Zurzeit sind 563 Biographien in Arbeit und davon 337 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 212

Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich ernsthaft daran, eine Autobiografie zu schreiben. Anfangs hadere ich noch mit meinem Schatten-ich, das mir armselige Selbstsucht vorwirft. Bei Dostojewski habe ich gelesen, wie erbärmlich selbstverliebt man sein muss, um ohne Schamgefühl über sein eigenes Leben zu schreiben. Er hat es trotzdem getan.
Nach langem Hin und Her widersetze ich mich der inneren Stimme und entschließe mich, meinen Reflexionen freien Lauf zu lassen. Ich setze mich an den Schreibtisch und befehle mir: „Schreib, wie es war! Ungeschönt. Versuche, jene Leerstellen mit Wahrheit zu füllen, in denen das Geheimnis wohnt. Sammle die Konfettis deines Lebens auf. Du bist ein Mensch, der offen mit Gefühlen umgeht. Bist weder dumm noch naiv. Ganz und gar nicht. Du bist stark. Du brauchst keine Maske.”
Ich schreibe aus dem Gedächtnis. An einiges erinnere ich mich nicht mehr, deshalb bin ich auf die Hilfe anderer angewiesen. Auch auf die alten Mauern, an denen meine Vergangenheit klebt. Ich habe solide recherchiert, habe Freunde von früher getroffen und mit ihnen über gemeinsame Ereignisse geplaudert. Ernüchtert musste ich zur Kenntnis nehmen, dass zwei Menschen unterschiedliche Erinnerungen an dasselbe Ereignis haben können. Also sind Memoiren doch Fiktion? Ist meine Wahrheit überhaupt mitteilbar? Egal, ich versuche es.

Ich kam im Sommer 1946 an einem kühlen Augusttag in der Küche der Villa Hammerherr im steirischen Mürztal als Sohn des Ehepaares Franz-Josef und Maria Planegger zur Welt.
„In der Küche?”, könnte eine mögliche Frage lauten. „Ja, in der Küche”, würde ich antworten. Weil es der einzige Raum war, in dem warmes Wasser zubereitet werden konnte. Ich war nicht das erste Kind meiner Mutter und so ging die Geburt ohne Schwierigkeiten über die Bühne. Die Hebamme war zufrieden mit mir, ich wog immerhin knapp vier Kilogramm. Und ich plärrte lauthals. Es könnte gut und gerne der erste Protest meines Lebens gewesen sein.
Aus Erzählungen weiß ich, dass mein Vater gerade noch rechtzeitig zum freudigen Ereignis angereist kam, um meiner Mama für diesen Prachtkerl zu gratulieren. Er war glücklich mit seinem Stammhalter, wie er mich fortan nannte. Ich wurde evangelisch getauft und bekam den Namen Ferdinand. Es kam der Tag, an dem mein Vater voller Stolz den Namenszug seiner noch jungen Firma erweiterte. Von nun an stand am Schild: Franz-Josef Planegger & Sohn. Der Schnörkel -& Sohn- war ich, sein imaginärer Kompagnon.
Hier in diesem Haus, der Villa Hammerherr, versprach er hoch und heilig, der beste Vater der Welt zu werden. Ich sei sein ganzer Stolz. Jedenfalls sagte er das bei jeder sich bietenden Gelegenheit - und deren gab es viele. Aus meinem Vater, der vor dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland noch als arbeitsloser Walzbruder mit seiner Mandoline durch die Lande gezogen war, war der Unternehmer Franz-Josef Planegger geworden.
Von all diesen Dingen weiß ich nur aus Erzählungen. Meine ersten Erinnerungen beziehen sich auf das vierte und fünfte Lebensjahr, aber auch nur deswegen, weil es sich, im wahrsten Sinn des Wortes um einschneidende Ereignisse handelte.

Ein frueher Anrufer der Telefonseelsorge schildert seinen Weg zurueck ins Leben. Interview-Auszug aus einer Festschrift der Telefonseelsorge Salzburg.
„Die haben an mich geglaubt“
„Von einem Bahnhofsandler trennt mich nur ein Seidel Bier. Ferdinand weiß, wovon er spricht. Dem Handwerksmeister in der schön eingerichteten Wohnung sieht man seine Vergangenheit nicht an. Dass er seine Alkoholiker-„Karriere“ zu einem Wendepunkt brachte, verdankt er der Telefonseelsorge. Das betont er immer wieder. „Die haben an mich geglaubt, und ich wollte sie nicht enttäuschen.”
Die Kindheit war nicht schön, der Vater war Alkoholiker, und Ferdinand hatte immer das Gefühl, überzählig zu sein. Er ging in die Lehre, aber eine Abschlussprüfung machte er nicht. Verdienen musste er bald, und so suchte er sich einen Arbeitsplatz weit weg von seinem Heimatort. Damals fiel er noch nicht auf, unter der Woche hat er hart gearbeitet und am Wochenende ist er fortgegangen. Bei ein, zwei Bier blieb es aber nicht, auch nicht am Samstag als einzigen Fortgehtag.
Ferdinand ließ in der Arbeit nach, der Meister machte ihn darauf aufmerksam. In dieser Situation kündigte Ferdinand, denn so etwas ließ er sich nicht sagen. Trinken ja, aber dass er kein guter Arbeiter sei, das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Er ging in die Stadt, er arbeitete da, arbeitete dort, immer in seinem Beruf, aber der Abstieg war nicht zu bremsen. Auch die Obdachlosigkeit hat Ferdinand kennengelernt, er hat zwar immer auf sein Äußeres geschaut, hat sich rasiert und frische Wäsche besorgt, aber wenn er im Vollrausch seinen Unterschlupf nicht mehr erreichen konnte, nächtigte er eben im Freien. Wenn er heute manchmal über den Kapitelplatz geht und die Sandler sieht, sieht er seine eigene Vergangenheit. Als er sich aus dem Mistkübel beim Würstelstand ernährte und über die mit Aktenkoffern vorbeieilenden Menschen nachdachte: „Was seid´s ihr für Idioten.” Es sei beileibe nicht so gewesen, dass er während dieser Zeit nur gelitten habe, erzählt Ferdinand. Er hatte sehr viel Zeit für sich, und weil er ohnehin keine Chance für sich sah, brauchte er sich auch nicht anstrengen . . .
Bei einem Aufenthalt in Linz sieht er in einer Telefonzelle einen Aufkleber mit Hinweis auf die Telefonseelsorge. „Ich hab mich damals schon vor dem eigenen Schatten gefürchtet“, erzählt Ferdinand. Irgendwie ist er aber doch auf die Idee gekommen, dort anzurufen. Er wusste gar nicht genau, was er von denen wollte, aber reden, wenn er wieder einmal zu viel Alkohol erwischt hatte, das tat ihm schon gut. So gut, dass er von Salzburg aus dann mit der Linzer Telefonseelsorge telefonierte. Bis er eines Tages im Suff die Nummer nicht mehr wusste und bei der Auskunft anrief. Mit der Dame von „08“ hat er gleich eine ganze Stunde gesprochen und dann erfahren, dass es in Salzburg „seit kurzem” eine Telefonseelsorge gebe. Damit begann eine Beziehung, die Ferdinand heute für entscheidend in seinem Leben hält. Er wurde zum „Daueranrufer”, wie in der TS-Statistik die regelmäßigen Anrufer bezeichnet werden.
„Das gibt es doch nicht, dass dem nicht zu helfen ist.” Diese Einstellung der TS-Mitarbeiter spürte Ferdinand, und er wollte diese Menschen, die selbst ihm noch eine Chance gaben, nicht enttäuschen. „Ich hab mir hinter jeder Stimme jemand vorgestellt, meistens eine Klosterschwester mit einem Mordstrumm Kreuz umgehängt, guate Menschen, die für andere da sind”, erinnert sich Ferdinand. Die „Kollegen” vom Bahnhof haben natürlich bemerkt, dass der Ferdinand oft telefoniert. „Denen war zwar ein Pfarrer für den letzten Zwanziger gut genug, aber sonst haben´s an der Kirche kein gutes Haar gelassen. Wenn ich dann die Telefonseelsorge verteidigt hab, dann konnte das schon mit einem blauen Auge enden. Ich hab aber ein gutes Gefühl gehabt dabei, denn da hab ich wenigstens für die TS auch einmal etwas tun können.” Immer und immer wieder besprachen die TS-Mitarbeiter mit Ferdinand Termine bei der Suchtkrankenberatung, er versprach hinzugehen, ging aber nicht, teils weil er es gar nicht mehr wusste, teils weil er sich einfach schämte. Er hatte nicht mehr die Kraft. Jede Menge geplatzte Termine, bis sich schließlich eine Mitarbeiterin erklärte, Ferdinand zur Beratung zu begleiten. Der Weg in die Klinik zur Entgiftung und Entwöhnung war aber noch mit Hindernissen gepflastert. Ferdinand hatte noch eine Arbeit übernommen und stellte sich schon vor, wie er das verdiente Geld dann im Krankenhaus und danach in der Kur gut gebrauchen könnte. Nur leider machte er wieder eine alte Erfahrung. Wenn es ihm gut ging, kam der große Absturz.
In diesem Fall blieb vom Geld nicht viel, weil er das meiste schon während der Arbeit in Alkohol umgesetzt hatte, und die grenzenlose Enttäuschung über sich selbst ertränkte er dann in Alkohol, den er sich vom letzten Geld gekauft hatte. In dieser Situation war nun wieder die TS „der Grabstein, bei dem ich mich ausgeweint habe.” Es war ein Freitag, und der Termin in der Klinik war am Montag – so ferne für einen Alkoholiker. Da ergriff wieder eine TS-Mitarbeiterin die Initiative und verschaffte Ferdinand einen Aufnahmetermin. „Wie ich dann auf dem Klappsessel in der Klinik gesessen bin, wollt´ ich noch einmal abhauen. Als ich aber dann in einem so schönen weißen Bett gelegen bin, hab ich schon geglaubt, dass auch für mich einmal die Zeit mit dem Alkohol vorbei sein könnte. Was würden denn die von der TS sagen, die mir dieses schöne weiße Bett verschafft haben, wenn ich dann wieder zum Saufen anfang, die kann ich doch nicht enttäuschen.”
Wie einen Refrain sagte sich Ferdinand das vor, und er wusste, dass er sich auf die TS verlassen kann. Die nächste bittere Pille kam, als bei Ferdinand Tuberkulose festgestellt wurde. Als er aber angesichts der Diagnose Krebs nicht zum Glas griff, hatte er ein erstes Erfolgserlebnis. „Wennst bei so einer Watschen nicht zum Saufen anfangst, saufst dein Lebtag nimmer.” Die damalige Einschätzung sollte sich bewahren. Mit einer Ausnahme, als er in einem Gasthaus versehentlich kein alkoholfreies, sondern normales Bier bekam, hat Ferdinand seit vielen Jahren keinen Alkohol mehr getrunken. Nach der Entgiftung in der Klinik kam wieder ein Hindernis, die Jahreskur in der Schweiz verzögerte sich, und die Klinik konnte ihn nicht mehr länger behalten, er brauchte einen Platz, wo er arbeiten konnte und nicht im Kreis seiner Freunde der ständigen Gefahr des Rückfalls ausgesetzt war. Wieder waren es die Mitarbeiter der Telefonseelsorge, die ihm Arbeit und Quartier beschafften. Er lebte sich so schnell in diese Interimslösung ein, dass es ihm der Abschied, als der Termin für die Kur in der Schweiz kam, schwer fiel. Seine handwerklichen Fähigkeiten konnte Ferdinand in dem Kurheim einsetzen, er war Leiter einer Arbeitsgruppe, besuchte die Abendschule für Sozialarbeit und träumte davon, Ergotherapeut zu werden. Trotz Bilderbuchgeschichte, aus diesem Traum wurde nichts. Als Ferdinand nach seiner Heimkehr aufs Arbeitsamt ging und sich nach der Berufsausbildung für Ergotherapeuten erkundigte, wusste man dort nicht einmal, was das sein sollte. So kehrte Ferdinand wieder zu seinem Handwerk zurück, machte seinen Führerschein zum zweiten Mal, holte die Gesellenprüfung nach, absolvierte die Meisterprüfung und gründete schließlich seine eigene Firma. Es klingt wie im Märchen, und irgendwie hat es Ferdinand auch satt, so als Paradepferd hergezeigt zu werden, aber glücklich über seinen Weg ist er schon. Probleme gibt es auch jetzt, etwa die Schwierigkeit von Kontakten für Menschen, die keinen Alkohol trinken, oder die Frage, die er sich immer häufiger stellt: Wie ist es möglich, als Unternehmer 'Mensch' zu bleiben?
Von Elisabeth Mayer – ORF-Salzburg, Quelle: Rupertusblatt Salzburg (!988)

Meine Mutter wurde als Maria Kurz am 30. Juli 1913 in Sankt Marein im Mürztal geboren. Ihr Vater, Franz Kurz, kam aus dem Ersten Weltkrieg schwer krank zurück. Eine spät diagnostizierte Lungentuberkulose ließ ihn bis zu seinem Tod 1932 nicht mehr los. An seine Frau Gertrud, meine Großmutter, kann ich mich nur vage erinnern. Sie war eine kleine rundliche Frau, die wenig sprach. Meine Mutter hatte zwei Brüder, Georg und Peter, beide ein paar Jahre älter als sie. Mutters Leben war früh von Verlusten gezeichnet. Peter, ihr Lieblingsbruder, verunglückte mit einem Fuhrwerk tödlich. Georg, der ältere der Brüder, verließ nach einem Streit das Haus und kam nie wieder.
Ihre Eltern waren sogenannte ‚Keuschler’, also Kleinstbauern mit zwei Ziegen, ein paar Hasen und vielen Hühnern. Manchmal erzählte Mama aus ihrer Schulzeit, mitunter wehmütig, dann wieder enthusiastisch. Zum Beispiel die Geschichte vom Schopferl, ihrer Lieblingshenne, deren Haarschopf wie ein Bubikopf aussah und die sie einmal verbotenerweise in die Schule mitnahm. Ihr Lehrer mochte sie ihrer Eigenart wegen, sah ihr das Vergehen nach und verwahrte Schopferl während des Unterrichts im Garten des Schuldirektors. Als Preis für sein Stillschweigen stellte ihm ‚Mari die Keuschlersdirn’ (wie sie von besser gestellten Mitschülern abschätzig genannt wurde) ein noch zu legendes Ei von Schopferl in Aussicht.
Das ist eine der vielen kleinen Geschichten meiner Mutter, die für mich immer nur ‚Mama’ war. Niemals wagte ich es, sie Mari zu nennen. Ich hing an ihren Lippen, fasziniert von der Art ihres Erzählens. Ich liebte das Leuchten in ihren Augen, wenn sie zu erzählen begann und ihre Geschichten bei jeder Wiederholung leicht veränderte, ohne jemals eine zu beenden. Mamas bildhaftes Schildern machte mich zum Verbündeten ihrer Kindheit. Ich fühlte mich ganz nah bei ihr. Und dennoch war da noch viel mehr, was ich wissen wollte.
Aus mitgehörten Gesprächen bekam ich bruchstückhaft mit, dass es eine andere Familie vor meiner Zeit gegeben haben musste. Auf meine Fragen zu diesem Thema erhielt ich keine befriedigende Antwort. Das Argument war immer gleich: „Du bist noch zu klein, um das zu verstehen.”
Die brennenden Fragen blieben, aber erst viel später sollten sie beantwortet werden. Es war an einem klirrend kalten Abend im Advent. Vater war wieder einmal unterwegs zu seiner Schwester nach Wien, es ging um Geld, wie immer. Liesi, meine Mama und ich saßen zusammengekuschelt auf der Ofenbank und hörten Weihnachtslieder aus dem Radio. Anni, meine älteste Schwester, war zu dieser Zeit schon verheiratet und wohnte in der Nachbarstadt. Wir wollten sie demnächst besuchen, sofern Vater etwas Geld nach Hause bringen würde.
Es war heimelig und roch nach den Zimtsternen, die Mama und Liesi gebacken hatten. Mama kann Gedanken lesen, dachte ich, wie sonst könnte sie gerade jetzt zu erzählen beginnen. Eben noch wollte ich den obligaten Satz: „Mama erzähl doch mal von früher” sagen, als aufstand und den Schuhkarton mit den alten Schwarzweißfotos aus dem obersten Fach der Küchenkredenz zog.
Sie setzte sich wieder zu uns, legte die Schachtel auf ihren Schoß und öffnete behutsam den Deckel. Das Innere war bis obenhin mit alten Fotografien gefüllt. Einige der Schwarz-Weiß-Fotos hatten weißgezackte Ränder, andere nur glatte Kanten. Viele fremde Augenpaare blickten uns aus dem Karton entgegen. Zielbewusst zog Mama ein Bild heraus und drückte es mit beiden Händen an die Brust. An der vergilbten Rückseite stand ein Wort und eine Zahl: Weihnachten 1940. Zeig mal“, sagten Liesi und ich unisono. Mama drehte das Bild, das sehr abgegriffen schien, in unsere Richtung. Auf dem Foto waren drei Personen in einer Stube vor einem Christbaum erkennbar. Liesi erkannte es sofort und rief: „Das ist mein Papa und das Baby in seinem Arm bin ich!” Mama sprach mit verklärtem Blick: „Ja, das war der Böhm Karli, dein Papa und Annis Stiefvater. Er war mein herzensguter Mann. Der Karli war Betriebsleiter im Elektrizitätswerk. Kurz nachdem dieses Foto entstand, ist er bei einem tragischen Unfall im E-Werkskanal ertrunken.”
Ich hatte das Foto zum ersten Mal gesehen und zeigte mit dem Finger auf das Mädchen, das daneben stand und fragte: „Ist das Anni, Mama?”
„Ja, das ist Anni mit ihrem Geschenk vom Christkind, einer sprechenden Puppe. Anni war damals sieben Jahre alt.”
„Wieso bist du nicht auf dem Foto und wo ist Annis richtiger Vater?”, fragte ich.
„Ich habe fotografiert. Und Annis Vater? Er hieß Peter und war ein Abenteurer. Er ging als Söldner in den Spanienkrieg. Dort kam er 1936 ums Leben.” Mama drückte uns beide ganz fest. Es wurde mucksmäuschenstill.
Nach einer Weile fragte ich Mama, wie es denn weiterging. Vor allem wollte ich wissen, wann und wie mein Vater in unser Leben kam. Sie druckste herum und meinte schließlich: „Das erzähl’ ich dir ein anderes Mal – oder noch besser – wenn dein Vater wieder da ist. Zufrieden?”

Mein Vater wurde 1911 als Sohn des kaisertreuen Eisenbahners Franz Planegger und seiner Frau Cäcilia in der obersteirischen Montanstadt Leoben geboren. Die Mutter starb bei seiner Geburt und auch er selbst kam nur knapp mit dem Leben davon. Nach einer Nottaufe bekam er den stolzen Namen Franz-Josef, der ihm freilich wenig nützte, wenngleich es der Name des Kaisers von Gottes Gnaden war. Zeit seines Lebens hatte er mit allem erdenklichen Unbill zu kämpfen. Durch eine heimtückische Krankheit verlor er sein linkes Augenlicht. Ganz anders hingegen erging es Maria, seiner erstgeborenen Schwester, sie strotzte vor Gesundheit. Mizzi, wie sie genannt wurde, zog es früh in den Vielvölker-Schmelztiegel der Hauptstadt Wien. Der Vater heiratete bald wieder. Seine zweite Frau Theresia konnte keine Kinder bekommen. Diesen Umstand fasste sie als Fluch auf und näherte sich mehr und mehr dem Klischee der bösen Stiefmutter. Ihre Abneigung bekamen Franz-Josef und seine Schwester Mizzi schmerzlich zu spüren. Überhaupt war Unterwürfigkeit den Eltern gegenüber, damals das Gebot der Stunde. Sie mussten Vater und Stiefmutter per Sie ansprechen.
Der Vater (mein Großvater) schickte seinen begabten, aber kränklichen Sohn in die Bürgerschule und danach, mit 14 Jahren ins weit entfernte Kalsdorf bei Graz. Bei seinem Freund Ignaz Fluch, dem ehemaligen Hoflieferant für Spezereien und Kolonialwaren, durfte mein Vater den Beruf des Kaufmanns erlernen. Statt eines Lohnes bekam er lediglich ein kleines Taschengeld vom Lehrherrn. Dafür musste er sechs Tage in der Woche von früh bis spät den Laden sauber halten, die Journale schreiben, das Magazin bestücken und die Petroleumpumpe bedienen. Wenn die Kundschaft gerne auch nach Ladenschluss Kerosin für die Öllampen brauchte, musste Franz-Josef zur Stelle sein. Das war jene Art von Dienstleistung, die ihm den meisten Ärger bescherte, denn der Gestank des Petroleums haftete überall an. Nur mit Soda und Reibsand war die ölige Schmiere wegzubringen. Das musste sein, denn mit schmutzigen Händen durfte sich niemand zu Tisch setzen. Die Abende verbrachte er in seiner kalten Kammer unter dem Dach. Allein.
Franz-Josef drehte sich in seine Decke ein und sah seinem einzigen Mitbewohner, einem langbeinigen Weberknecht, zu, wie er sich mit wippenden Beinen langsam dem Lichtschein der Kerze auf dem Nachttisch näherte. Um die arme Kreatur zu schützen, blies er schnell die Flamme aus, schickte ihm noch einen Gute-Nacht-Gruß hinterher und zog sich die Decke über den Kopf. Doch der ersehnte Schlaf wollte sich nicht einstellen. Ein schleichender Druck zog in seine Brust, das Atmen fiel ihm schwer. Eine lang unterdrückte Traurigkeit machte sich breit, seine Mundwinkel zuckten, als er das Salz der Tränen auf den Lippen spürte. Er fühlte sich leer wie nie zuvor. Franz-Josef schluckte und wusste, was es war. Heimweh.
Der Sonntag war der freie Tag, allerdings mit der Auflage, in die katholische Frühmesse zu gehen. Also war nichts mit Ausschlafen, denn die zweite Messe um zehn Uhr durfte er nicht besuchen, die war ausschließlich den Herrschaften vorbehalten.
Manchmal gab es ein Dorffest und es ging hoch her im ganzen Ort. Franz-Josef besaß wenig Geld, aber für ein paar Krügel Bier reichte es, so kam er zu seinem ersten Rausch. Er legte seine Schüchternheit ab wie einen lästigen Überzieher und sang mit den Bauernburschen aus dem Dorf unflätige Lieder. Außer der üblichen Dorfmusik trat auch ein südländisch wirkender Musikant mit einer Mandoline auf. Erst zupfte er nur an den Saiten, steigerte sich dann aber in ein fantastisches Tremolo. Franz-Josef gefiel diese Art von Musik. Er glaubte sich erinnern zu können, auf dem Dachboden hinter seiner Schlafstatt so ein Instrument gesehen zu haben. Leicht beschwipst ließ er den Sonntag ausklingen, ging singend nach Hause und begab sich auf die Suche nach dem Ding. Der Reiz des Neuen, womöglich Verbotenen, veranlasste sein Herz schneller zu schlagen. Mit einem Kandelaber samt flackernder Kerze durchsuchte er die Rumpelkammer und fand die verstaubte Truhe, in der er das gitarrenartige Instrument vor Wochen entdeckt hatte. Vorsichtig stellte er den Kerzenleuchter zur Seite und zog das gebauchte Lederfutteral heraus und tat einen Jauchzer. Vor ihm lag im Kerzenschein eine Mandoline. Alle vier Saitenpaare waren intakt. Ein ungeahntes Gefühl der Freude hatte Besitz von ihm ergriffen, als er erstmals in die Saiten schlug. Es war ein großer Tag für ihn gewesen, er hatte den ersten (kleinen) Rausch seines Lebens und eine Begleiterin für die Nacht gefunden. Seine heimliche Geliebte war ab sofort diese bauchige Mandoline. Im Tragekasten fanden sich sogar hochwertige Zupfblättchen aus Schildpatt und zwei Reservesaiten. Voilá, einem ersten Tremolo stand nichts im Wege.
Endlich, im Sommer 1928, wurde mein Vater von seinem Lehrmeister freigesprochen. Franz-Josef Planegger bekam sein Lehrzeugnis ausgehändigt und zu gleicher Zeit die entmutigende Mitteilung, dass er nicht bleiben könne. Zum Abschied schenkte ihm sein Lehrherr die Mandoline, auf der er drei Jahre lang in den Abendstunden heimlich geübt hatte. Ignaz Fluch hatte es längst bemerkt und es war ihm egal, die Mandoline war ein Instrument, das lange Zeit nur herumlag und mit der keiner etwas anfangen konnte.
Eine Arbeitsstelle als Kaufmann war nicht in Sicht. Die allgemeine Arbeitslosigkeit ließ ihm keine andere Wahl, als auf die Walz zu gehen. Diese Wandertätigkeit führte ihn im losen Verbund mit gleichgesinnten Arbeitslosen mit einem bei einer Tombola gewonnenen Fahrrad quer durchs Land. Jahre der Not, die andauernde Aussichtslosigkeit auf ein geregeltes Einkommen und nicht zuletzt seine angeschlagene Gesundheit ließen die Hemmschwelle für kleinere Gaunereien sinken.
Jahrelang zog er mit seiner Mandoline durch das Land, spielte immer die gleichen Lieder für Proviant und eine Schlafstelle im Heu. Seine körperlich kräftigeren Kumpels verdingten sich gelegentlich als Tagelöhner. Für Franz-Josef, der sich selbst als „Bleistiftspitzer“ bezeichnete, gab es selten eine adäquate Beschäftigung, also spielte er umso mehr auf seiner Mandoline. Nicht immer waren die Walzbrüder gern gesehen, so zum Beispiel beim Lechner, dem reichsten Bauer im ganzen Landkreis. Dieser Landwirt empfing die Hungrigen mit der fiesen Frage: „Wollt’s gestrige Knödel?“ Beim demütigen Bejahen kam sogleich die feindselige Antwort des feisten Bauern: „Dann kommt´s morgen, heut’ sind die Knödel frisch!“ Kein Wunder, dass nach solchen Begebenheiten der sonst ehrenwerte Walzbruder gelegentlich zum Eierdieb wurde. Da konnte es schon vorkommen, dass so ein flüchtendes Federvieh direkt zwischen die Räder seines Drahtesels kam und von ihm den Kragen umgedreht bekam.
Jahrelang zog mein Vater singend, spielend und vagabundierend durch die Lande. Die entsagungsvolle Zeit auf der Walz führte ihn ins sogenannte „Rote Wien”, wo er sich von den dort regierenden Sozialdemokraten eine Anstellung in seinem Beruf als Kaufmann erhoffte. Er hatte Glück und landete letztlich als Bauschreiber auf einem der vielen Gemeindebauten der Stadt Wien. Einzige Bedingung war das rote Parteibuch gewesen, das man ihm, der sich bis dahin immer als Freigeist sah, in die Hand drückte.
Die von Amerika ausgehende Weltwirtschaftskrise hatte auch Österreich erfasst. Der ohnehin mit großen Strukturproblemen kämpfende Staat konnte seine bedürftigen Bürger nicht mehr versorgen. Mittlerweile waren hunderttausende Menschen arbeitslos geworden. In den Dreißigerjahren riefen die Austrofaschisten unter Kanzler Dollfuß den Ständestaat aus. Nach Dollfuß’s Ermordung durch die Nationalsozialisten übernahm der katholisch-autoritäre Kurt Schuschnigg das Amt. Im Februar 1938 wurde Schuschnigg von Adolf Hitler zu einer „Unterredung“ auf den Obersalzberg in Berchtesgaden zitiert und mit dem Einmarsch erpresst. Am gleichen Abend unterschrieb Schuschnigg ein Abkommen, indem das Verbot der NSDAP in Österreich aufgehoben und deren Vorsitzender Seyss-Inquart zum Innen- und Sicherheitsminister ernannt wird. Danach ging alles sehr schnell. Der Einmarsch erfolgte am 12. März. Noch am selben Tag übernahmen die deutsche Wehrmacht-, SS- und Polizeieinheiten das Kommando über die österreichischen Machtinstrumente.
Damit begann am 12. März 1938 das dunkelste Kapitel in der Geschichte Österreichs. Der Sozialdemokratie gegenüber verfolgten die Nationalsozialisten eine Doppelstrategie. Die Führungsriege wurde in Haft genommen, einfache ehemalige Mitglieder wurden massiv umworben. Viele Österreicher, die lange der Sozialdemokratie treu waren, wechselten vor allem aufgrund der schnellen wirtschaftlichen Erholung ins Lager der Nationalsozialisten. Auch mein Vater konnte der Verlockung, endlich wieder Arbeit zu bekommen, nicht widerstehen.

Meine Eltern trafen sich 1942 das erste Mal in Sankt Marien im Mürztal. Beide hatten im Gemeindeamt einen Vorsprechtermin im Bürgermeisteramt.
Meine Mutter trug jetzt den Namen Maria Böhm nach ihrem tödlich verunglückten Mann Karl Böhm. Sie brauchte die Unterstützung der Gemeinde, weil sie mit ihren zwei Töchtern Anna und Elisabeth die Werkswohnung ihres verstorbenen Gatten räumen musste.
Mein Vater, Franz-Josef Planegger, arbeitete seit 1935 in den Böhler-Stahl-Werken in Kapfenberg im Mürztal als Kanzlist. Die Zeiten des Herumziehens als Walzbruder und Hungerleidens waren für ihn zwar vorbei, bettelarm blieb er trotzdem. 1938 - Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich produzierten die Eisen- und Stahlwerke vorwiegend Kriegsmaterial.
Ergänzungen dazu im Kapitel: 6.2. Aufstieg und Fall – Villa Hammerherr

Ich erinnere mich noch gut an die Einsamkeit, die ich als Fünfjähriger auf der Isolierstation des Krankenhauses empfand, wo mich die Ärzte vor dem Ersticken bewahrt hatten.
„Diphtherie ist eine schwere Krankheit”, sagte die Schwester, „deshalb musst du noch ein Weilchen hierbleiben. Wenn du brav bist und nicht so viel weinst, wirst du bald wieder ganz gesund und darfst nach Hause.” Diphtherie – das Wort konnte ich nur denken, nicht sprechen. Ich fürchtete die Schwestern und weinte nicht, jedenfalls nicht, wenn sie in meiner Nähe waren. Niemand, absolut niemand durfte mich besuchen, nicht einmal meine Mama. Ich war auch traurig, dass ich Maxi meinen Teddy nicht bekam. Mama hatte ihn mitgebracht und mir durch ein Fenster zugewinkt. Sie hielt Maxi in der Hand und lächelte mir zu. Ich sah, dass sie etwas sagte, aber ihre Stimme drang nicht durch das Fenster. Die Schwester sprach von Infektionsgefahr. Ich verstand das Wort nicht und fühlte mich bestraft.
Es waren schlimme Tage, aber ich hätte Glück gehabt, sagte der Doktor zu meiner Mutter, als sie mich vom Krankenhaus abholte. Sie sprachen von Luftröhrenschnitt und Penicillin. Immer diese Krankenhausworte. Mein Blick war nach außen gerichtet und was ich da vor der Tür sah, ließ mich schnell vergessen, was war. Vor dem Haus stand unser Leiterwagen, der mir zu Ehren mit Polstern ausstaffiert war. Meine Mutter hatte ihn mitgebracht, um mich nach Hause zu transportieren.
„Ein Taxi können wir uns leider nicht leisten”, sagte sie.
Mir tat das nicht leid, im Gegenteil, ich konnte es kaum erwarten, von einem Pferdchen, das meine Mama war, durch die Spitalsallee gezogen zu werden.

Nach Wochen, ich war inzwischen eingeschult worden, saßen wir beim Frühstückskaffee. Heute war schulfrei. Sonst war alles wie immer. Der Kaffee war schwarz, weil keine Milch da war. Vater schlief seinen Rausch aus und Mamas Augen waren gerötet. Ich wusste: Das kommt vom Weinen. Sie wollte nicht, dass ich es mitkriege, zog ein Taschentuch aus der Kittelschürze und schnäuzte sich laut. Ich wollte sie trösten, aber da lächelte sie schon wieder und schickte mich auf den Gang, um Wasser zu holen. Das kannte ich. Danach tat sie immer so, als sei nichts gewesen. Ich ahnte, dass irgendetwas passiert sein musste. Vielleicht, so dachte ich, kommt ihr Weinen von dem Satz, der so traurig klingt und den ich oft hörte, wenn sie mit Vater stritt. Jetzt fragte ich, was dieser Satz: „Vergangenheit. Alles längst vorbei” bedeutet. Ein verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie sagte nur: „Früher halt. Wie im Märchen – es war einmal.”
Es müssen meine fragenden Augen gewesen sein, die ihr sagten, dass ich mit dieser Antwort nicht zufrieden war. Sie holte tief Luft und begann zaghaft zu erzählen. „Früher wohnten wir in einer anderen Stadt, in einem schönen Haus mit großem Garten und hohen Bäumen. Kannst du dich erinnern, Ferdinand?”
Jetzt, als Mama von den Bäumen schwärmte, fiel mir die Schaukel ein. Sie hing zwischen zwei Baumstämmen und ich sah, wie Waldemar darauf Kunststücke vorführte. Waldemar war mein Freund gewesen. Mama sagte, dass er versprochen habe, mich zu besuchen, aber er war noch nicht da. Ich hatte so viele Fragen, aber Mama strich mir übers Haar und ich blieb still.
„Wir haben jetzt ein anderes Leben, wir fangen neu an. Du wirst sehen, alles wird gut. Und jetzt geh hinaus spielen, Ferdinand, die Sonne scheint.”
Mein Spielplatz war die Gasse vor dem Haus. Hier saß ich am Rinnstein und bastelte an jedem Tag an einem neuen Bild. Ich war ein Bildermacher. Dazu sammelte ich alles, was farbig war und glänzte. Es schien ein guter Tag zu werden für mich und meine Bilder. Letzte Nacht war ein heftiges Gewitter niedergegangen und hatte viel neues Schwemmgut im Rinnstein abgelagert. Das war meine Fundgrube, darin fand ich meine bunten Mosaiksteine. Dass es zu regnen begann, störte mich nicht, ich mochte Regentropfen. Am liebsten hätte ich sie eingefangen und als Glitzerperlen in mein Bild eingebaut. Leider zerplatzen sie am Boden, wurden zu Wasser und beendeten ihr Spiel im Abfluss.
Bald blitzte wieder die Sonne durch die Wolken und ließ meine Bausteine glänzen. Ich sortierte Kronkorken, grünes Glas von zerbrochenen Flaschen, rotbraune Splitter von Ziegelsteinen und weißblaue Scherben mit Zwiebelmuster. Schade, das war gewiss einmal ein vornehmes Kaffeehäferl. Aus Sand und matschiger Erde formte ich eine glatte Fläche und drückte alle Teile meiner Sammlung in den Ton. So entstanden meine Mosaik-Bilder.
Plötzlich erschienen in meinem Blickfeld zwei Wanderschuhe und zwei Hosenbeine. Ich fürchtete um mein Kunstwerk und sagte: „Bitte nicht!” Als ich aufblickte, sah ich Herrn Tuttner, meinen Lehrer. Ich mochte ihn sehr gern, und ich spürte, dass er mich auch mochte. Auf die Frage: „Fährst du nicht mit, heute ist doch unser Schulausflug zum Grünen See?”, schüttelte ich nur stumm den Kopf. Wo meine Mutter sei, fragte er. Ich zeigte nach oben. Wir gingen ins Haus und er klopfte an. Mutter öffnete die Tür. Sie nestelt an ihrer Schürze herum, als sie mich mit dem Lehrer sah. Ich glaube, sie schämte sich für die armselige Behausung; und auch, dass wir den kleinen Betrag für den Ausflug nicht aufbringen konnten. Sie sprach leise mit dem Lehrer, doch der ging nicht weiter drauf ein und sagte: „Ach was, das kriegen wir schon, Frau Planegger.”
Herr Tuttner nahm meine Hand und ging mit mir zum Hauptplatz, wo das Postauto wartete. Da stand ich nun, mit kurzer Lederhose und verwaschenem Leibchen, barfuß. Der Bus fuhr los. Mein weißblonder Haarschopf wurde von den Müttern der Kinder liebevoll zerzaust und meine Schulkameraden konnten sich nicht einigen, wer mir mehr Bonbons schenken durfte. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich im Mittelpunkt - trotzdem war da eine Distanz. Ich war mittendrin und doch am Rand. Sie sprachen über mich, ich war plötzlich der Arme. Dabei fühlte ich mich gar nicht arm. Viel später im Leben würde ich verstehen, warum das so war: Erst ihre Großzügigkeit machte mich arm. Das größte Geschenk an diesem Tag war die Fahrt mit dem Postauto. Der Chauffeur betätigte nur für uns Buben das Posthorn. Wunderbar!
Lehrer Tuttner erklärte während der Fahrt die Umgebung unserer steirischen Heimat und warum unser Ziel, der Grüne See, so beliebt ist. Noch nie zuvor war ich von zu Hause weg gewesen. Jetzt stand ich staunend vor dem See im Talschluss. Die Moospolster unter meinen nackten Fußsohlen fühlten sich wie ein warmer Teppich an. Ich grub meine Zehen in den sandigen Untergrund zwischen dem Moos. Steil aufragende Felswände und dunkle Tannenwälder spiegelten sich im See. Weiße Kalkschichten am Seegrund erzeugten ein besonderes Licht und ließen die Oberfläche des Sees smaragdgrün leuchten. Herr Tuttner erzählte von unterirdischen Quellen und topografischen Besonderheiten in diesem Tal. Die Erwachsenen waren von der Rede des Lehrers sichtlich beeindruckt. Ich nicht, ich war es von dem, was ich sah. Ich machte mir mein eigenes Bild.
Nach einem kurzen Fußmarsch rund um den See fanden wir einen schönen Platz, wo wir unser Lager aufschlugen. Einige Kinder spielten mit Baumrinden und sammelten Tannenzapfen am weichen Waldboden. Ich streunte im Wald herum, wollte Steine sammeln für meine Bilder und machte eine Entdeckung. Im Wurzelballen eines umgefallenen Baumes glitzerte es. Ein Sonnenstrahl war durch das dichte Geäst auf einen Stein getroffen und brachte ihn zum Funkeln. Auf seiner Oberfläche waren Kristalle, sie schauten wie kleine Würfel aus und glänzten wie Gold.
Herr Tuttner hatte meinen überraschten Ausruf gehört, dachte wohl, ich wäre gestürzt und wollte mir zu Hilfe eilen. Als er mich unversehrt, aber voll Erstaunen vor meinem Fund erblickte, klärte er mich auf. „Das ist leider kein Gold, Ferdinand, das ist ein Pyrit. Die Leute nennen es Katzengold. Auf jeden Fall ein schöner Stein. Dein Stein, Ferdinand.”
Die Mütter breiteten Decken aus, Klappsessel gab es auch – Mittagszeit. Weil ich keinen Proviant dabei hatte, wurde zusammengelegt. Am Ende hatte ich mehr zu essen, als die anderen Kinder. Sie gaben mir Käse und Schinken, gekochte Eier und Essiggurken. So stellte ich mir das Schlaraffenland vor: Steine wie Gold und jede Menge zu essen.
Der Lehrer spielte auf der Gitarre ein Lied und alle sangen mit. Irgendwer kam auf die Idee, ins Wasser zu laufen. Am flachen Ufer sei der See gut zum Baden geeignet, sagten sie. Alle Kinder sprangen ins Wasser, die Mütter passten auf, dass nichts passierte. Ich blieb allein am Ufer zurück.
„Komm doch, es ist gar nicht tief”, riefen sie mir zu. Ich ging nicht, auch wenn es noch so verlockend schien. Ich konnte nicht. Nicht, dass ich nicht schwimmen konnte, war mein Problem, sondern dass ich unter meiner kurzen Lederhose keine Unterhose trug. Ich lächelte still in mich hinein. Gut, dass ihr das nicht wisst, es würde mich in euren Augen nur noch ärmer machen.


Das Schuljahr war zu Ende und ich sah meinen ersten großen Ferien entgegen. Das obersteirische Industrieviertel war kein Land, in dem man an Erholung oder Sommerfrische dachte, es war düster und grau. Rauchende Schlote wurden positiv gesehen, Aufschwung und Wiederaufbau war die allgemeine Devise. Es war laut und dreckig. Und Umweltschutz? Das Wort gab es nicht.
Meine Familie konnte sich nur das Notwendigste leisten, von Urlaub konnte keine Rede sein. Ferien bedeuteten für mich, dass ich nicht zur Schule gehen konnte. Das fand ich schade, denn ich ging gern zur Schule. Für eine Überraschung sorgte gleich nach Schulschluss mein Vater. Er eröffnet mir: „Du darfst zur Mizzitant nach Wien fahren und kannst dort die Ferien verbringen.” Das klang eher nach einer Drohung als nach einer freudigen Botschaft. Der Hintergrund dieser Aktion war, wie immer, das Geld, das in diesem Haus ständig knapp war.
„Jeder Esser weniger schlägt zu Buche", so drückte sich mein Vater auf seine Art aus. Er war Alkoholiker und brauchte das Geld für sich. Zum Glück verstand ich diese Worte noch nicht. Für mich war es pure Freude, ich mochte meine Tante und ihren Mann den Pepionkel, nicht nur, weil ich von ihnen Geschenke erhielt. Ich spürte die Herzlichkeit und Fürsorge, die aus ihren herrlich wienerischen Worten sprachen. Meine Vorfreude war groß, ich schwärmte von den Straßen einer Großstadt, den hohen Häusern und eleganten Geschäften. Das war mein Ding.
Der Tag meiner Reise war schnell gekommen. Es war ausgemacht, dass mich meine Eltern in den Zug setzen und dem Schaffner Bescheid geben, dass er mich im Auge behält, bis mich die Mizzitant am Wiener Südbahnhof abholt. Ich fahre allein im Schnellzug nach Wien, was für ein Tag! Dass die Fahrt vier Stunden dauerte, machte mir nichts aus: Zugfahren war meine große Leidenschaft. Dieses Hochgefühl könnte nur noch vom Fahren mit einer Straßenbahn übertroffen werden. Eine echte Wiener Tramway kannte ich nur von Bildern.
Die Südbahnstrecke wurde mit Dampfloks befahren. Über den Semmering war das ein Kraftakt, trotz einer zweiten Lok als Verstärkung. Eine zog – die andere schob. Ich konnte mich nicht satt sehen. Die Aufregung wurde größer, je länger die Fahrt dauerte. Als der Zug in die Außenbezirke von Wien kam, konnte ich in Straßenzüge hineinsehen. In Meidling war es dann so weit, ich sah meine erste Straßenbahn, noch dazu eine Dreiergarnitur! Es war die Linie 118. Jawohl, genauso hatte ich mir das vorgestellt. Großartig!
Als der Zug in die Halle des noch immer halb zerbombten Südbahnhofs einfuhr, begann für mich eine neue Zeit in einem anderen Land. Ansagen schallten durch viele unsichtbare Lautsprecher und ein Gewühl von Reisenden schob sich auf den Bahnsteigen durch die riesige Halle. Und ich wusste: Das ist meine Stadt! Der Schaffner nahm mich zur Seite und sagte, ich soll da am Bahnsteig stehen bleiben. „Wenn alle Reisenden weg sind, kann dich deine Tante am leichtesten finden.” Sagte es und war verschwunden.
Plötzlich schnürte es mir die Kehle zu, ich hatte Angst, vergessen zu werden. Ich stieg, obwohl streng verboten, auf eine Wartebank am Bahnsteig und hielt Ausschau und Gott sei Dank, da kamen meine zwei Erlöser. Mizzitant, wohlbeleibt, und daneben der Pepionkel, kein Mann großer Worte, trotzdem hatte ich das Gefühl, bei ihm gut aufgehoben zu sein.
Der große Moment war gekommen. Meine erste Fahrt mit der Straßenbahn, nämlich mit dem 67er in Richtung Favoriten. Vor Begeisterung war mir schlecht geworden. Es schien, als würden sich alle meine Träume auf einmal erfüllen. Elegante Geschäfte mit chromblitzenden Portalen, Pelze und feinstes Tuch in funkelnden Schaufenstern. Ich wähnte mich im Schlaraffenland.
Mizzitant und Pepionkel wohnten am Laaerberg. Beim Amalienbad mussten wir aussteigen und zu Fuß hinauf gehen bis zu den Ziegelteichen. Pepionkel erzählte mir, dass seine Eltern aus Böhmen stammen und damals - noch zu Zeiten der Monarchie - in den großen Ziegelwerken und Lehmgruben Arbeit gefunden hatten. Sie würden heute noch von den Wienern Ziegelbehm genannt.
„Ziegelbehm, ist das ein Schimpfwort?”, fragte ich.
„Na ja, wie man´s nimmt. Der Ton macht die Musik - aus Ton werden aber auch die Ziegel gemacht. Wir wissen, dass wir ehrbare Leute sind”, sagte er und lachte. Ich lachte auch, obwohl ich den Sinn nicht verstanden hatte.
Der Pepionkel war Polier bei einer großen Baufirma und immer viel unterwegs. Und die Mizzitant? Sie war die Schwester meines Vaters, nannte mich Ferry und arbeitete in der Ankerbrot-Fabrik.
An Wochentagen stand ich unter der Patronanz meiner böhmischen Oma. Sie wohnte nahe am Ziegelteich in einem winzigen Häuschen mit Garten, in unmittelbarer Nähe meines liebsten Platzes, dem alten böhmischen Prater. Dort konnte man am Sonntag mit dem Ringelspiel fahren, es gab auch eine Schiffsschaukel und einen Würstelstand. Die Schaukel mochte ich nicht, weil mir vom Schaukeln immer schlecht wurde. An den Schießbuden konnten Männer für die Mädchen Rosen aus Krepppapier schießen. Die böhmische Oma mochte keine Männer mit Gewehren, sie schimpfte und meinte, es wäre im Krieg genug geschossen worden.
Die Oma war die Mama vom Pepionkel. Alle nannten sie nur Babi%u010Dka. Sie sprach nur gebrochen deutsch, ihr Mann, der Wenzel, gar nicht. Bei Babi%u010Dka gab es morgens Kafitschko, damit war eine Art von Kaffee gemeint, den ich nur mit geschlossenen Augen und mit Todesverachtung durch die Kehle würgte.
In Wien musste ich, ganz anders als zu Hause, immer Schuhe tragen. Man hatte mir verboten, barfuß zu gehen. Es sei wegen der herumliegenden Glasscherben viel zu gefährlich. Zu allem Überdruss mischte sich der sonst so gütige Pepionkel auch noch ein, als er sagte: „Barfuß gehen nur die Zigeunerkinder.”
So ein Blödsinn, dachte ich.
Ich fügte mich, aber die Zigeunerkinder spukten mir im Kopf herum. Mir kam eine Idee. Ich glaubte zu wissen, wo die Zigeuner wohnen. Manchmal, wenn ich die Mizzitant von der Arbeit in der Ankerbrotfabrik abholte, benützte ich eine Abkürzung. Vom Laaerberg führte ein Weg durch Schutthalden und abenteuerliches Brachland hinunter zur Absberggasse. Neben der Fabrik ragten aus zerbombten Häusern stehengebliebene Kamine wie anklagende Finger gegen den Himmel. Der Anblick dieser zerstörten Häuser bedrückte mich. Ich dachte an die Menschen, die da einmal gewohnt hatten. In den unteren Stockwerken sah man noch Tapetenmuster und Wandmalereien, Kacheln einer Badezimmerwand. Türen, die ins Nichts führten, machten mir Angst. Wo sind die Familien, die da gewohnt haben, fragte ich einmal den Pepionkel. Aber er sprach nicht darüber. Manchmal hörte ich ihn klagen, viel öfter fluchen: „Scheiß Krieg”, war so ein Satz, oder: „Das verstehst du nicht.” Mit Kindern wurde nicht darüber gesprochen.
Vor lauter schrecklichen Kriegsgedanken hätte ich fast meine Suche nach den Zigeunerkindern vergessen. Zwischen wildem Gestrüpp und dornigen Hecken standen ein paar verkrüppelte, blattlose Bäume und eine, mit rostigem Wellblech gedeckte Hütte. Das war mein Ziel. Dort vermutete ich die Zigeunerfamilie. Bei diesem Unterstand aus alten Brettern und Teerpappe, hatte ich letztens spielende Kinder gesehen. Ich pirschte mich an, wie ich es beim Indianerspielen gelernt hatte.
Ich sah, wie eine Frau bunte Fetzen zum Trocknen über die Sträucher legte. Man hängt doch nur Hemden und Hosen in die Sonne, nicht solche Lumpen, dachte ich. Warum tat die Frau das? Meine Neugier trieb mich immer näher an den Schauplatz. Hinter den Schutthügeln spielte ein Bub mit einem komischen Ball. Er war aus Fetzenstreifen geformt. Rote Gummiringe, wie ich sie von den Marmeladegläsern kannte, hielten den Ball in Form. Der Bub lief barfuß und kickte scheinbar ohne Schmerzen den Ball mit den Zehen. War das ein Zigeunerjunge?
Als er mich sah, kickte er den Ball in meine Richtung. Unsicher, ob das eine Begrüßung war oder ob er mich abschießen wollte, fing aber den Ball und lächelte verlegen. Er war größer und bestimmt stärker als ich. Also war Vorsicht geboten. Er winkte und rief mir zu: „He du! Komm her, wenn’s dich traust.”
Ich streifte meine Schuhe ab und kickte den Ball mit dem Fuß zurück.
„Was machst du da?”, fragte er.
„Nichts, wollte nur mal schauen, was hinter den Hügeln ist.” Ich wollte mich auf einen Baumstumpf setzen, aber das ging nicht. Auch hier lag ein Stofffetzen zum Trocknen.
„Wohnst du hier?”, fragte ich.
„Nur im Sommer.”
„Und im Winter?”
„Im Winter mache ich Musik.”
„Gehst du nicht zur Schule?”
„Ja, aber nicht immer. Viel lieber spiele auf meinem Xylophon.
„Was ist ein Gsilo … dings?“
„Bist du immer so neugierig? Wer bist du eigentlich und wo wohnst du?”
„Ich wohne bei der Babi%u010Dka, gleich hinter dem Ziegelteich. Auch nur im Sommer. Ich bin der Ferdinand.”
„Ich heiße Mateo.”
In dem Moment kam die Frau aus der Hütte. Sie sang vor sich hin und blieb abrupt stehen, als sie mich sah. Und sprach mit Mateo: „Kennst du den? Was will der hier – Zigeunerschauen?”
„Nein, er ist harmlos, heißt Ferdinand und kommt aus …”, Mateo schaute mich fragend an: „Woher kommst du? Du bist doch nie im Leben ein Wiener, oder?”
„Ich komme aus der Steiermark und bin immer in den Ferien hier.”
Jetzt lachten sie. Ich lachte vorsichtshalber mit. Die Frau war jetzt freundlicher gestimmt und sagte: „Die Babi%u010Dka vom Ziegelteich? Das ist deine Oma? Na sowas! Ich kenne sie, sie ist eine großzügige Frau, zweimal schon hat sie mir einen Teppich abgekauft. Komm her, setz dich auf die Bank. Magst du Hollersaft?”
„Ja, bitte.”
Die Zigeunerfrau war gar nicht böse, wie alle sagen. Mutig fragte ich, was es mit den bunten Fetzen auf sich hätte, die hier überall herumhängen.
„Wir sammeln im Sommer diese Lumpen und machen im Winter bunte Flickenteppiche daraus. Wir sind Jenische, weiße Zigeuner, verstehst du? Nein, natürlich verstehst du nicht. Zigeuner will niemand verstehen, daher ziehen wir durchs Land, flechten Körbe, knüpfen Teppiche und machen Musik.”
Der bittere Ton in der Stimme der Frau machte mich traurig. Ich hätte gerne etwas Nettes gesagt – etwas, das sie milder gestimmt hätte, aber mir fiel nichts ein. Verlegen drückte ich mein selbstgeschnitztes Haselnusspfeifchen in meiner Hosentasche hin und her und platzte heraus: „Ich mache auch Musik, mit dem hier! Stolz zeigte ihm mein Pfeifchen.”
„Umso besser”, sagte Mateo, „ich hole mein Xylophon. Wir spielen miteinander.”
Mateo kam mit einem Gestell aus der Hütte, auf dem acht leere Flaschen an Schnüren hingen. Ich staunte, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Wir füllten die Flaschen mit Wasser aus einem Wasserkrug verschieden hoch an. Es lief einiges daneben, aber es machte Spaß. Ich probierte mit einem Schlägel die Klänge aus und Mateo blies von der anderen Seite an den Flaschenhälsen. Auf diese Art stimmten wir das Xylophon. Wir spielten herum und komponierten unsere eigenen Lieder. Ich lernte: Je voller die Flasche war, umso tiefer klang es, wenn ich mit dem Schlägel anschlug. Wenn Mateo an derselben Flasche oben am Hals blies, waren die Töne heller. Wir spielten den ganzen Nachmittag. Mateo und ich hatten die Zeit vergessen.
Mateo wollte, dass ich wiederkomme. Er meinte, dass wir jetzt Freunde wären. Ich versprach, dass ich kommen würde, obwohl ich nicht wusste, wie ich das der Mizzitant, dem Pepionkel und der Babi%u010Dka erklären sollte. Eine Freundschaft mit einem Zigeunerjungen? Für mich selbst war das kein Problem. Ich trat den Heimweg an. Kurz vor der Wohnung zog ich meine Schuhe wieder an.

Als ich einmal die Mizzitant von der Arbeit abholte, wurde ich ihrem Chef, dem Direktor vorgestellt. „Ich bin der Leopold”, sagte er und lachte. Für mich war er ab sofort der Onkel Leopold. Ich spürte, dass er mich mochte. Mizzitant erzählte mir, dass seine Frau gestorben sei und er keine Kinder hätte.
Onkel Leopold wurde mein Gönner. Ich war schwer beeindruckt von diesem wirklichen Herrn. Statt einer Krawatte zierte eine gepunktete Fliege den Hemdkragen. Die Wiener sagen Mascherl dazu. Über den rotbraunen Schuhen trug er cremefarbene Gamaschen, einfach nur edel. Er sprach mit mir wie mit einem Freund, das gefiel mir. Onkel Leopold wusste auf alles eine Antwort, schlüssig und verständlich. „Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle”, sagte meine Tante. Als Witwer war er bei allen Damen beliebt, was mir gar nicht passte, ich wollte ihn für mich allein haben.
Mein erster Ausflug mit Onkel Leopold führte in das Innere der Ankerbrot-Fabrik. Das war ein Erlebnis! Dieses Gewusel von Pferdefuhrwerken mit denen täglich das Brot ausgefahren wurde, beeindruckte mich sehr. Die hellgrauen Wagen waren alle mit dem berühmten roten Anker auf weißem Grund bemalt. Die Expedithalle und die Stallungen waren für einen Buben wie mich das reinste Paradies. Ich habe heute noch den Geruch von Pferden und frischem Brot in der Nase.
In diese Zeit fiel auch mein Geburtstag, dem ich allerdings keine besondere Bedeutung beimaß. Bei mir zu Hause gab es keine Geburtstagsfeier oder Geschenke. Mit etwas Glück bekam ich neue Schuhe, die sowieso dringend notwendig waren. Onkel Leopold hat mir für meinen großen Tag, wie er es nannte, eine Überraschung versprochen. Ich war gespannt.
„Das gibt’s ja gar net, das ist ja der totale Luxus!”, entschlüpfte es der Mizzitant, „da holt der Herr Direktor den Buben doch glatt mit dem Taxi ab.”
Onkel Leopold hatte sein Versprechen gehalten. Die Fahrt ging zunächst zum Kahlenberg und über die Höhenstraße, es war ein wunderschöner Tag – er nannte es Kaiserwetter und mein väterlicher Freund übertraf sich selbst. Auf einer Bank vor dem Hotel Cobenzl genossen wir bei einem Erdbeereis den großartigen Ausblick über die die Stadt Wien. Onkel Leopold erzählte mir Geschichten von Wien und von den Habsburgern, vom Kaiser und von seinem Vater, der ein Offizier der k & k Armee war. Ich war mächtig stolz auf ihn und gespannt, was wir noch alles unternehmen würden. Da kam auch schon die Frage: „Ferdinand, magst mit mir zum Wirt'n gehen?”
Dass mich überhaupt wer fragt, was ich will und wünsche, war ungewohnt. Überrascht hörte ich mich sagen: „Natürlich, eh klar”, und schämte mich dafür, weil ich glaubte, dass mir dieser Ton nicht zustehen würde.
Das Wirtshaus war das Stammlokal der Führungsleute von Ankerbrot, eigentlich war es ein Restaurant, gerade fein genug für meinen Gentleman-Onkel. Der Eingang war in der Quellenstraße, dort wo die Straßenbahn immer laut kreischend um die Kurve fuhr. Es gab ein Riesen-Hallo, als ich mit Onkel Leopold das Lokal betrat. Wir gingen – nein, wir schritten durch das Restaurant zu einem anderen Raum, dem sogenannten Extrazimmer, dem Raum für besondere Gäste.
Die Tür ging auf - Musik begann zu spielen und alle sangen. Happy Birthday war es nicht, egal. Da standen sie: die Mizzitant, der Pepionkel, die Nachbarin und ein paar Freunde, natürlich die Babi%u0107ka, diesmal ohne ihren Wenzel. Ein langer Tisch war festlich gedeckt, weiß und edel, wie bei einem großen Fest. Es blitzte und funkelte. Mittendrin stand, etwas erhöht, eine Torte mit brennenden Kerzen drauf - eine Geburtstagstorte - nur für mich! Das erste Mal in meinem Leben musste ich Kerzen auf einer Torte ausblasen - sieben Stück. Alle möglichen Leute redeten auf mich ein und busselten mich ab. Mein Gott, habe ich mich geschämt. Für kurze Zeit kam ein Gedanke der Flucht auf, aber dann spürte ich die feste Hand von Onkel Leopold. Ich hatte heimlich mit dem Ärmel ein paar Tränen verwischt und ging weiter auf Entdeckungsreise. Inmitten der Tafel stand ein großer Korb mit Früchten aus dem ein ganzer Bund Bananen herausragte. Ich stand mit offenem Mund da und staunte nur noch. Onkel Leopold machte mir Mut: „Nimm sie dir, das gehört alles dir, das ist mein Geschenk für dich!”
Er zwinkerte mir zu und Stolz keimte in mir auf. Unfassbar, ich war jetzt Besitzer eines ganzen Bundes Bananen. Irgendwer forderte mich auf, doch eine Banane zu essen. Sie hatten bemerkt, dass das für mich neu war. Trotz gutem Zureden wollte ich keine essen. Nicht jetzt. Ich sagte, dass ich die Bananen bis zu meiner Heimreise in vier Wochen aufsparen möchte. Meine Freunde in der Steiermark hatten so etwas bestimmt noch nie gesehen. Sie sollten mich beneiden. Dann würde ich, großzügig wie ein König, mit ihnen teilen. Bis dahin waren allerdings noch vier lange Wochen. Ich konnte das Lachen der Tanten und Onkels nicht verstehen. Hatte ich etwas übersehen? Ein leichtes Unbehagen überfiel mich, ich traute dem Frieden nicht, denn meistens, wenn es feierlich wurde, kam unweigerlich der Aufruf zum Gedicht aufsagen. Ich hatte vergessen, dass ich auf meiner eigenen Geburtstagsfeier war. Niemand hatte an ein Gedicht gedacht. So ein Glück!
Meine Bananen lagen sicher auf meinem Nachttisch. Ich träumte dem nächsten Tag entgegen. Morgen ist Sonntag und Stephansdom-Tag mit Onkel Leopold!
Es war noch ruhig in der Innenstadt, als ich mich auf den Weg machte, Onkel Leopold bei ihm zuhause in der Favoritenstraße abzuholen. Während ich vom Laaerberg in Richtung Amalienbad spazierte, malte ich mir im Gedanken aus, was wir zwei heute alles unternehmen würden. Ich benutzte ausnahmsweise nicht die viel interessantere Abkürzung durch die Schutthalden, denn es war Sonntag und ich wusste, dass der Onkel auf sauber geputzte Schuhe achtete. Die Babi%u0107ka hatte mich in ein weißes Hemd gezwängt, das fürchterlich am Hals kratzte. Wenigstens musste ich heute nicht ihren Kafitschko trinken - ich war ja beim Onkel zum Frühstück eingeladen.
Also ging ich brav auf dem Trottoir, um nicht dreckig zu werden. Die Wiener sagen Trottoir zum Gehsteig. Ein fremdes Wort, aber es gefiel mir. Onkel Leopold wohnte in einem schönen Haus aus der Gründerzeit. . Komisches Wort, dachte ich, und nahm mir vor, Onkel Leopold zu fragen. Ich stand vor dem hoch aufragenden Haus und staunte. Da bevölkerten Drachen und Löwenköpfe die Fassade, schauten Frauen mit blinden Augen aus steinernen Gesichtern und riesige Männerköpfe rissen den Mund auf, als würden sie singen. Ich betrat das Stiegenhaus durch eine doppelte Flügeltür, deren Scheiben wie ein buntes Bilderbuch aussahen. Die grünblauen Gläser zeigten einen Pfau, der ein Rad schlug. Eine Wendeltreppe schraubte sich Stockwerk für Stockwerk nach oben, die Wände waren mit Kacheln verkleidet. Ich war so vertieft in diese Farbenpracht, dass ich gar nicht bemerkte, dass mich Onkel Leopold vor seiner Wohnung erwartete. Ich hatte unten bei der Haustür die Klingel gedrückt. Er begrüßte mich herzlich wie immer, dann kredenzte er mir ein Frühstück mit Kipferl, Butter und Marillenmarmelade aus der Wachau. Wunderbar, die ganze Wohnung duftete nach Bohnenkaffee.
Im Vorraum schaute ich mich verstohlen um, ob nicht irgendwo seine Gamaschen zu entdecken wären. Onkel Leopold war ein feiner Herr, der trug solch feine Sachen, das wusste ich von meiner Tante. Er hatte meine suchenden Blicke bemerkt und fragte sogleich, was mich denn so interessieren würde? Peinlich berührt druckste ich herum – von wegen schöner Schuhe und so – da hatte er begriffen und öffnete seinen Schuhschrank(was es nicht alles gibt). Er zeigte mir seine eleganten, braunroten Schuhe, die mit den vielen kleinen Löchern auf der Schuhkuppe, die wiederum ein Muster bildeten. Es waren genau diese Schuhe, die er damals trug, als wir uns kennengelernt haben. Und daneben lagen die cremefarbenen Gamaschen, die mir so gefielen. Ich versicherte ihm, dass ich so schöne Schuhe nie zuvor gesehen hätte. Darauf kam sofort die Aufklärung – so war er eben, mein geheimer Held – die Gamaschen stammten aus dem vorigen Jahrhundert, aus der Zeit des Biedermeier und seien ein Erbstück seines Vaters, dem Offizier in Diensten des Kaisers.
Ich hatte tausend Fragen. Onkel Leopold beantwortete sie alle, nie hatte ich den Eindruck, dass er mich beschwindelt, denn wenn er, was selten der Fall war, etwas nicht wusste, wurde das dicke, schwere Lexikon befragt.
Dann zogen wir los, mein Onkel und ich an seiner Hand. Mit der Straßenbahn fuhren wir bis zur Ringstraße und spazierten an der Staatsoper vorbei, die noble Kärntnerstraße entlang, bis sich die Straße öffnete und wir auf einem Platz standen - dem Stephansplatz. Da stand er nun – hundertmal so groß wie ich – der Stephansdom. Wir betraten den ehrwürdigen Dom durch das Hauptportal. Es war kühl in der großen Säulenhalle, ein leichter Windhauch zog von oben herab, wahrscheinlich waren noch nicht alle Bombenschäden aus dem Krieg beseitigt, sagte ein anderer Besucher. Wir standen ehrfürchtig vor den wieder aufgestellten Heiligenfiguren, sie hatten den Krieg Gott sei Dank gut überstanden, erklärte mir Onkel Leopold. An einem Seitenausgang stand auf einer schwarzen Tafel der Hinweis, dass man die Türmerstube gegen ein kleines Entgelt besuchen könnte. Neben dem Aufgang wurden glasierte Dachziegel angepriesen, die man Bausteine nannte. Die waren richtig teuer, das verstand ich nicht. Wieso kostet so ein Ziegel so viel Geld? Onkel Leopold hatte auch auf diese Frage die richtige Antwort parat: „Das ist symbolisch, Ferdianand. Den schön glasierten Dachziegel kannst du mit nach Hause nehmen und an die Wand hängen, damit jeder sehen kann, dass du mit dem Erwerb dieses Bausteins beim Wiederaufbau unseres Steffl mitgeholfen hast.” Steffl nennen die Wiener liebevoll die Kirche. Weil der Baustein so teuer war, fragte ich kleinlaut: „Gehen wir jetzt trotzdem noch hinauf zur Türmerstube?”
Onkel Leopold überlegte kurz, aber dann stapften wir hinter dem Führer die 343 Stufen über eine endlos scheinende Wendeltreppe hoch. Die ungleich hohen Stufen machten mir zu schaffen, aber mit der Zeit kam ich drauf, wie es am besten geht. Meinem etwas rundlichen Onkel ging es nicht so gut, er öffnete diskret sein Jackett und den Hemdkragen. Je länger der Aufstieg dauerte, umso deutlicher traten die weißen Knöchel seiner Hand heraus, wenn er sich am Geländer hochzog. Zeitweise ertappte ich ihn dabei, wie er sein edles Taschentuch (mit Monogramm L.L. für Leopold Ludwig) zückte, um sich Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Ich sagte nichts, tat so, als ob ich es nicht bemerkt hätte. Ich verdrängte den leisen Verdacht, dass mein Held gar Schwächen haben könnte. Nein, das musste andere Gründe haben und ich wollte es gar nicht wissen.
Endlich oben angekommen wurden wir mit einem gigantischen Blick über Wien belohnt. Das war sie also, die Türmerstube. Unser Führer war ein pensionierter Feuerwehrmann, der früher einmal hier Dienst machte. Die Besucher bekundeten dem alten Mann Respekt: „Sie san aber no guat beinand, Herr Kresina!” Sein Name stand auf einem blitzblank polierten Schild, das an die Brusttasche der Uniform geheftet war: Josef Kresina – Fremdenführer der Stadt Wien. Dieser antwortete mit einem Grinsen, schielte auf den Bauch von Onkel Leopold und sagte: „Ja ja, jeden Tag ein paarmal auf und ab und der Bauch ist weg, so einfach ist das.”
Der Führer gönnte uns eine kurze Verschnaufpause, holte einmal tief Luft und fing an zu erzählen. Er sprach von Baumeistern und Bischöfen einer längst vergangenen Zeit, nannte Jahreszahlen, die mir nichts sagten. Onkel Leopold hatte mich fürsorglich vor sich in die erste Reihe gestellt und seine Hände auf meine Schultern gelegt. So könne ich dem Vortrag besser folgen, meinte er. Anfangs fühlte ich mich geborgen, aber je länger des Türmers Rede dauerte, umso unruhiger wurde ich. Onkels Hände fühlten sich plötzlich als Klammer an. Ich wollte weg, hörte gar nicht mehr richtig zu. Mein zunehmendes Unbehagen galt den Spuckebläschen, die sich beim Sprechen in den Mundwinkeln des eifrigen Redners bildeten. Wie sollte ich dem Onkel erklären, dass ich lieber nicht direkt vor dem, jetzt mit zunehmend feuchter werdenden Aussprache des Herrn Kresina, stehen möchte?
Mit vor die Stirn gehaltener Hand begann ich mich umzusehen. Überall, wohin ich schaute, das gleiche Schauspiel, die Zuhörer in der vordersten Reihe hielten alle die Köpfe gesenkt, als würden sie die kunstvoll verlegten Pflastersteine am Boden der Türmerstube zählen wollen. Ich war also nicht allein mit meinen Nöten und fühlte mich gleich wieder besser. Dann, ich hatte schon nicht mehr zugehört, muss Herr Kresina eine witzige Bemerkung gemacht haben, weil alle befreit auflachten. Diesen Moment nutzte ich, um mich von Onkel Leopold zu lösen. Ich schlich mich zu einem der Spitzbogenfenster, an dem ich zuvor ein Fernrohr entdeckt hatte. Gerade als ich auf den Zehenspitzen stehend das Gerät geentert und in Richtung Riesenrad und Prater gerichtet hatte, kam die Gruppe um die Ecke. Wohl oder übel musste ich dem spuckenden Führer wieder zuhören.
„Von dieser Türmerstube aus versieht seit Jahrhunderten jede Nacht ein Mann, der im Volksmund Türmer genannt wird, seinen Dienst als städtischer Brandmelder. Der Türmer ist immer ein Wiener Feuerwehrmann”, sagte er mit stolzem Unterton. Er zeigte auf das Fernrohr am Fenster und fuhr in seinem Vortrag fort: „An jeder Fensterbank ist eine Vorrichtung montiert, in die sich dieses schwenkbare Fernrohr einklinken lässt. Damit überblickt der Türmer die Stadt bis zum Horizont. Im Brandfall alarmiert er umgehend die Feuerwache im Hof.”
„Wie denn?”, fragte ein Besucher.
„Früher mit Flaggen bei Tag und mit Öllampen bei Nacht. Später mit einem Glockenzug, der die Feuerglocke im Turm anriss. Heutzutage verwenden wir das moderne Telefon, aber im Krieg benutzten wir dieses Feldtelefon.“ Er zeigte auf eine Kassette, die auf dem kleinen Schreibtisch zwischen den Fenstern stand, öffnete den Deckel. Zum Vorschein kamen ein paar Knöpfe und ein schwarzer Telefonhörer. „Darunter befindet sich eine Trockenbatterie und hier, seitlich rechts, ist die Handkurbel angebracht. Dreht man sie, läutet es am anderen Ende der Drahtverbindung beim Kollegen in der Hauptwache. Privatgespräche waren selbstverständlich verboten. Da konnte bei einem Zwölfstundendienst schon mal Langeweile aufkommen.”
Herr Kresina war am Ende seines Vortrages angekommen, blickte noch einmal in die Runde und fragte: „Noch irgendwelche Fragen?”
„Ja“, fragte eine Frau, „wo ist bitte die Toilette?”
„Zweihundert Stufen tiefer, junge Frau, hier oben gibt es kein Wasser”, antwortete er, sperrte die Türmerstube zu und wies uns den Weg zur Wendeltreppe. Er verabschiedete die Turmbesucher mit diskret aufgehaltener Hand. „Auf Wiedersehen die Herrschaften, ich hab’ jetzt Feierabend.” Zu Onkel Leopold gewandt sagte er fast spöttisch: „Abwärts geht’s leichter, gell Herr Doktor”, und ließ uns beim Abstieg vorangehen.
Mir schien, als hätte mein Onkel heiße Ohren bekommen, ob der frechen Bemerkung des Fremdenführers. Unten angekommen, fragte ich, warum ihn der Mann mit Herr Doktor angesprochen hat, wo er doch ein Direktor sei.
Onkel Leopold räusperte sich, dann erklärte er mir: „Das ist eine Alt-Wiener Sitte, eine besondere Wertschätzung gegenüber dem Gast, ob sie zutrifft oder nicht. Er soll sich geschmeichelt fühlen.” Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Was allerdings nicht immer gelingt.”
Das ansonsten immer großzügige Trinkgeld des Onkels fiel diesmal bescheiden aus. Daran erkannte ich, dass er verärgert war und blieb still.
„Komm Ferdinand”, sagte er kurz darauf schon wieder gut gelaunt: „Spazieren wir zum Stadtpark, vielleicht treffen wir dort den Eismann.”
„Oh ja“, sagte ich und war froh um das neue Thema: „Ist es noch weit?”
„Nein, nicht sehr weit, vielleicht eine Viertelstunde zu Fuß.”
Wir bummelten durch die Wollzeile, die eigentlich Buchzeile heißen müsste, so viele Buchgeschäfte gab es in dieser Straße. Einige Häuser waren noch beschädigt vom Krieg, an denen gingen wir schnell vorbei. Onkel Leopold sagte, er sehne sich nach dem Grün der Bäume im Stadtpark. Ich erwähnte, dass ich vom Turmfenster das Riesenrad und dahinter den Prater gesehen habe. Da gäbe es noch viel mehr Bäume. Onkel Leopold winkte ab: „Dafür reicht heute die Zeit nicht mehr, das machen wir beim nächsten Mal.”
Wir standen am Parkring und hielten Ausschau nach dem Eismann.
Das war ein schöner Tag in der Wiener Innenstadt, wenn auch die Häuser noch arg ramponiert waren. Für unseren nächsten Ausflug versprach mir Onkel Leopold den Besuch des Wiener Praters und vielleicht eine Fahrt mit dem Riesenrad. Wenn genug Zeit wäre, könnten wir Schloss Schönbrunn und den Tiergarten besuchen.
„Hast du sonst noch einen Wunsch?”, fragte er.
„Oh ja”, sagt ich, aber im selben Moment, als ich meinen Wunsch aussprechen wollte, kam mir dieser so abwegig vor, dass ich mich nicht zu fragen traute. Onkel Leopold warf mir einen aufmunternden Blick zu und sagte: „Los, raus mit der Sprache!”
Ich stotterte herum, fand nicht die richtigen Worte. Schließlich sagte ich: „Mein Freund Mateo hat mir erzählt, dass es in Wien einen Ort gibt, an dem echte Bananen wachsen sollen. Ist das wahr?”
Onkel Leopold machte, ganz ungewohnt, ein nachdenkliches Gesicht. Er legte seinen Kopf in den Nacken, schaute in den Himmel, als ob er da oben etwas lesen könnte. Sein Blick hellte sich auf und er sagte: „Dein Freund Mateo hat nicht geflunkert. Ich glaube, ich weiß, was er meinte. Es kann sein, dass er vom Palmenhaus im Schönbrunner Schlossgarten gesprochen hat. Dort wachsen tatsächlich Bananen. Ich verspreche dir: Wir werden sie demnächst sehen. Einverstanden?”
Ich sagte nichts, nickte nur mit dem Kopf und war glücklich.

Ich war ein Junge von etwa zehn oder elf Jahren, als mich mein Schulfreund Otti zu sich nach Hause mitnahm. Er wohnte mit seinen Eltern in einem wunderschönen Haus mit Dachgauben, die wie die Mützen von Holländer-Mädchen ausschauten. Warum ich wusste wie Holländermädchenmützen aussehen? Ganz einfach, damals war auf den Kakao-Packungen ein Holländermädchen mit dieser Mütze abgebildet.
Es war Winter, Adventszeit. Wir spielten in Ottis großem Kinderzimmer. Ich war fasziniert von diesem Haus und von Ottis Zimmer. Er hatte diesen Raum nur für sich, besaß außerdem einen eigenen Schreibtisch und eine elektrische Eisenbahn. Das waren alles Dinge, von denen ich nicht einmal zu träumen wagte. Ich war aber nicht neidisch auf Otti, für ihn war das alles normal, selbstverständlich. Was mich viel mehr an diesem Haus faszinierte, als dieser Luxus, das war der Duft in diesem Haus. Ich wusste nicht, woher er kam. Aus der Tapetenwand, aus der Luft oder gar aus dem edlen Fischgrätmuster des Parkettbodens? Der Duft war so ausnehmend zart und fein, am liebsten hätte ich ihn festgehalten und ein Stück davon mitgenommen. Danach entzog er sich meiner Wahrnehmung, wurde verdeckt vom Duft südlicher Maronis. Ottis Mama röstete nur für Otti und mich auf der Herdplatte Edelkastanien. Aber dann, plötzlich, war er wieder da, ein kleiner Hauch nur, eine kurze Sekunde lang als herrliche Andeutung zu riechen … und verschwand alsbald wieder. Dieser Geruch, den ich nie vergessen sollte, hatte etwas Besonderes. Da war Frische drin; aber nicht die Frische von Zitronen, nicht der Duft von Weihrauch oder Zimtstangen, auch nicht von Minze oder Fichtennadeln. Es roch nicht wie warmer Mairegen, auch nicht wie kalter Schneewind. Es war von allem etwas in der Luft, es war der einzigartige Geruch von Ottis Haus.
Bei mir zu Hause angekommen, wollte ich von meinem Dufterlebnis erzählen – und konnte nicht. Die schönen Worte für den Wohlgeruch waren mir beim Eintritt in das Stiegenhaus verloren gegangen. Es roch penetrant nach angebrannter Erdäpfelsuppe. Als ich die Wohnungstür öffnete, wehte mir Vaters Zigarettenrauch und der süßliche Duft von heißem Rum mit Tee in die Nase. Vaters Augen glänzten vom Alkohol und es war gefährlich, das wusste ich. Nur jetzt nichts Falsches sagen, dachte ich und blieb stumm.
Bei mir zu Hause angekommen, wollte ich von meinem Dufterlebnis erzählen – und konnte nicht. Die schönen Worte für den Wohlgeruch waren mir beim Eintritt in das Stiegenhaus verloren gegangen. Es roch penetrant nach angebrannter Erdäpfelsuppe. Als ich die Wohnungstür öffnete, wehte mir Vaters Zigarettenrauch und der süßliche Duft von heißem Rum mit Tee in die Nase. Vaters Augen glänzten vom Alkohol verdächtig und es war gefährlich, das wusste ich. Nur jetzt nichts Falsches sagen, dachte ich und blieb stumm.

Ich war acht Jahre alt und wartete auf das Christkind. Vater hatte wieder einmal den ganzen Tag in Wirtshäusern verbracht und das letzte Geld verjubelt. Er kam erst nach Hause, nachdem die letzte Spelunke geschlossen hatte. Ich war schon froh, dass ich keine Schläge abbekommen habe, das war sein Geschenk für mich an diesem Abend.
Ich hatte vom Nachbarn ein paar alte Ski, besser gesagt ein paar Brettl ohne Kanten und ohne Bindung, geschenkt bekommen. Die fehlende Bindung sollte an diesem Tag mein Vater besorgen. Wie so oft, kam er mit leeren Händen an. Er brummelte etwas Unverständliches und verkroch sich in sein Bett. Vielleicht hat er sich geschämt, ich weiß es nicht.
Aber da war ja noch meine Mama, die immer eine Lösung fand. Sie nahm mich an der Hand und lief mit mir zum „Renner”. Das war ein kleines Geschäft für Waren aller Art. Der Besitzer des Ladens, Herr Renner, war ein allseits beliebter, freundlicher Mann. Bei ihm konnte man alles kaufen, was ein Haushalt benötigte. Auch einfache Ski und Bindungen mit Seilzug und Lederriemen, wie sie zu dieser Zeit üblich waren.
Es war schon finster geworden, die Straßen waren gespenstig leer, die Geschäfte hatten längst geschlossen. Alle feierten den Heiligen Abend mit der Familie. Meine Mama hatte die Courage und klopfte den Ladenbesitzer heraus. Sie erzählte ihm irgendeine Notlüge als Entschuldigung für die Störung. Herr Renner hörte sich geduldig ihre Bitte an, dann wandte er sich an mich und sagte: „Komm mit mir, wir schauen, was wir machen können”, legte seine Hand auf meine Schulter und ging mit mir in sein Magazin. Dort zog er eine einfache, aber für mich traumhafte Skibindung aus dem Regal. Dazu schenkte er mir die passenden Schrauben und ein kleines Paket Skiwachs: Toko-Silver. Das war das Größte für mich. Jetzt konnte ich es nicht mehr aushalten und wollte nur noch nach Hause, meine Mama musste sich für mich noch bedanken, ich war schon zur Tür gelaufen.
„Bezahlen?”, wiederholte Herr Renner die Frage meiner Mama, „bezahlen geht nicht, die Kasse ist zu.”
„Wie zu …?”
„Es ist alles abgerechnet. Die Journale sind geschrieben.”
„Und jetzt?”, fragte Mama.
„Jetzt ist Weihnachten! Gehen Sie mit dem Buben nach Hause und freuen sich über ein Geschenk vom alten Renner.”
Bis spät in die Nacht habe ich unter einem winzigen Fichtenbäumchen, mit ein paar weißen Kerzen drauf, an meinen Bretteln herumgeschraubt und dem lieben Gott gedankt, dass es mir so gut geht.
Im Leben ist eben alles relativ. Auch Weihnachten.

Der alte Nasko war Bosniake, ein Überbleibsel aus der Kaiserzeit. Er kam aus Bosnien, einem Land, das mir nichts sagte und daher genauso weit weg war wie Amerika, unser aller Wunschland. Wir Nachkriegskinder träumten damals alle vom reichen Onkel aus Amerika. Nur – den gab es nicht. Ergo hielten wir uns an den alten Nasko, dem weisen Mann mit weißem Rauschebart und rotem Fez mit wollener Quaste. Er wirkte auf uns wie ein Gelehrter. Wir respektierten ihn nicht nur wegen seiner imposanten Erscheinung, oh nein, er hatte viel mehr zu bieten als schlaue Reden mit erhobenem Zeigefinger – Herr Nasko war im Besitz des Paradieses, denn ihm gehörte die Zuckerlzentrale im ehrwürdigen Fabriziushaus am Hauptplatz.
Der Begriff Zuckerlzentrale war maßlos übertrieben, denn das Geschäftslokal mit den vielen Bonbongläsern war winzig. Und genau diese bauchigen Gläser mit der großen Öffnung hatten es uns Kindern angetan. Vorausgesetzt, unsere Händchen waren sauber (was der alte Nasko penibel kontrollierte), durften wir die bunten Bonbons selber aus dem Glas herausholen.
Zur Osterzeit waren die Zuckerl in allen Farben traditionsgemäß eiförmig, sonst waren sie rund und so hart, dass man sie auch als Murmeln verwenden konnte. Meine absoluten Favoriten waren die gold- und silberfarbenen, allerdings kosteten die einen Groschen mehr. Die Verlockung, statt der bezahlten zwei Stück ein zusätzliches Kügelchen zwischen den Fingern zu verbergen, war groß. Der alte Nasko passte auf wie ein Haftelmacher. Wenn er einen von uns beim Schummeln ertappte, folgte die Strafe auf dem Fuß: Zwei Wochen keine Selbstbedienung. Und der Meister vergaß nichts. Das war eine Herausforderung und wir dachten nach, wie wir den alten Nasko überlisten könnten.
Die Idee kam mir, als ich das fantastische Bild an der Wand hinter der Ladentheke bewunderte und höflich, fast untertänig fragte: „Herr Nasko, was ist das für ein Bild mit dieser hohen Burg da an der Wand hinter Ihnen?”
Er war sichtlich überrascht, dass ich mich dafür interessierte. Während er sich umdrehte und mit einer Hand auf das Bild zeigte und nicht ohne Stolz erklärte, dass das ein Druck eines Gemäldes von Pieter Bruegel sei und den Turmbau zu Babel zeige, verschwand mein sauberes Händchen tief im Glas der goldenen Kügelchen.

Ich sinniere so vor mich hin. Habe ich wirklich von dem kleinen Jungen geträumt, der diesen Impulssatz in der alljährlichen Weihnachts-Spendenaktion „Licht ins Dunkel : … ist da jemand?”, gesagt hat? Manchmal kann ich nicht mehr unterscheiden, ob ich wirklich geträumt habe oder ob es einer meiner Tagträume war, die mein Inneres derart aufwühlten. Jedenfalls fühle ich mich mit diesem kleinen Jungen und seiner Frage sehr verbunden. „… ist da jemand?” Das hätte damals, als ich so ein Büblein war, auch meine Frage sein können.
Ich hadere mit mir, weil ich nicht sicher bin, ob ich diese zerrissenen Szenen wirklich so erzählen kann, wie ich sie geträumt habe. Von den subjektiven Erfahrungen scheinbar weit zurück liegender Träume zu erzählen, braucht eine besondere Sprache. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Was ich jedoch gut kann, ist, mich an meine Kindheit zu erinnern.
Schon als kleiner Bub ging es mir so, dass ich Geschichten als Ausrede erfinden musste, um der Strafe zu entgehen. Der Erzähler Ferdinand, das war eigentlich der Ausredenkönig. Schon wieder die Schule geschwänzt, um beim Nachbar zu arbeiten und etwas Geld für unser Essen zu verdienen. Es war eine kalte Zeit. Es ging auch um mein seelisches Überleben. Instinktiv schuf ich mir meine eigene Welt, eine Traumwelt.
Ich erzählte anderen Kindern schöne Geschichten von einem fiktiven Jungen. Sie wussten nicht, dass es eigentlich meine Tagträume waren, von denen ich erzählte. Ich sprach von Dingen, die für die meisten meiner Freunde selbstverständlich, für mich aber unerreichbar waren. Die Kinder bekamen große Augen, als ich von einem Jungen erzählte, der sich nichts mehr wünschte, als ohne Angst ins Bett gehen zu können. Dieser erfundene Junge wünschte sich zu Weihnachten einen Vater, der ihn nicht mehr nächtens aus dem Bett holen würde, um seine Hausaufgaben zu kontrollieren.
Wenn meine Geschichten zu dramatisch wurden, die Kinder zu weinen begannen, war es an der Zeit, die Geschichte zu einem gütigen Ende zu bringen. Schnell wurde der fiktive Vater wie durch ein Wunder bekehrt, betrank sich nie wieder und seine Mutter küsste den Jungen liebevoll in den Schlaf.
Mit solchen Geschichten wollte ich von den wahren Verhältnissen in meiner Familie ablenken. Ich wusste, wie grausam die Hänseleien der Kinder sein konnten, wenn sie den Außenseiter in mir erkannt hätten. Ich fühlte mich ohnehin schon genug an den Rand gestellt, wenn die Sprache auf trinkende Väter kam. Also nahm ich mir, aus Selbstschutz, das Recht heraus, meine Spielgefährten nach Strich und Faden zu belügen. Ich erzählte von Festen und Feiern, vom Essen im Überdruss und von streichelnden Händen. Ich sprach von Wärme und Liebe, die ich mir so sehr wünschte.
Irgendwer hat einmal den Satz gesagt: „Im Erzählen äußert sich das Recht des Individuums auf seine Begierden, seine Ängste, Albträume wie Wunschträume.

Ich hatte einen Plan. Andrea feierte demnächst Geburtstag, da wollte ich sie in die Eisdiele einladen und danach mit ihr ins Kino gehen. Sie wusste nichts davon, es sollte eine Überraschung werden. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde, dachte ich, aber ich musste mich beeilen, denn Andrea würde demnächst in die Ferien zu ihrer Oma ins Bergische Land fahren. Bei unserem letzten Treffen schwärmte sie von ihren deutschen Freunden und dass sie sich freue, sie endlich wiederzusehen. Einer davon soll Uwe heißen und sie nächste Woche angeblich abholen kommen. Ich war höflich gewesen und sagte: „Das freut mich für dich.“ Im Stillen hatte ich gedacht: Uwe, so ein blöder Name.
Wir trafen uns bei den Pferden. Andrea kam meiner Einladung zuvor und lud mich ihrerseits zur Geburtstagsfeier ein. Bei ihr zu Hause! Ich bekam weiche Knie. Sollte ich mich drücken? Nein, ganz sicher nicht, ich bin doch kein Feigling, dachte ich, aber ich wusste auch, dass ich allein durch meine Herkunft mit Andreas Umfeld nicht mithalten konnte. Ihr Vater, Doktor Josef Paulus, war Frauenarzt. Von Ulli wusste ich, dass ihre Mutter aus Westfalen stammte und dass in ihrer Familie nur hochdeutsch gesprochen würde.
„Kommst du?“, fragte Andrea.
„Wann genau?“
„Nächsten Samstag um fünf.“
„Eine Fünf-Uhr-Tee-Party?“
„Ja, so ähnlich, aber nur im kleinen Kreis. Mein Geburtstag ist zwar am Mittwoch, aber Papa meint, Samstag wäre besser, da ist die Praxis geschlossen.“
„Wer ist sonst noch da?“, fragte ich.
„Traude und Christa kennst du eh schon, dann Uwe aus Deutschland, Traudes Bruder Martin und noch zwei oder drei aus meiner Klasse. Und natürlich Ulli, sie ist der eigentliche Grund, dass ich dich einladen darf.“
„Wie das?“
„Ach Ferdi, du kennst sie ja. Sie konnte ihre Klappe nicht halten und hat mich natürlich verpetzt.“
„Wie, was verpetzt?“
„Na, was wohl? Sie hat meinen Eltern erzählt, dass wir befreundet sind. Stell dir vor, die dumme Nuss ist durch das ganze Haus gehüpft und hat dabei geträllert: Die Andrea ist verliebt, die Andrea ist verliebt.“
Ich konnte das Lachen nur schwer verbeißen, denn es schaute irre komisch aus, als sie ihre kleine Schwester nachäffte. Ich hakte sofort nach:
„Und? Bist du's?“
„Was?“
„Verliebt.“
„Ich habe das nicht gesagt, das war Ulli.“ Andrea wurde knallrot im Gesicht, ihre Augen funkelten zornig. „Ja, ja, lach nur“, sagte sie, „aber warte ab, jetzt kommst nämlich du dran.“
„Ich?“
„Ja du! Mein Papa möchte dich kennenlernen. Er hat mich die ganze Woche lang gehänselt, weil ich nichts über dich erzählen wollte. Schließlich kam er auf die Idee, dich einzuladen.“
Bei mir kamen erste Zweifel auf, ob ich in diese für mich fremde Gesellschaft überhaupt passen würde. Ich versuchte, gleichgültig zu wirken, aber es gelang nicht. Nur um irgendetwas zu sagen, fragte ich: „Ist es wahr, dass deine Mutter so streng ist?“
„Ferdi höre nicht auf das, was andere sagen. Du wirst sie kennenlernen. Eine Bitte hätte ich: Verwende keine Kraftausdrücke, sie versteht den steirischen Dialekt nicht. Mama will, dass wir schön sprechen und vor allem keine Schimpfwörter verwenden. Übrigens: Ulli ist ihr Nesthäkchen, ich bin Papas Liebling.“
Meiner bist du auch, dachte ich. Fast hätte ich es laut gesagt, beherrschte mich aber und fragte hingegen: „Und dein Papa, wie ist er so?“
„Papa ist mein bester Freund. Und du sei kein Angsthase, das passt nicht zu dir.“
„Aha – was passt denn zu mir?“
„Oh! Da muss ich nachdenken, das sage ich dir ein anderes Mal.“
Die Woche zog sich, die Tage wollten nicht vergehen. Die Arbeit beim Parkettverleger konnte das auch nicht ändern. Ulli hatte ausgesprochen, was ich längst fühlte, aber nicht imstande war, zu sagen. Es war so verdammt schwer, über Liebe zu reden. Wo und vor allem wie lernt man das? Verliebtsein ist schwierig, dachte ich.
Ich war noch nie auf einer Geburtstagsparty, schon gar nicht in so einem vornehmen Haus. Ich brauchte ein Geschenk für Andrea, natürlich sollte es etwas Besonderes sein. Blumen? Nein, Blumen schenken nur Erwachsene. Vielleicht eine Schallplatte? Andrea spielte Klavier. Sie sagte einmal zu mir: „Ein Song ist dann gut, wenn man ihn auf dem Klavier nachspielen kann.“
Das hatte ich mir gemerkt, denn bei Klavier fiel mir Fats Domino und Blueberry Hill ein. Genau das ist es, dachte ich. Den Treffpunkt bei den Maulbeerbäumen hatten wir ja auch in Anlehnung an Fats Dominos Song, Mulberry Hill genannt.
Das Musikgeschäft am Minoritenplatz ist der einzige Plattenladen der Stadt, man bekommt da zwar jede Menge Schlagerplatten, aber Blues- und Jazz-Platten sind rar, überhaupt sind US-Titel schwer zu kriegen. Ich hatte Glück, Blueberry Hill war auf Lager. Herr Pollack, der Besitzer des Ladens, spielte mir den Song in voller Lautstärke vor. Einfach klasse! Ich hörte mir noch Peggy Sue von Buddy Holly an, blieb aber beim Song von Fats Domino, das passte meiner Meinung nach besser zu uns.
Andrea hatte mir eine Nummer gegeben, die nicht im Telefonbuch stand. Es war die Geheimnummer der Familie Paulus. „Ruf bitte vorher an, damit ich Bescheid weiß”, sagte sie. Ich verstand nicht, warum eine Telefonnummer geheim sein sollte. Da kann ja niemand anrufen. Bei mir zu Hause gab es kein Telefon und in meinem Freundeskreis hatte auch niemand eines.
Samstag, kurz vor fünf. Meine Hände schwitzten, ich stand in einer Telefonzelle und es war heiß und stickig. Ich wählte drei-drei-sieben-acht. Warum um alles in der Welt tue ich mir das an, dachte ich, Fußballspielen ist viel einfacher als Mädchen besuchen.
„Hier bei Doktor Paulus, Flora am Apparat“, meldete sich eine Frauenstimme. Flora? Ich hatte noch nie von einer Flora gehört.
„Ja, äh … hallo? … ja … ja, hier ist der Ferdinand. Kann ich die Andrea sprechen?“, stotterte ich.
„Ja, natürlich, die Andrea wartet schon auf ihren Anruf. Moment, ich hole sie.“
„Servus Ferdi, kommst du?“ Ihre Stimme klang anders am Telefon.
„Hallo Andrea! Ja, natürlich komme ich, gib mir fünfzehn Minuten, ich bin hier beim Postamt.“
„Ferdi, du brauchst bei uns nicht an der Haustür läuten, komm einfach hinter das Haus, wir sind alle auf der Terrasse. Baba, bis gleich.“
„Okay, alles klar, Andrea.“
Mein Fahrrad ließ ich daheim stehen, weil ich mir meine neue Jeans nicht versauen wollte. Zu einer Lederjacke hatte das Geld nicht mehr gereicht. Mein Lumperjackhemd war aber ein guter Ersatz. Ziemlich aktuell, weil amerikanisch, dachte ich und ging los. Samstag Nachmittag: Die Straßen waren leer, die Stadt wirkte wie ausgestorben. Die Luft flimmerte in der Hitze, ich spürte den aufgeweichten Asphalt unter den Sohlen meiner Mokassins, es roch nach Teer. Aus der Eisbar klang das Wummern der Musicbox, einer der wenigen Gäste hatte wohl Harry Belafontes Banana-Boat-Song gedrückt.
Andreas Wohnhaus war ein alter Gründerzeitbau, genauso prachtvoll wie die meisten Häuser am Hang des Schlossbergs. Die Verzierungen an der Fassade mögen einmal schön gewesen sein, mir gefielen sie nicht, es fehlte die Farbe. Auffallend waren die blank geputzten Fenster, in denen sich das Licht spiegelte und das Praxisschild aus poliertem Messing: Doktor Josef Paulus, Frauenarzt und Geburtshelfer. Auf einem weiteren Schild stand: Betteln und Hausieren verboten. Eine Erinnerung kroch in mir hoch: Verschwindet ihr Gesindel. Damals, als ich noch klein war, beim Hausieren mit meiner Mutter, da hatte ich diese Worte öfters gehört. Am liebsten hätte ich umgedreht. Ich befürchtete, man könne mir meine Vergangenheit ansehen.
„Ach was, jetzt erst recht“, sagte ich halblaut und ging weiter. Das Haus stand am Hang, der Garten zog sich steil bis zur Felswand des Schlossbergs hin. Hinter Hecken und einer Garage vermutete ich die Terrasse, von der Andrea gesprochen hatte. Ich ging an einer Steinmauer entlang bis zu einer schmiedeeisernen Gartentür. Dahinter führte ein Laubengang mit Heckenrosen zum Haus. Das muss es sein, dachte ich und öffnete die Tür, die rostigen Scharniere quietschten in ihren Angeln. Ich stapfte ein paar Stufen nach oben und hörte immer lauter werdende Stimmen und Musik. Am Ende der Laube stand Andrea und erwartet mich. Sie trug ein ärmelloses Kleid mit weißen Trägern. Ihre goldbraune Haut bildete einen feinen Kontrast zu ihrem Kleid. So hatte ich sie noch nie gesehen. Den Pferdeschwanz, der sie sonst wie eine freche Göre aussehen ließ, hatte sie aufgelöst, ihr kastanienbraunes Haar fiel offen über die Schulter. Andrea musste etwas mit ihren Wimpern gemacht haben, ihre Augen funkelten geradezu.
„Hey Ferdi, ich habe dich schon kommen hören. Willkommen!“
Ich wollte ihr ein Kompliment machen, aber mehr als ein „Hallo, du” brachte ich nicht heraus. Sie reichte mir die Hand und lächelte dieses Lächeln, das ich so liebte.
„Komm, die anderen warten schon“, sagte sie, immer noch meine Hand haltend. Sie zog mich hinter sich her. Ich protestierte kleinlaut. „Warte Andrea. Nicht so schnell. Ich habe da was für dich.” Ich überreichte ihr mein kunstvoll verpacktes Geschenk.
„Ferdi, du bist ein Schatz. Danke. Wir machen es später gemeinsam auf, einverstanden?“ Noch bevor ich etwas sagen konnte, nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste mich auf den Mund. Es waren nur Sekunden, aber für mich war es viel mehr. Ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, was gerade passiert war.
Auf der Terrasse herrschte bereits ein munteres Treiben. Traude und Christa begrüßten mich mit lautem Hallo. Die meisten Gäste kannte ich vom Sehen, nur den Rothaarigen hatte ich noch nie gesehen.
„Das ist Uwe, mein Freund aus Deutschland“, sagte Andrea.
Pff… Wie kann man nur Uwe heißen, dachte ich und gab ihm die Hand. Ulli war mit Schnurspringen beschäftigt. Martin, Traudes Bruder, legte Platten auf, er war der beste Boogie-Tänzer der Stadt. Andrea nahm wieder meine Hand und sagte: „Komm, ich zeig dir was.“ Es wurde eine kleine Führung. Wir schlüpften aus Schuhen und gingen durch eine offenstehende Terrassentür. Andrea wischte mit einer Hand den hauchdünnen Vorhang zur Seite und breitete ihre Arme theatralisch aus: „Das ist mein Reich. Gefällt es dir?“
„Oh ja, so groß und so viele Pferde.“ Ich war beeindruckt, fast erschlagen von diesem Raum, der rundherum mit Bildern und Fotos von Pferden zugekleistert war. Auf einem Bord über ihrem Schreibtisch war ein Foto meiner Fußballmannschaft mit einer Nadel angeheftet. Die Aufnahme zeigte uns Jungs nach dem Sieg im Schüler-Turnier. Ich grinste in der Mitte des Schwarz-weiß-Fotos aus einem roten Herz. Andrea musste es nachträglich gezeichnet haben. Jetzt bekam ich Herzklopfen, mein Kopf wurde heiß und ich glaubte, auch auf Andreas Wangen eine feine Röte entdeckt zu haben. Als sie merkte, dass ich das Foto gesehen hatte, senkte sie ihren Blick. Ich verkniff mir die Frage, woher sie dieses Bild denn habe. Ich konnte mich nicht entsinnen, sie jemals bei einem unsere Spiele gesehen zu haben.
Andrea setzte die Führung fort. Sie ging voran, ich höflich hinterher. Mein Interesse hatte nachgelassen, ich hatte nur mehr das Herz im Kopf. Im Speisezimmer stand ein riesiger runder Tisch mit lederbezogenen Stühlen. An den Wänden hingen schwere Gemälde in goldenen Rahmen, Porträts der Ahnen, vermutete ich.
„Ich könnte hier vor lauter Ehrfurcht nicht essen”, sagte ich.
Andrea lachte: „Tun wir auch nicht, wir essen meistens in der Küche und dahin gehen wir jetzt. Hier trafen wir auf Flora, den guten Geist des Hauses, wie Andrea sagte. Eine sympathische Frau, gar nicht so reserviert, wie sie am Telefon geklungen hatte. Durch einen verwinkelten Gang gelangten wir in die Bibliothek, ein Ort mit einem Duftgemisch von Tabak, Büchern und fremdartigen Parfum. Fantastisch. Bei einer weiteren Tür klopfte Andrea an. Eine volle, angenehme Stimme sagte: „Komm´ rein.“ Doktor Paulus saß an einem alten Schreibtisch und lachte uns freundlich entgegen: „Da bist du ja mein Kind und das …“
„Papa, das ist Ferdinand“, fiel ihm Andrea ins Wort, „er ist Fußballspieler“, fügte sie hinzu. Es hörte sich wie eine Auszeichnung an.
„So so, Fußballer bist du also. Ein gefährlicher Sport, dauernd gebrochene Haxen, oder?“ Er lachte über seinen Scherz, legte seine Pfeife zur Seite und fragte mich: „Hast du sonst noch Ziele? Ich meine außer Fußballspielen.“
„Ja sicher habe ich Ziele“, antwortete ich etwas zu laut.
„Die da wären?“
„Ich weiß es noch nicht genau. Entweder gehe ich ins Gymnasium oder ich werde Verkäufer bei Julius Meinl.“
„Das ist aller Ehren wert, Ferdinand, wie alt bist du?“
„Ich werde vierzehn.“
„Das wollen wir hoffen, mein Junge. Also dann ab zur Party und viel Spaß.“ Damit waren wir entlassen. Andrea versuchte mich aufzuziehen und ätzte: „Na so was, du lebst ja noch. Papa hat dich gar nicht gefressen.“
„Na warte, ich krieg dich“, sagte ich und wollte sie fassen, doch sie stürmte hinaus zu den anderen. Im Wohnzimmer war inzwischen festlich gedeckt worden. Flora rief alle zusammen, wir standen im Halbkreis und ich ahnte, was kommen würde. Andreas Mutter erschien und hielt eine Rede. Viel Gequatsche über Jugend und Moral und so weiter. Danach gab sie Flora ein Zeichen und setzte sich ans Klavier. Gleichzeitig öffnet sich die Flügeltür zur Küche. Papa Paulus balanciert auf einer Hand die Geburtstagstorte mit vierzehn Kerzen. Ich applaudierte brav mit und hoffte, dass es bald vorbei sein würde. Ich hatte mich geirrt, denn jetzt kam noch einmal Andreas Mutter und spielte Happy Birthday. Alles sang euphorisch mit. Ich auch. Dann das Ausblasen der Kerzen, natürlich gelang es Andrea auf Anhieb. Bei der Geschenkübergabe fühlte ich noch einmal das große Kribbeln. Ich bekam ein braves Küsschen auf die Wange. Den Duft ihrer Haut werde ich wohl nie vergessen, dachte ich. Den Jubelschrei, als sie Fats Domino am Cover der Schallplatte entdeckte, auch nicht.
Draußen auf der Terrasse hantierte Martin gemeinsam mit Flora am Boden herum. Wir schauten gespannt zu, wie sie Fußabdrücke auf den Fußboden klebten. Frau Paulus mäkelte herum und fragte skeptisch: „Was wird das?“ Es wurde gemunkelt und spekuliert. Flora klärte uns auf. „Ich habe mir erlaubt, ein paar Schuheinlagen zur Verfügung zu stellen. Martin möchte damit einen kleinen Tanzkurs abhalten. Das hier sind aufgeklebte Grundschritte.“
Im Hintergrund drehte sich Moody Blue von Elvis auf dem Plattenteller. Nach einem kurzen Exkurs in die Welt des Rock'n Roll gab uns Martin, Traudes großer Bruder, eine Kostprobe seines Könnens. Andreas Eltern hatten fluchtartig die Szene verlassen und wir legten los. Die ersten Schritte von Boogie und Rock begriffen wir schnell. Die Röcke der Mädchen flogen, ich war begeistert und zählte laut die Schritte mit. Meine Tanzpartnerin war Flora, sie konnte es perfekt und war geduldig mit mir. Nach einer Weile beherrschte ich das Wichtigste.
„Dann können wir jetzt den Partnerwechsel vornehmen“, sagt sie und winkte Andrea, die mit dem Meister tanzte. Sie kam zu mir und ich fasste sie zum ersten Mal um die Hüfte. Und los gings. Es machte riesigen Spaß, alle schwitzten wie blöde, aber es war aufregend schön. Völlig erschöpft wippten wir in der Hollywood-Schaukel im Garten, irgendwer hatte Fats Domino aufgelegt. Andreas Hand lag wie zufällig auf meiner, wir diskutierten über ein Wort im Text von Blueberry Hill: Thrill.
„Das steht für schaurig oder zittrig machend”, sagte ich.
„Ja, aber es ist traurig, ich habe dich viel lieber, wenn du lustig bist, Ferdi. Denk nicht so viel nach.
Dunkle Wolken zogen vor die tief stehende Sonne und erste Regentropfen fielen vom Himmel. Ich schaute fasziniert auf Andreas sonnengebräunte Haut. Flora und Frau Paulus räumten die Terrasse auf und gingen ins Haus. Martin, Andrea und ich verschwanden im Gartenhaus. Martin drehte eine trichterförmige Zigarette und erklärte uns, was ein Joint ist. Tapfer pafften wir mit, ich wollte nicht zurückstehen, Andrea auch nicht. Ich fühlte mich sehr erwachsen. Aber so toll wie alle taten, schmeckte das Zeug nicht. Andrea schmiegte sich an mich, sie war wortlos glücklich. Ich fühlte ihren Körper und dankte insgeheim diesem verbotenen Joint, der diese Nähe erst ermöglicht hatte und uns in eine andere Welt schweben ließ.
Plötzlich riss jemand die Tür von außen auf. Der jähe Lichteinfall einer Taschenlampe blendete mich. Zunächst war nur eine Silhouette erkennbar, dann aber, als sie voll im Raum stand und mit ihrer Lampe herumschwenkte, konnte ich ihr Gesicht sehen und ihre Stimme hören. Es war die gefürchtet strenge Mutter von Andrea. Sie stand da und schrie wie eine Furie und fuchtelte mit ihren Armen wild durch die vernebelte Luft, um den Haschischrauch zu vertreiben. Sie hatte längst mitbekommen, wer und was hier diesen süßlichen Rauch erzeugt hatte. Sie schrie hysterisch wie eine wild gewordene alte Hexe. Ihre sich überschlagende Stimme hatte nichts mehr mit der vornehmen Dame gemeinsam, die ich vor einigen Stunden kennenlernen durfte. Unsere Beteuerungen wollte sie gar nicht hören. Sie zerrte Andrea aus der Hütte und verwies mich des Hauses, als wäre ich der einzig Schuldige.
„Die Party ist beendet“, sagte sie mit gedämpftem Ton, der aber trotzdem nicht die kleinste Widerrede erlaubte. Ich verließ dieses Haus, ohne mich von Andrea verabschieden zu können. Durch die Hintertür war ich gekommen, durch dieselbe ging ich auch wieder.
Tagelang versuchte ich, Andrea zu treffen, alles vergeblich, sie war wie vom Erdboden verschwunden. Mein Entschluss, im Hause Paulus anzurufen, endete mit der brüsken Antwort von Flora: „Andrea ist nicht zu sprechen, bitte keine Anrufe mehr.“ Das klang wie auswendig gelernt. Ich verstand die Welt nicht mehr. Auf der Party hatte ich sie wie eine Verbündete erlebt. Flora mochte mich doch, jedenfalls hatte sie mir das zu verstehen gegeben. Aber das hatte Andrea auch getan.
Am Standplatz der Brauereipferde, unserem früheren Treffpunkt, standen nur ein paar Menschen unbeteiligt herum, niemand zeigte Interesse an den Pferden. Ich wollte Fritzi und Paula begrüßen, doch sie drehten den Kopf zur Seite. „Na, dann halt nicht“, sagte ich, „euch bin ich wohl auch nicht mehr gut genug.“
Ziellos schlenderte ich durch die Stadt, wollte gerade die Straßenseite wechseln, da wehte der Duft von frisch gemahlenem Kaffee in meine Nase. Mein Blick ging zum Laden von Julius Meinl, dem besten Kaffeeröster des Landes. Hier trafen sich die Bürger zu einem Plausch bei einer Tasse Bohnenkaffee. Sonne, Straßengeräusche, lachende Menschen, Kaffeeduft. Eine einmalige Atmosphäre. Sie brachte auch meine Gedanken an die Zukunft in Bewegung. Ich wollte ja Verkäufer bei Julius Meinl werden. Mitten in meinen Gedanken tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht von Flora, der Haushaltshilfe von Dr. Paulus. Ich hatte insgeheim gehofft, sie eines Tages beim Einkaufen zu treffen, trotzdem war ich überrascht, sie zu sehen.
„Servus Ferdinand.“
„Hallo Flora“, quetschte ich durch die Zähne.
„Wie gehts?”
Noch bevor ich antworten konnte, sagte sie: „Nein, sag´s nicht, ich kann mir denken, wie es dir geht.“
„Hat sich am Telefon aber anders angehört.”
Flora räusperte sich und sagte: „Hör´ zu Ferdinand, ich mag dich, das weißt du. Darum erzähle ich dir, was passiert ist: Andrea und Ulli wurden aufgrund der Vorkommnisse bei der Geburtstagsparty der Umgang mit dir verboten. Du seist kein Junge, der in ihre Familie passen würde, sagten sie. Haschisch rauchen sei verboten und mit Kriminellen wollen sie nichts zu tun haben.“
„Aber das stimmt doch nicht, das Scheißzeug war ja nicht von mir, das hatte Martin uns angeboten. Und der ist nach wie vor ein Freund des Hauses, oder?“
„Tut mir leid, ich war nicht dabei und weiß nicht genau, was passiert ist. Jedenfalls hat die Frau Doktor gedroht, Andrea in ein Internat zu stecken, wenn sie nur ein einziges Mal noch deinen Namen erwähnen würde.“
„Diese Frau ist nicht nur streng, sie ist auch ungerecht. Und was hat Andrea dazu gesagt? Sie weiß doch, wie es war.“
„Sie hat nichts gesagt. Sie hat alles akzeptiert.“
„Das glaube ich nicht. Niemals!“
„Doch. Es ist so. Mach’s gut Ferdinand.“

Die Zeiten, in denen ich meine Ferien in Wien verbringen durfte, sind leider vorbei. Die Mizzitant kränkelt, sie könne mich nicht mehr aufnehmen, sagte sie, ich sei ihr zu anstrengend. Was genau sie damit meinte, war mir nicht klar. Mein Vater war der Meinung, dass ich wahrscheinlich zu frech und unfolgsam geworden sei und sie mich deswegen nicht mehr wolle. Unfolgsam? Ich doch nicht. Das konnte ich nicht glauben, denn wäre es so, hätte sie mich doch nicht bei jeder Gelegenheit als ihren Lieblingsneffen vorgestellt. Letzte Weihnachten hatte sie mir noch dieses Superfahrrad mit Dreigangschaltung geschenkt, mich einen liebenswerten Lausbuben genannt und mir dabei übers Haar gestrichen. Das würde sie doch nicht gemacht haben, wenn ich so frech gewesen wäre, wie mein Vater zu wissen glaubte, oder? Auch Onkel Leopold hätte jetzt viel mehr zu tun als früher und keine Zeit für mich, er ist jetzt Direktor in einem Kinderdorf, hatte sie meinem Vater geschrieben.
Als Hauptschüler gehörte ich jetzt zu den Großen. Meine Vorliebe für bunte Mosaiken, wie ich das Bildermachen nun nannte, kam bei den Jungs nicht so gut an. Das sei Kinderkram, meinten sie. Um in der Gruppe akzeptiert zu werden, müsste ich etwas Verbotenes tun, sagte Horst, der Anführer der Schiffgassler. Ich verwies auf jede Menge Schandtaten, die ich in letzter Zeit begangen hatte, aber er winkte ab, es sollte etwas Aktuelles sein, meinte er. Darüber dachte ich lange nach, aber außer Äpfelstehlen fiel mir nichts ein. Außerdem schmeckte mir die Aussicht auf die zu erwartenden Ohrfeigen im Falle des Erwischtwerdens nicht besonders. Ich bekam ohnehin schon genug Prügel von meinem betrunkenen Vater, auch wenn ich nichts angestellt hatte. Jetzt noch eines daraufzusetzen, fiel mir schwer.
Der Zufall brachte den Umschwung. Ein Gewaltschuss mit meinem alten Lederball verfehlte sein Ziel und landete mit lautem Knall im Fenster von Hausmeister Knauder, dem größten Kritiker in Sachen Fußballspielen in unserer Gasse. Meine Mitspieler flüchteten mit ihren Fahrrädern, ich stand plötzlich allein vor den Scherben. Was tun? Ich hatte Glück, der Hausmeister war nicht zu Hause. Ich musste den Ball holen, der jetzt irgendwo im Dunkel dieses Zimmers lag, denn ich war mir sicher, er würde mich als Schützen verraten. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich durch das kaputte Fenster kletterte. Die verbliebenen Glasspitzen im Fensterrahmen rissen meine Haut auf, aber ich spürte nichts. Hauptsache war: Unerkannt bleiben und vor allem nicht erwischt werden. Die Tat sprach sich schnell herum. Der Hausmeister schäumte vor Wut, aber mehr als Vermutungen hatte er nicht. Von Herbert, dem Sohn des Glasermeisters, wusste ich, dass die Reparatur dreißig Schilling kostete. Glas war damals teuer. Knauders zerschossene Fensterscheibe hatte auch sein Gutes, denn sie bescherte mir endgültig die Anerkennung bei den Schiffgasslern. So nannten wir uns voller Stolz. Die feinen Leute aus den Neubauhäusern am Stadtrand rümpften die Nase, wenn von unserer Gasse die Rede war. Wir waren für sie die Rotzbuben aus dem Glasscherbenviertel. Dabei hatten sie früher auch hier gewohnt.
Jetzt hausten in diesen verwinkelten Altstadthäusern nur einfache Arbeiter, Kriegsbeschädigte, Kriegswitwen, Flüchtlinge und sonstige Gescheiterte. Und viele Kinder. Die Wohnungen waren meist finster und feucht, kosteten wenig Geld und hatten keinerlei Komfort. Platz zum Spielen gab es nur auf der Gasse. Die wenigen Autos störten uns nicht, kam ein neues hinzu, wurde es gebührlich bewundert. Ein Schiffgassler konnte sich normalerweise kein Auto leisten, es sei denn, er zog das große Los bei der jährlichen Tombola, so wie der Hofer Sepp. Der Haupttreffer war in diesem Jahr ein Volkswagen, der stand jetzt bei ihm im Hof. Der Sepp lebte einfach und bescheiden, außer mir hatte er nur wenige Freunde. Sepp stotterte. Wenn er aufgeregt war, brachte er kaum einen vernünftigen Satz heraus. Er war nur bis zur 4. Klasse Volksschule gekommen, danach wurde er ausgeschult und war Bauarbeiter geworden. Manchmal besuchte ich ihn in seiner Unterkunft im Hinterhof. Ich redete gern mit ihm. Heute saß er in seinem Auto und lächelte wie ein alter, weiser Mann. „Noch nie hatte ich so viele Freunde“, sagte er, „alle wollen mit mir im Auto irgendwohin fahren.“
„Ja und? Freut dich das nicht?“
Ein breites Grinsen überzog sein Gesicht.
„Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht Autofahren kann und habe sie eingeladen, bei mir im Auto Platz zu nehmen. Einfach so. Ohne zu fahren. Da sind alle wieder abgezogen.“
Die Schiffgasse führte vom Hauptplatz zum Wehrturm am Schiffertor und zur Schifflände. Kleine Geschäfte und Handwerker prägten das Bild unserer Gasse. Der Fleischhauer war zugleich Wirt und der aus der alten Seifensiederei wurde eine Parfümerie. Aus dem Fenster einer Parterre-Wohnung im großen Antauer-Haus verkaufte Frau Pirker Tabak und Totoscheine. Man konnte bei ihr Zigaretten einzeln kaufen. Hin und wieder, wenn ich ein paar Groschen gespart hatte, kaufte ich mir fünf „Austria 3“, das Stück zu 18 Groschen. Beim Wirt, ein paar Häuser weiter, gab es Fassbier – über die Gasse – zu kaufen. Es war billiger als in der Wirtsstube. Wenn mein Vater knapp bei Kasse war, musste ich dort für ihn Bier holen. Das war fast jeden Tag der Fall. Norbert Feistmandl, mein Freund aus der Nachbarschaft, hatte ebenfalls einen trinkenden Vater. Auch er musste mit dem Tonkrug Bier holen, genau wie ich. Diese Gemeinsamkeit machte uns zu Verbündeten. Norbert erzählte mir, wie er sich an seinem ungeliebten Vater für die vielen Schläge rächte: Er trank beim Heimtragen des Bieres einen großen Schluck aus dem Krug. Mit dem Finger rührte er dann im Krügel um und produzierte neuen Schaum, der die Differenz wieder ausglich.
„Die Gefahr einer Entdeckung verringert sich mit jedem Bier, das der Alte trinkt“, sagte er und dass die Schlucke immer größer würden.
„Gute Idee“, sagte ich, „das muss ich demnächst ausprobieren.“ Es funktionierte. Ich trank heimlich und stimmte meinem Vater zu, wenn er über den Wirt herzog, diesem Halsabschneider, der so schlecht einschenkte.
In der Schiffgasse gab es auch eine Schuhmacherwerkstatt, hier arbeitete der Schuster-Peter, der in seiner Freizeit Motorradrennen fuhr. Er besaß eine Puch 250 SGS, Baujahr 1955, mit Doppelvergaser. Während er tagsüber Schuhe reparierte, bot ich ihm an, sein Motorrad auf Hochglanz zu bringen. Ohne Bezahlung, aber mit Hintergedanken. Ich spekulierte mit einer Einladung zum Mitfahren auf dem Sozius dieser tollen Maschine. Mit Peter, dem Rennfahrer, über die Landstraße zu brausen, war mein Sehnsuchtswunsch. Ich polierte jedes verchromte Detail auf Hochglanz, sogar die Rippen der Zylinder reinigte ich akribisch die gelochten Schutzbleche über den hochgezogenen Auspuffrohren sowieso. Das absolute Höchste aber war das runde Schild mit der aufgemalten Startnummer 24. Das machte in meinen Augen ein Motorrad erst zur Rennmaschine.
Als Peter Feierabend hatte und aus der Werkstatt kam, sah er seine funkelnde Maschine und bedankte sich bei mir mit einem freundschaftlichen Klaps. Weil ich stehen geblieben war, sah er mich verwundert an, dann hatte er begriffen. „Ah, ich ahne etwas. Du möchtest auf dem Motorrad mitfahren, habe ich Recht?”
„Oh ja, das wäre schön.“ Ich war glücklich.
Peter erklärte mir, wie ich mich am Sozius verhalten sollte und ließ den Motor mit Kickstarter an. Er schwang sich in den Sattel, klappte mit einem Fuß den Seitenständer ein und hielt die schwere Maschine in der Balance. Mein Aufstieg wirkte wegen meiner kurzen Beine nicht so elegant, aber ich schaffte es.
„Bist du bereit?“, fragte Peter, „dann halte dich fest an mir, es geht los.“
Die Maschine machte einen wilden Satz. Ich krallte mich an Peter fest und spürte, wie er Vollgas gab. Ungeduldig wie ein Raubtier knurrend, vibrierte der Motor zwischen meinen Beinen. Bei der einzigen Ampelkreuzung in unserer Stadt mussten wir kurz anhalten. Ich genoss die Blicke der Passanten, als wir mit einem Höllenlärm die Innenstadt hinter uns ließen. Es war ein herrliches Gefühl, die Kraft des Motors unter meinem Hintern zu spüren. Ich wollte nie mehr absteigen, weil ich mich so frei und unverwundbar fühlte. Wir drehten noch eine Runde über die Schifflände zum Schwimmbad und waren leider viel zu schnell wieder in der Schiffgasse angelangt.
Im Hinterhof der Schusterei hatte der Malermeister Jost seine Werkstatt. Im Hof lagerten Säcke mit ungelöschtem Kalk und Kreide in Klumpenform. Es war ein langweiliger Tag. Der Maler war nicht anwesend – da kam mir der Einfall, eine Schnitzeljagd der besonderen Art zu veranstalten. Die Idee war, keine Papierschnitzel als Fährte zu legen, sondern mit den Kreideklumpen unsere Spuren zu hinterlassen. Wir malten Zeichen auf Hauswände, Türen und Tore, auf Gartenzäune und auf die Straße oder den Gehsteig. Ich war der Organisator, Norbert war Mitveranstalter. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es erst richtig spannend, weil dann die Zeichen und Pfeile für die Verfolger nur schwer zu erkennen waren. Wir entschlossen uns, noch mehr Kreide zu stehlen. Einwände von den Mitspielern ließ ich nicht gelten und sagte: „Kein Problem, im Hof sind so viele Säcke voll mit Kreide, das merkt bestimmt keiner.“
Am nächsten Morgen stand der Polizist Pratter vor der Tür. Im Gefolge des Inspektors befanden sich Malermeister Jost und mein Freund Norbert. Er sah aus, als hätten sie ihn direkt aus dem Bett geholt, unfrisiert und irgendwie zerknittert. Was war passiert? Ein ungenannter Spielverderber war zum Verräter geworden und hatte uns verpetzt. Der Maler hatte wegen des gestohlenen Kreidesacks Anzeige erstattet. Beim Verhör kam heraus, wer der Rädelsführer war. Ich kassierte eine schallende Ohrfeige vom Malermeister. Norbert und ich wurden zum Waschen und Abreiben sämtlicher Kritzeleien verdonnert. Das war ziemlich viel, denn das abendliche Spielareal umfasste den Häuserblock bis zur Schifflände. Mit Wurzelbürste und Wassereimer mussten wir unter dem Gelächter derer, die sich gedrückt hatten, den ganzen Sonntag waschen und schrubben. Es dauerte eine Ewigkeit, bis von unseren geheimen Zeichen an Wand und Boden nichts mehr zu sehen war. Außerdem musste mein Vater dem Malermeister die Kosten für den Sack Kreide ersetzen. Die logische Konsequenz daraus brachte mir eine zusätzlich Tracht Prügel ein.
Einmal in der Woche war Aktionstag beim Pferdefleischer in unserem Haus. Das Fleisch stammte aus Notschlachtungen und war billig. Das war gut für die armen Leute, aber immer öfter konnten wir beobachten, dass feine Damen die Hintertür zum günstigen Fleischeinkauf benützten. Wir begrüßten sie laut und freundlich mit Frau Doktor oder Frau Direktor. Die Damen vergaßen ihre übliche Arroganz und rauschten mit hochrotem Gesicht an uns vorbei. Den Tratschweibern, die auf der Gasse lauerten, konnten sie allerdings nicht entkommen.
Im Hofgebäude war ein Parkettbodenleger eingezogen. Bei ihm verdiente ich fallweise mein Taschengeld. Er lehrte mich, wie man die Verbindungsfedern in Parkettnuten klopft. Diese Arbeit erledigte ich sitzend auf einer Kiste. Vor mir lag ein mannshoher Haufen mit Parkettbrettern, der bis zum Abend aufgearbeitet sein wollte. Ich klopfte und klopfte, der Tag wollte nicht vergehen. Nur die Aussicht auf den versprochenen Lohn, mit dem ich mir meine langersehnte erste echte Bluejeans kaufen wollte, ließ mich durchhalten. Sollte noch ein bisschen Geld übrig bleiben, würde ich Ersatzteile für mein zweites Fahrrad kaufen. Mein schönes Dreigang-Fahrrad hatte man mir gestohlen, sodass ich mir jetzt mit einem Drahtesel Marke Eigenbau, bestehend aus Teilen vom Schrottplatz, behelfen musste.

Ich musste Geld verdienen, also zog ich in jeder freien Stunde mit meinem Fahrrad-Anhänger durch die Stadt und sammelte Altmetall aus Abbruchhäusern und Bombenruinen, bei Niedrigwasser auch aus der Mur, unserem Fluss. Überall lagen Unmengen von Kriegsrelikten herum, manchmal detonieren Blindgänger. Auf den Müllhalden der Stadt versuchte ich Kabel abzubrennen, um an das Kupfer heranzukommen. Ich war gut im Organisieren von Buntmetallen, manchmal waren auch funktionierende Wasserhähne aus Messing dabei. Für die bekam ich gutes Geld. Alles was ich tat war verboten. Meine Beute brachte ich zum Schrotthändler. Der alte Mann beschiss mich, wog nicht korrekt und zahlte schlecht. Wenn ich mich beschwerte sagt er: „Was willst du kleiner Gauner …?“
Ich legte seine Worte so aus: Kleiner Gauner gegen großen Gauner!
Das Alteisen musste ich zum großen Schrotthaufen tragen, weil der Alte zu faul war. Die Buntmetalle sperrte er, wegen ihres höheren Wertes, in eine separate Kammer. Ich schleppte das verkaufte Alteisen auf den Haufen und wenn er außer Sichtweite war, warf ich einen Teil gleich wieder über den Zaun. Das war meine Rache für den Gewichtsbetrug.
Im Frühling belieferte ich die Gasthöfe und Restaurants mit Blumensträußen, meist waren es Narzissen von den sauren Wiesen am Heuberg. Wurde es endlich Sommer, kamen weitere Einnahmequellen dazu, zum Beispiel die Meerrettichpflanzen, die bei uns Krenwurzen heißen. An den Böschungssteinen des Murufers gediehen sie besonders gut. Viele Gasthäuser in unserer Gegend verkauften heiße Würstel mit Senf und Kren. Das waren meine Kunden.
Später, vom Hochsommer bis zum Herbst, war die beste Zeit für Steinpilze, Bärentatzen und. Ich liebte den Wald mit seinen Düften und die Ruhe. Kurz nach Sonnenaufgang holte ich Norbert von zu Hause ab und stieg mit ihm weit hinauf bis zu den besten Plätzen. Ich wollte Steinpilze finden. Norbert war spezialisiert auf Eierschwammerl. Auf einer Lichtung zwischen Jung- und Hochwald wurde ich fündig. Sie wuchsen nicht jedes Jahr am gleichen Ort, aber ich fand sie meistens. Ich konnte sie riechen. Am Waldrand, dort wo die Forststraße in die Stadt zurückführt, war eine Pilzsammelstelle eingerichtet, hier verkaufte ich an den Großhändler. Norbert wollte einen besseren Preis erzielen und ging weiter, er wollte direkt bei den Wirtsleuten verkaufen. Ich war zu müde, um ihn zu begleiten. Manchmal wollte ich einfach nur allein sein, mich unter einen Baum setzen und den Blick über die Stadt genießen. Das war meine Welt. Für mich stand fest, mein Herrgott wohnt im Wald, hoch oben im Blätterdach der Bäume, das ist seine wirkliche Kathedrale. Manchmal redete ich mit ihm und war mir ganz sicher, dass er mich verstand.

Sommer 1957. Es herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung in unserer Stadt. Die Stadtväter organisierten erstmals ein Stadtfest. Es sollte ein unvergessliches Fest werden, und alle machten mit. Damit war die erste Regional-Messe mit internationaler Warenschau geboren. Neben der Messehalle wurde ein riesiges Festzelt inklusive Schaubühne aufgebaut. Tagsüber bespielten Musikkapellen die Gäste. Am Abend sorgte eine Dixie-Band für beste Unterhaltung. Der absolute Höhepunkt war die Schluss-Veranstaltung. Ungläubiges Staunen allerseits: Ein Weltstar war angesagt: Catering Valente! Ich war elektrisiert.
Seit ich Caterina Valente das erste Mal im Radio gehört hatte, war es um mich geschehen. Es war Liebe auf den ersten Ton, sozusagen. Gut, ich war zu jung, um die Tragweite dieses Gefühls zu überblicken, schließlich war ich gerade mal knapp zwölf Jahre alt. Mir war klar, dass ich alle Verbote umgehen musste, um sie erleben zu dürfen, denn eigentlich sollte ich um diese Zeit im Bett sein. Mein Glück war, dass die Eltern im Festzelt mitarbeiteten. Vater war der Mundschenk beim Weinhändler und Mama wusch die Gläser. Ich war allein zu Hause, also nichts wie hin.
Ich kannte ja die Schleichwege, denn tagsüber half auch ich dem Weinhändler – ich war Wasserträger. Mein Job war es, die Wassereimer vom nahen Hydranten durch eine Öffnung in der Zeltplane hinter die Bühne zu transportieren. Von diesem Schlupfloch wussten die Kontrolleure am Eingang nichts. An leeren Bierfässern gelehnt, die hinter der Bühne in die Höhe ragten, blickte ich durch einen Spalt der Zeltplane. Nach einem Trommelwirbel trat der Conférencier vor das Mikrofon und stellte das Programm vor. Ein Mix aus Modenschau, Musik und schlüpfrigen Witzen füllte die erste Stunde. Dann der ersehnte Moment:
„Meine Damen und Herren, zum Höhepunkt des Abends entführen wir Sie in das Traumland der Liebe. Ein Weltstar, begleitet von ihrem Bruder Silvio Francesco, gibt sich die Ehre: Caterina Valente!“
Unter tosendem Beifall erschien Caterina mit Silvio auf der Bühne. Sie im roten Kleid mit weißen Tupfen, Silvio im Glitzer-Jackett. Es ging los mit den Ohrwürmern: Ganz Paris träumt von der Liebe und Komm ein bisschen mit nach Italien bis zu Wo meine Sonne scheint. Zum Schluss sang sie urkomisch den Calypso-Song Tipitipitipso.
Um mehr zu sehen, war ich auf die gestapelten Weinkisten geklettert und prompt mit Getöse samt den Holzkisten zu Boden gekracht. Plötzlich stand meine Caterina vor mir und fragte in jovialem Ton: „Na, mein junger Verehrer, wie gehts dir?“ Ich wurde feuerrot und starrte ängstlich auf. Sie strich mir übers struppige Haar und lächelte. Statt entzückt zu sein, vor so viel Wärme, die sie mir armseligen Bürschlein entgegenbrachte, wand ich mich hin und her vor Verlegenheit. „Danke, gut“, konnte ich gerade noch stammeln. Rasch, mit heftig schlagendem Herz verließ ich die Stätte meiner Blamage. Zu Hause schlich ich selig in mein Bett und machte mich ans Träumen.

Meine Deutschnoten waren schlecht. Eine Chance, das zu ändern, bestand in einer Hausaufgabe. Ein Aufsatz mit dem Thema: Harmonie und Technik war gefordert. Dazu fiel mir partout nichts ein. Verzweifelt über dieses Thema, trottete ich nach Hause, warf den Schulranzen hinter die Ofenbank und war auch schon wieder weg, bevor mir noch irgendjemand Fragen stellen konnte.
Auf dem Weg zu meinem Lieblingsort, dem Bahnhof, vergaß ich schnell meine Sorgen. Aus den Lautsprechern tönte der obligate Satz: „Bitte Einsteigen und Türen schließen, wir wünschen gute Reise!“
Zuvor ein vertrautes Bild: Der Hammermann. Jener Eisenbahner mit dem langstieligen Hammer, der an den Zügen entlang ging und an die Räder klopfte. Am Klang erkannte er, ob die großen Stahlräder homogen und intakt waren. Danach ging ein Ruck durch den ganzen Zug und der tonnenschwere Koloss nahm langsam Fahrt auf. Die Dampflok stieß gewaltige Schwaden weißen Dampfes aus.
Müde geworden von den vielen Eindrücken dieser rollenden Technik setzte ich mich auf eine Bank am zentralen Perron. Hier befanden sich alle wichtigen Einrichtungen. Die Kassenhalle, die Bahnhofsrestauration, eine Tabak-Trafik, ein Kiosk für Reiseproviant. Daneben stand der Fahrdienstleiter mit roter Kappe und grüner Kelle für freie Fahrt. Das war auch einer meiner damaligen Berufswünsche. Nur – da musste man viel lernen. Schlagartig traten meine schulischen Nöte wieder in den Vordergrund. Harmonie & Technik! War das vielleicht eine Möglichkeit für meinen Aufsatz? Hier gab es viel Technologie. Aber Harmonie? Beseelte Details? Natürlich! Es gibt ja viele Menschen am Bahnhof. Und Menschen haben Gefühle. Menschen wollen Harmonie! Das war es, ich hatte die Lösung. Ich musste es nur noch aufschreiben.
Mit Notizbuch und einem in den Tiefen meiner Lederhose gefundenen Bleistift begebe ich mich auf besagte Bank. Sie war aus Eisen und hatte schön geschwungene Armlehnen. Der Sitzbereich war mit grüner Farbe frisch gestrichen. Ich ließ meine Blicke wandern. So viele kleine Details und doch waren sie mir nie richtig aufgefallen. Jetzt war alles anders. Prächtige Stützsäulen trugen den Baldachin, der den Bahnsteig vor Regen und Schnee schützte. Darunter hingen geschnitzte Blumenkästen mit blühenden Petunien in allen Farben. Überragt wurde die ganze Pracht von der elektrischen Bahnhofsuhr.
Den Blick nach unten gerichtet, kam die nächste Überraschung: Das viel begangene Pflaster war eigentlich ein Kunstwerk. Da waren viele bunte Steine in Gelb, blau und schwarz gehalten. Quadratisch und nach Jugendstilart mit Ornamenten und Mustern verziert. Es war mir noch nie so aufgefallen wie jetzt. Ich kannte das nur aus den vornehmen Häusern der Gründerzeit.
Es gäbe noch viel zu berichten von meinem Bahnhof, aber leider musste ich nach Hause und meinen Aufsatz ins Reine schreiben …

Ich war kein Schüler, der durch übertriebenes Lernen auffiel – eher glänzte ich durch Abwesenheit. Ich wollte manuell arbeiten. Die familiären Verhältnisse waren nicht gut. Daher wollte ich Geld verdienen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Ich empfand es als Glück, dass bei uns im Haus ein Parkettverleger seine Werkstatt hatte. Meister Wieringer war fallweise mein Arbeitgeber für kleines Geld. Und ich nahm jede Gelegenheit wahr, etwas zu verdienen. Einen Tag vor Weihnachten, ich hatte regulär schulfrei, ergab sich ein lukratives Angebot.
„Ferdi, wie schaut’s aus, hast Zeit für einen Botengang?“, fragte mich Herr Wieringer.
„Eh klar, Meister, was ist zu tun?”
„Zwei Weihnachtspakete ausliefern nach Thörl ins Draht & Kabelwerk Pengg. Du weißt schon dort, wo wir im Sommer die Parkettböden im Chefbüro verlegt haben. Das große Paket ist für den Chef persönlich, das andere für die Sekretärin. Lass dich ja nicht abwimmeln von den Bürodamen. Ja, noch was Wichtiges – sprich Herrn Pengg mit ‘Herr Gewerke‘ an und überbringe meine Grüße!“
„Und, wie komm ich nach Thörl?“
„Mit dem Postauto. Du kriegst das Fahrgeld und deinen Lohn. Nimm den Rucksack und beeile dich, der Gewerke ist nur vormittags da.“
Ich lief mit dem schweren Rucksack zum Bahnhof. Das Postauto fuhr in zehn Minuten, genug Zeit, um mit dem unverhofften Geld eine extra dicke Wurstsemmel und einen Schokoriegel mit Erdbeerfüllung zu kaufen und zu essen. Im Bus war es warm – zu warm – während der Fahrt wurde mir entsetzlich schlecht. Kurz vor Thörl hielt ich es nicht mehr aus – ich musste mich übergeben. Der Chauffeur fluchte, ließ mich aussteigen und fragte, ob er warten soll. „Nein, danke“, sagte ich verschämt und das Postauto fuhr qualmend davon. Ich war schon oft in der Gegend, aber noch nie im Winter und bei Nebel. Es sah alles fremd aus und von Thörl war nichts zu sehen. Das Tal war hier so eng, dass außer dem Bach, der Straße und der stillgelegten Lokalbahn kein Meter Platz war.
Zu Hause hatte es geregnet, hier lag Schnee. Ich hangelte mich die Böschung hinunter zum Bach, um mich zu säubern, denn so wie ich aussah, konnte ich unmöglich dem hochverehrten Herrn Gewerke unter die Augen treten. Ein kalter Wind fuhr in die winterspröden Bäume am Straßenrand und fegte den Schneestaub von den kärglichen Ästen. Ich dachte: Weihnachten ist nur schön, wenn man aus dem Fenster der warmen Stube schaut. Dann mag die weiße Pracht gewiss romantisch sein, aber nicht bei einem Fußmarsch in gefrorenen Schuhen und einem feuchten Walkjanker.
Ich kam gerade noch vor Betriebsschluss ins Direktionsgebäude. Die sonst strenge Sekretärin war äußerst freundlich, als sie den Geschenkkarton an sich nahm und mir die Tür zum Allerheiligsten des Herrn Gewerke öffnete. Ich war verunsichert und stotterte brav meinen Text und übergab das Paket. Herr Pengg war bemüht freundlich, griff in seine Westentasche, drückte mir einen Geldschein in die Hand und entließ mich in Richtung Weihnachten.

Luca und ich lagen auf der Sonnenbank im städtischen Schwimmbad. Luca wirkte gelangweilt, ich hoffnungsvoll. Ich wollte braun werden, aber meine Haut spielte nicht mit, es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich etwas veränderte. Luca hatte es leichter, wegen des Erbes seines italienischen Vaters. Er wurde schnell braun, war sechzehn, schwarzhaarig und groß gewachsen. Ich war das Gegenteil: Dreizehn, blond und blass. Ich sinnierte vor mich hin, tat mir selbst leid und seufzte. Ich bewunderte Luca, zeigte es aber nicht. Er war so beredsam gegenüber Mädchen. Ich war neidisch, nannte ihn insgeheim einen Angeber. Frauen waren sein Lieblingsthema. Er erzählte mir von Mädchen, die seiner Meinung nach nur darauf warten, erobert zu werden. Luca sprach pikante Einzelheiten aus, als wären sie das Normalste auf der Welt. Vieles kam mir absurd vor – trotzdem glaubte ich ihm.
Als könne er Gedankenlesen, sagte er: „Zeit, dass du dir eine Freundin zulegst.“
„Was?“
„Eine Freundin. Ein Mädel. Herrgott! Rührt sich bei dir nichts in der Hose?“
„Du spinnst ja“, schrie ich ihn an.
„Bist du etwa …, nein, das glaub‘ ich jetzt nicht. Bist du nicht, oder?“
„Natürlich nicht, du Aff!“
„Reg´ dich nicht auf, ich bin dein Freund, ich meine nur, es macht mehr Spaß, wenn wir die Mädels mit ins Spiel nehmen.“
„Welches Spiel?“
„Egal, irgend was. Von mir aus unter Wasser. Hauptsache, man kommt sich näher. Körperkontakt – verstehst du?“
„Eh klar“, sagte ich und verstand nichts. Luca stand auf und schaute in Richtung Spielwiese. Der hat leicht reden, dachte ich, so wie der ausschaut.
„Komm Ferdinand, wir schauen uns einmal um, was los ist in Sachen Weiber.“
Wir schlenderten durch Reihen von Sonnenhungrigen. Ein Geruch von Nussöl und Chlorwasser lag in der Luft. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich die Mädchen, hörte, wie sie kicherten und offenes Interesse für Luca zeigten. Betrübt stellte ich fest, dass Luca mehr Mädchen kannte, als ich Freunde hatte. Er hat die besseren Möglichkeiten, sagte ich mir, er besucht als einziger unserer Clique das Gymnasium. Dort wird zum Unterschied zu meiner Schule in gemischten Klassen unterrichtet. Also war es völlig normal, dass er mehr Mädchen kannte als ich. Wir umrundeten die Spielwiese entlang der Umkleidekabinen. Luca nannte das eine Informationsrunde.
Und dann sah ich sie: Andrea. Ich kannte sie vom Sehen und wusste ihren Namen nur deshalb, weil ich einmal in der Warteschlange vor der Schwimmbadkasse einen Blick auf ihre Saisonkarte erhaschte. Mein erster Gedanke war: Sie ist eine Wasserratte. Andrea Paulus, stand da in Druckschrift. Und sie ist ein Jahr älter als ich, wohnt in der Schlossberggasse 10. Ich kannte das stuckverzierte Haus in der Stadtmitte. Dort wohnen nur vornehme Leute, sagte meine Mutter, sie hatte früher einmal geputzt in diesem Gebäude.
Angeregt durch Luca wurde ich mutig und schlenderte auf Andrea zu, ohne zu wissen, wie ich mit ihr ins Gespräch kommen könnte. Sie spielte mit zwei anderen Mädchen Federball. Während ich überlegte, was ich sagen soll, schossen sie ihren Ball auf das Kabinendach. Ich sprach sie als Gruppe an, meinte aber in Wahrheit nur Andrea: „Grüß euch. Kann ich helfen?“
„Oh, das wäre lieb von dir! Es ist schon der dritte Ball, der auf dem Dach liegt.”
„Kein Problem“, sagte ich und wandte mich an Luca: „Mach mal eine Räuberleiter.“
„Eine was …?“
„Eine Räuberleiter! Menschenskind! Ich brauche deine Arme als Leiter.“
„So?“, fragte er und verschränkte seine Hände in Bauchhöhe.
„Ja, genau so. Mach die Beine breit für einen besseren Stand. Pass auf, ich steige jetzt auf deine Schulter.“ Ich sah es nicht, aber ich wusste, dass er vor Schmerz die Zähne zusammenbiss. Als ich mich von ihm mit einem Ruck abstieß, um die Dachkante zu erreichen. Eh klar, dachte ich, tausend Weiber im Kopf, aber als Praktiker eine Null. Hat kein Gramm Muskelschmalz in den Armen, dieser Schönling. Ich fand die Federbälle und warf sie vom Dach. Luca fing sie auf, hielt sie wie eine Trophäe hoch und forderte bei den Mädels ein Küsschen als Belohnung ein, bekam aber nur ein Bussi von Andreas achtjähriger Schwester Ulli. Natürlich kannte er Andrea und ihre Freundinnen Traude und Christa. Sie gingen ins selbe Gymnasium, waren aber zwei Jahrgänge unter ihm. Meine Befürchtung, dass Luca vor mir bei Andrea landen könnte, war unbegründet. Er interessierte sich nur für Christa, vermutlich, weil sie den größten Busen von allen hatte. Für mich zählten andere Werte. Ich schaute nicht nur auf Andreas Figur, ich sah viel mehr. Mir gefiel ihre Mimik und wie sie sich bewegte. Ich lauschte ihrer sanften Stimme und wenn sie lachte, klang es wie Musik, die mich gefangen hielt. Ich war sicher, dass ich noch nie so braungrüne Augen mit so langen Wimpern gesehen hätte. Und wie sie leuchteten.
Aus Lucas Vorschlag vom gemeinsamen Spiel im Wasser wurde nichts. Andrea musste auf ihre kleine Schwester aufpassen und anschließend zum Klavierunterricht. Luca war bei Christa abgeblitzt. So etwas nehme er sportlich, meinte er. Traude war Andreas beste Freundin, sie war die lustigste von allen, ein richtiger Kumpeltyp. Sie und Luca plagten sich mit dem Hula-Hoop-Reifen von Ulli ab. Ihre Verrenkungen sahen urkomisch aus. Andrea und ich lachten uns krumm und vergaßen dabei das Federballspiel. Auf einmal fragte sie mich wie nebenbei:
„Wie heißt du eigentlich?“
„Oh, Verzeihung, das habe ich ganz vergessen: Ich heiße Ferdinand.“
„Ich Andrea, aber das weißt du ja schon.”
Wir alberten ein bisschen herum, dann war es für die Zwei Zeit aufzubrechen. Ich möchte sie gerne begleiten, dachte ich, aber wie schaffe ich es, ohne aufdringlich zu wirken. Andrea kam mir ungewollt zu Hilfe, als sie mit Ulli herummeckerte, weil diese immer so viel Badezeug mitschleppe. Ich bot an, die Sache zu übernehmen, weil ich ohnehin den gleichen Weg hätte. Andrea schaute mir in die Augen und sagte: „Woher willst du wissen, dass wir den gleichen Weg haben?“
„Oh je, erwischt“, jammerte ich übertrieben.
Andrea bewies Humor und spielte die Komödie mit, sie zeigte mit dem Finger auf mich und sagte: „Raus mit der Wahrheit. Sprich!“
„Bitte um Gnade! Ich gestehe alles.” Ich erzählte die Geschichte mit der Saisonkarte und spürte, wie mich Andrea musterte. Es fing zu kribbeln an, mir schoss das Blut in den Kopf. Dann hörte ich mich sagen: „Ich weiß daher schon lange, wie du heißt und wo du wohnst. Seit heute weiß ich auch, wie du sprichst und wie es ist, wenn du lachst. Ich mag dein Lachen.“
„Das ist ganz lieb, Ferdinand, du sagst so schöne Sachen.“
Jedes ihrer Worte ermutigte mich. Ich fühlte mich großartig und war knapp daran, ihre Hand zu nehmen. In der Aufgeregtheit, nur ja keinen Fehler zu machen, versagte fast meine Stimme. Dieser verdammte Stimmbruch. Heiser fragte ich: „Treffen wir uns wieder?“
„Ja, vielleicht morgen nach der Schule. In welche Schule gehst du?“
„Hauptschule Kirchplatz. Und du?“
„Als ob du das nicht wüsstest! Ich habe um halb zwei aus.“
„Okay, ich eine Stunde früher. Ich warte auf dich.“
„Du willst eine Stunde auf mich warten? Echt?“
„Ja, echt.“
„Ich freue mich. Darf ich Ferdi sagen?“
„Du darfst alles, Andrea. Bis morgen.“
„Servus Ferdi. Bis morgen.“
Zwei Wochen vor Schulschluss schaute ich auf ein erfolgreiches Schuljahr zurück. Ich sah dem letzten Schultag gelassen entgegen, meine Leistungen im Wiederholungsjahr waren erstklassig. Wenn ich wirklich wollte, könnte noch ein Vorzug draus werden. Die Noten standen fest, nur in Deutsch müsste ich mich verbessern. Heute wäre die letzte Gelegenheit, sagte Johannes Stöger, unser Deutschlehrer und teilte der Klasse das Aufsatzthema mit: „Wetterphänomene. Noch Fragen?“
Ich hob den Arm.
„Ja, Ferdinand?“
„Was ist mit einem Phänomen gemeint?“
„Damit meine ich besondere Wettererscheinungen. Denk an die geballte Wucht von Gewittern, Phänomene wie etwa Platzregen, Hagel, Nebel oder Föhnstürme. So etwas in der Art. Kapiert?”
„Ja, danke.“
Die Gedanken waren bei Andrea. Sie ist die Ausnahmeerscheinung schlechthin. Für einen Moment überlegte ich, ob ich die stürmischen Turbulenzen in meinem Bauch zu einer Geschichte, in deren Mittelpunkt Andrea stehen würde, schreiben soll. Ich war sicher, es wäre der Aufsatz des Jahres. Zum Glück kamen rechtzeitig Zweifel auf und ich verwarf die Idee. Das geht nur mich und Andrea etwas an, dachte ich und schrieb lustlos vom letzten Hochwasser. Die Deutschnote war mir egal. Ich stand vor meinem ersten Rendezvous mit Andrea. Es war jetzt halb eins. Noch eine Stunde.
„Hey Ferdinand“, rief Norbert, „vergiss nicht, heute um zwei Uhr ist Fußballtraining!“ Oh verdammt, das passt mir jetzt gar nicht, dachte ich und fragte scheinheilig: „Wann?“
„Bist du taub? Um zwei wie immer. Kommst du?”
„Ich weiß nicht, ob es sich ausgeht.“
Norbert schaut mich zweifelnd an. „Ist was?“
„Nein, was soll sein?“
„Na ja, seit du diese Andrea kennst, bist du anders.“
Ich lachte nur. Ja, es ist alles anders, ganz anders. Aber das geht dich nichts an, dachte ich, stieg auf mein Fahrrad und fuhr zum Real-Gymnasium.
Es ist gleich halb zwei. Hatte sie wirklich halb zwei gesagt? Und stimmt es, dass sie sich freut würde, mich zu sehen? Oder hatte ich das nur geträumt? Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Was wäre, wenn mich ein Auto überführe? Würde Andrea an meinem Grab stehen und um mich weinen? Ich radelte langsam weiter. Je näher ich dem Gymnasium kam, desto kribbeliger wurde ich.
Andrea war nicht allein gekommen. Hätte ich mir ja denken können. Natürlich hatte sie ihre Freundin dabei, das machen Mädchen immer so. Gemeinsam mit Traude stand sie an der verruchtesten Ecke im ganzen Schulbezirk, bei den Bänken unter den Maulbeerbäumen. Sie steckten die Köpfe zusammen und kicherten. Dieser Platz ist als Treffpunkt für Liebespaare bekannt. Dort fand man gebrauchte Kondome und zerknüllte Taschentücher in den Büschen.
„Das ist ein Skandal. Neben unserer Schule so ein Schweinkram!“, kommentierten Lehrer und Eltern und konnten es doch nicht ändern. Im Beisein von Schülern wurde nicht über Einzelheiten diskutiert. Leider, mich hätte dieser sogenannte Schweinkram brennend interessiert. Von meinen Eltern war diesbezüglich nichts zu erfahren. Das war schon immer so, über die wichtigen Dinge des Lebens sprachen sie nicht. Auf meine Fragen bekam ich die immergleiche Antwort: „Werde du erst erwachsen, dann kommt das alles von selber.“ Dass sie dabei schmunzelten, heizte die Neugier noch mehr an. Ich war auf Gesprächsfetzen und Hörensagen angewiesen. Meine Freunde sagten, es erginge ihnen ähnlich. Was die Sache so ärgerlich machte, war, dass mit den Mädchen eher darüber gesprochen wurde als mit uns Buben. Das verstand ich nicht.
Traude hat mich zuerst gesehen und winkte. Ich zog eine elegante Schleife, lehnte mein Fahrrad an den Baum.
„Hallo Ferdi!“
„Servus Andrea!“
Sie lächelte wie gestern. Es war das erste Mal, dass wir uns länger als eine Sekunde in die Augen schauten. Ich bekam Gänsehaut. Bis jetzt hatte ich das immer für eine übertriebene Floskel aus Groschenromanen gehalten.
„Habt ihr etwas Besonderes vor?“, fragte ich.
„Ja, wir wollen zu den Pferden.“
„Zu den Pferden?“
Andrea klärte mich auf: „Sorry, das kannst du ja nicht wissen. Wir kennen alle Brauereipferde in der Stadt. Die Kutscher beliefern die Gasthöfe der Innenstadt und Traude und ich bringen den Pferden Leckerlis. Am Sonntag besuchen wir sie in ihrem Stall und wenn der Verwalter da ist, dürfen wir auch reiten. Kommst du mit?“
„Zum Reiten?“, entfuhr es mir entsetzt, „ich kann nicht reiten.“
„Das kannst du lernen, wenn du willst. Aber nein, ich meinte, ob du jetzt mitkommst. Nur zum Spaß, die Pferde freuen sich, wenn wir kommen.“
„Ach so. Klar komme ich mit.“ Pferde sind so groß, dachte ich.
„Soll ich dir etwas verraten, Ferdi?“
„Ein Geheimnis?“
„Ja, ein kleines. Ich möchte Tierärztin studieren. Und du? Was willst du werden?“
„Brauereipferd!“
„Hihi – Pferde müssen aber schwer arbeiten.“
„Das werde ich sowieso müssen. Aber als Pferd bekäme ich von dir jeden Tag Leckerlis und du würdest mich streicheln.“
Andrea lächelte geheimnisvoll und sagte: „Komm, gehen wir.“
Als wir um die Ecke bogen, stand vor den Gösserstuben ein Fuhrwerk. Zwei kräftige Pferde waren vor den Wagen gespannt und warteten, bis die schweren Holzfässer abgeladen wurden. Als die Tiere Andrea und Traude erblicken, schnaubten sie und scharrten mit den Hufen.
„Darf ich vorstellen: Fritzi und Paula“, zwei Noriker. Steirische Kaltblüter.“
Ich ging bis auf einen Schritt auf die Pferde zu. Mir kam es so vor, als wären sie stolz auf die prachtvolle Ausstattung ihres Geschirrs. Die Stute, die mir Andrea als Paula vorgestellt hatte, schüttelte ihre dunkelbraune, fast schwarze Mähne. Auf der Stirn hatte sie eine weiße Raute.
Andrea zupfte mich am Ärmel. „Schau Ferdi, da kannst du mal sehen, wie schlau die Paula ist, sie stibitzt Traude gerade einen Apfel aus der Tasche.“
Das zweite Pferd sah mich direkt an. Ich schaute weg.
„Und das ist Fritzi, ein Wallach, er ist ein Frechdachs – wie du!“, sagte Andrea und zwinkerte mir zu. Ich dachte, ich werde verrückt, sie hatte mir zugezwinkert.
„Du hast doch keine Angst vor Pferden, oder?“
„Nein, wo denkst du hin.“
„Ich zeig’ dir, wie man sie füttert. Schau – so – mit der flachen Hand.“
Nur jetzt nicht kneifen, dachte ich, und hielt Fritzi die Hand hin. Behutsam holte er sich die gepressten Haferflocken aus meiner Hand. Es kitzelte. Er hatte meine schwitzenden Hände nicht bemerkt. Fritzi stupste mich an, er wollte noch mehr.
„Siehst du, er hat dich gern. Pferde sind sensible Tiere. Wenn Fritzi dich mag, mag ich dich auch.“
Ich wollte in Andreas Augen schauen, erhoffte mir noch einmal dieses bezaubernde Lächeln, doch sie wendet sich den Pferden zu. Sollte ich nachhaken, etwas ähnlich Schönes sagen? Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf, ich haderte so lange, bis der beste Moment vorbei war. Na ja, dachte ich, das Pferd mag mich und Andrea auch. Sie hat es gesagt. Seit zwei Minuten bin ich Pferdefreund.
Die Zeit war viel zu schnell vergangen, Andrea und Traude verabschiedeten sich, sie mussten nach Hause.
„Sehen wir uns …?“, fragte ich.
„Jetzt weißt du ja, wo du mich treffen kannst. Servus Ferdi!“

Heute war der letzte Schultag. Unser Englischlehrer zog als Klassenvorstand eine Bilanz. Bei der Zeugnisübergabe stand ich im Mittelpunkt: Ich war Vorzugschüler geworden. Ich hatte das geschafft, ohne es zu wollen. Der Gedanke, als Streber zu gelten, passte mir nicht. Der Lehrer hob meine besondere Leistung hervor. „Im Vorjahr hatte dieser Junge (er legt bei diesen Worten seine Hand auf meine Schulter) sechs Nichtgenügend in seinem Zeugnis und jetzt ist er einer der Besten. Als Englischlehrer nenne ich das den perfekten turn around.“
Als er mir das Zeugnis überreichte, teilte er mir im Vertrauen mit, dass er sich für mich einsetzen würde, sollte ich später aufs Gymnasium wechseln wollen. „Du hast das Zeug für mehr …“
„Das wäre schön“, sagte ich und dachte an Andrea. Ich stellte mir vor, wie es wäre, mit ihr in dieselbe Schule zu gehen; sie jeden Tag zu sehen. Dem Lehrer antwortete ich nicht. Ich konnte ihm nicht glauben. Zu gut hatte ich seine Worte aus dem Vorjahr in Erinnerung, als er mich vor versammelter Klasse wie Dreck behandelte und mich anschrie: „Du bist die Schande der Schule. Mach´ nur so weiter, dann führt dein Weg direkt in die Gosse. Am liebsten würde ich dich nie mehr in unserer Schule sehen!“
Niemand wollte damals wissen, wie es so weit kommen konnte. Mir fiel ein Spruch ein, den ich in einer Zeitschrift gelesen hatte: Man muss gewinnen – mit Verlierern spricht man nicht. Aber jetzt war nicht die Zeit für Grübeleien, ich mischte mich unter meine Mitschüler, alle warteten auf den Kirchgang. Ich war evangelisch getauft, dafür wurde ich beneidet. Nicht wegen des Glaubens, sondern weil wir Evangelischen wesentlich gemütlichere Religionsstunden hatten als die Katholiken. Der Unterricht wurde von Schwester Blütgen in einem separaten Raum abgehalten. Was wir ernsthaft lernen mussten, waren lediglich die Zehn Gebote, darauf bestand die immer lächelnde Schwester, ansonsten las sie uns Geschichten vor oder wir lernten Lieder. Das schönste Lied begann mit der Zeile: Liebe ist ein Ring, und ein Ring hat kein Ende. Unsere Gruppe bestand nur aus acht Schülern. Alle bekamen automatisch einen Einser in Religion.
Stolz wie lange nicht mehr, stand ich am oberen Teil der Eingangstreppe. Meine Freunde freuten sich mit mir, die anderen glotzten nur neidisch. Ich war so aufgedreht, dass ich vergaß, wie sie mich vor einem Jahr behandelt hatten. Damals war ich wie ein Aussätziger davongeschlichen.
Bereitwillig beantwortete ich Fragen. „Wie ich das geschafft habe? Na ja, als Sitzenbleiber kennt man den Stoff. Was mir am meisten geholfen hat? Ich habe einfach das Schwänzen eingestellt.“
„Das ist alles?“, fragten sie.
„Ja, denn fünf von den sechs Nichtgenügend hatte ich wegen nicht abgegebener Arbeiten bekommen. Gar nicht zu reden von den vielen versäumten Tests. Ich hatte einfach zu viele Fehlstunden.“
„Warst du krank?“
„Nein nicht wirklich. Das stand nur auf den Entschuldigungen, die ich mit der Schreibmaschine verfasst und selbst unterschrieben hatte. Die Unterschrift zu fälschen war kein Problem. Und nein, meine Eltern interessierte das nicht.“
Dass mein Vater dauernd besoffen war und meine Mutter dermaßen traktierte, dass sie wegen ihres zerschlagenen Gesichtes nicht zum Sprechtag gehen konnte, erzählte ich nicht. Auch nicht, dass ich vor Angst viele Nächte nicht schlafen konnte. Sie würden es mir nicht glauben. In diesem Jahr war ohnehin alles besser, der Alte war krank und lag dauernd im Krankenhaus oder in einer Heilstätte herum. Vielleicht stirbt er ja, dachte ich. Es wäre mir egal gewesen.
Der größere Teil der Schüler ging brav in die Kirche, ein paar Schüler wurden von ihren Eltern mit vollgepackten Autos abgeholt und fuhren direkt an die Adria. Seit Wochen prahlten sie mit den elterlichen Urlaubszielen. An den Sandstränden von Grado bis Rimini kannten sie sich aus. Nicht dass mir das nicht auch gefallen hätte, aber stundenlang auf dem Rücksitz eines Autos zu kauern? Nein danke, da war mir mein einfaches Leben lieber. Außerdem hatte ich jetzt mehr Zeit, um beim Parkettverleger auszuhelfen und Geld zu verdienen.

Ich hatte einen Plan. Andrea feierte demnächst Geburtstag, da wollte ich sie in die Eisdiele einladen und danach mit ihr ins Kino gehen. Sie wusste nichts davon, es sollte eine Überraschung werden. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde, dachte ich, aber ich musste mich beeilen, denn Andrea würde demnächst in die Ferien zu ihrer Oma ins Bergische Land fahren. Bei unserem letzten Treffen schwärmte sie von ihren deutschen Freunden und dass sie sich freue, sie endlich wiederzusehen. Einer davon soll Uwe heißen und sie nächste Woche angeblich abholen kommen. Ich war höflich gewesen und sagte: „Das freut mich für dich.“ Im Stillen hatte ich gedacht: Uwe, so ein blöder Name.
Wir trafen uns bei den Pferden. Andrea kam meiner Einladung zuvor und lud mich ihrerseits zur Geburtstagsfeier ein. Bei ihr zu Hause! Ich bekam weiche Knie. Sollte ich mich drücken? Nein, ganz sicher nicht, ich bin doch kein Feigling, dachte ich, aber ich wusste auch, dass ich allein durch meine Herkunft mit Andreas Umfeld nicht mithalten konnte. Ihr Vater, Doktor Josef Paulus, war Frauenarzt. Von Ulli wusste ich, dass ihre Mutter aus Westfalen stammte und dass in ihrer Familie nur hochdeutsch gesprochen würde.
„Kommst du?“, fragte Andrea.
„Wann genau?“
„Nächsten Samstag um fünf.“
„Eine Fünf-Uhr-Tee-Party?“
„Ja, so ähnlich, aber nur im kleinen Kreis. Mein Geburtstag ist zwar am Mittwoch, aber Papa meint, Samstag wäre besser, da ist die Praxis geschlossen.“
„Wer ist sonst noch da?“, fragte ich.
„Traude und Christa kennst du eh schon, dann Uwe aus Deutschland, Traudes Bruder Martin und noch zwei oder drei aus meiner Klasse. Und natürlich Ulli, sie ist der eigentliche Grund, dass ich dich einladen darf.“
„Wie das?“
„Ach Ferdi, du kennst sie ja. Sie konnte ihre Klappe nicht halten und hat mich natürlich verpetzt.“
„Wie, was verpetzt?“
„Na, was wohl? Sie hat meinen Eltern erzählt, dass wir befreundet sind. Stell dir vor, die dumme Nuss ist durch das ganze Haus gehüpft und hat dabei geträllert: Die Andrea ist verliebt, die Andrea ist verliebt.“
Ich konnte das Lachen nur schwer verbeißen, denn es schaute irre komisch aus, als sie ihre kleine Schwester nachäffte. Ich hakte sofort nach:
„Und? Bist du's?“
„Was?“
„Verliebt.“
„Ich habe das nicht gesagt, das war Ulli.“ Andrea wurde knallrot im Gesicht, ihre Augen funkelten zornig. „Ja, ja, lach nur“, sagte sie, „aber warte ab, jetzt kommst nämlich du dran.“
„Ich?“
„Ja du! Mein Papa möchte dich kennenlernen. Er hat mich die ganze Woche lang gehänselt, weil ich nichts über dich erzählen wollte. Schließlich kam er auf die Idee, dich einzuladen.“
Bei mir kamen erste Zweifel auf, ob ich in diese für mich fremde Gesellschaft überhaupt passen würde. Ich versuchte, gleichgültig zu wirken, aber es gelang nicht. Nur um irgendetwas zu sagen, fragte ich: „Ist es wahr, dass deine Mutter so streng ist?“
„Ferdi höre nicht auf das, was andere sagen. Du wirst sie kennenlernen. Eine Bitte hätte ich: Verwende keine Kraftausdrücke, sie versteht den steirischen Dialekt nicht. Mama will, dass wir schön sprechen und vor allem keine Schimpfwörter verwenden. Übrigens: Ulli ist ihr Nesthäkchen, ich bin Papas Liebling.“
Meiner bist du auch, dachte ich. Fast hätte ich es laut gesagt, beherrschte mich aber und fragte hingegen: „Und dein Papa, wie ist er so?“
„Papa ist mein bester Freund. Und du sei kein Angsthase, das passt nicht zu dir.“
„Aha – was passt denn zu mir?“
„Oh! Da muss ich nachdenken, das sage ich dir ein anderes Mal.“
Die Woche zog sich, die Tage wollten nicht vergehen. Die Arbeit beim Parkettverleger konnte das auch nicht ändern. Ulli hatte ausgesprochen, was ich längst fühlte, aber nicht imstande war, zu sagen. Es war so verdammt schwer, über Liebe zu reden. Wo und vor allem wie lernt man das? Verliebtsein ist schwierig, dachte ich.
Ich war noch nie auf einer Geburtstagsparty, schon gar nicht in so einem vornehmen Haus. Ich brauchte ein Geschenk für Andrea, natürlich sollte es etwas Besonderes sein. Blumen? Nein, Blumen schenken nur Erwachsene. Vielleicht eine Schallplatte? Andrea spielte Klavier. Sie sagte einmal zu mir: „Ein Song ist dann gut, wenn man ihn auf dem Klavier nachspielen kann.“
Das hatte ich mir gemerkt, denn bei Klavier fiel mir Fats Domino und Blueberry Hill ein. Genau das ist es, dachte ich. Den Treffpunkt bei den Maulbeerbäumen hatten wir ja auch in Anlehnung an Fats Dominos Hit, Mulberry Hill genannt.
Das Musikgeschäft am Minoritenplatz ist der einzige Plattenladen der Stadt, man bekommt da zwar jede Menge Schlagerplatten, aber Blues- und Jazz-Platten sind rar, überhaupt sind US-Titel schwer zu kriegen. Ich hatte Glück, Blueberry Hill war auf Lager. Herr Pollack, der Besitzer des Ladens, spielte mir den Song in voller Lautstärke vor. Einfach klasse! Ich hörte mir noch Peggy Sue von Buddy Holly an, blieb aber beim Song von Fats Domino, das passte meiner Meinung nach besser zu uns.
Andrea hatte mir eine Nummer gegeben, die in keinem Telefonbuch stand. Es war die Geheimnummer der Familie Paulus. „Ruf bitte vorher an, damit ich Bescheid weiß”, sagte sie. Ich verstand nicht, warum eine Telefonnummer geheim sein sollte. Da kann ja niemand anrufen. Bei mir zu Hause gab es kein Telefon und in meinem Freundeskreis hatte auch niemand eines.
Samstag, kurz vor fünf. Meine Hände schwitzten, ich stand in einer Telefonzelle und es war heiß und stickig. Ich wählte drei-drei-sieben-acht. Warum um alles in der Welt tue ich mir das an, dachte ich, Fußballspielen ist viel einfacher als Mädchen besuchen.
„Hier bei Doktor Paulus, Flora am Apparat“, meldete sich eine Frauenstimme. Flora? Ich hatte noch nie von einer Flora gehört.
„Ja, äh … hallo? … ja … ja, hier ist der Ferdinand. Kann ich die Andrea sprechen?“, stotterte ich.
„Ja, natürlich, die Andrea wartet schon auf ihren Anruf. Moment, ich hole sie.“
„Servus Ferdi, kommst du?“ Ihre Stimme klang anders am Telefon.
„Hallo Andrea! Ja, natürlich komme ich, gib mir fünfzehn Minuten, ich bin hier beim Postamt.“
„Ferdi, du brauchst bei uns nicht an der Haustür läuten, komm einfach hinter das Haus, wir sind alle auf der Terrasse. Baba, bis gleich.“
„Okay, alles klar, Andrea.“
Mein Fahrrad ließ ich daheim stehen, weil ich mir meine neue Jeans nicht versauen wollte. Zu einer Lederjacke hatte das Geld nicht mehr gereicht. Mein Lumperjackhemd war aber ein guter Ersatz. Ziemlich aktuell, weil amerikanisch, dachte ich und ging los. Samstag Nachmittag: Die Straßen waren leer, die Stadt wirkte wie ausgestorben. Die Luft flimmerte in der Hitze, ich spürte den aufgeweichten Asphalt unter den Sohlen meiner Mokassins, es roch nach Teer. Aus der Eisbar klang das Wummern der Musicbox, einer der wenigen Gäste hatte wohl Harry Belafontes Banana-Boat-Song gedrückt.
Andreas Wohnhaus war ein alter Gründerzeitbau, genauso prachtvoll wie die meisten Häuser am Hang des Schlossbergs. Die Verzierungen an der Fassade mögen einmal schön gewesen sein, mir gefielen sie nicht, es fehlte die Farbe. Auffallend waren die blank geputzten Fenster, in denen sich das Licht spiegelte und das Praxisschild aus poliertem Messing: Doktor Josef Paulus, Frauenarzt und Geburtshelfer. Auf einem weiteren Schild stand: Betteln und Hausieren verboten. Eine Erinnerung kroch in mir hoch: Verschwindet ihr Gesindel. Damals, als ich noch klein war, beim Hausieren mit meiner Mutter, da hatte ich diese Worte öfters gehört. Am liebsten hätte ich umgedreht. Ich befürchtete, man könne mir meine Vergangenheit ansehen.
„Ach was, jetzt erst recht“, sagte ich halblaut und ging weiter. Das Haus stand am Hang, der Garten zog sich steil bis zur Felswand des Schlossbergs hin. Hinter Hecken und einer Garage vermutete ich die Terrasse, von der Andrea gesprochen hatte. Ich ging an einer Steinmauer entlang bis zu einer schmiedeeisernen Gartentür. Dahinter führte ein Laubengang mit Heckenrosen zum Haus. Das muss es sein, dachte ich und öffnete die Tür, die rostigen Scharniere quietschten in ihren Angeln. Ich stapfte ein paar Stufen nach oben und hörte immer lauter werdende Stimmen und Musik. Am Ende der Laube stand Andrea und erwartet mich. Sie trug ein ärmelloses Kleid mit weißen Trägern. Ihre goldbraune Haut bildete einen feinen Kontrast zu ihrem Kleid. So hatte ich sie noch nie gesehen. Den Pferdeschwanz, der sie sonst wie eine freche Göre aussehen ließ, hatte sie aufgelöst, ihr kastanienbraunes Haar fiel offen über die Schulter. Andrea musste etwas mit ihren Wimpern gemacht haben, ihre Augen funkelten geradezu.
„Hey Ferdi, ich habe dich schon kommen hören. Willkommen!“
Ich wollte ihr ein Kompliment machen, aber mehr als ein „Hallo, du” brachte ich nicht heraus. Sie reichte mir die Hand und lächelte dieses Lächeln, das ich so liebte.
„Komm, die anderen warten schon“, sagte sie, immer noch meine Hand haltend. Sie zog mich hinter sich her. Ich protestierte kleinlaut. „Warte Andrea. Nicht so schnell. Ich habe da was für dich.” Ich überreichte ihr mein kunstvoll verpacktes Geschenk.
„Ferdi, du bist ein Schatz. Danke. Wir machen es später gemeinsam auf, einverstanden?“ Noch bevor ich etwas sagen konnte, nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste mich auf den Mund. Es waren nur Sekunden, aber für mich war es viel mehr. Ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, was gerade passiert war.
Auf der Terrasse herrschte bereits ein munteres Treiben. Traude und Christa begrüßten mich mit lautem Hallo. Die meisten Gäste kannte ich vom Sehen, nur den Rothaarigen hatte ich noch nie gesehen.
„Das ist Uwe, mein Freund aus Deutschland“, sagte Andrea.
Pff… Wie kann man nur Uwe heißen, dachte ich und gab ihm die Hand. Ulli war mit Schnurspringen beschäftigt. Martin, Traudes Bruder, legte Platten auf, er war der beste Boogie-Tänzer der Stadt. Andrea nahm wieder meine Hand und sagte: „Komm, ich zeig dir was.“ Es wurde eine kleine Führung. Wir schlüpften aus Schuhen und gingen durch eine offenstehende Terrassentür. Andrea wischte mit einer Hand den hauchdünnen Vorhang zur Seite und breitete ihre Arme theatralisch aus: „Das ist mein Reich. Gefällt es dir?“
„Oh ja, so groß und so viele Pferde.“ Ich war beeindruckt, fast erschlagen von diesem Raum, der rundherum mit Bildern und Fotos von Pferden zugekleistert war. Auf einem Bord über ihrem Schreibtisch war ein Foto meiner Fußballmannschaft mit einer Nadel angeheftet. Die Aufnahme zeigte uns Jungs nach dem Sieg im Schüler-Turnier. Ich grinste in der Mitte des Schwarz-weiß-Fotos aus einem roten Herz. Andrea musste es nachträglich gezeichnet haben. Jetzt bekam ich Herzklopfen, mein Kopf wurde heiß und ich glaubte, auch auf Andreas Wangen eine feine Röte entdeckt zu haben. Als sie merkte, dass ich das Foto gesehen hatte, senkte sie ihren Blick. Ich verkniff mir die Frage, woher sie dieses Bild denn habe. Ich konnte mich nicht entsinnen, sie jemals bei einem unsere Spiele gesehen zu haben.
Andrea setzte die Führung fort. Sie ging voran, ich höflich hinterher. Mein Interesse hatte nachgelassen, ich hatte nur mehr das Herz im Kopf. Im Speisezimmer stand ein riesiger runder Tisch mit lederbezogenen Stühlen. An den Wänden hingen schwere Gemälde in goldenen Rahmen, Porträts der Ahnen, vermutete ich.
„Ich könnte hier vor lauter Ehrfurcht nicht essen”, sagte ich.
Andrea lachte: „Tun wir auch nicht, wir essen meistens in der Küche und dahin gehen wir jetzt. Hier trafen wir auf Flora, den guten Geist des Hauses, wie Andrea sagte. Eine sympathische Frau, gar nicht so reserviert, wie sie am Telefon geklungen hatte. Durch einen verwinkelten Gang gelangten wir in die Bibliothek, ein Ort mit einem Duftgemisch von Tabak, Büchern und fremdartigen Parfum. Fantastisch. Bei einer weiteren Tür klopfte Andrea an. Eine volle, angenehme Stimme sagte: „Komm´ rein.“ Doktor Paulus saß an einem alten Schreibtisch und lachte uns freundlich entgegen: „Da bist du ja mein Kind und das …“
„Papa, das ist Ferdinand“, fiel ihm Andrea ins Wort, „er ist Fußballspieler“, fügte sie hinzu. Es hörte sich wie eine Auszeichnung an.
„So so, Fußballer bist du also. Ein gefährlicher Sport, dauernd gebrochene Haxen, oder?“ Er lachte über seinen Scherz, legte seine Pfeife zur Seite und fragte mich: „Hast du sonst noch Ziele? Ich meine außer Fußballspielen.“
„Ja sicher habe ich Ziele“, antwortete ich etwas zu laut.
„Die da wären?“
„Ich weiß es noch nicht genau. Entweder gehe ich ins Gymnasium oder ich werde Verkäufer bei Julius Meinl.“
„Das ist aller Ehren wert, Ferdinand, wie alt bist du?“
„Ich werde vierzehn.“
„Das wollen wir hoffen, mein Junge. Also dann ab zur Party und viel Spaß.“ Damit waren wir entlassen. Andrea versuchte mich aufzuziehen und ätzte: „Na so was, du lebst ja noch. Papa hat dich gar nicht gefressen.“
„Na warte, ich krieg dich“, sagte ich und wollte sie fassen, doch sie stürmte hinaus zu den anderen. Im Wohnzimmer war inzwischen festlich gedeckt worden. Flora rief alle zusammen, wir standen im Halbkreis und ich ahnte, was kommen würde. Andreas Mutter erschien und hielt eine Rede. Viel Gequatsche über Jugend und Moral und so weiter. Danach gab sie Flora ein Zeichen und setzte sich ans Klavier. Gleichzeitig öffnet sich die Flügeltür zur Küche. Papa Paulus balanciert auf einer Hand die Geburtstagstorte mit vierzehn Kerzen. Ich applaudierte brav mit und hoffte, dass es bald vorbei sein würde. Ich hatte mich geirrt, denn jetzt kam noch einmal Andreas Mutter und spielte Happy Birthday. Alles sang euphorisch mit. Ich auch. Dann das Ausblasen der Kerzen, natürlich gelang es Andrea auf Anhieb. Bei der Geschenkübergabe fühlte ich noch einmal das große Kribbeln. Ich bekam ein braves Küsschen auf die Wange. Den Duft ihrer Haut werde ich wohl nie vergessen, dachte ich. Den Jubelschrei, als sie Fats Domino am Cover der Schallplatte entdeckte, auch nicht.
Draußen auf der Terrasse hantierte Martin gemeinsam mit Flora am Boden herum. Wir schauten gespannt zu, wie sie Fußabdrücke auf den Fußboden klebten. Frau Paulus mäkelte herum und fragte skeptisch: „Was wird das?“ Es wurde gemunkelt und spekuliert. Flora klärte uns auf. „Ich habe mir erlaubt, ein paar Schuheinlagen zur Verfügung zu stellen. Martin möchte damit einen kleinen Tanzkurs abhalten. Das hier sind aufgeklebte Grundschritte.“
Im Hintergrund drehte sich Moody Blue von Elvis auf dem Plattenteller. Nach einem kurzen Exkurs in die Welt des Rock'n Roll gab uns Martin, Traudes großer Bruder, eine Kostprobe seines Könnens. Andreas Eltern hatten fluchtartig die Szene verlassen und wir legten los. Die ersten Schritte von Boogie und Rock begriffen wir schnell. Die Röcke der Mädchen flogen, ich war begeistert und zählte laut die Schritte mit. Meine Tanzpartnerin war Flora, sie konnte es perfekt und war geduldig mit mir. Nach einer Weile beherrschte ich das Wichtigste.
„Dann können wir jetzt den Partnerwechsel vornehmen“, sagt sie und winkte Andrea, die mit dem Meister tanzte. Sie kam zu mir und ich fasste sie zum ersten Mal um die Hüfte. Und los gings. Es machte riesigen Spaß, alle schwitzten wie blöde, aber es war aufregend schön. Völlig erschöpft wippten wir in der Hollywood-Schaukel im Garten, irgendwer hatte Fats Domino aufgelegt. Andreas Hand lag wie zufällig auf meiner, wir diskutierten über ein Wort im Text von Blueberry Hill: Thrill.
„Das steht für schaurig oder zittrig machend”, sagte ich.
„Ja, aber es ist traurig, ich habe dich viel lieber, wenn du lustig bist, Ferdi. Denk nicht so viel nach.
Dunkle Wolken zogen vor die tief stehende Sonne und erste Regentropfen fielen vom Himmel. Ich schaute fasziniert auf Andreas sonnengebräunte Haut. Flora und Frau Paulus räumten die Terrasse auf und gingen ins Haus. Martin, Andrea und ich verschwanden im Gartenhaus. Martin drehte eine trichterförmige Zigarette und erklärte uns, was ein Joint ist. Tapfer pafften wir mit, ich wollte nicht zurückstehen, Andrea auch nicht. Ich fühlte mich sehr erwachsen. Aber so toll wie alle taten, schmeckte das Zeug nicht. Andrea schmiegte sich an mich, sie war wortlos glücklich. Ich fühlte ihren Körper und dankte insgeheim diesem verbotenen Joint, der diese Nähe erst ermöglicht hatte und uns in eine andere Welt schweben ließ.
Plötzlich riss jemand die Tür von außen auf. Der jähe Lichteinfall einer Taschenlampe blendete mich. Zunächst war nur eine Silhouette erkennbar, dann aber, als sie voll im Raum stand und mit ihrer Lampe herumschwenkte, konnte ich ihr Gesicht sehen und ihre Stimme hören. Es war die gefürchtet strenge Mutter von Andrea. Sie stand da und schrie wie eine Furie und fuchtelte mit ihren Armen wild durch die vernebelte Luft, um den Haschischrauch zu vertreiben. Sie hatte längst mitbekommen, wer und was hier diesen süßlichen Rauch erzeugt hatte. Sie schrie hysterisch wie eine wild gewordene alte Hexe. Ihre sich überschlagende Stimme hatte nichts mehr mit der vornehmen Dame gemeinsam, die ich vor einigen Stunden kennenlernen durfte. Unsere Beteuerungen wollte sie gar nicht hören. Sie zerrte Andrea aus der Hütte und verwies mich des Hauses, als wäre ich der einzig Schuldige.
„Die Party ist beendet“, sagte sie mit gedämpftem Ton, der aber trotzdem nicht die kleinste Widerrede erlaubte. Ich verließ dieses Haus, ohne mich von Andrea verabschieden zu können. Durch die Hintertür war ich gekommen, durch dieselbe ging ich auch wieder.
Tagelang versuchte ich, Andrea zu treffen, alles vergeblich, sie war wie vom Erdboden verschwunden. Mein Entschluss, im Hause Paulus anzurufen, endete mit der brüsken Antwort von Flora: „Andrea ist nicht zu sprechen, bitte keine Anrufe mehr.“ Das klang wie auswendig gelernt. Ich verstand die Welt nicht mehr. Auf der Party hatte ich sie wie eine Verbündete erlebt. Flora mochte mich doch, jedenfalls hatte sie mir das zu verstehen gegeben. Aber das hatte Andrea auch getan.
Am Standplatz der Brauereipferde, unserem früheren Treffpunkt, standen nur ein paar Menschen unbeteiligt herum, niemand zeigte Interesse an den Pferden. Ich wollte Fritzi und Paula begrüßen, doch sie drehten den Kopf zur Seite. „Na, dann halt nicht“, sagte ich, „euch bin ich wohl auch nicht mehr gut genug.“
Ziellos schlenderte ich durch die Stadt, wollte gerade die Straßenseite wechseln, da wehte der Duft von frisch gemahlenem Kaffee in meine Nase. Mein Blick ging zum Laden von Julius Meinl, dem besten Kaffeeröster des Landes. Hier trafen sich die Bürger zu einem Plausch bei einer Tasse Bohnenkaffee. Sonne, Straßengeräusche, lachende Menschen, Kaffeeduft. Eine einmalige Atmosphäre. Sie brachte auch meine Gedanken an die Zukunft in Bewegung. Ich wollte ja Verkäufer bei Julius Meinl werden. Mitten in meinen Gedanken tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht von Flora, der Haushaltshilfe von Dr. Paulus. Ich hatte insgeheim gehofft, sie eines Tages beim Einkaufen zu treffen, trotzdem war ich überrascht, sie zu sehen.
„Servus Ferdinand.“
„Hallo Flora“, quetschte ich durch die Zähne.
„Wie gehts?”
Noch bevor ich antworten konnte, sagte sie: „Nein, sag´s nicht, ich kann mir denken, wie es dir geht.“
„Hat sich am Telefon aber anders angehört.”
Flora räusperte sich und sagte: „Hör´ zu Ferdinand, ich mag dich, das weißt du. Darum erzähle ich dir, was passiert ist: Andrea und Ulli wurden aufgrund der Vorkommnisse bei der Geburtstagsparty der Umgang mit dir verboten. Du seist kein Junge, der in ihre Familie passen würde, sagten sie. Haschisch rauchen sei verboten und mit Kriminellen wollen sie nichts zu tun haben.“
„Aber das stimmt doch nicht, das Scheißzeug war ja nicht von mir, das hatte Martin uns angeboten. Und der ist nach wie vor ein Freund des Hauses, oder?“
„Tut mir leid, ich war nicht dabei und weiß nicht genau, was passiert ist. Jedenfalls hat die Frau Doktor gedroht, Andrea in ein Internat zu stecken, wenn sie nur ein einziges Mal noch deinen Namen erwähnen würde.“
„Diese Frau ist nicht nur streng, sie ist auch ungerecht. Und was hat Andrea dazu gesagt? Sie weiß doch, wie es war.“
„Sie hat nichts gesagt. Sie hat alles akzeptiert.“
„Das glaube ich nicht. Niemals!“
„Doch. Es ist so. Mach’s gut Ferdinand.“

- Juli 1960: Letzter Tag meiner Pflichtschulzeit.
Hatte ich die bunten Farben des beginnenden Sommers schon immer so intensiv wahrgenommen? Auch das satte Grün der Rosskastanie im Schulhof flimmert vor dem Blau des Himmels ausgeprägter als all die Jahre zuvor. Ich atmete tief ein. Mir war, als wäre eine bleierne Last von mir abgefallen. Eine lange Reihe von ungeliebten Hauptschultagen war vorbei. Damit war jetzt ein für alle Mal Schluss!
Das letzte Schuljahr war besonders drastisch. Ich hatte resigniert und mich total verweigert. Der Schmerz über den Hinausschmiss bei der Geburtstagsparty saß tief. Andrea ging mir seither aus dem Weg. Das tat weh.
Von meiner Familie war keine Hilfe zu erwarten. Über Liebe wurde weder gesprochen, noch wurde sie gelebt. Manchmal glaubte ich, dass es Liebe nur im Film gibt. Anders war es mit den Hieben, die gab es im reichlich. Prügel sind gerechtfertigt, sie seien die einzig richtige Form der Erziehung, sagte mein Vater. Ich hasste ihn dafür und hatte Angst, dass ich einmal zurückschlagen könnte. In meinem Bauch keimte eine unbändige Wut. Ich musste weg von zu Hause, so schnell wie möglich.
Meine Pläne waren groß und bescheiden zugleich. Die geplante Lehrstelle bei Julius Meinl konnte ich ohne positiven Schulabschluss vergessen. Neues Ziel war eine Arbeitsstelle mit Unterkunft und Verpflegung, die Branche war mir egal. Zum Glück herrschte Hochkonjunktur, die Wirtschaft boomte. Die Zeitungen waren voll mit Stellenangeboten. Ich wurde fündig. Die Patisserie Spörri in Teufen bei Sankt Gallen in der Schweiz suchte Konditoren und junge Leute, die es werden wollten. Das gab bei mir den Ausschlag. Mit dem festen Willen, in die Schweiz zu gehen, schrieb ich dem Konditormeister. In meinem Bewerbungsschreiben erklärte ich ihm offen und ehrlich die Sachlage. Nach einer Woche bekam ich Antwort. Herr Spörri schrieb in freundlichem Ton: „… komm zu uns, wir verfügen über mehrere Bereiche, wo du zeigen kannst, dass du ein cleverer Junge bist.”
Ich hatte einen förmlichen Brief erwartet, war glücklich und stolz, dass mein Plan, alles hinter mir zu lassen, aufzugehen schien. Natürlich sagte ich zu. Ab sofort war ich ein anderer Mensch.
„Wie ausgewechselt ist der Bub“, sagten die Lehrer und meinen Eltern war es auch recht. Vaters Kommentar: „Gott sei Dank, ein Fresser weniger!“, bekräftigte nur das, was ich schon lange wusste: Er mag mich nicht.
Es kamen noch einige unentschuldigte Schultage hinzu, denn ich musste Geld verdienen. Kleidung, Schuhwerk und viele Kleinigkeiten standen auf meiner Besorgungsliste. Der Parkettverleger teilte mich vermehrt zum Federnklopfen ein. Diese Arbeit war schon zur Routine geworden. Der Bodenleger war mit mir zufrieden, von ihm bekam ich Lob, Anerkennung und den verdienten Lohn. Dass ich jahrelang Kinderarbeit geleistet hatte, wurde mir erst viel später klar. Alle, die mich kannten, sagten, dass ich ein fleißiger Bub sei und dass ich es bestimmt noch weit bringen würde in meinem Leben. „So wird es sein”, sagte ich, „genau so. Eines Tages komme ich als reicher Mann zurück.”
Jeden Tag fragte ich den Briefträger, ob er für mich Post hätte, doch er verneinte jedes Mal. Am Ende der Woche erhielt ich endlich einen dicken Brief. Das musste die Arbeitserlaubnis aus der Schweiz sein, dachte ich. Im Umschlag befanden sich zwei Schriftstücke. Die erste Nachricht enthielt die Ablehnung meines Antrages auf Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung von der Kantonspolizei Sankt Gallen. Laut Gesetz dürfen Ausländer in der Schweiz erst ab dem 16. Lebensjahr arbeiten, stand da geschrieben. Im zweiten Brief entschuldigte sich Konditormeister Spörri für den negativen Bescheid. Es täte ihm leid, aber er könne nichts dagegen tun. Sein Versprechen, dass ich in zwei Jahren kommen dürfe, tröstete mich nicht. Ich flüchtete in mein Versteck in der Waschküche und heulte vor Wut und Enttäuschung. Es tat gut zu weinen, es half mir meinen Schmerz zu überwinden. Aber die Enttäuschung blieb.

Das Suchen nach einer Arbeitsstelle fing von vorne an. Es gab Probleme, meistens wegen nicht vorhandener Schlafstellen und Verpflegung. Oft wurde mir ein Lehrlingsheim empfohlen, aber das müssten meine Eltern bezahlen. Keine gute Idee, dachte ich, weil ich wusste, dass das Geld nicht da ist. Im Studieren von Stellenanzeigen war ich mittlerweile geübt und fand, was ich suchte, allerdings konnte ich nicht sehr wählerisch sein.
Eine Fleischhauerei mit Gasthof in Köflach, Weststeiermark, suchte einen Lehrling. Es wurde Verpflegung und Unterkunft im Haus geboten. Ich überlegte nicht lange, kontaktiere den Fleischhauer und bekam prompt die Stelle.
Sonntag früh war ich unterwegs nach Köflach. Ich saß allein in einem Waggon der Graz-Köflacher-Bahn und kam kurzzeitig ins Grübeln. War ich körperlich überhaupt geeignet für diesen Beruf? Unter einem Fleischhauer stellt man sich landläufig einen kräftigen Mann vor, dachte ich. Vor einer Woche wollte ich noch Zuckerbäcker werden und jetzt, acht Tage später, will ich Fleischhauer werden? Bin ich zu naiv? Ich spürte, dass etwas falsch lief, verdrängte diesen Gedanken aber wieder.
Mein erster Arbeitstag begann mit einem kräftigen Frühstück. Ich fühlte mich gut. Um halb sieben Uhr kam der Meister und stellte mir seine zwei Gesellen, Stefan und Hans vor. Ich war beeindruckt. Stefan, der ältere von den beiden, hatte Unterarme wie Popeye, der Seemann. Er legte seine Hände auf meine Schulter und musterte mich von oben bis unten. Noch nie hatte ich solche Pranken gesehen. Es gab Probleme mit der Arbeitskleidung, ich war zu klein. Bis auf die Gummistiefel war mir alles um mindestens zwei Nummern zu groß.
„Also Ferdinand, du musst noch ein wenig wachsen, an der Kost solls nicht liegen, wir päppeln dich schon auf”, sagte der Meister. Der Gummischurz wurde abgeschnitten, Hemd und Hose mussten geändert werden. „Macht nichts“, sagte er, „dann beginnst du eben heute im Außendienst.“
„Außendienst?“
„Ja, wir zwei holen eine Kuh aus dem Nachbardorf. Die anderen”, er zeigte auf Hans und Stefan, „müssen eine Ladung Schweine übernehmen. Montag und Dienstag ist bei uns Schlachttag.“
Wir fuhren mit seinem alten Kombi, einem Opel Olympia, zu einem kleinen Bauernhof. Der Handel mit dem Landwirt war rasch erledigt. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie wir die Kuh transportieren sollten. Mit diesem Auto? Unmöglich, dachte ich. Der Meister lachte, der Bauer klatschte seiner Kuh noch einmal auf den Rücken und sagte: „Pfiati Berta.“
„Was machen wir jetzt mit der Kuh?“, fragte ich.
„Das ist deine Aufgabe, du gehst mit der Berta heim.“
Ein Strick war um den Hals der Kuh gebunden. Der Meister zeigte mir, wie man so etwas handhabt. In die linke Hand gab er mir einen Stock. Mit der rechten Hand sollte ich den Strick halten und die Kuh damit führen.
„Wenn die Kuh nicht mehr weitergehen will, dann nimmst du diesen Stock und schlägst ihr hier fest drauf, das tut ihr nicht weh und sie geht weiter, kapiert?“ Zur Demonstration schlug er der Kuh auf den Schädelknochen zwischen Maul und Augen. Es krachte fürchterlich. Berta ging los und ich mit ihr. Der Meister setze sich in das Auto und fuhr langsam hinter uns her. Nach einer kurzen Wegstrecke stieg er aus seinem Auto und korrigierte die Stricklänge, die sich zwischen meiner rechten Hand und dem Kopf der Kuh spannte. Er gab mir noch ein paar Ratschläge, setzte sich in sein Fahrzeug und fuhr weg. Der hat leicht reden, dachte ich. Die wenigen Autos auf der Landstraße waren kein Problem, nur wenn ein Moped oder Motorrad an uns vorbei knatterte, verfiel Berta in Panik. Sie riss den Kopf nach oben und ich hing in der Luft.
Vergessen waren alle guten Ratschläge des Meisters. Ich schlug die Kuh nicht mit dem Stock. Ich begann mit Berta zu reden: „Wir schaffen es auch ohne Schläge, was meinst du?” Ein kurzer Brüller sagte mir, dass schon wieder so ein vermaledeiter Mopedfahrer zu hören war.
Am Hauptplatz von Köflach fing Berta ohne sichtbaren Grund zu brüllen an. Ich drehte mich auf die andere Seite, hielt Ausschau nach Bertas Angstauslöser. Aber da war nichts außer dem Schaufenster eines Geschäftes. Sie sah ihr Spiegelbild in der Glasscheibe und brüllte ohne Ende. Verzweifelt sprach ich auf Berta ein: „Jetzt komm endlich, die Leute lachen schon über uns.” Doch Berta blieb stur. Ich spürte, wie meine Geduld zu Ende ging. Im Laden des Fleischhauers war die Szene nicht unbemerkt geblieben. Die Gesellen kamen mir zu Hilfe, traten der Kuh in die Flanken, Berta brüllte noch einmal aus Protest und galoppierte mit meinen Helfern in Richtung Schlachthaus.
Es war Mittag geworden, ich setzte mich erschöpft an den Küchentisch und machte Pause. Vier Stunden mit Berta auf der Landstraße waren anstrengend gewesen. Nach der Mahlzeit wurde der restliche Arbeitstag besprochen, am Nachmittag kam der Tierarzt und ich solle ihm bei seiner Arbeit helfen, sagte man mir. Was genau verstand ich nicht, irgendetwas mit den Schweinen sollte gemacht werden. Berta würde morgen früh geschlachtet werden und ich würde dabei sein, vernahm ich aus den Gesprächen.
Mir entschlüpfte ein: „Oh Gott.“
Der Meister herrschte mich an: „Ja, was glaubst du denn, wo du bist? Das hier ist ein Fleischereibetrieb, da wird auch geschlachtet!“
Am nächsten Morgen war ich wieder halbwegs fit. Ich hatte nachgedacht und war zur Einsicht gekommen, dass Schlachtungen notwendig sind. Das ist so und war immer so, redete ich mir ein. Gestern, während ich mit der Kuh unterwegs war, wurden die Schweine geschlachtet. Heute sollte sie also getötet werden. Ich nannte sie nicht mehr beim Namen, vielleicht tut sie mir dann weniger leid, dachte ich, und dass ich nicht als Weichling gelten wollte.
Bevor es losging, musste das Schlachthaus vorbereitet werden, Stricke und Geräte wurden bereitgelegt. Stefan, der mit den Popeye-Armen, holte die Kuh aus dem Stall. Sie ging friedlich mit. Die Funktion der Eisenringe an der Decke glaubte ich zuordnen zu können, da werden die toten Tiere mit dem Flaschenzug aufgezogen, dachte ich. Für die Ringe, die im Boden eingelassen waren, bekam ich einen leidvollen Anschauungsunterricht von Hans, dem Lohnschlachter. Das Rind wurde am Kopf angebunden und mit Stricken an den Bodenringen fixiert. Nach einem einzigen Schlag mit einem Schlachtbeil brach das Tier augenblicklich zusammen. Wie es weiterging, sah ich nicht mehr. Begleitet vom Gelächter der Gesellen verließ ich die Schlachtbank. Ich musste mich übergeben.
An diesem traurigen Tag wurde ich von der Arbeit im Schlachthaus befreit. Ich musste fortan Schweinehälften vom Kühlhaus in die Wursterei schleppen. Dann ging es ab in die Rauchkammer der Selcherei. Mein Auftrag hieß: Räuchern von Schweinsstelzen. Ich streute Sägespäne auf glosendes Buchenholz, um damit dosierten Rauch zu erzeugen. Für den Rest der Woche schwitzte ich im Hof beim Fett auslassen. Unter zwei riesigen Kupferkesseln loderte ein offenes Holzfeuer. In die Kessel musste ich Wasser geben und mit dem gewürfelten Schweinespeck auffüllen. Zwischendurch immer wieder Speck schneiden, heizen, umrühren, abfüllen.
„Vergiss nicht den zweiten Kessel, du musst immer ein Auge drauf halten“, ruft mir Popeye zu. Es war brutal heiß. Von unten heizte das Feuer von oben die Sonne. Den geronnenen Speck kippte ich noch warm durch ein Sieb in verkaufsfertige Behälter. Ich erzeugte schönes weißes Schweinefett. Die im Sieb verbliebenen Grammeln wurden als Spezialität gesondert verkauft. Nach Stunden am offenen Feuer hatte ich mich an den Geruch von heißem Fett, Rauch und Schlachtabfällen gewöhnt. Ich hoffte, dass ich die erteilten Aufträge zur Zufriedenheit des Meisters erfüllt hatte und er mein Verhalten im Schlachthaus vergessen würde. Solange ich arbeitete, fühlte ich mich stark. Erst nach Feierabend, beim Hochsteigen in meine Kammer im Dachgeschoss, spürte ich, dass ich restlos kaputt war. Ich dachte immer, ich sei harte Arbeit gewöhnt, doch jetzt war ich nach zwei Tagen todmüde. Eigentlich wollte ich am Abend die Stadt besichtigen, aber mein Körper sagte nein.
Am Wochenende fuhr ich nach Hause. Der Meister gab mir ein Fleischpaket mit. Ich verstand diese Aktion nicht und schaute ihn fragend an: „Das ist bei uns so üblich, das bekommt jeder Mitarbeiter bei uns“, sagte er und gab mir den Lohn für eine Woche. Mir war seit Bertas letztem Tag klar gewesen, dass ich nicht wiederkommen würde. Ich setzte mich in den Zug in Richtung Heimat, die ich so gerne verlassen hätte.
Alles war wie immer an diesem Samstag. Die Bahnhofshalle war mäßig belebt, einige Menschen eilten zu den Bahnsteigen. Auf den ersten Blick sah es aus, als würden alle wegfahren und keiner käme an. Außer mir. Natürlich holte mich niemand ab. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, fast so wie nach einem verlorenen Fußballspiel. Fehlt nur noch die Häme derer, die es immer schon besser wussten. Soll ich mich wehren, fragte ich mich und fing gleichzeitig an, mir Worte zu meiner Verteidigung zurechtzulegen. Das Debakel beim Fleischhauer war absehbar gewesen. Wie konnte ich nur so naiv sein? Hätte ich vergangenen Sonntag, als ich im Zug nach Köflach saß, auf meine innere Stimme gehört, wäre das nicht passiert. Die Vorstellung, dass Arbeit gleich Arbeit sei, egal was man macht, war falsch. In Zukunft würde ich genauer hinschauen müssen. Ich verzieh mir meinen Fehler. Immerhin wusste ich jetzt, was ich auf keinen Fall werden wollte: Fleischhauer.
Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass sich in der vergangenen Woche etwas verändert haben könnte. In der Stadt, in meiner Familie und überhaupt. Mein Verstand sagte: Blödsinn, was soll sich in einer Woche groß verändern? Mein Bauch sagte: Du selbst hast dich verändert, du hast dazu gelernt.

Der Bahnhofsplatz dampfte unter der brütenden Hitze, ein leichter Wind wehte den Geruch von verbrannter Kohle und heißen Schmieröl von den Dampfloks über den Platz. Ich war froh, als ich die Bahnhofsallee erreicht hatte und setze mich zwischen zwei Kastanienbäumen auf eine Bank. Im Schatten der Bäume stand das Denkmal von Carl Morré, unserem Heimatdichter. Seine Sicht der Welt vor hundert Jahren war in Stein gemeißelt: Is do dö Welt a Narrenhaus ...
Dem konnte ich zustimmen, daran hat sich nichts geändert. Ich schaute in die Baumkronen der Kastanien und sah ihre stacheligen Früchte. Wie kleine grüne Igel, dachte ich. So einen Schutzmantel könnte ich auch gut gebrauchen, gerade jetzt, wo neues mögliches Unheil vom Vater droht. Ich würde nicht umhinkommen, mein Versagen bei der Wahl meiner Arbeitsstelle einzugestehen. Vielleicht versteht er ja, dass ich kein Fleischhauer sein kann. Außerdem hatte ich noch das Fleischpaket. Ich konnte nur hoffen, dass ihn die Aussicht auf einen deftigen Sonntagsbraten milde stimmen würde.
Von meinem Platz aus hatte ich einen guten Überblick über die Straße. Ich beobachtete, wie eine ältere Frau die Fahrbahn überqueren wollte. In diesem Moment raste ein Motorrad aus der Zufahrt der Tankstelle auf die Straße. Viel zu laut, viel zu schnell, dachte ich. Eine alte Frau trat sichtlich erschrocken vom Straßenrand zurückrau. Zum Glück hatte der Fahrer seine Maschine gut im Griff. Er bremste sein Gefährt auf den Punkt genau ab, grinste und gab mit einer eleganten Handbewegung der Frau zu verstehen, dass sie die Straße überqueren könne.
„So ein Rowdy!“, keppelte sie verärgert vor sich hin.
Dann sah und erkannte mich der Raser und ich ihn – Otmar Kremsmaier.
„Hey Ferdinand!“, rief er.
„Servus Otmar!“
Otmar hievte das schwere Motorrad auf den Ständer und lachte. Sein Gesicht war ölverschmiert, wie meistens. „Was treibt dich denn um, gehst auf Reisen?”, fragte er.
„Nein. Ich war weg, jetzt bin ich wieder da. Leider.”
„He, was ist los mit dir?“
„Nichts ist los. Gar nichts. Was soll schon los sein?“
„Erzähl’ einfach, oder nein, warte ein paar Minuten. Ich bringe die Maschine zurück, war eh nur eine Probefahrt. Bin gleich wieder da“, sagte er, schwang sich auf die Maschine und ließ den Motor an.
Ich kannte Otmar schon lange. Er war drei oder vier Jahre älter als ich und arbeitete in der Werkstatt der Tankstelle. Otmar war nur an Motoren interessiert, als Mechaniker war er ein Genie. Jeder in der Stadt kannte und schätzte ihn, selbst die Polizei drückte ein Auge zu, wenn er mit frisierten Motorrädern durch die Gegend raste. Otmar könnte in mancher Hinsicht ein Vorbild für mich sein, dachte ich. Er war mit wenig Schulbildung ein anerkannter Mann. In seiner Freizeit betreute er die teuren Rennmaschinen des lokalen Speedway-Cracks Hans Unterköfler und reiste mit ihm als Mechaniker zu den Wettkämpfen im ganzen Land.
Otmar ließ nicht lange auf sich warten; diesmal kam er gesittet mit seiner ‚Sissy’, einem Moped Roller angefahren. Mit gewaschenem Gesicht und ohne Overall war er fast nicht zu erkennen. Er setzte sich zu mir auf die Bank und bot mir eine filterlose Jonny an.
„Was ist los Ferdinand, hast du Probleme?“
„Noch nicht, aber ich sehe sie kommen“, sagte ich und erzählte ihm in groben Zügen, was passiert war. „Ich brauche Arbeit, Otmar“, sagte ich und fügte schnell hinzu, „aber nichts mit Motoren.“ Ich dachte an einen Tag vor ein paar Wochen, als er mich zum Motorenwaschen beim Speedwayfahrer Unterköfler eingeladen hatte. So eine Dreckarbeit würde ich nicht noch mal machen. Es hatte Tage gedauert, bis ich das stinkende Gemisch aus Schmieröl, Methanol und dem Staub der Sandbahn von meinen Fingern geschrubbt hatte. Die Haut meiner Handflächen war vom Petroleum aufgerissen, es brannte fürchterlich.
„Ich hätte da was für dich“, sagte Otmar, „kennst du Viktor Kowalsky?“
„Nein, ich kenne nicht alle Rennfahrer.“
„Wieso Rennfahrer? Kowalsky ist Fliesenlegermeister.“
„Ja und?“
„Er sucht einen Lehrling. Dringend!“
„Aha, und das soll ich sein, oder was?“
„Ja! Warum nicht? Fliesenleger sollen gut verdienen, hab´ ich gehört.“
„Und was hast du damit zu tun?“
„Na ja, es ist so – der Kowalsky ist Kunde bei uns auf der Tankstelle. Er hat mich gefragt, ob ich jemand kenne, der so tüchtig sei wie ich und Fliesenleger werden möchte.“ Otmar grinste mich erwartungsvoll an.
„Und da hast du an mich gedacht?“
„Ja, an dich“, sagte er, „und an die Provision.“
„Welche Provision? Wo ist der Haken an der Geschichte?“
„Da ist kein Haken. Ich will ehrlich sein, Ferdinand. Kowalsky hat mir hundert Schilling geboten, wenn ich ihm einen Lehrling vermittle.“
„Habe ich das richtig verstanden? Du kassierst eine Kopfprämie und ich soll dafür arbeiten? Du spinnst wohl!“
Otmar gab sich anfangs kompromisslos, aber dann einigten wir uns, die Provision zu teilen, sollte der Handel überhaupt zustande kommen. Ich hatte keine Ahnung, was ein Fliesenleger eigentlich macht, aber es klang verlockend. Wer weiß, vielleicht war es die Chance meines Lebens, ich wollte es wenigstens versuchen. Otmar packte meine Reisetasche samt Fleischpaket auf den Moped Roller und fuhr hinüber zur Tankstelle, ich ging die kurze Strecke zu Fuß. Otmar winkte mir aus der Werkstatt, dass ich zu ihm kommen soll. Er telefonierte. Scheint ein freundlicher Mann zu sein, dieser Viktor Kowalsky, denn mein Freund witzelte mit ihm. Dann reichte er mir den Hörer und der Fliesenmeister sprach mit mir – hochdeutsch! Der Ton gefiel mir. Er wolle mich treffen, sagte er und fragte, ob ich heute um 18:00 Uhr ins Kaffeehaus am Hauptplatz kommen könne. Noch überwältigt von der plötzlichen Wende, sagte ich spontan zu. Otmar war begeistert, nicht nur wegen der Provision, versicherte er mir glaubhaft. Zum Beweis seiner Freundschaft bot er an, mich samt Gepäck nach Hause zu fahren.
„Abgemacht, fahren wir“, sagte ich, „bin schon gespannt, wie es weitergeht.“
Ich stand vor der Wohnungstür und hörte das Klappern von Vaters alter Schreibmaschine. Daraus schloss ich: Er ist zu Hause und wahrscheinlich nüchtern. Das war zunächst beruhigend, trotzdem war ich unschlüssig. Wie sollte ich mich verhalten? Was war die bessere Strategie? Mich kindlich unschuldig geben oder männlich selbstsicher auftreten? Schließlich entschied ich mich für taktisches Abwarten. Bis jetzt wusste niemand, dass ich mich gegen das Töten von Tieren entschieden hatte. Den kleinen Trumpf, dass ich bereits eine neue Stelle in Aussicht hatte, konnte ich immer noch ausspielen. Ich atmete einmal tief durch, dann klopfte ich an. Wie ein Fremder, der zum ersten Mal vor dieser Tür steht. Es war Vaters Stimme, die „Herein“ rief, aber meine Mutter öffnete die Tür. „Na so was! Schau, wer da ist, der Bub“, sagte sie, „das ist eine Überraschung.“
Vater schaute von der Schreibmaschine auf. Seine Krawatte saß korrekt, er war tatsächlich nüchtern. Mit einem dünnen Lächeln sagte er: „Oh, der Herr Sohn. Das trifft sich gut, du kommst gerade im richtigen Moment.”
Es sah so aus, als hätte ich einen der wenigen Tage erwischt, an denen mein Vater heiter und ansprechbar war. Er schien in bester Verfassung zu sein, kein Alkohol am Tisch, das war ungewöhnlich. So gut gelaunt war er normalerweise nur am Stammtisch. Ich wusste aus leidvoller Erfahrung, dass diese Phase familiärer Harmonie schnell wieder vorbei sein kann. Sollteich die Gunst der Stunde nützen, um mit Vater zu reden. Ich wartete schon so lange auf ein klärendes Gespräch, aber es ergab sich bis heute nie die Gelegenheit. Es wäre einfacher, wenn er anfangen würde. Vielleicht mit der einfachen Frage: „Ferdinand, was wünschst du dir von mir?“ Und ich würde antworten: „Ich wünsche mir, von dir in den Arm genommen zu werden und dass du mir zuhörst, manchmal habe ich Fragen, die nur du beantworten kannst.“
Das war alles, was ich mir wünschte. Das wäre schön. Aber solche Fragen stellte er nicht. Ich verwarf den Gedanken und wandte mich an meine Mutter: „Servus Mama, schau, was ich mitgebracht habe.“ Ich übergab ihr das Fleischpaket und schaute Vater fragend an, aber er sagte nichts und überließ Mama das Wort.
„Oh, danke, was ist das?“, fragte sie höflich und stellte das Paket zur Seite, wartete meine Antwort nicht ab und plapperte los: „Stell dir vor Ferdinand, Vater ist jetzt Obmann beim Kameradschaftsbund.“
„Nur interimsmäßig bis zur nächsten Wahl“, winkte Vater ab, aber ich konnte seinen Stolz heraushören. „Obmann Kiefel ist gestorben und ich bin sein Stellvertreter. Jetzt gibt es viel zu tun, denn ich bin nach wie vor auch Schriftführer der Ortsgruppe.“
„Was meintest du mit: Ich käme gerade im richtigen Moment?“, fragte ich.
„Du kannst mit der Schreibmaschine besser umgehen als ich. Meine Finger schmerzen vom vielen Schreiben. Die Protokolle werden immer mehr. Du könntest mir helfen.“
Immerhin, dachte ich, er braucht mich. Das Wort Bitte, das er bei mir ständig einforderte, kam ihm selber nicht über die Lippen. Meine Mutter war ganz seiner Meinung, sie bestärkte ihn in seinem Anliegen.
„Ja, Ferdinand, du kannst dem Vater viel besser helfen als ich. Bei der alten Remington ist das Tippen harte Arbeit, vor allem bei drei Durchschlägen. Apropos Arbeit, wie gefällt´s dir beim Fleischhauer?“
„Das ist vorbei Mama, das ist nichts für mich .“
„Aber warum denn nicht? Denk doch an das gute Fleisch.“
„Ist schon gut, Mama, wir werden noch viel gutes Fleisch kaufen können. Ich werde nämlich Fliesenleger und verdiene bald mehr als alle anderen.“
„Wo und bei wem?“, fragte Vater.
„In Berndorf, bei Viktor Kowalsky, er ist Hafner- und Fliesenlegermeister.“
„Kowalsky? Ist das ein Polacke?“
„Nein, soviel ich weiß, ist er Sudetendeutscher.“
„Hat er eine Unterkunft für dich?“
„Weiß ich noch nicht, aber wenn er mir Quartier gibt, wie soll ich dir dann helfen bei den Protokollen?“
„Wann fängst du an?“
„Keine Ahnung, ich treffe mich in zwei Stunden mit ihm zu einer Besprechung.“
„Verstehe. Also gut, von mir aus kannst du bleiben. Aber nicht ohne Kostgeld zu bezahlen, verstanden?“
„Verstanden“, sagte ich. Mehr war nicht zu erwarten.
Ich machte mich auf den Weg in Richtung Eisbar, wo Otmar Kremsmaier auf mich wartete. Ich wollte mehr über Victor Kowalsky wissen, besser informiert sein, um nicht wieder so einen Reinfall wie beim letzten Mal zu erleben. Otmar gab bereitwillig Auskunft. Er sagte, dass man nirgends so interessante Unterhaltungen unter Männern führen könne wie auf einer Tankstelle. Meist würde über Motoren und Autos geredet, aber pikanter seien die Gespräche und Witze über Frauen. Otmar erzählte alles, was er von Viktor Kowalsky wusste. Zum Beispiel, dass er als Deutscher vor den Tschechen flüchten musste, dass er den neuesten Mercedes fährt und dass er, obwohl verheiratet, gerne den Mädels den Kopf verdreht. Jetzt fing er zu schwärmen an: „Kowalsky ist vierzig Jahre alt und hat schwarzes Haar mit silbernen Strähnen an den Schläfen, ein richtiger Sir. Aber nicht nur das, er ist auch ein gütiger Mensch“, sagte Otmar, „er hilft den Flüchtlingen aus Ungarn. Einer arbeitet bei ihm, sie rufen ihn Molnar-Bacsi, was so viel wie Onkel Molnar bedeutet. Du wirst ihn mögen, er spricht so witzig. Wie die Marika Röck.“
Ich war noch nie in diesem feinen Kaffeehaus. Mit feuchten Händen stieß ich die Drehtür an und betrat den Salon. Die Tipps von Otmar waren Gold wert. Ich erkannte Viktor Kowalsky sofort. Er saß allein an einem winzigen Tisch, hatte einen kleinen Espresso vor sich stehen und las in einer Zeitung.
„Verzeihung, sind Sie der Herr Kowalsky?“, fragte ich mit Herzklopfen.
„Ja. Mit wem habe ich die Ehre?“
Er entsprach genau der Schilderung von Otmar und duftete nach teurem Rasierwasser. Ich stellte mich vor: „Mein Name ist Ferdinand, wir haben telefoniert, wegen der Stelle als Lehrling.“
„Na prima! Ich bin Viktor Kowalsky. Bitte nimm Platz.“
Ich nahm seine Einladung auf einen Kaffee dankend an, obwohl ich Kaffee nicht mochte. Ich erzählte ihm die Geschichte vom verhinderten Lehrplatz in der Schweiz und bei Julius Meinl. Zuletzt vom Fiasko mit der Kuh Berta. Darüber konnte er herzlich lachen und meinte: „Bei mir bist du richtig, Ferdinand. Ich glaube, du bist ein findiger Bursche. Ich kann das beurteilen, ich habe in meiner früheren Heimat eine Jugendgruppe geleitet. Ich weiß, wie ihr Jungs tickt, ich verstehe euch. Also, was meinst du, sollen wir es versuchen?“
Ich war es nicht gewohnt, mit Menschen wie Viktor Kowalsky auf Augenhöhe zu reden und war dementsprechend verlegen. Der Mann strahlte eine Fröhlichkeit aus, die mich faszinierte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er auf den Tisch gesprungen wäre, den bunten Zylinder eines Zirkus-Direktors gelüftet und dabei ein keckes ‚eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp’ gesungen hätte. Ich brauchte keine Minute Bedenkzeit. Mit fester Stimme antwortete ich: „Ja, das kann ich mir gut vorstellen.“
Kowalsky sprach noch lange mit mir, erklärte mir, was ein Hafner und Fliesenleger alles herstellt und verarbeitet. Es sei ein Doppelberuf und nach der Lehre wäre ich Spezialist in mehreren Bereichen. Hafner formen Kacheln und bauen Öfen, die ganze Häuser beheizen. Fliesenleger verlegen Platten an allen möglichen Orten, gestalten Mosaike und verlegen sie fachgerecht. Das war der Hammer! Ich und Mosaik im Beruf vereint! Ich war komplett aus dem Häuschen: „Toll!“, platzte es aus mir heraus. Ich war überzeugt, das Richtige gefunden zu haben. Mosaike hatte ich schon als Bub im Rinnstein gebastelt. Viele hatten meine naiven Künste belächelt, jetzt könnte ich mich beweisen. Ich war mir ganz sicher: Ich werde Mosaikkünstler.

Mein neuer Arbeitsplatz lag im Osten der Stadt und war mit dem Fahrrad gut erreichbar. Ich war pünktlich um sieben Uhr in der Werkstätte. Da gab es Ofenkacheln, feuerfeste Schamottesteine, Fliesen und Mosaik, auf Papier geklebt und lose. Tausend Farben und Formen. Das gefiel mir sofort. Mir wurden meine Kollegen Karl, Horst und Heini vorgestellt. Und der Mann, den man Molnar Bacsi nannte, der aber in Wirklichkeit Ferenc hieß. Der Meister wurde von allen nur mit Chef angesprochen. Außerdem lernte ich Kowalskys Frau und seine Tochter Lotte kennen. Sie waren alle sehr freundlich. Der Tag begann gut.
Mein erster Arbeitseinsatz sollte auf dem Hofinger-Gut in Diemlach sein, so stand es auf dem Materialschein, den mir Frau Kowalsky aus dem Bürofenster reichte. Ich vermisste Fliesen, Mosaik und Ofenkacheln, nichts, was mir mittlerweile bekannt war, fand ich auf der Liste. Stattdessen luden wir vier riesige, zehn Zentimeter dicke Schamotteplatten auf den Anhänger. Ich durfte mit dem Chef mitfahren. In so einem Luxusauto an die Baustelle zu fahren, war schon etwas Besonderes. Nur der Anhänger störte die Eleganz. Ich empfand es als unwürdig, einem Mercedes so ein Gefährt anzuhängen.
Beim Bauer empfing uns der erste Knecht des Hofes. Er führte uns zu einem kleinen Nebengebäude und fachsimpelte mit dem Chef über den Auftrag. Ich verstand kaum ein Wort, der Mann sprach einen Dialekt, den ich noch nie gehört hatte. Ich war eben ein Stadtkind. Mit der Zeit begriff ich aber, worum es ging. Das kleine Haus mit Giebeldach war der Backofen des Bauernhofes, darin wurden jede Woche fünfzig Brotlaibe gebacken. Holzofenbrot aus Sauerteig, das dann am Markt verkauft wurde. Dieser Backofen war kaputt, die feuerfesten Schamotteplatten, auf denen das Brot gebacken wurde, waren nach jahrelangem Betrieb ausgebrannt und mussten gewechselt werden.
„Das ist die typische Arbeit für den Hafner und Ofenbauer“, erklärte mir Kowalsky. „Leider verliert diese Arbeit immer mehr an Bedeutung. Der Grund dafür sind die modernen Elektroöfen der Bäcker. Deswegen ist es nicht verkehrt, wenn du das auch noch siehst und lernst.“
Die durchgebrannten Schamotteplatten sollten aus dem Ofen geholt werden. Während der Meister die neuen sie auf das Maß zuschnitt, plagte ich mich mit den alten Steinen ab. Bald wurde klar, dass wir sie nicht durch das Ofenloch bringen würden. Die geschmiedete Ofentür musste herausgestemmt werden.
„Mach du das”, befahl der Meister.
Ja, wie denn?, wollte ich sagen, verkniff es mir aber, nahm Hammer und Meißel und begann zu stemmen. Schnell bildeten sich erste Blasen an meinen Handflächen. Ich biss die Zähne aufeinander und machte tapfer weiter, bis das Loch groß genug war. Mit vereinten Kräften hievten wir dann die neuen Steine in den Ofen. Zum Abschluss dieser Schinderei sollte der Feuerraum mit Lehm und Schamottemörtel verdichtet werden. Ich war der Kleinste, also musste ich in das Ofenloch kriechen. Der Knecht hatte seinen Spaß, als er mich nach getaner Arbeit mit lehmverschmiertem Gesicht aus dem Loch herauszog. Kowalsky war nicht nur ein befehlender Chef, er zeigte auch, dass er ein wahrer Meister seines Faches war und mauerte die Ofentür in kurzer Zeit wieder ein. Mit dem probeweisen Aufheizen des Backofens mussten wir noch zuwarten, bis der Mörtel trocken war. Derweil spendiert der Bauer eine deftige Speckjause, dazu servierte er mit tiefgründigem Grinsen einen teuflisch süffigen Birnenmost. Mein erster Arbeitstag war anstrengend, der Geist des Mostes begleitete mich in den Feierabend. Der Bauer hatte mir eine Flasche geschenkt.
„Du darfst stolz auf dich sein, du warst dabei“, sagte Viktor Kowalsky, „wir haben einen hundert Jahre alten Backofen vor dem Zerfall bewahrt.“

Karl und ich waren mehr als nur Arbeitskollegen, wir waren Freunde. Dass ich im zweiten und er im ersten Lehrjahr war, spielte keine Rolle. Wir hatten dieselbe Vorliebe für Abenteuerbücher. Jack London war unser beider Lieblingsautor. Wir redeten viel über die Rocky Mountains, Klondike, das Yukon Territory und dem Ruf der Wildnis.
Karl wohnte bei seiner Großmutter in einem halbverfallenen Holzhaus mitten unter Hühnern. Ich besuchte ihn gerne, bei ihm war es alles anders, so viel friedlicher als bei mir zu Hause. Karl war stark, ein wahrer Hüne, er wollte die Welt allein mit seiner Kraft erobern, während ich der Feinsinnige war. Kowalsky, unser Meister, nannte mich so und meinte, wir würden uns gut ergänzen und teilte uns oft zusammen auf einer Baustelle ein. Karl schulterte 50 Kilo-Säcke wie nichts, ich hingegen trug Verantwortung und befasste mich mit Arbeitsabläufen. Am Ende des Tages profitierten wir beide von dieser Einteilung. Wir waren ein Team.
Nach einem anstrengenden Arbeitstag hockten wir auf leeren Holzkisten vor dem Magazin und tranken Bier. Ferenc alias Molnar-Bácsi war auch dabei. Er erzählte aus seinem Leben in der Puszta und vom Aufstand der Ungarn gegen das Regime. Das war spannend und befeuerte unsere Fantasie. Die Tage seiner Flucht vor den Kommunisten interessierten Karl und mich am meisten. Ich konnte mich gut an den Oktober 1956 erinnern und an die endlosen Hilfskonvois, die zur ungarischen Grenze fuhren, um zu helfen. Frächter und Unternehmer aus unserer Gegend stellten spontan ihre Autos zur Verfügung. Die Planen der Lastwagen waren behelfsmäßig mit dem Rot-Kreuz-Zeichen bemalt. Ich stand damals am Straßenrand und bewunderte die Helfer. Gespannt hörte ich den Leuten zu, wie sie von einem neuen Krieg sprachen. Ich konnte nicht verstehen, warum sie so ängstlich waren; Ungarn war weit weg.
Ferenc erzählte: „Zu Beginn der Revolution war ich gerade dreißig Jahre alt. Die Flucht vor den Kommunisten hatte ich lange vorher geplant. Der Aufstand meiner Landsleute war ein guter Zeitpunkt, die Sache durchzuziehen. Österreich sollte nur eine Zwischenstation sein. Nach Kanada auszuwandern war das eigentliche Ziel. Ich hatte nur einen Wunsch: frei sein und in meinem Beruf als Maurer arbeiten zu dürfen. Ich wollte so viel Geld wie möglich verdienen, um die Überfahrt nach Kanada zu finanzieren. Tausend Dollar hätten genügt für die Überfahrt.”
„Warum bist du immer noch da?“, fragte ich, „die Dollars müsstest du doch längst beisammenhaben, oder?”
Ferenc lachte. „Ja, natürlich, ich habe geackert wie ein Ochse, aber auch gerne getanzt.”
„Ja, und? Tanzen kostet doch keine Dollars?”
Ferenc lachte wieder: „Nein, das nicht, aber es steigert die Hormone, wenn du weißt, was ich meine.”
„Nicht genau, aber ich kann es mir denken: Du hast dein Geld versoffen und verhurt. Stimmts?”
„Falsch gedacht, Ferdinand, ich hatte nur Glück.”
„Glück? Welches Glück?”
„Das Glück hieß Ilonka, sie kam auch aus Ungarn und ist jetzt meine Frau. Die Dollars sind mehr geworden und stecken in meinem Baugrund gleich da drüben am Waldrand.”
Wir hatten ihn alle unterschätzt, unseren Molnar-Bácsi.
„Und was war mit Kanada?”, fragten Karl und ich fast gleichzeitig.
„Ach so, jetzt verstehe ich. Kanada hat euer Interesse geweckt, richtig?”
Wir schauten uns an und grinsten. Ferenc hob abwehrend die Arme hoch: „Ich will ja kein Spielverderber sein, aber schlagt euch das aus dem Kopf. Ihr seid viel zu jung, um auszuwandern.”
„Wer sagt denn, dass wir das wollen? Man wird doch noch träumen dürfen”, sagte ich und dachte an unseren Plan, das Land zu verlassen. Wir wollten nicht in einer Stadt, umgeben vom Staub und Lärm der Fabriken, unser Leben fristen. Ferenc musterte uns und sagte: „Verstehe, hätte ich mir ja denken können, dass ihr darauf abfährt.”
Ich sagte: „Ferenc, wir sind nicht blöd. Wir wissen, dass es wichtig ist, unsere Ausbildung abzuschließen. Ich zum Beispiel habe die Schnauze voll vom Abhauen. In meiner Schulzeit habe ich es zweimal probiert, nur weil ich ein aufregendes Seefahrerbuch gelesen hatte. Damals wollte ich ohne Geld und ohne Papiere irgendwo in der Welt als Schiffsjunge anheuern. Jedes Mal musste ich daheim zu Kreuze kriechen, nachdem ich halb verhungert von der Polizei am Straßenrand aufgelesen wurde.
Was sagst du dazu”, fragte ich Karl.
„Na ja, interessant wäre das schon. Mensch, Ferdinand! Stell’ dir vor: Land, soweit das Auge reicht. Die Freiheit und das Gefühl, das Leben selbst zu gestalten, Bäume zu fällen und Blockhäuser zu bauen. Wir könnten es diesen Langweilern hier zeigen.”
Ich bat Ferenc weiter zu erzählen. Er tat es, aber weniger engagiert als zuvor.
„Ich hatte auch einen Partner, meinen Bruder János. Er ist damals allein nach Kanada gefahren. Ohne mich, wegen Ilonka. In seinen Briefen schrieb er von harter Arbeit, aber auch, dass es sich lohnt. Die Gegend um die kanadischen Rocky Mountains, bis hinauf nach Alaska, sei ein einziger Traum. Endlose Wälder würden ihn an die Steiermark erinnern, auch wenn alles viel größer und gefährlicher sei. Es gäbe schwarze Bären und Grizzlys. Ohne geladenes Gewehr könne man nicht überleben, schrieb János.”
Ferenc erzählte noch lange, es war fast Mitternacht, als wir nach Hause gingen. Karl sah sich schon als Trapper in Kanada. Wahrscheinlich war ihm das Bier zu Kopf gestiegen.
„Noch sind wir nicht da”, sagte ich. „Zunächst müssen wir unsere Lehrzeit abschließen und das Bundesheer wartet auch noch.”
Karls Idee, uns freiwillig bei den Pionieren oder den Gebirgsjägern zu melden, fand ich gut. Er glaubte, dass wir beim Bundesheer das nötige Wissen für ein Leben in der Wildnis erwerben könnten. Auch für das Holzfällen, den Bau von Blockhütten und für den Umgang mit Pferden bräuchte man eine Ausbildung, meinte er. Wir wussten von Ferenc, dass die kanadische Regierung Einwanderern kostenlose Waldgründe zur Verfügung stellt. Es gab drei Grundbedingungen: Man musste einen Beruf haben, gesund und unbescholten sein. Wären diese Voraussetzungen erfüllt, bekäme man Land zugewiesen und müsste es roden und urbar machen. Nach einer gewissen Zeit, so stand es in den Migrationspapieren, könne die Liegenschaft in den Besitz der Einwanderer übergehen. Außerdem würden die Kosten der Schiffspassage zum Teil von der Provinz British Columbia übernommen. Wir bräuchten also nicht viel Geld. Wir strotzen vor Kraft und Ideen. Von nun an sollte der Plan vom Auswandern zum konkreten Projekt werden. Das große Ziel hieß Kanada. Einen ersten Schritt setzten wir, indem wir ein gemeinsames Postsparbuch eröffneten. Das Kennwort war Canada. Mit „C”, darauf bestanden wir. Diese tausend Dollar Startgeld pro Person waren eine Herausforderung, aber machbar. Ob die von Ferenc genannte Summe auch in vier Jahren noch reichen würde, wussten wir allerdings nicht. Doch es gab Hoffnung: Ferenc hatte versprochen, uns jedes Wochenende zum Schwarzarbeiten mitzunehmen. „Das bringt Bares in die Kasse”, sagte ich, „außerdem lernen wir von ihm, wie man Häuser baut.”
„Erst bauen wir ein Blockhaus, später eine Farm”, sagte Karl. Frauen hatten wir ausgeklammert, Karl meinte, die würden nur Streit bringen. Dazu sagte ich vorerst nichts. Ich hatte einen Traum, von dem ich Karl nichts erzählte. Ich träumte von Pferden. Der Traum war realistisch, denn wir würden Pferde zum Arbeiten und zur Fortbewegung brauchen. Bei Pferden war der Gedanke an Andrea nicht weit. Ich wollte sie zwar vergessen, aber gegen meine Träume konnte ich mich nicht wehren.
„Für sie bist du doch nur ein Prolet”, hatte mich Karl seinerzeit trösten wollen. Trotzdem wollte ich gerne mit ihr reden, aber sie ging mir aus dem Weg. Ich wunderte mich, wie sie es schaffte, mir nicht zu begegnen. Für den Fall, dass es doch einmal passieren sollte, hatte ich mir schöne Sätze ausgedacht. Aber je mehr Zeit verging, umso mehr verblassten die einstudierten Worte. Nur einmal hatte ich sie kurz gesehen, auf dem Rücksitz im Borgward ihres Vaters.
Wir waren im Kino – Karl und ich. Im Stadtkino lief der Film: Ruf der Wildgänse. Die Handlung war nicht so wichtig, unser Augenmerk galt vielmehr den Rockys und den endlosen Weiten British Columbias, wo der Streifen gedreht wurde. Nach der Vorstellung lud mich Karl auf ein Getränk in unsere Stammkneipe ein. Ich lehnte ab, mir war nicht nach Biertrinken.
„Sei kein Spielverderber, Ferdinand!”, sagte Karl.
„Es geht mir nicht gut, ich gehe nach Hause. Tut mir leid.”
„Davor gings dir doch noch gut, was hast du denn?”
„Ich habe Magenkrämpfe, keine Ahnung was das ist.”
„Und wie gehts weiter?”
„Ich komme morgen mit den Kanadaprospekten zu dir, dann besprechen wir alles, einverstanden?”
„Wie du meinst”, sagte Karl, drehte sich ab und ging. Er war beleidigt.

Seit Wochen plagten mich Krämpfe, aber so arg war es noch nie. Zum Krankwerden ist jetzt keine Zeit, es geht bestimmt gleich vorbei, redete ich mir ein, doch es half nichts. In meinem Inneren brannte ein Feuer. Eine Schmerzwelle nach der anderen jagte durch meinen Körper. Ich biss auf die Unterlippe und schmeckte warmes, salziges Blut. Den Rücken an eine Hauswand gelehnt, schnappte ich nach Luft. Meine Knie zitterten, die Kräfte ließen nach. Nur nicht hinfallen, dachte ich, was sollen die Leute von mir denken? Ich schaffte es bis zur Stiege. Wir wohnten im ersten Stock, die letzten Stufen kroch ich auf allen vieren. Endlich zu Hause. Vielleicht hat Mama noch etwas von diesen Magentropfen, die haben mir immer geholfen, dachte ich.
Sie musste mein vergebliches Bemühen, die Wohnungstür aufzusperren, gehört haben. Als sie die Tür öffnete, erkannte sie mich nicht gleich, weil das Ganglicht ausgegangen war und ich seitlich am Türstock abgerutscht war. Erst als mich der Lichtkegel der Küchenlampe erfasste, sah sie mich und rief entsetzt: „Mein Gott, wie schaust denn du aus, was ist passiert? Du bist ja kreidebleich!”
„Die Tropfen, Mama, bitte gib mir die Magentropfen!”
Sie half mir auf die Füße. Es war mir unmöglich, gerade zu stehen. Es zog mich zusammen, zunächst ging ich in die Hocke, dann auf die Knie. Es nützte nichts. Den Kopf zwischen den Beinen brüllte ich meinen Schmerz in den Küchenboden. Meine Mutter stand daneben und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie verfluchte meinen Vater, der wieder einmal auf Sauftour war. „Immer wenn man ihn brauchen würde, ist er nicht da, dieser gottverdammte Kerl. Halte durch Ferdinand, ich hole den Doktor!”
Mama musste bis zur Telefonzelle beim Postamt laufen, um den Hausarzt zu rufen. Sie kam schnaufend zurück und sagte: „Der Doktor kommt gleich und nachdem ich ihm gesagt habe, wie schlecht es dir geht, hat er gleich die Rettung verständigt.”
Mir war alles recht, wenn nur dieser Schmerz aufhören würde.
Der Arzt beugte sich über mich und legte seine Hand auf meine Stirn. Für Sekunden ließ der Schmerz nach. „Ich bin Doktor Koller und wie heißt du?”
„Ferdinand.”
„Wie alt bist du, Ferdinand?”
„Fünfzehn”, presste ich heraus.
„Schaut nach Blinddarmreizung aus”, sagte er.
Die nächste Schmerzwelle zog vom Unterleib nach oben bis zum Hals. Ich vergaß zu atmen und bäumte mich auf. Ich wusste nicht mehr, was ich tun soll. Der Doktor redete leise auf mich ein: „Ganz langsam, Ferdinand. Versuche tief Luft zu holen. Nicht so schnell! Ja, so ist es gut.”
Der Rettungswagen war gekommen, die Sanitäter drückten mir eine nach Gummi riechende Sauerstoffmaske ins Gesicht. Ich wurde panisch, glaubte ersticken zu müssen. Sie hielten mich fest, der Doktor versuchte mich zu beruhigen. Langsam bekam ich wieder Luft. Der Krankenwagen fuhr mit mir und meiner Mutter ins Spital. Wenn der Wagen über eine Schwelle rumpelte, stachen gefühlt hundert Messer in meine Eingeweide.
Mir war kalt.
Hohe Fenster mit Milchglasscheiben zwischen grauen Wänden und grellem Neonlicht. Ich war ausgezogen bis auf die Unterhose. Um mich herum standen geistliche Schwestern im weißen Habit und mehrere Ärzte. Alle redeten durcheinander, sie waren sich nicht einig. Aus Gesprächsfetzen entnahm ich, dass sie auf den Primarius warteten. Zwischendurch fielen Worte wie: Kolik und Resektion. Ein Arzt gab mir eine Spritze, ein anderer tastete mich im Bauchbereich ab und fragte:
„Hast du getrunken? Ich meine: Hast du Alkohol getrunken?”
„Nein.”
„Was hast du zuletzt gegessen?”
„Erdäpfel und Endiviensalat.”
„Wo tuts weh?”
„Überall.”
Schwestern, Pfleger, Ärzte: Alle redeten durcheinander, stellten Fragen über Fragen.
„Tut das weh?”
„Ja! Alles tut weh.”
„Kannst du uns zeigen, wo es am meisten schmerzt?”
„Hast du Medikamente genommen?”
„Hast du Sport gemacht?”
„Hast du mit Mädchen rumgemacht?”
„Was hast du gestern getan?”
„Hast du dich überanstrengt?”
Mir geht es elend und die fragen nur, dachte ich.
„Nein, ich war am Abend im Kino.”
„Du musst Wasser lassen, deine Blase muss leer sein”, sagte der Pfleger.
„Ich kann nicht.”
„Dann muss ich nachhelfen”, sagte der Mann, nahm meinen Penis in die linke Hand und mit der rechten führt er ein dickes Röhrchen in die Harnröhre ein. Es brannte und ein gewaltiger Strahl ergoss sich über den Gummischurz des Pflegers. Ich schämte mich, aber der Mann ging mit stoischer Ruhe seiner Arbeit nach und rasierte meine Schamhaare ab. Dann wurde es dunkel um mich.
Ich hörte Stimmen, aber ich sah niemanden. Alles ist weiß, dachte ich. Ich lag in einer Art Zelt, das nach oben hin spitz zulief. Über mir baumelten Infusionsflaschen. Ich schaute den Tropfen beim Wachsen zu, sah, wie sie dicker wurden und in den Schlauch fielen, der irgendwo in meinem Arm mündete. Ich konnte mich kaum bewegen, meine Hände waren mit Gazestreifen am Bett angebunden. Den Kopf konnte ich ein paar Zentimeter zur Seite drehen, aus meiner Nase hing ein Schlauch, der an der Wange fixiert war. Überall nur Schläuche, Kabel und Apparate. Ich versuchte mich bemerkbar zu machen, weil ich glaubte, einen Schatten gesehen zu haben. Zunächst dachte ich, dass jemand neben mir flüstern würde, ich hörte zischende Geräusche, aber es war nur die Sauerstoffflasche neben mir. Dann wurde es still. Ich wollte etwas sagen, wollte mich selbst hören, doch ich brachte keinen Ton heraus. Ich fragte mich, ob ich im Himmel sei, verwarf den Gedanken aber. Niemals würde es der liebe Gott zulassen, dass ich so fürchterlichen Durst leiden müsste. In der Hölle kann ich auch nicht sein, dachte ich, hier wäre es dem Teufel viel zu kalt, zu weiß, zu sauber.
„Ich bin Schwester Gemma”, sagte eine Frau in Schwesterntracht zu mir, „ich helfe dir.”
Ich wollte etwas zu trinken haben, formte mit den Lippen das Wort „Durst”, doch Schwester Gemma drückte mir ihren Finger auf den Mund und lächelte mich freundlich an. „Nein, versuche jetzt nicht zu sprechen, gleich wird es besser.” Sie zog mir einen Schlauch aus der Nase. Ihr Gesicht war nah und ich spürte ihren Atem. Es kitzelte in der Kehle, als sie die Atemhilfe entfernte. Mein Zelt, das aus nassen Leintüchern bestand, schob sie an das Kopfende des Bettes und rollte das Beatmungsgerät zur Seite.
„Ich weiß, dass du Durst hast. Sag’ noch nichts, Ferdinand, ich werde dir jetzt den Gaumen mit Glyzerin und Zitrone auspinseln, danach wird es angenehmer und du kannst versuchen zu sprechen.“
Es war mehr krächzen als sprechen. Die ersten Atemzüge ohne Beatmungsgerät brannten und ich ließ die Luft wieder aus meiner Lunge. Es tat weh unter den Bandagen. „Durst”, sagte ich gequält.
„Heute darfst du noch nicht trinken, Ferdinand. Vielleicht morgen.”
Sprachlos schielte ich zu Schwester Gemma und dann zu meinen fixierten Händen.
„Das mussten wir tun, Ferdinand, du hast nach der Narkose alle Schläuche aus dir herausgerissen.”
Das gefiel mir und ich wollte lachen, aber das war keine gute Idee, denn es gab mir einen schmerzhaften Stich im Bauch. Schwester Gemma schmunzelte: „Lachen ist gesund, aber sei vorsichtig. Du hast frische Wunden und dein Zwerchfell ist beleidigt.”
„Zwerchfell?”, fragte ich vorsichtig.
„Du wurdest operiert, Ferdinand.”
„Operiert?”
„Ja, zweimal.”
„?”
„Dein Zwerchfell ist noch da, aber der Blinddarm ist weg. Und der Zwölffingerdarm. Dazu noch zwei Drittel deines Magens. Du hattest einen Magendurchbruch und viel Blut verloren. Es war schwierig, aber jetzt wird alles gut. Du hast lange geschlafen. Die erste Krise hast du gut überstanden.”
Am nächsten Tag löste Schwester Gemma meine Handfesseln und half mir beim Aufsitzen. Während sie meinen Rücken mit einem Waschlappen reinigte, klammerte ich mich an ihr fest. So hatte ich eine Frau noch nie berührt. Für einen Moment kam mir ein Gedanke und ich schämte mich dafür.
„So, jetzt waschen wir noch dein Unterteil, dann lässt sich das Liegen leichter ertragen. Beiße die Zähne zusammen und zieh deine Füße etwas an. Ja, gut so, bist ein braver Bub.”
Ich wollte kein braver Bub sein, aber umhegt und gepflegt zu werden, das gefiel mir schon.
„Schwester, was ist mit dem anderen Schlauch in der Nase?”
„Das ist eine Magensonde zur künstlichen Ernährung, die muss noch drinbleiben. Darum muss ich deine Hände leider noch einmal fixieren, sonst reißt du sie womöglich im Schlaf heraus.”
Das Reden hatte mich so angestrengt, dass ich in einen unruhigen Schlaf fiel. Als ich aufwachte, war es Nacht. Das Zimmer war in schemenhaftes blaues Licht getaucht. Mein Bett stand an der Stirnseite des Raumes, links von mir konnte ich durch das Fenster schauen und sah im Schein einer Laterne einen fast kahlen Ahornbaum. Die anderen Bäume im Hintergrund trugen, so gut ich das erkennen konnte, noch ihr volles Laubkleid. Das fand ich interessant, immerhin hatten wir Ende Oktober. Ich zählte die Blätter des Ahorns, es waren genau zwölf. Neben meinem Bett war ein Freiraum von zwei Metern, ich hatte keinen Nachbar, mit dem ich mich unterhalten hätte können. Der Vorteil war, dass ich freie Sicht hatte. Ich zählte sechs Fenster und zehn Betten im Saal. In der Mitte stand ein langer Tisch und genau darüber befand sich eine blaue Lampe – die Nachtbeleuchtung. Das sah zwar düster aus, machte aber Sinn, denn so brauchte die Schwester kein grelles Licht anschalten, wenn sie mit ihrem Zitronen-Glyzerin-Pinsel zu mir kam und mir den Gaumen und die Lippen befeuchtete.
Es war eine schlimme Nacht. In einem fürchterlichen Albtraum lag ich unter einem tropfenden Mostfass und war dem Verdursten nahe. Verzweifelt hatte ich versucht, mit dem Mund die Tropfen aufzufangen, doch sie tropften vorbei und klatschen links und rechts von mir auf den Boden. Auf dem Fass saß mein betrunkener Vater. Er trank genüsslich aus einem Mostkrug und prostete mir zynisch zu.
Froh wach geworden zu sein, starrte ich auf die Infusionsflaschen über mir und wusste plötzlich meinen Traum zu deuten. Es war eine Spiegelung der vergangenen Tage - die lebenswichtigen Infusionen waren metaphorisch zu Tropfen aus dem Mostfass geworden.
Schwester Gemma wirkte müde, als sie am Ende ihres Nachtdienstes von Bett zu Bett ging und bei den Patienten Puls und Temperatur kontrollierte. Es wurde aufgeräumt. Pfleger zogen Leibschüsseln, die sie vorher verteilt hatten, unter den Bettlägerigen hervor und stritten mit den Schwestern, wer für die Entsorgung zuständig sei.
Mein Ahornbaum hatte nur noch sieben Blätter. Wie Federn wippten sie im Wind. Der Zeitpunkt war gekommen, an dem auch sie zu Boden trudeln würden. So wie mein Traum von Kanada. Der Chirurg, der mich operierte, hatte eine Bemerkung gemacht, dass es lange dauern könne, bis ich wieder ans Baumfällen denken könnte. Vermutlich hatte ich in der Narkose davon geplappert.
Von meiner Warte aus konnte ich den ganzen Raum überblicken, es war, als hätte ich den Vorsitz über die anderen Patienten. Fast alle bekamen Infusionen. Die Schläuche sahen wie Schnüre aus, an denen Marionetten hingen. Andere durften aufstehen und am Tisch frühstücken. Das war auch mein erklärtes Ziel: Aufstehen und selbstständig aufs Klo gehen können, aber dazu musste ich erst einmal zu Kräften kommen. Aber mit dem, was ich zu Essen bekam, konnte das noch lange dauern. Haferschleimsuppe und Zwieback mit Pfefferminz-Tee werden da nicht ausreichen, dachte ich.
Der Anstaltsgeistliche betrat den Raum und ging an das Bett eines Kranken, bei dem kurz vorher noch ein Arzt gewesen war. Sie hatten ihn aufgegeben.
„Die Visite kommt!“, rief einer, der vom Gang zurückkam. Alle, die ihr Bett verlassen hatten, huschten in ihr Bett zurück. Sie warteten, bis der Tross der Visite in ihre Nähe kam und waren sichtlich enttäuscht, dass die Ärzte nicht mit ihnen sprachen, sondern nur den Schwestern kurze Kommentare diktierten. Sie beschäftigten sich mit mir. Ich war interessanter, ein Sonderfall, sagte der Primararzt. Noch nie hätte er bei einem Fünfzehnjährigen einen Magendurchbruch operieren müssen. Ich hätte Glück gehabt, sagte er. Ein Salatblatt hatte sich über das Loch in meinem Magen gelegt und den Durchfluss der Magensäure in den Bauchraum verzögert und mir dadurch das Leben gerettet.
„Die Entfernung deines Zwölffingerdarms war kompliziert, aber wir haben es geschafft. Jetzt geht es wieder aufwärts.“
Ich verstand nicht alles, was die Ärzte sagten, dachte aber, dass, wenn ich endlich wieder richtig essen dürfte, Endiviensalat meine Lieblingsspeise werden wird.
Am zehnten Tag durfte ich aufstehen. Die Infusionen waren weg, ich ernährte mich von Haferbrei und Püree. Zur Feier des Tages gab es drei Scheiben feine Wurst und Zwieback. Es war ein Festtag, denn ich bekam auch noch Besuch: Meine Mutter brachte frisches Apfelkompott mit – und Karl. Er benahm sich komisch. Er sei noch nie in einem Krankenhaus gewesen, sagte er. Ich konnte ihn beruhigen: „Karl, du bist genau im rechten Moment gekommen. Du kannst mir helfen, ich darf heute zum ersten Mal aufstehen. Ich habe es am Morgen schon probiert, aber ich bin noch zu wackelig; es fühlte sich an, als hätte ich Gummibeine. Hilfst du mir?“
„Eh klar, Ferdinand! Was soll ich tun?“
„Nichts, du sollst nur da sein für alle Fälle.“
Ich hielt mich am Nachttisch fest, schwenkte die Beine aus dem Bett und stand tatsächlich auf den Füßen – zwar zittrig und nicht ganz gerade - aber ich stand. Ich schaffte eine Runde um mein Krankenbett. „Super”, sagte Karl und Mama applaudierte.
Nach einer Verschnaufpause fragte ich, was es draußen an Neuigkeiten gäbe. Darauf hat meine Mutter offenbar gewartet, denn plötzlich legte sie los. So hatte ich sie noch nie erlebt. Sie warf den Kopf in den Nacken und wirkte plötzlich viel größer als sonst. Ihre Augen glänzten, dann platzt es aus ihr heraus: „Sieh mich an, vor dir steht eine berufstätige Frau! Ich bin ab sofort in der Stadtgemeinde fix angestellt!”
„Was? Das ist ja super! Und wo? Ich meine: welche Abteilung?”
„Du kennst ja das neue Gebäude am Hauptplatz, das wie eine Insel ausschaut. Dort ist mein Arbeitsplatz.”
„Das ist doch das neue Reisebüro. Du arbeitest im Reisebüro?“
„Nein nicht im Reisebüro, mein Arbeitsbereich liegt ein Stockwerk tiefer. Ich bin ab sofort für die öffentliche Bade- und Bedürfnisanstalt verantwortlich.”
Mein Gott, dachte ich, sie ist Klofrau geworden. Ich konnte nichts sagen. Karl grinste. Meine Mutter schaute mich skeptisch an. Ich versuchte Zeit zu gewinnen und tat so, als suche ich meine Tabletten.
„Ferdinand, du freust dich ja gar nicht. Sag doch was.”
„Doch Mama, natürlich freue ich mich. Es ist nur – äh, wie soll ich sagen, etwas überraschend.”
„Ich sehe es dir an, Ferdinand, du schämst dich. Dazu kann ich dir nur sagen: Geld stinkt nicht! Ich verdiene eigenes Geld und brauche nicht mehr bei anderen Leuten betteln, wenn dein Vater wieder einmal alles versoffen hat.”
„Du hast ja recht, Mama”, sagte ich, „und es ist eine gute Gelegenheit, dich von ihm zu trennen. Wir haben schon oft darüber geredet, es ist immer daran gescheitert, dass du kein eigenes Geld verdienst. Das ist jetzt die Chance. Wir suchen uns eine kleine Wohnung, du und ich, und lassen ihn zurück. Soll er sich doch zugrunde saufen.”
„Das ist nicht so einfach, er ist doch mein Mann.”
„Ja, aber er verhält sich nicht so. Und nicht wie ein Vater. Er schlägt uns, lässt uns hungern und stürzt uns in die Armut.”
„Ferdinand, das geht nicht, das kann ich nicht machen. Nicht jetzt.”
„Warum denn nicht?”
„Weil er mir diese Stelle vermittelt hat. Du kennst ihn ja, nach außen hin spielt er den feinen Herrn. Niemand weiß, wie er sich zu Hause aufführt.”
„Und wie soll es weitergehen?”, fragte ich resignierend.
„Er ist in Frührente, und er wird immer kränker. Vielleicht hört er auf zu trinken, wenn er nicht mehr kann. Dann wird er mich brauchen. Bitte versteh mich.”
„Du musst es ja wissen, Mama“, sagte ich und dachte: Wieder ein Traum zerplatzt. Ein Grund mehr, so schnell wie möglich auf die Beine zu kommen, um meinen eigenen Weg zu gehen.
Gesund war ich noch lange nicht. Es gab Komplikationen; die Wunden heilten schlecht, mein Blutbild macht den Ärzten Sorgen. Sie nannten es Anämie oder Blutarmut. Schon wieder Armut, nichts wie Armut in meinem Leben, dachte ich.
Es war kalt geworden, der Ahornbaum war jetzt blattlos. Wie dunkle Skelette sahen die kahlen Äste aus. Jemand hatte das Fenster geöffnet. Ich zog meine Decke hoch. Es roch nach Schnee. Nach fünf Wochen verließ ich am Arm meiner Mutter das Krankenhaus. Es war der erste Advent und es schneite.

Viktor Kowalsky hatte mich in die Firma bestellt.
„Wie lange möchtest du noch spazieren gehen?”, fragte er und grinste. Ich hatte nicht mit seinem Sarkasmus gerechnet und war verunsichert. Muss ich das verstehen, sollte ich mich schuldig fühlen? Wie sollte ich mich verhalten? Einerseits verletzte mich der ironische Unterton, andererseits versuchte ich Kowalsky zu verstehen, wenn er sagte: „Ferdinand, ich brauche dich.” Schließlich war ich seit fünf Monaten im Krankenstand.
„Was soll ich denn machen, der Doktor lässt mich nicht arbeiten gehen, er meint, es sei zu früh, um schwere Dinge zu heben.” Kowalsky konterte: „Aber du kannst mit dem Kopf arbeiten, oder geht das auch nicht?” Ich schaute ihn verständnislos an. „Kannst du oder kannst du nicht?”, fragte er noch einmal.
„Sicher kann ich das!“, sagte ich, verlagerte mein Gewicht von einem Bein auf das andere, zog meine Hose am Bund hinauf, steckte die Hände in die Hosentaschen und ballte sie zu Fäusten.
„Ganz ruhig, Ferdinand, hör´ mir zu, es gibt eine Änderung in der Organisation der Berufsschulen. Normalerweise finden die Lehrgänge 2 und 3 im Herbst und Winter statt. Dieses Jahr nicht. Sie ziehen beide Kurse so weit vor, dass sie im Sommer, am Ende des Schuljahres, fertig sind. Hast du das verstanden?”
„Ja, ich glaube schon. Das würde bedeuten, dass ich jetzt zwei mal sieben Wochen am Stück in die Schule gehe und im Sommer mit der Lehre fertig bin, oder?”
„Na ja, nicht ganz, deine Lehrzeit musst du schon einhalten, aber mit der Schule wärst du, wie gesagt, im Sommer fertig. Noch Fragen?”
„Nein, Chef, alles klar.”
„Ich könnte dich noch rechtzeitig anmelden, was sagst du dazu? Glaubst du, du schaffst das?”
„Klar schaffe ich das, Chef!”, sagte ich und nahm die Hände aus den Taschen. „Wann genau gehts los?”
„Moment.” Kowalsky nahm einen Brief aus der Ablage und las laut vor: „Beginn für den Leistungskurs der Hafner-Fliesen-Mosaikverleger ist am Montag, den 2. April 1961, 8:00 Uhr im Zentrum für Bauberufe in Graz-Sankt Peter.”
Kowalsky musterte mich über den Rand seiner Brille und sagte: „Wäre gut, wenn du diesmal dabei wärst, denn sonst zieht sich das Prozedere in die Länge. Ich nehme an, das willst du auch nicht.”
„Natürlich nicht, Chef.”
„Ach ja, noch was: Ab sofort müssen alle Lehrlinge, sofern sie nicht in Graz wohnen, während der Schulzeit ins Internat.”
„Und wer bezahlt das? Ich hab kein Geld.”
„Das lass´ meine Sorge sein, Ferdinand. Mir fällt schon was ein. Ruf dort an, die sagen dir, was du brauchst. Und noch was, Ferdinand, geh´ zum Arzt, er soll dich zumindest für den Schulbetrieb gesund schreiben.”
„Bin schon unterwegs, Chef. Und danke.
Kowalsky lachte: „Wofür?”
„Na ja, ich dachte schon, sie wollen mich rausschmeißen.”

Bis jetzt dienten die Besuche in der Praxis von Dr. Koller hauptsächlich der Wundversorgung. Über meine Operation der Magenresektion hatten wir selten gesprochen. Meine Narben waren offen, weil die Fäden der inneren Wundränder nach außen trieben, anstatt sich aufzulösen. Dr. Koller sagte, das sei zwar lästig, aber nicht bedrohlich. Seine Kommentare waren kurz, klangen nach Routine, sollten mich beruhigen. Taten sie aber nicht. Ich hatte mir vorgenommen, mit dem Arzt dieses Mal über meine echten Probleme zu reden. Er begrüßte mich wie immer: „Servus Ferdinand, alles in Ordnung?”
„Grüß Gott, Herr Doktor. Nein, nichts ist in Ordnung. Gar nichts!”
^„Oha, ... wo drückt der Schuh?”
Ich warf die vorgedruckte Liste des Krankenhauses auf den Schreibtisch des Arztes und schaute ihn herausfordernd an: „Schauen Sie, Herr Doktor, da steht alles drauf, was ich nicht darf. Zwei Seiten nur Verbote, ich kann diesen Wisch nicht mehr sehen. Das kann doch nicht richtig sein, dass ich mich von Tag zu Tag schlechter fühle. Ich hasse diese Diätkost, weil ich davon immer schwächer werde. Ich darf keinen Sport betreiben, darf nicht radfahren, selbst das Schwimmen sei wegen der Keime nicht ratsam, steht hier. Ich werde immer dünner, habe bald keine Freunde mehr, alle wenden sich von mir ab. Ich bin zum Verlierer geworden.”
„Ferdinand, bitte beruhige dich, ich habe verstanden.”
„Ja, aber …”
„Nix aber, hör’ mir einfach zu: Vergiss diesen Vordruck, der ist veraltet, war nie auf deine Person abgestimmt. Diesen Zettel kriegt jeder Patient nach einer Magenoperation. Das eigentliche Problem ist deine Blutarmut, diese Anämie, die du seit deiner Operation mit dir herumschleppst. Das bedeutet: Dein Körper produziert zu wenig rote Blutkörperchen. Das führt zu einer gewissen Immunschwäche und deine Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt. Dadurch fühlst du dich ständig müde und abgeschlagen. Deine Blässe ist ein deutliches Zeichen dafür. Auch die Konzentration kann darunter leiden.”
Jetzt fiel mir Kowalsky ein und ich fragte den Doktor, ob es seiner Sicht vertretbar sei, wenn ich zur Berufsschule ginge.
„Kein Problem, aber …”, sagt er und hob den Zeigefinger, „keine schweren Sachen heben, ist das klar?”
„Nicht ganz, Herr Doktor. In der Schule haben wir auch Werkunterricht.”
„Ich stelle ein Attest aus, das befreit dich von manueller Arbeit. Und ich verschreibe dir ein paar Präparate: Eisenwein und Lecithin, die schmecken gut und machen Appetit, aber sei vorsichtig, sie sind mit Alkohol versetzt.”
„Das ist alles?”
„Na ja, die Eckpunkte kennst du ja: Wenig und dafür öfter essen, lieber sauer als süß, nicht zu heiß und nicht zu kalt und so weiter. Ich gebe dir einen Tipp für dein weiteres Leben: Höre auf Signale deines Körpers. Du bist gescheit genug, um zu unterscheiden, was dir guttut und was nicht. Das gilt fürs Essen wie fürs Trinken. Probiere alles vorsichtig aus und du wirst merken, dein Körper spricht mit dir. Du bist dein eigener Arzt, jedenfalls so weit es deinen Magen betrifft. Alles Gute!”
„Drei Esslöffel täglich!”, sagte der Apotheker, als er mir die Halbliterflasche über die Theke schob. Es war ein Kräutertrunk, hieß Eisenwein und leuchtete rubinrot. Ganz unten am Etikett stand klein gedruckt: 18 % Alkoholgehalt. Zu Hause angekommen nippte ich vorsichtig an der Medizin und kam zum Urteil: „Schmeckt gut!” So gut, dass ich den profanen Löffel zur Seite legte und ein Cognac-Glas mit meiner Medizin füllte. Ich schwenkte das Glas mit dem Eisenwein, hielt es gegen das Licht, wie man es mit dem Cognac auch machte und ließ die edle Kräutertinktur lange in meiner Mundhöhle. Der Alkohol brannte angenehm. Das Kribbeln im Bauch kam erst nach dem zweiten Glas. Und weil es so gut war, beschloss ich, die Ration des nächsten Tages vorzuziehen. Ich spürte, wie eine sanfte Welle meinen Körper trug, wie mir das Blut in den Kopf stieg und ein Gefühl auslöste, das ich bis dahin nicht kannte. Das sind sie, die Signale, von denen der Doktor sprach, da war ich mir sicher. Ich hielt die Luft an, um noch intensiver zu fühlen. Ob dieses Glücksgefühl von den Inhaltsstoffen des Eisenweins oder vom Alkohol kam oder mir mein Hirn etwas vormachte, war mir egal. In diesem Moment zählte nur das Empfinden, sonst nichts. Ich glaubte, dass ich Glück erzeugen kann. Und der Zaubertrank hieß Eisenwein.
Manchmal muss man lügen, dachte ich. Gerade dann, wenn der Mensch, der es gut mit einem meint, mit der Wahrheit enttäuscht werden würde. In Doktor Kollers Wartezimmer nahm ich mir vor, die Rolle des Zerknirschten zu spielen. Ich wollte ihn dazu bewegen, mir eine weitere Flasche Eisenwein zu verschreiben. Ich konnte und wollte ihm aber nicht beichten, dass ich die erste innerhalb eines Tages ausgetrunken hatte.
„Der Nächste bitte”, sagte der Arzt routinemäßig, dann sah er mich und zog die Augenbrauen hoch: „Du, Ferdinand? Gibt es Probleme?” Er hielt mir die Tür auf und sagte: „Komm rein.”
Meine geübte Selbstsicherheit war verschwunden, ich stotterte: „Es ist so … mir ist etwas … ein Missgeschick … Herr Doktor, mir ist die Flasche mit dem Eisenwein aus der Hand gerutscht und am Boden zerbrochen. Es tut mir leid.”
Der Doktor schaute mir in die Augen und sagte: „So so, aus der Hand gerutscht. Na ja, da wollen wir mal nicht so sein. Ich verschreibe dir ein Dauerrezept, du musst die Medizin ohnehin länger einnehmen. Wir sehen uns dann wieder in zwei Wochen zur Wundversorgung. Und sonst? Alles in Ordnung bei dir?”
„Alles bestens, Herr Doktor.”
Einerseits freute ich mich, dass es geklappt hat, andererseits meldete sich mein Gewissen. Daran wollte ich jetzt nicht denken. Nein und noch mal nein! Ich pfeif´ auf die Moral. Mein neues Lieblingsgefühl ist mir eine Lüge wert.

Manchmal war meine Angst vor dem, was kam, größer als mein Mut zu Veränderungen. So war es auch, als ich im Lehrlingsinternat Don Bosco in Graz anrief und mich unbeholfen vorstellte. Im Hörer summte und knackte es. Kurz darauf erklang eine Stimme, die mich an die des Don Camillo erinnerte.
„Grüß Gott, Ferdinand, ich bin Pater Petrus Kammerer von den Salesianern Don Boscos, ich bin der Leiter dieses Hauses.”
Mir entschlüpfte ein: „Oh!” Und „Entschuldigung ...”
„Keine Sorge, ich kann deine Überraschung verstehen. Du warst noch nie in einem katholischen Internat?”
„Ja genau, das heißt nein, ich dachte … äh … weil ich evangelisch bin.”
„Das ist überhaupt kein Problem, Ferdinand. Wir, die Salesianer Don Boscos, führen ein offenes Haus und betreuen Schüler, Lehrlinge und Werkstudenten aller Konfessionen. Bei uns wird Lernen und Sport genau wie Kunst großgeschrieben. Jugendarbeit ist was Herrliches.”
Das klang gar nicht nach strengem Erzieher, dachte ich. Er sprach von einer neu errichteten Kapelle und vom hauseigenen Sportplatz mit umlaufender Aschenbahn. Er schwärmte von einem Proberaum für Musiker, den die Akustikbau-Lehrlinge in ihrer Freizeit gebaut hatten. Für einen Moment dachte ich: Der will mir sein Haus verkaufen. Pater Petrus räusperte sich: „Ach was red´ ich denn da, du wirst es erleben und es wird dir gefallen, da bin ich sicher. Wir schicken dir umgehend den Prospekt des Hauses zu. Alles Gute. Gott sei mit dir.
Eine Woche später stand ich vor dem Lehrlingsheim. Es war kein Mensch zu sehen. Kann es sein, dass ich der Einzige bin, der heute in dieses Internat einzieht, fragte ich mich. Die weiße Fassade mit den lindgrünen Fensterbalken gefiel mir, weil sie freundlich und einladend aussah. Ich zog den Brief aus der Tasche und las noch einmal: Anreisetag: Sonntag, den 1. April 1962, ab 16:00 Uhr. Ein Aprilscherz? Nein. Patres machen keine Aprilscherze, dachte ich und fing zu grübeln an. Ich war noch nie in einem Internat oder Schülerheim gewesen. Klassenfahrten wusste mein Vater zu verhindern. Der Grund war der permanente Geldmangel durch seinen Suff, zugegeben hatte er das nie. Ich durfte nicht zu den Pfadfindern, die waren ihm politisch zu konservativ. Die Jugendgruppen bei den Kinderfreunden waren zwar rot, aber da wollte ich nicht hin. Das rächte sich jetzt: Ich gehörte nirgends dazu und hatte Angst vor zu viel Gemeinschaft. Nicht dass ich menschenscheu gewesen wäre, das nicht. Ich mochte den Dialog. Wenn jedoch mehr als zwei, drei Leute um mich waren, bekam ich die Panik.
Meine Handflächen wurden feucht, da konnte mir auch ein freundlicher Pater Petrus nicht helfen. Weglaufen? Abhauen? Nein! Ich spielte auf Zeit. Eine Busankunft warte ich noch ab, sagte ich mir. Wenn niemand kommt, den ich kenne oder der so ausschaut, als könnte er zum Lehrlingsheim gehören, muss ich wohl oder übel allein in dieses Haus gehen. Angelehnt am Wartehäuschen der Busstation, einen Fuß lässig auf meine Reisetasche gestützt, wartete ich auf den nächsten Bus. Niemand stieg aus, nur der Fahrer rauchte eine Zigarette. Es war ruhig, nicht einmal die Vögel hörte ich zwitschern. Mir wäre mehr Verkehr auf der Straße lieber. Ich falle auf, dachte ich, ich passte nicht ins Bild, also nahm ich meine Tasche und ging festen Schrittes auf das Haus zu. Das ist völlig normal, redete ich mir ein, ich bin angemeldet, der Direktor erwartet mich. Meine linke Hand hielt die Reisetasche, die rechte den Brief der Internatsleitung, mit dem Ellbogen öffnete ich die Portaltür und stand in einer Halle.
Hochglanzboden. Granit. Modern und hell, keine Spur von klerikalem Firlefanz. Ein riesiger Philodendron wuchs wie ein Vorhang an einem Panoramafenster empor und filterte mit seinen fächerartigen Blättern das einfallende Sonnenlicht. Ich sah ein Kruzifix aus zwei über Kreuz gebundenen Ästen an der Wand. Sonst nichts. Kein Christus. Keine Dornenkrone. Kein Mensch. Nur ein Kreuz. Das gefiel mir, ich mochte die Einfachheit. An der Rezeption war niemand. „Bitte klingeln, wenn niemand da ist”, stand auf einem Zettel, den jemand neben einem Klingelknopf an der Theke geklebt hatte. An der Wand dahinter hing ein prachtvolles Ölgemälde. Es zeigt einen Mann im einfachen schwarzen Ornat, den Gründer der Salesianer Don Giovanni Bosco. Lebendige Menschen sah ich keine.
Ich wollte mich bemerkbar machen und erschrak vor meiner eigenen Stimme, als ich „Hallo“ rief. Ich traute mich nicht, die Klingel auf der Rezeption zu drücken. Mich hatte aller Mut verlassen. Da kam der rettende Einfall: Ich hatte ja noch den Eisenwein, meinen heimlichen Mutmacher, meine Medizin für alle Lebenslagen. Ich zog die, in Zeitungspapier eingewickelte Flasche aus der Tasche und nahm einen kräftigen Schluck. Super. Geht doch!
Zwei verglaste Flügeltüren führten aus der Halle, eine Treppe auf die Galerie. Neben der Glasfront mit den Philodendren zweigte ein Gang ab. Hier waren Hinweistafeln zu den Häusern mit den Schlafräumen A – D, dem Zugang zur Hauskapelle und zur Sporthalle. Am Ende des langen Ganges konnte ich den Rasen des Sportplatzes erkennen.
Ich hörte das Zuschlagen einer Autotür, danach kam ein junger Mann, schwarz gekleidet und dürr wie eine Zaunlatte, ins Bild. Er stemmte sich mit dem Rücken vergeblich gegen die schwere Brandschutztür, die zur Garage führte. Wirre Haarstränge hingen ihm in die Stirn und er fluchte: „Gottverreckte Scheißtür!”
Ich eilte zu Hilfe und hielt ihm die Tür auf. Offensichtlich war der Türschließer zu streng eingestellt. Er war sichtlich überrascht, als ich witzelte: „Immer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo … der Ferdi her!” Jetzt lachte der Schwarzhaarige und fragte: „Was bist denn du für ein Vogel?”
„Na ja, ich bin zwar kein Vogel, wäre aber gern einer. Ich heiße Ferdinand. Und du?
„Ernst, ich komme aus Wien.”
„Hallo Ernst”, sagte ich. „Was machst du nur mit so viel Zeug?”
Statt zu antworten, zerrte er an einer Netztasche, die sich mit einem Trompetenkoffer verkeilt hatte. Am Koffer klebte eine rote Banderole mit schwarzem Schriftzug: Chet is back.
„Hab´ ich was Falsches gesagt?”, fragte ich und überlegte wer er sein könnte. Wie ein Lehrling sah er nicht aus. Ernst lächelte jetzt anders als zuvor. Er wirkte auf mich wie einer, der die Welt kennt. Wie ein Erwachsener. So einen Freund hätte ich gerne, dachte ich.w
Ernst zeigte auf meine Reisetasche. „Und du, Was machst du hier?”
„Eigentlich suche ich Pater Petrus, den Direktor. Ich bin zum ersten Mal hier. Morgen beginnen die Lehrgänge in der Baufachschule. Ich bin in der Keramik-Klasse. Mosaik und so. Verstehst du?”
„Und ob. Ich mache das gleiche.”
„Echt? Wieso kenne ich dich nicht; wo warst du im voriges Jahr beim Lehrgang 1?”
„Ich bin quasi Quereinsteiger, studiere ansonsten an der „Angewandten”, der Akademie der Künste in Wien. Wegen meines Vaters muss ich hierher.”
„Aha”, sagte ich, ohne zu wissen, was er damit meint.
„Gero Weinprechter ist hier als Vortragender für Mosaikkunst engagiert. Er hat den Auftrag, mit den Schülern ein Kunstwerk zu erarbeiten.”
„Klingt interessant, aber ich weiß nichts davon.”
„Liest du die Ceramica nicht?”
„Nein. Die Zeitschrift liegt nur im Betrieb herum. Ich war lange krank.”
„Ist egal, spätestens morgen hättest du es sowieso erfahren. Man will am Hauptgebäude der Berufsschule mit einem Fassaden-Ornament die Kunst ins Licht rücken.” Ernst schaute mich an. „Machst du mit?“
„Ja, das gefällt mir. Mosaike entwerfen und verlegen. Super! Ich war schon immer ein Bildermacher.”
Ernst referierte: „Neu an der Sache ist, dass Planung, Entwurf und Ausführung bei allen Mitwirkenden des 2. und 3. Lehrgangs die Arbeit als Gesellenstück anerkannt wird. Das ist nicht nur für die Lehrlinge ein angenehmer Nebeneffekt, sondern auch für mich als Künstler. Das ist der eigentliche Grund meines Einstiegs in die praktische Lehre deines Berufes, nämlich das Verlegen von Fliesen, Naturstein und Mosaik zu erlernen. Erfreuliche für mich ist, dass Professor Weinprechter, den ich persönlich kenne, den Kurs leitet.”
Plötzlich fiel mir das Attest von Doktor Koller ein, das mich vom Werkunterricht befreien soll. Was ich gestern noch als Vorteil sah, könnte nun zum Bumerang werden.
„Verdammte Scheiße, was mach ich denn jetzt?”
Ernst zuckt zusammen: „Was hast du denn?”
„Nichts, es ist alles so … ach vergiss es.”
„Was ist los? Komm, erzähl´ mal, wo hakt es?”
Ich zögerte.
Auf keinen Fall wollte ich meine Krankengeschichte erzählen. Nicht schon wieder der Schwache sein. Ich nuschelte etwas von einem Unfall, weil ich überzeugt war, das würde heldenhafter wirken als meine Krankheit. Im Attest ist vermerkt, dass ich keine manuelle Arbeit machen darf. Der Grund dafür steht auch da, aber in unleserlicher Doktorschrift und in Latein. „So eine Scheiße”, fluchte ich und gab ihm das Attest zu lesen, „wenn ich das abgebe, bin ich raus aus der Mosaikgeschichte.”
Ernst las interessiert, lächelte wissend und mir wurde heiß. Hätte ich mir ja denken können, dass ein Student Latein kann.
„Für mich schaust du nicht krank aus. Wenn ich dran denke, wie du mir die schwere Eisentür vom Leib gehalten hast, dann sehe ich keine Schwäche bei dir. Ich würde das Attest nicht abgeben. Sicher nicht gleich.”
„Vielleicht hast du Recht. Man müsste mit diesem Professor reden, wie heißt er noch gleich?”
„Gero Weinprechter. Du wirst ihn kennenlernen, er muss im Haus sein, ich habe sein Auto in der Garage gesehen.”
„Was macht ein Professor im Lehrlingsheim?”, fragte ich skeptisch.
„Er arbeitet an zwei Kirchenfenstern in der Hauskapelle.”
Ernst erzählte, dass er vorige Woche schon einmal hier war, um sich anzumelden und um das Haus zu inspizieren. „Pater Petrus Kammerer und der Professor sind Freunde meines Vaters. Das bedeutet eigentlich nichts, aber in diesem Fall ist es ein Vorteil. Außerdem sind die zwei schwer in Ordnung. Pater Petrus ist ein Sportsmann, läuft den Marathon unter vier Stunden und Gero Weinprechter ist Künstler wie ich. Dieses Haus hat aber noch mehr Vorteile, zum Beispiel den Probenraum. Ich bin Musiker. Jazz ist mein Leben!”, sagt er und schnalzte mit der Zunge.
„Aha, darum das viele Gepäck.”
„Genau. Ich spiele Saxofon, Trompete und Klarinette. Mein Vorbild ist Chet Baker. Du hast sicher von ihm gehört. Er spielt und swingt, zum Sterben schön, einfach überirdisch.”
Ich hatte keine Ahnung, wer Chet Baker ist und zeigte fragend auf den Aufkleber an seinem Koffer: „Was bedeutet: ‚Chet is back’?”
„Chet Baker spielt am besten, wenn er unter Drogen steht. Er hats übertrieben, ist im Knast gelandet. Zwei Jahre. Jetzt ist er zurück. Darum: ‚Chet is back’.”
„Hm, zwei Jahre für einen Rausch?”
„Gegenfrage: Was rauchst du?”
„Smart Export.”
„Scherzkeks! Schon einmal was vom psychedelischen Effekt gehört, ´nen Joint geraucht?”
„Ja. Und mir wird heute noch schlecht, wenn ich dran denke. Ich hab´ was Besseres.”
„Was Härteres?”
„Weiß nicht. Auf jeden Fall schmeckt es besser.”
„Was ist es, Ferdinand? Komm schon, sag´s mir.”
Ich zögerte, aber ich wollte ihn als Freund, er imponierte mir.
„Du kannst mir vertrauen, Ferdinand.”
Ich zog meine Flasche, aus der Tasche, ließ sie aber eingewickelt im Zeitungspapier.
„Eisenwein, mein Elixier“, sagte ich.
Er drehte am Verschluss, hielt seine Nase darüber und verdrehte die Augen: „Zu viele Nebengeräusche, Ferdinand. Ich habe was Besseres.”
Eigentlich wollte ich sauer sein, weil er so abschätzig über meinen Eisenwein sprach, aber ich war neugierig. Ernst zauberte eine Flasche aus einer seiner vielen Taschen und baute sich vor mir auf: „Das hier, mein Freund, ist mein Elixier. Das ist für Erwachsene, hat ein paar Prozente mehr. Hier, probiere mal.”
Tatsächlich, dachte ich, der Stoff schmeckt ähnlich wie mein Eisenwein, brannte aber intensiver am Gaumen. Ich schluckte die rotbraune Flüssigkeit. Es blieb angenehm. Ich konzentrierte mich auf die Wirkung im Magen. Scheint in Ordnung zu sein. Ein angenehm warmes Gefühl breitete sich aus.
„Geht sich noch ein zweiter Schluck aus?”
Ernst lachte und verbeugte sich theatralisch vor mir: „Selbstverständlich. Nimm den Geist der Flasche als Geschenk. Ich habe noch mehr davon.”
Ein euphorisches Gefühl stellte sich ein, in diesem Moment war ich überzeugt: Mit diesen Freunden werde ich sowohl die geistigen wie auch die beruflichen Horizonte erweitern können. Aus dem profanen Bildermacher von früher wird ein großer Mosaikkünstler werden.
Ich sah zwei Figuren am Gang. Ihre Körper wirkten verzerrt durch die spiegelnden Glastüren. Schnell verpackte ich die Flaschen und warf Ernst einen fragenden Blick zu. Der sagte: „Das sind Pater Petrus und Professor Weinprechter.”
Der kleinere von den beiden Männern begrüßte Ernst fast überschwänglich: „Ach, da sind sie ja, Herr Fröhlich. Grüß Gott! Wir kennen uns ja schon.”
Fröhlich, sagte er Fröhlich? Diesen Namen kennt jeder in unserer Branche. Ist dieser Ernst etwa der zweite, noch lebende Sohn der Baumeisterdynastie Fröhlich aus Wien, fragte ich mich. Gerd Fröhlich, der Erstgeborene, war im Vorjahr mit seinem Jaguar in einen Stausee gerast und umgekommen.
„Und du bist sicher Ferdinand, der Fliesenleger, wir haben telefoniert”, sagt er und begrüßt mich per Handschlag. „Willkommen in unserem Haus. Bitte entschuldige meine Verspätung, ich bin Pater Petrus.” Er zeigt auf seinen Begleiter: „Ich darf dir Professor Weinprechter vorstellen.“ Zum Professor gewandt sagt er: „Gero, das ist Ferdinand Planegger. Ich nehme an, er wird in deiner Mosaik-Gruppe sein.”
Gero Weinprechter nickte freundlich.
Ich war erstaunt, keiner der beiden schaute so aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Der Kleine im Trainingsanzug und ausgelatschten Turnschuhen soll der Direktor sein? Der ist viel zu jung, dachte ich, noch keine vierzig. So sieht doch kein Priester aus. Aber er hatte etwas Einnehmendes, vor allem seine Stimme. Die klang schon am Telefon angenehm. Und einen echten Professor hatte ich mir auch anders vorgestellt, nicht so groß und grob wie dieser etwa fünfzigjährige Mann in Cordhosen und Buschhemd. Die Lässigkeit, wie er den Strickschal über die Schulter geworfen hatte, machte ihn interessant. Beide Männer waren freundlich, nicht gekünstelt. Schwer in Ordnung, dachte ich.
„Na dann”, sagt Pater Petrus, „kümmern wir uns um die Unterkunft. Herr Fröhlich, Sie wissen ja schon, wo ihr Zimmer ist, oder?”
„Ja, alles okay. Eine Bitte hätte ich noch, Pater Petrus, nennen Sie ich mich einfach nur Ernst. Ich will keine Extrawürste. Danke.”
Ernst saß entspannt auf seinen Koffern und sagte zu mir: „Ferdinand, nimm bitte meinen Schlüssel mit, ich hole noch den Wein aus dem Auto. Das Geschenk von meinem Vater für Pater Petrus hätte ich fast vergessen.”
Pater Petrus wirkt verlegen: „Ach ja, dein Vater, die gute Seele. Grüß ihn von mir, wenn du ihn anrufst.”
„Und das“, sagte Pater Petrus, indem er eine Tür öffnete, „ist das Reich von Bruder Benedikt, unser Sekretariat. Hier laufen alle Fäden zusammen - das ist der Dreh- und Angelpunkt des Hauses. Immerhin haben wir bei Vollbesetzung hundert Bewohner.
„Ah, da bist du ja Bruder Benedikt”, das ist Ferdinand Planegger, er ist mit Ernst Fröhlich gerade angekommen.”
Der etwa fünfzigjährige Mann im schlichten Anzug begrüßt mich mit Händedruck. Zu lasch, dachte ich. Er drehte sich um und nahm einen Schlüssel mit Plastikanhänger vom Brett. Saal A/1/5 stand drauf. „Das ist dein Spindschlüssel, Saal A im 1. Haus, ‚Fünf’ ist die Kastennummer, dein Bett steht daneben. Er drückte mir noch einen Zettel mit der Hausordnung in die Hand und nuschelte, während er gebückt nach etwas suchte. Ich war mir nicht sicher, ob er mit mir gesprochen hat. Diese Art, mit Leuten umzugehen, erinnert mich an meinen Vater. Vielleicht ein Vorurteil, aber ich mochte ihn nicht. Er blickte suchend umher, als suchte er Pater Petrus, aber der war nicht mehr da, der hatte sich bis zum Abendessen verabschiedet. Der Professor auch.
Bruder Benedikt mustert mich, dann sagt er: „Wo ist eigentlich der andere … wie heißt er noch gleich?”
„Ernst, er heißt Ernst Fröhlich. Können Sie mir bitte seinen Zimmerschlüssel mitgeben, er wartet unten beim Gepäck.”
Bruder Benedikt brummelte vor sich hin. „Ernst Fröhlich – wie kann man nur Ernst Fröhlich heißen.” Missmutig übergab er mir die Schlüssel und fügte im Befehlston hinzu: „Abendessen um 18:00 Uhr im Speisesaal.”
Ich war Saalschläfer, so nannte man jene Lehrlinge, die in einfachen Mehrbettzimmern wohnten. Die Sanitärräume waren am Gang gegenüber. Es gab auch Zweibettzimmer mit Dusche. Das kostete aber mehr. Ganz oben in der Hierarchie standen die Garconnieren für ein oder zwei Personen. In so einem Apartment wohnte Ernst. Er wartete vor der Pendeltür zum langen Gang. Ich wollte mit ihm über die Ausgangszeiten besprechen, aber er winkte ab. Das interessiere ihn nicht, schließlich sei er in diesem Haus als Werkstudent registriert und nicht als Lehrling, meinte er gereizt.
„Sagtest du nicht vorher zu Pater Petrus, du willst keine Extrawürste?”
„Es ist kein Privileg, älter zu sein. Ich bin dreiundzwanzig, also großjährig. Ich kann tun und lassen, was ich will.” Ich hielt dagegen: „Hat dir schon mal wer gesagt, dass du arrogant bist?”
„Hoppla, bin ich da etwa an einen Klassenkämpfer geraten?”
„Kann schon sein, wenn der Herr Fröhlich glaubt, er sei was Besseres.”
„Geh, Ferdinand, hör auf zu stänkern, ich denke, wir sind gute Kollegen.”
„Okay, wie gehts weiter?” Ich grinste ihn an, weil ich nicht streiten wollte.
„Hilfst du mir beim Tragen“, fragte er und fügte ein ‚bitte’ hinzu.
„Her mit dem Zeug”, sagte ich, „du gehst voraus, du kennst den Weg.”
„Hast du den Schlüssel für meine Bude mitgenommen?”
„Ja, habe ich. Übrigens, Bruder Benedikt will dich sehen. Ich glaub', es geht um Geld.”
„Hör zu Ferdinand, ich muss dir etwas sagen, aber werde nicht wieder wütend. Der Benedikt macht hier den Kämmerer, aber soviel ich weiß, ist er auch Priester, und die sollte man mit Pater ansprechen. Nur unter sich im Konvent sind sie alle Brüder. Wir übrigens auch.”
„Was du nicht sagst! Danke Bruder Ernst.
>work in progress<

Die letzte Etappe meiner Lehrzeit nahte. Um zusätzliches Geld zu verdienen, waren Karl und ich an den Wochenenden viel auf Privatbauten unterwegs. Tagträumen und Zukunftsdenken halfen mir über die Runden, obwohl ich gesundheitlich noch nicht ganz der Alte war. Mein Vater war unerträglich geworden, er trank mehr als je zuvor. Der nächste Markstein auf dem Weg in die Unabhängigkeit war die bevorstehende Stellung zum Bundesheer im April 1964.
Musterungen fanden immer in der Gendarmerie-Kaserne statt. Seit Wochen fieberte ich diesem Tag entgegen. Einige meiner Freunde wollten unbedingt Soldaten werden. Mir ging es um Veränderung, vor allem aber um die Ausbildung zum Pionier. Mein Hintergedanke war immer noch das ferne Kanada.
Als ich durch das große Tor der Kaserne in den Hof trat, fing es heftig zu regnen an. Es war kein Mensch zu sehen. Die riesige Linde in der Mitte des Hofes trotzte den Sturmböen. Neben dem Kriegerdenkmal knatterten die rot-weiß-roten Landes-Flaggen auf zwei Fahnenmasten im Wind. Am Stamm der Linde war die Stellungskundmachung angeschlagen. Ein aufgemalter Pfeil zeigte zu einem Torbogen, der in ein Durchhaus führte. Ich rannte über den Hof und kam atemlos in einem Kreuzgewölbegang am Ende einer Menschenschlange zu stehen. Ein Unteroffizier des Bundesheeres versuchte, ohne großen Erfolg, die rund fünfzig jungen Männer unter seine Kontrolle zu bringen. Er verlangte von ihnen, sich in einer Reihe aufzustellen, indem er die Namen von einer alphabetisch geordneten Liste vorlas. In der Menge erkannte ich Norbert Pichorner. Er grinste mir zu und vergaß die Befehle des Soldaten. Ich schob mich in die Reihe an die Seite Norberts. Wir waren schon in der Schule immer nebeneinandergestanden.
Die Prozedur zur Feststellung der Eignung zum Soldaten ging flott voran. Die Entscheidung, ob tauglich oder nicht, traf letztlich ein Majorsarzt. Es war ein groteskes Bild: Im Saal waren fünfzig nackte Burschen angetreten und zitterten nicht nur vor Kälte. Zwischen Norbert und mir stand ein weiterer P-Namensträger, nämlich Hans Pleschberger. Hans war der Dorfdepp in unserer Stadt. Bei den körperlichen Voruntersuchungen war er tauglich, aber jetzt wurde es ernst für ihn. Zum Gaudium aller zählt er auf, welche Einheiten für ihn infrage kommen würden: Favorit sei die Militärpolizei, alternativ könnte er sich auch die Hubschrauberstaffel vorstellen, meinte er. Hans Pleschberger war gutmütig. Seine große Leidenschaft war das Singen. Für einen Fünfer stellte er sich jederzeit breitbeinig vor sein Publikum und imitierte meistens Elvis Presley, aber er hatte auch einen Gospelsong im Repertoire.
Der einarmige Majorsarzt, wohl ein Veteran aus dem letzten Krieg, brüllte uns an: „Ich will kein Wort hören. Gesprochen wird nur nach Aufforderung, ich möchte nur kurze, präzise Antworten hören. Kapiert?!“
Die Burschen mussten einzeln an den Schreibtisch treten und seine Fragen beantworten. Er prüfte auch die geistigen Fähigkeiten. Danach kam die sofortige Entscheidung: Tauglich – Tauglich zum Dienst ohne Waffe – oder: Untauglich.
Norbert und ich hatten eine Idee zur Auflockerung der Stimmung. Wir nahmen Hans Pleschberger in die Mitte und flüsterten ihm zu: „Hans, wenn du zur Militärpolizei willst, dann kannst du jetzt etwas dafür tun. Du musst singen, unaufgefordert. Sonst wird das nichts!“
Hans schaute unsicher von einem zum anderen. Als er nur zustimmende Gesichter sah, legte er los. Er steppte aus der Reihe, drehte sich in Stellung und wirbelte mit den Händen auf einer imaginären Luftgitarre. Hans war in Hochform, er schmetterte den Refrain von „Oh, when the saints go marching in”. Die Gruppe wieherte vor Lachen und das Gesicht des Majors wurde dunkelrot. Er sprang von seinem Stuhl auf und schrie: „Ruhe!“ Dann wurde er ganz still, nur an seiner zuckenden Oberlippe konnte man erkennen, dass er sich mühsam unter Kontrolle hielt. Er musterte uns. Wir standen noch immer stramm und nackt vor ihm. Er zeigte auf Hans Pleschberger und befahl ihm, an den Schreibtisch zu treten. Mit beißend zynischem Ton fragte er Hans Pleschberger: „Wissen Sie, was ein Halbdepp ist?”
„Nein.”
„Ich sag´s Ihnen: Das ist ein Volltrottel, der humanerweise Halbdepp genannt wird!” Der Majorsarzt fragte nach seinem Namen, suchte den Akt heraus und knallte den Stempel mit der Aufschrift UNTAUGLICH auf blaues Papier. Hans Pleschberger musste sofort die Kaserne verlassen. Jetzt tat er mir leid, aber es war ja abzusehen gewesen, dass es so kommen würde - beim Pleschberger Hans - bei mir nicht. Danach marschierte der Major gefährlich ruhig die Reihe entlang und blieb vor mir stehen. Meine Unschuldsmiene war verzerrt vom mühsam verhaltenen Lachen. Der Major ließ mich vortreten, grinste diabolisch und sagte etwas von Strafkompanie und dass er mich Falotten schon noch kleinkriegen würde. Sein Befehl war klar: Ich musste mich in eine Ecke des Saales stellen. Dort stand ich bis zum Ende der Musterung. Es war kalt, ich war immer noch nackt und fror, als ich mich der Major vor den Schreibtisch zitierte. Er grinste, offensichtlich war seine Wut verraucht. Als er mich genauer betrachtete, stutzte er, zeigte auf meine schlecht verheilten Narben am Bauch und fragte: „Was war das für eine Operation?”.
Ich sagte: „Magendurchbruch, Billroth II.”
„Haben Sie ein Attest mit?”
„Nein.”
„Erstaunlich.”
„Warum?”
„Weil wir Sie damit beim Bundesheer nicht brauchen können”, sagte er und drückte den Stempel auf den Bescheid. Ich schaute ungläubig auf den blauen Zettel, dann fragte ich: „Untauglich?”
„Ja. Und jetzt machen Sie, dass Sie rauskommen, wir machen Feierabend.”
Somit stand fest: Der Dorfdepp und ich waren die einzigen Untauglichen meines Jahrgangs. Ich hatte immer geglaubt, dass sie mich zumindest für den Kanzleidienst oder etwas in der Art einziehen würden. „Das glaubt mir niemand”, sagte ich und schaute mich um. Es war niemand mehr da.
Die Kollegen warteten beim Mandlbauer-Wirt auf mich. Sie hatten zu feiern begonnen, noch bevor ich mit Verspätung die Gaststube betrat. Den blauen Zettel mit dem gut lesbaren Stempelabdruck UNTAUGLICH hatte ich mir mit Spucke auf die Stirn geklebt.
„Das gibts ja gar nicht!“, riefen sie. „Wie hast du das gemacht, Ferdinand?“
Was sollte ich sagen, ich hatte ja selbst nicht damit gerechnet. Ich war zwiegespalten. Einerseits ersparte mir dieser Bescheid jede Menge Leerlauf-Zeit und wahrscheinlich auch viel Zores beim Bundesheer – andererseits hatte ich auf die Pionierausbildung gesetzt, weil ich den Auswanderungsgedanken noch nicht ganz abgelegt hatte. Und den Führerschein, den ich beim Heer machen wollte, darf ich jetzt auch selbst finanzieren. „Egal, pfeif drauf”, sagte mein Inneres, „jetzt wird gefeiert.”
Es ging hoch her beim Mandlbauer – zunächst lud uns der Stadtrat Linhardt zu Würstel und Bier ein, danach ließ sich der Wirt auch nicht lumpen und schmiss die erste von Was-weiß-ich-wie-Vielen Runden Bier und Schnaps.
Ich lag auf meiner Pritsche in der Waschküche. Ein Geruch von kalter Asche stieg aus dem Feuerraum des Heizkessels. Ich versuchte mich aufzurappeln, fiel aber wieder auf die Seite, weil der Arm, auf dem ich mich stützte, taub war. Es fühlte sich an, als würde eine Armee von Ameisen auf meinem Unterarm marschieren. Mein Arm war eingeschlafen, ich war auf ihm gelegen. Mit der anderen Hand zog ich mich an einem Waschgestell hoch und kam halbwegs auf die Beine. Quälender Durst trieb mich zum Wasserhahn. Zunächst trank ich gierig, dann hielt ich meinen Kopf unter das kalte Leitungswasser. Langsam begann mein Hirn wieder zu funktionieren. Was war passiert?
Ja, natürlich, die Musterung, das Feiern beim Mandlbauerwirt. Aber dann? Ich hatte keine Ahnung, wie ich in die Waschküche gekommen war. Ich betrachtete mein Gesicht, das sich in der Fensterscheibe spiegelte, sah ein paar harmlose Blessuren und zuckte mit den Schultern. Geht schon. Zum Glück hatte ich zur Musterung nicht mein bestes Gewand angezogen. Die alte Blue Jean und das Holzfällerhemd waren zwar ramponiert, aber das störte mich nicht. Die Armbanduhr war heil geblieben und zeigte neun Uhr an. Jetzt fiel mir ein, dass meine Mutter noch gar nicht wusste, wie die Musterung ausgefallen war. Ich beschloss, sie an ihrem Arbeitsplatz in der öffentlichen WC- und Badeanstalt zu besuchen. Ihre erste Reaktion war: „Um Gottes Willen. Wie schaust denn du aus?”
Ich versuchte die Sache herunterzuspielen und sagte: „Mit dem Fahrrad gestürzt”, obwohl ich es selbst nicht so genau wusste.
„Und besoffen warst du auch. Nein, leugne nicht. Du stinkst von weitem nach Schweiß und Alkohol.”
Ich versuchte sie gnädig zu stimmen: „Ist ja gut, Mama, dafür bin ich untauglich, ich muss nicht zum Bundesheer. Da schau her, ich habe es schriftlich.” Ich zog den Bescheid aus meiner Jacke und gab ihn ihr zu lesen.
„Na, wenigstens etwas, du Saubua! Wie du ausschaust! Man muss sich schämen mit dir. Zieh sofort das Zeug aus. Ich lauf in die Wohnung und besorge dir was Frisches zum Anziehen. Du gehst einstweilen ins Personalbad und stellst dich unter die Brause.”
Sie schob mich mit Seife und Handtuch ins Bad, sperrte ihre Portierloge ab und ging. So ein Dampfbad ist eine Wohltat, es gab heißes Wasser. Als Mama mit frischer Wäsche wieder auftauchte, war ich schon wieder bester Laune.
„Und wie geht es weiter? Ich meine, wenn du nicht zum Heer musst”, fragte sie.
„Keine Ahnung, das ging alles viel zu schnell. Ich muss nachdenken, aber ich gehe auf jeden Fall aus dieser Stadt - und keine Sorge - ich werde Vater nicht mehr stören. Ihr seid mich bald los.
„Sei nicht ungerecht, Burli, du weißt, wie schwer ich es mit deinem Vater habe.”
Immer wenn sie zärtlich sein wollte, nannte sie mich Burli, so wie früher.
„Ich müsste dringend den Norbert anrufen, darf ich mal telefonieren?”
„Ja, aber nur ein Ortsgespräch. Hast du mich verstanden? Ich krieg sonst Probleme mit dem Chef.”
„In Ordnung, Mama. Und jetzt müsste ich allein sein, geht das?”
„Ist gut, ich gehe ja schon.”
Am Telefon meldete sich Norberts Mutter: „Pichorner.”
„Grüß Gott Frau Pichorner, da ist der Ferdinand, könnte ich den Norbert sprechen?”
„Ah, du kommst mir gerade recht! Was habt ihr denn gestern mit dem Norbert angestellt?”
„Was angestellt? Wir haben nur gefeiert nach der Musterung.”
„Gefeiert? Gesoffen wie die Russen habt ihr, so wie der Norbert dreinschaut! Mein Norbert ist doch kein Trinker!”
„Nein, ist er sicher nicht, Frau Pichorner. Ich möchte mit Norbert reden. Wir werden das aufklären. Allzu viel weiß ich leider selber nicht, ich habe ja auch gefeiert. Tut mir leid.”
„Also gut, ich übergebe jetzt an Norbert.”
„Hey Norbert!”
„Du? Du rufst mich an?”
„Ja, warum nicht? Guten Morgen erst mal.”
„Guten Morgen.”
„Was ist gestern passiert, Norbert?”
„Tu doch nicht so, als wenn du das nicht wüsstest!”
„Ehrenwort! Ich habe keine Ahnung, was gestern los war. Ich weiß nur mehr, dass wir beim Mandlbauer waren und ein Bier nach dem andern getrunken haben. Deswegen frage ich ja.”
„Es gab eine Rauferei in der Dockl-Diele. Du wolltest unbedingt noch in diese Bar, nachdem beim Mandlbauer Sperrstunde war.”
„Und wer hat gerauft?”
„Na wer wohl? Du und ich. Und ein paar andere, die sich eingemischt haben. Und das alles nur wegen der Susi!”
„Die rothaarige Susi von der Dockl-Diele?”
„Ja, die rote Susi. Ich hab nicht gewusst, dass du auf sie stehst. Als sie mit mir getanzt hat, bist du ausgeflippt. Sie hat uns beide ausgelacht und ist danach abgehauen.”
„Scheiß Sauferei”, sagte ich zu Norbert. Wie gehts dir jetzt mit einem wie mir?”
„Na ja, eigentlich ganz gut. Überhaupt dann, wenn ich daran denke, was wir für eine Gaudi gehabt haben beim Mandlbauer.”
Langsam kam die Erinnerung zurück, meine Stimmung wurde besser und ich fragte: „War da nicht etwas mit einer Szene aus der Musterung?”
„Ja”, sagte Norbert, „es war irre komisch, als du halb nackt am Tisch getanzt und den Pleschberger Hans nachgemacht hast. Du bist herumgesprungen wie ein Derwisch und hast den Refrain von „Oh when the saints go marching in” zum Besten gegeben. Es war die Version von Louis Armstrong, die du aus rauer Kehle gekrächzt hast. Ich habe meinen Arm am Rücken gehalten und den einarmigen Major nachgeäfft. Wir haben gebrüllt vor Lachen.”
„Was machen wir jetzt? Bist du noch sauer auf mich?”, fragte ich.
„Nein. Also – Schwamm drüber.
„Hast du Lust auf ein Katerfrühstück im Friedens-Café am Minoritenplatz? Ich lade dich ein.”
„Einverstanden, ich brauche eh dringend etwas für meinen Brummschädel. In einer Stunde bin ich da!”
„Okay, bis dann, Norbert.”
Es wurde ein langer Frühschoppen. Nachdem wir unsere kleine Reiberei wegen einer, zugegeben sehr attraktiven Rothaarigen, aus der Welt geschafft hatten. Norbert fragte, wie es bei mir weitergeht. „Du wolltest doch weg von hier, oder?”
„Ja, ich wollte nach Kanada, aber erst nach dem Bundesheer. Jetzt ist alles ganz anders. Untauglich zu sein bedeutet wahrscheinlich das Ende meines Kanadatraums. Sicher ist nur: Ich will weg von hier. Daran hat sich nichts geändert.

Firma Kowalsky, Montag 7:00 Uhr: Arbeitseinteilung. Ich bekam den Auftrag, in einer historischen Villa antike Kachelöfen fachmännisch abzutragen, um sie später mit neuem, feuerfestem Innenleben auszustatten. Die Adresse auf dem Auftragszettel war mir dem Wortlaut nach bekannt: Mürztal, Carl-Morré-Straße 77. Der Name der Ansprechpartnerin: Frau Sulzer-Kolb, sagte mir nichts. Umso mehr der von Peter Tschimm, der als Auftraggeber angegeben war. Schlagartig tauchten Bilder vor meinem geistigen Auge auf, so klar und frisch, als wäre die Zeit stehen geblieben und nicht inzwischen eine halbe Ewigkeit vergangen.
Ich sah mich als kleinen Jungen, der in der armseligen Wohnung zuhören musste, wie mein Vater mit seinem Freund Peter Tschimm, den alle nur Jim Peda nannten, streitet. Jener Jim Peda, zu dem ich auf Geheiß des Vaters Onkel Jim sagen sollte, und der mir zusah, wie ich mit den nutzlos gewordenen Stampiglien der bankrotten Firma meines Vaters spielte. Ich drückte einen Stempel auf altes Papier – Karl Morré Straße 77 – stand da. Es hatte für mich keine Bedeutung. Wohl aber der Satz den Vater damals mit abschätziger Geste von sich gab, als Jim Peda das Haus verließ: „Der spinnt wohl! Ich mach doch mit einem Bettler keine Geschäfte.”
„Das muss es sein”, sagte ich, und stellte mein Moped samt Anhänger und Handwerkszeug vor dem schmiedeeisernen Tor ab. Am rechten Stützpfeiler des Tores befand sich in einer Vertiefung eine von Grünspan zersetzte Kupferplatte mit zwei Klingelknöpfen. Ich drückte auf den Klingelknopf bei: Sulzer-Kolb. Darunter eine kaum lesbare Gravur: Planegger & Sohn, Glaswaren en gros & en detail. Eine Ahnung bestätigte sich, ich stand vor dem ehemaligen Sitz der Firma meines Vaters.
Niemals hätte ich gedacht, dass die Geschichten wahr sind, die Vater seinen Saufbrüdern immer wieder erzählt hatte. In unserer schäbigen Behausung, die nicht annähernd zu den Worten passte, die Vater von sich gab, wurde ich zwangsweise Zeuge seiner Prahlereien. Weil die Erzählungen jedes Mal anders klangen, glaubte ich seinen Sprüchen schon lange nicht mehr.
Und jetzt war da diese geheimnisvolle Villa, die aktuell seinem früheren Freund zu gehören schien. Ich war gespannt, was mich erwarten würde, aber es rührte sich nichts. Immerhin wurde ich in diesem Haus geboren. In meiner Geburtsurkunde steht: Carl-Morré-Straße 77.
Ich schaute durch das schmiedeeiserne Tor in einen verlassenen Park. Zwischen majestätischen Fichten und blühenden Kerzen junger Rosskastanien stand im Hintergrund ein prächtiges Gebäude, das trotz bröckelnder Fassade sehr vornehm wirkte. Über einem Bogen war der Schriftzug 'Villa Hammerherr' zu lesen. Seitlich schimmerte zwischen Sträuchern ein kleineres Gebäude durch. Rauch von verbranntem Holz drang in meine Nase. Aber abgesehen davon regte sich kein Leben. Alles war ruhig wie unbewohnt. Das hohe Gras stand aufrecht, als wäre schon lange niemand mehr diesen Weg gegangen. Von innerlicher Regung getrieben, schritt ich entlang von verwachsenen Weißdornsträucher, bis ich nach etwa 50 Metern ein massiv gemauertes Gartenhaus erblickte. Ich spähte durch die Sträucher und sah eine Frau mittleren Alters gebückt vor einer Feuerstelle stehen. Sie verbrannte Gartenabfall.
„Hallo, ist da wer?”, rief ich und schwenkte meine Arbeitspapiere über dem Kopf. Jetzt hatte mich die Frau entdeckt. Sie blickte ungläubig, dann tippte sie sich mit der Hand auf die Stirn und lächelte verlegen. Sie war mir sofort sympathisch.
„Sie müssen der Handwerker sein, der die Öfen umbaut. Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit. Ich hab’ den Termin glatt vergessen”, sagte sie.
„Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, ich habe Sie ja gefunden.” Die Frau strahlte etwas Vornehmes aus. Ich fühlte mich unsicher, weil ich nicht wusste, wer sie war. Zur Sicherheit wählte ich daher die Anrede 'Gnädige Frau' und stellte mich vor: „Ich komme von der Firma Kowalsky und soll hier Reparaturarbeiten durchführen.”„Sie sind richtig hier, junger Mann. Mein Name ist Mathilde Sulzer-Kolb, ich verwalte für die Peter Tschimm GmbH diese Liegenschaft. Die Villa steht schon lange leer. Warten Sie einen Moment, ich hole nur schnell die Schlüssel.”
Als sie aus dem massiv gebauten Gartenhaus kam, war sie verändert. Frau Sulzer-Kolb hatte die Gummistiefel gegen Halbschuhe getauscht. Um die Schulter trug sie eine breit gehäkelte Stola. Das sah edel aus, fand ich.
„Kommen Sie”, sagte sie, „ich zeige ihnen das Haus.”
Wir gingen auf einem mit Gras fast zugewachsenen Kiesweg zwischen den Bäumen zur Villa. Im Gehen las sie den Auftragsschein und blieb plötzlich stehen, blickte mich von der Seite an und fragte leise: „Ist das ihr Name? Planegger?” Ich befürchtete eine negative Reaktion. Innerlich verfluchte ich meine Eltern, weil sie mir nie verraten hatten, was genau es mit dieser Villa auf sich hatte. „Ich heiße Ferdinand”, sagte ich so teilnahmslos wie möglich. Frau Sulzer-Kolbs Augen wurden größer. Ich sah ihr an, dass sie nachdachte. Dann sagte sie: „Verzeihen Sie die Frage: Wie alt sind Sie?”
„Ich bin achtzehn.”
„Und ihre Eltern sind Franz-Josef und Maria Planegger?”
„Ja.”
Frau Sulzer-Kolb war plötzlich wie verwandelt, keine Spur mehr von feiner Dame. Sie blies sich salopp eine Haarsträhne aus dem Gesicht, lächelte mich an und legte eine Hand auf meine Schulter. „Dann müssen Sie der Burli sein. Ja, Sie sind der Burli mit dem weißblonden Haar und den blauen Augen. Der Burli, der hier zur Welt kam. Der Burli, der niemals Ferdinand genannt wurde, weil er eben unser Burli war!”, jubelte sie. „Sie werden sich nicht erinnern, aber ich wohnte schon immer hier und war damals manchmal ihre Kinderfrau, wenn Ihre Eltern geschäftlich unterwegs waren.”
Es war wunderbar, diese Wärme zu spüren. Wie aus dem Nichts fiel mir ihr Name ein. „Ja, ich bin der Burli von damals. Und Sie müssen Tilla sein. Richtig?”
„Genau! Sie konnten meinen Namen Mathilda nicht aussprechen und nannten mich Tilla und fortan alle anderen auch. Ich mochte diesen Namen.”
Am Aufgang zur rückseitigen Empore der Villa wiegten sich Fliedersträucher im Wind. Breite Flügeltüren mit eleganten Jugendstilfenstern führten in die Bel-Etage des Hauses. Die Terrasse wirkte wie eine Bühne. Hier spürte ich den Geist des Hauses und erahnte seine Vergangenheit. Ich fühlte nicht die Macht der Besitzer, es war vielmehr der Charme der Villa, der mich beeindruckte. Das großartige Panorama war meine Heimat, nur hatte ich sie von dieser Warte aus noch nie gesehen. „Und das alles war einmal mein Zuhause?”, sinnierte ich. Frau Sulzer-Kolb war unbemerkt an meine Seite getreten, blickte mich an und nickte mir stumm zu, offenbar hatte ich laut gedacht. Ich fühlte mich ertappt und wischte mit: „Auf gehts, an die Arbeit!”, die Gedanken aus dem Kopf.
Ein lang gezogenes 'Hallo' tönte aus dem Park. „Ah, das muss Herr Tschimm sein, der neue Besitzer, er wollte auch kommen”, sagte Tilla und stellte wie nebenbei fest: „Sie müssten ihn eigentlich kennen, er war einmal ein Freund Ihres Vaters.” Ich fragte, obwohl ich es genau wusste, dass es sich um Jim Peda handelte: „Der Einarmige?”
Tilla schaute mich vorwurfsvoll an. „Er hat es weit gebracht, ist zum erfolgreichsten Unternehmer im Bezirk geworden. Ein toller Mann!”
„Ich weiß. Mein Vater sieht das allerdings anders.”
„Kann ich mir denken”, sagte Tilla. „Purer Neid.”
Frau Sulzer-Kolb und Peter Tschimm begaben sich zu einem wuchtigen Schreibtisch in der Bibliothek und rollten Pläne aus, die der neue Besitzer der Villa Hammerherr mitgebracht hatte. Vermutlich werden sie jetzt über mich reden, dachte ich. Natürlich wäre ich gerne dabei gewesen, aber ich war nun mal zum Arbeiten da. Ich begann den Jugendstilofen abzutragen und trug die Teile zur späteren Reinigung in das Magazin neben der Villa. Das Gerümpel in diesem Raum löste bei mir eine sonderbare Anziehungskraft aus. Ich stöberte herum und vergaß die Zeit. Weiter hinten im Raum türmte sich ein nach Öl und Gummi riechendes, verdecktes Ungetüm auf. Meine Neugier war nicht mehr zu bremsen. Ungeachtet meines eigentlichen Auftrags kämpfte ich mich zu dem obskuren Ding durch und zog mit einem Ruck die Plane weg. Mein Atem stockte, ich konnte kaum glauben, was ich sah. Da stand der Goliath mit Ladefläche, ein Dreirad-Auto, von dem Vater manchmal erzählte. Die Frontscheibe war geborsten, ein Sitz befand sich im Führerhaus, der zweite lag beim Gerümpel. Ich setzte mich auf den Ledersitz, ignorierte Staub und Ölflecken und träumte von einer Fahrt mit diesem Auto. Der Geruch des Leders öffnete ein Fenster in meine Kindheit. Wir fuhren auf der Landstraße, hinter uns eine Staubwolke. Wer damals gefahren war, fiel mir nicht ein, aber das war auch egal. Jetzt fuhr ich.
Eine Stimme holte mich ins Jetzt zurück. Jim Peda alias Peter Tschimm stand in der Tür und begrüßte mich mit dem ihm eigenen Sarkasmus: „Da ist er ja der hoffnungslose Sprössling!” Es war wie damals, als ich ein kleiner Junge war: Ich wusste nicht, ob er mir gut gesinnt war. Ich grüßte höflich, murmelte eine Entschuldigung und verschwand im Haus. Zum Glück war mein Chef gekommen, um mir zu helfen. Wir arbeiteten acht Tage, dann war der Kachelofen neu gesetzt und strahlte neue Wärme aus.
Eine Woche danach war ich bei Tilla zu einem Plausch eingeladen. Ich hatte sie gebeten, mir von der Zeit in der Villa Hammerherr, an die ich mich nicht erinnern konnte, zu erzählen.
Den Weg, der zu Tillas Gartenhaus führte, kannte ich schon. Also strolchte ich durch den hinteren Teil des Parks. Ich wollte Zeit gewinnen. Die Euphorie der ersten Begegnung mit Frau Salzer-Kolb war einer Mattigkeit gewichen. Die profanen Arbeitstage hatten mich abgestumpft und jetzt wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte.
Sie empfing mich mit ehrlicher Freude in einer kleinen Laube hinter dem Haus. „So mein Freund”, sagte Tilla, „ich habe noch ein paar Flaschen Osterbock. Bestes Starkbier von Reininghaus, das haben mir die Floriani-Jünger der Feuerwehr zu meinem 50er nebst einem Korb voller Spezereien geschenkt. Ich habe das Bier aufbewahrt für besondere Tage. Voilá, heute ist so ein Tag, der muss gefeiert werden. Bist du einverstanden?”
Tillas ungezwungene Art war herzerfrischend.
„Ja, gerne! Und danke für die Einladung”, sagte ich.
„Es gibt noch einen Grund zu feiern, weißt du welchen? Nein? Weißt du nicht? Natürlich nicht, kannst du gar nicht wissen. Ich sage es dir”, sie machte eine kurze Pause. „Dieses schöne Haus da drüben, die Villa Hammerherr, ist ein besonderes Haus und wir zwei haben eine Gemeinsamkeit mit ihm. Du und ich, wir zwei sind in diesem Haus geboren worden. Na, was sagst du jetzt?”
Ich war beeindruckt von dieser Frau, die sich im Gespräch auf meine Ebene begab und mir damit neuen Mut für brennende Fragen verschaffte.
„Warum wohnen Sie in diesem vergleichsweise kleinen Gartenhaus und nicht in der Villa”, fragte ich.
„Daran ist dein Vater nicht ganz unbeteiligt.”
„Was ist passiert?”
„Da muss ich weiter ausholen.
Ich bin seit den ersten Kriegstagen Witwe. Edgar, mein Mann ist in Norwegen gefallen. Meine Familie hatte früher ein Eisenwerk und große Besitzungen in der Steiermark. Nach dem Ersten Weltkrieg ging viel davon verloren. Die Villa Hammerherr, unser Stammhaus, ist mir geblieben, doch ohne die früheren Einkünfte wurde es immer schwerer, dieses Anwesen zu bewirtschaften. Anfangs wurden die Agrarflächen verpachtet, später verkauft. Im letzten Krieg wohnten in der Villa alle möglichen Leute. Darunter war auch deine Mutter mit ihren zwei Mädchen Anna und Elisabeth. Sie war Witwe so wie ich und heilfroh, in diesen schweren Zeiten überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Dorf lernte sie deinen Vater kennen und lieben. Er war an der Heimatfront im fernen Zistersdorf im Marchfeld bei den Öltürmen, während deine Mama bei Böhler in Deuchendorf Geschützrohre für Hitlers Panzer baute. Hier in diesem Haus haben sie 1943 geheiratet”. Tilla seufzte kurz und blickte mich fragend an: „Was rede ich da, das wusstest du schon, oder?“
„Na ja, ich weiß, dass sie im Krieg geheiratet haben. Ich weiß sogar, dass ihr Hochzeitstanz der Schneewalzer war, aber ich weiß nicht, dass sie in der Villa Hammerherr geheiratet haben. Den Namen Sulzer-Kolb erwähnten sie nie. Von 'Tilla' wurde manchmal gesprochen, aber nur von meinen Schwestern. Sie flüchteten von meinem Vater sobald sie aus der Schule waren.“
Ich stand auf, um mir die Füße zu vertreten. Tilla meinte: „Komm, wir gehen ins Haus. Es kommt Wind auf, drinnen ist es gemütlicher. Möchtest du noch ein Bier oder doch einen Tee? Ich habe auch Slivovitz, echten Zwetschkenbrand, der löst die Zunge, manchmal auch Probleme. Prost, trinken wir auf den zum Mann gewordenen Burli!“
„Prost! Tilla, es wäre mir lieber wenn Sie mich Ferdinand nennen würden. Es war schwer genug, den Rufnamen Burli nach der Schulzeit abzulegen.” Ich verschränkte die Hände vor meiner Brust und lehnte mich zurück.
„Soll ich weiter erzählen?, fragte Tilla.
„Ja schon. Mich würden die Abläufe hier in der Villa interessieren, die Zeit nach meiner Geburt und alles was um mich herum geschah. Vor allem möchte ich wissen, was Sie für eine Rolle gespielt haben in diesem Haus.“
„Ich warne dich, Ferdinand, nicht alles, was ich erzähle, wird dir gefallen.”
„Ich werde es aushalten.”
„Wie du meinst. Also: „Dein Vater war arm wie eine Kirchenmaus, als er hier bei uns ankam. Die Nazis verschafften ihm Arbeit in den Kanzleien der Ölförderanlagen in Zistersdorf und bei Böhler in Kapfenberg-Deuchendorf. Die Stahlwerke in unserem Gebiet produzierten neben Geschützrohren auch die Bohrgestänge für die Tiefenbohrung. Franz-Josef war tüchtig und sah voller Vertrauen in die Zukunft. Nach dem Zusammenbruch von Hitler-Deutschland wurde unser Land zwar von den Nazis befreit, gleichzeitig aber von den Sowjets besetzt. Der Krieg war endlich vorbei und eine allgemeine Aufbruchsstimmung überzog das Land. Die zweite Republik wurde ausgerufen; der Wiederaufbau begann. Dein Vater erkannte die Chance und ließ seine Vergangenheit zurück. Kurzerhand beantragte er bei den provisorischen Ämtern einen Gewerbeschein als Kaufmann und Handelsreisender, inklusive der Herstellung von Glas- und Spielwaren. Am Gemeindeamt war man froh, dass sich Leute einfanden, die in die Hände spuckten und sich der Zukunft stellten, andere mitrissen und bereit waren das Land wieder aufzubauen. Derart beherzte Menschen bewunderte insgeheim jeder, denn sie hoben sich von der Masse ab, wo viele in einer Schockstarre waren. Wagemutigen, wenn sie nicht gerade tollkühn waren, folgte man gern. Doch Franz-Josef hatte die Rechnung ohne den neuen Wirt gemacht. Die Sowjets wussten von seiner Kriegsverwendung in Zistersdorf, seinen Kenntnissen in der Verwaltung der Ölförderung und beorderten ihn unmissverständlich an seine ehemalige Dienststelle zurück. Was sollte er tun?”, fragte Tilla rhetorisch und ihr Blick hing in dem Satinvorhang, den sie inzwischen zugezogen hatte.
„Konnte er sich nicht verweigern?”, fragte ich.
„Doch, aber es war gefährlich. Viele Leute, die es probiert haben, sind danach für immer verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass die Steiermark zwei Monate später von den toleranteren Briten als Besatzungsmacht in einem alliierten Tausch gegen des Mühlviertel übernommen würde. Dein Vater trat seinen Dienst in den Ölfeldern des Marchfeldes ein zweites Mal an – diesmal unter sowjetischer Führung. Kurze Zeit später saß er in einem Büro in Wien und wurde ein privilegierter Angestellter mit Beziehungen bis ganz oben. Seine ersten russischen Wörter hatte er noch in Kriegszeiten von sowjetischen Kriegsgefangenen in Zistersdorf gelernt. Jetzt perfektionierte er seine Kenntnisse. Franz-Josef Planegger war plötzlich wer!” Tilla meinte, ich könnte schon ein wenig stolz auf meinen Vater sein, doch ich tat mir schwer mit dem Gedanken. Darüber wollte ich nicht mit ihr reden.
„Was hat es ihm gebracht? Wem hat es genützt genützt? Und was hatte das mit der Firma Planegger & Sohn und der Villa Hammerherr zu tun gehabt? Erzähle bitte weiter”, sagte ich und schielte auf den Slivovitz. Sie bemerkt es und schenkt sich und mir noch einen Doppelten ein.
„Einverstanden Ferdinand, aber es ist eine lange Geschichte. Dein Vater sprühte vor Ideen. Das gefiel auch den russischen Kommissären in Wien. Sie hatten nichts einzuwenden, als sich Franz-Josef selbstständig machen wollte und trotzdem im Kombinat der USIA als Angestellter weiter unter Vertrag stand. Als Standort wählte er das Nebengebäude der Villa Hammerherr. Die Firma Glaswaren-Planegger wurde mein Mieter. Hier wurde nächtelang über seine Ideen diskutiert und viel probiert. Das Geschäftsmodell war klar: Produktion und Vertrieb von Glasbildern und Glaskassetten. Die ersten Mitarbeiter standen fest. Fritz Schwaiger, ein alter Freund von Franz-Josef und Glasermeister von Beruf, war für das Handwerk zuständig. Deine Mutter fertigte mit Frauen aus dem Ort die ersten Bilder und Kassetten an. Ich kümmerte mich um die Organisation und fungierte als Geschäftsführerin. Franz-Josef hatte relativ oft am Semmering zu tun, dort befand sich eine Außenstelle der USIA am einzigen Zonenübergang zum britischen Sektor. Dein Vater hatte eine spezielle ID-Karte, damit konnte er problemlos die Demarkationslinien überschreiten und hier nach dem Rechten sehen. Trotzdem gab es immer Schwierigkeiten mit Behörden. Die Steiermark war mittlerweile unter britischer Hoheit. Für den Unternehmer Planegger mit seinen guten Beziehungen zu den Sowjets war das nur kurzfristig ein Problem. Der Hauptsitz des Unternehmens wurde nach Wien verlegt und der Betrieb hier in der Villa wurde zur produzierenden Filiale. Das Geschäft lief in den ersten drei Jahren so gut, dass unsere Belegschaft auf fünfundzwanzig Frauen und fünf Männer angewachsen war. Wir bezogen unser Material aus USIA-Betrieben zu konkurrenzlos günstigen Preisen.“
Ich unterbrach Tillas Erzählfluss und fragte: „War das nicht illegal?“
„Ja und nein, Ferdinand, es war eine ganz andere Zeit. Der Grund für diese Maßnahme war folgender: Große Industriebetriebe, wie die Zistersdorfer Erdölfelder, Ziegelfabriken, Glashütten, Gummibetriebe und Elektrofabriken wurden im Sowjet-Kombinat USIA zusammengefasst und genossen in Österreich exterritoriale Rechte. Das Kombinat unterlag keinen Landesgesetzen und konnte sich jeder Kontrolle entziehen. Es brauchten keine Abgaben, Steuern oder Zölle entrichtet werden. Nicht zuletzt wurden sämtliche Gütertransporte dem Reparationskonto zugerechnet. Dass gigantische Gewinne zu erzielen waren, lag auf der Hand. Sowjetische USIA-Läden für den Kleinhandel schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Preise waren durch die Steuerfreiheit so kalkuliert, dass sie um Vieles geringer waren als beim österreichischen Händler. Zugegeben – es war nicht sehr patriotisch, aber geschäftlich effizient. Dein Vater hatte viel erreicht, doch es war nicht genug, er wollte mehr. Viel mehr.“
Der Slivovitz zeigte Wirkung und ich schrie: „Dieser verdammte Idiot!“
Tilla nickte: „Aber er war der Chef. Es war selbstverständlich, dass durch diese Geschäfte und Kontakte auch Freundschaften entstanden. Russischer Wodka und junger österreichischer Wein waren die hervorragende Kombination. So mancher Politfunktionär rutschte schneller als er wollte in die russische Gefahr, des p´janstro, wie sie die Alkoholabhängigkeit nannten. Franz-Josef gefiel das, er sah für sich keine Gefahr, vor allem dann nicht, wenn er selber stockbesoffen war. Er hatte noch nie im Leben so hochstehende Freunde gehabt. Das war für ihn der Durchbruch.”
„So ein raffinierter Hund!”, platzte ich heraus.
Tilla fuhr fort: „Für exklusive Kunden und kirchliche Einrichtungen plante er, die Bilder mit Bleirahmen zu versehen, ähnlich den sakralen Kirchenfenstern. Seine Idee war es, diese Glasbilder kunstvoll zu einer Kassette zusammenzufügen, den Innenraum mit Kunstseide und Watte zu drapieren und beispielsweise als Schmuck- oder Nähkästchen anzubieten. Die Außenflächen boten Platz für Hinterglasmalerei oder Drucke. Spezielle Abnehmer waren die alliierten Offizierscasinos, für zahlungskräftige Soldaten wurden auch pikante Szenen dargestellt, die sich sehr gut verkauften. Sein Bemühen war es, in naher Zukunft die Ware bundesweit zu vertreiben. Eine Vision war die eines aufkommenden Tourismus in Europa. Durch den Krieg und die gesellschaftslosen Jahre in der nationalen deutschen Volksgemeinschaft war der Markt für schöne Dinge leer gefegt. Dieser brache Markt, war sein Ziel.”
Tilla brauchte eine Pause. Wir rauchten Zigaretten und tranken Tee. Dann erzählte sie weiter: „Mittlerweile war dein Vater nicht nur Besitzer einer weitreichenden Import-Export-Konzession, sondern auch für den wichtigen Interzonenhandel mit Kunsthandwerk aus Glas und Metall. Der neue Hauptstandort befand sich im russisch besetzten 10. Wiener Bezirk. Eine halb zerbombte Schlosserei diente als Zwischenlager, das gut eingerichtete Büro teilte er sich mit dem Schlossermeister Karl Swoboda. Der seinerseits avancierte zum Schrotthändler, ganz im Sinne der Direktoren der USIA. Schrott war Gold in diesen Zeiten. Glas auch, aber Glas ist zerbrechlich. Franz-Josef partizipierte an einigen Geschäften des Schrottbarons, vor allem hängte er seine Glas-Transporte an die Schrott-Waggons von Swoboda. Beim Verschieben der Waggons am Wiener Süd-Ost-Bahnhof gab es immer wieder Zwischenfälle, meistens dann, wenn beim Zusammenstellen der Züge frei laufende Waggons ruckartig zusammen krachten. Dem Eisenschrott konnte diese rustikale Zugzusammenstellung wenig anhaben. Bestand die Ladung jedoch aus Flachglas, dann war nicht selten ein Totalschaden die Folge. Die Regel war aber auch, dass von zehn derartigen Vorfällen sieben fiktiv waren. Frachtpapiere gingen durch viele Hände, manch armer Eisenbahner setzte seinen Haken unter eine Glasbruchladung, die gar keine war. Die Bahn oder irgendwelche Versicherungen zahlten. Swoboda wusste das zu schätzen und Franz-Josef Planegger auch, denn das intakte Glas ging kostenlos an seinen Betrieb. Nach solchen Zwischenfällen wechselten fünfstellige Beträge die Besitzer. Für den braven Eisenbahner schaute ein Schrebergarten-Grundstück dabei heraus. Am Wiener Schwarzmarkt gab es alles zu kaufen, auch günstiges Fensterglas.
In dieser Zeit wurde die Produktion in der Villa Hammerherr zur Nebensache. Von deinem Vater war immer weniger zu sehen, er lebte in einer anderen Welt. Als er nach Wochen der Abwesenheit hier auftauchte, hatte er seinen neuen Kompagnon, den Eisenhändler und Wiener Schrottbaron Karl Swoboda dabei. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit deiner Familie ließen die beiden die Bombe platzen: Sie machten mir ein lukratives Angebot, sie wollten die Villa kaufen! Seit Jahren lebte ich nur mehr von der Substanz, die Hypotheken auf das Haus wurden immer größer. Die Einnahmen deckten die Kosten nicht. Dein Vater war immerhin Kaufmann, er wusste das. Wir verhandelten nicht lange und ich muss zugeben, sie waren anständig und gingen auf meine Konditionen ein. Sie kauften nur die Villa und den Park, die Gärten im westlichen Teil und dieses Haus hier, das ehemalige Gärtnerhaus mit den Nebengebäuden blieb in meinem Besitz.
Die Villa Hammerherr erfuhr im vierten Jahr der Firma Planegger & Sohn ihre letzte Hochblüte. Es wurden rauschende Feste gefeiert. Im Salon des Hauses wurden auf edlem Augarten-Porzellan Delikatessen serviert, von denen die meisten noch nie gehört hatten. Blumenarrangements entlockten den feinen Herrschaften Ausrufe der Begeisterung. Ich war als Tischdame engagiert und konnte so manches Gespräch verfolgen. Mit der Zeit bekam ich eine Ahnung, was hier ablief.“
Tilla stockte in ihrem Erzählen. Ich schaute sie an und ahnte, dass auch sie erbost war über das, was damals in diesem ehrwürdigen Haus passierte. Sie stand auf und holte eine weitere Kanne Tee. Nach einer Pause erzählte sie aber weiter.
„Dann kam auch noch der russische Handelsdelegierte Alexej Smirnoff dazu und ich fing langsam an zu verstehen, wie die ganz großen Geschäfte abliefen: Alexej zog zwei dicke Kuverts aus dem Schrank, schaute seitlich zum zappeligen Swoboda und wiegte sie genüsslich in beiden Händen und sagte: „Ich habe als Vorsitzender unserer privaten Erwerbsgemeinschaft mit Schrott und Glas erfolgreich mit den Amerikanern verhandelt. Ab sofort wird in Dollar bezahlt, allerdings wissen die Direktoren der USIA nichts davon. Dass das so bleibt, liegt ganz bei uns. Also Vorsicht. Wie ihr wisst, sind die Ohren des NKWD überall. Ich möchte nicht im Gulag landen.”
Dein Vater bekam zittrige Knie, als Alexej die Kuverts verteilte. „Ihr braucht nicht nachzählen, Freunde. Es sind exakt 10.000 Dollar. Der Aufteilungsschlüssel ist wie immer 50:50. Zufrieden?“ Alexej wartete die Antwort nicht ab und schenkte Wodka in Wassergläser ein und sagte: „Sa náschu drúschbuund - auf unsere Freundschaft. Es lebe die Sowjetunion!”
Ich brauste auf, konnte nicht mehr richtig zuhören und schrie meine Abneigung heraus: „Dieses gottverdammte Arschloch! Mir und allen anderen faselt er dauernd von Sozialdemokratie und Gerechtigkeit vor, dieser Heuchler. Ein Kommunist war er und hat mit den Russen gemeinsame Sache gemacht. Außer Geldgier sehe ich da gar nichts. Von wegen anständiger Geschäftsmann, ich hasse ihn!”
Tilla versuchte mich zu beruhigen und sagte: „Ich habe dich gewarnt und gesagt, dass dir nicht alles gefallen wird. Soll ich weiter erzählen? Ich bin gleich fertig.“
„Ist schon gut Tilla erzähle weiter, du kannst ja nichts dafür. Jetzt weiß ich wenigstens, warum er nie darüber reden wollte!”
Tilla fuhr fort: „In dieser Tonart ging es weiter. Eine Orgie folgte der anderen. Wir hatten von der Crème de la Crème bis zu den Huren alles hier im Haus. Ich will dir die Einzelheiten ersparen, außerdem war ich am Ende nicht mehr dabei.
Die Russen haben sich langsam aus Österreich zurückgezogen, die Justiz und die Finanzämter wurden aufmerksamer. Den Schwarzhändlern wurde durch die bessere Wirtschaftslage der Nährboden entzogen und den kriminellen Händlern wurde nach und nach das Handwerk gelegt. Ich mochte deinen Vater gerne, weil ich wusste, dass er im Kern ein guter Mensch war. Er konnte unglaublich lustig sein.Selbst als er mir Avancen machte, war ich zwar irritiert, aber nicht böse auf ihn. Als das Ende seines Imperiums nahte, startete er einen letzten Versuch und versuchte mich zu erpressen mit meiner Mitwisserschaft. Ich sollte für ihn meinen restlichen Besitz verpfänden, um ihm aus der Patsche zu helfen. Ich habe abgelehnt, auch deswegen, weil es sowieso niemals gereicht hätte.
Zwei Monate später hatten sie ihn und seinen Komplizen Karl Swoboda in einem Nachtklub in der Wiener Innenstadt verhaftet. Die Villa wurde beschlagnahmt und die Firma Planegger & Sohn in den Konkurs geschickt. Das traurige Finale fand vor einem Gericht in Wien statt. Franz-Josef Planegger wurde wegen betrügerischer Krida und Abgabenhinterziehung zu acht Monaten schwerem Kerker verurteilt. Alexej Smirnoff war für die Justiz nicht mehr greifbar. Er wurde in die Sowjetunion zurück beordert.“
Tilla hatte den letzten Teil ziemlich schnell erzählt und war sichtlich mitgenommen. Ich glaube, sie war genau so froh wie ich, dass die Geschichte zu Ende war.
„Wie gehts dir jetzt?, fragte sie. „Wirst du deinen Vater zur Rede stellen, ihm Vorwürfe machen?”
„Nein, werde ich sicher nicht. Wie ich ihn kenne, streitet er sowieso alles ab. Mir ist so manches klar geworden. Ich werde ohnehin diese Stadt verlassen und mein Glück wo anders suchen. Ob ich es schaffe, den Namen Planegger hochzuhalten? Ich weiß es nicht.

Der Adriaexpress von Split nach Salzburg mit Kurswagen nach Hamburg Altona hatte 30 Minuten Verspätung. Die wartenden Fahrgäste waren ungehalten und beschwerten sich beim Bahnpersonal. Ich auch, obwohl ich mir keine großen Hoffnungen machte, dass das etwas ändern würde. Meine Sorge galt dem Bus, der mich von Salzburg nach Faistau in den Pinzgau bringen sollte. Ich wollte pünktlich bei meinem neuen Arbeitgeber sein.
„Wir holen das auf, da bin ich zuversichtlich“, beruhigte der Zugführer die Reisenden am Bahnsteig. Dann kam der Zug, er hatte noch mehr Verspätung als angekündigt. Ich war von den Gleisen zurückgewichen, um besser durch die Fenster in die Abteile zu sehen, wo freie Plätze wären. Der Kurswagen nach Hamburg war der modernste und nicht so besetzt wie die anderen. Also bestieg ich den Waggon über die hohen Trittstufen und wählte das erstbeste Abteil. Auf die höfliche Frage: „Ist da noch frei?“, antwortet mir ein junger, rothaariger Mann mit reichlich Sommersprossen im Gesicht. Ich schätzte ihn auf 25 Jahre: „Aber ja, nimm Platz.“
Ich wuchtete meinen Koffer in die Ablage, ging auf den Gang, zog das Fenster herunter und rauchte eine Zigarette. Eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher am Bahnsteig kündigte an, dass der Zug gestürzt würde. Das bedeutete, dass am anderen Ende eine Lok angekuppelt und der Zug den Bahnhof in die entgegengesetzte Richtung verlassen würde. Es gab einen Ruck und für einen Moment ging im Abteil das Licht aus. Langsam zog die E-Lok die Waggons in Richtung Westen. Ich hörte das Knirschen der stählernen Räder, wie sie über mehrere Weichen in ein neues Gleis gezwungen wurden. Auf meinen Fußsohlen spürte ich das Vibrieren. Es war, als stünde ich direkt über den Rädern. Beim Blick aus dem Fenster sah ich, wie sich der Zug wie ein Wurm durch ein Wirrwarr von Gleisen schlängelte. Die Drehgelenke ächzten. Beim Weg zurück in das Abteil hatte ich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Mit ausgestreckten Armen handelte ich mich durch bis zum Abteil. Langsam ging das Ruckeln in gleichbleibenden Rhythmus über. Ich liebte das „tadam- tadam“. Es war die Melodie des Neuanfangs für mich. Der Express rauschte aus der Stadt, vorbei an Lagerhallen und Hinterhöfen, die ich von dieser Warte aus noch nie gesehen hatte. Ich verabschiedete mich im Gedanken. „Nur keine Sentimentalität aufkommen lassen”, dachte ich und war froh, diesen Schritt getan zu haben. Zurück im Abteil lachte mir der Typ mit den Sommersprossen entgegen: „Na? Verabschiedet von der Liebsten?“
„Nichts dergleichen. War nur eine rauchen.“
„Wohin fährst du?“, fragte er.
„Nach Salzburg und dann weiter in den Pinzgau. Und du?“
„Wieder nach Hamburg.“
„Oh! Muss eine tolle Stadt sein, da möchte ich auch einmal hin, St. Pauli und so!“. Er verdrehte die Augen und grinste wissend. Ich zeigte auf sein Gepäck, einem riesigen Sack, wie ihn Seeleute und Soldaten benutzen.
„Fährst du zur See? Ich meine wegen des Seesacks.“
„Ja. Gut geraten!“
„Was machst du auf dem Schiff?“
„Ich habe als Smutje auf einem Frachter angeheuert.“
„Smutje? Was ist denn das?“
„Das ist der Hilfskoch auf Frachtern. Ich bin gelernter Bäcker. Später möchte ich auf großen Passagierschiffen als Schiffskoch anheuern.“
„Und sonst?
„Was meinst du?“
„Wenn du nicht Smutje wärst, was wäre dann?“
„Ohne Ausbildung bleibt nur der Moses über.“
„Der was?“
„Der Moses, das ist der letzte Arsch an Bord. Aber es ist wie überall, aller Anfang ist schwer.“ Er schaute mich von der Seite an und fragte mich: „Wie heißt du eigentlich?
„Ferdinand. Und du?“
„An Bord: Gustav. Zu Hause in Graz: Gustl.“
„Was muss man tun, um auf einen Dampfer zu kommen? Warum lachst du, was ist so witzig?“
„Weil jeder, dem ich erzähle, dass ich zur See fahre, auch Matrose werden will.“
„Wäre vielleicht ein Thema für mich. Ich bin gerade dabei, ein neues Leben anzufangen.“
„Interessant. Bist du einverstanden, wenn ich dich auf ein Bier einlade?“
„Jederzeit.“
„Gehen wir in den Restaurantwagen, bei einem Bier redet sichs leichter.“
„Alles klar, gehen wir!“
Im Wagon-Lits Speisewagen waren die Sitze gepolstert wie in der ersten Klasse. Dunkelblaue Vorhänge dämpften das Sonnenlicht. Ein Kellner mit weißer Jacke servierte uns Bier in kleinen Flaschen zum großem Preis. Gustl wirkte souverän, gerade so, als ob er das jeden Tag machen würde.
„Prost Ferdinand, trinken wir auf dein neues Leben!“
„Prost Gustl! Erzähl, wie kamst du zur Seefahrt.“
„Ich war so um die zwanzig Jahre gleich nach dem Bundesheer, da hat es mich nach Hamburg gezogen. Ich wollte etwas erleben, die Welt kennenlernen. Übrigens: Wo warst du beim Bundesheer?“
„Nirgends, ich war nicht beim Heer. Sie wollten mich nicht.“
„Untauglich?“
„Ja.“
„Du schaust aber nicht aus, als wärest du krank oder plemplem.“
„Das dachte ich auch. Aber es ist, wie es ist.“
„Dann wird es nichts mit der christlichen Seefahrt, Ferdinand. Denn bevor du ein Schiff besteigst, musst du eine strenge Untersuchung über dich ergehen lassen. Bei meiner ersten Anheuerung schickten sie mich wieder heim.“
„Warum denn das?“
„Wegen meiner schlechten Zähne.“
„Sie haben dich zurückgeschickt, nur wegen deiner Zähne?“, fragte ich ungläubig.
„Ja, genau! Wegen der Zähne. Kaputte Zähne können Krankheiten auslösen, sagten sie. Auf Schiffen, die monatelang keinen Hafen anlaufen, werden kranke Matrosen zum Problem. Wer zur See fährt, muss gesund sein. Das ist Gesetz!“
„Na ja, dann wird das wohl nichts. War eh nur so ein Gedanke“, sagte ich und spülte meine Enttäuschung mit einem Bier hinunter.
„Was machst du beruflich?“, fragte Gustl.
„Ich bin Hafner- und Fliesenleger.“
„Ah, Fliesenleger kenn’ ich, die verdienen gut. Aber was ist ein Hafner?“
„Hafner ist die alte Bezeichnung für Ofenbauer. Kachelöfen und so weiter.“
„Toll, das sind ja gleich zwei Berufe!“
„Na ja, so toll auch wieder nicht. Die neuen Öl-Zentralheizungen verdrängen den Kachelofenbau immer mehr. In Zukunft sehe ich mich als Fliesen- und Mosaikverleger. Als solcher trete ich am Montag meine neue Arbeitsstelle an.“
„Dann ist doch alles in Ordnung, Ferdinand. Ich verstehe nicht, warum du so ein betrübliches Gesicht machst.“
„Mache ich doch gar nicht. Ich bin nur nachdenklich, weil ich nicht weiß, was mich erwartet.“
„Wie das? Du wirst doch mit deinem neuen Arbeitgeber gesprochen haben?“
„Eben nicht. Er hat kein Telefon. Er hat auf mein Bewerbungsschreiben positiv reagiert. Außerdem hat er mir freie Station zugesichert. Er nennt das Familienanschluss.“
„Klingt gut.“
„Deswegen habe ich zugesagt und mich für heute Abend angekündigt.“
„Jemand zugestiegen?“, fragte der Schaffner und musterte die Fahrgäste im Restaurantwagen. Ich gab ihm meine Fahrkarte und nutzte die Gelegenheit zu fragen, wann wir voraussichtlich in Salzburg ankommen.
„Wir sind gut unterwegs und holen Zeit auf, aber bei einer viertel Stunde Verspätung wird es bleiben. Müssen Sie zu einem Anschlusszug in Salzburg?“
„Nein, ich will den Postautobus um 18:35 Uhr nach Faistau erreichen. Geht sich das aus, was glauben Sie?“
„Oh je! Das sieht nicht gut aus. Die Busse warten in der Regel nicht auf verspätete Züge. Leider hat die Bahn darauf keinen Einfluss. Sie müssen wahrscheinlich den nächsten nehmen.“
„Schön wär´s“, sagte ich sarkastisch, „das ist der letzte Bus!“
„Das tut mir leid für Sie, aber vielleicht schaffen wir es ja noch. Knapp wird es auf jeden Fall.“
„Schöne Scheiße, gleich am ersten Tag zu spät zu kommen.“
Meine gute Laune war im Keller. Gustl versuchte mich aufzumuntern:
„Was kann dir schon passieren? Was kannst du dafür, dass der Zug Verspätung hat und du den Anschluss verpasst? Wenn dein neuer Chef ein Telefon besitzen würde, könntest du anrufen, ihm Bescheid geben und die Sache wäre erledigt. So aber machst du dir einen schönen Abend in Salzburg. Morgen ist erst Sonntag, du versäumst nichts und kannst in aller Gemütlichkeit anreisen. Wo ist das Problem?“
„Wahrscheinlich hast du recht, aber es schaut schon ziemlich blöd aus, wenn ich erst einen Tag später antanze. Ich bin zwar gut im Ausredenfinden, aber im Mittelpunkt zu stehen und alle Blicke auf mich gerichtet zu wissen, ist nicht meine Sache. Mir ist es lieber mit Taten zu glänzen, als mit Worten.“
„Was hindert dich daran, das zu tun”, fragte Gustl.
„Na ja, das funktioniert nur, wenn ich ein bisschen nachhelfe. Ich hebe zwischendurch ein Glas und bekomme das Gefühl, dass alles leichter geht. Es ist wie auf einer Welle zu gleiten. Weißt du, was ich meine?”
Ich konnte Gustls Grinsen nicht einordnen und wurde unsicher. Lachte er mich jetzt aus oder ist das als Verständnis zu werten. Dann sagte er zu meiner Erleichterung: „Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Ich habe mir gerade vorgestellt, wie du glückselig auf deiner Welle reitest und plötzlich von einer nachfolgenden Woge in hohem Bogen ans Ufer geworfen wirst.“
„Du kennst dieses Gefühl?“, fragte ich.
„Ja, ich kenne das. Du willst, weil es so befreiend ist, immer so weiter machen und vergisst dabei, dass es Kräfte gibt, die stärker sind als du. Irgendwann landest du unsanft am Ufer der Realität und wirst im besten Fall belächelt. Manchmal wirst du auch ausgelacht; im schlimmsten Fall als unfähig abgetan. Das tut weh und du versuchst verzweifelt, deine Welle wiederzufinden. Ohne diese Welle ist das Leben scheinbar nicht zu ertragen. Ist es nicht so?“
Gustl wurde mir unheimlich. Woher er das so genau wisse, fragte ich.
„Weil es mir so ähnlich geht wie dir. Ich muss mir die Welt immer öfter schön saufen. Mein Glück ist, dass auf den meisten Schiffen im Dienst kein Alkohol getrunken werden darf. Und das ist gut so. Allerdings sind meine Freigänge in den Häfen mehr als ein Ausgleich. Wenn ich das auch noch in den Griff kriege, kann mein Traum, als Schiffskoch die Weltmeere zu befahren, in Erfüllung gehen.“
Ich musste ihm Recht geben, auch wenn mir das schwergefallen war. Er war zwar erfahrener als ich, aber derartige Reden kannte ich nur von älteren Leuten. Normalerweise hätte ich jetzt noch ein Bier getrunken. Nach diesem Gespräch fand ich es unpassend, daher stand ich auf und sagte: „Ich glaube, wir sollten in das Abteil zurückgehen, unser Gepäck liegt da unbeaufsichtigt herum. Außerdem sind wir gleich in Salzburg.“
„Du hast recht, Ferdinand. Ich nehme noch ein Getränk mit, gehe du schon einmal vor.“
Die Berge wurden höher, die Täler enger. Der Zug rauschte durch das Salzachtal. Ich stand am offenen Fenster, rauchte und schaute fasziniert in die Gischt des Wassers, das sich durch die Schlucht zwang. Der Zug raste an Felswänden vorbei, ratterte über Brücken und durch Lawinengalerien. Dann der letzte lange Tunnel unter dem Pass Lueg und das Tal wurde weiter. Der Schaffner hatte es eilig, öffnete alle Abteile und teilte den Fahrgästen im Kurswagen nach Hamburg mit, dass die nächste Station Salzburg in fünfzehn Minuten erreicht werde. Reisende nach Deutschland sollten wegen der Zollkontrolle ihren Platz nicht verlassen. Ich schaute auf meine Armbanduhr, es war 18:35 Uhr. In diesem Moment fährt der Bus ab und es sind noch 10 Minuten Fahrzeit. Ich erreiche den Postautobus in Richtung Pinzgau nicht mehr. Was nützt ein Expresszug, wenn er zu spät ankommt?
„So, Ferdinand!“, sagte Gustl, als er den Gang entlang kam, „jetzt hast du es gleich geschafft – oder auch nicht – wie man´s nimmt.“
„Ja ja mach’ nur Scherze mit mir, du hast leicht reden, du kannst die Nacht im Zug verbringen, aber ich? Was soll ich tun in einer Stadt, die ich nicht kenne?“
„Wie ich schon sagte: Nimm's leicht und amüsiere dich. Ich habe einen Tipp für dich – die „Ischler Bar“ - da gibts Superhasen und ein Wurlitzer, der alle Stückeln spielt.“ Gustl schnalzte mit der Zunge und schlug mir mit der Hand auf die Schulter, dass ich fast über meinen Koffer geflogen wäre.
„Mach´s gut, Alter! Ich schreib dir mal eine Karte aus Südamerika oder sonst wo. Und denk dran: Immer schön auf der Welle bleiben!“
„Servus Gustl, alter Smutje! Ich muss jetzt ...“

Der Bahnsteig am Busbahnhof war wie leer gefegt. Kein Postauto, keine Reisenden. Nur ein mit sich selbst beschäftigter Obdachloser saß auf einer Wartebank und wühlte in seinen Plastiktaschen herum, als suche er etwas ganz Bestimmtes. Er murmelte vor sich hin. Dann sah er mich. Ich versuchte gerade an der Fahrplantafel die kleine Schrift zu entziffern, obwohl ich wusste, dass der letzte Bus schon abgefahren war, als ich im Augenwinkel seine fuchtelnden Hände bemerkte. Er winkte mich zu sich. Zuerst wollte ich mich abwenden, weil es mir peinlich war, mit einem Sandler zu sprechen. Ich tat so, als hätte ich ihn erst jetzt gesehen. Sagte „Hallo” und ging auf ihn zu. Er wischte sein komplettes Hab und Gut mit seinen dreckigen Fingern zur Seite und bot mir mit einem zahnlosen Lächeln einen Platz auf seiner Bank an. Ich steckte mir eine Zigarette an und hielt ihm die Schachtel hin. Mit zitternden Fingern griff er in die Packung, bekam aber die Zigarette nicht zu fassen. Ich beschloss etwas Gutes zu tun und schenkte ihm die halb volle Schachtel Jonny.
„Danke, Chef! Du bist ein Guter, hast Verständnis für einen wie mich.”
„Keine Ursache.”
„Du, Chef, host du kan Durscht?”
„Magst ein Bier?”
„Des war a´ Gschicht, Chef!”
„Warte einen Moment. Ich trage meinen Koffer in die Gepäckaufbewahrung. Muss sowieso Zigaretten kaufen, vielleicht krieg ich irgendwo ein Bier für uns. Okay?”
„Mei, du bist a´ richtiger Samariter, Chef.”
Ich wusste, dass das nächste Postauto morgen um halb acht Uhr früh genau hier abfahren würde, also blieb viel Zeit für meine erste Salzburg-Tour, die am Busbahnhof mit einem Sandler beginnen sollte. Ich wusste nichts von ihm, nur dass er Durst hatte und reden wollte. Warum darüber lange nachdenken? Im Grunde hatten wir zwei dasselbe Bedürfnis: Reden und dabei ein Bier trinken. Am Kiosk kaufte ich zwei Flaschen kühles Lagerbier, zwei Wurstsemmeln und Zigaretten. Amüsiert schlenderte ich zum Busbahnhof zurück. Er staunte, wahrscheinlich hatte er nicht mit meiner Rückkehr gerechnet; noch dazu mit Bier in der Hand.
„So, Kumpel”, sagte ich, „jetzt stoßen wir mal kräftig an. Steh auf, im Stehen trinkt es sich besser.”
Er stand ächzend auf und ich sagte nicht ohne Pathos: „Wenn zwei Männer Bierflaschen aneinanderstoßen und genüsslich den ersten kühlen Schluck nehmen, dann hat das für mich etwas von Brüderlichkeit.”
Nicht schlecht der Spruch, dachte ich und wunderte mich über diesen Satz aus seinem Mund.
„Prost! Ich bin der Ferdinand und du?”
„Prost! János Tóth, Kaminkehrermeister aus Szombathely.” János lachte, als er meinen überraschten Gesichtsausdruck sah.
„Du bist aus Ungarn? Wie kommst du hier her?”
„Das interessiert dich nicht wirklich, oder? Aber egal, ich erzähl dir die Kurzversion: Ungarnrevolution 1956, geflüchtet vor den Kommunisten. Hier in Salzburg habe ich in eine Rauchfangkehrer-Familie eingeheiratet, den Betrieb tadellos geführt. Miteinander gefeiert, miteinander gesoffen, vom Schwiegervater geschasst. Als Habenichts auf die Schnauze gefallen und nicht wieder hochgekommen. Ende der Vorstellung. Rauchfangkehrer bringen nicht jedem Glück. So, jetzt kommst du.”
„Ich bin ein Fliesenleger aus der Steiermark und bin zum ersten Mal in Salzburg. Du bist der erste Mensch, den ich kennenlerne in dieser Stadt. Ich will hier einen Neustart beginnen.
„Viel Glück, Ferdinand. Du wirst es brauchen. Prost!”
János Tóth hatte meine Wurstsemmel verschmäht, mich seinerseits zur Jause eingeladen. Stolz zog er ein Paket mit Wurstabschnitten hervor. Der Metzger von vis à vis sei ihm gut gesonnen und versorge ihn gelegentlich mit frischen, aber unverkäuflichen Wurstresten, sagte er und schmatzte genüsslich. Das war mir dann aber doch zu viel des Guten. Schneller als gewollt trank ich mein Bier aus und verabschiedete mich von meinem neuen Freund. Er protestierte nicht, als ich ihm einen Zwanzigschillingschein in die Tasche schob.

Die günstigste Übernachtungsmöglichkeit für Besitzer kleinerer Geldbörsen sei immer noch die Jugendherberge, meinte die Frau am Schalter der Tourist-Information am Bahnhof. Als zweite Möglichkeit empfahl sie mir ein Hotel in der Bahnhofsgegend, das vorwiegend von Vertretern gebucht wurde. Die Jugendherberge schied schnell aus, denn dort wäre um zehn Uhr abends Sperrstunde gewesen. Das Vertreterhotel hätte mir schon besser gepasst, wegen des Heurigenkellers im Haus. Es wäre auch sehr günstig gewesen, leider waren alle Zimmer ausgebucht. Es machte mir nichts aus, denn ich musste ehrlicherweise zugeben, dass ich doch ein bisschen Angst hatte. Ich war noch nie vorher in einem Hotel abgestiegen. Das schien mir etwas für die feinen Leute zu sein. Allerdings hatte ich auch noch nie auf einem Bahnhof übernachtet; und das war jetzt die verbliebene Alternative. „Egal”, sagte ich, „dann gehe ich in die Ischler-Bar, dem Geheimtipp von Gustl.”
Die Leuchtreklame lockte mit rotem Neonlicht. Zögernd trat ich näher. Ich hätte gerne jemand als Begleitung dabeigehabt, denn allein in so ein Nachtlokal zu gehen, erforderte Mut. Was will ich in dieser Bar, fragte ich mich. Das, was alle wollen? Weiber, Saufen, Abenteuer? Am Stammtisch darüber zu schwadronieren, ist das eine, es tatsächlich durchzuziehen, das andere, seufzte ich innerlich und verdrängte meine Bedenken. Ich öffnete die Tür und befand mich sogleich in einer Art Höhle. Um mich an das gedämmte Licht zu gewöhnen, kniff ich die Augen zu. Aus dem Hintergrund klang Musik. Gilbert Bécaud besang seine Nathalie. An der Bar saßen Mädchen aufgereiht wie Perlen, dazwischen ein älterer Herr, der seine Hand unter einem Mini-Rock vergrub und mich blöd angrinste. Ich wollte nicht glotzen, aber es gelang nicht. Verdammt, fluchte ich innerlich, ich wollte souverän bleiben und kein so geiler Bock sein wie der Alte an der Bar. Jedenfalls nicht so schnell.
Ich enterte so lässig wie möglich einen Barhocker und versuchte mich zu orientieren. Dank der Spiegelwand hinter der Bar ließ sich die Szenerie gut beobachteten, ohne sich umzudrehen. Ich bestellte Scotch. Bier schien mir unangebracht. Nach dem zweiten Drink setzte sich eine kesse Kleine zu mir und fragte, ob sie was trinken darf. Ich spendierte ihr großzügig einen Gin Fizz. Sie drückte ihr Bein an mein Knie, fuhr mit den Fingern an meinem Oberschenkel entlang und flüsterte: „Ich heiße Julia. Und du?”
Verkehrte Rollen, dachte ich. Sie macht, was ich eigentlich tun wollte. Ich brachte kein Wort heraus. Dass ich meinen Namen nicht sagte, störte sie nicht. Sie nannte mich einfach Süßer. Meine Sprachlosigkeit deutete sie offenbar als Sorgen. „Komm mit mir, Süßer, ich massiere dir deine Sorgen weg”, sagte sie. „Mit 'nem Schampus, und 'nem Hunderter bist du dabei.”
„Sorry”, sagte ich, „dazu reicht die Kohle nicht.”
Julia machte einen Schmollmund, trank ihren Gin Fizz aus und stöckelte davon. Ich bestellte noch einen Scotch. Und noch einen. Und haderte mit dem Gedanken, etwas versäumt zu haben. Stunden später rutschte ich vom Hocker und bezahlte mehr, als Julia je verlangt hatte. „Scotch statt Liebe”, murmelte ich deprimiert und verließ schwankend das Lokal. Die frische Luft verstärkte mein Schwindelgefühl. Ewig lang dauerte mein Weg zum Bahnhof. Nur wenige Menschen waren hier: Rucksacktouristen und Nachtschwärmer wie ich, die sich mit Obdachlosen um einen Schlafplatz auf den Bänken des Bahnsteigs stritten.

Es war eine lange Nacht, nun aber ist Sonntag. Der Tag hatte am Busbahnhof noch gar nicht richtig angefangen. Nicht einmal Kirchgänger waren zu sehen. Nur eine alte Frau führte ihren Dackel an der Leine. Der Postbus von Salzburg nach Zell am See über das kleine deutsche Eck stand abfahrbereit am menschenleeren Bahnsteig. Ich unterhielt mich mit dem Chauffeur über den Sinn von Sonntagsarbeit. Wir rauchten vor dem Bus und warteten auf weitere Reisende. Niemand kam, ich blieb der einzige Fahrgast. Der Chauffeur schnipste seinen Zigarettenstummel in den Gully, schloss die Tür und die Fahrt ging los. Der Verkehr war ruhig, wie es sich für einen Sonntag gehörte. Beim Warten an einer Kreuzung deutete er auf ein verwaschenes Plakat an einer Litfaßsäule und sagte: „Da war vielleicht was los in der Stadt.” Der Bus fuhr an, die Ampel war auf Grün gesprungen, ich konnte gerade noch die Überschrift lesen: Gemma Beatles schauen …
Als wir am Flughafen Maxglan vorbeifuhren, zeigte der Chauffeur auf die hohen Maschendrahtzäune, die das Flugfeld eingrenzten. „Im März sind die Beatles hier gelandet. Das war ein Fiasko, als Tausende Fans den Flughafen belagerten. Sie hingen wie die Affen auf den Zäunen und jubelten den Pilzköpfen zu. Ich war dabei, ich habe die Beatles und die Film-Crew mit dem Bus nach Obertauern gefahren. Neun Tage drehten sie dort oben im Schnee an einem Teil ihres Films Help.”
Wir erreichten den Grenzübergang Schwarzbach am Walserberg. Es gab keine Passkontrolle. Ein deutscher Zöllner stieg kurz in den Bus, um die Fahrgäste zu zählen. Das war an diesem Sonntag eine leichte Übung, ich war der einzige Reisende. Der Chauffeur bekam ein Formular ausgehändigt und durfte weiterfahren – ohne Halt bis zur nächsten Grenze am Steinpass. Dort übergab er dem österreichischen Zöllner die Liste. Ein kurzer Blick in den Bus genügte dem Beamten und die Korridorfahrt war erledigt. Wieder in Österreich angelangt, vermittelte ein buntes Schild am Straßenrand einen Willkommensgruß: Das Pinzgauer Saalach-Tal begrüßt seine Gäste!
Das Tal verengte sich zur wildromantischen Schlucht. Unten toste hellgrünes, eiskalt wirkendes Wasser. Schroffe Felswände rückten immer näher, nur ihre Gipfel wurden von Sonnenstrahlen erhellt. Typische Pinzgauer Bauernhäuser, deren Schindeldächer manchmal noch mit Steinen bewehrt waren, grüßten von den Anhöhen. Je näher ich meinem Ziel kam, umso mehr fielen mir Transparente auf, die an Hauswänden, auf Balkonen und an Gartenzäunen angebracht waren. In klobigen, roten und schwarzen Buchstaben konnte ich immer wieder die seltsamen Worte lesen: Quo vadis – Demokratie in Austria? Ich fragte den Chauffeur: „Was bedeutet das? Wer demonstriert hier gegen was?”
Er grinste amüsiert: „Die Pinzgauer sind wütend. Die Politiker wollen ein Kraftwerk bauen.”
„Ja, und”, fragte ich, „was ist so schlimm an einem Kraftwerk?“
„Die Leute hier im Pinzgau sind zwar bäuerlich strukturiert, setzen aber auf den Tourismus. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres das Tal zubetonieren.“
„Interessant! Und? Hilft's was das Demonstrieren?“
„Ich glaube nicht. Wenn sich die da oben in der Regierung etwas in den Kopf gesetzt haben, dann ziehen sie das auch durch. Das war schon immer so.” Damit war für den Chauffeur das Gespräch beendet.
„Ich finde es gut, wenn man sich nicht alles gefallen lässt. Ich glaub', ich mag die Pinzgauer.”
„So, Meister! Die nächste Haltestelle ist Faistau, da musst du aussteigen. Servus und viel Glück!”
„Na super”, sagte ich, als der Bus die Sicht freigab.
Da waren drei Bauernhöfe und zwei Privathäuser. Und ein Bauern-Wirtshaus. „Ich bin am Arsch der Welt.” Niemand zu sehen. An der Tür des Gasthauses war ein Zettel angeheftet: Sonntag ab 11:00 geöffnet. Und in Klammer: Nach dem Kirchgang!
Ich stellte mein Gepäck auf eine wackelige Bank an der Hauswand und begab mich auf die Suche nach den Wirtsleuten. Entschlossen drückte ich den schweren Griff der Eingangstür. Es war nicht verschlossen. Langsam öffnete ich die Tür, Bierdunst, der Geruch von kaltem Rauch gemischt mit Landluft strömte mir entgegen.
„Hallo, ist da wer?”, rief ich halblaut und bewegte mich an der geöffneten Gaststubentür vorbei zum hinteren Teil des Vorhauses. Ein Blick ins Halbdunkel der Küche zeigte mir nur leere, kopfüber aufgestellte Milchkannen auf einem hölzernen Gestell. Zum Trocknen, dachte ich. Hinter der nächsten Tür hörte ich ein Scheppern, wie es beim Auswaschen von Blechgeschirr entsteht. Ich atmete einmal tief durch, dann klopfte ich an die Tür und rief: „Hallo!” Es dauerte eine Weile, ehe geöffnet wurde. Doch es stand nicht etwa der Wirt oder die Wirtin im Türrahmen, sondern eine sehr alte Frau. Tiefe Falten in ihrem Gesicht nötigten mir Respekt ab, gaben ihr Würde. An ihren Gummistiefeln klebten braune Klumpen. Ich vermutete Kuhmist. Die Farbe ihrer Kleiderschürze war vor langer Zeit vermutlich einmal blau. Sie trug ein im Nacken verknüpftes Kopftuch. Zwei wasserblaue Augen sahen mich an. Die Frau wischte sich die Hände an der Schürze ab und sagte:
„Was willst du? Die Wirtsleut san ned do, san in da Kirch, ich bin die Altbäuerin.”
„Grüß Gott! Ich bin grad mit dem Postauto angekommen und suche den Fliesenlegermeister Hallstein. Können sie mir sagen, wo der sein Haus hat?”
„Wia hoaßt der?”
„Hallstein. Johann Hallstein.
„Ah, du moanst den Hansei? Jo mei, warum sogst des ned glei? Schau Bua, do eintn, des Haus mit de Bleamal untern Vurdoch, durt is da Hansei dahoam!”
„Danke vielmals, jetzt komme ich zurecht”, sagte ich schnell, um wegzukommen, denn die Alte machte Anstalten, mich zu begleiten.
„Wo bin ich da nur gelandet?” Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich hier bleiben könnte. Ich hatte mir meine künftige Wirkungsstätte absolut anders ausgemalt. Herr Hallstein hatte mir in seinem Brief einen Prospekt des Verkehrsvereines beigelegt, saftig grüne Wiesen waren da abgebildet, junge Menschen beim Wandern, Kühe auf der Weide. Davon war nichts zu sehen. Jetzt verstand ich, warum die Firma kein Telefon hatte, hier war der Fortschritt noch nicht angekommen. Der Fahrplantafel hatte ich entnommen, dass der nächste Bus in vier Stunden fahren würde. Ich fühlte mich elend und war überzeugt: Käme jetzt ein Bus – ich würde einsteigen und wegfahren. Egal wohin. So aber ging ich mit meinem Koffer in Richtung des Hauses vom Hansei, das mir die Alte gezeigt hatte. Je näher ich kam, umso ruhiger wurde ich, denn was ich sah, gefiel mir. Es war fast wie im Prospekt.
Über eine geschnitzte Balkonbrüstung wölbten sich ganze Trauben bunter Blumen. Darunter war ein geschmiedeter Schriftzug an der Hauswand angebracht: Frühstückspension Hallstein stand da und auf der anderen Seite: Fliesen-Klinker-Mosaik - Hallstein Johann - Meisterbetrieb. Das ganze Haus war im alpenländischen Stil gebaut. Ein weit ausladendes Vordach spendete Schatten für die Balkone. Das Haus hatte zwei Etagen und eine ausgebaute Mansarde mit kupfergedeckten Dachgauben. Ein Schmuckstück, dachte ich, nur die Menschen aus dem Prospekt fehlten. Noch bevor ich den Gedanken fertig gedacht hatte und über eine breite Terrasse den Eingang erreichte, stürmte ein kleines Mädchen aus der Haustür und schaute mich mit großen Augen an.
„Bist du der Ferdinand, bleibst du jetzt bei uns?”, fragte sie mich und ehe ich antworten konnte erschien eine Frau von etwa vierzig Jahren. Sie lächelte mich freundlich an und zog das Mädchen, das meine Hand ergriffen hatte, zu sich und tadelte sie, allerdings nicht ernsthaft: „Vroni! Du sollst nicht so vorlaut sein!” Zu mir gerichtet sagte sie: „Entschuldigen Sie bitte, wir haben Sie durch das Küchenfenster kommen gesehen und die Kleine ist mir entwischt.”
„Aber ich bitte Sie! So bin ich schon lange nicht mehr begrüßt worden. Mein Name ist Ferdinand Planegger”, sagte ich und gab ihr die Hand.
„Herzlich willkommen im Haus Hallstein. Ich bin Maria Hallstein. Wir hatten Sie gestern schon erwartet. Haben Sie den Bus versäumt?”
„Ja, genau, mein Zug hatte Verspätung und der Bus war weg. Leider haben Sie kein Telefon und so konnte ich mich nicht melden.”
„Da können Sie nichts dafür! Ursprünglich wollte Sie mein Mann mit dem Auto abholen, aber dann kam es anders, er musste auf eine Sitzung des Bürgerkomitees. Und ich kann nicht Autofahren”, seufzte sie. „Hoffentlich hat es nicht zu viele Umstände gemacht. Hatten Sie eine gute Nacht?”
„Kein Problem. Ich habe mir die Altstadt angeschaut und in der Jugendherberge übernachtet”, log ich.
„Dann ist ja alles gut! Kommen Sie. Immer herein in die gute Stube, ich mache Ihnen ein Frühstück. Mein Mann und die zwei größeren Kinder werden gleich da sein, sie sind zur Sonntagsmesse nach Lofer gefahren, das ist der Hauptort hier im Tal.“
Die gute Stube war eine gemütliche Bauernstube mit Schiffboden und uriger Holzdecke, wie man sie sonst nur in Bauernhöfen antrifft. An den kleinen Fenstern mit ihren tiefen Nischen war zu erkennen, dass es sich um ein sehr altes Haus handelte. Die Mauern waren fast meterdick, die Wände holzgetäfelt. Die umlaufende Holzbank wurde nur von zwei Türen, einem Diwan und dem Kachelofen unterbrochen. In der rechten Ecke befand sich der Herrgottswinkel und davor stand ein großer Tisch mit Platz für mindestens acht Personen. Hier fühle ich mich wohl, dachte ich, ganz anders als bei mir zu Hause.
Ein Auto fuhr vor, die Reifen knirschten im Schotter des Vorplatzes. Die Türen des Autos flogen auf und eine Schar von Kindern strömten heraus. Etwas gemächlicher folgte ein Mann in Sonntagstracht. Er winkte den Kindern nach, die wohl aus der Nachbarschaft stammten, denn sie verstreuten sich in alle Richtungen. Die kleine Vroni war schon unterwegs nach draußen, um ihren Papa zu begrüßen. Das Haus erwachte zu neuem Leben. Johann Hansei Hallstein betrat die Stube und begrüßte mich mit festem Handschlag.
„Hab’ schon gehört, dass du eingetroffen bist”, sagte er tiefgründig.
Ich schaute ihn ungläubig an.
„Gell, da staunst du! Bei uns funktioniert der Nachrichtendienst. Auch ohne Telefon!”
„Und wie geht das?”
„Na ja, es ist ganz einfach. Der Postchauffeur machte beim Kirchenwirt seine Pause und erzählte den Leuten am Stammtisch brühwarm von deiner Ankunft. Morgen weiß es der ganze Ort – ach was red’ ich denn – das ganze Tal weiß, dass wir einen neuen Fliesenleger haben. Und ein fescher Kerl ist er auch noch, das wird die Mädels freuen.”
Großartig, der Mann gefällt mir, dachte ich.
„So und jetzt wird erst einmal vorgestellt. Meine Frau Maria hast du ja schon kennengelernt, sie ist nicht nur die Seele des Hauses, sie ist die beste Ehefrau, die es gibt. Unsere Jüngste, die auf mir herumturnt, ist unsere Vroni, die kennst du auch schon. Dann ist da noch der Christian – wo ist er denn schon wieder?”
„Ich komme gleich, Papa, muss mein Fahrrad reparieren!”, rief er beim Stubenfenster herein.
„Nicht zuletzt Katherina die Große, sagt er verschmitzt. Ich merkte, dass das etwas groß geratene Mädchen knallrot wurde. „Kathi ist fünfzehn und geht aufs Gymnasium bei den Schulschwestern in Hallein. Sie will Lehrerin werden.”
„Servus“, sagte sie schüchtern und reicht mir die Hand. Ich befürchtete, dass sie einen Knicks machen würde.
„Hast du dein Zimmer schon bezogen?", fragt mich mein neuer Chef.
„Nein, noch nicht. Ich habe zuerst mein Gepäck abgestellt und hervorragend gefrühstückt. Es gibt so viele neue Eindrücke, dass ich mit dem Schauen gar nicht nachkomme“, sagte ich.
„Na dann komm´ mit, ich zeig dir das Haus und die Werkstatt.”
„Chef, ich hätte da eine Frage an Sie?”
Er unterbrach mich: „Jetzt höre mir gut zu Ferdinand, ich sag' dir was: Wir sind hier alle per Du und reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Daran wirst du dich gewöhnen. Und jetzt zum Chef: Ich bin Meister. Chef kann jeder Depp werden. So viel Handwerksstolz muss erlaubt sein, was meinst du?”
„Da sehe ich auch so. Meister klingt eh besser! Ach ja, ich wollte fragen, wie weit die nächste Ortschaft entfernt ist und wo was los ist. Gibt es etwas Ähnliches wie ein Café oder ein Kino?”
„Aha”, sagte er tiefgründig, „das dachte ich mir, dass so ein junger Bursche wie du nach den Mädels schaut. Ich gebe dir recht, wenn du der Meinung bist, dass hier nichts los ist, aber der Eindruck täuscht. Lofer ist die zentrale Gemeinde. Und Zell am See liegt weiter südlich. Im tirolerischen Sankt Johann, Fieberbrunn und Kitzbühel geht die Post ab, um es in der Sprache deiner Generation zu sagen. Ich denke, das wird dir gefallen.”
„Oh ja, das hört sich gut an.”
„Du wirst dir ein paar mobile Freunde suchen müssen, solange du selbst kein Auto besitzt. Oder du fährst mit dem Moped, das stell ich dir zur Verfügung, wenn du willst. Einen Führerschein hast du ja noch nicht, oder?”
„Nein, aber ich möchte so schnell wie möglich einen Kurs belegen. Gibt es hier eine Möglichkeit?”
„Nicht direkt, aber im Herbst hält eine Fahrschule aus der Stadt Salzburg hier einen Kurs ab. Die Prüfung selbst ist dann in der Hauptstadt. Soll ich dich anmelden? Ich bin Gemeinderat und habe sowieso dauernd im Amt zu tun.”
„Ja, bitte gerne, damit wäre mir sehr geholfen.”
„Bald beginnt bei uns die Sommersaison, dann wirst du wahrscheinlich nicht mehr wissen, wo du zuerst hinschauen sollst, vor lauter Touristen. Die meisten kommen aus Deutschland, aber wir betreuen auch Gäste aus Holland und Schweden hier im Haus. Alle Betten und sind bis zum Herbst ausgebucht. Also bist du gerade zur richtigen Zeit gekommen. Aber sieh dich vor: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!”

Im Vorhaus bimmelte eine echte Glocke. Gleich darauf übertönte Marias kraftvolle Stimme das Haus: „Papa – Katherina – Christian! Essen ist fertig. Katherina, ist der Stubentisch gedeckt? Christian, du wäschst dir erst die Hände – wie du wieder aussiehst – musst du ausgerechnet am Sonntag an deinem Fahrrad herumschrauben?”
„Kann ich helfen?”, fragte ich, weil ich nicht so untätig herumstehen wollte. Meine Frage ging in der allgemeinen Hektik unter. Auf den ersten Blick wirkte das Gewusel chaotisch, aber das täuschte, es war gut eingespielte Zusammenarbeit. Maria blickte kurz vom Herd auf, wischte sich mit dem Handrücken ein paar Schweißperlen von der Stirn, zog die große Rein aus dem Rohr und schob sie dem Meister mit einem Lächeln zu. Nicht anfassen! Das ist heiß! Nimm die zwei Küchenlappen.” .
Ich bewunderte diese zierliche Frau, die mit sehenswerter Souveränität die komplette Familie dirigierte. Wie selbstverständlich wurde ich in die Aktivitäten mit eingebunden. Maria sagte: „Ferdinand, bringst du bitte eine Flasche Bier aus dem Abstellraum?”
„Aha, Abstellraum. Wo ist der?”
„Das ist der Raum im Durchgang zur Garage und zur Werkstatt. Hast du's? Im Regal unten steht eine Kiste Bier und darüber sind einige Flaschen mit Hollersaft für die Kinder.”
Alle saßen am gedeckten Tisch und warteten auf mich. Ein zufriedenes Miteinander. Als ich mich gesetzt hatte, begann Maria mit dem Tischgebet. Papa-Hans, Katherina, Christian, jetzt mit sauberen Fingern, und selbst die kleine Vroni bekreuzigten sich und fingen an zu beten.
Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.
„Guten Appetit!”
Geistesgegenwärtig hatte ich, wenn auch etwas unbeholfen, mein Kreuzzeichen gemacht. Den Text kannte ich nicht, plapperte einfach nach, und hoffte, sie würden es nicht bemerken. Für sie war es tägliche Routine. Nicht für mich, jedenfalls noch nicht. Ich hatte seit meiner Schulzeit nicht mehr laut gebetet. Wahrscheinlich war mir meine Verlegenheit anzumerken, denn ich spürte, wie sich eine leichte Röte über mein Gesicht zog. Sie verhielten sich großartig, niemand schürte an meiner Unzulänglichkeit. Meine neue Familie hatte mich, so schien es, voll und ganz aufgenommen.
Der Schweinsbraten mit Semmelknödel und Erdäpfelsalat schmeckte ausgezeichnet. Danach gab es Schokopudding. So gut hatte ich lange nicht mehr gegessen. Brav blieben alle sitzen, bis auch die kleine Vroni fertig war und ihre schokoklebrigen Hände in die Höhe hob. Marias Blick ging in die Runde, sie vergewisserte sich, dass alle zum Schlussgebet bereit waren. Der Text war einfach:
Lieber Gott, für Speis und Trank, sagen wir dir Lob und Dank. Amen.
Maria und Katherina räumten das Geschirr ab. Christian schlich sich am Rücken seiner Mama vorbei, wollte sich offensichtlich wieder seinem Fahrrad zuwenden, wurde jedoch von seiner Mutter aufmerksam gemacht, dass seine Freizeit erst nach dem Geschirrabtrocknen beginnen würde. „Ich bin schon elf Jahre alt und muss immer noch Weiberarbeit machen”, maulte er, „wie soll ich morgen die Fahrradprüfung ablegen, wenn mein Rad nicht in Ordnung ist.”
Das wäre eine Gelegenheit sich nützlich zu machen, dachte ich und fragte: „Wo fehlt es denn? Kann ich dir helfen?”
„Die Kette springt dauernd raus, ich glaube sie gehört gespannt, aber ich weiß nicht, wie man das macht.”
„Ich schau mir das an. Du kannst ja nachkommen, wenn du hier fertig bist.” Das Problem war schnell behoben. Ich hatte noch ein paar Kleinigkeiten ausgebessert und die Lichtanlage repariert. Christian war begeistert und ich hatte einen Freund gewonnen.
Meister Hans lag auf dem Diwan in der Stube, hörte Nachrichten aus dem Radio und dabei eingeschlafen. Das sei sein tägliches Ritual, dabei dürfe er auf keinem Fall gestört werden, erklärte mir Maria. Das könnte mir auch nicht schaden, dachte ich. Zu Maria sagte ich: „Ich werde jetzt meine Sachen auspacken.”
Das Zimmer in der Mansarde war klein aber nett eingerichtet. Ein bunt bemalter Bauernkasten, ein Bett mit Bücherablage und ein Schreibtisch füllten den Raum. Ein Zimmer ganz allein für mich. Mit eigenem Schlüssel. Ich konnte hinter mir die Tür schließen und für mich allein sein. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Rückzugsplatz. Mein Herz pochte. Ich war aufgeregt wie ein Kind.
Hinter der Tür befand sich das Waschbecken mit fließendem Kalt- und Warmwasser. Eine Glastür führte auf einen winzigen Balkon, der nicht fertig war. Statt der sonst im Haus üblichen, geschnitzten und gedrechselten Brüstungen, gab es eine provisorische Abgrenzung und auch der Boden war nur mit ungehobelten Baubrettern ausgelegt. Dies tat meiner Freude über mein Zimmer keinen Abbruch.
Mir fiel ein, dass ich früher einmal Tagebuch schreiben wollte, mich aber nie traute. Es wäre fatal gewesen, hätte mein Vater seine Schandtaten in meinen Aufzeichnungen gelesen. Und das hätte er, da war ich mir sicher, denn er duldete keine Geheimnisse neben seinen eigenen. Alles wurde kontrolliert und jedes noch so gut ausgesuchte Versteck hätte er gefunden. Kleinste Vergehen wurden mit Prügel bestraft. Daran wurde ich jedes Mal erinnert, wenn ich über die Narben strich, die die Schnalle seines Hosenriemens auf meinem Körper zurückgelassen hatten.
Die alte Heimat war jetzt passé. Ich wollte alles schnell vergessen: Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte und auch Verliebtheiten - alles nur Ballast.
Mein Zimmer war zunehmend wohnlicher geworden. Ich hatte mein ganzes Hab und Gut auf dem Bett ausgebreitet und überlegt, wie ich beim Bestücken des Bauernkastens vorgehen sollte, damit es nach mehr aussehen würde. Jedes Hemd und die wenigen Hosen kamen einzeln auf den Bügel. Aus der dicken Winterjacke knöpfte ich das plüschige Innenfutter heraus und hing es separat auf. „Selbstbetrug”, murmelte ich, „mehr Schein als Sein.“
Dokumente und Schreibzeug legte ich in die Schreibtischlade. Beim Durchblättern der Schriftstücke war mir ein arg vergilbtes Blatt aufgefallen und ich hatte es vorsichtig aus der Mappe gezogen. Taufschein stand in verschnörkelter Schrift drauf. Das evangelische Pfarramt meiner Heimatstadt bescheinigt, dass ich, Ferdinand Planegger, geboren am 5. August 1946, das heilige Sakrament der Taufe empfangen hatte. Ich wusste gar nicht, dass ich getauft worden war. „Blödsinn”, sagte ich zu mir selbst, „natürlich wurdest du getauft. Alle Kinder werden getauft. Oder nicht?” Ich wusste jedenfalls nichts davon, bei uns hatte nie jemand darüber gesprochen. Niemand aus unserer Familie ging in die Kirche.
Maria rief zum Nachmittagskaffee. Ich wollte besonders agil erscheinen und war die Treppe hinuntergeflitzt. Dabei gab eine Halterung des Teppichs, der die hölzerne Wendeltreppe vor Abrieb schützen sollte, nach. Ich stolperte über die Stufen. Im letzten Moment fing mich am Treppenende eine Frau im Dirndlgewand auf. Sie grinste mich überlegen an und sagte: „Na, wer wird denn so stürmisch sein, du bist bestimmt der neue Mitarbeiter vom Hansei, oder irre ich mich?”
Ich war so verdattert, dass ich keine Worte fand. Meister Hans kam aus der Stube, um nachzusehen, was da so gerumpelt hatte, und sah mich in den Armen seiner stämmigen Schwester. Grinsend stellte er uns gegenseitig vor: „Paula, das ist der Ferdinand, unser neuer Fliesenleger – Ferdinand, das ist Paula, meine Schwester. Ihr habt euch eh schon begrüßt, wie ich sehe! Kommt rein, Kaffee und Kuchen steht am Tisch.”
Mir gelang ein befreiendes Lachen, als ich sagte: „Das kommt davon, wenn man sportlicher wirken will, als man ist.”
Paula war gekommen, um mit Maria die Einsatzpläne für die kommende Sommer-Saison zu besprechen. Das Vermieten von Gästezimmern war für die Familie ein zusätzlicher Verdienst. Meister Hans lud mich zu einem Spaziergang auf die Alm ein. „Keine Angst”, besänftigte er mich, als er in mein erstauntes Gesicht sah, „Alm nennen wir die Wiesen hinter dem Haus, die bis zum Waldrand reichen. Tagsüber grasen dort jene Kühe der Bauern, die im Sommer nicht auf der Hochalm sind.”
Meister Hans beschrieb die regionalen Einsatzgebiete. Wir hatten über Lohn und neuartige Verlege-Techniken beim Fliesenlegen gesprochen. Die größten Aufträge kämen aus der Gastronomie, meinte er, aber auch die Privatzimmer-Vermieter seien nicht zu unterschätzen. „Insgesamt kann ich mit der Auftragslage zufrieden sein. Ich arbeite selbst aktiv mit. Außer dir habe ich noch zwei Mitarbeiter: Peter – er hat bei mir gelernt – und Siegfried ist seit Jahren ein zuverlässiger Helfer. Beide sind echte Pinzgauer und wohnen hier im Dorf. Sie freuen sich auf dich.”
Ich war gespannt, was da auf mich zukommen würde. Ein bisschen Bammel hatte ich schon, denn meine bisherige Tätigkeit war hauptsächlich auf Kachelofenbau ausgerichtet. Beim Fliesenlegen war ich noch nicht so gut „Ich hoffe, dass meine geringe Praxis kein allzu großes Problem ist”, sagte ich.
„Nein, ist es nicht. Wie gesagt, ich bin mit auf der Baustelle und wir arbeiten die erste Zeit miteinander. Da kann nichts passieren. Wenn du Fragen hast, dann stelle sie auch. Wer nicht fragt, stirbt dumm. So ist das im Leben.”
„Alles klar, Chef, ... äh, Meister. Jetzt hätte ich eine ganz andere Frage. Was hat es mit den vielen Transparenten hier im Tal auf sich? Was bedeutet das: Quo vadis? Demokratie in Austria. Um was genau geht es da?”
„Du weißt was Quo vadis heißt?”
„Ungefähr. Ich hab den Film gesehen.“
„Es heißt übersetzt: Wohin gehst du? Demokratie in Österreich. Klar?”
„Klar.”
„Die Herren der Stromgesellschaft, das Land Salzburg und der Staat Österreich wollten – ich betone – wollten hier ein Kraftwerk bauen. Die Saalach, einige Nebenflüsse und Bäche sollten im Raum Lofer in einem Stausee mit entsprechend großem Staudamm zusammengefasst werden. Das würde bedeuten, dass im schönsten Bereich der Saalach, der Teufelsschlucht mit ihrem wildromantischen Gerinne, kaum noch Wasser fließen würde. Hier bei uns finden jedes Jahr internationale Wildwasserregatten und sogar Europameisterschaften statt. Wie ein Flussbett nach einem Kraftwerksbau aussieht, ist glaube ich jedem klar.”
„Und? Wie stehen die Chancen?“
„Gut. Für uns! Sie sind dabei, die Pläne einzustampfen! Es ist das erste Mal in diesem Land, dass auf eine Bürgerbewegung gehört wird. Darauf sind wir stolz!

Es war ein guter Start im Pinzgauer Saalachtal, die Monate flogen geradezu dahin, ich hatte mittlerweile viele Bekannte und Freunde gewonnen, arbeitete unter der Woche und schaute, dass ich – vor allem in der Zwischensaison – in die Stadt Salzburg kommen konnte. Ich verdiente nicht schlecht und leistete mir diese Ausflüge, die nicht selten mit einem alkoholischen Blackout endeten. So verging ein Jahr und ich grübelte über meine Zukunft nach.
Das Leben hier im Pinzgau war nicht mehr das, für das ich es einmal hielt. In der Saison geht es so halbwegs, aber sonst? Ich spürte das Stadtkind in mir. Nachts hörte ich Radio Luxemburg, und wenn mir die Ätherwellen gut gesinnt waren, bekam ich den deutschen Freiheitssender 904 herein. Ich lauschte den kryptischen Botschaften und geheimen Parolen wie: Eichhörnchen an Meerschweinchen oder Heute droht der Adler. So ganz genau wusste ich allerdings nie, woher die Stimmen kamen. Ich dachte an Ostzone und Spione. War auch egal, entscheidend war die tolle Musik des Piratensenders. Hier in diesem Dorf waren alle brav und bieder. Soul- oder Rockmusik war nur marginal ein Thema. Also nahm ich die internationalen Hitparaden nächtens auf Tonband auf.
War das ein Aufschrei der Entrüstung, als bekannt wurde, dass ich einen Fernlehrgang an einer Computerschule machte: „Jetzt ist er komplett deppert g’worden, der damische Fliesenleger!”
Ich nahm einen Packen Lochkarten mit ins Café der Kegelbahn und erklärte den Leuten am Stammtisch, wer Hermann Hollerith war, zeigte ihnen, wie eine binäre Datei ausschaut und dass es im Binärsystem nur die Ziffern 0 und 1 gibt. Da standen sie um mich herum, die Söhne und Töchter kreuzbraver Bergbauern, die der Fremdenverkehr zu mehr oder weniger Wohlstand geführt hat. Meine Demonstration war überzogen, ich war längst kein Programmierer geworden. Im besten Fall wäre ein Job als Operator an einer EDV-Anlage möglich gewesen, aber das wusste nur ich. Im Grunde beneidete ich die einfachen, freundlichen Leute, die im Winter als Skilehrer oder als Holzknecht im Holzdeputat arbeiteten. Manche gingen im Sommer als Akkord-Holzfäller in bundesdeutsche Forste und trieben die politisch gewollte Flurbereinigung; andere verdingten sich in heimischen Gefilden als Servierkräfte in kerniger Lederhose oder schmuckem Trachtendirndl.
Ich war immer schon ein bisschen anders. Den jungen Kollegen hier im Dorf war ich zu romantisch, zu verträumt. Von Sehnsucht nach Haus und Heim, Frau und Kind wollten die Platzhirsche am saisonalen Touristenauftrieb nichts hören. Ich gehörte nur zum erweiterten Kreis dieser neuen Spezies, denn ich war weder Skilehrer noch Bergführer oder Wildwasserpaddler. Ich arbeitete als Handwerker von früh bis spät auf Baustellen und hatte naturgemäß weniger Kontakte als meine Kollegen in der Touristikbranche.
Im ländlichen Bereich ist Mobilität das Wichtigste, also war das erklärte Ziel zunächst der Führerschein und das erste Auto. Um all das zu erreichen, arbeitete ich hart und entschlossen. Es sollte ein Austin-Mini-Cooper sein, das Siegerauto der Rallye Monte Carlo 1964. Ich war überzeugt, dass wir gut zusammenpassen würden. Wir hatten annähernd gleiche Eigenschaften: klein, frech, schnell und wendig. Alle liebten den Mini-Cooper und deren Fahrer kamen bei den Mädels gut an. Der Mini war derart gefragt bei den Leuten, dass es sogar Lieferzeiten gab. Meiner sollte im Sommer 66 geliefert werden. Bis dahin hieß es kräftig in die Hände spucken. Alles war bestens, ich konnte gutes Geld verdienen, denn unsere Firma hatte einen Hotel-Neubau in Saalbach übernommen. Das bedeutete: Akkordarbeit bis Saisonbeginn im Sommer. Die Finanzierung für den Mini-Cooper war gesichert, der Führerschein unter Dach und Fach.
Alles lief gut, wäre da nicht diese eine Nacht gewesen. Ich war benebelt, hätte mich nicht an das Steuer setzen dürfen. Hätte, hätte … Jedenfalls war da diese Kurve kurz vor Kitzbühel. Der Mini war voll besetzt. Ich am Steuer, neben mir saß Karel, der Chef deRang, im Fond Heinz, der Koch und Pauli Ehrlich, der Patissier. Die halbe Belegschaft vom Hotel Klosterbräu. Allesamt gut abgefüllt mit Meisterbrand und Cuba-Libre. Wir kamen vom Fünf-Uhr-Tee im Alt-Wien in Kitzbühel. Damals eines der besten Lokale mit Show-Band. Wir hatten alle noch den Song von Nancy Sinatra These Boots Are Made for Walkin' auf den Lippen, als es krachte und der Mini Cooper mit uns aus der Kurve flog. Und es war trotzdem Glück, dass nicht mehr passiert ist als zwei gebrochene Beine und kleinere Blessuren, die nach ein paar Tagen verheilt waren. Meinem geliebten Mini Cooper konnte allerdings keiner helfen. Diagnose: Totalschaden. Und mein schöner rosa Schein machte Urlaub in der Führerscheinstelle Kitzbühel.
Mich quälte eine innere Zerrissenheit. Ich setzte alles daran, zu meinem alten Leben zurückzufinden und wusste doch, dass es nicht gelingen wird. Die Grundmauern des Zusammenlebens waren brüchig geworden. Die meisten Nachbarn im Dorf, einschließlich der Meisterfamilie, verhielten sich seit dem Unfall vor einem halben Jahr anders. Die Herzlichkeit war verschwunden. Für sie war ich ein Gesetzesbrecher, der Menschenleben leichtfertig in Gefahr bringt. Zu allem Überdruss habe ich mich, seit ich in diesem Haus wohnte, standhaft gewehrt, mich katholisch machen zu lassen. Es wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt. So kann ich nicht weiter arbeiten, dachte ich. Ich hatte innerlich längst gekündigt.
Ich bezahlte immer noch die Kreditraten für meinen rot-schwarzen Flitzer, obwohl er lange schon am Autofriedhof lag. Die Polizeistrafe, die mir für das Fahren in alkoholisiertem Zustand aufgebrummt wurde, betrug mehr als drei Monatslöhne. Richtig happig waren die Spitalskosten. Die Versicherung übernahm zunächst die Kosten, stellte aber später Regressforderungen. Langsam wurde mir klar, dass ich, salopp ausgedrückt, in der Scheiße saß. Manche sagten süffisant: Wer sein Auto zu Schrott fährt, sollte sich nicht erwischen lassen, besonders dann nicht, wenn er besoffen war.

„Ich muss hier weg”, sagte ich. Seit einiger Zeit spürte ich, wie sich die Stimmungslage hier im Hause Hallstein verschlechterte. Das Korsett des angenehmen Familienanschlusses schnürte mich jetzt ein. Drei Jahre hatte ich mich gegen katholische und moralische Bevormundung gewehrt. Irgendwann habe ich nicht mehr zugehört.
„Du musst lernen, Konflikte offen auszutragen. Davonlaufen löst kein Problem”, sagte Paula, meine Vertraute und jüngere Schwester des Meisters, als ich bei ihr Rat suchte. Sie galt als die starke Frau in der Familie, obwohl oder gerade deswegen sie sich als erste im Dorf scheiden ließ.
Natürlich war ich nicht unschuldig an der Missstimmung im Haus. Deswegen plagten mich Gewissensbisse, wenn ich zu viel trank, aber dann dachte ich, dass, solange meine Arbeit nicht darunter leidet, es nicht so schlimm sei. Trotzdem wollte ich mich für offenbar grobe Worte nach dem letzten Streit bei meiner Meisterfamilie entschuldigen. Der Inhalt war mir entfallen, ich wusste nur, dass ich mich dagegen verwehrt habe, dass sie sich in meine privaten Angelegenheiten mischten. Ich hatte kein Problem damit, zuzugeben, dass die oberflächlich gehaltenen Bekanntschaften mit weiblichen Feriengästen moralisch nicht in Ordnung waren.
„Du bringst unser Haus in Verruf”, war eine von vielen Vorhaltungen. Oder: „Warum zeigst du Marianne die kalte Schulter? Sie ist so ein anständiges Mädchen und himmelt dich an. Wir verstehen dich nicht, Ferdinand.”
Marianne war die Tochter des Brückenwirts und Kleinbauern in der Nachbarschaft. Sie schaukelte den Betrieb fast im Alleingang und ich bewunderte sie dafür. Aber gleich heiraten und mich dem Altbauern ausliefern? Nein, danke.
„Ich hab’ nichts gegen Marianne”, sagte ich, „ich mag sie recht gern. Aber eines steht auch fest: Weder will ich Bauer werden, noch will ich von ihrem Vater einen Baugrund geschenkt, nur um mich für alle Zeiten hier festzunageln.”
„Sei nicht so stur, Ferdinand, du weißt ja gar nicht, welche Chance du dir vertust.”
Ich überlegte, wie ich aus dieser Situation herauskäme, ohne die beiden vor den Kopf zu stoßen. Sie waren gut zu mir, die besten Arbeitgeber, die ich je hatte. Mir fielen die Worte ein, mit denen mich Hans seinerzeit bei meiner Ankunft im Pinzgau empfangen hatte. Er sprach davon, dass ein fescher junger Mann wie ich hier alle Möglichkeiten hätte, sich auszutoben und dabei vielversprechend mit den Augen zwinkerte. Daran erinnerte ich ihn jetzt: „Warst nicht du es, Meister, der zu mir sagte, ich soll mir nach Belieben erst einmal die Hörner abstoßen? Ich meine: Nichts anderes habe ich getan, oder?”
Jetzt schauten sich die zwei an, so, als wollten sie sagen: Sag du was! Dann schwenkte ihr Blick zu mir, und als sie mein Grinsen sahen, lachten auch sie. Bann gebrochen, dachte ich.
„Hundsbua!”, sagte er. Das nahm ich als Kompliment.
Damit war das Thema vorerst vom Tisch. Maria legte fürsorglich ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Eine Frage hab ich noch, Ferdinand: Weißt du überhaupt, was du willst, was du suchst?”
Ich antwortete: „Das werde ich erst wissen, wenn ich es gefunden habe.”
Das Schild Zimmer frei wurde für drei Monate entfernt – wir waren ausgebucht. Die ersten Sommergäste sind schon im Haus. Die meisten Urlauber waren Stammgäste und kamen immer wieder. So auch die Familie Willy und Ursula Sperling aus Berlin, die schon viele Sommer bei uns logierten und für dieses Jahr das Balkonzimmer mit Blick zum Reifhorn gebucht hatten. Drei Tage vor ihrer Ankunft hatte Willy Sperling angerufen (mittlerweile hatten wir Telefon) und mitgeteilt, dass er fast stornieren hätte müssen, wäre nicht im letzten Moment seine Tochter kurzfristig eingesprungen.
„Wie das?”, hatte Maria gefragt, „was ist passiert, Herr Sperling?”
„Dumm gelaufen, Frau Hallstein, habe mir den Arm gebrochen.”
„Und jetzt kommen Sie nicht?”
„Klar kommen wir, aber zu dritt. Kerstin wird uns fahren.”
„Kerstin?”
„Ja, meine Tochter. War gar nicht einfach, sie zu überreden.”
„Na, dann ist ja alles gut. Zum Glück ist das Einzelzimmer in der Mansarde noch frei. Das könnte ich für ihre Tochter herrichten. Einverstanden?”
„Alles bestens, Frau Hallstein. Ach ja, noch was: Ist der Ferdinand noch da?”
„Unser Ferdinand? Natürlich, ohne ihn geht hier gar nichts.”
„Wunderbar! Sagen Sie ihm, ich freue mich schon auf eine Schachpartie.”
„Ja, mache ich. Schönen Gruß an die Gattin und Ihre Tochter. Bis dann.”
Maria hatte aufgelegt und mich gefragt: „Hast du mitgekriegt, was Sperling sagte? Und hast du gewusst, dass er eine Tochter hat?”
„Ja und nein. Dass er eine Tochter hat, wusste ich nicht, aber das muss ja kein Fehler sein”, antwortete ich. Marias Blick war skeptisch. Prompt kam der Einwand: „Mit ihm sollst du Schachspielen, nicht mit der Tochter.”
„Ist ja gut, ich freue mich auf Willy und seine fröhliche Art. Und was die Tochter betrifft – vielleicht hat sie ja Lust auf ein Spielchen?“

Wie jedes Jahr planten wir ein Sonnwendfeuer. Seit Tagen schleppte ich jeden Abend nach der Arbeit Holz zum Feuerplatz. Die Wetterprognose war gut, die Aussicht, mit einer hübschen Maid durchs Feuer zu springen, war leider gesunken. Kerstin Sperling, die ich für diesen Spaß als Partnerin auserkoren hatte, bockte. Wohl deswegen, weil ich sie in Anlehnung an ihren Namen, liebevoll Spåtzl genannt habe. Es schien, als müsste ich mich damit abfinden, mit Marianne zu springen. Das wollte ich partout nicht.
Abgekämpft und müde kam ich vom Feuerplatz herunter zum Haus. Mein erster Blick galt Willy Sperlings Tochter. Er und seine Frau begrüßten mich euphorisch, Kerstin nickte abwesend. Ich bemühte mich redlich um sie, aber mein alpenländischer Charme verfing nicht bei ihr, sie saß da wie versteinert. Ich registrierte Marias zufriedenes Grinsen, auch wenn sie so tat, als wäre alles wie immer.
Der Meister spendierte ein Bier, als Dank für meine Fronarbeit. Das Sonnwendfeuer war gesichert. „Mach’ dir nix draus”, sagte er, und winkte demonstrativ hinüber zu den Sperlings und zur Unnahbaren, wie ich Kerstin mittlerweile nannte. Ich verstand seine Andeutung und sagte lässig: „Wer nicht will, der hat schon.” Aber das war nicht so, denn ich wusste von Willy, dass Kerstin kurz vor der Reise zu uns, ihren Freund Fred verlassen hatte. Willy fühlte sich schuldig, denn dieser Fred hatte ein Riesentheater gemacht. Er war dagegen gewesen, dass sie mit den Eltern zu uns fuhr und hatte ein Ultimatum gestellt: „Ich oder Österreich.” Sie ließ es drauf ankommen und blieb an der Seite ihres Vaters, der ohne sie nicht hätte fahren können. So ein Arschloch, der Typ, dachte ich. Und vielleicht wird es doch noch was mit uns.
Meine Stimmung blieb positiv, denn im Zimmer nebenan logierte Kerstin, die ich allzu voreilig den Kosenamen „Spåtzl” gengegeben habe. Dieses bayrische Dialektwort für einen liebenswerten Spatz wies sie trotzig zurück und nannte mich einen Minusmann! Seither war sie verschlossen wie eine Auster. Die Idee, mit mir Hand in Hand über das Sonnwendfeuer zu springen, fand sie bescheuert. Ich hatte es vergeigt und war sauer wegen des Minusmanns. Was meinte sie damit? Meinen Frust verdrängte ich mit Musik. Country-Music & Soul aus meinem Magnetophon hievte mich in andere Sphären. Der Gedanke an loderndes Feuer und rote Glut ließ mich nicht los. Ich spulte so lange zurück, bis die raue Stimme von Johnny Cash erklang. „Ring of Fire” haben viele gesungen, aber keiner brachte die Gefühle bei mir so zum Schwingen wie Johnny Cash und seine Reibeisenstimme. „Love is a burning thing, and it makes a fiery ring …“ Oh ja, dachte ich, Liebe ist eine brennende Sache. Sie brennt innerlich. Zwischendurch kam Brenda Lee mit I’m sorry vom Band.
In diesem Moment sah ich sie, und es war keine Fata Morgana. Mit geschlossenen Augen stand sie in ihrem rosa Hosenanzug auf unserem Balkon und hörte der Musik zu – meiner Musik!
„Verzeih, ist dir nicht gut?“, fragte ich zögernd. Zuerst schien sie mich nicht gehört zu haben. Doch dann drehte sie sich um, ganz langsam, als hätte ich sie aus einem schönen Traum geweckt. Inzwischen hatte ich Zeit, sie zu betrachten. Ihr Haar war hochgesteckt. Ich sah den Haaransatz hinter dem Ohr, diese zarte Stelle, an die sich Frauen immer das Parfum tupfen, als wüssten sie um den Zauber dieses magischen Stückchens Haut.
„Ich weiß nicht recht, wie solls mir denn gehen, wenn es mir das Herz so hüpft bei dieser tollen Musik?“ Als sie das sagte, stahl sich ein Lächeln in ihr Gesicht. Es fehlte nicht viel und ich hätte sie wieder Spåtzl genannt. Stattdessen sagte ich: „Wir können bei mir Musik hören, so viel und so lange du willst.“
„Damit wären wir beim Minus. Ich habe mich die ganze Woche grün und blau geärgert, weil ich in diesem Scheißkaff, entschuldige bitte, keine vernünftige Musik in mein Kofferradio bekam. Wenn deine Balkontür offen stand, schwappte diese tolle Musik zu mir herüber. Wie machst du das bloß? Hast du so viele Platten?”
Jetzt lachte ich herzhaft und befreit. Dann klärte ich sie auf: „Nein, das sind keine Schallplatten. Ich habe ein Tonbandgerät. Vierspurig in Stereo, willst du sehen? Ich habe auch ein Mikrofon, du kannst mitsingen, wenn du dich traust.”
„Mein Gott, ist das klasse! Ich nehme den Minusmann zurück. Wollen wir nicht gleich anfangen? Brenda Lee oder doch Elvis?“
„Alles was du willst, Kerstin. Lass uns aber zuvor zum Sonnwendfeuer gehen. Ohne über das Feuer zu springen, versprochen!”
Ein Dutzend Leute saßen rings um das Feuer und freuten sich, uns zwei zu sehen. Kerstins Augen glänzten, die Hitze der pulsierenden Glut übertrug sich in unsere Körper … bis der Regen einsetzte, der uns half, die Glut des Sonnwendfeuers zu löschen, nicht aber die Glut, die in uns loderte, die nahmen wir mit ins Haus. Mansardenzimmer haben etwas Kuscheliges.

Den entscheidenden Impuls gab ein Poster im Vorraum des Reisebüros. „Take off - West-Berlin“ erregte mein Interesse. Die sympathische Reiseexpertin hinter dem Tresen ließ mich die geplante Bahnreise schnell vergessen. Als die Frau sagte: „Der moderne Mensch fliegt, mein Herr!“, hatte sie mich überzeugt. Ich wollte ohnehin auf dem schnellsten Weg zu meiner Liebsten. Kerstin wohnte in Berlin. Im Wedding, wie sie sagte. Ich verband das damals mit Heiraten.
Auf der Besucherterrasse in München-Riem konnte ich beobachten, wie die Vickers Viscount langsam ausrollte und dicht vor dem Terminal zum Stillstand kam. Das Flugzeug von British European Airways würde mich hoffentlich sicher nach West-Berlin bringen. Ich war fasziniert von der Atmosphäre am Flughafen, fühlte mich am Tor der Welt. Ein ständiges Kommen und Gehen ließ Menschen und Maschinen keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Von der Startbahn dröhnten die Motoren der startenden Düsenjets herüber. Ich fühlte mich großartig und begab mich betont lässig zum Gate.
Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich in einem Flugzeug. Ich war überzeugt, der einzige Mensch in diesem Flieger zu sein, der noch nie geflogen ist. Auf keinen Fall wollte ich, dass mir das jemand ansieht. An der Gangway hatte die Stewardess gratis Zeitungen angeboten. Auf meinem Fensterplatz angekommen, entdeckte ich an der Rückenlehne des Vordersitzes eine Broschüre mit Verhaltensregeln. Vorsichtig, so, dass es keiner bemerkte, legte ich den Folder zwischen die Zeitung und begann zu lesen – und wurde stutzig. Die Schwimmwesten befänden sich unter dem Sitz, stand da, und was im Falle einer Notwasserung zu tun wäre. So viel wusste ich, wir fliegen über kein Meer. Notwassern? In Berlin? Ich wurde nervös. In der Sekunde, als die Maschine festen Boden verließ, schloss ich die Augen. Weil selbst beim Steigflug nichts Gröberes passierte, wurde mir wider Erwarten nicht schlecht. Wo waren eigentlich die berühmten Kotztüten? Ich entschloss mich, nicht weiterzulesen. Mein Gesicht klebte an der kühlen Scheibe. Mein Mantra hieß: Locker bleiben! Wenn schon fliegen, dann ganz bewusst. Noch nie wird jemand einen Flug so in sich aufgesogen haben wie ich.
Über Berlin hingen Wolkenfetzen, als der Flieger zur Landung ansetzte. Während er tiefer und tiefer sank, der Dunst sich langsam lichtete, kam aus meiner Fensterluke ein graues Häusermeer auf mich zu. Der Flughafen Berlin-Tempelhof lag mitten in der Stadt. Mit feuchten Händen klammerte ich mich an meinen Sitz. Wenn der bloß nicht mit der Tragfläche einen der Kamine unter uns rasiert, dachte ich. Die Spannung ließ nach, als das Flugzeug langsam in geringer Höhe über der stark befahrenen Stadtautobahn schwebte. Sekunden später ging ein Rumpeln durch den Flieger, die Maschine hatte sicher auf der Landebahn aufgesetzt. Trotzdem kam es mir vor, als hätte die Maschine vor Freude einen freudigen Hopser gemacht – genau wie mein Herz, als mich mein Spåtzl zur Begrüßung küsste. Ich fühlte mich großartig.
Sie staunte, als ich ihr meine Unterkunft nannte. Das Reisebüro hatte für mich das Hotel Stefanie am Kurfürstendamm, Ecke Bleibtreustraße gebucht. In diesem altehrwürdigen Hotel hatten zwei wildromantische Tage, danach gestand sie mir, dass sie reumütig zu ihrem Fred zurückgekehrt sei. Es war also nicht mehr als ein verlängerter ‚One-Night-Stand’. Das war schwer zu verkraften. Die Schwarzseher unter meinen Freunden hatten Recht behalten. Die Illusion, die aus einem romantischen Urlaubsflirt gewachsen war, zerplatzte wie die berühmte Seifenblase. Was blieb, waren ungestüme Nächte in den Bars von West-Berlin. Das Geld war schneller weg, als ich dachte. Das Mädchen auch. Zum Glück hatte ich ein Retour-Ticket.
Da stand ich nun mit meiner ganzen Barschaft von 20 Deutschen Mark am Flughafen München-Riem. Keine Wohnung, kein Job. Nichts. Ich sehnte mich nach einem Drink und einem Menschen zum Reden. Und ich wollte nach Salzburg. Ohne Geld in der Tasche blieb als einzige Möglichkeit: Autostopp. Mit dem Bus fuhr ich vom Flughafen bis zur Autobahn-Auffahrt im Süden der Stadt nach Ramersdorf zur Salzburger Autobahn. Zum Glück hatte es zu regnen aufgehört, aber es blieb kühl und windig. Es war um die Mittagszeit, als nach einer Stunde des Wartens endlich ein Sportwagen mit Salzburger Kennzeichen anhielt. Der Fahrer des Ford Mustang fragte in jovialem Ton: „Wo solls denn hingehen?”
„Nach Salzburg, wenn es möglich ist.”
„Na dann herein mit dir, das Glück ist auf deiner Seite, ich fahre nach Salzburg”, sagte er und kippte den Beifahrersitz nach vorne. Erlöst von der Warterei steckte ich meine Reisetasche nach hinten; die Flugtasche mit der Aufschrift BEA - British European Airways, die ich als Geschenk von der Airline bekommen hatte, behielt ich bei mir. Ich ließ mich in den Schalensitz vorne fallen und kam mir plötzlich klein vor.
Der Mann hinter dem Steuer passt nicht zu diesem Wagen, dachte ich, seine Lederjacke sah eher schäbig aus. Wer immer er auch war, er hatte das nötige Kleingeld, um sich so ein Auto zu leisten. Ich wusste ungefähr, was so ein Ami-Sportwagen kostete und spürte einen Anflug von Neid und Neugier aufkommen. Leicht vorgebeugt blinzelte ich zur Fahrerseite. Was ich aus dieser Perspektive sehen konnte, war ein ungefähr fünfunddreißig Jahre alter Mann mit rot gekrausten Haar und Koteletten bis weit unter das Ohr. Er hätte ein Sportler sein können, wirkte aber mehr wie ein lässiger Unternehmer. Im Grunde war es mir egal, womit er sein Geld verdiente, es genügte jedenfalls, um sich den Mustang leisten zu können.
Er drehte den Kopf und sah mich an. Ich fühlte mich ertappt und wurde rot. „Was ist?”, fragte er und grinste. „Nichts”, antwortete ich schnell und lehnte mich zurück. Er streckte den Arm aus und griff nach dem Päckchen Marlboro, das auf dem Armaturenbrett lag, schüttelte eine Zigarette heraus und hielt sie mir vor die Nase und sagte: „Auch eine?”
„Danke, gerne.”
„Anzünder ist auf der Konsole. Der rechte Knopf ist der Fensteröffner, falls du frische Luft brauchst.”
Ich rauchte gedankenverloren.
„Bist du immer so schweigsam”, fragte er. „Erzähl mal, wo kommst du her, was treibt dich nach Salzburg?”
Ist das etwa ein Mann, mit dem man über seine Probleme reden kann, ohne gleich ausgelacht zu werden, fragte ich mich und sah ihn an. Scheint okay zu sein, der Typ. „Das ist eine blöde Geschichte. Ich bin grad dabei, sie zu vergessen.”
„Komm, spuck’s aus, mich interessieren blöde Geschichten.”
„Okay sagte ich und erzählte ihm die Berlin-Story. Meine idiotische Verliebtheit spielte ich herunter, weil ich nicht ganz so blöd dastehen wollte. Dafür bekam es Kerstin, meine Verflossene, dick drauf. Ich verfluchte sie und überhaupt alle Weiber dieser Welt. Der Mustang-Fahrer amüsierte sich über meine Aufgeregtheit, pflichtete mir bei und ließ seinerseits eine Tirade über Frauen los. Sein Gesicht hatte einen brutalen Ausdruck bekommen. Als er sich wieder beruhigt hatte, steuerte er eine Raststätte am Chiemsee an und lud mich auf ein Bier ein. Er selbst trank Kaffee mit Cognac. Inzwischen hatten wir uns vorgestellt. Er hieß Heinz und meinte, er könne mir möglicherweise helfen.
In Salzburg angekommen, nahm mich mein Gönner in ein Lokal mit, das ich vom Hörensagen kannte. Die Bar hieß Blue Velvet. Es war noch geschlossen, der Laden sperrte erst am Abend auf. „Du bist eingeladen: Willst du einen Drink?”
Keine Frage, Heinz war hier der absolute Boss und wurde von zwei atemberaubenden Girls mit „Hallo Chef” begrüßt. Warum er so großzügig war, erfuhr ich einen Drink später. Er suchte einen Betreuer für seine Mädels und einen loyalen Handwerker für seine Unterhaltungsbetriebe. Ich hatte plötzlich einen Job.
Am Tag verflieste ich die Nassräume der Etablissements und abends kümmerte ich mich um die Mädels. Sie mochten mich, ich wurde ihr Freund. Heinz gefiel das nicht, seiner Ansicht nach war meine Einstellung den Mädels gegenüber untragbar. „Die brauchen eine härtere Hand”, sagte er.
Bei aller Faszination, die mein Job im Rotlichtmilieu mit sich brachte, musste ich mir eingestehen, dass ich zum Zuhälter nicht geeignet war. Die Brutalität, die Heinz im Umgang mit den Mädels an den Tag legte, konnte ich nicht nachvollziehen. Ich wollte das nicht und sagte es auch. Damit war meine Karriere als Junior-Zuhälter beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Weil aber Marylou, die Bardame und Einserfrau von Heinz, mir mehr als nur schöne Augen machte und ich prompt mit ihr in eine Affäre rutschte, wurde ich plötzlich zum Todfeind vom Rotlichtkönig.

Ich war auf der Flucht vor dem gedemütigten Nachtklub-Boss. Der Zugang zu den Mädels im Klub war mir verwehrt. Für ein paar Tage reichte mein Geld. Und dann? Dann brauchte ich einen Job.
Im Café Piccola Trieste vermutete ich Freunde. Irgendwo muss ich schlafen, dachte ich, zog los und traf prompt den Max, seines Zeichens Langzeitstudent und Lebenskünstler. In seiner Bude erzählte ich ihm von meinen Nöten und Max legte los. Am Ende seines endlosen Vortrags über intelligente Jobs war Mitternacht längst vorbei, wir hatten einen Doppler-Rotwein geleert und waren betrunken. Am nächsten Morgen stand ich am Tresen der Studentenagentur und bekam tatsächlich den von Max so hochgelobten Traumjob: Statist/Komparse beim Film – Tagesgage 300 Schilling. Wird bei Nacht gedreht, gibt es die doppelte Gage.
Der Bus war voll. Vierzig Studenten, Arbeitslose und auch ein paar Sandler freuten sich auf eine interessante Woche im Salzkammergut. Während der Fahrt erfuhr ich, um was es eigentlich ging. Stolz erzählte man, dass der berühmte Regisseur Lucino Visconti einen Teil des Films „Götterdämmerung” ebenda in Unterach dreht. Die Schauspieler seien unerwartet kollegial. Nur Helmut Berger, der Schönling und Viscontis Freund, sei arrogant und spiele sich auf, meckerte so mancher. Das war mir egal. Für mich zählte vorerst nur die Gage.
Am Ortseingang von Unterach war ein Transparent über die Dorfstraße gespannt, dessen Text: „Willkommen in Bad Wiessee” mich erstaunte. Sämtliche Häuser im Ort waren mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. „Was soll das, warum Bad Wiessee?”, fragte ich.
„Weil hier der Vorgang nachgestellt wird, der sich im Juni 1934 im bayrischen Bad Wiessee zugetragen hat: Hitlers Nacht-und-Nebel-Coup gegen den missliebig gewordenen SA-Chef Röhm und Konsorten”, erklärte mir ein Crew-Mitglied.
Der Busfahrer hielt vor der Volksschule. „Alles aussteigen!”, brüllte er. „Im Turnsaal befinden sich Duschräume, da könnt ihr euch umziehen. Die Requisite und der Friseur befinden sich im hinteren Teil.”
Zwei Stunden später standen wir voll adjustiert, in brauner SA-Uniform mit Hakenkreuzbinde, vor dem „Gauleiter”, der unsere wackelige Parade abnahm. Man drückte uns ein Liederheft in die Hände. Nach einer weiteren Stunde hatten wir den deutschen Gruß drauf, hoben den rechten Arm und sangen aus vollem Hals das Horst-Wessel-Lied. Plötzlich kam in mir ein Würgen auf. Ich fühlte mich wie eine männliche Hure, die für Geld alles macht.
Am ersten Drehtag ging es für mich und meine Kollegen relativ locker zu. Wir empfingen irgendeinen hochrangigen SA-Bonzen am Ortseingang. Ich musste mir eingestehen, dass ich, trotz Kenntnis der abscheulichen Gräueltaten dieser Rabaukentruppe, meinen Spaß daran hatte, neben dem offenen Horch des SA-Standartenführers herzulaufen, vor Begeisterung auf das Trittbrett des Wagens zu springen und „Heil” zu brüllen. „Alles nur Film”, sagten wir lachend. Im Laufe des Tages verging mir langsam die Lust an dem Spektakel, besonders aber dann, wenn der Aufnahmeleiter nach der x-ten Klappe, immer noch mehr Begeisterung einforderte. Visconti saß währenddessen fast bewegungslos auf seinem erhöhten Regiestuhl und schrie nur: „più forte!” Er meinte damit, wir sollen noch lauter und intensiver brüllen. Allein, wir konnten nicht mehr. Nach einer schwer verdienten, für uns trotzdem kostenlosen, Grillhendlpause, ging der Zauber weiter. Ich wurde vom ersten zum dritten Trittbrettfahrer degradiert, weil meine Stimme versagt hatte und meine Augen tränten. Weiter hinten erfasste mich die Frontkamera nicht mehr so deutlich. „Auch egal”, sagte ich und spielte meinen Part zu Ende.
„Morgen ist ein starker Tag”, prophezeite uns der Aufnahmeleiter, „morgen kommt die Saalschlacht. Das ist eine Nachtaufnahme. Das Set wird morgen in den Saal vom Seegasthof verlegt. Die Szenen sind intensiv, ihr müsst noch ein paar Lieder lernen. Dann ist für heute Drehschluss. Die Gage gibts beim Zahlmeister im Büro in der Schule.
Am nächsten Tag probten wir nachmittags im Turnsaal. Unser Chor war noch zu holprig, also gab es zur Schmierung Bier, mit der strengen Auflage, nicht besoffen zu werden. Es lief ganz gut, die Lieder der Nationalsozialisten waren nicht schwer zu interpretieren. Jedenfalls konnte der halbe Ort hören, wie wir, angetrieben von einem bayrischen Alt-Nazi in Lederhose und Braunhemd, die flotten Weisen in den Äther brüllten. „Es zittern die morschen Knochen – der Welt vor dem roten Sieg …” und so weiter. Mir zitterten auch die Knie, das war schon makaber. Ließ der Einsatz nach, wurde weiteres Bier zur Schmierung unserer Stimmbänder bereitgestellt. Alles war wieder okay, die letzten moralischen Bedenken waren hinweggespült.
Im Saal herrschte Hochbetrieb, die Küche dampfte, die Luft war zum Schneiden, ein schaler Bierdunst mischte sich mit dickem Zigarettenqualm. Die Szenen wurden uns kurz eingehämmert, was nicht schwer war, denn Wirtshaus und Fuselduft war uns allen nicht fremd. Die Handlung der Szene hatten wir schnell begriffen, es ging um eine Saalschlacht zwischen SA und SS. Weil wir keine professionellen Schauspieler waren, die einen Rausch glaubhaft darstellen könnten – so jedenfalls die Meinung vom Regisseur - gab es Spritzwein, kostenlos. Ebenso filterlose Zigaretten in rauen Mengen. Dazu wurden ohne Ende Weißwürste und Sauerkraut serviert. Dann ging die Szene los. Wir SA-Leute saßen an den Tischen und palaverten irgendeinen Unsinn und hoben ständig die Maßkrüge, stießen die Krüge zum Wohl des Führers zusammen, dass es nur so krachte. Irgendwo im Hintergrund kriegten sich die eifrigen Zecher laut Drehbuch in die Haare. Das war der Auftakt für eine SS-Brigade, die daraufhin den Saal stürmte. Pappteller mit Sauerkraut landeten zunächst in den Gesichtern der eigenen Truppe, später folgten literweise Bierduschen auf den Köpfen der SS-Männer. Ein urwüchsiges Tohuwabohu. Wir Komparsen waren der einhelligen Meinung, dass unser Auftritt etwas Professionelles hatte. Trotzdem mussten einzelne Szenen wiederholt werden. Um drei Uhr früh, waren wir geschafft und ich glaubte gesehen zu haben, dass Viscontis strenge Miene zu einem Lächeln mutierte. Nach einer Woche mit mehr oder weniger amüsanten Drehtagen war früher als erwartet Schluss. Die Filmgesellschaft hatte Probleme mit den Finanzen, irgendwo war Geld versickert und der Ausstatter für Wehrmachtsfahrzeuge und Uniformen zog das komplette Equipment zurück. Damit endeten die Filmtage in Unterach. Ich glaubte nicht, dass ich jemals wieder, so einen tollen Job bekommen würde .
Es war wieder einmal arbeitslos, die Filmerei machte Pause und ich stürzte immer mehr ab. Ich sehnte mich nach Ruhe, einen Schlafplatz und einem normalen Leben. Alles schien schief zu gehen. Ich war unstet, so der behördliche Ausdruck für Obdachlose. Hatte keine Wohnung, keine Arbeit und auch kein Geld. Aber es war noch immer nicht schlimm genug, die Misere setzte sich fort.
Ich traf Jonny, den ich vom Film kannte. Er hatte seiner verunfallten Freundin das Scheckbuch gestohlen. Jonny, wie er sich nannte, übte schon seit Tagen die Unterschrift der um Jahre älteren Frau, die ihn seit Längerem ausgehalten hatte und jetzt im Koma lag. „Die braucht eh kein Geld mehr”, meinte er. Ich stimmte ihm zu, besoffen wie ich war, und willigte ein, sein Erfüllungsgehilfe zu werden. Jonny war nicht gerade ein Intelligenzler, er tat sich beim Reden schwer und sein Erscheinungsbild war nicht wirklich vorzeigbar. Also beschlossen wir, die Schecks in Geld umzuwandeln. Am nächsten Tag ging ich wie ausgemacht in die Bank und wollte quasi als erste Tranche einen Scheck über 9500 Schilling einlösen. Die Frau am Bankschalter sagte, sie müsse die Deckung des Schecks überprüfen. Das stufte ich als normal ein und wartete. Als es zu lang dauerte, bekam meine aufgesetzte Sicherheit Risse. Langsam schlendernd begab ich mich zum Ausgang, doch es war zu spät. Eine Funkstreife stoppte abrupt vor der Bank. Zwei Polizisten stiegen aus, einer sicherte den Eingang, der zweite sprach mit einem Bankangestellten. Kurz darauf nahmen mich zwei Kriminalbeamte fest. „Das war es dann wohl”, sagte ich und wollte mich noch als nur benutzter Botengänger rechtfertigen. Man glaubte mir nicht. Die Scheckbücher waren schon lange als gestohlen gemeldet und ich wurde als vermeintlicher Haupttäter verhaftet und landete zunächst im Polizeigefängnis.
Jonny sah ich nie wieder, er hatte auch keinen Wohnsitz und ich kannte nicht einmal seinen richtigen Namen.

Ich trug das Bündel mit Bettwäsche und Decken über der Schulter, ging drei Schritte vor dem Justizbeamten aus der Asservatenkammer im Landesgericht Salzburg. Die nächste Station der Entwürdigung ähnelte einem Ärztezimmer. Ich sah jedoch keinen Arzt, nur einen Wärter, der mich in harschem Ton auffordert: „Ausziehen. Alles ausziehen. Umdrehen. Bücken.”
Es folgte eine akribische Durchsuchung bis in die letzte Hautfalte. Ich war so eingeschüchtert, dass ich gar nicht an Widerstand dachte, als mich der Aufseher mit einer Handpumpe mit einem Pulver einstaubte. Es war wohl DDT, das mich in eine weiße Wolke hüllte. Der lapidare Kommentar des Beamten: „Das ist nur zur Vorsorge, man weiß ja nie mit welchem Gesindel es man zu tun hat.”
Meine Leibwäsche und alle persönlichen Habseligkeiten wurden in einen Plastiksack gesteckt, registriert, ich nehme an auch gereinigt und dann verwahrt. Die private Oberbekleidung und meine Schuhe durfte ich behalten. Mir wurde klar, dass ich soeben meine Souveränität und einen Großteil meiner bürgerlichen Rechte abgegeben hatte.
„Abmarsch!”
Der Gang führte in Richtung des ersten Gittertores zum Stiegenhaus des E-Trakts, dem Gebäudeflügel für Untersuchungshäftlinge. Die Lage schien ausweglos. Und Flucht? Daran war nicht zu denken. Oder doch? Ich mochte meine Ehre verloren haben, nicht aber meine Geschichte.
„Stehenbleiben!”
Der Befehl des phlegmatisch wirkenden Beamten in der grünen Uniform der Justizwache erreichte mich kurz vor der Gittertür. Eine beklemmende Hilflosigkeit stieg in mir auf. Völlig unerwartet, wie zum Schutz meiner Seele sah ich die komische Szene mit dem betrunkenen Kerkermeister Frosch aus der Fledermaus vor mir ablaufen. Das Schlüsselrasseln dieses Schließers aber war real, kein Schauspiel. Er taxierte mich, ermahnte mich, langsamer zu gehen. Die Anweisungen waren kurz, ein Hauch von Militär. Ich wusste, dass ich verloren hatte, und haderte nicht mit dem Schicksal. Das machte die Sache erträglicher. Die laute Meldung meines Führers in das Zellenhaus des Gefängnisses: „E-Trakt … Zugang!”, riss mich aus meinen Gedanken. Ich wurde an den Stockchef der Abteilung übergeben und das Ritual wiederholte sich. Drei Schritte vor dem Beamten ging ich immer tiefer ins Ungewisse. Vor der Zelle 46 kam dann das: „Halt”.
Ich war angekommen vor meinem Domizil für unbestimmte Zeit. Bevor sich die schwere Zellentür öffnete, wurde noch mein Namensschild in eine Vorrichtung rechts neben der Tür geschoben. Ich sah drei Namen und daneben ein weiteres Kästchen mit diffusen Abkürzungen, die nicht zu entziffern waren, vermutlich waren es abgekürzte oder verschlüsselte Informationen über jeden Häftling. Links an der Außenseite über der Tür befand sich ein Spülkasten für den Abort innerhalb der Zelle. Das erschien mir nicht logisch und ich wunderte mich über diese Besonderheit. Eine gefängnisübliche Maßnahme, die ich später noch unangenehm zu spüren bekommen sollte. Die Zellentür selbst war aus massivem Holz gebaut, das Guckloch in Augenhöhe, darunter eine Klappe. Ich vermutete, dass durch diese Luke das Essen gereicht würde, das hatte ich schon in Filmen gesehen. Die oftmals übertünchten Wände waren dick und alt. Das Mobiliar stammte wie das Gerichtsgebäude selbst aus der Gründerzeit. Gauner und Falotten hat es immer schon gegeben. Ich war jetzt offiziell einer von ihnen, zwar noch nicht verurteilt, aber ich wusste, dass ich Schuld auf mich geladen hatte.
Mit lautem Klacken wurde der schwere Riegel zurückgeschoben. Eine Umdrehung mit dem Schlüssel, ein Schubsen und ich war drin. Skeptisch starrten mich drei Augenpaare an. Ich versuchte ein wenig unbeholfen mit einem genuschelten: „Habe die Ehre” zu grüßen.
Ein dumpfer Schlag, ich drehte mich noch einmal um, die schwere Tür war in das Schloss gefallen. Ich sah nur mehr die glatte mit massivem Stahlblech beschlagene Innenfläche der Tür. Ohne Klinke. Ein etwa dreißigjähriger Mann, offenbar der Capo in diesem Raum, stellte sich als Manfred vor. Ein völlig anderes Leben begann.
„Ich bin der Ferdinand”, sagte ich und schaute auf die Zellengenossen.
„Suleiman”, sagte der kleine Jugoslawe und hob halbherzig seine Hand zum Gruß.
„Isch bin der Helmut aus Frankfurt“, blaffte der Dritte.
„Ein Piefke”, dachte ich, „vor denen ist man nirgendwo sicher.”
Mir wurde ein an der rechten Wand in Kopfhöhe fest verankertes Kästchen zugewiesen. Hier war Platz für die Anstaltsunterwäsche, Nachthemd, Seife, Zahnbürste, Handtuch und den blechernen Schekel mit Löffel aus Aluminium.
Auf meine Frage: „Was ist mit Rasierzeug?”, antwortete Manfred der Capo grinsend: „Sicherheitsmaßnahme, Rasierklingen gibt es nur zweimal pro Woche auf Anforderung. Diese müssen nach Gebrauch wieder abgegeben werden, obwohl du dich mit diesen stumpfen Uraltklingen aus Kriegsbeständen höchstens eine Blutvergiftung zuziehen kannst.”
Ich schaute mich um in der relativ hohen Zelle mit dem blitzblank gebohnerten Boden aus rotbraunem Holzbeton. Ich schätzte den Raum auf 6 x 3 Meter, stirnseitig befand sich das vergitterte Fenster. So hoch angelegt, dass man nur auf dem Stuhl stehend hinaussehen konnte. Links und rechts vom Fenster standen zwei metallene Stockbetten. An dem Tisch in der Raummitte vier Hocker, ein Waschbecken grenzte an den in der Ecke neben der Tür befindlichen Lokus. Mich befremdete an diesem Abort die fehlende Abgrenzung zum Raum. Man saß wie auf einer Bühne und war von jedermann inklusive vom Guckloch aus sichtbar. In mir stieg ein Gefühl der Hilflosigkeit auf. Mit meiner ohnehin nur gespielten Selbstsicherheit war es vorbei und das war mir anzusehen. Prompt kam die Frage: „Du bist zum ersten Mal im Häfen, stimmts?”
Ich bejahte und spürte in diesem Moment, dass ich mich jetzt in der Häfenhierarchie behaupten musste. Beim ersten verbalen Abtasten mit den Zellengenossen kommt nach und nach Persönliches zur Sprache.
Suleiman redete nicht viel, war aber sonst freundlich. Er war Hütchenspieler und stammte aus Jugoslawien. Warum er hier war, wurde mir nicht klar.
Manfred, der Capo, war ein 33 Jahre alter Wiener und schon sechs Monate in U-Haft. Er war Einbrecher, bezeichnete sich selbst als Steher, der nichts zugab, was nicht eindeutig bewiesen werden konnte.
Helmut, der dreißigjährige Schönling aus Deutschland, gab mit gewissem Stolz offen zu, Heiratsschwindler zu sein, wurde aber als Autodieb und Einbrecher in Salzburg verhaftet.
Alle hatten durchwegs Knasterfahrung. Verurteilt war noch niemand, alle warteten mit gemischten Gefühlen auf ihren Verhandlungstermin.
„Hast du Geld und warum bist du hier?”, wurde ich gefragt.
Die Geldfrage war mir peinlich, ich war komplett blank. Die Frage: „Warum bist du hier?”, war schwierig. Instinktiv antwortete ich mit: Scheckbetrug, das stimmte zwar nicht ganz, aber es gab mir Zeit zum Überlegen.
„Das geht schon in Ordnung, wenigstens kein Sandler”, sagte Manfred. Er meinte damit, dass er mit Kleinkriminellen nichts anfangen konnte. Damit war einstweilen das Gespräch beendet. Man holte mich zum Verhör beim Untersuchungsrichter ab. Zum x-ten Mal dieselben Fragen. Das gleiche Unverständnis der Beamten. Ziemlich ermüdet kehrte ich von der Befragung in die Zelle zurück und wollte mich hinlegen.
„Das geht gar nicht”, wurde ich von den Kollegen aufgeklärt. „Tagsüber ist das Liegen im Bett verboten, erst nach dem Abendessen kannst du dich hinlegen.”
Langsam gingen mir diese dauernden Belehrungen auf den Geist. Am liebsten wollte ich herausbrüllen, dass sie mich allesamt am Arsch lecken können. Ich wollte wegrennen und die Tür hinter mir zuknallen. Mir wurde schnell klar, dass ich auf der falschen Seite der Zellentür stand. Man hatte mich ausgeklinkt. Ich selbst war schuld an dieser Situation, ich hatte gegen die Regeln verstoßen und bekam jetzt die Rechnung präsentiert.
So sehr mich der Freiheitsentzug bedrückte, so wenig machte mir der Alkoholentzug zu schaffen. Das gab mir die trügerische Sicherheit, dass ich übermäßiges Trinken jederzeit stoppen kann. Ich hatte damals falsch gedacht, denn es macht einen Unterschied, ob man will oder muss. Anders war es beim Rauchen, da krallte ich mich fest an jedem Glimmstängel, als Synonym für den letzten Halt. Das wurde jetzt zunehmend zum Problem, denn meine Zigaretten waren längst aufgeraucht und ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Manfred saß am Bettrand (das war erlaubt) und beobachtete mich. Ich bemerkte es und fragte ihn: „Hast du was zum Rauchen für mich?”
Darauf setzte er sich zu mir, legt seinen Kopf auf beide Hände am Tisch und schaute von unten her in meine Augen. Ich hielt dem Blick stand. Vielleicht hätte ich warten sollen, bis er von sich aus auf mich zukäme und mir etwas Tabak anböte. Manfred richtete sich auf und sah mich lange an. Offensichtlich hatte ich die Prüfung bestanden, denn er schob mir wortlos sein Tabakbündel und Zigarettenpapier zu und nickte nur. Das bedeutete, ich konnte mir eine drehen. Das sah leichter aus, als es war. Ich hatte noch nie eine Zigarette selbst gedreht. Dementsprechend sah meine erste Selbstgedrehte aus. In der Mitte ähnelte das Ding einer Zigarre und an den Enden ist kaum etwas vom groben Landtabak drin. Beim Anzünden ergab das einen sehenswerten Flash, die halbe Zigarette war abgebrannt und meine Haare waren versengt. Manfred und Helmut lachten sich krumm, selbst der sonst so stille Suleiman, den wir nur Suli nannten, stimmte in das Gegröle mit ein.
„Du hast leicht lachen, du bist Nichtraucher“, sagte ich zerknirscht zu ihm. Er konterte: „Ick nix rauchen, aba ick kann wuzeln.” Da wurde mir klar, er war Hütchenspieler und wer diese flinken Gauner kennt, der weiß, dass sie von ihrer Fingerfertigkeit leben.
Vom Gang klang das Scheppern von Suppentöpfen und das dumpfe Klacken, das beim Öffnen der Zellentüren entstand, in mein Ohr. Das bedeutete: Beginn der Ausgabe des Abendessens. Die Tür öffnete sich, der Hausarbeiter teilte aus und der Beamte stand hinter dem Essenwagen und kontrollierte halbherzig. Nur ein Topf am Wagen bedeutete, – es gab nur Suppe. Krautsuppe. Und Hausbrot. Meine Zellengenossen fluchten und jammerten, drehten sich angewidert ab. Eigentlich wollte ich aus Solidarität ebenso auf die Suppe verzichten, aber mein Hunger war größer. Schmeckt gar nicht so schlecht, wollte ich sagen, verkniff es mir aber im letzten Moment. Zu groß war die Gefahr, als Arschkriecher zu gelten.
Helmut und Suleiman belegten die untere Etage der Stockbetten. Sie schoben einen Hocker zwischen die Betten und spielten Schach. Die kunstvoll selbst gefertigten Figuren waren aus Brotteig geformt und mit Schuhpasta eingefärbt. Normalerweise wurde um Zigaretten gespielt, weil aber Suli Nichtraucher war, wurden Dienstleistungen eingesetzt. Der Verlierer übernahm den nächsten Stubendienst des Gewinners. Der Piefke verlor regelmäßig. Das war gut für mich, denn das gab mir die Möglichkeit, ihn abzulösen. Preis: Fünf exakt und stramm gedrehte Zigaretten.
Manfred gab mir Unterricht im Wuzeln und versprach mir, wenn ich das beherrsche und ihm täglich seine Zigaretten drehe, bekäme ich fünf Stück als Lohn. Ich merkte, dass mir der Zellen-Capo helfen wollte. Aber warum? Aus Sympathie? Könnte sein, aber ich vermutete eher eine Strategie dahinter. Und genau so war es auch, denn er begann mich zu systematisch zu bearbeiten.
„Schau Ferdinand, ich will dir helfen, den Häfen zu verstehen. Hier geht es um das Wohl von Zelle 46. Und das lässt sich nur erreichen, wenn Friede herrscht. Friede bewahren kannst du aber nur, wenn jeder, der hier lebt, seine Grundbedürfnisse decken kann.”
„Und was hat das mit mir zu tun?”, fragte ich.
„Hör zu. Du brauchst hier ein Zahlungsmittel, genau wie draußen. Die Währung hier ist Tabak. Landtabak, kurz Landler oder Heu genannt. Das wiederum wird in Bündeln zu fünf Schilling offiziell am Einkaufskiosk einmal in der Woche zum Kauf angeboten. Die kleinste Währungseinheit ist ein halbes Bündel, das gilt auch für die wenigen Nichtraucher. Für ein verbotenes Sexmagazin zahlt man, je nach Originalität, fünf bis zehn Bündel Heu. Bei Tabletten ist der Preis wesentlich höher. Hier herrscht eine Subkultur mit eigenen Gesetzen. Das draußen fängt beim Wärter an. Manchmal kann er auch Verbindungsglied und Briefträger sein. Hier muss jeder, so gut er kann, dazu beitragen, dass etwas Geld auf sein Verwahrungskonto fließt. Damit besteht theoretisch die Möglichkeit, beim wöchentlichen Einkauf für Tabak, Instantkaffee, Toilette Artikel, Dauerwurst, Obst oder für ein Zeitungsabonnement zu sorgen.”
In den nächsten Tagen wurde ich von Manfred aufgeklärt, wie das mit den Briefen läuft. „Du kannst pro Woche einen Brief schreiben, vorausgesetzt du hast das Geld für das Porto. Und du kannst einmal in der Woche einkaufen. Ein Kaufmann von draußen betreibt den Kiosk mit den wichtigsten Dingen. Leider ist er ein Schlitzohr, denn er gibt keine Sonderangebote an uns weiter. In seinem regulären Laden sind die Preise sehr oft niedriger als bei uns. Ein Gefangener hat ihm unlängst die Meinung gegeigt und ihm gedroht, als er sagte: „Nach dem Einsperren kommt das Auslassen!”
„Er hat dafür eine Hausstrafe kassiert. Einkaufsverbot und/oder Schreib- und Besuchsverbot sind die gängigen Sanktionen. Also Vorsicht mein Freund – Drohungen dieser Art nur ohne Zeugen!”
„Warum erzählst du mir das alles, ich habe doch sowieso kein Geld zum Einkaufen?”
„Aber du könntest zu Geld kommen, indem du Briefe schreibst. Daher musst du gut überlegen, wem du schreibst, denn es geht nur einmal in der Woche. Wenn du blank bist, dann meldest du dich bei der Gefängnisfürsorgerin, die kommt zweimal in der Woche und erledigt auf Antrag auch Botengänge zu Behörden oder Arbeitgebern. Wenn du irgendwo noch etwas Geld oder Lohn ausständig hast, die Frau besorgt dir das, sie ist gut in ihrer Arbeit. Also denk nach. Ein Tipp noch: melde dich beim Gefängnispfarrer zu einem Gespräch. Egal ob du gläubig bist oder nicht. Für eine Briefmarke, manchmal sogar eine Schachtel Zigaretten ist der immer gut. Also, was ist? Fällt dir was ein?”
Ich dachte angestrengt nach und hatte auch eine Idee, aber dann verwarf ich sie gleich wieder, denn das kam mir alles zu abstrus vor. Doch Manfred, dieser Fuchs, hatte gleich bemerkt, dass ich eventuell einen Ansatzpunkt hätte und drängte mich laut zu denken.
„Na, was ist? Lass hören!”
„Na ja“, sage ich, „ich weiß nicht, ob das was ist. Ich habe vor Monaten bei einer privaten Wachgesellschaft als Nachtwächter gearbeitet und bin, nachdem ich den ersten Vorschuss bekam, total abgestürzt und bin nie wieder bei denen aufgetaucht. Ich habe mich geniert, nach drei Tagen Saufen war ich am Ende. Die haben noch meine Lohnsteuerkarte und ein paar Hunderter könnten drin sein. Glaubst du, dass die Fürsorgerin das hinbekommt?”
Manfred tanzte fast um den Tisch und jubelte euphorisch: „Ich habs ja gewusst, du bist ein Goldjunge. So, und jetzt gehen wir schlafen, gleich wird das Licht ausgehen. Gute Nacht, Burschen, gute Nacht Ferdinand und denk gut nach, wem du den ersten Brief schreiben willst.”
Entgegen meiner Annahme, bestimmt nicht schlafen zu können, hatte ich bis auf ein kleines Intermezzo, als ein ebenfalls gefangener Muselman sein Wehleid wie ein Muezzin in die Nacht jaulte, gut geschlafen. Die Glocke von Stift Nonnberg schlug gerade die sechste Stunde an, als im Haus ein dumpfes Signal zur Tagwache dröhnte.
„Rasieren wäre nicht schlecht, sagte ich.
Helmut verriet mir einen Trick. Weil es nur beim wöchentlichen Duschen heißes Wasser gibt, war das Rasieren an normalen Tagen mit kaltem Wasser eine Katastrophe. Mein Tipp: „Verlange gleich beim Frühstück vom Hausarbeiter eine Rasierklinge und schäume dich mit Seife und heißem Negerschweiß ein.”
„Negerschweiß?”, fragte ich ungläubig.
Helmut lachte: „So nennen wir diese schwarze Brühe, die angeblich Kaffee sein soll. Ohne Milch und Zucker bringst du diese Plörre nicht runter.”
„Aha, verstehe. Danke für den Tipp”, antwortete ich höflich, war aber nicht wirklich überzeugt.
„Irgendwie ist das eine verrückte Welt”, murmelte ich und rieb nachdenklich meinen Dreitagebart. Mir fiel auf, dass Manfred heute besonders aufgeräumt wirkte. Er fummelte überall herum, straffte pedantisch sein sonst leger getragenes Hemd und pöbelt Suli an, er sollte seine Schuhbänder knüpfen.
„Was ist los?”, fragte ich ihn und er lächelte tiefsinnig. „Heute hat der General Dienst, da muss alles auf Zack sein, sonst gibt es Probleme.” Der General war genau genommen nur Inspektor und hieß Büchner, aber sein Spitzname war General, weil er ein Soldat vom Scheitel bis zur Sohle war. Er trug dieselbe Uniform wie alle anderen Schlüsselknechte, aber bei ihm schaute das eleganter aus. Der Mann war gespannt wie eine Feder. Im Krieg war er Unteroffizier gewesen und kam hochdekoriert als Ritterkreuzträger von der Front zurück. Jeder hier im Haus, egal ob Häftling oder Justizbeamter, respektierte und verehrte ihn. Büchner legte großen Wert auf Recht und Ordnung. Für viele war er der heimliche Chef der ganzen Anstalt.
„Wenn du wirklich einmal echte Probleme hast, dann wende dich an ihn, er wird dich verstehen”, sagte Manfred.
Dann begann die Show. Wir waren in einer Reihe angetreten, die Zellentür wurde geöffnet und Manfred als unser Capo machte Meldung: „Zelle 46 mit vier Mann belegt, keine besonderen Vorkommnisse!”
„Guten Morgen, Burschen!”
„Guten Morgen Herr Büchner!“, klang es wie aus einem Mund.
Kurz danach kam der Frühstückswagen, voll beladen mit Brot aus der Haus-Bäckerei. Pro Kopf und Tag wurden 400 Gramm Schwarzbrot verteilt. Dazu gab es schwarzen Kaffee. Jeder konnte bei dieser Gelegenheit seine Wünsche anbringen. Je nach Möglichkeit und Laune wurden diesen stattgegeben oder eben nicht. Ich bat um Rasierklingen, deponierte meine Anmeldung zur Fürsorgerin, fragte nach dem Pfarrer und vergaß zu sagen, dass ich evangelisch war. Egal. Manfred urgierte seine Bestellung in der hauseigenen Bibliothek, er wartete seit Wochen auf Lady Chatterleys Lover. Dieser Roman war damals die am meisten gelesene Lektüre der Gefängnisbücherei.
Wochentags war um 8:00 Spaziergang angesagt, es wurde nach Stockwerken selektiert. Natürlich wurden Komplizen von Häftlingen in eine andere Spazierganggruppe ausgesondert, um Verabredungen zu vermeiden. Mit dem Rest, den sogenannten Unbedenklichen, drehte ich meine Runden in einem kahlen Betonviereck zwischen dem Landesgericht und dem Werkstatthof, wo Strafgefangene die Autos von Beamten reparierten. „Übrigens”, sagte Manfred, „Mechaniker ist der begehrteste Job in diesem Haus. Da drüben im Werkstatthof sollen wunderbare Dinge passieren. Zum Beispiel tauchen vergessene Cognacflaschen in Handschuhfächern auf, von denen niemand weiß, wie sie da hineingekommen sind. Die ehrlichen Finder bringen sie natürlich in die schützende Obhut ihrer Zelle. Auch hier gilt der Grundsatz: Wo kein Kläger - da kein Richter.”
Der gepflasterte Rundweg führte um eine Insel aus Gras, die trotz ihres Grüns farblos erschien. Keine Blume, kein Strauch, kein Baum. Nur Beton und graue Mauern mit Stacheldraht als Dornenkrone auf dem Mauersims. Zu ebener Erde des Zellentraktes waren die Gitterfenster der gefürchteten Korrektionszellen teilweise mit einer Abdeckklappe verdeckt. In diesen spartanisch eingerichteten Verliesen konsumierte man angeordnete Dunkelhaft, ganz im Sinne der laienhaften Gesellschaft, die sich genau solche Kerker wünscht. Gerechtfertigt und gedeckt wurde diese Maßnahme entweder durch eine im Urteil rechtskräftig verordnete Strafverschärfung oder auch durch eine Hausstrafe, die bei Verstößen gegen die Hausordnung ausgesprochen wurde.
Ich hoffte irgendjemand zu kennen in dieser bunten Truppe von Dieben, Räubern, Dealern, Einbrechern, Mördern, Betrügern, Zuhältern, Homosexuellen, Wirtschaftskriminellen, Kinderschändern und Heiratsschwindlern.
Nach zwei „Kuraufenthalt” bekam ich den ersten Bekannten zu Gesicht. Da hinten, in der vorletzten Zweierreihe, war das nicht der Heini? Ich ließ die Leute an mir vorbeimarschieren, indem ich mir die Schuhbänder band und reihte mich neben Heini ein. Er erkannte mich sofort wieder. Heini war Rentner und schwul. Sein einziges Verbrechen war, dass er die jungen Buben zu sehr mochte; besonders wenn sie blond waren wie ich. Nun, ich selbst bin hetero, aber ich hatte nie etwas dagegen, wenn er mich auf ein Bierchen einlud und mir Avancen machte. Um seine Blaskünste an mir zu demonstrieren, hätte er viel mehr locker gemacht als ein Bier. Ich hatte ihn immer vertröstet auf einen späteren Zeitpunkt. Das war auch nie wirklich ein Problem für Heini. Er war mir nicht böse und augenzwinkernd kam sein stereotyper Satz: „Einmal krieg ich dich, du Luder!”
Und jetzt ging er da mit mir im Kreis. Ich war hoch erfreut ihn zu treffen und sagte ihm das auch. Für meine Hintergedanken zwecks Rauchwaren schämte ich mich keine Sekunde. Heini interpretierte meine Freude anders und freute sich auf seine Weise. Er hatte ganz andere Gedanken als ich, das konnte ich ihm ansehen. Ein bisschen Small Talk konnte nicht schaden und ich erzählte ihm mit mehr Timbre in der Stimme als normal, dass ich zum ersten Mal hier sei und fürchterlich leiden würde. Am schlimmsten sei es, keine Butter aufs Brot zu kriegen und um jede Zigarette betteln zu müssen. Ich merkte sofort, dass es ihn erwischt hat.
„Nur nicht verzweifeln Ferdinand. Du kennst mich ja, ich kann so einen feschen Buam nicht leiden sehen”, sagte er und zog ein Bündel Tabak vom Feinsten aus der Tasche. Der unverkennbar süßliche Geruch von Clan-Feinschnitt zog in meine Nase.
„Nimm das fürs Erste, mein Lieber, vielleicht besprechen wir morgen beim Hofgang, wie du zur Butter auf dein Brot kommst.” Heini strich mir leicht über die Hand, als er mir den Tabak zusteckte. Er schaute glücklich aus, wenn auch aus einem ganz anderen Grund als ich. Irgendwie ein armer Kerl, dachte ich. Aber so ist das Leben.
Das monotone Rundendrehen brachte zwar frische Luft in meinen Körper, aber ein Spaziergang zur Entspannung war es nicht. Es könnte so idyllisch sein, fantasierte ich: Nur hundert Meter weiter oben am Nonnberg, da möchte ich gehen. Den traumhaften Ausblick hinüber zum Kapuzinerberg genießen und souverän über das Gefängnis hinwegschauen. So aber hörte ich nur die Hammerschläge der Wächter, die während des Hofgangs stichprobenartig die Zellen filzten und mit einem langstieligen Hammer die Gitter abzuklopfen um am Klang zu erkennen, ob nicht so ein Spitzbube sie etwa angesägt hat.
Heini nahm mein Nachdenkgesicht zum Anlass, mir eine Hand auf die Schulter zu legen und mich zu trösten: „Nimm es nicht so schwer, Ferdinand, versuch die ganze Scheiße mit Humor zu tragen. Schau dir zum Beispiel die beiden Schlüsselknechte da vorne am Tor an, die dürfen uns vom Hofgang zurück in unsere Zellen führen. Schau sie dir gut an und lass deine Fantasie spielen. Stell dir vor, das wären zwei livrierte Diener aus dem Grandhotel. Sie klopfen und tasten uns nur deshalb so sorgfältig ab, um uns vor dem Unbill der Außenwelt zu schützen. Sie sind unsere Taktgeber. Sie sind rührend besorgt um unser Wohlergehen und achten penibel darauf, dass wir uns nicht verlaufen und möglicherweise nicht mehr zurückfinden. Ohne uns wären sie arbeitslos, müssten unsere, vom Direktor wiederholt als gut und reichlich bezeichnete Häfenkost, selber fressen. Schau sie dir an, allein der Gedanke daran, dass uns etwas zustoßen könnte, lässt sie so traurig und abgestumpft schauen. Also, Kopf hoch mein Junge, das wird schon werden. Versuch dich einfach freizulachen.”
Respekt, dachte ich, solche Worte aus Heinis Mund hatte ich nicht erwartet, ich war beeindruckt von diesem kleinen, runden Schwuli. Ich wollte ihm gerne meine Verbundenheit zeigen, hatte aber Bedenken, dass er es falsch verstehen würde. Es blieb keine Zeit zum Überlegen, die Livrierten baten zur Rückkehr in die Gemächer. Der Tag schien gerettet, ich hatte wenigstens für die nächste Zeit genug zu rauchen.
Ich sah dem Wochenende mit gemischten Gefühlen entgegen. Manfred hatte mich die ganze Woche mit dubiosen Andeutungen neugierig gemacht. Er sprach vom Telefonieren und Pendeln, wurde aber nicht konkret; ich konnte mir nicht vorstellen, was das sein soll. Er brauchte eine gewisse Zeit des Kennenlernens, um mir endgültig vertrauen zu können. Später rückte er mit einer Erklärung heraus, die mich ziemlich schockierte: „Weißt du, Ferdinand, das ist nicht ungefährlich. Es kommt immer wieder vor, dass Konfidenten in Zellen gelegt werden, die mit den Beamten gemeinsame Sache machen, aber auch von höchster Stelle eingesetzt werden, um den nicht geständigen U-Häftlingen Geheimnisse zu entlocken, um sie dann gegen sie zu verwenden. Ich habe einmal zwei Wochen in der Korrektionszelle verbracht, weil ich so ein Aushorchschwein verprügelt habe.”
Ich konnte es nicht fassen, dass man mich die ganze Zeit, die ich jetzt hier war, für einen möglichen Verräter gehalten hatte. Sollte ich beleidigt sein? Nein, tat ich nicht. Ich spielte vorerst den Verständnisvollen, suchte aber gleichzeitig nach einer Strategie, die Vertrauen schaffen konnte. Der gängigste Weg zur Anerkennung der Persönlichkeit im Häfen ist seit jeher die signalisierte Bereitschaft zu Brutalität und Skrupellosigkeit. Juristische Erfahrung im Strafrecht konnte ebenso hilfreich sein wie ein gewisser Ruf im Rotlichtmilieu. Die Nachtlokale der Stadt waren mir gut vertraut, wenn auch nur durch meine unzähligen Sauforgien. Mit Gewalt konnte ich nicht punkten, ich war zeitlebens ein friedlicher Schluckspecht. Das größte Verbrechen, das mir vorzuwerfen ist, hatte ich mit meiner exzessiven Sauferei an mir selbst begangen. Das hilft meiner Reputation hier im Gefängnis wenig, also versuchte ich es mit den Prostituierten und ihrem Umfeld. Allein die Ankündigung, dass ich da so meine Verbindungen hatte, erzeugte offene Münder beim Piefke und Suli. Manfred rief erwartungsvoll: „Erzähle weiter, Franz, das passt zu unserem heutigen Abend, wir werden nämlich heute mit den Mädels im Stock über uns telefonieren.”
Das breite Grinsen im Gesicht von Manfred zeigte Vertrauen. Ich frage nach: „Telefonieren? Wie, was, wo, sag schon?”
Jetzt amüsierten sich alle über meine Unwissenheit, sagten aber nichts, sondern forderten mich ihrerseits auf, endlich eine meiner vorher angekündigten Weibergeschichten zu erzählen.
„Also, wie schon gesagt, mein Glück sind die Huren und ihre Zuhälter. Ich kenne sie alle und sie kennen mich. Ich habe geholfen, ihre Wohnungen zu Sextempeln umzugestalten und bei Heinz, dem Boss des Blue Velvet, war ich Haus- und Hofmeister. Ich war weder Zuhälter noch Freier, nur ein freundlicher Handwerker, der meistens zu viel trank. Die Mädels nannten mich Fernand, weil ein Ferdinand nicht ins Milieu passte.”
Die Burschen waren beeindruckt, ihre Augen glänzten und ich konnte mir vorstellen, was in ihren Köpfen vorging. Die gute Stimmung nützend, forderte ich Aufklärung, was die Frauen im Oberstock betraf. Und dem Telefonieren. Und dem Pendeln.
Manfred begann zu erklären: „Also höre gut zu. Dieses Wochenende ist die lockere Partie im Dienst, die drücken schon mal ein Auge zu, wenn wir hier aktiv werden. Wir wissen ungefähr, wann wir etwas lauter sein können, die Kontrollgänge sind berechenbar. Im Stockwerk über uns sind die Frauenzellen. Die Mädels sitzen wegen Beischlafdiebstahl, Unterschlagungen und solche Dinge. Kleinkram eigentlich. Alle anderen werden nach kurzer Zeit ins Frauengefängnis überstellt.”
Ich unterbrach seinen Vortrag: „Manfred! Komm zur Sache.”
Er grinste, neigte seinen Kopf zur Seite, legte den Zeigefinger auf die Lippen und forderte mich durch ein pscht auf, still zu sein: „Hörst du das?” Ich kapierte nicht, was er meint. „Was soll ich hören?”
„Na da! Im Klo das Pumpen.”
Ein weit entferntes gurgelndes Geräusch war zu vernehmen. Ich führte das auf die uralten Leitungen und Rohre zurück. Das hatte ich schon öfter vernommen, es aber als normal empfunden. Alltägliche Klogeräusche eben. Manfreds wissendes Grinsen lies in mir allmählich eine Ahnung hochsteigen, bei mir dämmert es langsam. Mit einem zweifelnden Blick fragte ich: „Du meinst doch nicht wirklich das Klo, oder?” Der Gedanke war so abwegig, dass ich es fast nicht glauben konnte.
„Bingo Ferdinand! Jetzt bist du dran! Mein Gott, schau nicht so blöd, nimm den Klobesen und pumpe das Wasser aus dem Siphon, dann ist die Leitung frei und wir können mit den Hasen da oben telefonieren.”
Weil ich das nicht glauben konnte, stand ich wie erstarrt vor dem Lokus. Der Piefke nahm mir den Klo-Besen aus der Hand und stieß ihn vier bis fünfmal kräftig in die Kloschüssel. Dadurch wurde das Wasser, das für den Geruchsverschluss sorgt, hinaus ins Fallrohr gedrückt und die Telefonleitung stand, vorausgesetzt, über uns wurde das gleiche getan. Wenn in beiden Fällen die Luft rein ist, kann das Gespräch beginnen.
Unser Piefke hatte den Kopf fast ganz in der Muschel und zwitscherte seiner Angebeteten, sie hieß angeblich Lore, ins Rohr: „Hallo Süße, ich bin´s, dein deutscher Wonneproppen!” Da dröhnte es aus der Schüssel: „Geh scheißen, oida Wixer, i bin ned die Lore, i bin die Vera und will den Neuen bei euch hören!” Frustriert erhob sich Helmut und deutete mir, dass ich dran sei.
„Hallo Vera, ich bin neu hier und bleib hoffentlich nicht länger, es genügt, wenn mein Willy immer länger wird.”
Getuschel in der Zelle, Manfred stand mit dem Rücken zur Tür, sodass der Beamte nicht durchs Guckloch schauen konnte. In dem Moment hörte ich nur mehr ein ohrenbetäubendes Rauschen und ein Wasserschwall brauste über meinen Kopf hinweg. Dann ein Befehlsschrei von draußen: „Weg von der Tür und a Ruah is!”
Jetzt wurde mir schlagartig klar, warum der Spülkasten vor der Zelle angebracht war, denn so kann der Beamte mit einem Stock blitzartig die gesamte Wasserladung loslassen und das Gespräch beenden. Alle waren ins Bett gesprungen und verhielten sich ruhig und warteten ab, was passiert. Es blieb ruhig. Manfred erzählte, dass sich einige der Schließer einen Spaß draus machten, den Häftlingen eine ungewünschte Kopfwäsche zu verpassen. Herausfordern sollte man es aber nicht, denn wenn sie sich verarscht fühlen, könnten sie auch Meldung machen. Dann würde es zum Rapport gehen und in die Korrektionszelle will keiner, daher vertagten wir unser Telefon-Meeting. Manfred kommunizierte kurz übers Fenster mit den Frauen und vereinbarte einen verklausulierten Pendeltermin für den frühen Morgen. Nach dem Lichtabdrehen erklärt mir Manfred noch den Pendelverkehr:
„Die Weiber haben in ihren Zellen wesentlich mehr Freiheiten als wir, sie dürfen zum Beispiel auch stricken. Das nützen sie weidlich aus und drehen aus Wolle dünne Kordeln, um damit zu pendeln. An der Schnur befestigen sie ein Paket mit altem Brot als Gewicht, danach wird mit dem Arm aus dem Fenster so lange gependelt, bis aus den unteren Zellen einer den Besenstiel hinaushält. Die Schur wickelt sich um den Stiel und die Post ist da. Meistens geht es um kleine beschriebene Zettel, die sogenannten Kassiber oder auch um Tabak. Wer einen besonderen Draht zu den Hasen hat, kann schon mal zu einem Flacon mit Schnaps kommen. Frauen haben die besseren Möglichkeiten, sie bekommen bei Außendienstarbeiten gelegentlich was zugesteckt. So mein Freund, das war es für heute. Gute Nacht, wir müssen morgen früh raus. Manfred reichte mir noch einen kleinen Zettel und einen winzigen Bleistiftstummel. Schreib ein paar Zeilen für die Damen, stell dich vor, aber verwende nicht deinen richtigen Namen. Das ist für morgen früh die Retourpost, das muss ganz schnell gehen. Die Post wurde abgesandt, eine Antwort bekam ich nie, weil ich in eine andere Zelle verlegt wurde.

Vor zwei Wochen, gleich nach meiner Gerichtsverhandlung, war ich von der U-Haft in eine Zelle im Trakt für rechtsgültig verurteilte Straftäter verlegt worden. Mein Zellengenosse war Pepsch, von allen nur Doktor genannt. Er war sauer, weil sie mich, einen sogenannten Losgeher zu ihm in die Zelle gelegt hatten, wo er noch bis zum Sommer sein Jahr abzusitzen hatte. „Was soll ich mit so einem Eierdieb anfangen?”, fuhr er den Stockchef an.
„Pepsch, reg’ dich nicht auf, der Bua is in Ordnung”, sagte der Beamte und klopfte dem, auf beiden Armen tätowierten, etwa 45-jährigen Mann, freundschaftlich auf die Schulter.
Die ersten gemeinsamen Tage mit dem Doktor, waren Knastroutine. Der Mann war zweifellos der prominenteste Häftling, mit dem ich es bis jetzt zu tun hatte. Obwohl es mich wurmte, dass er mich als Eierdieb abqualifiziert hatte, weil ich nur vier Monate bekommen hatte, hielt ich meinen Zorn zurück. Ich hatte gelernt, dass man in diesem Haus seine Emotionen besser nicht auslebt. Am fünften Tag gewann ich die erste Schachpartie gegen ihn. Eine gute Gelegenheit, meinen aufgestauten Groll zu entladen: „Auch Eierdiebe können Schach spielen”, sagte ich. Das gefiel ihm. Er lachte, und ich fiel in sein Lachen ein. Dann stieß er mich an und sagte: „Komm, du komischer Eierdieb, erzähl mir deine Geschichte.”
Der Bann war gebrochen. Ich erzählte von meiner Berliner Zeit, von Glück und Pech, blöden Zufällen, aber auch von eigener Schuld. Im Hinblick auf meine baldige Entlassung hätte ich euphorischer sein können, wagte es aber nicht, denn Pepsch hatte noch ein halbes Jahr abzusitzen. Ich war mir nicht sicher, wie er darauf reagieren würde.
Meine Sorge war unbegründet. Pepsch drehte sich in aller Gelassenheit eine Zigarette, wischte mit den Hemdsärmeln die Tabakkrümel vom Tisch, schob mir den Tabakbeutel zu und sagte: „Dreh dir eine.” Wir rauchten schweigend. Pepsch stand auf und ging langsam hin und her. Acht Schritte vor und acht Schritte zurück, dann blieb vor mir stehen, stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab, schaute mir mit dem scharfen Blick eines Boxers in die Augen und sagte: „Okay, Franz, das ist Vergangenheit. Was machst du, wenn du hier demnächst rauskommst?”
„Keine Ahnung, aber ich denke, dass ich zu allererst meine Freiheit genießen werde. Wie es dann weitergeht, weiß ich nicht. Mein ganzes Vermögen beträgt hundertdreiundachtzig Schilling. Ich werde einen Job brauchen, aber die Zeit zwischen den Feiertagen ist dafür ungünstig. Hast du eine Idee?”, fragte ich, nicht ohne Hintergedanken, denn ich wusste, teils von ihm selbst, teils vom Hörensagen, dass er über ausgezeichnete Beziehungen verfügte.
Pepsch, mit bürgerlichen Namen Josef Z., war Akademiker und ehemaliger Staatsmeister im Mittelgewichtsboxen. Über seinen Werdegang vom Diplom-Kaufmann zum Nachtklubbesitzer sprach er nicht so gerne. Umso mehr brodelte es in der Gerüchteküche. Es gab in der Vergangenheit nicht gerade schmeichelhafte Artikel in der Boulevardpresse über ihn. Sie nannten ihn den Rotlicht-Baron. Pepsch konterte geschickt. Er sei Geschäftsmann in der Unterhaltungsbranche, war seine Standardantwort auf lästige Fragen. Seine Gegner, die Justiz und das Gewerbeamt, sahen das anders. Der Doktor ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, auch nicht, nachdem man ihm die Konzession entzogen hatte.
„Alles kein Problem”, meinte er in Interviews, „jetzt machen eben Partner die Geschäftsführung. Um das operative Geschäft kümmere ich mich nach wie vor selber.” Inoffiziell sprach man von Strohmännern, die seiner Frau Nora während seiner Haft zur Hand gingen und nach seinen Anordnungen handeln würden.
„Das macht die Sache zwar teurer”, so zitierte man ihn, „was aber den Sinnesfreuden meiner Gäste keinen Abbruch tut.”
Pepschs befreundeter Journalist, Willibald H., ließ in einer Zeitungsglosse fallweise bissig ironische Kommentare aus den Spalten grinsen. Das Establishment kam dabei schlecht weg. Er las mir einige Ausschnitte vor:
… nicht selten seien es genau jene Leute, die in der Öffentlichkeit über Josef T. herziehen, die ihrerseits nächtens in seinen Lokalen die besten Plätze in den Separees einnehmen. Bei den beliebten Surprise-Pokerrunden trifft man sich wieder. Inkognito, versteht sich. Pepsch ist diskret. In seinen Etablissements macht es Pepsch möglich, dass besagte Herrschaften ihr Schwarzgeld höchst freiwillig in Dekolletés und Strumpfbändern seiner Tischdamen verschwinden lassen können.
Er verstehe die Aufregung nicht, sagte Pepsch. Er habe seine Gäste nie gefragt, woher sie das Geld haben. Es sei ihm egal und gehe ihn und seinen Angestellten auch nichts an.
Ich erzählte Pepsch ein paar Geschichten. Zugegeben, ich stellte mich krimineller dar, als ich war. Noch während ich erzählte, wurde mir klar, wie idiotisch meine Angeberei war. Ich wechselte das Thema, sprach vom Trinken, weil ich das für weniger verfänglich hielt. Pepsch hörte aufmerksam zu, mitunter kam ihm bei amüsanten Episoden ein anerkennender Lacher aus, das stärkte meine Erzähllaune.
„Das klingt ja alles ziemlich easy. Es ist, als würdest du von einem guten Freund erzählen und nicht vom Teufel Alkohol. Wo ist dein Problem?”
„Na ja, ganz so toll ist es auch wieder nicht. In Wahrheit ist es so, dass das Saufen nicht nur Spaß macht. Schon gar nicht am nächsten Tag. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich den überwiegenden Teil meiner Probleme dem Alkohol verdanke. Ich spiele das herunter, weil ich es nicht wahrhaben will. Andererseits stärkt es meine Selbstachtung, weil ich denke, dass ich im Rausch ja nicht ich selbst bin. Das entlastet mein Gewissen und ich darf mich unschuldig fühlen. Aber wem erzähl ich das? Du sitzt doch hier, weil du im alkoholisierten Zustand einen Gast halb tot geprügelt hast, oder?”
„Das Arschloch ist Nora, meiner Frau, an die Wäsche gegangen. In meiner eigenen Bar, vor allen Leuten. Dabei hatten sich zwei meiner Animierdamen um ihn bemüht – aber nein – ausgerechnet Nora wollte er vernaschen. Ich habe rot gesehen, und du hast recht, Franz, ich war total besoffen.”
„Scheiß Alkohol”, sagte ich.
„Es war mein Jähzorn, verstärkt durch den Alk, da hast du recht, aber ich bin nicht abhängig. Wäre auch fatal, denn ich sitze an der Quelle – von meinem derzeitigen Wohnsitz einmal abgesehen.”
„Erstaunlich” sagte ich, „dass zwei so verschiedene Menschen wie wir, so offen miteinander reden können.” Für einen Moment glaubte ich, trotz Pepschs kollegialen Grinsers, ihm zu nahe getreten zu sein. War ich zu leutselig?
„Keine Sorge”, sagte er, „ich kann ganz gut unterscheiden, wem ich etwas erzähle und wem nicht. Außerdem bin ich der Meinung: Vertrauen erweckt Zutrauen. Was meinst du?”
„Sehe ich genau so.”
Ich war froh, dass sich Pepsch in die Waschnische zurückzog, um sich fertigzumachen für den Besuch seiner Frau. Heute, einen Tag vor Weihnachten, sei der letzte Besuchstag in diesem Jahr, erzählte er während des Zähneputzens. Ich lernte eine neue Facette des sonst so souveränen Pepsch kennen – er tanzte wie ein Jüngling durch die Zelle. Dann wurde er plötzlich wieder ernst und sagte: „Heute ist ein guter Tag für mich – und vielleicht auch für dich. Ich werde mit Nora reden – über dich und dein Problem. Kann mir gut vorstellen, dass sie einen Job für dich hat. Aber hüte dich ihr an die Wäsche zu gehen – du weißt schon …”.
„Und ob ich das weiß, Pepsch. Ich bin lebenshungrig, nicht lebensmüde.
Stefanietag 1968. Wie von ferne hörte ich die Glockenschläge der Turmuhr von Stift Nonnberg. Es war neun Uhr früh. Der Schnee, der über der Stadt lag, machte alles ruhig und friedvoll. Ich atmete tief durch und hatte das Gefühl, als ob hier draußen reinere Luft wäre als drinnen im Gefängnishof.
Ein kalter Wind wehte von der Salzach herauf und ließ die Flocken um den Brunnen am Kajetanerplatz tanzen. Kein Mensch war zu sehen, außer dem Hausarbeiter, der, begleitet von einem Justizbeamten, gerade Kies auf den schneeglatten Gehsteig streute und mich warnte: „Ganz schön rutschig hier draußen, pass’ auf dass’d net glei den Salto retour machst mit deine Sommerschucherl.”
Er hatte wohl bemerkt, dass ich nur Sommerkleidung trug. Mir war klar, dass Mokassins nicht zum Wetter passten, aber was sollte ich tun? Ich hatte keine anderen Schuhe und auch mein Sakko war nicht winterfest. Ich stellte meine Tasche auf den Boden, wandte den Blick zurück und dachte an den letzten Hofgang vor zwei Tagen.
„Mich seht ihr hier nie wieder”, hatte ich zu den Kollegen gesagt. Es war mein voller Ernst gewesen. Die Antwort war höhnisches Gelächter. Ich war viele Monate ohne Alkohol ausgekommen. Nicht ganz freiwillig, aber immerhin. Viel schwerer zu ertragen war das erzwungene Miteinander mit Charakteren, die ich in Freiheit niemals akzeptiert hätte.
Langsam kroch die Kälte meine Beine hoch. Ich nahm meine Tasche vom Boden auf und ging los. Mir war klar, ich musste neue Wege finden, um nicht wieder im Sog des Milieus unterzugehen. Keine Ahnung, wie das gehen könnte, aber ich wusste, dass ich wollte. Neidisch blickte ich über den Domplatz zu den dick vermummten Kirchgängern, deren festes Schuhwerk tiefe Muster im Neuschnee hinterließ. Meine Spuren waren ohne Profil. Das zu ändern war mein erklärtes Ziel.
Ich ging in das noble Kaffeehaus in der Altstadt. Vom Besuch dieses edlen Kaffeetempels hatte ich lange geträumt, jetzt erfüllte ich mir diesen Wunsch. Egal, wie teuer es sein würde – Bürgerlichkeit hat seinen Preis, dachte ich. Die Zeit der Entbehrungen war vorbei. Im Gefängnis gab es keinen Bohnenkaffee.
Als ich durch die Schwingtür in das Kaffeehaus eintauchte, empfing mich der Duft von gerösteten Kaffeebohnen, süßer Schokolade und exotischem Pfeifentabak. Antike Möbel aus Nussbaumholz standen zwischen steinalten Säulen, die den Geist prunkvoller Zeiten in sich trugen. An Wandhaken hingen Zeitungen wie dürre Blätter. Ich nahm am kleinsten Marmortisch gleich neben den Kleiderständern Platz. Ein zweiter Sessel diente als Ablage für meine Tasche. Ich hatte es mir gerade bequem gemacht, als sich am Nebentisch ein gedrungener Typ mit schlohweißem Haar bei seinem glatzköpfigen Gegenüber bitter beklagte: Es sei ein Malheur, er sei erledigt. Und was er jetzt ohne seine Dame tun solle. Zunächst dachte ich, es gehe um eine Frau, bis der Glatzkopf triumphierend „Schachmatt” rief. Ich lehnte mich zurück, winkte dem Oberkellner und bestellte, als hätte ich nie etwas anderes getan: „Espresso groß, Cognac Hennessy, auch groß. Und eine Schachtel Marlboro.”
Feierlich nahm ich das Glas zwischen Mittel- und Ringfinger, ließ den Cognac kreisen und prostete mir selber zu. Ein echter Freudentag, dachte ich, und öffnete die Zigaretten-Box. Ich genoss das Aroma amerikanischen Tabaks und zog eine Zigarette heraus. Die erste Marlboro seit langer Zeit. Als ich das Streichholz anriss, um sie anzuzünden, bemerkte ich, dass meine Hände vor Aufregung zitterten. Beim ersten Zug wurde mir schwindlig. Ich fühlte mich schwerelos. Ein himmlisches Gefühl, dachte ich, könnte ich es nur für immer behalten.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie eine adrett gekleidete Frau von Tisch zu Tisch ging und feinste Kuchen- und Tortenstücke anpries. Mit Minikleid würde sie mehr verkaufen, dachte ich. Die Kardinalschnitte sah fantastisch aus, aber ich beherrschte mich. Mein Geld war knapp, gerade mal einhundertdreiundachtzig Schilling. Ich nahm lieber noch einen Cognac, vergaß die Kuchenfrau und widmete mich den Stellenangeboten der Salzburger Nachrichten.
„Wie schön, hier ein bekanntes Gesicht zu sehen”, sagte die Kuchenfrau, die plötzlich neben mir stand. Ich schaute sie verwirrt an.
„Apfelstrudel gefällig?”, fragte sie und beugte sich nach vor. Mein Blick blieb an ihrem Ausschnitt hängen.
„Ich wette, du erinnerst dich nicht an mich”, sagte sie.
„Sollte ich das?”, fragte ich, um Zeit zu gewinnen. Sie lächelte und ging weiter.
Die „Zwetschge”, jetzt fiel es mir ein. So wurde sie genannt, wenn sie nicht in der Nähe war. Ihren richtigen Namen hatte ich vergessen. Dass sie sich an mich erinnerte, ließ mich glauben, dass ihre damalige Verliebtheit in mich die Zeit überstanden hätte. Wie weit die Fummelei gegangen war, wusste ich nicht mehr, wir waren betrunken gewesen. Heinz, unser Boss, war mit ihr in einer Beziehung. Seit sie mit ihm zusammen war, brauchte sie nicht mehr auf der Straße „arbeiten”, sie war zur Barfrau aufgestiegen. Ich war zu dieser Zeit der Mann für alles im „Blue Velvet” und sollte ein Auge auf die Mädchen haben. „Dass sie keinen Blödsinn machen”, hatte Heinz gesagt, „und dass sie an der Kandare bleiben.”
Meine Karriere als Junior-Zuhälter scheiterte, weil ich es nicht übers Herz brachte, die Mädchen mit Gewalt an ihre Pflichten zu erinnern. Das kam bei Heinz nicht gut an. Er fertigte mich mit den Worten ab: „Wenn du als Zuhälter zu blöd bist, dann musst halt arbeiten“, und beschäftigte mich fortan nur noch als Hausmeister.
Sie war zurückgekommen von ihrer Kuchenrunde.
„Sagen sie immer noch Fernand zu dir?”, fragte sie.
„Nein, aus dem Fernand ist wieder der Ferdinand geworden.”
„Ich bin jetzt auch wieder Marie-Luise, nicht mehr Marylou”, sagte sie und lehnte sich mit ihren Schenkeln an meinen Arm. Ich erwiderte den Druck, bekam eine Erektion und grinste. Sie wusste, warum.
„Und, was treibst du so, Ferdinand?”
„Na ja, wie soll ich sagen? Ich sitz auf dem Trockenen. Bin heute losgegangen. Landesgericht, wenn du weißt, was ich meine.”
„Pscht, red’ net so laut. Ich will den Job hier behalten, allein schon wegen der Wohnung.”
„Verstehe. Und was ist mit Heinz, bist noch bei ihm?”
„Ach, wo denkst du hin? Nein, schon lange nicht mehr. Er ist, soviel ich weiß, in Hamburg, Eros-Center oder so.”
Ich zögerte ein paar Sekunden, dann sagte ich, vermutlich mit einem Flackern in den Augen: „Ich glaube, wir sollten unser Wiedersehen feiern und über alte Zeiten reden. Was meinst du, Marie-Luise? Hast Lust, hast Zeit?”
„Für dich immer, Ferdinand. Ich hab’ nichts vergessen, du warst immer lieb zu mir.”
„Wie lange musst du noch arbeiten?”
„Um fünfzehn Uhr kommt meine Ablöse.”
„Okay, ich hole dich ab.”
„Nein, bitte nicht! Die Kollegen schauen eh schon so blöd. Warte auf mich im Kapuziner-Stüberl, beim Mario. Du weißt Bescheid?”
„Nicht gerade die feinste Adresse”, sagte ich.
„Sonst ist überall zu, wegen des Feiertags”, sagte sie und flüsterte mir ins Ohr: „Brauchst du Geld, Ferdinand?”
„Meinst du das im Ernst?”, fragte ich und hoffte, dass es entrüstet genug klang.
„Natürlich, wir sind doch Freunde, oder?”
Kurz darauf brachte sie mir einen Apfelstrudel. Unter der Serviette lagen zwei Einhundert-Schilling-Scheine. Ich rief den Oberkellner, bezahlte und schlängelte mich mit meiner Tasche durch die Tischreihen des inzwischen voll besetzten Kaffeehauses. Wie zufällig streifte ich um Marie-Luises Hüfte. Ihr Augenzwinkern war kaum zu erkennen, aber ich sah es. „Baba, bis dann”, sagte ich und verließ das Lokal.
Ich war durcheinander. War das die Zwetschge, die einen Lustknaben suchte oder war es die neue Marie-Luise, die mir eine Freude machen wollte? Egal, dachte ich, wer immer sie ist, sie hat sich gefreut, mich zu sehen, also werde ich tun, was ich kann.
Ich schaute in den Himmel über Salzburg, atmete tief durch und dachte an meinen Plan, den ich mir im Gefängnis ausgedacht hatte. Zunächst wollte ich die Weihnachtsfeiertage irgendwie überstehen und dann einen soliden Job suchen und sauber bleiben. Der Kaffeehausbesuch war als Anfang gedacht. Jetzt aber, nach dem Intermezzo mit Marie-Luise, glaubte ich, dass womöglich alles ganz anders werden könnte. Ich schluckte vor Aufregung.
Noch drei Stunden. Mich fröstelte, das Schneetreiben war stärker geworden. Ein eisig kalter Wind wehte, ich zog mein Sakko enger und stellte den Kragen auf. Mit klammen Händen war ich bei Mario im Kapuziner-Stüberl angekommen. Seit meinem letzten Besuch hatte sich nichts verändert. Auch die Gäste nicht. Holecek Rudi, der Scherenschleifer, dessen Spitzname Meckie Messer war, saß wie immer unweit der Musikbox. Silvy, deren schöner Name nicht darüber hinwegtäuschen konnte, womit sie zeitlebens ihr Geld verdient hatte, fluchte über Gott und die Welt und dass Feiertage schlecht fürs Geschäft seien, weil die Freier ausblieben. Und noch ein alter Bekannter war da, der Haflinger Sepp, der mich auch prompt um ein Bier anschnorrte. Fast wie eine Familie, dachte ich. Nur von Weihnachten war hier nichts zu spüren.
Sie kam pünktlich. Ich hatte mit Mario gerade die vierte Runde „Chicago“ gewürfelt, da betrat sie das Lokal. Ich wollte gelassen bleiben, aber als sie ihren Pelzmantel auszog, den Schnee abschüttelte und in einer Strickkleid-Nylons-Stiefel-Kombination vor mir stand, wurde ich euphorisch. Ein Hauch rosa Rouge, rosa Lippenstift und violetter Lidschatten machten den Auftritt perfekt. Kurz dachte ich an ihren früheren Job und daran, dass es auch Arbeitskleidung sein könnte. Während Mario genussvoll mit der Zunge schnalzte, schimpfte ich mich insgeheim einen verdammten Spießer. Als Mario kapierte, dass Marie-Luise zu mir gehörte, verzichtete er auf weitere Bemerkungen und starrte sie nur mehr an.
„Hey, Mario, altes Haus”, rief sie, „krieg dich ein, denk an dein Herz und deine Frau.” Sie lachte und Mario verschwand verschämt hinter dem Küchenvorhang. Für einen Moment lang, als sie Marios Frivolitäten elegant gekontert hatte, tauchte die Marylou von früher auf – lasziv, herausfordernd – jederzeit bereit, eine verbale Obszönität loszulassen. Von der Hure zur Barfrau war es nur ein kleiner Schritt gewesen. Zu meiner Freude verfiel sie nicht in den alten Slang. Marie-Luise war jetzt eine Dame, eine bürgerliche Kuchenfrau geworden. Unglaublich. Sie hatte den Sumpf anscheinend hinter sich gelassen. Das war auch mein Ziel.
„Servus Ferdinand”, hauchte sie. Es klang unschuldig, als sei ihr nicht bewusst, was sie mit ihrem Auftritt gerade ausgelöst hatte. Eine Sekunde lang ruhte mein Blick auf ihren Nylons, dann war sie an meiner Seite, stützte sich an mir ab, schwang sich auf den Barhocker und schlug die Beine übereinander. Ich schloss die Augen und genoss den Duft ihres Parfums.
„Du siehst echt super aus! Tolles Kleid!”
„Nur für dich, du Schmeichler.”
Meine Hände lagen auf ihren Knien. „Oh Mann”, sagte ich und bestellte Cuba-Libre, so wie früher. Wir schauten uns in die Augen und hatten denselben Gedanken, wollten die Arme um den Hals des anderen schlingen. Es gelang nicht, weil die Barhocker zu sehr wackelten. Beinahe wären wir auf dem Boden gelandet.
„Wollen wir uns nach hinten setzen?”
„Gute Idee”, sagte ich, „auf die Kommentare von den Witzbolden an der Bar kann ich gerne verzichten.”
Mario servierte den nächsten Cuba-Libre, da kam die Frage von Marie-Luise: „Sag mir, was du gerade denkst.”
Warum, dachte ich, warum in aller Welt, stellen alle Frauen die immer gleiche Frage? Ich antwortete: „Ich denke an unsere Zeit, damals im Blue Velvet.”
„Warum ist das missglückt mit uns zweien?”, fragte sie.
„Ich wusste, dass du mich das fragen würdest. Ich gebe zu, ich hatte Angst.”
„Du hattest Angst vor mir?”
Jetzt musste ich lachen, weil sie so große Augen bekam.
„Nein, nicht vor dir. Vor Heinz, er war unser Boss, du seine Nummer eins.”
„Ich habe gespürt, dass du mich magst, Ferdinand.”
„Heinz hat jedem, der dich länger als zwei Sekunden angeschaut hat, mit dem Umbringen gedroht. Und ich glaubte ihm.”
„Trotzdem haben wir es getan, Ferdinand.”
„Das ist ja das Problem. Ich hatte ein Blackout, kann mich nicht erinnern.”
Marie-Luise flüsterte: „Ich bin vor Angst fast gestorben.”
Sie schenkte mir einen tiefen Blick.
Ich muss verrückt sein, dachte ich.
„Komm, Fernand, gehen wir, hier ist es zu laut”, sagte sie.
Ich protestierte: „Ich heiße Ferdinand. Schon vergessen?”
„Nein, heute bist du Fernand. Wir machen dort weiter, wo wir damals aufgehört haben.”
„Wie du meinst”, sagte ich und nach einer Pause: „Marylou.”
Sie bestellte ein Taxi. Ich fragte: „Wohin?”
Marylou grinste: „Die Zu-dir-oder-zu-mir-Frage erübrigt sich wohl.”
Humor hat sie auch, dachte ich.
Das Haus stand in etwas überhöht, am Fuße der Festung.
„Altbau, dritter Stock”, sagte sie, wie zur Entschuldigung.
„Keine Sorge Madame, ich bin bestens trainiert.” Mit „Madame” wollte ich sie necken, vielleicht auch nur die Spannung des Augenblicks lindern.
Sie schlüpfte aus dem Mantel und lachte: „Deine Muckis wirst du noch brauchen. Pass auf die Stufen auf, sie sind unterschiedlich hoch. Ich gehe am besten voraus.”
Graziös stieg sie Stufe für Stufe nach oben. Ich hinterher, das sah zwar nicht sehr elegant aus, weil mir der Weitblick fehlte, aber den tauschte ich gerne für das Schauspiel ein, das sich mir bot. Meine Nase war nur wenige Zentimeter von zwei prallen Halbmonden entfernt. Dass sich ein Strickkleid darüber spannte, war unerheblich. In meiner Fantasie lief ein ganz anderer Film. Ich konnte fast hören, wie die Sicherungen in meinem Hirn heraussprangen.
Nichts war inszeniert, alles durfte geschehen. Wir steckten in einem Kokon der Lust und vergaßen die profane Welt. Welch unbeschreibliches Gefühl, auf einem flauschigen Flokati aus einem Liebesrausch zu erwachen. Ist das wahr, bin das wirklich ich? Oder ist es ein Traum, der kokett begann und sich steigerte, als Marie-Luise zu Marylou wurde, mich als Femme fatal zum Glühen brachte und letztlich als Zwetschke dafür sorgte, dass ich mit geschlossenen Augen die Sternderl sah.
Marie-Luise hatte sich an mich geschmiegt. Ich wollte etwas sagen, doch sie strich mir mit ihrem Finger über die Lippen: „Sag nichts, Fernand, genieß es einfach wie es ist.”
Es hatte zu schneien aufgehört, der Winterabendhimmel kündigte eine eiskalte Nacht an. Wir standen am Fenster und schauten über die Altstadt. Die Kuppel des Doms ragte im Scheinwerferlicht über den Kapitelplatz. Wir waren ein komisches Paar. Marylou im Nerz ohne etwas drunter – ich nackt.
„Hast du Hunger?”, fragte sie mich.
„Nein, ich weiß nicht.”
„Gut, dann mach’ ich uns was.”
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste mich, jetzt wie ein scheuer Vogel und ging in ihre kleine Küche. Ich blieb am Fenster stehen, dachte über das nach, was in den letzten Stunden passiert war und hatte Hunger nach Liebe und Freiheit.

Ich erwachte und war zunächst ohne Orientierung. Ich lauschte, vernahm Geräusche von draußen und kam zum Schluss: Es kann nur das Rumpeln der Müllabfuhr sein. Routiniert klingende Befehlsworte vermischten sich mit dem Scheppern von Mülltonnen und verstärkten sich im Widerhall der engen Gasse. Die Stadt erwachte am ersten Werktag zwischen den Jahren. Würde man die alten Bräuche respektieren, dann müssten alle Räder still stehen in dieser mystischen Zeit der Raunächte. Allerdings waren damit die Spinnräder in den Bauernstuben gemeint, nicht die Räder der Müllabfuhr und schon gar nicht die der amerikanischen Raumfahrt. Denn – wenn alles gut geht – werden heute die Astronauten mit Apollo 8 von der ersten Mondumkreisung zurückkehren. Jedenfalls war das gestern der Aufmacher in den Boulevardzeitungen. Die Salzburger Nachrichten titelten in ihrem Leitartikel weiger reißerisch:
Die „stade Zeit” zwischen den Jahren ist eine Zeit des Wechsels und des Wandels, eine Übergangszeit. In aller Ruhe schaut der Mensch auf Vergangenes zurück, schließt ab und macht sich bereit für neue Ziele und Wege.
„Passt doch”, sagte ich und erschrak. Ich hatte laut gedacht.
„Was sagst du?”, fragte Marie-Luise.
Ich nuschelte verlegen: „Guten Morgen.”
Ein leichter Schauer rieselte über meine Haut, als ich Marie-Luise spürte. Sie ließ ihre Lippen vom Rücken hinauf zu meinem Nacken wandern und ihr Haar über meine Schulter fallen, berührte mit den Fingerspitzen meine rechte Wange und hauchte in mein Ohr: „Gut geschlafen? Wie fühlst du dich?”
„Großartig. Ich fühle mich wie ein Kind am Weihnachtsmorgen, dass sein Geschenk ins Bett mitnehmen durfte.”
„Ach Ferdinand, du sagst so schöne Sätze. Am liebsten würde ich den ganzen Tag mit dir nur knuddeln.”
„Hört sich gut an”, sagte ich, „und wer knuddelt? Marie-Luise oder Marylou?”
„Du hast es gut mein Lieber – Marie-Luise ist fürs Knuddeln da – Marylou fürs Bett.”
„Sex am Flokati ist auch nicht zu verachten”, gab ich grinsend zu bedenken.
„So, jetzt aber raus aus den Federn. Derweil du ins Bad gehst, lauf ich schnell zum Bäcker. Kaffee ist schon fertig, Ferdinand.” Sie tanzte ausgelassen wie ein kleines Kind bis zur Garderobe, warf ihren Pelzmantel über und huschte durch die Tür hinaus.
Ich hatte Zeit zum Nachdenken. Und ich hatte viele Fragen an mich selbst: Hab’ ich so viel Glück auf einmal verdient? Wenn ich an meine Bruchlandung damals in Berlin denke, dann ja. War das Liebe heute Nacht? Oder nur wilder Sex eines ausgehungerten Gefangenen? Nein! Hatte ich jemals so ein schönes Gefühl erleben dürfen? Ja und nein. Die meisten Erfahrungen, die ich mit Frauen hatte erleben dürfen, entstanden mit Urlauberinnen in meiner Pinzgauer Zeit. Das waren Romanzen ohne wirklichen Tiefgang. Aber geliebt hab’ ich sie alle.
Hinter einer Glastür am anderen Ende der Wohnung versteckte sich Marie-Luises winziges Bad. Es gab nur ein Waschbecken, eine Dusche, aber zwei Spiegelschränke mit Unmengen an Parfums und Cremetiegeln. Der berauschende Duft von Marie-Luise schwebte überall. An der Wand hingen zwei Bademäntel. Komisch, dachte ich, wieso zwei? Egal. Die Erinnerung, dass wir uns vor ein paar Stunden dort dem warmen Wasserstrahl umarmt hatten, bescherte mir ein angenehmes Ziehen in den Lenden.
Die Wohnung war nicht groß, aber geräumig. Ich schlenderte durch die Räume, schielte im Vorbeigehen hinter einen japanischen Paravent – aha, nur ein Sichtschutz, dachte ich. Schuldbewusst über meine Neugier verzog ich mich in die Küche, gönnte mir eine Tasse Kaffee und rauchte eine Zigarette. Ich sah mich um. Alles picobello.
Marie-Luise kam zur Tür herein und schnaubte. „Brrr, es ist saukalt draußen.” Ich bekam ein Küsschen und den guten Rat: „Zieh dich warm an, wenn du rausgehst.”
Ihre Fürsorglichkeit rührte mich. Warm anziehen, ja, das wäre gut, aber was? Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare, wusste nicht was sagen. Die Tatsache, dass mein ganzes Hab und Gut in einer mickrigen Reisetasche Platz hatte, war mir einfach zu peinlich. Also wechselte ich das Thema und fragte: „Wann musst du zur Arbeit?”
„Heute erst am Nachmittag. Wir haben Zeit für uns, wenn du willst. Oder hast du etwas vor?”
„Im Moment habe ich nichts Besseres zu tun als auf der Welt zu sein. Aber im Ernst jetzt, natürlich sind da ein paar unangenehme Dinge zu erledigen. Genau genommen sind es drei.”
„Sag’s mir Ferdinand, vielleicht kann ich dir helfen. Ich war lange genug im Milieu, ich kenn’ mich aus und kann mir vorstellen, wie es dir geht.”
„Genauso ist es. Knastbrüder haben’s schwer, aber ich bin ein Kämpfer. Vorerst gilt es, die wichtigsten Dinge auf die Reihe zu kriegen. Der Plan ist so simpel wie schwer. Erstens: Arbeit suchen. Zweitens: Unterkunft organisieren und drittens brauche ich vernünftige Kleidung. Du hast sicher bemerkt, dass ich kaum Gepäck habe – soll heißen: Ich habe nichts als mich selbst und das, was ich am Leib trage. Alles, was ich jemals besessen ist futsch – verstehst du? – weg, einfach so. Selbstverschuldet, selbstversoffen, selbstverloren – das war mein Status, als ich ins Gefängnis kam. Anfangs erschien mir alles hoffnungslos, jetzt aber bin ich bereit zu kämpfen, so wahr ich Ferdinand heiße.”
„Mensch Ferdinand, wenn ich dir so zuhöre, dann bin ich jetzt schon überzeugt, dass du es schaffst. Hast du schon was Konkretes im Kopf?”
„Na ja, alles eher halbseidene Sachen. Mein letzter Zellengenosse war Pepsch, der ‘Doktor‘. Ich nehme an, du kennst ihn?”
„Ja natürlich. Ein harter Hund in der Branche, brutal und gerissen, aber wenn er dich mag, kann er wie ein Freund sein. Was hat er denn ausgefressen?”
„Schwere Körperverletzung. Irgend so ein Schwachsinniger ist seiner Frau Nora an die Wäsche gegangen. Das war fast sein Todesurteil. Pepsch hatte es ein volles Jahr eingebracht, trotz des besten Strafverteidigers im Land.”
„Wie bist du denn mit ihm zurande gekommen?”
„Ganz gut, es hat ein paar Tage gedauert, aber dann hat er sich zur Vaterfigur gemausert. Jedenfalls hat mir Pepsch angeboten, mich bei Tante Rosa zu melden. Kennst du sie?”
„Und ob. Ein raffiniertes, altes Weib. Ihr gehört das Haus, indem sich eines seiner Nachtlokale befindet. Nennt sich Hotel-Tante-Rosa. Offiziell ein Vertreterhotel, weil es billig ist. In Wahrheit ist es eine miese Absteige, zumindest war es zu meiner Zeit so. Früher, als es mir ähnlich ging wie dir heute, habe ich für ein paar Wochen dort gewohnt.” Marie-Luise hatte sich in Rage geredet, ihre Augen funkelten vor Zorn.
„Pepsch hat mir in Aussicht gestellt, dass ich bei Nora im Lokal und bei Tante Rosa im Hotel für die ersten Wochen Kredit bekäme. Das hört sich fast seriös an, meinst du nicht?”
„Tu’s nicht, Ferdinand! Glaube mir, die pressen dich aus wie eine Zitrone, nutzen deine Notlage gnadenlos aus. Erst geben sie dir Kredit für die Miete, dann für die Bar. Du kriegst alles von denen, natürlich zu überzogenen Preisen und auf Schuldscheinbasis, versteht sich. Die treiben dich immer tiefer in die Schuldenfalle, solange, bis du zum Leibeigenen verkommst. Ich erzähl dir keinen Scheiß, Ferdinand, ich habe es selbst erlebt. Für einen Mann wie dich, der gern mal einen hebt, ist das brandgefährlich.”
„Puh, da kann man ja direkt Angst kriegen, so wie du das schilderst. Was soll ich tun?”
„Auf mich hören.”
„Die zweite Möglichkeit, die ich habe, ist die Notschlafstelle der Caritas. Diesen Tipp hat mir die Gefängnisfürsorgerin gegeben. Mehr könne sie für mich nicht tun, war ihr lapidarer Kommentar. Das ist keine Option für mich. Da schlaf ich lieber, … was weiß ich wo.”
„Siehst du, jetzt kommt deine Kuchenfrau ins Spiel. Kannst du dir vorstellen, Hilfe anzunehmen? Hilfe, die nicht als Schuld gesehen wird, sondern als Baustein für eine gemeinsame Festung. Stell dir vor, wir schenken und empfangen zu gleichen Teilen, ohne zu werten. Nein, sag jetzt nichts, Ferdinand. Ich weiß, dass du ein Gent bist, aber auch ein Filou. Schon damals im Blue Velvet wollten dich alle Mädchen – nicht als Zuhälter – sondern als Liebhaber im wahrsten Sinn des Wortes. Du aber warst nicht zu fassen. Du warst ein Vagabund der Liebe – unstet und frei. Immer da und doch nie ganz. Bei mir, damals noch Eigentum von Heinz, gingst du aber aufs Ganze. Wir haben es beide gespürt, trotz der vielen Cuba-Libre, dass es mehr war als nur ein Abenteuer. Du magst es vergessen haben, Ferdinand, ich nicht. Für mich war es ein Wendepunkt.”
Ich war platt. Mit solchen Worten war ich noch nie zum Bleiben animiert worden. Marie-Luise hatte mich gut eingeschätzt. Ich war immer eher Geber als Nehmer. Gut, ein bisschen übertrieben hatte sie schon, aber insgesamt gefiel mir das Bild, das sie von mir zeichnete. Vor allem den Filou fand ich schmeichelhaft. Meine Entscheidung war längst gefallen. Marie-Luises Augen glänzten verdächtig, als ich sagte: „Ich bleibe gerne bei dir. Ich bin glücklich und froh, dass es dich gibt.”
„Juhu!” Mehr brachte sie nicht heraus, offenbar steckte der berühmte Kloß in ihrer Kehle. Ich drückte sie fest an mich. Lange standen wir so fest umschlungen. Marie-Luise schenkte mir ihr schönstes Lächeln und sah plötzlich wie eine freche Göre aus. Jetzt kam Bewegung in ihren Körper, sie war ein echtes Energiebündel.
„Ich weiß jetzt, was ich tue”, sagte sie und lief in die Diele, riss eine Tür von einem Einbauschrank auf und kam mit einem Berg von Jacken und Pullovern zurück. „Schau mal, was ich da habe. Sie legte einen Anorak mit Fellkapuze, einen riesigen Norwegerpullover und einige Rollis auf den Küchentisch. „Na, was sagst du? Die Dinger sind so groß geschnitten, dass sie auch dir passen, wetten?”
Bevor ich was sagen konnte, bekam ich den Norweger übergezogen. „So und jetzt den Anorak drüber. Na, was sag ich denn? Passt wie angegossen.”
Marie-Luise war in ihrem Element. Sie flitzte durch die Wohnung, dass ich mit dem Schauen nicht nachkam. Innerhalb zehn Minuten hatte sie mich in einen Skitouristen verwandelt. Die Stimmung war großartig. Es folgte ein Moment irritierten Schweigens – dann fing sie zu lachen an. Sie hatte meine Mokassins entdeckt, die Sommerschucherl, wie sie gestern früh der Knastbruder so trefflich genannt hatte. „Shit, das geht gar nicht. Schuhe habe ich leider nicht, jedenfalls keine, die dir passen würden. Was hast du für eine Schuhgröße, Ferdinand?”
„Dreiundvierzig. Ich habe immer schon auf großem Fuß gelebt.”
„Sehr witzig, haha. Das hilft jetzt nicht wirklich, aber ich habe eine Idee.”
Normalerweise wäre ich in so einer Situation nervös geworden, aber nicht heute, nicht bei dieser Frau. Ich blieb völlig entspannt, vertraute auf ihre Einfälle. Und ich hatte Recht. Sie war schon wieder unterwegs, hatte ihre Stiefel angezogen, ihren Pelzmantel elegant übergeworfen und war fast aus der Wohnung, als sie mir zurief: „Mach dir noch einen Kaffee, ich bin gleich wieder da. Wenn das Telefon läutet, lass es einfach läuten.”
Weg war sie. Daran werde ich mich gewöhnen müssen, dachte ich, aber im Grunde mochte ich Menschen, die Probleme ohne zu lamentieren in die Hand nahmen. Praktiker eben. Ich bin auch einer. Da fiel mir ein, dass ich keine Ahnung hatte, was sie vor ihrer Zeit im Blue Velvet gemacht hat. Sie könnte auch studiert haben, so clever wie sie ist, dachte ich.
„Hallo, ich bin wieder da!” Marie-Luise kam aufgepackt mit Schuhkartons zur Tür hereingeweht. Der Küchentisch quoll über vor Schachteln und achtlos aufgetürmtem Packmaterial. Aus knisterndem Seidenpapier zauberte sie zwei Paar Stiefeletten. Alles vom Feinsten. Ein Modell war aus schwarzem Leder gefertigt, das andere aus grauem Rauleder.
„Die sind für mich”, sagte sie. Die mit der dicken Sohle sind für dich, die brauchst du heute. Es liegt noch ziemlich viel Schnee auf den Straßen.”
Ich schlüpfte in die gefütterten Winterschuhe und schritt prüfend auf und ab. „Passen genau”, sagte ich. „Du bist ein Tausendsassa, Marie-Luise. Wie machst du das nur?” Ich zog die Schuhe wieder aus, drehte sie bewundernd in meinen Händen. „Einfach toll”, sagte ich, und: „Jetzt hinterlasse ich wieder Spuren auf dieser Welt!”
„Mensch Ferdinand, ich bin so froh, dass du dich freust. Komm, zieh dich an, wir machen einen Spaziergang.” Sie fand noch eine Norwegermütze und stülpte sie mir über den Kopf, steppte einen Schritt zur Seite, um zu sehen, ob alles sitzt und passt. Zufrieden nahm sie mein Gesicht in beide Hände und gab mir einen Schmatz, dass mir schon wieder schwindlig wurde. Was für eine Frau … Ich kam mir unheimlich gut vor, als wir die Herrengasse in Richtung Domplatz hinunterschritten und Marie-Luise sich bei mir unterhakte. Vorerst flanierten wir ohne Ziel durch die Altstadt, doch dann verbanden wir das Angenehme mit dem Nützlichen. Wir gingen der Salzach entlang bis zum Arbeitsamt, wo ich sowieso hinmusste, und auf der anderen Seite der Promenade zurück.
Die Salzach dampfte, das Wasser war um einen Tick wärmer als die Luft. Eingepackt in wunderbar warmer Kleidung konnte uns die Kälte genauso wenig anhaben wie den gierig kreischenden Möwen, die von Kindern am Makartsteg gefüttert wurden.
Am Arbeitsamt gab es die erste Ernüchterung an diesem Tag. Ein mürrischer Beamter behandelte mich von oben herab. Ich hatte in der naiven Hoffnung, in dem Mann einen Fürsprecher zu haben, meinen Entlassungsschein vorgelegt. Ich weiß nicht, welch Gedanke mich in diesem Moment geritten hatte. Jedenfalls sprach dieser Beamte von Arbeitslosen, als handelte es sich um Aussätzige. Er hatte keine Stelle als Fliesenleger für mich. „Zu kalt“, sagte er, „gehen’s halt stempeln.”
Ich ging grußlos. Jedes Wort wäre zu viel gewesen. Ich wollte mir den schönen Tag nicht verderben und nahm mir vor, in den Zeitungen bei den offenen Stellen zu recherchieren. Es war mir egal, welchen Job ich machen würde.
„Und wie wars?”, fragte Marie-Luise.
„Frag lieber nicht. Hast du aktuelle Zeitungen im Haus? Ich habe zwar gestern im Kaffeehaus einen Blick in den Inseratenteil geworfen, aber dann trat diese reizende Kuchenfrau in mein Leben und ich vergaß, was ich wollte.”
„Ach Ferdinand, in deinen Augen stand mehr, als jemals gedruckt werden kann.”
„Was du alles siehst …”, sagte ich und dachte an meine Gedanken tags zuvor, als ich in ihren grünen Augen, die Augen unserer künftigen Kinder sah. Was würde sie denken, wenn sie wüsste, dass der Filou, für den sie mich offenbar hält, einen kleinen Spießer im Herzen trägt?
Sie lächelte: „Vielleicht hat es mit meinem früheren Job zu tun, da lernte ich, wie man Männer taxiert.”
„Aber …”, wollte ich protestieren, aber sie unterbrach mich.
„Sag nichts, Ferdinand! Ich glaube, ich kann dich ganz gut einschätzen. Natürlich wolltest du ficken. Wer was anderes denkt, hat keine Ahnung vom Leben und schon gar nicht vom Knast. Aber ich sah noch etwas in deinen Augen …” Sie schaute verschämt auf ihre Stiefelspitzen.
„Was denn?”, fragte ich leise.
„Du kannst mich jetzt als romantische Ziege abtun, aber ich habe eine tiefe Sehnsucht gesehen. Auch wenn du so tust, als könnte dich nichts erschüttern, als würde dich nichts und niemand von deinem Weg abbringen, so glaube ich doch, dass du ein einsamer Wolf bist. Ich mag Wölfe.”
Das mit dem einsamen Wolf gefiel mir. „Einsam war gestern”, sagte ich. „Komm, wir ziehen uns in die Höhle zurück.”
„Ja, aber nur kurz, ich muss zur Arbeit, schon vergessen?”
„Kann ich mich inzwischen irgendwie nützlich machen?”
„Lass mich nachdenken – ja doch – du könntest uns einen schönen Abend vorbereiten. Ich weiß nicht, ob du es gesehen hast, in unserem Haus, gleich neben der Haustür führen drei Stufen zu einem Gewölbekeller, ein Geheimtipp für Weinliebhaber. Es ist ein Lager für französische Weine. Nimm uns zwei oder drei Flaschen vom Chablis mit. Kannst ihn ja probieren. Der Besitzer ist ein feiner Kerl, heißt Philippe und ist mein Hausherr. Also pass auf, was du sagst, er muss nicht alles wissen.”
Nachdem ich die Vorbereitungen für den Abend getroffen hatte, streifte ich durch die Wohnung, stöberte in Marie-Luises Bücherregal und Plattensammlung, die vorwiegend aus Schallplatten mit französischen Chansons bestand. Ich überlegte, ob ich Gilbert Bécaud auflegen sollte oder doch Edith Piaf. Dann fiel mein Blick auf einen Ordner mit der Aufschrift: Lehrgangsabschnitt für Pharmazeutische Assistenten. Sonderbar, dachte ich, blätterte gespannt weiter und stutzte. Auf einem Blatt stand ein Name: Marie-Luise Prager. Ist das Marylou? Steht nicht an der Türklingel Prager? Nicht, dass ich ihr so eine Ausbildung nicht zugetraut hätte, aber beeindruckt war ich schon. Später setzte ich mich an den Schreibtisch im Wohnzimmer, zog hier, mal da eine Lade heraus. Viel Krimskrams lag da herum, einzelne Präservative klebten zwischen italienischen Telefonmünzen und vergammelten Bonbons, dahinter eine versperrte Dokumentenmappe. Ich suchte nichts Bestimmtes, war nur neugierig und schämte mich dafür. In der Schreibtischlade lag auch ein doppelbärtiger Schlüssel, der wie ein Safeschlüssel aussah. Komisch, dachte ich, eine zur Kuchenfrau mutierte Bardame, die vielleicht eine Apothekerin ist, hat einen Safeschlüssel, aber keinen Tresor, jedenfalls habe ich keinen gesehen. Und Bilder, hinter denen sich ein Safe verbergen könnte, gab es nicht; es hingen nur Filmposter an den Wänden. Vorher, als ich beim Weinhändler den Chablis bezahlt hatte, waren mir schon seltsame Gedanken durch den Kopf gegangen. Scheinbar spielte Geld keine große Rolle, denn für den Preis der zwei Flaschen Chablis, hätte ich woanders einen Sechserkarton mit bestem Wein bekommen. Sie danach zu fragen, fand ich zu indiskret. Nur weil ich blank bin, müssen es andere nicht auch sein, dachte ich. Aber ein Zweifel blieb.
Es war schneidend kalt, als ich Marie-Luise von der Arbeit abholte. Ich freute mich auf den gemeinsamen Abend und hoffte, dass die exquisite Feinkostplatte vom Delikatessen-Kramer nicht zu pompös ausgefallen war. Meine Bedenken waren unbegründet. „Traumhaft!”, rief sie, „fehlen nur noch ein paar Kerzen und wir haben ein perfektes Candle-Light-Dinner.”
Der Chaplis von Philippe und Gilbert Bécaud’s L’important c’est la rose begleiteten uns in die Nacht. Marie-Luise löschte irgendwann die Kerzen.
Am Morgen servierte Marie-Luise tiefschwarzen Mokka aus ihrem italienischen Espressokocher und legte drei Zeitungen auf den Tisch.
„Fantastisch, jetzt noch eine Zigarette, dann bin ich wieder okay.”
„Das wäre gut, mein Lieber, wir haben Arbeit.”
„Wahnsinn, wie viele offene Stellen es gibt”, sagte ich.
„Und welchen Job suchst du eigentlich?”
„Das ist mir egal, irgendwas, am besten wäre ein Betrieb, der eine Unterkunft bereitstellt. Wenigstens vorläufig, bis ich wieder flüssig bin”, sagte ich und rieb Zeigefinger und Daumen. Die Annonce einer Bäckerei in der Linzergasse kringelte ich rot an:
Fleißiger Bäckereihelfer zur Mitarbeit an modernem Elektrobackofen gesucht. Vorkenntnisse von Vorteil, aber nicht Bedingung. Bäckerei Schmidt, Linzergasse. Anrufe erbeten ab 6:00 Uhr.
„Passt! Da ruf ich an. Ich war immer schon ein Frühaufsteher.”
„Aber ich nicht, bist du wahnsinnig, so früh kann ich unmöglich aufstehen.” Marie-Luise war entsetzt.
„Brauchst du nicht, mein Schatz. Bäckereien stellen meistens Zimmer für ihre Leute zur Verfügung. Ist ja logisch, so früh wie die zu arbeiten beginnen, fährt nirgendwo ein Bus.”
„Okay, Ferdinand, du musst es wissen. Hoffentlich klappt es.”
*
Es klappte auf Anhieb: Arbeitsbeginn war der 2. Jänner um 5:00 Uhr!
„Ich freue mich für dich Ferdinand, wenngleich ich dich vermissen werde.”
„Gemach, gemach, meine Liebe”, sagte ich. „Wir haben noch fünf Tage für uns. Und ein schöner Silvesterabend inklusive Neujahrskonzert kommt auch noch dazu!”

Es fühlte sich wie Abschied für immer an, obwohl ich nur zur Arbeit ging. Marie-Luise hatte alles Mögliche in meine Tasche gepackt. Wir hatten am letzten gemeinsamen Abend lange über unsere Zukunft gesprochen. Mir war von vornherein klar, dass ich bei ihr nicht auf Dauer wohnen konnte und wollte. Ich war nicht der Typ, der sich in ein gemachtes Nest setzt. Also war die Lösung mit der Bäckerei gar nicht so schlecht. Unsere schöne Liaison wurde zur Wochenendbeziehung. Ich stand wieder auf eigenen Füßen. Die Gefühlswelle der letzten Tage ebbte bedingt durch zu erwartend unbekannte Arbeit merklich ab. Ich gab mir einen innerlichen Ruck und generierte neue Kräfte. Ich wähnte mich auf einem guten Weg. Die Spirale drehte sich wieder nach oben. Dass ich den Job in der Bäckerei nur als Überbrückung der kalten Jahreszeit sah, wusste niemand. Insgeheim plante ich ab dem Frühjahr wieder in meinen Beruf einzusteigen.
Pünktlich um fünf Uhr stand ich vor der Bäckerei in der Linzergasse. Die Backstube war hell erleuchtet. Flinke Bäckergesellen flochten an der Tafel lange Teigwürste zu Striezeln, sie schauten nur kurz auf, murmelten einen Gruß und arbeiteten mit bemehlten Händen flink weiter. Die Ankündigung des Bäckermeisters, der mich als neuen Ofenarbeiter vorgestellt hatte, war bei einem der Bäckergesellen wohl im Lärm der rumpelnden Knetmaschine untergegangen. Er wandte mir den Rücken zu. Mit einem Griff zum Schalter stellte er die Maschine ab, beugte sich über den Kessel und hob einen Klumpen Teig aus dem runden Rührwerk. Da sitzt jeder Handgriff, dachte ich und sah, wie er den Teig mit Schwung auf die Arbeitsplatte hievte. Erst jetzt hob er den Kopf, blickte in meine Richtung und schien zu realisieren, was der Meister gesagt hatte. Er erkannte mich auf der Stelle. „Hey”, rief er, „Ferdi, was machst du denn hier?“
Es war Alois. Der Bäcker-Luis, wie wir ihn nannten, damals zu meiner Pinzgauer Zeit, als wir in der Sommersaison gemeinsam schwedische Blondinen in ihren Mini-Röcken bezirzten. Es blieb in der Hektik der Backstube leider keine Zeit, unsere amourösen Abenteuer aufzufrischen – also vereinbarten wir uns nach Arbeitsschluss vis á vis im Gasthaus „Alter Fuchs”, auf ein Bier zu treffen.
Der erste Tag als „Bäcker” war hart und heiß. Am Ofen wurde schnell gearbeitet. Ich lernte, wie man jede fertig gebackene Ladung Schwarzbrot aus dem Ofenschacht zieht. Die Wecken und Laibe schlichtete ich auf den Garben befindliche „Brotladen”, das waren etwa 2 Meter lange Holzbretter. Über oder neben dem Kopf balancierend transportierte ich anschließend duftend heißes Brot nach vorne in den Verkaufsraum. Ich war bestimmt ein gelenkiger junger Mann, aber den Tücken der Balance war ich unterlegen. Einige Male rutschte ich eine Ladung im schmalen Gang des Altstadthauses vom Brett. Ich wusste nicht, dass frisch gebackene Brotwecken, wenn sie zu Boden knallen, sofort zerbrechen. Meine Sorge, dass mir der angerichtete Schaden vom Lohn abgezogen würde, war unbegründet. Die ganze Mannschaft, einschließlich des Bäckermeisters hielt sich den Bauch vor Lachen, als sie mein betretenes Gesicht sahen. Offensichtlich hatten sie schon darauf gewartet. So vergingen die ersten Tage zwar im Schweiße meines Angesichts, aber letztlich doch glücklich. Jetzt freute ich mich auf ein Bier mit meinem Kumpel, dem Bäcker-Luis.
Ich arbeitete drei Monate in der Bäckerei, schlief dort in einem ungeheizten, spartanisch möblierten Zimmer. In einsamen Stunden machte ich mir Vorwürfe, die gemeinsame Jobsuche mit Marie-Luise nicht intensiver betrieben zu haben. Auf ein paar Tage auf oder ab wäre es nicht angekommen. Jetzt lebte ich äußerst bescheiden und spürte schmerzlich den krassen Unterschied gegenüber dem wohligen Heim meiner Freundin. Unsere Affäre war zwangsläufig zu einer episodischen Beziehung geworden.
Von Philippe, dem Weinhändler in Marie-Luises Haus, bekam ich unter vorgehaltener Hand den Tipp, mich etwas mehr um meine Freundin zu kümmern, bevor es andere tun. Sein kryptisches Grinsen gefiel mir nicht. Was wusste er von Marylou? Gab es noch Verbindungen zu früher?
„Verletzte Eitelkeit”, sagte Marie-Luise, als ich sie damit konfrontierte. Angeblich hatte sie Philippe vor meiner Zeit abblitzen lassen. Ich wollte das gerne glauben. Andererseits machte ich mir schon Gedanken, woher sie das viele Geld hatte, mit dem sie so locker umging. Ihr Gehalt als Kuchenfrau konnte diese Ausgaben sicher nicht decken. Aber das ging mich nichts an. Außerdem könnte sie Ersparnisse haben – mir fiel der Tresorschlüssel in ihrem Schreibtisch ein. Wenn nur ihre Vergangenheit nicht gewesen wäre. Bei all diesen Gedanken kam ich mir ungerecht und mies vor. Dennoch blieb ein leichtes Unbehagen.
Marie-Luise wollte bei mir eine gewisse Skepsis bemerkt haben. Sie überraschte mich mit der Frage: „Spionierst du mir nach?”
Es lag Gift in der Luft. Die Frage klang wie eine Verteidigung. Ich war mir keiner Schuld bewusst und fragte: „Warum sollte ich das tun? Traust du mir das zu? Gibt es einen Grund, misstrauisch zu sein?”
Darauf kam keine Antwort. Ich war sauer. Sie glaubte mir nicht - ich ihr nicht. Es war Samstag. Unser gemeinsamer Tag. Diesmal blieb ich nicht. Ich konnte nicht.


Salzburg an einem ganz normalen Tag im Frühling 1969.
Es war frisch und regnerisch. Ich stand an der Ecke Saint Julienstraße / Elisabethstraße, unweit der Heimstätte der Kommunisten und wunderte mich, dass eine Partei ohne nennenswerten Zuspruch im Land sich ein derart großes Haus als Parteizentrale leisten kann. Vor dem Gebäude hatte sich eine überschaubare Menschengruppe zu einem Protestzug formiert. Ein Sprecher vom Typ ‚ewiger Student’ mit Megafon in der Hand stand an vorderster Front unter einem Transparent mit der Aufschrift: ‚Es lebe der Widerspruch‘ und warb um Zustimmung. Er forderte die Fußgänger auf, bei seiner Demo mitzumachen. Das Interesse hielt sich allerdings in Grenzen, also versuchte der Megafon-Typ die Leute am Straßenrand mit einer Belohnung zu ködern. Er versprach allen, die mitmachen würden heiße Würstel und als besonderen Anreiz für Personen wie mich – Freigeister, Studenten, Rentner et cetera – ein Taschengeld nach der Demo zu bezahlen.
Zehn Meter weiter von mir stand eine schlanke, rothaarige Frau. Ich schätzte sie auf etwa fünfunddreißig Jahre. Sie wirkte unentschlossen, anscheinend dachte sie das Gleiche wie ich: ‚Was soll das Ganze?’ Unsere Blicke trafen sich, sie zögerte kurz, schüttelte ihren Rotschopf und kam mit entschlossenem Lächeln auf mich zu.
„Da bist du ja Kollege“, sagt sie und sah mich an wie ihren leibhaftigen Erlöser. Ich schaute mich um – aber nein – sie meinte tatsächlich mich. Ich war verwirrt, spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Sie duzte mich. Ich hatte keine Ahnung, wer sie sein könnte. Und setzte mein vermeintlich ehrbarstes Gesicht auf, man weiß ja nie.
„Jetzt schaust du fast wieder so wie gestern!“
„Gestern?“
„Ja in der Blutbank. Sie haben dich getestet vor der Blutplasmaspende. Ich war schon am Pumpen und habe in dein Gesicht gesehen, als sie dich abgelehnt haben. Du hast so traurig und enttäuscht gewirkt. Ich habe mit dir gefühlt. Sicher hast du mit dem Geld gerechnet, genau wie alle anderen, die dort hinkommen.”
„Ach so, das meinst du. Ich erinnere, du lagst auf der Liege vis á vis von mir.“
„Was war los?“
„Mein Blutbild hat nicht den Standards entsprochen. Der Doc war skeptisch.“
„Du Armer! Was treibst du denn sonst so?“
„Siehst du ja, ich stehe hier herum und belächle diese kümmerliche Demo.“
„Und überlegst dir, ob du das Angebot mit den Würsteln und dem Taschengeld annehmen sollst. Stimmt’s?”
„Ja, aber ich schäme mich mitzumachen. Außerdem regnet es.“
„Wie heißt du eigentlich?“
„Ferdinand.“
„Und ich bin die Melitta, habe einen Regenschirm und nichts gegen ein Paar Würstel einzuwenden. Komm Ferdinand, hake dich bei mir ein: Wir machen mit!“
Ich war perplex, zögerte eine Sekunde. Melitta war einfach umwerfend. Vielleicht ein wenig verrückt. Für eine Frau zu kumpelhaft? Ich war kurz davor, mich über ihren Namen lustig zu machen. Von wegen Kaffeefilter und so. Hätte auch nicht gepasst zu ihr – ungefiltert, wie sie war.
„Okay”, sagte ich, „aber nur wenn wir keine Parolen mitbrüllen.“
„Das habe ich eh nicht vor, Ferdinand. Weißt du was? Wir lassen die anderen machen und erzählen uns unterm Schirm unsere Geschichten. Magst du?“
„Einverstanden. Auch wenn ich nicht weiß, was ich dir erzählen soll.”
Meine Gedanken kreisten: Was will diese Frau von mir? Wie sollte ich die Einladung, unter ihren Schirm zu schlüpfen, deuten? Ich bin zwar ein Romantiker, aber ein Nebeneinander unterm Regenschirm? Das verlangt Vertraulichkeit. Gibt es so was überhaupt noch, fragte ich mich. Die Antwort war: Nein, ich suche keine Bekanntschaft. Nicht jetzt. Mir fehlte die Lust. Ich glaubte momentan nicht gesellschaftsfähig zu sein. Innerlich. Äußerlich täuschte die Fassade.
Aber da war dieses entwaffnende Lächeln von Melitta. Keine Chance zu kneifen. Noch bevor ich den ersten Satz über die Lippen bekam, war klar, dass ich mit meiner Zurückhaltung bei ihr nicht durchkomme.
Seit ich den Bäckerei-Job aufgegeben hatte, wohnte ich inkognito auf einer Baustelle! Immerhin in einer historischen Vorstadt-Villa, die einem bekannten Schauspieler gehörte. Die Villa diente jahrelang Salzburger Studenten als Wohngemeinschaft. Jetzt wurde sie von Grund auf renoviert – von mir – und anderen Schwarzarbeitern. Keinen festen Job zu haben ist eine denkbar schlechte Ausgangslage für eine Beziehung, mit wem auch immer.
Wir sahen uns an – face to face feeling – sprachen Belangloses, Einführendes, Aufwärmendes. Worte, die man spricht, wenn man bei null ist und den Weg sucht. Aber wir fanden ihn schnell. Da war nichts Befangenes, nichts Eiliges, nichts Schales. Nicht die allerkleinste Spur davon. Unsere Hände berührten sich am Griff des Regenschirms, unsicher, welche von uns beiden nun den Schirm halten soll. Unsere Finger griffen ineinander. In ihrem Gesicht las ich denselben Widerstreit der Gefühle, den ich in mir spürte. Dann plötzlich ein befreiendes Lachen, das nicht mehr aufhören wollte. Nichts hörte auf, etwas begann gerade.
Melitta sagte: „Wir befinden uns mitten in einer Demo, von der wir nicht wissen, um was es geht. Wogegen oder wofür demonstrieren wir eigentlich?“
„Hör genau hin, Melitta, sie brüllen mit viel Trara Parolen wie: Zerstört, was euch traurig macht … oder Bezahlbare Wohnungen für alle. Sieht so aus, als wären wir unter lauter Hausbesetzern.“
„Ja kann sein. Ist aber egal – uns geht es doch um die heißen Würstel, oder?“
„So ist es, Melitta. Aber je mehr ich darüber nachdenke, … gehöre ich im weitesten Sinn dazu. So verkehrt bin ich da gar nicht.“
„Wieso? Was hast du mit Hausbesetzern zu tun?“
Ich wollte ehrlich sein und erzählte ihr mit Herzklopfen und auf die Gefahr hin, dass ihre Sympathie für mich abrupt zu Ende gehen könnte, einen Teil meiner Geschichte.
Melitta war ganz still geworden. Ich spürte, wie sich ihre Finger in meinen Arm krallten. Sie wollte stehen bleiben, wollte mich anhalten, mir in die Augen schauen, sagte sie, aber der Tross der Demonstranten schob uns gnadenlos weiter. Ganz leise flüsterte sie mir ins Ohr: „Du bist aus dem Nest gefallen, genau wie ich. Das habe ich gestern schon in deinem Gesicht gelesen.“
„Bist du Hellseherin?“
„Nein, ich bin Melitta, die genau wie du gerade versucht, Fuß zu fassen.
Unbeeindruckt vom Geschrei der grölenden Demonstranten versuchten wir das, was wir zu spüren glaubten, in Worte zu fassen. Wir hielten uns unter dem Regenschirm wie an einem Anker fest und merkten gar nicht, dass es nicht mehr regnete.
Als ich nach oben in die Bespannung von Melittas Schirm schaute, kam mir plötzlich ein märchenhafter Gedanke. Was wäre, wenn so ein Regenschirm erzählen könnte, was er im Laufe seines Beschützerlebens alles mitansehen und mithören darf und muss. Bei diesem Gedankenflug hatte sich vermutlich ein völlig entrücktes Mienenspiel in mein Gesicht gezeichnet, denn Melitta fing zu kichern an. „Was ist denn mit dir los? Hast du eine Erscheinung oder was?”.
„Na ja, manchmal bin ich eben ein bisschen verrückt“, sagte ich und erzählte ihr von meiner Fantasie. Das gefiel Melitta. Ihr görenhaftes Kichern verschwand und mit ernstem Ausdruck sagte sie: „Du bist ein interessanter Mann, Ferdinand.”
Ich sah sie mit einem schrägen Seitenblick an. Verarscht sie mich jetzt grade?.Auf einmal war mir wichtig, wie sie über mich denkt. Und natürlich wollte ich ein bisschen mehr über sie erfahren. Ich fragte: „Machst du mit bei einem Spiel?”
„Was für ein Spiel, Ferdinand?”
„Du sagtest doch, bevor wir unter diesen hübschen Schirm schlüpften, dass wir uns die Zeit vertreiben, indem wir uns Geschichten erzählen. Richtig?”
„Ja. Haben wir,”
„Falsch. Nicht wir - ich habe erzählt. Von dir kam nicht so viel. Ich habe eine Idee, wie wäre es, wenn du eine kurze Geschichte über dich aus der Warte deines Regenschirms erzählen würdest. Was glaubst du, würde er erzählen wollen?”
„Echt jetzt? Und du lachst mich nicht aus?”
„Niemals, ich schwöre!”
„Also gut. Ich versuche es. Aber damit das klar ist - es ist die Sicht des Schirms - nicht meine. Ich gebe ihm nur meine Stimme.”
Sie ist mutig, dachte ich. Dann begann sie mit gesenkter Tonlage zu sprechen:
Melitta und ich, wir sind ein seltsames Paar. Wenn ich’s recht bedenke, bin ich nicht mehr als Mittel zum Zweck. Ja, sie liebt mich, aber nur sporadisch. Ich gebe zu, das schmerzt. Andererseits ist es meine Aufgabe, sie immer dann zu beschützen, wenn sich der Himmel verdunkelt. Doch nicht nur. Es gibt auch erfreuliche Zeiten. Wenn Melitta besonders gut drauf ist, kann es schon mal vorkommen, dass ich zum Tanzpartner werde. Dann greift sie nach mir und ich entfalte mich höchst entspannt zu einem strahlend roten Parapluie. Das sind unvergessliche Momente, wenn wir zwei ein spritziges Samba-Solo aufs Parkett zaubern, das so manchem Revuegirl zur Ehre gereichen würde.
Uns zwei verbindet eine langjährige Gemeinschaft. Wir haben viel miteinander erlebt. Ich fühle mich als ihr Kumpel – bin stets für sie da – nicht nur wenn der Himmel weint. Okay, ich bin lediglich ein Regenschirm! Aber zuweilen bin ich weit mehr als ein schützendes Dach über Melittas hübschen Haarschopf.
Bis vor kurzem wohnten wir noch in Wien bei Charly Baumann, ihrem gewalttätigen Ex, der schon lange nicht mehr „ihr” Charly war. Bei der letzten Auseinandersetzung mit ihm wurde ich zu Melittas verlängertem Arm. Sie umfasste meine kirschrote Bespannung und schmetterte dem tobenden Charly den Bambusgriff über den Schädel, dass ihm Hören und Sehen verging. Das war definitiv seine letzte „Annäherung” mit Melitta. Dabei ist sie wahrlich keine Walküre, sondern eine grazile Frau die Gewalt in jeder Form ablehnt.
Wir – also Melitta und ich und ein Koffer voll Klamotten haben den renitenten Charly für immer verlassen. Als Ziel für ein neues, besseres Leben wählte sie Salzburg, hier wurde sie vor neununddreißig Jahren geboren. Genau das ist es, was ich an Melitta so schätze – sie fackelt nicht lange herum. Sie nimmt, wenn es sein muss, die Sache selbst in die Hand und schaut nach vorne.
Jetzt sind wir also in Salzburg gelandet und es sieht nach Regen aus. Das gefällt mir naturgemäß – Melitta ist es egal, sie hat andere Sorgen, sie ist auf Jobsuche. Das erweist sich als schwierig, denn niemand sucht eine gelernte Schuhverkäuferin. Langsam, aber sicher geht das Geld zur Neige. Doch Melitta wäre nicht Melitta, hätte sie nicht eine Idee: nämlich die des Blutplasma-Spendens in einer privaten Blutbank. Dafür gibt es Geld bar auf die Hand. So wie gestern.
Heute treffen wir zufällig im Elisabethviertel am Rande einer Demonstration diesen armen Kerl von gestern in der Blutbank, dem sie Trost spenden wollte, doch dann war er plötzlich weg. Jetzt steht er plötzlich da und erkennt sie nicht, als sie auf ihn zugeht.
„Da bist du ja“, sagt sie zu ihm und lacht ihn freundlich an. Der junge Mann ist verwirrt. Offensichtlich hat er keine Ahnung, wer Melitta ist. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen wird tiefer. Er weiß nicht, was er sagen soll. Sie hilft ihm auf die Sprünge, dann erinnert er sich endlich. Er schaut Melitta zum ersten Mal direkt in die Augen und ein verlegenes Lächeln stielt sich in sein Gesicht.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragt sie ihn ganz ungeniert.
„Ferdinand“, sagt er und Melitta denkt: viel zu lang. Ich werde ihn Ferry nennen, das ist kürzer und schöner.
„Ich bin die Melitta”, stellt sie sich ihm vor und lädt ihn ein, unter ihr Regendach zu kommen und bei der Demo mitzumachen. Es soll Würstel und sogar etwas Geld geben. Sie fordert ihn auf: „Komm, hak’ dich bei mir unter: Wir machen einfach mit!“
Ferdinand ist perplex, zögert eine Sekunde, aber letztlich hat er gegen Melittas Charme keine Chance.
Jetzt komme ich in meiner Eigenschaft als Regenschirm ins Spiel. Melitta drückt auf den Knopf an meinem Griff und ich entfalte mein rotes Dach wie einen Baldachin über die beiden. Kann das eine Harmonie unterm Parapluie werden? Als passiver Dritter mache ich mir so meine Gedanken. Im Lauf der Jahre wurde ich zum Menschenkenner. Ausgangspunkt meiner Bewertung sind immer die Hände der Menschen. Wenn ich nur an die Pranken von Melittas Ex denke, dann wird mir schlecht. Da ist dieser Blondie, der Ferdinand heißt und höchstens Mitte zwanzig ist, von einer ganz anderen Sorte. Ich glaub, ich mag ihn. Ein Blick in seine Augen sagt mir, dass man ihm vertrauen kann. Melitta sieht das offenbar genauso. Wie die beiden sich anblicken, lässt mich für sie hoffen. Sie sprechen viel miteinander. Vielleicht um die Nervosität zu überwinden.
Ich höre, wie er Melitta erzählt, dass er ein Handwerker ist, der am Schwarzmarkt fallweise Häuser renoviert und in diesen auch wohnt. Seufzend fügt er hinzu, dass diese Jobs nicht gerade zuträglich sind, Kontakte zu knüpfen.
Gespannt warte ich, wie meine 'Schirmherrin' auf seine Geschichte reagiert. Kurz darauf streicht sie mit den Fingern über seine Hand und säuselt ihm ins Ohr: „Du hast eher Künstlerhände als die eines Handwerkers.”
Er lacht verlegen. „Na ja, vielleicht bin ich ein Lebenskünstler.”
Melitta antwortet prompt: „Brauchen Künstler nicht eine Muse?”
Ich war beeindruckt von ihrem Vortrag in eigener Sache. Ich bat Melitta den Schirm zu halten, damit ich ihrer Darbietung applaudieren konnte. Ihr Gesicht wurde noch etwas röter, als es ohnehin durch die Bespannung des Schirms schon war.
Die Demo hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wir waren am Alten Markt angekommen. Podest oder Bühne waren nicht zu sehen, der Megafon-Typ stand auf einer Bierkiste und brüllte nach wie vor seine Parolen unters spärliche Volk. Melitta bemerkte meine skeptischen Blicke. Sie zupfte mich am Ärmel und deutete nach hinten. Sie hatte die Gulaschkanone mit den kommunistischen Würsteln entdeckt. „Komm Ferry, stellen wir uns an, bevor die Würstel aus sind. Ich darf doch Ferry zu dir sagen?”

Ich hatte schon immer ein Faible für schöne Dinge und alte Häuser. In einer schwachen Stunde, genauer gesagt in einer beschwipsten Runde in meinem Stammcafé, hatte ich mich einmal zu der absurden Aussage hinreißen lassen: ‚Ich fühle mich zu Höherem geboren’. Kaum hatte ich das gesagt, ging das Gelächter los. Man hielt mich für völlig abgehoben, größenwahnsinnig. Zwar konnte ich zu meiner Entlastung anführen, tatsächlich in einer herrschaftlichen Villa geboren zu sein, aber das half meinem Ansehen auch nicht mehr. Doch egal was man mir nachsagte, ich blieb dabei: Als kulturaffiner Schöngeist muss ich ja nicht unbedingt höhere Weihen genossen haben.
Zu dieser Ansicht kam auch mein letzter Auftraggeber, als er mir den Auftrag erteilte, diesen „alten Kasten”, wie er seine geerbte Ceconi-Villa nannte, umzubauen, besser gesagt zu renovieren. Der frisch gebackene Bauherr hatte keine Ahnung von Jacob Ceconi, dem italienischen Architekt und Erbauer dieser Villa aus der Jahrhundertwende. Aber er hatte eine reale Vorstellung, was am Ende daraus werden sollte: Ein Haus, dessen historische Fassade unangetastet blieb - das Innere jedoch auf den letzten Stand der Technik gebracht werden sollte. Ziel und Geschäftsidee des Bauherrn waren exquisite Studenten-Apartments.
Als Pro-forma-Bauleitung engagierte er den örtlichen Baumeister Franz Ogris. Dieser findige Unternehmer stellte allerdings nur seine Bautafel, diverse Baustelleneinrichtungen und das Stromprovisorium zur Verfügung. Die heiklen Strom-Gas und Wasserinstallationen wurden von konzessionierten Firmen erledigt. Für alle anderen Gewerke waren Handwerker wie ich per Werkvertrag beschäftigt – offiziell. In Wahrheit waren wir Schwarzarbeiter. Eine Win-win-Situation auf den ersten Blick. Wir waren durchwegs junge Männer, die für etwaige soziale Auswirkungen keinen Sinn hatten. Die Arbeiter kamen je nach Baufortschritt zum Einsatz. Nur ich war als Haus- und Hofmeister ständig vor Ort. Der Bauherr stellte mir kostenlos die Hausmeisterwohnung im Souterrain zur Verfügung. Ich war also einigermaßen gut versorgt, jedenfalls für die nächsten Wochen und Monate. Die Bezahlung der Löhne erfolgte bar auf die Hand. Das verzögerte sich zuweilen, weil unser Bauherr als Handelsagent viel unterwegs war. In so einer Phase der Geldknappheit stellten wir Handwerker die Arbeit ein und verdingten uns auf andere Art und Weise. Zum Beispiel als Blutplasma-Spender. Diese Möglichkeit der finanziellen Überbrückung erfüllte sich bei mir leider nicht, aber dafür lernte ich Melitta kennen.
Ich war jetzt Ferry, nicht mehr Ferdinand. Was so eine Demo alles bewirken kann, dachte ich. Die Würstel waren super und Melitta sowieso. Das bisschen Taschengeld von den Kommunisten änderte freilich nichts Wesentliches, aber für einen Besuch in meinem Stammcafé bei Ria im Piccola Trieste reichte es. Bei Kaffee und Apfelstrudel kamen wir uns zwar nicht so nahe wie unter dem Regenschirm, aber dafür hatten wir mehr Augenkontakt. Wir erzählten uns Dinge, die wir bei einem ersten Treffen nie erzählt haben. Weil sich das nicht gehört. Jetzt fühlte es sich richtig an. Je tiefer wir in die jüngere Vergangenheit eintauchten, umso nachdenklicher wurde meine neue Freundin. Ja, ich verstieg mich in meiner Einbildung so weit, dass ich in ihr eine Seelenverwandte sah. Das sagte ich natürlich nicht. Wiewohl ich das Gefühl hatte, dass sie ähnlich empfand.
Melitta erzählte mir, dass sie quasi als U-Boot bei einer Arbeitskollegin wohnte und aushilfsweise in einer Reinigungsfirma arbeitete. Glücklich war sie darüber nicht, aber „Besser als nichts”, sagte sie kleinlaut. „Sie werde im Juli vierzig”, sagte sie, „wer will schon eine alte Frau.”
„Na ja, ich zum Beispiel.”
„Ach Ferry, du machst mich verlegen.”
„Steht dir gut, wenn du verlegen bist. Fühlt sich nach echtem Leben an, oder?“
„Ja, so wie du das sagst, mit einem Augenzwinkern … könntest du recht haben. Mir gefällt dein stiller Humor. Du hältst nicht viel von Wehklagen, stimmt’s?”
Jetzt lachten wir beide. Und weil’s grad so schön war, sagte ich ihr, dass ich während der Demo schon die Vermutung hegte, dass wir viel gemeinsam haben könnten.
Ria, die Wirtin, spielte in der Musikbox ein Lied für uns: Only One Woman und setzte sich zu uns. Die zwei Frauen verstanden sich prächtig. Ria hatte bemerkt, was da gerade ins Laufen kam.
Ich bemühte mich, den richtigen Ton zu finden. Da saß mir eine attraktive Frau gegenüber, die, und das konnte man durchaus übersehen, um siebzehn Jahre älter war als ich. Man soll mich steinigen, wenn ich davon auch nur irgendetwas abhängig gemacht hätte. War ich verliebt? Ja, aber anders als sonst. Nicht so von Testosteron getragen, was nicht heißt, dass da keine Erotik im Spiel war. Ich war sehr darauf bedacht, Melitta nicht zu erstürmen. Bei dem Gedanken musste ich schmunzeln, denn eigentlich war sie es, die mich an Land gezogen hat. Und jetzt, wo ich wusste, dass sie ähnliche Probleme wälzte wie ich, mutierte ich plötzlich zum Fährmann, der sie ans rettende Ufer bringen wollte, obwohl die Löcher in meinem Boot nur notdürftig geflickt waren. Verkehrte Welt.
Wir haderten beide mit unseren Unterkünften. Melitta, weil sie in ihrer Bleibe nur vorrübergehend geduldet war, und ich, weil die ehemalige Hausmeisterwohnung im Souterrain der Ceconi-Villa dementsprechend abgewohnt war. Zwar hatte ich die gröbsten Mängel ausgebessert, die versifften Möbel entsorgt und mit teilweise edlen Stücken aus der Beletage ergänzt, aber einladen konnte ich in dieses Provisorium im Moment niemand. Schon gar nicht eine Frau, denn das Badzimmer war unbenutzbar. Noch, denn ich arbeitete auf Hochdruck daran, die Misere zu beenden. Eine Waschmaschine war kurzfristig nicht zu organisieren, aber ich war mit dem Elektriker im Gespräch. Die Zeit drängte, denn Melitta wollte mich demnächst besuchen. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel und vor allem so schnell gearbeitet. Ich hatte mit Walter Christ, dem Bauherrn gesprochen und wie nebenbei gefragt, ob er was dagegen hätte, wenn meine Freundin bei mir einziehen würde. Ich hatte ihn richtig eingeschätzt – er war einverstanden. Mehr noch: Herr Christ (Nomen est omen?) sagte: „Umso besser, wir können jede Hand gebrauchen.”
Stresstage im Mai 1969. Ich hatte den Turbo eingeschaltet. Im alten Salon in der Beletage musste der Eichenparkettboden abgeschliffen und versiegelt werden. Dieser Bereich war im Moment der einzig wirklich herzeigbare Raum im Haus. Hier wurde ein Muster-Apartment für künftige Bewohner geschaffen. In diesen Tagen waren zwei Interessenten zur Besichtigung angesagt. Unser Bauherr wollte auch kommen, das bedeutete für mich: Es gibt Geld. Melitta kommt um 17:00 Uhr. Ich hatte mir vorgenommen, für uns etwas zu kochen, was wiederum bedeutete, ich musste einkaufen gehen. Oh Mann!
Im Baubüro klingelte das verstaubte Telefon – der Elektriker wollte kommen, er hätte eine gebrauchte Waschmaschine und einen 100 Liter Kühlschrank im Auto. Ob er das liefern kann und wer bezahlt, fragte er. Ich hielt ihn bei Laune und scherzte: „Da gibt man den Leuten Arbeit, dann wollen sie auch noch Geld!” Und besänftigte ihn umgehend. „Eh klar bekommst du die Kohle vom Chef, er kommt morgen. Okay?”
„Okay, Ferdinand.”
„Super”, sagte ich zu mir, „der Kühlschrank kommt einstweilen zu mir in die Wohnung.” Ich malte mir aus, mit was für guten Sachen ich ihn füllen werde. Sollte ich groß auftrumpfen und eine Flasche Sekt kühlen? Oder Kuba-Libre? Ach was, dachte ich, lass es einfach auf mich zukommen.
Melitta hatte sich schick gemacht. Ich auch. In schwarzer Hose und resedagrünem Polo empfing ich sie. Und Melitta? Auch sie in Schwarz-grün! „Das gibts ja gar nicht”, dachte ich. Keiner wusste von den farblichen Vorlieben des anderen. Melittas Grün passte ausgezeichnet zu ihrer roten Mähne. Weiblichkeit pur. Mein Blick streifte die sanft gerundeten Schultern, ihre zarte Taille und verweilte schließlich bei wohlgeformten Beinen. Cognacfarbene Schnürstiefeletten machten das Bild perfekt. Ich war baff, und der Mund muss mir wohl offen gestanden haben vor Erstaunen.
„Hey Ferry, komm runter”, sagte sie, „bist du wieder ansprechbar?” Sie lachte in einer Art, die ich noch nicht kannte. Ich dachte vor mir steht Milva, die italienische Sängerin.
„Toll.” Mehr sagte ich nicht. Dafür bekam ich ein Küsschen.
Melitta hatte eine große Plastiktasche mitgebracht. Ich fragte, was denn da drin sei. Ha, da war er wieder, dieser verlegene Blick.
„Lach mich bitte nicht aus, Ferry. In der Tasche ist meine kleine Espressokanne. Ich wusste nicht, ob du so etwas hast. Ich brauche morgens erst einmal einen Espresso, sonst lebe ich nicht”, erklärte sie.
Ich war happy, denn diese Espresso-Idee implizierte, dass sie über Nacht bleiben wird. Abgesprochen war das nicht. So etwas bringen nur reife, erfahrene Frauen zustande, dachte ich, und war glücklich.
Am Morgen danach brauchte ich einige Zeit, bis mir klar wurde, dass ich verkehrt herum auf der Couch lag. Aus diesem Blickwinkel hatte ich noch nie aus dieser Wohnung durch das Fenster nach draußen geschaut. Es graute der Morgen. Ein früher Sonnenstrahl streifte meine zerwühlte Hardy-Krüger-Frisur. Wenige Zentimeter vor meiner Nase stand eine leere Flasche am Couchtisch, daneben breitete sich ein dunkler Fleck aus. Ich rührte mich nicht, starrte auf dieses Bild und bemühte mich, es zu begreifen. Es war der süße Geruch von Bacardi-Rum, der mir Wirklichkeit suggerierte.
Was war das für ein schöner Abend gestern. Ich konnte mich genau an die Kuschelszene danach erinnern. Doch dann hatten ich es übertrieben und war auf die Idee gekommen, den romantisch-erotischen Abend mit Cuba-Libre zu begießen.
Melitta hantierte mit ihrem Espresso-Kocher. Ich wunderte mich, dass sie sich so schnell zurechtfand in der Wohnung, die trotz aller Bemühungen immer noch ein Provisorium war. Dies war aber ein guter Moment, sie zu fragen, ob sie sich vorstellen kann, bei mir zu wohnen, trotz dieses Durcheinanders in diesem Haus.
Ich tat es.
Und Melitta erbat sich Bedenkzeit.
Natürlich war das in Ordnung, aber ein bisschen enttäuscht war ich schon. In meinen Träumen hatte ich mir vorgestellt, dass sie jubelnd aufspringen und mir um den Hals fallen würde. Vorsichtig stellte ich meine Frage: „Wie lange dauert deine Bedenkzeit?”
„Zehn Minuten, Ferry. Zunächst brauche ich einen Kaffee und eine Zigarette. Dann kommst du mein Lieber. Danach müssen wir über nicht ganz unwichtige Dinge reden. Die Couch mag für Sex okay sein, zum Schlafen taugt sie nicht.”
Zwei Stunden später inszenierte ich eine exklusive Führung durch die Villa, die eigentlich eine Baustelle war. Jetzt, wo Melitta einem Tapetenwechsel zugestimmt hatte, wir also offiziell ein Paar waren, hatte ich eine Idee. Wir, also der Bauherr und ich, suchten einen Helfer, der unserem Tapezierer beim Anbringen der schweren Textiltapeten zur Hand gehen könnte. „Traust du dir so einen Job zu?”, fragte ich Melitta.
„Na sicher, doch” begehrte sie auf. „Du hast keine Ahnung, was ich noch alles kann.”
„Super!”
Das war ein Schritt in die richtige Richtung. Wir wohnten und arbeiteten zusammen. Die Zukunft hatte begonnen.
Die Queen
Wir waren am besten Weg, unser Leben in den Griff zu bekommen. Immerhin hatte ich meine Trinkerei reduziert, Melitta war zumindest teilweise in die Arbeiten am Umbau integriert. Es ging uns gut. Trotzdem planten wir längerfristig für die Zukunft. Herr Christ, der Besitzer der Villa, hatte angeboten, die Hausmeisterwohnung auch nach Fertigstellung der Umbauarbeiten an uns zu vermieten.
Ich spekulierte mit einem Job in München als Fliesenleger im Olympia-Dorf. Firmen bieten Akkordarbeit an, die Verdienste wären mindestens doppelt so hoch als bei uns hier in Salzburg. Auch Melitta schaut sich laufend um. Eine Stelle als Verkäuferin in der Schuhbranche wäre ihr Traum.
Der 9. Mai war ein verregneter Tag. Melitta saß am Küchentisch. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter und sagte: „Guten Morgen.”
„Guten Morgen, Ferry”, sagte sie und sah mich an.
Mein Güte, ich hatte noch nie so lange Wimpern gesehen. Und diese Augen. Da waren winzige Lachfältchen, die wie Pfeile in alle Richtungen zeigten.
„Hats dir die Sprache verschlagen?”, fragte sie und dann: „Setz dich zu mir. Hast du die Zeitung mitgebracht?”
Sie schlug den Inseratenteil auf, wie immer. Sie tat mir leid, weil sie keinen vernünftigen Job fand. Im selben Moment sprang sie auf und rief: „Mein Gott, ich hab’s vergessen!”
„Was? Ich versteh nur Bahnhof!”
„Da, schau! Die Zeitung ist voll davon. Die QUEEN ist in Salzburg, seit gestern schon. Heute spaziert sie durch die Altstadt. Ich muss da hin. Kommst du mit?”
Ihr flehender Blick traf mich direkt ins Herz. Ich konnte nicht anders und nahm sie in den Arm. „Natürlich, das machen wir!”, sagte ich, obwohl ich viel zu tun hatte und mir diese Royals ziemlich egal waren. Ich las die Schlagzeilen:
„Königin Elisabeth II mit Prinzessin Ann und Prinz Philipp heute in Salzburg!”
Also sprinten wir in die Altstadt. Melitta mit Minirock, ich in Jeans. Zehntausend kreischende Fans mit Union-Jack-Fähnchen bilden ein Spalier. Wir sind zu spät, stehen in der letzten Reihe und sehen null.
„Heb’ mich auf, Ferry, ich muss sie sehen”, bettelte sie. Ich versuchte diese quirlige Frau hochzuhalten. Dann kam der nächste Befehl: „Nimm mich auf deine Schulter.”
„Wie denn? Spinnst du? Du bist doch kein Kind mehr, Melitta.”
„Heute schon, bitte! Oder bin ich dir etwa zu schwer? Für einen Mann wie dich kann das doch kein Problem sein.”
„Soso, meinst wohl, ich bin Hercules oder was?”
„Bitte, Ferry, stell dich nicht so an. Du bist doch kein Spießer, oder?”
Ich überwand mich. Und stellte fest: Melittas Schenkel an meinen Ohren fühlten sich gut an.
Aufs Neue hatte ich eine Seite von Melitta kennengelernt, die mich den Kopf schütteln ließ. Einmal Frau, dann wieder Kind. Himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt. Mir war klar: Ich musste noch viel lernen.
Wir machten Ausflüge, planten eine Reise ans Meer und hatten Ideen für eine größere Wohnung. So verging der Sommer, das Projekt Ceconi-Villa näherte sich dem Ende. Unser Bauherr hatte alle Handwerker zu einer kleinen Feier aufgerufen und lud uns ins Bierzelt des ‚Ruperti-Kirtag’ in der Altstadt ein. Walter, der Gartengestalter, hatte an diesem Tag auch etwas zu feiern, er hatte Geburtstag und schmiss eine Runde nach der anderen. Es ging hoch her. Melitta saß neben ihm. Ich hatte den Eindruck, dass er das feuchtfröhliche Schunkeln nach Klängen der ohrenbetäubenden Blasmusik übertrieb. Ich wollte kein Spielverderber sein und verdrängte zunächst den Gedanken. Aber es war offensichtlich, dass dieser Walter nicht nur dem Garten der Ceconi-Villa zu Leibe rückte, sondern auch meiner Melitta. Darauf angesprochen wurde sie richtig wütend. Ich sei ein Spießer, der keinen Spaß verstehe und überhaupt …
Ich schnitt ihr das Wort ab und fragte: „Willst du, dass ich gehe?”
„Ja”, sagte sie, „wenn du glaubst, dass du gehen musst, dann geh doch!”
Und ich ging.

Ich hatte Kurzurlaub von einem Dekaden-Job auf Großbaustellen. Zehn Tage im Akkord – dann vier Tage frei. Es gab freie Unterkünfte, billige Kantinen und gutes Geld. Ein Zigeunerleben, zugegeben, aber ich war jung, dreiundzwanzig und ein passabler Fliesenleger ohne Anhang. Meine Beziehung mit Melitta war vor drei Monaten in die Brüche gegangen. Ich hatte zwar keine Wohnung mehr in Salzburg, wollte aber trotzdem die freien Tage in meiner Stadt verbringen. Ich vertraute auf alte Freunde und Kumpels. Zwischendurch vielleicht ein Hotelzimmer, ich war nicht wählerisch.
Es war ein frostiger Wintertag, als ich das Piccola-Trieste anvisierte. Die sommerlichen Aquarelle am Zugang zum Café wirkten ob der Kälte fremd. Unwillkürlich rieb ich meine Hände, um die kalten Finger zu erwärmen und stieß die Tür auf. Hinter der Bar residierte Ria, die Wirtin der Minikneipe. Zunächst hob sie teilnahmslos den Blick, dann erkannte sie mich und grinste. Ich erwartete nicht, dass sie mir um den Hals fiel, aber das: „Na so was, da ist er ja! Servus Ferdinand, wo warst du denn so lange?”, ließ mich aufhorchen.
„Wer will das wissen?”, fragte ich.
Ria lachte verschmitzt: „Hab’ gar nicht gewusst, dass du dich Ferry nennst”, sagte sie.
Ich bekam eine leichte Ahnung. Niemand nannte mich Ferry, außer Melitta. „Also wer?”, fragte ich ungeduldig.
„Na wer schon? Setz dich erst mal”, sagte Ria und stellte mir ein frisch gezapftes Bier vor die Nase. Ich nahm einen tiefen Schluck: „So nennt mich nur Melitta”, murmelte ich. Im Kopf lief ein Film ab. Ich hatte mein Davonlaufen schon x-mal bereut. Rias Blick irritierte mich, es war der Blick einer Kupplerin. „Melitta war gestern hier, wir haben lange miteinander gesprochen. Möchtest du das auch?“
Ich wollte meine Rührung nicht zeigen und sagte nur: „Warum nicht?”
Ria stand auf, ging nach hinten und telefonierte. Als sie zurückkam, sagte sie: „Sie kommt in einer Stunde, besser du trinkst Kaffee statt Bier.“
Melitta war attraktiver als je zuvor, irgendwie fraulicher. Ihr Kleid war einsame Klasse, die Figur sowieso. Das und noch viel mehr sagte ich ihr, als wir in unserer ehemals gemeinsamen Wohnung ankamen.
„Du bist immer noch der große Schmeichler”, sagte sie mit einem Blick, der mich alles vergessen ließ, was vorher war. Melitta legte ihren Kopf auf meine Brust und sprach sehr leise: „Ferry, ich möchte dir gerne etwas sagen, aber da ist diese Angst.“
Ich strich über ihr Haar und flüsterte: „Nur Mut meine Liebe, ich bin immer für dich da!“ Sie wischte eine Träne weg und fragte mit einem zaghaften Lächeln: „Auch wenn wir zu dritt sind, Ferry? Du wirst nämlich Papa!”
Es dauerte etwas, bis ich Melittas Worte inhaltlich zu begreifen begann. Ich faselte vor mich hin: „Echt jetzt …? Ich …? Du …? Ich werd’ verrückt!” Und dann brach in meinem Innern das Feuer aus: „Ich brauch’ jetzt dringend was zu trinken. Komm Melitta, das muss gefeiert werden!“
Ferdinand jun.

Oktober 1971
In München herrschte nach wie vor Goldgräberstimmung, jedenfalls in der Baubranche. Auch ich profitierte davon seit einem Jahr – als Fliesenleger – beim Bau des U-Bahnhofs Münchner Freiheit in Schwabing. Die Zeit war knapp, nur noch zehn Monate bis zu den Olympischen Sommerspielen 1972, aber schon nächste Woche sollte die erste U-Bahnlinie in Betrieb gehen. Politiker und Architekten kamen seit Tagen auf die Baustelle, spendierten Fleischkäse und Bier, um positive Stimmung zu verbreiten und standen uns im Weg. Als ob nicht ohnehin schon bis zum Umfallen im Akkord gearbeitet würde. Ihre Einladung zur großen Eröffnungsfeier ließ mich kalt. Meine Gedanken waren bei unserer eigenen, privaten Feier. Weil wir früher als geplant mit dem Auftrag fertig geworden waren, versprach der Bauleiter Sonderurlaub und lud spontan zur internen Abschlussfeier in die Kantine, die in einem ehemaligen Gasthaus eingerichtet war. Das Haus stand leer, die Stockwerke wurden vor Beginn der Bauarbeiten für die U-Bahn als Studentenwohnheim genutzt. Jetzt wohnten hier Maler, Fliesenleger und andere Handwerker.
Ich war gerade in der Gemeinschaftsdusche, als die Tür aufgerissen wurde und ein Kollege durch die Dampfschwaden brüllte: „Ferdinand, Telefon!”
Es konnte nur Melitta sein, sonst rief mich hier niemand an. Zu dumm, dachte ich, jetzt habe ich es verpasst. Wollte ihr mit meinem Anruf zuvorkommen und sie schonend darauf vorbereiten, dass ich später als ausgemacht nach Hause kommen würde. Bis vor kurzem wusste ich selbst nichts von unserer Baustellenfeier. Ich wollte unbedingt dabei sein, nicht nur weil es ein zünftiger Abend zu werden versprach – es ging auch um die Beschäftigung am nächsten Einsatzort, dem Olympischen Dorf. Da war jede Menge Geld zu verdienen, das hatten wir fix eingeplant. Wir – das waren Melitta, Ferdinand, unser Bub, der in diesen Tagen gerade das Laufen lernte, und ich. Wir wollten wieder eine richtige Familie werden.
„Guten Abend, Schatz”, sagte ich und zog meine nassen Haare aus dem Kragen des Bademantels. Mich fröstelte. Rund um meine Badelatschen bildete sich eine Wasserpfütze auf dem Boden unter dem Wandtelefon am Gang.
„Geht’s dir gut?”, fragte Melitta.
„Ja, bestens! Mit dem Lohn im Sack, ist alles ein wenig leichter zu ertragen. Es war eine harte Woche. Das Gute: Die neue Waschmaschine ist abholbereit, ich habe telefoniert.”
Ich kam mir ein wenig dumm vor, wegen dieser nüchternen Aussage. Viel lieber hätte ich ihr laszive Sätze ins Ohr gehaucht, aber ich stand hier am Gang, wo jeder mithören konnte. Ich versuchte ihr die Verspätung zu erklären.
„Es gibt ein kleines Problem, es kann später werden. Vielleicht erwische ich den Nachtzug nach Salzburg, ansonsten bin ich morgen früh bei dir. Ich freue mich.”
„Oh nein”, sagte sie, „gerade jetzt.”
Ihre Stimme war kaum zu verstehen, als würde sie flüstern.
„Melitta, was hast du?”
„Ferry, ich hab Angst.”
„Angst? Wovor, vor wem?”
„Ich weiß nicht.”
„Hast du getrunken?”
„Nein.”
Das kam zögernd. Ich hakte nach: „Gar nichts?”
„Nein … Äh, ein bisschen.”
„Bitte, Melitta, reiß dich zusammen. Du wirst sehen, alles wird gut – nein, falsch – alles ist gut!”
Das war es nicht immer gewesen. Melitta bekam Probleme mit dem Alleinsein. Ihr fiel die Decke auf den Kopf, wie sie es nannte. Das ging vor ein paar Monaten so weit, dass sie den kleinen Ferdinand vernachlässigte. Es war einfach zu viel für sie und sie brach aus. Von einem Tag auf den anderen war sie verschwunden. Auf Intervention des Jugendamtes, das ich verständigt hatte, kam Ferdinand zwischenzeitlich in ein Säuglingsheim, am Wochenende war er dann wieder bei mir. Nach unserer Versöhnung organisierten wir für Ferdinand eine Pflegemutter: Romana. Sie hatte selbst zwei Kinder und würde Ferdinand auch in für immer in Pflege nehmen, wenn es gar nicht mehr anders geht, sagte sie. Damit war das Jugendamt einverstanden. Melitta konnte wieder arbeiten gehen. Sie begann in einer Apotheke im Labor. Diese Lösung funktionierte ganz gut. Ich reduzierte mein Trinken und so führten wir ein normales Leben. Wir wuchsen zusammen.
„Ich weiß nicht, ob alles gut ist.”
„Hör zu, Melitta, wir machen es genau so, wie wir es vor vierzehn Tagen am Jugendamt besprochen haben. Wir holen morgen früh Ferdinand bei Romana ab, sie ist ab sofort nur mehr Tagesmutter. Ferdinand braucht keinen Pflegeplatz mehr, sein Platz ist jetzt wieder in unserer Mitte.”
„Ja, aber …”
„Nix, ja aber. Herrgottnochmal, freu dich doch auch einmal”, fuhr ich sie an - und lenkte ein: „Bitte entschuldige, es war nicht böse gemeint. Ich mache dir einen Vorschlag: Gehe heute zu Romana und Ferdinand und bleibe bei ihnen über Nacht, sie freuen sich, wenn du kommst, das weißt du. Ich hole euch morgen Vormittag ab, zuvor aber organisiere ich einen Helfer, der mir hilft, die Waschmaschine zu tragen und zu montieren. Einverstanden?”
Jetzt lachte sie plötzlich. Es klang tiefer, unkontrollierter als sonst. Also doch Alkohol, dachte ich und sagte erleichtert: „Dann bis morgen. Baba!”
„Baba, Ferry!”
Sie hatte aufgelegt.
Der Abend verlief wie vermutet. Der Bauleiter spendierte ein 25er Fass feinstes Paulaner Bier. Natürlich durfte nichts übrig bleiben, dementsprechend betrunken waren die Burschen. Ich trank nur zwei Gläser Bier, nach einer 60 Stundenwoche war ich zu müde, außerdem musste ich zum Bahnhof. Nach zwei Stunden Bahnfahrt kam ich um Mitternacht in Salzburg an. In der Buffethalle gönnte ich mir ein Paar Frankfurter und ein Bier. Ich war froh, wieder zu Hause zu sein. In der Halle herrschte Hochbetrieb, das Bahnhofsbuffet war rund um die Uhr geöffnet.
Hans war circa dreißig Jahre alt und ein Schlitzohr, ich kannte ihn von früher, wusste aber nicht viel von ihm. Er sei immer schon Tagelöhner gewesen, erzählte er mir. Mal ging es ihm gut, mal weniger gut. „Heute ist so ein Tag”, sagte er. Ich lud ihn ein. Während er sein Bier trank, musterte ich ihn. Er war recht passabel gekleidet, nicht dreckig und stank auch nicht. Ich überlegte, ob er mein Helfer für morgen sein könnte und lächelte ihn an. Das muss er falsch verstanden haben, denn er fragte mich: „Bist du schwul?” Zunächst war ich überrascht, für schwul hat mich noch keiner gehalten. Dann aber musste ich ihm insgeheim Recht geben, denn mein Benehmen kam dem Verhalten eines Homosexuellen auf Strichersuche ziemlich nahe. Und doch hatte er mich richtig eingeordnet. Ich wollte etwas von ihm, nämlich seine Arbeitskraft. Als ich ihm das sagte, kamen wir ins Geschäft. Hans wollte einen Vorschuss, morgen früh stünde er dann pünktlich vor meiner Haustür, meinte er. Nein mein Freund, sagte ich, so nicht. „Ich habe eine bessere Idee, Hans. Ich lade dich ein, zu mir in die Wohnung, wir trinken dort noch ein Bier, dann schmeißt du dich auf den Diwan in der Küche. Morgen früh sind wir beide fit, genehmigen uns beim Wirt ein Frühstück und schleppen danach die Waschmaschine in den dritten Stock und schließen sie an. Das ist der Auftrag. Bist du mit einem Hunderter einverstanden?”
„Einverstanden. Wo ist deine Bude?”
„Es ist nicht weit: Linzergasse.”
Hans schnaufte hinter mir die Treppe hinauf, ich bekam Bedenken, ob er der richtige Mann war für die schwere Waschmaschine. Die Wohnung war tipp-top aufgeräumt. Ich hielt meinen Zeigefinger über die Lippen und bedeutete Hans, dass er leise sein soll, es könnte ja sein, dass Melitta im Schlafzimmer ist. Ich stellte meine Tasche auf dem Boden ab und legte meine Schlüssel auf den Küchentisch. Da lag ein abgerissenes Kalenderblatt. Darauf stand nur ein unvollendeter Satz: Ich habe keine … mehr
Es war Melittas Handschrift. Das Telefonat von gestern fiel mir ein. Sollte sie Angst geschrieben haben? Ich erinnerte mich nicht mehr, hatte das Wort aus meinem Gedächtnis verloren. Was war geschehen? Ich erstarrte, als ich das leere Glas mit dem weißen Rand, dem Bodensatz und die Packung Tabletten am Tisch sah. Die Schachtel war hastig aufgerissen worden, der Karton zerfetzt und die leere Hülle, aus der die Pillen gedrückt worden waren, lag daneben. Melitta war nicht krank, schon gar nicht hatte sie Schlafstörungen, sie brauchte keine Medikamente. Woher die stammten, lag auf der Hand, Melitta arbeitete in einer Apotheke.
Hans stand hinter mir und sagte kein Wort. Er war kreidebleich im Gesicht und ich glaubte zu wissen, was er dachte. Selbst versuchte ich den Gedanken an Selbstmord zu verdrängen. Es gelang mir nicht. Gemeinsam suchten wir die Wohnung nach weiteren Hinweisen ab. Melitta war nicht da. Die anderen Hausbewohner, zwei ältere Witwen und ein betagtes Ehepaar wollte ich nicht fragen. Vielleicht löst sich ja alles noch in Wohlgefallen auf, dachte ich. Unsicher tasteten wir uns durch das Stiegenhaus, das Intervalllicht ging im Minutentakt aus. Eine Mischung von Gefühlen überkam mich: Einerseits die Angst, etwas Schreckliches zu finden, andererseits die Hoffnung, dass alles in Ordnung ist. Wir durchsuchten alle möglichen Winkel in diesem Jahrhunderte alten Haus, fanden aber keinerlei Hinweise auf meine Lebensgefährtin und Mutter unseres fünfzehn Monate alten Sohnes Ferdinand. Der Junge war seit einem halben Jahr bei Romana, seiner Pflegemutter. Ich besuchte ihn anfangs allein, seit drei Monaten durfte auch Melitta zu ihm, nachdem sie zu mir zurückgekehrt war. Damals war sie auch von einem Tag auf den anderen verschwunden und wieder zurückgekommen. So wird es diesmal auch sein, redete ich mir ein. Und morgen ist der große Tag, an dem wir Ferdinand zu uns zurückholen werden.
Wir wohnten im obersten Stock mit einer Terrasse nach hinten hinaus, direkt zum Kapuzinerberg gerichtet. Über unserer Wohnung befand sich der kaum benutzte Dachboden. Die schmiedeeiserne Tür war verschlossen, nur die Mieter hatten Zugang. Unser riesiger Schlüssel hing am Schlüsselbrett in der Küche. Da brauchten wir also nicht zu suchen.
Ich bedankte mich bei Hans für seine Hilfe, gab ihm fünfzig Schilling und schickte ihn weg. Mir war die Lust auf Biertrinken vergangen, ich brauchte einen klaren Kopf. Aus. Schluss mit Saufen!
Als Erste rief ich Romana an und fragte: „Ist Melitta bei dir?”
„Nein. Es war ja ausgemacht, dass ihr am Freitag beide kommt. Was ist los, Ferdinand, deine Stimme zittert?”
„Wenn ich das wüsste, Romana. Sie ist weg. Und ich weiß nicht wohin.” Dann erzählte ich ihr vom Glas und den leeren Tablettenschachteln und mir wurde schlecht.
Romana flehte mich an: „Mein Gott, Ferdinand, tu was!”
Ich suchte aus dem Telefonregister alle Nummern von Freunden und Bekannten heraus und rief sie alle an, fragte, ob Melitta bei ihnen sei oder ob sie wüssten, wo sie sein könnte. Niemand konnte mir Auskunft geben. Meine letzte Hoffnung war die Polizei. Ich hastete durch das Stiegenhaus nach unten hinaus auf die Gasse und über die Staatsbrücke zur Rathauswache. Außer Atem stellte ich das Glas mit den Resten der aufgelösten Tabletten, die Schachtel und den vermeintlichen Abschiedsbrief auf den Tresen. Ich schilderte, was vorgefallen war und bat die Beamten, mir zu helfen. Meine Beziehung zur Polizei ist nie die beste gewesen, in dieser Situation brauchte ich aber ihre Hilfe. Dabei dachte ich an Krankenhäuser, die man abfragen könnte, eine groß angelegte Suchaktion und Ähnliches. Das Plakat an der Wand machte mir Hoffnung: Die Polizei, dein Freund und Helfer. Die Reaktion der Polizisten war bescheiden. Ein Beamter bot mir einen Stuhl an und nahm mit stoischer Miene beinahe abweisend meine Personalien auf. Ich war zu aufgeregt, um sitzen zu können und fragte ungeduldig, was in so einem Fall zu tun sei.
„Ruhe bewahren”, sagte er.
Ich starrte ihn hilflos an. Die nehmen mich nicht ernst, dachte ich und sagte lauter als zuvor: „Ruhe bewahren? Ja wie denn?”
Der Kerl saß geduckt vor seiner Schreibmaschine, sah zu mir auf und sagte: „Beruhigen Sie sich! Hat ihre Lebensgefährtin schon mal diesbezügliche Äußerungen gemacht, mit Suizid gedroht oder Ähnliches?”
„Nein.”
„Nein? Auch nicht mit Davonlaufen? Wissen Sie, Herr Planegger, ich frage deshalb, weil die meisten nur drohen und nach ein paar Tagen wieder zurückkommen.”
Ich war kurz davor, auszuflippen.
Im Wachzimmer befanden sich noch mehr uniformierte Polizisten. Einer von ihnen baute sich vor mir auf und sagte: „Ist schon in Ordnung, wir machen das und verständigen Sie, wenn wir etwas wissen. Das Gleiche tun Sie bitte auch und rufen uns an, wenn sich Ihre Lebensgefährtin wieder meldet. Und alles Gute noch. Auf Wiedersehen.”
Das hörte sich wie auswendig gelernt an. Die Blicke, die sich die Beamten zuwarfen, waren mir nicht entgangen. Glatter Hohn, dachte ich, sie passten nicht zu den gesprochenen Worten.
Eine Woche verging. Dass ich Melitta nicht gefunden hatte, ließ mich manchmal an einen bösen Streich denken – einen Denkzettel. Vielleicht wurde ich bestraft für sicherlich viele Fehler, die ich gemacht hatte. Der Gedanke daran ließ mich hoffen. Kann ja sein, dass es ein verzweifelter Hilfeschrei Melittas war, und alles löst sich in Luft auf. Wir würden unsere kleine Familie trotz aller Widerstände auf einen neuen Weg bringen. Es half mir sehr, wenn ich ganz bei mir in Gedanken mit ihr sprach.
„Was spielt es für eine Rolle, wenn du älter bist als ich, wenn deine Vergangenheit dich manchmal einholt und du glaubst, mich da heraushalten zu müssen? Ich bin doch auch ein Gestrauchelter, ein Getriebener, ein Mann, der manchmal zu viel trinkt. Aber damit ist jetzt Schluss, ich rühre keinen Alkohol mehr an, bin bereit zu kämpfen für unsere gemeinsame Zukunft. Es könnte der Wendepunkt für etwas ganz Großes sein.”
Tag für Tag verstrich, körperlich glich ich einem Wrack, ich konnte kaum noch schlafen. Albträume verfolgten mich jede Nacht, meistens rannte ich Frauen, die alle wie Melitta aussahen, auf der Straße hinterher. Ich wollte ihren Namen rufen, doch ich brachte keinen Ton heraus. Sie gingen weiter. Stumm und gelähmt blieb ich zurück. Das Erwachen war keine Milderung, das Bett neben mir war leer. Alles war leer.
Ich besuchte meinen Buben so oft ich konnte, bemerkte aber, dass ich Unruhe in Romanas Familie brachte. Sie hatte noch zwei eigene Kinder, die sich rührend um Ferdinand kümmerten. Es ging ihm gut. Am Sonntag würde ich einen Tag mit ihm verbringen.
Angenehmer, milder Sonnenschein läutete einen bunten Oktobertag ein. Es war Samstag Vormittag. Ich schleppte meine Einkäufe nach Hause, hauptsächlich Dinge, die Kleinkinder so benötigen, für mich Kaffee und Kekse, das war meine Nahrung in diesen Tagen. Auf Alkohol hatte ich keine Lust mehr, nicht mal auf ein Bier beim Wirt gegenüber. Ich wollte keine Menschen sehen und schon gar nicht ihre Fragen nach Melitta hören.
Vor der Haustür empfingen mich eine besorgt schauende Vermieterin und einige Nachbarn. Frau Wolf, die Hausbesitzerin, nahm mich am Arm und fragte: „Wo ist Ihre Frau?”
Ich stotterte irgendetwas Unverständliches, aber sie unterbrach mich: „Frau Brugger, unsere Reinigungsfrau, hat am Dachboden, als sie ihre Putztücher aufhängen wollte, eine Frau liegen sehen, in Ihrem Abteil. Eine Frau mit einem Pelzmantel. Sie glaubt, dass es ihre Frau ist.”
„Dachboden? Wieso Dachboden? Der war doch fest verschlossen und der Schlüssel hing in meiner Wohnung, das weiß ich ganz genau”, schrie ich sie an, wollte nach oben rennen, die Nachbarn hielten mich zurück.
„Bitte bleiben sie hier, gehen sie nicht nach oben. Wir haben die Polizei verständigt. Wir sollen hier auf die Funkstreife warten und auf keinen Fall auf den Dachboden gehen”, sagte irgendwer.
Melitta, Tabletten, Pelzmantel, Ängste, Kalenderblätter, Ferdinand, Dachbodenschlüssel, Wassergläser. Tausende Bilder rasten durch meinen Kopf. Ich weiß nicht, wie lange ich hier stand. Das abklingende Martinshorn des Funkstreifenwagens, der vor dem Haus zum Stehen kam, riss mich aus meinen Gedanken. Polizisten trafen ein und standen bei der aufgeregten Hausbesitzerin, die sofort die Initiative ergriff und drauflos plapperte. Einer der Uniformierten sprach mit mir und als er begriffen hatte, dass ich wahrscheinlich der Lebensgefährte der leblosen Frau auf dem Dachboden war, stiegen wir die enge Treppe hinauf. Die Dachbodentür war offen. Ich musste warten, der Polizist ging die letzten Stufen allein hinauf, er wollte sich erst ein Bild von der Situation machen und dann entscheiden, was zu tun sei. Ich hörte undeutlich die Kommentare aus dem Funkgerät des Beamten, offensichtlich erstattete er Meldung an die Zentrale. Sein Einsatzname war Salzach Zwo.
Nach und nach trafen Kripo-Beamte und weitere zivile Ermittler ein. Während ich immer noch vor der offenen Dachbodentür stand, musste ich den Polizisten Rede und Antwort stehen. Was sie mich fragten, weiß ich nicht mehr. Nur dass es ewig dauerte, dann hörte ich die Stimme des Amtsarztes: „Weibliche Leiche, vermutliche Medikamentenvergiftung, Liegezeit mehrere Tage, Obduktion ist anzuordnen.”
Jetzt musste ich hinauf zu dem Platz, wo Melitta gestorben war.„Ist das Ihre Lebensgefährtin, ist das Melitta M., können Sie sie zweifelsfrei erkennen?”
Im Lichtkegel der Polizeischeinwerfer tanzten Staubteilchen. Melitta lag seitlich gekrümmt auf Ferdinands Gitterbettmatratze, ihr Körper war halb mit ihrem Pelzmantel bedeckt. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Gesicht war fahl, die blutleeren Lippen waren zu einem Strich zusammengepresst, sie hatte eingetrocknete Schaumbläschen in den Mundwinkeln. Kein Zweifel, das ist oder war meine Melitta.
„Danke, das war es einstweilen. bitte warten Sie in Ihrer Wohnung auf uns, wir sind gleich fertig hier.“
Ich setzte mich auf die Treppe vor unserer Wohnungstür, die Bilder kamen wieder. Ich musste mich übergeben.
Die komplette Mordkommission trampelte mit ihren Koffern und Geräten durch das Stiegenhaus. Die gaffenden Hausbewohner verzogen sich in ihre Wohnungen. Nur der Polizist aus dem Streifenwagen blieb zurück. Der leitende Kripobeamte hatte vor dem Weggehen gesagt, dass er die Bestattung schicken würde. Im selben Atemzug bestellte er mich für den Nachmittag in die Polizeidirektion zum Anfertigen eines Protokolls. Reine Routine, wie er meinte. Der Alltag für Polizisten ist ein anderer als der für Hinterbliebene. Für Bestatter auch, denn diese kamen fluchend über die Enge des Stiegenhauses mit einem Blechsarg über die Treppe herauf. Als sie mich erblickten, fiel ihnen ihr Pietätsauftrag ein und sie fragten höflich, wo die Leiche sei. Ich deutete stumm nach oben. Der Polizist verabschiedete sich, ein paar Minuten später zwängten sich die Sargträger an mir vorbei, ich blieb allein zurück. Schwer wird die Last nicht sein, dachte ich, sie war so schlank.
Ich war auf Ausfüllen von Formularen eingestellt, als ich mich in der Polizeidirektion einfand. Das Schild an der Tür brachte meine erzwungene Ruhe zum Wanken:
Zimmer 46 - Gruppeninspektor Schober - Abteilung: Leib und Leben – Mordkommission
Die vor ein paar Stunden noch freundlichen Beamten mutierten nach anfänglichen Routinefragen zu knallharten Ermittlern. Plötzlich war ich ein Verdächtiger, die Fragen wurden feindseliger, der Ton rauer. Man verdächtigte mich jetzt mindestens der Vorschubleistung zum Selbstmord. Die Krux an der Geschichte war die Dachbodentür. Wieso war die Tür verschlossen und wie kam der Schlüssel in meine Wohnung?
Darauf wusste ich keine Antwort, es war einfach so! Niemand glaubte mir. Da fiel mir Hans wieder ein. Ihn hatte ich fast vergessen. Er war dabei gewesen. Aber wie so oft, man hat einen Trinkbruder, unterhält sich über Gott und die Welt mit ihm, aber es interessiert einen kaum, wie er heißt und wo er wohnt. Leider, denn das wäre eine Entlastung für mich gewesen. Sie glaubten mir nicht. Spät abends ließen sie mich mit der Auflage gehen, erreichbar zu bleiben.
Ich zog zwei Tage und Nächte durch die Kneipen der Stadt, um meinen Entlastungszeugen zu suchen. Dann fand ich ihn. Er stand vor dem Kiosk am Frachtenbahnhof und trank in aller Ruhe sein Bier. Ohne lange Vorreden sagte ich zu ihm: „Hans, da bist du ja. Ich suche dich schon die längste Zeit. Du bist mein einziger Zeuge, du musst mir helfen, die Kripo will mir da etwas anhängen, was nicht stimmt, und du weißt das.”
Anfangs fragte er mich, was mir denn so eine Aussage wert wäre. Mein wütender Blick ließ ihn aber schnell einlenken. Ich bezahlte sein Bier und er begleitete mich zur Polizeidirektion. Damit war ich entlastet. Außerdem hat sich später herausgestellt, dass es möglich war, die klinkenlose Dachbodentür von innen ins Schloss zu ziehen, dass es so schien, als wäre sie von außen versperrt worden. Melitta musste das gewusst haben.
Die Leiche wurde nach ein paar Tagen von der Gerichtsmedizin freigegeben. Die Bestattungsformalitäten hatte ich wie in Trance organisiert, an Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es soll ein schönes Begräbnis gewesen sein, sagten die Trauergäste. Ich werde nie begreifen, was an einer Beerdigung schön sein kann. Für mich war es der Schlusspunkt unter eine große Hoffnung, zugleich aber auch der Wendepunkt zum Guten, einem Neustart ohne Alkohol. Das hatte ich mir fest vorgenommen.
Die Trauergäste kondolierten und ich wunderte mich, dass ich noch immer nicht weinen konnte. Die letzten zwei Menschen, die mir am offenen Grab ihr Beileid aussprachen, kannte ich nicht. Es war ein Mann und eine Frau, sie stellten sich als Mitarbeiter des Jugendamtes vor und baten mich zur Seite. Die Frau sagte zu mir: „Es ist unsere Aufgabe, Ihnen mitzuteilen, dass die Vormundschaft für Ihren unehelichen Sohn Ferdinand jetzt wieder beim Amt liegt.” Der Mann ergänzte, dass er es besser fände, wenn das Kind vorerst bei der Pflegemutter bliebe und ich demnächst im Amt vorsprechen solle. Die Frau sprach weiter: „Wir möchten mit Ihnen über eine Adoption sprechen, weil wir geeignete Paare haben, die sich sehnlichst ein Kind wünschen. Herr Planegger, überlegen Sie sich das gut. Das wäre für alle die beste Lösung.”
Allerdings benötigten sie für diesen wichtigen Schritt im Leben von Ferdinand mein Einverständnis und meine Unterschrift.
Vor zwei Stunden hatte ich noch an eine Wende zum Guten geglaubt.

Die Wohnung in der Linzergasse hatte ich vor kurzem verloren. Allein zu leben war nicht gerade das, was ich am besten konnte. In der Zeit nach Melittas Tod häuften sich die Momente, in denen ich morgens nicht mehr wusste, was gestern war. So wie in dieser föhnigen Nacht.
Mein Mund war trocken und der Schädel brummte. Eine salzige Zunge leckte über spröde Lippen. Mir ging es elend, ich pfiff aus dem letzten Loch. Beim Versuch, den Kopf zu heben, spürte ich, dass ich anders gebettet war als normal. Mein Rücken schmerzte zum Erbarmen.
Ich blickte mich um. Ich lag auf einer Bank im Kurgarten hinter dem Schloss Mirabell, hatte wohl den Weg in meine Unterkunft nicht mehr geschafft. Ringsum die taubenetzten Bäume und Sträucher in der Sonne und darüber dehnte sich ein endloser Himmel. Ich lebte in einer der schönsten Städte der Welt und konnte sie nicht wirklich genießen. In letzter Zeit waren die Freuden in meinem Leben nicht dick gesät. Die Momente des Glücks warteten nicht mehr an jeder Ecke auf einen wie mich. So viel hatte ich längst kapiert. Man verliert immer mehr, als man gewinnt.
Ich tastete Hose und Hemd ab, ob noch alles da ist, was der Mensch so braucht: Schlüssel, Brieftasche, Zigaretten und Feuerzeug. Alles okay, ich brauchte dringend einen Drink.
Ich saß im Café Tosca und kippte ein Glas nach dem anderen und blätterte gelangweilt in einem Magazin. Mein Blick blieb an einem Zitat von J. M. Simmel hängen:
'Es gibt im Leben nur eine Sünde, und die ist: den Mut zu verlieren.'
Der hat leicht reden, dachte ich, dem fliegen die Herzen seiner Leser zu. Und mir? Mir blinzelte das Mädel hinter der Bar zu. Also bestellte ich den nächsten Drink, weil’s eh schon egal war. Ich spürte, dass mein Leben aus dem Ruder lief. Seit Melittas Freitod vor einem Jahr war ich auf bestem Wege, mich vollkommen gehen zu lassen.
Das war der Moment, in dem ich sie sah. Die Tür des Lokals stand einladend offen. Sie hatte auf den Bus gewartet, mich erkannt. Und jetzt kam sie auf mich zu – Gelli, die Verrückte. So hatte ich sie, die Freundin Melittas, insgeheim genannt. Verrückt deswegen, weil sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit von irgendwelchen ägyptischen Pharaonen schwärmte. Unsere letzte Begegnung war bei Melittas Begräbnis gewesen. Gelli hatte ihre Hilfe angeboten, doch ich war nicht darauf eingegangen. Offen gestanden hatte ich Angst vor Gellis koketten Avancen. Und jetzt stand sie vor mir.
„Hast du eine für mich, Ferry?”
„Hä?”
„Eine Zigarette.”
„Ach so. Natürlich.”
Warum hast du mich nie angerufen?”, fragte Gelli.
Bevor mir noch eine glaubhafte Antwort einfiel, fuhr sie fort: „Hast auch schon mal bessere Tage gesehen; wer bügelt eigentlich deine Hemden?” Sie nahm ein paar tiefe Züge und musterte mich von oben bis unten.
„Bist du gekommen, um an mir herumzumäkeln?”
„Nein. Und sei nicht so empfindlich. Ich möchte helfen, möchte aus dir wieder den Mann machen, der du immer warst.”
Ich wollte aufbegehren, doch gegen Gellis eigenartigen Charme war ich machtlos. Sie gab mir ein Küsschen auf die Wange und lud mich für morgen zu sich ein. „Ich muss jetzt … Ciao, Ferry.”
Ich dachte an das Zitat von Simmel vom Mutig-sein. Und warum nennt sie mich Ferry? Das war Melittas Kosename für mich, nicht ihrer.
Mich muss der Teufel geritten haben, als ich am nächsten Tag vor ihrer Tür stand, und alle moralischen Bedenken und Vorurteile über Bord geworfen hatte. Ich drückte die Klingel und sprach mir innerlich Mut zu: „Ich bin auch nur ein Mensch.”
Die Tür ging auf. Gelli stand vor mir – total verändert. Sie hatte die Haare aufgesteckt und trug eine rot-goldene Galabija mit Pharaonenmuster. Das bodenlange Kleid war seitlich geschlitzt, darunter sah ich nichts außer atemberaubender High Heels. Ich traute meinen Augen kaum, wo hatte ich bloß die ganze Zeit hingeschaut? Kannte ich die Signale einer Frau nicht mehr? Gellis Faible für Altägyptisches war mir bekannt, aber dass sie leibhaftig als Nofretete vor mir erschien um meine Libido anzuheizen, war schon phänomenal. Ich sah mich nie als Frauenheld, aber so etwas wie verwegene Beherztheit, ja, die hatte ich.
Sie bot mir eine Art ägyptischen Kaffee an, tiefschwarz mit Bodensatz und sehr süß. Wir sprachen von Dingen, die nicht in die Situation passten. Ich war noch nie ein Smalltalker, also überließ ich Gelli die Initiative.
„Sonst noch Wünsche”, fragte sie.
„Ja, ein Glas Cognac könnte ich vertragen.”
„Komm mit Ferry, ich zeig dir meine kleine Bar.”
Gellis rote Lippen signalisierten pure Erotik, als sie mich nach hinten führte und durch eine ganz normale Tür in einen erregenden Raum führte. Ich war baff vor Bewunderung, wir befanden uns in einem orientalischen Separee. Der Duft von Sandelholz verdrehte mein Gehirn. Meine Skepsis über Gellis ägyptisches Gehabe war wie weggeblasen – oh mein Gott, wie schön kann Verrückt-sein sein.
Nofretete fragt mich leise: „Gefällt es dir, gefalle ich dir?”
„Was für eine Frage! Ich ahne, wie sich Echnaton damals gefühlt hat!”

Ich wurde Nachtkolporteur bei einer Salzburger Tageszeitung. Das bedeutete: Ich konnte nachts in Restaurants, Spelunken und in den Nachtbars die aktuelle Zeitung vom nächsten Tag verkaufen. Das hatte den Vorteil, dass ich tagsüber auf irgendeiner Bank ausruhen konnte und bei Nacht meiner Sucht nachgehen konnte. Manchmal kauften mir betrunkene Freunde den ganzen Pack Zeitungen auf einmal ab und luden mich ein, mitzutrinken und die Puppen tanzen zu lassen. Das waren turbulente Nächte, aber spätestens im Morgengrauen des nächsten Tages kam die große Ernüchterung. Die Spirale drehte sich unweigerlich nach unten. Mein Trinken war zum Selbstzweck geworden. Viel zu trinken war gleichsam viel vergessen. Das war Grund genug, das tägliche Quantum zu erhöhen.
Die Anonymität der großen Stadt, das Rauschen des Verkehrs, die Hektik der Erfolgreichen. Es war die Arena der besseren Gesellschaft, der ich nicht mehr angehörte. Ich war bestenfalls noch Zaungast. Irgendwie außerhalb.
Der Supermarkt war nah, das Geld knapp, es reichte für Zigaretten und eine Flasche vom weißen Geist. Eine genügte nicht, ich brauchte zwei. Dann eben auf die harte Tour, dachte ich und versenkte die zweite Flasche vom guten Kräutergeist in den Innentaschen meines Parkas – Weiße Gams 40 % Vol. Ich brauchte das, also ist es höchstens Mundraub, redete ich mir ein. Zitternd vor Gier bewegte ich mich in das Abbruchhaus und freute mich auf den Stoff meiner Träume einer anderen Welt, meiner Scheinwelt.
Beglückt vom weißen Stoff fragte ich mich: Scheinwelt, was ist das? Traum ist es nicht, denn ich sah meine Umwelt und konnte mich begreifen. Ich betastete meinen geschundenen Körper, meine abgewetzte Hose, einen Schuh – ich hatte nur einen Schuh an meinen Füßen – aber zwei Socken. Also konnte ich noch zählen. Es ist real, es ist wahr. Kein Traum.
Langsam verließ sie mich, die Gams, sie wurde immer kleiner. Nur noch Spuren im Gehirn, kleine Funken weißer Erinnerung. Die Straßenlaternen spendeten schemenhaftes Licht, reflektierten das Skelett eines kahlen Baums auf die schäbige Wand der Wohn-Ruine. Spektrale Bilder zogen vor meine Augen, es sah aus, als tanzten funkelnde Teilchen im herrenlosen Haus. Da, wo einst prächtige Doppeltüren die Räume teilten, war nur noch ein schwarzes Nichts. Es war ein offenes, aber finsteres Haus. Wo sind die Flügeltüren geblieben? Können Flügeltüren fliegen?
Ein modriges Nichts füllte die leeren Räume, alte Fensterbalken raunzten in den Scharnieren, Dielenbretter waren mit Dreck beschmiert. Mein zweiter Schuh lag weit von mir in der anderen Ecke des kahlen Raumes. Er hatte mir als Wurfgeschoss gedient – um Geister zu vertreiben. Hinten an der Wand hatte sie gelacht, höhnisch und verführerisch – die weiße Gams – eine Flasche voll mit Stoff, der die Welle wieder zum Schwingen bringen könnte. Ich liebte und verfluchte sie, wollte nicht mehr ohne sie. „Komm her zu mir“, schrie ich, „hilf mir auf die Beine, fülle meine Adern mit dem Spirit, dass ich wieder tanzen kann. Nur einmal noch sei meine heiß geliebte und bring mein Blut in Wallung!“
Sie erhörte mich nicht. Stattdessen kamen ihre weißgehörnten Brüder. Heerscharen von weißen Gämsen trampelten durch meinen Kopf. Mit letzter Kraft warf ich meinen zweiten Schuh ins apokalyptische Gämsengetier. Es war der letzte Schritt ins Delirium, dann setzten meine Sinne aus.
Irgendwer hatte wohl mein Wehklagen gehört und den notruf betätigt.
Zwei leere Flaschen Weiße Gams rollten den Sanitätern vom Roten Kreuz vor die Füße, als sie mich auf die Trage schnallten. Manchmal muss das Ende dramatisch sein, um als solches erkannt zu werden. Ich hatte es kapiert. Vorläufig, wenigstens für acht Tage in der Klinik. Dann war ich wieder fit und entließ mich selbst. Ich hatte nichts, gar nichts begriffen. Wie sonst hätte ich damit prahlen können, meine Abhängigkeit vom Alkohol überwunden zu haben. Seht her, ihr Schwachköpfe: Ich selbst habe es geschafft ohne eure klinischen Weisheiten. Ich spielte Theater mit Ärzten und Freunden, kam mir besonders schlau vor. Die Krönung meines Selbstbetrugs zelebrierte ich im bayrischen Freilassing, gleich über der Grenze am Stadtrand von Salzburg. Hier wähnte ich mich vor den moralischen Zeigefingern in Sicherheit. Im Selbstbedienungscafé eines Supermarkts trank ich gerne mein heimliches Bier. Sollte sich wider Erwarten einer der kritischen Freunde zu mir gesellen, hatte ich insofern vorgesorgt, indem ich jeweils eine Tasse Kaffee und ein Glas Bier auf meinem Stehtisch platzierte. Je nachdem wer zugegen war, trank ich entweder brav Kaffee oder eben mein geliebtes Bier.

„He, Sie! Stehen Sie auf! Können Sie sich ausweisen?“
Ich erwachte aus meinem Rausch und wusste nicht, wo ich mich befand. Es roch nach Eisen und Kohle – typisch Bahnhof, den Geruch kannte ich. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Mein Blickfeld war eigenartig verdreht. Ich hörte Stimmen.
„Na komm schon, steh auf! Das ist ein Warteraum und kein Schlafplatz!”
Diese Worte galten mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich auf einer Bank lag, darum diese schiefen Bilder. Ich setzte mich zu schnell auf und kippte dabei fast vornüber. Mit einem „Hoppla” kommentierte ich verlegen den ungewollten Slapstick, mein verunglücktes Lächeln zu den beiden Gendarmen blieb unerwidert.
„Also noch einmal: Ausweis und Bahnfahrkarte. Woher kommst du?”, fragte der größere von den beiden, während sein Kollege eine halb leere Whisky-Flasche vom Boden unter der Sitzbank aufhob und daran schnüffelte.
„Aha, feinster Scotch, ist wohl ein Feinspitz der Herr?”
Derweil suchte ich verzweifelt meine Brieftasche, fand aber nur etwas Kleingeld, einen zerknitterten Hundert Schilling Schein im Hosensack und Zigaretten. Kein Geldbeutel, keine Papiere, kein Ausweis. Ich stand auf und war plötzlich hellwach.
„Meine Reisetasche, wo ist meine Reisetasche? Mein ganzes Hab und Gut ist da drinnen. Die Tasche ist weg. Alles ist weg. Irgendjemand hat mich abgeräumt, bestohlen. Meine Uhr ist auch weg. Verdammte Scheiße, gottverdammte Sauferei!”
Die Gendarmen redeten leise miteinander, ich konnte ihrem Dialog entnehmen, dass sie mir kein Wort glaubten. Schlimmer noch, sie vermuteten in mir jenen Dieb, der in letzter Zeit die Supermärkte der Gegend heimsuchte und vorwiegend teure Spirituosen stahl. Ihre Mienen sprachen Bände, sie waren überzeugt, mit mir einen guten Fang gemacht zu haben. Das waren primitive Landeier in meinen Augen, aber ich konnte nichts dagegen tun, ich war eindeutig in der schlechteren Position. Ich hatte Durst und nichts zu trinken, mein Whisky, von dem ich selbst nicht wusste, woher ich ihn her hatte, war konfisziert.
„Du kommst jetzt mit uns auf den Gendarmerie-Posten, dort werden wir deine Identität feststellen und schauen, was du sonst noch alles ausgefressen hast, mein Freund. Wie heißt du?”
„Planegger. Ferdinand Planegger.”
„Na, dann sing mal schön, du komischer Vogel. Wo kommt der Whisky her? Wo hast du die Beute versteckt?”
Die zwei Gendarmen nahmen mich in die Mitte und „begleiteten“ mich auf den Posten. Vor dem Bahnhofsgebäude war es still, zu still wie mir schien. An einem Laternenmast hing eine Plastiktasche mit Zeitungen – Sonntags-Krone – stand drauf.
„Also ist Sonntag“, sagte ich mir und versuchte mich zu erinnern. Wie war das, wie kam ich hierher, was war davor? Mit erbarmungsloser Langsamkeit formte sich der vergangene Tag zu Fragmenten von Geschehnissen, aber woher ich den Whisky hatte, fiel mir nicht ein. Ich werde doch nicht … Nein! Nein, das glaube ich nicht! Ich bin kein Dieb. Das einzige Verbrechen, das man mir vorwerfen kann, begehe ich mit meiner Sauferei an mir selbst. Und das ist ja nicht verboten, oder? Ganz sicher war ich mir aber nicht.
„So, Freundchen, wir sind da, räum’ deine Taschen aus, zieh’ deine Jacke aus und leg’ alles hier auf den Tisch”, sagte der kleinere der beiden.
„Setz´ dich hin. Ist das alles, was du besitzt? Hast du keine Schlüssel? Jeder Mensch besitzt doch mindestens einen Wohnungsschlüssel, oder?“
„Ja, aber nur wenn er eine Wohnung hat“, antworte ich.
„Werd’ nicht frech! Steh auf”, sagte er, „zieh die Schuhe aus und streck die Hände aus. Ja, genau so. Immer schön ruhig bleiben.”
Er perlustrierte mich von oben bis unten und war sichtlich enttäuscht, als er nichts Verdächtiges entdeckte. Auch ich hatte insgeheim gehofft, dass sich irgendwo in den vielen kleinen Taschen meines Jeansanzugs ein weiterer versteckter Geldschein finden würde. Die Fragerei ging weiter: „Letzter Wohnsitz? Beruf? Letzter Arbeitgeber? Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Also?“
„Okay, ich habe keinen festen Wohnsitz. Ich bin gelernter Fliesenleger, meine letzte Baustelle war die Olympia-Bob-Bahn in Innsbruck-Igls. Dort habe ich die Räume der Wasseraufbereitung verfliest. Ich bin auf der Durchreise und auf Arbeitsuche.”
„Setz dich hin, wir müssen einen Bericht schreiben“, sagte er. Sein Kollege beugte sich über eine Uralt-Schreibmaschine und fluchte leise vor sich hin, weil er das Farbband wechseln musste und sich dabei die Finger schwärzte. Dann spannte er ein Formular mit Kohlepapier für die Durchschläge ein und begann mit der Niederschrift. Den Blick auf die Tastatur gerichtet tippte er mit zwei Fingern langsam Wort für Wort in das Formular, zwischendurch hob er prüfend seinen Kopf und kontrollierte seinen Bericht. Gelangweilt ließ ich meinen Blick durch die Wachstube wandern, da ging die Tür mit der Aufschrift: Bezirksinspektor Andreas Silbergasser, auf. Ein massiger Gendarm mit dunklen Kräuselhaaren und Schnurrbart trat aus dem Büro, blätterte im Fahndungsbuch und fragte am Telefon das zentrale Melderegister ab.
„… ja, Planegger, genau … ja, ich buchstabiere: Paula-Ludwig-Anton-Emil-Gustav-Gustav-Emil-Richard. Planegger, Ferdinand. Geboren? Moment …”, er sah seinem Beamten über die Schulter auf die Niederschrift und gab meine Daten durch.
„Ja, danke Kollege, ich warte auf das Telex. Ende.”
Silbergasser, offensichtlich der Chef der Truppe, wandte sich an mich: „Alles negativ, gut für dich. Die Kollegen prüfen noch die Chargennummer der Whiskyflasche und wenn sie nicht von unserem Supermarkt stammt, dann ist die Sache vorläufig vom Tisch.”
Der Postenkommandant wurde mir immer sympathischer, er strahlte eine gewisse Kompetenz aus. Der Mann wusste, was er tat. Seine zwei Adjutanten waren ein bisschen vorschnell mit ihren Verdächtigungen. Langsam bekam ich wieder mehr Mut und sagte: „Wenn jemand besoffen ist, muss er noch lange kein Gauner sein.”
„Werden Sie nicht übermütig, Planegger, wir sind noch nicht fertig.”
„Aha”, dachte ich, „jetzt siezen sie mich schon, das Ärgste scheint vorbei zu sein.”
Ihr Chef duzte mich weiter, das war für mich in Ordnung, ich mochte ihn. Die etwas entspanntere Lage half mir auch beim Rekonstruieren des letzten Tages. Silbergasser fragte mich, ob ich jemanden benennen könne, der meine Identität bestätigen würde. Jetzt klingelte es bei mir, ja natürlich, klar. „Der Oberst Huttinger von der Kripo in Salzburg. Ich habe im vorigen Jahr sein neues Haus verfliest, der Mann ist fast so etwas wie ein Freund. Rufen Sie ihn an, der ist eh immer im Dienst, so wie ich ihn kenne.”
Silbergasser rief tatsächlich an und ich hatte Glück: Der Huttinger war am Telefon. Der Postenkommandant sprach und scherzte mit ihm am Telefon, dann reichte er mir den Hörer. Der Oberst donnerte mir seine gut gemeinte Predigt ins Ohr, dass man es wahrscheinlich zwei Tische weiter noch hören konnte:
„Servus Ferdinand, du alte Schnapsdrossel. Reiß dich zusammen und hör endlich mit dem blöden Saufen auf! Hast mich verstanden?”
„Aber Herr Oberst, ich bin unschuldig …“.
Er unterbricht mich: „Wenn du nix ausg’fressen hast, dann packen wir das schon. Also: Wenn du da drinnen im Gebirge fertig bist mit dem Scheiß, dann kommst zu mir und wir schauen, was wir mit deinen Papieren machen können. Jetzt gib mir den Silbergasser wieder.”
„Ja”, sagte ich. Danke für die Predigt, dachte ich.
Ich weiß nicht, was die Beamten noch alles am Telefon besprochen hatten, aber es muss zu meinen Gunsten gewesen sein, denn man gab mir meine Sachen samt Whiskyflasche zurück. Wir gingen ins Chefbüro. Dieser Raum war um eine Spur persönlicher eingerichtet. Ich setzte mich auf die Besuchercouch und nahm einen Schluck aus der Flasche. „Nur zur Stabilisierung meines Kreislaufes”, sagte ich.
Silbergasser zwinkerte mir zu und fragte: „Wenn wir hier mit dem Papierkram fertig sind, was machst du dann?”
Ich schluckte, denn mir wurde klar, in welcher Lage ich mich befand. „Keine Ahnung, was ich tun werde. Ich glaube ja nicht, dass ihr den Strolch erwischt, der mich letzte Nacht komplett abmontiert hat, der ist sicher mit meiner Tasche und dem Geld über alle Berge. Ich brauche dringend einen Job mit Quartier, das wird nicht einfach werden, aber ich bin nicht das erste Mal in so einer Situation. Als Wanderarbeiter bin ich einiges gewohnt.”
Das, was ich ihm hier erzählte, war eine geschönte Variante meines Daseins. Genau genommen war ich ein Vagabund, der viel zu viel trank und sich als Fliesenleger mehr schlecht als recht durchs Leben schlug.
Silbergasser schaute mir lange prüfend in die Augen, dann sagte er: „Ich habe eine Idee. Mein Schwager ist Hafnermeister in Radming, ich glaube mich zu erinnern, dass er beim letzten Stammtisch von zu vielen Aufträgen und zu wenig Fachleuten gesprochen hat. Also, im Fall der Fälle: kannst du dir vorstellen, hier im Innergebirg zu arbeiten? Allerdings ohne Saufen!”
Ich war überrascht, der gute Inspektor Silbergasser entpuppte sich als Menschenfreund. Dieser Tag hatte so beschissen begonnen, dass ich diese Wendung erst einmal verdauen musste. Ich war gerührt und fragte zaghaft: „Das würden Sie für mich tun?”
Silbergasser lachte, griff zum Telefon, wählte, lauschte und legte los:
„Servas Sepp. I bins, da Andi. Jo? Na … I bin im Dienst. Woast eh, imma des Gleiche … Jo genau, haha … Sepp, hurch zua. I hob do möglicherweise wos für di …”.
Er erzählte seinem Schwager etwas verkürzt meine Geschichte und welch toller Handwerker ich sei. Das hätte sogar der bekannte Kriminalist Huttegger aus Salzburg bestätigt. Er verabschiedete sich von seinem Schwager und übergab mir den Hörer und sagte: „Du bist dran. Mein Schwager, der Meister Schmitz will mit dir reden.”
„Hallo?”, tönte aus dem Telefon.
„Grüß Gott Herr Schmitz, mein Name ist Ferdinand Planegger. Wie bitte? Ach so, ja. Ich bin Fliesenleger und suche Arbeit. Mir macht es nichts aus, wenn es nur aushilfsweise ist. Der Herr Silbergasser hat Ihnen ja schon von meinem Malheur erzählt. Das Problem ist nur … ich bin nicht von hier, ich bräuchte auch eine Schlafstelle … Führerschein? Leider nein - nicht mehr … Ja natürlich, ich bin achtundzwanzig … genau, bestes Alter! Ja danke, ja ich warte gerne. Auf Wiedersehen.”
Silbergasser strahlte über das ganze Gesicht und meinte: „Na, wie hamma des hinkriegt?”
„Super, wirklich toll, Herr Silbergasser. Nochmals herzlichen Dank. Ihr Schwager kommt in einer Stunde, er muss noch auf seine Tochter warten, die fährt ihn hierher, sagte er.”
„Ja, ja, die Gretl ist jetzt seine Chauffeurin”, sagte er schmunzelnd und ging zur Tür hinaus. Diese Gelegenheit nützte ich für einen weiteren Schluck Whisky, ich musste meinen Kater loswerden.
Die jungen Gendarmen holten mich zum abschließenden Protokoll, sie waren jetzt wesentlich freundlicher zu mir. Ich stand noch mal das Frage- und Antwortspiel durch, das müsse sein, meinten sie. Ohne die Verlustanzeige würde ich keine neuen Papiere kriegen. „Vorschrift ist Vorschrift.” Das leuchtete mir ein. Eigentlich war ich zu diesem Zeitpunkt schon dabei, die Angelegenheit zu vergessen. Mein Blick richtete sich in die Zukunft und die hieß ab sofort Sepp Schmitz, seines Zeichens Hafner- und Fliesenlegermeister in Radming.
Andi Silbergasser gab sich ganz privat, er begrüßte seinen Schwager lauthals und busselte seine Nichte Gretl überschwänglich ab. Ich wurde den beiden vorgestellt: „Das ist der Ferdinand Planegger, ein reisender Fliesenleger und Ofensetzer, genau der Mann, den ihr sucht, oder?”
Schmitz und seine Tochter Gretl waren ein Team, das fiel mir als sofort auf. Die Gretl war eine „fesche Gretl“, in etwa meinem Alter. Den alten Schmitz schätzte ich auf circa fünfzig Jahre. Er war ein rundlicher kleiner Mann mit fröhlichem Gesicht und beginnender Glatze. Ich hatte ein gutes Gefühl, die Chemie stimmte.
„Wir sollten uns zusammensetzen und ein paar Dinge besprechen”, meinte Schmitz und Gretl schlug vor, zum Wirt an der Ecke zu gehen und ich sei eingeladen.
„Bei einem Gulasch und einem Bier redet es sich leichter”, meinte Gretl und keiner hatte was dagegen. Ich sowieso nicht, denn als ich Bier hörte, meldeten sich meine Lebensgeister sofort zurück. Ich erzählte von handwerklichen Fähigkeiten, von meiner letzten Arbeitsstelle, der neu erbauten Olympia-Bobbahn in Innsbruck-Igls. Das zeigte meinem neuen Arbeitgeber, dass ich mit größeren Projekten vertraut war. Dass ich kein Auto besaß und keinen Führerschein vorweisen konnte, nahmen die zwei gelassen auf. Es sei nicht wichtig und nur eine Frage der Einteilung. „Im Übrigen haben sie mir nach einem Alko-Unfall ebenfalls die Fahrkarte gezwickt”, sagte Schmitz mit einem Augenzwinkern. „Seither ist die Gretl meine Fahrerin.”
Die Quartierfrage löste sich auf elegante Weise. Seine Firma hatte eine Baustelle im Kloster am Berg, dort gab es auch Verpflegung und Unterkunft.
„Die Patres betreiben – unter anderem – ein Privatgymnasium mit angeschlossenem Internat, sagte Schmitz, „da wird jetzt umgebaut. Sämtliche Sanitärräume müssen in den Sommerferien renoviert und verfliest werden. Die Termine sind eng gesetzt, denn zu Schulbeginn muss alles fertig sein. Das ist deine Baustelle für die nächste Zeit.”
Hörte sich gut an, dieses Angebot.
Gretl meinte: „Du bist da oben, hoch über dem Tal, dein eigener Herr. Das Haus wird in den Ferien nur von den Patres bewirtschaftet. Du wirst zufrieden sein, die Küche ist vorzüglich. Wir übergeben dir das ganze Projekt im Akkord, das heißt, jeder verlegte Quadratmeter ist bares Geld für dich und natürlich auch für uns. Du kannst dir die Arbeitszeit selbst einteilen. Einzige Ausnahme ist der Sonntag, das ist der Tag des Herrn, da wird nicht gearbeitet, schon gar nicht in einem katholischen Kloster. Bist Du einverstanden?“
„Ja, natürlich, das klingt gut. Wann kann ich loslegen?”
Meister Schmitz sagte: „Wir haben keine Zeit zu verlieren, am besten gleich morgen früh. Wir fahren jetzt hinauf auf den Kirchberg zu den Patres und regeln das Organisatorische. Du bleibst gleich dort, Gretl und ich kommen morgen Früh mit Werkzeug und Maschinen. Fliesen und Bindematerial sind schon vor Ort. Brauchst Du sonst noch etwas?”
„Ja, vielleicht eine Arbeitskluft”, antwortete ich leise, weil ich mich schämte, so neben der Spur zu stehen.
„Ja, genau, ich hab das nicht vergessen. Keine Sorge, ich bringe genug mit, auch ein paar Hemden zum Wechseln. Gretl kümmert sich darum”, sagte Schmitz.
Der Wagen hielt vor dem großen Tor: „So, da wären wir. Die Leute wissen Bescheid, ich habe telefoniert.”
Das gewaltige, weithin sichtbare Gebäude, bestehend aus Haupthaus, angebauter Zwiebelturmkirche, Gärtnerei und einigen Werkstätten, ergab eine beeindruckende Kulisse. Vor der Pforte empfing uns ein Pater im schwarzen Habit. Er stellte sich als Pater Engelbert vor. Schmitz und Gretl kannte er schon von früheren Aufträgen. Er versicherte mir, dass ich in diesem Haus bestens aufgehoben wäre.
„Also dann, Ferdinand, machs gut. Bis morgen früh um sieben!”, sagten die beiden fast gleichzeitig, stiegen in ihr Auto und fuhren ab. Ein Bruder in schlichtem Gewand geleitete mich zum ebenerdig gelegenen Gästezimmer, das für diesen Sommer meine Unterkunft sein sollte. Das Zimmer war einfach aber solide eingerichtet. Ein massiv gefertigter Tisch aus Eichenholz beherrschte den Raum, in einer Nische stand das frisch bezogene Bett. Auf dem Nachttisch lag eine edle Bibel mit schwarzem Einband, prächtigem Goldschnitt und rotem Seidenband. Die Wand zum Gang war ein einziger Einbauschrank. Vor dem Fenster vermittelte ein kunstvoll geschmiedetes Gitter Sicherheit, ließ aber den fantastischen Blick auf die Berge frei. Es war schön hier, ich war mehr als zufrieden. Ich dachte an die letzte Nacht … da wäre jetzt ein Vergelt's Gott angebracht gewesen, schließlich war ich in einem Gotteshaus. Ich beließ es bei einem: „Schwein gehabt!“
Eigentlich hatte ich Schmitz um einen Vorschuss bitten wollen, aber dazu fehlte mir der Mut. Für Zigaretten würde mein Geld gerade noch reichen und zum Saufen hatte ich momentan eh keine Lust. Morgen ist auch noch ein Tag, redete ich mir ein. Eine tiefe Müdigkeit war in mir aufgestiegen. Es war anstrengend gewesen, sich einerseits dauernd verteidigen und andererseits seine Arbeitskraft so gut wie möglich verkaufen zu müssen.
Pater Engelbert wunderte sich, dass ich kein Gepäck dabei hatte, aber ich winkte ab und log: „Kommt alles morgen!” Er zeigte mir noch Toilette und Dusche. Überhaupt war er sehr besorgt um mich. „Sie sehen müde aus, Herr Ferdinand”, stellte er fest, „ich bringe Ihnen das Abendessen heute auf das Zimmer, ist das recht so?”
„Ja, danke Pater Engelbert, mir ist alles recht. Vielen Dank.”
Bis zum Abendessen war noch Zeit. Am liebsten hätte ich mich sofort in dieses schöne weiße Bett gelegt, traute mich aber nicht. Was sollten die Patres von mir denken? Ich überlegte kurz, ob ich meinen Whisky, den mir Inspektor Silbergasser in eine grüne Jutetasche verpackt hatte (dass es nicht so blöd ausschaut, meinte er), trinken sollte. Ich verzichtete. Stattdessen ging ich zur Toilette, setzte mich auf das breite Fensterbrett und rauchte genüsslich zwei Zigaretten. Ich wusste nur ungefähr, wie spät es war und konzentrierte mich deshalb auf die Glockenschläge der Kirchturmuhr. Ich zählte die hellen Klänge der kleinen Glocke: ein – zwei - drei – viermal, das war die volle Stunde. Dann kam die größere Glocke mit dem tieferen Klang: eins – zwei – drei – vier –fünf – sechsmal. Es war also 18 Uhr. Essenszeit. Es gab saures Rindfleisch mit viel Zwiebel und Kürbiskernöl. „Endlich wieder einmal ein vernünftiges Abendessen”, sagte ich und erschrak, weil ich laut redete. Mit mir selbst! Es tat gut, mit mir zu reden, da brauchte ich mich nicht verstellen. Und ich lachte, denn ich wusste, wenn ich über mich selbst lachen kann, dann wird alles gut. Das war nicht immer so gewesen.
Das Einschlafen funktionierte nicht, da konnte auch eine frische, duftende Bettwäsche nichts daran ändern. Viel zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf - es waren gute, angenehme Gedanken. Ich spürte eine Veränderung in mir, die Mut machte. Es war wie verliebt sein, ein Prickeln im Bauch, das mich positiv, ja fast euphorisch werden ließ. Woher kam das? Vielleicht daher, dass ich die Bibel geblättert hatte? Mein kindliches Gottesverständnis hatte ich schon lange abgelegt, ich glaubte nicht mehr an den weißbärtigen alten Mann. Auch sonst hatte das Missionieren an meiner Seele keinen Erfolg gezeigt. Dafür war zu viel Schlimmes passiert in meinem Leben, als dass ich da noch an einen gütigen, allwissenden Gott hätte glauben können. Auch wenn ich einige gescheite Sätze, die in dieser prachtvollen Bibel standen, durchaus unterschreiben konnte. Wie zum Beispiel:
Sieh den Wein nicht an, wie er rötlich schimmert und wie er im Glas seinen Glanz verströmt: Er gleitet leicht hinunter, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. Dann werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird verdreht reden, dir wird sein, als ob du mitten im Ozean liegst, wenn du so daliegst mit benommenem Kopf (Sprüche 23,31-34).
Und da musste ich wieder lachen. Bibel ist gut!
Entgegen meiner Befürchtung, nicht durchschlafen zu können, wachte ich nach einer traumlosen Nacht auf und fühlte ich mich gut erholt. Meine innere Uhr sagte mir, dass es ungefähr fünf Uhr sein müsste. Der schwere Brokatvorhang ließ kaum Licht durch, nur einkleiner Lichtstrahl drang in den Raum und teilte ihn wie ein Zeiger in zwei Hälften. Irgendetwas drückte mich im Rücken, ich fasste nach hinten und stieß an ein hartes Teil – es war meine Einschlafhilfe von gestern Abend - die Bibel.
Ich philosophierte: Kann dieses Buch möglicherweise den Whisky ersetzen? Glauben kann eine Krücke für Schwache sein, das hatte ich oft genug gehört. Für einen Moment war ich bereit, das zu glauben, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Ich musste Stärke beweisen, die Realität war anders, da können Sonntagsreden und Predigten nicht helfen. Es wird der ganze Mann verlangt. Wer schwach ist, der passt nicht ins System, den will die bürgerliche Gesellschaft nicht. Genau diese Gesellschaft, der ich so gerne wieder angehören will.
Mit einem „Auf gehts” trieb ich mich selber an, ging zum Klo und weiter in den Duschraum. Dort holte mich der gestrige Tag insofern wieder ein, als ich zur Kenntnis nehmen musste, dass mein Kulturbeutel mit dem Rasierzeug genauso weg war wie alles andere. „Verdammte Scheiße …”, fluchte ich und meckerte mit mir selber herum. Eine heilige Wut wird man ja auch in einem Kloster zugebilligt bekommen, oder nicht? „Abreagieren Ferdinand, es gibt Schlimmeres”, sagte ich mir und sprang unter den kalten Wasserstrahl der Dusche. Wird sich schon irgendwie einrenken und organisieren lassen, schließlich müssen sich Patres ja auch rasieren, dachte ich.
Als ich in mein Zimmer zurückkam, war ein Bruder dabei den Tisch zu decken und fragte mich in einer devoten Art: „Guten Morgen, Herr Ferdinand, wollen Sie lieber Schwarz- oder Weißbrot?”
„Ich nehme Schwarzbrot, das ist kräftiger. Danke für die Mühe, Bruder.”
Ich war stolz auf mich, hatte ich doch das gute Frühstück genießen können, hatte es im Körper behalten und nicht das geringste Verlangen nach dem üblichen Alkohol gehabt. Aber jetzt musste ich mich beeilen und lief immer zwei Stufen auf einmal nehmend, ins zweite Stockwerk zu den Schlaf- und Waschräumen. Schmitz und Gretl waren schon aktiv, sie kontrollierten das angelieferte Material.
„Hallo Ferdinand, wie gehts, gut geschlafen?”, fragte mich Gretl. Vater Schmitz begrüßte mich lachend, der Mann war ein Quell guter Laune, er vibrierte förmlich vor Energie. „Da hast du aber Glück gehabt, dass du vorige Woche bei der Lieferung der Fliesen, nicht dabei warst. Ich sage dir, das war eine Schinderei. Aber jetzt ist alles da, du kannst loslegen. Übrigens, hier ist eine Latzhose zum Arbeiten. Beste Qualität, steht Schmitz drauf, kannst sie aber behalten, ich komme ohnehin zu keiner manuellen Arbeit mehr.”
Gretl ruft: „Kommst du mit mir zum Auto, ich habe da ein paar Dinge für dich mitgenommen, vielleicht gibst du sie gleich in dein Zimmer?”
„Oh, danke! Ich komme gleich.”
Sah ich da ein Lächeln? Ja, doch. Ich glaubte gesehen zu haben, dass da ein weicheres Lächeln war, ein anderes, als ich es von der Tochter meines Chefs erwartet hätte. Wir befanden uns zwar in einem Kloster, aber ich war alles andere als ein Mönch. Ich verbat mir aber weitere Gedanken, gab mich so souverän wie möglich, doch gegen die aufsteigende Röte in meinem Gesicht konnte ich nichts tun. Gretl sah aber auch verboten gut aus.
„Also, was ist Ferdinand, hilfst du mir beim Auspacken?”
Ich war bestenfalls auf Arbeitsklamotten eingestellt, aber was da aus zwei Kartons und einem Rucksack zum Vorschein kam, machte mich sprachlos. Ein Jeansanzug, noch eine Levis, etliche Polohemden, hochaktuelle Clogs, Boxershorts und ein Buch – Hallo Mister Gott, hier spricht Anna - sowie ein fast aktueller Playboy. Diese Frau dachte an alles. Und an mich - als Mann, denn wie sonst lässt sich die Beigabe eines Männermagazins erklären? Mir gefiel der Gedanke, den Gretl beim Packen gehabt haben muss und nahm mir vor, sie später einmal darauf anzusprechen. Jetzt aber bedankte ich mich höflich bei ihr, verstaute die guten Sachen im leeren Einbauschrank.
„So, jetzt aber an die Arbeit, mein Vater wird schon warten. Nimm du schon mal das Handwerkzeug mit, ich fahre die Wasserwaagen und Schneidmaschinen mit dem Aufzug nach oben.“
Meister Schmitz hatte mit dem Rektor des Hauses kurzfristig eine Baubesprechung einberufen. Dabei ging es hauptsächlich um Termine und Ausführung der Arbeiten. Mit dabei war auch Pater Engelbert als Verwalter für die wirtschaftlichen Belange und Pater Quarian, der für die Haustechnik zuständig war. Für mich war das eine neue Erfahrung, bis jetzt war ich immer der Meinung gewesen, dass Geistliche ausschließlich für Theologie und Religion da wären. Ora et labora umfasst also auch handwerklich-technische Berufe.
Die Patres waren durchwegs plankundig, die Besprechung ging gut voran. Der erste Baustellen-Abschnitt wurde festgelegt, ich hatte zwei Wochen Zeit für eine von drei großen Sanitäranlagen. Da waren zwanzig Waschbecken an einer halbhohen Mittelwand und zehn Duschen an den jeweiligen Stirnwänden vorgesehen. Die Verfliesung erfolgte bis zur drei Meter hohen Decke. Also brauchte ich ein kleines Gerüst. Das war ein Auftrag für Gretl, sie sollte mir das umgehend besorgen. Meister Schmitz war sichtlich angetan von meiner Umsicht, wollte mich auch nicht weiter belehren, wie er sagte. Er steckte mir einen Hunderter für Zigaretten in die Brusttasche der Latzhose und verabschiedete sich: „Mach’s gut und sauber, lass dir Zeit und schau, dass wir den Termin halten. Pfiati Ferdinand!”
Nach und nach entstand mein Verlege-Plan. Ich zerlegte den Arbeitstag in Teilstücke, zog die zeitaufwendigen, komplizierten Arbeiten vor, weil ich wusste, dass am Vormittag meine Leistungsfähigkeit größer war als später am Tag. Die Leistungsdurchhänger, die am frühen Nachmittag auftraten, kompensierte ich mit Routinearbeiten, die automatisch von der Hand gingen. Ich musste auf meinen strapazierten Fliesenlegerrücken achten. Aus Erfahrung wusste ich, dass für eine normale Tagesleistung, an die tausend Mal bücken angesagt ist, um die Fliesen an die Wand zu bringen. Da kommt den erforderlichen Handwerkzeugen und Hilfsmitteln eine besondere Bedeutung zu. Ich bastelte ich mir eine Art Bauchladen. Darauf stapelte ich bis zu 25 Stück Fliesen und ersparte dadurch meinem Kreuz eine ganze Menge an ungewollten Kniebeugen. Für die bodennahen Verlegungen diente mir ein alter Möbelroller, den ich als Fliesenwagen zweckentfremdete und je nach Bedarf hin und herschob. Manche, zufällig vorbeikommende Handwerker haben gelacht und nannten mich den spinnerten Fliesenleger. Ich schluckte eine Entgegnung hinunter und grinste mir eins, denn ich wusste: Am Ende des Tages würden sie still sein. Und genau so kam es. Schon der erste Tag zeigte den Erfolg meiner Bemühungen. Trotz des späteren Arbeitsbeginns wegen der Vorbesprechung und der umfangreichen Vorbereitung war es ein Rekordtag: Fünfunddreißig Quadratmeter! Zugegeben, es waren glatte, große Wände. Dennoch, die Leistungskurve zeigte steil nach oben. „Ferdinand, du bist der Größte!”, jubelte ich. Wieder einmal hatte ich mir selbst bestätigt, dass – wenn ich den Alkohol weglasse – ich mit jedermann mithalten kann. Mehr noch, ich kann besser sein als je zuvor. Selten habe ich mich auf den nächsten Arbeitstag so gefreut, wie an diesem Abend.
Um 18:00 Uhr war Essenszeit. Im Speisesaal saßen Gäste des Hauses, die Handwerker von außerhalb, Vertreter und auch ein Nachbar-Bauer, der irgendetwas geliefert hatte. Nach dem vorzüglichen Abendmahl fragte mich Pater Quarian, ob er sich zu mir setzen dürfe. Leicht verwundert stimmte ich zu und war neugierig, was der Techniker von mir wollte.
„Ich komme soeben von der Baustelle und muss schon sagen: Respekt! Wie haben sie das hingekriegt, sie waren doch allein oder hatten sie Helfer?”, fragte mich Pater Quarian.
„Na ja, es ist ganz gut gelaufen. Morgen wird es nicht ganz so flott laufen, denn es stehen die komplizierten Arbeiten an. Es gibt viel zu schneiden, vor allem die Aussparungen für Strom- und Wasserleitungen. Löcher in keramische Fliesen zu klopfen ist sehr zeitraubend,” sagte ich.
Pater Quarian zeigte echtes Interesse: „Das finde ich spannend, können sie mir zeigen, wie das gemacht wird?”
Ich hatte ohnehin vor, noch einmal zur Baustelle zu gehen und antwortete: „Gerne, ich möchte sowieso noch einiges für morgen vorbereiten.” Im Erdgeschoss stand noch eine Palette mit Klinkerplatten, die für den Boden gedacht waren. Diese mussten in den nächsten Tagen nach oben gebracht werden, also nahm ich bei jedem Vorbeikommen ein Paket auf die Schulter. So erledigte sich diese Arbeit fast von selbst. Pater Quarian ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls eines dieser schweren Gebinde zu schultern. Oben angekommen, zeigte ich ihm, wie das Löchermachen bei uns Fliesenlegern gemacht wird. Das ist reine Handarbeit und verlangt viel Gefühl beim Klopfen mit dem Spitzhammer.
„Gibt es da keine Maschine, mit der man die Löcher bohren kann?”, fragte Pater Quarian.
„Nein, es haben schon viele versucht, aber es funktioniert nicht richtig und es geht auch nicht schneller.“
„Lieber Meister Ferdinand, (er sagte tatsächlich Meister zu mir) das fordert einen Techniker wie mich, heraus. Ich kann einfach nicht glauben, dass es dafür keine bessere Lösung gibt. Sie müssen wissen, ich war viele Jahre in der Mission des Ordens auf der ganzen Welt unterwegs, um Entwicklungshilfe zu leisten. In meiner Jugend erlernte ich den Beruf des Modelltischlers, das kam mir als Helfer in der Dritten Welt sehr zugute. Ich habe schon viele Werkzeuge mit einfachsten Mitteln hergestellt. Haben sie Lust auf ein Experiment?”
Der Mann riss mich mit seiner Begeisterung mit.
„Okay, ich bin dabei. Was haben Sie vor?”
Pater Quarian bat mich, an ein paar losen Fliesen die genaue Position der benötigten Ausnehmungen für die Wasseranschlüsse anzuzeichnen. Das war schnell erledigt. Wir begaben uns in ein Nebengebäude im großen Klosterhof. Ich staunte nicht schlecht, als ich eine bestens ausgerüstete, blitzsaubere Werkstatt, betrat. Da standen Geräte, die ich hier nie erwartet hätte, Drehbänke und eine besondere Stand-Bohrmaschine. Diese Maschine war der ganze Stolz von Pater Quarian. Plötzlich sah ich den Ordensmann mit anderen Augen. Er hatte seinen Habit abgelegt, sah aus wie ein Physikprofessor im blauen Arbeitskittel. Sein Gesicht zierte ein weißgrauer Backenbart, über seiner randlosen Brille hatte er eine transparente Schutzbrille ins schüttere Haar geschoben. Seine dunklen Augen blitzten mich funkelnd vor Stolz an. Ich schätzte ihn auf mindestens sechzig Jahre. Uralt für meine Begriffe, aber das täuschte, der Mann hatte Kraft. Er erklärte mir akribisch die Besonderheit dieser Bohrmaschine. Sie hatte einen Drehzahlwandler eingebaut. Eine Art denkender Maschine, die sich auf das zu bearbeitende Material und dessen Konsistenz automatisch einstellte. Das wäre bei der Bearbeitung von keramischen Fliesen, die ja bei der geringsten Spannung zu Bruch gehen, besonders von Vorteil.
„Jetzt aber genug der Theorie. Ferdinand, geben sie mir die Fliese, wir spannen sie am Bohrtisch ein. Als Unterlage verwenden wir eine mittelharte Gummiplatte, die Befestigungsbacken ummanteln wir ebenfalls mit Hartgummi, denn der hält unser Werkstück fest und fängt zugleich die Vibrationen des Bohrkopfes ab. Soweit verstanden?”
Niemals hätte ich ein Wort des Misstrauens geäußert, obwohl ich nicht alles verstanden hatte. „Alles klar, Pater Quarian. Versuchen wir es.”
Langsam drehte sich der Steinbohrer durch die Fliese. Zum Kühlen verwendete er Wasser anstatt der üblichen Bohrmilch bei Metallen. Es dauerte keine zehn Sekunden, dann war ein sauberes kleines Loch in der Fliese.
„Jetzt kommt der Clou an der Geschichte, wir starten das Experiment.” Pater Quarian holte aus dem Regal einen, mit Industriediamanten besetzten kegelartigen Gegenstand und hielt ihn mir vor die Nase. „Kennen sie das? Nein? Das ist ein Abfallprodukt aus einer Tunnel-Vortrieb-Maschine wie sie beim Bau des Tauerntunnels verwendet werden. Ich werde jetzt eine provisorische Halterung anschweißen und dann probieren wir damit das kleine Loch in der Fliese auf die geforderte Größe zu fräsen. Ich denke, das müsste funktionieren.”
Gespannt schaute ich ihm zu.
„Daniel Düsentrieb des Klosters”, hatte ich ihn heimlich genannt und rauchte genüsslich eine Zigarette. Es dauert nicht lange und der Prototyp eines Lochfräsers war betriebsbereit. Jetzt kommt es drauf an, ob die Fliese die Schwingungen des Kegelbohrkopfes aushält. Pater Quarian steht geduckt neben der Maschine, seine mit der Schutzbrille gesicherten Augen sind nah an der Fliese, mit einer Hand führt er sachte den Bohrarm nach unten und der Kegel senkt sich durch das vorgebohrte Loch.
„Jawohl, ausgezeichnet!”, sprudelt es aus ihm. „Was sagen Sie jetzt? Ist das nicht super? Kommen Sie, Ferdinand, wir machen gleich das nächste Loch, das größere für die Steckdosen-Auslässe.”
Vorsichtig spannte ich die Fliese aus, weil ich dachte, sie wäre heiß geworden, aber da war nichts. Das Bohrwasser hatte gut gekühlt. Alles bestens. Ich hatte mein erstes, nicht von Hand geschlagene, Bohrloch in einer Fliese. So exakt kriegt man das mit der Hand niemals hin. Das zweite Experiment mit dem Schalterdosenloch dauerte etwas länger, aber auch das funktionierte. Pater Quarian war sichtlich zufrieden mit seiner Vorführung.
„Für heute ist es genug, Ferdinand. Morgen früh, gleich nach der Messe, komme ich auf die Baustelle und dann werden wir sehen, wie ich ihnen helfen kann. Gute Nacht, Gott schütze Dich!”
„Gute Nacht, Pater Quarian und vielen Dank!”
In den nächsten Tagen ging die Arbeit gut voran, meine Lust auf das – früher – obligatorische Frühstücksbier war weg und ich fühlte mich wie neu geboren. Pater Quarian war eine große Unterstützung, er bohrte und bohrte in den Fliesen, dass es eine Freude war.
Alles war gut bis zu dem Tag, an dem ich an einem Sonntag beschloss, einen Ausflug nach Salzburg zu machen. Die Stadt fehlte mir, darum wollte ich diese im nüchternen Zustand neu entdecken. Der Vormittag verlief nach Programm, ich schlenderte durch die Altstadt, das Wetter war herrlich und es war ein großartiges Gefühl. Zur Feier des Tages wolle ich einen gepflegten Espresso trinken und steuerte auf das nächste Café zu. Das Schicksal wollte es, dass es das Piccola Trieste war, in welchem ich seinerzeit Melitta nach langer Zeit wieder getroffen hatte. Egal, dachte ich, das sind schöne Erinnerungen und ihr Tod lag mittlerweile drei Jahre zurück. Ich nippte am Espresso und plötzlich traf mich die Traurigkeit und die vermeintliche Unsinnigkeit meines Lebens wie ein Blitz.
Den ersten Cognac trank ich mit einem Schluck aus und bestellte bei Ria, die nach wie vor hinter der Theke stand, bevor sie weggehen konnte, schon den nächsten. Es folgten noch mehrere und ich fand mich am nächsten Morgen, es war Montag, auf einer Parkbank wieder. An den Rest des vergangenen Sonntags konnte ich mich nur dunkel erinnern. Besuch der alten Stammkneipe, ein großes Hallo allerseits, man sah mir offenbar an, dass ich Geld eingesteckt hatte. Viele großzügige Einladungen an altbekannter Kumpels, aber auch Fremden. Ich war wieder gelandet, fühlte mich gebraucht und erwünscht. In Wirklichkeit aber war ich nicht angekommen, sondern komplett abgestürzt.
Da waren sie wieder, die Schuldgefühle. Zurück in das Kloster war für mich unmöglich, ich hätte mich entschuldigen und meinen Fehler zugeben müssen. Das konnte ich nicht. Ich schämte mich zu sehr.

Ich stand am Bahnhofskiosk, als mich ein Mann, der wie ein Hippie aussah, ansprach: „Darf ich Sie was fragen?”
„Gerne, worum gehts?” In mir keimte die Hoffnung, dass mich der Lennon-Verschnitt auf ein Bier einladen könnte.
„Ich bin Student und arbeite für eine Zeitung.”
„Aha”.
„Heute ist kein normaler Tag, heute ist Heiliger Abend. Wie werden Sie ihn verbringen?”, fragte er mich.
„Wenn es nicht so ein Sauwetter hätte, würde ich sagen, das steht in den Sternen”, sagte ich und zeigte mit der Hand auf die tief liegenden Regenwolken. Sein Blick ging nach oben und dann nach unten zu meinen kaputten Schuhen. Der Typ hatte längst erkannt, dass ich ein Sandler war.
„Sie sind obdachlos; in dieser reichen Stadt?”
„Ja, bin ich.”
„Wie kann so etwas passieren? Wollen Sie mir darüber etwas erzählen?”
Statt Interesse an meinem Schicksal sah ich nur blanke Neugier in seinen Augen. Daher erzählte ich ihm nicht, wie es mit mir so weit hatte kommen können. Er würde es wahrscheinlich nicht verstehen wollen. Ich bot ihm an, über das Jetzt zu reden, dem Status quo. Insideransicht quasi.
„Das ist sehr interessant. Bitte erzählen Sie.”
„Sie haben recht, Salzburg und obdachlos, das passt nicht zusammen. Obdachlos und Alkoholiker geht schon gar nicht. Wenn dann noch Weihnachten, das Fest der Liebe im Kalender steht, wird es eng für Menschen am Rand dieser Gesellschaft. Das ist die Unzeit für Tagelöhner. Die meisten Arbeitgeber schicken ihre Mitarbeiter in die Weihnachtsferien. Bis Dreikönig bleiben diese Rettungsanker geschlossen. Für reguläre Arbeit besteht vor den Feiertagen sowieso keine Chance. Dumm gelaufen, wenn ein Gestrauchelter wie ich bis dahin keine Bleibe gefunden hat. Die Caritas bietet Notschlafstellen in einer alten Baracke an. Zehn Stockbetten auf kleinstem Raum, ein Stuhl pro Person und eine Rossdecke aus Kriegsbeständen. Bis zu acht Tage können Wohnungslose hier für kleines Geld übernachten. Es gilt der hehre Grundsatz: Kinder und Frauen zuerst, dann kommen die Männer dran und ganz zum Schluss die Alkoholiker – nach einer Atemprobe. Ist diese positiv, wird die Aufnahme verweigert; womit in den meisten Fällen die Herbergssuche erfolglos bleibt. Was danach geschieht interessiert niemanden.”
Meine Kehle war vom vielen Reden trocken geworden, ich trank den letzten Schluck aus der Flasche und hielt sie mit einem fragenden Blick hoch, doch mein Zuhörer reagierte nicht. „Na, dann halt nicht”, sagte ich resignierend.
Ich hätte dem jungen Reporter noch viel erzählen können, unterließ es aber, als ich merkte, dass es ihm nur um Reißerisches ging und er nicht bereit war, mein Bier zu bezahlen. Was versteht so ein Schnösel schon vom Leben auf der Straße, von Sozialämtern und von herablassender Behandlung durch sattgefressene Beamtenärsche. Seit damals, als ich das Poster mit dem Verfassungstext – Die Würde des Menschen ist unantastbar – an die Tür geheftet hatte, hatte ich Hausverbot. Das hätte der Schmierfink von der Zeitung gerne geschrieben in seinem Revolverblatt.
„Ohne Geld ka Musi”, sagte ich. Oft genug war mir diese alte Weisheit selber zum Verhängnis geworden.
Ich ging in Richtung Innenstadt, immer knapp an den Hauswänden entlang, um den ärgsten Regengüssen zu entkommen. Nicht nur von oben drohte ich durchnässt zu werden – auch von unten – mein rechter Schuh war im Begriff sich aufzulösen. Die Sohle klappte an der Vorderseite auf wie ein Entenschnabel. Jeder Fehltritt in eine der vielen Wasserlachen bescherte mir ein Fußbad. Endlich erreichte ich meinen Unterstand, das Wartehäuschen an der Bushaltestelle gegenüber dem Schloss Mirabell. Das stand für mich strategisch günstig, denn gleich daneben befand sich ein Würstelstand, der mir so manche Hungernacht erspart hatte. Der Würstelmann leerte nach Feierabend seine unverkauften, vom heißen Wasser ausgelaugten, Würstel in die öffentliche Mülltonne. Dieser Heilige Abend war für den Würstelmann nicht gut gelaufen, er hatte früh geschlossen und keine Restbestände hinterlegt.
Der Tag versank im Nebel, die Lichter der Autos wurden schemenhafter. Mir schien, als ob die Stadt langsam zur Ruhe käme, die Nacht lag vor mir. Ich stand schon einige Zeit an der Bushaltestelle im Wartehäuschen, zum Nieselregen hatte sich ein kalter Nordwind gesellt. Ein dick vermummter Mann räumte beim Weihnachtsmarkt vor dem Schloss die letzten Lebkuchen aus der Verkaufsbude in sein Auto. Für ihn war Feierabend für dieses Jahr. Was mich brennend interessierte, war: Was machten die Glühweinverkäufer mit den übrig gebliebenen heißen Köstlichkeiten? Das nahm ich mir vor, demnächst zu recherchieren.
Ich blieb nicht allein in meinem Unterstand, eine junge Frau und eine Oma mit zwei Enkelkindern warteten mit mir auf den letzten Bus. Für sie war ich ein ganz gewöhnlicher Mann. Wie sollten sie wissen, dass ich nirgendwohin fuhr. Wohin auch? Es gab kein Zuhause. Die Leute wurden immer weniger, die letzten Vermummten hasteten den warmen Stuben entgegen. Der Bus fuhr langsam in die Haltebucht, zischend öffneten sich die Drucklufttüren. Niemandem fiel auf, dass ich nicht einstieg, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Ich war wieder einmal allein.
Vor mir stand die große Weihnachtstanne. Dieses Jahr kam sie aus der Steiermark, meiner früheren Heimat, die auch die Waldheimat Peter Roseggers war, meinem Lieblingsautor aus Kindertagen.
Im Schloss Mirabell wurde die Festbeleuchtung ausgeschaltet, nur eine Tafel mit der Weihnachtsbotschaft des Bürgermeisters war noch zu sehen. Die Kerzen der Steirertanne strahlten wie Sterne. Waren es die Regentropfen die meinen Blick verschleierten oder gar eine Träne? Ich weiß es nicht mehr, ich wusste nur eines, ich musste irgendwo unterschlüpfen, um diese Nacht zu überstehen.
Nachdenklich, aber nicht traurig fing ich an, mich umzusehen. Auf den Wänden meines Wartehäuschens klebten bunte Hinweise auf verschiedene Veranstaltungen. Das schönste aller Plakate war eine Vorankündigung eines Gastspiels von Harry Belafonte: ISLAND IN THE SUN. Ich mochte Harry Belafonte schon immer. Nicht nur seine samtig raue Stimme faszinierte mich, auch sein persönlicher Einsatz für die Schwarzen in Amerika und die Minderheiten dieser Welt hatten mich sehr beeindruckt. Mein Bushäuschen wurde zur Bühne - ich träumte mich in karibische Nächte und summte vor mich hin - die Sentimentalität des Heiligen Abends schien vergessen.
Ich bekam Besuch in meinem Unterstand, ein sichtlich betrunkener Mann schlurfte in meine Richtung, geradewegs auf mich zu. Er fluchte leise vor sich hin, offensichtlich hatte sich bei einer seiner Tragetaschen der Henkel gelöst. Er hatte alle Hände voll zu tun, dass der Inhalt nicht auf den Boden fiel. Bei mir angekommen, stellte er seine scheppernde Tasche auf die schmale Bank, nicht ohne kräftig weiter zu fluchen wegen seines Missgeschicks.
„Kann ich dir helfen?”, fragte ich ihn. Er überhörte mein Angebot. Meine Ahnung, dass er da Trinkbares transportierte, bestätigte sich.
Dann begann er zu sprechen: „Ich arbeite als Hausmeister und Portier in einer Privatklinik, gleich da drüben”, sagte er, „heute hatte ich Dienst. Das Klinikpersonal hat sich bei mir bedankt, dass ich immer für sie da bin, wenn sie mich brauchen.”
„Das gehört sich auch so”, sagte ich nicht ohne Hintergedanken. Seine Taschen waren voll mit Geschenken in Form von Wein und Hochprozentigem.
„Schau her, das ist doch was, oder?”, sagte er.
„Boah!” Ich staunte nicht schlecht.
„Das ist bei uns so der Brauch, zu Weihnachten spendiert jeder eine Flasche.” Er zog eine davon aus der Tasche. Wir köpften die Flasche Beaujolais und rauchten Zigarillos, ebenfalls aus dem Geschenkefundus meines neuen Freundes.
Harry Belafonte war vergessen. Wie immer, wenn sich mein Alkoholpegel dem richtigen Level näherte, stellte sich Wohlbefinden ein. Mein neuer Kumpel bekam dann doch noch Gewissensbisse wegen seiner Frau, die er schon fast vergessen hatte. Seine Einladung, mit ihm in seine nahe gelegene Wohnung mitzukommen, habe ich abgelehnt.
„Na dann mach's gut, Alter”, brummte er und trollte sich.
„Frohe Weihnachten!”, rief ich ihm nach, aber das hörte er nicht mehr.
Die Anonymität dieser Stadt ließ mich im doppelten Sinne frösteln, aber sie hatte auch etwas Gutes, besonders für einen Unsteten wie mich. Niemand stellte unangenehme Fragen, abgesehen von der Polizei. Solange ich halbwegs nüchtern war, achtete ich penibel darauf, dass niemand meine Not an meinem Äußeren ablesen konnte. Jedenfalls dachte ich, dass es so sei. Ich glaubte an mich, und redete mir ein, dass, solange ich mich selbst als einen guten, ehrlichen Mann sah, es die anderen auch tun würden.
Mit diesen Gedanken im Kopf verließ ich mein Wartehäuschen und begab mich auf die Suche nach einer geeigneten Schlafstelle. Während meiner letzten Streifzüge durch die Stadt war mir eine Baustelle aufgefallen, die meinen Kriterien für eine unentdeckte Übernachtung einigermaßen entsprach. Das Erdgeschoss eines Bürohauses wurde gerade zu einem Geschäftslokal umgebaut. An Wochenenden und Feiertagen war also keine Störung durch Bauarbeiter zu befürchten. Der Bauzaun war kein Hindernis, ich konnte ihn zur Seite schieben, ohne etwas zu zerstören. Das war mir wichtig, denn ich wollte erstens wiederkommen und zweitens nicht als Einbrecher gelten. Zum Glück fand ich im hinteren Teil einen Raum, der nicht sofort von der Straße einsehbar war. An der Rückwand befand sich ein Heizkörper, der etwas Wärme versprach. Schnell suchte ich ein paar Styroportafeln zur Kältedämmung. Zwei Tafeln dienten als Unterlage und eine als Kopfstütze am gerippten Heizkörper. Mein Parka wurde zur Decke und so döste ich leise vor mich hin. Der Kick vom Beaujolais ließ mich zufrieden von der weihnachtlichen Straßenbeleuchtung träumen. Alles wird gut!
Es muss gegen fünf Uhr früh gewesen sein, als ich vor Kälte zitternd wach wurde. Was war geschehen? Der Regen war in Schneefall übergegangen, so viel konnte ich bei einem Blick auf die Straße erkennen, aber warum war es so kalt? Ein Griff an den Heizkörper bestätigte eine Ahnung: abgedreht. Die Ölkrise hatte auch die Bauwirtschaft erreicht, sie hatten die Heizung nachts heruntergefahren. Ein tastender Griff an meinen Kopf erklärte mir auf drastische Weise, warum ich so fürchterlich fror. Auf meinen Haaren lag eine zentimeterhohe Schneehaube. Erst jetzt bemerkte ich, dass über meinem Kopf ein Fenster, eine Oberlichte, angebracht war. Leider ohne Verglasung. Das hatte ich in meinem Dusel übersehen. Aus dem Regen war Schneefall geworden und der Nordwind blies den Schnee auf meinen Kopf.
Ich musste raus hier, brauchte dringend Bewegung. In dieser fatalen Situation kam ein eigenartiger Sarkasmus auf: Ich lachte hellauf. Nie zuvor hatte ich so vor Kälte gezittert. Ich konnte dieses Zittern willentlich nicht abstellen, es ging nicht.
In der ärgsten Not hat man die besten Ideen. So kam es, dass mir Antonia einfiel. Sie war Schwester Oberin in einem geistlich geführten Altersheim. Eigentlich hieß es „Senioren-Residenz“ und lag gleich neben der Weltkugel, einem denkmalartigen Gebilde vor der Nationalbank. Schwester Antonia war in meinen Kreisen dafür bekannt, dass man von ihr in größter Not etwas Bekleidung und Schuhe bekam. Aber niemals Geld.
Es war nie meine Sache gewesen, als Bettler durch die Lande zu ziehen, aber diesen Tag erklärte ich zur Ausnahme und stapfte bibbernd zur Pforte des Hauses. Ich musste mich erst etwas erwärmen, um vernünftig vorsprechen zu können, also machte ich im Vorraum ein paar Turnübungen, bevor ich läutete. Im Haus war geschäftiger Betrieb, da öffnete sich die Tür und eine betagte Dame im Pelzmantel erschien. Sie war eine Bewohnerin dieser Residenz, sah mich entgeistert an und rief: „Um Gottes Willen, wie sehen Sie denn aus. Was ist Ihnen passiert?” Ich grüßte erst höflich und erklärte dann, dass ich zu Schwester Antonia wolle, um dringend ein paar Schuhe zu erbitten.
„Warten Sie hier, ich komme gleich wieder und bringe Ihnen, was sie brauchen.” Sagte es und verschwand so still, wie sie gekommen war. Nach ein paar Minuten kam sie mit einer Schachtel und entschuldigte sich: „Schwester Antonia ist krank, daher kann sie nicht kommen. Ich habe Ihnen Schuhe gebracht, sie sind von meinem verstorbenen Mann. Ich hoffe, sie passen. Es sind handgenähte Schuhe und sicher sehr haltbar.”
Größe - 45 - las ich, egal, ich schlüpfte hinein. Besser zu groß, als zu klein. Mit Zeitungspapier ausgestopft und schon war alles gut. „Danke vielmals, sie haben mir sehr geholfen, gnädige Frau”, bedankte ich mich herzlich.
Während ich meine Schuhe wechselte, hatte mich die elegante Dame beobachtet und musste zu dem Schluss gekommen sein, dass ich ein anständiger Mensch sei. Sie zog ein Kuvert aus ihrer Handtasche, schaute mich nochmals prüfend an und sagte: „Eigentlich wollte ich heute in die Pfarre Sankt Andrä gehen und dem Pfarrer eine Spende zur Unterstützung der Bedürftigen seiner Gemeinde geben, aber jetzt habe ich mich entschlossen, Ihnen zu helfen. Bitte sehr, nehmen Sie dieses Kuvert. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen.”
Die Tür fiel mit einem leisen Klick ins Schloss und ich stand da, etwas verschämt, weil ich zum Bettler geworden war. Ich war der Dame sehr dankbar, nicht nur der Schuhe und des Kuverts wegen, nein, auch weil sie mit mir gesprochen hatte, wie mit einem der ihren.
Leise ging ich auf die menschenleere Straße. Erst jetzt wagte ich, das Kuvert zu öffnen und wäre fast aus den Schuhen gekippt. Ein Tausendschillingschein! Ein Vermögen in meiner Situation. Am liebsten wäre ich zurück zur alten Dame, um sie zu umarmen, aber ich wusste nicht mal ihren Namen.
„Was mach ich jetzt mit diesem unerwarteten Reichtum? Du brauchst dringend etwas zu essen. Und rasieren musst du dich, das ist wichtig. Also auf zum Bahnhof, wo sonst ist an so einem Feiertag geöffnet?”, sagte ich zu mir selbst. Ich eilte, so gut es mit den zu großen Schuhen ging, zum Hauptbahnhof. Erst Zigaretten kaufen, dachte ich, dann zum Rasierautomaten und in die Waschräume der Eisenbahner, das musste sein. Als Krönung stolzierte ich in die Restauration erster Klasse, in den Marmorsaal. Zu dieser frühen Zeit waren noch wenig Gäste da. Ich bestellte ohne Hast ein Bier, tat so, als müsste ich überlegen und nahm schließlich doch das Fiakergulasch mit Serviettenknödel. Sogar Stoffservietten gab es zum Gedeck. So kann es weitergehen, dachte ich. Zufrieden schaute ich den Gästen beim Essen zu. Innerlich jubelte ich: „Schaut her, ich bin jetzt auch ein Mensch, bin wieder einer von euch. Was heißt wieder, ich war immer einer von euch, ihr habt mich nur nicht gesehen!”

Im Sommer 1980 war mein Zuhause die alte Universität in der Salzburger Hofstallgasse. Leider war es keine wirkliche Wohnung, sondern nur eine Post-Adresse bei meinem Freund Dieter. Dieter war ein besonderer Mensch. Wir hatten uns im Lesesaal der Universitätsbibliothek kennengelernt. Obwohl er Alkohol nicht ausstehen konnte, ließ er mir hin und wieder eine Flasche edlen Weins zukommen. Dieter sagte, das seien Geschenke, die er von Dozenten, für die er fallweise Botengänge erledigte, bekäme. Manchmal delegierte er diese Aufgaben an mich und übergab mir den Wein. Ich war in der Uni-Bibliothek als Gastleser eingetragen und stolzer Besitzer eines Ausweises, der mir erlaubte, mich dort aufzuhalten. Bei Schlechtwetter war das ein nicht zu unterschätzender Vorteil für einen Obdachlosen wie mich. Ich hatte Dieter viel zu verdanken, er war an der Uni nicht nur Portier, sondern auch Saaldiener. Mit einem Wort: Dieter war das Faktotum in diesem Gebäudekomplex, der vom Festspielhaus über den Grünmarkt und der Kollegienkirche bis zum Furtwängler-Park reichte.
Dieter hatte es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Seine neueste Errungenschaft war ein Auto namens Grauschimmel. So nannte er den alten Ford, den er einem amerikanischen Studenten abgekauft hatte. Das Auto war grau und unscheinbar, aber zuverlässig wie der neue Besitzer. In früheren Jahren – immerhin sei er schon fünfzig – erzählte mir Dieter, sei er ein begeisterter Motorradfahrer gewesen. Seine verstorbene Gisela habe ihn auf den Reisen durch halb Europa begleitet. Todesmutig sei sie gewesen, meinte er traurig lächelnd und schwärmte davon, wie er auf der Horex-Regina mit ihr im Beiwagen auf der Strada-del-Sole bis nach Sizilien gefahren war. Dieter wurde wehmütig, er trauerte den Zeiten nach, als seine Frau noch gelebt hatte. Sein einziger Trost schien die Tochter zu sein. Sie führte ihm den Haushalt und arbeitete in der Uni-Mensa. Gerne hätte ich sie näher kennengelernt, aber sie wollte nicht. Manchmal schenkte sie mir eine Essensmarke, mehr war nicht drin. Sie hatte einen Freund, der war Polizeischüler und wollte die Welt verbessern indem er Leute wie mich am liebsten hätte einsperren lassen. Zum Glück sah er in mir nur einen verkrachten Studenten. Ich nahm das als Kompliment.
Als mir Dieter von seiner Frau und der Beiwagenmaschine erzählte, war ich sofort im Bilde, sagte aber vorerst nichts. In den Laubengängen zwischen Aula und Kollegienkirche, dort hinten, wo der Durchgang zum Grünmarkt sowie ein Lagerraum für die Marktbeschicker war, stand dieses verstaubte alte Motorrad und rostete vor sich hin. Niemand schenkte dem Gefährt und dem umliegenden Gerümpel Beachtung. Der Ort diente mir seit einiger Zeit als Tagesdepot für meine wenigen Habseligkeiten. Zeitweise versteckte ich meine alte Reisetasche hinter den leeren Obststeigen gleich neben dem Beiwagen. Aus den Reifen der Maschine war die Luft gewichen, der Sozius war abgeschraubt und in den ledernen Satteltaschen steckten ölverschmierte Putzlappen. Der Beiwagen selbst schien komplett intakt zu sein, er war gut abgedeckt. Unter einer Staubschicht konnte ich sogar den Namen des Herstellers lesen: Rekord-Beiwagen stand auf der imprägnierten Segeltuch-Abdeckung, die mit Ösen an sechs seitlichen Nippeln befestigt war. Wasserdichtheit hatte hier nicht mehr Priorität, im Laubengang war es trocken, nur bei starkem Regen gelangten ein paar Tropfen in diesen geschützten Bereich. Die Plane war mit einem Schloss abgesperrt. Später hatte ich Dieter darauf angesprochen und er erlaubte mir zwar kopfschüttelnd, aber sonst nicht weiter nachfragend seinen Beiwagen zu benützen. Er wusste ja, dass ich obdachlos war, vermutete wahrscheinlich, dass ich bei irgendwelchen Freunden als U-Boot wohnen würde. Ich ließ ihn in seinem Glauben. Dieter gab mir den Schlüssel für das Beiwagenschloss, ebenso die offizielle Erlaubnis, seine alte Maschine auf Vordermann zu bringen, wenn ich wollte.
Der Beiwagen war innen erstaunlich gut erhalten, er hatte einen sehr bequemen Sitz aus rotem Leder und der war klappbar. Hinter der Lehne befand sich ein Hohlraum für mein Gepäck, darüber eine Vorrichtung zur Befestigung eines Reisekoffers. Ziemlich ausgeklügelt, dachte ich, jeder Zentimeter ist ausgenutzt. Das kam meinem Plan zugute, den Beiwagen als meinen neuen Schlafplatz zu adaptieren.
Ich montierte die Sitzlehne ab, verschob sie nach hinten und machte quasi einen Liegesitz mit Polster draus. Durch die Ausnützung des Hohlraumes im Kopfbereich erlangte der Innenraum des Beiwagens eine akzeptable Länge. Ich bin ein kleiner Mann, das geht sich aus. Die Breite maß ein bisschen mehr als einen halben Meter. Passte auch einigermaßen. Mir ging es schon lange nicht mehr um Komfort. Hauptsache war, dass ich meine Ruhe hatte und ein absperrbares Schlupfloch. Das war nicht immer so, ich hatte in der Vergangenheit schon weitaus schlechtere Schlafplätze gehabt.
Dieter war mein Hausherr, die katholisch-theologische Fakultät mein Schirmherr. Über mir, ich meine, über dem Kreuzgewölbe des Laubengangs befanden sich die Büros des erzbischöflichen Institutes für Dogmatik. Der Vorsitzende war Frühaufsteher und beobachtete mich manchmal, wenn ich frühmorgens mein Domizil verließ. Ich wusste, dass er Priester ist und vertraute auf seine Nächstenliebe. Er grüßte immer freundlich, ohne sich jemals auf ein Gespräch einzulassen. Damit konnte ich gut leben. Hauptsache war, dass er meine Anwesenheit tolerierte. Vermutlich wurde er aus mir nicht schlau. Als wir uns an einem dieser unsäglichen Dauerregentage zufällig in der Universitätsbibliothek trafen, glaubte ich ein leichtes Zucken seiner Augenbrauen bemerkt zu haben. Amüsiert über seinen ratlos wirkenden Gesichtsausdruck, versuchte ich, mich in ihn hineinzudenken.
'Was zum Kuckuck macht ein Sandler in einer Uni-Bibliothek', könnte er sich in diesem Moment gefragt haben. Vielleicht verfiel er auch ins übliche Klischeedenken, das sozial Gescheiterten von vornherein jede Bildungsnähe abspricht. Wenn er gewusst hätte, dass ich diese hochehrwürdigen Räume für meine geistig-seelische Hygiene benützte, hätte er vielleicht doch einmal mit mir gesprochen. Um den profanen Alltag zu bewältigen, waren keine Doktoren oder Professoren nötig. Dazu hatte ich andere, die mir halfen, zum Beispiel die Ordensbrüder drüben in Sankt Peter.
Es war Sonntag, friedlich und still. Zu früh, um aufzustehen, dachte ich. Die Glocke von Sankt Blasius schlug acht Mal. Der Sonntag war der einzige Tag der Woche, an dem das Geschepper der Marktleute ausblieb. Keine stinkenden Laster in den engen Gassen der Altstadt, keine laut diskutierenden Fahrer, kein Lärm von herunterkrachenden Bordwänden. Ich krabbelte aus dem Beiwagen und machte erst einmal ein paar Dehnungsübungen. Zum Rasieren packte ich meinen Kulturbeutel und begab mich hinüber nach Sankt Peter zum Brunnen. In meinem Kopf hämmerte es. Was war gestern passiert? Ich versuchte mich zu erinnern, nur langsam erwachten meine Lebensgeister. Da war doch was gewesen, im Felsenkeller, dem Weinlokal gleich neben der Felsenreitschule. Bruchstückhaft rekonstruierte ich den vergangenen Tag.
Es hatte mit der Schwärmerei für eine Tänzerin aus dem Ensemble des Festspiel-Balletts begonnen, die ich während der Woche bei meiner Arbeit beobachtet hatte. Seit ich als Tagelöhner beim Kulissenbau in der Felsenreitschule arbeitete, bekam ich das Bild der probenden Ballerina nicht mehr aus dem Kopf. Ich war plötzlich von einer Sehnsucht erfüllt, die ich in dieser Stärke noch nicht erlebt hatte. Es war gleichermaßen das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit, wie das quälende Bewusstsein einer Frau ihres Formats in meiner jetzigen Situation nicht zu genügen.
Ich schielte während der Arbeit dauernd nach der Frau, von der ich nichts wusste. Dieter, dem ich von ihr erzählt hatte und der mir auch den Job bei den Festspielen vermittelt hatte, versprach, sich schlauzumachen. Er wollte seine Kontakte zum Festspielensemble nutzen und mich mit meinem Hirngespinst, wie er es nannte, bekannt zu machen.
Gestern war es dann so weit, fast die komplette Belegschaft der Bühnenarbeiter und die des Balletts waren zum Probenabschluss im Felsenkeller zu einer Feier zusammengekommen. Die Ballerina saß von mir aus rechts gesehen, auf der gegenüberliegenden Bank des Bühnenleute-Stammtisches. Ich wusste nicht, was Dieter gedeichselt hatte, jedenfalls fiel mir auf, dass sie mich musterte. Ich unterschied mich im Äußeren nicht von den anderen Arbeitern, trug den gleichen blauen Arbeitskittel. Innerlich war ich aufgewühlt, wahrscheinlich konnte sie das in meinen Augen sehen, denn wir hatten Blickkontakt. Ich kannte den schwulen Tänzer, der neben ihr saß und an ihr herumfummelte, als wäre er ihr Freund. Dann kam es zum obligaten Anstoßen für die gelungenen Proben und ich erfuhr ihren Namen: Eva. Ich prostete ihr zu und war selig, als sie mein Lächeln erwiderte. Es hätte noch mehr Möglichkeiten gegeben, sich näher zu kommen, aber mein Alkoholpegel stieg. Es war wie immer: Ging es mir gut, konnte ich es nicht aushalten und musste den Druck wegsaufen. Und meinen Verstand dazu. Somit hatte wieder einmal eine Chance ausgelassen.
Imagine
Ich befand mich in den Innenhöfen von Sankt Peter, als ich John Lennons Song Imagine hörte. Es klang, als ob die Musik direkt aus den Wänden des Mönchsbergs kommen würde. Ich war gerade bei Pater Andreas an der Pforte gewesen, um mir fünf Schilling und eine Kante Brot abzuholen. Früher hätte ich mich geschämt, jetzt war es anders. Ich musste nicht betteln, mich nicht erniedrigen. Ohne ein Wort zu sagen, bekam ich meinen Obolus. Ich war bekannt.
Es war so ein vermaledeiter Sonntag. Ein Tag, an dem sich alle anderen freuten und im feinen Gewand durch den Festspielbezirk flanierten. Kein guter Tag für Leute wie mich. Ich kam mir schäbig vor, schämte mich, obwohl ich mich rasiert hatte und mein Hemd relativ frisch war.
„Auch diesen Tag werde ich überstehen”, sagte ich zu mir selber. Und: „Geh weiter. Folge der Musik. Woher kommen die Stimmen?”
Ich stand wie gebannt unter den Dombögen und lauschte. Imagine all the people … Vorne auf der Jedermann-Bühne vor dem Dom, hatte jemand auf eine weiße Wand Songtexte projiziert. Vieles sprach für ein normales Konzert, doch ein prominenter Künstler war nicht zu sehen. Nein, John Lennon war nicht da – aber Kinder, viele Kinder. Sie waren die Stars.
Vergangene Woche hatte ich noch gerätselt, was die Aufschrift auf den zahlreichen Plakaten wohl bedeuten könnte: Palette 80 stand da in bunten Lettern. Jetzt wurde mir klar, das war diese Veranstaltung: Kinder der katholischen Jungschar aus ganz Europa trafen sich in Salzburg zum Singen, Tanzen und Spielen. Ich mischte mich unter die Zuschauer und sang spontan mit. Ein Vibrieren lag in der Luft. Menschen wurden zum Klangkörper. Es war großartig. Auch wenn Imagine kein lauter Song ist, klang es doch wie ein rauschendes Bekenntnis: Stell dir vor, all die Menschen, sie teilen sich die Welt, einfach so! Es war ein Erlebnis, den Kindern mit ihren fröhlich bunten Halstüchern zuzusehen, wie sie mit voller Inbrunst diese Songs interpretierten. Noch nie hatte ich so strahlende Kinderaugen gesehen. Ich war sicher, sie wussten, wovon sie sangen. John Lennons große Vision vom friedlichen Zusammenleben aller Menschen bekam eine spielerische Note durch die Stimmen der Kinder. Ich dachte: Das Lied ist schlicht und einfach in seiner Aussage; leicht zu verstehen und doch so schwer umzusetzen. Denn es erzählt nicht nur. Es fordert auf, etwas zu tun: Imagine … Stell dir vor … Kein Besitz, keine Gier, keine Obdachlosen. Und – vielleicht auch kein Hunger in der Welt.

„Telefonseelsorge. Kann ich helfen?”
„Hallo Ilse, hier ist Ferdinand, der Alki.” Natürlich hatte ich sofort ihre Stimme erkannt, niemand spricht so wie sie. Das Timbre ihrer Stimme ist einzigartig. Noch nie hatte ich so oft und so gerne telefoniert wie jetzt. Kann man sich in eine Stimme verlieben?
„Hey Ferdinand! Wie war dein Tag?”
„Heute war ein guter Tag.”
Die ersten Worte fielen mir schwer, obwohl ich oft diese Nummer anrief, allerdings nur dann an, wenn ich mir genug Mut angetrunken hatte. Wieder einmal hatte ich alle vorherigen Beteuerungen, mit dem Trinken aufzuhören, über Bord geworfen und war zerknirscht. Nüchtern konnte ich nicht über meine Probleme reden. Das Wort Seelsorge hatte für mich den fahlen Beigeschmack von Kirche und Beichte. Das ist etwas für Schwache, dachte ich, ich bin nicht schwach, ich bin nur betrunken.
Bei Ilse war das anders, bei ihr konnte ich die katholische Hürde überspringen, bei ihr erlaubte ich mir, hilflos zu sein. Ich wusste, dass der Name Ilse nur ein Pseudonym war, aber das störte mich nicht. Ich war ohnehin der Meinung, dass Engel keinen Namen brauchen. Freundlich fragte sie nun, wie mein Tag gewesen ist. Ich erzählte und Ilse hörte zu. Es wurde still am anderen Ende, so still, dass ich glaubte, sie sei nicht mehr da. Ich schloss die Augen und hielt die Luft an, dann fragte ich leise: „Bist du noch da?”
„Du kannst so gut erzählen Ferdinand, ich hör dir gerne zu, bitte sprich weiter.”
Genau das ist es, dachte ich, sie hört einfach zu. Selten hatte sie Einwände und wenn doch, dann konnte ich damit etwas anfangen und merkte, sie verstand mich. Sie wusste aus vielen unserer nächtlichen Gespräche, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich mich entscheiden musste. Aufhören – und vielleicht doch noch die Kurve kriegen – oder dem Saufdruck nachgeben und den Verstand verlieren. In solchen Momenten keimte in mir der Gedanke, dass zwanzig Jahre Suff genug sein könnten. Was würde sein, wenn ich die abschätzigen Blicke der Leute nicht mehr so ohne weiteres wegstecken könnte. Die Gesellschaft, deren anerkanntes Mitglied ich einmal war, kann in mir ja nichts anderes sehen, als ein willenloses Subjekt, dessen Gehirn vom Alkohol zerfressen ist und das jegliche Kontrolle über sich selbst verloren hat. In lichten Momenten gab ich ihnen sogar recht und schämte mich für mein Leben.
Ilse sagte, sie könne mich gut verstehen, aufhören sei halt verdammt schwer. Sie wäre auch nicht böse, wenn ich es nicht schaffen würde, nur traurig. Erst der Nachklang ihrer Worte machte meinem Restverstand klar, dass sie an meine Ehre appellierte. Das war der Punkt. Ich wollte auf keinen Fall zulassen, dass Ilse meinetwegen traurig sein müsste. Es war mein Beschützerinstinkt gewesen, der mein Denken beeinflusste. Auch ein Bild des Verrücktseins, dachte ich. Ich, ein hoffnungsloser Säufer, der sich zeitweise vor seinem eigenen Schatten fürchtete, will jemanden beschützen? Wie verrückt war das denn?
Ich erzählte von Harry, dem ehemaligen Arbeitskollegen, den ich im Pfiff getroffen hatte, nachdem ich mir an der Pforte der Erz-Abtei Sankt Peter den Einstand, also das Geld für das erste Bier, geschnorrt hatte. So fing dieser Tag an. Harry meinte, er hätte Grund zum Feiern, allein würde es aber keinen Spaß machen, deshalb lud er mich ein.
„Das ist es, was ich einen guten Tag nenne”, sagte ich zu Harry. Er sah das auch so und finanzierte eine planlose Zechtour durch die Stadt. Zum Schluss landeten wir im noblen Kolibri, eine Bar, in der ich normalerweise nicht verkehrte. Auf einmal war Harry spurlos verschwunden. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, die Zeche bezahlen zu müssen. Ich hatte nur ein paar Groschen in der Tasche. Während ich noch überlegte, wie ich dem drohenden Ärger und womöglich einer Anklage wegen Zechprellerei entkommen könnte, legte mir der Barkeeper Wechselgeld auf den Tresen. Harry war zwar betrunken gewesen, hatte aber, von mir unbemerkt, bezahlt und sich verdrückt, ohne auf das Restgeld zu warten. Schwein gehabt, dachte ich, auch der Einstand für morgen ist gerettet.
Es knackte im Hörer, Ilse hatte sich geräuspert, um mich in meinem Redefluss zu unterbrechen. „Sag mal, Ferdinand, wie kannst du so flüssig reden und erzählen? Du musst, deiner Schilderung nach, doch mindestens so betrunken sein wie dein Freund, oder nicht?”
„Natürlich bin ich betrunken, ich kann kaum noch richtig stehen, aber das ist nur äußerlich. Sonst bin ich okay, ich kann noch ganz gut reden, oder?”
„Und innerlich, wie geht´s dir innerlich? Ferdinand, was war mit deinem letzten Termin bei der Suchtberatung? Wir waren uns einig, du wolltest es doch auch, dass ich dir helfe den ersten Schritt zu tun. Schon vergessen?”
„Nein, ich habe es nicht vergessen. Ich hatte Angst. Wenn ich nüchtern bin, habe ich immer Angst. Es ist schwer zu erklären, aber ich fürchte mich manchmal vor mir selbst.”
Es war mir peinlich, wie sich Ilse abmühte. Ich sagte: „Ehrlich, manchmal warte ich nur darauf, dass du das Handtuch schmeißt, mir so richtig die Meinung sagst und mir die letzten zehn nicht wahrgenommenen Termine endlich vorwirfst und um die Ohren haust.”
„Das wäre keine Lösung, Ferdinand. Hör zu: Das Vorsprechen auf diesem Amt ist wichtig, denn nur da bekommst du ein Bett in der Entzugsklinik zugeteilt. Du bist nicht versichert, du kannst nicht einfach zum Hausarzt gehen und dich einweisen lassen, so funktioniert das nicht.”
„Ja, ich weiß, es tut mir leid.”
„Es braucht dir nicht leidtun, Ferdinand, du bist alkoholkrank. Versuche einfach, deine Krankheit anzunehmen. Du hast ein Recht darauf, gesund zu werden.”
Die hat leicht reden, dachte ich. Trotzdem möchte ich ihr glauben, aber irgendetwas in mir ließ es nicht zu. Meine Probleme löste ich schon immer mit Alkohol, auch wenn der Erfolg nur vorübergehend war. Ich wusste Bescheid und trotzdem handelte ich dagegen. Ich kann nicht dicht sein in der Birne.
Ilse riss mich aus meinen Gedanken, ich war knapp davor zu resignieren. Ihre Stimme klang fast ein wenig zaghaft aus dem Hörer: „Ferdinand, wenn du solche Angst hast, auf das Amt zu gehen, würdest du hingehen, wenn ich dich begleite?”
Was sagt sie da? Das gibt’s ja gar nicht! Ich wusste sehr wohl, so ein Angebot war unüblich, auf keinen Fall war es mit den Statuten der Telefonseelsorge vereinbar. Nicht umsonst hatten alle Mitarbeiter Decknamen und auch der Standort war nicht öffentlich. All dies geschah zum Schutz der Privatsphäre dieser Menschen. Für einen Moment hatte es mir die Sprache verschlagen.
„Das würdest du für mich tun?”
„Ja.”
„Warum?”
„Weil ich an dich glaube.”
Ich schluckte: „Ja, dreimal ja, am liebsten sofort. Ich kann jetzt nichts mehr sagen.”
Ich weinte.
Ein Mensch, der so unerreichbar weit weg war, der so hoch über meiner traurigen Figur stand, hatte sich bereit erklärt, mit mir den Weg zu gehen. Den wichtigsten meines Lebens. Diese Frau, die ich mehr als Schwester begriff, denn als Frau, brachte mich sehr in Verlegenheit.
Ilse ließ mir Zeit, gab mir ein paar Augenblicke, bis ich mich wieder im Griff hatte und sprudelte dann los:
„Ich krieg’ bestimmt einen Termin, ich kenn’ den Leiter des Dienstes persönlich, wir schaffen das. Wir treffen uns morgen um 10:00 Uhr im Nonntal vor der Erhardkirche. Abgemacht? Schreib dir´s auf, es ist wichtig, Ferdinand.”
„Abgemacht, und glaube mir, so eine Verabredung vergesse ich nicht. Nie im Leben! Oh Gott, jetzt hätte ich es fast vergessen – wie erkenne ich dich? Etwa mit einer Rose im Knopfloch?”
Ich konnte wieder lachen. Über mich selbst. War ich wieder der alte Charmeur geworden?
„Keine Angst, mein Freund, das klappt schon, wir werden uns erkennen. Auf Anhieb, da wette ich darauf. Ein kleiner Hinweis – wir sind in etwa gleich alt und ich komme mit einem gelben Cabrio, das kannst du nicht übersehen. Servus, bis morgen, ich verlasse mich auf dich.”
Mitternacht war lange vorbei, als ich die Telefonzelle verließ und mich auf den Heimweg machte. Es war ein langer Weg bis zu meiner Unterkunft. Seit Beginn der kalten Jahreszeit war ich stolzer Inhaber eines festen Wohnsitzes. Ich wohnte in einem Schloss am Stadtrand, im Prominentenviertel. Um genau zu sein: ich bewohnte ein winziges Zimmer über der ehemaligen Schlossschänke, deren Bausubstanz nicht weniger baufällig war, als das Schloss selbst. Niemals hätte ich gedacht, dass in dieser feinen Gegend solche Löcher als Wohnraum vermietet würden. Meine Situation ließ keine Kritik zu, im Gegenteil, ich war damals heilfroh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Für einen obdachlosen Trinker wie mich war es das pure Glück. Für die Vermieterin zählte nur die Miete, und die kratzte ich jeden Monat irgendwie zusammen. Sonst wurde nach nichts gefragt Das Beste an dem Haus war die Adresse: Fürstenberg-Promenade. Der desolate Zustand der Liegenschaft wurde mir erst nach und nach bewusst. Solange ich meinen Alkoholspiegel halten konnte, waren mir kaltes Wasser und röchelnde Heizkörper egal. Die Bilder, die am Gang und in meiner spärlich möblierten Kammer hingen, zeigten streitbare deutsche Landser mit Stahlhelm und Ritterkreuz auf der Brust. Ich befand mich allerdings in einem anderen Kampf – ich kämpfte gegen mich selbst und rang mit meinem Dämon, der meine Gier nach Alkohol täglich anfeuerte.
Freitag, 3. April 1981
Der Blick in den Spiegel am Morgen beruhigte mich, ich hatte die halbe Nacht an meiner Kleidung gearbeitet. Das Hemd war schnell gewaschen und die Hose legte ich unter die Matratze, um sie zu glätten. Ein Bügeleisen besaß ich nicht, trotzdem sah alles passabel aus. Der Trachtenjanker mit der schwarzen Hose stand mir gut. Ich sah aus wie ein Kellner beim Heurigen.
Ich war zu früh am Treffpunkt vor der Erhard-Kirche und schlenderte vor einer Metzgerei auf und ab. Auf einer Tafel wurde für warmen Leberkäs und frisch gezapftem Bockbier geworben. Mein Dämon forderte Alkohol. Nur jetzt nicht nachgeben, dachte ich. Leberkäs ja. Bockbier nein. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Ein gelbes Cabriolet mit schwarzem Faltdach steuerte langsam auf den Parkplatz. Eine Frau stieg aus dem Auto, ich erkannte Ilse sofort. Sie sah aus wie Nana Mouskouri: Lange schwarze Haare, dunkle Hornbrille, weißes, bodenlanges Kleid. Sie kam auf mich zu. Ich schwitzte. Gezittert hatte ich vorher schon, wegen des fehlenden Alkohols.
„Hey Ferdinand, schön, dass du gekommen bist. Ich bin die Ilse, du weißt schon. Fesch schaust aus, bist du schon lange da?”
Soviel Lebensfreude in einem strahlenden Gesicht. Ich war baff, atmete tief ein. Sie war eine Fee.
„Liebe Ilse, ich bin fasziniert. Ich sollte dir jetzt ein Kompliment machen, aber verzeih, ich bin momentan außer Form. Ohne Alkohol geht bei mir leider gar nichts, da rennt der Schmäh nicht.”
Ilse lächelte: „Schon okay, Ferdinand.”
Wir gingen in ein Café, ich brauchte jetzt dringend etwas zu Trinken. Mein Dämon brüllte: Alkohol! Ich nahm einen starken Espresso, ohne den üblichen Schuss Cognac. Das Zittern wurde stärker. Ein zwei Gläser würden alles viel leichter machen, dachte ich. Ilse bemerkte meinen Blick zu den abgehängten Whiskeyflaschen an der Bar und versuchte mich zu beruhigen. „Vergiss alles, was war. Du darfst nervös sein, vor denen da oben im Amt brauchst du dich nicht zu schämen wegen deines Zitterns, die kennen Alkoholiker und die meisten deiner Kollegen schauen viel schlimmer aus als du.”
Freundlich wurden wir empfangen, es gab die üblichen Fragen: Waren sie schon einmal bei uns? Wollen sie wirklich mit dem Trinken aufhören? Meine Antworten waren kurz: „Nein, ich war noch nie hier, obwohl ich schon zehn Termine hatte. Ich habe es nicht geschafft. Und ja, ich war schon einmal in der Nervenklinik zur körperlichen Entgiftung. Nach acht Tagen wurde ich entlassen und kurz danach habe ich mehr getrunken als je zuvor. Das war vor fünf oder sechs Jahren Jahren. Jetzt möchte ich aufhören können. Ich weiß nur nicht wie. Vielleicht helfen Sie mir dabei.”
Ilse sprach über Details, vor allem über die eigentliche Therapie, denn diese sollte nahtlos an die klinische Entgiftung anschließen. Die Gefahr wäre zu groß, in einer Warteschleife wieder im Milieu zu versacken, meinte sie.
„Heute ist Freitag, da geht nichts mehr”, sagte Dr. Walch, „aber ab Montag kann ich Ihnen ein freies Bett in der Psychosomatik zusagen.”
Ich war einverstanden – Ilse nicht. Sie wollte die Gunst der Stunde nützen und mich sofort unterbringen. Sie sprach halblaut mit Dr. Walch, ihrem Bekannten. Ich verstand nicht alles, nur den Satz: „Es war für ihn schwer genug, heute diesen ersten Schritt zu tun, ersparen Sie ihm bitte, dies ein zweites Mal tun zu müssen.” Dr. Walch nickte und griff zum Telefon, rief die Klinik an, erreichte den Leiter nicht. Er wiegte den Kopf hin und her: „Ihr könnt es ja probieren, fahrt hin und versucht es vor Ort, ich gebe euch ein Empfehlung mit.”
Ilse war glücklich, ich war gar nichts, ich war leer.
Wir gingen zum Auto und fuhren in die Klinik. Ilse war stolz auf mich: „Das war klasse, wie du dich verhalten hast. Du wirst sehen, Ferdinand, alles wird gut.”
In meinem Kopf rumorte es. Ich war nur noch Passagier. Es ging um die sofortige Aufnahme zur Entgiftung in der Psychosomatik. Dass es nicht üblich ist, an einem Freitag Patienten aufzunehmen, hat uns Dr. Walch erklärt. Es macht einen Unterschied, in welcher Abteilung man landet. Eines wusste ich: Akut- und Suizidfälle werden grundsätzlich in der geschlossenen Beobachtungsstation behandelt und das wollte ich nicht. Auf gar keinen Fall lasse ich mich einsperren oder gar an ein Bett fixieren! Das war meine Bedingung, daran hielt ich mich fest. Es ging um meine Würde. Ilse wusste das und bemühte sich nach Kräften, den Oberarzt der Abteilung irgendwo in diesem weitläufigen Areal zu finden.
Ich saß auf einem unscheinbaren Klappsitz vor der Psychosomatik und rauchte eine Zigarette. Ilse hatte mich inständig gebeten durchzuhalten, sie wollte so schnell wie möglich zurück sein.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dagesessen und mit mir selbst gerungen habe. Ich rutschte unruhig hin und her und merkte – mein Dämon ist wieder da. Er wohnt an einem unbekannten Ort in meinem Kopf, war seit langem mein Verführer und stets zur Stelle, wenn ich abtrünnig zu werden drohte und im Begriff war, ihm die Gefolgschaft aufzukündigen. Ich hörte ihn nicht akustisch und doch kamen seine Impulse bei mir an. Ich kannte seine Strategie. Er beschimpfte mich, brüllte mich an:
„Was bist du nur für ein armer Wurm. Du sitzt hier und wartest bis man dich vollends erniedrigt. Lass dich doch nicht von christlichem Weibergewäsch verrückt machen, die Weißkittel bringen dich noch so weit, ihnen zu erzählen, dass du mit mir sprichst. Dann ist aber endgültig Schluss mit Lustig, du landest ganz sicher im Narrenhaus! Also hau ab, solange es noch geht, schau, dass du wieder in Stimmung kommst, ich helfe dir dabei, das haben wir zwei doch noch immer elegant hingekriegt, oder? Sei endlich wieder der Alte. Lass dich nicht unterkriegen. Steh auf, wenn du ein Mann bist!”
Ich stand tatsächlich auf, aber nur, um zu zeigen, dass ich bereit war, zu kämpfen. Nein und nochmal nein, heute gebe ich nicht nach, heute bleibe ich mir treu. Meine Ehre lässt es nicht zu, dass ich Ilse, die an mich glaubt und sich in diesem Moment für mich einsetzt, enttäusche. Nein, das tue ich nicht. Niemals!
Die gläserne Flügeltür ging auf und Ilse stand mit dem Oberarzt vor mir. „Alles klar, Ferdinand, du kannst bleiben”, sagte sie. Ich hatte ein mulmiges Gefühl und Watte im Hirn. Mir fehlte die Sicherheit, für mich war alles nur Obrigkeit. Ein Sich-fügen-Müssen, die totale Kapitulation. Kein Zurück. Mit zitternder Hand unterschrieb ich irgendein Formular und war formell aufgenommen. Täuschte ich mich oder sah ich Tränen in Ilses Augen? Sie verabschiedete sich schnell und versprach, mich am nächsten Tag zu besuchen und mir Zigaretten mitzubringen.
Nach einer kurzen Untersuchung durch den Oberarzt war die Diagnose klar – chronischer Alkoholismus. Erste Medikation waren Vitamin-B-Infusionen zur Vorbeugung gegen das Delirium tremens und den gefürchteten Entzugserscheinungen. Alle anderen Medikamente lehnte ich ab. Mir wurde ein Bett zugewiesen. Ich fühlte mich wie neu geboren in diesem Bett. Strahlend weiße Bettwäsche, sie duftete nach Frische und Reinheit. Wie wenn alles neu wäre. So, dachte ich, muss es im Paradies sein. Die Nacht war die ruhigste seit vielen Jahren.
Es war früher Morgen, ich lag hier und schwebte fast, fühlte mich erlöst. Sind das die Medikamente? Aber ich habe doch alle Tabletten abgelehnt, außer den Infusionen, die mussten sein. Der Arzt bestätigte das und war selbst überrascht über meinen guten Zustand. Nur die Blutwerte seien miserabel, aber die Leber wäre gutmütig, sagt er. Der große Untersuchungs-Check war erst am Montag möglich.
Ilse kam schon am Vormittag und brachte Zigaretten mit. Es war Samstag, kein Betrieb im Haus. Ich hing an der Infusion und konnte nicht aufstehen. Es wurde langweilig, ich wollte etwas tun. Aber was? Beim Betrachten der Bilder an der Wand des Zimmers kam mir eine Idee: Zeichnen - ich könnte spontan etwas zeichnen, das hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht. Papier bekam ich ohne Probleme, aber Bleistifte oder irgendwas in der Art war nicht aufzutreiben. Ilse kramte in ihrer Handtasche und fand nichts. Ich schielte in die Tiefen ihrer Tasche und entdeckte etwas Schwarzes mit goldig glänzender Hülse. Was ist denn das da, fragte ich.
„Ferdinand, das ist ein Augenbrauenstift.”
„Aha, darf ich?”, sagte ich, und drehte das edle Ding zwischen den Fingern. „Funktioniert ja bestens, wie ein fetter Kohlestift.” Sogleich begann ich mit meiner ersten Zeichnung seit der Schulzeit. Es waren nur Symbole, die ich malte: Ein Ziffernblatt einer Uhr, die Zeiger standen fünf Minuten vor zwölf, dazu ein Telefonhörer und ein Cabrio, das allerdings statt gelb, nur schwarz war. Es war naive Zeichnerei, aber es gefiel uns. „Damit lässt sich aufbauen”, meinte Ilse und schenkte mir ihren Augenbrauenstift.
Montag früh acht Uhr. Mein erster Termin in der Neurologie. Ein Gehirn-EEG soll erstellt werden. Mal sehen, ob ich noch richtig ticke. Danach folgte der Transfer ins Landes-Krankenhaus zu den üblichen Untersuchungen. Reihenuntersuchung, vier bis fünf Leute wurden mit dem hauseigenen Bus hierher gefahren. Der Chauffeur wartete, um uns wieder zurückbringen. Alle meine Kollegen waren fertig, nur bei mir dauerte es länger. Ich musste in die Röhre, in den Computer-Tomograph. Solange wollte der Fahrer nicht warten. „Kein Problem für mich, ich gehe zu Fuß zurück, das tut mir gut”, sagte ich.
Das Ergebnis ließ auf sich warten. Die Ärztin saß mir gegenüber und studierte meine Röntgenbilder und schüttelt den Kopf. „Hatten sie schon mal was auf der Lunge?”
„Nein.”
„Husten, starkes Schwitzen, Blut spucken?”
„Husten und Blut spucken: nein, starkes Schwitzen: ja, aber das führe ich auf meinen Alkoholismus zurück”, antwortete ich.
„Es gibt ein Problem, sie müssen nochmal in die Röhre. Ich sehe zwei große Schatten auf der Lunge, wir machen einen Immunabwehrtest.”
Jetzt war ich verunsichert: „Frau Doktor, mit 34 Jahren Krebs?”
Eiskalt kam die Antwort, offensichtlich mochte sie Alkoholiker nicht besonders: „Der Krebs schaut nicht aufs Alter. Es kann auch TBC sein, oder beides, die Kavernen in der Lunge lassen darauf schließen.”
Ach du liebe Scheiße. „Was soll ich jetzt tun?, fragte ich.
„Nichts, nur warten, der TBC-Test dauert 24 Stunden, dann wissen wir mehr. Auf Wiedersehen, ich muss jetzt in die Ambulanz.”
Ich ging aus dem Haus. Auf einer Sitzbank unter einem Kastanienbaum saß ich minutenlang und schnaufte erstmal durch, rauchte eine Zigarette und dachte nach. Plötzlich erschien es mir sinnlos, mit dem Trinken aufzuhören, wenn ich ohnehin am Krebs sterbe. Ich hatte nur noch Krebs im Kopf. Lungenkrebs. Soviel ich wusste, sterben die alle. Oder Tuberkulose, was war das denn? Die Wahl zwischen Pest und Cholera? Da sauf ich mich doch lieber zu Tode, dachte ich. Da gibt es wenigstens hin und wieder ein Vergnügen. Ich war gerademal am vierten Tag meiner Trockenheit angelangt. Ein altbekannter Denk-Mechanismus ergriff die Oberhand. Gleich über die Straße ist doch das Café-Aiglhof, da könnte ich den Druck, der sich in mir aufgebaut hat, doch mit einem Schluck abbauen. Diese mürrische Ärztin hat mir diesen spitzen Stempel auf den Oberarm gedrückt, diesen Immunabwehr Test. Ich betrachtete die kleine Wunde und überlegte. Vielleicht warte ich bis morgen. Jetzt fielen mir auch Ilse und alle anderen Menschen ein, die auf mich gesetzt hatten.
Langsam ging ich zurück in die Psychosomatische Klinik. Der Pfleger musste mich beobachtet haben, wie ich müde am Geländer zum Aufgang der Klinik eine Verschnaufpause einlegte. Er fragte mich in einem zynischen Ton, wo ich so lange war. Ich schaute ihn nur an und sage nichts.
„Das Schwein ist besoffen”, brüllt er.
Ich wollte an ihm vorbei gehen, doch er stoppte mich. Ich sagte nur: „Leck mich am Arsch! Und ging weiter.
„So ein Saukerl”, rief er und griff zum Telefon. Wahrscheinlich telefonierte er mit dem Oberarzt. Als der zu mir ins Zimmer kam, war ich darauf vorbereitet, dass man mich hinauswirft.
Der Doktor setzt sich an mein Bett, sah mir in die Augen und fragte, was los sei. Das war zu viel für mein ohnehin arg strapaziertes Nervenkostüm, ich konnte nicht mehr an mir halten. Ein Ausbruch aus Verzweiflung und Tränen schüttelt mich durch. Der Doktor nimmt mich mit in das Ärztezimmer und bittet mich zu erzählen. Man kann nicht reden, wenn man weint, aber man kann schreien, wenn man wütend ist - und das war ich.
Der Arzt setzt sich vor mich hin, schaute mich an und und sagte mit einer Überzeugung, der ich glauben konnte: „Ferdinand, was du heute geschafft hast, das war etwas ganz Großes, dass du es aus eigener Kraft zurück geschafft hast, ohne Alkohol, das ist eine große Leistung. Und glaube mir, wer sowas kann, der kann noch viel mehr. Du schaffst alles!”
Danach griff er zum Telefon und ließ sich mit dieser Ärztin im Krankenhaus verbinden. Wie er ihr jegliche Sensibilität gegenüber Patienten absprach und noch ein paar Fachbegriffe zu ihrer Information über Suchtkranke hinterher geworfen hat, war hörenswert. Anschließend drosch er den Hörer in die Gabel. Das hat gut getan.
Die Krebsuntersuchung war negativ, der TBC-Test leider nicht.


Gibt es ein schöneres Symbol für Erneuerung als das herrliche Zwitschern der Vögel am frühen Morgen in ländlicher Idylle? Dass ich meinen 34. Frühling in Mattsee, diesem beschaulichen Marktflecken im Trumer Seenland, erleben durfte, hatte einen besonderen Grund.
Ich gastierte schon wochenlang in der psychosomatischen Abteilung der Salzburger Landes Nervenklinik. Die körperliche Entgiftung war abgeschlossen, aber meine bereits beschlossene Langzeit-Therapie in der Schweiz verzögerte sich wegen meiner mittlerweile diagnostizierten Lungen Tuberkulose. Also wohin? Meine vormalige Unterkunft war lang gekündigt, ich sollte nahtlos zur Langzeitkur in die Nähe von Zürich. Probleme, nichts als Probleme! Ich war zwar trocken, aber beileibe nicht gefestigt. Wieder einmal traten Ilse und Mitarbeiter der Salzburger Telefonseelsorge in Aktion. Sie organisierten mir einen Interims-Job im frühlingshaften Mattsee.
Der örtliche Schuldirektor und Verkehrsvereinsobmann hatte tatkräftig mitgeholfen, dass ich mich wieder wie ein Mensch fühlte. Das Stift Mattsee und Vinzenz, der Pfarrer waren eingeweiht in meine prekäre Situation. Es gab keine Moralpredigten von wegen Alkohol und auch keinen erhobenen Zeigefinger.
Ich fragte mich, wie ich den Leuten am besten meinen Dank erweisen und gleichzeitig mir selber helfen könnte. Die Antwort lag auf der Hand: mit ehrlicher Arbeit, meinen Kenntnissen im Bauhandwerk und meiner Liebe zur Natur im Allgemeinen.
In dieser Zeit wurde unten am See in der Weyer-Bucht eine Freizeit-Anlage errichtet. Außerdem wurde das Pfarrzentrum baulich umgestaltet. Wie überall flossen auch in dieser Gemeinde die Finanzen nicht üppig, also kam mein Einsatz für wenig Geld gerade zur rechten Zeit. Die tiefe Freude, endlich etwas Vernünftiges leisten zu dürfen, gab mir ungeahnten Auftrieb. Bald flogen die Grasbüschel nur so durch die Gegend. Ich planierte Wege, betonierte Fundamente für die Sitzbänke, half bei der Errichtung eines Tennisplatzes. Auch die neue Minigolf-Anlage blieb von meiner Schaffensfreude nicht verschont.
Es gab noch andere Mitarbeiter, meistens junge Bauernsöhne aus der näheren Umgebung, die für die Gemeinde und der Pfarre ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Sie wussten nichts von meinem sozialen Hintergrund, aber sie ahnten etwas, ohne es benennen zu können. Felix war einer dieser Burschen, er meinte, ich arbeite wie ein Losgelassener oder so ähnlich. Er hatte recht, genauso fühlte ich mich.
Am Abend vor dem 1. Mai lud mich Pfarrer Vinzenz zu sich in das Pfarrhaus zum Essen ein, das war schon eine große Ehre. So was gibts ja gar nicht, dachte ich. Ich, der Gestrandete, der von vielen nicht ernst genommene Alkoholiker soll mit dem geistlichen Rat des Ortes an einem Tisch speisen? Unglaublich!
Ich betrat das kühle Vorhaus im altehrwürdigen Pfarrhof zu Mattsee und war sofort von einer himmlischen Duftwolke umhüllt. Der unverkennbar kräftige Duft warmen Käses. Fantastisch!
Es schien, als habe Pfarrer Vinzenz meine launige Antwort auf die Frage meiner Leibspeise ernst genommen. Offensichtlich hat er meine Präferenz für Kasnockn an seine Köchin weitergegeben. Dieses Abendessen wurde also mir zuliebe zubereitet. Ich befand mich in einem Pfarrhaus, also war der Himmel ganz nah, zumindest der kulinarische. Pfarrersköchinnen sind sowieso genial. Sie zaubern aus einfachen Rezepten ein Festmahl. Ihr Name war Monika, sie sah genauso aus, wie eine Köchin in meiner Vorstellung auszusehen hat, nämlich üppig in ihrer Rundlichkeit. Monika tischte dem hochwürdigen Herrn Pfarrer und meiner Wenigkeit die besten Kasnockn aller Zeiten auf.
„Was um Himmels willen, haben Sie denn da alles hineingezaubert?“, war meine Frage. Bescheiden lächelnd sagte sie: „Es ist eigentlich ein Resteessen, drei verschiedene Käsesorten und die besten meiner Kräuter.“
Was für ein Genuss! Was die Kässpätzle für die Schwaben sind, sind die Kasnockn für die Tiroler, die Pinzgauer und mich.
Wir saßen noch lange beisammen und redeten nicht nur über das Essen. Es war eines jener Tisch-Gespräche, das ich niemals vergessen werde. Was der Sinn des Lebens sei, fragte ich Pfarrer Vinzenz. Ich erwartete von einem geistlichen Herrn die Antwort: „Gott zu huldigen.” Oder etwas Ähnliches. Pfarrer Vinzenz aber sagte: „Ich denke, der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.“
Ich wusste nicht, ob das ein Bibelzitat war oder ob es aus seinem Geistesgut stammte. Jedenfalls war das ein Satz, den ich mir merken wollte.
Der folgende Tag war also der 1. Mai. An diesem Feiertag wurde nicht gearbeitet. Es regnete in Strömen und ich wollte in meinem kurzzeitig angemieteten Gästezimmer nicht den ganzen Tag im stillen Kämmerlein sitzen. Meine Wirtin hatte mir dankenswerterweise die Wäsche gewaschen und so konnte ich frisch geschnäuzt und gekämmt den Feiertag begehen.
Die Dorfmusik spielte, die Feuerwehr und die üblichen Verdächtigen marschierten ins Zentrum. Nach ein paar kurzen Ansprachen wurde der geplante Maitanz wegen des Regens abgesagt und die meisten Leute marschierten zum Frühschoppen in den Bräugasthof. Das war mir zu gefährlich, ich zog das Café vor.
Es war ein Erlebnis, darüber kann ich heute noch schmunzeln. Das kam so:
In meiner Trinkerzeit konnte ich ums Verrecken keine Süßspeisen essen, mir wurde schlecht davon. Jetzt aber, nach mittlerweile mehrwöchiger Trockenheit, bekam ich richtig Gusto auf etwas Süßes. Die Spezialität der Cafékonditorei war ein Erdbeerkuchen oder Torte, so genau kannte ich den Unterschied nicht.
Ich kam mir richtiggehend tapfer vor, als ich diese cremige Süßigkeit mit dazugehörigem Kaffee bestellte. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ich früher vornehmlich Bier trank und mir, wenn es hochkam, mal ein Gulasch gönnte. Trinken ist wichtiger als Essen, das war damals meine Devise.
Ich war begeistert, denn ich konnte diesen supersüßen Erdbeerkuchen bei mir behalten – und nicht nur das – auf den Geschmack gekommen, bestellte ich gleich noch mal dasselbe. Es war herrlich! Ich fühlte mich wieder als Mitglied der Gesellschaft. Keiner sah mir an, was ich für eine Schnapsdrossel war. Ein wirklich erhebendes Gefühl, eben ein richtiger Feiertag. Ich konnte gar nicht genug kriegen von der süßen Verführung, aber ich traute mich nicht, eine dritte Portion zu bestellen. So weit ging mein wieder erlangtes Selbstwertgefühl nicht. Also, was tun?
Die Lösung war simpel, ich stand auf und drehte eine Dorfrunde. Dass es regnete, war mir egal, mir ging es glänzend. Einmal um die Stiftskirche und den Friedhof und schon war ich wieder in meiner Konditorei. Ich setzte mich an einen Tisch weiter hinten im Lokal, da bediente mich eine andere Serviererin. Und aufs Neue: „Bitte eine Erdbeertorte.“ Und gleich noch eine. Es klingt verrückt, aber es war genau so, ich war der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Ein ganz normaler Bürger, vielleicht einer, der gerne Erdbeertorte ist, na und?

Die Idee war von Ilse.
Mit einem listigen Augenzwinkern gab sie mir zu verstehen, dass sich eine Änderung bei meiner morgen anstehenden Reise in die Abstinenz ergeben hat. An meinem „new spirit of life“, wie sie es nannte, sollte das nichts ändern.
Als gerade sechs Wochen trockener Alkoholiker fiel es mir immer noch schwer, mich einfach fallen zu lassen und helfenden Händen zu vertrauen. Das Gebot der Stunde hieß: Hilfe von außen annehmen und gleichzeitig zu begreifen, dass dies nicht zwangsläufig zum Verlust der Selbstbestimmung führt. Sich immer wieder selbst zu hinterfragen, war aber eine Herausforderung. Oft genug habe ich während des Entzugs in der Klinik den Satz hören müssen: Abhängigkeit ist eine Krankheit. Das Fatale am Wesen dieser Krankheit ist, dass sie dir sagt, dass du sie nicht hast.
Ilse freute sich: „Ich habe für dich ausgehandelt, dass du mit Olga Swoboda, der langjährigen Sozialarbeiterin des Sozialmedizinischen Dienstes im Privatauto mitfahren darfst. Sie zieht ihren fälligen Quartal-Besuch in der Heilstätte um eine Woche vor. Ist das nicht toll?”
Ich war auf den Normalfall eingestellt, indem die Patienten in eigener Verantwortung mit der Bahn in die jeweilige, vom Amt genehmigte Heilstätte fahren. In meinem Fall war das der Effingerhort in Holderbank, Bahnstation Wildegg im Kanton Aargau in der Schweiz. Eine Tagesreise.
„Toll?“, sagte ich mit skeptischem Blick. Eine weitere Entgegnung schluckte ich hinunter, es wären Worte wie übergriffig und Bevormundung gefallen. Andererseits musste ich zugeben, dass mich Ilse gut genug kannte, um zu befürchten, dass mich möglicherweise auf halber Strecke der Mut verlassen, ich mich anders entscheiden und den Zug noch vor dem Ziel verlassen würde.
Also fand ich mich, der Vernunft folgend, am nächsten Tag im roten Golf, der als resolut bekannten Olga Swoboda, wieder. Sie war nicht allein gekommen. Am Beifahrersitz saß eine junge Frau, die mir lächelnd die Hand entgegenstreckte und sagte: „Ich bin Sophie Klingspiegl, Olgas Nachfolgerin im Amt. Sie geht ja demnächst in Pension, wie sie sicher wissen.“
Nein, wusste ich nicht.
Olga klärte mich auf, erzählte in kurzen Sätzen, dass sie meiner „Überführung in die Schweiz” auch deshalb zugestimmt hatte, weil sie das Nützliche mit dem Praktischen verbinden konnte. Auf diese Weise konnten die beiden Damen die Reise in den Effingerhort für Gespräche mit dem Salzburger Patienten-Kontingent in diesem Schweizer Haus nutzen. Der Effingerhort war keine Klinik, sondern ein großer Gutshof mit weitreichenden Feldern und Waldbestand. Laut Prospekt versuchte man unabhängig zu sein, Selbstversorgung war ein Ziel. Das Konzept klang plausibel und wurde durch Patienten mittels Arbeitstherapie in geschützter Umgebung möglich gemacht. Träger der bereits 70 Jahre alten Institution war die Julie-von-Effinger-Stiftung. Das gefiel mir. Sich über seiner Hände Arbeit zu definieren, schien ein gangbarer, wenn auch weiter Weg aus der Sucht zu sein. Ein ganzes Jahr hatte ich Zeit dazu. Dreihundertfünfundsechzig Tage.
Noch bevor wir den geplanten Aufenthalt zum Mittagessen in Landeck erreichten, setzte Regen ein. Frau Olga fluchte, weil die Innenscheiben anliefen und sie das Antibeschlagtuch nicht fand. Die Luft im Auto war feucht und dunstig geworden. Selten zuvor hatte ich mich so nach einer Zigarettenpause gesehnt wie in diesem Moment. Kaum war der Golf am Parkplatz einer Raststätte zum Stehen gekommen, sprang ich aus dem Auto und hielt den Damen die Tür auf. Während sie umständlich ihre Regenschirme aufspannten und wie verschreckte Hühner zum Eingang des Restaurants hüpften, zündete ich mir genüsslich eine Zigarette an.
„So kommen Sie doch, Herr Ferdinand“, riefen sie mir zu, „sie werden sich noch den Tod holen bei dem Sauwetter!”
Zu einem früheren Zeitpunkt und zu anderer Begleitung hätte ich mit Sicherheit die Antwort parat gehabt: „Ach was, wegen der paar Tropfen Regen … ein klarer Schnaps drauf und alles ist gut!” Jetzt aber sagte ich: „Gehen Sie nur voraus, ich komme gleich nach.“
Frau Olga fühlte sich verantwortlich. Sie wollte mich nicht allein lassen und gesellte sich zu mir, während ich rauchte. Sie traute meiner Standhaftigkeit in Sachen Abstinenz nicht. Ich war sauer und sagte: „Schade, ich dachte, Sie vertrauen mir.“
„Ich kenne meine Pappenheimer“, sagte sie.
„Wollen Sie, dass ich mich als Delinquent fühle?“
Sie habe schon ganz andere Dinge mit Alkoholikern erlebt, meinte sie. Erst als ich ihr versicherte, dass ich nicht irgendein Alkoholiker sei, sondern der Ferdinand, der als freier Mann ohne Zwang diese Reise angetreten hat, bemerkte ich ein leichtes Zucken um ihre Mundwinkel. Eine Mimik, die ich nicht einordnen konnte. War das ein Lächeln? Wenn ja, dann war es nur der Mund, der lächelte, die Augen blieben kalt. Ein Berufslächeln.
Auf einmal waren mir die beiden Frauen egal. Meine innere Stimme meldete sich:
„Es geht um dich. Du bist dir selbst am nächsten, du bist seit sechs Wochen trocken, so lange wie nie zuvor, seit du vom Weg abgekommen bist. Das ist doch was, oder?”
Am liebsten hätte ich laut „Ja” gesagt, aber ich blieb still. Innerlich zog ich Bilanz. Zwanzig Jahre! So lange brauchte es, bis ich ein Verhältnis zu mir selbst bekam. Die letzten Monate des Suffs hatten mir schwer zugesetzt. Dass es wirklich die berühmten fünf Minuten vor zwölf waren, konnte man an meinen Blutwerten ablesen. Auch die Not, die mit der Diagnose: Lungen-Tuberkulose fast unüberbrückbar schien, war zumindest bis zur nächsten Kontrolle gelöst. Trotzdem überfiel mich eine leichte Traurigkeit.
Beim Mittagessen hatte ich der Einfachheit halber und aus Gewohnheit ein Gulasch bestellt – natürlich ohne Bier. Plötzlich kam mir die ganze Tragweite meiner Situation in den Kopf. Nicht nur heute – nein, für immer – Gulasch ohne Bier. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Nach dem Essen räusperte sich Sophie Klingspiegl: „Sie sehen betrübt aus, Herr Ferdinand.”
„Schon okay“, sagte ich. Das Gefühl, mit den Damen vom Amt nicht klarzukommen, nicht richtig ernst genommen zu werden, nur ein labiler Alkoholiker zu sein, drückte auf mein Gemüt. Ich wiegelte ab: „Es ist nichts. Kein Problem.“
Ich wollte keine Diskussion über meine Gemütslage führen. Wie hätte ich meine wilden Fantasien erklären können, die mich umtrieben. Dieses 'nicht wissen, was kommt', führte zu Gedankenspielen, die ich unmöglich preisgeben konnte. Wenn die Frauen geahnt hätten, dass ich von einem Unfall träumte, … nein, nichts Großes, … vielleicht ein Blechschaden, … ein gebrochenes Bein. Etwas in der Art, gerade so viel, dass wir umkehren müssten … Über den Blödsinn in meinem Kopf, musste ich lachen. Verwundert warfen mir die Damen einen skeptischen Blick zu, sie wurden nicht schlau aus meinem Verhalten. Ich dagegen schon – ich hatte mich gerade dabei ertappt, wieder einmal vor einem Problem davonlaufen zu wollen. Und das – wie ich aus alter Erfahrung wusste – in einem Besäufnis enden würde.
An der Schweizer Grenze wurden wir freundlich durchgewinkt. Wir legten an einer Tankstelle hinter dem Zollgebäude einen Zwischenstopp ein. Die Damen verschwanden in den Toiletten. Ich vertrat mir die Füße bei einem kleinen Rundgang und einer genussvoll gerauchten Zigarette. Hinter mir flutete der noch nicht zum Strom gewordene Rhein dem Bodensee zu. Vor mir lagen sattgrüne Matten, die schon die Appenzeller Alpen ankündeten. Am Schaufenster eines Supermarktes stand geschrieben: „Frische Güggeli!” Das war mein erstes Schweizer Wort, das ich lernte. Meine geliebten steirischen Hendl wurden zu: Schwyzer Güggeli.
Wir waren zwei Stunden durch die Ostschweiz gefahren. Unser Ziel lag vierzig Kilometer südwestlich von Zürich. Frau Olga bat mich nachzusehen, welche Ausfahrt wir nehmen mussten.
„Ich hab’s: In Lenzburg müssen wir abfahren, dann sind es noch sechs Kilometer bis Holderbank.” Ich blätterte in dem vergilbten Haus-Prospekt. Vor 70 Jahren gründete Julia von Effinger die gleichnamige Stiftung, lese ich. Seit damals heißt das landwirtschaftliche Anwesen auf dem Kernenberg (Chärneberg) in Holderbank: Effingerhort-Heilstätte für alkoholkranke Männer.
Eine schmale, steile Asphaltstraße führte zum Effingerhort hinauf. Wir parkierten unter einem Kastanienbaum vor dem Haupthaus, dessen dunkelgrüne Fensterläden etwas Heimeliges ausstrahlten. Auch Werkstätten, Ställe und jede Menge Tiere gehörten zu dem Anwesen auf dem Chärneberg, das sich einer prächtigen Aussicht mit Blick auf die Aare und das AKW Gösgen rühmte.
Wir waren angekommen und wurden von einem Pärchen erwartet. Da standen zwei Menschen unter der Eingangstür, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten. Sie in Gestalt einer zarten, jungen Frau mit Sommersprossen, deren rote Locken in der Sonne leuchteten – er als ein fünfzigjähriger Riese mit stattlichem Bauchansatz. Der Mann zog freundlich lachend seinen Filzhut zur Begrüßung und zeigte so seine spiegelnde Glatze, die ein silbergrauer Haarkranz säumte. Die ganze Figur schien dauernd in Bewegung zu sein. Ich hätte in ihm eher einen Metzgermeister gesehen als das, was er war, nämlich Leiter dieses Hauses.
„Willkommen am Chärneberg“, sagte er freundlich. „Ich darf Ihnen Frau Hildegard Maier vorstellen, meine Assistentin. Ich bin Guido Toggenburg, ich leite dieses Haus.”
Ich wusste von Frau Olga, dass Herr Toggenburg ein einstmals katholischer Pfarrer war. „Ein herzensguter Mann”, sagte sie, „trotzdem, oder gerade deswegen ist er mit der Kirche über Kreuz geraten. Er hat geheiratet und eine Familie gegründet. Seither widmet er sich mit ganzer Kraft den Alkoholikern.
Die Formalitäten der Anmeldung erledigte Olga Swoboda und Sophie Klingspiegl für mich. Die Mappe mit den ärztlichen Befunden und dem Bescheid des Kostenträgers lag auf dem Schreibtisch im zentralen Büro. Leiter und Assistentin waren sich einig, dass das obligate Erstgespräch mit mir und dem Team morgen stattfinden soll. Sie blätterten in meinen Unterlagen. Hildegard blickte kurz auf und fragte: Nehmen sie aktuell Medikamente?”
„Nein. Nicht mehr.”
„Gut. Na dann …“ Sie stand auf, blickte an mir vorbei und sprach Schwyzerdütsch: „Hoi Hanspeter, das ist der Ferdinand aus Salzburg, unser neuer Mitbewohner.”
Wie aus dem Nichts kommend, stand ein junger, asiatisch aussehender Wuschelkopf neben mir, legte eine Hand auf meine Schulter und sagte: „Kommen Sie, Herr Ferdinand, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.”
Zunächst erschrak ich, wich einen Schritt zur Seite und sah ihm in die Augen - und beruhigte mich sogleich. Ich weiß nicht mehr was es war, dass mir diesen Menschen sofort sympathisch machte.
Als könne er Gedankenlesen, sagte er: „Ich bin Hanspeter, dein persönlicher Betreuer. Ich bin zwar der Jüngere, aber wenn du magst, biete ich dir das DU an. Es macht vieles einfacher.”
„Klingt gut, Hanspeter, natürlich mag ich. Was ist dein Job hier?”
„Ich bin Ergotherapeut. Und du? Was machst du, wenn du nicht gerade im Effingerhort eine Auszeit nimmst?“
„Gelernt habe ich Hafner und Fliesenleger. Mein Traum war einmal die Selbstständigkeit als Meister. Leider ist alles gescheitert. Zur Facharbeiterprüfung bin ich erst gar nicht angetreten. Das war meine erste große Niederlage, die mir der Suff beschert hat. Allerdings habe ich das damals nicht so gesehen. Für mich und meine Arbeitgeber zählte nur die praktische Leistung – und die war lange Zeit erstklassig. Ich habe viel Geld verdient – und noch mehr versoffen. Die letzten Jahre haben an der Substanz genagt. Ich war nur noch ein zittriges Bündel Mensch. Als ich mich vor dem eigenen Schatten zu fürchten begann, geschah das Wunder. Ich hatte meinen Tiefpunkt erreicht und Gott sei Dank auch erkannt: Entweder verreckst du – oder du gibst endlich zu, dass du es alleine nicht schaffst … Es hat lange gedauert, aber von da an wurde mir klar: Hopp oder tropp!”
„Und wie gehts dir jetzt?”
„Tja, jetzt bin ich hier. Vom Alkohol entgiftet, die Leberwerte sinken, die Tbc zumindest momentan im Griff. Und hurra, seit genau 43 Tagen staubtrocken. Ich fühle mich körperlich gut wie lange nicht mehr.”
In Hanspeters dunklen Augen konnte ich ehrliche Freude sehen. „Das ist ein Superstart, Ferdinand! Ich und das ganze Team vom Effingerhort stellen dir das Rüstzeug zur Verfügung. Quasi die Startbahn ins neue Leben – fliegen musst du selber. Ich bin gerne dein Co-Pilot. Uf goht’s – Take off!“

„Früher Sonnenstrahl über dem Chärneberg – das ist die Stunde seiner Verzauberung.“
Das waren die ersten Worte, die Karlheinz Frost, mein Zimmernachbar, in gestochenem Hochdeutsch zu mir im Waschraum sagte. Das ließ mich vermuten, dass er aus deutschen Landen kam.
„Kleiner Poet, was?“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
„Ist meiner Herkunft geschuldet – Weimar, falls dir das ein Begriff ist“, antwortete er kurz und langte im selben Moment in meinen Kulturbeutel, zog mein Pitralon Rasierwasser heraus und sagte: „Darf ich?“ Hinter ihm stand Luis Springer, mein Kollege von Zimmer 19. Er warnte mich, indem er heftig den Kopf schüttelte. Was will der Kerl? Ich riss ihm das Rasierwasser aus der Hand und verließ wütend den Waschraum. Luis Sprenger klärte mich draußen am Gang auf. „Ein harmloser Narr, aber er ist scharf auf den Alkohol im Rasierwasser. Pitralon mag er besonders gern. Wir Kollegen auf der Etage wissen das und sperren das Zeug weg. So ersparen wir dem Karlheinz die Psychiatrie.”
Die Küchenglocke bimmelte. Hanspeter, mein Betreuer von gestern, steckte seinen Wuschelkopf durch den Türspalt und sagte: „Zeit zum Frühstücken, ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich habe einen Bärenhunger.”
Ich sagte: „Guten Morgen” warf meine Jacke über die Schulter und folgte ihm zum Speisesaal. Ich nahm am Österreicher-Tisch Platz, wo schon Springer Luis, Bruno Prohaska, Wipplinger Sepp und Zoglmair Poldi auf mich warteten. Es wurde über einen Spaziergang diskutiert. Ob ich denn mitkommen wolle, fragten sie. Ich lehnte ab, denn auf mich wartete das obligate Erstgespräch mit der Teamführung. Im Anschluss daran wollte Hanspeter mit mir und Melanie, der Praktikantin aus Innsbruck, eine Führung durch den Effingerhort machen.
Ich musste mich dem Erstgespräch stellen. Sechs Männer, einschließlich Stiftungsrat, starrten mich erwartungsvoll an. Einer fragte, warum ich hier sei. Mein alter Trotz gegen Obrigkeit schlug durch. Ich tat ihm den Gefallen nicht und überhörte die Frage. Das war doch geklärt, dachte ich, sie haben meinen Akt vor sich liegen. Wollten die von mir weinerliche Sündenbekenntnisse? Die bittere Vergangenheit herunterleiern, die nur zu Selbstmitleid führt? Will man, dass ich mich selbst erniedrige? Wird erwartet, dass ich demütig und dankbar dieses Haus würdige, obwohl ich erst einen Tag hier bin?
Also begann ich mit dem Status quo: „Ich bin Alkoholiker und bleibe es. Hier, quasi auf dem Trockendock, will ich die Chance nützen, trocken zu bleiben. Ich will mehr, will nüchtern werden. Darum bin ich hier. Ich weiß, dass ich mir selbst helfen muss. Mit dem Angebot des Effingerhort, der Hilfe zur Selbsthilfe, hoffe ich, es zu schaffen. In puncto Arbeitstherapie habe ich mich für die Gruppe Bau & Malerei entschieden. Ich freue mich auf die Arbeit.”
Guido Toggenburg, der Leiter des Hauses, beendete die Sitzung: „Schönes Wochenende euch allen und danke für eure Worte.“
Ich grinste, denn genau genommen hatte nur ich geredet.
Das unangenehme Erstgespräch, das eigentlich der Vorstellung aller Beteiligten – Therapeuten, Patient und der Hausordnung dienen sollte, war ungeplant zu einem Fast-Monolog meinerseits ausgeartet. Als ich die Runde verließ, gab ich innerlich zu, dass meine Worte eigentlich an mich selbst gerichtet waren. Ich wollte und musste mich selbst motivieren, weil ich mich allzu gut kannte. Davonlaufen war immer eine Option.
Nichtsdestotrotz blieben ein paar Punkte aus der vom Leiter zitierten Hausordnung hängen: Die ersten vier Wochen kein alleiniger Ausgang, Rauchverbot in den Zimmern, Essenszeiten obligat und kontrollierter Zapfenstreich. Das Positive: Arbeitstherapie zwar unbezahlt, aber monatlich neunzig Franken Taschengeld. Nach sechs Monaten rückfallfreier Zeit besteht die Möglichkeit, sich in der Umgebung einen Job zu suchen. Der Lohn kommt auf ein Konto und dient als Startgeld nach der Kur. Das hörte sich nach einem erreichbaren Ziel an.
Seit meinem Klinikaufenthalt in Salzburg war mein Kopf immer klarer geworden. Mit Freude stellte ich fest, dass meine vitale Konstitution voll zurück war. Immer mehr spürte ich, dass die Lust am Lernen zurückkam. Vielleicht war es auch dieser Rückzugsort inmitten der Natur, der meine zerstört geglaubten Gehirnzellen ankurbelte. Plötzlich sah ich die Natur mit anderen Augen, viel intensiver. Früher sah ich den Wald - jetzt waren es Bäume, Blüten, Zweige. Ob das mit den grauen oder weißen Gehirnzellen zu tun hatte, weiß ich nicht genau. In diesem Moment genügte mir, dass ich zwischen Gefühl und Verstand wechseln konnte.
Es war noch immer Sonntag. Alles kehrte wieder; der Frühling hielt Einzug mit all seinen Blumen, seinem Grün und seinen Düften. Mein neues Leben begann auch mit neuem Sehen.
Die weiß getünchten Außenmauern des Haupthauses verbreiteten ein Ambiente des Friedens, genau wie die beiden turmartigen Erker, die das Haus links und rechts begrenzten. Die aufsteigende Sonne zauberte ein Glitzern in den Morgentau. Die Wiesen auf der Schattenseite leuchteten in beinahe unwirklichem Grün. im Garten lehnten sich pralle Pfingstrosen über den Zaun, eine Buchenhecke stand im satten Maigrün und links und rechts des Eingangs wucherte eine gelbe Kletterrose. Was für ein Tag!
Und doch war die Luft voller Ahnungen, schien das Idyll mir trügerisch. Womit hatte ich das verdient? War ich zu sehr Romantiker? Sollte ich nicht auf Verstand umschalten? Irgendwelche Weltformeln aus mir heraus quellen lassen, die mir helfen würden, irgendwann mit dem Leben, das dunkel hinter mir lag, fertig zu werden?
So sehr ich auch rätselte, ich konnte nicht sagen, ob die Ahnungen mich aus der Vergangenheit heraus berührten oder ob es eine auf die Zukunft gerichtete abstrakte Furcht vor dem neuen Leben war.
„Ach was”, sagte ich zu mir, „es kommt sowieso wie es kommt. Morgen ist mein erster Arbeitstag. Zoglmair Poldi und ich beginnen mit der Renovierung der alten Hausbäckerei.“
Vor dem Einschlafen hatte ich einen Satz Charles Bukowskis in mein Tagebuch notiert:
„Ich wundere mich, wie mühelos vielen ihr Leben misslingt.”
Dieser Satz gefiel mir. Ich fühlte mich angesprochen und festigte zugleich meinen Vorsatz: „Das Dahintrödeln muss ebenso aufhören wie das Suchen nach Schuldigen. Ich werde lernen, das Wichtige vom Idiotischen zu trennen. Mein neues Rauschmittel heißt: Leben - mit einer Brise Verrücktheit, viel Heiterkeit und Tiefe.

Mein erster Arbeitstag begann in der Malerwerkstatt. Poldi Zoglmair, mein Kollege, war gelernter Maler- und Anstreicher und noch bis Ende des Monats verantwortlich für die Werkstatt. Danach sollte ich diese Arbeiten übernehmen. Unser erster gemeinsamer Einsatz galt der alten Bäckerei im Keller des Haupthauses. Die Backstube war seit Jahren außer Betrieb und zur Abstellkammer verkommen. Guido Toggenburg, unser Chef, hatte eine Idee. Ihm schwebte vor, die rustikale Stube zu neuem Leben zu erwecken.
Nach langem Suchen hatte er einen Bäcker gefunden – Kunibert. Er hatte sein Leben lang die Pfisterei eines Klosters geleitet und war nach dessen Schließung pensioniert worden. Bruder Kunibert erklärte sich freudig bereit, einmal wöchentlich den alten Ofen im Kellergewölbe anzuheizen und für Personal und Patienten köstliches Holzofenbrot zu backen. Einzige Bedingung: Bruder Kunibert brauchte einen Helfer, der ihm zur Hand ging. Dieser Handlanger sollte ich werden, weil ich Kenntnisse im Ofenbau hatte. In Zukunft würde ich also dafür sorgen, dass im Ofenloch das Feuer knistert und Bruder Kunibert für uns alle köstliches Krustenbrot backen kann.
Aber noch war es nicht so weit. Zunächst mussten Poldi Zoglmair und ich die Backstube ausräumen. Auf den Querstangen zwischen den Gewölbebögen lagen bündelweise Brotläden, Ofenschieber zum Einschießen und massenweise Brotkörbchen verschiedener Größen und Formen.
„Jedenfalls brauchen wir besseres Licht”, sagte er und deutete auf das seltsam ockerfarbene Licht, das aus einer windschiefen Lampe fiel. Die Fenster staubig, die Wände vergilbt und rauchig, in den Ecken dunkelbraun. Auf dem in Jahrzehnten abgetretenen Klinkerboden klackten lose Platten, als wollten sie Geschichten von früher erzählen. Alles, wirklich alles hier wirkte alt und schäbig, selbst Poldis schwarzer Vollbart war plötzlich grau.
Wir kamen gut voran. Ich war froh, endlich etwas leisten zu dürfen. Doch Poldi stoppte mich. „Mach nicht so schnell, wir haben hier keinen Leistungsdruck”, sagte er. „Gott sei Dank.” Poldi lachte. Ich muss wohl ziemlich dumm geschaut haben. „Mach mal eine Pause, Ferdinand. Ich muss in die Werkstatt, um Farbe anzurichten.”
„Ist o. k.”, sagte ich und begann mich weiter hinten im Keller umzusehen. Das Kellergewölbe war weit verzweigt. Überall gab es Nischen und geheimnisvolle Türen. Der Hauptkellergang mündete in ein, mit rotgebrannten Ziegeln rundgemauertes Gewölbe. Eine halbkugelförmige Lampe hing lose von der Kellerdecke. Ihr spärliches Licht bildete eine kreisrunde Fläche auf den Pflastersteinen. Daneben fristete ein feuerfester Blechschrank, wie man ihn für Akten verwendet, sein Dasein. Die Schranktür hatte zwar ein modernes Sicherheitsschloss, war aber nicht verssperrt. Ein angerosteter Schlüssel steckte im Schloss.
Es roch muffig. Die Luft im Keller schmeckte abgestanden und verbraucht. Der Staub der Jahre lag überall und wurde jetzt von mir aufgewirbelt. In meinem Mund hatte sich der pelzige Geschmack festgesetzt. Der Staub schmeckte bitter. Ich hatte den Eindruck, in einer schlafenden Welt zu stehen, die jederzeit erwachen konnte. Eine gewisse Spannung begleitete mich auf Schritt und Tritt. Nicht nur Staub sah ich auf den Gegenständen, es hingen auch Spinnweben so weit nach unten, dass sie mein Gesicht streiften. Das war eine regelrechte Filmkulisse ohne Menschen.
Hinter dem gelben Licht lag der Rest des Kellers im Halbdunkel. Schemenhaft erkannte ich eine hölzerne Truhe, die quer über dem Gang stand. Ein altbekannter, kindlicher Schatzsucherreflex ließ mich vorsichtig den Deckel heben und sogleich wieder zuklappen. Weiße Dellen im braunen Blechgeschirr starrten mich wie tote Augen an. Mein Interesse am alten Plunder schwand, obwohl es da viel zu erkunden gab. Mein Augenmerk galt nur noch dem Aktenschrank.
Schritt für Schritt tastete ich mich zurück zum Ausgangspunkt meines Interesses. Nachdem ich die klemmende Schranktür mit einem Ruck geöffnet hatte, fielen mir sogleich zwei, drei Kartons, gefüllt mit Ordnern, Mappen und Schnellheftern vor die Füße. Ein Blick auf die Umschläge sagte mir, es sind Dossiers über Patienten vergangener Jahre. Hinter jedem Aktendeckel stand eine Personalie. Jeder Satz beschrieb ein Individuum, das irgendwann am Alkohol gescheitert war, so wie ich. Jedes Zeichen, jede Ziffer wurde ein Abbild meines eigenen Selbst. Während ich in den Dossiers von wildfremden Menschen blätterte, überkam mich Scham. Es fühlte sich nicht richtig an, auch wenn die Akten bis zu vierzig Jahre alt waren. Ich wusste nicht, ob diese Männer, deren Daten und Krankengeschichten absolut vertraulich waren, überhaupt noch am Leben waren.
'Enterisch', sagte man früher, wenn etwas unheimlich war. Jetzt war es wieder so. Die alten Akten-Alkis flüsterten mir etwas zu. Es schien, als wollten sie aus dem Schrank kriechen und mir ihre Geschichte erzählen, die tief begraben in den Ordnern lag. Ich verfiel in eine stille Konzentration, wo Objekt und Subjekt verschmolzen.
Dann plötzlich dumpfer Lärm, von der anderen Seite des Kellers. Jemand stieg die Treppe herunter, kam unaufhörlich näher und fiel laut fluchend über unser Baustellenkabel vor der Backstube. Zweimaliges Klicken eines Feuerzeugs – dann ein flackernder Schein in ein bärtiges Gesicht. Poldi Zoglmair, mein Kollege war zurückgekommen. Und in seinem Schlepptau ein unbekannter Mann. Ich schloss die Schranktür mit dem Entschluss, diese bald wieder zu öffnen. „Ferdinand“, rief Poldi ungeduldig, „Bruder Kunibert will mit dir den Backofen besichtigen!“
Die Welt war für mich ein paar Momente still gestanden. Das unsanft unterbrochene Aktenstudium über Alkoholiker früherer Zeiten ließ mich innerlich zerrissen zurück. Dennoch nahm ich mir vor, später zum Aktenschrank zurückzugehen um die eine oder andere Akte in mein Zimmer zum ungestörten Studium mitzunehmen.
Äußerlich war mir nichts anzumerken, als ich die Backstube betrat. Poldi war gerade dabei, einem untersetzten älteren Mann den Holzbackofen zu zeigen. Ich war vom Aussehen dieses Mannes enttäuscht – hatte ich doch einen Klosterbruder erwartet. Das soll Bruder Kunibert sein, fragte ich mich. Vor mir stand ein Mann in kurzer Hose und kurzärmeligen kariertem Hemd. Das soll ein Klosterbruder sein? Wo ist die Kutte? Irgendwie enttäuscht, stellte ich mich vor: „Ich bin der Ferdinand und soll beim Backen und Aufheizen des Ofens helfen”, sagte ich. Und im Nachgang etwas zögerlich: „Bruder Kunibert.”
Ich erinnerte mich an meine Obdachlosenzeit, als ich, wenn die Not am größten war, an der Pforte des Klosters St. Peter in Salzburg vorsprach und um eine milde Gabe bat. Pater Andreas schickte mich damals oft hinüber in die Stiftsbäckerei. Vor der Backstube drehte sich ein Mühlrad, das eine ratternde Mühle antrieb, die das Korn mahlte. Wie im Märchen. Dort buk Bruder Oswald seit vielen Jahren köstliches Brot. Jeden Tag hat er mit einem Gehilfen das immer gleiche Brot aus Sauerteig gebacken. Das allseits geschätzte St. Peter Roggenbrot mit der dunklen, rissigen Rinde wurde in einem historischen, holzbefeuerten Ofen produziert. Manchmal bekam ich einen ganzen Laib geschenkt, der mir dann einige Tage das Leben erleichterte.
Bruder Kunibert streckte mir die Hand entgegen und lachte: „Kansch Kuni zu mir sagen, der ‘Bruder‘ ist geschenkt. Im Kloster war ich zwar, aber ohne die Profess abzulegen. Ich war als Bäcker angestellt. Weil im Kloster alle Brüder sind, war ich eben auch einer. Ich wohne ganz weltlich unten im Dorf.”
Über dem Feuerraum des alten Brotbackofens stand, aufgeteilt auf drei Reliefkacheln, die Inschrift: „Brod bricht Noth“. Das gefiel meinem Meister Kuni. Inzwischen war unser Chef dazugekommen und begrüßte seinen alten Freund Kunibert herzlich. Die Backstube war nicht am letzten Stand der Technik, aber das störte Kuni nicht. Was den Schornstein betraf, versprach er, den Kaminfeger im Ort zu verständigen. Dieser sollte den Rauchabzug des Ofens auf seine Funktion überprüfen, damit wir möglichst bald loslegen können.
Bei uns drehte sich zwar kein Mühlrad, aber Kuni, so dachte ich, hat die Autorität des Bäckers, der durch sein Wissen und seinen geschickten Händen ein ebenso gutes Brot wie damals Bruder Oswald in Salzburg. Ich werde ihn so gut ich kann unterstützen. Und auch der einzigartige Duft einer Bäckerei wird sich einstellen.

Natürlich gab es in dieser Trinkerheilstätte kein Kaffeehaus, und auch keinen plattfüßigen Kellner. Denkbar wäre es aber gewesen, ähnelte der Freizeitraum mit seiner Wandtäfelung, den zwei Kartenspieltischen und vor allem dem Billardtisch sehr der Spielsalonecke meines ehemaligen Stammcafés in Salzburg. Sogar die zum Zeitungsregal umfunktioniere Garderobenwand glich der vom Café Sissy aufs Haar.
Während ich in Gedanken versunken auf den Billardtisch stierte und mich weit weg in der Vergangenheit verlor, gesellte sich Hanspeter und Melanie, die Praktikantin aus Innsbruck, an meine Seite.
„Hey Ferdinand, träumst du?”, fragte Hanspeter. Melanie, die mittlerweile mit uns Männern gut zurechtkam, setzte sich auf den ledernen Fauteuil mir gegenüber und sah mir in die Augen: „Erzähl mal, Ferdinand, wie gehts dir so. Ich meine, außerhalb der Arbeit, denn da bist du ja bestens angekommen.”
„Danke, mir gehts gut.”
„Und du hast kein Heimweh?”
„Natürlich habe ich Heimweh. Ganz ohne kommt wohl keiner aus”, sagte ich. Ich wollte meine Ruhe. Wie sollte ich auch den beiden von diesem Film erzählen, der in meinem Kopf zu laufen begann, als ich diesen Raum betrat. Der Billardtisch setzte in mir Erinnerungen frei, die ich eigentlich vergessen wollte.
Es war in diesem Billard-Café in Salzburg. Melitta und ich spielten Karambol mit einer weißen und zwei roten Kugeln. Ich, ganz Kavalier, begann, doch schon den dritten Stoß vermasselte ich. Ich rechtfertigte mich damit, dass mir eine Haarsträhne ins Gesicht gefallen sei und mit dem Zigarettenrauch, der meine Augen verschleiert hatte. Melitta nahm mich in die Arme und küsste mich. „Wie wär’s mal mit Haareschneiden, mein Schatz, außerdem rauchst du zu viel.”
Danach war es vorbei mit Streicheleinheiten. Melitta machte das Spiel. Ich kam kaum noch an den Tisch, nahezu fehlerlos zauberte sie ein unsichtbares Liniengewirr auf den grünen Filz. Jedes Mal, wenn sie sich über den Tisch beugte und die Kugeln längs des Queues anvisierte, wurde ihre Stimme leiser und ihre Stirn legte sich in Falten. Wenn sich der Ärmel ihres Shirts über das linke Handgelenk schob, zeigte sich ihr Glücksbringer, dieses Bändchen aus bunten Wollfäden. Als Melitta ein letzter Zweibänder zum Sieg fehlte und sie sich konzentriert über den Tisch beugte, trat ich hinter sie und ließ mich mit dem Oberkörper auf ihren sinken, behutsam, ganz leicht nur. Ich spürte, dass sie das spürte. Dann glitt ich mit den Händen unter ihr Shirt, küsste sie hinters Ohr und schließlich einigten wir uns auf ein Remis. Mein Gott, wie ich sie liebte.
Als wir das Café verließen, war es Nacht. Wir schlenderten Hand in Hand durch den Kurpark, blieben hin und wieder stehen, um uns zu küssen, um uns in die Augen zu blicken und uns anzulächeln. All das, was um uns geschah, war uns egal. Wir steckten in einem Kokon reinsten Glücks.
Und das soll ich einer Therapeutin erzählen? Niemals!
*
Während ich an dem kleinen Gartentisch vor dem Haus saß und mein Dessert aß, dachte ich darüber nach, warum Filou, der Hauskater, immer nur abends bei mir vorbeischaute.
Am Tag, als ich mit dem Stallbau für die zwei kleinen Hängebauch-Schweinchen namens Guido und Ursula begonnen hatte, (ich hatte sie schamlos nach unserem Chef und seiner Frau benannt), war Filou, neugierig wie Katzen nun mal sind, auf den Unterstand gesprungen und hatte gemaunzt. Dann stibitzte er die Kirsche von meiner Nachspeise und war sogleich verschwunden. Jeden Abend kam er wieder, die ganze Zeit hindurch, verlässlich wie ein Uhrwerk.
*
Über das verwaiste Vögelchen, das unsere Tessiner Küchenchefin Paola im Pavillon neben der Bocciabahn groß zog und Joanna nannte, dachte ich auch nach. Würde es jemals fliegen lernen? Warum sollte es, überlegte ich. Hier bekam das Vögelchen alles, was es brauchte. Paola hatte ihm in einer Pappschachtel ein Nest bereitet, fütterte es mit Haferbrei und Mehlwürmern und quatschte den lieben langen Tag zu ihm, als wäre es ein Menschenkind. Das war weit mehr, als den meisten Lebewesen auf dieser gnadenlosen Welt vergönnt war. Wusste Joanna überhaupt, dass sie fliegen könnte, wenn sie nur wollte? Dachte sie darüber nach, wie groß der Himmel war und wie endlos weit?
Beinahe unmerklich hatte es zu regnen begonnen. Ganz sanft nur. Aber die Gerüche veränderten sich. Die Erde im Gemüsegarten, die Grasbüschel zwischen den Steinplatten am Weg und die blühenden Petunien hinter mir, alles schien jetzt einen intensiveren Duft zu verströmen. Ich schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, in einer warmen Sommernacht am Strand zu sitzen und das Meer zu riechen. Ich glaubte, das Zirpen der Zikaden zu hören. Ein fremdartiger Vogelruf ertönte. Möglicherweise, dachte ich, muss man erst ein gewisses Alter erreicht haben, um solche Dinge wahrzunehmen. Die Vorstellung, nicht einen Traum, sondern mein wirkliches Leben zu erleben, gefiel mir. Ich ließ mich auch nicht durch das Schnattern der Gänse neben dem Damhirsch-Gehege stören. Ich nahm mein Notizbuch aus der Tasche und versuchte, meine Empfindungen aufzuschreiben, bevor ich sie vergaß.
Paola brachte mir noch ein Glas Saft. Sie sei spät dran, sie müsse sehen, dass sie nach Hause käme. Aber dann blieb sie doch ein Weilchen bei mir und fragte, was ich da schriebe. Ich sagte ihr, ich schriebe eine Story für unsere Hauszeitung und grinste sie an, so verwegen, wie es mir nur möglich war, so tiefgründig, wie ich mir vorstellte, dass Hemingway gegrinst hätte, wäre er statt mir hier gesessen und Paola hätte ihn gefragt, was er schriebe. Paola war eine attraktive Frau. Mit schwarzem Haar, heller Haut und verklärtem, melancholischem Blick.
„Bist du etwa ein Dichter?“, fragte sie.
„Nein“, sagte ich, „nur ein ganz gewöhnlicher Mann.“
Sie lachte. Ich fragte sie, ob sie eine Zigarette mit mir rauchen wolle.
„Ja, gerne. Mein Mann wird mir schon nicht davonlaufen.“ Sie nahm die Schürze ab und setzte sich zu mir.

Beim Begriff des Gänsemarschs stellte ich mir immer eine Reihe von Tieren, aber auch Menschen vor, die einzeln hintereinandergehen. So ungefähr, denn gesehen hatte ich einen tatsächlichen Gänsemarsch noch nie. Wie viele gehen da wirklich und müssen es immer Gänse sein?
Ich glaube, es war im Kindergarten, als ich zum ersten Mal das Wort Gänsemarsch aufschnappte, sicher bin ich mir aber nicht, denn wenn ich es genau bedenke, dann sind wir in Zweierreihen gegangen und haben uns brav an den Patschhändchen gehalten. Hintereinander? Nein.
Dreißig Jahre später bin ich zu einem mehr oder weniger stattlichen Mann herangewachsen. Meine jugendlichen Komplexe betreffend „Was ist ein richtiger Mann?“, habe ich in schöner Regelmäßigkeit im Alkohol ertränkt und mit Nikotin vernebelt. Das Bild des hoffnungslosen Alkoholikers entstand erst viel später. Das Resultat aus vielen Jahren schleichender ‚Aufbauarbeit’ meines dämonischen Verführers führte zur Erkenntnis, dass ich sowieso keine Chance hätte und ich mich deswegen auch nicht länger damit befassen musste.
Nun war ich also da in dieser Heilstätte für alkoholkranke Männer, weit weg von all den Dingen und Menschen, die mir etwas bedeuteten. Hier im schweizerischen Aargau, weit weg von Vertrautheit, wurde Vergangenes plötzlich zur Heimat. Ich war verwundert über meine patriotischen Gedanken.
Die Gegend hier gleicht unserem Alpenvorland und wird vom Aare-Tal durchzogen. Im Bereich von Holderbank fließt die Aare durch einen Stausee und mäandert gemächlich dahin durch ein wunderbar anmutendes Auengebiet.
Für die ‚Belegschaft’ von circa 35-40 männlichen Alkoholikern waren vier Therapeuten und ein Psychologe zuständig. Das Haus war gedacht für Arbeitstherapie in Gemeinschaft mit Landwirtschaft und deren Tieren. Ein großer bunter Gemüsegarten, eingerahmt von Beerensträuchern diente zur Selbstversorgung. In kleinen Werkstätten wurden notwendige Reparaturen durchgeführt, aber nicht nur, sondern seit Neuestem auch Kinderspielzeug erzeugt. Es gab eine Wäscherei, eine Kartonage, in der im Stücklohn Schachteln gefalzt wurden. Die Gärtnerei war sehr beliebt, besonders bei Naturburschen. Das unbeliebteste Arbeitsfeld war die Küche, denn die „Tranksieder“, wie sie abschätzig von österreichischen Patienten genannt wurden, hatten am meisten Arbeit und wurden gerne (zu Unrecht) für ihren ‚Schlangenfrass’ kritisiert. Gearbeitet wurde 40 Stunden pro Woche, der Lohn dafür waren 90 Franken Taschengeld im Monat. Das war nicht viel und so mancher Kollege räumte schon mal die Eiernester unserer glücklichen Hühner aus und verscherbelte die frischen Eier in der nächsten Ortschaft namens Lupfig oder auch im Schlossrestaurant Habsburg. Diese mittelalterliche Burg war bis circa 1300 der Stammsitz der Habsburger.
Ich schweife ab vom Thema. Wie schon erwähnt, hatte Alfred, Chef der Landwirtschaft, eine stolze Herde von 400 Gänsen angeschafft. Das war ein Ereignis, diese vielen kleinen weißen Wuzerln, anfangs noch unter der Rotlichtlampe zum Wärmen schnatterten, was das Zeug hielt. Kaum dass sie watscheln konnten, durften die Gänse aus dem Stall und marschierten tatsächlich in noch nie gesehenem Gänsemarsch auf die Wiese hinters Haus. Das war eine Show und ein Palaver, diese vielen Gänse machten von früh am Morgen bis spät am Abend einen ohrenbetäubenden Krawall. Ich vermutete, dass Alfred unterschätzt hatte, wie viel so eine Gans frisst. Unsere Gänse fraßen jedenfalls den ganzen Tag ohne Pause. Der ganze Hof und alle Wege waren vollgeschissen mit grünem Gänsedreck. Es war ein Wahnsinn, wir mussten mit dem Feuerwehrschlauch den Hofplatz und die Auffahrt reinigen. Zwei Kühe wurden wegen der verminderten Weidefläche abgegeben. Die Gänse hatten den gesamten Hang hinter dem Haus kahl gefressen.
Ein halbes Jahr später wurden Fragen gestellt. Was war der Sinn von so vielen Gänsen? Diese Frage wurde nicht gleich beantwortet. Die Heimleitung hatte Bedenken, dass sich jene Leute, die sich aus therapeutischen Gründen mit der Aufzucht und Entwicklung der Gänse befasst hatten, möglicherweise weigern würden, diese auch zu schlachten. Eigentlich war jedem Patienten klar, dass die Tiere irgendwann ihr Leben lassen mussten, doch es wurde verdrängt. Das Führungsteam des Hauses, Theologen und Psychologen versuchten in uns Alkoholikern so etwas wie Verantwortung und Vertrauen aufzubauen. Dazu war der Umgang mit Tieren eine gute Therapiemöglichkeit.
Wenn es auch nicht allererste Priorität war, sollte ein Haus wie der Effingerhort nach Möglichkeit wirtschaftlich geführt werden, um so wenig wie möglich vom Steuerzahler abhängig zu sein.
Die Befürchtungen des Führungsteams hatten sich bewahrheitet. Niemand von uns gestandenen Männern war bereit, diese Tiere zu töten oder auch nur dabei zu sein, wenn dies geschehen sollte. „Nie im Leben“ war der entrüstete Tenor in der Gruppe der Gänsebetreuer. Ich war auch dabei.
In einigen Sitzungen unter Mitwirkung von Patientensprechern wurde der Kompromiss gefasst, die Tiere von einem Frächter in eine Schlachterei nach Engelberg zu transportieren. Die fertig verpackten Martinsgänse sollten danach auf den Markt gebracht werden. Zu diesem Vorhaben wurden Annoncen in den Tageszeitungen geschaltet. All das verursachte Kosten, mit denen anfangs niemand gerechnet hatte.
Man hatte uns Alkoholiker unterschätzt. Wir, die von der Gesellschaft gerne als grobe, willenlose Kreaturen bezeichneten Verlierer, zeigten unerwartet Gefühle und Empathie für Tiere. Das war so nicht vorgesehen. Das Desaster war insofern perfekt, als die vielen Gänse nicht zum erhofften Preis abgesetzt werden konnten. Was blieb also von unseren über ein halbes Jahr aufopfernd gehegten Gänsen?
Wochenlang gab es Gänsebraten mit Rotkohl und wunderbaren Maroni vom eigenen Edelkastanienbaum, gedüngt vom Mist unserer 400 Gänse. Aus unseren Martinsgänsen wurden gleichsam Weihnachtsgänse.

Ruedi war ein Kollege meiner Arbeitsgruppe und mochte die Frauen. No-na (sagt der Österreicher), was so viel bedeutet wie: natürlich, ist doch klar! Und Ruedi liebte Comics, vor allem den ‚Rudi Rammler’. Das war ein personifizierter Hase, der wöchentlich auf der letzten Seite in einer Illustrierten als Witze-Comic-Figur die Leser mit sexy Kommentaren unterhielt. Dieser Rudi Rammler zwinkerte stets mit einem Auge und flirtete so mit den Lesern, dass man ihm ob seiner frechen Witzchen nicht böse sein konnte.
Unser Ruedi hatte demnächst Geburtstag und wir überlegten, was wir ihm schenken könnten. Ursprünglich dachten wir an ein Halbjahres-Abo dieser Zeitschrift. Wir saßen in der Schreinerei auf der Hobelbank und diskutierten. Dann hatte Luis Springer die Idee: Wie wär's, wenn wir ihm ein geiles Bild vom Rudi Rammler schenken würden?
„Ja, warum nicht?, sagte ich. Die nächste Frage war: Wer zeichnet, wer malt und auf welchem Untergrund? Mit Leinen bespannte Keilrahmen hatten wir nicht. Wipplinger Sepp, der Tischler unter uns, kramte hinter der Bandsäge herum und fischte aus den Resten der Spanplatten eine Tafel in etwa A3-Format heraus.
„Groß genug?, fragte er und sah mich fordernd an.
„Soll das heißen, dass ich es machen soll?”
„Eh klar! Du kannst so etwas am ehesten. Ich habe den Löwenkopf gesehen, der in deinem Zimmer an der Wand hängt. Der ist doch von dir, oder?”
„Ja schon.”
„Der Ferdinand macht das”, pflichtete Poldi Zoglmair dem Wipplinger Sepp zu. „Ich besorge die Farben. Ich glaube, mit Acrylfarben gehts am besten, davon haben wir genug in der Werkstatt. Auf gehts Burschen, die Zeit drängt!”
Damit war ich zum Rudi Rammler-Porträtisten ernannt. Ich werkelte wie ein Verrückter. Es machte Spaß, weil es neu war für mich. Die letzte Ausgabe der ‚Neuen Revue’ war schnell organisiert, denn ich brauchte eine Vorlage. Im Rasterverfahren übertrug ich schematisch die verschiedenen Figuren des Rudi Rammler auf Transparentpapier und vergrößerte sie. Voilá! Die dünnsten Spanplatten grundierte der Poldi fachgemäß, sodass sie sich nicht verzogen. Nächsten Tag hatten wir drei Bilder mit pastellfarbig verlaufenden Hintergründen. Jetzt pausten wir gemeinsam die Konturen von dem zur Schablone gewordenen Transparentpapier darauf. Der Rohentwurf war fertig. Ich nahm die Tafeln mit auf mein Zimmer, denn nun war Feinarbeit angesagt, dazu brauchte ich absolute Ruhe. Am nächsten Morgen waren drei verschiedene, vom Original etwas abweichende Rudi Rammlers fertig. Zunächst nur mit Kohlestift, aber es sah nicht schlecht aus.
Farbe bringt Farbe ins Leben. Das, so dachte ich, gilt auch für Rudi Rammler, dessen hasenbraune Löffel ich zunächst hochaufgerichtet gezeichnet hatte. Das war mir dann doch zu brav, also knickte ich ihm ein Langohr, das gab ihm den gewünschten, frechen Tatsch. Seine indigoblaue Latzhose kombinierte ich mit rot, orangen, gelben und grünen Shirts abwechselnd. In der frivolsten Darstellung bekam mein Rudi Rammler die Farbe violett und pink. Einfach köstlich anzusehen, ein augenzwinkernder Rammler mit pinken Jeans und violetten Ohren. Das Geburtstagskomitee war höchst zufrieden. Wir übergaben dem gut gelaunten Ruedi sein Geschenk an einem Sonntag im Aufenthaltsraum. Ruedis Cousine und ihre beiden Kinder waren zu Besuch aus dem nahen Gränichen gekommen. Fast ein wenig neidisch bewunderten sie unser Geschenk an ihren Onkel Ruedi. Im Anschluss an die kleine Feier nahm mich Ruedis Cousine zur Seite und fragte, ob es möglich wäre, dass ich für die Kinder auch so einen lustigen Hasen malen könnte. Die Freude war groß bei den Kleinen, als ich die anderen zwei Bilder aus meinem Zimmer holte und ihnen überreichte.
„Jetzt ist der Moment gekommen, an dem wir reden müssen, Herr Ferdinand”, sagte Ruedis Cousine, zog mich zur Seite und steckte mir heimlich einen Fünfziger in die Seitentasche. Sie stellte sich als Rosemarie S. vor, arbeite im kantonalen Sozialdienst in Aarau und sei mit dem Effingerhort beruflich und freundschaftlich verbunden. Sie erzählte mir, dass sie Mitglied bei der Guttemplergruppe „Liebegg” in Gränichen sei. Diese Gemeinschaft betreibt auch ein Laien-Theater. Sie habe der Leitung des Effingerhort zugesagt, zur Eröffnung der neu adaptierten Mehrzweckhalle hier am Chärneberg im Herbst eine Vorstellung zu geben.
„Ja, und?”, fragte ich vorschnell und biss mir sogleich auf die Lippen.
„Nun ja, wo Sie doch so gut zeichnen und malen können, da dachte ich …”. Frau Rosemarie stockte und nahm einen neuen Anlauf: „Also es ist so, wir haben eine fixe Bühne im Pfarrhof von Gränichen. Dort lagern auch unsere Requisiten und die notwendigen Kulissen. Allerdings können wir diese Aufbauten wegen ihrer Größe und Fragilität nicht transportieren.
„Verstehe”, sagte ich. „Aber wie kommen Sie darauf, dass ich das kann? Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung von einem Bühnenbildner.”
„Aber es interessiert sie, das sehe ich Ihnen an, Herr Ferdinand.”
„Na ja, … ich weiß nicht.”
„Wissen sie was; ich mache ihnen einen Vorschlag: Ich lade Sie ein zu unserer nächsten Vorstellung in Gränichen. Ich stelle Sie unserem Ensemble vor, und Sie sehen sich auf und hinter der Bühne um. Ich bin sicher, das wird Ihnen gefallen.”
„Ja, das kann sein, aber ob es meinem Chef, ich meine Herrn Toggenburg gefällt, ist eine andere Sache. Sie vergessen: Ich bin Patient hier in diesem Haus.”
„Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen mit dem Guido, ich meine mit Herrn Toggenburg, kommen wir schon klar. Ist ja auch in seinem Interesse.”
Zwei Wochen später war ich Gast im Pfarrsaal von Gränichen bei der Vorstellung eines heimatlichen Schwanks der Theatergruppe „Liebegg”.
Ich hatte mich nicht lange geziert, nachdem auch der Leiter des Hauses seinen Sanctus dazugegeben hatte.
Es begann eine wunderbare Zeit auf unseren Bühnenbrettern, die angeblich für Schauspieler die Welt bedeuten. Nein, so weit war ich noch nicht, aber ich gebe gerne zu, dass mich ein ungeahntes Hochgefühl durchströmte, der Adrenalinspiegel in meinem Blut war wahrscheinlich gigantisch. Besser kann Alkohol auch nicht powern, dachte ich. Ich driftete immer weiter weg von meinem alten Leben. Und das war gut so.
Ich stand auf einem behelfsmäßigen Gerüst, denn die von uns aufgebaute Kulissenwand war an die vier Meter hoch. Eine Alpenlandschaft mit allem was dazugehört, entstand hier. Als Vorlage dienten mir mehrere Skizzenblätter im A4-Format. Um die Perspektive abzustimmen, musste ich laufend vom Gerüst herunter in den Saal. Der Regisseur in Person der Frau Rosemarie vom Ensemble hatte kaum etwas auszusetzen. „Prüfung bestanden”, sagte sie in breitem Schwyzerdütsch und grinste.
Die Aufführung des Schwanks wurde von mehr als hundert Besuchern frenetisch gefeiert. Der Stiftungsrat war angetan und lobte die gute Organisation. Unser Führungsteam bekam den Auftrag, mich zur nächsten Teamsitzung einzuladen. Meine ersten sechs Monate waren ohne Rückfall vorbeigegangen. Ich durfte also laut Hausstatuten mir einen Job in der freien Wirtschaft im Raum Aarau suchen. Leider hatte ich keinen Erfolg. Als Fliesenleger ohne Führerschein steht man in dieser Branche komplett daneben. Meine Zerknirschung hatte auch die Teamleitung mitgekriegt und im Hintergrund mit dem Stiftungsrat verhandelt. Der langen Rede kurzer Sinn: Bei dieser besonderen Zusammenkunft wurde mir ein Angebot unterbreitet, auf das ich heute noch stolz bin.
„Herr Planegger, wir haben einstimmig beschlossen, sie als Haushandwerker im Rang eines Arbeitstherapeuten, aber nach wie vor im Patientenstatus einzustellen. Für Sie ändert sich nichts, außer dass Sie ab jetzt den rechtmäßigen Lohn eines Mitarbeiters des Effingerhort erhalten. Wir errichten für Sie ein eigenes Konto. Am Ende Ihrer Kur bei uns wird das angesparte Geld für Sie eine Starthilfe sein. Übrigens: Wenn Sie wollen, reservieren wir Ihnen einen Platz im Abendkurs der Sozialschule in Luzern. Sind Sie damit einverstanden? Dann unterschreiben Sie bitte hier.
Ich war beeindruckt von dieser kurzen Rede unseres Häuptlings. So ernsthaft kannte ich ihn gar nicht. Natürlich hatte ich unterschrieben. Erst in meinem Zimmer kam diese Auszeichnung so richtig im Kopf an. Soviel ich wusste, war dieser Vorgang einmalig in der Geschichte dieses ehrenwerten Hauses.

Beat Sutter, der Redaktor einer Aargauer Zeitung, war bei uns zu einem weiteren Recherche-Termin angesagt. Ich kannte ihn von der Einweihungsfeier der Mehrzweckhalle und unserer erfolgreichen Theateraufführung. Er hatte damals in der lokalen Presse darüber berichtet. Mir war der Bericht zu oberflächlich erschienen. Meiner Meinung nach zu unpersönlich. Genau das wollte ich ihm sagen, wusste aber nicht, wie ich das formulieren sollte, ohne beleidigend und anmaßend zu wirken. Bei einer Tasse Café crème im Aufenthaltsraum erklärte er mir, dass es ihm diesmal mehr um Personen ging als um Strukturen. „Gott sei Dank”, dachte ich, das macht meine Kritik obsolet.
„Grund dafür könnte vielleicht sein, dass wir eben Österreicher sind, die in dieser Gegend kaum Kontakte haben”, sagte ich. „Die Schweizer Patienten hingegen fürchten negative Reaktionen. Sie wollen nicht als Alkoholiker erkannt werden.”
„Das Wichtigste ist das Vertrauen”, erklärte uns Beat Sutter vom Aargauer Anzeiger. „Wie wäre es, wenn Sie Herr Ferdinand, mein Mittelsmann würden?, Sie kennen die Leute.”
„Ist das ihr Ernst? Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mich hier zum Spitzel machen lasse? Niemals!” Ich war empört!
„Bitte beruhigen Sie sich, so war das nicht gemeint”, beschwichtigte Beat Sutter. „Ich dachte viel mehr an kleine Stories, Episoden rund um dieses Haus, von und mit seinen Bewohnern. Gerne auch unter Pseudonym der Protagonisten. Ich denke, sofern ich das in der Redaktion überhaupt durchbringe, an eine Glosse in unserem Blatt.”
Jetzt mischte sich Beni Hug in das Gespräch ein. „Ich finde, das ist eine gute Idee. Wie wär’s mit Gedichten oder Vignetten? Ich drucke schon seit einiger Zeit kleine Gedichte von einem Patienten hier im Haus. Nur einzelne Blätter auf Büttenpapier, die er an seine Verwandten sendet.”
Beni war Sozialarbeiter hier im Haus. ‚Eine Seele von Mensch’, wie man bei uns zu besonders empathischen Menschen sagt. Im seinem erlernten Beruf als Drucker und Schriftsetzer war er als über Fünfzigjähriger seinen Job losgeworden und wechselte samt einer ausgemusterten Offset-Druckmaschine in den Effingerhort. Beni Hug war zum universellen Sozialarbeiter geworden, erledigte mit dem Volkswagen-Bully sämtliche Transporte, war für die immer komplizierter werdende Haustechnik zuständig. Und dann war da noch dieses schwarze Ungetüm, das gegenüber der Waschküche und der Lingerie in einem Lagerraum der Kartonage stand: Beni Hugs Offset-Druckmaschine. Mein liebster Ort um mit Beni Gespräche zu führen. Er schenkte mir zwei seiner Buchstaben aus dem Bleisatz mit gotischen Versalien, die Großbuchstaben F und P, meine Initialen. „Kannst du als Briefkopf verwenden”, meinte er.
Beat Sutter war Journalist, ihm ging es um Fakten. Dementsprechend skeptisch stand er der Idee von Beni gegenüber. Das störte uns nicht weiter. Wir verabschiedeten uns höflich und verschwanden in der ‚Druckerei’, wie die Abstellkammer von nun an hieß. Wir trugen unser 'Baby' noch ein paar Tage mit uns herum, dann aber, bei der nächsten Teambesprechung platzten wir mit unserer Idee mitten in die Runde. „Wir, Beni Hug, Hanspeter und Helmut Pohl (der Gedichteschreiber) und meine Wenigkeit, wollen eine Hauszeitung gründen.” Peng, das hatte gesessen.

Zwei Monate nach der Gründungsidee für eine interne Hauszeitung hielten wir stolz die Erstausgabe der „Jahreszeiten” (angelehnt an die Jahreskur) in der Hand. Probleme mit der Finanzierung des Projekts lösten wir auf privater Ebene. Beni Hug reaktivierte seine Beziehungen zum Papierhandel, die Betriebskosten für die Druckmaschine waren bei einer Auflagenstärke von 200 Stück im Quartal marginal. Sämtliche Beiträge stammten von Bewohnern und Mitarbeitern des Effingerhort. Beat Sutter, der Zeitungsprofi, übernahm kostenlos das Lektorat und Beni Hug korrigierte orthografische Fehler. Inhaltlich verantwortlich für die Reportagen, Stories und Gedichte waren die Autoren selbst. Natürlich bekam der Leiter des Hauses, Guido Toggenburg, ein Testexemplar vor der Präsentation. Alles roger!
Die erste Geschichte, die wir präsentierten, war von „Opa Blue”. Er wählte dieses Pseudonym, weil er älter war als der Durchschnitt hier im Haus. Eigentlich wollte er seine Story „Novemberblues” nennen, weil sie aber ein gutes Ende nahm, einigten wir uns auf „Flohmarkt der Gefühle”.
Ich hatte Opa-Blue im Kantonsspital besucht und bedrückt zur Kenntnis genommen, dass seine Leber drauf und dran gewesen war, den Geist aufzugeben. Es kam zu einer Operation, von der er mir aber nicht berichten wollte und konnte. Ein Pfleger, der ihn vor und nach dem Eingriff transportierte, erzählte unserem Opa Blue, was er während des Transports alles daher geplappert hat.
Ich sagte zu Opa-Blue, dass mich das interessieren würde. Daraufhin erzählte er mir mit schiefem Grinsen, welchen Humbug er da von sich gegeben hat.
„Darf ich das aufschreiben?”, fragte ich. „Oder noch besser, schreib du es auf. Wir bearbeiten es später miteinander für unsere Zeitung. Machst du mit? Was denkst du darüber?”
„Das kommt jetzt ein bisschen schnell für mich, Ferdinand. Andererseits: Warum nicht? Ich denk drüber nach, versprochen.”
Zwei Wochen später kam Opa-Blue vom Spital zurück in den Effingerhort und überreichte mir seine auf Briefpapier geschriebene Story. Hier ist sie:
Lieber Ferdinand, um deiner Bitte nachzukommen, habe ich mich entschlossen diese Geschichte zu verfassen. Ich bin ein alter Mann und habe wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben. Aber ein paar Wünsche hätte ich noch.
Ich denke an die geheimen Wundermittelchen, die manch furchtsamer Patient vor oder auf dem Weg zum OP erhält. Bei mir war es auch so. Angeblich habe ich frohgemut Dinge erzählt, die ich früher, wenn überhaupt, nur unter Alkoholeinfluss von mir gegeben habe. Unter solchen Umständen hatte ich meiner Fantasie stets freien Lauf gelassen. Lauthals und ohne Hemmung hatte ich jedem den es interessierte oder auch nicht, von meinen Sehnsüchten erzählt. Den Alkohol habe ich seit mittlerweile zum Teufel gejagt. Die Wünsche sind geblieben.
Ich wünsche mir vom Rest meines Lebens die Erfüllung meiner Ideale. Ich wünsche mir einzig und allein, dass das Leben doch ein Wunschkonzert sei und mein Wunsch ihm Befehl. Dass Wunschdenken keine Zeitverschwendung ist und herzliche Glückwünsche sich bewahrheiten, dass meine Wünsche nicht nur Väter der Gedanken bleiben. Ist das zu viel verlangt? Ich wünsche mir einen Winter mit langen Sonnentagen, November ohne Nebel, eine Welt voll Frieden und Harmonie, in der Geld seine Macht verliert und die Großen den Kürzeren ziehen, eine Beziehung ohne Kiste, ohne Streit um Kleinigkeiten, kurzum ein Leben ohne Ablaufdatum. Eine Menschheit, die sich nicht gegenseitig verwünscht. Witze ohne schlechte Pointen, ehrliche Politiker ohne Krawatten, Schokolade, die nicht dick macht, eine Gesellschaft, die sich durch Liebe lenkt und dass alles gut wird.
„Dieser Opa-Blue hat aber noch viel vor”, könnte man sagen.
„Ja natürlich!”, würde ich antworten.
„Und weil ich schon dabei bin: Ich werde auf den Marktplatz gehen und einen Flohmarkt der Gefühle eröffnen! Ich werde verschwundene Zeit verkaufen und Liebe originalverpackt und Zärtlichkeit im Angebot. Am Flohmarkt der Gefühle gibt es jede Emotion, Ausverkauf der Trauer. Illusionen zum Kilopreis. Alte Sehnsüchte? Aber gern, bitte sehr. Versäumte Gelegenheiten, drei zum Preis von zwei! Wer hat noch nicht, wer will noch mal?“

Alles fing damit an, dass mir vor Monaten eine nicht sehr einfühlsame Ärztin die vorläufige Diagnose stellte. „Schaut krebsig aus, könnte aber auch „nur” eine Lungen-Tbc sein”, hatte sie mir ins Gesicht geschleudert. Ein Blick auf meine Krankenakte aus der Psychosomatik hätte genügt und sie unschwer erkennen können, dass sie einen Alkoholiker vor sich hat. Vielleicht mochte sie keine abhängigen Trinker. Auch dann nicht, wenn dieser Mensch fest entschlossen war, seine Krankheit zu stoppen. Bei einer weiteren Untersuchung im CT war der Krebsverdacht Gott sei Dank vom Tisch, die Kavernen in der Lunge aber sind geblieben. Zum Glück (noch) nicht offen und ansteckend. Es wurde eine Bakterienkultur angesetzt, die nach langer Zeit „aufgegangen” war und ein Hinweis dafür war, dass eine latente Lungentuberkulose zu einer offenen und damit infektiösen geworden war. Fazit: Sofortige Einweisung in die Salzburger Landeskrankenanstalten.
Am Montag, den 4. Januar 1982, saß ich im Zug von Zürich nach Österreich. Ankunft 16 Uhr im sogenannten „Lungenstöckl” im Landeskrankenhaus. Es folgte die sofortige Anweisung, den bereitgelegten Mund-Nasen-Schutz zu verwenden. In einem kurzen Gespräch mit dem Assistenzarzt wurde langsam klar, was auf mich zukam. Dr. Wutz sagte: „Tuberkulose ist eine schwere Krankheit, aber dank Streptomycin in den meisten Fällen heilbar. Es tut nicht weh, aber es kann dauern.”
„Wie lange?”, fragte ich.
„Na ja, eine Kur (täglich zwei Spritzen) dauert fünf Wochen. Ist bis dahin die zwingend erforderliche Blutsenkung auf Null, ist alles gut. Wenn nicht, folgt eine zweite Kur. Also richten Sie sich danach, sie werden Geduld brauchen.“
„Und wenn die erste Kur erfolgreich sein sollte, was ist dann?”, fragte ich.
„Dann fahren Sie in die Lungenheilstätte Grafenhof in Sankt Veit zur Nachsorge.”
Im Moment war ich sprachlos, wie gelähmt.
Eine Schwester begleitete mich in das ebenerdige Krankenzimmer. Vier Männer und ein fast noch Kind (der Junge war gerade mal 14 Jahre alt) empfingen mich mit neugierigen Blicken. Ich war entgegen meiner Art nicht gesprächig an diesem Nachmittag. Zu sehr hatte mich die Schilderung des Arztes entmutigt. Ich dachte, wenn das eintrifft, was er prophezeit hat, dann war meine Schweizer Zeit zu Ende. Und mit ihr all meine Pläne. Ich wollte das Angebot des Effingerhort, die Sozialschule zu besuchen, annehmen und Ergotherapeut werden.
Die Nacht begann mit Nachdenken. Es muss so etwas wie Selbstschutz gewesen sein, das mich an die Worte des Dr. Wuts glauben ließ, dass es immerhin möglich wäre, nach fünf Wochen die Kavernen in meiner Lunge zu schließen und diesen verfluchten Tuberkel-Bazillus zu isolieren. Ich hatte in ungezählten Psychotherapiestunden gelernt, das Positive an das Ende meiner Einschlafgedanken zu stellen. Es half auch diesmal.
Draußen hatte am Abend ein starker Wind die dürren Äste von den Bäumen geweht. Bei Tagesanbruch beruhigte sich das Wetter und es fing in großen Flocken zu schneien an. Der Morgen begann zu dämmern, vom Gang her drangen klappernde Geräusche, die ich als das Verteilen des Frühstücks einstufte. Ich hörte weibliche Stimmen, gleichzeitig wurde die Tür aufgestoßen und aus einem freundlichen Schwesterngesicht klang es: Guten Morgen! Frühstück meine Herren!
Leider nicht für mich. Ich hatte die Tafel mit der Aufschrift „Nüchtern”, die vom Galgen meines Bettes hing übersehen. Der Tag begann mit der ersten Streptomycin-Spritze der im Laufe der Zeit noch viele folgen sollten. Nach der obligaten Blutabnahme brachte mich ein Pfleger in die Röntgenologie: Schichtröntgen war angesagt. Bis zur ersten Visite am Vormittag war ich wieder zurück. Der Primarius und seine Assistenten durchpflügten die Bettenreihe, nur bei mir blieben sie kurz stehen und fragten, wie es mir geht. Bevor ich noch etwas sagen konnte, rauschten die Weißkittel schon wieder aus dem Raum. Die Kollegen im Zimmer meinten nur: „Das ist der Alltag hier im Lungenstöckl, nicht gerade abwechslungsreich.”
Ich habe in den Monaten meiner Abstinenz vom Alkohol gelernt was Gelassenheit ist, von Langeweile war nie die Rede gewesen. Jetzt galt es dagegen anzukämpfen. Dr. Wutz hatte von Geduld gesprochen, die notwendig wäre, um diese Zeit hier zu überstehen. Ich besann mich auf altbewährte Fähigkeiten und dachte an Malen und Schreiben. Beim Schriftlichen war ich gut gerüstet, fürs Zeichnen fehlte das Werkzeug. Also begann ich zunächst mit einem Klinik-Tagebuch und schrieb mir meinen Frust von der Seele. Das Schreiben brachte eine nicht geglaubte Erleichterung. Das Malen, meine zweite Leidenschaft, musste noch bis zum Wochenende warten. Bruno Dangl, mein alter Freund aus alten Zeiten, hatte sich für Freitag zum Besuch angesagt. Er brachte mir Aquarellfarben und einen Zeichenblock mit. Und am Sonntag kamen gleich drei Damen zu Besuch, nämlich meine Engel von der Telefonseelsorge: Ilse, Erni und Inge. Sie alle wollten ihr ehemaliges „Problemkind” Ferdinand besuchen. Ich war hocherfreut über so viel Ehre.
Mittlerweile waren die Wochen wie im Flug vergangen. Im Ärztezimmer und Schwesternzimmer hingen jetzt Aquarelle von mir. Natürlich mein Standardhase Rudi Rammler, jetzt aber mit Stethoskop in den Ohren und Rotem Kreuz auf der Jeans-Latzhose.
Ich strawanzte tagsüber oder auch mal nachts durch die Gänge. Ganz besonders gerne schielte ich ins Labor neben dem Schwesternzimmer, denn da hingen in transparenten Plastikschläuchen unsere Blutsenkungen. An einer Skala konnte man ablesen, wie weit die Senkung vorangeschritten war. Es gab Tage, da rührte sich gar nichts, aber nach der 4. Woche kam Bewegung in meinen Lebenssaft. Ich konnte es kaum fassen, doch meine (Lieblings)Schwester Agnes bestätigte, was ich zu sehen geglaubt hatte: Die Senkung stand auf 8 – in Worten: auf Acht! Das könnte sich ausgehen. Jeden Tag ein Pünktchen, und es wäre geschafft. Selten in meinem Leben habe ich so intensiv gebetet wie in dieser Woche. Fast hätte ich Schwester Agnes gebeten, mir eine zusätzliche Dosis vom Streptomyzin zu spritzen, aber es war ohnehin nicht nötig. Zwei Tage vor Abschluss der Therapie war die Senkung auf NULL!
Ab jetzt begann der Kampf um die Freiheit meines Tuns. Für die Ärzte war es ganz normal, ihre Patienten, so sie nicht mehr infektiös waren, nach Grafenhof oder eine andere Lungenheilstätte zur weiteren Stabilisierung und Erholung zu schicken. Bei mir war es anders. Ich wollte auf keinen Fall in eine dieser Anstalten. Rechtlich gab es keine Handhabe, die Patienten zu zwingen, in so ein Haus zu gehen. Allerdings musste eine sichere Weiterbehandlung gewährleistet sein, sodass die ärztliche Kontrolle und weitere Medikationen stattfinden konnten. Damit wurde der Effingerhort zu meinem Trumpf. Wo sonst könnte ich eine bessere Obhut haben als an diesem Ort. Damit hatte ich die Ärzteschaft in der Lungenabteilung überzeugt. Am 10. Februar 1982 bekam ich von der Spitalsapotheke ein kleines Paket mit wichtigen Medikamenten mit auf die Reise. Der Apotheker wünschte mir noch alles Gute. „Und passen Sie gut auf ihre Tabletten auf, Herr Planegger, die Dinger haben den Gegenwert eines Kleinwagens!”, rief er mir nach.
„Selbstverständlich mache ich das schon im eigenen Interesse. Ich will ganz gesund werden und bleiben. Vielen Dank und Adieu!”
„Gute Reise” wünschte auch das Schwesternteam. Als ich nach einem Jahr zur Kontrolle kam, lachten die Aquarelle mit meinem Rudi Rammler noch immer von der Wand im Schwesternzimmer.

In einem Telefongespräch hatte mir Helmut Pohl (unser Dichter im Effingerhort) seine Befürchtung mitgeteilt, dass die Freizeitgruppe ohne meine Mitwirkung am Einschlafen sei. Und das sei noch nicht alles, meinte er, auch die Beiträge für unsere Hauszeitung würden vor sich hindümpeln. Im Effingerhort, dem Trockendock am Chärneberg, sei die Flaute eingekehrt. Und ob ich eine Idee hätte, mit der man den Leuten den nötigen Schupps geben könnte, fragte er.
Oh ja, ich konnte und wollte.
Allein in einem Abteil im Zug zu sitzen mag für viele Menschen langweilig sein, für mich nicht, denn ich hatte eine Aufgabe: ich schrieb an einem Artikel für die Hauszeitung.
Die Fahrzeit von Salzburg bis Zürich und weiter nach Wildegg (AG) betrug cirka sieben Stunden.
Manche würden es als manisch bezeichnen, wenn sie wüssten, wie viele Textgedanken in meinem Kopf schwirrten. Es war diese enorme Lebenslust, die ich in mir spürte und die ich so gerne mitteilen wollte. Aber es gab Grenzen. Mein literarischer Anspruch war größer als das wahre Können.
Im Krankenhaus war viel Zeit gewesen, um nachzudenken und meinen Lesehunger zu stillen. Im Ärztezimmer gab es eine kleine Bibliothek, die vermutlich so manchem Turnusarzt die langen Nachtdienste verkürzen half. Die Schwestern ließen mich darin stöbern und schmökern. Wild entschlossen hatte ich begonnen, meine Bildungsdefizite aufzuholen. Beim „Spieler” von Dostojewski und Georg Büchners „Lenz” blieb ich hängen. Ihre Metaphern animierten mich. Ich wurde zum Grenzgänger zwischen Realität und Magie. Diese Art von Literatur faszinierte mich und ich verstrickte mich in diesem Gewebe aus fantastischen Geschichten und klugen Beobachtungen. Die Lebenszeit, um die es in Romanen immer wieder geht, lohnend zu nutzen, das hatte ich mir abgeschaut. Einen Satz fand ich besonders bemerkenswert, weil er genau in mein Leben passte:
„Für mich bedeutet die Kunst des Schreibens einen Salto vitale hinaus aus erlebter oder erdachter Ausweglosigkeit - und hinaus aus einem in den Kategorien der Alternativlosigkeit gefangenen Denken“.
Am Bahnhof in Wildegg holte mich Beni Hug, unser aller Meister an der Druckmaschine, ab. Wir waren im Laufe der Zeit Freunde geworden. Zwei Praktiker, die sich verstanden – er in seiner Welt, ich in meiner. Und trotzdem sprachen wir die gleiche Sprache. Benis Kenntnisse im Schriftsatz gaben der Offsetdruckmaschine genaueste Direktiven in Orthografie und Form. Was ich mir ausdachte, führte Beni zur Perfektion.
„Hast du was?”, fragte er.
„Ja, Hunger”, sagte ich.
Er schaute mich von der Seite her an und bemerkte mein mystisches Grinsen – und wusste, er konnte sich auf mich verlassen. Ich bekam einen freundschaftlichen Ellbogencheck und wir stiegen in den Bully ein und waren in zehn Minuten Zuhause. Der Effingerhort hatte mich wieder.
Noch im Auto zog ich meine handgeschriebenen Texte aus der Umhängtasche und gab sie Beni. Nach der Begrüßung aller Anwesenden verschwand Beni in seinem Büro um meine verwackelte Handschrift mit der Schreibmaschine abzutippen. „Wir treffen uns beim Nachtessen, Ferdinand”, sagte er und war weg.
„Schön, Sie wieder bei uns zu haben!”, sagte Frau Ursula, die Ehefrau von Guido Toggenburg, unserem Chef. Es gab noch viel zu erzählen. Die Kollegen meiner Arbeitsgruppe bedankten sich für einen arbeitsfreien Tag bei mir.
Ich verstand nicht: „Wie, was? Freier Tag?”
„Ja, wir mussten alle zur Reihenuntersuchung. Alle, auch die Belegschaft bis zum Stiftungsrat. Sie hatten Angst, dass du uns angesteckt haben könntest.”
Das war mir peinlich. „Das wollte ich nicht”, war das Einzige, was mir zur dazu einfiel. Ich hatte damals ja selbst keine Ahnung von Tuberkulose.
Beim Abendessen präsentierte mir Beni Hug die Reinschrift meiner Texte, die ich im Zug geschrieben hatte.
„Nicht schlecht“, sagte Beni Hug, „wusste gar nicht, dass du Balladen schreibst. Ich meine den Text Trinkerballade”
„Ich auch nicht, Beni. Es kam einfach aus dem Bauch heraus.”
„Das sind immer die ehrlichsten Texte. Passt schon so, Ferdinand.”
„Und wie findest du den zweiten Text?“
„Typisch Ferdinand. Du bist eben ein Romantiker. Ich gebe sie Beat Sutter zum Lektorat. Mal sehen, ob es was zu verbessern gibt.”
„Okay, Beni.”
Ich wollte gerade auf mein Zimmer gehen, als Herr Toggenburg dazu kam und mir zu meiner guten körperlichen Verfassung gratulierte- Er schüttelte meine Hand und sagte: „Ich darf doch mal sehen …”, schnappte sich meine Texte und begann zu lesen.
Trinkerballade
Er war getrieben vom ewigen Verlangen nach dem Stoff seiner Träume. Sein Elixier war hochprozentig, der Körper schrie nach immer mehr. Er war abhängig geworden vom Dämon Alkohol. Die Gesellschaft konnte und wollte ihn nicht verstehen, sie duldet keine Verlierer in ihren Reihen. Man stellte ihn kategorisch an den Rand. Verachtete ihn, den willenlosen Trinker.
Einsam geworden, verlor er den Kampf gegen sich und die Sucht und stürzte in die Gosse. Die Sicht zur Wahrheit war verstellt, der Weg zurück schien zu diffus um gangbar zu sein. Alkohol bestimmte sein Denken, sein Verstand war gelähmt, konnte den Kontrollverlust nicht stoppen. Die Reise führte in ein wirres Dickicht von Gedanken. Am Rand des Weges verlor sich seine Spur. Ertränkt in Gefühlen. Seine Seele versank im Rausch des Deliriums.
Ganz unten ist er jetzt, in der Welt der Gescheiterten. Im Unterholz der Gesellschaft treffen ihn hämische Blicke von oben. Jede Hoffnung scheint zerrissen, nur Fragmente unerfüllter Träume liegen am Grund, im Schatten der ehrenhaften Welt. Der Ausstieg scheint unendlich steil.
Und doch keimt vage ein Samenkorn der Freiheit in ihm. Er will heraus aus dem Irrgarten der Sucht, weg von den Dämonen, die ihm den Weg versperren, weg von den Geistern im wirren Gestrüpp der Abhängigkeit. Wieder und wieder versucht er dagegen anzukämpfen. Vergeblich, es fehlt die Kraft. Er wähnt sich Pflanzen gleich, die im Dunkel lichtfressender Blätterkronen ihr kümmerliches Dasein fristen.
Er schaut nach oben, sieht den zarten Trieben zu, die zum Licht klettern. Festgekrallt an den Borken stolzer Bäume, schwingen sie wie Tentakel leicht im Wind. Bis ein Sturmwind sie mit wilder Kraft gleichsam zum Rückfall verdonnert. Frei schwebende Lianen fangen sie gnädig auf. Das macht Mut zum Weiterkämpfen. Ein Moment nur – ein Sonnenfenster öffnet sich.
Zartes Licht bringt wärmende Kraft für geduldig bewahrten Lebenstrieb. So will er sein, ein Beispiel will er sich nehmen. Heraus aus den sauren Gründen, hinauf ins Leben. Über alle Barrieren hinweg, der Lichtung entgegen. Die Sucht besiegen. Aufstehen, aufwärts will er steigen. Kneipenluft und Fuselduft vergessen. Allen Ungläubigen zum Trotz.
Der Wind weht frisch da oben, es riecht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Er braucht einen guten Stand, um frei von allen Zwängen die Früchte des Lebens dauerhaft genießen zu können. Er glaubt wieder an sich. Weil er weiß: Die Sonne scheint auch für Verlierer.
Seele
Wir zwei sind schon lange unterwegs. Miteinander. Unsere Reise begann in materiell schlechter Zeit, wir bauten mentale Brücken zu anderen Menschen, gingen auf sie zu, reichten die Hände, wurden Freunde.
Die Zeiten wurden besser, Frieden war im Land. Uns ging es gut und immer besser. Es gab Brot und Wein.
Doch wir zwei drifteten ab in ein ungünstiges Umfeld. Wir fühlten uns ausgestoßen, wir hungerten. An Liebe.
Ich erfuhr Grausamkeiten am Leib und auch du hast gelitten. Unser Glauben an das Gute war angekratzt. Wir waren verletzt.
Psychisch labil und willensschwach, so hat man uns eingeordnet. Krank im Kopf und unendlich traurig. Dann kam die Droge Alkohol.
Ich, der Körper, fing zu trinken an und du wurdest krank. Der schlimmste Fall trat ein – du hattest mich verloren. Ich hatte mein Herz verschlossen und dich an den Teufel verkauft.
Wut, Trauer, Zerstörung und Hilflosigkeit dominierten über die Jahre. Unser Miteinander wuchs erst wieder in der Einsamkeit eines schneeweißen Bettes der Nerven-Klinik.
Narben sind geblieben, aber das Wesen der Narbe ist die Abwesenheit des Schmerzes. Wir wurden wieder stark. Wir zwei. Wer, so frage ich, kann das besser als wir zwei hochsensiblen Wesen?
Du bist meine SEELE – und ich der Körper, der so viel schwächer ist als du. Es ist Zeit, einmal DANKE zu sagen. Dir, du treue SEELE du.
Guido Toggenburg sagte:
„Jetzt beim Lesen Ihres Textes ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen … jetzt weiß ich, woher Sie diese Stärke des Bezwingens nehmen - ihr seid ein verdammt gutes Team - Sie haben Ihren Seelenfreund gefunden … ein Teil Ihres Selbst - Ihr Alter ego. Respekt!"
>work in progress<

- Mai 1982 – Ein Statement
"Es sind dreihundertvierundsechzig Tage vergangen. Anfangs dachte ich, dass diese Zeit niemals vergehen wird. Und morgen verlasse ich diesen denkwürdigen Ort mit seinen delikaten Menschen. Egal, ob Therapeuten, Angestellte oder Patienten, sie alle haben in mir erst die Kraft entfacht, die mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Freilich gab es Momente des Zweifels, des Heimwehs und auch der Versuchung. Das mag jetzt nach pathetischer Abschiedsrede klingen, aber ich steh' dazu. Ich habe es geschafft und bin stolz darauf. Die Arbeit hier in der Heilstätte hat mir nicht nur Spaß gemacht, sondern offenbar ist mein Einsatz und meine Freude registriert worden, dabei haben mir meine handwerklichen Fähigkeiten, mein Organisationstalent und die Empathie für Mensch und Tier sehr geholfen. Schnell war ich auserkoren, die Leitung der Freizeit-Gruppe und später auch die Arbeitsgruppe Bau- und Malerei zu übernehmen. Ich habe Ausflüge organisiert, durfte Artikel für die Hauszeitung schreiben und widmete mich dem Malen. Meine Acryl-Bilder waren begehrt und ich konnte sogar den einen oder anderen Franken dazu verdienen damit. Später, im zweiten (trockenen) Halbjahr, durfte ich als provisorischer Arbeitstherapeut arbeiten und etwas Geld ansparen. Morgen geht es also wieder zurück nach Salzburg.”
Man hatte mir einen fixen Posten im Effingerhort und eine Ausbildung zum Ergotherapeuten angeboten. Eine Auszeichnung – trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Ich wollte dorthin zurück, wo alles angefangen hat, wo die Katastrophe begann. Damals, eigentlich in der ersten Nacht in der Stadt Salzburg, wo ich unerwartet bleiben musste, weil ich den Bus verpasst hatte.
Jetzt war es mein erklärtes Ziel, meinen Salzburger Scherbenhaufen aufzuräumen. Ich hatte etwas gutzumachen. Ich wollte all jenen, die ich durch mein alkoholisches Verhalten belogen und enttäuscht hatte, beweisen, dass ich bereit war, mich zu entschuldigen. Danach galt es, alte Schulden zu begleichen. Ich wollte allen zeigen, dass ich es geschafft habe.
Die Devise lautete: So schnell wie möglich einen Job finden, Geld zu verdienen und dann – und das war mein großer Traum – mich mit einem eigenen Betrieb selbstständig machen. Das, was ich seinerzeit in meiner steirischen Heimat im Rinnsal des Gehsteiges mit Steinen, Kronkorken und Glasscherben geschaffen hatte, sollten jetzt Kaleidoskope des Seins werden. Bunte Lebens-Mosaike aus Liebe und Zuversicht.
>work in progress<

Samstag, 15. Mai 1982.
Ich wählte den Nachtzug zur Rückkehr nach Salzburg weil ich den Kopf freibekommen wollte. In der Nacht werden die Gefühle klarer, die Gedanken lauter und die Musik wird schöner. Nachts merke ich, was Fassade ist und was nicht. Nächte sind ehrlich. Ich dachte nach, führte einen stillen Dialog mit mir selbst. Und schrieb meine Gedanken in mein Notizbuch:
Ich bin geformt von meiner eigenen Biografie. Alles was ich heute denke und fühle ist gewachsen aus den unzähligen Ereignissen meines Lebens und den daraus resultierenden Erfahrungen. Jeder Fehler hat seine Vorgeschichte und entsteht aus der Situation heraus. Genau diese Situation lässt sich nicht wiederholen und daher auch nicht ungeschehen machen. Irgendwann habe ich beschlossen die Zeit einfach so zu nehmen wie sie ist und mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Alles was heute passiert ist ein Geschenk des Lebens. Alles was morgen passieren könnte, liegt nicht in meiner Hand. Alles was in der Vergangenheit passiert ist macht mich weiser.
Ich hatte mein Gepäck in der Aufbewahrung im Salzburger Hauptbahnhof deponiert, als knapp vor sechs Uhr über dem Gaisberg die Sonne aufging. Das war es, was ich sehen wollte. Zufrieden schlenderte ich durch das Bahnhofsgelände, das früher in obdachlosen Zeiten manchmal mein Zuhause war. Zielbewusst steuerte ich den Marmorsaal im Bahnhofsrestaurant an. Es war noch Zeit bis zu meinem ersten Treffen an diesem Tag. Bruno, mein bester Freund, wollte um 9:00 Uhr im Café Tomaselli in der Altstadt sein. Bis dahin gönnte ich mir ein famoses Frühstück in erstklassiger Umgebung.
Ich hatte gerade mein Gepäck in der Aufbewahrung im Hauptbahnhof deponiert, als knapp vor sechs Uhr über dem Gaisberg die Sonne aufging. Das war es, was ich sehen wollte. Zufrieden schlenderte ich durch das Bahnhofsgelände, das in obdachlosen Zeiten manchmal mein Zuhause war. Zielbewusst steuerte ich den Marmorsaal im Bahnhofsrestaurant an. Es war noch Zeit bis zu meinem ersten Treffen an diesem Tag. Bruno, mein Freund, wollte um 9:00 Uhr im Café Tomaselli in der Altstadt sein. Bruno ist ein besonderer Mann. Er hatte die chaotischsten Zeiten mit mir geteilt, trank so manche Flasche leer, ohne jemals abhängig zu werden – außer von seiner wohlhabenden Lebensgefährtin – aber diesen Umstand genoss er. Elfriede hielt ihm den Rücken frei. Bruno war ein gebildeter Freigeist, machte brotlose Erfindungen und war ein Lebenskünstler, Philosoph und Menschenfreund. Nach seiner Lehre als Hotelfachmann heuerte er beim Bundesheer an und wäre fast Hubschrauberpilot geworden, hätten sie ihn nicht als ‚unehrenhaft’ entlassen. Den genauen Grund verriet er mir nie, aber ich ahnte es – Frauengeschichten, seine große Schwäche, wie er selbst zugab. Unsere Freundschaft fußte auf Gegenseitigkeit und Respekt. Bruno war Denker – ich Handwerker, das ergänzte sich famos.
Ich genoss die Ruhe, die der Sonntagmorgen in einer Touristenstadt wie Salzburg zu bieten hat. Am Alten Markt angekommen, staunte ich nicht schlecht. Bruno stand etwas erhöht auf den Stufen des Florianibrunnens vor dem ‚Tomaselli’ und versuchte in radebrechendem Englisch einer Schar blondierter Amerikanerinnen zu erklären, dass er leider kein Englisch spreche. Als ich grinsend auf ihn zukam, erkannte mich Bruno. Ich fragte: „Was ist los mit dir, bist du jetzt Fremdenführer geworden?”
„Mensch Ferdinand, dich schickt der Himmel, sag den Mädels, dass ich genau das nicht bin.”
Jetzt hatten mich die Ladys bemerkt. Ich hob die Hände und sagte in ebenso holprigen Schulenglisch: „This man is not a tour guide.” Daraufhin zogen sie ab.
„Wie das?”, fragte ich kopfschüttelnd Bruno.
„Keine Ahnung. Ich habe mich auf den Brunnen gestellt um dich besser zu sehen, wenn du kommst.”
„Alles klar, komm runter. Dein Empfang ist ja fast gelungen, mit Ami-Mädels hatte ich allerdings nicht gerechnet.“
„Jaja, red du nur … Komm, wir gehen auf einen Willkommenstrunk.”
Wir setzten uns an einen Tisch mit Fensterblick auf den Toskanatrakt der alten Residenz in der Churfürststraße. In diesem Gebäude war auch die Polizeidirektion untergebracht.
„Da muss ich demnächst hin”, sagte ich zu Bruno.
„Hast was ausg’fressen?”
„Nein, es geht um meinen Führerschein, den ich ja nicht mehr zurückbekommen habe. Du weißt schon wegen dem ‚Schwarzfahren’”
„Und? Bekommst du ihn?”
„Nein, leider nicht. Aber ich habe einen Antrag gestellt, dass ich nach gewissen Pflicht-Fahrstunden in einer offiziellen Fahrschule zur neuerlichen Prüfung durch die Behörde antreten darf.”
„Wahnsinn! Das komplette Programm?”
„Das komplette Programm, ja. Und zusätzlich ein ärztliches Gutachten. Du verstehst?”
„Wegen Alkohol?”
„Ja, genau. Besonders auf die Leberwerte sind sie scharf.”
Bruno wollte helfen, wusste aber nicht wie. Ich fragte ihn, ob er seinen alten VW-Käfer noch hat.
„Ja, natürlich”, sagte er, „willst ihn mir abkaufen?”
„Nein, nicht abkaufen. Ich bräuchte nur ein paar Trainingsstunden wegen der Sicherheit. Ich bin jahrelang nicht gefahren. Ich dachte an ein paar Runden am Sonntag auf einem Supermarkt-Parkplatz. Unter deiner Patronanz versteht sich.”
„Super, das machen wir. Du spendierst einen Tank voll Sprit, und wir brettern durch die Gegend, bis die Kiste auseinanderfällt!”
„Danke!”
Und wie gehts weiter? Was hast sonst noch alles vor du alter Haudegen?”
Wir saßen den ganzen Vormittag im Tomaselli. Ich erzählte von meinen Plänen. Dabei war ich selbst überrascht, welche Power in mir steckte.
Bruno war jedenfalls beeindruckt von meinen Wünschen, Plänen und Visionen. Er setzte sich gerade, stützte seine Ellenbogen am Tisch ab und begann mit den Fingern aufzuzählen. Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann willst du:
1) den Führerschein machen,
2) einen Job suchen,
3) die Facharbeiterprüfung nachholen,
4) dich zur Meisterprüfung anmelden
5) eine Firma gründen – richtig?
Richtig!
„Und was ist mit Frauen, Ferdinand? Unter uns gesagt: Ich kann dich mir ohne Frau nicht vorstellen. Und noch was Wichtiges: Du brauchst eine Wohnung. Natürlich kannst du bei mir auf der Couch schlafen, aber auf die Dauer brauchst du was Vernünftiges.”
Ich musste lachen. So wie er sich für mich engagierte, war er köstlich anzusehen in seinem Eifer.
„Bist ein wahrer Freund, Bruno, vielen Dank! Deine Aufzählung hat schon seine Richtigkeit. Wenn nichts Gröberes dazwischen kommt, dann mache ich das genau so. Und jetzt zu den Frauengeschichten und der Wohnungsfrage. Hör’ gut zu.“
„Bin ganz Ohr!”
„Heute Nachmittag bin ich bei meinen Schutzengeln von der Telefonseelsorge zu einem Kaffeeplausch im Haus des Domorganisten und seiner Frau Erni in Großgmain eingeladen. Beide sind sozial sehr engagiert und haben im Vorfeld meiner Rückreise nach Salzburg schon ihre Beziehungen spielen lassen. Sie haben mir vorab, bis ich einen vernünftigen Job habe, ein günstiges, möbliertes Zimmer organisiert.”
„Ja, alles super, Ferdinand. Aber jetzt rück schon raus damit, du hast was von Frauen angedeutet!”
„Neugiersnase! Also gut, es gibt da eine Frau, mit der ich mich bis jetzt nur brieflich unterhalten habe. Sie heißt Anna und ist wie ich, trockene Alkoholikerin. Anna ist wie ich, ein ‚Klient’ der Telefonseelsorge. Ilse, meine Lebensretterin, war der Meinung, dass wir zwei viel gemeinsam hätten und brachte ihre Idee in eine Teamsitzung der TS ein. Unabhängig voneinander wurden Anni und ich befragt, ob wir an einem Austausch unter Leidensgenossen interessiert wären. Lange Rede – kurzer Sinn: Wir haben uns seit einem halben Jahr Briefe geschrieben.”
„Ja und? Wie gehts weiter?”
„Na ja, wie soll ich sagen? Ich bin ziemlich aufgeregt. Anni wird heute bei diesem ‚Kaffeekränzchen’ in Großgmain auch dabei sein.”
„Wahnsinn! Du bist ja ein richtiger Glückspilz.”
„Ich weiß nicht … ein bisschen nach Kuppelei riecht es schon.”
„Ach was, Ferdinand sei nicht so negativ. Die meinen es nur gut mit dir. Vielleicht beschnupperst du erst mal deine Anni, dann werden sich die Dinge von selbst ergeben.”
„Hoffentlich hast du recht, Bruno. Ich mach’ mich jetzt mal auf die Socken. Ich ruf dich am Abend an, okay?”
„Alles klar, mach’s gut!“

Ich musste von ganz vorne beginnen: ‚Zurück an den Start’, wie es in Spiel ‚Monopoly’ heißt. Ich meldete mich zum nächstmöglichen Termin an und fand mich drei Monate später mitten unter lauter halbwüchsigen Lehrlingen vor der Prüfungskommission wieder. Ich bestand ohne Probleme. Ein Grundstein war gelegt.
Die Vorbereitung zur Meisterprüfung war dann schon um Etliches schwieriger. Es gab eigens dafür geschaffene Meisterschulen, allerdings kamen die für mich nicht infrage: Zu teuer – und Monate in einer Schulbank zu sitzen, ohne etwas zu verdienen – unmöglich.
„Gibt es eine Alternative?”, fragte ich.
„Ja”, sagte der Innungsmeister, „wenn Sie das wissen und können, was in diesem Buch steht, dann sind Sie durch.” Das Buch, das er aus dem Regal gezogen hatte, hieß ‚Kendlbacher –Fliesentechnik’. Damit war ich vorläufig entlassen.
„Okay”, sagte ich zu mir selbst, „ich nehme die Herausforderung an. Es folgten intensive Monate des Paukens. Anfangs half mir meine Frau Anna (wir hatten inzwischen geheiratet) beim Einlesen und Abhören schwieriger Fragen. Aber es funktionierte nicht. Anna fehlte das technische Verständnis, was zu ständigen Reibereien und Streit führte.
„So gehts nicht weiter”, musste ich erkennen.
Wieder einmal rückte mein Freund Bruno ins Bild. „Wir müssen das professioneller angehen”, sagte er. Und die Rally begann: Ich besorgte zwei Ausgaben dieser erlauchten Fliesenlegerbibel, wie der ‚Kendlbacher’ auch genannt wurde. Ein Exemplar zerlegten wir in seine Einzelteile und fertigten daraus einen Fragenkatalog. Wir vereinbarten pro Woche zwei Abendsitzungen abzuhalten. Ich bestand darauf, Bruno wenigstens Kilometergeld für seine Fahrten zu mir zu bezahlen. Er protestierte zwar, aber ich blieb dabei: „Was nichts kostet – ist nichts wert!” Das war immer schon meine Devise. Als besonderen Anreiz lobte ich eine Prämie bei erfolgreicher Ablegung ‚unserer’ Meisterprüfung aus. Jetzt war Bruno elektrisiert. Lange Rede – kurzer Sinn: Am Freitag, den 13. Juni 1986 bestand ich vor dem Gremium der Landesinnung für Hafner- Platten- Fliesen- und Mosaikverleger die Prüfung. Nicht mit Auszeichnung, wie ich insgeheim spekuliert hatte, aber als Einziger von vier Angetretenen.
Danach war mein Hirn leer. Ich ließ mein Auto in der Tiefgarage stehen und ging zu Fuß nach Hause. Die Einladung anderer Prüflinge zum allgemeinen Besäufnis im nahe gelegenen Pitter-Keller lehnte ich dankend ab. Ich wollte für mich allein sein.
Der Druck wollte nicht abfallen. Ein ganzes Jahr lang tagtäglich im Akkord auf Baustellen rackern um Geld zu verdienen und abends zu lernen bis die Augen brannten, forderte seinen Tribut. Erst Tage danach, bei der feierlichen Übergabe der Meisterbriefe durch den Landeshauptmann im großen Saal des Mozarteums wurde mir klar, was ich geschafft hatte und konnte mich endlich freuen.
Das Unternehmer-Abenteuer begann in einem winzigen Büro und einer gemieteten Garage als quasi Geschäftslokal. Es war zweifellos das größte Risiko, das ich je eingegangen bin. Entschlossen aber mit dem Ziel, es denen da 'oben' zu zeigen. Gar nicht so einfach mit meiner Vergangenheit als notorische Schnapsdrossel. Aus dem Nichts einen Kundenstamm zu akquirieren war eine Herkulesaufgabe. Negative Stimmen warnten mich: „Wer vertraut schon einem Alkoholiker?“
Ich hatte keinerlei Lobby. Wer sollten meine Kunden sein? Die Saufkumpels von gestern? Die Klosterschwestern, die mir Suppe gaben? Oder die Polizisten, die mich regelmäßig einsperrten, wenn ich wieder einmal die Ordnung an einem öffentlichen Orte gestört hatte, allein durch mein Äußeres. Das Risiko bestand darin - dass bei einem Scheitern als Unternehmer - ein Rückfall in alte Zeiten verdammt nahe lag.
Aus ehemaligen Arbeitgebern waren plötzlich Kollegen geworden, deren negative Haltung es auszuräumen galt. Nicht wenige von ihnen grüßten mich mit einem süffisanten „Prost Ferdl“. Ich bemühte mich, diese Spitzen zu überhören und bastelte stur weiter an meinem Unternehmenskonzept, das die kleinkarierten Meister der Zunft endgültig überzeugen sollte.
1994 probte ich abermals den Aufstand gegen die Etablierten. Seit zwei Jahren plante ich einen Standortwechsel mit gleichzeitiger Ausweitung der geschäftlichen Betätigung auf das benachbarte Bayern. Der bevorstehende EU-Beitritt Österreichs half, diese Ziele zu erreichen. Euregio war das Schlagwort für ein Europa der Regionen. Es vermittelte eine Ahnung von Globalität. Meine Firma agierte erstmals international. Importierte Keramik aus Südeuropa fachgerecht in alpenländischen Bettenburgen zu verlegen, war so ein Ansatz für den unternehmerischen Erfolg.
Für exklusive Kunden baute ich einen Schauraum, der alle Wünsche erfüllte. Die Ausstellung mit modernster 3D Computerplanung für Bäder vom Feinsten war ein absolutes Novum in Handwerksbetrieben. Dieses und noch viel mehr, galt es feierlich zu eröffnen. Januar 1995: Es war wieder an einem Freitag, den Dreizehnten. Für mich ein Glückstag.
Einladungen & Pressemappen gingen an den ORF Salzburg, die Presse, an den Verbandspräsidenten, Architekten, planende Baumeister, Hochbauamt der Landesregierung, natürlich an meine Kunden und nicht zuletzt an den Kämmerer der Erzabtei Sankt Peter. Mit Stolz und nicht geringer Genugtuung lud ich die vermeintlich größten Konkurrenten der Branche offiziell ein. Den Rückmeldungen zufolge sollten alle Geladenen auch kommen.
Für die erstklassige Betreuung der Gäste engagierte ich eine der besten Cateringfirmen der Stadt. Meine Frau Anna und ihre Tochter Claudia wählten ein italienisches Buffet, andalusischen Wein und Portwein aus Madeira. Zwei Hostessen des Caterers bewirteten die Gäste an den Partytischen, die wahllos zwischen Marmortafeln und futuristischen Kunstfiguren aus Mosaik standen.
Meine kühnsten Erwartungen wurden weit übertroffen. Bruno Dangl, mein Freund und Berater in Sachen Marketing hob den Daumen. Läuft super, sollte das heißen! Jetzt kam der Zeitpunkt für meine Begrüßungsrede. Experten rieten mir: „Red einfach wie dir der Schnabel gewachsen ist, das mögen die Leute am liebsten.“
Und es kam, wie es kommen musste – ich vergaß die Frau Stadträtin zu begrüßen. Als Entschuldigung war nur anzuführen, dass genau in diesem Moment der kleine Sohn meiner Steuerberaterin in eine WC-Attrappe des Musterbades pinkelte und mich fragte, warum die Spülung nicht funktioniert. Das fängt ja gut an, dachte ich und holte den Putzeimer.
Meine Firma ist trotz dieser Panne gut in die Euregio gestartet.

Dezember 2011
Es war klar, dass er kommen würde, dieser Tag: der letzte Tag in meiner Firma. Obwohl ich gut vorbereitet bin, habe ich weiche Knie. Es war mein Entschluss, mit Jahresende in Pension zu gehen. Für mich ist die Fliesen Planegger GmbH ab heute Geschichte. Ich weiß, dass es emotional werden wird. Wie ein Mantra habe ich den Satz vor mir hergetragen: Du hast dir den Ruhestand verdient, du bist fünfundsechzig Jahre alt, es ist normal. Trotzdem macht sich ein ungutes Gefühl im Bauch breit. Mir fällt das Bild eines Ahornbaums vor einem alten Fenster ein, der Herbstwind bläst sein letztes Blatt aus der Krone des Baumes. Ich erinnere mich nicht, woher es stammt. Ich gehe in den Ruhestand, das heißt aber nicht, dass ich nichts mehr unternehmen werde. Vor lauter Untätigkeit in ein tiefes Loch fallen? Nein, das lasse ich nicht zu. Ich habe vorgesorgt.
Bruno Dangl ist mein Freund und Berater seit vielen Jahren. Er rät mir ab, die geplante Rede zu halten. Das ist meine Sache, denke ich und bin verärgert. Andererseits bin ich um Ausgleich bemüht, antworte weniger scharf, als mir zumute ist: „Das sehe ich anders, du unterschätzt die jungen Leute.”
„Nein, Ferdinand, das tue ich ganz bestimmt nicht. Ich kenne sie gut genug und weiß, dass sie sich auf die Feier freuen. Deine Mitarbeiter schätzen dich als ihren Meister. Sie haben sich was ausgedacht, sie wollen Spaß haben.”
„Den sollen sie haben, nach dem offiziellen Teil. Äh, du hast Musiker engagiert oder habe ich etwas übersehen?”
Robert verzieht das Gesicht. „Du lenkst ab, Ferdinand.”
„Hör zu, ich will keinem den Spaß verderben. Ich möchte mit meiner Rede Mut machen. Es geht um eine Botschaft. Die Botschaft heißt: Gib niemals auf!”
„Ich möchte deinen hehren Gedanken nicht klein reden, Ferdinand, aber glaub mir, es ist nicht der richtige Moment. Du zerstörst ein Bild von dir in den Köpfen derer, die zu dir aufschauen.”
„Mir geht es nicht darum, etwas zu zerstören, im Gegenteil. Ich will zeigen, was möglich ist, wenn Menschen selbst in tiefsten Krisen an sich und ihre Stärke glauben. Verdammt noch mal, lass mich die Leute ein wenig aufrütteln. Das Thema hat auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Immerhin ist diese Firma trotz der - wie du es nennst – nicht vorzeigbare Biografie ihres Gründers – zum führenden Betrieb in der Region geworden. Und das soll man nicht erzählen dürfen?”
„Mein Gott Ferdinand sei nicht so stur. Es kommen sogar Leute aus der Landesregierung.”
„Weil du sie eingeladen hast.”
„Ich habe eine bessere Idee, wie du den Leuten auf elegante Art sagen könntest, was dir wichtig ist.”
„Und die wäre?”
Jetzt grinst er.
„Schreib ein Buch, Ferdinand! Schreib ein Buch über deine Geschichte, die zu einem Teil auch meine ist. Schreib über alles, vor allem über die dunkle Zeit vor deinem Aufstieg; berichte von den Jahren der Würdelosigkeit, von der Zeit der Ausgrenzung, als keiner von all den feinen Leuten, die heute unsere Gäste sind, auch nur einen Groschen auf dich gesetzt hat. Wenn du den Mut hast, darüber zu berichten, dann mache es ordentlich und schreibe es auf.”
Ich hole tief Luft und überlege, ob ich seinen Vorschlag mit einem Machtwort abtun soll. Ich hadere, komme aber zum Schluss, dass Bruno wieder einmal recht haben könnte; er hat ein Gespür für das Richtige. Nicht nur deswegen ist er mein Freund, wir kennen uns seit vielen Jahren. Also sage ich: „Vielleicht hast du recht. Und: Ich gebe zu, die Idee mit dem Buch gefällt mir.”
Das flaue Gefühl im Magen ist weg. Bruno klopft mir auf die Schulter und fragt: „War es schwer?”
Ich weiß, was er meint, dennoch frage ich: „Was?”
„Die Eitelkeit zu besiegen.”
Er macht einen Schritt zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um meinem Ellbogen auszuweichen.
„Nur nicht übermütig werden. Ich kann die Rede immer noch halten.”
Bruno ignoriert es: „Ich helfe dir gerne beim Schreiben deines Buches. Wenn du es möchtest.”
„Du kommst dir wohl unersetzlich vor?”
„In gewisser Weise schon, Ferdinand. Wir sind und waren Komplizen des Alkohols. Wer sonst kennt dich so gut wie ich?”
Ich habe eine Bemerkung auf der Zunge, unterdrücke sie aber, weil in dem Moment die Küchenbrigade des Restaurants mit Unmengen feinster Fingerfood-Snacks an uns vorbeizieht.
„Komm Ferdinand, kümmern wir uns um die Gäste, die Begrüßung kann ich dir leider nicht abnehmen, das ist dein Job, du bist der Boss.”
Auf dem Weg zum Foyer treffen wir das neue Führungsduo. Beide haben sich bei uns vom Lehrling bis zum Meister hochgearbeitet. Sie werden ab heute die Firma in meinem Sinne weiterführen. Jedenfalls haben sie das versprochen.
Die Belegschaft ist vollzählig angetreten. Weiß dekorierte Stehtische laden zum Plaudern ein. Ein Mädchen jongliert mit einem Tablett voller Drinks durch die Reihen. Scheint alles zu funktionieren, denke ich und bin froh, dass Bruno die Organisation der Feier übernommen hat.
„Wie viele Gäste erwarten wir”, frage ich ihn.
„In etwa hundert. Wenn alle mit Begleitung kommen, werden es dem entsprechend mehr. Keine Angst, wir haben genügend Gedecke auflegen lassen.”
„Hundert?”, entschlüpft es mir, „ich meine, so viele hatten wir noch nie. Wer und was kommt da auf mich zu?”
„Man übergibt nicht alle Tage seine Firma, oder?”
„Stimmt. Tut mir leid, es sollte nicht knausrig klingen.”
Bruno lacht und sagt: „Kein Problem, sind alles wirklich nette Leute. Du kennst sie aus fünfundzwanzig Jahren solider Zusammenarbeit. Willst du die Gästeliste einsehen?”
Ich winke ab. Bruno rechnet mir aber trotzdem vor. „Dreißig Mitarbeiter, zwanzig Stammkunden, Architekten und Vertreter von Bauträgern, der Direktor unserer Hausbank, ein paar Politiker werden vorbeischauen und der eine oder andere Überraschungsgast. Wenn alle ihre Partner mitnehmen, ist die Hütte voll. Dir zu Ehren, es ist dein Fest, Ferdinand!”
Ich bin kein Smalltalker, das konnte ich noch nie, nicht mit fünfunddreißig und schon gar nicht mit fünfundsechzig. Heute kann ich mich nicht drücken, ich bin der Gastgeber. Es ist so, wie Bruno sagte: lauter bekannte Gesichter. Die Leute unterhalten sich prächtig, sie scheinen sich alle zu kennen – bis auf eine Frau, die ich aus dem Augenwinkel betrachte. Eine vornehme ältere Dame. Sie trägt einen schwarzen Hut mit rotem Band und breit geschwungener Krempe. In diesem Moment hebt sie ihren Blick und kommt auf mich zu. Besuch der alten Dame, denke ich und unterdrücke ein Grinsen. Ich kenne sie nicht. Rechtsanwalt Ortgruber steht neben mir und wendet sich an die Dame: „Da bist du ja”, sagt er, legt eine Hand auf meinen Arm, mit der anderen zeichnet er theatralisch eine Geste in die Luft.
„Darf ich vorstellen: Ferdinand Planegger, seit heute Ehrenpräsident von Planegger-Keramik – meine Mutter: Adele Ortgruber”, und zu mir gewandt: „Sie ließ es sich nicht nehmen, dich persönlich kennenzulernen.”
Adele Ortgruber sah mich an und lächelte.
„Ich freue mich, dass Sie kommen konnten”, hörte ich mich sagen. Ich mag diese Floskeln nicht, denke ich.
„Gern, ich war neugierig, wie Sie in natura sind. Ich kenne sie nur vom Telefonieren.”
Es ist eine angenehme, warme Stimme, die mir bekannt vorkommt. Sympathische Frau, denke ich, ganz anders als ihr Sohn, der Jurist, der auch mein Anwalt war bei der Scheidung von Anni nach zwanzig Jahren Ehe. Wir reden über das Geschäft, die überwundene Finanzkrise und wie schade es sei, dass ich gerade jetzt den Betrieb verlasse, wo doch diese Zeit des Aufbruchs geradezu ideal wäre für einen Pionier wie mich.
„Oh, danke, Sie schmeicheln mir, gnädige Frau. Aber nun muss ich weiter … die Kollegen warten”, sage ich. Am Nachbartisch albern zwei Bauleiter und fragen mich, wann es endlich mit dem Buffet so weit sei.
„Ein bisschen Business Talk müsst ihr noch über euch ergehen lassen, dann gibt es was zu futtern. Viel Spaß allerseits!”
Der Saal ist voll. An der Stirnseite hat eine Country-Band Aufstellung genommen. Bruno Dangl checkt das Mikrofon und begrüßt nun offiziell - im Namen der Ferdinand-Planegger-GmbH - noch einmal die Gäste. Danach präsentiert er ein Video, das den Erfolgsweg der Firma in den vergangenen 25 Jahren nachzeichnet.
Höflicher Applaus.
Ich bin der letzte Redner. Als ich in meiner Jacke herumnestle und die gefaltete Rede suche, bemerke ich Brunos flehenden Blick – als wolle er sagen – bitte nicht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Auf meinem Zettel stehen nur die üblichen Standardsätze. Ich halte mich kurz, teile heute keine Seitenhiebe an die Politik aus. Ich verwende die Sprache der Handwerker, bewusst im Dialekt und ehre meine langjährigen Mitarbeiter. Bruno hebt zufrieden den Daumen. Neben ihm steht Rosa, unsere Reinigungsfrau, sie ist mit ihrem Enkel da, Leo ist Lehrling bei uns. Sie sorgt außerdem bei mir zu Hause für Ordnung und kümmert sich um meinen Dackel Charly. Jetzt lächelt sie mir zu, sie geht auch in den Ruhestand.
Ich schaue ins Publikum und wundere mich, dass sich die Reihen lichten, es sind auf einmal weniger Leute da. Mir wird heiß im Kopf – ist meine Rede so schlecht? Ich bin noch nicht fertig, denke ich, kürze aber meine Abschiedsrede ab, komme rasch zum Schluss und bedanke mich für die Zusammenarbeit und Aufmerksamkeit.
Gerade in dem Moment, als ich das Buffet für eröffnet erklären will, bricht ein Trommelgewitter mit Tusch über mich herein. Ich erschrecke, möchte dem Schlagzeuger meine Meinung sagen. Mein Lachen ist gequält, als mir Bruno das Mikrofon aus der Hand nimmt und sagt: „Ferdinand, gönne dir eine Pause und genieße dein Abschiedsgeschenk, deine Mitarbeiter haben es für dich einstudiert.”
Jetzt wird mir klar, warum die Leute verschwunden waren. Sie haben sich hinter mir versammelt und in Position gebracht. Die Band beginnt zu spielen. Fast die komplette Belegschaft swingt und rockt, als hätten sie nie etwas anderes getan. Bruno plärrt mir ins Ohr: „Sie haben tagelang mit der Band geprobt für diesen Auftritt!”
Viele meiner Lieblingssongs wurden in einem Medley vereint und mit eigenen Texten aufgemöbelt. Die Melodien sind mir bekannt, der Text ist neu – Farewell and goodbye – haben sie es genannt. Die Überraschung ist perfekt, ich habe Gänsehaut und spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen.
Tosender Applaus.
Ich bringe kein Wort heraus. Nur: Danke.
Ich möchte eine Zigarette rauchen, ein paar Minuten allein sein und gehe vor die Tür. Ich schaue dem Rauch nach, der sich im Abendhimmel über Sankt Peter verliert. Zufrieden mit mir selbst kehre ich in den Festsaal zurück. Das Buffet ist eröffnet. Mir ist nicht nach Essen zumute. Unzählige Menschen klopfen mir auf die Schulter. Rechtsanwalt Ortgrubers Mutter Adele winkt mir zu. Ich gehe hin, sie fragt, ob ich mich zu ihr setzen möchte. „Mein Sohn treibt sich sonst wo herum”, beschwert sie sich.
„Gern, Frau Ortgruber”, sage ich froh, dass ich einen ruhigen Platz gefunden habe. Sie schaut mich verschmitzt an und sagt: „Nennen Sie mich einfach Anna – so wie früher.” Ich bekomme eine Ahnung, wer sie sein könnte, bin mir aber nicht sicher. Ich frage: „Wie meinen Sie das? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern.”
„Hören Sie zu Ferdinand – ich darf doch Ferdinand sagen?”
„Aber ja. Nur – bitte helfen Sie mir auf die Sprünge.”
„Sie liegen richtig, wenn Sie meinen, dass wir uns nicht kennen – und doch nicht – wir haben oft miteinander telefoniert. Es ist lange her, ich schätze dreißig Jahre”, sagt sie und kramt verlegen in ihrer Handtasche. Ihre Stimme kommt mir bekannt vor. Zaghaft frage ich: „Telefonseelsorge?”
Sie senkt ihre Augen, seufzt tief und schaut mich an: „Vielleicht mache ich jetzt alles falsch, bitte verzeihen Sie mir die Indiskretion, ich kann nicht anders, ich bin so stolz auf Sie, Ferdinand. Und ja, ich war damals Leiterin der TS-Salzburg.”
Jetzt funkt es bei mir endgültig: „Mein Gott, Sie sind die Anna, die immer Nachtdienst machte und mit der ich manchmal stundenlang telefoniert habe?”
„Ja, Ferdinand, ich bin diese Unbekannte mit dem Decknamen Anna. Sie waren unser ganzer Stolz, Ferdinand, wir nannten Sie insgeheim unser Paradepferd, weil es so verdammt selten vorkommt, dass ein hoffnungslos Verlorener den Weg zurückfindet.”
Später, als ich auf dem Heimweg zu meinem Haus mit dem alten Pick-up über den Feldweg holpere, kommen die Gedanken des Tages zurück. Ein Buch schreiben – wie das klingt. Mir fällt die Bemerkung von Bruno ein, von wegen Eitelkeit und so. Ich frage mich ernsthaft, ob ich ausreichend Fantasie besitze. Leichte Zweifel kommen auf. Klingt es nicht selbstverliebt, ohne Schamgefühl sein Innerstes nach außen zu kehren? „Na, wenn schon”, sage ich und spreche mir selbst Mut zu. Ich entschließe mich, alles aufzuschreiben. Es soll kein Epos werden, denke ich, sondern eine lockere Erzählung.
Ich fange wieder einmal von vorne an, wie schon oft in meinem Leben. Ein Rückblick, denke ich und stelle fest, dass ich Hilfe brauchen werde. Hat mir nicht Bruno ein Angebot wegen des Schreibens gemacht, oder war das nur so daher gesagt.
Gleich bin ich da, ich sehe es schon. Mein Häuschen. Baujahr 1906, Jugendstil. Die ortsübliche Bezeichnung Schlössl ist übertrieben, es ist nicht wesentlich größer als ein normales Haus. Genau genommen ist es ein Sanierungsfall. Einer, den ich entschlossen anpacken werde. Aufbauen – Bewahren – Instandhaltung. Das sind meine Metiers.
Wochen sind vergangen. Da sitzen wir nun, Charly, mein Rauhaardackel und ich. Vieles im Haus ist noch provisorisch, aber das stört uns nicht. Mit der großen Renovierung, vor allem im Außenbereich, werde ich mich im Frühjahr befassen. Meistens halten wir uns ohnehin im holzgetäfelten Erkerzimmer oder in der Bibliothek auf. Die Bücherregale reichen bis zur Decke und strahlen dieses besondere Flair aus, von dem ich mein Leben lang geträumt habe. Störend ist nur die leere Stuckrosette in der Deckenmitte der Bibliothek, hier fehlt die richtige Beleuchtung. Zum Interieur passend, soll es ein Kristallluster sein. Ich habe dieses sündteure Stück und zwei Klubsessel, die gut mit dem kleinen Schachtisch harmonieren, bestellt. Bis zum nächsten Besuch von Bruno Dangl wird alles fertig und gemütlich sein. Ich habe vor, ihm die ersten Texte meines Werkes vorzulesen. Schreiben muss ich sie halt noch. Ich bin schon gespannt auf sein Gesicht, wenn er Geschichten zu hören und lesen bekommt, von denen er keine Ahnung hat, denn ich beginne mit meinen frühesten Erinnerungen. Alles Glück und Übel prägt die Kindheit, habe ich irgendwo gelesen.
Ich genieße den Geruch vom Kirschholz im Erkerzimmer. Ein besonderes Odeur entsteht, wenn sich der Duft von Büchern mit dem des Eichenparketts der Bibliothek vermischt. Im Jugendstil-Kachelofen knistert es. Ich sitze im Ohrensessel vor dem Schreibtisch und schaue Charly zu, wie er sich dreimal auf seinem Platz herumdreht, bis er sich niederlegt, die Schnauze zwischen meine Füße in den Filzpantoffeln steckt und einen tiefen Seufzer ausstößt. Er spürt, dass ich zufrieden bin.
In der stillen Auflösung des Tages ziehe ich das alte Namensschild mit der Gravur Planegger & Sohn aus der Schreibtischlade, das ich seinerzeit von der schweren Eichentür der Villa Hammerherr, dem ehemaligen Sitz der Firma meines Vaters, abmontiert habe. Mit einer Hand streiche ich über das Schild, lege es zur Seite, mit der anderen nehme ich einen Zettel und beginne zu schreiben.
ENDE





