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Von Nelly Marazzi – Was wirklich zählt
Nelly Marazzi
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1.
Erste Erinnerungen und Kindheit / 21.03.2026 um 16.37 Uhr
15.
Kinder / 22.06.2026 um 9.37 Uhr
5.
Krankheiten und Unfälle / 22.06.2026 um 9.39 Uhr
13.5.
Arbeiten / 22.06.2026 um 9.42 Uhr
9.
Meine Freizeit / 22.06.2026 um 9.45 Uhr
22.
Nachgedanken / 08.08.2026 um 9.56 Uhr
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Verzeichnis

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Vorwort
1.
Erste Erinnerungen und Kindheit
2.
Meine Eltern
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
2.1.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
2.1.
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
2.1.
Wie würdest du sie beschreiben?
2.1.
Wie hast du sie als Mutter empfunden?
2.1.
Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
2.1.
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
2.1.
Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
2.1.
Welches war der Beruf deiner Mutter, bevor sie heiratete? Hat sie diesen Beruf auch nach der Heirat ausgeübt?
2.1.
Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
2.1.
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?
2.1.
Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?
2.2.
Mein Vater
2.2.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?
2.2.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?
2.2.
Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?
2.2.
Wie würdest du ihn beschreiben?
2.2.
Wie hast du ihn als Vater empfunden?
2.2.
Was waren seine herausragenden Eigenschaften?
2.2.
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
2.2.
Hast du dich an deinen Vater gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
2.2.
Welches war der Beruf deines Vaters bevor er heiratete? Hat er später seinen Beruf gewechselt?
2.2.
Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?
2.2.
Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?
2.2.
Hat dir/euch der Vater erzählt, wie er die Mutter erobert hat?
2.2.
Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
3.
Meine Grosseltern
4.
Kindergartenjahre
5.
Krankheiten und Unfälle
6.
Wohnen
7.
Primarschulzeit
8.
Oberstufe
9.
Meine Freizeit
9.1.
Beziehungen als Teenager
9.1.
Gibt es unauslöschliche Erinnerungen an Beziehungen aus dieser Zeit?
9.1.
Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?
9.1.
Warst du schon früh mit Sexualität konfrontiert? Wie? Wie hast du das erlebt und inwiefern hat dies dein späteres (Sexual-)Leben geprägt?
9.1.
Hattest du schon früh eine Freundin/einen Freund? Wie war das damals?
9.1.
Hattest du jemals ein "gebrochenes Herz"? Oder hast du jemandem das "Herz gebrochen?
9.2.
Beziehungen als Volljährige
10.
Meine besten Freunde bzw. Freundinnen
11.
Lehr- und Wanderjahre
12.
Armee
13.
Arbeiten
13.1.
Beruf oder Berufung?
13.1.
Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
13.1.
Falls du mehrere Berufe ausgeübt hast, welches war dein Lieblingsberuf? Weshalb?
13.1.
Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht?
13.1.
Gibt es etwas, das du viel lieber gemacht hättest? Weshalb hast du es nicht gemacht oder machst es nicht jetzt noch?
13.1.
Welche Überlegungen oder Umstände haben zur Wahl deines Hauptberufs geführt?
13.1.
Weshalb war dein Entscheid eine gute Wahl? Oder war es ein Fehlentscheid?
13.1.
Wie war dein Start ins Berufsleben?
13.1.
Was arbeiteten deine Jugendfreunde?
13.1.
Wie war die Arbeitswelt damals?
13.1.
Hattest du das Gefühl, dass deine Arbeit geschätzt wurde und du gefördert wurdest?
13.1.
Was trauten dir deine damaligen Freunde/Arbeitskollegen, deine Familie zu? Was du dir selbst?
13.1.
Wie lange dauerte es, bis du beruflich richtig Fuss fassen konntest?
13.1.
Ging dir deine berufliche Entwicklung zu schnell oder zu langsam?
13.1.
In welcher Form und in welchen Altersabschnitten musstest oder durftest du berufliche Verantwortung übernehmen?
13.1.
Musstest du je Entscheide von grosser Tragweite fällen? Worum ging es?
13.1.
Gibt es Menschen, denen du Unrecht getan hast?
13.1.
Hast du je ungesetzliche Handlungen begangen und kannst du darüber schreiben?
13.1.
Gab es auch lustige Episoden in deinem Arbeitsleben?
13.2.
Unternehmensgründung
13.2.
Hast du je ein eigenes Unternehmen gegründet oder selbständig gearbeitet? Falls nicht, bereust du, es nicht versucht zu haben?
13.2.
Wie hiess dein Unternehmen, und worin bestand die Tätigkeit?
13.2.
Wie ging der Aufbau dieser Unternehmen vor sich?
13.2.
Welches waren deine Erfolge oder Misserfolge? Wie bist du damit klar gekommen?
13.2.
Welches waren die grössten Schwierigkeiten/Rückschläge, und wie hast du sie überwunden?
13.2.
Welche Weggefährten waren für dich besonders wichtig?
13.2.
Sind deine Erwartungen ans eigene Unternehmersein erfüllt worden? Inwiefern und inwiefern nicht?
13.3.
Berufs- und Stellenwechsel
13.3.
Wie und wann hast du dich das erste Mal beruflich verändert?
13.3.
Was waren die Folgen dieser Veränderung oder späterer Veränderungen?
13.3.
Bei welcher Arbeit bzw. bei welchem Arbeitgeber hast du dich am wohlsten gefühlt?
13.3.
Falls du noch arbeitest, gibt es noch berufliche Ziele, die du erreichen möchtest?
13.4.
Auslandaufenthalte
13.4.
Falls du im Ausland warst, wo überall hast du gearbeitet und was?
13.4.
Wie war das bei deiner Ankunft im Gastland?
13.4.
Was sind deine wertvollsten Erfahrungen und Lehren?
13.4.
Welche Erfahrungen hast du mit den Menschen gemacht? Wie wurdest du als Ausländer aufgenommen? Ergaben sich Freundschaften?
13.4.
Inwiefern hat deine Zeit im Ausland deinen späteren Berufsweg beeinflusst?
13.5.
Berufliches auf und ab
13.5.
Welche Auf- und Abwärtsbewegungen gab es in deiner beruflichen Laufbahn?
13.5.
Vielleicht musstest du auch einmal wieder von vorne anfangen? Wie war das genau?
13.5.
Wie reagierte deine Umfeld auf solche Aufs und Abs? Speziell deine Lebenspartner(in)?
13.5.
Warst du einmal wirklich verzweifelt? Wie gingst du damit um und hast das überwunden?
13.5.
Hast du deine Berufsziele erreicht? Welche? Welche nicht?
13.5.
Welche Chancen hast du nicht genutzt?
13.5.
Gibt es etwas, das du beruflich bereust?
13.5.
Worauf bist du besonders stolz? Gibt es eine Leistung, die dich überleben wird?
13.5.
Wo stand dir das Glück zur Seite? Oder war es etwas Anderes?
13.5.
Gab es rückblickend entscheidende Weichenstellungen?
13.5.
Worauf bist du rückblickend in deinem Berufsleben weniger stolz?
13.5.
Hattest du auch Pech?
13.5.
Hat dir jemand übel mitgespielt? Hast du das verkraftet? Wie?
13.5.
In welchen Schritten ging es lohnmässig aufwärts?
13.5.
Hast du jemals über deine Verhältnisse gelebt?
13.5.
Wie stark hat dich Geld in deinen beruflichen Entscheiden beeinflusst?
13.5.
Hast du finanziell das Maximum erreicht?
13.5.
Falls du pensioniert bist, was vermisst du am meisten? Kannst du deine Kenntnisse noch brauchen?
13.5.
Was hat dir die Arbeit alles in allem gegeben?
13.5.
Von wem oder was bist du am meisten enttäuscht worden?
13.6.
Arbeit, Familie und Freizeit
13.6.
Hast du bewusst versucht, Arbeit und Zeit für Familie und Freizeit zu trennen? Wie hast du das geschafft – oder eben nicht?
13.6.
Gab es Perioden in deinem Berufsleben, in denen du unter Stress gelitten hast?
13.6.
Kam dein privates Umfeld wegen deiner Arbeit zu kurz?
13.6.
Wofür und wie hast du deine Freiräume und Freizeit genutzt?
13.6.
Was haben dir deine Freizeitbeschäftigungen in beruflicher Hinsicht gebracht?
13.7.
Arbeitskolleginnen, Arbeitskollegen ,Vorgesetzte, Vorbilder.
14.
Eheleben
15.
Kinder
16.
Lebensfreude
17.
Worauf ich stolz sein darf
18.
Reue
19.
Gutes Leben im Alter
20.
Ausblick
21.
Religiosität
22.
Nachgedanken
Für meine Grosskinder, Nico und Levin.
Vorwort
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  Vorwort
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Alle Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin, haben mich geprägt. Viele haben mein Leben bereichert, mich auf einen guten Weg geführt, andere haben mich eher nachdenklich gestimmt. Diese Begegnungen haben mich jeweils lange beschäftigt und in meinen Gedanken begleitet. In solchen Situationen habe ich mich immer wieder gefragt, wo denn das Problem liegt, wo mein Anteil am Ganzen ist. So bin jeweils versöhnlich meinen Weg weitergegangen und sicher dabei etwas weiser geworden.







2. Teil

Der Seele Sorge tragen

Gedanken und Arbeitsmittel zum Thema Förderung im Behindertenbereich.

Die Gedanken zum Titel "Der Seele Sorge trage" wurde in meiner Arbeit als Sozialpädagogin im Behindertenbereich immer wichtiger.

Inhaltsverzeichnis

 

Titelblatt Vorwort

    

1.

Inhaltsverzeichnis

    

2.

Einleitung

    

2.1

Zielsetzung

    

2.2

Spiritualität im Alter

    

2.3

Spiritualität im Alter bei Menschen mit einer mehrfachen Behinderung auf einer Alterswohngruppe

    

3.

Was sind RitualeWas schaffen RitualeWarum sind Rituale wichtig

    

3.1

Spiritualität auf der Alterswohngruppe

    

3.2

Behinderungen, Einschränkungen, Hilfestellungen und Hilfsmittel der Bewohner/-innen der Aterswohngrupe

    

3.3

HilfsmittelHilfestellungen

    

3.4

Mitarbeiter/-innen

    

4.

Menschen und Alter

    

5.

Konzept JahreskreisritualeDurchführung, Ablauf des Rituals, Inhalt, Material, Einführung und ÜberprüfungJahreszeitenrituale: Themenarbeit

    

6.

Jahreszeitenrituale

    

7.

Spiritualität und Alltag Die eigene Spiritualität ergründenAblauf Inhalt Material

    

7.1

Arbeitsmittel

    

7.2

Der Seele Sorge tragen

    

8.

Wo gehen wir hin

    

9.

Seelsorge, spirituelle Begleitung oder Annäherung an das innerste Geheimnis

    

9.1

Musikterapie, bei Menschen, die an Demenz erkrankt und mehrfach behindert sind.

    

10.

Musizieren auf der Alterswohngruppe

    

11.

10 Minuten AktivierungEin Schlüssel in die Vergangenheit

    

12.

Spirutual Care, was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?

    

13.

Gedanken zu Spiritual Care

    

14.

Wie kann Spiritual Care in die Praxis umgesetzt werden?

    

15.

Abschied, Sterben, Tod(interne Weiterbildung)

    

16.

Trauer verarbeiten

    

17.

Ferien und Reisen-Auszeit

    

18.

Literatur

    

19.

Aurorin

    


Titelblatt Vorwort





 
Spiritualität bei Menschen mit Behinderung im Alter
 
Der Seele Sorge tragen

Vorwort

Bei meiner Arbeit mit Menschen mit Behinderungen sind mir einige Themen wichtig geworden. In meiner Autobiographie habe ich meine Gedanken zum Thema Religiosität, Glauben, Spiritualität, Abschied, Sterben und Tod erwähnt. Mit zunehmendem Alter habe ich mich auch immer wieder gefragt, was ich in meiner verbleibenden Zeit noch alles erfahren, erlaben und erarbeiten möchte. Somit war der Schritt zu den Bewohnenden und ihren Bedürfnissen nahe, auch sie danach zu fragen, ihrer Seele sorge tragen. So sind diverse Arbeitsmittel entstanden. Zudem wurde bei einem internen Audit nachgefragt, wie wir unsere Mitarbeitenden, die mehrheitlich jung sind, auf den Tod, einen Verlust eines Bewohnenden vorbereiten und unterstützen. Ich erwähnte unser QM, Qualitätsmanagement, das genau vorgibt, wie in solchen Situationen vorzugehen ist. "Gut", meinte die Auditorin," aber wie begleiten Sie die Mitarbeitenden?" So entwarf ich interne Weiterbildungen zum Thema Abschied, Sterben, Tod und Trauer. Zudem fand ich es sehr spannend, Weiterbildungen zu entwickeln und weiter zu geben. Es waren Weiterbildungen für Mitarbeitende und Bewohnende. Das war eine spannende, lehrreiche und abwechslungsreiche Aufgaben in meiner Arbeit.
Als Ausgleich, Besinnung, Ideensammlung und Arbeitsmöglichkeit verreiste ich oft und immer wieder. Sei es nur kurz auf meine geliebte Insel Amrum, ins Engadin oder auf eine grössere Reise. 

"Die Seele ernährt sich von dem, woran sie sich freut."


 




1. Inhaltsverzeichnis


Inhaltsverzeichnis
Einleitung                                                                                                                        Zielsetzung 

Spiritualität im Alter
Spiritualität im Alter bei Menschen mit einer mehrfachen Behinderung auf einer Alterswohngruppe 
Rituale begleiten uns
Was sind Rituale                                                                                                             
Was schaffen Rituale
Warum sind Rituale wichtig                                                                                             

Spiritualität auf der Alterswohngruppe

Behinderungen, Einschränkungen, Hilfestellungen und Hilfsmittel der Bewohner/-innen der Alterswohngruppe
Behinderungen
Hilfsmittel                                                                                                                        Hilfestellungen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter                                                                                   
Menschen und Alter
Konzept Jahreskreisrituale
Durchführung                                                                                                               
Ablauf des Rituals
Inhalt
Material
Einführung und Überprüfung
Jahreskreisrituale: Themenarbeit                                             

Jahreszeitenrituale                                                                                                                               
Spiritualität und Alltag  
„Was mein Sehnen sucht“                                                          
Die eigene Spiritualität ergründen
Ablauf
Inhalt
Material                                                                                                                                       
Arbeitsmittel                                                                                                                  
Vorstellung                                                        
Lebensvorstellung
Menschen, die mir wichtig sind                                                      
Hast du zu diesen Menschen Kontakt?
Wie kann ich diesen Menschen zeigen, dass sie mir wichtig sind?
Wie kann ich diesen, für mich wichtigen Menschen, eine Freude bereiten 
Was mich frustriert
Was ich dagegen unternehmen kann
Was mir Lust und Freude bereitet
Was mich traurig stimmt                                                                          
Wie kann ich diese Traurigkeit überwinden?
Spiritualität
Unterspiritualität verstehe ich:                             
Meine eigenen spirituellen Alltagserfahrungen
Seelsorge
Pfarrpersonen
Einladung
Persönliches                                                                                           
Über welche Themen möchte ich nicht sprechen?
Besuch
Genügt dir dieser Kontakt?                                                                      
Themen, die ich besprechen möchte?
Der Seele Sorge tragen                                                                                                                         
Wo gehen wir hin? Ein Buch über das letzte Geheimnis
Erinnerungen                                                                                                                    Wiedersehen                                                                                                                   
Was wird aus mir                                                                                                             
Musik                                                                                                                             
Blumen                                                                                                                         
Engel                                                                                                                             
Friedhof                                                                                                                         
Hölle                                                                                                                             
Nichts                                                                                                                             
Seele                                                                                                                               
Sterne                                                                                                                             
Tunnel                                                                                                                             

Seelsorge, spirituelle Begleitung oder Annäherung an das innerste Geheimnis                            Ein möglicher Weg dazu
Musiktherapie, bei Menschen die an Demenz erkrankt und /oder                            
mehrfach behindert sind.
Das Vergessene vergessen, in der Musiktherapie
Praktische Umsetzung
Musik und Demenz                                                                                   
Musik spielt im Frontalhirn
Sichtbarer Trainingseffekt                                                                                               
Gehirn kompensiert Ausfälle
Musik und Bewegung
Weniger Neuroleptika                                                                                                       
Mozart oder Marschmusik
Gemeinsames Erleben                                                                                                     
Vorsicht mit Hintergrundmusik
Musizieren lernen mit Demenz
Schlüsselfunktion im Pflegealltag                                                                                         
Musizieren auf der Alterswohngruppe


10 Minuten Aktivierung
Ein Schlüssel in die Vergangenheit


Spiritual Care, was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?                                         
Gedanken zu Spiritual Care                                                                                                               
Wie kann Spiritual Care in die Praxis umgesetzt werden?

Abschied, Sterben, Tod (interne Weiterbildung)

Trauer verarbeiten

Ferien und Reisen
- Auszeit
                                              
Literatur                                                                                                                     

Autorin
                                                                                                                                 
 


2. Einleitung


EinleitungIn unserer Gesellschaft haben Selbständigkeit, Rationalität und Leistungsfähigkeit einen hohen Stellenwert. Für Menschen mit einer geistigen und/oder körperlichen Behinderung in einer Alterswohngruppe vermindert sich die Bedeutung dieser Eigenschaften zunehmend. An dieser Stelle ist mir wichtig zu erwähnen, das nebst geistigen und körperlichen Behinderung auch Erkrankungen an Demenz zu denken ist. Statt selbständig und leistungsfähig zu sein, sind Menschen mit einer Behinderung im Alter zunehmend auf die Unterstützung anderer angewiesen und müssen immer wieder lernen zu empfangen. An Stelle von Rationalität tritt Emotionalität in den Vordergrund. Es muss immer wieder neu bestimmt werden, was als wertvoll gilt und worauf Wert gelegt wird. Bei Menschen mit Behinderung stehen Werte im Vordergrund, sind Werte hervorzuheben, die bei Menschen ohne Behinderung nicht selten schlummern. Diese besonderen Werte sind wach zu rufen, zu pflegen und zu schützen. Sich wiederholende Abläufe können zu geliebten Gewohnheiten werden. Sie nehmen nicht selten rituellen Charakter an. Rituale werden im Alltag auf der Wohngruppe täglich erlebt. Sie geben Halt, Orientierung und das Gefühl von Geborgenheit. Das Angebot in der Tagestruktur, der Tagesbeschäftigung ist somit um ein Angebot erweitert. Das Spirituelle fliesst unbewusst in die Arbeit mit ein, sei es durch sich immer wiederholende Abläufe oder Zuwendungen, Freundlichkeit, Mitgefühl und liebevolle Zuwendung. Fehlt ein gewohnter Ablauf, wird von Seiten der Bewohner/-innen Unsicherheit signalisiert oder danach gefragt. Das bewusste Einfliessen von Ritualen, die Spiritualität zulässt, ist vor allem in der Alterswohngruppe sinnvoll und wichtig. Spiritualität in Form von Ritualen können den einzelnen Bewohner/-innen das Gefühl von getragen sein schenken.
Die Jahreszeitenrituale ermöglichen den Bewohner/-innen in spirituelle Themen Einblick zu nehmen und sich nach Möglichkeit mit allen Sinnen daran zu beteiligen.
Anhand der Jahreszeitenrituale und der Tabelle Jahreszeitenrituale, sowie der Beschreibung zu den einzelnen Themen, sind der Aufbau und das Vorgehen ersichtlich. Zudem wird als Vertiefung Spiritualität und Alltag „Was mein Sehnen sucht“ in Form von Arbeitspapieren in die Lebensordner der Bewohner/-innen integriert und erarbeitet. Die spirituellen Erfahrungen müssen ihnen bei den Ritualen individuell bleiben. Sie dürfen auf keinen Fall in irgendeiner Richtung religiös gefärbt sein. Die ausführenden Mitarbeitenden sind befähigt, Gefühlen wie Trauer adäquat und empathisch zu begegnen.



2.1 Zielsetzung

Zielsetzung
In dieser Arbeit wird ein Angebot erarbeitet, das die einzelnen Monate im Jahreskreis thematisiert. Dazu ist ein gezieltes Zeitfenster notwendig, um ein Thema zu vertiefen. Im Mittelpunkt steht die Verbindung, der Bezug vom Menschen zum Geschehen in der Natur, in den einzelnen Monaten. Dabei geht es um Angebote für die Alterswohngruppe. Zu einem späteren Zeitpunkt kann das Angebot für Interessierte geöffnet werden.
Die Teilnehmenden sollen die Möglichkeit haben sich einzubringen, sich mitzuteilen und die Seele mit einzubeziehen.

Zudem wurden interne Weiterbildungen publiziert, die gegenseitig wertvoll und bereichernd waren.
 




2.2 Spiritualität im Alter

Spiritualität im Alter
Unter Spiritualität ist Geistigkeit zu verstehen; inneres Leben, geistiges Leben.
Geistiges Leben, das im Gegensatz zum materiellen Leben steht. Wikipedia (2009)
Der Psychologe Rudolf Sponsel definiert Spiritualität als mehr oder minder bewusste Beschäftigung „mit Sinn- und Wert-Fragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben“. So umfasst Spiritualität auch eine besondere, nicht notwendig im konfessionellen Sinn verstandene religiöse Lebenseinstellung eines Menschen.
In der Arbeit mit Menschen mit mehrfacher geistiger und körperlicher Behinderung, stellt sich die Frage der Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Bedürfnisse, Empfindungen und Gefühle. Die Möglichkeit, Empfindungen durch Nonverbales zu äussern, müsste angeboten werde. Über die Sinnesorgane wie Ohren, Nase, Tastsinn und Mund können Empfindungen geäussert, nachempfunden und verarbeitet, Emotionen ausgedruckt und gelebt werden.
Die Ausprägung von Spiritualität ist letztlich immer individuell, obwohl jeder Mensch durch seine Lebens- und Erfahrungsgeschichte geprägt ist. Die religiösen Lebenserfahrungen spielen ein, können unterschiedlich sein und ergänzen und bereichern dadurch den Austausch untereinander.
Mit zunehmendem Alter nähern wir uns unweigerlich dem Tod. Der Tod stellt uns vor Fragen. Fragen, die wir nicht beantworten können, auf die es letztlich keine gültige Antwort gibt. Im Austausch mit Mitmenschen kann eine Meinung gebildet, kann ein Bild vom Tod geformt werden. Beginnend mit dem Thema Abschied sind wir mitten drin. Abschied nehmen wir immer wieder. Es ist ein bekanntes Gefühl. Es kann eventuell umschrieben, beschrieben oder verglichen werden mit einem inneren Schmerz. Das Ruhen der Natur kann im Vergleich zum Ruhen beim Menschen ein Thema sein.
Die Jahreszeitenrituale ermöglichen den Bewohner/-innen der Alterswohngruppe in spirituelle Themen Einblick zu nehmen. Ihre Empfindungen und Gedanken können so zum Ausdruck gebracht werden. Nach Möglichkeit können sie sich mit allen Sinnen daran beteiligen. Es soll die Möglichkeit bestehen, Empfindungen und Wahrnehmungen zum Ausdruck zu bringen.
Anhand des Konzeptes, Jahreszeitenrituale sowie der detaillierten Beschreibung zu den einzelnen Themen, sind der Aufbau und das Vorgehen ersichtlich. Die spirituellen Erfahrungen in den Ritualen müssen jedem Bewohnenden offen sein. Sie dürfen auf keinen Fall in irgendeiner Richtung religiös gefärbt sein. Die ausführenden Mitarbeitenden sind befähigt, Empfindungen wie Trauer und Betroffenheit sowie dem Gefühl, alleine auf der Welt zu sein, adäquat und empathisch zu begegnen.
 




2.3 Spiritualität im Alter bei Menschen mit einer mehrfachen Behinderung auf einer Alterswohngruppe

Spiritualität im Alter bei Menschen mit einer mehrfachen Behinderung auf einer Alterswohngruppe
Rituale begleiten uns
Spirituelle Erfahrungen sollen die Lebensfreude und den Lebenssinn wecken. Spirituelle Erfahrungen haben die Aufgabe, Menschen zu stärken und ihnen Wege und Sinn im Leben aufzuzeigen. Spirituelle Erfahrungen können bereichern, wenn die Möglichkeit besteht, sie auszutauschen und mitzuteilen. Spiritualität hat mit Erfahrung, Bewegung und Entwicklung zu tun, mit all den Bereichen des alltäglichen Lebens, in dem der Mensch sich wagt, neues zu entdecken. Menschen mit einer mehrfachen Behinderung soll ermöglicht werden, sich spirituell auszudrücken, sich mitzuteilen und sich einzubringen. Alle Sinne, die dem Menschen zur Verfügung stehen, sollen dafür genutzt und eingesetzt werden. Sich austauschen, Erfahrungen mitteilen, sich nützlich machen, sich gefragt fühlen steht hier im Zentrum.
Spirituelles im Alltag in Form von regelmässigen Abläufen, die sich wiederholen und dadurch rituellen Charakter haben, findet täglich statt:

  • Duschen und Körperpflege in immer gleichem Ablauf.
  • Essen- und Trinkzubehör, die immer die gleichen, zum Teil auch persönlichen Gegenstände sind, sollen immer am gleichen Ort stehen.
  • Das Verabreichen von Medikamenten zur immer gleichen Zeit, in immer gleichen Situationen.
  • Das Zähneputzen
  • Das Abholen vom Transportbus, usw.

Wenn sich „Lebensrituale“ ändern wehren sich die Bewohner/-innen verbal oder nonverbal, mit Worten, Schreien, auf den Tisch schlagen, einem unzufriedenen Gesichtsausdruck etc.
Über die täglichen Rituale hinaus ist es wichtig, sich auch regelmässig im gewohnten Umfeld über Lebensthemen auszutauschen. Themen, die ausserhalb der Institution stattfinden, die sich in der Natur ereignen. Themen, die berühren und alle etwas angehen. Themen, die zum Philosophieren einladen, die verschiedene Möglichkeiten und Sichtweisen eröffnen und auch stehen gelassen werden können. Themen, die das Innere des Menschen berühren. Spiritualität als innere Erfahrung, als etwas das BEGEISTERT. Spirituelle Erfahrungen, die Lebenstüren öffnen oder öffnen kann. Bezeichnend umschreibt das Folgende die Spiritualität: „Spiritualität bedeutet, sich in einem grösseren Zusammenhang aufgehoben zu wissen, der dem alltäglichen Leben Sinn gibt. Der Mensch kommt mit dem Geheimnis des Lebens in Berührung und bringt dieses BERÜHRT-SEIN zum Ausdruck“ (Eglin, A., 2008, S. 14, Das Leben heiligen).
Dafür soll Raum und Zeit zur Verfügung stehen.
 



3. Was sind RitualeWas schaffen RitualeWarum sind Rituale wichtig


Was sind Rituale
Rituale haben Absichten, Ziele. Sie werden geführt und die Leitung ist klar. Es sind konstante Abfolgen. Die Form ist eingehalten (Ort, Ablauf). Sie sind sinnlich und zeigen klare Symbole zur Verdeutlichung auf, wie z.B. das Herz für die Liebe, die Kerze für den Geburtstag, die Blumen für den Frühling, etc.
 
Was schaffen Rituale
Sie schaffen Struktur, Ordnung und Orientierung. Sie vermitteln Sicherheit, Halt, Kraft und Zuversicht in unsicheren Zeiten, wie z.B. Personal- oder Wohnortwechsel, Verlust durch gesundheitliche Probleme oder durch den Tod. Sie schaffen Vertrauen, sich auf etwas einlassen zu können. Das WIR-GEFÜHL wird gestärkt. Lern- und Entwicklungsprozesse können in Gang gebracht und besser gefördert werden. Rituale können Ängste reduzieren und ein Anker im menschlichen Dasein darstellen.
 
Warum sind Rituale wichtig
Sie können das Verständnis verbessern und die Teilnahme optimaler ermöglichen. Erst wenn ein Mensch verstanden hat, kann er sich einbringen (Hans Ruhe). Rituale helfen das Leben zu ordnen, zu organisieren. Rituale ermöglichen Erinnerungen aufleben zu lassen. Sie lassen früheres Wissen anklingen und aktivieren Emotionen.
 

3.1 Spiritualität auf der Alterswohngruppe

Spiritualität auf der Alterswohngruppe
Arbeitsplatz/Arbeitsumfeld
Die erste Alterswohngruppe unserer Stiftung wurde im August 2010 im Bungert, Niederhasli eröffnet. Das Haus im Bungert ist einer der Standorte der Stiftung Vivendra und wurde im Jahr 1997 eröffnet. Das Haus ist im Dorf eingebettet und steht im Dorfkern, nahe am Bahnhof. Im Haus Bungert befinden sich insgesamt fünf Wohngruppen mit je fünf bis sechs Bewohner/-innen mit mehrfachen geistigen und körperlichen Behinderungen. Im Haus integriert sind drei Ateliers mit Beschäftigungsangeboten. Im Untergeschoss des Hauses befindet sich eine öffentliche Bibliothek. Der Eingangsbereich des Hauses ist grosszügig, vielfältig nutzbar und lädt zum Verweilen ein. Ein Teil des Eingang Bereiches wird als Essmöglichkeit genutzt. Täglich kommen Besuchende aus der näheren Umgebung, um dort eine warme Mahlzeit einzunehmen und Gesellschaft zu pflegen. Das Haus im Bungert weist einen offenen Charakter aus. Aus einer bestehenden Wohngruppe entstand eine Alterswohngruppe. Die Wohngruppe liegt im Parterre, ist flächenmässig grosszügig gebaut und hat drei Ein- / Ausgänge. Zwei davon führen direkt in den Garten. Für Rollstuhlfahrende, sowie Benutzende von grösseren Hilfsmitteln, wie z. B. Stehbretter, hat es genügend Platz, damit sie sich nicht gegenseitig behindern. Die Bewohner/-innen wohnen in Einzelzimmern. Der Wohn- und Essbereich ist grosszügig konzipiert. Im August 2010 begannen die Rochaden der einzelnen Bewohnenden. Diese zügelten von Wohngruppen aus anderen Häusern, die sich in anderen Dörfern, jedoch der gleichen Stiftung befinden, auf die Alterswohngruppe. Zwei Bewohnende blieben auf der Wohngruppe und vier neue Bewohner/-innen zogen in die Alterswohngruppe ein. Notwendige bauliche Massnahmen wurden durchgeführt. So wurde z.B. eine Hebebadewanne eingebaut. Zudem wurde aus der angrenzenden, ehemaligen Wohnung des Hausdienstes Räumlichkeiten für die Tagesstruktur geschaffen. Im Alterskonzept der Stiftung ist festgehalten, dass Bewohner/-innen ab dem  65. Lebensjahr in die Alterswohngruppe aufgenommen werden (Ausnahmen sind möglich). Bei frühzeitiger Alterung bzw. bei einem nicht altersbedingten, physiologischen Abbau, kann ab dem 50. Lebensjahr ein Übertritt erfolgen in der Regel nicht früher (2010, Alterskonzept Stiftung Vivendra).




3.2 Behinderungen, Einschränkungen, Hilfestellungen und Hilfsmittel der Bewohner/-innen der Aterswohngrupe

Behinderungen, Einschränkungen, Hilfestellungen und Hilfsmittel der Bewohner/-innen der Alterswohngruppe
Behinderungen

  • mentale Retardierung (geistige Behinderung, Entwicklungsstörung)
  • allgemeiner Entwicklungsrückstand
  • Epilepsie/epileptische Anfälle
  • genetische Cerebralparese (Gehirnlähmung)
  • Gehbehinderung nach Kinderlähmung
  • CP (Cerebral Parese, Cerebrale Bewegungsstörung
  • myotone Dystrophie (Curschmann-Steinert/Muskelerkrankung Muskelschwäche)
  • Lowe Syndrom (Stoffwechselstörung)
  • tabuläre Dysfunktion im Sinne eines Fanconi-Syndroms (Funktionsstörung des Energiehaushalts)
  • kongenitale Katarakt (Linsentrübung)
  • Sehbehinderung
  • Blindheit
  • Trisomie 21
  • Quarialkarzinom (Krebserkrankung)
  • Hüft- und Kniearthrose
  • Blasenfunktionsstörung
  • Gonarthrose (Arthrose im Kniegelenk)
  • multiple Knochenfehlbildungen/Deformierungen
  • schwere chronische Niereninsuffizienz (chronische, über Jahre fortschreitender Verlust der Nierenfunktion)
  • mykzytäre, hypochrome Anämie (Blutarmut)
  • arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)

Angaben aus dem Intranet der Stiftung Vivendra Dielsdorf, (2010)
 




3.3 HilfsmittelHilfestellungen

Hilfsmittel

  • Rollator
  • Rollstuhl
  • Hebebadewanne
  • Duschstuhl
  • Duschbett
  • Hebelift
  • Stehbrett
  • Hebebett
  • Spezielle Sitzstühle
  • der Sitzhöhe abgepasste Tische
  • Besteck mit angepasstem Winkel und Griff
  • Teller Antirutschmatte unter Teller
  • Trinkbecher
  • Tassen mit angepasstem Griff und mundgerechter Form

 
Hilfestellungen

  • Essen schöpfen, zerkleinern, eingeben
  • Trinken: Spezialbecher, Glas abfüllen, bereitstellen oder eingeben
  • An- und ausziehen der Kleider
  • Bereitlegen der Kleider
  • Körperpflege: Duschen, Haare waschen, Zähne reinigen, Toilettengänge
  • Hilfestellung beim sich Fortbewegen





3.4 Mitarbeiter/-innen

Mitarbeiter/-innen
Die Mitarbeiter/-innen der Alterswohngruppe sind unterschiedlich ausgebildet:

  • Geriatrie-Pflege
  • Führungsausbildung
  • Ausbildung Sozialpädagogik
  • Ausbildner/-innen Sozialpädagogen, FaBe (Fachfrau/Fachmann Behinderung), FaGe (Fachfrau/Fachmann Geriatrie).  
  • Praxisassistentin (Arztgehilfin)
  • Betreuerin (Ausbildung bei Agogis)
  • Fachfrau/-Mann Betreuung (FaBe)
  • Ohne agogische oder pflegerische Ausbildung
  • Praktikanten
  • Schüler/-innen
  • Stellenprozente: ca. 660 %
  • Arbeitszeiten: 6:30 – 21:30 Uhr in verschiedenen Arbeitsschichten
  • Schlafpikett: Bei Engpässen wird dieser vom Personal der Wohngruppen durchgeführt
  • Nachtwache: 21:30-07:15 Uhr



  1. Menschen und Alter


    Menschen und Alter
    Körperliche und physische Veränderungen treten in jedem Lebensalter auf. Altwerden ist ein Prozess und kann unterschiedlich verlaufen. Bei Menschen mit mehrfacher geistiger und körperlicher Behinderung kann ein Abbau in jüngeren Jahren beginnen. Der Verlust der Arbeit kann teilweise oder ganz stattfinden. Veränderungen im Beziehungsumfeld sind zu verarbeiten und zu verkraften, wenn Eltern, Angehörige oder Freunde sterben. Veränderungen in der Wohnsituation und den Zuwendungen der einzelnen Bewohnenden können eintreffen, wenn ein erhöhter Pflegeaufwand erforderlich wird. Der alternde Mensch verlangt nach Ruhe, Achtsamkeit, Zuwendung und Anpassungen in seinem Lebensalltag.
     


    5. Konzept JahreskreisritualeDurchführung, Ablauf des Rituals, Inhalt, Material, Einführung und ÜberprüfungJahreszeitenrituale: Themenarbeit


    Konzept Jahreskreisrituale
    Mit der Durchführung der Jahreszeitenrituale bieten wir den Bewohnenden, wie auch den Mitarbeitenden die Möglichkeit, einen Moment inne zu halte. Rituale helfen Strukturen in das Leben zu bringen. Rituale erinnern an Gewohntes, Liebgewordenes. Sie können Halt und Geborgenheit geben. Wechsel im Jahresablauf können wichtige Orientierungshilfen sein.
     
    Durchführung
  • Das Ritual kann auf der Alterswohngruppe durchgeführt werden.
  • Die Themen werden den Teilnehmenden im Voraus bekannt gegeben.
  • Die Durchführung findet einmal im Monat statt.
  • Der Zeitpunkt wird den Gegebenheiten angepasst.

 
Ablauf des Rituals

  • Das Jahreszeitenritual hat immer den gleichen Ablauf.
  • Der Anfang und der Schluss bleiben immer gleich.
  • Das zum Thema passende Symbol steht immer in der Mitte des Tisches oder des Raumes.
  • Inhaltliche Anpassungen sind durchaus möglich.
  • Das Ritual dauert 45 Minuten, kann jedoch individuell angepasst werden.

 

Inhalt

  • Die Themen werden in einem Jahresplan erarbeitet.
  • Der Rahmen, sowie der Anfang und der Schluss der Jahreszeitenrituale sind immer gleich und vermitteln dadurch einen rituellen Charakter.
  • Die Teilnehmenden können weitere Themen und Ergänzungen für die Zukunft einbringen.



Material

  • Das Material wird an Hand des Jahresplanes erarbeitet, vorbereitet und bereitgelegt.



Einführung und Überprüfung

Die Jahreszeitenrituale werden der Wohngruppenleitung und danach dem Team unterbreitet. Der Beginn der Jahreszeitenrituale fand im Januar 2011 statt, da die Alterswohngruppe im Herbst 2010 eröffnet wurde. Als geeignete Zeit bot sich der Freitagabend, 18:30-19:15 Uhr an. In jeder der Beschäftigungsgruppen im Bungert steht grundsätzlich je ein Platz für unsere Bewohner der Alterswohngruppe zur Verfügung, den sie je nach Befindlichkeit nutzen können. Dort findet auch am Freitagnachmittag ein Beschäftigungsprogramm statt. Zusätzlich bietet die Alterswohngruppe auf der Wohngruppe eine Tagesstruktur an. Optimal wäre es, wenn das Angebot der Jahreszeitenrituale am Freitagnachmittag stattfinden könnte. Diese Möglichkeit fand ein paar Jahre später statt, als diverse Bewohner/-innen altershalber nicht mehr am externen Beschäftigungsprogramm teilnahmen. Die Bewohnenden verbringen die Wochenenden mehrheitlich auf der Wohngruppe und sind am Freitagnachmittat oder Freitagabend ohne verbindliches Programm. Der Wochentag und die Durchführungszeit werden letztlich von den Mitarbeitenden, nach Rücksprache mit den Bewohnenden sowie den anderen, wechselnden Strukturen angepasst und festgelegt. Die Überprüfung fand sechs Monate nach der Einführung statt.
Im Konzept Jahreszeitenrituale sind die wichtigsten Überlegungen kurz festgehalten. Es ist möglich sich innerhalb kurzer Zeit einen Überblick zu verschaffen. In der Institution besteht kein Konzept zu diesem Thema. Auch aus anderen Institutionen ist mir darüber nichts bekannt. Auf der Wohngruppe führen wir seit ca. einem Jahr regelmässig einmal im Monat einen Gruppenrat durch. Dort werden je länger dieser besteht, Themen angesprochen, die denen der Jahreskreisrituale nahe sind. Im Alterskonzept der Stiftung ist festgehalten, dass ein Konzept für Spiritualität auf der Alterswohngruppe noch erarbeitet wird.


Jahreszeitenrituale: Themenarbeit
Die Jahreszeitenrituale haben immer vier Elemente, die sich wiederholen:

  • Anfang mit Klangschale: Zeichen zum Anfangen
  • Jahreszeitenritualkerze wird angezündet: Kerze als Mitte ohne echtes Feuer
  • Symbolgegenstand wird nach jedem Jahreszeitenritual von den Teilnehmenden am Ende auf den Tisch gelegt.
  • Schluss mit Klangschale: Zeichen zum Schluss



  1. Jahreszeitenrituale


    Jahreszeitenrituale

Monat

Themen

Inhalt

Aktion

Symbol

J
A
N
U
A
R

Winter: Sinn: Natur erholt sich

Schnee, Eis Baum, Natur ruht sich aus

Schnee, Eis: Zum Fühlen, anfassen bereit. Wir ruhen uns aus und blicken zurück: Jahresrückblick mit positiven und negativen Momenten in Wohnsituation/
Leben

Schnee/Eis
Erinnerungsgegenstand: Symbol für positiven und negativen Rückblick mit Bewohner/-innen suchen

F
E
B
R
U
A
R






Fasten-zeit/
Fasnacht: Bedeu-tung














Beginn: Aschermittwoch ist zw.3.Februar und 10.März, abhängig vom Frühlingsmond. Beginn der sechs Wöchigen Fastenzeit. Vorher noch einmal so richtig austoben, den Bauch füllen.
In der Fastenzeit darf kein Fleisch, Fett, Schmalz, Butter, Käse und Eier gegessen werden.






Gegenstände von Fasnacht zeigen: Konfetti, Larven,
Verkleidung
Fastenzeit: Eier, Käse, Butter auf den Tisch legen: Hin-weis, Esswaren, die jetzt nicht gegessen werden.
Bedeutung Fasten-zeit: Besinnung auf anderes als das
Essen, auf sich als Mensch. Besinnung, darüber, was an Kar-freitag und Ostern geschehen ist.

Fasnachtschüechli
 
Erinnerungsgegen-stand:
Konfetti, Fasnachtsschlangen

M
Ä
R

Z

Name, bedeutet:
Glück und Unglück


Warum brauchen wir einen Namen? Alle Namen der Teilnehmenden werden auf ein Blatt aufgeschrieben. Das Blatt wird symbolisch zur Bedeutung der einzelnen Namen gestaltet.


Wie sollen wir mitei-nander reden, ohne den Namen zu nen-nen? Zurückfragen ob jemand weiss, warum sie/er diesen Namen erhalten hat. Zu jedem Namen wird die Bedeutung herausgesucht und erklärt.

Namen der TN sind auf Einzelblättern notiert und liegen auf der Tischmitte.
Erinnerungsgegenstand:
Collage mit den Namenblättern wird erstellt

A
P
R
I
L

Ostern


Bedeutung: Kreuzigung Jesus am Karfreitag; Ostern Grab ist leer. Trauer von Kreuzigung kann abgelegt werden.
Hase/Ei: Symbole für die Fruchtbarkeit. Das Leben geht weiter.

Basteln: Osterhasen und Ostereier aus doppeltem Karton zum aufstellen (Schablone verwenden).
Nach Bedarf, Ostergeschichte erzählen.

Hasen/Eier
 
Erinnerungs-gegenstand:
Hasen/Eier

M
A
I

Frühling
Auffahrt/Pfingsten: Bedeutung

Farben erkennen
Lieblingsfarbe nennen, Bedeutung der Farben kennen. Bedeutung von Auffahrt/
Pfingsten: Jesus ist auferstanden und fährt in den Himmel.



Verschieden farbige Blumen in Vase stellen. Lieblingsfarben nennen. Bedeutung der Farben werden erklärt. Bedeutung von Auffahrt/Pfingsten wird erklärt

Blumen
 
Erinnerungs-gegenstand:
Blumenstrauss in Vase
 

J
U
N
I

Freude und Leid

Freude teilen können.
 















Forschen, suchen nach Lieblingsgegen-ständen und Lieblingstätigkeiten
Am Leid teilnehmen können. Sich trösten lassen

Nach Möglichkeit sind wir im Garten. Wie können wir uns an der Freude der anderen freuen: Miteinander lachen, geniessen, gemeinsame Erlebnisse. Herausfinden, was jeder gerne hat: Es werden Lieblingstätig-keiten/Lieblings-gegenstände der TN aufgezählt, notiert und später dazu eine Symbol-zeichnung erstellt. Dieses Wissen, was Freude bereitet, hilft uns als Übergang für die Teilnahme am Trauern.






lachen/weinen
 
 
 
 
 
 
Erinnerungs-gegenstand:
Zettel mit Lieblingsgegenständen, Lieblingstätigkeiten

J
U
L
I

Sommer: Wärme/
Freiheit



Wir sitzen im Garten und geniessen die Wärme: Endlich keine Socken und warme Kleider mehr tragen müssen.

Fussbad/Handbad ermöglichen



Sonne/Wasser
Erinnerungs-gegenstand:
Wasser in Schale mit Sonnenblume

A
U
G
U
S
T

Mut

Geschichte: Mats und die Streifen-mäuse (Bilderbuchge-schichte)



Die Geschichte wird im Garten erzählt.
 
Zurückfrage: was ist Mut?



Maus: Aus Papier hergestellt und aufgestellt.
Erinnerungs-gegenstand:
Mäuse aus Papier

S
E
P
T
E
M
B
E
R

Glück und Unglück



Glück: Symbole wie vierblättriges Kleeblatt, Säuli mit Fünfräppler im Mund


Unglück: Eine schwarze Katze läuft über den Weg.
 

Symbole zeigen, herstellen: Kleeblatt, Säuli, Fünfräppler




Schwarze Katze

Kleeblatt/ schwarze Katze
Erinnerungs-gegenstand:
Symbole der Bewohnerinnen und Bewohner für Glück und Unglück

O
K
T
O
B
E
R

Wachsen/Ernten: In der Natur

Rebstock mit Blättern und Trauben in Topf gepflanzt:
Wachsen, Wasser
 
Trauben: Probieren, pressen, trinken

Ablauf vom Rebstock bis zur Traube:
Es braucht Wasser, Sonne, Pflege.
Wir lesen Trauben ab, zerdrücken sie mit dem Mörser und trinken den Saft.


Traube
 
Erinnerungs-gegenstand:
Rebe in Topf

N
O
V
E
M
B
E
R

Gewinn und Verlust, kommen und gehen in der Natur und bei den Menschen

Tage werden kürzer, weniger Licht, Bäume verlieren Blätter. Natur bereitet sich für den Winter vor, schützt sich, um nicht zu erfrieren.
Was geschieht bei uns? Wärmere Kleider, weniger lang im Freien, warme Getränke, mehr Licht (Lampe, Kerze), gerne zu Hause sein,
Abschied von anderen Menschen nehmen. Mit anderen Menschen zusammen sein.



Tasten, fühlen, rieche: Blätter anschauen, betasten daran riechen, beschreiben, sich an den verschiedenen, kräftigen Farben freuen.
 
 


Kräutertee, Punch miteinander trinken.
An Menschen denken, von denen wir Abschied nehmen mussten.
Was erinnert uns an sie? Was war speziell an ihnen?

Wind, Regen, Kälte Wärme, Licht, Erinnerungen
 
 
Erinnerungs-gegenstand:
Farbige Blätter
Erinnerungsgedanken an Verstorbene.

D
E
Z
E
M
B
E
R

Licht: Advent,
Freude bereiten: Weihnacht



Vorfreude auf Weihnacht.
Licht, Kerze als Zeichen für Wärme, Geborgenheit und Freude
Was bereitet uns Freude? Wie geben wir Freude weiter?



Was gehört zur Vorfreude für Weihnachten?
Ratespiel mit oder ohne verbundene Augen: An Tannenzweigen, Kerzen, Weihnachtsguetsli riechen, tasten, fühlen und probieren.





Kerze,
Tannenzweig, Weihnachtsguetsli
 
Erinnerungsgegen-stand:
Kerze in Glas oder Laterne
 




  1. Spiritualität und Alltag Die eigene Spiritualität ergründenAblauf Inhalt Material


    Spiritualität und Alltag „Was mein Sehnen sucht“
    Ziel
    Beim Thema Spiritualität im Alltag geht es darum, sein Ich mit seinen Empfindungen, seiner Sehnsucht und seinen Bedürfnissen wahrzunehmen. Spiritualität heisst für mich nichts anderes als praktizierende Mitmenschlichkeit.
     
    Die eigene Spiritualität ergründen
    Bei der persönlichen Auseinandersetzung mit Spiritualität wird deutlich, dass sie viele Facetten hat.
    Spirituelle Momente im Alltag erlebe ich….
    ……wenn ich im Wald spazieren gehe und an Stellen komme, wo das Moos wächst.
           wo es saftig grün ist.
    ……wenn ich die Wellen an einem See, am Meer rauschen höre.
    ……wenn es nach Regen riecht.
    ……wenn der Himmel voller Sternen leuchtet.
    ……wenn ich mit Freunden zu einem guten Gespräch zusammensitze.
    ……wenn ich in einem Strassenkaffe sitze, den Menschen zusehe und die Seele
           baumeln lasse.
    ……wenn ich meine Musik höre.
    ……und vieles mehr
     
    Ablauf
    Jede Bewohnerin und jeder Bewohner erhält einen Lebensordner. Nach Wunsch und Bedürfnis der Bewohner/-innen werden die einzelnen Themen behandelt, gestaltet und in die Ordner abgelegt. Die einzelnen Fragen werden auf A4 Papier ausgedruckt, sodass noch Platz für eigene Gedanken und Gestaltung zum Thema Platz findet. Es kann jeder Zeit durch weitere A4 Seiten erweitert werden. In der Tagesstruktur wird zusammen mit den Bewohnern an diesem Ordner gearbeitet. Jahresziel 2012 der Tagesstruktur der Alterswohngruppe Kristall: Jede Bewohnerin und jeder Bewohner gestaltet und bearbeitet aktiv und mit Unterstützung seinen Lebensordner.

    Inhalt
  • Ich (Bewohner) stelle mich vor.
  • Lebensvorstellungen der Bewohnerinnen und Bewohner
  • Soziales- und Beziehungspflege
  • Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie
  • Auseinandersetzung mit Lebensvorstellungen und Lebenswünschen
  • Auseinandersetzung und mögliche Bewältigung mit Frustration und Unerfülltem
  • Erarbeiten und nennen von Freude und Lustgewinn
  • Auseinandersetzung mit Trauer
  • Auseinandersetzung mit den Themen, Spiritualität, Seelsorge und Pfarrpersonen
  • Kennenlernen von Pfarrpersonen
  • Formulieren von Fragen und Themen an Pfarrpersonen
  • Nennen von Themen, die in der Tagesstruktur besprochen werden können

 
Material

  • Ordner für jede Bewohnerin und jeden Bewohner
  • Diverses Papier, unterschiedlich in der Grösse, Stärke und Farbe
  • Fotos
  • Diverse persönliche Unterlagen zum Gestalten der einzelnen Papiere
  • Scheren für Rechts- und Linkshänder
  • Diverse Scheren zum Muster schneiden
  • Leim
  • Farbstifte
  • Fingerfarben
  • Wasserfarben
  • Bleistifte
  • Klebstreifen / Klebband zum Fixieren der Arbeitsunterlagen

 

7.1 Arbeitsmittel

Arbeitsmittel

Ich

Name:

Vorname:

Geboren am:

Ich wohne:

Meine Telefonnummer:

 
 

 
Vorstellung
 
Körpergrösse:
 
Augenfarbe:
 
Haarfarbe:
 
Stimme:
 
Geruch:
 
Kleidung:
 
Fortbewegung:
 
Hobbys / Vorlieben:
 

 

LEBENSVORSTELLUNG

 

Wie stelle ich mir mein Leben vor?

 

Bitte stelle dein Leben dar: Zeichnen oder Collage

 

Du kannst auch Hilfe anfordern.

 
 

 

 
Menschen, die mir wichtig sind
 
Zähle sie auf:
 
Mit wem warst du die längste Zeit deines Lebens unterwegs?
 
Wen hast du alles kennengelernt?
 
Wer hat dich begleitet?
 

 
 

 
Hast Du zu diesen Menschen Kontakt?
 
Wie findet er statt?
 
Zeichne, klebe oder schreibe sie auf.
 
Hast Du Dich von einzelnen Menschen verabschieden müssen?
 
Hast Du ein Foto von ihnen?
 

 

 
 
Wie kann ich diesen Menschen zeigen, dass sie für mich wichtig sind?
 
 

 

 
Wie kann ich diesen, für mich wichtigen Menschen, eine Freude bereiten?
 
Ideen:
 
Material:
 
Hilfe:
 

 

 
Was mich frustriert:
 

 

 
Was ich dagegen unternehmen kann:
 

 

WAS MIR LUST UND FREUDE BEREITET
Zähle mindestens drei Situationen auf.
Wenn du dazu Hilfe brauchst, frage jemanden aus dem Team.
1.
2.
3.
 

 

 
Was mich traurig stimmt
 
·       Vielleicht kannst du aufschreiben was dich traurig macht.
 
·       Du kannst es auch einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter erzählen.
 
·       Diese schreiben es für dich auf.
 
·       Vielleicht zeichnest du die Situation lieber oder stellst eine Collage her.
 
 

 

 
Wie kann ich diese Traurigkeit überwinden?
Drei mögliche Ideen:
 
1.
2.
3.
 

 

 
SPIRITUALITÄT, WAS IST DAS?
 
Spirituelle Momente im Alltag können sein…….
·       wenn ich den Sternenhimmel sehe und ich darüber nachdenke, wie weit weg diese Sterne sind.
·       wenn ich mich auf einen Besuch freue.
 
Kommen dir noch andere Momente oder Situationen in den Sinn?
Schreibe diese auf oder lasse sie dir aufschreiben.
 

 

 
Unter Spiritualität verstehe ich:
 

 

 
Meine eigenen spirituellen Alltagserfahrungen:
 

 

 
Seelsorge, was ist das?
 

 

 
Pfarrpersonen
 
Wen kenne ich:
 
Welche Aufgabe haben sie:
 
Die Pfarrpersonen in meiner Kirchgemeinde:
Lukas Müller: Reformierter Pfarrer (Name geändert)
Matthias Angst: Katholischer Pfarrer (Name geändert)
 
 
Zudem stehen dir diverse Pfarrpersonen der verschiedenen Kirchgemeinden zur Verfügung.
Es gibt auch eine Seelsorge für Menschen mit Behinderungen.
 

 

 
Einladung
 
·       Wollen wir die Pfarrpersonen einladen, um sie kennen zu lernen?
 
·       Datum:
 

 

 
Persönliches
 
Gibt es persönliche Fragen an die Pfarrer?
 
Gibt es Themen, die du mit ihnen besprechen willst?
 
Wann:
 

 

 
Über welche Themen möchtest du nicht sprechen?
 
Themen:
 
Möchtest du mit jemand anderem darüber sprechen?
 

 

 
Besuch
 
Wie war der Besuch der Pfarrpersonen?
 
Gibt es Fragen an die Pfarrer?
 
Gibt es Themen, die du/wir mit ihnen besprechen wollen?
 
Wann:
 

 

 
Genügt dir dieser Kontakt?
 
Ja:
 
Warum:
 
Nein:
 
Was kann ich unternehmen:
 

 

 
Themen, die ich in der Tagesstruktur besprechen möchte?
 
Vorschläge:
 
Medien: (DVD etc.)
 

 
 
 
 




7.2 Der Seele Sorge tragen

Der Seele Sorge tragen
Seit einiger Zeit besuchen Pfarrpersonen der katholischen und reformierten Kirchgemeinden aus Niederhasli die Alterswohngruppe der Stiftung. Die Pfarrpersonen besuchen uns etwa zwei Mal im Jahr und nehmen dann jeweils das Mittagessen mit uns ein. Diese Tischgemeinschaft ist für alle Beteiligten bereichernd. Bei diesem persönlichen Austausch lernen wir uns gegenseitig kennen und schätzen. Die Bewohner/-innen haben jeweils die Möglichkeit, Anliegen an die Pfarrperson zu richten. Nicht nur das körperliche, sondern auch das seelische Wohlbefinden gilt es zu pflegen. Bereits mehrmals mussten wir von Bewohner/-innen der Alterswohngruppe Abschied nehmen. Dabei unterstützen uns die jeweiligen Pfarrpersonen bei den Abschiedsfeiern, die im Haus in Niederhasli stattfinden. Diese Feiern stehen für alle Bewohner/-innen sowie auch für Mitarbeitende der Stiftung offen. Sie sind ein wichtiges Ritual, damit sich die Bewohner/-innen und die Mitarbeitenden von den Verstorbenen angemessen verabschieden können. Diese Abschiedsfeiern sind immer sehr eindrücklich, einfühlsam gestaltet und helfen den Beteiligten bei der speziell für Menschen mit einer Behinderung sehr bedeutsamen Trauerarbeit.
Wir freuen uns jeweils sehr auf den Besuch der Pfarrpersonen.



8. Wo gehen wir hin


Wo gehen wir hin
Das Thema Sterben, Loslassen, Tod und Abschiednehmen begleitete mich in meiner Arbeit immer wieder. Wir als Mitarbeitende waren immer wieder herausgefordert, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Oft war die Auseinandersetzung für uns als Mitarbeitende schwieriger, als die für unserer Klientinnen und Klienten. Bei Gesprächen mit Klientinnen und Klienten zum Thema Tod und wohin gehen, wir kam meistens eine klare Antwort: „S‘ Mami isch im Himmel obe“. Für uns Mitarbeiter/-innen war es oft so, dass wir auf Fragen keine klaren und endgültigen Antworten finden konnten. In Buchhandlungen liegt Literatur zum Thema Abschied, Sterben, Tod nicht sichtbar auf. Bei der Nachfrage ist vielleicht etwas zu finden oder es muss bestellt werden. Verdrängen wir das Thema?
Deshalb habe ich versucht, ein Buch zum Thema Sterben zu gestalten. Es soll in einfacher Sprache und mit Bildern helfen, eine mögliche Antwort zu geben (Herausgabe Oktober 2016).
 
 
Wo gehen wir hin?
Ein Buch über das letzte Geheimnis
 


Vielleicht denken Menschen, die mir liebgeworden sind an mich, wenn ich nicht mehr auf der Erde bin.
Vielleicht lachen sie, wenn sie an mich denken.
Es kommt ihnen etwas in den Sinn, was sie an mir gefreut hat.
Oder sie denken an etwas ganz typisches von mir.
Vielleicht denken sie an ein gutes Gespräch, an eine Aktivität oder eine Begegnung mit mir.
Vielleicht sind sie manchmal traurig, dass ich nicht mehr bei ihnen bin.
 




 Eventuell gehen wir ich an einen Ort, wo wir alle,
die schon verstorben sind wieder sehen werden.
Aber wie begegnen wir ich ihnen denn?
Können wir uns genau an sie erinnern?
Erkennen wir sie wieder oder denken wir:

  • Genau so war meine Grossmutter
  • Genau so war mein jüngerer Bruder.
  • Genau so war meine Freundin.

 
 



Vor mir liegt ein Wald, schön und dicht. Die Bäume wachsen und spenden Sauerstoff.

Bei den Bäumen riecht es gut nach Harz.

Manchmal setze ich mich unter einen Baum und höre dem Rauschen der Äste und Zweige zu, wenn sie sich im Wind wiegen.
Von den Bäumen geht eine positive Kraft aus, die mir guttut.
Meine Seele kann bei den Bäumen Kraft tanken.

Vielleicht wird aus meiner Asche einmal ein Baum.
Ein Baum, der positive Energie weitergeben kann.





Vielleicht hören wir wunderbare, schöne Musik, die uns so gut gefällt, dass wir nicht mehr zurück möchten.
 




Vielleicht wird aus deiner Asche eine schöne Blume.
Der Wind bläst in die Blume und trägt die Samen auf die Wiese.
Bald wird daraus ein Blumenfeld.
Die Schmetterlinge fliegen auf die Blumen und die Bienen suchen den frischen Nektar.





 
Eventuell werde ich ein Engel werden, der dich immer beschützen kann.
Dann werde ich meine Flügel ausbreiten, zu dir fliegen und dich umfangen.
Der Engel wird dich beflügeln und dir positive Gedanken und gute Ideen einhauchen.
 





Vielleicht liegst du auf dem Friedhof und schöne Blumen schmücken dein Grab.
Dann kann ich an dich denken und mich freuen.
Vielleicht bist du mir dann ganz nahe und tröstest mich.
Vielleicht spüre ich deine Liebe, es wird mir warm ums Herz und ein Glücksgefühl durchströmt mich.
 
Was bleibt von uns?
Wir werden vielleicht in einer Urne, in einem persönlichen Grab,
zu Hause im Garten, bei einer Pflanze, in einem See oder im Meer beigesetzt.
Somit macht der Tod Sinn.
Die Asche wird so zu neuem Leben.
 





Oder kommt meine Seele zum Teufel in die Hölle?
Nein das glaube ich nicht.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es Menschenseelen gibt, die in die Hölle kommen.
Kein Mensch kann so schlecht sein.
Jeder Mensch hat bis am Ende seines Lebens die Möglichkeit, sich zu ändern und zu wandeln.
 




Vielleicht ist gar nichts mehr und ich gehe ins Nichts.
Keine Erinnerung bleibt. 
Keine Freude ist da.
Einfach Nichts.
 




Und meine Seele geht weiter, findet einen Schmetterling und beseelt ihn.
 




Vielleicht werde ich ein Stern und leuchte auf die Erde.
So viele Sterne strahlen in der Nacht am Himmel, kleine und grosse Sterne.
Wenn du die Sterne siehst, kannst du dich an ihnen und ihrem Licht freuen.
Vielleicht denkst du, dieser, genau dieser Stern ist ein Mensch der gestorben ist und dir so lieb geworden ist.
So schön leuchtet dieser Stern!
Und wenn du am anderen Tag wieder zum Himmel hochschaust und die Sterne wieder leuchten, siehst du vielleicht wieder genau den Stern, der dich an den lieben Menschen erinnert.
Vielleicht ist es nicht der grösste Stern, der am Himmel steht.
Aber es ist der Stern, der am stärksten leuchtet. Und du spürst, es muss dieser Stern sein, gleich wie gross und schön er ist.
Dann bist du diesem Menschen ganz nahe.





 
Vielleicht kommen wir durch einen langen Tunnel, mit warmen Farben.
Es ist schön.
Ein angenehmes Licht empfängt mich.
Ist so Geborgenheit?
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


9. Seelsorge, spirituelle Begleitung oder Annäherung an das innerste Geheimnis


Seelsorge, spirituelle Begleitung oder Annäherung an das innerste Geheimnis
Ein möglicher Weg
Quelle: Wie wird es sein? Famos Rita, Müller Anne-Marie
 
Der Begriff Seelsorge zu umschreiben, ist nicht einfach. Dort wo Menschen Fragen haben, die sie unbedingt angehen, antwortet die Seelsorge. Sie geht den Sinnfragen nach, die in besonderen Lebenssituationen aufbrechen. Sie kann dabei behilflich sein, ein erschüttertes Selbst- und Wirklichkeitsverhältnis neu zu strukturieren.
Seelsorge ist gelebte Theologie. Terminologisch ist es auf Plato zurückzuführen, d.h. auf das 4. Jahrhundert vor Christus. In der berühmten Apologie des Sokrates fordert dieser seine Mitbürger auf, sich nicht um Besitz und Ehre, sondern um ihre eigene Seele zu sorgen. Dabei versteht er dies als Gegenüber zum Leib und bereitet damit dem in der Folge so überaus wirkmächtigen, dualistischen Menschenbild den Boden. Dieses steht in krassem Widerspruch zur hebräischen Anthropologie, welcher eine Aufteilung des Menschen in Leib und Seele gänzlich fremd ist. Im hellenistischen Denken hätte der Mensch eine Seele, und im hebräischen sei er eine Seele.
In der heutigen naturwissenschaftlich-neurobiologisch dominierten Sichtweise des Menschen wird die Seele zunehmend bedeutungslos. Zu unbestimmbar ist sie. Sie lässt sich weder operationalisieren noch vermessen. Zu Forschungszwecken dieser Art eignet sie sich deshalb nicht.
Der Begriff Seele bedeutet im Griechischen Psyche. Der Begriff Seele kann in den Neurowissenschaften nicht quantifiziert werden. Deshalb haben ihn die Psychologie und Psychiatrie fallen gelassen, da er zu komplex ist und zu viel Unterschiedliches umfasst und integriert. Die Wendung „eine Seele von Mensch sein“ erinnert noch an ein ganzheitliches-hebräisches-Verständnis von Mensch. Da Seelsorge den Begriff „Seele“ enthält und auch inhaltlich bewusst an ihm festhält, knüpft sich auch an dessen Gabe an, biblische Hoffnungsbilder nach einer sinnerfüllten Existenz wachzurufen und Theologie auch leben zu wollen. Seelsorge ist gelebte Theologie und bezeichne eine bewusste und reflektierte Haltung des Glaubens. Seelsorge begleitet die Menschen auf ihrem spirituellen Weg, dem Weg, der sie mit dem verbindet, worauf sie im Tiefsten vertrauen können.
Studien, die in den letzten Jahren durchgeführt worden sind, belegen, dass Spiritualität ein wesentlicher Faktor von Lebensqualität, sowie eine bedeutsame Ressource zur Bewältigung von Krisensituationen ist. Die Frage ist, was wir unter Spiritualität verstehen. Eine wissenschaftlich anerkannte Definition von Spiritualität gibt es bis heute nicht. Der Begriff Spiritualität stammt ursprünglich aus der christlich-theologischen Tradition und bedeutet, sein Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes zu führen.
Im Gesundheitswesen ist das multikulturelle, multireligiöse und zunehmend säkulare Umfeld Normalität geworden. Zukünftige spirituelle Begleitung ist herausgefordert, Verständnis von Spiritualität zu entwickeln, dass beim Menschen anknüpft und offen für ganz unterschiedliche spirituelle Ausprägung ist. Spiritualität darf nicht auf eine bestimmte Religion beschränkt werden, religiösen Glauben aber auch nicht ausschliessen. Spiritualität umfasst Religiosität, geht jedoch weit darüber hinaus.
„Es gehört zum Menschen, sich selbst und seine Welt zu interpretieren. Wir befinden uns immer in Situationen in denen wir uns zu verhalten haben. Eine Situation für sich allein gibt es nicht. Wir leben in verschachtelten einander durchdringenden und umgreifenden Situationen“, so der Religionswissenschaftler K. Baier.
Es geht darum worauf ein Mensch im Tiefsten vertraut, was ihn hoffen lässt und sinnstiftend ist. Diesen innersten Bereich, zu dem Begleitende keinen direkten Zugang haben, gilt es zu respektieren und zu schützen. Menschen geben jedoch vielfältige, meist symbolisch verschlüsselte Hinweise auf ihr innerstes Geheimnis. Mit Bildern, Liedern, Gedichten, Gebeten und Ritualen, die für sie bedeutsam sind weisen sie auf Grundsituationen hin, in der sie sich letztlich eingebettet fühlen. Dies können, müssen jedoch keineswegs, religiöse Symbole und Texte sein. Welche Symbole jemand findet und auf welchem religiösen oder spirituellen Hintergrund er sich interpretiert, ist höchst individuell und hängt mit seinen lebensgeschichtlichen Erfahrungen zusammen.
Grundsätzlich ist es sinnvoll, sich auf drei Fragen zu konzentrieren:

  • Woher komme ich
  • Wohin gehe ich
  • Wozu habe ich gelebt

Mit den Fragen woher, wohin und wozu, das heisst mit dem Suchen nach dem Grund und Ziel seines Lebens, weist der Mensch über sich hinaus auf seine äusserste Grundsituation. Er verweist auf etwas, das grösser und umfassender ist als er selbst. Menschen haben immer wieder erfahren, dass sie bei diesem Suchen nach dem Umfassenden nicht ins Leere greifen. Sie haben erkannt, dass da nicht „nichts“ ist, sondern dass da etwas ist, das sie umgibt, von dem sie sich getragen und in das sie sich eingebettet fühlen. Sie können es nicht benennen, nicht ganz fassen und doch haben sie eine Ahnung davon, dass sie mit einem grossen Ganzen verwoben sind aus dem sie kommen, in das sie wieder zurückkehren und aus dem sie Lebenssinn schöpfen.
Spirituelle Begleitung versucht die Bedürfnisse nach Trost Geborgenheit und Sinn wahrzunehmen und behutsam darauf einzugehen. Ihr Ziel ist, Menschen Geborgenheit zu vermitteln und ihnen zu helfen einen Sinn in ihrem Dasein zu finden. Sie trägt dazu bei, lebensfördernde Haltungen zu unterstützen und stärkt damit die Lebensqualität von Menschen.
Spirituelle Begleitung orientiert sich ganz am Gegenüber und seinen Bedürfnissen. Es geht darum, den Menschen in seinem Suchen nach Sinn, seinem Leiden sowie in seiner Sehnsucht nach Vertrauen und Geborgenheit zu unterstützen.
 
 
 
 
 
 
 
 

9.1 Musikterapie, bei Menschen, die an Demenz erkrankt und mehrfach behindert sind.

Musiktherapie, bei Menschen die an Demenz erkrankt und mehrfach behindert sind.
Quelle. Bopp-Kistler Irene, Verfasserin Niggli Antoinette, demenz 2016
Das Vergessene vergessen, in der Musiktherapie
Die Besonderheit der musiktherapeutischen Arbeit mit Demenzerkrankten liegt darin, dass im Rahmen des Prozesses Phasen emotional intensiver Normalität stattfinden können. Im Unterschied zur musiktherapeutischen Arbeit mit älteren Menschen, die nicht an Demenz erkrankt sind, muss das Angebot, an erlebnisaktivierender Musik und an Improvisationen teilzunehmen, an den Stadien der Demenz und der individuellen Biografie orientiert werden. Erlebnisaktivierende musiktherapeutische Methoden ermöglichen schnell emotionale Prozesse mit gesundheitsfördernden Wirkungen, bergen aber auch die Gefahr, dass die ausgelösten Emotionen zu Belastungen führen können. Dem Umstand, dass bei Demenzerkrankten die selbst-regulativen Mechanismen eingeschränkt sein können, muss deshalb bei der Wahl der Mittel besondere Beachtung geschenkt werden, um dem Risiko einer möglichen Destabilisierung entgegenzuwirken.

  • Teilnehmer leiden an diagnostizierten leichten bis mittelschweren Demenz
  • Alter: Zwischen 54 und 85 Jahre alt
  • Findet 1x / Woche unter Leitung statt.
  • Musiktherapie fördert Ressourcen und ermöglicht bei Menschen mit Demenz einen Zugang zur Vergangenheit und zum Leben.

 
Praktische Umsetzung

  • In der Musikgruppe erzählt eine Frau, ein junger Mann habe sie aus dem Schlaf geweckt, und er habe auch noch gut ausgesehen!
  • Aufmerksam hören die anderen sechs Teilnehmer zu.
  • Gleich beginnen zwei Frauen spontan mit dem Singen der Arie aus Mozarts „Zauberflöte“.
  • Nach der Darbietung wird die Arie im Original anhört.
  • Die Teilnehmer hören in ihren Gedanken versunken zu.
  • Kaum ist der letzte Ton verklungen, wird über die „Zauberflöte“ debattiert.
  • Eine Teilnehmerin ist nicht sonderlich berührt. Deshalb wird ihr „Hello Dolly“ in der Version von Louis Armstrong vorgespielt.
  • Der „Triumphmarsch“ aus „Aida“ ertönt.
  • Sofort reagiert Renata, die italienische Wurzeln hat, strahlt über das ganze Gesicht und bewegt sich im Rhythmus zur Musik.
  • Während Anna auf die Musik von Verdi fast gar nicht reagiert, geschieht dies beim Abspielen des Liedes „Guantanamera“. Noch während die Musik läuft, erzählt sie spontan, dass sie Spanisch versteht, mal einen Freund aus Südamerika hatte, der Harfen spielen konnte, und dass das Lied von einer Frau aus Guantanamera erzählt.

 
Musik und Demenz
Quelle: Alzheimer Bulletin 2/2014, Kressig, Reto W., Prof. Dr. med. , Chefarzt und Bereichsleiter Universitäre Altersmedizin im Felix Platter-Spital und Professor für Geriatrie an der Universität Basel
Wenn das menschliche Gehirn mit Musik beschäftigt ist, werden sehr viele verschiedene Hirnfunktionen aktiviert. Gefühle, Bilder, Bewegung, Sprache, Erinnerungen. Musik wirkt in enorm vielen Bereichen und eröffnet im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, wertvolle Möglichkeiten des Austauschs und des gemeinsamen Erlebens.
„Det ääne-am Bäärgli, det staat e wyssi Gaiss…“ Wenn im zweiten Stock der Memory Clinic Basel Lieder erklingen, herrscht im Gedächtnistraining der Alzheimervereinigung beider Basel beste Stimmung. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aufgrund ihrer Demenzerkrankung nicht mehr wissen, was am Vortag geschehen ist, können problemlos mehrere Strophen der Lieder singen, die sie in der Kindheit erlernt haben.
Musik scheint im Gedächtnis einen besonderen Platz zu haben. Tatsächlich haben zahlreiche wissenschaftliche Studien aufzeigen können, dass Musik das Gehirn in ausgezeichneter Weise fordert und fördert.
 
Musik spielt im Frontalhirn
Für Reto W. Kressig ist Musik eine Herzensangelegenheit. In jungen Jahren betätigte er sich als Kirchenorganist und nach wie vor setzt er sich gerne ans Klavier. „Wenn jemand aktiv Musik hört oder selber musiziert“, erklärt Kressig, „wird insbesondere das Frontalhirn oder Stirnhirn stimuliert. Das ist der Gehirnteil, der die höchste Plastizität und die grössten Reserven aufweist.“
Das Frontalhirn sei beim Menschen besonders gross, viel grösser als bei Menschenaffen, und es sei für spezifisch menschliche Fähigkeiten zuständig, so Kressig. Dazu gehört das Planen komplexer Tätigkeiten, die sprachliche Erfassung verflochtener Zusammenhänge und eben auch die Musik.
Beim aktiven Musikhören und Musizieren finden im Frontalhirn Prozesse statt, die unter anderem mit Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und der Koordination gleichzeitiger Aktivitäten zu tun haben. Interessanterweise ist das Gehirn ungefähr in den gleichen Arealen beschäftigt, egal ob wir ein Instrument spielen oder nur Musik hören, sofern es ein bewusstes Zuhören ist.
 
Sichtbarer Trainingseffekt
Regelmässiges Musizieren verändert das Gehirn. Noch vor etwa 20 Jahren ging man davon aus, dass sich die Nervenverbindungen bei einem erwachsenen Menschen kaum mehr weiterentwickeln können. Heute weiss man es besser. Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, hat die Gehirne von Berufsmusikerinnen und -musikern untersucht und festgestellt, dass bei Pianisten das Hirnareal, welches Hand- und Fingerbewegungen steuert, überdurchschnittlich ausgebildet ist. Dirigenten sind besonders gut darin, Musik in ihrer räumlichen Gestaltung wahrzunehmen.
Das Gehirn, insbesondere das Frontalhirn, ist auch im Erwachsenenalter fähig, sich an neue Anforderungen anzupassen und neue Aufgaben zu übernehmen. Voraussetzung für diese sogenannte funktionale Plastizität des Gehirns ist ein regelmässiges, intensives Training.
 
Gehirn kompensiert Ausfälle
Haben nun Musikerinnen und Musiker ein geringeres Demenzrisiko? Ja. 2007 konnte in einer gross angelegten Studie nachgewiesen werden, dass Menschen, die musizieren, deutlich seltener an Demenz leiden. Reto W. Kressig: „Ein Musikinstrument zu spielen ist ein Training des Gehirns, das sehr viele Reserven schafft. Das heisst nicht, dass das Gehirn professioneller Musiker vielleicht nicht doch Anzeichen der Alzheimer-Erkrankung aufweist. Aber es ist in so guter Verfassung, dass es sehr lange kompensieren kann.“ Das heisst, Gehirnfunktionen, die dort ausfallen, wo die Alzheimer-Erkrankung auftritt, können vom fitten Frontalhirn übernommen werden.
 
Musik und Bewegung
Die erwähnte Studie hat diesen Effekt nicht nur bei musizierenden Menschen aufgezeigt, sondern auch bei Personen, die regelmässig tanzen. Dies deutet auf die enge Verbindung von Musik mit körperlicher Bewegung hin. Wir kennen das: Wenn wir rhythmische Musik hören, die uns gefällt, wippen wir unwillkürlich mit einem Fuss oder mit dem Kopf oder wir klopfen im Takt mit den Fingern. Kinder beginnen manchmal zu tanzen. Die Paarung Musik und Bewegung hat ausserordentliches therapeutisches Potential, das genutzt werden kann, um die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern.
In diesem Zusammenhang muss der Name Émile Jaques-Dalcroze fallen. Der Schweizer Komponist und Musikpädagoge entwickelte vor rund 100 Jahren körperliche Übungen, die zu improvisierter Klaviermusik ausgeführt werden und heute vermehrt für Senioren und Menschen mit Behinderungen zum Einsatz kommen.
 
Weniger Neuroleptika
Die Effekte, die bei demenzkranken Menschen durch eine regelmässige Teilnahme an diesen Übungen erzielt werden, sind eindrücklich. Reto W. Kressig: „In den Jaques-Dalcroze-Ateliers haben wir gesehen, dass Teilnehmende wieder ganze Sätze formulieren konnten, die vorher nur noch einzelne Wörter sagten. Da zeigt sich eine neuronale Kopplung von Musik, Bewegung und Sprache.“
Zudem werde das Sturzrisiko stark reduziert, die örtliche Orientierungsfähigkeit verbessert und die Stimmung positiv beeinflusst. Kressig: „Teilnehmende, die zu Apathie, Hyperaktivität oder Aggressionen neigen, profitieren sehr von den Übungen. In manchen Fällen konnten wir die Dosierung von Neuroleptika reduzieren.“
 
Mozart oder Marschmusik?
Eine wahre Geschichte: Vor einem Alters- und Pflegeheim stellt sich eine Blasmusik auf, um ein Ständchen zu spielen. Eine Frau, die gerade ihren demenzkranken Ehemann besucht, will mit ihm das Weite suchen, da sie von seiner tiefen Aversion gegen Marschmusik weiss. Eine Pflegerin rät ihr aber, zuerst seine Reaktion abzuwarten, und tatsächlich: Kaum rumst das Blech, klatscht der Mann begeistert mit, sehr zur Überraschung seiner Ehefrau.
Diese Episode zeigt: Der Musikgeschmack kann sich durch eine Demenzerkrankung verändern. Es ist grundsätzlich richtig, im Umgang mit Demenzbetroffenen deren Biografie zu berücksichtigen, auch wenn es um die Musikwahl geht. Musikstücke, die jemand in der Kindheit und Jugend gerne gehört oder selber gespielt hat, sind besonders tief verankert. Eine treffende Musikwahl kann Erinnerungen wachrufen und in ungeahnter Weise belebend wirken.
Aber die biografisch abgestimmte Musik muss nicht in jedem Fall die positivste Wirkung haben. Am besten, man probiert es aus. So wird auch in Jaques-Dalcroze-Ateliers vorgegangen. Die Pianistin spielt Melodien, die in den Jugendjahren der Teilnehmenden aktuell waren, und beobachtet, wie sie ankommen.


Gemeinsames Erleben
Da die mündliche Kommunikation zwischen Demenzbetroffenen und Angehörigen im Verlauf der Krankheit immer schwieriger wird, gewinnt der Austausch auf anderen Ebenen an Bedeutung. Die Musik bietet dabei wunderbare Möglichkeiten für gemeinsames Erleben. Das kann beim Singen sein, beim Musizieren mit einfachen Instrumenten – dazu später mehr – oder beim Musikhören. Biografische Faktoren können wiederum eine wichtige Rolle spielen.
Ein Ehepaar zum Beispiel, das über Jahrzehnte regelmässig klassische Konzerte besucht hat, kann dieses Ritual noch lange pflegen, auch wenn die Demenz eines Partners schon fortgeschritten ist. Oder es entwickelt sich daraus die Gewohnheit, sich zuhause bei einer Tasse Tee gemeinsam ein klassisches Werk anzuhören. „Gerade bei der Alzheimer-Erkrankung bleibt die emotionale Intelligenz fast bis zum Schluss erhalten“, erklärt Reto W. Kressig. „Deshalb kann die emotionale Qualität von Musik noch sehr lange wahrgenommen und genossen werden.“
 
Vorsicht mit Hintergrundmusik
So liegt die Idee nahe, Musik im Hintergrund abzuspielen, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Davon rät Kressig ab. „Es ist wichtig, Möglichkeiten zu schaffen, Musik bewusst zu erleben. Für Menschen mit Demenz ist Hintergrundmusik problematisch, denn sie bindet zerebrale Reserven. Wenn gleichzeitig etwas anderes getan werden sollte, kann es zu einer Überforderung kommen. Auch Musik zur Beruhigung sollte der einzige Stimulus sein.“
 
Musizieren lernen mit Demenz
Wie lange ist es sinnvoll, ein Instrument neu zu erlernen? Auch im hohen Alter gibt es keinen Grund, nicht mit dem Klavier- oder Cellospielen anzufangen, wenn es die körperliche Gesundheit zulässt und keine Demenz vorliegt. Das Niveau eines Berufsmusikers kann nicht mehr erreicht werden, aber angesichts der Freude am Musizieren und des Trainings für das Gehirn lohnt es sich allemal.
Wenn die technische Herausforderung relativ einfach ist, zum Beispiel indem ein Xylophon auf wenige Töne reduziert wird, können auch Menschen mit Demenz noch mehr erlernen, als sie sich vielleicht selber zutrauen. Wichtig ist das häufige Wiederholen. Dann kann es passieren, dass die demenz-betroffene Person glaubt, sich nicht an das Stück zu erinnern, das mit ihr vor ein paar Tagen eingeübt wurde, aber durch eine dezente Vorgabe von Rhythmus und Melodie wird die Erinnerung aktiviert, und die Person beginnt zu spielen. Lernprozesse können eben auch unbewusst stattfinden.
 
Schlüsselfunktion im Pflegealltag
Musik drückt Emotionen aus, weckt Erinnerungen, fördert Kontakte und die Kommunikation, gibt Struktur und regt zu körperlicher Bewegung an. Durch all diese schönen Eigenschaften hat die Musik einen immensen Wert in der Betreuung und Pflege alter und eventuell demenzkranker Menschen. Sie wird deshalb auch als Königsweg bezeichnet.
Musik - richtig eingesetzt - wird zum Schlüssel und Türöffner. Musiktherapeutinnen und -therapeuten wissen am besten, wie das geht, aber auch alle anderen, die in Heimen und im privaten Bereich Demenzbetroffene betreuen und pflegen, können diesen Königsweg nutzen.
 
 



10. Musizieren auf der Alterswohngruppe


Musizieren auf der Alterswohngruppe
Einmal im Monat besuche ich die Alterswohngruppe der Stiftung Vivendra und begleite mit dem Klavier den Gesang und die Rhythmusbegleitung diverser Lieder. Es war ein Wunsch der Mitarbeitenden und Bewohnenden, weiterhin regelmässig zu musizieren. Da zurzeit niemand auf der Alterswohngruppe arbeitet, der/die die Klavierbegleitung übernehmen kann, führe ich diese Aufgabe weiterhin aus. Das Angebot besteht bereits seit ein paar Jahren und war ein Bestandteil der Tagestruktur während meiner Arbeit. Es besteht eine Anzahl Volkslieder und Schlager, die immer wieder gerne gesungen oder begleitet werden. Die Auswahl der Lieder erfolgt jeweils über einen Fächer, der den Bewohnenden zur Auswahl hingehalten wird. Der Fächer besteht aus farbigem, laminiertem Papier, auf dem je ein Liedanfang in grosser Schrift steht. Rhythmusinstrumente wie Trommel, Xylophon, Rasseln, Klangstäbe, Schellenringe etc. werden von den Bewohnenden ausgesucht oder zugeteilt, wenn die Behinderung eine Eigenauswahl nicht zulässt. Es zeigt sich aber jeweils schnell, ob das Instrument passt oder nicht. Wenn dann das richtige Instrument gefunden wird, wird dies mit einem Lachen dankbar quittiert. Einzelne Teilnehmende können mit Worten singen und andere singen die Melodie. Andere bevorzugen das Zuhören und erfreuen sich daran. Die Möglichkeit sich und seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen ist erstaunlich. Die Musik mit ihren Klängen und den Rhythmen ist ein geeignetes Kommunikationsmittel.
Die Musikrunde ist ein fröhlicher, erbaulicher Anlass, der mir immer wieder Freude bereitet. Da die Lieder und die Rhythmusinstrumente immer etwa gleich ausgewählt werden, bekommt der Anlass rituellen Charakter, bei dem sich die Teilnehmenden wohl und sicher fühlen.
 
 
 
 
 
 


11. 10 Minuten Aktivierung
Ein Schlüssel in die Vergangenheit


Aktivierung                                                                                              
Biographiearbeit und älter werden mit kognitiven Behinderung                               
Wo stehe ich in der biologischen Lebenslinie?
- Was möchte ich in meinem Leben noch erreichen?
- Wo steht unsere Bezugsperson in ihrer biologischen Lebenslinie?
- Was möchte meine Bezugsperson in ihrer biologischen Lebenslinie erreichen?
- Wie kann dieses Bedürfnis abgerufen werden?

Lebenslinie zeichnen





 
Bewusst werden, wo ich stehe, wo mein Gegenüber steht.
Wie viel Lebenszeit bleibt?

Lebensordner

  • Persönlicher Ordner, Heft, Buch                                
  • Eventuell Aussenseite gestalten.                                
  • Bilder, Fotos, Zeichnungen, Mandalas, Mails, Grusskarten, Briefe werden darin abgelegt.


Lebensqualität                             

  • Wir Menschen agieren und reagieren mit 4 Basis-Emotionen: Liebe/Freude, Angst, Zorn, Trauer                                                          



Wir Menschen haben Grundbedürfnisse

Die treten ausgeprägt beim alten Menschen hervor:                                                        

  • Wir wollen uns geliebt, warm und sicher fühlen.
  • Wir wollen uns nützlich fühlen, das Gefühl haben, noch zu etwas gebraucht zu werden.
  • Wir wollen in irgendeiner Form produktiv sein.
  • Wir wollen Gefühle ausdrücken, in allen uns möglichen und zur Verfügung stehenden Form.

 
Wir können und dürfen die älter werdenden Menschen nicht verändern. Dies gilt vor allem bei Menschen mit Demenz.
Was wir verändern können, ist unsere Wahrnehmung und unseren Umgang von und mit ihnen.
 

Validation nach Naomi Feil

  • US-Amerikanerin
  • Entwickelte Validation in den 1960er Jahren
  • War damit sehr erfolgreich, reiste um die ganze Welt
  • Inszenierte Interaktionen zwischen Menschen mit Demenz und dem Betreuungspersonal


Einige Hauptaussagen zur Methode von Naomi Feil

  • Gefühle und Verletzungen früherer Jahre können nicht ausgelöscht werden, da sie im Gedächtnis haften bleiben
  • Es ist wichtig, aufkommende Gefühle zuzulassen
  • Durch Validation verlieren negative und belastende Gefühle ihre Intensität.
  • Ignorierte Gefühle können „giftig“ werden, weil sie an Intensität gewinnen.
  • In der Demenz arbeiten die Menschen ihre früheren Verletzungen auf und inszenieren sie aufs Neue.
  • Wenn Validation nicht stattfindet, führt dies bei den betroffenen Menschen zu Verzweiflung, Depression, Aggression

 
Validation nach Nicole Richard
Ausgehend von dem Validationsansatz Naomi Feils, entwickelte Nicole Richard, Kassel, die so genannte „Integrative Validation“. Auch sie führt dazu Weiterbildungskurse durch. Ihr Ansatz orientiert sich weniger an den problematischen Seiten der Vergangenheit, ist also auch weniger tiefenpsychologisch geprägt.

Das Vorgehen besteht im Wesentlichen aus drei Schritten:

Das aktuelle Gefühl oder der gerade vorherrschende Antrieb des betroffenen Menschen muss wahrgenommen werden. Mit „Antrieb“ kann z.B. gemeint sein: Pflichtgefühl, Gerechtigkeitssinn, Pünktlichkeit, Genauigkeit.
Diese wahrgenommenen Gefühle oder Antriebe gilt es, in persönlichen Sätzen zu bestätigen. Also unter Erwähnung z.B. des früheren Berufes, Kinderzahl, Wohnort, Hobbies, Reisen. Bezugnahme also auf die Biografie der Bewohnerin / des Bewohners.
In diesem Schritt wird, das zuvor speziell diesem Menschen galt, in verallgemeinerter Form ausgedruckt, in Form von Sprichwörtern, Redewendungen, Volksweisheiten, die dem betroffenen Menschen vertraut sind. Frau Richard spricht hier von einer „solidarisierenden Verallgemeinerung“, d.h. dadurch fühlt sich der Mensch einer ganzen Gruppe zugehörig, fühlt sich mit seinem Antrieb, seinem Gefühl irgendwie aufgehoben.
 
Kurze Definition der Validation

  • Validation ist eine Methode, die uns hilft, Verwirrte und an Demenz leidende Menschen in ihrer Krankheit besser zu begleiten.
  • Wir versuchen, uns in die veränderte Erlebniswelt einzufühlen, ihre Vorstellungen und Bedürfnisse zu akzeptieren und als die ihre stehen zu lassen.

Damit geben wir ihnen das Gefühl der Sicherheit, der Akzeptanz, der Liebenswürdigkeit sowie der Würde zurück.

  • Wenn wir aber beim Demenzkranken Korrekturversuche an seinem nicht mehr kontrollier- und veränderbarem Verhalten anbringen wollen, lösen wir unter Umständen Gefühl der Frustration, Aggression und das Beschämung und der Wertlosigkeit aus.

 
Methoden der IVA (INTEGRIERTE VALIDATION)
Nach der IVA kann nun folgendermassen vorgegangen werden:
Beispiel: Ein Klient hämmert mit einer Gabel auf dem Esstisch; er befindet sich an seiner Werkbank.

  1. Schritt: Gefühle und Antrieb wahrnehmen z.B.: Fleiss, Genauigkeit, Fachwissen, Pflichtbewusstsein
  2. Schritt: Mit direkten, kurzen Sätzen Gefühl oder Antrieb validieren durch verbalisieren z.B.: „Du hast viel zu tun.“ „Du bist fleissig.“ „Du kennst dich aus.“ „Du machst die Arbeit genau.“ „Du bist ganz bei der Sache.“
  3. Schritt: Durch Stichworte, Liedtexte, Verse etc. allgemein validieren z.B.: „Ohne Fleiss kein Preis.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
  4. Schritt: Einbinden in die Biografie
Die Schritte brauchen nicht als starres Muster verstanden zu werden. Eine Methode ist immer ein „Brückengeländer.“ Sie soll gerade zu Beginn der Arbeit Sicherheit geben.
 

10 Minuten Aktivierung  Margrit Trachsel, Referentin an der LeA-Schule, Aktivierungsfachfrau

Ein Schlüssel in die Vergangenheit

 

Spiritualität bei Menschen mit Behinderung im Alter

 

Der Seele Sorge tragen

 

Nelly Marazzi

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung                                                                                                                                                     5

Zielsetzung                                                                                                                                                   6

 

Spiritualität im Alter

Spiritualität im Alter bei Menschen mit einer mehrfachen Behinderung                             7

auf einer Alterswohngruppe

Rituale begleiten uns

Was sind Rituale                                                                                                                         8

Was schaffen Rituale

Warum sind Rituale wichtig                                                                                                    9       

Spiritualität auf der Alterswohngruppe

 

Behinderungen, Einschränkungen, Hilfestellungen und Hilfsmittel                                      10

der Bewohner/-innen der Alterswohngruppe

Behinderungen

Hilfsmittel                                                                                                                                    11

Hilfestellungen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter                                                                                       12

Menschen und Alter

Konzept Jahreskreisrituale

Durchführung                                                                                                                             13

Ablauf des Rituals

Inhalt

Material

Einführung und Überprüfung

 

Jahreskreisrituale: Themenarbeit                                                                                                     15

Jahreszeitenrituale                                                                                                                                  

Spiritualität und Alltag   „Was mein Sehnen sucht“                                                                     18

 

Ziel

Die eigene Spiritualität ergründen

Ablauf

Inhalt

Material                                                                                                                                          

 

Arbeitsmittel                                                                                                                                               19

Ich

Vorstellung                                                                                                                                    

Lebensvorstellung

Menschen, die mir wichtig sind                                                                                              

Hast du zu diesen Menschen Kontakt?

Wie kann ich diesen Menschen zeigen, dass sie mir wichtig sind?

Wie kann ich diesen, für mich wichtigen Menschen, eine Freude bereiten 22

Was mich frustriert

Was ich dagegen unternehmen kann

Was mir Lust und Freude bereitet

Was mich traurig stimmt                                                                                                           

Wie kann ich diese Traurigkeit überwinden?

Spiritualität

Unterspiritualität verstehe ich:                                                                                               

Meine eigenen spirituellen Alltagserfahrungen

Seelsorge

Pfarrpersonen

Einladung

Persönliches                                                                                                                                  

Überwelche Themen möchte ich nicht sprechen?

Besuch

Genügt dir dieser Kontakt?                                                                                                     

Themen, die ich besprechen möchte?

 

Der Seele Sorge tragen                                                                                                                            27

Wo gehen wir hin? Ein Buch über das letzte Geheimnis

Erinnerungen                                                                                                                               28

Wiedersehen                                                                                                                                 29

Was wird aus mir                                                                                                                          30

Musik                                                                                                                                               31

Blumen                                                                                                                                            32

Engel                                                                                                                                                33

Friedhof                                                                                                                                           34

Hölle                                                                                                                                                 35

Nichts                                                                                                                                               36

Seele                                                                                                                                                 37

Sterne                                                                                                                                              38

Tunnel                                                                                                                                             39

 

Seelsorge, spirituelle Begleitung oder Annäherung an das innerste                                         40

Geheimnis – Ein möglicher Weg dazu

Musiktherapie, bei Menschen die an Demenz erkrankt und /oder                                          42

mehrfach behindert sind.

Das Vergessene vergessen, in der Musiktherapie

Praktische Umsetzung

Musik und Demenz                                                                                                                      43

Musik spielt im Frontalhirn

Sichtbarer Trainingseffekt                                                                                                          44

Gehirn kompensiert Ausfälle

Musik und Bewegung

Weniger Neuroleptika                                                                                                                45

Mozart oder Marschmusik

Gemeinsames Erleben                                                                                                               46

Vorsicht mit Hintergrundmusik

Musizieren lernen mit Demenz

Schlüsselfunktion im Pflegealltag                                                                                           47

 

Musizieren auf der Alterswohngruppe

 

Spiritual Care, was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?                                                   48

 

Gedanken zu Spiritual Care                                                                                                                   49

 

Wie kann Spiritual Care in die Praxis umgesetzt werden?                                                        5

 

 

 

Literatur                                                                                                                                                        51

Autorin                                                                                                                                53

 

 

Einleitung

In unserer Gesellschaft haben Selbständigkeit, Rationalität und Leistungsfähigkeit einen hohen Stellenwert. Für Menschen mit einer geistigen und körperlichen Behinderung in einer Alterswohngruppe vermindert sich die Bedeutung dieser Eigenschaften zunehmend. An dieser Stelle ist mir wichtig zu erwähnen, das nebst geistigen und körperlichen Behinderung auch Erkrankungen an Demenz zu denken ist. Statt selbständig und leistungsfähig zu sein, sind Menschen mit einer Behinderung im Alter zunehmend auf die Unterstützung anderer angewiesen und müssen immer wieder lernen zu empfangen. An Stelle von Rationalität tritt Emotionalität in den Vordergrund. Es muss immer wieder neu bestimmt werden, was als wertvoll gilt und worauf Wert gelegt wird. Bei Menschen mit Behinderung stehen Werte im Vordergrund, sind Werte hervorzuheben, die bei Menschen ohne Behinderung nicht selten schlummern. Diese besonderen Werte sind wach zu rufen, zu pflegen und zu schützen. Sich wiederholende Abläufe können zu geliebten Gewohnheiten werden. Sie nehmen nicht selten rituellen Charakter an. Rituale werden im Alltag auf der Wohngruppe täglich erlebt. Sie geben Halt, Orientierung und das Gefühl von Geborgenheit. Das Angebot in der Tagestruktur, der Tagesbeschäftigung ist somit um ein Angebot erweitert. Das Spirituelle fliesst unbewusst in die Arbeit mit ein, sei es durch sich immer wiederholende Abläufe oder Zuwendungen, Freundlichkeit, Mitgefühl und liebevolle Zuwendung. Fehlt ein gewohnter Ablauf, wird von Seiten der Bewohner/-innen Unsicherheit signalisiert oder danach gefragt. Das bewusste Einfliessen von Ritualen, die Spiritualität zulässt, ist vor allem in der Alterswohngruppe sinnvoll und wichtig. Spiritualität in Form von Ritualen können den einzelnen Bewohner/-innen das Gefühl von getragen sein schenken.

Die Jahreszeitenrituale ermöglichen den Bewohner/-innen in spirituelle Themen Einblick zu nehmen und sich nach Möglichkeit mit allen Sinnen daran zu beteiligen.

Anhand der Jahreszeitenrituale und der Tabelle Jahreszeitenrituale, sowie der Beschreibung zu den einzelnen Themen, sind der Aufbau und das Vorgehen ersichtlich. Zudem wird als Vertiefung Spiritualität und Alltag „Was mein Sehnen sucht“ in Form von Arbeitspapieren in die Lebensordner der Bewohner/-innen integriert und erarbeitet. Die spirituellen Erfahrungen müssen ihnen bei den Ritualen individuell bleiben. Sie dürfen auf keinen Fall in irgendeiner Richtung religiös gefärbt sein. Die ausführenden Mitarbeitenden sind befähigt, Gefühlen wie Trauer adäquat und empathisch zu begegnen.

Zielsetzung

In dieser Arbeit wird ein Angebot erarbeitet, das die einzelnen Monate im Jahreskreis thematisiert. Dazu ist ein gezieltes Zeitfenster notwendig, um ein Thema zu vertiefen. Im Mittelpunkt steht die Verbindung, der Bezug vom Menschen zum Geschehen in der Natur, in den einzelnen Monaten. Dabei geht es um Angebote für die Alterswohn-

gruppe. Zu einem späteren Zeitpunkt kann das Angebot für Interessierte geöffnet werden.

Die Teilnehmenden sollen die Möglichkeit haben sich einzubringen, sich mitzuteilen und die Seele mit einzubeziehen.

 

Spiritualität im Alter

Unter Spiritualität ist Geistigkeit zu verstehen; inneres Leben, geistiges Leben,

Geistiges Leben, das im Gegensatz zum materiellen Leben steht. Wikipedia (2009)

Der Psychologe Rudolf Sponsel definiert Spiritualität als mehr oder minder bewusste Beschäftigung „mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben“. So umfasst Spiritualität auch eine besondere, nicht notwendig im konfessionellen Sinn verstandene religiöse Lebenseinstellung eines Menschen.

In der Arbeit mit Menschen mit mehrfacher geistiger und körperlicher Behinderung, stellt sich die Frage der Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Bedürfnisse, Empfindungen und Gefühle. Die Möglichkeit, Empfindungen durch Nonverbales zu äussern, müsste angeboten werde. Über die Sinnesorgane wie Ohren, Nase, Tastsinn und Mund können Empfindungen geäussert, nachempfunden und verarbeitet werden. Emotionen können ausgedruckt und gelebt werden.

Die Ausprägung von Spiritualität ist letztlich immer individuell, obwohl jeder Mensch durch seine Lebens- und Erfahrungsgeschichte geprägt ist. Die religiösen Lebenserfahrungen spielen ein, können unterschiedlich sein und ergänzen und bereichern dadurch den Austausch untereinander.

Mit zunehmendem Alter nähern wir uns unweigerlich dem Tod. Der Tod stellt uns vor Fragen. Fragen, die wir nicht beantworten können, auf die es letztlich keine gültige Antwort gibt. Im Austausch mit Mitmenschen kann eine Meinung gebildet, kann ein Bild vom Tod geformt werden. Beginnend mit dem Thema Abschied sind wir mitten drin. Abschied nehmen wir immer wieder. Es ist ein bekanntes Gefühl. Es kann eventuell umschrieben, beschrieben oder verglichen werden mit einem inneren Schmerz. Das Ruhen der Natur kann im Vergleich zum Ruhen beim Menschen ein Thema sein.

Die Jahreszeitenrituale ermöglichen den Bewohner/-innen der Alterswohngruppe in spirituelle Themen Einblick zu nehmen. Ihre Empfindungen und Gedanken können so zum Ausdruck gebracht werden. Nach Möglichkeit können sie sich mit allen Sinnen daran beteiligen. Es soll die Möglichkeit bestehen, Empfindungen und Wahrnehmungen zum Ausdruck zu bringen.

Anhand des Konzeptes, Jahreszeitenrituale sowie der detaillierten Beschreibung zu den einzelnen Themen, sind der Aufbau und das Vorgehen ersichtlich. Die spirituellen Erfahrungen in den Ritualen müssen jedem Bewohnenden offen sein. Sie dürfen auf keinen Fall in irgendeiner Richtung religiös gefärbt sein. Die ausführenden Mitarbeitenden sind befähigt, Empfindungen wie Trauer und Betroffenheit sowie dem Gefühl, alleine auf der Welt zu sein, adäquat und empathisch zu begegnen.

 

Spiritualität im Alter bei Menschen mit einer mehrfachen

Behinderung auf einer Alterswohngruppe

Rituale begleiten uns

Spirituelle Erfahrungen sollen die Lebensfreude und den Lebenssinn wecken. Spirituelle Erfahrungen haben die Aufgabe, Menschen zu stärken und ihnen Wege und Sinn im Leben aufzuzeigen. Spirituelle Erfahrungen können bereichern, wenn die Möglichkeit besteht, sie auszutauschen und mitzuteilen. Spiritualität hat mit Erfahrung, Bewegung und Entwicklung zu tun, mit all den Bereichen des alltäglichen Lebens, in dem der Mensch sich wagt, neues zu entdecken. Menschen mit einer mehrfachen Behinderung soll ermöglicht werden, sich spirituell auszudrücken, sich mitzuteilen und sich einzubringen. Alle Sinne, die dem Menschen zur Verfügung stehen, sollen dafür genutzt und eingesetzt werden. Sich austauschen, Erfahrungen mitteilen, sich nützlich machen, sich gefragt fühlen steht hier im Zentrum.

Spirituelles im Alltag in Form von regelmässigen Abläufen, die sich wiederholen und dadurch rituellen Charakter haben, findet täglich statt:

  • Duschen und Körperpflege in immer gleichem Ablauf.
  • Essen- und Trinkzubehör, die immer die gleichen, zum Teil auch persönlichen Gegenstände sind, sollen immer am gleichen Ort stehen.
  • Das Verabreichen von Medikamenten zur immer gleichen Zeit, in immer

gleichen Situationen.

  • Das Zähneputzen
  • Das Abholen vom Transportbus, usw.

Wenn sich „Lebensrituale“ ändern wehren sich die Bewohner/-innen verbal oder nonverbal, mit Worten, Schreien, auf den Tisch schlagen, einem unzufriedenen Gesichtsausdruck etc.

Über die täglichen Rituale hinaus ist es wichtig, sich auch regelmässig im gewohnten Umfeld über Lebensthemen auszutauschen. Themen, die ausserhalb der Institution stattfinden, die sich in der Natur ereignen. Themen, die berühren und alle etwas angehen. Themen, die zum Philosophieren einladen, die verschiedene Möglichkeiten und Sichtweisen eröffnen und auch stehen gelassen werden können. Themen, die das Innere des Menschen berühren. Spiritualität als innere Erfahrung, als etwas das BEGEISTERT. Spirituelle Erfahrungen, die Lebenstüren öffnen oder öffnen kann. Bezeichnend umschreibt das Folgende die Spiritualität: „Spiritualität bedeutet, sich in einem grösseren Zusammenhang aufgehoben zu wissen, der dem alltäglichen Leben Sinn gibt. Der Mensch kommt mit dem Geheimnis des Lebens in Berührung und bringt dieses BERÜHRT-SEIN zum Ausdruck“ (Eglin, A., 2008, S. 14, Das Leben heiligen).

Dafür soll Raum und Zeit zur Verfügung stehen.

 

 

 

 

Was sind Rituale

Rituale haben Absichten, Ziele. Sie werden geführt und die Leitung ist klar. Es sind konstante Abfolgen. Die Form ist eingehalten (Ort, Ablauf). Sie sind sinnlich und zeigen klare Symbole zur Verdeutlichung auf, wie z.B. das Herz für die Liebe, die Kerze für den Geburtstag, die Blumen für den Frühling, etc.

 

Was schaffen Rituale

Sie schaffen Struktur, Ordnung und Orientierung. Sie vermitteln Sicherheit, Halt, Kraft und Zuversicht in unsicheren Zeiten, wie z.B. Personal- oder Wohnortwechsel, Verlust durch gesundheitliche Probleme oder durch den Tod. Sie schaffen Vertrauen, sich auf etwas einlassen zu können. Das WIR-GEFÜHL wird gestärkt. Lern- und Entwicklungsprozesse können in Gang gebracht und besser gefördert werden. Rituale können Ängste reduzieren und ein Anker im menschlichen Dasein darstellen.

 

Warum sind Rituale wichtig

Sie können das Verständnis verbessern und die Teilnahme optimaler ermöglichen. Erst wenn ein Mensch verstanden hat, kann er sich einbringen (Hans Ruhe). Rituale helfen das Leben zu ordnen, zu organisieren. Rituale ermöglichen Erinnerungen aufleben zu lassen. Sie lassen früheres Wissen anklingen und aktivieren Emotionen.

 

 

Spiritualität auf der Alterswohngruppe

Arbeitsplatz/Arbeitsumfeld

Die erste Alterswohngruppe unserer Stiftung wurde im August 2010 im Bungert, Niederhasli eröffnet. Das Haus im Bungert ist einer der Standorte der Stiftung Vivendra, Dielsdorf und wurde im Jahr 1997 eröffnet. Das Haus ist im Dorf eingebettet und steht im Dorfkern, nahe am Bahnhof. Im Haus Bungert befinden sich insgesamt fünf Wohngruppen mit je fünf bis sechs Bewohner/-innen mit mehrfachen geistigen und körperlichen Behinderungen. Im Haus integriert sind drei Ateliers mit Beschäftigungsangeboten. Im Untergeschoss des Hauses befindet sich eine öffentliche Bibliothek. Der Eingangsbereich des Hauses ist grosszügig, vielfältig nutzbar und lädt zum Verweilen ein. Ein Teil des Eingang Bereiches wird als Essmöglichkeit genutzt. Täglich kommen Besuchende aus der näheren Umgebung, um dort eine warme Mahlzeit einzunehmen und Gesellschaft zu pflegen. Das Haus im Bungert weist einen offenen Charakter aus. Aus einer bestehenden Wohngruppe entstand eine Alterswohngruppe. Die Wohngruppe liegt im Parterre, ist flächenmässig grosszügig gebaut und hat drei Ein- / Ausgänge. Zwei davon führen direkt in den Garten. Für Rollstuhlfahrende, sowie Benutzende von grösseren Hilfsmitteln, wie z. B. Stehbretter, hat es genügend Platz, damit sie sich nicht gegenseitig behindern. Die Bewohner/-innen wohnen in Einzelzimmern. Der Wohn- und Essbereich ist grosszügig konzipiert. Im August 2010 begannen die Rochaden der einzelnen Bewohnenden. Diese zügelten von Wohngruppen aus anderen Häusern, die sich in anderen Dörfern, jedoch der gleichen Stiftung befinden, auf die Alterswohngruppe. Zwei Bewohnende blieben auf der Wohngruppe und vier neue Bewohner/-innen zogen in die Alterswohngruppe ein. Notwendige bauliche Massnahmen wurden durchgeführt. So wurde z.B. eine Hebebadewanne eingebaut. Zudem wurde aus der angrenzenden, ehemaligen Wohnung des Hausdienstes Räumlichkeiten für die Tagesstruktur geschaffen. Im Alterskonzept der Stiftung ist festgehalten, dass Bewohner/-innen ab dem  65. Lebensjahr in die Alterswohngruppe aufgenommen werden (Ausnahmen sind möglich). Bei frühzeitiger Alterung bzw. bei einem nicht altersbedingten, physiologischen Abbau, kann ab dem 50. Lebensjahr ein Übertritt erfolgen in der Regel nicht früher (2010, Alterskonzept Stiftung Vivendra).

 

Behinderungen, Einschränkungen, Hilfestellungen und Hilfsmittel der Bewohner/-innen der Alterswohngruppe

 

Behinderungen

  • mentale Retardierung (geistige Behinderung, Entwicklungsstörung)
  • allgemeiner Entwicklungsrückstand
  • Epilepsie/epileptische Anfälle
  • genetische Cerebralparese (Gehirnlähmung)
  • Gehbehinderung nach Kinderlähmung
  • CP (Cerebral Parese, Cerebrale Bewegungsstörung
  • myotone Dystrophie (Curschmann-Steinert/Muskelerkrankung Muskel-schwäche)
  • Lowe Syndrom (Stoffwechselstörung)
  • tabuläre Dysfunktion im Sinne eines Fanconi-Syndroms (Funktionsstörung

des Energiehaushalts)

  • kongenitale Katarakt (Linsentrübung)
  • Sehbehinderung
  • Blindheit
  • Trisomie 21
  • Quarialkarzinom (Krebserkrankung)
  • Hüft- und Kniearthrose
  • Blasenfunktionsstörung
  • Gonarthrose (Arthrose im Kniegelenk)
  • multiple Knochenfehlbildungen/Deformierungen
  • schwere chronische Niereninsuffizienz (chronische, über Jahre fort-schreitender Verlust der Nierenfunktion)
  • mykzytäre, hypochrome Anämie (Blutarmut)
  • arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)

Angaben aus dem Intranet der Stiftung Vivendra Dielsdorf, (2010)

 

Hilfsmittel

  • Rollator
  • Rollstuhl
  • Hebebadewanne
  • Duschstuhl
  • Duschbett
  • Hebelift
  • Stehbrett
  • Hebebetten
  • Spezielle Sitzstühle
  • der Sitzhöhe abgepasste Tische
  • Besteck mit angepassten Winkel und Griff
  • Teller Antirutschmatte unter Teller
  • Trinkbecher
  • Tassen mit angepasstem Griff und mundgerechter Form

 

 

Hilfestellungen

  • Essen schöpfen, zerkleinern, eingeben
  • Trinken: Spezialbecher, Glas abfüllen, bereitstellen oder eingeben
  • An- und ausziehen der Kleider
  • Bereitlegen der Kleider
  • Körperpflege: Duschen, Haare waschen, Zähne reinigen, Toilettengänge
  • Hilfestellung beim sich Fortbewegen

 

Mitarbeiter/-innen

Die Mitarbeiter/-innen der Alterswohngruppe sind unterschiedlich ausgebildet:

  • Geriatrie Pflege
  • Führungsausbildung
  • Ausbildung Sozialpädagogik
  • Ausbildner/-innen Sozialpädagogen, FaBe, FaGe
  • Praxisassistentin (Arztgehilfin)
  • Betreuerin (Agogis)
  • Fachfrau/-Mann Betreuung (FaBe)
  • Ohne agogische oder pflegerische Ausbildung
  • Praktikanten
  • Schüler/-innen
  • Stellenprozente: ca. 660 %
  • Arbeitszeiten: 6:30 – 21:30 Uhr in verschiedenen Arbeitsschichten
  • Schlafpikett: Bei Engpässen wird dieser vom Personal der Wohngruppen durchgeführt
  • Nachtwache: 21:30-07:15 Uhr

 

 

Menschen und Alter

Körperliche und physische Veränderungen treten in jedem Lebensalter auf. Altwerden ist ein Prozess und kann unterschiedlich verlaufen. Bei Menschen mit mehrfacher geistiger und körperlicher Behinderung kann ein Abbau in jüngeren Jahren beginnen. Der Verlust der Arbeit kann teilweise oder ganz stattfinden. Veränderungen im Beziehungsumfeld sind zu verkraften, wenn Eltern, Angehörige oder Freunde sterben. Veränderungen in der Wohnsituation und den Zuwendungen der einzelnen Bewohnenden können eintreffen, wenn ein erhöhter Pflegeaufwand erforderlich wird. Der alternde Mensch verlangt nach Ruhe, Achtsamkeit, Zuwendung und Anpassungen in seinem Lebensalltag.

 

Konzept Jahreskreisrituale

Mit der Durchführung der Jahreszeitenrituale bieten wir den Bewohnenden, wie auch den Mitarbeitenden die Möglichkeit, einen Moment inne zu halte. Rituale helfen Strukturen in das Leben zu bringen. Rituale erinnern an Gewohntes, Liebgewordenes. Sie können Halt und Geborgenheit geben. Wechsel im Jahresablauf können wichtige Orientierungshilfen sein.

 

Durchführung

  • Das Ritual kann auf der Alterswohngruppe durchgeführt werden.
  • Die Themen werden den Teilnehmenden im Voraus bekannt gegeben.
  • Die Durchführung findet einmal im Monat statt.
  • Der Zeitpunkt wird den Gegebenheiten angepasst.

 

Ablauf des Rituals

  • Das Jahreszeitenritual hat immer den gleichen Ablauf.
  • Der Anfang und der Schluss bleiben immer gleich.
  • Das zum Thema passende Symbol steht immer in der Mitte des Tisches oder des Raumes.
  • Inhaltliche Anpassungen sind durchaus möglich.
  • Das Ritual dauert 45 Minuten, kann jedoch individuell angepasst werden.

 

Inhalt

  • Die Themen werden in einem Jahresplan erarbeitet.
  • Der Rahmen, sowie der Anfang und der Schluss der Jahreszeitenrituale sind immer gleich und vermitteln dadurch einen rituellen Charakter.
  • Die Teilnehmenden können weitere Themen und Ergänzungen für die Zukunft einbringen.

 

Material

  • Das Material wird an Hand des Jahresplanes erarbeitet, vorbereitet und bereitgelegt.

 

Einführung und Überprüfung

Die Jahreszeitenrituale werden der Wohngruppenleitung und danach dem Team unterbreitet. Der Beginn der Jahreszeitenrituale fand im Januar 2011 statt, da die Alterswohngruppe im Herbst 2010 eröffnet wurde. Als geeignete Zeit bot sich der Freitagabend, 18:30-19:15 Uhr an. In jeder der Beschäftigungsgruppen im Bungert steht grundsätzlich je ein Platz für unsere Bewohner der Alterswohngruppe zur Verfügung, den sie je nach Befindlichkeit nutzen können. Dort findet auch am Freitagnachmittag ein Beschäftigungsprogramm statt. Zusätzlich bietet die Alterswohngruppe auf der Wohngruppe eine Tagesstruktur an. Optimal wäre es, wenn das Angebot der Jahreszeitenrituale am Freitagnachmittag stattfinden könnte. Diese Möglichkeit fand ein paar Jahre später statt, als diverse Bewohner/-innen altershalber nicht mehr am externen Beschäftigungsprogramm teilnahmen. Die Bewohnenden verbringen die Wochenenden mehrheitlich auf der Wohngruppe und sind am Freitagnachmittat oder Freitagabend ohne verbindliches Programm. Der Wochentag und die Durchführungszeit werden letztlich von den Mitarbeitenden, nach Rücksprache mit den Bewohnenden sowie den anderen, wechselnden Strukturen angepasst und festgelegt. Die Überprüfung fand sechs Monate nach der Einführung statt.

Im Konzept Jahreszeitenrituale sind die wichtigsten Überlegungen kurz festgehalten. Es ist möglich sich innerhalb kurzer Zeit einen Überblick zu verschaffen. In der Institution besteht kein Konzept zu diesem Thema. Auch aus anderen Institutionen ist mir darüber nichts bekannt. Auf der Wohngruppe führen wir seit ca. einem Jahr regelmässig einmal im Monat einen Gruppenrat durch. Dort werden je länger dieser besteht, Themen angesprochen, die denen der Jahreskreisrituale nahe sind. Im Alterskonzept der Stiftung ist festgehalten, dass ein Konzept für Spiritualität auf der Alterswohngruppe noch erarbeitet wird.

 

 

 

Jahreszeitenrituale: Themenarbeit

Die Jahreszeitenrituale haben immer vier Elemente, die sich wiederholen:

  • Anfang mit Klangschale: Zeichen zum Anfangen
  • Jahreszeitenritualkerze wird angezündet: Kerze als Mitte ohne echtes Feuer
  • Symbolgegenstand wird nach jedem Jahreszeitenritual von den Teilnehmenden am Ende auf den Tisch gelegt.
  • Schluss mit Klangschale: Zeichen zum Schluss

 

Jahreszeitenrituale

Monat

Themen

Inhalt

Aktion

Symbol

J

A

N

U

A

R

Winter: Sinn: Natur erholt sich

Schnee, Eis Baum, Natur ruht sich aus

Schnee, Eis: zum Fühlen, anfassen bereit. Wir ruhen uns aus und blicken zurück: Jahresrückblick mit positiven und negativen

Momenten in Wohn-situation/Leben

Schnee/Eis

Erinnerungsgegenstand: Symbol für positiven und negativen Rückblick mit Bewohner/-innen suchen

F

E

B

R

U

A

R

Fasten-zeit/

Fasnacht: Bedeu-tung

Beginn: Aschermittwoch ist zw.3.Februar und 10.März, abhängig vom Frühlingsmond. Beginn der sechs Wöchigen Fastenzeit. Vorher noch einmal so richtig austoben, den Bauch füllen.

In der Fastenzeit darf kein Fleisch, Fett, Schmalz, Butter, Käse und Eier gegessen werden.

Gegenstände von Fasnacht zeigen: Konfetti, Larven,

Verkleidung

Fastenzeit: Eier,

Käse, Butter auf den Tisch legen: Hin-weis, Esswaren, die jetzt nicht gegessen werden.

Bedeutung Fasten-zeit: Besinnung auf anderes als das

Essen, auf sich als Mensch. Besinnung, darüber, was an Kar-freitag und Ostern geschehen ist.

Fasnachts-chüechli

 

 

 

 

 

 

Erinnerungsgegen-stand:

Konfetti,

Fasnachts-schlangen

M

Ä

R

Z

Name, bedeutet:

Glück und Unglück

Warum brauchen wir einen Namen? Alle Namen der Teilnehmenden werden auf ein Blatt aufgeschrieben. Das Blatt wird symbolisch zur Bedeutung der einzelnen Namen gestaltet.

 

Wie sollen wir mitei-nander reden, ohne den Namen zu nen-nen? Zurückfragen

ob jemand weiss, warum sie/er diesen Namen erhalten hat. Zu jedem Namen wird die Bedeutung herausgesucht und erklärt.

Namen der TN sind auf Einzelblättern notiert und liegen auf der Tischmitte.

Erinnerungsgegenstand:

Collage mit den Namenblättern wird erstellt

A

P

R

I

L

Ostern

Bedeutung: Kreuzigung Jesus am Karfreitag; Ostern Grab ist leer. Trauer von Kreuzigung kann abgelegt werden.

Hase/Ei: Symbole für die Fruchtbarkeit. Das Leben geht weiter.

Basteln: Osterhasen und Ostereier aus doppeltem Karton zum aufstellen (Schablone verwenden).

Nach Bedarf, Ostergeschichte erzählen.

Hasen/Eier

 

Erinnerungs-gegenstand:

Hasen/Eier

M

A

I

Frühling

Auffahrt/

Pfingsten: Bedeutung

Farben erkennen

Lieblingsfarbe nennen, Bedeutung der Farben kennen. Bedeutung von Auffahrt/

Pfingsten: Jesus ist auferstanden und fährt in den Himmel.

Verschieden farbige Blumen in Vase stellen. Lieblingsfarben nennen. Bedeutung der Farben werden erklärt. Bedeutung von Auffahrt/

Pfingsten wird erklärt

Blumen

 

Erinnerungs-gegenstand:

Blumenstrauss in Vase

 

J

U

N

I

Freude und Leid

Freude teilen können.

 

 

 

 

 

 

Forschen, suchen nach Lieblingsgegen-

ständen und Lieblingstätigkeiten

 

 

 

 

 

 

Am Leid teilnehmen können. Sich trösten lassen

Nach Möglichkeit sind wir im Garten. Wie können wir uns an der Freude der anderen freuen: Miteinander lachen, geniessen, gemeinsame Erlebnisse. Herausfinden, was jeder gerne hat: Es werden Lieblings-tätigkeiten/ Lieblings-gegenstände der TN aufgezählt, notiert und später dazu eine Symbolzeichnung erstellt. Dieses Wissen, was Freude bereitet, hilft uns als Übergang für die Teilnahme am Trauern.

lachen/weinen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erinnerungs-gegenstand:

Zettel mit Lieblingsgegen-ständen, Lieblingstätigkeiten

 

 

J

U

L

I

Sommer: Wärme/

Freiheit

Wir sitzen im Garten und geniessen die Wärme: Endlich keine Socken und warme Kleider mehr tragen müssen.

Fussbad/Handbad ermöglichen

Sonne/Wasser

Erinnerungs-gegenstand:

Wasser in Schale mit Sonnenblume

A

U

G

U

S

T

Mut

Geschichte: Mats und die Streifenmäuse (Bilderbuchge-schichte)

Die Geschichte wird im Garten erzählt.

 

Zurückfrage: was ist Mut?

Maus: Aus Papier hergestellt und aufgestellt.

Erinnerungs-gegenstand:

Mäuse aus Papier

S

E

P

T

E

M

B

E

R

Glück und Unglück

Glück: Symbole wie vierblättriges Kleeblatt, Säuli mit Fünfräppler im Mund

Unglück: Eine schwarze Katze läuft über den Weg.

 

Symbole zeigen, herstellen: Kleeblatt, Säuli, Fünfräppler

 

 

 

Schwarze Katze

Kleeblatt/ schwarze Katze

Erinnerungs-gegenstand:

Symbole der Bewohnerinnen und Bewohner für Glück und Unglück

O

K

T

O

B

E

R

Wachsen/

Ernten: In der Natur

Rebstock mit Blättern und Trauben in Topf gepflanzt:

Wachsen, Wasser

 

Trauben: Probieren, pressen, trinken

Ablauf vom Rebstock bis zur Traube: Es braucht Wasser, Sonne, Pflege.

Wir lesen Trauben ab, zerdrücken sie mit dem Mörser und trinken den Saft.

Traube

 

 

 

 

Erinnerungs-gegenstand:

Rebe in Topf

N

O

V

E

M

B

E

R

Gewinn und Verlust,

kommen und gehen

in der Natur und bei den Menschen

Tage werden kürzer, weniger Licht, Bäume verlieren Blätter. Natur bereitet sich für den Winter vor, schützt sich, um nicht zu erfrieren.

Was geschieht bei uns? Wärmere Kleider, weniger lang im Freien, warme Getränke, mehr Licht (Lampe, Kerze), gerne zu Hause sein,

Abschied von anderen Menschen nehmen. Mit anderen Menschen zusammen sein.

Tasten, fühlen, rieche: Blätter anschauen, betasten daran riechen, beschreiben, sich an den verschiedenen, kräftigen Farben freuen.

 

 

Kräutertee, Punch miteinander trinken.

An Menschen den-ken, von denen wir Abschied nehmen mussten.

Was erinnert uns an sie? Was war speziell an ihnen?

 

Wind, Regen, Kälte Wärme, Licht, Erinnerungen

 

 

Erinnerungs-gegenstand:

Farbige Blätter

Erinnerungsgedanken an Verstorbene

 

D

E

Z

E

M

B

E

R

Licht: Advent,

Freude bereiten: Weihnacht

Vorfreude auf Weihnacht.

Licht, Kerze als Zeichen für Wärme, Geborgenheit und Freude

Was bereitet uns Freude? Wie geben wir Freude weiter?

Was gehört zur Vorfreude für Weihnachten?

Ratespiel mit oder ohne verbundene Augen: An Tannen-zweigen, Kerzen, Weihnachtsguetsli riechen, tasten, fühlen und probieren.

Kerze,

Tannenzweig, Weihnachtsguetsli

 

Erinnerungs-

gegenstand:

Kerze in Glas oder Laterne

 

 

 

Spiritualität und Alltag „Was mein Sehnen sucht“

Ziel

Beim Thema Spiritualität im Alltag geht es darum, sein Ich mit seinen Empfindungen, seiner Sehnsucht und seine Bedürfnisse wahrzunehmen. Spiritualität heisst für mich nichts anderes als praktizierende Mitmenschlichkeit.

 

Die eigene Spiritualität ergründen

Bei der persönlichen Auseinandersetzung mit Spiritualität wird deutlich, dass sie viele Facetten hat.

Spirituelle Momente im Alltag erlebe ich….

……wenn ich im Wald spazieren gehe und an Stellen komme, wo das Moos wächst.

       wo es saftig grün ist.

……wenn ich die Wellen an einem See, am Meer rauschen höre.

……wenn es nach Regen riecht.

……wenn der Himmel voller Sternen leuchtet.

……wenn ich mit Freunden zu einem guten Gespräch zusammensitze.

……wenn ich in einem Strassenkaffe sitze, den Menschen zusehe und die Seele

       baumeln lasse.

……wenn ich meine Musik höre.

……und vieles mehr

 

Ablauf

Jede Bewohnerin und jeder Bewohner erhält einen Lebensordner. Nach Wunsch und Bedürfnis der Bewohner/-innen werden die einzelnen Themen behandelt, gestaltet und in die Ordner abgelegt. Die einzelnen Fragen werden auf A4 Papier ausgedruckt, sodass noch Platz für eigene Gedanken und Gestaltung zum Thema Platz findet. Es kann jeder Zeit durch weitere A4 Seiten erweitert werden. In der Tagesstruktur wird zusammen mit den Bewohnern an diesem Ordner gearbeitet. Jahresziel 2012 der Tagesstruktur der Alterswohngruppe Kristall: Jede Bewohnerin und jeder Bewohner gestaltet und bearbeitet aktiv und mit Unterstützung seinen Lebensordner.

 

 

 

Inhalt

  • Ich (Bewohner) stelle mich vor.
  • Lebensvorstellungen der Bewohnerinnen und Bewohner
  • Soziales- und Beziehungspflege
  • Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie
  • Auseinandersetzung mit Lebensvorstellungen und Lebenswünschen
  • Auseinandersetzung und mögliche Bewältigung mit Frustration und Unerfülltem
  • Erarbeiten und nennen von Freude und Lustgewinn
  • Auseinandersetzung mit Trauer
  • Auseinandersetzung mit den Themen, Spiritualität, Seelsorge und Pfarrpersonen
  • Kennenlernen von Pfarrpersonen
  • Formulieren von Fragen und Themen an Pfarrpersonen
  • Nennen von Themen, die in der Tagesstruktur besprochen werden können

 

Material

  • Ordner für jede Bewohnerin und jeden Bewohner
  • Diverses Papier, unterschiedlich in der Grösse, Stärke und Farbe
  • Fotos
  • Diverse persönliche Unterlagen zum Gestalten der einzelnen Papiere
  • Scheren für Rechts- und Linkshänder
  • Diverse Scheren zum Muster schneiden
  • Leim
  • Farbstifte
  • Bleistifte
  • Klebstreifen / Klebband zum Fixieren der Arbeitsunterlagen

 

 

Arbeitsmittel

 

Ich

Name:

Vorname:

Geboren am:

Ich wohne:

Meine Telefonnummer:

 

 

 

Vorstellung

 

Körpergrösse:

 

Augenfarbe:

 

Haarfarbe:

 

Stimme:

 

Geruch:

 

Kleidung:

 

Fortbewegung:

 

Hobbys / Vorlieben

 

 

 

LEBENSVORSTELLUNG

 

Wie stelle ich mir mein Leben vor?

 

Bitte stelle dein Leben dar: Zeichnen oder Collage

 

Du kannst auch Hilfe anfordern.

 

 

 

 

Menschen, die mir wichtig sind

 

Zähle sie auf:

 

Mit wem warst du die längste Zeit deines Lebens unterwegs?

 

Wen hast du alles kennengelernt?

 

Wer hat dich begleitet?

 

 

 

 

Hast Du zu diesen Menschen Kontakt?

 

Wie findet er statt?

 

Zeichne, klebe oder schreibe sie auf.

 

Hast Du Dich von einzelnen Menschen verabschieden müssen?

 

Hast Du ein Foto von ihnen?

 

 

 

 

 

Wie kann ich diesen Menschen zeigen, dass sie für mich wichtig sind?

 

 

 

 

 

 

Wie kann ich diesen, für mich wichtigen Menschen, eine Freude bereiten?

 

Ideen:

 

Material:

 

Hilfe:

 

 

 

Was mich frustriert

 

 

 

Was ich dagegen unternehmen kann.

 

 

WAS MIR LUST UND FREUDE BEREITET

Zähle mindestens drei Situationen auf.

Wenn du dazu Hilfe brauchst, frage jemanden aus dem Team.

1.

2.

3.

 

 

 

 

Was mich traurig stimmt

 

·      Vielleicht kannst du aufschreiben was dich traurig macht.

 

·      Du kannst es auch einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter erzählen.

 

·      Diese schreiben es für dich auf.

 

·      Vielleicht zeichnest du die Situation lieber oder stellst eine Collage her.

 

 

 

 

Wie kann ich diese Traurigkeit überwinden?

Drei mögliche Ideen:

 

1.

2.

3.

 

 

 

SPIRITUALITÄT, WAS IST DAS?

 

Spirituelle Momente im Alltag können sein…….

·      wenn ich den Sternenhimmel sehe und ich darüber nachdenke, wie weit weg diese Sterne sind.

·      wenn ich mich auf einen Besuch freue.

 

Kommen dir noch andere Momente oder Situationen in den Sinn?

Schreibe diese auf oder lasse sie dir aufschreiben.

 

 

 

Unter Spiritualität verstehe ich:

 

 

 

Meine eigenen spirituellen Alltagserfahrungen:

 

 

 

Seelsorge, was ist das?

 

 

 

Pfarrpersonen

 

Wen kenne ich:

 

Welche Aufgabe haben sie:

 

Die Pfarrpersonen in meiner Kirchgemeinde:

Lukas Müller: Reformierter Pfarrer (Name geändert)

Matthias Angst: Katholischer Pfarrer (Name geändert)

 

 

Zudem stehen dir diverse Pfarrpersonen der verschiedenen Kirchgemeinden zur Verfügung.

 

 

 

Einladung

 

·      Wollen wir die Pfarrpersonen einladen, um sie kennen zu lernen?

 

·      Datum:

 

 

 

 

 

Persönliches

 

Gibt es persönliche Fragen an die Pfarrer?

 

Gibt es Themen, die du mit ihnen besprechen willst?

 

Wann:

 

 

 

 

Über welche Themen möchtest du nicht sprechen?

 

Themen:

 

Möchtest du mit jemand anderem darüber sprechen?

 

 

 

 

Besuch

 

Wie war der Besuch der Pfarrpersonen?

 

Gibt es Fragen an die Pfarrer?

 

Gibt es Themen, die du/wir mit ihnen besprechen wollen?

 

Wann:

 

 

 

 

 

 

 

Genügt dir dieser Kontakt?

 

Ja:

 

Warum:

 

Nein:

 

Was kann ich unternehmen:

 

 

 

 

Themen, die ich in der Tagesstruktur

besprechen möchte?

 

Vorschläge:

 

Medien: (DVD etc.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Seele Sorge tragen

Seit einiger Zeit besuchen Pfarrpersonen der katholischen und reformierten Kirchgemeinden aus Niederhasli die Alterswohngruppe der Stiftung. Die Pfarrpersonen besuchen uns etwa zwei Mal im Jahr und nehmen dann jeweils das Mittagessen mit uns ein. Diese Tischgemeinschaft ist für alle Beteiligten bereichernd. Bei diesem persönlichen Austausch lernen wir uns gegenseitig kennen und schätzen. Die Bewohner/-innen haben jeweils die Möglichkeit, Anliegen an die Pfarrperson zu richten. Nicht nur das körperliche, sondern auch das seelische Wohlbefinden gilt es zu pflegen. Bereits mehrmals mussten wir von Bewohner/-innen der Alterswohngruppe Abschied nehmen. Dabei unterstützen uns die jeweiligen Pfarrpersonen bei den Abschiedsfeiern, die im Haus in Niederhasli stattfinden. Diese Feiern stehen für alle Bewohner/-innen sowie auch für Mitarbeitende der Stiftung offen. Sie sind ein wichtiges Ritual, damit sich die Bewohner/-innen und die Mitarbeitenden von den Verstorbenen angemessen verabschieden können. Diese Abschiedsfeiern sind immer sehr eindrücklich und einfühlsam gestaltet und helfen den Beteiligten bei der speziell für Menschen mit einer Behinderung sehr bedeutsamen Trauerarbeit.

Wir freuen uns jeweils sehr auf den Besuch der Pfarrpersonen.

 

 

 

Wo gehen wir hin

Das Thema Sterben, Loslassen, Tod und Abschiednehmen begleitete mich in meiner Arbeit immer wieder. Wir als Mitarbeitende waren immer wieder herausgefordert, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Oft war die Auseinandersetzung für uns als Mitarbeitende schwieriger, als die für unserer Klientinnen und Klienten. Bei Gesprächen mit Klientinnen und Klienten zum Thema Tod und wohin gehen, wir kam meistens eine klare Antwort: „S‘ Mami isch im Himmel obe“. Für uns Mitarbeiter/-innen war es oft so, dass wir auf Fragen keine klaren und endgültigen Antworten finden konnten. In Buchhandlungen liegt Literatur zum Thema Abschied, Sterben, Tod nicht sichtbar auf. Bei der Nachfrage ist vielleicht etwas zu finden oder es muss bestellt werden. Verdrängen wir das Thema?

Deshalb habe ich versucht, ein Buch zum Thema Sterben zu gestalten. Es soll in einfacher Sprache und mit Bildern helfen, eine mögliche Antwort zu geben (Herausgabe Oktober 2016).

 

 

 

 

 

Wo gehen wir hin?

Ein Buch über das letzte Geheimnis

 

 

Vielleicht denken Menschen, die mir liebgeworden sind an mich, wenn ich nicht mehr auf der Erde bin.

Vielleicht lachen sie, wenn sie an mich denken.

Es kommt ihnen etwas in den Sinn, was sie an mir gefreut hat.

Oder sie denken an etwas ganz typisches von mir.

Vielleicht denken sie an ein gutes Gespräch, an eine Aktivität oder eine Begegnung mit mir.

 

Vielleicht sind sie manchmal traurig, dass ich nicht mehr bei ihnen bin.

 

Eventuell gehen wir ich an einen Ort, wo wir alle,

die schon verstorben sind wieder sehen werden.

Aber wie begegnen wir ich ihnen denn?

Können wir uns genau an sie erinnern?

Erkennen wir sie wieder oder denken wir:

 

  • Genau so war meine
  • Genau so war mein jüngerer Bruder.
  • Genau so war meine Freundin.

 

 

Vor mir liegt ein Wald, schön und dicht. Die Bäume wachsen und spenden Sauerstoff.

 

Bei den Bäumen riecht es gut nach Harz.

 

Manchmal setze ich mich unter einen Baum und höre dem Rauschen der Äste und Zweige zu, wenn sie sich im Wind wiegen.

 

Von den Bäumen geht eine positive Kraft aus, die mir guttut.

 

Meine Seele kann bei den Bäumen Kraft tanken.

 

Vielleicht wird aus meiner Asche einmal ein Baum.

Ein Baum, der positive Energie weitergeben kann.

 

 

 

Vielleicht hören wir wunderbare, schöne Musik, die uns so gut gefällt, dass wir nicht mehr zurück möchten.

 

 

Vielleicht wird aus deiner Asche eine schöne Blume.

Der Wind bläst in die Blume und trägt die Samen auf die Wiese.

Bald wird daraus ein Blumenfeld.

Die Schmetterlinge fliegen auf die Blumen und die Bienen suchen den frischen Nektar.

 

 

 

 

Eventuell werde ich ein Engel werden, der dich immer beschützen kann.

Dann werde ich meine Flügel ausbreiten, zu dir fliegen und dich umfangen.

Der Engel wird dich beflügeln und dir positive Gedanken und gute Ideen einhauchen.

 

 

 

 

 

Vielleicht liegst du auf dem Friedhof und schöne Blumen schmücken dein Grab.

Dann kann ich an dich denken und mich freuen.

Vielleicht bist du mir dann ganz nahe und tröstest mich.

Vielleicht spüre ich deine Liebe, es wird mir warm ums Herz und ein Glücksgefühl durchströmt mich.

 

Was bleibt von uns?

Wir werden vielleicht in einer Urne,

in einem persönlichen Grab,

zu Hause im Garten,

bei einer Pflanze,

in einem See oder im Meer beigesetzt.

Somit macht der Tod Sinn.

 

Die Asche wird so zu neuem Leben.

 

Oder kommt meine Seele zum Teufel in die Hölle?

Nein das glaube ich nicht.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es Menschenseelen gibt, die in die Hölle kommen.

 

Kein Mensch kann so schlecht sein.

Jeder Mensch hat bis am Ende seines Lebens die Möglichkeit, sich zu ändern und zu wandeln.

 

 

 

 

 

 

Vielleicht ist gar nichts mehr und ich gehe ins Nichts.

 

Keine Erinnerung bleibt.

 

Keine Freude ist da.

 

Einfach Nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und meine Seele geht weiter, findet einen Schmetterling und beseelt ihn.

 

 

 

 

 

 

Vielleicht werde ich ein Stern und leuchte auf die Erde.

So viele Sterne strahlen in der Nacht am Himmel, kleine und grosse Sterne.

Wenn du die Sterne siehst, kannst du dich an ihnen und ihrem Licht freuen.

Vielleicht denkst du, dieser, genau dieser Stern ist ein Mensch der gestorben ist und dir so lieb geworden ist.

So schön leuchtet dieser Stern!

Und wenn du am anderen Tag wieder zum Himmel hochschaust und die Sterne wieder leuchten, siehst du vielleicht wieder genau den Stern, der dich an den lieben Menschen erinnert.

Vielleicht ist es nicht der grösste Stern, der am Himmel steht.

Aber es ist der Stern, der am stärksten leuchtet. Und du spürst, es muss dieser Stern sein, gleich wie gross und schön er ist.

Dann bist du diesem Menschen ganz nahe.

 

 

 

Vielleicht kommen wir durch einen langen Tunnel, mit warmen Farben.

Es ist schön.

Ein angenehmes Licht empfängt mich.

Ist so Geborgenheit?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seelsorge, spirituelle Begleitung oder Annäherung an das innerste Geheimnis

 

Ein möglicher Weg

 

Quelle: Wie wird es sein? Famos Rita, Müller Anne-Marie

 

Der Begriff Seelsorge zu umschreiben, ist nicht einfach. Dort wo Menschen Fragen haben, die sie unbedingt angehen, antwortet die Seelsorge. Sie geht den Sinnfragen nach, die in besonderen Lebenssituationen aufbrechen. Sie kann dabei behilflich sein, ein erschüttertes Selbst- und Wirklichkeitsverhältnis neu zu strukturieren.

Seelsorge ist gelebte Theologie. Terminologisch ist es auf Plato zurückzuführen, d.h. auf das 4. Jahrhundert vor Christus. In der berühmten Apologie des Sokrates fordert dieser seine Mitbürger auf, sich nicht um Besitz und Ehre, sondern um ihre eigene Seele zu sorgen. Dabei versteht er dies als Gegenüber zum Leib und bereitet damit dem in der Folge so überaus wirkmächtigen, dualistischen Menschenbild den Boden. Dieses steht in krassem Widerspruch zur hebräischen Anthropologie, welcher eine Aufteilung des Menschen in Leib und Seele gänzlich fremd ist. Im hellenistischen Denken hätte der Mensch eine Seele, und im hebräischen sei er eine Seele.

In der heutigen naturwissenschaftlich-neurobiologisch dominierten Sichtweise des Menschen wird die Seele zunehmend bedeutungslos. Zu unbestimmbar ist sie. Sie lässt sich weder operationalisieren noch vermessen. Zu Forschungszwecken dieser Art eignet sie sich deshalb nicht.

Der Begriff Seele bedeutet im Griechischen Psyche. Der Begriff Seele kann in den Neurowissenschaften nicht quantifiziert werden. Deshalb haben ihn die Psychologie und Psychiatrie fallen gelassen, da er zu komplex ist und zu viel Unterschiedliches umfasst und integriert. Die Wendung „eine Seele von Mensch sein“ erinnert noch an ein ganzheitliches-hebräisches-Verständnis von Mensch. Da Seelsorge den Begriff „Seele“ enthält und auch inhaltlich bewusst an ihm festhält, knüpft sich auch an

dessen Gabe an, biblische Hoffnungsbilder nach einer sinnerfüllten Existenz wachzurufen und Theologie auch leben zu wollen. Seelsorge ist gelebte Theologie und bezeichne eine bewusste und reflektierte Haltung des Glaubens. Seelsorge begleitet die Menschen auf ihrem spirituellen Weg, dem Weg, der sie mit dem verbindet, worauf sie im Tiefsten vertrauen können.

Studien, die in den letzten Jahren durchgeführt worden sind, belegen, dass Spiritualität ein wesentlicher Faktor von Lebensqualität, sowie eine bedeutsame Ressource zur Bewältigung von Krisensituationen ist. Die Frage ist, was wir unter Spiritualität verstehen. Eine wissenschaftlich anerkannte Definition von Spiritualität gibt es bis heute nicht. Der Begriff Spiritualität stammt ursprünglich aus der christlich-theologischen Tradition und bedeutet, sein Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes zu führen.

Im Gesundheitswesen ist das multikulturelle, multireligiöse und zunehmend säkulare Umfeld Normalität geworden. Zukünftige spirituelle Begleitung ist herausgefordert, Verständnis von Spiritualität zu entwickeln, dass beim Menschen anknüpft und offen für ganz unterschied-liche spirituelle Ausprägung ist. Spiritualität darf nicht auf eine bestimmte Religion beschränkt werden, religiösen Glauben aber auch nicht ausschliessen. Spiritualität umfasst Religiosität, geht jedoch weit darüber hinaus.

„Es gehört zum Menschen, sich selbst und seine Welt zu interpretieren. Wir befinden uns immer in Situationen in denen wir uns zu verhalten haben. Eine Situation für sich allein gibt es nicht. Wir leben in verschachtelten einander durchdringenden und umgreifenden Situationen“, so der Religionswissenschaftler K. Baier.

Es geht darum worauf ein Mensch im Tiefsten vertraut, was ihn hoffen lässt und sinnstiftend ist. Diesen innersten Bereich, zu dem Begleitende keinen direkten Zugang haben, gilt es zu respektieren und zu schützen. Menschen geben jedoch vielfältige, meist symbolisch verschlüsselte Hinweise auf ihr innerstes Geheimnis. Mit Bildern, Liedern, Gedichten, Gebeten und Ritualen, die für sie bedeutsam sind weisen sie auf Grundsituationen hin, in der sie sich letztlich eingebettet fühlen. Dies können, müssen jedoch keineswegs, religiöse Symbole und Texte sein. Welche Symbole jemand findet und auf welchem religiösen oder spirituellen Hintergrund er sich interpretiert, ist höchst individuell und hängt mit seinen lebensgeschichtlichen Erfahrungen zusammen.

Grundsätzlich ist es sinnvoll, sich auf drei Fragen zu konzentrieren:

  • Woher komme ich
  • Wohin gehe ich
  • Wozu habe ich gelebt

Mit den Fragen woher, wohin und wozu, das heisst mit dem Suchen nach dem Grund und Ziel seines Lebens, weist der Mensch über sich hinaus auf seine äusserste Grundsituation. Er verweist auf etwas, das grösser und umfassender ist als er selbst. Menschen haben immer wieder erfahren, dass sie bei diesem Suchen nach dem Umfassenden nicht ins Leere greifen. Sie haben erkannt, dass da nicht „nichts“ ist, sondern dass da etwas ist, das sie umgibt, von dem sie sich getragen und in das sie sich eingebettet fühlen. Sie können es nicht benennen, nicht ganz fassen und doch haben sie eine Ahnung davon, dass sie mit einem grossen Ganzen verwoben sind aus dem sie kommen, in das sie wieder zurückkehren und aus dem sie Lebenssinn schöpfen.

Spirituelle Begleitung versucht die Bedürfnisse nach Trost Geborgenheit und Sinn wahrzunehmen und behutsam darauf einzugehen. Ihr Ziel ist, Menschen Geborgenheit zu vermitteln und ihnen zu helfen einen Sinn in ihrem Dasein zu finden. Sie trägt dazu bei, lebensfördernde Haltungen zu unterstützen und stärkt damit die Lebensqualität von Menschen.

Spirituelle Begleitung orientiert sich ganz am Gegenüber und seinen Bedürfnissen. Es geht darum, den Menschen in seinem Suchen nach Sinn, seinem Leiden sowie in seiner Sehnsucht nach Vertrauen und Geborgenheit zu unterstützen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Musiktherapie, bei Menschen die an Demenz erkrankt und mehrfach behindert sind.

Quelle. Bopp-Kistler Irene, Verfasserin Niggli Antoinette, demenz 2016

Das Vergessene vergessen, in der Musiktherapie

Die Besonderheit der musiktherapeutischen Arbeit mit Demenzerkrankten liegt darin, dass im Rahmen des Prozesses Phasen emotional intensiver Normalität stattfinden können. Im Unterschied zur musiktherapeutischen Arbeit mit älteren Menschen, die nicht an Demenz erkrankt sind, muss das Angebot, an erlebnisaktivierender Musik und an Improvisationen teilzunehmen, an den Stadien der Demenz und der individuellen Biografie orientiert werden. Erlebnisaktivierende musiktherapeutische Methoden ermöglichen schnell emotionale Prozesse mit gesundheitsfördernden Wirkungen, bergen aber auch die Gefahr, dass die ausgelösten Emotionen zu Belastungen führen können. Dem Umstand, dass bei Demenzerkrankten die selbstregulativen Mechanismen eingeschränkt sein können, muss deshalb bei der Wahl der Mittel besondere Beachtung geschenkt werden, um dem Risiko einer möglichen Destabilisierung entgegenzuwirken.

  • Teilnehmer leiden an diagnostizierten leichten bis mittelschweren Demenz
  • Alter: Zwischen 54 und 85 Jahre alt
  • Findet 1x / Woche unter Leitung statt.
  • Musiktherapie fördert Ressourcen und ermöglicht bei Menschen mit Demenz einen Zugang zur Vergangenheit und zum Leben.

 

Praktische Umsetzung

  • In der Musikgruppe erzählt eine Frau, ein junger Mann habe sie aus dem Schlaf geweckt, und er habe auch noch gut ausgesehen!
  • Aufmerksam hören die anderen sechs Teilnehmer zu.
  • Gleich beginnen zwei Frauen spontan mit dem Singen der Arie aus Mozarts „Zauberflöte“.
  • Nach der Darbietung wird die Arie im Original anhört.
  • Die Teilnehmer hören in ihren Gedanken versunken zu.
  • Kaum ist der letzte Ton verklungen, wird über die „Zauberflöte“ debattiert.
  • Eine Teilnehmerin ist nicht sonderlich berührt. Deshalb wird ihr „Hello Dolly“ in der Version von Louis Armstrong vorgespielt.
  • Der „Triumphmarsch“ aus „Aida“ ertönt.
  • Sofort reagiert Renata, die italienische Wurzeln hat, strahlt über das ganze Gesicht und bewegt sich im Rhythmus zur Musik.
  • Während Anna auf die Musik von Verdi fast gar nicht reagiert, geschieht dies beim Abspielen des Liedes „Guantanamera“.
  • Noch während die Musik läuft, erzählt sie spontan, dass sie Spanisch versteht, mal einen Freund aus Südamerika hatte, der Harfen spielen konnte, und dass das Lied von einer Frau aus Guantanamera erzählt.

 

Musik und Demenz

Quelle: Alzheimer Bulletin 2/2014, Kressig, Reto W., Prof. Dr. med. , Chefarzt und Bereichsleiter Universitäre Altersmedizin im Felix Platter-Spital und Professor für Geriatrie an der Universität Basel

Wenn das menschliche Gehirn mit Musik beschäftigt ist, werden sehr viele verschiedene Hirnfunktionen aktiviert. Gefühle, Bilder, Bewegung, Sprache, Erinnerungen. Musik wirkt in enorm vielen Bereichen und eröffnet im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, wertvolle Möglichkeiten des Austauschs und des gemeinsamen Erlebens.

„Dert ääne-n-am Bäärgli, dert stoot e wyssi Gaiss…“ Wenn im zweiten Stock der Memory Clinic Basel Lieder erklingen, herrscht im Gedächtnistraining der Alzheimervereinigung beider Basel beste Stimmung. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aufgrund ihrer Demenzerkrankung nicht mehr wissen, was am Vortag geschehen ist, können problemlos mehrere Strophen der Lieder singen, die sie in der Kindheit erlernt haben.

Musik scheint im Gedächtnis einen besonderen Platz zu haben. Tatsächlich haben zahlreiche wissenschaftliche Studien aufzeigen können, dass Musik das Gehirn in ausgezeichneter Weise fordert und fördert.

 

Musik spielt im Frontalhirn

Für Reto W. Kressig ist Musik eine Herzensangelegenheit. In jungen Jahren betätigte er sich als Kirchenorganist und nach wie vor setzt er sich gerne ans Klavier. „Wenn jemand aktiv Musik hört oder selber musiziert“, erklärt Kressig, „wird insbesondere das Frontalhirn oder Stirnhirn stimuliert. Das ist der Gehirnteil, der die höchste Plastizität und die grössten Reserven aufweist.“

Das Frontalhirn sei beim Menschen besonders gross, viel grösser als bei Menschenaffen, und es sei für spezifisch menschliche Fähigkeiten zuständig, so Kressig. Dazu gehört das Planen komplexer Tätigkeiten, die sprachliche Erfassung verflochtener Zusammenhänge und eben auch die Musik.

Beim aktiven Musikhören und Musizieren finden im Frontalhirn Prozesse statt, die unter anderem mit Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und der Koordination gleichzeitiger Aktivitäten zu tun haben. Interessanterweise ist das Gehirn ungefähr in den gleichen Arealen beschäftigt, egal ob wir ein Instrument spielen oder nur Musik hören, sofern es ein bewusstes Zuhören ist.

Beim Musizieren und Musikhören ist das gelb markierte Frontalhirn sehr aktiv.

 

Sichtbarer Trainingseffekt

Regelmässiges Musizieren verändert das Gehirn. Noch vor etwa 20 Jahren ging man davon aus, dass sich die Nervenverbindungen bei einem erwachsenen Menschen kaum mehr weiterentwickeln können. Heute weiss man es besser. Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, hat die Gehirne von Berufsmusikerinnen und -musikern untersucht und festgestellt, dass bei Pianisten das Hirnareal, welches Hand- und Fingerbewegungen steuert, überdurchschnittlich ausgebildet ist. Dirigenten sind besonders gut darin, Musik in ihrer räumlichen Gestaltung wahrzunehmen.

Das Gehirn, insbesondere das Frontalhirn, ist auch im Erwachsenenalter fähig, sich an neue Anforderungen anzupassen und neue Aufgaben zu übernehmen. Voraussetzung für diese sogenannte funktionale Plastizität des Gehirns ist ein regelmässiges, intensives Training.

 

Gehirn kompensiert Ausfälle

Haben nun Musikerinnen und Musiker ein geringeres Demenzrisiko? Ja. 2007 konnte in einer gross angelegten Studie nachgewiesen werden, dass Menschen, die musizieren, deutlich seltener an Demenz leiden. Reto W. Kressig: „Ein Musikinstrument zu spielen ist ein Training des Gehirns, das sehr viele Reserven schafft. Das heisst nicht, dass das Gehirn professioneller Musiker vielleicht nicht doch Anzeichen der Alzheimer-Erkrankung aufweist. Aber es ist in so guter Verfassung, dass es sehr lange kompensieren kann.“ Das heisst, Gehirnfunktionen, die dort ausfallen, wo die Alzheimer-Erkrankung auftritt, können vom fitten Frontalhirn übernommen werden.

 

Musik und Bewegung

Die erwähnte Studie hat diesen Effekt nicht nur bei musizierenden Menschen aufgezeigt, sondern auch bei Personen, die regelmässig tanzen. Dies deutet auf die enge Verbindung von Musik mit körperlicher Bewegung hin. Wir kennen das: Wenn wir rhythmische Musik hören, die uns gefällt, wippen wir unwillkürlich mit einem Fuss oder mit dem Kopf oder wir klopfen im Takt mit den Fingern. Kinder beginnen manchmal zu tanzen. Die Paarung Musik und Bewegung hat ausserordentliches therapeutisches Potential, das genutzt werden kann, um die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern.

In diesem Zusammenhang muss der Name Émile Jaques-Dalcroze fallen. Der Schweizer Komponist und Musikpädagoge entwickelte vor rund 100 Jahren körperliche Übungen, die zu improvisierter Klaviermusik ausgeführt werden und heute vermehrt für Senioren und Menschen mit Behinderungen zum Einsatz kommen.

 

Weniger Neuroleptika

Die Effekte, die bei demenzkranken Menschen durch eine regelmässige Teilnahme an diesen Übungen erzielt werden, sind eindrücklich. Reto W. Kressig: „In den Jaques-Dalcroze-Ateliers haben wir gesehen, dass Teilnehmende wieder ganze Sätze formulieren konnten, die vorher nur noch einzelne Wörter sagten. Da zeigt sich eine neuronale Kopplung von Musik, Bewegung und Sprache.“

Zudem werde das Sturzrisiko stark reduziert, die örtliche Orientierungsfähigkeit verbessert und die Stimmung positiv beeinflusst. Kressig: „Teilnehmende, die zu Apathie, Hyperaktivität oder Aggressionen neigen, profitieren sehr von den Übungen. In manchen Fällen konnten wir die Dosierung von Neuroleptika reduzieren.“

 

Mozart oder Marschmusik?

Eine wahre Geschichte: Vor einem Alters- und Pflegeheim stellt sich eine Blasmusik auf, um ein Ständchen zu spielen. Eine Frau, die gerade ihren demenzkranken Ehemann besucht, will mit ihm das Weite suchen, da sie von seiner tiefen Aversion gegen Marschmusik weiss. Eine Pflegerin rät ihr aber, zuerst seine Reaktion abzuwarten, und tatsächlich: Kaum rumst das Blech, klatscht der Mann begeistert mit, sehr zur Überraschung seiner Ehefrau.

Diese Episode zeigt: Der Musikgeschmack kann sich durch eine Demenzerkrankung verändern. Es ist grundsätzlich richtig, im Umgang mit Demenzbetroffenen deren Biografie zu berücksichtigen, auch wenn es um die Musikwahl geht. Musikstücke, die jemand in der Kindheit und Jugend gerne gehört oder selber gespielt hat, sind besonders tief verankert. Eine treffende Musikwahl kann Erinnerungen wachrufen und in ungeahnter Weise belebend wirken, wie das Beispiel des demenzkranken Henry in den USA demonstriert.

Aber die biografisch abgestimmte Musik muss nicht in jedem Fall die positivste Wirkung haben. Am besten, man probiert es aus. So wird auch in Jaques-Dalcroze-Ateliers vorgegangen. Die Pianistin spielt Melodien, die in den Jugendjahren der Teilnehmenden aktuell waren, und beobachtet, wie sie ankommen.

 

 

 

 

 

 

Gemeinsames Erleben

Da die mündliche Kommunikation zwischen Demenzbetroffenen und Angehörigen im Verlauf der Krankheit immer schwieriger wird, gewinnt der Austausch auf anderen Ebenen an Bedeutung. Die Musik bietet dabei wunderbare Möglichkeiten für gemeinsames Erleben. Das kann beim Singen sein, beim Musizieren mit einfachen Instrumenten – dazu später mehr – oder beim Musikhören. Biografische Faktoren können wiederum eine wichtige Rolle spielen.

Ein Ehepaar zum Beispiel, das über Jahrzehnte regelmässig klassische Konzerte besucht hat, kann dieses Ritual noch lange pflegen, auch wenn die Demenz eines Partners schon fortgeschritten ist. Oder es entwickelt sich daraus die Gewohnheit, sich zuhause bei einer Tasse Tee gemeinsam ein klassisches Werk anzuhören. „Gerade bei der Alzheimer-Erkrankung bleibt die emotionale Intelligenz fast bis zum Schluss erhalten“, erklärt Reto W. Kressig. „Deshalb kann die emotionale Qualität von Musik noch sehr lange wahrgenommen und genossen werden.“

 

Vorsicht mit Hintergrundmusik

So liegt die Idee nahe, Musik im Hintergrund abzuspielen, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Davon rät Kressig ab. „Es ist wichtig, Möglichkeiten zu schaffen, Musik bewusst zu erleben. Für Menschen mit Demenz ist Hintergrundmusik problematisch, denn sie bindet zerebrale Reserven. Wenn gleichzeitig etwas anderes getan werden sollte, kann es zu einer Überforderung kommen. Auch Musik zur Beruhigung sollte der einzige Stimulus sein.“

 

Musizieren lernen mit Demenz

Wie lange ist es sinnvoll, ein Instrument neu zu erlernen? Auch im hohen Alter gibt es keinen Grund, nicht mit dem Klavier- oder Cellospielen anzufangen, wenn es die körperliche Gesundheit zulässt und keine Demenz vorliegt. Das Niveau eines Berufsmusikers kann nicht mehr erreicht werden, aber angesichts der Freude am Musizieren und des Trainings für das Gehirn lohnt es sich allemal.

Wenn die technische Herausforderung relativ einfach ist, zum Beispiel indem ein Xylophon auf wenige Töne reduziert wird, können auch Menschen mit Demenz noch mehr erlernen, als sie sich vielleicht selber zutrauen. Wichtig ist das häufige Wiederholen. Dann kann es passieren, dass die demenz-betroffene Person glaubt, sich nicht an das Stück zu erinnern, das mit ihr vor ein paar Tagen eingeübt wurde, aber durch eine dezente Vorgabe von Rhythmus und Melodie wird die Erinnerung aktiviert, und die Person beginnt zu spielen. Lernprozesse können eben auch unbewusst stattfinden.

 

 

 

 

 

Schlüsselfunktion im Pflegealltag

Musik drückt Emotionen aus, weckt Erinnerungen, fördert Kontakte und die Kommunikation, gibt Struktur und regt zu körperlicher Bewegung an. Durch all diese schönen Eigenschaften hat die Musik einen immensen Wert in der Betreuung und Pflege alter und eventuell demenzkranker Menschen. Sie wird deshalb auch als Königsweg bezeichnet.

Musik – richtig eingesetzt – wird zum Schlüssel und Türöffner. Musiktherapeutinnen und -therapeuten wissen am besten, wie das geht, aber auch alle anderen, die in Heimen und im privaten Bereich Demenzbetroffene betreuen und pflegen, können diesen Königsweg nutzen.

 

 

Musizieren auf der Alterswohngruppe

Einmal im Monat besuche ich die Alterswohngruppe der Stiftung Vivendra und begleite mit dem Klavier den Gesang und die Rhythmusbegleitung diverser Lieder. Es war ein Wunsch der Mitarbeitenden und Bewohnenden, weiterhin regelmässig zu musizieren. Da zurzeit niemand auf der Alterswohngruppe arbeitet, der/die die Klavierbegleitung übernehmen kann, führe ich diese Aufgabe weiterhin aus. Das Angebot besteht bereits seit ein paar Jahren und war ein Bestandteil der Tagestruktur während meiner Arbeit. Es besteht eine Anzahl Volkslieder und Schlager, die immer wieder gerne gesungen oder begleitet werden. Die Auswahl der Lieder erfolgt jeweils über einen Fächer, der den Bewohnenden zur Auswahl hingehalten wird. Der Fächer besteht aus farbigem, laminiertem Papier, auf dem je ein Liedanfang steht. Rhythmusinstrumente wie Trommel, Xylophon, Rasseln, Klangstäbe, Schellenringe etc. werden von den Bewohnenden ausgesucht oder zugeteilt, wenn die Behinderung eine Eigenauswahl nicht zulässt. Es zeigt sich aber jeweils schnell, ob das Instrument passt oder nicht. Wenn dann das richtige Instrument gefunden wird, wird dies mit einem Lachen dankbar quittiert. Einzelne Teilnehmende können mit Worten singen und andere singen die Melodie. Andere bevorzugen das Zuhören und erfreuen sich daran. Die Möglichkeit sich und seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen ist erstaunlich. Die Musik mit ihren Klängen und den Rhythmen ist ein geeignetes Kommunikationsmittel.

Die Musikrunde ist ein fröhlicher, erbaulicher Anlass, der mir immer wieder Freude bereitet. Da die Lieder und die Rhythmusinstrumente immer etwa gleich ausgewählt werden, bekommt der Anlass rituellen Charakter, in dem sich die Teilnehmenden wohl und sicher fühlen.

 

 

 

 

 

 

 

Spiritual Care, was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?

Simon Peng-Keller, ordentlicher Professor für Spiritual Care, Lehrstuhl Universität Zürich

Ein Ausschnitt aus einem Text aus der Zeitschrift „Doppelpunkt“ und „Sonntag“, aus dem Internet.

 

Fragen an Simon Peng-Keller

 

Bisher kannte man vor allem den Begriff Palliativ Care aber sie betrifft nur den physischen Menschen oder?

Nicht allein. Palliativ Care umfasst neben der Sorge um die physischen Nöte und Bedürfnisse von schwer erkrankten Menschen auch die psychische, soziale und spirituelle Dimension. Spiritual Care ist ein vertiefendes Moment von Palliativ Care.

 

Spiritual Care heisst spirituelle Sorge oder Pflege – wie lässt diese sich abgrenzen von der Spitalseelsorge?

Spitalseelsorge ist eine spezifische Form von Spiritual Care. Spitalseelsorger sind die Spezialisten für Spiritual Care. Diese kann jedoch in je professionsbezogener Weise auch von Ärzten und Ärztinnen, Pflegefachleuten, Psychologen und Sozialarbeitern wahrgenommen werden. Ein wichtiger Punkt dabei ist die fachübergreifende Zusammenarbeit. Das erfordert klare Rahmenbedingungen und eine gute Kommunikationskultur.

 

Reagiert Spiritual Care nur auf die Ängste und Fragen Todkranker in Bezug auf das Sterben und das Danach - oder generell auf Sinnfragen?

Spiritual Care ist nicht nur in Lebensendsituationen gefragt, auch wenn sie dort am dringlichsten ist. Es geht dabei besonders darum genau hinzuhören und wahrzunehmen, was jemanden umtreibt. Aufgabe der Begleitpersonen ist es, einen sicheren Raum anzubieten, Erzählräume zu eröffnen und offen zu halten. Erzählen kann helfen, sich von bedrängenden Erlebnissen zu distanzieren, sie zu ordnen und verschüttete Ressourcen zugänglich zu machen.

 

Ist das Sinnkonzept christlich – der Lehrstuhl wird ja von den beiden Zürcher Landeskirchen finanziert – oder kann man Spiritual Care auch als Nichtchrist vermitteln?

Für Spiritual Care brauchen professionelle Begleitpersonen bestimmte kommunikative Kompetenzen und eine Bereitschaft, spirituelle Fragen ernst zu nehmen. Es ist nicht unbedingt nötig, dass sie selbst einer spirituellen Lebenseinstellung verpflichtet sind, sei sie christlich oder beispielsweise buddhistisch. Es geht in Spiritual Care nicht um die Vorstellungen und Überzeugungen der Begleitpersonen, sondern um jene der ihnen anvertrauten Patienten. Eine eigene spirituelle Praxis kann jedoch eine wichtige persönliche Ressource für diese Aufgabe darstellen. Historisch gesehen ist Spiritual Care der christlichen Tradition entwachsen. Der Begriff der Spiritualität bezog sich hier zunächst auf das lebensverändernde Wirken des Heiligen Geistes und eine dadurch bestimmte Lebenspraxis.

 

 

„Spiritual Care ist ein Versuch, etwas Verlorengegangenes wieder in die professionelle Unterstützung von Kranken und Sterbenden einzubinden.“

 

 

Gedanken zu Spiritual Care

Quelle: Palliative und Spiritual Care für Menschen mit geistiger Behinderung, Daniel Wolfgang Pichlbaur, Bachelorarbeit

 

Definition Spiritual Care:

  • SPIRITUAL: lat. „spiritus“ = Geist, Hauch, deutsch „Spiritualität“
  • CARE: = Versorgung, im Sinne einer umfassenden Begleitung, Betreuung und Pflege von Patientinnen und Patienten
  • Spiritual Care = Seelenversorgung

 

Das spirituelle Feld ist multidimensional und beinhaltet:

  • Existenzielle Herausforderungen, z.B.: Fragen nach Sinn, Leiden, Tod, Schuld und Scham, Versöhnung und Vergebung.
  • Wertorientierte Überzeugungen und Haltungen, z.B.: Individuelle Priorisierung hinsichtlich Beziehung zu sich selbst, Familie, Arbeit, Freunde, Kunst und Kultur.
  • Religiöse Überzeugungen und Fundamente, z.B.: Glaube, die Beziehung zu Gott.

 

Spiritualität schliesst alle Bereiche des Lebens ein, auch den Alltagsverlauf. Es wird zwischen einer Alltags- und Glaubensspiritualität unterschieden. Die Alltagsspiritualität umfasst die Beziehungsgeschichte eines Menschen mit Dingen und Ereignissen des Lebens bzw. der alltäglichen Lebensgestaltung. Das kann beispielsweise die Liebe zum Garten oder die Liebe zur Musik sein. Demgegenüber gehört die Religion für viele Menschen nicht zum täglichen Leben. Anzuführen ist auch, dass die Spiritualität, unabhängig von der Religion, jedem offen gegenübersteht. Religionen besitzen hingegen einen spirituellen Auftrag, den sie leben und weitergeben. Die Spiritualität benötigt keine Kirchen oder andere Gotteshäuser und braucht auch keine eigene Theologie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie kann Spiritual Care in die Praxis umgesetzt werden?

 

  • Ein Orte der Besinnung mit Bewohnenden suchen / anbieten / gestalten
  • Erzählräume schaffen
  • Genau hinhören, genau hinschauen, wo Bedarf ist, für was die Herzen schlagen.
  • Spiritualität benötigt Rituale
  • Zwei Feiern im Jahr mit den Bewohnenden vorbereiten, gestalten und durchführen.

 

 

Vielleicht ist es gut, bei sich selber hinzuhören, wie wir unsere Spiritualität leben und wir Halt finden in Ritualen und Feiern. Das hilft einem, offen dafür zu werden, was andere - zum Beispiel Bewohnerinnen und Bewohner - brauchen oder erfahren möchten. Ist es die Sonntagsfeier, die jemand gerne besuchen möchte oder ein Konzert? Die kirchliche Erwachsenenbildung oder braucht es vor der Nachtruhe ein Gebet? Ein Abendlied?

Was mein Wohlbefinden fördert, das kann auch das Wohlbefinden eines andren fördern. E kann – muss nicht. Darum bracht es viel Sorgfalt Respekt Aufmerksamkeit und Feingefühl dem anderen gegenüber. Sonst stehe ich in Gefahr, übergriffig zu werden. Den Glauben zu leben, seine Spiritualität zu entdecken das ist etwas sehr Persönliches – aber es ist auch wunderschön in der Gemeinschaft zu feiern, miteinander Freud und Leid zu teilen. (aus Referat Fachtagung Wagerenhof, 21.Mai 2019 Thema: Glaube und Spiritualität – gestärkt unterwegs, Christine Wyttenbach, Pfarrerin ref. Kirche Uster)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abschied, Sterben und Tod im Leben von Menschen mit mehrfacher Beeinträchtigung

Wie gehe ich als Mitarbeiterin, Mitarbeiter damit um.

Themenübersicht

  • Vorstellrunde
  • Einstimmung mit Text
  • Das Sterben
  • Umgang mit dem Tod
  • Trauerrituale, Trauerverarbeitung mit KlientInnen
  • Abschluss mit Text vom Anfang
  • Kursauswertung

Vorstellen und „Mein letzter Koffer“

  • Wer bin ich
  • Wo arbeite ich
  • Was würde ich in meinen letzten Koffer „einpacken“

Gefühle / Menschen / Tiere / Gegenstände die mir lieb sind

Licht und Hoffnung

Wenn du Düsterheit aushältst,
Trauriges annimmst,
Enttäuschendes akzeptierst,
Einsamkeit bejahen kannst,
zum Dunkeln und Schweren ja sagst,
dann kehren Freude und Wärme,
Licht und Hoffnung bei dir ein.

 Adalbert Ludwig Balling

 Das Leben lernen am Sterbebett

Die Vermeidung der Begegnung mit Sterbenden hat oft direkte Auswirkungen auf unser Leben.

  • Diesem fehlt sozusagen die sichtbare und fühlbare Grenze.
  • Grenzenloses Leben ist auf die Dauer ungeheuer anstrengend.
  • Angesichts des Todes eines lieben oder auch fremden Menschen fällt es schwer, sich etwas vorzumachen.
  • Das Leben wird in seiner Begrenzung und Vergänglichkeit sichtbar.
  • Der Tod wird zum Übergang in eine andere Welt, für uns Hinterbliebene nur als Ahnung wahrnehmbar.
  • Wir sollen und dürfen noch leben, auch angesichts des Todes.
  • Jeder Sterbende kann uns Lebende belehren.
  • Am Sterbebett lernen wir letztlich das Leben.
  • Oft verlassen wir das Zimmer als Beschenkte.
  • Es ist wie ein Vermächtnis der Sterbenden an die Lebenden: Mein Leben und Sterben war nicht umsonst, wenn du, Frau, Mann oder Kind, diese Chance der Begegnung mit mir in dein Leben mit hinein nimmst.

 

  • Welche Formen des Sterbeeistandes gibt es?
    • Sterbebeistand ist die natürliche Form der Sterbehilfe, weil dabei alle Arten der Begleitung auf der personalen Ebene, das heisst in einem wirklichen Kontakt von Mensch zu Mensch, stattfindet.
    • Sterbebegleitung bedeutet, mit dem Sterbenden ein Stück seines letzten Weges zu gehen.

Sterbebeistand leisten wir,

    • wenn wir mit dem Sterbenden über seine Gefühle der Unsicherheit, Angst, Auflehnung, Verlassenheit sprechen, die er allein überhaupt nicht oder nur sehr mühsam verarbeiten kann.

Zum Beispiel wenn zu ihm gesagt wird: „Ich kann dich/Sie gut verstehen“ oder „Ich würde an deiner/Ihrer Stelle genauso empfinden“ oder „Vielleicht ist es gemeinsam leichter zu ertragen“;

    • wenn wir zur rechten Zeit und in angebrachter Weise ehrlich mit ihm über seine Situation sprechen, wenn er es will,
    • wenn wir eine Beziehung zu dem Betroffenen her-stellen, die solche offenen Gespräche ermöglichen und durch die wir dem Sterbenden nahe sein können.

Dann schöpft er aus dieser mitmenschlichen Verbundenheit den Mut, sich mit den ihn belastenden Problemen auseinanderzusetzen und auch seinen eigenen Tod zu akzeptieren;

  • wenn wir zur rechten Zeit und in angebrachter Weise ehrlich mit ihm über seine Situation sprechen, wenn er es will,
  • wenn wir eine Beziehung zu dem Betroffenen her-stellen, die solche offenen Gespräche ermöglichen und durch die wir dem Sterbenden nahe sein können.

Dann schöpft er aus dieser mitmenschlichen Verbundenheit den Mut, sich mit den ihn belastenden Problemen auseinanderzusetzen und auch seinen eigenen Tod zu akzeptieren;

  • wenn wir dem Sterbenden eine ihm gerecht werdende Therapie vermitteln.

„Therapie“ heisst eigentlich: einem Menschen dienen, ihn pflegen, ihm helfen, ihn achten und ihn verehren. Als Begleiter sind wir somit zugleich Therapeut;

  • wenn wir gläubigen Menschen Seelsorge vermitteln durch das Gebet und das Angebot der Sakramente.

 

Welche Empfindungen haben Schwerkranke und Sterbende?

  • Schwerkranke und Sterbende haben eine der Realität entsprechende Empfindung. Sie wissen, wie es um sie steht und das sie sterben.
  • Sie können niemanden finden, der stellvertretend für sie oder mit ihm zu sterben bereit wäre und der ihnen diesen letzten Schritt abnimmt. Es genügt ihnen, wenn jemand bereit ist, Sorgen und Ängste mit ihnen zu teilen und bei ihnen auszuharren.
  • Sie haben ein Gefühl der Endgültigkeit, mit dem sie aus diesem Leben scheiden werden.
  • Sie möchten in der Gewissheit sterben, ihr persönliches Leben nicht verfehlt zu haben und schmerzfrei auf den Tod zugehen zu können.
  • Schwerkranke und Sterbende haben Angst vor unerträglichen Schmerzen.
  • Sie fürchten den Verlust der Selbstkontrolle, dass sie aus der Art schlagen, dass sie auf andere einen befremdenden Eindruck machen.
  • Sie haben Angst vor Entmündigung, vor Manipulation, vor dem Aufgegeben werden, vor Vereinsamung, vor Invitalität, vor äusserlicher Entstellung (zum Beispiel bei einem Gesichtstumor).

 

Wie können wir auf solche Empfindungen reagieren?

  • Daran zu denken ist, dass Hoffnung unverzichtbar ist.
  • Dem Schwerkranken und Sterbenden sollten seine Empfindungen, Reaktionen und Wünsche zugestanden werden.
  • Wir dürfen uns betroffen zeigen und ihm unsere Hilfe anbieten, aber keinesfalls aufzwingen.
  • Die Worte „Sterben“ und „Tod“ sollten wir von uns aus nicht gebrauchen.
  • Befreiung von Schmerzen oder deren Linderung ist heute in der Regel durch das Angebot der Medizin gewährleistet. Gerade dabei will und kann unsere Gesellschaft konkrete Hilfe anbieten.

 

Sterbende begleiten: Was ist Sterbebegleitung

  • Leben und Sterben gehören untrennbar zusammen.
  • Wo es Leben gibt, da gibt es auch Tod.
  • Jedes Leben ist somit ein ständiges Sterben.
  • Das Sterben ist ein Vorgang, der das ganze Leben durchzieht.
  • Im Leben beginnt immer schon Sterben, in einem Sterbenden ist immer noch Leben.
  • Sterbebegleitung ist Lebensbegleitung und Sterbebegleiter sind Lebensbegleiter, der Sterbeort sollte nach Möglichkeit auch immer der Lebensort sein.
  • Sterbebegleitung heisst, dem Schwerkranken Hilfe im Sterben, nicht zum Sterben anbieten.
  • Um Menschen an ihrem Lebensende zu begleiten, bedarf es keiner besonderen Ausbildung, keine spezielle Qualifikation, sondern lediglich der Selbstüberwindung und des Mutes, den ersten Schritt zu tun.
  • Wenn einem Kranken oder Sterbenden Offenheit und Ehrlichkeit entgegengebracht, der Konfrontation mit ihm nicht aus-gewichen und zugleich die eigenen Grenzen der Belastbarkeit erkannt werden, dann sind bereits die wichtigsten Voraussetzungen, um Sterbende in ihrer letzten Stunde hilfreich zur Seite stehen zu können erfüllt.

Wie läuft der Sterbeprozess ab

  • Wenn die Bereitschaft besteht, einen Menschen auf seinem letzten Weg zu begleiten, dann ist es gut und wichtig zu wissen, dass sich der Prozess des Sterbenden in mehreren Phasen ereignet, dass er nicht geradlinig verläuft, sondern in verschiedener Abfolge und mit wechselnder Intensität.
  • Dabei können einige Abschnitte durchaus mehrmals erlebt oder auch übersprungen werden.
  • Dies ist bei jedem Menschen individuell verschieden, da jeder seinen eigenen Tod stirbt.
  • Die einzelnen Sterbephasen genau zu erkennen, erfordert Einfühlungsvermögen und Erfahrung.
  • Dies ist jedoch kein Grund zur Abschreckung oder gar Entmutigung, denn aller Anfang ist bekanntlich schwer und niemand ist auf Anhieb schon perfekt.

 

Folgende Sterbephasen sollten unterschieden werden:

  1. Die Schockphase
  • Jeder reagiert auf eine schwere Krankheit oder gar den herannahenden Tod auf persönliche Weise.
  • Für den einen bricht eine Welt zusammen, alles realitätsgerechte Verhalten gerät ausser Kontrolle.
  • Der andere zeigt nach aussen hin zunächst Gefasstheit, kann es einfach nicht glauben, will es nicht wahrhaben.
  • Häufig kommt es in dieser Phase auch unbewusst zu einer Verdrängung aus Selbstschutz vor einer plötzlichen Panik.
  • Bei den meisten wechselt die Stimmung zwischen aufkommender Angst und anscheinender Gelassenheit in ganz unterschiedlichen Zeitabständen: Manchmal innerhalb von Minuten oder Stunden, manchmal im Laufe von Tagen oder Wochen.

Was kann in dieser Situation getan werden?

  • Die Verhaltensweise des Schwerkranken oder Sterbenden sollte akzeptiert, die Reaktionen ausgehalten und ertragen werden, ihn sprechen lassen, ihm zuhören und Rückfragen stellen.
  • Auf keinen Fall darf er gemassregelt werden, im Sinne von: „Reiss dich zusammen!“ oder „Stell dich nicht so an!“

 

  1. Die Emotionsphase
  • Eine Fülle von Gefühlen kann bei einem Schwerkranken oder Sterbenden in verschiedener Weise in Erscheinung auftreten, einerseits nach aussen hin durch aggressives Verhalten (zum Beispiel: Zornes- oder Wutausbrüche, Selbstvorwürfe, Beschuldigungen, Aufbegehren, Beschimpfungen), andererseits nach innen hin durch depressives Verhalten (zum Beispiel: Niedergeschlagenheit, Grübeln, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Schwarzsehen). Das alles sind berechtigte Reaktionen.

Was kann in dieser Situation getan werden?

  • Auf eine solche Verhaltensweise des Schwerkranken oder Sterbenden sollte nicht gereizt reagiert werden.
  • Solche Gebaren sollten nicht gegen sich gerichtet werden.

Es empfiehlt sich, ruhig zu bleiben und zu versuchen, behutsam auf den Kranken einzuwirken.

 

 

 

  1. Die Verhandlungsphase
  • Der Schwerkranke oder Sterbende möchte mit seinem Schicksal verhandeln.
  • Er will seinen Tod noch etwas hinausschieben.
  • Er möchte die bittere Wahrheit zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht wahrhaben.
  • Er macht Versprechungen und Gelöbnisse gegenüber Gott und verhandelt mit einem Arzt in der hoffnungsvollen Zuversicht, den Wettlauf mit dem Tod vielleicht doch noch zu gewinnen.

Was kann in dieser Situation getan werden?

  • Dem Schwerkranken oder Sterbenden soll die Hoffnung ruhig zugebilligt werden, denn Hoffnungen sind stets real.
  • Vor Illusionen sollte aber zugleich bewahrt werden.

 

  1. Die Depressionsphase
  • Der Schwerkranke oder Sterbende macht sich mit dem Gedanken an seinen Tod ernsthaft vertraut.
  • Er blickt einerseits zurück auf sein bisheriges Leben und zieht Bilanz.
  • Andererseits schaut er voraus und sieht sich vor einer Fülle noch ungelöster Probleme.
  • Derartige Angstzustände treten häufig nachts auf.

Was kann in dieser Situation getan werden?
Sie sollten Schwerkranke oder Sterbende wissen lassen, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, traurig sein zu dürfen, erst recht derjenige, der auf den Tod zugeht.

  • Die Zeichen der Trauer sollten zugelassen werden, ob es Tränen sind oder andere Ausdrucksformen der Traurigkeit.
  • Aufkommende Sorgen und Ängste sollten so gut wie möglich aufgefangen werden.

 

  1. Die Akzeptierungsphase
  • Bei dem Schwerkranken oder Sterbenden stellt sich, meist tagsüber, allmählich ein Zustand der Ruhe und Friedlichkeit ein.

Er hat in sein Schicksal eingewilligt und gibt häufig noch letzte Anweisungen und ordnet damit sein Vermächtnis.

Was kann in dieser Situation getan werden?

  • Die letzten Wünsche und Anweisungen des Schwerkranken oder Sterbenden sollten vor seinen Augen aufgeschrieben werden.
  • Dadurch wird ihm die Gewissheit verschaffen, dass diese nicht in Vergessenheit geraten.
  • Es sollte versucht werden, Kontakt zu ihm zu halten.
  • Es genügt schon, wenn ihm die Hand gehalten wird oder die eigene Hand auf seine gelegt wird und still bei ihm ausgeharrt wird.

 

Umstände, die Sterben erschweren

Nicht sterben wollen:

  • noch viele Lebenswünsche
  • „unerledigte Geschäfte“
  • jung an Jahren

Nicht sterben können:

  • liebende Angehörige brauchen den Kranken noch, halten ihn „fest“
  • es ist noch Lebenskraft vorhanden
  • Angst vor dem Sterben und dem von Ärzten „Zwangshaft“ am Leben-gehalten-werden, wenn diese ihre medizinische Technik bis zuletzt anwenden, ohne die Situation und den Wunsch des Sterbenden (seine „Willenserklärung“) zu beachten.
  • Langes Siechtum, oft voller unbeantworteter Fragen nach dem „Sinn“
  • Alleinsein im Sterben, Unruhe eines Krankenhauses, z.B. im Mehrbettzimmer
  • …..(eigene Gedanken)

 

Gegebenheiten, die Sterben erleichtern

Loslassen können:

  • erfülltes Leben
  • Glauben an ein Leben nach dem Tod
  • hohes Alter

Akzeptanz durch alle Beteiligten:

  • Würde im Sterben
  • Geborgenheit in einer intimen, meditativen Atmosphäre: Sterbezimmer in der häuslichen Umgebung, in der Nähe bekannter und erwünschter Menschen, am Ort der Wahl
  • Optimale Schmerztherapie und Kontrolle der Krankheits-symptome (hausärztliche Behandlung)
  • Übergabe des Vermächtnisses (Testamentes), „Willens-erklärung“ für den Fall unheilbarer schwerer Krankheit.
  • Abschiednehmen von geliebten Menschen, Tieren, Gegenständen, der eigenen Lebensgeschichte, durch eventuell seelsorgerlich, psychologisch oder „menschlich“ verständnisvolle Gespräche; durch Musik, Malen, Tagebuch schreiben und anderes lebendiges Gestalten

 

Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod

  • Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod, der im Zusammen-hang mit seinem ganzen Leben steht.
  • Elisabeth Kübler-Ross spricht von 6 Phasen im Reifeprozess des Sterbens, wenn die natürliche Todesangst in verschiedenen Schritten bewältigt werden muss:
  1. Aktives Verweigern:
  • Diese Phase zeichnet sich dadurch aus, dass der Patient den naheliegenden Tod nicht wahrhaben will.
  • Die Schwere der Krankheit wird verleugnet.
  • Der Patient isoliert sich von der sozialen Umgebung, gleichzeitig besteht jedoch ein grosses Bedürfnis, mit einer verständnisvollen Person zu sprechen.
  1. Aggressives Verweigern:
  • Die Phase der aktiven Verweigerung und des Nichtwahrhaben wollen macht fast immer einem zornigen Protest gegen das eigene Schicksal und feindlichem Verhalten gegenüber Mitmenschen Platz.
  1. Partielle Annahme und Verhandeln:
  • Der Sterbende akzeptiert den nahenden Tod teilweise, beginnt aber mit sich selbst und mit der Umwelt zu verhandeln, um wenigstens eine Lebensverlängerung zu erreichen.
  1. Depressive Annahme:
  • Der Sterbende fühlt langsam, dass er sein Schicksal nicht ändern kann, und reagiert mit depressiven Symptomen im Hinblick auf das Bevorstehende.
  • Er trauert darum, bald alles zu verlieren.
  • Eine andere Form von Depression beinhaltet eher Schuldgefühle, die Familie nicht mehr versorgen zu können, oder dass diese nun den einzigen Sohn verliert.
  1. Bewusste Annahme:
  • Wenn die Phasen der Verzweiflung, des Zorns, der Trauer und Hilflosig-keit überwunden sind, erfolgt oft eine Aussöhnung mit dem eigenen Schicksal.
  • Die Emotionen werden ruhiger.
  1. Verklärte Annahme:
  • Viele Patienten kommen schliesslich auch in ein Stadium, wo sie den Zeitpunkt des Todes vorausahnen und ihn fast freudig erwarten.
  • Das Interesse an der Umwelt erlischt.
  • Der Sterbende hat mit dem Diesseits bereits abgeschlossen und stellt sich schon auf das Kommende ein.

 

Palliative Care

  • Das lateinische Wort „pallium“ bedeutet „Mantel“ oder „Umhang“.
  • Der Begriff Palliative Care bezeichnet die Absicht, einen unheilbar kranken Menschen wie mit einem schützenden Mantel zu umhüllen.
  • Mit Palliative Care werden deshalb alle medizinischen Behandlungen, pflegerischen Massnahmen und auch die psychische, soziale und spirituelle Unterstützung von Menschen bezeichnet, die an einer tödlich endenden Krankheit leiden.
  • Sterbebegleitung ist ein Teil der Palliative Care. Sie bedeutet, einen Menschen in seinem letzten Lebensabschnitt zu begleiten, sich ihm emotional und mit persönlicher Anteilnahme zuzuwenden.
  • Der Sterbende soll spüren, dass er nicht alleine ist.
  • Sterbebegleitung kann von Fachkräften und von Laien angeboten werden.
  • Die Ziele der Palliative Care sind also die bestmögliche Linderung von Schmerzen, Atemnot, Angst und Übelkeit. Zuwendung statt technische Support, die Respektierung des verbal oder nonverbal geäusserten Willens des Sterbenden, seine Teilhabe am Leben und damit die bestmögliche Lebensqualität für ihn und seine Angehörigen.
  • Die reine Lebensverlängerung ist kein Ziel der Palliativ Care.
  • Neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung ist die psychosoziale Begleitung des Sterbenden sehr wichtig.
  • Die Begleitung des sterbenden Menschen stellt seine körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnisse in den Mittelpunkt.
  • Eine Einweisung ins Krankenhaus kann aufgrund von Krisensituationen und Konflikten dennoch notwendig werden.
  • Die Auseinandersetzung mit dem Sterben eines anderen Menschen bedeutet immer auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben, mit dem eigenen Tod und mit dem Trauerprozess um die sterbende Person.

 

 

 

 

 

 

 

Licht und Hoffnung

Wenn du Düsterheit aushältst,
Trauriges annimmst,
Enttäuschendes akzeptierst,
Einsamkeit bejahen kannst,
zum Dunkeln und Schweren ja sagst,
dann kehren Freude und Wärme,
Licht und Hoffnung bei dir ein.

Adalbert Ludwig Balling

  • Literatur:
    Sterbe- und Trauerbegleitung, Claudia Cardinal
  • Tod und Sterben im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung, Erik Bosch
  • Workshop Abschied nehmen, Sterbebegleitung, Tod und Trauer, Renate Harder, agogis
  • QM-Unterlagen, Stiftung Vivendra
  • Checkliste Todesfall, Gedanken und Vorgehensweise, Unterlagen Alterswohngruppe Kristall, Stiftung

 

 

 


 

 

 

                                                  

         

 

 



Erste Erinnerungen und Kindheit
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit
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  1. Erste Erinnerungen und Kindheit                                                                      Am 19.11.1954 wurde ich als 3. Kind in der Frauenklinik in Zürich geboren. Meine Mutter erzählte mir immer wieder, wie ich sie zum Narren gehalten habe. Sie bekam Wehen, ging in die Frauenklinik, aber ich wollte noch nicht kommen. So wurde ihr empfohlen, doch etwas Treppen zu steigen, was sie befolgte. Ja, irgendwann bin ich dann auf die Welt gekommen. Ich habe eine ältere Schwester, einen älteren und einen jüngeren Bruder.                                                                                               Meine Eltern zogen mit den vier Kindern von einer Wohnung an der Berninastrasse in Zürich Oerlikon in ein Einfamilienhaus in Zürich Unterstrass. Das war als ich zwei Jahre alt war. Zur Entlastung meiner Mutter durfte ich während des Zügelns zu meinem Götti und dessen Familie nach Küsnacht am Zürichsee Ferien verbringen. Mein Götti wohnte mit seiner Familie, seinen Schwiegereltern, seiner Schwägerin und seinem Schwager in einem grossen Riegelhaus mit angebauter Schreinerei. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich, als mich meine Mutter wieder nach Hause abholte, nicht mehr mitgehen wollte.                                                                                  Ich durfte eigentlich jedes Jahr Ferien in dieser grossen Familiengemeinschaft verbringen. In diesem Generationenhaus befand sich im Parterre ein Büro der Schreinerei, im 1. Stock die Wohnung der Familie des Schreinermeisters mit seiner Frau und deren jüngsten Tochter. Im 2. Stock wohnte die ältere Tochter, also meine Tante mit meinem Götti und ihren Kindern und zuoberst dann später der Sohn mit seiner Familie. Ein Sohn der Familie ist durch einen Blitzschlag in jungen Jahren in den Bergen gestorben.                                                                                          Was mich immer wieder beeindruckt hatte, waren die Liebe und der Frieden, welcher in diesem Hause wahrzunehmen waren.                                                            Jeweils zum Mittagessen kochte die Frau des Schreiners für alle Mitarbeitenden der Schreinerei und die Familie das Mittagessen. Dieses wurde in der grossen Küche am langen Tisch eingenommen. Vor dem Essen betete der Schreinermeister, der immer oben am Tisch sass. Die Frau des Schreinermeisters kochte, erledigte die Büroarbeiten und wenn es dann im Hause etwas laut und unruhig wurde, kam sie in einer Seelenruhe in die Wohnung meiner Tante, ihrer Tochter und fragte: "Ja, ja, was isch dänn...? Sie war der Inbegriff der Ruhe, der Gelassenheit, des Friedens. Sie trat nicht als Schlichterin auf, nicht als dominante Person, nein einfach mit guter Absicht und viel Liebe.                                                                                                  Mein Vater wollte mich Lilli taufen, was meiner Mutter aber nicht gefiel. So wurde ich in der Reformierten Kirche Oerlikon auf den Namen Nelli getauft. Später hat mir mein Vater erklärt, warum er den Namen Lilli so schön fand. Als er noch jünger war und in Oerlikon wohnte, begegnete ihm im Treppenhaus ein Lilli, zu der ich dann in der 4. - 6. Klasse in die Schule ging. Dieses Lilli hat ihm gut gefallen. Dann ist ihm aber noch meine Mutter, die im gleichen Haus wohnte und arbeitete begegnet, die ihm dann auch gefallen hat. So erklärt sich, dass aus dem Namen Lilli Nelli geworden ist. Mein Übername war "Binggeli", den mein Vater oft verwendete und den ich als Kosename empfand.                                                                                          Meine Eltern waren beide sehr lieb und fleissig und sorgten vorbildlich für die Familie. Beide konnten das Geld, welches nicht im Überfluss vorhanden war gut einteilen und bewirtschaften. Meine Mutter strickte und nähte für uns Kinder und kochte das Geerntete meines Vaters aus dem Schrebergarten ein.                        Später strickte meine Mutter mit einer Strickmaschine und besuchte Nähkurse für Knabenhosen und Damenkleider. Meine Brüder erhielten perfekte Hosen mit Säcken und Hosenschlitzen für den Sonntag.
  2.                                                                                                                             Auf dem Foto, ca. 1959 sind alle vier Kinder in der Stube in gleichen Bademänteln, die meine Mutter genäht hatte, fotografiert. Rechts ist noch der Kachelofen sichtbar.                                                                                                                              Für sich nähte sie sehr schöne Deux-Pièces, so wie es damals Mode war, sehr elegant. Ein Kleid ist mir besonders in Erinnerung. Es war ein Kleid, das bis oberhalb der Knie reichte, also in diesem Zeitalter ein Mini-Kleid. Aus dem gleichen Stoff wurde ein Unterjupe genäht, was sehr speziell und originell aussah.                                Mein Vater war zielstrebig. Er war bei der SBB angestellt, wurde in meiner Kindheit Zugführer und später Oberzugführer, was mich mit Stolz erfüllte. Er bildete als Instruktor junge SBB-Angestellte aus. Seinen SBB-Kollegen half er bei den Vorbereitungen für die Zugführerprüfung. Diese fand dann jeweils in unserer Stube statt. Immer wenn es dann etwas lauter wurde, wie "streng doch einmal dein Hirni an" brachte meine Mutter Kaffee in die Stube, schaute meinen Vater scharf an, dieser wusste, was gemeint war und mässigte sich. Diese SBB-Mitarbeitenden versammelten sich regelmässig im SBB-Gesangsverein, den mein Vater präsidierte. Er war ein genialer Redner. Einige dieser Berufskollegen unternahmen miteinander Bergtouren. Die Frauen trafen sich dann mit ihren Kindern abwechselnd bei jemandem zu Hause oder unternahmen zusammen Ausflüge. Es war wie eine grosse Familie. Es gab auch eine Sänger-Gotte, die den Gesangsverein finanziell unterstützte.                            Ich hatte eine schöne Kindheit. Da ich mit einem Muttermal am rechten Oberschenkel zur Welt kam, dieses mit mir immer weiterwuchs und sich vergrösserte, musste dieses, als ich im Kindergartenalter war, untersucht und entfernt werden. Im Kantonspital Zürich wollte ein Arzt das Muttermal wegbrennen und nicht operieren. Ein anderer Arzt war anderer Meinung und wollte operieren. So wurde zuerst die Methode des ersten Arztes umgesetzt. Das Wegbrennen schmerzte, aber da ich wusste, dass ich nach der Behandlung von meiner Mutter ein Weggli und ein Schoggi-Stängeli zum Trost erhielt, war der Schmerz halb so wild. Die Methode war aber nicht erfolgreich und das Muttermal wurde wegoperiert. Auf die zurückbleibende Narbe wurde ich im Sommer in der Badi immer wieder angesprochen. Schlussendlich wurde es mir zu blöd, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen und antwortete: "Eine Schlange hat mich gebissen", was dann so ein Entsetzen auslöste, dass ich trotzdem wieder die alte Leier zu erzählen vorzog.                                                  In meiner Kindheit hatte die Mehrheit der Bevölkerung nicht "In Saus und Braus" leben können. Wir gehörten zum Mittelstand. Wir besassen kein Auto. Da mein Vater bei der SBB arbeitete, konnten wir vergünstigt Bahn fahren. Zur Arbeit fuhr er in allen Jahres- und Tageszeiten und bei jedem Wetter mit seinem Fahrrad.              Unser TV-Gerät stand erst etwa im Jahr 1969 in unserer Stube. Wir konnten uns jedoch sehr gut ohne den TV-Konsum beschäftigen. Meine Schwester und ich besuchten Klavierstunden. Mein älterer Bruder spielte Waldhorn bei der Knabenmusik Zürich. Beide Brüder waren Pfadfinder. "Die Mädchen gehören nicht in die Pfadi, sonst werden sie Rueche," war die Meinung meiner Eltern.                                    Am Sonntag besuchten meine beiden Brüder und ich jeweils die Sonntagsschule bei der Frau des Pfarrers. Wir erhielten dann jeweils ein 20-Rappen Stück für das Neger-Kässeli, dass ich etwas sonderbar, aber noch lustig fand, da es sich nach der Spende jeweils mit dem Kopf nickend bedankte. Was mir aber bei den Jesusgeschichten zu denken gab und für meine kindliche Logik nicht aufging, war Folgendes: Wie kann es sein, dass das Jesuskind an Weihnachten zur Welt gekommen ist und im Frühling bereits im jungen Alter von ca. 30 Jahren verstarb? Diese Zeitspanne war für mich unlogisch. Meine Eltern waren keine Kirchgänger, ausser an Hochzeiten, Taufen und Abdankungen. Sie bezahlten die Kirchensteuer jedoch treu. Meine Mutter begleitete uns jeweils zur Sonntagsschulweihnacht in die Kirche Wipkingen und besuchte an Weihnachten den Gottesdienst. Mein Vater war seinem Garten und der Natur treu und meinte, dass er dort Gottes Schöpfung immer wieder sehr gut erlebe.                      Wir hatten eine Katze, die Peter hiess. Sie hatte ein schwarzes Fell mit etwas weiss an den Pfoten. Peter war die Katze meiner Grossmutter väterlicherseits. Als Grosi zügelte, konnte sie die Katze nicht mehr mitnehmen. So kam Peter zu uns, obwohl er am Anfang, so wurde mir erzählt, ab und zu nach Oerlikon zu Grosi lief.              Mein Götti, der Bruder meiner Mutter war ein sehr guter Handwerker. Da er gerade neben der Schreinerei seines Schwiegervaters wohnte, stellte er aus Holz einen richtigen Verkaufsladen her, hinter den ich stehen konnte. Es hatte auch eine Kasse mit Kindergeld. Diesen erhielt ich zu Weihnachten, was mich sehr freute. Später stellte er für mich eine Puppenstube her, die sehr schön, auf zwei Stockwerken gebaut und möbliert war. Zu meiner Gotte, eine Freundin meiner Mutter, hatte ich wenig Kontakt. Sie wohnte in St. Gallen. Der Dialekt und der Umgangston mit ihrer ältesten Tochter störten mich. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie streiten. Meine Mutter erklärte mir dann, dass die so miteinander umgehen und nicht streiten würden.            Wir hatten in unserem Haus ein Mädchen- und ein Knabenzimmer. Der Estrich wurde erst ca. 1965 ausgebaut. Mir hat es im Mädchenzimmer gut gefallen. Ich fand es schön, mit jemandem im Zimmer zu sein. Meine Schwester und ich konnten sehr gut miteinander streiten. Am Abend im Bett, wenn wir das Licht gelöscht hatten, begann unser Ritual: "Guet Nacht Susi, schlaf guet, träum süess, schtreck d Füess, danke glichfalls, bitte. Bisch mit mir Veruschi? Bisch mit mir veraschi?" Diesen Vers sagten wir miteinander, jeweils mit dessen Vornamen im Chor auf. Am Schluss mussten wir Stellung nehmen. Wenn eine von uns beiden wütend auf die andere war, musste dies geklärt werden. Dann schlossen wir wieder Frieden. Meistens war jedoch nach dem Aufsagen des Rituals alles vergessen, und wir konnten gut einschlafen.                      Da meine Schwester gut 4 Jahre älter war, hatte sie nicht mehr viel Zeit, um mit mir zu spielen. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich mit meiner Schwester "Bäbelet" habe. Mit meinen Brüdern spielte ich viel. Am Sonntag, wenn es draussen regnete, kippten wir die grosse Kiste mit allen Legos und Legoplatten im grossen Zimmer auf den Teppich. Dann ging es los. Der Schnellere hatte, was er brauchte. Meine Brüder bauten immer Zürichsee-Schiffe und das benötigt viele Legoplatten. Ich wollte aber eine Puppenstube bauen. Der Krach war vorprogrammiert. Wir begannen zu Handeln. Manchmal mischte sich auch meine Mutter ein und bat, dass wir doch friedlich teilen sollen, es habe ja genug Lego. Ich lernte früh mich durchzusetzen.      In unserem Haus wurde mit Briketts und Holz geheizt. Ich kann mich gut an das Geräusch erinnern, wenn mein Vater sehr früh am Morgen mit dem Metallhacken die restliche Asche in die Behälter schürgte, um dann von neuem einzuheizen. Der Kachelofen, der von der Wohnküche aus geheizt wurde, sorgte für eine wohlige Wärme in der Küche und der Stube. Im Treppenhaus und in den Gängen gab es keine Heizung. In den Kinderzimmern standen je ein kleiner Eisenofen, die jedoch kaum einmal eingeheizt wurden. Es war zu gefährlich mit den Kindern. 

 

 ca.1962 mit Zöpfen

Wenn ich krank war, und das kam oft vor, durfte ich im grossen Bett der Eltern tagsüber verweilen. Dann schaute ich die Bilder in der Hochzeitsbibel an. Die Bilder waren nicht unbedingt sehr freundlich, alle schwarz-weiss gestaltet. Die Bibel war schwer und gross. Sie wurde von Julius Schnorr von Carolsfeld gestaltet. Sie lag auf der Bettumrandung auf dem Kopfteil. Obwohl die Bilder nicht sehr schön und ansprechend anzuschauen waren, schaute ich sie doch immer wieder an. Etwas faszinierte mich daran - vielleicht die vielen Details.                                                                                                                            Ich besuchte sehr gerne den Kindergarten. Da ich in dieser Zeit im Spital war und viel krank, schlug die Kindergärtnerin meinen Eltern vor, dass ich den Kindergarten noch ein drittes Jahr besuchen solle, was mir gefiel. Ich war der Liebling der Kindergärtnerin. Da gab es auch Buben, die waren ihr zu wild. Diese hatten keine angenehme Zeit im Kindergarten. Vor allem ein Knabe tat mir leid. Aber er nahm die Strafen der Kindergärt-nerin nicht besonders ernst, was mich beruhigte.                                                                Wenn meine Mutter am Abend mit einer Freundin im Theater, Turnverein, oder im Schauspielhaus war, hütete uns ihre Mutter, unser Grosmueti. Sie erzählte uns jeweils von früher, als sie noch im Appenzellerland wohnte. Sie betete am Abend am Bett mit uns. Wenn wir lügen würden, erklärte sie uns, würde der liebe Gott das sehen und wir würden dann ein schwarzes «Tüpfli» auf dem Herz bekommen. Das beeindruckte mich sehr.            In unserer Küche stand ein Kochherd in den Farben grau-blau und rechts daneben ein kleiner Kühlschrank. Da der Milchmann jeden Tag frische Milch brachte, mussten wir jeden Tag unser «Milchkänntli» auf die Treppe vor der Haustüre stellen. Dann kam der Milchmann, sammelte diese in der ganzen Häuserreihe ein und füllte eines nach dem anderen auf dem Kehrplatz von der Milchkanne, die auf einem Wagen stand ein. Jeder Milchbezüger hatte ein Milchbüchlein, in das der Bezug der Produkte eingetragen wurde. Es gab auch Butter, die man kaufen konnte. Im Winter war die Milch des Milchmannes oft gefroren und im Sommer musste die Milch schnell in den Kühlschrank gestellt werden, da sie sonst sauer wurde. Diese Milch war roh und musste zuerst abgekocht werden, bevor wir sie als Kinder trinken durften.                                                                                          In der Küche gab es einen Schüttstein als Abwaschtrog. Dieser Schüttstein bestand aus einem grau-schwarz melierten Stein. Die Einbauküche kam erst beim grossen Umbau des Hauses dazu. Über diesem Schüttstein hingen Waschlappen mit denen wir unter der Woche "Katzenwäsche" machten.                                                                                                  In der Waschküche befand sich eine Badewanne, die jeweils am Samstagabend mit warmem Wasser aus dem Boiler aufgefüllt wurde. Dann badete ein Kind nach dem anderen, manchmal auch zu zweit darin, alle im gleichen Wasser. In der Waschküche entstand ein Wasserdampf - man konnte einander kaum mehr sehen.                                                   
Im Winter, wenn es sehr kalt und draussen alles gefroren war, bildeten sich an unseren Vorfenstern Eisblumen. Sie sahen zauberhaft aus.                                                              Im Garten gegen die Strasse hin wuchsen Blumen, die mein Vater pflegte. Auf der anderen Seite des Hauses hatte es Steinplatten mit Kies. Dort wurde die Wäsche aufgehängt und die Teppiche geklopft. Damals sass man nicht im Garten und ass dort miteinander. Später wünschte sich meine Mutter einen Liegestuhl, den man nach hinten kippen konnte. Zu lange lag die Mutter nie im Garten, denn damals galt man schnell als "faule Hausfrau".        Ab und zu spielten wir Kinder auf dem Plätzli vor dem Haus oder bauten mit alten, grossen Tüchern und Wäscheklammern ein Zelt über den Wäscheseilen.                                          Sehr viele Kinder in meinem Alter gab es damals nicht. Die Nachbarskinder waren älter, in der Ausbildung oder bereits im Erwerbsleben. Wir hatten liebe Nachbarn rund herum.

Im Sommer ca. 1960 mit geschlossenen Fensterläden und dem Gartenhag, der neu bemalt wurde.

Später, als ich als Vorpraktikantin in einem Waisenhaus arbeitete, wohnte unser Grosmueti bei uns. Sie war damals schon sehr krank und musste gepflegt werden. Ihre drei Kinder fragten sie, bei wem sie wohnen wolle. Sie meinte, dass sie gerne ein paar Wochen abwechslungsweise bei einem ihrer Kinder sein möchte. Als sie bei uns wohnte, wurde sie so krank, dass sie Tag und Nacht gepflegt werden musste. Sie starb bei uns zuhause.
In meiner Kindheit schenkte mir mein Grosmueti ein Barbie. Ich war sehr stolz darauf. Grosmueti nähte ihr auch die ersten Kleider. Mein Barbie hatte ein schwarzes Abendkleid. Später nähte oder strickte ich ihr selber Kleider. Die Barbie-Frau sah schön aus und hatte ein liebliches, freundliches Gesicht. Sie hatte eine Frisur wie Jacqueline Kennedy. Ihr Körper war relativ starr. Ausser dem Sitzen mit gestreckten Beinen war nicht viel Bewe-gung möglich. Sie war eine der ersten Barbies. Später verbesserte sich die Beweglichkeit bei diesen Puppen.                                                                                                            Meine Schwester und ich liebten das Tragen der Stöckel-schuhe meiner Mutter. Einmal war meine Schwester schneller als ich und stolzierte mit den Schuhen im Gang hin und her, was mich dermassen ärgerte, dass ich das Haus verliess. Als ich nach der Haustreppe zum Weg einbog, sah ich, wie meine Schwester einen Fuss mit dem Stöckelschuh ans Küchenfenster hochhielt, um mich zu foppen. Ärgerlich! Dann geschah etwas, dass mich wieder beruhigte. Meine Schwester verlor das Gleichgewicht und kippte ins Fensterglas. Dieses zersprang und der Traum war aus. Danach tat sie mir leid, weil sie das meinen Eltern beichten musste. Es geschah aber nicht allzu viel. Der Umbau mit den neuen Fenstern stand bevor.    Mein Vater arbeitete bei der SBB unregelmässig. Wenn er aber mit uns am Mittagstisch sass und um 12.30 Uhr das Zeitzeichen der Mittagsnachrichten ertönte, galt es ruhig zu sein. Meistens assen wir zu diesem Zeitpunkt die Suppe und das Klappern der Löffel war nur noch zu hören. Manchmal war aber auch das zu laut, wenn eine wichtige Mitteilung gesendet wurde.                                                                                                                Wir lasen Bücher, die wir in der Pestalozzi Bibliothek holten. Es gab in unserer Familie keine Micky-Maus-Hefte. Meine Eltern fanden, dass dies Schundliteratur sei, schlechtes Deutsch. Mein Vater las jeweils am Sonntag in der Stube in einem Buch aus dem Bücherclub oder eines seiner abonnierten Wild Life Hefte. Dazu rauchte er genüsslich Pfeife oder eine Zigarre.                                                                                                  In der Stube stand ein Radio. Später erhielt ich einen Kassettenrekorder. Die Musik nahm ich selber vom Radio auf.                                                                                                  Ich las gerne Bücher. Mein Lieblingsbuch war, "Der rote Seidenschal" von Federica de Cesco. Später stiess ich auf Literatur von Ingmar Bergman, «Szenen einer Ehe». Diese Literatur begeisterte mich. Es handelte von einer Frau, die in ihrer Beziehung einiges durchstehen musste und dies mit viel Liebe und Stärke bewältigen konnte. Da dachte ich: So eine Frau will ich werden. So mutig durch das Leben gehen, schwierige Situationen durchstehen, nicht aufgeben. Das hat mich geprägt.                                                            Meine Eltern kannten einen Fotografen, den wir regelmässig besuchten. Er lichtete die ganze Familie ab und erstellte Portraits von uns Kindern, die dann Gotte, Götti und die Grosseltern als Geschenk erhielten. Es entstanden immer sehr viele Fotos, die dann in einem Album abgelegt wurden und teilweise noch vorhanden sind.

ca. 1964

Meine Mutter war für uns Kinder immer zu Hause. Sie hatte mit vier Kindern, einem Ehegatten, der unregelmässig arbeitete und mit dem ganzen Haus sehr viel Arbeit. Zudem verwertete sie das Produzierte aus dem Schrebergarten vorzüglich. Bevor die Kühltruhen im Angebot waren, wurden Bohnen und halbe Tomaten, Apfelmus und dergleichen in «Bülacher Gläser» eingemacht. Vor allem bei den Bohnen gab meine Mutter besonders acht. Wenn sich ein Einmachglas ohne Widerstand öffnen liess, wurde der Inhalt zum Kompost gegeben. Der Kompostkübel wurde dann von meinem Vater in den Schrebergarten dem Komposthaufen zugeführt.
Jeweils am Freitag reinigte meine Mutter, wie das damals beinahe Pflicht war, das ganze Haus gründlich. Einmal im Jahr erledigte sie den Frühlingsputz. Alle Fenster, die Vorhänge die Schränke innen und aussen wurden gereinigt. Auch die Fensterläden wurden abgehängt, gereinigt und frisch geölt. Das geschah, meine ich, nicht jedes Jahr und wurde jeweils vom Vater erledigt. Hingegen die Vorfenster wurden im Frühling ausgehängt, gereinigt und in den Estrich versorgt. Im Herbst begann diese Aktion wieder von Neuem, jedoch umgekehrt.
Meine Mutter liebt Kräuter. Sie hatte ein dickes Buch von Pfarrer Künzle. Darin waren alle Heilkräuter beschrieben. Sie braute sich jeweils von den Kräutern, die mein Vater ihr im Garten anpflanzte oder die sie in der Natur sammelte einen Kräutertee, den sie über den ganzen Tag schluckweise trank.
Sie war eine liebe und zuvorkommende Gastgeberin, sei es im Verwandten- oder Freundeskreis. Sie bewirtete und betreute alle liebevoll. Dabei scheute sie keinen Aufwand. Nicht zu vergessen ist, dass meine Mutter alle Lebens-mittel mit dem Einkaufwagen nach Hause brachte. Im Alltag kochte unsere Mutter gut, aber einfach, was mir mundete. Fleisch gab es in meiner Kindheit einmal in der Woche und zusätzlich am Sonntag. Jeden Tag gab es zuerst einen Teller Suppe und dazu einen Suppenlöffel gefüllt mit flüssigem Fischtran. Das brauchte eine echte Überwindung, diesen Saft hinunter zu schlucken. Dann folgte der frische Salat aus dem Garten und zum Hauptgericht Gemüse. Ich denke, das war eine gesunde Kost. Was mir jedoch langsam auf den Geist ging war das Maggi-Kraut, das jeden Tag in die Suppe geschnetzelt wurde, da es ja gesund war, so die Begründung. Heute esse ich es wieder gerne, feingehackt im grünen Salat. Noch schlimmer ist es mit den Johannisbeeren, auf die ich heute immer noch gerne verzichte.
Jeweils am Freitag buk meine Mutter eine Frucht- und eine Käsewähe, oder je nach Saison eine Spinatwähe mit Speckwürfeli. Das war sehr gut.
Meine Mutter wäre gerne ab und zu auswärts arbeiten gegangen. Manchmal wurde sie von ihrer Freundin angefragt, ob sie ihr in der Charcuterie-Abteilung helfen könnte. Diese führte zusammen mit ihrem Mann eine Metzgerei, die gerade auf der anderen Strassenseite unseres Hauses lag. An dieser Tätigkeit hatte meine Mutter Freude, war dann aber doch froh, dass sie der Arbeit ausser Haus nicht regelmässig nachgehen musste.
Als Kind fürchtete ich mich, wenn es ein Gewitter gab. Wenn es blitzte und dann donnerte, hatte ich grosse Angst. Meine Mutter erklärte mir immer wieder, dass ich nach dem Blitz zählen soll: "21, 21, 21." Nach jedem Zählen sei der Blitz einen Kilometer weit von uns entfernt, bis es dann donnere. Ich wusste jedoch auch aus Erzählungen meiner Grossmutter, dass der Blitz einmal in ihrem Wohnhaus in Schönengrund eingeschlagen habe. Es habe einen grossen Knall gegeben. Der Blitz habe vermutlich ins Metallgestell des leeren Kinderbettes eingeschlagen, das am Kamin gelehnt im Estrich stand. 
Einmal wanderten mein Mann und ich im Jura. Beim Aufstieg zum Creux du Van wurden wir bei der Ankunft auf der Krete von einem Gewitter überrascht. Es begann zu hageln. Das Blitzen und der Donner kamen immer näher. Ich zog schnell meine Fingerringe ab und versteckte diese im Rucksack. Nur kein Metall auf mir tragen, denn das könnte den Blitz anziehen, so dachte ich. Wir hatten keine Möglichkeit irgendwo Schutz zu finden. Ich dachte, das war es. Nun werde ich vom Blitz erschlagen. Der Boden war weiss bedeckt mit Hagelkörnern. Ein Reh schaute uns von Weitem verdutzt durch den aufkommenden Nebel an. Keine Boden-, keine Wegmarkierung war mehr erkennbar. Mein Mann kannte den Weg ungefähr, der zur Unterkunft führen sollte. "Wir müssen einfach dieser Mauer entlanglaufen, dann kommen wir sicher ans Ziel". Wir kamen ans Ziel. Der Hüttenwart fragte erstaunt, wo her wir gekommen seien?
Auch vor Schlangen hatte ich als Kind und habe bis heute Angst. Das ist ein Tier, das ich nicht besonders mag. 
Ein Freund bot mir jeweils an, in seinem Haus in Amrum Ferien zu verbringen, was ich immer gerne annahm. Ich nutzte diese Zeit jeweils, um an Arbeiten und Weiterbildungen zu schreiben. Da mein Mann damals noch berufstätig war, verreiste ich ab und zu alleine. Meine Ferien verbrachte ich jedoch nie alleine im Haus in Amrum und nahm immer eine oder mehrere Freundinnen mit. Ich hätte Angst gehabt, alleine im Haus. Da das Haus kaum eine Woche im Jahr leer stand, war die Türe zur Wohnküche hinter dem Haus nie geschlossen. Somit war die Schlüsselübergabe geregelt. Meine Vorstellung, alleine in dieses Haus zu kommen, nachzuschauen, ob im Keller oder im oberen Stock sich jemand versteckt hatte, liess mich von einer Alleinbenutzung abhalten. Wo hätte ich denn mit der Kontrolle beginnen sollen, dachte ich? Mein Mann meinte dann jeweils: "Du schaust Dir zu viele Krimis an." Bei jedem Geräusch hätte ich so Angst bekommen, dass ich die Auszeit nicht hätte geniessen können.

Was weisst du über deine Geburt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was weisst du über deine Geburt?
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Am 19.11.1954 wurde ich als 3. Kind in der Frauenklinik in Zürich geboren. Meine Mutter erzählte mir immer wieder, wie ich sie zum Narren gehalten habe. Sie bekam Wehen, ging in die Frauenklinik, aber ich wollte noch nicht kommen. So wurde ihr empfohlen, doch etwas Treppensteigen zu steigen, was sie befolgte. Ja, irgend wann bin ich dann auf die Welt gekommen. Ich habe eine ältere Schwester, einen älteren und einen jüngeren Bruder.

Meine Eltern zogen mit den vier Kindern von einer Wohnung an der Berninastrasse in Oerlikon in ein Einfamilienhaus in Zürich Unterstrasse. Das war, als ich zwei Jahre alt war. Zur Entlastung meiner Mutter durfte ich während des Zügelns zu meinem Götti und dessen Familie nach Küsnacht am Zürichsee Ferien verbringen. Mein Götti wohnte mit seiner Familie, seinen Schwiegereltern und seinem Schwager in einem grossen Riegelhaus mit angebauter Schreinerei. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich, als mich meine Mutter wieder nach Hause abholte, nicht mehr mitgehen wollte.

Ich durfte eigentlich jedes Jahr Ferien in dieser grossen Familiengemeinschaft verbringen. In diesem Generationenhaus befand sich im Parterre ein Büro der Schreinerei, im 1. Stock die Wohnung der Familie des Schreinermeisters mit seiner Frau und der jüngsten Tochter. Im 2. Stock wohnte die ältere Tochter mit ihrer Familie und meinem Götti und zuoberst dann später der Sohn mit seiner Familie. Was mich immer wieder beeindruckt hatte, war die Liebe und der Frieden, die in diesem Hause wahrzunehmen war. Jeweils zum Mittagessen kochte die Frau des Schreiners für alle Mitarbeitenden der Schreinerei und die Familie das Mittagessen. Dieses wurde in der grossen Küche am langen Tisch eingenommen. Vor dem Essen betete der Schreinermeister, der immer oben am Tisch sass. Die Frau des Schreinermeisters kochte, erledigte die Büroarbeiten und wenn es dann im Hause etwas laut und unruhig wurde, kam sie in einer Seelenruhe in die Wohnung meiner Tante, ihrer Tochter und fragte: "Ja, ja, was isch dänn...? Sie war der Inbegriff der Ruhe, der Gelassenheit, des Friedens. Sie trat nicht als Schlichterin auf, nicht als dominante Person, nein einfach mit guter Absicht und viel Liebe.

Mein Vater wollte mich Lilli taufen, was meiner Mutter aber nicht gefiel. So wurde ich in der Reformierte Kirche Oerlikon auf den Namen Nelli getauft. Später hat mir mein Vater erklärt, warum er den Namen so schön findet. Als er noch jünger war und in Oerlikon wohnte, begegnete ihm im Treppenhaus ein Lilli, zu der ich dann in der 4. - 6. Klasse in die Schule ging. Dieses Lili hat ihm gut gefallen. Dann ist ihm aber noch meine Mutter, die im gleichen Haus wohnte und arbeitete begegnet, die ihm dann auch gefallen hat. So erklärt sich, dass aus dem Namen Lili Nelli geworden ist.
Mein Übername war "Binggeli", der mein Vater oft verwendete und den ich als Kosename empfand.

Meine Eltern waren beide sehr lieb und fleissig und sorgten vorbildlich für die Familie. Beide konnten das Geld, welches nicht im Überfluss vorhanden war gut einteilen und bewirtschaften. Meine Mutter strickte und nähte für uns Kinder und kochte das Geerntete meines Vaters aus dem Schrebergarten ein. Später strickte meine Mutter mit einer Strickmaschine und besuchte Nähkurse für Knabenhosen und Damenkleider. Meine Brüder erhielten perfekte Hosen mit Säcken und Hosenschlitzen für den Sonntag.
Es gibt ein Foto, auf dem alle vier Kinder die gleichen Bademanteln tragen, die meine Mutter genäht hatte. Für sich nähte sie sehr schöne Deux Pieces, so wie es damals Mode war, sehr elegant. Ein Kleid ist mir besonders in Erinnerung. Es war ein Kleid, das bis oberhalb der Knie reichte, also in diesem Zeitalter ein Mini-Kleid. Aus dem gleichen Stoff wurde ein Unterjupes genäht, was sehr speziell und originell aussah.

Mein Vater war zielstrebig. Er war bei der SBB angestellt, wurde in meiner Kindheit Zugführer und später Oberzugführer, was mich mit Stolz erfüllte. Er bildete als Instruktor junge SBB Angestellte aus. Seinen SBB Kollegen half er bei den Vorbereitungen für die Zugführerprüfungen. Diese fand dann jeweils in unserer Stube statt. Immer wenn es dann etwas lauter wurde, wie "streng doch einmal dein Hirni an" brachte meine Mutter Kaffee in die Stube, schaute meinen Vater scharf an, dieser wusste, was gemeint war und mässigte sich. Diese SBB-Mitarbeitender versammelten sich regelmässig im SBB-Gesangsverein, den mein Vater präsidierte. Er war ein genialer Redner. Einige dieser Berufskollegen unternahmen miteinander Bergtouren. Die Frauen trafen sich dann mit ihren Kindern abwechselnd bei jemandem zu Hause, oder unternahmen zusammen Ausflüge. Es war wie eine grosse Familie. Es gab auch eine Sänger-Gotte, die den Gesangsverein finanziell unterstützte.

Ich hatte eine schöne Kindheit. Da ich mit einem Muttermal am rechten Oberschenkel zur Welt kam, dieses mit mir immer weiterwuchs und sich vergrösserte, musste dieses, als ich im Kindergartenalter war, untersucht und entfernt werden. Im Kantonspital Zürich wollte ein Arzt das Muttermal wegbrennen und nicht operieren. Ein anderer Arzt war anderer Meinung und wollte operieren. So wurde zuerst die Methode des ersten Arztes umgesetzt. Das Wegbrennen schmerzte, aber da ich wusste, das ich nach der Behandlung von meiner Mutter ein Weggli und ein Schoggi-Stängeli zum Trost erhielt, war der Schmerz halb so wild. Die Methode war aber nicht erfolgreich und das Muttermal wurde wegoperiert. Auf die zurückbleibende Narbe wurde ich im Sommer in der Badi immer wieder angesprochen. Schlussendlich wurde es mir zu blöd, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen und antwortete: "Eine Schlange hat mich gebissen", was dann so ein Entsetzen auslöste, dass ich trotzdem wieder die alte Leier zu erzählen vorzog.

In meiner Kindheit hatte die Mehrzahl der Bevölkerung nicht "In Saus und Braus" leben können. Wir gehörten zum Mittelstand. Wir besassen kein Auto. Da mein Vater bei der SBB arbeitete, konnten wir vergünstigt Bahn fahren.
Unser TV-Gerät stand erst etwa im Jahr 1969 in unserer Stube. Wir konnten uns jedoch sehr gut ohne den TV-Konsum beschäftigen. Meine Schwester und ich besuchten Klavierstunden. Mein älterer Bruder spielte Waldhorn bei der Knabenmusik Zürich. Beide Brüder waren Pfadfinder. "Die Mädchen gehören nicht in die Pfadi, sonst werden sie Rueche," war die Meinung meiner Eltern.

Am Sonntag besuchten meine beiden Brüder und ich jeweils die Sonntagsschule bei der Frau des Pfarrers. Wir erhielten dann jeweils ein 20-Rappen Stück für das Neger-Kässeli, das ich etwas sonderbar, aber noch lustig fand, da es sich nach der Spende jeweils mit dem Kopf nickend bedankte. Was mir aber bei den Jesusgeschichten zu denken gab und für meine kindliche Logik nicht aufging, war folgendes: Wie kann es sein, dass das Jesuskind an Weihnachten zur Welt gekommen ist und im Frühling bereits im jungen Alter von ca. 30 Jahren wieder verstarb? Diese Zeitspanne war für mich unlogisch.
Meine Eltern waren keine Kirchgänger, ausser an Hochzeiten, Taufen und Abdankungen. Sie bezahlten die Kirchensteuer jedoch treu. Meine Mutter begleitete uns jeweils zur Sonntagsschulweihnacht in die Kirche Wipkingen und besuchte an Weihnachten den Gottesdienst. Mein Vater war seinem Garten und der Natur treu und meinte, dass er dort Gottes Schöpfung immer wieder sehr gut erlebe.

Wir hatten eine Katze, die Peter hiess. Sie hatte ein schwarzes Fell mit etwas weiss an den Pfoten. Peter war die Katze meiner Grossmutter Vaterseits. Als Grosi zügelte, konnte sie die Katze nicht mehr mitnehmen. So kam Peter zu uns, obwohl er am Anfang, so wurde mir erzählt, ab und zu nach Oerlikon zu Grosi lief.

Mein Götti, der Bruder meiner Mutter war ein sehr guter Handwerker. Da er gerade neben der Schreinerei seines Schwiegervaters wohnte, stellte er aus Holz einen richtigen Verkaufsladen her, hinter den ich stehen konnte. Es hatte auch eine Kasse mit Kindergeld. Diesen erhielt ich zu Weihnachten, was mich sehr freute. Später stellte er für mich eine Puppenstube her, die sehr schön, auf zwei Stockwerken gebaut und möbliert war.
Zu meiner Gotte, eine Freundin meiner Mutter hatte ich wenig Kontakt. Sie wohnte in St. Gallen. Der Dialekt und der Umgangston mit ihrer ältesten Tochter störte mich sehr. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie streiten. Meine Mutter erklärte mir dann, dass die so miteinander umgehen und nicht streiten würden.

Wir hatten in unserem Haus ein Mädchen- und ein Knabenzimmer. Der Estrich wurde erst ca. 1965 ausgebaut. Mir hat es im Mädchenzimmer gut gefallen. Ich fand es schön, mit jemandem im Zimmer zu sein. Meine Schwester und ich konnten sehr gut miteinander streiten. Am Abend im Bett, wenn wir das Licht gelöscht hatten, begann unser Ritual: "Guet Nacht Susi, schlaf guet, träum süess, schtreck d Füess, danke glichfalls, bitte. Bisch mit mir Veruschi? Bisch mit mir veraschi?" Diesen Vers sagten wir miteinander, jeweils mit dessen Vornamen im Chor auf. Am Schluss mussten wir Stellung nehmen. Wenn eine von uns beiden wütend auf die andere war, musste dies geklärt werden. Dann schlossen wir wieder Frieden. Meistens war jedoch nach dem aufsagen des Rituals alles vergessen und wir konnten gut einschlafen.

Da meine Schwester gut 4 Jahre älter war, hatte sie nicht mehr viel Zeit, um mit mir zu spielen. Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich mit meiner Schwester "Bäbelet" habe. Mit meinen Brüdern spielte ich viel. Am Sonntag, wenn es draussen regnete, kippten wir die grosse Kiste mit allen Legos und Legoplatten im grossen Zimmer auf den Teppich. Dann ging es los. Der Schnellere hatte, was er brauchte. Meine Brüder bauten immer Zürichsee-Schiffe und das benötigt viele Legoplatten. Ich wollte aber eine Puppenstube bauen. Der Krach war  vorprogrammiert. Wir begannen zu Handeln. Manchmal mischte sich auch meine Mutter ein und bat, dass wir doch friedlich teilen sollen, es habe ja genug Lego. Ich lernte früh mich durchzusetzen.

In unserem Haus wurde mit Brikett und Holz geheizt. Ich kann mich gut an das Geräusch erinnern, wenn mein Vater sehr früh am Morgen mit dem Metallhacken die restliche Asche in die Behälter schürgte, um dann von neuem einzuheizen. Der Kachelofen, der von der Wohnküche aus geheizt wurde, sorgte für eine wohlige Wärme in der Küche und der Stube. Im Treppenhaus und in den Gängen gab es keine Heizung. In den Kinderzimmern standen je ein kleiner Eisenofen, die jedoch kaum einmal eingeheizt wurden. Es war zu gefährlich mit den Kindern.
Wenn ich krank war, und das kam oft vor, durfte ich im grossen Bett der Eltern tagsüber verweilen. Dann schaute ich die Bilder in der Hochzeitsbibel an. Die Bilder waren nicht unbedingt sehr freundlich, alles schwarz weiss gestaltet. Die Bibel war schwer und gross. Sie wurde von Julius Schnorr von Carolsfeld gestaltet. Sie lag auf der Bettumrandung auf dem Kopfteil. Obwohl die Bilder nicht sehr schön zum anschauen waren, schaute ich sie doch immer wieder an. Etwas faszinierte mich daran - vielleicht die vielen Details.

Ich besuchte sehr gerne den Kindergarten. Da ich in dieser Zeit im Spital war und viel krank, schlug die Kindergärtnerin meinen Eltern vor, dass ich den Kindegarten noch ein drittes Jahr besuchen solle, was mir gefiel. Ich war der Liebling der Kindergärtnerin. Da gab es auch Buben, die waren ihr zu wild. Diese hatten keine angenehme Zeit im Kindergarten. Vor allem ein Knabe tat mir leid. Aber er nahm die Strafen der Kindergärtnerin nicht besonders ernst, was mich beruhigte.

Wenn meine Mutter am Abend mit einer Freundin im Theater, Turnverein, oder im Schauspielhaus war, hütete uns ihre Mutter, unser Grosmueti. Sie erzählte uns jeweils von früher, als sie noch im Appenzellerland wohnte. Sie betete am Abend am Bett mit uns. Wenn wir lügen würden, erklärte sie uns, würde der liebe Gott das sehen und wir würden dann ein schwarzes Tüpfli auf dem Herz bekommen. Das beeindruckte mich sehr.

In unserer Küche gab es einen Schüttstein als Abwaschtrog. Dieser Schüttstein bestand aus einem grau-schwarz melierten Stein. Die Einbauküche kam erst beim grossen Umbau des Hauses dazu. Über diesem Schüttstein hingen Waschlappen mit denen wir unter der Woche "Katzenwäsche" machten.
In der Waschküche befand sich eine Badewanne, die jeweils am Samstagabend mit warmem Wasser aus dem Boiler aufgefüllt wurde. Dann badete ein Kind nach dem anderen, manchmal auch zu Zweit darin, alle im gleichen Wasser. In der Waschküche entstand ein Wasserdampf - man konnte einander kaum mehr sehen.
Im Winter, wenn es sehr kalt und draussen alles gefroren war, bildeten sich an unseren Vorfenstern Eisblumen. Sie sahen zauberhaft aus.

Im Garten gegen die Strasse hin wuchsen Blumen, die mein Vater pflegte. Auf der anderen Seite des Hauses hatte es Steinplatten mit Kies. Dort wurde die Wäsche aufgehängt und die Teppiche geklopft.
Damals sass man nicht im Garten und ass dort miteinander. Später wünschte sich meine Mutter einen Liegestuhl, den man nach hinten kippen konnte. Zu lange lag die Mutter nie im Garten, denn damals galt man schnell als "faule Hausfrau".
Ab und zu spielten wir Kinder auf dem Plätzli vor dem Haus oder bauten mit alten, grossen Tüchern und Wäscheklammern ein Zelt über den Wäscheseilen.

Sehr viele Kinder in meinem Alter gab es damals nicht. Die Nachbarskinder waren älter, in der Ausbildung oder bereits im Erwerbsleben. Wir hatten liebe Nachbarn rund herum.

Später, als ich bereits als Vorpraktikantin in einem Waisenhaus arbeitete, wohnte unser Grosmueti bei uns. Sie war damals schon sehr krank. Ihre drei Kinder fragten sie, bei wem sie wohnen wolle. Sie meinte, dass sie gerne ein paar Wochen abwechslungsweise bei einem ihrer Kinder sein möchte. Als sie bei uns wohnte, wurde sie so krank, dass sie Tag und Nacht gepflegt werden musste. Sie starb dann bei uns im Haus.
In meiner Kindheit schenkte mir mein  Grosmueti ein Barbie. Ich war sehr stolz darauf. Grosmueti nähte ihr auch die ersten Kleider. Mein Barbie hatte ein schwarzes Abendkleid. Später nähte oder strickte ich ihr selber Kleider. Die Barbie-Frau sah schön aus und hatte ein liebliches, freundliches Gesicht. Sie hatte eine Frisur wie Jacqueline Kennedy. Ihr Körper war relativ starr. Ausser dem Sitzen mit gestreckten Beinen war nicht viel Bewegung möglich. Sie war eine der ersten Barbies. Später verbesserte sich die körperliche Beweglichkeit bei diesen Puppen.

Meine Schwester und ich liebten das Tragen der Stöckelschuhe meiner Mutter. Einmal war meine Schwester schneller als ich und stolzierte mit den Schuhen im Gang hin und her, was mich so nervte, dass ich das Haus verliess. Als ich nach der Haustreppe zum Weg einbog, sah ich, wie meine Schwester ein Bein mit dem Stöckelschuh ans Küchenfenster hoch hielt, um mich zu foppen. Es hat mich sehr geärgert, aber dann geschah etwas, dass mich wieder beruhigte. Meine Schwester verlor das Gleichgewicht und kippte ins Fensterglas. Dieses zersprang und der Traum war aus. Danach tat sie mir leid, weil sie das meinen Eltern beichten musste. Es geschah aber nicht allzu viel, da der Umbau mit den neuen Fenstern bevorstand.

Mein Vater arbeitete bei der SBB unregelmässig. Wenn er aber mit uns am Mittagstisch sass, galt um 12.30 Uhr das Signet der Mittagsnachrichten. Dann galt es ruhig zu sein. Meistens assen wir zu diesem Zeitpunkt die Suppe und das klappern der Löffel war nur noch zu hören. Manchmal war aber auch das zu laut, wenn eine wichtige Mitteilung gesendet wurde.
Wir lasen Bücher, die wir in der Pestalozzi Bibliothek holten. Es gab in unserer Familie keine Micky-Maus-Hefte. Meine Eltern fanden, dass dies Schundliteratur sei, schlechtes Deutsch. Mein Vater las jeweils am Sonntag in der Stube in einem Buch aus dem Bücherclub oder eines seiner abonnierten Wild Life Hefte. Dazu rauchte er genüsslich Tabak Pfeife oder rauchte eine Zigarre.

In der Stube stand ein Radio. Später erhielt ich einen Kassettenrekorder. Die Musik nahm ich selber vom Radio auf.
Ich las gerne Bücher. Mein Lieblingsbuch war, "Der rote Seidenschal" von Frederica de Cesco. Später stiess ich auf Literatur von Bergmann, ich meine so hiess die Autorin oder der Autor. Diese Literatur begeisterte mich. Es handelte von einer Frau, die in ihrer Beziehung einiges durchstehen musste und dies mit viel Liebe und Stärke bewältigen konnte. Da dachte ich: So eine Frau will ich werden. So mutig durch das Leben gehen, schwierige Situationen durchstehen, nicht aufgeben. Das hat mich geprägt. 

Meine Eltern kannten einen Fotografen, den wir regelmässig besuchten. Er lichtete die ganze Familie ab und erstellte Portraits von uns Kindern, die dann Gotte, Götti und die Grosseltern als Geschenk erhielten. Es  entstanden immer sehr viele Fotos, die dann in einem Album abgelegt wurden und teilweise noch vorhanden sind.
Wenn meine Eltern nicht zu Hause waren
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wenn meine Eltern nicht zu Hause waren
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Meine Mutter war für uns Kinder immer zu Hause. Sie hatte mit vier Kindern, einem Ehegatten, der unregelmässig arbeitete und mit dem ganzen Haus sehr viel Arbeit hatte. Zudem verwertete sie das Produzierte aus dem Schrebergarten vorzüglich. Bevor die Kühltruhen im Angebot waren, wurden Bohnen und halbe Tomaten, Apfelmus und dergleichen in Bülacher Gläser eingemacht. Vor allem bei den Bohnen gab meine Mutter besonders acht. Wenn sich ein Einmachglas ohne Widerstand öffnen liess, wurde der Inhalt zum Kompost gegeben. Der Kompostkübel wurde dann von meinem Vater in den Schrebergarten zum Komposthaufen geführt.

Jeweils am Freitag reinigte meine Mutter, wie das damals beinahe Pflicht war, das ganze Haus gründlich. Einmal im Jahr erledigte sie den Frühlingsputz. Alle Fenster, die Vorhänge die Schränke innen und aussen wurden gereinigt. Auch die Fensterläden wurden abgehängt, gereinigt und frisch geölt. Das geschah meine ich nicht jedes Jahr und wurde jeweils vom Vater erledigt. Hingegen die Vorfenster wurden im Frühling ausgehängt, gereinigt und in den Estrich versorgt. Im Herbst begann diese Aktion wieder von Neuem, jedoch retour.

Meine Mutter liebt Kräuter. Sie hatte ein dickes Buch von Pfarrer Küenzli. Darin waren alle Heilkräuter beschrieben. Sie kochte sich jeweils von den Kräutern, die mein Vater ihr im Garten anpflanzte oder die sie in der Natur sammelte einen Kräutertee, den sie über den ganzen Tag schluckweise trank.

Sie war eine liebe und zuvorkommende Gastgeberin, sei es im Verwandten- oder Freundeskreis. Sie bewirtschaftete alle liebevoll. Dabei scheute sie keinen Aufwand. Nicht zu vergessen ist, dass meine Mutter alle Lebensmittel mit dem Postiwägeli nach Hause brachte. Im Alltag kochte unsere Mutter gut, aber einfach, was mir mundete. Fleisch gab es in meiner Kindheit ein Mal in der Woche und zusätzlich am Sonntag. Jeden Tag gab es zuerst einen Teller Suppe, dann frischen Salat aus dem Garten und zum Hauptgericht Gemüse. Ich denke, das war eine gesunde Kost. Was mir jedoch langsam auf den Geist ging war das Maggi-Kraut, das jeden Tag in die Suppe geschnetzelt wurde, da es ja gesund war, so die Begründung. Heute esse ich es wieder gerne, feingehackt im grünen Salat. Noch schlimmer ist es mit den Johannisbeeren, die ich heute immer noch nicht gerne esse. Jeweils am Freitag buk meine Mutter eine Frucht- und eine Käsewähe, oder je nach Saison eine Spinatwähe mit Speckwürfeli. Das war sehr gut.

Meine Mutter wäre gerne ab und zu auswärts arbeiten gegangen. Manchmal wurde sie von ihrer Freundin angefragt, ob sie ihr in der Charcuterie-Abteilung helfen könnte. Diese führte zusammen mit ihrem Mann eine Metzgerei, die gerade auf der anderen Strassenseite unseres Hauses lag. An dieser Tätigkeit hatte meine Mutter Freude, war dann aber doch froh, dass sie der Arbeit ausser Haus nicht regelmässig nachgehen musste.
Wovor hattest du am meisten Angst?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wovor hattest du am meisten Angst?
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Als Kind fürchtete ich mich, wenn es ein Gewitter gab. Wenn es blitzte und dann donnerte, hatte ich grosse Angst. Meine Mutter erklärte mir immer wieder, dass ich nach dem Blitz zählen soll: "21, 21, 21." Jedes Mal sei dann der Blitz ein Kilometer weit von uns entfernt, bis es dann donnere. Ich wusste jedoch auch aus Erzählungen meiner Mutter und Grossmutter, dass der Blitz einmal in ihrem Wohnhaus im Schönegrund eingeschlagen habe. Es habe einen grossen Knall gegeben. Der Blitz habe vermutlich ins Metallgestell des leeren Kinderbettes geschlagen, das am Kamin gelehnt im Estrich stand. 

Einmal wanderten mein Mann und ich im Jura. Beim Aufstieg zum Creux du vent wurden wir bei der Ankunft auf der Krete von einem Gewitter überrascht. Es begann zu hageln. Das Blitzen und der Donner kamen immer näher. Ich zog schnell meine Fingerringe ab und versteckte diese im Rucksack. Nur kein Metall auf mir tragen, denn das könnte den Blitz anziehen, so dachte ich. Wir hatten keine Möglichkeit irgend wo Schutz zu finden. Ich dachte, das war es. Nun werde ich vom Blitz erschlagen. Der Boden war weiss bedeckt mit Hagelkörnern. Ein Reh schaute uns von Weitem verdutzt durch den aufkommenden Nebel an. Keine Bodenmarkierung, keine Weg Markierung war mehr ersichtlich. Mein Mann kannte den Weg ungefähr, der zur Unterkunft führen sollte. "Wir müssen einfach dieser Mauer entlang laufen, dann kommen wir ungefährlich ans Ziel". Wir kamen ans Ziel. Der Hüttenwart fragte verdutzt, wie wir hie her gekommen seien? Natürlich zu Fuss, antworteten wir.

Auch vor Schlangen hatte ich als Kind und habe bis heute Angst. Das ist ein Tier, das ich nicht besonders liebe. 

Ein Freund bot mir jeweils an, in seinem Haus in Amrum Ferien zu verbringen, was ich immer gerne annahm. Ich nutzte diese Zeit jeweils, um an Arbeiten und Weiterbildungen zu schreiben. Da mein Mann damals noch Berufstätig war, verreiste ich ab und zu alleine. Meine Ferien verbrachte ich jedoch nie alleine im Haus in Amrum und nahm immer eine oder mehrere Freundinnen mit. Ich hätte Angst gehabt, alleine im Haus. Da das Haus kaum eine Woche im Jahr leer stand, war die Türe zur Wohnküche hinter dem Haus nie geschlossen. Somit war die Schlüsselübergabe geregelt. Meine Vorstellung, alleine in dieses Haus zu kommen, nachzuschauen, ob im Keller oder im oberen Stock sich jemand versteckt hatte, liess mich von einer Alleinbenutzung abhalten. Wo hätte ich den mit der Kontrolle beginnen sollen, dachte ich? Mein Mann meinte dann jeweils: "Du schaust Dir zu viele Krimis an." Bei jedem Geräusch hätte ich so Angst bekommen, dass ich die Auszeit nicht hätte geniessen können.
Meine Eltern
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2.  Meine Eltern
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Meine Eltern waren ein gutes Team. Beide wussten genau, was sie wollten und setzten dies auch durch. Meine Mutter gab dem Frieden zuliebe gerne nach. Sie meinte dann: "Ja, dä Vater mues eifach rächt ha, dänn isch er zfriede." Als sie älter wurde, setzte sie ihren Willen geschickt durch.

 

 Meine Eltern ca. 1990 

 

 

 

 

 



 

Meine Mutter
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.
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Meine Mutter war sehr fleissig, manchmal aber ziemlich an der Grenze der Überforderung. Mein Grosmueti mütterlicherseits meinte, dass vier Kinder für meine Mutter zu viel seien. Da überlegte ich, wen sie den nicht hätte auf die Welt bringen sollen. Alle meine Ge
schwister leben sicher gerne.
Am Abend, wenn wir Kinder schliefen, hatte sie Ruhe, ihrem Hobby nachzugehen. Sie nähte und strickte dann bis in die Nacht, weit über Mitternacht hinaus. Dabei hatte sie Licht zum Arbeiten aber scheinbar rächte sich das mit den Jahren. Sie erblindete auf einem Auge und im anderen sah sie nur noch ganz wenig. Sie sehe dann wie durch eine Röhre, meinte sie.
Sie war sehr gerecht, konnte es nicht ertragen, wenn eines der Kinder ungerecht behandelt wurde oder an Weihnachten ein «Päckli» weniger erhielt.
Meine Mutter stammte aus Schönengrund, Appenzell Ausserrhoden. Sie kam als ältestes Kind im Jahr 1924 zur Welt. Mit einem jüngeren Bruder und einer Schwester ist sie in einem Appenzeller Haus mit angebauter Sägerei aufgewachsen. Spielzeug hätten sie nie gehabt. Aber es wurde ihnen nie langweilig, denn sie hatten die Spanabfälle zum Spielen, die wie Rollen am Boden lagen. Als sie 11 Jahre alt war, starb ihr Vater, der Säger- und Wagnermeister war, im Alter von 42 Jahren.

 

Die noch vorhandene Traueranzeige hat einen breiten, tiefschwarzen Rand.

Das Format ist: Breite 21cm, Höhe 26cm.                                                                      Die Anzeige konnte geöffnet werden, war doppelt so gross und diente zugleich als Couvert.

 

Das Couvert auf der Rückseite, zugeklappt.





Traueranzeige Vorderseite (Marke wurde entfernt)

Die Anzeige wurde an die Familie Lanker-Knöpfel, Röhrersbühl, Speicher, Appenzell Ausserrhoden gesendet. Das war vermutlich eine Schwester meines verstorbenen Grossvaters.
Ihre Mutter musste die Sägerei weitergeben. Als Familie wohnte sie aber immer noch im Haus. Um sich und die drei Kinder zu ernähren, flickte mein Grosmueti Militärkleider, die meine Mutter und ihr Bruder jeweils zu Fuss in der Kaserne in Herisau holten und zurückbrachten und das zu jeder Jahreszeit. In den Jahren ab 1934 gab es viel zu nähen und flicken an den Militärkleidern. So konnte mein Grosmueti die Kinder und sich ernähren. Meine Mutter erzählte, dass der reformierte Pfarrer nach der Beerdigung zu ihnen kam und anbot, die Familie von der Kirche aus finanziell zu unterstützen, was mein Grosmueti dankend ablehnte. Nein, sie wolle keine Almosen.
Meine Mutter war eine liebenswürdige Frau, nicht prahlerisch, sondern bescheiden und präsent. Ihr Motto war: Alles was man im Leben einem Menschen gibt, kommt zurück. Wir gingen am Nachmittag manchmal miteinander einkaufen. Die Zeit unterwegs mit meiner Mutter genoss ich sehr. Meine Mutter konnte aus wirtschaftlichen Gründen keinen Beruf erlernen. Sie arbeitete bei Familien im Haushalt. Sie erzählte oft, dass sie sich manchmal minderwertig fühle, weil sie keine Ausbildung abschliessen konnte. Sie war sehr begabt, was das Gestalterische betraf. Blumensträusse konnte sie optisch mit Geschmack gestalten und geschickt binden. Kleider nähen, Pullover und Jacken stricken, kochen und backen, das alles gelang ihr bestens. Sie war begabt ohne Berufsabschluss.
Sie sammelte Rezepte, die sie lose auf Zetteln in ihr Kochbuch legte. Da war ein Rezept von einer ihrer Tanten, die Emma hiess und in Schwellbrunn, Appenzell Ausserrhoden in einem kleinen Häuschen wohnte. Diese Tante Emma buk aus Milch, die sauer wurde einen Zimtfladen, der sehr mundet und den meine Mutter oft backte. Auch ich habe diesen Kuchen, als unsere Kinder noch zu Hause wohnten, oft gebacken.



Hier das Rezept des Zimtkuchens, das jedoch nicht das Original meiner Mutter ist, sondern von unserer Tochter verfasst wurde.

Die Zutaten im Rezept werden in einer Schüssel vermengt und auf den Kuchenteig, der im Blech liegt verteilt und bei 200°, 20-25 Minuten gebacken.

Ein Rezept mit süss-sauren Zucchetti, die meine Mutter jeweils im Sommer, wenn die Zucchetti im Garten wuchsen, eingemacht hatte. Im Winter assen wir das Eingemachte zum Raclette.

 Das Rezept in der Originalhandschrift meiner Mutter

 

 

 

 





 

 

 

 

Mein Vater
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.
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Mein Vater war ein strebsamer Mann. Neben seinem Beruf, der Familie und den Ämtern, besuchte er regelmässig Privatstunden bei Miss Hösli, um sein Englisch zu verbessern. Viele Jahre später zog er sich jeweils am Morgen für eine Stunde in sein Büro im Dachstock zurück um Sprachen zu repetieren. Seine Sprachkenntnisse kamen ihm bei der SBB zugute.
Er wuchs in Zürich Seebach und in Oerlikon auf. Sein Vater arbeitete bei der Brauerei Hürlimann und fuhr mit dem Pferdefuhrwerk die Bierfässer aus. Später hatte er ein Angebot bei der Maschinenfabrik Oerlikon erhalten, was er aber ablehnte. Er arbeite nicht für die Kriegsmaschinerie. Das ärgerte mein Grosi und den älteren Bruder meines Vaters dermassen, dass sie nicht mehr mit ihm sprachen. Dem Grossätti war das, laut Angaben meiner Schwester, die ihn noch kannte, ziemlich gleichgültig. Er blieb bei seiner Meinung.
Mein Vater hatte zwei Brüder, einer älter und einer jünger.
Einmal in Florida, in Key West, als mein Mann und ich mit meinen Eltern eine Reise unternahmen, erzählte er, dass er früher in Seebach Sonntagsschule erteilt habe. Ich hatte da so meine Zweifel, da wir an diesem Abend beim Essen Rotwein tranken und ich dachte, er und Sonntags-schule? Aber er hielt daran fest, dass es so gewesen sei. Der Pfarrer habe ihm jeweils erklärt, welche Biblische Geschichte er erzählen soll.
Gerne wäre mein Vater Lehrer geworden. Da aber das Geld nicht vorhanden war und er seinem älteren Bruder das Studium zum Ingenieur mitfinanzierte, wurde nichts daraus. Somit absolvierte er eine Lehre als Galvaniseur. Die Dämpfe, die er da jeweils einatmete, waren sehr giftig.


In diesem kleinen Büchslein, 3 cm Durchmesser mischte er «Pohoel» (ein grünes Fläschchen mit Pfefferminzextrakt) mit Vaseline und behandelte so jeden Tag seine trockenen Naseninnenflächen, die durch die Giftdämpfe in Mitleidenschaft geraten waren.
Deshalb wechselte er zur SBB und begann als Kondukteur zu arbeiten. In dieser Zeit wohnte er mit seiner Frau, meiner Mutter in Winterthur, nahe am Bahnhof, damit der Arbeitsweg kurz war. In dieser Zeit kam meine Schwester zur Welt. Später, als meine Mutter ihr zweites Kind erwartete, zogen sie an die Berninastrasse in Zürich Oerlikon.
Ich kenne meinen Vater in Uniform mit Hemd, Krawatte und Hut. Auf seinem Hut und an den Ärmeln des Kittels (Tschopen) hatte es, soweit ich mich zurückerinnern kann, zwei Streifen, zudem hatte er immer eine rote, grosse Tasche dabei, das hiess Zugführer. In der Tasche befand sich der Fahrplan, in Form eines dicken Buches. Zudem gehörte eine Billett-Rolle dazu, die von Zeit zu Zeit abgerechnet werden musste, eine Billett-Zange und vermutlich noch andere Gegenstände wie z.B. einen Dreikantschlüssel, den man immer gut gebrauchen konnte und eine Pfeife, um den Zug abzufertigen.


 


Billett-Büchse der SBB, offen und geschlossen

In seinem grossen, schwarzen Portemonnaie hatte er immer genug 10er und 20ziger Noten und Münzen, um beim Billett-Verkauf zurecht zu kommen. Die Geldscheine waren in dieser Zeit gross und die Geldbeutel den Scheinen angepasst. Mit je einem Streifen am Kittel und Hut, also als Kondukteur kann ich mich nicht erinnern. Aber als er dann je drei Streifen vorwies, war ich echt stolz auf meinen Vater.


In einem Zeitungsausschnitt aus dem "Sarganserländer" vom 10. September 1980: Im ersten Doppel-Stock-Zug auf den Schienen entdeckt, Oberzugführer Hans Schäppi.

Meine Mutter musste immer Herrenhemden bügeln, was sicher nicht besonders angenehm war. Wenn mein Vater nicht in der Uniform war, liess er sich für spezielle Anlässe einen Anzug massgerecht schneidern. In den Garten fuhr er mit dem Fahrrad in alten Kleidern. Dort war er auch Präsident und Gartenordner des Vereins. Oft schrieb er an seiner Schreibmaschine am Küchentisch Briefe.




Die Rasierschale aus Blech, zum anmischen des Rasiermittels mit dem buschigen Rasierpinsel, mit dem dann der entstandene Rasierschaum auf den Bart aufgetragen und mit dem Rasiermesser weggeschabt wurde.
Wir als Familie gingen jedes Jahr im Sommer zwei bis drei Wochen auf den Hasliberg in eine Pension der SBB, damit meine Mutter einmal nicht einkaufen und kochen musste. Wenn wir dann Lust auf Glace hatten, liefen wir hinunter nach Meiringen, schleckten unser Vanille-Glace-Stängeli und wanderten wieder bergauf zum Hasliberg. Diese Strapazen waren uns für ein Glace recht. Es war jeweils sehr heiss. Auf dem Weg lagen schwarze Schlangen an der Sonne, was mich sehr beängstigte. Aber punkto Schlangen war meine Mutter die absolute Angsthäsin. Als wir einmal in einem Chalet oberhalb des Dorfes Bauen, an einem Südhang des Vierwaldstättersees in den Ferien waren, warnte uns der Besitzer (ein SBB-Kollege meines Vaters), es habe Schlangen. Meine Mutter schärfte uns ein, immer vor dem sich auf einen Stein setzen gut darauf achten ob dort eine Schlange liege. Es hatte am Sonnenhang von Bauen wirklich Schlangen. In diesem Haus gab es kein fliessendes Wasser. Man holte es am Brunnen vor dem Haus. Das WC-Holzhaus stand in naher Entfernung des Hauses. In der Nacht hörten wir die Mäuse in den Zwischenwänden herumspringen. Später erschien ein Artikel im Beobachter. Der Besitzer war daran, das Holz des Stubenbodens zu ersetzen. Auf dem Naturboden unterhalb des Stubenbodens befand sich ein Schlangennest. Mich schauderte es und meine Mutter meinte: "Ich habe es doch gesagt, wo Mäuse sind, sind auch Schlangen".
Wenn ich als Kind wütend war, schlug ich die Türen im Haus zu. Das mochte mein Vater gar nicht und rief, "das gibt Risse an den Wänden im Haus!" Dann bin ich weggerannt, die Treppe hoch und er hinter mir her. Ich musste schnell rennen bis ich im Estrich war und die Türe hinter mir schliessen konnte. Nun kam das Problem. Wann war die Luft wieder rein? Wo stand mein Vater? Irgendwann schlich ich die Treppe hinunter, um mich bei ihm zu entschuldigen. Mein Vater meinte dann, ja, aber das nützt meinem Haus nichts. Ich liebte meinen Vater sehr. Er war für mich ein Vorbild. Seine Diplomatie im Umgang mit den Menschen beeindruckte mich.
Mein Vater war der Meinung, dass es wichtig sei, im Leben zu reisen und dass man das erlernen müsse. So hat er mir einmal deutlich erklärt als ich, bevor ich mit dem Interrail-Billett in Begleitung meines jüngeren Bruders in den Sommerferien nach Griechenland aufbrach: "Am Zoll hat der Zollbeamte immer recht, auch wenn es nicht so ist." Das erlebten wir dann, als wir zusammen mit weiteren Reisenden um Mitternacht in Ljubliana aus dem Zug steigen mussten. Der Zöllner nahm uns die Ausweise ab und wir mussten auf dem Perron warten bis er wieder kam, was keiner verstand. Der Zug fuhr ab. Wir standen und warteten bis der Zöllner endlich zurückkam und uns die Ausweise zurückgab. Es sei alles in Ordnung. Wir könnten Ferien hier in Jugoslawien verbringen, das sei sehr schön, meinte er. Ich war so sauer, dass ich mit meinem Bruder mitten in der Nacht auf den anderen Bahnhof lief, um das Land zu verlassen.
Mein Vater hatte die Idee, mit jedem seiner Kinder eine Reise zu unternehmen. Meine Schwester wählte London aus, und über Paris kamen sie dann wieder nach Hause. Mein grösserer Bruder wollte gerne Finnland bereisen, das aber nicht mit dem Vater alleine. Darum fragte er mich, ob ich denn mitkommen wolle. Das war mir recht und der Vater war auch einverstanden. So fuhren wir mit dem Nachtzug Richtung Norden und kamen einige Tage später in Rovaniemi, Finnland an. Meine Mutter genoss die freie Zeit zu Hause. Auf das unruhige Reisen, mit dem andauernden Ortswechseln konnte sie verzichten. Mein jüngerer Bruder unternahm mit meinen Eltern eine Schiffsreise. Ja das Reisen war dann auch bei meinem Mann und unseren Kindern immer wieder ein Thema.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Ehe meiner Eltern
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.
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Die Hochzeitsfoto meiner Eltern schaute ich als Kind immer wieder an. Es war ein schönes Paar. Im Hochzeitsalbum blätterte ich sehr gerne. Dort sah ich die Verwandten meiner Eltern. In meinen Unterlagen fand ich eine Kopie vom Familien-Büchlein, in der ihre Heirat am 18. September 1948 in Schwellbrunn eingetragen ist.
Mein Vater sagte oft zu mir: "Ab welem  Zigünerwage bisch dänn du gheit?" meine Mutter wurde dann wütend, und bat ihn, damit aufzuhören, worauf er nur schmunzelte und lachte. Mich störte das nicht, im Gegenteil, ich empfand es als angenehme Zuwendung.
Die Finanzen verwaltete mein Vater. Im Kastenboden des Elternschlafzimmers lag eine Geldkassette, die geschlossen war und zu der nur er einen Schlüssel an seinem Schlüsselbund hatte, den er immer bei sich trug. Meine Mutter musste immer um Geld fragen, was ich schon als etwas demütigend empfand.
Einmal verliebte sich mein Vater in eine Turnkollegin meiner Mutter. Deren Mann fand auch, dass doch ein Partnertausch nicht schlecht wäre. Meine Mutter litt darunter und es kam zur Aussprache. Das andere Paar wurde zu uns nach Hause eingeladen. Meine Schwester, die damals bereits in einer Lehre als Kaufmännische Angestellte war, wurde sehr wütend und meinte zu dem Paar, als es im Hausgang stand: "Das finde ich das hinterletzte, was da läuft. Geht es noch!" Es kam zu einer kurzen Aussprache in der Stube ohne uns Kinder, dann war das Kapitel abgeschlossen. Meine Eltern fanden sich dann wieder. Für uns Kinder war die Situation so wieder gut.
Mein Vater konnte ziemlich laut werden, wenn wir Kinder etwas anstellten. Am lautesten wurde er, wenn wir logen. Da konnte es sein, dass es eine Ohrfeige gab. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass ich je eine abgekriegt habe.
Wir hatten unser Ämtli. Nach dem Essen musste meine Schwester das Geschirr abwaschen und wir anderen abwechslungsweise abtrocknen, was meistens Diskussionen verursachte. Genau zu dieser Zeit musste der oder die Aufgebotene auf das WC. Meine Schwester wurde ziemlich laut und schwang den nassen Geschirrlappen in der Luft, so dass es uns eins fitzte, wenn sie uns erwischte. In der Zwischenzeit legte sich meine Mutter auf die Eckbank in der Küche und machte ein Mittagsschläfchen. Sie meinte, da sie eingekauft und gekocht habe, müsse sie sich nun ausruhen, was ja völlig richtig ist.
Wenn meine Mutter mit uns Kindern alleine zu Hause war, und wir wieder einmal stritten, meinte sie: "So, nun rufe ich den Samichlaus an, der soll euch holen." Dann ging sie ins Treppenhaus und rief mit dem Telefon, das an der Wand befestigt war den Samichlaus an. Wir kleineren Kinder hatten Angst und flehten die Mutter an, dass wir nun brav sein werden. Sie sprach jedoch bereits mit dem Samichlaus und wir weinten. Meine grosse Schwester beruhigte uns und erklärte, dass Mami nur mit einer Freundin telefoniere, nicht mit dem Samichlaus. Wir beruhigten uns, glaubten das aber nicht.
Als mein Vater mit beinahe 90 Jahren an Krebs erkrankte, teilte er uns mit, dass er gerne zu Hause sterben wolle. Mein Mann bot ihm eines der Pflegebetten an, die im Keller der Institution standen, in der er Bereichsleiter war. Das fand mein Vater eine sehr gute Idee. Als es ihm immer schlechter ging, wurde das Pflegebett in der Stube platziert und er verstarb nach kurzer Zeit.
Mein Vater sorgte rechtzeitig für meine Mutter vor und kaufte das Haus nebenan, als er pensioniert wurde. Mein Elternhaus wurde vermietet und später, als mein Vater mir mitteilte, dass es mit ihm nicht mehr ewig so weitergehen würde, habe er den Plan, dass eines seiner Kinder oder Grosskinder in das noch vermietete Haus einziehen könnte. So wäre für meine Mutter gesorgt, so lange sie zu Hause bleiben könne. Unser Sohn zog dann mit seiner Freundin in das Haus neben meinen Eltern.
Meine Mutter konnte mit 90 Jahren nicht mehr optimal für sich sorgen. Alleine im Haus wurde es auch gefährlich, da es viele Treppen hat. So zog sie in ein Altersheim in der Nähe ihres Wohnortes.
Als meine Mutter mit 97 Jahren im Altersheim starb, sammelten wir alle Fotos aus unserer Kindheit zusammen. Es war uns wichtig, dass diese nicht verloren gingen.
Als Erinnerung an meinen Vater habe ich ein Herz aus Metall, das man öffnen kann. Er hat es mir auf der Reise durch Florida geschenkt.
Von meiner Mutter habe ich eine Halskette mit einer kleinen Uhr, die sie mir zur Geburt unserer Tochter geschenkt hatte. Was ich jedoch von ihrem Zimmer im Altersheim als Erinnerung habe, ist eine kleine Orchidee, die immer wieder blüht.

Meine Eltern teilten uns bereits vor einigen Jahren mit, dass sie im Wald oberhalb von Höngg einen Baum gemietet hätten, unter den sie beigesetzt werden wollten. Ein Grab komme für sie nicht in Frage und ich werde sehen, wie die Hainbuche, unter der er einmal beigesetzt werde wunderbar wachsen werde, meinte mein Vater. Ich akzeptierte ihren Entscheid. Sie meinten, ich sei sicher nicht beglückt, dass sie nicht auf den Friedhof wollten, da ich ja eine "Friedhof-Griite" sei. Ja das ist so. Der Wald ist schön und die Hainbuche bleibt ein Erinnerungsort.
Meine Eltern hatten einen guten Humor. Sie konnten Tränen lachen, was mir auch nicht schwerfällt. Beide waren gesellig und liebten Einladungen bei sich zu Hause und freuten sich genauso, wenn sie eingeladen wurden.

 

 

 

 

 

 






















Meine Grosseltern
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3.  Meine Grosseltern
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Meinen Grossvater väterlicher- wie mütterlicherseits habe ich nicht gekannt. Ich meine, dass ich mich an den Grosätti, den Vater meines Vaters erinnern kann. Jahreszahlbedingt ist es möglich, aber es kann auch sein, dass ich mich an das Erzählte meiner Schwester erinnere. Damals war ich erst zwei Jahre alt.
Mein Grosi, die Mutter meines Vaters jasste leidenschaftlich gerne. Am Sonntag, wenn sie bei uns zum Mittagessen war, begann kurz darauf das Spiel und es konnte durchaus sein, dass es erst gegen 2 Uhr morgens endete, dann, wenn mein Vater für sie ein Taxi bestellte, weil er schlafen musste, da die Arbeit rief.
Auch mein Mann und ich jassten mit meinen Eltern leidenschaftlich. Manchmal übermannte die Leidenschaft meinen Vater. Er verlor ungern ein Spiel. Er war ein guter Jasser. Einmal, als ich einen Fehler spielte und er ausrief meinte ich: "Geht es eigentlich um Leben und Tod? Was soll das?" Er meinte: "Entweder man spielt richtig, oder lässt es sein!" So kam es, dass der Mann meiner Schwester, mein Schwager, den Spieltisch verliess, sich verabschiedete und meinte: "Susanne, ich nehme jetzt das Auto und fahr nach Hause. Du kannst dann später mit dem Zug kommen." Da wachte mein Vater auf und schrieb seinem Schwiegersohn einen mehrseitigen Brief und entschuldigte sich bei ihm.
Mein Grosmueti mütterlicherseits hatte im hohen Alter immer Angst, dass ihr das Geld nicht reichen würde.
Mein Vater unterstützte sie bei der Buchhaltung. Sie fragte ihn immer wieder: "Hans, habe ich noch genug Geld?" Dann öffnete mein Vater die Türe des Stubenbuffets, schaute nach und teilte ihr mit: "Ja, du hast genug Geld, brauche es!" Aber das Geld brauchen war nicht das Lebensmuster meines Grosmuetis. Sie war es gewohnt, sparsam zu leben. So ernährte sie sich von Kaffeebrocken. Um diese Ernährungsweise zu ergänzen, lud man sie immer wieder zum Essen nach Hause ein, nicht nur am Sonntag, nein, wann sie wollte. Als sie noch jünger war, arbeitete sie als Spettfrau bei einem Witwer. Sie lebten im gleichen Haushalt den Grosmueti besorgte. Dieser Mann wollte unser Grosmueti heiraten. Sie wollte nicht mehr heiraten. So gingen die beiden einmal miteinander in die Ferien, und ich durfte mitreisen. Es war Sommer und sehr heiss. Im Garten des Ferienhauses gab es einen Swimmingpool. Mein Grosmueti hatte keine Badehosen und sie fragte mich, ob ich ihr meine ausleihen würde, ich war einverstanden. Sie zog diese hinter der Türe an und musste so lachen, dass sie beinahe auf den Boden fiel. Mein Grosmueti war gut beleibt und ich ein "Spränzlig". So ging sie baden, aber als ich die Badehose wieder anziehen wollte, war diese viel zu gross. Als ich dies meiner Mutter erzählte, schüttelte sie nur den Kopf.

 

 

 










Kindergartenjahre
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4.  Kindergartenjahre
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Im Kindergarten hat es mir sehr gut gefallen. Einmal war ich die Maria beim Krippenspiel. 


Mein Kindergartenweg führte an einer stark befahrenen Strasse entlang, die ich überqueren musste, was aber nie ein Problem war. Meine Kindergärtnerin war für mein Empfinden eine alte Frau. Sie war ledig und wohnte in der Nähe des Kindergartens. Sie lebte für ihren Kinder-garten. Wenn man etwas gut gemacht hatte, bekam man in einem kleinen Schäleli Weinbeeren, die man zuerst waschen musste und dann genüsslich essen durfte. Es war etwas ungerecht, dass immer die braven Kinder, zu denen ich gehörte, Weinbeeren erhielten.
Wir liefen oft zum «Eichhörnliweg» im Wald beim Bucheggplatz. Dort erhielten wir von der Kindergärtnerin Haselnüsse, die wir in der ausgestreckten Hand den Eichhörnli füttern durften. Das kitzelte jedes Mal, wenn die Tierli sich mit ihren Krallen an meiner Hand festhielten.
Zu Hause hatten wir unsere Katze, den Peter. Eine Zeit lang schwammen zwei Goldfische in einem runden Aquarium, das mit Gold verziert war und auf dem Stubenbuffet stand. Die Katze wollte die Fische immer fangen, was ihr aber nicht gelang. Irgendeinmal wurden die Fische in einem Teich ausgesetzt, da sie viel zu wenig Platz hatten und immer im Kreis herumschwimmen mussten. Dann kamen Hamster, die für Kinder nicht besonders geeignet waren. Auch einen Wellensittich umsorgte meine Mutter, der im Freien herum hüpfte. Sie richtete ihm einen Käfig ein, gab ihm den Namen Bobeli und sprach immer wieder mit ihm. So lerne er sprechen und sagte: "Ja, ja, liebe Bobeli." Er liebte sein Glöggli im Käfig und stupfte immer wieder mit seinem Schnabel daran, damit es klingelte. Einmal, als er wieder frei herumflog, war das Fenster in der Stube offen und Bobeli flog hinaus auf den grossen Tannenbaum unseres Nachbarn. Meine Mutter rief immer wieder: "Bobeli chum, Bobeli chum." der zwitscherte vor sich hin und wippte mit dem Körper. Dann kam ihr die Idee, sein Glöggli zum Einsatz zu bringen. Flatter, Flatter und Bobeli war wieder zu Hause.

 

 

Krankheiten und Unfälle
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5.  Krankheiten und Unfälle
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Ich erinnere mich an Kinderkrankheiten, die jedes Geschwister dem anderen weitergab. So waren wir abwechslungsweise Wochen krank zu Hause im Bett.
Angina hatte ich oft, begleitet mit sehr hohem Fieber. Unser Kinderarzt, Doktor Siebenschein, kam oft an mein Krankenbett. Mit etwa 15 Jahren wurden mir die Mandeln herausoperiert. Da hatte ich keine Halsschmerzen mehr.
Als kleines Kind, als ich laufen lernte, hatte ich O-Beine. Im Balgrist erhielt ich zwei Gipse an den Beinen, die oben geöffnet waren. Diese Gips-Schienen musste ich jede Nacht tragen. Meine Mutter verband meine Beine, damit die Schiene hielt. So wurden meine Beine mit der Zeit gerade. Später hatte ich einen Abstand in den Kniegelenken, die man im Balgrist operieren wollte. Ich hatte so Angst vor dem Spital, dass ich hohes Fieber bekam und nicht operiert werden konnte. Da im Balgrist lange kein freier OP-Termin zur Verfügung stand, mussten die Ärzte nochmals röntgen. Da war kein Abstand mehr in den Kniegelenken zu sehen.
Krank sein war bei meiner Mutter immer schön, aber erst wenn es mir besser ging.
Unfälle gab es bei meinen Brüdern, jedoch meistens nur kleinere. Aber da war dann jeweils eine Ecke der Zahnschaufel weggebrochen, wenn sie etwas wild im Freien spielten.





















I
Wohnen
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6.  Wohnen
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Seit dem zweiten Lebensjahr wohnte ich im gleichen Haus. Als meine Schwester in England war, bewohnte ich das Mansardenzimmer. Von dort aus sieht man direkt auf den Üetliberg. In diesem Haus wohnt nun unser Sohn mit seiner Familie, und ich kann diese Aussicht immer wieder geniessen, wenn ich die Grosskinder hüte.
Zuerst schlief ich im Mädchenzimmer und als der Estrich ausgebaut war, zog ich hinauf neben meine Schwester. Sehr schön fand ich es, wenn ich Zeit hatte und auf dem Bauch liegend auf dem Bett lesen konnte. Wenn es dann draussen regnete und die Regentropfen auf das Hausdach und die Fensterscheibe trommelten, war die Lesestimmung perfekt.
Die Platzverhältnisse im Vergleich zu späteren Wohnsituationen in meinem Leben waren grosszügig, auf mehrere Stockwerke verteilt. Es war gemütlich im Hause.
In meiner Kindheit hatten wir nur eine Toilette und das Badezimmer war im untersten Stock. Nach dem zweiten Umbau, bevor unser Sohn mit seiner Freundin ins Haus einzog, wurde im oberen Stock bei den Schlafzimmern noch ein Bad mit Toilette eingebaut. Unsere Eltern zogen dann in das Nachbarhaus, das sie dazukauften und renovierten.
Unsere Küche war bis vor dem Umbau mit einzelnen Geräten und Küchenmöbeln eingerichtet. Da stand ein kleiner Kühlschrank, daneben ein elektrischer Kochherd. Danach folgte der Ausguss, der mit einem kleinen Anbau die Lücke zum Kochherd schloss. Vis-à-vis stand ein grosses Küchenbuffet, dann eine Eckbank und ein Tisch mit Stühlen. Gekocht wurde ohne elektrische Küchenhilfen, wie Mixer. Viel war Handarbeit, ich denke da an den Kartoffelstock, den es jeweils am Sonntag zum Braten gab. Die gekochten Kartoffelklötze wurde mühsam durch ein Passevite zu Püree passiert. Der schmeckte vorzüglich. Meine Mutter war eine gute Köchin. Jeden Freitag gab es Frucht- und Käsewähen. Für meinen Vater bereitete meine Mutter eine Ecke mit Zwiebeln und Käse vor. Das liebte mein Vater, wir anderen aber nicht. Später kam dann ein Mixer in den Haushalt und der Rahm musste nicht mehr von Hand mit dem Schwingbesen steif geschlagen werden. Auch ein Dampfbügeleisen mit einem Bügelbrett gab es noch nicht in unserem Haushalt. Auf den Küchentisch wurde eine Wolldecke mit einem Leintuch daraufgelegt. Auf dieser Unterlage wurde gebügelt. Die Hosen meines Vaters wurden mit einem feuchten Tuch gedämpft, das zwischen die Hose und das heisse Bügeleisen gelegt wurde. Die Hemden wurden mit Wasser eingespritzt, gerollt und erst dann gebügelt. Eine Waschmaschine hatten wir schon bald, aber einen Tumbler gab es nie.
Mit den Nachbarn und deren Kindern hatte ich ein gutes Verhältnis. Sie waren jedoch einiges älter als ich. So spielte ich vor allem mit meinen Brüdern. Später, als wir etwa in der Mittelstufe waren, durften meine Brüder und ich an einem Sonntag, wenn es regnete alleine das Landesmuseum besuchen. Wir mussten unserer Mutter versprechen, dass wir aufeinander aufpassen. So besuchten meine Brüder immer die diversen Glocken und ich die Puppenstuben.
Nachdem ich mein Elternhaus verlassen hatte, wohnte ich immer in Wohnungen. Ein paar Jahre vor meiner Pension meldeten wir uns bei einer Baugenossenschaft für das Wohnen im Alter an und zeichneten Anteilscheine für eine 3,5 Zimmerwohnung. In unserer letzten Wohnung waren wir auf ein Auto angewiesen. So beschlossen wir, dass wir nur wegziehen werden, wenn wir eine Wohnung direkt beim Bahnhof finden würden. Sechs Monate vor meiner Pensionierung erhielten wir eine Wohnung, in der es uns sehr gut gefällt. Das Ziel war, ab- und nicht aufbauen mit den Möbeln und dem Hausrat. Das ist uns gut gelungen. Es sind zwei Häuser dieser Baugenossenschaft, in der wir nun die jüngsten sind.
In unserem Haus befindet sich ein grosser Raum mit einer Küche. Dort finden ca. acht Mal im Jahr gemeinsame Essen statt, die von einer Arbeitsgruppe vorbereitet und gekocht werden. Der Situation entsprechend haben sich alle auf uns gefreut, und mein Mann und ich sind nun aktiv am Mitgestalten, was Freude bereitet.
Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Ambulanzen, die jeweils mit Blaulicht und Sirene vorfahren, wenn eine Nachbarin oder ein Nachbar ein medizinisches Problem hat. Es gibt Zeiten, an denen die Ambulanz mehrmals im Tag hier ist. Das stimmt mich jeweils nachdenklich. Klar ist, dass auch ich älter werde, aber so genau möchte ich nicht vor Augen geführt bekommen, was da noch alles kommen könnte. Die Spitex und der Mahlzeitendienst sind täglich hier. Somit denke ich nicht an einen späteren Einzug in ein Altersheim.










Primarschulzeit
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7.  Primarschulzeit
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An meinen ersten Schultag kann ich mich nicht mehr erinnern. Mein Schulweg führte über Pflastersteine aufwärts bis zum Schulhaus Milchbuck. Lesen und Schreiben lernte ich mit dem Aufschreiben der einzelnen Buchstaben und das seitenweise im Schreibheft. Neben mir sass ein sehr grosser Junge, der Koni. Vor mir, links aussen sass Adrian, der immer 6er in den Prüfungen schrieb. Die Lehrerin, Fräulein Fischer, mochte ich gerne. Sie trug immer einen grauen Jupe und eine hellblaue Bluse, alles sehr pflegeleicht und etwas uniformhaft. Sie war im FHD aktiv, und meine Mutter kannte sie von den Schweizerischen Turnfesten. Fräulein Fischer konnte sehr schöne Zeichnungen auf der Wandtafel malen, so zum Beispiel eine um die Osterzeit mit Hasen, Ostereiern und blühenden Frühlingsbäumen. In einem meiner Fotoalben ist diese Klassenfoto mit den Hasen im Hintergrund auf der Wandtafel.




Der Unterricht wurde frontal erteilt, ohne Gruppenarbeiten. Das Fach Rechnen, so hiess das damals, liebte ich. Wenn eine Rechnung aufging, wusste ich, dass das Ergebnis richtig war. Im Fach Deutsch, Lesen und Schreiben war ich nicht sehr gut. Im Rückblick würde ich meinen, dass ich unter einer Legasthenie litt. Ich übte die Diktate mit meinen Eltern, was aber nicht viel half. So war ich eine 4-5 Schülerin. Meine Eltern nahmen mein Zeugnis so, wie es war. Es leiste jeder Mensch das, was er kann, meinten sie. Wichtig war ihnen aber der Eintrag: Betragen, Fleiss und Pflichterfüllung. Der musste gut sein. Das sei etwas, das zu erreichen sei. Da kam ich immer gut weg.
In meiner Nachbarschaft wohnten vorwiegend junge Erwachsene. Zwei gleichaltrige Mädchen wohnten in meiner Nähe. Eine davon war Gabi, meine Schulfreundin.
In der 4.- 6. Kasse war ich wieder bei einer Lehrerin, dem Lilli Albrecht. Das Lilli, das einmal meinem Vater begegnete und damals im gleichen Haus wie er wohnte. Sie war eine gute Lehrerin. Immer am Samstagmorgen las sie uns aus dem Buch "Die Turnach-Kinder im Sommer und im Winter" vor. Dabei klapperte sie andauernd mit ihren drei Armreifen. Dieses Vorlesen fand in der Stunde statt, in der Biblische Geschichte hätte unterrichtet werden sollen. Mir gefielen die Vorlesestunden sehr gut.
Wenn wir uns nicht an die Regeln hielten, konnte es sein, dass es eine Strafaufgabe gab. Das hiess, Texte abschreiben. In der 6. Klasse hatten wir das Fach Naturkunde. Einmal erklärte uns die Lehrerin, dass der Mäusebussard eine Maus herunterwürgt, so verdaut und die Knochen durch das Fell umwickelt wieder aus dem Rachen auswirft. Solche Gewölle seien unter Bäumen zu finden, auf denen die Vögel sässen. Da wusste ich, dass es oberhalb von Höngg, in der Nähe des Schiessplatzes eine grosse Tanne gibt, auf der ich  Mäusebussarde landen sah. So ging ich nach der Schule um 12 Uhr schnell nach Hause und erklärte meiner Mutter, dass ich jetzt sofort das Gewölle unter dem beschriebenen Ort holen wolle. Ich nahm eine leere Stumpen-Schachtel meines Vaters und eine Pinzette mit. Zudem steckte mir meine Mutter noch einen Lunch zu. Dann ging ich los, fand Gewölle unter den Baum und machte mich sogleich wieder auf den Rückweg, direkt in die Schule. Die Lehrerin war begeistert. Wir nahmen die Fellkugeln mit den Pinzetten auseinander und legten die Knochen der Maus nebeneinander. Das Skelett der Maus war komplett. Der Schädel war gut ersichtlich.
Einmal hatten wir das Thema Blumenzeichnen. Wir hatten die Aufgabe, unsere Lieblingsblume in die Schule mit zu bringen und zu zeichnen. Ich brachte eine violette Schwertlilie aus unserem Garten mit. Die zeichnete ich, was mir sehr gut gelang.
In der Mittelstufe besuchte ich regelmässig die Pestalozzi Bibliothek in der Beckenhofanlage. In diesen Räumlichkeiten war es immer sehr ruhig, beinahe mystisch. Die Bibliothekarinnen konnten mich gut beraten und empfahlen mir jeweils spannende Bücher.

 

 












Oberstufe
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8.  Oberstufe
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Ende der 6. Klasse war mein Notendurchschnitt so, dass ich in die Sekundarschule wechseln konnte, dann aber eventuell Mühe hätte. Oder ich konnte ein Jahr die Realschule besuchen und dann in die Sekundarschule wechseln, was ich dann tat. In der Realschule war ich aber schnell unterfordert und wechselte nach einem Jahr in die Sekundarschule.
In Französisch hatten wir jeweils Sprachlabor, das mir gut gefallen hatte. Dort lernten wir Französisch sprechen. Unser Lehrer war der Pionier des Sprachlabors im Schulhaus Milchbuck.
Im Französischunterricht im Klassenzimmer lobte er uns nie, wenn wir etwas richtig beantworteten. Wenn die Antwort jedoch nicht stimmte, rief er aus. Seine Nerven waren nicht mehr die besten. Manchmal wurde er so wütend, dass er einen Radiergummi durch die Klasse schmiss und das Klassenzimmer wütend verliess. Bis zur Pause sahen wir ihn nicht mehr, was uns auch nicht störte.
In den Fächern Mathematik wechselten die Lehrpersonen. Zuerst hatten wir einen Lehrer, den ich sehr bewunderte. Leider gab er seinen Beruf auf und wechselte in den digitalen Bereich. Danach kamen und gingen die Lehrkräfte häufig.
Im 2. Jahr der Sekundarschule gingen wir in ein Klassenlager. Auf dem Weg dorthin besuchten wir die Kirche in Zillis, die bekannt durch ihre Holzdecke mit den Darstel-lungen von Biblischen Figuren und Biblischen Geschichten ist. Da alle Schülerinnen und Schüler einen Vortrag vorbereiten mussten, vertiefte ich mich in die Geschichte der kunstvollen Decke in Zillis und hielt dort einen Vortrag. Alle Beteiligten hatten einen Spiegel zur Verfügung, die in der Kirche bereit lagen. Damit konnten die Deckenbilder gut betrachtet und erklärt werden.
Einige Jahre später hatten wir ein Klassentreffen, an dem unser Französischlehrer teilnahm. Ich fand ihn richtig nett und viel entspannter als in seiner aktiven Lehrerzeit.
Ich wusste bereits anfangs des 3. Sekundarjahres was ich werden wollte. Ich strebte einen sozialen Beruf an. Der Einführungskurs für soziale Berufe VSA begann bereits im Frühling. Bevor ich diesen besuchen konnte, musste ich die "Rüebli-RS" besuchen. Dieses Haushalt-Obligatorium fand ich nicht so übel, wie mir immer erzählt wurde. Somit konnte ich die Sekundarschule bereits ein paar Monate vorzeitig verlassen.
In dieser Zeit trafen wir Jugendlichen uns in der JK, der Jungen Kirche, den Thomanern, so hiess die Jugendgruppe. Die Treffen fanden in einem Jugendraum unterhalb der Kirche Letten einmal in der Woche statt. Wir unternahmen Ausflüge, leisteten soziale Einsätze und verbrachten Wochenenden in Itelfingen am Zugersee. In dieser Zeit verliebte ich mich in Werni, der auch an den Aktivitäten der JK teilnahm.

 

 











Meine Freizeit
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9.  Meine Freizeit
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In meiner Freizeit nähte ich mir meine Kleider selber. Das heisst, ich trug immer dunkelblaue Jeans und das Oberteil nähte ich mir. Ich konnte es nicht haben, mit einem T-Shirt oder einer Bluse, die jede trug herumzulaufen. Vor allem Kleider mit Aufdrucken fand ich schrecklich und bin auch heute immer noch ungern "angeschrieben". 
Während der Sommerferien arbeitete ich in einer Migros, füllte Gestelle auf, rüstete Gemüse und tippte an der Kasse das Gekaufte ein. Das war eine anstrengende, aber auch lehrreiche Tätigkeit, die mein Taschengeld aufbesserte.
Meine Freizeit verbrachte ich in der Jugendgruppe und mit meinem Freund. Als ich jedoch den Vorkurs des VSA beendet hatte, begann mein Vorpraktikum im Waisenhaus in Oberwinterthur. Das dauerte ein Jahr, und ich lernte dort in jedem Bereich zurecht zu kommen. Ich musste im Wirtschaftsraum, in dem Kleider geflickt und Wäsche gebügelt wurden, jeweils am Montagmorgen Knabenhemden perfekt bügeln. Das hiess faltenfrei und alle, bis 11:45 Uhr. Dann erschien die Frau des Heimleiters und kontrollierte die Hemdenbeige. "Ja, das gibt noch keine 6, aber ein 5-6", was mir vollauf genügte. Später musste ich für alle Kinder und Erwachsenen, die am Wochenende im Heim blieben das Mittagessen kochen. Es gab unter anderem Cordon bleu, die ich im grossen Kipper anbraten musste. Das waren etwa 12 panierte Fleischstücke. Die Wärme des Kippers war nicht gut zu steuern. Entweder ging es lange, bis eine gute Hitze vorhanden war, oder die Hitze konnte nur schlecht reduziert werden. Eine Bratpfanne kann weggestellt werden, ein Kipper zum Anbraten von Fleisch ist fest montiert. So brannten die Cordon bleu an und der Sonntagsschmaus war nicht mehr sonderlich geniessbar.
Im zweiten Halbjahr meines Praktikums arbeitete ich in einer Gruppe mit acht Knaben, die nicht unbedingt pflegeleicht waren.                                                                              Die Wohngruppenleiterin hatte einen Leguan in einem Terrarium, der ihr gehörte. Jede Woche musste ich das Terrarium reinigen. Der Leguan war nicht mein Lieblingstier und ab und zu fitzte er mir eine mit seinem langen Schwanz. Ende der Praktikumszeit erhielt ich die Empfehlung für eine Ausbildung im Heimbereich.
Damals ging auch die Freundschaft mit Werni auseinander. Ich fühlte mich nicht mehr frei, hatte auch nicht mehr viel Freizeit, um mich in Zürich mit ihm zu treffen. In dieser Zeit hörte ich Musik der Rolling Stones, Beatles etc. und dies immer sehr laut.
Nach dem Vorpraktikum begann meine Ausbildung an der Frauenschule Bern. Damals hatte ich viel Fachliteratur zu lesen, was ich spannend fand.

 

 

 











Beziehungen als Teenager
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9.1.  Meine Freizeit – Beziehungen als Teenager.
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Um überhaupt in den Ausgang gehen zu können, half mir der Deckmantel «Kirchliche Jungendgruppe». Ich hatte immer wieder einen Freund, jedoch nicht für ewig sondern für eine Zeit, solange es stimmte.
In dieser Zeit kam ich auch mit diversen Musikstilen in Kontakt. So hörte ich Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan, Pink Floyd, Santana, Janis Joplin usw. Später Tina Turner und Joe Cocker. Bei den Songs von Tina Turner "Proud mary", Joe Cocker "You can leave your hat on" und Steppenwolf "born to be wild" konnte ich nicht mehr ruhig sitzen; meine Lieblingssongs.
Mit der Jugendgruppe verbrachten wir schöne Wochen-enden in Itelfingen am Zugersee. Wochenende über Ostern und Pfingsten gehörten dazu. Dort befindet sich ein Haus der Kirchgemeinde Wipkingen, das nun renoviert und Eigentum der Reformierten Kirche der Stadt Zürich ist.











Beziehungen als Volljährige
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9.2.  Meine Freizeit – Beziehungen als Volljährige.
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Später, als ich meine erste Stelle als ausgebildete Sozialpädagogin antrat, lerne ich meinen Mann kennen, der ebenfalls im gleichen Heim arbeitete. Er hatte die Schule für Soziale Arbeit, Zürich abgeschlossen und bereits einen Arbeitsvertrag in Basel unterschrieben.
Ich wollte jedoch nicht wieder weg von Zürich, da ich ja erst von Bern gekommen war. Also führten wir eine Fernbeziehung mit zwei Arbeitsplänen und unregelmässigen Arbeitszeiten. Das fanden wir nach einem halben Jahr nicht mehr toll, und mein Mann fand eine schöne Altwohnung in Grossbasel.                                                                            Damals wurde er noch gefragt, ob wir verlobt seien und heiraten würden. Dem konnten wir zustimmen. Also kündigte ich meine Stelle nach den Sommerferien in Zürich und zog nach Basel.
Zuerst nahmen wir uns eine Auszeit und bereisten Griechenland mit Zelt und Campingkiste in unserem alten Ford. Im Herbst begann ich dann meine Arbeit im Bürgerlichen Waisenhaus in Basel.

 










Meine besten Freunde bzw. Freundinnen
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10.  Meine besten Freunde bzw. Freundinnen
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Wir haben immer noch Freunde aus meiner Zeit mit der Jugendgruppe. Meine Freundin lernte ich in der Frauenschule Bern kennen. Wir pflegen bis heute immer wieder Kontakt. Zudem bestehen Freundschaften aus den Arbeitsbereichen von meinem Mann und mir.
Aus unserer Zeit in Zürich, Basel, Meilen, Regensberg und nun in Dielsdorf bestehen gute Freundschaften. Mit den einen oder anderen verbringen wir jeweils Ferien auf der Insel Amrum oder im Engadin.










Lehr- und Wanderjahre
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11.  Lehr- und Wanderjahre
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Ich freute mich auf das Leben nach der obligatorischen Schulzeit. Als ich dann im Vorpraktikum im Waisenhaus in Oberwinterthur arbeitete, bewarb ich mich für einen Ausbildungsplatz an der Frauenschule Bern, höhere Fachschule, Ausbildung zur Heimerzieherin.
Ab 1990 wurde mir empfohlen, mich als Sozialpädagogin zu bezeichnen, da sich der Berufsverband für die Anerkennung div. Ausbildungsrichtungen einsetzte. Ca. ab 1978 wurde die Ausbildung an der Frauenschule Bern als Studium anerkannt.                              Es hätte noch die Möglichkeit einer Ausbildung am Bodensee, an der Rorschacher Schule gegeben. In meinem Vorpraktikum war ein Ehepaar im Ausbildungspraktikum, das an der Rorschacher-Schule in der Ausbildung war, die immer mit der Bibel unter dem Arm herumliefen. Das schreckte mich so ab, dass ich mich für die Frauenschule Bern entschied.  Dazu benötigte ich eine Empfehlung der Heimleitung aus dem Vorpraktikum. Zudem musste ich an eine Aufnahmeprüfung nach Bern reisen. Ein Teil der Aufnahmeprüfung war das Bewegen nach Musik, was mir total zusagte. Während der ersten Zeit in der Ausbildung wohnte ich in Bern Bümpliz bei einer alten Frau in einem Zimmer. Das war eher langweilig, und ich konnte zu einer Schulkollegin nach Bern Bremgarten ziehen, die in einem Haus bei ihren Eltern wohnte.
Im 1. Ausbildungsjahr besuchte ich täglich die Schule. Der Schulstoff begeisterte mich, ich ging sehr gerne in diese Schule. Nebst Pädagogik, Methodik, Soziologie, Psychologie, Biologie, Staats- und Rechtskunde, gab es auch Deutsch und Französisch zu besuchen. Zudem waren die Fächer Singen, Musizieren, Gymnastik, Rhythmik, Werken, Zeichnen, Malen, Spiele, Puppenspiele, Theaterspiele, Handarbeit, Haushaltpflege und Kochen zu belegen.
Am Ende des 1. Ausbildungsjahres mussten wir uns entscheiden, ob wir Heimerzieherin oder Lehrkraft für praktisch auszubildende Kinder lernen wollten. Ich entschied mich für Heimerziehung. So wechselte ich im 2. Ausbildungsjahr ins Praktikum ins Knabenheim "Auf der Grube", Dentenberg BE. Dort zeigte es sich, dass ich methodisch-didaktisch gut unterwegs war. Ich musste z.B. eine Gruppe Jugendliche dazu motivieren, im ehemaligen "Wöschhüsli" Kartoffeln zu rüsten, was die Knaben nicht besonders begeisterte. Aber es gelang, die Kartoffeln wurden gerüstet.
Jede Woche nahm ich an einem Schultag an der Frauenschule Bern teil. Im 2. Halbjahr besuchte ich die Frauenschule wieder ohne Praktikumsunterbruch. Im 3. Ausbildungsjahr wechselte ich für ein halbes Jahr in ein Wohnheim zu körperlich und teilweise auch geistig behinderten Kindern.
Meine Diplomarbeit schrieb ich in dieser Zeit und wohnte dann noch ein halbes Jahr in der Länggasse in Bern in einer Mansarde. In dieser Zeit schrieb ich meine Diplomarbeit zum Thema: "Webarbeit mit zwei körperbehinderten Kindern". Ich begann mehrmals von neuem mit der Arbeit, wechselte das Thema und liess mich an der Frauenschule beraten. Das war eine intensive Zeit, die mich körperlich und psychisch an die Grenze brachte. Schwierig war, so zu schreiben und zu dokumentieren, dass die Lesenden verstanden, um was es mir ging. Die Diplomarbeit gelang gut und freut mich heute noch. Auch gesundheitlich erholte ich mich wieder vollständig.
Unser Schulleiter war zuvorkommend und väterlich. Er wusste immer, wo die einzelnen Schülerinnen und Schüler standen, förderte und unterstützte uns. In unserer Klasse hatte es erst zwei Schüler unter vielen Frauen.
Später, als ich Hausfrau und Mutter von zwei Kindern war, bildete ich mich immer wieder weiter aus. Zuerst als Religionslehrerin und später, als ich wieder in die
sozialpädagogische Arbeit einstieg, in dieser Sparte.

 

 

Armee
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12.  Armee
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In unserer Zeit in Meilen fragte mich unser Nachbar, ob ich mich im Zivilschutz aktiv betätigen würde. Ich könne dann einen Kurs in Erster Hilfe absolvieren. Das fand ich lehrreich, da mein damals besuchter Erste Hilfe Kurs bereits einige Jahre zurücklag. So besuchte ich die Zivilschutztage.
Als wir dann nach Regensberg zogen, musste ich in die Zivilschutzanlage unterhalb des Bezirksgefängnisses einrücken. Wir lernten eine Triage durchführen, welcher Patient wann wo an der Reihe war. Auch das Öffnen und Schliessen der Eingangsschleuse musste genau nach Vorschrift durchgeführt werden, ohne dass Emissionen in die Notunterkunft hätten gelangen können. Nun stellte sich später heraus, dass die Schleuse nicht dicht war.
Eine weitere Aufgabe war, im unterirdischen Notspital die OP-Besteck-Sets zu sterilisieren. Wir begannen dies nach Vorschrift zu tätigen und wollten nach Beendigung des Vorganges das Sterilisiergerät öffnen, was aber auf keine Art und Weise möglich war. Wir probierten und probierten. Am Schluss teilte ich dem Kurs-Arzt mit, dass für mich der Zivilschutzdienst abgeschlossen sei, wenn wir da keine vernünftigeren Aufgaben zu erledigen hätten. Siehe da, es wurde ein Ausflug mit den Bewohnenden des Stöcklis organisiert - etwas sehr Sinnvolles.
Das Beste, was ich lernte war eine Triage machen, etwas das ich im Leben auf verschiedenen Ebenen anwenden konnte und immer noch kann. Was ist wichtig - was ist zweitrangig?





Arbeiten
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13.  Arbeiten
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Das Arbeiten bei Menschen mit Behinderungen fand ich schön aber auch streng. Die unregelmässigen Arbeitszeiten störten mich nicht besonders, ausser, dass ich mich dadurch weniger mit meinen Freunden treffen konnte, die einer regelmässigen Arbeitszeit nachgingen.
Besonders schwierig war, Geduld aufzubringen. Das heisst, warten, bis jemand ein Wort sprechen oder die noch möglichen Aktivitäten durchführen konnte. Es kribbelte jeweils in meinem Bauch, aber ich habe «das geduldig sein» gelernt. 
Mein erster Lohn an meiner Arbeitsstelle nach Abschluss meiner Ausbildung musste gut eingeteilt werden. Die erste Wohnung, eine 1,5 Zimmer Wohnung und die anzuschaffende Wohnungseinrichtung kosteten genug. So besass ich zuerst nur ein neues Bett, einen Stuhl und einen runden Tisch aus der Brockenstube.


Beruf oder Berufung?
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13.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.
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Zuerst arbeitete ich bis zur Schwangerschaft mit unserem ersten Kind in Kinderheimen. Als sich unsere Familie mit dem zweiten Kind vergrösserte, war ich in der kirchlichen Jugendarbeit tätig. Damals arbeitete mein Mann in der offenen Jugendarbeit als Gemeindehelfer für die Kirchgemeinde Meilen. Wir führten jeweils Samstagnachmittag-Programme mit Kindern durch und leiteten Lagerwochen mit Kindern und Jugendlichen. Damals wurde ich vom Jugendpfarrer angefragt, ob ich Sonntagschule erteilen möge. Oh je, dachte ich, ich bin doch nicht so fromm, sagte aber schlussendlich zu. Damals teilten meine Nachbarin und ich uns die Sonntage auf. So war es gut machbar und mit den Kindern keine Belastung. Die Vorbereitungsabende zu den einzelnen Lektionen waren sehr lehrreich, spannend und horizonterweiternd. Das lag jedoch an der Pfarrperson und dessen theologischer Ausrichtung.
In dieser Zeit führte diese Kirchgemeinde mit dem Jugendpfarrer den 3. Klass-Unti als Pilotprojekt ein. Das fand ich genial und das Beste, was die Reformierte Kirche des Kanton Zürich je anbot. Für mich stand fest, dass ich diese Ausbildung machen werde.
Als wir Meilen verliessen und mein Mann wieder in die geschlossene Jugendarbeit wechselte, zogen wir nach Regensberg. Dort angekommen wurden wir gleich angefragt, ob sich einer von uns in die Kirchenpflege der Reformierten Kirche Regensberg wählen lassen wolle. Mein Mann meinte, dass das doch etwas für mich sei, was ich eine gute Idee fand. So arbeitete ich elf Jahre in der Kirchenpflege, mit dem Ressort Jugendarbeit, die ich auch gleich in die Praxis umsetzte.
Die Sonntagsschule war ein Auslaufmodell, da die Familien mit ihren Kindern jeweils am Sonntagmorgen brunchten. So trafen wir uns, das heisst sozusagen alle Kinder aus Regensberg, am Freitagabend nach der Schule im grossen Raum des Pfarrhauses. Nachdem wir miteinander Zvieri gegessen hatten, erzählte ich den Kindern eine Biblische Geschichte, und danach spielten wir meistens noch im Freien. Das war jeweils ein Riesenfest. Die Kinder kamen so zahlreich, weil sie auch dabei sein und dazugehören wollten. In dieser Zeit führte ich auch Sommerlager mit den Kindern durch. So waren wir zum Beispiel auf dem Üetliberg im Pfadfinderhaus, oder im Jura, in Les Enfers. Es gab immer ein Lagerthema, und Mütter oder ältere Geschwister der Kinder halfen bei der Lagerleitung mit.
Dann begann ich mit dem Theologiekurs für Erwachsene der drei Jahre dauerte und später mit der Ausbildung zur 3. Klass-Unti-Katechetin. Im Wehntal und den umliegenden Gemeinden im Zürcher Unterland führte ich den 3. Klass-Unterricht nach und nach ein. Dann kam die Anfrage, Biblische Geschichte von der 1.-6. Klasse zu erteilen. Dazu konnte ich am Pestalozzianum Zürich eine Ausbildung abschliessen. Diese Unterrichtsstunden bereiteten mir grosse Freunde. Jede Lektion bereitete ich sorgfältig vor und passte sie ein Jahr später immer wieder den Bedürfnissen der Kinder an. Eine spezielle Herausforderung war das Erteilen des Unterrichtes im Heilpädagogischen Bereich. Da war viel Vorbereitung und gute Ideen gefragt. Ich liebte diese Stunden. Diese Tätigkeit passte sehr gut zum Familienablauf. Wenn unsere Kinder in der Schule waren, konnte ich unterrichten und war dann wieder bei ihnen, wenn sie nach Hause kamen. Später absolvierte ich eine drei jährige Ausbildung zur Gemeindepädagogin. Die berufsbegleitende Ausbildung war als  Zusatzausbildung zu verstehen, die eine qualifizierte Grundausbildung in Theologie/ Religionspädagogik oder in Pädagogik/Erwachsenenbildung voraussetzte. Meine Abschlussarbeit hatte das Thema: Das Dritte Reich/Judenverfolgung. Dazu besuchte ich 2023 die Ökumenischen Kirchentage in Berlin. In den fünf Tagen musste ich genau planen, was ich wann und wo besuchen konnte, da ja bereits zwei Tage für die An- und Heimreise wegfielen.
Stunde des Gedenkens am Ort der Deportation: Bahnhof Grunewald, Gleis 17. Organisiert wurde der Anlass vom Bonhoeffer-Haus, der jüdischen Gemeinde, Aktionen/Friedensdienst und der Evangelischen Gemeinde Grunewald. Das war eine tief beeindruckende Feier mit Lesungen von Namen Deportierter, Gedanken zum Geschehen an diesem Ort und einer Kranzniederlegung an der Rampe.
Als ich auf dem Weg zur Gedenkfeier war und beim Bahnhof Grunewald die Treppe zum Gleis 17 hochstieg, fand ich keinen Bahnsteig vor, mit Gleisen rechts und links und in der Mitte ein Perron. Ich sah nur Schottersteine und auf der rechten Seite Bäume, hinter denen sich das Gleis 17 befand. Gedenktafeln, je 93 auf jeder Seite umrahmen Gleis 17. Auf den Gedenktafeln stehen das Jahr, die Anzahl der Menschen und der Ort, der Deportation. Mich berührte dieser Anblick tief. Die Zahlen der Menschen, die ermordet wurden ist grauenhaft. Dass Juden im Morgengrauen hier in Güterwagen verladen und in den sicheren Tod gefahren wurden, ist unverständlich. Zwei ältere, jüdische Männer, die das KZ überlebten, erzählten eindrücklich aus dieser Zeit. Einer dieser Männer erzählte, dass er mit seinem Vater ins KZ Sachenhausen kam, von dort aus im September 1939 nach England flüchten und so dem sicheren Tod entkommen konnte. Etwas, das er nie vergessen könne. Eva  Nickel, die ihre beiden Schwestern verloren hatte, sprach eindrücklich darüber, dass sie keine Schuldzuweisung machen will. Sie wolle nur eine Brücke bauen - Politik - Rassismus, das sei immer noch ein Thema, das nicht vergessen werden dürfe. Auf drei Dingen ruhe die Welt: Wahrheit, Recht, Frieden. Die Verantwortung müsse erkannt und ergriffen werden. Das Ziel sei der Kampf für eine friedliche Zukunft.
Am Abend besuchte ich ein Oratorium: Jakob, ein getanztes Oratorium nach Motiven von Thomas Mann, Uraufführung. das Oratorium wurde unter freiem Himmel aufgeführt.
Der Chor, Jugendkantorei der Braunschweiger Domsingschule und Choralchor St. Johannis, Rostock und ein Orchester mit Mitgliedern des Braunschweiger Dom-Sinfonie-Orchesters, sowie einem Tanzprojekt des Ratsgymnasiums Minden beteiligten sich an der Aufführung. Der Chor sang eindrücklich und die Geschichte von Jakob und seinen Brüdern wurde durch den Ausdruck des Tanzes verständlich dargeboten.
Weiter besuchte ich das Bonhoeffer-Haus und verfasste eine Zusammenfassung seines Buches "Widerstand und Ergebung" mit Briefen und Aufzeichnungen aus seiner Haft. 
Der alte jüdische Friedhof mit seinen vielen Steinen auf engem Raum gebaut beeindruckte mich. 
Das Thema Judentum thematisierte ich immer wieder in den Unterrichtsstunden der Biblischen Geschichte. Die Geschichte von Anne Frank eignete sich in der Mittelstufe gut als Lehrmittel.
Als unsere Kinder älter waren, und ich für 45 Minuten jeweils mein Auto aus der Garage fahren und ins nächste Schulhaus fahren musste, bewarb ich mich auf eine Stelle im Heim für Cerebral-Gelähmte, der heutigen Stiftung Vivendra. Diese Stelle befand sich in einem Aussenhaus der Stiftung, in der Gemeinde Bachs. Das Riegelhaus steht im kleinen, ländlichen Dorf, das umgeben von Bauernhöfen liegt. In einer Wohngruppe mit sechs mehrfach behinderten Frauen war meine neue Arbeitsstelle. Die Arbeit war herausfordernd. Nebst körperlicher war auch geistige und psychische Behinderung ein Thema.
Nach einem Jahr in der Wohngruppe, musste ich mir ernsthaft überlegen, ob ich mir das noch antun wollte, entschied dann aber zu bleiben. In div. agogischen Themen bildete ich mich weiter. In der Stiftung arbeiteten einige Praktikantinnen und Praktikanten, die im Berufsalltag begleitet werden mussten. So bildete ich mich als Berufsbildnerin für FaBe, Fachfrau/Fachmann Betreuung und Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen aus. Dazu kam die Schulung als Prüfungsexpertin. Jedes Jahr im Frühling nahm ich Prüfungen bei FaBe ab. Mein Arbeitgeber unterstützte mich immer wieder bei meiner Arbeit und meinen Weiterbildungen, dies auch finanziell.
Einmal fragte mich der Geschäftsführer und der Heimleiter, ob ich eine Gruppenleitung übernehmen könnte. Das war in meinem Lebensplan nicht vorgesehen, ich sagte aber zu. Dieser Entscheid war der falsche Entscheid. Die vielen Büroarbeiten mit der endlosen Personalrekrutierung haben mir nicht zugesagt und so gab ich diesen Job nach ca. zwei Jahren wieder ab. Mein Herz schlug für die direkte Zusammenarbeit mit den Menschen.
Nachdem mein Mann 12 Jahre in Regensberg mit Jugendlichen gearbeitet hatte, wechselte er seinen Arbeitsort und wir mussten unsere interne Wohnung in Regensberg verlassen. So zogen wir mit unseren Kindern nach Dielsdorf. Zu dieser Zeit liess ich mich in die Reformierte Kirchenpflege Dielsdorf wählen. Nach ca. zwei Jahren übernahm ich das Präsidium. Schlussendlich dauerte meine Amtszeit in Dielsdorf 12 Jahre. Zusätzlich war ich Mitglied in der Kirchensynode. Nun amte ich bereits acht Jahre als Bezirkskirchenpflegerin.
Später schloss ich altersbedingt eine gerontologische Ausbildung ab. An diesen Kurstagen diskutierten wir in Arbeitsgruppen immer wieder darüber, ob es Sinn mache, wenn man Alterswohngruppen in Institutionen schaffen würde. Wir diskutierten hin und her. Mir genügte es dann irgend einmal, und ich kam ins Handeln. Der Bereichsleiter Wohnen stellte eine Arbeitsgruppe zusammen: Gründung einer Alterswohngruppe, ja, nein, welcher Standort der Stiftung würde passen? So war es bald klar, dass wir eine Alterswohngruppe eröffnen wollten und dass diese am Standort in Niederhasli sein sollte. Dieses Wohnhaus der Stiftung liegt zentral, nahe am Bahnhof und dem Dorfkern, mit Einkaufmöglichkeiten und Cafés. Die Topografie ist optimal, das Gelände ist flach, gut für Rollstuhlfahrende, in der Nähe des Waldes und dem See mit Naturschutzgebiet.
So wechselte ich nach elf Jahren vom Wohnheim Bachs nach Niederhasli in die neu eröffnete Alterswohngruppe der gleichen Stiftung. Dort war ich dann für die Tagesstruktur verantwortlich. Die Bewohnenden, meistens drei Frauen und drei Männer, hatten die Möglichkeit, in der Werkstatt ausserhalb des Hauses arbeiten zu gehen. Zudem steht eine Beschäftigung mit Tagesstruktur innerhalb des Hauses, ausserhalb der Alterswohngruppe zur Verfügung.
Später, als ihre Kräfte es nicht mehr erlaubten, nahmen sie an den Angeboten unserer Tagesstruktur teil. Wir kochten Konfitüre, trockneten Früchte, gestalteten Geschenke, Dekorationen, passend zu den Jahreszeiten für die Wohngruppe, erledigten unseren Garten im Hochbeet vor der Alterswohngruppe, gingen an der frischen Luft spazieren, tranken einen Kaffee im Dorfcafé oder sangen und musizierten miteinander. Wir hatten immer genug Ideen.
Ich machte mir Gedanken, was sich unsere Bewohnenden in ihrem Leben wünschen. Im Alter von 60 Jahren überlegte ich mir immer öfter, was ich mit den restlichen Jahren noch erfahren möchte. Wer fragt denn unsere Bewohnenden? So kreierten wir während der Tagesstruktur aus alten Ordnern, persönliche Ordner, verzierten diese nach den Bedürfnissen und dem Geschmack der Bewohnenden und schrieben diese an. Zudem entwarf ich Einlageblätter zum Thema:
"Spiritualität bei Menschen mit Behinderung im Alter. Der Seele Sorge tragen." Ein Arbeitsmittel in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung.
Inhalt:
Wer bin ich?
Wie sehe ich aus?
Wie rieche ich?
Was sind meine Lieblingsfarben?
Wer ist mir im Leben wichtig?
Wen mag ich nicht so gut?
Was möchte ich gerne machen?
Was mag ich gar nicht?
Was esse ich am liebsten?
Was mag ich nicht riechen und schon gar nicht essen?
Möchtest du einmal mit einer Pfarrperson sprechen, ganz alleine, ohne dass diese uns etwas darüber erzählt (Amtsgeheimnis)?
Ich überlege mir, wie ich einmal beerdigt werden möchte. Was möchtest du?
Diese Fragen wurden alle auf einzelne A4 Blätter, die auch gestaltet werden können geschrieben, ausgedruckt und in die persönlichen Ordner der Bewohnenden abgelegt.        Von Zeit zu Zeit arbeiteten wir wieder daran, nicht der Reihe nach, sondern nach Lust und Laune und mit Unterstützung der Betreuungspersonen.
Unsere Bereichsleiterin nahm das Thema Abschied, Beerdigung auf, und wir setzten uns mit den Angehörigen der Bewohnenden zusammen und berieten die letzten Wünsche. Die Angehörigen waren sehr froh darüber, dass wir uns darum bemühten. Ein Stein falle ihnen vom Herzen, meinten sie.
So nahm ich Kontakt mit dem Reformierten und Katholischen Pfarrer in Niederhasli auf und lud sie ca. zwei Mal im Jahr zu uns zum Mittagessen auf die Wohngruppe ein. Es war mir wichtig, dass sich beide Seiten wahrnahmen und sich kennen lernen konnten. Dass vor allem die Pfarrpersonen erfuhren, wie wir leben, war wichtig, da diese auch Abschiedsfeiern nach Verstorbenen im Haus gestalteten. Diese gemeinsamen Essen waren immer sehr erfreulich und stimmungsvoll für beide Seiten.
Zu den Themen "Alter und Behinderung" und "Abschied, Sterben, Tod" bot ich regelmässig heimintern Weiterbildungen an. All das Erlernte aus meinen div. Weiterbildungen konnte ich gut einfliessen lassen.
Wir wurden in unserer Arbeit in allen Altersstufen, nicht nur in der Alterswohngruppe, immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Im Gespräch mit einer jungen Mitarbeiterin in Ausbildung, kamen wir auf das Thema Tod zu sprechen. Wir stellten fest, dass es nicht allzu viele brauchbare Literatur dazu gibt, die in einfacher Art und Weise, einfacher Sprache zum Thema spricht. Ich habe ihr mitgeteilt, dass auch ich mir immer wieder von Neuem Gedanken zum Tod machen muss, dass es für mich kein abgeschlossenes Thema sei. Gut, sagte ich, ich gestalte ein Bilderbuch mit wenig Text, der einfach zu verstehen ist und im Berufsalltag eingesetzt werden kann. So entstand das Bilderbuch: "Wo gehen wir hin".  Für unsere Bewohnerinnen und Bewohner war die Frage, wo denn Mami nun sei, nachdem sie verstarb, klar: "Im Himmel obe", war die Antwort, und sie zeigten zum Himmel.

 

 

 

 

 












Berufliches auf und ab
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13.5.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.
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Nun bin ich fünf Jahre pensioniert. Ich geniesse diese Zeit und kann mir nicht mehr vorstellen, dass ich jeweils um 6:45 Uhr mit Arbeiten begann und am Abend bei einem Spätdienst bis 21:30 Uhr arbeitete, je nach Arbeitsplan. Ich habe gerne gearbeitet und dies bis zum Alter von 64 Jahren. In unserer Stiftung gibt es die Möglichkeit nicht, nach dem ordentlichen Pensionsalter weiter zu arbeiten, was auch gut ist.
Etwa alle zwei bis drei Monate besuche ich die Alterswohngruppe, um mit den Bewohnenden zu singen und musizieren, was ein Wunsch des Personals und der Bewohnenden ist. Da ich selber bestimmen kann, wann ich zu ihnen komme, stimmt das für mich, und ich finde es immer sehr schön und bereichernd. Die Wirkung von Musik auf die psychische und physische Gesundheit des Menschen ist nicht zu unterschätzen. Besonders bei Menschen mit geistiger Behinderung und verbal eingeschränkter Kommunikationsfähigkeiten, kann Musik unter-stützend zum Wohlbefinden beitragen.  
Die Reformierte Kirche des Kantons Zürich hat vorgeschlagen, Inklusion in den Gemeinden umzusetzen. Das finde ich eine gute Idee. So besuchen drei Bewohnende und ein Mitarbeiter mit mir ein- bis zweimal im Jahr den Mittagstisch der Kirchen in Niederhasli. Ein oekumenisches Angebot.
Geld hat mich in meiner beruflichen Entscheidung nie beeinflusst. Mein Arbeitsalltag war interessant und spannend.













Arbeit, Familie und Freizeit
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13.6.  Arbeiten – Arbeit, Familie und Freizeit.
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Arbeit und Familie konnte ich gut trennen, was mir auch wichtig war. Manchmal war mein Arbeitsalltag stressig und anstrengend. In der Schule beim Erteilen der Biblischen Geschichte war es vor allem in einer 6. Klasse sehr schwierig. Ich dachte in diesen Situationen immer an eine Ausbildnerin, die uns damals mit auf den Weg gab, immer mit den Füssen gut zu erden und denken, hier bin ich der Chef. Ja, das ist ja gut und recht, aber 45 Min. können sehr lange sein und 45 Min. gut erden und denken hier bin ich der Chef, ist ziemlich anstrengend. So kam es, dass ich nebst 2. und 3. Klässlern auch eine 6. Klasse zum Unterrichten erhielt. Das war der Horror mit diesen 6. Klässlern. Die Lehrperson war nach kurzer Zeit weg und die nächste blieb auch nicht lange. So sagte ich mir, ja die werde ich überleben. Also gestaltete ich mit ihnen Köpfe einer Biblischen Figur ihrer Wahl und spielten am Schluss damit eine Art Bibliodrama. Der Aufwand war enorm und am Schluss des Schuljahres hat mir der Schlimmste mitgeteilt: "Endlich haben sie es gecheckt." Genau, dachte ich, aber so einen Aufwand mit allem Material mache ich nicht so schnell wieder.
Die Pflege der Menschen mit Behinderung war kein "Schoggi-Job". Er war schweisstreibend und streng. Oft benötigte es auch viel Geduld und die notwendige Gelassenheit. Familie und Beruf waren mir gegenseitig ein Ausgleich.





Arbeitskolleginnen, Arbeitskollegen ,Vorgesetzte, Vorbilder.
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13.7.  Arbeiten – Arbeitskolleginnen, Arbeitskollegen ,Vorgesetzte, Vorbilder..
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Mit meinen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen hatte ich mehrheitlich ein gutes Zusammenarbeiten. Meine Vorgesetzten waren unterschiedlich. Ich versuchte jeweils das Positive an ihnen zu finden und aus dem Negativen dazu zu lernen. Was ich von hervorragenden Vorgesetzten übernommen habe, oder mindestens versucht habe teilweise umzusetzen ist, nicht immer auf alles sofort eine Antwort zu haben oder vorschnell zu reagieren, sondern auch einmal etwas stehen lassen. Auch von mir auf andere schliessen, habe ich mir abgewöhnt. Es gibt in meinem Leben mehrere Menschen und Vorgesetzte, denen ich viel verdanke.





Eheleben
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14.  Eheleben
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Wie bereits erwähnt, traf ich meinen Mann im Heim, in dem wir arbeiteten. Er war im Garten am Laub zusammenrechen und ich fragte ihn nach einer Strasse in Zürich. Das war meine erste, bewusste Begegnung mit meinem zukünftigen Mann.
Damals trafen wir uns in einer Heimkommissionsgruppe. Wir mussten unsere Anliegen innerhalb des Personals gemeinsam erarbeiten, um bei der Heimleitung Erfolg zu haben. Zum Beispiel ging es um das Fussballspielen der Kinder zwischen den verschiedenen Pavillons. Das hatte er verboten, da die Fussbälle die Hausmauer verschmutzen würden. Das konnten wir nicht tolerieren. Zudem brauchten wir einen Jugendraum. Alles wurde bewilligt, gemeinsam waren wir stark.
Mein Mann und ich wurden ein Liebespaar. Wir wussten nicht so genau, ob wir auch noch Kinder in die Welt stellen wollten, da wir fanden, dass es ja schon genug davon habe. Vor allem genug Kinder, die durch das Leben begleitet werden mussten. Heiraten war nicht so dringend, da wir ja keine Kinder hatten. Als ich dann schwanger wurde, heirateten wir im Sommer 1978. In der kleinen reformierten Kirche in Bottmingen fand die Trauung statt. Es war ein magischer Moment. Anschliessend ging es zum Apéro, später zum Hochzeitsfest mit Nachtessen und anschliessenden Darbietungen der eingeladenen Gäste.
Im Dezember kam unsere Tochter und zwei Jahre später unser Sohn zur Welt. Nun waren wir eine Familie. So lange die Kinder klein waren, wollte ich nicht wieder berufstätig sein. Das hätte meinen Vorstellungen von Erziehung total widersprochen. Finanziell kamen wir mit einem Lohn gut über die Runde.
Da eine Familie auch kostet, wechselte mein Mann die Anstellung und wir zogen zurück in den Kanton Zürich. In Uitikon, im Jugendstrafvollzug hatte mein Mann die Stelle als Abteilungsleiter der geschlossenen Abteilung inne. Wir wohnten in einer riesigen Wohnung in der gleichen Institution. Die Wohnung war so gross, dass die Kinder bei Regenwetter mit dem Dreiradvelo in der Wohnung herumfahren konnten. Wir hatten auch nicht so viele Möbel, was aber kein Problem war.
Nach einiger Zeit wechselte mein Mann seine Stelle in die offene Jugendarbeit. Das hiess für uns zügeln. Nach einigen Jahren in Meilen, wohnten wir in Regensberg und später in Dielsdorf, wo wir heute noch wohnen.
In Regensberg wohnten wir zuerst auf dem Lohhof. Das ist ein Bauernhof, der zur Stiftung Schloss Regensberg gehört. Danach gab es einen Wohngruppentausch und wir wohnten im Schloss Regensberg, was genial war. Später wurden die Personalwohnungen im Schloss für die Erweiterung der Wohngruppen eingesetzt und wir zügelten im Städtli Regensberg in eine Wohnung oberhalb der Werkstatt der Stiftung.
Als mein Mann seine Arbeitsstelle wechselte, wohnten wir in Dielsdorf. Nach einigen Jahren, als die Kinder ihre eigenen Wohnungen hatten, zogen mein Mann und ich in eine kleinere Wohnung in Dielsdorf. Mit zunehmendem Alter machten wir uns Gedanken, wie wir im Alter und ohne Auto leben und wohnen wollten. Kurz vor meiner Pensionierung konnten wir in eine Wohnung beim Bahnhof Dielsdorf ziehen.
Im November 2018 wurde ich pensioniert. Anfangs Jahr 2019, vom 5. Januar - 3. Mai hatten wir eine Weltreise vorgesehen. Einen Monat vor meiner Pensionierung erhielt mein Mann die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Als mein Mann vom Spital aus anrief und mir die Diagnose mitteilte, war das Empfinden so, wie wenn dir jemand links und rechts eine Ohrfeige erteilen würde.           
Mein Mann ist ein Kämpfer und bewältigte die Chemotherapien gut. Die Weltreise wurde annulliert, was auch nicht weiter schlimm war. Lieber hier eine Diagnose und nicht irgendwo in der Pampa, wo alles kompliziert geworden wäre. Es hat nicht sollen sein.

 

Kinder
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15.  Kinder
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Die Zeit mit unseren Kindern war sehr schön und ist es heute noch. Als ich mit meiner Tochter schwanger war, wusste ich bereits im 7. Monat, dass es ziemlich sicher einen Kaiserschnitt geben wird. Sie hatte ein Bein gestreckt und zog dieses bis zur Geburt nicht zurück. So konnten wir wählen, wann der Geburtstermin unseres ersten Kindes sein sollte. Da der zuständige Arzt Ende Dezember in den Ferien war, wählten wir den Geburtstermin unseres Kindes auf den 21.12.1978. Eigentlich wäre der Geburtstermin erst anfangs Januar gewesen. Kaiserschnitt bedingt wollte man keinen Blitzeingriff riskieren. So kam unsere kleine Tochter auf die Welt. Sie war natürlich das schönste Baby, das je geboren wurde. Sie war sehr niedlich und hatte schwarze Haare.
Unser zweites Kind kam durch eine Spontangeburt zur Welt. Ich wusste noch nicht was Wehen waren und dachte, dass ich diese vielleicht verpassen werde, bevor das Kind zur Welt kommt. So war es aber nicht. Während der Geburt kam ich an einen Punkt, an dem ich dachte, entweder kommt das Kind zur Welt, oder ich sterbe. Es war wie ein Übergang vom Leben in den Tod und wieder zurück ins Leben.
In den ersten zwei Jahren war ich für die Betreuung der Kinder da. An einem Abend in der Woche belegte ich einen Englischkurs, der mir sehr gefiel. Die Lehrerin war Amerikanerin, hatte Heimweh und freute sich an den Begegnungen mit uns. Leider konnte der Kurs nicht zu Ende geführt werden, da Teilnehmende ausstiegen.
Unsere Eltern hatten grosse Freude an den Enkelkindern. Wir besuchten uns oft gegenseitig. Wir unternahmen als Familie gemeinsame Ferien. Später wanderten wir, die Kinder in voller Ausrüstung, die ihnen die Grosseltern schenkten ausgestattet mit: Wanderschuhe, Wanderhose, Rucksack, Trinkflasche und Sonnenhut.
Einmal wanderten wir in den Herbstferien von Meilen nach Wildhaus. Wir wollten die Strecke in einer Woche zurücklegen. Nach der ersten Etappe übernachteten wir in Rapperswil-Jona. Am zweiten Tag ging es über den Ricken nach Wattwil zur Übernachtung. Am dritten Tag waren wir bereits in Wildhaus. Die Kinder liefen wie Wiesel, assen am Abend ihre Schnipo (Schnitzel und Pommesfrites) und schliefen, kaum im Bett, sofort ein. Mein Mann und ich hatten mit Muskelkater zu kämpfen.
Später lehrten wir unsere Kinder Velofahren, Langlaufen, Skifahren und Schlittschuhlaufen. Das Schwimmen lernen fanden wir auch sehr wichtig. Mein Mann übernahm mehrheitlich die Begleitung in den Schwimmkurs. Wir hatten ein stimmiges, aktives Familienleben.
Unsere Kinder lernten ein Musikinstrument spielen. Die Tochter spielte zuerst Blockflöte und später Klavier. Der Sohn spielte ebenfalls Blockflöte und Geige.
Als die Kinder bereits eingeschult waren, klingelte es an der Wohnungstüre. Sie öffneten und riefen: "Mama, da ist jemand für dich." Als ich zur Türe kam, stand ein Mann dort und übergab mir eine kleine Bibel der Zeugen Jehovas. Ich wehrte mich, die habe ich nicht bestellt, meinte ich. Doch der Mann widerrief. Die Kinder lachten und meinten: "Alles klar", und nahmen die Bibel entgegen. Der Mann ging seinen Weg weiter, und ich wurde von meinen Kindern aufgeklärt. Sie sahen in einer Illustrierten ein Inserat: Bibel gratis zu bestellen. Sie bestellten diese und ich hatte sie. Ja, meinten sie, du sammelst ja verschiedene Bibeln. So war es und diese diversen Bibeln setzte ich als Lehrmittel im Unterricht ein, damit die Schülerinnen und Schüler auswählen und wir über die Auswahl diskutieren konnten. Das war sehr lieb gemeint von den Kindern.
Wo unsere Kinder ihre Freizeit verbrachten wussten wir, und sie konnten ihre Freizeit gut gestalten. Ihre Freunde waren uns mehrheitlich bekannt.
Nun sind wir Grosseltern von zwei Buben im Alter von 7 und 10 Jahren. Seit meiner Pensionierung vor fünf Jahren hüten wir sie regelmässig an einem Wochentag. In den Ferien sind die Enkel abwechslungsweise bei den beiden Grosselternpaaren.
Wir verbringen ab und zu auch gemeinsame Ferien mit unserer Schwiegertochter, dem Sohn und den beiden Enkeln, die immer sehr aktiv und schön sind. Mit unserer Tochter reisten wir kürzlich nach Norwegen, um die Nordlichter zu sehen. Es war spannend, die Tochter von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen. Ich wusste nicht, dass sie so kommunikativ ist und auch die Mitreisenden auf gute Art und Weise aktivieren konnte.
Beide Enkel sind aktiv mit Musik oder Sport. So begleiten wir den Grösseren in die Klavierstunde und den Jüngeren zum Fussballtraining. Auch Hausaufgaben fallen am Grosselterntag an. Wie die Kinder heute lernen, finde ich erfrischend. Die Lehrmittel sind ganz anders, als zu meiner Schulzeit. Vor allem die Arbeit am PC mit den diversen Aufgaben, die sie zusätzlich lösen können, begeistert sie. Sie lieben das Arbeiten am PC.

 








Lebensfreude
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16.  Lebensfreude
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Mein Mann und ich reisen sehr gerne und zeitweise auch viel. Andere Kulturen und Lebensweisen interessieren uns.
Als wir noch jünger waren, beschlossen wir in einer Woche von Regensberg nach Genf zu wandern. Die Kinder verbrachten diese Zeit bei den Grosseltern in Zürich. So starteten wir via Regensberg, Lägern, Baden und Jura unsere Wanderung bei grosser Sommerhitze am ersten Tag bis zum Herzberg. Dort in der Heimstätte für Erwachsenenbildung angekommen wurden wir vom Hausleiter empfangen. Er bot uns nebst einem Zimmer mit Nachtessen auch Schuhputzzeug an. Genau, das war es, was ich im Moment brauchte! Ich war so müde, hatte offene Wunden an meinen Fersen, keinen Hunger und auch keine Lust auf Fragen mehr. In der Nacht konnte ich kaum schlafen - alles tat mir weh. Am anderen Tag ging die Wanderung weiter. Zum Glück schlug das Wetter um. Es regnete und die Sicht ins Tal war mit Dunst verhangen. So beschlossen wir, unsere Wanderung nach zwei Tagen zu beenden und diese bei besserem Wetter wieder fortzusetzen. Innerhalb von 10 Jahren erreichten wir in Etappen Genf.
So reisten wir mit der Transsibirischen Eisenbahn «Zarengold», von Moskau bis zur mongolisch-chinesischen Grenze. Aufgrund der unterschiedlichen Spurbreite konnte der russische Sonderzug nicht bis Peking fahren. Deshalb stiegen wir in einen chinesischen Zug um. Die Reise war sehr spannend, aber auch anstrengend. Besonders gefallen hat es mir in der Mongolei. Die Übernachtung in der Jurte war einmalig. Kalt war diese Nacht. Ich schlief kaum, sah dafür einen Sternenhimmel, so schön, kaum vorstellbar.
Eine unserer Freundinnen arbeitete jedes Jahr sechs Monate an einer Ausgrabung in Pergamon in der Türkei mit. Wir sollen sie doch einmal besuchen, meinte sie, was wir dann auch taten. Mit unserem Auto fuhren wir von Zürich, wo wir unsere Kinder den Grosseltern in die Ferien brachten, los. Um ca. Mitternacht erreichten wir den Zoll, damals noch Jugoslawien. Der Zollbeamte untersuchte unseren Kofferraum genau und wollte wissen, was denn in dieser Schachtel sei. Das sind Unterlags-Teile für die ausgegrabenen Steine, die wir nach Pergamon bringen sollten, erklärten wir dem Zöllner. Die grauen Kunststoffteile veranlassten den Zöllner auf diese zu beissen und sie dann alle, samt der Kiste mit ins Zollhaus zu nehmen. Den bestellten Kaffee und die Schweizer Schokoladentafeln interessierten ihn nicht. Oh, dachten wir, das fängt ja gut an. Wenn das an jeder Zollstation so schwierig wird, haben wir das Geschenk. Nach einiger Zeit brachte er die Kiste wieder und niemanden interessierten die Unterlags-Scheiben mehr, ausser den Steinmetz, der auf diese wartete.
Einmal reisten wir in die Antarktis, ans Ende der Welt. Das war sehr eindrücklich mit den Pinguinen und Seelöwen. Wir, alle Teilnehmenden im Schiff als Schicksalsgemeinschaft, weit weg von jeglicher Zivilisation.
Später wollten wir noch einen Eisbären in der freien Natur sehen und reisten nach Franz-Joseph-Land, auf russisches Gebiet in der Arktis. Wir wurden auf alle angefahrenen Inseln von russischen Jagdaufsehern begleitet und beschützt, um nicht vom Eisbären gefressen zu werden. Ob diese "Beschützer" nicht auch andere Funktionen ausgeführt haben, bin ich nicht so sicher.
So führten diese Jagdaufseher nebst Gewehren auch div. teilweise sehr kleine Geräte mit sich, die dann auch auf Expeditionsteilnehmende gerichtet wurden. So musste ich mich fragen: "Bin ich ein Eisbär, oder brauchten sie von mir ein Foto?" So mussten wir, wenn wir mit dem Schlauchboot auf eine Insel übersetzten, den Pass auf uns tragen, was ich sehr speziell fand. Auf der Insel gab es ausser wilden Tieren nichts. Wir hatten zusätzlich unsere Bordkarte, die wir beim Verlassen und wieder Betreten des Schiffes als Kontrolle brauchten. Somit hatte die Schiffscrew immer den Überblick, wenn jemand fehlen sollte. "Nicht fragen, nur ausführen, wir sind auf russischem Gebiet", meinte mein Mann. Eine Reiseteilnehmerin erklärte uns, dass sie auf einer früheren Reise auf russischem Gebiet auf einer Insel in der Pampa von einem ratternden Helikopter besucht wurden und dann eine Passkontrolle stattfand. Ja es gibt nichts, was es nicht gibt.
So haben mein Mann und ich weiter viele schöne und spannende Reisen miteinander unternommen.
Mein aktuelles Leben kann ich nun selber gestalten, sozusagen selbst bestimmt, so wie wir das im Behindertenbereich immer für unsere Bewohnenden forderten. Es verlangt jedoch eigene Ideen und Umsetzungen. Es gibt keinen Arbeitgeber, Arbeitsplan, der bestimmt, wie der Tagesablauf gestaltet werden soll. Mit der Selbstgestaltung habe ich keine Mühe. Wenn ich feststelle, dass es mir langweilig wird, finde ich immer etwas, das mir entspricht. Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass ich gerne zwischendurch Zeit zum Nichtstun habe - zum "Dudeln" nenne ich das. Mein Mann und ich haben Spiel-Phasen, an den wir entweder Jassen oder Rummikub spielen, was auch mitten im Tag sein kann. Wir geniessen es, wenn wir unsere "Lebenszeit" wenn möglich nach Lust und Laune gestalten können. Nicht mehr mag ich, wenn ich jeden Tag verplant bin.
Da wir beide monatlich eine Pension erhalten, leben wir finanziell gut, obwohl meine Pension nicht besonders hoch ist. Luxus kann sein, eine Tasse Kaffee in Ruhe trinken können und dabei "die Seele baumeln lassen". Luxus habe ich schon gerne. Zum Beispiel kann ich mir ab und zu auch eine teure Tasche kaufen. Wichtig ist mir, dass ich gesund bin und hoffentlich noch einige Zeit auf der Erde verweilen kann. Das Essen kann ich nun so richtig geniessen. Während meiner Berufstätigkeit gab ich jeweils rechts oder links oder beidseitig den Bewohnenden das Essen ein und zwischendurch schaufelte ich mir eine Gabel voll mit Essen in den Mund.
Meine aktuellen Hobbies sind, Lesen, Klavierspielen, Weiterbildung, Reisen, Spiele spielen, Enkel hüten etc..

 

 

 

 

 









Wie erlebst du dein aktuelles Leben im Vergleich zu früher, z. B. deiner aktiven/aktivsten Berufszeit?
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16.  Lebensfreude

Wie erlebst du dein aktuelles Leben im Vergleich zu früher, z. B. deiner aktiven/aktivsten Berufszeit?
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Mein aktuelles Leben kann ich nun selber gestalten, sozusagen selbst bestimmt, so wie wir das im Behindertenbereich immer für unsere Bewohnenden forderten. Es verlangt jedoch eigene Ideen und Umsetzungen. Es gibt keinen Arbeitgeber, Arbeitsplan, der bestimmt, wie der Tagesablauf gestaltet werden soll. Mit der Selbstgestaltung habe ich keine Mühe. Wenn ich feststelle, dass es mir langweilig wird, finde ich immer etwas, das mir entspricht. Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass ich gerne zwischendurch Zeit zum Nichtstun habe - zum "Dudeln" nenne ich das. Mein Mann und ich haben Spiel-Phasen, an den wir entweder Jassen oder Rummikub spielen, was auch mitten im Tag sein kann. Wir geniessen es, wenn wir unsere "Lebenszeit" wenn möglich nach Lust und Laune gestalten können. Nicht mehr mag ich, wenn jeder Tag verplant ist.
Da wir beide monatlich eine Pension erhalten, leben wir finanziell gut, obwohl meine Pension nicht besonders hoch ist. Luxus kann sein, eine Tasse Kaffee in Ruhe trinken können und dabei "die Seele baumeln lassen". Luxus habe ich schon gerne. Zum Beispiel kann ich mir ab und zu auch ein teure Tasche kaufen. Wichtig ist mir, dass ich gesund bin und hoffentlich noch einige Zeit auf der Erde verweilen kann. Das Essen kann ich nun so richtig geniessen. Während meiner Berufstätigkeit gab ich jeweils rechts oder links oder beidseitig den Bewohnenden das Essen ein und zwischendurch schaufelte ich mir eine Gabel voll mit Essen in den Mund.
Welche Hobbies pflegst du aktuell und was gibt dir das?
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16.  Lebensfreude

Welche Hobbies pflegst du aktuell und was gibt dir das?
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Meine aktuellen Hobbies sind, Lesen, Klavierspielen, Weiterbildung, Reisen, Spiele spielen, Enkel hüten etc. Kürzlich las ich von einer Weiterbildung zur Trauerbegleiterin, die ich vor kurzem abgeschlossen habe. Die Weiterbildung fand an acht Samstagen statt und umfasste 56 Stunden, die ich zwischen Mai und November 2023 besucht habe. Dabei ging es um diverse Formen von Trauer und Abschied. Trauer bei Arbeitsverlust, Verlust nach einem Unfall oder Krankheit von Fähig- oder Möglichkeiten. Verlust von Freundschaften. Verlust durch einen Todesfall. Bei meinen Einsätzen als Freiwillige Mitarbeiterin für Nacht- und Krisenbegleitung im Stadtspital Triemli kann ich die erarbeiteten Themen gut ein- und umsetzen.
Worauf ich stolz sein darf
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17.  Worauf ich stolz sein darf
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Ich bin stolz darauf, in meinem Leben einen Weg gefunden zu haben, das Positive immer wieder in den Mittelpunkt stellen zu können. Den Sinn zu finden, was im Leben, was für meinen Weg wichtig war und ist. Dass ich mehrheitlich eine positive Lebenseinstellung habe, schätze ich und bin dankbar, dass diese mir auf meinen Lebensweg gegeben wurde. Meine Kinder, meine Familie sind letztlich mein gutes Werk.

 




Reue
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18.  Reue
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Es gibt in meinem Leben sicher Dinge, die ich zeitweise bereut habe. Unterdessen muss ich mich richtig anstrengen, um mich an diese Situationen zu erinnern.
Zurückdenkend bin ich aber der Meinung, dass jede Reue im Nachhinein müssig ist. Das Ereignis hat ja bereits stattgefunden und kann nicht rückgängig gemacht werden. Zudem scheint es ja damals gepasst zu haben, da es sonst nicht stattgefunden hätte. Der Lerneffekt daraus ist um- und eingesetzt.
Ja die Fremdsprache Englisch hätte ich besser lernen können, das bereue ich etwas. Aber es ist bei mir immer so, wenn ich den direkten Nutzen nicht sehe, bin ich zu wenig motiviert.





Gutes Leben im Alter
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19.  Gutes Leben im Alter
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Ab dem 60. Lebensjahr begann mich das Alter zu beschäftigen. Langsam lässt auch die Energie etwas nach.
Die grösste Veränderung sind die zu vielen Kilos, die sich angesammelt haben und die nun nicht mehr so leicht loszuwerden sind.
Auf meine grauen Haare bin ich schon lange stolz. Einige Jahre färbte ich sie von ursprünglich Rehbraun in Henna-Rot, zu dunklerem Braun. Schliesslich wurde mir die ewige Färberei zu bunt und ich liess meine Haare ganz kurz schneiden, so dass die grauen Haare sichtbar wurden.
Ich hoffe, dass mein Mann und ich unser Leben noch einige Jahre selbständig geniessen können.
Mein Leben ist bis in der Zeit, als unsere Kinder noch Kinder waren in Fotografien in Fotoalben festgehalten. Nun im Zeitalter des Handy sind sie digital zu sehen.
Meinen Vorsorgeauftrag und eine Patientenverfügung liegen bereit. Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um mich daran zu machen.

 









Ausblick
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20.  Ausblick
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Der Gedanke an meine Endlichkeit schätze ich nicht besonders, aber ich befasse mich immer wieder mit ihr, gewollt oder ungewollt.
Es gibt jedoch Zeiten in meinem Leben, in denen ich denke, dass es ja auch gut sein kann, wenn man dann einmal aus dem Leben scheiden kann. Es gibt auch Zeiten, da habe ich Mühe, wenn ich daran denke, dass ich aus dem Leben scheiden muss. Dass ich mich von allem mir Liebgewordenen loslösen muss. 
Über den Tod mache ich mir schon länger Gedanken. Während meiner Berufszeit war der Tod immer ein Thema. Bewohnende starben und zurück blieben wir als Angestellte. Da es teilweise junge Angestellte in Ausbildung waren, wurde ich bei einem externen Audit angesprochen, wie wir auf das Sterben und den Tod von Bewohnenden vorbereitet seien und wie wir begleitet werden. Wir haben einen klaren, schriftlichen Ablauf, wie wir im Sterbefall vorgehen können. Auch auf Seelsorge und Gespräche gibt es im QM (Qualitäts-Management), Adressen, an die sich Mitarbeitende bei Bedarf wenden können. "Ja das ist gut," meinte die Auditorin. "Wie sieht es aber mit den jungen Mitarbeitenden in Ausbildung aus? Wie werden diese begleitet?" "Ja, dann entwerfe ich eine interne Weiterbildung zum Thema "Abschied, Sterben, Tod"," entgegnete ich der Auditorin. So entstand die interne Weiterbildung für Mitarbeitende und später zum Thema noch ein Buch in Bildern und wenig Text, für Mitarbeitende, die mit Bewohnenden das Thema Tod erarbeiteten wollen.
Für mich ist das Thema Tod jedoch immer wieder ein Thema. Als kürzlich ein Verwandter starb, der keinen Ausweg mehr sah, nicht mehr schlucken, nicht mehr essen konnte und mit EXIT aus dem Leben schied, trat ich ebenfalls EXIT bei. Ob ich EXIT je beanspruchen werde, weiss ich noch nicht. Vielleicht bin ich zu feige oder habe zu wenig Mut, das Gift zu trinken. Nun bin ich EXIT-Mitglied und sehe meinen Beitritt wie "das Schmerzmittel im Apotheker-Kästli", so zur Beruhigung.

Vom Mai bis November 2023 habe ich an acht Samstagen eine Weiterbildung zum Thema Trauerbegleitung absolviert. 
- Folgende Themen wurden bearbeitet:
- Was ist Trauer
- Auswirkungen und Gefühle der Trauer
- Trauer und Kinder
- Plötzlicher Verlust wie Suizid oder Unfall
- Verhalten in den Trauergesprächen
- Verschiedene Trauerarten
- Spirituelle Trauer und Rituale
- Eigene Sterblichkeit
- Komplizierte Trauer und Sexualität in der Trauer
- Familie und Trauer
- Von der Trauer zum Neuanfang
- Interaktionen und Informationen in der Trauer

Die Weiterbildung war vielseitig, gut strukturiert und interessant. Da die Unterlagen nicht auf einer Power-Point präsentiert wurden, war die Aufnahme und Verarbeitung des Themas einfacher. Die Kursleiterin präsentierte alles auf Flip-Charts, die sie selber gestaltet hatte. Nach den einzelnen Kurstagen erhielten alle Teilnehmenden diese Präsentationen zugesandt. Während den Kurstagen wurden alle bearbeiteten Themen schriftlich abgegeben. Zudem wurden Fragestellungen und eigene Ansichten und Meinungen zu den einzelnen Themen an die Teilnehmenden per E-Mail verschickt, sozusagen die "Aufgaben". Diese konnten fakultativ erledigt und eingereicht werden. Das war sehr wertvoll, um nochmals alles in Erinnerung zu rufen, zu verarbeiten und Stellung dazu zu nehmen. Die Kursleiterin gab jeweils eine Rückmeldung dazu, die erbaulich und anregend war.
Nun glaube ich nicht, dass ich eine Trauerbegleiterin mit Praxis werden werde. Die ganze Aufarbeitung des Themas kann ich bei meinen Einsätzen als freiwillige Krisenbegleiterin im Spital sicherer umsetzen und einbringen.

 

 








Religiosität
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21.  Religiosität
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Auf meine Mitgliedschaft bei der Reformierten Kirche des Kanton Zürich bin ich stolz. Die Kirchensteuer ist ein sozialer Beitrag. Selber kann ich immer wieder vom kirchlichen Angebot profitieren. Wenn ich dann wieder einmal eine super Predigt zu hören bekomme, oder mich ein Orgel- oder Klavierkonzert einer Kirchenmusikerin oder eines Kirchenmusikers begeistert, bin ich wieder vollauf zufrieden mit der Reformierten Kirche. Zudem leistet die Kirche einen wichtigen Beitrag für das gesellschaftliche Zusammenleben. Sozial schwächere Gruppen können so, vor allem durch Freiwillige auf der Basis christlicher Werte unterstützt werden. Sie kann Halt geben und tragen und sollte Grundrechte der Menschen bewahren. Die Kirche soll sicherstellen, dass Menschen Solidarität leben können. Dass Ältere, Einsame, Kranke und weniger Begüterte einen Platz finden.
Die Frage, was, wer oder wie ist Gott, begleitet mich immer wieder und regt an zum Denken. Die Existenz Gottes, ja die gibt es, die ist meines Erachtens vorhanden.
Die Inexistenz Gottes kann ich mir nicht vorstellen. Es fragt sich jedoch, wie die Existenz begründet wird. Alles was dem Menschen "zufällt" an Ideen, an Eingebungen kann göttlich sein. Göttlich ist etwas, das nicht mit dem Verstand erfasst, das nicht gemessen werden kann. Es ist eben irrational. Somit stellt sich die Frage, ob die Menschheit mit der Religion irregeführt, gefügig, gehorsam gemacht wird? Ob es das Opium für das Volk ist? Punkto Lebensweisheiten, Verhaltensregeln, Lebensphilosophie gibt uns die Bibel gute Hinweise.
Mit zunehmendem Alter sehe ich den Glauben realistischer als in jüngeren Jahren. Was mich jedoch immer noch und immer wieder fasziniert, sind die Gleichnisse, die Jesus erzählt hatte und überliefert wurden. Vor allem das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das im Neuen Testament zu finden ist. Da erhalten alle Tagelöhner den gleichen Lohn am Abend nach Abschluss der Arbeit. Ob sie um 5 Uhr morgens in aller Frühe, oder erst eine Stunde vor dem Abschluss der Traubenlese mit der Arbeit begonnen haben, spielt keine Rolle. Der Weinbauer brauchte noch mehr Tagelöhner, damit alle Trauben gelesen werden konnten. Als die Tagelöhner nun nach getaner Arbeit ihren Lohn entgegennehmen wollten, sahen sie, dass die, welche erst eine Stunde gearbeitet hatten einen Denar erhalten hatten. Schnell rechneten sie aus, dass sie demnach reich würden, nach so vielen Stunden Arbeit. Als sie jedoch nur einen Denar erhielten, gleich viel wie die, welche erst vor Kurzem mit der Traubenlese begonnen hatten, wurden sie wütend und murrten lautstark. Der Weinbauer erklärte ihnen, dass jeder das erhalten habe, was abgemacht worden sei und mit dem sie sich einverstanden erklärt hätten. Jeder darf doch eine Gelegenheit haben, zu arbeiten. Zu diesem Gleichnis gibt es auch die Erklärung, eine Parallele, dass jeder Mensch zu jeder Zeit den gleichen Zugang zum Reich Gottes habe, gleich wann er diesen Zugang findet. 
Obwohl ich lange Zeit SchülerInnen im Fach Religion unterrichtete, finde ich die biblischen Texte teilweise schwierig zu verstehen. Sie sind jedoch genial aussagekräftig und geben viel Stoff für Diskussionen und Debatten.
Sehr gerne habe ich die Geschichten von Mose erzählt. Auch die Geschichte von Maria und Josef, wie sie mit Jesus geflüchtet sind ist spannend. Da hatten Werner Laubi, Max Bolliger, Regine Schindler, Kees de Kort, Anne de Vries und andere geniale Literatur zum Erzählen herausgegeben. Grundsätzlich liebe ich die kritische und hinterfragende Theologie. Eine Theologie, die nicht unbedingt bequem ist, aber weiterführt. Gedanken, Nachdenken über Gott und dessen Existenz, ist für mich nach wie vor ein Thema. Dazu ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S.514 f. Er bezieht sich auf seine Aussagen in "Akt und Sein" S.94) 
"Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. Gott.....kann nie einfach Objekt sein. Gott...ist das Undefinierbare."

 

 

Ein Büchlein für die Grosskinder

 
Zur Abwechslung habe ich eine Bildergeschichte für die Grosskinder und den 3. Klass-Unterricht gestaltet. Im 3. Klass-Unterricht ist das Innere einer Kirche ein Thema, das mit den Kindern erarbeitet wird. Deshalb dachte ich, dass dieses Bilderbüchlein, "Die Kirchenmaus", zur Auflockerung beitragen könnte. Die Bilder sind von mir gestaltet und entsprechen der Kirche Regensberg.




 

Was ist denn heute los? Ist denn heute ein besonderer Tag? Die Kirchenglocken läuten mit allen drei Glocken, ein volles Geläut. Ja, heute ist Sonntag. Bin ich hier im Gebüsch sicher vor einer Katze? Ich höre vor lauter Glockengeläut keine anderen Geräusche um mich herum. Eine Frau steigt die Kirchentreppen hinauf. In der Hand hält sie etwas Grosses, Langes. Was könnte das sein? Wenn ich es herausfinden will, muss ich mein sicheres Versteck verlassen. Ich sehe keine Katze und rieche keine Katze. Schnell springe ich die Kirchentreppe hinauf und verstecke mich so nahe wie möglich an der Kirchenmauer.



 
 
Ah, ein Schlüssel hat die Frau in der Hand. Das ist sicher die Sigristin, die immer zuerst in die Kirche geht und alles für den Gottesdienst vorbereitet. So ein grosser Schlüssel? Die Frau öffnet die Kirchentüre und geht in die Kirche hinein. Jetzt muss ich aber die Gelegenheit packen und hinter ihr her rennen, bevor die Türe wieder zugeht. Geschafft! Knack, und die alte Kirchentüre ist wieder geschlossen. Wo soll ich mich nun verstecken? Unter einer Kirchenbank? Ja, aber ich muss aufpassen, dass die Frau mich nicht sieht. Mäuse sind in der Kirche nicht sehr beliebt. Ich habe auch schon beobachtet, dass eine Katze mit der Frau in der Kirche war. Ich hoffe, dass diese heute nicht da ist.



 
 
Oh diese Farben! Wie die leuchten! Das farbige Kirchenfenster vorne im Chor der Kirche ist besonders schön. Darauf sehe ich Jesus und andere Leute. Aber was macht Jesus mit diesem Strick in der Hand? Wenn ich genauer hinschaue sehe ich, dass ein zweiter Mann Gegenstände am Boden zusammenräumt. Jesus scheint wütend zu sein, so sehe ich das an seinem Gesichtsausdruck an. Jesus treibt die Händler mit einem Strick aus dem Vorhof des Tempels hinaus. Er will nicht, dass im Hause Gottes mit Waren gehandelt wird. Ja, da hat er schon recht. Hier soll man doch ruhen und mit dem Herzen und dem Kopf arbeiten.



 
 
Wie schön angenehm es hier in der kühlen Kirche ist. Was liegt den da vorne auf dem Taufstein? Jetzt schleiche ich unter den Kirchenbänken nach vorne und springe im Chorraum auf einen Stuhl. Von dort aus sehe ich, dass eine Bibel offen auf dem Taufstein liegt. Manchmal liest der Pfarrer oder die Pfarrerin daraus vor, das habe ich schon einmal erlebt. Auf der Vorderseite des Taufsteins sind ein P und ein X im Stein eingeschlagen. Das X kreuzt das P. Das X bedeutet Ch und das P bedeutet R. Zusammen heisst das Chr, die Anfangsbuchstaben für Christus aus der griechischen Schrift. Es ist das Christusmonogramm. Diese Bibelstelle aus den Sprüchen habe ich 1:1 aus der Bibel abgeschrieben. Mit einer Lupe ist alles lesbar.



 
 
Die Sigristin kommt aus der Sakristei zurück. Schnell springe ich zurück unter die Kirchenbank. Sie trägt in der rechten Hand ein Holzkistchen. Nun steht sie vor der Liederanzeigetafel. Sie hat einen Zettel bei sich auf dem sie immer wieder etwas nachschaut. Sie nimmt Zahlenschilder aus der Holzschachtel und schiebt diese in die Rillen der Liederanzeigetafel.

Die Kirchentüre geht auf. Der Pfarrer kommt herein und bespricht etwas mit der Sigristin. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, denn mit dem Pfarrer ist eine Katze in die Kirche gekommen. Es droht  Gefahr! Ich muss weg vom Chor und mich in Sicherheit bringen. 







In Richtung Kirchentüre bringe ich mich in Sicherheit. All die vielen Kirchenbänke sind noch leer und warten auf die Kirchgänger. Vor der Kirchentüre springe ich rechts de Treppe zur Empore hoch. Oben auf der Empore hat es auch noch von diesen Bänken. Dort am Rande der Bänke setze ich mich nun hin. Mein Herz schlägt schnell. Aber ich habe hier  einen guten Überblick zur Treppe und hinunter in den Chor der Kirche. Bin ich hier sicher? Die Katze scheint unten im Kirchenschiff geblieben zu sein. Vor mir steht eine Orgel. Die klingt sehr schön. das habe ich schon gehört. Das musst du unbedingt einmal hören und erleben! In dieser kleinen Kirche heiraten viele Paare. Dann hat es schöne Blumen in der Kirche, vorne beim Chor. Jetzt beginnen die Glocken zu läuten. 



 

Der Pfarrer steht bereits vor dem Taufstein in der Kirche. Er ist ganz schwarz gekleidet und trägt einen Talar, der ihm bis zu den Schuhen reicht. Sein Bäffchen, so wie eine kurze Krawatte ist schneeweiss. Nun kommen auch schon die ersten Kirchgänger. Auch Kinder sind dabei, sogar ganz kleine Kinder. Findet ein Kindergottesdienst statt? Ja natürlich, es könnte ein Taufgottesdienst mit den Kindern des 3.Klass-Unti sein. Mir wird es etwas zu laut. Wo ist wohl die Katze? Ängstlich krieche ich näher an die Mauer. Die Glocken haben aufgehört zu läuten. Die Orgel ertönt. Ich sehe, wie ein Kind beim Taufstein steht und ein Eingangsgebet vorliest. Danach haben alle Kirchenbesuchende ein Liederbuch offen in der Hand und singen ein Lied. Wenn sie die Liednummer und die Strophen, die sie singen vergessen haben, können sie wieder auf der Liedertafel nachschauen. Wie schön es klingt, wenn so viele Menschen miteinander singen und die Orgel das Lied begleitet. Dann erzählt eine Frau eine Geschichte, in der es um einander Vertrauen geht. Die Kinder spielen dazu ein Theaterstück, das sehr gut gespielt ist. Nun kommen Erwachsene nach vorne. Ein kleines Kind, weiss gekleidet wird von einer Frau, die glaube ich die Gotte ist, auf dem Arm getragen. Nun nimmt der Pfarrer das Kindlein auf seinen Arm, spricht den Taufsegen und tauft das Kind mit Wasser. Er spricht: "Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen." Dabei netzt er seinen Zeig- und Mittelfinger in der Schale mit Taufwasser und zeichnet damit jeweils auf der Stirne des Täuflings ein Kreuz. Danach erhält das Kind einen Taufspruch: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." Der Götti erhält nun eine Taufkerze, die er für den Täufling anzündet. Diese Taufkerze wird nach dem Taufgottesdienst der Tauffamilie nach Hause gegeben. Immer am Tauftag kann die Kerze zur Erinnerung angezündet werden. Die Mutter und der Vater erhalten ein Taufbüchlein und eine Kinderbibel. 



 


 

Wo bin ich? Ich sehe gerade noch, wie die letzten Kirchenbesuchenden die Kirche verlassen. Bin ich eingeschlafen? Schnell springe ich die Treppe hinunter, dann hinunter zur anderen Bankreihe und von dort aus in Richtung Sakristei. Zum Glück steht die Türe offen. Ich schaue nochmals zurück und sehe, wie die Katze die Kirche verlässt. Gott lob, die bin ich los! Schnell springe ich die steile, sehr alte, holzige Turmtreppe hoch. Endlich bin ich da, wo es mir besonders gut gefällt! Mein liebster Freund, die Fledermaus ist auch im Glockenturm. Hier werde ich so lange bleiben, bis sich wieder etwas in der Kirche tut. 





 
Dies war eine kurze Geschichte von der Kirchenmaus aus der kleinen Kirche in Regensberg.












 

 

 

 

Nachgedanken
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22.  Nachgedanken
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Der Titel dieser autobiografischen Aufzeichnung heisst: "Was wirklich zählt".
Wirklich zählt, was im Leben aufbaut, was mein Leben den Mitmenschen gebracht hat und hoffentlich noch bringen wird. Nicht, was auf meinem Konto liegt, sondern was mich innerlich bereichert, zählt. Sicher müssen die Finanzen auch stimmen, aber sie dürfen nicht wichtiger sein als die Bilanz dessen, was zwischenmenschlich beigesteuert wurde und wird.
Grundsätzlich war es amüsant und schön über meine Kindheit und mein Leben zu schreiben. Manchmal kam auch Wehmut auf, da realistisch betrachtet mein Leben nicht mehr so lange dauern wird, wie es bis jetzt gedauert hat. 
Sicher gibt es auch Gegebenheiten in meinem Leben, von denen ich nicht erzählt habe. Es gibt ein Recht auf Persönlichkeitsschutz für andere und auch für mich. Rückblickend bin ich mit meinem Leben zufrieden. Ich würde sagen, dass ich Glück hatte, wie mein Leben bis zum heutigen Tag verlaufen ist und wem ich auf meinem Lebensweg begegnet bin.
Eigentlich dachte ich, dass ich meine Biografie zügig schreiben werde. Aber so zügig ging es dann doch nicht, da es nicht nur Zeit zum Schreiben gab. Vor allem in den Nächten, an denen ich in einem Krisenbegleitungseinsatz im Stadtspital Triemli war, hatte ich oft Zeit, weiter zu schreiben, wenn die Patienten schliefen.
Die Biografie habe ich meinen Grosskindern gewidmet. Da sie im gleichen Haus aufwachsen, wo auch ich aufgewachsen bin, ist es für sie vielleicht spannend zu erfahren, wie vor einigen Jahren in diesem Haus gewohnt wurde. Vielleicht haben sie einmal Lust, sie zu lesen.
Mir hat das Schreiben meiner Biografie viel Freude und Zufriedenheit bereitet.

 

Herzlich danke ich meet-my life.net, mit Unterstützung von Dr. Erich Bohli, dem Lektor Dieter Wolf, meinem Ehemann Lorenzo und Sohn Marco. Herzlichen Dank auch meinen Eltern und Geschwistern für die schöne Kindheit.



Kurzportrait



Name: Nelly Marazzi
Geburtsdatum: 19.11.1954
Zivilstand: Verheiratet
Kinder: Eine Tochter und ein Sohn
Grossmutter von zwei Buben

 

 

 

 

 

 










 




 

 

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