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Vollendete Autobiographien: 207

Der Wendepunkt
Es gibt Wendepunkte im Leben, die klanglos vorüberziehen. Man bemerkt nicht einmal, dass man an einem Punkt angelangt ist, an dem man das Steuer des Lebens in eine andere Richtung hätte lenken können. Es gibt aber auch solche, die einem ohne Vorwarnung wie ein Erdbeben den Boden unter den Füssen wegziehen und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Mein Erdbeben war die Corona-Pandemie.
Als die Pandemie ausbrach, arbeitete ich als IT-Supporterin im Servicedesk einer Firma mit mehreren Tausend Mitarbeitenden. Ich liebte meine Arbeit und hatte Arbeitskollegen, die ich fast als Freunde bezeichnen konnte. Trotz meines Alters – ich ging auf die 64 zu – schaffte ich es, mich in der Informatik „up to date” zu halten, worauf ich besonders stolz war.
Die Einführung von Homeoffice war eine grosse Herausforderung, so interessant die neue Art des Arbeitens auch war. Ich war es gewohnt, in einem Team zu arbeiten, in dem man sich gegenseitig unterstützte und ergänzte. Als dann praktisch über Nacht Programme wie Skype oder Zoom eingeführt wurden und wir vom Servicedesk die überforderten Benutzer unterstützen mussten, obwohl wir selbst nicht sattelfest darin waren, fühlte ich mich überfordert und allein gelassen. Die Geschwindigkeit, mit der sich alles veränderte, und das nicht absehbare Ende der Pandemie zehrten an meinen Kräften. Ich fing an, mich zu fragen, warum ich mir das antue. Ich konnte es mir leisten, früher in Rente zu gehen, die feinen Mahlzeiten meines Mannes zu geniessen, gemütlich vor dem Kamin ein Glas Wein zu trinken und lange Spaziergänge mit dem Hund zu machen. Sobald die Campingplätze wieder geöffnet wären, könnten wir mit unserem Wohnmobil nach Lust und Laune unterwegs sein.
Und doch wusste ich tief in meinem Inneren, dass ich noch nicht bereit war, aus dem Arbeitsprozess auszusteigen und zum alten Eisen zu gehören. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn ich meinen Job nicht geliebt hätte. Seit ich vor 36 Jahren in der Informatik angefangen hatte, ging ich gerne zur Arbeit. Ich freute mich auf neue Herausforderungen und den Kontakt mit der Kundschaft. Doch so, wie ich spürte, dass ich nicht bereit war, meinen Job aufzugeben, spürte ich auch, dass ich nicht mehr fähig war, darin gut zu sein. Also entschied ich mich, aufzuhören und den letzten Lebensabschnitt zu beginnen.
Sobald die Corona-Regeln gelockert wurden, brachen Richard und ich mit unserem alten Hund Lennon zu einer Wohnmobiltour auf. Wir durchreisten Italien, Kroatien, Ungarn, Österreich, Deutschland und Serbien. Vielleicht hätten wir Serbien auslassen sollen. Dann hätten wir nicht bemerkt, dass meine Mutter, die dort lebte, an Demenz erkrankt war. Wenn wir telefonierten, hatte ich schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass mit ihr etwas nicht stimmte, aber ich schrieb das ihrem Alter zu – schliesslich war sie schon 86 Jahre alt. Als wir jedoch einige Tage bei ihr verbrachten, wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen musste. Das Haus war unordentlich, sie wusste nicht mehr, ob sie die Rechnungen bezahlt hatte, ass nicht mehr richtig und beklagte sich ständig, dass Nachbarn und Freunde sie bestehlen würden. Wir fuhren zurück in die Schweiz, aber von nun an begleitete mich ein ungutes Gefühl.
Ich bin zwar in Serbien geboren, lebe aber seit 50 Jahren in der Schweiz. In all den Jahren ist die Schweiz zu meiner Heimat geworden. Serbien war für mich ein fremdes Land, mit dem mich nur lang vergangene Erinnerungen und meine Mutter verbanden. Aber ich wusste, dass es meine Pflicht war dorthin zu reisen, um eine Lösung für das Problem meiner Mutter zu suchen. Richard und Lennon blieben in der Schweiz. Mein Mann konnte sich ein Leben in Serbien, auch nur für eine kurze Zeit, nicht vorstellen, unterstützte mich aber in meinem Vorhaben. Auch ich hatte nicht vor, in Serbien zu bleiben und meine Mutter zu pflegen. Ich wollte eine geeignete Person finden, die sich rund um die Uhr um sie kümmern würde, damit ich wieder in mein behütetes Leben in der Schweiz zurückkehren könnte.

Die Demenz
Ich fuhr mit dem Auto nach Serbien. Die 1400 Kilometern sind eine lange Strecke, aber ich wollte dort unabhängig sein und nicht ständig jemanden bitten müssen mich irgendwohin zu fahren. Von einem gut funktionierenden öffentlichen Verkehr wie in der Schweiz, kann man in Serbien nur träumen.
„Warum hast du nicht gesagt, dass du kommst?”, fragt Mutter als ich müde aber wohlauf an ihrer Tür erscheine. „Ich hätte etwas gekocht. Hast du Hunger?”
Ich verkniff mir die Bemerkung, dass wir per Telefon bereits mehrfach darüber gesprochen haben, dass ich heute ankommen werde. Man sollte Ausdrücke wie „Das habe ich dir doch gesagt.” vermeiden. Das verunsichert den Kranken nur und bringt nichts, habe ich in den Berichten über Demenz gelesen.
„Ich habe noch keinen Hunger», antworte ich. „Jetzt möchte ich einen Schnaps.”
Das kann sie mir sicher anbieten, denke ich. Meine Mutter trank gerne Schnaps. Ihr Leben lang. Nicht viel, aber regelmässig. In ihrem Garten reihten sich Obstbäume wie Kirschen, Weichseln, Nektarinen, Birnen, Äpfel und natürlich Zwetschgen, aus denen Sliwowitz gemacht wird. Pro Jahr produziert sie um die zweihundert Liter Obstbrand. Selbstverständlich trank sie nicht alles selbst. Ihre Besucher wurden immer mit Kaffee und Schnaps verköstigt. Ich denke, dass sie nicht zuletzt deshalb so viele Freunde hatte.
Sie füllt zwei Gläschen, und wir stossen an.
„Wie lange bleibst du?”, fragt sie.
„Eine ganze Weile”, antworte ich.
„Oh, das freut mich! Ich bin nicht gerne allein. Tagsüber geht es noch, aber die Nächte sind schrecklich. Ich habe immer furchtbare Angst.”
„Wovor hast du Angst?”
„Ich weiss nicht. Vor etwas.”
„Was machst du, wenn du Angst hast?”, frage ich, um herauszufinden, wo das Problem liegt.
„Dann sehe ich nach, ob alle Fenster und Türen geschlossen sind.”
Jetzt verstehe ich. Paranoia ist auch ein Symptom der Demenz, habe ich gelesen. Ich versuche es mit Humor.
„Hast du Angst, dass jemand kommt, um dich zu vergewaltigen?”
Sie lacht. „Davon habe ich keine Angst. Wer will schon eine alte Frau vergewaltigen? Und wenn doch. Ich weiss immer noch, wie das geht.”
Jetzt lachen wir beide.
Ich hatte nie eine innige Beziehung zu meiner Mutter. Sie war eine nervöse, strenge und überforderte Mutter. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie Kinder nicht mochte, und trotzdem hatte sie ihren zweiten Mann geheiratet, der drei eigene Kinder in die Ehe brachte. Fünf Kinder und eine Frau, die Kinder nicht mochte. Sie war es nicht gewöhnt, Gefühle gegenüber Kindern zu zeigen, was für ihre Generation nicht aussergewöhnlich war. Nur wenn wir Unfug angerichtet hatten, zeigte sie Emotionen und schrie uns an.
Ich habe nie die Mutterliebe erfahren, wie sie meiner Meinung nach, sein sollte. Aber sie war meine Mutter, und ich habe sie auf meine Weise geliebt. Später, als ich erwachsen wurde, entwickelte sich unser Verhältnis zu einer Art Frauenfreundschaft. Wir konnten hemmungslos über Themen reden, über die man normalerweise nur ungern mit der eigenen Mutter sprach, zum Beispiel über Sex. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich sie nie wirklich als Mutter wahrgenommen hatte. Ich war sogar stolz eine solche Mutter zu haben.
„Wie lange bleibst du?”, fragt sie.
Ich zucke. Vor nicht einmal zwei Minuten hat sie mich das schon gefragt.
„Eine ganze Weile.”
„Oh, das freut mich. Ich bin nicht gerne allein.”
Ich wechsle das Thema. Wir können uns fast normal unterhalten. Doch immer wieder stellt sie die Frage: „Wie lange bleibst du?”
Langsam nervt sie mich.
„Ich gehe schlafen”, sage ich und stehe auf. „Es war ein langer Tag.”
„Wo willst du schlafen?”
„Dort, wo ich immer schlafe”, antworte ich. „Oder ist das Zimmer besetzt? Hast du Gäste?”
„Nein, zurzeit habe ich keine Gäste. Daher die Angst. Ich bin allein in dem grossen Haus.”
Das Haus besteht aus fünf Zimmern, zwei Wohnzimmern, einer Wohnküche und zwei Bädern. Sie vermietete die Zimmer an Kurgäste, die in das benachbarte Rehazentrum kamen. Ihr Haus war oft ausgebucht, da es sich direkt neben dem Park des Zentrums befand. In fünf Minuten war man zu Fuss in der Therapie.
„Ich weiss nicht, ob das Bett bereit ist”, sagt sie.
Das Zimmer ist eingerichtet.
„Ah, dann habe ich es doch eingerichtet! Weisst du, ich vergesse in letzter Zeit so vieles.”
„Also dann, gute Nacht“, sage ich. „Jetzt musst du keine Angst haben. Ich bin da.”
„Oh, das freut mich so!” Sie faltet die Hände und schaut nach oben. „Gott sei Dank!”
Die Inbrunst, mit der sie Gott dankt, ist rührend. Sie hat sich nie etwas aus Religion gemacht. Ich spüre ein schlechtes Gewissen, weil sie mich genervt hat. Fast möchte ich sie bitten, noch ein wenig zu bleiben, doch dann ist die Frage wieder da.
„Wie lange bleibst du?”
„Eine ganze Weile. Gute Nacht.”
Ich lege mich hin, kann aber nicht einschlafen. Das Bett ist zu weich und das Kissen zu hart. Alles riecht so eigenartig. Ich habe mich in Mutters Haus nie wohlgefühlt. Es war ein fremdes Haus. Ein Haus ohne Erinnerungen. Meine Erinnerungen sind in dem Haus geblieben, in dem ich aufgewachsen bin. Sie und mein Stiefvater haben es vor Jahren verkauft und sind hierhergezogen. Da er 30 Jahre lang querschnittsgelähmt war und später starb, war sie „der Mann im Haus”. Sie hat aus einem alten Bauernhaus ein gepflegtes Haus gemacht. Mit seinen hohen Räumen wirkte es fast vornehm. Aber es war trotzdem ein altes Haus. Es kam mir vor wie eine ältere Frau nach einer Schönheitsoperation. Es gab einfach Stellen, die man nicht verjüngen konnte.
Mutter kommt noch zwei Mal vorbei, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Ich lasse das Licht brennen, damit sie mich durch das Türglas sehen kann.
Am nächsten Morgen wundere ich mich, dass ihre langjährige Freundin Nada nicht zum morgendlichen Kaffee erscheint. Sie war immer dabei, wenn ich zu Besuch kam. „Wo ist Nada?”, frage ich.
„Sie kommt nicht mehr”, antwortet Mutter.
„Warum?”
„Sie hat bei mir Sachen gestohlen. Seit Jahren. Ich habe es nicht bemerkt. Aber kürzlich habe ich sie dabei ertappt, wie sie meine rote Bluse in die Tasche gesteckt hat.”
„Das kann ich nicht glauben”, erwidere ich. „Was soll sie mit einer roten Bluse anfangen?”
Nada trug seit Jahren Trauer und ein schwarzes Kopftuch. Warum sollte sie ausgerechnet eine rote Bluse stehlen? Doch dann erinnere ich mich, irgendwo gelesen zu haben, dass die meisten Demenzkranken im Anfangsstadium ihrer Krankheit Leute beschuldigen, ihnen etwas gestohlen zu haben.
„Wahrscheinlich will sie ihrer Enkelin die Bluse schenken. Eine goldene Kette vermisse ich auch schon lange. Die hat sie sicher auch gestohlen.”
Ich weigere mich zu glauben, dass Nada das getan hat. Ich habe sie als nette und einfache Frau in Erinnerung. Mutter ist beleidigt. Ich bin genervt.
Doch dann kommt Nachbar Dragan zum Kaffee vorbei und die Sache ist vergessen.

Dragan
Dragan ist ein langjähriger Freund meiner Mutter. Ich mag ihn sehr. Er ist eine wahre Enzyklopädie des Allgemeinwissens. Er kennt den Text jedes Songs, der in Serbien gespielt wird, egal welchen Genres. Er kennt sich mit serbischer Geschichte, Mathematik und Weltpolitik aus. Die serbische Sprache ist sein Lieblingsfach. Wenn man sich mit ihm unterhält, kommt man nicht darum herum, in der Grammatik korrigiert zu werden. Im Gegensatz zu den anderen Menschen im Dorf stört mich das nicht. Ich bin sogar froh darüber. Mein Serbisch hat aufgehört, sich zu entwickeln, als ich in die Schweiz kam. Also vor fast fünfzig Jahren. Es schadet nicht, die Muttersprache wieder korrekt zu sprechen.
Ich wundere mich, wie Dragan sich das alles merken kann. Schliesslich ist er Alkoholiker, wie er selbst sagt. Wenn er morgens zum Kaffee kommt, geht er erst wieder, nachdem er fünf Schnäpse getrunken hat. So viel braucht er, um betriebsfähig zu sein. Er hat einen Hochschulabschluss und bis zum Balkankrieg in den Neunzigern hatte er auch einen guten Job, eine Frau und ein Kind. Doch die drei Jahren im Krieg hatten ihn massiv verändert. Seine Ehe ging in die Brüche. Er wohnt jetzt bei seiner Mutter, einer pensionierten Krankenschwester. Sein Sohn wohnt bei ihm. Das Kind hatte sich gewünscht, beim Vater zu leben. Dragan ist der friedlichste und ehrlichste Mensch, den ich kenne.
Während Mutter in der Küche den türkischen Kaffee zubereitet, erzählt er mir, dass die meisten Nachbarn nicht mehr zu ihr kommen, da sie alle beschuldigt, etwas gestohlen zu haben. Auch ihn hat sie beschuldigt, Sachen mitgenommen und nicht zurückgebracht zu haben. Er ignoriert ihre Vorwürfe und kommt weiterhin regelmässig.
„Ich bin mit Katarina”, so heisst meine Mutter, „seit Jahren befreundet”, erzählt er. „Sie war immer gut zu mir und hat mich oft unterstützt, wenn ich Hilfe brauchte. Ich lasse sie jetzt nicht im Stich. Jetzt braucht sie Freunde, richtige Freunde.” Sein Gesicht wird rot, seine Augen feucht.
Dragan geht mit der Krankheit meiner Mutter auf besondere Weise um. Sobald sie in ihre Paranoia gerät oder zu weinen beginnt, lässt er auf dem Handy ein schönes Volkslied laufen und sie fängt automatisch an zu singen. Alles andere ist vergessen. Sie liebt Musik über alles. Ich bin froh, dass ich in ihm einen gebildeten Gesprächspartner gefunden habe. Die meisten Leute, die ich in den letzten Jahren bei meiner Mutter kennengelernt habe, waren einfache Dorfleute. Ihre Themen waren darauf begrenzt, was im Dorf passierte, wer mit wem schlief und welche Aktionen es im „Gomex”, dem Dorfladen, gab. Wie ich liebt Dragan Literatur. Er hat in seinen 50 Jahren bereits alles gelesen, was man im Leben gelesen haben sollte. Sich mit ihm über die Klassiker zu unterhalten, ist ein besonderes Vergnügen.
In den folgenden Tagen und Wochen wurde Dragan zu meiner wichtigsten Stütze. Wir sahen uns täglich. Morgens kam er zum Kaffee vorbei, abends auf einen Schnaps oder ein Bier. Oft spielten wir mit meiner Mutter Karten, denn sie liebt es, Karten zu spielen. Manchmal besuchten wir gemeinsam Buchvorstellungen in der Stadt. Dann nahmen wir meine Mutter mit. Sie freute sich jedes Mal sehr darüber und kaufte Bücher, die sie dann doch nicht las, weil sie sich nicht mehr daran erinnerte, sie gekauft zu haben.
Wenn ich die ständigen Fragen meiner Mutter nicht mehr ertragen konnte, nahm mich Dragan mit in den Dorfpub „Iv”. Das tat gut. Er kannte dort jeden. Durch ihn lernte ich viele Leute kennen und fühlte mich nicht mehr wie eine Fremde in diesem Dorf. Bald dichtete die Gerüchteküche mir und Dragan eine Beziehung an, was uns jedoch nicht gross berührte. Er war immer korrekt und respektvoll zu mir. Der Altersunterschied machte den Rest. Ich war 16 Jahre älter als er und verheiratet. In meinen Telefongesprächen mit Richard erzählte ich von meiner Freundschaft mit Dragan. Er freute sich für mich. Richard und ich waren nie eifersüchtig aufeinander. Er ist die Liebe meines Lebens und ich seine. Da brauchte man nicht am Partner zu zweifeln. Nach 38 Jahren Ehe sowieso nicht.

Der Tanz
Als der Winter kam und ich bereits den dritten Monat in Serbien verbrachte, wurde meine Mutter immer unglücklicher. Ich auch. Meine Rückkehr in die Schweiz rückte in weite Ferne, da ich trotz unermüdlicher Suche keine geeignete Pflege für meine Mutter finden konnte. Ich vermisste Richard und Lennon und sehnte mich nach meinem behüteten Leben in der Schweiz. Meine Schwester schlug vor, unsere Mutter in ein Altersheim zu geben. Doch ich fand es noch zu früh für diesen Schritt. Sie war immer noch sehr fit, konnte sich selbst waschen, selbst essen und sogar den Ofen selbst anfeuern. Nur mit der Fernbedienung vom Fernseher klappte es nicht mehr. Sie verstellte dauernd etwas, was dann zum äussersten Notfall wurde und sie mich sofort anrief, egal wo ich mich befand.
Eines Tages, als sie sagte, dass sie am liebsten sterben würde, fragte ich sie: „Was kann ich tun, damit du glücklicher bist?”
„Mir fehlt der Tanz und das Singen. Ich habe meine Kolleginnen aus dem Tanzverein seit dem Ausbruch von Corona nicht mehr gesehen.”
Sie war in meinem Alter, als sie Witwe wurde. Ich glaube, dass sie erst dann angefangen hat, das Leben richtig zu geniessen. Sie meldete sich bei einem Verein für Pensionierte, in dem man zu Volksmusik sang und tanzte. Der Verein trat überall in Serbien auf, und bald besass auch sie verschiedene Trachten, auf die sie besonders stolz war. Der Verein wurde ihr Leben. Sie genoss es in vollen Zügen.
Mit der Corona-Pandemie war auf einen Schlag alles vorbei. Auch die Gäste blieben aus. Sie blieb allein in dem grossen Haus zurück und sah sich ununterbrochen Musiksendungen im Fernsehen an.
„Ich habe mit einer Kollegin telefoniert”, fuhr sie fort. „Sie meint, dass wir die Proben bald wieder aufnehmen.”
„Das ist doch eine gute Nachricht!”, sagte ich.
„Ja, aber ich darf kein Auto mehr fahren. Wie komme ich dorthin?”
Ich wusste, dass die Proben zweimal pro Woche in Zrenjanin stattfanden, einem 20 km entfernten Ort.
„Ich fahre dich”, antwortete ich.
„Wirklich?”
„Ja, wenn es dir so wichtig ist.”
So war es auch. Sobald der Verein wieder probte, fuhr ich sie hin. Ich staunte, dass sie mit 86 Jahren zu den Ältesten gehörte. Sie war aber auch die Einzige, die nach einem schnellen Tanz keine Pause benötigte. Sie atmete kaum schneller als sonst. Offensichtlich beherrschte sie eine Technik, durch die sie beim Tanzen nicht ausser Atem geriet. Auch ihre Stimme war noch kräftig und wunderschön. Während dieser Proben war die Demenz verschwunden, sie traf die Töne und die Tanzschritte genau. Ich bewunderte sie, und sie genoss es.
Eines Tages sprach mich Vanja, der Leiter, an.
„Wenn Sie ohnehin jedes Mal eine Stunde auf Katarina warten, möchten Sie dann nicht mit uns tanzen?”
„Ich glaube nicht, dass ich das könnte. Die Schritte scheinen mir sehr kompliziert. Ich kann nur Uzicko Kolo tanzen”, antwortete ich.
Das Kolo ist ein Reigentanz, allerdings gibt es viele verschiedene Kolos mit sehr unterschiedlichen Schritten. Doch es gibt wahrscheinlich niemanden in Serbien, der das Uzicko Kolo nicht tanzen kann. Er wird bei jedem Fest mehrmals gespielt und die Leute lieben ihn. Es ist also keine grosse Kunst, dass ich es tanzen konnte.
„Man kann alles lernen”, sagte Vanja. „Sie können neben Ihrer Mutter tanzen. Schauen Sie nur auf ihre Füsse.“
So kam ich dazu, Folklore zu tanzen. Obwohl es für mich sehr schwierig war, mir die Schritte zu merken, genoss ich die Zeit mit meiner Mutter, in der die Demenz keinen Zutritt hatte. Auch ich bekam eine Tracht und wir traten sogar ein paar Mal auf.
Eines Abends, nach der Probe, als wir in unserem Dorf Melenci ankamen, hielt ich vor dem Pub an.
„So, wir zwei Mädchen gehen jetzt etwas trinken”, sagte ich. Meine Mutter war sofort dafür.
Ich werde die Blicke der Männer, als wir in die kleine Bar eintraten, nie vergessen. Einigen blieb der Mund offen.
„Zwei Grossmütter in einem Pub!”, las ich in ihren Gesichtern. In dieses Pub kamen sonst nur Männer oder junge Mädchen mit ihren Freunden. Zwei ältere Frauen wurden hier noch nie gesehen, nicht einmal in Begleitung ihrer Männer.
Ich genoss die Situation, denn das Patriarchat in diesem Dorf hatte mich ohnehin schon immer aufgeregt. Die Kellnerin, die mich von meinen Besuchen mit Dragan kannte, freute sich sehr, uns beide als Gäste zu haben. Wir bestellten zwei Cognac. Da fiel selbst dem Letzten der Kiefer runter.
Von nun an gingen wir nach jeder Mittwochsprobe in den Pub. Die Männer gewöhnten sich an uns. Bald mussten wir unsere Getränke nicht mehr bezahlen, da sie immer von jemandem spendiert wurden.

Der Umbau
Allmählich gewöhnte ich mich daran, dass ich länger als geplant in Serbien bleiben musste. Um mir das Leben dort angenehmer zu gestalten, entschloss ich mich, einen Teil des Hauses entsprechend umzubauen. Ich riss die alten Wände ab und baute eine komplett neue Einzimmerwohnung. Die Handwerker, die alle natürlich schwarz arbeiteten und dementsprechend günstig waren, besorgte mir Dragan.
Wenn man in der Schweiz ein Haus baut, wird alles im Voraus geregelt. Man weiss, was die Sache beinhaltet, was sie kosten würde und wann sie fertig sein sollte. In den meisten Fällen hat man einen Architekten, der sich um alles kümmert.
In Serbien läuft das anders. Der Hauptunternehmer Drago kam um neun Uhr morgens vorbei. Meine Mutter kochte uns türkischen Kaffee und servierte dazu Schnaps. Sie setzte sich nicht zu uns, sondern ging in ein anderes Zimmer und schaltete den Fernseher ein. Ich erzählte Drago, einem sympathischen und redseligen Menschen, was ich mir vorstelle, und er erklärte mir, wie es gemacht wird. Er machte sich keine Notizen. Ich bat ihn um eine schriftliche Vereinbarung über die Aufgaben und Kosten. Er versprach sie mir.
Doch bereits am nächsten Tag begannen die Arbeiter damit, die Wände und einen Teil des Daches abzureissen, obwohl die schriftliche Vereinbarung noch nicht erstellt worden war. Allen voran Dragan, der wie ein Cowboy auf dem Schornstein sass und versuchte, diesen mit einem grossen Hammer zu bezwingen. Drago und ich tranken im noch unversehrten Teil des Hauses Kaffee und Schnaps. Plötzlich krachte es unglaublich laut, und wir hörten, wie Backsteine fielen – wie bei einem Erdbeben. Zunächst wurde es ganz still, dann begann jemand zu schreien. „Oh, nein! Oh, nein!“ Wir waren nur durch eine Wand von der Baustelle getrennt und hörten deshalb alles, konnten aber nicht sehen, was geschehen war. Ich sah Drago an. Er nippte seelenruhig an seinem Schnaps.
„Was ist passiert?”, fragte ich erschrocken.
„Nichts! Die Jungs machen Unfug.”
„Aber mir scheint es, als wäre jemand verletzt worden.”
„Nein, das kann nicht sein. Ich habe das gut abgesichert.”
Kurz darauf hörte man die Jungs wieder lachen und weiterarbeiten. Ich war gewaltig beeindruckt von Dragos Selbstbewusstsein.
Drago hatte zwei Mitarbeiter und arbeitete auch selbst auf der Baustelle. Ich hatte zusätzlich zwei Männer engagiert, die eine stabile Mauer um das gesamte Grundstück bauen sollten, wie es in Serbien üblich ist. Die Baustelle erinnerte an eine Gartenparty. Es wurde frühestens um neun Uhr morgens angefangen, um zehn Uhr gab es Kaffee, Schnaps und Bier, offeriert vom Arbeitgeber – also mir. Zum Mittagessen verpflegten sich die Arbeiter auf eigene Kosten. Meistens wurde etwas auf den Grill geworfen oder auf einem Dreibein im Garten gekocht. Nachmittags gab es wieder eine Bier-Schnaps-Pause und um 17 Uhr war die Arbeit fertig. Danach ging man gemeinsam in den Pub. Die Arbeiter waren stets guter Laune – kein Wunder bei der Menge Alkohol, die sie konsumierten, und der lauten Musik aus einem Ghettoblaster. Oft luden mich die Jungs ein, abends mit ihnen in die Kneipe zu gehen.
Es war eine schöne Zeit voller Lachen, Musik und neuer Freundschaften.
Nachdem der Rohbau fertiggestellt war, kam es zwischen Drago und mir zu einer Auseinandersetzung über unsere Rechte und Pflichten. Diese hätte es nicht gegeben, wenn eine schriftliche Vereinbarung getroffen worden wäre. Deshalb engagierte ich für die weiteren Arbeiten nicht ihn, sondern die beiden Jungs Marko und Sebastian, die bereits die Gartenmauer gebaut hatten und mit deren Arbeit ich sehr zufrieden war. Drago war sehr enttäuscht. Wir sprachen eine Zeit lang nicht miteinander. Doch dann versöhnten wir uns eines Abends im Pub. Wir waren uns einig, dass wieder eine Party wie damals bei mir stattfinden sollte. Ich bin sehr dankbar, dass wir uns versöhnt hatten, denn zwei Tage später starb Drago gemeinsam mit seiner Frau bei einem schrecklichen Verkehrsunfall. Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich an ihn denke.

Sebastian
Als Marko und Sebastian die zweite Etappe meines Umbaus übernahmen, gingen die Partys erst richtig los. Es verging kein Tag, an dem auf der Baustelle nicht etwas gekocht wurde. Wir assen gemeinsam, es floss eine Menge Alkohol und ich habe nach 35 Jahren Abstinenz wieder angefangen zu rauchen. Meine Mutter war stets dabei. Sie genoss die Gesellschaft junger Leute, denn meistens waren auch Sebastians und Markos Freunde zu uns eingeladen. Sie liebte Musik, gutes Essen und natürlich Alkohol. Durch den Alkoholkonsum äusserte sich ihre Demenz stärker, aber wen kümmerte es? Sie war glücklich, und das zählte für mich. Jova, ein Freund von Sebastian, flirtete sogar mit ihr – aus Spass, um ihr eine Freude zu bereiten. Abends gingen wir alle ins Pub. Meine wegen der Pensionierung aufgekommene Depression war wie weggeblasen. Ich fühlte mich lebendig und zwanzig Jahre jünger.
In unserem Dorf war ich so etwas wie eine Attraktion, weil ich aus der Schweiz kam und mich überhaupt nicht wie eine Grossmutter benahm. Die meisten Frauen in meinem Alter, die ich dort kennenlernte, waren übergewichtig, altmodisch gekleidet und hatten schlechte Zähne, wenn sie überhaupt welche hatten. Sie waren längst zu opferbereiten Grossmüttern mutiert, die sich rührend um ihre Kinder und Enkel kümmerten. Wahrscheinlich kam ich ihnen seltsam vor: eine 64-jährige, verheiratete Frau, die mit jungen Männern herumzog und ihre arme, alte Mutter auch noch mitschleppte.
Nach dem Pub gingen wir meistens noch zu Sebastian nach Hause. Er wohnte allein, hatte ein grosses Wohnzimmer und eine starke Musikanlage. Mir gefiel Sebastian. Nicht nur, weil er zwei Meter gross war, wunderschöne blaue Augen und schöne Zähne hatte, sondern auch, weil er ein toller Gastgeber war. Er war der Party-Löwe in Person. Mit seinem Organisationstalent, seinen exzellenten Kochkünsten und seinem guten Musikgeschmack schaffte er es, dass die Partys toll wurden. Er selbst trank viel Alkohol, wurde dabei aber nie aggressiv oder lästig. Er erinnerte mich an einen gutmütigen Riesen. Ich fand es auch faszinierend, dass er nur sehr wenige Freunde hatte. „Ich lasse Idioten nicht in mein Leben. Ihre bedeutungslosen Gespräche interessieren mich nicht.” , sagte er einmal zu mir. Ich würde behaupten, dass Sebastian neunzig Prozent der Dorfbewohner nicht kennt und mit neunzig Prozent der übrigen zehn Prozent im Streit war. Das war eine schlechte Eigenschaft, die mich persönlich aber nicht störte. Zu mir war er stets freundlich, zuvorkommend und äusserst charmant.
Er erzählte mir, dass er in Belgrad aufgewachsen sei und einen Hochschulabschluss habe. Nach vielen Jahren im Management verschiedener Firmen hatte er plötzlich genug davon, den Leuten Nebel zu verkaufen, wie er es sagte. Er hängte den Job an den Nagel und kam nach Melenci, um im Haus seiner verstorbenen Grosseltern zu leben. Wenn ihm das Geld nicht reichte, arbeitete er auf dem Bau, wie jetzt mit Marko.
Menschen, die alles hinter sich lassen und irgendwo neu beginnen, haben mich schon immer fasziniert. Vielleicht liegt das daran, dass ich das manchmal auch tun wollte, aber den Mut dazu nicht hatte.
All das führte dazu, dass ich mich langsam in ihn verliebte. Natürlich kam für mich eine Beziehung mit ihm nicht infrage, denn ich glaubte nicht, dass er mich attraktiv fand. Nicht zuletzt, weil er neunzehn Jahre jünger war – ich konnte also seine Mutter sein.
Doch anscheinend fühlte er sich auch zu mir hingezogen. Nach einer Party blieb ich über Nacht bei ihm. Vier Monate später war ich von Richard geschieden.
Sebastian und ich hielten unsere Beziehung eine Zeitlang geheim, doch wenn man verliebt ist, gelingt das nicht. Ein Blick hier, ein Lächeln dort, eine flüchtige Umarmung. Irgendwann war es schliesslich jedem bekannt. Für die Leute im Dorf war klar: Er war mit mir wegen des Geldes und ich hatte mir einen jungen Lover gekauft. Da war ich besser dran, denn er musste mit einer Grossmutter schlafen. Meine Familie war entsetzt. Sie teilten die Meinung der Dorfbewohner, auch nachdem sie ihn kennengelernt hatten und unsere Liebe offensichtlich war.
Wir haben es zu einem Spass gemacht, Leute mit Aussagen wie „Sebastian hat seine Mutter früh verloren, und ich habe mir schon immer einen Sohn gewünscht” zu schockieren.
Ich bin mir absolut sicher, dass Sebastian nicht wegen des Geldes mit mir ist. Er kannte meine finanzielle Situation von Anfang an. Ich hatte meine Rente, die in Serbien zwar viel Geld bedeutete, mit meinem Lebensstil aber gerade für ein gutes Leben reichte. Das Ersparte, das Richard und ich uns nach der Scheidung aufgeteilt hatten, habe ich grösstenteils für den Umbau in Serbien verwendet. Also hätte mich Sebastian spätestens dann verlassen, wenn das der Grund für unsere Beziehung gewesen wäre.
Heute, fünf Jahre später, sind Sebastian und ich immer noch zusammen und Richard ist zu meinem besten Freund geworden. Sebastian akzeptiert das. Denn das, was Richard und mich verbindet, hat nie aufgehört zu existieren, es hat nur eine andere Form angenommen. Daran können weder Sebastian noch Richard noch ich etwas ändern.
Sebastian

Jova
Ich habe in dieser Zeit viele interessante Menschen kennengelernt. Menschen, die mich faszinierten und die ich gerne hier erwähnen möchte. Jova ist einer von ihnen. Ich lernte ihn bei einer Präsentation meines Buches in unserem Dorf kennen. Nach der Lesung kam er auf mich zu und bat mich um ein Foto. Da der Akku seines Handys leer war, fragte er, ob wir das mit meinem machen könnten. Er schrieb mir seine Telefonnummer auf ein Stück Papier, damit ich ihm das Foto senden kann. Ich steckte den Zettel in die Tasche, ohne ihn mir genau anzusehen. Bevor wir uns verabschiedeten, sagte er, ich solle auch die andere Seite des Zettels anschauen. Einige Stunden später erinnerte ich mich daran. „You are so beautiful and so intelligent. Please Call me.”, stand auf dem kleinen Stück Papier geschrieben. Dass er dies auf English schrieb, sollte wahrscheinlich ihn als einen Weltmenschen präsentieren. Später, als ich Jova besser kannte, wurde mir klar, dass dies seine Taktik war, um Kontakt herzustellen. Doch ich fand das eher peinlich als imponierend, obwohl er mit seinen langen schwarzen Haaren, die er im Nacken mit einem Gummi gebunden trug, und dem durchtrainierten Körper, durchaus attraktiv aussah.
Jova war mit Sebastian befreundet und so wurden auch wir irgendwann Freunde. Er arbeitete nur, wenn er Geld brauchte. Sobald er wieder Geld hatte, verbrachte er unzählige Stunden im Pub, spendierte Drinks und machte jede Menge Unfug. Zum Beispiel kletterte er wie Spiderman an der Wand hoch, oder tanzte zu dem Song „I,m too sexy for my body”. Wenn sein Geld aufgebraucht war, hielt er sich noch einige Tage über Wasser, indem er Schulden bei der Kellnerin machte. Danach musste er wieder arbeiten und das Spiel begann von vorne.
Jova sah nicht nur gut aus, er sprach auch sehr gepflegt. Er erzählte gerne Geschichten, die er bis zur Perfektion ausschmückte. Man erfuhr beispielsweise, wie das Wetter zu der Zeit seiner Erzählung war, was er anhatte, welche Jahreszeit und welcher Tag es war und wem er unterwegs begegnete. Das Besondere daran war, dass die Geschichten erfunden waren, und das wusste jeder. Und doch erzählte er sie so gut, dass man ihm einfach gebannt zuhören musste. Es war amüsant, Zeit mit ihm zu verbringen, und seine Geschichten wurden jedes Mal unglaublicher.
Jova flirtete gerne mit älteren Frauen. Sie fühlten sich geschmeichelt, von einem jungen, feinen Mann wahrgenommen zu werden. Manchmal bekam er von ihnen Geld, als er sich beklagte, dass er gerade einen finanziellen Engpass durchlebte, meistens kleine Summen, die ihm aber reichten, um sich noch einige Tage im Pub aufzuhalten. Als Jova meine Mutter kennenlernte, war auch sie von ihm angetan. Sie flirtete mit ihm, lachte und küsste ihn sogar einmal, obwohl er vierzig Jahre jünger als sie war. Wenn wir mittwochs nach dem Tanzen, in den Pub gingen, setzte er sich oft zu uns und machte meiner Mutter den Hof. Interessanterweise merkte man ihr die Demenz in solchen Momenten nicht an. Wahrscheinlich, weil sie Männer mochte – sie hatte praktisch nur männliche Freunde. Ich erinnere mich auch daran, dass sie in jungen Jahren gerne mit Männern geflirtet hat und gut darin war. Offenbar verlernt man diese Kunst nie.
Einmal sagte er zu ihr, dass er kein Geld habe und deshalb schon drei Tage nicht richtig gegessen hatte.
„Wie viel Geld brauchst du?”, fragte sie.
„Zwei Hundert Dinar”, antwortete er. Das war seine Masche: wenig verlangen, so viel kann jeder entbehren. Zwei Hundert Dinar sind etwa zwei Franken. Doch zwei plus zwei plus zwei gibt am Schluss auch ein hübsches Sümmchen.
„Dann geh doch arbeiten”, antwortete Mutter gelassen. Alle am Tisch lachten.
Auf dem Weg nach Hause sagte sie zu mir:
„Weisst du, ich weiss, dass das mit dem Jova ein Spiel ist. Ich weiss, dass er nicht in mich verliebt ist, wie er behauptet, aber auch ich fühle mich manchmal gern als Frau.”
Ich war froh, dass es draussen dunkel war, denn mir kamen die Tränen.
Ich engagierte Jova oft für kleine Arbeiten, und er flirtete nach wie vor mit meiner Mutter, was mich besonders freute. Doch um Geld bat er sie nie wieder.

Olah
Olah ist ein weiterer äusserst interessanter Mensch aus Melenci. In unserem Dorf ist er eine Legende. Über ihn werden so viele lustige Geschichten erzählt, dass ich ihn hier erwähne, obwohl wir uns nur aus dem Pub kannten und nicht wirklich befreundet waren. Eine der meisterzählten Geschichten ist, dass er zu seiner eigenen Hochzeit nicht erschien. Er sass im Pub, und nach einigen Gläsern zu viel, hatte er schlicht weg vergessen, dass er im Standesamt erwartet wurde. Das Interessante daran ist, dass er immer noch mit dieser Frau zusammenlebt, aber sie haben nie geheiratet.
Olah hat vor einigen Jahren von einer Tante aus Amerika viel Geld geerbt. Es war eine Summe, für die man sich ein Haus kaufen und noch ziemlich lange davon leben konnte. Er hat nichts daraus gemacht. Er hatte eine Firma gekauft, kümmerte sich aber nicht um das Geschäft und überliess die Mitarbeiter sich selbst. In einem Land wie die Schweiz hätte das vielleicht so funktioniert, nicht in Serbien. Wo keine Kontrolle macht jeder was er will, am liebsten nichts. Olah ging weiterhin seinen Gewohnheiten, am liebsten sass er mit Dorfalkoholikern vor dem Laden und trank Bier. Dazu gibt es eine Anekdote: Während er vor dem Laden sass, grüssten ihn immer wieder unbekannte Menschen. Er fragte einen seiner Kumpanen:
„Wer sind all die Menschen? Wieso grüssen sie mich so hochachtungsvoll?”
„Das sind deine Mitarbeiter”, antwortete dieser.
Kein Wunder, dass die Firma Pleite ging.
Zu jener Zeit war er im Pub sehr spendabel. Einen grossen Teil seiner Erbschaft hatte er, wie man im Volksmund sagt, gemeinsam mit seinen Freunden versoffen.
Olah ist gebildet und drückt sich gewählt aus. Man nennt ihn deshalb „Professor”. Seine Sprüche sind einmalig, wie zum Beispiel, wenn er in den Pub kommt und zu der Bedienung sagt: „Wie viel muss ich bezahlen, damit ich sofort besoffen bin?”
Oder wenn er sich betrunken mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause macht. Er stosst es natürlich, zum Fahren ist er nicht in der Lage. Für unterwegs bestellt er sich einen Whiskey im Glas, mit Eis. Auch um einen Aschenbecher bittet er die Bedienung, damit er unterwegs seinen Zigarettenstummel nicht auf die Strasse werfen muss.
Einmal begleitete Olah, bereits recht betrunken, einen Freund, als dieser nach alten Regeln ein Mädchen kennenlernen sollte, was die Eltern der beiden organisierten. Sie wurden freundlich empfangen und während Olah bald am Tisch schlief, lobte die Mutter ihre Tochter in allen tönen, so wie es in solchen Situationen üblich war. Am Schluss sagte sie: „Wie Sie sehen, unsere Tochter hat die besten Eigenschaften, nur ein wenig hübscher könnte sie sein.” In diesem Augenblickt wachte Olah auf und schoss wie eine Kanone. „Ein wenig?”
Ich lernte Olah an einem Nachmittag im Pub kennen. Er sass an einem Tisch mit Andja, einer Frau die ich gut kannte. Ich setzte mich zu ihnen. Olah ist ein gut aussehender Mann, er gleicht Sean Connery - bis er den Mund aufmacht. Auch er, wie so viele anderen im Dorf, hat nur noch einige Zahnüberreste. Und während Andja und ich plauderten und ihn kaum beachteten, versuchte er immer wieder etwas zu sagen, was ihm aber nicht gelang, er hatte bereits sehr tief in die Bierflaschen geguckt. Ab und zu gelang es ihm sich in unser Gespräch einzumischen, doch dann wusste er nicht, was er sagen wollte. Nach etwa drei Stunden, stand er plötzlich abrupt auf und sah Andja an.
„Ich weiss jetzt, was ich dich fragen wollte!”, sagte er.
„Na endlich!”, antwortete sie lachend. „Also was willst du mich fragen?”
„Wie heisst du?”, fragte Olah.
Es werden noch viele andere Geschichten über ihn an den Partys, oder im Pub erzählt. Die meisten Menschen lieben sie. Vielleicht deshalb, weil alle lustig sind.

Maca
Maca ist Sebastians Nachbarin. Sie ist 90 Jahre alt, sieht aber aus, als wäre sie 70. Sie ist eine offene und herzliche Frau, die einen gerne umarmt und küsst, wenn man sich irgendwo begegnet. Für ihr Alter sieht sie phänomenal aus. Sie ist immer elegant gekleidet, manchmal trägt sie sogar einen Hut, und sie ist immer sorgfältig geschminkt. Sie hat eine schöne Zahnprothese, die man, wenn sie jünger wäre, für echte Zähne halten würde.
Maca ist ein echtes Party-Girl. Sie kommt als Erste und geht als Letzte. Nicht selten trinkt, singt, tanzt und flirtet sie um drei Uhr morgens immer noch.
Maca ist seit vielen Jahren Witwe und hat bis vor Kurzem allein gelebt. Als ihr viel jüngerer Freund jedoch an Demenz erkrankte, nahm sie ihn zu sich und kümmert sich seitdem um ihn. Es ist schon faszinierend, dass eine Neunzigjährige ihren siebzigjährigen Freund pflegt. Oder?
Eines Abends gingen Sebastian und ich ins Kulturzentrum von Melenci, um uns eine Gasttheatervorstellung anzuschauen. Das gesamte Stück bestand aus einem Monolog. Zunächst hatte ich Bedenken, da ich bei langweiligen Vorstellungen gerne einschlafe. Doch der Schauspieler war so gut und das Thema so interessant, dass ich kein einziges Mal einnickte. Es handelte sich um das Leben in einem Lager für politische Häftlinge zur Zeit Titos. Der Saal war bis zum letzten Platz besetzt, denn es gab nicht oft Theatervorstellungen in Melenci. Auch Maca war da. Das Publikum schien das Stück zu mögen. Alle lauschten gebannt der satirischen Sicht des Erzählers. Denn es gab immer noch viele Menschen, die sich an die Zeit der politischen Repression durch die Kommunisten erinnerten, jedoch nicht wussten, was genau mit den politischen Gefangenen geschah.
Plötzlich, etwa zwanzig Minuten nach Beginn der Vorstellung, schoss Maca wie von einer Wespe gestochen auf.
„Das alles ist eine Lüge!”, schrie sie und bahnte sich einen Weg durch die Sitzreihen in die Mitte des Saals. „Und die Art der Darstellung ist beleidigend! Schämen Sie sich!”
Der Schauspieler verstummte, im Publikum herrschte absolute Stille. Wie eine Göttin der Gerechtigkeit stand Maca da: mutig, frech, anmassend, unversöhnlich. Aus ihren Augen schoss Feuer in Richtung des Schauspielers und der Organisatoren. Dann drehte sie sich theatralisch um und marschierte nach draussen. Hinter ihr ging die Tür krachend zu.
Betretene Gesichter im Saal. Was war denn das? Sebastian und ich wussten es. Nur wenige Leute im Dorf kannten Maca so gut wie wir. Sie und ihr Mann lebten in Belgrad und zogen erst nach seiner Pensionierung nach Melenci. Ihr Mann arbeitete beim Geheimdienst. Er war ein überaus loyaler Diener des Titos Regimes. Er und seine Kollegen waren dafür verantwortlich, dass es solche Lager gab, wie in dieser Aufführung gezeigt. Auch ich war damals, wie die meisten Bürger Jugoslawiens, regimetreu. Trotzdem gefiel mir nicht, was den Gegnern Titos widerfuhr. Doch die Propagandamaschinerie und die Angst vor Repressionen hatten uns zu blinden und stummen Schafen gemacht. Inzwischen weiss ich das und habe meine Meinung über Tito geändert. Maca offenbar nicht. In ihren Augen beschmutzt diese Aufführung nicht nur die Ehre ihres verstorbenen Mannes, sondern auch alles, was sie ihr Leben lang für richtig gehalten hat.
Ich teilte Macas Kritik an der Vorführung nicht, doch ich war fasziniert davon, dass eine neunzigjährige Frau den Mut hatte, vor einem ganzen Saal aufzustehen und für ihre Überzeugung einzutreten. Chapeau!

Serbien, das fremde Land
Als meine Mutter und ihr zweiter Ehemann unser Haus in Zrenjanin verkauften und nach Melenci zogen, konnte das niemand aus ihrem Freundeskreis verstehen.
„Die Menschen von Melenci sind die Schlimmsten in der ganzen Region. Sie sind neidisch, unfreundlich, akzeptieren keine Fremden und tratschen gerne”, waren einige ihrer Kommentare. Doch mein Stiefvater hatte sich in die Umgebung verliebt, nachdem er fast ein ganzes Jahr im Reha-Center verbracht hatte. Unser Haus in Zrenjanin befand sich an einer vielbefahrenen Strasse, das Haus in Melenci grenzte an einen Park, in dem er damals viele schöne Stunden verbrachte. Im Nachhinein betrachtet, war es keine schlechte Entscheidung, denn der Wert dieses Hauses hat sich inzwischen verdreifacht.
Zu dieser Zeit kam ich selten nach Serbien, sodass ich nie die Gelegenheit hatte, mir eine Meinung über die Bewohner von Melenci zu bilden. Die politischen Unruhen nach dem Balkankrieg der neunziger Jahre hielten mich davon ab, Serbien, das Nachfolgeland von Jugoslawien, zu besuchen. Zu jener Zeit besass ich nicht einmal einen serbischen Pass. Obwohl sich in diesem Land nur der Name und die politische Struktur verändert hatten, war es für mich ein fremdes, unsympathisches Land. Plötzlich waren alle religiös. Massenhaft liessen sich Leute aus meiner Generation taufen, gingen regelmässig in die Kirche und feierten eifrig religiöse Feiertage. Ich konnte das nicht verstehen. In Jugoslawien waren wir alle atheistisch erzogen worden. Wie kann man als Vierzig- oder Fünfzigjähriger plötzlich religiös werden? Ich konnte das nicht. Es schien mir nicht richtig, so zu tun, als ob. Man kann sich nicht zum Glauben zwingen. Entweder man fühlt es, oder nicht. Die plötzliche, massenhafte Rückkehr zur Kirche schien mir nicht echt, sondern eher eine Mode oder ein Trend. Zumal es damals in Jugoslawien unter den Kommunisten nicht verboten war, religiös zu sein. Man belächelte die Gläubigen zwar, liess sie aber in Ruhe.
Doch nicht nur die plötzlich aufkeimende Religiosität störte mich. Auf einmal gab es unzählige Millionäre in Serbien, die mit Vorstadtpanzern wie BMW, Mercedes und Audi herumfuhren, mit ihrem Reichtum prahlten und sich keinen Deut um die Gesetze kümmerten. Traurig war, dass die gewöhnlichen Menschen sie bewunderten und viele davon träumten, sich ein Stück vom neuen Wohlstand zu ergattern. Und schon wieder gab es etwas, das ich nicht verstehen konnte. Wie war es möglich, dass die Leute nicht sahen, dass man nur mit zwielichtigen Geschäften so schnell reich werden konnte? Hatten die Serben ihre Seele mit dem Geld ausgetauscht?
Die katastrophalen Zustände im Natur- und Tierschutz waren der Gipfel. Serbien war definitiv nicht mein Land. Ich fuhr nicht mehr dorthin. Erst als mein Stiefvater starb und meine Mutter allein lebte, flog ich ab und zu für eine Woche nach Melenci. Hatte ich deshalb ein schlechtes Gewissen? Nein, denn meine Mutter war eine selbstständige Frau und benötigte meine Hilfe nicht. Erst als im Jahr 2014 mein erstes Buch in einem serbischen Verlag erschien, fuhr ich in jährlichen Abständen nach Melenci, da ich Buchpräsentationen und Fernsehauftritte hatte.
Durch meine Mutter lernte ich Menschen kennen und konnte mir so nach und nach ein Bild von ihnen machen. Ja, sie mögen keine Fremden, auch wenn sie schon seit dreissig Jahren im Dorf leben. Auch deren in Melenci geborene Kinder mögen sie nicht. Vielleicht ist das Wort „mögen” nicht das richtige. Man ist ihnen gegenüber nicht aggressiv oder offen ablehnend. Sie gehören einfach nicht dazu. Echte Freundschaften zwischen Zugezogenen und Einheimischen sind selten. Die Roma, oder „Zigeuner”, wie man sie in Melenci immer noch nennt, haben es besonders schwer. In den Augen der meisten Dorfbewohner sind sie faul, ungebildet und primitiv. Sie stehlen alles, was nicht fest verankert ist, belasten die Sozialhilfe mit hohen Kosten. Sie sind sogar bereit für Geld Meineid zu leisten, wenn jemand vor Gericht einen Zeugen braucht.
Ich persönlich kann das weder bestätigen noch verneinen, denn ich kenne keinen Roma persönlich. Ich hatte keine Gelegenheit, einen kennenzulernen, da niemand aus meinem Freundeskreis mit Roma verkehrte. Wenn ich Menschen fragte, was sie gegen Roma haben, gaben sie immer die gleiche Antwort: „Ich habe nichts gegen Roma, aber ...” Es gibt immer ein „Aber”. An was erinnert mich das? Ah, ja! An die Schweiz. „Ich habe nichts gegen Jugos, aber ...” Das habe ich als ehemaliger Jugo hier auch schon oft gehört.
Die eindeutigste Erfahrung, die ich in Melenci gemacht habe, ist, dass man hier nicht aussergewöhnlich sein darf. Man darf weder besser noch schlechter als die Mehrheit sein. Man sollte sich schön in der Mitte halten, den Kopf nicht zu hoch heben, dann lässt man einen in Ruhe. Ansonsten brodelt die Gerüchteküche. Man kann sich ausmalen, wie das Dorf auf meine Beziehung mit Sebastian reagierte. Eine Frau im Pensionsalter und ein Mann, der ihr Sohn sein könnte.
Eine weitere Erfahrung ist, dass man als Schweizerin in Melenci automatisch als wohlhabend gilt. Ständig wurde ich von Menschen, die ich kaum kannte, um Geld gebeten. „Nur bis ich den Lohn bekomme, dann gebe ich es dir zurück.” Doch der Lohn kam, mein Geld aber nicht. Es gab immer neue Ausreden, warum ich noch warten müsse. Ich entschloss mich deshalb, niemandem mehr Geld zu leihen. Das wurde als sehr egoistisch angesehen. „Sie hat es und gibt mir nicht. Was für ein schlechter Mensch.” Anfänglich tat mir diese Einstellung weh, doch bald war sie mir egal.
Unser Park

Das Recycling
Mir war bewusst, dass es um den Umweltschutz in Serbien nicht gut steht, doch erst, als ich hier lebte, erkannte ich das volle Ausmass der ökologischen Katastrophe vor meiner Haustür, die fast unbemerkt blieb. Hier landete alles im Müll. PET-Flaschen, Glas, Aluminium, Konserven, Batterien. Da das Trinkwasser seit siebzehn Jahren verunreinigt war, kaufte jeder, der es sich leisten konnte, Mineralwasser im Laden. Dadurch entstanden unglaubliche Mengen an PET-Flaschenmüll.
Als ich Leute fragte, ob sie schon einmal etwas vom Recycling gehört hätten, bekam ich folgende Antwort: „Natürlich wissen wir, dass es nicht gut ist, wenn alles in den Müllsack landet. Aber bei uns gibt es keine Stellen, wo wir solchen Abfall bringen können. Vielleicht gibt es solche Stellen in grösseren Städten, hier jedoch nicht.“ Ich erfuhr auch, dass einige Roma PET-Flaschen sammelten und in der nahe gelegenen Stadt Zrenjanin verkauften. Es gab also doch eine Stelle, wo man sie abgeben könnte. Das hiesse jedoch, dass man 20 Kilometer hin und 20 Kilometer zurück fahren müsste, um das PET-Material abzugeben. Das Geld, welches man dafür bekäme, würde die Benzinkosten bei weitem nicht decken. Man müsste ein sehr grosser Idealist sein, um so etwas auf sich zu nehmen. Dasselbe galt für Aluminium-Dosen. In Serbien wird sehr viel Bier in Dosen getrunken und alle diese Dosen landen im Müll. Das Schlimme daran ist, dass dieser Müll auf offenen Deponien entsorgt wird, denn es gibt keine Verbrennungsanlagen. Zumindest nicht in unserer Umgebung. Die meisten Menschen wissen nicht einmal, welchen Schaden die Batterien allein an offenen Deponien anrichteten.
Damit konnte ich mich nicht abfinden und fing an, im Internet zu suchen. Bald stiess ich auf „Zelene Sapen”, was auf Deutsch „Grüne Pfoten” bedeutet. Diese Organisation setzte sich für Umwelt- und Tierschutz ein. Durch das Recycling halfen sie der Umwelt und kauften mit dem dafür erhaltenen Geld Futter für die Strassenhunde, um die sie sich kümmerten. Sie nannten eine Adresse, wo man das Recyclinggut bringen konnte. Ich war von dieser Idee begeistert. Die alte Revoluzzerin in mir erwachte. Schon in den Achtzigern, als das Waldsterben die Welt wachrüttelte, hatte ich mich für den Umweltschutz eingesetzt. Ich ging demonstrieren, als die Atomkatastrophe in Tschernobyl die Welt verpestete. So fing ich an, PET-Flaschen, Aludosen und Glas zu sammeln. Batterien konnte man nicht abgeben, da es in Serbien keine einzige Fabrik für die fachmännische Entsorgung von Batterien gab. Ich sammelte sie in einer Schachtel, in der Hoffnung, auch dafür irgendwann eine Lösung zu finden.
Bald begannen auch meine Freunde, ihre PET-Flaschen bei mir abzugeben. Sie fanden mein Engagement lobenswert, auch wenn sie dachten, dass das, was ich tat, nur ein Tropfen auf dem heissen Stein sei. Ich liess mich von meiner Idee nicht abbringen, schliesslich wurden wir in den Achtzigern auch belächelt. Sie nannten uns „Körnlipicker” und „Sandalentreger”. Heute ist Umweltschutz ein etabliertes Thema. Es hat sich gelohnt, dafür zu kämpfen. So entstand das erste Recycling-Center in Melenci, wie ich es im Spass nannte. In einem Facebook-Post habe ich davon geschrieben und irgendwie wurde die Zeitung Blic, das Pendant zu unserem Blick, auf mich aufmerksam. Sie interviewten mich nicht nur über mein kleines Recycling-Center, sondern auch darüber, was ich, die aus der Schweiz kam, in Serbien gut und was schlecht fand. Der reisserische Titel „Katia Wunderlin kam aus der Schweiz und war schockiert” erhielt viele Kommentare. Meist waren sie negativ oder von oben herab. Der erste Kommentar war: „Erzähl keinen Scheiss, Oma.” Jetzt war ich wirklich schockiert – nicht wegen des dummen Spruches, sondern weil ich „Oma” genannt wurde. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass ich mit meinen 65 Jahren in den Augen der Menschen in Serbien eine Oma war. In der Schweiz hatte ich dieses Gefühl nie.
Doch warum erzähle ich das? Weil es ein klassisches Beispiel für die negative Grundeinstellung der Menschen hier ist. Ich bin sicher, dass die meisten von ihnen das Interview nicht einmal gelesen haben. Aber dass sich eine Schweizerin erdreistet, sie zu kritisieren? Das geht gar nicht! Sie soll doch zurück in ihre heile Schweiz gehen, wenn ihr das hier nicht passt. Dass ich mich als Schweizerin für IHRE Umwelt einsetze, ist an ihnen vorbeigegangen. In Serbien weiss man, wie es um den Umweltschutz im eigenen Land steht, aber das empfinden sie als ihre eigene Sache, in die sich niemand einzumischen hat. Das ist in allen Bereichen so. Kritik von aussen ist ein No-Go! Das liegt wohl in der Natur der Menschen hier. So wie die Schweizer bei allem gerne mal abwarten, sind die Serben erst einmal grundsätzlich dagegen.
Und nun zurück zu meiner Geschichte. Jedes Mal, wenn ich in die Stadt fuhr, nahm ich so viele Säcke mit, wie ins Auto passten, und lieferte sie im kleinen Recycling-Center der Grünen Pfoten ab. „Recycling-Center” ist vielleicht eine übertriebene Bezeichnung für ein verlassenes Haus, das der Besitzer den „Pfoten” kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Die Leute deponierten dort ihre Säcke, die dann von freiwilligen Helfern in grosse, sogenannte Jumbo-Säcke verteilt wurden – feinsäuberlich nach PET, Aluminium, Papier, Karton und Glas getrennt. Ein Lastwagen kam regelmässig vorbei und nahm das Gut mit, das in einem richtigen Recyclingzentrum in Novi Sad gewogen und danach entsorgt wurde.
Als Grüne Pfoten Freiwillige für diese Arbeit suchten, habe ich mich gemeldet. Danach fuhr ich einmal pro Woche dorthin, sortierte den Abfall und fühlte mich dabei grossartig. Ich tat etwas Sinnvolles. Es war ein zweiter Tropfen auf dem heissen Stein. Die Arbeit war anstrengende und dreckig, denn es gab eine Unmenge an Säcken, die sortiert werden mussten und die oft klebten, oder den verfaulten Rest der Getränke beinhalteten. Auch wussten die Menschen, die uns das Material brachten, nicht immer, was man unter PET-Flaschen versteht, so landete auch eine grosse Menge gewöhnlicher Plastik in die Säcke, die dann aussortiert werden musste. Manchmal nahm ich meine Mutter mit. Es rührte mich bis zu den Tränen, wie genau sie ihre Aufgabe erledigte und wie glücklich sie dabei aussah. Es tat ihr gut, wieder gebraucht zu werden.
In dem kleinen Hof des verlassenen Hauses gingen jährlich Tonnen von Material durch die Hände der Freiwilligen. Die Grünen Pfoten erhielten dafür etwa fünfzig Franken pro Monat. Für uns in der Schweiz ist es unvorstellbar, dass man für so viel Arbeit so wenig bekommt. Aber für dieses Geld konnte man fünfzig Kilogramm Futter für die herrenlose Tiere kaufen und die Umgebung war ein bisschen sauberer.

Zelene Sapen – Grüne Pfoten
Nachdem ich die Feuertaufe im Recycling-Center bestanden hatte, galt ich als offizielle Freiwillige des Tierschutzvereins Zelene Sapen. Das bedeutete, dass ich auch in ihrem Tierheim aushelfen durfte. Ich war dankbar für die Möglichkeit, mit Hunden zu arbeiten. Mein geliebter alter Hund Lennon war inzwischen gestorben und die grosse Leere, die er hinterlassen hatte, musste gefüllt werden.
Auf dem Weg zum Tierheim dachte ich an die Zeit, in der ich als freiwillige Helferin in einem Tierheim in der Schweiz Katzen betreut habe. Ich spielte mit ihnen, streichelte sie und tröstete die Traurigen. Es war eine sehr angenehme, aber auch emotionale Arbeit, denn ich liebe Katzen über alles. Ich litt mit denen, die niemand wollte, weil sie unnahbar oder nicht verschmust waren, und freute mich mit denen, die ein neues Zuhause bekamen.
Jetzt war ich auf dem Weg zu 45 Hunden, die allesamt eine traurige oder gar schreckliche Vergangenheit hatten. Wie werde ich damit fertig? fragte ich mich, während mein alter Volkswagen sich durch den Schlamm des Naturwegs kämpfte. Würde ich so viel Elend ertragen können? Waren die Hunde vielleicht aggressiv? Das war durchaus möglich, denn ich kannte die Geschichte einiger von ihnen von Facebook, wo nach einem neuen Zuhause für sie gesucht wurde. Ich stellte mir eine Horde abgemagerter, ungepflegter, misstrauischer, armer Seelen vor und mir war dabei alles andere als wohl.
Das Tierheim lag ausserhalb der Stadt auf einem grossen Grundstück, das die Organisation Zelene Sapen von einer Frau als Spende erhalten hatte. Ich sah von weitem einen kleinen Wohnwagen und einige Hilfsgebäude. Rundum gab es einen hohen Zaun. Eine andere Freiwillige, die sich seit Jahren um die Strassenhunde kümmerte, wartete bereits auf mich. Ich stieg aus. Das Hundegebell übertönte jedes Wort, das ich sagen wollte.
„Das hört schon auf, sobald wir drinnen sind”, schrie sie lachend. „Sie möchten uns nur begrüssen.”
Mindestens zwanzig Hunde warteten auf uns beim grossen Gittertor. Unsere Stiefel versanken im Schlamm, es hatte in der letzten Zeit viel geregnet.
Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel gebündelte Lebensfreude erlebt wie bei diesen Hunden. Sie sprangen uns entgegen, jeder wollte gestreichelt, begrüsst oder einfach nur wahrgenommen werden. Ihre Augen glänzten, ihre Muskeln zitterten. Bereits nach einigen Sekunden sahen wir aus wie sie: von Kopf bis Fuss mit Schlamm bedeckt, aber unvorstellbar glücklich.
Tatsächlich beruhigten sie sich nach kurzer Zeit und ich liess mir das Tierheim und die Aufgaben erklären. Das Areal war in mehrere Höfe aufgeteilt, da nicht alle Hunde miteinander klarkamen. So gab es den grossen Hof, auf dem wir uns befanden, für die unkomplizierten und freundlichen Hunde. Für die Hunde, die zwar mit denen aus dem grossen Hof nicht klarkamen, aber untereinander keine Probleme hatten, gab es mehrere kleinere, eingezäunte Höfe. Es gab auch Boxen, in denen diejenigen wohnten, die ihre Artgenossen nicht mochten. Sie wurden regelmässig zum Spazieren rausgeführt oder in leeren Höfen zum Austoben freigelassen. Erstaunlich war, dass alle Hunde ohne Ausnahme überaus freundlich zu Menschen waren. Es gab nie einen Angriff auf die freiwilligen Helfer oder Besucher. Das beruhigte mich, denn trotz aller Liebe habe ich tief in meinem Inneren eine Angst vor unbekannten Hunden.
Meine erste Aufgabe bestand darin, den Hundekot im gesamten Areal zu sammeln. Mit einem Eimer, Besen und Schaufel ausgerüstet, machte ich mich an die Arbeit, während eine Kollegin die Boxen reinigte und weitere Helfer die Wasserbehälter säuberten und neu befüllten. Die Hunde hatten sich inzwischen weitgehend beruhigt und folgten uns bei unserer Arbeit auf Schritt und Tritt. Sobald man einen von ihnen streichelte, kamen sofort fünf andere, die ebenfalls gestreichelt werden wollten.
Während der Pause beobachtete ich die Tierheimbewohner genau. Von Traurigkeit oder Apathie war nichts zu sehen. Sie wirkten gesund und waren nicht abgemagert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie hatten viel Platz und jeder Hund hatte seine eigene Hütte. In den Hütten gab es Stroh, das an nassen Tagen regelmässig gewechselt wurde. Ich erfuhr, dass alle Hunde geimpft, gechippt und kastriert sind. Auch werden sie bei Krankheit oder Verletzungen medizinisch bestens versorgt. Ja, diese Hunde waren zwar in einem Tierheim, aber das war immer noch besser, als auf der Strasse zu sein, von Menschen und anderen Hunden schikaniert zu werden und ständig auf der Suche nach etwas Essbarem zu sein. Die Weibchen mussten nicht ständig Junge gebären, um die sie sich auch noch kümmern mussten. Und das dank den Zelene Sapen und den Menschen die sie unterstützten. Es war ein gutes Gefühl, dazu zu gehören.
Das Tierheim von "Zelene Sapen"

Der Tierschutz in Serbien
Grundsätzlich lieben die meisten Menschen in Serbien Hunde und Katzen – solange sie klein und süss sind und nichts kosten. Es gibt jedoch einen grossen Unterschied zwischen der Stadtbevölkerung und den Menschen auf dem Land. Auf dem Land gehört ein Hund nach draussen, auf den Hof. Die Glücklichen dürfen sich frei bewegen, die anderen – leider sehr viele – verbringen ihr Leben an der Kette, nachdem sie nicht mehr klein und süss waren und die Kinder kein Interesse mehr an ihnen hatten. Sie werden meistens mit den Essensresten ihrer Besitzer gefüttert. Es gibt aber auch solche, die das billigste Trockenfutter aus dem Tierladen kaufen. Auch unter meinen Bekannten gab es solche, die ihre Hunde nie von der Kette liessen. Auf meine Frage, warum das so ist, bekam ich haarsträubende Antworten wie z. B. „Er gräbt Löcher im Garten”, „Er belästigt Besucher und Kinder” oder „Es macht ihm nichts aus, er ist es gewohnt, angekettet zu sein”. Manch einer liess das Tor offen und liess den Hund auf die Strasse oder setzte ihn weit weg vom Dorf aus, wenn er ihn nicht mehr haben wollte. Deshalb gibt es in Serbien so viele Strassenhunde. Viele sind sich nicht bewusst, dass Hunde fühlende Wesen sind und keine Spielzeuge für Kinder oder eine Last, die gefüttert werden muss.
Wenn die Population dieser Hunde in einem Dorf zu gross wird, werden Hundefänger gerufen. Sie sammeln die Hunde ein und bringen sie ins städtische Tierheim. Dort beginnt für die Hunde das eigentliche Elend. In diesem Tierheim leben mindestens zweihundert Hunde. Zwar werden sie regelmässig gefüttert, aber ansonsten sich selbst überlassen. Ich war einmal dort, um einen Hund herauszuholen. Es ist ein schönes, grosses Areal und die Mitarbeiter sind in Ordnung, aber sie haben keine Zeit, sich liebevoll um die gestrandeten Tiere zu kümmern – es sind einfach zu viele. Ausserdem wird zu wenig unternommen, um über die Sozialen Medien auf die tragische Situation der Hunde aufmerksam zu machen und die verantwortlichen Politiker unter Druck zu setzen.
Als ich dort war, wurden die Hunde gerade gefüttert. Das Futter wurde in verschiedenen grossen Behältern eingefüllt und der Kampf ums Überleben begann. Geschrei, Beissereien, Winseln. Ich wandte mich ab. Was konnte ich sonst tun? Die meisten Menschen wenden den Blick ab, wenn etwas Schlimmes geschieht und sie keine Macht haben, dies zu verhindern. Ein Selbstschutzmechanismus, nehme ich an. Und wieder wurde mir bewusst, wie gut es unseren Hunden im Heim von Zelene Sape geht. Dort hat jeder sein eigenes Futtergeschirr, wodurch Streitereien grösstenteils verhindert werden.
Ich weiss, dass Menschen in der Schweiz, das was ich gerade beschreibe, ungerne lesen. Es ist zu traurig. Wir haben keine Strassenhunde und unsere Tierheime sind dank guter Gesetze und Tierschutzorganisationen nicht überfüllt. Auch werden bei uns unvermittelbare Hunde nicht eingeschläfert. In Serbien ist das ganz anders. Was mit diesen Hunden geschieht, ist klar. Sie werden nicht ihr Leben lang durchgefüttert, denn man braucht Platz für die Neuen, die bestimmt kommen werden. Diejenigen, die nicht von den Hundefängern eingefangen wurden, hatten Glück. Sie durften weiterleben, so schwer ihr Leben auch sein mag, es ist ein Leben. Aber sie vermehren sich weiter, ihrer Natur entsprechend. Es ist eine nie endende Geschichte, die beendet werden könnte, wenn die verantwortlichen staatlichen Stellen ihre Arbeit richtig und im Interesse der Tiere machen würden.
Ich möchte betonen, dass ich den Angestellten keinen Vorwurf mache. Sie tun ihre Arbeit so gut sie können. Auch wenn man sich mit der Zeit an das Elend gewöhnt, lässt sie dieses schreckliche Schicksal der Tiere bestimmt nicht kalt. Das Problem müsste von den Politikern ernsthaft angegangen werden. Ich kann mir vorstellen, dass es in allen anderen staatlichen Heimen nicht anders aussieht. Doch die Politiker sind mit anderen Problemen beschäftigt und die Menschlichkeit steht weit unten auf ihren Parteiprogrammen.

Das Leben der Strassenhunde
Nicht alles, was staatliche Institutionen tun, ist schlecht. Unsere nahegelegene Stadt Zrenjanin nimmt an einem Programm teil, das das Problem der Strassenhunde wenigstens ein wenig mildert. Mehrere Städte in Serbien führen dieses Programm durch. Das sogenannte CNR-Programm ist eine umfassende Methode zur Kontrolle von Strassenhunden. Es ist ein humanes Programm, das das Einfangen, die Sterilisation oder Kastration, Impfung und Rückführung der Strassenhunde in ihren natürlichen Lebensraum beinhaltet. Dort haben die Hunde Betreuer, die sich um sie kümmern und sie füttern. In der Regel tragen die Hunde neben einem Chip auch leuchtend farbige Halsbänder, die den Menschen signalisieren, dass der Hund gesundheitlich kontrolliert, sozialisiert und zahm ist und dass man ihn füttern, streicheln und ihm Wasser geben kann. Leider gibt es immer wieder Menschen, die diesen Hunden das Halsband abnehmen. Warum sie das tun, möchte ich lieber nicht kommentieren.
Nicht nur die CNR-Hunde, sondern alle herrenlosen Hunde werden von den freiwilligen Helfern der lokalen Tierschutzorganisationen, wie Zelene Sape, regelmässig gefüttert. Ihr gesundheitlicher Zustand wird beobachtet und bei Krankheit oder Verletzung werden sie zum Tierarzt gebracht und medizinisch versorgt. Zudem werden sie auf Facebook zur Adoption ausgeschrieben.
Es ist erstaunlich, wie viele gute Menschen es in Serbien gibt, die bereit sind, einen Strassenhund zu adoptieren. Allein Zelene Sape schafft es jährlich, für 50 Hunde ein neues Zuhause zu finden. Das ist erstaunlich, weil hier kleine, wuschelige Hunde wie Malteser sehr beliebt sind, vor allem in den Städten. Denn auch hier gibt es einsame Menschen, für die der Hund zum Sozialpartner wird. Ich möchte diesen Menschen nicht unterstellen, dass sie Strassenhunde nicht mögen. Wahrscheinlich ist es einfacher, einen kleinen Hund in der Wohnung zu halten. Dennoch spricht der Slogan von Zelene Sape „Kaufe nicht, adoptiere aus Liebe” viele tierliebende Menschen an.
Ich selbst habe zwei Hunde von „Zelene Sapen” adoptiert und keine Sekunde bereut. Der erste ist Aja. Sie wurde als Welpe von Aleksandra, der Präsidentin des Vereins, auf einem Feld gefunden, als sie nur ein paar Wochen alt war. Aja wuchs bei Aleksandra auf. Da Aleksandra selbst bereits fünf andere Hunde hatte und Platz für einen Notfall benötigte, fragte sie mich, ob ich Aja vorübergehend aufnehmen würde, bis man für sie ein gutes Zuhause gefunden hätte. Da Aja sehr katzenlieb war und bei mir bereits sieben Katzen lebten, willigte ich ein. Schon nach zwei Tagen wusste ich, dass Aja für immer bei mir bleiben würde. Sie hat ein unglaublich gutes Wesen. Sie liebt Menschen, vor allem Kinder, und sie liebt Katzen. Mit ihren 45 Kilo wirkt sie wie eine herzensgute Riese.
Etwas später kam Wolfi zu uns. Er wurde im Alter von drei Monaten im Niemandsland gefunden. Er war zu jung für das Tierheim und auf der Strasse wäre er nicht zurechtgekommen. Eine temporäre Lösung war es, ihn in einer Box im Recycling-Center unterzubringen. Die Helferinnen, die dort den Abfall sortierten, sollten ihn regelmässig Gassi führen. Mir brach das Herz, als ich sah, dass ein so junger Hund auf drei Quadratmetern sein trauriges Dasein fristen musste. Ich nahm ihn mit nach Hause. Zunächst temporär, bis wir eine Lösung für ihn gefunden hatten. Aja akzeptierte ihn sofort, Dzeki, der Hund meiner Mutter, hatte so seine Mühe, aber irgendwann klappte es doch. Im Nu brachte Wolfi das friedliche Leben von Hunden und Katzen in unserem Hof durcheinander. Er jagte Katzen, löcherte den Garten, stritt mit Dzeki und zerstörte alles, was ihm in die Pfoten kam. Ich tröstete mich damit, dass er bald vermittelt werden würde, doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass Wolfi niemand adoptieren wird. Er war ein wilder, schwarzer Hund, und solche Hunde gab es zu Tausenden in Serbien. Doch ich brachte es nicht übers Herz, ihn, als er erwachsen war, ins Tierheim zu bringen – ich liebte den wilden Spinner inzwischen. Ich hatte einen Teil des Gartens eingezäunt, damit die Katzen wenigstens dort ihre Ruhe vor ihm hatten. Und Wolfi blieb.
Abschliessend möchte ich zu diesem Thema noch anmerken, dass nicht nur die Politiker für die vielen Strassenhunde verantwortlich sind. Auch die Menschen selbst sind daran schuld. Vor allem auf dem Land ist eine Kastration der Tiere für die meisten Menschen unvorstellbar. „Das ist gegen die Natur”, ist ihr Hauptargument. Auf meine Frage, ob es natürlicher ist, die Welpen zu töten oder ins Niemandsland zu bringen, bekam ich meistens keine Antwort. Hier muss noch enorme Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Irgendwo im Nirgendwo

Dusan
In Serbien wurde mir oft vorgeworfen, wir würden unsere Hunde in der Schweiz vermenschlichen und sie seien bei uns nicht artgerecht gehalten, da sie oft als Ersatz für fehlende Sozialkontakte dienen. In einigen Fällen mag das stimmen, aber zu unserer Verteidigung brachte ich das Argument vor, dass wir mit unseren Hunden regelmässig spazieren gehen, Hundeschulen besuchen und sie überall mitnehmen. Sie sind Teil der Familie. In Serbien, auf dem Land, ist das anders. Der Hund lebt draussen und darf nur in seltenen Fällen ins Haus. Mit dem Hund geht niemand spazieren, das wäre schon etwas komisch. Oft wird er von den Kindern ferngehalten, da er dreckig ist und sie sich sonst mit Gott weiss was anstecken könnten. Der Hund wird nicht als Teil der Familie angesehen. Es gibt natürlich immer Ausnahmen, auch in Melenci. Eine dieser Ausnahmen ist Dusan.
Dusan ist von Beruf Zahntechniker und arbeitet in Teilzeit. In seiner übrigen Zeit ist er Bauer. Ein leidenschaftlicher Bauer. Er besitzt 200 Schafe, zwei Esel, drei Pferde, einige Schweine sowie mehrere Hunde und Katzen. Einen Bauern wie ihn habe ich in Serbien nicht kennengelernt. Seine Hunde sind geimpft, gut ernährt und leben frei auf seinem Hof ausserhalb des Dorfes. Sie dürfen mit den Kindern spielen, obwohl drei von ihnen Herdenschutzhunde sind, die einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt haben und zu den Besuchern äusserst misstrauisch sind. Ein Border Collie und mehrere Serbische Pulins sorgen dafür, dass die Herde auf die Weide und zurück getrieben wird. Die Pulins sind wie Border Collies. Sie haben das Treiben in den Genen und erledigen ihre Arbeit absolut selbständig.
Ich mag Dusan sehr. Er ist ein gut aussehender Mann mitte dreissig, immer fröhlich und gesprächig. Auch seine Frau Ivana, die als Schulpsychologin arbeitet, mag ich. Mit dem Hobby ihres Mannes kann sie allerdings nicht viel anfangen. Sie ist selten auf dem Hof, lebt in ihrem Haus im Dorfzentrum und kümmert sich um die Kinder. Sie haben zwei Söhne, Zwillinge, die mit ihrem wilden Temperament viel Unfug auf dem Hof anrichten. Obwohl Dusan von morgens früh bis abends spät arbeitet, findet er immer wieder Zeit, bei uns auf ein Bier oder einen Kaffee vorbeizukommen. Dabei erzählt er interessante Geschichten aus seinem Alltag, die meistens sehr emotional sind. Ich mag, wie rührend er sich um seine Tiere kümmert und wie sehr er leidet, wenn eines krank ist, oder die Geburt eines Lamms oder Fohlens nicht gut verlief.
Dusan hat einen Angestellten namens Ramadan, einen Roma, der sich um die Herde kümmert und verschiedene andere Arbeiten erledigt. Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sind Ramadan und Dusan im Laufe der Jahre zu Freunden geworden. Dusan ist blond, hat blaue Augen, schöne Zähne und ist gut gebildet. Ramadan ist schwarz wie die Nacht, hat keine Zähne und keine Bildung. Er hat neun Kinder und eine hübsche, lebenslustige Frau. Als ich sie das erste Mal auf dem Hof von Dusan sah, konnte ich nicht glauben, dass diese Frau in den Vierzigern bereits elf Kinder geboren hatte – zwei von ihnen starben inzwischen. Es ist schön zu sehen wie Dusan mit diesen einfachen Leuten genauso umgeht wie mit seinen gebildeten und gut situierten Freunden. Er ist respektvoll, zahlt einen sehr guten Lohn und betont ständig, dass der Hof ohne Ramadan nicht funktionieren würde. Darauf lacht sein Freund und man sieht, dass sich in seinem Mund doch noch ein paar Zähne befinden.
Dusan macht Ferien, nur wenn er muss, das heisst wenn Ivana darauf besteht. Sie und die Jungs lieben das griechische Meer. Aber Dusan ist ohne seinen Hof unglücklich. So machen sie einen Kompromiss: Griechenland, aber maximal eine Woche. Obwohl Ramadan zu Hause alles unter Kontrolle hatte, drehen sich seine Gedanken in den Ferien dennoch ständig um den Hof und seine Tiere.
„Manchmal erwische ich mich dabei”, erzählte er mir, „wie ich meinen Kindern am wunderschönen Strand beim Spielen zusehe und dabei meine Gedanken davonfliegen. Ich frage mich, ob es den Tieren gut geht und ob auf dem Hof alles in Ordnung ist.”
Der Hof ist nicht nur seine Leidenschaft, sondern sein ganzes Leben. Bei einem oder zwei Bier hat uns Dusan viele wunderbare Geschichten aus seinem Leben erzählt. Es waren rührende, lustige oder traurige Geschichten, direkt aus der Mitte seiner Seele. Eine Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Eines Tages, nachdem einer seiner Treibhunde gestorben war, kaufte sich Dusan einen neuen. Einen rassereinen Pulin, damit er seine Arbeit ganz sicher verstand, denn er war auf die Treibhunde angewiesen. Als der Hund alt genug fürs Treiben war, nahm Ramadan ihn regelmässig mit zu den Schafen. Doch Wochen vergingen und der Hund zeigte keinerlei Interesse am Treiben. Ramadan versuchte, ihm das es schmackhaft zu machen, aber ohne Erfolg. Irgendwann sagte er zu Dusan, dass es mit diesem Hund keinen Sinn habe, da er nicht zum Treiben taugt. Da Ramadan aber unbedingt einen Treibhund brauchte, kaufte Dusan einen erfahrenen Hund und suchte für den anderen ein Plätzchen als Familienhund. Tatsächlich entschloss sich ein Freund, den Hund zu sich zu nehmen.
So setzte sich Dusan eines Tages, mit dem Hund auf dem Beifahrersitz, ins Auto und fuhr los. Der Hund war ausser sich vor Freude, mit seinem Herrn einen Ausflug zu machen. Doch Dusan wusste, dass die letzte gemeinsame Stunde geschlagen hatte. Die Tränen, die er mit aller Kraft zurückzuhalten versuchte, liessen sich nicht aufhalten. Er heulte los wie ein kleines Kind. Der Hund schaute ihn besorgt an und versuchte, die Situation mit dem Lecken von Dusans Ohren in den Griff zu kriegen. Doch nun ging das Heulen erst recht los. Jetzt sah der Hund, dass etwas ernsthaftes geschah, und zog sich zurück. Plötzlich fing er selbst an zu heulen, laut und traurig, als ob das ganze Elend der Welt auf ihn herabgestürzt wäre. Dusan hielt an, wischte sich die Tränen ab, streichelte den Hund und fuhr zurück nach Hause.
Ich erinnere mich nicht mehr, warum Dusan einige Wochen später einen weiteren Versuch startete, den Hund zu seinem Freund zu bringen. Diesmal fasste er sich jedoch zusammen und liess die Emotionen nicht hochkommen, zumal er wusste, dass es dem Hund bei seinem Freund gut gehen würde. Dusan wollte kein Geld für den Hund, ihm war nur wichtig, dass es ihm gut ging. Deshalb lud ihn sein Freund zum Mittagessen in das Restaurant in seinem Dorf ein. Der Hund blieb im eingezäunten Hof.
Das Mittagessen hatte fast zwei Stunden gedauert und nun wollten sie nach Hause, um zu sehen, wie es dem Hund ging. Als sie zu Dusans Auto kamen, traf ihn fast der Schlag. Der Hund lag dort und wartete. Schwanzwedelnd stand er auf und kam ihm entgegen. Wie der Hund über den hohen Gartenzaun kam und wie er das Auto in einem ihm unbekannten Dorf fand, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Eines war jedoch gewiss: Dusan konnte den Hund nicht dort lassen. Er nahm ihn wieder mit nach Hause.
Am nächsten Tag nahm Ramadan den Hund wie gewohnt zu den Schafen mit, damit er ihm Gesellschaft leistet – treiben tat er sowieso nicht. Doch plötzlich glaubte Ramadan seinen Augen nicht: Der Hund ging zu den Schafen und fing an, sie zu treiben. Unglaublich, aber wahr.
Inzwischen habe ich einen neuen Hund: Siri. Natürlich stammt sie von einer von Dusans Hündinnen. Er verpaarte seine Pulin-Hündin Dikana mit dem Border Collie Charli, um zu sehen, was dabei herauskommt. Siri hat den Körperbau des Vaters und die Fellfarbe der Mutter geerbt. Sie ist eine lebensfrohe und freundliche Hündin. Ich nehme sie überall mit und sie ist ein nicht wegzudenkender Teil meines Lebens geworden. Die Lücke, die Lennon hinterlassen hatte, ist endlich gefüllt. Ich sende Dusan oft Fotos von meinen Reisen mit Sebastian und Siri und bin sicher, dass ihm dabei die eine oder andere Freudenträne über das Gesicht rollt.

Der Unfall
In einer Nacht, ich lebte bereits ein Jahr in Serbien, trat das schlimmste Szenario ein, das ich mir für meine Mutter vorstellen konnte. Sie war aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen und fiel dabei um. Zum Glück hatte sie zu dieser Zeit einen Kurgast, den sie um Hilfe rufen konnte, meine Wohnung war zu weit entfernt, sodass ich sie nicht gehört hätte.
Als Sebastian und ich ankamen, sass sie auf dem Boden. Ein Bein war seltsam verdreht. Wir versuchten, sie hochzuheben, aber es gelang uns nicht, da sie zu grossen Schmerzen hatte. Wir riefen Dragan an. Doch selbst zu dritt konnten wir sie nicht bewegen. Auch die Krankenpfleger des Rettungsdienstes hatten grosse Mühe, sie auf die Trage zu bringen. Sobald man versuchte, sie in eine liegende Position zu bringen, schrie sie. Schlussendlich wurde sie sitzend transportiert.
Im Krankenhaus von Zrenjanin erwartete uns ein junger, etwas verschlafener Arzt, der seine Arbeit jedoch sehr gewissenhaft und kompetent erledigte. Beim Röntgen wurde keine Rücksicht auf Mutters Schmerzen genommen. Sie pressten sie buchstäblich auf das Bett und sie war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Zutiefst erschüttert hielt ich ihren Kopf und wiederholte wie in Trance beruhigende Worte.
Die Diagnose war zerschmetternd: Sie hatte sich die Hüfte gebrochen. Doch aufgrund ihrer fortgeschrittenen Osteoporose würde eine Operation problematisch werden. Denn die Schraube, die man ihr einsetzen müsste, könnte zu einem erneuten Bruch des Knochens führen. Er würde von einer Operation abraten. Schliesslich sei sie 86 Jahre alt.
„Was bedeutet das?”, fragte ich. „Wird sie nie mehr aufstehen können?”
„Sie wird sich mit der Zeit erholen und einigermassen beweglich sein, aber sie wird nie mehr richtig gehen können. Sie ist einfach eine alte Frau, das müssen Sie akzeptieren”, antwortete er mitfühlend.
„Aber bis vor drei Tagen hat sie Folklore getanzt! Und sie nimmt keine Medikamente. Sie ist vollkommen gesund.”
Ich konnte mich damit nicht abfinden, dass auf meine Mutter, die einen unglaublichen Bewegungsdrang hatte, ein trostloses Leben im Bett wartete.
„Ja, wenn das so ist, könnten wir eine Operation wagen”, sagte er. „Was meinen Sie, Katarina?”, fragte er und sah Mutter an.
Mutter sah mich an. Sie war in einer ihrer schlechteren Phasen und begriff nicht, was er meinte.
„Sie ist dement”, sagte ich mit gesenkter Stimme zu dem Arzt. „Ich bin ihr Vormund und habe das Recht, allein zu entscheiden.”
„Oh, das ist nicht gut”, entgegnete er. „Eine Vollnarkose ist bei den Operationen von dementen Patienten kontraindiziert.”
„Was bedeutet das?”
„Dass sich ihre Demenz nach der Operation verschlechtern würde. Es muss nicht sein, aber es ist wahrscheinlich.”
„Aber den Rest des Lebens im Bett zu verbringen ...”
„Da sie körperlich fit ist, würde ich sagen, wir geben ihr eine Chance. Bitte unterschreiben Sie hier”, sagte er und streckte mir ein Blatt Papier entgegen. Ich unterschrieb.
Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Denn nach der Operation hatte sich ihre Demenz so sehr verschlechtert, dass sie sich nicht mehr daran erinnerte, operiert worden zu sein. Sie versuchte ständig aufzustehen, wodurch der eingebaute Nagel verrutschte. Eine weitere Operation war notwendig, um den Schaden zu beheben. Noch eine Operation, noch eine Vollnarkose. Der Schaden wurde repariert und ihr Körper hatte alles gut überstanden, aber sie war nicht mehr dieselbe. Meine Mutter war gegangen, zurück blieb eine fremde Frau, an die ich mich erst gewöhnen musste.
Die Besuche im Krankenhaus waren nicht erlaubt, obwohl die Corona-Pandemie schon längst vorbei war. Bis die Institutionen in Serbien grünes Licht gaben, mussten wir uns an die Massnahmen halten. Und ich kann sagen: Die Institutionen in Serbien arbeiten sehr langsam. Ich war nicht unglücklich darüber. Meine Mutter erkannte mich zwar, redete aber wirres Zeug und beklagte sich ständig, dass die Krankenschwestern ihre Sachen versteckten oder gar klauten. Ihre Sprache wurde derb und sie fluchte wie ein Kutscher.
Zwei Wochen später rief mich der Arzt zu sich. Er teilte mir mit, dass er seine Arbeit getan habe und Katarina nach Hause könne. In Serbien ist es üblich, dass man sich mit dem Vornamen anspricht, auch wenn man nicht per Du ist.
„Nach Hause?”, fragte ich ungläubig. „Was soll ich mit ihr zu Hause machen? Ich bin keine Krankenschwester!”
„Das ist nicht mein Problem. Das Krankenhaus kann für Ihre Mutter nichts mehr tun.”
„Sie ist total unbeweglich und hat immer noch Schmerzen. Ich weiss gar nicht, wie ich sie waschen, drehen oder anziehen soll. Womöglich richte ich noch einen Schaden an.”
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich lebe in der Schweiz und kenne serbische Institutionen nicht. Können Sie mir wenigstens sagen, an wen ich mich wenden soll?”, fragte ich, den Tränen nah. „Bitte, Sie können mich nicht einfach so im Regen stehen lassen.”
Er sah mich plötzlich wütend an.
„Ich bin mitten in der Nacht von meiner Frau und meinen Kindern weggegangen, um Ihre Mutter zu operieren. Und jetzt muss ich mir Ihre Vorwürfe anhören. Es ist nicht meine Aufgabe, Sie zu beraten, was Sie jetzt tun müssen!”, schrie er.
Ich sah ihn so entsetzt an, dass er seine Stimmhöhe etwas senkte. „Ich kann Katarina noch drei Tage im Krankenhaus behalten, bis Sie eine Lösung gefunden haben.”
Als ich das Zimmer verliess, konnte ich nicht glauben, dass ein Arzt so wenig Mitgefühl zeigte. Mir wurde schwindelig, denn ich musste früh losfahren und hatte noch nichts gegessen. Ich sah mich nach einem freien Stuhl um. Es gab keinen. Ich ignorierte meine Angst, ohnmächtig zu werden, und machte mich langsam auf den Weg zu meinem Wagen. „Was soll ich bloss tun?”, fragte ich mich verzweifelt auf der Fahrt nach Melenci. „An wen soll ich mich wenden?”
In Serbien gibt es nicht so viele Beratungsstellen für alle Lebenslagen wie in der Schweiz. Doch wo der Staat versagt, helfen sich die Menschen gegenseitig. Es gibt immer jemanden, der wiederum jemanden kennt, der helfen kann. Man ruft einfach Bekannte an und fragt, auch wenn man sie länger nicht gesehen hat. Niemand nimmt es einem übel, jeder ist froh, wenn er helfen kann. So kommt man immer zu einer Telefonnummer, die man anrufen kann. In der Schweiz wäre das undenkbar, zumindest in meinem Umfeld.
So war es auch in meinem Fall. Sebastian rief einige Bekannte an und schon hatten wir die Telefonnummer eines privaten Altersheims. Sie nahmen auch temporäre Gäste auf. Das war die Lösung, denn ich wollte meine Mutter definitiv noch nicht in ein Altersheim geben. Sie sollte zwei Monate dort bleiben und anschliessend eine dreiwöchige Therapie in unserem Reha-Centrum in Melenci machen. Der Besitzer des Altersheims versicherte mir, dass ich mich um nichts kümmern müsse, da sie den Transport organisieren würden. Ein grosser Stein fiel mir von den Schultern. Und ich konnte eine Reise in die Schweiz wagen.

Wieder zu Hause
Als Sebastian und ich in die Schweiz kamen, fühlte ich mich, als wäre ich in einer anderen Welt gelandet. Alles sah gepflegt aus, die Leute waren freundlich und die Strassen wunderschön beleuchtet. Dennoch war alles anders. Ich wohnte nicht mehr in meinem eigenen Haus, sondern bei meiner Nichte. Obwohl sie sich sehr bemühte, dass es uns gut ging, fühlte ich mich fremd in diesem Land, das ich längst als meine neue Heimat betrachtete. Serbien war für mich ein fremdes Land, die Schweiz mein Zuhause. Es fühlte sich seltsam an, nicht mehr dazuzugehören. Nur ein Gast zu sein.
Doch ich hatte nicht viel Zeit, um über mein Leben nachzudenken. Bereits am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf aus dem Reha-Center, in dem meine Mutter zu dieser Zeit ihre Therapie machte.
„Wir haben einen Corona-Fall und schicken alle Patienten nach Hause, bis die Gefahr vorüber ist”, sprach eine Frauenstimme auf der anderen Seite der Leitung. «Sie müssen Katarina sofort abholen.”
„Ich bin zurzeit in der Schweiz”, antwortete ich. „Können Sie Katarina nicht in einem Einzelzimmer unterbringen?”
„Das geht nicht. Wir schicken alle nach Hause. Wenn Sie nicht hier sind, organisieren Sie jemanden, der Katarina abholt.”
„Es bringt nichts, wenn ich jemanden organisiere. Sie kann nicht allein in unserem Haus sein.”
„Das ist nicht unser Problem”, antwortete die Frau schnippisch und legte auf.
Und wieder einmal war ich angesichts der Dreistigkeit eines Menschen, der sich um das Wohl der Patienten kümmern sollte, sprachlos.
Wie so oft rettete Sebastian die Situation. Er ist Serbe und weiss, wie man mit Institutionen umgeht. Er sorgte dafür, dass das Altersheim, in dem meine Mutter bisher lebte, sie noch am gleichen Tag abholte. Er bat sie, für meine Mutter einen Therapeuten zu organisieren. Wir würden die Kosten extra übernehmen. Sie versprachen es.
Als wir jedoch wieder in Serbien waren, erfuhren wir von der nicht dementen Zimmergenossin meiner Mutter, dass kein Therapeut gekommen war. Wir sprachen mit dem Besitzer, der uns sagte, dass ein Therapeut nicht notwendig sei, da sie selbst mit meiner Mutter trainieren würden. Doch ich zweifelte daran. Auch nach zwei weiteren Monaten ging es ihr nicht besser, wenigstens hatte sich die Demenz beruhigt und sie benahm sich wieder wie vor der Operation. Aber sie war immer noch ans Bett gefesselt und ich fragte mich langsam, wofür ich eigentlich monatlich 650 Franken bezahlte, denn das war in Serbien viel Geld. Ich entschloss mich, Mutter wieder nach Hause zu bringen und mich selbst um sie zu kümmern. Wenn sie den ganzen Tag im Bett liegen musste, konnte sie das auch zu Hause tun. Sie war nicht mehr so gebrechlich wie gleich nach der Operation. Ich organisierte eine Nachbarin namens Dragana, die für sie kochen sollte, sowie eine Krankenschwester, die sie täglich baden würde.
Mutter war überglücklich, als sie erfuhr, dass es wieder nach Hause geht. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, sagte sie mir, wie viele Tage sie noch bleiben müsse, bis sie endlich nach Hause dürfe. Doch kaum war sie zu Hause, begann die Paranoia wieder. Sie konnte nicht allein sein und rief mich ständig an, wenn Dragana abends nach Hause ging. Auch versuchte sie ständig aufzustehen, um nach draussen zu gehen. Ich fing an, sie in ihrem Zimmer einzuschliessen. Darauf reagierte sie sehr aggressiv und drohte, die Fenster und Türen kaputtzuschlagen.
Normalerweise lief der Musiksender im Fernsehen, wenn ich zu unserem morgendlichen Kaffee kam. Doch immer öfter war es totenstill in ihrem Zimmer und sie war schlecht gelaunt. Eine Unterhaltung war kaum noch möglich, denn sie interessierte sich nicht für das, was ich zu erzählen hatte, und sie selbst hatte nichts zu erzählen. Meistens sassen wir schweigend da und tranken unseren Kaffee. Ab und zu durchbrach sie die Stille mit ihrem Mantra: „Wenn mich der Herrgott nur zu sich nehmen würde.”
Ich bin ein Mensch, der selten weint. Auch wenn ich sehr traurig bin, werden meine Augen nur feucht. Aber eines Morgens brach ich in Tränen aus, als sie wieder den Herrgott bat sie zu sich zu nehmen.
„Warum weinst du?”, fragte sie sichtlich verunsichert.
„Ich habe mein ganzes Leben für dich umgestellt. Ich springe Tag und Nacht, damit du zu Hause sein kannst und nicht den Rest deines Lebens in einem Altersheim verbringen musst. Aber du siehst das alles nicht. Du bist wie immer: egoistisch und undankbar!”, wollte ich ihr ins Gesicht schreien. Doch ich brachte kein Wort heraus. Der Knoten in meinem Hals musste erst gelöst werden.
Irgendetwas muss sie gespürt haben, denn sie legte ihre Hand auf meine und begann ebenfalls zu weinen. Mein Groll war auf einen Schlag vorbei, ich legte meinen Kopf auf ihre Hand und sie streichelte meine Haare. Für einen kurzen Augenblick hatte ich die Mutter, die ich mir immer gewünscht hatte.

Es kommt wie es kommen muss
Tief in meinem Inneren wusste ich, dass es falsch war, meine Mutter nach Hause zu holen. Sie benötigte eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, die ich ihr nicht geben konnte. Ich hatte keine Nerven und keine Kraft mehr. Stark abgemagert, sichtlich gealtert und mit diversen gesundheitlichen Problemen schaute ich morgens in den Spiegel und fragte mich, ob es das wert war. Mutter wusste sowieso nicht, was ich alles für sie tat, und dass mein Leben eine Achterbahnfahrt zwischen Ärzten, Apotheken und Behörden war. Dass ich seit Monaten um finanzielle Hilfe für sie kämpfte, die ihr zwar gesetzlich zusteht, die aber, wie das in Serbien nun einmal so ist, über unzählige sinnlose Formulare und unausweichliche Stempel führte. Sie wusste auch nicht, dass meine Schwester und ich einen beträchtlichen Betrag aufwendeten, um nicht nur die Betreuung und die Medikamente, sondern auch die Strom-, Gas-, Wasser- und alle anderen Rechnungen zu bezahlen, denn Mutters Rente von 200 Franken reichte bei weitem nicht dafür aus.
Aber ich brachte es nicht über mich, ihr zu sagen, dass sie wieder ins Heim müsse. Warum, weiss ich nicht. Wir hatten nie eine innige Beziehung und stritten uns oft, nicht nur in dieser Zeit. Es war schon immer so. Und trotzdem fühlte ich etwas, das mich mit ihr verband – je hilfloser sie wurde, desto mehr. Vielleicht ist doch etwas dran, dass die Verbindung zwischen Mutter und Kind etwas Besonderes ist.
Ich ignorierte die Zeichen ihres unaufhaltsamen geistigen Zerfalls und handelte wie bisher. Ich tolerierte, dass sie nachts aufstand, um vermeintlichen Verpflichtungen nachzugehen, die nur in ihrem Kopf existierten, und dabei ihre Hüfte überstrapazierte. Ich tolerierte, dass sie den Gasofen auf die höchste Stufe aufdrehte und ihre Bettwäsche zum Trocknen auf ihn aufhängte, weil sie die Windeln verrissen und weggeworfen hatte und das Bett deshalb nass wurde. Ich schloss die Augen vor der Gefahr, dass sie dadurch womöglich einen Hausbrand verursachen könnte.
Doch manchmal wird ein Problem, das unlösbar scheint, durch die Natur selbst, oder durch das Schicksal gelöst. Eines Morgens fand Betreuerin Dragana Mutter auf dem Boden liegend. Sie konnte nicht mehr aufstehen. Zum Glück war nichts gebrochen, nur überbelastet. Ich musste einsehen, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.
Sebastian rief das Altersheim in Zrenjanin an, doch dort gab es keine freien Plätze. Glücklicherweise war er mit der Leiterin des Heims in unserem Dorf befreundet. Sie organisierte noch am gleichen Tag einen Platz für meine Mutter, obwohl das Heim eigentlich voll war. So ist Serbien. Wenn man jemanden kennt, geht alles.
„Du musst wegen deiner Verletzung ins Krankenhaus”, sagte ich zu meiner Mutter. „Sobald es dir besser geht, kommst du wieder nach Hause.”
Sie stellte keine Fragen und wirkte sogar glücklich.
Ich werde diesen Tag nie vergessen. Noch heute sehe ich meine Mutter im Rollstuhl sitzen, schön angezogen und mit geschminkten Lippen. Ihr üblicher mürrischer Gesichtsausdruck war verschwunden. Sie schien sichtlich erleichtert, dass ihr endlich geholfen würde. Wahrscheinlich auch, weil sie ihr Zimmer endlich verlassen durfte.
„Sobald es dir besser geht, kommst du nach Hause”, wiederholte ich immer wieder, um meine Traurigkeit zu überspielen und mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.
Sie nickte aufgeregt wie ein Kind vor dem Schulausflug.
Ich wagte nicht, Dragana anzusehen, denn wir beide hätten bestimmt losgeheult. Denn wir wussten, dass Mutter nie mehr nach Hause kommen würde.

Altersheim
Ich durfte meine Mutter einen ganzen Monat lang nicht im Altersheim besuchen. Es sei besser so, hiess es. Sie müsse sich erst in ihrem neuen Zuhause eingewöhnen. Ab und zu rief ich an, um zu fragen, wie es ihr geht. „Alles bestens”, war die Antwort. Sie sei sehr nett und kooperativ. Mit ihrer Zimmergenossin versteht sie sich prima. „Ach, wenn alle Heimbewohner wie Ihre Mutter wären!”, schwärmte die Betreuerin am Telefon.
Und dann kam der Tag, an dem ich sie besuchen durfte. Es war ein warmer Frühlingstag. Sie sass in Gedanken versunken an einem Tisch im gepflegten Garten des Heims und hatte uns noch nicht gesehen. Mir fiel sofort auf, dass sie nicht im Rollstuhl sass.
„Warum ist sie nicht im Rollstuhl?”, fragte ich leise.
Die Betreuerin hielt an. „Sie wollte ständig herumlaufen, wir konnten sie nicht aufhalten. Also gaben wir ihr einen Gehstock, und nach kurzer Zeit brauchte sie den Rollstuhl nicht mehr. Sie ist die ganze Zeit in den Gängen des Heims oder im Garten unterwegs. Unglaublich, was der Wille schafft!”
In diesem Moment sah meine Mutter auf. Unsere Blicke begegneten sich. Sie erstarrte. Dann streckte sie die Arme zum Himmel und rief: „Danke, Herrgott, endlich scheint die Sonne!”
An diesem Tag sind viele Tränen geflossen. Aber wir haben auch viel gelacht. Sie fasste mich ständig an, streichelte meine Haare und dankte Gott dafür, dass ich da war. Mit keinem Wort beklagte sie sich darüber, dass sie in einem Heim war, oder darüber, warum ich so lange nicht da gewesen war. Ich glaube, sie wusste nicht mehr, dass sie ein anderes Zuhause hatte. Sie lebte anscheinend nur im Jetzt; die Vergangenheit schien in ihrem Gehirn bereits ausgelöscht zu sein. Sie ass die Früchte und den Kuchen, die ich ihr mitgebracht hatte, und scherzte mit der Betreuerin. Als wir später allein waren, sagte sie: „Danke für die Früchte, aber ich hätte lieber Schnaps gehabt. Ich habe schon eine Ewigkeit keinen Schnaps getrunken, hier ist Alkohol nicht erlaubt.”
Ich versprach, das nächste Mal Schnaps mitzunehmen, und hielt mein Versprechen. Ich füllte ein Gläschen in eine leere PET-Flasche, sodass es aussah, als würde ich eine fast leere Wasserflasche in der Hand halten. Sie freute sich jedes Mal sehr über unser kleines Geheimnis und verriet mich nie, obwohl sie früher ab und zu Geheimnisse ausplauderte.
So vergingen Sommer und Herbst. Mein schlechtes Gewissen, weil ich sie ins Heim gegeben hatte, verschwand. Hier war der richtige Ort für sie. In dieser Zeit schien die Demenz vorübergehend nicht weiter voranzuschreiten. Es war eine schöne, manchmal sehr emotionale Zeit. Wir kamen uns immer näher und die Barriere, die schon immer zwischen uns gestanden hatte, bröckelte ab. Sie wurde zu der Mutter, die ich mir immer gewünscht hatte. Ich nehme an, sie fühlte das Gleiche. Auch ich war alles andere als eine liebevolle Tochter.
Nun war die Mutter gut versorgt und ich konnte mich endlich entspannen, dachte ich. Leider war es nicht so. Im Vertrag mit diesem Privatheim, das monatlich fast 700 Franken kostete, stand, dass ein Arzt die Heimbewohner regelmässig besucht und bei Bedarf handelt. In der Praxis hiess das: Zwar stellte der Arzt die Diagnose, aber jeder Besuch bei einem Spezialisten oder das Durchführen von Bluttests musste von den Familienangehörigen organisiert und durchgeführt werden. Für mich bedeutete das, dass ich immer noch an das Dorf gebunden war, keine langen Ferien machen, und erst recht nicht in die Schweiz zurückkehren konnte. Die Angehörigen sind auch für die Beschaffung von Medikamenten verantwortlich, was sehr problematisch werden kann, wenn ein Medikament in den Apotheken nicht verfügbar ist. Nicht selten sind Sebastian und ich hunderte Kilometer gefahren, um ein bestimmtes Medikament zu besorgen.
Langsam hatte ich genug vom Anstehen, wo immer man auch hinging, vom stundenlangen Warten, von unfreundlichen und unprofessionellen Schalterbeamten, von arroganten Staatsangestellten, von Rasern auf den Strassen, von ungeniessbarem Wasser, von überall vorhandenem Müll, vom allgegenwärtigen Nationalismus, von der Rhetorik und Wortwahl des Staatspräsidenten, die nicht einem Präsidenten würdig waren, von politischen Analphabeten.
Ich sehnte mich nach der Schweiz, nach Richard und nach meinen Freunden. Ich wollte mein altes Leben zurück. Und obwohl Sebastian mir so viel Arbeit wie möglich abnahm, wurde ich mit jedem Tag unglücklicher. Als Mutter im nächsten Winter plötzlich Probleme mit dem Herzen und der Atmung bekam, gipfelte das ganze Desaster. Wir verbrachten die meiste Zeit damit, Mutter zu verschiedenen Spezialisten zu fahren. Herzspezialist, Lungenklinik, Blutuntersuchung, Röntgen. Danach kamen die Besprechungen der Ergebnisse, die Kontrolluntersuchung in zwei Wochen, der Psychiaterbesuch, weil das Rezept für ein Medikament abgelaufen war und nur ein Psychiater ein neues ausstellen kann. Und überall die obligatorischen Stempel und alles und überall nur Originale, keine Kopien. Wenn man im Stadthaus in Zrenjanin ein Dokument holen musste, war man gut beraten, nicht in Flip-Flops oder in einem Kleid, das die Schultern zeigt, zu erscheinen, da man sonst nicht hineingelassen wurde, was mir einmal passierte. Auf meine Frage, warum das so ist, gab es nur ein Schulterzucken des Portiers. Das Schlimme daran ist, dass die meisten Menschen das sogar für gut befinden. Man sollte dem Staat gegenüber Respekt zeigen und ihn sozusagen ehren.
Mit der Zeit machte mich all das wahnsinnig. Ich stritt ständig mit Sebastian und sah keinen Ausweg aus meiner Situation. Er regte sich darüber auf, dass ich ständig alles in Serbien bemängelte. Er war schliesslich an dieses System gewöhnt und sah nicht alles so schwarz wie ich. Eines Tages sagte er zu mir:
„Ich sehe, dass du unglücklich bist und alles in Serbien zu hassen beginnst, auch das, was dir am Anfang gefallen hat. Ich denke, es wäre gut, wenn du in die Schweiz zurückgehst. Ich kümmere mich um deine Tiere und sorge für Katarina.“
„Meinst du das ernst? Du würdest dich um meine Mutter kümmern?”
„Ja, das mache ich jetzt schon. Ohne dein ständiges Motzen wäre es vielleicht auch einfacher.”
Plötzlich sah alles anders aus. Die Schweiz rückte in greifbare Nähe. Dass Sebastian mir das ermöglichen wollte, war ein grosser Beweis seiner Liebe, egal, was die Leute über uns denken. Er war bereit, mir all das abzunehmen, nur damit ich in die Schweiz zurückkehren kann. Ich werde das nie vergessen und bin ihm dafür ewig dankbar.

Ljiljana
Als ich in Serbien zu leben begann, hatte meine Mutter einen Hund namens Dzeki und einen Kater namens Macurak. Bald kam Lepa dazu, ein kleines Kätzchen, das nachts über den Gartenzaun auf unser Grundstück geworfen wurde. Im letzten Moment konnte ich es vor Dzeki retten, der nicht unbedingt freundlich zu Eindringlingen war. Wir nannten sie Lepa, was „die Hübsche” bedeutet. Leider haben wir es verpasst, Lepa rechtzeitig sterilisieren zu lassen, und sie bekam drei Junge, die nun auch bei uns lebten. Sie habe ich rechtzeitig kastrieren können. Über die Zelene Sapen kamen später, wie schon erwähnt, die Hunde Aja und Wolfi. Dazu kamen noch der Kater Zuti, den eine fremde Katze in Sebastians Garten gebracht hatte, und schliesslich die Katze Bela, die wahrscheinlich von ihrem Besitzer getötet worden wäre, wenn ich sie nicht aufgenommen hätte. Das neueste Mitglied unserer Familie wurde unsere bereits erwähnte Hündin Siri. Insgesamt hatten wir somit fünf Hunde und sieben Katzen.
Ich muss zugeben, dass ich bei der Anschaffung der Tiere unüberlegt gehandelt habe, denn ich habe mir nie die Frage gestellt: „Was passiert mit ihnen, wenn meine Mutter nicht mehr da ist und ich in die Schweiz zurückgehe?” Ich denke, dass viele Menschen solche Fehler machen. Nicht zuletzt deshalb gibt es in Serbien so viele verlassene Hunde und Katzen. Doch ich, hatte nicht vor meine Tiere in Stich zu lassen. Als meine Mutter ins Heim kam und ich vorwiegend bei Sebastian wohnte, bekam ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Tieren, die die meiste Zeit allein verbrachten. Natürlich kam ich zweimal pro Tag vorbei, um sie zu füttern und zu streicheln, und sie konnten sich auf meinem eingezäunten Grundstück frei bewegen, aber ich fühlte, dass dies nicht richtig war. Sie brauchten Menschen um sich herum. Die Zeit drängte noch nicht, aber ich überlegte ständig, wie ich die Situation verbessern könnte.
Eines Tages erzählte mir Dragana, die ehemalige Betreuerin meiner Mutter, mit der ich weiterhin befreundet war, dass Ljiljana, ihre Tochter, ihren gewalttätigen Mann verlassen hatte und mit ihren drei Kindern nun bei ihr und ihrem Mann wohnte.
„Ich liebe meine Tochter und die Kinder, aber das Haus ist auf längere Zeit zu klein für so viele Menschen”, erzählte sie.
Spontan, ohne zu überlegen, sagte ich: „Sie könnte mit den Kindern bei mir wohnen.”
„Wirklich?” Dragana sah mich an, als hätte ich verkündet, dass sie im Lotto gewonnen hätte.
„Mutter kommt eh nicht mehr zurück”, sagte ich.
Dragana fiel mir um den Hals. Ihre Augen leuchteten.
„Allerdings gibt es eine Bedingung”, sagte ich. „Sie müssen Tiere lieben.”
„Das ist überhaupt kein Problem. Wir alle lieben Tiere!”
„Ruf deine Tochter gleich an, damit wir über die Details sprechen können.”
Wir vereinbarten, dass Ljiljana keine Miete, sondern nur ihren Teil der Rechnungen bezahlen muss. Sie und ihre Söhne – einer war bereits 15 Jahre alt – sind auch für die Pflege des Gartens zuständig. Morgens würde ich die Tiere füttern, abends ihre Familie. Wenn Sebastian und ich abwesend sind, kümmern sie sich allein um alles.
„Dürfen wir auch die Wände neu streichen?”, fragte Ljiljana.
„Ihr dürft alles machen, was ihr wollt, sofern das dem Haus, mir oder den Tieren nicht schadet.”
Bereits am nächsten Tag begannen die Arbeiten. Es wurde alles neu gestrichen und die kleinen Schäden wurden repariert. Dragana ist eine Frau, die sich mit jedem Handwerk auskennt. Es war rührend, wie die ganze Familie gemeinsam Schritt für Schritt das Haus auf Vordermann brachte. Es wurde gesungen und gelacht. Ljiljana ist eine heitere junge Frau, mit der ich gerne Zeit verbrachte. Mutters Haus, in dem die meisten Gäste ältere Menschen waren, wurde zu neuem, fröhlichen Leben erweckt. Ich fühlte mich wohl, nicht nur, weil mein Problem mit den Tieren gelöst war, sondern auch, weil ich jemandem in der Not geholfen hatte. Ich erinnerte mich an den Spruch: „Es macht glücklicher, jemandem ein grosses Geschenk zu machen, als selbst eines zu bekommen.”
Doch das sah offenbar nur ich so. Alle Nachbarn, Bekannte und Verwandte fanden meine Geste gewagt und unüberlegt. „Diese Leute sind aus einem Milieu, das du nicht kennst. Sie werden das Haus ruinieren, keine Rechnungen bezahlen und du wirst sie nicht rausschmeissen können, wenn sie die Vereinbarungen nicht einhalten. Immerhin geht es um eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern”, waren ihre Kommentare. Ich achtete nicht darauf, denn ich kannte die Eigenart der Serben, in allem zuerst das Negative zu sehen. Mir gefielen Ljiljana und ihre Kinder vom ersten Augenblick an. Sie waren eine immer gut gelaunte Truppe und benahmen sich mir gegenüber stets respektvoll. Und sie wiederholten ständig, wie dankbar sie sind. Nicht zuletzt liebten sie die Tiere wirklich. Sie spielten oft mit den Hunden und gingen sogar mit ihnen im Park spazieren.
Inzwischen sind mehr als zwei Jahre vergangen. Ljiljana hat mit Daniel einen neuen Lebenspartner gefunden. Er ist Witwer und hat drei Kinder. Auch sie wohnen in Mutters Haus. Ich habe es nie bereut, sie in mein Leben eingelassen zu haben. Das Haus voller Leben zu sehen, gibt mir ein gutes Gefühl. Vor allem im Sommer, wenn der Pool zwischen den Obstbäumen aufgestellt und der Grill angefeuert wird. Es ist ein kleines Paradies, nicht nur für die Menschen, sondern auch für meine Tiere.

Das Ende
Meine Entscheidung für die Rückkehr in die Schweiz stand im Mai 2024 fest. Ich würde noch diesen Sommer in Serbien verbringen und Ende September endlich nach Hause gehen. Bis ich eine Wohnung gefunden hatte, würde ich gemeinsam mit Richard in unserem Haus wohnen. Wir würden das Haus zum Verkauf ausschreiben und anschliessend gemeinsam ausräumen, so wie wir es auch gemeinsam gebaut hatten. Während unserer langen Telefongespräche wurde uns beiden klar, dass ein Leben als Ehepaar für uns nicht mehr infrage kam. Die Liebe, die wir immer noch füreinander spürten, hatte sich im Verlauf der Zeit in tiefe freundschaftliche Gefühle verwandelt. Zudem hatten wir beide inzwischen neue Lebenspartner, für die wir ebenfalls Gefühle hegten, und diese liessen sich nicht einfach so abschalten. Sebastian hatte nichts dagegen, dass Richard und ich im gleichen Haus leben würden. Wahrscheinlich spürte er, dass ein Kampf dagegen für ihn nicht gut enden würde. Richards neue Freundin war nicht so einsichtig wie Sebastian, aber schliesslich musste auch sie nachgeben.
Ich wollte diesen Sommer so viel Zeit wie möglich mit meiner Mutter verbringen, denn ihr Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Monaten massiv verschlechtert. Auch die Ärzte bereiteten mich darauf vor, dass das Ende nahte.
Ich erinnere mich, wie ich das letzte Mal eine schöne Zeit mit ihr im Heim verbrachte. Sie hatte eine gute Phase, obwohl ihr das Atmen zunehmend schwerfiel. Ich brachte ein Fotobuch mit, das ich zu ihrem 80. Geburtstag erstellt hatte. Es zeigte die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens. Wir sahen uns alle Bilder an und erinnerten uns an längst vergangene Zeiten und Menschen, die alle schon tot waren. Es war seltsam, dass sie sich an diese Menschen erinnerte, aber nicht wusste, dass sie nicht mehr lebten. Sie wusste beispielsweise auch nicht, dass ihr zweiter Ehemann, mit dem sie dreissig Jahre verheiratet gewesen war, gestorben war. Nur dass ihre Eltern nicht mehr lebten, wusste sie, und sie wollte neben ihnen beerdigt werden. Als sie das Foto meiner Schwester sah, sagte sie: „Da ist Anna, meine Tochter. Ich bin froh, ihr Foto zu sehen. Ich habe in der letzten Zeit grosse Mühe gehabt, mir ihr Gesicht vorzustellen.”
Als sie die letzte Seite des Buches zuklappte, sah sie mich an und sagte:
„Ich habe ein gutes Leben gehabt. Ich bereue nichts.”
Es war ein tröstlicher Gedanke und eine schöne letzte Erinnerung an meine Mutter. Sie starb einen Monat später, begleitet von einer Betreuerin des Heims. Es ging alles sehr schnell. Sie hatten keine Zeit, mich anzurufen, damit ich bei ihr sein konnte.
„Sie hat nicht gelitten. Sie ist einfach ausgegangen wie eine Kerze, die zu Ende gebrannt hat”, sagte die Frau, die uns Mutters Tod mitteilte.
Ich habe mich oft gefragt, wie es sein wird, wenn meine Mutter stirbt. Was fühlt man, wenn der Mensch, der einem das Leben geschenkt hat und dessen Existenz man sein Leben lang als selbstverständlich wahrgenommen hat, plötzlich nicht mehr da ist? Gibt es so etwas wie ein geistiges Mutter-Kind-Band? Wie schmerzhaft ist es, wenn es reisst?
Nun war es geschehen. Und ich fühlte nichts. Kein Schmerz. Keine Trauer. Nur eine riesengrosse Erleichterung. Und Dankbarkeit. Ihr Leiden hatte ein Ende gefunden. Sie hatte keine Atemnot mehr und wurde nicht mehr ohne zu wissen warum und was mit ihr geschah von einem Arzt zum anderen gefahren. Das Vergessen, das sich wie zäher Nebel in ihrem Kopf ausbreitete, hat keine Macht mehr über sie. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod und werde deshalb nicht sagen, dass sie jetzt an einem besseren Ort ist. Ich sehe den Tod wie das Einschlafen. Nur dass sie nicht mehr aufwachen wird.

Allein
Ich bin wieder in der Schweiz. Es ist November 2025, und ich lebe mit meiner Hündin Siri in einer gemütlichen Drei-Zimmer-Wohnung am Hang eines sonnigen Bergs. Von meinem Balkon aus habe ich einen fantastischen Blick auf die Alpen, und eine grüne Erholungszone liegt direkt vor meiner Haustür. Nach dem turbulenten Leben in Serbien ist es nicht einfach, allein zu sein. Vollkommen auf sich gestellt. In meinem ganzen Leben war ich nie allein. Ich bin es nicht gewöhnt, alles selbst tun zu müssen. Verträge abschliessen, Rechnungen bezahlen, die Steuererklärung ausfüllen, das Auto in die Werkstatt bringen, Handwerker organisieren, einkaufen, kochen.
Richard erledigte das alles für mich, in letzter Zeit war es Sebastian. Es war zwar angenehm, jemanden zu haben, der sich um alles kümmerte, während ich meinen Hobbys nachging, doch es hatte auch eine Schattenseite. Im Verlauf der Zeit wurde ich unselbstständig, ohne es zu merken. Es fällt mir schwer, all den lästigen Pflichten nachzugehen, und ich habe ständig Angst, etwas zu vergessen oder einen Termin zu verpassen. Am schlimmsten ist es, selbst kochen zu müssen. Wie ich es bereits schon mal erwähnt habe, sind sowohl Richard als auch Sebastian leidenschaftliche Hobbyköche. Ich musste nie in meinem Leben kochen, doch nun dazu gezwungen und mit Hilfe von Internet schaffe ich es nicht zu verhungern. Doch lieben werde ich das Kochen nie. Einmal pro Woche lädt mich Richard zu sich nach Hause zum Essen ein. „Damit du ab und zu etwas Richtiges zwischen den Zähnen kriegst”, sagt er augenzwinkernd.
Sebastian ist in Serbien geblieben, da er sich als Drittstaatsbürger nur begrenzt im Schengen-Raum aufhalten darf und wir diese Zeit für Ferien am Meer sparen. Gemeinsam mit Ljiljana und ihrer Familie kümmert er sich um mein Haus und meine Tiere.
Es gab Zeiten, in denen ich mir gewünscht hatte, allein zu leben. Ich stellte mir vor, wie grossartig es wäre, keine Verpflichtungen zu haben und auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Doch inzwischen denke ich, dass ich nicht dazu geschaffen bin, allein zu sein. Die Tage sind in Ordnung. Ich unternehme lange Spaziergänge mit Siri und schreibe an meinen Büchern. Aber abends, wenn die Augen vom Schreiben schmerzen und ich mir eine Serie oder eine politische Sendung im Fernsehen anschaue, wünsche ich mir jemanden, der neben mir auf dem Sofa sitzt. Jemanden mit dem ich mich über das Gesehene austauschen kann. Wenn er mir noch den Nacken oder die Füsse massieren würde, wäre das perfekt.
Ich hätte nie gedacht, dass mir Serbien fehlen würde. Doch jetzt aus der Distanz wirkt alles, was mich aus diesem Land trieb, halb so schlimm, schöne Erinnerungen vertreiben die schlechten. Vor allem fehlen mir die Menschen, die in den vier Jahren zu meinen Freunden geworden sind. Mit diesen Menschen war ich nie allein. Ein Anruf und schon steht jemand an der Tür mit einer Tüte Kaffee oder einem sechser Pack Bier in der Hand. Und während man Kaffee trinkt und über die nicht anwesenden tratscht, werden schon Pläne geschmiedet, um sich am Abend gemeinsam einen Fussballmatch im Fernseher anzusehen, oder eine Gartenparty zu machen. Ab und zu schickt mir Sebastian Fotos von den Partys, die jetzt ohne mich stattfanden.
Im Winter und im Sommer fahre ich jeweils für zwei Monate nach Serbien. Ich freue mich immer sehr auf diese Zeit. Doch nach einigen Wochen fallen mir wieder all die Dinge auf, die mich aus diesem Land vertrieben haben, und ich zähle die Tage, bis ich wieder in meine schöne, saubere und geordnete Schweiz zurückkehren darf. Auch wenn ich die Abende wieder allein vor dem Fernseher verbringen werde und es niemanden gibt, der mir den Nacken oder die Füsse massiert, steuere ich das Boot meines Lebens allein und hoffe, dass ich mich irgendwann daran gewöhnen werde.





