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Von Erwin Städeli – Zwischen Zeiten
Erwin Städeli
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Autobiographie-Award 2. Rang 2025 – Zur Laudatio
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16.
Einschub Marlis / 06.05.2026 um 11.47 Uhr
6.
Verklemmte Talente / 06.05.2026 um 11.47 Uhr
5.
Das Abbröckeln der Wirklichkeit / 06.05.2026 um 11.48 Uhr
7.
Vom Drehen, Taumeln, Schweben, und Fallen / 06.05.2026 um 12.05 Uhr
17.
Überblicke / 06.05.2026 um 12.10 Uhr
18.
Nachtrag / 06.05.2026 um 12.11 Uhr
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1.
Vorwort
2.
Gestern: EinTraum erwacht
3.
Jetzt wird Bilanz gezogen
4.
Von Pilgerreisen, gebrochenen Flügeln und einem unsichtbaren Schutzengel
5.
Das Abbröckeln der Wirklichkeit
6.
Verklemmte Talente
7.
Vom Drehen, Taumeln, Schweben, und Fallen
8.
Ab- und Aufwärts
9.
Mutter, 1921–1988
10.
Vater, 1918–2003
11.
Geschwister
12.
Erich, Kindheit, Jugend: 1949 bis 1969
13.
Prägende Einflüsse
14.
Erich, wilde Jahre: 1969 bis 1986
15.
Erich, weniger wilde Jahre: 1986 bis 2026
16.
Einschub Marlis
17.
Überblicke
18.
Nachtrag
19.
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1.  Vorwort
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Anmerkungen zum definitiven Text (Mai 2026)
Der bestehende Text wurde etwas geglättet um insgesamt geschmeidiger daherzukommen. Als neue Ergänzungen seien v.%u2006a. eine abverheite Plakatklebeaktion (Seiten 147-149), weitere leichtsinnige Erlebnisse mit Freund Andi (Seiten 116-118), und die Portugalreise (Seite 157) erwähnt. 
An dieser Stelle wird auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Autor seine bereits 1999 geschriebenen Texte (Seiten 8 bis etwa 59), nur mit grossen Bedenken hier aufgenommen hat – er kann sich stellenweise kaum mehr mit seinem damaligen schwülstigen Schreibstil einverstanden erklären.
1 Wort noch zur Rechtschreibung: ich habe mir das Recht herausgenommen, meine eigenen Regeln anzuwenden. Mein Oberkorrektor und Deutschlehrer an der Gewerbeschule in Zürich würde beim Lesen dieses Textes Wutanfälle bekommen, er ist schon damals (1965) wegen kleineren Verstössen gegen Dudenvorschriften ausser Rand und Band geraten.


Wer ist Erich Stadelmann, und weshalb versteckt sich der Schreiber dieser autobiographischen Fragmente hinter einem Pseudonym? Ganz einfach: Erich, ist ein enger Freund des Autors, sein Motivator und Unterstützer. Er trägt die Verantwortung für den Inhalt dieses Büchleins, damit Erwin in seiner stillen Schreibstube unbekümmert mit seinen Worten texten kann.
Die Zeichnungen, vor allem die Blumenbilder zwischen den Kapiteln, streuen eine Prise Heiterkeit zwischen die schwerfälligen Texte. Sie laden zu Lesepausen ein, wollen Auge und Herz erfreuen, und zu eigenen kreativen Tätigkeiten anregen.




ZwischenZeiten

Immer war schon etwas da und folgt nachher etwas – dazwischen passiert so einiges im Leben. Ein Versuch, mich meinem Leben von verschiedenen Seiten her anzunähern. Ein autobiographisches Fragment.



Kurzgeschichte
vor Jahren erlebt und aufgeschrieben, inspiriert von Peter Bichsel.

Im Zug bin ich mal Peter Bichsel begegnet. Letzte Woche einem bekannten Politiker. Er trank Kaffee in Speisewagen. Ich auch. Er war beschäftigt, ich sah es genau. Ich beobachte Menschen im Zug. Ich studiere das Verhalten von Menschen im Zug. Auch ich verhalte mich im Zug so, wie andere Menschen sich im Zug verhalten, also genau so, wie wenn ich nicht im Zuge sitzen würde. Ich verhalte mich also ganz normal. Wenn ich im Zug eine bekannte Person entdecke, lasse ich mir nichts anmerken. Ich springe nicht spontan aus dem Sessel und nähere mich der berühmten Person mit ausgestrecktem Arm. Ich schüttle zum Beispiel Peter Bichsel nicht voller Freude seine Hand, weil er mich schon fast ein Leben lang mit seinen feinen Geschichten begleitet. Ich spreche ihn nicht an, ich stelle mich nicht vor. Obwohl ich ihm schon lange Danken sagen wollte.
Einmal sah ich in Paris morgens um acht Uhr – kaum aus dem Zug ausgestiegen – Emil. Übermüdet und deshalb unkontrolliert rief ich spontan: Hoi Emil. Er schaute mich gequält an und ich verstand sofort, einen grossen Fehler gemacht zu haben. Seitdem spreche ich Prominente grundsätzlich nicht mehr an.
Ich fahre Zug, beobachte Menschen und hoffe, es spreche mich niemand an. Aber mit Peter Bichsel würde ich gerne mal im Speisewagen Kaffee trinken, wenn er mich dazu einladen würde.
Gestern: EinTraum erwacht
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2.  Gestern: EinTraum erwacht
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1999.
Mutter verstorben,
Vater krank.
Befinde mich zwischen
zwei Zeiten,
denke zurück
und schaue nach vorne.

1950, an der Starengasse, Erich zu Füssen von seinem Mami

 

Im Jahr 1999 schreibt Erich:
diese etwas unglaubliche Geschichte passierte mir vor wenigen Wochen. Gerade weil sie so merkwürdig erscheint, muss ich ausdrücklich betonen, dass ich das nachfolgend Aufgeschriebene so genau und wahrheitsgetreu aufgezeichnet habe und nach bestem Wissen und Können Selbsterlebtes versucht habe, der Mitwelt zur Stillung ihrer Neugier zu überlassen. Was der einzelne Leser, die einzelne Leserin von diesen einerseits widersprüchlichen und auch mich selber zeitweise in vibrierende, ja fast fiebernde Turbulenzen zu reissen vermögenden, andererseits wiederum kaum an Trockenheit und dürrem Alltagsrealismus dahinplappernden Gedankengänge, sich zu erlernen hofft, bleibt mir echt rätselhaft, und ehrlich gesagt: ich kann mir vorstellen, dass die geduldige Leserschaft, das heisst, diejenigen, die nicht davor zurückschrecken, weiter und weiter zu lesen, am Schluss dieser Geschichte ganz böse auf den harten Boden der Realität zurückgeworfen werden. Es ist mir unerklärlich, dass es anscheinend Menschen gibt, die sich freiwillig der masochistischen Beschäftigung mit einer so alltäglich-banalen Lektüre hingeben.

So lag ich also, wie so öfters, mitten in der Nacht halb wach halb doch fast schlafend unruhig und dumpf in meinem Bett in einer Lage, in welcher sich mehr als sonst Grenzen aufzulösen beginnen, wo Gestern und Morgen keine eindeutigen Begriffe mehr darstellen, wo Sein und Nichtsein miteinander wie eine rässe Fonduemischung verschmelzen und Fantasie nicht mehr von Realität zu unterscheiden ist. Die prophylaktisch eingenommenen rein biologische-pflanzlichen Nerven- und Schlafdragées schienen entweder gar nicht die gewünschte Wirkung zu entfalten, oder was ich heute vermute, eher ein meine Gehirn durcheinanderbringendes, sich ein irgendwie dschungelartig-wucherndes, ein masslos wachsendes und schlingendes und sich vermehrendes Gedankenwirre in meinem blank und wehrlos daliegendes Gefühls- und Empfindungsorgan zu entfalten und mich in diese schweisstreibende aber auch nach und nach in eine mich ständig mehr faszinierende und belustigende Stimmung zu bringen vermochte. Was mit einer fast komatösen fieberhaften Phantasiererei begann, veränderte sich zu einem gänzlich spannenden und faszinierenden Ereigniss voller Logik, Erkenntnis und Durchblick. Es entwickelte sich im Halbtraum nach und nach eine mich unglaublich packende Geschichte. Schlagartig lag ich hellwach im Bett.

Es war völlig klar: diese Geschichte muss aufgeschrieben werden. Ich wusste aus Erfahrung, dass ich die spannenden und interessanten Träume, die in manchen kurzen Wachmomenten klar ins Bewusstsein treten, oft am nächsten Morgen nicht mehr rekonstruieren konnte. Alles weg und vergessen. Leider war ich auch diesmal viel zu träge und zu nachlässig. Ich muss wieder eingeschlafen sein. Zwar zog beim Erwachen aufs Neue kurz eine neblige Vorstellung des eben Geträumten vor meinen Augen vorbei, als ich aber rasch aufstand und zu Papier und Bleistift eilte, verflüchtigte sich der geniale Traum. Er zog sich zu meinem Bedauern in eine andere, unerreichbare Dimension zurück. Mir blieb nichts anderes mehr übrig, wie allen anderen Menschen auch, ich musste mich wieder dem Alltagstrott zuwenden. Vage glaubte ich aber doch zu spüren, ich hätte Szenen aus meinem Leben geträumt. Es wäre doch zu schade, die grosse Mühe, die sich der Traum gemacht hat, nicht zu honorieren. Möglicherweise sollte ich versuchen, etwas über die Jahre 1949 bis 2003 zu erzählen. Es könnte daraus eine wahre Erzählung entstehen, echt und süss und bitter zugleich. Es könnte eine ganz persönliche unverwechselbare Geschichte entstehen. So wie auch dein Dasein als einmaliger Beitrag in das Buch des Lebens eingetragen werden wird.

Das Staunen über die Tatsache, schon über ein halbes Jahrhundert auf dieser Welt verbracht zu haben, beweist eigentlich nur, das die Zeiten schneller davoneilen, als ich in Wirklichkeit realisieren kann. Alles hinkt bedenklich der Zeit hinterher: die Wünsche, das Wissen, das Können und das Wollen. Und immerzu ist die Gefahr gross, zurückzufallen, mit den Gedanken in einer entschwundenen Vergangenheit kleben zu bleiben oder verzückt in unerreichbaren Zukunftsträumen zu schwelgen. Derweil zieht das einzig Reale, die alles durchdringende Gegenwart unbenutzt an mir vorbei. Rätselhaft und unverständlich diese Gegenwart, die es eigentlich so gar nicht so richtig gibt, denn prinzipiell ist sie schon vorbei oder kommt erst. Einzweitel Jahrhundert. Welch ein Leben, welch ein Sterben in dieser Zeit! Wieviele Träume die in stürmischen Zeiten an den harten Klippen der Wirklichkeit zerschellten. Welche gigantischen Anstrengungen der Menschheit im Erhabenen sowie im Himmeltraurigsten. Alle geben sich dauern Mühe, das Beste zu wollen, alle glauben ewiglich, immer im Recht zu sein, glauben immer, die anderen seien die Schuldigen. Überhaupt: all das Glauben und Hoffen und Wünschen und das Sehnen. Ständig das Wollen, was nicht realisierbar ist, immer anders sein wollen, ewig jung und schön und begehrt, auch gescheit und erfolgreich sein. Mich hat das alles nie gekümmert. Ich hab nie daran geglaubt. Immer habe ich schon lieber getrotzt. Ich war nie das Schaf in der Herde. Sicher nicht das Weisse. Aber auch nicht das Schwarze. Dazu war ich zu sehr Mensch. Unter den Wilden war ich der Zahme, unter den Braven versuchte ich Unruhe zu verbreiten und zwischen die Streitenden trat ich vermittelnd als Friedensengel. Nie wollte ich die Glut schüren, vielmehr aber Verharmlosen, Vermitteln, Schaden vermindern. Ein teufeliger Engel war ich gern.
Hineingeworfen in Raum und Zeit, ungefragt, unvorbereitet, unfertig, klein schwach und wehrlos: ein Eindruck, der mich bisher ein Leben lang begleitet, in abnehmendem Masse allerdings. Unverhofft tauchten auch in mein Leben stärkende prägende tragende Ereignisse ein. Statt nur abwärts tief 
hinab in Grauen, Zweifel und Angst, gabs auch Bewegungen hinauf auf zumindest halbwegs akzeptable Anhöhen mit sonnigen Aussichten auf blühende Weiten. Es gäbe einiges zu berichten zu den Gründen, die dazu geführt haben, dass die Neigungen in diese und nicht in eine gegensätzliche Richtung sich entwickelt haben. Aber es ist noch nicht Zeit für Erklärungen.

Was mich immer schon erstaunt hat, vor allem in früheren Zeiten: die Behäbigkeit der Alten, die Gemächlichkeit der Ergrauten. Ich sehe eine vergangene Situation vor mir, ich bin vielleicht zehn Jahre alt, ein Greis, er ist bestimmt schon über 55, fährt auf seinem Fahrrad gemächlich an mir vorbei. Die Gefahr besteht, dass er nächstens vom Velo kippt, dermassen langsam fährt er. Er muss todmüde, völlig geschwächt sein. Wahrscheinlich hört er kaum mehr etwas, seine Augen sehen nur noch schemenhafte Umrisse. Er empfindet und merkt nahezu nichts mehr, kein Austausch kein Bemerken kein Reagieren mehr. Er steht kurz vor seinem Tod. Meine ich. Dass der immer noch auf seinem Velo hockt! Auch die pedalenden Frauen fallen alle fast vom Sattel herunter. Sie sind allenfalls noch ein wenig jünger, aber sie fahren genauso apathisch herum. Und sie machen so ernste Gesichter dabei. Sie sehen aus, als ob sie eine zusätzliche unsichtbare Last transportieren müssten. In letzter Zeit aber bemerke ich an mir selber, dass ich so gemächlich wie machbar durch die Strassen radle. Ich geniesse das Unterwegs sein, ich erlebe ganz bewusst jede kleinste Temperaturschwankung in meinem Gesicht, ich lasse all die wunderbaren herrlichen Bäume und Sträucher und Häuser und Menschen würdevoll an mir vorübergleiten, Gebrumme Gezwitscher Geklopfe von symphonischen Ausmassen umschmeicheln meine Ohren: hören horchen hellwach mit Hochgenuss da sein. Jetzt beginne auch ich abzubremsen. Es macht einfach keinen Sinn mehr, das Hetzten und Pressieren. Er würde mich nur stressen der Stress. Das eifrige Eilen von Ziel zu Ziel, von Höher und Schneller, überhaupt all das Nicken und Hofieren und das Buckeln und Strammstehen: all das fällt jetzt weiter zurück, es war ja auch nie so bewusst präsent als man jünger war. Unbekümmert hat man geglaubt, der momentane Zustand sei schon cool so. Geglaubt, die Jüngeren seien noch blöd, die Älteren seien schon wieder blöd, all die anderen seien eh doof, weil sie einen Ring durch die Nase oder weil nicht, weil die Schuhabsätze so oder anders, weil sich diese Banausen wagen, jene und nicht solche Musik anzuhimmeln. Dauernd hat man sich Mühe gegeben oder auch nicht geben müssen. Vieles lief ja auch ganz automatisch ab, so schön brav angelernt und einverleibt, so tief verinnerlicht, dass sich kein Zugang mehr dazu finden liess. War ja auch nicht nötig. War ja auch nicht gefragt. Man hatte vor allem reibungslos zu funktionieren. Das war ureigenster Wunsch geworden. Dabei zu sein war alles, ist alles. Heute noch viel mehr. Jetzt, wo auch ich uralt schon bin, schon ein wenig mehr als ein halbes Jahrhundert auf dieser verrückten Erde, gilt das alles gottseidank nicht mehr. Oder ich sage besser: fast nicht mehr. Es gibt nichts mehr zu hetzen und zu eilen: alles, vieles ist schon erreicht, 
erlebt, ist vorüber vorbei verdaut. Jetzt folgt die goldene, die kostbare Wonnezeit des ziellosen Schlenderns. Was soll da noch ein Ziel für uns hier, denen als letztes grosses Ziel bereits hinter der nächsten Biegung das stumm flatternde Gewand von Gefährte Tod entgegenwinkt? Jetzt wird nur noch der Weg wichtig und natürlich die Art des Unterwegs sein: hellwach verträumt, lockerleicht, jedes Sehen, jedes Säuseln, jedes Duften wird zu einem festlichen Ereignis. 
Jeder Schritt und jeder Atemzug wird zelebriert. Jeder Gedanke, jede Wahnrnehmung bekommt Raum und Zeit. Und niemand merkts. Muss auch nicht. Sollen die doch denken: dieser frühvergreiste Junggreis ist doch schon total vertrottelt („ein Rätesel, wie der sich noch aufrecht halten kann“). Es ist nicht mehr wichtig was die anderen denken. Was die oder der von mir hält. Was jene über diese denken und verbreiten. Was diese von denen wissen und umgekehrt. Abgekoppelt von den alltäglichen Banalitäten, sanft hinauskatapultiert von einer zeitlosen Zentrifugalkraft hinaus an die Peripherie der gesellschaftlichen Konventionen, weit darüber hinaus über alle Ränder und Barrieren: so darf man sich fühlen wenn die persönliche Halbesjahrhundertgrenze überschritten ist: und nie mehr ist das Gefühl dabei, etwas verpasst zu haben, nicht mehr dabei sein zu können. 
Alles wird ohne Druck, unabhängig und entspannt ausgewählt. Mindestens theoretisch und hin und wieder.

 

 




 

Jetzt wird Bilanz gezogen
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3.  Jetzt wird Bilanz gezogen
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1999. Erich nimmt sich etwas vor:
ich habe mir vorgenommen, eine Art Bilanz zu ziehen aus meinen fünfzig Jahren Gelebe. Ich möchte mich mitteilen hier und jetzt, mit «meiner» Generation in einen Austausch von Erfahrungen gelangen. Das will ich doch einmal ganz klar festgestellt haben: Obwohl ich ein Leben lang, zwar nicht nur ausschliesslich, aber zu allermeisten Zeit, die anderen als meine „Feinde“ betrachtet habe, obwohl ich die Menschheit als «bünzlig und kleinbürgerlich verachtet habe, fühle ich eine ganz starke und tiefe, eine ganz allgemeine und herzliche Solidarität gegenüber den Menschen «meiner» Generation. Und weshalb «meiner» Generation? Durchaus kann ich auch anderen Menschen, ob weit ob nah ob jung ob uralt, Verständnis und Gefühle entgegenbringen. Aber: mit meiner Generation lebte ich unmittelbar mit. Ich glaube ihre Freuden und Hoffnungen und das Bangen und Trauern und das Lachen und Reden genauer direkter hautnaher miterlebt und verstanden zu haben. Sie alle haben sich in diesem Leben so gut es ging durchgeschlagen, und, auch das möchte ich ausdrücklich betonen, das Leben ist eine stetige Gratwanderung, Absturz droht auf Schritt und Tritt, andere Gefahren lauern oben und unten, hinten und vorn. Man hat sich ja so viel vorgenommen, von all dem Vorgestellten und Erhofften und Erträumten blieb normalerweise nicht viel mehr übrig als ein Papierkorb voll zerrissener zerknüllter Papierabfälle: verblasste Entwürfe, unlesbare Skizzen, wertlos gewordene Aufzeichnungen. Viel zu viele sah ich scheitern. Zu viele strauchelten, stürzten, waren zu schwach, sich den schweren Schicksalsbrandungen, die das Leben ungefragt im eigene Herzen toben lässt, zu widersetzen. Ganz abgesehen davon, was sich draussen, ausserhalb unserer so geordneten und wohlbehüteten Schweiz unablässig für Dramen abgespielt haben. Irgendwann bricht jeder daran, davor aber liegt jedem seine Zeit und seine Geschichte. Davon soll die Rede sein. Ich erzähle etwas aus meiner Zeit, du erzählst hoffentlich etwas von deinen Erlebnissen. Ich habe zu viel geschwiegen in meinen Jahren. Ich wurde nicht dazu geschaffen um von Angesicht zu Angesicht Nettigkeiten auszutauschen. Mein Selbst war immer schon etwas zu unsicher, zu zögernd, zu nachdenklich. Das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, kaum entwickelt. Die stille Bescheidenheit möglicherweise anerzogen. Wer sollte sich den schon für mein Leben interessieren? Und nichtsdestotrotz schreibe ich jetzt meine Geschichten auf. Ich schaffe es aber nicht, schön geradeaus chronologisch exakt mein Leben zu schildern. Nein, ich schreibe unbeirrt von hinten nach vorne und kreuz und quer. Nicht der Ablauf der Zeit soll vorwiegend diese Worte strukturieren, ich will versuchen, mein Leben unter dem Aspekt von verschiedenen Themen, Menschen und Entwicklungen, die durch die Jahre hindurch mit mir zusammen entstanden, sich wandelten und veränderten, vor meinen Augen auferstehen zu lassen. Es lässt sich dabei nicht vermeiden, dass diese Ereignisse in verschiedenen Kapiteln mehrmals auftreten und so aus laufend verändertem Sichtwinkel und mit verschiedener Gewichtung in den Fluss der Erinnerungen einfliessen werden.

Wenn ich mich frage, wer bin ich, kann ich mit Sicherheit antworten: ich bin die Frucht einer grossen Liebe zwischen einer scheuen Tochter mit elf Geschwistern, ausgezogen 17jährig aus einem wackligen Appenzellerhaus, um Arbeit zu finden in der fernen grossen Stadt Zürich, und einem einfachen kleinen Büezer aus Zürich-Seebach. Zwei Kinder mussten sie schon ernähren in der schwierigen Zeit, als nach fünf Jahren noch ein Nachzügler auftauchte. Der wurde auf den Namen Erwin getauft, lieber aber würde ich Eugen oder Erich heissen.

1940, Vater mit seiner Verlobten Margrit auf Besuch bei seinen zukünftigen Schwiegereltern in Walzenhausen.

 

 
Von Pilgerreisen, gebrochenen Flügeln und einem unsichtbaren Schutzengel
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4.  Von Pilgerreisen, gebrochenen Flügeln und einem unsichtbaren Schutzengel
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1999. Erich stellt sich vor:
Kaum einer oder eine, der oder die sich nicht mindestens einmal im Leben seufzend aufrafft und ganz alleine auf eine lange Reise sich begibt. Möge die Reise weit fort in fremde Länder führen und bequem im Flugzeug sitzend unternommen werden, oder zu Fuss mit viel Schweiss und Schwielen erkämpft «nur» von A nach B im eigenen Land: bestimmt wird sie anders sein als alle Reisen zuvor und auch danach. Der Reisende wird, wenn er von der kürzeren oder längeren Abwesenheit zurück kehrt, nicht mehr derjenige sein, der er vor Antritt der Reise war. Denn er hat sich auf eine Reise begeben, die ihn tief in sich hinein führt, die ihn von den unergründlichen Wegen des Lebens, die jahrelang immer schön eben voran durch liebliche Landschaften führten, jäh in dürres unwirtliches eiskaltes Gelände führten. Da nützt kein grossmauliges heldenhaftes Gebaren mehr, alle genauen Kenntnisse von Kompass Karten und Navigation sind umsonst. Nur eines kann eventuell noch helfen: eine tiefe Demut und Bescheidenheit, die Bereitschaft, sich dem Schicksal vertrauensvoll auszuliefern und ein ergebener Glaube an bessere Zeiten. Am besten ist er dran, wenn ihn dabei ein mildgestimmter Schutzengel begleitet. Der Reisende ist ein Pilger geworden auf der Suche nach sich selbst.
So beginne er also mit dem Erzählen: Heute früh am Morgen beim Erwachen. Die Welt ist in Ordnung. Die Luft ist frisch. Friede in meinem Herzen. Ich liege mit noch geschlossenen Augen im Bett. Ich kann liegen bleiben so lange ich will. Nichts, niemand drängt zwingt zwängelet. Meine Träume wollen mich noch nicht ganz freigeben. Und ich will sie noch ein wenig in den Tag hinein ziehen, will ihre Botschaften verstehen. Zu spannend, zu interessant, zu amüsant sind diese allnächtlichen Traumgeschichten, als dass ich sie am Morgen einfach so vergessen will. Irgendwann stehe ich auf. In letzter Zeit habe ich mir angewöhnt, das Aufstehen sehr bewusst zu erleben. Ich halte die Augen geschlossen, atme locker und tief und erhebe mich zeitlupenartig. Es ist erstaunlich, wie hoch hinauf «es» geht. Das Aufrechtstehenkönnen nicht als Selbstverständlichkeit zu erleben, macht mich froh. Aber ich wollte eigentlich etwas anderes sagen: Ein Aufwachen am Morgen mit einem Eindruck von Reinheit, Klarheit, ja Kindlichkeit, liebe ich enorm. Der Tag soll in vollkommener Unschuld, Frische und in grossem Frieden beginnen. Es war nicht immer so für mich. Es gab dunkle düstere Zeiten, ich sah Tage anbrechen, die nichts als graue Trauer und tiefe Schmerzen verhiessen, ich habe Aufwachen kennen gelernt, die dusterneblige Trübheit in mir auslösten: die dumpfen Erinnerungen an besoffene Nächte und an steinig sich dahinschleppende Tage voll zerrender, brennender Seelenqualen. Heute jedoch kommen nach dem Aufstehen meine Übungen. Sie bestehen aus einer selbst gebastelten Mischung aus Atemtechnik Gebet und Meditation. Es macht keinen Sinn, näher darauf einzugehen. Es ist ein sehr persönliches, individuelles Ritual, das mich seit vielen Jahren in fast unveränderter Form begleitet und das mir eines Tages in einer Zeit grosser innerer Einsamkeit und Perspektivelosigkeit gnädigerweise zugefallen ist. 

Ich habe, noch einige Jahre davor, schon einmal Hilfe bekommen von ausserhalb. Ich sass alleine im Zug zwischen X und Y, aufgelöst und verzweifelt, in einer vollkommenen Weltuntergangsstimmung, kurz davor, vor Jammer und Schmerz jämmerlich einzugehen. Meine zutiefst geliebte Partnerin hatte mich zwei, drei Tage vorher Hals über Kopf verlassen. Es regnete, es war Nacht. Es war ein 1. August. Ich schaute zum geöffneten Fenster hinaus. Auf meinem Gesicht vermischten sich Regen und Tränen. Von mir aus hätte der Zug jetzt in voller Fahrt direkt in die glühende Hölle rasen können. Es wäre weniger schlimm gewesen, als diese in mir ununterbrochen bohrenden stechenden Schmerzen. Da breitete sich unvermittelt ein angenehm wärmend-tröstendes, ein beruhigend-stärkendes, ein vertrauensvoll-klares Wohlbefinden in mir aus. Ich war mir plötzlich gewiss, dass ich ab jetzt die Kraft und die Unterstützung haben würde, auf meinem weiteren Weg. Der indessen sehr, sehr hart und schmerzhaft sei, aber auch in eine befreiende Zukunft führen werde. Einen ganz kurzen Moment lang spürte ich ganz konkret die Anwesenheit von «etwas». Dazu stieg in mir ein Name auf, den ich seither nie weitergegeben habe. Ich bin weder religiös noch esoterisch noch hysterisch veranlagt, klar, ich denke auch, dass es eine höhere Macht geben könnte, aber, ich habe mich nie auf irgendeine konkrete Vorstellung eingeschworen und bin schliesslich eher ein nüchtern denkender Mensch. Trotzdem: wenn ich den Name auch heute noch ausspreche, bin ich überzeugt, dass es eine Art Schutzengel gibt. Mein Beschützer, und damit sei sein Name genannt, heisst: Tronan. Ich bin ihm zu unermesslichem Dank verpflichtet. Ohne ihn wäre mein Leben im Jahre 1984 fast sicher zu Ende gewesen. Ich hätte mich womöglich selber ins Jenseits befördert. In diesem Zusammenhang kommt mir auch eine anderer Vorfall in den Sinn, in der es mir beinahe ans Lebendige gegangen wäre.

Es ereignete sich etwa im Jahre 1984. Ich war schon einige Wochen zu Fuss unterwegs mit meinem Maultier. Es trug mein Gepäck, war mein treuer Gefährte durch die Zeiten wildester Gefühlsstürme. Der genaue Ort spielt hier keine Rolle, doch in meinem Gedächtnis ist er unvergesslich eingemeisselt. Ich befand mich irgendwo in den Tessineralpen, mein Ziel war ein halbverlassenes Dorf hoch oben in den Bergen. Ich wusste, dass dort ein paar überzeugte Aussteiger mit dem Aufbau einer alternativen Gesellschaft begonnen hatten. Selbstversorgung, Gründung einer Lebensschule, Bau eines grossen Gemeinschaftshauses, Massage, Bhagwan, Meditationen, das waren so etwa die Themen, welche mich dort erwarten würden. Ich freute mich, nach wochenlangem einsamem Wandern, wieder einmal in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen zu können. In aller Frühe wachte ich unten im Tal auf, wo ich draussen am Rande einer Weide übernachtet hatte. Den Kaffee kochen auf dem Gaskocher und etwas Brot essen war zügig erledig. Ich war ungeduldig und freute mich aufs weiterziehen. Ich war in einer optimistischen Stimmung, der Tag, die Welt, lagen vor mir. Freiheit und Abenteuer waren angesagt, ich fühlte mich gut und stark. Ich wusste aus Erfahrung, dass sich meine Stimmung urplötzlich von höchster freudiger Erregung in allertiefste Verzweiflung und Trauer kehren konnte, ich genoss vorerst einmal also meine Euphorie. Es blieb mir ja nichts anderes übrig, als mich der jeweils herrschenden Gefühlswallung hinzugeben, ich hatte in den letzten zwei Jahren genügend Gelegenheit gehabt um zu lernen, geduldig und anspruchslos die Stürme des Lebens über mich ergehen zu lassen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Durchaus hoffte ich nicht nur passiv auf Veränderungen, ich versuchte und unternahm vieles, um meine Lage in neue Bahnen lenken zu können, eine radikale Massnahme war, dass ich jetzt mit diesem Maultier auf Reise war. Davon will ich aber später berichten. Etwas hastig bepackte ich also das Maultier, packte die übrigen Sachen in meinen Rucksack, und los gings hinaus in einen taufrischen hellen klaren Morgen, hinaus über Stock und Stein. Anfangs war der Weg noch eben, aber bald fing er an zu steigen. Nach ungefähr einer halben Stunde musste ich den bequemen Feldweg verlassen und rechts in einen schmäleren Fussweg abzweigen der im Zickzack durch einen Tannenwald hinauf führte. Ich war froh um den schattigen Weg, da mittlerweile die Sonne an den Hang schien. Es war doch schon Sommer geworden inzwischen, und ich war schon drei lange phantastische ereignisvolle Monate unterwegs, ohne Zuhause, ein zielloser Wanderer, ein Pilger ohne Religion, verloren in Zeit und Raum. Allmählich wurde der Weg steiler und steiniger, der Wald begann sich zu lichten, und löste sich schliesslich ganz auf. Das Maultier schien auch guter Laune zu sein. Es trappelte problemlos hinter mir her, ich liebte diese Geräusche der Hufe das Klappern und Trippeln, von Zeit zu Zeit auch ein Blasen durch die Nüstern, ein Prusten, ein Schnauben oder ein tiefes entspanntes Ausatmen ganz nahe schräg hinter meinen Ohren. Sonst nichts. Nur diese Geräusche, die helle Luft, die weiten Berge ringsherum – Friede pur. Von Zeit zu Zeit blieb das Tier erstaunt stehen, ohne Hindernis weit und breit. Ich musste dann nur seinen Blicken, und der Richtung seiner gespannten Ohren folgen, und spürte ganz bestimmt in einiger Entfernung ein Reh, einen Vogel, Waldarbeiter, einen Reiter oder sonst irgend etwas auf, das ich ohne die Aufmerksamkeit des Maultieres kaum bemerkt hätte. Ich hatte im Laufe der Zeit gelernt, mehr auf die Reaktionen meines Begleiters zu achten, habe die feine Sensibilität und die differenzierten Stimmungen dieses Tieres schätzen gelernt. Ich liess mir Zeit beim Wandern, ich wollte vor allem den Moment bewusst erleben und ich hatte nichts zu eilen: faktisch war mein Gehen nicht eine Bewegung hin zu einem Ziel, sondern ein schmerzliches Fort von einem verlorenem, zerstörten Daheim. Und dennoch sollte dieses «Fort» eines fernen Tages wieder hin zu einem neuen Anfang führen. Wo dieser lag, wie es dannzumal aussehen wird, wohin mich das Schicksal lenken wird, davon hatte ich keine Ahnung. Ich kannte nur noch eines: das Jetzt. Und mich, aufgelöst in wilder ausufernder Euphorie oder dann klein zusammengestaucht unter pressenden würgenden Heimwehschmerzen.
Der Weg wurde nun schmaler und schlechter. Grosse Steinbrocken und bröcklige Stiegen bildeten den Pfad. Es kam eine schwierige Stelle, welche ich nur mit Mühe überwinden konnte. Ich zweifelte daran, diese Stelle mit dem Tier passieren zu können, und es wäre nicht das erste mal gewesen, wo wir nach vergeblichen mühsamen Versuchen umkehren und einen ganz anderen Weg aussuchen mussten. Doch das Maultier machte ohne Probleme mit. Es kletterte geschickt und motiviert die hohen Stiegen hoch und folgte mir locker. Ich war wie berauscht, habe gejauchzt und geschrien vor Freude. Eine unglaubliche Welle von Kraft und Energie erfasste mich. Alles lief perfekt, alles funktionierte wie ich wollte, ich kam mir auf eine Art allmächtig vor, stark und voller Wille. Dann wurde der Weg wieder etwas flacher und schlängelte sich lieblich durch eine Wiesenlandschaft hindurch. Ich war vergnügt und genoss diesen Tag in vollen Zügen. Weiter vorne kamen wir an einen munteren Bergbach. Darüber führte ein schmaler Steg mit beidseitigem Geländer. Zuerst versuchte ich darüber zu kommen, doch die Geländer standen zu eng, oder die Packtaschen auf dem Tier waren zu breit. Nun hiess es also abpacken, das Muli über die Brücke führen, das Gepäck hinüber tragen und dann wieder aufladen. Doch halt. Einfacher wäre es doch, den Bach mitsamt dem beladenen Tier zu überqueren. So tief ist doch dieser Bach auch wieder nicht. Jedenfalls kein unüberwindbares Hindernis. Ich war absolut überzeugt, auch diese Herausforderung spielend zu meistern. Ohne die Situation genauer anzuschauen schritt ich dem steilen Uferbördchen wenig oberhalb des Steges zu, stach leicht schräg hinunter, das Maulpferd noch ohne jeglichen Widerstand hinter mir her. Schon wieder hätte ich jubeln wollen ob der Leichtigkeit der Fortbewegung, ich sah uns quasi schon drüben, lachte, jetzt noch hinein ins flache Bett, zwei drei Sprünge im eiskalten Wasser und drüben wieder das Wiesenbord hinauf. Ich war auf dem Bord, fast oben schon, drehte mich um, hielt das Halfter mit gestrecktem Arm, sah das Muli im Bach, sah es einen Sprung machen das Bord hinauf, war mit den Vorderbeinen schon fast bei mir, da rutscht es hinten aus, wird zurückgerissen, fällt zurück. Ich denke nur noch: halten, halten, sonst geht mir das Tier verloren. Ich halte das Seil so stark es geht zurück, will auf keinen Fall loslassen, das Seil spannt sich zieht und schon liegen das Tier und ich im Wasser. Es ist nicht tief hier, höchstens knapp einen halben Meter, aber der Grund ist glatt und schlipfrig, der Bach hat Gefälle und reisst. Wie von aussen betrachtet sehe ich uns zwei verknüpft durch das Seil liegend den Bach hinunterschwemmen. Da ein Ruck, ein Zerren und Ziehen. Auf irgend eine Weise hat es das Tier geschafft, mit einem Sprung das Ufer zu erreichen und mich, jetzt selber am Seil hängend, aus dem Wasser und das Bord hinauf zu schleppen. Alles lief traumartig ab. Ich stand wieder oben, schaute verwundert um mich, das Huftier auch pflotschnass und trotz allem noch den Packsattel mit allen meinen Sachen auf dem Rücken, nichts war zum Glück verloren gegangen, war bald wieder am fressen. Ausser einigen Schürfungen an Armen und Händen fand ich keine Verletzungen an mir und am Maultier. Da war ich zuerst einmal recht erleichtert. Dann schaute ich hinunter, sah den Bach, sah den Steg, und sah, dass der eben noch vermeintlich harmlos dahinfliessende Bergbach wenige Meter nach dem Steg sich in einen schätzungsweise fünfzig Meter tiefen Wasserfall verwandelte. Erst da bekam ich wortwörtlich weiche Knie. Ich kippte an der Stelle auf die Knie, ich glaub, ich dankte dafür, soeben um die berühmte Haaresbreite am sicheren Tode vorbeigegangen und am Leben geblieben zu sein. Dann umarmte ich das Tier. Es hatte mich, genau so wie ich es vorher auch getan hatte, nicht im Stich gelassen, und mir ganz klar das Leben gerettet.
Auch ein anderer Vorfall, der auch dümmer ausgehen hätte können, bei dem auch ein liebevoller Engel seine schützende Flügel über mich ausgebreitet hat, hat sich auf meiner «Pilgerreise» ereignet. Ich war noch diesseits der Alpen, Voralpenlandschaft, ein Vorgeschmack auf die näherrückenden weissen Berge. Ich hatte nun schon genug erlebt, um zu wissen, was das bedeutet: kein Zuhause mehr zu haben, zu Fuss unterwegs zu sein, ausgeliefert dem Wetter, der Landschaft, Fremder zu sein im eigenen Land. So gab es Tage, an denen es mein Herz fast zerriss. Denn mit jedem Schritt musste ich weg, weiter weg von dem, was ich am allerliebsten in meine Arme geschlossen hätte. Wenn ich nur ein Haarbreit meinen Gefühlen nachgab, wirbelte mich eine ungeheure Kraft energisch und äusserst unsanft-wild durcheinander. Und ich lieferte mich ja intensiv und schonungslos der Gegenwart aus. Ich wollte auf alle Fälle meinen Schmerz, meine abgrundtiefe Trauer bewusst durchleben, in der stillen Hoffnung, eines Tages wieder glückliche und unbeschwerte Zeiten erleben zu können. Gerade am Tag davor hatte ich ein mich geradezu umwerfendes Gefühlserlebnis. Ich wanderte schon den ganzen Tag durch unbekanntes Gebiet mit unklarem Ziel. Da packte mich mit aller Wucht eine wilde brennend heisse Woge voller Freude. Ein unbeschreibliche Welle von Freiheit Unabhängigkeit und schreiender Lebenslust erfüllte mich von Kopf bis Fuss. Ich erschauderte, ich erzitterte, ich glaubte, bald zu platzten vor lauter Kraft und Lebensenergie. Singend, immer wieder neue Melodien improvisierend, strackste ich froh drauflos. Optimismus pur hatte mich erfüllt, ich war wild entschlossen, die ganze Welt zu erobern. Das Muli trippelte ebenso leicht schwebend hinter mir her. Innerhalb einer Stunde wurde ich aber immer trauriger. Es war eine absurde Situation. Mit jedem Schritt bewegte ich mich weiter weg von Zuhause, von Freunden und Liebgewordenem, getrieben von inneren Zwängen, geführt, gezerrt von einer mir unbekannten und keinen Widerspruch duldenden inneren Stimme. Nachdem meine langjährige Lebensgefährtin sich urplötzlich von mir getrennt hatte, gab es für mich keine andere Möglichkeit, als alle Beziehungen abzubrechen, Wohnung und Arbeit zu künden, mich für unbestimmte Zeit auf der Gemeinde abzumelden und zu Fuss meine Heimat zu verlassen. Lange genug hatte ich alle Varianten durchgedacht, die mir es ermöglicht hätten, dableiben zu können, um meinen Schmerz in vertrauter Umgebung verarbeiten zu können. Zuletzt blieb mir aber nichts anderes mehr übrig als ein Tragtier zu kaufen, das allernötigste daraufzupacken und loszuziehen. Der Tag neigte sich also langsam dem Ende zu, es fing an zu Nachten. Beide waren wir nach stundenlangem Wandern müde und ich hielt Ausschau nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. Ein langer ebener Feldweg führte stur geradeaus. Rechts vorne tauchte aus dem Abenddunkel ein Bauernhaus aus. Einige Fenster waren hell beleuchtet und strahlten einen tiefen Frieden aus. Daheim! Wie endlos altmödelig, wie abgenutzt dieses Wort tönt. Heimat! Abgegriffener und kitschiger kann kein Gefühl mehr umschrieben werden. Aber in diesem Augenblick wusste ich, was ich verloren hatte. Nämlich so gut wie alles. Wärme, Geborgenheit, Sinn, Freundschaften, Liebe: Heimat. Übrig geblieben war ein zerfletternder Haufen wirrer Empfindungen, eine abgebrannte Seelenruine, worin nur noch ein schwach flackerndes Lichtlein kurz vor dem Gelöschtwerden verzitterte. Ich wurde von einer Lawine aus nackter Trauer überdeckt, erstickte beinahe daran. Mein Maultier aber musste versorgt werden. Abgeladen, gefüttert, getränkt. Ich raffte mich deshalb wieder auf, schlug genau da am Rand einer eingezäunten Weide mein Biwak auf und verzog mich ohne Abendessen in den Schlafsack. Ich weiss nicht mehr genau, ob ich zuerst erwachte und dann das Donnern hörte, oder ob mich das scheppernde Donnern aus meinem tiefen Schlaf gerissen hat. Auf jeden Fall spürte ich einen frischen Morgen. Halb verschlafen versuchte ich mich zu orientieren, hörte immer noch ein Scheppern und Dröhnen, schaute hinter mir den Hügel hinauf und sah einen riesigen dunklen Gegenstand in rasender Fahrt den Hogger herunter sausen, in direkter Fahrt auf mich zu. Ich lag erstarrt und wie gefangen in meinem Schlafsack, und bevor ich nur einen rettenden Sprung machen konnte, war er haarscharf an meiner linken Seite vorbeigeschossen. Jetzt sah ich, dass das schwarze Unding ein Traktorrad war, ein vorderes, das einem Gefährt weit oben an der Strasse abgefallen sein musste. Beinahe wäre ich somit im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder gekommen, und das im Schlafsack liegend mitten in einer friedlichen Wiese. War meine Erleichterung gross über mein davonkommen? Ich kann es so nicht behaupten. Zweifelsfrei wäre ich auch bereit gewesen, 
an diesem frischen lichten bittersüssen Taumorgen leise abzutreten.

Ich bin mit meinen Rückblicken noch bei meinem Schutzengel. Dieses Erlebnis geschah vor etwa achtzehn Jahren. Ich lebte zu jener Zeit alleine in einem etwas abgelegenen alten Bauernhaus. Die ganze Idylle war vor wenigen Wochen unversehens, Knall auf Fall, begleitet von Blitz und Donnerkrachen, in sich zusammengekracht. T., mit welcher ich zehn lange schöne Jahre in fantastischer und symbiotischer Art zusammengelebt hatte, war von einer Minute zur nächsten aus unserem Haus geflüchtet. Ich hab sie dann erst beim Scheidungsrichter wieder gesehen, abgesehen von zwei drei kurzen magischen verzauberten Zufällen zwischendurch. Die Gründe, die Art und Weise, die Umstände überhaupt, wie und warum das, für mich nie begreifbare, Geschehen abgelaufen ist, treibt heute noch einen kalten leisen Schauder über meinen Rücken. Vorerst möchte ich aber folgendes verraten: meine Verfassung in den ersten Wochen nach ihrer Flucht glich einem totalen seelischen Schock. Ich brannte. In mir lief alles Amok. Eine dicke Trauerdecke umklammerte mich eisern. Ich funktionierte noch knapp roboterhaft. Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch. Und ich stand unerbittlich vor einer einzigen Entscheidung: Sterben oder Leben. Der Zeitpunkt war gekommen, ich musste mich entscheiden. Nach einem Abend in meiner Stammbeiz im nahen Städtchen, ich hatte keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen, strampelte ich spät Nachts mit dem Velo zurück ins kalte leere ausgestorbene Haus. Ein fürchterliches Gewitter tobte. Mir war das recht. Ich empfand mich gänzlich aufgehoben im Rasen und Wüten und Grollen. Sah es denn in mir drinnen etwa anders aus? Von mir aus soll doch diese brutale Welt in einer Sintflut untergehen, soll doch schlussendlich alles zuende sein. Ich jedenfalls wäre bereit dazu. Nichts wäre mir jetzt lieber als augenblicklich erlöst zu werden von diesen rasenden brennenden unerträglichen Schmerzen. Blitz und Donner, Feuer und Schwefel, dazwischen Sturzbäche aus Tränen und Regen, alles stürzte erbarmungslos auf mich ein, aus mir heraus. Kurz bevor ich vor meinem einsamen dunklen Haus ankam, schrie ich wie ein weidwundes Vieh mit bebender Stimme in die zürnende Nacht hinaus: lass mich bitte vom Blitz treffen. Ich war bereit. Absolut. Nur einige Sekunden darauf warf mich ein fürchterlicher stinkender Knall fast vom Fahrrad, ein Riesenblitz sauste an mir vorbei, vielleicht in den nahen Baum, gewiss ganz nah in den Boden hinein. Mit einem Sprung erreichte ich die Haustüre. Dort stand ich, gewiss käsebleich geworden, und atmete tief. Dass dies ein nur allzudeutliches Zeichen gewesen war, wurde mir sofort klar. Es bedeutete für mich, dass ich weiterzuleben habe. Ich war erschrocken, erleichtert und erfreut zugleich. Jetzt wusste ich ganz klar: fürs Sterben ist noch nicht Zeit. Es bedeutete aber auch: mich dem Leben zuwenden, Verantwortung übernehmen, arbeiten, vorwärts schauen. In dieser Nacht hat sich grundsätzlich etwas geändert in meinem Leben. Ich bog ab, hinein in einen Weg, dessen lange, harte aber auch schöne und faszinierende Strecke ich nicht annähernd vorausplanen konnte. Aber ich wusste nun, dass mir wenn nötig, ein unsichtbarer zuverlässiger Behüter zur Seite stehen wird.

Ein Dutzend Jahre früher noch, ich war noch alleine und hatte erst gerade die Lehre abgeschlossen, konnte ich die Hilfe eines Schutzengels auch gut gebrauchen. Die Weihnachtstage wolle ich mit drei Arbeitskollegen in einer abgelegenen Hütte in den Bergen verbringen. Einer davon, der Ruedi, war laut eigener Aussage schon mal dort oben gewesen, kannte den Weg. Klar, er war mir schon immer etwas suspekt vorgekommen, ich schätzte ihn als einen Schlaumeier ein. Er war ein charmanter Verführer und Herzensbrecher. Auch einen gewissen Grad von Leichtsinnigkeit gehörte zu seinem Wesen. Nun, ich kann mit gutem Recht behaupten, ein eher ängstlicher und besonnen veranlagter Mensch gewesen zu sein, an jenem Tage überhörte ich aber meine unguten Intuitionen. So sagte ich übereilig zu, als die Idee mit der idyllisch verschneiten Berghütte entstand. Ruedi organisierte die Tour, wir verliessen uns ganz auf seine Erfahrungen. Die Probleme begannen, aber das lässt sich natürlich nur aus rückblickender Perspektive vermuten, schon damit, das wir von Ruedi keinen Informationen erhielten, wo sich genau diese Unterkunft befinde. Wir fragten aber auch nicht nach, und gaben uns mit unklaren Angaben zufrieden. Ich war dummerweise der Meinung, sie befände sich nur wenig abseits der Piste, offenbar eine halbe Stunde Weg durch verträumte Schneelandschaften. Wir waren also dementsprechend schlecht vorbereitet und ausgerüstet, hatten auch zuwenig Essen und Trinken für die geplanten drei Tage dabei. Am Reisetag verzögerte sich die Abfahrt aus mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen bis gegen den Mittag. Wir setzten uns also in seinen Volvo. Da wir schon etwas verspätet waren, musste Ruedi dementsprechend aufs Gas drücken. Ich habe es schon immer gehasst, und vermeide es denn auch heute noch, in fremde Blechkisten zu sitzen. Auch damals hatte ich verständlicherweise ein ungute Vorahnung und sass ganz verkrampft im Fond. Diese Raserei, das Gehupe, das Überholen und das Bremsen: höchst ungemütlich. Auf der Autobahn gings drängelnd vorwärts. Abrupt, aus einem ruhigen Dahingleiten heraus, schlitterte alles durcheinander: vor uns, neben uns, vielleicht auch hinter uns Drehen, Schleudern, Knallen, Knirschen. Unfall. Ruedi riss das Steuer wild hin und her, innert Sekundenbruchteilen umkurvten wir die Unfallstellen und fuhren aufatmend auf der Autobahn weiter. Wir hatten nochmals Glück gehabt, in Gedanken aber habe ich uns schon im Krankenhaus gesehen, dick eingegipst von unten bis oben. Als wir dann in die Gondelbahn stiegen, war es längst fünfzehn Uhr. Oben sollten wir noch eine kurze Abfahrt und dann einen kleinen Aufstieg hinter uns bringen. Aber schon die Fahrt hinunter, ohne Piste durch den Tiefschnee, wurde recht mühsam, war anstrengend und als wir hinten im Zwischental auf einer kleinen tief verschneiten Alp ankamen, dünkte es mich, es dämmere schon. Da unten in diesem Schattenloch wurde es empfindlich kalt. Auch spürte ichHunger. Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen. Ich freute mich schon darauf, bald in der gemütlichen warmen SAC-Hütte Spaghetti zu kochen. Nach einer kurzen Verschnaufpause mussten wir dringend weiter, wurde es jetzt doch schon merklich dunkler. Ein kühler Wind blies über unsere Köpfe. Also hiess es, Steigfelle montieren, Rucksack auf und hinter Ruedi her losmarschieren. Ich weiss nicht, ob meine Begleiter schon mal mit den Fellen gestanden waren. Ich jedenfalls hatte praktisch keinen Erfahrung, und kam nur schleppend vom Fleck. Die Felle hielten sich schlecht an den Skiern, rutschten dauernd wieder seitwärts weg und ich brauchte mit den unterdessen von der eisigen Kälte klamm gewordenen Fingern einige Zeit, diese wieder richtig zu montieren. Die Dämmerung war einer eisigen Dunkelheit gewichen und wir waren noch lange nicht am Ziel angelangt. Ich begann, mir Sorgen zu machen, ob wir auch noch rechtzeitig das schützende Refugium finden würden. Aber, die konnte ja nicht mehr weit sein. Das Tälchen stieg nun stark an, Ruedi führte uns nach links in eine steile Flanke hinein, die er womöglich im Zickzack zu überwinden gedachte. In dieser Flanke wurden unsere Schwierigkeiten immer grösser. Der Hunger machte sich als Schwäche bemerkbar, die starke Dunkelheit erschwerte das Vorwärtskommen, auch wurde das Gelände steiler und felsiger. Wieder lösten sich Felle, mal setzte sich einer vor Müdigkeit hin, Ruedi verlor beinahe einen Stock. Es wurde brenzlig in dieser steilen Passage. Immer wieder gab es Stockungen, Unterbrüche, Pausen. Schliesslich kamen wir kaum mehr vorwärts. Ich war kraftlos geworden, auch Peter vermochte sich nach einem kurzen Halt kaum mehr zu erheben, die unheimliche Dunkelheit drückte auf die Moral und schmerzlich wurde uns allen bewusst, dass wir uns verstiegen hatten, dass Ruedi den Weg nicht mehr finden kann, dass es nur eines geben wird: umkehren. Mit einer gewissen Erleichterung, die uns auch erneut einen Schub Kraft einflösste, machten wir rechtsumkehrt und stiegen in die dunkle Nacht hinab mit dem Ziel, das Älplein wieder zu finden und dort unsere Notunterkunft einzurichten. Unsere Lage war prekär. Wir mussten enorm aufpassen um bei den häufigen Kehrtwendungen nicht zu stürzen, in der Dunkelheit sah man nicht, wie weit die Wand abfiel, die Müdigkeit erschwerte die Konzentration und vor lauter Hungerschwäche hatten wir mittlerweile zittrige Beine. Wir schafften es aus der steilen Flanke heraus zu kommen, machten uns auf die Suche nach der Alp. Nach längerem Stolpern und Herumrutschen, wohl mehr per Zufall und mit viel Glück fanden wir im Halbdunkeln schliesslich die zwei-drei fast unter dem Schnee begrabenen mageren lotterigen Hüttchen. Wie glimmernde Paläste in goldener Oase erschienen mir diese heissersehnten Unterkünfte. Wir mussten die Türe aufbrechen. Es war eine sehr einfache Alphütte. Ein Raum, etwas Heu gelagert, in einer freien Ecke eine einfache offene Feuerstelle. Wir machten ein Feuer. Wir kochten eine Suppe, ein paar Würstchen drin. Es war eine der besten Mahlzeiten in meinem Leben. Sie war bestimmt ein kulinarischer Höhepunkt. Dann schlüpften wir erschöpft in unsere Schlafsäcke. Uns war bewusst, dass wir ohne diesen Unterschlupf ernsthafteste Probleme bekommen hätten. Wir waren sehr erleichtert. Wie wenig es doch manchmal braucht, für ein Rundumwohlbefinden.
Das noch glimpflich abgelaufene Weihnachtsfeiertage-Abenteuer war mit der Notübernachtung in der Alphütte noch nicht überstanden. Der Aufstieg am nächsten Morgen zur SAC-Hütte durch die tief verschneite Landschaft forderte den vier einiges ab, der Weg war steil, das Ziel einiges weiter, als sie sich am Vortag so gedacht hatten. 
In der einfachen Hütte quetschten sie sich in das überfüllte Massenlager, an richtigen Schlaf war nie zu denken, dazu musste mit den heraufgeschleppten Nahrungsmitteln selber gekocht werden. Doch diese wurden schon am zweiten Tag knapp, sodass Erich und Ernst beschlossen, das Spitzmeilenhütteabenteuer vorzeitig zu beenden und nach Zürich heimzukehren. Dummerweise ohne Frühstück – den Zurückbleibenden zuliebe – zogen die beiden los, zu Beginn in flottem Tempo, dann folgte der etwas heikle Abstieg, unten bei der Alp wurden die Steigfelle angeschnallt. Das Ziel, die Bergstation mit dem Gasthaus, lag schon in Sichtweite, doch der Anstieg dort hinauf fiel Erich von Minute zu Minute schwerer. Der leere Magen, fehlenden Kalorien, und die ungenügende Kondition zwangen ihn in die Knie. "Eindeutig ein Hungerast", diagnostizierte Ernst. Mit letzter, aber echt allerletzter Anstrengung erreichten sie zuletzt die Bergstation. Dort bestellte Erich als erstes zwei Ovomaltinegetränke – es sollten die Besten und Unvergesslichsten bleiben, die Erich jemals trank.
Frisch gestärkt bestiegen sie darauf zuerst die Seil- dann die Gondelbahn nach Unterterzen hinab und wechselten dort auf die Eisenbahn, die sie pünktlich am Hauptbahnhof Zürich ablieferte. Auf dem Heimweg war schon überlegt worden, wo und wie man den heutigen Silvesterabend verbringen könnte. Man einigte sich bald auf das Niederdorf, genauer gesagt auf das Bermudadreieck: Stadt Madrid - Restaurant Turm - Bodega Española. In letzterem Lokal, so hoffte man, einige neue Bekanntschaften schliessen zu können. Wie der Name Bermudadreieck schon ankündigt, schafften es die unternehmungslustigen Fest- und Zechbrüder gerade mal bis zur ersten Etappe, wo sie nach einigen Gläsern Zwetschgenwasser spurlos verschwanden, ohne auch von jemandem vermisst zu werden. Den Jahresübergang verpassten sie vermutlich schnarchend in ihren Betten. Solche gemeinsame Erlebnisse schweissen zusammen, und tatsächlich amüsieren sich die beiden auf ihren regelmässig stattfindenden Bummel- und Besichtigungstouren auch fünfzig Jahre später noch über diese Angelegenheit. 

Ich habe öfters Bekanntschaft mit dem Tod gemacht. Immer hat er die anderen abgeholt und ich war nur nebensächlicher Beobachter dabei. Habe die Menschen gepflegt bis zu ihrem Ende, habe auch nachher mich um sie gekümmert. Habe sie befreit von Schläuchen und Kathetern, von Pflastern und Verbänden, habe sie gewaschen, gekämmt und hinunter in den Keller gerollt. Einigemal hat er auch mir zugeblinzelt. Was weiss ich, ob neben den geschilderten Erlebnissen der Tod sich auch sonst oft in meiner unmittelbarer Nähe aufgehalten hat, und ich habe nichts davon bemerkt. Er hätte ja überall und jederzeit seine Hand nach meinem Kragen ausstrecken können, und es ist ein wahres Wunder, nach einem halben Jahrhundert noch am Leben zu sein, überlebt zu haben, immer ein Dach über dem Kopf gehabt, immer zu Essen gehabt zu haben. Zuverlässig funktionierte das unglaublich komplizierte Getriebe namens Leben, das Herz schlägt ununterbrochen, die Atmung, die Verdauung, all die Hormone, Säfte und Fermente erfüllen tapfer ihre Aufgaben. Das ist doch das grosse Mysterium, die Tatsache, dass man lebt, die Tiere, die Pflanzen, die Gräser und Blumen überall, die unser Herz erfreuen, das Wachsen, die Verwandlung und das Reifen: Wunder über Wunder. Ich bedanke mich jeden Tag fürs Dasein seit jenem Erlebnis mit dem Bergbach, jeden Tag spreche ich leise spezielle Worte vor mich hin und bitte um Frieden für mich und die Welt.

Mir wurden früh die Flügel gestutzt. Schon als nur zaghaft schwacher Flaum zu spriessen begann, musste ich mich an die raue Wirklichkeit gewöhnen. Ein kleines Stück weggeworfenes Brot, das ich nicht mehr essen mochte, brachte mir eine ernste Standpauke ein. Es war sozusagen eine Todsünde, noch Essbares wegzuwerfen. Es ist, so wie ich mich erinnern mag, mein erstes frustrierendes Erlebnis. Ich war etwa drei Jahre klein und hatte keine Vorstellung von Sünden und davon, dass man Fehler machen kann. Ich lebte einfach so vor mich hin und hatte keinen Sorgen. Erst als mein Grossvater, der ein paar Strassen weiter wohnte, eines Tages einen schönen ledernen Fussball zerschnitt, der von den «grossen» Buben in seinen Garten geworfen worden war, bekam ich den ersten Hass und den Zorn dieser Welt zu spüren. Ich war Knall auf Fall ein Ausgestossener, ein Aussenseiter. Ich musste froh sein, wenn ich bei ihren Spielen noch akzeptiert wurde. Eines Tages gab es ein besonders spannendes Spiel. Ich durfte mit verbundenen Augen nach einem Stück Schokolade schnappen. Wie nett, dass sie mich dabei mitmachen liessen! Sehr bald kam ich an die Reihe und hielt ungeduldig mein Gesicht zum Verbinden hin. Dann sperrte ich den Mund riesig auf, in freudiger Erwartung der herrlichen Süssigkeit – es war etwa das Jahr 1953 und Schokolade gabs höchstens mal an Weihnachten oder Ostern – und biss herzhaft zu. Welch ein Schrecken, welch ein Frust. Anstelle von leckerer Schokolade steckte zwischen meinen Zähnen ein Stück Kernseife. Noch heute kann ich keine weisse Schokolade essen, sie widert mich an, sie erinnert mich jedesmal an den abstossenden seifigen Geschmack, welcher mir vor 48 Jahren den Ernst des Lebens beigebracht hatte. Solche Kleinigkeiten machten mich schnell klein. Ich merkte bald, dass nicht alle Menschen gleich waren. Nein, es gab einige, die waren schlauer und rücksichtsloser als ich, andere hatten reiche Eltern oder besassen eine Metzgerei. So eine Metzgerei war eine patente Sache. Mit einem geschenkten Landjäger zum Beispiel liessen sich die einflussreichen und starken Schüler vom Sohn der Metzgersleute früh schon kaufen und bestechen. Ich hatte nie irgend etwas, womit ich Einfluss auf meine Kameraden hätte gewinnen können. Ich kam schon gar nie nur auf den Einfall, jemanden bestechen zu wollen. Ich war bald ein harmloser braver angepasster Knabe. Überall war ich bei den Nachbarsfrauen beliebt, da ich alle schön und brav grüsste. Grüezi Frau Murer, Grüezi Frau Buecher. Grüezi Herr Sandmeier. Ich muss einen seriösen und zuverlässigen Eindruck auf die anderen Mütter gemacht haben, jedenfalls war ich ein gern gesehener Kamerad ihrer Kinder. Offenbar kamen nahezu alle anderen Knaben in der Umgebung meinen Eltern überaus suspekt vor. Keiner war so anständig, keiner war so angepasst wie ich. Und somit konnten sie mir auch nicht Vorbild sein. Das Verderben lauerte überall. Nur mein Zuhause, meine Familie war mir Vorbild. Bei uns daheim war die Gesinnung rein, und ausserhalb begann das Böse. Wie ich indes auf eine solche Anschauungsweise kam, ist mir schleierhaft. Ich mag mich nicht erinnern, dass ich speziell dahin erzogen worden wäre. Ich muss mir selber mit meiner Fantasie diese Idealvorstellung aufgebaut haben.
An erster Stelle stand für mich meine Mutter. Wie war das denn schon wieder? Lag ich krank im Bett, als kleiner stiller Pfüdi, oder lag ich wieder einmal sehnsüchtig wartend da, bis die Mutter nach Hause kommt, schlaflos, beunruhigt, besorgt? Ich weiss es nicht mehr genau. Irgendwann schlief ich vor Erschöpfung ein. Tatsache ist jedenfalls, dass ich bald wieder aufwachte, und am Rand meines Bettes eine noch warme Druckstelle entdeckte. Und gottlob war inzwischen auch die Mutter nach Hause gekommen. Ich hörte die wohlbekannten und beruhigenden Geräusche vom unteren Stock herauf. Ich rief nach ihr. Auf meine Frage, was das für einen Delle auf der Decke sei, gab sie mir zur Antwort, ein Engel sei an meinem Bett gesessen, während ich geschlafen habe. Selig, voll stillen Glückes schlief ich zum zweiten mal ein, und ab da schien mir meine Mutter für lange Zeit auch selber so etwas wie himmlisches Wesen zu sein. Tatsächlich hat sie für mich nie aufgehört, das Reine und die Liebe zu repräsentieren. Als sie vor etwa zehn Jahren zuhause in meiner Anwesenheit starb, ein Ereignis, auf das ich noch zurückkommen werde, war mir, ein Engel kehre wieder in den Himmel zurück. Bis heute glaube ich, eine ganz feine und stetige Verbindung mit ihr zu Verspüren. Zuweilen stelle ich mir vor, wenn ich schöne Landschaften, Bäume, Wetterstimmungen sehe, ich ermögliche den Verstorbenen im Himmel durch mein Sehen, ebenfalls an den Schönheiten unserer Welt teilhaben zu können.

An zweiter Stelle, auch noch weit oben, stand mein grosser Bruder. Fünf Jahre trennte uns voneinander. Er war der Grosse, der Starke. Er war mein Beschützer, mein Retter, mein Helfer aus grosser oder auch kleiner Not. Einmal aber hat er mich fast zu Tode erschreckt. Wir teilten uns ja das Schlafzimmer. Eines Abends, als ich in der Dunkelheit im Bett lag, glaubte ich plötzlich meinen Augen nicht mehr trauen zu können. Da leuchtete doch irgendwo mitten im Raum ein unheimliches grünes Geleuchte auf. Als ich nochmals genauer hinblickte, war nichts mehr zusehen. Aber schon bald, als ich meine Augen wieder vorsichtig öffnete, blinkte da wieder so ein grausiges Schummerlichtlein im Zimmer. Ich erschrak zutiefst. Eine schreckliche Angst nahm von mir Besitz. Einmal war die Erscheinung verschwunden, ein andermal grinste das bleiche Totenlicht wieder frech von der Decke herab. Der Spuck erschien mal rechts oben an der Decke, dann tauchte er wieder an einer ganz anderen Stelle auf. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Ich konnte mich unter die Decke flüchten oder aber ich musste um Hilfe rufen. Angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage, ich stand kurz vor einer Panik, fing ich an zu schreien. Die Hilfe nahte denn auch in Form meiner Mutter und meines frech grinsenden Bruders. Und das Rätsel des Spuks war auch bald gelöst. Nach anfänglichem Zögern und Zaudern bekannte der grosse Bruder sich dazu, mir einen Streich gespielt zu haben. Er hatte sich einen Elektrobastelkasten besorgt und nun klammheimlich Leitungen im Zimmer gezogen und Lämpchen montiert. So konnte er bequem vom Gang draussen seine Schalter betätigen und mir damit einen gehörigen Schreck einjagen. Immerhin durfte ich mit ihm zusammen im nachhinein auch meine ersten Versuche mit Elektrizität starten. Zwei weitere Ereignisse, die uns beide betraf, kommen mir gerade in den Sinn. Ich war schätzungsweise etwa sieben oder acht geworden. Ich sollte zum Coiffeur, aus weiss ich was für Gründen musste mich mein Bruder dort hinein begleiten. Es könnte sein, dass ich womöglich noch Angst hatte vor dem groben Coiffeur und dieser unheimlichen Haarschneidemaschine, die so unerträglich an den Haaren zerrte und riss. Oder ich hasste einfach aus Prinzip das Haarschneiden. Auf jeden Fall wurde ein genauer Zeitpunkt abgemacht: halb zwei Uhr vor dem Coiffeur. Punkt halb zwei Uhr stand ich vor dem Laden. Kein Bruder weit und breit. Ich wartete und wartete. Der grosse Bruder tauchte nicht auf. Dann gab ich das Warten auf und zog freudig davon. Der Mittwochnachmittag war gerettet, die Spielkameraden schnell gefunden und der Coiffeurbesuch bald vergessen. Abends, als ich nach Hause kam und mich an den Abendtisch setzte, fragte der Vater streng, weshalb meine Haare nicht geschnitten seien. Erst da erinnerte ich mich wieder daran, was meine Aufgabe gewesen wäre. Ich gab unerschrocken zur Antwort, mein Bruder sei ja dort nicht aufgetaucht. Dass ich auch alleine ins Coiffeurgeschäft hätte gehen können, kam mir schon gar nicht in den Sinn. Jetzt aber kam die dicke Post. Mein Bruder behauptete steif und fest, er habe zur abgemachten Zeit am richtigen Ort gewartet, aber der kleine Bruder sei nicht erschienen. Dann behauptete ich wieder das Gegenteil und mein Bruder schwor, die Wahrheit zu sagen. Der Vater wurde hässig und wütend, und da keiner von uns beiden von seiner Version abwich, mussten wir schliesslich beide ohne Nachtessen aufs Zimmer. Ich persönlich behaupte aber heute noch, dass ich am 22. April 1956 zwischen 13.30 bis etwa 13.45 Uhr an der Schaffhauserstrasse 244 vor dem Coiffeurladen umsonst auf meinen Bruder gewartet habe.
Nochmal, auch etwa um diese Zeit, kamen wir beide ums Nachtessen. Wir hatten Zuhause noch keinen Kühlschrank. Es war allgemein üblich, die heikleren Esswaren unten in der Waschküche aufzubewaren. Dort auf dem Betonboden war der kühlste Ort des Hauses. Nebst Milch und Butter lag so auch in einer Schüssel das restliche Gulasch vom Vortag. Es hätte gerade noch einmal für ein Nachtessen reichen sollen. Am Abend aber, als die Mutter das Voressen von der Waschküche heraufholen wollte, schwamm zwar noch viel dunkelbraune Sauce in der Schüssel, das Fleisch war aber daraus verschwunden. Wieder gab es ein strenges Verhör. Dafür zuständig war selbstverständlich der Vater. Nur er konnte streng sein und im Notfall auch eine Strafe vergeben. Mein grosser Bruder behauptete kaltblütig, ich, der Kleine, habe das Fleisch gegessen. Mir verschlug es beinahe die Sprache. Keinen Bissen hatte ich gegessen, ja, ich wusste nicht einmal etwas von der Existenz dieser Schüssel im Keller. Ich bestritt also vehement diese unglaubliche Behauptung und umgekehrt wiederholte stinkfrech der Bruder seine Version. Das ging so ein paar mal hin und her. Schliesslich drohte der Vater, falls die Wahrheit nun nicht ans Licht komme, gebe es kein Abendessen für uns zwei. Ich war den ganzen Nachmittag draussen gewesen, war herumgerannt, hatte gespielt und getollt. Mein Hunger war riesig, die angedrohte Strafe schien mir unmenschlich. Aber ich konnte ja nicht etwas zugeben, das ich nicht angestellt hatte. Meinem Bruder hingegen schien die Strafe nicht einen allzu grossen Eindruck gemacht zu haben. Er, der bekannt war, ein rasanter und guter Vielesser zu sein, wollte grossmütig auf das Nachtessen verzichten? Da konnte etwas nicht stimmen. Nun wusste ich, wohin die saftigen Fleischmocken an diesem Nachmittag verschwunden waren. Da keiner von uns beiden die Untat zugaben, wurden beide bestraft. Und so begaben sich die zwei Brüder frühzeitig und ohne Znacht ins Zimmer. Der eine mit, der andere ohne knurrenden Magen.
Regelmässig schaffte er es, für mich als ein strahlender Held zu erscheinen. Er war für meine damaligen Vorstellung zauberhaft begabt, auf fantasievolle Weise das Schlafzimmer dekorieren zu können. Eines Tages schleppte er eine Unmenge von leere Zigarettenschachteln an. Jedes eine andere Marke. Und jedes sah ganz exotisch und beunruhigend-frech aus. Woher er diese bekommen hatte nimmt mich heute noch wunder. Schon wieder eine Frage mehr, falls er einmal auf Besuch kommen wird. Auf jeden Fall montierte er nun geschickt die Packungen schön gleichmässig verteilt an der Wand über seinem Bett, konstruierte dazu ein verspieltes Netz aus roten und blauen Wollfäden und fertig war das atemberaubendste Kunstwerk. Ich staunte. Ich war beeindruckt. Ich liebte meinen Bruder. Dir allerunglaublichste Wundertat vollbrachte er eines Tages mittels einer kleinen Holzschachtel, deren Innenleben nur aus einem Kristall bestand. Mittels einer beweglichen Nadel war er fähig, aus dieser Schachtel Stimmen und sogar Musik hervorzulocken. Er kam mir wie ein Zauberer vor. Unglaublich, was mein Bruder alles konnte und wusste. Ich hatte keine Ahnung, dass dies ein sogenannter Detektor war, gewissermassen die primitiv Vorstufe eines Radios. Mein Staunen wurde laufend grösser, als er einmal ein Foto in Lebensgrösse von Brigitte Bardot mit Netzstrümpfen an die Wand hängte. Später kam noch Elvis dazu, dann folgten Conny und Peter Kraus. Die Heftchen, woraus er die Idole herausschnitt, hat er geschickt vor mir verborgen gehalten. Nie habe ich auch nur einen Blick in eines dieser hochinteressanten Illustrierten werfen können. Heute nehme ich an, dass ihm meine besorgte Mutter diese strengen Vorschriften machte. Schliesslich war schon dazumal im Bravo vom Küssen und Schmusen die Rede, und ich war doch erst zehn Jahre alt.
Über meine Schwester, sieben Jahre älter als ich, sind aus meiner frühen Kindheit nicht viele Wahrnehmungen vorhanden, genau gesagt gar keine. Erste Erinnerungen manifestieren sich erst , wie ich etwa 10jährig war. Und auch da war Margrit vor allem abwesend, befand sich im Welschland, weit weg von Zuhause, dort, wo die Menschen französisch sprechen, schöne, teure Kleider tragen und Fondue essen. Kam sie dazwischen einmal kurz nach Hause, sah sie da nicht ganz anders aus, als bevor sie nach Vevey abreiste, war sie nicht plötzlich so erwachsen, elegant geworden? Oder dachte ich das erst, als sie endgültig aus ihren Welschlandjahr zurückgekehrt war? Zuhause dann hab ich sie auch nie angetroffen, obwohl unsere Schlafzimmer direkt nebeneinander lagen. Am Esstisch, beim Znachtessen, wo war ihr Sitzplatz? Meinen seh ich noch, Mutters, Vaters, Waltis auch. In der Stube auf dem Sofa oder am grossen Tisch müsste sie zu finden sein, oder unten im Keller, in der Waschküche, im Garten draussen auf einem Liegestuhl? Keine Spur, kein Lachen, kein Geruch von ihr kommt mir in den Sinn. Seltsam, wie kann eine so nahestehender Mensch derart abwesend sein? Die zeitliche Distanz zwischen uns war offenbar zu gross. Erst viel später entstand ein regelmässiger Kontakt, und das gilt bis heute. 
Einmal, in den 80er-Jahren unternahmen Erich und seine dazumalige Partnerin zusammen mit Schwester Margrit und Heiri eine sechswöchigen Reise, übers Mittelmeer nach Ägypten, dort per Bus an die Grenze zu Israel, wo man im Niemandsland drei Tage auf die Öffnung des Grenzübergangs warten musst, dann Jerusalem bestaunen konnte und nach einer Woche per Schiff nach Griechenland schaukelte, um sich auf der verlockenden Insel Naxos von den Strapazen und Aufregungen entspannt erholen zu können. 
Nicht verschwiegen werden sollen auch die unzähligen köstlichen Bewirtungen, welche Erich bei seinen spontanen Besuchen in Seebach bei der Schwester und auch beim Bruder geniessen durfte. 
Und zuletzt wäre noch die bedauerliche Tatsache zu vermelden, wie Erich als unreifer Sechzehnjähriger von seiner Schwester als Götti für ihren ersten Sohn engagiert wurde und in dieser Rolle vollkommen versagt hat. 


1984, mit dem Maultier unterwegs im Tessin, Erich mit Filzhut


1958. Glückliche Ferientage im Toggenburg mit Mutter.

 

1958. Skifahren am Bachtel mit Bambusstöcken und Kabelzug-Skibindung. Weit und breit kein Skilift in Sicht, der Aufstieg mit Fellen war etwas mühsam, dauernd lösten sich diese von den Brettern.




1952. Margrit auf dem Balkon unserer Wohnung an der Felsenrainstrasse 14.

 

Das Abbröckeln der Wirklichkeit
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5.  Das Abbröckeln der Wirklichkeit
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1999. Erich gerät ins Grübeln
denn plötzlich, oder exakter ausgedrückt, nach und nach, breiten sich schleichend-chronisch fortschreitend wachsende Geschwüre aus, ringsum stille Wunden. Sich auf- und ablösende Gewohnheiten schmerzen mehr und mehr. Brennende Wunden im Herzen und an den Wänden. Da und dort und immer mehr und drückender fehlt schmerzhaft, was früher da war, was wichtig und richtig war in meinem Leben. Menschen sterben weg. Landschaften verändern sich. Die alten Häuser noch, die alten Strassen sind nicht mehr: wie tönte das gemütsschwere Volkslied erst kürzlich noch so eigentümlich ältelig und verstaubt aus dem Radio Beromünster, und schon leide ich selber unter einem immer offenbarer werdenden Zerfall meiner doch gerade erst zögernd aufgebauten Wirklichkeit. Denn all die mich jahrzehntelang begleitenden Organisationen Firmen Namen Menschen und Einrichtungen. Alles gestorben, sinnlos geworden, abgeschafft, verändert, wert- und sinnlos geworden. Rundherum Abriss Abbau Abschied. Meine Mutter. Ist nicht mehr. Theo Pinkus, Walter Vogt und Frisch sind nicht mehr. Der Varlin die Mutter Theresa das Kino Morgental. Auch Gabi und Fredy. Rinaldo hat sich aufgeknüpft. Die Swissair wurde abgemurkst. Die Latzhosen-Birkenstock-AKW-Nein-Generation hoffnungslos vermodert. Dabei gehörten wir erst gerade noch zu den Fortschrittlichen und den Zukunftsweisenden. Wir glaubten die Welt erretten zu müssen, wir kannten den Weg dorthin. Er führte schnurstracks vom Joghurtbecherdeckelisammeln über das Eigene-Brot-im-Holzofen-Backen und Spinnrädli-Selberherstellen ins heilige Stromsparparadies. Wir hatten für alle globalen Probleme unsere kleinen lokalen Lösungen. Ob Hungersnot, Wohnungsnot oder Waldsterben: wir haben genau gewusst was zu tun wäre. Und wir haben uns grosse Mühe gegeben im täglichen Leben um wenigstens einigermassen glaubhaft bleiben zu können. Denn: die Theorien sollten sich auch in der Praxis bewähren. Allerdings stiegen schon bald erste Zwiespälte am düsterer werdenden Horizont auf. Denn kaum erst hatten wir noch mit wehenden Fahnen und aufrechter Gesinnung die sich mehr und mehr aufdrängenden Computer mit bösen kleinen Sabotageakten bekämpft, als sogar schon die ersten selbstverwalteten Betriebe auf die Elektronik umstiegen. Klar, wir haben uns schon damals total getäuscht. Immer glaubte ich auf der richtigen Seite zu stehen bis ich mal merkte, dass alle Dinge unendlich verschiedene richtige Aspekte besitzen. Auch die bunt aufblühende Friedensbewegung brachte für mich nur vorübergehend Frieden in meinem Herzen. Immer öfters musste ich hinter meine zuerst mit Überzeugung vertretenen Ansichten viele unbeantwortete Aber? setzen. Laufend musste ich Abschied nehmen von Ideen und Überzeugungen. Das tat weh. Denn jedesmal war es ein Abschied von einem Teil meiner selbst, welcher etwas meiner Identität ausgemacht hat.
Das ging dann vor zwanzig Jahren weiter mit dem Sterben, mit dem Wehen im Hals in der Brust, seinerzeit als die Schüsse fielen auf John Lennon in New York, mitten in die grössten Imaginationen von Ungebundenheit und Grenzenlosigkeit. Damals schon fing meine Welt an zu wanken. Doch was nur zwei drei Jahre später alles noch auf mich zukommen solle, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht in meinen schlimmsten Träumen erahnen. Nun, es folgte dann ein für mich gänzlich katastrophaler und alles Dagewesene zerstörender Eklat in meinem Leben. Nur mit sehr viel Glück und mit einer überriesigen Anstrengung gelang es mir, allmählich wieder so etwas wie eine annehmbare Gegenwart aufzubauen. Doch etwas blieb zurück: Ein grosses leeres dunkles Loch, ein Stück abgetakelte Wirklichkeit. Nun ja, die Zeit gerinnt Emotionen zu akzeptierbaren Andenken. Was einst zutiefst schmerzte wird allmählich erträglich, und ohne eine gewisse Portion Wehmut wäre man ja nicht so schön ausgefüllt, es würde etwas Wichtiges fehlen: die beunruhigende Erfahrung nämlich, dass alles einem steten Wandel unterliegt, allem Anfang ein Ende bestimmt ist.
Verklemmte Talente
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6.  Verklemmte Talente
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1999. Erich wird es peinlich
Einst baute der Vater, anstatt eine neue zu kaufen, für seinen vierzehnjährigen Sohn eine Klampfe. Die wirkte, im Gegensatz zu der erwünschten rasssig rot-schwarzen Jazzgitarre, wirklich sehr sehr rustikal, was ausgesprochen peinlich war für den erwartungsvollen Gitarristen. Heute lässt mich der Anblick der von Vater selbstgebauten Gitarre noch jedesmal Grübeln versinken. Was sind mit diesem Anblick nicht alles für widersprüchliche Gefühle verbunden. Nebst den peinigenden Gitarrestunden sind zwei drei noch erdrückendere Erlebnisse wiederzugeben. Eine Zeitlang glaubten die Eltern, dass ihr in meinen Musikunterricht investiertes Geld einmal Früchte tragen wird. Schon bald sollte ich mein Können unter Beweis stellen. Die erste Gelegenheit ergab sich zu Weihnachten. Diesmal sollte der magere Familiengesang mit meinen neuen Fähigkeiten bereichert werden. Ich übte im Voraus auch brav und fleissig ab Blatt die zwei drei obligaten Weihnachtslieder. Ich weiss nicht, was für ein Teufel an diesem Heiligen Abend in mich fuhr: als ich vor versammelter Familie frischgebadet und gekämmt vor dem Notenständer sass, das linke Bein auf das Spezialschemmeli gestellt, genauso wie im Gitarrenunterricht gelernt, als mich ein unangenehmes Gefühl beschlich, ich stehe halb ausgezogen im Mittelpunkt, sei verantwortlich für die Tonlage, müsse Anzählen und das Tempo vorgeben, dazu plötzlich die Unmöglichkeit, meine Stimme zu verstecken, lieber noch: zu schweigen, und als mir nach ein paar kläglichen und holprigen Takten, wahrscheinlich vom völlig verkrampften Starren auf die verflixten Noten, meine Augen anfingen zu brennen und zu tränen und alles vor meinen Augen verschwamm, da verweigerten sie schliesslich die Mitarbeit. Parallel dazu machte sich auch mein Gaumen durch eine ungewöhnliche Trockenheit bemerkbar. Ich musste haspeln und schlucken und hüsteln. Mein Gesang, der mir sonstschon äusserst tonlos und abstossend vorkam, erstickte in kurzer Zeit, ich fing stark zu schwitzen an, war wahrscheinlich krebsrot im Gesicht und fühlte mich äusserst unbehaglich. Es war eine schreckliche Weihnacht für mich. Noch schlimmer wurde es ein paar Monate später. Besuch war für Sonntag angesagt. Eine äusserst rare Angelegenheit, denn weder machten wir bei irgendwem einen Besuch noch kam bei uns jemand auf Besuch. Ganz ganz selten kam so etwas zwar schon vor, aber diese Ausnahmen habe ich allesamt als für mich sehr unangenehme Anlässe in Erinnerung. Ich hatte das den Eindruck, man müsse sehr angepasst und freundlich tun, die Stimmung war bedrückend und verkrampft, die Zeit klebte hartnäckig an Ort, das stille Leiden wollte kein Ende nehmen. Draussen pfiffen frech die Vögel, die Sonne grinste, das Bad, die Fussballkollegen, die Freiheit lockte. Umsonst. Ich Kind war in einer zähen langweiligen tristen Erwachsenenwelt gefangen. Für diesen Sonntag nun hatte sich ein Teil der weitverzweigten Verwandtschaft angemeldet, alles Leute, deren Namen ich immerhin schon hin und wieder gehört, deren Gesichter mir aber fast unbekannt waren. Wie befürchtet kamen meine Eltern bald auf die Idee, ich solle am Sonntag dem Besuch meine Spielkünste vorführen. Und natürlich meinte ich mich auch dazu verpflichtet, nachdem ich mir schon die teuren Gitarren-Stunden erzwängelt hatte. Ich übte also fleissig irgend einen dieser dummen banalen lächerlichen Schlager, die wir dauernd in der Stunde durchnahmen. Siebzehn Jahr, blondes Haar. Beiss nicht gleich in jeden Apfel, es könnte gefährlich sein. Es kam leider heraus wie an vergangenen Weihnachten. Nur war alles noch viel schlimmer. Schon bevor der Besuch da war wuchs mein Lampenfieber ins Unerträgliche, ich glaubte, in die Hose machen zu müssen, schlotterte bibberte beim Gedanken an meinen unausweichlichen Auftritt. Schweissausbrüche wechselten sich mit Kälteschaudern ab. Mir war ganz übel und schlecht. Vom extrafeinen Mittagessen und der Schwarzwäldertorte konnte ich nichts geniessen. Ich hätte mich am liebsten unter den Tisch verkrochen. Vom Auftritt selber habe ich keine Erinnerungen mehr, es lassen sich keine Bilder, keine Gefühle mehr dazu hervorlocken. Es muss schrecklich gewesen sein für mich, aber sicher auch für die andern. Ich weiss nur eines: dies war das zweite und das letzte mal, dass ich auf Wunsch meiner Eltern musikalisch aufgespielt habe. 
Eine dritte und letzte Begebenheit in meiner kurzenmusikalischen Karriere, die ich mir aber selber eingebrockt habe, kann ich noch auftischen, und bevor ich weiterfahre kommen mir sogar noch einige wenige weiter Peinlichkeiten in den Sinn, die ich gerne loswerden möchte. Doch der Reihe nach. Ich war also noch knapp in einem zarten und unschuldigen Alter, hatte einige Fortschritte gemacht auf der Klampfe, war nicht mehr der schlechteste, konnte hie und da schon der einen oder dem anderen ein wenig imponieren mit meinen Fingerfertigkeiten und meiner Ausdrucksstärke. Die Gitarre und das Meer. . . die Gitarre, das merkte ich bald, wurde zu einer Wunderwaffe im harten Kampf um das andere Geschlecht. Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen alle Bäume . . . und ich glaubte einen kurze Zeit lang selber fast daran, ich besässe einiges entwicklungsfähiges Talent. So meldete ich mich eines Tages verstohlen an einen dieser vielversprechenden Talentwettbewerbe an, die anlässlich der grossen TV-Ausstellungen im Kongresshaus veranstaltet wurden. Die Chance war einmalig: der Auftritt wurde in einem extra aufgebauten Fernsehstudio aufgezeichnet und die Moderatorin war die weitbekannte und äusserst populäre Heidi Abel.
Wieder übte ich einen beliebten Schlager ein. Diesmal wollte ich auf sicher gehen. Ich investierte ziemlich viel Zeit bis ich die Griffe vollkommen sicher wechseln konnte und der raffinierte Schlag eindrücklich sass. Auch das etwas kompliziertere gezupfte Zwischenspiel beherrschte ich bald mit grosser Geschicklichkeit. Mein Gesang hatte sich merklich weiterentwickelt, war aber noch lange nicht zufriedenstellend (was er dann auch nie wurde). Ich verliess mich ganz auf die Wirkung meiner raffinierten und perfektionierten Gitarrenklänge, hier sah ich meine Vorteile und meine Stärke. Ich trieb mich fast den ganzen Tag hinter den Kulissen des improvisierten Studios herum, musterte die Konkurrentinnen, wartete, spielte zwischendurch immer wieder einmal mein Schlagerhit durch, teils rein übungshalber, zweitens um die Konkurrenz einzuschüchtern und drittens weil ich bemerkte, wie eine hübsche Mitkonkurrentin durch mein bezirzendes Klimpern angenehm auf mich aufmerksam wurde. Marmor Stein und Eisen bricht . . . . die Liebe ist ein seltsames Spiel . . . , dies war nun doch für mich eine neue, erregende Erfahrung. Immer wieder spielte ich ihr zuliebe das harmlose Stücklein, sie hörte mir bewundernd zu. Irgend ein Wort mit ihr auszutauschen traute ich mich dagegen nicht. Was hätte ich ihr denn auch berichten können, was für Fragen müssten gestellt worden sein? Dann kam mein Auftritt. In zwei Minuten war er vorbei. Ich war einer von Hundert. Zum Andenken gab es eine Polaroidfoto. Ich, die Gitarre und Heidi Abel vor der Kamera. Glücklich kehrte ich nach Hause zurück. Ich hatte etwas erlebt, hatte ganz neue unerwartete Erfahrungen gemacht, und nur ich ganz alleine hatte das inszeniert, ganz unabhängig von Eltern, grösseren Geschwistern und Kollegen. In diesen Zeiten muss mein Alleingängertum begonnen haben. Viele Element dieses Tages haben mich lange Jahre anhänglich begleitet. Alleine zu sein, einsam irgendwo warten, beobachten, unschlüssig herumstehen, etwas wollen und mich nicht trauen. Mich beherrschte eine mächtige Inkongruenz zwischen Innen und Aussen: mal umgeisterte mich eine unklare und unausgesprochene Überzeugung von der Qualität meiner Art und Weise, mal plagte mich eine zerstörende Schüchternheit, eine arge, vieles verunmöglichende Verklemmtheit. Dann flackerte in mir blass und märzenfleckig ein biederes ehrgeizloses mageres Talentchen, welches durch meine Geniertheit und, ich muss es hier einmal ausdrücklich erwähnen: durch einen unerklärlich hartnäckigen Minderwertigkeitskomplex endgültig und frühzeitig den Todesstoss versetzt bekam. Was könnte denn niederschmetternder sein für einen ansich gesunden munteren hoffnungsvollen Menschen im aufbrechenden Frühling seines Lebens als eine solche verflixte Behinderung? Meine üppig blühenden Hoffnungen in Sachen Musikmachen ergrauten und vertrockneten unter der Fuchtel unerhörter Selbstzweifel noch ehe sich erste zaghaft keimende Utopien richtig verwurzeln konnten. An etwa drei oder vier vernebelte und verstockte Abstürze im Zusammenhang mit meiner «Karriere» als etwa siebzehnjähriger Sologitarrist in einer Popband kann ich mich noch gut erinnern, aber nicht ohne dabei eine prickelnde Hühnerhaut zu kriegen. Beziehungen mit anderen Menschen, sowieso zum anderen Geschlecht, konnten mit meiner Zerdrücktheit schon gar keine hergestellt werden oder wenn schon, so höchstens im Zustande einer zunehmend auftretenden Angetrunkenheit, womit nun aber auch bereits wieder ein neues Kapitel meines Lebens angetönt wäre. Dies sind alles Tatsachen, welche mich heute noch manchmal fast schmerzlich berühren, müsste ich nicht selber über die munteren Kapriolen lachen, die sich dieses vielfältig verspielte Leben mit mir trieb.

1963, an der FERA im Kongresshaus in Zürich. Mit 14 hat Erich (li) noch Träume, mit Vaters selbstgebauter Gitarre.

 

Vom Drehen, Taumeln, Schweben, und Fallen
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7.  Vom Drehen, Taumeln, Schweben, und Fallen
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1999. Erich auf schiefer Bahn
Ach Gott, wie liebte ich doch diesen schwerelos schwebenden verzauberten glücklichmachenden Zustand, trümmlig taumelnd plaudernd im Schutze einer rötlichsüssen heimeligen Düsterkeit hockend, geborgen und mild aufgehoben in einer Art warmer einlullender Mutterbauch, abgesichert, abgeschirmt, fern aller Unbilden jener Welt weit weg draussen und stillbehaglich blöddumm lächelnd nachts um halb eins kurz vor Polizeistunde am langen Tisch unter feuchtfröhlicher Gesellenschaft. Alle Liebe dieser Welt versammelt an meiner Seite, kein Unruhe keine Unsicherheit kein Zweifel. Weit und breit kein Feind. Eng und Nah das Lauschen und Hauchen und Atmen. Glückseliges ewigliches Einschenken und Abtauchen mit schwabligkrabbeligem Kribbeln in sumpfiges Gehirn. Alles ringsum vergessen. Abschalten. Entspannen. Feier-Abend, Fest-Zeit, Freuden-Taumel: Zwischen-Zeit. Alles zudecken-abschieben-abhalten. Nichts als ich und du und wir und eine zwei Flaschen Wein. Nichts und niemand und niemals kann eine solchermassen verbindende kraftvolle Gemeinschaft zum auseinanderfallen bringen. Immer und ewig genau so muss es sein. Genau dieser Pegelstand von Glück­seligkeit muss sein und bleiben. Nicht zuhoch und nicht zutief, sonst kommt schnell das Elend, sonst könnte die Nacht unangenehm werden, sogar schlimm, mit Schwindel Drehen Übelkeit, mit Erbrechen Kopfweh Depression, mit Schmutz- und Unnützgefühl am Morgen. Kater. Abscheu. Ekel vor der eigenen missbrauchten Seele. Schwarzes Loch im Kopf. Fader Magen. Schwache Knie. Toter Wille. Will ich nicht, will ich vergessen. Wegspülen diesen Gedanken. Noch ein Schluck und noch ein Schluck und noch ein Schluck. Zusehends bessert alles. Alles ist gut. Alle um mich herum sind munter. Ich fühl mich stark. Ich bin munter spritzig plaudrig. Es gibt keinen Grund, gehemmt zu sein. Keine beschämende Minute. Kein leeres Schweigen. Nur Diskussionen, Gott und die Welt. Eifer und Leidenschaft. Konspiration, Revolution. Fortschritt und Utopie. Alles beginnt von hier aus, quillt aus unseren inspirierten Köpfen, breitet sich unaufhaltbar aus ringsum in der übrigen Welt. Alles muss sich wandeln. Wir wissen wohin. Wirt, noch eine Flasche Rioja. Und ein Fleischchässändwitsch. Die Welt und Gott. Und noch einen Schluck. Einmal dazwischen aufstehn und aufs Klo sich begeben. Jetzt sich entschlossen zusammennehmen. Nichts anmerken lassen. Der Weg nach hinten aufs Klo wankt bedenklich. Ha ha, den Stammtisch auf dem Rückweg glücklich umschifft. Die Treppe fast problemlos gekapert. Gepisst. Getroffen, immerhin fast. In den Spiegel grinsen, Grimasse machen, wundere mich wie ich aussehe. Aufgedunsen etwas vielleicht, so seltsam verzerrt. Etwas stimmt nicht. Ein asymmetrisches unsympathisches Gesicht glotzt aus dem Spiegel. Passt gar nicht zu meiner Stimmung. Diese ist doch angenehm toll. Das kann nicht ich sein. Lichter kreisen leicht. Das Auge will nicht recht. Das Dunkel ist eigenartig Schwarz. Meine Gedanken sind richtig blöd merke ich verschwommen. Mein Grinsen so dumm. Was solls. Nur wieder raus hier, zurück zu Flasche und Glas, Wein und Weib. Zum Glück ist dieses Lokal düster, die Sicht eingeschränkt. Niemand merkt so, wie verdummt ich aussehe. Wie stark ich schwanke. Wie besoffen ich schon wieder bin. Egal. Heute will ich Freude haben. Heute will ich alles vergessen. Heute würde ich am liebsten tiefer und tiefer hineinsinken ohne Ende in diese wohligdumpfe gefühlslose Versunkenheit. Tiefer und tiefer. Leichter und luftiger. Freier und loser und tiefer – ich möchte hinabgerissen werden mit atemberaubendem Taumel von einem gnädigen stolzen endgültigen Orkan, die Erde soll sich donnernd öffnen und alles mit ihrer Barmherzigkeit in einem gewaltig berauschenden Finale für immer und ewig verschlingen. Niemand und nichts soll mehr leiden müssen. Keiner soll mehr traurig sein. Keine Angst mehr weit und breit. Nichts als eine riesige lauwarme Behaglichkeit weit und breit. Zartbittersüsse Trautheit ringsum. Leise Musik rieselt durch benebelte Lüfte. Engel tanzen Walzer in meinen Köpfen. Ein grüner Teufel hinkt winkend vorbei. Ich bin ein fallendes Blatt im Wind.
Wie und wo aber und weshalb begann diese tropfnasse trostlose Achterbahnfahrt? Eindeutig in meinem Herzen. In einem Herzen, das mit jungen sechzehn Jahren schon glaubte, zerbrechen zu müssen. Ein lechzendes brennendes einsames dummes Herzlein, kaum den Kinderwirren entronnen schon ernsthaft schmerzhaft verknallt, rasendunruhig pochend und bebend sich unüberhörbar bemerkbar machend. Eine unglaubliche Unruhe hatte mich eines Tages ergriffen: Gerda hiess die frische schmucke Versprechung, halb Kind auch noch halb Frau schon, schön und  keck erschien sie mir. Was soll ich weiter erzählen, jeder, jede weiss genau, was es bedeutet, total verliebt zu sein. Nun, ich war TOTAL verliebt, aber ich war auch TOTAL schüchtern, unsicher und verklemmt. Ich wollte mit Gerda zwar TOTAL alles erleben aber ich traute mir buchstäblich NICHTS zu. Während Gerda sich zielstrebig tiefer in meine Sehnsucht hinein frass, kapselten sich meine Emotionen in einen tiefgefrorenen Eisklotz ein. Ich war einerseits unfähig meine Empfindungen zu zeigen. Andererseits glaubte ich locker und aussergewöhnlich zu sein. Und in meiner totalen Eingebildetheit meinte ich, Gerda würde unbegrenzt auf mich warten. Dem war aber nicht so. So versandete ein aufwühlendes unschuldiges Jahr. Im drauffolgenden Sommer – mehr als ein paar schüchterne Küsse und ein einmaliges streicheln ihrer Brüste war nichts geschehen – traf mich wie ein tonnenschwerer Vorschlaghammer eine zerstörende und zermürbende neue Erfahrung: die Eifersucht. Gerda hatte nämlich, wie ich von irgendeinem dieser vielen fiesen frechen Strassenbengel erfahren musste, mit meinem grossmauligen oberrücksichtslosen egoistischen Zwangskameraden M.M. abgemacht, zusammen an die Knabenschiessen-Chilbi zu gehen. Das war ein Hieb sondergleichen. In diesem Moment wurde mein Herz allerschwerstverletzt. Ebenfalls unnötig wäre es nun, die rasenden vielfältigen Schmerzen beschreiben zu wollen, die eine solche Erfahrung mit sich bringt. Wer kennt sie nicht, die zermürbenden Qualen einer verratenen Liebschaft: tausend Jahre in der schwefligen Hölle zu schmoren wäre nur ein unbedeutender Vorgeschmack darauf. Meine hilflose Reaktion auf diese Schmach war äusserst kurzsichtig. Schmollend und trotzig wollte ich ebenfalls am Knabenschiessen 
auftauchen, wollte dann dort mit Bier meinen gekränktes Ego demonstrativ ersäufen und mit dieser Handlung Eindruck auf Gerda 
erwecken. Ich war überzeugt, mittels Mitleid diese Liebe wieder zurückerobern zu können. Allen Ernstes glaubte ich, Gerda könne es unmöglich zulassen, dass ich mich ins Verderben stürzen würde. Ja, diese Botschaft war eindeutig eine versteckte Drohung meinerseits: entweder liebst du mich oder ich sauf mich zu Grunde. Die Wirkung meines Auftrittes war gleich null. Im Gegenteil. Meine Vertrotztheit wurde dadurch nur verstärkt und zugleich hatte ich einige verheerend wohltuende Wirkungen eines Besäufnisses erfahren: der Schmerz, die Sorgen waren eine Zeitlang wie weggeblasen und noch wichtiger: ich fühlte mich zum ersten mal in meinem Leben gross und stark und frech und ungehemmt und locker und frei. Meine Lehre aus diesem Versuch: In einem solchen Zustand sollte man dauerhaft sein, da gäbe es kein Zaudern und Zögern und Zweifeln und Hadern mehr. Gerda aber liess sich durch meine hilflose Demonstration nicht beeindrucken, blieb mir gegenüber rätselhaft offen und nett. Meine Eroberungsversuche in den nächsten schwierigen eins, zwei Jahren 
wurden aber wegen der vernichtenden Wirkung meines Wunderhilfsmittels Alkohol zunehmend erfolgloser. Verkotzte Taxihintersitze, lallendes rülpsigstinkendes Gelaber und eine in C2H6O ertränkte Sensibilität stellten sich unserer romantischen Liebe immer wieder in den Weg. Und Gerda entschied sich eines Tages unwiderruflich für einen anderen.
Was also mit etwa sechzehn Jahren aus Frustration und kindischem Trotz als Spiel begann, entwickelte sich bald zu einer fatalen Gewohnheit. Mit meinem mageren Lohn in der Lehrzeit konnte ich mir nicht viel leisten, aber am Freitag- und Samstagabend wandelte sich mein wöchentliches Sackgeld regelmässig in Bier um. Schon nach einer Stange wurde es mir wohlig warm, ich fühlte mich sicherer, zufriedener, ruhiger, mutiger, entspannter, gleichgültiger (cooler). Weiss Gott warum, aber auch nach der zweiten und der dritten Stange brachte ich meinen Mund nicht so recht auf, eine verbale Kommunikation war nicht möglich. Ich sass da in einer meiner Stammbeizen, die Musik spielte, die Leute lachten, schäkerten, tanzten, sprachen, mir wurde es trümmlig und taumeliger und als sich nach der sechsten Stange mein Mundwerk zu öffnen begann, kam nur noch verwaschenes, nach abgestandenem Bier riechendes Gestammel und Gelalle heraus. Praktisch in all den Jahren, in denen ich mit einer wilden Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Trotz alleine meinen torkelnden Runden zog, habe ich aber nicht einen einzigen Menschen auch nur annähernd kennengelernt, geschweige denn irgendwelche Freundschaften schliessen können. An Bekanntschaften in Saufcliquen hatte ich sowieso kein Interesse da ich diese elenden grossmäuligen Besäufnisse im Grunde genommen schon immer verachtet hatte, und die ein, zwei flüchtigen Bekanntschaften mit weiblichen Geschöpfen, die sich wunderlicherweise doch fast zu ergeben schienen, lösten sich noch am gleichen Abend in Luft auf, stürzten mich in eine noch grössere Verzweiflung. Zweimal hätten anscheinend doch zwei ziemlich eindeutig an mir Interesse gezeigt, ihr allzu selbstsicheres Draufgängertum machte mir aber nichts als Angst, ich zog mich ungeschickt zurück und empfand mich noch einsamer. Einmal kotzte ich nachts unters Kopfkissen und schlief gleich wieder ein, so besoffen war ich. Ich kippte meinem Tischnachbar einen Kübel Bier in den Nacken und fand das Saulustig. Ich fiel einmal beinahe, ich trau es kaum zu schreiben, nachts um drei auf torkligem Heimweg fast eine ältere Frau an in einer Anwandlung von trunkener verzweifelter trauriger Verlassenheit. Ich stand im Minimum dreimal vom Alkohol umnebelt an der Schwelle des Todes, den Dolchstoss mir selbst versetzen wollend, den bitterkalten Kelch der Tristesse in der zitternden Hand. Ich soff und erbrach damit ich wieder weiter saufen konnte. Ich perfektionierte die Technik mit dem Finger in den Hals stecken, um besser erbrechen zu können. Ich kroch fast Blind und Taub auf dem Dreckboden der Festhütte herum und fand den Ausgang nicht mehr. Mehrfach wusste ich am nächsten Tag nicht, wie ich nach Hause gekommen war. Ich wusste schlechterdings nichts mehr vom Vorabend. Blackout. Ausgelöscht die letzten 12 Stunden. Retrograde Amnesie. Ich versuchte alles vor meinen Eltern zu verheimlichen. Und es fing an mich zu Ekeln vor meinem Auftreten.
Ich mutierte zunehmend zum einsamen Einzelgänger. Während meiner Lehrzeit als Schriftsetzer versumpfte ich mehr und mehr. Still und brav und mit schwindender Hoffnung sass ich hinter meinem Bierglas, drehte schwankend meine Runden im Niederdorf, bewunderte beglotzte beneidete die Erfolgreichen und Glücklichen mit ihren Schönen, begoss meine Trauer ertränkte mein Sehnen. Den Heimweg habe ich noch erstaunlicherweise meistens gefunden, das Schlüsselloch mit grösster Mühe noch knapp getroffen, stürzte dann halb bewusstlos ins rasend drehende Bett. Einmal, mag ich mich erinnern, schaffte ich es nicht lange nicht mehr aufzustehen, schlief wie in einem bleiernen traurigen Koma. Es war die Zeit als ich die Träume mit den mein Hirn zerfressenden Würmern hatte. Es war auch die Zeit, als ich mir ernsthaft Gedanken machte, mich umzubringen. Ich sehe mich auf einer Eisenbahnbrücke stehen, nachts um halb drei Uhr, betrunken natürlich, beinahe schon wieder ein wenig nüchtern werdend, nach wieder einem dieser erfolglosen frustrierenden Samstagabenden in meiner Lieblingskneipe: irgendsoein hoffnungsvolles Geschehen hatte sich zaghaft angebahnt, wieder war ich eindeutig zu blöd und zu dumm vorgegangen, zu zögerlich zu tapsig, jedenfalls ging bei Polizeistunde meine Angebetet mit einem anderen nach Hause, ich muss also in meiner dumpfen Verzweiflung nachts noch etwa zwei Stunden in der Gegend herumgeirrt sein, immer gegen eine lähmende Übelkeit, gegen Kotzreiz und Taumel kämpfend, nichts als Aussichtslosigkeit und Grau als ich am Rande eines fremden drittklassigen Quartiers auf dieser Brücke wieder zu mir kam und merkte, dass ich schon lange Zeit da oben gestanden war wie in einem Wahn im Kampf mit mir selbst verstrickt: soll ich oder soll ich nicht springen?
Ein anderes Bild ist in meinem Hinterkopf hängengeblieben. Es ist wieder mitten in einer Nacht. Wieder ein unglücklicher Ausgang einer unglücklichen Geschichte. Wieder zuviel getrunken. Wieder das Umherirren. Diesmal aber sass ich am Steuer eines Autos! Die Strasse endlos gerade. Bäume links und rechts. Dann eine fixe Idee plötzlich: Vollgas geben und dann einen solchen Baum rammen. Das Elend beenden. Kurz und schmerzlos abschliessen dieses Theater. Ich trat auf das Gaspedal. Ich beschleunigte bis zum Rasen. Die Allee flitzte verstückelt vorbei. Alles Dröhnt und Saust und Heult. Jetzt müsste ich das Lenkrad herumreissen. Jetzt aber müsste ich. Jetzt. Aber ich schaffte es nicht. Ich erwachte schaudernd wie aus einer Trance und fühlte so etwas wie Scham. Ich schämte mich vor mir selber. Ich hasste mich. Ich hasst das Leben. So hatte ich es mir nicht vorgestellt.
Parallel zu meinem häufigen Alleinsein hatte ich doch noch so etwas wie ein rudimentäres Sozialleben. Mit ein paar Verbündeten zusammen gründete ich eine Band. Es kam dann auch zu einem unterdurchschnittlich gelungenen Auftritt. Einmal, stinkfrech waren wir als russische Popgruppe namens OMSK angekündigt, waren wir im berühmten Hirschen in Zürich engagiert. Ich weiss nicht mehr, wie ich diese Herausforderung überstand. Es muss das totale Debakel gewesen sein denn mehr als zwei oder höchstens drei Stücke hatten wir nicht im Repertoire. Meine Erinnerungen verlieren sich in einem undurchdringlichen und mir vermutlich gnädig gesinnten Nebel. Es gab weitere 2 «Konzerte» die ich am liebsten gleich wieder vergessen würde. Alle endeten, was heisst da endeten, sie begannen schon mit einem Fiasko. Da man sich gezwungenermassen vor dem Konzert schon etwas Mut antrinken musste, war ich dann beim Auftakt jeweils schon so betrunken, dass die Feinkoordination meiner Finger stark gestört war und ich die Saiten nicht mehr richtig traf. Alles lief krumm und quer, Texte und Liederfolge vergessen, taumeln und stolpern, extremes Lampenfieber und bald darauf dann totales Blackout. Ehrlich, ich kann mich an keinen einzigen Verlauf dieser Konzerte erinnern, allesamt sind verschwunden unter einer sehr dicken Decke des Verdrängens. Ersäuft in Äthanol. Meine musikalische Karriere ertrank buchstäblich in zuviel Feuchtigkeit, spätestens mit neunzehn Jahren gab ich gezwungenermassen alle meine diesbezüglichen Bestrebungen auf. Auf eine kurze Phase allerdings bin ich noch heute ein wenig stolz: es war eine kurze intensive konstruktive Zeit in einer Gruppe, in der es mir gelang, einige eigene Instrumentalstücke zu „komponieren“, eine erstes zaghaftes Aufblühen einer Kreativität, eine kurze Phase die erstmals bestätigte, dass mehr in mir steckt als zurzeit erreichbar ist, und eigenes Gestalten mehr bringt, als einfaches Kopieren und Nachspielen.
Was gäbe es zum Thema Alkohol und Drogen sonst noch zu gestehen? Nichts, nichts besonders Abwegiges, auch aber auch nichts Ehrenvolles, ausser dass Erich einigermassen unbeschadet diese Zeiten hinter sich lassen konnte.

1970, in einer Vollmondnacht rast ein Auto durch den Wald. Dem momentan lebensmüden Fahrer geistern brenzlige Gedanken durch den Kopf.



1967. Erich, präsentiert sich stolz mit elektri­scher Gitarre, schwarzem Roll-kragenpullover, aber leider immer noch bravem Haarschnitt. 

 

Ab- und Aufwärts
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8.  Ab- und Aufwärts
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2003. Erich sieht Licht am Horizont
Was gibt es Aktuelles von mir zu berichten? Beständig in der Vergangenheit zu wühlen reizt mich heute nicht. Lange nichts geschrieben, die Zeit raste nur so vorbei. Alle Leute klagen über den Eindruck, die Zeit renne ihnen davon. Ich habe vor sechs Wochen eine neue Niere bekommen, ein Ereignis, das ich sechseinhalbjahre nicht verdrängt, den Entscheid dazu aber lange lange hinausgeschoben habe. Der Gründe gab und gibt es viele, einen, den ich trotz langem Warten und Überdenken nicht herausgefunden habe, ist unglücklicherweise eingetreten: ich habe eine komplikationslose und erfolgreiche Operation hinter mir, habe mir aber gleichzeitig einen nicht harmlosen Virus damit eingefangen, der mir in Zukunft noch vielfältigste Probleme machen kann. Hätte ich davon gewusst, ich hätte einer Transplantation unter diesen Bedingungen vielleicht nie zugesagt (Spender CMV/Empfänger CMV-). Ansonsten stehe und sitze ich, seit ich vom Spital entlassen wurde, etwas rat- und planlos in der Wohnung herum und versuche wieder Anschluss an eine «normales» Leben zu finden. Fast sieben Jahre lang prägte eine sture Regelmässigkeit mein Leben: drei mal in der Woche einen Nachmittag lang vereinigt mit der Dialysemaschine verbringen. Ein Leben mit einer klaren Struktur, mit viel Zeit für sich, für seine Gedanken, für ausführliche Lektüre. Immer war man teils ein Kranker und doch Gesund, oder nicht ganz Gesund, aber auch nicht wirklich Krank. Immer ohne Schmerzen. Aber etwas reduziert in der Leistung. Schonungsbedürftig halt. Und jetzt fällt das alles weg. Schonzeit vorbei. Leistung wird wieder erwartet. Die halbe IV-Rente läuft demnächst aus. Die Arbeit zuhause bringt zuwenig Cash. Eine Arbeit zu finden heutzutags und mit 54 Jahren ist nicht unbedingt erfolgversprechend und ehrlich gesagt auch nicht gerade meine bevorzugte Lösung. Eine Arbeitsstelle hatte ich seit acht Jahren nicht mehr, die Arbeitslosenkasse als Übergangslösung kommt nicht in Frage und fürs Sozialamt sehe ich mich noch nicht gezwungen. Zu den medizinischen Herausforderungen kommen also auch handfeste ökonomische Bedrückungen hinzu, ganz abgesehen von einer ganz allgemeinen persönlichen Verunsicherung, wie ich mich weiter in dieser Welt einrichten soll. Statt Euphorie Freudentaumel Hochgefühl über die neue grosse Unabhängigkeit mit dem von praktisch allen Dialysepatienten sehnlichst und so bald als möglich erwünschten Organ, bin ich nun eher ratlos. Und wenn mir dann Bekannte und Verwandte strahlend und überschwänglich zur Transplantation herzlich gratulieren und drei- viermal wissen wollen, wie gut und glücklich ich mich nun fühle, da ich ja jetzt wieder quasi unter den Normalen weile, merke ich, wie sich meine Augen dunkel trüben und ich bestätige ihnen ihre Vorstellungen mit einem gequälten Lächeln und indem ich krampfhaft versuche, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden. Nicht ganz allen spiele ich dieses Spielchen vor, es gibt schon wenige Menschen, bei denen ich Lust habe, mich etwas differenzierter mitzuteilen. Ansonsten finde ich es eher als unerwünscht, überall und allen Auskunft geben zu müssen, aber darum kommt man vermutlich einfach nicht herum.
Die Zeit läuft und ich habe den Verdacht, ich bleibe stehen. Mutmasslich weil ich mich noch zu den Rekonvaleszenten zählen darf? Oder weil ich auf der Bank noch ein Polster von in vielen Jahren zusammengesparten Notgroschen liegen habe – gedacht für genau solche Zeiten und Zustände. Kein Grund also um zu Klagen. Anderen geht es schlecht bis sehr mies. Man lese bloss die Berichte über die Nierenkranken ausserhalb unserer verwöhnten Gesellschaft. Wer dort nicht reich ist – und das sind die wenigsten – der krepiert.
Drei Wochen lang gings bergauf. Da und dort konnte ich feststellen wie eine Verrichtung leichter fiel, beim Velofahren machte ich Fortschritte: ich hatte eindeutig weniger Mühe nach einer Bahnunterführung die folgende kleine Steigung wieder zu überwinden. Dann stieg langsam aber sicher der Kreatininspiegel im Blut wieder an, ein eindeutiges Zeichen, dass die Nierenfunktion wieder eingeschränkt wird. Schlussendlich, nach einigem Hin und Her musste ich zum zweiten mal an gleicher Stelle in gleicher Sache operiert werden. Es gäbe viel zu erzählen über die letzten zweidrei Monate, vieles steht in meiner ständig umfangreicher werdenden Krankengeschichte, vieles ist nur als persönliche Erfahrung gespeichert. Zu Müde bin ich, das viele Auf und Ab weiterzuerzählen; interessant war jedoch alleweil für mich die vielen Ungereimtheiten und Pannen und Nebenwirkungen aber auch das professionelle Schalten und Walten im Spital jederzeit aus zwei gegensätzlichen Perspektiven beobachten zu können: einerseits als geduldiger und verständnisvoller Patient, andererseits als ehemaliger Angehöriger des «paramedizinischen Hilfspersonals», nämlich als ausgebildeter dipl. Krankenpfleger AKP. Genug geklagt, genug gejammert. Ab sofort gehts bergauf.
Mutter, 1921–1988
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9.  Mutter, 1921–1988
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Mutter, 1921–1988
Erichs Mutter wird 1921 geboren und wächst in Walzenhausen, Appenzell Ausserrhoden, in einer kinderreichen Bauernfamilie auf. Sie hat einen langen Schulweg, im dunklen Winter auf den Skiern durch tiefen Schnee. 1938 zieht sie, etwa 17-jährig, nach Zürich-Oerlikon und arbeitet in der Kofferfabrik Vogt&Holz.
1940 lernt sie dort ihren Mann, Walter, kennen. 1941 ist Hochzeit, das angepasste Konfirmationskleid dient als Hochzeitskleid. Ihre Schwiegereltern sind beim bescheidenen Hochzeitsfest nicht dabei, sie hätten eine andere Schwiegertochter bevorzugt. Dessen ungeachtet wohnt das junge Paar zuerst im Haus der Schwiegereltern an der Starengasse. Mutter telefoniert häufig und lange mit ihren Schwestern, Vater muss deswegen manchmal reklamieren, Telefongespräche sind zu dieser Zeit teuer. Drei Kinder kommen zur Welt: 1942 Margrit, 1944 Walter, 1949 Erich. 1953 muss Sohn Walti für ein Jahr aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen in ein Heim am Zürichsee. Tochter Margrits wohlhabende Gotte finanziert den Aufenthalt. Jahre später sagt die Mutter, die Entscheidung mit dem Heim sei ein grosser Fehler gewesen, sie würde das nie mehr tun.
Mutter hat Angst in Seilbahnen, vor steilen Bergwegen, tiefem Wasser und starkem Wind; sie ist allgemein etwas ängstlich. Mit 50 lernt sie erstaunlicherweise noch Schwimmen. Nebst der Hausfrauenarbeit verdient sie mit dem Roulieren von «Stoffels-Nastüchern», als Kioskfrau und mit Reinigungsarbeiten ihr eigenes Geld. Die Mutter-Erich-Beziehung ist herzlich, leider vernachlässigt der erwachsen gewordene Sohn den Kontakt. Einmal, Erich reist mit 20 für drei Monate nach Israel, meldet er sich wochenlang nicht Zuhause. Er geniesst die neue Freiheit und Unabhängigkeit. Der Schmerz, die Ängste, die Ungewissheit der Eltern kann er sich nicht vorstellen. Erich bereut dies später tief.
1987 erkrankt Mutter, 1988 wird sie schwächer. Erich (auch seine Geschwister tragen das Ihrige dazu bei) begleitet und unterstützt die Eltern und pflegt die Mutter viel in dieser schweren Zeit. Dies ist möglich, da er sich wieder einmal in einer Zwischenzeit befindet: hat da und dort gejobbt und nun eine neue Arbeitsstelle für nächsten Monat gefunden.
Die Mutter stirbt nach mehreren Operationen und Therapien infolge Darmkrebs wunschgemäss daheim, im Beisein von Erich. Das letzte Wort, ein letzter Atemzug – – – warten – – – – aufstehen. Zu Vater hinüber, der in der Stube sitzt. Ihm das Unfassbare mitteilen und zum ersten Mal im Leben über seine Haare streichen. Überrascht sein über die feine Weichheit seiner weissen Haare. Ihm zum ersten und vielleicht letzten Mal so nahe sein. Schweigen. Totenstille.



1939, die Eltern meiner Mutter, 12 gesunde Kinder haben sie aufgezogen.

 

1940, immer wenn Mutter fotografiert wird, wird sie von der Sonne geblendet.


Walzenhausen um 1910. Das Haus ganz unten links könnte das Elternhaus meiner Mutter sein. Beim Betrachten dieser Ansicht beschleichen Erich heute noch Gefühle, die er am besten mit "Heimatweh" beschreiben kann.



1942, Die Eltern, noch ohne Kinder unterwegs.

 

1942, Mutter mit ihrem erstgeborenen Kind im Arm, meine Schwester.

 

1970. Mit dem Rheinschiff nach Rotterdam.

 

1983. Endlich in Venedig, wenn nur die lästigen Tauben nicht wären. Und die Sonne blendet wieder, trotz Sonnenbrille.

 

1973, die sonst besonnene Mutter in ungewohnter Pose am Strand von Alassio.

1988, Mutter und Vater an seinem 70. Geburtstag. Im Herbst stirbt seine Frau, meine Mutter.

 

 

 




Vater, 1918–2003
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10.  Vater, 1918–2003
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Vater, 1918–2003
Vater, geboren 1918, ist das jüngste von vier Kindern einer Arbeiterfamilie und wächst in Seebach auf. Eines der Kinder lebt nur acht Monate, nach schweren Verbrühungen (durch heissen Kaffee?) stirbt es im Kantonsspital Zürich. Erich erfährt erst 2010 durch seine Gotte von diesem Unfall.
Schon mit 14 beginnt Vater eine Lehre als Sattler/Polsterer/Tapezierer. Nach der Lehre ist er zuerst arbeitslos, findet dann letztendlich eine Stelle in Oerlikon. Dort lernt er Margrit kennen, welche erst vor kurzem als junges "Fräulein" vom Appenzellerland hinunter nach Zürich gekommen ist. Bald wird geheiratet, in der Zeitspanne von sieben Jahren kommen drei Kinder zur Welt, von welchen zwei später ebenfalls wieder für Nachwuchs sorgen.
Die Zeiten sind hart; kaum ist die Lehrzeit beendet, wird er arbeitslos. Da kommt die Rekrutenschule gerade gelegen. Es gibt zu essen, ein paar Rappen Sold. Aber die Ausbildung ist streng, das Leben im Militär trostlos. Kriegsmobilmachung 1939. Von nun an bis Kriegsende 1945 leistet er jedes Jahr viele Wochen Dienst und lernt dabei die Schweiz kennen. Die Naturerlebnisse in den Bergen beglücken, aber er vermisst Frau und Kinder. Die Angst vor einer drohenden Invasion von Hitlers Deutschland drückt auf die Stimmung. Glaubt er ernsthaft an die Möglichkeit einer Verteidigung, an einen Sieg über die «Schwaben»?
Was erlebt er in dieser rauen Männergesellschaft, wie ist seine Stimmung dabei? Erzählt er daheim vom Militärdienst? Seiner Frau allenfalls, die Kinder bekommen wenig zu hören: nur, dass er Nachtmärsche machen muss, in Iglus übernachtet wird, dass er auf dem Panzer mitfahren kann. Geschichten, die auf den kleinen Erich starken Eindruck machen, seine spätere pazifistische Einstellung jedoch nicht verhindern können. Im Militärurlaub bringt Vater zur Freude der Kinder die «Notration» – furztrockene Biskuits, gummigen Büchsenkäse, betonharte Schweizer Militärschokolade – mit nach Hause.
Aus Fotografien und Postkarten sind Geschichten herauszulesen, welche auf einen tapferen, aber auch verletzlichen und leidenden Vater schliessen lassen. Er ist kein besonders geselliger Kerl, trinkt nur selten Alkohol, beim Festen und Schäkern mit den Dorfschönheiten hält er sich diskret zurück. Der Umstand, dass er der weitaus Kleinste ist, schützt vor Schikanen und Belästigungen (so glaubt klein Erich jedenfalls felsenfest). Die körperliche Ertüchtigung im Militär, die wilde Natur und das Herumreisen geniesst er. Mit der Zeit sinkt seine Motivation aber stark. Überliefertes aus der Kriegszeit? Sehr wenig, obwohl es 1940 bis 1945 mehrmals zu Bombenabwürfen über Zürich kommt, einmal nur drei Kilometer von der Starengasse entfernt im Gebiet der Landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Die spannende Geschichte vom Luftkampf, bei welchem ein Schweizer Flugzeug im nahen Hürstwald bei Seebach abstürzt, muss Vater viel mal erzählen. Über Konzentrationslager, Flüchtlingspolitik-, Rationierungsmarken und die Fröntler wird Erich erst später durch Bücher aufgeklärt. Ein mysteriöser schwarzer Rollstoren steht noch jahrzehntelang im Estrich; er hat als Verdunklungsvorhang während des Krieges gedient. Im Keller verstaubt eine Schachtel voller wertloser 1'000'000-Reichsmark-Geldscheine.
Er eröffnet eine kleine Polstererwerkstatt, eine zweite dann am neuen Wohnort am Felsenrainstrasse 14. Diese muss er aber bald wieder aufgeben, da der Hausbesitzer diese Räume beansprucht. Bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich findet Vater eine Stelle, wo er bis zur frühzeitigen Pensionierung bleibt. Im Gegensatz zu früher, als in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten auf vieles verzichtet werden musste, können Walter und Margrit das Leben nun unbeschwert geniessen. Einige Jahre nach dem Tod seiner Gattin wagt er sich nochmals in eine neue Beziehung. Ein Lungenleiden, das sich über Jahre hinweg verschlimmert, beendet 2003 sein Leben.


2001, Januar: Besuch bei Vater zu Hause.
Allmonatlich gehe ich einmal bei ihm in Zürich vorbei, erledige ein paar Haushaltarbeiten: alle Räume saugen, Toilette und WC reinigen. Anschliessend sitzen wir noch eine zeitlang in der Küche zusammen und plaudern miteinander. Er wird demnächst 83 Jahre alt. Letzte Woche wurde er notfallmässig ins Spital eingeliefert. Diagnose: akute Atemnot. Schon seit Jahren verschlechtert sich seine Lungenfunktion. Es geht ihm genau, wie vor 30 Jahren seiner Mutter. Alles schrumpft zusammen. Er ist bestimmt nur noch etwa einmetervierzig gross, etwa vierzig Kilo leicht. Und seine Lungen schrumpfen weiter und weiter. Er bekommt zusehends weniger Luft, somit wird sein Aktionsradius laufend etwas kleiner. Am Freitag wurde er wieder nach Hause entlassen. Jetzt muss er täglich etwa fünfzehn Stunden lang am Sauerstoff angeschlossen sein. Dazu wurde ihm ein Sauerstoffapparat ins Zimmer gestellt mit einem zwanzig Meter langen Schlauch. Mit dieser Nabelschnur gleicht er nun einem Astronauten der bei seinen Entdeckungstouren auf dem Mond symbiotisch mit dem Sauerstofftank verbunden ist. Immerhin geht es so wieder einiges besser als die letzten paar Jahre. Ich hatte schon lange versucht ihn darauf aufmerksam zu machen, ganz vorsichtig und wie nebenbei, er solle sich doch bei seinem Hausarzt einmal erkundigen, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn er Sauerstoff bekäme. Er wollte durchaus nichts davon wissen. In ein Altersheim will er auch nicht. Spitexhilfe brauche er auch nicht. Er hat halt einen etwas sturen Grind. Er lässt sich nicht dreinreden. Er will seine eigenen Erfahrungen machen. Recht hat er. So ist es halt in unserer Familie. Ich habe ihn heute gefragt, ob er auch hin und wieder etwas aus seinem Leben aufschreibe, es gäbe noch vieles aus vergangenen Zeiten, das mich interessieren würde. Er wollte gar nichts davon wissen. Vergangen sei vergangen, es mache keinen Sinn, alten Zeiten nachzuforschen. Mir schien es, dass er sich auf diese Weise vor schmerzhaft auftauchenden Erinnerungen schützen will. Wozu er in seinem Alter natürlich das Recht hat. Andererseits weiss er womöglich nicht, dass Rückblicke ebenso auch Freude bringen und vergnügliche Zeiten bescheren können. Und dass auch seine Nachkommen ein zunehmend grösser werdendes Interesse an den Familiengeschichten haben werden. Das will ich ihm nächstes Mal erklären.


Vater, April 2001
Vater geht es besser als in den letzten Jahren. Er hat mehr Appetit, er geht wieder spazieren, seine Stimme tönt frischer und kräftiger. Nun, ich hab ihn mehrmals mitgeteilt, er solle seinen Hausarzt oder den Lungenspezialisten fragen, ob es nicht sinnvoll für ihn wäre, Sauerstoff zu nehmen. Er ist aber nie auf meinen Vorschlag eingegangen. Vielleicht befürchtete er, damit in eine ungewollte Abhängigkeit zu geraten. Er hat es wirklich sehr lange ausgehalten, bis er zur Einsicht kam, es könnte nichts schaden, ein wenig mehr Luft zu bekommen. Ursprünglich kam ja das so naheliegende Angebot vom Chefarzt. Weshalb sein Lungenspezialist, bei dem er zur Kontrolle musste, nicht selber längstens mit diesem Vorschlag gekommen ist, versteht niemand.
Er fängt nun an, überflüssig Gewordenes zu entsorgen. Als erstes hat er mir seine Fischerausrüstung übergeben, die ich einer befreundeten Familie schenke. Es stimmt mich ja schon nachdenklich: Sachen, Gegenstände, Dinge, die ein Teil meines Vaters waren, die ihn Jahrzehntelang begleitet und unterhalten haben, lösen sich jetzt nach und nach in nichts auf.
Gerade bei diesen Fischersachen bin ich mir sicher, diese als ungefähr sechs, siebenjähriger Bub selber benutzt zu haben. Wir sind doch einige mal zusammen Fischen gegangen, dass wir aber je einmal mehr als ein kleines Leugeli fangen konnten, mag ich mich nicht erinnern. An einem kühlen und wiederum erfolglosen Sonntag am Zürichsee, wollten wir uns nach Hause begeben. Als wir mit unseren Fischerutensilien über eine Brücke schritten, ich muss annehmen, nicht gerade mit fröhlichen Gesichtern, tuckerte unten im Fluss ein Fischerboot vorbei. Es ergab sich etwa folgender Dialog, Fischer: Habt ihr etwas gefangen? Wir: Nein, nur Würmer gebadet. Da muss den Fischer das Mitleid gepackt haben. Er nahm aus einem Behälter einen prächtigen Egli, warf ihn mit Schwung zu uns auf die Brücke hinauf, und bevor wir nur richtig Danke stottern konnten, glitt das Boot unter der Brücke durch und entschwand Seeaufwärts. Das war jetzt aber eine Sensation! So was ähnliches war uns noch nie passiert. Der Sonntag war gerettet. Das Mittagsmenu stand fest. Voller Überzeugung flunkerten wir Zuhause der Mutter vor, wir selber hätten den Fisch gefangen. Erstens aber glaubte sie uns garantiert kein Wort, und zweitens war sie wirklich nicht begeistert über die Beute. Sie hatte, wie gehabt, erwartet, dass wir mit leeren Händen vom Fischen zurückkehrten und vor allem hasste sie es, Fische auszunehmen und zu schuppen. Da waren die, leider selten auf den Teller kommenden, Fischstäbli doch viel sauberer und bequemer zu handhaben in der Küche. Was mit dem geschenkten Egli anschliessend genau passierte, habe ich leider wieder vergessen. Ich vermute, dass mein Vater die unbeliebte Arbeit hat übernehmen müssen.

Vater, Dezember 2001
Schon wieder Dezember: Habe ich schon von Vaters Beziehungen erzählt? Nein, denn da müsste ich ja Dinge ausplaudern, die von einigen Leuten nicht gerne gehört werden. Es gibt immerhin keine schlimmen und skandalösen Ereignisse zu verheimlichen. Und doch zögere ich, bestimmten Indiskretionen freien Lauf zu lassen und dadurch Irritationen zu erwirken. Hab keine Ahnung, ob das was ich über ihn weiss, auch wahr ist. Denn ist es nicht so: wo die Wahrheit verschwiegen wird, blüht die Phantasie? Es spricht auch noch mehr dagegen, diese Episode hier weiter auszubreiten, nämlich meine eigenen Nerven zu schonen, denn ich behaupte: Friede kommt vor Befriedigung der Neugier.
Um für einige harmlose Gerüchte zu sorgen und gegenwärtigen Spekulationen trotzdem etwas Platz zur Verfügung zu stellen, will ich einige wenige Andeutungen zu diesem Thema machen, aber mit dem Wissen vor Augen, dass es sich erstens bei diesen Angelegenheiten um selbstständige erwachsene Menschen handelt, zweitens ich sowieso der Meinung bin, dass jeder Mensch nur für seinen eigenen Angelegenheiten verantwortlich sei und nicht über andere moralisch zu richten habe, und so die Möglichkeit besteht, dass Erich sich in seinen Beobachtungen und Interpretationen irren kann.
Für letzten Dienstag hat er mir den sonst regelmässig stattfindenden Putztag abgesagt weil er bei irgendwem eingeladen sei. Ich habe mich tatsächlich nicht getraut zu fragen bei wem und wo. Ich weiss nie recht ob ich ihn auf solche Dinge ansprechen soll oder nicht. Ich glaube, es sei besser, ihm die Wahl zulassen, sich zu erklären zu wollen oder halt auch zu schweigen zu dürfen. Mein Vater hat Zeit seines Lebens überall einen seriösen Ruf gehabt, war diskret und verschwiegen. Über persönliches Erleben und inneres  Geschehen war praktisch nie etwas von ihm zu erfahren. Erst in den letzten zwei drei Jahren, seit ich wie von einer Art stillen Angst erfasst und gepackt wurde, alles Wissen über unsere Familie gehe demnächst endgültig verloren, konnten unsere Gespräche dank meinem häufigen Nach- und Ausfragen und trotz unerklärlichen Widerständen meinerseits doch dieses oder jenes Geheimnisse noch hervorlocken. Es gab und es gibt aber auch Tabubereiche an die ich nicht herankomme, wobei nicht genau auszumachen ist, bei wem die Blockaden und Hemmungen liegen: wir haben halt nie, auch früher nicht und auch nicht später, über uns, über Sexualität sowieso nicht, über Liebe und solche Sachen gesprochen. Eines ist aber ziemlich gewiss: er war ein solider braver und seriöser Mann. Etwas anderes ist nicht bekannt, wenigstens mir nicht. Er war seiner angetrauten Ehefrau immer treu und liebte sie zweifellos auch über ihr trauriges Ende hinaus. Bis zuletzt hat er sie Zuhause umsorgt und gepflegt. Ich spüre heute noch sein seidenweiches weisses Haar in meinen Händen, als ich, zum ersten mal im Leben und um ihm mitzuteilen, dass seine Frau und meine Mutter soeben gestorben sei, meine Hand über seine Haupt gleiten liess. Er war also brav und treu, er trank nicht, er fluchte nicht, er hörte mit vierzig zu Rauchen auf. Und doch gibt es neben all den Dingen die man weiss oder auch nicht weiss, zwei drei interessante Ausnahmen oder Ausrutscher im Leben meines biederen Vaters. Gottseidank! rufe ich aus, wie wunderbar ists, einen netten biederen Vater zu haben, der auch noch dunkle, abenteuerliche, unbrave Seiten aufzuweisen hat. Doch noch ist es nicht an der Zeit genaueres über seine Einrichtung mit seinen zwei Freundinnen zu verplaudern. Einmal, das habe ich aus sogenannt gutunterrichteter Quelle erfahren, sei ihm aber doch zu falscher Zeit am falschen Objekt eine ungeschickte unkontrollierte Handlung geschehen sei, welche natürlich Empörung und Kopfschütteln und Unverständnis bei diversen weiblichen Personen ausgelöst habe. Ich weiss indessen aus eigener bitterster Erfahrung genau, dass sich derartiges „unverständliches“ Handeln sehr wohl aus einer tiefsten Verzweiflung heraus und in einer akuten Verwirrung von aufgewühlten Zuständen heraus unkontrolliert „ereignen“ kann. Die Folgen davon – das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen – schlagen allerdings rücksichtslos und brutal zurück, müssen mit allen Konsequenzen ausgebadet werden, genau so, als ob Mann ausnahmslos immer gänzlich im Besitze einer absoluten Kontrolle seines Handelns sein müsste und schon bei einem einmaligen Ausrutscher auf alle Zeiten hinaus abgeschrieben und gebrandmarkt wird. Wer einmal ein Tabu verletzt hat weiss für sein Leben lang, was dieses kleine Wörtchen für enorme Sprengkraft besitzt.
Ich will ihn also nicht schockieren, denn er weiss ja gar nicht, dass ich gewisse Sachen von ihm weiss, auch weiss ich hingegen wieder nicht, ob das was ich über ihn weiss, wirklich auch wahr ist. Ich will auch nicht wissen ob er möchte, dass ich von seinen Geheimnissen Kenntnisse haben würde.

Vater, Januar 2002
Diesmal haben wir uns beim Vater zum Essen selber eingeladen. Marlis hat eine Käsewähe gebacken und mitgenommen. Also musste er nur noch drei Teller und ein Messer auf den Tisch stellen. Dazu noch Wasser kochen für einen Tee. Wegen diesen wenigen Handgriffen wurde er nun ganz nervös, kam stockend ins Überlegen, was er jetzt tun müsse und wo genau die Teller zu finden sind. Noch nie habe ich meinen Vater einen Moment lang so hilflos gesehen: war er doch sehr praktisch veranlagt gewesen, hat mit seinen Händen viel gearbeitet und dabei die unterschiedlichsten Dinge entstehen lassen. Abgesehen von seinem ursprünglichen Beruf als Polsterer und Tapezierer war er auch in seiner Freizeit vielseitig aktiv. Früher, als noch junger Mann, fuhr er Velorennen, kletterte in den Bergen herum und spielte Handorgel, war Fussballer. Auf winzigen uralten Fotos, die mir schon als kleines Kind enorm imponiert hatten, ist Pa mit eingebundenem Arm und echtem Eispickel in der anderen Hand vor einer steilen Felswand zu sehen, auf einem anderen steht er strahlend mit einem rassigen Rennvelo auf der Strasse.
Ich war unglaublich Stolz auf meinen Vater auf diesen Fotografien. Er war mir darauf viel näher und echter als in der Wirklichkeit. Er war mein Idol und mein Vorbild, er war ein Multitalent, ein Grosser und Edler in meiner Phantasie. Dann das Bild meines Vaters im Militär: unvergesslich ist der Eindruck bis heute. Es stehen drei Männer in Uniform in einer Reihe nebeneinander in leicht nebliger Landschaft. Der Grösste steht rechts, dann gehts leicht hinunter und dann kommt der grosse Absturz, ganz links steht der kleine Mann, mindestens noch einen Kopf kleiner als der zweitkleinste Soldat. Das ist mein Vater. Er ist fast im Krieg. Krieg ist, wenn die Grossen miteinander heftig streiten. Schlimm. Schlimm. Aber ich war felsenfest Überzeugt, dass einem so kleinen Mann niemand etwas Böses antun kann. Es war völlig ausgeschlossen, dass mein Vater in den Krieg ziehen könnte, er wäre dort komplett am falschen Ort. Vom ersten Erblicken diese Bildes an war mir klar, dass mein Vater durch eine Art unverletzliche Aura geschützt war, in dieselbe auch ich mit eingeschlossen war. Dies war für mich sehr tröstlich und beruhigte meine angstvollen Vorstellungen von Verletzlichkeit und Ausgeliefertsein. Was auch noch wie ein Blitz in mein Bewusstsein drang war die für mich beunruhigende Tatsache, dass es verschiedene Menschen gibt, nämlich grosse und kleine, und dass die Kleinen etwas besonderes sein müssen.
Später werkelte er viel unten im Keller: dauernd gab es etwas zu reparieren anzumalen auszubessern. Dann wagte er sich auch grössere Projekte: ein doppelplätziges Faltboot, ein Banjo, eine echte Gitarre. Diese Gitarre war als Geschenk für mich gedacht, weil ich mit etwa vierzehn Jahren unbedingt Gitarre spielen lernen wollte und dauernd die Eltern damit bestürmte. Leider, muss ich noch heute beschämt gestehen, gefiel mir dieses Exemplar überhaupt nicht, nur allzugerne hätte ich doch auch eine so magische und faszinierend schwarz-rot gefärbte akustische Jazzgitarre besessen wie ich einst eine bei einem Schulkamerad zuhause bewunderte. Im Gegenteil, in der Gitarrenstunde musste ich mich wegen meinem etwas altmödischen Instrument vor den anderen Mitschülerinnen gewaltig schämen. Es brauchte zu jenen Zeiten gar nicht viel um mich in Verlegenheit und grosse Zweifel zu treiben. Meine Selbstbewusstsein war seit jeher hauchdünn, meine jahrelangen negativen Gefühle, die mir unter Leuten das Leben schwer machten, konnte ich erst als Erwachsener als schlimme Minderwertigkeitskomplexe identifizieren. Noch heute hängt dieses Instrument im Bastelzimmer meines Vaters und jedesmal wenn ich auf Besuch komme erzählt es mir ein paar verstaubt Geschichten aus meiner Jugendzeit. Wenn ich will, kann ich mich auf diese Erzählungen einlassen. Was sind denn schon fünfunddreissig Jährchen die zwischen zwei Ereignissen liegen? Sich erinnern bedeutet doch, Zeit zu komprimieren: anstelle von Minuten Wochen Jahren treten Bilder und Gefühle. Überraschende Erlebnisse tauchen da aus dem Nebel der eigenen Vergangenheit und aus sicherer Distanz betrachtet geniesst man erstaunt diese köstlichen Begebenheiten.

Vater, Mai 2002
Oft vergleiche ich mein Alter mit dem meines Vaters. Ich rechne aus, welches Jahr war als er gleich alt war wie ich heute bin. Ich überlege, wie ich fühlte als er zehn Jahre jünger war als ich jetzt. Ich versuche mir vorzustellen was für ein Vater ich geworden wäre. Ich staune, dass ich heute schon Grossvater sein könnte währenddessen ich gleichzeitig noch der Sohn meines Vaters bin. Ich denke also: als ich mit siebzehn nachts häufig betrunken nach Hause kam war mein Vater zwei Jahre jünger als ich momentan. Weshalb kam von ihm keine Reaktion auf mein Tun? Was hat er von mir gewusst oder geahnt? Wäre ich quasi mein eigener Vater, wie würde ich auf mich reagieren? Und hätte ich heute einen siebzehnjährigen Sohn der sich dauernd betrinken müsste, wie müsste ich mir wahnsinnige Sorgen machen. Auf der anderen Seite war ich ein Sohn der sich extrem Mühe gab, sich nicht anmerken zu lassen wenn er zuviel getrunken hatte. Ich gab mir auch Mühe meine Probleme nicht zu zeigen. Ich wollte meine Eltern schonen. Besonders meine Mutter. Aber es war auch so, dass mir meine Umstände gar nie so richtig bewusst waren. Ich hätte für meinen Situation keine Worte gehabt. Jetzt also ist er vor kurzem Vierundachtzig geworden. Ich müsste also nochmals zweiunddreissig Jahre leben, wollte ich es ihm gleichtun. Andererseits war er gerade zweiunddreissig Jahre alt als ich auf die Welt kam. Bestimmt ein freudiges Ereignis für ihn. Bei mir dagegen brach mit zweiunddreissig Jahren wiedermal eine Welt zusammen. Da war mein Vater zirka dreiundsechzig, in dieser, meiner allergrössten Krise geschah es, dass wir uns zum ersten mal näher kamen. Er hat den ersten Schritt dazu getan.

Vater, November 2002
Erstmals hat er mir leid getan. Er erinnerte mich ganz stark an seine Mutter in ihren letzten Monaten. Auch sie schrumpfte von Tag zu Tag mehr, wurde kleiner, geringer, dünner, nichtiger. Am Schluss war sie nahezu nichts mehr. Ihre Lunge, hiess es, habe sich fast aufgelöst. Ein Atmen ohne Lunge. Kein Raum für Luft. Sehr mühsam. Ebenso scheint es jetzt ihm zu gehen. Er sass letzten Dienstag so zusammengeschrumpelt am Küchentisch, war so grau und kraftlos. Dabei fühlt er sich sonst gesund. Das Herz, die Nieren, das Knochengerüst, das Gehirn: alles wäre noch intakt. Ungehalten und trotzig brach sie bitter aus ihm hervor, zum zweitenmal in letzter Zeit, die Klage darüber, nichts mehr unternehmen zu können, nicht mehr in die geliebten Berge gehen zu können, keine Reisen mehr machen zu können. Er ist mit seiner Abhängigkeit von der Sauerstoffflasche fast ganz an die Wohnung gebunden, klar hat er noch ein kleineres mobiles Sauerstoffgerät für draussen, aber er traut sich nicht mehr richtig, er möchte, aber mag nicht mehr weggehen, das Sauerstoffflaschentragen brauche mehr Sauerstoff als es bringe (eine anhaltende Diskussion auch unter Mount-Everest-Besteigern). Schon oft hab ichs gesagt und geschrieben und immer wieder taucht das liebe Bild vor mir auf, das kleine Schwarz-Weiss-Föteli mit meinem Vater darauf als erfolgreicher Bergsteiger. In der Linken hält er einen richtigen Bergsteiger-Eispickel, die rechte Hand ist in einen Verband eingewickelt. Er ist ein Held. Für mich ist er ein wahrer Bergheld. Bestimmt hat er die schwierigsten Passagen furchtlos überwunden. Kraftvoll und stolz steht er am Fuss einer riesigen Wand. Soeben ist er zurückgekehrt von einer beschwerlichen, gefährlichen Bergtour am Tödi. Bewundernswert sieht er aus mit seinen genagelten Bergsteigerschuhen und dem eingebundenen Arm. Ich war glücklich beim Betrachten des Bildes. Ich fühlte mich so stark aufgehoben und daheim und beschützt beim Anblick «meines» Helden. Es war um die Zeit, als mir der Unterschied zwischen einem Engel und meiner Mutter noch nicht so klar war. Ich war ganz klein und glücklich und stand mit einem Bein noch im Himmel.

Vater, Januar 2003
Ich muss mir mehr Mühe geben bei der monatlichen Reinigung seiner Wohnung. So wie er bis vor kurzem selber noch regelmässig geputzt und gewaschen abgestaubt hat, ist das jetzt eindeutig weniger möglich. Das Waschen wird ihm zu anstrengend, neuerdings gibt er sein Bündeli seiner Schwiegertochter mit. Das Abstauben des Stubenbuffets ist zu beschwerlich geworden, nach dem Abwaschen von einem Teller einer Gabel einem Messer sitzt er erschöpft am Küchentisch und muss sich erst wieder erholen. Und neuerdings ist das wöchentliche Bad in der Badewanne für ihn auch fast unmöglich geworden. Gestern habe er der Spitex telefoniert, damit er dazu von dieser Institution Hilfe erhält. Ich finde es ausgezeichnet, wie er es schafft, zur rechten Zeit am richtigen Ort um Unterstützung nachzufragen. Er behält seine Selbständigkeit solange es geht und gibt nur Schritt für Schritt dort nach, wo es einfach alleine nicht mehr zu machen ist. Sein Befinden, das zusehends von Woche zu Woche schwieriger wird, beschäftigt ihn. Er fängt an, überflüssige Dinge gezielt wegzuwerfen. Er will Ordnung schaffen, aufräumen, solange er es noch selber tun kann. Wahrscheinlich will er uns so wenig wie möglich belasten nach seinem Tod. Seinen Lebenslauf ist er jetzt am Schreiben, damit wir uns nach seinem Ableben nicht darum kümmern müssen. So entschwindet er Tag für Tag und unaufhaltsam ein kleines Stückchen mehr.
Als ich das letzte mal bei ihm war, kamen wir auf das Thema Sterben zu sprechen. Da erklärte er mir mit klaren Worten, wie er dann einmal beerdigt werden will. Wir sprachen über den Friedhof, über das Grab meiner Mutter und am Schluss sass ich da und die Tränen liefen mir herunter und er war einen Moment lang wieder ganz der grosse starke Papä und ich das kleine traurige verlassene Kind. Er blieb dabei ganz unberührt und stark. Habe ich ihn insgesamt je einmal traurig, schwach und weinend gesehen? Existieren noch solche Erinnerungen? Es gab zwei Situationen in unserem Leben, wo wir beide einander empathisch und offen begegnet sind. Es ging in beiden Fällen um Abschied und Verlust von einem geliebten Wesen: Bei der Trennung von meiner Ehe-Frau als er mir auf seine Weise beistand und beim Tod seiner Frau, als ich ihm beistehen konnte. Ich bin sicher, es gibt keine tieferen und stärkeren menschlichen Empfindungen und Schmerzen als bei endgültigen Abschieden.

Vater, Februar 2003
Wohnungsputz heute, nur etwas ausführlicher. Letzte Woche wurde er fünfundachtzig Jahre alt. Wäre er ein Unbekannter, würde ich denken, es sei ein sehr alter Mensch. Hier aber spielt die hohe Jahreszahl sicher nur eine untergeordnete Rolle. Für mich symbolisiert die Fünfundachtzig nicht einen konservierten Zustand, sondern beinhaltet die Summe einer langen gelebten Zeitspanne mit all ihren verschlungenen Wegen und Entwicklungen. So sehe ich in seinem Gesicht heute den alten kranken Mann, zeitgleich taucht darin auch das strenge Vatergesicht aus meiner Sicht als Fünfzehnjähriger hervor. Oder es zeigt wieder sein etwas lehrmeisterlich und bestimmendes Verhalten, so dass ich mich spielend und im Nu in meine minderwertigen Gefühle als kleiner Knabe versetzen kann. Er hat es doch letzten Dienstag trotz Krankheit Schwäche und Atemnot geschafft, mich für eine kurze Zeit in eine mich irritierende Empfindung zu versetzen, die ich als Kind ihm gegenüber empfand: als unterwürfiger kleiner Befehlsempfänger. Nun, diese Gegebenheit heute abermals zu empfinden, gleichzeitig mir darüber aber bewusst zu sein und darüber schmunzeln zu können, das ist doch eine herrliche Angelegenheit.
Zwischen Zwanzig und Dreissig aber war genau dieses Gefühl der Grund für mich, mich radikal von meinen Eltern abzuwenden, mich dem erdrückenden Einfluss zu entziehen, dem ich, kaum über die Schwelle der elterlichen Wohnung getreten, unterworfen war. Dies ist der wahre und einzige Grund, weshalb ich mich viele Jahre lang nur ganz selten Zuhause sehen liess. Leider, und dies schmerzt mich auch heute noch, litt darunter sehr meine liebe Mutter. Da würde ich vieles anders tun, hätte, könnte, solle, müsste . . . aber es gibt nur eine Zeit, und die findet genau jetzt statt. Es gibt nichts nachzubessern, was bleibt ist das Bedauern und das Wissen, dass der Mensch Verantwortung trägt für sein Tun und Lassen und dass vieles auch nach Jahrzehnten wieder auf ihn zurück kommen kann. Lange Zeit konnte ich die Kraft nicht aufbringen, gegen den beherrschenden Vater anzukämpfen. Zu Diffus war die Lage und liebte ich den Frieden mehr als einen auch mal nötigen Streit. Jetzt also ist er jung und streng und mild und alt zur gleichen Zeit. Er hat all seine gelebten Aspekte in sich vereinigt, alle seine Lebzeit hat sich in ihm vermischt und vermengt, eine vielseitige, einzigartige Person ist gewachsen und herangereift. Die Zeit der Ernte kommt näher.

Vater, September 2003
9. September: letzter Besuch. Er sitzt am Küchentisch, klagt, dass alles so schwerfällig geworden ist. Ich muss aus dem Schlafzimmerschrank 50 Franken holen, er schenkt sie mir. Gespräche am Küchentisch oder auf dem Sofa in der Stube? Ja, aber was? Ich räume etwas auf, mache (zum ersten mal) sein Bett, lüfte das Schlafzimmer, reinige den Esstisch, WC und Brünneli. Dann Abschiedsritual wie immer: er schaut oben zum Küchenfenster raus, winkt, ich auch, dann nach ein paar Schritten nochmals zurückschauen, nochmals winken wir beide. 10 Tage später Telefon von meiner Schwester: Vater habe gesagt, es gehe nicht mehr so, jetzt müsse er dann in ein Pflegeheim. Am 29. September wird er im Bett liegend und unaufweckbar gefunden und ins Waidspital überführt. Im Papierkorb findet man ein fast leeres Pack Seresta. 23 Stunden später stirb er, fünf Minuten nachdem ich im Waidspital an sein Bett getreten bin. Die zuständige Ärztin meint, es könnte am ehesten ein schwerer Hirnschlag gewesen sein, der zu seinem Ableben geführt habe.

Vaters Eltern, Anna und Johann, in Seebach an der Starengasse 6. Mein Grossvater war Schweisser und Nachtwa%u0308chter in der Maschinenfabrik Oerlikon. 1903 flüchtet die 12jährige Anna mit Mutter und Bruder Karl von Deutschland in die Schweiz – vor dem gewaltta%u0308tigen Ehemann.

 

1937, Vater (hinten links) als Velorennfahrer im Velo Club Oerlikon

1947, Vater (li) mit dem zweitgeborenen Kind, Walti, in seiner ersten, winzigen Sattlerwerkstatt im Keller des Elternhauses. Daneben sein Angestellter.


1953, fischen, respektive "Würmlibaden", war ein beliebter Zeitvertreib, auch wenn kaum mal ein Fisch auf uns hereingefallen ist. Mitte: Walti, rechts Erich.


1940, Vater als Bergsteiger am Tödi. Ein Foto, das dem kleinen Erich seinen Vater als Held erscheinen lässt.



1941, Vater (li) im Militärdienst. Ein Foto, das als Kind meine Phantasie angeregt hat. Ich war überzeugt, dass einem so kleinen Menschen niemand etwas Böses antun könne. Neulich erst entdeckte ich: das ist kein Foto aus dem Militärdienst, wie mich meine kindlichen Phantasie glauben gemacht hat.


2003, Vater winkt jedesmal zum Abschied oben aus den Küchenfenster, dann nochmals von Balkon aus auf der anderen Seite.

 

Geschwister
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Die Schwester Margrit, *1942
ihr Mann Heinrich *1943, Sohn Markus *1965, Sohn Beat, *1967

1958 wird Margrit konfirmiert und lässt sich zwischen Mutter und Brüdern vom Vater fotografieren. Dann reist sie ins Welschland. Die grosse Schwester war für mich eine richtige Dame. An etwas anderes kann sich Erich nicht erinnern. Jetzt weilt sie im fernen Welschland, lernt Französisch sprechen bei einer noblen Madame, der sie im eleganten Salon ihr kostbares Chorkleid pflegen darf. An Weihnachten bringt Margrit, nebst dem neuesten Modeschrei – einen handbreiten Gummigurt mit goldenen Schnallen – und eine richtige Langspielplatte mit nach Hause, auf welcher man Madame singen hören kann. Erich staunt und merkt: Die Welt muss bedeutend grösser sein als nur Seebach mit seiner Starengasse und der Birchstrasse.
Im Jahr darauf beginnt sie eine Lehre in Zürich. Ihr Bruder macht sie mit einem Kollegen, einem grossen, attraktiven Jüngling, bekannt. Dieser gefällt ihr sofort, obwohl er anderthalb Köpfe grösser ist – oder vielleicht gerade deshalb?
In den Augen der Eltern hat Margrit viel zu früh schon einen Schatz. Einmal, sie ist unterdessen schon neunzehn Jahre alt, bekommt sie vom Vater eine Ohrfeige und wird im Zimmer eingesperrt, damit sie nicht mit dem Freund in den Ausgang kann.

1959 beginnt sie eine Ausbildung als Telefonistin bei den PTT, ein Beruf, in dem sie sich teilweise mehr als Therapeutin denn als simple Auskunftsperson empfindet. Die Kunden wollen in alle Lebensbereichen beraten und manchmal sogar getröstet werden.
Nur hundert Meter von der Birchstrasse entfernt lebt ein fleissiger Bursche, genannt Heiri. Geschickt und zuvorkommend wie er ist, kann er sich da und dort schon in der Schulzeit ein gutes Taschengeld verdienen. Dann beginnt er eine Lehre als Automechaniker. Einmal begleitet er Kollege Walti Stadelmann, der mit seiner Schwester ins Kino will. Es beginnt richtig zu funken zwischen Heiri und Margrit. Als sie einmal nicht, wie abgemacht, erscheint, fängt er zu weinen an. Er weiss nicht, dass sie von ihrem Vater ins Schlafzimmer eingesperrt worden ist. Bis es mit ihr komplikationslos klappt, ist er fast volljährig.
Dann pressiert es plötzlich, und die beiden heiraten. Es ist das Jahr 1964. Sie passen dermassen gut zusammen, dass die Verbindung auch fünfzig Jahre später noch hält.
Heiri ist ein Mann, der für alles zu gebrauchen ist. Schon als Jüngling bekommt er als Ausläufer für ein Blumengeschäft so grosse Trinkgelder, dass er sich bald ein eigenes Fahrrad kaufen kann. Er hilft dem Bauern im Stall. Fängt eine Lehre als Automechaniker an. Bald lernt er Margrit kennen. Als Familienvater kann er seine vielen Talente voll einsetzen: überall gibt es zu werken und zu reparieren. Kochen, Backen, Malen, Intarsien, Schreinerarbeiten: alles kein Problem. Tropfende Wasserhahnen und rostende Fahrzeuge sind ihm ein Gräuel. Auf einer Ägyptenreise bereut er, keine Werkzeuge mitgenommen zu haben; er hätte sie an allen Ecken und Enden gebrauchen können. Unter der riesigen Menge von Beeren, Gemüse und Blumen, die Heiri aus seinen Gärten heimschleppt, bricht seine Angetraute fast zusammen. Nur seinen reparaturanfälligen Rücken kann er nicht selber kurieren. Mehrmals muss er sich dazu in die Obhut externer Fachleute begeben, ohne dabei selber Hand mit anlegen zu können.


Der Bruder Walti *1944,
seine Ehefrau Annelies *1944, Tochter Yvonne, *1965
Sohn Thomas *1967

Erichs grosses Vorbild für Erich ist sein Bruder Walti. Kein Wunder, ist dieser ihm doch genau fünf Jahre voraus. Während Erich Plastik-Indianer sammelt, hängt Walti seine lebensgrossen «Bravo»-Starschnitte im Schlafzimmer an die Wand: Brigitte Bardot, Peter Kraus und Elvis Presley.
Als Erich im Landhus-Saal den vom Fip-Fop-Club gezeigten Film «Tierkinder im Zoo» bestaunt und mit dem angesteckten Abzeichen seine Zugehörigkeit zum Fip-Fop-Club bezeugt, ist Walter, obwohl noch nicht ganz 16 Jahre alt, zur Sackgeldaufbesserung Platzanweiser im Spaghetti-Western-Kino Bel-Air in Glattbrugg.
Und als Erich nur schon beim Erblicken seiner ersten heimlichen Liebe heftig errötet, muss Walter, knapp zwanzig Jahre alt, anstelle mit Freunden auf die gebuchte Kreuzfahrt, überstürzt Annelies heiraten gehen. Dass Walter schon längere Zeit einen richtigen Schatz hat, erfährt Erich erst jetzt.
Walter spielt hin und wieder gerne Streiche. Einmal montiert er mit seinem Elektro-Bastel-Set im Schlafzimmer – genau in Sichtlinie gegenüber Erichs Bett – mittels Batterie, Kabel und kleinem Lämpchen ein blinkendes «Ungeheuer», das er vor der Türe draussen an- und abschalten kann. Erich, der leider eine Stunde vor Walter ins Bett muss, erleidet durch das mysteriöse, unregelmässige Blinken einen grossen Schreck und verkriecht sich unter die Bettdecke.
 Walti besitzt weitere erstaunliche Fähigkeiten. Er überzieht zum Beispiel die Schlafzimmerwand mit kreuz- und quergespannten 
farbigen Schnüren. Darin hängen locker verteilt leere Zigarettenschachteln. Das sieht supergut aus. Erich bewundert die moderne Zimmerdekoration ausserordentlich. Die exotisch anmutenden Zigarettenverpackungen stammten scheints z.T. aus der Turmac-Zigarettenfabrik an der Friesstrasse, wo die Mutter eines Schulfreundes 
arbeitet. Vor der Fabrik lümmeln schon mehrere Generationen Seebacherbuben an den freien Nachmittagen herum, angezogen von den betörenden Tabakdüften, welche die Gegend olfaktorisch bereicherten. Sie verströmen den Duft der grossen weiten Welt. 
Eines Tages fingert Walter im gemeinsamen Zimmer an einem unerklärlichen Apparat herum. Mittels einer feinen Nadel, die sorgfältig um ein schwarzes kleines Ding bewegt werden muss, kann in den futuristischen Kopfhörern knisternd-knackige Musik empfangen werden, ohne dass der Apparat an einer Stromquelle angeschlossen ist. Ein verwirrender Mechanismus. Erich kommt aus dem Staunen kaum heraus.
Als Walti 1960 eine Lehre als Offsetdrucker beginnt, ist Erich mächtig stolz auf seinen grossen Bruder. Doch als dieser einmal mitten in der Nacht in hohem Bogen zum Schlafzimmerfenster hinaus k . . . , beunruhigt das dann allerdings sehr. Erich kann das Ereignis nicht einordnen, er ahnt nicht, dass ihm in wenigen Jahren Vergleichbares passieren wird.
Annelies wohnt am Berninaplatz, ganz in der Nähe von Waltis Lehrbetrieb. Sie beginnt eine Coiffeuse-Lehre und lernt Walti kennen. Eines Tages lädt sie ihn an die Knabenschiessen-Chilbi ein. Beide sind achtzehnjährig, der Rock ’n’ Roll feiert Triumphe, toupierte Haare sind der allerletzte Schrei. Zwei Jahre später müssen die beiden zum Schrecken der Eltern überhastet heiraten, Tochter Yvonne macht sich im Bauch breit. Fünf Jahre später folgt Thomas. Das Leben verläuft ab jetzt in vorgespurten Bahnen.
Nichten und Neffen kommen zur Welt, wachsen, entwickeln sich. Erich bekommt wenig davon mit, ist mit sich selber beschäftigt. Die Familienangelegenheiten interessieren ihn nicht besonders. Er staunt eines Tages: Die Kleinen sind selber erwachsen geworden.

1958, die frischkonfirmierte Schwester mit ihrem Bruder.

 

1958, Knickerbocker und ein elegantes Deux-Pièce sind "der letzte Schrei". Walti trägt eine tolle "Friese" und hört schon die heissen Platten von Rock-’n’-Roll-Sänger Peter Kraus.

 

1965, Schwester, Nachwuchs Markus, Heiri.


1964, Walti und sein Schatz Annelis an der Knabenschiessen-Chilbi.



1988, Walti und Annelies an der Amateurfunkpeilen-WM in Beatenberg, mit Teilnahme von 20 Nationen
Erich, Kindheit, Jugend: 1949 bis 1969
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12.  Erich, Kindheit, Jugend: 1949 bis 1969
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1949 –1969
Ereignisse, Erlebnisse, halbwegs chronologisch geordnet


Die ersten zwei Jahrzehnte in Erichs Leben verlaufen unspektakulär. Er ist untalentiert, ungeeignet für ein richtig pralles Leben. Er scheitert schon an unbedeutenden Kleinigkeiten, stolpert, zögert bei grösseren Herausforderungen, ist verunsichert. Es fehlt ihm an Selbstvertrauen.
Übel riechende Zwiebelumschläge, himmlisch duftende Äpfel auf dem Stubenofen, blubbernde Suuserkorbflasche im Gang, unheimliches Uhrenticken bei den Grosseltern. Grossvater zersticht den fremden Tschutti-Ball. Sonntagsausflug mit Grossmutter zum alkoholfreien Restaurant Rigiblick und Reise nach Deutschland zu Karl und Käthe. Dort Bettnässen und Heimweh. Spiele mit Cousine Margrit in den Sommerferien. In Grosselterns Schrebergarten erste erotische Erregungen hinter den Himbeerhecken.
Warme Nähe der Mutter, der strenge Vater arbeitet «unten» in der Werkstatt. Schwere Rüge wegen weggeworfener Brotrinde. Zügeln mit vollbeladenem Anhänger, eine wilde, schaulustige Kinderschar am Strassenrand. Angst und Schamgefühle, grosser Teddybär als Schutzschild. Beschützender Bruder im Heim, Schwester abwesend. Fussballspiel, Tore schiessen. Klettern in den Sandsteinfelsen. Viele Tanten und Onkel, sinnliche Schulferien in Speicher, Kanton Appenzell Ausserrhoden, bei Tante Ella. Mühe in der Schule, Lernschwäche, Schüchternheit, Farbblindheit, Linkshändigkeit. Ist und bleibt der Kleinste. Peter Kraus, dann «Love me do» von den Beatles. Lockungen einer «sündhaft» aussehenden Gitarre, erwachendes Leben. Musikunterricht. Lehre. Hoffnungen, Träume, Wünsche. Wenig Erfüllung. Manchmal Stolz. Viel Ängstlichkeit. Illusionen, Ernüchterung, Rausch.
Als nächstes fällt auf: Erichs Helferwille, doch der ist keine selbstlose Eigenschaft, denn, das hat er früh gemerkt, wenn geholfen werden kann, trifft man damit gleich zwei Fliegen auf einen Schlag: bei den Hilfeempfängern kommt die Unterstützung gut an, was wiederum ihn selbst wieder mit guten, edlen Empfindungen belohnt. Eine gewisse Portion Helfertalent ist ihm in schon die Wiege gelegt worden, so stellt er sich das jedenfalls vor. Soweit er sich zurückerinnern kann, konnte er mit seiner Hilfsbereitschaft besser anderen Helfen, als sich helfen zu lassen. Wollte ihm jemand ungebeten helfen, oder sogar Ratschläge erteilen, empfand er das als aufdringliche Einmischung in seine Angelegenheiten, konnte bei ihm auch heftige Gegenreaktionen auslösen.
Als kleiner Bub schon hilft er gern seiner Mutter beim Leintuch-strecken- und zusammenfalten, das, weil er nie richtig die Leintuch-zipfel festhalten kann – jedesmal grosses Kichern, Lachen, Gigele herbeizaubert, so sehr, dass er aufpassen muss, nicht in die Hose zu machen. Ein herrliches Spiel, das da sein geliebtes Mami schelmisch mit ihm treibt. Ebenso lustig geht es beim Wollstrangen-Abwickeln zu. Mutter formt daraus Wollknäuel, Erich muss die Strangen mit ausgebreiteten Armen halten, straff, aber auch nicht zu straff, nicht zu weit vorne aber auch nicht hinten, und ein drohendes Verzetteln der Wolle durch ein koordiniertes Wippen der Arme verhindern. Auch so ein Spiel, bei dem Erich die Beine fest zusammen klemmen muss, um nicht in die Hose zu . . . aber das ist etwas vorgegriffen, denn Erich weilt noch gar nicht auf dieser Welt.

1949. Geboren in Zürich. Die Frage, ob Zuhause oder im Spital auf die Welt gekommen, bleibt unklar. Eine sagt dies, andere meinen das.

1952. Die Familie ist nun vollständig, das Leben schön: wandern, fischen am Greifen- und Zürichsee, Ausflüge mit dem (von Grossvaters geliehenem Geld gekauften) Fiat Sonntags über viele Pässe hoch hinauf fast bis ins ewige Eis. Die Welt ist gross. Das Budget klein. 
Essen im Restaurant gibts nur zu den seltenen und besonderen Familienanlässen. Ein paar Schritte oberhalb des Autoparkplatzes schiesst Vater ein schönes Foto für das Familienalbum. Margrit, Mutter, Erich und Walti schauen glücklich drein.

1953. Fischen bei der Fischerstube am Zürichsee. Heute wird kein einziger Fisch gefangen und dennoch der staunenden Mutter ein so riesiges Exemplar auf den Küchentisch geknallt, dass sie darob fast in Ohnmacht fällt. Diese Beute wirft ein Berufsfischer aus Mitleid den erfolglosen Hobbyanglern aus seinem Boot auf den Steg hinauf. Der Fisch wird jubelnd eingepackt, das Abendessen ist gesichert.

1954. Der Bruder muss für ein Jahr in ein Kinderheim. Erich leidet an der unerklärlichen Abwesenheit seines grossen Bruders, welcher für ein Jahr in einem «gehobenen» Kinderheim mit Privatstrand unten am Zürichsee untergebracht ist. Weshalb kommt es dazu (sein Bettnässen wird kaum der Grund sein) und wie kann sich eine einfache Arbeiterfamilie sowas leisten? Sind die Eltern überfordert? Es wird vermutet, eine vornehme Bekannte (mit vermögendem Freund) habe, um die Mutter zu entlasten, dazu geraten und den Aufenthalt finanziert. Viele Jahre später sagt Mutter, dies sei ein Fehler gewesen, sie würde so etwas nicht mehr zulassen.
Umzug in eine Genossenschaftssiedlung am Rand von Zürich-Seebach an die Birchstrasse. Eine für den zartbesaiteten Erich bedrohliche Horde von Arbeiterkindern beobachtet den Einzug der «Neuen» genau. Ein richtiges Spiessrutenlaufen beginnt. Erich ist es peinlich, dass die fremden Kinder mitbekommen, was alles gezügelt wird. Er möchte am liebsten im Erdboden versinken, versucht, sich hinter seinem riesigen Teddybär zu verstecken.

1955. Der grosse Bruder kommt wieder nach Hause, Erich ist überglücklich, die Welt wieder in Ordnung.
Im schönen Kindergartenpavillon an der Katzenbachstrasse sitzt Erich gerne nahe beim Fräulein Bucher wenn sie aus einem Büechli vorliest. In ihrer Nähe fühlt er sich geborgen und beschützt, ihre mütterliche Wärme breitet sich wohlig in seinem Innern aus. 
Der eiserne Kletterturm, eine Art kafkaeskes Foltergerät, hart, abweisend, im Winter eiskalt, sodass die kleinen Finger fast daran kleben bleiben, zählt nicht zu seinen bevorzugten Spielgeräten. Im Gegensatz dazu kommt er sich gross und stark vor, wenn er im Rössligeschirr steckt und sich als wildes Pferd aufführen kann: wieher, wiiiieher, scharr, galopp gaaloppp. Der «Reiter» kann ihn kaum in Zaun halten, brr, brrrr. Das dauert so lange, bis zur Pausenapfelzeit gegongt wird.
Gegen Mittag tauscht Erich seine abgelatschten Finken gegen die ausgebeulten Strassenschuhe, und beäugt nachdenklich die vielen rassigen Tigerfinken unter der langen Garderobebank. Auf dem Nachhauseweg beobachtet er Bauarbeiter, wie sie den überflüssig gewordenen Aufrichtebaum vom Dachstock herunterschmeissen. Da zufällig die Weihnachtstage nahen, ruft er spontan hinauf, ob der Tannenbaum zu haben sei. Es fehlt ja noch der Weihnachtsbaum, und ein solcher ist doch recht teuer! Freudig präsentiert er die Überraschung den Eltern, und ja, dieser kommt tatsächlich zu seinem Auftritt am heiligen Abend. 
In der Nähe vom Kindergarten steht ein winziges Hüsli, erstellt für Notschlachtungen. Einmal kann Erich mitverfolgen, wie eine grosse Kuh, oder war es ein Sau?, geschlachtet wird. Dass das Schlachthüsli direkt am Katzenbach liegt, ist kein Zufall: so kann das ganze Blut und Geschlabber direkt durch eine grosse Ablaufrinne in den Bach entsorgt werde. Der Störmetzger, Herr Werffeli, ist leicht behindert und humpelte etwas. Das Gerücht geht um, er soll einmal beim Erschiessen einer Kuh, oder war es ein Schwein?, durch ihr wildes 
Getue irritiert worden sein und sich dabei in den eigenen Fuss geschossen haben.
Kindergartenzeit = Schonzeit. Ausser dem grossen Respekt vor einem vorlauten Grossmaul (der mit den Tigerfinken und den vielen Märzenflecken), vor dem er respektvoll genügend Abstand hält, kann sich Erich nicht beschweren. Die Tage vergehen mit Träumen, sich Märchen vorlesen lassen, auf dem Nachhauseweg die Zeit vertrödeln. Immer wieder zu spät zum Zmittagessen kommen. 

1955. Sonntagsausflüge mit Grossmutter zum alkoholfreien Restaurant Rigiblick. Bei schlechtem Wetter sitzt man drinnen in einem grossen Saal voller nobler Damen mit grossen bunten Hüten und verspeist üppige Tortenstücke. Ein ohrenbetäubender Lärmpegel von kreischenden Damen, plärrenden Kleinkindern, Messergeklirre – plus ein schwül-parfümhaftes Duftgewirr aus Crèmeschnitten, Schweiss und Kinderfürzen – macht den Aufenthalt im stickigen Saal schon kurz nach dem Genuss der Torte fast unerträglich. Stillsitzen ist unmöglich, muss aber sein. Bei schönem Wetter toben sich die gesättigten Gofen auf dem grossen Spielplatz hemmungslos aus. Einmal pisst ein Mädchen in den kleinen Sandkasten, ein ungezogener Bengel kackt auf die Rutschbahn; die Frauen an den Tischen geben ununterbrochen neue Kuchenbestellungen auf.

1956. Die drei Geschwister stellen sich an der Birchstrasse im Garten für den Vater vor die Kamera. Die Schwester trägt selbstbewusst einen hochmodischen Gurt. Die beiden Buben ziehen an diesem warmen Sommertag die kurzen Hosen mit den zerknitterten Bügelfalten an. Walti kämmt neuerdings seine Haare kühn nach hinten.
Ab dem ersten Schultag heisst es dann «fertig lustig", ab nun werden Erichs Schwachstellen entblösst: linkshändig, halb farbenblind, Konzentrations- und Merkschwäche, Schüchternheit . . . schon die ersten kleinen Herausforderungen erweisen sich als fast unüberwindbare Hürden. Am Pappbuchstabensetzkasten müht er sich mit kläglichem Erfolg ab, ohne zu ahnen dass er dereinst den Schulsetzkasten durch echte Schriftsetzer-Setzkästen vertauschen wird. Schönschreiben – vergiss das. Wie schreibt man als Linkshänder jemals mit der zittrigen rechten Hand schön? Resultat des Rechtshandschreibezwangs: weder mit dieser gelingt eine saubere Schrift noch mit derLinken, da auch die "verbotene" Hand in schreibtechnischer Hinsicht bald verkümmert ist. 
Rechnen: wie unfruchtbar doch das mühevolle Repetieren der schweren Siebnerreihe sich gestaltet, wenn die vielen geraden und ungeraden Zahlen sich kaum im Hirni festsetzen wollen, dort durcheinander wirbeln und sich bald wieder in Luft auflösen. Die Monatsnamen, 12 Stück in der richtigen Reihenfolge. Gopferdeckel, das 
sollte jetzt einfach gehen. Die Wochentage sitzen ja, höchste Zeit, einigermassen halbbatzig. Nur nichts anmerken lassen und staunen, wie alle anderen alles ganz einfach wissen lernen können. Undsoweiter. Undsofort.
Vielfach gelingt es Erich dank wendigem Verhaltens mit geringstem Aufwand sich geschickt durchzuschlängeln und die Schulzeit, was Noten und Sozialkompetenzen anbelangt, unbeschadet hinter sich zu bringen. 
Mit Vater in die offene Rennbahn in Oerlikon, wo Hugo Koblet, Ferdy Kübler und Walter Bucher auf den rassigen Velorennrädern ihre Runden drehen, letzterer im Windschatten eines Schrittmachers, der stehend auf einem knatternden und stinkendem Motorrad vorausfährt. Oft gehts auf den Fussballplatz Neudorf, ins Hallenstadion Eishockeyspiele anschauen, in den Bergen wandern. Die Nähe der Mutter, die warme Geborgenheit: eine glückliche Zeit. In seinem Innern aber schlummert etwas Verdrücktes. Ein stilles Wollen und doch nicht Können. Ein Stocken, ein Ducken. Mehr träumen als konkret leben.

1957. Familienausflug zum 1948 eingeweihten Flughafen Kloten. An Sonntagen pilgert die Familie gerne nach Glattbrugg, dann dem Flughafenzaun entlang und beim Hangar vorbei, wo die riesigen Flugzeuge fast zum Anfassen nah herumstehen. Vom prächtigen Flughafengebäude gehts dann hinaus auf die Aussichtsterrasse, von wo aus die Buben direkt auf die Swissairflugmaschienen hätten spuken können. Nachher bestellt Vater Vivi-Cola und Nussgipfel. Kerosingeschwängerte Luft und das ohren­betäubende Aufheulen der Motoren beim Start der glänzenden Flugmaschinen versetzt die männlichen Mitglieder der Familie in Begeisterung. Dass man einmal selber fliegen könnte, wagt niemand auch nur zu träumen. 

1959. Schulausflug auf den Uetliberg. Wir, ein paar Spitzbuben, übersteigen das Geländer oben an der Ausichtsplattform. Das Fräulein Lehrerin hat allen verboten, die gesicherten Wege zu verlassen. Doch es gibt doch nichts Interessanteres als eine Entdeckungstour durch unerforschtes Gebiet zu unternehmen. Das Gelände fällt steil ab, dazwischen stürzen Felsenpartien in die Tiefe. Der rutschige Boden zwingt zur Vorsicht. Man muss sich von Baumstamm zu Baumstamm hangeln. Bald steigen vom schattigen Abhang bange Ahnungen herauf. Erich steigt alleine zurück nach oben. Kaum auf der sicheren Plattform angekommen erschallen Hilferufe von unten. Grosse Unruhe entsteht, jemand hat die Lehrerin benachrichtigt, einer sei verschwunden. Totenbleich steht sie neben Erich am Geländer, Menschen eilen hinzu, einige Männer klettern hinab, dorthin wo ohnmächtig der kleine Bruno am Boden liegend aufgefunden wird. Eine bodenlose, drückende Dumpfheit senkt sich über die nun um die Lehrerin versammelte Schulklasse. Das schneeweisse Gesicht der plötzlich uralt aussehenden Lehrerin, das nervöses Gewimmel, die hektischen Aktivitäten, das Grauen, das Erich beschleicht: mehr findet er nicht mehr in seinen Kopf. Am nächsten Tag wird in der Klasse erzählt, Bruno liege mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma auf der Intensivstation. Das tönt richtig schlimm, Erich kann sich darunter nichts anderes vorstellen, als einen dicken schwarzen schweren Bleiklotz, der sich mitten im Schädel von Bruno ausgebreitet hat. Einige Monate später nimmt er wieder am Unterricht teil. 
Vater nimmt Erich mit nach Opfikon, wo sein erstes Velo (Occassion) abgeholt wird. Die Vorfreude schmilzt wie Schnee an der Sommersonne, als er das kleine, hässlichgrün angepinselten Fahrrad sieht, seine Kollegen besitzen alle die mit den bunten Farbverläufen verzierten rassigen Flitzer mit mindestens 12-Gang-Schaltung. Er traut sich zuhause kaum, sich mit dem "Göppel"auf der Strasse zu zeigen. Für die Sommerferien plant der Vater eine mehrtägige Velotour mit Übernachtungen in Jugendherbergen. Die Reise mit dem Fahrrad, zu Fuss, und der SBB, führt über und durch mehrere Pässe, Berge, Dörfer, Städte und Kantone. Die wird zu einem tollen Erlebnis, Erich ist stolz auf seine Leistung, die Tage verlaufen harmonisch, er kommt seinem Vater nahe wie nie zuvor.

1960. Wo treibt sich Erich in seiner Schulzeit herum (am liebsten alleine, damit er ungestört seinen Gedanken nachgehen und die Welt beobachten kann). und womit befasst er sich vorwiegend?
Zum Beispiel am Katzensee: an der Sonne liegend den Rücken braten, schwimmen, seit im Fernsehen die amerikanische Serie «Abenteuer unter Wasser» läuft tauchen mit Flossen, Schnorchel und Taucherbrille, umenandgaffe, mindestens einen Nussgipfel am Kiosk kaufen. Im Winter schlittschüendle, anfangs mit einfachen Wanderschuhen und Iiseli zum Dranschrauben. Einmal bricht ein Waghalsiger im morschen Eis bis zu seinen Hüften ein, im nächsten Sommer wird unweit vom Ruderschiffsteg eine Wasserleiche geborgen. Er trägt noch seine Badehosen, die jetzt nutzlos an ihm heruntertropfen. Doch Erich braucht damit nicht gewarnt zu werden, bleibt er doch, mit seiner angeborenen Ängstlichkeit, mehr als vorsichtig. Ihm könnten solche Sachen nie passieren, hofft er insgeheim. 
In und ums Hallenstadion: Eishockeyspiele anschauen, z.B. Schweiz-Russland, bei dem Erich befürchtet, die Russen könnten sich bei einem eventuellen Sieg der Schweiz an der Schweiz militärisch rächen. An Mittwochnachmittagen schlittschüendle auf dem Eisfeld, das sonst nur den Profis vorbehalten ist. Flipperkastenspieler beneiden, ehrfürchtig die Schweiss- und Fussgeruchatmosphäre der berühmten ZSC-Hockeyspieler in den Katakomben unten beschnuppern, klebrigen Punschsirup trinken bis zum sauren Aufstossen. Mit den halbabgestorbenen Füssen in den zu kleinen Schlittschuhen einsame Runden drehen, dabei neugierig den "Grossen" nachglotzen, wie sie sich schwungvoll an die unverschämten Mädchen heranmachen, die auf ihren zierlichen Damenschlittschuhen prinzessinnenhaft elegant auf der Eisfläche herumlocken. In der offene Rennbahn Oerlikon oder auf den Fussballplatz Neudorf herumlümmeln, leere Flaschen zusammensammeln um das Depotgeld umgehend in Süssikeiten und Vivi-Cola umzutauschen.
In der Badi Allenmoos: im Nichtschwimmerbecken herumplanschen bis sich die Lippen blau färben. 1x macht eine Weltuntergangsankündigung die Runde, um 14. Juli 13.15 Uhr soll das Ereignis stattfinden. Erich glaubt nicht so recht daran, doch man weiss ja nie . . . etwas angespannt verfolgt er den Minutenzeiger auf der grossen Badiuhr, noch 10, noch 2 noch 1 Minute. Komisch, nichts ändert sich, vom Becken her tönt lustvolles Johlen und Kreischen, auf den Badetüchern wird Melchfett eingerieben. Die Sonne verteilt wie üblich die Schatten hinter den Bäumen. Viertelnachzwei vorbei, Erich ist leicht enttäuscht aber trotzdem erleichtert, als die vorausgesagte Zeit des Weltunterganges abgelaufen ist. Einige Minuten noch sollte man schon noch wachsam sein, wer weiss, möglicherweise haben sich ja die zuständigen Leute verrechnet oder der Untergang hat sich etwas verspätet. Das heisst: jetzt einfach noch eine Weile hier beim Badieingang unauffällig herumstehen, obwohl die Hitze von Minute zu Minute unerträglicher wird und das kühle Wasser lockt. Nur nicht den Anschein erwecken, man habe auch nur im Geringsten an diesen lächerlichen Schabernack geglaubt. Nach weiteren zehn Minuten macht sich Erich gemächlich auf den Weg zum übervollen Schwimmbecken. Dumm wäre es gewesen, stellt Erich sich vor, der Weltuntergang hätte stattgefunden und er hätte sich im Schwimmbecken befunden. Das wäre doppelt schlimm gewesen: Weltuntergang und Ertrinken gleichzeitig. Er schlendert am Bassinrand vorbei, drückt sich um den Kiosk herum, kann sich nicht entscheiden, ob er mit dem bisschen Taschengeld einen Nussgipfel oder ein Glace kaufen soll. Doch heute, an diesem aussergewöhnlichen Tag, denkt er, könnte man sich ja ausnahmsweise beides gönnen.
Die Eltern haben Erich für den Schulgarten angemeldet. Statt an den freien Nachmittagen Unfug zu treiben, wäre das garantiert eine sinnvolle Beschäftigung. Die Mutter eines vielbegabten Schulfreundes betreut die teils hochmotivierten Junggärtnerinnen. Erich muss/will sich deshalb fleissig abmühen, schon bald aber wird klar: es fehlt ihm an Geduld, Durchhaltevermögen und einem grünen Daumen. Er steht vor der an sich einfachen Frage: schwitzen oder schwimmen? Seine Entscheidung traut er aber kaum auszusprechen. Er stochert noch etliche freie Nachmittage vergebens im steinharten Gartenboden herum, bis der Leidensdruck ihm den nötigen Mut gibt, sich schamvoll bei der Schulgartenleiterin abzumelden. Es fühlt sich wie eine moralische Niederlage, als ein klägliches Versagen an, als er sich gesenkten Hauptes aus dem Schulgarten davon macht. Doch kaum ist die Schulgartenzauntüre hinter ihm zugeschnappt, jubelt sein befreites Herz, eine belebende Freiheitswelle überrollt ihn und schwemmt alle seine Schuldgefühle den Katzenbach hinab. Am Abend muss er dann seinen Entscheid den Eltern beichten. Also besser abwarten, bis Vater im Keller verschwunden ist, und erst dann der milden Mutter das Geständnis machen, ihr, die gerne ein offenes Ohr und viel Nachsehen für Erich hat. 
Erich würde gerne Saxophon lernen, die goldglänzenden Instru­mente gefallen ihm ausserordentlich, und bestürmt mit diesem Wunsch die Eltern. Er wird also vom Vater an die Jugendmusik Schwamendingen angemeldet, muss sich aber, da der Saxophonisten schon zu viele sind, mit der dürren Klarinette anfreunden. Abgesehen davon, dass für ihn das Spielen ab Blatt alleine schon quälend genug ist, findet der Unterricht ausgerechnet an den freien Mittwochnachmittagen statt. Erich hält das nicht lange aus und wendet wieder die gleiche Taktik an wie kürzlich beim Schulgarten, um sich von der mühevollen Pflicht zu erlösen.

1961. Vater hat einen Fernseher gekauft. Am Abend wird der Apparat im Estrich an die Antenne angeschlossen. Vater und Erich versuchen, die in den Lüften herumschwebenden TV-Bilder einzufangen. Es dauert eine Weile, bis das erste Ton- und Bildsignal erscheint. Ein magischer Moment: Eben ertönt der Gong zu den ARD-Abendnachrichten. Familie Stadelmann ist jetzt mit der weiten Welt verknüpft. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Nur die Mutter sieht der modernen Zeit besorgt entgegen.
Der Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten. Seit neuestem finden spannende Filme aus Amerika den Weg ins heimische TV-Zimmer. Doch leider kommen diesen die sonntäglichen Familienspaziergänge in die Quere. Einmal, alleine mit der Mutter, will er unbedingt um 15 Uhr wieder zu Hause sein, drängt zur Umkehr. Die Mutter aber passt das nicht, schreitet weiter fort von Zuhause. Nach einigem Zaudern und Zögern reisst er sich von ihr los, spurtet los, um im TV „Bonanza“ nicht zu verpassen. In seinen anfängliche Freudentaumel mischt sich bald eine dumpfe Scham- Schuld- und Trauerstimmung. Mit geröteten Augen kehrt Mamma erst spät am Abend zurück. Erich leidet, spürt: heute ist etwas schmerzhaft Einschneidendes passiert. Doch: anders handeln konnte er nicht.
Erich geht nicht gerne in die Schule. Er hat grossen Respekt vor den „oberen“ Schülern, ist schüchtern und fühlt sich unterlegen. Das Lernen bereitet ihm Mühe. Als es darum geht, ein Gedicht auswendig vorzutragen, wählt er das Kürzeste. Unter Stottern, Erröten und Würgen gelingt ihm nicht einmal dieses. Kopfrechen, Zahlenreihen aufzählen – eine Qual. Es will einfach nichts hängen bleiben. Schreiben mit der rechten Hand: das Gekritzel kann kaum entziffert werden. Singen empfindet er demütigend, Vorlesen hasst er. Nur im Turnen kann er mithalten. Doch leider bekommt er in diesem Fach keine Noten, mit denen er zu Hause brillieren könnte. Er ist weder klug noch stark, nur brav und nett und angepasst.
Klassenfototermin. Oder einfach nur vergessen? Die Lage ist Ernst: Erich, nicht vorbereitet auf diesen wichtigen Anlass, deckt mit seinen Händen verschämt einen Riss an seinem Hosenbein ab, damit er ja nicht auf dem Foto verewigt wird. Das wäre dann doch zu peinlich. Auf dem Foto sieht man Erich vorne in der Mitte verkrampft auf dem Schemeli hocken. Während alle andern lächelnd in die Kamera blicken, zeigt Erich ein besorgtes Gesicht. 
Das Eisfeld, das in kalten Wintern vom Schulhausabwart auf dem Pausenplatz aufgebaut wird, ist bei der pubertierenden Jugend vor allem als Tummelfeld für Annäherungsversuche an das unbekannte Geschlecht sehr beliebt. Erich dreht seine Runden auf den Schlittschuhen raffiniert in Gegenrichtung zu einer heimlich Angebeteten, seinen Stern, in den er schon länger verstohlen verliebt ist, um so oft der Umschwärmten frontal zu begegnen. Immer in der Hoffnung, diese entdecke ihn mit ihren glitzernden Silberblick und zwinkere ihm einmal auffordernd zu. Wobei er diesen überwältigenden Augenkontakt vermeidet, indem er seinen Blick jedesmal im entscheidenden Momenten schamvoll senkt . . . er kann sich nicht vorstellen, wie er darauf hätte reagieren können, weiss deshalb leider nicht, ob er seiner geliebten Traumfee tatsächlich einmal aufgefallen ist.
Kleiderkauf: ein qualvoller Akt, da die Eltern bestimmen, was eingekauft wird. Kaum erwähnt werden muss, dass der Modegeschmack nie übereinstimmen will, gekauft wird, was „ä Gattig“ macht. Schicksalhaft werden haargenau die Kleidungsstücke ausgewählt, die Erich als allerletzte tragen möchte. Resultat: er schämt sich, mit solchen Hosen herumzulaufen, die neue Jacke sieht richtig schrecklich aus – und erst die chlobigen braunen Schuhe. Grauenhaft! Am liebsten würde er sich unsichtbar machen, wenn ein Schwarm Mädchen dahergeflattert kommt. So aber muss er mit seinem rotleuchtendem Gesicht so tun als ob er sich gerade böse verschluckt habe, und einen Hustenanfall simulieren.
Was diese Kleidertrage-Bevormundung für Auswirkungen auf das weitere Kleiderkaufverhalten Erichs in seinen nächsten dreissig bis vierzig Jahren erzielte, gleicht einer Fortsetzung des elterlichen Kleiderauswahlverfahrens: er hat sich, eigenartigerweise und warscheinlich unbewusst, deren Modegeschmack zu eigen gemacht und vor allem in den ersten Jahren seiner selbständig getätigten Bekleidungsanschaffungen zielsicher genau die Stücke eingekauft, welche, wenn Zuhause dann angezogen, sich als totale Fehlkäufe erwiesen haben. Selten war er einmal wirklich zufrieden mit seiner «Anlegerei», entweder passten Schuhe oder eine Hose oder Jacke nicht zusammen, nie erreichte er sein Ziel, seinen eigenen Stil zu verwirklichen, und stimmten einmal die Farben einigermassen, störte der sperrige Schnitt oder die Grösse lag daneben. Erich fragte sich, liegt das Problem nun an den Kleidern oder an ihm selbst. Das sind so ungelöste Fragen die ihn schon ein Leben lang beschäftigen.
Einmal, das war etwa ums Jahr 1986 herum, hat er eine rundum passende Sommerhose besessen, die wurde leider bald schon Opfer einer spanischen Autoausräumerbande. 

1962. Vom braven Erich, dem es gar nicht recht ist, als sein Vater in den Ferien die vier Burschen am Zugersee besuchen (kontrollieren?) kommt, über den hoffnungsvollen Jüngling in Italien bis zum Setzer-Lehrling auf dem Campingplatz im Tessin (siehe Seite 114): er steckt in einer dünnen Haut und fühlt sich selten so richtig wohl darin, gefangen in einem Raupenstadium. Sein Schmetterlingdasein liegt noch in weiter Ferne.
An einem langweiligen Mittwochnachmittag schlendert Erich die Katzenbachstrasse entlang und findet in einem Privatgarten einen vollbehangenen Chriesibaum. Ihm kommt nichts besseres in den Sinn, als auf die danebenstehende Holzbeige zu klettern, um von dort oben an die verlockenden Chriesi zu gelangen. Nach höchstens knapp einer Handvoll hastig in den Mund geschobener verbotener Früchte beginnt die Beige zu Kippen und Rollen und stürzt zusammen. Mit einem kühnen Sprung rettet sich Erich und ist erst einmal erleichtert, ohne Verletzungen davongekommen zu sein. Dann will er schleunigst das Weite suchen, kommt aber nicht weit. Der Chriesibaumbesitzer hetzt hinter ihm her, erwischt ihn am Kragen und schlägt ihm vor, zur Strafe die Holzscheiter wieder aufzubeigen. So endet der freie Nachmittag als mühseliger Frondienst, wobei zu betonen ist, dass sich der Baumbesitzer als verständnisvoller Quartierbewohner erweist.
In diesen Jahren zieht es Erich einige mal an die Züspa, die erste und grösste Publikumsmesse in der Schweiz. Im Hallenstadion und mehreren grossen Hallen rund darum werden an den vielen Messeständen tausenderlei nötige und unnötige Dinge zu Schnäppchenpreisen dargeboten. Erich legt eine merkwürdige Eigenart an den Tag, mutterseelenallein schweift er stundenlang durch die vielen Hallen, gibt sich ganz dem warmen Licht, der wohlige Wärme, den vielfältigen Düften hin, ja schwimmt und schwebt sozusagen in einer wohlbehüteten Aufgehobenheit durch diesen Verkaufstempelirrgarten. Er sammelt eine Menge Prospekte ein, die Zuhause bald wieder im Altpapier landen (er hat Mitleid mit den weniger gut besuchten Verkäuferinnen, will er damit ein Interesse an ihren Ladenhütern vortäuschen?). Weiteres wichtiges Ritual: alle Verkaufsgassen müssen in möglichst effizienter Vorgehensweise abgeschritten werden, was zu schwierigen Entscheidungen führt: hier jetzt zuerst nach links bei den Badewanneneinstiegshilfen vorbei oder doch geradeaus und dann an der nächsten Kreuzung rechts zu den Holzfussmassagerollern und dann wieder nach der zweiten Gasse links abbiegen, oder besser zuerst bei den neuen Staubsaugern vorbei hinten in der Sackgasse? Die Sackgassen liebt er nicht, – sie unterbrechen den Abschreite-Verlauf, stören sein behagliches, ihn begleitendes Schwindelgefühl – dürfen aber nicht unberücksichtigt bleiben. 
Sauwohl treibt er sich hier in der anonymen Besuchermasse herum, nur er mit sich allein, ungebunden, unbelastet, traumversunken. Wie noch leicht an eine nährende beschützende Nabelschnur gebunden. Unerkannt umherirren, sich fast verlieren und doch ganz bei sich sein, ein umfassendes Glücksgefühl, auf das er ein paar Jahre hintereinander nicht verzichten will. An der ausgestellten Ware ist er kaum interessiert. Beim Verlassen der Hallen erlebt er den Wiedereintritt in die reale Aussenwelt als ernüchternde Enttäuschung. Etwa so, als wäre er soeben aus dem Paradies geschmissen worden.

1963. Die ganze Familie fährt mit dem VW-Käfer nach Italien. Riccione heisst das Traumziel. Alles ist aufregend neu: das endlos weite Meer, der schmerzhafte Sonnenbrand schon am ersten Tag, auf dem Fischerboot hinaus zum Krabbenfang, Gelati schlecken so viel man mag, stundenlang Go-Kart fahren – kostet ja alles fast nichts, abends im Ristorante «Ranch» unter freiem Himmel Spaghetti, und zum ersten mal, Meeresfrüchte essen, am Frizzantino-Glas nippen. Ausflüge nach Ancona und San Marino. Italianità pur. 
Seegfrörni. Die frischgeschliffen Schlittschuhe stehen schon seit Tagen bereit. Schliesslich ist es soweit: nach wochenlangen eisig tiefen Temperaturen ist der Zürichsee komplett zugefroren und wird für die Begehung freigegeben. Die selbstauferlegte Herausforderung, 1x Bellevue – Meilen retour, kostet Erich einen schmerzhaften Chuenagel und halberfrorene Füssen, und das, obwohl er schon nach der ersten Hälfte der Strecke umkehrt. Durchhaltewillen ist nicht seine Stärke. Dabeisein hingegen will er schon, auch wenn er sich der historischen Tatsache nicht bewusst ist, dass der See für die nächsten hundert Jahre sicher nicht mehr gefrieren wird.
Sobald sich der Frühling ankündigt sammelt Erich mit zwei Freunden zusammen eifrig Altpapier. Von Haustür zu Haustür klingeln: „Sie, händ sie alti Ziitige?“, die erhaltenen Zeitungsbündel mit dem Leiterwagen nach Hause transportieren kostet viel Zeit und Energie. Das über Tage und Wochen gesammelte Kapital wird im Keller gelagert, ist dieser voll, holt der Altstoffhändler die Ware ab. Das bringt eine Menge Sackgeld, welches schleunigst im Revolverkino in Glattbrugg – Spaghettiwestern, Ben Hur, Spartacus – reinvestiert wird.
An der Schultafel versuchte Lehrer Oggenfuss nach neuesten pädagogischen Erkenntnissen mit einen ausgeklügelten System Orthographie zu vermitteln, d.h. anschaulich mittels Farben: ROT unterstrichen = Substantive, BLAU= Adjektive, GRÜN = Adverbien etc. etc. darzustellen. Bei den Zeitformen: Präsens, Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II. verliert Erich das Zeitgefühl. Grammatik und Orthographie, mal einfach-, mal zweifach unterstrichen, gewellt oder punktiert, werden ihm zu bunt. Die ganze Doppelwandtafel gleicht einem wirren abstrakten Kunstwerk. Erich starrt angestrengt nach vorne, in der Absicht, das Aufgezeichnete ernsthaft zu verstehen, nach kurzer Zeit fangen die Augen zu tränen und brennen an, was zusammen mit seiner partiellen Farbenblindheit zu einen Kurzschluss in seinem Hirni führt. Ein korrektes Abschreiben und einfärben der unverständlichen Anweisungen ins Schulheft ist unmöglich, die Merkhilfe wird zum Super-Gau: sein Verstand stürzt ab. Erich schafft es nicht in die Sek, um die Hilfsschule spickt er sich herum, die Realschule ist sein angemessener Platz. 
Die Förderung der handwerklichen Fähigkeiten wird hier gross geschrieben. Der Kartonageunterricht erfordert konzentriertes Arbeiten, denn man fuchtelt ständig mit richtig scharfen Messern, Scheren und spitzen Ahlen im Schulzimmer herum. Äusserst penibel muss abgemessen und schnurgerade Schnitte in dicke, widerspenstige Kartons gewürgt werden. Erich bringt vorsichtshalber schon mal genügend Wundpflaster mit. Beim Ritzen und Rillen sollte das Falzmesser keinesfalls das Material durchtrennen, dazu braucht es Fingerspitzengefühl. Und beim Leimen darf der Klebstoff nicht die Finger verkleben, auch nicht den Tisch und die Kleider, sondern sollte sorgfältig und sparsam auf die zusammenzufügenden Stellen aufgebracht werden. Das alles sind Anforderungen, die Erich zum Verzweifeln bringen. Und den verärgerten Lehrer auch.
Im „Werken mit Holz“ müssen Säge, Hobel und Beitel mit der rechte Hand geführt, Zapflöcher exakt senkrecht gebohrt werden. Das Schwalbenschwanzverbindungenherstellen erfordert Ausdauer, Hartnäckigkeit und äusserste Sorgfalt. Da präzises Arbeiten an sich schon nicht Erichs Stärke ist, macht der Unterricht null Spass, und die unnütze Holztruhe die er am Ende nach Hause schleppen darf, ist nur dank viel Goodwill und kräftiger Unterstützung des Werklehrers vollendet worden. Möglicherweise spielte dabei auch ein Portion Mitleid mit dem ungeschickten Buben eine Rolle. 
Das Metallschmieden wäre schon interessant, wenn nur der strenge Werkleiter nicht auf der Rechtshändigkeit bestehen würde. Gerne würde Erich dem kräftigen Hobby-Schmied mal ins Gesicht schleudern, versuch doch du mal mit der „falschen“ Hand eine glühendes Stück Eisen zu schmieden. Da sieht dann dein krummer Kerzenständer durchaus schlimmer als mein schräges Exemplar aus. Übrigens: über Jahrzehnte hinweg werden in allen Schul-Schmiedekursen die Einheits-Kerzenständer (der mit dem verdrehten Handgriff) hergestellt. Das erklärt auch, weshalb alle Brockenhäuser voll von diesen Ladenhütern sind. Erich hat letzthin in einer verstaubten Brockenhausecke auch einige morsche Schul-Holzunterricht-Truhen entdeckt. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen.
Wechsel ins Schulhaus Buhn oben auf dem Hügel: hier beginnt ein neues Zeitalter, einige kecke Jünglinge laufen auf dem Pausenplatz mit «Twisthosen» herum, lassen sich das Haar wachsen, gebärden sich unzähmbar. Eine unerhörte Provokation, sowas hat man bisher hierzulande noch nie gesehen. Als bald darauf aus einem offen Schlafzimmerfenster «She Loves You» von den Beatles erschallt und in Erichs Ohren explodiert, ist es um ihn geschehen. Er muss jetzt auch Schlaghosen kaufen, ein fein geblümtes Hemd dazu, und darunter kommt ein schwarzer Rollkragenpulli, was er zuhause nach längeren Auseinandersetzungen durchstieren kann. Haare wachsen aber kommt nicht in Frage, da bleibt der Vater stur.
Hier oben auf der Buhn befindet sich auch die städtische Schulzahnklinik, gefürchtet und verhasst bei sämtlichen Kindern. Erhält man das Aufgebot für einen Termin, kommt das einem als halbes Todesurteil vor; nur die Eltern sind erfreut: die Behandlungen sind schliesslich nicht schmerz- aber immerhin kostenlos, und es sind ja nicht sie, die auf den Folterstühlen Platz nehmen müssen. Den Oberzahnarzt, „Rossmetzger“ genannt, hört man zeitweise bis auf den Pausenplatz hinaus fluchen und toben, wenn ein von ihm gequältes Opfer sich weigert, weiterhin den Mund zu öffnen. Erich wird von ihm einmal drohend angeschnauzt, er solle gefälligst Ober- und Unterkiefer RICHTIG aufeinander stellen. Wie das geht ist Erich bis heute ein grosses Rätsel. 
Als Walti seinen Bruder Erich einmal mit ins Judo nimmt, tun sich für diesen neue Welten auf. Die Disziplin und stille Konzentration im Trainingslokal behagen ihm. Im Judoanzug fühlt Erich sich angenehm geschützt. Endlich etwas, was Sinn in sein Leben bringen könnte. Es scheint eine seriöse Sache zu sein, genau das, wonach er sucht. Nach dem Training geht man zusammen in die Beiz. Erich ist bitter enttäuscht, als die Sportler Bier bestellen, dass er nach wenigen Wochen nicht mehr weiter in den Unterricht geht. Der teuer bezahlte Judoanzug hängt noch einige Jahre unbenutzt im Schrank.
1964. Dank Mutters Einsatz wird aus dem unentschlossenen Erich ein Schriftsetzer-Lehrling. Die Arbeit in der Setzerei erfüllt ihn, er liebt den Geruch der Druckerfarben und das Rattern der Linotypemaschine nebenan. Eine wichtige Aufgabe für Erich ist die Beschaffung der Pausenverpflegung im nahen Quartierladen für Oberlehrling Hans. Dieser bestellt regelmässig 200 Gramm Fleischkäse (fein geschnitten), 2 frische Semmeli, 1 Liter Coca-Cola. Erich ist gezwungen, zuzuschauen, wie der Oberstift damit genussvoll seine Pause verbringt. Das von zu Hause mitgebrachte Käsebrötchen und der dünne Lindenblütentee sättigen immerhin den Bauch, nicht aber seine kulinarischen Begierden.
In Sichtweite der Setzerei befinden sich drei Beizen. Eines Tages kann Erich dem Sog der Wirtshausschilder nicht mehr standhalten. Jeweils Freitags nach Arbeitsschluss klammert nun auch er sich zusammen mit einigen Arbeitskollegen an die kühlen Gläser, Stangen, Tulpen, Chübel. Fortan trinkt, torkelt und schwankt er an Wochenenden als stummer Einzelgänger in Oerlikon durch vernebelte Nächte. Ein Mitarbeiter, Peter, mit der Fähigkeit, gleichzeitig den Winkelhaken zu füllen und lateinische Vokabeln auswendig zu lernen, hat ein offenes Ohr für Erich und zeigt dem verunsicherten Lehrling sinnvollere Möglichkeiten auf. Erich empfindet sich zum ersten mal als ernst genommen, beginnt durch die einfühlsamen Anregungen sich mit seinem Verhalten auseinander zu setzen. Peter hinterlässt mit seinen positiven Beeinflussungen eine nachhaltige Erinnerung. 
1965. Der Bruder ist Vater geworden und nimmt Erich mit auf Besuch zu Annelies und Baby Yvonne ins Frauenspital. Anschliessend führt Walti den staunenden Erich in eine ihm bisher unbekannte Welt, das Niederdorf in Zürich. Im Spielsalon FROSCH darf Erich den blinkenden, surrenden, ratternden Flipperkasten bedienen. Dann schauen sie sich im legendären Studiokino Nord-Süd den Film "Alexis Sorbas" an, und als Höhepunkt steigt man hinunter ins "Stägefässli", wo Erich mit Schaudern eine Portion Schnecken verzehren muss. Mit diesem Höhepunkt endet ein unvergesslicher Tag.

1967. Der Schriftsetzerlehrling muss die ausgebundenen Sätze im "Schiff" von der Setzerei vom ersten Stock hinunter in die Druckerei tragen. Manchmal trifft er in Treppenhaus den bejahrten Vater des Druckereibesitzers an, der sich die Treppe hinaufschleppt. Einmal greift er dem angeschlagenen Mann automatisch unter die Arme, hilft ihm Treppe hoch zu seiner Wohnung. Erich entdeckt in dieser Rolle eine leise, ihm bisher unbekannte, Achtung. Diese Hilfestellung dünkt ihn einiges wertvoller, als in den staubigen Setzkästen zu wühlen. Zufällig hat ihn die noch rüstige Ehefrau, welche im Druckereibüro Korrekturarbeiten verrichtet, in Flagranti überrascht. Erich überkommt ein dumpfes Schuldgefühl, da er sich von der Arbeit hat ablenken lassen, doch sein Ansehen steigt zu seiner Überraschung sprunghaft in die Höhe. Das Büro verzeiht ihm ab nun manchen Flüchtigkeitsfehler in seinem Bleisätzen; die bisher kritischen Blicke der gestrengen Korrektorin bei der Übergabe der Korrekturfahnen weichen einem milden Lächeln. 

1968. Nach dem "Globuskrawall" im Juni verfolgt Erich deren nachfolgende Diskussionen vor dem Globusprovisorium als neugieriger Jugendlicher interessiert mit. Er hat noch keine eigene Meinung zu den Geschehnissen, aber gefühlsmässig zieht es ihn auf der Seite der Demonstrierenden. Neugierig wagt er sich auch einmal in die „Autonome Republik Bunker“ unter dem Lindenhof, wo er – ausser Erich irrt sich wieder einmal – Franz Hohler mit seinem Cello zum ersten mal spielen hört.
Am Freitagabend, den 31. Mai, steigt im Hallenstadion das "Monsterkonzert" mit John Mayall, Traffic, Move, Eric Burdon und Jimi Hendrix. Nachdem Erich voriges Jahr das Rolling-Stones-Konzert im Hallenstadion verpasst hat (na ja, als Beatles-Fan eine verschmerzbare Unterlassung), wäre Erich dieses Jahr gerne mit dabei gewesen, aber erstens reicht sein mageres Sackgeld nicht dazu und zweitens findet ausgerechnet heute Abend die Gautschfeier seines Buchdruckerkollegen Andi statt. Vor der Druckerei steigt man ins Auto, fährt Richtung Volketswil, wo in einer volkstümlichen Landbeiz angestossen werden soll. Es lässt sich nicht vermeiden, die Route führt direkt am Hallenstadion vorbei, wo längst hunderte von bunten Konzertbesuchern auf Einlass warten. Erich stiert beim Vorbeifahren neidisch durchs beschlagene Autofenster, wäre am liebsten ausgestiegen. Der Abend verläuft dann wie gehabt, schon das zweite Mass bringt das Fass zum Überlaufen.
Kollege Andi hat sich jetzt hat einen alten Peugeot 404 zugelegt. In der Bodega Española im Niederdorf kommen sie nach einem Gläschen Málaga auf die naheliegende Idee, in den nächsten Ferien zusammen nach Malaga zu fahren. Aber, denken sie nach einigen weitern Gläsern, wenn man schon in Malaga unten ist, dann könnten sie doch auch noch kurz nach Marokko hinüber, dies würde doch ein richtig ultimatives Ferienerlebnis werden. Gedacht, getan. Ohne viel unnötigen Worte zu verlieren setzen sie sich kurz darauf in den Peugeot – den besorgten Eltern verraten sie ihr wirkliches Ziel nicht, die guten Ratschläge vom Vater bezüglich Autowartung etc. schlagen sie in den Wind. Man ist schliesslich bald volljährig und will unbedingt unabhängig sein. Bei Zofingen im Aargau kommt es zum ersten Zwischenhalt. Aber nicht freiwillig, denn der Motor versagt überraschend seinen Dienst, zum Glück in der Nähe einer Autogarage. Von den dortigen Fachleuten müssen sie sich sagen lassen, der Motor sei kaum mehr reparierbar. Schei . . . , was nun? Telefon nach Hause, den Vater kleinlaut um Rat fragen, der sich grosszügig bereit erklärt, die zwei Burschen samt ihrer Ferienausrüstung von Zofingen nach Hause zu holen. Das bedeutet: eine zweifache Schmach, eine Niederlage sondergleichen, 1. auf das grosse Abenteuer Marokko zu verzichten und dazu sich vom Vater heimschleppen lassen zu müssen. So haben sich die beiden Jünglinge ihre Sommerferien nicht vorgestellt.
Wo könnten die beiden ihre abverheiten Ferienpläne fortsetzen? Erich erinnert sich an seine ersten Ferien am Meer, in Italien. Man ist sich einig, mit dem Zug fahren sie schon am nächsten Tag in den Süden. Riccione heisst nun die neue Destination. Kaum angekommen fallen sie am ersten Abend, in einer Seitengasse der Strandpromenade, auf ein Abzocker-Becherspiel herein. Dabei kann man doch ganz einfach gewinnen, so leicht ist zu erraten, unter welchem Becher die Gewinnkugel liegt, und, wichtig, das haben sie schnell gelernt, je höher der Einsatz desto höher der Gewinn! Sensationell! immer wieder mal sackt ein risikofreudiger Tourist eine Handvoll Lire-Scheine ein. Andi und Erich tippen insgeheim jedesmal auch auf den richtigen Becher. Diese günstige Gelegenheit wollen sie sich nicht entgehen lassen, vorerst aber noch eine Weile das Geschehen beobachten. Jetzt sind sie sich der Sache absolut sicher und bieten 1000 Lire auf das nächste Spiel. Komisch aber, sobald sie mitwetten, liegen sie zu ihrer Verblüffung falsch und verlieren den Einsatz. Sie lassen sich nicht entmutigen und beraten, wie man todsicher gewinnen könnte. Trotz ausgeklügelter Absprachen und Vorkehrungen verspielen sie am nächsten Abend fast ihr ganzes Feriengeld. Nach drei ruinösen Tagen müssen sie die Ferien abbrechen. Dass die vermeintlichen Gewinner alle zum Abzocker-Team gehörten, diese Erkenntnis kommt ihnen leider erst auf der Rückfahrt. In Erwartung eines gewaltigen Donnerwetters gesteht er dem Vater kleinlaut ihr schmähliches Scheitern. Dieser stellt spontan, ohne unangenehme Fragen zu stellen, seine Campingausrüstung zur Verfügung und chauffiert die Pechvögel gleichentags nach Tenero. Nun sitzen die beiden verkatert im Tessin anstatt in Italien am rauschenden Meer. Erich verliebt sich in eine süsse Holländerin, welche leider am nächsten Tag bereits abreisen muss. Ausser ein paar Stunden gemeinsam nebeneinander am heissen Sandstrand zu liegen – die Sonne steigt und steigt, die Hitze wird bald unerträglich, ein totaler Sonnenbrand droht, doch diesen glückselischen Zustand will man möglichst lange auskosten – reicht die Zeit gerade noch, die Adressen auszutauschen. Gegen Abend zu – die zwei Überhitzten sind sich eindeutig bis auf zehn Zentimeter nahe gekommen – rufen die Eltern nach ihrem Töchterchen. Mehr noch als der verbrannte Rücken schmerzt Erich am nächsten Morgen der Abschied, als er dem Fahrzeug mit holländischem Nummernschild nachwinkt. Ein Andenken ist ihm aber für geblieben, er hat einige Worte Holländisch gelernt: Ik hou van jou.
Da fällt mir doch gerade eine andere Episode mit Andi ein, die sich ein oder zwei Jahre früher abgespielt hat. An Pfingsten tuckerten Andi (Puch X30) und Erich (hellblauer Velovap) mit ihren Töfflis – ich mag mich an keinen Augenblick dieser Hinfahrt erinnern – dem Westen entgegen, genau gesagt nach Blonay, einige Kilometer oberhalb Montreux gelegen. Die welsche Schweiz mit der dort heimischen Sprache bedeutete für Erich eine exotische Terra incognita, der er sich mit entsprechend grossem Respekt näherte. Die freudige Erwartung auf das, was kommen wird wurde durch eine nicht unbegründete Besorgtheit gedämpft, sich mit seiner mageren Sprachbegabung zu blamieren (die tiefen Schulzeugnisnoten im Französischfach zeugen davon). Der Plan war, dort bei Andis Gotte zu übernachten, am nächsten Tag bis Bern zu fahren und am Pfingstmontag rechtzeitig wieder nach Hause aufzubrechen. Von der galanten Madame, erfreut über den Besuch der zwei flotten Burschen, wurden wir herzlich empfangen und mütterlich umsorgt. Die Mitteilung, dass wir am Abend, statt bei Tee und Gesprächen am ihrem Stubentisch zu sitzen lieber noch in den Ausgang nach Montreux hinunter wollten, schluckte sie mit besorgter Mine. Sicherheitshalber sollen wir doch die Blonay-Montreux-Bahn nehmen und die Töfflis in der Garage lassen, meinte sie. Gesagt, getan, ihr zuliebe nahmen wir den Ratschlag an. Unten angekommen dann, am See, winkte uns der Zauber entgegen, welcher würzig nach Abenteuer und Eroberungen roch. Mit der französischen Sprache auf Kriegsfuss stehend, übernahm Andi, dessen Mutter aus dem Welschland stammte, die Initiative, welche uns bald schon in eine nahe Bar entführte. 
Wie man das so macht, stemmten wir uns auf die hohen Barhocker und hielten Ausschau. Man bestellte einen ersten Drink, nicht ohne schlechtem Gewissen, auf leeren Magen, die zweite Runde erfolgte schon entspannter, nach etwa dem dritten Drink kippte Erich unerwartet vom Barstuhl, landete unsanft am Boden, von wo aus sich ihm ein erstaunlicher Rundblick ergab. Kann sein, dass sich einige Gäste mitleidigen Blickes über ihn lustig machten, vielleicht bildete er sich das nur ein, eher aber verunsicherte ihn das grinsende Gesicht von Andi, welches ihn von oben herab zwinkernd beäugte. Überhaupt wirkte im Lokal alles etwas gedämpft und undurchsichtig, sodass, hoffte Erich beim erneuten erklettern des Hockers, niemand etwas von dem blöden Vorfall bemerkt hatte. Über die Zeit zwischen Barstuhlsturz und dem Entschluss, sich auf den Heimweg zu begeben sind keine Aufzeichnungen mehr vorhanden. Tatsache aber ist, dass der letzte Zug längst abgefahren war. Zu Fuss mitten in der Nacht hinauf nach Blonay – das war den zwei Angeschlagenen zu mühsam. Einem von beiden oder beiden gleichzeitig kam daher die Lösung: 1 Töffli zu klauen, was auch innert kurzer Zeit gelang. Mit Erich hinten, Andi vorne sitzend, schwankte das Gefährt den Berg hinauf. Dann galt es, möglichst unauffällig ins Haus zu gelangen und niemanden aufzuschrecken. Im hübsch zurechtgemachten Gästezimmer dann . . . ich muss es auf französisch schreiben, es tönt dann weniger vulgär, André a vomi son repas über Bett und Boden, dann auch den Weg bis zum WC und dieses sowieso auch. Erich, vor Entsetzen fast schon wieder nüchtern geworden, versuchte, den Schaden in Grenzen zu halten, aufzuwischen, zu reinigen, die Ordnung wieder herzustellen . . . schrecklich, blamabel, wie sowas geschehen konnte. Bald schon dämmerte der Tag und die Frage stellte sich: wie nach einem solchen Debakel der das für die Gäste reichhaltige Frühstück auftragenden Gastgeberin (die diskret so tat, als ob sie nichts mitbekommen hätte) entgegentreten? Wie anders, als mit tief gesenkten Köpfen und hochroten Köpfen?
Nach dem Frühstück wollte man raschestens Abschied nehmen und dann sorglos die Töfflifahrt Richtung Bern geniessen. Mit ihren durchlüfteten Köpfen kamen die beiden in der Jugendherberge dort mit einigen etwa gleichaltrigen Fräuleins aus Frankreich ins Gespräch (Erich kam sich auf ein mal so international vor), wobei Andi mit 1. seinem Charme, 2. seinen exzellenten Französischkenntnissen zweifellos im Vorteil war. Eigentlich hätten man sich dringend auf die Heimfahrt machen sollen, beschliesst aber spontan, mit den Mademoisellen zusammen am Nachmittag ins Kino zu gehen. Andi hatte sich bereits in eine charmante Schönheit verliebt und schmust im dunklen Saal mit ihr herum, während Erich erfolglos versuchte, sich auf französisch zu verständigen, respektive anzubändeln. Spät, sehr spät erst konnten die beiden sich von der netten Gesellschaft trennen, es war schon am Eindunkeln, das Wetter verschlechtert sich. Es folgte eine endlose Fahrt durch Regen und Kälte. Mitternacht war längst vorbei, die Strassen zogen sich endlos in die Länge, die Gewissensbisse und Sorgen wurden grösser. Ein beklemmendes, beunruhigendes, drängendes Gefühl breitete sich aus, mahnte dringend, rasch heimzukehren – doch das Ziel scheint immer weiter entfernt. Eine hartnäckige Last, die noch jahrzehntelang bei Gelegenheit sich meldete, und dessen Ursache Erich erst vor kurzem (Februar 2026) mittels eines Traumes bewusst wurde. Endlich, endlich kam man Zuhause an, durchnässt, übermüdet, hungrig, halb erfroren. Die Eltern, die ganze Nacht schon voller Besorgnis und Ängste, empfingen den "Missetäter" mit so grosser Erleichterung, dass sogar auf eine saftige Strafpredigt verzichtet wurde. Am Morgen telefonierte der Vater verständnisvoll in die Druckerei, und flunkerte, dass der Schriftsetzer-Stift Erich aus gesundheitlichen Gründen erst am nächsten Tag einsatzfähig sein werde. Eine echte Notlüge, die nicht ganz abwegig war, und den seriösen Ruf, den Erich in der Setzerei genoss, nicht in Frage stellte.

1969. Erich hat die Autoprüfung beim zweiten Anlauf bestanden. Damit er etwas Fahrroutine bekommt, wird ihm auf der Heimfahrt vom Tessin, wo er zusammen mit Bruder Walti, Annelies und der dreijährigen Yvonne ein verlängertes Wochenende verbracht hat, das Steuer von Vaters ausgeliehenem VW-Käfer anvertraut. Erich fährt besonnen, er ist sich der grossen Verantwortung bewusst, die Fahrt verläuft reibungslos. In der leichten Linkskurve kurz vor einer Tunneleinfahrt geht Erich vom Gas, schaltet einen Gang tiefer und sieht verblüfft, wie sich die Landschaft rundherum zu drehen beginnt. Kein Quietschen, kein Kreischen, kein Ton, nur Verwunderung. Nichts als ein stilles unerklärliches Drehen dem Tunnelportal entgegen. Der Wagen rotiert passgenau ins Tunnel hinein, bleibt auf der rechten Fahrspur stehen. Gegenverkehr rollt vorbei, Erich setzt zurück, lenkt den Käfer an den Strassenrand, alle steigen aus. Mit schlotterigen Knien, bleich im Gesicht, stellt man fest: mehr als Glück gehabt, das hätte schlimm enden können. Der Käfer hat nur ein paar harmlose Kratzer abbekommen. Nach einer Weile geht die Fahrt weiter, Walti hat das Steuer übernommen, Erich wäre dazu nicht mehr fähig gewesen. 

Nach vier Jahren Lehrzeit wird der Lehrling im Frühling im Hinterhof der Druckerei gegautscht. Er ist jetzt ein echter Schwarzkünstler und die ganze Welt steht ihm offen. Jetzt könnte das Leben beginnen. Doch im Alltag verliert sich Erich in seiner Orientierungslosigkeit, steht mal da, schaut mal dort herum und kommt sich nutzlos vor. Nun will er mit seinem kürzlich gekauften Occassionwagen eine richtig grosse Reise unternehmen. Sein Ziel: Holland, wo er die flüchtige Campingferienbekanntschaft auffrischen möchte. Spontan und unvorbereitet fährt er los. Auf der Autobahn kurz vor Freiburg im Breisgau fängt sein schöner Austin Morris 1100 an zu stottern. Zofingen! denkt er, jetzt nur nicht schon wieder so einen Motorschaden erleben. Öligstinkender Rauchgeruch steigt ihm in die Nase. Dann kann er den lahmenden Wagen noch knapp auf den Pannenstreifen lenken, der muss vom deutschen Pannendienst abgeschleppt werden. Diagnose: akutes Motorversagen bei massivem Ölverlust infolge unterlassenen Wartungsarbeiten und nachlässigem Umgang mit technischen Anzeige-Apparaturen. Die Reise endet hier vorzeitig. Mit dem noch nicht zurückbezahlten väterlichen Vorschuss für den Autokauf und den zu erwartenden Reparaturkosten im Hinterkopf kehrt Erich bedrückt mit dem Zug nach Hause zurück, und rattert handkehrum im Schnellzug erwartungsvoll dem gelobten Holland entgegen nach Haarlem. Seine Ferienfreundin aus dem Tessin, die er mit seinem Besuch überraschen will, empfängt ihn etwas abgekühlt. Wie sich herausstellt, hat sie längst einen neuen Schatz, der nicht nur ik hou van jou auf holländisch flüstern kann, sondern auch genau weiss, wie das so geht. Freundlicherweise darf Erich bei der Familie übernachten, er quält sich verstockt durch eine für ihn peinigende Abendessenzeit und begibt sich früh in das ihm zugewiesene Gästezimmer. Im Schlafzimmer nebenan unterhalten sich sein Schwarm und ihr draufgängerischer Holländerbengel miteinander unüberhörbar auf holländisch. Erich versteht jeden Ton, der schmerzlich in sein hellhöriges Zimmer dringt.
Nach der unruhigen Nacht verabschiedet sich Erich enttäuscht, Amsterdam als neues Ziel vor Augen. In seiner Verlorenheit verirrt er sich dort bald im Rotlichtviertel, wo sparsam bekleidete Damen in einer Art Schaufenster sitzend die Vorbeigehenden nett lächelnd grüssen. Nach einigen Bierchen fühlt sich Erich mental gestärkt genug, um mit einer dieser Verlockungen in Kontakt zu treten. Nach kurzer Beratungszeit wird man sich über die Art der Dienstleistung und die Modalitäten handelseinig. Was sich anschliessend hinter dem roten Vorhang ereignet ist kaum erwähnenswert, nach kurzer Zeit tritt Erich aus der vermeintlichen Genusskammer um etliche Gulden erleichtert und beschwerteren Gemüt, unzufrieden und ernüchtert in die schwammig-kalte Rotlichtgasse hinaus. 
Ein dubioser Kollege ladet den ungeübten Erich eines Abends zu einem Cannabisexperiment ein. Lange zeigt das Saugen an der Haschpfeife null Wirkung. Erich ist etwas enttäuscht. Beim Nachhausefahren kommt ihm die kurze Strecke unendlich weit vor. Die Strassen verengen sich, werden schmäler und schmäler, die Kurven tückisch eckig-eng, der Weg zieht sich elastisch wie ein Gummiseil in die Länge in die Länge in die Länge. Wenn er nicht sehr vorsichtig bleibt, klemmt ihn die Häuserflucht mitsamt Auto ein, befürchtet er ernstlich, deshalb fährt er nur noch im Schritttempo und möglichst schön in der Mitte der Strasse. Unerklärlich kommt ihm das vor, merkwürdig, sonst hat diese Fahrt doch nur wenige Minuten gedauert. Nur dank enormer Anstrengung findet er schweissgebadet sein Ziel. Wow, merkt er erst jetzt verwundert, da ist aber auch noch die Haschpfeife am Steuer gesessen. Nochmal ungeschoren davongekommen, zum Glück ist kein Schaden entstanden! Seither ist für Erich das Thema Autobesitz und Autofahren abgeschlossen.
Anfangs mag Erich die berauschende Wirkung der illegalen Pflanze. Unter Freunden wird fleissig damit experimentiert. Einmal, nach dem dritten Joint, geschieht beim gemeinsamen Zeichnen ein kleines Phänomen: das Gekritzel der abstrakten Gruppenkomposition auf dem A3-Papier verändert sich zeitlupenartig, wandelt sich ins Dreidimensionale, kurlige Monstergestalten klettern darin herum, zwinkern mit ihren Glotzeaugen ihren Schöpfern listig entgegen. Sensationell, einmalig, was sich da ereignet! Die Künstler sind hell begeistert über diesen Effekt. Das verblüffende Wunder kann leider am nächsten Tag bei nüchternem Sinn nicht mehr nachvollzogen werden. 
Nach einem weiteren Treffen mit dem erfahrenen Freund über­schwemmen Erich beunruhigende Vorstellungen. Die eigene Wohnung wirkt plötzlich bedrohlich. Das vertraute Kollegengesicht verzieht sich zu einer heimtückischen Fratze, Erich wird es weh und bang. Beklommen, misstrauisch, fast panikartig entfernt er sich und irrt in die kalte Nacht hinaus. Der sonderbare Cannabis­rauch verwirrt seine Gedankengänge auf beunruhigende Weise, er wähnt sich von etwas Unbekanntem verfolg, Glockengeläut, Autogeräusche, Vogelgezwitscher erschrecken ihn. Dumpfe Angst breitet sich aus. Quä­lende Befürchtungen, gänzlich „hinüberzukippen“ bedrängen ihn. Zur Beruhigung und Ablenkung helfen nur brave Ländlermusik von Radio Beromünster und die harmlosen Guetnachtgschichtli im Schweizer Fernsehen. Er verspricht hoch und heilig, den Umgang mit den pflanz­lichen Wirkstoffen zukünftig zu vermeiden. Der Spuk endet zu seiner grossen Erleichterung am Abend des übernächsten Tages. 
In den folgenden zwei Jahren zieht Erich doch wieder – selten – an einem „Stumpen“, erfährt aber überwiegend negative Wirkungen: in einem Clublokal irgendwo im nahen Osten glaubt er sich von zwei „Agenten“ beobachtet, befürchtet, diese wollten ihm seinen Reisepass abnehmen und er könnte dann nicht mehr ausreisen. Er verlässt mög­lichst umständlich, aber unauffällig, das Lokal, und entschwindet verängstigt in die dunkle Nacht. 
Einmal, in Madrid, steht Erich eine geschätzte halbe Stunde lang an einem Fussgängerstreifen bei einer Verkehrsampel und traut sich nicht, die Strasse zu überqueren. Immer wenn er gehen will, stellt die Ampel auf Rot, wenn Grün angezeigt wird bleibt er wie angewurzelt stehen. Das wiederholt sich unzählige mal, bis er sich beobachtet vorkommt. Die Freunde auf der anderen Strassenseite lachen sich krumm.
Ein andermal bringt jemand eine Tüte selbstgebackene Haschguetsli zu Erich, der mit seiner Frau in Suhr bei Aarau wohnt, von denen auch er sich nach einigen Bedenken eines in den Mund schiebt. Zwischendurch wird gegessen und auch mal mit einem Gläschen Wein angestossen. Da sich keine spezielle Wirkung einstellen will, nimmt er noch ein oder zwei weitere Hanf-Brownies zu sich. Bald danach wird ihm schwindlig, das Herz beginnt zu pochen, auszuschlagen, wild zu rasen. Elendig, kotzig, würgig, konfus, muss er an die frische Luft hinaus, hofft, die krassen Überdosierungssymptome möglichst unbeschadet zu überstehen. Als die schlimmen Nebenwirkungen abklingen ärgert er sich, derart leichtfertig gewesen zu sein. Jetzt ist sonnenklar: sowas will er nicht noch mal durchleiden. Womit für ihn auch das Thema Cannabis ein für alle mal abgeschlossen ist. 
Hat Erich schon erwähnt, dass der «Bäckergeselle» des überdosierten Haschkuchens kurze Zeit später uneingeladen ihnen ein totes Chüngeli brachte und zum Znacht damit einen saftigen Braten zubreitete, nur um nach dem Schmaus grinsend zu verkünden, der Chüngel sei übrigens eine wilde Katze gewesen. Der Hobbykoch mit seinen fettigen langen Haaren war auch sonst weithin bekannt als hinkender Spassvogel mit Hang zu unliebsamen Überraschungen, was uns aber erst einige Zeit später zu Ohren kam.

Zusammenfassend gesagt: 1949–1970
Ungetrübte, eher introvertierte Kindheit, viel stille Angst vor Mutterverlust, hat beim Spielen ein gutes Durchsetzungsvermögen. Wird durch diplomatisches Verhalten allerseits geschätzt (spielt da zusätzlich auch eine gewisse Rücksichtsnahme der „Grossen und Starken“ eine Rolle, da er immer den „harmlosen“, kleinen, netten Erich spielt?) Schreibt in der Schule gerne ab. Versucht, so wenig Zeit wie möglich für Hausaufgaben zu verschwenden. Hat keine Vorstellung, was er einmal lernen will. Die Mutter findet für den Unentschlossenen eine Lehrstelle. Vieles läuft nicht wie gewünscht. Die Kirche hat keine Antwort auf seine Fragen. Er versagt an der Gitarre in der Band. Vermisst ein ergänzendes Gegenüber, findet aber keine Freundin. Ist schüchtern und vermasselt damit seine ersten grossen Chancen. Weiss genau, was er nicht will, mehr aber nicht. Wird Einzelgänger, glaubt, sich mit Alkohol und anderen berauschenden Mitteln helfen zu können. Die öffnen seine Sinne, bringen neue Erkenntnisse, aber auch Wirrnis und Dunkelheit. Zwischendurch vielfach Zweifel, kleine Erfolge, Ratlosigkeit, Enttäuschungen, Lichtblicke, überschwängliche Freude und Stolz. Insgesamt eine recht durchzogene Bilanz.


1949, im Pärkli am Felsenrain in Seebach (oder doch eher im Nutzgarten der Grosseltern, unten an der Neunbrunnenstrasse?). Der Nachzügler ist bestens umsorgt.

 

1952, Familienausflug, mit dem ersten Auto gehts hinauf in Vaters geliebte Bergwelt.

 


Der scheue Erich versteckt sich hinter dem grossen Teddybär

 


1956, Walti, Erich und Schwester Margrit im Garten des Genossenschaftsreiheneinfamilienhauses an der Birchstrasse in Seebach.

 

1957, beliebter Sonntagsbummel zum nahegelegenen Flughafen Kloten. Der aufregende Kerosingeruch steigt mir heute noch in die Nase, wenn ich das Bild betrachte.



1959, mit dem erste Velo auf grosser Tour, am Oberalppass zeigt Erich, was in ihm steckt.

 


Klassenfototermin. Erich, vorne Mitte sitzend, unauffällig-auffällig versteckt er mit beiden Händen sein zerrissenes Hosenbein. Dass er auch ausgerechnet so exponiert sitzen muss, unangenehm.



Wie ein starkes Magnet wirkt auf Erich die Haushalt- Mode-Wohnen-Austellung ZÜSPA. Dort sucht er keine Sonder­angebote sondern liebt es, sich selbst zu verlieren. 


1962, Erich (3. von links) fährt mit Kollegen ein paar Tage zum Zelten an den Zugersee. Kaum etwas verwildert, taucht Vater zu einem Kontrollbesuch auf. Peinliche Angelegenheit für ihn.



1963, die ersten Ferien am Meer! Riccione! Gelati! Sonnenbrand und "Abenteuer unter Wasser" im Hafen von Ancona!



1965 bis 1969 Ausbildung zum Schriftsetzer in der Buchdruckerei Meyer und Cie. neben dem Bahnhof Oerlikon. Die Setzerei befand sich im ersten Stock des Hauses ganz rechts. Im Vordergrund das Lädeli mit dem Fleischkäse.

 


1968. Zeltplatz Campofelice im Tessin. Auf dem dem Bild ist deutlich zu er-kennen, dass die zwei unglücklich dreinschauenden Morgenmuffel am Vorabend im Campingrestaurant die Wirkung des einheimischen Grappas stark unterschätzt haben. 





1961. Schulhaus Kolbenacker, das Eisfeld auf dem hinteren Pausen­platz auf dem Erich heimlich verliebt hoffnungsvoll aber erfolglos seine Auserwählte umrun­dete. Foto: www.ogs-seebach.ch, © Ernst Urech

 

Prägende Einflüsse
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13.  Prägende Einflüsse
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Erich erinnert sich
Zu meinen ganz vagen Kindheitserinnerungen gehören zwei Menschen, welchen ich zwar eher selten begegnet bin, die aber tiefe Eindrücke in mir hinterlassen haben. Da ist einmal Tante Berta. Und dann natürlich Christian. Eigentlich hatte ich ihn fast vergessen. Aber es ergab sich vor etwa zwei Wochen, dass ich bei meiner Schwester zum Nachtessen eingeladen war. Dort drehte sich unser Gespräch auch um alte Zeiten und halbvergessene Bekannte. Der Name Christian tauchte auf, wir fragten uns, was wohl aus ihm geworden sei. Ja, ich hatte ihn bestimmt fünfundzwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Diese Woche nun trafen wir unverhofft aufeinander. Ich war mit Vater in einem Wirtshaus zum Mittagessen, hatte schon bezahlt, stand auf und wollte gehen, als mich der Mann am Nebentisch, der mir während dem Essen schon aufgefallen war, fragend bei meinem Namen rief. Ich war erstaunt, denn ich konnte sein Gesicht zuerst nicht einordnen: ein Mann, etwa in meinem Alter, schneeweisse Haare, schönes Gesicht, gute Ausstrahlung, verwegener Siebentagebart, sympathischer Typ. Nochmals nannte er strahlend meinen Namen, ich stand etwas dumm an seinem Tisch. Da nannte er seinen Namen: Christian. Jetzt wurde mir alles klar. Christian. Der Christian, von dem wir vorletzte Woche gesprochen hatten. Und gleich schwebte ich in einer Wolke von Begriffen wie Vertrauen, Liebe, Gediegenheit, Freundschaft, Edelmut, Klugheit, Offenheit. All diese Eigenschaften und Gefühle sind für mich mit dem Namen Christian untrennbar verflochten, also seit ich mich überhaupt auch nur nebelhaft erinnern kann. Es sind mir fast keine konkreten Begebenheiten mehr bekannt, aber auf einer gefühlsmässigen Ebene lebt Christian in mir: ein hüpfendes Herzen, wenn Christian bei uns auftauchte, eine grosse Freude beim Anblick seiner klaren Stirn und ein leiser Abschiedsschmerz, wenn er wieder nach Hause gehen musste. Er wuchs bei seinen Grosseltern im Jura auf und kam anscheinend als zehnjähriger Knabe zum ersten Mal nach Zürich. Weshalb er ausgerechnet bei uns zu Gast war, kann ich mir nicht zusammenreimen. Damals habe ihm mein Vater die Stadt gezeigt. Mit dem Auto habe er meinen Bruder, mich und Christian an einem schönen lauen Sommerabend auf den Sonnenberg gefahren. Von dort oben hätten wir staunend die Lichter der Stadt und die vielen Segelschiffe auf dem See bewundert. Noch heute sei ihm dieser faszinierende Anblick als unauslöschliche Erinnerung präsent, sagt Christian. Er kam hin und wieder auf Besuch zu uns, zu dieser kleinbürgerlichen braven Arbeiterfamilie. Dabei stammte er aus bestem Haus, sein Vater war Pilot, seine Mutter eine attraktive, intelligente Madame, zu Hause sprachen sie deutsch und französisch, Pelzmäntel, grosse weite Welt, Geld und Geist, Studium, goldene Zigarettenspitzen, alles bei ihnen lag für unsere Begriffe total jenseits, im Unereichbaren. Sie lebten in einer Welt, von der wir nicht mal träumen konnten, vor der wir auch grossen Respekt hatten. Und diese Leute verkehrten mit uns, dieser kleinen introvertierten, biederen, braven Durchschnittsfamilie. Von ihnen aber strömte eine tiefe Sympathie, eine grosse Herzlichkeit uns gegenüber aus, und ich wusste nie, mit was wir das verdient hätten. Das war wie ein unerklärliches Wunder.

Jetzt aber habe ich Christian wieder getroffen, und all die schönen Gefühle treten wieder auf. Auch eine ganz kleine leise Beschämtheit machte sich bemerkbar, denn, nie würde ich so mutig und schön sein können wie er, nie werde ich so strahlend, so gescheit und so erfolgreich werden, und nie, was am schlimmsten ist, werde ich ihm eine solche grossmütige Herzlichkeit zurückgeben können, weil alles was mir möglich ist, im Vergleich zu Christian grau und klein und unbedeutend aussieht. Eines aber kann ich sagen: sein Erfolg und seine Schönheit, seine Intelligenz und sein Glück gönne ich ihm von ganzem Herzen, es freut mich, dass er zufrieden ist, dass ihm alles gelingt, dass er ein Sieger ist. Es gibt keinen Neid, es gibt keine Missgunst von meiner Seite, da ist nichts als Freude und Zustimmung. 
Er ist übrigens im Moment damit beschäftigt, sein überaus erfolgreiches Geschäft hier zu verkaufen, ebenso sein oder seine Häuser und will dann nächstens nach Amerika umziehen. New York, Long Island, ein Haus am Meer, dort wo die sehr Schönen und die ganz Reichen wohnen, seine Frau ist schon dort mit dem dreizehnjährigen Sohn. Dort will er Golf spielen, Motorrad fahren, das Leben geniessen. Why not? So long Christian. Ein ganz klein wenig könnte ich dich doch beneiden.

Das fast vollständige Gegenteil zu Christian war meine Tante Berta. Sie ist schon als Kind still und eigen, wird von den Brüdern geplagt. Es wird wohl kaum eine bescheidenere Person auf der Welt geben als diese dünne unscheinbare Frau. Berta war die jüngste Schwester meiner Mutter. Die vierzehn hungrigen Mäuler in der Familie mussten wohl schon immer mit dem Allernotwendigsten auskommen, und während all die anderen Geschwister sich verheirateten und im Laufe des Lebens sich einen einigermassen durchschnittlichen Wohlstand erarbeiten konnten, blieb Tante Berta ihr ganzes Leben lang 
ledig und immer bedürfnislos. Helfen und Dienen hiessen ihre Leitlinien. Sie arbeitete jahrzehntelang für einen «Gotteslohn» in verschiedenen Haushalten und Pflegeheimen als Hilfskraft, war stark mit dem Missionswerk „Mitternachtsruf“ verbunden und nachts viel draussen, um verlorene Seelen zu retten. Von Zeit zu Zeit tauchte sie bei uns auf, sei es zu Besuch, oder dann wohnte auch einige Wochen bei uns. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob irgendwann das Gerücht umging, sie sei als junge Frau schwer von einem Mann enttäuscht worden, auf jeden Fall umgab sie eine geheimnisvolle Aura. Sie blieb ledig, hatte schöne, sehr lange Haare, die ihr, wenn sie sich jeweils morgens kämmte, bis tief hinunter zum Gesäss reichten. Schon als kleiner Knabe durfte ich bei dieser Zeremonie zuschauen und bestaunte fasziniert dieses herrliche Haarwunder. Dann drehte sie die haarige Pracht zu einem Ribel zusammen. Mit diesem braven Ribel und ihrer gertenschlanken Figur sah sie dann wieder so aus, wie sie mir bis zu ihrem Tod als eine himmliche Erscheinung in Erinnerung bleiben wird: mild-streng-geheimnisvoll, leicht abgehoben und schwebend. Eher Engel als ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wenn sie auf Besuch kam brachte sie jedesmal irgendwelche «Spezialitäten» mit. Das waren dann so «gesunde» Leckerbissen, die sie in weiss ich nicht welchen exotischen Spezialläden gekauft hatte. Wir selber kannten ja zu jenen Zeiten nur den Lebensmittelverein-Laden LVZ und die verbilligten Kartoffeln von der Winterhilfe. Man könnte jetzt denken, Tante Berta hätte ihr sauer verdientes Geld mit solchen Luxusartikeln zum Fenster hinaus geschmissen. Dem war aber nicht so. Diese Exklusivitäten dienten nur der «Gesundheit» und waren somit gut angelegtes Kapital, dazu kam, dass, wie bei uns zu Hause immer gesagt wurde, sie nur wie ein Spatz ass. Erst wenn wir alle gegessen hatten packte sie ihre Köstlichkeiten aus, setzte sich alleine an den Tisch und knabberte und schnabulierte unendlich lange an ihren winzigen Portiönchen herum. Dazu bekam sie von meiner Mutter jeweils ein Drittelglas kräftigenden Wein, den sie noch mit viel Wasser verdünne. Eigentlich aber glaubte ich lange Zeit, sie lebe eher nur von Luft und Licht.
Ein halbwegs verständliches Gespräch mit ihr zu führen war unmöglich. Schon von ganz klein auf verstand ich kaum eines ihrer Worte. Und das blieb so bis am Schluss. Sie murmelte hauchte flüsterte dauernd irgendwelche Belehrungen und Ermahnungen, so jedenfalls interpretierte ich die leise dahingewehten unverständlichen Beschwörungsformeln, die sie mit liebenswürdiger Bescheidenheit über uns Kinder hauchte. Ich mochte sie trotzdem, oder vielleicht gerade wegen dieser eigenbrötlerischen und im Grunde unverständlichen Eigenart. Sie existierte für mich vor allem nur aus unbestätigten und ganz verschwommenen Gerüchten. Gerüchteweise hiess es, sie gehe an irgendwelche Versammlungen. Was für eine Art von Versammlung habe ich nie herausgefunden. Dass sie stark religiös und gläubig war, war mir bekannt, welcher Glaubensgemeinschaft sie aber angehörte, fand ich jedenfalls erst viel später heraus. Wahrscheinlich war sie auch in diesen Angelegenheiten eher eine Einzelgängerin. Auch ihr Privatleben war also von einer unklaren, geheimnisvollen Wolkigkeit umhüllt. In späteren Jahren habe ich sie immer seltener gesehen. Gelegenheit dazu boten zwei drei Beerdigungen. Gerne hätte ich dort ein paar Worte mit Tante Berta gewechselt, es blieb aber bei der gegenseitigen Begrüssung. Dann fing sie wieder an zu brabbeln und flüstern. Ich konnte ihre Art von Kommunikation nicht verstehen, wusste nicht, ob sie Fragen stellt oder ob sie irgendwas erzählt. Auch auf klare Fragen meinerseits kam nur Unverständliches zurück. Es gab für mich keinen rationalen Zugang zu ihr, doch spürte ich immer eine Art Sympathie und Gemeinsamkeit zwischen uns beiden. Und genau wie von meiner Mutter auch: ein stetiges Besorgtsein um mich und unsere Familie.
Es muss in den Siebzigerjahren gewesen sein als sich meine Eltern darum kümmerten, dass Tante Berta auch einen einigermassen menschenwürdigen Lohn erhielt. Für die Zeit nach der Pensionierung wurde für Berta eine einfache kleine Einzimmerwohnung in unserem Quartier organisiert. Nachdem meine Mutter gestorben war hielt vor allem meine Schwester den Kontakt mit ihr aufrecht. Anscheinend wurde sie aber praktisch nie in die Wohnung hereingelassen. Als es nach Jahren schliesslich einmal mit List gelang, die Wohnung zu betreten, war der Schock sehr gross. Was relativ häufig bei älteren und vereinsamten Menschen vorkommt, war auch bei Tante Berta der Fall: die Wohnung war vollgestopft mit Abfall und unnützen Dingen. Ungeziefer hatte sich ausgebreitet, die alte Frau war im Laufe der Zeit total abgemagert und geistig verwirrt geworden. Die Wohnung musste mit Hilfe des Sozialamtes geräumt und gereinigt werden, Tante Berta kam zuerst ins Spital und anschliessend in ein unscheinbares aber gemütliches Altersheim nahe, sehr nahe ihres Geburtsortes im Appenzell. Dort schloss sich etwa anderthalb Jahre später ein Lebenskreis, der von Anfang an bis zum Ende durch Bescheidenheit, Hilfebereitschaft und Introvertiertheit gekennzeichnet war. Ich habe sie noch einige Monate vor ihrem Ableben besuchen können. Es war, wie es stets gewesen war: sie erkannte mich, begrüsste mich erfreut mit meinem Namen, murmelte dann ihre unverständlichen Worte. Sie schien sich dort wohl zu fühlen. Ob sie noch realisiert hat, dass sie wieder in der alten Heimat angelangt war, konnte ich nicht herausbekommen.
So, wie Tante Berta mich ein ganzes Leben lang begleitet und mich ganz bestimmt mit ihrem Segen beschützt hatte, wollte ich ihr wenigstens auf diese Weise etwas zurückgeben. Was ich bis zum heutigen Tag sonst nie erlebte, ermöglichte sie mir an ihrem Begräbnis: Abschied zu nehmen in stiller Würde, Schlichtheit und Menschlichkeit. Als sie starb, war es mir ein Bedürfnis, sie auf ihrer allerletzten Reise zu begleiten und mit dem Fotoapparat noch ein wenig festzuhalten. Sie lag wunderschön aufgebahrt im offenen Sarg, still und friedlich sah sie aus. Mit ihre langen schönen Haaren rechts und links vom schmalen Gesicht hatte ich den Eindruck, hier schlafe ein flaumiges Engelswesen. Damit wurde, obwohl wir so wenig Kontakt hatten, auch ein gutes Stück meines Lebens mit ihr begraben.
Erich findet leider das selber gemachte Foto von Berta nicht mehr. Elf Jahre später, bei einem Besuch auf dem Friedhof, ist auch ihr Grab nicht mehr auffindbar. Berta hat sich endgültig verflüchtigt.

Später dann kreuzten weitere Menschen meinen Lebensweg, welche einen, für mich aber erst viele Jahre später bemerkten, Einfluss auf mein Leben hatten. Peter gehörte dazu. Ich war etwa im dritten Lehrjahr und befand mich in einem zunehmend unglücklichen, still leidenden Zustand. Eine heiss brennende und sich doch nie erfüllenwollende Liebesgeschichte kombiniert mit meiner kläglich-schüchternen Introvertiertheit drückte mein Dasein tiefer und tiefer in düstere und dunkle Gewölbe. Freunde hatte ich keine, Freundinnen sowieso nicht, Zuhause wurde nicht über Probleme gesprochen und wollte ich auch nicht, ich war vorwiegend alleine und isoliert und hatte den Alkohol als Tröster, als Mut- und Muntermacher entdeckt. Immer öfters, vor allem an den Wochenenden, war ich sinnlos besoffen, sonderte mich von den Strassen- und Schulkollegen mehr und mehr ab. Alleine, selten mal zu zweit, zog ich meine rauschigen verladenen Wege, auf der Suche nach weiss ich nicht was, nach Wärme, nach Geborgenheit, fühlte mich wie ein aus dem Nest verstossener unflüggiger junger Vogel, war zugleich trotzig und überzeugt, besser, viel besser zu sein als all die andern, und hatte doch gleichzeitig, halb unbewusst, Minderwertigkeitsgefühle, war verklemmt, bedrückt, behindert. Nicht einmal in all den wildesten Jahren wurde es mir möglich, bei Menschen Anschluss zu finden, geschweige denn mein höchstes Ziel zu erreichen: ein weibliches Wesen zu verzaubern. Meine Lage wurde zusehends bedenklicher. Unter der Woche stand ich gleichwohl zuverlässig in der Setzerei und war nach wie vor Stolz auf meinen Beruf. Aber mein Unglücklichsein muss langsam offensichtlich geworden sein. Mindestens für Peter. Er war ein schon ausgelernter Setzer, welcher nebenbei noch die Maturität abschliessen wollte. In der Schublade unter seinem Setzkasten lagerten diskret Spickzettel, da er parallel zum Arbeiten noch lateinische Vokabeln lernte. Also jedenfalls war Peter für mich der erste zivilisierte Mensch den ich kennenlernte, er war kultiviert, sympathisch und weltoffen. Und glücklicherweise auch am mir. Ich glaube er war der erste und einzige Mensch, der meine Probleme bemerkte und mich eines Tages auch darauf ansprach. Sowas war gänzlich ungewohnt und neu für mich, auf diese Weise angesprochen zu werden und ich hatte augenblicklich grosses Vertrauen in diese Art von Anteilnahme.
Peter war der Anfang vom Ende meiner Betrinkerei, er gab mir den ersten entscheidenden Impuls, nämlich, sich über mein Handeln bewusst zu werden, in vertrauter Atmosphäre mich aussprechen zu können, verstanden und unterstützt zu werden. Obwohl es noch einige Jahre dauerte, bis ich dem Alkohol dann ganz entsagen konnte, trank ich von diesem ersten Gespräch an «bewusster», problembewusster, müsste ich sagen, und mein Aberwille gegen das Verladen- und Zusein wurde  laufend stärker. Den Peter möchte ich gerne einmal wieder sehen, ich habe seinen Nachnamen vergessen, aber seine Gestalt, sein Gesicht sehe ich ganz klar vor mir. Womöglich kann ich über Umwege doch noch zu seiner Adresse kommen. Falls er noch lebt: es sind mittlerweile doch schon etwa fünfunddreissig lange Jährchen vergangen.
Mit „Let's Go to San Francisco“, das sich eines sonnigen Tages verführerisch durch die Druckerei verbreitete, wachte die Hippiezeit in mir auf, zum ersten mal in meinem Leben gab es ein gedankliches und gefühlsmässiges Gebilde, in dem ich glaubte mich wirklich aufgenommen und aufgehoben fühlen zu können.

Um 1990, Erich und Tante Berta mit nonverbaler Kommunikation einander zugeneigt.

 

Erich, wilde Jahre: 1969 bis 1986
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Erich, wilde Jahre: 1969 bis 1986
Erich hat die Lehre beendet und Arbeit in der TYPOPRESS gefunden. Im Atelier für Hand-, Maschinen- und Fotosatz bekommt er seinen Arbeitsplatz neben Ernst – einem erfahrenen, seriösen Setzer – der einen etwas verknorzten Eindruck macht. Dieser stützt sich gerne auf handfeste Tatsachen, wie: Gewerkschaft, Lesen, Wein, gestopfte Tabakspfeife. Erich hingegen neigt dem Anarchismus zu, «Love and Peace» heisst seine Devise. Eine friedvolle Weltrevolution scheint für ihn kurz vor dem Ausbruch zu stehen. Erich wirkt auf Ernst eindeutig etwas wirr. Doch der erste Blick täuscht: Ernst hat Humor und Kultur, Erich scheint ein sympathischer junger Schriftsetzer zu sein. Eine Griechenland-Reise zu viert ist 1972 der Auftakt zu einer langen Freundschaft. Ein paar Jahre später zieht Erich weg in den Kanton Aargau. Man verliert sich aus den Augen. Wieder Jahre später – die Kinder von Ernst sind schon bald erwachsen – belebt sich die Freundschaft wieder von Neuem.
1969 Erich hat Anschluss gefunden an eine unternehmungslustige Gruppierung um Werner Häberling, Maler surrealistischer Bilder und seine kleopatragleiche Mona, beide eben zurück von einer Indienreise per VW-Bus, was Erich gleich dreifach beeindruckt. Die aufsehenerregendste Tat der ansonsten unbescholtenen Bande ist der verspielte Raub oder die Entführung einer kunstvollen Steinskulptur am Zürichseeufer, was prompt am übernächsten Tag einen Aufruf an die Diebe im Tages-Anzeiger, das Kunstwerk doch bitte im Atelier des Künstlers in Wollishofen zurückzugeben, zur Folge hat. Schuldbewusst, und weil sie sowieso nicht wissen, was mit dem Steinklotz anzufangen, fährt man gemeinsam im Hippie-VW-Bus bei Einbruch der Dunkelheit zum Atelier und entledigt sich klopfenden Herzens des belastenden Raubgutes. In diesen Kreisen lernt Erich in einem Partykeller die um einige Jahre ältere Sibi kennen, welche ihn noch in der gleichen Nacht zu seinem ersten echten Liebesabenteuer animiert.

1970. Unvereinbarkeiten tauchen auf. Wünsche und Realität wollen nicht zueinanderfinden. Ihn drängt ein stetes Suchen, ohne Ziel in Sicht. Verklemmte Schüchternheit plus unrealistische Träume kombiniert mit dem Konsum von Alkoholika und ähnlich wirkenden Stoffen führen zu prekären Situationen. Zeitweise macht sich eine akute Lebensmüdigkeit bemerkbar. Mindestens zwei Mal schwebt ein aufmerksamer Schutzengel über ihm.
Erich reist per Eisenbahn nach Holland. Orientierungslos steht er vor dem Hauptbahnhof in Amsterdam. Nur eines ist ihm klar: Er will die Freiheit finden. Statt auf Eigenständigkeit stösst Erich laufend an seine persönlichen Grenzen. Zweifel bleiben seine treuesten Kumpane. Seine Hoffnungen sterben schwindsuchtartig noch vor dem Aufblühen. Träume versinken in hopfenbitteren Flüssigkeiten. Naivität und Mutlosigkeit gesellen sich dazu. Trotz allem unternimmt er zaghaft ein paar Ausbruchsversuche – welche aber mehr oder weniger harmlos bleiben.
Sommer. Nierenbiopsie im Waidspital. Befund: Glomerulonephritis, unheilbar. Prognose: früher oder später wird eine Dialysebehandlung oder Nierentransplantation nötig sein. Postnarkotische Unruhe und Ängste im Spitalbett. Bei geschlossenen Augen bestürmen ihn Tag und Nacht nervös-rasende Bilder. Der Patient wird für drei Wochen zur Erholung ins Tessin geschickt. Hat er wirklich mit Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, das Zimmer geteilt? So jedenfalls will es sein Gedächtnis wissen. Die ersten zwei Wochen hält der Lebensüberdruss an. Dann wird Erich von einer Betreuerin zu einer Wanderung eingeladen. Oben auf der Cimetta kommt man sich beim Naschen aus dem von der Begleiterin liebevoll bestückten Picknickkorb etwas näher. Erich befallen Bindungsängste, er bleibt reserviert. Immerhin wirkt die «Kur»: eine Türe öffnet sich, Licht erscheint am Horizont. Erich spürt neues Leben mit voller Kraft in sich aufblühen. Die depressive Phase ist wie weggezaubert.
Gleich unterhalb des Kurhauses gerät der wiederbelebte Erich in einen bunten Haufen „Weltverbesserer“, wo er sich in deren Ferienseminarhaus gleich einquartiert. Ein herumliegendes Buch, „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“, wirkt wie eine Erleuchtung auf ihn. Er lässt sich von dem interessantem Treiben mitreissen, neue Welten tun sich auf, trübe Tage, lähmende Lebensangst und Träume von einem asketischen Leben lösen sich im Nu in Luft auf. Mitten in einer feucht-schwülen Nachmittagshitze schwebt Erich in quirliger Schwerelosigkeit über den steilen Rebhängen zwischen Ascona und Moscia. Ein langhaarigblondes Wesen, umwölkt von süssen Haschischdüften, erwirken diese erstaunliche Elevation. Doch die Gravitationskraft macht sich bald bemerkbar, die Fallhöhe ist beträchtlich. Der Sommer hat sich abgekühlt, Erich ist unsanft auf dem harten Boden des Zürcher Alltags gelandet. Er hockt alleine mit seiner Gitarre am heimischen Zürichsee: Seine melancholischen Balzklänge verklingen ungehört. Der blöde Vollmond grinst spöttisch hinter dem Üetliberg hervor, rundherum wird leidenschaftlich geknutscht.
An einem Tiefpunkt angelangt, entdeckt Erich etwas Neuartiges. In einem grossen schönen Haus in Zürich-Enge werden von einer Kapazität aus Indien Yogastunden angeboten. Voller Ehrfurcht betritt Erich das Haus und geht eine Stunde später voller Zuversicht wieder hinaus. Er hat eine Methode erfahren, mit der er sich, falls nötig, selber wieder aufrichten kann.

1971. Nach einigen kurzen Beziehungsepisoden und beunruhigenden Erfahrungen mit illegalen Raucher­waren will Erich Abstand von der gegenwärtigen Situation. In seiner Naivität glaubt er, andernorts sei die Welt noch in Ordnung. «Flucht» nach Israel mit herrlicher Fahrt über das Mittelmeer. Ankunft in Haifa, abendliche Fahrt in ein Kibbuz. Betörende Orangenblütendüfte, überquellende Freiheitsgefühle, Verliebtheit. Lebenslust pur. Zu seiner bösen Überraschung wird auch im Kibbuz gepafft. Was die einen als erstrebenswerten halten, wird für Erich eine kümmerliche Angelegenheit: Liebesschmerz, Wehrlosigkeit, Verunsicherungen drücken auf sein Gemüt. 
Der Ausweg aus der „Aussichtslosigkeit“ zu Hause, ein Hilfseinsatz im Kibbuz, endet in einer Sackgasse. Er verlässt den Ort vorzeitig, trotzig, halb im Streit, zieht planlos in Israel umher. Er ist auf der Suche und weiss nicht, nach was. Möchte ankommen und bleibt nirgends länger als zwei Tage. Reist in den Süden nach Eilat. Leidet dort an Leib und Seele, übernachtet vor der Stadt im ausgetrockneten Wadi, dort wo die Abhandengekommenen und Abgefallenen hausen, verliert beinahe den Boden unter den Füssen. Denkt nur noch: ich stecke im Ende einer vermüllten Sackgasse fest. Wie in einem etwas billigen Film trifft Erich genau zum richtigen Zeitpunkt – in einer Phase, in der er sich in verschiedener Hinsicht auf einem Tiefpunkt befindet – am Strand einen Landsmann. Dieser fragt besorgt nach Erichs Zukunftsplänen, sagt, er selber arbeite in einem Spital. Erich ist beeindruckt: ein Krankenpfleger sitzt vor ihm, einer, der seinem Leben eine Sinn gegeben hat. Er ahnt noch nicht, was für Folgen diese Begegnung für ihn haben wird. Das kurze Gespräch weckt schlummernde Erinnerungen an seine ersten Helfereinsätze im Treppenhaus der Druckerei, an die erhebenden Gefühle dabei. Blitzschnell wird ihm klar: diesen Beruf will er auch erlernen. Wendezeit, ein Aufbruch beginnt, der sein weiteres Leben stark bestimmt. 
Am übernächsten Tag Busfahrt nach Haifa. Kontostand: Zehn Franken, das Retourticket für die Rückfahrt im Rucksack. Bald darauf stille Fahrt übers Mittelmeer. Nach unruhiger Nacht frühauf sehnsüchtig an der Reling. Am Horizont regt sich ein silbriggoldenes Schimmern. Bei aufgehendem Sonnenlicht taucht eine unwirkliche Märchenkulisse aus dem Meer. Die zauberhafte Fatamorgana verwandelt sich zusehends in eine phantastische Architekturlandschaft: Die Serenissima, Venedig wächst und wächst, betört Erich mit ihrer eleganten Grandezza. Berauschende, sinnbetäubende Düfte, tiefe Glücksgefühle überschwemmen den heimkehrenden Erich. An Land schwankenden Ganges mit Gitarrengeklimper ein paar Lire bei den Touristen zusammenbetteln, in den Giardini Papadopoli im Schlafsack übernachten. Autostoppversuch mit schwangerer Amerikanerin, die ihren Freund in der Schweiz aufsuchen will. Sie erleidet am Strassenrand bei Mestre eine akute Blutung. Aufgeregt gestikulierende Italiener rufen die Ambulanz, rasende Fahrt mit Blaulicht auf den Notfall, wo die beiden «Gammler» kostenlos gepflegt und aufgefüttert werden. Erich übernachtet unbemerkt in einem Ruderboot, drei Tage später Zugfahrt nach Zürich. Glückliche Heimkehr.

2023. Nachtrag zu 1971 Kibbuz Be’eri, 3 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Erich, der gerne Gutes tun will, pflückt als freiwilliger Helfer Orangen und Zitronen, arbeitet im grossen Hühnerstall, in der Gemeinschaftsküche. Jung, naiv, unkundig wie er ist, glaubt er ernsthaft an ein friedliches, freiheitliches Zusammenleben, ist vor allem mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Politik interessiert ihn nicht. Hellhörig wird er, als es heisst, man solle sich auf keinen Fall dem Gazastreifen nähern und als er sieht, dass viele Kibbuzim den ganzen Tag mit umgehängtem Gewehr herumlaufen. Der 3-Tage-Marsch, zu dem auch die Volontäre eingeladen sind, ist eine will-kommene Abwechslung vom Kibbuzalltag. Von allen Landesteilen her fahren Lastwagen los, die Ladebrücken besetzt mit enthusiastischen Chawerim und Chawerot, singend, strahlend, sich umarmend, braungebrannt, optimistisch. Sieht so die erhoffte Freiheit, die grosse Solidarität, das richtige Leben aus? Erich ist verunsichert. Soll er sich mitreissen lassen, kann, muss, darf er mittun, oder will er seinem Argwohn gegenüber vereinnehmenden Gruppen und Bündnissen vertrauen, bei sich selber bleiben? Am Ziel angekommen – ein militärisch bewachtes, stacheldrahtumzäuntes Zeltlager für einige Tausend Menschen – merkt Erich erst, dass er sich in der Gegend der Golanhöhen befindet. Der 3-Tage-Marsch, an dem er nur die erste Etappe (30 Kilometer) mitmacht, führt durch kürzlich besetztes Gebiet, vorbei an stumm am Strassenrand stehenden Menschen. Bildet er sich nur ein, oder erblickt er in ihren Augen Trauer, Misstrauen, Ablehnung? Schamgefühle mischen sich in seine sonst schon gedämpfte Stimmung, die er damals aber noch nicht einordnen kann. 
Nach 3 Tagen, auf der Rückfahrt ins Kibbuz, wird wieder gesungen, Halstücher flattern im Fahrtwind. Teils verlockt Erich diese berauschende Energie, andersherum stösst ihn das ab, er bringt keinen Ton heraus, ist nicht geschaffen für Gefühlsorgien, kollektive Begeisterungen, fühlt sich gehemmt, verklemmt, er schleicht sich innerlich davon, nach aussen tut er, wie wenn nichts sei. In Wirklichkeit kommt er sich als Versager vor, als Aussenseiter, der nirgendwo dazugehört, dazugehören will, als Schmarotzer auch, der die Gastfreundschaft der Kibbuzbewohner nicht zu schätzen weiss. Seine Euphorie ist verflogen, Ernüchterung macht sich breit, Erichs heile Welt hat einen Riss bekommen. 2023, zweiundfünfzig Jahre später, gleicher Ort: Terror, Horror, Trauerklagen . . . auf allen Seiten. Die Welt steht still. Erich kann und will nicht richten. Er fühlt sich nicht dazu berufen. Der Sachverhalt war, ist zu verworren. Am ehesten könnte er seine, durchaus nicht alleinige, Meinung kundtun, der Mensch sei eine tragische Fehlkonstruktion – die keinem Gott, welcher Art auch immer, hätte unterlaufen dürfen – und der, bedingt durch seine fatalen Defekte niemals in der Lage sein wird, aus seiner Welt eine Stätte der Friedfertigkeit zu gestalten. An etwas anderes glaubt er nicht (mehr).

1972. Gewissenskonflikt in der Setzerei. Erich erledigt für guten Lohn unbefriedigende Arbeit. Setzt Drucksachen, zu denen er nicht stehen kann. Kündet. Reist, setzt, reist. Findet schnell wieder Arbeit. Dauernde Unrast. Nach Schweden trampen im Herbst mit dem schönen Edi, der an jedem Ort, wie Erich neidvoll konstatieren muss, mit schnellen Eroberungen auftrumpft. Per Zug nach Amsterdam, dann hinunter in den Süden. Nach einer Woche Venedig mit dem Schiff nach Israel, dort Paranoia nach Joint. Rückflug nach Rom. Bei Tel Aviv beim Startvorgange Rauch­entwicklung am Flügel, Startabbruch in letzter Sekunde. Jetzt hat er definitiv die Nase voll, kehrt dem Setzerberuf den Rücken. Wendepunkt.

1973. Voller Tatendrang beginnt er den Vorkurs für Spitalberufe, zum ersten mal im Wissen darum, weshalb er sich Mühe beim Lernen geben soll. Die Anatomiedozentin kann ihn für das Fach begeistern, bei den Fremdsprachen werden keine grossen Fortschritte gemacht, da er diese Stunden meistens nicht im Schulzimmer verbringt. Erich macht einige unwiderstehliche Bekanntschaften, zieht in eine «rote» Wohngemeinschaft in Dietikon, erfährt dort ein überzeugendes Akupunkturwunder. Bekommt nach einer halbdurchzechten Nacht und unzähligen Irish Coffees bei einer Liebhaberin solchermassen Herzklopfen, dass es ihm anderntags schon wieder nicht möglich ist, im Italienischunterricht zu erscheinen.
Der erste Tag des obligatorischen Praktikums am Triemlispital gerät fast zu einem Debakel. Erich kann in der Mittagspause dem verführerischen Blick und den Reizen einer ebenfalls frischen Praktikantin, welche sie im Personallift verteilt, nicht widerstehen: ein kurzer Blickwechsel, ein diskretes Kopfnicken, und er drückt spontan, anstatt auf Etage 7, den U2-Knopf. Über seine Tollkühnheit verwundert und erschrocken zugleich, will er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, die ja auch nicht im Widerspruch zu seinem Leitspruch steht: make love, not war. Sie steigen, im gegenseitigen Einvernehmen, im halbdunklen Untergeschoss aus und verziehen sich sicherheitshalber hinter einen Vorhang, der einen fast blinden Nebenraum abtrennt. Zufällig lagern hier Liegen, Bahren, nackte Bettgestelle und warten auf ihren Einsatz. Als sich die beiden kurzentschlossen darauf niederlassen und sich näher kennenlernen wollen, ertönt aus der Nähe lautes Rufen, Stampfen, Schimpfen. Nervöse Taschenlampenlichter schrecken die beiden auf. "Sauhund", schreit einer, "Säuhünd" doppelt der andere lautstark nach, will wissen, was sie hier treiben und auf welcher Station Erich arbeitet. Zwei Angestellte, vermutlich vom technischen Dienst oder der internen Sicherheitsabteilung, bauen sich hämisch vor den Ertappten auf. Erich glaubt sein Herz steht still, aber es pocht wild wie nie, seine Begleiterin zupft verlegen ihre Kleider zurecht. Die Situation ist oberpeinlich, äusserst unangenehm. Zusätzlich zu Demütigung, Scham, Frust und Aufregung befürchtet Erich Konsequenzen: dass ihm sowas ausgerechnet am ersten Tag des ersten Praktikums passieren muss, bei welchem man ja nur den besten Eindruck hinterlassen will! Besorgt steigt er in den Lift, seine geschockte "Mittäterin" sieht er nie mehr. Für oben, im Stationszimmer befürchtet er Komplikationen, schlimmer noch, einen Zwangsabbruch des Praktikums, Rausschmiss aus dem Vorkurs. Aus der Traum vom Krankenpflegeberuf. Doch ausser dass ihn jemand nebenbei darauf aufmerksam macht, die Mittagspause dauere im Fall nur so und so lang, wird er von den Krankenschwestern freundlich in die Kunst des Pflegens eingeführt (Ehre, wem Ehre gebührt: Schwester Liliane Juchli. Allgemeine und spezielle Krankenpflege, Ein Lehr- und Lernbuch). Das Praktikum beendet er mit grosser Genugtuung, der Praktikums-Bericht des Triemlispital an die Vorkurs-Leitung hätte nicht besser ausfallen können. 
Nach dem Vorkursabschluss entscheidet Erich, nach kurzem Zögern, sich zum dipl. Krankenpfleger SRK ausbilden zu lassen. Sein Einfühlungsvermögen ermöglicht ihm einen direkten Zugang zu Kranken, Behinderten, Alkoholikern, Aussenseitern und Randständigen; seine helfenden Hände streckt er in den nächsten Jahren allen entgegen, die sie seiner Ansicht nach benötigen.
Erich zieht erstmals von den Eltern weg in ein Zimmer am Russenweg, wo ein vorläufig letzter Zug aus der Haschpfeife genommen wird. Als kurz darauf das Telefon klingelt, kommuniziert der desorientierte Erich dermassen konfus mit der Anruferin, dass er sich etwas später entschuldigen will. Nur: Er hat keine Vorstellung mehr, mit wem er gesprochen hat.
Er lernt am Vorkurs nebst Anatomie auch seine erste grosse Liebe kennen. Besteht den Abschluss, obwohl er die halbe Zeit in der Bodega statt in der Schule sitzt. Nun kann er Krankenpfleger werden – eine edle Aufgabe zum Wohle der Menschheit. Dazu braucht er nur noch einen Praktikumsplatz. Mit wildem Lammfellmantel – ein Mitbringsel aus Istanbul – und seinen schönen langen Haaren, stellt er sich in einem Spital vor. Erklärt, er sei Pazifist und militärdienstuntauglich. Worauf prompt eine Absage kommt. Beim zweiten Vorstellungsgespräch, in Winterthur, erzählt er genau das, was man hören will und bekommt die Stelle. Tritt diese aber nicht an.
Erich und Theres ziehen zusammen an den Hegibachplatz, geraten im Hinterzimmer einer Beiz per Zufall in eine konspirative Sitzung, in welcher eine Häuserbesetzung vorbereitet wird. Man wird politisiert, engagiert sich aber auf eigene Art, ohne Gefolgschaft und strammer Parteidisziplin. Er jobbt ein paar Monate als Chauffeur und Kulissenschieber für ein Theater und in der Setzerei Gloor im Seefeld. Dort herrscht Hochkonjunktur, der fortschrittliche Betrieb bezahlt Spitzenlöhne (elf Jahre später trifft Erich im Tessin, wo er in der Casa Solida­rietà den Winter verbringt, zufällig den ehemaligen Besitzer der Setzerei Gloor. Man sitzt nebeneinander an der Bar und kommt ins Plaudern. Der jetzt arbeitslose Ernst Gloor arbeitet in einem Beschäftigungsprojekt, seine Firma ging vor Jahren in Konkurs. Er nimmt das gelassen, ist zufrieden mit seiner Einzimmerwohnung im Seefeldquartier). Theres macht ein Praktikum im Burghölzli. Man sitzt in der Bodega, versinkt im Philosophieren und Schwärmen. Reist nach Griechenland. Ist zeitlos glücklich.

1973. Erich spielt im Schüler-Musical «Ava und Edam» nur mit einem Fell bekleidet den flötenspielenden Pan. Von dessen mythologischem Hintergrund hat er keine Ahnung, der Auftritt im dunklen Hintergrund dauert dann auch höchstens drei Minuten. In den kurzen Umbaupausen klettert er mit der Gitarre wild improvisierend im Publikum herum, und in einigen Massenszenen bewegt er sich wie vorgeschrieben in Slow-Motion oder rennt im richtigen Moment gebückt quer über die Bühne. Coaching Musik/Tanz: Yella Colombo, Gordon Coster, Remo Rau, Dodo Hug. 
Im Wander-Theater «Feierabend» ist Erich zuständig für Transport, Auf- Abbau der Kulissen, für Requisiten, Licht und Reparaturen. Strenge Arbeit, wenig Lohn, zuletzt wird er auch noch um die AHV-Beiträge geprellt.

1974. Wiederum kommt ein nützlicher Tipp der vorausschauenden Mutter, die Erichs ungeregelte Lebensführung nicht recht traut: An der Krankenpflegeschule Aarau werde in der Ausbildung ein guter Lohn bezahlt, während man andernorts noch mit einem «Gotteslohn» abgespiesen werde. Erich und Theres zögern nicht lange, melden sich an und zügeln in den Kanton Aargau.
Im Frühling fahren also Theres und Erich Richtung Westen. Zweck: in Aarau eine Wohnung finden. In Buchs, gleich neben der Telefonkabine, von wo aus sie potenzielle Wohnungsvermieter anrufen wollen, steht ein schiefes Haus an der Bahnstrecke Aarau–Suhr–Zofingen. Dort wollen sie zuerst nachfragen, ob eventuell etwas frei wäre. An der ersten Tür öffnet ein knorziger Mann, der kaum Deutsch spricht. Kerimov, ein ukrainischer Flüchtling, ist nach kurzer Zeit bereit, ihnen ein Zimmer seiner Wohnung zu vermieten. Die beiden sind hocherfreut, das alte Haus entspricht genau ihren Vorstellungen.
Im lotterigen Haus bewohnen Erich und Theres ein Zimmer, Kerimov das zweite. Die Stube dient als Lagerraum für Kerimovs Knoblauch-Nüsse-Früchte-Marktstand. Ende Monat schüttet Kerimov Berge von Münzen auf einen Tisch, Erich und Theres müssen seine Einkünfte zählen und dem fast tauben, analphabetischen Ukrainer auch sonst behilflich sein. In der etwas muffigen Küche steht eine grosse Pfanne Schaffleisch-Gemüse-Knoblauch-Suppe. Diese ernährt Kerimov jeweils eine Woche lang. Knoblauch liebt Kerimov besonders, Erich hat Mühe mit den intensiven Düften im ganzen Haus.
Bald beginnt die Ausbildung in der Krankenpflegeschule. Gleich nebenan steht das altehrwürdige Kantonsspital inmitten eines grossen Parkes. In einem Gebäude befinden sich Wäscherei und Küche. Das Essen wird in grossen Kübeln auf die Stationen geliefert. Gebrauchte elastische Binden werden gewaschen, auf der Station wieder zusammengerollt. Spritzen, Pinzetten, Skalpellhalter, alles wird gewaschen und dann in die Sterilisation gebracht. Noch existieren zwei gemütliche Chirurgie­säle mit je zwölf Betten. Kardex, Einsatzpläne, Bestellungen, Administration: Alles wird mit dem Kugelschreiber und Farbstiften erledigt. Der Lohn wird persönlich im Lohnbüro abgeholt, der Betrag muss an Ort kontrolliert werden. Doch ein radikaler Wandel kündigt sich an, dessen Konsequenzen sich der frische Krankenpflegeschüler nicht vorstellen kann. Abrissbagger sind am Werken, riesige Baugespanne ragen im schönen Park in die Höhe. 1976 ist das neue Spital bezugsbereit. In der modernen Küche werden die Mahlzeiten am Fliessband individuell für die Patienten portioniert. Die Spitalwäscherei wird kantonal organisiert, alle Wäsche wird nun in Brugg gewaschen. Die Schwestern-Haube, die eh fast niemand mehr trägt, und das obligatorische Internat für Schwesternschülerinnen werden abgeschafft. Neuartige Pflegesysteme werden eingeführt und alle Jahre umgekrempelt. Ein neues Patientenerfassungs-Abrollkarten-System spart auf den Stationen Zeit. Die ersten Vakuum-Spritzen rufen Erstaunen hervor. Wegwerfpflegeprodukte wie Moltex, Klistiere, Infusionsbeutel werden angeschafft. Alles verspricht jetzt modern, schneller, besser zu werden. Erich ist skeptisch, ob er den Sprung zum Krankenpfleger schafft, als Aussenseiter akzeptiert wird. Doch richtet er es ein, in der Schule mithalten zu können. Hat in den diversen Praktika keinerlei Probleme mit den gestrengen Stationsschwestern.
Als in Gösgen eine grosse AKW-Demonstration angesagt ist, muss Erich zu einer Notlüge greifen: Er hat im Praktikum auf der medizinischen Intensivstation an diesen Tag nicht frei, will aber unter allen Umständen an die Demo. Er meldet sich auf der Station als krank und ist an der tränengasreichen Auseinandersetzung in Gösgen als Sanitäter der Bürgerinitiative aktiv. Dummerweise platziert der «Tages-Anzeiger» am Montag auf der ersten Seite ein seitengrosses Foto. Ganz gross im Vordergrund: Erich der Sanitäter im Tränengasnebelmeer. Die Schummelei fliegt auf, er wird vor die schwer enttäuschte Stationsschwester zitiert, dann vor die Oberin. Es wird Meldung an die Schulleitung gemacht. Der Rausschmiss droht kurz vor dem Abschluss. Doch da Erich bei den massgebenden Stationsschwestern gut angesehen ist, kann er sich mit einem blauen Auge aus der Affäre «Anti-AKW-Demo Gösgen» ziehen – er wird an das Diplomverfahren zugelassen. Nach drei Jahren nimmt er an der Diplom­feier im Grossrats­gebäudesaal in Aarau das verdiente Papier und die Schwesternbrosche entgegen. Er hat es tatsächlich geschafft! Und ist jetzt richtig Stolz auf sich.
Erich und Theres heiraten ohne kirchliche Trauung. Das Fest findet auf dem Bauernhof statt, den der katholische Schwiegervater trotz Erichs atheistischer Gesinnung grosszügig zur Verfügung stellt.
Dreiviertel Jahre später der Umzug nach Aarau an die Rathausgasse in eine Altstadtwohnung im dritten Stock. Den Vermieter, der im Parterre ein Tea-Room betreibt, sieht man häufig mit zwei Coupes Romanoff in den Händen, in Begleitung junger Gästinnen in seine Wohnung im zweiten Stock verschwinden. Den juchzenden Tönen nach munden die süssen Eisspeisen herrlich. Als sich der lebenslustige Vermieter verlobt, verbietet die frisch Verlobte den Mietern, den Dachgarten zu benutzen – sie möchte sich dort oben ungestört nahtlos bräunen lassen können.

1975. Erich bewegt sich in Kreisen, welche den «Alpenzeiger», ein alternativ-anarchistisch-libertäres Untergrundblatt, produzieren und auf einer A4-Offsetmaschine drucken. Inhaltlich begreift Erich nicht viel, hingegen weiss er sich dort intuitiv im richtigen Umfeld. E. macht sich jeweils beim Zusammentragen der Blätter nützlich. Die halbklandestine Tätigkeit, mit welcher – meint er wenigstens – das autoritäre Patriarchat unterhöhlt werden kann, ist sein schmaler, aber nichtsdestotrotz wichtiger Beitrag zu einer besseren Welt.
Das Restaurant Sevilla ist zur zweiten Heimat geworden. Im schmalen Lokal mit den schlichten Holztischen breitet sich die Geselligkeit jeweils exponentiell im Verhältnis zur fortschreitenden Abendstunde aus, um, am Höhepunkt angelangt, also dann, wenn zur Polizeistunde die schrillen Neonröhren die Gäste brutal aus ihren verwinkelten Diskussionen reissen, beinahe ins Bodenlose zu stürzen. Anregende Gesichter verwandeln sich innert Sekunden in aschfahle Fratzen welche trüben Blickes auf dürren Beinchen dem Ausgang entgegentorkeln, um draussen auf dem Trottoir die unterbrochenen Monologe endgültig ins Absurde abstürzen zu lassen. 

1976. Umzug an die Pelzgasse. Die schöne alte Wohnung könnte noch verschönert werden. Ohne Bewilligung des Hausbesitzers malen Erich und Theres die Fensterrahmen gelb an. Der Vermieter, sonst schon misstrauisch geworden wegen der Anti-AKW-Kleber am Briefkasten, ist bald nicht mehr freundlich, die stechenden Blicke seiner Gattin motivieren zu erneuter Wohnungssuche.
An der Oberholzstrasse hat ein befreundetes Paar ein kleines Zimmer zu vermieten. Das wird rasch bezogen. Wenn es regnet, regnets auch im Zimmer. An mehreren Stellen müssen Töpfe aufgestellt werden. Durchaus wärs eine recht gemütliche Wohngelegenheit, aber das WG-mässige Zusammenleben behagt den beiden nicht. Halbherzig schmieden sie deshalb nach ihrem Diplomabschluss grosse Auswandererungspläne. Da erfahren sie von einem alten Bauernhaus, das zu mieten ist, und verschieben sich anstatt in die Toscana ins benachbarte Suhr. Am Rande des Dorfes, nahe bei Kühen und Wäldern, leben und hausen sie die nächsten sechs Jahre, praktizieren eine alternative Lebensweise, engagieren sich im Anti-AKW-Kampf, arbeiten mal da mal dort oder auch nicht. Weder Bhagwan, RML und POCH, auch nicht die LPG in Villeret, können die beiden in ihren Bann ziehen. Andere Kreise in und um Aarau senden dafür belebende Signale aus: Schreiber, Künstler, Anarchisten und Aussenseiter machen auf Erich grossen Eindruck: Max Matter, Heiner Kielholz und Hugo Suter, Klaus Merz, Hermann Burger, der geniale Zeichner Düdül, und ein paar Dutzend mehr. Oberarzt Dr. Emmanuel M. fasziniert den jungen Chirurgiepraktikanten Erich, als er bei der Chefvisite, an welcher über AKW-Gegner gelästert wird, die versammelten Arzt-Kollegen mit den lauten und klaren Worten: «Ihr seid alles Arschlöcher» abkanzelt. Ab jetzt fühlte sich Erich in Aarau zu Hause und findet Anschluss an die lokale alternative und anarchistische Szene.
Erich ist an der Anti-AKW-Bewegung mitbeteiligt. An den wöchentlich stattfindenden Zusammenkünften der Aarauer-Aktiven in einem Hinterzimmer eines gutbürgerlichen Gasthauses werden Informationen ausgetauscht, das weitere Vorgehen gegen den Bau des AKW Gösgen besprochen, nötige und unmögliche Aktivitäten ersonnen. Eine davon, eine nachmitternächtliche Plakatklebeaktion, bei der unter anderem das Denkmal "Der Aargau seinen Soldaten" mit dem Sinnspruch auf der Rückseite: "Den Schützt die Freiheit nur, der sie beschützt", und dessen Standbild so eindrücklich seinen Widerstand gegen Westen demonstriert, das, unserer Überzeugung nach, auf die Bedrohung des zukünftigen AKW Gösgen umgemünzt werden soll. Ein genialer Streich, der doch zweifellos die Mehrheit der Aarauer überzeugen wird, vielmehr, als das Plakat mit einem Text, extra für dieses Denkmal ersonnen: "Ich bleibe frei von nuklearer Bedrohung – ATOMKRAFT? NEIN DANKE." auf die Brust des wehrhaften Bürgers geklebt werden soll. Zu dritt dann Unterwegs mit übermässig klopfenden Herzen, erklettert der Sportlichste des Trios das Denkmal-Podest, unten steht einer aufmerksam Wache, der andere trägt reichlich Fischkleister auf und will das Plakat in die Höhe reichen. Da verliert der Obere sein Gleichgewicht, kann sich gerade noch mit einem Seitensprung vor schlimmeren retten, verstaucht- oder verzerrt aber bei der Landung sein rechtes Sprunggelenk. Behindert wegen dem stark humpelnden Pechvogel will man so tifig und unauffällig wie es geht verduften, was genau genommen kaum nötig ist, da um diese Stunde höchstens noch einige benebelte Spätheimkehrer den Heimweh suchen. In den nächsten Wochen sieht man – heute muss das nicht mehr verschwiegen werden – den Geigenbaulehrling sich nur an zwei Stöcken in Suhr und Aarau herum bewegen.

1980. Bis in den Kanton Aargau dringt die Kunde vom "Opernhauskrawall" in Zürich auch ihm rasch in die Ohren. Die Jugendunruhen lassen Erich nicht kalt, er nimmt an verschiedene Aktionen und Anlässe teil, teils aus Neugier, teils aus Sympathie für die Anliegen der "Bewegung". Die hastige Flucht vor Tränengas und Gummigeschossen in das Haus der Christengemeinschaft Zürich, wohin er zusammen mit ein paar gehetzten Demonstrierenden atemlos mitten in eine religiöse Versammlung platzt, dort ohne Zögern herzlich aufgenommen wird, und sich dabei völlig deplatziert vorkommt, gehört bestimmt zu den kurioseren Erlebnissen in seinem Leben. 
Nach einigen traumhaft harmonischen Jahren ziehen unerwartet trübe Wolken am Himmel auf. Eines Tages, auf der Landiwiese am Theaterspektakel, wo man zusammen einen schönen Abend verbringen will, gesteht Theres, sie könne nicht mehr mit Erich zusammen bleiben. Die Mitteilung trifft mitten ins Herz. Die nächsten Tage dann Zuhause werden zu einem drastischen auf- und ab der Stimmung. Mal scheint die Beziehung gerettet, mal herrscht Hoffnungslosigkeit vor. Dann kommt sie mal sehr spät nach Mitternacht vom Ausgang nach Hause und gesteht, eine "Affäre" mit einem unserer Bekannten gehabt zu haben. Päng. Knockout-Schlag. Doch die Hoffnung, die Krise könnte sich doch wieder zum Guten wenden, ist noch nicht ganz gestorben, als kurz später an einem sommerlichlauen Gartenfestabend aus dem Mund der kleinen sympathischen Schwester von Erichs Partnerin ein orakelhafter Satz ertönt. Erich fröstelts. Die symbiotische Seligkeit gerät ins Straucheln. Fast Unaussprechbares, da zu schmerzhaft, geschieht. Das Orakel trifft ein: Erich macht einen gravierenden Fehler, Theres verlässt ihn am nächsten Tag.
Erich sitzt im kalten Haus, in ihm brennt eine ausgebombte Landschaft. Nichts ist mehr ganz, nur noch Ruinen und Trümmer.
Eine stürmische Zeit beginnt, Hektik entsteht. Er kennt sich kaum mehr, fürchtet, sich zu verlieren, muss sich neu erfinden. Nach einigen Wochen wird ein naher Blitzschlag zum Fanal: Leben! Er will dem Schmerz in die Augen schauen, will sich in die Trauer stürzen, für eine lebenswerte Zukunft kämpfen. Im Dezember räumt er das Haus, kippt alles in eine Abfallmulde, wirft den Hausschlüssel in den Briefkasten des Besitzers, geht, ohne sich abzumelden.

1983, am 24. Dezember zieht Erich bei einem flüchtig Bekannten ein. Die Wohnung gleicht einer Müllhalde, sein Zimmer und die Küche muss er erst komplett «freischaufeln» und neu streichen. Beginnt in seiner «Zelle», wie er das Zimmer nennt, schreibend nach Spuren seines Ichs zu suchen. Als der alkoholisierte Wohnungskollege eines Abends mit einer geladenen Armeepistole herumfuchtelt, flüchtet Erich aus dem Fenster, kommt für einige Nächte bei einer Kollegin unter, zieht dann provisorisch in eine Wohngemeinschaft in Küttigen und kurz darauf in eine kleine Wohnung am Kirchplatz in Aarau, die er, im Sevilla, im richtigen Moment angeboten bekommen hat.
Der Vater, von der beunruhigten Mutter geschickt, kommt nach Aarau, um Auskunft zu bekommen. Aussprache an der Aare. Erich weint an Vaters Seite – ein verwirrend emotionales Ereignis. Die ungewohnten Emotionen verstören. Abgründe tun sich auf, ungeahnte Kräfte erwachen. Er geht neue Wege, verhält sich ungewohnt. Besucht ein Tanzstudio für Modern Dance, produziert mit zwei Kolleginnen eine Ausdruckstanz-Performance, joggt der Aare entlang, trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr, fühlt sich nüchtern stark und präsent. Er verwickelt sich in eine Dreiecksbeziehung, merkt bald, hier kann er nicht mehr weiter leben, und überlegt: wo dann sonst? Als einzige Möglichkeit, sich von Aarau fortzureissen, bleibt: wandernd die Welt neu entdecken, das wenige Gepäck auf dem Rücken eines Lasttieres. Er macht sich an die Vorbereitungen. Grosse Hindernisse, Hürden, Schwierigkeiten überwindet er nun mit Hartnäckigkeit – es gibt kein Zurück mehr.

1984. «Pilgerreise». Im Frühling zieht er los. Hinterlässt alle und alles, sein Herz brennt. Brücken stürzen ein. Schritt für Schritt Wahnsinn, Leichtsinn, Überschwang. Nullpunkt. Auf Pilgerreise mit schwerer Bürde, ohne Plan, durch weite Ebenen, über hohe Berge, dem Süden entgegen. 
Auf dem Weg hinauf ins Aussteigerdorf Doro ist er wieder auf die Hilfe seiner Schutzengel angewiesen. Ohne diese wäre er abgestürzt. Bleibt dort oben einige Wochen, rennt den Geissen nach, hütet Hühner, Pferde, Esel, sein Maultier, baut am Gemeinschaftshaus mit, empfindet sich richtig gesund, stark und frei (siehe auch Seite 20). Wandert nach einigen Wochen mit leisem Abschiedsschmerz weiter, keine Ahnung, wohin. Er zieht im Tessin umher, arbeitet dies und jenes, lernt viel Neues, erlebt Wundersames. Kommt nie über die engen Landesgrenzen hinaus, reibt sich hart an seinen eigenen Beschränkungen.
Versteckt in den Wäldern oberhalb und abseits von Bellinzona haust er ein paar Tage bei einer seiner Meinung nach etwas ver-rückten Aussteigerin, deren zahllose Tiere frei auf ihrem Gelände und im ganzen Wohnhaus herumtollen- und kacken dürfen. Nebst Erich erhalten auch einige andere merkwürdige Gestalten Asyl, die träge versuchen, das riesige Chrüsimüsi in und um das Haus herum im Zaun zu halten oder aber auch zu vermehren. Man kann sich jetzt fragen, weshalb findet Erich solch originelle Orte und Menschen, bei denen er einige Zeit unterschlüpfen kann? Die Antwort lautet: der störrische Esel, also Erich, verlässt sich ganz auf sein Muli, das nicht nur Erichs Gepäck trägt, sondern mit hellhörigen Ohren und wachen Instinkten sie beide zielsicher zu seinen vierbeinigen Kollegen führt. Und wenn schon eine Fragestunde stattfindet, dann folgt gerade eine weitere: Wer ist bei einem Kreuzungsprodukt wie z.B. beim Maultier, Vater: A ein Eselhengst, B ein Pferdehengst. Und wie verhält es sich bei den Mauleseln, Eselstute x Pferdehengst oder Pferdestute x Eselhengst? Über diese Frage, die Erich an jeder zweiten Weggabelung gestellt wird, stolpert er fortlaufend. Da aber sein Muli soo herzig ist, nimmt Erich seine Unwissenheit niemand übel, ja, er wird sozusagen nicht ganz ernst genommen. Überhaupt hat er die ganze Wanderzeit hindurch den Eindruck, sein Muli werde überdurchschnittlich mehr geachtet als der Maultierführer, es stehe in der Rangfolge zuoberst und spiele gerne das Alphatier. 
Vom verrückten Hügel hinab zieht es den geistig und körperlich halb vertrockneten, halb zerfliessenden Erich für ein paar Stunden in urbane Umgebung mit zivilisiert anzublickenden und nüchtern denkenden Menschen. Herumschweifend in Bellinzona steht er unvermittelt vor einen einst vermutlich prachtvollen, jetzt aber heruntergekommen misteriösen Bauwerk, halb Ruine, oder Umbauobjekt, angeschrieben an der Fassade mit verwelkenden Goldbuchstaben als "Teatro Sociale". Nun wird Erich von seiner architektonischen Neugierde gepackt, zwängt sich verbotenerweise durch eine angelehnte Blechtüre hinein in das heruntergekommene Gebäude. Rechts hinter modrigen Plastiktüchern windet sich eine geschwungene Treppe hinauf in ein schwarzes Loch, abweisend, unzugänglich. Links hinten im windignasskalten Durchgang züngelt eine dürre Kerze, weiter hinten nochmals eine. Er wagt sich trotz Bedenken einige Schritte tiefer ins abgeblätterte Ganggewirre. Hesses Steppenwolf mit dem "Magisches Theater" flattert schattenhaft im Raum herum, eine mulmige Befürchtung beschleicht ihn von hinten. Um eine weitere Ecke herum prahlt eine mit blutrotflackernden Kerzen flankierte Türe, hinter welcher dumpf so etwas wie Stimmengemurmel zu hören ist. Abhauen jetzt, oder doch misstrauisch einen Blick hinter die Türe werfen? Ein unheimlich an- und abschwellendes Pulsieren, gewiss neben oder über ihm, stellt sich bald als sein eigenes Herzklopfen heraus. Sein darauf halblaut heiser abgehacktes Gelächter lässt ihn erschaudern. Vorsichtig, tapfer, öffnen er die Türe einen Spalt weit, erblickt inmitten einer brodelnden Nebelwand in eine Art Proberaum oder Hinterbühne, es könnte möglicherweise sogar eine Theatergarderobe sein. Jedenfalls sitzen Menschen oder Schauspieler an Tischen und tun so, als ob sie Essen würden und in private Gespräche vertieft seien. Irgendwie dünkt mich alles unwirklich hier, geht Erich durch den Kopf, er fühlt sich plötzlich als Statist in einem surrealen Film, der die Regieanweisungen nicht begreift. Moment, da stimmt etwas nicht, kann doch so nicht sein, denkt Erich, die trinken und essen real, also, aha, alles klar jetzt, er befindet sich wahrhaftig in einem raffiniert als altes marodes Theater dekorierten Restaurant und die Gäste sind alle echt. Oder findet vielleicht doch gerade eine avantgardistische Theaterproduktion unter Mitbeteiligung der Zuschauer statt? Nach einigen verdatternden Momenten ist sich Erich sicher, in einem echten Speiselokal zu stehen und setzt sich, unbemerkt, an einen einsamen Tisch in die Nähe des glühenden Holzofens. Die wohlige Wärme, schmackhafte Düfte, die vielschichtigen Sinneseindrücke sättigen und stärken Erichs ausgehungerte Innenleben, bevor er sich in frostiger Nacht wieder in die Hügel und Wälder zu der verlotterten Aussteigergemeinde hinaufquälen muss. Auf dem Weg lässt ihn ein Gedanke nicht mehr los: morgen früh wird sofort sein Lasttier gepackt und neuen Ungewissheiten entgegen gewandert.
Schliesslich strandet er gegen den Spätherbst hin in Cavigliano und überwintert dort in der "Casa Solidarietà" des Schweizerischen Arbeiter-Hilfswerkes [SAH], früher ein Flüchtlingsheim, jetzt einfache Ferienpension. Da spielt er „Mädchen für alles“, vom Esel- und Hühnerstallerbauer, Gästezimmer herrichten über Hilfskoch, servieren, 
abwaschen bis zum Ersatz-Barmann und Gästechauffeur. Dort Bekanntschaft mit René E. Mueller, Buchautor und Weltenbummler (siehe Seite 189), dem leider allzufrüh verstorbenen Zeichner Mike van Audenhove, Illustrator und Vorbild. Den Aussteigern im Onsernonetal. Einer prinzessinnenhafte Reiterin, mit der er ein paar Tage wandernd in der Toscana verbringt. Einigen Absolventinnen der Dimitrischule und einer Schlangentänzerin, mehreren Eselhaltern, Schafzüchterinnen, Schlaumeiern, Faulpelzen, fleissigen Köchen und einigen tessinerdialektsprechenden Einheimischen. So vergeht ein ereignisreiches halbes Jahr, dazwischen auch mit einiger Aufregung, als in Tschernobyl das AKW explodiert, und es heisst, die radioaktive Wolke ziehe genau Richtung Tessin. 

1985. Als er im Frühling mit seinem Maultier weiterzieht, steht er wieder an einem Scheideweg: hinten liegt eine gute Zeit in der Casa, vor ihm "unbekanntes Land". Der Abschied fällt nicht leicht, sein schweres Herz hängt wie ein Klotz an seinen Beinen.
Irgendwann erreicht er eine einnehmende Lichtung oben an einem Bergkamm, überrascht von der unerwarteten Aussicht, fällt sein Blick hinunter nach Ascona und den See. Orte und Landschaften schönster Erlebnisse, schmerzhaft in diesem Moment. Er bleibt eine Zeitlang wie angewachsen stehen, möchte einfach hier stehen bleiben, versucht die Zeit zurückzudrehen, kann sich kaum losreissen und weitergehen. Eine sonderliche Vertrautheit überkommt ihn déjà-vu-artig. Könnte man auch verdeutlichen: das war ein sich-Auflösen-Auseinanderfallen-neu-wieder-Zusammensetzen-Erlebnis (siehe Seite 170)? Nach einer kleinen Ewigkeit steigt er wie verwandelt voller Zuversicht den Hügel hinunter, seinen neuen Abenteuern im Malcantone entgegen. 
„Der Weg ist das Ziel“, eine wahrlich inflationär geäusserte Weisheit. Auch für Erich gilt dieser Satz, allerdings nicht freiwillig gewählt, sondern mehr seiner Ratlosigkeit wegen. Vermeintliche „Abkürzungen“ wurden oft zu Umwegen, die in Sackgassen mündeten. Sie haben trotzdem an irgendwelche Ziele geführt. So musste er auch auf seiner "Pilgerreise" mehrmals umkehren, da kein Vorwärtskommen mehr möglich war, und neue Wege finden. Eine belastende Herausforderung: wenn er nicht entscheiden kann, ob nach links, nach rechts oder wohin sonst zu gehen sei. Seine grosse Ungebundenheit bedeutet auch, permanent auswählen, weglassen müssen. Zweifeln, ob der gewählte Entscheid auch der „richtige“ sei. Schlussendlich strandet er in Breno im Castello bei Stefan G., ehemaliger Bauführer in Bern, Aussteiger, ideenreicher Alleskönner, Konstrukteur. Bei ihm bleibt er bis zum Spätherbst 1985 und baut Trockenmauern, zerteilt Baumstämme zu Brettern auf Stefans grossen Gattersäge, verrichtet Arbeiten, die er sich niemals zuvor zugetraut hätte. 
Stefan stöberte vor wenigen Jahren in den Ruinen der leerstehenden ehemaligen Lungenheilstätte für Tuberkulosepatienten in Agra herum, bargt manche Kostbarkeiten, findet im Archiv der Rönt­genabteilung Berge von Röntgenbilder, wer weiss: wahrscheinlich darunter auch einige der ehemaligen Kurgäste Erich Kästner und Berthold Brecht. Darauf suchte er in der ganzen Schweiz unzählige Arztpraxen auf, um „unentgeltlich“ ihre abgelaufenen Röntgenbilder zu entsorgen. Wegen des darin enthaltenen Silbers konnte er diese zu besten Preisen verkaufen und damit den Kauf des grossen Castellogrundstücks inklusive zwei Rustici ermöglichen. 
Um zu seinem Gelände zu gelangen hat Stefan über ein tiefes Tobel hinweg zwei Drahtseile gespannt, daran eingehängt schaukelt ein umgebautes Velo, also, wie kann das erklärt werden, man setzt sich mutig auf die Konstruktion, dreht dessen Pedalen, die oben vor der Nase liegen, mit den Händen, und kann so bequem die Schlucht überqueren. 
Ennet des Tobels haust ein halbverwilderter Pferdehalter dessen Tiere des öfters ausreissen, und der, wenn man die Pferde wieder zurückbringt, grimmig dreinschauend mit einem Gewehr in der Hand herumfuchtelt. Wem die Drohgebärden gelten, ob den Ausreissern, oder den Eindringlingen? ist nicht auszumachen.
Ein umgänglicherer Nachbar, Besitzer einiger schöner Esel, etwas abseits in einem ausgebauten Rustico lebend, ist K., gepflegt, seriös, belesen, kultiviert. Immer perfekt gekleidet. Ein paarmal ladet er zum Spaghettiessen ein, seine Freizeit verbringt er mit Cello spielen, was er sonst tut, ist ein Rätsel. Einmal ladet er die Castello-Bewohner zu einem Konzert ein. In einer grossen Kirche unten im Tal findet das feierliche Ereignis statt. Da zeigt sich: K. ist in vorzüglicher Solocellist, der mit seinen sanften Tönen alle Herzen zum Schmelzen bringt. Jetzt ist für Erich das Cello Instrument Nummer 1. Inte­ressanterweise wird K. nie in Begleitung gesichtet. Auch in und um sein Haus finden sich keine Anzeichen eventueller Besucher*innen. Das kann Erich feststellen, nicht weil er aus Neugier ums Cellisten-Rustico herumstreift, sondern weil dort sein Maultier bei den Eseln für einige Zeit Gastfreundschaft geniessen darf.
In Breno inspirieren ihn die beiden Künstlerinnen Maya, die ihm den Holzschnitt näher bringt, und I. mit der er einige ungewöhnliche Abenteuer besteht. Interessant ist auch M., charmanter Erzähler und Mann der Tat, Erfinder des automatischen Frühbeetöffners (arbeitet selbsttätig mit Sonnenenergie), der damit, so hört man sagen, ein Vermögen gemacht hat und mit seiner sechsköpfigen Familie als Aussteiger in einem Rustico mit Trockenklo etwas ausserhalb des Dorfes lebt. Sein selbsterstelltes, mit farbigen Mosaiken verziertes Natur­swimmingpool zieht junge Bewunderinnen aus nah und fern an, die sich im frischen Wasser abkühlen wollen und denen er sich ausgiebig widmet, derweil seine Frau im Haus nach dem Rechten sieht. Im Herbst wird es kühl und feucht in Erichs improvisierter Waldbehausung. Die Zeit der Entscheidung naht und damit auch wieder die Frage: Wie weiter? Versuchen, irgendwo Fuss zu fassen? Aber wo?
Herbst. Er entscheidet sich, den Winter in der Deutschschweiz zu verbringen, findet eine Stelle im Spital Uster. Das bedeutet: aus dem Tessinerwald direkt ins Spitalpersonalhaus zügeln und versuchen, deswegen nicht auseinander zu brechen. Er muss aktiv werden, darf sich nicht in an vergangene Zeiten verlieren. Neue Leute kennenlernen, lange Spaziergänge, lesen, Westernreiten lernen, in der Genossenschaftsbeiz verkehren, sich auch ein paarmal in einem Übungskeller musikalisch die Finger verbrennen. Doch, in Uster läuft es erfreulich gut, fühlt er sich in kurzer Zeit wohl. Er ist beliebt bei den Krankenschwestern auf der Intensivstation, bekommt verantwortungsvolle Aufgaben zugeteilt, und einmal, bei der Überwachung einer EKG-Ableitung im Stationszimmer, merke er erschrocken, dass nicht nur der Puls des Patienten heftig ansteigt und sich die Extrasystolen bedrohlich vermehren, sondern auch, dass sein eigener Puls beim Anblick der neben ihm stehenden Krankenschwester in Unregelmässigkeiten gerät. Ein leichter Hauch von verliebt sein lupft seine Stimmung, er wird richtig mutig und denkt sich, eine Anfrage zu einem gemeinsamen Kafitassennachmittag wäre doch eine gute Gelegenheit, sich etwas besser kennenzulernen. Doch die in seinen Fokus Geratene teilt ihm in einem lieben, verständnisvollen Brieflein mit, es sei leider derzeit für sie nicht angesagt, sich Erich mehr anzunähern.

1986. Dann erblickt er die erste Frühlingsblumen, jetzt drängt es ihn weiter. Der Abschied fällt wieder schwer, doch Dableiben kann er nicht. Erste Station: Willisau, Jazz-Festival. Trotz der heissen Klänge taut er nicht auf. Was, gopferteli, hindert ihn, in Kontakt zu anderen Leuten treten? Ärgerlich, dass er sich unter Menschengruppen nur noch einsamer vorkommt. Am übernächsten Tag reist er ins Wallis, lebt ein paar Wochen bei Freunden auf ihrem Biohof, im Wickert, oberhalb Brig. Zuerst müssen die Wasserfassungen der Leiten (Suonen) oben am Berg vom Schnee freigeschaufelt und instand gesetzt, der ganze Lauf der Leiten kontrolliert und herausgeputzt werden. Im Sommer wird das Weideland gewässert, später heisst es heuen: Gras mähen, zetten, zusammenrechen, aufladen, mit dem Gebläse in den Heustock befördern. Viel Staub, Durst, Schweiss. Ein Rhätisches Grauvieh kaufen, dem Wickert schenken für Kost, Logie und Gastfreundschaft, und den „eigenen“ Biokäse somit doppelt geniessen. Den Zmorgekaffee mit Geissenmilch verdünnen, gewöhnungsbedürftig. Zusammen mit Andy, Brigitt und Stefan, den drei ausgestiegenen Einsteigern vom Wickert aufgekratzt wilde Fahrt amab uff Gampel ans eerschti Rockfestival im Wallis. Am Steuer des grasgrünen Döschwos der dauerbekiffte Thöme. Ein Walliserrockfestival sozusagen vor der Haustüre. Ja aber Hallo! Da ist man selbstverständlich mit dabei. 

Im Juni zieht es ihn an eine Anti-AKW-Demo bei Gösgen. Im Tränengasnebel begegnen sich Erich und Marlis zum ersten Mal. Das Zusammentreffen bleibt nicht ohne Folgen. M besucht E im Wickert, eine Beziehungsgeschichte bahnt sich an. Bevor E M im Gegenzug in W besucht, schliesst er sich spontan an die geplante Portugalreise der ebenso spontanen Eltern seiner Freunde an, und lässt sich bequem in der kultigen Citroën DS durch Spanien und Portugal chauffieren. Die Stimmung auf der Reise ist gedämpft bis angespannt, da sich die verschiedenen Bedürfnisse zum Teil diametral entgegenlaufen. Nichtsdestotrotz verbringt man zusammen einige sonnige Tage, unter denen als eindrücklichste Erinnerungen die Casa Salvador Dalí bei Cadaque, die Sagrada Família in Barcelona und das aufgebrochene Auto an einem Badestrand in Nordspanien haften bleiben. Wobei ihn das Abhandenkommen seiner Lieblingshosen am meisten schmerzt.



1969. Als Setzer am Titelsetzgerät STAROMAT in der TYPOPRESS. Der rasante technische Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten, alle teuer angeschafften Setzgeräte und sind innert kürzester Zeit veraltet. Der Bleisatz liegt in seinen letzen Zügen.

 

1970. Als Tramper unterwegs nach Schweden. Seine lockenden Klänge ziehen zwar Bewunderinnen an, die aber zeigen durchwegs an sei­nem schauspieler­haft aussehenden Kollegen Interesse.

1973. Erich und Theres auf der unbewohnten Vulkaninsel Nea Kameni, im Hintergrund Santorini.


1974. Ein Höhepunkt am verregneten Hochzeitsfest: v.l.: Christoph Marthaler, Dodo Hug, und Pepe Solbach begeistern die Hochzeitsgäste.
Einem flinkeren Piccolobläser als Christoph ist Erich nie mehr begegnet.


Was aussieht wie an einer "Metzgete" in der Dorfbeiz zeigt in Wahrheit das Hoch-zeitsfest. Erich und Theres (Mitte) halten nichts von einem gschnigleten Auftreten und geben sich so, wie sie sind: anpassungs-unwillig. Flankiert von Bekannte aus der Bodega. Hans wurde damals von Erich bewundert ob seines Zeichnentalents.

 




1974. Das wehrhafte Ziel der nächtlichen Plakatklebeaktion

1984. Rast-, rat- und ziellos unterwegs auf der Suche nach sich selbst.

1984. Erich beim Trockenmauerbau auf dem Castello in Breno.

Die behelfsmässige Unterkunft im Kastanienwald.


1986, Gösgen, Erich und Marlis begegnen sich zmittst im Tränengasnebel zum ersten mal.
 

Erich, weniger wilde Jahre: 1986 bis 2026
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15.  Erich, weniger wilde Jahre: 1986 bis 2026
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Weniger wilde Jahre: 1986 bis Gegenwart
Nach der dreiwöchigen Portugal-Reise taucht Erich mit seinem Rucksäckli bei Marlis in Winterthur auf, wird mit offenen Armen empfangen und nicht mehr losgelassen. Nach Jahren des Herumziehens lässt Erich auch Winterthur nicht mehr los.
In Winterthur betätigt Erich sich fortan als Müssiggänger, archäologischer Hilfsausgraber auf einem römischen Gutshof in Neftenbach, Mitarbeiter an baugeschichtlichen Untersuchungen und Grabungen, Quality-Reporter für die Swissair im Flughafen Kloten (wo er ein Weltumrundungsticket der Swissair gewinnt und das Geschenk nie einlöst), Marroniverkäufer, arbeitet als Krankenpfleger und Betreuer im Krankenzimmer für Obdachlose in Zürich (Überlebenshilfe), im Projekt Ikarus in Winterthur (kontrollierte Heroinabgabe), kauft sich 1997 den ersten Mac und erlernt von Grund auf das Desktop Publishing, arbeitet selbständig als Typograf und Gestalter Zuhause in seinem kleinen Schlafzimmerbüro.

1988. Februar. Einladung zu Vaters 70. Geburtstag im Sternen Oerlikon. Noch ahnen die Gäste nicht, dass Mutter schon ein halbes Jahr später sterben wird. Die Krankheit sieht man ihr noch nicht an. Das zärtliche Berühren ihres Mannes ist aussergewöhnlich und sonst auf keinem anderen Foto zu entdecken (s. Seite 66). Es sieht so aus, als ob in der Familie erst eine ernsthafte Bedrohung den Gefühlen erlaube, sich zu äussern.
September. Mutter stirbt. Als kleiner Bube hat Erich öfters zu Gott gebetet, dass sein Mammi mindestens 70 Jahre alt werden soll, ein Alter, das ihm unendlich weit entfernt schien. Mit ihren erst 67 Jahren hat sie diesen Wunsch nicht ganz erreicht.

1989. Mit Vater auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer. Die Nähe zu ihm in der kleinen Kabine ist ungewohnt, die Rollen haben sich verändert: Erich ist erwachsen, der Vater alt geworden. Die Krankheit und das Sterben der Mutter haben ungeahnte Möglichkeiten erschaffen, Vater und Sohn lernen sich neu kennen.

1990. Anregende und zugleich aufreibende Arbeit mit schwerstabhängigen Drogenkonsumenten im Krankenzimmer für Obdachlose, auf dem Platzspitz ("Needle-Park") und am Letten, wo sich Erich als gutmeinender „Lebensretter“ zeitweise in apokalyptischen Szenerien wiederfindet. 1991 richten einige aktive Frauen direkt vor Erichs Arbeitsplatz, im Zeughaus der alten Kaserne an der Kanonengasse im „Chreis Cheib“ ein grosses begehbares Pflanzenlabyrinth ein, worin er sich wunderbar vom seinen kräftezehrenden Arbeitseinsätzen regenerieren kann.

1993. Auf dem Weg nach San Remo zu einer Woche Segelferien wollen Erich und Marlis zuerst bei Freunden im Wallis übernachten. Am Tag darauf gehts dann via Simplontunnel direkt in den Süden, wo gegen Abend die Einschiffung erfolgt. So sieht mindestens der Plan aus. Als der Zug am Bahnhof in Brig einfährt liegt der ganze Bahnhofplatz unter Wasser, zahllose Autowracks schwimmen kopfüber darauf herum, die Bahnhofstrasse gleicht einem schlammigen Fluss. Ein wahrlich surrealistischer Empfang. Kein Zug fährt mehr, alles steht still. Niemand weiss waswowiewarum, Informationen sind keine zu bekommen, Handys funktionieren nicht mehr. Auf sicherer Perronhöhe steht eine ratlose Menschenmenge und fragt sich, was nun? Man ahnt bald, es muss sich eine Unwetterkatastrophe ereignet haben, Brig wurde gerade von riesigen Wasser­massen überschwemmt, unmöglich, zu den Freunden zu gelangen oder Kontakt aufzunehmen, die Bahnverbindung durch den Simplontunnel munkelt man, ist auch unterbrochen. Nach langem ungewissem Warten ertönt eine Durchsage der SBB: „Ein Extra-Zug fährt demnächst nach Lausanne“. Das bedeutet: sofort einsteigen, wer weiss, wann es wieder eine Gelegenheit gibt, hier wegzukommen. Also fährt man eine endlose Nacht hindurch zusammen mit den vielen anderen gestrandeten Touristen, steigt in Lausanne um nach Zürich, dann Umstieg Richtung Tessin und weiter Genua und der ligurischen Küste entlang, in der Hoffnung, den Segeltörn nicht zu verpassen. In dieser seltsamen Nacht wird uns plötzlich bewusst: wäre man eine halbe oder eine Stunden früher in Brig angekommen, da hätte einiges Schief gehen können. Der Weg hinauf ins Wickert zu den Freunden führt ja direkt mitten durch das jetzt überschwemmt Gebiet.
Auch die Ferienwoche auf dem uralten 2-Mast-Schoner wird zu einen speziellen Abenteuer. Der Käpten, eine nahezu originalgetreue Kopie von Kapitän Haddock aus Tim%u2005&%u2005Struppi, ist von morgen bis abends spät angetrunken, bärbeissig, risikofreudig, schwankenden Schrittes anzutreffen. Sein Geheimrezept spricht sich recht bald herum, denn: allpott – nicht nur als Anlegeschluck – spendiert er seinen Gästen einen „Cuba Libre“. Kein Wunder, werden die An- und Ablegemanöver wiederholt zu einer ruppigen Angelegenheit. Zumindest bei Marlis hilft diese Art Medizin nicht, kaum hat sich das schaukelnde Schiff hundert Meter von Ufer entfernt, ist sie der üblen Seekrankheit schutzlos ausgeliefert. Ein Struppi gehört auch zur Besatzung, und auch er steht auf wackeligen Beinen. Mehr als einmal fällt er im Hafen ins trübe Wasser. Mit Hilfe der erschrockenen Segelgäste wird das arme Tier jeweils gerettet – wieder ein Grund für Haddock, eine Runde Cuba Libre auszugeben. Was die Gäste nicht wissen können: der Hund ist ein leidenschaftlicher Schwimmer und hält sich gerne im lauen Wasser auf.
Da dem Käpten das Setzen der Segel zu viel Arbeit bedeutet, tuckert das Segelschiff die meiste Zeit mit Unterstützung eines Dieselmotors der malerischen Küste entlang. Kochen kann der Kapitän nicht, was sicher niemand bedauert. Also wird Abends jeweils vor einem pittoresken Städtchen angelegt. Zuerst darf noch zum Landgang angestossen werden, dann begibt sich die ganze Gesellschaft in ein nahegelegenes Ristorante um sich zu verköstigen und den Durst zu stillen. Käptn Haddock hält tapfer mit, schliesslich muss er am nächsten Tag wieder frisch gestärkt den Schoner aus dem verwinkelten Hafen hinausmanövrieren.

1997. Erich wird durch die sich verschlechternden Nieren-Blutwerte zunehmend geschwächt und weniger belastbar – er mag nicht mehr Krankenpfleger spielen und überlegt sich, wie er seinen weiteren Lebensunterhalt verdienen könnte. Welche Fähigkeiten, Ansprüche und Möglichkeiten hat er? Da erinnert er sich an seine Erstausbildung zum Schriftsetzer, darauf könnte er doch aufbauen. Infolge der zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen bewirbt er sich bei der IV für eine Umschulung auf das Desktop-Publishing, was abgelehnt wird – dafür bekommt er überraschend eine halbe IV-Rente zugesagt. Auch Dank fachmännischer Unterstützung von Nachbar Guido Widmer, Typograf und erfolgreicher Buchgestalter, gelingt es ihm, sich erstmals mit einem Computer anzufreunden und den Umgang mit den notwendigen Layout- und Bildbearbeitungsprogrammen zu erarbeiten. Von da an kann er sich als selbständiger Typograf einigermassen „über Wasser halten“. 
Haemo-Dialyse. Die schon vor etwa 30 Jahren ausgesprochene Prognose wird Realität. Die Laborwerte zeigen erbarmungslos: Kreatinin- und Eiweisspiegel steigen rasant an, bis er eines Tages an die Dialyse-Maschine angeschlossen werden muss. Was anfangs eine Unvorstellbarkeit bedeutet, wird bald zur Routine. Erich kommt früh zu der Einsicht, das Beste aus einer unvermeidlichen Lage zu machen sei der sinnvollere Weg, als mit seinem Schicksal zu hadern. Nach etwa einem Jahr erfährt er von einer Möglichkeit, um aus diesem „Angebundensein“ auszubrechen: die Feriendialyse. Alassio, Rovinj in Kroatien, Zermatt, Samedan, Frankfurt (Oder), Berlin und Chur, sind die Feriendestinationen in den nächsten Jahren, wo er jeweils dreimal pro Woche einige Stunden auf den jeweiligen Dialyseabteilungen verbringt. Die medizinische Behandlung ist an allen Orten etwa auf gleichem Niveau, das Prozedere einzig in Italien etwas sonderbar. Die Pflegerinnen bereiten alles vor, müssen dann untätig abwarten, bis nach langem Warten einmal der Herr Dottore im weissen Kittel auftritt und die dicke Nadel den Patienten etwas herablassend in die Adern zwängt. Fast sieht es aus, als müssten die Dialyseschwestern dabei stramm stehen.
Nachdem die von seiner Schwester grosszügig angebotene Nierenspende aus medizinischen Gründen nicht in Frage kommt, lässt Erich sich 2002 nach langem Hin- und Her und Abwägen und Zögern schliesslich auf die Warteliste für eine Transplantation setzen. 

2003. Nierentransplantation. Eines Sonntagmorgens früh um fünf Uhr weckt ihn eine schrille Telefonklingel: "Hier USZ, guten Morgen, wir haben eine passende Niere für Sie, machen Sie sich ruhig auf den Weg". Nachts um halb 12, achtzehneinhalb Stunden später, nach endlosem herumliegen und warten kommt Erich unters Messer. Als er aus der Narkose erwacht, kann er bereits wieder normal pissen, was während der Dialysezeit nicht mehr funktionierte. Ein wahrlich berauschendes Erlebnis.
Sommer. Erich traut sich wieder an ein Open-Air-Anlass. Dieser hat sich tief in seine Hirnwindungen eingegraben: Robert Walsers "Der Gehülfe" wird vom Theater Ticino am Originalschauplatz des Romans, in und vor der Villa "Zum Abendstern" in Wädenswil aufgeführt. Einzigartig doppelte Verwirrung: was wird hier gespielt, was ist Roman, was heutige Realität? Und kommt nicht gerade jetzt Robert Walser persönlich eilenden Schrittes hinter dem Haus hervor?
Die Erholung von der Nierentransplantation dauert länger als erwartet, einigen Komplikationen werden unter Einsatz von Medizinern und Chirurgen der Garaus gemacht. In der neuen Situation, ohne feste Wochenstruktur der Dialysezeit, gleicht Erich erstmal einem Vogel im Käfig, dessen Türchen weit geöffnet wurde, dieser aber den Verlockungen noch misstraut und sich nicht so recht hinaus in die Freiheit wagt. Doch langsam erwachen frische Kräfte, Jahre kommen und gehen, die Welt dreht sich wieder wie immer im steten Kreis. 

2008. Auf einer Schiffreise nach Hiddensee verliert Erich die Motivation, Ferienfötelis zu schiessen. Er greift stattdessen zu Chugelischreiber und Farbstift, und beginnt, als Anfänger, zu skizzieren, 
realisiert Zuhause eine von der Reise inspirierte, illustrierte Ferieninselgeschichte (siehe Seite 204 ). Ab da an zeichnet er ohne Talent aber mit Leidenschaft. Mehr als ein Dutzend "Werke" entstehen in den folgenden Jahren, alle voller Skizzen und Texte, die er im Eigenverlag anbietet, die aber keine Menschenseele interessiert. Was solls, Briefmarkensammeln z.B. ist ja auch für die Katz.

2009. Anfangs Jahr entwickelt sich bei Marlis ein starker Tinnitus (siehe Seite 199), vermutlich durch ein traumatisches Ereignis hervorgerufen. Erich hilft und unterstützt sie durch schwierige Wochen. Nach einiger Zeit des Mitleidens benötigt er selber Hilfe. Mittels einer psychologischen Gesprächstherapie können mit Erfolg viele, auch weit zurückreichende, Ursachen von belastenden Erlebnissen „in Angriff genommen" werden. 
Reise nach Hamburg, verspätete Ankunft, frühes Eindunkeln. Bei kühlem Regen auf der Suche nach der gebuchten Ferienwohnung in Altona. Düstere Stimmung, dumpfe Gefühle mit dabei. Marlis stolpert, schlägt Kinn und Knöchel wund. Die behaglich Wohnung und die Pizza vom Pizzabäcker in der heimeligen Küche wirken wie Balsam. Die Stimmung hellt sich allmählich auf. Grosse Hafenrundfahrt. Delphi-Showpalast mit schräger Rockparodie und ungeniessbarem Abendessen. Museumsschiff Cap San Diego. Miniatur-Wunderland. Elbtunnel. Stadtrundgang. Stadtrundfahrt. Gewürzmuseum in der Speicherstadt. 

2010. In diesem Jahr mit Marlis 1x Berlin in einer Ferienwohnung im berühmten Corbusierhaus nahe beim Olympiastadion. Bei der Besichtigung des gigantischen Baus wird mit Schaudern bewusst, dass am 1. August 1936 Hitler genau hier die XI. Olympiade eröffnet, und der Welt vorgegaukelt hat, dass das Deutsche Reich unter seiner Führung in erster Linie ein friedliebendes, soziales und wirtschaftlich aufstrebendes Land sei. 1x Wien. 1x mit Ernst Flussschiff-Fahrrad-Reise in Nordholland. Mein Gott! So viel gesehen, erlebt, unternommen, gehört und gegessen.

2011. Freilichtmuseum Ballenberg, das nostalgische Sehnsucht nach heiler Welt heraufbeschwört. Übernachtung im Grandhotel Giessbach. Schiff-Veloreise mit Ernst, dänische Inseln, auf einem 2-Mast-Schoner. Ausbruch der gefürchteten Schweinegrippe, auch auf dem Schiff. Erich bleibt erstaunlicherweise trotz medikamentös herabgesetzter Immunität als fast einziger verschont. Im Herbst wieder eine Schiff-Veloreise mit Marlis, diesmal der goldenen Mosel entlang, wo das Gefährt 1x ohne die 2 fahrlässigen Passagiere abgelegen hat (Seite 194).
2012. Schiff-Veloreise mit Ernst, Amsterdam%u2006–%u2006Brügge. Dort in einem der vielen „Chocoladehuisje“ in süssen Kaufrausch geraten. Mit Marlis nach Gstaad, Besuch der 95-jährigen Gotte; Wanderung an den Lauenensee, dort laut „Louenesee“ von Span gesungen; Montreux, im historischen Hotel Masson; Wanderung im Laveaux; Hotel Ofenhorn im Binntal; Hotel Grimsel Hospiz; Aareschlucht hinunter zu Fuss.

2013. Schiff-Fahradtour mit Ernst von Lübeck nach Hamburg, Hochwasser überall, kommen gerade noch ans Ziel. Herbstliche Schiff-Fahrradreise Passau%u2006–%u2006Wien%u2006–%u2006Passau mit Marlis, wo sie zu Unrecht 1x Eifersüchtig wird; in Linz Linzertorte gegessen und das Ars Electronica Center bewundert; den Alten Dom besichtigt, grosses Erstaunen ob der ausdrucksstarken Verzückungen der vielen Gläubigen; Tulln, Egon Schiele Museum; bei Kritzendorf den Textil-Müller mit mehreren hunderttausend Stoffen, Schnüren, Bändeln, Knöpfen, Reissverschlüssen etc. entdeckt; in Wien diverse Museen besucht und, man wirds kaum glauben, Wienerschnitzel und Sachertorte verspiesen.

2014. Pensionierung. Erich bewegt sich jetzt in einer Zwischenzeit, lebt zwischen Vorgeburt und Nachleben. Er macht weiterhin das, was viele machen: früh aufstehen, Tagi lesen, essen, Theater/Kino/Museen/Ausstellungen besuchen, Reisen in nicht allzuferne Gebiete, fernsehschlafen, früh zu Bett. Guet Nacht.
Sein Rentnerdasein ermöglicht ihm, da jetzt endlich genügend Zeit vorhanden ist, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen und wagt sich an verschiedene Kunstgattungen, wie: Holzschnitte- und Linoldrucke anfertigen, Drähte zu dreidimensionalen Objekten verwicklen, zaghaft Skizzen in seine teuren Skizzenbücher kritzeln, hin und wieder kurze Texte schreiben, Drucksachen gestalten etc. Wenn auch nicht alles so, wie sich Erich vorstellt, Wirklichkeit werden will, gibt er sich immer wieder Mühe, sein Bestes aus sich herauszuholen – soweit dies möglich ist bei einem, der einen eher unehrgeizigen und trägen Charakter besitzt.
Herbst. Zuerst im Hotel Hammer im Eigenthal; dann im mensch­enleeren Gletscher-Hotel Belvedere auf dem Furkapass übernachtet, dort wo der einstmals riesige Gletscher mit trostlosen grauen Plastikplanen vor dem unwiderruflichen Dahinschmelzen bewahrt werden soll; mit Postauto via Oberwald, Nufenenpass nach Lugano ins Hotel Federale; mit dem Palm-Express via Chiavenna ins Bergell; im Palazzo Salis in Soglio fürstlich gehaust; Varlin – Ciäsa Granda Stampa, Centro Giacometti, Zuckerbäckerausstellung im Palazzo Castelmur. Heimfahrt.

2015. Wienreise. Mit Bekannten aus Wien abgemacht. Im Eurocity, in Innsbruck beinahe den Umstieg verpasst, extremes Schneegestöber, Sturm, dann steht der Eurocity still. Umsteigen in einen Regionalzug ein paar Kilometer vor Wien, im abgemachten Treffpunkt warten auf Hansi und Herbert. Telefon: Hansi liegt in einer Klinik, gestürzt auf eisiger Strasse, Schultergelenk gebrochen.
Herbst. Reise Winti%u2006–%u2006Basel%u2006–%u2006St. Ursanne, Zwischenhalt in Courgenay mit Ovomaltine trinken im Hôtel La Petite Gilberte, Übernachten in St-Ursanne im Hotel Delacigogne. Fahrt nach Réclère, Besuch der prähistorische Grotten. Fahrt nach Bellelay, Übernachtung im Hotel d’Ours. Fahrt nach Ste-Croix, von dort mit Taxi zum Grandhotel Rasses. An der Réception vermisst Marlis ihr Portemonnaie, welches im Taxi gefunden und wieder gebracht wird. Bahnfahrt nach Gruyères, Besichtigung des H. R. Giger-Museums, in der Giger-Bar der grünen Fee tief in die Augen schauen, Übernachtung im Hotel Deville. Zu Fuss von Gruyère nach Broc ins Schoggimuseum. Fahrt nach Bovet bei Les Diablerets zum historischen Hotel Du Pillon. Wanderung Les Diableret – Iseau – Col du Pillon und zurück ins Hotel. Heimreise, Umsteigen in Gstaad, Kaffe und Kuchen im Palace-Hotel (Scherz).

2016. Hotel Oeschinensee, Schifffahrt Interlaken%u2006–%u2006Brienz, Mit Postauto auf den Sustenpass nach Gadmen ins Hotel Alpenrose, müssen dort das Nachtessen selber zubereiten (Fondue), Luzern KKL, übernachten auf dem Pilatus, sensationeller Sonnenaufgang bei eisiger Kälte, Marlis liegt im warmen Bett. Mit dem Voralpenexpress zum Hotel Schönenboden bei Wildhaus.
2017. Zuerst Pilatus Kulm, dann übernachten im neuen St.-Gotthard-Hospiz; zuhinterst im im Calfeisental, im Weiler St. Martin, ein Zimmer beziehen, sehr romantisch, aber eiskalt, das WC im Freien noch mehr eiskalt, brrrr; dann gemütlich im Postauto zum Hotel Richisau im Klöntal ob Glarus. Die liebliche Landschaft mit dem uralten Bergahornhain und der dortige Kulturpfad können mit gutem Gewissen weiterempfohlen werden.

2018. Zum ersten mal Übernachtung auf dem Monte Verità, dann Fahrt mit der Centovallibahn nach Domodossola, dort Ausstellung Giorgio de Chirico und Théodore Strawinsky besucht, Übernachtung in vermeintlich stiller Nebengasse, wo sich unter dem Schlafzimmer die nimmermüde Jugend lautstark die laue Nacht durch auslebt; in Mürren ins Hotel Regina, hoch hinauf zum James-Bond-Drehrestaurant, hinunter zuerst mit Gondelbahn, weiter dann zu Fuss zur Suppenalp mit ihrem freakigen Personal, dort eine gut gewürzte, an Canabisdüfte erinnernde Suppe essen.

2019. Zwei Tage Aufenthalt im Hotel Monte Verità bieten diesmal Gelegenheit, ausführlich die Umgebung der ehemaligen Aussteigerkolonie zu erkunden. Ganz hinten-oben am Ende des weitläufigen Geländes lässt Erich sich an einer lieblichen Stelle nieder, entdeckt eine Inschrift auf einem Stein: Walkürefelsen. Da merkt er schlagartig: ich sitze genau an dem Punkt, wo ich 1985, also vor 34 Jahren, eine, ich sage mal, mystische Erfahrung gemacht habe, ohne damals eine Ahnung vom Bestehen und der Bedeutung dieses historisch interessanten Geländes gehabt zu haben. Wie durch eine Zeitklammer gebunden, vermischen sich schlagartig Vergangenheit und Gegenwart, 
versöhnen so letzte schmerzhaften Stellen, Narben aus alten Zeiten.

2022. Heute ich mir ungewollt im Spiegel entgegengeschaut und erschrocken: dort ein beinahe nackter Mensch, seine schlabbrige Haut, Falten, Furchen, schlaffen Muskelsäcke, quellenden Fetthügel schwappen mir entgegen, graue Haare spriessen massenhaft überall dort, wo keine sein sollten. Weiss nicht, soll ich schreien oder lachen. Doch, ja, ich bin, d.h. mein Körper, diese verwitterte, verlebte Hülle, ist unmerklich alt geworden.

2023. Monte Verità, ein weiteres Mal oben beim Walkürefelsen. Das ist der einzige Ort, wo es mir gelang, die Zeit zu komprimieren und einen Kurzschluss zwischen dem Erich von 1985 und dem Erich von heute herzustellen. Nur hier, und nur für Augenblicke, begegneten wir uns da oben, ich grüsste ihn, er schaute mich zurückhaltend an. Ein alter Mann stand da, lächelte oder tut nur so, der Jüngere wirkte leicht verlegen und Erich wusste nicht mehr, welcher er von beiden ist. Der Alte spürte, wie den Jüngeren seine Lage belastet, dass er zwar halbwegs kräftig, gleichzeitig auch klein und gebrechlich ist. Erich strich Erich übers Haar, klopfte ihm kumpelhaft auf die Schultern, wollte ihm Lichtblicke spenden. Zwischen die beiden drängte sich keine Distanz mehr. In ihnen wuchs die Gewissheit, ein- und derselbe zu sein. 
Schau, sagte der Junge, unten liegt der See mit dem Berg, dort hinter dem steilen Bergkamm, sagte Erich, lag ich, ohne geerdet zu sein, auf einer Wiese. Du warst noch nicht dabei, ja, so unglaublich Jung war ich noch – dort, hinter dem Berg hab ich den ersten Schritt zu dir in eine neue Zukunft getan. 
Ja, sagte der Alte, ich erinnere mich gut, ich sehe dich ganz klar dort im Grase liegen, teil verloren, teils schon gefunden, aber spüre noch einen Hauch von Schmerz in dir. Lass ihn ziehen, er hat seinen Dienst getan. Reichen wir uns die Hand, zusammen sind wir mehr als zwei, und: ich mag dich, so, wie du geworden bist.

2008. Vater und Sohn bei den Ruinen von Karthago.



2003. nach sechs Jahren Haemodialyse Nierentransplantation am Unispital Zürich. Die Spenderniere arbeitet bis heute (2023) einwandfrei.

 

2008. An der Ostsee entdeckt: Turm mit Aussicht auf die Ewigkeit.

 



2014. Zur Pensionierung ladet Erich Freunde und Verwandte zu einem Festmahl ein: die hungrigen Gäste streben dem „Piccolo Mondo“ zu, wo Spaghetti und Miesmuschel bereitstehen.


Auf dem Walkürefelsen wird Erich von seiner Vergangenheit eingeholt.

 

Anhand einiger Beispiele zeigt sich hier, wie eine vielseitige Hobbytätigkeit (was für ein Wort!) das Pensioniertendasein bereichern kann.

2019 Unterwegs nach Passau. Auf Reisen gibts immer wieder viel zu entdecken, die erstaunliche Vielfalt an exotischen Eindrücken erweitern stetig unseren Horizont.

 

2023. Kreativität kennt keine Grenzen, die Geschmäcker hingegen schon. Erich rechnet deshalb nicht damit, mit diesem Werk in die Kunstgeschichte einzugehen.


2023. Erich machte letzthin Marlis ein nettes Geschenk. Schade nur, dass sie keinen Fahrausweis besitzt.

 

Wenn die in Luzern und in Basel jedes Jahr . . . so können wir das auch, zu zweit ganz spontan . . . den Narren spielen.

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 




 

 

Einschub Marlis
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Einschub: Marlis
1941 Marlis wird im Kantonsspital Winterthur geboren, Einzelkind. 1946–1948 Kindergarten Deutweg. 1948–1954 Primarschule im Tössfeldschulhaus. 1954–1957 Sekundarschule Heiligberg. 1957 viele Stadttheaterbesuche in Zürich, vor allem wenn Peter Brogli spielt, immer Stehplatz! 1957–1958 Mädchenschule Rychenberg. 1958 Konfirmation. 1958–1962 Lehre als Drogistin. 1960 Vater Max wird pensioniert. 1961 Mutter Emma stirbt. 1962 2. Ehefrau zieht bei Max ein: Anneli W., geb. 1908 in Wien. 1962 Marlis bezieht ein Zimmer an der Schaffhauserstrasse. 1962 mehrtägige Reise ins Tessin mit einer Schulfreundin. 1963 lernt Kurt Sch. an einer Party kennen. 1962–1964 arbeitet in Drogerie in Dübendorf. 1965 heiratet Kurt, wohnen in Effretikon. 1965 arbeitet in einer Drogerie an der Marktgasse. 1966 Geburt Barbara, 8. Juni. 1972 Umzug an den Glärnischweg in Winterthur. 1973 Geburt Fränzi, 9. Februar. 1978 Vater Max stirbt. 1978 leitet mehrere grosse Sommerferienlager in Sennhof. 1982 Trennung, zieht mit beiden Kindern nach Wülflingen. 1983 Scheidung. 1985 Marlis lernt Erich in Gösgen kennen, Erich zieht bei ihr ein. 1986 Tochter Barbara zügelt zu ihrem Martin. 1985 Namensänderung: zurück auf Geburtsname. 1992 Umzug nach Hegi, in 21/2-Zimmer-Wohnung, Fränzi bezieht ein Zimmer im selben Haus. 2003 Hochzeit Tochter Fränzi und Stefan R. Enkelkinder: Selina 1989 von Barbara; Loris 2004, Milena 2007, Urenkelkinder Lara 2008 und Lian 2010 von Selina. 2004 Pensionierung. 

Dies und das: Spielgruppenleiterin, Arbeit im „Cindy“ (Burger, Pizzas, im Einkaufszentrum Rosenberg); im „Kinderladen“ an der Neustadtgasse. Ausbildung zur Sozialpädagogischen Familienbegleiterin in Zürich, Betreuerin im Jugendtreff Zell, Familienbegleitung, Wöchnerinnenbetreuung, Umfragen bei Häftlingen bezgl. Rückfälligkeit (Bundesamt für Statistik), Mitarbeit an baugeschichtlichen Untersuchungen und Vermessungen, archäologische Ausgrabungen, Marroniverkäuferin Sonntags mit Erich zusammen, Flohmarkt, Weihnachts­markt, basteln, lismen, malen, gärtnern, früher Flöte spielen.
Reisen: mehrere 1–4-wöchige Aufenthalte in Wien, Amsterdam, Berlin, Venedig, Paris. Carreisen mit Erichs Schwester nach Prag; ins Elsass etc.; öfters 1x/Jahr 2-tägiges „Frauenreisli“ mit beiden Töchtern. 

Max, Vater von Marlis, 1906–1978, tritt mit 14 Jahren die Lehre in der Giesserei von Sulzer an und bleibt der Firma bis zur Pensionierung treu.
Emma 1908–1961,
Mutter, Hausfrau, Arbeiterin in der Osram-Fabrik in Winterthur

1933. Emma

 

1933. Max

 

1959. Marlis übt den Handstand, sie ist 18 und voller Lebensfreude.

 

1967. Marlis präsentiert ihre erstgeborenes Kind, Barbara. Zeigt sich nicht schon da, dass Barbara eine kritische Person wird, die immer ganz genau hinsieht?

 

1974. Marlis hat nun zwei Kinder und einen Vogel.

 

1992. Frauendemonstration gegen Männergewalt, nach Ermordung einer jungen Winterthurerin. Marlis ganz rechts aussen auf Höhe etwa der vierten Reihe. Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken

 

2002. Marlis besucht ihre 94-jährige Stiefmutter im Altersheim. 2010 stirbt Anneli 102-jährig.

 

2013. In Wien, beschwingt von Walzerklängen, Sachertorten und Wienerschnitzel.

 

Überblicke
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Überblick Wohnen:
Von einem Ort zum andern
Ein Wohnungswechsel ist mit viel Umtrieben verbunden. Niemand ändert ohne Grund seinen Wohnsitz. Mit einem Wohnungswechsel ändert oft auch das gesamte Umfeld: man verlässt Vertrautes und Vertraute und setzt sich neuen Herausforderungen aus. Erich ist viel umgezogen, mal voller Freude und Zuversicht, mal, weil ihn äussere Umstände mehr oder weniger dazu drängten. Er hat öfters Zimmer, ja ganze Wohnungen neu gestrichen. Er hat die verschiedensten Wohn- und Lebensformen ausgetestet und in verschiedenen Wohngemeinschaften gelebt, zu Zeiten, als das Wort «Wohngemeinschaft» bei vielen Bürgern noch Haarsträuben und lüsterne Phantasien ausgelöst hat.
Erichs eher bescheidener Anspruch bezüglich Wohnraum- und Wohnkomfort entspringt seinem praktischen Grundsatz: lieber die Freiheit geniessen als Zinsen zu bezahlen. Und vor allem Schiefwinkliges und Schräges regte ihn immer dazu an, einen eher etwas krummen und unangepassten Lebensstil pflegen zu wollen.


 

1949, Zürich-Seebach, Starengasse 6
/Haus der Grosseltern, Geburtsort
/Vaters erste Werkstatt im Kellergeschoss
/Grossmutters Waschküchenbetrieb

1952, Seebach, Felsenrainstrasse 14
/Vaters zweite Werkstatt
/Baden im Froschkönigbrunnen
/Rüge wegen weggeworfener Brotrinde

1954, Seebach, Birchstrasse 605
/Fussball spielen
/In den Katzenbach fallen
/Schulhaus Kolbenacker und Buhnrain
/Ausbildung zum Schriftsetzer in der
Buchdruckerei Meyer & Cie., Oerlikon
 
1968–1972,
Katzenbachstrasse 182
/Geplatzte Musikerkarriereträume
/Alkoholabusus
/Lehrabschluss
/Erster Joint
/Erste sexuelle Erfahrungen
/Nierenbiopsie
/Dienstuntauglich
/Trampen
/Kibbuz in Israel
/Yoga

1972, Zürich, Russenweg 9
/Auszug bei den Eltern
/Zimmer in Zweier-WG
/Beginnt Vorkurs für Spitalberufe
/Am Zürichseeufer sitzen und träumen

1972, Dietlikon, Weststrasse 18
/Polit-WG mit erstaunlichem Akupunktur-Erlebnis
/Lernt zukünftige Frau kennen
/Bodega Española: Calamares,
süsser Moscatel und Küsse, bis sich Tisch und Bänke drehen

1973, Zürich, Heliosstrasse am Hegibachplatz
/Zieht mit Theres zusammen in ein Zimmer
/Abschluss Vorkurs, Praktikumsplatz suche
/Malt mutig eine Parole an eine Mauer:
«Es gibt noch Menschen, die draussen wohnen müssen!»
/Hegibachhäuser werden besetzt
/Jobbt bei Wandertheater, in einer Baufirma als Chauffeur, in der Handsetzerei Gloor im Seefeld
/Zwei Griechenlandreisen
/Entschluss gefasst: zusammen in Aarau eine Ausbildung machen

1974, Buchs AG, Bahnstrasse 4
/Beginn Ausbildung zum dipl. Krankenpfleger AKP
/Zimmer bei Kerimov, Analphabet und Kleinobsthändler
/Hochzeit auf schwiegerelterlichem Hof, Christoph Marthaler,
Dodo Hug und Pepe Solbach unterhalten musikalisch

1975, Aarau, Rathausgasse 5
/Restaurants Sevilla und Affenkasten:
Gott-und-die-Welt-Diskussionen
/Wohnzimmerwand als zeichnerisches
Experimentierfeld, der Vermieter ist entsetzt

1976, Aarau, Pelzgasse 1
/Malt die Fensterrahmen gelb an, was vom
Hausbesitzer nicht geduldet wird
/Bewegt sich gerne in anarchistischen Kreisen,
«Alpenzeiger»-Produktion-Helfer
/Legal und illegal aktiv in Anti-AKW-Bewegung

1976, Aarau, Oberholzstrasse 3
/WG bei befreundetem Paar
/Regentropfen-Zimmer
/Reich und sein Orgon-Akkumulator
/Erich und Theres wollen «auswandern», landen stattdessen in Suhr

1977, Suhr, Lättweg 20
/Lotteriges Bauernhaus
/Idylle, Brot backen, Latzhosen,
AKW-Demos in Gösgen
/AKP-Diplomabschluss
/Super-8-Film-Experimente
/1983 drohende Gewitterwolken am Himmel, es kommt zu
einigen unerklärbaren Handlungen mit fatalen Folgen.
/Trennung «Knall auf Fall»

1983, Aarau, Halden 6
/Krise, mittlere Manie und Depression
/Yoga und Schreibanfall
/Untermieter bei einem Messie, Revolverhelden und Psychopathen. Nach zwei Monaten Flucht aus dem Fenster wegen bedrohlicher Situation
/Dreiecks- und andere Beziehungen

1984, Aarau, Kirchgasse 17
/Endlich seine eigenen vier Wände
/Ausdruckstanz und Performance in besetzer Fabrik
/Joggen der Aare entlang
/Will, muss weg von Aarau – aber wohin?
Einzige Idee: mit Maultier und Gepäck
losziehen ohne Ziel

1985, Kölliken
/untergetaucht bei guten Freunden Werner und Beatrice
/Kauf eines Maultieres
/Vorbereitungen für den Auszug

1985, Reitnau
/Unterkunft bei Arbeitskollegin Lisi von der Notfallstation
/Weitere Vorbereitungen für Maultierreise
/Schwierige Startphase, beachtliche
Probleme und Grenzen sind zu überwinden

Frühling 1985, Abschied/Aufbruch
/Reisebeginn mit Herzschmerz
/Ist mit Maultier und Packsattel unterwegs
/Wechselt zwischen Tief- und Hochgefühlslagen

Leventina, Doro
/Abenteuer in Aussteigerdorf
/Will dort nicht Bhagwan-Anhänger werden

Cavigliano, Casa Solidarietà
/Arbeitet den Winter über in der Pension
/Wohnt dort u.a. mit Mike van Audenhove (Comic­zeichner) und René E. Mueller (Schriftsteller) zusammen
/Verabschiedet sich im Frühling,
Aufbruch ins Unbekannte

Breno
/Wohnt und arbeitet im Wald beim «Castello»
/Abenteuer im und ums Dorf
/Kontakt mit den Künstler­innen Iris und Maya Zürcher
/Im Herbst ist die schwierige Frage zu beantworten:
Wie weiter?

1986, Uster, Asylstrasse
/Krasser Milieu-, Wohn- und Arbeitswechsel
/Wohnen im Schwesternhaus, 6. Stock
/Arbeiten auf Notfall und IPS in Uster
/Kurse in Westernreiten
/Wachsende Stärke und Selbstwertgefühl

1986, Wickert oberhalb Brig
/Arbeitet bei Freunden auf Biohof
/Begegnet Marlis
an einer AKW-Demo in Gösgen
/Reist nach Portugal

1986, Winterthur-Wülflingen
/Zieht zu Marlis nach Winterthur
/Pfleger auf dem Notfall im KSW
/Archäologischer Hilfsgräber
/Selbständiger Marroniverkäufer
/Pfleger im Krankenzimmer
für Obdachlose (KFO) in Zürich

1992, Winterthur-Hegi
/Arbeitet in Heroinabgabestelle
/Ab 1996 selbständiger Layouter
/Startet 2009, 60-jährig, eine neue Karriere
als untalentierter Zeichner, was bis heute
als Geheimtipp gilt.


Überblick
Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll:
Was vielleicht einige auch noch gerne über Erich wissen wollen
Die verknorzten Töne, die Erich seiner Gitarre abgetrotzt hat, sind inzwischen verklungen. Dass er sein Untalent rechtzeitig gemerkt und das einstmals geliebte Instrument bald in eine dunkle Ecke gestellt hat, wird ihm heute noch hoch angerechnet.
Sein Umgang mit legalen und anderen berauschenden Stoffen wurde da und dort angedeutet, vieles dabei auch diskret verschwiegen. Wer will sich schon zum Beispiel die Geschichte anhören vom Kopfkissen, worunter der junge Erich kaltblütig sein Erbrochenes entsorgt hat – oder das peinliche Ereignis erzählt bekommen, als der bekiffte Erich einmal in Madrid eine halbe Stunde lang wie halbblöd an einer Strassenampel stand und es ihm nicht gelang, die Strasse zu überqueren, obwohl er dies dringend wollte.
Da auch schon fast lückenlos über sämtliche gesundheitlichen Probleme und die dazu notwendigen medizinischen Interventionen – bis hin zum letzten Weisheitszahn, der demnächst gezogen werden soll – berichtet wurde, darf auch das Thema Sexualität nicht vernachlässigt werden:
Erste diesbezügliche Regungen machen sich schon im Kindergarten bemerkbar, als Erich eines Tages eine unerklärliche Empfindung der Kindergartenlehrerin gegenüber verspürt, kleine freche Kindergartenschülerinnen im Mädchen-WC genauer betrachtet, mit dürrem Stecklein anstelle des steifen Pipeleins beim Tökterli-Spiel ertappt wird und dabei allergrösste Peinesnot erleidet, einmal heimlich unter die Röcke von reifen Frauen schaut und mehrmals Abtastexperimente an hinhaltewilligen Schulkolleginnen vornimmt sowie anderswo unbeholfene und erfolglose Annäherungsversuche wagt, mehrmals den Massageapparat der Schwester seines besten Schulkameradens mit diesem zusammen für Selbsversuche missbraucht, behindernde Schuldgefühle empfindet, den heiligen Vereinigungsakt als reines, hochromantisches Geschehen sich vorstellt und dadurch Versagensängste mit daraus resultierenden Selbsthilfeersatzhandlungen in Kauf nehmen muss.
Sammelt eher zu spät als zu früh erste erfolgreiche Naherfahrungen mit Körper und Geist euphorisierenden Erlebnissen und beeindruckenden biochemischen Reaktionen mit Abhängigkeit erzeugender Wirkung.
Weitere spannende Details sollen hier nicht zur Sprache kommen, da Erich der seiner Meinung nach modernen Ansicht ist, so frei und offen sein zu dürfen, die Öffentlichkeit mit dem Ausplaudern seiner Erfahrungen zu verschonen. Er legt deshalb hier nun rücksichtsvoll den Mantel des Schweigens über weitere delikate Details und verabschiedet sich von diesem Themenkreis.



Überblick: Stationen und Menschen
Jeder Name ergäbe eine neue Geschichte. An dieser Stelle muss Erich verwundert feststellen, wie viele der Erwähnten bereits verstorben sind – dabei stehen sie doch gerade jetzt so lebendig vor ihm. Die Übrigen erschrecken heute mit ihrem verwitterten Aussehen die zukünftigen Alten. Einige derer, die in dieser Geschichte keinen Platz bekommen haben, sollen trotzdem nicht ganz unerwähnt bleiben:
In der Casa Solidarietà in Cavigliano, René E. Mueller, Buchautor und Weltenbummler, und der leider zu früh verstorbene Mike van Audenhove, Illustrator. Die Aussteiger im Onsernonetal. Eine prinzessenhafte Reiterin. In Breno inspirieren die Künstlerinnen Maya und Iris Z., im Castello imponiert der geniale und unerschrockenene Alleskönner, Konstrukteur, Aussteiger, Stefan G., weiter
–Aarau: meine versunkene Traumstadt
–Alpenzeiger: der libertäre Wegweiser –Annemarie: die verliebte Notfallchefin –Arthur: der klarinettenspielende Schriftsetzer –Amalie: die gemütliche Schachenwirtin –Bruno: der alternative Alleskönner –Charlotte: die fröhliche Dimitrischule-Schülerin –Cavallo: der heimliche Dorfkönig –Daniela: die junge Schlangenfrau –Dössegger: der endlose Schwätzer –Deucher: der tobende Chefchirurg –Dietrich: die abgestürzte Schulleiterin –Donald und Donatella: die zwei Rastlosen –Dani: der traurige Koch –Düdül Steiner: der verschnörkelte Zeichner –Ennetbaden: das entschwundene Paradies –Ecola: der stumme Barmann –Esmeralda: die bezauberte Zauberin –Elisabeth: die ermutigende Krankenschwester –Franconi: der unkomplizierte Maultierzüchter –Gublers: die Fischzüchter in Suhr –Hans: der depressive Western-Reitlehrer in Oetwil –Hauert: der unheimliche Bettenschieber –Heidi: die rollstuhlrennenfahrende Schwes-ternhilfe –Haslimeier: der ehe-malige Verdingbub –Iris und Maya: die Anregende und die Aufregende –Jolanda: die zu früh Gestorbene –Kunigunde: die Blockierte vom Maggiatal –Krasek: der Pathologe mit dem Herz im Kübel –Klaus Merz: der Stille im Sevilla –Karrers: die Blüemlitee-2CV-Citroën DS-Fans –Lendis: die erfolgreichen Biokräuterbauern –Mike Van Audenhove: der unermüdliche Zeichner –Monique: die temperamentvolle Schlapphutmacherin –Max: der wendige Gitarrist –Maja Äschbach: die Paris-Atelier-Gewinnerin –Martinolis: die vielseitig Engagierten –M. und A.: die zwei Eckpunkte im Dreieck –Marianne: die erfolglose Verführerin –Manfred: der untreue Naturklo-Benutzer –Meier: der genarrte Hausvermieter –Noldi: der unters Tram geratene Dorftrottel –Oskar: der totale Spielverderber –Oberhänsli: der krumme Schneider –Peter: der Orgon-Akkumulator-Bastler –Paul: der strahlende Steiner-Verehrer –Petra: die streibare Milde –Peter: der schräge Aufrechtgeher –Franco: der eitle Schönling –Rolf und Brigitte: die grünen Geigenbauer –René: der händereibende Sevilla-Wirt –René E. Mueller: der nonkonformistische Autor in Cavigliano –Ruth: die Essig trinkende Körnlipickerin
–Reto: der Hansdampf in allen Gassen –Rischel: der charmante Hygieniker –Roland: der langbärtige Mathematik-Student –Sioux: der einarmige Retoucheur –Susanne: die wilde Bassistin –Studer: der schmierige Gipser im Ops –Stefan, Brigitte, Andi: die biobauernden Aussteiger im Wallis –Tronan: der ermutigende Schutzengel –Ursula: das unschuldige Gummigeschossopfer –Vreni: die bezopfte Brotbackerin –Werner Beck: das schöne Schlägeropfer –Walti: der verlassene Rustico-Bauherr –Wolfgang B.: der bayrische Vielschreiber –Wendel: der unglücklich Verliebte –Wahls: die zerstrittenen Auswanderer –X: der verlorene Säufer –Y: der unbekannte Tote auf dem Notfall –Z: die Assistenzärztin als  Selbstmörderin auf der IPS
Stand der Aufzählung: 1984

 

 


Überblick Gesundheit:
Umfangreiche Krankengeschichte
und schmerzhafte Zahnarztrechnungen

Eine umfangreiche Krankengeschichte und schmerzhafte Zahnarztrechnungen begleiten Erich schon sein Leben lang. Ja, der Mensch ist mit seinem Körper ist dauernden Angriffsversuchen ausgesetzt. Von winzigsten Viren, Bakterien und Pilzen aller Art über mittlere Ein- und Mehrzeller bis hinauf zu Raubtieren und anderen gefährlichen Gestalten wie böswillige Zeitgenossen und habgierige Zahnärzte: Alle fallen über ihn her, greifen nach seinem Geldbeutel, ja sogar nach dem Leben. Auch das flackernde Seelenlicht kann durch verschiedene Lebensstürme immer wieder mal in Gefahr geraten. Tobt gar ein richtiger Orkan um das empfindsame Herz, kann es durchaus angebracht sein, einen beschützenden Ort aufzusuchen.
Dass auch Erich nicht ganz unverschont durch das Leben wandelt, versteht sich von selbst. Aufgrund eigener Beobachtungen kann er aber bestätigen: Es ergeht allen anderen nicht viel anders. Er sieht sich deshalb nicht als Ausnahme, sondern als Regel eines unerklärlichen biopathophysiologischen Geschehens auf dieser Welt.

Seine dicke Krankengeschichte zählt auf: Herzkranzarterienverkalkung, Basaliome, Cytomegalievirus, leichte depressive Verstimmung, Dialyse, Hautirritationen, Herzschrittmacher, Kniepunktion, Lungenbiopsie, Leistenhernie, Nierentransplantation, Tonsilektomie, Herz-Stent, Varizen-OP, diverse Basaliome, etc. Und trotzdem würde er sagen, ich fühle mich gesund.

Stand 2013


2022. Immer wieder wird etwas herausgenommen, ausgewechselt, ersetzt, repariert.

 

Überblick: Reisen
Die zahlreichen Ausflüge und Reisen, ob alleine, zu zweit, zu dritt oder zu viert unternommen, zu schildern, überfordert die Geduld und den Willen von Erich. Rückblickend zusammengefasst kann aber vor allem nur über Erfreuliches berichtet werden. Immer war man unterwegs in allseitig gewünschtem Tempo und Rhythmus, bezüglich Ansprüche an Komfort mit gleichen oder ähnlichen Bedürfnissen ausgestattet. Man entdeckte oft in kleinen Dingen grosse Überraschungen, wurde visuell, akustisch, olfaktorisch, kulinarisch grossartig beschenkt, Leib, Gemüt und Verstand wurden ausreichend verwöhnt. Eine Portion Unbekümmertheit im leichten Reisegepäck sorgte meist für ein lockeres Herumziehen. Falls mal eine kleine Irritation dazwischen kam, war es meistens Erichs Fehleinschätzungen zuzurechnen – welche zu z.T. beschwerlichen Umwegen führen konnten. Da aber niemand zu Nachträglichkeiten neigte, hellte sich die Ferienstimmung schnell wieder auf. Lange Zeit hallten die positiven Eindrücke in bewegenden Erinnerungen nach, und tun es noch. 
Unvergessen bleiben die ersten Ferien im Tessin, in Sessa. Dazumal war Erich etwa zwölf, hatte noch nicht viel von der Welt gesehen, und traute seinen Augen kaum, als man „die Sonnenstube der Schweiz“ zum ersten mal betrat: riesige Palmen, übergrosse Salamis und gewaltige Mortadellas, Gelati statt Glacé, südländisch aussehende Gebäude, Pergolas voller Trauben! Täuschte es oder schien die Sonne hier tatsächlich wärmer, waren die Häuser etwas schäbiger, baufällig sogar?, aber verheissungsvoll schön und bunt. Und was für eine Sprache! Nicht Deutsch, nicht Italienisch, nein, ein wundervoller Tessinerdialekt drang an Erichs gespitzte Ohren. Er verstand zwar kein Wort, fühlte sich aber herzlich aufgenommen. Sensationeller Höhepunkt: ein Tagesausflug nach Luino, in Italien!, an den Wochenmarkt. Zuerst musste Geld gewechselt werden, Schwiizerfränkli in viele fremde unbekannte zerknitterte Scheine und Münzen, „Lira“ genannt. Wie soll man da den Überblick bekommen auf dem Mercato beim „määrten“, erstens kennt man die italienischen Zahlen nicht so richtig, zweitens sprechen die Händler derartig verwirrend und durcheinander, dass Ohren und Verstehen nicht mithalten können, drittens weiss man nicht, welchen Wert die Liren haben. Diese mühsame Umrechnerei, kaum hat man ein Resultat, lockt schon wieder ein tieferer Preis. Kurz und gut: elegant übers Ohr gehauen zu werden, schmerzt nur halb so stark, ein billiges Schnäppchen hat man trotzdem ergattert, das dann zu Hause bald im Brockenhaus landen wird.
Später reist Erich nach Italien, Griechenland, Israel, Ägypten, Holland, England, Portugal. In Moskau lebt er zwei Wochen bei einer Gastfamilie und lernt bei einer Sprachlehrerin etwas Russisch. Vor lauter Aufregung wird er auf dem Flug dorthin derart heiser, dass er die erste Woche kaum sprechen kann. Unternimmt mit Freund Ernst zusammen mehrere Schiff-Velo-Reisen in Deutschland, Holland, Belgien Italien. Mit Marlis zusammen gehts nach Italien, Portugal, Bulgarien, durch die baltischen Staaten nach St. Petersburg, Deutschland, Österreich; zweidutzend mal nach Feldis in die Genossenschaftspension Sternahaus, ins Hotel Cas'aulta und Chalet Benz. Unvergessen erlebnisreich: die vielen Herbstrundreisen in der Schweiz auf der Suche nach alten historischen Hotelkästen.
Nachträglich meldet das Erinnerungsvermögen doch noch einige aufregende Reiseerlebnisse. Das heftigste war, als Erich sein Reisegepäck mitsamt Bahntickets, Reservationen und wichtigen Medikamenten auf der Anreise zum Hauptbahnhof Zürich, wo Ernst wartete um gemeinsam nach Amsterdam zu reisen, in der S-Bahn liegen liess. Was zu einem schweisstreibenden Wettlauf mit der Zeit führte, wie sich das extrem dramatische Geschehen in letzter Sekunde zu einem Happy-End wendete, kann mit Worten nicht beschrieben werden. Erich hat nachträglich versucht, das Geschehen mittels eines Comicstrips aufzuarbeiten, was aber auch nicht gelungen ist (siehe Seite 214). 
Eine andere Reisegepäckaufregung ereignete sich auf einem Perron des menschenleeren Bahnhofs von Airolo. Ein Zwischenhalt von 30 Minuten wollte benutzt werden, den kleinen Ort zu erkunden, dazu wurde das Reisegepäck säuberlich auf dem Perron zwischengelagert. Nach der Rückkehr der grosse Schock: die Rollkoffer waren verschwunden, Schei . . ., was tun, der nächste Zug fährt demnächst ab und man steht da mit einem Riesenproblem? Schlussendlich tauchte ein Bahnhofangestellter auf, fragte, ob wir etwas suchen, wir, JA, und er erlöste uns mit der Mitteilung, er habe die Gepäckrollis deponiert, nicht ohne uns mahnend daran zu erinnern, es sei nicht gestattet, hier Gepäck unbeaufsichtigt stehen zu lassen.
Eine abwechslungsreiche Moselschiff- und Fahrradreise war bis dahin reibungslos verlaufen. Das Schiff machte an diesem Tag einen Zwischenhalt zwecks eine Besichtigung des malerischen Weinstädtchens Cochem. Eine kleinere Schockwelle durchfuhr Erich und Marlis am herbstlichen Moselufer nach dem kurzen Landgang. Als sie nach der Erkundigung des touristisch überquellenden Städtchens fast punktgenau zur angekündigten Abfahrtszeit um die letzte Ecke der pittoresken Häuserzeile bogen um das Boot wieder zu besteigen, schaukelte dieses bereits einige Meter mitten im Fluss, ein schmählicher Anblick, der Erich an einen stumpfsinnigen Traum erinnerte, in dem alles schief geht, was schief gehen kann. Nein! das kann doch nicht sein, das können die uns doch nicht antun! Trotz heftigem Rufen und Arme schwenken trieb das Schiff schadenfreudig die Strömung hinunter und entzog sich gnadenlos ihren ungläubigen Blicken. Was nur, wäre ihnen das jetzt zum Beispiel auf einer Amazonasflussreise oder in Asien mit einer vietnamesischen Dschunke passiert? Das ganze Gepäck an Bord mitsamt Pass und grossem Geld, etc., der einheimischen Sprache nicht mächtig, müde, hungrig und dazu eine schwüle Tropennacht, die von einer Minute zur andern alles in eine undurchdringliche Dunkelheit hüllt. Nichts mehr zu hören als das Gebrüll und Gekreisch wilder, ebenso hungriger Nachtraubtiere. Und viele herumstreifende Goldschürfer, bewaffnet und betrunken. Um sich schiessend und fluchend. Ernüchtert erwachte Erich aus seiner Schockstarre und musste sich nach anfänglichem Schimpfen auf die rücksichtslose Schiffbesatzung bald eingestehen, ja, aber, nur genau eine Minute (1) waren sie zu spät um die Ecke gebogen, und ja, in unverantwortlicher Weise hatten sie vor dem Verlassen des Schiffes ihre Kabinenschlüssel nicht, wie vorgeschrieben, an der Reception abgegeben (damit die Besatzung weiss, wer sich noch nicht an Bord befindet). Dann musste schleunigst mit klarem Verstand die Lösung des Problems angegangen werden, d.h. auf dem nächsten Bahnhof den nächsten Zug herausfinden, welcher ans heutige Etappenziel der Schiffsreise fährt, um das leckere Abendessen an Bord nicht zu verpassen. 
Hat Erich die Aufregung in einer Absteige in Neapel schon erwähnt? Man hatte dort, in der Annahme, ein einfaches günstiges und stilles Hotel gefunden zu haben, ein Zimmer gebucht, den Pass abgegeben, auch schon bezahlen müssen und das Gepäck darin abgelegt, bevor man loszog, Neapel zu erobern. Nach der Rückkehr sassen im gebuchten Zimmer einigen fremden Gestalten, vom Gepäck war nichts mehr zu sehen. Einer führte uns in eine weitere unabschliessbare Kammer, worin unsere Siebensachen herumlagen, im Nebenraum knarrten und quitschten misshandelte Bettfedern. Marlis weigerte sich, in diesem „Hotel“ zu übernachten. Also schnurstracks hinunter zur sogenannten Hotelrezeption, ein klebriger Tisch in einer düstere Ecke im schmalen Treppenhaus, hinter welchem ein schweissigschwitzender mehralsübergewichtiger Padrone hockte und mich süffisant lächeln abwimmeln wollte, als ich die Herausgabe von Pass und Geld forderte. Jetzt ohne anzugeben: ich plusterte mich in meinem Ärger unbeherrscht wie ein wütiger Gorilla vor dem schamlosen Abzocker auf und fordert ihn lautstark und auf Schweizerdeutsch ZUM LETZTEN MAL auf, SOFORT, Pass und Geld herauszurücken. Bleich geworden wandte dieser sich an seine um ihm herumlümmelnden kräftigen Mafiagehilfen, welche aber ob der Kühnheit des winzigen Touristen erstaunt und amüsiert waren, dem Boss ihre Loyalität verweigerten. Ja, ein zustimmendes Lächeln, eine leichte Spur von Schadenfreude war ihren Gesichtern abzulesen, dass endlich einmal jemand diesem Ekelchef seine Meinung an den Kopf geschmissen hat. Jedenfalls endete diese Episode 1:0 für Erich. Hätte auch schlimm enden können, ging es ihm beim Nachtessen – natürlich Spaghetti Napoli – durch den Kopf, die sie deshalb gleich doppelt geniessen konnten.
Eine ähnliche Sache, einige Jahre früher, erlebt in Marrakesh in der grossen Touristenfalle Jemaa el-Fnaa: schon damals wollte uns ein skrupelloser Händler betrügen. Ok, um ein paar Fränkli abgezockt zu werden, das kann problemlos toleriert werden, diesmal handelte es sich um einen wirklich übertrieben Betrag, was mich in Weissglut versetzte. Ich forderte also das exakte Retourgeld so resolut heraus, bis der Händler schliesslich unter dem Gelächter der herumstehenden Menge klein beigeben musste.
Ja, und der schamlose Betrugsversuch eines Bankbeamten in Kairo und die "falschen Freunde" in der Oasenstadt Faijum, würden auch noch einige Seiten füllen.
Dass Marlis einmal in Nordportugal in einem Überlandbus in ihrer Tasche vergebens nach dem Reisepass suchte, wurde auch noch nicht erwähnt? Wir waren zu viert, haben in Vieira do Minho übernachtet und waren nun auf dem Weg zum Nationalpark Peneda-Gerês. Das hiess, trotz Aufregung kühlen Kopf bewahren und überlegen: der vermisste Pass könnte im Hotel liegen, oder hatte sie ihn allenfalls schon Tage vorher irgendwo verloren. Handy gabs noch keine, Telefonkabinen weit und breit auch nicht, also musste an der nächsten Haltestelle aus- und im Gegenbus wieder eingestiegen werden. Zur grossen Erleichterung wurde ihr an der Rezeption das unentbehrliche Reisedokument ausgehändigt.
Im Nationalpark selber kam es dann nochmals zu einer kleinen Beunruhigung, als bei einer Wanderung sich eine Herde wilder Tiere, wahrscheinlich Stiere oder dergleichen, uns bedrohlich näherte, sodass wir uns um geeignete Deckungsmöglichkeiten umsehen mussten. Als erster erkannte Martin, ein erfahrener Tier- vor allem auch Vogelkenner, dass die Viecher nichts anderes als harmlose Kühe waren, die sich friedlich weidend durch den Parklandschaft bewegten.
Von Irr- und Umwegen, bissigen Hunden und ausgefallenen Zügen, auch von den polizeilich verordneten zehn Quarantänetagen in der Wüstenstadt Ghardaia und demütigenden Grenzübertritten zwischen Algerien und Marokko, von Durch- und Unfällen (wir waren mit zwei Autos über Pfingsten unterwegs im Tessin, ich sass im hinteren Wagen, die vor uns hatten wir aus den Augen verloren. Kurz vor Brissago plötzlich ein erschreckender Anblick: das vordere Auto hängt quer über die Abschrankungen, ragt schräg übers Trottoir. Eine fremde Person liegt regungslos am Boden, der Lenker, von uns der seriöseste, dem man nie eine Unvorsichtigkeit zugetraut hätte, hockt leichenblass am Strassenrand. Mehr als dieses Bildsequenz zeigt sich nicht, Logisch, wurde alles verdrängt, man war jung und wollte nichts, als das Leben geniessen.
Ein unglaublicher Beinahe-Autounfall ereignete sich auch um diese Zeit herum. Mit dem eitlen Heinz, seinem coolen Mini-Cooper und einem Zelt, ging Erich eines Tages auf Entdeckungsfahrt nordwärts Richtung Holland. Kaum dort oben am Meer angekommen, rassige Rückfahrt via Paris nach Hause, dort die eigens auf einen halben Meter gekürzten Skier eingepackt und augenblicklich auf direktem Weg nach Zermatt um auf dem Gletscher herumzurutschen. Am nächsten Tag zügig ins Tessin, in Ascona dann im Schritttempo zum Parkplatz am Ende der Piazza. Rechts einbiegend hielt Heinz - Klack – das abgebrochene Lenkrad in seinen Händen. Steuerlos rollte der Mini-Cooper noch einige Meter in den Parkplatz hinein, bevor der verdatterte Lenker auf die Bremse trat. Schwein gehabt, keinen Schaden angerichtet, lachten die beiden, tief aufatmend. Aber, hätte, könnte, müsste das Lenkrad sich nicht schon eher gelöst haben auf diesen mehr als 2000 Kilometern, z.B. auf der Autobahn mit hoher Geschwindigkeit, auf einer holperigen Landstrasse, in einer engen Passstrassenkurve, oder mitten im dichten Strassenverkehr in Paris? Doch, wieder einmal richtig Glück gehabt. 
Ein unvorhersehbares Wintersporterlebnis ereignete sich in den Sportferien in Savognin. Vater hatte für diese Woche Occasion-Skis für Erich besorgt und bestens aufpoliert. Am ersten Tag auf der Piste bei der ersten Abfahrt, nach nur wenigen Schwüngen und Kurven, haute es Erich auf den Sack, und als er so dalag und wieder aufstehen wollte, fehlte ihm der rechte Ski. Er sah ihn noch die Piste hinunter zu gleiten, wollte ihm nacheilen aber erreichte das verflixte Ding nicht mehr. Weiter unten, bei einer Baumgruppe, hoffte Erich, fündig zu werden, was er auch tat. Doch der alte Ski war in zwei Teile zerbrochen und nicht mehr brauchbar. Hätte er doch nur die Sicherheitsriemen besser befestigt! Hätte, hat er aber nicht. Wie meist, wenn Erich ein Fauxpas unterlaufen war, beschlich ihn sofort ein Schuldgefühl dem Vater gegenüber. Zerknirscht stampfte er den Berg hinunter und gestand sein dummes Missgeschick. Als Ersatz bot sich ihm da unerwartet der Velo-Gemel, eine Kreuzung aus Ski, Schlitten und räderlosem Velo, an, der an der Talstation zu mieten war. So ein Sportgerät hatte bisher niemand von der Familie gesehen, dementsprechend skeptisch reagierte man, als Erich dieses seltsame Ding ausprobieren wollte. Nach etwas wackligen Fahrversuchen aber war Erich dermassen begeistert, dass er das Skifahren aufgab und in den folgenden Wintern nur noch mit dem Gemel oder Schlitten die Berge hinunter glitt.
Ewig dauernde Schreckminuten vergingen, als etwa 100 Meter oberhalb der Talstation der Sesselbahn Feldis, deren Abfahrtspiste wir verbotenerweise zu Fuss überquerten, Marlis der schwere Schlitten entglitt und den steilen Hang hinunter raste, direkt auf die wartenden Menschenmenge zu. Fast panikartig rannten Erich und Marlis dem Geschoss hinterher, immer mit dem Schlimmsten rechnend. Wie durch ein Wunder kam niemand zu schaden, aber von dem traumatischen Erlebnis konnte sich Marlis lange Zeit nicht erholen. 

Es gäbe noch viele denkwürdige Vorkommnisse zu vermelden, von mürrischen, auskunftsverweigernden Postautochauffeuren im Engadin über eine schlaflose Nacht am Toten Meer wegen wirrem, mit Messer bewaffnetem Koch; den vom Change-Money-Dealer entwendeten Travellerschecks in Istanbul, gestohlener Gitarre in Israel, Warnschüsse auf Naxos in unsere Richtung weil wir nackt am menschenleeren Strand herumlagen, dem "ausgeräumten" Auto in Nordspanien während wir uns keine dreissig Meter davon entfernt ein Bad im Meer gönnten, über das bange Herzklopfen bei jedem Grenzübertritt nach Deutschland in den 60-er und 70er-Jahren, weil dabei ungewollt die schrecklichen KZ-Greuel wach gerufen wurden, bis zu der absurden stundenlangen Inhaftierung durch übereifrige unterbeschäftigte italienisch Zollbeamte oben auf dem Splügenpass.
Auch von der sechswöchigen Reise in den frühen 80er-Jahren, Ägypten – Israel – Griechenland, wäre von vielen Erlebnissen zu berichten. An diesem Punkt kommt Erich zur Auffassung, dass er 1. diesen Band nun abschliessen muss, 2. dass es eventuell eines zweiten Bandes bedarf, um tiefer in seine Lebensgeschichte einzutauchen.

 
Überblick: kreatives Schaffen
Im Laufe der Zeit haben unter Erichs Einfluss diverse künstlerische Kreationen das Licht der Welt erblickt, ohne aber irgendwelchen Aufruhr zu verursachen. Darunter wären z.B., wie schon erwähnt, seine harmlosen Gitarrenklänge, die gewagten Verrenkungen im Ausdruckstanz, einige nähmaschinengenähte Stoffwerke, ein Dutzend drahtgeformte Objekte, eine handvoll expressionistischer Gedicht, das Zusammenfügen von Worten und Sätzen zu halbwegs leichtlesbaren Texten, seine mittels Holz- und Linolschnitt entstandenen Handdruckarbeiten, viele fotografische Schnappschüsse ausgefallener Motiv, und da wäre noch das widerspenstige Saxophon zu erwähnen, bei dem ihm bald die Luft ausging. Von Allem also nur ein Beginnen, ein belangloses Bemühen ohne Ausdauer und Anspruch. 1983/84 will Erich sich mit Super-8-Film-Experimenten versuchen und kauft eine teure Kamera. Und das zu einer Zeit, als sich alle Welt nur noch für Videokameras interessiert. Angetrieben von der Idee (oder dachte er nur, eine Idee zu haben?) für einen Kurzfilm, wagte er sich ohne Drehbuch an das Projekt. Höhepunkt seiner Autor/Kameramann/Regisseur-Karriere ein Jahr später: die Premiere (zugleich Dernière) vor Publikum im Freien Film Aarau des 35-Minütigen verworren-rührig daherkommenden surrealistischen Streifens, dem er an der Aufführung mit mehr als gemischten Gefühlen beiwohnte und sich eigentlich am liebsten durch die Hintertüre diskret davongemacht hätte. Die höfflich-zurückhaltende Reaktion des Publikums veranlasste Erich, seine Super-8-Kamera schnellstmöglich wieder zu verkaufen, was ihm infolge des technischen Wandels nicht gelang. Alle Filmaufnahmen hat Erich 30 Jahre später digitalisieren lassen, diese warten nun zusammen mit unzähligen Skizzenbüchern in einigen überquellenden Kartonschachteln auf eine Wiederentdeckung, in Zeiten dann, wo die zukünftigen Menschen den Wert der genialen Werke zu schätzen wissen werden. 
Was 2008 auf einer Schiffreise von Berlin an die Ostsee aus einer Laune heraus begann (anstelle zu fotografieren, „wie es ja alle machen“, zu skizzieren), endete Zuhause mit der Gestaltung des Büchleins, „Leuchtturm ahoi!“ Eine Überforderung sondergleichen, denn mit dem Zeichnen hatte Erich keine Erfahrung. Doch er nahm sich vor, was heisst schon sich vornehmen, es wurde bald zu einem Bedürfnis, jeden Tag eine Seite im Skizzenheft zu füllen. Nach und nach sammelten sich so ein paar tausend Skizzen und Zeichnungen an. Einige der Bilder weckten Worte auf, Bild&Text ergänzten sich zu weiteren Produkten: zuerst Reiseberichte, dazwischen seine gezeichnete Familienchronik, dann folgten tagebuchartige Aufzeichnungen, thematische Betrachtungen: alles in kleinster Auflage gedruckte Bücher; zweimal nahm er an einem Comicwettbewerb teil. Dreimal scheute er Mühe und Aufwand nicht, an Ausstellungen seine Abbildungen zu präsentieren. Aufwand und Erfolg standen stets in einem ungünstige einseitigen Verhältnis zueinander.


Das Resultat nach fast einjähri­ger Arbeit: das erste Buch, 80 Sei­ten voller Bilder, begleitet von einem holprig gereimten Text. Auflage 500, verkaufte Exemplare geschätzt: 120



Überblick: sportliche Aktivitäten
Der Rückblick auf Erichs sportliche Aktivitäten hat auf kleinem Raum Platz. Aber sicher, als junger Bengel spielte auch er im Wohnquartier leidenschaftlich Fussball, Eishockey auf Rollschuhen oder mit den Schlipfiseli auf dem gefrorenen Katzensee. Sein Traum, ein erfolgreicher Langstreckenläufer zu werden, scheiterte von allem Anfang an an seiner Bequemlichkeit, 1x hat er einen Orientierungslauf infolge Erschöpfung vorzeitig abgebrochen, 2x ist er bei einem Stabhochsprungversuch schon bei 1 Meter 65 gescheitert, 3x mühte er sich im Hockeytraining ab, 4-5x im Judoklub, 6-10x riskierte er Kopf und Kragen auf waghalsigen Abfahrten die schwarze Piste hinunter, und mindestens ein Dutzend mal schlitterte er mit dem Schlitten knapp an einer Katastrophe vorbei – das alles vor Jahrzehnten. Seither liegt er lieber vor der Glotze und geniesst die schweisstreibenden Sportarten ohne sich dabei zu überanstrengen (solche Leute braucht es auch, der Profisport ohne Zuschauer, wäre eine bedauernswerte Angelegenheit). Minigolf und Pingpong waren und sind seine einzigen aktiv betriebenen Sportarten, wobei sein Motto immer noch lautet: mitmachen ist wichtiger als siegen.

Überblick: Fotografiertes
In einer grossen Kartonschachtel lagert die Familiengeschichte in Form von sorgfältig angefertigt und vom Vater beschrifteten Fotobüchern, beginnend mit der Hochzeit der Grosseltern 1912 bis fast ins Jahr 2000. Dort warten sie, bis sich niemand mehr für ihre Erzählungen interessiert, und versinken langsam unter einem Berg von Staub. Neu dazurechnen kann man die im Laufe der letzten zwei, drei Jahrzehnte sich anhäufende Bilderflut, explosionsartig angestiegen seit Beginn der digitalen Fotografie. Ferienbilder nehmen einen grossen Platz ein in der Fotosammlung. Auch diese stossen auf wenig bis kaum Interesse, werden mit der Zeit blass und blässer und in sinnentleerte Bits und Bytes zerfallen. 

Überblicke: Playlist 
Eine über Jahre hinweg gewachsene Playlist von Musik, Songtexten und Filmen soll vollständigkeitshalber auch in diesem Buch erscheinen. Da diese für Aussenstehende uninteressant ist, wurden die Textstellen eingefärbt; die somit unlesbare Liste wird als kleine typo-grafische Spielerei präsentiert.

 

 

Nachtrag
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18.  Nachtrag
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Erichs Autobiographie ist zu Ende geschrieben, doch das Leben geht weiter. Tag für Tag. Alte Erinnerungen melden sich neu, aktuelle Ereignisse mischen sich in den Alltag, Veränderungen treten ein. Es kann doch einfach nicht sein, denkt Erich, dass eine Lebensgeschichte auf dieser Seite zu Ende sein soll, und sagt sich, «solange ich schreibe, bin ich». Also wird an seinen Texten weiter gearbeitet
Aufgefallen ist Erich, wie wenig er von seinen Bekanntschaften und Freundschaften erzählt hat. Nein, Erich ist kein Einzelgänger, obwohl er gerne mit sich selber unterwegs ist. Unternehmungen, Gespräche, Reisen zu zweit, höchstens zu viert, können sein Bedürfnis nach Geselligkeit und direktem Austausch am Besten befriedigen. Unter grösseren Gruppierungen verliert er sich in einer Unübersichtlichkeit, kann sich nicht einbringen.
Engere Beziehungen erlebt er sowohl als bereichernd als auch anstrengend. Bei einigen davon fühlt er sich nicht eingeengt. Aufgelöst hat er die Beziehung zu Menschen mit negativen, nörgeligem Charakter; neue kamen alle paar Jahre hinzu. Leider kann er nicht mit einer ellenlangen Liste von Freunden auftrumpfen, ein paar wenige, meist jahre- bis jahrzehntelange Freundschaften wären erwähnenswert, kommen aber – Erich lässt sich dazu nicht bewegen – in dieser Autobiographie kaum vor. All den liebenswerten, netten, mühsamen, kurligen, gescheiten, interessanten, langweiligen, anregenden Mitmenschen textlich gerecht zu werden, würde den Rahmen dieser Geschichte sprengen (Ausrede!) vor allem aber scheut Erich die kräfte-raubende Anstrengung, welche diese Aufgabe benötigen würde.
Die Zeit zwischen 1949 und 2023 lässt sich nicht abschliessend in Worte fassen. Ja, man hat gehofft, gezweifelt, gelacht, geliebt, geweint. Hat sich geirrt, überschätzt, hat Schritte unternommen in die eine oder andere Richtung, sich engagiert, ist mitmarschiert (Vietnamkrieg, Wohnungsnot, 80er-Bewegung, Fichenaffäre, AKW, usw.), hat sich im Laufe der Zeit etwas stabilisiert, etabliert, hat dieses und jenes auf die Beine gestellt, Ausstellungen, Vernissagen, Theater, Kino, Freunde besucht, Reisen, Ausflüge unternommen. Und alles wiederholt sich: Arztbesuche, Weihnachten, Steuern zahlen. Von Jahr zu Jahr gleicht ein Jahr dem andern etwas mehr, die Konturen verschwimmen, die Ereignisse gerinnen zu Erinnerungen, die Zeit verklumpt.
Je länger ich schreibe, umso mehr verliere ich die Übersicht über den Text, verirre mich im Dickicht vergangener Zeiten. Dazu kommt die ungeklärte Frage, wer ist Erich, wer bin ich. Soviel ist sicher: Erich will jetzt die Verantwortung abgeben, die Stellvertreterrolle nicht mehr spielen, und der Autor will die Last nicht tragen – die Freiheit, was und auf welche Art er etwas sagen will, nicht aus seinen Händen geben. Also muss zu dieser Lebensgeschichte nur noch der passende Schlusspunkt gesetzt werden. 


Doch was müsste noch unbedingt in diese Autobiographie hinein?
Stichworte: lästiger Schluckreiz im Kirchenbank; das Heimwehgefühl und der Abschiedsschmerz; der entwendete Kalbsbraten im Hotel Krone Unterstrass; einmal einen RundumdieWelt-Wettbewerb gewonnen und nie eingelöst; Webstuhl im Eigenbau; achtwöchige Tour rund ums Mittelmeer im doppelstöckigen Londoner Bus; Friedhofsexkursionen; Pilze sammeln; Anti-AKW-Aktionen in Malville (FR) 1977; meine Verhaftung an der Anti-AKW-Kundgebung in Graben; Pferdegeschichte von A bis Z; Luzerner Fasnacht: zur falschen Zeit am falschen Ort; das Glühwürmchenwunder von Breno; nach der Rückkehr von Griechenland nachts um elf Uhr den Ausstieg in Aarau verschlafen und um Mitternacht in Bern gelandet, von wo keine Züge mehr zurück fuhren; meine einsamen Verstorbenentransporte in die Aufbewahrungsräume auf den Nachtwachen in verschiedenen Spitälern); die Flussschifffahrradtouren; die Drogenhölle am Letten im Gewittersturm; Buchvernissage von "Leuchtturm Ahoi!" in der Seilerei Kislig; oder Fragen, wie: womit hab ich die Zeit zwischen den bereits erwähnten Ereignissen verbracht; war ich wenigstens einmal für jemanden Vorbild; war ich immer ehrlich; hab ich jemals betrogen, geschlagen, gestohlen (ausser das Verbandsmaterial im Kantonsspital Aarau für die Sanitätsgruppe der grossen Anti-AKW-Demonstrationen); war ich herabwürdigend, ausbeuterisch, hochnäsig, untreu; wie hab ich mich damals in eine Dreiecksbeziehung verwickelt; hab ich Bleibendes erschaffen; hab ich mich am Leben vorbei gestohlen . . . 

Nein, genug ist genug, die letzten Sätze werden gestrichen, nichts davon wird in dieser Biographie erscheinen. Aber vielleicht arbeitet Erich irgendwann an einer Fortsetzung, wer weiss.



 

 

Heute
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19.  Heute
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Heute, unterm Strich
Hat sein politisches und soziales Engagement aus Selbstschutz fast auf null reduziert; kämpft, teilweise erfolglos, gegen die Plastikflut und andere vom Fortschritt hervorgebrachte Annehmlichkeiten; ernährt sich vorwiegend regional, ökologisch, fair, zunehmend fleischlos, wenigstens theoretisch; löscht sofort alle überflüssigen Lichter, verzichtet auf häufiges Duschen; sein ökologischer Fussabdruck ist nach wie vor klein; trinkt ab und zu abends gern ein Bier. Mehr kann er für das Überleben der Menschheit nicht beitragen.
Will trotz globaler und bedrückender Probleme (Klima, Kriege, etc.) jeden Tag optimistisch anpacken, leistet sich gelegentlich ein harmloses Spässchen, versucht mit sich und dem Rest der Welt auszukommen. Insgesamt aber befindet sich Erich auf einer abschüssigen Bahn, die ins Irgendwohin führt, weg von der hiesigen Realität, ja, ist es diese selbst, die sich zusehends von ihm entfernt?
Heute nun, älter, gereifter, so etwa wie ein im Eichenfass vergorener Traubensaft, gerüttelt, gedreht, geläutert, gut gelagert, süffigsprudlig-schwer-leicht zugleich, empfindet er sich, um es – wenn auch mit hölzernen Worten – zu erklären, als ein vielschichtiges, amorphes Objekt, gebildet aus seiner reichen Vergangenheit, form- und veränderbar, wachsend, sich entwickelnd. Mutig dem Horizont entgegenblickend.
Manchmal denkt er: gäbe es die Möglichkeit, würde er, wäre er noch jung, fleissig, charmant, erfolgreich sein, aufmerksam in der Schule, würde strebig ehrgeizige Ziele verfolgen, an seine Talente glauben.
Würde hätte, wollte – dem war aber nicht so, und genau so ist es ihm auch recht – er wäre ja ein anderer geworden sein, könnte sich selbst nicht mehr erkennen. Er hiesse zwar Erich aber sein Name würde ihm nichts mehr bedeuten.








 

 

 

 

Jetzt
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20.  Jetzt
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Jetzt
bin ich endlich der,
den ich immer sein wollte,
fühl mich wie luftige Vögel,
als heulender Wolf.
Ich atme, ich schreibe,
ich staune,
wie die Zeit mich reift,
wie alles vollkommt.
Klar,
einiges kann noch werden,
vieles ist besser,
alles ist gut,
manchmal.
Jetzt



2003. Der Autor in seiner Schreibstube.

 

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