bald einmal bemerkte ich, dass sie eine herzensgute alte Frau war, die sich gerne mit mir und später auch mit meiner Schwester Evi unterhielt.
Ihre kleinen Wohnräume befanden sich in einem alten Haus, die nur über eine steile Holztreppe im Freien erreichbar waren. Um von der Stube in die Küche oder zum Plumpsklo zu gelangen, musste man über die Galerie gehen, die sich ebenfalls im Freien befand. Auch im Win-ter! Aber immerhin war diese überdacht. Besonders in der kalten Jahreszeit stellte ich fest, dass eigentlich nur in der Stube geheizt wurde. Küche und Schlafzimmer, wie auch das Plumpsklo fühlten sich in der Regel eiskalt an. Ein Badezimmer war schon gar nicht vorhanden und die Frau erledigte ihre morgendliche Toilette wohl in der Küche. Aufgrund des Umstandes, dass ich mich bald einmal sehr gut mit ihr verstand, versorgte ich sie dann auch immer mit Brennholz. Dieses lagerte ausserhalb der kargen Wohnung im Ergeschoss. Es hätte der alten Dame grosse Beschwerden bereitet, wenn sie die Holzscheite selbst hätte holen müssen.
Fräulein Wacker, so hiess die Frau (sie war niemals verheiratet gewe-sen), war wirklich nicht böse. Im Gegenteil. Sie war lieb und konnte immer so schöne Geschichten erzählen. Ja, ich besuchte sie sogar manchmal während den Schulpausen. Ich war innerhalb einer Minute bei ihr und ich benötigte auch nur wieder eine Minute, um auf den Schulhausplatz zurückzukehren.
Wieder einmal stand „Heiliger Abend“ vor der Türe und meine Schwester Evi und ich, die in der Zwischenzeit bei dem alten Fräulein ebenfalls zu jeder Zeit willkommen war, kamen auf eine ganz beson-dere Idee. Wir wollten der herzensguten Frau zu Weihnachten eine Freude bereiten. Sie verfügte zwar über diverse, holzgeschnitzte Figu-ren, wie Maria, Josef und das Jesuskind wie auch die sonst noch be-kannten Weihnachtsgestalten (zum Beispiel die heiligen drei Könige) und Tiere (Kuh und Esel, usw.) darstellten und die sie zu Weihnachten immer liebevoll auf dem Fenstersims aufstellte. Aber sie hatte schon viele Jahre lang auf einen Weihnachtsbaum verzichten müssen.
So fassten Evi und ich heimlich einen Plan und fuhren mit dem Fahrrad in den Wald bei Bernrain, wo wir nach einem geeigneten, nicht zu grossen Tannenbäumchen suchten. Dieses fanden wir dann auch, sägten es kurzerhand ab und transportierten es eiligst nach Hause. Dort mussten wir wieder aufpassen, dass uns niemand sah, als wir damit in das obere Stockwerk schlichen. Wir begannen dann damit, das Bäum-chen mit kleinen Weihnachtskugeln, Lametta und Kerzen zu schmük-ken. Als wir damit fertig waren, stellte sich aber ein nicht vorher über-legtes Problem dar. Wie sollte nun das Bäumchen zu Fräulein Wacker gebracht werden, ohne dass man 1. nicht auffiel und 2. unterwegs nicht den halben Schmuck verlor?
Evi getraute sich schliesslich, unseren Vater über unser Tun und unsere Absicht zu orientieren. Zuerst einmal schimpfte er mit uns, weil wir im Wald einfach ein Tannenbäumchen „geklaut“ hatten. Aber gleich einmal beruhigte er sich wieder, denn er erkannte unsere gute Absicht. So führte er uns dann mit dem Auto die Bernrainstrasse hoch und wir überbrachten der überraschten alten Dame das geschmückte Weih-nachtsbäumchen. Ich brauche wohl keine weiteren Erklärungen dazu abgeben, wie wir uns in diesem Moment gefühlt hatten. Aber Fräulein Wacker war überwältigt und ihr liefen Tränen über ihre mageren Wangen.
Leider konnten Evi und ich die ganze Aktion im nächsten Jahr nicht wiederholen, denn die liebenswürdige alte Dame, die unter den nichtwissenden Kindern als verschroben galt, musste im darauffolgen-den Jahr in Spitalpflege gebracht werden, wo sie dann auch bald darauf verstarb.

Ich war in meiner Kindheit öfters mit Evi als mit meiner anderen Schwester Sieglinde zusammen. Ich kann nicht erklären, wieso. Aber möglicherweise lag es daran, dass Sigi, wie wir Kinder sie nannten, etwas mehr in sich gekehrt war und sich mit anderen Dingen beschäf-tigte. Ausserdem war sie ja immerhin auch vier Jahre älter als ich. Evi und ich heckten immer mal wieder irgendwelche Sachen aus, wobei wir dann unseren Spass hatten.
Kommen wir aber wieder zum „Ochsen“ zurück. Neben dem Haupt-gebäude befand sich noch ein weiteres längliches Gebäude. Dort waren der Schlachtraum, ein grosser Abstellraum, zwei hintereinander liegen-de, begehbare Kühlräume (der zweite war ein Tiefkühlraum), ein klei-ner Maschinenraum und die Wursterei untergebracht. Über eine Holz-treppe zwischen Wursterei und Maschinenraum gelangte man einerseits in den Estrich des langen Gebäudes und andererseits auf die grosse Ter-rasse, die sich über der Wursterei befand. Über dem Schlachtraum be-fand sich im Estrich noch ein grosses Fenster, das jedoch kein Glas aufwies. Von dort konnten wir Kinder dem Vater und den Metzgerge-sellen immer zusehen, wie sie das Vieh schlachteten. Seltsam, aber obwohl wir Kinder, wie auch übrigens mein Vater, sehr tierlieb waren und weiterhin sind, schockierte uns das Töten von Kühen, Kälbern und Schweinen überhaupt nicht. Ich denke, dass wir es als ganz normal empfunden hatten, da ja unser Vater halt eben Metzger war.
Wir konnten mitverfolgen, wie man Kühe, Kälber oder Schweine mit Zuhilfenahme eines Bolzen-schussgeräts betäubte, bevor man sie schlachtete. Ich will mich über den weiteren Schlachtvorgang an dieser Stelle nicht weiter äussern, denn nicht jedermann (-frau) nimmt die Schilderungen in einer Metzgerei gleich auf. Hingegen will ich doch noch davon berichten, wie man damals die widerspenstigen Borsten der toten Schweine entfernte. Dies war nämlich eine überaus mühselige Arbeit, wie wir es immer wieder vom Fenster im Estrich aus beobach-ten konnten.
Die toten Schweine wurden in eine Wanne mit warmem Wasser gelegt, worin sich bereits zwei dicke Metallketten befanden. Dann war es die Aufgabe der Männer, die Ketten unter dem Körper des toten Tieres hin- und herzuziehen. Etwa gleich, wie wenn zwei Holzfäller mit einer grossen Säge einen Baumstamm zerteilen wollten. Auf diese Weise liessen sich die Borsten unter enormem körperlichem Aufwand langsam entfernen. Diejenigen Stellen, die mit der Kette nicht erreicht werden konnten, wurden schliesslich noch mit einem Metallschaber entfernt oder abgebrannt. Heutzutage werden vermutlich andere Methoden angewandt, die keine grosse Muskelkraft mehr benötigen.
Ebenso war es immer wieder interessant, wie es in der Wursterei her- und zuging. Beim Hauptar-beitsgerät handelte es sich um den soge-nannten „Blitz“ (Cutter), der auch heute noch in Metzgereien verwend-et wird, um zum Beispiel Wurstbrät oder Pasteten herzustellen. Ähn-liche Geräte sind ja auch in einer Bäckerei oder Konditorei vorhanden. Eine im Durchmesser etwa eineinhalb Meter grosse, kreisrunde Schüs-sel aus Chromstahl, die mit einer herunterklappbaren Schutzhaube ver-sehen war. In Betrieb drehte sich die Schüssel und die sich darin be-findlichen Zutaten wurden mittels überaus scharfer Messerklingen zerkleinert. Der „Blitz“ hatte so grosse Kraft, dass auch tiefgefrorene Fleischwaren in Nullkommanichts zerhackt und mit weiteren Beigaben, wie zum Beispiel Milch, zu einem Brei verarbeitet wurden.
Ja, damals wurden den Wurstwaren nicht so viel Wasser beigegeben, wie man das heute allgemein vermutet. Aus diesem Grund behaupte ich auch heute noch, dass das Zitat, wonach „Früher war alles besser“, zu-mindest bei der Herstellung von feinen Cervelats, Stumpen, Wiener und so weiter zutrifft. Dass mein Vater sein Handwerk verstand, zeugt auch davon, dass er hin und wieder an Metzger-Wettbewerben teilgenommen hatte und dann einige Male nicht nur ein Diplom, sondern auch eine Medaille nach Hause brachte.
Woran ich mich auch heute noch bestens erinnere und wobei ich gleichzeitig auch wieder den Duft zu verspüren glaube, ist der Moment, wenn die geräucherten Wurstwaren aus dem sogenannten „Rauch“ ge-holt wurden. Mmh…, wie zum Beispiel der Speck duftete! Es gab auch nichts Besseres, als ein oder zwei frisch geräucherte, knackige Wiener auf der Stelle zu vernaschen. Oder, frisch geräucherte Schweine-schwänzchen. Ja…, das gab es damals auch noch! Und ich darf sagen, dass ich nicht selten zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, um in den Genuss frisch geräuchter Wurstwaren zu kommen.
Was ich ebenfalls noch mit Wienerle, „Ochsen“, Rebstockplatz und Emmishofen verbinde, sind meine Erinnerungen als kleiner Bub an das Brauchtum des sogenannten „Hemdglonggerumzugs“. Er wird auch heute noch durchgeführt. Aber eben… früher…
Der Hemdglonggerumzug hat alemannische Wurzeln, so einmal mehr Wikipedia und ist wie in vielen Orten Teil der Fasnacht. Dabei ziehen die Teilnehmer in weissen Nachthemden- und Mützen lärmend durch das Dorf. Damals noch mit Glocken, Schellen und alten Topfdeckeln. Ich war bis heute der Ansicht, dass diese Tradition etwas mit der Ver-treibung des Winters zu tun hat. Aber ich musste erst weisse Haare bekommen, um den richtigen Grund dafür zu erfahren. Der Überlie-ferung nach fand dieses Brauchtum den Weg nach Kreuzlingen von Konstanz her. Bereits im Jahre 1879 wurde der Hemdglonggerumzug in den Annalen der deutschen Grenzstadt erwähnt, indem weiss gekleidete Schüler mit weisser Zipfelmütze, fackeltragend und lärmend vor die Wohnungen ihrer Professoren zogen, um diesen deren Schrulligkeiten und Lässlichkeiten vorzuhalten.
Nun denn. Als ich noch ein kleiner Junge war, besammelte man sich entsprechend verkleidet auf der Unterseestrasse, direkt beim „Ochsen“, mit den erwähnten Lärmutensilien und Laternen oder Lampions. Der spärliche Verkehr wurde dabei von unserem ehemaligen Hausnachbar, dem Ortspolizisten Fritz Greminger geregelt. Vielmals wurden bei mei-nem Vater auch noch die sogenannten „Sauenbloteren“ gewünscht und, an einem Stab aufgehängt, mit auf den Umzug genommen. Es handelte sich dabei um Schweineblasen, die mit Luft straff gefüllt wurden, bis sie einen Ballon darstellten. Schlug man die „Blotere“ dann auf den Boden oder an andere Gegenstände, verursachte sie einen Höllenlärm.
Schon bald nach Einbruch der Nacht, und diese bricht ja im Februar naturgemäss schon früh herein, marschierte der Umzug auf der Unter-seestrasse los. Eine kleine improvisierte Kapelle führte die johlende und lärmende Horde an. Auch die Melodie, welche immer wieder ge-spielt wurde, ist heute noch in meinem Kopf. Die Route führte dann meines Wissens, beim Hotel Plaza abzweigend, über die National-strasse bis zur Bahnhofstrasse und schliesslich über die Konstanzer-strasse wieder zurück zur Rebstock-Kreuzung.
Damit war es damals aber nicht getan! Denn am Ende der Veranstal-tung erfolgte auf dem grossen Kiesparkplatz vom „Ochsen“ immer noch gratis die Verabreichung von zwei Wienerle aus dem heissen Wasser, die aus Vaters Metzgerei stammten. Und eine dicke Scheibe Brot durfte dabei ebenfalls nicht fehlen. Auch wenn ich damals selbst noch klein war, so sehe ich im Geiste heute noch die vielen strahlenden Kindergesichter, wenn sie nacheinander in ihren weissen Nachthemden in einer Schlange stehend ein Pärchen heisse Würstchen mit Brot in Empfang nehmen durften. Mmh…, ganz frisch hergestellt! Das waren noch Zeiten und einmal mehr… früher…?
Ja, eigentlich habe ich nur gute Erinnerungen an meine Jugendzeit, die ich im „Ochsen“ verbracht hatte. Ausser… ja, eigentlich sollte das, was ich gleich in kurzen Worten schildere, nicht erwähnt werden. Ich habe mir auch lange überlegt, ob ich es hier erzählen soll. Aber es ge-hört ja doch zu meinem Leben und gewisse Dinge lassen sich auch nach vielen Jahren nicht so einfach aus dem Kopf verbannen. Wie ich es im Vorwort erwähnt habe, ist es eine der Erinnerungen, wovon eigentlich sonst niemand etwas weiss, da ich niemals mit jemandem darüber ge-sprochen habe. Aber ich kündigte ja auch an, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Wenn sich also ein junger Mann gezielt immer mal wieder mit einem kleinen Buben heimlich in einem Kämmerchen trifft, ihn in seiner jugendlichen Unbekümmertheit zu gewissen Handlungen verführt und hinterlistig behauptet, es sei nur ein Spiel… das nennt man wie? Aus Rücksichtnahme auf die bestimmte Person, obwohl sie es eigentlich nicht verdient hat, verzichte ich darauf, sie hier öffentlich beim Namen zu nennen. Sollte sie aber diese Zeilen einmal lesen, so wird sie sich wieder erkennen und sich bestimmt auch daran erinnern. Ich hoffe, es wird ihr dann auch bewusst, dass solche Erlebnisse niemals in Verges-senheit geraten. Auch bei einem Kind im Alter von etwa fünf, sechs oder sieben Jahren nicht!
Die schönen Erinnerungen überwiegen. Ich denke dabei zum Bei-spiel auch wieder an die riesigen Eichenfässer, die im Keller standen und hin und wieder geleert und gereinigt werden mussten. Diese Gele-genheit nutzte ich als Knirps meistens für eine kleine Mutprobe. Das heisst, solange ich noch eine bestimmte Körpergrösse hatte. Aber das erklärt sich sogleich. Die Klappe am leeren Wein- oder Mostfass war gerade so gross, dass ich damals noch als schmales Bürschchen hinein-schlüpfen konnte. Man fühlte sich dann wie in einer Höhle. Gefangen und allein! Wieso Mutprobe? Ich überlegte mir dann immer, was wohl geschehen würde, wenn ich das Fass nicht mehr verlassen könnte. Denn niemand wusste, dass ich mich in dem grossen Eichenfass befand. Aber natürlich war die Einstiegsöffnung auch einige Minuten später immer noch gleich gross und wo man hineinkommt, kommt man auch wieder heraus.
Dann denke ich auch an den grossen Holzzuber, den mein Vater im Sommer auf den Hofplatz stellte und mit Wasser füllte. Sozusagen ein Mini-Swimmingpool für uns Kinder. Es existiert auch heute noch Film-material darüber, wie ich mit meinen beiden Schwestern in diesem Zu-ber sitze. Oder wie wir, mit Schöpfkellen oder anderen Behältnissen bewaffnet, jeweils dem gegnerischen Angriff mit Wasser, über den Hofplatz laufend, zu entfliehen versuchen.
Ja, damals existierten noch keine Gameboys, Spielkonsolen, Handys und so weiter. Die Kinder hielten sich in der Natur auf, nachdem die Hausaufgaben erledigt waren. Hm… na ja, Letzteres war bei mir viel-leicht nicht jedes Mal der Fall. Wir spielten dann Verstecken, „Fangis“ und ähnliche Dinge. Es gab auch immer viel zu erkunden. Auch in der Nachbarschaft. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich zum Bei-spiel an die mehr oder weniger unbeaufsichtigten Lagerplätze und Räume des damals gegenüberliegenden Baugeschäftes Uhler, wo wir vielmals mit Nachbarskindern Räuber und Poli spielten.

Ein weiteres Spielgelände fanden wir Kinder an der Unterseestrasse. Dort, wo heute das grosse Wiesengelände der ehemaligen Firma Neher vorhanden ist, befand sich damals noch lange Zeit ein beinahe verfal-lenes Haus.
Für uns Kinder war es ein richtig unheimliches Haus, das schon längere Zeit, wenn nicht Jahre, nicht mehr bewohnt wurde. Das Gras stand rundherum hoch und sämtliche Fensterläden, an denen die Farbe schon abblätterte, waren geschlossen. Auch sonst vermittelte das Ge-bäude den Eindruck, wonach es bald einmal einstürzen könnte. Wir und auch andere Kinder hielten uns oft dort auf und umrundeten das unbe-wohnte Haus.

Bis eines Tages jemand den Mut aufbrachte, durch eine kleine vorhan-dene Lücke in das Haus einzusteigen. Was machten wir? Wir folgten dem Mutigen. Es roch muffig im Gebäude und in allen Räumen herr-schte Halbdunkel. Aber die gesamte Einrichtung war noch vorhanden und wir wagten es trotz unserer Furcht, das Haus zu durchstreifen. Je-den Augenblick, dachten wir oftmals mit klopfendem Herzen, erscheint uns ein Geist oder sonst eine spukhafte Erscheinung und dann wäre es um uns geschehen. Deshalb waren wir am Ende immer wieder froh, wenn wir ohne Angriff durch ein Ungeheuer wieder hinaus in das gleis-sende Sonnenlicht treten konnten.
Vor allem wir Buben freuten uns natürlich darüber, dass an der Kon-stanzerstrasse noch die pyrotechnische Fabrik Müller beheimatet war, die Feuerwerksartikel und Raketen herstellte. Dort konnten wir, sozu-sagen direkt ab Fabrik, immer wieder spottbillig irgendwelche Knall-körper kaufen. Insbesondere die sogenannten „Schwärmer“ hatten es uns angetan. In einer Länge von ungefähr acht bis zehn Zentimeter sahen die rosafarbenen Dinger wie kleine Dynamitstangen aus. Für uns Buben soweit ungefährlich, hielt man sie bei der Detonation nicht im-mer noch in der Hand. Geschah es doch einmal, dann surrte die Hand noch einige Zeit lang. Aber es gab keine ernsthaften Verletzungen. Es gab damals auch bereits schon die bekannten „Ladykracher, die man dannzumal noch „Frauenfürze“ nannte. Das waren viel kleinere Spreng-körper, die aneinander hingen und man konnte damit ein richtiges Seriefeuer simulieren. Meistens hielten wir uns für die Knallerei dann am Irseeweg auf, der unmittelbar unterhalb der Firma Müller verlief.
Eines Tages, als ich bereits in der Lehre war, ereignete sich jedoch ein folgenschweres Unglück beim Feuerwerker Müller. Irgendwie war man bei der Verarbeitung der Feuerwerkskörper unvorsichtig und es kam zu einer gewaltigen Explosion. Dabei gingen bei den in der Umge-bung befindlichen Häusern von der erzeugten Druckwelle sogar viele Scheiben zu Bruch. Meine Mutter selbst meinte damals augenblicklich, wonach der Krieg wieder ausgebrochen sei. Leider verloren bei diesem Unglück, meines Wissens, mindestens zwei Mitarbeiter ihr Leben.
So und anders waren wir damals den ganzen Tag aktiv auf den Beinen und wir hatten vieles unternommen, weshalb wir abends dann auch todmüde ins Bett fielen und von den Erlebnissen des Tages träumten.
Mein Vater hatte schon früh damit begonnen, diverse Erlebnisse auf Schmalbildfilm oder mit Fotoaufnahmen in Form von Dias festzuhal-ten. Ich muss ihm dafür dankbar sein, dass er sich immer wieder als Fotograf und Kameramann betätigte. Denn sämtliches Film- und Foto-material habe ich nach seinem Ableben digitalisiert und es steht nun jederzeit zur Verfügung, ohne dass man Leinwand, Film- oder Diapro-jektor aufstellen muss.
Herrliche Aufnahmen, die es einem immer wieder warm ums Herz werden lassen, betrachtet man sie einmal wieder. So zum Beispiel auch die kostbaren Bild- und Filmdokumente, als wir als Familie so herr-liche und schöne Ferien in Cattolica in Italien verbrachten. Auch von dort gibt es eine kleine Anekdote, die ich an dieser Stelle gerne erzählen möchte.
Obwohl man auch schon in den 1960er Jahren in Italien gut essen konnte - und ich liebe auch heute leider noch Nudeln wie Maccheroni oder Spaghetti mit Tomatensauce - so verspürte man doch hin und wie-der einmal Lust auf einen kleinen Snack, wie man ihn heute nennen würde. Ich weiss deshalb noch gut, dass meine Schwestern und ich mit meinem Vater hin und wieder am Nachmittag den Strand kurz verlies-sen und das beim Hotel im Schatten abgestellte Auto aufsuchten. Im Kofferraum hatte er nämlich immer noch einen kleinen Notproviant in Form von Landjägern oder ähnlichem gelagert. Die geräucherten Ess-waren waren gut verpackt, weshalb auch das warme Klima keinen negativen Einfluss auf sie hatte. So standen wir dann in Badehosen bekleidet hinter dem geöffneten Kofferraum und liessen uns im Schat-ten die heimische Zwischenmahlzeit schmecken. Anschliessend gingen wir wieder an den Strand zurück, als wenn nichts gewesen wäre. Wir bauten weiter unsere Sandburgen oder trotzten mit der Luftmatratze den Wellen im damals sehr sauberen Meer.
Ein weiteres Bilddokument erinnert mich daran, dass mein Vater und ich hin und wieder das Eintreffen der Fischer am Strand erwarteten. Dann konnte man nämlich frische Muscheln konsumieren. Heute bin ich jedoch kein grosser Freund mehr vom sogenannten Seafood.

Ich esse zwar gerne Fisch, doch dürfen keine Gräten vorhanden sein. Deshalb verzichte ich auch gerne auf eine Forelle blau oder ähnliche See- der Meerestiere, die zuerst von Gräten oder Knochen befreit wer-den müssen. Am besten schmecken mir die sogenannten „Fischstäbli“, von denen ich, mit Zitrone beträufelt und mit etwas Mayonnaise, zu-hauf verdrücken könnte. Letzteres wirkt sich zwar schon auf meine Taille aus, aber… man lebt ja nur einmal!
Während unseres ersten Italienurlaubs lernte ich übrigens auch die sogenannten „Berliner“ kennen und … lieben. Jeden Tag ging eine ältere Italienerin über den Strand (ich sehe sie jetzt noch vor meinen Augen vorüberziehen) und pries dabei süsses Gebäck in einem vor dem Bauch hängenden Holz-Glaskasten an. Darunter befanden sich eben auch diese überaus schmackhaften Krapfen. Solche Bild- und Filmdo-kumente beleben wieder meine Gedanken an früher. Ich erinnere mich immer wieder an weitere Begebenheiten und Erlebnisse, die ich schon fast vergessen hatte.
Von einem Winterurlaub in Arosa existieren ebenfalls Fotoaufnah-men. Es war nicht der einzige Aufenthalt in dem bündnerischen Kurort zur Winterzeit. Aber einmal trat etwas Besonderes ein. Damals war ich aber bereits schon ungefähr sechzehn Jahre alt.
Während meine Schwestern und ich mit der Mutter eine Woche lang in der schönen verschneiten Bergregion bleiben konnten (mein Bruder arbeitete zu dieser Zeit im Welschland), wollte Vater bereits am Montag wieder zurück nach Kreuzlingen fahren, um sich der Metzgerei widmen zu können. Wir kamen also am Sonntag in Arosa an, wobei es ein wei-teres Mal zu schneien begonnen hatte. Hätte mein Vater geahnt, dass sich die kommenden Stunden ein starker Schneesturm entwickeln wür-de, hätte er wohl gleichentags wieder die Heimat angesteuert. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
Von Sonntag an fiel derart viel Schnee, dass das Auto am Montag-morgen unmöglich hätte bewegt werden können. Der Autoverkehr in Arosa war am an diesem Tag lahmgelegt. Sogar die Sendeantenne auf dem Weisshorn war damals durch die starken Winde umgeknickt wor-den. So blieb Vater nur übrig, mit dem Zug nach Kreuzlingen zu fahren und eine Woche später mit dem gleichen Verkehrsmittel wieder nach Arosa zurückzukehren. Übrigens, nebenbei. Es gab damals diverse Autolenker, die am Montag damit begonnen hatten, ein Auto auszubud-deln. Nur hatten sie dann irgendwann einmal erkannt, dass es sich nicht um das eigene Fahrzeug handelte.
Ich esse zwar gerne Fisch, doch dürfen keine Gräten vorhanden sein. Deshalb verzichte ich auch gerne auf eine Forelle blau oder ähnliche See- der Meerestiere, die zuerst von Gräten oder Knochen befreit werden müssen. Am besten schmecken mir die sogenannten „Fischstäbli“, von denen ich, mit Zitrone beträufelt und mit etwas Mayonnaise, zuhauf verdrücken könnte. Letzteres wirkt sich zwar schon auf meine Taille aus, aber… man lebt ja nur einmal!

Ich komme später nochmals auf diverse Andenken zurück, die mir insbesondere mit Hilfe der Film- und Fotoaufnahmen wieder in Erinn-erung gerufen wurden.
Die Kindergartenzeit ist weder in meinem Klein- noch Grosshirn sehr präsent. Vom „Ochsen“, wo wir ja damals zu Hause waren, bis zum Kindergarten an der Bernrainstrasse war es nicht weit. Etwa drei bis fünf Gehminuten. Mehr wie fünf Minuten, wenn man sich irgendwie ablenken liess. Und das kann bei kleinen Kindern im Alter von etwa fünf bis sechs Jahren schnell einmal geschehen. Insbesondere dann, wenn sie von niemandem begleitet werden.

Der Kindergarten befand sich vis-à-vis der katholischen Kirche St. Stefan und in unmittelbarer Nähe vom Schulhaus Emmishofen. Heute ist in dem Gebäude die Tagesbetreuung Schule Kreuzlingen unterge-bracht ist.
Es existieren noch Aufnahmen von mir im Kindergarten, die offenbar zur Weihnachtszeit entstanden sind. Ja, ja, lange ist’s her.
Während meiner Schulzeit in Emmishofen, insbesondere in der 6. Klasse, befand sich dort im Obergeschoss aber auch ein grosser Bastel-raum. Dort konstruierten wir Buben, zusammen mit unserem Lehrer Hannes Bollinger, jedem sein eigenes Modellsegelflugzeug. Ist es mir zu verdenken, dass mir diese Beschäftigung weit mehr Spass bereitete, als im doofen Klassenzimmer zu sitzen und irgendwelche Mathematik-aufgaben zu lösen? Die Mädchen übrigens besuchten während unseren enorm wichtigen (!) Modellbauten Unterrichtsstunden in Handarbeit.

Ich weiss noch aus den Erzählungen meiner Eltern, dass ich den Kin-dergarten frühzeitig verlassen durfte. Das heisst, vor Ablauf des offizi-ellen Schuljahres. Dies resultierte aus folgendem Geschehen. Offenbar konnte ich zu dieser Zeit irgendwann einmal nicht mehr richtig schla-fen und stürmte dann Nacht für Nacht weinend und kreischend die Treppe vom oberen Stockwerk im „Ochsen“ hinunter ins Stübli vom Restaurant. Meine Eltern bekundeten angeblich jedes Mal Mühe, mich wieder zu beruhigen. Selbstverständlich war dieses Verhalten nicht normal und es wurde nach der Ursache gesucht. Irgendwann erkannte man aber, dass ich im Kindergarten durch irgendwelche „Mitgärtler“ geplagt wurde, was man heute durchaus als Mobbing bezeichnen könnte. Ja, und so entschieden sich die Erwachsenen schliesslich, dass ich den Kindergarten nicht mehr besuchen sollte. Dies war angeblich ohne weiteres zu vertreten, da es von diesem Moment an ohnehin nur noch zwei oder drei Monate bis zum offiziellen Ende des Schuljahres und damit auch der Kindergartenzeit dauerte.
Das Leben geht voran!

Dass es aber auch Zeiten gab, in denen ich mich in keiner Weise durch andere Buben ängstigen liess, erklärt eine weitere Episode aus meinem Leben. Vermutlich war ich damals etwa 10 Jahre alt. Als ich mich einmal zur Mittagszeit auf dem Heimweg von der Schule befand, stellten sich mir zwei andere Schüler aus meiner Klasse unterhalb der katholischen Kirche in den Weg. Worum es beim Streit ging, weiss ich nicht mehr. Ich liess mich aber nicht beeindrucken und wehrte mich unaufhörlich. Sie hatten keine Chance, mich zu boxen oder sonst wie zu schlagen. Ich weiss auch nicht, was noch hätte geschehen können, wäre dann nicht plötzlich mein Vater aufgetaucht, der mich suchte, weil ich nicht wie sonst pünktlich zum Mittagessen erschienen war.
Mit Sicherheit hat etwas ganz Besonderes nichts mit dem vorzeitigen Verlassen des Kindergartens zu tun. Denn dieses Ereignis trug sich vor meinen Schlafstörungen zu. Ich hatte nämlich damals meinen ersten… Rausch!
Ja, Sie hören, beziehungsweise lesen richtig. Ein richtiger Rausch durch Alkohol und so. Wie kam es dazu? Meine Eltern benützten einmal mehr den arbeitsfreien Montagnachmittag, um einige Dinge zu erledigen. Da sie aber nicht lange fortbleiben wollten, liessen sie mich in der Obhut der Metzgergesellen. Sie hatten sich im Stübli (angrenzend an Küche und Restaurant im Ochsen) eingefunden, verbrachten dort ihre freie Zeit mit Diskutieren und… einem oder zwei Gläschen Weisswein. Ich kleiner Bub turnte vermutlich zwischen den Burschen herum und irgendwie kam es dazu, dass ich hin und wieder an einem Weinglas nippte. Ob ich den edlen Traubensaft damals gerne hatte oder nicht, weiss ich aber nicht mehr.
Selbstverständlich brauchte es aber nicht viel des edlen Tropfens und meine Eltern waren entsetzt, als sie bald darauf wieder nach Hause kamen. Hermeli war betrunken! - was bei meiner Mutter eine gehörige Schimpf-tirade gegenüber den Metzgerburschen auslöste. Ich denke aber, dass sie das verkrafteten und doch weiterhin, mit leicht hängenden Köpfen, ein wenig schmunzeln mussten. Ich weiss auch noch, dass mich meine Mutter daraufhin im oberen Stockwerk ins Bett verfrachtete. Hin und wieder verliess ich dieses und begab mich in die angrenzende Stube. Der Rück-weg ins Bett war mir jedoch aus mir unerklärlichen Gründen (?) aus eigenen Kräften nicht mehr möglich. Irgendwie versagte dann immer meine Motorik in den Beinen.
Eines ist an dieser Stelle noch zu erwähnen. Ich wusste mit meinen damaligen fünf oder sechs Lebensjahren noch nicht, dass ich im Kreise der Kindergärtnerinnen bereits auf die Liebe meines Lebens gestossen war! Aber dazu später.
Im Frühling 1961 war dann ein weiterer grosser Tag in meinem Leben. Der erste Schultag stand bevor. Wieder erinnert eine Fotoaufnahme meines Vaters an diesen denkwürdigen Tag. Ich trage braune Schuhe, graue Kniesocken, eine kurze Hose, ein Hemdchen und einen quergestreiften Pullover. Ja sogar eine kleine fliegenähnliche Schleife ziert den Hemdkra-gen. Selbstverständlich fehlt auch nicht der Schulranzen, der auf der Aussenseite mit irgendeinem Tierfell geschmückt war. Der „Schueltek“, wie er genannt wurde, war damals das übliche Mittel, um die Hefte, Schreibutensilien und Bücher mitzutragen. Ja, und natürlich sorgte man auch dafür, dass meine Haare an diesem Morgen ordentlich gekämmt waren. So wurde ich durch meine Mutter zum Schulhaus Emmishofen begleitet.
Offensichtlich mache ich da noch ein fröhliches Gesicht und vermutlich war ich auf den Schuleintritt gespannt. Hätte ich jedoch gewusst, mit welcher Liebe ich später gegenüber der Schule gestanden bin, hätte ich möglicherweise an diesem Tag noch mein Bündel gepackt. Aber, na ja. Ich wusste natürlich, dass mein Vater viel, viel stärker war als ich!
Die folgenden Jahre verliefen meines Wissens aber dennoch ohne irgendwelche grossen Ereignisse oder Begebenheiten, an die ich mich noch erinnern kann. Wie das Leben für einen Knaben mit gestrickten Knie-strümpfen halt so verläuft. Erste Klasse, zweite Klasse, dritte Klasse und so weiter. Doch halt! Etwas Besonderes ist doch noch vorgefallen, das mir in bester Erinnerung geblieben ist.
Ich vermute, dass ich mich etwa in der ersten oder zweiten Schulklasse befand, als ich notgedrungen schwimmen lernte. Beziehungsweise, wie ich lernte, mich über Wasser halten zu können. Aber nicht in der Schule! Ich komme nun also auf ein weiteres Erlebnis zurück, das ich nach meinem Abenteuer auf dem Eisweiher bereits angedeutet habe. Unsere Familie hielt sich im Sommer für einige Tage in Flims auf. Damals begleiteten uns sogar noch Moma und Tante Paula. Wir machten auch einen Ausflug an den Caumasee. Während Mama und die beiden anderen Frauen gemütlich in einem Restaurant direkt am See sassen, sich Kaffee und Kuchenstücke schmecken liessen, unternahm unser Vater mit meinen Schwestern und mir auf dem See eine Fahrt mit einem Tretboot, auch Pedalo genannt. Der Caumasee war damals ein absolut reines Gewässer und man konnte den Seegrund beinahe an allen Stellen sehen. Seither war ich zwar nie mehr dort, aber ich hoffe inständig, dass die „sauberen“ Verhältnisse immer noch dieselben sind.
Meine beiden Schwestern benützten dann die Gelegenheit, vom Pedalo her ins Wasser zu springen und im See zu baden. Natürlich war ich ein wenig enttäuscht darüber, dass ich das als Nichtschwimmer nicht auch tun konnte. Schliesslich aber hatte mein Vater ein Nachsehen mit mir und fuhr in die Nähe des Ufers. Aufgrund der Reinheit des Wassers und der damit verbundenen guten Sicht auf den Grund nahmen wir alle an, dass das Wasser nicht tief sein würde. Vielleicht so fünfzig, sechzig Zentimeter. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und sprang in das kühle Nass. Aber oha! Die Tiefe des Sees an dieser Stelle täuschte beträchtlich und ich tauchte sofort unter. Vermutlich war es dann der reine Selbsterhaltungs-trieb, indem ich unverzüglich mit schaufelnden Hand- und Armbewe-gungen versuchte, wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen. Das war der Augenblick, als ich schwimmen lernte.
Zwar war es nur die Schwimmtechnik, den auch die Hunde und andere Tiere anwenden. Aber ich konnte mich von diesem Moment ohne eine weitere Schwimmhilfe über Wasser halten. So einfach geht das und ich verstand von da an auch, was es bedeutet, wenn jemand sagt: Jemanden ins kalte Wasser werfen! Aber offenbar konnte man mich nachher mehr oder weniger alleine am Wasser lassen. Wie Sie in der vorangegangenen Foto-grafie sehen, ohne Schwimmflügel. Von diesem Schwimmstil wechselte ich dann mit der Zeit in das Seitenschwimmen. So kam ich immer am Schnellsten vorwärts. Auch heute noch.
Ein besonderes Erlebnis aus der fünften Klasse ist ebenfalls noch in meinen Erinnerungen hängengeblieben. Unser damaliger Primarlehrer, Herr Richard Moll, befand sich wohl schon unmittelbar vor der Pensio-nierung. Denn auch mein Vater war noch bei ihm zur Schule gegangen. Eines Tages wollte er uns verinnerlichen, welche „Schundliteratur“ sich in diesen Zeiten breit machte und seiner Ansicht nach gemieden werden sollte. Natürlich meinte er damit die Comic-Hefte, die mehr und mehr erhältlich waren. Ich muss zugeben, dass ich ein Junge war, welcher die angebliche „Schundliteratur“ regelrecht verschlungen hatte. Aber wahrscheinlich war ich nicht der einzige in meinem Alter. Tatsächlich las ich unentwegt, wenn ich alleine zu Hause war.
Herr Moll bat uns dann, solche Hefte in den Unterricht mitzubringen, um darüber reden zu können. Natürlich brachte ich einen ganzen Stapel mit. Ich weiss nicht mehr, zu welchem Einsehen die Klassenkameraden aufgrund der Moralpredigt unseres Lehrers gekommen waren. Jedenfalls versetzte er mir einen Schock, als er plötzlich sagte, wonach man all die Hefte eigentlich verbrennen sollte. Gerade jetzt und sofort!

Ich war entsetzt und riss meine Hefte wieder an mich, die sich später übrigens auch weiterhin anhäuften. Seltsamerweise hat sich in der Grund-schule niemals ein Lehrer gefragt, wieso ich so gut lesen konnte und in der Grammatik auch bereits gut bewandert war. Dafür dürfte doch wohl nicht die unentwegte Konsumation von „Schundliteratur“ verantwortlich gewesen sein?
Leider gingen all die Comic-Hefte im Laufe der Zeit verloren. Das heisst, ich denke, dass beim grossen Umzug von der Granegg her in die Wohnung über der damaligen Garage Schlauri an der Konstanzerstrasse ein grosser Teil der Sammlung durch meine Eltern entsorgt worden ist. Ich selbst hätte es wohl nicht über das Herz gebracht, diese angebliche „Schundliteratur“ wegzugeben. Wenn ich nun darüber nachdenke, welchen Wert diese Heftchen wohl heute hätten, könnte ich mir immerzu die Haare raufen. Denn damals waren es oftmals noch Erstausgaben von gewissen Serien wir zum Beispiel Tibor, Tarzan, Michel Vaillant, Superman und nicht zuletzt auch Mickey Mouse. Ich verfügte letztendlich auch über die beinahe komplette dänische Jugendbuchserie „Jan“. Die Geschichten eines Jugendlichen, der zusammen mit seinen Freunden immer wieder in irgend-welche Abenteuer verstrickt wurde. Ich habe diese Bücher und Comics richtiggehend verschlungen. Natürlich war diese Lektüre für mich sehr viel interessanter, als in den Schulbüchern zu lesen und sich so weiterzu-bilden. In den späteren Jahren entdeckte ich meine Vorliebe für die richtigen Kriminalromane. Dannzumal standen bei mir die Verbrechens-aufklärungen durch Kommissar X, das Gegenstück zu Jerry Cotton, im Vordergrund und ich kam im Laufe der Zeit zu einer ansehnlichen Samm-lung auch dieser Taschenbuchreihe.
In der sechsten Klasse ereignete sich dann etwas ganz Besonderes. Etwas, das für mein ganzes späteres Leben noch wegweisend sein sollte. Wie ich schon erwähnte, besuchte ich den Kindergarten, wo auch ein ganz besonderes Persönchen anwesend war. Dem Mädchen war der gleiche pädagogische Werdegang bestimmt wie mir. Das heisst, dass es wie ich schliesslich die Grundschule in Emmishofen besuchte und sich deshalb auch immer in der gleichen Schulklasse befand wie ich. Das Mädchen fiel mir immer mehr auf und ich entwickelte ganz besondere Gefühle für es.
In diesem Jahr machten meine Eltern und wir Kinder einmal einen Ausflug nach Grindelwald. Ich denke, es war während den Sommerferien. Ich war damals ungefähr zwölf Jahre alt und ich hatte auch schon Taschen-geld gespart. Irgendwie begleitete mich aber das Mädchen mit dem weis-sen Stirnband in Gedanken auch auf diesem Ausflug. Denn an einem Kiosk kaufte ich ein kleines versilbertes Armkettchen, woran viele kleine Kan-tonswappen befestigt waren.
Längst war mir bewusst, dass ich für das Mädchen ganz besondere Gefühle hegte. Auch wenn man damals als zwölfjähriges Kind vermutlich nicht viel von Liebe wusste und schon gar nicht, was das Wort alles beinhalten konnte, so denke ich, muss man meine Gefühle als „frühreife Liebe“ bezeichnen.
Erinnern Sie sich daran, ob Sie jemals einen Schulschatz hatten? Ob Sie eine ganz bestimmte Person während der Schulzeit nervös machte, wenn sie neben Ihnen sass oder stand. Oder wenn sie gar mit Ihnen redete und sie bekamen vielleicht Schweissausbrüche oder hatten Schluckbeschwer-den? Wenn das so ist, dann verstehen sie mich.
Ich erinnere mich jedenfalls noch ganz genau daran. Auch daran, dass ich gegenüber Mädchen im Allgemeinen sehr schüchtern war. Trotzdem nahm ich all meinen Mut zusammen und erkundigte mich bei Doris, so hiess mein Traum, in einem unbeobachteten Augenblick, ob sie mein Schulschatz sein wolle. Dabei hielt ich das in Grindelwald gekaufte Armkettchen in meiner Faust, das vermutlich vor lauter Angstschweiss schon feucht geworden war.
Offenbar war sie mir gegenüber ebenfalls sehr zugetan, denn sie sagte ja. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das mich in diesem Moment überwältigte. Ich öffnete dann meine Faust und hielt ihr das Kettchen entgegen, was noch als ein zusätzlicher „Liebesbeweis“ bedeuten sollte. Mit zwölf Jahren? Sie nahm das Kettchen an. Wow! Dies war ein Freuden-tag für mich gewesen und ich war stolz darauf, dass das hübscheste Mäd-chen in der Klasse mein Schulschatz sein würde. Vermutlich lief damals alles prima, denke ich.
In den 60-er Jahren bedeutete es, einen Schulschatz zu haben, vermut-lich nicht das Gleiche, wie es heute der Fall sein dürfte. Heute sind die Kinder schon früh aufgeklärt und verfügen über gewisse Kenntnisse, die sie auch nicht allein von ihren Eltern erfahren haben. Die allgemeinen Medien, auf die bereits Kleinkinder schon oft Zugriff haben, sorgen schon lange dafür. Während es heute Jugendliche, im gleichen Alter wie ich damals, nicht unbedingt beim Schmusen oder beim flüchtigen Küssen belassen, können bereits andere Dinge geschehen, die sogar hin und wieder von Tragweite sind. Was mich betrifft, so war ich in diesem Alter noch nicht aufgeklärt, wenn Sie wissen, was ich meine. Über solche Dinge sprach man damals mit Kindern in diesem Alter (noch) nicht. Und schon gar nicht über Sex. Weder mit den Geschwistern noch mit den Eltern. So verhielt es sich jedenfalls in meiner Familie.
So kam es in unserem kindlichen „Verhältnis“ auch niemals zum Austausch irgendwelcher Zärtlichkeiten. Ja, vielleicht einmal Händchen-halten. Mehr nicht. Es galt damals einfach die kindliche Vorstellung, dass das Mädchen zu einem bestimmten Jungen gehörte. Basta. Natürlich gab es unter den Schülern ein Getuschel und vermutlich auch ein Gekicher. Aber das war mir gleich. Auf alle Fälle machte mir keiner der Klassen-kameraden mein Mädchen als Schulschatz streitig. Ausserdem hätte sie in diesem Fall ja ebenfalls wieder etwas dazu zu sagen gehabt.
Dass unsere jugendhafte Gemeinschaft sich nicht verheimlichen liess, erklärt auch eine Vorhersage einer anderen Klassenkameradin, welche sie gegenüber Doris damals verlauten liess. Sie werde einmal eine Metzgers-frau! Na ja, Metzger bin ich letztendlich nicht geworden und deshalb trifft diese Vorhersage sinngemäss nur teilweise zu.
Noch im gleichen Schuljahr kam dann aber der Tag, der in meinem Leben einen weiteren Meilenstein darstellte. Einen Wendepunkt, der mich beinahe erdrücken sollte. Ein schwarzer Tag, wie ich ihn bis dahin noch nie erlebt hatte. Meine kleine Doris kam plötzlich zu mir und erklärte aus heiterem Himmel heraus, dass sie nicht mehr länger mein Schulschatz sein wolle, könne… oder dürfe und gab mir das Kettchen zurück. Ich war am Boden zerstört und ich bin ziemlich sicher, dass ich zu Hause im stillen Kämmerlein weinte. Den Grund für ihre unvermittelte Kehrtwendung nannte sie mir damals nicht. Den sollte ich erst viele Jahre später erfahren. Erwähnenswert ist jedoch, dass sie später, das heisst, solange wir gemein-sam die Schulbank drückten, meines Wissens keinen anderen Schulschatz hatte.
Das kleine Kettchen hatte ich anschliessend noch viele, viele Jahre lang aufbewahrt. Eines Tages entschied ich mich aber doch, das zwar damals wertmässig billige, aber für mich mit enormen Gefühlen und Erinnerungen verbundene kleine Schmuckstück aus meinen Habseligkeiten zu entfernen und es landete dann im hohen Bogen im Bodensee. Begleitet mit Wehmuts-gedanken. Aber ich denke, es war zu dem Zeitpunkt, als ich bereits Kon-takt mit meiner späteren Ehefrau hatte. Heute beurteile ich die Entsorgung des damaligen Liebesbeweises als eine meiner grössten Dummheiten in meinem Leben. Denn ich hätte es nach vielen Jahren wieder benötigt!
Zurück zum Schulleben. Unser Lehrer, Herr Hannes Bollinger, beauf-sichtigte uns in der sechsten Klasse direkt nach seiner abgeschlossenen Ausbildung. Also war er noch ziemlich jung und ich sehe ihn heute noch in seinem braunen Arbeitskittel vor uns stehen. Die Tatsache, wonach seine kleine Schwester Regula mit uns sogar seine Schulstunden besuchte, zeigt ebenfalls auf, wie jung unser damaliger Lehrer war. Übrigens ist er heute nur einen Steinwurf von mir entfernt zu Hause und wir sehen uns deshalb hin und wieder.
In der Nacht vom 19. auf 20. Juli 1963 ereignete sich dann in Kreuz-lingen ein Unglück, das einer Katastrophe gleich kam, weshalb es mir auch heute noch in bester Erinnerung ist. Zu diesem Zeitpunkt befand sich unsere Familie gerade im Sommerurlaub in Italien. Die Seminargebäude und die Kirche St. Ulrich standen in Flammen. Ich kann mich noch ganz genau an die Bilder erinnern, als wir abends von unserer Reise nach Hause zurückkehrten und mit dem Auto an den ausgebrannten Ruinen vorbei-fuhren.
Wie sich später herausstellte, waren irgendwelche Handwerker mit Schweissarbeiten beschäftigt gewesen, wodurch ein Schwelbrand entstand und sich schliesslich in der Nacht zu einem Grossbrand entwickelte.
Es war nicht der erste Brand, dem Kirche und Kloster zum Opfer ge-fallen waren. Bereits in den Jahren 1499 und 1633 war dies der Fall gewesen. Zu erwähnen ist dabei aber, dass ein grosses Kruzifix, ein Werk aus dem 14. Jahrhundert, alle drei Brände schadlos überstanden hat. Dies sah man als eine besondere Gnade an und das angebliche „Wunder“ wurde sogar päpstlich bestätigt.
Schon bald darauf wurden die in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude des Brandes von 1966, wie auch die Kirche, wieder in Stand gesetzt. Dann kam der Tag, an dem die Kirchenglocken wieder ihren Platz im Turm finden sollten. Zu diesem Zweck fanden sich alle Schülerinnen und Schü-ler von Kreuzlingen vor der Kirche ein. Auch unsere sechste Klasse aus Emmishofen war dabei und wir alle halfen mit, die Glocken mittels Seilen in den hohen Turm zu ziehen. Das war damals ein grosses Ereignis und wurde sozusagen mit einem Volksfest gefeiert.
Ich erinnere mich auch noch an eine weitere besondere Aktion in der 6. Klasse. Es war ein Feldzug gegen Unrat und Müll und er sollte uns Schü-ler wohl für die stets steigende Umweltverschmutzung sensibilisieren. Hinter dem Schulhaus Emmishofen führt nach wie vor der sogenannte Saubach vorbei. Dieser Name steht jedoch in keinem Zusammenhang damit, wonach man annehmen müsste, wonach das Gewässer schon seit ewigen Zeiten verschmutz sei. Unser Lehrer schlug uns also vor, dass wir den Bach auf einer begrenzten Länge begehen könnten und dabei den gesamten Unrat, der sich möglicherweise darin befindet, zu entfernen. Selbstverständlich waren wir mit diesem Vorschlag sofort einverstanden, musste in dieser Zeit doch kein Lehrstoff verarbeitet werden. Also zumin-dest ich, als unermüdlicher Denker und Streber (grins) in der Schule, empfand diese Idee hervorragend! Das fliessende Gewässer war an den meisten Stellen nicht tief und ich denke, dass die Aufräumarbeiten sogar barfuss erledigen werden konnten. Wir Schülerinnen und Schüler waren am Ende aber selbst überrascht, was wir alles aus dem Bach herausgefischt hatten und eine beachtliche Menge an Müll konnte aufgehäuft werden. Es erfolgte sogar ein Bericht im Volksfreund, wie die Kreuzlinger Zeitung damals ihren Namen hatte und wir alle waren natürlich stolz.
Familie und Verwandtschaft

Hin und wieder fuhren wir auch nach Amriswil, wo Mamas Vater – im wohlverdienten Ruhestand - zusammen mit seiner Lebenspartnerin, Tante Rösi, lebte. Sie wohnten damals in einem kleinen Einfamilienhaus an der Säntisstrasse 48. Grossvaters Ehefrau und somit Mamas Mutter hatte ich meines Wissens niemals kennengelernt. Der Kontakt zu Samuel Salvisberg war auch nicht sehr belebt. Ab und zu erschienen er und Tante Rösi auch im „Ochsen“ zu einem Besuch. Ehrlich gesagt, war uns Kindern die Lebenspartnerin von Grossvater nicht sehr sympathisch. Den Grund dafür weiss ich nicht.
Hingegen kann ich mich daran erinnern, dass sie einen kleinen Pudel hatten. Afra hiess die Hundedame. Diese verstand sich aber überhaupt nicht mit unseren beiden Dackeln, Beggi und Susi. War Grossvater und Tante Rösi wieder einmal bei uns im Stübli vom Ochsen zu Gast, mussten unsere beiden Hündchen immer weggeschlossen werden. Kaum war Afra aber wieder weg, spulten Beggi und Susi richtiggehend auf dem Parkettboden im Restaurant um die Kurve, um dem Pudel möglichst noch eine Abreibung verabreichen zu können. Sie waren dann immer sehr nervös und schnupperten in allen Ecken nach Afra. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie mit unseren beiden Hundedamen keine „Bekanntschaft“ gemacht hat.
Wann unser Grossvater mütterlicherseits gestorben ist, ist mir nicht bekannt. Darüber habe ich keine Aufzeichnungen gefunden.
Eine Weile lang war dann auch noch Mamas Bruder Waldburg als Küchenchef im Goldenen Ochsen angestellt. Er war ein hervorragender Koch und zeichnete vorher schon in diversen noblen Restaurants für das Wohl der Gäste. Er war genauso ein Scherzbold, wie sein Bruder Elias, auf den ich nachher gleich noch zu sprechen komme.
Ausserdem hatte Mama noch zwei weitere Brüder. Einer davon, Sieghard Salvisberg, lebte mit seiner Familie ebenfalls in Kreuzlingen und war – was sonst? – ebenfalls Metzger. Sein Ladengeschäft war an der Kreuzung „Blaues Haus“ zu finden.
Während ich mich an ihn selbstverständlich noch sehr gut erinnern kann, ist es bei Onkel Ewald nicht möglich. Ihn sahen wir Kinder nur selten. Es wird aber so gewesen sein, dass Mama und Papa ihn und seine Familie vermutlich alleine an seinem Wohnort hin und wieder besuchten.
Oftmals hielten wir uns im Sommer auch am Bodenseeufer in Uttwil auf. Wir Kinder konnten dort baden und herumtollen, während sich unsere Eltern von den Strapazen der Arbeitswoche ein wenig erholen konnten.
Unser Vater kümmerte sich derweil vielmals noch um ein leckeres Abendessen, das er auf dem mitgebrachten Holzkohlegrill zubereitete. Sein mit Speck gespickter Braten zum Beispiel, der jeweils stundenlang über der glühenden Kohle brutzelte, liess einem schon beim Einatmen der Düfte das Wasser im Mund zusammenlaufen. Da er damals schon über einen kleinen Motor für den Spiess verfügte, womit die Grillade langsam über der Hitze rotierte, fand aber auch er Zeit, sich gemütlich an das Ufer zu setzen oder allenfalls mit uns im Wasser zu spielen.
Uttwil war für uns sowieso ein besonderer Ort am See. Dort wohnte Mamas älterer Bruder Elias mit seiner Frau Elsie in einem damals schicken Einfamilienhaus. Oftmals besuchten wir sie dort noch, bevor wir wieder nach Hause fuhren. Oder sie leisteten uns am See ebenfalls Gesellschaft.
Mein Onkel Elias Salvisberg war übrigens ein begnadeter Klavierspieler und Komponist gewesen. Seine temperamentvollen südamerikanischen Klavierstücke, die er sich besonders während seines jahrelangen beruflichen Aufenthaltes auf einer Plantage in Argentinien angeeignet hatte, faszinierten mich immer besonders. Auch heute noch höre ich das begleitende Geräusch, wenn seine nicht kurzen Fingernägel rhythmisch auf den Elfenbeintasten herumtanzten.
Ich bin im Allgemeinen sehr musikliebend, was ich aber nachher noch zu erklären versuche. Meiner Schwester Evi jedenfalls wurde von Onkel Eli in frühen Jahren schon im Klavierspiel unterrichtet. Wie sie mir jedoch erst vor kurzer Zeit offenbarte, verlief ihr Kontakt mit Eli zunehmend unerfreulich. Angeblich entwickelte er mehr als nur Gefühle der Familienbande zu meiner Schwester, weshalb von einem gewissen Zeitpunkt an Klavierstunden nur noch stattfanden, wenn andere Leute anwesend waren. Ansonsten aber zeigte sich Eli immerzu als lachender und gutaufgelegter Onkel und war immer wieder zu Scherzen und Schabernack aufgelegt.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine humorvolle Anekdote in seinem Heim in Uttwil. Einmal mehr waren wir bei ihm im Sommer zu Besuch. Sein Einfamilienhaus befand sich an der Durchgangsstrasse zwischen Uttwil und Kesswil. Selbstverständlich damals noch mit Blick auf den Bodensee. Auch das spanische Ehepaar, Josef und Perfecta, das von meinen Eltern mittlerweile als Hilfspersonen im „Ochsen“ angestellt worden war, begleiteten uns.
Onkel Eli, ein durchtriebener, ja spitzbübischer Komiker, bot Perfecta in spanischer Sprache (er war ja jahrelang in Argentinien beruflich tätig gewesen) einen Sitzplatz auf einem Gartenstuhl an, der sich eigenartigerweise direkt unter der Gartendusche befand, was sie aber nicht bemerkte. Sie können sich denken, dass die Freundlichkeit meines Onkels nicht uneigennützig geschah. Perfecta nahm nichtsahnend freudig Platz und beobachtete dann das Treiben von uns Kindern auf dem Rasen. Unterdessen begab sich Eli in die Garage und drehte den Wasserhahn auf, der mit besagter Dusche im Garten verbunden war. Es vergingen nur wenige Sekunden, bis Perfecta kreischend vom Stuhl flüchtete. Der kalte Wasserstrahl hatte ihr eine unvorbereitete Abkühlung am Rücken eingebracht. Ach, was mussten wir alle lachen. Josef, ihr Ehemann, wand sich lachend sogar liegend auf dem Rasen und war einem Lachkrampf nahe. Perfecta selbst war aber nicht eingeschnappt oder beleidigt, sondern lachte fröhlich mit. Mit solch unerwarteten Scherzen musste man bei Onkel Eli immer rechnen.
Ich hatte mit diesem Onkel und seiner Frau auch viele Jahre später noch Kontakt. Insbesondere zu einer Zeit, als es ihm als betagtem Mann gesundheitlich nicht mehr gut ging. Als ich ihn wieder einmal besuchte, probierte ich ihn mit Erinnerungen aus früheren Zeiten, insbesondere bezüglich seiner Virtuosität am Klavier, etwas aus seiner Lethargie zu holen. Seine Frau Elsie erklärte mir aber, dass er seit bald zwei Jahren nicht mehr am Klavier gesessen und gespielt habe. Ich liess aber nicht locker und konnte ihn schliesslich doch dazu bewegen, seinen bequemen Sessel mit dem Klavierhocker zu tauschen. Ich wünschte mir das Musikstück „Tico tico“, welches er früher perfekt beherrschte.
Dieses Musikstück dürfte vielen Lesern und Leserinnen bekannt sein. Insbesondere vielleicht den älteren Jahrgängen. Eine brasilianische Melodie mit temperamentvollem, lateinamerikanischem Rhythmus. Auch „Amorada“ gehörte zu seinem Repertoire. Man merkte Elis überaus lange Abstinenz vom Klavierspiel natürlich schon an und seine Finger waren wohl auch nicht mehr so stark und gelenkig wie früher. Aber dennoch spielte er fantastisch. Er selbst fand ebenfalls Spass daran und lebte in diesem Moment wieder sichtlich auf. Tante Elsie eilte dann auch mit grossen Augen und sprachlos von der Küche her in das Wohnzimmer, als sie plötzlich die vertrauten Töne vom Klavier hörte.
Musik ist Poesie der Luft!

Wie eine Fotoaufnahme zeigt, versuchte ich mich auch einmal als Hobbyangler. Aber ich muss zugeben, dass ich dazu entweder nicht begabt war oder die Fische ganz einfach keine Lust dazu hatten, an meinem Angelhaken anzubeissen.
Dafür aber hing eines Tages ein anderer, besonderer Fisch am Haken. Ein grosser, schwarzer mit vier Beinen. Susi, eines unserer Dackelweib-chen, hatte die sonst immer unter dem Wohnwagen deponierte Angelrute erschnuppert und möglicherweise befand sich am Haken noch etwas, das ihr zu schmecken schien.
Auf alle Fälle steckte der Haken plötzlich in ihrem Rachen und mein Vater fuhr dann mit ihr eiligst zurück nach Kreuzlingen, um dort den Tierarzt aufzusuchen. Dieser konnte das Corpus delicti schliesslich beseitigen und was machte ich unterdessen? Ich entfernte schleunigst meine Angelrute unter dem Wohnwagen und deponierte sie an einem sicheren Ort.
Mit den beiden Dackelweibchen ist mir noch eine weitere lustige Begebenheit von Mannenbach in Erinnerung. Natürlich hatten meine Eltern auch hin und wieder Verwandte, Bekannte oder Freunde an den See eingeladen. Eines Tages war wieder einmal Besuch da und der Kuchen und Kaffee stand im Wohnwagen bereit. (Das Wetter spielte nicht so mit.) Nachdem alle an dem kleinen Klapptisch Platz genommen hatten und der Kaffee eingeschenkt war, trat man einer der Dackeldamen, die sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls im Wohnwagen unter dem Tischchen befand, unabsichtlich schmerzvoll auf den Schwanz. Sie schreckte auf und schlug mir ihrem Körper an die Stange, welche das Tischchen abstützte. Natürlich realisierten die Leute sofort, dass der Halt nicht mehr vorhanden war und ausnahmslos alle verhinderten reaktionsschnell das Herunterklappen der Tischplatte. Aber es war des Guten zu viel. Kuchen und Kaffee landeten dadurch zwar nicht auf dem Boden im Wohnwagen, flogen aber in grossem Bogen durch das geöffnete Fenster am Heck des Wagens in die grüne Wiese.
Musik war und ist auch heute noch ein bedeutender Bestandteil meines Lebens. Ich denke auch, dass die Musik bei mir „im Blut liegt“, wie man so schön sagt. Und ich denke, dass mir persönlich die Gene dafür von meiner Mutter, die Gene der Familie Salvisberg, in die Wiege gelegt worden sind. Denn auch sie war sehr musikalisch und spielte sogar Hand-orgel. Nebst Eli, der Klavier spielte, gehörten zwei weitere Brüder von ihr lange Zeit als aktive Jodler einem Gesangsverein an.
Das nächste Bild zeigt meine Mutter und Evi beim gemeinsamen Musizieren in der Granegg. Und als ich dieses Bild wieder entdeckte, erinnerte ich mich schlagartig an eine andere Fotoaufnahme, die leider nicht mehr auffindbar ist. Sie zeigt nämlich den berühmten deutschen Pianisten und Komponisten Oskar Ulmer am gleichen Klavier, der im Jahre 1966 in Berlingen TG verstorben ist. Der bekannte Musiker ver-kehrte oft im „Ochsen“ und nahm dabei immer im hintersten Winkel der Wirtschaft Platz. Nahe beim bestehenden, schönen Kachelofen. Offenbar verstanden sich meine Eltern sehr gut mit ihm, weshalb sie ihn auch eines Tages in die Granegg eingeladen hatten und wo er sein Können am Klavier zum Besten gab.
Ich kann mit Stolz behaupten, dass auch ich über ein sehr gutes Musik-gehör verfüge. Leider habe ich es in meinem Leben versäumt, jemals ein Musikinstrument zu erlernen, was ich heute zutiefst bedaure. Ich besass zwar einmal zunächst eine Ukulele und nachher sogar noch eine Gitarre, worauf ich herumklimperte. Aber die Geräte zu beherrschen, lernte ich nie. Heute, nach meiner Pensionierung, sehe ich jedoch keinen Sinn mehr da-hinter, mich doch noch mit einer musikalischen Ausbildung intensiv zu befassen. Ich bin mit anderen Dingen sehr beschäftigt und ausgelastet. Auch dazu werde ich im Verlauf meiner Erzählungen noch kommen.
Eine Weile lang diente der Keller im „Ochsen“ auch noch einigen Musikern als Probelokal. Beide damaligen Freunde meiner Schwestern, die sich später übrigens verheirateten, gehörten zu der fünfköpfigen Band und sämtliche Künstler waren italienischer Abstammung. Während Sigis spä-terer Mann Alessio das Schlagzeug bediente, spielte Pierino, Evis Freund, Bassgitarre. Die Band nannte sich „The Falcons“. Meistens spielten sie bei Hochzeitsfeiern oder hatten andere kleinere Engagements. Eine Zeit lang spielten sie sogar auch im Strandhotel „Wilder Mann“ in Meersburg zur Tanzveranstaltung auf, die wir auch einmal besuchten. Eine grosse Musikkariere war den Künstlern aber nicht beschieden.
So erinnere ich mich daran, dass die Band einmal den deutschen Schla-ger „Weine nicht kleine Eva“ von den Flippers spielten, während ich den Telefonhörer möglichst nahe zur offenstehenden Kellertüre zu halten hatte. Evi, deren Freund Pierino ja an der Bassgitarre spielte, hielt sich am an-deren Ende der Leitung auf. Denn sie befand sich zu dieser Zeit in einem Hotelbetrieb in Arosa, wo sie nach der Handelsschule ein Praktikum ab-solvierte. Es war klar, dass ich nach Ende des Musikstücks von meiner Schwester doch noch eine weinerliche Stimme vernahm, obwohl ja der gespielte Musiktitel gerade das Gegenteil bewirken sollte.
Vermutlich war das Vorhandensein dieses Probelokals im Keller aus-schlaggebend dafür, dass ich mir später einmal eine Gitarre anschaffte. Denn nicht selten schlich ich mich in den Keller hinunter und behändigte dort in der Abwesenheit der Band eine elektrische Gitarre. Da ich mich vielmals bei den Musikern aufhielt, wenn sie probten, wusste ich auch, wie man einzelne Geräte einschalten und über den Verstärker spielen konnte. Selbstverständlich hielt ich mich dann immer allein im Keller auf und achtete auch darauf, dass der Lautsprecher nicht zu laut eingestellt war.
Damals war das Musikstück Apache der britischen Instrument-Rock-band „The Shadows“ ein Hit. Mit der Zeit brachte ich es im Keller sogar so weit, die Melodie beinahe fehlerfrei zu spielen, die ich nur in meinem Kopf abrief. Ich kann zwar den Notenschlüssel perfekt zeichnen, aber Musiknoten bis heute nicht interpretieren. Na ja. Es kam also auch bei mir nie zu einer musikalischen Karriere.

Okay, wo war ich stehengeblieben? Nochmals zu meiner Mutter, die ebenfalls sehr musikalisch veranlagt war. Sie war ausserdem eine sehr redegewandte Frau und konnte sich ohne Probleme auch vor grossem Publikum ausdrücken und bewegen. Auch vor Gesang scheute sie sich nicht. Als wir einmal das Rutenfest in Ravensburg/D besuchten, das Fest-zelt war zum Bersten voll, stellte sie sich spontan vor das riesige Orches-ter und hatte den Dirigentenstab übernommen! Und sie dirigierte die Mu-siker, als hätte sie dieses Metier gelernt. Einmal mehr wurde einem be-wusst, dass die Musikalität in der Familie Salvisberg und Merz nicht einfach nur als Normalität zu bezeichnen war.
Mama hatte übrigens auch eine Nichte, die sich als professionelle Schla-gersängerin im In- wie im Ausland etablierte. Ihr Künstlername war Sonja Salvis (geborene Salvisberg).
Sie war in den 60er-Jahren nicht nur im deutschsprachigen Raum, son-dern vor allem in der damaligen Tschechoslowakei sehr bekannt. Sie trat mit namhaften Persönlichkeiten auf. So zum Beispiel auch im Jahre 1969 mit Louis Armstrong im Kursaal in Interlaken. In den 70-er Jahren trat sie auch in diversen Gala-Shows im In- wie auch im Ausland auf, nahm an diversen Gesangswettbewerben teil, die sie auch vielmals gewann.

Auf ihren Touren lernte sie weitere, in dieser Zeit berühmte Personen kennen, wie zum Beispiel Vico Torriani, Walo Linder, Hazy Osterwald, Chris Barber, Die Geschwister Schmid (Kindli Zürich), Pepe Lienhard, Bea Abrecht, Jean-Claude Pascal, Karel Gott, Esther Ofarim, Lys Assia, Paola, Rudi Carrell, Mäni Weber, Eugen Cicero, Heidi Abel, Heintje, The Minstrels, Bill Ramsey und viele andere mehr. Meine Mutter und ich durf-ten einmal noch eines ihrer Konzerte in der Tschechoslowakei besuchen, zu dem wir eingeladen worden waren. Ihr bekanntestes Lied im deutsch-sprachigen Raum war „Corinne Bell“. Leider verstarb Sonja Salvis im Jahre 1994 viel zu früh an den Folgen eines Verkehrsunfalles.
Und wenn nun die einstigen Bilder dieser Reise wieder vor meinem geistigen Auge vorüberziehen, so erinnere ich mich jetzt auch wieder daran, bei welcher Gelegenheit ich die bereits erwähnte Gitarre anschaffte. Während wir Sonja in der Tschechoslowakei auf ihrer Tour begleiteten, besuchten wir auch Prag. Und dort konnte ich, aufgrund des guten Währungskurses, das Musikinstrument erwerben. Ich hätte mir diese Anschaffung eigentlich auch ersparen können, denn ich lernte das Instrument niemals richtig spielen.
Meine Mutter war auch eine ausgezeichnete Organisatorin. Und zwar beinahe in jedem Bereich, den man sich denken kann. Sie hätte wohl auch eine Moderatorin beim Fernsehen werden können. Und - so künstlerisch talentiert wie sie war - so knallhart konnte sie aber auch im Geschäft-sumfeld sein! Gerade in finanziellen Dingen war sie überaus befähigt. Das heisst nicht, dass sie aus Blei Gold machen konnte. Nein, nein. Hingegen brachte sie dies, zumindest bildlich gesehen, schon einige Male fertig

Sie konnte zum Beispiel mit den zuständigen Bankleuten, die für die Hypotheken und sonstigen Schulden in Verbindung mit dem „Ochsen“ zuständig waren mit einem derartigen Kalkül umgehen, als wäre sie im Metier der Bankiers aufgewachsen. Nicht wenige Male mussten die soge-nannten Sachverständigen klein beigeben und sie ging bei gewissen Ver-handlungen als Siegerin vom Platz. Später gab sie zu, hin und wieder hoch gepokert zu haben. Aber, es habe sich immer wieder gelohnt.
Meinem Vater war dieses weitere besondere Talent seiner Frau natürlich bewusst. Und so überliess er auch ihr immer wieder die Verhandlungen mit den entsprechend wichtigen Leuten. Er liess sie natürlich nicht allein und begleitete sie, aber dennoch war sie bei den Besprechungen federführend. Mein Vater hatte wiederum andere hervorragende Eigenschaften. Er war sehr intelligent und hatte ebenfalls eine literarische Ader.
Ich bin überzeugt davon, dass ich zumindest letztere Eigenschaft wiederum von ihm geerbt habe. Ausserdem vermochte er im Metzgerei-gewerbe seinen Mann zu stehen. Er engagierte sich zwar nicht politisch, doch war er am Weltgeschehen äusserst interessiert. Und was ihn bei allen Leuten derart sympathisch machte, war auch seine immerwährende Fröh-lich- und Ehrbarkeit. Selten kam ihm ein böses Wort über die Lippen. Im Gegenteil. Auch er war sehr spasshaft veranlagt und konnte sich zum Beispiel bei Filmen mit Dick und Doof krummlachen.
Erinnern Sie sich noch an die Trickfilmfigur Yogi Bär? Das war eine amerikanische Cartoon-Figur und die Trickfilme wurden anfangs der 60-er Jahre im TV ausgestrahlt. Irgendwann einmal begannen mein Vater und ich, welche die Serie oftmals verfolgten, spasseshalber die Figuren zu imitieren. Mein Vater stellte Yogi, den grossen Bär dar und ich Bubu, den kleinen Bärensohn. Wir hatten es echt gut drauf und konnten andere Leute mit unserem lächerlichen Gerede immer wieder unterhalten.
Es kam dann einmal der Tag, an dem auch ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft machen musste. Ich sprach deshalb mit meinen Eltern darüber und stellte sogar einmal noch die Möglichkeit in den Raum, dass ich ebenfalls den Metzgerberuf erlernen könnte. Sie glauben nicht, was mein Vater damals zu mir sagte. „Niemals! Tu dir das nicht an!“
Was war denn DAS jetzt?, dachte ich mir wohl. Wurde er damals selbst von seinem Vater beinahe dazu gezwungen, in dessen Fussstapfen zu treten und er den Metzgerberuf letztendlich eigentlich gerne ausübte, riet mir mein Vater eindeutig davon ab. Stichhaltige Gründe für seine ablehnende Reak-tion nannte er mir zwar nicht. Beziehungsweise, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, falls er sich doch darüber äusserte.

Aber ich denke doch, dass er dafür seine guten Gründe hatte. Wie ich schon erklärte, war mein Vater nicht auf den Kopf gefallen und immer wieder voraussehend. Möglicherweise erkannte er damals schon, dass der Metzgerberuf in Verbindung mit einem Betrieb, den er und Mama führten, keine grosse Zukunft mehr hatte. Und tatsächlich ist es doch so, dass selbstständige Metzgereien heute schon viele von der Bildfläche ver-schwunden sind. Sie mussten aufgrund der vielen Grossmärkte, die sich in den letzten Jahrzenten etabliert haben, aufgeben. Und auch die Restaurants bekunden oftmals Mühe, immer genügend Kundschaft anzulocken, damit man am Ende des Monats den eigenen finanziellen Verpflichtungen nach-kommen kann.
Der „Goldene Ochsen“ hatte zum damaligen Zeitpunkt noch einen aus-gezeichneten und weitreichenden Ruf. Selbst aus dem nahen Konstanz waren nicht selten prominente und einflussreiche Leute über die Grenze gefahren, um sich hervorragendes Essen munden zu lassen. Es wurden damals bekannte Opernstars oder auch Schauspieler bedient, die in der deutschen Nachbarsstadt ein Engagement hatten. Im Laufe der Zeit war im ersten Stockwerk auch ein kleiner Speisesaal hergerichtet worden, wo vor allem am Sonntag Festessen serviert wurden. Es wurden damals aber keine Teller aufgetischt wie heute, die überdimensional erscheinen und worauf schliesslich nur ein Häufchen an Mahlzeit und sonst irgendwelcher Schnickschnack vorhanden ist. So, wie es heute in den sogenannten Fein-schmeckerlokalen der Fall ist und in denen ich mich persönlich übrigens nach wie vor nicht wohl fühle.
Arbeit und zugleich Spass!

Meine Mutter kümmerte sich derweil mit Marceline, die im Welschland geboren und aufgewachsen ist, um den Service im Speisesaal. Wenn ich mich richtig erinnere, so hatte sie im Schloss Chillon am Genfer See eine Ausbildung zur Serviceangestellten abgeschlossen. Und während im oberen Stockwerk vom „Ochsen“ Hochbetrieb herrschte, kümmerte sich dann Evi in der Regel in der Wirtschaft unten um dort allfällige Gäste. Es war eine Zeit lang ein richtiger Familienbetrieb und ich kann gar nicht mehr sagen, ab wann alle Betriebsabläufe wie am Schnürchen klappten. Aber es war schon sehr früh und hielt einige Jahre an.
Überhaupt waren wir Kinder schon früh in das geschäftige Treiben von Metzgerei und Restaurant involviert. Je älter wir wurden, je mehr sahen wir es auch als selbstverständlich an, unsere Hilfe bei diversen Arbeiten anzubieten. Die Eltern mussten uns nicht extra darum bitten. Nebst dem Spass, den wir hatten, hat es uns alles in allem sogar gutgetan und so lernten wir auch sehr viel im Umgang mit Gästen im Restaurant oder mit Kunden der Metzgerei.
Was ich von meinen Eltern bestimmt ebenfalls gelernt hatte, ist das sogenannte Knigge. Die Regeln der Manieren und das Verhalten bei Stil- und Etikettangelegenheiten. Sie wussten sich hervorragend in gewissen Kreisen entsprechend zu verhalten und zu benehmen. Das hat auf uns Kinder eindeutig abgefärbt und gewisse Benimmregeln werden heutzutage nicht mehr in allen Haushalten bei der Erziehung der Kinder vermittelt.
Was sicher auch aus meiner Erziehung resultiert ist, dass ich mich niemals vordränge. Stehe ich zum Beispiel in einer Schlange an der Kasse im Supermarkt, so lasse ich auch gerne einmal jemandem den Vortritt, der ungeduldig erscheint oder tatsächlich vielleicht nur einen oder zwei Arti-kel in der Hand hält. Die zwei, drei Minuten, die es länger dauert, bis ich an der Reihe bin, sind für mich nicht relevant. Oder wenn ich zum Beispiel gleichzeitig wie eine andere Person nach einer Schöpfkelle am Buffet grei-fe. Den Vortritt zu lassen ist eine positive Eigenschaft und man verliert nichts dabei. Im Gegenteil. Vielmals erhält man ein sympathisches Lä-cheln als Dank zurück oder man gelangt dadurch sogar zu einem freund-lichen Gespräch. Dies habe ich schon oftmals so erfahren, sei dies mit einer Dame, einem Herrn oder sogar mit einem unerfahrenen Kind.
Bezüglich der Mitarbeit im „Ochsen“ war ich nach Beendigung der Pri-marschule zumeist am Samstag in Kreuzlingen unterwegs und brachte Kunden, die in der Metzgerei etwas bestellt hatten, die Ware. Zunächst benützte ich mein Fahrrad. Später, als ich alt genug war und Mofa fahren durfte, stand mir ein solches ebenfalls zur Verfügung. Bekleidet mit einem mir passenden und sauberen Metzgerkittel fuhr ich dann nicht nur in Em-mishofen, sondern auch in Kreuzlingen umher und lieferte die bestellten Fleisch- und Wurstwaren ab. Dies brachte mir hin und wieder sogar ein gutes Trinkgeld ein.
Dabei fällt mir wieder eine für mich amüsante Episode ein. Ich war also an einem Samstagvormittag wieder mit dem Mofa auf der Bernrainstrasse unterwegs, wobei der grosse Flechtkorb mit verpackten Fleischwaren auf dem Gepäckträger festgeschnürt war. Ein kariertes Küchentuch deckte die Waren ab. Etwa auf der Höhe der katholischen Kirche wurde ich durch die „Fliegenden“ angehalten. Ein damals verbreiteter Ausdruck für die Poli-zeipatrouillen in ihren weissen Volvos. Ich muss zugeben, dass mein altes Pony (Marke des Mofas) nicht so oft gereinigt wurde und deshalb einen etwas verlotterten Eindruck hinterliess. Aber es war für den Strassenver-kehr absolut in Ordnung. Nun, die beiden Polizisten forderten mich dann auf, den Luftfilter am Motor zu entfernen. Dieser Bestandteil des Motors war und ist auch heute noch ein beliebter Ort, wo man Eingriffe vorneh-men konnte, damit das Mofa schneller lief. Erlaubt war nämlich damals wie heute noch nur eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h.
Ich erlaubte mir jedoch den Polizisten gegenüber zu erwähnen, dass ich das nicht tun würde, da ich nachher ölverschmutzte Hände haben und dies bei der Auslieferung von Fleischwaren keinen guten Eindruck hinterlassen würde. Mein Taschentuch wollte ich logischerweise auch nicht beschmut-zen. Auch die Beamten wollten sich die Hände offenbar nicht schmutzig machen (oder hatten kein Taschentuch dabei?) und verzichteten dann da-rauf, den Luftfilter eigenhändig zu überprüfen. So liessen sie mich dann, vermutlich zähneknirschend, weiterfahren. Ich musste während der Weiter-fahrt über diesen Vorfall schmunzeln. Nicht, weil ich das Mofa „frisiert“ hatte (ich wusste damals noch gar nicht, wie man dazu vorgehen musste), sondern weil die beiden Polizisten kleinbeigegeben hatten.
Übrigens. Ich hatte mir im Alter von 69 Jahren wieder ein Mofa ange-schafft, weil ich damit Pläne hatte. Ich komme später noch dazu.
Des Weiteren war die Metzgerei Merz natürlich auch an den jährlich stattfindenden Jahrmärkten und Seenachtfesten in Kreuzlingen vertreten. Auch ich stand damals vielmals hinter dem Marktstand und war damit beauftragt, hunderte Würste (zusammengerechnet dürften es letztendlich Tausende gewesen sein) zum Grillieren einzuschneiden. Der Verkaufsstand am Jahrmarkt befand sich immer an der gleichen Stelle. An der Verzwei-gung Hauptstrasse / Löwenstrasse / Parkstrasse. Dort, wo sich heute ein Kreisel und die Einfahrt zum berühmten Kreuzlinger Boulevard befinden. Ein ausgezeichneter Standort, wie mein Vater immer wieder betonte. Was den Jahrmarkt betraf, so kam ihm wohl auch entgegen, dass dieser immer an einem Montag stattfand, wenn die Metzgerei und die Wirtschaft ohne-hin geschlossen waren. Anders war es natürlich am Seenachtfest. Damals begannen die Festivitäten ausschliesslich am Samstagnachmittag und dau-erten bis in die frühen Morgenstunden. Danach war fertig lustig, wie man so schön sagt.
Also blieb einem nichts anderes übrig, als den Verkaufsstand am Sam-stagvormittag einzurichten. Dieser befand sich in der Regel in unmittel-barer Nähe zum ehemaligen Hafenrestaurant. Gleichzeitig, also tagsüber, war aber auch noch die Metzgerei in Emmishofen geöffnet und musste ebenfalls betreut werden. Sie können sich bestimmt vorstellen, dass mein Vater gerade an diesem Tag einem unerhörten Stress ausgesetzt war. Er wurde zwar von Metzgergesellen und Familienangehörigen unterstützt. Aber dennoch. Aber alle zusammen packten wir es jedes Mal.
Insbesondere kurz vor Ende des Feuerwerks raste das Adrenalin meines Vaters jeweils wieder in die Höhe. Mir klingen jetzt noch seine Worte im Ohr: „Jetzt müssen die Würste auf den Grill! Gleich wird es einen Ansturm der Leute geben!“ Und so war es auch. Wenige Minuten nach dem Feuer-zauber am Himmel standen die Leute Schlange, um einen gut gegrillten Cervelat oder eine Bratwurst zu ergattern. Zu diesem Zeitpunkt türmten sich die bereits fertig grillierten Würste beinahe auf dem Gasgrill. Dies war aber nicht nur bei unserem Verkaufsstand so, sondern bei allen ande-ren Wurstverkäufern auf dem Platz.
Damals war das Seenachtfest noch nicht so ein Rummelplatz, wie er sich heute zeigt und ich besuche die Veranstaltung eigentlich nicht mehr gerne. Heute ist eine derartige Menschenansammlung anzutreffen, dass es einem beinahe schwindlig wird. Es steht ausser Frage, dass für die Tage von Frei-tagnachmittag bis Sonntag nur noch der Kommerz die erste Geige spielt. Jeder will am Seenachtfest verdienen. So waren früher in der Regel an di-versen, strategisch bestimmten Standorten im Hafengelände nur die ortsan-sässigen Metzgereibetriebe und Getränkehändler anwesend. Ich denke, dass damals nur in Ausnahmefällen ein auswärtiger Betrieb zugelassen wurde.
Natürlich wuchsen mit der Zeit die Anforderungen. Aber man kannte noch keine Verkaufsstände mit asiatischer oder orientalischer Küche, mit Pizza oder anderem Fastfood. Eine ganz normale Verpflegung in Form von gegrillten Würsten und Brot. Ja, vielleicht waren einmal auch noch Steaks mit Kartoffelsalat oder ähnlich im Angebot. Und alle Standbetreiber hatten an diesem Abend alle Hände voll zu tun, damit die Besucher kulinarisch zufriedengestellt werden konnten. Was den Stand meines Vaters betraf, musste man im Verlaufe der Veranstaltung nicht wenige Male nach Emmis-hofen eilen, um wieder für Nachschub an Würsten zu sorgen. Sie können sich vielleicht denken, dass es auch relativ schwierig war, die geforderte Menge an Würsten und Brot insbesondere für das Seenachtfest festzule-gen. Ja, natürlich gibt es Vergleichswerte aus den vorangegangenen Veranstaltungen.
Was jedoch eine grosse Rolle spielte, war das Wetter. Damals mehr wie heute. Das Seenachtfest fand an einem festgelegten Tag statt und ein Ver-schiebungsdatum existierte in der Regel nicht. Auch die Wettervorhersagen waren damals noch nicht so zuverlässig wie heute. Es konnte ein Fest wer-den, an dem ein Wurstverkäufer am Ende ausverkauft war. Es konnte aber auch eine Veranstaltung sein, die buchstäblich ins Wasser fiel. Dann sassen die Wurstverkäufer möglicherweise auf einem grossen Berg von nichtver-kauften Esswaren. Aber der Standort unseres Verkaufsstandes war gut und so ergaben sich dabei meistens keine Probleme, die vorbereitete Ware rechtzeitig loszuwerden.
Das war eine sehr schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Auch, wenn ich an solchen Veranstaltungen, im Vergleich von gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen, vielleicht viel von meiner Freizeit eingebüsst hatte. Aber da ich ohnehin ein Einzelgänger war und sozusagen keine derartigen Freunde hatte, mit denen man vielleicht an solchen Festen umherziehen konnte oder wollte, machte mir die Arbeit hinter dem Verkaufsstand auch nichts aus. Bei diesem Grossereignis musste mich mein Vater nie darum bitten, mitzuhelfen. Wie auch am Jahrmarkt nicht. Das war sozusagen klar.
All die Arbeiten, zusammen mit meinem Vater, meiner Mutter und den übrigen Gehilfen, ob nun im Restaurant, in der Küche oder in der Metz-gerei, hatten mir grossen Spass bereitet und manchmal, ja manchmal sehne ich nach diesen Zeiten wieder zurück. Aber sie werden nicht wieder kom-men. Leider. Jedenfalls glaube ich, alles war eine enorm wichtige Lebens-erfahrung für mein späteres Leben.
Ich denke heute, dass ich auch das Organisationstalent meiner Mutter geerbt habe und durch die vielen unterschiedlichen Aufgaben und Arbeiten im elterlichen Betrieb gefestigt wurde. So habe ich in der Vergangenheit auch meine eigenen Erfahrungen damit gemacht, wenn man sich auf je-manden verlassen wollte. Wann immer es möglich ist, so vertraue ich schon seit langer Zeit in der Regel nur auf meine eigenen Mittel, etwas zu organisieren. Allein unter dem Motto: Wenn man nicht alles selbst macht!
Es waren manchmal auch nur kleine Dinge, die im elterlichen Betrieb erledigt werden mussten. Aber auch dafür war uns meine Mutter immer dankbar. Ich denke da zum Beispiel an das Auffüllen der Getränkeschub-laden im Restaurant wie auch im Speisesaal. Die fehlenden Flaschen konnten wenigstens mit dem sogenannten „Pass“ (kleiner Warenlift) vom Keller in die Küche oder in das obere Stockwerk transportiert und dann verteilt werden. Das bereitete mir immer Spass.
Oder das Nachfüllen des Ofens im Speisesaal mit Heizöl. Ja, Sie lesen richtig. Damals existierten noch keine Bodenheizungen und im Speisesaal waren auch keine Heizungsradiatoren vorhanden. Jeden Tag musste bei kühlen Außentemperaturen das Öl im Ofen nachgefüllt werden. Und dabei musste man unbedingt darauf achten, dass kein einziger Tropfen daneben ging. War dies der Fall, so konnte man das Heizöl noch stundenlang rie-chen, sobald der Ofen sich erhitzte. Und das war natürlich für einen Spei-sesaal nicht akzeptabel. Auch der Hofplatz und das Trottoir um den „Ochsen“ herum musste regelmässig gewischt werden. Damals war noch keine Putzmaschine der Technischen Betriebe unterwegs.

Ich habe in meiner Jugendzeit gelernt, was Arbeit heisst, ohne jemals das Gefühl zu haben, ich oder meine Schwestern würden ausgenützt. Nie-mals. Ich lernte in dieser Zeit, selbstständig zu denken und auch zu wer-den. Ich bezeichne mich auch gerne als Arbeitstier und keine Arbeit war mir zu viel. Nur Herumsitzen kann ich auch heute noch nicht. Es muss immer irgendetwas getan werden.
Diese Selbstständigkeit brachten mir auch Vorteile. Nur ein kleines Beispiel dafür. Das Mittagessen stand aufgrund der vielen Essen in der Wirtschaft immer auf dem Tisch, wenn wir von der Schule kamen. Wir nahmen die Mahlzeit stets gemeinsam im kleinen Stübli im hinteren Teil der Wirtschaft ein. Das Nachtessen wurde dann mehr oder weniger, je älter wir Kinder wurden, nicht mehr unbedingt gemeinsam, sondern je nach Appetit eingenommen. Aber man fand in einem Restaurant, bei dem auch noch eine Metzgerei angegliedert war, immer etwas zu Essen.
So kann ich mich auch noch daran erinnern, dass ich mir, insbesondere während meiner Lehrzeit, mein Nachtessen vielmals selbst zubereitete. Nicht selten begab ich mich dazu nach Schliessung der Metzgerei in den Kühlraum und holte mir zwei riesige Schnitzel. Selbstverständlich waren die Eltern informiert. In der Küche gestaltete ich daraus ein „Cordon bleu“, das mit ausreichend Schinken und Käse gefüllt war. In ein geschlag-enes Ei und in Paniermehl getunkt, fertig war die Vorfreude. Selbstver-ständlich gehörte dann in der Regel noch eine „kleinere“ Portion Pommes frites dazu, die in der bereitstehenden Fritteuse ebenfalls schnell zuberei-tet war. Ich bereitete alles selbst in der Küche zu und deshalb verspeist ein Gast auch heute noch bei mir zu Hause die besten selbst zubereiteten „Cordons bleus“ seines Lebens! Sie haben es wohl erkannt. Diese Mahlzeit ist meine absolut liebste Speise.
Während dem Durchlesen der Aufzeichnungen bezüglich der Markstände am Seenachtfest oder Jahrmarkt hat sich ein weiterer Funke in meinem Hinterstübchen bemerkbar gemacht. Es ist manchmal schon eigenartig, wie sich gewisse Ereignisse in den Windungen des Gehirns plötzlich mit ande-ren Dingen in Verbindung bringen lassen. Während meiner Zeit in der Se-kundarschule, vermutlich in der zweiten Klasse, hatte ein Mädchen ein Auge auf mich geworfen. Elisabeth hiess sie und war ein Jahr jünger als ich. Sie war eigentlich keine ausgesprochene Schönheit (pardon) aber dafür strahlte ihr Charisma etwas Besonderes aus. Irgendwie kam es dazu (leider weiss ich die expliziten Fakten nicht mehr), dass wir uns näherka-men. Wir Teenager hatten uns in dieser Zeit oftmals getroffen und viele Geheimnisse untereinander anvertraut. Ja, ich denke, ich fühlte mich da-mals genauso von ihr angezogen, wie sie von mir. Und nun überlegen Sie sich wohl, weshalb ich hier eine Verbindung zu den Markständen zustande bringe? Nun, das ist so.
Elisabeth wohnte damals zusammen mit ihrer Mutter und ihrem bereits erwachsenen Bruder in einem älteren Haus an der Bächlistrasse in Kreuz-lingen. Ihr eigenes Zimmer befand sich im Erdgeschoss, der Bächlistrasse zugewandt. Irgendwann einmal sprachen wir darüber, dass ich sie ja nachts (!) einmal besuchen könnte. Nein! Nicht aus dem Grund, den Sie sich jetzt vielleicht denken! Es war eher als Jux zu verstehen. Aber offenbar hallte die Unterhaltung darüber in mir nach und tatsächlich klopfte ich eines Tages zu sehr später Stunde einmal an ihren Fensterladen.
Sie war sehr überrascht, als sie mich erblickte. Dann aber lud sie mich ein, durch das Fenster in das Zimmer zu klettern. Dabei musste ich aber überaus vorsichtig zu Werke gehen, weil ihr grosser Bruder gleichzeitig im angrenzenden Zimmer schlief. Er hätte mir wohl die Hölle heiss gemacht, wäre ich von ihm bemerkt oder erwischt worden. Zu unserer Freude war das Schnarchen durch die Wand zu hören und so waren wir gewappnet, falls ihr Bruder aufwachen sollte. Wir unterhielten uns dann ganz leise in ihrem Zimmer und es ging jedes Mal gut. Ja... jedes Mal. Denn bei dem einen Abenteuer blieb es nicht. Eben, so zum Beispiel an einem Samstag-abend, nachdem das Feuerwerk am Seenachtfest beendet und ich mich vom Marktstand verabschieden konnte. Seien Sie aber dessen versichert, dass nichts geschah in diesem Zimmer! Im Gegenteil. Einige Zeit später lösten wir diese einfache Beziehung wieder auf. Was genau der Grund dazu war, blieb in meinem Gedächtnis nicht haften.
So arbeitet mein Oberstübchen. Vom Marktstand mit Cervelat und Brat-wurst zum nächtlichen Rendezvous.
Oh du Fröhliche!

Nun also. Der „Goldene Ochsen“ in Emmishofen wurde in keiner Wer-bung als sogenanntes Feinschmeckerlokal genannt oder angepriesen, wie man es heute kennt. Der Ruf eilte ganz einfach voraus und alle sogenann-ten Feinschmecker kamen immer auf ihre Kosten. Feine und exzellente Mahlzeiten wurden auf riesigen, festlich glänzenden Servierplatten ange-richtet und serviert. Und jedes Mal war der „Ah- und Mmh-Effekt“ der Gäste nicht zu überhören. Denn meine Eltern wussten, dass das Auge mit-isst und der Anblick eines offensichtlich mit Liebe hergerichteten Servier-tabletts, worauf sich genügend Fleisch, allerlei frisches Gemüse, Nudeln und so weiter befanden, zur absoluten Zufriedenheit der Kundschaft führte. Niemals ging jemand hungrig vom Tisch weg.
Aber auch in der Wirtschaft im Erdgeschoss, wo sich zu Mittags- und Abendzeiten einige sogenannte „Pensionäre“ einfanden, wurden üppige Mahlzeiten serviert. Und weder im Speisesaal noch in der Wirtschaft wurden horrende Preise für die Mahlzeiten verlangt. All diese Umstände und natürlich auch die überaus freundliche Bedienung bewirkten wohl, dass der „Goldene Ochsen“ einen guten Namen hatte, der weit herum bekannt war.
Was mir ebenfalls stets in Erinnerung geblieben ist, war die Weihnachts-zeit. Damals, als man von der Klimaerwärmung noch nichts hörte, waren im Dezember schon aufgeschobene Schneemaden zwischen Fahrbahn und Trottoir vorhanden, welche die Pfadschlitten täglich verursacht hatten.
Von oben, von links nach rechts: Sieglinde, Hermann und Sabrina, Alessio, Daniel, Evelyne, Pierino, Heidemarie, Marceline, Patrizia, Papa, Mama mit Patrick, Otti, Andreas und Marc-AlainWeisse Weihnachten in Kreuzlingen waren eigentlich früher noch die Regel. Ausserdem war es damals auch noch möglich, in Emmishofen die Lohstrasse bis hinunter zur Verzweigung Schmittenstrasse - Esslenstrasse als Rodelpiste zu benützen. Das war doch immer ein Gaudi, als wir mit un-seren Holzschlitten auf der verschneiten Strasse hinunter schlidderten. Manchmal fuhr man allein und manchmal hängte man vier, fünf oder mehr Schlitten aneinander. Ich erinnere mich auch noch daran, dass sich jüngere Männer, die an der Schmittenstrasse wohnten, sogar einmal mit einem richtigen Vierer-Bobschlitten hinunterrasten, wenn es der Platz und der Betrieb erlaubte.
Das Restaurant blieb am Nachmittag und Abend vom 24. Dezember je-weils geschlossen, während hingegen in der Metzgerei und der Küche den-noch Hektik herrschte. Auch dann, wenn der „Heilige Abend“ auf einen Sonntag und somit auf keinen Werktag oder Montag fiel, wo die Metzgerei ohnehin immer geschlossen war. Damals waren die heissen „Schinkli“, Beinschinken oder Schinken im Brotteig aus der Metzgerei Merz sehr be-gehrt und viele Kunden wollten an diesem Abend noch mit heisser, fri-scher Ware beliefert werden. So fuhren Pierino, der Mann meiner Schwes-ter Evi und ich an diesen Abenden zu einigen Adressen in Kreuzlingen und lieferten die immer noch im heissen Wasser befindlichen „Schinkli“ oder die fein duftenden Schinken im Brotteig ab.
In der Zeit, als ich selbst noch nicht Autofahren durfte, war ich Beifah-rer und der grosse Kochtopf mit dem heissen Inhalt stand jeweils zwischen meinen Beinen. Ging es in die Kurve, so hielt ich den Topf hoch, damit er möglichst waagrecht ausbalanciert werden und somit nichts überschwap-pen konnte. Erfreulich an diesen Transporten war dann auch, dass wir von der fröhlichen Kundschaft ebenfalls meistens gutes Trinkgeld erhielten. Es war ja schliesslich Heiliger Abend!
Erst, nachdem wirklich alle Kunden beliefert worden waren, wurde es in der Metzgerei ruhig. Danach traf sich die ganze Familie im Restaurant, wo das gemeinsame Abendessen stattfand. Dabei konnte es schon hin und wieder neun oder gar zehn Uhr werden. Auch bei uns gab es dann heissen Schinken, Salzkartoffeln und Bohnen, vermischt mit Speckwürfeln. Aus-serdem nahmen am Essen hin und wieder auch noch einige (treue) Pen-sionäre teil, die von meinen Eltern zum Essen eingeladen worden waren. Leute, die alleine lebten und somit einen einsamen Heiligen Abend hätten verbringen müssen.
Es war eine unglaublich schöne Zeit und auch heute noch ist es beinahe Tradition, wenn an den Weihnachtstagen heisser Schinken mit Bohnen und Salzkartoffeln auf dem Menüplan steht. Als dann auch der köstliche Schmaus zu Ende und das Restaurant wie auch Küche wieder einigermas-sen aufgeräumt waren, verabschiedeten sich die möglicherweise anwe-senden Gäste und Pensionäre. Unsere Familie begab sich daraufhin in den Speisesaal im oberen Stockwerk, der mit einer Faltschiebetüre unterteilt werden konnte. Dort befand sich der von meiner Mutter geschmückte Weihnachtsbaum und dort fand dann schliesslich auch noch eine Be-scherung statt.
Die Qual der Berufswahl!

Zunehmend genügte ich aber den Anforderungen in der französischen Sprache, sondern auch in anderen Fächern nicht mehr. Algebra und solche Dinge verabscheute ich. Ich fragte mich oftmals, wieso ich so etwas bis zum geht nicht mehr lernen muss, wenn ich es vermutlich im späteren Le-ben gar nicht gebrauchen kann. An manchen Tagen hatte ich sogar Angst davor, zur Schule zu gehen, wenn ich sah, was auf dem Programm stand. Hingegen erhielt ich immer sehr gute Noten in Geographie, Geschichte, im Schreiben, im Zeichnen und im Turnen.
Ich komme deshalb nun darauf zurück, was meine Berufswahl betrifft. Obwohl Metzgerei wie auch Restaurant einen hervorragenden Ruf hatten, riet mir mein Vater von einer Metzgerlehre oder einem Beruf im Gastge-werbe ab. Zu diesem Zeitpunkt besuchte ich die zweite Sekundarschule in Kreuzlingen, deren Aufnahmeprüfung ich ja nur knapp bestanden hatte. Meine Schwestern hatten bereits ihre berufliche Laufbahn eingeschlagen. Sigi lernte den Beruf einer Fotografin und arbeitete auch später noch lange Zeit bei ihrem Lehrmeister, Foto Dinkel, in Kreuzlingen. Später sollte sie sogar dieses Geschäft übernehmen, als sich ihr Lehrmeister zur Ruhe setzte. Das Geschäft nannte sich dann „Foto Tubazio“.
Evi wollte Lehrerin werden und besuchte zunächst das Seminar in Kreuzlingen. Später aber absolvierte sie die Handelsschule, weil sie eine künftige Betätigung im Hotelgewerbe anstrebte.
Entschuldigung… aber soeben erinnere ich mich auch noch an eine ganz spezielle Woche, die wir in der sechsten Klasse erleben durften. Das Ski-lager in Sartons-Valbella, Lenzerheide. Auch meine grosse Liebe war da-bei und ich weiss noch, dass ich unsagbar froh war, als ich in die gleiche Skigruppe eingeteilt wurde, wie sie. So war ich auch dort immer in ihrer Nähe!
Übrigens war ich auch im Skifahren nicht so schlecht. Am Ende der Woche wurde ein Wettbewerb durchgeführt, wobei ich schliesslich den dritten Rang belegte. Auch wenn es sich um einen nichtssagenden Wett-kampf handelte, darf man das doch erwähnen, solange man nicht gerade auf den hintersten Plätzen landete.

Sport war also schon immer mein absolutes Lieblingsfach gewesen, denn darin war ich wirklich gut. Sogar sehr gut. Ich erhielt während meiner Schulzeit, also in der Mittel- und Oberstufe, immer eine vorzügliche Note im Turnen. Leider war es aber meistens der einzige 6er auf dem Notenblatt am Ende des Schulquartals. Obwohl ich ein Metzgersohn und deshalb auch immer in der Nähe von Esswaren war, bekundete ich keine Mühe mit mei-nem Gewicht. Ich war ein kräftiger, aber nicht übergewichtiger Jugendli-cher. Turnen und körperliche Wettkämpfe machten mir ausserordentlichen Spass und ich war unter meinen Klassenkameraden meistens auch der Beste. Nebenbei bemerkt gehörte ich einige Zeit lang auch noch dem damalig existierenden Sportverein Satus an und war deshalb eigentlich immer ziemlich fit. So fit, dass ich mich im Jahre 1968 sogar einmal für die Schweizerischen Nachwuchswettkämpfe qualifizieren konnte.
Ehrgeizig wie ich war, erweiterte ich damals mein Trainingsprogramm und hielt mich einige Male vor den Wettkämpfen alleine auf dem Turnplatz hinter dem Schulhaus Emmishofen auf. Dort übte ich unter anderem auch den Hochsprung in der vorhandenen Anlage. Eine metallene Querstange, die jeweils um fünf Zentimeter höher gestellt werden konnte. Der Boden, auf dem man nach dem Abflug wieder landete, beinhaltete lediglich ein-fachen Sand und noch keine Luftkissen oder ähnliches wie heute. Und dies war mein Verhängnis!
Ob es der Leser oder die Leserin nun glaubt oder nicht. Während ich den Hochsprung trainierte, damals führte man ihn noch mit der üblichen Beingrätsche über die Querstange aus, verfiel ich mehr und mehr in die Ausführung vom sogenannten Fosbury Flop. Eine ganz spezielle Art, den Hochsprung im Sport zu absolvieren. Dies, obwohl ich bis dahin noch nichts von dieser Sprungart über die Stange gehört hatte und diese auch erst im gleichen Jahr bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt, we-nige Wochen vor meinem Wettkampf, angewandt wurde. Ich flog bei meinen Übungen mehr und mehr zuerst mit dem Rücken über die Stange, zog die Beine nach und bemerkte dabei, dass man auf diese Weise mit der gleichen Kraftanstrengung tatsächlich höher springen konnte. Leider fiel ich dabei einmal derart hart in den Sandboden, dass ich mir in der Leisten-gegend eine leichte, aber dennoch schmerzhafte Quetschung zuzog. Trotz-dem nahm ich schliesslich an den Nachwuchswettkämpfen teil. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die neue Sprungtechnik leider nicht anwenden, denn die Anlage war ja ebenfalls nur mit Sand gefüllt.

Aber! Ich wurde in meiner Alterskategorie schliesslich noch Schweizer Meister im Schnelllauf!
Übrigens hatten wir jungen Sportler damals noch die Ehre, auf dem Sportplatz hinter der Sekundarschule hin und wieder mit Rolf Bernhard zu trainieren. Er war einige Jahre älter als wir, vermittelte uns aber sehr gute Tipps. Rolf nahm ja bekanntlich im Jahre 1980 an den Olympischen Som-merspielen in Moskau teil, wo er in der Kategorie Weitsprung bis ins Finale vordringen konnte.
Wie bereits erwähnt. Es handelte sich lediglich um die Schweizerischen Nachwuchswettkämpfe und nicht um eine wirklich wichtige nationale Mei-sterschaft, die in irgendwelchen Medien aufhorchen liess. Es gab zwar keine Diplome, dafür einen Aufnäher. Aber es war doch ein erlebnisreicher Tag gewesen und natürlich waren meine Eltern stolz, als ich wieder nach Hause kam und ich mich als Meister zurückmelden durfte.
Im Jahr darauf nahm ich am 1. Schweizerischen Schulsporttag teil, der in Olten durchgeführt worden ist. Auch dort schnitt ich ziemlich gut ab. Ansonsten es wohl keinen so schönen kleinen Pokal gegeben hätte.

Danach verlor ich nach und nach das Interesse am Sport. Das heisst, möglicherweise lag es auch daran, dass ich mich ja bald darauf um meine Lehre kümmern musste und mir nicht mehr genügend Zeit für sportliche Aktivitäten zur Verfügung stand.
Ja, und weitere ausgezeichnete Noten erhielt ich dauernd im Freizeich-nen, das mir ausserordentlich viel Spass bereitete und worin möglicherwe-ise meine Stärke für einen zu erlernenden Beruf lag. Meine Eltern erkann-ten, dass ich unter der Sekundarschule litt und meine Noten nicht besser werden würden. Aus diesem Grund durfte ich die Sekundarschule bald nach Beginn des dritten Schuljahres abbrechen. Das einzige was mich dabei ärgerte war die Erkenntnis, dass ich nicht mehr in der Nähe meiner grossen Liebe sein konnte!
Es war dann wiederum Papa und Mama zu verdanken, dass ich die Zeit des letzten Schuljahres in besonderer Art und Weise überbrücken konnte. Es wurde mir in Aussicht gestellt, in einem Architekturbüro eine Hochbau-zeichnerlehre absolvieren zu können. Da das Lehrjahr jedoch bereits be-gonnen hatte, war ich dort zunächst einmal als „Mädchen für alles“ tätig.
Es handelte sich um das Architekturbüro Georg Felber, an der Konstan-zerstrasse in Kreuzlingen, wo ich zunächst im Stundenlohn als Hilfskraft angestellt war. Meine Aufgaben bestanden insbesondere darin, dafür zu sorgen, dass die Räumlichkeiten am Ende des Tages aufgeräumt waren. Also Abfallkübel und Aschenbecher leeren (damals durfte man an den Arbeitsplätzen, wie auch in den Restaurants noch rauchen), Büros und Korridore wischen, und so weiter. Somit war ich meistens auch der Letzte, der die Büroräumlichkeiten verliess.
Dann waren mitunter auch Besorgungen zu machen. Das Kopieren (Heliografieren) der Pläne musste in einem speziellen Geschäft in Kreuz-lingen vollzogen werden, das damals allein über die nötigen speziellen Apparaturen verfügte. Schmidhauser hiess der Geschäftsinhaber und zu ihm wurde ich oftmals geschickt. Manchmal mehrere Male am Tag. Weiter war ich auch dafür besorgt, dass die Mitarbeiter jeweils am Vormittag die „Znünipause“ einnehmen konnten. Der Kaffee und die sonstigen Getränke wurden jedoch nicht in den Räumen des Architekturbüros zubereitet, son-dern mussten im daneben befindlichen Migros-Restaurant geholt werden.
Ich nahm also jeden Morgen die Bestellung der etwa zehn bis zwölf Mitarbeiter auf (Milchkaffee, normaler Kaffee, Espresso, heisse Ovomal-tine, usw.) und besorgte dann ihre Gipfeli, Nussgipfel, Plunder oder Ber-liner im grossen Ladenlokal der Migros. Dabei trug ich bereits stolz einen weissen Arbeitskittel, wie er auch von den Mitarbeitern im Architektur-büro üblicherweise verwendet wurde. Den Kaffee und die sonstigen Znüni-Getränke musste ich wie bereits erwähnt im Migros-Restaurant besorgen. Dies befand sich damals im ersten Stockwerk, über dem grossen Verkaufs-lokal. Bald einmal kannte mich aber das Personal dort so gut, dass ich mit meinem vollen Tablett an Kaffeetassen nicht mehr über den Zugang des normalen Kundenverkehrs gehen musste. Ich durfte durch die Küche direkt über eine Aussentreppe zum danebenliegenden Eingang gehen. Das war bedeutend einfacher. Dann ging es mit dem Aufzug nur noch nach oben und ich gelangte endlich in einen kleinen Abstellraum, den ich als meinen „Stützpunkt“ verwendete. Das gleiche Prozedere fand dann auch noch am Nachmittag statt. Dann wurden jedoch weit weniger Spezialwünsche ge-äussert, was die Backwaren betraf.
Selten hatte ich auf meinem mühsamen Weg von Restaurant in meinen Stützpunkt etwas verschüttet und aufgrund der vorgewärmten Tassen wa-ren die Getränke auch bei Lieferung immer noch heiss. Vom kleinen Abs-tellraum heraus belieferte ich dann meine „vielleicht einmal zukünftigen“ Mitarbeiter mit dem gewünschten „Znüni“. Abgerechnet wurde anschlies-send natürlich auch noch, was alles sehr speditiv und effizient erledigt werden konnte.
Ich erzähle immerzu von männlichen Angestellten. Aber weibliche An-gestellte, ausser der Sekretärin, gab es die meiste Zeit nicht. Eines Tages hatte Georg Felber trotzdem einmal eine Frau angestellt. Sie war aber eher Innenarchitektin als Hochbauzeichnerin, stammte aus München und blieb nicht lange. Aber gab es dann doch noch einmal ein Treffen mit ihr, als die gesamte Belegschaft zu den laufenden Bauarbeiten des neuentstehenden Olympia-Stadions in der bayrischen Hauptstadt reiste. Ein Ausflug im Reisecar nach München, den Georg Felber organisiert und auch bezahlt hatte. Da dort auch noch übernachtet wurde, trafen wir abends noch die ehemalige Mitarbeiterin, die in München wohnte und es wurde feucht-fröhlich.
Mit all den vorgängig aufgezählten Aufgaben war ich jedoch noch nicht ausgelastet. Deshalb konnte ich mich doch immer wieder hinsetzen und kleinere Zeichnungsarbeiten erledigen. Dabei ging es aber eher darum, dass ich mit den damals üblichen Zeichnungsmethoden bereits vertraut gemacht werden konnte. Im darauffolgenden Jahr war es dann erfreulicher-weise so weit und ich durfte im Architekturbüro Felber die Lehre als Hochbauzeichner beginnen. Dennoch erledigte ich immer noch die vorhin aufgezählten Aufgaben. Zumindest so lange, bis wieder ein neuer „Stift“ eingestellt wurde und ich ihm meine bisherigen Aufgaben übertragen konnte.
Selbstverständlich trieben die lieben Mitarbeiter auch mit mir hin und wieder ihre Scherze. Als noch Unwissender im Hochbau war ich ein be-liebtes Zielobjekt, das man ins Leere laufen lassen wollte. Ich wusste zwar, dass man als Lehrling in einem Betrieb mitunter auf den Arm ge-nommen wird und im gewissen Sinn Lehrgeld bezahlen muss. So konnte man mich zum Beispiel nicht damit beauftragen, in einem Spezialgeschäft eine neue Luftblase für die Wasserwage zu besorgen. Hingegen war ich einmal mit meinem Mofa auf dem Weg zu einer Baustelle geschickt wor-den, um eine Holzaussparung vorzuzeigen. Es war ein etwa Schuhkarton grosses Holzgehäuse an einer langen Holzlatte. Der Vorarbeiter auf der Baustelle war natürlich darüber orientiert, dass ich gleich einmal erschei-nen würde. Erst als mich an Ort und Stelle Gelächter erwartete, wusste ich, dass man sich mit mir einen Scherz erlaubt hatte. Aber ich habe mich dann im Verlauf der Lehrzeit noch einige Male an meinen Mitarbeitern mit anderen Albernheiten gerächt!
Einer, der auch andere vor seinen Blödeleien nicht verschonte, habe ich einmal eine ganz besondere Lehre erteilt. Ich wusste, dass er sehr schreck-haft war. Deshalb schlüpfte ich eines Morgens in seinen Kleiderschrank. Bereits bei seinem Eintreten ins Büro machte er wieder Witze. Dann öff-nete er nichtsahnend die Schranktüre und ich reichte ihm sogleich einen Kleiderbügel heraus. Ui, ich dachte, jetzt kriegt er gleich einen Herzin-farkt. Aber er überstand es dann doch und verschonte mich von diesem Zeitpunkt an eher mit üblen Scherzen.
Dann rief ich einmal einen Mitarbeiter an, der seinen Arbeitsplatz im nebenan liegenden Büro hatte. Er war damals für eine neue Überbauung an der Unterseestrasse zuständig und die Baute stand im Rohbau. Ich meldete mich unter anderem Namen und verhielt mich sehr aufgeregt. Ich erklärte ihm, dass ich soeben einen Balkon betreten wollte, woraufhin dieser abge-stürzt sei. Ich selbst konnte mich rechtzeitig retten und sei unverletzt. Der eine Kollege, der seinen Arbeitsplatz ihm gegenüber hatte, erzählte mir nachher, dass mein Opfer aschfahl im Gesicht geworden sei. Offenbar hatte ich ihm tatsächlich einen gehörigen Schrecken eingejagt. Die Büro-arbeiten waren also nicht immer nur von geschäftigem Treiben geprägt, was sich auf das allgemeine Arbeitsklima aber auch bestimmt nicht nach-teilig auswirkte.
Nicht nur das Freihandzeichnen, das für einen Hochbauzeichner zu Beginn eigentlich nicht so wichtig ist, sondern auch das Gestalten auf dem Reissbrett bereitete mir Spass. Ja, damals war es noch das überdimensio-nale, fugenlose Holzbrett das als Zeichnungsunterlage diente. Und nur ein oder zwei Mitarbeiter im Architekturbüro verfügten bereits über einen ste-henden Zeichnungstisch, der sich in der Höhe verstellen liess und woran man auch stehend arbeiten konnte. In den meisten Büros waren also noch die grossen Tische vorhanden, die mit weissem, starkem Papier überzogen waren. (Das Erneuern des Papiers war übrigens ebenfalls eine Aufgabe, die ich zwischen Weihnachten und Neujahr an allen Zeichnungstischen aus-führte.) Auf dieser Unterlage wurden die Zeichnungen aber dennoch mit zur Hilfenahme einer Zeichenmaschine angefertigt. Die sogenannte Sche-ren-Parallelogrammführ-ung.
Als Zeichengeräte dienten nebst den feinen Bleistiften die sogenannten Rapidographen. Das waren Tuschezeichner in verschiedenen Strichstärken. Musste etwas korrigiert werden, das bereits mit Tusche gezeichnet war, so war dies damals nur mit einer Rasierklinge oder einem Gegenstand mit ähnlich scharfer Klinge möglich. Heute stehen in den Architektur- und Ingenieurbüros für die Planung und Gestaltung von Neubauten entspre-chende Computerprogramme zur Verfügung. Auch die Beschriftung der Zeichnungen erfolgte noch von Hand. Dazu verwendete man die sogenann-ten Schreibschablonen, welche im Handel in verschiedenen Schriftgrös-sen- und auch Stilen erhältlich waren. Buchstabe um Buchstabe und Zahl um Zahl musste mit dieser Schablone und dem Rapidograph auf dem Konstruktionsplan geschrieben werden.
Übrigens war es zu dieser Zeit in der Berufsschule auch noch verpönt, einen damals aufkommenden Taschenrechner für gewisse Berechnungen zu verwenden. Wir Hochbauzeichnerlehrlinge verwendeten dazu noch aus-schliesslich den Rechenschieber! Die Erklärung dazu, was ein Rechen-schieber ist, wird in Wikipedia wie folgt beschrieben: Ein Rechenschieber oder Rechenstab ist ein analoges Rechenhilfsmittel (auch Analogrechner genannt) zur mechanisch-grafischen Durchführung von Grundrechenarten, vorzugsweise der Multiplikation und Division. Je nach Ausführung können auch komplexere Rechenoperationen (unter anderem Wurzel, Quadrat, Lo-garithmus und trigonometrische Funktionen oder parametrisierte Umrech-nungen) ausgeführt werden. Alles klar? Tönt ja eigentlich interessant, nicht wahr? So oder so. Ich konnte mich damit nie anfreunden.
Ich fühlte mich im Architekturbüro Felber sehr wohl. Das lag wohl auch daran, dass sämtliche Kollegen sehr freundlich und auch aufgestellt waren (liessen sie mich nicht gerade einmal wieder ins Leere laufen). Sie selbst verstanden ja ebenfalls viel Spass. Na ja, die meisten von ihnen. Es gab mitunter schon auch Leute, die eigentlich nur ihre Arbeit sahen und viel-mals den geschäftigen Eindruck vermittelten, wonach sie unter Stress stehen würden. War es Geltungsbedürfnis oder ganz einfach nur Ange-berei? Ich weiss es nicht.
Was mich ein wenig ärgerte war die Tatsache, dass die Lehrzeit genau zu dem Zeitpunkt von drei auf vier Jahre erhöht wurde, als ich mit der Lehre begann. Die Lehrzeit vergleiche ich ein wenig wie mit der Sekun-darschule. Insbesondere die Berufsschule war mir wieder ein Dorn im Auge. Auch dieses Mal fehlte es wieder nicht am Willen und am Fleiss. Der letzte Notendurchschnitt in der Berufsschule betrug 4.5 und ich hatte vor der Lehrabschlussprüfung schon ein wenig Bammel. Einer der Mitar-beiter im Architekturbüro Felber war selbst Experte bei den Lehrab-schlussprüfungen.
Als Abschlussprüfung mussten wir ein Einfamilienhaus projektieren und zeichnen. In meiner Variante waren die Stützmauern aber relativ massiv geplant. Wie ich dann im Nachhinein erfahren hatte, nahm mich der er-wähnte Experte ein wenig in Schutz. Er erklärte angeblich gegenüber sei-nen Prüfungskollegen, dass ich im Lehrbetrieb die letzte Zeit am Projekt vom Hochhaus in Kreuzlingen gearbeitet habe. Deshalb hätte ich mich wohl bei der Prüfungsarbeit ein wenig verschätzt.
Die Verkündung der Prüfungsresultate fand letztendlich in einem gros-sen Saal statt. Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde mitgeteilt, dass vier oder fünf Lehrlinge die Prüfung nicht bestanden hatten. Aber was glauben Sie, wie ich mich fühlte, als ich merkte, dass ich mich nicht unter diesen Unglücksraben befand. So bestand ich die Prüfung im April 1974 und durfte auch gleich einmal das Fähigkeitszeugnis in Empfang nehmen? Es war ein befreiendes Glücksgefühl.

Im Architekturbüro Felber war ich während meiner Lehre an mehreren Bauprojekten beteiligt. In diesem Zusammenhang ist zum Beispiel das 17-stöckige Hochhaus „Freiegg“ an der Hauptstrasse in Kreuzlingen er-wähnenswert. Das war das Projekt, das ich kurz vorher erwähnt hatte. Ne-benbei bemerkt war übrigens geplant, dass daneben noch ein kleineres Hochhaus (14 Stockwerke) erstellt werden sollte. Es hätte dann vom Bo-densee aus vergleichsweise den Eindruck erweckt, als würde man die klei-nere Fassung der berühmten Zwillingstürme vom World-Trade-Center in New York sehen. Als man jedoch mit den Aushubarbeiten für den zweiten Neubau begonnen hatte, kamen auf dem vorgesehenen Baugelände Über-reste von alten, historischen Mauern zum Vorschein, die man angeblich erhalten musste. Somit war dieses Projekt gestorben.
Bei den damaligen Neubauten der beiden Mehrfamilienhäuser im Hafen von Bottighofen hatte ich ebenfalls zeichnerisch Hand angelegt. Auch diese sind besonders vom See her sehr gut sichtbar und markant. Weiter war ich in die Projektierung vom Wohn- und Geschäftshaus an der Bach-strasse in Kreuzlingen involviert. Wussten Sie, dass sich damals noch das Restaurant „Rondo“ im Erdgeschoss befand? Direkt neben den Räumlich-keiten, worin sich heute das Geschäft Dipl. Ing. Fust AG befindet.
All diese Gebäude und auch andere erinnern mich fortwährend an meine damalige Lehrzeit, wenn ich insbesondere durch Kreuzlingen fahre und sie sehe.
Bei meinem Lehrmeister handelte es sich um eine höchst rechtschaffene und höfliche Person. Ich habe ihn niemals in einer anderen Kleidung als mit Anzug und Krawatte gesehen. Er verhielt sich gegenüber seinen Mit-arbeitern äusserst korrekt und trat mir gegenüber manchmal schon fast väterlich auf. Dennoch konnte er aber auch streng sein und einem die Leviten lesen, hatte man als Lehrling einmal etwas Dummes angestellt. Dies kam bei mir aber nicht oft, beziehungsweise absolut selten vor.
Was mich in seinem persönlichen Umfeld besonders beeindruckte, war sein schicker Wagen, den er fuhr. Es war ein dunkelblauer BMW 3.0 CS. Das weiss ich noch ganz genau.
Diese blöden, schönen Autos!

Ich war schon früh fasziniert von Autos, womit ich zu weiteren Erlebnis-sen in meinem Leben komme, die den einen oder andern heute möglicher-weise zum Schmunzeln bringen. Damals, ja damals hätte man im Geiste nicht nur entsetzt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, hätte man Wissen über meine kleinen Eskapaden gehabt. Und alles hat vermut-lich damit begonnen, dass mich mein Vater schon als Kleinkind hin und wieder auf seinen Schoss klettern liess und ich sozusagen das Auto lenken durfte. Meistens war dies der Fall, wenn wir zwei allein die Konstanzer-strasse hinunterfuhren. Damals war ich fünf oder sechs Jahre alt. Selbst-verständlich existierte damals noch kein grosser Verkehr und mein Vater hielt auch immer noch seine Hand an das Lenkrad. Gleichzeitig betätigte er natürlich auch das Gas- und Bremspedal. Es konnte also gar nichts passieren.
Oder Folgendes: Mein Vater verfügte anfänglich über einen VW Käfer, der im „Ochsen“ als Geschäftsauto zur Verfügung stand. Es könnte sein, dass dieses Modell sogar noch eine zweigeteilte Rückscheibe aufwies. Auf jeden Fall verfügte das Automobil damals über einen Startknopf. Der Kä-fer stand, wurde er nicht benötigt, immer auf dem Hofplatz. Eines Tages stieg ich kleiner Mann, äh… nein kletterte ich in den VW und kniete mich hinter dem Lenkrad auf den Fahrersitz. Ich musste knien, denn im Sitzen hätte ich nämlich durch die Windschutzscheibe höchstens die Wolken am Himmel gesehen. Natürlich hatte ich schon beobachtet, wie man das Auto starten kann. Ich drehte also den immerwährend steckenden Zündungs-schlüssel (Autodiebe waren damals ebenfalls selten) nach rechts und drückte anschliessend den Startknopf.
Was geschah? Weil in diesem Moment der Rückwärtsgang eingelegt und die Handbremse gelöst war, konnte der Motor zwar nicht vollends gestartet werden. Dafür führte das Auto bei jedem Druck auf den roten Knopf eine ruckende Rückwärtsbewegung aus. Jedes Mal rollte ich dann etwa einen bis zwei Meter zurück. Ich war unbeaufsichtigt und niemand bemerkte, was ich tat.
Jedenfalls lenkte ich den VW (Lenkradsperre gab es noch nicht) mit solchen, unzähligen Startversuchen rückwärts hinter dem Schlachthaus vorbei, bis zur der kleinen Wiese, die sich dahinter befand. Irgendwann kam ich dann aber nicht mehr weiter. Meine Eltern erzählten mir später, dass sie die grösste Mühe bekundeten, das Auto vorwärts zwischen den Bäumen hindurch wieder auf den Hofplatz zu fahren. Eine wahre Meister-leistung von mir, nicht wahr? Und übrigens ohne einen Kratzer am Fahr-zeug verursacht zu haben! Ob ich damals dafür bestraft worden bin, weiss ich nicht mehr. Aber vielleicht überwog schliesslich diese doch komische Situation den aufgekommenen Ärger.
Ja, diese blöden, dummen, ach so wunderschönen Autos! In diesem Zusammenhang war ich auch später noch ein richtiger Schlawiner, denn meine Meisterleistung mit dem VW blieb nicht meine einzige Erfahrung mit Automobilen, bevor ich endlich selbst den Führerschein erlangen konnte.
Wie ich schon erwähnte, war am Montag in der Regel Wirtesonntag. Also waren Metzgerei und Wirtschaft geschlossen. Es gab dann natürlich auch Zeiten, an denen meine Eltern noch andere Dinge erledigen mussten, anstatt sich nur um uns Kinder zu kümmern. Mit zunehmendem Alter konnte man uns ja auch bedenkenlos allein lassen. Dachten sie! Hin und wieder waren sie also nicht zu Hause und wir Kinder beschäftigten uns sonst irgendwie. Ich dürfte bereits etwa 14 Jahre alt gewesen sein, als es mich wieder einmal in den Fingern und… in den Füssen juckte.
Auf dem Hofplatz stand damals ein Opel, der, wie früher der VW, als Geschäftsauto diente. Auch dieses Fahrzeug war eines Tages vor mir nicht mehr sicher. Um die verschiedenen Gänge einzulegen, befand sich damals an der Lenkradsäule noch ein langer Hebel und wie heute auch, war ein gefühlvolles Schalten der Gänge mit Hilfe der Kupplung nötig. Aber das bereitete mir absolut keine Schwierigkeiten, denn ich hatte den Wagen vorher schon ab und zu auf dem Hofplatz bewegt. Als ich damals, ja, zugegeben leichtsinnig losfuhr, betätigte ich die Gangschaltung, als würde ich schon jahrelang Autofahren.
Niemand war da, der mich allenfalls hätte daran hindern können, eine kleine Spritztour in Emmishofen zu unternehmen. Das dachte ich zumin-dest. Ich war nicht lange mit erhöhtem Pulsschlag unterwegs und kurze Zeit später stellte ich den Opel wieder genauso auf dem Hofplatz ab, wie er vorher dort parkiert gewesen war. Als ich den Wagen jedoch verliess, tauchte plötzlich Tante Paula wie aus dem Nichts auf. Sie wissen, die damalige, etwa 55-jährige Ladentochter aus der Metzgerei. Sie selbst verfügte über keinen Führerschein und hatte mit Autos überhaupt nichts am Hut. Sie sah mich dann mit fragendem Blick an und überlegte vermut-lich, ob ich überhaupt schon Auto fahren durfte. Danach erkundigt hat sie sich bei mir aber nicht. Ich verhielt mich so, als wäre es die selbstver-ständlichste Sache der Welt. Zu welchem Resultat sie letztendlich gekom-men war, habe ich nie erfahren. Jedenfalls hat sie offenbar gegenüber meinen Eltern niemals ein Wort darüber verloren, wofür ich ihr natürlich äusserst dankbar war. Na ja. Vielleicht hatte sie den Vorfall ja auch schlichtweg wieder vergessen.
So wie die Zeit vergeht, vergeht auch die Funktionalität eines Autos und muss gelegentlich ersetzt werden. Deshalb war der Opel nicht das einzige Fahrzeug, das meine Eltern im Laufe der Zeit besassen. Mama hatte später meinem Vater ein ganz spezielles Auto besorgt. Denn der Plymouth (etwa Jahrgang 1960), den mein Vater ebenfalls einmal besass, war eines Nachts von meinem Bruder zu Schrott gefahren worden. Er war mit einigen Kolle-gen abends unterwegs (selbstverständlich mit Einverständnis meines Va-ters und im Besitz eines Führerscheins), verlor aber beim „Blauen Haus“ in Kreuzlingen die Herrschaft über das Fahrzeug. Ob damals Alko-hol im Spiel war, weiss ich nicht. Aber bestimmt dürfte eine überhöhte Geschwin-digkeit zu dem Unfall geführt haben. Denn er krachte in die sich damals noch dort befindliche Tankstellenanlage. Glücklicherweise kam es dabei nicht zu einer Explosion. Aber der Plymouth? Totalschaden.
Jedenfalls leuchteten nicht nur die Augen meines Vaters, sondern auch seines jüngsten Sohnes, als das Ersatzfahrzeug eines Tages unerwartet auf dem Hofplatz stand. Ich würde jetzt noch vieles dafür hergeben, könnte ich dieses Prachtauto heute noch aus der Garage fahren. Es war ein schneeweisser Chevrolet Impala, Baujahr etwa 1964. Automatikgetriebe, Weisswandreifen, rotes Filet an der Seite und rotweisse Armaturen und Sitze. Und das Spezielle daran war, dass man das Fahrzeug auf Knopf-druck in ein Cabriolet verwandeln konnte.
Ich erinnere mich auch daran, dass in dieser Zeit noch ein weiterer auffälliger Amerikanerschlitten auf den Kreuzlinger Strassen unterwegs war. Ebenfalls ein Chevrolet Impala, aber hellblau. Dasjenige Modell, welches die auffälligen und berühmten Heckflossen aufwies. Es war im Besitz eines Tankstellenbesitzers an der Konstanzerstrasse. Aber der Che-vrolet meines Vaters war bei Weitem schöner und eleganter!
Wie bei Dennis, dem Lausbuben, kribbelte es natürlich auch mir in den Fingern, da ich zu diesem Zeitpunkt lediglich zum Führen eines Mofas berechtigt war. Aber ich war denn auch derjenige, der das schöne Gefährt immer wieder gewaschen und poliert hatte. Mein Vater tolerierte je länger je mehr auch, dass ich das Fahrzeug auf dem Hofplatz herummanövrierte. Denn schliesslich musste man das Auto nach dem Waschen doch wieder in den Schatten stellen, damit man ihn dort abledern konnte, bevor sich ir-gendwelche hässlichen Wasserflecken auf dem Lack bilden. Nicht wahr? Ja, ich weiss, ich hätte das Auto ja direkt im Schatten waschen können. Aber ich tue auch heute noch vieles vorausschauend. Und damit ich nicht jedes Mal jemanden bemühen musste, der über den Führerschein verfügte, um das Auto in den Schatten zu bewegen, habe ich das eben selbst erle-digt. Ja, so war ich. Es geschah alles nur aus Rücksichtnahme auf meine Mitmenschen (grins)…
Es trat dann aber natürlich einmal ein, was kommen musste. Nur auf dem Hofplatz einige Meter umherrollen, vom Schatten in die Sonne und zurück, war für mich irgendwann nicht mehr genug. Wir wohnten damals noch in der Granegg und meine Eltern kamen eines Tages wie so oft nach Wirtschaftsschluss relativ spät nach Hause. Als sie schliefen, es war be-stimmt nach Mitternacht, schlich ich mich aus der Wohnung und holte den Traumwagen aus der Garage. In allen Wohnungen der umliegenden Mehr-familienhäuser war es dunkel und ich war mir sicher, dass mich niemand beobachtete. Es war eine Sommernacht, weshalb ich auch das Verdeck zurückfahren liess. Anschliessend fuhr ich mit meinen etwa 15 Lenzen los.
Ich wusste eigentlich schon, dass ich in diesem Moment wieder einmal einen Blödsinn machte, natürlich. Doch dieses Bewusstsein schob ich in meinem jugendlichen Leichtsinn in den Hintergrund. Zu gross war mein Verlangen, das schöne Cabriolet über die leeren Strassen lenken zu kön-nen. Schon lange ist mir auch klar, dass sich das Zünglein an der Schick-salswaage manchmal sehr eigenartig verhält. Wäre etwas passiert und mei-ne Eltern hätten mitten in der Nacht eine entsprechende Nachricht erhal-ten, wäre der Schock für sie wohl unermesslich gross gewesen.
Also fuhr ich, nein, gleitete ich mit dem Chevrolet von Emmishofen über die Seestrasse nach Tägerwilen und weiter bis nach Mannenbach. Ich fuhr nicht schnell, sondern sehr gemütlich. Sonstiger Verkehr war damals, zu dieser vorgerückten Stunde, sozusagen keiner vorhanden. In Mannenbach angelangt wendete ich und machte mich wieder, ebenso gemütlich wie vorher, auf den Heimweg.
Ausgangs des Dorfes tauchten dann in der Dunkelheit aber doch ein-mal Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeuges auf. Erst als es an mir vorbeifuhr, erkannte ich das Auto. Die „Fliegenden“ mit der schwarzen Aufschrift Polizei! Das auf dem Wagendach befestigte blaue Drehlicht war mir in diesem Augenblick ebenfalls nicht entgangen. O, o, dachte ich mir und ich überlegte während der langsamen Weiterfahrt fie-berhaft, was ich tun sollte. Dass mir in diesem Augenblick nicht nur die Knie schlotterten, dürfte einleuchtend sein. Ich beobachtete intensiv den Rückspiegel und bog dann aber gleich einmal in eine kleine Zufahrt ab, die zu einem etwas von der Strasse abseitsliegenden Haus führte. Sollte ein anderes Fahrzeug an der Einfahrt mit normaler Geschwindigkeit vor-beifahren, hätte man den Chevrolet in der Dunkelheit nicht beachtet. So-fort stellte ich den Motor ab, löschte das Licht und lauschte einige Zeit lang in die Nacht hinaus. Aber nichts rührte sich und das Polizeifahrzeug hatte wohl seinen Weg seeabwärts weitergeführt.
Etwa zehn Minuten später wagte ich es, den Motor wieder zu starten und fuhr anschliessend auf direktem Weg nach Hause, versorgte das Auto in der Garage – ebenfalls wieder, ohne einen Kratzer verursacht zu haben – und schlich mich wieder in die Wohnung. Ich denke, dass sich meine Knie auch später noch im Bett bemerkbar machten und ich vermutlich einen sehr trockenen Mund hatte. Ob ich anschliessend rasch eingeschlafen bin, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls haben meine Eltern von diesem nächt-lichen Ausflug niemals etwas erfahren. Und es ist aufgrund meiner offen-sichtlichen Liebe zu den Autos eigentlich verwunderlich, dass ich keinen Beruf wählte, der mit Automobilen zu tun hatte.
Den Führerschein erlangte ich denn auch so bald wie möglich. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich 18 Jahre alt war und wenigstens schon einmal den Lernfahrausweis in den Händen halten konnte. Und dies war an meinem Geburtstag. Meine Eltern, die keine Ahnung von meinen früheren Autoeskapaden hatten, bereiteten mir damals diese riesige Überraschung. Sie hatten den Lernfahrausweis ohne mein Wissen besorgt und packten in das Geburtstagsgeschenk auch noch ein paar bezahlte Fahrstunden.
Fahrstunden bei einem offiziellen Fahrlehrer absolvierte ich insgesamt nur 13, bevor ich mich kurzerhand selbst zur praktischen Prüfung anmel-dete. Die Theorieprüfung hatte ich zwischenzeitlich schon mit Erfolg ab-solviert. Ich hoffte natürlich, dass die Zahl 13 für mich kein böses Omen darstellen sollte. Aber ich war, wen wundert’s, ungeduldig. Aufgrund des Umstandes, dass ich im Besitz des Lernfahrausweises und deshalb sehr viel mit einer Begleitperson unterwegs gewesen bin, beherrschte ich das Autofahren sozusagen mit jedem Autotyp schnell. Vor allem am Samstag begleitete mich mein Schwager Pierino, Evis Ehemann, immer wieder auf den Fleischlieferungen an Kunden in der Stadt. Damals war ein Toyota Corona als Geschäftsauto von meinen Eltern eingelöst worden, welches sie beim Nachbarn, Garage Theo Schlauri, gekauft hatten. Es war damals, wie auch heute noch, die einzige Toyota-Vertretung in Kreuzlingen. Ich sass hinter dem Steuer, so oft es ging. Ich sass auch einmal unentwegt am Lenkrad, als unsere Familie einen Ausflug in das Tessin machte. Wieder mit meinem Schwager an der Seite. Nur so erhält man genügend Fahr-praxis, wobei sich mein Gefühl für die Autos ja schon viel früher ent-wickelt hatte (schmunzeln…)
Mein Fahrlehrer war zwar skeptisch gewesen, als ich mich eigenständig zur Fahrprüfung angemeldet und er davon erfahren hatte. Er hätte wohl noch gerne weitere Fahrstunden mit mir vereinbart. Doch interessierte mich seine Beurteilung verständlicherweise nicht allzu sehr. Und ich durfte Recht behalten. Die praktische Prüfung verlief ohne irgendwelche Beanstandungen und ich erhielt vom Experten die Auskunft: Bestanden! Es dürfte als logisch erscheinen, dass ich nach der Verabschiedung des Exper-ten sogleich alleine eine Spritztour in Kreuzlingen durchführte. Aber die-ses Mal im Wissen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits über einen gül-tigen Führerausweis verfügte. Er war zwar noch nicht ausgestellt, aber dennoch war ich berechtigt, alleine ein Auto zu lenken. Und das genügte mir.
Das Autofahren bedeutete mir damals alles. Auch heute noch fahre ich gerne Auto. Und deshalb mache ich mir bereits Überlegungen dazu, wie ich mich wohl fühlen werde, wenn ich vielleicht einmal nicht mehr selbst ein Auto lenken darf (altersmässig) oder kann (gesundheitsbedingt). Ich glaube, dann verschwindet bei mir ein bestimmtes Mass an Lebensfreude. Aber, noch ist es ja nicht so weit!
Das erste vierrädrige Vehikel, das ich mein Eigen nennen durfte, war ein Fiat 850 Coupé. Ein schnittiges, kleines Wägelchen, an dem ich sehr viel Freude hatte. Das Fahrzeug stammte ebenfalls aus der Garage Theo Schlauri und ich weiss noch ganz genau, als mein Vater und ich, zusam-men mit dem Garagenbesitzer eine Probefahrt machten. Wir fuhren bis nach Engwilen, wo sich bei der damaligen Firma Züllig ein kleines Café befand. Dort verhandelte mein Vater den Verkaufspreis des Autos und wir alle wurden uns einig.

Der Fiat war ebenfalls weiss und ich brachte eines Tages mit einigen Spraydosen noch einen tollen roten Streifen auf beiden Seiten und am Heck der Karosserie an. Ausserdem installierte ich als Nicht-Autoelek-triker noch meinen Kassettenrekorder im Auto, da es kein Radio aufwies. Damals waren die Fahrzeuge noch nicht derart mit Elektronik vollgestopft und meistens genügte es, wenn man einfach irgendwelche Verbindungs-kabel irgendwo anbrachte, um Strom für ein Gerät abzuzapfen.
In der Folge besass ich noch andere Fahrzeuge, die hier ebenfalls ange-zeigt werden. Während der Polizeischule und meiner Dienstzeit in Sulgen besass ich einen wendigen und äusserst zuverlässigen, wendigen weissen Toyota Corolla. Dann beschlossen meine Frau und ich einmal, eine Auto-ausstellung zu besuchen. Nicht, weil wir ein neues Auto benötigten. Aber es kam dann doch so, dass wir uns dort für den Kauf eines neuen Toyota Liftback entschieden haben. Wie gesagt, vorgesehen war es eigentlich nicht.
Nach unserer Wohnsitznahme in Wellhausen legten wir uns irgendwann einmal einen Ford Aerostar zu. Denn wir hatten ja unterdessen Familien-zuwachs erhalten. Es war ein äusserst geräumiger Wagen mit Automatik-getriebe, mit dem ich sehr gerne gefahren bin. Meine Frau kam beim Len-ken mit diesem Fahrzeug aber nicht zurecht.
Deshalb schafften wir uns etwa im Jahre 1995 wieder ein anderes Auto an, das insbesondere sehr nach meinem Geschmack war. Es war ein Chevrolet, Typ: Malibu Classic, etwa Jahrgang 1980, blaufarben.
Es war traumhaft, mit diesem Fahrzeug auf den Strassen dahinzugleiten. Genau wie damals mit dem Chevrolet meines Vaters. Auch dieses Fahrzeug hatte sehr viele Pferdestärken unter der Haube, was man besonders beim Beschleunigen merkte. Dann verhielt sich der Motor jedoch sehr durstig und schlürfte deshalb auch ein bisschen mehr Benzin, das damals aber be-deutend günstiger war als heute. Aber auch mit diesem Auto bin ich ei-gentlich nie schnell gefahren. Na ja, meine Frau fühlte sich mit diesem Auto aber ebenfalls nicht wohl.
Nach wie vor faszinierten mich die alten Karosserien der sogenannten „Strassenkreuzer“. Als absolutes Traumauto gilt für mich heute noch der Thunderbird Convertible, Baujahr 1959 und ebenfalls in weisser Lackier-ung. Wer von meiner Generation sich noch daran erinnert, fuhr Efrem Zimbalist jr. als Detektiv Stuart Bailey in der TV-Serie „77 Sunset Strip“ einen solchen Wagen. Damals verliebte ich mich vermutlich in das ele-gante Auto. Gegenwärtig fahre ich einen kleinen Mitsubishi Space - bitte lachen Sie nicht - der sich vor allem für den Stadtverkehr eignet
Für Sonntagsfahrten hole ich dann aber ein anderes, besonderes Fahr-zeug aus der Garage. Einen Aston Martin DB 7, Jahrgang 2001. Da ich seit meiner frühesten Jugend ein absoluter James Bond-Fan bin, war ein AM schon immer mein Traum. Im Jahre 2011 konnte mir dieser erfüllt werden.

Das Fahrzeug weist im Originalzustand eigentlich eine grau metallisierte Farbe auf. Aber wie Sie möglicherweise in der Zwischenzeit gemerkt ha-ben, gefallen mir Autos in weisser Farbe besser. So habe ich, auch um den Originallack zu schützen, den Aston Martin schon bald einmal mit einer weissen Folie überziehen lassen, welche man bei Bedarf auch wieder pro-blemlos entfernen kann. Und in dieser Version ist dieses Fahrzeug in der Schweiz wohl einzigartig.
Ja, wie ging es denn nun weiter in meinem Leben? In der Zeit, als wir noch in der Granegg wohnten, hat mich meine Schwester Evi sozusagen mit meiner späteren ersten Ehefrau verkuppelt. Ein Mädchen, das aus Saarbrücken/D stammte, verbrachte seine Ferien bei ihrem Onkel und ihrer Tante, die im gleichen Mietshaus lebten. Heidemarie, geborene Marx, hielt sich dann auch öfters bei uns in der Wohnung auf, wozu sie von Evi einge-laden worden war. Wir spielten damals auf dem grossen Esszimmertisch ab und zu Pingpong oder wir machten zusammen andere Spiele. Schon bald einmal hegte ich aber bestimmte Gefühle für das Mädchen. Ihr erging es offenbar nicht anders, denn wir haben uns im Verlaufe ihrer Ferien auch ohne meine Schwester getroffen und machten zusammen sogar Spazier-gänge in den nahen Wald. Und welcher Ort wäre besser dazu geeignet, wo man die ersten Küsse austauschen kann?
Dies war bereits in einer Zeit, als man sich nicht mehr als Dreikäsehoch davor fürchtete, mit dem Schulschatz zu sprechen. Wir befanden uns im sogenannten Teenageralter, in das ich und Heidemarie, die ein Jahr jünger war als ich, hineinrutschten. Ein Alter, als man noch die berühmte Jugend-zeitschrift „Bravo“ und die sich darin befindlichen, manchmal etwas ver-fänglichen Bilderserien konsumierte. Zu einem Zeitpunkt, als sich die Ju-gendlichen langsam öffneten und die Wörter Petting und Sex nicht mehr unbedingt hinter vorgehaltener Hand genannt wurden. Denn inzwischen war auch die Hippie-Zeit angebrochen. Und so weiter.

Von diesem Zeitpunkt an waren wir jedenfalls ein Pärchen, wenn man das so nennen kann. Nachdem sie wieder nach Hause gereist war, haben wir uns viele Briefe geschrieben. Es waren sicher in jeder Woche zwei. Hin und wieder habe ich an meiner Lehrstelle auch länger gearbeitet, um sie von dort aus zu Hause in Jägersfreude/Saarbrücken anzurufen. Ihre Familie besass zunächst selbst noch kein Telefon. Die Nachbarsfamilie aber, die bereits über einen Telefonapparat verfügte, war so nett und liess Heidemarie dort telefonieren. Natürlich hatten wir uns in der Regel verab-redet, wann ich anrufen würde. Es gab aber auch Momente, da rief ich unangekündigt an und die Nachbarsleute eilten dann über die Strasse und holten Heidemarie freundlicherweise ans Telefon.
Beide Eltern, ihre wie meine, bemerkten bald einmal, dass sich zwischen dem hübschen Mädchen im Saarland und mir mehr als nur eine Brief-freundschaft entwickelte. Auch ihre Eltern kamen dann gelegentlich in die Schweiz und sie lernten dabei mich und meine Eltern kennen. In der Zwi-schenzeit hielten es Heidemaries Eltern auch für angebracht, endlich selbst ein Telefon anzuschaffen. Ich reiste ebenfalls einige Male nach Saar-brücken, wo ich im Hause Marx jedes Mal freundlich aufgenommen wur-de. Anfangs kam ich dabei dem Wunsch meiner Eltern nach, mit dem Zug zu reisen, obwohl ich bereits über meinen kleinen Fiat verfügte. Sie waren der Ansicht, dass die Strecke bis nach Saarbrücken doch weit sei und ich den Weg ohnehin nicht kennen würde. Es gab damals auch noch keine Na-vigationsgeräte für das Auto.
Der Zufall wollte es dann aber, dass im Architekturbüro Felber mittler-weile ein deutscher Mitarbeiter eingestellt worden war, der ebenfalls aus Saarbrücken stammte. Harald Schnur hiess er und er wies immer darauf-hin, dass er niemals „Schnürchen“ genannt werden wollte. Ich verstand mich mit ihm und seiner Frau Ingrid sehr gut und eines Tages vereinbarten wir, dass wir gemeinsam nach Saarbrücken fahren wollten. Er würde mir mit seinem Wagen den Weg weisen und ich sollte mit meinem kleinen, weissen Fiat hinterherfahren.

Auf diese Weise gelangte ich das erste Mal mit meinem kleinen Flitzer nach Saarbrücken, wo meine zukünftige Frau, ihre Familie und ihr einzi-ger, jüngerer Bruder mich erwarteten. Viele Autofahrten dorthin sollten noch folgen. Meine grosse Liebe aus dem Kindergarten hatte ich in der Zwischenzeit zwar aus den Augen verloren, doch waren meine Gedanken immer mal wieder bei ihr. Aber ich fühlte mich damals in keiner Weise als Filou, der möglicherweise auf zwei Hochzeiten tanzen wollte. Aber, die Gedanken sind ja bekanntlich frei. Ich wusste damals sogar auch, dass Doris inzwischen im Seminar Kreuzlingen den Ausbildungsweg zu einer Lehrperson eingeschlagen hatte.
Es folgten die Jahre, in denen ich meinem ehemaligen Schulschatz sogar hin und wieder heimlich Blumen zum Geburtstag schickte. Das Unterneh-men „Fleurop“ eignete sich dazu sehr gut, das auch in Kreuzlingen zu fin-den war. Da ich aber nicht wusste, ob sie in einer Beziehung war, erreichte sie der Blumengruss immer anonym, also ohne Absender. Sie wusste ver-mutlich nur, dass die Zustellung der Blumen in Kreuzlingen in Auftrag ge-geben wurde. Erst viele Jahre später sollte sie erfahren, wer ihr jeweils den schönen Blumenstrauss (rote Rosen) an manchen Geburtstagen zuge-schickt hatte.
Auch während meiner Lehre leistete ich mir, einmal mehr verantwor-tungslos, im Zusammenhang mit der Autofahrerei eine Tollkühnheit. Im-mer noch ohne Führerausweis war ich abends einige Stunden als Lenker mit einem Auto der Marke DAF unterwegs. Ein kleiner, leicht zu lenken-der Personenwagen mit Automatikgetriebe. Wie kam es dazu?
Die Belegschaft vom Architekturbüro führte aus Jux einen Wettbewerb in Form einer abendlichen Orientierungsfahrt durch. Die teilnehmenden Fahrzeuge waren immer mit Lenker und Beifahrer besetzt. Mich verschlug es in das Auto der Sekretärin, die gehbehindert und im Besitz eines DAFs war. Als es losging, erkundigte sie sich ahnungslos bei mir, ob ich das Fahren übernehmen wolle. Und was glauben Sie, wie meine Antwort aus-fiel? Selbstverständlich ging sie davon aus, dass ich bereits über einen gültigen Führerausweis verfügte, vergewisserte sich jedoch nicht. Aber ich bin ja ein Gentleman und wenn man mir eine solche Frage stellt, die ich sozusagen als Bitte verstand, schlage ich sie einer Dame natürlich nicht ab. So war ich zwei bis drei Stunden lang mit der Sekretärin als Beifahrer-in in der Umgebung von Kreuzlingen unterwegs, ohne dass es zu irgend-welchen Zwischenfällen kam. Auch hatte keiner der übrigen Mitarbeiter bemerkt, dass ich den DAF gelenkt hatte. Die Orientierungsfahrt wollte ich nicht unbedingt gewinnen. In diesem Augenblick war für mich nur wichtig, dass ich Autofahren durfte… beziehungsweise konnte.
Nichts ist von Ewigkeit!

Noch während meiner Lehrzeit sahen sich meine Eltern gezwungen, sich über ihre eigene Zukunft Gedanken zu machen. Otti und Marceline hatten den „Ochsen“ mittlerweile verlassen und waren wieder in das Welschland gezogen. Wenn ich mich recht erinnere, so war es insbesondere zwischen meinem Bruder und meinen Eltern zunehmend zu Differenzen gekommen. Möglicherweise war sein Unfall, den ich bereits erwähnte, ebenfalls ausschlaggebend dafür gewesen. Aber Otti konnte sich auch sehr jähzornig und reizbar verhalten, was sogar mitunter auch seine liebe Frau Marceline und später auch seine beiden Söhne zu spüren bekamen. Eigenschaften, die weder bei meiner Mutter noch bei meinem Vater jemals beobachtet werden konnten. Aber heute weiss ich ja auch, dass es sich beim leiblichen Vater von Otti ebenfalls um einen rücksichtlosen und beherrschenden Mann handelte. Ich gehe deshalb davon aus, dass Otti seitens seines Vaters wegweisende Gene in die Wiege gelegt worden sind. Jedenfalls sind mir die genauen Umstände unbekannt, weshalb mein Bruder mit seiner Familie Emmishofen den Rücken gekehrt hatte.
Es wird wohl schon so gewesen sein, dass sich meine Eltern je länger je mehr mit einem Doppel-, beziehungsweise Dreiergeschäft überfordert sahen. Denn sie hatten zu Zeiten, als mein Bruder und meine Schwägerin noch im „Ochsen“ mithalfen, an der Löwenstrasse in Kreuzlingen zusätzlich noch eine Metzgereifiliale eröffnet. Direkt neben dem Pelzhaus Portmann, das damals noch im Nachbarhaus existierte. In der Zwischenzeit wurden dort aber Neubauten mit anderen Geschäften und Wohnungen erstellt.
Aus welchem Grund meine Eltern sich dazu entschieden hatten, nebst dem „Goldenen Ochsen“ noch eine Metzgereifiliale zu eröffnen und zu betreiben, weiss ich ebenfalls nicht. Denn das war sicherlich eine zusätzliche, enorme Belastung. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sie aus wirtschaftlichen Motiven dazu gezwungen waren. Vater und Mutter hatten zu dieser Zeit einen Treuhänder für die Erledigung ihrer finanziellen Angelegenheiten engagiert, der, wie sich später herausstellte, eigene Interessen verfolgte. Jedenfalls beschäftigten sich meine Eltern mit der Frage, ob sie auf den Rat dieses Treuhänders hören sollten. Er meinte sinngemäss, es wäre das Beste, wenn der „Ochsen“ abgebrochen und ein Neubau erstellt werden würde. Eine Baute, welche weiterhin ein Restaurant, aber auch Hotelzimmer und weitere vermietbare Wohnungen beinhalten sollte. Man müsse mit der Zeit gehen, betonte er angeblich immer wieder.
So wurde die Filiale an der Löwenstrasse nach einiger Zeit wieder aufgegeben und man begann mit einer Projektierungsphase. Es zeigte sich aber bald, dass ein solches Vorhaben für meine Eltern einerseits finanziell nicht tragbar war. Andererseits befanden sie sich auch bereits in einem Alter, in dem ein Neubeginn sehr gut überlegt sein wollte. Bereits hatte auch allein die Projektphase viel Geld verschlungen und meine Eltern gerieten finanziell immer mehr unter Druck. So blieb ihnen eines Tages nichts anderes mehr übrig, als den „Goldenen Ochsen“ zu verkaufen. Und wenn ich richtig informiert bin, so war der liebe Treuhänder dann zur Stelle, um die Liegenschaft selbst günstig zu erwerben!
Da zu diesem Zeitpunkt nur noch ich bei meinen Eltern wohnte, meine beiden Schwestern hatten in der Zwischenzeit geheiratet und gingen ihre eigenen Wege, zogen wir gemeinsam zur Miete in ein Einfamilienhaus an der Erlenstrasse in Kreuzlingen um.

Meine Mutter kümmerte sich fortan um den Haushalt und den Garten, wofür sie einen sehr grünen Daumen zur Verfügung hatte. Wie ich schon sagte, eine Allrounderin. Auch mein Vater gab seinen Beruf auf und ergatterte sich schliesslich eine Bürostelle bei der Fremdenpolizei in Frauenfeld.
Wie schon zu Beginn vom (trügerischen) Treuhänder geplant, entstand ein Mehrfamilienhaus, wo dann auch weiterhin ein Restaurant vorhanden war. Und wie der Name der Baute, Hotel Restaurant Emmishofen, schon verrät, waren auch Hotelzimmer vorhanden.
Das Lebenswerk der ehemals Familie Hermann und Bertha Merz und der Familie Hermann und Sieglinda Merz musste also aufgegeben werden. Bald einmal danach wurde der ehrwürdige „Goldene Ochsen“ tatsächlich abgebrochen und an gleicher Stelle ein Neubau aufgestellt.

Zur Zeit dieser Niederschrift war das Restaurant schon seit Jahren ge-schlossen. Zwar wurden Renovierungsarbeiten unternommen, doch liess sich offenbar kein Pächter finden.
Ob Sie es nun glauben oder nicht. Noch bevor ich in den „Genuss“ meiner extremen körperlichen Leiden kam, spielte ich mit dem Gedanken, selbst das Restaurant „Hotel Emmishofen“ zu betreiben. Denn es tat mir im Herzen weh, dass dieses Lokal so lange herrenlos war. Ich hatte mir im Geiste bereits schon viele Gedanken zu diesem Projekt gemacht. Selbst-verständlich hätte dann auch der Name geändert. Der „Goldige Ochsen“ wäre auferstanden. Natürlich hätte ich dann auch ein Wirtepatent benötigt, das ich nicht hatte. Aber auch für dieses Problem lag bereits eine Lösung vor.
Heute muss ich sagen, dass es wohl besser war, dieses Projekt nicht weiter verfolgt zu haben.
Nun denn. Nach der Lehrabschlussprüfung stand mir die Rekrutenschule bevor. Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommen würde, so hätte ich mich vermutlich nicht freiwillig zu den ehrwürdigen Grenadieren ge-meldet. Damals eindeutig die Eliteeinheit der Schweizer Armee, die vor nichts zurückschreckt. Vermutlich hing dieser Entscheid aber ebenfalls mit meinem Hang für explosive 007-Filme zusammen und ich wollte vielleicht ein Superkämpfer sein, beziehungsweise werden. Die Ausbildung im Tessiner Dorf Isone verlief wirklich hart. Wenigstens hatten wir Rekruten in unserem Zug keine derart „vergifteten“ Unteroffiziere wie bei den Welschen, welche die Verschiebung im Gelände ausnahmslos im Lauf-schritt befahlen. Dennoch erfolgten auch für uns sehr anstrengende Mär-sche und sonstige Übungen im sommerlich heissen Tessin. Tags und hin und wieder auch nachts wurde viel abverlangt.

Ein kleines Souvenir (Narbe) aus der Rekrutenzeit trage ich heute noch im Gesicht. Wir verschossen eines Tages mit dem Sturmgewehr eine spezielle Munition, welche beim Abfeuern einen ungeheuren Rückschlag auslöste. Man musste das Sturmgewehr im eisernen Griff halten und man durfte aus Sicherheitsgründen nur den sogenannten „Winterabzug“ betäti-gen. Ein spezieller kleiner Abzugshebel an der Waffe, der herausklappbar war und der Schuss zum Beispiel auch mit Fausthandschuhen ausgelöst werden konnte. So war gewährleistet, dass sich die Zeigefingerkuppe auch nach dem Abfeuern der Munition noch am Finger befand. Einmal hielt ich den Lauf meines Gewehres nicht kräftig genug, weshalb mir dieser an das Kinn knallte. Was war die Folge? Eine klaffende Wunde, die genäht werden musste.
Ich kann es jedoch als Glück bezeichnen, dass ich nebst einigen weni-gen anderen Kameraden schon bald einmal zum Fahrer bestimmt worden bin. Es erfolgte eine spezielle Ausbildung als Lenker eines Pinzgauers. Spezielle Ausbildung deshalb, weil es sich einerseits um ein geländegän-giges Fahrzeug mit Allradantrieb handelte und damit an den heikelsten Stellen im „Kampfgebiet“ herummanövriert werden musste. Gerade an dieser Fahrweise hatte ich grossen Spass. Andererseits mussten damit auch Personentransporte ausgeführt werden und als Fahrer trug man dann die Verantwortung für die Kameraden.
Die Einteilung als Fahrer hatte diverse Vorzüge mit sich gebracht. So hatte ich zum Beispiel immer wieder die Aufgabe, den Fourier von Isone in die umliegenden Orte im Tal zu fahren, damit er seine Bestellungen für die Küche ausführen konnte. Eile war nie angesagt und somit konnten wir uns Zeit lassen. Oder ich musste immer mal wieder irgendwelche Offiziere in der Umgebung von Isone von A nach B bringen, weil sie die Gegend für eine Übung rekognoszieren wollten. Dass ich als Fahrer auch noch an den grossen Märschen von 30 und 50 Kilometern vorbeirutschte, kam mir ebenfalls sehr gelegen. Denn irgendwelche Fahraufträge hatten gegenüber den ordentlichen Tagesbefehlen für die Rekruten immer Priorität. Und die Tatsache, dass die Chauffeure besonders bei bevorstehenden Personen-transporten ausgeruht zum Dienst zu erscheinen hatten, liess hin und wie-der einen Befehl eines Offiziers ins Leere laufen. Als Fahrer hatte man eine gewisse Verantwortung und man unterstand den Vorschriften über die Lenkruhezeiten.
Vermutlich war meine körperliche (ausgeruhte) Verfassung infolge mei-ner Fahraufträge zu dieser Zeit Ausschlag dafür, dass ich eines Tages re-lativ gelassen das Wettkampfschiessen aller Soldaten in Isone angehen konnte. Da ich auch an diesem Tag mit Personentransporten beauftragt war, wurde ich in die letzte Gruppe eingeteilt. Diese bestand dann nur noch aus Unteroffizieren. Ich betrat also mit ihnen den Schiessstand und erreichte mit meinem Sturmgewehr schliesslich das zweitbeste (!) Resultat der über zweihundert Teilnehmenden. Dieses tolle Ergebnis brachte mir erfreulicherweise drei Tage Sonderurlaub ein, die ich schliesslich wie-derum in Saarbrücken verlebte.
Eigentlich war es den Rekruten untersagt, im Urlaub ins Ausland zu reisen. In meinem Zug befand sich aber ein Kamerad, der mit seiner Familie in Strassburg/F lebte. Wenn ich mich richtig erinnere, war sein Vater dort in einer Schokoladenfabrik tätig. Und da diese Stadt ohnehin auf meinem Weg ins Saarland lag, liess ich ihn bis zu seinem Wohnort mitfahren. Auf dem Rückweg von Saarbrücken her lud ich ihn wieder auf und niemand von der Korpsleitung wusste etwas davon.

Die eindrücklichsten Kampfübungen beinhalteten für mich die Verwen-dung der sogenannten Tirolienne und das Abseilen aus grosser Höhe. Eine Tirolienne ist eine Seilrutsche, mit der man zwischen zwei unterschiedlich hoch gelegenen Punkten Schluchten und Flüsse überqueren konnte. Das ging dann manchmal recht rasant dem Ziel entgegen und man musste da-rauf achten, dass man am Ende nicht gegen das Befestigungsteil des Leitseiles knallte. Meistens handelte es sich dabei um den Stamm eines Baumes. Auch das Abseilen aus grosser Höhe bedurfte bei den meisten Rekruten einer gewissen Angewöhnungszeit. Vermutlich war ich nicht der Einzige, dem die Hände und Beine ein wenig schlotterten, als es an Seilen das erste Mal an einer Bergwand hinunterging.
Der Waffenplatz von Isone befindet sich im hintersten Winkel eines kleinen Tales und wurde erst im Jahre 1973 in Betrieb genommen. Vorher befand sich die Grenadierschule in Losone. Man fühlte sich in der neuen Militäranlage manchmal schon beinahe wie am Arsch der Welt. Sicherlich hatte man immer wieder Ausgang und die Gegend dort ist für friedliche Spaziergänge hervorragend geeignet. Aber wer will schon noch in der Freizeit in der Gegend herumlatschen, nachdem man schon den ganzen Tag in der Hitze irgendwelche kraftraubenden Übungen durchgeführt hatte?
Es blieben uns Rekruten eigentlich nur zwei Möglichkeiten, um die Freizeit am Abend zu nützen. Entweder hielt man sich weiterhin in der Kaserne auf und vertrieb sich dort die Zeit mit Lesen, Kartenspielen, Fernsehen und so weiter. Oder man besuchte die einzige Wirtschaft im Ort. Diese konnte in fünf bis zehn Gehminuten erreicht werden. Jedermann kann sich vorstellen, welcher Betrieb abends in diesem kleinen Gasthaus herrschte. Denn es war strengstens verboten, mit dem Privatauto irgend-welche abendlichen Ausflüge in die nächsten Ortschaften zu machen.
Natürlich hatten wir aber auch viel Spass untereinander, denn wir ver-standen uns alle sehr gut. Wir hatten zum Beispiel einen Kameraden, der uns immer wissen liess, wenn er Blähungen hatte. In der freien Natur ist das kein Problem. Wenn er hingegen im Schlafzimmer mit etwa 16 Betten seinen Bedürfnissen freien Lauf liess, dann war das schon etwas anderes. Denn seine Fürze stanken bestialisch. So „überfielen“ wir ihn eines Abends einmal, zogen ihn bis auf die Unterhosen aus und schmierten ihm mit schwarzer Schuhwichse ein. Auch ein geeignetes Mittel, um jemandem eine Lehre fürs Leben zu erteilen.
An die Sekunde, als der Korpskommandant vor den stramm dastehenden Soldaten schliesslich das letzte Mal das Wort „Abtreten!“ befahl, kann ich mich ebenfalls noch bestens erinnern. Ich weiss nicht, ob alle Kameraden ihre Mütze wieder gefunden haben, welche sie in diesem Moment vor Freude hoch in den Himmel schleuderten. Ein weiteres Kapitel war für mich abgeschlossen und ich war mir zu diesem Zeitpunkt bereits sicher, dass ich mich sicherlich nie freiwillig zur Weiterbildung zum Korporal und anschliessend zum Unteroffizier melden würde. Denn dies hätte be-deutet, dass ich mich noch zweimal, jedes Mal mindestens siebzehn Wochen lang, nach dem militärischen Geschrei der Vorgesetzten hätte richten müssen.
Die Weichen werden gestellt!

Die 17-wöchige Ausbildung in Isone stellte sich als äusserst hilfreich heraus, als ich mich wenig später für einen anderen Berufsweg entschied. Denn nach der Rekrutenschule konnte ich nicht weiter im Lehrbetrieb Fel-ber beschäftigt werden, da zu dieser Zeit die sogenannte Rezession herr-schte. Stellen für Hochbauzeichner waren äusserst rar. Zumindest in der Umgebung von Kreuzlingen und in die Fremde wollte ich eigentlich nicht ziehen. Ich konnte mich dann aber über Wasser halten, indem ich privat diverse Aufträge als Hochbauzeichner erledigte. Bald jedoch erhielt ich aber als Technischer Zeichner eine Anstellung im Ingenieurbüro Werner Keller in Kreuzlingen. Die angesehene Firma war in dieser Zeit vor allem mit der Projektierung der neuen Autobahn, damals noch N7 (National-strasse 7) – heute A7, zwischen Frauenfeld bis Müllheim beauftragt.
Der Unterschied zwischen Tiefbau- und Hochbauzeichner ist nicht allzu gross. Schnell gewöhnt man sich daran, dass keine Ansichten von Häusern mehr entworfen, sondern eher Querschnitte von Strassen gezeichnet wer-den müssen. Ingenieur Keller bekleidete im Militär eine hohe Offiziers-funktion und er verstand es deshalb auch eindrücklich, seinen Laden mit der nötigen Konsequenz zu führen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass man vielmals unter Zeitdruck stand. So mussten wir Mitarbeiter nicht selten auch am Samstag im Büro erscheinen, um die Tiefbaupläne der Autobahn noch farblich zu gestalten. Damals war dies aber nur mit Was-serfarben möglich und jedermann weiss, wie heikel es ist, grosse Flächen in dieser Art und Weise zu malen. Herr Keller konnte förmlich ausrasten, bemerkte er zufällig an einer Stelle der Malereien irgendwelche Wolken. Im schlimmsten Fall musste die ganze Arbeit wiederholt werden, denn er war auch dann noch ein Perfektionist, wenn es um die optische Darstell-ung der Pläne ging. Aber dies nur nebenbei.
In dieser Zeit wohnte ich weiterhin bei meinen Eltern an der Erlen-strasse. Selbstverständlich lebte ich nicht einfach nur im „Hotel Mama“, sondern kam meinen Pflichten nach. Nach wie vor steuerte ich zu den Kosten für Kost und Logis bei. Ausserdem erledigte ich auch sonstige Aufträge, wenn mich Vater oder Mutter darum baten.
Die Anstellung im Ingenieurbüro liess es dann aber zu, dass Heidemarie und ich im Jahre 1975 heirateten. Bis es jedoch so weit war, mussten etwelche Hürden überwunden werden. Wir beabsichtigten, in Kreuzlingen die standesamtliche und in Saarbrücken die kirchliche Hochzeit durchzu-führen. Als wir beim Standesamt in Kreuzlingen vorsprachen, erhielten wir die Auskunft, dass wir nicht ohne irgendeine bestimmte Bestätigung von Deutschland (leider weiss ich nicht mehr, worum es sich dabei genau han-delte) in Kreuzlingen heiraten können. Also meldeten wir uns beim ent-sprechenden Amt in der Stadt Saarbrücken, wo wir - Sie glauben es nicht – die gleiche Antwort erhielten. Nur umgekehrt. Es gab ein Hin und ein Her in der deutschen und schweizerischen Bürokratie. Na ja, irgendwann klappte es dann doch noch, wie wir es geplant hatten.
Die kirchliche Trauung fand in der katholischen Dorfkirche von Jägersfreue statt. Und der Zufall (?) wollte es, dass Heidemarie an diesem Tag zugleich ihren 20. Geburtstag feierte. Es war eine grosse Hochzeits-gesellschaft und nicht wenige Autos mit Schweizer Kennzeichen waren an diesem Tag in Jägersfreude zu entdecken. Im Gegensatz zu den damals herrschenden Verhältnissen in der Schweiz, wo die Hochzeitsgesellschaft meistens noch eine Fahrt mit dem Reisecar unternahm, war es im Saarland die Regel, schon gleich einmal die Gaststube aufzusuchen.
Es existierte dann noch eine andere Regel, über die mich vorgängig jedoch niemand aufgeklärt hatte. Denn im Verlaufe des Nachmittages teilte man mir plötzlich mit, wonach die Braut entführt worden sei und ich mich auf die Suche nach ihr machen müsse. So begann eine kleine Odyssee durch sämtliche Wirtschaftspokale, die sich in Jägersfreude befanden. Und es waren damals nicht wenige. Ich kam seltsamerweise in jeder Wirtschaft zu spät, denn kurz zuvor hatten sich die Entführer und meine Braut wieder aus dem Staub gemacht. Die Getränke, die jeweils von ihnen konsumiert worden waren, musste ich bezahlen. Irgendwann jedoch traf ich die Ge-suchten dann doch in einem Lokal mit ihrem hämischen Lachen an und ich konnte meine Frau wieder zur Hochzeitsgesellschaft zurückbringen.
Unsere erste kleine Wohnung befand sich an der Ribistrasse in Kreuz-lingen. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad und was wichtig war, die Mietkosten waren tief. Nur wenige Möbel hatten wir uns damals schon angeschafft. Die Schlafzimmereinrichtung und Sitzgelegenheiten im Wohnzimmer und das Schlafzimmer In der Küche befanden sich ein Tisch und eine Eckbank.

Ein neues TV-Gerät lag damals finanziell noch nicht drin. Ich hatte jedoch in meinem Besitz einen kleinen, tragbaren Fernseher, dessen Monitor höchstens 10 x 10 Zentimeter gross war. Der Empfang in schwarzweisser Farbe war nur über eine ausziehbare Antenne möglich. Damit setzten wir uns zu Beginn unserer Ehe hin und wieder an den Küchentisch und verfolgten das Programm, das gerade so mittelmässig empfangen werden konnte.
Je länger je mehr wurde mir aber bewusst, dass die Anstellung im Ingenieurbüro nicht von Dauer sein und die Rezession noch weiter an-halten würde. Ich machte mir also Überlegungen dazu, mich beruflich zu verändern. Der Zufall wollte es, dass mich meine Mutter damals auf ein Stelleninserat in der Zeitung aufmerksam machte. Die Kantonspolizei Thurgau suchte Interessenten für die bald beginnende Polizeischule.
Nach reiflicher Überlegung meldete ich mich für die Aufnahmeprüfung an, die sich nicht als so schwer erwies. Mit dem körperlichen Fitnesstest hatte ich überhaupt keine Mühe, hatte ich ja noch nicht lange vorher die Grenadierschule beendet. Dann gab es diverse schriftliche Prüfungen. Zum Beispiel Rechnungsaufgaben wie: Wieviel gibt 3 mal 4. Ergebnis 13 und ich bestand. Wieso? Ich lag mit meinem Resultat am nächsten zum rich-tigen Ergebnis! Quatsch, nein, natürlich nicht!
Die Polizeischule mit insgesamt sechzehn männlichen Schülern begann dann im September 1975 und dauerte ein Jahr lang. Die Ausbildung war ebenfalls sehr anspruchsvoll. Sie befriedigte mich aber mehr, als früher die Primar-, Sekundar- und Berufsschule. Obwohl auch die Kantonspolizei einen militärähnlichen Führungsstil aufwies, war das Klima dort aber bedeutend angenehmer. Ausserdem erhielt man während der Ausbildung ein normales Gehalt, womit ein junges Ehepaar leben konnte.

Heidemarie hatte in Saarbrücken die Ausbildung zum Großhandelskauf-mann hinter sich gebracht, fand aber in der Schweiz keine geeignete Stelle. Sie erledigte jedoch zwischendurch einmal einige Schreibarbeiten in einem Betrieb in Tägerwilen und war somit während meiner Abwesen-heit ein wenig beschäftigt.
Übrigens hatte ich in der Polizeischule unseren ehemaligen Nachbarn wieder getroffen, der während meiner Geburt mit seiner Familie im an-deren Hausteil an der Weiherstrasse wohnte. Fritz Greminger war unter-dessen ebenfalls im Polizeikommando tätig. Ausserdem war er, als ausge-zeichneter Schütze, für die Schiessausbildung der Polizeiaspiranten ver-antwortlich. So gab es ein Wiedersehen und wir tauschten bei den Schiess-übungen immer mal wieder Erinnerungen von früher aus.

Die feierliche Brevetierung von uns Polizeischülern fand im Schloss Sonnenberg statt, das damals noch im Besitz des Klosters Einsiedeln war. Heute gehört es einem österreichischen Finanzier. Im prächtigen Barock-Rittersaal mussten wir, selbstverständlich in Uniform, dem damaligen Vor-steher des Justiz- und Polizeidepartementes des Kantons Thurgau, Herrn Regierungsrat Böckli, über die Thurgauer Fahne hinweg die Hand reichen und den Eidesschwur leisten.
Dass ich damals schon den Hang zum Schreiben verspürte, zeugt davon, dass ich bis zur Brevetierungsfeier eine spezielle Schrift verfasst hatte. Gewisse Eigenschaften, Auffälligkeiten oder Marotten jedes Lehrers wäh-rend seinen Unterrichtsstunden hatte ich in Gedichtform aufgeschrieben. Diese Reime verlas ich dann nach dem Abendessen, wobei die „Opfer“ immer erkannt wurden und was mitunter zu schallendem Gelächter aller Anwesenden führte.

Das Nachtessen fand im Kellergewölbe des Schlosses Sonnenberg statt und es wurde im Beisein sämtlicher Lehrer während der Ausbildung eine lange und feuchtfröhliche Nacht.

Hüter des Gesetzes!

Als dann die offizielle Dienstzeit begann, war ich als junger Polizist zu-nächst in der Verkehrspolizei eingeteilt. Wie der Name schon andeutet, be-stand die Aufgabe darin, auf den unterschiedlichsten Touren den Verkehr im Kanton zu überwachen und zu kontrollieren. Es war dann schon eine besondere Zeit, als man als frischgebackener Ordnungshüter auf die Strasse geschickt wurde. Und der Vorteil war, dass man auf den verschie-denen Verkehrstouren den ganzen Kanton laufend kennenlernen konnte.
Als ich damals einmal, zusammen mit einem erfahrenen Kollegen, mit dem Dienstwagen in der Nähe der Thurbrücke in Eschikofen den Verkehr überwachte, ging eine besondere Funkmeldung ein. In Frauenfeld war so-eben ein Betrugsversuch durch einen Mann und eine Frau begangen wor-den. Angeblich seien sie mit einem blauen Mercedes mit ausländischen Kontrollschildern unterwegs. Wir beide spaßten dann und sagten uns „Okay, die schnappen wir uns!“, obwohl wir ja gar nicht wussten, in wel-cher Richtung die Täterschaft unterwegs war. Also fuhren wir auf der Hauptstrasse wieder in Richtung Frauenfeld zurück (die Autobahn A23 existierte damals noch nicht). Eigentlich rechneten wir gar nicht damit, dass wir ihnen tatsächlich begegnen würden. Aber siehe da, zwischen Eschikofen und Hüttlingen kam uns der gesuchte Wagen bereits entgegen. Wir wendeten sofort und hielten das Pärchen in ihrem Mercedes an. An-schliessend konnten wir sie beim Polizeiposten in Frauenfeld abliefern. Dies war für mich zu Beginn meiner Karriere schon einmal ein spannendes Erlebnis gewesen.
Ein weiteres Ereignis in diesem Dienstjahr ist mir ebenfalls noch in bester Erinnerung. Nämlich, als einer meiner weiteren Kollegen und ich einen dreifachen Mörder mit seiner geladenen Waffe festnehmen konnten!
Was war geschehen? Eines Morgens brannte in Aadorf ein Wohnhaus, worin sich im Erdgeschoss eine Drogerie befand. Nach den langwierigen Löscharbeiten fand man in der darüber liegenden Wohnung drei Leichen. Die Frau des Drogisten und seine zwei Kinder. Schnell war klar, dass die Menschen nicht durch den Brand gestorben, sondern vorher umgebracht worden waren. Als Täter konnte nur der Ehemann und Vater in Frage kommen. Denn dieser war nicht auffindbar, wie auch sein Auto nicht. Es wurde also eine Fahndung ausgelöst und man fand das gesuchte Fahrzeug später verlassen in einem Waldstück in der Nähe von Aadorf. Obwohl die Führungsspitze der Kapo davon ausging, dass sich der Mann irgendwo im Wald selbst gerichtet hat und für den nächsten Tag eine grosse Suchaktion angesagt war, sollte das Auto im Wald dennoch überwacht werden. Besagter Kollege und ich meldeten uns spontan für diesen Auftrag.
So bezogen wir in der Nähe des Autos im Unterholz unseren Adlerhorst und warteten die hereinbrechende Nacht ab. Auch wir gingen davon aus, dass sich der Täter das Leben genommen hatte, und wir rechneten mit keinerlei Vorkommnissen in den uns verbleibenden Stunden der Über-wachung. Es war eine Vollmondnacht und deshalb war es auch nicht stockdunkel. Wir unterhielten uns immer mal wieder leise über dies und das, als wir zu vorgerückter Stunde plötzlich Schritte vernahmen. Tatsäch-lich tauchte dann der Gesuchte im Halbdunkel auf, worüber wir natürlich sehr überrascht waren. Was uns dabei aber meisten beunruhigte war die Tatsache, dass er sein Sturmgewehr mit sich führte! Still verharrten wir weiter in unserem Versteck und beobachteten ihn. Wir waren dann aber froh, als er die Waffe an den rechten vorderen Kotflügel seines Autos an-lehnte und er sich selbst auf den Beifahrersitz begab. Im richtigen Moment stürmten mein Kollege und ich dann los und konnten den seinerseits über-raschten Mann überwältigen und festnehmen. Wie sich später herausstellte, war das Sturmgewehr geladen und entsichert! So hatte ich als Frischling bei der Polizei mein erstes grosses und sehr aufregendes Erlebnis. Dass wir uns nach unserer Heimkehr nach Frauenfeld dann noch ein grosses Bier genehmigten, dürfte verständlich sein.
Während der Polizeischule durften wir auch immer wieder einen Blick in diverse Abteilungen der Polizei und auch sonstige kantonale, wie auch ausserkantonalen Unternehmen werfen. Unter anderem waren wir auch dazu eingeladen worden, die Diensthundeprüfung in Steinebrunn zu ver-folgen. Ich war mit Hunden bereits vertraut, jedoch nicht mit so grossen. Während unserer Zeit im „Ochsen“ gehörten ja zwei Dackel zur Familie. Beggi und Susi waren aus dem gleichen Wurf, also Geschwister.
Wer jedoch glaubt, dass sie sich immer gut verstanden haben, der irrt. Die beiden schwarzen Kurzhaardackel konnten sich manchmal derart an die Gurgel gehen, dass es meinem Vater nur mit grösster Mühe gelang, diese wieder voneinander zu trennen. Sie hatten sich vehement ineinander verbissen und weder Susi noch Beggi wollte nachgeben. Erst ein Kübel kaltes Wasser, welcher mein Vater dann über die beiden Streithähne goss, liess sie in der Regel wieder vernünftig werden. Dennoch hatten die beiden mitunter klaffende Bisswunden im Bereich des Kopfes.
Die beiden Dackeldamen liefen eigentlich den ganzen Tag lang frei herum. Während Susi aber sich immerzu in der Nähe vom „Ochsen“ auf-hielt, verschwand Beggi hin und wieder. So geschah es dann auch, dass sie auf einem ihrer Ausflüge offenbar einen attraktiven Rüden getroffen hatte. Denn eines Tages stellte mein Vater fest, dass Beggi trächtig war. Sie ge-bar dann einige Zeit später mehrere Welpen (die Anzahl und das Ge-schlecht weiss ich leider nicht mehr), die alle gesund waren. Wer verdenkt es einem, dass man die süssen, kleinen Welpen am liebsten behalten hätte. Aber Beggi musste ihre Kleinen nach und nach hergeben.
Ich kehre jetzt aber wieder nach Steinebrunn zurück, wo wir Polizei-schüler die Prüfung der erfahrenen Diensthundeführer verfolgen durften. Ich war am Ende der Veranstaltung von den Darbietungen derart fasziniert, dass ich dem Polizeikommandanten gegenüber kurze Zeit später einmal erwähnte, wonach ich nicht abgeneigt wäre, irgendwann ebenfalls einen Diensthund anzuschaffen. Die Reaktion liess nicht lange auf sich warten. Etwa zwei Monate später wurde ich in das Büro des Kommandanten be-stellt. „Herr Merz! Sie sagten mir doch, dass Sie gerne einen Diensthund anschaffen würden!“, eröffnete Herr Max Müller das Gespräch und ich be-stätigte seine Worte. „Nun, dann können Sie im Herbst nach Sulgen dislo-zieren und dort ihren Dienst absolvieren. Dies geht aber nur, wenn Sie sich dazu bereit erklären, gleichzeitig einen Diensthund anzuschaffen.“
Wenige Monate später, Heidemarie und ich waren erst kurze Zeit vor dem Gespräch mit dem Kommandanten noch von Kreuzlingen nach Frauenfeld gezogen, packten wir erneut unsere sieben Sachen. Nebenbei bemerkt galt zur damaligen Zeit die Regel, dass die stationierten Polizei-beamten durchschnittlich alle fünf bis sechs Jahre wieder dislozieren sollten. Der Grund lag angeblich darin, wonach man verhindern wollte, dass sich die Polizisten mit der Zeit nicht zu heimisch fühlen und sich dadurch keine zu grossen Freundschaften entwickeln sollten. Dies wäre damals scheinbar mit einem unparteiischen Polizeibeamten nicht zu vereinbaren gewesen.
Im vielfältigen Polizeidienst!

Der Polizeiposten Sulgen war ein Zweimannposten und mein verhei-rateter Kollege dort befand sich bereits im Grad eines Polizeikorporals. Also im polizeilichen Umfeld schon sehr erfahren und ich habe von ihm auch weiterhin viel gelernt. Während meiner Dienstzeit in Sulgen habe ich als junger Beamter ebenfalls wieder diverse aufregende und auch traurige Dinge erlebt. Verkehrs- und Arbeitsunfälle, aussergewöhnliche Todesfälle, Einbrüche, Brände und so weiter. Natürlich waren damals auch noch die Verkehrskontrollen an der Tagesordnung. Obwohl es die Korpsleitung nie-mals zugegeben hat und man es nur hinter vorgehaltener Hand disku-tierte, herrschte unter den insgesamt acht Bezirken regelrecht ein Wett-kampf, wer letztendlich am Ende des Monats die meisten Bussen zur Anzeige ge-bracht hatte.
Damals waren wir auch noch damit beauftragt, nebst den 12-stündigen Regionenpatrouillen auch noch Nachttouren zu machen. Gleichzeitig soll-ten dann sämtliche Wirtshausbetriebe überprüft werden, ob sie um Mitter-nacht ihren Betrieb geschlossen hatten. Die sogenannte „Polizei-stunde“ galt in diesen Zeiten immer noch. Die meisten Lokale waren zwar ge-schlossen, doch gab es immer mal wieder Ausnahmen. Dann mussten von den noch anwesenden Gästen im Lokal Bussen (Fr. 5.-) einkassiert werden. Und gerade diese Massnahmen widerstrebten mir. Denn nicht selten traf man dann betrunkene Gäste an und man musste sich mit ihnen auseinan-dersetzen. Gute Miene zum bösen Spiel war dann angesagt. Nicht selten wurde man dann spöttisch behandelt. Eine Verbesserung stellte sich dann nach einigen Jahren ein, als man anstatt den Gästen allein nur noch den Wirt mit einer Busse belegen konnte. Somit war der Kontakt mit eventuell anwesenden betrunkenen Gästen nicht mehr nötig.
Die öffentliche Achtung des Polizeibeamten war damals zwar schon noch gut zu spüren, verlor jedoch im Lauf der Jahre an Bedeutung. Wo wir heute stehen, wissen wir alle. Insbesondere die Polizeibeamten werden längst nicht mehr als Respektspersonen wahrgenommen. Sie werden mehr denn je nicht nur verbal angegangen, sondern nicht selten sogar auch kör-perlich attackiert. Solche Eigenschaften sind leider auch im Umfeld von Lehrkräften an den Schulen bekannt. Ob es heute noch ein Traumberuf ist, Polizist zu sein, wage ich zu bezweifeln. Man benötigt zunehmend eine sehr dicke Haut und auch psychische Stärke. Vor allem dann, wenn man tagtäglich im Umgang mit den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten den polizeilichen Pflichten nachkommen muss. Und ich glaube, dass jeder Polizeibeamte immer wieder froh ist, wenn er den Dienst heil übersteht und auch gesund wieder nach Hause zurückkehren kann.
Wenn ich an den Beginn meiner Karriere in Sulgen denke, kommen mir ebenfalls wieder ein paar erwähnenswerte Dinge in den Sinn, worüber man heute schmunzeln kann. Zum Beispiel die Auszahlung des Gehalts. Zu Be-ginn jeden Monats war der Rechnungsführer der Kantonspolizei im Kanton unterwegs und überbrachte jedem Polizisten auf dem Posten eine braune Tüte, worin sich das Monatsgehalt mit der Abrechnung befand. Gleichzei-tig musste man den Empfang quittieren.
Auch musste man damals noch ein Tagebuch führen, worin festgehalten wurde, was man den lieben langen Tag im Dienst verrichtet oder erledigt hatte. Und jeden Abend um etwa 18.15 Uhr musste auf dem Polizeiposten das Funkgerät eingeschaltet werden, weil dann die neuesten Fahndungs-meldungen von Frauenfeld her in den Äther geschickt wurden. Diese zu notieren war Pflicht und aus logischen Gründen war man froh, wenn man über flinke Finger verfügte, beziehungsweise das Zehnfingersystem an der Schreibmaschine beherrschte.

Die Rapporte, die man verfasste, wurden ausschliesslich auf einer me-chanischen Schreibmaschine getippt. In der Regel war es die Hermes Ambassador. Eine äusserst robuste und zuverlässige Maschine. Dabei kam auch noch das berühmte Kohlepapier zur Anwendung. Denn meistens mussten vier, fünf oder gar sechs Kopien angefertigt werden! Kopiergeräte waren damals höchstens auf dem Haupt- oder Bezirksposten bereits vorhanden.
Also? Wehe dem, der in seinem Rapport korrigieren und somit auch radieren musste. Manchmal war es klüger, wenn man die ganze Seite aus der Schreibmaschine zog (meistens war es aber ein Reissen, begleitet mit einem Fluch) und nochmals neu begann. Ich persönlich bekundete damit eigentlich keine grosse Mühe, da ich nicht nur das Zehnfingersystem per-fekt beherrschte, sondern auch in der Grammatik gut bewandert war und somit nur wenige Schreibfehler machte.
Am 22.06.1977 wurde er geboren! Nein, nicht mein Sohn, sondern Jaco. Ein deutscher Schäferhund aus dem Zwinger Schäflegarten in Goldach. Ich besuchte daraufhin den Züchter im Beisein des damaligen Leiters der Diensthundegruppe und suchte den Welpen aus. Wenige Wochen später konnte ich ihn abholen und nach Sulgen bringen.
Ja, das war schon eine gewaltige Umstellung und Heidemarie wie auch ich mussten lernen, wie man mit so einem kleinen Vierbeiner umgeht.
Von meinem Vorgänger, der ebenfalls einen Diensthund hielt, hatte ich die Wohnung übernommen. Deshalb war im Freien auch bereits ein Hunde-zwinger vorhanden. Aber natürlich konnte man einen solch kleinen Welpen nicht sofort dort unterbringen. Zunächst jedenfalls nicht.
Am Anfang war das Wollknäuel bei uns in der Wohnung. Ich hatte zu diesem Zweck den Boden eines freien Zimmers mit Plastikfolie ausgelegt. Falls der Kleine sich nicht rechtzeitig zum Gassigehen melden sollte. Dies hatte sich bewährt, wie es sich zeigte. Aber schon bald einmal hatten wir ihn mit Geduld, aber auch mit Konsequenz so weit erzogen, dass man es ihm ansah, wenn es dringend war. Zum Beispiel, wenn er sich mit leichtem Winseln meldete. Hingegen benötigte es eine Weile, bis sich Jaco an das Alleinsein in der Nacht gewöhnte. Nicht wenige Male hielt ich mich des-halb zu Beginn auch nachts neben seinem Nachtlager auf, lag mit ihm eine Weile lang auf dem Boden und wartete, bis er eingeschlafen war. Dann schlich ich mich aus dem Zimmer.
Mit der Zeit wurde er dann doch langsam an den Zwinger gewöhnt. Schritt für Schritt und Stunde für Stunde war das Ziel. Dass er das plötz-liche Alleinsein zunächst mit Heulen und Winseln kundtat, ist verständ-lich. Auch in dieser Beziehung musste man als Meister hart bleiben, auch wenn die wehklagenden Laute aus dem Zwinger manchmal schon herzer-weichend wahrgenommen wurden. Manchmal auch von der Nachbarschaft, doch konnte man diese über den Zweck der Übung in Kenntnis setzen und somit beruhigen.
Der Zwinger beinhaltete eine komfortable Hundehütte, die mit Stroh ausgelegt war. Und irgendwann einmal war es so weit, dass Jaco geduldig und lautlos im Zwinger wartete, bis ich vom Dienst heimkehrte. Mit dem Glockenschlag der Kirche stand der Hund später sogar regelmässig an der Zwingertüre und beobachtete meine Heimkehr zum Mittagessen. Solange ich keine Zeit hatte, führte meine Frau dann die erforderlichen Spazier-gänge mit ihm aus. Manchmal jedoch leistete er mir auch im Posten Ge-sellschaft, wenn zum Beispiel mein Kollege nicht gleichzeitig auch im Dienst war.
Schon früh wurde ich auch schon zu den Diensthundeübungen aufge-boten, die jeden Donnerstagnachmittag stattfanden. Dabei ging es zunächst darum, dass sich Jaco an die Umgebung mit anderen Hunden gewöhnte und ich selbst von den Diensthundeführern lernen konnte.

Eine der ersten Diensthundeübungen ist mir ebenfalls noch gut in Er-innerung. Jaco war im „Teenageralter“ und wir hielten uns in einem Wald-stück auf. Ich wusste zwar, dass er gerne dem Wild nachjagte, weshalb ich immer auf der Hut sein musste. Dennoch geschah es einmal, dass er offen-bar ein Reh witterte und aus meinem Gesichtsfeld sprintete. Alles Rufen und Suchen meinerseits führte zu keinem Erfolg. Ich wusste natürlich, dass ein vermeintlich jagender Hund im Wald von einem Jäger abgeschos-sen werden durfte. Trug der Hund jedoch eine Polizeischabracke (orange-leuchtendes Mäntelchen mit einem grossen „P“ darauf), wie es hier der Fall war, war ein Abschuss untersagt. Selbst, wenn der Hund im schlimm-sten Fall doch noch ein Wild reissen würde.
Ein erfahrener Diensthundeführer erklärte mir dann aber, wonach ich mir keine grossen Sorgen machen müsse. Insbesondere deshalb nicht, weil mein Hund ja die Polizeischabracke trage. Wir würden nun zuerst einmal eine Pause in einem nahegelegenen Restaurant einlegen. Der Vierbeiner würde sich dann schon wieder einfinden. Na ja, so ein gutes Gefühl hatte ich eigentlich nicht dabei. Aber ich konnte ja auch nichts tun. Ich liess auf Anraten meiner Kollegen wenigstens mein Auto am Platz stehen und fuhr bei einem Hundeführer mit. Als wir später wieder zurückkehrten, lag Jaco doch tatsächlich neben meinem Auto. Stark hechelnd zwar, aber er war wieder da. Bestrafen konnte ich ihn nicht, denn die Verknüpfung mit seinem Fehlverhalten hätte er in diesem Moment nicht begriffen. Ich komme später nochmals auf das Diensthundewesen zurück.
Meine Frau fand dann im Laufe der Zeit eine Arbeit in der Milchpulver-fabrik Sulgen und sie war froh, dass sie sich ein wenig beschäftigen konnte. Das Arbeitsverhältnis endete jedoch, als ihre Schwangerschaft schon fortgeschritten war.
Ich selbst hatte mir nebst der Kynologie noch ein weiteres Hobby zuge-legt. In Sulgen befindet sich ein Armbrustschützenverein, dem ich schon bald einmal beitrat. Ich stieg dort bereits ein Jahr später sogar noch zum Aktuar auf. Dabei kümmerte es mich nicht, dass man entgegen den Be-fürchtungen der Korpsleitung vielleicht diverse Freundschaften knüpfen konnte. Armbrustschiessen ist ein sehr schöner Sport. Insbesondere ist er nicht mit Lärm verbunden und man kann seine Atmung systematisch trainieren, um in eine Ruhephase zu kommen. Grosse Preise bei diversen Wettkämpfen hatte ich nie gewonnen. Aber dennoch hat mir dieser Sport viel Freude bereitet und er war ein sehr guter Ausgleich zu meinem Beruf. Dieses Hobby gab ich jedoch auf, als ich Sulgen wieder verliess.
Dann durfte ich auch noch an einer ganz speziellen Aktivität teilnehmen. Ich war für zwei Monate als sogenannter Tiger für den Sicherheitsdienst bei der damals noch existierenden Swissair abkommandiert. Es war die Zeit, als sich der internationale Terrorismus verbreitete und vor allem Flugzeugentführungen und Bombendrohungen nicht gerade an der Tages-ordnung waren, sich aber dennoch häuften. Insbesondere wurde 1969 auf dem Flughafen Zürich eine Maschine der israelischen El Al unter Beschuss genommen. Ein Jahr später folgte die Entführung einer Swissair DC-8 nach Zerka/Jordanien, wo die Maschine gesprengt wurde. Sie war eine von weltweit fast 90 Flugzeugentführungen im Jahre 1970.
Deshalb entschied sich die Swissair, auf gefährdeten Flugrouten Sicher-heitsbeamte einzusetzen, die aus aktiven Polizeibeamten rekrutiert wur-den. Und dies hatte sich eindeutig bewährt.
Nach einem mehrtätigen Kurs erfolgte zunächst einmal ein sogenannter Einführungsflug. Dieser stand bei mir nach Tel Aviv (Israel) auf dem Programm. Dieses Flugziel setzte jedoch eine ganz besondere Vorgehens-weise zur Flugsicherheit voraus. Vor dem Flug musste zuerst noch das gesamte Gepäck der Fluggäste in einem abgelegenen Hangar von Hand nach Waffen oder gefährlichen Gegenständen durchsucht werden. Die Fluggäste wurden ebenfalls dort durchsucht und sie mussten sogar ihr Gepäck beim Einstieg in das Flugzeug nochmals identifizieren. Erst dann durfte die Koffer verladen werden. Blieb ein nichtidentifiziertes Gepäck-stück auf dem Rollfeld zurück, wurde es vorsichtig in den sogenannten Bombenbunker transportiert und dort belassen, solange wie der Flug dauerte. Erst eine Weile später untersuchte man das Gepäckstück dann genauer. Aber das war auf meinen Einsätzen niemals der Fall gewesen.
Es war vorgesehen, dass der Rückflug am gleichen Tag hätte erfolgen sollen. Nachdem in Tel Aviv wieder alle Fluggäste für den Flug nach Klo-ten eingestiegen und das Gepäck, Verpflegung usw. verladen waren, stellte sich heraus, dass der Flieger aufgrund eines Defektes am Bugrad nicht starten konnte. Also mussten sämtliche Fluggäste das Flugzeug wieder verlassen und alles andere (Gepäck und Verpflegung) wurde ebenfalls wieder ausgeladen. Wir beiden Tiger, wie auch die Bordcrew, übernach-teten in einem nahegelegenen Hotel. Am nächsten Tag war die Maschine wieder einsatzbereit und der Rückflug nach Kloten konnte durchgeführt werden.
Während zwei Monaten begleitete ich dann, zusammen mit einem an-deren Sicherheitsbeamten (es mussten immer zwei sein), diverse Flüge, die mich unter anderem nach Bombay (Mumbai), New York, Johannesburg, Bangkok und so weiter brachten. Während dieser Zeit war man vom kompletten Polizeidienst im Kanton befreit und man lebte quasi nach dem Einsatzplan der Swissair. Flog man im Jumbo mit, so hatte ein Tiger wäh-rend des ganzen Fluges einen Sitzplatz in der Lounge, die sich ja über der Firstclass befand und von dort über eine Treppe erreichbar war. Der Tiger musste sich direkt vor dem Zugang zum Cockpit aufhalten. Dies war mir beim Flug von New York zurück nach Kloten gegönnt, denn nur dieses Flugziel wurde mit dem Jumbo angeflogen. In der Regel waren damals noch die DC 9 oder die DC 10 im Einsatz. Bei diesen Flugzeugtypen hielt sich ein Tiger immer in der ersten, also Firstclass und der andere direkt anschliessend in der Economyklasse auf.

Die Tiger waren auch jeweils vor dem Flug am Briefing der Crew in einem speziellen Raum anwesend. Einerseits, damit sich die Besatzungs-mitglieder kennenlernen konnten und andererseits erhielt man ebenfalls alle wichtigen Informationen des Kapitäns (Flugroute, Dauer, Wetter, Be-sonderheiten usw.). Ausserdem konnten wir verfolgen, wie die gesamte Crew zuerst noch einen schriftlichen Test absolvieren musste. Ein Bogen mit diversen Fragen zur Flugsicherheit und ähnliches musste ausgefüllt werden. Erzielte ein Crewmitglied zu wenig Punkte, so flog es ganz ein-fach nicht mit. Aber auch das trat bei meinen Einsätzen niemals ein.
Es gehörte auch zu unseren Pflichten, das Flugzeug noch vor dem Ein-stieg der Fluggäste nach verdächtigen Gegenständen oder Waffen abzusu-chen. Dabei war das Hauptaugenmerk auf die Toiletten-Anlagen ausgerich-tet, wo viele Versteckmöglichkeiten vorhanden waren und vermutlich auch heute noch sind.
Ich war in diesem Sicherheitsdienst auch tätig, als der Schah in Persien gestürzt worden war und Ajatollah Chomeini an die Macht kam. Ich er-innere mich noch gut daran, wie wir nach unserer Ankunft zur Nachtzeit in Teheran mit dem Kleinbus ins Hotel gebracht wurden. Wir mussten häufig bei Strassensperren anhalten, die von bewaffneten Soldaten besetzt waren. Denn damals herrschte in der Nacht in der Stadt striktes Ausgehverbot für jedermann. Letztendlich kamen wir aber unversehrt im Hotel an.
Nicht nur das Erlebnis, während zwei Monaten sozusagen gratis und franco in ferne Länder zu gelangen, war erfreulich. Denn man erfuhr am Monatsgehalt der Polizei keinerlei Kürzung und man erhielt von der Swissair sogar noch ein grosszügiges Taschengeld für den jeweiligen Aufenthalt am Zielort, sofern der Rückflug Tage später stattfinden sollte. Ausserdem waren die Tiger der Bordcrew gleichgestellt und man logierte immer in den besten Häusern der Welt.
Der Dienst im Flugzeug erfolgte immer bewaffnet. Dazu befand sich an einem speziellen Ort im Flieger ein Safe, in dem die Pistole samt Munition versorgt werden musste, sobald man in einem fremden Staat landete. Wäh-rend des Fluges verhielt man sich als ganz normaler Fluggast, zivil geklei-det und trug dabei die durchgeladene Pistole in der Hosentasche. Hatte man das Vergnügen, in der Firstclass zu sitzen, so wurde man vom Bord-personal genauso bedient, wie die anderen Fluggäste. Also fürstlich. Nur der Alkoholkonsum war den Tigern untersagt. Kurz nach der Landung und nach dem Aussteigen der Fluggäste musste man dann die Zivilkleider ge-gen eine Uniform der Swissair austauschen, was in der Bordtoilette vollzo-gen wurde. Es handelte sich um eine massgeschneiderte Uniform, die einem während des Einführungskurses angepasst worden war. Sogar die schönen blauen Hemden waren tailliert. Der Transfer zwischen Flugzeug und Hotel im Ausland erfolgte immer uniformiert und man gelangte so natürlich auch schneller durch die Zollkontrollen.
Einmal hielt sich auf einem Flug von Kloten nach Tel Aviv auch Mosche Dajan, israelischer General und Politiker, in der Firstclass auf, der von zwei, ebenfalls bewaffneten Leibwächtern begleitet wurde. Aus diesem Grund musste vor dem Abflug zuerst ein Briefing unter uns Sicherheitsbe-amten vollzogen werden, damit wir uns nicht gegenseitig an Bord er-schiessen würden, sollte es zu irgendwelchen Zwischenfällen kommen.
Die zwei Monate bei der Swissair waren relativ schnell vorbei. Aber dieses Gefühl hat man ja auch, wenn man einen ganz normalen Urlaub verbringt. Es war eine höchst interessante und schöne Zeit. Obwohl man gelegentlich hundemüde am Zielort ankam, denn Schlafen war auch auf den langen Überseeflügen zumindest für einen der Tiger verboten. Aber man war damals noch verhältnismässig jung und steckte das weg. Manch-mal war man nach der Landung bereits kurze Zeit später zusammen mit der Crew wieder auf einem Ausflug oder unternahm sonst etwas. Bezüg-lich der Ruhezeiten war die Bordcrew aber eindeutig bessergestellt. Denn sie hatte aufgrund der Flugsicherheitsbestimmungen im Ausland in der Regel längere Aufenthalts- und deshalb auch längere Ruhezeiten als wir Tiger. Dies ist jedoch wieder verständlich, musste das Cockpit- und Ka-binenpersonal ja arbeiten, während wir es uns in den Sitzen bequem machen konnten.
Die Jahre vergehen!

Am 23.07.1980 kam im Kantonsspital Münsterlingen unser Sohn Patrick Alexander gesund zur Welt. Ein weiterer Zuwachs in unserer Familie. Das war ein Freudentag und viel Aufregung herrschte. Heidemarie hatte die Geburt gut überstanden und bald schon einmal durfte ich Mutter und Sohn nach Hause bringen.

Übrigens bereitete Jaco überhaupt keine Probleme, als wir mit dem Baby nach Hause kamen. Überhaupt verfügte der Hund, sieht man einmal von seinem Jagdtrieb ab, über ein hervorragendes Wesen. Wir konnten das Kleinkind im Wohnzimmer auf den Boden legen und der grosse Schäfer-hund legte sich unbeeindruckt neben ihn. Er beschnupperte das Menschen-kind vielleicht ein wenig und das war‘s. Und dies, obwohl er mit Schutz-dienstarbeiten, also mit dem Beissen nach einem Täter, schon ziemlich vertraut war.
Patrick musste dann einmal doch noch einige Tage im Kinderspital St. Gallen verbringen. Ein kleiner Eingriff, den Jungs in seinem damaligen Alter hin und wieder hinter sich bringen müssen. Natürlich besuchten wir ihn so oft wie möglich und er war dann natürlich auch traurig, als wir wie-der gehen mussten. Aber er war auch ein kleines Schlitzohr, wie wir fest-stellen konnten. Denn schon kurz nach dem kleinen Eingriff trafen wir ihn meistens bei den Schwestern an, wenn wir ihn besuchten. Er sass mit ihnen am Tisch und hatte es lustig, während sie ihren Kaffee tranken und Kuchen assen. Er war damals eindeutig der Hahn im Korb!
Mit der Zeit liefen die obligaten fünf Jahre auf einem Polizeiposten auch bei mir langsam ab und ich machte mir Gedanken darüber, wo ich künftig meinen Dienst verrichten wollte. Ich interessierte mich immer für den Erkennungsdienst, den ich im Aussendienst sehr oft bei der Arbeit am Unfall- oder Tatort beobachten konnte. Insbesondere wurden dort auch wieder Unfallpläne gezeichnet, was mir einmal mehr entgegenkam. Also meldete ich mich auf eine Stellenausschreibung in diesem Spezialdienst. Aufgrund der Tatsache, dass diese Abteilung bei weitem nicht so viele Mitarbeiter benötigte, wie zum Beispiel die Verkehrspolizei, waren die Stellen natürlich rar. Deshalb erhielt ich zunächst einmal die Antwort, dass die Stelle an einen anderen Mitarbeiter vergeben worden sei. Vielleicht aber ergebe sich in etwa einem Jahr wieder eine Möglichkeit dem Spezial-dienst beizutreten, weil dann ein Mitarbeiter vermutlich pensioniert würde. Gleichzeitig wurde mir deshalb offeriert, wonach ich bis dahin in der da-maligen Einsatz- und Meldezentrale in Frauenfeld eingesetzt werden könnte, wozu ich dann auch einwilligte.
So erfolgte dann die Rückkehr in die Kantonshauptstadt mit Sack, Pack, Kind und Kegel, wie man so schön sagt. Wir fanden in einem Neubau in Wellhausen eine geeignete Wohnung mit Gartensitzplatz. Damals bestand seitens des Kommandos noch eine sogenannte Wohnsitzpflicht. Das heisst, dass die Mitarbeiter im Polizeikommando selbst innerhalb eines bestimm-ten Radius (etwa vier Kilometer) wohnen mussten, wollte man in den Genuss der damals ebenfalls noch geltenden Wohnsitzentschädigung kommen. Die beiden Ortschaften Felben und Wellhausen lagen in akzep-tabler Entfernung zum Regierungsgebäude, wo sich ja auch das Polizei-kommando befand. Pfyn wäre zum Beispiel bereits wieder zu weit entfernt gewesen. Das heisst, die Ortschaft lag ausserhalb des bewilligten Radius. Die Zeiten haben sich mittlerweile geändert, indem die Wohnsitzpflicht wie auch die entsprechende Entschädigung weggefallen sind. Es gibt heute sogar Thurgauer Polizeibeamten, deren Dienstort in Frauenfeld ist, ihr Wohnort aber möglicherweise in St. Gallen liegt.
Zum damaligen Verwalter der neuen Wohnung konnte ein guter Draht hergestellt werden und er äusserte sich sogar positiv darüber, wonach ein Polizeibeamter im Haus wohnen würde. Gegen den Diensthund hatte er ebenfalls nichts einzuwenden und so liess er dann neben dem Haus extra noch einen Platz mit Gartenplatten herrichten, damit ich den Hundezwin-ger aufstellen konnte.
Das Mehrfamilienhaus besteht aus 7 Mietparteien. Direkt über unserer Wohnung fand ebenfalls ein Ehepaar mit einem Kind ein neues zu Hause. Es handelte sich um die Familie Geyer, mit der wir uns sofort gut verstan-den. Ihr Sohn trug auch den Namen Patrick und war etwa ein Jahr älter als Pädi.
René Geyer war damals bei der Firma Intermac AG angestellt, die für Reparaturen an Baukränen zuständig war. Er war handwerklich äusserst geschickt, sodass er auch das Amt des Hausabwartes übernommen hatte. Mit dieser Familie hatten wir sehr viel Zeit verbracht. René und ich hatten sich sogar einmal dazu entschlossen, einen kleinen Mehrzweckraum im Keller zu mieten. Dort hatten wir dann damit begonnen, jeder für sich eine Eisenbahnanlage zu erstellen, die wir irgendwann einmal aneinanderfügen wollten. Aus Platzgründen wählten wir aber nicht die bekannte H0-Eisen-bahn (Massstab 1:87), sondern die Gleisgrösse Minitrix Spur N (Massstab 1:160). Viele Monate haben wir beide deshalb abends oder sonst in der Freizeit im Keller aufgehalten und gebastelt.
Einige Jahre später jedoch veränderte sich mein Kumpel vom oberen Stockwerk beruflich und die Familie zog nach Wengen. Zu einem Zusam-menschluss der beiden Eisenbahnanlagen kam es deshalb nicht mehr.
Hingegen übernahm ich daraufhin das Amt des Hausabwartes, wodurch ebenfalls wieder einige zusätzliche Arbeiten auf mich zu kamen.
Sämtliche Artikel meiner Eisenbahnanlage bewahrte ich weiterhin auf, verkaufte sie dann aber Jahre später noch recht lukrativ.
Die Dienstaufgaben in der EMZ, so wurde die Einsatzzentrale damals in der Abkürzung genannt, waren wieder ganz anders als diejenigen auf einem Polizeiposten. Dennoch kam mir zugute, dass ich nicht nur in der Verkehrspolizei, sondern mehrere Jahre auf einem Aussenposten meinen Dienst verrichtet hatte. Ich stand zwar nicht mehr im direkten Kontakt mit der Bevölkerung, so von Auge zu Auge, aber manche der Telefonate, die über den Notruf an mich gelangten, waren mitunter ebenfalls sehr vertrauensvoll.
Nebst den Morgen- und Nachmittagsdiensten mussten vor allem viele zwölfstündige Nachtdienste geleistet werden. Sieben bis acht solcher Schichten im Monat waren keine Seltenheit. Hatte man Wochenenddienst, so war die Regel, dass man am Freitagmittag mit der ersten Schicht um 1215 Uhr begann. Sie dauerte dann 6 Stunden. Am nächsten Tag, also am Samstag, arbeitete man von früh morgens (0615 Uhr) bis am Mittag (1215 Uhr). Gleichentags erschien man um 1815 Uhr wieder in den Nachtdienst bis morgens um 0615 Uhr. Lediglich der Sonntagmorgen stand für die Ruhezeit zur Verfügung, denn am Nachmittag erfolgte nochmals die glei-che Schicht wie am Freitag Also Arbeitsantritt wieder um 1215 Uhr. Diese manchmal sehr belastenden Schichteinteilungen bestehen übrigens auch heute noch so. Aber auf diese Weise müssen nicht noch mehr Leute an einem Wochenende eingesetzt werden, was jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin jeweils selbst wieder zugutekommt.
Aber immerhin konnte man bei Feierabend den Arbeitsplatz jedes Mal verlassen, ohne dass sich noch irgendwelche Akten im Körbchen mit der Aufschrift „Unerledigtes“ befanden. Dies war nämlich im Aussendienst nicht selten der Fall.
Im Übrigen war der Dienst in der EMZ damals noch nicht so hektisch wie heute, sieht man einmal von plötzlich aufgetretenen Ereignissen wie schweren Verkehrsunfällen oder Alarmfahndungen ab. Auch die Nacht-dienste verliefen zumeist eher ruhig und ich nutzte die Zeit mit einer Beschäftigung, die mein späteres Leben sehr beeinflussen würde. Dazu komme ich aber später noch.
Es war noch kein Jahr vergangen, als sich tatsächlich die Möglichkeit ergab, in den Erkennungsdienst zu wechseln. Diese Gelegenheit liess ich mir nicht entgehen und ich meldete mich erneut auf die Stellenausschrei-bung. Mit Genugtuung nahm ich wenig später die Nachricht entgegen, dass ich ab Herbst 1981 nicht mehr in der Einsatz- und Meldezentrale tätig sein würde.
Der ED, wie er damals in Kurzform genannt wurde, ist wie heute noch unter der Bezeichnung Kriminaltechnischer Dienst (KTD) für die Spuren-suche und –Sicherung im ganzen Kanton verantwortlich. Waren damals in Einzelfällen vielleicht einmal noch spezielle Abklärungen nötig, wofür möglicherweise nicht die geeigneten Apparaturen oder Sachverständigen vorhanden waren, wandte man sich an die „grossen“ Kantone. Insbeson-dere zum Beispiel an den Wissenschaftlichen Dienst der Kapo Zürich. Dies kam aber nicht oft vor. Heute ist der KTD der Kantonspolizei Thurgau je-doch hervorragend ausgerüstet und die Mitarbeiter ebenso erstklassig aus-gebildet.
Mit einem gewissen Rüstzeug an praktischer Erfahrung an der Front, sprich Aussendienst, startete ich also meine weitere berufliche Laufbahn. Auch in dieser Abteilung hatte ich es wieder mit sehr kameradschaftlichen und hilfsbereiten Mitarbeitern zu tun. Langsam und zielgerichtet konnte ich mich in allen Bereichen der Spurensicherung weiterbilden. Was jedoch wieder das absolute Gegenteil zum Dienst in der EMZ spiegelte, war der Umstand, dass man viele Tage und Nächte lang Pikett zu leisten hatte. Das heisst, dass man von einer Sekunde zur anderen zu einem schweren Ver-kehrsunfall oder sonstigen unaufschiebbaren Ereignissen gerufen werden konnte, welche den Beizug des EDs erforderte. Doch, ob Sie es glauben oder nicht, das gefiel mir sogar.
Am liebsten rückte ich zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Einbrüchen aus. (Übrigens nahm ich nachts oftmals auch Jaco an einen Einbruch mit, mit dem ich vor der eigentlichen Spurensuche zuerst noch versuchte, die Täterschaft mit Hilfe seiner feinen Nase ausfindig zu machen. Denn da-mals waren Einbrecher noch oft zu Fuss unterwegs.) Ich suchte am Tatort nach täterischen Fingerabdruckspuren, wozu das Ihnen sicherlich bekannte silberne Pulver Argentorat verwendet wurde. Mit einem feinen Pinsel konnte man diese Substanz auf die Gegenstände pinseln und wenn irgend-welche Daktyspuren vorhanden waren, wurden diese sichtbar. Bestand der Verdacht, dass es sich dabei um täterische Spuren handelte, wurden sie mit einer schwarzen Folie gesichert. Täterische Schuhabdruckspuren wurden fotografiert. Befanden sich diese Spuren im Erdreich oder im Schnee, so wurden in der Regel Gipsabdrücke davon erstellt. Und so weiter. Die weitere Auswertung aller gesicherten Spuren erfolgte dann später in den Räumlichkeiten des Erkennungsdienstes.
Für die Fotoaufnahmen standen damals noch keine digitalen Kameras zur Verfügung. Wir benützten noch Fotoapparate mit eingelegtem Schwarzweissfilm, den man nachher auch selbst in der Dunkelkammer entwickelte. Auch die Fotoabzüge wurden im eigenen Labor hergestellt, die dann wiederum in einem Einband, sauber beschriftet und mit einem schriftlichen Bericht über die gesicherten Spuren dem zuständigen Unter-suchungsrichter im Bezirk zugestellt wurden.
Zufällig gelang es mir in dieser Zeit einmal noch, eine Einbrecherbande dingfest zu machen. In Pfyn war in mehrere Einfamilienhäuser eingebro-chen worden und ich rückte am Abend noch zur Spurensicherung dorthin aus. Während meiner Arbeit hörte ich, dass im Verlaufe des Nachmittages am Tatort ein Auto mit französischen Kontrollschildern gesehen worden sei. (Der Tourismus war damals noch nicht so belebt, wie heute.) Ich mass dieser Aussage noch nicht viel Bedeutung zu. Jedenfalls fuhr ich am nächsten Tag nach dem Mittagessen von Wellhausen kommend wieder nach Frauenfeld zur Arbeit. Auf der Zürcherstrasse kam mir dann ein Fahrzeug mit französischen Kontrollschilern entgegen und sofort kam mir wieder die Aussage des Vorabends in den Sinn. Also wendete ich mein ziviles Ausrückfahrzeug und folgte dem Fahrzeug.
Bei der Tankstelle, die sich gegenüber dem heutigen Polizeikommando befand, hielt das Auto an und drei dunkelhäutige Typen verliessen den Wa-gen. Ich verständigte über Funk sofort die EMZ, wonach sie mir eine Poli-zeipatrouille als Verstärkung für eine Personenkontrolle schicken sollte. Da die Patrouille noch nicht vor Ort war, als die Typen ihr Auto wieder besteigen und abfahren wollten, wies ich mich aus und hielt sie zurück. Wenige Minuten später erschienen dann meine Kollegen und ich infor-mierte sie über die Einbrüche am Vortag und dass die Insassen des Autos möglicherweise etwas damit zu tun haben könnten. Zwischenzeitlich suchte einer der Dunkelhäutigen einmal noch die Toilette der Tankstelle auf, kehrte dann aber wieder zurück. Meine Kollegen geleiteten das aus-ländische Fahrzeug zum Regierungsgebäude, wo sich ja damals das Poli-zeikommando befand. Ich indessen kontrollierte dann noch schnell die Toilette. Und siehe da, im Abfalleimer konnte ich nebst anderen verdäch-tigen Utensilien auch noch einen neuen Fotoapparat sicherstellen.
Bei der anschliessenden Personenüberprüfung konnten bei den Typen diverse falsche Ausweispapiere vorgefunden werden, die sie in den Schu-hen versteckt hatten. Der Verdacht, dass es sich bei den Leuten tatsächlich um die Einbrecher handelte verstärkte sich und sie wurden vorläufig fest-genommen. Anhand der am Tatort gesicherten Spuren konnten sie zwar nicht der Tat überführt werden. Aber bei der Entwicklung des Filmes im aufgefundenen Fotoapparat kamen Bilder zum Vorschein, die offensicht-lich von einem Balkon eines Mehrfamilienhauses in Frauenfeld aufgenom-men worden waren. Die Wohnung konnte ausfindig gemacht und durch-sucht werden. Dabei fand man diverses Deliktsgut im Wert von etwa einer Viertelmillion Franken. Und das war damals ein grosser, sehr grosser Be-trag!
Die Spurensicherung und deren Auswertung bei schweren Verkehrs-unfällen erforderte ganz besondere Vorgehensweisen. Nebst den üblichen Fotoaufnahmen kam die spezielle Fototechnik der Stereofotogrammetrie zum Einsatz. Dazu wurden am Unfallplatz auf dem Mittelstreifen der Fahrbahn, in der Regel im Abstand von 20 Metern, kleine Kunststoffhüt-chen deponiert, die eine schwarzweisse Markierung aufwiesen. Beginnend bei den ersten Spuren auf der Strasse und so weit, wie die Unfallsituation angetroffen wurde. Dann kam der sogenannte „Fotogrammmeter“ zum Ein-satz. Ein Gerät auf einem Dreibeinstativ, deren Grundplatte hundertpro-zentig in der Waage stehen musste. Auf dem Gestell befand sich wiederum ein waagrechter Balken, der in die Höhe geschraubt werden konnte (etwa drei Meter hoch). An beiden Enden des Balkens war jeweils eine Foto-kammer vorhanden, die mit einer speziell beschichteten Glasplatte be-stückt war. Mit einem Drahtauslöser wurden die Fotogläser belichtet, wo-mit zwei identische Aufnahmen entstanden, die jedoch etwa 150 Zentime-ter auseinanderlagen.
Dies war zur Tageszeit noch kein Problem. War es aber dunkel, so musste jeweils eine Hilfsperson eine spezielle Lichtquelle anzünden (ähnlich wie ein hellsprühender Vulkan an Sylvester) und sich hinter dem Fotografen schnell hin und her bewegen. So wurde die Unfallsituation genügend ausgeleuchtet, um Fotografien erstellen zu können. Dabei musste man auch darauf achten, woher der Wind kam. Denn die abbrenn-enden Kerzen verursachten massive Rauchwolken und waren auf den Foto-aufnahmen hin und wieder störend vorhanden.
Damit war es jedoch nicht getan. Um die belichteten Fotoplatten weiter benützen zu können, mussten sie anschliessend in einem speziellen Verfah-ren entwickelt werden. Ausserdem musste der Vorrat der beschichteten Glasplatten wieder aufgefüllt und in speziellen, lichtundurchlässigen Kassetten versorgt werden. Dies benötigte ein aussergewöhnliches Fingerspitzengefühl, da man für diesen Arbeitsschritt kein Licht verwen-den durfte und deshalb in der Dunkelkammer gearbeitet wurde. Allein nur an den Fingerkuppen konnte man spüren und sich dessen sicher sein, ob man die unbehandelte Glasscheibe oder die beschichtete Seite rieb. Setzte man eine Scheibe falsch, das heisst seitenverkehrt in die Kassette ein, so war die spätere Aufnahme am Unfallort unbrauchbar!
Eine Spurensicherung bei einem schweren Verkehrsunfall konnte schnell einmal zwei, drei oder gar vier Stunden dauern. Die Abfolge von besonderen Massnahmen führte immer wieder dazu, dass eine Strasse lange Zeit gesperrt werden musste. Wenn sich zum Beispiel ein solcher Unfall in Arbon ereignet hatte und dies mitten in der Nacht, so dauerte es schon eine Weile, bis der Erkennungsdienst mit dem sogenannten Unfall-bus vor Ort war. Auch wenn man dann eine Dringlichkeitsfahrt mit einge-schaltetem Blaulicht durchführte. Waren Todesopfer zu beklagen und diese befanden sich noch im Fahrzeug, so mussten zuerst Fotoaufnahmen im De-tail erstellt werden. Anschliessend wurde der Leichnam in der Regel zuerst geborgen und durch den Bestattungsdienst abtransportiert, bevor man mit der weiteren Spurensicherung fortfahren konnte.
Obwohl die Strasse während den erkennungsdienstlichen Arbeiten für den übrigen Verkehr meistens gesperrt war, konnten sich dennoch gefähr-liche Situationen für die Leute auf dem Unfallplatz ergeben. Ich selbst musste einmal mitten in der Nacht, nach einem schweren Verkehrsunfall auf der Strecke zwischen Paradies und Diessenhofen, die Spurensicherung vornehmen. Die Strasse wurde dabei lediglich durch einen Scheinwerfer auf dem Dach vom Unfallbus ein wenig ausgeleuchtet. Ich war, auf dem Mittelstreifen der Strasse stehend, soeben damit beschäftigt, den Foto-grammmeter in die richtige Position zu bringen, als hinter mir ein Schein-werferpaar eines Autos auftauchte. Offenbar hatte der Lenker die polizei-liche Absperrung missachtet und fuhr weiterhin in Richtung Diessenhofen.
Da das Auto die Geschwindigkeit nicht verringerte, je näher es kam, blieb mir nichts anderes übrig, als den relativ schweren „Fotogrammme-ter“ eiligst wieder zu packen und damit zur Seite zu rennen. Erst als das Fahrzeug an mir vorbei war, konnte es durch die übrigen Polizeibeamten vor Ort gestoppt werden. Es handelte sich um einen weiteren Fahrzeuglen-ker, der zu dieser Nachtzeit betrunken unterwegs war.
Wie der Name „Stereofotogrammetrie“ schon sagt, konnten mit diesem System Stereoaufnahmen erstellt werden. Wurden die entwickelten Glas-platten dann in ein weiteres Arbeitsgerät (Autograph) gelegt und man be-trachtete die Aufnahmen durch zwei Okulare, so erkannte man sozusagen ein dreidimensionales Bild.

Diese Betrachtungsweise ist nicht jedermanns Sache, denn die Augen müssen sich immer erst an das spezielle Bild gewöhnen. Dann konnte man mit zwei, am Autographen angebrachten Drehrädern, ein im Bild vorhan-denes Fadenkreuz bewegen. Das heisst, man folgte mit dem Kreuz zum Beispiel einer Bremsspur oder den Umrissen eines Unfallfahrzeuges. Gleichzeitig wurde die Linie mittels eines Zeichnungsstiftes massstabsgetreu und zentimetergenau (!) auf das Zeichnungspapier über-tragen. So wurde Detail für Detail auf den Unfallplan eingezeichnet. Letztendlich wurden die Zeichnungen einmal mehr mit den uns bereits bekannten Rapidographen (Tuschezeichner) ins Reine gebracht.
Was für ein Arbeitsumfeld für einen ehemaligen Zeichner!
Der „Fotogrammmeter“ wurde aber nicht nur bei Verkehrsunfällen eingesetzt. Hin und wieder erforderte es auch bei anderen aussergewöhn-lichen Ereignissen, wie zum Beispiel bei Tötungsdelikten, den Einsatz des ungemein genauen Gerätes. Vermutlich stehen dem KTD heute in diversen Arbeitsabläufen modernere Gerätschaften zur Verfügung, welche die Ar-beit am Tat- oder Unfallort seit damals sehr erleichtern. Ich denke da an die digitalen Fotokameras oder sogar Drohnen, um bestimmte Unfallsi-tuationen aus der Luft festzuhalten. Jedenfalls sind die Aufgaben als Spurensicherer bei der Polizei überaus vielfältig und in jeder Beziehung sehr interessant.
Am 26.07.1983 fuhr ich ein weiteres Mal relativ rasant zum Kantons-spital Münsterlingen. Unsere Tochter Sabrina Tanja konnte es kaum mehr erwarten, das Licht der Welt zu erblicken. Heidemaries Eltern waren extra vorher angereist, damit sie sich um Patrick kümmern konnten, solange sich die Mutter im Spital aufhielt und ich in dieser Zeit meinen Dienstpflichten nachgehen konnte.

Als wir wenige Tage später mit der Neugeborenen nach Hause kamen, machte Patrick schon grosse Augen und bestaunte sein kleines Schwester-chen. Somit bestand unsere Familie nun aus vier Mitgliedern, zähle ich unseren treuen Vierbeiner einmal nicht dazu.
Ich verbrachte knapp sieben Jahre im Erkennungsdienst. Und ich ver-richtete diesen Dienst gerne. Ich stellte eines Tages aber einmal fest, dass ich gegenüber den übrigen Mitarbeitern vom ersten Jahr an meiner Tätig-keiten im ED und jedes folgende Jahr (!) die meisten Aufträge erledigt hatte. Und das ist nicht geschwindelt. Dies konnte ich aufgrund der Ein-tragungen im Auftragsbuch, das von jedem Mitarbeiter auf dem Laufenden gehalten werden musste, eindeutig nachvollziehen. Zudem merkte ich mit der Zeit, dass mein überaus grosser Einsatz doch an meiner körperlichen Substanz zehrte. Ich war ja schliesslich keine 20 mehr! Daran änderte sich auch nichts, indem ich von meinem Vorgesetzten immer wieder hervorra-gende Qualifikationen erhalten hatte.
Vielleicht stand ich kurz vor einem Burnout, doch war dieser Begriff damals noch nicht in aller Munde. Aber ich hatte von meinen Eltern gelernt, dass man durchhält und manchmal sogar beinahe mit dem Kopf unter dem Arm zur Arbeit geht. Trotzdem. Meine zunehmenden Körpersig-nale bewegten mich schliesslich dazu, dass ich etwa im Jahre 1987 den Erkennungsdienst verliess und wieder in die EMZ zurückkehrte. Im Nach-hinein gesehen, war es nicht die dümmste Entscheidung in meinem Leben.
Meine Eltern wohnten zu dieser Zeit nach wie vor an der Erlenstrasse in Kreuzlingen, wo wir sie natürlich immer wieder einmal besuchten. Oft-mals trafen wir dann auch meine beiden Schwestern mit ihren Familien an. Auch Otti reiste mit seiner Frau Marceline und seinen beiden Söhnen hin und wieder einmal wieder aus dem Welschland an und besuchten Mama und Papa. Das konnte man dann sozusagen als Familientreffen ansehen. Selbstverständlich liessen es sich meine Eltern dann nicht nehmen, an sol-chen Tagen die Gäste wieder so zu verwöhnen, wie es früher im „Ochsen“ bei den Gästen der Fall war. Man konnte es manchmal kaum glauben, was dann meine Mutter in der kleinen Küche des Einfamilienhauses alles zu-stande brachte. Ihre köstlichen Mahlzeiten, hübsch angerichtet, servierte sie dann ebenfalls wieder auf einem riesigen, silbernen Serviertablett.

Im Jahre 1986 verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter jedoch stetig. Sie klagte über grosse Schmerzen, gegen die sie starke Medikamente einnahm. In dieser Beziehung war meine Mutter jedoch schon immer sehr widerstandsfähig gewesen. Ich erinnere mich daran, dass sie für gelegentliche zahnärztliche Eingriffe vielmals eine örtliche Betäubung nicht für nötig befand. So ist es vermutlich auch zu erklären, dass sie auf eine Spitalpflege verzichtete. Ich denke, sie wusste ganz genau, was bald einmal unvermeidlich war. So ist sie im gleichen Jahr noch, im Alter von 61 Jahren, in der Gegenwart meines Vaters in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer eines Nachts friedlich entschlafen.
Wer rastet, der rostet!

Was das Diensthundewesen betrifft, so hatte ich mit Jaco immer mal wieder schöne Erfolge zu verbuchen. Auch die Prüfungen, die jeweils im Frühling und im Herbst stattfanden, wurden immer mit Bravour gemeistert und somit auch bestanden. Was ich ebenfalls nicht missen will, war der kameradschaftliche Teil unter den Diensthunde-führern. Nach der Übung hatte man noch Zeit, gemeinsam ein Nachtessen einzunehmen. Fand dies nun in einem gemütlichen Restaurant statt oder manchmal auch an einer Feuerstelle im Wald. Man eilte nicht sofort nach Hause zurück, wie es heute in vielen Vereinen leider oft der Fall ist. So dauerte die Dienst-hundeübung gelegentlich nicht nur etwa viereinhalb, sondern manchmal auch fünf, sechs oder gar sieben Stunden.
Auch erlebten wir immer wieder lustige Situationen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass wir früher oftmals im sogenannten Hudelmoos bei Zihlschlacht die Diensthundeübungen abhielten. Dort befand sich auch eine kleine Hütte, wo wir uns aufhalten und am Feierabend die Grillstelle benützen konnten. Eines Abends, während dem geselligen Zusammensein, verabschiedete sich ein Diensthundeführer von uns. Etwa eine halbe Stunde später tauchte er aber wieder auf und wir erkundigten uns bei ihm, was der Grund seiner Rückkehr sei. Er erklärte uns daraufhin, dass er zu Hause seinen Hund aus dem Auto holen wollte. Erst da habe er bemerkt, dass er vor der Wegfahrt im Hudelmoos vergessen hatte, seinen im Wald angebundenen und wartenden Vierbeiner in das Auto zu laden! Ups…
Oder anlässlich einer Diensthundeprüfung. Dazu erschien jeweils ein offizieller Richter aus einem anderen Polizeikorps und beurteilte die Ar-beit des Hundeteams. Einmal war ein Experte als Prüfungsrichter eingela-den, der nicht mehr so gut sah. Nun, als ein Diensthundeführer das soge-nannte „Revieren nach Personen im Wald“ demonstrierte (der Hund musste zwei im Dickicht versteckte Täter mit einem ganz bestimmten Suchsystem auffinden und durch Verbellen anzeigen) hatte sein Diensthund plötzlich ein fremdes Tier in der Nase und verschwand kurz von der Bildfläche. Der Hundeführer jedoch behielt die Ruhe und rief weiterhin seine Arbeitsbe-fehle in den Wald hinein: „Kehrt!.... ja, so ist brav…. kehrt!... ja, such schön!“ Genauso, als wäre der Hund immer noch da. Kurze Zeit später tauchte er wieder auf und erledigte daraufhin seine Arbeit. Während der anschliessenden Beurteilung des Experten erkundigte sich der Hundeführer bei ihm. „Gell, er hat immer schön reviert?“ Da der Richter aufgrund seiner Sehschwäche jedoch gar nicht bemerkt hatte, dass der Hund zwi-schenzeitlich nicht mehr da war, was einen gehörigen Punktabzug in der Bewertung zur Folge gehabt hätte, bestätigte er die Frage des Hunde-führers. „Ja, eine sehr schöne Arbeit.“ Was mussten wir lachen, als wir davon erfuhren!
Anlässlich einer Diensthundeübung hoben wir sogar einmal noch im wahrsten Sinne des Wortes ab. Wir hielten uns einmal mehr auf dem Flug-platz Amlikon auf, wo wir immer sehr willkommen waren. Denn hinter dem abgelegenen kleinen Flugplatzgebäude befanden sich unzählige Wohnwagen der Mitglieder des Flugvereines. Und so waren sie jeweils froh darüber, wenn die Polizei zeitweise ihre Übungen dort absolvierte, wenn sonst niemand anwesend war.
An diesem Tag herrschte jedoch Flugbetrieb und irgendwie kam es zum Kontakt mit dem Piloten, der mit seinem kleinen Motorflieger die Segel-flugzeuge an einem langen Seil in den Himmel zog. Er lud uns alle ein, immer in Dreiergruppen, ihn bei einem Schleppflug einmal zu begleiten. Dies war ein einmaliges Erlebnis, denn nach dem Ausklinken des Segel-flugzeuges flog uns der Pilot in einer zusätzlichen weiten Schleife bis an den Untersee, über Kreuzlingen und wieder zurück nach Amlikon, wo wir sicher landeten. Und nun kommt noch der Witz der Sache. Als wir uns beim Piloten erkundigten, was er denn beruflich mache, erklärte er, dass er Rentner sei und im Altersheim lebe!
So sind mir noch viele lustige Episoden in Erinnerung. Jaco musste am 02.06.1989 von uns gehen und ich hatte damals einen wirklich treuen Ge-fährten verloren. Doch damit war meine Laufbahn im Diensthundeverein nicht beendet.

Wie ich übrigens erst viele Jahre später in Erfahrung bringen konnte, gehörte mein Onkel Oscar Hausammann, welcher früher ebenfalls bei der Kapo Thurgau angestellt war, im Jahre 1943 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Diensthundegruppe Kantonspolizei Thurgau.
Eine weitere Nebenbeschäftigung von mir, die ebenfalls mit Vierbeinern zu tun hatte, erforderte ebenfalls noch viel Zeit, Einsatz und deshalb auch Energie. Ich hatte mich als Zwischenhändler bei der damaligen Firma Far-mix beworben, ein Vertreiber von DOKO-Hundefutter. Dem Ersuchen wur-de erfreulicherweise sofort stattgegeben. Der Erlös aus dem Wiederverkauf von Hundefutter, nicht nur an die Diensthundeführer, sondern auch an pri-vate Hundehalter, floss vollumfänglich in die Vereinskasse der Dienst-hundegruppe.
Dabei hatte ich mir ein kluges System ausgedacht. Jeder zehnte 20kg-Sack Hundefutter sollte für den Kunden letztendlich gratis erhältlich sein. Ich hatte damit so viel Erfolg (Kundenzulauf), dass eben doch irgendwann einmal gewisse missbilligende Stimmen nicht nur aus dem privaten Um-feld, sondern auch innerhalb der Polizei aufkamen. Denn die Diensthunde-guppe, die durch den Futterverkauf gut verdiente, war zwar ein rechtsgül-tiger Verein nach OR, aber gleichzeitig auch ein Dienstzweig der Kantons-polizei. Insbesondere war unser damaliger Präsident des Vereins etwas in der Zwickmühle, denn er war auch gleichzeitig der Polizeikommandant.
Es blieb uns also nichts anderes übrig, als die Einkünfte des Futterver-kaufs aus dem Vereinsleben zu lösen. Ich erhielt von der Korpsleitung je-doch die Bewilligung, diese Nebenbeschäftigung weiterhin ausüben zu dürfen. Aber nur auf privater Basis und auf eigene Rechnung. Dies sollte mir auch recht sein, denn fortan flossen die Gewinne dann eben in meine eigene Tasche und dieses Nebengeschäft war recht einträglich. Ich ver-kaufte letztendlich monatlich mindestens eine Tonne an Tiernahrungs-mitteln, die ich zunächst in einem alten Gebäude in Frauenfeld kostenlos lagern konnte. Es handelte sich um eine ehemalige Werkstatt, die von der Sicherheitspolizei ebenfalls als Werkstatt und Lager benützt wurde. Und mein Lagerplatz wurde nicht benötigt.
Der einzige Nachteil war, dass ich die 20kg schweren Säcke einzeln über eine etwa vierzig Zentimeter breite und sehr steile Holztreppe unter das Dach des Gebäudes schleppen musste. Manchmal befand sich auf dem Zwischenboden derart viel Tiernahrung, dass ich beinahe befürchtete, der Boden könnte unter der Last bald einmal zusammenbrechen. Als ich an meinem Wohnort eine grössere Garage mieten konnte, gab ich den Raum in Frauenfeld auf und lagerte die Futtermittel künftig in Wellhausen.
Bereits im Herbst 1989 fuhren der damalige Diensthundeleiter und ich nach Österreich. Genauer gesagt nach Loipersbach im Burgenland, nahe des Neusiedlersees. Das Ziel war die Dobermann-Zucht Rauner, die über einen exzellenten Ruf verfügte. Obwohl damals die Deutschen Schäfer-hunde sozusagen als Allround-Hunde galten und deshalb auch zumeist als Diensthunde verwendet wurden, schwärmte ich für einen Dobermann. An-fangs Juni waren in dieser Zuchtanlage Welpen zur Welt gekommen, wovon wir erfahren hatten.
Nach einer etwa neunstündigen Autofahrt kamen wir in Loipersbach an und wurden beim Gelände des Züchters bereits von zwei riesigen und wuchtigen Dobermännern ein wenig drohend am Zaun begrüsst. Sie wur-den aber gleich darauf wieder verjagt. Und zwar nicht vom Herrchen, son-dern vom dritten Vierbeiner, der laut bellend um die Hausecke geflitzt kam. Ein kleiner, schwarzer, wadenhoher Pinscher hatte hier offenbar die Hosen an! Wie wir dann gleich darauf vom Züchter erfuhren, trug der Kleine sogar den Namen „Rambo“.
Folglich suchte ich dort meinen nächsten Diensthund aus den quirligen Welpen heraus. „Jazz“ wählte ich als Namen und wir beabsichtigten, den Hund am nächsten Tag mit in die Schweiz zu nehmen. Vorher jedoch musste durch das zuständige örtliche Veterinäramt noch bestätigt werden, dass das Tier gesund ist und dass man es in die Schweiz ausführen darf. Dabei kam es noch zu einer ulkigen Situation, denn die Sachverständige der zuständigen Behörde bemängelte aus rein tierschützerischen Ansich-ten, dass der Welpe kupierte Ohren und eine kupierte Rute hatte. Heute sind solche Eingriffe nicht mehr erlaubt.

Da ich den Hund aber als Diensthund verwenden wollte und er ja auch allein durch seine Gestalt eine präventive Wirkung gegenüber etwaigen Rechtsbrechern haben sollte, erklärte der Züchter kurzerhand und auch wortgewandt: Wenn ich einen Ferrari kaufe, so möchte ich keine VW-Türen daran haben!
Jazz entwickelte sich zu einem drahtigen und sehr aufgeweckten Vier-beiner. Es ist auch allgemein bekannt, dass sich diese Hunderasse weniger leicht unterordnen lässt, wie zum Beispiel die Schäferhunde. Auch meine kleine Rennmaschine hatte eine Vorliebe für Wild und ich musste immerzu auf der Hut sein, wenn ich mit ihm spazieren ging und ihn dabei frei lau-fen liess. Ich musste sozusagen vorausdenken, was wohl hinter der nächs-ten Abbiegung oder an der nächsten Wald- oder Maisfeldecke zum Vor-schein kommen könnte. Er hat mich denn auch nicht wenige Male viele Nerven gekostet.
Einmal entwischte er mir doch wieder, während ich mit ihm entlang der Thur eine Fahrradtour unternahm. Er hatte plötzlich einen Fuchs gewittert, den ich leider zu spät bemerkte. Und weg war er. Daraufhin suchte ich ihn intensiv und fand ihn dann längere Zeit später total verwickelt in einem Weidezaun für Schafe, wo er bei seiner Hetzjagd hineingeraten war. Hätte ich ihn nicht rechtzeitig gefunden, wäre er dort möglicherweise irgend-wann verendet. Er war halt einfach ein Schlitzohr!
Zwischenzeitlich wurde ich im Jahre 1987 noch zum Aktuar des DHG-Vereins ernannt. Diese Aufgabe führte ich überaus gerne aus, da ich mit der Schreiberei ja ohnehin keine Mühe hatte. Die Sitzungen oder Ver-sammlungen nahm ich sogar immer auf mein Kassetten-Tonbandgerät auf und schrieb anschliessend das Protokoll beinahe wortwörtlich. In der Re-gel war zum Beispiel die Niederschrift einer Generalversammlung inner-halb einer Woche bereits fertig und an die Mitglieder versandt. Ich war nach wie vor sehr am Vereinsleben interessiert und der Weiterbestand des Dienstzweiges lag mir sehr am Herzen. So war es denn auch mir zu ver-danken, dass die Diensthundegruppe ein offizielles Signet erhielt, das ich noch während meiner Dienstzeit im Erkennungsdienst entworfen hatte. Als Hundesujet dienten mir die Konturen meines ersten Diensthundes Jaco.

Ausserdem durchforstete ich, wenn ich Zeit dazu hatte, die vielen Ver-einsakten der DHG. Mit sehr grossem Interesse las ich damals die Jubi-läumsausgabe des Vereins zu seinem 25-jährigen Bestehen. Und so reifte in mir der Entschluss, eine erweiterte Chronik erstellen zu wollen. Nach sehr vielen mühseligen Stunden des Studiums gelang es mir dann schliess-lich, die Vereinsgeschichte vom Zeitpunkt der Vereinsgründung im Jahre 1943 bis zur Auflösung des Vereins im Jahre 2006 zu erstellen. Denn im letztgenannten Jahr wurde der Verein zu Jahresende aufgelöst und die Hundeteams in die Sondergruppe „Diensthunde“ bei der Kantonspolizei Thurgau überführt.
Ein sehr umfassendes Nachschlagewerk, das nicht nur die Annalen be-inhaltet, sondern sehr viele Auflistungen. Zum Beispiel über sämtliche Diensthundeführer mit ihren Hunden oder auch sämtliche Prüfungsergeb-nisse des SPV und der OPGP.

Das Aktuaramt führte ich bis 1994 aus, weil ich dann zum Vize-Präsi-denten des Vereins und auch gleichzeitig durch das Polizeikommando zum Technischen Leiter der Diensthundegruppe gewählt wurde. Die letztge-nannte Funktion war mit sehr viel zusätzlicher Arbeit verbunden. Es gab nicht nur sehr viel Büroarbeit zu erledigen, sondern auch viele Vorberei-tungsarbeiten für die Diensthundeübungen und –Prüfungen. Danebst er-füllte ich ja auch immer noch meine dienstlichen Pflichten im Schichtbe-trieb der Notrufzentrale. Es erleichterte meine Pflichten für die Dienst-hundegruppe jedoch sehr, weil ich zwischenzeitlich in der KNZ (wie die EZ umbenannt wurde) auch noch zum Dienstchef-Stellvertreter ernannt worden bin.
Dadurch verringerten sich die Schichteinsätze ein wenig und ich hatte doch etwas mehr Zeit, mich den erforderlichen Büroarbeiten und den Vor-bereitungen für die Übungen, nicht nur für die Schutz- und Fährtenhunde, sondern auch für die Drogenspürhunde widmen zu können. Ausserdem mussten jeweils im Frühling und Herbst die Diensthundeprüfungen geplant werden. Mein damaliger Vorgesetzter in der KNZ war sowieso mein Vor-gänger als Technischer Leiter der DHG gewesen und somit brachte er viel Verständnis auf. Auch, wenn ich mehrmals im Jahr als Experte zu ausser-kantonalen Diensthundeprüfungen gerufen wurde und somit für den or-dentlichen Dienst nicht eingeteilt werden konnte.
Die Prüfung als Richter zu den Ostschweizerischen Polizei- und Grenz-wachthundeprüfungen (OPGP) legte ich 1990 ab. Und das Fähigkeitszeug-nis als Richter im Schweizerischen Polizeihundeführerverband (SPV) er-langte ich im Jahre 1994.
Jazz jedoch zeigte zunehmend Schwierigkeiten, die geforderten Beiss-arbeiten bei den Übungen zu erfüllen. Dies resultierte aus einer wachsen-den Krankheit, die Spondylose genannt wird. Eine degenerative Erkran-kung des Skeletts, gegen das es keine Heilmittel gab. Ich entschloss mich deshalb, die Ausbildung des Hundes als Schutz- und Fährtenhund abzu-brechen (gerade die Beissarbeiten, Stossen – Ziehen – Schleudern, am Schutzärmel waren nämlich Gift für seinen Körper) und mit ihm in das ebenfalls anspruchsvolle Fach der Drogensuche zu wechseln. In diesem Bereich lebte der Hund richtig auf und er war bei der Suche nach Betäu-bungsmitteln ziemlich schnell äusserst zuverlässig. Die Krankheit liess sich aber nicht aufhalten und schritt rasch voran, weshalb ich auch ihn schweren Herzens am 27.10.1997 einschläfern lassen musste.

Dass insbesondere Dobermänner immer schon als sogenannte Kampfhun-de, böse, aggressiv und beissfreudig verschrien werden, kann bei Jazz in keiner Weise bestätigt werden. Er suchte die Nähe des Menschen und ver-hielt sich in dieser Beziehung immerzu loyal, wie vielleicht die vorange-gangene Aufnahme zeigt.
Was das Familienleben betrifft, lief so weit alles normal. Nach unserer Rückkehr von Sulgen bewohnten wir ja eine Wohnung in Wellhausen. Pa-trick und Sabrina wuchsen in einem geordneten Haushalt auf, denn ihre Mutter war beruflich nicht tätig und konnte sich ausgiebig den Kindern und dem Haushalt widmen.
Der Kindergarten und die Schule befanden sich glücklicherweise direkt unserer Wohnung gegenüber und so hatten unsere beiden Kinder keinen langen oder gefährlichen Schulweg. Auch die Strasse, an der wir wohnten, war kaum befahren. Sie führte direkt am grossen Sportplatz vorbei und vielmals hielten sich Patrick und Sabrina mit ihren Schulkameraden auch dort zum Spielen auf. Wir hatten immer alles gut im Blick.
Viele Male besuchten uns auch Heidemaries Eltern in der Schweiz. Genauso, wie wir zumeist unsere Sommerferien und Weihnachten bei ihnen in Saarbrücken verbrachten.

In Jägersfreude, dem direkten Vorort der Stadt Saarbrücken, fühlte ich mich immer sehr wohl. Für meine Hunde Jaco und nachher auch Jazz, hatte mein Schwiegervater sogar extra einen Platz im Garten zur Verfü-gung, wo ein Zwinger aufgestellt werden konnte. Indem ich einerseits in der Zwischenzeit auch dem dortigen Dialekt mächtig war und andererseits die Leute dort zumeist sehr zugänglich und freundlich waren, wurde mir die Zufriedenheit leicht gemacht. Es ist eindeutig ein anderer Schlag von Menschen als in der Schweiz. Man redet sich schnell einmal mit Vornamen an und man wird gleich schnell auf ein Bier oder einen „Klaren“ im Vor-garten eingeladen. Zumindest in Jägersfreude gehen alle Leute freundlich und zuvorkommend miteinander um.
Aus dieser Zeit resultiert auch meine Liebe zum Grillieren. Aber eine ganz spezielle Vorgehensweise. Im Saarland ist der sogenannte „Schwenk-grill“ sehr beliebt und deshalb auch verbreitet. So steht praktisch in jedem Hinterhof ein solches Gerät. Es ist ein Dreibeingestell mit einem Grillrost an einer Kette, der sich über der Feuerstelle hin und her schwenken lässt. Als Brennmaterial wird ausschliesslich Holz verwendet. Ein Grillverfah-ren, wie man es auch von den Lagerfeuern bei den Pfadfindern kennt, wo-bei meistens ein grosser Topf über dem Feuer hängt. Auch ich hatte mir schon früh ein solches Gerät angeschafft und ich grilliere meine Fleisch- und Wurstwaren noch lange Zeit nur auf diese Art und Weise. Die Vorteile bestehen einerseits darin, dass ich, wie auch beim Gas- oder Elektrogrill, spätestens nach fünf Minuten mit dem Grillieren beginnen kann. Anderer-seits entsteht kaum „stinkender Rauch“, wenn etwaiges Fett heruntertropft. Dieses verbrennt unverzüglich. Auch kann der Rost, der an einer Kette hängt, in den unterschiedlichsten Höhen eingestellt werden. Und zuletzt schmeckt die Grillade, über einem offenen Feuer, das heisst über der Flamme gebraten, auch noch besser. Einige Jahre nach der Wohnsitznahme in Kreuzlingen, habe ich mir dann aber doch einen Gasgrill angeschafft. Somit musste ich mich nicht mehr um das Besorgen von Holz und dessen Scheiteln zu handlichen Stücken kümmern.
Im Jahre 1986 hatten wir dann die Möglichkeit, in Felben mehr oder weniger günstig Land für den Bau eines Einfamilienhauses zu erwerben. Die Finanzierung des Bauprojekts konnte mit dem Sparguthaben der BVK sichergestellt werden. Von da an ging alles sehr schnell. Bereits im Sep-tember des gleichen Jahres stand der Rohbau und der Einzug in unser 4½-Zimmerhaus mit angebauter Garage sollte schliesslich im folgenden Früh-jahr möglich sein.

Die Liegenschaft befand sich zwar direkt an der Bahnlinie Frauenfeld-Weinfelden, war aber durch eine Erdaufschüttung (Erdwall) ein wenig vor Lärm geschützt. Es dauerte auch nicht lange und man hatte sich an die Schnellzüge gewöhnt, die nebenan vorbeiratterten. Manchmal konnte ich gar nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in der vergangenen Stunde ein Zug vorbeigefahren war, hielt ich mich zu diesem Zeitpunkt im Garten auf. Die Güterzüge verursachten dabei schon mehr Lärm, aber auch diese wurden mit den Verbesserungen der Fahrgestelle immer leiser. Auch für die Kinder war die Lage ideal und sie hatten weiterhin einen sicheren Schulweg. In nur etwa fünf Gehminuten konnten sie in der Schule Wellhausen sein, wo-bei sie eine kleine Bahnunterführung benutzen konnten.
In der Zwischenzeit hatte ich mich auch einmal noch als Wiederver-käufer von Putzmitteln (!) versucht. Ja, Sie hören, beziehungsweise lesen richtig. Ich trat eines Tages der Vertriebsorganisation Amway bei, die wie ein Schneeballsystem funktionierte. Übrigens eine absolut legale Sache. Die Organisation, mit Abstammung aus Amerika, vertrieb tatsächlich sehr gute Reinigungsmittel und man konnte in der Hierarchie der Verkaufsleute hochsteigen, je mehr man verkaufte. Logischerweise verdiente man dann auch mehr. Leider war meine Frau überhaupt nicht dafür zu begeistern. Sie, die ja eigentlich nur (sorry, wenn ich den Ausdruck nur verwende) den Haushalt erledigte und die Kinder wie auch hin und wieder den Diensthund beaufsichtigte.
Kundenbesuche, nebst meinen anspruchsvollen beruflichen Tätigkeiten und dem Vertrieb von Hundefutter (und noch vielen Gartenarbeiten) musste ich ausnahmslos selbst bewerkstelligen. Dabei wäre doch gerade eine solche Tätigkeit für sie eine grosse Abwechslung gewesen. Ich ver-suchte ihr auch mehrmals den damals aufkommenden Computer schmack-haft zu machen. Aber auch daran zeigte sie überhaupt kein Interesse. Auf-grund der Erkenntnis, dass meine alleinigen Bemühungen für ein lukra-tives Erklimmen gewisser Stufen bei Amway je länger je mehr anspruchs-voller wurden, gab ich diese Nebenbeschäftigung wieder auf.
Dennoch war ich nach wie vor voller Tatendrang, nebst meinem Beruf vielleicht doch etwas Eigenes auf die Beine stellen zu können. Nicht zu-letzt aus dem Grund, den ich meiner Frau ebenfalls immer wieder zu ver-mitteln versuchte. Sollte mit mir einmal etwas geschehen (was ja hin und wieder plötzlich eintreten kann), so würde sie nebst einer allfälligen Rente noch über ein weiteres Standbein verfügen. Ein eigenes Standbein.
Ich eröffnete nebst meiner sonstigen beruflichen Tätigkeit an der Zür-cherstrasse in Frauenfeld ein Ladenlokal für Tiernahrung und Zubehör. Eigentlich an einer sehr guten Lage mit viel Personenverkehr. Dies war aber nicht allein mit einem Fingerschnippen zu bewerkstelligen. Das La-dengeschäft gehörte einer älteren Frau, die dort vormals noch Schneider-arbeiten erledigte und im oberen Geschoss wohnte. Woher ich die Frau kannte? Ja, das ist nochmals eine kleine Geschichte, die ich nun einflech-ten muss. Ich hoffe, lieber Leser und liebe Leserin, Sie verlieren nicht den Überblick?
An meinem Wohnort in Wellhausen ergab sich eine Freundschaft mit dem Verwalter unseres Wohnhauses und mit seiner Familie. Er hatte die Verwaltungsaufgaben seines Vaters übernommen, der uns ja die Wohnung in Wellhausen vermietete. Die Freundschaft dauert bis heute an. Peter, in Kurzform Pete genannt und ich, schmiedeten, insbesondere bei unseren gemeinsamen Grillabenden, ebenfalls Pläne für ein eigenes Geschäft. So kamen wir auf die Idee, exklusive Geschenkartikel zu importieren und in der Schweiz anzubieten und zu verkaufen. Wir gründeten sogar die Firma United Trading, die offiziell registriert worden war. Daraufhin importier-ten wir unter anderem sehr schöne und exklusive Glaswaren aus dem Aus-land. Aber in erster Linie sahen wir ein lukratives Geschäft im Angebot von handgearbeiteten Schiffsmodellen. Und zwar nicht billig verarbeitet aus China oder Taiwan, sondern aus Mauritius. Dieses Land ist berühmt für die besonders schönen und qualitativ hochstehenden Modellbauten, da dort alles in Handarbeit angefertigt werden.

Zufällig erfuhren wir eines Tages davon, dass das erwähnte Ladenge-schäft in Frauenfeld zur Miete stand.
Wir konnten einen äusserst günstigen Mietvertrag aushandeln. Nun war es aber so, dass das Ladengeschäft auch betreut werden musste. Pete und ich wechselten uns gegenseitig ab (wohlgemerkt: beide waren berufstätig) und betreuten das Geschäft deshalb nur zu besonderen Tageszeiten.
Erhielten wir wieder neue Schiffsmodelle, so fertigte uns der Haus-meister im Regierungsgebäude jeweils kostengünstig eine Vitrine mit Holzrahmen und Plexiglas an. Denn im Kellergeschoss standen ihm für seine Arbeiten auch diverse Geräte für die Holzverarbeitung zur Verfü-gung.
Unsere Hoffnungen wurden aber bald einmal zerschlagen. Auch mit vielen anderen Geschäftsideen, zum Beispiel Teilnahme an Ausstellungen oder Vermietung der Modelle zu Ausstellungszwecken in Reisebüros oder Restaurants und so weiter, war unser Traum dem Verderben ausgeliefert. Das Ladenlokal musste wieder aufgegeben werden und auch die sonstigen Bemühungen für den Verkauf der diversen, schönen Schiffsmodelle und weiteren Geschenkartikeln verliefen langsam im Sand. Auch heute noch befinden sich einige Vitrinen mit Schiffsmodellen bei meinem Freund Pete in Obhut.
So, nun komme ich wieder auf mein eigenes Projekt zurück. Die Ver-mieterin war zwar ebenfalls enttäuscht gewesen, dass unser Geschäft nicht florierte und wir das Ladenlokal aufgeben mussten. Dennoch konnte ich anschliessend den Raum zu den gleichen Bedingungen mieten, wie sie mit United Trading vereinbart worden waren. Danach musste der grosse Ver-kaufsraum jedoch, der auch ein grosses Schaufenster aufwies, zuerst ein wenig hergerichtet werden. Unter anderem benötigten die Wände einen frischen Anstrich, was ich wiederum alleine in der Freizeit bewerkstell-igte. Nebenbei kümmerte ich mich auch noch darum, die für ein Verkauf-slokal nötigen Artikel zu besorgen. Wohlgemerkt: Tiernahrung für Hunde UND Katzen, inklusive Zubehör.
Wenn Sie sich heute in einen Qualipet, Fressnapf oder ähnlichen Ver-kaufsladen begeben und sich umsehen, dann begreifen Sie vermutlich, welch grosses Angebot der Kundschaft zur Verfügung stehen müsste. Bei mir sollte es wenigstens ein Mindestangebot sein.
Ich trat damals mit der Firma MEIKO in Verbindung. Ein schweizweit anerkannter Händler von Hundezubehör und sonstigem Haustierbedarf. Insbesondere war er damals in der Kynologie und Sporthundewelt ein Be-griff. Heute existieren mehrere MEIKO-Filialen in der Schweiz. Ich sprach damals mit dem Inhaber persönlich und als er mein Vorhaben erkannte, an-erbot er mir sogar, wonach ich in seinem Firmennamen in Frauenfeld eine Filiale eröffnen könnte. Dies war zwar verlockend, kam aber für mich nicht in Frage, da ich meinen eigentlichen Beruf ja nicht aufgeben wollte. Ausserdem war es ja auch mein Ziel, auf eigenen Füssen stehen zu können und nicht von jemandem abhängig sein zu müssen. Dennoch erhielt ich schliesslich sehr viel Material von der Firma MEIKO, das ich in Kommis-sion anbieten und verkaufen konnte. Des Weiteren reiste ich sonst noch in der halben Schweiz umher und besuchte diverse Zulieferer von Tiernah-runsmitteln. Zürich, Luzern, Welschland, und so weiter. Ich stiess überall und immer auf offene und vor allem verständnisvolle Ohren. Am Ende konnte ich meinen Laden mit sehr vielen Artikeln füllen, für die ich ei-gentlich keinen Rappen an Vorschuss leisten musste.
Tja, und dann musste das Ladengeschäft ja auch regelmässig geöffnet sein. Während ich in meiner Freizeit den Laden hütete (oftmals war ich nach dem ordentlichen Nachtdienst in der Notrufzentrale bereits um 8 Uhr im Laden – aber man war ja auch noch jünger!), konnte ich auch meine Frau dazu überreden, im Laden hin und wieder anwesend zu sein. Und siehe da, dies machte ihr doch noch ein wenig Spass. Nicht überschwäng-lich, aber dennoch. Trotzdem war diese Lösung auf längere Sicht nicht tragbar. Das Ladengeschäft warf eines Tages genug ab, dass ich nach einer Aushilfe Ausschau hielt. Diese fand sich dann gleich einmal in einer freundlichen, alleinstehenden Frau, die zwar gehbehindert, jedoch sehr froh um einen Nebenverdienst war.
Es gab gute Verkaufstage und natürlich auch schlechte. Dann kam auch noch dazu, dass gewisse Nahrungsmittel einer regelmässigen Kontrolle be-züglich des Verfalldatums benötigten. Diese Abklärungen hingen dann wieder bei mir. Irgendwann musste selbst ich, dessen Leitmotiv auch heute noch ist: Geht nicht, gibt’s nicht, eingestehen, dass das Ladengeschäft nicht länger aufrechterhalten werden kann. Ich weiss nicht mehr genau, nach wie vielen Jahren ich den Laden aufgebeben habe. Aber es waren schon einige.
Bald einmal schon war es so weit, dass unser Sohn Patrick ebenfalls Überlegungen dahingehend machen musste, welchen Berufsweg er ein-schlagen wollte. Er konnte schliesslich in einem Elektrogeschäft in Pfyn die Lehre als Elektromonteur beginnen. Sabrina folgte mit der Berufswahl etwa drei Jahre später und sie hatte sich für eine kaufmännische Lehre entschieden.
Bald einmal stellte sich aber heraus, dass eine Elektrikerlehre für mei-nen Sohn nicht das Richtige war. Auch das sonstige Lehrverhältnis war nicht befriedigend und bedrückte ihn sehr. So brach er die Lehre in gegen-seitigem Einverständnis ab und begann dann in einem Betrieb in Mettlen eine neue Ausbildung zum Lageristen.
Während es sich bei Pädi, wie wir ihn seit seiner Kindheit nennen, um einen mehr oder weniger führungsleichten Burschen handelte, entwickelte sich Sabrina eher zu einer kleinen Revolluzerin. Aber ich denke, dass es in jeder Familie mit Kindern immer mal wieder zu irgendwelchen Komplika-tionen kommt, auch wenn nach aussen hin alles schöngeredet wird.
In den 90er-Jahren lebte mein Vater, zusammen mit meiner Schwester Evi (sie war inzwischen von ihrem Mann geschieden), in einem Haus in Oberhofen bei Lengwil. Meine Mutter war bereits im Jahre 1986 verstor-ben.
So besuchte ich meinen Vater in der Regel jeden freien Sonntagmorgen, wobei ich auch meine Kinder nach Möglichkeit immer mitnahm. Er war gesundheitlich schon längere Zeit angeschlagen und bedurfte je länger je mehr einer Aufsicht und Pflege. Im Jahre 1999 musste er schliesslich ho-spitalisiert werden. Meine Schwestern und ich haben ihn auch dort regel-mässig besucht und waren auch viele Nächte bei ihm. Besonders zu dem Zeitpunkt, als er die Umgebung nicht mehr wahrnahm und sozusagen in ein Koma gefallen war. Eines Nachts schlief er dann aber im 71. Lebens-jahr friedlich ein.

Meiner Schwester Sigi wurde ebenfalls Opfer eines schicksalshaften Schlages. Noch kein Jahr nach dem Tod unseres Vaters erkrankte sie so schwer, dass sie ebenfalls in das Krankenhaus eingeliefert werden musste.
So oft es ging, war ihr Mann an ihrem Krankenbett. Es ist in Italien, woher mein Schwager stammt, Tradition, dass schwerkranke Leute im Krankenhaus dauernd von Leuten der eigenen Sippe begleitet und beauf-sichtigt werden. Also reisten sogar Verwandte meines Schwagers extra aus Italien an, um Sigi Tag und Nacht nahe zu sein.

Auch ich hielt mich in diversen Nächten bei ihr auf, obwohl sie eines Tages die Anwesenheit gar nicht mehr wahrgenommen hat. Eines Nachts war ich ebenfalls alleine bei ihr, als ich plötzlich spürte, dass ihre Hände kalt und farblos wurden. Ich konnte auch keine Atmung mehr wahrneh-men. Ich rief deshalb sofort die Nachtschwester, die dann den Tod meiner Schwester feststellte. Meine liebe Schwester war neben mir im 50. Alters-jahr ebenfalls friedlich eingeschlafen.
Bis dass der Tod euch scheidet!

Im Laufe dieser schicksalshaften Jahre bemerkte ich dann auch, dass meine Ehe nicht mehr meinen Vorstellungen entsprach. Ich merkte, dass meine Frau sich an das Nichtstun gewöhnt hatte, je älter die Kinder wur-den und ihnen deshalb auch nicht mehr so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden musste. Was die Pflege rund um unser Haus betraf, war ich es, der sich regelmässig darum kümmerte. Auch reklamierte sie hin und wieder, als ich sie aus beruflichen Gründen darum bat, sich um den Diensthund zu kümmern. Das heisst, zum Beispiel die nötigen Spaziergänge mit ihm zu machen, wenn ich an der Arbeit war. Der Spruch meiner Frau, wonach alles immer nur bei ihr liege, liess mich nur unverständlich den Kopf schütteln. Denn gerade ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund sind doch eigentlich gesund. Hinzu kam noch, dass sie sich je länger je mehr den lieben langen Tag lang in der Nähe eines Rotweinglases sehr wohl fühlte.
Dann ereignete sich eines Tages etwas Besonderes, was mich ausser-ordentlich wütend machte und letztendlich ausschlaggebend dafür war, dass ich mir über meine weitere Zukunft eingehende Gedanken machte. Ich war eines Morgens an meiner Arbeitsstelle mit Büroarbeiten beschäf-tigt, als ich gegen 9 Uhr einen Telefonanruf meiner Frau erhielt. Sie er-klärte mir, dass es Sabrina in der Schule (Frauenfeld) übel geworden sei und man sie holen müsse. Sie selbst liege noch im Bett! Damit war das Fass übergelaufen. Ich holte meine Tochter natürlich in der Schule ab und brachte sie nach Hause. Aber von diesem Moment an zeichnete sich das Ende unserer Ehe ab.
Im Jahre 2000 erfolgte schliesslich die Trennung, indem ich die Familie verliess. Pädi war schon alt genug und machte seinen Weg. Er nahm meine Entscheidung auch relativ gelassen zur Kenntnis und konnte mit der plötz-lich veränderten Situation meiner Ansicht nach gut umgehen. Bei Sabrina war es ein wenig schwieriger. Sie erschrak sichtlich, als ich ihr meine Ab-sicht der Trennung und das damit verbundene Verlassen des Hauses eben-falls in einem persönlichen Gespräch mitteilte. Sie blieb dann weiterhin bei ihrer Mutter. Aber mit der Zeit musste ich feststellen, dass der Mann, beziehungsweise der Vater und damit eine Führung zu Hause fehlten. Im-mer mal wieder ergaben sich während der Trennung gewisse Situationen, in denen ich bezüglich der Aufsichtspflichten meiner Frau gegenüber mei-ner Tochter einschreiten musste. Heidemarie hielt die kleine Revolutio-närin ganz einfach an einer zu langen Leine, was mitunter negativ heraus-kam. Weiter will ich dazu keine Stellung nehmen.
Bereits früher entwickelte sich zwischen meiner Familie und einer alleinstehenden, geschiedenen Frau eine intensive Freundschaft. Sie hiess Liliane Weber und arbeitete damals im Feuerschutzamt in Frauenfeld. Ich hatte mit ihr, aufgrund meiner Tätigkeit in der Notrufzentrale, wo sich auch die Alarmstelle für die Feuerwehr befindet, immer mal wieder tele-fonischen Kontakt. Mit der Zeit ergaben sich gegenseitige Einladungen und sie war deshalb auch oftmals bei uns zu Hause. Wir machten Karten- oder andere Spiele oder sassen zum Grillieren im Garten zusammen. Auch unternahmen wir hin und wieder alle zusammen kleinere Ausflüge zum Beispiel nach Konstanz. Meine Frau, wie auch die Kinder, kamen sehr gut mit ihr aus und wir lachten viel miteinander.
Sie war es dann auch, die mich nach meiner Trennung von meiner Frau in ihrem Haushalt, gedacht war vorübergehend, aufnahm. Lilly, wie sie in Freundeskreisen genannt wird, ist elf Jahre älter als ich. Eigentlich war nicht damit zu rechnen, doch entwickelte sich während unseres Zusam-menlebens mehr und mehr gegenseitige Zuneigung. Im Verlaufe meiner Trennungszeit musste meine Frau das Haus in Felben verlassen und sich eine Wohnung in Frauenfeld suchen. Danach zog ich wieder in das Haus ein. Lilly begleitete mich. Die Scheidung erfolgte kurze Zeit später, im Herbst 2004. Bereits etwa ein halbes Jahr danach verheiratete ich mich mit Lilly.
Ich verzichte an dieser Stelle darauf, ein Bild von ihr hier zu zeigen. Denn aufgrund ihrer Charaktereigenschaften wäre es durchaus möglich, dass sie mich wegen Persönlichkeitsrechten zur Verantwortung ziehen würde.
Zunächst war alles im grünen Bereich. Doch bald einmal zeigte sie ihr wahres Gesicht. Mehr und mehr verhielt sie sich gebieterisch und wollte wohl in jeder Beziehung die Hosen anhaben. Ich denke heute, dass es ihr damals letztendlich nur darum ging, dass sie wieder verheiratet sein konnte. Denn, dass sie dieses Ziel niemals mehr in ihrem Leben erreichen würde, so erklärte sie mir einmal, war ihr seitens ihres Ex-Freundes nach ihrer Trennung von ihm mit den Worten: Dich pisst kein Hund mehr an, an ihren Kopf geworfen worden. Jetzt aber hatte sie ihr Ziel doch wieder er-reicht und war sogar mit einer vermeintlich guten Partie in der Person ei-nes Kantonspolizisten in gehobener Position verheiratet.
Möglicherweise zeugt auch noch etwas anderes davon, dass sie auch nach der Scheidung noch von einem gewissen Status profitieren will. Ins-besondere vielleicht, wenn sie es mit der Polizei oder sonstigen Behörden zu tun hat und sich auf ihren Ex beruft. Nach meiner ersten Scheidung war es Lilly, die sich immer wieder darüber mokierte, dass Heidemarie meinen Namen weiterhin trug. Nun ist sie es selbst, welche den Namen Merz nicht ablegt.
Im Verlaufe der jungen Ehe trat ein weiteres Ereignis in mein Leben, das meine Zukunft einmal mehr regelrecht über den Haufen warf. Anläss-lich eines Jahresjubiläums meiner ehemaligen Polizeischulkollegen mach-ten wir einen dreitätigen Ausflug ins Berner Oberland. Ich war nachher zu Hause kaum zur Türe hereingekommen, unterstellte sie mir, dass ich gar nicht an diesem Ausflug teilgenommen, sondern mich mit anderen Frauen vergnügt hätte. Es kam zu einem riesigen Streit, der nicht mehr geschlich-tet werden konnte. Vor allem deshalb nicht, weil im Vorfeld bereits an-deres Geschirr, wenn auch nur kleines, aber dennoch bedeutendes, zu Bruch gegangen war.
Aber dieses Mal war die Spitze des Eisbergs erreicht und von diesem Zeitpunkt an brach die Hölle los. Die Frau war in ihrer Art und Weise nicht mehr wiederzuerkennen. Sie verfügte auch über ein Vokabular, bei dem ich nicht mithalten konnte. Als ich mir einmal erlaubte, ihren Wutaus-bruch heimlich auf Tonband aufzunehmen, rastete sie vollends aus, als sie es bemerkte. Sie attackierte mich grob und riss sogar an meinen Haaren. Ja, was hatte ich denn da für eine Teufelin geheiratet?
Was folgte, war einmal mehr die Trennung. Kein Jahr, nachdem wir ge-heiratet hatten. Und nur zwei Wochen danach bemerkte ich zufällig, dass sie sich bereits wieder auf einer Partnerschaftsplattform im Internet bewe-gte!
Ich könnte ein weiteres Buch füllen, wenn ich alle widrigen Umstände und Ereignisse aufschreiben würde, die ich insbesondere während der Trennungszeit mit dieser boshaften und verlogenen Frau erlebt hatte. Ich will auch gar nicht nur dreckige Wäsche waschen. Dennoch werden in dieser Schrift noch ein oder zwei Episoden geschildert, welche die Hin-terhältigkeit dieser Frau ausdrücken. Diese weiteren Erlebnisse sind er-schreckende Erfahrungen und deshalb ein wichtiger Teil meines Lebens. Und schliesslich schreibe ich hier ja meine wahre Lebensgeschichte.
Ein unglaublicher Zankapfel bildete während unserer Trennung mein dritter Diensthund. Da ich nach dem Tod von Jazz keinen Vierbeiner mehr anschaffen wollte, hatte ich meine Tätigkeiten im Verein „Diensthunde-gruppe Kantonspolizei Thurgau“ als Vizepräsident und Technischer Leiter im März 1998 niedergelegt. Auch als Prüfungsexperte des SPV und der OPGP, stand ich nicht mehr zur Verfügung. Denn ich vertrat damals, wie übrigens auch heute noch die Meinung, dass jemand das Amt des Techni-schen Leiters eines Hundevereins nur dann richtig und mit dem nötigen Gefühl und Verständnis ausführen kann, wenn er selbst tagein, tagaus mit einem Vierbeiner zu tun hat. Das Gleiche gilt für mich auch bei der Beur-teilung von Prüfungshunden.
Lilly hatte mich aber dazu überredet, wieder einen Diensthund anzus-chaffen. Ich hätte mir sehr viel Ärger und insbesondere unerhörten psy-chischen Druck ersparen können, wenn ich damals darauf verzichtet hätte. Hingegen überlagern die unglaublich schönen Momente mit „Bolero“, einem deutschen Schäferhund aus dem Zwinger „Pöschwies“ in Güttingen, inzwischen die vielen negativen Erlebnisse in Bezug auf meine zweite Frau. Bolero war ein aussergewöhnlicher Hund. Er hatte einen absolut guten Charakter und sein Wesen war in keiner Weise gestört.
Nachdem ich wieder in die Diensthundegruppe aufgenommen worden war, wollte ich ihn zum Schutz- und Fährtenhund ausbilden. Aber gerade sein vorbildliches, liebevolles Wesen liess erkennen, dass er sehr gutmütig war und deshalb die Ausbildung zum Schutzhund eine Qual für ihn gewe-sen wäre. Er zeigte für die Schutzdienstarbeiten zu wenig Trieb. Hingegen war er sehr spielerisch veranlagt, was sich wiederum bei der Ausbildung von Drogenspürhunden positiv auswirkt. Also wechselte ich einmal mehr die Ausbildungsmethode. Wie sich in all den Jahren der Diensthundeaus-bildung herausstellte, entwickelte sich Bolero zu einem ausgezeichneten und zuverlässigen Drogenspürhund. Jede einzelne Prüfung, die jährlich als Einsatztest zu absolvieren war, konnte mit Bravour gemeistert werden.
Ich konnte mit ihm auch einige sehr schöne berufliche Erfolge verbu-chen, musste ich mit ihm an irgendwelche Haus- oder Fahrzeugdurchsu-chungen ausrücken. Auch was die Zuverlässigkeit beim mehrmaligen täglichen Spaziergang anging, war er einmalig. Auch wenn er einmal Wild im Wald bemerkte, dafür Interesse zeigte und sich möglicherweise hinter-her machen wollte, so konnte er ausnahmslos zurückgerufen werden. Ich hatte mit ihm überhaupt keine Probleme und er bereitete mir sehr viel Freude.
In der ersten Zeit unseres „Rosenkriegs“ verbrachte ich die Nächte im Hobbyraum meines Hauses auf einer Liegematte. Ich schloss dabei sogar jeweils die Türe ab, denn ich war mir niemals sicher, ob mir die Frau mit ihrem höllischen Temperament nicht einmal noch den Kopf einschlagen würde, während ich schlief. Sie hatte sich sogar einmal meine Dienstwaffe angeeignet, was ich erst bemerkte, als ich in der Dienstkleidung an eine Hundeübung fahren wollte und das Fehlen in meinem Schrank bemerkte.
Es wurde mir bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte und ich mein Haus einmal mehr verlassen musste. Also suchte ich nach einer kostengünstigen Lösung. Es war mir dann bald einmal möglich, ein Zim-mer in den Personalunterkünften im Spital Frauenfeld zu mieten. Ein klei-ner Raum, möbliert und zumindest mit einem Waschbecken. Zum Duschen oder für den Toilettengang musste man die sanitären Gemeinschaftsanla-gen benützen, die sich aber in unmittelbarer Nähe zum Zimmer befanden. Auch die Gemeinschaftsküche befand sich auf der gleichen Etage, wo man sich eine warme Mahlzeit zubereiten konnte. Dabei lernte ich übrigens noch einige sehr nette und aufgestellte junge Leute aus dem Spitalbetrieb kennen und man konnte interessante Gespräche führen.
Eines Tages erblickte ich von meinem Fenster aus sogar meine Noch-Frau, als sie mit einer ihrer Freundinnen am Personalhaus vorbeispazierte. Direkt an meinem abgestellten Auto vorbei, das sie aber offenbar nicht be-merkte. Eine Freundin, deren Mann bei der Einwohnerkontrolle der Stadt Frauenfeld arbeitete und den sie sogar, worüber ich ebenfalls Kenntnis er-halten hatte, dazu anstiften wollte, die Adresse meines Aufenthaltsortes herauszufinden. Wohlweislich hatte ich nach meinem Auszug aus dem Haus noch ein Postfach in Frauenfeld zugelegt, was sich somit gelohnt hatte.
Wenig später bezog ich dann im Talbach-Quartier in Frauenfeld eine günstige Zweizimmerwohnung, wohin ich jedoch Bolero ebenfalls nicht mitnehmen konnte. So blieb der Hund weiterhin in Felben und ich holte ihn dort jeweils für regelmässige Spaziergänge oder dienstliche Einsätze ab. Man kann sich vorstellen, dass sich die Übergaben von Bolero jeweils selten bis gar nie freundlich gestalteten und ich gewisse hässliche Tiraden im Zürcher Dialekt über mich ergehen lassen musste.
Wieder einige Monate später musste ich diese Wohnung jedoch aufge-ben. Die Gründe dafür sind mir in meinem Hinterstübchen nicht mehr präsent. Möglicherweise waren es die finanziellen Verhältnisse, da ich ja Heidemarie weiterhin unterstützen musste. Es ergab sich dann aber der Zufall, dass ich mit dem damaligen kantonalen Liegenschaftenverwalter Kontakt hatte. Ich erklärte ihm meine Lage und er anerbot mir daraufhin, zumindest vorübergehend und vor allem mietfrei, in einem verlassenen Gebäude an der Staubeggstrasse wohnen, nein, sagen wir besser hausen zu können. Es handelte sich um eine alte, renovationsbedürftige Villa, die lediglich im Erdgeschoss noch als Lagerraum für eine kantonale Behörde genutzt wurde.
Aber nur selten stellte ich schliesslich bei meiner Heimkehr fest, dass während meiner Abwesenheit jemand im Lager gewesen war und damit die alte Villa betreten hatte. Die oberen Räume mit dem alten Badezimmer standen für mich ebenfalls zur Verfügung, wo aber überall die Tapeten von den Wänden herunterhingen. Auch die Küche im Erdgeschoss, die im Ge-gensatz zu den anderen Räumen in gutem Zustand war, konnte ich benü-tzen. So war alles vorhanden und funktionierte auch. Kühlschrank, Herd usw. Meine spärliche Inneneinrichtung wie Bett, Sofa und so weiter hatte ich mir bereits für die kleine Wohnung im Talbachquartier im Brockenhaus beschafft. Obwohl die Villa sehr heruntergekommen war, fühlte ich mich dort eigentlich sehr wohl und vor allem wusste niemand, wo ich hauste.
Während der Trennungszeit und meiner Wohnsitznahme in Frauenfeld kam ich meiner Noch-Frau in einer anderen Sache auf die Schliche. Natür-lich strebte ich danach, wieder selbst in mein eigenes Haus einziehen zu können. Aber dies hätte einen gerichtlichen Entscheid vorausgesetzt. Mei-ne Interventionen in dieser Richtung waren aber immer zwecklos. Dann hatte ich aber erfahren, wonach Lilly in der Zwischenzeit klammheimlich in Kreuzlingen einen Hausteil erworben hatte. Diese Entdeckung liess mich natürlich aufhorchen. Ich hatte mich deshalb einmal am zukünftigen Wohnort von ihr umgesehen.
Das Haus wurde zu dieser Zeit gerade renoviert und niemand interes-sierte sich dafür, als ich während den Malerarbeiten spontan einen Rund-gang durch das Gebäude machte. Als ich jedoch in den Keller trat, traute ich meinen Augen nicht. Meine Noch-Frau hatte zwischenzeitlich bereits viele Dinge von Felben nach Kreuzlingen verbracht. Aber sie hatte nicht nur ihre persönlichen Sachen, sondern zuhauf auch Gegenstände aus mei-nem früheren Besitz im Keller verstaut. Es handelte sich insbesondere um Werkzeug und Gerätschaften für die Gartenpflege. Es war mir schon be-wusst, dass mein Vorgehen mit dem Betreten eines fremden Gebäudes in gewissem Sinne zu verurteilen war. Aber dennoch erstellte ich einige Fo-tos, die ich dann in einer Schrift dem Bezirksgericht zukommen liess. Auch dort wusste niemand etwas davon, dass meine Frau schon längstens mein Wohnhaus hätte verlassen können.
Es ist klar, dass mich Lilly wegen meines eigenmächtigen Handelns in ihrem neuerworbenen Haus noch vor den Kadi brachte. Ich wurde wegen Hausfriedensbruch angeklagt und habe dafür eine Strafe bezahlt. Aber das war es mir wert!
Nachdem sie dann endlich einmal nach Kreuzlingen umgezogen war und ich mein eigenes Haus wieder benutzen konnte, musste ich Bolero dennoch immer wieder in Kreuzlingen abholen und auch dorthin zurückbringen. Das Gericht liess sich nicht dazu bewegen, mir den Diensthund noch wäh-rend der Trennungszeit zuzuweisen. Es wurde damit gerechtfertigt, dass Lilly damals Bolero käuflich erworben hatte und somit sei sie auch die Besitzerin. Natürlich verfügte sie über die erforderliche Kaufquittung des Züchters. Dass sie mir den Hund aber bei der Anschaffung ausdrücklich zum Geschenk gemacht hatte, davon wollte sie plötzlich nichts mehr wis-sen. Obwohl ich in dieser Beziehung einige schriftliche Aussagen von Auskunftspersonen vorlegen konnte, welche die Schenkung bescheinigten.
Die Eigentumsverhältnisse bezüglich Bolero sollten sich erst im Jahre 2009 ändern, als die Scheidung vollzogen und er mir sogar durch das Obergericht zugesprochen wurde. Sollte – aber es war nicht so! Meine Ex-Frau versuchte nach wie vor mit allen Mitteln, mir Bolero nicht aushändi-gen zu müssen. Sie erklärte mir gegenüber sogar, dass sie Bolero vorher einschläfern lasse, bevor sie ihn mir aushändigen würde! Unter unseren beiden Anwälten wurde jedoch vereinbart, dass mir Bolero an einem be-stimmten Tag vor dem Polizeiposten in Kreuzlingen, übrigens nach zwei vorherigen Versuchen (!), endgültig übergeben werden sollte. Doch Lilly, in ihrer herrschenden und offenbar über dem Gesetz stehenden Art und Weise kümmerte das nicht, sondern reiste mit ihm gleichentags nach Spa-nien (L’Ampolla) ab, wo sie ebenfalls über eine Liegenschaft verfügte.
Damit war bei mir endgültig der Geduldsfaden gerissen. Und glauben Sie mir, ich hielt in den vergangenen Jahren der Trennung einen langen, sehr langen Geduldsfaden in den Händen. Also fuhr ich mit dem entschei-denden Gerichtsurteil in der Tasche wenige Tage später ebenfalls nach Spanien (knapp 1300 Kilometer), übernachtete in der Nähe der Liegen-schaft im Auto und holte Bolero am nächsten Morgen kurzerhand aus dem umzäunten Gelände, als man ihn dort zum Versäubern frei laufen liess. Ich wusste ganz genau, dass ich keine Chance gehabt hätte, in den Besitz von Bolero zu kommen, hätte ich zuerst mündlich auf seine Herausgabe be-harrt. Auch mit dem Gerichtsurteil in der Tasche wäre es zudem schwierig und zeitraubend gewesen, die Behörden vor Ort davon zu überzeugen, dass der Hund in falschen Händen war. Ich wollte mich aber ohnehin in keiner Weise auf irgendeine Kommunikation mit dieser Frau mehr einlassen. Ich habe mir nur geholt, was mir zugesprochen worden war.
Nebenbei bemerkt, stellte ich gleichzeitig fest, dass mein Herr (Halb-) Bruder Otti und seine damalige Freundin (er war unterdessen ebenfalls von seiner Frau geschieden) sich auf dem Grundstück in Spanien aufhiel-ten. Ich hatte die beiden übrigens auch früher bereits bei meiner Ex-Frau beim gemeinsamen Abendessen in Felben angetroffen, wenn ich zum Bei-spiel Bolero von einer Hundeübung nach Hause brachte. In dem Haus, das mir alleine gehörte. Auch musste ich einige Zeit später vom Nachbarn in L’Ampolla, mit dem ich damals wie auch später noch ein freundschaft-liches Verhältnis pflegte und hin und wieder telefonischen Kontakt hatte, erfahren, dass mich mein Bruder bei ihm nur noch als Halbbruder bezei-chnete. Ich war über diese Mitteilung noch mehr enttäuscht, als über die Tatsache, dass sich Otti regelmässig hinter meinem Rücken mit meiner Ex-Frau getroffen hatte. Dies pflegte er übrigens auch im Zusammenhang mit meiner ersten Frau Heidemarie zu tun. Von diesem Moment an wollte ich von ihm, den ich und meine Schwestern immer als vollwertigen und tat-sächlichen Bruder betrachteten, nichts mehr wissen. Bis heute pflege ich deshalb keinen Kontakt mehr mit ihm.
Als ich Bolero in mein Auto lud, hörte ich Lilly bereits nach ihm rufen. Offenbar hatte sie sein Fehlen schnell bemerkt. Ich kümmerte mich jedoch nicht darum und machte mich sofort wieder auf den langen Heimweg. Of-fensichtlich hatte sie auch rasch erkannt, dass ich da war und Bolero mit-genommen hatte. Denn gleich einmal erhielt ich einen Anruf auf mein Handy und sie drohte mir, Himmel und Hölle in Spanien, das heisst Polizei und Zoll und so weiter, in Bewegung zu setzen, wenn ich den Hund nicht sofort zurückbringen würde. Ich beendete das Gespräch, ohne irgendeine Antwort zu geben und machte mir keine Gedanken darüber. Denn schliess-lich verfügte ich ja über einen Gerichtsentscheid.
Ich kam irgendwann spätabends wieder nach Hause, ohne von Polizei oder Zoll belästigt worden zu sein. Todmüde zwar, aber dafür war Bolero nun bei mir. Doch damit war der Kampf um den Vierbeiner noch längst nicht vorbei! Dazu später…
Und immer weiter geht's!

Während der Trennungszeit meiner ersten Frau bin ich übrigens noch aus der Kirche ausgetreten. Ich verneine die Existenz Gottes zwar nicht zu hundert Prozent, doch solange diese auch nach vielen tausend Jahren noch immer nicht bewiesen ist, glaube ich einfach nicht daran.
Die Kirche stellt für mich mit all ihren Glaubensrichtungen und –Be-kenntnissen eine scheinheilige Welt dar. Es gibt unendlich viele Beispiele dafür, dass man in dieser Welt wohl Wasser predigt, gleichzeitig jedoch Wein trinkt. Dabei gehe ich allein nur von meinem gesunden Menschen-verstand aus. Natürlich verfüge auch ich über einen Glauben. Ich glaube, dass der Mensch weder über eine Seele verfügt, die nach dem Tod in den Himmel steigt noch, dass es ein Leben danach gibt. Weicht das Leben aus dem Körper, so ist man nur noch eine tote Hülle. Ein Leben wird geboren, lebt und stirbt dann auch wieder. Nach meinem Dasein, und das darf ich an dieser Stelle ebenfalls bereits kundtun, soll sich meine Hülle in Asche verwandeln.
Das Grab meiner Eltern und Grosseltern befindet sich auf dem Friedhof der evangelischen Kirche in Kreuzlingen. Ich gehe regelmässig dorthin, um auch auf dem Grab für Ordnung zu sorgen. Aber ich bin davon über-zeugt, dass zum Beispiel meine Kinder bis zum heutigen Tag nicht einmal das Gemeinschaftsgrab von Oma und Opa und ihrer Urgrosseltern besucht haben. Also, wieso sollte man sich für eine solche Ruhestätte entscheiden? Ich möchte niemanden in Verlegenheit bringen, indem er sich genötigt sieht, sich hin und wieder einmal um ein Grab kümmern zu müssen. Den-noch werde ich hoffentlich eines Tages neben meinen Eltern die letzte Ruhe finden.
Es ist jedermanns und -frau eigene Sache, ob er/sie an Gott glaubt oder nicht. Als ich eines Tages einmal unter der Türe zu meinem Laden in Frauenfeld stand, kamen zwei, na ich sage jetzt mal „Bekehrer“ bei mir vorbei. Sie wollten mir eine biblische Schrift verkaufen. Ich denke, Sie selbst haben solche Leute auch schon auf der Strasse gesehen. Ich sagte ihnen damals folgendes: „Wenn ihr mir explizit sagen könnt, wer zuerst auf der Welt war, Adam und Eva oder der Primat, dann kaufe ich euch eine solche Schrift ab.“ Der heutige Mensch entwickelte sich ja aus biologi-scher Systematik heraus, als höheres Säugetier aus der Ordnung der Pri-maten (Wikipedia). Nun denn. Die beiden Bekehrer sahen sich einen Au-genblick lang verdutzt und stumm an und gingen dann wieder weg.
Ich hatte auch einmal eine schriftliche Kommunikation mit einer Frau über Gott und die Welt im Facebook. Sie versuchte sich mit allen mögli-chen Dingen zu erklären und mich zu bekehren. Ich war dann aber doch erstaunt darüber, auf welche Weise sie schliesslich aufgegeben hat. Sie erklärte mir gegenüber, dass die Glaubensvermittlung an mich so sei, „als wenn man Perlen vor die Säue werfen würde“. Aber oha, dachte ich mir. Und das von einer gläubigen Frau, die Wasser predigt mich aber in Form des Wein Trinkens eindeutig beleidigte. Man sollte doch meinen, dass gerade solch gläubige Menschen noch etwas Anstand haben sollten. Ich jedenfalls habe daraufhin die Kommunikation mit ihr unverzüglich abge-brochen.
Nun wieder ein Lapsus, der mir im Zusammenhang mit einem vierräd-rigen Fortbewegungsmittel widerfahren ist.
Während meiner Tätigkeiten im Erkennungsdienst wurde ich auch hin und wieder dienstlich aufgeboten, um mit der Videokamera gewisse Aktio-nen der Polizei festzuhalten. Dabei ereignete sich dann etwas, das einmal mehr mit einem Auto zu tun hatte, aber keinesfalls rühmlich in meine Le-bensgeschichte eingegangen ist.
Ich sollte eine spezielle Übung der Sicherheitspolizei filmen, die an di-versen Standorten im Kanton Thurgau durchgeführt wurde. Da zu diesem Zeitpunkt kein Dienstwagen zur Verfügung stand, stellte mir der damalige Kommandant-Stellvertreter seinen Wagen zur Verfügung. Ein neuer Ford Scorpio. Da ich zu dieser Zeit privat ebenfalls über ein Auto mit Automa-tikgetriebe verfügte, fand ich mich mit dem Ford ohnehin gut zurecht. Die Vorgehensweise beim Parkieren des Autos war mir vertraut…, dachte ich.
Um eine spezielle Aufnahmesequenz zu filmen, stellte ich den Wagen in einem Waldstück bei Fischingen auf einem bekiesten Parkplatz ab. Der kleine Parkplatz wurde vorne, wo das Bachtobel begann, durch eine weni-ge Zentimeter hohe Holzlatte begrenzt. Ich holte also meine Kameraaus-rüstung aus dem Auto und begab mich damit zu meinen Kollegen, die etwas abseits auf mich warteten. Plötzlich rief mir jemand zu, dass sich der Ford Scorpio bewege. Ich rannte natürlich sofort zurück, sah aber nur noch, wie das Fahrzeugheck beim Hinunterrollen in das Bachtobel aus meinem Sichtfeld verschwand! Gleichzeitig vernahm ich auch knirschende Geräusche, die in meinen Ohren sehr schmerzten. Als ich zur Parkplatz-sperre gelangte, entdeckte ich das Auto etwa zehn Meter weiter unten. Die freie Fahrt in das Bachtobel hinunter war schliesslich von den sich dort befindlichen Bäumen beendet worden.
„Ach du Sch...!“, dachte ich. Was war geschehen? Offenbar hatte ich beim Anhalten des Autos das Automatikgetriebe aus Versehen nur in den Leerlauf und nicht auf Parkieren gestellt. Die Handbremse zog ich nicht zusätzlich an, da ich glaubte, der Platz sei eben. Dem war aber nicht so. Das dort vorhandene minimale Gefälle führte doch dazu, dass der Wagen wie im Zeitlupentempo im Leerlauf ins Rollen geriet. So genügte es auch, dass das langsam anrollende Fahrzeug durch die tiefe Holzabsperrung nicht mehr gebremst wurde. Das massiv beschädigte Fahrzeug musste an-schliessend mit einem Autokran wieder die Böschung hinaufgezogen wer-den. Es ist klar, dass ich daraufhin mit sehr gesenktem Kopf im Büro mei-nes Vorgesetzten erschienen bin und ihm den „Lapsus“ schilderte. Ich wurde zwar nicht bestraft, musste keinen Schadenersatz leisten und es gab auch keine Schimpftirade. Aber dieser, wie gesagt unrühmliche Zwischen-fall beschäftigte mich noch eine ganze Weile lang.
Im Jahre 2010 stand die Heirat meiner Tochter an. Ich stand dieser Hochzeitsfeier aus mir damals unerklärlichen Gründen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Meine Tochter hatte mich aber eindringlich darum gebeten, sie zum Altar zu führen. Ich weiss auch noch ganz genau, dass ich dem deutschstämmigen Bräutigam vor der Kirche noch spasseshalber ins Gewissen redete. „Du weisst, was passiert, wenn du meine Tochter nicht glücklich machst?“ Wir beide lachten darüber. Dass meine Äusserung nicht unbedingt belanglos war, stellte sich leider einige Zeit später heraus. Auch sie liessen sich nämlich nach etwa einem Jahr wieder scheiden.
Über die Beweggründe dazu will ich mich an dieser Stelle nicht auslas-sen. Jedenfalls hielt ich es damals für besser, nur der Trauung beizuwoh-nen. Ich nahm am Hochzeitszeremoniell in der Kirche übrigens nicht we-gen den Worten des Priesters teil, sondern ausschliesslich deshalb, um meiner Tochter eine Freude zu bereiten. Dem restlichen Hochzeitsfest blieb ich aber fern, da meine Ex-Frau Heidemarie und insbesondere auch mein Bruder, pardon, Halbbruder Otti, als Sabrinas Pate daran teilnahmen.
Was meinen Sohn Patrick betrifft, so landete auch er im Jahre 2015 im Hafen der Ehe. Ich hielt es auch bei diesem Brautpaar so, wie Jahre zuvor bei meiner Tochter. Auch bei dieser Hochzeit war ich nur bei der Trauung in der Kirche anwesend. Auch dieses Mal interessierte es mich eigentlich nicht, welche Worte seitens des angeblich „Geistlichen“ gesprochen wur-den. Diese Lebensgemeinschaft scheint bis heute aber glücklich zu sein und ich hoffe natürlich sehr, dass sie auch weiterhin beständig ist. Denn das ist ja, wie aus meinem und Sabrinas Leben hervorgeht, nicht unbedingt garantiert.
Ich komme nun zu einem weiteren Kapitel in meinem Leben, das auch heute noch sehr wegweisend für mich ist. In den langen Dienstnächten in der damaligen vormals noch Einsatz- und Meldezentrale, nachher KNZ, hatte man früher noch Zeit, sich mit dem eigenen Studium zu befassen. Ich setzte mich dann eines Nachts einmal an die Schreibmaschine und begann damit, einen Roman zu schreiben. Dabei waren mir die früher bekannten Fernsehspiele des britischen Autos Francis Durbridge ein Vorbild. Als in den 60-er Jahren seine Kriminalgeschichten im TV gesendet wurden, nannte man sie „Strassenfeger“. Denn jedermann, der einen Fernseher zu Hause hatte, sass zu dieser Sendezeit immer gespannt vor dem Flimmer-kasten.
Ich verfolgte mein Schreibprojekt über viele Jahre hinweg und erst im Jahre 2000 gelang es mir endlich, meinen Thriller „Unternehmen Legalon – Die Jagd nach dem Erbe des Holocaust“ zu veröffentlichen. Die Krimi-nalgeschichte handelt von herrenlosen Vermögen von Holocaustopfern, was ja sogar auch heute noch in den Medien hin und wieder zu Diskussio-nen Anlass gibt. Bevor ich das Buch veröffentlichte, machte ich mir aber noch eingehende Gedanken darüber, ob ich dieses Manuskript und vielle-icht auch künftige Werke unter meinem eigenen Namen oder unter einem Pseudonym publizieren sollte. Denn wenn man als Polizeibeamter irgend-welche Schriften verfasst und veröffentlicht, die möglicherweise nicht mit seinem Beruf zu vereinbaren sind, könnte es heikel werden.
Also entschied ich mich schliesslich dazu, mir doch ein Pseudonym zu-zulegen. Vermutlich war mir damals der Autor Johannes Mario Simmel oder der Schauspieler Klaus Maria Brandauer ein wenig Vorbild, weshalb ich den Namen „Joel Dominique Sante“ wählte. Ich dachte, dass ein Dop-pelvorname besser klingt. Und wenn sich heute jemand bei mir danach erkundigt, wie ich auf den Nachnamen gekommen bin, so halte ich einfach meine leere Hand hoch und deute das Anstossen mit Gläsern an. „À votre santé!“
Bei der Veröffentlichung meines ersten Werkes war mir die Bekannt-schaft mit dem bekannten Schweizer Filmregisseur Rolf Lyssy sehr hilf-reich, der mir den Weg ein bisschen ebnete und mich wiederum mit dem deutschen Verlag Books on Demand vernetzen konnte. Eine seiner Bekann-ten, Frau Anne Rüffer, lebte wie er in Zürich, war aber zu dieser Zeit im genannten Betrieb in Norderstedt bei Hamburg tätig. Heute betreibt sie im Kanton Zürich ihren eigenen Verlag. Beide hatten mein Manuskript zur Kenntnis genommen und attestiert, dass die Story sehr gut sei. Deshalb nahm sich Anne der Sache an und sorgte dafür, dass das Buch „Unterneh-men Legalon“ gedruckt und veröffentlicht wurde.
Mit der Zeit musste ich aber feststellen, dass beim Verkauf von Büchern nicht der Autor der grosse Nutzniesser ist, sondern der Verlag. Insbeson-dere, was die Einkünfte betrifft. Natürlich träumt jeder der tausenden Schriftsteller davon, dass sich ihre Werke einmal gut verkaufen lassen und möglicherweise sogar in den Bestsellerlisten auftauchen. Aber dazu benö-tigt es nicht nur die notwendigen guten schriftstellerischen Fähigkeiten, sondern vielmals auch Glück. Bis zum heutigen Tag habe ich mit meinen diversen Büchern eigentlich nichts verdient. Die Auslagen für den Druck der Bücher überwiegen bei Weitem noch die Einnahmen.
In diesem Zusammenhang musste ich also erkennen, dass der Vertrieb meines Erstlingswerks durch Books on Demand mir persönlich keine be-friedigenden Einkünfte brachte. Ich habe deshalb kurzerhand meinen ei-genen Verlag gegründet. Mesan-Verlag Schweiz, der sich aus den Namen Merz und Sante zusammensetzt. Fortan veröffentlichte ich meine Bücher im Namen dieses Verlages. Ich gestalte meine Bücher von A bis Z selbst, verfüge über die notwendigen ISBN-Nummern und bin dem Schweizeri-schen Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) angeschlossen. Wenn ich auch nicht viel verkaufe, was bei mir hauptsächlich durch Mundpropa-ganda oder bei Lesungen geschieht, so habe ich zumindest allein die Kon-trolle darüber und verdiene doch noch ein paar Fränkli mehr, wenn ich ein Exemplar verkaufe. Für mich ist in letzter Zeit ohnehin eher das Glücksge-fühl wichtig, das ich verspüre, wenn ich eines Tages wieder ein neues Buch in den Händen halte, das ich selbst erschaffen habe.
Ich beschäftige mich also auch zum Zeitpunkt dieser Niederschrift noch als Autor, insbesondere von Kriminalgeschichten. In der Zwischenzeit habe ich bereits mehrere Kriminalromane, einen Gedichtband und eine Familiengeschichte erschaffen und auch veröffentlicht.
- Unternehmen Legalon, die Jagd nach dem Erbe des Holocaust
- Saskja und Napoleon
- Die Jagd nach dem Panther
- Das Geheimnis des Dohms
- Diamanten des Todes
- Todesblüten aus Caracas
- Tatort Thurgau (Serie)
- Schneeflocken
- Träume der Hoffnung
„Unternehmen Legalon“ besteht sogar noch in einer Hörbuchfassung, die ich selbst erschaffen habe. 21 CD’s mit einer Laufzeit von über 17 Stunden. Dazu hatte ich mich mit einem Tontechniker in Hamburg/D kurzgeschlossen. Prädestiniert für solche Projekte. Doris und ich hatten ihn einmal in seinem Tonstudio besucht und er gab mir gute Tipps. Die Tonaufnahmen führte ich dann eigenständig mit einem speziellen Auf-nahmegerät in Felben aus. Mehrmals schickte ich dann die Aufnahmen nach Hamburg, wo sie zusammengeschnitten wurden. Aber auch in diesem Fall hatte ich alles selbst von A-Z gestaltet. Vom Cover der Hülle bis zu einem beiligenden Informationsbüchlein. Die CD’s wurden schliesslich durch eine Spezialfirma in Frauenfeld beschriftet.
Leider erzielte ich mit meinem Hörbuch in keiner Weise den Erfolg, den ich mir erträumte.
Die Familiengeschichte „Schneeflocken“ handelt von meinen Eltern, wie sie sich kennenlernten und welche Hürden sie überwinden mussten, bis sie endlich im Hafen der Ehe anlegen konnten. Sie basiert auf den Erzählun-gen meines Vaters, wie ich bereits einmal erwähnte.
Der Gedichtband „Träume der Hoffnung“ beinhaltet ganz persönliche Gedanken, die ich zu Papier gebracht habe. Darunter befindet sich auch das Gedicht „Bis ans Lebensende“, welches Sie am Ende meiner Lebens-geschichte finden und das meiner geliebten Doris gewidmet ist.
Ausserdem habe ich nach meiner Pensionierung damit begonnen, unter dem Serientitel „Tatort Thurgau“ weitere Kriminalgeschichten zu schrei-ben.
Die Handlungen finden hauptsächlich im Kanton Thurgau statt und ich lasse meine Erfahrungen und Kenntnisse, die ich an meinen früheren Arbeitsorten gesammelt habe, einfliessen. Ich versuche darin auch sehr realitätsnah zu schildern, wie bei der Kantonspolizei Thurgau gearbeitet und ermittelt wird.
In der Zwischenzeit sind mehrere Bücher dieser Serie erschienen. Ja, meine Finger bewegen sich wieselflink über die Tastatur meines Laptops und wenn es läuft… dann läuft‘s!
Lange Zeit konnte ich bei der Vermarktung meines Thrillers „Unterneh-men Legalon“ auf einen guten Freund zählen. Er ist ebenfalls davon über-zeugt, dass mein Buch es verdient hätte, verfilmt zu werden. Patrick Eich ist in der Medienbranche zu Hause und mit ihm zusammen versuchen wir mit ganz unterschiedlichen Methoden, die Story an den Mann – bezie-hungsweise an einen Filmproduzenten zu bringen. So haben wir zum Bei-spiel einen Filmtrailer über „Unternehmen Legalon“ gemacht. Als Statis-ten fungierten einmal mehr (gratis) meine anderen lieben Freunde: Willi Strässle und Kurt Rünzi mit seiner Frau.
Leider war unseren Bemühungen bis zum Zeitpunkt dieser Niederschrift noch kein Erfolg beschieden.
Im Zusammenhang mit meinen schriftstellerischen Aktivitäten ergab sich dann eine weitere Fügung des Schicksals. Hier kommt meine Sand-kastenliebe Doris wieder ins Spiel.
Über all die Jahre hinweg trug ich sie immer wieder in meinen Gedan-ken. Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten war es mir auch immer re-lativ leicht möglich, herauszufinden, wo sie gerade lebte. So fand ich also heraus, dass sie als Lehrerin in der Unterstufe im Schulhaus Gutenswil bei Volketswil tätig war. Eines Tages sandte ich ihr einen schriftlichen Gruss und erwähnte dabei, dass ich den Thriller „Unternehmen Legalon“ ge-schrieben habe. Natürlich bestellte sie ein Exemplar und von da an hatten wir erfreulicherweise immer wieder schriftlichen Kontakt über E-Mail.
Bei dieser anfänglich ausschliesslich schriftlichen Kommunikation er-fuhr ich dann auch davon, dass gegen Ende der langwierigen und hässli-chen Trennungszeit von meiner zweiten Ehefrau auch meine Sandkasten-liebe gewaltige Schwierigkeiten in ihrer Ehe bekundete. Auch sie hatte sich inzwischen von ihrem Mann trennen müssen. Wir trafen uns deshalb hin und wieder, um unsere Erfahrungen während einer Trennung auszu-tauschen und uns gegenseitig Ratschläge für die beiderseits unausweich-liche und bevorstehende Scheidung zu geben.
Meine Liebe und Sehnsucht nach ihr war wie damals, als ich ihr als Schulschatz das silberfarbene Kettchen überreicht hatte. Aber auch Doris fühlte, dass sie mir sehr nahestand und immer noch irgendwo ein Flämm-chen für mich in ihrem Herzen brannte. Es kam, wie es kommen musste. Das kleine Flämmchen wurde immer grösser, je mehr wir uns trafen. Wir hatten uns wieder gefunden und wollten von da an gemeinsam durchs Leben gehen.

Aus ihrer Ehe gingen zwei Söhne hervor. Während der Ältere namens Jan im Bankwesen tätig war, hatte sich der Jüngere mit dem Vornamen Philip für eine Laufbahn im IT-Bereich entschlossen.
Jan musste jedoch seinen Job aufgeben. Er unterliegt dem Asperger-Syndrom und wurde dann als IV-Rentner zu 100% eingestuft.
Für seinen jüngeren Bruder Philip war es aufgrund seiner Hörbehin-derung jedoch nicht einfach, auf die Dauer eine geeignete Stelle zu finden. Da er gehörlos ist, trägt er ein Cochlea-Implantat. Damit kann er sich bestens verständigen. So erkundigte ich mich eines Tages einmal bei der Personalchefin der Kantonspolizei Thurgau, ob er vielleicht irgendwie beschäftigt werden könnte. Denn ich wusste, dass man vor allem im Be-reich der Aktenregistratur immer wieder Zivilangestellte suchte. Es kam aber überraschenderweise ganz anders und noch besser. Der junge Mann fand eine Anstellung bei der Polizei im Bereich der IT-Forensik und er hatte sich, nach einigen Weiterbildungen, zum sogenannten Cybercop gemausert. Auch sein zehnjähriges Dienstjubiläum hatte er bereits hinter sich.
Leider wurde er im Jahre 2023 Opfer von Mobbing an seiner Arbeits-stelle. Anders kann man es nicht nennen, wenn man alle Details kennt. Er litt unter den Geschehnissen derart, dass er schliesslich psychisch nicht mehr in der Lage war, dort weiterzuarbeiten. In der Zwischenzeit ist auch er arbeitslos aber zugleich ebenfalls IV-Bezüger mit 100%.
Hin und wieder hielt sich Doris dann bei mir in Felben auf oder ich besuchte sie in Schwerzenbach bei Volketswill, wo sie sonst lebte und ihr Mann zwischenzeitlich ebenfalls das Haus verlassen hatte. Von dort hatte sie nur wenige Fahrminuten bis an ihre Arbeitsstelle in Gutenswil, wo sie als Lehrerin in der Unterstufe tätig war. Natürlich kümmerte sie sich in Felben auch immer wieder liebevoll um Bolero, wenn es mir nicht möglich war. Und nun komme ich auf meinen Hinweis zurück, wonach der Kampf um Bolero nicht beendet war, nachdem ich ihn in Spanien geholt hatte.
Doris machte sich während meiner Schichtarbeit in der KNZ mit Bolero auf, um mit ihm einen Spaziergang entlang des Thurufers zu machen. Ob-wohl sie als Kind einmal von einem Hund angefallen worden war und sie diese Eindrücke niemals vergessen hat, konnte sie mit Bolero unerhört gut umgehen. Sie hatte überhaupt keine Angst vor ihm und er gehorchte ihr aufs Wort, so wie mir.
Also fuhr sie mit ihm zur Thurbrücke zwischen Felben und Pfyn und stellte dort ihr Auto, einen Peugeot Kombi, ab. Kaum war sie ausgestiegen und hatte Bolero aus dem Auto geholt, fuhr meine Ex-Frau Lilly rasant auf den Platz. Wir wissen natürlich nicht, ob sie Doris irgendwie beschattet oder ob sie sie nur zufällig entdeckt hatte. Jedenfalls lud Doris den Hund sofort wieder in das Auto und setzte sich selbst ebenfalls wieder hinein, wobei sie die Türen verriegelte. Sie wusste ja in der Zwischenzeit, wie boshaft die Frau sein konnte. Sie hatte jedoch nicht darauf geachtet, dass die Heckklappe an ihrem Auto doch noch von aussen geöffnet werden konnte. Lilly beschimpfte Doris mit ihrem abschätzigen zürcherischen Vokabular in der Folge aufs Gröbste und holte daraufhin Bolero kurzer-hand aus dem Auto, lud ihn in ihren Wagen und fuhr dann weg.
Doris, die einen Schock erlitten hatte, benachrichtigte mich natürlich sofort. Da ich aber im Schichtdienst tätig war, konnte ich meinen Arbeits-platz nicht verlassen. Ich orientierte jedoch sofort die zuständige Polizei-patrouille in Kreuzlingen über den „Raub“ und auch über die gültigen Ei-gentumsverhältnisse des Diensthundes. Etwa eine unheimlich lange Stunde später erfuhr ich dann, dass die Polizei meine Ex-Frau an ihrem Wohnort in Kreuzlingen angetroffen habe und Bolero sich bei ihr befinde. Ihr blieb (vermutlich zähneknirschend und mit einigen üblen verbalen Ausdrücken, die an mich gerichtet waren) nichts anderes übrig, als den Hund an die Polizeibeamten auszuhändigen und ich konnte ihn dann nach Schichtende beim Polizeiposten Kreuzlingen abholen.
Ich bin ja sonst ein sehr gutmütiger Typ, aber eine solche Vorgehens-weise der rabiaten Frau konnte ich nicht tolerieren. Insbesondere deshalb, weil sie Doris einen ungeheuren Schrecken eingejagt hatte. Also erstattete ich eine offizielle Anzeige, die der gesetzeswidrigen Vorgehensweise von Lilly entsprach. Sie wie auch Doris wurden bald darauf beim Polizeiposten Frauenfeld zu diesem Vorfall befragt. Dabei ergaben sich aber gegensei-tige, widersprüchliche Aussagen, weshalb die Untersuchung des Falles letztendlich niedergeschlagen wurde. Meine Ex-Frau war also auch in die-sem Fall wieder ungeschoren davongekommen.
Sie denken sich vielleicht, dass ich mit dieser Schrift in irgendeiner Weise mit meiner Ex-Frau abrechnen will? Dies ist aber nicht so. Es liegt mir aber sehr viel daran, dass gewisse Umstände und Situationen richtig dargestellt sind. Denn ich habe damals auch die Erfahrung gemacht, wo-nach einige meiner Freunde, Bekannten und sogar auch Verwandten seitens meiner Ex-Frau falsche und somit unwahre Auskünfte erhalten haben. Ja, sie versuchte meine Person einige Male in den Schmutz zu ziehen. Sie schreckte auch nicht davor zurück, den Eltern von Doris ein Schreiben zukommen zu lassen, worin sie sich besonders über das Verhalten einer Lehrerin beschwerte. Ich denke, dass noch weitere solche beleidigende und rufschädigende Schreiben an andere Personen verschickt worden sind. Und dass sie sich dabei selbst in den Mittelpunkt stellen und den Eindruck einer bemitleidenswerten Frau hinterlassen konnte, war eine ihrer Eigen-schaften.
Dabei hätte ich damals selbst die Möglichkeit gehabt, Lilly die Hölle heiss zumachen. Dass sie kein Kind der Traurigkeit war und als „Single“ nicht unbedingt jede Gelegenheit ausliess, wusste ich zwar. Mein Anstand und meine Zurückhaltung, vielleicht war es auch nur mein gesunder Men-schenverstand, riet mir aber, über gewisse Details zu schweigen. Nun, da ich ja meine Lebensgeschichte nach allen wahren Begebenheiten erzähle, kann ich auch tatsächliche Geheimnisse von Lilly hier offen an den Tag legen.
Sie gestand mir eines Tages nämlich, natürlich noch zu Zeiten unseres vertrauten Zusammenseins, dass sie mit einem meiner direkten Vorge-setzten einmal sexuelle Handlungen vorgenommen hatte. Angeblich ge-schah es anlässlich einer Festivität, wonach sie bei ihm „Hand anlegte“ und ihn „glücklich“ machte. Dass dabei Alkohol im Spiel gewesen sein soll, entschuldigt die Vorgehensweise der Beiden, wobei er ja verheiratet war, aber in keiner Weise. Ich arbeitete mit diesem Vorgesetzten jahrelang zusammen, habe ihn darauf jedoch niemals angesprochen. Im Gegenteil sogar. Ich verhielt mich ihm gegenüber jederzeit loyal und unterstützte ihn beruflich, wo ich nur konnte. Was meinen Sie, was geschehen wäre, hätte ich gegenüber seiner Ehefrau einmal eine Andeutung gemacht?
So war ich auch in einer anderen Angelegenheit gegenüber einer Ehe-frau verschwiegen. Ich wusste, dass sich hin und wieder ein (verheirateter) Beamter vom Statthalteramt Bischofszell bei Lilly meldete und sie sogar in ihrem kleinen Miethäuschen an der Speicherstrasse in Frauenfeld be-suchte, als ich selbst noch bei ihr wohnte. Ich traf ihn sogar einmal per-sönlich an, bevor ich mich zur Arbeit begab. Wir gaben uns sozusagen die Klinke in die Hand. Angeblich kam er nur zum Plaudern vorbei, da sie sich noch aus jenen Zeiten kannten, als Lilly in der Wirtschaft „Zur Hoffnung“ in Erzenholz als Wirtin tätig war. Na ja, ich weiss nicht, was man alles unter plaudern versteht. Aber zumindest weiss ich, dass meine Ex-Frau in gewissen Dingen kein Kind der Traurigkeit ist…
Ich will das an dieser Stelle eindeutig festhalten: Ich würde das alles nicht schreiben, wenn es nicht der Wahrheit entsprechen würde, genauso wie ich es erzählt habe. Ich handle einmal mehr mit bestem Wissen und Gewissen.
Lilly schreckte in ihrer dreisten Art und Weise auch nicht davor zurück, meine Vorgehensweise und Haltung im Zusammenhang mit Bolero und dem Diensthundewesen öffentlich kundzutun. So überredete sie einen Journalisten vom Beobachter dazu, einen gegen mich gerichteten Bericht zu verfassen und unter dem Titel „Wie ein Polizeihund vor Gericht kam“ auch zu veröffentlichen. Übrigens hatte sich dieser feine Reporter, Herr Matieu Klee, nicht ein einziges Mal bei mir persönlich gemeldet, um mög-licherweise gewisse Anschuldigungen gegenüber meiner Person zu erkun-den und sich zu vergewissern, ob alles seine Richtigkeit hat. Es fand nie-mals eine persönliche Aussprache mit ihm statt. Auch erachtete er es nicht noch nicht einmal als nötig, sich selbst über Bolero ein Bild zu machen. Ich habe ihm lediglich gewisse Fragen schriftlich beantwortet, die er mir ebenfalls schriftlich gestellt hatte.
In dem veröffentlichten Artikel waren dann Erklärungen enthalten, die jeder Grundlage entbehrten und was ganz einfach als schundhafter Jour-nalismus bezeichnet werden muss. Jedenfalls sollte vermutlich jede Leser-in und jeder Leser dieses Artikels allergrösstes Mitleid für diese Frau auf-bringen müssen und ihren Ex-Mann gleichzeitig verdammen. Am liebsten wäre ich auch in dieser Sache gerichtlich gegen diese Veröffentlichung vor-gegangen, doch hat mir der Polizeikommandant davon abgeraten, als ich ihm davon berichtete. Dies, obwohl auch die Kapo Thurgau in Ver-bindung mit dem Diensthundewesen in diesem Artikel nicht gut wegge-kommen ist.
Ein weiteres verlogenes Verhalten legte sie während der Scheidungsver-handlung an den Tag. Zunächst einmal bezichtete sie mich des Gelddieb-stahls. Sie untermauerte dies mit einigen Bankquittungen, welche bestätig-ten, dass ich gelegentlich von ihrem Bankkonto Geld abgehoben hatte. Letzteres stimmt schon, das gab ich in Gegenwart der Anwälte und der Ge-richtspräsidentin auch zu. Nur verhielt sich die Sachlage tatsächlich so (was mir jedoch kein Mensch glaubte), dass sie mich einige Male darum gebeten hatte, für sie ebenfalls Geld abzuheben, als ich für meine Zwecke die Raiffeisenbank in Frauenfeld aufsuchte. Ich hatte ihre Vollmacht und sie auch meine. Den gewünschten Geldbetrag von ihrem Konto habe ich ihr jedes Mal ausgehändigt, ohne für mich auch nur einen Rappen abzu-zweigen. Aber sie stellte mir bei der Gerichtsverhandlung den gesamten zusammengerechneten Betrag als Rückforderung gegenüber. Und das wa-ren einige tausend Franken! Ich darf mit Stolz und Rückgrat einmal mehr festhalten, dass ich mir während der Ehe niemals irgendetwas aus Lillys Besitz angeeignet hatte.
Letztendlich willigte ich ein, ihr einen mittleren fünfstelligen Betrag für diese einerseits nicht gerechtfertigten Forderungen zu leisten. Andererseits war darin aber auch eine Entschädigung für den Wintergarten enthalten, den wir in Felben errichtet hatten und wofür sie damals die Kosten über-nommen hatte. Letzteres ist also absolut in Ordnung. Aber ich wollte an diesem Tag einfach nur endlich einen Schlussstrich ziehen können. Selbst mein Anwalt war sehr überrascht, als ich plötzlich zu allem Ja und Amen sagte.
Ich meinerseits verlangte jedoch, im Beisein der Gerichtspräsidentin und der Anwälte, dass Lilly mir meine Münzensammlung noch aushän-digen solle, die sie sich bei ihrem Auszug aus meinem Haus ebenfalls unter den Nagel gerissen hatte. Eine Münzensammlung, bestehend aus Silbermünzen, die seit meiner frühesten Jugend an in meinem Besitz war und die ich pflegte. Ja, vielleicht war sie nicht so wertvoll, dass man da-rum streiten musste. Aber sie beinhaltete für mich ein Stück meiner Kind-heit und Jugend.
Sie erklärte in ihrem Zürcher-Dialekt aber, dass ich diese bei meinem Auszug aus dem Haus bereits mitgenommen hätte und deshalb schon längst in deren Besitz sei. Aber das entsprach nicht den Tatsachen; also wieder eine gemeine Lüge und auch dieses Mal schenkte die Gerichtsprä-sidentin der energisch auftretenden Frau Glauben und nicht mir. Ich möchte ja nichts unterstellen, aber vielleicht hatte es damit zu tun, dass meine Ex-Frau und die Richterin, Frau Christine Steiger, sich schon lange kannten und auch per „Du“ miteinander kommunizierten.
So wechselte die Münzensammlung also auf einfache Art und Weise ihren Besitzer. Dass sie uns alle damals einmal mehr brandschwarz ange-logen hatte, beweist ein spezielles Schriftstück, in dessen Besitz ich auch heute noch bin. Darin erwähnt sie nach unserer Scheidung gegenüber ei-nem Herrn namens Pius in einer Partnerschaftsplattform im Internet (diese Person war übrigens ich!), der als Hobby das Sammeln von Geldmünzen erwähnte, dass sie ebenfalls über eine Münzensammlung verfüge. Sie selbst sammle aber keine Münzen. Wohlgemerkt: Das waren drei Monate nach der Scheidung!
Nicht selten brüstete sich die Frau in Gesellschaft mit ihrem grossk… Zürcher-Dialekt auch damit, wonach sie über eine grosse Menschenkennt-nis verfüge. Ach ja, übrigens erklärte sie einmal noch, dass sie es alleine gewesen sei, welche Bolero den guten Gehorsam beigebracht habe, weil sie sich mit Hunden besser auskenne als ich…
Schütteln auch Sie, nachdem sie meine Laufbahn im Zusammenhang mit dem Diensthundewesen erfahren haben, nun verständnislos den Kopf, wie ich damals?
Nun denn, zurück zur Menschenkenntnis. Nicht ohne einen gewissen Teil an Schadenfreude erfuhr ich einige Zeit nach der Scheidung von einer Lillys vermeintlich Vertrauten, dass sie einem Heiratsschwindler aufgeses-sen war und ihm einen hohen, fünfstelligen Geldbetrag ausgehändigt hatte. Danach ward der angebliche Diplomat aus einem Ostblockstaat nicht mehr gesehen. Aber vielleicht wollte sie ja zusammen mit diesem feinen Herrn auch zur Crème de la Crème gehören, was sie mir in Verbindung mit Doris einmal unterstellt hatte. Denn der Bruder meiner Liebe war dazumal als Chef in einem kantonalen Amt tätig.
Sie können sich natürlich vorstellen, wonach ich froh darüber war, dass ich zumindest meine wertvolle Autogrammsammlung im Büro meiner Ar-beitsstelle aufbewahrt hatte, als ich mein Haus in Felben verliess. Schon im Alter von etwa 12 Jahren hatte ich mit der Sammlung begonnen. Dies resultierte daraus, dass ich infolge der beruflichen Abwesenheiten meiner Eltern relativ viel vor dem TV sass und Fernsehserien oder sonstige Filme verfolgte. Damals war das Programm natürlich noch nicht so vielfältig, brutal und sexistisch wie heute. Ich glaube, es existierten damals nur die Sender SRF und ARD. ZDF kam später. Zudem konnte man vermutlich auch ORF empfangen. Privatsender wie RTL, SAT1, Pro Sieben und wie all die Sender sonst noch heissen, kamen, so glaube ich, erst in den späten siebziger Jahren ins TV. Und auch der Inhalt von Fernsehserien wie Lassy, Flipper, Ivanhoe, Mr. Ed etc. war damals harmlos und schadete den Ju-gendlichen nicht. Ich bin nach wie vor ein Typ, der am TV unterhalten werden will. Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass ich einen besonderen Beruf hatte und deshalb nicht so auf irgendwelche weiteren Dramen, endlose Diskussionen über irgendwelche weltpolitischen Ansich-ten und Analysen oder sonstige Meinungen stehe. Auch war ich nie ein besonderer Zeitungsleser. Das heisst aber nicht, dass ich mich nicht doch auf dem Laufenden hielt, was in der Welt so geschah.
Unterhaltung für mich ist aber keine Sendung über irgendwelche Leute, die im Dschungel ihr Dasein fristen, sich damit finanziell allenfalls aus der Patsche holen und dabei möglichst ihren medienwirksamen Senf ver-breiten. Oder sonstige Sendungen, die für mich persönlich an Schwachsinn grenzen, wie zum Beispiel Der Bachelor, Nackt in der Wildnis oder Bauer sucht Frau. Für mich ist die Liste solcher wertlosen Sendungen noch lange nicht abgeschlossen. Ich denke mir immer wieder, was man wohl sonst mit diesen Produktionskosten hätte anstellen können und frage mich manchmal auch, wie lange es wohl noch dauern wird, bis die Menschheit an ihren Flimmerkisten verblöden. Ich konsumiere zehnmal lieber einen alten, lus-tigen Rühmann-, Hans Moser- oder Peter Alexander-Film oder sonst einen Klassiker wie zum Beispiel vom Altmeister Alfred Hitchcock. Das ist für mich nicht nur Unterhaltung, sondern auch Entspannung oder sogar auch Berührung. Denn nicht selten übermannt mich eine herzerweichende Szene im Fernsehen und in meinen Augen bilden sich Tränen. Darüber schäme ich mich nicht. Keineswegs. Denn ich habe ja auch ein Herz. Aber ich kann mit Stolz behaupten, dass ich heute über ein sehr grosses Wissen über Filmproduktionen aus den fünfziger – bis siebziger oder achtziger Jahren verfüge. Ja, ich denke sogar, dass ich in dieser Beziehung immer wieder ein fotografisches Gedächtnis an den Tag legen kann, indem ich einen Film in vielleicht nur fünf Sekunden einer Szene erkennen kann
Nichts desto trotz, bin ich mit dem Konsum von Comics und vielen Filmen bis heute dennoch gut über die Runden gekommen und habe mei-nen Weg im Leben gemeistert, obwohl ich früher eigentlich nur ein mittel-mässiger Schüler gewesen bin. Ist doch auch etwas, oder?
Nochmals zurück zu meinen Autogrammen. Ich war in meinen damalig jungen Jahren Fan einer amerikanischen Anwaltsserie. Preston & Preston. Und irgendwann einmal setzte ich mich an die Schreibmaschine und tippte mit meinem kleinen Zeigefinger einen Autogrammwunsch auf ein Stück Papier, das ich nachher an den Hauptdarsteller nach Amerika schickte. Und siehe da! Einige Zeit später erhielt ich eine Rückantwort per Luftpost aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Foto des Filmstars mit seiner Unterschrift. Damals erhielt man noch Autogrammkarten, welche mit Sicherheit persönlich von den Prominenten unterzeichnet waren. Heute ist das nicht in jedem Fall mehr so und es kann sein, dass man irgendwel-che Autogrammkarten erhält, auf denen die Unterschrift gedruckt ist oder die Karten sind von Hilfspersonen unterzeichnet worden. Ja, auch Letz-teres ist schon vorgekommen.
Heute verfüge ich über eine ansehnliche Sammlung von Originalauto-grammen. Manchmal sogar auch mit einer persönlichen Widmung. Die Sammlung dürfte aus etwa 300 Autogrammen von Stars und Persönlichkei-ten aus Film, TV, Musik, Sport und Politik bestehen. Und soweit ich es beurteilen kann, alles Originale!
Der Ruf nach Hollywood!

Ob es mir nun gutgetan hat oder nicht, mich in meinem schon jungen Leben mit Film und TV zu befassen, bleibe einmal dahingestellt. Ich habe mir damals aber ein sehr breites Wissen über Filmschauspieler und deren Filme angeeignet. Ob im Inland oder im Ausland. Deshalb liegt es auch nahe, dass ich immer mal wieder den Wunsch verspürte, ebenfalls Schau-spieler zu werden oder zumindest im Filmgeschäft tätig zu sein. Dazu kam es aber nie.
Das heisst, fast nie. Immerhin hatte ich mich einmal als Statist in einem Schweizer Kinofilm beworben. Das war im Jahre 2009 und ich stand in der Produktion „Liebling, lass uns scheiden“ zusammen mit Marco Rima und Esther Schweins als Hauptdarsteller und Boris Becker in einer Nebenrolle auf dem Flughafen Zürich-Kloten vor der Kamera. Ich hatte zwar nichts zu sagen, aber dennoch war dieser Einsatz sehr interessant und er gab mir Einblick hinter die Kulissen an einem professionellen Drehort.
Nebenbei bemerkt wäre mein erstes Buch „Unternehmen Legalon“ auch beinahe einmal noch verfilmt worden. Ich stand kurz nach Veröffentli-chung des Buches mit dem Produzenten des vorhin erwähnten Filmes in Kontakt. Herr Hans G. Syz, seines Zeichens Filmproduzent aber auch Kameramann, präsidiert gleichzeitig auch eine Schweizer Privatbank. Er interessierte sich für meine Geschichte, die ja mit Schweizer Geldinsti-tuten zu tun hat. In dieser Zeit war er aber auch in die Produktion „Sen-nentuntschi“ involviert, welche damals mit unerhörten Schwierigkeiten bei der Finanzierung zu kämpfen hatte. Die sogenannte Kontraproduktion war in Liquiditätsprobleme geraten. So versandeten meine grossen Hoffnungen wieder und der Stoff wartet nach wie vor darauf, verfilmt zu werden. Aber wie sagt man so schön? Was noch ist, kann nicht werden… oder äh… nein, umgekehrt.
Aufgrund meiner unablässigen schriftstellerischen Tätigkeiten interes-sierte ich mich dann bald einmal für das Genre des Drehbuchs. Insbeson-dere lag es nahe, dass ich für die schon seit Jahrzehnten existierende Tat-ortserie spezielle Geschichten erfinden wollte, die realitätsnah und span-nend sein sollten. Aus diesem Grund bewarb ich mich ein weiteres Mal als Statist bei einer Schweizer Tatortproduktion, um auch dort hinter die Kuli-ssen sehen zu können.
Ich lernte dabei, nebst anderen Darstellern, auch Stephan Gubser (Reto Flückiger) und Delia Mayer (Liz Ritschard) kennen. Die Filmaufnahmen für „Schmutziger Donnerstag“ fanden damals im Hotel Schweizerhof in Luzern statt. Regie führte, wie in der Zwischenzeit schon einige Male, Dani Levy.
Ich meldete meine Drehbuchideen auf einer speziellen Internetplattform an, die für die Interessierten im Filmbusiness zur Verfügung steht. Gleich einmal meldete sich Marco Hausammann-Gilardi, der sich beruflich mit der Ausbildung angehender Schauspieler und Schauspielerinnen befasst, gleichzeitig aber auch Regisseur, Buch- und Drehbuchautor ist. Er interes-sierte sich für meine Einfälle und wir bildeten im Jahre 2012 eine Gemein-schaft mit dem Ziel, als Drehbuchautoren für die Tatortserie nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland oder Österreich Fuss fassen zu können.
Wie ich feststellen musste, ist dieses Gewerbe aber knallhart. Dem einen oder anderen dürfte aber bekannt sein, dass besonders der Schweizer Tatort immer mal wieder in der Kritik stand. Sei es wegen den schauspie-lerischen Leistungen, sei es wegen der Dramaturgie oder lag es schlicht-weg am falschen Stoff. In diesem Zusammenhang kann ich nicht verste-hen, dass das Schweizer Fernsehen als Co-Produzent dieser Serie aus-schliesslich Drehbuchautoren verpflichtet, die ihnen bekannt sind und mit denen sie bereits gearbeitet haben. So lautet die Begründung, wenn eine Anfrage für die Zusammenarbeit als Drehbuchautor abgelehnt wird. Zu-dem verschliessen sich die Verantwortlichen vor irgendwelchen neuen Ideen für eine Story, indem sie davon noch nicht einmal Notiz nehmen und eingesandte Treatments (kurze Zusammenfassung der Geschichte) ungele-sen retournieren. Ich sage dem nur „Scheuklappenverhalten“! Jedenfalls konnten wir bis heute keinen Sender, weder in der Schweiz, in Deutsch-land noch Österreich, wo ja jährlich diverse Tatortproduktionen stattfin-den, für unsere Ideen begeistern. Also haben wir nach vielen Jahren, insbe-sondere wegen meiner Frustration, unsere Zusammenarbeit eingestellt. Ich wollte meine Zeit wieder vermehrt meinen eigenen Projekten als Schrift-steller widmen.
Ja, dann war ich noch weiter als Komparse im Einsatz. Zum Beispiel in den Schweizer Spielfilmen „Der Frosch“ mit Urs Jucker und Liliane Amu-at oder in „Vakuum“ mit Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler. Für den letztgenannten Statisteneinsatz konnte ich sogar Doris begeistern, die mich dann begleitete und mit mir zusammen als Komparsen im Stadttheater Schaffhausen auftrat. Danach folgten noch kleinere Einsätze für Werbefil-me, die jedoch nicht speziell erwähnt werden müssen.
Dennoch war ich sozusagen im Filmgeschäft tätig. Nach dem Ableben meines lieben Vaters kam ich in den Besitz seiner vielen Schmalbildfilme und Dias, die sich im Laufe seines Lebens angesammelt hatten. Wie ich schon bemerkte, ein wahrer Schatz an Erinnerungen an unsere Familie. Ich überlegte dazumal, wie ich die Masse an Bildmaterial auch für die Zukunft am besten sichern konnte. So begann ich damit, mich über die sogenannte Digitalisierung von Filmen und Fotos zu informieren. Selbstverständlich existierten diverse Anbieter, doch musste ich schliesslich feststellen, dass die Verarbeitung des gesamten Film- und Bildmaterials enorme Kosten verursacht hätte. Durch Zufall bin ich dann im Internet auf eine Firma in Deutschland gestossen, die einen Filmapparat für die Verarbeitung von Normal8- und Super8mm-Filmen zu einem vernünftigen Preis anbot, wo-bei das Bildmaterial mit einer festmontierten Digitalkamera direkt abge-scannt wird. Ein in sich geschlossenes System, das es sogar erlaubt, die Filme auch bei hellem Sonnenlicht digital zu erfassen.
Ich schaffte mir diesen Projektor an und so konnte ich alle Erinnerun-gen an die früheren Zeiten auf Zelluloid in digitaler Form sichern. Das heisst, dass ich für die Betrachtung des Filmmaterials keinen Projektor und keine Leinwand mehr benötige, sondern dieses am Computer oder auch am TV-Gerät ansehen kann. Abgespeichert auf einer DVD oder auf einem USB-Stick kann das Filmmaterial sogar bequem in einen anderen Haushalt mitgenommen und ohne grossen Aufwand dort, wiederum am TV-Gerät oder am Computer, dem Publikum gezeigt werden. Für die Verarbeitung der Dias schaffte ich mir einen günstigen Scanner an.

Auch die Familie von Doris verfügte über unzählige Dias und Schmal-bildfilme. Alles konnte ich sehr gut verarbeiten. Daraufhin begann ich da-mit, meine Möglichkeiten zur Rettung alter Erinnerungen auf Filmen auch Bekannten und Freunden anzubieten. Aufgrund gewisser Wünsche und An-forderungen meiner Kunden schaffte ich mir dann auch noch einen VHS-Videorecorder, ein Abspielgerät für Video8-Filme und andere Filmsysteme an. Somit war ich in der Lage, mehr oder weniger alle Kundenwünsche zufriedenzustellen. Inzwischen haben sich die Anschaffungen mehr als gelohnt und amortisiert und ich verarbeitete unter dem Namen DigFilm-Verein sämtliches altes Bildmaterial. Ob Schmalbildfilme, VHS oder eben auch Dias.
Im Jahre 2020 beschloss ich aber, diese Dienstleistungen aufzugeben. Einerseits verbrachte ich viel zu viel Zeit für die Verarbeitung von altem Filmmaterial. Insbesondere bei den 8mm- und Super8mm-Filmen. Denn bei der Digitalisierung musste man immer dabei sein, um sofort einschrei-ten zu können, wenn der Film an den alten Klebestellen riss. Andererseits nahm auch das Vorhandensein der Kundschaft merklich ab.
Gegenwart und Zukunft!

Einen ganz besonderen Auftritt hatten Doris und ich im Jahre 2014, kurz bevor ich pensioniert wurde. Zufälligerweise bemerkte ich im Internet ei-nen Aufruf von SRF, welche eine Sendung über Paare machen wollte, die sich einst sehr nahestanden, sich im Lauf der Zeit jedoch aus den Augen verloren und dann aber schliesslich doch wieder zueinander gefunden ha-ben. Ich bewarb mich kurzerhand, indem ich mein Gedicht einsandte, das meiner grossen Liebe gewidmet ist. (Diese Verse befinden sich am Ende dieser Niederschrift.)
Eigentlich machte ich mir keine grossen Hoffnungen, doch eines Tages meldete sich SRF doch bei mir und erklärte, dass sie uns, nebst anderen Paaren, in einer DOK-Sendung portraitieren wollten.
Ups… kam mir sogleich über die Lippen. Denn bis dahin hatte ich Doris noch gar nichts davon gesagt, dass ich mich, beziehungsweise uns beide, in Leutschenbach angemeldet hatte. Es benötigte schon noch einige Über-redungskünste, bis sie einwilligte. Daraufhin erschien dann einmal ein kleines Team von SRF bei uns in Kreuzlingen, wo wir in der Zwischenzeit gemeinsam eine Wohnung bezogen hatten. Interviewt vor laufender Kame-ra wurden wir unter anderem auch von Mona Vetsch, die vielen Leuten aus Radio und TV bekannt sein dürfte. Ja, und so entstand dann die Zusam-menfassung unserer Liebesgeschichte, die am 26.08.2016 im Schweizer Fernsehen unter dem Titel „Liebe auf Umwegen“ ausgestrahlt wurde.
Dabei erzählte Doris vor der Kamera auch nochmals die Geschichte mit dem Armkettchen, das ich ihr als kleiner Junge überreicht hatte. Wie sie erklärte, gab sie mir damals das Kettchen zurück, weil seitens ihrer Eltern irgendwelche Bedenken bestanden. Es ist schwer zu erklären, doch wurde mein Schulschatz offenbar dahingehend erzogen, dass solche Dinge nicht angebracht wären. Selbstverständlich gehorchte Doris ihren Eltern, was mir ja bekanntlich fast das Herz gebrochen hatte.
Im Sommer 2014 wurde ich mit 60 Jahren pensioniert, so wie es das Reglement der Kantonspolizei vorschreibt. Also hatte ich insgesamt etwa 39 Jahre Dienst zum Wohl der Bürger geleistet. Ich hätte auf Gesuch hin möglicherweise auch noch zwei Jahre länger arbeiten können, doch ent-schied ich mich aus diversen Gründen dagegen. Nach dem Rutsch in den Ruhestand konnte ich es ein wenig ruhiger angehen. Aber es war schon eine Umstellung. Doris war in dieser Zeit weiterhin als Lehrerin in Gu-tenswil/ZH beschäftigt. Früh morgens (etwa fünf Uhr!) fuhr sie dann schon in Kreuzlingen los, um dem Morgenverkehr auf der A1, insbeson-dere in der Umgebung von Winterthur, ausweichen zu können. Erst gegen Abend kehrte sie dann wieder zurück nach Kreuzlingen, wo sie dann unser gemeinsames Abendessen erwartete. Ich selbst beschäftigte mich nach Lust und Laune. Natürlich stand bei mir weiterhin die Schreiberei auf dem Programm oder ich war bis 2020 mit der Digitalisierung von altem Film-material beschäftigt.
Ausserdem absolvierte ich noch die Motorbootprüfung auf dem Boden-see. Doris und ich hatten in der Vergangenheit schon mehrmals Urlaub auf einem Hausboot verbracht, was uns beiden immer sehr gut gefiel. Und deshalb hegte ich hin und wieder einmal den Gedanken, ebenfalls viel-leicht einmal noch ein Boot anzuschaffen, um damit auf dem Schwäbi-schen Meer herumschippern zu können. Wenn man schon in Kreuzlingen lebt und auch am Wasser aufgewachsen ist, so ist es fast naheliegend, dass man solche Gedanken einmal hegt. Insbesondere überlegte ich mir, dass ich den Führerschein dann noch machen sollte, solange von den zuständi-gen Behörden aus Altersgründen keine medizinischen Untersuche gefor-dert werden.
Der Traum eines eigenen Bootes schien sich dann zunächst in Luft aufzulösen. Nicht die Anschaffung des Wassergefährts bildete dabei das Problem, sondern die verfügbaren Liegeplätze auf dem Wasser. Bezie-hungsweise die „nicht“ verfügbaren Liegeplätze. Es ist heute fast unmög-lich, in der Umgebung von Kreuzlingen so mir nichts dir nichts in irgend-einer Seegemeinde einen Liegeplatz zu ergattern. Sei dies in einem Hafen oder an einer Boje. Überall bestehen sogenannte Wartelisten, wobei darin in der Regel mehrere Jahre der Wartezeit aufgeführt sind. Natürlich wäre es möglich, ein kleineres Boot auf einem Trailer jedes Mal in das Wasser zu bringen. Aber das ist äusserst mühsam und schränkt die Grösse eines Motorbootes schnell einmal ein.
Im Frühjahr 2019 hatte ich dann aber doch Glück. Im Bojenfeld Lands-chlacht der Gemeinde Münsterlingen wurde mir überraschenderweise als Gast ein Liegeplatz zur Verfügung gestellt. Und genau zu diesem Zeit-punkt wurde auch ein unseren Vorstellungen entsprechendes Gebraucht-boot (Jahrgang 1971) zum Kauf angeboten. Nach Besichtigung des Objekt-es haben wir das Boot gekauft und schliesslich von Hard/A auf dem Was-serweg in die Schweiz gebracht.
Es waren noch einige (kostspielige) Hürden zu meistern, bis das Boot ordnungsgemäss bei den Schweizer Behörden angemeldet werden konnte. Doris und ich waren glücklich und hielten uns fast den ganzen Sommer über auf dem See auf.
Übrigens konnte mein Schatz auf dem Boot hervorragend schlafen, während sie zu Hause oftmals, wenn nicht sogar dauernd unter Schlafman-gel litt. Unsere Freude wurde jedoch vom neunten Tag unseres Besitzes an getrübt, denn von da an hatten wir Probleme mit dem Kühlsystem des Mo-tors. Etwas stimmte nicht und wir mussten viele Male Kühlwasser auffül-len. Hinzu kam noch, dass der Motor Öl verlor. Also reklamierten wir die-se Mängel beim Verkäufer sofort, bei dem ich gleichzeitig eine Verlänger-ung der Garantie forderte. Das Beste, beziehungsweise das Schlimmste kam aber noch. Bei der Auswasserung des Bootes stellte ich fest, dass das Gesamtgewicht des Bootes gegenüber dem im Ausweis und in Verkaufsan-gebot ausgewiesenen Wert um mindestens 1,3 Tonnen überstieg! Damit war gemäss dem Bojenreglement in Landschlacht (bis 3 Tonnen) ausge-schlossen, dass ich wieder einen Liegeplatz beantragen konnte. Ausserdem wies das Gefährt nicht den Tiefgang von fünfzig, sondern von mindestens achtzig Zentimetern auf. Der langen Rede kurzer Sinn. Das Boot wurde an den Verkäufer zurückgegeben, was jedoch leider nicht ohne die Unterstütz-ung durch eine Rechtschutzversicherung und eines Anwaltes möglich war.
Somit war unser Fun-Erlebnis in der Sommersaison 2019 so ziemlich ins Wasser gefallen, könnte man sagen.
Zufällig aber hatten wir Kenntnis über ein Angebot eines anderen Boo-tes. Es handelte sich um ein Kabinenboot mit dem Namen „Gavina“ (Marke Fairline Mirage 29), das im Besitz eines Schweizers mit Wohnsitz in Diessenhofen war. Das Boot befand sich seit zwei Jahren auf einem Trockenplatz, war vorher aber in Deutschland immatrikuliert. Wie sahen uns das Boot an und waren sofort davon begeistert. Denn es befand sich in einem hervorragenden Zustand.
Schwierigkeiten waren aber auch hier vorhanden. Ich musste das Boot in der Schweiz anmelden und deshalb auch bei der Seepolizei vorführen. Es war eigentlich alles in Ordnung, nur bestand das Boot die sogenannte Lärmpegelmessung nicht, weil die beiden Volvo-Motoren nicht die gefor-derte Leistung erbrachten. Getestet wird so, indem man mit Vollgas in ei-ner Distanz von etwa 25 Metern zum Messgerät vorbeifährt.
Also wechselten wir die Schiffsschrauben aus, was eine deutliche Ver-besserung erbrachte. Ein Jahr danach traten Doris und ich wieder zur Prü-fung an. Einmal mehr wurden die über 40 Jahre alten Motoren auf Höchstleistung gebracht. Und dies insgesamt drei Mal! Der Test war bestanden und wir klatschten uns fröhlich auf der gemütlichen Rückfahrt von Altnau nach Landschlacht ab. Aber dann geschah es!
Ein Knall aus dem Maschinenraum und die Leistung der Schrauben viel sofort zurück. Ich stellte die Motoren ab und hielt Nachschau im Motoren-raum. Wie wir dann mit Schrecken feststellen mussten, hatte einer der Mo-toren massiv Öl verloren. Wie sich nachher bei der Begutachtung eines Ex-perten herausstellte, wies der Motorblock einen Riss auf. Hervorgerufen durch die vorangegangenen mehrmaligen Belastungen bei der Lärmpegel-messung.
Die Saison war schon wieder vorbei. Dann musste ich einen Ersatzmo-tor suchen, was sich als ausserordentlich schwierig herausstellte. Einzig ein Treffer bei meiner Suche im Internet lag in Deutschland vor Kein iden-tischer Volvo-Motor, aber ein baugleicher. Bevor ich diesen Motor aber kaufte, ersuchte ich schriftlich bei der Schifffahrtskontrolle um Verwen-dung dieses Motors. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Motor ei-gentlich bei der Prüfung beschädigt wurde. Ich erhielt die Bewilligung und konnte den Motor schliesslich auswechseln. Wieder ein Jahr später erfolg-te die nächste Vorführung des Bootes. Dabei hätte ja nach Austausch eines Motors einmal mehr die Lärmpegelmessung durchgeführt werden müssen. Jedenfalls war die Prüfung des Bootes auch dieses Mal wieder anstandslos über die Bühne gegangen. Ich erkundigte mich dann aber, was mit der Lärmpegelmessung sei? Man antwortete mir, man verzichte darauf.
Der Kanton Thurgau ist der einzige Seeanstösser, der bei der Immatrikula-tion eines Bootes auf dem Bodensee eine Lärmpegelmessung verlangt. Die anderen Schifffahrtskontrollen in St. Gallen, Schaffhausen, Deutschland und Österreich scheren sich einen Dr... darum!
Viele Scherereien und viel Ärger hätte vermieden werden können, hätte man den alten Motoren nicht mehrmals die Höchstleistung abverlangt. Ge-schweige denn, was mich die Reparatur des Bootes letztendlich gekostet hat. Etwa 18‘000.- Franken!
Im Jahre 2024 war ich dann aber bereits wieder dazu gezwungen, die „Gavina“ zu verkaufen. Ich hatte nämlich keine Möglichkeit mehr, das Boot in einem Bojenfeld oder sonst wo zu wassern. Auch in Landschlacht nicht, weil der neue Hafen in Münsterlingen gebaut wurde und die Bojen-besitzer dort nach Landschlacht wechselten. Kein Platz mehr.
Na ja. Schön waren die Stunden aber dennoch, die Doris und ich auf diesem Boot verbringen konnten.
In den folgenden Jahren haben wir dann hin und wieder im Sommer ein Boot gemietet. Dabei handelte es sich übrigens um den sogenannten „Pedro Donkey“. Dieses Gefährt wurde auch als Polizeiboot in der deut-schen Fernsehserie „WaPo Bodensee“ verwendet.
Im Zusammenhang mit Wasser fällt mir wieder etwas ein, das mit mei-nem Grundsatz: „Geht nicht, gibt’s nicht“ zusammenhängt. Doris und ich trafen sich im Sommer 2016 mit einem befreundeten Paar im Yachthafen Kreuzlingen, zu dem sie mit ihrem Segelboot gelangt waren. Sie kamen vom Untersee her und mussten zwecks Durchfahrt unter der Rheinbrücke in Konstanz den Segelmast herunterlegen. Im Hafen Kreuzlingen wollten sie den besagten Mast wieder richten, da die weiteren Tage auf dem Ober-see geplant waren. Dabei gleitete ein wichtiges Drahtseil ins Wasser, ohne welches der Mast nicht gestellt werden konnte. Das Seil konnte in einem Spezialgeschäft auch nicht so ohne weiteres besorgt werden. Der Boots-führer versuchte daraufhin, ausgerüstet mit einer Tauchermaske, das Seil im Hafenbecken wieder zu finden. Da er aber Asthmatiker war, musste er sein Vorhaben schnell einmal aufgeben.
Also entledigte ich mich am Pier kurzerhand meiner kurzen Hose, be-händigte die Tauchermaske und stieg in meiner Unterhose in das zu diesem Zeitpunkt sehr trübe Wasser. Man sah beinahe seine Hand nicht vor den Augen. An der Stelle, wo das Seil ins Wasser fiel, war es ungefähr drei Meter tief. Ich habe ansonsten eigentlich keine Probleme zum Tauchen. Aber damals war es absolut ungewohnt für mich, auch mit Tauchermaske sozusagen blind unter Wasser zu sein. Ausserdem hatte ich einige Zeit zuvor noch einen medizinischen Eingriff über mich ergehen lassen müs-sen, worüber ich gleich nachher noch berichten werde. Jedenfalls gelang es mir, bis zum Grund vorzudringen und dort mit der Hand im Schlick nach dem Seil zu tasten. Erst beim dritten Tauchgang fühlte ich dann plötzlich das Corpus delicti zwischen meinen Fingern und tauchte damit wieder auf. Ich war zwar froh, dass es dieses Mal klappte. Doch aufgege-ben hätte ich wohl nicht.
Wie ich bereits erwähnte, verfügte nicht nur Doris über ein kleines Häuschen in Schwerzenbach ZH, sondern auch ich in Felben. Wir machten uns darüber Gedanken, wie das künftige Zusammenleben gestaltet werden konnte. Aufgrund des Reglementes der Kantonspolizei Thurgau sollte ich ja viel früher in Rente gehen, als Doris. Aber dennoch stand für uns fest, dass wir zusammenleben wollten. Deshalb verkaufte sie ihr Haus in Schwerzenbach und war zunächst bei mir in Felben zu Hause. Gleichzeitig jedoch suchten wir uns eine gemeinsame Bleibe für die Zukunft, denn auch ich wollte nicht weiterhin in einem Einfamilienhaus leben. Denn meine Liebe zur Gartenarbeit war in den vergangenen Jahren merklich gesunken und jünger wird man auch nicht.
Weil Doris noch mindestens vier Jahre in Gutenswil als Lehrerein be-schäftigt sein und auch ich erst in etwa zwei Jahren pensioniert werden sollte, überlegten wir uns zunächst, ein gemeinsames Zuhause zwischen Frauenfeld und Volketswil zu suchen. Wir sahen uns auch diverse Wohnun-gen in verschiedenen Regionen an, doch gefiel uns nichts. Dann kam eines Tages die Idee auf, dass wir wieder nach Kreuzlingen ziehen könnten. Dorthin, wo wir aufgewachsen sind. Dorthin, wo wir alt werden wollen. Also richteten wir unser Augenmerk auf den dortigen Wohnungsmarkt aus. Und tatsächlich fanden wir im Jahre 2011 eine Wohnung, die uns beiden gefiel. Eine Maisonettewohnung im sogenannten Remisberg mit schöner Aussicht auf den Bodensee. Gleichzeitig hatte ich auch eine junge Familie gefunden, welche meine Liegenschaft in Felben mietete.
Seit dieser Zeit sind wir wieder in Kreuzlingen wohnhaft und fühlen uns wohl. Zwar nicht in Emmishofen, wo unsere tatsächlichen Wurzeln sind. Aber doch in der Ortschaft, wo wir beide so viel erlebt haben. Später hatte ich mein Haus in Felben dann aber doch noch verkauft. Denn ich wollte mit irgendwelchen Verwaltungsangelegenheiten und eventuell kommenden Restaurierungsarbeiten ebenfalls nichts mehr zu tun haben. Und diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.
Ich bin übrigens kein Rentner, der unter Zeitdruck steht und ich werde es auch niemals zulassen. Ich weiss manchmal nicht, soll ich mit den Men-schen im dritten Lebensabschnitt Mitleid haben, die oftmals erklären, dass sie keine Zeit hätten, wenn es um eine Terminvereinbarung geht. Sie müss-ten dies und das erledigen. Es ist ja schon gut, wenn man sich auch im Alter noch irgendwie beschäftigt. Sei dies mit einem Hobby, Reisen, Ver-wandtschaftsbesuchen, Festen oder sonstigen Tätigkeiten, die einem Spass bereiten.
Die Arbeit in der Kantonalen Notrufzentrale war mitunter sehr anstren-gend gewesen. Insbesondere spielte der psychische Druck eine grosse Rolle. Als Dienstchef-Stellvertreter hatte ich nebst den Schichteinsätzen auch sehr viel Pikett zu leisten. Man konnte niemals sicher sein, dass man aufgrund eines besonderen Vorkommnisses nicht von einer Sekunde zur anderen plötzlich als Verstärkung nach Frauenfeld gerufen wurde. Zur Tages- wie auch zur Nachtzeit. Vor allem bei Alarmfahndungen und Un-wettern konnte dies der Fall sein. Und gerade Letzteres nahm bekanntlich in den vergangenen Jahren vermehrt zu. Es herrscht in der KNZ grosse Aufregung und manchmal beinahe auch ein Chaos, wenn unzählige Scha-densmeldungen aus dem Kanton gleichzeitig eingehen und die nötigen Massnahmen zur Schadensbegrenzung möglichst rasch vorgenommen werden müssen.
Daneben gehen aber in der Regel gleichzeitig auch noch andere Anzei-gen und Hilferufe ein. Zum Beispiel Benachrichtigungen über Verkehrsun-fälle oder Brandmeldungen.
Glücklicherweise verfügt die Zentrale schon seit längerer Zeit über ein sehr effizientes Einsatzleitsystem (an dessen Projektierung, Entstehung und Einführung ich ebenfalls nicht ganz unschuldig war), womit häufig lediglich mit der Aktivierung eines Buttons auf dem Bildschirm manches schnell erledigt werden kann. Aber dies setzt auch voraus, dass man das System kennt und auch beherrscht.
Als Einsatzdisponent in der KNZ ist man schon längst nicht mehr nur ein Telefonist, wie die Mitarbeiter in dieser Abteilung vor vielen Jahren noch betitelt wurden. Die eingehenden Meldungen werden von Spezialis-ten erledigt, die ihr Handwerk verstehen und ermöglichen, dass jedem Bür-ger in Not schnellstmöglich geholfen werden kann.
Von so einem hektischen Beruf in die ruhige Phase eines Rentners ver-setzt zu werden, ist nicht unbedingt leicht und… in manchen Fällen viel-leicht auch nicht gesund. Ich denke deshalb auch, dass mir die Pensionie-rung und die damit plötzliche und andauernde Ruhe zum Verhängnis ge-worden ist. Ich bemerkte zwar schon früher immer wieder gewisse Körper-signale, denen ich aber keine weitere Bedeutung zumass. Plötzlich traten immer mal wieder Schweissausbrüche, begleitet von Sodbrennen und Stichen in der Brustgegend auf. Nach meiner Pensionierung verstärkten sich diese Signale jedoch und im Mai 2015, ich sass abends gemütlich wieder einmal vor dem TV-Gerät, machten sich diese Beschwerden erneut bemerkbar. Wohlgemerkt, in einer absoluten Ruhephase, wie es auch sonst üblich war. Die Beschwerden traten selten bei der Arbeit auf. An diesem Abend aber war es mir nicht geheuer und ich meldete mich telefonisch bei meinem ehemaligen Arbeitskollegen der Sanität in der Notrufzentrale. Dieser prognostizierte mir gemäss meinen Schilderungen der Symptome… einen beginnenden Herzinfarkt!
Wow, damit hatte ich nicht gerechnet. Dennoch hielt ich mich aufrecht und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich im nächsten Moment zusammen-klappen würde. Ausser den mir vertrauten Plagen (Rücken- und Bein-schmerzen), fühlte ich mich nicht anders. Aus diesem Grund lehnte ich es zunächst auch ab, dass eine Ambulanz aufgeboten wird, die mich in das Herz-Neuro-Zentrum in Kreuzlingen bringen sollte. Ich wäre absolut in der Lage gewesen, mich zusammen mit Doris dorthin auf den Weg zu ma-chen, denn die Klinik befand sich damals lediglich etwa 600 Meter Luft-linie von meinem Wohnort entfernt. Aber der Einsatzdisponent in der KNZ bestand darauf und so hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Ver-gnügen, in einem Krankenwagen mitfahren zu dürfen. Übrigens eine kostspielige Vergnügungsfahrt, wie sich später herausstellte. Etwa 800 Franken, deren Rückvergütung meine Krankenkasse leider ablehnte.
Noch in der gleichen Nacht wurde mir über die linke Armvene ein Stent in die Brust gesetzt. Diese Behandlung überstand ich ohne Probleme und bereits drei oder vier Tage später konnte ich die Klinik wieder verlassen. Bis heute haben sich bei mir keine der mir bekannten Symptome wieder gezeigt. Zumindest nicht diese. Möglicherweise werden diese auch durch die tägliche Einnahme diverser Medikamente verhindert. Jedenfalls - kommt man ins Alter, so merkt man doch, dass man noch lebt, wenn es einen hier und dort einmal zwickt, sagt man.
Ich war in meinem Leben nie ernsthaft krank. Ich verfügte immerzu über eine gute Konstitution, wobei ich aber nicht besonders darauf achtete. Vielmals dachte ich mir sogar, wieso bezahle ich überhaupt Krankenkas-senbeiträge? Ernste Spitalaufenthalte drängten sich also erst gegen Ende meiner beruflichen Laufbahn auf. Dabei musste ich, jeweils unter Vollnar-kose, in kurzen Abständen zweimal die linke Schulter operieren lassen und später, während meines Rentnerdaseins, auch noch einen Nabelbruch.
Im Sommer 2016 liess sich auch Doris pensionieren. Das heisst, sie ging mit 62 Jahren in die Frühpension. Der Entscheid war ihr nicht leicht-gefallen, aber für das kommende Schuljahr standen gewisse Veränderun-gen im Ausbildungssystem an, mit denen sie sich nicht mehr auseinander-setzen wollte.
Auch sie musste sich dann daran gewöhnen, Rentnerin zu sein. Vor allem vermisste sie die täglichen Vorbereitungsarbeiten für die Schule, die immer viel Zeit in Anspruch nahmen. Aber dennoch hatte es etwas Gutes. Wir hatten zwar auch vorher schon die Welt ein wenig bereist, was aus lo-gischen Gründen zumeist während den Schulferien geschehen musste. Nun hingegen können wir ohne weiteres unvermittelt die Türe hinter uns zu-schliessen und uns weiter auf Reisen begeben.
Am 29.11.2016 erfolgte eine weitere Änderung in meinem persönlichen Status. Ich wurde Grossvater! Marvin Elja heisst der Sohn von Pädi und seiner Frau Claudia. Wir alle bangten zu Beginn um die Gesundheit des Neugeborenen, denn Marvin kam als Frühgeburt zur Welt. Aber in der Zwischenzeit hat er sein Manko punkto Gewicht aufgeholt und wächst in geordneten Verhältnissen auf.
Es darf wohl als lustige Ungewöhnlichkeit bezeichnet werden, dass Marvin mit jeweils sechs Zehen geboren wurde. Aber auch dieses abnorme Erscheinungsbild konnte problemlos durch einen operativen Eingriff beho-ben werden.
Knapp drei Jahre später, also am 28.04.2019 gebar meine Schwieger-tochter dann auch noch ein gesundes Mädchen mit dem Namen Salome Sara.
Auch konnten sich die Arbeitsverhältnisse meines Sohnes etwas beruhi-gen, nachdem er zum Zeitpunkt des ersten Familienzuwachses seine Stelle in einer Holzbaufirma aufgrund ihrer Schliessung verloren hatte. In der Zwischenzeit ist er natürlich wieder arbeitstätig.
Etwas, das ich an dieser Stelle sicherlich auch noch erwähnen darf. Pädi – wie wir ihn nennen – hatte zum Zeitpunkt meiner Scheidung von meiner zweiten Ehefrau massive finanzielle Probleme. Damals war er bereits von zu Hause ausgezogen und wohnte aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit im Kanton Schaffhausen. Er konnte einfach nicht mit dem Geld umgehen. Ir-gendwann erfuhr ich davon und war als Vater zur Stelle. Von seiner Mutter konnte er leider nichts erwarten.
Ich kümmerte mich fortan um seine Finanzen, was sich als schwierig herausstellte. Denn er hatte überall ein wenig Schulden. Keine gegenüber von Freunden oder Bekannten. Das Übliche: Miete, Steuern, Rechnungen. Also versuchte ich die Schulden abzubauen, was mich aber selbst in die Bredouille brachte. Ich musste nämlich sogar selbst einen Kredit aufneh-men, damit ich auch meinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen konnte. Irgendwann einmal konnte ich dann Pädi die Verantwortung wie-der übergeben, nachdem in seinen Finanzen wieder Ruhe und Ordnung eingetreten war.
Was meine Tochter Sabrina betrifft, so ist sie zum Zeitpunkt dieser Nie-derschrift wieder Single, beziehungsweise eine geschiedene Frau und wohnt mit ihren zwei Katzen zusammen. Den Weg zu ihrer Arbeitsstelle in Winterthur bewältigte sie jeden Tag mit ihrem Auto.
Aber auch sie geriet einmal in die gleiche Lage wie ihr Bruder. Und wer war dann da? Ihr Vater. Auch ihr half ich, so gut es ging. Aber in der Zwi-schenzeit hat auch sie ihre Finanzen wieder im Griff.
Ich denke, dass beide meiner Kinder Lehren daraus gezogen haben!
Meine Kinder - mein Stolz!
Im Jahre 2019 konnte ich einmal mehr nicht Nein sagen. Ich wurde darum gebeten, die Obmannschaft der Pensionierten-Vereinigung der Kantonspolizei Thurgau zu übernehmen. Ich sagte zu, unter der Beding-ung, dass ich diese Aufgabe nicht allein bewältigen muss. So waren wir dann zwei pensionierte Polizisten, welche das Vereinigungs-Schiff wei-terhin steuerten.
Der Zweck der Vereinigung dient in erster Linie der Pflege der Kame-radschaft und des Kontaktes unter den Pensionierten in Form von jährli-chen geselligen Zusammenkünften im Kanton. Die Obmannschaft agiert eigentlich genau gleich wie ein Vereinsvorstand. Sie kümmert sich um die Mitglieder, die Datenverwaltung, die Organisation von Treffen und auch um die Orientierung der Pensionierten beim Ableben eines ehemaligen Polizeibeamten.
In diesem Zusammenhang kümmerte ich – zusammen mit Doris – voll-ständig um die Datenverwaltung, die recht umfangreich wurde. Wirkte der vorangehende Obmann noch mit Karteikärtchen, so haben wir alle Daten in der Zwischenzeit elektronisch erfasst. Eine von mir ins Leben gerufene Website wurde ebenfalls von mir allein betreut.
Nachdem ich aber insbesondere im Jahre 2024 unvorhergesehenen schwerwiegenden Gesundheitsproblemen gegenüberstand (ich komme noch darauf) und keine Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung be-stand, entschied ich mich, meine Verantwortung als Obmann wieder abzu-geben. Meine Entscheidung resultierte aus der Überlegung, dass man nie weiss, was morgen geschieht. Wie ich schon einmal bemerkte, war und bin ich eine vorausschauende Person und sehe mich in gewissen Verantwortun-gen. Also lieber alles frühzeitig und in Ruhe an eine gesunde Person über-tragen, bevor es vielleicht nicht mehr gut geht.
Natürlich blieb ich der Vereinigung aber als ganz normales Mitglied treu.
Ein andere Entscheidung traf ich noch im Jahr 2023, die ich nie bereute. Ich habe es schon einmal erwähnt. Ich kaufte mir ein Motorfahrrad. Zufäl-lig fand ich das Gleiche, das ich schon als 15-Jähriger bewegt hatte und womit ich früher mit bestellten Fleisch- und Wurstwaren in Kreuzlingen unterwegs war. Ein Pony Junior, Baujahr 1964. Ein Oldtimer also. Aber in hervorragendem Zustand.
Ich wollte meinen langgehegten Wunsch endlich einmal in die Tat um-setzen. Nämlich eine Fahrt damit ins Tessin!
Diese Idee gab ich auch einmal beim Treffen mit lieben Freunden zum Besten. Es sind dies Kurt Rünzi und Willi Strässle mit ihren Frauen. Mit Willi hatte ich die Polizeischule absolviert. Er verliess die Polizei jedoch nach einigen Jahren und war nachher als Betreibungsbeamter und Frie-densrichter in Tägerwilen tätig. Kurt Rünzi, drei Jahre älter als ich, war wie ich bis zur Pensionierung in der Kantonalen Notrufzentrale beschäf-tigt.
Nun denn. Ich erwähnte also bei einem gemeinsamen Nachtessen, wo-nach ich beabsichtigte, mit dem Mofa ins Tessin zu fahren. Sie waren von dieser Idee so begeistert, dass sie sich ebenfalls ein Mofa beschafften. Ins Tessin sind sie nicht mitgekommen. Dies habe ich dann allein durchgezo-gen. Aber ab 2023 führen wir drei jedes Jahr mindestens einen Ausflug mit unseren Mofas durch. Meistens sind wir dann 4 – 5 Tage unterwegs.
Das erste Mal fuhren wir im Juli 2023 während vier Tagen rund um den Bodensee, inklusive Untersee. Dann wollten wir weiter weg. Willi präpa-rierte seinen Autoanhänger so, dass wir unsere drei Mofa problemlos transportieren können. Also fuhren wir dann im Juni 2024 mit dem Auto nach Schwaighausen/D, wo wir das Transportmittel mitsamt dem Anhänger stehenlassen konnten. Von dort aus führte uns der Weg, wiederum vier Tage lange, um den Starnberger See herum und wieder zurück zu unserem Hotel in Schwaighausen/D.
Die nächste Tour erfolgte ein Jahr später ebenfalls im Juni auf die glei-che Weise. Mit dem Auto nach Vorarlberg und von dort vom Hotel aus einige Sternfahrten in dieser Umgebung.
Die "Töfflibrüäder" (von links nach rechts: Willi Strässle, ich, Kurt Rünzi).
Damit war es aber nicht getan. Noch im gleichen Jahr im August mach-ten wir die Gegend rund um die drei Seen im Westen der Schweiz unsi-cher. Neuenburger-, Bieler, Murtensee. Auch dafür fuhren wir mit dem Auto und Anhänger bis nach Biel.
Es sind unglaubliche und unvergessliche Erlebnisse und wir hatten im-mer sehr viel Spass. Wir werden dies weiterführen, so lange es eben mög-lich ist.
Was meine alleinige Tour ins Tessin betrifft, so bin ich am Sonntagmor-gen, 17. September 2023, in Kreuzlingen gestartet. Am Mofa befestigt war noch ein Anhänger, der prall mit nötigen Utensilien zum Campen gefüllt war. Denn ich hatte ja vor, in der „Sonnenstube der Schweiz“ in einem Zelt zu hausen.
Die erste Schreckminute erlebte ich bereits in Lengwil, als ich abbog. Dabei touchierte ich mit dem Anhänger den Randstein vom Trottoir. Was war die Folge: Der Anhänger fiel auf die Seite und einiges an Gepäck viel heraus. Glücklicherweise war zu dieser Tageszeit kein Verkehr, weshalb ich alles wieder in Ruhe herrichten konnte. Ein solcher Lapsus ist mir dann auf der gesamten Strecke niemals mehr passiert.
So fuhr ich von Kreuzlingen bis nach Chur, wo mich ein Dienstkollege der Kapo Graubünden erwartete. Er fand meine Idee so sensationell, dass er mir anbot, mich mit seinem Autoanhänger über die Autobahn bis nach dem Tunnel San Bernardino zu bringen. Ich übernachtete dann in Chur und am nächsten Tag in aller Frühe machten wir uns auf den Weg. Er brachte mich bis Roveredo, wo ich dann mein Gefährt in leichtem Regen ablud. Nachher machte ich mich auf den Weg ins Maggiatal.
Tatsächlich hatte ich eine fürchterliche Reisezeit getroffen. Bis zu mei-nem Zielort, der Campingplatz in Avegnio regnete es andauernd. Dabei hatte ich gar keine geeignete Kleidung dabei. Tja – die „Sonnenstube der Schweiz“!
Aufgrund der Wetterverhältnisse und der schlechten Prognosen für die kommenden Tage entschied ich mich dann aber, anstatt zu zelten, einen kleinen Pavillon zu mieten.
Ich kann Ihnen sagen, das hat sich gelohnt. Denn während meinem Auf-enthalt im Tessin regnete es derart viel, dass die Maggia und auch andere Flüsse besorgniserregend anstiegen. Mein Zeltplatz lag direkt neben der Maggia und man sagte mir, dass es nicht ausgeschlossen sei, wonach der Platz evakuiert werden müsse.
Von Vorteil war, dass ich auf dem Zeltplatz den sogenannten „Ticino-Pass“ unentgeltlich erhalten hatte. Damit war es mir möglich, alle öffent-lichen Verkehrsmittel zu benützen, wovon ich auch tüchtig Gebrauch machte. Ausflüge nach Locarno oder Lugano, entweder mit Bus oder Bahn, waren so möglich. Doch der Regenschirm begleitete mich immer.
Am Montag, 26. September, machte ich mich bei akzeptablen Wetterbe-dingungen wieder auf den Rückweg. Mein Bündner Kollege holte mich dann wieder in Roveredo ab und lud mich in Chur aus. Gleich darauf nahm ich den Rest meiner Tour unter die Räder. Die Heimfahrt bei äusserst küh-len Bedingungen verlief problemlos.
Ich wundere mich nun jedes Mal noch darüber, dass ich mich für so eine lange Fahrt motivieren konnte, wenn ich zum Beispiel mit dem Auto über Lengwil nach Amriswil fahre! Aber, ich hab’s geschafft!
Ja – eben, man macht solche Dinge, so lange es möglich ist.
Was meine Gesundheit betrifft, so hatten sich in der Zwischenzeit weit-ere Probleme ergeben. Ebenfalls im Jahre 2023 bemerkte ich, dass sich meine Zehen nicht mehr so anfühlten, wie früher. Zunehmend verlor ich das Gefühl. Zuerst in den Zehen, dann in den Füssen und schlussendlich bis zu den Knien. Eine Besserung ist bis heute nicht eingetreten. Es fühlt sich an, als wenn ich den ganzen Tag über zu enge Gummistiefel tragen würde, worin sich auch noch Wasser befindet. Die Diagnose nach mehre-ren Untersuchungen: Polyneuropathie. Eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, wogegen es keine „Mittelchen“ gibt. Also wird auch keine Besserung mehr eintreten.
Aber wenn man hin und wieder meint, es kann nicht schlimmer kom-men? Denkste!
Im Frühjahr 2024 wurde bei mir auch noch Prostatakrebs erkannt. Die Folge davon war eine über 18 Wochen dauernde Chemotherapie, die mich ausserordentlich belastete. Die Lage hatte sich am Ende der Behandlung dann wieder beruhigt, doch muss ich dennoch bis an mein Lebensende entsprechende Medikamente einnehmen, welche die Bildung neuer Krebs-zellen verhindern sollen. Zusätzlich alle drei Monate eine Spritze, welche die Bildung von Testosteron abwendet. Die Folge davon: Wiederholte Hitzewallungen, bei Tag und bei Nacht. Wallungen, denen die Frauen vielmals ausgesetzt sind.
Mein Gesundheitszustand hatte sich also innert etwa drei Jahren massiv verschlechtert und meine Krankheiten belasten mich sehr. Erkundigt sich jemand, wie es mir geht, bin ich ehrlich. Ich antworte: Nicht gut. Aber gleichzeitig erwähne ich auch, dass ich zufrieden sein muss. Denn es gibt auf dieser Welt unzähliges Leid und vielen Menschen geht es viel, viel schlimmer als mir. Ob nun krankheitsbedingt, wegen Eigen- oder auch wegen Fremdverschulden.
Nachwort

Nun bin ich eigentlich am Schluss meiner (vielleicht vorläufigen) Le-bensgeschichte angelangt, wobei ich hoffe, dass beim Lesen nicht zu grosse Langeweile entstanden ist. Gleichermaßen hoffe ich natürlich, dass es kein böses Omen ist, weil ich meine „Memoiren“, beziehungsweise meine Erinnerungen an mein Leben, jetzt schon festgehalten habe. Viel-leicht gibt sich ja in Zukunft noch die Möglichkeit, diese Schrift in einer Fortsetzung zu vervollständigen. Wer weiss, vielleicht in 10, 20, 30 oder…?
Viele Erinnerungen wurden bei meiner Schreiberei in meinem Hinter-stübchen wieder wachgerüttelt und ich habe versucht, diese mit einfachen Worten und insbesondere ehrlich zu erzählen. Vielleicht kommen mir noch weitere Andenken in den Sinn, sobald diese Schrift abgeschlossen ist. Er-innerungen, über denen dunkle Wolken hingen, aber auch das gleissende Sonnenlicht an einem azurblauen Himmel strahlte.
Sind Doris und ich hin und wieder in Gesellschaft und die Diskussionen handeln von der Zukunft, so lasse ich (als unverbesserlicher Komiker) oft-mals meine ganz spezielle Vision einfliessen. Wir beide werden 120 Jahre alt, trinken dann alle unter den Tisch und nachdem wir die letzten Schnapsdrosseln noch nach Hause gebracht haben, verabschieden wir uns. Ja, ich weiss. Ein hochgestecktes Ziel. Aber man muss Ziele im Leben ha-ben, auch wenn man immer älter wird und die Gesundheit zu wünschen übrigbleibt. Deshalb muss man auch mit Humor in die Zukunft blicken. Man muss optimistisch sein und insbesondere die schönen Dinge im Leben geniessen.
Ist es nicht so, dass der Mensch dazu veranlagt ist, die schlechten Er-fahrungen und Erlebnisse eher im Gedächtnis zu behalten, als die guten? Wann haben Sie, verehrter Leser und verehrte Leserin, das letzte Mal konkret zur Kenntnis genommen, dass Sie nicht unter Kopfschmerzen leiden? Oder dass Sie an diesem Tag nicht dieses oder jenes Zipperlein plagt? Denken Sie doch immer mal wieder daran und warten Sie nicht bis zu dem Moment, wo die Beschwerden vielleicht auftauchen. Geniessen Sie die guten Tage und sprechen Sie vielleicht einmal mit sich selbst: Hey, stimmt. Ich habe heute kein Kopfweh und es tut mir auch sonst nichts weh, super!
Ich bin im Laufe der letzten Jahre auch immer ruhiger geworden. Auch wenn es in meinem Rentnerleben, aus welchem Grund auch immer, strub her- und zugehen sollte, so spreche ich mit mir selbst: Nicht ärgern, nur wundern. Und das hilft. Ich habe gelernt, dass man sich damit keinen Ge-fallen tut, wenn man sich über gewisse Dinge zu sehr aufregt. Dinge, die geschehen sind, sind nun mal geschehen. Daran kann man nichts mehr än-dern. Und eine Lösung eines Problems ist nur dann befriedigend zu er-reichen, wenn sie mit gesundem Menschenverstand gesucht wird. Dies lässt sich in der Regel viel leichter bewerkstelligen, wenn der Adrenalin-spiegel den normalen Stand hält.
So, nun bin ich noch in meine wahre Stärke, die Psychoanalyse, vorge-drungen, die ich jahrelang intensiv studiert habe. Nein, nein, natürlich nicht. Im Gegenteil. Ich bin nicht allwissend und stelle mich auch nicht auf einen Sockel. Ich betrachte die Dinge einfach in einem besonderen Licht, das mir meistens den richtigen Weg aufzeigt, solange ich mich nicht nur von Emotionen leiten lasse. Es ist möglich, dass gerade meine frühere berufliche Tätigkeit Einfluss auf meine heutige Einstellung hat. In einer Notrufzentrale gehen die unterschiedlichsten Meldungen ein. Vielmals hatte man sich mit äusserst tragischen und leidvollen Angelegenheiten zu befassen. Nur selten ging einmal ein Anruf ein, der keine sofortigen (lebensrettenden) Massnahmen erforderte.
Der Einsatzdisponent ist der erste und direkte Ansprechpartner für die hilfesuchenden Anruferinnen und Anrufer. Dabei geht es nicht immer nur um eine Diebstahlsanzeige oder eine Unfallmeldung. Nicht selten wählen Leute die Telefonnummer 117, nur um vielleicht mit jemandem reden zu können, weil sie etwas beschäftigt; vielleicht sonst einen Kummer haben. Es sind dann keine Angelegenheiten, welche den Einsatz einer Polizeipatrouille benötigen.
Symptomatisch dafür erinnere ich mich an einen eingegangenen Anruf in der Notrufzentrale zu später Stunde, wenn ich das noch anfügen darf. Eine Frau meldete sich am Telefon, nannte jedoch ihren Namen nicht. Da-mals verfügten wir in der Zentrale noch nicht über die sogenannte Anruf-erkennung, wobei die Telefonnummer des Abonnenten automatisch im Sy-stem angezeigt wird. Sie erklärte mir, dass es sich um keinen Notruf han-dle. Sie wolle nur ein wenig mit mir reden. Da keine anderen wichtigen Dinge zu erledigen waren, hörte ich ihr zu und wir unterhielten uns. Bald einmal jedoch stellte sich heraus, dass ihr Ehemann ebenfalls in einer Not-rufzentrale in einem benachbarten Kanton arbeitete. Die beiden hatten Eheprobleme und sie wollte einfach einmal über ihre Sorgen sprechen, ohne sich dabei zu erkennen geben zu müssen. Es war ein langes Gespräch und sie bedankte sich schliesslich von Herzen, dass ich ihren Ausführun-gen geduldig zugehört hatte und ihr für spezielle Lebenssituationen klei-nere Ratschläge geben konnte. Ich habe erst lange Zeit später einmal herausgefunden, um wen es sich bei der Anruferin namentlich handelte. Ich habe das Gespräch aber weiterhin vertraulich behandelt. So ist es mir hin und wieder einmal ergangen und kaum hatte ich solche Telefonate be-endet, musste ich mich bereits wieder mit etwas ganz anderem beschäfti-gen. Schublade auf und Schublade zu.
nd Zufriedenheit im doch so kurzen Leben. Und… vielleicht landet die-ses Büchlein irgendwann einmal in den Händen eines Menschen, der mög-licherweise überrascht ausruft:
„Was?! Das ist die Lebensgeschichte me-ines Ur-ur-Grossvaters?!“
Und... tschüss!
Bis ans Lebensende!

Mein Gedicht, das meiner grossen Liebe Doris gewidmet ist:
Bis ans Lebensende!
Als Bub und Mädchen von 10 Lenzen,
hegten wir Gefühle füreinander, klar mit Grenzen.
Ich fühlte mich trotz meiner Jugendlichkeit,
im Siebten Himmel – die Zukunft war ja noch so weit.
In die Höh stieg mein Puls in deiner Nähe,
sprachst du zu mir, so war mir als wäre
es gleich eines Momentes der Glückseligkeit.
Angesprochen von meinem Schatz?
In mir tobte Aufgeregtheit!
All deine Bewegungen sog ich in mir auf,
in der Schule liess ich keinen Blick von dir -
des Lehrers Schelte nahm ich dabei gern in Kauf.
Mit Groll beobachtete ich aber andere Buben,
wenn sie dir ebenfalls Wohlwollen entgegen trugen.
Ich sparte mein Taschengeld, um dir das zu kaufen,das dich
an mich erinnern sollte, würdest du dich einmal verlaufen.
Mit einem Kettchen in silbernem Glanze -
kleine Wappen rundeten ab das Ganze,
wollte ich jeden Moment bei dir sein, dir vermitteln: Ich bin Dein!
Dann kam der Tag, an dem meine Welt zerbrach.
Du gabst mir das Kettchen zurück! Weißt du, wie das stach?
Tief in mein Herz drang der Klinge Seelenschmerz!
Du hattest dich entschieden! War’s damals dein Herz?
Die Beinchen in Kniesocken begannen zu zittern,
mein Herzchen pochte, drohte zu zersplittern!
Eine stählerne Hand erfasste meinen Magen
und mit einem Kloss im Hals wurde ich wie von
Geisterhand hinweg getragen.
Ob Mädchen, ob Junge, es ist doch gleich -
ich habe ob des Schmerzes zu Hause geweint.
Die Jahre vergingen, in Schule und Leben.
Wir waren uns nah und doch zu entfernt,
um uns Zuneigung zu geben.
Ich sah dich beinah jeden Tag - so in der Schule.
Für mich unerreichbar, ich verhielt mich brav,
liess dich in Ruhe.
Schulaustritt, Lehre, und auf Schicksalswegen -
mein lieber Schatz, es hat sich so ergeben.
Jeder hat auf seine Weise sein Leben bestritten
und jeder hat auf seiner langen Reise
die Rechnung für die Gesellschaft beglichen.
Ob du an mich gedacht,
in all den Wochen, Monaten und Jahren -
ich weiss es nicht - ich will auch nicht fragen.
Mein Herz jedoch war immer nah bei dir,
du sassest als wahre Liebe ganz tief in mir.
Kein Tag war vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht,
an dem ich mich nicht fragte, was du wohl gerade machst.
Hielt ich die Sehnsucht nicht länger aus,
so schickte ich dir Blumen - du ahntest nicht,
aus welchem Haus!
Ja, auch ich lebte mein Leben;
vor mir lagen reichlich Ziele,
Erlebnisse sind es in den Jahren deshalb viele.
Doch was quälte mich immer in meinem Herzen?
Schuld war die Seele für meine Schmerzen.
Ich habe dich als Bub geliebt vor Jahren,
dich ein halbes Jahrhundert im Herzen getragen.
Ich dachte schon, das Leben sei vorbei
und alles sei ohnehin einerlei.
Dann jedoch und beinah wundersam,
hatte ich Kontakt mit dir,
wie pochte mein Herz wieder dann.
Im Gespräch mit dir und mit Rumoren im Bauch,
nahm mein Leben einen anderen Verlauf.
Aber nicht das Schicksal führte die Feder hier,
es war der andern Leut Eifersucht, Hass und Gier,
welche die Zweisamkeit zwischen uns schürte
und uns auf den denselben Weg dann führte.
Mit falschen wie auch bösen Worten,
wurden verschlossen manche Pforten.
Überheblichkeit, Trotz und falscher Stolz
führt eben auf ein glitschiges Stück Holz.
Wenn man störrisch, uneinsichtig denkt,
nicht ein einziges Mal die Wahrheit erkennt,
und wer gar meint, allwissend zu sein,
erfährt am Ende nur Scham und Pein.
Wehe dem, der die Menschheit aufwiegelt
und damit sein eigenes Schicksal besiegelt!
Zerschlagen wird so manch Geschirr
So ist’s dir ergangen - und auch mir!
Nun spüre ich in meinem Herzen wieder das wahre Leben,
denn ich darf dich ansehen, darf mit dir reden!
Du gibst mir Hoffnung, du bist hier bei mir!
Du schenkst mir deine Liebe und dafür danke ich dir!
Ich bin heute der glücklichste Mensch auf Erden,
denn meine grosse Liebe ist zurückgekehrt in mein Leben.
Ich darf dich umarmen, küssen und streicheln
und du erwiderst meine Liebe -
mein Sehnsuchtsschmerz kann endlich weichen.
Zwei Herzen haben sich wieder gefunden,
nach Jahren, Monaten, Tagen und Stunden.
Sei’s auch entstanden aufgrund vieler Wehen,
so will ich dankbar sein und vergeben,
denjenigen Menschen, die uns beschuldigt
die Verbote missachtet, was einfach nur Lug ist!
Denn alles im Leben hat immer zwei Seiten.
Eine gute und eine schlechte und sie wird uns
immer wieder Freude und Sorgen bereiten.
Du jedoch wirst in Zukunft mein Wertvollstes sein!
Ich aber flehe dich: Bitte lass mich nie mehr allein!
Ergibt sich im Leben auch jede Wende,
ich liebe dich, mein Schatz,
bis an mein Lebensende!
(Hermann Merz / Joel Dominique Sante)





