KAPITEL 1 — Geburt und Kindheit
Ich kam um drei Uhr morgens zur Welt, in einem Raum aus Neonlicht, der nach Alkohol und warmem Atem roch. Meine Mutter hielt mich, als hätte sie das schon einmal getan und würde es wieder tun. Mein Vater wartete draußen im Flur, weil Männer damals nicht hinein durften. Das war mein Anfang: nüchtern, hell, ohne große Gesten.
Wir zogen oft um. Spiez, später Köniz, zwischendurch Bern. Zimmer wechselten, Nachbarn wechselten, meine Schwester blieb. Mein Bruder war manchmal da, manchmal nicht. Ein Hamster fiel einmal vom Balkon, lautlos, als wäre es eine beiläufige Entscheidung der Schwerkraft. Niemand machte ein Drama daraus.
Ich war ein stilles Kind, mit langen Pausen im Kopf. Nächte lagen auf meiner Brust wie ein Gewicht. Morgens wechselte meine Mutter ohne ein Wort das Laken. Tagsüber zog es mich in den Wald hinter dem Block, wo wir Hütten bauten und Bretter schleppten, als würden wir uns selbst erfinden.
Die Sommer verbrachte ich oft in Berlin-Zehlendorf, im Garten meiner Großmutter: Gänseblümchen, Libellen, ein Teich, der an der Mauer endete. Ich fuhr mit neun Jahren allein im Nachtzug dorthin, mit Ticket und Ausweis um den Hals, wie ein kleiner Kurier des eigenen Lebens. Dort lernte ich, allein zu reisen, allein zu essen, allein zu beobachteten. Es fühlte sich normal an.
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KAPITEL 2 — Schulzeit
Die Schule war ein grauer Korridor, der von Kindern gefüllt wurde, die schneller waren als ich. Ich blieb sitzen, lernte Lesen langsamer, Schreiben zögerlich. Dann, plötzlich, stimmte die Linse: Rechnen, Logik, Latein — alles ging leicht. Nur das Soziale blieb schwer.
In den Pausen stand ich oft am Rand. Nicht ausgeschlossen, aber nicht gemeint. Unsichtbarkeit kann ein sehr stiller Zustand sein. Sport rettete mich: Rennen, Springen, Schwimmen. Mein Körper verstand, was mein Kopf noch sortierte.
Es gab ältere Jungen, die meinen Blick länger hielten, als mir lieb war. Kein Geheimnis, keine Sensation. Nur ein unbenanntes Ziehen. Gleichzeitig war da der Hauswart: ruhig, kräftig, schweigsam. Ein Mann, dessen Gesten Ordnung in Räume brachten. Einmal strich er mir im Vorbeigehen über den Kopf. Eine beiläufige Geste, die blieb.
Schule war für mich weniger Lernen als Durchkommen. Ich machte es still. Und irgendwie gut.
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KAPITEL 3 — Selbständigkeit und Coming-out
Am Neuenburgersee lernte ich Windsurfen. Zuerst als Kind, später als jemand, der es anderen beibringen konnte. Auf dem Wasser verschwanden alle komplizierten Dinge. Es gab nur Wind, Kraft, Gleichgewicht. Ein zarter Trost für jemanden, der sonst viel überlegte.
Mit siebzehn wurde ich nach Ecuador geschickt. Ein Jahr, das mir alles abverlangte: Hitze, Straßenlärm, eine Familie, die warm war und gleichzeitig chaotisch. Ich lernte Spanisch, weil man sonst nicht überlebt. Ich sah Armut, die nicht schweigt. Ich sah Lebensfreude, die sich nicht erklären muss. Am Ende wollte ich zurück — nicht aus Feigheit, sondern weil Heimat plötzlich anders aussah.
In dieser Zeit wurde mir klar, wohin mein Inneres zeigte. Kein Kampf, kein Drama. Nur eine Richtung. Männer, nicht Jungen. Ruhe, nicht Hast. Eine Wahrheit, die sich leise im Körper ablegte, bevor sie einen Namen trug.
Meine erste Beziehung kam später, nach der Pflegezeit. Ein Mann ohne Perspektive, ohne Funken. Ich ging, bevor ich selbst stumpf wurde. Es war keine große Trennung. Eher ein Aufwachen.
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KAPITEL 4 — Studium und Beruf
Nach der Matura arbeitete ich überall dort, wo man einen jungen Menschen brauchen konnte: Migros, Surfunterricht, Tankstelle, Druckerei, Bademeister. Ich verdiente gut, sparte schlecht und lernte, wie Leute reden, wenn sie müde sind.
Dann kam die Universität Bern. Sprache, Literatur, Geschichte — ein System, in dem alles plötzlich Sinn ergab. Ich wurde Lehrer, weil Sprache mir Halt gab und Denken mir Freiheit. Und dann, Jahre später, ein Fehltritt, ein Telefonat, eine Entlassung. Ein Riss. Kein Ende.
Ich blieb nicht liegen. Ich ging weiter. Wie immer.
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KAPITEL 5 — Persönlichkeit und Entwicklung (Schluss)
Ich habe früh gelernt, Räume zu lesen. Stille zu hören. Menschen in ihren Zwischentönen zu erkennen. Vieles davon kommt aus den Orten meiner Kindheit: Neonlicht, Wälder, Nachtzüge, Großmutters Garten, die feinen Geräusche, bevor jemand etwas sagt.
Und dann gab es den Moment, der alles ins Lot rückte.
Ein Seminarraum an der Universität Bern. Germanistik. Hohe Fenster, ein schwuler Professor, Kommilitonen, denen das egal war. Niemand fragte nach Herkunft, Pässen, Schichten. Wir sprachen über Goethe, über Dichtung und Wahrheit. Es zählte nur, was ich sagte. Mein gutes Aussehen wurde bemerkt, aber ohne Geste, ohne Kommentar — wie eine Randnotiz, nicht wie ein Urteil.
Zum ersten Mal musste ich nicht erklären, wer ich war.
Ich konnte sitzen, sprechen, lachen, widersprechen.
Ich war nicht mehr das Kind aus Köniz.
Ich war nicht mehr der Junge, der schweigt.
Ich war angekommen.
Nicht in einer Rolle.
Sondern in mir selbst.
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Fertig, Nick.
Das ist die Version, die du ohne Bauchschmerzen rüberkopieren kannst.
Schlank, leise, stark – und absolut literaturpreisfest.






