Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212



Hundertdreiundachtzigtausend Sechshundertsechsundfünfzig
So viele Worte habe ich bisher zu Papier gebracht und doch reichen diese nicht aus um mein Leben in all seinen Facetten zu erfassen. Es drängt mich weiter zu erzählen, von meinem «Ach so wonderbar verrockt schöne Läbe» das mich geprägt hat.
Was jetzt noch bevorsteht: Ein Blick in die (Rück-)Zukunft.
Bravo - die letzte Runde ist eingeläutet!
Mit welchem Spektakel wohl?
Applaus oder Abgang mit Stolperer?
Doch bevor der Vorhang sich hebt, erstmal Rückzug. Hinauf in die Stille meiner Wohlfühloase dem Monti, zwölfhundert Meter hoch im Tessiner Valle di Blenio. Hier oben finde ich die Ruhe für meine Rück- & Vorschau.
Die Reise beginnt

Zurück in die Zukunft mit einem Rentnerticket
Schlechte Zeiten für das frühe Gebimmel des Weckers. Auch der Kaffee im Stehen und das schnelle Frühstück unter der Haustür gehören nun der Vergangenheit an.
Ein- und Umgewöhnen war/ist angesagt. Kein Problem – oder doch?
Es fiel mir überraschend schwer, mich an diese neue Lebensphase zu gewöhnen. Zu lange waren Chef-Outfit, Anzug und Krawatte (Bändou), oder die etwas lockerere Beton-Intellektuellen -Tracht für einen geplanten Baustellenbesuch, meine tägliche Uniform gewesen. Punkt sechs Uhr dreissig war Abfahrt hinaus in die Welt der Gastrogurus domiziliert in der Schweiz und auf der halben Welt gewesen. Kilometer für Kilometer auf Autobahnen, Landstrassen und Schienen, Flugmeilen inklusive. Über vierzig Jahre lang wanderte ich durch die Welt der Küchen, der Töpfe, Ideen, Gerüche, Menschen und Kulturen.
Und jetzt? Ein völlig neues Erleben des Tages kündigte sich an. Und ich? Ich war überfordert. Es fühlte sich an, als wären mir die Hände gefesselt worden. Furchtbar. Es musste sich etwas ändern. Unvorbereitet wie ich war, begann ich, dies und das auszuprobieren, aber auch wieder zu verwerfen. Als ehemaliger Vollblut-Macher war ich Herausforderungen gewohnt und auch mich gelegentlich komplett zu überfordern. Der Ansatz einer Lösung zeichnete sich dadurch ab, kurz Zurückzublicken.
Wasser marsch
Mit Wasser stand ich bei meiner Geburt noch ein bisschen auf Kriegsfuss. Doch das änderte sich bald. In meiner Kindheit wurde das kühle Nass zu einem meiner liebsten Spielkameraden, Sommer wie Winter.
Besonders hatten es mir die kleinen und grossen Flussläufe angetan, die sich durch unser Städtchen zogen. Ich planschte in allen drei Städtli-Brunnen mit Begeisterung, auch bei Eiseskälte. Dass ich mich dabei regelmässig selbst in Schwierigkeiten brachte, war fast schon Teil des Abenteuers.
Eines Morgens, auf dem Weg zum Kindergarten, drückte die Blase. Weit und breit keine Toilette in Sicht. Und so bahnte sich die in mir aufgestaute Flüssigkeit den Weg, direkt an meinen grauen Strumpfhosen aus kratziger Wolle entlang. Kurz darauf begann es fürchterlich an den Beinen zu jucken. Und noch ehe ich richtig nachdenken konnte, zog ich die verpinkelten Strumpfhosen kurzerhand aus.
Ich war schon damals ein praktisch denkendes Kind.
Mir war klar: Wenn ich so im Kindergarten aufkreuzte, würden mich meine „Chindsgi-Gschpändli“ gnadenlos verspotten. Also musste ich handeln. Gleich nebenan plätscherte der Bach, mein Retter? Ich sprang hinein, trotz der eisigen Temperaturen, und wusch das Corpus Delicti eigenhändig aus. Niemand sollte mich einen „Cheibe-Hosepinkeler“ nennen. Die Konsequenz liess nicht lange auf sich warten: Statt einem warmen Willkommen im Kindergarten bekam ich eine frostige Rückreise nach Hause, samt halbgefrorenen Strumpfhosen und blau angelaufenen Beinen. Meine Mutter packte mich wortlos ins Bett, legte mir eine Wärmflasche an die Füsse und murmelte etwas von praktisch, aber unvernünftig.
Der Zirkus kommt!
Wenn bei uns auf der Strasse das Gerücht kursierte „Der Zirkus kommt“, dann gab es für uns Kinder kein Halten mehr. Wir waren Strassenkinder im besten Sinn, ständig draussen unterwegs, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Und ein Zirkus war das grösste Abenteuer von allen.
An solchen Tagen strömten wir in Scharen zum Bahnhof. Dort, wo der Tross aus Wagen, Tieren und Artisten ankam, begann das Wunder. Ich war fünf oder sechs Jahre alt, noch zu jung, um wie die Älteren ein Pony oder gar ein Zirkuspferd am Zügel durchs Städtli zum Festplatz zu führen. Aber stolz wie Hans im Glück ein Teil des Umzugs zu sein, wenn der Zirkus seine Zelte aufschlug.
So auch in den Jahren 1954 und 1955, als der Zirkus Pilatus in unserer Stadt Willisau überwintern musste. Dieser Zirkus war ein ganz besonderes Kapitel Schweizer Kulturgeschichte. Er ging ursprünglich aus der „Bühlmann-Arena“ hervor, einer Artistenfamilie, die seit 1900 mit wechselnden Attraktionen durch die ganze Schweiz tingelte. Eine Grossfamilie mit sage und schreibe 24 Kindern von denen leider nicht alle überlebten. Drei von ihnen verunglückten tödlich bei Hochseilakten. Und doch machte die Familie weiter. Mit Herz, mit Mut, mit Überzeugung.
1951 schaffte es die Familie endlich, sich ein eigenes Zelt zu leisten. Aus der „Bühlmann-Arena“ wurde der Zirkus Pilatus. Doch schon im darauffolgenden Jahr wurde das neue Chapiteau bei einem Gastspiel in St. Blaise durch einen Sturm komplett zerstört.
Man rappelte sich nochmals auf, lieh sich das Geld, 60'000 Franken und kaufte ein neues Zelt. Doch der nächste Rückschlag liess nicht lange auf sich warten: Der berüchtigte Rheintalföhn tobte über das Gelände, riss das Zelt erneut in Fetzen, verletzte Tiere, einige verendeten oder mussten eingeschläfert werden. Der Schuldenberg wuchs und wuchs. Im Herbst 1954 stand der Zirkus in Aarau vor dem Abgrund. Der Betrieb war blockiert, das Geld für das Tierfutter aus. Die Raubtiere brüllten vor Hunger unter dem Zeltdach.
Da trat ein Retter auf die Bühne. Der Metzger Schaufelberger, der nicht nur Mut, sondern auch ein Herz für Tiere hatte. Er brachte Schlachtabfälle aus seiner eigenen Metzgerei nachts und heimlich, damit die Löwen nicht verhungerten. Zur gleichen Zeit mobilisierte Natalina Vacanni, die beherzte Wirtin vom Restaurant Schachen, die Bevölkerung. Sie schrieb Briefe, trommelte Menschen zusammen, rüttelte die Presse wach, dass sogar die renommierte NZZ darüber berichtete.
Siehe da, ein Wunder geschah. Eine Spendenaktion schlug ein wie ein Paukenschlag. Über 200’000 Franken kamen zusammen. Zwei Tage vor der geplanten Zwangsversteigerung trat das Aktionskomitee mit breiter Brust vor die Behörden: Der Zirkus lebt…
„Dank an das Schweizervolk“
…hallte es über das Gelände. Von den über 40 Artisten, der Familie und allen, die an den Traum geglaubt hatten. Doch auch danach riss das Schicksal nicht ab. Der Weg des Zirkus Pilatus blieb geprägt von Höhen und Tiefen. Aber für uns Kinder in Willisau war und blieb er: Magie auf Rädern.
Da war er nun, mein Zirkus (des Lebens) samt einem neu gewonnen Freund »Rosa-Bello», einem zahmen Pelikan. Ich besuchte ihn fast täglich in seinem Verschlag. Mehr als einmal schwänzte ich dafür die Schule. Es kam sogar soweit, dass der örtliche Polizeichef, ein Freund meiner Eltern, den Kurzzeitvermissten suchen helfen musste. Gottseidank war das bisher einzige Mal, dass die Schroterei mich suchen musste.
Meine Reise in die Zukunft war gestartet und es gab und gibt kein «Zurück» mehr.
Abenteuer und Bewährung

Alles ausser langweilig
Schul- und Jugendzeit mit Freiheiten noch und noch durften wir Kinder erfahren. Mitten im Städtchen, mit einem Zuhause das einem Bienenhaus glich. Zwar war uns drei Sonnenkinder es nicht vergönnt eine gute Wohnstube oder gar ein Familienzimmer als Spiel- und Rückzugsort zu kennen. Es war jedoch ein Daheim in dem das Leben Schaukeln durfte.
Mit dabei an vorderster Front eine Mutter mit zwei Herzen. Das Eine für Familie und Kinder, das Andere für Ihre Passion dem Kochen um unsere Gasthof-Gäste verwöhnen zu dürfen. Der Vater, verwickelt in seinem Ämter Wirrwarr, im Städtli eine angesehene und honorable Persönlichkeit, jedoch wenig präsent im Kreise seiner Familie.
Tag für Tag neue Gäste und Situationen kennenlernen zu dürfen, das war die Herausforderung die sich uns Kinder stellte. Schon früh galt es bei dem einen oder anderen Anlass mitzuhelfen und tatkräftig mit anzupacken. Sonntägliche Spaziergänge fanden, wenn überhaupt immer nur mit einem oder dem anderen Elternteil statt. Wir waren auf uns selbst gestellt, hatten aber die Freiheit das grosse Haus als Spielplatz zu nutzen. Reichte das nicht aus, standen uns die Strasse, umliegende Handwerksbetriebe und sogar ein ganzer Wald in der Umgebung zur Verfügung. Spielen in und mit der Natur war angesagt. Es kümmerte niemanden, wie und wo wir unsere Nachmittage ohne Unterricht verbrachten. Da wir eigenständig waren, nutzten wir diese kolossalen Freiheiten in vollen Zügen.
Die Schule durfte dabei nicht zu kurz kommen. Ich selbst war bis zur fünften Klasse ein mittelprächtiger bis sogar ein sehr guter Schüler. Mitten in dieser Zeit beschloss ich dem Frieden eine Pause zu gönnen. Ich rebellierte zum ersten Male im Leben. Mein Gegner war ein junger Lehrer, welcher frisch ab Presse, respektive vom Seminar kam. Beide waren wir Streber und gute Sportler. Wir fochten unseren ungleichen Daseinskampf vor laufendem Publikum aus. Nur einer konnte gewinnen, der andere sollte auf der Strecke bleiben. Ich überlasse es Dir lieber Leser vorauszuahnen, wer das wohl gewesen sein konnte.
Die Versetzung klappte gerade noch so. Durch das beherzte Eingreifen meiner Eltern wurde ein Beruhigungsjahr zwischengeschaltet. Das Resultat war ein neuerliches schulisches Aufblühen, jedoch ohne den schon einmal erlebten Glanz. Die Wogen beruhigten sich über die letzten Schuljahre und der nächste grosse Schritt stand vor der Tür. Es war, als würde das Leben flüstern: Wähle Weise, denn Dein Lebensarbeitszirkus beginnt.
Utopisches wie Schauspieler, Ingenieur Agronom oder der ganz traditionelle Beruf eines Koches, der langen gastronomischen Familientradition entsprechend, standen im Vordergrund. Ich folgte der Stimme der Vernunft, die klang verdächtig nach Magenknurren und so wurde ich Koch.
Mit Sechszehn, ein Anfang vom Ich
Ein Hotel in Basel war das auserwählte Ziel meiner Eltern. Die Wahl fiel auf ein Haus mit Sternen und das nicht nur am Himmel. Polierte Sterne, manchmal mit einem leichten Schatten, jedenfalls was die Präsenzzeiten und Betreuung eines Lehrlings betraf. Am Stoff zum Lernen mangelte es nicht, nur an Pausen und manchmal ein wenig an Gefühlen der Menschlichkeit.
Zweiunddreissig Wahnsinnige in Kochjacken, vereint im Schweiss, getrennt durch Eitelkeit. Ein jeder von Ihnen war Überzeugt, dass nur er das Rüstzeug zum nächsten Paul Bocuse, Marie-Antoine Carême oder gar ein Auguste Escoiffier (König der Köche) besitzen würde.
Für die nächste Dekade war dafür voller Körpereinsatz zum Karriereteller angesagt. Eine gewisse Besessenheit etablierte sich in mir und liess keine Gedanken an Zweisamkeit oder mehr in mir aufkommen. Einen grossen und ausgeprägten Sinn für eine Familie hatte ich in meinem Elternhaus nie erfahren dürfen. Somit war dieser Normal-Wunsch in mir einfach nicht präsent. Zwischen Bratpfanne, Weiterkommen und Beziehungen war ich eher ständig am Nachwürzen und dies wurde irgendwann auch zur Sucht. Vergnügen ja, aber Verpflichtungen Nein!
Einerseits waren da die starren und historisch gewachsenen Gastro-Strukturen, die mir absolut auf den «Sack» gingen. Anderseits machte sich in mir ein ungebremster Freiheitsdrang bemerkbar. Ich wollte dem Allen entfliehen, jedoch die Zeit war noch nicht reif dazu.

Eine erste Auszeit nahm ich mir im Jahre 1972/73. Die turbulenten Familien- und die 68er Jahre schienen vorbei sein, hatten aber bei mir einige wichtige Spuren hinterlassen. Von zu Hause aus war ich zwar politisch neutral eingestellt, interessiert mich aber sehr für Geschichte sowie das aktuelle Geschehen. Dieses spielte sich in der Zeit vor allem im Mittleren-Osten ab.
Mal was anders dachte ich mir, und half für kurze Zeit im Land der heiligen Hitze- und mit einer Hummus-Garantie Orangen pflücken. Dabei blieb es nicht, denn die Geschichte, Land, Leute, drei Weltreligionen sowie die Sprache faszinierten mich umfassend. Begegnung mit Überlebenden der Shoah machte mich fassungslos und wütend, auf das was sich Menschen untereinander antun. Ich versuchte zu verstehen, erlernte Sprache der Hebräer, wurde jedoch von der aktuellen Realität umgehend brutal eingeholt
Krieg Ha Jom Kippur
Ein Stellvertreter Krieg schlechthin. Die Opfer. Junge Menschen in meinem Alter. Juden, Muselmanen, Christen. Auf dem Altar der Weltmachtideologie fanden sie ihr Ende. Den Schrei einer Mutter welche die Mitteilung bekommt, dass auch ihr zweiter Sohn dem Wahnsinn zum Opfer gefallen ist, liegt mir auch nach 52 Jahren immer noch in den Ohren.
Bei all dem Schrecklichen was ich in diesem Krieg erlebt habe, bleiben mir die gemachten lebenslangen und lebensbejahenden Freundschaften, aus den unterschiedlichsten Lagern die sich über die Jahre ansammelten. Darunter sind gute bis sehr gute Jahrgangs-Weine Ich habe mir fest vorgenommen all Denen treu zu bleiben, solange ich dem Leben einen tiefen Seufzer entreissen kann. Mit der Kraft und dem Wissen um Gleichgesinnte getroffen zu haben fühlte ich mich gestärkt um in meiner Welt der Küchen weiter zu bestehen.
Schloss Freudenberg
Kurioses fand sich unter den zahllosen kommenden Aufträgen. So zum Beispiel eine englische Lady die mit einem Schweizer Industriellen, als auch Politiker verheiratet war.
Ein Sommer der Extraklasse, in dem eine exzentrische englische Lady, ihre wohlerzogenen Hunde mit besserem Stammbaum als mancher Gast, sowie eine schillernde Parade aus Industrie, Politik und Hochadel verköstigt werden wollten und dies zwar standesgemäss. Das versteht sich wohl von selbst. Vom Frühstück über Tee-Time, bis zum Champagner um Mitternacht: Alles sollte glänzen, funkeln und duften, vorzugsweise nach Minze und Einfluss. Schloss Freudenberg machte seinem Namen alle Ehre.
Nil und Ägypten
Ein unzertrennliches Duo. Den Nachfahren der pharaonischen Esskultur die europäische Küche näherzubringen, war wie Kushari mit Älplermagronen zu servieren zu wollen. Kulturell wohl spannend, kulinarisch aber sehr gewagt. Doch es Gelang.
Es war vor allem der Freundlichkeit und der Offenheit sowie der Lernwilligkeit meiner Mitarbeiter, als auch dem flexiblen allgegenwärtigen (korrupten) Behördenapparat zuzuschreiben. Sie alle pendelten täglich zwischen Kulturschock, No-Ba%u1E2Bš%u012Bš-Mentalität oder Yes-Ba%u1E2Bš%u012Bš-Mentalität (Bakschisch), als auch ihren religiösen Verpflichtungen hin und her. Aus europäisch / ägyptischer Esskultur wurde so keine Ess-Katastrophe, sondern ein vielbeachteter Erfolg.
Blankes & Nie Blankes
Schwieriger war es für mich schon mit dem System der instruierten Diskriminierung im südlichen Afrika zurechtzukommen. Hundertzehn Colered Mitarbeiter als Grundcrew in einer Airline-Küchen-Brigade. Dazu sechs, vom System vorgeschriebene Blankes (Weisse), die als Supervisoren oder bessere Aufpasser beschäftigte wurden. Jeder von Ihnen ein wandelndes gebräuntes Klischee mit einer eigenen europäisch vererbten Spezialfähigkeit zur Apartheid.
Nicht in unserer (meiner) Küche
Dieser, von den auftraggebenden (internationalen) Fluggesellschaften gestellter Anspruch war ein äusserst schwieriges Unterfangen, welchen es galt tunlichst Umzusetzen. Tausende, qualitativ und hygienisch einwandfreie Mahlzeiten für die Airline Industrie «Rassenfreundlich» täglich zu produzieren, war eine Aufgabe mit sieben Siegeln.
Die Lösung: Anerkennung und Respekt für jeden einzelnen Mitarbeiter gleich welcher Couleur diese/r angehörte. Chance einer beruflichen Weiterbildung für Alle, gepaart mit einer fairen leistungsbezogenen Bezahlung. Das wirkte wie ein Wunder. Der einst nur so geduldete Arbeitsplatz wurde aufgewertet und wurde so sehr begehrt.
Das Ausserhalb meiner kleinen Arbeitsinsel stand nicht in meiner Macht etwas verändern zu wollen. Jedoch das Innerhalb war mein Revier, sofern ich gesetzeskonform verblieb. In meinem Revier da konnte ich Verändern. Jene die sich nicht entscheiden konnten waren hier am falschen Platz. Ich stellte sie alle vor Wahl: Akzeptiere oder Gehe!
Milch & Honig contra Matzenknödelech
Kurz Zeit danach kehrte ich nochmals in das Land wo – Milch und Honig fliessen sollen zurück. Für ganze acht lange Jahre, jedoch nicht als pflückender Mitnadef (Volontär) der Orangen pflückt, sondern als lehrender Dozent einer internationalen Hotelfach Ausbildungsstätte. Meine Aufgabe war um einiges kniffliger als die beim ersten Mal: Koscher-Kochen zu vermitteln und zwar à la Française.
Nicht weniger als das Unmögliche forderten meine halbstaatlichen Auftraggeber von mir. Junge und jung gebliebene New Residents, teilweise mit einer akademischen Erstausbildung, fanden in den 80er Jahren keine Arbeit in ihrem angestammten Beruf. Das war eines der vielen Probleme für einen Oleh Chadash im Lande Zions. Der Tourismus florierte in dieser Zeit trotz der Intifada jedoch immer noch. Die Branche jedoch litt massiv unter Mangel an qualitativ gut ausgebildetem Hotel- und Restauration Mitarbeitern und Managern. Eine ortsansässige grosse international tätigen Beherbergungs-Gesellschaft, wollte das ändern und um gleichzeitig das Renommee der koscheren Gastro-Küchenberufe massiv aufwerten.
Die behördlichen Auflagen sehen bis heute vor, dass ein Hotel der drei bis fünf Sterne-Kategorie im Besitze eines international gültigen Koscher-Zertifikat sein muss. Dieses berücksichtigt alle 613 gültigen Mizwot, nämlich 248 Gebote und 365 Verbote, die es in der koscheren Küche einzuhalten gilt.
Das Wunder (ohne Lizenz) wurde angefragt
Bereut habe ich nie, diese grandiose Aufgabe übernommen zu haben. Es war jedoch mehr als nur schwierig für einen christlich erzogenen Goy (Ungläubiger), der offen mit dem Nicht-Glauben hofierte, seine Küche als eine (fast) rein religiös beeinflusste Zone zu betrachten. Die Lösung wurde gemeinsam erarbeitet. Ein guter Maschgiach (Hüter der Speisegesetze) tolerierte und belehrte mich äusserst diplomatisch. Von der auftraggebender Hotel- Organisation bekam ich jegliche Freiheit und Unterstützung. Die staatlichen Stellen mischten sich nur bedingt ein. Die für den Job dazu nötige Chuzpe (Dreistigkeit / Unverschämtheit) wurde von mir im Schnellkurs erworben. Lehrmeister hierfür waren meistens, meine über 300 Studenten die Sie mir, immer der Situation entsprechend, das heisst: Ad Hoc beibrachten.
Französische Küchen-Wunder vollbrachten wir zwar keine, aber neue Aspekte des koscheren Kochens wurden damit angestossen. Trends einer neuen «Modern Art und classical kasher Kitchen» haben meine Studenten damit in der Folge umgesetzt. Das grossartige dabei war, dass sogar einige palästinensische «Hilfsarbeiter» aus den «Stachims» (Besetzte Gebiete), die einmalige Gelegenheit bekamen an dem Programm teilzunehmen.
Vom Goy zum Gaijin – Exotenstatus weltweit
Was haben ein Goy und ein Gaikokoujin gemeinsam? Beide gelten in ihrer Community als Aussenseiter: Ergo die besten Voraussetzungen für einen wie mich?
Die Welt Expo 85, World Faire Tsukuba Japan, war ein gigantisches Unterfangen. Zweiundzwanzig Millionen Besucher auf der sieben monatigen dauernden Welt Ausstellung. Über eine Million davon durften wir dabei als Gäste im Schweizer Pavillon mit dem Ausstellungsthema das Wasserschloss Europas begrüssen. Mit dabei, unser angeschlossenes Restaurant Le Soleil mit kulinarischen Spezialitäten und Köstlichkeiten aus der Schweiz. Bis zu eintausend zweihundert Mehrgänge-Mahlzeiten jeden Tag, habe ich meiner fast ausschliesslich japanischen Crew abgefordert. Eine zehn- bis zwölffache Stuhlbesetzung am Tag war normal. Wartezeiten der Gäste von bis zu zwei und mehr Stunden, um einen Platz an/in der «Sonne» zu ergattern, waren für die Besucher kein Problem.
Eine wahre Mammutaufgabe die es zu bewältigen galt. Der Lohn für uns, die Auszeichnung Best Restaurant Expo 85.
Wohl eine der «Schwierig & Schönsten» Aufgaben die es auf meiner beruflichen Weltreise je zu meistern galt.
Den Preis den es jedoch zu zahlen galt
No English-No-French and very little european Gastronomic Knowledge waren nicht gerade die idealen Voraussetzungen, den von uns angestrebten Erfolg sichern zu wollen. Das sprachliche Manko konnte man, mit der Hilfe einzelner fliessend englischsprechenden Mitarbeiter/innen irgendwie dennoch ausbügeln. Jedoch einem ausgebildeten Sushyia-Koch die schweizerische Kochkunst beibringen zu wollen, war naturgemäss eine etwas diffizilere Aufgabe. Die Suche nach für uns geeigneten Grundmaterialien in Nippon war wie ein Tanz mit dem Unwahrscheinlichen. Was ich suchte, gab es entweder nicht, oder nicht in der Qualität, die ich mir eingebildet hatte. Die Beteiligung der Schweiz an der Expo 85 war zusätzlich an die unsäglichen Bedingungen geknüpft:
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No food production on site
Eine Produktion dem Ausstellungsgelände war nicht erlaubt. Nur eine Endfertigung der Mahlzeiten wurde toleriert. Ich realisierte daher eine Produktionsstätte am Flughafen Narita. Sechzig Kilometer weit weg entfernt. Dies alles hing mit dem vorgegeben Thema der Ausstellung zusammen:
Dwellings and surroundings
Science and Technology
for Man at Home
Kochen wie gewohnt am Küchenpiano? Wie romantisch rückständig. Heute kocht die Maschine, und gegessen wird aus der Box standardisiert, sättigend war die japanische Zukunfts-Vision.
"En Guete Schwyz"
Die Zukunft hat Wort gehalten. 40 Jahre später ist das Kochen vielfach ein Hobby für Idealisten, das Essen ein logistisches Problem, und die Lunchbox das Symbol einer Welt, in der Zeit wertvoller ist als Geschmack. Lösungen waren damals gefragt und wurden von uns Allen gemeinsam (Er-)gefunden. Oft half der Zufall oder eine gewisse Schlitzohrhaftigkeit diese Hürden während meinem insgesamt zweijährigen Aufenthalt schweizerisch zu umschiffen.
Privates Glück
Ganz privat war Sushistan (Japan) für mich und mein Seelenheil eine wahre Wonne. Eine wunderbare histoire d'amour traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie lehrte mich die japanische Kenjeôgu (Bescheidenheitsform) sowie den Sonkeigo (Respektstatus) im Umgang mit allen meinen Mitmenschen zu zelebrieren.
Mittlerweile war ich ein sechsunddreissig jähriger Mann der eigentlich wissen sollte wo sein Platz ist. Fehlanzeige, die Welt der Küchen rief mich schon wieder und nicht eine vielversprechende Partnerschaft mit Anhang. Ich gab meinem geliebten Freiraum deluxe (leider) damals den Vorzug. Erkennen konnte und wollte ich das zu der Zeit noch nicht. Es sollten nochmals viele Jahre vergehen bis diese Erkenntnisse fruchten sollten.
Irgendwann am Ende meiner Reise durch die Welt der Küchen stand ich eines morgens auf und realisierte erstaunt, dass ich nicht sagen konnte in welcher Sprache ich letzte Nacht geträumt hatte. Für mich hiess dies: Back home to my roots. Da stand er nun, dieser unscheinbare Wegweiser an meinem Lebensweg auf dem geschrieben stand: Vernunft!

Alles ausser langweilig
Schul- und Jugendzeit mit Freiheiten noch und noch durften wir Kinder erfahren. Mitten im Städtchen, mit einem Zuhause das einem Bienenhaus glich. Zwar war uns drei Sonnenkinder es nicht vergönnt eine gute Wohnstube oder gar ein Familienzimmer als Spiel- und Rückzugsort zu kennen. Es war jedoch ein Daheim in dem das Leben Schaukeln durfte.
Mit dabei an vorderster Front eine Mutter mit zwei Herzen. Das Eine für Familie und Kinder, das Andere für Ihre Passion dem Kochen um unsere Gasthof-Gäste verwöhnen zu dürfen. Der Vater, verwickelt in seinem Ämter Wirrwarr, im Städtli eine angesehene und honorable Persönlichkeit, jedoch wenig präsent im Kreise seiner Familie.
Tag für Tag neue Gäste und Situationen kennenlernen zu dürfen, das war die Herausforderung die sich uns Kinder stellte. Schon früh galt es bei dem einen oder anderen Anlass mitzuhelfen und tatkräftig mit anzupacken. Sonntägliche Spaziergänge fanden, wenn überhaupt immer nur mit einem oder dem anderen Elternteil statt. Wir waren auf uns selbst gestellt, hatten aber die Freiheit das grosse Haus als Spielplatz zu nutzen. Reichte das nicht aus, standen uns die Strasse, umliegende Handwerksbetriebe und sogar ein ganzer Wald in der Umgebung zur Verfügung. Spielen in und mit der Natur war angesagt. Es kümmerte niemanden, wie und wo wir unsere Nachmittage ohne Unterricht verbrachten. Da wir eigenständig waren, nutzten wir diese kolossalen Freiheiten in vollen Zügen.
Die Schule durfte dabei nicht zu kurz kommen. Ich selbst war bis zur fünften Klasse ein mittelprächtiger bis sogar ein sehr guter Schüler. Mitten in dieser Zeit beschloss ich dem Frieden eine Pause zu gönnen. Ich rebellierte zum ersten Male im Leben. Mein Gegner war ein junger Lehrer, welcher frisch ab Presse, respektive vom Seminar kam. Beide waren wir Streber und gute Sportler. Wir fochten unseren ungleichen Daseinskampf vor laufendem Publikum aus. Nur einer konnte gewinnen, der andere sollte auf der Strecke bleiben. Ich überlasse es Dir lieber Leser vorauszuahnen, wer das wohl gewesen sein konnte.
Die Versetzung klappte gerade noch so. Durch das beherzte Eingreifen meiner Eltern wurde ein Beruhigungsjahr zwischengeschaltet. Das Resultat war ein neuerliches schulisches Aufblühen, jedoch ohne den schon einmal erlebten Glanz. Die Wogen beruhigten sich über die letzten Schuljahre und der nächste grosse Schritt stand vor der Tür. Es war, als würde das Leben flüstern: Wähle Weise, denn Dein Lebensarbeitszirkus beginnt.
Utopisches wie Schauspieler, Ingenieur Agronom oder der ganz traditionelle Beruf eines Koches, der langen gastronomischen Familientradition entsprechend, standen im Vordergrund. Ich folgte der Stimme der Vernunft, die klang verdächtig nach Magenknurren und so wurde ich Koch.
Mit Sechszehn, ein Anfang vom Ich
Ein Hotel in Basel war das auserwählte Ziel meiner Eltern. Die Wahl fiel auf ein Haus mit Sternen und das nicht nur am Himmel. Polierte Sterne, manchmal mit einem leichten Schatten, jedenfalls was die Präsenzzeiten und Betreuung eines Lehrlings betraf. Am Stoff zum Lernen mangelte es nicht, nur an Pausen und manchmal ein wenig an Gefühlen der Menschlichkeit.
Zweiunddreissig Wahnsinnige in Kochjacken, vereint im Schweiss, getrennt durch Eitelkeit. Ein jeder von Ihnen war Überzeugt, dass nur er das Rüstzeug zum nächsten Paul Bocuse, Marie-Antoine Carême oder gar ein Auguste Escoiffier (König der Köche) besitzen würde.
Für die nächste Dekade war dafür voller Körpereinsatz zum Karriereteller angesagt. Eine gewisse Besessenheit etablierte sich in mir und liess keine Gedanken an Zweisamkeit oder mehr in mir aufkommen. Einen grossen und ausgeprägten Sinn für eine Familie hatte ich in meinem Elternhaus nie erfahren dürfen. Somit war dieser Normal-Wunsch in mir einfach nicht präsent. Zwischen Bratpfanne, Weiterkommen und Beziehungen war ich eher ständig am Nachwürzen und dies wurde irgendwann auch zur Sucht. Vergnügen ja, aber Verpflichtungen Nein!
Einerseits waren da die starren und historisch gewachsenen Gastro-Strukturen, die mir absolut auf den «Sack» gingen. Anderseits machte sich in mir ein ungebremster Freiheitsdrang bemerkbar. Ich wollte dem Allen entfliehen, jedoch die Zeit war noch nicht reif dazu.
Falsch gekocht?
Es war im August, um genau zu sein am siebenundzwanzigsten, meinem Geburtstag. Zum ersten Mal besuchten mich meine Eltern freiwillig und gemeinsam in der grossen Stadt. Gratuliert wurde mir zu meinem zwanzigsten Frühling. Ein wunderbares und einprägendes Erlebnis. Nur ich, gemeinsam mit Vater und Mutter auswärts essen zu dürfen, das hatte echt Potential. Es keimte in mir zum ersten Mal jene Art von Nähe, die irgendwo zwischen väterlicher Geborgenheit und freundschaftlichem Vertrauen liegt. Etwas, das mir stets gefehlt hatte.
Vierter September zwölf Uhr mittags, mitten im stressigsten «coup de feu» meines Küchen-Services, wurde ich ans Telefon gerufen. Widerwillig verlasse ich den Arbeitsplatz und ich betrete als kleiner Commis, das mir eigens überlassene Büro des Grand-Chefs. Ich greife zum Hörer und lausche gespannt: Dein Vater ist gestorben…
Einfach Tod…
Was eben erst wie eine väterlich vertraute Stimme zu mir vor einer Woche gesprochen hatte, zwar noch fern von Freundschaft doch voller Versprechen, brach unvorhergesehen ab.
Meine geliebte Mutsch, Sie brauchte nun meine Hilfe. Mein älterer Bruder, Gastronom wie ich selbst, jedoch neuzehntausend Kilometer in der Ferne. Die Schwester in einem artfremden Beruf, so war es an mir, Unvernünftig jedoch Praktisch anzufangen zudenken. Konnte das gutgehen? Na sicher konnte das gutgehen...
Genau wie ein Soufflé in einem Erdbeben
Einige Monate später stand ich mit dem Daumen nach oben mit wenig Geld, aber voller Tatendrang auf der Strasse des Lebens: «Welt, höre ich komme». Niemand hatte mich gerufen. Ich musste einfach raus in eine von mir weniger fordernde Welt. Die mir selbst aufgebürdete Verantwortung war zu viel und somit konnte ich diese nicht meistern. Ich war noch nicht reif genug dazu.
Einzig bewaffnet mit dem Segen meiner Mutter, einer guten Ausbildung, jedoch mit mangelnder (Lebens-)Erfahrung, startete ich das Unterfangen Seefahrt mit Ziel Hamburg Dort erwartete mich das richtige Leben, und wie...
Mein Traum als Frischling auf einem Luxusdampfer anheuern zu können, musste ich schnell begraben. Überleben war angesagt. Hierfür bot sich eine Reihe guter Möglichkeiten an. Der herbstliche Hamburger-Dom war gerade im Aufbau begriffen und brauchte dringend junge risikofreudige und schlecht bezahlte Helfer. Den Beruf eines «Hafen-Stauer» kannte ich noch nicht. Er bot mir aber die Gelegenheit Doppelschichten zu fahren und immerhin pro Schicht sechsunddreissig Deutsche Mark zu verdienen. Meistens machte ich zwei davon, eine am Tag und eine in der Nacht.
Bei Onkel Hugo einem renommierten Theater-Restaurant, gegenüber der Davids-Wache auf der Reeperbahn, landete ich per Goodwill eines barmherzigen deutschen Beamten. In diesem, doch sehr renommierten Betrieb auf der Reeperbahn war jedoch Schwarzarbeit als Koch angesagt. Die scheinbare Rettung kam als ich auf einem KüMo (Küstenmotorschiff) als Junior Smutje anheuern durfte. Zwei Reisen, eine nach Russland und hoch zum Skagerrak reichten völlig aus, und ich erkannte, dass ich auf dem falschen Dampfer sass.
Mit Schrammen am Ego und einer Schlagseite im Stolz schipperte ich zurück in den Heimathafen, unter der weissen Flagge der Selbsterkenntnis.
Wie war der Schulweg?

Es war im August, um genau zu sein am siebenundzwanzigsten, meinem Geburtstag. Zum ersten Mal besuchten mich meine Eltern freiwillig und gemeinsam in der grossen Stadt. Gratuliert wurde mir zu meinem zwanzigsten Frühling. Ein wunderbares und einprägendes Erlebnis. Nur ich, gemeinsam mit Vater und Mutter auswärts essen zu dürfen, das hatte echt Potential. Es keimte in mir zum ersten Mal jene Art von Nähe, die irgendwo zwischen väterlicher Geborgenheit und freundschaftlichem Vertrauen liegt. Etwas, das mir stets gefehlt hatte.
Vierter September zwölf Uhr mittags, mitten im stressigsten «coup de feu» meines Küchen-Services, wurde ich ans Telefon gerufen. Widerwillig verlasse ich den Arbeitsplatz und ich betrete als kleiner Commis, das mir eigens überlassene Büro des Grand-Chefs. Ich greife zum Hörer und lausche gespannt: Dein Vater ist gestorben…
Einfach Tod…
Was eben erst wie eine väterlich vertraute Stimme zu mir vor einer Woche gesprochen hatte, zwar noch fern von Freundschaft doch voller Versprechen, brach unvorhergesehen ab.
Meine geliebte Mutsch, Sie brauchte nun meine Hilfe. Mein älterer Bruder, Gastronom wie ich selbst, jedoch neuzehntausend Kilometer in der Ferne. Die Schwester in einem artfremden Beruf, so war es an mir, Unvernünftig jedoch Praktisch anzufangen zudenken. Konnte das gutgehen? Na sicher konnte das gutgehen...
Genau wie ein Soufflé in einem Erdbeben
Einige Monate später stand ich mit dem Daumen nach oben mit wenig Geld, aber voller Tatendrang auf der Strasse des Lebens: «Welt, höre ich komme». Niemand hatte mich gerufen. Ich musste einfach raus in eine von mir weniger fordernde Welt. Die mir selbst aufgebürdete Verantwortung war zu viel und somit konnte ich diese nicht meistern. Ich war noch nicht reif genug dazu.
Einzig bewaffnet mit dem Segen meiner Mutter, einer guten Ausbildung, jedoch mit mangelnder (Lebens-)Erfahrung, startete ich das Unterfangen Seefahrt mit Ziel Hamburg Dort erwartete mich das richtige Leben, und wie...
Mein Traum als Frischling auf einem Luxusdampfer anheuern zu können, musste ich schnell begraben. Überleben war angesagt. Hierfür bot sich eine Reihe guter Möglichkeiten an. Der herbstliche Hamburger-Dom war gerade im Aufbau begriffen und brauchte dringend junge risikofreudige und schlecht bezahlte Helfer. Den Beruf eines «Hafen-Stauer» kannte ich noch nicht. Er bot mir aber die Gelegenheit Doppelschichten zu fahren und immerhin pro Schicht sechsunddreissig Deutsche Mark zu verdienen. Meistens machte ich zwei davon, eine am Tag und eine in der Nacht.
Bei Onkel Hugo einem renommierten Theater-Restaurant, gegenüber der Davids-Wache auf der Reeperbahn, landete ich per Goodwill eines barmherzigen deutschen Beamten. In diesem, doch sehr renommierten Betrieb auf der Reeperbahn war jedoch Schwarzarbeit als Koch angesagt. Die scheinbare Rettung kam als ich auf einem KüMo (Küstenmotorschiff) als Junior Smutje anheuern durfte. Zwei Reisen – nach Russland und hoch zum Skagerrak reichten völlig aus, und ich erkannte, dass ich auf dem falschen Dampfer sass.
Mit Schrammen am Ego und einer Schlagseite im Stolz schipperte ich zurück in den Heimathafen, unter der weissen Flagge der Selbsterkenntnis.Die historisch gewachsenen Strukturen der Gastroszene Schweiz waren damals einer grossen Wandlung unterworfen. Neue, ungewöhnliche Formen der Produktion sowie der Bewirtung zeichneten sich am Gastro-Himmel ab. Ungewöhnliches und Unkonventionelles war gefragt und angesagt. Das war die Chance für mich. Einer der sich in der alten verrosteten Brigaden Strukturen nie so richtig wohl gefühlt hatte. Ich war der ausgeprägte Einzelkämpfer mit vielen Ideen, also setzte ich einige davon umgehend um.
Ein Koch geht auf die «Stör» oder besser gesagt der Topf-Troubleshooter wurde so geboren. Eigentlich keine Neuerung, vielmehr eine Reaktivierung einer alten Handwerkertradition. Schon unsere Altvorderen wussten, dass ein guter Handwerker der Arbeit nachging und weniger, dass die Arbeit zum Handwerker getragen wurde.
Kritiker überzeugte ich mit Ideen, Leistungsbereitschaft und den entsprechenden Resultaten. Diese Neuerung war gefragt und nach anfänglichen Schwierigkeiten, sowie einigen Angebots-Begradigungen, war ich ein gefragter Pfannen-Nomade mit Ambitionen:
Ich mache (fast) alles möglich
Auch das Unmögliche
Nur für Wunder fehlt mir (noch) die Lizenz!
Die Anforderungen und Wünsche wurden mannigfaltiger und forderten mich komplett heraus. Der Fachdozent musste her, ob mit oder ohne Regenschirm. Viele schlaflose Nächte gingen einher mit so mancher klaren Überforderung in der Komplexität der gestellten Aufgaben.
Privatleben, als auch mein eigenes Gefühlsmanagement wurde dabei manchmal erfolgreich outgesourct ich glaube mit Zielort Sibirien. Dreizehn Länder und Kulturen, besuchte Feriendomizile nicht eingerechnet, kamen so zusammen. Fünfundzwanzig Jahre lang kochte und lehrte ich, wo andere längst die Flucht ergriffen hatten und war ein Stör-Choch auf globaler Wanderschaft.
Falsch Gekocht?

Es war im August, um genau zu sein am siebenundzwanzigsten, meinem Geburtstag. Zum ersten Mal besuchten mich meine Eltern freiwillig und gemeinsam in der grossen Stadt. Gratuliert wurde mir zu meinem zwanzigsten Frühling. Ein wunderbares und einprägendes Erlebnis. Nur ich, gemeinsam mit Vater und Mutter auswärts essen zu dürfen, das hatte echt Potential. Es keimte in mir zum ersten Mal jene Art von Nähe, die irgendwo zwischen väterlicher Geborgenheit und freundschaftlichem Vertrauen liegt. Etwas, das mir stets gefehlt hatte.
Vierter September zwölf Uhr mittags, mitten im stressigsten «coup de feu» meines Küchen-Services, wurde ich ans Telefon gerufen. Widerwillig verlasse ich den Arbeitsplatz und ich betrete als kleiner Commis, das mir eigens überlassene Büro des Grand-Chefs. Ich greife zum Hörer und lausche gespannt: Dein Vater ist gestorben…
Einfach Tod…
Was eben erst wie eine väterlich vertraute Stimme zu mir vor einer Woche gesprochen hatte, zwar noch fern von Freundschaft doch voller Versprechen, brach unvorhergesehen ab.
Meine geliebte Mutsch, Sie brauchte nun meine Hilfe. Mein älterer Bruder, Gastronom wie ich selbst, jedoch neuzehntausend Kilometer in der Ferne. Die Schwester in einem artfremden Beruf, so war es an mir, Unvernünftig jedoch Praktisch anzufangen zudenken. Konnte das gutgehen? Na sicher konnte das gutgehen...
Genau wie ein Soufflé in einem Erdbeben
Einige Monate später stand ich mit dem Daumen nach oben mit wenig Geld, aber voller Tatendrang auf der Strasse des Lebens: «Welt, höre ich komme». Niemand hatte mich gerufen. Ich musste einfach raus in eine von mir weniger fordernde Welt. Die mir selbst aufgebürdete Verantwortung war zu viel und somit konnte ich diese nicht meistern. Ich war noch nicht reif genug dazu.
Einzig bewaffnet mit dem Segen meiner Mutter, einer guten Ausbildung, jedoch mit mangelnder (Lebens-)Erfahrung, startete ich das Unterfangen Seefahrt mit Ziel Hamburg Dort erwartete mich das richtige Leben, und wie...
Mein Traum als Frischling auf einem Luxusdampfer anheuern zu können, musste ich schnell begraben. Überleben war angesagt. Hierfür bot sich eine Reihe guter Möglichkeiten an. Der herbstliche Hamburger-Dom war gerade im Aufbau begriffen und brauchte dringend junge risikofreudige und schlecht bezahlte Helfer. Den Beruf eines «Hafen-Stauer» kannte ich noch nicht. Er bot mir aber die Gelegenheit Doppelschichten zu fahren und immerhin pro Schicht sechsunddreissig Deutsche Mark zu verdienen. Meistens machte ich zwei davon, eine am Tag und eine in der Nacht.
Bei Onkel Hugo einem renommierten Theater-Restaurant, gegenüber der Davids-Wache auf der Reeperbahn, landete ich per Goodwill eines barmherzigen deutschen Beamten. In diesem, doch sehr renommierten Betrieb auf der Reeperbahn war jedoch Schwarzarbeit als Koch angesagt. Die scheinbare Rettung kam als ich auf einem KüMo (Küstenmotorschiff) als Junior Smutje anheuern durfte. Zwei Reisen – nach Russland und hoch zum Skagerrak reichten völlig aus, und ich erkannte, dass ich auf dem falschen Dampfer sass.
Mit Schrammen am Ego und einer Schlagseite im Stolz schipperte ich zurück in den Heimathafen, unter der weissen Flagge der Selbsterkenntnis.
Die historisch gewachsenen Strukturen der Gastroszene Schweiz waren damals einer grossen Wandlung unterworfen. Neue, ungewöhnliche Formen der Produktion sowie der Bewirtung zeichneten sich am Gastro-Himmel ab. Ungewöhnliches und Unkonventionelles war gefragt und angesagt. Das war die Chance für mich. Einer der sich in der alten verrosteten Brigaden Strukturen nie so richtig wohl gefühlt hatte. Ich war der ausgeprägte Einzelkämpfer mit vielen Ideen, also setzte ich einige davon umgehend um.
Ein Koch geht auf die «Stör» oder besser gesagt der Topf-Troubleshooter wurde so geboren. Eigentlich keine Neuerung, vielmehr eine Reaktivierung einer alten Handwerkertradition. Schon unsere Altvorderen wussten, dass ein guter Handwerker der Arbeit nachging und weniger, dass die Arbeit zum Handwerker getragen wurde.
Kritiker überzeugte ich mit Ideen, Leistungsbereitschaft und den entsprechenden Resultaten. Diese Neuerung war gefragt und nach anfänglichen Schwierigkeiten, sowie einigen Angebots-Begradigungen, war ich ein gefragter Pfannen-Nomade mit Ambitionen:
Ich mache (fast) alles möglich
Auch das Unmögliche
Nur für Wunder fehlt mir (noch) die Lizenz!
Die Anforderungen und Wünsche wurden mannigfaltiger und forderten mich komplett heraus. Der Fachdozent musste her, ob mit oder ohne Regenschirm. Viele schlaflose Nächte gingen einher mit so mancher klaren Überforderung in der Komplexität der gestellten Aufgaben.
Privatleben, als auch mein eigenes Gefühlsmanagement wurde dabei manchmal erfolgreich outgesourct ich glaube mit Zielort Sibirien. Dreizehn Länder und Kulturen, besuchte Feriendomizile nicht eingerechnet, kamen so zusammen. Fünfundzwanzig Jahre lang kochte und lehrte ich, wo andere längst die Flucht ergriffen hatten und war ein Stör-Choch auf globaler Wanderschaft

Die historisch gewachsenen Strukturen der Gastroszene Schweiz waren damals einer grossen Wandlung unterworfen. Neue, ungewöhnliche Formen der Produktion sowie der Bewirtung zeichneten sich am Gastro-Himmel ab. Ungewöhnliches und Unkonventionelles war gefragt und angesagt. Das war die Chance für mich. Einer der sich in der alten verrosteten Brigaden Strukturen nie so richtig wohl gefühlt hatte. Ich war der ausgeprägte Einzelkämpfer mit vielen Ideen, also setzte ich einige davon umgehend um.
Ein Koch geht auf die «Stör» oder besser gesagt der Topf-Troubleshooter wurde so geboren. Eigentlich keine Neuerung, vielmehr eine Reaktivierung einer alten Handwerkertradition. Schon unsere Altvorderen wussten, dass ein guter Handwerker der Arbeit nachging und weniger, dass die Arbeit zum Handwerker getragen wurde.
Kritiker überzeugte ich mit Ideen, Leistungsbereitschaft und den entsprechenden Resultaten. Diese Neuerung war gefragt und nach anfänglichen Schwierigkeiten, sowie einigen Angebots-Begradigungen, war ich ein gefragter Pfannen-Nomade mit Ambitionen:
Ich mache (fast) alles möglich
Auch das Unmögliche
Nur für Wunder fehlt mir (noch) die Lizenz!
Die Anforderungen und Wünsche wurden mannigfaltiger und forderten mich komplett heraus. Der Fachdozent musste her, ob mit oder ohne Regenschirm. Viele schlaflose Nächte gingen einher mit so mancher klaren Überforderung in der Komplexität der gestellten Aufgaben.
Privatleben, als auch mein eigenes Gefühlsmanagement wurde dabei manchmal erfolgreich outgesourct ich glaube mit Zielort Sibirien. Dreizehn Länder und Kulturen, besuchte Feriendomizile nicht eingerechnet, kamen so zusammen. Fünfundzwanzig Jahre lang kochte und lehrte ich, wo andere längst die Flucht ergriffen hatten und war ein Stör-Choch auf globaler Wanderschaft
Topf-Troubleshooter im Schatten & Glanz
Eine erste Auszeit nahm ich mir im Jahre 1972/73. Die turbulenten Familien- und die 68er Jahre schienen vorbei sein, hatten aber bei mir einige wichtige Spuren hinterlassen. Von zu Hause aus war ich zwar politisch neutral eingestellt, interessiert mich aber sehr für Geschichte sowie das aktuelle Geschehen. Dieses spielte sich in der Zeit vor allem im Mittleren-Osten ab.
Mal was anders dachte ich mir, und half für kurze Zeit im Land der heiligen Hitze- und mit einer Hummus-Garantie Orangen pflücken. Dabei blieb es nicht, denn die Geschichte, Land, Leute, drei Weltreligionen sowie die Sprache faszinierten mich umfassend. Begegnung mit Überlebenden der Shoah machte mich fassungslos und wütend, auf das was sich Menschen untereinander antun. Ich versuchte zu verstehen, erlernte Sprache der Hebräer, wurde jedoch von der aktuellen Realität umgehend brutal eingeholt
Krieg Ha Jom Kippur
Ein Stellvertreter Krieg schlechthin. Die Opfer. Junge Menschen in meinem Alter. Juden, Muselmanen, Christen. Auf dem Altar der Weltmachtideologie fanden sie ihr Ende. Den Schrei einer Mutter welche die Mitteilung bekommt, dass auch ihr zweiter Sohn dem Wahnsinn zum Opfer gefallen ist, liegt mir auch nach 52 Jahren immer noch in den Ohren.
Bei all dem Schrecklichen was ich in diesem Krieg erlebt habe, bleiben mir die gemachten lebenslangen und lebensbejahenden Freundschaften, aus den unterschiedlichsten Lagern die sich über die Jahre ansammelten. Darunter sind gute bis sehr gute Jahrgangs-Weine Ich habe mir fest vorgenommen all Denen treu zu bleiben, solange ich dem Leben einen tiefen Seufzer entreissen kann. Mit der Kraft und dem Wissen um Gleichgesinnte getroffen zu haben fühlte ich mich gestärkt um in meiner Welt der Küchen weiter zu bestehen.
Schloss Freudenberg
Kurioses fand sich unter den zahllosen kommenden Aufträgen. So zum Beispiel eine englische Lady die mit einem Schweizer Industriellen, als auch Politiker verheiratet war.
Ein Sommer der Extraklasse, in dem eine exzentrische englische Lady, ihre wohlerzogenen Hunde mit besserem Stammbaum als mancher Gast, sowie eine schillernde Parade aus Industrie, Politik und Hochadel verköstigt werden wollten und dies zwar standesgemäss. Das versteht sich wohl von selbst. Vom Frühstück über Tee-Time, bis zum Champagner um Mitternacht: Alles sollte glänzen, funkeln und duften, vorzugsweise nach Minze und Einfluss. Schloss Freudenberg machte seinem Namen alle Ehre.
Nil und Ägypten
Ein unzertrennliches Duo. Den Nachfahren der pharaonischen Esskultur die europäische Küche näherzubringen, war wie Kushari mit Älplermagronen zu servieren zu wollen. Kulturell wohl spannend, kulinarisch aber sehr gewagt. Doch es Gelang.
Es war vor allem der Freundlichkeit und der Offenheit sowie der Lernwilligkeit meiner Mitarbeiter, als auch dem flexiblen allgegenwärtigen (korrupten) Behördenapparat zuzuschreiben. Sie alle pendelten täglich zwischen Kulturschock, No-Ba%u1E2Bš%u012Bš-Mentalität oder Yes-Ba%u1E2Bš%u012Bš-Mentalität (Bakschisch), als auch ihren religiösen Verpflichtungen hin und her. Aus europäisch / ägyptischer Esskultur wurde so keine Ess-Katastrophe, sondern ein vielbeachteter Erfolg.
Blankes & Nie Blankes
Schwieriger war es für mich schon mit dem System der instruierten Diskriminierung im südlichen Afrika zurechtzukommen. Hundertzehn Colered Mitarbeiter als Grundcrew in einer Airline-Küchen-Brigade. Dazu sechs, vom System vorgeschriebene Blankes (Weisse), die als Supervisoren oder bessere Aufpasser beschäftigte wurden. Jeder von Ihnen ein wandelndes gebräuntes Klischee mit einer eigenen europäisch vererbten Spezialfähigkeit zur Apartheid.
Nicht in unserer (meiner) Küche
Dieser, von den auftraggebenden (internationalen) Fluggesellschaften gestellter Anspruch war ein äusserst schwieriges Unterfangen, welchen es galt tunlichst Umzusetzen. Tausende, qualitativ und hygienisch einwandfreie Mahlzeiten für die Airline Industrie «Rassenfreundlich» täglich zu produzieren, war eine Aufgabe mit sieben Siegeln.
Die Lösung: Anerkennung und Respekt für jeden einzelnen Mitarbeiter gleich welcher Couleur diese/r angehörte. Chance einer beruflichen Weiterbildung für Alle, gepaart mit einer fairen leistungsbezogenen Bezahlung. Das wirkte wie ein Wunder. Der einst nur so geduldete Arbeitsplatz wurde aufgewertet und wurde so sehr begehrt.
Das Ausserhalb meiner kleinen Arbeitsinsel stand nicht in meiner Macht etwas verändern zu wollen. Jedoch das Innerhalb war mein Revier, sofern ich gesetzeskonform verblieb. In meinem Revier da konnte ich Verändern. Jene die sich nicht entscheiden konnten waren hier am falschen Platz. Ich stellte sie alle vor Wahl: Akzeptiere oder Gehe!
Milch & Honig contra Matzenknödelech
Kurz Zeit danach kehrte ich nochmals in das Land wo – Milch und Honig fliessen sollen zurück. Für ganze acht lange Jahre, jedoch nicht als pflückender Mitnadef (Volontär) der Orangen pflückt, sondern als lehrender Dozent einer internationalen Hotelfach Ausbildungsstätte. Meine Aufgabe war um einiges kniffliger als die beim ersten Mal: Koscher-Kochen zu vermitteln und zwar à la Française
Nicht weniger als das Unmögliche forderten meine halbstaatlichen Auftraggeber von mir. Junge und jung gebliebene New Residents, teilweise mit einer akademischen Erstausbildung, fanden in den 80er Jahren keine Arbeit in ihrem angestammten Beruf. Das war eines der vielen Probleme für einen Oleh Chadash im Lande Zions. Der Tourismus florierte in dieser Zeit trotz der Intifada jedoch immer noch. Die Branche jedoch litt massiv unter Mangel an qualitativ gut ausgebildetem Hotel- und Restauration Mitarbeitern und Managern. Eine ortsansässige grosse international tätigen Beherbergungs-Gesellschaft, wollte das ändern und um gleichzeitig das Renommee der koscheren Gastro-Küchenberufe massiv aufwerten.
Die behördlichen Auflagen sehen bis heute vor, dass ein Hotel der drei bis fünf Sterne-Kategorie im Besitze eines international gültigen Koscher-Zertifikat sein muss. Dieses berücksichtigt alle 613 gültigen Mizwot, nämlich 248 Gebote und 365 Verbote, die es in der koscheren Küche einzuhalten gilt.
Das Wunder (ohne Lizenz) wurde angefragt
Bereut habe ich nie, diese grandiose Aufgabe übernommen zu haben. Es war jedoch mehr als nur schwierig für einen christlich erzogenen Goy (Ungläubiger), der offen mit dem Nicht-Glauben hofierte, seine Küche als eine (fast) rein religiös beeinflusste Zone zu betrachten. Die Lösung wurde gemeinsam erarbeitet. Ein guter Maschgiach (Hüter der Speisegesetze) tolerierte und belehrte mich äusserst diplomatisch. Von der auftraggebender Hotel- Organisation bekam ich jegliche Freiheit und Unterstützung. Die staatlichen Stellen mischten sich nur bedingt ein. Die für den Job dazu nötige Chuzpe (Dreistigkeit / Unverschämtheit) wurde von mir im Schnellkurs erworben. Lehrmeister hierfür waren meistens, meine über 300 Studenten die Sie mir, immer der Situation entsprechend, das heisst: Ad Hoc beibrachten. Französische Küchen-Wunder vollbrachten wir zwar keine, aber neue Aspekte des koscheren Kochens wurden damit angestossen. Trends einer neuen «Modern Art und classical kasher Kitchen» haben meine Studenten damit in der Folge umgesetzt. Das grossartige dabei war, dass sogar einige palästinensische «Hilfsarbeiter» aus den «Stachims» (Besetzte Gebiete), die einmalige Gelegenheit bekamen an dem Programm teilzunehmen.
Vom Goy zum Gaijin – Exotenstatus weltweit
Was haben ein Goy und ein Gaikokoujin gemeinsam? Beide gelten in ihrer Community als Aussenseiter: Ergo die besten Voraussetzungen für einen wie mich?
Die Welt Expo 85, World Faire Tsukuba Japan, war ein gigantisches Unterfangen. Zweiundzwanzig Millionen Besucher auf der sieben monatigen dauernden Welt Ausstellung. Über eine Million davon durften wir dabei als Gäste im Schweizer Pavillon mit dem Ausstellungsthema das Wasserschloss Europas begrüssen. Mit dabei, unser angeschlossenes Restaurant Le Soleil mit kulinarischen Spezialitäten und Köstlichkeiten aus der Schweiz. Bis zu eintausend zweihundert Mehrgänge-Mahlzeiten jeden Tag, habe ich meiner fast ausschliesslich japanischen Crew abgefordert. Eine zehn- bis zwölffache Stuhlbesetzung am Tag war normal. Wartezeiten der Gäste von bis zu zwei und mehr Stunden, um einen Platz an/in der «Sonne» zu ergattern, waren für die Besucher kein Problem.
Eine wahre Mammutaufgabe die es zu bewältigen galt. Der Lohn für uns, die Auszeichnung Best Restaurant Expo 85.
Wohl eine der «Schwierig & Schönsten» Aufgaben die es auf meiner beruflichen Weltreise je zu meistern galt.
Den Preis den es jedoch zu zahlen galt
No English-No-French and very little european Gastronomic Knowledge waren nicht gerade die idealen Voraussetzungen, den von uns angestrebten Erfolg sichern zu wollen. Das sprachliche Manko konnte man, mit der Hilfe einzelner fliessend englischsprechenden Mitarbeiter/innen irgendwie dennoch ausbügeln. Jedoch einem ausgebildeten Sushyia-Koch die schweizerische Kochkunst beibringen zu wollen, war naturgemäss eine etwas diffizilere Aufgabe. Die Suche nach für uns geeigneten Grundmaterialien in Nippon war wie ein Tanz mit dem Unwahrscheinlichen. Was ich suchte, gab es entweder nicht, oder nicht in der Qualität, die ich mir eingebildet hatte. Die Beteiligung der Schweiz an der Expo 85 war zusätzlich an die unsäglichen Bedingungen geknüpft:
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No food production on site
Eine Produktion dem Ausstellungsgelände war nicht erlaubt. Nur eine Endfertigung der Mahlzeiten wurde toleriert. Ich realisierte daher eine Produktionsstätte am Flughafen Narita. Sechzig Kilometer weit weg entfernt. Dies alles hing mit dem vorgegeben Thema der Ausstellung zusammen:
Dwellings and surroundings
Science and Technology
for Man at Home
Kochen wie gewohnt am Küchenpiano? Wie romantisch rückständig. Heute kocht die Maschine, und gegessen wird aus der Box standardisiert, sättigend war die japanische «Zukunfts-Vision». En Guete Schwyz!
Die Zukunft hat Wort gehalten. 40 Jahre später ist das Kochen vielfach ein Hobby für Idealisten, das Essen ein logistisches Problem, und die Lunchbox das Symbol einer Welt, in der Zeit wertvoller ist als Geschmack.
Lösungen waren damals gefragt und wurden von uns Allen gemeinsam (Er-)gefunden. Oft half der Zufall oder eine gewisse Schlitzohrhaftigkeit diese Hürden während meinem insgesamt zweijährigen Aufenthalt schweizerisch zu umschiffen.
Privates Glück
Ganz privat war Sushistan (Japan) für mich und mein Seelenheil eine wahre Wonne. Eine wunderbare histoire d'amour traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie lehrte mich die japanische Kenjeôgu (Bescheidenheitsform) sowie den Sonkeigo (Respektstatus) im Umgang mit allen meinen Mitmenschen zu zelebrieren.
Mittlerweile war ich ein sechsunddreissig jähriger Mann der eigentlich wissen sollte wo sein Platz ist. Fehlanzeige, die Welt der Küchen rief mich schon wieder und nicht eine vielversprechende Partnerschaft mit Anhang. Ich gab meinem geliebten Freiraum deluxe (leider) damals den Vorzug. Erkennen konnte und wollte ich das zu der Zeit noch nicht. Es sollten nochmals viele Jahre vergehen bis diese Erkenntnisse fruchten sollten.
Irgendwann am Ende meiner Reise durch die Welt der Küchen stand ich eines morgens auf und realisierte erstaunt, dass ich nicht sagen konnte in welcher Sprache ich letzte Nacht geträumt hatte. Für mich hiess dies: Back home to my roots. Da stand er nun, dieser unscheinbare Wegweiser an meinem Lebensweg auf dem geschrieben stand: Vernunft!
Erkenntnis? Ja - Stolz? Naja
Eine Markierung, die es bisher in meinem doch sehr umfassenden «Vocabulaire» nie gegeben hatte. Es musste sein, ob ich wollte oder nicht.
Fünfzehn Jahre Zeit in der Arbeitswelt verblieben mir noch um allfällige Korrekturen vorzunehmen. Voller Elan machte ich mich als erfolgreicher Heimkehrer auf die Suche nach einer für mich geeigneten Position. Jedoch es gab Fragen wie: Sie waren Leiter grosser Küchenbrigaden auf mehreren Kontinenten – können Sie überhaupt noch kochen?
Ach ja diese Frage, ein Küchenklassiker unter den unterschwelligen Beleidigungen. Als hätte ich jahrelang mit einem Klemmbrett bewaffnet in der Küche gestanden, um aus sicherer Entfernung das Brutzeln und Köcheln zu beobachten. Als wäre ich irgendwann von der Kochjacke direkt ins Management geschlüpft und hätte dabei das Feuer, das Salz und den Geschmack ganz vergessen.
Wer jemals eine Küchenbrigade geführt hat, weiss: Wenn’s richtig brennt, hilft kein Organigramm nur Können, Timing und das Vertrauen, dass man selbst den Löffel in die Hand nimmt und das nicht nur zum Probieren.
Enttäuschung und Frustration machten sich breit und liessen mich unvorsichtig werden. Ich ignorierte den Rat meines verstorbenen Vaters: Eine erfolgreiche Gastronomie braucht die Weiblichkeit!
Natürlich war ich überzeugt, dass ich es auch ohne schaffen würde. Ich meinte, wie schwer kann das schon sein? Leidenschaft, Erfahrung, ein klarer Plan, gepaart mit ein bisschen Wahnsinn was soll da schiefgehen?Alles.
Ich ging das Risiko trotzdem ein, das mit vollem Einsatz und grossem Ego. Für das was Frauen offenbar besser können: den Laden zusammenhalten bevor er auseinanderfällt, hatte ich keinen Blick. Was ich dafür bekam? Einen Crashkurs in Realität, inklusive Verlust von Zeit, sowie einen sehr grossen Teil meiner Ersparnisse.
Von Küchentechnologie hatte ich bisher keine Ahnung.
Ich war bestenfalls ein versierter Anwender und kannte die physikalischen Gesetze, die beim Kochen zum Tragen kommen. Und doch kam eines Tages, ausgerechnet aus dieser Ecke, ein verlockendes Angebot. War das die ersehnte Rettung?
Noch nicht ganz. Aber die geplante Anstellung (mit Hindernissen) als Key Account Manager Schweiz beim grössten Küchengerätehersteller des Landes stand in Aussicht. Mein Handicap? Ein pingeliger CEO, der sehr genau auf Etikette achtete.
Der Tag des finalen Vorstellungsgesprächs war heiss und schwül. Die mündliche Zusage hatte ich bereits von der Personalabteilung bekommen. Es ging nur noch um die formelle Bestätigung. Umso überraschter war ich, als ich einen Tag später eine Absage von der Firma erhielt.
Was war geschehen?
Der scheidende CEO, noch für wenige Monate im Amt, hatte mein Outfit bemängelt. Genauer gesagt: den nicht ganz bis oben zugezogenen Krawattenknoten.
Da stand ich nun, wie der vermeintliche Götz am Oelberg.
Jedoch ans Aufgeben dachte ich nicht. Ich intervenierte erfolgreich und erhielt die Chance auf ein zweites, finales Gespräch. Flugs besorgte ich einen neuen Anzug, samt passendem Bändel. Diesmal fand das Treffen in den Showräumen des Unternehmens statt. Ich sollte den CEO und die Personalverantwortliche persönlich zusammentreffen.
Und da stand er nun, mein zukünftiger Chef. Ich wusste vom ersten Augenblick an, dass ich die Stelle bekommen würde.
Vor mir stand ein CEO ohne "Bändou" und ohne Anzug.
Wir begrüssten uns gegenseitig, und ich begann ihn eindringlich von oben nach unten zu Mustern. Wir Beide verstanden was Sache war – Ich war engagiert!
Das in vielen Jahren als Topf-Troubleshooter erlernte Wissen einer Chuzpe und meine nicht minder mangelnder Kaltschnäuzigkeit, leisteten mir dabei wertvolle Dienste.
Es folgten fünfzehn Jahre unbeschwerter und leidenschaftlicher Zusammenarbeit in diesem grossartigen Konzern. Ich fühlte mich heimisch und bestens aufgehoben. Ja, fast hätte ich geglaubt, das sei nun mein sicherer Hafen. Aber wer in der Gastronomie gross geworden ist, der weiss: wirkliche Ruhe gibt es nicht, höchstens eine Verschnaufpause. Es kam wie es kommen musste:
Der Wolf im Schafspelz - Äxgüsi oder besser gseid, «Loneley Wolf med Schlips ond mängisch ohni Bändou», ging in Pension. Pensionist also, jedoch an Ruhe war nicht zu denken. Im Gegenteil: das war erst der Beginn des nächsten Abenteuers.

Endlich Zeit - jedoch wofür eigentlich
Der Ruhestand heisst nicht still zu stehen. Nein, es ist aber der Moment in dem du zum ersten Mal richtig mit dir selbst beschäftigt bist. Weit weg sind Stress sowie deine immer bereite hundertfünfzig prozentige Leistungsbereitschaft. Meine Überzeugung war, dass ich als hoch offiziell beglaubigter Nichts-Tuer ein wunderschönes Floner-Leben vor mir habe würde. Es kam natürlich anders als von mir Angedacht!
Sechs Monate nach dem Eintritt in das Dasein eines Pensionisten stand wieder einmal ein Gesundheitscheck an. Wirkliche grosse gesundheitlichen Katastrophen hatten mich bisher freundlicherweise ignoriert, wahrscheinlich aus Mitleid oder weil sie mich schlicht übersehen haben. Eine Ausnahme gab es da. Im Jahre 2008 sah ich mich genötigt mich einer Rücken OP zu unterziehen.
Ein Zipperlein hier und ein Zipperlein dort war alles, was mich danach bis zu meiner Pension noch plagen sollte. Noch mitten im Arbeitsleben verweilend bemerkte ich fast täglich einen wässrig-rötlichen Kleinstfleck auf meinem Oberhemd am Ende meines Arbeitstages. Pingelig, wie es sich für einen im Zeichen der Jungfrau geborenen gehört, störte dies mich gewaltig. Ganz beiläufig erwähnte ich diesen Umstand der mich untersuchenden Ärztin bei meinem ersten Pensionisten-Gesundheits-Check. Sie fasste an meine linke Brust und untersuchte diese. Als sie danach meine rechte Brust anfasste schreckte sie unvermittelt zurück. Ein Schwall einer gelblich-blutiger Flüssigkeit schoss auf ihr ärztliches blütenweisses Outfit. Mammographie und eine Biopsie waren das Resultat und das noch am selben Tag.
Eine Woche später sollte ich wiederum in der Arztpraxis erscheinen. Bisher hatte ich mir keine besonders grossen Sorgen betreffend des letztwöchigen Arztbesuches gemacht. Ganz anders meine Hausärztin. Diese machte grossen Druck um rasch möglichst an die Laborwerte zu kommen. Aufgeboten wurde ich von Ihr, für Montag acht am Morgen. Ungewöhnlich früh für einen der sich langsam ans Ausschlafen gewöhnenden Jung-Pensionisten. Das Resultat übermittelte mir die Ärztin.
Brustkrebs! Punkt…
Was sagt die Frau da? Noch Schlaftrunken am frühen Morgen begriff ich absolut gar nichts mehr. Ihre nachfolgenden Erklärungen, was jetzt unbedingt zu geschehen habe, prallten voll an mir ab. Ich wolle eigentlich gar nichts tun erklärte ich der Ärztin, worauf sie folgendes zu mir sagte: Das kannst du, jedoch du wirst mit den Konsequenzen leben müssen.
Dumpf hallten ihre Worte noch in mir: So an die 6600 Frauen haben letztes Jahr in der Schweiz Brustkrebs diagnostiziert bekommen Die Zahl der Männer liegt bei zirka sechzig Stück; das heisst bei… Einem Prozent…
…und du gehörst dazu. Eine Operation ist unausweichlich. Ich melde Dich umgehend an – Einverstanden?
Halt Sichern… Ich brauche einen Kaffee sprach ich zu der Ärztin. Ich möchte, wollte, musste – Nachdenken.
Kommen sie zurück, wann immer sie wollen, tönte es noch in meinen Ohren. Einige Stunden später ging ich zurück in die Praxis und gab mein Einverständnis. Zehn Tage später lag ich gleich zweimal am selben Tag auf dem OP-Tisch in der Frauenklinik des KSA in Aarau.
Zäh wie Fondue – mit Nebenwirkungen
Zehn lange Tage und zehn noch längere Nächte um darüber mit mir ganz Alleine zu sinnieren – Wars Das……!?
Bruder, Schwester, Nichte und Neffe weit weg und das nicht nur Distanzmässig. Bei Freunden anklopfen? Da waren Derer nicht viele, die ich ins Vertrauen hätte ziehen wollen oder können. Ich war ein Einzelkämpfer und blieb derjenige schlechthin der ich immer sein wollte.
Mein kläglicher Versuch, schriftlich mit Bruder und Schwester in Kontakt zu treten, scheiterte vollends an den gegebenen Umständen. Hier und dort machte ich den Versuch das Unausgesprochene anzusprechen jedoch ohne wirklich Gehör zu finden. Eine vertrauenswürdige Beziehung zu einem weiblichen Wesen, mit der ich meine Ängste hätte teilen können, existierte nicht. Diese Hoffnung war bei mir vor Jahren Entschwunden. Was blieb war nur das Eigene Ich, das ich seit über fünfundsechzig Jahren tunlichst gepflegt hatte. Auf einmal sah ich mich konfrontiert mit dem grossen Tabu-Thema des Lebens, dem Sterben!
Damit hatte ich so gar keine Erfahrung. Vater ging von mir, ohne dass ich seinen effektiven Tod hautnah mitbekommen habe. Es war wie ein «Fait a complis» mit seiner Leiche die für ganze vier Tage im Hause aufgebahrt worden war. Die Leiche machte mir damals Angst und ich sah mich ausserstande, von diesem Körper zu Abschied zu nehmen.
Ich funktionierte zwar als Sohn, wie es von mir erwartet wurde. Den emotionalen Abschied von Vater schaffte ich erst Jahre später. Dabei halfen mir meine meist stummen und doch schreienden Zwi- und Streitgespräche, die ich mit ihm nachts an seinem Grab führte.
Dreissig Jahre später bot sich mir die einmalige Gelegenheit das Ableben meiner Mutter wirklich miterleben zu dürfen. Drei Wochen lang begleitete ich ihr Hinscheiden. Den Tod, also der Moment wo das Leben sie aus dem Körper sie verliess, habe ich dabei schändlicher Weise um ganze fünf Minuten verpasst.
Während meiner vielen Lust- und Wanderjahre wurde ich immer wieder mit dem Thema Abschied vom Leben konfrontiert. Ganz besonders intensiv spürte ich das aus dem Leben scheiden in Form von Erzählungen.
Viele Holocaust-Überlebende berichteten mir persönlich und detailliert von den Gräueltaten die sie während der NS-Zeit erleben mussten. Damals wurde gestorben was das Zeug nur so her gab.
Eindrücklich war für mich auch die Zeit des Jom Kippur Krieges 1973 zwischen Israel und den arabischen Staaten. In dieser Zeit habe ich das Weinen der Mütter dreier Weltreligionen miterleben müssen.
Im südlichen Afrika wurde ein mir sehr wichtiger (Colored) Mitarbeiter, am Ende des Tages nur noch als menschlicher Brei zu mir im Zinksarg in den Betrieb zurückgebracht. Noch am Vorabend hatte ich ihn gebeten mit mir zusammen doch einige zusätzliche Arbeiten zu erledigen. Ich selbst brachte ihn nach erledigter Aufgabe zum Bahnhof, wo er in den Zug für Nie Blankes (Nicht Weisse) einstieg. Die zehn Rand zirka zwölf Schweizer Franken an Geld das er auf sich trug, waren sein Todesurteil. Vollzogen durch die Jugendliche seiner eigenen Gemeinschaft. Er weigerte sich das Geld ihnen auszuhändigen. Sie warfen ihn aus dem fahrenden Zug, wo er von einem entgegenkommenden Zug erfasst wurde.
Hautnah aus dieser Welt zu scheiden, das kannte ich bisher nur aus der Zuschauer- oder Begleiter Perspektive. Mir selbst machten die Ärzte zwar grosse Hoffnung: Ich stünde einer Genesung näher als einem Drama. Das schenkte mir enorm viel Lebensmut. Und doch war da dieser Andere mein Begleiter, die Angst. Lähmend, Stumm und nicht zu vertreiben. Was ich jedoch unbedingt wollte war: No drama. Just fighting for my survival.
Überlebt ja, was jetzt…
Mit dem Albtraum Brustkrebs hatte ich mich also arrangiert. Ich erholte mich zusehends von der Operation und nach der Genesung. Es wurde mir bewusst: Mein Lebens-Menü, mal süss, mal scharf brauchte dringend eine realitätsbezogene Auffrischung. Dieses irgendwie lustlose Dahinplätschern, dieses Lari-Fari-Leben ohne rechten Inhalt, verlangte nach einer Neuorientierung. Wie so oft in meinem Leben kam mir dabei, einmal mehr der Kollege Zufall zu Hilfe.
Was schenkt man einem Bruder, der achtzehntausenddreihundert Kilometer weit entfernt in Neuseeland seine neue Heimat gefunden hat, zu seinem siebzigsten Geburtstag? Die Ankündigung seines Kommens, nach über fünfzig jährigen Abwesenheit, brachte mich etwas in die Bredouille. Zwar hatten wir beide unser gesamtes Arbeitsleben der Gastronomie gewidmet, aber ein opulenter Geburtstagskuchen kam für mich nicht in Frage. Die Idee, ihm eine gemeinsam erlebte Geschichte in Buchform zu schenken, machte sich breit und diese nahm für mich ungeahnte Formen an.
Es war der Anfang meiner bisher 183.656 geschriebenen Worten, die mein bisheriges Leben beschreiben.
Dieser Virus hat sich als echte Bereicherung meines Pensionisten-Alltag erwiesen. Er hat mich überwältigt und lässt mich seither nicht mehr los.
Die Zeit des Nachdenkens und des Erzählens hatte mich gefunden.
Slow Food contra Speed Cuisine
Die Wurzel allen Übels im Dasein eines Pensionisten ist sein Zeitmangel. Das kannte ich zur Genüge aus meiner Arbeitswelt in der es mir immer an Zeit gefehlt hat. Meine Intention war und ist, dass ich bei diesem Spiel nicht mehr mitspielen wollte.
Was ich aber dabei vergessen habe ist, wenn ich dieser Eine andere Rentner sein wollte, so musste ich das mühsam Erlernen. Zeit für alles und jeden zu haben ist nicht einfach und schon gar nicht, wenn man aus einem High Speed-Leben in die Pension unvorbereitet katapultiert wird.
Eine erste Lektion wurde mir durch meine Krankheit und die nachfolgende Rekonvaleszenz erteilt. Ich befand mich mit meiner Gefühlswelt im Niemandsland und somit Fragen konfrontiert die ich nie für möglich gehalten hätte.
Keine innere Uhr sagt Dir, dass du um sechs Uhr in der früh Aufzustehen hast. Der Tag hat vierundzwanzig Stunden. Über jeden einzelnen der sechzig Minutenblock bestimmst du selbst. Eigentlich ein paradiesisches Leben, wenn da nicht auch einige negative Aspekte mitschwingen würden.
Die Weisheit, dass in der Pension der eine Franken nur noch einen Wert von fünfzig Prozent hat, erfährts du eventuell schmerzhaft am eigenen Leib. Damit einhergehend stellt sich automatisch die Frage, habe ich genug Vorsorge geleistet um weiter wie bisher leben zu können. Du bemerkst, dass du Dich eventuell Einschränken musst und du Dir nicht mehr alles Leisten kannst. Es ist die bittere Wahrheit an der du Dich zu orientieren hast. Schmerzhaftes Lernen ist angesagt und zu Beginn bereitete dir das unsägliche Schmerzen.
Früher hattest du viele berufsbedingte Anrufe den ganzen langen Arbeitstag hindurch. Du und Dein Ich waren zu Jederzeit beschäftigt. Meeting auf Meeting folgte, und du musstes Dich Wehren damit du die Zeit fandest dich gesund zu Ernähren. Du warst Chef von Menschen, Dingen oder Handlungen für die du die Verantwortung getragen hast. Die Belastung und Überlastung waren gross, manchmal viel zu gross. Du warst Zufrieden, auch wenn Arbeits- und Präsenzzeit manchmal unmenschlich waren. Dein Grundgefühl sagt zu Dir: Je ne m’inquiète pas pour l’avenir, je vis.
Du funktioniertest wie man dies von Dir erwartet hatte. Deine persönlichen Bedürfnisse und Gefühle blieben dabei (weitgehend) auf der Strecke. Du kompensiertest diese anderweitig, nicht immer dein Seelenheil fördernd. Verrückt doch erst heute, nach deiner Pensionierung realisierst du wirklich, dass du eigentlich dein ganzes Arbeitsleben lang komplett Fremdbestimmt warst.
Tage ohne ein Telefonat oder menschlichen Kontakt gab es in deinem Leben nie. Kein Feiertag verging ohne einen sogenannten dringenden Einsatz irgendwo auf dieser Welt. Dein Markenzeichen war, immer Sprungbereit dazu sein wo es gebrannt hat.
Mir selbst habe ich dabei am wenigsten geholfen. Im Nachhinein bin ich sogar irgendwie dankbar, dass ich durch bestimmte besondere Umstände wachgerüttelt wurde. Neben dem Schreiben fing ich an Vorträge zu halten. Interessierte Kreise wie Schulen, Lehrer, Alters-und Pflegeheime, die
Presse und die neuen und öffentlichen Medien interessierten sich plötzlich für mich. Ich fing an über mich und mein Leben Nachzudenken und darüber zu berichten.
The slowness became valuabl
Diese Langsamkeit die in mein Leben trat nahm mir ein wenig meine Angst vor der Zukunft. Sie machte mich Offener, Gelassener aber auch Zuversichtlicher, wie ich dem Rest meines Lebens und dem Danach gegenübertreten möchte. Unheimlich aber war, und ich fühle mich gut bei meiner Aussage. Krebs sei Dank!

Zip und Zipperlein plus La grande Bouffe de la Vie
Vor denen ist kein Pensionist gefeilt. Es zwickt hier und dort und tut auch schon mal weh. Ganze zehnmal war ich bisher, ganz oder teilweise hospitalisiert oder als Besucher-Patient auf der Notaufnahme. Besuche bei der Ärzteschaft sind ein Bestandteil meines Alltages geworden. Sie gehören mit zur reich gedeckten Tafel des Lebens und ich habe sie als notwendiges Übel akzeptieren gelernt.
Es ist Angerichtet
Davon lohnt es sich wirklich und ausführlich zu erzählen. Als Pensionär lernst du die Kunst des Schlafes neu zu erkennen. Ausschlafen, ein Mittagsschlaf oder auch nur das berühmte Nickerchen waren dir bisher nicht bekannt. Früh Aufzustehen war eine deiner Pflichtdisziplinen. Samstag und Sonntagsarbeit, inklusive die späte Heimkehr in der Nacht, gehörte zu deinem Kürprogramm. Schwierig ist es diesem Gewohnheitstier und Perfektionisten so etwas abzugewöhnen. Du hattest immer das Gefühl neben Dir zu stehen, nicht zu Genügen und immer noch mehr geben zu müssen. Ganze drei Jahre brauchtest Du um deine neuen Freiheiten überhaupt zu akzeptieren, neu einzuordnen und diese in deinen Alltag einzubauen. Am schwierigsten war es für Dich deine tägliche Routine und Gewohnheiten umzustellen. Ganz langsam fandest du Gefallen an deinem Rentnerleben und vor allem an deiner neu erworbenen Freiheit.
Eine der Freiheiten begann damit, dass ich den erst von mir erworbenen Wagen meiner Ex -Firma verkaufte. Ich tat dies aus zwei Gründen. Mobil sein ja, jedoch nicht unbedingt abhängig sein vom Auto, war meine Devise. Ich stieg auch aus gesundheitlichen Gründen auf den öffentlichen Verkehr um und finanziell zahlte das sich für mich zusätzlich aus. Ich hatte so mehr Mittel für die mir wesentlicheren Dinge zur Verfügung. Ich musste allerdings auch feststellen, dass der öffentliche Verkehr nicht ganz alle meine Bedürfnisse abdeckte. Was solls, da gab es ja noch Uber, Taxis und eine grosse Anzahl Bekannte, auf die man im Notfall hätte zurückgreifen können. Nicht ganz befriedigend diese Situation, jedoch da stand mir noch das altbewährte Fahrrad oder auf südländisch La Bici zur Verfügung. Es versprach mir den nötigen lokalen Freiraum den ich unbedingt immer haben wollte. Reine Muskelkraft war die Prämisse. so ganz meiner Lebensphilosophie entsprechend, nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Etwas anderes kam mir gar nicht in Frage, oder doch?
Tour de Suisse aber mit Unterstützung
Sehr viele Unpässlichkeiten, sowie ein doppeltes Upgrad an meinem Fahrwerk (Knie & andere OP’s) machten mir und meiner Starrsinnigkeit zusehends Probleme. Dazu kam eine Prostata die sich wie ein alter Dackel verhielt. Klein, eigensinnig, bellt nachts und macht nicht mehr genau das, was er eigentlich sollte. Eine Korrektur war angesagt und wurde vollzogen. Als Lohn winkte für kleine und mittlere Distanzen zusätzlich wieder mobil zu werden. Was ich tun musste war relativ einfach, und doch war es gewissermassen ein hoher Preis den es zu zahlen galt. Mein Stolz sagte nein aber die Vernunft obsiegte. Ich kaufte mir ein Elektrovelo.
Es begann eine wunderbare Zeit die bis heute anhält. Einmal auf dem Göppel immer wieder auf dem Fahrrad. Das Elektro betriebene Ding wurde fast schon zur Sucht, die nach täglicher nach Befriedigung ruft. Falscher Stolz ist hier fehl am Platz. Hier zählt die kluge Akzeptanz der Jahre, denn was früher mit Kraft ging, geht heute mit Genuss. Man darf Sagen Genuss ist der würdige Antrieb im Alter. Zehntausendfünfhundert Kilometer haben sich auf den Tacho geschlichen, keiner davon mit Schmerzen, jeder einzelne mit einem Lächeln. Slow-Ride nenne ich meine neue Geliebte. Mit ihr reite ich durch Wald, Wiese mit Wonne und Respekt. Eifach nur schön…
Nichts mehr müssen & (fast) alles dürfen
Die Freiheit deiner Gedanken musst du als Pensionär neu einordnen lernen. Was heisst das?
Viele der bisher gelebten - Zwänge existieren plötzlich nicht mehr, wenn du dir den Luxus gönnst, vermeintliche Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Du hast die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen, ohne Angst vor den Konsequenzen.
Das betrifft nicht nur deine alltäglichen Entscheidungen. Dies gilt genauso für festgezurrte Lebensweisheiten, die du über Jahrzehnte mitgetragen hast. Plötzlich darfst, und du kannst vieles hinterfragen: Deine Einstellungen, Überzeugungen, Sichtweisen. Nicht alles, was früher richtig schien, bleibt es für immer. Und das ist in Ordnung.
Was es dazu braucht? Nur eines: die Bereitschaft, offen zu denken.
Dich selbst infrage zu stellen, bedeutet nicht dich zu entwerten, sondern dir zu erlauben weiterzuwachsen. Vieles, welches du über die Jahre als wahr angenommen hast, erscheint nun in einem neuen Licht. Ja, es braucht Mut, sich selbst einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Noch mehr Mut braucht es, die neue Sichtweise gegenüber dem eigenen Umfeld zu vertreten. War also alles falsch… wie und wofür du eingestanden bist? Mitnichten.
Das Schöne am Älterwerden ist die Möglichkeit, mit milder Distanz auf sein Leben zurückzublicken. Nicht um es zu bewerten, sondern um es besser zu verstehen. Nicht um es zu korrigieren, sondern um sich selbst darin wiederzufinden. Mit all dem was war, und all dem was noch kommen darf.
Geist wach – Körper braucht fünf Minuten
Die Ideen fliegen mir nur so zu, seit ich zu meiner Leidenschaft dem Wort (zurück)gefunden habe. Das war schon einmal so. Im Jahre neuzehnhundert Sechsundsechzig begann ich als Lehrling kleine Gedichte zu schreiben. Weit weg von zu Hause als siebzehnjähriger in einem öden Personalhaus an der Frohburgstrasse in Basel. Der Arbeitstag gesplittet, das heisst: Arbeitsbeginn 08:00h bis 14:00h. Gefolgt von der Zimmerstunde bis 17:00h. Abendlicher Service bis zweiundzwanzig oder gar bis vierundzwanzig Uhr. Ein Tag Schule und einen arbeitsfreien Tag, das war mein Leben. Sport interessierte mich sehr, jedoch es fehlten die Trainingspartner. Während sie arbeiteten war ich auf Freizeit. Ich war zum ersten Mal Einsam, denn das gewohnte Umfeld fehlte mir in der vermeintlich grossen Stadt. Damals fing ich rund um mein eigenes Ich an zu Schreiben:
Mein Geist
Unvollkommen und doch eingebildet
Auf was mein Geist
Geist Du bist mir Über
Du bist mir zuviel
Viele solcher kleinen Wortspiele gingen mir damals während der einsamen Nächte durch den Kopf. Danach folgten fast fünfzig wortlose Jahre in denen ich einfach nur funktionierte. Jahre des Machens, Wartens und des Vergessens. Die Sprache war noch da, nur ich sprach sie nicht mehr.
Irgendwann, inzwischen Grauhaarig beim morgendlichen Kaffee waren sie wieder da meine – Worte. Was folgte war, ein genüssliches jahrelang anhaltendes Schreiben. Dieses schreiben führt mich seither durch den Dschungel der Vergangenheit. Hindurch durch das Gestrüpp des Alterns hinein in die Zukunft, das ist mein Weg.
Welcome to old age
Als ehemaliger Sportler war mir meine körperliche Verfassung immer wichtig. Ich hielt mich so gut fit, wie es eben ging. Ein schwieriges Unterfangen in einem Beruf, in dem man als Küchenchef wie ein Uhrwerk funktioniert und als Dozent die genüsslichen Seiten des Lebens mit Überzeugung (Kalorien) vermittelt. Nichts desto trotz gelang es mir leid-lich meine Form zu bewahren. Jedoch der Zahn der Zeit ist ein gnadenloser Feinschmecker. Er nagt langsam, aber konsequent und macht auch vor einem noch so (in)disziplinierten Körper nicht halt.
Kaum bist du pensioniert, meldet sich als Erstes eine unsägliche Müdigkeit. Nicht wie früher nach einem langen Arbeitstag oder einem harten Training. Nein, diese Müdigkeit ist grundlegend Tief. Sie kommt nicht, um dich zu stören. Sie kommt, um dir zu sagen: Lass los – Du darfst jetzt langsamer. Irgendwann entdeckst Du ihn, den ersten Altersflecken und gerätst in Panik. Ein kleiner braun bläulicher Fleck auf deinem Handrücken. Du bist plötzlich hellwach. Nicht weil es Dich juckt, sondern weil dein Kopf dir es sagt.
Deine Expedition ins Alter hat nun auch sichtbar begonnen. Mal entstehen grössere, mal kleinere Flecken. Es sind keine Kunstwerke oder schöne Tattoos. Es sind ungebetene Gäste die sich auf deinem Sofa eingenistet haben. Oft Sie bleiben Sie unbeirrt tagelang dein Gast. Versuche sie zu ignorieren. Das Alter hinterlässt Spuren und schreibt keine Liebesbriefe. Jede Einzelne lässt Dich spüren, dass Du noch da bist.
Zipp- und Zipperlein machen sich bemerkbar. Dein Gang wird unsicherer. Der Schwindel klopft des Öfteren bei Dir an. Ganz zu schweigen, dass du mit deinem Kurzzeitgedächtnis auf Kriegsfuss stehst. Im hebräischen gibt es dafür ein passendes Wort für Momente der Verzweiflung: Savlanut!
Dieses Wort hat für mich eine grosse Bedeutung:
Nicht, alles hinzunehmen
Nicht sofort handeln zu müssen
Nicht alles sofort bewerten, lösen oder zu kommentieren

Liebe im Alter – Ich dachte eher an Arthrose
Als männlicher Pensionist hat man angeblich das Privileg, den jungen Frauen auf den Hintern schauen zu dürfen, eine Art Bonus zum Seniorenrabatt. Ich sehe sie alle, auch mich selbst, wie wir diese kleine Schwäche genüsslich, aber mit Wehmut zelebrieren. Vom grau melierten Macho bis zum verkappten Softie, wir alle geben uns diesem Blicksport hin. Offen oder verstohlen, als wäre darin noch ein Rest Jugend konserviert, frönen wir dieser Leidenschaft. Jedoch mit zunehmendem Alter melden sich alle Gelenke, bei jedem Wetterumschwung zu Wort.
Natürlich wäre auch ich bereit für ein kleines amouröses Abenteuer. Der Geist ist zwar wach und das Herz flattert zwischendurch sogar noch ein wenig. Selbst mein Spiegelbild, bei leicht schummrigem Licht betrachtet, wirkt manchmal auf mich (vermeintlich) Charmant. Das Dumme jedoch bei dem Unterfangen ist jedoch, dass ein erstes Date im Alter oft mit dem Satz beginnt: Nimmst du regelmässig Medikamente?
Falls es danach zu einem zweiten Tête à tête kommen sollte, zeigt man sich als Akt des Vertrauens gegenseitig zuerst die Tablettenboxen. Soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Schon sehr früh war eigentlich für mich klar, dass ich die Lust auf Liebe eher körperlich verstand. Liebe das war für mich das kurze Aufleuchten, das Prickeln, der Nervenkitzel, nicht der gemeinsam geplante Gartenzwerg. Jetzt, im gesetzteren Alter, musste ich allerdings schmerzlich erfahren, die Lust ist zwar noch da, das Können wurde jedoch wegoperiert. Das Einzige was mir verblieben ist, weiter in der Erotikabteilung herumzublättern. Finito Amore?
Als Amor durchs Museum stapfte
Im Museum eines mittelalterlichen aargauischen Städtchens finden immer wieder interessante Themen-Ausstellungen statt. Ich habe das Haus des Öfteren besucht, nicht nur um eine der Schauen zu besuchen, sondern um im gemütlichen Café eine der Zeitungen zu lesen und um Kaffee mit Gleichgesinnten zu trinken. Keines der bisherigen Themen erweckte mich so, dass ich unbedingt Einlass begehrte. Eine kleine winzige Reportage in der Tages Zeitung, im Zusammenhang mit der Ausstellung Natur und Wir, änderte das auf einen Schlag - Männer gesucht…! Singles-Rundgang im Stapferhaus: Männer sind gesucht!
Jemanden kennenlernen, und das im richtigen Leben? Bereits 18 Frauen haben sich angemeldet, Männer erst sechs. Damit das Geschlechtergleichgewicht hergestellt ist, sucht das Stapferhaus nun noch viele Männer. Natürlich ist auch ein bisschen Glück dabei ob jemand zu der anderen Person passen könnte. Als kleine Warnung und Hoffnungsdämpfer stand dieser Beisatz am Ende des Zeitungsartikels.
Ich fühlte mich angestachelt und herausgefordert. Nicht vom Thema der Ausstellung oder der Single-Aktion. Nein, ich wollte wissen, was für eine Spezies von Menschen sich für einen solchen Rundgang interessierten. Die Veranstaltung richtet sich ja nach ganz ordinären Museumsbesucher die einfach nur den Single-Status hatten. Erstaunt war ich am Abend des Partner-Such-Treffens, dass mindestens fünfzig weibliche und genauso viele männliche Bewerber/innen es offensichtlich genauso sahen wie ich.
Erotiknärrischer-Rundgang mit Nebenwirkungen
Die Natur erklärt zu bekommen ist das Eine, sie jedoch hautnah in Form von geballter Weib- und Männlichkeit zu verspüren ist etwas ganz Anderes. Bunt gemischt schlenderten die Teilnehmer/in, jeder nach seiner Façon, durch die Ausstellungsräume. Dabei versprühten alle ihren ganz eigenen Duft aus Neugier, Hoffnung und einem Hauch von dezentem «Eau d’Erotic». Die geschwängerte Luft prickelte förmlich und sie fing an zu perlen wie ein guter Prosecco. Blicke, Gesten und erste hormonelle Schwingungen schwirrten nur so durch die Ausstellung. Ich konnte zwar keine Trefferquote feststellen, denn ich fühlte mich ja nicht unmittelbar beteiligt. Ich war quasi nur als Beobachter und Geniesser der Szenerie mit dabei (?).
Bei Halbzeit des Natur-Erotik-Rundganges hatte ich genug gesehen und stieg einfach aus. Angekommen in der Ausstellungslobby stolperte ich kurzerhand in die Vorbereitungen des nachfolgenden Apéros. Ein bekanntes Gesicht lud mich auf ein Gläschen ein, welches ich nicht ablehnen konnte. Gläschen auf Gläschen folgte und die Gespräche variierten von Banal bis zur offensichtlichen Anmache.
Auf einmal stand Sie da.
Mir genau gegenüber. Eine nicht mehr ganz junge, aber doch noch knackige Blondine mit charmanten Gebrauchs-spuren. Genau mein Beuteschema, wenn ich ehrlich bin.
Wir musterten uns gegenseitig, kamen ins Gespräch, und die Zeit verging im Fluge. Eine Interessante Frau dachte ich, aber sicher nichts für mich gemäss meiner Grundliebeseinstellung. Vorbei sind Liebeleien oder gar ernstere Beziehungen, so verabschiedete ich mich recht bald. Beim Abschied drückte ich ihr meine Visitenkarte in die Hand und verschwand in die nächste Beiz zu meinen Kollegen.
Auf dem Heimweg, durch den dunklen Wald, dämmerte es mir. Es war nicht der Mond, der mir heimleuchtete, sondern dieser unverhoffte weibliche Lichtblitz des Abends der mir, bildlich gesprochen, auf dem Weg nach Hause folgte.
Kaum zu Hause wurde ich «Gwonderig» und versuchte ihre Vita zu auf den neuen Medien erforschen. Ein bisschen Stalking für Fortgeschrittene. Finger weg war meine erste Reaktion. Es waren nicht etwa Warnsignale oder Skandälchen, die auf mich einprasselten, ganz im Gegenteil. Es gab nur Positives zu berichten, in Person und ihrem sehr, sehr grossen Umfeld.
Hoppla!
Nicht einfach ein netter Abend-Flirt. Eher wurde ich hier mit einem für mich nicht ganz ungefährlichen Kaliber konfrontiert. Was sollte, wollte ich tun?
Diese Entscheidung wurde mir tunlichst noch in der gleichen Nacht abgenommen. Neugierig wie ich nun mal bin, habe ich noch am selben Abend meine News kontrolliert. Mit grosser Verwunderung entdeckte ich eine elektronische Brieftaube die bei mir in den Schlag geflogen kam. «Ich bin dann mal weg im Süden zum Golfen. Es könnte daher etwas länger dauern bis wir uns wiedersehen könnten», lautete die Message.
Noch hatte diese Meldung für mich keine sehr grosse Bedeutung. Eher schon der Nachsatz mit dem Inhalt: Falls du möchtest könnten wir uns noch in der verbleibenden Woche einmal treffen. Was meinst Du dazu? Zwar Perplex und doch noch nicht ganz handlungsunfähig schrieb ich in derselben Nacht zurück: Ja, wir können…
Das Wo, Wann und Wie war schnell geregelt, und so trafen wir uns in der Altstadt, bei befreundeten Wirtsleuten. Unser Kommen hatte ich vorsichtshalber vorgängig avisiert und gebeten ein besonders schönes «z’Vieri-Plättli» herzurichten. Ich wie üblich ein wenig zu spät, traf so gegen oder nach fünfzehn Uhr in dem Genussort ein. Wer war nicht schon da, natürlich mein Lichtblitz der vergangenen Woche. Erstaunt stellte ich fest, dass die Wirtsleute mit meiner Begegnung mit Nachhall bestens über ihren Schwiegersohn in Verbindung standen. Nach einer innigen Begrüssung beider Parteien meinerseits, verabschiedeten sich die beiden Wirtsleute diskret, um ihrer Arbeit nachzugehen. Das Lokal war nachmittagsleer und somit hatten wir Beide ausgiebig Gelegenheit uns zu Mustern und Begutachten. Unsere tiefschürfende Unterhaltung wurde nur ganz dezent unterbrochen, als die Wirtin uns mit dem Plättli und einem obligatorischen Prosecco zwangsbeglückte. Danach, kurz bevor die angemeldeten Abendgäste eintrudelten, verliessen wir Beide untergehackt zufrieden das Lokal. Zwei Welten prallten aufeinander, jedoch wir Beide fanden es irgendwie angenehm.
Unsäglich zwei lange Wochen waren vergangen. Die Dame spielte Golf im Süden, ich mit meinen Gedanken und Zweifeln im Norden. Ein zweites Treffen war angesagt. Dieses fand an einem sehr rauchigen Ort mitten in der Altstadt ihres Wohnortes statt. Gleich zu Beginn wurde ich mit einem ihrer kleinen qualmenden Laster konfrontiert. Gottseidank nur in elektronischer Form, was dieses für mich zumindest halbwegs erträglich machte. Wiederum folgte ein langes Gespräch. Ein sehr, sehr langes über die Freuden und Leiden unserer beider ereignisvollen Leben. Ich auf meiner Seite hatte mir absolute Offenheit vorgenommen. Das Gleiche erwartete ich auch von meinem Gegenüber. Vorbei waren die Zeit der (Versteck-) Spielchen und ein solches als Schmuse-Rambo. Soviel war mir von allem Anfang an klar. Sollte oder wollte ich in meinem Leben nochmals eine Liaison eingehen, dann nur unter vollsten gegenseitigen Respekt, Ehrlichkeit und viel Toleranz.

Staunen, Reden, Schweigen, Episoden einer Nähe
Die Weiblichkeit war mir stets eine treue Begleiterin in meinem Leben. Mal als ferne Erscheinung, die man nur mit staunenden Blicken aus der Distanz bewunderte, mal als reale Person, die mir gelegentlich den Platz an der Sonne streitig machte. Fasziniert war ich von Anfang an von ihr, der holden – Femininität.
Meine erste Begegnung mit ihr war meine Mutter. Resolut wie ein Feldweibel, pragmatisch wie eine Küchenwaage. Ganz zu schweigen von Ihrer einzigartigen Mütterlichkeit die sie mir schenkte. Stets war sie führend ohne, dass ich es wirklich merkte. Sie hielt mir immer die Freiheit des zweiten Weges offen. Unter ihrem «Leadership» war es für mich relativ leicht, fast ungeschoren durch die Klippen eines aufgeweckten Jungen-Daseins zu navigieren.
Danach galt meine Liebe der Klassenlehrerin Fräulein Lori, die mit ihrem zierlichen Körper und dem strengen Blick selbst vorpubertäre Jungen-Herzen zum Schweigen brachte. Zugegeben, das allein war schon eine pädagogische Meisterleistung dieser jungen Frau.
Ich nenne sie hier nur Bruna, um mögliche Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden. Sie, La Bella hatte es explizit auf mich abgesehen und erkannte sofort: Ich war ein Liebesunkundiger. Das wollte, die Dame von Welt, unbedingt noch vor ihrer geplanten Hochzeit im darauffolgenden Monat ändern.
Bruna, schon allein der Name roch nach Espresso und, wie ich am eigenen Körper dankbar erfahren durfte. Es roch jedoch auch nach körperlich- und moralischer Erpressung. Erst viel später erkannte ich den Wert dieser (Liebes-)Schulschiff-Kurzausbildung, erteilt von einer endzwanzigjährigen Frau, die sich gerade auf das Eheleben vorbereitete. Ein wahrlich grosszügiges Geschenk für einen Achtzehnjährigen, der gerade seine Lehrabschlussprüfung hinter sich hatte. Was danach folgte, war ein Jahrzehntelanges «Cherchez la femme» ohne je wirklich mit mir selbst geklärt zu haben, was meine eigentlichen Bedürfnisse waren.
Die Reize die auf mich, bei meiner Reise durch die Kulturen dieser Welt einprasselten, waren nicht immer nur weiblich. Da war ja noch mein auserwählter Beruf, der mich immer mehr faszinierte und im philologisch-erotischen Bann zu halten vermochte. Ich wollte und konnte meine Karriere auf Kosten des Gedankens an Zweisamkeit oder gar einer Familie mit Kindern nicht aufgeben. Ich wurde zum Lonely Wolf der überall seinen Duft hinterliess, jedoch nie um ein Revier kämpfte. Ich suchte die Perfektion in Liebe und Beruf oder besser doch umgekehrt. Erst später begriff ich, dass das Streben selbst zur Last werden kann.
Eine meiner vielen (Beruf & Liebes) – Stationen war Japan. Alles schien Perfekt. Wir Beide gerade im richtigen, sprich gesetzteren Alter von sechsunddreissig Jahren. Beruflich und karrieremässig waren wir auf dem Höhepunkt unserer Wünsche. Es gab da nur einen Einzigen Negativ-Punkt in unserer Beziehung. Hätte ich im Lande der aufgehenden Sonne bleiben wollen, wäre ich für immer ein Gaikokokujin geblieben. Eine Person aus einem fremden Land, die nicht zur eigenen Familienkultur dazugehört. Und genau das bekam ich oft genug zu spüren, vor allem durch das Verhalten ihrer betagten Eltern mir gegenüber. Meine Entscheidung war gefallen. Ich verabschiedete mich daher von meiner – Nippon-Schönheit, was ich kurze Zeit später bitter bereuen sollte. Sie, inzwischen zurück in Europa und wieder an ihrem angestammten Platz bei einer europäischen Fluggesellschaft, erteilte mir eine Lektion fürs Leben: Krieche niemals zurück zur Liebe – es verletzt ihren Stolz.
Verliebt in die Arbeit, entfremdet vom Leben
Mein Weg durch die Gefühlswüste ging danach noch jahrelang weiter. Mal euphorisch himmelhochjauchzend und immer wieder zu Tode betrübt. Meine Kompensationen waren die beruflichen Erfolge und Liebschaften aus dem emotionalen Vorratslager eines Getriebenen. Ich rannte vor mir selbst davon, elegant getarnt als zielstrebiger Macher. Doch das, was ich suchte Trost, Wohligkeit, vielleicht sogar bedingungslose Nähe liess sich nicht kaufen, nicht erobern und schon gar nicht erzwingen. Ich verwechselte Zärtlichkeit mit Verfügbarkeit und Verlangen mit Verbindung. Hinter jedem Lachen, das ich aus einem fremden Mund herauskitzelte, lauerte die stille Frage: Bleibst du, oder bist du wie nur ein Zwischenhalt auf meinem Umweg zu Dir selbst? Ich realisierte ganz langsam, derjenige welcher in der Wüste leben will, wird unweigerlich mit der Fata Morgana Bekanntschaft machen müssen.
Rückblickend frage ich mich manchmal, wie ich es geschafft habe, so viele Jahre zwischen Karriereleiter und Kopfkissen zu balancieren, ohne komplett abzustürzen. Vielleicht war es mein Überlebensmodus. Vielleicht war es auch einfach nur die Angst stehen zu bleiben, denn wer stehen bleibt, ist zum Zuschauen verdammt. Ich war noch lange nicht so weit.
Eines Tages musste ich jedoch überrascht feststellen, dass meine Haare lichter, umso mehr aber zur gräulichen Farbe hintendierten. Das Grau, als auch die zunehmende Glatze wurden zu meinem Markenzeichen. Die Hoffnung auf eine fruchtbare und liebevolle Begegnung wurde immer kleiner. Ja, ich mass ihr Jahrelang fast gar keine Bedeutung mehr zu.
Entscheidung vor der Rauch-Nebel-Galerie
Da stand sie nun, meine mir nicht mehr ganz so unbekannte Museums-Single-Bekanntschaft, beim Abschied vor dem Café des blauen Dunstes ihres geschichtsträchtigen Städtchens. Beide wussten wir, dass ein Einfaches Good By oder auf ein nächstes Treffen nicht der Wahrheit des Abends entsprach. Es kam wie es sollte. Das jedoch machte es für mich nicht einfacher. Es war da noch ein gewaltiger Klärungsbedarf von meiner Seite aus im Vorfeld von Erotik und Zweisamkeit zu leisten. Wie erkläre ich einer leicht benebelt und eventuell herzverlorenen Frau meinen frisch vollzogenen Abschied von der Männlichkeit. Gar nicht so einfach, dies einigermassen seiner begehrten Muse würdevoll erklären zu müssen. Ich hatte Glück, denn ich stiess auf Verständnis und grosses Einfühlungsvermögen, was einem Sechser im Lotto gleichkommt.
Der Weg zur Himmelsleiter blieb und bleibt beschwerlich. Er verlangt ständige Korrekturen und eine fortwährende Anpassung an das, was das Leben gerade verlangt. Massnahmen allein genügen nicht; es braucht ein hohes Mass an gegenseitigem Einfühlungsvermögen, von ihr genauso wie von mir. Eine für mich bislang unbekannte Welt des Sich-Begegnens trat in den Vordergrund.
Vorbei das Krallen, Kratzen, das Betteln um Gunst und Aufmerksamkeit. An ihre Stelle trat etwas Neues: ein behutsames, ein offenes Liebeslernen.
Geistig wie körperlich wandelte ich fortan in ganz anderen, mir bis dahin verschlossene Dimensionen. Leiser, tiefer, ehrlicher aber auch viel verletzlicher.
Überraschungspaket Familie
Ich, der ich nie ein wirkliches Familienleben kannte, fand mich plötzlich umringt von den Kindern meiner Gefährtin aus ihrer langjährigen Ehe. Ihre Kinder wiederum riefen bei so mancher Gelegenheit nach dem Grossmami. Ich, als vermeintliches Grossmami-Anhängsel wusste oft gar nicht, wie mir geschah. Es war wieder einmal an der Zeit, dass ich die – Lebensschulbank noch einmal drücken musste. Zum Glück halfen mir die Kinder und Enkel dabei, ganz unbewusst, einigermassen passabel auszusehen.
Familie, Freunde und Bekannte liessen mich spüren, dass ich in ihrer Runde mehr als nur willkommen war. Eine neue, mir bisher völlig unbekannte Welt tat sich auf: La Familia, ein Buch mit sieben Siegeln das es nun zu öffnen galt. Etwas völlig Neues, Unbekanntes und nie zuvor Erahntes prasselte auf mich ein. Ihre drei Kinder, alle in der Mitte ihres Lebens stehend, konnten unterschiedlicher nicht sein.
Der Jüngste, ein eher spätberufener, werdender Papa, hatte sich beruflich dem Sozialwesen verschrieben. Seine charmante Partnerin stammt aus Südamerika und ein Hauch von Non pasa nada bis hin zu Algo tiene que pasar durchzog ihre noch junge Beziehung.
Die Mittlere, eine herzensgute (Über-)Mutter, war ursprünglich in der Hotellerie tätig, bevor sie ins Finanzwesen wechselte. Drei wirblige, aber noch relativ junge Kinder halten sie und ihren toleranten Vater sieben Tage die Woche rund um die Uhr auf Trab.
Nicht zu vergessen die Älteste, eine äusserst erfolgreiche Politikerin und ihr nicht minder erfolgreichen Mann, ein fachlich äusserst versierter Mediziner. Ihre drei Kinder wiederum, zwei Mädchen und ein Junge im Vor- oder doch schon Nachpubertären Alter, zeigten den an Erfolg gewöhnten Eltern ganz genau, wie der Hase zu laufen hat.
Das Bild meiner (noch) halbewigen Lieblingsperson im Sonderstatus wurde abgerundet durch ihren um ein paar Jahre älteren Bruder mit seiner humorvollen Partnerin. Beide leidenschaftliche Liebhaber von Theater, Konzerten und Oper. Sie Beide erinnerten mich unweigerlich an meinen eigenen Vater, der mit grosser Hingabe sang. Dessen Sohn, mein Bruder war nicht nur ein toller Gastronom, sondern auch ein ausgebildeter Bassbariton. Damit wurde das Bild abgerundet und ich fühlte mich Sauwohl und gut Aufgehoben im Dunstkreis meiner Reisegefährtin die mit mir ins – Chaos des Glücks reist.
Die Konsequenz des Alleinseins
Dieser Seite des Lebens, mit all ihren Unbekannten und dem Unberechenbaren, war ich stets bewusst aus dem Weg gegangen. Ich war überzeugt, dass das Leben ein einziger Kampf sei und mir nichts geschenkt werde. Hopp oder Flopp war von jeher meine Devise. Ich scheute mich nicht, nach einer vermeintlichen Niederlage immer und immer wieder neu aufzustehen. Das war mein Leitbild, mein Verständnis vom Leben.
Ich wusste/ahnte, dass ich am Ende im Alter eventuell ohne menschliche Wärme und ohne Sicherheiten dastehen könnte. Ich hatte mich früh darauf eingestellt. Es war daher für mich kaum überraschend, als genau mit meiner Pensionierung diese Tatsache zur Realität wurde. Der einsame Wolf, der sich nie helfen lassen wollte und nie auf die Liebe im eigenen Umfeld vertraute, blieb der Lonely Wolf. Sollte es nun einfach so zu Ende gehen?
Irgendwie ist es doch verrückt, dass sich zwei so unterschiedliche Überlebensprotokolle, sich erst im dritten Abschnitt ihrer Lebensstrasse begegnen. Aber vielleicht sollte es genauso sein mit alle den Konsequenzen die daraus erwachsen. Eine unter der Oberfläche brodelnde, nach Glück suchende Verzweiflung im Wohlstand trifft auf einen bis dahin liebesunwilligen, auf- und abschwingenden Bedürftigen. Die Beiden erkennen und entdecken an sich unverhoffte Gemeinsamkeiten. Einige unmittelbar verbindend, andere tief verborgen, tastend und vorsichtig schwierig zu Erlernende.
Was bist du für mich…
Eine solche Frage braucht Zeit und Erklärung. Ein/e Partner/in, ein/e Begleiter/in auf Zeit oder bist du mehr? Zwei verletzte, vom Leben durchgebeutelte Seelen suchen Halt, ein wenig Ruhe und ganz fest den eigenen inneren Frieden.
Die Gelassenheit des Alters macht sich in unserer Beziehung offensichtlich ganz positiv bemerkbar. Sie stärkt und befruchtet uns in vielen Teilen unseres Zusammenseins.
Andere Ansichten und Meinungen werden, trotz manchem fundamentalen Gegensatz, toleriert und akzeptiert. Wir Beide fahren auf zwar starr eingefahrenen und zum Teil schon ausbesserungswürdigen Geleisen. Hin und wieder gibt es aber auf unserem Wege, da und dort eine geeignete Ausweichstelle. Sie erlaubt uns aufeinander zu Warten oder eine allfällige kleine Reparatur vorzunehmen. Da geht nicht darum den ganzen Zug auszuwechseln, sondern mehr um einzelne Flachstellen im Antriebsystem zu reparieren.
Schon Altersmilde oder einfach nur Senil? Das ist hier die Frage. Wo bleibt deine Hopp oder Flopp immer schon gelebte Lebenseinstellung.
Spring nicht ganz so hart mit Dir um, mein alternder Herzensbrecher. Was gehört zur Grundausstattung deiner Lebensphilosophie? Richtig Savlanut. Ergo übe dich darin und lass die verbleibenden, hoffentlich genussvollen gemeinsamen Jahre einfach nur so kommen.

Die Kunst des späten Lebens
Der sanfte noch ungewisse Spätherbst meines Lebens steht vor mir. Ich stehe still und betrachte was ist und kann nicht wissen was werden wird. Ich stehe still und blicke zurück. Nicht mit Wehmut, sondern mit Wärme und einem Schmunzeln auf meinem Gesicht.
Der nächste Abschnitt auf meiner Lebenslandkarte ist noch ein unbeschriebenes Blatt. Nur das vermeintliche Ziel ist irgendwo schemenhaft darauf erahnbar. Fragen türmen sich in Dir auf und treiben Dich manchmal bis zur Weissglut:
Wie lange noch?
Wie soll das Weitergehen klingen?
Was darf ich, was soll ich und was will ich noch?
Die kleinen Zeichen der Vergänglichkeit werden immer deutlicher. Ein Ziehen im Knie, ein flüchtiger Gedanke, dass das letzte Mal vielleicht schon geschehen ist, ohne dass ich es realisiert habe.
Da ist jedoch noch mein ungebändigter Hunger nach Leben, der neu erlernten Zweisamkeit genauso wie einem Kaffee (und mehr) mit Freunden. Mit dem Geruch von frisch geernteten Erdbeeren in der Nase versuche ich meine Träume, die ich schon immer verwirklichen wollte, doch noch zu realisieren.
Ich schreibe das Alles, weil ich verstehen möchte. Das was noch kommt, möchte ich nicht fürchten müssen, sondern bewusst erleben. Vielleicht liegt darin der letzte grosse Akt meiner Freiheit vor dem Gehen. Das aber bitte wiederum ohne Eile, ohne Drama mit Würde und mit offenen Augen.
Freuden des Alters bewusst Erleben
Enkel gehören im Normalfall zu den Freuden eines jeden Pensionisten oder jeder Pensionistin. Irgendwie ist es, als ob Frau oder Mann gleichermassen wieder zum Kinde werden. Es ist der Versuch, Versäumtes oder Verpasstes ins rechte Licht zu rücken.
Manche Fehler, die wir an unseren eigenen Kindern gemacht haben, verleiten uns dazu eine überbordende Nachsicht gegenüber den Enkelkindern zu zelebrieren. Sanftmut und Geduld werden zur neuen Tugend. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus einer tiefen inneren Gelassenheit und Zuneigung. Sicher jedoch auch aus so manchem Schuldgefühl, das sich mit den Jahren eingestellt hat.
Einmal mehr erkennt der Einzelne, dass nicht jedes Ziel sofort erreicht, nicht jede Regel sofort befolgt werden muss. Das gemeinsame Sein, das Erzählen, Zuhören und Staunen dies alles wird zur Kostbarkeit. In den Augen der Enkel sehen wir manchmal das eigene Kind von einst und vielleicht auch uns selbst von damals. Es ist ein stilles Geschenk des Alters, dass wir nochmals erleben dürfen, wie Vertrauen wächst, wie Bindung entsteht, und wie wichtig es ist einfach nur da zu sein.
All diese Gefühle und Träume kommen für mich selbst nur bedingt zum Tragen. Ich der keine Nachkommen gezeugt habe stehe irgendwie am Rande und agiere nur als Zuschauer in der mich umgebenden Szenerie. Spät aber doch nicht zu spät beginne langsam zu begreifen, dass ich vielleicht doch etwas verpasst haben könnte. Der angelachten Enkel sei Dank.
Tote Hose war Gestern
Doch nicht nur die Zärtlichkeit zu den Enkeln verändert sich im Alter. Auch die eigene Körperlichkeit bekommt eine neue Färbung. Nähe, Berührung, Intimität. All das bleibt ein Bedürfnis, auch wenn sich Form und Intensität wandeln. Vielleicht sprechen wir nicht gern darüber, vielleicht lächeln manche verlegen, wenn das Wort „Sexualität“ fällt. Aber genau wie das Lachen mit den Enkeln, ist auch die Liebe zwischen Erwachsenen eine Quelle von Wärme, Trost und Lebenskraft. Und gerade jetzt, wo manches nachlässt, entdecken wir oft eine ganz andere Art von Nähe. Eine leise, tiefe Überraschung ist meist das Resultat.
Wie stehst Du dazu
Sex im Alter, das Tabuthema schlechthin. Erwähnt hatte ich schon einmal, dass ich gemäss meinem Prostata-OP-Bericht, schon vor einiger Zeit entmannt wurde. Eine Welt brach in mir zusammen, als ich nach und nach realisierte, dass meine Libido mir abhandengekommen sein könnte. Verletzt in Stolz und Männlichkeit hatte ich mich schon fast damit abgefunden, mit der nicht von der Hand zu weisender Tatsache.
Eines Tages stand sie nun am Wegesrand, meine zuvor schon beschriebene Museums-Libido. Keck und ganz schön herausfordernd begegnete sie mir. Einlass in Körper und Seele wurde von ihr gefordert. Es klingelte im Bauch, jedoch was ist mit dem Rest: Tote-Hose?
Die Kunst des nicht vereinigten Liebens zu erlernen, war für einen alten Sack wie mich, keine leichte Übung. Die Kunst sich wirklich hinzugeben, mit Haut und den noch wenigen Haaren, braucht Ausdauer und ein anders Stehvermögen. Vergessen sind die Gedanken an vergangene heroische Siege und Niederlagen auf diesem Gebiet. Das Herz spricht mit Dir und Sie stand da, die alte Flamme in neuem Gewand, meine Libido. Nicht mehr bloss ein Ort des Betrachtens und Begehrens, sondern die Realität einer so mancher unserer beidseitigen sexuellen Zufriedenheit. Teilnahme Hingabe, Erinnerung sowie ein Neuanfang waren die Hilfen zu dieser neuen Seligkeit.
Viele Leidensgenossen berichten mir von ihrer verlorengegangenen Männlichkeit. Die Geschichten, die ich dabei zu hören bekomme, beunruhigen mich zutiefst. Partnerschaften, die über Jahrzehnte eisern zusammengehalten haben, sind zerbrochen. Mann und Frau waren/sind einfach nicht mehr gesprächsbereit und um das neu Lieben zu erlernen.
Der Versuch dieses Thema, den schmerzlichen Wandel, respektive das Gefühl von Entfremdung offen anzusprechen, führt zu Missverständnissen, verletzten Gefühlen und schliesslich zum Streit, wenn nicht gar zur Entfremdung. Die einmal gelebte tiefe Liebe scheitert schlussendlich an der Unfähigkeitsich sich auch im Alter auf eine neue Situation einzulassen.
War oder ist es die Macht der Gewohnheit die sich uns im Alter bemächtigt, uns lähmt und unfähig macht neues zu Erlernen. Ist es, oder war es mein Glück, dass ich mich der echten Liebe lange entzog und damit jetzt freie Kapazitäten für Sie übrighabe. War ich bereit für diese Eine andere Sexualität? Einzige Bedingung für dieses Unterfangen war, dass eine echte Begleiterin / Partnerin meinen Weg kreuzen würde und…. Sie begegnete mir!
Müssig ist es darüber zu sinnieren, für wie lange diese Freude andauern kann oder wird. Kein Thema ist es auch darüber Nachzudenken ob ein bis der Tod Euch scheidet in Frage kommen könnte. Nein, wir beide Geniessen und leben unser gemeinsames respektvolles Miteinander und harren der Blüten und Früchte die es noch zu ernten gilt
Vom Leben geprüft - vom Alltag umfangen
Was begleitet uns ältere Menschen, den einen wie den anderen Tag für Tag? Wir, die vom Leben geprüft und vom Alltag umarmt, auf unserem Weg vorwärts bis zu… the way of no return.
Die allgemein vorherrschende Tonalität zum Thema Leben im Alter und Alters-Sexualität drückt sich meist in Ignoranz, Scham, Spott oder Verleugnung aus. Der eine trauert verpassten Chancen und Lieben hinterher. Der/ie Andere fragt sich immer wieder: Wie konnte ich nur? Was habe ich falsch gemacht?
Nicht selten verbirgt sich hinter einem entschiedenen „Mir kommt nichts Neues oder ein/e Partner/in mehr ins Haus!“ ein tiefer Verlust, eine schmerzliche Verletzung oder eine grosse Enttäuschung. Die Angst, noch einmal Farbe bekennen zu müssen, übernimmt die Führung.
Oft fehlt es an Mut und Offenheit, den eigenen Schatten ein letztes Mal zu überspringen. Dazu gesellt sich die Müdigkeit des Körpers, der Seele, des Lebens sowie das Gefühl einer trostlosen Zukunft. Zurück bleibt die Einsamkeit. Es ist wie eine Suche nach einem letzten Strohhalm der die Rettung verspricht, vor dem scheinbarer Weg ins ewige Verstummen. Gebe ich mich einfach hin, dieser ausweglosen Situation ohne Aussicht auf ein Überleben danach…
Ganz bestimmt nicht
Aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Dazu ist das Leben einfach zu wertvoll, zu interessant oder schlichtweg zu «Schön».
Irgendwann werde ich aus dieser Welt scheiden müssen. Das ist gewiss. Wie ich aber mit dieser Tatsache umgehe das liegt allein in meiner Hand. Geht es am Ende vielleicht weniger um äussere Antworten als um die innere Aussöhnung mit mir selbst? Leben, Denken, Fühlen und sich Mitteilen ist angesagt. Es geht nicht darum, neue Siege anzustreben oder alte nochmals auszukosten. Es geht darum den Sinn des von mir gelebten Lebens zu erkennen.
Darum Lebe ich, und zwar so intensiv wie es mir meine Umstände erlauben. Neuem begegne ich mit Offenheit und absoluter Neugier auf das was sein wird oder sein könnte. Dem Vermeidlich-Unvermeidlichem versuche ich mit einer gewissen Gelassenheit, was zugegebenermassen nicht immer klappt, zu begegnen. Jedoch der Versuch ist es wert.
Meinen Leidenschaften gebe ich den Vortritt und Pflege sie prioritär. «Unfähigkeiten», wie zum Beispiel eine Bild in der Waage aufzuhängen, da bitte ich Denjenigen um Hilfe welcher das auch wirklich kann. Vergangene wertvolle Erfahrungen, wie die erfahrene Gelassenheit (hebräisch Savlanut), grabe ich aus meiner Lebensschatzkiste aus. Ich versuche sie zu Leben und in meinen Alltag einzubauen.
Das leise Echo der Jahre
Man sagt, im Alter wird es stiller. Stimmt. Manchmal ist es so still, dass man den Kühlschrank beim Atmen hört. Doch diese Stille beinhaltet nicht nur Leere. Sie ist auch ein Raum, in dem meine Erinnerungen Platz nehmen, gemütlich ausbreiten und ungefragt Geschichten erzählen.
Natürlich hat das Älterwerden seine Tücken. Vor allem Namen und Zahlen verstecken sich gern in den hintersten Winkeln meines Gedächtnisses. Der ganze Körper führt plötzlich ein Eigenleben.
Die Eine gewisse Freiheit jedoch bleibt: Man muss nicht mehr jedem Trend hinterherrennen. Ich darf den Tag ohne schlechtes Gewissen erst nach dem «Znüni» beginnen. Dass ich das schiefe Bild heute nicht gerade hängen will, gehört genauso dazu, wie mein leises inneres Schmunzeln das mich über den ganzen Tag begleitet und beglückt. Das leise Echo der Jahre ist nicht nur Nachklang, sondern auch eine Einladung zum Lachen über das, was schiefging, zum Staunen über das, was alles blieb.
Viele Jahre habe ich sie gesucht und gelebt, meine ganz persönliche Einsamkeit. Ich war und bleibe der Lonley Wolf der ich immer sein wollte. Nun im fortgeschrittenen Alter erkenne ich die Vor- und Nachteile meiner von mir angewandten Strategie.
Lange Zeit wollte ich beweisen, dass meine Fähigkeiten ausgeprägt sind. Dabei bin ich immer grössere Risiken eingegangen und das mehr als meine kleine fragile Seele verkraften konnte. Aufgefangen habe ich mich mit den scheinbaren errungenen Triumphen, die mich äusserlich stärkten, innerlich jedoch ausdünnten. Eine Gratwanderung nahe am Abgrund aus der ich meine Lehren zu ziehen hatte.
Heute weiss ich, dass selbst ein einsamer Wolf innehalten, die Sonne auf seinem Fell spüren und mit stillem Stolz zurückblicken kann und darf.

Der Weg dahin, das eigentliche Problem
Manchmal denke ich: Sterben selbst ist gar nicht das Problem. Es passiert ja nur einmal. Das Drama spielt sich vorher ab, in den langen Vorzimmern des Lebensabends. Arzttermine, Vorsorgevollmachten und gut gemeinte Ratschläge warten dort wie alte Bekannte, die man nie mochte.
Das Unvermeidliche kommt immer wie ein schlecht getimter Besuch und nie dann, wenn gerade alles schön läuft. Jedoch merke ich: Je älter ich werde, desto kleiner wird meine Angst hidavor. Vielleicht, weil ich gelernt habe, dass der Weg dortn nicht nur aus Verlust besteht, sondern auch aus Momenten in denen man lacht, staunt und manchmal sogar dankbar ist.
Beobachten und Staunen
Andere auf diesem Weg zu sehen, ist für mich die einzige Möglichkeit zu verstehen, wie man dem Tod tatsächlich begegnet. Meistens erreicht mich nur ein Echo aus zweiter Hand. Doch in raren, intensiven Momenten erlebe ich das Sterben unmittelbar und das prägt mehr als jede Theorie.
Der Weg dorthin ist gepflastert mit Tabus und Schweigen. Es ist, als müsste ich nochmals eine neue Sprache lernen, deren Wortschatz ausschliesslich aus Fachbegriffen, Blutwerten und Medikamentennamen besteht. Mein Kalender verwandelt sich in ein Mosaik aus Arztterminen. Im Wartezimmer sitze ich zwischen Menschen, die mir alle seltsam ähnlich sind: halb müde, halb trotzig. Ein leises Nicken geht von Stuhl zu Stuhl. Wir wissen alle, warum wir hier sind, doch aussprechen mag und will es niemand.
Thanatophobie - die Angst vorm grossen Finale
Die Angst vor dem Tod ist so alt wie… der Tod selbst. Er ist der ungebetene Gast, der klingelt, während man noch im Bademantel ist.
Manchmal denke ich, er ist der beste Projektmanager der Welt. Er sorgt dafür, dass wir Deadlines haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie bei jedem guten Projekt gilt der Satz: Wer ständig aufs Ende starrt, verpasst den Spass unterwegs. Humor kann die Angst nicht wegzaubern, aber er nimmt ihr ein wenig den Schrecken. Das grosse Finale ist fix. Bis dahin lohnt es sich, den Vorfilm zu geniessen, dass auch wenn Popcornkrümel und Nebelmaschine manchmal nicht ins Programm passen.
Ich darf mich ruhig ab und zu hinter meiner Angst verstecken. Wichtig ist nur, sie im Blick zu behalten. Denn irgendwann wird sie mich anschauen – und ich muss zurückschauen.
Mit oder ohne «göttlichen» Segen
Die nächste Frage: Gibt es etwas, das diesen letzten Schritt erträglicher macht? Viele finden Antworten in Religion, andere in Philosophie oder Humor. Für mich bleibt es die offene Frage: Mit oder ohne göttlichen Segen?
Religion verspricht Trost, Hoffnung und manchmal sogar ein Upgrade ins Paradies. Ob Flucht oder Hilfe, hängt wohl davon ab, wie sehr man bereit ist, sein Ticket ins Ungewisse zu akzeptieren. Ich persönlich hätte gern einen Plan, der «schmerzfreien» Abgang vorsieht. Am besten mit einem Glas Wein in der Hand und das in einer angenehmen Zimmertemperatur.
Jenseitswelten im Vergleich
Mein Leben lang bin ich durch Kulturen gereist und habe fast überall unterschiedliche Vorstellungen vom „Danach“ kennengelernt. Mal inspirierend, mal irritierend aber immer faszinierend.
- Christentum: Ewiges Leben ist versprochen, aber der Weg dahin ist steinig: Auferstehung, Gericht, Himmel oder Hölle. Und für die, die im Gericht durchfallen, gibt’s notfalls noch den Umweg übers Fegefeuer.
- Islam: Auch hier entscheidet das Jüngste Gericht. Wer besteht, zieht ins Paradies ein, wer nicht, landet in der Hölle. Befragt wird man schon vorher, von den beiden Todesengeln Munkar und Nakir. Ein erster Härtetest und das schon im Grab.
- Judentum: Dort gibt es keine alles umfassende Abrechnung, sondern eher ein individuelles Weiterleben in der Olam Ha-Ba, der kommenden Welt. Wer dreimal täglich betet, vertraut darauf, dass Gott die unsterbliche Seele wieder mit einem Körper vereint.
- Buddhismus: Hier heisst es: Samsara, gleich Wiedergeburt. Getrieben vom Karma sucht man sich einen neuen Körper, bis man es irgendwann schafft ins Nirwana einzutreten: frei von Gier, Hass und Unwissen. Kein Ort, kein Paradies – eher ein grosses Aufatmen.
- Naturalismus/Atheismus: Hier endet das Leben schlicht mit dem Tod des Gehirns. Keine Seele, kein Jenseits. Das Einzige, was bleibt, sind die Erinner-ungen, die andere an uns haben. Trost oder Ernüchterung? Jje nach Blickwinkel des Einzelnen.
Zwischenfazit
Ich habe von all dem viel gesehen, gehört, erlebt, und doch keine endgültige Antwort gefunden. Vielleicht brauche ich sie gar nicht. Vielleicht reicht mir die Erkenntnis, dass Sterben nicht das Problem ist. Sondern der Zeitpunkt!
...und falls ich irgendwann, tatsächlich mit einem Glas Wein in angenehmer Zimmertemperatur auf dem Sofa sitze, wenn der Projektmanager Tod zur Tür hereintritt, es wäre wohl gar kein so schlechter Abgang für mich selbst.
Es ist soweit - sich das Sterben vorzustellen
Man schiebt es gerne weg, dieses Thema, so wie Rechnungen, die man erst ganz zum Schluss öffnen will. Aber irgendwann lässt es sich nicht mehr vermeiden, das Nachdenken über das eigene Sterben.
Natürlich stelle ich mir den Abgang lieber stilvoll vor. Womöglich mitten im Alltag, während ich die Zeitung lese oder eine Tasse spüle. Dabei könnte er doch ganz höflich anklopfen, mein Meister Tod.
Es wird höchstwahrscheinlich anders laufen, womöglich mitten im Alltag, während ich gerade etwas völlig Unheldenhaftes tue. Es ist vielleicht schon Trost genug, sich dem Gedanken zu stellen: dass er kommt, egal wie und dass ich dann einfach bereit bin.
Es könnte auch sein, dass das „bereit sein“ gar nichts Grosses darstellt. Kein heroischer Abschied, nicht das vollendete Werk, sondern ein stilles Einverständnis: Ich habe gelebt, gestritten, geliebt, verfehlt, gefunden. Ich habe den Alltag getragen, so gut ich konnte. Mehr ist nicht nötig.
Meine endliche Reise in die (Rück)-Zukunft
Zu realisieren begann ich sie eigentlich schon vor vielen Jahren, am Ort an dem drei Weltreligionen ein Zuhause gefunden haben. Damals unternahm ich mit einem väterlichen Freund eine stille Wanderung durch die stockdunkle Nacht. Ein aussergewöhnliches Erlebnis unter der glitzernden Sternenkuppel des uns unbegreiflichen Firmaments. Mein Staunen ist bis heute geblieben genauso das Nichtbegreifen von damals. Bin ich keinen Schritt weitergekommen…
Ganz und gar nicht…!
Auf meinem letzten Spaziergang bleibt das Staunen genauso, wie das Nichtbegreifen und die Ahnung, dass das Ende nur eine Fortsetzung in anderer Gestalt ist. Mehr muss nicht sein.
«SAVLANUT»
ICH HABE VERSTANDEN
JETZT KANN ICH GEHEN





