Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212

An dieser Stelle gebe ich Hansjürgen Freier, den Raum, ein paar Worte über das Neuthal zu sagen:

Nachdem Jill Grey den zweiten Teil ihrer Biografie abgeschlossen hatte, geschah etwas, das ihr gänzlich fremd war: Es wird gemeinhin eine Schreibblockade genannt. Kurzum, sie bekam absolut nichts auf die Reihe, beziehungsweise auf das virtuelle Papier. An einem Nachmittag flippte sie aus.
»Scheiß drauf!«
Du willst – was?
Sie rollte mit den Augen. »Natürlich entleere ich keinesfalls den Darm. Das ist eine Redewendung.«
Und weshalb möchtest du, oder eben keinesfalls …
»Weil ich momentan schlichtweg außerstande bin, zu schreiben.«
Du wirst deine Gründe haben.
»Gründe hat man schließlich ständig«, parierte sie spitz. »Und mich zu belügen, war auch schon leichter. Früher hätte ich unzählige Ausreden aus dem Ärmel geschüttelt und mir jede mit eifrigem Nicken abgekauft. Aber mit dem ›Bewusstseinsding‹ fällt es mir zunehmend schwerer, mir allfällige Ausreden als Schokoladencreme unterzuschieben.«
Und was bleibt übrig?
»Ich hänge vollständig durch, krieg ebenso wenig den Arsch hoch und suhle mich in Selbstmitleid; es ist so süß wie die Frucht des verbotenen Baumes im Garten Eden, deshalb werde ich es vermutlich weiter zelebrieren. Und das ist schlicht und einfach beschämend!«
Würdest du Letzteres wahrhaftig tun, würden wir uns heute kaum unterhalten.
»Ups … ich hab mich wieder belogen?«
Du bist zynisch.
»Ein Punkt für Gott!« Sie hob ratlos ihre Hände. »Herrgott, fließt es nicht beim Arbeiten, wirft es mich aus der Bahn, und bis anhin ist es IMMER geflossen!«
Du machst eine neue Erfahrung, das ist ausgezeichnet.
»Bedauerlicherweise fühlt sie sich miserabel an. Ich hatte ehrlich vor, heute weiterzuschreiben, und oh Wunder, ich schaffte sogar einen Absatz, danach herrschte gähnende Leere in meinem derzeit unterbelichteten Gehirn. Ich stecke in der ersten Schreibblockade meiner Karriere fest. Karriere? Eine weitere Bezeichnung, welche keine Existenzberechtigung hat.«
Und gerade tust du das, worin du eine Meisterin bist: mit voller Hingabe resignieren.
»Du kannst mitunter dermaßen böse sein«, brummelte Jill zerknirscht.
Ich gebe lediglich wieder, was ich sehe. Dazu gehört deine Wut, die ausnehmend kraftvoll herüberkommt. Falls ich anmerken darf, das ist wiederum gut.
»Die fühlt sich auch super an.« Ein Seufzer. »Versteh doch, mein Selbstwert hat sich in den vergangenen Tagen auf die Größe eines Regenwurms reduziert und der will bloß eines: postwendend in sein Erdreich kriechen. Steck dein Haupt in den Dreck, behalte deinen Arsch draußen, so wird dich kein Tritt verfehlen!«
Und wer genau tritt dich?
»Abgesehen von dir? Hierauf würdest du sagen: Ich. Kacke! Und verdammt, diese Wortwahl passt keineswegs zu mir.«
Du meinst zu deinem Engelskostüm, das du öffentlich galant zu tragen vermagst.
»Ist okay, hau nochmal zu. Immerhin leg ich es zu Hause ab, gewissermaßen der Beginn einer innigen Freundschaft mit dem Teufel in mir. Und zu deiner Information: Wut hinauszuschreien, ist überaus zuträglich! Und hierfür könnte ich in der nichtexistierenden Hölle landen. Was soll’s!«
Und was ist mit deinem allgegenwärtigen Wunsch, Harmonie zu erzeugen und geliebt zu werden?, meldete sich die Altweiberstimme in Jill. Du kannst unmöglich so naiv sein anzunehmen, dass dich, ob derlei ordinäre Ausdrücke, jemand lieben, respektieren wird?
Jill blaffte genervt: »Jetzt kommt die auch noch! Gegenfrage: Mögen besagte Liebe und der Respekt erfüllend sein, wenn ich sie/ihn durch Unterdrückung erhasche? Sie schmeckt wie bittere Medizin. Unglücklicherweise wurde dir eingetrichtert, dass du krank wirst, weigerst du dich, die Medizin regelmäßig einzunehmen. Dieselben Leute verschweigen dir aus Unwissenheit, dass sich der Teufel trotzdem deine Seele holt, da ach so diplomatisch ausgedrückte Lügen letztendlich Lügen sind!«
Schätzchen, mit deinen begangenen Sünden wirst du ohnehin in der Hölle landen.
»Prima, dann hock ich halt mit ›Kumpel Teufel‹ auf dem Scheiterhaufen, trink eine heiße Margarita und verfolge mit, wie unsere Erde und ihre ach so diplomatischen Bewohner vor die Hunde gehen! Und hierzu kann ich ebenfalls sagen: … drauf!«
Genüsslich trank Jill ihren inzwischen kalten Kaffee und räkelte sich wohlig im Bürostuhl. »Ja, ich sage wohlig, und oh Sünde, es geht mir nach dem salonunfähigen Gemütsausbruch bestens. Ist das der Pakt mit dem Teufel, oder unzensiert gelebtes Leben? Zensur, ein kleines Wort mit sechs Buchstaben, dem ich mich stetig unterwerfe, vergleichbar mit einem ungeschriebenen Gesetz, dessen Nichtbefolgen einem Sakrileg gleichkommt.
Setzen wir an der Stelle einen Schlusspunkt, für heute hab ich genug Holz auf dem imaginären Scheiterhaufen aufgetürmt. Und habe ich deswegen ein Empfinden von Schuld? Nein. Es könnte sich allenfalls ein gewisses Unbehagen ausbreiten, würde ich an all diejenigen denken, die das lesen, und eine diabolische Seite von mir ausmachen.«
Warum weichst du dann vom Kurs ab, von Altbewährtem?, wollte die Altweiberstimme wissen.
»Nun ja, kann ein Mensch über sich hinauswachsen, ist er unfähig, seine Ketten zu sprengen, welche ihn am Weiterlaufen hindern? Und unter uns: Wie vielen Menschen steht das ›Scheiß drauf‹ auf der Stirn geschrieben, sie würden es allerdings vorziehen, daran zu ersticken, statt sich Luft zu verschaffen? Es auszusprechen, eventuell hinauszuposaunen, könnte Mauern zum Bersten bringen, in die sich jene Menschen – einschließlich mir – einbetoniert haben. Verletze ich jemanden, wenn ich meinen Dämon Gassi führe? Nein, zumindest nicht körperlich, ich zerstöre womöglich Illusionen … und plötzlich können wir sehen …«
Vor Jills geistigem Auge tauchte der alte Mann, genannt Gott, auf, und er lächelte wohlwollend. »Das gefällt dir, hab ich recht?«
Sehr. Mit der Energie, welche du soeben freigesetzt hast, und die genauso mich durchströmt, könntest du einen Marathon absolvieren.
»Du übertreibst massiv. Und ja, es ist wunderbar, dass die Energie ungehindert durch den Körper fließt. Die Wahrheit ist; dadurch, dass ich die ganze Schokoladencreme ausgespuckt hab, die mir auf dem Magen lag, kann ich das Leben erneut spüren. Es kribbelt in den Fingern. Ich bin bereit, meine Reise fortzusetzen …«
Existenz
Es existieren Worte, die auszusprechen uns untersagt wurde.
Es existieren Emotionen, die auszudrücken uns untersagt wurde.
Es existieren Vorstellungen, die loszulassen uns untersagt wurde.
Hören wir wirklich auf zu existieren, würden wir anfangen,
all das zu hinterfragen?
J.G

Der Dezember war ins Land gezogen und zu Jills Freude war es an der ligurischen Küste beständig ausgesprochen mild. Am Morgen unternahm sie einen Spaziergang zu einem der verlassenen Ferienhäuser unterhalb ihres Hauses. Sie kannte den Besitzer und hatte seine Erlaubnis, das Grundstück zu betreten, auf dem ein wunderschöner Kakibaum stand, dessen Früchte sie sich im November und Dezember täglich einverleibte.
Übrigens ist Jill wieder mit zwei Hunden unterwegs. Sie brauchte eine Weile, um den Weg ins Tierheim in Imperia zu finden. Ein Tierheim, wo die meisten Tierpfleger vorwiegend ehrenamtlich arbeiteten. Was sich ihr im Heim offenbarte, hatte sie zutiefst erschüttert und sie hätte am liebsten alle Vierbeiner mitgenommen. Das Rennen machte ein kleiner, ungefähr vierjähriger Pinschermischling. Der kleine Racker war bloß noch ein Skelett und mit Sicherheit misshandelt worden. Sobald sie ihn auf ihrem Land aus dem Auto gehoben hatte, verkroch er sich sogleich darunter und sie hatte Mühe, ihn hervorzuholen. In der Küche, wo er sich zitternd in eine Ecke drückte, stellte sie ihm einen Napf mit Futter hin. Erst als sie sich zwei Meter von ihm entfernte, kroch er beinahe auf dem Bauch zum Napf, schnappte sich einen Happen, flitzte in seine Ecke und schlang ihn runter. Den Vorgang wiederholte er, bis der Napf leer war. Jill gab ihm die Zeit, welche er benötigte, um Vertrauen zu ihr und ihrem großen Rüden zu finden. Er würde von sich aus zu ihr kommen, was er sich nach knapp drei Tagen traute. Bald schon musste er nicht mehr auf den Boden urinieren, kam ihre Hand seinem kleinen, geschundenen Körper zu nahe. Und alsbald wich der kleine Psycho, so nannte sie ihn liebevoll, nicht von ihrer Seite, außer es stieg ihm eine Fährte von was Essbarem in seine Nase – was er auch mit ›essbar‹ assoziierte. Nach einer Woche jagte der kleine Psycho allem hinterher, was in Jills Nähe kam. Einerlei, ob auf zwei Beinen oder mit Rädern, er schlug sie, aus seiner Warte, allesamt in die Flucht. So gesehen kam einiges an Arbeit auf sie zu; der kleine Psycho hatte in puncto Erziehung ein astronomisches Defizit.
Jills Hände hielten auf der Tastatur inne. Sie besann sich der zwei Jahre, in denen sie in ihrem Bergtal vierbeinige Feriengäste aufgenommen hatte. Hunde haben ihre Stärken und Schwächen, außerdem sind sie meist undiplomatisch im Lösen ihrer Konflikte, und solche sind vorprogrammiert, werden sie frei und im Rudel gehalten. Innert Kürze hatte sie manchen Hund so weit, dass er sozialisierter durch die Welt tapste. Kamen dieselben Hunde ein nächstes Mal, fing sie bei Null an. Hunde können sich ändern, doch wer ändert den Besitzer?
Ihre Feriengäste waren, was klares Auftreten anbelangte, ein ideales Training für Jill. Im Rudel gibt es ein Alphatier, nichtsdestoweniger wäre es wünschenswert, dass du persönlich darüberstehst, ansonsten ist das Chaos vorprogrammiert. Ging es ihr gut, waren besagte Hunde wie Butter in ihren Händen, geriet sie hingegen in ihre Zustände, wurde aus demselben Rudel ein kleiner Albtraum.
Ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen.
»Ein stolzer Eurasier, eine männliche Diva, der seine Besitzer zweifellos fest im Griff hatte und Artgenossen mied. Und erwähnte Diva verweigere die Nahrung, wurde mir versichert, unterlasse ich es, sie mit Wurst und zwei Portionen Kaffeerahm zu vermischen. Andere Hunde kamen ebenfalls mit einem einzigartigen Menüplan angereist, und laut den Besitzern würden sie in den Hungerstreik treten, fügte ich mich nicht ihrem Willen. Das taten sie, dennoch war ihre Ausdauer begrenzt, wenn sämtliche Blicke des Rudels sich gierig an ihren Napf hefteten, lauernd, den passenden Moment abwägend. Kämme wurden gestellt, Gebisse entblößt und um die Wette geknurrt. Ein Spiel, in das ich mich selten einmischte, trieben sie es nicht zu weit. Der Punkt war: Alle aßen spätestens nach zwei Tagen, schnurzegal, ob Wurst und Kaffeerahm im Haus waren. Und war es nicht der Futterneid, beendete der Hunger das Machtspiel.
Ich könnte Kapitel um Kapitel mit Erlebnissen füllen, welche ich mit und durch jene Feriengäste gemacht habe, indessen hat mir lediglich ein Gast gezeigt, dass es gefährlich sein kann, missachte ich meine Instinkte. Dieser eine Hund hat mich gelehrt, mein Ego in die Wüste zu schicken. Ein Hund, der mir das Tier in sich offenbarte, das reuelos töten könnte, jedoch niemals grundlos. Ein Kollege meines Partners hatte ein Muskelpaket von einem unkastrierten französischen Beauceronrüden, eine Furcht einflößende Schönheit vom Schwanz bis zu seinen kupierten Ohren. Ich wurde angefragt, ob ich ihn sporadisch aufnehmen könne, und sagte Ja zu einer Probe. Nach vierundzwanzig Stunden gestand ich mir die erste Kapitulation ein. Zuvor war ich ihm nur wenige Male begegnet, wusste, dass seine soziale Kompetenz korrekturbedürftig war; war ihm danach, legte er sich auf den Esstisch der Eltern seines Besitzers, welche ihn nicht bewegen konnten, runterzugehen. Mir war bekannt, dass er zweimal die Freundin des Besitzers gebissen hatte, als sie laut wurde. Des Weiteren wurde mir gesagt, dass im Welpenalter, der Prägungsphase, etliches schiefgelaufen sei.
Mein Instinkt hatte deutlich Nein gesagt, das Ego folgte dem Partner, der einst sagte, dass ich ein Gespür für die Tiere habe. Flutscht runter wie Honig.
Fakt ist; der Feriengast war höchstens eine Stunde im Haus und wir hatten den ersten Machtkampf: Er breitete seinen Körper quer übers Bett aus. Meine Haltung und Klarheit quittierte er primär mit Nichtbeachtung und dann mit Knurren, das durch seinen direkten Blickkontakt weitaus bedrohlicher wirkte. Da ich kaum einschätzen konnte, wie weit er gehen würde, nahm ich Abstand davon, beharrlich zu bleiben, und beschloss, ihn meinerseits zu ignorieren. Nach ein paar Minuten kam er mir nach und wandelte sich für den restlichen Tag in einen folgsamen Schatten.
Am Abend kuschelte ich mich aufs Sofa und das hatte auch er vor. Seine Eroberung begann mit seinem Kopf auf meinem Schoß, dann kam eine Pfote nach oben und die zweite folgte. Indem ich ihm signalisierte, dass das Sofa für ihn tabu sei, löste ich etwas aus, was ich befürchtete, nicht kontrollieren zu können. Er spannte jeden Muskel in seinem Körper an, sodass sein Haupt über mich hinauswuchs. Er knurrte, tief und grollend, worauf ich mich automatisch in die Sofakissen drückte. Mich erfasste Angst und mir war klar, dass dies eine denkbar ungünstige Ausgangslage war. Er schob seine Schnauze nach vorne und entblößte ein Gebiss, das Knochen zermalmen kann. Mit jedem Grollen und Vorschnellen spritzten mir Speicheltropfen entgegen. In mir jagten sich die Gedanken: ›Wird er die Grenze überschreiten?‹ Dann: ›Zeig ja keine Furcht!‹ Das kleine Mädchen in mir antwortete: ›Soll das ein Witz sein?‹ Bemüht, den Gedankenfluss zu stoppen, konzentrierte ich mich auf den Atem. Versuchte, einen schützenden Kreis von Energie um mich zu bilden und mir diese Kampfmaschine als verzogenen Bengel vorzustellen, der mir auf keinen Fall wehtun wollte. ›Du meinst, der dir auf keinen Fall die Kehle durchbeißt?‹, quietschte das kleine Mädchen. Keineswegs hilfreich!
Endlose Minuten verstrichen. Ich sammelte mich und vermittelte ihm, dass ich mich keinesfalls auf seiner Ebene mit ihm unterhalte! Vermeide Unterwürfigkeit und Provokation, und sei zuversichtlich, dass er die Grenze respektiert.
Ich folgte meinen Instinkten und mir kam nie der Gedanke, ihm nachzugeben, zu gestatten, sich auf dem Sofa herumzufläzen. Unter Umständen hätte er dann gänzlich die Achtung vor mir verloren und ich ihm so jene Grenze geöffnet, welche zu überschreiten für ihn und mich fatal gewesen wäre.
Allmählich schaffte ich es, aus der Angst auszusteigen. Seine Gebärden wurden weniger bedrohlich. Dann kam der Test: Er schnupperte mich mit seiner speichelnassen Schnauze von oben, bis hinunter in den Schoß ab. ›Riecht er weiterhin Angst?‹, überlegte ich. Sicherlich roch er einen Rest davon, doch würde er auch den Teil riechen, der mitnichten vorhatte, sich zu opfern, der konstant an das Gute in ihm festhielt?
Nach dem Test bäumte er sich vor mir auf, laut und überaus feucht. Sobald der Akt des Machtspiels sein Finale erreichte, legte er sich zu meinen Füßen hin und wich mir kaum von der Seite. Er blieb lammfromm und nahm jeden Tadel meinerseits hin, um mir umgehend zu beweisen, dass er es weitaus besser konnte. Jedes Lob bewirkte, dass er zu einem Kind wurde, das mir anstelle von Küssen, mit seiner Zunge das Gesicht ableckte.
Trotz alldem wusste ich, dass ich gezwungen war, dem Besitzer abzusagen. Möglicherweise habe ich mich ihm genähert. Was er dessen ungeachtet benötigte, war kein Zweitplatz, an dem er im Notfall abladen wird. Es war ein Besitzer vonnöten, der dem Wesen begegnete, sich nicht damit zufriedengab, dass ein Hundeflüsterer und ein Wesenstest ihm sagten, dass er keinerlei Gefahr darstellt. Mir stellte sich diese Frage: In welcher Verfassung würde das Paket das nächste Mal abgegeben? Was wurde zusätzlich reingesteckt? Neue Zündschnüre, und du hältst ahnungslos ein Streichholz daran, zur falschen Zeit am falschen Ort, und es gibt ein ›Bumm‹.
Es war eine schwierige Entscheidung. Ich wusste, ich konnte ihn erreichen, leider würde es häppchenweise unmöglich funktionieren, das Risiko war zu groß. Ich erläuterte dem Besitzer sämtliche Beweggründe, sagte ihm, dass sein Hund eine geladene Waffe sei und höchstwahrscheinlich irgendwann ein Opfer fordern würde. Er sagte mir, dass der Hundepsychologe und der Wesenstest dem widersprachen. Das Opfer war der Bruder des Besitzers. Der Hund sprang ihn scheinbar grundlos an und biss ihm fast den Arm durch. Er wurde unverzüglich eingeschläfert.
Wir unterwerfen unsere Hunde dem Leinenzwang, berauben sie ihrer natürlichen Bewegungsfreiheit, vereinzelt verpassen wir ihnen einen Maulkorb und sie absolvieren fleißig Schulen, um Gehorsam zu erlernen. Nur müssten auch wir anfangen, an uns zu arbeiten, und einsehen, dass wir alles an unsere Hunde weitergeben, insbesondere das, was wir meiden und unterdrücken. Blicken wir mutig in den Spiegel, den sie uns vorhalten, und hören auf, an ihnen herumzubasteln, um eine Maschine zu erschaffen, die wir nicht kontrollieren können.
Jener Hund hat mich gelehrt, das Ego zu begraben und gleichermaßen an das Wesen in ihm zu glauben und nicht an den Schein, den er mir vorhielt.
Auch mir sind in der Vergangenheit Fehler unterlaufen – kommt sogar heute zuweilen vor –, ich war wütend auf einen meiner Hunde, dachte, dass bei ihm – statt bei mir – was schiefläuft. Was es heißt, die Verantwortung für einen Hund oder ein Kind auf sich zu nehmen, erkennen wir dann, wenn wir unser vollendetes Kunstwerk sehen können. Falls wir es sehen …«
Gedanken
Weshalb fällt uns das Schlechte oftmals leichter als das Gute?
Wir sehen es. Wir denken es.
Und dann sprechen wir es aus, ohne wirklich hingesehen
und nachgedacht zu haben.
J.G.

Nun begeben wir uns auf eine weitere Reise …
Im Frühling 1984 trat Jill Grey in die therapeutische Gemeinschaft Neuthal ein. In den zwei Jahren, in denen sie dort lebte, betrug die Zahl der Bewohner durchschnittlich zwischen zehn und zwölf Personen.
»Anfangs gab es weniger Bewohner und Männer waren zu meinem Leidwesen in der Überzahl. Karin, die älteste Frau im Bunde, wirkte hart und unnahbar, doch hinter ihrer Fassade war sie äußerst verletzlich. Sie wurde von allen, einschließlich des Teams, mit Samthandschuhen angefasst, was ihr eine gewisse Macht verlieh. Die einzige andere Frau teilte mit mir ein Zimmer. Ihre äußere Erscheinung signalisierte Zerbrechlichkeit und ihr Auftreten erinnerte mitunter an eine geistige Behinderung. Mit ihr in ein Gespräch zu kommen, war Schwerstarbeit.
Wiederum waren Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht, obschon nicht so radikal wie in der psychiatrischen Klinik, und in Anbetracht dessen, dass es wenig Frauen gab, wurde um besagte weibliche Geschöpfe gebuhlt. Da Karin das männliche Geschlecht damals eher kastriert hätte, anstatt sich von ihm umwerben zu lassen, und meine Zimmergenossin war, wie sie war, wurde ich zum Freiwild deklariert. Letztendlich beanspruchte mich Ben, der Schönling der Gemeinschaft, für sich. Ich tat, was das Drehbuch vorsah, ich ließ es geschehen.
Nach drei Tagen war meine Zimmergenossin auf Nimmerwiedersehen verschwunden, was blieb, war ihr aufgeschlagenes Tagebuch auf dem Bett. Sie schrieb in ihrer kindlichen Handschrift mit, dass sich alles einzig um die Neue drehe, und sie das Leben in der Gemeinschaft keine Minute länger aushalte. Hatte ich deswegen Schuldgefühle? Ja, die obligaten. Blendete ich sie aus, freute ich mich auf ein eigenes Zimmer, um mich verkriechen zu können.
In dieser Institution galten klare Regeln. Die erste Phase dauerte vier Monate. In denen herrschte absolute Kontaktsperre und Beziehungsverbot. Selbstverständlich war es unumgänglich, dass sich Leute verliebten. Hatte jemand Sex, wurde er rausgeworfen, und praktizierte er eine Sache, welche knapp außerhalb der Kategorie Sex rangierte, konnte er zurückgestuft werden, ansonsten gabs Sanktionen. Nach vier Monaten stellte man einen schriftlichen Antrag auf die zweite Phase, jede dauerte vier Monate. Der Antrag wurde zuerst im Team und dann in der Gruppe diskutiert. Bei einer Ablehnung – und Annahme – konnten individuelle, noch zu erfüllende, Forderungen gestellt werden. Bei mir waren es exklusiv: Gruppenpräsenz, Integration, Kommunikation, auf Menschen zugehen und etliches mehr, was in die gleiche Rubrik fiel. Nach vier Wochen wurde mir untersagt, vor neun Uhr am Abend ins Zimmer zu verschwinden.
In der zweiten Phase durfte erneut schrittweise Kontakt zur Außenwelt aufgenommen werden, telefonisch und schriftlich, und der Ausgang, wurde von vier Stunden auf ein Wochenende gesteigert.
Tägliche Aufgaben wurden monatlich neu zugeteilt. In jedem Bereich gab es einen Chef, der Lehrlinge unter sich hatte. Küche: Diese Arbeit umfasste Menüplanung, Mahlzeiten, Einkaufen, Wäsche und den Hausputz. Es gab außerdem den Holzbereich: Holz schneiden und den Ofen heizen. Der Bereich schloss den Gemüsegarten, die Hühner und Schafe mit ein. Seinerzeit verlegten wir auf dem Platz vor den drei Häusern, unter Anleitung von zwei Profis, Pflastersteine neu. Im Nähatelier stellten wir Kissen für die Gruppensitzungen her. Gelegentlich erledigten wir Aufträge von außerhalb, zum Beispiel Speichen in Veloräder ziehen. Ergänzend ist der Vorarbeiter zu erwähnen: Seine Arbeit bestand darin, dafür zu sorgen, dass jeder seinen Job machte und keiner zu spät kam; andernfalls konnte er gnädig sein oder Sanktionen verteilen. Er schrieb private Bestellungen für den wöchentlichen Einkauf auf, führte Taschengeld-Listen, und erkundigte sich nach dem Befinden, notierte hierbei Themen für die offizielle Gruppe am Nachmittag, welche zwischen vier und fünf Uhr stattfand. Nachher war Feierabend. Ich schreibe extra ›offizielle‹ Gruppe, da es bei Tag und Nacht inoffizielle gab; bekam jemand eine Krise, stand es ihm zu, eine Gruppe einzuberufen. Logischerweise zog es manch einer vor, im Gruppenraum zu hocken, statt zu arbeiten.
Die Gruppensitzungen waren, nach meiner bescheidenen Meinung, strukturlos. Ich hatte ungemein Respekt. Eingeschüchtert setzte ich mich hin, dem hämmernden Herzschlag lauschend und darum betend, dass mich niemand ansprach. Zu Beginn einer Gruppe wurde ein ›Befinderstein‹ herumgereicht. Wir saßen im Kreis auf Kissen, und wer den Stein bekam, sagte, wie es ihm ging, und kündigte eventuell eine Gruppe an, die er für sich beanspruchen wollte. Solange der Stein in der Runde war, durfte dir keiner reinreden. Wurde der Stein weggelegt, war die ›Schlacht‹ sozusagen eröffnet.
Ich wiederholte unablässig, dass es mir bestens gehe, und so mogelte ich mich eine Zeitlang durch; ich bot keinerlei Angriffsfläche, erledigte, was mir geheißen wurde, und hatte nie Probleme/Konflikte mit den Mitbewohnern. Wie in der Psychiatrie lebte ich die personifizierte Unscheinbarkeit. Was mir mit der Taktik zugutekam, war die Tatsache, dass es viele Alphatiere gab, welche sich permanent in die Haare gerieten. Männer, die unentwegt verbal angriffen, das Team eingeschlossen. Eine ideale Taktik, um zu verhindern, selbst angegriffen zu werden. Vereinzelte spielten Therapeut, ebenfalls eine passable Strategie.
Im Prinzip war jede Gruppe vollgepackt mit Emotionen. Sie müllten sich gegenseitig mit Vorwürfen zu und kontroverse Diskussionen wurden ausgefochten. Lösung, beziehungsweise Erkenntnis waren spärlich. Derweil hockte ich beobachtend auf dem Kissen, und kam eine Feedbackrunde, gab ich allerlei Unverbindliches von mir.
Die Stärksten nutzten die Gruppen, um Macht auszuüben. Schwächere schwiegen oder gingen in die Opposition, und diejenigen, die unermüdlich Anerkennung suchten, unter anderem Ben, holten sich diese dadurch, dass sie sich einbrachten: Selbsterhaltungs-Modus. Es wurde auf alles angesprungen. In inoffiziellen Gruppen existierte kein Zeitfenster von einer Stunde, jenes Zeitfenster wurde auch am Nachmittag kontinuierlich überschritten. Vorwiegend war das Hauptthema, dass jemand vorhatte, auszutreten, ungeachtet dessen, dass die meisten eine gerichtliche Maßnahme hatten, was bedeutete: Therapie, andernfalls Knast.
Ich vermute, die wenigsten meinten es ernst, beriefen sie eine Austrittsgruppe ein, hingegen stärkt es gewaltig das Ego, bemühen sich alle, dich davon abzubringen. An derartigen Austrittsgruppen konnte man ermessen, wo jemand innerhalb der Gemeinschaft stand.
Die monatliche Arbeitseinteilung wurde vom Team festgelegt. War jemand dominant, bekam er vorzugsweise einen Lehrlingsjob, beispielsweise dem Küchenchef unterstellt. Zur Krönung von vorhersehbaren Konflikten, etwa wenn sich zwei nicht riechen konnten, schlimmer, in dieselbe Frau verliebt waren, wurden sie als Chef und Lehrling zusammen in den Küchendienst gesteckt. Jegliche Arbeiten wurden so eingeteilt, dass der Konflikt vorprogrammiert war. Dominante Leute, mit einem Hang zu Aggression, sollten lernen, sich unterzuordnen, und introvertierte Personen – ich – mussten lernen, zu delegieren, zudem laut zu werden und sich durchzusetzen. Derlei Einteilungen führten stets zu Notgruppen, und das Team spielte lange mit. Infolgedessen hielten wir uns öfters im Gruppenraum auf, als zu arbeiten.
Wenngleich das Team bestrebt war, allfällige Problematik vor uns zu verbergen, war die Harmonie innerhalb des Teams ausbaufähig. Es gab allerhand Ansichten, auf welche Art eine Therapiestation geführt werden könnte.
Wir hatten Bezugspersonen. Mit meiner hatte ich kaum Gespräche. Erkundigte er sich nach dem Befinden, sagte ich das Obligate ›gut‹, was ihn zufriedenstellte. Erst später – ich und mein damaliger Freund waren bei ihm eingeladen – erfuhr ich, dass er reichlich eigene Probleme und mit Depressionen zu kämpfen hatte. Er sagte: ›Ich habe einen Beruf, in dem ich helfen müsste, doch im eigenen Leben versage ich komplett.‹
Nichtsdestotrotz fühlte ich mich, abgesehen von den Gruppensitzungen, langsam aber sicher daheim. Ich hatte ein Zuhause und es nicht eilig, zur zweiten Phase zu wechseln. Das Verlangen, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, war schlichtweg nicht vorhanden. Und da es innerhalb der Gruppe genügend auszuschlachtende Dramen gab, blieb ich eine Weile außen vor. Es gab ein, zwei Gruppen, in denen kritisiert wurde, dass ich weder was sagte noch Probleme einbrachte, konkret: freiwillig den Mund aufmachte, was den Schluss nahelege, dass die Mitbewohner mir demnach gleichgültig seien. Ich befasste mich sehr wohl mit den Mitmenschen, nur, vor einer versammelten Gruppe mich äußern? Ich hätte genauso in ein in Flammen stehendes Haus rennen können. Tut man nicht freiwillig, richtig? Und so beteuerte ich, dass ich einfach schweigsam und schüchtern sei. Mir wurde aufgetragen, mich vor jede Person hinzusetzen und zu sagen, was mich an ihr stört. Um etwaige Wogen zu glätten, durchschritt ich kurz die Hölle, gab banale Dinge von mir, für die mich niemand aufhängen konnte; gepunktete Socken und dass mir Guido am Tisch das Brot nicht gereicht hatte, er hatte mich überhört – Lappalien. Ich hab die Gruppe in den fünfzehn Minuten prima unterhalten, es wurde gelacht, was allerdings keineswegs der Zweck jener Übung war, trotzdem wurde ich anschließend für geraume Zeit in Ruhe gelassen.
Es ist unschwer zu erkennen, dass auch ich den Selbsterhaltungs-Modus wählte. Jeder folgte ihm auf seine Art, meine war es, weder herumzuschreien noch melodramatische Akte von mir zu geben. Ich entschied mich für den Weg des Schweigens und stillen Leidens, das kannte ich, und diese Vertrautheit gab mir wiederum Sicherheit. So lebte ich weiter mein bisheriges, gewohntes Leben, wobei für mich nichts Falsches daran war … «
Unbekannte Zeilen
Wir müssen jederzeit bereit sein, das, was wir sind,
aufzugeben, für das, was wir werden wollen.

Versonnen blickte Jill über das Land, das außerordentlich trocken und trostlos wirkte. An diversen Stellen waren weiterhin Brandnarben des Sommers sichtbar. Die Brände nahmen im August ihren Anfang und es wüteten einige. Zwei davon hätten um ein Haar ihr Haus und das ihrer Nachbarin verschlungen.
Die Gegend oberhalb von Imperia nennt man ›Strada di Olive‹, sie ist übersät mit Olivenplantagen. Manche behaupten, Plantagenbesitzer legen absichtlich Feuer, um Versicherungsgelder zu kassieren. Ebenso sind Schafhirten wenig erfreut, dass wilde Dornbüsche das Land überwuchern. Ergo werden Leute engagiert, welche Brände legen, um erwähnte Dornbüsche vorübergehend zu eliminieren.
An einem Nachmittag im August vernahm Jill ein undefinierbares Knistern von draußen. Als sie hinaustrat, um das Geräusch zu orten, bemerkte sie zwei kleine Brandherde oberhalb am Berg. Das war verheerend, das Land war seit Wochen dermaßen ausgetrocknet. Sie eilte zu ihrer Nachbarin, die sogleich der Gemeindeverwaltung telefonierte. Statt der Feuerwehr, kam ein Mann vom Dorf mit dem Moped hoch, begutachtete seelenruhig vom Haus der Nachbarin aus die Brandherde, nickte dann teilnahmslos und fuhr ins Dorf, um die Feuerwehr zu mobilisieren. Bis die mit ihren zwei Jeeps angerattert kam, hatten sich beide Feuer rasant ausgebreitet. Es bedurfte nochmals fast zwei Stunden, damit die Feuerwehrleute einsahen, dass sie mit ihren Schläuchen nie und nimmer so weit in die Berge kamen, um das Feuer in den Griff zu bekommen.
Unterdessen hatte Jill hektisch begonnen, ihre Wertsachen ins Auto zu tragen. Das Flammenmeer hatte sich allmählich bis oberhalb ihres Grundstücks gefressen. Dann, endlich, das Geräusch von Rotorblättern. Zwei Hubschrauber, unter sich mit Meerwasser gefüllte Ballons, donnerten von der Küste her über ihr Haus hinweg. Sie flogen ununterbrochen in die Abendstunden, und als das Feuer schließlich unter Kontrolle war, ragten circa zehn Meter von Jills Haus entfernt verkohlte Büsche und Bäume in die Höhe. Das war knapp!
Eine halbe Stunde vor den Bränden sah Jill zwei Männer in einem schwarzen BMW vom Berg herunterfahren. Jene Strecke fuhren meist dieselben wenigen Leute, und den Wagen, inklusive der zwei düsteren Gestalten, hatte sie bislang nie in der Gegend gesichtet. Das berichtete sie ihrer Nachbarin. Sie hatten sich gemeinsam inmitten zahlreicher Schaulustiger aus dem Dorf draußen versammelt und beteten, dass die Flammen ihre Häuser überspringen würden. Nachdem Jill geendet hatte, wurde Maria sichtlich nervös und sagte in gesenktem Tonfall, dass sie unter keinen Umständen von den Männern und dem schwarzen BMW sprechen solle, immerhin lebten sie beide allein am Berg. Es war offensichtlich, dass sie Schiss hatte. Sie hakte sich bei Jill unter, führte sie in ihr Haus und kochte Kaffee. Während sie ihn tranken, informierte Maria sie, dass solche zwielichtigen Leute engagiert wurden, um Brände zu legen. Sie stecken dafür an einer windgeschützten Stelle Kerzen in die Erde und darunter eine kleine Feuerstelle. So können sie in Ruhe den ›Tatort‹ verlassen, und bricht das Feuer dann aus, irgendwo anders sein. Und es sei gesünder, blind und taub zu sein, denn besagte Leute dürften wir uns niemals zum Feind machen, sie seien durchweg skrupellos.
Nach reiflicher Überlegung kam Jill zu der gesunden Schlussfolgerung, dass sie am Nachmittag nix gesehen hatte.
Nach einem ausgiebigen Spaziergang und den Erinnerungen, die das geschwärzte Land hervorgerufen hatte, öffnete Jill den Kühlschrank und hatte bloß einen Gedanken: ›Einkaufen ist angesagt.‹
Gesagt – getan, sie fuhr nach Imperia. Auf dem Weg entledigte sie sich des Abfallsackes in einem der grünen Container, welche an der Straße standen, und diese luden geradezu ein, Gerümpel zu entsorgen; alte Autobatterien, elektronische Geräte und dergleichen. Doch nicht ausschließlich in den grünen Containern wurde eifrig entsorgt. Auf Wegen, wo man noch mit einem Auto durchkommt, trifft sie des Öfteren auf verwaiste Fernsehgeräte und Kühlschränke, und wilde Dornbüsche verschleierten/verschlangen innert Wochen sämtliche Schweinereien.
»Ich besuche ausnahmslos zwei Läden, den Supermarkt Conad und den Eurospinn, der vergleichbar mit unserem Denner ist, jedoch um einiges billiger. Und so stehst du vor den Gestellen und hast keinen blassen Schimmer, was auf den Verpackungen steht, dementsprechend guckst du ziemlich dumm aus der Wäsche. Ich hab mir schon nach dem Duschen den Körper mit Duschcrème eingerieben, bis ich schnallte, dass das Geschmier am Körper eben keine Creme ist.
In Italien planst du für den Akt des Einkaufens besser genug Zeit ein, denn es ist irrelevant, ob du flink durch die Gänge flitzt, spätestens an der Kasse wirst du ausgebremst und stehst im Stau. Was kaum verwunderlich ist, denn im Conad packt der Kassierer die Ware, sobald der Scanner seinen Job beendet hat, persönlich in kleine Billigplastiktaschen; sie können höchstens drei mittelschwere Gegenstände fassen. Es flattert ein Blumenkohl, zwei Pack Teigwaren und eine Wurst in eine Plastiktüte, dann wird ein Knopf gedrückt, der das Band in Gang setzt und das Tütchen voran schiebt. Der Kassierer füllt die nächste, und so setzt sich das gemächlich fort. Ich war angemessen irritiert. Wahnsinn, Berge von Plastikabfall, werden produziert. Und ja, sie hatten weniger Freude, holte ich die eigenen, wiederverwertbaren Taschen aus dem Einkaufswagen. Ich schubste den Mann dadurch völlig aus dem Konzept, und es war unverkennbar, dass ich ihm unvergesslich bleiben würde.«

Bereits in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge wuchs Jill Grey zu einer Selbstständigkeit heran, die viele an ihr bewunderten. Wo sie früher dachte, Menschen zu ›brauchen‹, wollte sie heute Menschen ›begegnen‹. Brauchen konnte sie im besten Fall einen Klempner und Elektriker, falls sie das nicht auch hinkriegte. Und vonnöten war Hilfe in Computerdingen. Hierbei waren ihre Hilfeschreie unüberhörbar. Was indessen Handwerkliches anbelangt, zottelt sie in den Keller und holt ihr Werkzeug. Schlussendlich ist das Problem gelöst, präziser gesagt; es hat sich zu einem zumutbaren Übel transformiert. Ist das Geld knapp, wandelt sich Grey unweigerlich zum verkappten Heimwerker. In Italien kommt hinzu, dass anstelle eines Fachmanns in der Regel ein Arbeitskollege eines Freundes von einem Cousin der Nachbarin ins Haus wackelt, der genauso ein Amateur ist. So werden hier Häuser gebaut.
Ich schreibe gern Briefe, am Computer, was zugegebenermaßen jeglicher romantischer Vorstellung entbehrt, und gewiss würde derlei Romantik ohnehin, gleich einer Seifenblase, zerplatzen, mute ich jemandem einen handschriftlichen Brief zu. Sich in Briefen zu begegnen, ist speziell, interessant. Gleichwohl gibt es Menschen, die sich partout weigern, einen Brief zu schreiben. Sie leiden bezüglich deines Fernbleibens. Erklärst du ihnen hingegen, dass zur Übergangslösung geschrieben werden kann, kommt die ultimative Frage nach der E-Mail-Adresse und dann der entgeisterte Ausruf: ›WAS? Du hast kein Internet?‹ Es hört sich an, als erkundige sich die Person, wieso in deinem Haus eine Toilette fehlt. Daraufhin erläuterst du ihr – ähnlich einem Kind, das ebenso wenig kapiert –, dass du Briefe meinst, solche Dinger, welche von der Post befördert werden. ›BRIEFE? Ich mag keine Briefe schreiben!‹ Das Kind befindet sich im Schmollmodus. Du nimmst einen weiteren Anlauf und machst ihm begreiflich, dass es Briefe am Computer schreiben kann, und statt auf SENDEN, drückt es auf DRUCKEN und steckt das Papier in einen Umschlag … et cetera. Das Kind hat in den Trotzmodus gewechselt und wiederholt: ›Ich-mag-keine-Briefe-schreiben!‹

Wie gesagt, Jill hatte es keinesfalls eilig, aus der Therapie auszutreten. Wenngleich sie das Gelände in den ersten vier Monaten nur mit Begleitung verlassen durfte, fühlte sie sich keineswegs eingesperrt, im Gegenteil, wäre es nach ihr gegangen, hätte sie bereitwillig die zwölf Monate so abgeschottet verbracht. Begaben sich Zweit- und Drittphasen-Leute am Wochenende in den Ausgang, hatten auch die Zurückgebliebenen ein vorgegebenes Programm. Von einem Teammitglied begleitet, gingen wir in die Zivilisation: Kino, Zoo, Kegeln und so weiter. Jill hätte locker auf jegliche Aktivitäten verzichten können, sie hatte schlichtweg kein Verlangen, ihre Insel, genannt Neuthal, zu verlassen. Und irgendwann fängst du an, von ›Draußen‹ zu sprechen, und meinst eine Zivilisation, welche Lichtjahre weit entfernt liegt. Ja, die äußere Welt schien für sie stetig wegzugleiten, und das schenkte ihr Sicherheit
»Was die Liebe betraf, so war Ben – Ben, abgesehen davon war er ein Narzisst. Der schöne und eitle Ben gab sich mit mir ab, hatte er das Bedürfnis, und ignorierte mich, war ihm danach. Ich meinerseits forderte niemals was. Und so kam es, dass in einer Gruppe jemand das Thema in die Runde warf und mir entgegenschleuderte: ›Du bist für ihn ein Spielzeug, er benutzt dich und stellt dich dann in eine Ecke. Stört dich das denn gar nicht?‹
Ich hatte kein Problem, still zu leiden, es allerdings öffentlich auszubreiten, bescherte mir enorme Magenkrämpfe. Die Diskussion war eröffnet und selbstredend hatte jene Person recht, bedauerlicherweise gestand ich das niemandem ein. Eventuell hätte ich es vor der Vertrauensperson zugeben können, hätte sie mich damit konfrontiert – was sie unterließ –, aber in einer Gruppe? Vergiss es! In jener Phase meines Lebens war ich felsenfest davon überzeugt, dass, sich zu unterwerfen, meine Rolle sei, schnurzegal, ob ich darunter litt. Fazit: Hätte ich diese Rolle aufgegeben, hätte ich mich aufgegeben
Ich hatte Glück, die Gruppe fing Feuer, denn Ben drehte am Rad. Schließlich wurde er indirekt angegriffen, und es lag mitnichten in seiner Natur, das kommentarlos runterzuschlucken. Es es gab einen gigantischen Streit zwischen den zwei stärksten Alphatieren; dem, der das Thema angeschnitten hatte, und Ben. Das Gekeife war in vollem Gang, ich kam mir vor wie in einem Western, wo sich zum Finale alle in einem Saloon prügeln, in dem Fall halt verbale Prügel. Ich war – einstweilen – aus dem Schneider.
Eines Tages nagelte sie mich in puncto Introvertiertheit fest. Ich besinne mich, dass ich gedrängt wurde, herumzuschreien und jedwede Wut, die sie hinter meinem omnipräsenten Engelskostüm vermuteten, auszuagieren. Sie zielten darauf ab, das Verborgene hinter der lieblichen Erscheinung zutage zu fördern. Der Druck, der ausgeübt wurde, endete mit der Flucht aus dem Gruppenraum. Tom, ein Bewohner, stürzte sich an der Tür auf mich und drückte mich mit seinem beachtlichen Körpergewicht auf den Boden. Insofern schrie und weinte ich tatsächlich, denn die Panik, welche ich unterdrückt hatte, brach aus, sobald Tom mich mit seinem Gewicht zu erdrücken drohte. Zur Strafe für das unkooperative Verhalten wurde ich gezwungen, bis zum nächsten Morgen im Gruppenraum zu bleiben, um herauszufinden, was ich hier wollte.
Die größte Angst bestand in einem Rauswurf, denn trotz allem war dies eine Insel, die mich vor der Außenwelt, vor der ich mich fürchtete, abschirmte. Ich hatte Stunden, um mir zurechtzulegen, was ich sagen konnte, um bleiben zu dürfen. Ich tat, was ich routinemäßig fabriziert habe: Erwartungen der Leute zu erfüllen. Nein, ich tat es nie für mich, und doch, weil ich bleiben konnte. In Wirklichkeit war ich weiterhin unfähig, den Sinn/Irrsinn des Spieles zu begreifen, und bemühte mich, das zu tun, was mir in Fleisch und Blut übergegangen war: folgsam zu sein. Hierbei fiel es mir besonders schwer, die Komfortzone zu verlassen, denn allfällige Erwartungen standen kaum mit meiner Natur im Einklang: verbal anzugreifen, schreien, mich zu wehren, war für mich ein Novum. Und ich war meilenweit davon entfernt, darüber nachzudenken, was ich wollte, mein Sinnen kreiste ausschließlich darum, was die anderen von mir erwarteten – in dem Szenario die Gruppe. Zudem, hätte ich etwas loslassen können, das mir das Überleben bisher scheinbar gesichert hatte, ohne eine Alternative zu haben
In den Stunden im Gruppenraum hatte ich keinerlei Einsichten, und dass mir zu verstehen gegeben wurde, dass ich so sein müsste wie sie – so interpretierte ich es –, half mir keinen Deut. Im Klartext: Ich gab am darauffolgenden Tag Versprechungen, die einzuhalten unmöglich schienen.
Ich war etwa zwei Monate im Neuthal, da wurde eine Gruppensitzung betreffend Marc abgehalten, den Mann, in den ich mich in der Psychiatrie verliebt hatte. Er hatte sich in der Entzugsklinik eingefunden und neu beworben. Es wurde stets im Gruppenraum diskutiert, wer aufgenommen wurde, und schlussendlich im Team abgestimmt. Sie erkundigten sich, wo ich damit stand, würde er erneut aufgenommen. Selbstverständlich gab es Hardliner, welche intervenierten und vehement den Standpunkt vertraten, dass niemand eine zweite Chance verdient. Ich meinerseits hatte nichts dagegen, versicherte ihnen, dass ich in keinen Konflikt geraten würde. Was gelogen war. Umso mehr verblüffte es mich, dass es letztlich so war. Marc war nach seiner Rückkehr unermüdlich zugange, sich in Streitereien zu verwickeln, auch er war ein Alphatier, von denen es reichlich gab, und sie sahen ihren Status gefährdet.
Er schaffte es, sich zu integrieren, während wir im Sommer in Korsika waren. Wir marschierten über eine Woche mit Rucksack und Schlafsack quer über die Insel. Jeder trug Proviant, Kleider, Schlafsack etc. mit sich, inklusive einer kleinen Schaufel und WC-Papier. War »Groß« angesagt, wurde ein Loch geschaufelt und hinterher zugedeckt.
Auf unserer Wanderung bekamen wir weder Menschen, Häuser noch Straßen zu Gesicht – Natur pur. Es wurde ein therapeutischer Fortschritt angestrebt. Die Idee war fantastisch, leider fruchtete sie nicht. Für mich waren es die schönsten Ferien, ich genoss jede Minute davon, spürte das volle Leben in mir.
Um uns auf besagtes Abenteuer vorzubereiten, unternahmen wir ausgiebige Wanderungen, auf denen wir lernten, richtig zu gehen und zu atmen. Auf einer solchen Wanderung wäre ich beinahe ertrunken – wohlgemerkt in einem Bach. Der Weg führte uns durch einen Wald im Tessin, durch den ein Wildbach hindurchfloss. Ich war mit Guido, einem Mitbewohner, weit zurückgefallen, und der hatte die glorreiche Idee, dass wir im Bach den Wald durchqueren könnten.
Es war abenteuerlich. Oftmals wateten wir kniehoch im Wasser, hüpften von Stein zu Stein und hatten dabei viel Spaß. Dann, oberhalb eines kleinen Wasserfalles, rutschte ich ab und schlitterte in einen heftigen Strudel hinein. Der Wanderschuh hatte sich unter Wasser zwischen zwei Felsbrocken verkeilt und ich wurde vom Strudel unter die Oberfläche gerissen. Guido entging anfänglich, was los war, er dachte, ich spiele bloß die Ertrinkende. Unvergessliche Minuten verstrichen. Ich zerrte am Fuß und hielt gleichzeitig den Kopf über Wasser, schnappte gierig nach Luft und wurde abermals unter die Wasseroberfläche gezogen. Das ist der Augenblick, wo dir klar wird, dass du willens bist, dir den Fuß vom Knöchel zu reißen, bevor du jämmerlich ertrinkst. Die fundamentale Frage ist, ob du die Kraft dazu hast? Hätte ich sie gehabt, das begriff ich in einem Sekundenbruchteil, hätte ich es geschafft, denn der Wille zu überleben wächst ins Unermessliche.
Endlich checkte Guido, dass ich keine schauspielerische Einlage von mir gab. Er sprang zu mir ins Wasser und ich klammerte mich verzweifelt so fest an ihn, dass auch er ein paarmal unterging. Zwischen dem Luftholen und Abtauchen japste ich, dass der Fuß feststecke. Er erklärte mir, dass er runtertauchen würde, um den Fuß freizukriegen, hierfür sei es jedoch notwendig, dass ich ihn loslasse. Kurz darauf tauchte er auf und meinte, er müsse mir den Schuh ausziehen, der stecke zu fest. Dann hatte er es geschafft, ich war befreit. Am Ufer umarmte ich den heldenhaften Retter und bedankte mich überschwänglich. Guido war mein Held und mit dieser Rolle schmückte er sich allzu gern. Wir befanden, dass dies ein super Abenteuer gewesen sei. Das Team überlegte sich wahrscheinlich, was auf Korsika noch passieren könnte? Im Sommer 1984 fuhren wir mit unserem alten VW-Bus in einer Nacht Richtung Genua und setzten anschließend mit der Fähre nach Korsika über. Es kamen alle mit und wieder heim …«

Die Arbeit an der Biografie floss auf ein Neues, trotzdem entfachte sie bei Jill keinerlei Euphorie. Die Aussicht, weitere Romane zu schreiben, indessen schon. Und so stapfte sie an einem Morgen den Berg hoch und hing den Gedanken über ihre zukünftige Karriere als Buchautorin nach, denn das war es, was sie sich wünschte – Geschichten erzählen. Zu ihrem Bedauern hatte das zufolge, dass sich eine Resignation ausbreitete, diese führte sie zu weiteren Gedankenschleifen, welche ebenso wenig erbaulich waren. Zum Beispiel ihre Finanzen. Infolgedessen klagte sie bei dem, der allwissend war, und kam zum Schluss: »Das Verrückte ist: Hab ich ein bisschen Geld, bekomme ich Gewissensbisse wegen denen, die pausenlos jammern, weil sie keines haben, so wie ich momentan. Und es ist frustrierend, denn ihnen Geld zu schenken, verändert kaum was.«
Das hatte Jill bereits gelernt, als sie etwas Geld hatte und einen Teil davon verschenkte.
Du weißt, weswegen das so ist?
»Ja, damit sie lernen, selbstständig in ihrem Leben was zu bewegen. Es wäre dasselbe, wenn ich zu dir komme und du mir sämtliche Probleme lösen würdest, ich würde abhängig werden und ständig antanzen.«
Prima, wäre das geklärt.
»Du siehst mich gequält lächeln. Verkneif dir einfach, was zu sagen.«
Stille.
»Bist du noch da?
Du sagtest, ich solle nichts sagen.
»Du warst heute überhaupt sparsam mit deinen Äußerungen.«
Ich habe dir zugehört.
Ein Seufzer entwich Jill. »Bin gereizt. Periode und Hormonschübe, du kennst das ja, nein, eher unwahrscheinlich. Es ist schön, dass du mich magst, egal, wie ich drauf bin.«
Wie könnte ich dich nicht lieben?
»Lass das bitte.«
Dich zu lieben?
»Mir das zu sagen.«
Du ängstigst dich beständig, wahrhaftig geliebt zu werden, und ich liebe dich wahrhaftig.
Tränen füllten Jills Augen. »Weshalb tust du das …?«
Ich tue es, damit du erfährst, dass Liebe immer ist. Sei bereit, sie zu empfangen. Und ich tue es, damit du erkennst, dass, so brutal du auch zuschlagen willst, ich dich dennoch lieben werde.
Hatte Jill ihre Periode, konnte sie noch schlechter mit Liebesbezeugungen umgehen. Ergo wechselte sie das Thema.
»Wann haben wir zuletzt einen Dialog geführt?«
Ist das eine rhetorische Anfrage?
»Irgendwie ja, für dich existiert ja keine Zeit, demzufolge erübrigt es sich. Voraussichtlich wollte ich mich indirekt entschuldigen.«
Du denkst, eine Entschuldigung ist datumsabhängig?
»Ist das jetzt dein Ernst?«
Nein, obgleich ihr dazu neigt, es so zu sehen.
»Stimmt. Ich war beschäftigt, und das ist eine Rechtfertigung.«
Eine Rechtfertigung, weil du zu beschäftigt warst, um dich mit mir zu unterhalten?
»M-hmm, ja, nach dem Motto: Benutzen und dann in die Ecke stellen.«
Empfindest du es so?
»Jein. Ist eine alte Überzeugung: Beziehungen im Rhythmus zu pflegen und sich um seine Mitmenschen zu sorgen.«
Demnach haben wir eine Beziehung und du solltest dich um mich sorgen?
»Du fängst ja schon mit Auseinanderpflücken an. Womöglich haben wir eine Beziehung, ja. Und ich bezweifle, dass es nötig ist, mich um dich zu sorgen, vermutlich ist das der Unterschied, und das würde wiederum deine erste Frage verneinen, ich bin mit dir freier als in einer Beziehung.«
Interessant, und ein weitläufiges Thema: Beziehungen und eure Überzeugungen, wie man sie zu leben hat. Ich genieße unsere Zweisamkeit in Momenten der Begegnung.
»Das hast du schön gesagt. Zusammensein, nach Wahrheit suchen und sie leben.«
Ebenfalls schöne Worte, ich danke dir. Und nun sage mir, was du auf dem Herzen hast.
»Das klingt, als komme ich lediglich, wenn ich Probleme hab.«
Fernerhin kommst du, um mir von freudigen Ereignissen zu berichten.
»Vielleicht hab ich dich ja in dieser Form vermisst?«
Vielleicht?
»Na gut, ich hab dich vermisst. Zufrieden?«
Muss ich das sein?
Jill trat nach einem Stein, wetterte: »Würdest du sonst auf jedem Kleinmist herumreiten?«
In deinem ›vielleicht‹ liegt etliches an Gewicht, und das schleppst du immerzu mit dir herum.
»Wir stranden beharrlich bei ›zu mir zu stehen‹.«
Zu allem stehen, was du bist, was du liebst und wonach du dich sehnst. Und es wäre von Vorteil, es nicht für mich, sondern für dich zu tun.
»Ja, und ich gestehe, dieses ›vielleicht‹ zieht sich durchs gesamte Leben.«
Vor was fürchtest du dich? Lass mich an deinem Gedankengut teilhaben.
»Der Punkt ist, zu seinen Wünschen zu stehen, und dann … ach, es breiten sich monströse Schatten aus, welche allesamt verschlingen, einschließlich etwaiger Wünsche. Jene Schatten bewirken, dass die übrige Welt überdimensional groß wird. Der Körper scheint zu schrumpfen, zieht sich schmerzhaft zusammen und auf der Brust lastet ein Gewicht, das mir den Atem raubt.«
Das sind eindrückliche Worte dafür, dass sie dir fehlen.
»Ich meinte Fakten.«
Lerne zuallererst auszudrücken, denn der Ausdruck führt dich zur Wahrheit, deinen Fakten.
»Ich kann keinerlei Fakten aufstöbern.«
Geduld.
Jills Wut schwappte über, das war üblicherweise so, führte sie jemand an ihre Schwachpunkte heran. Sie entgegnete entschieden: »Ich hab es satt, geduldig zu sein, ich will weiterkommen!«, retournierte sie dementsprechend trotzig.
Meine Tochter, stampfst du wie ein Kleinkind auf, bringst du mich fortlaufend zum Lachen.
»Ich hatte niemals vor, dich zu amüsieren! Mein desolater Zustand und deine kontraproduktiven Bemerkungen strapazieren meine abwesende Geduld, und nebenbei werde ich gallig, stoße ich mir andauernd den Kopf an denselben Wänden. Würde das nicht sogar dich stinkig machen?«
Es würde mich vielmehr zur Besinnung bringen.
»Du baust mich heute ja buchstäblich auf – keinesfalls hilfreich!«, sagte sie verschnupft.
Ich habe lediglich auf deine Frage geantwortet.
»Welche rein rhetorischer Natur war. Aber ich hab’s kapiert. Und schenk dir allfällige Plattitüden über Geduld, ich arbeite daran, mich damit zu segnen.«
Derzeit allerdings kaum sonderlich erfolgreich, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf. Möglicherweise könntest du dich gelegentlich als Teil von mir sehen. Das könnte konstruktive Auswirkungen haben.
»Beispielsweise: Sämtliche Antworten sind in mir und so weiter?«
Und so weiter, ja. Zuweilen könnt ihr die Antworten nicht finden, weil ihr am falschen Ort sucht, steht, oder wie du heute, dich in die Wut flüchtest.
»Und wo stehe ich gerade?«
Im Kindergarten.
Jill schnappte nach Luft. Obschon der Schlag unter die Gürtellinie ging, war sie geneigt, dem alten Mann zuzustimmen. Sie war heute wahrlich ein trotzendes Kleinkind.
Fange an, dein Herz zu öffnen, genauso für den Erfolg als Autorin.
»Aber …« Das war alles, was sie herausbrachte.
So ist es, ich kenne deine Wünsche und Ängste. Und zurzeit bist du vermehrt im Außen und gibst dich deinen Ängsten hin. Finde in dir den Weg, der für dich funktioniert.
»Das tu ich. Und ich hab dich vermisst. Seit ich mit dir spreche, finde ich allmählich zu mir. Ich erkenne, wieso ich schmollen möchte, derart böse werde. Ich war unfähig, mich auszudrücken, und dann fühl ich mich klein und nichtig.«
Du selbst machst dich klein und nichtig. Es sind deine eigenen Schatten, in welche du dich begibst. Beginne, dir zuzuhören, ohne zu urteilen und zu bewerten.
»Auch so riesiges Dinge, das Bewerten und Urteilen.«
Ausnehmend riesig …
Bild »Finde dich«
Öl und Acrylfarbe auf Papier

In der zweiten Nacht fanden wir kein Lager. Philip hatte dieselbe Route vor circa zehn Jahren gemacht. Es ist jedoch ein Unterschied, ob man eine Route allein abläuft oder eine Horde Ex-Junkies im Schlepptau hat, die entweder müde, frustriert, hungrig ist und unentwegt pausieren will.
Auch ich sollte auf unserer Wanderung leiden. Nach einer Siesta im Schatten einer Baumgruppe, bekam ich einen roten Ausschlag an den Beinen und Armen; er juckte schweinisch. Ich hatte eine Sonnenallergie bekommen, du schläfst ein, wachst auf und könntest dir die Haut vom Leib kratzen. Keine Apotheke, geschweige denn ein Arzt, entsprechende Creme, beziehungsweise Tabletten. Phillip war ein durch und durch alternativer Mann und trug etliche alte Stofftaschentücher mit sich, welche eher kleinen Segeln glichen. Er tauchte sie für mich in jedes kalte Gewässer ein, an dem wir vorbeikamen, und band sie mir um die am stärksten vom Ausschlag betroffenen Arme. Das linderte den Juckreiz enorm. Fortan litt ich unter der Sonne, sie ließ meine Ausschläge regelrecht aufblühen. Ungeachtet dessen war mein Herz voller Liebe zur vollkommenen Natur. Ich wünschte mir sehnlichst, dass unsere Reise niemals enden würde.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass die Stimmung der Gruppe beim Überqueren der Insel grundsätzlich gut war. Zweifelsfrei wurde gemotzt. Über sämtliches zu motzen war eine Sache, welche bei jedem sich bietenden Anlass ausgiebig praktiziert wurde. Auch wenn es kaum jemand zugegeben hätte, bin ich mir sicher, dass es den meisten gefallen hat. Mit jeder Stunde, an der wir herumhingen und nichts taten, außer uns auf den Nerven herumzutrampeln, wuchs die Spannung zunehmend. Sobald Phillip mit dem Bus kam, wurde kollektiv aufgeatmet.
J.G.

Der Sommer war ins Land gezogen und mit ihm eine Hitze, die Jill schwerlich ertrug. An manchen Tagen zog eine Mischung aus Wolken und Nebelbänken vom Meer Richtung Berge und blieb ähnlich einer vollgesogenen Glocke hängen. Das, was sich darunter staute, erzeugte eine schwüle, feuchte Hitze. Alles im Haus, einschließlich der Matratze, war feucht. Dieses Klima hielt etwa drei Wochen an und war unerträglich. Der Schimmel im Haus feierte ein Festmahl. Darüber hinaus hatte Jill einen hässlichen Ausschlag.
Zwei Wochen waren seit dem letzten Dialog vergangen, heute hämmerte sie ungestüm an Gottes Tür/Wolke: »Hast du eine Minute?«
Eine Minute? Damit werden wir kaum über das Vorspiel hinauskommen.
»Wie sprichst du denn?«
Du meinst wegen des Vorspiels?
»Und ob, solche Dinge darf Gott nie und nimmer aussprechen.«
Kommt darauf an, was du dir darunter vorstellst.
»Oh. Ja, natürlich.«
Ich dachte an das Vorspiel, wo du nach Rom bummelst, um dann in Holland auf den Punkt zu kommen. Hierfür wird eine Minute keinesfalls reichen.
»So schlimm?«
Nein, ein kleiner Scherz meinerseits, der offensichtlich sein Ziel verfehlt hat.
»Hm, ich muss mich zuerst daran gewöhnen, dass Gott scherzt. Gut, ich überspringe Rom: Ich hab bislang keinerlei Fortschritte erlangt, bezüglich Erfolg und Hinsehen, wo ich mir weiterhin im Weg stehe. Das, was ich hierbei zutage förderte, war ein grässlicher Ausschlag, der sich innert Kürze über eine Gesichtshälfte ausgebreitet hat! Zum Glück heilt er aus, undenkbar, so unter Leute zu gehen. Dazu diese schwüle, feuchte Hitze, ernsthaft, wofür werde ich dauernd so bestraft?«
Niemand bestraft dich. Angesichts dessen, was sich in deinem Körper abspielt, hast du einen nicht zu unterschätzenden Einfluss.
Daraufhin sonderte sie ein teilnahmsloses »Ach ja?« ab.
O ja. Hast du deine Seele befragt, worauf du reagierst?
»Nein, war damit zugange, mich zu schämen. Der Ausschlag kam kurz nach unserem Gespräch.«
Aha.
»Was, aha?«
Das ist ein vorzüglicher Anhaltspunkt.
»Vorzüglich? Bedenke ich, dass ich mehrheitlich dasselbe esse, trinke und an Körperpflege benutze, kann ich äußere Umstände ausschließen.«
Das ist korrekt. Sprich über dein Empfinden, als der Ausschlag so schlimm war?
»Ich schämte mich, mied Menschen, und falls ich jemandem begegnete, hätte ich mich am liebsten irgendwo verkrochen.«
Aha.
»Was – aha?«
Gehe tiefer in das Gefühl.
Jill atmete hörbar aus. »Es war ausgeschlossen, mich der Scham und des Ekels, den Menschen beim Anblick haben könnten, auszusetzen. Ich fühlte mich nackt, abstoßend und von den Menschen ausgestoßen.« %u2028
Das ist wahrlich keine Haltung, sich aufrecht hinzustellen und anzunehmen, mit allem, was du bist.
»Nein. Ich überlegte mir bereits, mich zu verhüllen.«
Ich verstehe.
Der Groschen fiel allmählich. »Oje, ich finde plötzlich Diverses, was unser Gespräch untermauert. Na toll!«, rief sie deprimiert aus.
Ich finde es auch toll.
Worauf Jill raunzte: »Warum überrascht mich das nicht? Das war sarkastisch gemeint!«
Verständlich, mit einem roten, brennenden Ausschlag herumzulaufen, ist vermutlich mitnichten befriedigend.
»Nein. Und unterlass es jetzt bitte.«
Du meinst, zu erwähnen, dass dir somit etwas gesagt werden will.
»Ja … Herrgott, dann könnte es einfach jemand ausspucken, statt meiner Visage einen neuen Anstrich zu verpassen!«
Ich bezweifle, dass du – so aufgebracht – zuhören würdest.
»Als Nächstes kommt garantiert der Nachschlag, dass, würde ich es tun, es zu vermeiden wäre, dass der Körper reagiert. Und zur Krönung umarme ich den Ausschlag!«
Möchtest du das denn?
»Verflucht nein!«
Dann fange an, zuzuhören.
»Das tu ich doch?« Leise.
Ja, gleichwohl hast du kontinuierlich Vorstellungen davon, was du hören willst.
»Hm.«
Ich nehme dein »Hm« als Zustimmung. Du möchtest vollkommen sein? Gib die Kontrolle auf.
»Okay, dann werde ich den Verstand in Zukunft außer Acht lassen.«
Tu das, er kann dir nur sagen, was du schon weißt, präziser gesagt, er wird dir nichts sagen, was seine Macht gefährden könnte.
»Er ist clever.«
Sein Streben ist, zu überleben und besagte Kontrolle über dich zu behalten.
»Er ist ein Fluch.«
Und ein Segen, der dich wachsen lassen kann, lernst du mit ihm umzugehen. Lernst du ihn zu benutzen statt umgekehrt.
»Schön verpackt.«
Findest du?
Jill prustete genervt Luft aus. »Entgeht dir wirklich, dass ich heute zynisch bin, oder bist du … taub?«
Hattest du vor, stattdessen dumm zu sagen?
»Offenkundig trifft keines von beidem zu, und ja, das hatte ich vor.«
Weshalb tust du es dann nicht?
Sogleich wurde Jill ihres Zynismus beraubt und geringfügig aus der Bahn geworfen. »Weil … man das nicht tut, und … und ein gewisser Anstand, Respekt gewahrt werden sollte.«
Selbstverständlich. Wenn dir allerdings bei mir die Courage fehlt, zu sagen, was du in deiner Wut und Verzweiflung denkst …
»Lass es, ich ahne, auf was du abzielst, jedoch besteht ein kleiner Unterschied zwischen ›zu sich stehen‹ und ›seine Wahrheit leben‹ und taktlos und verletzend zu sein.«
Der Unterschied ist mir bekannt. Seine Wut zuzulassen, heißt keineswegs per se, sie ungefiltert jemandem an den Kopf zu werfen, der gegebenenfalls keine Ahnung hat, wie ihm geschieht, da du für gewöhnlich so nett und taktvoll bist.
»Du wirst zynisch.«
Ich schätze, du hast das Gespräch mit mir gesucht, um zu erkennen, was dein Verstand dir untersagt, unter anderem, wütend zu sein. Akzeptiere, dass Wut in dir steckt, welche zeitweilig durchbricht, genauer gesagt, dich mit einem Ausschlag dekoriert. Die Wut sucht sich auf verschiedene Arten und beharrlich einen Weg nach draußen. Sei wütend auf mich und sehe, indem du deine Wut zulässt, dass sie letztendlich nichts mit mir zu schaffen hat.
Jills Luft war draußen, ihr Gegenüber hatte ihr einen Spiegel vorgehalten, in den zu blicken lediglich eine Antwort zuließ: »Du hast rundum recht. Ich könnte nicht einmal sagen, auf wen ich sauer bin. Ich bin mir im Klaren, dass die Wut zu unterdrücken mir physisch und psychisch schadet. Wo wir erneut beim Engelskostüm sind, das ich ablegen möchte.«
Tue es und du wirst mit meinem Segen in der Hölle landen.
»Du bringst mich zum Lachen. Das war wiederum ein Scherz?«
Du zweifelst, dass mein Zorn dich in die Hölle schicken kann?
»Jep!«
Folglich bin nicht ich schuld, dass du dich weigerst, diesen ›bösen Teil‹ von dir anzunehmen?
»Verflixt, du hast mich reingelegt!«
Ich habe dir einzig eine Frage gestellt. Und nun erzähl mir von Henry.
»Was? Wie kommst du auf Henry? Du bist heute so was von sprunghaft, was normalerweise mein Part wäre.«
Findest du? Ich finde, Henry passt ideal zu unserem Thema.
»Ach so … ja, dem kann ich beipflichten. O-kay. Henry ist eine Geschichte über einen Psychiater und einen definitiv schrägen Vogel. Henry wurde in einer schlaflosen Nacht geboren, schlaflos, weil ich am Tag wütend war und diese Wut mit ins Bett nahm. Ich war in einer zynischen, bösen Stimmung und hab mit Henry Dampf abgelassen. Danach schlief ich sozusagen göttlich ein. Ich schreibe bloß sporadisch an Henry, es sind Momente, in denen ich seine Gesellschaft suche. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, denkt meist schlecht über die Menschen und hat zuweilen boshafte Fantasien. Was soll ich sagen, Henry ist Henry.«
Er ist all das, was du dir untersagst zu sein.
»Ja, und er verzichtet auf ein Engelskostüm, versteckt seine Antipathie niemals. Ihm flattert es wortwörtlich am Arsch vorbei, was die Menschen von ihm halten.«
Du liebst Henry, das kann ich spüren.
Ein sanftes Lächeln breitete sich auf Jills Gesicht aus. »Ja, das tu ich. Er hilft mir, mich mit dem Teil von mir anzufreunden, der weniger gesellschaftsfähig ist. Er hilft mir, Dampf abzulassen, ohne mich in Konflikte zu stürzen, gar zu verletzen. Und er befähigt mich, solch dunkle Seiten an mir zu erforschen und auf dem Papier gefahrlos auszuleben.«
Schämst du dich wegen Henry?
»Nein, eher, dass die Scham ausbleibt«, kicherte sie vergnügt.
Ich mag Henry.
»Echt jetzt?«
Ja, echt jetzt.
»Ich danke dir, auch für unser Gespräch. Die Wut ist weg, ich bin ausgeglichener.«
Ich danke dir, für dein Vertrauen in mich. Nutze mich, insbesondere, wenn du wütend bist. Ich kann unterscheiden, wo deine Wut und wo deine Wahrheit liegt. Habe keine Scham, mit mir über das eine zum anderen zu gelangen …
Gedanken
Zu sagen, was man denkt, ist gut.
Zu denken, was man meint, ist besser.
J.G.

Dann bekam unser Team Unterstützung von einer Frau aus dem Norden, aus Holland. Besagte Dame hatte ihre eigenen Sichtweisen von Resozialisierung und die Courage, vor der versammelten Gruppe zu verkünden: ›Einem Fixer muss man den Willen brechen, und ist er ganz unten, kann man anfangen, ihn aufzubauen.‹ Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass die Frau nach solch einer eindrücklichen Rede keinesfalls von den Bewohnern mit Sympathien überhäuft wurde. Sie hatte in ihrem Gepäck ein neues Konzept aus ihrem Land mitgebracht. Ich hatte selten Kontakt zu ihr, sie war außerordentlich distanziert und schwebte auf einer höheren Ebene durch unsere Welt. Der Druck wurde zunehmend stärker und die Gruppendynamik weitaus aggressiver.
Es gab eine Übung, sie bescherte mir eine Heidenangst und vermittelte den Anschein, dass eine Therapie auf keinen Fall so ablaufen darf. Sandra war ein Magnet, bei Männern sowie Frauen. An einem Nachmittag zwang das Team sie, sich ihrem Trauma zu stellen: der vierfachen Vergewaltigung auf dem Drogenstrich. Hinzu kam, dass sie früher ausschließlich Partner hatte, die sie schlugen und misshandelten. Sie wurde aufgefordert, sich auf einer Matte mitten im Kreis niederzulassen und ihr Trauma herauszuschreien. Sie sollte sich gegen besagte Freier, welche sie vergewaltigt haben, endlich zur Wehr setzen.
Das Team war entzückt, die Frau im Sandwich wehrte sich, und Halleluja, sie schrie tatsächlich, als ginge es um ihr Leben. Sandra bettelte fortlaufend in einer Verzweiflung, aufzuhören, während sie angegafft wurde und zwei Betreuer zu ihr niederknieten und ununterbrochen brüllten: ›Wehr dich, los, wehr dich!‹
Erste Ausgänge wurden mit einem Bewohner, der zweiten oder dritten Phase absolviert. Und dann begibst du dich allein raus. Und so schrieb ich das erste Ausgangsgesuch, um sechs Stunden in der weiten Welt zu verbringen. Solche Gesuche wurden in einer Teamsitzung geprüft und abgesegnet oder abgeschmettert. Ich verbrachte den Nachmittag in Wetzikon (ZH), schlenderte herum, trank Unmengen von Kaffee und war eine Stunde zu früh am Busbahnhof, um heim ins Neuthal zu fahren. Ich hatte ein unsagbares Gefühl von Verlorenheit, ähnlich einem Kind, das zur Strafe ein paar Stunden in den Keller gesperrt wird. Hab ich auch einiges vergessen, so ist der Nachmittag überaus präsent und führt mich unweigerlich zu einem Gedicht, das ich mit vierzehn geschrieben habe …«
J.G.

Befürchtete Jill ehemals, vor dem Älterwerden zu sterben, ist sie heute, mit erst zweiundfünfzig, mittendrin. Erst? Nun ja, das ist Ansichtssache, für einen pubertierenden Teenie ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach steinalt. Für Jill sind dieselben Teenies heute praktisch Babys. Der Alterungsprozess ist eine neue Erfahrung, und prinzipiell hatte sie nichts dagegen, okay, es gab Tage, an denen sie über Faltencreme nachdachte, welche sie mitnichten kaufen würde. Eine Stimme in ihr schnarrte gleichmütig: Schätzchen, du bist keine Siebzig!
»Na ja, mit siebzig erübrigt sich der Gedanke an Faltencreme«, parierte sie trocken.
Schmunzelte Jill seinerzeit, dass ältere Menschen im Laden mit zusammengekniffenen Augen das Produkt einen halben Meter von sich weghielten, um Informationen auf der Rückseite lesen zu können. ertappte sie sich, die Vierzig überschritten, im Stillen fluchend, weil auf den bescheuerten Packungen alles so kleingeschrieben ist. Heute kommt sie nicht umhin, die Lesebrille aus ihrer Tasche zu fischen. Hinzu kommen Dinge, welche sie ihrem Körper angetan hat. Verhärtete Venen, unzureichende Durchblutung, ein Darm, der nur sporadisch Kompaktes zutage fördert usw. Jill besinnt sich ihrer Großmutter und deren Mahnungen: ›Trage stets ein langes Baumwollunterhemd und stecke es in die Hose, sonst werden deine Nieren es dich im Alter büßen lassen!‹ Ein Teenager, der eine super Figur hat, will sie zeigen, und hierfür ist ein Baumwollunterhemd unvorteilhaft. Ihre Großmutter behielt recht und warme Unterhemden gehören für Jill heute dazu. Hätte sie eigene Kinder, würde sie dasselbe von sich geben, und sie würden, wie einst Jill, denken: Bla-bla-bla.
Dann kriegst du Unachtsamkeiten zu spüren; auf blankem Eis mit einer Blechwanne voll Asche auf die Knie zu donnern. Mit dem Älterwerden und der Kälte, Feuchtigkeit, kommen die Schmerzen in den Knien, neben denen im Kreuz und den Gelenken. Und du rauchst weiter, tröstest dich, dass du von etwa vierzig Zigaretten täglich auf vier runter bist. Macht ungemein stolz.
Befriedigt jedoch keineswegs, korrekt? Natürlich, die Zickenstimme.
»Hört sich aber prima an. Und überhaupt, ich sollte mich an den bereits gegangenen Schritten messen.«
Man kann es sich auch schönreden.
Jill ignoriert Letzteres, befand, dass sie inzwischen allerlei für ihren Körper getan hat und sich bei diversen Wehwehchen Linderung verschaffen konnte.
»Ich gebe zu, das Ding mit den Zigaretten ist ein gewaltiges Ding und für mich die größte (legale) Sucht. Obgleich ich das Laster noch nicht vollständig abgelegt habe, werde ich vermehrt zum eingeschworenen Nichtraucher, und solche haben mich, als ich am Paffen war, mächtig genervt. Heute wedle ich hektisch mit den Armen herum und lege die Stirn in Falten, treibt der Zigarettenrauch des Gegenübers mir ins Gesicht. Unter uns, ich finde es absolut unnötig, im Auto zu qualmen. Und raucht jemand im Haus, bevor ich am Morgen den Kaffee intus hab, kann ich durchaus zickig werden. Ja, es wird mir sogar übel, hab ich jemanden im Auto, der nach kaltem Zigarettenrauch stinkt. Ergo, ich hab heute alles an mir, was mir bei Nichtrauchern auf den Wecker ging. Ich verstehe mich heute voll und ganz!
Was führte jene Wandlung herbei? Ich begann, für mich zu sorgen. Meine Bronchien setzten mir zu, ich reduzierte den Konsum auf zwanzig Zigaretten, was kaum ausreichend war. Im ersten Hochsommer in Italien marschierte ich morgens um sechs mit dem Rüden auf den Berg, danach wurde die Hitze unerträglich. Es ist ein beachtlicher Höhenunterschied und ich bemerkte eine Kurzatmigkeit. Ich hatte längst aufgehört, auf Spaziergängen, generell, wenn ich in der Natur war, und irgendwann war das Verlangen weg. Des Öfteren dachte ich, ich tu viel für mich und den Körper, und trotzdem paffe ich beharrlich weiter. Ich überprüfte; wann rauche ich, weshalb rauche ich, und genieße ich die Zigarette? Das Resultat war ernüchternd. Der erste Glimmstängel am Morgen zog mir sämtliche Energie aus dem Leib und Gehirn. Ist das notwendig? Nein. Und bei welchen Gelegenheiten stecken wir uns eine an? Schrieb ich eine SMS, zündete ich mir automatisch eine an. Ja, spinn ich denn? Telefonieren; ich qualmte gleich durch. Streitgespräche, Beziehungskrise, es wird durchs Band gepafft.
Der ultimative Stolperstein ist die kreative Arbeit, sei es an einem Buch zu schreiben oder im Atelier zu arbeiten. Insofern traf ich einen Kompromiss und eine Abmachung mit mir; ich rauche erst, begebe ich mich am Nachmittag ins Büro/Atelier, und vorher gibt es kein Nikotin, basta!
Es ist interessant, was mit dir passiert, verweigerst du dir vor dem Nachmittag den ersehnten Stoff. Einfach ausprobieren, man lernt allerhand über sich. Heute kann ich sagen, dass außerhalb der ›Rauchzeit‹ Zigaretten Tabu sind. Heute ist die rauchfreie Frist ein fester Bestandteil des Tages. Bin ich weg, bleiben Zigaretten zuhause – null Problemo. So weit zu kommen, ist ein Prozess, der anfangs beschwerlich sein kann. Hältst du indessen durch, wird es ein fester Bestandteil des Alltags und du kannst dir kaum vorstellen, zu den alten Gewohnheiten zurückzukehren. Aufstehen und eine anstecken? Igitt!
Der gewichtigste Tipp, den ich hierzu geben kann, ist der, bewusster im Hier und Jetzt zu leben, und der Rest kommt automatisch. Und ja, ich bin stolz; Lunge und Bronchien erholen sich. Mein Körperbewusstsein hat sich verändert. Machte sich früher der Körper bemerkbar, war der erste Gedanke, einen Arzt aufzusuchen, heute denke ich: Was möchte mein Körper mir sagen? Wo vermeide ich, Wahrheit zu leben? Gehe ich derlei auf den Grund, erübrigt sich der Gang zum Arzt meistens. Ein Prozess kommt in Bewegung, und läuft er, ist es unwahrscheinlich, dass du plötzlich Rückschritte machst. Es gibt nur einen Weg, weiterzugehen und das Leben, den Körper, als einmaliges Geschenk wahrzunehmen.«
Ein weiteres Thema ist der kleine HI-Virus. Jills Bestreben ist, auf jegliche Medikamente verzichten zu können. Im Februar 2009 hatte sie mit der Therapie und dem altbekannten Vorsatz gestoppt; nämlich gar nie mehr anzufangen. Sie verfolgt dieses Ziel mit einer Verbissenheit, welche ihren Alltag beherrschte, und verschlechterten sich ihre Blutwerte, hört sie: Du hast auf ein Neues versagt und du wirst unentwegt scheitern! Jene Stimme war selten behutsam noch hilfreich. Seit Jahren stellte sie Teemischungen und Tinkturen zusammen, um ihr Vorhaben zu unterstützen, und permanent scheiterte sie an ihrem Immunsystem. Und doch, nimmt sie keine Medikamente, bleibt sie gesund. Stoppt sie ihre Medikamente, ist das Absurde an der Geschichte, dass die Viren bloß minimal ansteigen. Folglich war es für sie irrational, den Körper mit der Chemie zu belasten. Andererseits tingelt ihr Immunsystem vorzugsweise an der unteren Grenze herum, also fällt es dann um etliches schneller unter den Grenzwert, der es erfordert, mit der Therapie weiterzumachen.
Nach jenem äußerst kalten Winter in Italien waren ihre Blutwerte so miserabel, dass sie gezwungen war, umgehend mit der Therapie zu beginnen, und das nach acht Monaten. Manche würden acht Monate als Erfolg abbuchen, für Jill war es eine Schmach, hatte sie schließlich über achtzehn Monate gestoppt.
Sie hatte gelernt, ihre Verbissenheit loszulassen. Heute nimmt sie erwähnte Medikamente über den Winter und gönnt sich über den Sommer Medikamentenferien, und das klappte bis anhin.
Nachfolgendes Gedicht schrieb Jill im Sommer, in dem sie ihre Verbissenheit in puncto Medikamente in die Wüste schickte und diese Angelegenheit fortan liebevoller anging.
Liebe
Unzählige Momente der Liebe, sie berühren,
leben und wachsen in jedem Augenblick,
in dem du dir dieser Liebe bewusst bist.
Es ist die Liebe selbst, die keiner Zeit,
keinen Raum bedarf, weil sie einzig ist.
J.G

»Das Dasein auf unserer kleinen Therapieinsel geriet ins Wanken, als Bens Fuß nach Korsika schlecht heilte. Sie machten einen Aids-Test und der war positiv. Der Schock in der Gruppe und beim Team saß tief. 1984 wusste man fast nichts von Aids, abgesehen davon, wie es übertragen wurde und dass, nach damaliger Einschätzung, jeder elendiglich daran krepierte. Ben, der mit seiner Diagnose über eine Woche allein blieb, wollte austreten; wofür eine Therapie absolvieren, hast du das Todesurteil erhalten. Sämtliche Anstrengungen der Gruppe, ihn aufzuhalten, waren umsonst. Er verließ uns und stürzte ab. Ich habe ihn niemals wiedergesehen.
Dreiviertel der Leute waren infiziert, ich steckte mich Jahre später an.
Nach den Befunden brach das Chaos aus. Erstaunlicherweise blieben weitere Austrittsgruppen aus. Dessen ungeachtet war der Boden, auf dem wir standen, hauchdünn geworden und die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Hinzu kam die Unsicherheit im Team. Ihre Angst, sich anzustecken, erzeugte eine Distanz, die keinesfalls förderlich war, diese Krise zu meistern.
Sandra, genauso positiv, schnitt sich einmal beim Salatblätter schneiden in den Finger. Nachdem sie den Finger verbunden und in einen Fingergummi gesteckt hatte, schrubbte sie wie von Sinnen den Salat unter fließendem Wasser, während ihr Tränen über die Wangen kullerten. Ich umfasste ihren Arm und sagte: ›Es ist genug.‹ Sie weinte verzweifelt, sagte, dass das Team sowieso schon komisch sei, sie sich wie eine Aussätzige vorkäme. Das Teammitglied, das mit uns zu Abend aß, wusste, dass sich Sandra in den Finger geschnitten hatte. Er war ein Salatfreak und weigerte sich, ihn anzurühren. Er hätte zugeben sollen, dass er Schiss hat. Seine Ausreden verletzten und erzeugten zusätzliche Spannungen.
Zu Beginn war es alles andere als angenehm, und wenngleich wir über etwaige Ansteckungsmöglichkeiten informiert waren, war die Luft mit Furcht durchtränkt. Das Team wurde mit einer Situation konfrontiert, der es hilflos gegenüberstand, infolgedessen kamen wir uns im Stich gelassen vor. Jene wenigen, welche von der Krankheit verschont blieben, hatten keinerlei Berührungsängste. Mich hingegen erfasste eine unsagbare Hilflosigkeit und jedes wohlgemeinte Wort, das ich von mir gab, erschien mir bedeutungslos. War das Team zuvor bemüht, herauszufinden, auf welche Weise eine solche Therapie geführt werden könnte, waren sie jetzt mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert, und immerwährend war das Thema Tod gegenwärtig, ein dunkler Schatten, der sich über der Gemeinschaft ausbreitete.
Marc und ich waren abermals zusammen, und er hatte das Virus. Es mag verrückt klingen, doch in dem Chaos verbrachten wir eine schöne Zeit. Er gab mir Halt, und ich tat dasselbe in Bezug auf seine Krankheit. Wir versuchten, allfällige Lücken beim Partner bestmöglich auszufüllen. Ich liebte ihn; ich liebte jeden, der willens war, mich zu lieben.«
Jills schmunzelte. Längst Vergessenes tauchte auf …
»Marc konnte bemerkenswert fies sein, hatte er einen Chefposten. Bekleidete er den Posten des Vorarbeiters, blühte er förmlich auf. Er platzierte sich morgens, wie ein General beim Appell, an der Treppe unten, seine Uhr sichtbar, und verteilte jedem eine Sanktion, der zu spät zum Frühstück runterkam. Somit schürte er Konflikte und allenfalls brauchte er die Kämpfe und Machtspiele, um seine Position zu stärken. Es gab Regeln und ich war sozusagen der Klassenstreber. Nichtsdestotrotz vertrat ich die Ansicht, dass, ist der Freund der mächtigste Mann im Haus, was den Job betrifft, ich die Freiheit habe, mich ein paar Minuten zu verspäten. Man stelle sich vor, es gibt bloß zwei Badezimmer, in denen jeder am Morgen in Ruhe seine Sachen erledigen möchte – da wird es unweigerlich eng. Da stand mein Freund an der Treppe, mit einem breiten Grinsen, und begrüßte mich. ›Du bist zwei Minuten zu spät!‹ Ich teilte ihm mit, dass das Bad besetzt war, gab ihm einen Kuss und zottelte davon. Seine Antwort war eine Sanktion, was mich zuerst amüsierte. Am nächsten Morgen um sechs Böden zu schrubben war allerdings weniger amüsant.
Aids beraubte auch uns bald der Sorglosigkeit. Marc entdeckte einen dunkelbraunen Fleck auf seiner Brust, wo er einen Anhänger getragen hatte. Er zog den Anhänger ab, in der Hoffnung, dass es eine Reaktion darauf war. Anfänglich schenkte dem niemand Beachtung.
Innert Kürze hörten Baumas Einwohner von der Fixer- und Schwulenseuche, insofern wollten sie uns unter keinen Umständen in ihrer Nähe. Das ging so weit, dass der Zahnarzt, der uns in Bauma behandelt hatte, uns von seiner Liste strich. Was hätte er tun können? Er lebte in diesem Dorf und war auf dessen Bewohner angewiesen. Obschon das Virus mich übersprungen hatte, litt ich ebenfalls unter der Diskriminierung, jene Menschen waren meine Familie. Lebst du auf einer Insel, ist es schwer, sich in eine Welt zu integrieren. Hinzu kommt, dass ein Ex-Junkie lernen muss, sich statt als Abschaum, als Wesen zu sehen, das gleichgestellt ist. Es ist ein langer und beschwerlicher Weg. Trug jemand 1984 noch eine Seuche in sich, vor der sich die Welt draußen fürchtete, war es nahezu unmöglich, sich zu integrieren, du wirst dich in einer unsäglichen Einsamkeit wiederfinden.«

Jill fuhr den Computer herunter. Die Wintermonate, Kälte und Feuchtigkeit im Haus, raubten ihr die verbliebene Kraft. »Ich bin so energielos, und in der Vergangenheit herumzustochern trägt keineswegs dazu bei, mich besser zu fühlen.«
Dann gib dich deiner Müdigkeit und Trauer hin.
»Bitte? Ich soll noch schwächer sein?«
Und deinen Kontrollzwang aufgeben, so durchbrichst du Mauern.
»Kontrollzwang – unbestreitbar ein Handicap. Du verlangst einiges.«
Ich verlange das, was du bereit bist, dir zu geben.
»Ich bereit dazu? Bin mir unschlüssig …«
Dann reiße dich zusammen und vermeide es, zu erfahren.
»Das will ich ebenso wenig. Ich trete auf der Stelle.«
Und ob.
»Erwartest du, dass ich mich der Müdigkeit und Trauer hingebe, welche so allumfassend zu sein scheint, und mich in eine Depression stürze?«
Falls du vorhast, das zu durchleben, hast du meinen Segen.
»Du bist gemein!«
Ich begebe mich lediglich auf deine Ebene.
»Dann weißt du ja, wie es mir geht: resigniert, niedergeschlagen, wütend …«
Und du bist offensichtlich immun gegen allfällige Ratschläge.
»Setz das auf die Liste meiner Unzulänglichkeiten. Im Ernst, ich hab Jahre benötigt, um mich aus diesen Zuständen zu befreien, und nun sagst du, gib dich ihnen hin? Das entbehrt für mich jeglicher Logik.«
Sage ich, du sollst dich blind hineinstürzen? Ich sage; höre auf, dich zusammenzureißen, und gib dich deinem Empfinden behutsam hin.
»Sich behutsam einer Depression hinzugeben, das ist keine Therapietechnik, die mir bekannt ist.«
Du assoziierst ›sich hinzugeben‹ mit Depression. Wer sagt, dass es in einer enden wird?
»Erfahrung. Ich werde deine Anmerkung mitnehmen, und ja, der Drang, mich zusammenzureißen und zu kontrollieren, ist kaum mit Behutsamkeit zu vereinbaren.«
Es ist eine Form der Selbstbestrafung. Der Punkt ist; für was möchtest du dich bestrafen?
Augenblicklich schoss Jill im Stuhl hoch. »Stopp! Für heute reicht es. Ich hatte vor, mich mitzuteilen, es war nie die Rede davon, dass du Türen aufstoßen sollst!«
Habe ich das getan? Vergib mir.
»Es kam mir zumindest so vor, und tu jetzt nicht so scheinheilig.«
Es ist wundervoll, diese Freiheit zu haben, korrekt? Du hast die Wahl, den letzten Satz in dein Leben zu integrieren, ohne etwas zu forcieren, oder ihn zu ignorieren.
»Pah! Als ob ich eine Wahl hätte! Du bist echt clever.«
Und allmächtig.
»Und momentan sehr von dir eingenommen.«
Ein Zustand, an dem du arbeiten solltest. Also fange an, wachse über deine Grenzen hinaus.
Jills Wut hatte sich so rasant verflüchtigt, wie sie emporgestiegen war. Der alte Mann hatte mit einem Satz ins Schwarze getroffen, und sie konnte nicht sagen, für was sie sich bestrafte. Gleichsam empfand sie bei der Aussage ›Über deine Grenzen hinauszuwachsen‹ so viel Freiheit, dass sie glaubte, in dieser Sekunde wahrhaftig zu wachsen.

Kehren wir kurz zum Thema Aids zurück …
Jill hatte solche Diskriminierungen betreffend besagte Krankheit in den 80er-Jahren hautnah miterlebt, und es hat ihr beinahe das Herz zerrissen. Dachte sie, über Aids spricht man (noch heute) ungern, erfuhr sie von einer Freundin, welche Brustkrebs hatte, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Gewisse Krankheiten sind mitnichten salonfähig. Hat jemand eine Operation am Bein, Rückenbeschwerden, was auch immer, wird über das Befinden, Therapiemaßnahmen nachgefragt und Besorgnis geteilt. Jill besann sich, wie sie einst bei diesem Tabuthema gelitten hatte. Heute konnte sie damit umgehen.
»Über Jahre hatte ich von mir aus über den hinterlistigen Virus und die mir ungeliebten Medikamente und medizinischen Studien, an denen ich teilgenommen hatte, gesprochen. Irgendwann hörte ich auf, das Umfeld routinemäßig über Werte und etwaige Beilagen zu informieren, inklusive, ob ich Medikamente nahm oder pausierte. Und so wurde nur noch sporadisch, wenn überhaupt, darüber geredet. Das machte mich anfangs traurig und gelegentlich wütend, bescherte mir ein Gefühl von Einsamkeit. Allmählich lernte ich, meine mentale Verfassung nicht davon abhängig zu machen, ob sich die Mitmenschen dafür interessieren.
Früher trat ich vorzugsweise über Probleme, und anschließend über meine Krankheit, mit Menschen in Kontakt. Das war alles, was ich hatte. Je kränker ich war, desto einfacher konnte ich in Kontakt treten und psychische Probleme tarnen. Hatte ich eine ausgewachsene Depression, rapportierte ich umso intensiver körperliche Beschwerden. Ich hängte alle Probleme am Körper auf, ansonsten verlor ich scheinbar den Halt. Jedes neue Leid war ein Strohhalm, der mich über Wasser hielt, der mir zwischenmenschliche Kontakte sicherte. Die Qualen der Seele schienen mir unerträglich und mir fehlte der Zugang, folglich missbrauchte ich den Körper. Was tatsächlich in mir ablief, wurde mir beim Schreiben gewahr. Ich begann, zu verstehen, wusste sehr wohl, dass ich in mir gefangen war, zugleich war ich davon überzeugt, dass mein Körper effektiv krank war.
Heute geht es mir besser, auch körperlich. Der HI-Virus ist bloß ein kleiner Virus, der sich bei mir eingenistet hat und an den ich selten einen Gedanken verschwende.
Aids ist eine Krankheit, welche, bleibt sie unbehandelt, zum Tode führen kann. Es gibt keinerlei Heilmittel. Es ist empfehlenswert, sich das vorzuhalten. Es gibt Leute, die vögeln ungeschützt herum. Eine ehemalige Freundin, damals knapp fünfzig, bumste sich, wohlgemerkt ungeschützt, buchstäblich durchs Leben, außerdem war sie über Aids aufgeklärt. Und dieselbe Frau weigerte sich, aus demselben Glas zu trinken wie ich. Ich litt stark unter dem Wechsel der verschiedenen Therapien und Studien, in denen Medikamente getestet wurden, reiherte mir täglich die Seele aus dem Leib. Jene Freundin bekam all das mit. Als wir in der Türkei in den Ferien waren, gab sie sich an einem Abend die Kante und verschwand dann mit dem Animator, um flachgelegt zu werden. Ich steckte ihr ein Kondom zu und ermahnte sie ein weiteres Mal, es gefälligst zu benutzen, was sie geflissentlich ausblendete.
Am darauffolgenden Morgen torpedierte ich sie mit einem Vortrag über Verantwortungslosigkeit. Das Fass schwappte über. Ich war ziemlich aufgebracht, merkte aber, dass es sinnlos war, zu ihr durchdringen zu wollen. Deswegen wechselte ich die Taktik und sagte in gleichgültigem Ton: ›Es ist okay, schläfst du ungeschützt mit einem Animator, durch dessen Bett die halbe Weltbevölkerung hüpft. Die Chance einer Ansteckung ist gut, das ist fantastisch! Stell dir vor, wir können in Zukunft zusammen ins Unispital, wo uns röhrchenweise Blut abgezapft wird, und zuhause gemeinsam kotzen, dreht uns die Chemiebombe den Magen um …‹ Meine Freundin wurde stetig bleicher, bis sie entnervt ausrief: ›Es reicht, ich hab’s kapiert!‹ Dem war diesmal definitiv so. Nach unserer Rückkehr ließ sie sich postwendend testen und wartete, restlos aufgerieben, auf das Ergebnis. Überraschenderweise war der Test negativ.
Meines Erachtens wäre es eine angemessene Strafe für alle, die auf ein Kondom verzichten, sind ihnen Sexualpartner fremd, die Medikamente, welche ich seinerzeit schluckte, für mindestens zwei Wochen einzunehmen. Das würde jeden davon kurieren, ungeschützten Verkehr zu haben.
Zahlreiche Wege bin ich mit dem Virus gegangen, um Frieden zu erlangen. Sicherlich habe ich dann und wann Kämpfe, Siege und Niederlagen, jedoch ist es heute unnötig, ihn in den Beziehungen zu dramatisieren. Weitaus wichtiger ist, dass ich aufgehört habe, den Virus in mir zu verleugnen. Ich kann Unsicherheiten der Mitmenschen respektieren, bringen sie denn den Mut auf, mir diese mitzuteilen.
Ferner war Aids auf der Ebene der Partnerschaft eine Herausforderung. Mein Partner wollte seine Familie beschützen, insbesondere seine Mutter. Ich litt darunter, dass ich die Krankheit verheimlichte. Wir feierten Weihnachten zusammen, ich wurde, gleich einer Tochter aufgenommen. Trotzdem fühlte ich mich ausgegrenzt, erfand Lügen, weswegen ich appetitlos, müde, bleich bin und abgenommen hatte. Ich war der Annahme, dass ich Menschen verletze, die ich liebte. Eine grausame Art von Diskriminierung, denn je näher dir ein Mensch steht, umso schmerzhafter ist es, wenngleich es ›eigentlich‹ kaum mit dir zu tun hat. Versuchst du das zu trennen, wirst du mit deinen eigenen Geschichten konfrontiert.
Und zugegeben, wer kann nachvollziehen, Spiele spielen zu müssen, welche ich im Leben durchgezogen habe; dich zu verleugnen und deine Grundsätze zu verraten. Gegen Ende unserer Beziehung begriff ich, dass dies letztendlich nicht mein Problem war. Selbstverständlich löste es bittere Themen aus, an denen ich zu kauen hatte. Es war ein Teufelskreis, in den ich mich begab; ich schützte meinen Partner und der wiederum seine Familie. Und wer schützte mich? Ich bestimmt nicht. Gleichzeitig fühlte ich mich schuldig, denn es steht jedem selbst zu, zu entscheiden, ob man einen Menschen, samt dem Virus, in die Arme schließen, zur Begrüßung küssen und mit ihm aus demselben Glas trinken will. Und wie muss es dem Menschen ergehen, erfährt er es und hätte sich geängstigt?
Heute ist seine Familie aufgeklärt und alle haben positiv reagiert. Beim Gespräch kam ein Hauch Wut hoch, der Auslöser war, dass nicht ich es entschieden hatte, und das war seiner Mutter aufgefallen, welche ihren Sohn im Nachhinein unter vier Augen eingestand: ›Du lagst richtig, ich wäre besorgt gewesen.‹
Ich war zu keinem Zeitpunkt wütend auf seine Mutter, sie hatte unseren Konflikt, und meine weiterhin unterschwellige Wut auf ihren Sohn, wahrgenommen. Für sie war es unumgänglich, ihrem Sohn zu bestätigen, denn sie schützte genauso.
Ich gab mir das Versprechen, mich nie mehr zu verleugnen, mir künftig treu zu bleiben.
Nachträglich sagte mir mein Freund, dass es ihm leidtue, was er von mir verlangt hatte. Sein Eingeständnis, seine Entschuldigung halfen mir, den restlichen Schmerz endgültig loszulassen. Und seien wir ehrlich, letztlich war ich allein den Deal eingegangen. Und noch was habe ich daraus gelernt: Heute weiß ich, wo meine Grenzen sind.
Unsere Wege zur Wahrheit sind häufig steinig und erfordern allen Mut, den wir aufbringen können, einschließlich den Mut, uns unseren Ängsten zu stellen …
Wahrheit
Wohin führt sie dich? In Vergebung und Liebe.
Wie viel Schmerz entspringt ihr? So viel, wie du bereit bist, sie zu verleugnen.
Woran erkennst du sie? In der Berührung deines Herzens,
und daran, wie nahe sie dich anderen zu bringen vermag.
Wahrheit.
Vielleicht führt sie dich in die Einsamkeit, doch auch sie ist eine Illusion.
Die Wahrheit ist ein Weg, der nie enden wird,
und sie ist ein Stück des Himmels, bist du bereit, dich ihr hinzugeben.
Wahrheit.
Ein Wort, dessen Verleugnung Berge erschaffen kann,
doch unter welchem Berg liegt sie begraben, deine Wahrheit?
Bist du wirklich bereit, zu vergeben, auch dir selbst, in jedem Augenblick,
in dem du deine Wahrheit und dich verleugnet hast?
J.G.

Du vergisst zu atmen.
»Nein, ich bin nur grad außerstande, den Atem bis in die Lunge zu pumpen.«
Verrat und ein Geschenk, ist es der Verrat, der dir den Atem raubt?
»Nein … was danach kam. Es war vergleichbar mit früher, als die Wände im Kinderzimmer verschwanden und ich mir im Klaren war, dass mir niemand glauben wird. Ein Gefühl absoluter Einsamkeit und Isolation …«
Berichte mir von dem Verrat und den Folgen davon.
»In der zweiten Phase steigerten sich die Ausgänge stufenweise und ich hatte immer weniger eine Ahnung, wohin. Nach einem Wochenendausgang in Basel saß ich im Zug auf der Rückfahrt. Es ging mir per se schlecht, wurde ich genötigt, die Therapie-Insel zu verlassen, was ich nie verheimlichte. An jenem Abend stieg Guido auf der Wegstrecke ein. Er wirkte erschöpft, abwesend und meinte, es sei für ihn ein übler Ausgang gewesen. Ihm fielen regelmäßig die Augen zu, doch ich machte mir keinerlei Gedanken. Nach unserer Rückkehr gaben wir sporadisch Urinproben ab. Guido war zur Nachtwache eingeteilt und hatte den Schlüssel zum Büro, wo der Kühlschrank mit den Proben stand, welche tags darauf ins Labor geschickt wurden.
Das Ergebnis vom Labor kam nach vier Tagen. Meine Probe war positiv, was ein Versehen vom Labor hätte sein können. Insofern schickten sie die zweite Probe hinterher. Sie war ebenfalls positiv.
Die damalige Hetzjagd raubt mir noch heute den Atem. Stunden, in welchen ich ›verhört‹ wurde, mich dermaßen einsam und ausgegrenzt fühlte, und andauernd hämmerte es im Kopf: Warum ich? War ich stets bemüht, zu bewerkstelligen, was von mir verlangt wurde. Ich gab mir Mühe, mich zu bessern, zu dem zu werden, was sie von mir erwarteten. Und nebenbei, dass, worauf ich stolz war, war die Tatsache, dass ich niemals das Verlangen hatte, Betäubungsmittel zu konsumieren. Und genau dessen wurde ich jetzt angeklagt? Hinsichtlich Drogenmissbrauches war die Gruppe unerbittlich.
Einige beschimpften mich, abgrundtief falsch zu sein. Ich würde mit meinem Sauberfraukostüm jeden blenden und das Gehabe sei verlogen. Manche waren der Auffassung, dass, falls ich unschuldig wäre, keinesfalls so ruhig dasitzen könnte, ich sollte ausrasten, schreien und herumtoben. Wie hätte ich tun können, was mir fremd war? Mein Instinkt beschwor mich, mich zu verkriechen und die Wunden zu lecken. Ich war verwirrt, gelähmt, geschockt. Des Weiteren hatte ich eine immense Angst, rausgeworfen zu werden. Ich verstand die Welt nicht mehr, war unfähig, etwas zu erwidern, weil es nichts zu sagen gab, außer, dass ich clean geblieben war. Leider widerlegte ›der Beweis‹ das.
Nachdem sie mich mürbe gemacht hatten und ich mich beharrlich weigerte, zu gestehen, was Fakt war, wurden Rufe lauter; es sei unwahrscheinlich, dass ich so eine Sauberfrau sein konnte. Daraufhin suchte ich verzweifelt nach irgendwelchen Vergehen. Jeder brach auf irgendeine Weise Regeln, dass ich eine Ausnahme war, war erst recht verdächtig. Bedauerlicherweise war das Schlimmste, was ich verbrochen hatte – sieht man vom Herumknutschen mit Ben auf Korsika ab –, der Konsum eines kleinen Schlucks Alkohol. Was soll ich sagen, ich war bestrebt, dazuzugehören, anstatt bloß der Streber zu sein. Und mir war durchaus klar, dass jener Verstoß eine Bagatelle war; es wurde herumgeknutscht, während der Arbeit geraucht, das war Kleinmist, und mitnichten konnte der mich rausboxen. Also gestand ich die größte Sünde ein, und da ich in der Gruppe erzählt hatte, dass ich in Basel per se schlecht drauf war, wurde prompt auch dieser Tatbestand gegen mich verwendet. Das Vergehen wurde so ausgelegt, dass der Schritt zu Härterem ja absehbar sei, korrekt? Und verschwieg ich so was vor der Gruppe, könnten sie getrost davon ausgehen, dass mir das Lügen leichtfällt, richtig?
Eine übermächtige Verzweiflung erfasste mich, ich kapierte nicht, was mit mir geschah.
Ich musste die Nacht im Gruppenraum bleiben. Am Morgen begann es von vorne; ich wurde auseinandergepflückt und verbal verprügelt. Sämtliche Verhörgruppen zogen sich ausnahmslos in die Nacht hinein; ich fand mich in Dantes Hölle-Kreis wieder. Irgendwann überlegte ich mir ernsthaft, zu gestehen, was sie von mir hören wollten, sodass es endlich ein Ende nahm. Ich war unsagbar müde und meinte, dem Druck kaum länger standhalten zu können. Wirst du über Tage und Nächte fortlaufend von einer Gruppe unter Druck gesetzt – in vollkommener Ausgrenzung – und die verbleibende Zeit isoliert, bist du alsbald so weit, dass du gestehst, irrelevant, ob es der Wahrheit entspricht. Du weißt, du hast nichts dergleichen angestellt, und wer würde dir was in den Kaffee geschüttet haben? Nichtsdestotrotz kommen dir solch verrückte Ideen. Und mir kam nie jene Zugfahrt mit Guido in den Sinn, und der war erstaunlich zurückhaltend, er, der sonst an vorderster Front dabei war.
Dann meldete sich Phillip, mein Lieblingsbetreuer. Unerwartet sprach er Guido an, weshalb er äußerlich so ruhig sei, keinen Mucks sagte, und gleichwohl nervös wirke. Ein Teamer moserte, dass das keineswegs Guido betreffe. Phillip entgegnete, dass es exakt Guido betreffe. Er habe Nachtwache gehabt, Zugriff auf die Proben, und sei im Ausgang gewesen. Außerdem sei sein Verhalten sonderbar, irgendetwas verberge er. Nach seiner Aussage kriegte sich noch fast das Team in die Haare.
Schlagartig passte alles zusammen.
Die Angriffe fokussierten sich sofort auf Guido, da es nun allen auffiel, dass was dran sein könnte. Das Team zog sich zurück, um zu entscheiden, ob ich bleiben durfte.
Nach einer halben Stunde fiel das Urteil: Ich wurde ein weiteres Mal zur ersten Phase befördert. Fußnote: Die Therapie dauerte 12 Monate, ich absolvierte 12 Monate in der ersten Phase.
Als mir das mitgeteilt wurde, weinte Phillip. Er sagte, es treffe ihn zutiefst, was sich ereignet habe. Er war der Einzige, der nach der Gruppe zu mir kam und sagte, dass es ihm leidtut. Auch andere hatten plötzlich Zweifel, hingegen war es für sie unverständlich, dass ich so ruhig bleiben konnte. Ich wiederhole: Wie hätte ich sein können, was mir fremd war? Es war ein Dilemma. Guido war unser Freund; konnte er einen Verrat begehen? Ich habe es unterlassen, ihn zu konfrontieren, konnte ebenso wenig wahrhaben, dass er meinen Rauswurf in Kauf nahm, um seinen zu verhindern. Vor seinem Tod kam er zu mir und entschuldigte sich.
Für mich war die Rückstufung ein Geschenk. Alle verzehrten sich danach, schnellstmöglich von der Insel runterzukommen. Ich bekam dadurch einen Aufschub vor dem Henker, genannt Zivilisation. Und natürlich war es anfangs schwierig, hingen Anschuldigungen im Raum, welche unmöglich überprüft werden konnten. Eine Weile war in diversen Gesichtern zu lesen: ›Hat sie, hat sie nicht?‹
Eine kleine Randbemerkung: Marcs Verhalten ist mir nicht präsent. Eventuell hatte er eine Schnupperwoche außerhalb, er war in der dritten Phase und demnach auf Jobsuche.
Da ist wahrhaftig keinerlei Groll gegenüber Gido, ich war per se nicht imstande, Groll-Empfindungen zu haben. Nach dieser Horrorshow war ich weitaus isolierter, gleichzeitig schwand das Vertrauen in die Menschen zunehmend, was keineswegs förderlich war, meine Verschlossenheit abzulegen. Damit konnte ich leben, denn dies war trotz allem der Platz auf Erden, an dem ich mich zu Hause fühlte. Zudem hatte ich die obligaten vier Monate Kontaktsperre und wurde somit von den verhassten Ausgängen befreit. Bedenke ich heute, was ich erlebt habe und dass ich weiterhin am Neuthal festhielt, außerstande war, wütend auf die Menschen zu werden, denke ich: Das ist krank! Und ich war ahnungslos, dass es noch schlimmer kommen würde.
Ich schließe den Teil mit einem Bild ab, das ausdrückt, was sich in mir bewegte. Ein Zustand, der mich über Jahre begleitete. Du sitzt in deiner Hölle fest und eine Lähmung erfasst dich mit eisernem Griff. Kannst du schreien, wenn du überzeugt bist, zu sterben, lässt du es zu …?«


Jill hielt im Tippen inne. Sie hatte die Courage besessen, ihrem Freund den Gehorsam zu verweigern. Tat sie es ihrer selbst wegen? Ja. Hinzu kamen tiefe Verletzungen, die seine Forderung ausgelöst hatte. Sie wollte sich nie mehr opfern.
Ich meinerseits konnte lediglich wiederholen, dass mich die Spritzen dreimal ausgeloggt hatten. Kein Beweis! Jene zwei Tabletten, welche ich dem Betreuer gezeigt hatte, konnten ja von irgendwoher stammen, und die Tatsache, dass ich bis zu besagtem Zeitpunkt ahnungslos war, was Barbiturat ist, war irrelevant.

Was das Abwasser an dem Teil der Küste anbelangt, es wird kurzerhand ins Meer weitergeleitet. Jill kam zu Ohren, dass seit Längerem nach einer passenden (passend, Synonym für billig) Lösung gesucht wurde, welche keinesfalls den Touristen den Badespaß verdarb. Vor zwanzig Jahren fanden sie dann eine provisorische Lösung: Man legte alle Rohre weiter ins Meer hinaus, wo die Strömung fortan das Abwasser mit sich nimmt. Eine ausgesprochen kostengünstige Variante. Wobei zu erwähnen ist, dass den neusten Gerüchten zufolge an einer Kläranlage gearbeitet wird. Fußnote: Jill arbeitet ebenfalls an diversen Projekten, klingt immer gut, schnurzegal, ob sie vorwärtskommt.

Auch Pascal stürzte ab, und das tat mir unsäglich weh. Für mich war er der Stärkste, der diese Therapiestation ausgespuckt hatte. Einst verliebte er sich Hals über Kopf in eine Frau, welche in derselben Firma arbeitete. Marc war schon ausgezogen und Pascal regelmäßig bei mir. Ihm fehlte der Mut, auf jene Frau zuzugehen, ihr zu sagen, dass er Aids habe. Er sagte: ›Auch wenn sie keine Angst hätte, wie könnte ich ihr das antun? Ich werde sterben.‹ Pascal war sich sicher, demnächst zu sterben, und er hatte Panik, dass jemand in der Firma von seiner Krankheit erfahren könnte. Es ging ihm nicht um Sex, er sehnte sich nach körperlicher Nähe, mit jemandem einzuschlafen, doch welcher ›normale‹ Mensch, sagte er, wolle von einem Aidskranken körperliche Nähe? Dann fügte er zynisch an: ›Soll ich sagen; hey, ich habe Aids, wollen wir kuscheln?‹

Bestelle ich heute Holz, tu ich, was anliegt, und Ludovico kommt, wann er kommt, und das ist mit Gewissheit nie dann, wenn er sich ankündigt. Er kann problemlos ein bis zwei Tage später kommen, und regnet es, wird sicherlich kein Holz geliefert, selbstredend ohne mir das mitzuteilen. Aber hallo, jedes Kind weiß, dass bei Regen nix läuft. Als ich einen Telefonanschluss und ADSL beantragte, meldeten sich die Arbeiter um zwei am Nachmittag an. Es begann zu regnen. Niemand kam, und freilich rufen sie nicht an. Diese Leute sind überaus prinzipientreu. Und was ihre Pünktlichkeit betrifft, liegt ihrer Arbeitsmoral eine großzügige Flexibilität zugrunde. Letztendlich ärgerte ich mich weniger über jene Leute, sondern darüber, dass derartige Dinge mir den Tag versauen konnten, und sind sie anwesend, sind sie ausnehmend freundlich und flink. Der Punkt ist, wann sie kommen.
Mir wurde anerzogen, Beziehungen im Rhythmus zu pflegen, und sie keinesfalls (über)leben können, tust du es nicht. Weshalb bin ich dann den Menschen näher, die ich nicht kontinuierlich sehe/höre? Es könnte daran liegen, dass wir die Zeit, welche wir uns geben, fernab von der digitalen Welt, wahrhaftig nutzen und unermüdlich danach streben, Wahrheit zu leben. Angefangen bei uns. Und gegebenenfalls wäre es klug, hinzusehen, ob oben beschriebene Beziehungen einen Platz in unserem Leben haben. Prozesse nahmen ihren Lauf und das Resultat war, dass mein Beziehungsumfeld markant geschrumpft ist. Des Weiteren kann ich sagen, dass es mir gutgeht und Freundschaften, die meine Wandlung überstanden haben, erfüllter sind.«
Was ich in den Jahren, in denen ich schreibe, gelernt habe, ist, dass mir zweifelhafte Familien-Haltungen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Allein die Einsicht, eigene Vorstellungen haben zu dürfen, war ein gigantischer Schritt nach vorne. Und wenngleich du beachtlich vorwärtskommst, sind Rückfälle sofort zur Stelle, legst du deine Füße hoch und genießt deine geernteten Früchte. Hast du dennoch den Mut, dein eigenes Leben zu organisieren, deine eigenen Ziele umzusetzen und dir treu zu bleiben, ist es, als würdest du neu geboren. Du fängst an, dich im Kunstwerk wiederzuerkennen, fängst an, zu sehen, und beginnst allmählich zu verstehen, was deine Rolle in diesem Kunstwerk einschließt. Und womöglich fällt es dir plötzlich schwer, dich in ein Kostüm zu pressen, das einerseits scheußlich ist und kratzt und dir andererseits den Atem raubt …
J.G.





