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Vollendete Autobiographien: 212

Dafür entschlossen wir uns, in Wildhaus die ausgestellten Wohnmobile zu besuchen. Es standen da alte Postautos, umgebaute Frachtautos, auch exotisch wirkende Modelle. Unter den Exemplaren fand ich einen MOWAG mit Fronttüre. Leider konnte ich den Eigentümer nicht finden. Aber später erinnerte ich mich, dass die Spezialausführung, während meiner Lehrzeit 1956 -1960 als FURGEON für die Post gebaut wurde. Der Fronteinstieg erlaubte das enge Parkieren an der Verladerampe. Und es war mein Bergkamerad August (Gust) Granwehr, der den Umbau geplant und ausgeführt hatte. Diese Begegnung versöhnte mich mit der Abgesagten Einweihung der Umfahrung.
Etwa zur selben Zeit erreichte mich die Nachricht, dass der als sicher gehandelte Käufer der Erbanlage in Tägerwilen kein Interesse mehr habe. Was den zehnjährige Erbschaftsstreit in eine weitere, sehr wohl schmutzige Runde lenkt.
Gleichzeitig, in derselben Woche, haben wir endlich das Badhüsli Reglement bereinigt. Ein Ort, an dem wir als Kinder die Sommersonntage verbracht hatten und wo wir als Teenager und junge Erwachsene am Partyleben schnupperten.
Es sind dies Verbindungen in meine Vergangenheit, die beweisen, dass man wohl bis ans Ende mit der ganzen Vergangenheit lebt, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Wie habe ich gesagt? Das Gefüge der Erinnerungen gleicht einem Apotheker Schrank mit vielen Schubladen, die man öffnen kann, darin stöbern und so weiter.

Am 23. April 1939 strampelte ich mich in mein Leben. Es war eine Geburt zuhause, denn wir hatten einen familieninterne Onkel Doktor, ein Onkel meiner Mutter, der in Kreuzlingen eine Praxis betrieb, und so der Familiendoktor war. Als erstes Kind der jungen Mutter Ruth Wittich-Egloff. Mein Vater, Fritz-Friedrich Wittich soll dabei gewesen sein, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Sie gaben mir den Namen Peter Fritz Wittich. Die Abstammung Fritz ist klar, einen Peter hat es aber in beiden Familien bis anhin nie gegeben.
Der genaue Geburtsplatz, ist das Eckzimmer im ersten Geschoss des stattlichen Hauses an der Kirchgasse in Gottlieben, gerade der Kirche gegenüber. Weniger als hundert Meter vom Rhein, was mich zum echten "Seebueb" macht. Es war das Wohnhaus, das zur Rosshaarspinnerei Gebrüder Wittich, gehörte. Mitbewohner waren Grossmutti, Lina Wittich-Hummel, aktiv im Geschäft tätig, und deren Schwester Tante Emmeli Hummel, die den Haushalt der beiden Damen im Erdgeschoss besorgte und auch sonst Mädchen für vieles war. Grossmutti hat sich, auch nach Einzug meiner Eltern im ersten Stock, ihr ehemaliges Eheschlafzimmer behalten, direkt neben dem meiner Eltern.
Den Grossvater lernte ich nie kennen, denn er war etwa zehn Jahre früher in einem Autounfall verstorben.
Mein Vater führte mit seinem älteren Bruder, Onkel Werner Wittich die Pferdehaarspinnerei in zweiter Generation. Mein Vater besorgte den Verkauf mit regelmäßigen Kundenbesuchen, schweizweit, während der gute Onkel für den Betrieb und die Buchhaltung verantwortlich war. Grossmutti besorgte das Büro, ordnete Korrespondenz, beantwortete das Telefon, sprach mit den Arbeitern. Korrespondenz und Verbindungen mit der Bank, erledigte mein Vater.
Meine Großeltern mütterlicherseits, Otto und Marie Egloff, betrieben einen Bauernhof im nahen Tägerwilen, Weinberg an der Hauptstraße, gerade der Kirche gegenüber. Für sie war ich der erste Enkel, Sohn ihrer jüngeren Tochter. Marianne Bär-Egloff, die ältere Schwester der Mutter, gebar ihren ersten Sohn Ueli, im Dezember desselben Jahres (1939), allerdings im fernen Zürich. Auch gab es in Tägerwilen noch den Onkel Otto, jüngerer Bruder meiner Mutter, angehender Bauer und Erbe des Hofes, mit seinem braunen Pferd Fux.
Es war die Zeit kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. In Zürich war die Landi, und von der stammen meine ersten Erinnerungen. Vor meinen inneren Augen sehe ich die bunten Fahnen flattern im hellen Sonnenschein während einer Fahrt auf dem Schiffli Bach, die schlingernden Bewegungen auf rasanter Fahrt, mir gegenüber Vater strahlendes Gesicht neben der Gotte, Tante Marianne. Und immer wieder die bunten Fahnen mit der Sonne ein rasendes Versteckspiel treibend.
Über meine Taufe wurde nie gross geredet. Sie fand in der Kirche in Gottlieben statt. Gotte war meine Tante Marianne, Onkel Louis Frossard, mein Götti. Die Frau, Tante Hedy, war Zahnärztin mit einer Praxis in Weinfelden, wo der Götti bei Etter Egloff Teigwaren als Teigwarenfachmann im Verkauf tätig war. Auch gehen frühe Erinnerungen an die Tante Saskia Egloff, Tochter des Onkel Doktor, der mich auf die Welt gebracht hatte. Ihr Erscheinen war immer geheimnisvoll, aufregend, denn sie hatte immer etwas zu erzählen.
Da es für den Betrieb, immer Autos in der Familie hatte, erinnere ich mich an frühe Mobilität, die dann aber bald nach Ausbruch des Krieges, und Vaters Aufgebot zum Aktivdienst endete. Von der Wohnung gab es einen direkten Zugang zu einer großen Terrasse, über der Garage mit den zwei Autos, einen Peugeot 202 und einen DKW, der dem Onkel Werner zugeteilt war. Auf diese Terrasse wurde ich im Kinderwagen gestellt. Blickfang war ein Blätterdach eines großen Birnbaumes, zwischen Wohnhaus und Fabrik.
Im Familienbesitz war ein Badeplatz direkt am Rhein, etwas unterhalb des Dorfes. Der Weg dorthin folgte einem schmalen holprigen Pfad auf dem natürlichen Damm zwischen Rhein und dem Espenweiher. Wurzeln von großen Silberpappeln mussten überwunden werden, so wie Pfützen, wenn Hochwasser herrschte. Wurde der Weg ganz überschwemmt, führte ein Umweg, südlich am Weiher vorbei. Auf dem Badeplatz, genannt Cholhütte, befand sich eine Hütte. Lebhaft erinnere ich mich an den eigenartigen Geruch, an die dichten Spinnengewebe, Stechmücken und dem stetigen Rauschen der Blätter der hohen Pappeln, das Geschnatter der Enten, ebenso das Eintauchen in das frische Wasser, im festen Griff der Mutter.
Auch Onkel Werner hatte geheiratet und ein Jahr später (1940) einen Sohn Hans bekommen.
März 1941 kam meine Schwester Susi zur Welt. Nicht zuhause, sondern im Spital Münsterlingen. Vater war in Uniform.
Vater war Fourier in einem Grenzwachtcorps in der näheren Umgebung, was hieß, dass er öfters bei uns auftauchte. Manchmal brachte er Dienstkameraden mit, die dann bei uns im Gang schliefen. Ich kann mich sehr gut an die Nächte erinnern in denen Luftangriffe über dem Rhein geflogen wurden. Zuerst das Brummen der Flugzeugmotoren, dann das Heulen der Sirenen im nahen Konstanz und Wollmatingen, direkt über dem Rhein und einem breiten Schilfgürtel. Dann die Detonation der Bomben. Besonders heftig war das während der Bombardierung von Friedrichshafen. Wir Kinder wurden aus dem Schlaf geweckt und angezogen, ins Freie gebracht, obwohl wir keinen Luftschutzkeller hatten. "Aber ich will nicht sändele!", hat sich Susi gewehrt. Die Erde bebte, Blitze erhellten den Nachthimmel, bis endlich End Alarm Fortsetzung des unterbrochenen Schlafs erlaubte.
Vater hat uns nach Zürich zu Tante Marianne in Sicherheit gebracht, da man einen Überfall über den Rhein erwartete. Und schliesslich lag Gottlieben ausserhalb des Verteidigungsgürtels. Die Bunker lagen versteckt im Wald. Der Umzug wurde aber bald als Fehler betrachtet, denn die Gotte wohnte in Örlikon, welches wohl, dank Schwerindustrie, ein Hauptziel feindlicher Bombardierungen bei einem Überfall gewesen wäre. Also wurden wir zurück an den Rhein gebracht.
Lebhaft sind Erinnerungen an die langen Abende zuhause. Verdunkelte Fenster, das Licht der Deckenlampe über dem Tisch wurde mit einem trichterförmigen schwarzen Karton so weit eingeschränkt, dass gerade mal die Tischplatte schwach beleuchtet wurde.
Ende Oktober 1944 musste Mutter plötzlich mit einem ganz dicken Bauch ins Spital. Grossmama Egloff aus Tägerwilen, passte auf uns auf. Am Morgen kam dann Papa zurück, erinnre mich noch genau an seine ersten Worte, als er vom Hintereingang durch die alte Küche zur Treppe eilte. "Es waren drei, aber einer ist wieder gestorben, nun sind noch zwei, zwei Buben!" "Sie heissen Erich und Armin, sind aber sehr klein, müssen noch ein paar Tage in Münsterlingen bleiben!"
Das war dann die Familie komplett.
Die beiden schlafenden Autos in der Garage, zugedeckt mit Tüchern, waren ideale Spiel und Versteckplätze für mich und meinen Cousin Hans. Stören tat uns dabei Schwester Susi, die ich eigentlich hätte hüten müssen. Wir krochen in den Autos herum, drehten an den Steuerrädern, spielten mit Knöpfen und Hebeln, alles ohne Gefahr, denn die Batterien waren ausgebaut, oder entleert. Auch lag eine grosse Menge von Werkzeug auf einem Gestell.
Ähnliche Spielplätze fand ich in Tägerwilen mit meinem Zürcher Cousin Ueli in Grossvaters Geräteschuppen beim Obstgarten. Dort verdeckten Tücher eine Pferdekutsche und einen Pferdeschlitten. Nur, wenn uns Grossvater oder der Onkel Otto entdeckten, war die Freude jeweils vorbei. Allerdings, der magische Geruch von Benzin und Öl fehlte, es war da nur der Geruch von Heu und was es sonst in Stallnähe gab.
Dann war der Krieg vorbei. Papa vertauschte die Unform in seine Zivilkleider, dunkel mit Krawatte. Unbedingt wollte ich die Friedensglocken hören, die um Mitternacht geläutet werden. Nur, leider bin ich dann eingeschlafen. Die schwarzen Verdunkelungen verschwanden. Die Stube war plötzlich hell erleuchtet, Die Tücher wurden von den Autos entfernt, die Räder aufgepumpt und die Holzblöcke entfernt. Stolz wurde zuerst der rote DKW und dann der graue Peugeot ins freie gestossen. Alle halfen. Lebensmittel waren aber immer noch ratiniert und nur gegen Abgabe von Marken bei Fräulein Conradi im Laden am Dorfplatz erhältlich. Wir, mit einem Bauernhof in der Verwandtschaft, genossen ab und zu Zustupf von Fleisch und Eier.
Man erzählte, dass französische Truppen als Besatzungsmacht in Konstanz einziehen werden. Onkel Werner mit Familie wohnten damals im Steinhaus, angebaut an die Drachenburg. Dort, im obersten Stockwerk, gab es ein Tor, von dem wir auf der anderen Seite des Rheins eine lange Kolonne von Fahrzeugen von der Insel Reichenau in Wollmatingen einfahren sahen. Später entstanden dort Kasernen für die Besatzungstruppen. Auf dem Rhein patrouillierten französische Motorboote und schauten misstrauisch an unser Ufer.
Unsere Berufsfischer fuhren wieder regelmäßig mit ihren Ruderbooten zu den Fischgründen unterhalb des Dorfes, dort wo die Fachen standen. Zum großen Ärger konnten wir beobachten, wie die Franzosen mit explodierenden Granaten Fische töteten und einsammelten. Auch wir ruderten wieder auf dem Rhein, vorsichtig bedacht, Abstand zum deutschen Ufer wahrend. Da wir Kinder erst nach bestandenem Schwimmtest selbst rudern durften, lernten wir eifrig. Schwimmringe gab es nicht. Man band Binsen zusammen, faltete sie zu einem Dreieck, das auf dem Rücken zusammengebunden wurde. Da sowas sehr unangenehm war, beherrschte ich das freie Schwimmen schon mit sechs Jahren.
Kurz nach Kriegsende, zogen wir vom grossen Haus bei der Kirche in die oberste Wohnung im Haus Daheim, gerade neben dem Restaurant Krone. Es war eine grosse Wohnung, in der ich mein eigenes Zimmer hatte. Gegen den Rhein gab es eine grosse, sogenannte gute Stube, mit direktem Blick auf den Rhein mit dem Wollmatinger Riet und die Dächer von Konstanz. Auch konnten wir das Geschehen auf dem Rheindamm genau beobachten, sahen die Schiffe an- und ablegen. Da Fischen noch erlaubt war, reihten sich oft dicht gedrängt, Mann an Mann, jeder mit einer Angelrute.
Peterchens Mondfahrt ist eines der frühen Bücher, an die ich mich erinnere. Dabei galt mein Hauptinteresse dem Mann im Mond, den ich im Vollmond suchte, und fest daran glaubte, ihn zu sehen. Daneben gab es die Bücher von Ernst Kreidolf, mit dem wir sogar noch ganz entfernt verwandt waren. Aber dies Bücher durften nur unter Begleitung angeschaut werden. Mein grösstes Interesse, schon als kleiner Knirps, war das Gestell in Grossmuttis Stube, auf dem sich eine unübersehbare Summe dicker Bücher mit Lederüberzug und goldiger Etikette befanden. Lange ehe ich lesen konnte, durfte ich, nach Händewaschen, darin Blättern. Auf dem Fussboden kauernd oder liegend. Aber immer unter den strengen Augen eines Aufpassers, der im besten Fall Cousine Erika, ein paar Jahre älter war.
Früh habe ich dann Lederstrumpf gelesen. Dabei sah ich mich als Teilnehmer und stand grosse Ängste aus, was bis zu wilden Träumen führte. Speziell war da ein Massenmörder, der nur in Lendenschurz mit Turban, Messer zwischen den Zähnen auf dem Bauch vom Osten her gekrochen kam, dann an der Hauswand zu meinem Fenster kletternd.
Von Papas Bibliothek borgte ich dann Livingston und Henry Mortan Stanley in Afrika. Das Grab des weisen Mannes. Obwohl Zwinglianer, war da Martin Luther, dank des Tintenflecks an der Wand.
Auf einem kleinen Tisch stand ein riesengroßer Radio, aus dem Musik und Nachrichten ertönten. Bei Letzteren galt ein allgemeines Redeverbot in der Stube. Auch während den Mittagsnachrichten. Vorher waren da immer die Mittagsmelodien gespielt vom Radio Orchester unter der Leitung von Cédric Dumont. War es schwere klassische Musik, konnte man sich auf eine traurige Nachricht vorbereiten, ein Erdbeben, ein Krieg, ein Todesfall. Abends war das Echo der Zeit, nicht endend die Ruhezeit. Lebhaft erinnere ich mich an Heiner Gautschi in New York, oder dann der Tod von King George mit der Krönung von Elisabeth II. Später dann der Fall von Dien Bien Phoo, wo auch Fremdenlegionäre aus der Gegend im Einsatz waren. In einem Gestell thronte ein sehr altes Grammophon, auf dem 78er Platten abgespielt wurden. Richard Tauber, und ein paar Opernsänger wurden oft und gerne gespielt. Man sang laut mit und freute sich an einer heilen Welt, in Berlin, Wien, New York und so.
Dazu pflegten wir etwas die Hausmusik, Mama am Klavier, ich Violine, Schwester und Brüder Blockflöten, Papa Querflöte... Auftritte beschränkten sich auf Weihnachten oder ähnliche Familienfeste, aber eher im Bereich Seltenheit.
Ich und die Violine sind ein paar Gedanken wert. Etwa acht Jahre alt, wünschte ich mir eine Violine zu Weihnachten. Eine echte Violine hatte ich nie gesehen, nur ein buntes Bild, auf dem ein Mädchen bei Kerzenlicht eine kleine Geige spielte. So war ich dann nicht wenig erstaunt, als ich sah, was ich im grossen Pack fand. Es war, wie ich später erfuhr, ein Erbstück des verstorbenen Onkel Gusteli. Nicht einmal aus dem Kasten durfte ich das Geschenk heben. Wart, bis dir Herr Alther zeigt, wie das geht. Und der brachte dann eine sogenannte Kindergeige, auf der ich alles andere als sofort ein Lied spielen konnte, wie ich das erwartet hatte. Eine halbe Stunde mit dem strengen Lehrer, Mittwoch und Samstagnachmittag, dann Üben, eine halbe Stunde jeden Tag, auch sonntags. Was habe ich mir da zu Weihnachten gewünscht. Aber ich biss es durch, acht Jahre lang. Und hab es nie bereut.
Es blieb nicht der einzige Entscheid, den ich gefällt hatte, weil es etwas ganz neues, unbekanntes war, das im nahen Umfeld niemand sonst betrieb.
Zu meiner Gotte, Tante Marianne, hatte ich ein schönes Verhältnis, nicht zuletzt, weil sie Kinder im selben Alter hatte. Wohnhaft war die Familie in Zürich, verbrachte aber Ferien auf dem elterlichen Bauernhof in Tägerwilen. Auch durfte ich ab und zu Ferien in Zürich verbringen. Stadtleben war aufregend und gefährlich, so bin ich in frühen Jahren, als unerfahrener Strassenbenutzer, in ein anfahrendes Fahrrad gelaufen, was erhebliche Schmerzen und Ungemach mit der Fahrerin mit sich brachte. Es war die Zeit, als Globi die Bahnhofsrasse beherrschte. Auch schleppte man mich in ein Hallenbad, ein dampfendes, warmes, von Kreischen erfülltes Gefängnis, in dem ich mich nach dem Badeplatz am Rhein sehnte. In besserer Erinnerung sind die Besuche im Zoo. Zu Weihnachten bekam ich regelässig den Pestalozzikalender und SJW Heftli. Joly in Borneo, mit dem Tiger und seinem Jäger als Titelbild hat mir besonders gut gefallen.
Meinen Götti habe ich nicht sehr oft gesehen. Er war ein vielbeschäftigter Geschäftsmann, wohnte in Weinfelden, wo er bei Etter-Egloff als Teigwaren Verkäufer im Aussendienst arbeitete. Später wechselte er zur Teigwarenfabrik Scolari in Solothurn. Ab und zu traf man ihn und Tante Hedi am Familien Silvester bei den Grosseltern in Tägerwilen. Er stammte aus St. Légier. Also nicht verwunderlich, dass ich bei ihm, allerdings erst im reifen Alter, mit der Blauen Fee, Bekanntschaft machte.
Sonst galt er als stilles Vorbild des Erfolges, dazu war er eingeschriebener Fan der neuen Citoen DS Linie, die er jeweils stolz vorführte, was dann unseren Vater dazu verführte, dasselbe zu tun. Götti Louis war leidenschaftlicher Automobilist, fuhr jedes Jahr ohne Zwischenhalt nach Wien, oder Paris, als es noch keine Autobahnen gab. Ich erinnere mich gerne an interessante Gespräche über Pferde, den Jura, ja und eben Autos. Sie waren kinderlos, konnten deshalb die Freiheit genießen.
Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?

Zum 75. Jahrestag: Wann hast du das erste Mal von der Glückskette gehört? Fragte Dani Fohrler in einem E-Mail gerichtete an potenzielle Spender. Am Heiligen Abend 1947, am ersten Weihnachtsfest der neuen Organisation. Wir wohnten im Daheim, saßen in der guten Stube, mit Blick auf den Rhein und Deutschland, das sich immer noch vom Krieg erholen musste. Mit uns war Tante Saskia, aktiv für das Rote Kreuz tätig und die Großeltern aus Tägerwilen. Die wenigen Geschenke waren ausgepackt, die Kerzen am Baum brannten noch. Die Tante erzählte vom Krieg, vom Leid der Leute über der Grenze, gerade über dem Rhein, von Kindern, die wohl keine Geschenke auspacken konnten. Dann vom neuen Hilfswerk, das gerade zur Festzeit zu Spenden aufrief. Papa erkälte dann, dass er pro Kerze am Baum fünf Franken spenden werde. 15 zählten wir, was einen schönen Betrag und ein ebenso schönes Gefühl, etwas Gutes zu tun, hinterließ.
1951 feierte Gottlieben mit einem Festspiel 750 Jahre Bestehen. Auf dem Platz vor dem Dorfladen der Fräulein Conradi, am großen Lindenbaum, wurde eine Bühne errichtet und auf der Dorfwiese eine Tribüne für die Zuschauer. Die meisten Schauspieler wurden lokal rekrutiert. Der Text wurde von Herrn Hans Kriesi verfasst, die Musik von meinem Musiklehrer KG Alther komponiert. Das Dorf wankte in den Fugen, jede der Proben war, so sagte man, Grund für eine wilde Party in den Restaurants. Für uns Kinder gab es einiges zu tun. Wir spielten auf der Bühne wilde Gesellen, mussten nach dem Auftritt von Pferden, die Bollen entfernen. Und dabei ereilte mich ein Missgeschick. Geblendet von den grellen Scheinwerfern stolperte ich über den Rand und landete flach auf der Bühne. Der grosse Applaus von den Zuschauern und dem Orchester um den Baumstamm, war mir äußerst peinlich.
Die einzelnen Szenen dienten uns Kindern für eine lange Zeit danach als Vorlage für eigene Spiele, Fahrräder dienten als Pferde, Bohnenstangen als Lanzen...
Damals tagte eines Tages der Bundesrat in der Drachenburg in Gottlieben. Kurz entschlossen hieß es, dass am Nachmittag die Schulkinder ein Lied singen sollen. Wir wurden in der Mittagspause in Sonntagskleider gesteckt. Dann hatte Mama die üble Idee, dass wir, Schwester Susi und ich, dem Herrn Bundespräsident, Herrn Rubattel, einen Stauss Blumen übereichen sollen. Und diese Blumen, schöne Dahlien, wurden auf dem Weg durch den Garten geschnitten und uns, unter Protest, in den Arm gedrückt. War das peinlich, als ich mit den Blumen ankam. Der Herr Lehrer schaute unbeeindruckt, aber der hohe Besuch zeigte sich sichtlich erfreut.

Meine frühen Erinnerungen an die Eltern sind nur positiv, sie galten als die perfekte Einheit. Es gab nie Differenzen, oder gar Streit, den wir Kinder hätten miterleben müssen. Sie redeten miteinander sachlich, verständnisvoll. Sie blieben bis ins hohe Alter ein harmonisches Paar. Vater war acht Jahre älter als Mama, die gerade 17 Jahre alt, als Papa sie kennen lernte. Obwohl beide in Nachbargemeinden aufgewachsen waren, lernten sie sich 1936 in Wildhaus beim Skifahren kennen. Liebe auf den ersten Blick? Ich glaube eher, dass die intensive Brautwerbung des stürmischen jungen Fritz dem Bauernmädchen den Kopf verdreht hatte. Denn, mit abgeschlossener Berufslehre und Studium an der Handelsschule in Neuchatel, hatte sie Ambitionen, wie einen Aufenthalt bei Verwandten auf einer Kaffeeplantage im tropischen Guatemala.
Beide Familien gehören der evangelischen Kirch an, beide praktizierten den Glauben und lebten danach, ohne aber fanatisch zu sein.
Geheiratet wurde am 13.Mai 1937, Papas Geburtstag. In der Kirche Gottlieben, mit Feier im Restaurant Rheineck, dem damals besten Platz vor Ort. Es sickerte später durch, dass Onkel Alphons, der Mann von Papas ältester Schwester, Tante Helene, viel zu tief ins Glas geschaut habe. Auf Hochzeitsreise fuhren sie im eigenen Auto ans Mittelmeer, Monaco, Marseille und so.
1950 bauten meine Eltern ein Einfamilienhaus am Westrand des Dorfes. Es stand in einem großen Garten mit einem riesigen Birnbaum. Später pflanzten sie Silberpappeln und dem Zaun entlang verschiedene Sträucher. Villa sorgenlos, pflegte es der stolze Vater zu nennen. Leider überschwemmte das Hochwasser ab und zu das ganze Gebiet, wie das Erdgeschoss. Der Schaden war jeweils erheblich. Als dann 1999 dank extra hohem Wasserstand Zugang zum Haus nur über einen wackeligen Brettersteg möglich war und Papa schon ziemlich schwach war, entschlossen die Eltern in eine gerade freistehende 2.5 Zimmer Wohnung an der Bahnhofstrasse 2 in Tägerwilen umzuziehen. Es ist eine Liegenschaft, die ihnen, durch Erbschaft von Mamas Mutter, zur Hälfte gehörte. Miteigentümer war die Familie Bär-Egloff, Mamas ältere Schwester. Anstatt wieder zurück nach Gottlieben, zogen sie in eine größere Wohnung im Erdgeschoss, wo sie dann bis zu ihrem Ende verblieben.
Viel später, als Papa pflegebedürftig wurde, klagte er mir, dass es besser wäre, Mama wäre viel jünger, so dass sie ihn zuhause hätte pflegen können. Sie war ja 8 Jahre jünger und hat ihn gepflegt, bis sie das, trotz Spitex, nicht mehr konnte. Im Pflegeheim hat sie ihn dann jeden Tag besucht. Zu Fuß mit dem Rollator, der Straße entlang, bei jedem Wetter.

Sie war stets bemüht, korrekt, aber selbstsicher aufzutreten. Allerdings, die Enttäuschung, dass ihr ältester Sohn (ich) ihre hohen Erwartungen nicht erfüllen wollte, konnte sie nie ganz verarbeiten.
Mama wurde am 21. Januar 1917 auf einem Bauernhof in Tägerwilen, als zweites Kind, zur Welt gebracht. Sie hatte schon eine ältere Schwester, Marianne, und bekam dann noch einen jüngeren Bruder, getauft nach seinem Vater, Otto. Großvater galt als Persönlichkeit im Dorf, diente im Gemeinderat und war bis ins hohe Alter Zivilstands Beamter. Dabei versah er weitere Ämter. Die Familie war bekannt, gehörte in den Kreis der alteingesessenen Bürger mit besten Beziehungen über die Kantonsgrenze hinaus. Ihr Großvater mütterlicherseits, betrieb einen kleinen Bauernhof im Dorfzentrum, war nebenbei noch Seifensieder.
Mamas Elternhaus, Weinberg, liegt an der Hauptstraße, gegenüber dem Friedhof, über dem die stattliche Kirche steht.
Die Familie gehörte der reformeierten Kirche an, regelmäßiger Kirchgang und rege Anteilnahme am religiösen Leben der Gemeinde gehörten zum Familienleben. Der Bauernhof betrieb Ackerbau mit einem großen Obstgarten mit Apfel- und Birnbäumen. Ein paar Kühe, Schweine, Hühner und ein Pferd. Bis der Sohn (Otto II) alt genug war, beschäftigte der Hof einen Knecht, der, zum Erlernen der Sprache, aus der Westschweiz stammte.
Marianne, die Erstgeborene, durfte in Kreuzlingen das Lehrerseminar besuchen. Mama absolvierte eine kaufmännische Lehre, besuchte dann die Handelsschule in Neuenburg. Von jener Zeit erzählte sie uns oft und gerne. Sie schwärmte von der Blumenuhr am Ufer des Sees. Aus jener Zeit blieb ihr auch eine Freundin aus La Chaux-de-Fonds, die wir kurz nach dem Krieg sogar besuchten, so wie die Blumenuhr. Beide Mädchen lernten das Klavierspielen.
Nach abgeschlossener Ausbildung arbeitet sie in Konstanz bei einer Handelsfirma. Ab und zu erzählte sie von den wachsenden Schwierigkeiten, ja Belästigungen beim täglichen Grenzübertritt am Kreuzlinger Zoll, in den Anfangszeiten des wachsenden Einflusses des Nationalsozialismus in den Vorkriegsjahren.
Seit sie sich beim Skifahren im Toggenburg in den stürmischen Fritz aus der Nachbargemeinde verliebt hatte, war ihr Lebe nicht mehr dasselbe. Pläne im fernen Guatemala auf einer Finka bei den Bekannten zu leben, verblassten, Verlobung, aber nur unter der Bedingung, Heirat erst mit eigener Unterschrift, also ohne Beglaubigung des strengen Vaters. In Hauptwil besuchte sie die Haushaltschule. Auch von jener Zeit blieben Freundinnen, mit denen wir auch nach dem Krieg, noch enge Kontakte pflegten. Speziell eine Frau Zanini aus Cavergno im Maggia Tal und Tante Potz am Zürichsee.
Die Ausbildung zur Hausfrau hat ihr sehr geholfen, denn in kulinarischen Dingen war Mama das Maß aller Dinge. Niemand konnte die frischen Fische aus dem nahen Rhein, eines der klassischen Sonntag Menüs, besser backen als sie. Von ihr wussten wir, dass Fische dreimal schwimmen müssen. Zuerst im Wasser, dann im Öl, schlussendlich im Wein. Letzteres erst nach der Konfirmation. Bis zu ihren Enkelinnen hat ihre Schokoladetorte unerreichte Genussspitze erreicht. Niemandem ist es bis heute gelungen, ein ähnliches Gebäck nachzubacken.
Papa hatte gehofft, dass sie mit ihrer kaufmännischen Ausbildung in seinem Geschäft mitarbeiten könne. Dies scheiterte an Bruder Werner, der sich erfolgreich dagegen durchsetzte. Eine andere Arbeit hatte sie nie inne, engagierte sich aber aktiv im sozialen Umfeld während den Kriegsjahren und später bis ins hohe Alter. Dem Frauenverein stand sie viele Jahre als Präsidentin vor, dazu betreute sie Ehefrauen in Not, indem sie säumige Alimenten Zahler bearbeitete und sogar betrieb.
Dabei war sie für uns die perfekte Mutter, hatte in den schweren Kriegsjahren alles gegeben. Das mit vier Kindern viel von ihre verlangte, zumal sie eher eine schwächliche Gesundheitssystem hatte, vielleicht auch als Folge der schweren Schwangerschaft und Geburt von Drillingen. Sie vertraute mir an, dass sie nach der Geburt darum gebetet hatte, wenigstens die Kindheit ihrer Zwillinge erleben zu dürfen. Dieser Wunsch wurde ihr trotz vielen schweren Krankheiten erfüllt, wobei ihr unbeugsamer Wille beigetragen hatte.
Ihre angeborene Hartnäckigkeit, war ein Grund, dass ihre Vorstellungen und Träume für die Zukunft ihres ältesten Sohnes (ich) bei Weitem nicht erfüllt wurden. Sie hatte es schon früh fertiggebracht, mir einzureden, dass Pfarrer die richtige Zukunft für mich sei. "Tote Materie ist doch nichts für dich!" Die ganze Erziehung wurde darauf eingestellt, Latein ab der zweiten Sekundarklasse beim Pfarrer, als Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung in die Kantonsschule Frauenfeld. Sichtbar war ihre Enttäuschung nach meinem Ausscheiden nach nur einem Jahr, um eine Lehre anzutreten. Nicht einmal die finanziellen Vorteile mochten sie, nicht wie Papa, zu beruhigen. Meinen Wunsch, eine Ausbildung an der Seefahrtsschule in Basel blockierte sie wehement. Jahre später fand ich das Anmeldeformular, auf dem nur die Unterscrift des Vaters fehlte.
Trotzdem hatte sie immer ein offenes Ohr für unsere Probleme, hörte zu, erteilte hilfreiche Ratschläge. Allerding sparte sie auch nicht mit Kritik bis zu Tadel. Wütend sah man Mama nie, laute Worte kannte sie nicht. Schmerz hat sie wohl selbst ausgetragen, oder ab und zu mal geschickt zynische Bemerkungen eingestreut. An Freundlinnen fehlte es ihr nie, jedoch ist uns Kinder nicht bekannt, wieviel sie diese in ihr Leben einschloss.
So blieb Tante Saskia (ledige Tochter des Onkels/Göttis, der mich damals entbunden hatte) als glänzendes geheimnisumwundenes Vorbild einer Akademikerin in der Familie: Sie sprach fünf Sprachen, war in China, hatte einen Stierkampf besucht... Lang verband mich mit ihr das traurige Lied, fern im Süd das schöne Spanien, gesungen von der Großmutter. Die Wurzel meines Wunsches diese Sprache zu lernen. Was ich viel später tat, aber für eine Arbeit Südamerika. Spanien kam später, der Stierkampf bleibt auf meiner Bucketlist.
Es gab später Zeiten, oder Gelegenheiten, in oder bei denen sie durchblicken ließ, dass sie dank früher Heirat, dies oder das in ihrem Leben verpasst hatte. Bitterkeit spürte man nicht, denn trotz allem, blieb die Beziehung bis ins hohe Alter harmonisch. Das Bild einer perfekten Ehe- und Familienfrau.

Geboren wurde er am 13. Mai 1909 in Gottlieben am Rhein. Er hatte schon eine ältere Schwester Helene und einen älteren Bruder, Werner. Später kam noch der Gusteli, der allerdings 1927 im jungen Alter von 16 Jahren verstarb. Fritz- Friederich tauften sie ihn. Der zweite Name war nach dem Vater, Johann Friedrich Wittich, der mit seiner Frau, Lina Wittich-Hummel die Pferdehaarspinnerei in zweiter Generation betrieb.
1923 starb sein Vater in einem Autounfall. Die Mutter übernahm die Führung der Pferdehaarspinnerei, neben der Erziehung der drei Kinder. Papa zog für eine dreijährige kaufmännische Lehre nach Basel. Nach erfolgreichem Abschluss arrangierte sein Lehrmeister eine Sprachstudie an der Universität in Nottingham (1927-28). Freundschaften, die er dort und in London knüpfte, hatten den Krieg überlebt. Besuch aus England war später für uns Kinder eine grosse Attraktion.
Ein weiterer Sprachaufenthalt folgte in Paris, worauf er eine Beschäftigung in einer Handelsfirma in Marseille fand. Zurück in Paris, erreichte ihn 1930 der Wunsch seiner Mutter, zurück in der Heimat die Leitung der Rosshaarspinnerei zu übernehmen. Schweren Herzens beendete er, als verantwortungsbewusster Sohn, seine Auslands Abenteuer.
Besuch der schweizweiten Kundschaft gehörte zu seinen Aufgaben, wofür ihm ein Auto zur Verfügung stand.
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Skifahren gehörte zu seinen jugendlichen Leidenschaften. Das obere Toggenburg bot sich dafür als nächste Destination. Im Winter 1934 / 35 beobachtete er die junge niederländische Königin Wilhelmine, sich, umgeben von Sicherheitsbeamten, auf den Hängen von Unterwasser zu amüsieren. Die königliche Entourage residierte damals im Hotel Sternen zu Unterwasser. Im selben Winter, allerdings im Bellevue in Wildhaus, traf er die hübsche Tochter des Zivilstandbeamten Otto Egloff aus der Nachbargemeinde, Tägerwilen.
Gerne erzählte er schmunzelnd, dass er zwei amtierende Königliche Hoheiten gesehen hätte. In Nottingham King George V, für dessen Empfang anlässlich der Einweihung der Universität von Nottingham, er einen Smoking mit Zylinder anschaffen musste. Oder dann von der niederländischen Königin Juliana, eher etwas hilflos auf Brettern in den winterlichen Bergen.
Als dann Edith Piaff nach dem Krieg zur oft gehörten Stimme am Radio gehörte, erzählte Papa, wie er sie in den Hinterhöfen als Spatz von Paris kennen gelernt habe.
Die Liebe zum Skifahren gehörte zu unserer Familie. Wenn immer auch nur etwas Schnee auf den Wiesen und nachbarlichen Hängen zu sehen war, schnallten wir die Bretter an und zogen gegen Tägerwilen. Später, als auch meine Brüder als alt genug eingestuft wurden, fuhren wir nach Urnäsch zum Übungslift, den Papa auf Geschäftsreise entdeckt hatte. Die kurze Piste bog auf etwa halbem Weg scharf nach rechts. Es war normal, dass wir lange die Kurve nur mit Sturz schafften, denn schon damals hatten es die Eltern vorgezogen, im Zielraum zu warten. Nur an den Tägerwiler Hängen, südlich des Bahngeleises, wagten sie ein paar Schwünge, immer wieder den Telemark lobend, den sie ja früher beherrscht hatten. Dann überließen sie uns ihre langen Bretter mit loser Riemenbindung. Und die stehen immer noch in meiner Garage, sollten neu lackiert werden, für weitere Generationen.
Immerhin, es ist nun die vierte Generation, die im oberen Toggenburg die Kunst auf dem schnellen Schnee erlernt.
Neben der Sehnsucht nach dem blauen Meer, haben wir im Familienrahmen Bergtouren unternommen. Früh sind wir von der Schwägalp zur Tierwies aufgestiegen, wo ein Bekannter als Gastwirt die Sommersaison verbrachte. Meine lebhaften jüngeren Brüder wurden an Seilen von den Eltern in Schach gehalten. Goldene Rösti mit Spiegelei war die Belohnung. Weitere Touren folgten während Ferienaufenthalten im Tessin, Berner Oberland, Prättigau, Toggenburg, für die jeweils Ferienwohnungen gemietet wurden. Mein Blick hing an den großen Bergen, der Eigernordwand, dem Matterhorn, dem Vrenelis Gärtli. Mama schickte mich an einem Mittwochnachmittag nach Kreuzlingen ins Kino, wo der Film der Everest Erstbesteigung flimmerte. Das wollte, konnte ich doch auch und so bin ich heute noch SAC Veteran, allerdings ohne Eiger Nordwand oder Everest, dafür mit Kilimanjaro und Mount Kinabalu und dem Vrenelis Gärtli.
Der große Holzschuppen an der neu gebauten Station der Mittel Thurgau Bahn von Kreuzlingen nach Weinfelden. Auf einem Spaziergang habe ihm sein Vater gesagt, dass in diesem Bretterverschlag eine Dampflokomotive darauf warte, bis die neue Eisenbahn betriebsbereit sei. Er konnte lebhaft schildern, wie er sich als kleiner Junge (gerade zwei Jahre alt) vorstellte, was das wohl sei. Denn solche dampfenden Ungeheuer gab es ja nur auf der Strecke von Ermatingen nach Kreuzlingen. Offensichtlich hatte das Papa sehr beeindruckt, denn er konnte ganz genau zeigen, wo der Schuppen stand. Ebenso lebhaft waren die Schilderungen seiner ersten Begegnung mit dem Wasserflugzeug auf dem Bodensee, beim Hafen in Friedrichshafen.
Oft schauten wir zu den Sternen, folgten der Milchstraße von Horizont zu Horizont. Vom Bett aus stellte ich fest, dass immer wieder andere Sterne zu sehen waren. Der ganze Himmel drehte sich um den Polarstern, denn der stand immer am selben Ort.
Papa wusste, wie man diesen Stern inmitten Millionen von leuchtenden Punkten mit dem Blick über eine Telefonstange an der nahen Hausecke finden kann. Die Stange umarmen, den Blick nach oben, leicht gegen den Rhein, der Straße entlang.
Aber sowas muss es ja im Süden auch geben. Es sei das Kreuz des Südens, das man aber auch während den Ferien im Tessin nicht sehen könne, denn dazu müsse man zum Äquator fahren. "Das kannst du, wenn du erwachsen bist". In jener Zeit liegen wohl die Wurzeln für meine Sehnsucht in die weite Welt.
Für den Umgang mit oder gegen all die Versuchungen, die am Weg lauern, empfahl er uns seine Methode. Den historischen Tintenfleck an der Wand, ein Zeuge wie Martin Luther mit seinem Tintenfass böse Gespenster vertrieb. Allerdings, ein Tintenfass habe er nur in Gedanken geschmissen.
Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, ganz kurz nach meiner Geburt, stellte die Pferdehaarspinnerei den Betrieb ein, da ja keine Pferdehaare aus Südamerika geliefert wurden. Auch Papa wurde eingezogen und diente als Fourier im Grenzwachtcorps in der Gegend. Wir sahen ihn oft in Uniform, auch brachte er ab und zu Leute mit, die dann bei uns übernachteten.
Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?

Papas grosse Leidenschaft war sein Haus und der große Garten. Der bestand hauptsächlich aus einem großen Rasen mit Blumenbeeten dem Haus entlang. Regelmäßiges Mähen, mit einem alten motorbetriebenen Gerät, das ab und zu nicht funktionierte, was dann Handmähen mit dem schmalen Handmäher hieß. Das abgeschnittene Gras musste zusammengerecht und auf den nahen Misthaufen gebracht werden. Seine Liebe galt den großen Bäumen, die das Haus einrahmten, im Herbst den Rasen mit fallenden Blättern bedeckten, die dann während Herbstwochen, zusammengerecht und abtransportiert werden mussten. Auch stand in einer Ecke ein Nussbaum, dessen reicher Segen oft nur schwierig Abnehmer fand. Dieser Baum wurde am Tag meiner Geburt von Großvater gepflanzt, hat dann einige Hochwasser überlebt, bis er nach sechzig Jahren den Kräften der Naturgewalten erlag.
Viel Zeit verbrachte er mit seiner umfangreichen Markensammlung. Sein Stolz war eine fast vollständige Sammlung der niederländischen Marken. Ein Zeuge der langjährigen Geschäftsbeziehung zu einer Handelsfirma in Holland, die ihnen Pferdehaare aus Südamerika und dem arabischen Raum beschaffte. Dazu gehörte ein regelmäßiger Austausch von Postmarken. An der Wand im Büro hing eine Weltkarte, auf die er Marken klebte von all den Ländern, die wir Kinder bereist oder besucht hatten.
Auch hütete Papa Gemälde und Zeichnungen der malenden Vorfahren. Leider vor Allem sekundäre Werke, die sonst niemand wollte und die jetzt bei mir liegen.
Bücher spielten im Familienleben eine große Rolle. Er war immer in ein irgendein dickes Buch vertieft, meistens historische Romane, oder Geschichte. So hat er sich in späten Jahren durch die vier Bände Churchills Weltgeschichte gelesen, was ihn sehr mit seiner Englandzeit verband. Im hohen Alter zog er sich oft zurück in sein Büro und las in den alten Jahrbüchern, wie etwa Richters Hausbuch aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, die Zeit seiner Jugend. Auch verfasste er einen Lebenslauf, der in reiner Handschrift viele Seiten füllte. Ich habe den Text kopiert, um ihn dann Elektronisch einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Die wenigen gedruckten Exemplare gingen an Bekannte, mit dem Wunsch sie nach der Lektüre an ihn zurückzuschicken. Leider ist das handgeschriebene Original nicht mehr auffindbar, so dass ich vermute, dass er es vernichtet hat. Schade.
Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?

Für mich war es selbstverständlich, in Stil dem Vater nachzueifern. So trug ich ab
Es gibt Momente, in denen ich es bedaure, dass der Jeans und T-shirt Stil, sogar an Sonn- und Feiertagen den guten alten Stil verdrängt hat.

Treue, Harmonie, Rücksichtnahme, Hingabe, Liebe und was es sonst noch für positive Eigenschaften gibt, die eine perfekte eheliche Beziehung beschreiben, sie treffen alle zu, wenn es um die Ehe unserer Eltern geht. In guten und in schlechten Zeiten.
Mama war 18 Jahre alt, als sie den acht Jahre älteren Fritz heiratete. Die ersten Jahre waren schwierig, zuerst die Enttäuschung, ihren Mann nicht bei der Arbeit zu unterstützen, dann der Ausbruch des 2. Weltkrieges mit mir, gerade mal ein paar Wochen alt. Trotz alledem, für mich waren sie immer die perfekte Einheit. Eitel Freude herrschte, wenn Papa während der Kriegsjahre in seiner grünen Uniform, auch nur für kurze Zeit anwesend war.
Mit dem Ende des Krieges kehrte ein normales Familienleben ein. Papa in dunklem Anzug mit Krawatte, nicht nur am Sonntag. Er war immer da, ging nur ab und zu für zwei Tage auf Geschäftsreise. Kein abwesender Tag verging ohne den Telefonanruf am Abend, nicht auch mal während des Abendessens.
Der Haushalt lag fest in mütterlichen Händen. Papas Kochkünste beschränkten sich auf das absolute Minimum. Den Grund dafür sah Mama in der Tatsache, dass seine Mutter, obwohl alleinerziehend, ihre Söhne verwöhnt habe. Auch waren da immer Tanten, die man einspannen konnte. Den Einkauf für den Haushalt, überließ er gerne, was wir Söhne als Selbstverständlichkeit übernommen haben. Samstag nachmittags zog Mama zum Dorfladen von Frl. Conradi und zum Beck Helbling. Der Nachwuchs hatte Pflichtdienst im großen Garten, jäten, Rasen mähen, Laubsammeln etc.
Da Papas Geburtstag am 13. Mai war fiel er oft auf den Muttertag, wodurch Mama, das im Nachhinein, oft um ihren Tag betrogen wurde. Ah ja, da war der Tag, an dem Papa von der Arbeit heimkommend stolz ein neues Halstuch präsentierte, das er in der Mittagspause in Frauenfeld erstanden habe. "Uns das hast Du Dir zu meinem Geburtstag gekauft!", meinte eine etwas enttäuschte Mama. Er hat das dann am nächsten Tag wieder gut gemacht.
Es gab schwere Tagen, während Krankheiten, bei denen aufopfernde Pflege selbstverständlich war. Mit einem Augenleiden lag Papa an Weihnacht und Neujahrsfest im Spital Münsterlingen. Es war ein kalter Winter. Es lag Schnee, so dass wir das Auto, auf dem Weg zum Spital, zwischen Bottighofen und Scherzingen aus einer Schneeverwehung schaufeln mussten.
Papa durfte dann erst im Frühjahr wieder Autofahren. Aber Mamas Fahrstil zu kommentieren, hindere ihn das nicht. Und ich glaube, dass sie gerne diesen Dienst wieder loswurde.
Unser Familienleben verlief in sehr geregeltem Rahmen. Gemeinsames Frühstück, großes Mittagessen, genau um 12 Uhr, dann, als ich in Kreuzlingen eine Lehre antrat, 15 Minuten später, aber serviert wurde immer erst, wenn jeder an seinem Platz saß. Redeverbot während den Mittgasnachrichten um halb eins, am Samstag schwarzer Kaffee.
Das Nachtessen war einfach, Salat, Brote, Eier oder so. Der Menüplan stand nie zur Diskussion, denn Vielfaltigkeit und Qualität hätten nicht besser sein können.
Das Top Sonntagsmenü waren ganze, gebratene Fische, jedoch mit Kartoffelsalat, da Salzkartoffeln, nach Papas Vorbild, verpönt waren, und höchstens zu Blut- und Leberwürsten als Beilage akzeptiert wurden.
Zur Familientradition gehörte der sonntägliche Kirchgang. Nur alle zwei Wochen, aber schon um acht Uhr, da der Herr Pfarrer auch den Dienst in Tägerwilen, um halb zehn Uhr versehen musste. Also auch am Sonntag Frühstück zur frühen Stunde.
Angesagt war dann der Besuch der Sonntagsschule in der Kirche Tägerwilen, zu dem man direkt nach dem Mittagessen aufbrechen musste. Später, bis und mit Konfirmandenunterricht, war nach dem Gottesdienst, also vor dem Mittagessen. Ganz kompliziert gestaltete sich das während der Zeit, als ich zum Mittagessen zurückkam und die Jüngeren direkt nach dem Essen wegmussten.
Ebenso gehörte der sonntägliche Familienspaziergang, sobald alle ihre kirchlichen Pflichten erledigt hatten, zum Ritual. Nicht nur um das Dorf, sondern durch den Wald nach Wäldi, oder gar bis Schwaderloh, dem Rhein entlang nach Ermatingen oder Triboltingen, oder gar nach Kreuzlingen. Es gab in Triboltingen ein Restaurant, in dem man einkehrte. Papa kannte sie von seiner Aktivdienstzeit.
Erst nach der Heimkehr, gehörte uns, abgehsehen von Schulaufgaben, der Rest des Nachmittags.
Der Sonntagsspaziergang war nicht etwa sportlicher, sondern gesellschaftlicher Natur, im besten Sonntagsgewand. Man traf sich, grüßte sich, tauschte Freundlichkeiten aus, sah, wurde gesehen.
Da war das Fräulein Conradi mit der Frau Schneider, heftig diskutierend, oder der Schriftsteller Emanuel von Bodmann mit einer Begleiterin "drei Schritte hinter mir". Auch meine Schulfreunde, spöttisch, bemitleidend ihre Ungebundenheit genießend. Oder dann traf man den Herrn Pfarrer „eine schöne Predigt heut“, hörte er gern, wusste vielleicht nicht, dass hinter seinem Rücken als „immer dasselbe, immer ich kannte mal…“
Eines Tages offenbarte Papa, dass er einen Hund als Wächter und Gesellschafter zum gutbevölkerten Wellensittich Käfig, anschaffen wolle. Auch hätte er schon ein passendes Tier gefunden, das man am Wochenende abholen wolle. Da ich in den Bergen unterwegs war, betrachtete mich der Hund eine Woche nach seinem Einzug, als Eindringling, den es zu bekämpfen galt. Bill, ein rassenreiner Pfeffer und Salz Schnauzer, hatte mich erst nach Wochen als Teil seines Reiches akzeptiert. Auch sonst, alles, was ihm fremd erschien, Briefträger, Hausierer, Besucher wurden mit größtem Unmut wild keifend behandelt. Und das wurde ihm wohl zum Verhängnis, denn nach relativ kurzer Zeit, erlag er einer Vergiftung durch Futter. Da nun mal auf den Hund gekommen, erschien bald darauf der Chow-Chow Welpen Merouf, genannt Muffel, der dann bis ins hohe Alter sein friedliches, aber eigensinniges Dasein bei unseren Eltern pflegen konnte.
Beide Elternteile engagierten sich aktiv im öffentlichen Leben. Papa diente in der Schulvorsteherschaft bis auch meine Brüder in die Sekundarschule übertraten. Dann versah er das Amt des Gemeindekassiers und Zivilstands Beamten während vieler Jahre. So wurde in unserer guten Stube viele Paar im ehelichen Bund vereint. Gern erinnerte er sich daran, speziell an die Vermählung von Fußballprofi Günter Netzer, der damals in Gottlieben wohnhaft war. Mit kräftiger Stimme sang Papa im zweiten Tenor im Männerchor des Dorfes. Sonst war er begeisterter Pistolenschütze, wohin ich ihn schon in jungem Alter begleiten durfte.
Mama engagierte sich aktiv im gemeinnützigen Frauenverein, viele Jahre als Präsidentin. Gerne half sie, wenn immer Not am Mann war. So erinnere ich mich, dass sie an Weihnahten mit einem Korb am Arm, Zöpfe und kleine nützliche Geschenke, in Form von Lebensmitteln, die bedürftigen Familien im Dorf besuchte.
Der alten Familientradition folgend, wurden wir im reformierten Glauben erzogen. Tägliche Gebete vor dem Einschlafen, Kirchenbesuche, religiöse Feste und Feiern gehörten ganz selbstverständlich zum Familienleben. Trotzdem bestand eine Offenheit für Zweifel und Fragen. Politisch betrachteten sie sich als parteilos, eher zum Freisinn neigend, wobei die Verbindungen und Erinnerungen an Zeiten im Ausland, eine Offenheit zum Globalismus prägte, was wir Kinder weitertragen.
Beide Elternteile waren begeisterte Leser. Bücher gehörten zum täglichen Leben. Ein Fernsehgerät wurde erst in den frühen siebziger Jahren angeschafft und das nur, um den Wünschen des Nachwuchses entgegenzukommen. Kunst, vor Allem Bilder, gehörten zum Familienleben, denn schließlich war Willi Hummel Papas Onkel, auch bestanden Beziehungen zu den Malern am Bodensee, Otto Marquart, Binder, Weise und andere. Zu Mamas Familie gehörte dazu Ernst Kreidolf, dessen Kinderbücher überall präsent waren und noch sind.
Kunstmaler Körber aus Konstanz, ein guter Freund von Onkel Albert Briner, verbrachte einige Tage mit uns in den Ferien in Cavergno. Dabei malte er Bilder in Fusio hoch oben im Maggiatal. Unvergessliche 5 Wochen Ferien, da man gegen den Regen ein Dach mit Zeltblachen erbauen musste, ein spezielles Erlebnis für uns Kinder.
Solange wir Kinder im Ausland wohnten, war regelmäßiger Briefverkehr Selbstverständlichkeit. Telefonverbindungen für persönliche Gespräche, gab es bis in die frühen 80er Jahre nicht. Es gab wohl Landlinien, von der westafrikanischen Küste durch die Sahara und über das Mittelmeer, oder dann von Borneo quer durch Südostasien, den vorderen Orient und Osteuropa. Erst mit dem Aufkommen der Satellit Telefonie, waren beschränkte Anrufe für spezielle Anlässe möglich.
Beide Elternteile beherrschten einen interessanten, gepflegten Schreibstil, womit wir über Wesentliches, und Unwesentliches informiert wurden. Was immer ich während Jahrzehnten geschrieben hatte, ist nun fein säuberlich eingeordnet.
Was für mediale Erinnerungsstücke an deine Eltern wie Briefe, schriftliche Aufzeichnungen, Bilder, Fotos, Filme, Tonaufzeichnungen, Videos hast du?

Fotoalben aus der frühen Zeit der Fotografie gibt es in grosser Zahl. Leider unterließ man es, Namen unter die Biler zu schreiben, weshalb ein grosser Teil niemandem zugeordnet werden kann. Beeindruckend sind Landschaftsfotos aus alter Zeit. Stimmungsbilder am Untersee, von Ferienreisen, Papas Aufenthalt in England Paris und Marseilles.
Papa entdeckte den Schmalfilm, wovon es nun viele Rollen gibt von Ferien, Festen und Anlässen.
Alle Briefe, die wir Kinder während den Auslandaufenthalten geschrieben hatten, wurden sorgfältig aufbewahrt, was mich oft erstaunen ließ, was man so alles erzählt hatte, denn es herrschte die Sitte, mindestes jeden zweiten Sonntag einen Brief nach Hause zu schreiben.
Viele der Briefe an uns sind leider verloren gegangen. Sei es in Biafra, wo unser ganzer Haushalt der Plünderug zu Opfer gefallen war, oder bei den Umzügen zwischn den Kontinenten.
Gibt es Lebensweisheiten, die dir deine Eltern mitgegeben haben?

Ein anderes, oft zitierter Leitspruch war: Hauptsache ist dass Du immer zuahses ankommst, ungeachtet was geschehen ist. Das gab Grund für Diskussionen, da ich der Ansicht war, dass man den Frieden zuahuse erst findet, wenn der Weg dorthin rein ist.
Inwiefern glaubst du, dem Vater oder der Mutter ähnlich zu sein? Oder bewusst anders?

Zeuge ihrer Beliebteit war dei überfüllten Kirchen alässlich ihrer Abankung in der Kirch Gottlieben, keine hundert Meter vom Ort ihres Hauptlebensmittelpunktes.
Im Gegenzug dazu habe ich mich entfremdet, lebe in einer Abgeschiedenheit in einer Gegend, die mit meinem Lebenslauf, oder meinen Wurzeln den einzigen Bezug hat, dass Mama ja als Baurenmädchen aufgewachsen war.
Auch war mit Heimweh seit frühester Jugend unbekannt. Der Drang in die Ferne, zur See, verdanke ich, wie eine oft schädliche Gutmütigkeit und Grosszügigkeit verdanke ich Papa's Genen. Nur, er wusste, im Ggensatz zu mir, wie mit diesen Zügen umzugehen. Von seinen kaufmännischen Fähigkeiten habe ich rein garnichts bekommen, es waren da eher die stärkeren Gene der Künster im Leben und der Maletei. Leider erwachten sie zu spät, als dass ich mein Leben nach letzteren organisiert hätte.
Nicht die Fremde bleibt fremd
Fremd bleibt die Heimat
Die man darussen für immer verlor.
Diese Worte beschreiben wohl meine Beziehung zum Ort, an dem mein Dasein begann.
......
Falls ein Elternteil, oder beide, schon gestorben sind, welche Erinnerungen hast du an ihren Tod?

Auch die letzten Jahre meiner Eltern waren gezeichnet von grosser Hingabe und Harmonie zwischen den Beiden. Mama, 8 Jahre jünger als Papa, pflegte ihn liebevoll mit größter Hingabe bis zur notwendigen Überweisung ins Pflegeheim. An jenem traurigen Tag hatte sie den größten Teil ihrer Energie verbraucht und wurde selbst unterstützungsbedürftig, allerdings in eigener Wohnung mit Hilfe von Spitex und lieben Verwandten. Täglich wanderte sie zum Bindersgarten um Papa zu besuchen, mit dem Rollator, bei Regen, Sonnenhitze, Schnee.
Trotz all der Liebe und Hingabe, ließ sie in späten Tagen ab und zu eine gewisse Enttäuschung über den Verlauf ihres späten Lebens durchblicken. Auch litt sie unter der Tatsache, dass ihre Söhne weit weg wohnten, und immer noch im Arbeitsleben standen. Und dabei ihren Lebensmittelpunkt fern der "Heimat" hatten.
Papa sah das ganz anders, denn er klagte mir, kurz vor seinem Tod, dass er bedaure, dass seine Ruth nicht viel jünger sei, um ihn, wie er wünschte, im eigenen Heim bis zum Ende zu pflegen.
Papa litt seit Langem an einem Lungenleiden "Wasser auf der Lunge", weshalb meine Schwester schon Jahre zuvor meinte, dass er auf Pump lebe. Allerdings hat er seine Tochter um fünf Jahre überlebt. Und Mama pflegte zu sagen, wenn wir in seiner Gegenwart weiter geraucht hätten, wäre er schon lange gestorben.
Ich besuchte ihn regelmäßig im Pflegeheim. Die meiste Formalitäten waren Routine, denn die Eltern hatten sich gut vorbereitet. Mama war Alleinerbin in allen Belangen. Nur, als sie in Gottlieben einen Platz im Friedhof organisieren wollte, erfuhr sie, dass sie dafür, da in Tägerwilen wohnhaft, eine Bewilligung einholen müsse. Auch das, war nur Formalität, stieß bei Mama aber auf einiges Unverständnis, da er ja fast sein ganzes Leben in Gottlieben gelebt habe.
Leider war Mama nun sehr schwach und auf Hilfe von der Spitex und den Gebrauch eines Rollators angewiesen. Ihre Pläne, nach dem Tode Papas, verpasste Reisen nachzuholen, konnte sie sich nicht erfüllen. Zum Glück hatte sie einige gute Freunde in der Umgebung, die sie besuchten, oder mit sich nahmen.
Bis zum Schluss demonstrierte sie, oft als stur empfundene Selbständigkeit in Sachen Verwaltung. Im Alleingang verwaltete sie das Mehrfamilienhaus, das Erbe mit ihrer Schwester Marianne. Sie hatte Alleinunterschrift für das Bankkonto, wofür ich erst in ihrem weit fortgeschrittenen Alter die Alleinunterschrift erhielt. Die gab mir die Möglichkeit, Zahlungen auszuführen, wann sie für Kurzaufenthalte im Bindersgarten weilen musste. Trotz alledem, konnte sie eine zunehmende Müdigkeit und Schwäche nicht mehr verbergen. Dessen ungeachtet, unternahm sie Ausflüge mit dem Rollator, zur Post, zum Einkaufen und an die Beerdigung von Frau Brauchli aus der Hüppenbäckerei in Gottlieben. Sie war eine Langzeit Freundin, im selben Alter. Zusammen hatten sie lange im Frauenverein gedient. Wie immer in solchen Zeiten, waren wir weg, allerdings auf dem Heimweg von Holland, wo wir unser Auto nach der Bootsüberführung nach Frankreich abholen mussten. Vor der Abreise hatten wir noch telefoniert und so vom Tode von ihrer Freundin erfahren. Zuhause angekommen, erfuhren wir von Annelies, wie schon bei Papas Tod, dass Mama wohl im Sterben liege, in ihrem Bett. Dort fanden wir dann meine Brüder mit ihren Frauen und Annelies. Mama war schon nicht mehr ansprechbar, hatte offensichtlich Atembeschwerden. Auch Spitex war anwesend. Mit Ihrer Hilfe organisierten wir Palliative Dienste. Armins Frau Brigitte, wachte am Bett der sterbenden Mutter. Auch Dr. Hanselmann, ihr Hausarzt seit vielen Jahren, erschien gerade zur rechten Zeit, um ihren Tod festzustellen. Ebenso in diesem Moment, betrat die Reinigungsfrau, Frau Sasilik, die Wohnung durch den Osteingang, durch den sie blitzartig wieder verschwand, als sie vom Hinschied erfuhr. Ihr Tod hat mich einerseits sehr traurig gestimmt, anderseits aber auch beruhigt, da nun ihr langer Kämpf mit stetig abbauenden Kräften ein versöhnliches Ende fand, ohne Schmerzen, im eigenen Bett.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?

Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deines Grossvaters? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?

Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?

Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deiner Grossmutter? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?

Bis zum Ausbruch des Krieges, und auch wieder darnach, war sie Teil der Firma. Sie hatte ihren Platz und ihre Aufgaben, was die Kundenkartei, sowie Zubereitung der Lohnzahlungen, alle zwei Wochen mit komplizierter Münztabelle. Sie erfreute sich grösser Beliebtheit bei den Arbeitern und deren Familien, deren Wohlergehen ihr nahe am Herzen lag.
Selbst führte sie ein äußerst bescheidenes Leben verankert im christlichen Glauben. Gottesdienste und Lesen in der Bibel gehörten zum Leben. Jeden Sonntagabend lag einer der schweren Bibeln auf dem Tisch.
Großmutti sorgte sich sehr um ihre Schwestern, die in verschiedenen Verhältnissen und Gegenden wohnten. Da war Tante Alice, verheiratet mit Familie im Gand am Nordufer des Walensees, dann Tante Marteli, verheiratet mit dem Kunstmaler Otto Marquart, wohnhaft in Wollmatingen, also gegenüber in der deutschen Nachbarschaft. Oder Tante Louise, die mit Familie im Schloss Kastell wohnte.
Große Sorgen machte sie sich um ihre Tochter, unsere Tante Helene, die sie, sehr zum Ärger von Papa, finanziell, zu Ungunsten der Geschäftskasse unterstützte.
Was habt ihr zusammen unternommen?

Sie war gut informiert, interessierte sich für das Weltgeschehen. Es war die gelbe Gefahr, vor der sie uns, angesichts des Koreakrieges, warnte. Im hohen Alter begleitete sie uns zu einem Vortrag von Heiner Gautschi aus New York, den sie verehrte und jede seiner Reportagen verfolgte, obwohl sie selbst nie andere als die Nachbarländer besucht hatte. Über Sport meinte sie, gut dass sie nicht immer gewinnen, denn sonst wächst es ihnen über den Kopf.
Erinnerst du dich an ihren Tod?

Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?

Es gab immer etwas zu diskutieren, immer war jemand auf der Straße zu sehen, denn der Blick von Großvaters Stube führte der Hauptstraße entlang bis zum Schulhaus. Da war oft der Schreiner Pauli, der beim Überqueren der belebten Straße in der Mitte stehen blieb und den Verkehr teilte, Pfeife im Mund.
Auch wurde die Predigt des Pfarrers diskutiert, oder kritisiert. Dabei konnte man sehen, wer sich auf dem Friedhof aufhielt. Wir Kinder spielten mit den Frauen Brettspiele oder zeichneten auf weiße Blätter, die man dann verteilte, vom Großvater kritisieren ließ. Lob gab es sehr selten.
Wenn man ihn darum bat, konnte er lebhaft von alten Zeiten erzählen. Stolz war er auf seine Zeit auf der Walz, die ihn bis ins Elsass gebracht hatte.
Was habt ihr zusammen unternommen?

Als Dank für die Heu Hilfe, fuhr man anfangs Sommer mit dem Schiff nach Steckborn, wo im Garten eines Kaffees, dort im scharfen Rank, kurz vor dem Bahnübergang, 20er Stückli gegessen und Sirup getrunken wurde.
Dann kam der Herbst, Rüben putzen. Großvater war das Zentrum, thronte auf einem Harass, eingewickelt in Sacktücher, umgeben von abgeschnittenem Kraut und haufenweise gereinigten Rüben, Rübe um Rübe reinigen, sicher machen, dass wir das richtig machten, ohne die Rüben zu verletzen. Finger waren kalt, die Nase lief, die Zeit schlich dahin, der Onkel brachte immer mehr Rüben... Als Dank durften wir eine Rübe zum Schnitzen mitnehmen. Er zeigte uns, wie man das anfängt, zuerst aushöhlen, dann Bilder schnitzen.
Im Herbst fuhren wir ab und zu mal in den Wald, auf dem Seerücken, nicht weit von Wäldi. Man saß auf dem Leiterwagen, gezogen von Onkel Ottos kleinem Traktor. Großvater fügte im Büschelibock Äste zu Buscheln, die er mit rostigen Drähten zusammenband. Wir Kinder sammelten Äste oder trugen diejenigen, die der Onkel von den Bäumen sägte, zu Großvaters Arbeitsplatz. Zum Zmittag gab es Rauchwürste, Brot und Most.
Ab und zu zeigte er uns, wie man aus Haselstöcken Sachen schnitzen konnte, immer darauf bedacht, sich nicht in die Finger zu schneiden...
Erinnerst du dich an seinen Tod?

Spät an jenem Abend, rief dann Tante Marianne bei uns an und berichtete, dass er ruhig entschlafen sei. Die Trauer war groß, auch in der Gemeinde. Im Steinbock war das Leichenmal. Seine Kinder fuhren mit dem Sarg zur Kremation in St. Gallen, während die Familienangehörigen im Steinbock warteten, bis sie zurück waren. Man war erleichtert, dass er nicht lange leiden musste und wohl auf ein glückliches Leben zurückschauen konnte.
Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?

Zu meiner Grossmama hatte ich von frühen Jahren an eine spezielle Beziehung, die bis in ihr hohes Alter bestehen blieb. Leider war ich im fernen Brunei, als sie verstarb. Am Tage meiner Abreise besuchte ich sie mit Andrea in ihrer Stube im oberen Stock im Weinberg. Ich drehte das Uhrwerk an der goldigen Standuhr unter der Glasglocke und stellte die Zeiger auf die aktuelle Zeit. So etwa zehn Uhr an einem Morgen. Wir wussten wohl, dass dies die letzte Begegnung in diesem Leben war. Wie das damals so üblich war, habe ich von ihrem Tod per Brief erfahren, als sie schon lange beerdigt war.
Grossmama war die gute Seele im Weinberg, sie war immer anwesend, wenn wir besuchten. Ihre große Leidenschaft, das Legen von komplizierten Patiencen, haben alle Familienmitglieder mit Begeisterung übernommen. Sie erklärte und neue Spiele, oft mit großem Platzbedarf, so dass der runde Stubentisch mit kleinen Karten bedeckt war. Als ich krank im Bett lag, zeigte sie mir ein Spiel, das auf kleinem Raum, auf der Bettdecke gelegt werden konnte. "Viererpäckli" hieß es und ich glaube, dass ich die Regeln noch kenne. Die bunten, ziemlich abgegriffenen Karten, sind jetzt noch griffbereit, fielen aber den elektronischen Nachfolgern, auf dem PC zum Opfer.
Ihre gemütliche Wohnung war ihr Reich, denn Arbeit im Gewerbe beschränkte sich auf Zusammenlesen von Fallobst im Obstgarten, Pflücken von Brom- und anderen Beeren. Da waren noch die Schweine unter der Küchentreppe, denen sie eine Schüssel gekochter Kartoffeln auf die Schnauzen leerte.
Auf einem Fenstersims schnurrte immer eine Katze.
Grossmama war eine vorzügliche Köchin. Niemand konnte den Netzbraten, oder eine gefüllte Kalbsbrust besser zubereiten. Unvergesslich sind ihre Schokolade Torten, die dann allerdings unsere Mama beinahe so gut nachbacken konnte.

In Gottlieben gab es zu meiner Zeit, also den letzten Kriegsjahren, keinen Kindergarten, denn es gab nie genug Kleinkinder. Nicht erstaunlich bei einer Einwohnerzahl von 270, in etwas mehr als 70 Haushalten. So belächelten, hänselten wir unsere Freunde in Tägerwilen, die ja sonst nicht wüssten was mit all der Zeit anzufangen. Auch wären wir auch ohne Göggelischule schlau genug, was dann auch in der Sonntagsschule in und um die Kirche von Tägerwilen für Zankstoff sorgte.
Wir Seebuben konnten uns nicht vorstellen, wie man im Wald spielen konnte. Denn schon der steile Weg dorthin, den ich ja von den Sonntagsspaziergängen zur Genüge kannte, kann ja kein Spielvergnügen sein. Wir hatten den Rhein, den Espenweiher mit viel Schlamm und Schilf, wo man Kanäle anlegen konnte, Wasserräder oder Modellschiffe basteln. Ganz abgesehen vom Baden, sobald das Wasser mehr als 16 Grad hatte. Auch im Schilfbestand, konnten wir spielen, verstecken, Enten suchen. Fischen, dann mit Ruderbooten kutschieren. Das alles hatten die von Tägerwilen nicht, auch konnten sie noch gar nicht schwimmen.
Im Winter gab es Eis, auf dem Weiher, oder dem Rheinufer entlang.
Wir waren zu dritt im selben Alter, nämlich mein Cousin Hans und Willy Krüger, von der Bootswerft. In Ermangelung eines öffentlichen Spielplatzes, trafen wir uns auf dem Dorfplatz zum Ballspielen, falls uns die älteren Kinder mitspielen ließen. Im Sommer bot sich das Rheinufer, unser Badhüsli, oder der Espenweiher. Allerdings, in Wassernähe nur unter wachsamen Augen einer der Mütter. Dazu gab es interessante Verstecke, wie hinter der Fabrik, dort beim Heizraum, wo alte Kisten verfaulten, Bandeisen verrosteten, wo Brennnesseln und allerhand Kriechgetier ein ungestörtes Dasein pflegten.
Ansonst verlief das Leben hauptsächlich im Familienkreis, denn da war meine um zwei Jahre jüngere Schwester, mit der ich spielen musste. Da waren Bauklötze, Puppen, Farbstifte und Malbücher. Mit bescheidenen Mitteln wurde gebastelt, Geburtstags und Weihnachtsgeschenke für Großeltern, Götti und Gotte. Populär war Geschichten zu hören, die uns Mama vorlesen musste, jeden Abend bis zum regulären Gutenacht Gebet.
An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?

Leider gehörten auch Besuche beim Kinderarzt in Kreuzlingen in die Zeit meiner Kindheit. Volles Wartezimmer, schreiende Kinder, ungeduldige Mütter. Man hatte keinen Termin, kam, saß und wartete bis man endlich an der Reihe war. Ganze Nachmittage lang.
Auch beim Zahnarzt war ich regelmäßig Der verpasste mir eine Spange, da meine Zähne nicht schön gerade wuchsen. Ich erinnere mich an viele Löcher und äußerst schmerzhafte Prozeduren, an Mittwoch Nachmittagen, wenn schulfrei war.
Ja, und dann fand man heraus, dass ich an Tuberkulose leide. Irgendwo im Bauch, soll von der Milch kommen. So wurde ich nach Davos ins Sanatorium Waldhaus gebracht.
Wie lange war ich dort? drei Monate? Ich erinnere mich lebhaft an jene Zeit. Jeden Mittag lagen wir auf der Terrasse in der Sonne. Links sah ich die Schatzalp Bahn in die Höhe fahren. Wir wurden streng bewacht, mussten ruhig liegen. Nachher begab man sich auf Spaziergänge in der Umgebung von Davos.
Zurück in jene Zeit: War ich 9 oder 10 Jahre alt? Unter Heimweh hatte ich scheinbar, damals wie auch später, nie gelitten. Ich wohnte zufrieden im Bett in der Ecke des riesengroßen Schlafsaals mit vielen Betten, in denen immer wieder andere Knaben lagen, denn ich war der Einzige, der länger dortbleiben musste. Großzügig verteilte ich, was immer mir von meiner Familie geschickt wurde. Besuch erhielt ich nie, sogar nicht einmal an Ostern. Auch sonst sah man nie Besucher, außer beim Einliefern und beim Abholen von Patienten.
Als ich eintrat, war Winter, Schnee lag überall. Papa kannte sich aus in Davos und freute sich auf den Genuss von Schnecken im Restaurant Pöstli, das damals dafür bekannt war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man sowas essen kann und dabei noch schmunzeln. Erst um drei Uhr musste ich eintreten. Abschied war für mich kein Problem.
Schlimmer war die Zeit nach der Kur. Schon die Rückfahrt war ein Problem. Es regnete sehr stark, so dass bei Maienfeld ein Murgang die Hauptstraße blockierte, was stundenlanges Warten mit sich brachte. Und dann zuhause, ich trug noch Winterstrümpfe, während Cousin Hans und alle Kinder, im Hof schon in Kniesocken spielten. Meine Schwester und Brüder warn gewachsen, sie alle erzählten von Dingen, die ich nicht kannte. Der Herr Lehrer hatte wenig Verständnis für meine Versäumnisse und nutzte jede Gelegenheit mir vorzuwerfen, dass ich selbst schuld sei und irgendwie nachholen müsse. Auch das habe ich geschafft und mich zurück gefunden ins dörfliche Leben. Im Heim hatte es keinen Unterricht oder koordinierte Freizeitbeschäftigung gegeben, an die ich mich erinnern kann.
In der Zwischenzeit sind wir von der feuchten Wohnung am Rhein in das neue Haus an der Espenstrasse 4 umgezogen. Scheinbar sah der Hausarzt die feuchte Altbauwohnung als Mitgrund für die häufigen Krankheiten von uns Kindern. Ich glaube, dass diese Veränderungen einen positiven Einfluss hatten. Trotzdem erinnere ich mich, mehr Krankheiten durchgelebt zu haben als meine Freunde oder auch meine Geschwister. Glücklicherweise änderte sich das mit dem Erwachsen werden. Einzig Mumpf legte mich im 20. Altersjahr während der Weihnachtsferien ins Bett. Die Hirnhauterzdung als Nebenerscheinung, ist in Erinnerungen geblieben. Dafür stellten sich keine anderen Nebenwirkungen ein.
Es scheint, dass ich während meiner Kindheit alle Krankheiten durchstanden hatte, denn außer normalen Erkältungen, erlitt ich bis ins 83. Lebensjahr keine wesentliche Krankheit. Während all den Tropenjahren, wurde ich, wie meine Familie, vielleicht dank strikter Prävention, von allen Tropenkrankheiten verschont.
Ganz ungeschoren kam ich nicht davon. Da gibt es einen Zwerchfell Riss, der nicht repariert werden konnte, und mir mit zunehmendem Alter oft schlimme Schmerzen in der Magengegend bereitete. Dazu noch eine Hautkrankheit, Lichen Ruber, scheinbar unheilbar, aber von geringer Belastung, leicht therapierbar mit Cortison Salbe...
Somit bin ich in meinem Alter sehr dankbar für meine robuste Gesundheit und ein überdurchschnittlich starkes Immunsystem... Letzteres verschonte mich von schwerem Hangover, auch nach wildem Raubbau an der Gesundheit wie Mama zu warnen pflegte.
War es schön, krank im Bett zu liegen?

Von meinem Bett konnte ich die Kirchenuhr sehen, wusste also immer, wie langsam die Zeit dahin schlich.
Leidest du aktuell an Krankheiten oder Folgen von Unfällen oder Krankheiten? Wie kam es dazu?

Zurückblickend kann ich sagen, dass ich weitgehend von Unfällen verschont blieb. Was besonders beachtlich ist, da ich Gefahren nie aus dem Weg gegangen bin, in gefährlicher Umgebung gearbeitet und gelebt hatte, in jungen Jahren begeisterter Berggänger in Felsen und Eis gewesen war. Viele Kilometer in Drittländern Links- und Rechtsverkehr, unterwegs war.
Der einzige Unfall mit Folgen war die Verletzung am rechten Handgelenk, zugezogen 1966 in Port Harcourt, beim Einbrechen in die eigene Wohnung. Da ohne Schlüssel, versuchte ich mit einem Stein durch Zerstörung einer Glasscheibe, den von Innen steckenden Schlüssel zu drehen. Ich schlug zu hart, wodurch eine Scherbe im Handgelenk so ziemlich alles trennte. Ich war allein, band ab, reiste per Taxi ins nahe Spital...
Die Folgen sind mir geblieben, hatten auch Folgen in einem anderen Bereich.
Da Prisca schon unterwegs war, musste ich das Angebot, für eine Behandlung in die Schweiz zu fliegen, ablehnen. Shell hatte einen Hand Chirurgen in der Delta clinic und so weiß ich nicht, ob das einen Einfluss hatte. Nur, in der Schweiz hätte wohl SUVA eingeschaltet werden können. Meine rechte Hand wurde nicht mehr dieselbe. Dank des zertrennten Zentralnervs blieben Zeige- Mittel und Ringfinger unterschiedlich ohne Gefühl. Auch sind die Finger, außer Kleinem und Daumen verformt. Musste meine Handschrift anpassen, lernte vermehrten Gebrauch der linken Hand, das als ausgeprägter Rechtshänder.
Später lernte ich auch wieder Violine zu spielen mit leicht angepasstem Griff.
Einen Unfall mit dem Company Holden auf dem Weg nach Lagos, zwischen Ore und Lagos, überlebte ich unbeschädigt. Das Auto überschlug sich, landete auf dem Dach, war Totalschaden. Dies blieb bis heute mein einziger Verkehrs- oder Autounfall.
Geholfen hat mir auch die Fähigkeit nicht in Panik und/oder Ohnmacht zu fallen.
Dadurch konnte ich auch bei Unfällen von Drittpersonen hilfreich beistehen.
Irgendwann in sehr jungen Jahren zog ich mir einen Zwerchfellriss zu, der mir zeitweise großes Unbehagen und Magenschmerzen bescherte. Zu kompliziert zu operieren, war lange das Verdikt. Nun, anfangs 2022, im hohen Alter von 83 Jähren, wuchsen die Schmerzen, soweit, dass mich Prisca an einem späten Samstagabend, eben zurück von einer Flussfahrt, in der Notfallstation im Spital Grabs einlieferte. Die Gallenblase wurde entfernt, aber dank einem Upside down Stomach, blieb ein Stein im Gallengang unentdeckt. Dieser wurde dann im KS St. Gallen erfolgreich entfernt. Alles in Allem verbrachte ich, dank diversen Entzündungen fast einen Monat in und um Spitäler, verlor 10 Kilogramm, musste die Esslust wieder neu entwickeln. Nun bleibt mir zu entscheiden, den Riss zu reparieren, da nun moderne Methoden das Vereinfachen würden.
Gab und/oder gibt es es in deiner Familie Krankheiten/Unfälle, die dich geprägt oder dein Leben beeinflusst haben?

Neuorientierung und Anpassung in meinem / unserem Lebensstil hatte die Diagnose von Zöliakie, nach langen erfolglosen Untersuchen, bei meiner Frau Prisca. Gewichtsverlust mit Verdauungsschwierigkeiten gab den Ärzten in der Shell Klinik im Miri / Sarawak unlösbare Probleme.
Erst während einer zweiwöchigen stationären Behandlung im Spital Münsterlingen, in Isolation, wurde der Grund erkannt. Das änderte den Menüplan. Glutenfrei, Teig, Brot, Teigwaren und alles andere. Damals, 1991, war Zöliakie erst selten anzutreffen. Somit waren die glutenfreien Produkte nur in Spezialgeschäften, zu entsprechenden Preisen erhältlich.
Wir wohnten in Miri, Sarawak, in einer Umgebung in der Reisprodukte eher anzutreffen waren als in Europa. Das erleichterte wesentlich die Anpassung an einen neuen Menüplan.
In den Anfangsstadien waren glutenfreie Produkte, wie Brot oder Teigwaren für mich eher ungenießbar, was dann oft zu Doppelkochen führte. Mit der Zeit, auch da die Glutenunverträglichkeit in der modernen Gesellschaft immer häufiger diagnostiziert wurde, verbesserten sich auch die Produkte. So wurden Teigwaren und das Brot beinahe geniessbar für alle. Nur, wir bleiben dabei, Teigwaren oder Kartoffeln für Prisca und Teigwaren für den Rest. Brot, ja das genießt sie in bescheidenem Rahmen.
Folgenschwer war eine sechsfache Bypass Operation, die meine Frau nach einem wohl glücklich verlaufenden Herzinfarkt am Leben hielt. Wir beide gehörten der rauchenden Gesellschaft an, Prisca wesentlich heftiger, als ich, der sich eher als Stumpen- Zigarren Genussraucher sah. Auch dem Alkohol hatten wir zugesprochen. Prisca litt unter Raucherhusten, Atemnot und so.
Ich war, Januar 2007, nach einem Wochenende in der Heimat, wieder in Holland bei Shell angekommen. Meine Routine war, Dienstag bis Donnerstag der folgenden Woche in Den Haag und dann ein langes Weekend zuhause. Während der arbeitenden Zeit, kompensierte ich das Wochenende mit durchgehender Präsenz im riesengroßen Gebäude. Gerade mal angekommen, erhielt ich einen Anruf, dass meine Frau im KS St.Gallen auf der IS liege und auf die Überführung in die Hirslanden Klinik in Zürich warte. Spätabends traf ich im tief verschneiten St. Gallen an, erhaschte das letzte Hotelzimmer, um dann früh morgens im KS vorzusprechen. Von dort reiste ich heim, um die nötigen Papiere und ein paar Sachen zu packen. Das Auto fand ich bei der Arztpraxis, wo es Prisca abgestellt hatte. Vor dem Nebensitz rollten zwei leere Wodkaflaschen hin und her. Ein trauriges Zeichen eines einsamen Lebens während meiner Abwesenheiten, ein ganzes Jahr nur jedes zweite Wochenende - ein Schock, nun das Resultat. So bald wie möglich war ich zurück im Spital. Auch Tochter Daniela konnte sich von ihrer Firma in Genf ins temporäre Homeoffice in der Wüesti verabschieden. So folgten wir dann der Ambulanz zur Hirslanden Klinik in Zürich, wo sie gleich für die Operation vorbereitet wurde. Man riet uns, am nächsten Tage wieder zu kommen, da die Operation sehr lange dauern würde und man uns telefonisch informieren werde. So war das, alles wie geplant, familienweiter Rauchstop. Prisca litt, bis all der Nikotin und Teer aus ihrer Lunge gehustet wurde. Wir wechselten uns mit täglichen Fahrten nach Zürich ab. Dann vier Wochen Reha in Seewis im schönen Prättigau. Januar, Wintersonnenschein, Schnee, so fuhr ich in regelmäßigen Abständen für Besuche, auf denen ich die Gruppe auf Therapie Spaziergängen begleitete.In der Zwischenzeit war Daniela damit beschäftigt, Vorhänge zu Waschen und alle anderen Überbleibsel der Raucher Zeit zu entfernen. Die Aschenbecher und Anzünder verschwanden. Mir fiel der Verzicht leicht, da ich ja schon während meiner Raucher Zeit, jedes Jahr ein paar Monate Auszeit eingeschaltet hatte. Den Genuss, ja den vermisse ich ab und zu, hab mich dem auch hingegeben während längeren Abwesenheiten von daheim.
Und die gab es, denn Shell bot mir an. meine Arbeit in Homeoffice, mit regelmäßigen Besuchen im Rijswijk auszuführen, was dann bis Herbst 2008 dauerte. Prisca hat sich schnell erholt, ging wöchentlich mit der Cardio Gruppe des Spital Grabs auf kontrollierte Spaziergänge.
Die Schlafplätze im Ehebett trennte plötzlich ein langes Kissen, das ihr als Stütze dienen sollte. Es wurde leider zum permanenten, für mich unpassierbaren Zaun in jeder Beziehung. Das ohnehin schon bescheidene körperliche Vergnügen, war beendet. Hätte das aus medizinischen Gründen, wenn auch zähneknirschend verstanden und ertragen, bis mir Jahre später der wahre Grund für das Ende der Romantik in einer Auseinandersetzung erklärt wurde. Das aber an späterer Stelle.
Hast du deine Kindheit und Jugend in der gleichen Wohnung bzw. im gleichen Haus verbracht, oder musstest du öfters umziehen?

Falls ihr umgezogen seid, was waren die Gründe für den Umzug/die Umzüge? Wie wurde darüber entschieden?

Die Unterkunft im obersten Stockwerk des Daheims war sehr geräumig, bot eine wunderbare Aussicht auf den Rhein, das Wollmatinger Riet, dem Rhein entlang im Osten bis zum Konstanzer Münster und endete westwärts bei den Hohentwiler Bergen. Alle Einrichtungen der Wohnung waren sehr alt, das ganze Gebäude von den Grundmauern auf feucht. Und das war wohl der Grund für unsere vielen Kinderkrankheiten. Der Hausarzt soll meine Eltern darauf angesprochen haben, was dann zum Bau des Einfamilienhauses an der Espenstarasse führte. Später erfuhren wir, dass Papa die Option das Daheim zu erwerben ausgeschlagen hatte, was sehr zu bedauern ist.
Meine Eltern verblieben in ihrem Haus bis 1999, als sie altershalber, eine Wohnung in "unserem" Mehrfamilienhaus an der Bahnhofstrasse 2 in Tägerwilen bezogen. Nach vollzogenem Erbgang 2011, wurde die Liegenschaft in Gottlieben verkauft. Das Haus musste zwei Mehrfamilienhäusern weichen.
Wie entwickelten sich die Raum- und Schlafverhältnisse seit deiner Jugend?

Auch im neuen Haus, bezog ich mein eigenes Zimmer, wieder gegen Osten, wieder mit der aufgehenden Sonne und dem großen Mond. Es lag neben dem Elternschlafzimmer. Mein Bett stand in einer Nische, was Raum für einen Arbeitstisch ließ, an dem ich Aufgaben erledigen sollte. Diese, meine Ecke, in der ich aufgewachsen bin, war Zeuge meines Einstiegs ins Dasein, zuletzt nochmals Zeuge...
Das Zimmer war sehr bequem, wäre also eine gute Basis für ein besinnliches, überlegtes Heranwachsen gewesen. Es war auch mein Rückzugsort, solange ich dort wohnte. Bücher standen im Regal, meine Steinsammlung im Schrank, Erste Liebesbriefe im Versteck...
Wie war das konkret mit den jeweiligen sanitären Installationen? WC, Badewanne, Dusche und der Körperhygiene?

Im Daheim gab es ein grosses Badezimmer, in dem auch die Waschmaschine stand. Wie am ersten Ort, wechselten wir von der Holz- oder Kohleheizung des Boilers auf Gas als es wieder Gas aus Konstanz gab. Gebadet wurde am Samstagabend, alle vier Kinder in einer Wanne. Die Toilette befand sich in einem kleinen Rum, mit direktem Abflussrohr in die Grube darunter. Auch dort geschah es im Winter oft, dass die Wasserleitung für das Spülwasser einfror und mit offenem Feuer, einer Lötlampe, aufgetaut werden musste.
Wie waren die Küchen in deiner Kindheit im Vergleich zu heute ausgestattet bzw. wie wurde damals gekocht?

Was für Haushaltsgeräte hattet ihr? Was bedeuteten sie?

Ja, wie war das damals? Der Haushalt hat immer funktioniert, aus der Küche kam das Essen, Kleider wurden gewaschen... wir wuchsen heran, genau wie es nun meine Enkel tun, nur dass der heutige Haushalt ohne eine Reihe von Geräten, elektronisch gesteuert und hochgradig gereinigt, nicht mehr funktionieren kann, oder will. So muss es in allen Haushalten gewesen sein. Einzig, meine Grossmutter in Tägerwilen, kochte und buk in einem Herd mit Ofen, der mit Holzscheitern gefeuert wurde.
Ein Kühlschrank stand dann erst in den frühen 50er Jahren in der Küche im neuen Haus. Eine absolute Neuigkeit, denn bis dahin diente der Keller als kühlster Raum. Glace kannte man nicht, vielleicht auswärts, in Restaurants, Cafés oder so. Gekocht wurde mit Elektrogeräten, denn während dem Krieg, floss kein Gas über dei Grenze. Schwach erinnere ich mich an glühende Herdplatten und Hitzeröhren im Backofen. Im Winter stand immer ein Wasserkocher auf dem mit Holz gefeuerten Stubenofen (Kanonenofen), an dem wir Kinder regelmäßig die Finger verbrannten.
Fleischwolf und Passe vite waren die einzigen Geräte, außer den üblichen Kochlöffeln, Messer und Salatsieb, in dem auch Teigwaren abgetropft wurden. Als speziellen Luxus betrachteten wir Kinder das scharfe Wiegenmesser, mit dem Mama fast alles auf einem Brett zerkleinerte. Dieses Gerät dient nun auch mir noch bei meinen Kocheinsätzen.
Noch zu erwähnen vielleicht die Zitronenpresse aus Glas, die Kaffeemühle und dann die grosse Holzkiste, aus der nach Tagen Warten Joghurtgläser geborgen wurden, etwas, das mich gar nicht begeistern konnte, obwohl man mir sagte, wie gesund das eigentlich wäre.
Ein Mixer mit Teigrührgerät erschien erst nach dem Umzug ins neue Haus. Ein Erlebnis für Kinder, die beim Lärm der gelben Maschine in die Küche strömten, um mit großen Augen zu sehen, was sich da in der großen Schüssel bewegte. Auch ein pfeifender Kochtopf der Marke Plusvit erleichterte Mamas Arbeit.
Im neuen Haus stand dann auch eine Waschmaschine, die den Gebrauch von Waschbrett und Wäschestampfer, sowie Wäschekocher erübrigten. Diese Geräte standen noch im Kellergeschoss, da ja die Maschine mal kaputt gehen könnte. Außer dem Staubsauger wurde der Blocher eingesetzt. Meine kleinen Brüder fanden großen Spaß daran, sich um eine Mitfahrt auf dem rasant hin und her bewegten Gerät zu balgen. Angenehm lag der Geruch des Putzmittels in der Luft, den miefen Geruch im Treppenhaus für kurze Zeit vertreibend.
Wie war das für dich jeweils mit Radios, Fernseher, Computer und anderen elektronische Medien?

War man dann mal noch nicht im Bett, gab es ja das Wunschkonzert am Montag in zwei Teilen mit dem Briefkastenonkel dazwischen.
Papa war Eishockey Fan. So saß er sonntags in seinem Stuhl beim Radio, angespannt, vertieft dem schnellen Reporter folgend. Cattini und Trepp waren Worte aus jener Zeit. Was war das? Bis wir dann eines Sonntags auf dem Döbeli Eisfeld, sehen konnten, was das alles war. Und so wollte auch ich mal Eishockeyspieler werden. Auf dem gefrorenen Espenweiher...
Es gab wohl keinen Samstag, an dem man nicht bis zum schwarzen Kaffi am Spalenbärg 77a vereint am Mittagstisch verweilte und dann angespannt, Zigaretten, Stumpen oder Pfeife rauchend gemütlich beisammen sitzen blieb.
Fernsehen gab es nicht, solange ich im Elternhaus gewohnt hatte (1962).
Es gab Freunde mit Fernsehen, was mich aber nie interessiert hatte. Ich blieb dem Radio und den Zeitungen treu. Auch da ich unter störendem Pfeifton von den Röhrengeräten litt, galt ich lange als TV-Muffel.
Bist du an frühere Wohnorte zurückgekehrt?

Zu meinem Geburtsort pflegte ich immer eine enge und gute Beziehung. Denn meine Eltern lebten dort bis sie dann 1999 in Tägerwilen eine Wohnung bezogen. Aber die Beziehungen lebten weiter, denn fast alle Nachkommen von Onkel Werner Wittich, leben dort. Mit ihnen teilen wir einen Badeplatz am Ostende des Dorfes. Cholhütte, oder einfach Badhüsli. Ersteres, da dort einst Holzkohle produziert, geköhlert wurde.
Wattwil hatte stets einen speziellen Platz in meinem Herzen und Leben. Es gibt da leider eine Schattenseite, die später erscheinen wird. Nun freut es mich, dass Enkel Leon dort mit Begeisterung und sichtbarem Erfolg die Kantonsschule besucht.
Auch meinen ersten Auslandsort, Port Hardcourt in Nigeria, konnte ich bis 2005 regelmäßig besuchen. Dabei verfolgte ich den Zerfall der einst gepflegten Liegenschaften, nicht aus Böswilligkeit, eher dank Neuorientierung.
Weder Brunei noch Miri in Sarawak habe ich je wieder besucht. Nicht so Voorschoten in Holland, wo wir immer noch Kontakt mit den Nachbarn während der 80er Jahre pflegen.
Ab wann hattest du Vorstellungen, wie du einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?

Vor Antritt meiner Anstellung in Wattwil, entschied ich mich für ein Zimmer in einer Altbauwohnung im Zentrum, anstatt eines modernen Zimmers in einem neuen Einfamilienhaus im Wohnquartier. Das erste Zimmer war kleier als meines im Elternhaus, aber, es gab die Möglichkeit, in ein paar Monaten ein grosses Zimmer mit eleganter Ledersitzgarnitur zu übernehmen. Dort fühlte ich mich sehr wohl, die Gast Familie war sehr großzügig, Besucher konnte ich empfangen, wie es mir gerade passte. Das Zimmer lag direkt über einem Coop Geschäft, von dem an warmen Tagen undefinierbare Gerüche durch den schlecht versiegelten Boden stiegen. Auch störte mich der starke Verkehrslärm nur ganz am Anfang, schließlich wohnte ich an der Hauptstraße vom Unterland ins Obere Toggenburg.
Dachte ich damals je daran, ein eigenes Haus zu besitzen? Kaum, denn es gab ja den Plan ins Ausland zu ziehen. Aber auch dafür hatte ich keinen festen Plan. Nach einer Verlobung mit meiner langjährigen Freundin (1963), wäre nach einer Heirat eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus die einzige, tragbare Möglichkeit gewesen, denn mien Einkommen war eher bescheiden. Auch etwas, das mir keine schlaflosen Nächte bescherte, denn ich liebte meine Arbeit, das Umfeld und die Nähe der Berge im Sommer und im Winter.
Über welche Stationen, Wohnsituationen bist du zur heutigen gekommen? Wie sieht diese aus?

Dasselbe galt für dei Zeit in Labuan und Brunei. Erst in Holland ging ich wieder einmal auf Wohnungssuche. Das Budget der Firma, sowie die landesübliche Bedingung, dass Expat keine möblierten Wohnungen in Holland mieten sollten, beschränkte die Auswahl. So fanden wir ein geräumiges Reihenhaus in Voorschoten, was dann allerding weiten Arbeitsweg und Schulweg der Töchter, alles in Den Haag, bedeutete.
Erst nach weiteren vier Jahren in firmeneigenen Häusern im Camp in Miri, Sarawak, bearbeiteten wir den Wohnungsmarkt in Kuala Lumpur. Nachdem wir uns vom Schock, erzeugt von den unerwartet hohen Mietpreisen, entschieden wir uns für eine moderne Wohnung im Kondominium FORMU, nahe dem Stadtzentrum. Schnell entwickelte sich eine tolle Freundschaft mit dem Eigentümer, dem chinesischen Geschäftsmann Foong und seiner Familie. Das war unsere Basis, bis wir dann am 1.Dezember 1998 zurück in die Schweiz zogen.
Schon in den 70er Jahren hatten wir die Möglichkeit im Grasberger ein altes Bauernhaus zuerst zu mieten und dann zu kaufen. Ein altes Gebäude in der typischen Streusiedlung am Berg, hoch über dem oberen Rheintal. Es gab weder fließendes Wasser noch Telefonanschluss. Der elektrischen Verkabelung dienten noch mit Baumwolle umwickelte Drähte. Es diente uns und Familienmitgliedern als Ferienhaus. Fr uns wichtig, da wir, während den Tropenjahren jährlich zwei Monate Heimurlaub genossen, was mit Familie im elterlichen Umfeld schwierig wurde.
Die elektrische Versorgung wurde modernisiert, Telefon eingezogen und schlussendlich ein Anschluss an die neue Wasserversorgung und dei Kanalisation erstellt.
Während den Ferien im Sommer 1998, beschlossen wir den Rückzug in die Schweiz und dafür dieses Haus auszubauen, und als permanente Wohnung einzurichten.
Im Dachgeschoss habe ich mein Büro eingerichtet. Von dort aus habe ich weiter als freischaffender technischer Berater über das Internet weltweit meine Dienste angeboten. Auch sind dort meine zwei Bücher entstanden. Eingerahmt von Büchern, Bildern, Skizzen und so dies und das, fühle ich mich sehr wohl.
Im Erdgeschoss gelangt man durch einen Gang mit Treppenaufgang direkt in dei Küche, weiter in dei zweiteilige Stube. Esszimmer und Salon. Wir fühlen uns sehr wohl, mit dem Blick ins Rheintal, zum Hohen Kasten links, dem Tal entlang zum Fürstentum Lichtenstein, weiter bis zum Falknis.
Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?

Zurückblickend war das die richtige Entscheidung, denn ich hatte am Anfang grosse Mühe, von hier aus meiner Arbeit nachzugehen. Dazu gehörte auch eine weitere Energiekrise, dank der große Konzerne, meine Kunden, ihre Aktivitäten in Exploration und Erweiterungen reduzierten. Ich versuchte dies und das, schrieb als Lokalreporter für die lokale Zeitung, was etwa half. Dafür hatte ich Zeit, mich um den Umbau und die Einrichtung zu kümmern, bis dann endlich wieder Einsätze kamen, zuerst in der Nordsee, dann im Golf von Mexiko und wieder mal Nigeria.
Aber, eigentlich folgten wir so generell unserm alten Plan, am Ende wieder zurück in die Schweiz zu ziehen, dies trotz finanziell attraktiverer Option, wie etwa nach Palawan zu ziehen, wo uns Unterstützung bei Formalitäten angeboten wurden. Mit bestimmend war auch, dass noch alle unsere Eltern im hohen Aalter lebten und etwas Unterstützung lieben würden. Überwiegender Faktor dafür, war die Ansicht meiner Frau, dass es nun an der Zeit sei, ihrer Schwester die diese Pflichten abzunehmen, da diese, während unserer Landesabwesenheit, die volle Verantwortung getragen hätte. Bei jedem Telefonanruf sprangen wir auf: Ist es meine Agentur in England, die mir eine Arbeit offeriert, oder Spitex mit schlechter Nachricht von Eltern in Not.
Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag?

Welche Erwartungen hattest du an die Schule?

Was weisst du noch über deinen Schulweg?

Wie hast du lesen gelernt?

Nicht viel besser verlief es mit den ersten Versuchen mit dem Federhalter und dem Tintenfass, das an jedem Platz in die Platte eingelassen war. Klekse markierten die Oberfläche, Finger waren voll Tinte, Flecken zierten die Blätter, Tintenlappen verschmierten die Kleider.
Einfache Texte wurden gelesen, in altdeutscher Druckschrift.
Von meinen Eltern wurde ich schon früh aufgefordert, selbst Bücher zu lesen. Es gab da Kinderbücher, die noch von den Eltern stammten. Da beide Elternteile gerne und viel lasen, fehlte es nicht an Inspiration.
Wie war euer Lehrer bzw. eure Lehrerin?

Wir respektierten den Herrn Lehrer, kannten ja keinen anderen. Aus den Ferien schrieben wir ihm, so wie dem Herrn Pfarrer, dem Herrn Doktor und dem Zahnarzt Ansichtskarten, weil sich das so gehörte.
Trotz allem, wir waren uns bewusst die beste Schule im Kanton besuchen zu können, bis dann die Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule die wahren Verhältnisse an den Tag brachte. Zu viert traten wir an. Nur zwei, Oskar aus der siebten Klasse und ich aus der sechsten, bestanden haarscharf. Herr Lehrer war nicht erfreut, ließ es uns merken, denn wir waren aus verschiedenen Gründen nicht seine Lieblinge. Und er meinte, dass wir ja nun erst noch die Probezeit zu überstehen hätten. Als Demonstration, durfte Willy am Examen, an der Wandtafel die Quadratwurzel einer großen Zahl ziehen. Diese Rechnung galt als das Prunkstück der Mathematik.
Auch wurde nicht nur still gemunkelt, dass wohl mein Großvater, der in der Vorsteherschaft der Sekundarschule saß, das Seinige dazu beigetragen habe. Jedenfalls hat er spät am Abend, nach der Sitzung, mit der guten Nachricht telefoniert.
Bald aber zeigte mein Wissensstand im Vergleich mit den Tägerwilern, was man so wirklich in der hochgepriesenen Schule lernen konnte: Wurzelziehen...
Wie wurdet ihr unterrichtet?

Konzentration in einer Gesamtschule, in der 20 Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse unterrichtet wurden, war oft schwierig. Denn was der Herr Lehrer mit lauter Stimme den Großen erzählte, ging nicht immer an kleineren Ohren vorbei. So war es nicht einfach, sich auf das Schönschreiben zu konzentrieren, den Griffel so zu führen, dass er nicht quietschte, was dann wieder mit bösen Blicken und scharfen Worten kommentiert wurde. Für den Gesangsunterricht versammelte sich dann die ganze Schülerschaft in einer Ecke des Schulzimmers. Herr Lehrer vermochte gerade noch den Ton auf dem Klavier zu geben. War mehr Begleitung erforderlich, musste die Frau Lehrer antreten. Das galt nur für die Weihnachtsfeiern, jeweils am 25. Dezember in der Kirche. Proben begannen kurz nach den Herbstferien.
Erinnerst du dich an Bestrafungsmethoden in der Schule? Wie beeinflussten diese deine schulischen Leistungen?

So wurden meine zwei Zwillingsbrüder, in der ersten Klasse, während ich in der sechsten am andern Ende des Schulzimmers saß, bestraft. Der Herr Lehrer hatte sowieso Mühe die beiden auseinander zu kennen, schickte die zwei mitten während des Nachmittagsunterrichts nach Hause, da sie sich aus irgendwelchen brüderlichen Unstimmigkeiten in die Haare geraten waren. Als ich dann mit meiner Schwester, die in der Vierten war, nach regulärem Schulschluss nach Hause kamen, fragte Mama wo wir waren, da die Schule ja früher beendet wurden. In zwei Punkten schuldig gesprochen, musste dann Papa eingreifen.
Fünfzigmal ein Wort, oder einen Satz zu schreiben gehörte auch zum Repertoire der Strafen.
Strafstunden gab es nicht, denn das hätte den Herrn Lehrer Extrazeit gekostet.
An welche Höhepunkte des Unterrichts erinnerst du dich?

Turnen wurde auf dem Dorfplatz ausgeführt. Hochsprung, Weitsprung, Kugelstoßen und Schnelllauf über 80 Meter, sowie Hand-, Völker- und Fußball gehörten zum reichhaltigen Programm. Dazu Schwimmen im Sommer. Herr Lehrer immer mit schwarzem Kittel und Krawatte, wir in normalem Schulkleid, die Mädchen mit Schürzen. Bei Regenwette wurde im Schulgang herumgehüpft. Higlight war im Winter der zugefrorene Espenweiher, denn am Ufer stehend, ließ uns Herr Brauchli wild auf dem Eisfeld herumtollen. Wer keine Schlittschuhe hatte, tat das auf den Schuhsolen.
Abwechslung bot der Schulfunk des Radio Beromünster. Dafür musste Herr Lehrer seinen eigenen Radio von der Wohnung ins Schulzimmer schleppen. Gespannt versammelte man sich um das Gerät und hörte, was da geboten wurde. Wenigstens war es eine willkommene Abwechslung im Unterricht.
Welche Fächer wurden unterrichtet? Welches war dein Lieblingsfach?

Das Angebot an Fächern war wohl das Minimum des Verlangten. Rechnen, Lesen, Schreiben, Heimatkunde mit Geografie, Singen und Turnen. Da war vielleicht auch noch Geschichte und das war ein Lieblingsfach des Herrn Lehrer. Er schwelgte in den Heldentaten der alten Eidgenossen, trichterte uns Jahrzahlen all der Schlachten ein. Aber auch an eine Lektion moderner Geschichte erinnere ich mich lebhaft. Mit Schwung zog er eine horizontale Linie auf die Wandtafel und von oben ein paar Pfeile. "Ich sage Euch, Gefahr wird immer von Norden kommen." Es war erst ein paar Jahre nach dem Kriegsende und Erlebnisse während dem Krieg waren noch in vielen Diskussionen das Thema. Und so erfuhren wir, dass wir, das kleine Gottlieben am Rhein, wohl genauso wie damals außerhalb des Festungsgürtels leben müssten. Winkelried, der Held, wir sahen uns in seiner Rolle, unsere Familie schützend.
Ah ja, im Winter gabs Kartonnage, nicht den Hobelkurs wie in Tägerwilen. Mit scharfen Messern wurde gearbeitet, oft mit blutigen Fingern... Eine Gelegenheit, Weihnachtsgeschenke zusammen zu kleben.
Hat dich die Schule zum Lesen angeregt? Welches waren damals deine Lieblingsbücher? Hast du die Schulbibliothek genutzt?

Das Erlernen des Lesens folgte strikt dem braunen Lesebuch. Es waren Geschichten, die niemanden interessierten. Dazu war Vorlesen in der Gesamtschule eine peinliche Angelegenheit. Maßreglungen des Herrn Lehrers waren laut, ungeduldig, entwürdigend. Vielleicht ein Ansporn, das zuhause zu üben. An Bimbi und Babsi (oder so) erinnere ich mich noch. Bald kam dann aber der Lederstrumpf, der noch teilweise vorgelesen wurde und mir zu schlaflosen Nächte verhalf. Das waren Bücher aus der elterlichen Sammlung, eine Schulbibliothek gab es nicht. Früh verliebte ich mich in die ledergebundenen Bücher des Lexikons in Grossmuttis Stube. Und diese 24 Bücher stehen nun in meiner Schreibstube, werden oft benützt, um zu sehen, was man damals so dachte und wusste.
Früh vertiefte ich mich in die Bücher Stanley und Livingstone über Afrika. Von meiner Gotte erhielt ich zu Weihnachten jeweils den neuen Band des Helveticus und das Schatzkästlein.
Welches sind deine Erinnerungen an Schulferien, Ferienlager, Schulreisen?

Auch besuchte man den Munot, das Schloss Hagenwil.
Die Besteigung des Hohen Kasten (Schulreise etwa 1947)
Meine Geschichte geschrieben für 2003 für eine DRS1 Sendung, in der sie ausgestrahlt wurde.
Eine Geschichte geschrieben für 2003 für eine DRS1 Sendung, in der sie ausgestrahlt wurde.
Die Besteigung des Hohen Kasten (Schulreise etwa 1947)
Es war kurz nach dem Krieg als uns Herr Lehrer feierlich erklärte, dass er im Einvernehmen mit der hohen Schulvorsteherschaft beschlossen habe, endlich wieder eine Schulreise durchzuführen. Dank großzügiger Spenden von Ungenannt, könne man dafür einen Reisebus mieten. Da wir damals in Gottlieben am Rhein nur gerade 18 Schüler waren, wurde das gesamte Dorf eingeladen, um den Bus zu füllen. Das Ziel war Brülisau mit der Besteigung des Hohen Kasten.
Endlich war der mit Ungeduld erwartete Tag da und wir versammelten uns um sechs Uhr morgens auf dem Schulplatz. Pünktlich kam der Bus und wir rauften um die Fensterplätze. Schon bald war Herr Lehrer auf dem Vordersitz eingeschlafen, was für Frau Lehrer äußerst peinlich war. Die erwachsenen Begleitpersonen, von denen nur ein paar wenige Elternteile von Schülern waren, genossen die Fahrt, während wir Hauptpersonen die immer grösser werdenden Berge mit Staunen bewunderten. Dann lud uns der Bus in Brülisau aus. Sprachlos starrten wir in die Höhe und konnten uns nicht vorstellen, dass man einen so hohen Berg zu Fuss besteigen könne. Aber der unerschrockene Lehrer erklärte, dass man solche Touren unter strenger Einhaltung von Stundenhalten überleben könne. Er werde voraus gehen, um das Marschtempo anzugeben und um zu versichern, dass das auf zwölf Uhr bestellte Essen ja bereit sein werde. Frau Lehrer ordnete mit einem Blick auf ihren Mann an, dass im Restaurant zum Ruhsitz, am Weg zum Gipfel, nicht eingekehrt werde. Die Mütter nickten im Einverständnis. Wir Schüler wussten nicht was der Ruhsitz war.
Der korpulente Schulvorsteher und Herr Lehrer führten die Kolonne, die sich schon nach kürzester Zeit auseinander zu ziehen begann. Die Frau Lehrer und der Gemeindeammann mussten das Schlusslicht bilden, um sicher zu sein, dass ja auch Alle pünktlich auf dem Berg sein werden. Der Himmel war wolkenlos und die Hitze brannte erbarmungslos auf die sich mühsam bergaufwärts schleppenden Bergsteiger.
„Hurra, wir sind da!“ frohlockte einer der Schüler, der sich im Mittelfeld bewegte.
„Nein, das ist der Ruhsitz, nicht der Gipfel, denn der ist dort, weit oben, dort, wo das Bergrestaurant so klein ist wie ein Spielzeughaus!“, antwortete meine Mutter, meine weinende Schwester an der Hand mitschleppend.
„Es muss der Gipfel sein, denn der Herr Lehrer sitzt dort an einem Tisch.“
Verärgert schaute die Mutter vom Weg durch die offene Tür und tatsächlich sass die Führung der Schule beim Rotwein. Der Lehrer schnaufte schwer.
„Ich will auch einkehren“, weinte meine Schwester.
„Nichts, wir gehen weiter. Dort bei jenem großen Stein ist Stundenhalt und du bekommst Tee und Zitronenzucker!“
Dabei sahen wir, wie Frau Lehrer am Ruhsitz vorbei ging, ohne einen Blick ins Innere zu werfen. Der Gemeindeammann jedoch trat ein.
Punkt zwölf Uhr waren all außer dem Führungstrio im Bergrestaurant. Wir bestaunten die Aussicht, fütterten die Bergdohlen mit Brot und warteten auf den Lehrer, ohne den man nicht essen konnte. Frau Lehrer stand mit sorgenumwobenem Gesicht am Geländer.
„Er kann fast nicht mehr, der Lehrer hat Hexenschuss!“, hörte man nun den Schulvorsteher, der mit dem Gemeindeammann den geknickten Körper des armen Lehrers stützte, als sie um die Felsnase im Blickfeld der neugierig wartenden Bergsteiger erschienen.
Wortlos eilte die besorgte Gattin die steilen Stufen hinunter und half den Leidenden auf den Gipfel zu hieven. Sie schrie nach Wasser, aber der umsichtige Vorsteher stand schon mit einem Zweier Roten da, den der Lehrer in einem Zug leerte und nach mehr lechzte. Wir wurden ins Restaurant geschickt, um uns zu verpflegen, denn ausnahmsweise müsse man nicht auf den Herrn Lehrer warten.
Laut schreiend stürzte sich die hungrige Bande endlich an die Tische. Die sorgenvolle Gestalt der Frau Lehrer erschien unter der Tür und erklärte mit sanfter Stimme, dass es dem Herrn Lehrer gar nicht gut gehe. Es sei der böse Hexenschuss, weshalb man ihm den Halt im Ruhesitz wohl zugestehen müsse, und dass er sich nun bereits auf dem Abstieg befinde. Die Mütter sahen sich mit bedeutungsvollen Minen an.
Als die Suppe mit Wienerli und Brot aufgegessen und der Sirup leer getrunken war, machte man sich auf den Abstieg. Gefährlich stürzten sich die Älteren den steilen Pfad hinunter. Kein Lehrer stoppte sie. Machtlos versuchten besorgte Mütter und Begleiter Ordnung in die rasende Kolonne zu bringen.
„Dort sitzen sie schon wieder!“, rief einer der Schüler beim Ruhsitz. Die Mine der Frau Lehrer verfinsterte sich noch mehr. Keiner der Schüler hatte Taschengeld zum Einkehren. Also traf man sich beim Bus und wartete bis Alle eingetroffen waren und der Lehrer wieder in seinem Sitz neben dem Fahrer sass und alles unter seiner Kontrolle hatte. Wir Schüler freuten uns lautstark, denn wir hatten schließlich den höchsten Berg bestiegen.
Wieder beim Schulhaus, sammelte sich der Lehrer vor dem Aussteigen und erklärte den nächsten Tag als schulfrei, damit sich alle vom Muskelkater erholen können.
Meine Mutter ärgerte sich und meinte, dass das nie geschah, als sie noch zur Schule gegangen war und dass wohl der Lehrer, aber nicht die Schüler, Erholung brauchte. Der hörte das nicht, denn er war bereits in Gesellschaft des Schulvorstehers und des Gemeindeammanns um die nächste Ecke in Richtung Drachenburg verschwunden.
Wie waren deine Schulleistungen? Wie dein Verhältnis zu Hausaufgaben? Half dir jemand?

Bessere Noten als eine 5 gab es in der Primaschule nie. Wir waren mit allem, was nicht unter einer 4 war zufrieden. Das sahen meine Eltern ganz anders. Denn am Tag als ich mit dem ersten Zeugnis, mit erhobenem Haupt, zuhause ankam, und stolz das Dokument in die Hand der wartenden Mutter legte, erhielt ich eine gehörige Abfuhr. Nicht einmal meine Assange, dass wir ja alle genau dieselben Noten hätten, half. Als dann Papa etwas später vom Büro fürs Festessen ankam, wiederholte sich das Ganze, wie etwa, wir hatten nie schlechter als 5, eine Schande. Ich bekam den Eindruck, dass man erwartet hatte, dass ich bessere Noten verdient hätte. Man wolle mit dem Lehrer reden und erfahren, wo es dann fehle.
Jedenfalls wurden von dem Tag an, Hausaufgaben strenger überwacht, vor allem, was es war. Viel davon gab es nicht. Es war Lesen, Aufsätze schreiben? Strafaufgaben, 20-mal einen Satz. Aber, es lag vermutlich an der allgemeinen Stimmung in der Schule, dass man schnell mal mit seiner Leistung zufrieden war. Und im Vergleich mit Freunden, war man immer schön dabei, ehrgeiziges Streben, oder den Wunsch besser zu sein, kannten wir nicht.
Gezielte Vorbereitungen auf die Prüfung für den Eintritt in die Sekundarschule gab es keine, denn der Herr Lehrer war sich bewusst, dass sein Unterricht alles Nötige biete und es nun an den Schülern sei, das anzuwenden. Und wenn nicht aus der sechsten, gab es ja die zweite Möglichkeit aus der siebten Klasse.
Wie waren die Pausen und das Leben auf dem Pausenplatz?

Als Pausenplatz in der Primarschule diente das ganze Dorf. Räuber und Poli war ein beliebtes Spiel. Wiri suchten Verstecke dem Rhein entlang oder um die Häuser, mit viel Lärm und Umtrieb. Der Herr Lehrer erschien auf der Treppe, wenn die Pausen zur Neige gingen. Eine Pausen Glocke brauchten wir nicht, denn die nahe Kirchturm Uhr, schlug jede Viertelstunde. Gab es Verletzungen, während der Pausen, wurden die Verletzten für Pflege nach Hause geschickt. Da es kaum Straßenverkehr gab, konnten wir uns unbekümmert auf den Dorfstraßen durchs Dorf und dem Rheinufer entlang bewegen. Bei allen Spielen waren die Großen gegen die Kleinen, oder die Knaben gegen die Mädchen, falls diese nicht in einer Ecke etwas zu tuscheln hatten. Verstecke gab es in Hülle und Fülle. Beliebt war der hole Baumstamm der alten Linde am Schlosspark, das Ufergebiet unter der Waaghausterrasse, umgekehrte Ruderboote, nur um ein paar zu nennen.
Wie reagierten deine Eltern auf Zeugnisse?

War der Weg ins Gymnasium/zu einem Studium ein Thema? Inwiefern und für wen alles?

Ab wann war die spätere Berufswahl ein Thema? Mit wem sprachst du darüber?

Mit väterlichen Beziehungen konnte ich dann eine Lehre als Maschinenzeichner bei der Firma MOWAG on Kreuzlingen antreten. Für mich und für die Firma eine neue Erfahrung, denn ich war der erste Stift in dieser Branche. Sofort fühlte ich mich zuhause im großen Konstruktionsbüro mit dem eigenen Arbeitsplatz. Nur, die lange Arbeitszeit sieben bis 12 dann halb zwei bis sech Uhr waren am Anfang sehr ermüdend.
Was tatst du in deiner Freizeit? In den Ferien? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?

Während der Schulzeit, verbrachte ich viel Zeit mit meinen 5 Jahren jüngeren Brüder im und ums Haus. Dann waren da Arbeiten im Garten mit dem Highlight Rasenmähen, mindestens jeden zweiten Samstag, dann im Herbst das Zusammenrechen des fallenden Laubes. Aber schon damals verbachte ich viel Zeit mit Lesen. Und da war ja das Üben mit der Violine.
Später, während der Lehre, begann ich, auf Empfehlung des Lehrmeisters, beim Onken Institut den Fernkurs für Maschinenbau, den ich mit großer Hingabe abschloss. Dann erwachten erste Reuegedanken, nicht studiert zu haben, so begann ich einen Fernkurs zur Matura Vorbereitung bei der Akademiker Gemeinschaft.
Einem Verein bin ich nie beigetreten, denn der lokale Turnverein galt als Säuferclub, also nicht für mich. Dafür trat ich bald dem Männerchor bei, wo ich die Kunst des Jassens erlernte.
Mit den jüngeren meiner Arbeitskollegen, verbrachte ich regelmäßig Abende mit Besuchen von Anlässen in der Gegend, was Konstanz und Kreuzlingen waren. Es waren meistens Deutsche Ingenieure, die allein Zimmer in Gast Familien bewohnten. Hilfreich war auch ab und zu Papa's Auto für Ausflüge, wie zum Beispiel Besuch des Sidney Bechet Konzertes in Rorschach. Papa war großzügig, denn nur ab und zu bemühten sich meine Freunde um einen Benzin Beitrag.
Da mein Arbeitgeber, die Firma MOWAG, in den 50er Jahren die ersten Panzerfahrzeuge zu entwickeln begann, wurden erfahrene Fachleute aus Deutschland beigezogen. Die meisten stammten aus Ostdeutschland, Peenemünde, erinnere ich mich. Sie kamen mit ihren Geschichten, die von Erleichterung bis hin zu wilden Erfahrungen an den verschiedenen Fronten des eben beendeten Krieges reichten. Da war der Panzerkommandant, der von wilden Erlebnissen, in der Ukraine, abseits der Gefechtshandlungen, erzählte. Oder der Soldat, der bei Marseille am Mittelmeer Wache schob und dort den Pernot kennen lernte. Anderseits waren es eher die älteren Kollegen, die sich in Schweigen hüllten und pflichtbewusst ihre Arbeit erledigten. So war es dann auch die logische Folge, dass ich mich bei der Aushebung in die Rekrutenschule erfolgreich bei den Panzertruppen meldete.
Dann lernte ich Walter kennen. Er stammte aus dem nahen Grenzgebiet. Bald wurde daraus eine interessante Freundschaft. Neben begabtem Zeichner und Maler, war er begeisterter Bergsteiger und Hobbyphilosoph. Mit seiner Beobachtungsgabe nahm er mich in seinen Bann, und ich eiferte darum, ihm gleich zu tun. Er nahm mich auf in seine Gruppe gleichgesinnter, die alle viel älter waren als ich. So nahmen sie mich mit auf Bergwanderungen und einfach Klettertouren.
Meine Freude am Bergsteigen fand damals den Anfang. Da war auch noch August, der Panzer Konstrukteur aus Kreuzlingen, mit dem ich Klettertouren im Alpstein unternahm. Ausbildung im Hochgebirge, erwarb ich in einem Kletterlager in der Ponteglias Hütte. Tödi wurde mein erster 3000er. Dazu der Biefertenstock über den Akademikerweg und was sich sonst noch in der Gegend zu besteigen anbot. Mit dieser Erfahrung wurde ich zum Seilkameraden in Walters Gruppe. Es folgte eine Woche um den Mont Blanc mit Besteigung des Dent de Geant. Dann zwei Wochen in der Dauphinee mit der Südwandbesteigung der Barre des Ecrin als Höhepunkt.
Als letzte gemeinsame Kletterwoche nur mit Walter und meinem alten Ford Consul war in den Dolomiten, leider meistens mit Nebel oder Regen. Wir waren eine eingespielte Seilschaft mit grenzenlosem, gegenseitigem Vertrauen. Im Nieselregen standen wir am Einstieg zur Bonatti Kante der Grossen Zinne. Wortlos löste Walter sein Seil vom Rucksack, gab mir ein Ende, das ich kommentarlos an meinem Gurt befestigte, Seil aufnahm und ihn sicherte, während er wortlos zum Einstieg schritt und die anspruchsvolle Tour begann. Stunden später reichten wir uns auf dem Gipfel die Hand. Der Regen hatte aufgehört, leider verbarg der Nebel die Aussicht. "Ich wollte nicht, dass du etwa sagen würdest, man soll bei diesem Wetter eine solch anspruchsvolle Tour besser nicht angehen." "Dasselbe habe auch ich gedacht!"
Wir waren die Einzigen an der Großen Zinne. Fröhlich plaudernd erledigten wir den Abstieg, feierten den Erfolg in einer lokalen Probiertube, stiegen wieder im Regen, aber gestärkt, zur nächsten Hütte...
Meine längste Tour war der Piz Bernina über den Bianco Grat von der Tschierva Hütte. Der Aufstieg war kein Problem, blauer Himmel, Segelflieger die knapp über unseren Köpfen kreisten. Der Abstieg gestaltete sich, dank vieler offener Spalten sehr schwierig, so dass wir erst nach Mitternacht in Morteratsch ankamen. Göpf begab sich zu Fuß nach Pontresina, wo sein Auto wartete. Da ich auf dem Parkplatz etwas geschlafen hatte, offerierte ich eine erste Etappe zu fahren, Walter schlummerte neben mir, während Göpf auf dem Hintersitz friedlich schnarchte. Es war eine mühsame Fahrt in den erwachenden Montagmorgen, bis zur Ablösung beim Bahnhof Büffet in Chur. Bedenke, kein Kontakt nach Hause, noch kein Handy... Walter hatte Ferien, ich auch. Aber Göpf, Chefbuchhalter einer großen Firma, hatte den Schlüssel des Firmentresors in seiner Wohnung.
Trotzdem bummelten wir im schönsten Sommerwetter das Rheintal entlang. Walter wollte unbedingt das Schloss Werdenberg und das Schlössli Sax besuchen, wo wir in der Gartenwirtschaft dahin dösten und dann Rank Lina bei Rheineck einen Besuch abstatteten. Göpfs sachte Ermahnung zur Eile, wurde einfach ignoriert, seine Firma musste warten, denn der Chefbuchhalter war ja verhindert.
Lang würde die Liste er schönen Touren mit Walter, Daniel, August, Martin, alles gute Freunde, die nicht mehr da sind.
Dann meine letzte Klettertour Herbst 1964, Ziel eine Wanderung zur Sulzfluh im Rätikon. Aber dann, am frühen Sonntagmorgen, beim Anblick der Drusen Fluh, war es für Walter ein Leichtes, uns zur Erfüllung eines seiner Träume, über den Süd Grat den kleinen Drusen Turm zu ersteigen. Die Route ist schwierig, anspruchsvoll. Vor einem einfachen Überhang hörte ich mit Entsetzen, dass mir Daniel, da ich ja als einziger noch ohne Familie sei, die Führung übertragen wollte. Schweigend tat ich das, sicherte den Rest über das Hindernis. Beim Abstieg am späten Nachmittag traf mich ein los getretener Stein am Knie, was den Rest bis zum Auto zur Qual machte. Trost fand ich im vollen Mond, der unseren Weg beleuchtete. Lange nach Mitternacht quälte ich mich in Wattwil aus Daniels VW Käfer, verabschiedete mich, bat sie ihre Familien zu grüßen.
Das war eine letzte Klettertour, denn im folgenden Jahr wanderte ich nach Afrika aus, wo dann der Unfall mit der rechten Hand meine Kletterzeit beendete. Wir blieben Freunde, vor Allem Walter gehörte zu meinen regelmäßigen Kontaktern, denn ich bewunderte seine künstlerischen Fähigkeiten, sowie seinen Freigeist. Jedes Mal, wenn uns die Reise durchs Engadin führte, nahmen wir uns Zeit für einen Besuch im Nietzsche Haus in Sils Maria. "Geh nie ohne Nietzsche in die Berge" war einer seiner Leitsprüche.
Gab es Gruppen, zu denen du gehört hast oder nicht? Wie hast du das empfunden?

Durch Walter bin ich dem SAC Sektion Bodan beigetreten. In Dankbarkeit an meine großartigen Bergjahre, bin ich über 60 Jahre dem Club treu geblieben, obwohl ich keine Clubtouren unternommen habe. Trotzdem bewahre ich diese Mitgliedschaft mit Stolz und Freude und genieße die Geschichten und Reportagen im Club Heft.
Die Liebe zu den Bergen ist dadurch geblieben. Zum 30 Geburtstag schenkte ich mir die Besteigung des Kilimanjaros. Wir lebten damals in Nigeria auf Meereshöhe im tropischen Mangrove Sumpf, was nicht als ideales Training für eine Bergtour bis fast 6000 Meter gelten kann. Trotzdem, ein bleibendes Erlebnis, dem ich in einem Buch "Stöbern im Zettelkasten" ein Kapitel widme. Diese Tour habe ich als Einzelgänger mit Führer und Trägern ausgeführt. Gedanken gingen zu einen Bergfreunden von damals, stolz zeigte ich ihnen dann meine Bilder.
Dem großen Wunsch meiner Mutter folgend, bewarb ich mich, mit Erfolg, beim Herrn Pfarrer um die Gelegenheit, als Sonntagsschul Lehrer zu amtieren. Gruppenleiterin war Fräulein Conradi, die Betreiberin des Gottlieber Dorfladens und somit eine Respektsperson. Sie nahm mich unter ihre Fittiche, wachte über meinen Einstieg. Wäre da nicht auch noch Frau Schneider gewesen, die jede Gelegenheit wahrgenommen hatte, Geschichten aus der alten DDR und Grausamkeiten ihres Mannes zu erzählen. Geduldig saß man, am Tisch im Pfarrhaus und ließ die Geschichten dahinplätschern. Als direkten Erfolg meiner Mühen, sehe ich, dass sich mit der Zeit etliche junge Freunde das Gremium zu bereichern begannen. Mein Einsatz endete mit dem Wegzug ins Toggenburg.
Hattest du zu dieser Zeit schon einen Schulschatz?

Das Verhältnis zum anderen Geschlecht war in meiner Familie nie ein einfaches Thema. Man sprach nicht darüber. Unsere Schwester Susi wurde in Watte gepackt, wodurch ich jegliche Hingezogenheit zu meinen Mitschülerinnen streng geheim hielt. Ich bin sicher, dass meinen Eltern meine Verbindung zu dem Mädchen, der Ursula in der 2. Klasse, nicht unbemerkt blieb, obwohl ich sie so geheim wie möglich halten wollte, musste, da meine Eltern sowas nie dulden würden. Dabei gab es normale Verbindungen, sie, die Ursula, spielte auch Violine und besuchte dann mit mir und Vreni den Lateinunterricht im Pfarrhaus. Lange verblieben wir jeweils auf dem Heimweg mit harmlosen Gesprächen an der Weggabelung, wo sich unsere Heimwege trennten.
Aus meinem Schulschatz wurde meine erste große Liebe, die endete, als sich unsere Wege trennten. Hätte ich mit etwas mehr Mühe, den Verbleib in der Kanti Frauenfeld geschafft, wären wir in derselben Klasse mindestens bis zur Matura einen gemeinsamen Weg gegangen. Wir sind gute Freunde geblieben, haben uns aber erst etwa vierzig Jahre später wieder getroffen.

Die Sekundarschule war die einzige Möglichkeit und so der Weg ins Gymnasium, die Kantonsschule in Frauenfeld. Normalerweise nach der dritten Klasse Sekundarschule in die vierte in der Kanti. Das war der Weg, auf den man mich schicken wollte. Während ich mir weniger Gedanken über die weitere Ausbildung, oder berufliche Zukunft machte, hatte meine Mutter die fixe Idee, dass ich Theologie studieren soll und dann als Pfarrer den Lebensinhalt finden soll, denn ich sei dazu prädestiniert. Du bist nicht für tote Materien gemacht, du musst mit Menschen zu tun haben. Man beriet sich mit dem Herrn Pfarrer und den Lehrern. Dazu kam noch Onkel Albert, Sekundarlehrer in Eschenz und guter Freund der Familie. Parallel dazu reifte in mir der Wunsch, Seemann zu werden. Das wollten wir Gottlieber alle einmal. Aber später wurde mir bewusst, dass dieser Wunsch bei mir viel kräftiger war als bei meinen Freunden. Denn Willy musste ja mal die väterliche Bootsweft übernehmen und Hans das väterliche Erbe, wo wir nur als Auslaufmodell beteiligt waren. (Erst und Zweitgeborener). Beide Elternteile waren sich einig im absoluten Verbot, die Karriere zur See in Angriff zu nehmen.
So ergab es sich, dass ich Latein lernen müsse, wofür sich Pfarrer Schwarzenbach anbot. Vorbereitung für einen nahtlosen Übergang in die vierte Kanti Klasse hätte auch noch Unterricht in der Altgriechischen Sprache erfordert.
Ab de zweiten Sekundarklasse saß ich zweimal in der Woche im Pfarrhaus, während meine Mitschüler Englischunterricht im Schulzimmer genossen. Um nicht allein zu sein, konnte man Vreni Thalmann auch noch für diese wertvolle Sprache überreden. Zusammen mit dem Geigenunterricht, wurde meine Freizeit arg beschnitten, denn Latein war sehr schwierig, dachte ich. Später gesellte sich Ursula zu uns. Sie war in der Klass unter mir und wäre dann ein Jahr später in die Kanti eingetreten. Wir verstanden uns sehr gut, zumal sie auch Violine spielt und wir so an Schulanlässen im Duett spielten, während Vreni am Klavier den Ton angab.
Die Prüfung in die Kanti bestand ich äußerst knapp, so wie dann auch die Probezeit.
Eines Tages nahm mich Onkel Albert zur Seite und meinte, ob ich mir bewusst sei, dass ich als Pfarrer jeden Sonntag eine Predigt halten müsse, die ich neben all den übrigen Leistungen in der Gemeinde, schreiben müsse. Ich nickte, denn ich sah mich nicht in der Lage, den Wunsch meiner Mutter nicht zu erfüllen. Ich hatte mich in das Schicksal gefügt.
War das die richtige Wahl?

Papa meinte dazu, dass er froh sei, eine grosse finanzielle Belastung los zu sein.
Trotz allem, ganz verloren war die Kantizeit nicht, denn es blieb doch einiges hängen, nicht zuletzt Freundschaften, die viel später wieder als wertvolle Beziehung mein Leben erheitern.
Mein grösster Wunsch, eine Ausbildung an der Seefahrtsschule in Basel zu absolvieren, scheiterte an Mama's Veto. Ich hatte die Anmeldeformulare bestellt und ausgefüllt. Nur Papa's Unterschrift konnte ich nicht erreden. "Wir wollen dich nicht verleieren an ein Lotterleben der Matrosen, jahrelang unterwegs, denk an deine Familie, Grosseltern und so.." Jahre später habe ich unter meinen Sachen das Formuar gefunden. Aber ich weiss: Das wäre die richtige Wahl gewesen.
Wie hast du diese Schulzeit erlebt?

Zur Schule ging man, weil man zur Schule gehen musste. Somit sind meine Erinnerungen an jene Zeit positiv. Daneben genoss ich ein ruhiges, geregeltes Leben im Schosse der Großfamilie. Ich hatte mein eigenes Zimmer, in dem ich an einem Tisch Aufgaben lösen konnte. Unterstützung wenn nötig, erhielt ich von beiden Eltern, hielt mich aber eher an Mama. Daneben legte man Wert darauf, dass ich mit meinen Geschwistern Zeit verbringen sollte. Spielen außer Haus, nur am Mittwochnachmittag und erst nach Aufgaben und Haushalts Pflichten, etwas Gartenpflege. Einen Verein, oder koordinierte Aktivitäten außerhalb der Schule kannten wir nicht.
Der Sonntag war Familientag. Kirchenbesuch der Eltern am frühen Morgen, dann Sonntagschule in Tägerwilen, von der man gerade richtig fürs Mittagessen daheim ankam. Dann Familienspaziergang, zu dem erwartet wurde, dass ich bis in die dritte Sekundarklasse daran teilnehme, während sich meine Freunde im Schilf, oder sonst wo vergnügen durften. Während dem Sommer, fand der Sonntagnachmittag im Badhüsli statt. Ab und zu mit braten von Würsten oder Rindsplätzli am offenen Feuer. Dort konnte man sich mit Cousin Hans und Freund Willy aus der nahen Bootwerft vergnügen. Die Familien besaß Ruderboote, Gondeln, die wir erst benützen durften, nachdem wir Schwimmen gelernt hatten.
Wie war der Schulweg?

Das Erlebnis Schulweg begann erst mit dem Eintritt in die Sekundarschule, in der Nachbargemeinde Tägerwilen, Er mass ganz genau einen Kilometer von meinem Elternhaus bis zum Schulhaus, leider zu wenig, um ein Fahrrad zu benutzen. Dieses Privileg genossen unsere Freunde, wohnhaft in Triboltingen. Für mich gab es zwei Varianten. Eine durch das Dorf und dann auf der Straße dem Schlosspark entlang über die Bahnlinie, an der Blumenau vorbei, der Bahnhofstrasse entlang zum Schulhaus.
Eine zweite Variante folgte dem Feldweg direkt zum Bahnübergang beim Hertler. Diese Straße, besser dieser Weg, war damals noch nicht asphaltiert und deshalb ziemlich schmutzig während Regenwetter. Auch traf man auf diesem Weg keine Mitschüler. Neuralgische Punkte waren auf beiden Routen die Bahnübergänge. Überqueren bei geschlossener Schranke, war nur auf der zweiten Variante möglich, denn die andere lag im Blickfeld des wachsamen Vorstandes, dem Herrn Hutter. Der hatte, von Sicht der Schüler, die schlechte Gewohnheit, die Schranke viel zu früh zu schließen, und dann zu lange geschlossen zu halten. Da immer in Eile, war das ein Highlight auf dem täglichen Schulweg.
Anfangs waren wir zu zweit in der ersten Klasse. Ein älterer, der ganz große Rolf, besuchte schon die dritte Klasse und wollte am Anfang nicht mit uns Neuen verkehren, oder gesehen werden. Mit der Zeit wuchs die Zahl, durch Neueintritte. Wir kannten uns alle, spielten dann auch zusammen, Aufgaben gemeinsam zu lösen, war nie eine Option, denn die besorgte jeder bei sich zu hause. Man sprach auch nicht darüber. Und ich hatte ja die täglichen 20 Minuten Violine spielen.
Erinnerst du dich an deine Schulkameraden? Hast du heute noch Kontakt? Hast du noch Klassenfotos?

Hast du dich für Musik interessiert? Wie hast du Musik gehört?

Es gab zu Hause nur die klassische Musik. Schlager waren verpönt. Opern und Operetten hatten mich schon in frühem Alter in den Bann genommen. Wir hatten einen alten Plattenspieler auf dem Richard Tauber Operettenlieder sang, Wienerwalzer gespielt wurden. Die alten 78 Touren Platten, waren arg zerkratzt, denn, in Ermangelung einer richtigen Nadel, diene eine Nähmaschinennadel. Das störte uns nicht. Die Eltern sangen die Arien, mit. Papa sang im Männerchor, jeden Freitagabend. Er übte dann seinen Teil, Mama spielte Klavier. Aus dem Radio tönte vor allem das Radioorchester unter Sedric Dumont. Immer vor den Mittagsnachrichten. Spielten sie schwere Musik, musste man sich auf eine schlimme Nachricht gefasst machen. Ein Erdbeben, ein Unglück, ein Krieg.
Was genau mich zu Wagners Opern hinzog, weiß ich nicht ganz genau. Nur, dass mir Schilderungen meiner Gotte von Wagner Opern im Zürcher Opernhaus enormen Eindruck machten. Denn die sollen so lange dauern, dass in den Pausen Würstchen verkauft wurden. Auch hat mich die Tiefe der Musik schon früh erfasst, die Nähe zum Rhein. Später hat mich dann der Mann Wagner, seine spezielle Beziehung zu Nietzsche in den Bann gezogen. Und heut kann ich sagen, jede seiner Oper mindestens einmal gesehen zu haben. Da war dann auch der Wunsch, den ganzen Ring der Nibelungen zu erleben. Auf telefonische Anfrage in Bayreuth, erfuhr ich von der Warteliste, die jahrelang sei, ich aber jedes Jahr informiert werde. Und dann: "Wenn Sie sich jetzt entscheiden, verkaufe ich Ihnen Krten für den Zyklus, der übermorgen beginnt, denn eben jetzt erhielt ich eine Absage, die ich Ihnen verkaufen würde!" Übermorgen, dazu konnte ich mich dank anderer Verpflichtungen, wie auch Arbeit, nicht entschließen. Bereue ich das? Ja sicher. Allerdings fand ich dann eine Ausschreibung im Theater In Freiburg i.B., wo ich sofort Billette kaufte. Freiburg ist nicht Bayreuth, aber man sagte mir, dass die Sitze in Freiburg bequemer seien als jene auf dem grünen Hügel.
Auch Paganini gehört zu meinen Lieblingskomponisten. Speziell die 24 Capricen höre ich immer wieder mit großer Begeisterung. Auf hoher See, beschäftigt mit technischer Projektleitung in einem komplizierten Fall, mit einem komplizierten Kundenvertretung, half mir Paganini unliebsame Gesellschaft in meinem Büro, fernzuhalten, denn die Musik passte ihnen nicht, sie wollten Rapp, heavy metal und so. Auch heute noch hilft mir das Spiel auf der Geige Stimmungsschwankungen zu überbrücken. Meine Gedanken ziehen mit den Melodien zurück in sorglose Zeiten, bis zur Sekundarschule. Freies streichen, unbeschwert, alte Melodien... Seemannslieder und so. In Dankbarkeit, dieses komplizierte Instrument in meiner frühen Jugend gelernt zu haben... nur wegen einem kleinen Mädchen, welches bei Kerzenlicht ein Instrument spielte. Oder vielleicht, weil ich den Hang dazu hatte, das zu tun, was sonst niemand tut...
Hast du selber ein Instrument gespielt? Warst du in einer Musikformation, in einer Band?

Als ich etwa acht Jahre alt war, äußerte ich den Wunsch Geige zu spielen. Wieso genau Geige? Niemand den ich kannte spielte dieses Instrument. Aber ich erinnere mich ganz genau an ein kleines Bild. Beim Schein einer roten Kerze, spielte ein Mädchen eine Geige. Dieses Bild blieb verankert in meiner gedanklichen Bildergalerie. Und so packte ich an Weihnachten einen schwarzen Kasten aus dem bunten Papier. Ich öffnete ihn, und starrte auf ein braunes Ding, von dem ein komischer Geruch in meine Nase stieg. Herausnehmen soll ich es nicht, hieß es, denn nun müsse ich zuerst den Umgang damit erlernen, wofür dann Herre Altherr kommt und dir Stunden gibt. Weihnachten ohne Spielzeug.
Da es eine 4/4, also ganze Geige, Erbstück von Papas verstorbenem Burder, dem Gusteli handelte, fand man eine Kindergeige, auf der ich dann lernen durfte. Die Enttäuschung war riesengroß, als ich feststellen musste, dass am Anfang nur schräges Gekratze und keine schöne Melodie ertönte. Aber dann kam Herr Altherr, den ich schon als Freund der Familie kannte, jeden Mittwoch und Samstag. Dazu jeden Tag 20 Minuten üben. So schaffte ich es dann, nach einem Jahr zu Weihnachten ein paar einfache Weihnachtlieder zu spielen, sogar mit Mamas Klavierbegleitung.
Obwohl ich ab und zu mal dachte, dass vielleicht Klavierspielen, so wie Cousin Hans, viel einfacher gewesen wäre, blieb ich meiner Violine und dem Herrn Altherr acht Jahre lang treu. Nur, das tägliche Üben war nicht so ganz mein Ding. Gerne erinnere ich mich an Zusammenspiel mit Vreni oder Ursula, in der Kirche, an Schulkonzerten während der Sekundarschulzeit, oder dann mit Maler König zu Grossmuttis Geburtstag in der Drachenburg.
Einen Abstecher in die Welt der Blasmusik, erlaubte ich mir, als mir Werner Eberli an einer Fasnacht den Floh Guggenmusik ins Ohr pflanzte. Schon im Spätsommer begannen wir alte Instrumente einzukaufen. Ich wählte die Zugposaune, auch ein Instrument ohne feste Tasten, was ich ja von der Violine kannte. In Ermangelung eines erfahrenen Bläsers, wurde ich Musikchef. Mit meiner Geige spielte ich die Melodien, die dann die Bläser mit größter Hingabe und Begeisterung nachspielten, schräg, so wie es eben Guggenmusik war. Als Gottlieber Schnogge feierten wir unerwartete Erfolge bis über die Grenze, mit einem Auftritt im berühmten Konstanzer Konzil. Da gerade ohne Arbeit, konnte auch ich mir die vierzehn durchspielten Nächte in einer der fünften Jahreszeiten leisten.
Auch spielte ich im Orchesterverein Kreuzlingen 2. Geige. Zu mehr reichte es nicht, denn gleichzeitig entwickelte ich mich zum begeisterten Bergsteiger und Kletterer. Musikprobe war montags, oft etwas mühsam mit den müden, lädierten Fingern. Ende war mein Umzug nach Wattwil, wohin mich die Geige nicht, aber das Kletterseil, begleiten durfte. Der Unfall mit meiner rechten Hand 1965, endete meine Ambitionen, bis ich, angespornt von der Gelegenheit in Brunei zu spielen (1978), eine chinesische Violine der Marke Lark erwarb und ganz vorsichtig wieder übte. Freude kam zurück und so spielte ich in einem klassischen Quartett, fiedelte mit den Schotten, und geigte amerikanischen Hillbilly.
Ein Versuch in den frühen 90er Jahren in Miri (Sarawak) mit meiner Fidel in einer Bigband mitzuspielen blieb erfolglos. Um trotzdem weiter dabei zu sein, bestellte ich in Singapur einen Kontrabass mit Lernbuch. Hartnäckig übte ich, bis ich dann mit viel Begeisterung und Hingabe mitspielen konnte. Es war ein Orchester von 10 bis 12 Instrumenten. Bill Morris mit Tenorsaxofon war unser Bandleader und guter Freund. Das riesengroße Instrument ist dann nach Ende des Vertrags mit in die Schweiz gereist, wo es bis 2015 in der Diele verstaubte.
Erlöst vom Schattendasein, wurde es dank erfolgreicher Werbung von zwei Freunden, die für ihr Jazz Quartett einen Bassisten suchten. Der Zeitpunkt fiel auch auf das Ende meines Vertrages, auf meinen Wunsch, mit Shell für technische Arbeiten. Ein paar Stunden üben, die Beschaffung eines Verstärkers und viel Selbstvertrauen, erleichterten meinen Einstieg, der mir auch heute noch viel Freude bereitet.
Hattest du in bestimmten Lebensphasen wichtige Freizeitbeschäftigungen?

Zu den großen Erlebnissen gehört auch der Bianco Grat zum Bernina.
Meine Erinnerungen trübt nur eine Erfahrung, der ich aber damals keinen großen Wert zu mass. An der Westkante des kleinen Drusen Turms, galt es einen kleinen Überhang als erster zu überwinden. "Peter soll das, denn der hat keine Familie!" Arglos übernahm ich die Führung. Erst später wurde mir bewusst, was das hieß. Ich war der einzige in unserer Partie von vier ohne Familie. (Eswaren nicht Walters Worte)
Die Berge haben mich weiter begleitet. Kilimanjaro zu meinem 30. Geburtstag, dann der Mount Kinabalu in Borneo, viermal, einmal mit Tochter Andrea.
Gibt es etwas, das du gerne gemacht hättest, aber darauf verzichten musstest?

Mit einem eigenen Boot auf den Meeren der Welt
In den Anden geklettert
Eine Harley Davidson besessen und auf der Route 66 die USA durchquert.
Was bedeutete/bedeutet der Computer und das Internet in deinem Leben?

Dann kamen die Desktop PC, die das Umgehen von zentralen Rechenzentren ermöglichten. Zuerst alleinstehend, dann vernetzt. Elektronische Kommunikation überholten Fax- und Telex Geräte.
Während meiner beruflichen Laufbahn in Vermessung und Navigation, war ich Teil der Entwicklung von traditioneller Landvermessung und terrestrischer Navigation über die elektronischen Vermessung Systeme bis zum GPS mit integrierter on-line Dataverarbeitung und Qualitätskontrolle.
Zuhause dienten solche Geräte, seit es sie gibt, (1985) im Haushalt zum Spielen und zur Textverarbeitung.
Meine professionellen Einsätze wären ohne diese Geräte, immer neuester Generation kaum ausführbar gewesen.
Das ist so geblieben. Kaum vorstellbar, dass ich all meine Texte von Hand geschrieben hätte.
Auch die Administration läuft über meine PC's, genau wie E-banking und Kommunikation.
Für IT Support und troubleshooting genieße ich Top service von Tochter Andrea und Enkel Leon.
Gibt es Autoren/Autorinnen, von denen du fast alles gelesen hast?

James Michener war meine Reiselektüre auf langen Geschäftsreisen. Ich bin fasziniert bei seiner Generationen überschreitenden Darstellung von Kulturen und Ländern, die ich kenne, sei es dank Arbeiten vor Ort oder Bearbeitung von Projekten vom Büro aus. Auch begeistert mich sein Stil.
Sonst bearbeite ich ein sehr breites Spektrum mit Schwerpunkt Geschichte, alt oder neu. In meiner Bibliothek befinden sich viele Bücher lokaler Schriftsteller, Afrika, Asien und Amerika, davon auch noch einige in spanischer Sprache. Es gab Zeiten, als ich alles, was von oder über Che Guevarra erhältlich war las. Zu meiner Sammlung gehören auch Biographen. Weniger Krimis oder Abenteuerromane, ganz sicher keine science fiction.
Was hat dir das Lesen für dein Leben gebracht? Wie viele Bücher liest du pro Jahr? Wie hat sich das im Lauf der Jahre geändert?

Schon in jungen Jahren faszinierten mich die Heldensagen, speziell das Nibelungenlied, denn es soll auf der Insel Reichenau, die man ja sehen konnte, geschrieben worden sein. So begann ich Texte aus dem Mittelalter in Originalsprache zu lesen, was dann später auch zu den Originaltexten der Canterbury Tales und Shakespear führte.
Durch die Musik von Richard Wagner entstand dann während meiner Pubertät der Link zu Nietzsches Werken und seiner Philosophie. Allzu menschliches legte ich auf meinen Nacht Tisch, genau wissend, dass seine Philosophie für meine Familie ein absolutes No-go war. Er stand auf dem Kodex der katholischen Kirche, sagte man mir. Also musste ich herausfinden wieso. Das war die Zeit, kurz nach Mamas Traum, einen Pfarrer in die Familie zu bekommen.
Ich besitze alle seine Werke, lese sie aus Interesse, wegen seiner Sprache, nicht zuletzt auch wegen Wagner, ohne aber ein unbeschuhter Folger zu sein.
Die Westafrikanische Literatur, oft auch in Pidgin-English, hat dank der lebhaften Darstellungen des lokalen Lebens, meinem Verständnis der lokalen Gewohnheiten und Denkweisen sehr geholfen.
Das Anschaffen von Büchern war fast etwas wie eine Leidenschaft. Mit Subskription habe ich mir in den 70er Jahren die 25 Bände der Literaturgeschichte erworben, in denen ich zeitweise in Fasen gelesen habe, heute aber weniger.
Mein Vater hatte damals gefragt, wann ich denn all die Bücher lesen wolle. Wenn ich pensioniert bin, war meine Antwort. Und so ist es.
Lesen von Büchern gehör nun zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Wieviel im Jahr? Weiss ich nicht...
In späteren Jahren verleibte ch mich in dei moderne Literatur der jungen Schriftsteller in deutescher Sprache. Oft provokativ. Daneben sind die Werke um das aktuelle Weltgeschen geblieben.
Hat sich dein Leseverhalten oder dein Literaturkonsum mit dem Internet und allenfalls auch den e-books verändert? Wie?

E-books lese ich nicht. Ich habe auch noch ein Zeitungsabonnement.
Das Internet hilft mir bei der Suche nach gewissen Büchern oder auch bei der Beschaffung ausgefallener Titel. Obwohl, in erster Linie bevorzuge ich die lokale Buchhandlung, denn schließlich hat sie Exemplare meiner beiden Bücher verkauft.
Hast du Lesungen von Autoren besucht?

Schließlich habe ich Erfahrung mit Lesungen meiner zwei Bücher und weiß, wie sich der Autor an einem dankbaren Publikum erfreut. Und nicht zuletzt über eventuelle Verkäufe und Berichten in der Lokalzeitung. Die originellste Leung genoss ich im Frühsommer in einem Toggenburger Gartenrestaurant. Der Autor stellte sein neustes Wek vor, das er aber, um Druckkosten zu umgeben, erst mal als E-book veröffentlichen will. Später folgte auch ich einem Aufruf zur Crowd funding und besitze nun das Werk. Bin stolz, den lebhaften Autor kennen gelernt zu haben.
Gibt es unauslöschliche Erinnerungen an Beziehungen aus dieser Zeit?

Die Trennung von meiner ersten großen Liebe, hat mich hart getroffen, bis mir mein Selbstverschulden bewusst wurde. Reue über mein storniertes Mittelschulleben, das uns ja als Klassenkameraden vereint hätte, meldete sich zuerst im Hintergrund, dann immer stärker bis zu bösen Selbstvorwürfen.
Erst etwa dreissig Jahre sind wir uns an einer Klasssenzusammenkunft wieder begegnet. Sie hatte ein erfülltes Leben als Frau Lehrer und zwei nun erwachsenen Kindern. Ganz anders als mein Leben rund um die Welt.
Trost fand ich in einer Ausbildung als technischer Zeichner, und das Arbeitsumfeld, in dem ich mich wohl fühlte. Nur, leider war ich unterfordert. Die Gewerbeschule war langweilig und weit unter meinem intellektuellen Niveau. Neben meinen Arbeitskollegen landete ich in einem Kreis von zweifelhaften Freunden, mit denen ich das lose Freizeitleben genoss. Alkohol, meistens Bier, und Zigaretten gehörten zum Wochenende.
Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?

Die Wahl meiner späteren Freundinnen entsprach in keinem Fall den Vorstellungen meiner Eltern. Das störte mich nie, ignorierte die Kritik, ließ mich von den Gefühlen treiben, war in meiner bescheidenen Welt zufrieden. Und so blieben meine Erlebnisse im Schatten.
Hattest du schon früh eine Freundin/einen Freund? Wie war das damals?

Dann erschien ein Mädchen mit einem Namen, den ich nie gehört hatte und der lange nicht in meinem Gedächtnis hängen blieb. Rolf stellte sie mir vor und irgendwie fanden wir uns gegenseitig interessant, was bald zu einer Freundschaft führte, bald zu einer jugendlichen Liebe. Und dann, an einer Tägerwiler Fasnacht in der Linde, ließ ich Martha sitzen und bekannte mich zu Prisca. Marlies sah das, machte mir bittere Vorwürfe, während Martha bitter weinte. Eine Szene, die sich dunkel in meinem Gedächtnis eingebrannt hatte und ab und zu mal in Erscheinung tritt. Aber die neu Liebe hatte mich total übernommen.
Hattest du in dieser Zeit eine feste Beziehung? Wie sah diese aus?

Wir waren verliebt, verbrachten viel Zeit zusammen, besuchten Tanzanlässe, sie dominierte die Schritte, verblendet ergab ich mich, obwohl ich ja einen Tanzkurs besucht hatte. Aber nun galt nur noch Schieber und Walzer, den sie von ihrem Vater, dem 'besten Tänzer der Welt' erlernt hatte. Im Doppelschritt und so. Auch sonst hatten wir nicht viel gemeinsam, außer dem Verlangen nach Berührung, Zusammensein, leidenschaftlichen Küssen. Ernsthafte Gespräche brauchten wir nicht. Trotzdem bin ich dem Alpinismus treu geblieben, habe weiter Geige geübt, während in ihren Kreisen nur Schlager und Leichtlebigkeit galt. Dabei war ich mir bewusst, dass, wenn wir dann richtig zusammen sein werden, sie sich mir anpassen werde.
Anfangs wurde die Beziehung toleriert, aber mit der Zeit wuchsen elterliche Bedenken, dass, dank der großen Unterschiede, eine permanente Beziehung in keinem Fall von Vorteil sein werde.
So geschah es, dass ein Sommertag, an dem ich das Elternhaus allein bewohnte, mein Schicksal nach dem Motto wer A sagt, muss auch B sagen besiegelte. Ich war gerade 20 Jahre alt. Es war mir klar, dass ich dieses Versprechen halten muss. Und schließlich funktionierte das und alles andere wird sich schon ergeben. Am Verliebtsein fehlte es in keiner Hinsicht, trotz wachsender Sorgen meiner Eltern, dass ich meine Zukunft wegwerfe.
Wenn du an deine Freunde denkst, welche sind dir über dein ganzes Leben gesehen die liebsten, nachhaltigsten? Weshalb?

Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?

Abgeholt wurde ich von meinen Eltern im Auto, in dem neben meinen Brüdern auch noch Tante Marianne sass. Beim S über Tägerwilen, bat ich um Anhalten, denn all das Bier musste in großem Borgen in die Wiese. ein schwarzer Tag in der Beziehung zu den Eltern, vor allem zu Mama. Leere in mir, niemand war da, all meine Freunde hatten ja ein Leben ohne mich...





