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Von Jürg Stettler
Danke, Grazie, Merci, Grazia, Dank Heigisch. Autobiographie eines Emmentalers
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Zurzeit sind 283 Biographien in Arbeit und davon 143 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 73
 
Jürg Stettler
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Kindheit, Jugend: schön, ziellos / 29.10.2019 um 15.55 Uhr
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Sport, Militär, Ausbildung: erfolgreich / 29.10.2019 um 15.56 Uhr
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Reue: ich wünschte mir, ich hätte... / 29.10.2019 um 15.56 Uhr
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Ahnenforschung: interessant / 31.10.2019 um 9.56 Uhr
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Vorwort
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Ahnenforschung: interessant
3.
Kindheit, Jugend: schön, ziellos
4.
Sport, Militär, Ausbildung: erfolgreich
5.
Familie und kleine Kinder: anspruchsvoll
6.
Arbeitnehmer: bereit, alles zu geben
7.
Familie und grosse Kinder: vieles richtig gemacht
8.
Unternehmer: Träume werden wahr
9.
Pensionär: "Gesundleben" als Beruf
10.
Schlüsselerlebnisse, Lebenserfahrung: lehrreich, wegweisend
11.
Glaube: das Gefühl, nicht alleine zu sein
12.
Heimat, Zeitepoche: Glück gehabt
13.
Reue: ich wünschte mir, ich hätte...
14.
Ausblick: nichts mehr verschieben
15.
Nachbetrachtung: Wegbegleiter, die Spuren hinterlassen haben
16.
Schlusswort: bemüht, alles zu geben
Danken möchte ich meinen Eltern, meiner Frau Ursula Elisabeth "Uschi", meinen drei Töchtern Claudia Sara "Goya", Marissa Evelyne "Issa" und Daniela Melanie "Dani" für Ihre Liebe und ihre Zuneigung.
1
Vorwort
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1.  Vorwort

Inspiriert von Herrmann Hesse, von Thomas Mann, von Erich Maria Remarque und von den vielen anderen bedeutenden Schriftstellern im Tessin, trete ich in ihre viel zu grossen Fussstapfen und schreibe meine Autobiographie auf der Terrasse meiner Wohnung in Gerra mit Blick auf den Lago Maggiore, auf die Isole di Brissago, auf Ascona und Locarno, auf die im Winter verschneite alpine Bergwelt und die mediterrane Vegetation mit Palmen in den Gärten.

Für den "Zeitknappen" eine Kurzfassung meiner Autobiographie zu Beginn:

Nach Startschwierigkeiten auf der Überholspur im Ziel angekommen, ohne die Verkehrsregeln zu verletzen und Unfälle verursacht zu haben.


(1) Stettler Wappen Eggiwil
Stettler Wappen Eggiwil

 


 

 

 

 

Ahnenforschung: interessant
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2.  Ahnenforschung: interessant


Ich beginne die Biographie von Jürg Stettler mit der Ahnenforschung der Stettlers aus Eggiwil und Signau, die von Theodor von Lerber bearbeitet worden ist und die einige interessante Verbindungen zu bedeutenden Personen und Familien im Emmental in den letzten Jahrhunderten aufzeigt. In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf das Buch "Der Rebell vom Eggiwil" von Urs Hostettler, Zytglogge Verlag, Bern.

Der Bauernaufstand von 1653 war die gewaltigste Volkserhebung der Schweizer Geschichte. Das urdemokratische Anliegen der Bauern, die sich der Machtkonzentration in den Händen einiger weniger städtischer Familien widersetzten. Mit skrupellosem Einsatz gelang es den Regenten, den Aufstand niederzuschlagen. Der Anführer des Bauernaufstandes, der Rebell vom Eggiwil, war der alte Giebelbauer Ueli Galli. Er war der Sprecher und Ratgeber des Aufstandes. Er starb den schändlichsten Tod aller Rebellen, als einziger endete er in Bern am Galgen. Nach dem zweiten Verhör mit Galli im Streckiturm in Bern schrieb der Gerichtsschreiber folgendes ins Turmbuch.

Ich zitiere buchstabengetreu das Buch: "Galli gsin Urheber und heige zu disen Ufruhren dapfer gehulffen, im Eggiwyl, by synem einten Hus eine Gmeind gehalten, darin durch die Red geführt, der Statt Bern und ihren Hüsern alle Zufuhr, Proviant, und Läbens-Mittel abgeschnidten werden sölle, dass man die Soldaten us Iro Gnaden Schlössern tryben sölle, so habe er geroten..."! Das reichte für sein Todesurteil.

Warum erwähne ich das? Im 19. Jahrhundert wird der Giebelhof von Galli an die Familie Haldemann verkauft. Meine Ururgrossmutter war eine Haldemann, welche 1833 meinen Ururgrossvater Christian Stettler (1806 - 1868) heiratete. Später kaufte "dr alt Stöckler", namens Samuel Stettler - Galli, einen Teil des Giebellandes. Er war vor einhundert Jahren der absolute Dorfkönig im Emmental. Ihm gehörte fast das ganze Eggiwil. Er war ein Tyrann, der keine Skrupel kannte und seine Mitmenschen manipulierte. Man sieht anhand der Ahnenforschung von Theodor von Lerber die vielen Verbindungen der Familien Stettler, Haldemann und Galli.

Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, dass der Biograph ausschliesslich die positiven Charaktereigenschaften seiner Ahnen übernommen hat!

Der Familienname Stettler ist eine Herkunftsbezeichnung. Die grosse Mehrheit der Stettlers kamen ursprünglich im 17. Jahrhundert mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit aus der politischen Gemeinde Stettlen, die zum Verwaltungskreis Bern-Mittelland gehört.

Erwähnenswert ist auch eine Stadt mit dem Namen "Stettler". Die Stadt liegt in der Provinz Alberta in Kanada. Man nennt die Stadt auch "the heart of Alberta". Der Name ist eine Ehrerbietung an Karl Stettler aus Eggiwil, der 1886 nach Amerika und später nach Kanada auswanderte und grosse Verdienste beim Bau der örtlichen Eisenbahn, der Central Pacific Rail Road, hatte.

 


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Stadt Stettler, Gründungsjahr 1905, aktuelle 
Bevölkerungszahl 6000


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Stadt Stettler, 180 km südlich von Edmonton,
Hauptstadt von Alberta
 

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Die Kleinstadt Stettler in Kanada

Kindheit, Jugend: schön, ziellos
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3.  Kindheit, Jugend: schön, ziellos


Geboren wurde ich, Jürg Stettler, im Sternzeichen Widder (chin. Sternzeichen der Tiger) am 10. April, an einem Ostermontag, dem einhundertsten Tag im Jahr 1950.

Mein Heimatort ist Eggiwil im Emmental. Mein Geburtsort ist Signau.

Meine Schicksalszahl ist die 2, das bedeutet: sensibel, einfühlsam und warmherzig, ein guter Partner in einer Beziehung mit einem grossen Bedürfnis nach Harmonie, fühlt sich in Gesellschaft am wohlsten.

Als Yang-Typ bin ich manchmal stressig, eher ungeduldig mit starkem Körperbau und Herzinfarktrisiko, dem Alkohol nicht abgeneigt und mit ausgeprägtem Appetit, speziell nach Fleisch.

Geboren am 10. April sind beispielsweise auch Lenin (1870) und Pulitzer, der Journalist (1846).

Geboren 1950 sind unter vielen anderen Thomas Gottschalk, Stevie Wonder und Mark Spitz.

Wichtige Errungenschaften zu Beginn der 60iger Jahre waren das Antibiotikum, die Fotokopie, das Goggomobil, modisch waren bei Damen der Petticoat und die Hochfrisur.

An meinem 70. Geburtstag im Jahr 2020 bin ich genau 25'567 Tage alt.

Weder die Geburt, was nicht unbedingt überraschend ist, noch die ersten vier bis fünf Lebensjahre sind in meinem Gedächtnis irgendwie präsent.

Als Nachzügler und Nesthäkchen der Familie hing ich an Mutters Rockzipfel. Jürgli, Mamas Liebling, nannten mich "liebevoll" meine beiden wesentlich älteren Geschwister, Annemarie und Bernhard. Ich profitierte zu ihrem Leidwesen von vielen kleinen und grösseren Annehmlichkeiten, die meine beiden Wegbereiter nicht kannten.

Noch heute, viele Jahre später, gibt es ab und zu kleine Sticheleien, wo diese im Kindesalter ungerechte Situation immer humorvoll thematisiert und aufgearbeitet wird.

Wir hatten in Konolfingen im Emmental, für die damalige Zeit üblich, ein grosses, neugebautes Haus mit einer grosszügigen, zweistöckigen Wohnung plus eine kleine Mansarde im Dachgeschoss, welche vermietet wurde. Im Erdgeschoss befanden sich die Räumlichkeiten für zwei Detailfachgeschäfte. Mein Vater war gelernter Uhrmacher und Inhaber eines der beiden Fachgeschäfte. Meine Eltern führten das Geschäft gemeinsam. Meine Mutter war, wenn immer möglich im Verkauf, mein Vater reparierte Uhren und war auch für die Administration und die Buchhaltung zuständig. Die finanzielle Belastung mit dem Neubau war gross und bereitete meinen Eltern während vieler Jahre teilweise auch schlaflose Nächte. Das zweite Geschäft wurde an einen Photographen vermietet.

Ein Jahr vor Schulbeginn sollte auch Jürgli den Kindergarten besuchen, was ich jedoch strikt ablehnte. Meine Eltern setzten sich durch und schickten mich mit Sack und Pack auf den Weg. Keine zehn Minuten später war ich wieder zurück mit einer akuten plötzlich ausgebrochenen Grippe. Wochen später beim zweiten Versuch begleitete mich mein Vater bis ins Kindergartenzimmer. Wieder zuhause meldete er bei meiner Mutter den erfolgreichen Abschluss seiner Mission. Was er jedoch nicht wusste, war, dass ich schon Minuten vorher auf einer Abkürzung nach Hause zurückgekehrt war. Konsequenz aus dieser Geschichte: mein Kindergartenabenteuer wurde endgültig abgebrochen. Mamas Liebling blieb zu Hause.

Weder zu meinen Göttis noch zu meiner Gotte, schon gar nicht zu den vielen Onkeln oder Tanten hatte ich eine engere Beziehung. Auch meine Grosseltern spielten in meiner Wahrnehmung keine grosse Rolle und starben teilweise auch sehr früh. Familientreffen gab es nur sehr selten, wenn, dann traf man sich bei einem Geburtstag oder bei einer Beerdigung.

Meine Bezugspersonen in meiner frühen Kindheit waren fast ausschliesslich meine Eltern.

Meine Mutter erlebte ich als fürsorglich, stark und hilfsbereit.

Mein Vater war einfach gut und immer für mich da, wenn ich ihn brauchte.

Leider wurde meine Mutter in ihrer zweiten Lebenshälfte sehr krank, zu allem Unglück hatte sie zusätzlich noch einen schweren Autounfall. Das alles hatte sie sehr mitgenommen und verbittert. Sie starb unglücklich.

Mein Vater war bis zu seinem Lebensende ein liebevoller, gutmütiger Zeitgenosse, man musste ihn einfach gern haben.

Nach Abschluss des zweiten Schuljahres hatte ich meine erste richtige Lebenskrise. Der Umzug vom beschaulichen, verträumten Konolfingen im Emmental nach Zofingen im Kanton Aargau war für mich ein richtiger Schock. Mein erster Schultag war für mich ein absoluter Horror. Damals eher noch kleingewachsen, blond mit grünblauen Augen, hatte ich schnell die Fürsorglichkeit meines ergrauten Lehrers im fortgeschrittenen Alter geweckt. Sechzig Jahre später würde dessen Verhalten sicher schon nach ein paar Tagen zu einer Untersuchung der Schulpflege, vielleicht sogar zu einer Anzeige führen.

Schon in jungen Jahren bemerkte ich mein sportliches Talent, was mich natürlich schnell in der Hierarchie aufsteigen liess.

In dieser frühen Lebensphase lernte ich meinen wichtigsten Spielkameraden kennen, der später in meinen Jugendjahren mein bester Freund wurde. Er erleichterte mir die Integration in Zofingen enorm. Walter (Bönes) sollte in meinem Leben in vielerlei Hinsicht eine ganz wesentliche Rolle spielen. Bönes war körperlich nicht der Grösste, er konnte sich aber durch seine selbstbewusste Art, durch seine Intelligenz und durch sein forsches Auftreten jederzeit und überall Respekt verschaffen. Das imponierte mir, und ich fühlte mich in seiner Umgebung wohl. Auch sah ich zum ersten Mal, dass man mit etwas weniger Spielsachen und mit etwas weniger Taschengeld auch glücklich sein konnte. Da meine beiden Geschwister viel älter waren als ich und schon früh das Elternhaus verliessen, war Bönes so etwas wie ein Ersatzbruder für mich.

Das Familienleben war durch die gemeinsame Geschäftstätigkeit meiner Eltern klar strukturiert und organisiert. Das Uhren- und Schmuckgeschäft, welches mein Vater in Zofingen nach dem Umzug übernommen hatte, lag mitten in der Altstadt. Unsere Mietwohnung lag ausserhalb der Stadt in einem Wohnblockquartier. Wir bewohnten eine 4 1/2-Zimmerwohnung im 2. Stock eines neu gebauten Blocks mit grosszügiger Rasenfläche zum Spielen. Vater und Mutter gingen sehr oft gemeinsam zur Arbeit und kamen abends auch zusammen wieder nach Hause. Sämtliche Arbeiten waren klar geregelt, jeder half mit, bis alle Aufgaben bewältigt waren. Freizeit gab es nur für alle oder für niemanden. Der Fernseher wurde erst eingeschaltet, wenn alles andere erledigt war. So war es für mich selbstverständlich, dass ich meinen Eltern im Geschäft zur Hand ging. Besonders während den Schulferien oder dem stressigen Weihnachtsgeschäft war ich sehr oft mit einfachen Arbeiten im Geschäft im Einsatz. Der Sport wurde in meiner Jugend immer wichtiger, was in späteren Jahren noch zu einem echten Problem werden sollte. Computer oder Handy gab es zu dieser Zeit noch nicht, so spielte das runde Leder für mich die wichtigste Rolle in meinem noch jungen Leben. Jede freie Minute war ich draussen und spielte Fussball. Meine Intelligenz reichte, um ohne gross zu lernen die Bezirksschule zu meistern, und meine Noten waren gut genug, um ohne Prüfung den Übertritt in die Kantonsschule nach Aarau zu schaffen.

Unbeschwert begann ich mein Gymi-Abenteuer, fand es "cool", jeden Morgen mit dem Zug nach Aarau zu fahren. Die Wagen waren gut besetzt mit mehr oder weniger motivierten Schülern aus Zofingen. Leider gehörte ich zu der Spezies der weniger motivierten. Entsprechend schlecht waren meine Leistungen, speziell in Mathematik und den Sprachen. Nie vergessen werde ich den Spruch meines Lateinlehrers: "Junger Mann, Sie haben sicher Talent, aber ganz bestimmt nicht in Latein"! So kam es, wie es kommen musste, nach einem Jahr war schon wieder Schluss. Ich flog infolge ungenügender Noten aus der Kantonsschule Aarau.

Vielleicht wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen für meine Eltern, die Reissleine zu ziehen und den "Möchtegern-Fussballprofi" in die Schranken zu weisen.

Doch was tat mein Vater, vielleicht auch im Wissen, dass sein Sohn die Kurve schon noch kriegen wird, er sagte zu mir: "Jürg, es gibt immer einen Weg, du wirst ihn finden, ich werde dir dabei helfen".

Mein neuer Weg führte mich nach Basel in eine Privatschule. Ich pendelte drei Jahre jeden Tag von Zofingen nach Basel und wieder zurück. Meine Interessen hatten sich jedoch nur geringfügig verändert, nach wie vor stand der Sport und speziell Fussball an erster Stelle.

Was passiert mit Jugendlichen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll? Ganz genau: man schickt sie ins Welschland, ins Tessin oder sogar ins Ausland, um eine Sprache neu zu lernen oder um sie zu perfektionieren. So geschah es auch bei mir, Jungspund Jürg bekam eine Fahrkarte ab Basel mit dem Zielbahnhof "Gare de l'est Paris". Es war für mich fast so traumatisch wie damals beim Versuch meines Vaters, mich in den Kindergarten zu schicken. In Paris angekommen lebte ich die ersten drei, vier Tage im Zimmer meiner Sprachschule, bis ich zum ersten Mal für ungefähr zwei bis drei Stunden auf die Strasse ging. Natürlich gewöhnte ich mich in meinem fortgeschrittenen Alter relativ schnell an die Grossstadt, auch in Anbetracht dessen, dass ich fast jedes Wochenende in die Schweiz zurückflog, doch darüber später mehr im Kapitel Sport.

Mein Selbstbewusstsein hatte sich durch meine ersten Erfolge im Fussball schnell entwickelt. Im Kreise meiner Sportkameraden und Jugendfreunde war ich ein Leader, entsprechend gross war meine "Klappe". Bei Mädchen war ich jedoch eher zurückhaltend. Das runde Leder füllte mein Leben total aus.

Abschliessen möchte ich diese Lebensphase mit einem ganz wunderschönen Event. Die Stadt Zofingen wurde durch das Fernsehen SRF auserkoren, die Schweiz am Länderwettkampf "Spiel ohne Grenzen" mit der Moderatorenlegende Mäni Weber zu vertreten. Alle Sportvereine wurden angefragt, wer sich für diesen Anlass zur Verfügung stellen möchte. Natürlich war ich dabei, mit breiter Brust und grossem Selbstvertrauen. Ich wurde vom Mannschaftskapitän für das Spiel "Hochzeit mit Hindernissen" ausgewählt. Meine Braut war die vier Jahre jüngere Eva, ein sehr hübsches Mädchen. Wir waren in den Trainings so überzeugend, dass die Mannschaftsführung beim Spiel "Hochzeit mit Hindernissen" den Joker setzte, das hiess bei einem Sieg gab es die doppelte Punktzahl. Langer Worte kurzer Sinn, wir gewannen dieses Spiel und damit zwölf Punkte für unsere Stadt. Ganz Zofingen war aus dem Häuschen und wir belegten in der Schlussabrechnung den zweiten Platz und verpassten das europäische Finale in Brüssel nur um wenige Punkte. Eva, du warst eine tolle Braut.

Mein Fazit nach 20 Jahren: Ich hatte wunderbare Eltern, eine unbeschwerte, schöne Jugend, tolle Kameraden und einen wahren Freund.

Das Resultat meiner Jugendzeit war jedoch ernüchternd: "20 Jahre und noch kein bisschen weise"!

 
Sport, Militär, Ausbildung: erfolgreich
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4.  Sport, Militär, Ausbildung: erfolgreich


Das Aufgebot in die Schweizer Junioren-Fussball-Nationalmannschaft war Lohn für viele Trainingstage und gute Leistungen in der höchsten Schweizer Amateurliga. Wir spielten an verschiedenen Turnieren gegen diverse andere europäische Junioren-Nationalteams. Ich hatte die Ehre, als Kapitän die Schweizer Mannschaft anzuführen.

Während meinem Sprachaufenthalt in Paris spielte ich in der ersten Mannschaft des SC Zofingen. Als bester Torschütze hatten die Offiziellen des Clubs das Gefühl, dass die Mannschaft ohne mich möglicherweise den Ligaerhalt nicht schaffen könnte, und so wurde ich während Wochen für jedes Spiel von Paris eingeflogen. Am Abend kehrte ich jeweils wieder nach Paris zurück. Mein Gott, kam ich mir wichtig vor. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass wir nur in der höchsten Amateurliga spielten und nicht etwa um die Schweizer Fussball-Meisterschaft in der Nationalliga A! So oder so, es war einfach nur geil, würde man heute sagen.

Volljährig, wie ich nun einmal war, stand das Autofahren ganz zuoberst auf meiner Prioritätenliste. In den Achtzigerjahren ging das noch relativ schnell. Ungefähr zehn offizielle Theorie- und Praxis-Fahrstunden genügten, um an die Fahrprüfung zugelassen zu werden. Natürlich war ich auch sonst noch mit meinen Kollegen mit dem Auto unterwegs, um mir zusätzliche Fahrpraxis zu verschaffen! Dies geschah vor allem an Wochenenden! Mein Tonbandgerät mit den grossen Lautsprechern und den damals riesigen Kassetten sind noch heute Gesprächsthema. Jeder kannte meinen bevorzugten Interpreten, Percy Sledge mit den Evergreens "when a man loves a woman" oder "take time to know her". Diverse teilweise mehr oder weniger abbruchreife Occasions-Fahrzeuge fuhr ich in meiner Jugendzeit. Einen alten von meinem Vater ausrangierten Volkswagen VW, einen zehnjährigen Ford Mustang und einen reparaturanfälligen gelben Porsche Carrera. Die erste Reparaturrechnung meines Sportwagens war höher als der Anschaffungspreis meines Flitzers. Nach ungefähr sechs Monaten war die Höllenmaschine schon wieder weg, zu teuer für mich im Unterhalt.

Leider gab es in dieser Zeit keine "Toni" Autogarage in Zofingen. In diesem Zusammenhang möchte ich eine schöne Bekanntschaft in späteren Jahren schon jetzt erwähnen. Toni mit seiner Autoreparaturwerkstatt in Baar betreut seit 25 Jahren alle meine Fahrzeuge, ob neu oder alt, egal welche Marke, Toni hat alles im Griff. Wenn ich nicht mehr aus der Tiefgarage komme, hilft er mir zeitnah, mein Problem zu lösen. Er gibt mir auch viele wunderbare Tipps bei Neuanschaffungen. Wenn ich mein altes Auto entsorgen will, findet er für mich immer einen Abnehmer zu einem guten Preis. Danke Toni für deine langjährige Hilfe.

Da ich mit 20 Jahren immer noch nicht wusste, was einmal aus mir werden sollte, hatte ich nach einem langen, intensiven Gespräch mit meinem Vater (Oberleutnant der Infanterie a.D.) entschieden, jetzt die Rekrutenschule zu absolvieren.

Es kam, wie es kommen musste oder wie mein Vater es sich vielleicht gewünscht hatte. Das Militär half mir, gewisse Dinge neu zu sehen, neu zu beurteilen und auch etwas erwachsener zu werden. Nach der Rekrutenschule absolvierte ich ohne Verzug die Unteroffiziersschule. Nach dem Abverdienen des Korporals bekam ich den Vorschlag zum Offizier. Ich rückte sofort in die Offiziersschule ein. Achtzehn Wochen, die mich nochmals ein Stück weitergebracht hatten. Es gab viele Dinge im Militär, die waren schon damals überholt und sollten geändert oder gar abgeschafft werden, aber es gab auch viele Dinge in einer Offiziersschule und in erster Linie beim Abverdienen des Leutnantgrades, die man später im Leben und ganz speziell in einer Führungsfunktion im Beruf gut gebrauchen konnte.

Nie werde ich den Schulkommandanten in meiner Offiziersschule, seines Zeichens Oberst im Generalstab, vergessen. Drei von ungefähr einhundert Aspiranten bekamen während meiner OS die zweifelhafte Ehre, vor allen Offiziersanwärtern über ein vorgeschriebenes, absolut langweiliges Thema zu referieren. Wie es so spielt im Leben, ich wurde ausgewählt. Drei Minuten vor acht Uhr war ich im Auditorium für meinen Vortrag bereit. Wie damals üblich hatte ich vor mir einen Berg von Folien sowie ein Manuskript zum Spicken bei einem Durchhänger. Plötzlich stand der Oberst neben mir und sagte mit seinem italienischen Akzent; Aspirant, sie sind unpünktlich. Total entnervt zeigte ich ihm meine Uhr, drei Minuten vor acht Uhr und dachte dabei, dem hast du es jetzt gezeigt. Genau, das meine ich, sagte der Oberst vorwurfsvoll; sie sind drei Minuten zu früh, sie haben drei Minuten verschenkt und das kann sie im Kampf das Leben kosten! Wie erschlagen stand ich da und wusste nicht, was mit mir gerade geschah.

Fast zwei Jahre war ich so ohne Unterbruch beim Militär, was meiner sportlichen Karriere nicht unbedingt förderlich war. Trotzdem startete ich jetzt im Fussball durch und unterschrieb nach diversen Jahren im unbezahlten Amateurfussball der ersten Liga bei Zofingen und Breite Basel meinen ersten richtigen Vertrag bei Nordstern Basel, einem Spitzenclub in der Nationalliga B mit einem renommierten Trainer, der mich unbedingt in seinem Team haben wollte. Sein Name war Svezdan Cebinac, ehemaliger Profifussballer beim FC Nürnberg, damals Meister in der 1. deutschen Bundesliga. Cebi, wie ihn alle respektvoll nannten, war nicht nur Fussballer des Jahres in Deutschland, er spielte auch in der jugoslawischen Nationalmannschaft und diverse Male in der Weltauswahl.

Ich profitierte auf und neben dem Platz gewaltig von ihm und wurde zu einem der besten Torschützen in der Nationalliga B. Mein Trainingsplan war intensiv und sah täglich mindestens ein Training vor. Mein Vertrag ermöglichte mir ein angenehmes Leben. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, ich war nicht "Vollprofi-Fussballer".

Militär und Sport hatten nun definitiv aus mir einen erwachsenen Menschen gemacht. Ich stand mit beiden Füssen im Leben und wollte nun auch beruflich durchstarten.

Ich machte mir jetzt intensiv Gedanken über meine berufliche Zukunft. Angebote für eine professionelle Fussballkarriere aus der Nationalliga A (Zürich und Xamax Neuenburg) hatten plötzlich weniger Bedeutung. Es war mir nun wichtiger etwas aufzubauen, das nachhaltig war, und ich auch nach einer sportlichen Karriere davon leben konnte.

Die damals neu ins Leben gerufene Fachhochschule für Betriebswirtschaft in Basel (HWV) hatte mein Interesse geweckt. Ich erfüllte sämtliche Bedingungen, um aufgenommen zu werden und begann im Herbst 1975 mein Studium. Es war eine sehr schöne, unbeschwerte Zeit. Es gab nicht wie an einer Universität Vorlesungen sondern einen Schulbetrieb mit ungefähr 25 Wochenstunden, die fast immer eine Pflichtanwesenheit erforderten. Meine Leistungen waren gut, jedoch nicht hervorragend. Gemäss dem Rektor war meine Diplomarbeit ebenfalls gut aber nach seiner Einschätzung wissenschaftlich ohne jede Bedeutung. So schloss ich 1978 die Fachhochschule mit den Schwerpunktfächern Betriebswirtschaft und Organisation erfolgreich ab.

Während dieser Zeit lebte ich nicht mehr im Elternhaus in Zofingen sondern hatte in Basel eine kleine 1-Zimmerwohnung, ungefähr 25 Quadratmeter gross, für damals 350 Franken im Monat. Meine Wohnung war im 3. Stock eines Mehrfamilienhauses gleich neben der Anlieferungsstelle der kleinen Migrosfiliale gegenüber. Jeden Morgen von 06.00 bis ca. 06.30 Uhr wurde über eine Metallrolle angeliefert. Auch wenn man noch so müde war, spätestens um 06.30 Uhr war jeder im Haus wach! Trotzdem fühlte ich mich pudelwohl und genoss jede Minute dort. Es war für mich eine absolut perfekte Situation, ich konnte Ausbildung und Sport wunderbar miteinander verbinden.

 
Familie und kleine Kinder: anspruchsvoll
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5.  Familie und kleine Kinder: anspruchsvoll


Nach diversen eher oberflächlichen Bekanntschaften mit dem weiblichen Geschlecht lernte ich durch meinen Jugendfreund Bönes meine spätere Frau Uschi kennen. Unsere ersten "Dates" waren alles andere als spektakulär, diverse Kinobesuche in Abwechslung mit dem Claravarieté in Kleinbasel. Besonders erinnern kann ich mich an den zweiten Besuch in einem Dancing. Uschi, sehr extrovertiert, hat mit Händen und Füssen geredet. Es kam wie es kommen musste, sie schüttete mir ein volles Colaglas über meine besten Ausgangshosen. Zum Glück hing mein damals einziger Ausgangskittel an meiner Stuhllehne.

Natürlich wollte mein Jugendfreund wissen, wie mir die Schwester seiner Freundin und späteren Frau gefallen hat. Ich fand sie ganz nett, sehr kommunikativ, anders ausgedrückt, sie redete ohne Pause. Für einen waschechten Emmentaler mit Heimatort Eggiwil doch etwas anstrengend. Die gleiche Frage stellte Bönes auch Uschi, ihre Antwort war kurz und bündig: "ein Langweiler".

Unsere kleinen Anlaufschwierigkeiten waren jedoch schnell überwunden, und aus einer schönen Freundschaft wurde schnell eine wunderbare Beziehung, in der zwei Menschen sich sehr gut ergänzten. Uschi hatte immer sehr viel Verständnis für meine damals sehr intensiven, sportlichen Aktivitäten und unterstützte mich auch bei meiner beruflichen Ausbildung.

Sie wohnte in diesen Jahren immer noch bei ihren Eltern in Allschwil und ich in meiner kleinen Junggesellenbude an der Rixheimerstrasse. Sie arbeitete während vielen Jahren im Biozentrum in einem Forschungsteam. Uschi war für sämtliche administrativen Arbeiten der Biochemiker zuständig und die gute Seele des Teams. Forscher aus der ganzen Welt waren Garantie für eine anspruchsvolle und interessante Arbeit.

Der Rieschweg in Allschwil war während vielen Jahren an Sonntagen Treffpunkt zum Mittagessen. Berta, meine spätere Schwiegermutter, kochte für die beiden Töchter, die beiden potentiellen Schwiegersöhne und natürlich für Karli. Karli, mein späterer Schwiegervater, war ein imposanter, älterer Herr nach altem Schrot und Korn. Als ehemaliger Chefrevisor bei der Ciba Geigy führte er auch zu Hause ein eher strenges Regime. Diverse ehrenamtliche Nebenbeschäftigungen wie im Olympischen Komitee oder beim Schweizer Fussballverband waren Zeugnis seiner Kompetenz und ermöglichten ihm spannende Reisen an Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. Unsere sehr kontroversen Diskussionen über Fussball, waren an Intensität fast nicht zu überbieten. Natürlich hatten wir immer beide Recht und keiner konnte den anderen überzeugen. Ebenso intensiv waren unsere Pingpong-Spiele im Keller, keiner konnte und wollte verlieren. Wir alle haben uns auf diese Sonntage immer sehr gefreut.

Nach Abschluss meiner Ausbildung kam selbstverständlich sehr schnell die Frage aller Fragen: "Willst du mich heiraten"? Ja, war die Antwort!

Der guten Ordnung halber sei hier erwähnt, dass Uschi die Frage gestellt hatte. Soviel zur Emanzipation der Schweizer Frauen in den achtziger Jahren.

Da wir die Zukunft sehr genau planen wollten, gab es noch diverse zusätzliche Fragen, die klare Antworten erforderten;

Kinder, ja oder nein, jetzt oder vielleicht etwas später?

Gemeinsame Wohnung, ja oder nein, jetzt oder vielleicht etwas später?

Als ehemaliger "Langweiler" geoutet und nicht unbedingt als forscher Draufgänger bekannt, war ich eigentlich froh, dass Uschi in diesem Schlüsselbereich die Initiative ergriff. Wir waren uns relativ schnell einig, dass eine traditionelle Familie unser gemeinsames Ziel war. So gab es auch kein Taktieren, kein Verzögern, wir gingen die "Problemlösung" speditiv an.

Uschi war für mich mit allen ihren Stärken eine ideale Ergänzung und ist es auch heute noch!

Wir heirateten in der wunderschönen, kleinen reformierten Kirche in Vordemwald. Sie steht gut sichtbar auf einem Hügel mitten im Dorf. Es war eine kleine Hochzeitsgesellschaft mit ungefähr 30 bis 40 Personen. Gegessen haben wir im Hotel Restaurant Adler in Nebikon. Das war damals eine sehr gute Adresse für eine ausgezeichnete Küche. In Bezug auf die Festlichkeiten sei noch erwähnt, wir, das heisst Uschi und ich, haben im gegenseitigen Einvernehmen auf jegliche Musik verzichtet, dass niemand auf die Idee kommen konnte, das Tanzbein zu schwingen. Wir beide sind absolut taktlos im musikalischen Sinn und wollten uns so die Schmach eines Debakels beim Walzer des Brautpaares ersparen.

In Anbetracht meiner ersten Anstellung bei einer grossen Elektro-Apparatebau Firma in Olten suchten wir dort auch eine schöne 3 1/2-Zimmerwohnung. Wir fanden die idealen Räumlichkeiten an der Langhagstrasse in einem neugebauten Mehrfamilienhaus mit einem wunderschönen Kinderspielplatz.

Uschi wurde sehr schnell schwanger, und die Geburt unserer ersten Tochter Claudia Sara "Goya" am 15. November 1980 machte unser Glück perfekt. Schon fünfzehn Monate später kam unsere zweite Tochter Marissa Evelyne "Issa" am 21. Februar 1982 zur Welt. Es war für uns beide mit zwei Kindern eine sehr schöne aber auch stressige Zeit.

Das Dreimädelhaus komplett machte unsere dritte Tochter Daniela Melanie "Dani" am 21. November 1985. Da die Wohnung in Olten für fünf Personen zu klein war, suchten wir grössere Räumlichkeiten. Gefunden haben wir eine passende Alternative in Oftringen am Fischerweg in einem 5 1/2-Zimmer Reiheneinfamilienhaus mit wiederum einem wunderschönen, grossen Kinderspielplatz. Kindergarten und Schule waren in unmittelbarer Nähe und ohne grosses Verkehrsaufkommen erreichbar. Das Quartier war gut besetzt mit jungen, kinderreichen Familien. Wir fühlten uns dort sehr wohl.

Zu unserer Familie gehörten auch immer Tiere. Zwerghasen, Hamster und ganz speziell Katzen, manchmal gleich mehrere. Daniela, unsere jüngste Tochter, ist eine absolute Tiernärrin. Wir waren bei den Katzen im Quartier so was wie ein Geheimtipp. Die Katzentür war immer offen und Futter hatte es auch immer genügend. Es gab Katzen, die bei uns nur gegessen haben, andere hatten Kost und Logis. Einmal im tiefen Winter kam Daniela mit einer kleinen Katze im Schuhkarton, vielleicht fünf bis sechs Wochen alt, mit der Bitte, dem armen, kleinen Wesen Unterschlupf zu gewähren. Wer konnte da schon nein sagen. Nur hatte die ganze Sache einen Haken. Das kleine Kätzchen sah so übel aus, es benötigte dringend einen Tierarzt. So geschah es auch, die Chancen zum Überleben waren klein, das Kätzchen blieb über zwei Wochen in der Tierklinik. Irgendwann der erlösende Telefonanruf, das kleine Wesen hatte es geschafft. Alle waren glücklich bis zum Moment, als ich zwei Wochen später die Rechnung vom Tierarzt bekam. Die humanitäre Hilfsaktion hat uns achthundert Franken gekostet. Doch was tut man nicht alles für seine Kinder. Besonders erwähnen möchte ich noch Topsi, unsern treusten Wegbegleiter. Der Kater hat während einundzwanzig Jahren unser Leben bereichert. Er gehörte einfach dazu und war ein vollwertiges Mitglied unserer Familie.

Wie der Zufall es so wollte, wohnte auch mein wesentlich älterer Bruder Bernhard mit seiner Frau Marlis in unmittelbarer Nähe im selben Quartier in Oftringen. Uschi und Marlis trafen sich sehr oft zu einem gemütlichen Schwatz und einem Gläschen "Mineralwasser", was unserer Integration sehr geholfen hat. Nicht selten gab es auch zu viert ein herrliches Essen. Marlis war und ist auch heute noch eine wahre Meisterköchin.

Uschi und ich sind nun seit über vierzig Jahren zusammen und haben sämtliche Hürden in souveräner Art gemeistert. Seit ungefähr zwanzig Jahren nenne ich sie liebevoll "Madame".

Arbeitnehmer: bereit, alles zu geben
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6.  Arbeitnehmer: bereit, alles zu geben


Nach dem erfolgreichen Abschluss als Betriebsökonom FH in Basel trat ich meine erste Stelle in Olten an. Ich wurde Assistent des Finanzchefs in einem grossen Elektro Apparatebau Betrieb. Ich sass stundenlang am Computer in den Bereichen Kreditoren, Debitoren und Lohnbuchhaltung. Beim Vorstellungsgespräch wurde mir eine abwechslungsreiche, interessante Arbeit mit entsprechendem Entwicklungspotential versprochen. Als ich nach zwölf Monaten immer noch mehr oder weniger das Aufgabengebiet der ersten Wochen erledigte, war für mich sehr schnell klar, hier habe ich keine Zukunft. Auch sah ich jetzt, dass die Aufgabenbereiche Buchhaltung und Rechnungswesen nicht unbedingt meine Welt waren, obwohl ich gerade dort in den Abschlussprüfungen die besten Noten hatte. Mir war jetzt bewusst, ich brauche Menschen um mich, ich brauche eine Führungsaufgabe, ich brauche eine Funktion, die nicht nur mit Zahlen zu tun hat, eine Aufgabe mit mehr Dynamik. Was das genau sein sollte, wusste ich damals noch nicht.

Wie alle Arbeitnehmer, die in ungekündigter Stellung sind, jedoch offen für eine neue Herausforderung, las ich täglich die Stellenanzeigen in den einschlägigen regionalen Zeitungen. Alle heute üblichen Kanäle kannte man damals noch nicht, und für einen Headhunter war ich doch zu dieser Zeit eine Nummer zu klein. Ich erinnere mich noch ganz genau. Ich war in der Kantine beim morgigen Kaffee und las, weil ich alleine am Tisch sass, die Stellenanzeigen im Oltener Tagblatt. Gesucht wurde der Personalchef der Schweizerischen Speisewagen-Gesellschaft (SSG), jung und dynamisch mit mehrjähriger Erfahrung im Personalwesen und im Führen von Menschen. Mein Gott, das wäre doch was für mich, jung und dynamisch war ich, das Personalwesen kannte ich nicht und Menschen hatte ich ausser im Militär noch nie geführt. Was soll es, wer nichts wagt, gewinnt nichts. Ich liess mir Zeit und schrieb eine solide Bewerbung und schickte sie mit der nötigen Überzeugung an die Direktion der SSG. Die SSG war schon zu jener Zeit ein grosses Gastronomie-Unternehmen mit den Geschäftsbereichen Speisewagen, Minibar, Bahnhofbuffet und Autobahnraststätten, in späteren Jahren kamen noch die Bereiche Flughafen- und Einkaufscenter-Gastronomie dazu. Zur Jahrtausendwende waren es über 2000 Mitarbeiter mit einem Umsatzvolumen von über 200 Millionen Franken. In der Verkehrs-Gastronomie war die SSG in der Schweiz ein „key player“.

Ein wenig überrascht war ich schon, als ich sehr schnell eine positive Antwort für ein Vorstellungsgespräch bekam. Beim Stv. Direktor lief das Meeting ungefähr so, wie ich das erwarten konnte. Er fand mich sympathisch, kompetent in betriebswirtschaftlichen Fragen, jedoch fehle mir die Erfahrung im Personalwesen und in der Führung von Menschen im Berufsleben. Im Grossen und Ganzen war das Gespräch positiv, jedoch eher unverbindlich. Ich hörte dann einige Tage nichts und hatte eigentlich mit der SSG schon abgeschlossen, bis eine Sekretärin sich telefonisch bei mir meldete und mich zu einem Termin beim Direktor des Unternehmens einlud, seines Zeichens Oberst, doch das wusste ich zu jener Zeit noch nicht. Datum und Zeit waren ohne Rückfrage vorgegeben.

Relativ locker und ohne grosse Erwartungen ging ich zu diesem Termin. Ein grosser, stämmiger Mann mit einer markanten Stimme und einem ansteckenden Lachen begrüsste mich und forderte mich bestimmt auf: junger Mann, stellen Sie sich vor. Irgendwie war mir der Mann sympathisch, und wir hatten ein sehr gutes Gespräch über Gott und die Welt, über Militär und Sport, über Menschenführung und Persönlichkeit. Relativ schnell machte mir der Direktor und Oberst klar, dass er mich kompetent fand und mir die Aufgabe als Personalchef zutraute. Er verabschiedete sich mit den Worten: Sie werden von uns hören. Alles ging nun sehr schnell, Vertrag, Unterschrift, Kündigung bei der alten Firma, Arbeitsbeginn, alles innerhalb von drei bis vier Monaten. Der Beginn einer wunderschönen Zeit. Schnell hatte ich mich eingelebt. Acht Jahre als Personalchef der SSG vergingen wie im Flug. Ich konnte immer auf ausgezeichnete Mitarbeiter zählen, welche mich optimal unterstützten und ergänzten, und so wurden auch meine Erwartungen an diese Funktion und Aufgabe weit übertroffen.

Mit 38 Jahren und sehr viel Erfahrung in wichtigen Geschäftsbereichen war ich bereit für eine neue Herausforderung. Der Arbeitsmarkt zu jener Zeit war gut. Ich stand in Kontakt mit einem Headhunter, der mich in einem grossen Unternehmen im Dienstleistungsbereich platzieren wollte. Zu dieser Zeit war auch die SSG im Umbruch. Sie wurde grösser und grösser, und sie sollte in eine Holding-Struktur überführt werden. So wurde ein neuer Generalmanager gesucht. Mit Suad Sadok, dem ehemaligen Mövenpick-Spitzenmanager konnte auch ein exzellenter Kenner und Fachmann der Schweizer Gastronomie und Hotellerie verpflichtet werden. Meine Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen, war zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon gefallen. Bei einem Mittagessen im Hotel Elite in Zürich lernten wir uns trotzdem kennen, wir sprachen über die Ziele der SSG, über die Mitarbeiter in unserer Firma. Natürlich informierte ich ihn auch über meine persönlichen Pläne. Ich war beeindruckt, wie er das aufnahm und mir den folgenden Satz mit auf den Weg gab: "Ich brauche noch ein bis zwei Wochen Zeit, um die Situation in der SSG besser einschätzen zu können. Bevor sie irgendwo irgendetwas unterschreiben, telefonieren Sie mir". Ich gab ihm meine Zusage. Ich musste nicht lange auf ein Telefon von ihm warten, und Suad Sadok machte mir das Angebot, als Direktor das Speisewagen- und Minibargeschäft zu führen. Die Ausgangslage war nun eine völlig andere, und ich nahm seine Offerte mit viel Freude an. Ich konnte in den Jahren unserer Zusammenarbeit extrem von ihm profitieren. Es war für mich als Durchschnitts-Emmentaler nicht immer einfach, seine Art der Personalführung oder seine Art der Entscheidungsfindung zu verstehen. Hier einige Beispiele:

Wir kontrollieren nicht um zu bestrafen, wir kontrollieren um zu loben und zu belohnen...

Investiere Zeit und Geld, um Zeit und Geld zu gewinnen...

Wenn du in Verhandlungen zuerst etwas gibst, bekommst du später viel mehr...

Pflege dein Beziehungsnetz... Was man heute "Networking" nennt, machte er schon vor 30 Jahren in Perfektion, als noch niemand davon sprach.

Er sagte immer, das alles habe ich auf der Strassen-Universität in Istanbul gelernt.

Er hatte mich während den vielen Jahren unserer Zusammenarbeit immer geschätzt, gefördert, gefordert und inspiriert. Es war eine schöne Zeit, die ich niemals missen möchte und für die ich ihm sehr dankbar bin.

Später als sein Stellvertreter war ich neben der Bahngastronomie "Speisewagen und Minibar" auch verantwortlich für den strategischen Einkauf auf Holdingstufe, war verantwortlich für den Bereich Human Ressources auf Holdingstufe, war in diversen Verwaltungsräten von Tochtergesellschaften und war Stiftungsrats-Präsident bei der Elvetino Personalvorsorgestiftung.

Die Umstellung zum Taktfahrplan, die Planung und Einführung von Catering- und später von Doppelstock-Speisewagen sowie der grosse Logistik- und Administrationsumzug von Olten nach Zürich waren für mich die grössten Herausforderungen in dieser spannenden und ereignisreichen Zeit.

Ganz besonders möchte ich in diesem Zusammenhang Wolfgang erwähnen. Wolfgang, mein Stellvertreter, und ich waren ein starkes Team. Er war der Mann an der Front und für die Umsetzung unserer Strategien zuständig. Dass wir aus einem stark defizitären Geschäftsbereich Bahngastronomie einen gewinnbringenden machen konnten, war nicht zuletzt auch sein Verdienst. Er war sich für keine Arbeit zu schade und ein echtes Vorbild für alle unsere Mitarbeiter. Wolfgang, ich habe sehr gerne mit dir gearbeitet, du warst immer loyal, und du bist noch heute ein guter Freund, auf den man sich immer verlassen kann. Danke!

Der Einkauf hat in einem Dienstleistungsbetrieb ebenfalls eine sehr grosse Bedeutung, deshalb möchte ich in diesem Zusammenhang Mark erwähnen. Ich hatte die grosse Chance, von der Swissair diesen ausgewiesenen Fachmann in Einkaufsfragen zu engagieren. Er brachte frischen Wind und neue Einkaufsstrategien in unsere Firma, die unsere Kosten wesentlich senkten. Mark konnte aber auch mit seiner Persönlichkeit und seiner kommunikativen Art begeistern. Er tat unserem Betrieb ganz einfach gut. Lieber Mark, du warst und bist für jeden, der dich kennt und mit dem du arbeitest, eine Bereicherung. Vielen Dank!

Als CEO der SSG Speisewagen und Minibar AG wurde ich auch mit Erlebnissen konfrontiert, die mich sehr bewegten. So der Mord an einer SSG Minibar-Mitarbeiterin im Dienst in einem Spätzug zwischen Zürich und St. Gallen, oder der tragische, tödliche Arbeitsunfall eines Magaziners in Genf, der mit einem Elektroschlepper in einen offenen Liftschacht stürzte.

Der Standort unserer grössten Logistik in der Schweiz in Zürich hatte viele Jahre ein riesiges Konfliktpotential. Wir waren direkt gegenüber dem damals auf der ganzen Welt bekannten AJZ, dem autonomen Jugendzentrum oder dem Platzspitz. Es war für unsere Mitarbeiter nicht immer einfach, den randalierenden Jugendlichen zu begegnen. Sehr oft wurden uns spät abends ganze Wagenladungen an Getränken und Esswaren durch vermummte Nachbarn geklaut. Die vielen Polizeieinsätze mit Tränengas in unmittelbarer Nähe waren schon fast Alltag. Es war eine schwierige Zeit.

Auf das schwere Zugunglück im Bahnhof Däniken 1994 mit vielen Toten und Schwerverletzten komme ich in einem späteren Kapitel zu sprechen. Ich war im Zug und wollte zu einem Geschäftsmeeting nach Zürich fahren. Es war schrecklich und hat mich lange stark belastet.

Natürlich überwiegen die vielen wunderschönen Erlebnisse während meiner Zeit als Direktor. Hervorheben möchte ich hier ganz speziell die jährliche Weihnachtsfeier im Alpen-Rock-House in Kloten. Das damals sehr bekannte Dancing gehörte ebenfalls in unser Portfolio. Ungefähr zwei bis drei Hundert Mitarbeiter wurden jeweils aufgrund sehr guter Leistungen während des vergangenen Geschäftsjahres ausgewählt und eingeladen. Diese Feier kostete uns immer sehr viel Geld, doch es war gut investiertes Geld, ganz nach dem Leitsatz unseres Generalmanagers: "Investiere Zeit und Geld, um Zeit und Geld zu gewinnen"!

In den Jahren 1998 bis 2002 gab es in unserer Gruppe enorm viele Veränderungen. Suad Sadok schied auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen aus, das Aktionariat wechselte, dementsprechend natürlich auch die Verwaltungsräte. Gesellschaften wurden gekauft und verkauft, teilweise auch an ausländische Investoren.

Neue Inhaber, neue Menschen, neue Ideen, ganz einfach eine neue Welt. Sehr schnell stellte ich fest, dass es nicht mehr meine Welt war.

Da in meinem Erbgut das Gen der Selbständigkeit, des Unternehmers immer präsent war, brauchte es nicht viel für mich, um neue Wege zu gehen und Träume wahr werden zu lassen. Ich war bereit, die mit dem Unternehmertum verbundenen Risiken einzugehen.

Zwei ganz spezielle Anekdoten, die diese sehr spannende Lebensphase bereicherten und mit denen ich diese Epoche abschliessen will;

Die erste wunderschöne Geschichte mit einer ganz verrückten Fragestellung. Bin ich gar kein Emmentaler?

Ende der 90iger Jahre war die Wagons Lits, die spätere Accor Gruppe, einer unserer Hauptaktionäre. Das war auch der Grund, dass diverse Verwaltungsratssitzungen in Paris stattfanden. Wir reisten immer am Vortag an, meistens per Zug, ideal um Benchmarking zu betreiben, um das Angebot unserer französischen Zuggastronomie-Kollegen mit unseren Leistungen in der Schweiz zu vergleichen. So übernachteten wir mehrmals in Paris. Mir fiel plötzlich auf, dass ich besonders in grossen Hotelketten in Frankreich sehr oft beim Empfang auf Russisch angesprochen wurde. Ich habe dann irgendwann einen Hotelangestellten gefragt, warum er mich in russischer Sprache begrüsse? Kurz und bündig gab er mir zur Antwort, sie sehen aus wie ein Russe! Als dann vor einiger Zeit in einer Sonntagszeitung mehrere russische Oligarchen mit Foto vorgestellt wurden, sah ich ein Porträt eines Mannes, der tatsächlich mein Bruder hätte sein können. Ich hatte anschliessend diverse Rückmeldungen von Freunden, die sich über mein Doppelleben erkundigen wollten. Meine Ahnenforschung in Kapitel 2 kommt so etwas in Bedrängnis. Man müsste vielleicht, um mehr Klarheit zu bekommen, die diversen Kriege auf "schweizerischem" Boden mit Beteiligung von russischen Soldaten näher beleuchten. Vielleicht ganz speziell den Marsch von General Suworow im Jahr 1799 von Norditalien über die Alpen bis nach Zürich, wo er auf Befehl des Zaren die Franzosen in der Schweiz besiegen sollte. Wer weiss, eventuell war da ein russischer Soldat im Emmental hängengeblieben.

Emmentaler oder doch nicht, ist hier die Frage? Das Leben bietet so viele Überraschungen!

Meine zweite Geschichte, nimmt noch einmal das Thema Militär auf.

Mein Sohn, darf ich dir Leutnant Stettler vorstellen, mein Zugführer in der Rekrutenschule.

Ich hatte gerade meine Mittagspause in einem Restaurant in Zürich beendet und marschierte in Begleitung eines Arbeitskollegen diskutierend auf der Bahnhofstrasse in Zürich in Richtung unserer Liegenschaft. Plötzlich sprach mich ein älterer Herr in Begleitung eines jungen Mannes an. Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie Stettler heissen und vor ungefähr 30 Jahren in Payerne den Leutnant abverdient haben? Ich war total sprachlos und wusste zuerst nicht, wie ich mich verhalten sollte. Nach einem kurzen Augenblick des Überlegens fragte ich den älteren Herrn, woher wir uns kennen? Ich war 17 Wochen lang in ihrem Zug Rekrut, und sie waren mein Leutnant. Ich möchte Sie meinem Sohn vorstellen, denn ich habe ihm in den letzten Jahren viel über Sie erzählt. Immer wenn es darum ging, meinem Sohn Menschenführung zu erklären, habe ich Sie sehr oft als gutes Beispiel genommen. Natürlich fühlte ich mich geschmeichelt und wollte von ihm wissen, wie er mich nach dreissig Jahren wiedererkannt hatte. Seine Antwort war kurz und bündig: Profil, Stimme und die typischen Fussballer-O-Beine.

Mein Fazit: Manchmal dauert es etwas länger, aber irgendwann wird abgerechnet, und eine gute Leistung zahlt sich immer aus.

Familie und grosse Kinder: vieles richtig gemacht
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7.  Familie und grosse Kinder: vieles richtig gemacht


Unsere Niederlassung in Zürich, ein Bau an bester Lage direkt beim Hauptbahnhof, wurde immer mehr zum Mittelpunkt sämtlicher logistischer und administrativer Aufgaben der SSG. So wurde das gemietete, kleine Reiheneinfamilienhaus in Oftringen immer mehr zu einer Belastung. Tägliches Pendeln, ein Arbeitsweg von über zwei Stunden in teilweise schon damals überfüllten Zügen. Dazu kam immer intensiver der Wunsch von Uschi und mir nach eigenen vier Wänden. Wie in einer solchen Situation üblich, stellten sich uns eine Menge Fragen, die wir zuerst beantworten mussten. Wo soll das Haus stehen, bauen wir selber oder kaufen wir ein bestehendes Haus? Fragen, Fragen, Fragen...! Für diesen Fall hat man gute Freunde, die helfen solche Probleme zu lösen.

Max, Jurist und Freund aus meiner Jugendzeit, dasselbe Schulhaus, beide fussballbegeistert und standfest bei vielen gemeinsam besuchten Waldfestaktivitäten, damals ein gängiger Samstagabend-Event. Ich hatte auch nach der Jugendzeit den Kontakt zu ihm nie verloren, und deshalb war es selbstverständlich, dass er mich zuerst als Personalchef und später als Direktor in sämtlichen beruflichen wie privaten Rechtsfragen unterstützte. Max wurde durch seine sehr kompetente Arbeit schnell zum "Hausjuristen" der gesamten SSG Holding.

Als erfolgreicher Anwalt im Kanton Zug und ausgewiesener Fachmann im Baurecht, machte er mir eines Tages einen ausgezeichneten Vorschlag. Er schickte mir Unterlagen für ein Riegelhaus in Baar. Ein Haus, welches einige Jahre vorher hätte restauriert werden sollen. Infolge mangelnder Bausubstanz war das jedoch nicht möglich und das Riegelhaus wurde nach den alten Plänen total neu gebaut. Es steht noch heute unter dem Patronat "schutzwürdige Bauten", das heisst man darf nur unter gewissen Auflagen Veränderungen am Haus vornehmen. Innerhalb weniger Wochen wurde der Kauf abgewickelt.

Lieber Max, für deine Hilfe sind Uschi und ich dir noch heute dankbar. Auch nach 26 Jahren möchten wir dieses Haus niemals missen, hier sind wir zuhause.




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Riegelhaus in Baar

Der Umzug war vor allem für unsere drei Töchter nicht einfach. Schulsysteme, die nicht übereinstimmten, verlorene Freundschaften, das alles belastete während einer gewissen Zeit unser Leben am neuen Ort.

Glücklicherweise wohnte gleich nebenan eine sehr freundliche und hilfsbereite Familie mit zwei Töchtern im gleichen Alter wie Claudia, Marissa und Daniela. Liebe Astrid, lieber Claude, eure Hilfe bei der Integration in Baar war für unsere Familie damals sehr wertvoll. Wie das Leben so spielt, Uschi und Astrid sind noch heute gute Freundinnen und treffen sich von Zeit zu Zeit irgendwo bei einem guten Nachtessen. Mit Claude hatte ich nicht nur privaten Kontakt, unsere Wege kreuzten sich auch beruflich. Claude als langjähriger Finanzchef der SBB Generaldirektion kontrollierte sehr genau, ob die finanziellen Verpflichtungen der SSG auch vertragskonform abgewickelt wurden.

"Du kannst, wenn du glaubst, du kannst", diesen Leitsatz von Norman Vincent Peale, einem amerikanischen Pfarrer, Schriftsteller und Motivationskünstler, versuchte ich meinen Töchtern bei vielen Gelegenheiten mit auf den Weg zu geben. Ich glaube, das ist mir gut gelungen, denn alle drei haben ihre gesteckten Ziele erreicht und ihre privaten und beruflichen Träume verwirklicht.

Claudia ist nach ihrem Masterabschluss an der Universität Freiburg (Schweiz) erfolgreich ins Bankbusiness in Zürich eingestiegen. Auch ihr Traum von einer Altstadtwohnung im Kreis 1 hat sich verwirklicht. Claudia, du hast mit kleinen Umwegen deinen Weg gefunden. Ich bin stolz auf dich.

Marissa hat nach erfolgreichem Lehrabschluss als medizinische Praxisassistentin bei verschiedenen Ärzten tolle Arbeit geleistet und ihren Lebenstraum als Mutter von zwei wunderbaren Söhnen verwirklicht. Als moderne, selbstbewusste Mutter, Hausfrau, Ehefrau und Teilzeitarbeitskraft erfüllt sie vier "Jobs" in souveräner Art und Weise. Raphael, ihr Mann unterstützt und ergänzt sie dabei ideal. Als studierter Architekt ist er momentan stark belastet mit dem Aufbau einer eigenen Firma. Da kommt in den nächsten Jahren viel zusammen. Doch gemeinsam werdet ihr das schaffen. Marissa und Raphael, ich finde ihr macht das ausgezeichnet.

Daniela hat nach ihrem erfolgreichen Bachelorabschluss in "Jus" die Studienrichtung nochmals gewechselt und einen Masterabschluss an der Universität Freiburg (Schweiz) gemacht. Den zweijährigen Masterlehrgang mit Diplomarbeit hat sie nicht in Freiburg, sondern in Kalifornien an der San Diego State University absolviert, ebenso ein einjähriges Praktikum in den USA. Zurück in der Schweiz hat sie bei PwC ausgezeichnete Arbeit geleistet und die Basis geschaffen für ein weiteres Engagement in Los Angeles. Daniela, du lebst deinen Traum, und ganz viele beneiden dich und bewundern deinen Mut, dazu gehöre auch ich. Thomas, dein "amerikanischer" Mann begleitet dich, unterstützt dich und ergänzt dich ideal. Ihr seid mit euren "Kindern" (Leon und Sofie...) ein unschlagbares Team.

Tolle Schwiegersöhne haben auch immer tolle Eltern. Darum ist es selbstverständlich, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzen. Bei gegenseitigen Einladungen hat man immer genügend Gesprächsstoff, um über Wichtiges und Belangloses, über die Söhne und Töchter, über die lieben Enkel Louis und Thierry oder die süssen kleinen Hunde von Daniela und Thomas zu plaudern. Zu diskutieren bei uns Eltern gaben auch die beiden Hochzeitsfeiern unserer Kinder. Die vier heirateten nämlich im ganz kleinen Kreis in Las Vegas im Beisein eines Elvis Presley Doubles und natürlich mit der dort obligaten Stretchlimousine. So sind sie halt, unsere selbstbewussten Lieben. Der guten Ordnung halber sei hier erwähnt, dass Eheschliessungen in Las Vegas auch in der Schweiz gültig sind.

Abschliessen möchte ich dieses Kapitel mit der wichtigsten Person in meinem Leben. Uschi hat mit sehr viel Liebe, mit sehr viel Energie und mit grosser Hingabe ganz wesentlichen Anteil, dass ich und die drei Töchter die gesteckten Ziele erreichen und die Träume verwirklichen konnten. Liebe Ursula, liebe Uschi, liebe Madame, "liebe Digge", für alles, was du immer für uns ohne Vorbehalt getan hast, ganz einfach

danke, grazie, merci, grazia, dank heigisch.

Unternehmer: Träume werden wahr
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8.  Unternehmer: Träume werden wahr


Um Träume wahr werden zu lassen, braucht es nicht nur die entsprechenden Gene, es braucht manchmal auch einen Anstoss von aussen, um aus einer Wohlfühlzone ausbrechen zu können. So geschah es bei mir als Arbeitnehmer der SSG. Das Arbeitsumfeld in der Firma hatte sich verändert, die für mich relevanten Werte waren plötzlich nicht mehr vorhanden.

Es war nicht einfach für mich, zu kündigen, denn vierundzwanzig Jahre sind fast zwei Drittel eines Erwerbslebens. Ich verliess tolle Arbeitskollegen und gute Freunde, mit denen ich teilweise zehn bis zwanzig Jahre zusammen gearbeitet hatte.

54 Jahre und ganz schön weise oder - vielleicht besser - ganz schön übermütig. Ich war mir damals nicht ganz sicher, was auf meine Situation besser zutraf.

Heute weiss ich es, ich war ganz schön weise!

Wenn man jahrelang viel gearbeitet hat, braucht man zuerst etwas Zeit, um zur Ruhe zu kommen und um die Gedanken zu ordnen. So ging ich zwei Monate ins Tessin, lebte ganz alleine wie ein Einsiedler in einem gemieteten Rustico zuhinterst im Verzascatal in der Nähe von Sonogno ohne Fernseher und Radio aber mit Strom und fliessend warmem Wasser. Es war gar nicht so einfach abzuschalten, mir wurde schnell klar, auf Knopfdruck geht das nicht. Ich brauchte ungefähr zwei Wochen, um meinen Motor auf normale Betriebstemperatur herunterzuschalten. Was macht man den ganzen Tag alleine ohne Fernseher, ohne Internet, ohne Zeitung und ohne Handy. Ja, man wandert, man kocht, man liest Bücher, und man beschäftigt sich mit sich selbst.

Irgendwann wusste ich, dass ich die Spielregeln meines Sabbaticals verändern musste. Ich kam auf die Idee, jeweils über das Wochenende, das heisst von Freitag bis Sonntag, gute Freunde in das Rustico einzuladen, um mit ihnen in der Abgeschiedenheit des Tales bei gutem Essen und gutem Wein über Gott und die Welt, über meine Stärken und Schwächen und über meine Chancen und Risiken als Unternehmer zu diskutieren.

Das hatte sich bewährt, in erster Linie profitieren konnte ich über das Wochenende von meinem jahrelangen Mentor und Freund André. André führte damals das betriebswissenschaftliche Institut an der ETH in Zürich, das "BWI". Wir hatten sowohl geschäftlich als auch privat viel miteinander zu tun. Niemand in meinem Leben hat mir auf so einfache Art die kompliziertesten Dinge erklärt und immer die wirklich entscheidenden Fragen gestellt. So auch jetzt, als es darum ging, die Chancen und Risiken in der Bahngastronomie zu diskutieren, vor allem die Chancen und Risiken in der Restauration im Glacier- und im Bernina-Express auf den Schienen der Rhätischen Bahn und der Matterhorn-Gotthardbahn. Zusammengefasst waren zwei seiner vielen Fragen entscheidend.

Gibt es jemand, der mehr weiss über die Schweizer Bahngastronomie als du? Nein, das gab es nicht!

Bist du bereit die unternehmerischen Risiken zu tragen, und hast du die entsprechenden finanziellen Mittel? Ja!

So einfach war das!

Hier sei noch erwähnt, hätte ich einmal bei der Fernsehshow "Wer wird Millionär" von Günter Jauch mitgespielt, wäre André mein Joker zuhause gewesen. Er war für mich der belesenste und intelligenteste Mensch, dem ich je begegnet war.

Leider ist André vor ungefähr drei Jahren auf einer Kreuzfahrt an einem Aortariss gestorben. Die regelmässigen, interessanten Gespräche mit ihm fehlen mir sehr.

Den ersten Fussabdruck als selbständiger Unternehmer hatte ich schon etwas früher hinterlassen. Als mein Vater sein Detailfachgeschäft mit Uhren und Schmuck nach seiner Pensionierung extern verkaufen oder liquidieren wollte, habe ich erfolgreich interveniert und ihm das Geschäft abgekauft. Ich wollte, dass es im Besitz der Familie bleibt. Ich verpflichtete eine sehr kompetente und selbständige Geschäftsführerin. Sie leitete sehr erfolgreich in meinem Namen während ungefähr zehn Jahren das Geschäft. Als Arbeitnehmer der SSG konnte und wollte ich mich nicht in die betrieblichen Aktivitäten integrieren. Ich war ausschliesslich Investor und Besitzer dieses kleinen Fachgeschäftes. Als wir dann von Oftringen nach Baar zügelten, verkaufte ich das Geschäft weiter an meine Schwester Annemarie. Als gelernte Uhren- und Schmuckfachfrau führte sie noch viele Jahre erfolgreich den Laden in Zofingen.

Nach Beendigung meines Sabbaticals begann ich eine Studie über die Schweizer Bahngastronomie zu schreiben. Sie war Grundlage für die später eingereichte Offerte für den Betrieb des Glacier-Express zwischen St. Moritz und Zermatt auf den Schienen der Rhätischen Bahn und der Matterhorn-Gotthardbahn. Mir war von Anfang an klar, wenn ich in diesem Ausschreibungsverfahren eine Chance haben wollte, brauchte ich einen starken Partner. Natürlich hatte ich durch meine frühere Funktion als Direktor ein gut funktionierendes Beziehungsnetz. So war für mich schnell klar, wenn ein Partner, dann den stärksten und grössten. Die Compass Group war schon lange interessiert, ihre Aktivitäten in der Schweiz auszubauen. Ein solches Prestigeobjekt wie der Glacier-Express kam da sehr gelegen. Der Glacier-Express gehört auch heute noch zu den bekanntesten Zügen auf der ganzen Welt, so wie zum Beispiel der Bluetrain, der Orient-Express, der Ghan oder der Zarengold. Wir waren von Beginn weg eine ideale Interessengemeinschaft. Die Compass Group hatte Grösse, Macht und Geld, ich hatte die Kompetenz für das komplizierte Geschäft der Schweizer Bahngastronomie. Natürlich waren die Vertragsverhandlungen mit der Compass Group nicht einfach. Meine Bedingung war klar: gleiche Rechte, gleiche Pflichten, das heisst ein ausgeglichenes Beteiligungsverhältnis und einen Aktionärbindungsvertrag, der alle wichtigen Entscheidungen regelte und keine Partei benachteiligte. Compass Group hatte bisher ausschliesslich Mehrheitsbeteiligungen und wollte auch diesen Vertrag entsprechend abschliessen. Ich hatte nach diversen Verhandlungsrunden nicht mehr an ein erfolgreiches Ende geglaubt. Ich machte mir schon Überlegungen in Bezug auf neue mögliche Partner, als in letzter Sekunde das Okay vom Headquarter in London kam. Natürlich hatte mich Max auch bei diesen Vertragsverhandlungen kompetent unterstützt.

Die Mitbewerber beim Ausschreibungsverfahren waren ausgewiesene Unternehmen und gut vernetzt in der Schweizer Verkehrsgastronomie. Wir setzten uns gegen zwei sehr valable Schweizer Konkurrenten durch und unterschrieben einen Vertrag über fünf Jahre mit einer Option für weitere drei Jahre. Sämtliche Mitarbeiter der alten Firma wurden übernommen, ebenso die Logistikstandorte mit Mobiliar und das Waren- und Betriebsinventar.




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Das Landwasserviadukt mit dem Glacier-Express


Die Gründung der RailGourmino swissAlps AG war reine Formsache. Die Ergebnisse entsprachen von Beginn weg unseren Erwartungen. Marktfrische Küche mit regionalen Produkten, Plattenservice, Freundlichkeit und Fachkompetenz galten als Leitmotiv für die 60 bis 120 Mitarbeiter je nach Saison. In einem durchschnittlichen Geschäftsjahr bedienten wir über 200'000 Bahnreisende zwischen St. Moritz und Zermatt. Die RailGourmino swissAlps AG wurde 2007 mit dem Fachgütesiegel "Best of Swiss Gastro" ausgezeichnet.

Wie bei vielen grossen Gesellschaften änderte auch bei meinem Partner Compass Group Schweiz schon nach wenigen Jahren die Führung. Die neuen Verantwortlichen hatten kein Interesse mehr an der Schweizer Bahngastronomie und boten mir ihre Beteiligung zu einem vernünftigen Preis an. Selbstverständlich packte ich die Chance und wurde schon nach wenigen Betriebsjahren Mehrheitsaktionär der RailGourmino swissAlps AG.

Mein damaliger Geschäftsführer bei der RailGourmino swissAlps AG, Markus, wurde nun ebenfalls Aktionär. Markus war für mich der Schlüssel zum Erfolg. Er war schon bei der SSG während vielen Jahren in meinem Team und Geschäftsleitungsmitglied. Als Mann an der Front war er für sämtliche betrieblichen Abläufe zuständig. Das Konzept im Glacier-Express war für die Bahngastronomie damals absolut einmalig. Markus, ohne dich hätte ich den Mut in dieses Geschäft auf eigene Rechnung einzusteigen nicht gehabt. Dir gehört ein wesentlicher Teil des Erfolges. Danke!

Meine Hauptaufgaben in diesem Geschäft waren das Erstellen von Businessplänen, von Liquiditätsplänen, von Profitcenter-Erfolgsrechnungen sowie das Führen von Vertragsverhandlungen mit Bahnen, Banken oder Gewerkschaften. Um diese Aufgaben zu erledigen, bin ich in den acht Geschäftsjahren ungefähr eintausend Mal mit dem Zug von Baar nach Chur und abends wieder zurückgefahren. Leider entwickelte sich der Glacier-Express in den letzten ein bis zwei Betriebsjahren negativ. Die Gäste fuhren immer mehr nur noch Teilstrecken, das heisst zum Beispiel von Chur bis Andermatt oder von Andermatt bis Brig. Die zu kurze Reisezeit verhinderte immer mehr eine grössere Restaurantkonsumation. Wir verloren Umsatz, und es wurde immer schwieriger, positive Zahlen zu schreiben, was uns jedoch glücklicherweise bis zuletzt immer gelungen war. Unsere Kündigung des Vertrages war die logische Konsequenz. Es gab einen Assetdeal zwischen der Rhätischen Bahn und der RailGourmino swissAlps AG. Natürlich hätte ich aus steuerlicher Sicht lieber die Aktien meiner Firma an die RhB verkauft.

Parallel zu den Aktivitäten in der Bahngastronomie gründete ich die jürg stettler unternehmensberatung GmbH. Die Firma hatte unter anderem nachfolgenden Zweck: die Beratung von Unternehmen im Bereich des Verkehrs sowie die Führung von Detailfachgeschäften.

Durch meinen Einstieg in die Uhren- und Schmuckbranche vor vielen Jahren hatte ich den Kontakt zu Swarovski hergestellt. Die Kristallfiguren waren damals ein Komplementärartikel zum Uhren- und Schmuckangebot. Das änderte sich jedoch sehr schnell und Swarovski wurde zum Generalisten im Kristallproduktebereich. Das österreichische Familienunternehmen mit Sitz in Wattens im Tirol wurde weltweit führender Hersteller von geschliffenem Kristall. Die Kristallwelten von Swarovski sind nach dem Schloss Schönbrunn der am zweitmeisten besuchte Ort in Österreich mit ungefähr 750'000 Besuchern pro Jahr. Das Angebot in den Swarovski-Boutiquen umfasst heute Uhren, klassischen und modischen Schmuck, glitzernde Accessoires und die beliebten Swarovski-Figuren.

Als unsere drei Töchter das Elternhaus verliessen, und Uschi nach fünfundzwanzig schönen und erfolgreichen Jahren als Mutter und Hausfrau nochmals eine berufliche Herausforderung suchte, machte ich ihr den Vorschlag, als Storemanagerin eine Swarovski-Boutique zu leiten. Ich wusste aufgrund meines Beziehungsnetzes, dass mehrere Swarovski-Stores in der Schweiz als Partner-Boutiquen funktionierten. Als Partner führt man nach klar definierten Vorgaben (Manuals) selbständig das Geschäft und übernimmt sämtliche unternehmerischen Risiken. Meine Kontaktperson bei Swarovski war Gabi. Sie war unter anderem zuständig für den Geschäftsbereich Partner-Boutiquen. Mein vorgeschlagener Standort in der Einkaufsallee Metalli Zug wurde durch Swarovski sehr genau analysiert und entsprach nach gründlicher Prüfung ihrem Standard. Gabi war für uns ein absoluter Glücksfall. Sie half uns über das übliche Mass hinaus, das Geschäft aufzubauen. Wir erreichten deshalb sehr schnell sämtliche wirtschaftlichen und qualitativen Ziele. Liebe Gabi, im Namen von Uschi und mir vielen Dank für deine Hilfe. Natürlich möchte ich auch das Verkaufstalent von Uschi nicht unerwähnt lassen. Sie hat durch ihre kommunikative Art viele Kunden begeistert. Acht erfolgreiche Jahre in der Einkaufsallee in Zug waren die Belohnung.



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Swarovski-Store


Die Geschäftsaktivitäten der Swarovski-Boutique in Zug und meine Mandatsaufträge von Unternehmen im Bereich Verkehr wurden während dieser Zeit über die jürg stettler unternehmensberatung GmbH abgewickelt.

Nachdem Gabi bei Swarovski gekündigt hatte, gründeten wir zusammen als gleichberechtigte Partner die SB Retail GmbH in Zug mit dem Geschäftszweck, Detailfachgeschäfte zu führen und Internethandel zu betreiben. Natürlich war auch hier Swarovski als möglicher Partner ein Thema. Als Swarovski für die Boutique im Seedammcenter einen neuen Betreiber suchte, bemühten wir uns um dieses Geschäft und bekamen schon nach wenigen Verhandlungsrunden den Zuschlag. Die Partnerschaft der SB Retail GmbH mit Swarovski im Seedammcenter in Pfäffikon SZ dauerte vier Jahre und war ebenfalls sehr erfolgreich.

Der Übertritt eines Menschen in die Pension kann aus bekannten Gründen sehr "schmerzhaft" sein, ganz speziell wenn die Arbeit erfüllend war. Ich habe immer gerne gearbeitet, es war kein "Müssen", es war ein "Dürfen". Um den Prozess des Aufhörens möglichst verträglich zu gestalten, habe ich versucht, die Belastung in den letzten Jahren immer etwas mehr zurückzufahren. Ich habe diesen Prozess "soft landing" genannt. Das ist mir glücklicherweise sehr gut gelungen.

Einen wichtigen Punkt möchte ich am Ende dieses Kapitels noch erwähnen. Es geht um die Last der Verantwortung und um den Druck, den ein Arbeitnehmer in der Funktion als Direktor oder CEO zu tragen hat im Vergleich zur Grösse von Last und Druck als selbständiger Unternehmer. Ich bin davon ausgegangen, dass es ungefähr identisch ist. Ist es meiner Meinung nach nicht! Die Last und der Druck als Unternehmer sind grösser. Als Unternehmer geht es um die eigene Existenz, um Sein oder Nichtsein!

 
Pensionär: "Gesundleben" als Beruf
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9.  Pensionär: "Gesundleben" als Beruf
 
Die Lebensphase als Pensionär betrachte ich als genauso anspruchsvoll wie die Lebensphase der Arbeit oder wie die Entwicklungsphase vom Kind zum Erwachsenen. Warum gibt es unglückliche Rentner? Natürlich spielt Geld eine entscheidende Rolle, eine ansprechende Rente und etwas Vermögen ist Voraussetzung für vieles. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Gesundheit von Körper, Seele und Geist noch wichtiger ist. Darum mein Credo an alle Neupensionäre:

Entdecke das "Gesundleben" als Beruf in diesem Lebensabschnitt und sei dir bewusst, es ist ein 24 Stunden-Job.

Nachfolgend das Anforderungsprofil für diesen Beruf: Genügend bewegen, richtig ernähren, pflegen der sozialen Kontakte und sich weiterbilden und weiterentwickeln.

Warum plötzlich so missionarisch? Es gibt eine ganz einfache Erklärung:

Ich habe zu Beginn meiner Pensionsphase, vieles nicht gewusst, vieles als nicht wichtig erachtet oder ganz einfach vieles auch falsch gemacht. Einige werden jetzt zurecht einwenden, das was ich vorgängig erwähnt habe, weiss doch jeder. Nur, wissen und umsetzen sind zwei ganz verschiedene Dinge.

Die Lebensqualität nimmt speziell im Pensionsalter ab 65 Jahren exponentiell ab. Darum ist es wichtig, dass man mit "Bewegung" von Körper, Seele und Geist diesen Prozess verlangsamt. Das "Gesundleben im Alter" zum Beruf machen, ist deshalb eine ausgezeichnete Methode. In den Lebensjahren zwischen 20 und 40 verändert sich die Lebensqualität normalerweise nur unmerklich, auch wenn man sich nicht gross bemüht. In den Jahren zwischen 40 und 60 muss man schon etwas mehr tun, damit die Lebensqualität nicht zu stark abnimmt.

Ich habe mich vor nicht allzu langer Zeit um eine Stelle für das "Gesundleben im Alter" beworben und wurde zum Erstaunen von vielen meiner engsten Vertrauten engagiert. Ich bin immer noch in der Probezeit und hoffe aber, dass ich meinen "Chef" durch Leistung überzeugen kann. Ich möchte ja ein längerfristiges Engagement eingehen. Mal sehen, was daraus wird!

Vor ungefähr fünf Jahren in der Phase von meinem "soft landing" war ich zufällig im Internet auf eine Mentaltrainerin gestossen, die Spitzensportler zu noch besseren Leistungen führt, gestresste Manager vor Burnouts bewahrt oder Studenten vor ganz wichtigen Examen betreut. Ohne irgendwelche Berührungsängste habe ich der studierten Psychologin eine E-Mail geschrieben mit der Frage, ob sie auch noch nicht angekommene Pensionäre zu "Leistungsexplosionen" bringen könne? Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass ich jemals eine Antwort bekommen würde. Es vergingen jedoch keine 24 Stunden, und ich hatte ein Feedback. Die Antwort war genauso unkonventionell wie meine Frage. Sie freue sich auf ein kostenloses, interessantes Erstgespräch, um mich kennenzulernen und um ein mögliches Vorgehen zu besprechen. Langer Worte kurzer Sinn, ich hatte anschliessend zehn sehr gute Sitzungen, die mich inspiriert und auch wesentlich weitergebracht haben. Selbstverständlich habe ich diese Meetings selber finanziert. Eine Krankenkasse übernimmt solche Leistungen zurecht nicht.

Natürlich haben mich schon seit Jahren mein Hausarzt, meine Osteopathin oder meine Ärztin bei TCM (traditionelle chinesische Medizin) auf die vorgängig erwähnten wenig spektakulären Dinge aufmerksam gemacht. Aber manchmal passt der Zeitpunkt nicht, die Argumente sind eventuell nicht optimal kommuniziert, vielleicht besteht auch keine Aufnahmebereitschaft, oder der Leidensdruck ist ganz einfach noch zu wenig gross. Was auch immer der Auslöser bei mir war, vielleicht die Diskushernie im Halswirbelbereich, das Aneurysma in der Beckenarterie oder viel trivialer das einschränkende Übergewicht auf meine Lebensqualität. Plötzlich war die Gesundheit ein Thema, welches mich beschäftigte.

Ich bin in den letzten zwölf Monaten 1800 Kilometer marschiert, das entspricht zehnmal von Baar nach Gerra an den Lago Maggiore oder einmal von Baar nach Porto in Portugal. Ich habe vielleicht jede zweite Woche einen Tag verpasst, wo ich witterungs- oder terminbedingt nicht draussen in der Natur war. Nichts hat mich davon abgehalten, morgens, mittags oder abends die frische Luft zu atmen und wenn möglich die Sonne zu geniessen. An einem durchschnittlichen Tag bin ich ungefähr 6,5 Kilometer zügig marschiert, in ungefähr 1 Stunde und 15 Minuten, bei einem Durchschnittspuls von 90 bis 110 und einem Kalorienverbrauch von 500. Meine Garminuhr und die dazugehörende "App" waren für die Administration zuständig. Nebenbei sei noch erwähnt, dass ich in dieser Zeit 10 Kilogramm abgenommen habe. Meine Routen wechselten fast täglich, entlang der Lorze von Baar nach Zug, ein Rundkurs auf dem Raten, diverse Wege auf dem Zugerberg oder entlang dem Ägerisee, wo ich besonders gerne marschiere.

Ich habe auf meinen täglichen Wanderungen viele verschiedene Menschen angetroffen. Eines ist mir während der 1800 Kilometer klar geworden, es gibt nichts Unfreundlicheres als pensionierte "Walker mit Stöcken". Wenn sie alleine sind, schauen sie demonstrativ weg, wenn sie zu zweit sind, lässt ihre Konversation ebenfalls keinen Gruss zu. Am freundlichsten sind junge Familien mit Kindern zwischen fünf und zehn Jahren. Generell sind Männer "grussoviler" als Frauen. Im Tessin gibt es sogar Leute, die nicht nur grüssen, sondern zusätzlich dem Gegenüber einen "buona domenica" oder vielleicht ein "buona pasqua" wünschen, in der Deutschschweiz ist das absolut undenkbar. Junge Mütter mit Kinderwagen können sehr oft auch nicht grüssen, denn mit einer Hand stossen sie den Wagen und mit der anderen Hand bedienen sie ihr Handy, soviel Stress lässt einen Gruss einfach nicht zu.



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Mein Spazierstock, ein Geschenk von meinem Freund Werner Luthiger


Die Schlussfolgerung dieser vielleicht etwas aussergewöhnlichen Geschichte ist: ich marschiere eigentlich gar nicht so gerne, aber ich liebe die frische Luft, die Natur, den Blick auf die teilweise im Winter verschneiten Berge, den Blick über den See und die sich darin spiegelnde Sonne. Vor zwanzig Jahren hätte ich dies alles für absolut unmöglich gehalten.

Max, mein guter Freund, würde dazu höchstwahrscheinlich folgendes sagen: "Lieber Jürg, es ist nicht verboten, intelligenter zu werden"!

Mindestens ebenso ausbaufähig waren meine Kenntnisse im Bereich der Ernährung. Zuviel Kohlenhydrate, zu viel Fleisch, zu viel Süsses, ganz besonders zu viel Schokolade, zu wenig Gemüse, zu wenig frisches Obst, zu wenig Flüssigkeit u.s.w.. Ich habe von morgens früh bis abends spät, wann immer möglich und ein Kühlschrank in der Nähe war, gegessen.

Während meinen sportlichen Aktivitäten im Alter von 20 bis 30 Jahren, hatte ich ein Gewicht von 74 Kilogramm inklusive etwa 6 Kilo Muskeln. Im Alter von etwa 65 Jahren hatte ich ein Gewicht von 96 Kilogramm leider ohne Muskeln, das heisst meine Gewichtszunahme bezüglich Fett betrug 28 Kilogramm.

Ein gesundes Frühstück besteht nun bei uns aus frisch gepresstem Orangensaft, frischen Früchten wie Bananen oder Äpfeln, frischem gesundem Brot, diversen Nusssorten und Heidelbeeren. Uschi und ich zelebrieren, wann immer möglich, diesen gemeinsamen Tagesbeginn.

Damit beende ich auch schon meine Tipps für eine gesunde Ernährung, da gibt es viel kompetentere Personen. Wichtig ist ausschliesslich: ich habe die Bedeutung einer gesunden Ernährung verstanden und versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten die neuen Erkenntnisse anzuwenden.

Das Pflegen der sozialen Kontakte ist für mich in der Lebensphase als Pensionär wahrscheinlich der Schlüssel zum Erfolg. Im Berufsleben nennt man das heute "Networking". Mein früherer Chef hat die Pflege des Beziehungsnetzes schon vor 30 Jahren in Perfektion betrieben. Nach kurzen Anfangsschwierigkeiten wurde ich sehr schnell ein lernwilliger Schüler. Nach Abschluss meiner Angestelltenphase als CEO hatte ich in einer speziellen Kartei ungefähr 200 Visitenkarten. Es gab Wochen, zum Beispiel während eines Seminars oder anlässlich von Firmen- oder Lieferantenbesuchen, da wurden die Kärtchen fast im Minutentakt verteilt. Wenn man dann Jahre später den Karteikasten öffnet, kann man mindestens 50 Prozent ohne Bedenken entsorgen, da überhaupt kein Bezug mehr zu dieser Person besteht. Weitere 25 Prozent sind bekannt oder unbekannt weggezogen. So bleiben bestenfalls 50 Kontakte und dazu kommen vielleicht nochmals 50 Kontakte aus dem privaten Umfeld. Die Frage ist nun relativ einfach, wie gehe ich mit diesen Personen in Zukunft um?

Ich habe mir eine Exceltabelle erstellt mit allen wichtigen Koordinaten von meinen Bekannten, wie zum Beispiel, Name, Vorname, Adresse, Telefonnummer, Handynummer, E-Mail-Adresse, Geburtsdatum u.s.w.. Ich habe dann die Personen in verschiedene Gruppen aufgeteilt.

Besonders erwähnen will ich hier die erste Gruppe. Das sind ungefähr 25 Personen, die möchte ich wenn immer möglich mindestens einmal pro Jahr persönlich treffen, sei dies zu einem Kaffee, sei dies zu einem Essen zu zweit oder sei dies in Begleitung mit Uschi zu einem Nachtessen zu viert zuhause oder auswärts.

Bei der Pflege des Beziehungsnetzes ist es wichtig zu wissen, dass die Initiative zur Kontaktaufnahme sehr selten gleichmässig verteilt ist. Das Warten bis eine von mir kontaktierte Person für ein Folgemeeting sich meldet, ist keine gute Lösung, dann wartet man vielleicht sehr lange oder auch ewig. Mein Motto ist deshalb sehr einfach: "Es ist doch egal von wem die Initiative kommt, wichtig ist doch nur, dass man sich trifft". Bei 75 Prozent meiner Kontakte bin fast ausschliesslich ich die treibende Kraft.

Ein gutes Mittel für soziale Kontakte sind auch "Runden", wo mehrere Personen sich periodisch treffen. Ich bin Teilnehmer bei vielen solcher "Runden".

Der Lions Club Zürich Altstadt trifft sich alle zwei Wochen, abwechselnd zu einem Mittags- und einem Abendmeeting mit immer sehr interessanten Themen, meistens vorgetragen durch externe Referenten. Als Gründungsmitglied bin ich seit fünfzehn Jahren dabei. Im Club haben sich sehr schöne Interessensgemeinschaften und teilweise auch Freundschaften entwickelt, die über das Vereinsleben hinausgehen. Besonders erwähnen möchte ich Werner Feurer, den Gründer unseres Clubs und auch unsern ersten Präsidenten. Ohne ihn gäbe es den Lions Club Zürich Altstadt nicht. Werner und ich treffen uns auch sonst immer wieder zu einem gemütlichen Gespräch, wo wir zusammensitzen und über Wichtiges oder Belangloses diskutieren oder auch sehr oft Reiseerfahrungen austauschen. Lieber Werner, ich freue mich immer auf unsere Meetings.

Reisen, reisen, reisen… Uschi und ich sind in den letzten zehn Jahren sehr viel gereist. Wir haben in vielen mehrwöchigen Touren die ganze Welt gesehen. Hochseekreuzfahrten auf allen Weltmeeren, Flussfahrten auf dem Mekong oder dem Mississippi oder Zugfahrten wie die Reise mit dem Zarengold von Peking nach Moskau.

Viele grosse Städte auf der ganzen Welt haben wir schon mehrmals besucht. In diesem Zusammenhang möchte ich der grössten Schweizer Stadt Zürich ein Kompliment machen. Zürich gehört für mich zu den vielleicht drei schönsten Städten der Welt.

Natürlich lernt man auf Reisen auch immer wieder interessante Menschen aus der ganzen Welt kennen.

Ich möchte von einer Begegnung erzählen, die wir anlässlich einer "world around tour" gemacht haben. Mit Flugzeug, Bus und Schiff, "Zürich, Los Angeles, San Francisco, Honolulu, Samoa, Christchurch, Sydney, Dubai, Zürich". Ab San Francisco bis Sydney mit der Queen Mary 2. In einem Hotel beim Frühstück kamen wir mit unseren Tischnachbarn ins Gespräch, und wo trifft man sich, wenn man aus Baar und aus Hünenberg im Kanton Zug kommt, natürlich in Los Angeles in den USA. Es wurde eine schöne Reisebekanntschaft, die nach mehr als zehn Jahren zu einer Freundschaft gewachsen ist, die sich auf vielen gemeinsamen Reisen in der ganzen Welt bewährt hat. Die letzte gemeinsame Tour führte uns durch Alaska. Lieber Werner Luthiger, liebe Ruth, ihr habt nicht nur das beste Elektrogeschäft im Kanton Zug, ihr seid auch die besten Reisebegleiter. Dafür vielen Dank und auf weitere schöne gemeinsame Reisen.

Besondere Bekanntschaften machten wir auch auf unserer längsten Kreuzfahrt. Wir waren während acht Wochen unterwegs, "Sydney, rund um Australien, Brunei, Singapur, Hongkong, Busan, verschiedene Städte in Japan, Papua-Neuguinea, Guam, Sydney". Die Fahrt nannte sich "cherry blossems tour" oder "Kirschenblütenfahrt". Wir waren zwei Tage vor der Einschiffung nach Sydney gereist, damit wir noch die berühmte Oper besuchen konnten. Wir reservierten über das Internet zwei Plätze für die Aufführung "il travatore" von Giuseppe Verdi. Ein eindrückliches Gebäude, eine futuristische Architektur, tolle Akustik und wunderschöne Musik. Auf einem grossen Schiff mit ungefähr 2000 Passagieren, gibt es immer verschiedene Möglichkeiten zu essen. Es gibt Themenrestaurants, Self-Service-Restaurants oder bediente Restaurants mit verschiedenen Essenszeiten. Wir entschieden uns am ersten Abend für die zweite Ablösung im bedienten Restaurant. Der Oberkellner beim Empfang studierte die Tischordnung, und nach kurzer Zeit erklärte er uns, er hätte einen "beautiful table". Wir stellten uns einen schönen Zweiertisch am Fenster mit Blick auf die untergehende Sonne am Horizont vor. Zu unserem Entsetzen führte er uns an einen Achtertisch mit sechs pensionierten Australiern. Wer schon einmal einen Australier englisch sprechen gehört hat, der weiss, es ist ungefähr so, wie wenn ein Zermatter deutsch spricht. Uschi spricht sehr gut Englisch, ich kann mich anständig verständigen. Es war in den ersten Tagen eine harte Schule, aber die Australier sind sehr nett, aufgestellt und weltoffen. Wir sind acht Wochen am selben Tisch geblieben und hatten sechs wunderbare neue Menschen kennengelernt, mit denen wir noch lange über das Internet in Kontakt geblieben sind. Abschliessend sei erwähnt, dass von den 2000 Passagieren, ungefähr 1950 pensionierte Australier waren. Schweizer waren vier an Bord, wir aus Baar plus zwei ausgewanderte, die seit zwanzig Jahren in Neuseeland leben.

Bei meinen Ausführungen zu den sozialen Kontakten möchte ich einen alten Freund nicht vergessen, den ich seit fast sechzig Jahren kenne. Wir teilen gemeinsame Hobbys wie Fussball, Tennis, Bergläufe und besonders in früheren Jahren das "Jassen". In unseren "Blütejahren" in Zofingen waren wir Teil einer Jassrunde, die sich wöchentlich traf, und während Jahren war die Runde fester Bestandteil unserer Freizeit. Wie es sich für einen anständigen Jassclub gehört, machten wir nach vielen Jahren mit unserer Jasskasse eine "kleine" Reise ins Ausland. Sie führte uns über San Francisco nach Las Vegas ins MGM, zum Spielen natürlich und abschliessend zur Erholung eine Woche nach Maui. Lieber Urs, ich freue mich jedes Mal, wenn ich nach Zofingen komme. Mit Grund oder ohne Grund, ein Besuch bei dir ist immer Pflicht und macht mir gewaltig viel Freude. Bei Kaffee und Kuchen mit dir und Lotti zu plaudern ist immer schön. Ich fühle mich bei euch willkommen und geniesse das Zusammensein.

Gesundleben als Beruf im Pensionsalter bedeutet, auch geistig fit zu bleiben und sich weiterzuentwickeln. Das ist auch der Grund, dass ich diese Biographie geschrieben habe. Das Schreiben mobilisierte meine Gehirnzellen. Es war nicht so einfach für mich etwas zu finden, wenn man nicht malen kann, musikalisch ein Nobody und für Fremdsprachen gemäss meinem Lateinlehrer untalentiert ist. Natürlich bin ich mir bewusst, dass auch das Schreiben einer Biographie ein Wagnis darstellt. Wie auch immer, ich versuchte es und gab mein Bestes.

Glücklicherweise konnte ich das Schreiben mit meiner Wohnung in Gerra verbinden. Es gab nichts Schöneres als auf meiner Terrasse zu sitzen, in Gedanken zu versinken und das Leben Revue passieren zu lassen. Ich kam mir vor wie Hesse, Mann und Remarque zusammen.



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       Ascona und die verschneiten Berge

Schlüsselerlebnisse, Lebenserfahrung: lehrreich, wegweisend
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10.  Schlüsselerlebnisse, Lebenserfahrung: lehrreich, wegweisend


Eisenbahnunglück in
Däniken SO

Am 21. März 1994, um ca. 14.20 Uhr, kam es auf der Bahnstrecke von Olten nach Aarau, auf dem Gebiet des Bahnhofs Däniken, zu einer schweren Streifkollision zwischen einem Schnellzug und einem drehbaren Schienenkran. Ein Bautrupp war damit beschäftigt, Weichenteile abzuladen. Nach den Abladearbeiten sollte der Schienenkran um 180 Grad gedreht werden. Bei der vorgängigen Gleissperrung kam es offensichtlich zu einem Missverständnis mit verheerenden Folgen. Als der Kran das Schwenkmanöver ausführte, passierte auf dem nicht gesperrten Gleis der Schnellzug aus Olten mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 120 km/h. Der Zug bestand aus einer Lokomotive und zehn Wagen. Die Lokomotive wurde nicht erfasst, der Postwagen leicht gestreift, die folgenden sieben Personenwagen wurden auf Fensterhöhe vom Gegengewicht des Krans erfasst und aufgeschlitzt, die beiden letzten Wagen blieben unbeschädigt. Durch den Unfall wurden auf der Stelle fünf Reisende getötet, vier weitere erlagen in den folgenden Tagen ihren Verletzungen, zusätzlich erlitten 18 weitere Zugpassagiere plus ein Bauarbeiter teils schwere Verletzungen.

Um ungefähr 14.00 Uhr wartete ich auf dem Perron im Bahnhof Olten auf den Zug nach Zürich. Geplant war ein Meeting um 15.00 Uhr in unserer Logistik gleich neben dem Hauptbahnhof. Plötzlich sprach mich ein Ehepaar an, welches ich aus meiner Jugendzeit in Zofingen kannte. Wir unterhielten uns, bis der Zug kam. Als Besitzer eines 1. Klasse Generalabonnements stieg ich im drittletzten Wagen ein, meine Bekannten aus Zofingen verabschiedeten sich und gingen Richtung Zugspitze in die 2. Klasse. Die 1. Klasse war eher schwach besetzt, speziell der Wagen, wo ich einstieg. Wenn es viele nicht besetzte Plätze gab, setzte ich mich normalerweise in ein leeres Viererabteil. Ich marschierte jedoch vorbei und setzte mich unüblich beim dritten Fenster des Wagens in ein leeres Zweierabteil. Die Plätze vor mir blieben leer. Der Zug fuhr los, und ich blätterte in einer Tageszeitung. Nach ungefähr zehn Minuten gab es plötzlich einen lauten Knall, und der Wagen begann zu schwanken. Mir war sofort klar, der Zug war nach einem "Zusammenstoss" entgleist und fuhr auf dem Schotter. Es ging unendlich lange, bis er endlich zum Stillstand kam. Ich hatte während des Bremsmanövers Angst, der Zug würde kippen. Die beiden Fenster vor mir waren geborsten, das dritte Fenster, wo ich sass, blieb unbeschädigt. Unser Wagen war mit Ausnahme der beiden Fenster in einem guten Zustand. Alle Passagiere blieben unverletzt. Eine junge Dame war gestürzt, weil sie sich auf dem Weg zum WC befand. In den ersten Minuten nach dem Unfall konnte man nicht aussteigen, alle Türen waren blockiert. Es war auch nicht möglich, den Wagen zu wechseln. Deshalb war mir die Tragweite des Unfalls zu Beginn absolut nicht bewusst. Nach einer gefühlten Ewigkeit, ich weiss nicht wie lange, vielleicht fünf Minuten, konnte man endlich den Zug verlassen. Die Bilder, die ich jetzt sah, waren schrecklich. Sehr schnell kamen die ersten Polizeifahrzeuge und Minuten später auch Sanitätsfahrzeuge. Die ersten Rega-Helis landeten vielleicht zehn Minuten später an der Unfallstelle. Ich meldete mich beim Zugbegleiter und bot ihm meine Hilfe an. Er verneinte und schickte mich zu einer Sammelstelle, wo etwa zwanzig unverletzte Reisende warteten. Ich war ehrlich gesagt nicht unglücklich, als der Zugbegleiter mich wegschickte. Etwas später sah ich meine Bekannte aus Zofingen wieder, sie stand bei einem Sanitätsfahrzeug. Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, dass ihr Mann den Unfall nicht überlebt hatte. Die ersten drei bis vier Stunden nach dem Unfall hatte ich psychisch gut weggesteckt, irgendwie kam es mir vor, wie wenn ich gar nicht dabei gewesen wäre. Dann jedoch plötzlich am Abend, von einer Minute auf die andere, bekam ich starke Bauchschmerzen, und ich musste erbrechen. Ungefähr während zwei Wochen ging es mir nicht gut, ich war auch tagsüber oft abwesend, in Gedanken versunken, unkonzentriert und hatte manchmal auch Kopfschmerzen. Meine Probleme verschwanden glücklicherweise, wie sie gekommen waren.

Es gibt so viele Fragen in Bezug auf diesen Unfall, die ich auch heute noch nicht beantworten kann.

Warum habe ich die Bekannten aus Zofingen nicht begleitet, wieso habe ich mich nicht wie üblich ins leere Viererabteil mit dem geborstenen Fenster gesetzt oder warum bin ich in einen Wagen eingestiegen, der mehr oder weniger unbeschädigt blieb?

Vielleicht weil ich noch eine Aufgabe zu erfüllen hatte? Meine drei Töchter waren alle noch minderjährig.

Was lehrte mich diese Geschichte: Das Leben ist keine "exakte Wissenschaft" und hat seine eigenen Gesetze. Es gibt nicht immer für alles eine Erklärung.

Zwei Bemerkungen zum Schluss:

Wenn ich heute, viele Jahre später, mit dem Zug in Däniken an der Unglücksstelle vorbeifahre, habe ich immer ein ungutes Gefühl. Vor einiger Zeit habe ich zufällig gelesen, dass auch Alt-Bundesrat Johann Schneider-Ammann damals im Unglückszug anwesend war.

Foramen Ovale zwischen Montevideo und Kapstadt

Das Foramen Ovale ist eine kleine Öffnung zwischen dem rechten und linken Vorhof des Herzens. Normalerweise schliesst sich diese Öffnung in den ersten Wochen nach der Geburt. Bei Personen mit offenstehendem Foramen ovale kann ein Blutgerinnsel aus dem venösen Kreislauf durch diese Öffnung gelangen und im Gehirn ein Gefäss verschliessen. Ungefähr jeder vierte Mensch hat eine solche kleine Öffnung, nur weiss das die betroffene Person normalerweise nicht.

Einmal mehr waren die beiden Stettlers auf einer Kreuzfahrt mit Ausgangspunkt New York über Barbados nach Südamerika unterwegs. Wir besuchten diverse Städte in Brasilien, Argentinien und Uruguay. Zuletzt war die Überquerung des Atlantischen Ozeans von Montevideo nach Kapstadt auf dem Programm. Es war ein wunderschöner Tag auf der Queen Mary 2. Uschi ging ins Fitnesscenter, und ich legte mich auf einen Liegestuhl auf Deck 7. Nächster Treffpunkt war geplant um 13.00 Uhr in unserem Zimmer, um anschliessend gemeinsam essen zu gehen.

Als ich unsere Zimmertür aufschliessen wollte, sah ich in etwa 40 Meter Entfernung, im typisch langen Gang eines Kreuzfahrtschiffes, Uschi an die Wand gelehnt, der linke Arm berührte fast den Boden. Auch auf mehrmaliges Rufen, keine Bewegung, keine Antwort. Auch ohne Medizinstudium war mir sofort klar, Uschi brauchte so schnell wie möglich Hilfe.

Glücklicherweise waren wir nicht auf einer Bergtour sondern auf einem grossen Schiff mit einem "medical center" mit einem 24-Stunden-Betrieb. Ungefähr 10 bis 15 Minuten nach dem Gefässverschluss im Gehirn war Madame im Krankenzimmer und bekam die dringend notwendige Blutverdünnungs-Infusion. Nach weiteren 30 Minuten war ihr Zustand stabil und fast wieder normal.

Die erste Diagnose des Arztes auf dem Schiff: "we have to check the heart". Er war sich fast sicher, eine Thrombose im Bein, bedingt durch unseren langen Flug in die USA, verursachte anschliessend im Gehirn diesen Gefässverschluss, ermöglicht durch das Foramen Ovale. Der anschliessende Check drei Tage später im Christiaan Barnard Memorial Hospital in Kapstadt bestätigte diese Diagnose.

Uschi hat diese Krankheit glücklicherweise ohne Folgeschäden überstanden. Wir sind uns bewusst, dass wir sehr, sehr viel Glück hatten.

Was lehrte mich diese Geschichte: Man ist auf ein solches Ereignis nie vorbereitet. Man ist extrem hilflos, da hilft auch kein vorher einstudierter Notfallplan.


Trauerfeier der besonderen Art

Ein ganz spezielles Erlebnis hatte ich anlässlich einer Trauerfeier für einen verstorbenen Mitarbeiter im Tessin. Wie immer war ich als oberster Chef der Firma bei der Bestattung eines SSG-Mitarbeiters persönlich anwesend. Die Trauerfeier sollte um 14 Uhr im Krematorium in Bellinzona beginnen. Ich war etwas früher dort und wartete in einer hinteren Sitzreihe auf die anderen Trauergäste. Der Sarg war ungefähr fünf Meter vor mir aufgestellt, dekoriert mit einem wunderschönen Kranz der SSG. Als ich um 14 Uhr immer noch alleine war, ging die Tür neben mir auf, ein Bestattungsbeamter betrat die Abdankungshalle und erklärte mit ernster Miene, Signor, die Zeremonie ist vorbei. Ich war total überrascht, und es wurde mir nun klar, dass ich der einzige Trauernde an dieser Beerdigung war. Ich bin sicher noch eine Viertelstunde in der Bank sitzen geblieben und habe versucht zu begreifen, was hier gerade geschehen ist. Ich habe mich gefragt, ist es eigentlich wichtig, ob eine Person oder hundert Personen anwesend sind? Für den Verstorbenen wahrscheinlich nicht, für die Trauernden ganz sicher. Für die Betroffenen, ist es wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist.


Erweiterung der Beckenarterie (Aneurysma) als Zufallsbefund

Vor ungefähr drei Jahren hatte ich, wie manchmal in meinen Jugendjahren, mit undefinierbaren Bauchschmerzen zu kämpfen. Stress oder Emotionen als Ursache kannte ich von früher. Vor grossen Prüfungen, vor wegweisenden Sitzungen oder anderen wichtigen Entscheidungen hatte sich bei mir manchmal der Bauch gemeldet. Andere Leute haben Kopfschmerzen, Atemschwierigkeiten oder Herzrasen. So war es auch jetzt wieder, und da man im Alter auch andere Ursachen immer weniger ausschliessen kann, suchte ich meinen Hausarzt auf. Da die handelsüblichen Medikamente nicht die gewünschte Wirkung zeigten, entschieden wir uns für weitere tiefergreifende Abklärungen. Bezüglich meiner Bauchschmerzen wurde glücklicherweise nichts Entscheidendes gefunden, aber wie es in der Medizin manchmal so läuft, es gab einen Zufallsbefund, der mit meinen ursprünglichen Beschwerden nichts zu tun hatte.

Nachfolgend die Diagnose: Asymptomatisches, exzentrisches Aneurysma der Arteria iliaca communis rechts, einfacher ausgedrückt, eine Erweiterung der Beckenarterie auf der rechten Seite.

Ergänzend sei noch erwähnt, dass meine Bauchschmerzen verschwanden, wie sie gekommen waren. Leider löste das mein neues Problem nicht. Welches Risiko war grösser, das einer gemäss Operateur nicht unbedingt einfachen Operation oder das einer unbehandelten kranken Arterie? Nach intensiven Gesprächen mit meiner Familie und zwei, drei Freunden entschied ich mich für die Operation. Besonders die Patientenaufklärung vorgängig zur Operation mit möglichen Komplikationen und Operationsrisiken hatte mir doch mehr zu schaffen gemacht, als ich angenommen hatte. Glücklicherweise ging alles gut.

Was lehrte mich diese Geschichte: Ist ein solcher Zufallsbefund Glück oder Unglück? Ich weiss es bis heute nicht!


Trainingslager in Hamburg

Im Alter von ungefähr 18 Jahren wurde ich vom Schweizer Fussballverband für eine Woche in ein Trainingslager nach Hamburg aufgeboten. Ungefähr 20 junge Fussballer trainierten täglich, und wir bestritten zwei Trainingsspiele gegen regionale Mannschaften. Zur gleichen Zeit war auch eine Profimannschaft aus England in der Sportschule einquartiert. Die Schule war sehr gross und entsprechend gut frequentiert von mehreren hundert Sportlern aus verschiedenen Nationen und Sportarten. Entsprechend gab es auch einen Hotel- und Restaurantbetrieb.

Eines Abends, es war ungefähr 23 Uhr: Mein Zimmerkollege und ich waren bereits im Bett und kurz vor dem Einschlafen. Plötzlich hörten wir mehrmals ein lautes Schreien. Wir öffneten das Fenster, konnten jedoch nichts Aussergewöhnliches erkennen. Als das Schreien nicht aufhörte, entschlossen wir uns nachzusehen. Wir rannten den langen Gang entlang, anschliessend einige Treppen hinunter, bis wir einen Hinterausgang erreichten. Ungefähr zehn Meter von der Tür entfernt sahen wir eine junge Frau, wahrscheinlich eine Reinigungsmitarbeiterin, die von drei grossgewachsenen Männern bedrängt wurde. Die Frau hatte extrem Angst und war total ausser sich. Wir blieben ungefähr zehn Meter entfernt stehen und machten den Männern klar, dass wir Zeugen sind und hier nicht weggehen. Glücklicherweise hatte unsere Anwesenheit auf Distanz genügt, und die drei sichtbar betrunkenen Männer liessen von der Frau ab und entfernten sich. Etwas später kam, ebenfalls durch den Lärm aufgeschreckt, ein Verantwortlicher des Restaurants, der die Polizei alarmierte. Die junge Frau hatte ausser eines Schocks keine sichtbaren Verletzungen davongetragen. Die drei betrunkenen "Belästiger" waren englische Profifussballer, die am nächsten Tag das Camp verlassen mussten, und von der Polizei angezeigt wurden. Ich war sehr aufgewühlt und konnte lange nicht einschlafen. Ich habe mich immer wieder gefragt, was passiert wäre, wenn die drei uns angegriffen hätten? Sie waren in der Überzahl und mindestens 15cm grösser als wir. Das wäre sicher eine einseitige Angelegenheit geworden.

Glücklicherweise handelt man sehr oft instinktiv, ohne sich Gedanken über mögliche Folgen zu machen.


Kritik vom Fussballtrainer

Cebi, der harte Hund, sagte einmal nach einem verlorenen Spiel, in dem ich nach seiner Ansicht die von ihm geforderte Leistung nicht erbracht hatte: "Willst du ein ewiges Talent bleiben oder willst du in deinem Leben, was du auch machst, erfolgreich sein"? Seine Worte haben mich noch tagelang beschäftigt und die Wirkung war riesig. Ich wurde ja nicht zum ersten Mal in Bezug auf meine sportliche Leistung kritisiert. In meiner Wahrnehmung ging es auch gar nicht um Sport, sondern um die generelle Einstellung bezüglich Leistung. Natürlich wollte ich kein Talent bleiben, ich wollte überall im Leben erfolgreich sein. Cebi war kein gebildeter Mensch, er hatte auch nie eine Universität besucht, aber er hatte eine natürliche Intelligenz, die ihn zu einem erfolgreichen Sportler und Menschen machte. Dieses Erlebnis zum genau richtigen Zeitpunkt in meinem Leben hat mich sehr inspiriert und enorm weitergebracht.

Wohnortwechsel von Oftringen nach Baar in den Kanton Zug

Der Wechsel vom beschaulichen Oftringen in den Kanton Zug nach Baar war doch ein sehr grosser Einschnitt im Leben der Familie Stettler. Auch wenn es nur ungefähr 60 Kilometer Wegstrecke waren, änderte sich speziell das private Umfeld merklich. Nur sehr stark entwickelte persönliche Kontakte zum alten Wohnort blieben bestehen. Alles andere begann am neuen Ort bei null. Sei dies der Hausarzt, der Coiffeur, die Handwerker oder die nachbarschaftlichen Beziehungen, um nur einige wenige Lebensbereiche zu nennen. Mein berufliches Umfeld blieb glücklicherweise das Gleiche, der Arbeitsweg wurde jedoch kürzer und angenehmer. Der Wohnortwechsel hat das Leben von Uschi und mir positiv beeinflusst und nachhaltig verändert. Wir fühlten uns am neuen Ort sehr schnell angekommen und waren in unserem neuen Zuhause glücklich.

Für unsere Kinder war der Wechsel ganz sicher ein extremes Schlüsselerlebnis in ihrem Leben. Sei dies in Bezug auf ihre Ausbildung, in der Partnerwahl, in der Wahl ihres zukünftigen Wohnortes oder generell in ihrer gesamten persönlichen Entwicklung.

Ohne zu werten, bin ich der Überzeugung, dass Oftringen uns allen, das heisst der ganzen Familie, nicht die gleichen Perspektiven geboten hätte, wie Zug und Zürich.

Verwaltungsratssitzung mit Folgen

Es war eine wichtige Verwaltungsratssitzung mit strategischen Entscheidungen für die Zukunft.

Die Eigentumsverhältnisse des Unternehmens hatten sich entscheidend verändert, ebenso die Zusammensetzung des Verwaltungsrates. Der von mir präsentierte Businessplan für die nächsten Jahre wurde vom VR-Präsident zurückgewiesen. Die Begründung war für mich nur teilweise nachvollziehbar. Das war aber gar nicht mein vordringliches Problem, sondern die Art und Weise der Kommunikationskultur im Gremium. Man ist auf dieser Ebene sehr oft nicht gleicher Meinung und streitet dann respektvoll um die beste Lösung. Mir fehlte in dieser Diskussion der nötige Respekt. Heute ist der EQ, die emotionale Intelligenz, die Empathie oder das Einfühlungsvermögen bei vielen grossen Unternehmen für viele leitende Positionen fast wichtiger als der IQ. Ich lebte schon vor 16 Jahren nach diesem Prinzip.

Schon während der Sitzung wusste ich, dass meine Zeit in diesem Unternehmen ablaufen wird, und ich in den nächsten Monaten kündigen werde. Mein Problem bei diesem Erlebnis war die sehr lange Kündigungsfrist von 12 Monaten. Nach erfolgter Kündigung fanden wir jedoch ein akzeptables Miteinander in den verbleibenden Zeit.

RailGourmino swissAlps AG, die Gastronomiegesellschaft im Glacier- und Bernina-Express

Nach der erfolgreichen Verhandlung mit der Compass Group mit dem von mir ausgehandelten ausgeglichenen Beteiligungsverhältnis, ging es nun darum, die Finanzierung meiner Beteiligung sicherzustellen. Da ich nicht nur mit eigenen Mitteln, das heisst mit Eigenkapital arbeiten wollte, habe ich drei verschiedene Banken angefragt, ob und wie sie sich an der Finanzierung beteiligen möchten. Ich habe, wie schon beim Ausschreibungsverfahren, allen drei Banken persönlich das Produkt, das Konzept und den Businessplan vorgestellt. Alle drei Finanzinstitute waren von Beginn an sehr stark interessiert. Der Glacier-Express ist ein Produkt, das begeistern kann, ebenso überzeugte die Banken mein Konzept und mein Businessplan. Schlussendlich konnte ich zwischen zwei Banken auswählen und meine zu leistenden Sicherheiten waren sehr moderat.

Es war für mich die Bestätigung, dass ein gutes Produkt sowie vertrauenswürdige und seriöse Arbeit honoriert werden. Ein Schlüsselerlebnis auch für kommende Verhandlungen in Bezug auf die Finanzierung von Swarovski-Stores.

Glaube: das Gefühl, nicht alleine zu sein
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11.  Glaube: das Gefühl, nicht alleine zu sein


Zuerst möchte ich auf die Bedeutung, auf meine Interpretation, von Glaube und Religion eingehen.

Die Religion, sei dies das Christentum, der Buddhismus, der Hinduismus oder der Islam, ist etwas Institutionelles, wo sich Menschen in ihrer Religion an die gleichen, vorgegebenen Gebote und Regeln halten.

Der Glaube jedoch ist etwas Individuelles, jeder glaubt das, was für ihn persönlich wichtig und richtig ist.

Der Mensch kann an etwas glauben, auch ohne einer Religion anzugehören. Ich denke, jeder Mensch glaubt an irgendetwas.

Als Christ, der nach wie vor pünktlich seine Kirchensteuer bezahlt, stehe ich sämtlichen Religionen, leider auch dem Christentum, kritisch gegenüber. Es gibt ausserordentlich viele Baustellen, die dringend angepackt werden müssten.

Ich möchte mich in meiner Biographie nur mit dem Glauben auseinandersetzen.

Mein Glaube sind Leitgedanken, wie zum Beispiel: "du kannst, wenn du glaubst, du kannst" oder "was Begeisterung vermag".

Mein Glaube sind Ziele, wie zum Beispiel: "einmal im Leben Unternehmer sein".

Mein Glaube sind auch Wünsche, sind Träume und sind Phantasien für mein Leben, für das Leben meiner Familie.

Wichtig ist vor allem der Glaube an die Menschen in meiner "Welt", sei dies privat oder beruflich. Der Glaube an meine Familie, an meine Freunde oder an meine Mitarbeiter, welche mich unterstützen, welche mir helfen und für welche ich da bin.

Nicht zuletzt glaube ich auch an mich selbst, an meine Stärke, das Leben erfolgreich zu meistern.

Mein Glaube gibt meinem Leben einen Sinn, er gibt mir Halt, er gibt mir Selbstvertrauen und Kraft.

Der Glaube ist sehr eng mit dem Alltagsleben verbunden, mit all seinen Problemen und Herausforderungen.

Erfolg im Leben setzt einen starken Glauben voraus!

Heimat, Zeitepoche: Glück gehabt
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12.  Heimat, Zeitepoche: Glück gehabt


Ich hatte das Privileg, in der Schweiz auf die Welt zu kommen, in der Schweiz aufzuwachsen und in der Schweiz leben zu dürfen. Leider wird dieses Privileg von den Menschen in unserem Land immer weniger erkannt und geschätzt. Es ist sehr schwierig für mich, diese negative Grundhaltung zu verstehen. Die Eltern, vielleicht auch die Grosseltern, eventuell die Lehrkräfte, müssten aktiver die Vorteile der Schweiz, unserer Heimat, vermitteln. Ich denke da besonders an unser einzigartiges Bildungswesen, an unsere sehr gut ausgebauten Sozialversicherungen sowie an unsere verfassungsmässigen demokratischen Rechte.

Ich bin stolz, Schweizer zu sein und kommuniziere das auch überall und immer.

Auch meine Generation steht der Schweiz teilweise sehr kritisch gegenüber. Für mich ein absolutes Rätsel, denn gerade die Nachkriegsgeneration hat doch beispiellos davon profitiert, Schweizer zu sein und in der Schweiz leben zu dürfen.

Natürlich gibt es auch bei uns Dinge, die man verbessern könnte und auch müsste. Ich denke da an die teilweise vorhandene Altersarmut, an die Probleme von Alleinerziehenden sowie an den manchmal rechtsfreien Raum für die Links- und Rechtspopulisten und die Sporthooligans, vorwiegend beim Fussball.

Die Zeitepoche meines Lebens von 1950 bis 2020 war geprägt von vielen wichtigen Entwicklungen auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene, welche unsere Heimat veränderten.

Die Schweiz erlebte nach dem Krieg in den 60iger und in den 70iger Jahren eine ausserordentliche Hochkonjunktur. Die Bevölkerung nahm durch Zuwanderung speziell aus Italien stark zu. Dies hatte eine starke Bautätigkeit zur Folge. Städte wie Zürich, Bern, Basel oder Genf wurden grösser und bedeutender. Die Schweiz verlor dadurch etwas den ländlichen Charakter. Durch den Autobahnbau nahm die Mobilität zu, der Arbeitsmarkt wurde grösser und attraktiver. Dementsprechend wurden die Arbeitswege länger.

Ich möchte die für mich zehn wichtigsten Ereignisse in der Welt während meiner Zeitepoche auflisten:

Das Antibiotikum, die Autobahnen, die Popmusik "Beat", der Computer, die Drogen, die Flüchtlinge, die Globalisierung, die Kreditkarte, der Terrorismus und Social Media.

Viele dieser epochalen Entwicklungen brachten für die nachfolgenden Generationen gewaltige Herausforderungen. Nicht zuletzt auch darum, weil meine Generation es verpasst hat, diverse Probleme nachhaltig zu lösen. Ich spreche da zum Beispiel von der grossen Herausforderung "Flüchtlinge" und deren Integration.

Reue: ich wünschte mir, ich hätte...
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13.  Reue: ich wünschte mir, ich hätte...


"Ich bereue nicht, was ich getan habe, nur das, was ich nicht getan habe" sagte zum Beispiel Ingrid Bergmann, die schwedische Schauspielerin. Dieses Zitat, das viele benützen und man deshalb sehr oft liest, trifft in etwa auch auf mein Leben zu.

Ich wünschte mir, ich hätte mehr Zeit mit meinen betagten Eltern verbracht. Selbstverständlich ist man mit ungefähr 50 Jahren stark engagiert, sei dies im Beruf oder auch im eigenen privaten Umfeld. Eine fünfköpfige Familie mit den entsprechenden Aufgaben und Pflichten lässt wenig Spielraum offen für zusätzliche Aktivitäten. Man ist abends müde, die Wochenenden braucht man zur dringend notwendigen Erholung, und die Ferien verbringt man irgendwo, nur nicht in "Besuchsdistanz" zu den nicht mehr so mobilen Eltern. Trotzdem gab es genügend Möglichkeiten, und die habe ich zu wenig genutzt.

Ich wünschte mir, ich hätte mich etwas mehr mit dem Leben meiner Eltern beschäftigt. Beim Schreiben meiner Biographie stellte ich fest, wie wenig ich über diverse Lebensabschnitte meiner Eltern weiss. Ganz speziell wenige Kenntnisse habe ich aus ihrer Jugendzeit. Wie sie aufgewachsen sind, wie sie sich kennengelernt haben, wie mein Vater den Krieg als Oberleutnant in der Schweizer Armee erlebt hat, wie meine Mutter alleine mit zwei kleinen Kindern die Aktivdienst-Abwesenheit meines Vaters geschafft hat. Die ersten 35 Lebensjahre meiner Eltern sind für mich fast nicht existent.

Ich wünschte mir, ich hätte mein sportliches Talent besser ausgeschöpft, sei dies im Fussball oder in einer anderen Mannschaftssportart. Natürlich hatten wir in keiner Art und Weise die professionellen Bedingungen und Trainings-Möglichkeiten, wie man sie heute kennt. Unabhängig davon habe ich im Alter von 15 bis 25 Jahren mein Potential nicht optimal ausgenutzt. Ich bin mir sicher, dass ich nie an meine Leistungsgrenzen gestossen bin. Es ist jetzt aber müssig darüber nachzudenken, was vielleicht möglich gewesen wäre.

Ich wünschte mir, ich hätte in meinen jungen Jahren gelernt, ein Musikinstrument zu spielen. Vielleicht die Gitarre, die Trompete oder das Schwyzerörgeli. Ich bin überzeugt, dass für Pensionäre das Musizieren eine erfüllende Beschäftigung ist, nicht zuletzt auch in Bezug auf soziale Kontakte. Vielleicht beschäftige ich mich mit diesem Thema in den nächsten Jahren nochmals.

Ich wünschte mir, ich hätte nach meiner Ausbildung einen längeren Auslandaufenthalt gewagt. Ob in die USA, ob nach Australien oder vielleicht nach Singapur ist eigentlich unwichtig. Ich glaube, es gibt nichts im Leben, was ein solches Abenteuer "toppen" kann. Darum liebe Daniela, lieber Thomas, ich bewundere euren Mut und habe grossen Respekt vor dieser Leistung. Ich bin sicher, alle eure Kollegen beneiden euch, auch wenn nicht jeder dazu steht.

Ich wünschte mir, ich wäre etwas weniger nachtragend, könnte schneller jemandem verzeihen, denn die Wissenschaft hat ja bewiesen, dass Vergeben der Gesundheit sehr förderlich ist. Ich hätte ja im nächsten familiären Umfeld eine wunderbare Lehrmeisterin. Ich kenne niemanden, der die Kunst des Vergebens besser beherrscht als Uschi. Sie ist überhaupt nicht nachtragend und kann schon Minuten nach fast jeder Art sozialer Ungerechtigkeit zum normalen Alltag übergehen. Ich werde natürlich weiter an mir arbeiten. Mal sehen, was in dieser Angelegenheit noch möglich ist.

Ich wünschte mir, ich hätte früher meine Probleme aktiver bewirtschaftet. Probleme, die einen beschäftigen, muss man so schnell als möglich thematisieren und wenn immer möglich lösen. Ein Kompromiss in der Entscheidungsfindung ist immer noch besser als ein belastendes, ungelöstes Problem. Aussitzen ist selten eine gute Lösung.

Ausblick: nichts mehr verschieben
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14.  Ausblick: nichts mehr verschieben


Ich möchte mit einer frei erfundenen Geschichte dieses Kapitel beginnen.

Als "emanzipierter Grossvater" sitze ich gerne in einem Café und lese Zeitung. Leider habe ich dann immer das Gefühl, mich für mein Handeln entschuldigen zu müssen. Kaum treffe ich jemanden aus meinem Bekanntenkreis, fürchte ich schon die Fragen: Wie geht es deinen Enkeln? Hoffentlich ist alles in Ordnung? Sind sie jetzt in der Kita? Weisst du, wir hüten gerade unsere drei Enkelkinder und kommen heute Abend erst spät nach Hause. Es ist schon ein langer Tag von morgens früh bis abends spät. Bist du oft hier zum Zeitunglesen und Kaffeetrinken?
Natürlich habe ich die Ironie der Fragen verstanden. Sollte ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben und mich bei meiner Tochter entschuldigen, weil sie ihr Kind in die Kita bringen muss? Muss ich mich jetzt bei meinen Bekannten für mein Handeln rechtfertigen, weil ich ein "emanzipierter Grossvater" bin, der seine endlich erlangte Freiheit geniesst?
Und schon geht es weiter mit den unangenehmen Bemerkungen: Du weisst ja gar nicht, was du verpasst. Es ist so beglückend, die kleinen Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Danke, ich weiss genau, was ich verpasse, denke ich für mich.
Uschi und ich hatten drei kleine Kinder, ein grosses Haus, keine Putzfrau und je einen 10 bis 12 Stunden-Job am Tag, damals noch ohne Kita, weil es diese Institution noch gar nicht gab.
Wie fast jeden Tag gehe ich jetzt marschieren, und schon treffe ich den nächsten Bekannten, diesmal mit Kinderwagen an der frischen Luft.
Wie geht es dir, Jürg? Ich habe gehört, dass du zum zweiten Mal Grossvater geworden bist. Gratuliere! Du wirst sehen, es macht so viel Freude, mit den Enkeln zusammen zu sein. Der Kleine im Wagen schreit ohne Ende, und der überforderte Grossvater sucht verzweifelt den Nuggi, den der kleine Enkel vor ungefähr zehn Minuten aus dem Kinderwagen geworfen hat. Es ist so erfüllend, mit den Enkelkindern spazieren zu gehen. Übrigens weisst du schon, meine Tochter hat das Anwaltspatent geschafft und hat jetzt eine gut bezahlte Vollzeitstelle bei einer renommierten Anwaltskanzlei? Nein, habe ich nicht gewusst. Nur für mich denke ich jetzt, auch für dich gibt es bald wieder eine Vollzeitstelle.
Mir stellt sich jetzt eigentlich nur eine Frage: "Sind denn Kitas tatsächlich so schlecht? Nein, natürlich nicht! Ich bin überzeugt, dass meine Enkel in einer Kita mit vielen anderen Kindern zusammen sehr gut aufgehoben sind, genauso gut wie alleine bei einer stark geforderten Grossmutter oder einem stark überforderten Grossvater.

Konsequenz der erfundenen Geschichte: ich habe kein schlechtes Gewissen und muss mich auch nicht entschuldigen, ein "emanzipierter Grossvater" zu sein.

Der guten Ordnung halber sei hier noch erwähnt: Ich habe ausschliesslich in meinem Namen gesprochen und nicht im Namen von Uschi.

Als Pensionär und Grossvater möchte ich meine nun erlangte Freiheit und Flexibilität im Alter nicht gleich wieder verlieren. Spontan eine Reise buchen oder bei schönem Wetter einfach ins Auto oder in den Zug steigen und einen Tagesausflug machen. Freiheiten, die ich als Angestellter oder auch als Unternehmer während Jahrzenten vermisst habe. Das ist mit einer fixen Enkelkindbetreuung analog einer Kita einfach nicht möglich, unabhängig ob der Einsatz für einen oder für mehrere Tage in der Woche vorgesehen ist. Natürlich sind Uschi und ich in einer Notfallsituation immer zur Stelle, sei dies für unvorhergesehene Hütedienste bei Krankheit oder bei anderen Problemen unserer Töchter.

Um meinem Credo "Bewegung" von Körper, Seele und Geist gerecht zu werden, möchte ich etwas öfter meine Terrasse am Lago Maggiore geniessen. Ich bin mir sicher, dass besonders meine Seele davon profitieren wird. Gerra ist für mich der Ort, wo die Zeit still steht, keine Hektik, kein Stress, kein Druck, einfach nur Erholung, Entspannung, Ruhe und Harmonie.



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Der Lago Maggiore am frühen Morgen


Für alle Nicht-Tessinkenner möchte ich noch einen Ort erwähnen, den man einfach einmal im Leben besucht haben muss: das Bavonatal. Speziell geeignet für einen Ausflug sind die Monate Juni oder September. In Foroglio im Ristorante La Froda hat es eine schöne Karte mit Tessiner-Gerichten von guter Qualität zu vernünftigen Preisen. Der wunderschöne Wasserfall gleich neben dem Restaurant ergänzt das kleine Abenteuer. Man erreicht das Bavonatal und Foroglio ab Locarno oder Ascona mit dem Auto in ungefähr 35 bis 40 Minuten.

Ab einem gewissen Alter ist es sicher auch wichtig, nichts mehr zu verschieben. Träume und Wünsche, die man noch hat, sollten zügig realisiert werden. Hilfreich kann dabei eine Prioritätenliste sein. Selbstverständlich hat es keinen Sinn, die Matterhornbesteigung immer noch mit zu berücksichtigen, obwohl man die Höhe auf über 4000 Meter im Alter einfach nicht mehr so gut verträgt. Auch der Fallschirmabsprung ist vielleicht nicht mehr unbedingt empfehlenswert, vor allem mit einer immer noch nicht operierten Diskushernie. Ich will damit sagen, es sollten realistische, altersgerechte Ziele und Träume sein. Für mich und Uschi steht das Reisen nach wie vor an vorderster Stelle. Unser nächstes Ziel ist Oman. Ebenfalls auf der Liste ganz oben sind gemeinsame kürzere Wanderungen in den Bergen. Das bis jetzt vernachlässigte Musikinstrument hat nach wie vor eine gewisse Faszination. Der finale Entscheid ist hier aber noch nicht gefallen. Definitiv aus den Traktanden gefallen ist das schwere Motorrad, das Uschi so fasziniert, zum Beispiel eine Harley Davidson. Für ein solches Abenteuer fehlt mir ganz einfach der Mut.

Um entspannt die Pension geniessen zu können, ist es auch wichtig, dass man zur richtigen Zeit diverse Dokumente erstellt. Wir haben beide, Uschi und ich, handschriftlich je einen Vorsorgeauftrag geschrieben, der auch einer Prüfung der "KESB" standhalten sollte. Ebenso haben wir eine Patientenverfügung und eine Generalvollmacht verfasst. Ein Testament und ein Ehevertrag vervollständigen die Dokumentensammlung. Eine Urteilsunfähigkeit kann auch schon in jungen Jahren passieren, sei dies beispielsweise durch einen Auto- oder Skiunfall oder durch einen Hirnschlag. Das Drama um Michael Schumacher zeigt diese Möglichkeit brutal auf.

Ich glaube, ein wesentlicher Punkt beim Älterwerden ist auch die philosophische Frage, lebe ich vor allem in der Vergangenheit, oder will ich in der Zukunft leben? Dazu habe ich eine ganz klare Meinung. Ich möchte die Zeit, die mir bleibt, aktiv geniessen. Ich möchte in der Zukunft leben, offen sein für Neues und Spannendes. Permanent die Vergangenheit aufleben, und natürlich mehrheitlich hochleben zu lassen, entspricht nicht meinen Vorstellungen.

Natürlich machen wir uns auch schon jetzt darüber Gedanken, falls unser mehrstöckiges Riegelhaus nicht mehr unseren physischen Möglichkeiten entsprechen sollte. Ich glaube, es ist wichtig, solche Entscheidungen zu treffen, solange man dazu noch in der Lage ist. So eine Art Altersresidenz, wie St. Jakob in Basel, wo man eine Wohnung mietet und gemäss seinen verbliebenen Möglichkeiten Leistungen einkaufen kann, wäre sicher eine gute Lösung. Zu Beginn macht man alles selber, dann geht man vielleicht in ein hausinternes Restaurant, später werden immer mehr zusätzliche Angebote genutzt. Ob Basel der richtige Ort ist, ist zurzeit unwichtig, es geht hier ausschliesslich um die Systematik einer solchen Institution und ab wann man sie benutzen möchte. Der absolut kritische Faktor bei dieser Frage ist sicher der Zeitpunkt, wann man ein solches Projekt ins Auge fasst. Meistens glaube ich, wird ein Termin gewählt, der eher zu spät ist.

Nachbetrachtung: Wegbegleiter, die Spuren hinterlassen haben
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15.  Nachbetrachtung: Wegbegleiter, die Spuren hinterlassen haben


Warum habe ich meine Autobiographie geschrieben? Der Grund ist einfach: ich wollte auf irgendeine Art und Weise meinen Geist beschäftigen und fordern. So war meine Frage im Internet auch ganz simpel formuliert; "Beschäftigung im Alter". So ungefähr der Link 25 gab die Empfehlung: "Schreiben einer Biographie". So stiess ich dann relativ schnell auf die Website "meet-my-life" von Herrn Dr. Bohli und der Universität Zürich.

Mein ursprünglicher Gedanke war: die Biographie bleibt ausschliesslich im engsten Familienkreis bei Uschi und meinen drei Töchtern. Später, nach meinen ersten Überlegungen, kam ich dann auf die Idee, meinen wichtigsten Wegbegleitern, die Spuren auf meinem Lebensweg hinterlassen haben, mit dieser Biographie zu danken. So entstand dann auch der Titel meiner Autobiographie, in allen vier Landessprachen plus im Emmentaler Dialekt zu danken;

"Danke, Grazie, Merci, Grazia, Dank Heigisch. Autobiographie eines Emmentalers".

Ich habe dann während vier bis fünf Monaten ungefähr zweimal pro Woche an der Biographie gearbeitet. Manchmal war das nur eine Stunde am Tag, manchmal aber auch einen ganzen Nachmittag. Das Schreiben hat aber höchstens fünfzig Prozent der Zeit beansprucht, mindestens eben so viel Zeit habe ich für Überlegungen, Notizen und Nachforschungen gebraucht. Im Nachhinein bin ich dankbar, dass ich diese Aufgabe angepackt und auch abgeschlossen habe.

Eine Frage drängt sich vor dem Ende meiner Arbeit noch auf.

Soll den jeder seine Biographie schreiben, oder ist es ausschliesslich ein Privileg von Prominenten?

Entspricht es ganz einfach dem Zeitgeist, dass man das Gefühl hat, wichtig genug zu sein, die Familie, seine Freunde oder sogar die Nachwelt mit einer vielleicht absolut überflüssigen Biographie zu belasten.

Ich glaube, anders als bei den Prominenten, wo die Biographie schon fast obligatorisch und sehr oft ein reines Marketing- oder Geldinstrument ist, stellt die Biographie eines "Normalos" oder in meinem Fall eines "Emmentalers" ein Bedürfnis dar, sich persönlich nochmals mit seinem Leben zu beschäftigen.

Ein solcher Prozess hat das Potential, Seele und Geist zu reinigen. Bei mir ging es jedoch ausschliesslich darum, mein eher unspektakuläres aber ganz sicher schönes Leben nochmals Revue passieren zu lassen, und gewisse Ereignisse nach dreissig oder vierzig Jahren aus einem vielleicht ganz anderen Blickwinkel nochmals betrachten zu können mit teilweise erstaunlichen Ergebnissen.

Ich kann das Schreiben einer Biographie deshalb nur empfehlen.

Die Autobiographie eines Emmentalers lieferte für mich viele interessante Lebensweisheiten, die für mich wichtigsten sind nachfolgend aufgeführt:

Die Motivation im Leben eines Menschen muss nicht gottgegeben sein, sie kann sich auch in irgendeiner Lebensphase entwickeln.

Es passieren Dinge im Leben, die man nicht erklären kann, die man vielleicht auch gar nicht erklären soll oder muss.

Einsatz und Leistung zahlen sich irgendwann immer aus, manchmal vielleicht auch etwas später.

Man muss im Leben mutig sein, auch einmal etwas riskieren, damit meine ich aber nicht hirnlos agieren.

Du kannst, wenn du glaubst, du kannst, der Leitsatz von Norman Vincent Peale, ist auch heute noch richtig.

Jeder Mensch hat Respekt verdient, für mich der entscheidende Faktor für eine erfolgreiche Menschenführung, sei dies beruflich oder privat.

Habe ich mich in meinem Leben verändert?

Ganz sicher! Das Leben ist ein Prozess, der von Menschen, von Leistungen von Schicksalsschlägen und vielem mehr geprägt ist. Das Leben hinterlässt Spuren und bewirkt Veränderungen. Besonders Menschen haben mich in meinem Entwicklungsprozess positiv beeinflusst, so in meiner Jugendzeit mein Freund Walter (Bönes), während meiner Sportkarriere Svecdan Cebinac, mein Trainer in Basel. Meine berufliche Karriere hat in ausserordentlicher Art und Weise Suad Sadok gefördert, inspiriert und überhaupt möglich gemacht. André Witschi war Mentor und Fürsprecher in meiner Phase als Unternehmer. Im Bereich der Kommunikation und der sozialen Kompetenz wurde ich als "Langweiler" durch Uschi aufs äusserste gefordert und auch entsprechend geschult. Ich habe von ihr gewaltig profitiert. Natürlich brauchte es auf meiner Seite auch das Potential und die Voraussetzung, dass ich bereit war, die Einflussnahme und die Inspiration anzunehmen. Sehr oft sind Menschen dazu leider gar nicht in der Lage, weil sie beratungsresistent sind oder ganz einfach alles besser wissen.

Auch der Alterungsprozess hat Veränderungspotential in sich. Ich bin vielleicht etwas ängstlicher geworden. Ich überlege mir heute wichtige Entscheidungen länger, vielleicht manchmal sogar etwas zu lange. Ich habe mein Schnellentscheider-Gen aus meiner beruflichen Blütezeit etwas verloren.

Meine Herkunft hat mich ganz sicher ebenfalls geprägt. Zuerst das beschauliche Dorf Konolfingen im Emmental, dann die Kleinstadt Zofingen im Kanton Aargau, beide Orte hatten meiner Meinung nach damals sehr wenig Konfliktpotential für einen Burschen in der Pubertät. Jeder kannte im Ort fast Jeden. Sportvereine waren im Zentrum meiner Begehrlichkeit, und das Einzugsgebiet reichte vielleicht bis Olten oder Aarau. Zürich war bis zu meiner Volljährigkeit mit 18 Jahren ausserhalb meiner Wahrnehmung und meiner Möglichkeiten.

Auch meine Eltern haben mit ihrer damals noch nicht so sehr verbreiteten eher antiautoritären Erziehung meinen Entwicklungsprozess sicher positiv beeinflusst. Vielleicht hätte eine etwas konsequentere Erziehung meinen Lebensweg verändert, ob positiv oder negativ, darüber liesse sich jetzt stundenlang spekulieren.

Abschliessen möchte ich diese Nachbetrachtung mit der Frage, welche Zeitperiode war denn bisher die schönste in meinem Leben?

Ich entscheide mich da für die Lebensphase zwischen 40 und 50 Jahren. Man hat eine gewisse Lebenserfahrung und eine gut entwickelte Berufserfahrung. Man ist körperlich und geistig frisch, und man hat manchmal das Gefühl, man könne die Welt verändern. Ich fühlte mich meiner Aufgabe als CEO und Direktor absolut gewachsen und ging jeden Tag gerne zur Arbeit. Ich hatte eine Funktion, die meinen Fähigkeiten entsprach und wo ich mein Potential voll ausschöpfen konnte.

Schlusswort: bemüht, alles zu geben
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16.  Schlusswort: bemüht, alles zu geben

Wie meine Familie, wie meine Freunde und wie meine Bekannten über mich urteilen werden, weiss ich nicht, und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen. Was ich aber sicher weiss, ist dass ich niemals jemanden leichtfertig und vorsätzlich beleidigen oder gar verletzen wollte. Ich habe mich stets bemüht, alles zu geben, um mein Gegenüber zu überzeugen, sei dies als Ehemann, als Vater, als Freund, als Vorgesetzter oder als Partner. Sollte ich das nicht immer geschafft haben, zumindest am Willen hat es bei mir ganz sicher nicht gefehlt.



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Der Lago Maggiore am späten Abend
UNSERE FÖRDERER
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